Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 4»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland
Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit
Band 4
Martina Meier (Hrsg.)

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalte - Taschenbuchauflage erschienen 2011.
Titelbild: Heike Georgi
Lektorat und Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM
ISBN: 978-3-86196-068-3 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-322-4 - E-Book
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Inhalt
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Unsere AutorInnen
Sissy Schrei
Renate Hemsen
Patrick Grasser
Gisela Luise Till
Alexander Karl
Antje Steffen
Kathrin Sehland
Manuela Inusa
Gabriela Rodler
Susanna Montua
Monika Thaler
Veronika Kübelböck
Rita Falkenstein
Carmen Matthes
Ramona Stolle
Heidemarie Opfinger
Carina C. Thomas
Eileen Fraust
Stephanie Polák
Stefan Geymeyer
Norbert J. Wiegelmann
Britta Voß
Katharina Britzen
J. Kössler
Gabi Eder
Schemajah Schuppmann
Lore Buschjohann
Norbert Scheitacker
Maria Sassin
Petra Waibel
Virgilia Rath
Renate Steiner
Lina Ebhard
Christiane Amendt
Sabrina Breitfeld
Sabrina Reich
Charlie Hagist
*
Ein Katalog voller Spielsachen
Maxi läuft weinend zu seiner Mutter. „Mama, die Nina ist so gemein“, schluchzt er.
„Warum?“, fragt seine Mutter.
„Sie weigert sich, meinen Brief an das Christkind zu schreiben.“
Die Mutter geht in Ninas Zimmer. „Was ist los, Nina? Du hast doch versprochen, auch Maxis Wunschzettel zu schreiben.“
„Das habe ich gemacht“, protestiert Nina und zeigt ihrer Mutter zwei große Blatt Papier. „Vier Seiten habe ich geschrieben, aber Maxi ist mit seinen Wünschen noch immer nicht fertig. Mir reicht es. Er soll seinen Brief selber schreiben.“
„Ich kann aber noch nicht schreiben!“ Maxi weint schon wieder.
Die Mutter liest den Brief. „Du willst ein Fahrrad, einen Roller, ein Tretauto und einen Trettraktor haben?“, fragt sie erstaunt.
„Ja, und ein Feuerwehrauto, eine Feuerwehrstation, eine Parkgarage und ein ...“
„Stopp!“, unterbricht ihn die Mutter. „Du übertreibst. Ich gebe Nina recht. Überleg dir, was du wirklich haben willst.“
„Aber ich will das alles haben und noch viel mehr“, beharrt Maxi.
„Sei doch vernünftig, mein Schatz!“, versucht ihn die Mutter umzustimmen. „Du kannst nicht alles haben. Wer soll denn das bezahlen?“
„Na, das Christkind natürlich!“, lacht Maxi.
„Wenn du meinst“, antwortet die Mutter. „Aber dann musst du deinen Brief wirklich selbst schreiben. Lass dir etwas einfallen.“
Maxi geht weinend in sein Zimmer. Am Boden liegt der dicke Spielzeugkatalog. Maxi blättert ihn schluchzend durch und murmelt: „Das will ich haben, und das, und das auch. Wie soll ich das dem Christkind sagen, wenn ich nicht schreiben kann?“
Plötzlich hat Maxi eine Idee. Er springt auf und holt eine Schere. „Ich schneide einfach die Bilder aus!“, jubelt er.
Aber noch vor dem ersten Schnitt legt er die Schere wieder weg. „Nein, das geht auch nicht. Da zerschneide ich ja die Rückseite. Und die will ich auch haben.“
Maxi denkt angestrengt nach. Dann geht er zu seiner Mutter. „Mama, ich brauche einen Leuchtstift und ein ganz großes Kuvert.“
Die Mutter gibt ihm das Gewünschte. „Was hast du vor?“, fragt sie.
„Großes Geheimnis“, antwortet Maxi.
In der Nacht, wenn alle Kinder schlafen, ist das Christkind unterwegs. Suchend schaut es sich um, hinter welchem Fenster ein Wunschbrief liegt. Jetzt kommt es zum Haus, in dem Nina und Maxi wohnen. Zwei Briefe liegen auf dem Fensterbrett, ein kleiner, bunter und ein dicker, großer, brauner Umschlag. Das Christkind nimmt zuerst den kleinen Brief und liest.
Liebes Christkind!
Ich wünsche mir ein paar neue Bücher und eine neongelbe Bluse. Mama gefällt die Bluse zwar nicht, aber sie meint, wenn du sie mir schenkst, dann darf ich sie haben. Bitte, bitte, schenk sie mir. Ich möchte sie so gern haben. Sonst habe ich keinen Wunsch, nur die Bücher und die Bluse.
Liebe Grüße
Deine Nina
Das Christkind lächelt. „Wird erledigt, Nina. Du sollst auch deine Bluse bekommen. Jetzt bin ich aber gespannt, was sich dein Bruder wünscht.“
Doch Maxis Brief ist so schwer, dass ihn das Christkind nur mit Mühe heben kann.
„Was steckt wohl in diesem braunen Ding?“, überlegt es und reißt den Umschlag auf.
„Ein Spielzeugkatalog“, staunt das Christkind und schlägt ihn auf.
Gleich auf der ersten Seite ist ein Schlitten angekreuzt.
„Ich glaube, den möchte Maxi haben“, denkt das Christkind und blättert weiter.
Aber was ist das? Fast auf jeder Seite ist zumindest ein leuchtendes Kreuz. Dem Christkind wird ganz schwindlig beim Betrachten der vielen Wünsche.
„Nein, Maxi, so geht das nicht“, murmelt das Christkind. „Du bist noch klein und weißt es nicht besser. Ich fürchte, du musst noch viel lernen. Und ich will dir dabei helfen.“
Es legt den Katalog zurück auf das Fensterbrett und steckt Ninas Brief in seine große Tasche.
Dann berührt das Christkind mit seinem Finger Maxis Nase und flüstert: „Träum schön!“
Maxi träumt.
Im Wohnzimmer läutet eine Glocke.
„Endlich“, seufzt Nina erleichtert.
„Das Christkind war da!“, jubelt Maxi.
Beide stürmen zur Wohnzimmertür, reißen sie auf und bleiben erschrocken stehen. Vor ihnen türmen sich Hunderte Päckchen wie eine Wand.
„Wo ist der Christbaum?“, fragt Maxi.
Die Eltern schauen sich um.
„Da, schau einmal!“, antwortet die Mutter. „Da hinten sehe ich einen Lichtschein. Irgendwo hinter diesem Geschenkeberg muss der Christbaum sein.“
Der Vater räumt einige Päckchen zur Seite und liest dabei die Geschenkanhänger. „Die sind ja alle für Maxi!“, ruft er erstaunt.
Maxi strahlt.
Endlich ist der Blick auf einen Teil des Christbaums frei. Die Mutter stimmt „Ihr Kinderlein kommet“ an und alle singen mit. Dann liest Nina die Weihnachtsgeschichte vor und die Familie singt noch „Stille Nacht“. Danach darf Maxi endlich seine Geschenke auspacken.
„Ein Feuerwehrauto, super!“, ruft er. „Und ein Dreirad! Eine Parkgarage!“
Maxi will sofort mit der Garage und dem Feuerwehrauto spielen, aber seine Mutter verbietet es. „Zuerst musst du alles auspacken und wegräumen“, befiehlt sie streng. „Hier ist ja überhaupt kein Platz mehr.“
Maxis Begeisterung sinkt, aber er gehorcht.
„Ein Fahrrad“, stellt er lustlos fest. „Und ein Kasperltheater!“
Einige Päckchen später bricht er in Tränen aus. „Das ist mir zu viel! Kann mir nicht jemand helfen?“
„Nein, du wolltest das alles haben“, antwortet Nina ärgerlich. Sie sucht noch immer nach ihren Geschenken.
Maxi packt schluchzend weiter aus. Die Mutter trägt alles in sein Zimmer. Endlich ist das letzte Päckchen geschafft.
„Ich gehe jetzt spielen“, sagt Maxi, doch er kommt schnell wieder zurück.
„Mein Zimmer ist voll“, klagt er. „Ich komme nicht mehr bei der Tür hinein. Wo soll ich denn spielen?“
„Ich weiß nicht“, antwortet sein Vater. „Hast du dir das nicht vorher überlegt?“
Nina schaut ihren Bruder an und fragt boshaft: „Was wünscht du dir eigentlich zu deinem Geburtstag?“
Maxi erschrickt. „Ich weiß nicht, ich habe doch schon alles.“
Maxi wacht auf und schüttelt sich.
„Das war aber kein schönes Weihnachten“, denkt er. „Außerdem hat Nina recht. Ich habe ja bald Geburtstag.“
Er läuft ins Wohnzimmer und schaut auf das Fensterbrett. Ninas Brief ist weg, aber sein Katalog liegt noch dort.
„Glück gehabt“, murmelt er.
„Guten Morgen!“, hört er seine Mutter rufen. „Hast du etwas gesagt?“
„Nein, ja, ich weiß nicht“, antwortet Maxi verwirrt.
Er nimmt den Katalog in die Hand und blättert ihn noch einmal durch. Dann seufzt er: „Mama, darf ich den wegwerfen?“
Seine Mutter ist erstaunt. „Ja, aber warum?“, will sie wissen.
„Ich habe es mir überlegt, ich will doch nicht alles haben“, antwortet Maxi.
Die Mutter wundert sich, aber sie fragt nicht weiter.
Am Nachmittag bittet Maxi seine Schwester: „Hilfst du mir noch einmal, einen Brief an das Christkind zu schreiben?“
Nina ist auf der Hut. „Wie viele Wünsche hast du denn heute?“, erkundigt sie sich.
„Nur drei“, antwortet Maxi.
Nina ist einverstanden. „Also gut. Wir haben heute in der Schule gelernt, dass wir vor Weihnachten besonders nett zueinander sein sollen. Verdient hast du es ja nicht! Was soll ich denn schreiben?“
Maxi diktiert:
Liebes Christkind!
Es tut mir leid, dass ich mir gestern so viel gewünscht habe. Bitte verzeih. Ich habe es mir überlegt. Ich wünsche mir nur ein Feuerwehrauto, eine Parkgarage und einen Roller. Und bitte, stell den Christbaum so auf, dass ich ihn gleich sehen kann, wenn ich ins Zimmer komme. Ich will, dass Weihnachten schön ist.
Liebe Grüße
von deinem Maxi
Maxi nimmt den Brief, malt einen Tannenbaum und drei Päckchen darauf und steckt ihn in einen blauen Umschlag. Am Abend legt er ihn auf das Fensterbrett.
„Diese Nacht wird das Christkind meinen Brief sicher mitnehmen“, denkt er.
Sissy Schrei wurde 1967 in Wien geboren und wuchs in Klosterneuburg auf, wo sie auch die Volksschule und das Gymnasium besuchte. Nach der Matura studierte sie in Wien Mathematik und Physik Lehramt. Sissy Schrei lebt zurzeit in Maria Lanzendorf. Sie ist verheiratet, hat drei Kinder und ist im Lehrberuf tätig. Neben dem Schreiben gehören zu ihren Hobbys Lesen und die Beschäftigung mit Geschichte. Zwei ihrer Kurzgeschichten wurden bereits in Anthologien des Papierfresserchen-Verlags veröffentlicht.
*
Unerfüllbare Weihnachtswünsche
In der Nacht hatte es geschneit, viele kleine Flocken, die auf den kahlen Bäumen und den Dächern liegen geblieben waren und die Straßen in ein Wintermärchen verwandelt hatten. Aber dafür hatte Mark keine Augen, vielmehr schaute er sehnsüchtig auf das Treiben seiner Freunde, die bereits um diese frühe Morgenstunde mit ihren Schlitten unterwegs waren oder sich Schneeballschlachten lieferten. Voriges Jahr hatte er zu ihnen gehört, nun aber saß er durch diesen dummen Autounfall seit gut einem halben Jahr im Rollstuhl.
Wie oft hatte er sich gefragt, warum er nur so schwachsinnig gewesen und hinter dem doofen Ball hergelaufen war, obwohl er gewusst hatte, dass es sich um eine stark befahrene Straße mit unübersichtlicher Kurve handelte. Natürlich hatte der Fahrer auch Schuld, wurde denn nicht stets gewarnt: „Hinter einem Ball kommt immer ein Kind?“ Doch das nützte jetzt auch nichts mehr. Mark war an den Rollstuhl gefesselt. Allerdings hatten die Ärzte versichert, dass es an und für sich keinen Grund geben würde, dass er nicht laufen könnte. Es müsste sich wohl um etwas Psychisches handeln. Egal, wie man es nannte, er saß im Rollstuhl und konnte sich nicht mehr bewegen.
„Guten Morgen, mein Schatz, du bist ja schon auf und ganz ohne Hilfe! Wie geht es dir denn heute?“, fragte eine besorgte Stimme hinter ihm. Es war Anne, seine Mutter, die auch kein leichtes Leben hatte, nachdem sein Vater sich von ihnen getrennt hatte.
„Mama, schau mal meine Freunde, die toben im Schnee rum und ich sitze hier am Fenster, gefesselt an den blöden Rollstuhl, anstatt mit ihnen rumzuspringen.“
„Mark, du darfst nicht so verbittert sein. Das kommt alles wieder, hat doch der Arzt versichert. Lass uns frühstücken und danach gehen wir auch nach draußen.“
„Ich habe keinen Hunger“, maulte Mark, folgte aber seiner Mutter ins Esszimmer und ließ es sich sogar recht gut schmecken, worüber diese sehr glücklich war.
Natürlich konnte sie seine Verzweiflung verstehen. Ihr selbst war es auch nicht viel besser gegangen, nachdem Oliver sie verlassen hatte. Sofort nach Marks Unfall, ehe überhaupt die genaue Diagnose feststand, hatte er von heute auf morgen die Tür hinter sich zugemacht und sie mit dem kranken Kind alleine gelassen.
„Ich kann das Elend nicht mit ansehen!“ war seine fadenscheinige Entschuldigung gewesen. Er hatte ihr alles überlassen.
Sie gab sich einen Ruck, sie durfte Mark nicht zeigen, wie es um sie stand, sie musste ihm Mut machen, ihre Probleme hatten hintanzustehen.
„Mama, können wir gleich zum großen Kaufhaus fahren? Da steht so ein netter Weihnachtsmann und dem will ich meinen Wunschzettel überreichen, obwohl ich nicht glaube, dass er meine Wünsche erfüllen kann.“
„Gute Idee, ich räume nur schnell auf, während du deinen Wunschzettel schreibst und dann geht es los!“, erwiderte seine Mutter lächelnd.
Kurze Zeit später waren sie unterwegs. Der Schnee knirschte unter Annes Füßen, als sie durch die weihnachtlich geschmückte Straße fuhren. Bald schon waren sie beim großen Kaufhaus und sahen sofort den Weihnachtsmann, umringt von vielen Kindern, die ihm alle ihre langen Wunschzettel überreichten.
Als er Mark erblickte, kam er sofort auf ihn zu und fragte: „Na, kleiner Mann, hast du auch so viele Wünsche wie die anderen?“
„Nein“, entgegneter Mark. „Ich habe nur zwei Wünsche, aber ich glaube nicht, dass man sie mir erfüllen kann.“
„Was, nur zwei Wünsche und die sollen nicht erfüllbar sein? Das wäre doch gelacht, gib mal her, lass mich mal sehen, was du dir so Außergewöhnliches wünschst.“
Er nahm den Zettel, las ihn, las ihn nochmals, dann zupfte er sich an seinem Bart und wiegte nachdenklich den Kopf. „Das sieht allerdings auf den ersten Blick wirklich so aus, als wenn es unmöglich wäre, aber, das glaube ich einfach nicht. Dass du wieder laufen kannst, ist natürlich ganz wichtig und das kommt bestimmt von selbst wieder. Aber was ist mit deinem Papa?“
„Er hat Mama und mich verlassen, als ich nach dem Unfall noch im Krankenhaus lag.“
„Nun, das war wirklich nicht nett von ihm, aber willst du ihn denn trotzdem wiederhaben?“
„Ja, ich habe ihn doch so lieb und meine Mama auch und ich wünsche mir ganz, ganz fest, dass er zu uns zurückkommt.“
Der Weihnachtsmann machte ein recht sorgenvolles Gesicht, erkundigte sich aber noch, wo Mark wohnte und wie sein Papa hieß. Dann versprach er, dass Mark auf alle Fälle von ihm hören würde.
„Meinst du“, fragte er seine Mutter, „dass er mich wirklich nicht vergisst und bei uns vorbeikommt?“
„Warum nicht, er wollte doch wissen, wo du wohnst. Aber bedenke, vielleicht hat er auch keine Zeit, da er so viele Kinder beschenken muss“, räumte seine Mutter vorsichtshalber ein, damit die Enttäuschung nicht zu groß wäre, wenn der Weihnachtsmann nicht Wort halten würde.
Die nächsten Tage saß Mark nur noch am Fenster und hielt Ausschau nach dem Weihnachtsmann. Aber weit und breit war nichts von ihm zu sehen und er wurde immer trauriger und in sich kehrt. Anne war der Verzweiflung nahe, denn sie wusste nicht mehr, wie sie ihr Kind aufmuntern sollte.
Inzwischen hatte sie einen schönen Weihnachtsbaum gekauft, im Wohnzimmer aufgestellt und auch glanzvoll geschmückt. Doch Mark betrachtete ihn gar nicht. Liebevoll eingepackte Gaben lagen ebenfalls darunter. Mark hatte sich zwar nichts gewünscht, außer eben seinen Vater wiederzuhaben und gesund zu werden. Diese beiden Wünsche konnte sie ihm wohl nicht erfüllen, hatte aber ein paar Geschenke besorgt, von denen sie überzeugt war, dass sie ihm gefallen würden.
Dann kam der Heilige Abend und Anne dachte mit Schrecken daran, wie er wohl für sie beide verlaufen würde. Die Kerzen brannten am Baum und tauchten das Zimmer in ein gemütliches Licht. Gerade wollte sie Mark zur Bescherung holen, als es stürmisch klingelte.
„Sollte das vielleicht der Weihnachtsmann sein?“, überlegte sie auf dem Weg zur Tür. Dann erstarrte sie. Tatsächlich, es war der Weihnachtsmann und wen hatte er im Schlepptau? Nicht wie üblich seinen Knecht Ruprecht, sondern ihren Mann. „Oliver, du?“, stammelte sie.
Da öffnete sich aber auch schon die Tür vom Kinderzimmer und Mark kam angelaufen und flog in die offenen Arme seines Vaters.
„Papa, Papa, da bist du ja endlich wieder. Und ich kann wieder laufen. Mama, Mama, jetzt können wir richtig Weihnachten feiern. Danke lieber, guter Weihnachtsmann. Du hattest recht, es gibt keine unerfüllbaren Wünsche.“
Seine Mutter konnte gar nichts sagen.
Oliver trat auf sie zu und bat sie um Verzeihung: „Ich habe euch im Stich gelassen, was unverzeihlich war und ist, gerade als ihr mich am nötigsten gebraucht habt. Mein schlechtes Gewissen plagte mich zwar, aber ich habe nicht gewagt, mich zu melden. Dann aber las ich im Internet den Aufruf eines Weihnachtsmannes, der verzweifelt den Vater eines kleinen Jungen suchte. Wenn dieser sich nicht melden würde, müssten er und seine Mutter bestimmt ganz traurige Weihnachten verleben. Beide hätten ihn noch lieb und wollten nur, dass er zu ihnen zurückkäme. Ja, und da bin ich nun.“
Anne sagte gar nichts. Sie konnte und wollte ihrem Mann nicht sofort verzeihen, aber wegen Mark musste es zu einer Versöhnung kommen, obwohl er sie sehr gekränkt hatte. Die Hauptsache aber war, dass ihr Kind wieder gehen konnte, so hatte der Arzt mit seiner Diagnose richtig gelegen, es war tatsächlich ein psychisches und kein gesundheitliches Problem gewesen. Zunächst sollte es aber für alle ein schönes Weihnachtsfest werden und danach könnte sie sich mit Oliver in Ruhe aussprechen.
Renate Hemsen wurde am 18. Februar 1940 in Köln geboren. Neben Lesen gehörte auch Schreiben schon immer zu ihren Hobbys, und als sie im Jahre 2000 in den wohlverdienten Ruhestand ging, da konnte sie sich voll und ganz dem Schreiben widmen – besonders im Sommer, wenn sie dies bei ihrer Freundin im Garten im Siebengebirge unter der großen Kastanie tun kann. Sie ist in diversen Anthologien vertreten und hat auch einige Gedichte veröffentlicht.
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Fynns Reise ins Weihnachtsland
Niemals hätte Fynn sich träumen lassen, einem sprechenden Elch zu begegnen. Noch dazu einem Elch, der einen rot-weiß gestreiften Schal um den Hals trug und einen dicken Kugelbauch vor sich herschob. Schließlich begann diese Geschichte ganz unscheinbar. Nichts deutete darauf hin, dass in ihr etwas Ungewöhnliches geschehen würde. Doch dann kam alles ganz anders!
Fynn stand vor dem Postkasten am Ende der Straße. Seine kleine Schwester hatte ihn gebeten, einen ganz wichtigen Brief einzuwerfen. Fynn sah sich den Brief an und rollte mit den Augen. Marlene hatte bunte Weihnachtsbäume auf den Umschlag gemalt. Mit krakeligen Kindergarten-Buchstaben hatte sie darauf geschrieben: „An den Weihnachtsmann“.
„Typisch, Kindergartenkind!“, dachte Fynn. Er selbst glaubte schon seit zwei Jahren nicht mehr an den Weihnachtsmann. Fynn drehte sich vorsichtig nach allen Seiten um. „Hoffentlich sieht niemand, wie ich diesen kindischen Weihnachtsbrief einwerfe“, murmelte er vor sich hin, während er die Klappe am Briefschlitz nach hinten schob.
Doch gerade als Fynn den Umschlag durch den Schlitz steckte, geschah etwas Merkwürdiges. Irgendetwas zog und zerrte am anderen Ende des Briefes! Gleichzeitig klebten Fynns Handschuhe an dem Briefumschlag wie ein Magnet an einem Stück Metall. Fynn kam sich vor wie eine Spielzeugfigur, die von einem riesigen Staubsauger eingesogen und verschluckt wurde. Zuerst drehte sich alles, wie in einem Karussell. Dann glaubte er, durch einen langen Tunnel zu fliegen, mit Wänden aus buntem Zuckerguss. Schließlich rutschte er wie auf der großen Wasserrutsche im Hallenbad und landete mit dem Hosenboden auf einem Schneehaufen.
Fynn sah sich verdutzt um. Neben ihm wuchsen hohe Tannen aus dem schneebedeckten Boden. Zwischen den Bäumen versteckt lag eine kleine Holzhütte. Mit ihrem windschiefen Dach, das mit Ziegeln aus Lebkuchen bedeckt war, duckte sie sich unter die Zweige. Rauch stieg aus dem Schornstein auf und hinter den vereisten Fensterscheiben flackerte das warme Licht eines Kaminfeuers.
Fynn rieb sich ungläubig die Augen und betrachtete das Holzschild über der Tür. „Weihnachtspostamt“ war darauf zu lesen. Fynn war sich sicher: Das musste ein ganz merkwürdiger Traum sein!
„Alles klar, Kumpel?“, fragte eine Stimme hinter ihm.
Erschrocken drehte Fynn sich um. Seine Augen wurden beinahe so groß wie Fußbälle, so sehr staunte Fynn. Hinter ihm stand ein Elch, der redete! Ein Elch mit einem rot-weiß gestreiften Schal und einem dicken Kugelbauch!
„Noch nie ʼnen Elch gesehen, was, Kumpel?“
„Zumindest keinen, der spricht“, antwortete Fynn verdutzt.
„Und jetzt denkst du sicher, dass du träumst, oder?“
Fynn zuckte mit den Schultern und sagte: „Was soll es denn sonst sein, außer einem Traum?“
„Wenn du das schon für einen Traum hältst, dann werden dir hier noch vor Staunen die Augen aus dem Kopf fallen.“ Jetzt wurde Fynn neugierig. Als der Elch das bemerkte, grinste er Fynn mit seinen gelben Zähnen an und sagte: „Dann komm mal mit, Kumpel. Ich zeig dir, wo du hier gelandet bist.“
Der Elch trottete am Weihnachtspostamt vorbei auf einen schmalen Weg, der sich durch den Wald schlängelte. Glühwürmchen schwirrten in der Luft und erleuchteten die verschneite Nacht wie kleine fliegende Straßenlaternen. Am Wegrand stand eine lange rot-weiß gekringelte Zuckerstange mit einem Wegweiser daran. „Zu den heißen Quellen“ war darauf geschrieben. Fynn hatte in der Schule davon gehört, dass es in Island Löcher in der Erde gab, aus denen heißer Dampf aufstieg. War es möglich, dass er in seinem Traum in Island gelandet war?
„Ich führe dich zu den heißen Quellen in der Süßen Ebene“, erklärte der Elch. „Reisende brauchen schließlich Stärkung.“
Fynn und der Elch stapften durch den tief verschneiten Winterwald, bis sie auf eine weite Ebene stießen.
Fynn sah sich staunend um. Der Schnee leuchtete in den buntesten Farben.
„Greif ruhig zu“, sagte der Elch und deutete auf den bunten Schnee. „Magst du lieber Pistazien- oder Erdbeereis?“
„Du meinst, das hier ist Eis? Zum Essen?“, fragte Fynn.
„Ich weiß nicht, was man in deiner Welt sonst mit Speiseeis macht“, grinste der Elch. „Übrigens, wenn du Durst hast, kannst du hier drüben aus den heißen Quellen trinken.“
In einem schokoladenbraunen See sprudelte und blubberte heißer Kakao. Nach kurzem Zögern schleckte Fynn nach Herzenslust von dem köstlichen Eis und trank aus den heißen Quellen den besten Kakao, den er je probiert hatte!
„Wir müssen weiter, Kumpel“, sagte der Elch. „Das Tollste wartet nämlich noch auf uns.“
Fynn konnte es kaum erwarten, was der Elch ihm noch zeigen wollte. Die beiden kletterten einen Hang hinauf. Oben angekommen glitzerte ein zugefrorener See im Mondschein.
Der Elch hielt sich einen Huf vor den Mund und flüsterte: „Du musst hier ganz leise sein, dann kannst du ein wunderschönes Schauspiel genießen.“
Mucksmäuschenstill blieb Fynn stehen und spitzte die Ohren. Plötzlich entdeckte er winzige Elfen, die auf dem Eis tanzten. Mit ihren silbrig glänzenden Flügeln zogen sie Wolken aus funkelndem Elfenstaub hinter sich her.
„Komm weiter, Kumpel. Wir haben nur noch ein kleines Wegstück vor uns, bis wir am Ziel sind.“
„An welchem Ziel?“, fragte Fynn erstaunt.
„Warte es ab“, grinste der Elch vergnügt.
Es dauerte nicht lange, bis Fynn und der Elch zu einer Anhöhe kamen. Unter ihnen erstreckte sich ein weites Tal. In jedem Winkel glitzerte und leuchtete es. Am Fuß eines Hügels standen mehrere Hütten, aus deren Schornsteinen Rauch aufstieg. In der Mitte des kleinen Dorfes sah Fynn ein Schloss, dessen Wände, Dächer und Fenster glänzten, als wären sie aus Eis.
„Wir sind am Ziel, Kumpel.“ Der Elch legte Fynn einen Huf um die Schultern. „Vor uns liegt das wunderbare und zauberhafte Weihnachtstal! Hier wohnt der Weihnachtsmann!“
„Du willst mich auf den Arm nehmen.“ Fynn runzelte die Stirn.
„Glaub es oder lass es bleiben. Aber so ist es. In dem Eispalast wohnt er und in den Hütten arbeiten die Weihnachtselfen.“ Der Elch betrat einen Weg, der sich hinunter ins Tal wand.
„Merkwürdiger Traum“, murmelte Fynn und folgte dem Elch.
Vor der Eingangstür des Eispalastes blieb der Elch stehen und klopfte an. Wie von selbst öffnete sich das glitzernde Tor. In einer riesigen Halle aus Eis und Glas stand ein kleiner Mann in einem rot-weißen Mantel, der einen dicken Kugelbauch vor sich herschob.
„Herzlich willkommen im Weihnachtstal, lieber Fynn“, sagte der Mann und legte einen Arm um Fynns Schulter. „Du hast also eines der magischen Tore gefunden, das in unser zauberhaftes Weihnachtsland führt? Du hättest wohl nie gedacht, dass wir beide uns mal begegnen, oder?“
Fynn starrte auf den Mann mit den roten Pausbacken und dem Rauschebart. „Bist du wirklich der Weihnachtsmann?“, fragte Fynn ungläubig.
Der rundliche Mann nickte vergnügt: „Ich weiß, dass du schon lange nicht mehr an mich glaubst. So, wie die meisten Menschen. Das ändert aber nichts daran, dass es mich und diesen wunderbaren Ort gibt, an dem Träume Wirklichkeit werden.“
Fynn sah sich neugierig im Eispalast um, ihm kam alles so unwirklich vor.
„Da fällt mir ein ...“, sagte Fynn. „Ich habe einen Brief für dich.“ Fynn kramte in seiner Jackentasche und zog den Umschlag heraus, den seine kleine Schwester ihm gegeben hatte.
„Vielen Dank, Fynn. Ich würde mich aber auch freuen, wenn du mir in Zukunft wieder schreiben würdest“, sagte der Weihnachtsmann.
Verlegen sah Fynn auf den Boden. „Das mache ich ganz bestimmt!“
Der Weihnachtsmann führte Fynn nach draußen.
„Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Der Elch mit dem rot-weiß gestreiften Schal bringt dich nach Hause. Vielleicht sehen wir uns mal wieder und ansonsten kannst du mir jederzeit schreiben.“ Der Weihnachtsmann lächelte Fynn an und Fynn lächelte zurück.
„Dann los, Kumpel. Steig auf!“, rief der Elch und nahm Anlauf. Mit einem lauten „Juhuu!“ hob er vom Boden ab und flog mit Fynn über das Weihnachtsland.
Pünktlich klingelte der Wecker. Fynn gähnte: „Was für ein Traum!“ Dann ging er ins Badezimmer. Vor dem Spiegel blieb er wie angewurzelt stehen. Er hatte einen rot-weiß gestreiften Schal um den Hals gewickelt! An dem Schal hing eine Geschenkkarte: „Eine kleine Erinnerung an deine Reise ins Weihnachtsland. Bis bald, Kumpel!“
Patrick Grasser wurde 1981 in Nürnberg geboren. Er studierte Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit. Seit seinem Studienabschluss arbeitet er als Religionslehrer an Grund-, Mittel- und Förderschulen. Nebenbei veröffentlicht er Materialien und Fachbücher für den Religionsunterricht. In seiner Freizeit schreibt er Geschichten und Erzählungen für Kinder und Jugendliche. Er ist Mitglied im Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. und im Montségur Autorenforum. Patrick Grasser lebt mit seiner Frau in Nürnberg.
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Wie Knecht Ruprecht zum Nikolaus kam
Es geschah vor langer, langer Zeit. Die Turmuhr schlug soeben Zwölf. Martin lag in seinem warmen Bett und draußen saß die kalte Nacht. Plötzlich erwachte er schweißgebadet. Ein schlimmer Traum hatte ihn geweckt: Er träumte, der Nikolaus, der diese Nacht kommen sollte, wäre an seinem Haus vorbei gefahren.
Wenn das stimmte, würde er kein Geschenk bekommen! Er hatte sich so darauf gefreut. Das ganze Jahr war er fleißig gewesen. Er hatte seiner Mutter bei der Hausarbeit geholfen und auch nicht geweint, wenn sie abends arbeiten ging und er allein bleiben musste. Dafür hatte Mama ihm versprochen, dass der Nikolaus ihm ein schönes Geschenk bringt.
Martin wischte sich den Schweiß von der Stirn, schlüpfte aus seinem Bett, öffnete das Fenster und spähte in die verschneiten Gassen. Vom Nikolaus war weit und breit nichts zu sehen. Im Glauben, dass der Traum ein Fingerzeig war, und er den Nikolaus einen Hinweis geben musste, dass er hier wohnt, lief er in die Küche, nahm einige duftende Plätzchen, die er heute mit Mama gebacken hatte, und legte sie auf den Fenstersims. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Der Duft der Plätzchen würde dem Nikolaus schon den Weg zu ihm weisen.
Martin kroch zurück in die warmen Federn und schloss beruhigt die Augen. In dem Moment, als er wieder in seine Träume versank, schlich eine dunkle Gestalt durch die stillen Gassen. Sie huschte verborgen unter einem schwarzen Umhang und mit rußgeschwärztem Gesicht von Fenster zu Fenster. Es war Ruprecht, ein Landstreicher, der im Schatten der Dunkelheit alle Plätzchen, die die Kinder für den Nikolaus auf die Fensterbank gelegt hatten, wegnahm, und sie gierig in den Mund stopfte. Anschließend eilte er mit einem hinterhältigen Grinsen in die nächste Gasse. Heute wollte er sich mal so richtig satt essen und diese Nacht war eine günstige Gelegenheit. Da er wusste, dass der Weihnachtsmann nur Kindern etwas brachte und er nichts bekommen würde, plante er, dem Nikolaus den Sack mit den Geschenken zu stehlen.
Ruprecht hatte sich den Reiseweg, den der Weihnachtsmann mit den Rentieren im vorigen Jahr genommen hatte, gut gemerkt. Er schaute auf die Turmuhr. Die Uhr sagte ihm, dass er nicht länger warten brauchte, und so machte er sich auf den Weg. Er schlich leise wie eine Katze aus dem Ort und lief durch den verschneiten Wald zu den drei Eichen. Hier wollte er dem Nikolaus mit seinem Gespann auflauern. Bei den drei Eichen spähte er im Schutz der Bäume nach rechts und links, zog einen Draht aus dem Umhang und spannte ihn über den Weg. Danach verwischte er mit etwas Gestrüpp alle Spuren und versteckte sich hinter den Büschen.
Es dauerte nicht lange, da hörte er herannahendes Glöckchengeläut. Der Nikolaus war ihm Anmarsch! Die Kommandorufe „ho, ho, hoo“ waren weithin zu hören. Ruprecht grinste, sog tief die Luft ein und machte sich startklar. Eine Minute später preschten die Rentiere heran. Ihre Beine verfingen sich im Draht. Sie strauchelten, verloren den Halt unter ihren Füssen und stürzten. Der Schlitten kippte um und schleuderte den Nikolaus aus den Wagen. Der Weihnachtsmann drehte einen Salto, verfehlte knapp die Eiche und landete kopfüber in einer Schneewehe. Sein Körper bohrte sich tief in den Schnee, sodass nur noch seine schwarzen Stiefel zu sehen waren.
Ruprecht sprang aus der Deckung, zerrte den Sack vom Schlitten, verschwand mit ihm im Schatten der Nacht und eilte zurück ins Dorf.
Als er an Martins Fenster vorbeikam, legte der Junge gerade neue Plätzchen auf die Fensterbank. Martin wusste nicht, was er denken sollte: Die Plätzchen waren weg und vom Nikolaus war immer noch nichts zu sehen. Alle Straßen waren verlassen und leer; wäre der Nikolaus im Ort, müsste man auf den schneebedeckten Wegen, eine Fuß- oder Schlittenspur sehen. Während Martin noch überlegte, wo der Nikolaus blieb, schlich Ruprecht im Lichtkegel der Laterne mit dem Sack vorbei. Der Junge stutzte. Wer war das? Er kannte jeden, der in diesem Ort wohnte, aber so einen schwarzen Kerl, hatte er hier noch nie gesehen. Eine innere Stimme verriet Martin, dass mit dem Schwarzen etwas nicht in Ordnung war. Ohne zu überlegen, rief er schneidend: „Halt! Stehen bleiben!“
Ruprecht erschrak. Er duckte sich, drehte um, hastete durch dunkle Seitengassen aus dem Ort und flitzte über eine Wiese davon. In der Eile übersah er den verschneiten Stacheldraht am Wiesenrand und rannte hinein. Die Stacheln bohrten sich sofort in seine Unterarme. Es schmerzte höllisch. Vorsichtig versuchte er, den Draht aus seiner Haut zu ziehen. Ohne Erfolg. Sobald er seine Hände bewegte, bohrten sich die Stacheln tiefer in sein Fleisch. Er wagte sich nicht mehr zu bewegen und rief um Hilfe. Niemand hörte ihn.
Die Zeit verstrich. Mittlerweile waren seine Arme und Beine steif gefroren. Ihm wurde angst und bange. Wenn ihn niemand befreite, war er seinem Schicksal hilflos ausgeliefert. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass es dem Nikolaus genau so erging und er ebenfalls hilflos im Schnee steckte. Er bekam ein schlechtes Gewissen und Angst, dass dem Weihnachtsmann etwas zustoßen könnte. Was wäre ... wenn er im Schnee ersticken oder erfrieren würde? Dann gab es vielleicht nie mehr Weihnachten, und keiner würde mehr Geschenke bekommen. Das hatte er nicht gewollt. In seiner Not wollte er alles rückgängig machen und gelobte: „Wenn ich gerettet werde, befreie ich den Nikolaus und bitte ihn um Verzeihung.“ Er jammerte und schrie. Seine lauten Schreie schallten durch die stille Nacht.
Martin, der schon wieder nach dem Nikolaus Ausschau hielt, hörte seine Schreie. Dem Jungen schlotterten die Knie. Die ganze Sache war mehr als verdächtig, und das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte, verstärkte sich mehr und mehr. Martin unterdrückte seine Furcht, zwängte sich in seine hohen Stiefel, folgte den Spuren im Schnee und eilte den Hilferufen entgegen. Als er den schwarzen Mann eingeschnürt im Stacheldraht sah, lief er zu ihm und befreite ihn. Sein Blick fiel auf den Sack und er fragte verwirrt: „Was ist das für ein Sack! Woher hast du den?“
Der Schwarze druckste herum und gab schließlich kleinlaut zu: „Vom Nikolaus.“
„Und wo ist der Nikolaus?“, wollte Martin wissen.
Ruprecht zog verschämt den Kopf ein, schulterte schnell den Sack und brummte: „Ich hol’ ihn.“
Martin merkte, dass er den Schwarzen bei einer Missetat ertappt hatte und warnte. „Beeil dich! Die Kinder warten schon. Wenn du nicht zurückkommst, hol ich sie. Wir finden dich! Deine Spur im Schnee ist deutlich zu sehen.“
Ruprecht rannte zu den drei Eichen. Der Weihnachtsmann steckte immer noch im Schnee. Als die Rentiere den schwarzen Mann erblickten, traten sie zornig mit den Hufen, schnaubten und rollten drohend mit den Augen. Ruprecht kraxelte auf die Schneewehe, ergriff die Füße vom Weihnachtsmann und riss ihn mit einem kräftigen Ruck heraus. Reumütig sah er den Nikolaus an und nuschelte: „Verzeih mir, ich habe es nicht so bösʼ gemeint, wie kann ich es wieder gut machen?“
Der Weihnachtsmann wusste genau, wovon der Gauner sprach und brummte: „Als Strafe nehme ich dich mit. Du bist mein Knecht und wirst ab heute Knecht Ruprecht genannt. Du kümmerst dich um meinen Schlitten und die Tiere, gehst durch die Schornsteine und öffnest mir die Türen. Ist deine Reue ehrlich gemeint, soll dir bald verziehen sein. Beeil dich, mach den Schlitten fahrbereit, damit wir die Kinder beschenken können.“
Ruprecht befolgte alles stillschweigend, er machte den Schlitten startklar und lenkte ihn ins Dorf. Als das Gespann in den Ort kam, hielten sie zuerst bei Martin an. Der Junge strahlte, als er den Nikolaus sah. Er verteilte an alle seine Plätzchen und der Nikolaus überreichte ihm das schönste Weihnachtsgeschenk, das er im Sack hatte.
Gisela Luise Till, Jahrgang 1944, wohnhaft in Alsdorf Rheinl., schrieb, inspiriert durch ihre Enkelin, das Fantasiebuch „Die Zauberperle“, das im Papierfresserchen Verlag veröffentlicht wurde. Seitdem hat die Autorin an den ausgeschriebenen Anthologien teilgenommen und ist im dritten Band der Weihnachtsanthologie „Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland“ mit der Geschichte „Der Weihnachtsengel“ vertreten. Frau Till ist eine leidenschaftliche Hobbyautorin und Mitglied im Literaturkreis „Kugel“, für kreatives Schreiben. Sie schreibt Kurzgeschichten und Gedichte, die sie bei Lesungen in ihrer Heimatregion vorträgt.
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Der weihnachtliche Personal-Shopper
„Verdammt! Jedes Jahr der gleiche Mist!“
Sarahs Kopf war blutrot, der Schweiß strömte von ihrer Stirn. Sie hatte keinen 100-Meter-Lauf in zehn Sekunden geschafft – es war Angstschweiß! Denn: Es war der Morgen des 24. Dezembers und Sarah stand mitten im örtlichen Kaufhaus, um sie herum etwa weitere acht Millionen Menschen, die Last-Minute-Geschenke brauchten.
„Also … okay … ich brauche fünf Geschenke. Mama, Papa, Oma, Opa, Bruder. Fangen wir leicht an. Bruder“, versuchte sich Sarah Mut zuzusprechen.
Aber wie zum Teufel hieß noch mal seine Lieblingsband, von der er die neue CD wollte? The Billers? The Nillers? Keine Ahnung, aber irgendwo würde sie schon was im Elektronikmarkt finden. Einziges Problem: Geschätzte vierhundert weitere Angstschweiß-Menschen tummelten sich vor Flachbildfernsehern, DVDs, CDs und Toastern. Wer schenkte seiner Liebsten zu Weihnachten bitte einen Toaster? Irgendwelche Ideen? Richtig – Männer!
Die Verkäufer hatten sich anscheinend alle versteckt. Bestimmt gab es hier irgendwo eine geheime Tür, hinter der die Verkäufer gerade Mau-Mau spielten oder mit versteckter Kamera die verwirrten Menschen beobachteten.
Keine Hilfe von den Verkäufern? Selbst ist die Frau! Ab zum CD-Regal und nach The Zillers suchen. Gut war natürlich, dass Sarah einfach nur bei „The“ schauen musste und siehe da – The Killers. Genau! Die waren es, die ihr Bruder zur Dauerbeschallung der Wohnung nahm. Aber da ergab sich schon das nächste Problem. Welches Album sollte sie kaufen? Sie kannte keinen einzigen Song mit Namen und konnte nicht ableiten, was ihr Bruder schon auf CD hatte oder nicht. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass ein Junge der im Alter ihres sechszehnjährigen Bruders sein konnte, ebenso einen Blick auf die CDs geworfen hatte.
„Hey, ʼtschuldigung, aber sag mal, welches ist das beste Album von denen?“
„Denen? Du sprichst von The Killers! Da ist jedes Album gut!“ Der für Sarahs fünfzehnjährige Begriffe verdammt gut aussehende Kerl verdrehte gekonnt seine meerblauen Augen und rümpfte kurz die Nase, bevor er dann aber nach einem speziellen Album griff. „Meinen Geschmack trifft das hier am besten.“
„Vielen Dank!“
In jedem halbwegs guten Kitschfilm hätte sie ihn jetzt nach seinem Namen oder seiner Nummer gefragt, ihr wäre irgendetwas Ungeschicktes (sie stolpert, fällt auf ihn, ihre Lippen treffen sich) passiert und das Happy End wäre da. Hier nicht. Hier ging es um das wahre Leben und Weihnachten.
Also hetz, hetz, einfach weiter. Was konnte sie ihrer Oma schenken? Sinnvoll, praktisch, günstig. Einen Schal! Genau! Obwohl sich ihr Kopf noch fragte, ob ein Schal für eine fast Achtzigjährige nicht doch etwas unpassend war, hatten sich ihre Beine bereits in Bewegung gesetzt und zielsicher einen Omi-Laden mit schrecklichen vielen Leoparden- und Zebramustern im Schaufenster als Ziel ausgesucht, in dem es bestimmt auch einen Schal gab.
„Schal … Schal“, murmelte Sarah vor sich hin und streifte durch die Reihen. Jacken, Hüte, Mäntel, Handschuhe ... Wo waren hier bitte die Schals?
„Schals?“, rief Sarah plötzlich laut aus, als würde sie nach ihrem Hund suchen.
„Entschuldigung, kann ich dir behilflich sein?“
„Schals“, sagte Sarah einfach wieder, denn in ihrem Kopf suchte sie schon nach einem Geschenk für ihre Eltern und ihren Opa. Außerdem, und das kam dazu, lief ihr so langsam die Zeit davon. Um zwölf Uhr schloss das Center und es gab Mittagessen.
„Was möchtest du denn für einen Schal?“
„Egal. Günstig.“
Die Dame zog die Augenbraue fast bis zu ihrem Haaransatz empor, so, als ob der Begriff „günstig“ unausstehlich und völlig unpassend für diesen Laden wäre.
„Hier haben wir ein Kaschmir-Exemplar, direkt importiert aus ...“
„Wie teuer?“
„Vierundsechszig Euro neunzig.“
„Fünfundsechszig Euro?“
„Nein, vierundsechszig Euro neunzig.“
„Ich sprach von günstig“, flötete Sarah sichtlich genervt.
Die Verkäuferin verzog ihr Gesicht zu einem hämischen Grinsen. „Ich habe dir den günstigsten Schal gezeigt.“
Leise fluchend verließ Sarah den Laden – ohne Schal, versteht sich. Ein Blick auf die Uhr offenbarte zudem, dass sie noch genau eine Stunde Zeit hatte, bevor es Mittagessen gab und die Läden schlossen. „Geschenke, verdammt, ich brauche was! Irgendwas!“
Vielleicht kamen ihr ja Ideen, wenn sie einfach durch das Kaufhaus ging und ihren Blick schweifen ließ. Doch zu dem Schweifen kam es nicht. Es machte einmal laut rums und Sarah landete auf dem Boden. Mit dem Kerl von eben auf ihr.
„Du?“, hörte sie ihre Stimme und seine zeitgleich. Sofort rappelte er sich hoch, während Sarah völlig irritiert ihr Dies-ist-keine-Lovestory-aus-Hollywood-Mantra aufsagte. Keine Zeit für auch nur irgendwelche kleinen romantischen Gedanken.
„Tut mir leid, ich hab anscheinend nicht aufgepasst“, setzte der Kerl an.
„Ach, du, kein Problem. Alles gut, mir ist nichts passiert.“ Sarah rappelte sich auf und hatte bereits auf der Stelle kehrt gemacht, da hielt er sie am Arm fest.
„Darf ich dich auf einen Kaffee einladen?“
Ganz kurz: Ein Kerl mit meeresblauen Augen, halblangen blonden Haaren, einem verdammt guten Stil und unglaublich toller (und männlicher!) Ausstrahlung empfiehlt dir eine CD, rempelt dich an und lädt dich auf einen Kaffee ein. Und was machst du?
„Tut mir leid, ich habe keine Zeit. Geschenke kaufen.“
„Aber ich möchte wirklich meine Dummheit wiedergutmachen.“
„Ist kein Problem, belassen wir es dabei, okay?“
Was tat man nicht alles dafür, um seiner Familie ein wenig Freude zu bereiten? Man ließ den besten Märchenprinzen einfach links liegen und machte sich auf die Suche nach irgendwas, was man unter den Baum legen konnte.
„Wie wäre es, wenn ich dir beim Einkaufen helfe?“
„Was?“
„Na, es sieht so aus, als hättest du bisher nur ein Geschenk. Und das habe ich dir auch noch ausgesucht.“
„Aber du kennst meine Familie nicht.“
„Du anscheinend aber auch nicht. Ich bin übrigens Fabian.“
„Hi, ich bin Sarah“, die leider keine Zeit für Smalltalk hat, weil sie in circa zwanzig Minuten alle Geschenke haben muss.
„Für wen brauchst du denn noch was?“
„Für meine Mutter, Vater und Großeltern.“
Ein Lächeln huschte über Fabians Gesicht. „Na dann wollen wir mal.“
Sechs Stunden später saß Sarah gemeinsam mit ihren Eltern unterm Weihnachtsbaum. Handgeschnitzte Engel, Lametta in gold und rot sowie bunte Kugeln sorgten für das richtige Weihnachtsfeeling.
„Ich habe auch was für euch“, begann Sarah und griff nach den Geschenken, die sie für ihre Familie eingepackt hatte.
„Für dich.“
„Geil!“, schrie ihr Bruder, als er das neue Album in den Händen hielt.
„Für die beste Mama der Welt.“
„Oh nein, Kind! Vom Winde verweht auf DVD! Ich hab den Film so ewig nicht mehr gesehen!“
„Für Papa.“
„Danke, Liebes. Ein Weizenbierglas kann man immer gebrauchen.“
„Und für euch.“
„Nein wie nett. Ein Gutschein über einen Großeltern-Tag. Wie toll.“
Wäre dies hier ein Hollywood-Film, da war sich Sarah sicher, würde sie jetzt fröhlich und glücklich in die Kamera lächeln und einen Satz sagen wie: „Und ich habe auch mein Weihnachtsgeschenk bekommen. Fabian. Und wir lebten glücklich bis ans Ende unserer Tage.“
Doch da dies nun mal das wahre Leben war, konnte sie nur festhalten, dass sie immerhin seine Handynummer hatte – und aufeinander waren sie immerhin auch schon einmal gefallen.
Alexander Karl, Jahrgang 1989, studiert in Tübingen Medienwissenschaft und Geschichte. Er schreibt gerne Kurzgeschichten und Bücher, macht Sport und unternimmt etwas mit seinen Freunden. Neben bisherigen Kurzgeschichten in Anthologien wird im Frühjahr 2012 sein erster Jugendroman im Papierfresserchens Verlag veröffentlicht.
*
Weihnachten kann kommen
Draußen ist es bitterkalt. Maria steht am Fenster und blickt auf die winterliche Landschaft. Schnee fällt sacht auf die Erde. Dieser Anblick weckt in Maria die ersten weihnachtlichen Gefühle des Jahres. Sie freut sich auf das Fest und beginnt zu planen, wie sie das Haus in diesem Jahr dekorieren will.
Einen Moment verweilt Maria am Fenster, dann dreht sie sich um, um die Kartons mit dem Weihnachtsschmuck vom Dachboden zu holen. Das Dekorieren bringt ihr viel Freude. Nach und nach nimmt sie die kleinen Schmuckstücke aus den Kisten und wickelt sie vorsichtig aus. Jedes einzelne von ihnen ist mit Erinnerungen verbunden. Diesen Schneemann zum Beispiel, den mit der schiefen Nase und geringeltem Schal, hat Sven ihr geschenkt, als sie frisch verheiratet waren. Bei den Sachen sind welche, die Maria seit ihrer Kindheit begleiten. Die haben schon im Wohnzimmer der Eltern gestanden, als Maria klein war. Da gibt es ein Christkind. Es trägt einen rosafarbenen Mantel mit einer Kapuze und zieht einen Schlitten, auf diesem befindet sich ein Kerzenhalter. Dieser Weihnachtsschmuck bekommt jedes Jahr einen Ehrenplatz. Maria hat das Christkind bereits als kleines Mädchen geliebt.
Als Nächstes kommt der Karton mit den Spieluhren an die Reihe. Maria mag diese sehr. Allerdings hat sie keine die „Stille Nacht“ spielt. Aus irgendeinem Grund, Maria kann nicht sagen warum, gefällt ihr dieses beliebte Weihnachtslied nicht. Sie kauft ihre Spieluhren nicht nur nach Aussehen, sondern achtet ebenso darauf, welche Melodie sie spielt. Sie hat eine richtige Sammlung. Die Melodien reichen von „Oh Tannenbaum“ über „Jingle Bells“ und „Am Weihnachtsbaum“ bis hin zu „Santa Claus is coming to town“. Wie in jedem Jahr stellt Maria die Spieluhren erst auf, nachdem sie sich die Lieder angehört hat. Das gehört zum Dekorieren. Die Stimmung wird so noch weihnachtlicher. Maria weiß, sie wird die Melodien heute noch einmal hören. Wenn ihre Kinder aus der Schule kommen und sehen, dass Mama dekoriert hat, werden sie die Spieluhren erklingen lassen wollen. Maria freut sich jedes Mal, wenn sie die leuchtenden Augen der beiden sieht. Ihre Tochter und ihr Sohn lieben die Weihnachtszeit genauso wie Maria. Auch Sven lässt sich gerne von der Stimmung im Haus anstecken.
Als alles an seinem Platz steht, betrachtet Maria in Ruhe ihr Werk. Ein Blick auf die Uhr sagt ihr, dass es Zeit ist, das Mittagessen fertig zu machen. Schnell räumt sie die Kartons zusammen und bringt sie auf den Dachboden.
Kurze Zeit später stehen Mia und Michel vor der Tür. Sie sind aufgeregt, weil es noch schneit. Am liebsten würden sie sofort ihre Schlitten rausholen. Vorher müssen sie essen und Hausaufgaben machen. Als Mia nach den Essen einen Blick ins Wohnzimmer wirft, entdeckt sie, dass ihre Mutter die Weihnachtsdekoration aufgestellt hat. Sie läuft hinein. Michel kommt kurz nach ihr in den Raum. Die Kinder sehen sich alles an. Jedes hat seine Lieblingssachen und guckt, ob alles da ist. Und, wie Maria es erwartet hat, fragen beide: „Dürfen wir die Spieluhren aufziehen?“
„Bitte Mama, wir sind ganz vorsichtig.“
Maria lächelt. „Könnt ihr. Mit welcher möchtet ihr anfangen?“
Mia und Michel sehen sich die Spieluhren der Reihe nach an. Mit welcher sollen sie beginnen. Es gibt viele und schön sind sie alle. Mia sagt: „Wie wäre es, wenn wir zuerst die mit dem Weihnachtsmann am Kamin nehmen?“
Michel wackelt nachdenklich mit dem Kopf. Er findet diese Spieluhr auch sehr schön. Vor allem gefällt ihm die kleine Eisenbahn, die um den Weihnachtsmann herum und durch den Kamin fährt. Allerdings mag er die Spieluhr mit dem Teddy, der Schlittschuh läuft ebenso gern. Die Entscheidung ist nicht leicht, obwohl die Kinder wissen, dass sie alle Melodien hören werden.
Nach kurzem Zögern sagt Michel: „In Ordnung, nehmen wir die als Erstes und danach darf der Teddy auf dem Eis tanzen.“
Kurz darauf ertönt „Santa Claus is coming to town“ und die Kinder sehen zu, wie die kleine Eisenbahn ihre Kreise zieht.
Bald sind alle Spieluhren dran gewesen. Es ist Zeit für die Hausaufgaben. Zum Schlittenfahren reicht es nicht mehr. Dafür dürfen Mia und Michel mit Maria aussuchen, welche Plätzchen sie dieses Jahr backen. Die beiden sind eifrig dabei. Während sie mit ihrer Mutter durch die Rezepte blättern, überlegen sei, wie es wäre, ein Lebkuchenhaus zu backen.
Maria sagt lächelnd: „Klar könnt ihr ein Knusperhäuschen basteln. Am besten fragt ihr Papa, ob er euch hilft. Er ist geschickter als ich.“
Mia und Michel klatschen vor Freude in die Hände. Sie können es kaum erwarten, dass Sven von der Arbeit nach Hause kommt. Endlich hören sie den Schlüssel in der Haustür. Sofort stürmen die Geschwister in den Flur. Und bevor ihr Vater sich ausziehen kann, bestürmen sie ihn mit ihrer Idee.
„Papa, Papa, wir möchten ein Knusperhäuschen basteln! Kannst du uns helfen?“
Und Mia sieht ihren Vater mit treuem Augenaufschlag an: „Bitte, bitte, sei lieb!“
Lachend hebt Sven die Arme. „Lasst mich erstmal reinkommen, ihr Strolche.“
Er hängt seine Jacke auf und stellt die Schuhe ins Regal. Dann wendet er sich seinen Kindern zu. „Nun könnt ihr mir in Ruhe sagen, was los ist.“
Mia kuschelt sich an Sven und sagt: „Wir möchten dieses Jahr ein Lebkuchenhaus backen. Mama hat gesagt, wir sollen dich fragen, ob du uns hilfst.“
Und Michel fügt hinzu: „Bitte, Papa. Du kannst so toll basteln. Das wird schön.“
Sven lächelt. Ein Knusperhäuschen. Die Idee gefällt ihm. Als er ein kleiner Junge war, hat er oft mit seiner Oma eins gebacken. Er sieht die Kinder, die gespannt auf seine Antwort warten, an und sagt: „Das ist eine tolle Idee. Früher hatte ich Weihnachten auch Knusperhäuser. Wisst ihr, wie es aussehen soll?“
Die Kinder sehen sich an. Darüber haben sie gar nicht nachgedacht. Mia sagt: „Noch nicht, das können wir gemeinsam planen.“
Michel setzt hinzu: „Genau, macht bestimmt gleich doppelt soviel Spaß.“
Bevor die drei mit ihren Planungen anfangen können, ruft Maria zum Abendessen. Aber während des Essens geht es los. Alle sind mit Feuereifer dabei. Und als der Esstisch abgeräumt ist, holt Mia einen Block und Stifte und gemeinsam mit Sven planen und zeichnen die Kinder ihr Lebkuchenhaus. Als die Zeichnung fertig ist, bekommt Maria sie, um die Zutaten auszurechnen. Die will sie gleich am nächsten Tag einkaufen und am Samstag ist Backtag. Aufgeregt machen die Kinder sich fertig, um ins Bett zu gehen. An diesem Abend hört man ihre Stimmen noch lange, so sehr freuen sie sich auf ihr selbst entworfenes Häuschen. Sven und Maria sitzen im Wohnzimmer und genießen den Abend.
Zwei Tage später ist es soweit. Der Samstag ist da und Sven und die Kinder übernehmen die Herrschaft in der Küche. Sie holen alle Zutaten zusammen und messen, wiegen und rühren. Bald sind die Lebkuchenteile im Ofen und es duftet herrlich nach Weihnachtsbäckerei. Das Warten aufs Abkühlen fällt ein bisschen schwer und wird verkürzt, indem Plätzchen gebacken werden. Bald kann es losgehen. Die einzelnen Platten werden zusammengesetzt. Vorsichtig gehen die drei zu Werke und schnell steht ein prächtiges Häuschen vor ihnen. Jetzt sind die Verzierungen an der Reihe. Am Abend ist das Haus fertig und gemeinsam präsentieren sie es Maria. Die ist begeistert.
„Wow, ist das toll. Dieses Kunstwerk braucht einen Ehrenplatz im Wohnzimmer.“
Und ein Kunstwerk ist es. Ein richtiges Märchenschloss mit Prinz und Prinzessin. Nachdem ein Platz gefunden ist, gehen Mia und Michel glücklich und zufrieden ins Bett. Weihnachten kann kommen.
Antje Steffen wurde 1969 in Kiel geboren. Nach ihrer Heirat verschlug es sie in den Süden von Schleswig-Holstein, wo sie heute mit ihrem Mann und den beiden Kindern kurz vor den Toren Hamburgs lebt. Die Hobbyautorin schreibt seit vielen Jahren. Sie hat bereits mehrere Kurzgeschichten, Gedichte und Haiku veröffentlicht. Vor Kurzem erschien das Geschenkbüchlein „Mit Haiku durch das Jahr“.
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Die Weihnachtsmondfee
Als Mia das Kinderzimmer betrat, sah sie ihre zwei Jahre ältere Schwester Nele vor dem Spiegel stehen. Die drehte sich selbst bewundernd davor hin und her.
„Ooch, wie schön du aussiehst“, staunte Mia mit großen Augen und ihr Mund blieb kreisrund offen stehen. Da war sie nur mal ganz kurz weg, mit Papa auf dem Weihnachtsmarkt, und schon passierten hier die aufregendsten Dinge. Mia wurde fast ein wenig aufmüpfig. „Das möchte ich auch!“, forderte sie.
„Schön, nicht wahr!“, sagte Nele voller Stolz und bewunderte ihren Kopf wie die Kundin beim Friseur. Sie strich sich durch ihr Haar, was heute nicht in dunklem Braun gerade einmal bis in den Nacken reichte. Nein. Neles Haare waren plötzlich lang. Doch was das Faszinierendste war: Sie schienen aus purem Silber zu sein. Es glänzte und glitzerte nur so auf Neles Kopf. Und wenn Nele ihn leicht bewegte, so spiegelte sich das Licht im funkelnden Haar und warf kleine Glitzersterne an die Wand. Und natürlich auch zu Mia, die davon und von Neles Schönheit vollkommen geblendet war.
„Woher hast du das?“, fragte Mia, die eben erst ihren Mund wieder zubekam.
„Das kann ich dir nicht verraten. Ist eben so ein Weihnachtsgeheimnis.“
Mit dieser Antwort wollte sich die kleine Mia keinesfalls zufriedengeben. Trotzig sagte sie: „Dann gehe ich eben zu Mama und frage sie.“
Nele eilte mit wehendem Silberhaar zur Tür, versperrte wie ein breitbeiniger Hampelmann ihrer kleinen Schwester den Weg und sagte: „Zu Mama kannst du jetzt nicht!“
Fragend sah Mia ihre Schwester an und Nele merkte, dass sie nun einen wirklich einleuchtenden Grund liefern musste, um zu verhindern, dass Mia Mama alles erzählte. Und zum Glück fiel ihr der ein: „Das Christkind ist im Wohnzimmer und schmückt den Weihnachtsbaum. Und Mama muss aufpassen, dass es alles richtig macht. Darum dürfen wir jetzt auf keinen Fall stören. Sonst würden wir das Christkind verschrecken und es würde niiiie wiederkommen.“
Mia nickte. Das stimmte natürlich. Dennoch wollte sie keinesfalls aufgeben. Eines war klar. Klein-Mia wollte ebensolch feines Silberhaar haben wie Nele. Doch dann schien ihr plötzlich klar zu sein, woher die Haare kamen. Voller Überzeugung sagte sie: „Jetzt weiß ich. Die sind vom Christkind.“
„Quatsch“, schüttelte Nele verneinend den Kopf. „Das Christkind hat noch keiner gesehen, außer Mama vielleicht.“
„Dann verrate mir endlich, wo du das Silberhaar her hast!“, forderte Mia etwas lauter und stemmte trotzig beide Arme in die Seiten.
„Pst!“, machte Nele und legte den Zeigefinger auf ihre Lippen. Und dann flüsterte sie: „Na gut. Ich verrate es dir. Aber es muss ein Geheimnis bleiben!“
Mia nickte brav und in voller spannender Erwartung.
„Das Silberhaar hat mir die Weihnachtsmondfee gezaubert“, verriet Nele mit einem geheimnisvollen Glanz in den Augen.
Die Weihnachtsmondfee? Nun war Mia platt. Von einer Weihnachtsmondfee hatte sie noch nie etwas gehört. Nicht einmal Opa, der sonst alles weiß, hatte davon berichtet.
„Und was ist die Weihnachtsmondfee?“, fragte Mia ihre große Schwester.
Nele kratzte sich leicht am Kopf unter ihrem silbernen Pony, als schien sie zu überlegen, und dann antwortete sie: „Die Weihnachtsmondfee lebt auf einem Stern, gleich neben dem Mond. Meistens schläft sie, aber zu Weihnachten hilft sie dem Christkind oder dem Weihnachtsmann. Sie kann nur zu uns kommen, wenn der Mond in der Weihnachtszeit besonders schön strahlt und er sein Licht auf ein ganz besonderes Kind wirft.“
Mia zog düster ihre Stirn in Falten. Warum war Nele ein besonderes Kind und sie selbst nicht? Es schien immer ungerecht zwischen den Schwestern zuzugehen!
„Ich bin auch ein besonderes Kind“, sagte Mia trotzig. Jedenfalls sagte Opa immer: „Das sind zwei ganz besondere Mädchen.“ Zwei! Also meinte er auch sie.
„Na, wenn du denkst“, sagte Nele, „dass du auch besonders bist, dann komm mit!“
Leise schlichen sie an der Wohnzimmertür vorbei. Durch das milchige Glas der Scheibe nahmen sie die brennenden Lichter des Weihnachtsbaums wahr und eine Silhouette, die sich um ihn herum bewegte.
„Das Christkind“, flüsterte Mia.
Nele nickte und öffnete vorsichtig, ohne ein Geräusch zu erzeugen, die Wohnungstür zum Treppenhaus. Hier war es kühl und dunkel. Aus der Wohnung von Nachbarin Frau Grüner verteilte sich durch die geschlossene Tür ein Geruch von Gänsebraten durchs Haus.
„Wo gehen wir hin?“, fragte Mia, der nun ängstlich zumute wurde.
„Nach oben, auf den Dachboden natürlich“, flüsterte Nele zurück. „Wir müssen dem Mond so nah wie möglich sein.“ Gerade noch fand die große Schwester alles so gut und toll. Aber nun beschlich auch sie ein leicht mulmiges Gefühl. Fest fasste sie Mias Hand und gemeinsam stiegen sie die Stufen empor.
Als sie die Tür zum Dachboden öffneten, atmete ihnen ein kalter Hauch entgegen. Hier war es noch düsterer und es roch nicht mehr nach Frau Grüners Gänsebraten. Hier roch es nach Staub und altem Holz. Nele zog ihre Schwester mit sich bis zur Dachluke und dabei stöhnten ganz schauerlich unter ihren Füßen bei jedem Schritt die hölzernen Balken mit lautem Quietschen auf.
Mit großen Augen sahen die beiden Schwestern zur Luke hinauf. Nele griff den eisernen Riegel und stemmte das Fenster nach oben. Ein wilder Flockenwirbel tanzte auf die Mädchen herab. Es schneite. Der Schnee fiel aus den Wolken, und wenn Wolken am Himmel waren, so konnte man keinen Mond sehen. Das war klar.
„Da hast du aber Pech“, sagte Nele ganz und gar nicht traurig. „Wenn die Wolken den Mond nicht auf die Erde scheinen lassen, kann die Weihnachtsmondfee dich nicht sehen. Also werde ich wohl das einzige Mädchen mit so wundervollem Silberhaar bleiben.“
Aus Mias Augen quollen dicke, heiße Tränen hervor und ließen in ihnen die tanzenden Schneeflöckchen sofort schmelzen. Traurig sagte Mia: „Ich wollte aber auch besonders sein und solch wunderschön glänzendes Silberhaar haben wie du.“
Nele tat es leid, als sie ihre Schwester so traurig auf dem kalten dunklen Dachboden stehen sah. Kurz überlegte sie und sagte: „Ich hab’s! Du musst nur laut singen. Am besten Weihnachtslieder. Dann haben die Wolken vielleicht ein Einsehen. Sie rutschen beiseite, der Mond leuchtet auf uns herab und die Weihnachtsmondfee kann dich sehen und dir auch solch wunderschönes Haar zaubern.“
Nele glaubte zwar selbst nicht so recht daran, dass man mit laut gesungenen Weihnachtsliedern Wolken beiseite wünschen konnte. Aber sie hatte es ihrer Mia so überzeugend erzählt, dass die Kleine sofort begann, lautstark zu singen. „Bald nun ist Weihnachtszeit, fröhliche Zeit, jetzt ist der Weihnachtsmann gar nicht mehr weit …“
Das half nicht. Doch Mia gab nicht auf. Sie sang „Stille Nacht, heilige Nacht“. Und etwas lauter „Lasst uns froh und munter sein“ und noch lauter „Morgen Kinder wird’s was geben“. Und dann, als sie fast „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter“ schrie, hörte plötzlich der Flockentanz auf und wie ein Wunder blitzte zwischen den Wolken der Mond hervor. Mia musste fast die Augen ein wenig zusammenkneifen, so hell leuchtete ihr der Mond ins Gesicht.
„Jetzt wird sie mich sehen, die Weihnachtsmondfee“, freute sich Mia und klatschte vor Freude in die Hände. „Hier! Hier bin ich“, schrie sie zur Dachluke hinaus und winkte wie wild dem Mond glückselig zu.
Und da sprach plötzlich eine sanfte, liebe Stimme zu ihnen: „Was macht ihr beiden hier oben auf dem Dachboden?“
„Die Weihnachtsmondfee! Hast du das gehört? Da ist ihr Stern! Ich sehe sie!“, rief Mia staunend, zeigte nach oben und merkte, wie sich ganz zart auf ihren Kopf etwas legte.
„Hallo Mama“, stammelte Nele, die sich umgedreht hatte und nun erschrocken in das Gesicht der Mutter blickte. Dann fiel ihr Blick auf Mamas Hände, auf denen sie Pappschachteln mit dem Aufdruck von Christbaumkugeln sah. „Ich dachte, das Christkind schmückt den Weihnachtsbaum“, sagte Nele leicht vorwurfsvoll und freute sich, Mama sozusagen ertappt zu haben.
„Und ich dachte“, sagte Mama, „Lametta hängt man sich nicht auf den Kopf, sondern eben an den zu schmückenden Weihnachtsbaum.“
Das verstand Nele nicht. Soeben hatte Mama doch selbst Lametta auf Mias Kopf verteilt, sodass sie nun genau das gleiche Silberhaar hatte wie sie. Mia hatte von all dem natürlich nichts gemerkt, weil sie nur die Weihnachtsmondfee angehimmelt hatte.
„Und ich dachte“, hörte man Frau Grüner aus dem Hintergrund, „dass hier ein Weihnachtskonzert ist. Also mir hat die Musik gefallen.“
Jetzt mussten Nele und Mama lachen. Und Mia sagte: „Mama, guck mal! Auch ich bin ein besonderes Kind. Auch mir hat die Weihnachtsmondfee Silberhaar geschenkt. Jetzt sehe ich so schön aus wie Nele.“
„Ja, das habe ich schon immer gewusst“, sagte Mama, „dass meine beiden Mädchen etwas ganz Besonderes sind.“
„Und deswegen“, sagte Nele, die schon wieder einen überaus guten Einfall hatte, wie sie selbst meinte, „gibt es morgen ein Dachbodenweihnachtsmondfeekonzert. Mit den Solisten Nele und Mia. Da sind sie herzlich eingeladen, Frau Grüner. Und der Opa natürlich auch.“
„Und wer weiß“, sagte die kleine Mia geheimnisvoll. „Vielleicht zeigt sich die Weihnachtsmondfee ja noch einmal, sieht hier einen ganz besonderen Menschen und beschenkt ihn mit so wundervollem Silberhaar.“ Dabei guckte sie Mama ganz tief in die Augen und zwinkerte ihr hoffnungsvoll schmunzelnd zu.
Kathrin Sehland, Jahrgang 1964, lebt und schreibt in Wilkau-Haßlau, einem Ort am Flüsschen Mulde, wo vor einigen Hundert Jahren noch Wölfe durch dichten Wald streiften. Die Maschinenbauzeichnerin und Wirtschaftskauffrau ist verheiratet, hat zwei Kinder, hält sich mit Badminton fit und genießt die Fahrten per Rad entlang der fließenden Mulde.
*
Timothys Weihnachtswunsch
Shelleys Zeit auf Erden war vorbei.
Seit nun schon 38 Jahren weilte sie unter Engeln, Helden und all den anderen guten Lebewesen, die sich einen der Plätze im Himmel ergattert hatten. Ihr gefiel es, wo sie jetzt war: Es gab keine Sorgen, keinen Schmerz und keine Ungerechtigkeit. Doch oft musste sie an die Erde und ihre Menschen denken, selbst jetzt noch, nach so vielen Jahren.
Man sollte wissen, dass einigen besonders gutmütigen, gerechten und ehrlichen Menschen nach ihrem Leben einige besondere Dinge gewährt werden. So darf man zum Beispiel manchmal auf die Erde blicken und schauen, was seine Hinterbliebenen so machen, ob es ihnen gut geht. Und wenn man ‒ wie Shelley, die die Hauptfigur unserer Geschichte ist ‒ ein ganz außergewöhnlicher Mensch gewesen war, der immer mehr an andere als an sich selbst gedacht hat, auf den man sich immer verlassen konnte, der einen niemals enttäuschte, der sein letztes Hemd gegeben hätte, dann durfte man eine ganz spezielle Aufgabe erfüllen: Dann durfte man ein Mal im Jahr zurück auf die Erde, um Gutes zu tun und so Gott an diesem Tag ein wenig zu helfen. Den Tag dafür konnte man sich selbst aussuchen.
Natürlich suchte sich Shelley den Heiligabend aus, jedes Jahr wieder, denn der war immer ihr Lieblingstag gewesen. Sie erinnerte sich noch gut an all die Heiligabende: als Kind, als junge Mutter und später, als sie schon alt war und sich ihre ganze Familie um sie herum versammelt hatte. Sie hatte diese Zeit des Jahres geliebt, die Weihnachtszeit und freute sich nun sehr, die Heiligabende weiterhin auf Erden verbringen zu dürfen.
Jedes Jahr suchte sie sich einen ganz besonderen Menschen aus, dem sie etwas Gutes tun wollte. Sie hatte den Menschen schon immer gern geholfen und sie war der Meinung, dass die Erfüllung eines Weihnachtswunsches tausendmal soviel wert war wie die eines einfachen Wunsches. Als Shelley in diesem Jahr zurück auf die Erde geschickt wurde, wusste sie noch nicht, wem sie helfen würde. Manchmal hatte man schon eine Idee, denn manche Gebete waren lauter im Himmel zu hören als andere, und einige waren so unglaublich laut, dass man keine Ruhe hatte, bis sie endlich erfüllt waren.
Die Menschen wussten nicht, dass sie die meisten Dinge selbst in der Hand hatten und die meisten Gebete unnötig waren, dass sie nur ein wenig mehr Vertrauen in sich selbst haben mussten. Wenn sie nur den Anfang machten, half man ihnen auch gerne weiter. Das Unmögliche war nicht erfüllbar, so konnte ein 50-Kilo-Mann kein Schwergewichtsboxer werden oder ein kleines Mädchen Präsidentin der Vereinigten Staaten. Doch natürlich verstanden die Menschen das jetzt noch nicht, wie so viele andere Dinge auch.
Shelley landete in diesem Jahr in New York City, direkt am Rockefeller Center, wo einer der größten Weihnachtsbäume stand, wunderschön erleuchtet und von Hunderten von Menschen betrachtet.
Unter ihnen war ein kleiner Junge von etwa acht Jahren, er stand ganz allein in der Menge. Shelley gesellte sich zu ihm, und als er zu ihr aufblickte, und sie seinen traurigen Blick wahrnahm, wusste sie, wer in diesem Jahr ihr Auserwählter sein sollte.
„Hallo!“, sagte sie.
„Hallo!“, sagte auch er.
„Ich heiße Shelley. Was machst du hier so ganz allein am Heiligabend?“
„Mein Vater hat mich hier abgestellt und gesagt, ich solle mich nicht rühren. Er kommt mich später wieder abholen. Ich bin Timothy.“
„Dann ist er bestimmt losgegangen, um Geschenke zu kaufen“, vermutete Shelley.
„Nein, ich hab noch nie ein Geschenk von ihm bekommen. Er sitzt bestimmt in irgendeiner Kneipe und trinkt ein paar Biere.“
Das fand Shelley unglaublich traurig. Timothy war so ein niedlicher kleiner Junge, wie konnte man ihn nur so behandeln? „Wo ist denn deine Mutter?“, fragte sie.
„Die ist weg. Ich weiß nicht wo. Eines Tages war sie einfach nicht mehr da.“
Das wurde ja immer trauriger. „Du Armer, das tut mir aber leid“, sagte Shelley. „Vielleicht kann ich dir eine kleine Freude machen. Was ist dein größter Weihnachtswunsch?“
„Den kann mir keiner erfüllen.“
„Ich vielleicht schon. Ich hab gute Kontakte, weißt du?“
Da erhellte sich Timothys Gesicht ein wenig. „Ich wünsche mir einen Butterfinger Schokoriegel.“
Damit hatte Shelley nun nicht gerechnet. Einen besseren Vater, die Rückkehr der Mutter, ein neues Spielzeug, irgendetwas, aber nicht das. „Das ist dein größter Weihnachtswunsch? Wenn du dir wünschen könntest, was du wolltest?“ fragte sie ungläubig.
Timothy nickte.
„Aber wieso?“
„Weil ich einmal einen von meiner Mom bekommen habe, als sie noch da war. Und ich weiß noch, wie lecker er geschmeckt hat. Seitdem wünsche ich mir noch einen. Aber mein Dad meint, wir haben kein Geld für einen solchen Luxus. In der Schule haben einige Kinder manchmal einen Butterfinger Riegel dabei. Und jedes Mal wünsche ich mir, ich hätte auch einen.“
So etwas war ihr in 38 Jahren noch nicht passiert. Die meisten Leute wünschten sich wichtige Dinge. Shelley hatte Menschen geheilt, vermisste Familienmitglieder wieder zueinander geführt, einen Lottogewinn ermöglicht und einmal sogar zum Frieden eines ganzen Landes beigetragen. Shelley war ratlos. Sollte sie ihm einen Schokoriegel beschaffen und das wäre es dann gewesen? Dazu war sie auf die Erde zurückgekehrt?
„Wünschst du dir denn nicht doch etwas Anderes?“, fragte sie hoffnungsvoll.
Doch Timothy schüttelte den Kopf. Dann überlegte er. „Kann ich mir wünschen, was ich will?“
„Klar, was du willst.“
„Dann wünsche ich mir eine ganze Packung Butterfinger Riegel.“
Shelley blieb nichts anderes übrig. Sie sagte ihm, sie würde gleich zurück sein und sie konnte Timothys Gesicht ablesen, was er dachte. Sie würde ihn auch einfach da stehen lassen. Sie würde sich bestimmt nie wieder blicken lassen.
Doch ein paar Minuten später war Shelley wieder da und brachte ihm eine große Familienpackung Butterfinger Riegel. Man kann sich nicht die Freude vorstellen, die Timothy ausstrahlte, das alles erfüllende Glück. Er fiel ihr in die Arme und bedankte sich tausend Mal.
„Danke, danke, danke. Sie müssen ein Engel sein. Wie kann ich Ihnen nur jemals danken?“
„Das ist wirklich Dank genug, Timothy. Schön, dass du dich so freust.“
Und das tat Timothy, ehrlich. Er öffnete die große Packung und nahm einen Riegel heraus. Er wickelte ihn vorsichtig aus und biss ab. Es schien das Beste zu sein, das er jemals gegessen hatte und er machte genüssliche Geräusche.
„Na dann, Timothy, ich muss nun wieder los. Ich wünsche dir frohe Weihnachten“, verabschiedete sich Shelley nach einer Weile.
„Das ist das schönste Weihnachten aller Zeiten. Vielen, vielen Dank!“
Shelley kehrte zurück und im Himmel angekommen, berichtete sie den Anderen von dem außergewöhnlichen kleinen Jungen, den sie heute getroffen hatte. Dieser bescheidene Junge, der alles hätte haben können, der aber so leicht zufriedenzustellen gewesen war.
Sie hatte schon viele Wünsche erfüllt, doch obwohl es der kleinste aller kleinen Wünsche gewesen war, hatte Shelley nie zuvor solche Freude und Glückseligkeit gesehen. Sie war froh, Timothy erwählt zu haben. Und wenn von nun an im Himmel von Bescheidenheit oder wahrer Freude oder echter Dankbarkeit die Rede war, fiel als Allererstes Timothys Name.
Manuela Inusa wurde am 17.09.1981 in Hamburg geboren. Sie ist gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern in Hamburg. Ihre Hobbys sind Lesen, Schreiben und Reisen (besonders in die USA).
*
Philipp sucht den Winter
Traurig betrachtete Philipp den lustigen Schneemann, der als Fensterbild an der Scheibe des Kinderzimmers klebte. Draußen schien die Sonne, es war ein milder Tag. Philipp seufzte, in drei Tagen war Weihnachten und weit und breit kein Schnee. Von der Zimmerdecke baumelten an durchsichtigen Fäden einige Schneeflocken aus Watte. Die hatten Philipp und seine Mama aufgehängt. Letzten Winter hatte es auch nicht geschneit. Nur wenn Philipp aus dem Fenster sah, konnte er auf den Bergspitzen ein wenig Schnee erkennen.
Am Abend seufzte der Junge: „Mama, ich wünsch mir dieses Jahr vom Christkind, dass es viel schneit. Dann bau ich einen Schneemann, so wie den auf dem Fensterbild.“
„Philipp, schlaf gut und träume was Schönes. Vielleicht kommt ja noch ein bisschen Schnee bis zum Heiligen Abend“, tröstete Mama und gab ihm einen Gutenachtkuss. Bald war der Bub eingeschlafen.
Philipp wachte auf, weil etwas Kaltes über seine Wange strich. Der Junge blinzelte und vor ihm stand der Schneemann vom Fensterbild.
„Hallo Philipp, gehst du mit mir den Winter suchen?“
Verwundert blinzelte er den Schneemann an.
„Aber weißt du denn, wo der Winter wohnt?“, fragte Philipp.
„Ich habe heute von einem Sperling gehört, dass sich der Winter weit in den Norden zurückgezogen hat. Wir gehen in den Norden und suchen ihn. Dann bitten wir ihn, zu uns zu kommen“, erklärte der Schneemann.
„Wo Norden ist, weiß ich, das hat mir mein Papa gezeigt. Bei den Bergen, auf denen noch ein wenig Schnee liegt, dort ist Norden“, meinte Philipp. Er hüpfte aus dem Bett und zog sich rasch an. Der Junge steckte noch schnell eine Watteschneeflocke ein. Die wollte er dem Winter schenken. Dann lief er zur Türe hinaus.
„Nicht so schnell“, rief der Schneemann und wackelte hinter Philipp her. Philipp und sein Freund verließen das Haus und gingen auf die Berge zu.
Die Sonne schien und der Schneemann begann zu schwitzen. „Philipp, mir ist so warm und die Berge sind so weit weg“, jammerte der Schneemann.
Plötzlich leuchtete vor ihnen ein prächtiger Regenbogen auf und eine freundliche Stimme säuselte: „Ich habe gehört, ihr wollt den Winter suchen. Ich werde euch helfen. Steigt auf, ich bringe euch zu den Bergen hoch.“ Die Freunde kletterten auf den Regenbogen und der spannte sich und wurde immer länger, bis er knapp unter die Gipfel der Berge reichte. Vorsichtig rutschten Philipp und der Schneemann den Regenbogen entlang und landeten auf einem Schotterfeld.
„Danke, Regenbogen, du hast uns sehr geholfen“, rief Philipp und winkte, bis der Regenbogen verblasst war. Dem Schneemann ging es auch gleich besser, denn so hoch auf dem Berg war es kälter als im Tal. „Wo sollen wir den Winter jetzt suchen?“, fragte Philipp.
„Hallo, ihr da unten. Der Regenbogen hat mir erzählt, dass ihr den Winter besuchen wollt. Da kann euch nur der Nordwind helfen und der wohnt am höchsten Gipfel der Berge!“, erklang eine Stimme über Philipp. Erstaunt sah Philipp in die Höhe und bemerkte einen großen Steinadler, der über ihnen seine Kreise zog. „Kommt, steigt auf meinen Rücken, ich bringe euch zu ihm!“
Philipp und der Schneemann setzten sich auf den Rücken des Adlers, dieser erhob sich in die Lüfte und flog mit ihnen auf den höchsten Gipfel des Berges. „Ich wünsch euch noch viel Glück“, rief der Adler, nachdem er die zwei Freunde abgesetzt hatte.
„Hui, ich bin der Nordwind und habe gehört, ihr geht den Winter suchen. Ich werde euch dabei helfen, denn ich möchte so gerne wieder die Schneeflocken vor mir hertreiben und hohe Schneewirbel in die Luft blasen. Immer nur über kahle, trockene Hänge zu wehen ist langweilig!“ Mit diesen Worten blies auf einmal der Nordwind um Philipp und den Schneemann.
„Nicht so stürmisch, Nordwind, du bläst uns ja um! Aber danke für deine Hilfe, die nehmen wir gerne an“, lachte Philipp. Der Nordwind umfasste die beiden mit einem Luftwirbel und trug sie hoch auf den Gipfel des Berges.
Vorsichtig setzte der Wind die Freunde ab und rief ihnen zu: „Findet die Kälte, dann ist der Winter nicht mehr weit!“
Die Freunde gingen weiter. „Brr, es wird kalt“, sagte der Junge und sein Atem bildete kleine weiße Wölkchen.
„Ja, ja ich spüre es auch. Richtig angenehm!“, lachte der Schneemann. Nach der nächsten Wegbiegung blitzte ihnen ein Eisschloss entgegen.
„Da drinnen wohnt sicher die Kälte. Schau nur die langen Eiszapfen, die vom Dach herunter hängen“, rief Philipp.
„Hallo, Kälte, hörst du uns? Wir suchen den Winter!“, riefen die zwei. Mit einem Schlag wurde es eisig kalt und ein Flimmern und Leuchten von vielen feinen Schneekristallen schwebte durch die Luft.
„Ja, ich weiß, dass ihr den Winter sucht. Ich habe euch schon beobachtet. Der Winter ist traurig und hat sich in einen Raum im Eisschloss zurückgezogen“, wisperte eine Stimme aus der Schneekristallwolke.
„Warum ist er traurig?“, wollte Philipp wissen.
„Als der Winter und ich das letzte Mal auf der Erde waren, schimpften die Menschen über den vielen Schnee und die große Kälte. Von allen Seiten hörten wir, wie unnötig wir seien und wie beschwerlich wir das Leben der Menschen machten. Darum will der Winter nicht mehr auf die Erde kommen!“, flüsterte die Kälte.
„Führe uns zu ihm. Ich werde ihn bitten, wieder zu uns Kindern zu kommen.“
Die Kälte blies einen eisigen Luftstrom um die Freunde. „Ich will auch wieder auf die Erde. Die Seen sollen zufrieren. Lange Eiszapfen müssen von den Dächern hängen und Schneeblumen auf den Fenstern blühen. Ja, das hat mir wirklich gefehlt. Kommt mit, ich führe euch zum Winter.“
Die Glitzerwolke schwebte vor Philipp her, bis sie vor einer Türe anhielt, die dick mit Schnee bedeckt war. „Da drinnen sitzt der Winter. Ich wünsch euch viel Glück!“
Philipp nahm seinen ganzen Mut zusammen und stieß die dick verschneite Türe auf. „Guten Tag, Herr Winter! Der Schneemann und ich kommen dich besuchen. Wir bitten dich, komm doch wieder zu uns!“
„Wer stört mich da? Hinaus mit euch, ich will keinen Menschen mehr sehen!“, ertönte eine tiefe, brummige Stimme. Philipp sah sich um. In einem vereisten Schaukelstuhl saß ein Mann, eingehüllt in einen dicken, weißen Mantel, mit silbrigem Bart und grauen Haaren.
„Aber Winter, wenn du nicht mehr mit Schnee und Kälte kommst, werden dich bald alle Menschen vergessen haben. Uns Schneemänner gibt’s dann auch nicht mehr. Oder nur mehr als Bilder. Das ist doch traurig, wenn Kinder den Winter nur noch aus Erzählungen kennen.“ Der Schneemann war vor den Winter hingetreten und brachte seine Bitte vor.
„Ja, und Schneeflocken, gibt’s nur mehr aus Watte, so wie diese hier.“ Philipp hielt dem Winter die mitgebrachte Watteflocke hin. „Lieber Winter, komm bitte wieder zurück. Ich weiß schon, dass viele Menschen über dich schimpfen! Aber denk doch an uns Kinder, wir lieben dich. Der Schneemann hat recht, wahrscheinlich werden dich die Kinder bald vergessen haben, weil sie dich ja gar nicht kennen. Willst du das wirklich?“
„So, so, die Kinder lieben mich also. Na, ja, wenn ich es mir richtig überlege, ist es doch sehr langweilig in meinem Schloss und mir fehlt die schöne Winterzeit auch“, grummelte der Winter und strich sich über seinen langen Bart. „Also gut, Kälte mach alles fertig. In der Nacht werden wir wieder auf der Erde Einzug halten.“ Er wandte sich zu den Freunden. „Euch schicke ich mit dem Nordwind nach Hause. Morgen sehen wir uns wieder!“ Der Winter lachte und sein langer Bart wippte auf und ab und versprühte feine Eiskristalle.
Philipp und der Schneemann winkten dem Winter und der Kälte zu, bevor der Nordwind sie nach Hause brachte.
Am nächsten Morgen wurde Philipp von seiner Mama aufgeweckt. Verschlafen rieb sich Philipp die Augen.
„Mama, hat es geschneit? Ich habe geträumt, dass ich den Winter holen ging!“
„Nein, mein Schatz, noch nicht. Aber über Nacht ist es sehr kalt geworden. Schau zu den Bergen, da wälzen sich dicke Schneewolken heran. Ich bin sicher es fängt bald zu schneien an.“
„Hurra, es gibt wieder Schnee! Das Christkind kann dann auch mit dem Schlitten kommen!“
Philipp sah zu dem Schneemann am Fenster hin und der blinzelte ihm vergnügt zu!
Gabriela Rodler wurde 1950 in Wiener Neustadt, Österreich geboren. Ihr liebstes Hobby ist Lesen. Seit ihrer Pensionierung schreibt sie Märchen, Kinder- und Kurzgeschichten. Es wurden bereits verschiedene Erzählungen von ihr in Anthologien veröffentlicht.
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