Kitabı oku: «Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland Band 5»

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Wünsch dich ins Wunder-Weihnachtsland

Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Advents- und Weihnachtszeit

Band 5

Martina Meier (Hrsg.)


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Impressum:

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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© 2020 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR

Mühlstr. 10, 88085 Langenargen

Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchausgabe erschienen 2012.

Titelbild: Heike Georgi

Lektorat und Herstellung: Redaktions- und Literaturbüro MTM

ISBN: 978-3-86196-174-1 - Taschenbuch

ISBN: 978-3-96074-323-1 - E-Book

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Inhalt

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Lena und der lebendige Schneemann

Normalerweise können Schneemänner nicht rennen. Sie können sich noch nicht einmal an der langen Nase kratzen, wenn sie von der Sonne gekitzelt werden. Schneemänner stehen still und starr im verschneiten Garten. Deshalb traute Lena ihren Augen kaum, als sie an diesem Abend von der Krippenspielprobe nach Hause ging.

Konnte das sein? Wenige Meter von ihr entfernt drückte sich eine weiße, kugelige Gestalt in den Schatten der Häuser. Sie war mindestens so groß wie ein Erwachsener. Im Schein der Straßenlaterne sah Lena eine spitze Karottennase aufblitzen. Dann verschwand das weiße Kugelwesen im Dunkel der Kirchgasse. Fast hätte es dabei seinen roten Zylinder verloren, so schnell huschte es um die Ecke.

Verdutzt stand Lena da und rieb sich die Augen.

„Wahnsinn! Da ist doch glatt ein Schneemann an mir vorbeigehüpft!“ Sie blickte in die Gasse. Doch von der weißen Gestalt war nichts mehr zu sehen.

„Hm, vielleicht ist es dem Schneemann in seinem Garten zu langweilig geworden“, überlegte Lena.

Aber Schneemänner waren nicht lebendig. Ihnen konnte eigentlich gar nicht langweilig werden! „Und wenn doch? Vielleicht ist das ein ganz besonderer Schneemann. Ein Zauberschneemann, mit dem ich spielen kann!“ Dieser Gedanke gefiel ihr. Einen Schneemann hatte bestimmt sonst niemand zum Freund. Die anderen Kinder würden ganz schön gucken, wenn sie am Samstag mit ihm zur nächsten Krippenspielprobe käme!

„Ich muss ihm hinterher!“

Der Schneemann war zur Talstraße gelaufen, wo es seit zwei Wochen die Schlittschuhbahn gab. Lena kannte sich dort gut aus. Jeden Tag ging sie auf dem Weg zum Schulbus an der Eisbahn vorbei.

Die Kirchenglocken schlugen zweimal. Lena warf einen Blick auf die Turmuhr. Halb sechs.

„Und trödle nicht wieder, hörst du?“, hatte Mama gesagt. „Du kommst gleich nach der Probe nach Hause. Auf dem schnellsten Weg.“

„Versprochen“, hatte Lena geantwortet.

„Du weißt, dass wir essen wollen, wenn Papa von der Arbeit kommt.“

„Jaaa!“ Dann war Lena zur Tür hinausgeeilt.

Für einen kurzen Moment überlegte sie, ob sie vom Handy aus anrufen sollte. Aber Mama würde ihr bestimmt nicht glauben, dass sie gerade einen rennenden Schneemann gesehen hatte. Mamas glauben immer nur das, was sie selbst sehen!

Lena eilte die Kirchgasse hinunter. Scheinwerfer beleuchteten die Eisbahn. Jonas und Alina drehten gerade ihre Runden. An einem anderen Tag wäre Lena zu den beiden gelaufen und mit ihnen über das Eis gerutscht. Aber heute hatte sie etwas Besseres vor. Heute suchte sie nach einem Schneemann, der hier irgendwo entlanggelaufen sein musste!

Sie spähte die Straße hinunter. Die Zäune und Vorgärten der Häuser waren mit bunten Lichterketten, mit Rentieren und beleuchteten Weihnachtsmännern geschmückt. Weiß, rot und grün funkelten die Lichter in der Dunkelheit. Lena liebte diesen Zauber. Oft schon war sie mit Mama und Papa an den erleuchteten Gärten vorbeigeschlendert und hatte den Lichterglanz bewundert.

Da! Am Ende der Straße blitzte der weiße Kugelbauch auf. „Dieser Schneemann hats aber ganz schön eilig. Wo will der nur hin?“ Jetzt musste Lena schnell sein, damit sie die weiße Gestalt nicht wieder aus den Augen verlor. Vielleicht konnte sie ihn doch noch einholen und mit ihm sprechen. Wie seine Stimme wohl klingen würde? Wahrscheinlich war sie ganz tief und brummig, wie die von einem Bären.

„Hoffentlich ist er nicht so scheu wie ein Bär“, dachte Lena und erinnerte sich an eine Tiersendung aus dem Fernsehen. Darin hatte der Sprecher erklärt, dass Bären sofort das Weite suchen, wenn sich ein Mensch nähert.

„Vielleicht läuft der Schneemann deshalb so schnell, weil er so scheu ist. Ich werde einfach ganz nett zu ihm sein. Dann merkt er, dass er keine Angst haben muss.“

So schnell sie konnte, rannte Lena auf den Gehsteig und hinter dem Schneemann her.

Hinter dem Feuerwehrhaus bog der Schneemann in den Fliederweg ein. Lena und ihre Eltern wohnten in Hausnummer sieben.

„Ob der Schneemann sich in unserer Straße nach einem neuen Garten umsieht? Vielleicht kann er ja bei uns wohnen. Dann spiele ich jeden Tag mit ihm und wir trinken Kakao und essen Plätzchen. Ob Schneemänner so etwas überhaupt mögen?“

Vor einem roten Bretterzaun blieb der Schneemann stehen und streckte seine Karottennase in Lenas Richtung.

„Das gibt es doch nicht. Er steht tatsächlich vor unserem Haus!“ Lena blieb einen Augenblick stehen. Rennen war ganz schön anstrengend. Erschöpft schloss sie die Augen und atmete aus. Nur für einen kurzen Moment. Doch als sie wieder aufsah, war der Schneemann verschwunden!

Verdutzt sah sie sich um. Als sie hinter die Garage spähte, entdeckte sie ihn.

„Der Schneemann!“ Still und starr stand er im verschneiten Garten. Aufmerksam musterte Lena die weiße Gestalt. Dann zog sie die Stirn kraus. Irgendetwas stimmte mit ihm nicht.

„Der sieht aber total unecht aus“, stellte Lena fest. „Wie aus Plastik.“

Sie trat durch die Gartentür auf den Schneemann zu. Vorsichtig stupste sie ihn an der Nase. Er wackelte auf seinem Kugelbauch nach links und nach rechts. Sonst gab er keinen Mucks von sich.

Lena schlich um den Schneemann herum. Unter seinem Zylinder hing ein Kabel herab. In diesem Augenblick öffnete sich die Haustür.

„Ach schade, du hast ihn schon entdeckt.“ Papas Stimme riss Lena aus ihren Gedanken. „Ich wollte dich damit überraschen. Darum habe ich mich extra beeilt, dass ich vor dir zu Hause bin. Eigentlich solltest du ihn eingeschaltet sehen.“

„Du meinst, das ist ein beleuchteter Plastikschneemann für den Garten?“

„Ich weiß doch, wie sehr dir die Lichter und die Rentiere in den Nachbargärten gefallen. Und deshalb dachte ich, dass wir dieses Jahr unsere eigene Weihnachtsdekoration im Garten anbringen. War gar nicht so leicht, den Schneemann hierher zu tragen. Das Ding ist fast so groß wie ich.“

Lena blickte Papa noch immer ein wenig verwundert an. Papa bückte sich und zog eine Lichterkette aus einer braunen Einkaufstüte. „Und die habe ich für den Gartenzaun besorgt. Ich dachte, dass wir beide ihn damit schmücken könnten.“

„Dann gibt es keinen lebendigen Schneemann?“ Lena war fast ein bisschen enttäuscht.

„Ein lebendiger Schneemann?“, fragte Papa. „Manchmal kommst du schon auf tolle Ideen, Lena“, lachte er dann. „Aber sag mal: Freust du dich denn gar nicht über unseren Lichterschmuck?“

„Na klar freue ich mich!“, rief Lena. Obwohl sie es ein wenig schade fand, dass sie nun doch nicht mit dem Schneemann Kakao trinken und Plätzchen essen konnte. Doch dann schaltete Papa die Lichterkette und den Schneemann ein. Lenas Augen leuchteten mit dem weihnachtlichen Lichterglanz um die Wette. Und für einen Augenblick hatte Lena das Gefühl, als würde ihr der Schneemann zuzwinkern.

Patrick Grasser wurde 1981 in Nürnberg geboren, wo er auch heute noch mit seiner Frau lebt. Nach dem Zivildienst studierte er Religionspädagogik und kirchliche Bildungsarbeit. Seit mehreren Jahren arbeitet er als Religionslehrer und Autor. Sein Buch „Tatort Bibel. Religionsunterricht mit Kriminalfällen aus dem Alten und Neuen Testament“ erschien dieses Jahr im Vandenhoeck & Ruprecht-Verlag.

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Aufruhr im Adventskalender

In 25 Tagen ist Weihnachten. Die letzten Adventskalender sollen gleich an die Supermärkte ausgeliefert werden. Schließlich sollen sie schon morgen bei Kindern und so manchem Erwachsenen an der Wand hängen. Aber was ist denn das für ein großes Durcheinander? Alle Bewohner der Adventskalender laufen und springen wild herum.

Jeder hat gerade gehört, in welchem Fach er stecken soll, und nun müssen alle ihren Platz finden. Du meine Güte! Ein grün-rot-blau-gelb gestreifter Ball hüpft aufgeregt von Bild zu Bild und probiert, in welche Form er passen könnte. Eine Glocke klingt bei jedem Schwung: Ding Dong! Ding Dong! Das Licht der Kerze flackert, so schnell rennt sie von Tür zu Tür.

Wer ist denn das? Eine Tanne schreitet elegant durch die Bilder. Sie weiß sehr genau, wo ihr Platz ist. Sie ist dunkelgrün, groß, mit vollen Zweigen, und sie geht mit erhobenem Wipfel und geradem Stamm. Sie ist mit Lametta und bunt glitzernden Kugeln behangen und sieht einfach bezaubernd aus. Ein Schneemann auf einem Schlitten saust vorbei und hält seinen Hut fest, während er zu dem Schlitten sagt: „Ich hoffe unsere Türen liegen nebeneinander, das wird ein Spaß!“

Nun hat jeder seinen Platz. Sie sind hinter 24 Türen verteilt. Der LKW rollt los. Die Auslieferung in die Supermärkte hat begonnen. Dann wird es dunkel.

Als alle wieder aufwachen, hängt der Kalender bereits bei einem Jungen im Kinderzimmer an der Wand über dem Schreibtisch. Wer von euch jetzt glaubt, dass alle nun still in ihren Fächern liegen, bis der Junge ihre Türen öffnet, der täuscht sich ordentlich. Sofort gibt es wieder ein Durcheinander. Also Ordnung kann man das wirklich nicht nennen.

Die Glocke putzt sich mit einem weichen Tuch von oben bis unten, damit sie wieder glänzt. Der Engel spielt mit dem Ball, dem Pilz und dem Hufeisen verstecken, was den Halbmond ziemlich ärgert. Er ist meistens schlecht gelaunt.

Dann ist der Glocke auf einmal kalt: „Kann nicht mal jemand die Tür vom Stiefel schließen?“, fragt sie.

„Wollen wir Plätze tauschen?“, fragt die Schneeflocke, „ich habe es gern kalt.“

„Nein, ich will hierbleiben, ich will nicht umziehen.“

„Du kannst dich an meinem Feuer wärmen“, bietet die Kerze der Glocke an. Damit ist sie einverstanden.

Dass die Tür vom Stiefel schon länger offen steht, fällt ihnen jetzt erst auf. Wo ist der Stiefel überhaupt? Das ist das erste Mal, dass jemand fehlt.

In den nächsten Tagen verschwinden die Zuckerstange, die Puppe und das Geschenk. Sie sind gern allein geblieben, deshalb fiel es den anderen zuerst nicht auf, dass sie nicht mehr da waren.

Doch nun herrscht große Aufregung. Sie kommen zusammen, blicken sich verwundert an, und plötzlich reden alle gleichzeitig.

Dass sie die Puppe, den Stiefel, die Zuckerstange und das Geschenk gar nicht so richtig kennengelernt haben, finden alle traurig. Es weiß auch niemand, wo sie hin sind. Die Glocke hat Angst. Sie findet es schrecklich, nicht zu wissen, was als Nächstes kommt. Und allein ist sie auch nicht gern.

Als sie das sagt, spricht auf einmal die Tanne zu allen: „Niemand von uns weiß, wann er den Kalender verlässt und was dann ist, aber wir können das Beste daraus machen. Wir können zusammen spielen, lachen, tanzen, gemeinsam einschlafen, uns angucken, nichts sagen, in den Arm nehmen, herumtollen, einander erzählen, was wir vorher gemacht haben. Wir können füreinander da sein.“

Die Glocke fragt ängstlich: „Bald ist das alles hier vorbei? Aber was wird denn dann?“

„Wieso vorbei, ich komme dann in einen anderen Kalender, ist doch klar. So geht es immer weiter“, sagt die Orange, und murmelt noch hinterher: „Vorbei! Na so was. Es ist doch nicht vorbei.“ Sie schüttelt noch ihre Schale, als sie sich auf das Schaukelpferd schwingt.

Das gefällt der Glocke schon etwas besser, wieder in einen anderen Kalender zu kommen. Der Schneemann aber sagt: „Na, ich denke, ich komme als Nächstes dahin, wo ein paar riesige Berge sind, damit ich den ganzen Tag dort mit anderen Schneemännern die Berge herauf- und herunterlaufen kann. Hey, Schlitten, willst Du mit?“

Der Schlitten will mit, ist ja klar. „Ich mache etwas ganz anderes, wenn ich hier aus dem Kalender komme“, ruft der Wichtel, und der Nikolaus sofort hinterher: „Ich auch!“

Die zwei sind sich einig. Die beiden haben immer viel zu tun gehabt. Sie haben ganz viele Geschenke gebastelt, die Werkstatt aufgeräumt, immer die Säcke vollgepackt, schwer getragen und dafür gesorgt, dass kein Kind davon etwas mitbekommt. Nein, sie wollten jetzt etwas Neues erleben.

Sie alle merken, dass jeder an etwas anderes glaubt, was nach dem Adventskalender passieren wird. Und so öffnet sich jeden Tag eine neue Tür, und sie werden immer einer weniger. Da sie aber festgestellt haben, dass immer erst am Morgen jemand den Kalender verlässt, haben sie angefangen, sich am Abend vorher zu verabschieden.

Manchmal singen sie ein Lied gemeinsam. Das Kleeblatt kann unglaublich viele Lieder auswendig, aber der Engel kennt auch einige. Oder der Pfefferkuchen erzählt eine Geschichte über Gewürze, heiße Backöfen und Pfefferkuchenhäuser. An einigen Tagen sitzen sie auch nur zusammen. Dann scheinen die Kerze und der Halbmond, und niemand sagt ein Wort.

Das Hufeisen und das Schaukelpferd wünschen sich an einem Abend etwas bei der Sternschnuppe, für den Fall, dass einer von ihnen am Morgen den Kalender verlässt. So vergehen die Tage, und sie werden immer weniger, bis schließlich nur noch die Glocke übrig ist.

Den letzten Tag und die letzte Nacht ist sie allein. Sie geht noch einmal von Tür zu Tür, die nun alle offen stehen bis auf eine. Sie erinnert sich bei jedem Bild, das sie anschaut, was sie alles gemeinsam erlebt haben.

Dann muss sie lachen, und es erklingt wieder ihr Ding Dong! Ding Dong! Das war eine schöne Zeit gewesen. Sie hatten einander getröstet, miteinander gelacht, auch mal gezankt und manchmal war es einfach ruhig. Die Glocke weiß immer noch nicht, was am Morgen auf sie wartet, wenn sich ihre Tür öffnet. Deshalb ist sie aufgeregt und ein kleines bisschen unsicher, aber Angst hat sie keine mehr. Sie ist auch traurig, aber das gehört dazu. So ist das eben, auch im Adventskalender.

Simone Funk wurde 1974 in Kiel geboren und lebt seit 2002 mit ihrem Mann in Köln. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Ambulanten Deutschen Kinderhospizverein. In ihrer Freizeit liest Simone Funk viel, schreibt Lyrik und Kurzgeschichten, geht gern auf Reisen. Sie liebt die Erholung in ihrem Garten, Kochen und Sport. Bisher erschien von ihr das Gedicht „Eisblumen“ im Lyrikletter der Zeitschrift „Kaskaden“.

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Überraschung zu Weihnachten

„Hallo Maike, wo gehst du hin?“ Marie sieht ihre Freundin erwartungsvoll an.

„Ich habe wenig Zeit, Marie, da ich in die Schule muss. Wir wollen uns etwas für Weihnachten überlegen. Vielleicht üben wir wieder ein Krippenspiel ein wie im letzten Jahr. Unsere Lehrerin sagt es uns heute. Kommst du denn im nächsten Jahr an unsere Schule, wenn du eingeschult wirst?“

„Ja! Ich komme im nächsten Jahr mit meiner Freundin Hanna in die Schule. Ich freue mich darauf. Hanna freut sich gar nicht. Sie sagt, dass man in der Schule sehr lange still sitzen muss, und das gefällt ihr nicht.“

„Na, das ist gar nicht so schwer, da es in der Stunde nicht langweilig ist. Da ist es gar nicht so schwer, aufzupassen, was der Lehrer sagt. Jetzt muss ich mich beeilen. Machs gut. Bis bald.“

Marie schaut Maike fröhlich an und winkt zum Abschied.

Dann geht sie ins Haus, zieht ihren Mantel und die Schuhe aus, und geht gleich in ihr Zimmer. Sie holt schnell das Weihnachtsbuch vom letzten Jahr hervor und blättert nachdenklich darin.

„Was könnte ich denn an Weihnachten einüben für Mama und Papa? Und Oma und Opa kommen doch auch zu uns. Das ist an jedem Weihnachtsfest so, dass die ganze Familie das Fest zusammen feiert. Das finde ich so schön, und ich könnte doch auch als Überraschung für alle etwas einüben“, grübelt sie vor sich hin.

„Schade, dass ich nicht lesen kann, dann würde ich sicher etwas finden“, murmelt sie gerade, als ihre Mama leise ins Zimmer kommt.

„Was möchtest du denn lesen? Ich mache dir einen Vorschlag. Wenn du dein Zimmer aufräumst, bin ich gerne bereit, dir die gewünschte Geschichte vorzulesen. Welche soll es denn sein?“

„Das weiß ich noch nicht. Auf jeden Fall etwas von Weihnachten.“

„Das ist doch wunderbar. Ich habe ein neues Weihnachtsbuch heute in der Stadt gesehen. Das bringe ich morgen mit. Darin suchst du dir eine Geschichte mit meiner Hilfe aus und ich lese sie dir vor. Sollen wir es so machen?“

Die Mutter schaut sich das Durcheinander im Zimmer ihrer Tochter an. Marie sieht es und sagt: „Darf ich das Aufräumen morgen machen? Heute bin ich nicht so gut drauf.“

„Na gut. Aber vergiss es nicht.“ Die Mutter geht in die Küche, um das Abendbrot zu richten.

Plötzlich schellt es. Als sie die Tür öffnet, sieht sie das Nachbarmädchen Maike. Die Mutter freut sich über den Besuch und führt Maike ins Kinderzimmer.

„Hier ist Besuch für dich!“, ruft sie fröhlich und geht wieder in die Küche.

Die beiden Mädchen haben sich viel zu erzählen. Plötzlich sagt Maike: „Das Wichtigste hätte ich fast vergessen. Hast du Lust, bei unserem Krippenspiel mitzumachen? Uns fehlen Engel, und du hast so schönes langes Haar. Außerdem kannst du gut singen. Ich habe es im Kindergottesdienst einmal gehört. Da hast du ein Lied gesungen.“

„Ja, klar mache ich das. Ich freue mich, dass du an mich gedacht hast, danke.“

„Na gut, ich sage es meiner Lehrerin. Dann bis morgen“, sie winkt Marie zum Abschied zu.

Marie eilt in die Küche, um ihrer Mutter das alles zu erzählen. Aber dann fällt ihr ein, das könnte ja ihre Überraschung zu Weihnachten werden. Dann darf sie es aber nicht verraten. So fragt sie nur, ob das Essen fertig ist.

Sie ist richtig stolz, dass ihr das früh genug eingefallen ist und sie verrät auch in den nächsten Tagen nichts von ihren Plänen.

Am anderen Tag holt Maike sie zum Üben ab. Der Mutter sagen sie, dass die Lehrerin es erlaubt hat, dass Marie beim Üben zuschaut.

Maike macht Marie mit den anderen Schülern bekannt. Dann kommt die Lehrerin herein und fragt, ob alle Spieler da sind und wer jetzt den großen Engel spielt. Da wird Marie vorgeschoben, und die Lehrerin fragt erstaunt: „Wer bist du denn?“

Maike erklärt alles, und nun kann Marie jeden Tag mit in die Schule gehen zum Üben.

Dann kommt der große Tag. Marie hat inzwischen ihre Eltern und Großeltern zu diesem Nachmittag eingeladen, und sie sind natürlich gern gekommen. Nur hat es sie erstaunt, dass Marie mit Maike schon zwei Stunden vor der Anfangszeit in die Schule gehen musste.

„Das ist doch ungewöhnlich“, meint die Mutter und schaut nachdenklich den Vater an. Aber dieser ist ganz zuversichtlich, dass alles in Ordnung ist. Inzwischen sitzen alle gespannt im weihnachtlich geschmückten Klassenzimmer.

Plötzlich wird es still. Das Licht geht aus und der Vorhang vor der Bühne auf. Man hört ein leichtes Raunen. Das Bühnenbild ist wunderschön. Die Kinder haben sich große Mühe gegeben. Ein Kind liest die Weihnachtsgeschichte. Dann kommt Maries Auftritt.

„Ein richtiger Engel!“, ruft ein Kind aus der ersten Reihe, und alle schmunzeln.

Doch die Eltern von Marie werden ganz unruhig. „Das ist doch unsere Tochter“, raunt der Vater der Mutter ins Ohr.

„Oh ja, das ist Marie“, flüstert sie.

Marie hört von alledem nichts. Sie singt mit Inbrunst das Weihnachtslied Alle Jahre wieder kommt das Christuskind. Sie bekommt viel Beifall dafür und das Krippenspiel geht weiter.

Nach einer Weile kommt sie mit vielen kleinen Engeln auf die Bühne, und sie singen gemeinsam das Lied Vom Himmel hoch, da komm ich her.

Eine Strophe muss sie alleine singen. Und sie singt mit ihrer glockenreinen Stimme: „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron, der uns schenkt seinen einʼgen Sohn. Des freuet sich der Engel Schar und singet uns solch neues Jahr.“

Alle sind überrascht, am meisten natürlich die Eltern und Großeltern von Marie.

Die Kinder bekommen viel Beifall. Danach gehen alle in fröhlicher Weihnachtsstimmung nach Hause. Marie erzählt nun ihrer Familie von dem fleißigen Üben, und laut und fröhlich ruft sie: „Das ist meine Überraschung für euch zu Weihnachten.“

„Die ist dir gelungen!“, rufen ihre Eltern. „Uns hast du damit sehr überrascht. Du hast uns allen eine große Freude gemacht“, und sie nehmen ihre Marie ganz fest in die Arme.

Lore Buschjohann wurde 1929 geboren und lebt in Gütersloh. Seit 27 Jahren leitet sie eine Seniorentanzgruppe. Neben Fotografieren, Lesen und Gartenarbeit liebt sie vor allem das Schreiben. Lore Buschjohann hat ihre Lebenserinnerungen für Familie und Freunde mithilfe des Papierfresserchens MTM-Verlages in mehreren Büchern festgehalten und Kindergeschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht.

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Glaubst du an Wunder?

„Glaubst du an Wunder?“, hat mich die Alte gefragt. Von Wundern an Weihnachten hat sie geredet. Von Wundern! Das soll sich mal jemand vorstellen. Bin ich ein kleines Kind? Wer glaubt denn schon an Wunder? Die Alte vielleicht. Ich jedenfalls nicht. Missgelaunt stapfe ich durch den tiefen Schnee. Es ist dunkel und die Flocken fallen so dicht, dass man kaum die eigene Hand vor Augen sehen kann. Es geht ein scharfer Wind, und die Kälte ist so beißend, dass man es selbst mit dickem Schal und Pelzmantel kaum länger als eine Stunde draußen aushält. Ich bin gerade losgegangen, dennoch zittere ich bereits wie Espenlaub. Meine Hände sind rot und klamm vor Kälte.

Ich komme an den Rand eines kleinen Fichtenwäldchens. Seine Bäume werden vom Wind hin- und hergerissen. Trotzdem hoffe ich, dort etwas Schutz vor dem Sturm zu finden. Der Wind, der mir zuvor wütend unter die Kleider fuhr, ist hier etwas schwächer, doch die Schneeflocken dringen weiter ungehindert zu mir durch. Meine Kleider werden allmählich feucht und die Kälte nutzt das gnadenlos aus. Dann, mit einem Mal, verebbt der Sturm. Der Wind lässt nach, es hört auf zu schneien und der Himmel klart auf. Durch ein paar Wolkenschleier schimmert blass der Mond. Zwischen den Wolken glitzern vereinzelte Sterne wie kleine Eiskristalle.

Der Schnee auf den Ästen und dem Weg vor mir sorgt dafür, dass die Nacht nicht völlig dunkel ist. Doch obwohl der Sturm nachgelassen hat, wird es nicht vollkommen still. Statt des Windes beginnen nun in der Ferne leise die Wölfe zu heulen. Allmählich wird es mir unheimlich. Die eingetretene Stille, vermischt mit dem Heulen der Wölfe, beunruhigt mich mehr, als es das Tosen des Sturmes je vermocht hätte. Langsam nähere ich mich der Mitte des Waldes. Hier stehen die Nadelbäume dichter und es ist dunkler. Ich zögere: Soll ich weitergehen?

Da sehe ich es unter einem der Bäume plötzlich grün blitzen. Klar, die Nadeln der Bäume sind grün, doch dieses Grün ist irgendwie anders. Saftiger, lebendiger. Vorsichtig schleiche ich zu dem niedrigen Bäumchen, bei dem ich dieses herrliche Grün wahrgenommen habe, obwohl ich bezweifle, dass jemand außer mir hier ist. Bei der Fichte angekommen hebe ich vorsichtig die untersten Zweige an, um zu sehen, was sich darunter verbirgt. Was ich sehe, verschlägt mir die Sprache.

Verwirrt starre ich die Pflanze an. Es ist eine kleine Blume, nicht größer als meine Handfläche, so klein und zierlich. Sie trägt eine blaue Blüte und strahlt in ihrer ganzen vollkommenen Schönheit zu mir herauf. Es ist die herrlichste Blume, die ich je gesehen habe. Doch ich kenne diese Blumenart, eine Sommerblume – Blütezeit im Hochsommer. Wir haben Mitte Dezember und tiefste Minustemperaturen! Das ist unmöglich! Die Blume müsste längst abgestorben oder erfroren sein. Lange Zeit starre ich sie irritiert an. Ich kann mir einfach keinen Reim darauf machen.

Doch dann fallen mir die Worte der Alten wieder ein, und mir wird einiges klar. Mit einer ganz anderen Einstellung gehe ich nach Hause. Denn nun weiß ich: Manchmal muss man eben doch ein bisschen an Wunder glauben, vor allem zur Weihnachtszeit!

Tanja Wendorff ist 19 Jahre alt und lebt im niedersächsischen Garbsen. Wenn Sie in ihrer Freizeit nicht Abenteuer als Pfadfinderin erlebt, betreibt sie gerne Ju-Jutsu. Demnächst erscheint ihre Geschichte „Die Dunkle Königin“ in der Anthologie „Verliebt bis in den Tod, Teil 2“ im net-Verlag.

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Des Schneemanns Nase

Paul hat mal einen Schneemann gebaut,

ich sag euch, der hat schön ausgeschaut!

Als Nase prangte dem Wicht

eine Möhre im Gesicht

und als Krönung auf dem Kopf

aus der Küche gar ein Topf.

Er hatte keine Beine,

als Augen nur zwei Steine,

doch was er auf dem Haupte trug,

verlieh der Würde ihm genug,

und erst die Nase, glaubet mir,

war wirklich allerreinste Zier!

Bis des Nachts ein Hase kam

und dem Mann die Nase nahm,

ich sah genau, wie er saß

und die frische Möhre fraß.

O weh, nun hatte der Wicht

nur noch ein Loch im Gesicht ...

Ein Engelein im Himmel droben

sahs auch und kam herabgeflogen,

hat dem Schneemann leis und sacht

eine neue Nas gebracht,

und eh es wieder flog nach Haus

rief es noch schnell den Nikolaus.

„Der Schnee erfreut die Kinder,

fürs Wild ist hart der Winter“,

nickte ernst der Heilige, der Gute,

nein, er hatte niemals eine Rute.

Die Weihnachtszeit schon nahte bald,

drum war er unterwegs im Wald,

füllte gleich Hafer, Heu und Rüben

nebst Körnern in die Futterkrippen,

im Sack ließ er die süßen Sachen,

die allen Kindern Freude machen,

auch Äpfel, Nüss und Mandelkern

und was sie sonst noch essen gern.

Alsdann stapft er aus dem Wald heraus,

bracht etwas davon in jedes Haus,

Paul von alledem nichts merkte,

lag im Schlafe, der ihn stärkte,

überall herrscht Stille, Ruh,

Christkind guckt von Ferne zu,

flog ein paarmal rasch zur Erde,

schaut, obs allseits festlich werde,

war zufrieden, lächelt hold,

Paulchen fand ein Haar aus Gold,

als er am Morgen spät erwachte

und draußʼ die Wintersonne lachte.

Lief wie der Wind zum bunten Teller,

zum vollen Stiefel noch viel schneller

und jubelte: „Wie ich das mag,

heissa, heut ist Sankt Niklaustag!“

Am Abend Paul am Fenster stand

mit einem Zimtstern in der Hand,

sah im Licht vor der verschneiten Föhre

rot erglänzen seines Prachtkerls Möhre,

war überglücklich, und ich dachte:

„Wie gut, dass Niklaus Futter brachte:

Versorgt ist das Wild für den Rest vom Jahr

und des Schneemanns Nase außer Gefahr.“

Barbara Avato wurde 1949 in Nordhessen geboren und lebt seit 1985 in Italien. Die Diplom-Übersetzerin und ausgebildete Waldorflehrerin veröffentlichte Aufsätze zu verschiedensten Themen, Kindergeschichten und literarische Übersetzungen.

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Wenn das Krippenspiel im Chaos versinkt

Glücklich lief Alina über die verschneite Straße nach Hause. Es war der erste Advent, und wie jedes Jahr wurden am ersten Advent im Kindergottesdienst die Rollen für das Krippenspiel am Heiligen Abend verteilt.

Alina machte nun schon zum dritten Mal mit, doch dieses Jahr war alles anders. Dieses Jahr durfte sie die Maria spielen. Maria, die wollte sie letztes Jahr und das Jahr davor auch schon spielen, aber da hatte es immer nur zum Engel gereicht. „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude. Euch ist heute der Heiland geboren“, und so weiter.

Sie kannte den Text schon auswendig und hätte ihn nicht mehr lernen brauchen, doch sie freute sich sehr, dass sie dieses Jahr einen neuen Text, den Text der Maria, lernen durfte. Auch die Tatsache, dass Tom, ausgerechnet Tom, der größte Idiot und Klassenclown der 2b, den Josef spielte, hielt sie nicht von ihrer Freude ab. Singend sprang sie durch die Gassen der kleinen Stadt.

„Mama“, rief sie und sprang ihrer Mutter in die Arme, als die ihr die Tür öffnete, „ich spiele Maria!“

„Super, na endlich. Siehst du, ich habe dir doch gesagt, irgendwann wirst du auch die Maria spielen dürfen“, sagte ihre Mutter und freute sich für Alina mit.

„Aber ich brauche ein Kostüm“, erwiderte Alina und war schon auf dem Weg in das Zimmer ihrer Oma.

Aufgeregt riss sie den Kleiderschrank auf und fing an, ihn zu durchwühlen. Sie wusste genau, wonach sie suchte: das blaue lange Kleid und das rote Tuch darüber.

Als sie alles endlich gefunden hatte, zog sie es schnell an und betrachtete sich im Spiegel. Beide Kleidungsstücke waren ihr etwas zu groß, aber man konnte es mit einem Gürtel etwas hochbinden. Sie war so begeistert, dass sie gar nicht gemerkt hatte, dass ihre Mutter in der Tür stand.

Deshalb erschreckte sie sich, als ihre Mutter lachend sagte: „Na du kannst es ja wohl kaum erwarten.“

„Hilfst du mir beim Textlernen, Mama?“ Alina sah ihre Mutter fragend an.

„Natürlich. Ich will ja auch ein schönes Krippenspiel sehen am Heiligabend. Aber erst einmal wird das ganze Chaos hier beseitigt.“

Alina sah sich um. Erst jetzt bemerkte sie die ganzen Kleider und Jacken, die durch das halbe Zimmer verteilt auf dem Boden lagen. Sie sah hinauf in den Kleiderschrank. Er war fast leer, und sie musste lachen. Auch ihre Mutter fing an zu lachen.

In der folgenden Woche lernte Alina fleißig ihren Text, damit sie ihn bei der ersten Probe auch schon konnte. Obwohl es altmodische Sprache war mit komischen Wörtern, die Alina noch nie gehört hatte, fiel ihr das Textlernen gar nicht schwer. Sie konnte es bis zur ersten Probe kaum erwarten und war schon ganz aufgeregt.

Am zweiten Advent im Kindergottesdienst erzählte Kerstin, die Leiterin, eine kurze Geschichte passend zur Adventszeit, und sie sangen ein Lied. Alina kannte es schon aus der Schule und sang laut mit. Sie sang gerne und hatte auch schon mal bei einem Kindermusical mitgespielt.

Anschließend fingen sie dann endlich an zu proben. Alina hatte sich das Kleid schon zu Hause über ihren Pullover gezogen, doch dieses Mal wollten sie noch ohne Kostüme üben. Also begann Alina, sich das Kleid wieder auszuziehen. Dabei übersah sie allerdings Tom, der hinter ihr stand. Sie stieß ihn an, er geriet ins Wanken und fiel gegen den Tisch mit dem Adventskranz.

Eine der zwei brennenden Kerzen kippte zur Seite und das heiße Wachs tropfte auf das trockene Tannengrün. Der Kranz fing Feuer.

„Es brennt!“, schrie eines der Kinder panisch. Plötzlich rannten alle aufgeregt schreiend durcheinander, und Kerstin hatte große Mühe, den Überblick zu behalten. In der Zwischenzeit kamen schon andere Mitarbeiterinnen mit einem Eimer Wasser und schütteten ihn über den brennenden Adventskranz.

„Das ist ja gerade noch mal gut gegangen“, sagte Kerstin erleichtert, als alle wieder auf ihren Plätzen saßen. Der Rest der Probe verlief ohne weitere Zwischenfälle, und auch wenn noch nicht alle ihren Text auswendig konnten, waren die Mitarbeiterinnen zufrieden. Auch Alina hatte die Probe großen Spaß gemacht und sie freute sich schon auf den nächsten Sonntag.

Eine Woche später wurde dann mit Kostüm geprobt. Da noch nicht jeder ein Kostüm dabei hatte, bekamen sie welche von Kerstin. Josef einen Mantel, die Hirten einen Mantel oder ein Fell und einen Hut und die Engel ein weißes Gewand mit Sternen.

Sie sahen alle toll aus und liefen in ihren Kostümen durch das Gemeindehaus. „Langsam, langsam“, versuchte Kerstin sie noch zu bremsen, doch da war es schon zu spät. Annika war ausgerutscht und in die Kulisse gefallen. Diese kippte um und landete mit einem lauten Knall auf dem Boden. Annika war zum Glück nichts passiert und sie kam lachend aus den Trümmern.

Kerstin und Petra stellten die Kulisse wieder auf, und die Probe begann. Alles ging gut, bis Tom als Josef an der Reihe war. Anfangs ging es flüssig vorwärts, doch dann geriet er ins Stocken und brachte auch Alina, die ihren Text eigentlich konnte, durcheinander.

In ihrem Kopf entstand das reinste Chaos, doch das ließ sie sich nicht anmerken und spielte so gut sie konnte weiter. Tom bekam nach der Probe als Hausaufgabe auf, seinen Text zu lernen, damit die nächste Probe nicht so ein Gestammel würde.

Anders als Alina es erwartet hatte, konnte Tom am nächsten Sonntag seinen Text, sodass das Stück komplett ohne Probleme geprobt werden konnte. Einzig und allein der Stern über Bethlehem, der eigentlich an der Krippe hängen sollte, war nicht auffindbar.

Kerstin jedoch war zuversichtlich und versprach, den Stern bis zur Generalprobe am Mittwoch gefunden zu haben. Bis zum Heiligen Abend waren es nur noch vier Tage, und Alina wurde immer aufgeregter, doch sie machte ihre Rolle gut, und Kerstin lobte sie.

Als Alina am Mittwoch zur Generalprobe in die Kirche kam, waren ein paar der anderen Kinder schon da und zogen ihre Kostüme an. Der Stern war wieder aufgetaucht und der Probe stand nichts mehr im Weg. Das dachten zumindest alle.

Jeder konnte seinen Text, die Kostüme waren fast alle da, der Stern war da und auch die Krippe stand sicher. Doch die Kinder waren aufgeregt und die Mitarbeiterinnen im üblichen Weihnachtsstress. Die Probe begann, langsam wurden die Kinder ruhiger.

Alles lief gut und am Ende des Stückes waren alle froh, dass nichts Nennenswertes mehr passiert war. Zum Schluss sangen alle zusammen ein Lied, als Alina und ihre Freundin Paula plötzlich merkten, dass die Bühnenerweiterung, die nur aus einfachen Holzlatten bestand, unter ihnen nachgab. Wenige Sekunden später brachen die Mädchen auch schon durch die Bühnenerweiterung und landeten unsanft auf den Fliesen.

„Auch das noch“, stöhnte Kerstin: „Wie sollen wir die bis morgen reparieren?“ Das fragten sich die anderen allerdings auch und konnten nur hoffen, dass es am nächsten Tag weniger chaotisch zugehen würde.

Am nächsten Tag war Heiligabend. Sie trafen sich alle eine halbe Stunde, bevor der Gottesdienst begann in der Kirche, um sich umzuziehen und die wichtigsten Sachen noch einmal zu besprechen.

Alina und die anderen waren alle sehr aufgeregt und konnten es kaum erwarten, dass der Gottesdienst begann. Dann ging es endlich los. Alles lief gut und ohne Zwischenfälle. Die Gemeinde war begeistert und von dem Chaos der Proben war nichts zumerken.

„Wenn das Krippenspiel im Chaos versinkt ...“, sagte Kerstin, und Alina vollendete ihren Satz: „... geht am Ende doch alles gut!“

Eins war klar: Dieses Krippenspiel würden sie alle so schnell nicht vergessen.

Jana Voßkuhle ist Schülerin und 17 Jahre alt. Die Sauerländerin liest und schreibt in ihrer Freizeit gerne, schauspielert und spielt Fußball. In Papierfresserchens MTM-Verlag erschien bereits eine Geschichte von ihr in der Anthologie „Fanhelden - Das sind WIR!“

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Das Schneewunder

Malia hat noch nie weiße Weihnachten erlebt. Und dabei ist sie schon sieben. Zum einen liegt das wohl daran, dass es bekanntlich gerade am Weihnachtstag meistens nicht schneit. Zum anderen liegt das wohl auch und vor allem daran, dass Malia in Kenia lebt. Kenia ist ein großes Land in Afrika, und dort gibt es einfach so gut wie niemals Schnee. Doch dieses Jahr ist Malia überzeugt, dass es zu Weihnachten schneien wird.

Von ihrer Partnerschule in England hat Malias Schulklasse nämlich schon zu Beginn der Adventszeit ein großes Paket mit Geschenken bekommen. Ein Buch mit Weihnachtsgeschichten hat es Malia besonders angetan. Im Buch sind wunderschöne Bilder vom Weihnachtsmann, von Weihnachtsbäumen, von Engeln und allen möglichen anderen weihnachtlichen Dingen.

Vor allem aber ist auf fast jedem Bild Schnee zu sehen. Unmengen von Schnee. Da sieht man Kinder durch den Schnee laufen, Kinder, die rodeln und Kinder, die Schneemänner bauen.

„Wie sich Schnee wohl anfühlt?“, denkt Malia. Auf den Bildern sieht der Schnee aus wie Watte. Malia würde sich gerne in den Schnee hineinkuscheln.

„Ich wünsch mir zu Weihnachten Schnee“, verkündet Malia ihrem Großvater, der in der Vorweihnachtszeit mit ihr einkaufen geht. Unterwegs erklingen Weihnachtslieder aus Lautsprechern, Palmen sind bereits weihnachtlich geschmückt und in dem einen oder anderen Geschäft kann Malia einen riesigen Plastikweihnachtsmann bewundern.

„Bei uns ist es doch viel zu warm für Schnee“, meint der Großvater lachend.

„Wenn ich ihn mir ganz fest wünsche, wird er schon kommen“, erwidert Malia und scheint sich ihrer Sache sicher zu sein. „Dieses Jahr wird es zu Weihnachten schneien“, erzählt sie jedem, der es hören will und auch jedem, der es vielleicht nicht mehr hören will, weil er es mittlerweile schon gut zehnmal von Malia gehört hat.

Endlich rückt der ersehnte Tag näher. Am 24. Dezember gibt es bei Malias Familie ein großes Festessen. Danach ist es die Aufgabe von Malia und ihren drei Brüdern, das Haus für den nächsten Tag – den eigentlichen Weihnachtstag in Kenia – zu putzen und zu dekorieren und das Festmahl zuzubereiten. Das ist ganz schön anstrengend für die Kinder, doch so ist es in Kenia nun einmal Brauch, und die Kinder machen es gerne.

Alle sind aufgeregt. Malia redet ununterbrochen vom Schnee. „Ich wünsche mir Schnee zu Weihnachten. Morgen müsste er dann da sein. Er sieht aus wie Zucker und schmeckt süß.“

Am nächsten Tag sind alle früh auf den Beinen. Es ist warm und sonnig und von Schnee ist keine Spur zu sehen. Malia schaut besorgt zum Himmel. „Na, wo bleibt dein Schnee?“, neckt der große Bruder sie die ganze Zeit.

„Der kommt schon noch“, erwidert sie, wirkt aber nicht mehr ganz so sicher.

Wie jedes Jahr schlachtet Malias Vater am Weihnachtsmorgen eine Ziege und verteilt das Fleisch an Familienangehörige und Verwandte. Nach dem Weihnachtsessen toben die Kinder im Freien herum. Es ist sehr warm und die Kinder sind bald vollkommen verschwitzt. Malia ist ungewöhnlich ruhig. „Wo bloß mein Schnee bleibt?“, denkt sie bei sich.

Dann bricht die Familie auf. Sie gehen von Haus zu Haus, wünschen frohe Weihnachten und verteilen kleine Geschenke. Malia wird langsam nervös. Gegen Abend sind immer mehr Leute unterwegs, um einander frohe Weihnachten zu wünschen. Es wird gelacht, gesungen und getanzt.

Malia zupft ihren Vater am Ärmel. „Papa, sollen wir nicht langsam nach Hause gehen? Was ist, wenn der Schnee kommt, und ich bin nicht zu Hause?“ fragt sie.

Der Vater ist ungehalten. „Ach, gib doch endlich Ruhe mit deinem Schnee! Es gibt hier keinen Schnee und ich will nichts mehr davon hören!“

Von da an schweigt das Mädchen. Alle feiern ausgelassen, doch Malia ist traurig.

Spät am Abend geht die Familie heim. Die Kinder sind müde und die Mutter trägt Malias kleinen, schlafenden Bruder Timo am Rücken. Als sie um die Ecke biegen und von Weitem ihr Haus sehen, bleiben alle fassungslos stehen. Zuerst bringt keiner ein Wort heraus. Doch dann ertönt ein Schrei.

„Der Schnee ist da!“, ruft Malia, so laut sie kann und läuft auf ihr Haus zu. Tatsächlich! Über dem Haus und dem Hof von Malias Familie schneit es! Dicke weiße Flocken fallen vom Himmel und am Dach liegt bereits eine dichte Schneedecke. Im Hof ist der Schnee schon knöcheltief.

Alle anderen Häuser sehen aus wie immer, nur über dem Haus von Malia schneit es. Malia springt bereits im Schnee herum, lacht und jauchzt. „Schaut euch den Schnee an!“, ruft sie ihrer Familie überglücklich zu. „Wie schön kühl er ist!“ Malia wälzt sich im Schnee. Dann kostet sie ihn vorsichtig. „Naja, sehr süß ist er nicht“, muss sie gestehen und verzieht ein wenig das Gesicht.

Dann kommt endlich die ganze Familie in den Hof. Die Eltern und der Großvater berühren zögerlich mit den Händen den Schnee und machen ein paar vorsichtige Schritte darin. Die beiden älteren Brüder stürzen sich auf den Schnee, laufen darin herum und werfen begeistert den Schnee in die Luft. Nur der kleine Bruder schläft ungerührt auf Mamas Rücken weiter.

Am nächsten Tag herrscht Hochbetrieb im Hof. Es hat zu schneien aufgehört und Kinder und Erwachsene kommen vorbei, um das erste Mal in ihrem Leben Schnee zu sehen. Alle wollen ihn anfassen und viele kosten ihn auch heimlich, sind aber vom Geschmack dann meistens enttäuscht.

„Wieso habt ihr Schnee, obwohl es so warm ist?“, fragen die Besucher, die in kurzen Hosen, T-Shirts und Sandalen im Schnee herumstapfen. „Und wieso liegt nur in eurem Hof Schnee?“

„Das habt ihr nur meiner Schwester zu verdanken, die hat ihn sich gewünscht“, erklärt dann Malias ältester Bruder jedes Mal stolz – genau der Bruder, der Malia erst gestern wegen des Schnees gehänselt hat.

Malia ist in ihrem Element. Mit dem Weihnachtsbuch der englischen Partnerschule geht sie im Hof herum und zeigt allen die Bilder. So lernen ihre Freunde und Freundinnen, wie man einen Schneemann baut und eine Schneeballschlacht macht. Gemeinsam mit den Erwachsenen schaffen es die Kinder sogar, den Schnee zu einem kleinen Rodelhügel zusammenzuschieben. Auf alten Plastiksäcken wird dann mit viel Lachen und Jauchzen wieder und wieder hinuntergerodelt.

Das Schneewunder hält drei Tage lang. Die ganze Zeit über strahlt die Sonne vom Himmel und es ist sogar für Kenia ziemlich heiß für diese Jahreszeit. Wenn man sich ein bisschen schneller bewegt, kommt man schon ins Schwitzen.

Trotzdem liegen auf dem Haus und im Hof immer noch die Schneemassen. Das ganze Dorf ist in Aufruhr. Jeder verbringt so viel Zeit wie möglich bei Malia, um sich im Schnee abzukühlen. Die Kinder stellen alle Szenen nach, die auf den Bildern in dem englischen Buch zu sehen sind. Am dritten Tag bauen alle gemeinsam ein großes Iglu. Im Hof herrscht von früh bis spät ein so reges Treiben wie auf einem Volksfest.

Am vierten Tag jedoch beginnt der Schnee in der Früh zu tauen. Die Kinder wollen den Schnee festhalten, doch er ist bereits ein matschiger Brei. Am Nachmittag ist der ganze Schnee weggeschmolzen und nur ein paar große Wasserpfützen im Hof erinnern daran, dass er da war.

„Jetzt ist dein ganzer schöner Schnee weg“, meint der Großvater und streicht Malia mitleidig übers Haar.

„Macht nichts“, meint diese. „Es war doch schön, dass der Schnee drei Tage da war. Für mich war es das schönste Weihnachten meines Lebens.“

„Dieses Weihnachten war wirklich ganz besonders schön“, stimmt der Großvater zu. „Im Dorf werden sich immer alle daran erinnern. Das war das Weihnachten, werden sie sagen, an dem uns die kleine Malia den Schnee geschenkt hat.“

Andrea Kotorman wurde 1974 in Wien geboren, wo sie später Jura studierte. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe Wiens, seit 1999 arbeitet sie beim Roten Kreuz als Juristin. Bereits als Jugendliche hat sie in ihrer Freizeit geschrieben und Kurzgeschichten wie Gedichte in Zeitschriften veröffentlicht. Später spezialisierte sie sich auf Erzählungen für Kinder und Jugendliche.

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Wie das Christkind zum Christkind wurde

Der Leiter des Waisenhauses taufte das kleine Mädchen, das ihnen jemand am 24. Dezember auf die Türschwelle legte, auf den Namen Christina. Man wusste nicht, woher es kam, und da niemand einen Anspruch auf das kleine Wesen vermeldete, blieb es einfach dort.

Schreckliche Zustände herrschten in dem Waisenhaus, es war für alles zu wenig Geld da und unter den Kindern regierte das Gesetz der Straße. Wer sich nicht wehren konnte, ging unter. Es war keine Seltenheit, dass den Kleineren von den Größeren das Essen geraubt wurde, und man vermochte sich gar nicht vorzustellen, wie oft sich jemand sein Recht durch rohe Gewalt verschaffte.

Doch trotz all der Kälte und Gefühllosigkeit um sich herum wuchs Christina zu einem hübschen und außerordentlich freundlichen jungen Mädchen heran. Sie besaß goldblondes, langes Haar und in allen Farbschattierungen funkelnde Augen.

Sie war von sanftem, gütigem Charakter und vor allem für die Kleineren und Schwächeren hatte sie ein großes Herz. Und Schwache gab es im Kinderheim leider genügend.

Am 24. Dezember wurde immer ihr Geburtstag gefeiert. Ach, welch trügerischer Ausdruck! Man konnte wohl kaum von einer Feier sprechen – es gab weder Kuchen noch wurde ein Geburtstagslied gesungen.

Nicht einmal das heilige Weihnachtsfest wurde in irgendeiner Form gewürdigt. Es bestand einzig darin, dass alle Kinder unter Androhung von Stockschlägen an diesem Tag in die Kirche gehen mussten, auch diejenigen, die sonst nie gingen. Christina hingegen nahm stets gerne an der heiligen Messe teil und saß immer in der vordersten Reihe.

Für sie war das Weihnachtsfest etwas Großes und Heiliges und es betrübte sie, dass es außer ihr niemand besonders wertschätzte.

An Christinas elftem Geburtstag und somit ihrem elften Weihnachtsfest im Kinderheim wurde gegen Mittag auf einmal die kleine Luisa vermisst.

Luisa war erst drei Jahre alt und immer sehr ungebärdig, weil sie grade erst ins Waisenhaus gekommen war. Sie hatte dunkle Korkenzieherlocken und braune Knopfaugen.

Christina liebte dieses kleine Mädchen mehr als alle anderen, weil sie Luisas Mut bewunderte und oft davon träumte, gemeinsam mit ihr anderswo glücklicher zu sein als hier. „Wir müssen sie suchen“, flehte Christina den Heimleiter an. „Es friert draußen und sie wird es nicht lange überleben.“

Der Heimleiter warf einen genervten Blick auf die Uhr. Seine Dienstzeit endete in einer Viertelstunde und er freute sich schon darauf, Weihnachten im Kreis seiner Familie zu verbringen. Die Waisenkinder waren ihm herzlich egal und das kleine, ungehorsame Mädchen ein besonderer Dorn im Auge, weil Luisa ständig für Unruhe sorgte, indem sie die anderen aufwiegelte.

„Nein“, entschied er. „Sie ist wider besseres Wissen davongelaufen, sie ist selbst schuld. Keiner meiner Mitarbeiter wird am Weihnachtstag in der Kälte herumrennen und ein Kind suchen, das ohnehin besser gar nicht mehr auf der Welt wäre.“

Christina spürte, wie die Tränen in ihr hochstiegen, und floh verzweifelt aus dem Zimmer. Sie konnte die kleine fröhliche Luisa einfach nicht im Stich lassen!

Über die grausamen Worte des Heimleiters war sie schockiert. Heute war doch Weihnachten. Das Fest der Liebe, wie es überall geschrieben stand. Und dieser Mann meinte, es wäre besser, wenn ein dreijähriges Kind tot wäre! Sie packte sich in warme Kleidung und schwor sich, alles zu tun, um hier hinauszukommen. Wenn sie nur Luisa retten konnte.

Rund um das Waisenhaus war ein großer See und daran angrenzend ein dunkler Wald. Es schneite heftig, und Christina hatte Mühe, in den Schneeflocken etwas zu erkennen. Die bittere Kälte schnürte ihr den Atem ab und sie merkte, wie die äußere Kälte auch in ihr Herz vordrang. Die Menschen waren so schlecht. Immer ging es nur um Geld und Macht, niemals um Güte oder innere Werte.

Als sie das kleine Mädchen dann liegen sah, erfroren in der Kälte, da brach sie in so heftige Tränen aus wie nie zuvor. Sie befanden sich direkt neben einer Kapelle, und Christina zog den leblosen kleinen Körper hinein.

„Gott“, schluchzte sie vorwurfsvoll. „Warum nur tust du so etwas? Warum muss heute, am Weihnachtstag, ein Kindchen sterben? Warum schätzen die Leute das Weihnachtsfest nicht? Warum sind die Menschen so böse und denken nur an sich?“

Sie erwartete keine Antwort und war umso überraschter, als auf einmal eine tiefe Stimme zu ihr sprach.

„Mein Kind, ich … ich weiß es auch nicht“, die Stimme erstarb und Christina sah auf einmal einen von Licht umfluteten grauhaarigen älteren Mann auf sie zutreten, von dem ein inneres Leuchten ausging.

„Du bist der liebe Gott“, erkannte sie und war wie vom Donner gerührt.

„Richtig“, sprach der Grauhaarige und streckte die Hände nach der kleinen Luisa aus. „Ich nehme sie jetzt mit in den Himmel“, erklärte er und streckte daraufhin auch Christina die Hand hin.

Christina schluckte ein paar Mal. „Du meinst, ich darf auch mit?“, fragte sie und wusste, dass sie sich nichts mehr als das wünschte. Hier auf der Erde hatte sie absolut niemanden und im Himmel würde sie bestimmt von Liebe und Wärme umgeben sein.

Gott lächelte. „Ja“, sagte er. „Weißt du, ich hab schon ganz lange nach jemandem mit einer reinen Seele gesucht, der das Weihnachtsfest liebt und sich darum kümmert, dass die Menschen es wertschätzen und nicht nur mit Geschenken und Äußerlichkeiten verschwenden. Ich glaube, dass du für diese Aufgabe geboren wurdest, Christina“, er betrachtete sie nachdenklich.

Seit Jahren beobachtete er Christinas Wirken und war jeden Tag aufs Neue von ihrer inneren Güte überrascht gewesen. Wenn es überhaupt jemand schaffen konnte, die Menschen wieder zu mehr Liebe und Herzlichkeit zu bewegen, dann dieses junge Mädchen, das mit seiner inneren wie äußeren Schönheit geradezu für die Aufgabe geschaffen schien.

Christina griff nach Gottes Hand und spürte, wie zum ersten Mal bei der Berührung mit einem anderen Wesen Wärme durch sie floss.

„Das würde ich gerne tun“, sagte sie und fühlte sich schrecklich aufgeregt. „Was werden denn meine Aufgaben sein?“, fragte sie dann mit ein wenig bangem Herzen.

Der liebe Gott lächelte. „Wenn du mitkommst, wirst du das Christkind sein. Die Kinder werden ihre Geschenke von dir bekommen und sich darauf freuen, dass du kommst.

Vorher werden sie dir Wunschzettel schreiben. Du kannst frei entscheiden, welche Geschenke sie bekommen und welche nicht. Sie werden von dir hören und wissen, dass es dich gibt, aber sehen dürfen sie dich nie.“

Christina lächelte glücklich. Das Christkind! Was für ein wundervoller Name, grade für sie, die Weihnachten so sehr liebte!

„Danke“, flüsterte sie und griff nach der ausgestreckten Hand. Und dann ging sie mit ihm, mit Gott, und ließ die kalte Winterlandschaft hinter sich. Sie würde alles tun, um ihrer neuen Aufgabe gerecht zu werden und um den Kindern künftig ein schönes und friedvolles Weihnachtsfest zu bescheren.

Katharina Männl wurde 1980 in Linz geboren und studierte Medizin. Seit 2011 arbeitet sie in ihrer Heimatstadt als Assistenzärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Seit ihrem 16. Lebensjahr verfasst sie kurze Geschichten. In nächster Zeit werden einige davon auch in Anthologien des net-Verlages veröffentlicht.

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Der Wunschzettel

Lieber Weihnachtsmann,

mein Name ist Hannes, ich bin schon fast zehn Jahre alt. Seit drei Jahren schreibe ich dir einen Wunschzettel mit all dem Spielzeug, das ich mir wünsche.

Ich hoffe, dass du nicht so arg böse mit mir bist, da ich mich bis jetzt noch nie für die vielen schönen Geschenke bedankt habe. Lass dir aber sagen, dass ich mir immer die größte Mühe gegeben habe, dir meine Wünsche darzulegen.

Du erinnerst dich bestimmt noch an den ersten Wunschzettel. Ich konnte noch nicht so gut schreiben, und da ich unbedingt jedes Missverständnis vermeiden wollte, habe ich dir ein Bild von dem Spielzeugtraktor gemalt und vorsichtshalber noch den richtigen Spielzeugtraktor aus dem Katalog ausgeschnitten. Doppelt hält besser, sagt mein Papa immer.

Das Jahr darauf habe ich mir ein Modellauto, ein Feuerwehrauto und ein Fahrrad gewünscht. Ich gebe zu, dass das doch etwas zu viel verlangt war. Schließlich habe ich nicht bedacht, dass du alle Geschenke durch den Kamin schieben musst. Bestimmt wärst du stecken geblieben. Auch an deine Rentiere habe ich nicht gedacht. Die Armen müssen ja über die ganze Welt fliegen, und die ist ja ganz schön groß. Über das Modellauto habe ich mich aber sehr gefreut, vor allem weil Papa die gesamten Weihnachtsferien mit mir gespielt hat. Das Fahrrad hat mir dann der Osterhase gebracht. Das war wirklich sehr nett von dir, dass du meinen Wunschzettel an den Osterhasen weitergeschickt hast.

Bei meinem Wunschzettel im Jahr darauf habe ich mir wirklich die allergrößte Mühe gegeben. Gewünscht habe ich mir ein Computerspiel, einen Fußball und ein Buch über Autos. Ja, ich weiß, wahrscheinlich dachtest du, dass ich aus dem Vorjahr gar nichts gelernt habe. Aber die Geschenke waren sehr klein.

Außerdem habe ich für jedes Rentier eine Karotte mit einer Schleife drum mitgeschickt. Damit sie auch wirklich genug Kraft haben, über die ganze weite Welt zu fliegen. Ich habe alle drei Geschenke bekommen und war wirklich sehr zufrieden mit meinem Wunschzettel.

Dieses Jahr, lieber Weihnachtsmann, wünsche ich mir etwas ganz anderes. Mein Papa und ich müssen Weihnachten alleine feiern. Mama geht es nicht gut. Sie ist schwer krank und musste zur Kur fahren. Ich habe wirklich große Angst davor, dass wir nun alle Weihnachten immer ohne Mama feiern müssen. Deswegen wünsche ich mir, dass meine Mama wieder gesund wird und Weihnachten wie durch ein Wunder doch noch mit Papa und mir feiern kann.

Ich werde dir auch nie wieder einen Wunschzettel schreiben und alle meine Spielsachen an arme Kinder verschenken, nur bitte, lieber Weihnachtsmann, mache meine Mama wieder gesund. Sie ist immer sehr traurig, kann gar nicht mehr lachen, und dabei habe ich mir immer solche Mühe gegeben, aber es hat nie etwas gebracht.

Papa sagte dann immer zu mir, dass Mama müde sei und viel Ruhe bräuchte. Das hat mich sehr traurig gemacht, ich wollte ihr wirklich helfen, aber ich habe es nicht geschafft. Bitte probiere du es, lieber Weihnachtsmann. Mama muss einfach wieder gesund werden und wieder lachen können.

Sie hat das schönste Lachen auf der ganzen Welt. Sehr laut lacht sie, dass sich immer alle zu ihr umdrehen. Aber mir ist das egal, ich war immer sehr froh, meine Mama so fröhlich zu sehen. Vielleicht kannst du zu ihr einen kleinen Weihnachtsengel senden, der mit seinen Flügeln ihre Füße kitzelt, dann wird sie bestimmt lachen.

Sie mag Engel sehr gerne. Als ich noch klein war, hat sie mir zu Weihnachten immer Engelsgeschichten erzählt und hat immer vor dem Einschlafen zu mir gesagt: „Träume was Süßes, mein kleiner Weihnachtsengel, kuschel dich in eine Wolke, zähle die Sterne und schwebe ins Land der Träume.“

Dein Hannes

Sandra Melcher wurde 1988 geboren. Ihr Studium des Bachelor of Education in Germanistik, Sport- und Bildungswissenschaften hat sie 2008 aufgenommen. In ihrer Freizeit liest und schreibt sie gerne, spielt Klavier und treibt Sport. Bisher veröffentlichte sie jeweils eine Kurzgeschichte in der Anthologie „Das Land der Schirmlinge“ des P & B-Verlages und in der Anthologie „Wie aus dem Ei gepellt ... Band 2“ von Papierfresserchens MTM-Verlag.

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Wolle, das Weihnachtsschaf

Der Winter nahte und in dieser Nacht schliefen alle Schafe im Stall. Wirklich alle? Nein, ein kleines Lämmchen drehte sich im Stroh von einer auf die andere Seite und konnte nicht einschlafen. Ärgerlich stand Wolle auf und ging ans Fenster. Dicke, schwere Wolken flogen vorbei und es sah aus, als trügen sie eine Menge Schnee in ihren Bäuchen. Plötzlich raschelte etwas im Stroh, und Wolle sprang erschrocken zur Seite.

„He, was soll das? Du kannst dich doch nicht einfach auf meine Mütze stellen!“ Ein kleiner Zwerg kam schimpfend aus dem Stroh geklettert. Wütend schlug er die zerknitterte blaue Haube aus und setzte sie wieder auf seinen Kopf. Vorsichtig schnupperte Wolle an ihm. „Hihi, lass das. Das kitzelt!“, lachte der Zwerg.

„Wer bist du?“, fragte Wolle neugierig.

„Ich heiße Grim Breithut und bin auf dem Weg zum Weihnachtsmann.“ Stolz streckte der Zwerg die Brust raus, nahm einen Brief aus der Tasche und las ihn Wolle vor: „Lieber Grim, für die Spielzeugfabrik brauche ich unbedingt noch ein paar Helfer. Bitte komm so schnell es geht zum Nordpol. Der Weihnachtsmann.“

Wolle staunte. „Du bist ein Freund vom Weihnachtsmann?“

Mit leuchtenden Augen erzählte der Zwerg von seinem letzten Jahr am Nordpol und wie viel Spaß es gemacht hatte, in der Spielzeugfabrik zu arbeiten. „Immerzu singen wir Weihnachtslieder und bauen die schönsten Sachen, die du dir vorstellen kannst: Puppen und Teddys, Eisenbahnen und Bauklötze. Dann wird alles eingepackt und mit Schleifen und glitzernden Bändern verziert.“ Als die ersten Sonnenstrahlen den Himmel rosa färbten, sagte Grim: „So, jetzt muss ich aber weiter.“

Wolle schaute sich um. Die anderen schliefen noch, nur der kleine Zottel blinzelte ihr zu. Doch Wolle hatte keine Lust, den ganzen Winter über im Stall zu stehen und trockenes Heu zu essen. Leise fragte sie: „Darf ich vielleicht mit dir gehen?“ Wolle und Grim schlüpften durch einen Spalt ins Freie und machten sich gemeinsam auf die lange Reise zum Nordpol.

Ihr Weg führte über Wiesen und Felder, und Wolle hüpfte aufgeregt zwischen den letzten duftenden Kräutern herum. Grim verstaute sie in einem kleinen Beutel. „Das wird ein köstliches Abendessen“, meinte der Zwerg und legte noch ein paar Beeren und Nüsse hinzu. Die Freunde wanderten, bis die Dämmerung hereinbrach, dann machten sie Rast an einem kleinen Bach und tranken das klare Wasser. Dazu aßen sie die Leckereien, die sie am Tag gesammelt hatten.

„Ach, wie herrlich“, schwärmte Wolle, „frische Wiesenkräuter und saftige rote Hagebutten ... Das schmeckt viel besser als das Heu, das wir vom Schäfer bekommen.“ „Mmh.“ Grim nickte und zerkaute mit lautem Knacken die letzte Haselnuss. Nach dem Essen kuschelte sich der Zwerg müde in Wolles Fell und schlummerte ein. Doch Wolle wälzte sich unruhig herum. Sie lag unbequem auf dem hart gefrorenen Boden, ihr war kalt und sie zitterte.

In der Ferne heulte ein Wolf und Wolle fürchtete sich vor ihm. Sie drückte sich noch tiefer unter den ausladenden Strauch und dachte an ihre Familie und die Freunde zu Hause. Die wärmten sich gegenseitig und waren im Stall geschützt vor dem kalten Winterwind und fremden Tieren.

Als Wolle und Grim am nächsten Morgen erwachten, war die Welt unter einer dichten Schneedecke versteckt. Wie Puderzucker legte sie sich über Bäume und die Erde und machte alles weiß. Auf ihrer Reise zum Nordpol hinterließen die Freunde nun tiefe Spuren im Schnee und machten sich einen Spaß daraus, die Hügel herunterzurutschen. Vergnügt liefen sie, bis es Abend wurde, dann suchten sie sich wieder einen Unterschlupf für die Nacht.

In der Höhle war es warm und trocken, und auch vor Wölfen brauchte Wolle keine Angst zu haben. Aber ihr Magen knurrte wie ein hungriger Bär, und als Grim in den Beutel schaute, war der leer. „Vor lauter Schnee haben wir nichts Essbares gefunden. Morgen müssen wir nach Wurzeln graben“, beschloss der Zwerg und legte sich in Wolles Fell. Schon hörte sie ihn leise schnarchen und wunderte sich, dass er ohne einen Happen zu essen einschlafen konnte.

Wolle hingegen träumte vom Heu, das sie im Stall bekamen: große Ballen mit würzigem Duft und genug für alle. Und dann trank sie bei ihrer Mama die leckere, warme Milch und kuschelte sich in ihre weiche Wolle. Sie wäre jetzt gerne bei ihr. Mit diesem Gedanken schlief Wolle ein.

Am nächsten Morgen weckte Grim sie mit Wurzeln und Hagebutten. „Es ist nicht mehr weit bis zum Weihnachtsmann“, tröstete er Wolle, als sie ihm von ihrem Heimweh erzählte. Die beiden durchquerten einen tiefen Wald mit riesigen Tannen, deren dünne Spitzen bis in den Himmel ragten. Als die ersten Sterne am Firmament erstrahlten, erreichten Wolle und Grim eine Lichtung, auf der ein wunderschönes Häuschen mit winzigen Fenstern stand.

In seinem Inneren leuchtete flackernder Kerzenschein, und Grim flüsterte: „Wir sind da.“ Die schwere Tür knarrte, und der Weihnachtsmann trat heraus. Mit seinem weißen Rauschebart und dem roten Anzug sah er genauso aus, wie Wolle ihn sich vorgestellt hatte. Er begrüßte die beiden herzlich und war erfreut, dass sie ihm in der Spielzeugfabrik helfen würden. Nachdem sie sich gestärkt hatten, machten sich Wolle und Grim an die Arbeit. „Es gibt viel zu tun, und am Heiligen Abend, wenn alle Geschenke verteilt sind, feiern wir ein großes Fest“, verkündete der Weihnachtsmann allen Helfern.

Grim und die anderen Zwerge hüpften aufgeregt zwischen Spielzeugautos und Bilderbüchern herum und konnten den Heiligen Abend kaum erwarten.

Nur Wolle wurde mit jedem Tag trauriger. Sie vermisste ihre Mama und stellte sich vor, ohne sie Weihnachten zu feiern. „Das möchte ich nicht!“, gestand sie dem Weihnachtsmann. Am Weihnachtsabend, als alle Geschenke fertiggestellt und verpackt waren und der goldene Schlitten mit seinen stolzen Rentieren vor dem Haus stand, sagte der Weihnachtsmann: „Ich möchte euch von Herzen danken und freue mich auf die gemeinsame Feier. Doch von Wolle, unserm kleinen Weihnachtsschaf, müsst ihr euch nun verabschieden.“

Überrascht schaute Wolle auf. Die Zwerge tuschelten und Grim versteckte ein Lächeln hinter seinem breiten Hut. Der Weihnachtsmann fuhr fort: „Wolle, für dich habe ich ein besonderes Geschenk. Du darfst in meinem Schlitten mitfahren und wirst an Weihnachten zu Hause sein.“

Wolle strahlte vor Freude und war gar nicht mehr verärgert, dass sie den Winter im Stall verbringen sollte. Mit dem riesigen Sack voller Geschenke auf der Rückbank machten sie sich auf die Heimreise. Schon bald konnte Wolle die Wiese erkennen, auf der sie im nächsten Frühjahr weiden würde, und dahinter lag ihr Stall.

Von draußen hörte sie das Blöken der anderen Schafe, und als der Schlitten landete, kamen sie aufgeregt angelaufen. Wolle und der Weihnachtsmann verteilten die Geschenke an die Schäfchen, die sie in der Spielzeugfabrik hergestellt hatten: Stifte und Papier, bunte Bälle und Teddys aus Plüsch. Das kleinste Lämmchen, Zottel, bedankte sich bei Wolle und sagte: „Ich habe mir die Holzeisenbahn so sehr gewünscht, aber am meisten freue mich, dass du wieder da bist.“

Gemeinsam bauten sie die Spielzeugbahn im Heu auf, und als Wolle von ihrem Spiel aufschaute, winkte ihr der Weihnachtsmann zum Abschied zu. Wolle feierte das schönste Weihnachtsfest, das sie sich vorstellen konnte. In dieser Nacht kuschelte sich Wolle in das weiche Fell ihrer Mama und schlief mit dem glücklichen Gefühl ein, zu Hause zu sein.

Anke Königshoven wurde 1981 geboren. Sie lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern im nördlichen Emsland. In ihrer Freizeit absolviert sie ein Fernstudium der Kinder- und Jugendliteratur an der Schule des Schreibens in Hamburg. Demnächst erscheint ihre Kurzgeschichte „Zauber des Meeres“ in der Anthologie „Strandzeit“ des Freunscht Media-Verlages.

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Der große Weihnachtswunsch

Marleen saß an ihrem Schreibtisch vorm Fenster und kaute auf einem Stift herum. Draußen war es bewölkt und der Herbst hatte die Natur noch fest im Griff. Wie sollte sie so in Weihnachtsstimmung kommen und ihren Wunschzettel an den Weihnachtsmann schreiben?

Sie bezweifelte auch stark, dass bei solch einem ekligen Wetter der Advents- und Weihnachtspostdienst des Weihnachtsmannes arbeiten würde. „Ich jedenfalls würde bei solchem Wetter keine Wunschzettel einsammeln“, dachte sie. Sie schaute auf ihr Bücherregal und ließ den Blick an ihm entlang gleiten, bis er bei einem Buch stoppte. In diesem wurde erzählt, wie zwei Männer in 80 Tagen um die Welt reisten, weil einer von ihnen eine Wette abgeschlossen hatte. Marleen hatte es nicht gelesen, dazu war sie noch zu jung, aber ihre Mutter hatte ihr viele Abende aus dem Buch vorgelesen, und sie hatte ständig etwas über die Länder wissen wollen.

„Oh ja, das wünsche ich mir mehr als alles andere. Ich möchte die große weite Welt sehen.“ Marleen schrieb eilig ihren Wunsch auf, zerknüllte das Papier dann wieder und schrieb es noch einmal sauber und ordentlich auf. „Der Weihnachtsmann soll das ja auch lesen können.“

Marleens Zunge steckte zwischen den Vorderzähnen, so sehr strengte sie sich an, denn so gut konnte sie noch nicht schreiben. Dann klebte sie noch ein paar weihnachtliche Aufkleber auf den Brief, steckte ihn in den Briefumschlag und legte ihn auf einen Teller mit selbst gebackenen Keksen. Ihre Mutter hatte ihr gesagt, dass es sehr anstrengend für die Wichtel sei, überall die Weihnachtspost abzuholen, und da wären sie dankbar für ein paar Kekse und etwas zu trinken.

So stellte sie noch eine Kanne Tee und ein paar kleine Becher dazu. Danach räumte sie ihr Zimmer auf, denn sie wusste, dass die Wichtel auch eine Zimmerinspektion machten, wenn sie schlief. Sie wollte den Wichteln zeigen, dass sie gut mit ihren Geschenken umging und jedes von ihnen verdient hatte. Und natürlich, dass sie brav war. Sobald sie fertig war, ging sie hinunter in die Küche, wo ihre Mutter bereits dabei war, das Abendbrot zu machen.

Aus dem Ofen drang der herrliche Duft von Keksen. Ihre Mutter hatte mit dem ersten Advent offiziell die Weihnachtsbackstube für eröffnet erklärt, und auf der Arbeitsplatte stapelten sich nun die Keksdosen.

„Na Maus, hast du deinen Wunschzettel fertig geschrieben?“ Marleen nickte eifrig, während sie sich ein Vanillekipferl genüsslich in den Mund stopfte.

„Ja, habe ich und es ist nur ein einziger Wunsch.“ Die Eieruhr klingelte, und ihre Mutter öffnete die Backofentür.

„Erzählst du ihn mir oder darf ich es nicht wissen?“ Sie zog die Backhandschuhe an und holte das Blech heraus.

„Ich habe mir eine Weltreise gewünscht.“ Es schepperte, und das Blech lag auf dem Boden.

„Was ist denn hier los? Alles okay mit euch?“ Ihr Vater stand atemlos in der Tür.

„Jaja, alles gut, mir ist nur das Backblech aus den Händen gerutscht.“ Ihre Mutter fegte hastig die Keksbruchstücke zusammen. „Marleen hat ihren Wunschzettel fertig. Sie wünscht sich nur eine einzige Sache.“

Der Vater nickte zustimmend. „Sehr löblich, Marleen. Andere Kinder sind nicht so bescheiden.“

Ihre Mutter lachte auf. „Sie hat den Wunsch, eine Weltreise zu machen.“ Ihr Vater schaute Marleen an, als hätte sie gerade gesagt, sie hätte einen Frosch verspeist.

„Marleen, aber so ein Wunsch ist eine teure Sache. Wenn Du das gerne haben möchtest, dann bedeutet das aber, das die anderen Kinder weniger bekommen.“

Darüber hatte sich Marleen überhaupt keine Gedanken gemacht. Das wollte sie nun auch wieder nicht. Es musste schrecklich sein, an Weihnachten keine Geschenke unter dem Tannenbaum vorzufinden.

„Nun, wir essen jetzt erst mal zu Abend und dann kannst du ja noch mal drüber nachdenken.“ Ihre Mutter stellte ihr einen Becher mit Kakao hin, und sie aßen und sprachen über Marleens Wunsch.

„Vielleicht können wir ja unseren nächsten Urlaub mal in England verbringen. Würde dir das gefallen, Marleen? Oder vielleicht Dänemark oder Italien.“ Ihr Vater schaute sie an.

„Ja, aber dann habe ich wieder ein Problem“, sagte Marleen.

„Welches?“

Marleen ließ den Kopf sinken und stütze ihn in ihre Hände. „Ich weiß dann wieder nicht, was ich mir wünschen soll.“ Ihre Mutter schnitt ein paar Gurkenscheiben und legte sie ihr auf den Teller.

„Ich kann das gar nicht glauben. Jedes Kind hat doch Unmengen an Wünschen.“

Marleen seufzte. „Okay, ich denke noch mal drüber nach. Darf ich aufstehen?“ Ihr Vater rückte auf seinem Stuhl beiseite, sodass sie vorbeikonnte, um die Treppe hoch in ihr Zimmer zu gehen. Auf der letzten Treppenstufe jedoch sah Marleen etwas und erschrak. Dort lagen Krümel, Kekskrümel. „O nein, noch nicht, ihr seid doch viel zu früh!“

Sie stürmte in ihr Zimmer. Dort stand der Teller, ein paar angeknabberte Kekse noch drauf, die Becher benutzt und … der Brief war weg. Rasch blickte sie sich um, eilte zum Fenster und öffnete es. Es schneite dicke, große Flocken und eine erste Schicht hatte alles weiß eingepudert. Dann rannte Marleen die Treppe wieder hinunter und in die Küche. „Mama, Papa, darf ich noch kurz raus? Bitte, bitte, sie waren schon da und haben meinen Brief abgeholt. Ich muss ihn zurückholen, vielleicht sind sie ja noch bei Tim und Jasmin oder Anna.“

Ihre Mutter schaute auf die Uhr. „Es ist bereits neunzehn Uhr, Marleen.“

„Bitte!“ Sie flehte ihre Mutter an.

„Na gut, aber nur eine halbe Stunde, und du nimmst Ben mit. Es ist dunkel draußen.“ Marleen zog sich rasch an, griff nach der Taschenlampe und Bens Leine auf der Kommode, dann verließen sie gemeinsam das Haus. Marleen versuchte angestrengt, im Schnee eine Schlittenspur zu erkennen, doch vergeblich. So ließ sie sich von Ben ziehen, der an jedem Baum und Strauch schnupperte und nieste, sobald er Schnee einatmete. So merkte sie nicht, wie sie auf einmal in dem nahe an ihr Grundstück angrenzenden Wald stand.

Sie ging weiter, die Taschenlampe auf den Boden gerichtet. Auf einmal sah sie etwas aus dem Augenwinkel aufblitzen und schaute in die Richtung, aus der es kam. Dort blinkte doch was in verschiedenen Farben. Sie zog Ben mit sich, bis sie zu einem Baum kam. Aber es war kein gewöhnlicher Baum, er war mit vielen verschiedenen farbigen Kugeln geschmückt. Dann leuchteten plötzlich kleine Lichter auf.

Marleen erschrak, denn es waren keine Kerzen, sondern viele kleine Wichtel mit Laternen in der Hand, die in den Zweigen auf dem Baum saßen. Einer deutete auf eine goldene Kugel neben ihm. Sie schaute hinein, und als wäre sie in die Kugel eingesogen worden, spürte sie auf einmal warme Luft.

Hinter ihr schritten Dromedare entlang und der Wüstensand wehte ihr ins Gesicht. Die Sonne blendete sie, so bedeckte Marleen sich ein wenig die Augen und konnte Pyramiden entdecken. „Ägypten!“ Kaum hatte sie das gesagt, stand sie wieder vor der Kugel. Ein weiterer Wichtel deutete auf eine grüne Kugel. Auch dort schaute sie hinein.

Sie spürte den frischen Frühlingswind und sah all die unglaublich hohen Bäume vor sich, ein Wald voll riesiger Bäume. Sie sah einen Fluss, an dem eine Bärin mit ihren Jungen Fische fing. „Kanada!“

Wieder deutete ein Wichtel auf eine weitere Kugel, und Marleen hörte die Glocke Big Ben.

So verstrich die Zeit, und ehe sie sich versah, hörte sie die Rufe ihrer Eltern. Sie schaute die Wichtel erschrocken an, doch die hielten ihre Finger vor die Lippen.

„Darf ich wiederkommen und in die anderen Kugeln gucken?“ Ein Wichtel schwang seine Laterne, und in der Luft stand in goldenem Licht geschrieben: die nächsten 80 Tage.

Nadine Gerhardt wurde 1976 in Hamburg geboren. Sie lebt mit ihrem Mann in Schleswig-Holstein. Die staatlich geprüfte Betriebswirtin arbeitet als Teilprojektleiterin (ERP-System-Einführung). In ihrer Freizeit liest und zeichnet sie viel und hört gerne Musik. Mit dem Schreiben hat sie eine neue Möglichkeit gefunden, ihrer Kreativität Ausdruck zu verleihen.

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