Kitabı oku: «Zuagroast»
Martina Parker
Zuagroast
Gartenkrimi

Impressum
Das ist eine fiktive Geschichte, die an burgenländischen Originalschauplätzen spielt. Die Personen und die Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Ein Glossar der österreichischen und burgenländischen Ausdrücke finden Sie am Ende des Buches unter »Glossar der österreichischen und burgenländischen Ausdrücke«.
Und so geht es weiter mit dem Klub der Grünen Daumen …: »Hamdraht« erscheint im Frühjahr 2022
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Im Juli 2020 erschien »Zuagroast – von Wien ins Weinviertel« in der Edition Weinviertel
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
Illustration und Cover Design Lena Zotti, Wien
ISBN 978-3-8392-7014-1
Zitat
»Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben,
das auch leben will.«
Albert Schweitzer
*
Für Dich
Prolog
Es war eine dieser pannonischen Sommernächte, in denen es einfach nicht abkühlte. Obwohl die Sonne schon lange untergegangen war, klebten ihm die Kleider am Leib. Er hätte die Klimaanlage aufdrehen können, aber dann hätten ihn die Motorgeräusche verraten. Und niemand sollte wissen, dass er hier war. Die neue Siedlung am See war kurz vor der Fertigstellung. Es gab noch keine Straßenbeleuchtung. Die Dunkelheit war seine Verbündete. Er parkte hinter dem Baucontainer mit Schutt und wartete, bis sie kamen. Und das taten sie.
Im Neubau ging in einer der Wohnungen das Licht an. Eine grelle Glühbirne, die an einem Kabel von der Decke baumelte. Es gab hier noch keine Lampenschirme, keine Jalousien, keine Möbel. Die beiden standen am Fenster der leeren Wohnung wie Schaufensterpuppen in einer Auslage.
Der Mann im Wagen sog zischend Luft ein. Er hatte es geahnt. Er hatte Gewissheit haben wollen. Er hatte gedacht, dass nichts schlimmer sein konnte als dieser nagende Zweifel, der seit Wochen wie ein Giftpfeil in seinen Eingeweiden steckte. Aber jetzt, nachdem er die beiden erwischt hatte, war der Schmerz des Giftpfeils lächerlich. Ein Nichts gegen die Qualen, die er nun verspürte. Es war, als würde ihm eine eiserne Faust in den Magen schlagen. Und bei jedem weiteren Bild, das sich in seine Netzhaut brannte, schlug die Faust erneut zu. Aber wegschauen konnte er trotzdem nicht.
Er sah, wie der Mann in der Auslage auf die Frau zuging. Sie grinsend bedrängte. Sich an ihr rieb, ihr seine Zunge in den Mund steckte. Die Frau wich zurück, bis sie mit dem Rücken an der Mauer anstieß.
Ob die Bauträger diese Wand wohl unverputzt ließen? Wahrscheinlich. Nackte Betonmauern sahen auch im tiefsten Burgenländischen nach New York aus. Hatte er tatsächlich gerade über die Wand nachgedacht? In dieser Situation. Ob das der Schock war?
Die Frau trug nur ein dünnes Top. Die Betonwand musste kühl und rau sein. Die Frau lachte. Der Typ nahm ihre Arme hoch und presste ihre Hände mit den seinen fest gegen die Mauer. Dann drückte er ihr sein Knie zwischen die Beine. Sie warf den Kopf nach hinten. Es gefiel ihr. Sie, die immer allen mit ihren feministischen Grundsätzen in den Ohren lag, ließ sich von dem Kerl hier einfach gegen die Wand knallen. Der Typ zog ihr das Top hoch. Den BH habe ich ihr zu Weihnachten gekauft, dachte der Mann im Wagen. Dann bemerkte er, dass seine Wangen nass waren. Schweiß? Tränen? Er konnte sich nicht erinnern, wann er zum letzten Mal geweint hatte.
Schock. Fassungslosigkeit. Wut. Wie lang ging das schon mit den beiden? Wie lange hatte sie ihn an der Nase herumgeführt? Ihre Lust einem anderen geschenkt, während sie parallel ungerührt auch mit ihm geschlafen und ihm Harmonie vorgegaukelt hatte? War sie verliebt oder hatte sie nur über Wochen und Monate mit diesem anderen ihre pure sexuelle Geilheit genossen? Sie hatte ihn zum Narren gehalten, für blöd verkauft.
Das Handy in seiner Jackentasche vibrierte. Er sah auf die Anruferkennung und drückte auf »Annehmen«.
»Bist du dort?«, fragte die Stimme aus dem Lautsprecher.
»Ja«, antwortete er. Seine Stimme klang so fremd, dass er sich gar nicht sicher war, dass es seine eigene war.
»Und?«
»Es ist so, wie du vermutet hast.« Eine Welle des Schmerzes erfasste seinen Körper. Seine Frau, die Mutter seiner Kinder, die einzige Vertraute seiner Emotionswelt trieb es gerade vor seinen Augen mit einem anderen. Kurz überlegte er, ob er in die Wohnung stürmen sollte. Aber was hätte er dort getan, sie angebrüllt, eine Szene gemacht, den Typen zum Duell herausgefordert? Sollte er sich vor dem da tatsächlich zum billigen Klischee des gehörnten Ehemanns machen?
Die Anruferin musste seine Gedanken erraten haben.
»Du musst dir nicht das volle Programm geben«, sagte sie leise. »Bitte fahr zurück. Wir treffen uns bei dir. Dann reden wir weiter.«
Der Mann nickte tonlos.
»Hast du mich verstanden?«
»Ja«, sagte er leise, »aber es hat eh alles keinen Sinn mehr.«
»Bitte mach, was ich sage«, flehte die Stimme, »wir kriegen das hin, wir finden eine Lösung, ich verspreche es dir. Leg jetzt auf, du musst dich konzentrieren.«
Der Mann startete den Wagen. Auf Motorengeräusche würden die beiden im Haus in ihrem gegenwärtigen Zustand nicht mehr achten. Trotzdem ließ er die Scheinwerfer ausgeschaltet, bis er die Landstraße erreichte. Die Faust hatte aufgehört, auf seine Eingeweide einzudreschen. Stattdessen hatte er das Gefühl, dass glühende Lava seine Speiseröhre hochkroch. Sodbrennen, dachte er. Auch das noch. Er hatte das Gefühl, schwer Luft zu bekommen. Eine Stressreaktion. Auch das musste der Schock sein. Er hätte besser anhalten sollen, aber er wollte so schnell wie möglich weg von diesem Ort.
Mit der linken Hand tastete er das Seitenfach der Fahrertür ab. Da musste doch noch ein Sackerl mit dem Mittel gegen Sodbrennen sein. Gott sei Dank. Da war es. Er hatte schon wieder einen Schweißausbruch. Aber jetzt konnte er endlich die Klimaanlage einschalten. Er stellte das Gebläse auf Maximum, riss das Sachet mit den Zähnen auf und saugte die milchig-minzige Flüssigkeit gierig auf. Eine Konsistenz wie Sperma, dachte er. Er bremste scharf, riss die Beifahrertür auf und erbrach sich direkt auf die Fahrbahn. Ein entgegenkommendes Auto blinkte ihn wild an und hupte. »Deppertes Ogsuff«, brüllte der Lenker aus dem geöffneten Autofenster.
Zum Glück war keiner hinter mir, der hätte mich abgeschossen, dachte der Mann, der sich nicht betrunken, sondern unendlich ernüchtert fühlte. Er zitterte. Er musste weiter. Nur mehr zwei Kilometer bis nach Hause. War das überhaupt noch sein Zuhause? Er wusste es nicht. Aber die Frau, die am besten wusste, was in ihm vorging, würde da sein. Sie würde wissen, was jetzt zu tun war.
Das Ortsschild seines Heimatdorfes begrüßte ihn. Das Sodbrennen war wieder schlimmer geworden. Kein Wunder, nachdem er gerade Gift und Galle gespien und dabei wohl seine Speiseröhre verätzt hatte. Eine Gelse surrte an seinem Ohr. Die war sicher ins Wageninnere geflogen, als er gekotzt hatte. Gelsen mitten in der Nacht? Warum war es heute so verdammt heiß? Es war doch schon nach 22 Uhr.
Nur noch einmal links abbiegen. Ihr Wagen war bereits vor seinem Haus geparkt. Gott sei Dank, sie war schon da. Sie stand vor seiner Eingangstür und blickte ihm entgegen. Er wartete auf das Gefühl von Erleichterung, als er sie dort stehen sah, aber stattdessen registrierte er, dass nicht nur seine Speiseröhre, sondern sein ganzer Brustkorb in Flammen stand. Es war, als wäre die Faust zurückgekehrt und würde nun seine Brust zerquetschen. Der Mann bekam keine Luft mehr. Er röchelte. Ihm wurde schwarz vor Augen. Er fiel nach vorne auf das Lenkrad.
Dass sein Wagen in den ihren knallte, bekam er gar nicht mehr mit.
Kapitel 1
Egreschl und Nacktschnecken
Obwohl Nacktschnecken Zwitter sind und sich daher auch alleine befruchten können, paaren sie sich mit Leidenschaft. Manche Schnecken streicheln sich dabei bis zu 24 Stunden lang, bevor es zur Sache geht. Den größten hat dabei die Limax redii. Bei einer Körpergröße von 13 bis 15 Zentimetern hat diese Schnegelart einen bis zu 85 Zentimeter langen Penis.
Vorsätzlicher Mord wäre Vera Horvath in ihrem früheren Leben in der Stadt nie in den Sinn gekommen. Doch jetzt lebte sie im Südburgenland. Und es schien, als würde das Land das Schlimmste in ihr zum Vorschein bringen.
Es war ein Morgen, der für Gärtner prinzipiell nach Hoffnung roch: Sonne, Vogelgezwitscher, die Aussicht auf eine baldige reiche Ernte. So würde es zumindest ein poetisch veranlagter Mensch beschreiben. Vera war eher der praktische Typ.
Sie ging den schmalen Weg entlang, der vom Haus zum Bauerngarten der Urlioma führte. Das Gras war hoch und morgenfeucht, und sie spürte, wie die Feuchtigkeit durch das dünne Netzmaterial ihrer Turnschuhe drang und die kühle Nässe ihre Zehen erreichte und klamm werden ließ.
Vera zog die Zehen ein, beugte sich zu einem kleinen dornigen Strauch herunter und griff vorsichtig nach einer Stachelbeere. Wie hatte die Urlioma immer auf Heanzisch dazu gesagt? Egretscherl, genau – wie lautmalerisch. Sie drückte die noch grüne Frucht prüfend zwischen Zeigefinger und Daumen.
Die Beere fühlte sich hart an. Sie wiederholte den Test bei ein paar anderen Früchten, verletzte sich dabei an einem langen Dorn, fluchte und widmete sich dann den Beeren, die auf der Hinterseite des Busches weiter außen, näher zur Sonne wuchsen. Endlich ertastete sie eine, die ihr reif schien. Sie knipste das borstige Ende und den Stielansatz mit den Fingernägeln ab und schob sich die Stachelbeere in den Mund.
Die Frucht zerplatzte beim Daraufbeißen, das gelartige Fruchtfleisch war eher süß als sauer. Die brauchten wohl noch zwei, drei Wochen. Vera war dennoch auf den Geschmack gekommen und nahm noch ein paar weitere Egretscherl in der hohlen Hand als Wegzehrung auf ihre morgendliche Inspektionsrunde mit.
Unter der Hortensie grinste sie ihr Gartenzwerg an. Die Hortensie hieß Annabelle. Der Gartenzwerg hatte keinen Namen. Er war auch kein Sympathieträger, sondern ein unbeholfenes Abschiedsgeschenk von Veras Ex-Kollegen von der Zeitschrift »Lust aufs Land«, bei der sie die letzten acht Jahre als Redakteurin gearbeitet hatte.
»Lust aufs Land« war jahrelang das Erfolgsprodukt des Verlags gewesen, wie alle Magazine auf dem Markt, die das Wort »Land« im Titel trugen. Honigbiene, Heimat und Harmonie statt Krieg, Krise und Klimawandel. Zu den besten Zeiten hatten wir mehr Leser als das »Profil«, dachte Vera bitter. Aber die fetten Jahre waren vorbei. Die Printkrise hatte auch vor den Heften, die die heile Welt promoteten, nicht Halt gemacht.
Sankt Martin in der Wart – mit 18 hatte Vera geglaubt, diesen Ort für immer hinter sich gelassen zu haben. Jetzt, mit 42, saß sie im Haus der verstorbenen Urlioma und versuchte, eine Gstätten zu bändigen, die so gar nichts mit den illustren Gartenbildern in der »Lust aufs Land« zu tun hatte. Die Urlioma hatte lange im Heim gelebt, bevor sie gestorben war und Vera das Haus hinterlassen hatte. In dieser Zeit hatten Brennnesseln und Brombeeren die Herrschaft über die einstmals gepflegten Beete an sich gerissen. Vera sah ihre wuchernden Triebe überall emporkommen.
Gab es noch etwas Schlimmeres? Ja, die Schnecken. Diese schleimige wurmförmige Plage, die alles vernichtete, was zögerlich emporwuchs. Erst hatten die Schnecken die Erbsensprösslinge und den Pflücksalat über Nacht weggefressen, dann die aufkeimenden Kürbis- und Gurkenpflanzen. Die Schnecken waren die Feinde des Neubeginns, die Zerstörer der gärtnerischen Zuversicht.
Vera hatte im Kampf gegen die Schnecken alle Empfehlungen aus der »Lust aufs Land« ausprobiert. Sie hatte Eierschalen als abschreckende Barriere um die Jungpflanzen gestreut. Die Schnecken ließen sich nicht aufhalten. Am nächsten Tag waren die Jungpflanzen weg. Hindernisse wie den Kupferdraht, die Sägespäne und den Kaffeesatz überwanden die Viecher mühelos.
Eingegrabene Bierfallen hatten den Effekt, dass, angelockt vom Bierdunst, alle Schnecken aus dem Bezirk Oberwart zum Massenbesäufnis kamen. Und Besoffene haben wohl wirklich immer ein Masel. Denn ertrunken waren nur wenige.
Inzwischen hatte Vera schon so viel Geld für Schneckenbarrieren und immer neue Jungpflanzen ausgegeben – letztere natürlich alte Sortenraritäten in samenfester Bioqualität – dass sie um das Geld ihr Gemüse auch gleich im teuersten Delikatessengeschäft Wiens hätte kaufen können.
Vera steckte sich eine Stachelbeere in den Mund. Heute war es besonders schlimm. Die Roten Wegschnecken dachten gar nicht daran, sich ihrem Namen entsprechend am Weg aufzuhalten. Einzelne Exemplare wiegten sich in den Ruten der Sommerhimbeeren und hatten die heranreifenden Früchte bereits mit einer Schleimschicht überzogen, die in der Sonne getrocknet war und wie dünne Folie glitzerte. Ein Dutzend fetter, ledriger Exemplare kroch über die Kohlrabi und fräste sich zielstrebig durch die jungen Früchte. Besonders schlimm hatte es das Salatbeet erwischt: Das Grazer Krauthäuptel war Austragungsort einer wahrhaften Schneckenorgie, je zwei oder gar drei Exemplare paarten sich dort, indem sie sich seltsam verschlungen aneinanderpressten. Der Gartenzwerg grinste dämlich.
Vera dachte an die Kündigung. Aussortiert. Sie war ausgemustert worden. Zu alt, wertlos, unnütz und offenbar sogar zu deppert, um den Urliomagarten halbwegs in Schuss zu halten und mit ein paar hirnlosen Schnecken fertig zu werden. Sie spürte einen Knoten im Hals. Tränen schossen ihr in die Augen. Wut stieg in ihr hoch.
Sie steckte sich die restlichen Stachelbeeren auf einmal in den Mund, um die Hand frei zu haben. Dann griff sie zum Löwenzahnstecher, den sie nach dem gestrigen Kampf gegen die Brombeerwurzeln am Beetrand abgelegt hatte. Ein letzter prüfender Blick auf ihr erstes Opfer. Dann hob sie die Hand und stach zu. Die Schnecke sank beim Versuch, sie zweizuteilen, in die weiche Erde ein, und Vera hackte noch ein paar Mal auf die Stelle, um ganz sicher zu sein, dass das im Erdreich versunkene Tier tot war. Beim nächsten Exemplar war sie klüger: Sie bugsierte ihr Opfer erst mit dem Werkzeug aus dem Beet heraus, bevor sie es auf dem Rasen erledigte. Die dritte Schnecke war besonders leicht zu erlegen, weil sie am hölzernen Beetrand emporkroch, der dem Schneidewerkzeug entsprechend Widerstand leistete. Ein einziger Schnitt mit der scharfen Klinge genügte. Schleimige, gelb-graue Innereien quollen aus den Körpern der Toten. Schnecken haben kein Blut, aber das, was Vera erfasste, konnte man nur als Blutrausch bezeichnen. Eine nach der anderen erledigte sie wie im Fieber. Zehn, elf, zwölf, 13 – Vera zählte mit – 29, 30, 32 … Die Nacktschnecken auf den Himbeeren schüttelte sie von den Ruten, bevor sie sie erledigte. Und es fühlte sich gut an, erleichternd, befreiend, befriedigend … bis sie die letzte Stachelbeere zerbiss und bemerkte, dass das schleimige Massaker vor ihr auf unangenehme Art dieselbe Textur hatte wie der Obstbrei in ihrem Mund. Vera ließ den Löwenzahnstecher sinken. Ihr war schlecht.
Sie bohrte das Werkzeug ein paar Mal in die Erde, um dieses vom Schneckenschleim ihrer Opfer zu befreien, und ging dann langsam zum Haus zurück.
Eigentlich war das Urliomahaus ja ein Hof. Aber Vera war vorsichtig mit diesem Begriff, seit sie zum ersten Mal die zweifelnden, fragenden Blicke von Besuchern aus der Stadt bemerkt hatte. Diese hatten sich unter »Hof« einen stattlichen Vierkanter vorgestellt, wie man ihn im Waldviertel findet. Das Urliomahaus hatte gerade einmal vier winzige Räume mit niedrigen Decken und kleinen Kastenstockfenstern. Küche, Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer.
Die Urlioma hatte ausschließlich in der Küche gelebt: auf der Bettbank neben dem Beistellherd, auf dem den ganzen Tag eine Suppe vor sich hin geköchelt hatte. Der Beistellherd wurde auch Sparherd genannt, weil er bei geringstem Kostenaufwand ein echtes Multitalent war. Er wärmte die Küche, seitlich gab es ein Becken, in dem den ganzen Tag heißes Wasser bereitstand. Und das Backrohr war nicht nur nützlich, um »Grumpan zu brodn«1, hier konnte man – bei gemäßigter Temperatur – auch Nüsse und Pilze trocknen und sogar Eisfüße wiederbeleben.
Vera konnte sich noch an einen Winter erinnern, als sie als Kind so lange in einem Schneehaufen herumgesprungen war, bis ihre Schuhe und Socken pitschnass waren. Die Urlioma hatte geschimpft, als sie die Bescherung gesehen hatte. »Jessas, hiaz wiarst ma no kraunk. Hiaz muaß i di vor die Rearn setzen.«2 Dann hatte sie Vera gepackt und auf einen Hocker vor den Herd gesetzt, das Türl aufgemacht, eine Decke ins Backrohr gelegt und »der Vera ihre nackerten Fiaß« auf die Decke gelegt.
Veras nasse Socken und Handschuhe hängte die Urlioma auf dem Scherengitter über dem Ofen zum Trocknen auf. Und Veras nasse Lederschuhe kamen in das Wärmefach unter dem Rohr. Vera konnte die Wärme von damals heute noch spüren.
Das Wohnzimmer hatte die Urlioma nie beheizt. Nicht nur aus Spargründen. Das Wohnzimmer wurde nur zu Weihnachten benutzt oder wenn jemand gestorben war. Und nicht nur Christbaumnadeln und Weihnachtsmehlspeise, auch die bis zum Begräbnis zu Hause aufgebahrten Toten hielten sich in einem kalten Raum einfach länger frisch.
Das ehemalige Schlafzimmer der Urlioma hatte Vera mittels Rigipswand in zwei Räume teilen lassen. Der Arbeiter, der das erledigen musste, hatte ob dieser Bausünde die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Aber ihr war keine andere Lösung eingefallen. Ihre 13-jährige Tochter Letta brauchte ja auch ein eigenes Zimmer. Einen Rückzugsbereich.
Das mit dem Rückzugsbereich war voll aufgegangen. Wenn sie nicht in der Schule war, lag Letta die meiste Zeit mit ihren Kopfhörern in ihrem Verschlag, wie sie ihr Kämmerchen nannte, und wartete. Sie wartete darauf, dass sie endlich alt genug war, um in die Stadt zurückzuziehen.
»Ich hasse das Burgenland«, sagte Letta oft zu ihrer Mutter, und ihre dunklen Augen wurden dann noch eine Spur schwärzer. »Dir ist schon klar, dass du mein Leben zerstört hast.« Für Letta kam der Umzug nach Sankt Martin in der Wart einer Verbannung gleich.
Vera zog ihre feuchten Turnschuhe aus und stellte sie auf die Brüstung des Arkadengangs zum Trocknen in die Sonne. Der Arkadengang war typisch für südburgenländische Bauernhöfe – so klein diese auch sein mochten.
Vera hatte irgendwann einmal eine Geschichte über burgenländische Arkaden geschrieben und wusste seither, dass das älteste bekannte Arkadenhaus der 1874 errichtete Pfarrhof der evangelischen Pfarre Oberwart war. Zu der Zeit lebten die meisten burgenländischen Bauern noch in Lehmbauten mit Strohdächern. Aber als Mitte des 19. Jahrhunderts die Abhängigkeit der Bauern von den Grundherren abnahm, wollten die Bauern auch so feudal wohnen wie die Priester und Kleinadeligen und statteten ihre neu gebauten Höfe mit überdachten Bogenkonstruktionen in Renaissanceanmutung aus. Das sah nicht nur nach mehr Prestige aus, es war auch praktisch. Denn die so gewonnene Laube war zumindest im Sommer ein zusätzlicher Lebensraum.
Hier war es auch egal, wenn man ein bisserl Dreck machte, perfekt für Tätigkeiten wie Ribiseln orebeln3, Bohnschadln auslossn4 oder Nüsse knacken. Und unter den regensicheren Bogengängen trockneten dann der aufgehängte Kukuruz5 und die Knoblauch- oder Zwiebelzöpfe vor sich hin.
Vera hatte noch keine Ernte eingebracht, die sie unter den Arkaden hätte verarbeiten können. Dann gibt’s halt Käsetoast zum Mittagessen, dachte sie und ging in die Küche zurück. Den isst Letta wenigstens. Sie wusch sich die Hände und warf den Plattengriller an.
»Da ist schon wieder alles sperrangelweit offen, irgendwann werden s’ euch noch was stehlen.« Vera zuckte erschreckt zusammen. Ihr Mutter Hilda Horvath stand wie eine Erscheinung hinter ihr.
»Wer soll uns was stehlen?«, fragte Vera stirnrunzelnd. Sie bereute die Entscheidung, ihrer 75-jährigen Mutter ein iPad geschenkt zu haben, mittlerweile zutiefst. Seit diese im WeltWeitenWahnsinn surfte, kam sie jeden Tag mit neuen Horrorgeschichten an.
»Na die Trickbetrüger«, sagte Hilda. »Zu älteren alleinstehenden Frauen wie du eine bist, kommen die besonders gerne.«
Vera zuckte bei den Attributen »älter« und »alleinstehend« leicht zusammen. Sie war 42, Single und Alleinerzieherin, aber nicht alleinstehend.
»Hast das heute Früh in der ›Krone‹ gelesen?«, fragte sie forschend zurück.
»Ich hab die ›Krone‹ gekündigt«, sagte Hilda, »weil die hab ich jetzt eh gratis online abonniert.«
»Du hast die ›Krone‹ nicht abonniert, sondern auf deren Facebook-Seite ein Like-Hakerl gesetzt.«
»Ich hab sie abonniert, auf meinem Facebook steht bei der ›Krone‹ abonniert«, sagte Hilda beharrlich.
»Und deswegen bekommst jetzt den ganzen Unsinn in deinen Feed gespült«, seufzte Vera. Kein Wunder, dass bei diesem Medienverständnis Print zum Sterben verurteilt war.
»Was für ein Feed?«, fragte Hilda. »Und sag nicht Unsinn, da erfährt man interessante Sachen. Gestern haben sie was über die Heidi gebracht. Ich versteh echt nicht, dass die mit diesem Sänger zusammenbleibt. Der war ja früher mal fesch, aber jetzt ist der so blad geworden.«
»Welche Heidi, Mama?«
»Na, das Model. Aber vielleicht steht die auf Blade. Der mit den Autos, der Fabio Brillatore, der war ja auch blad.«
»Er heißt Flavio Briatore, Mama. Und was hat das jetzt mit den Trickbetrügern zu tun?«
»Na, gar nichts. Das erzähl ich dir nur so, man wird ja noch ein Gespräch führen dürfen.«
Sie rollte beleidigt mit den Augen. »Also die Trickbetrüger kommen in die Häuser. Sie kommen zu zweit, und einer fragt, ob er ein Glas Wasser haben darf oder geht aufs Klo, und der andere raubt inzwischen die Wohnung aus.«
»Und wo ist das passiert, Mama?«
Vera hatte sich angewöhnt, alle Erzählungen ihrer Mutter genau zu hinterfragen. Eine Berufskrankheit aller Journalisten.
»Na, in Deutschland, aber die kommen sicher auch zu uns. Gestern hat es bei mir auch nach 19 Uhr am Abend geläutet. Ich hab gar nicht aufgemacht. Nach 19 Uhr. Das ist a Frechheit.«
»Du hast doch einen Türspion, hast du nicht nachgeschaut?«
»Natürlich hab ich geschaut. Es waren der Harry und der Dietmar vom Sportverein.«
»Und warum hast du dann nicht aufgemacht, wenn du gesehen hast, dass es welche vom Sportverein waren, die du kennst?«
»Na, weil die auch nur mein Geld wollen. Genauso wie die Trickbetrüger. Die gehen um Spenden. Und zehn Euro will ich denen nicht geben, und fünf Euro sind zu wenig. Da wirst dann hinterher im ganzen Dorf ausgerichtet. Dann heißt es gleich, die alte Horvath ist sierig. Drum ist es besser, man tut so, als wär man nicht zu Hause. Zum Schluss hätten s’ mir noch einen Kalender geschenkt. Also echt, wer braucht jetzt einen Kalender. Einen Kalender verschenkt man im Dezember, nicht im Mai. Du musst echt noch viel lernen, wenn du jetzt wieder am Land leben willst. Was kochst du da?«
Der Käse, dachte Vera. Shit. Er hatte sich durch die Hitze verflüssigt, war über die Platten auf die Heizstäbe geronnen und dort zu einer stinkenden Masse verschmort. Was war nur aus Käse geworden? Früher war Käse beim Grillen in Form geblieben. Er war an den Rändern ein bisschen braun geworden, und dann hatte er beim Reinbeißen Fäden gezogen. Aber das, was da über die Platten kroch, war eine dottergelbe Suppe.
»Supermarktklumpert«, kommentierte Hilda. »Auf meinem Facebook schreiben die, dass im Käse gar keine Milch mehr drinnen ist. Und in einer steirischen Käsefabrik hams sogar Käfer im Käse gefunden. Ich kauf Käse nur im Bauernladen, aber nur, wenn die Frau Fuith aus Mariasdorf Dienst hat, weil die anderen Verkäuferinnen …«
»Nach was riecht es da so komisch?«, fragte Letta stirnrunzelnd. Der Hunger hatte sie offenbar aus ihrem Verschlag getrieben. Sie nahm die Kopfhörer ab. »Leave me alone …«, die Stimme von Deprirapper NF waberte aus den Lautsprechern.
»Ich hab den falschen Käse gekauft«, gestand Vera.
»Na super. In Wien hätten wir jetzt Pizza bestellen können«, sagte Letta. »Aber hier in der Einöde müssen wir verhungern.«
»Du kommst mit zu mir, ich mach dir ein Schnitzerl mit Reis«, sagte Hilda zu ihrer einzigen Enkelin. Die Bereitschaft, zu jeder Tages- und Nachtzeit Schnitzerl mit Reis zu machen, hatte ihr den Bonus eingebracht, dass Letta zu ihr weitaus freundlicher war als zu allen anderen Menschen in ihrem Umfeld.
»Wie war’s in der Schule?«, fragte Hilda.
Letta rollte mit den Augen. »Geht so. Die haben mich heute gefragt, ob meine Mama mal was mit einem Basketballer hatte.«
Vera zuckte zusammen. Sie wusste, was diese Anspielung bedeutete. In der Oberwarter Basketballmannschaft gab es zahlreiche dunkelhäutige Legionäre aus den USA. Kurz überlegte sie, ob die Bemerkung wohl rassistisch gemeint war. Aber vermutlich war es nur neugieriges Gerede ohne Hintergedanken.
Lettas Haut war dunkler als die der anderen Kinder. Bei einer Buntstiftzeichnung hatte sie nie nach dem »hautfarbenen« Rosa gegriffen, das alle anderen Kinder benutzten, um Gesicht und Hände auszumalen, sondern immer nach Ockerbraun. Ihre Hautfarbe war das Erbe ihres brasilianischen Vaters. Ein Fotograf, mit dem Vera eine heftige, wenn auch komplett dysfunktionale Beziehung gehabt hatte, bei der die Distanz zwischen Rio und Wien noch das kleinste Problem gewesen war. Vera hatte seit ihrer Schwangerschaft keinen Kontakt mehr zu ihm. Letta, eigentlich Violetta, war wirklich das einzig Positive, das dieser Typ je zusammengebracht hatte, dachte sie.
»Hattest du was mit einem Basketballer?« Letta sah sie fragend an.
»Nein«, seufzte Vera.
»Die Heidi hat auch ockerfarbene Kinder«, sagte Hilda fröhlich. »Und jetzt mach ich dir ein Schnitzerl.«
1 Kartoffeln zu braten
2 Jesus, jetzt wirst du noch krank werden. Jetzt muss ich dich vor das Backrohr setzen.
3 Johannisbeeren abrebeln
4 Bohnenschoten öffnen
5 Maiskolben
Trauerarbeit
Akt 1
»Alles, was ich denken konnte, war: Ich will ihn noch einmal sehen! Ihn einfach noch einmal anschauen. Ihn ein letztes Mal berühren. Aber die haben es mir nicht erlaubt. Die Ärztin gab mir ein starkes Beruhigungsmittel. Das hat mich völlig lethargisch gemacht. Dass ich ihn nicht mehr sehen durfte, werde ich ihnen nie verzeihen.«
Kapitel 2
Eva und Paul
Stubenfliegen können Essen mit ihren Füßen schmecken! Dafür sorgen Geschmacksrezeptoren an ihren Unterschenkeln und Füßen. Landet eine Fliege auf einer Mahlzeit, die ihr zusagt – die Bandbreite reicht dabei von Hundescheiße bis Kuchen – wird sie möglichst oft darauf herumlaufen, um etwas von dem guten Geschmack zur nächsten Mahlzeit mitzunehmen.
Eva drückte auf das Pluszeichen des glatten Displays, aber nichts passierte. Sie probierte es noch einmal. Keine Chance. Seufzend griff sie zu einem Küchentuch aus grauviolettem Leinen und wischte über die Oberfläche, um etwaige Feuchtigkeit zu entfernen. Sie hasste diesen hypermodernen Herd. Automatikprogramme, kabelloses Speisenthermometer, Pyrolyse-Ausstattung, aber ein Touch-Bedienfeld, das sie fast zum Weinen brachte.
Der Herd war Pauls Entscheidung gewesen, wie auch das Haus, der Umzug und alles andere, was Evas Leben ausmachte. Wäre Paul ein Herd, wäre er genauso einer, dachte Eva verbittert. Äußerlich schick und spiegelglatt, aber in seinen Aktionen unberechenbar. Vor lauter Frust trommelte Eva jetzt mit den Fingern gegen die Glasplatte.
Ein schrilles Geräusch ertönte. Auch Paul wurde in letzter Zeit gerne mal laut. »Du sitzt wie eine Prinzessin den ganzen Tag daheim, du hast ja keine Ahnung, was ich ständig um die Ohren habe«, brüllte er dann. Prinzessin. Irgendwann war Eva tatsächlich seine Prinzessin gewesen. Damals, als sie mit 15 in der Schulvorführung das Schneewittchen gespielt hatte und gar nicht glauben konnte, dass sich der große, blonde charismatische Paul ausgerechnet für sie interessierte.
Aus dem selbstbewussten Klassenschönling der 5c war ein erfolgreicher Architekt geworden. Oder genauer gesagt, ein »Beinahe-Architekt«. Nur Eva wusste, dass Paul das Studium nie abgeschlossen hatte. War auch nicht nötig. Das »Planungsbüro Achleitner« lief auch ohne akademische Urkunde. Und die notwendigen Stempel für die Einreichungen konnte man sich ja kaufen.
Das Schrillen ging Eva durch Mark und Bein. Sie war eine empfindsame Frau und viel zu empathisch. Einer dieser Menschen, die 1000 Kleinigkeiten wahrnehmen und manchmal ganz erschöpft waren von der Vielzahl der Eindrücke in ihrem Kopf. Menschenmassen, Lärm und Geschwindigkeiten überforderten sie und machten ihr Angst. Früher hatte ihre Sensibilität Pauls Beschützerinstinkte geweckt. Heute zeigte er sich zunehmend genervt. »Stell dich nicht so an. Andere Frauen stellen sich auch nicht so an.« Andere Frauen waren der ständige wunde Punkt in Pauls und Evas Beziehung.
»Buchschachen ist ein frischer Start für uns«, hatte er ihr versprochen, als seine letzte Affäre aufgeflogen war und er Frau und Kind fast in einer Nacht- und Nebelaktion vom Nord- ins Südburgenland transportiert hatte. Eva hatte den Verdacht, dass weniger Pauls moralische Läuterung der Grund für den Umzug war als Ungereimtheiten bei seinem letzten Großprojekt, dem Bau des »Seewinkler Inselparadieses«.
»Überzoide Wochenendhütten für gstopfte Wiener«, wie Paul gerne sagte. Immerhin: Das Projekt plus der Verkauf des Familienhauses im Norden hatte genug Geld eingebracht, um das ultramoderne Anwesen zu erwerben, das wie ein schwarzes Raumschiff über dem Buchschachener Hotter schwebte. Das Haus hatte einem gehört, dem sein Fremdwährungskredit zum Verhängnis geworden war. »Dann is eam a no die Oide oboscht«6, hatte die Nachbarin Eva erzählt. Manchmal würde Eva auch gerne oboschn. Einfach verschwinden. Aber wohin?
Eva hatte es nach dreimaligem Durchlesen der Betriebsanleitung endlich geschafft, den Herd anzuwerfen, und begann, Zwiebeln und Fleisch in Olivenöl zu bräunen. Französisches Boeuf en Daube, also provenzalischer Schmortopf vom südburgenländischen Moorochsen. Das signalisierte Regionalbewusstsein und Weltoffenheit. Genau das, was Paul ausstrahlen wollte. Sie musste sich beeilen. Die Gäste würden zwar erst am Abend kommen, aber Paul mochte es nicht, wenn das ganze Haus nach Zwiebeln roch, was bei dem offenen loftartigen Grundriss des Raumschiffes fast unvermeidbar war.
Eva öffnete die Eingangstür, um zu lüften. Auf den Stiegen stand ein Karton Eier. Die Eier waren laut Pickerl am Karton vor zwei Monaten abgelaufen. Als das das erste Mal passiert war, hatte sich Eva den Kopf darüber zermartert, warum ihr die Nachbarn abgelaufene Eier vor die Tür gestellt hatten. War das eine versteckte Message, ein Zeichen, vielleicht sogar eine Drohung? Dann hatte sie irgendwann gecheckt, dass die Eier von den eigenen Hühnern der Nachbarn stammten und nur in die alten Kartons aus dem Supermarkt verpackt wurden. Allerdings hieß das nicht zwangsläufig, dass die Eier immer frisch waren. Es waren freilaufende Hühner, die legten, wo sie wollten. Manche Eier wurden erst Wochen später gefunden.
Eva nahm eine Schüssel Wasser und legte die Eier hinein. Die meisten Eier richteten sich in der Sekunde auf. Frisch waren die nicht mehr. Ein Tiramisu traute sich Eva damit nicht zu machen. Vielleicht lieber Schokoladenbrownies oder eine Mohntorte mit Joghurt und Himbeertopping.
Eva hatte schon immer gerne gekocht und gebacken. In ihrer Rolle als One-Woman-Eventunternehmen für Pauls Geschäftsanbahnungen hatte sie diese Fähigkeit perfektioniert. Paul erwartete von Eva, fürsorglich, unterstützend, loyal, geduldig und fröhlich zu sein. Er erwartete das 24/7. Aber ganz besonders, wenn Gäste da waren.
Die, die für heute angesagt waren, waren wichtige Leute. Der Chef der »Pannonia Bau« samt Gattin. »Da darf nichts schiefgehen«, hatte ihr Paul eingebläut.
Zumindest würde seine Laune heute Abend besser sein. Sein Charmepegel stieg mit der Wichtigkeit des Besuchs. Je einflussreicher und nützlicher ihm die Menschen erschienen, desto mehr warf er sich ins Zeug, ließ den unterhaltsamen Sonnyboy raushängen, war witzig und charismatisch. Evas Freundinnen behandelte er zumeist mit Ignoranz, außer sie gefielen ihm.
Eva stellte die Daube ins Rohr, drehte das Display auf 160 Grad und machte sich fertig, das Haus zu verlassen. Sie musste noch ihre Tochter Carla abholen, die im benachbarten Pinkafeld beim Jazzdance-Unterricht war. An die ständige Fahrerei hier im Süden hatte sie sich erst gewöhnen müssen. Das Busnetz war hier wesentlich schlechter ausgebaut, die Häuser in Buchschachen verstreuter als die Straßendörfer im Norden.
»Eigentlich sieht Buchschachen schon steirisch aus«, hatte ihnen der Vorbesitzer des Hauses erklärt. Das war positiv gemeint. Er wollte ausdrücken, dass Buchschachen mehr nach Geld aussah als die umliegenden burgenländischen Dörfer. Die urbanen Zuagroasten, die sich hier niederließen und ihre Kohle in die Revitalisierung der Arkadenhöfe steckten, schätzten das Dorf wegen seiner Nähe zur Autobahn. Man war gerne am Land, aber wollte auch schnell wieder weg.
Eva stieg in ihren schwarzen SUV, betätigte die Zündung und gab Gas. Der Wagen rollte langsam aus der Einfahrt. Sie blinkte und bog auf die Landstraße ein. Auf dem Bankerl vor der Kirche saßen zwei Frauen und winkten ihr freundlich zu. Eva winkte zurück. Sie erkannte ihre Nachbarin an der auffällig geblümten Kittelschürze. Den darauffolgenden Dialog der beiden hörte sie natürlich nicht.
»Wor des dei Weanerin, derst immer die Oa aufibringst?«, fragte die eine und fügte ein bisserl süffisant hinzu: »Woarum tuist da deis, bei dem Wogn kaun sa si d’ Oa a kafn?«
»Jo, weil i neigierig bin«, sagte die andere. »Außerdem is des ka Weanerin, sondern ane ausn Nordburgenland.«
»Jessas«, sagte die erste. »Nordburgenlandler san des … geh, hear ma auf. Do is ma jo a Neger no liawa.«7
*
Vor der Schule, in der der Tanzunterricht stattfand, hatten sich schon zahlreiche Eltern mit ihren Fahrzeugen eingeparkt. Es war windig. Eva beschloss, in die Aula der Schule zu gehen und dort auf Carla zu warten. Eine der Mütter, die bereits dort stand, kannte Eva vom Sehen. Viktoria? Veronika? Nein, Vera. Die Frau hieß Vera. Sie hatte sich den Namen gemerkt, weil sie bei der Anmeldung hinter ihr gestanden war und ihr deren Tochter mit den blitzenden Augen und den dunklen Locken aufgefallen war. Irgendwie hatten Vera und ihre Tochter eine urbane Aura. Das lag auch an der Kleidung. Vera hatte ihre dunklen Haare zu einem schlampigen Dutt hochgesteckt und trug derbe Boots zu einem schlichten grauen, asymmetrisch geschnittenen Kleid. Vera musste bemerkt haben, dass Eva sie angestarrt hatte, denn sie blickte fragend zurück und hob das Kinn. Eva errötete.
»Du bist die Mutter von Carla, oder?« Vera lächelte breit.
Sie musste wirklich aus der Stadt sein, so leicht wie ihr das Du über die Lippen kam. Die anderen Mütter hatten Eva bisher immer gesiezt.
»Ja, wir sind erst vor einem halben Jahr nach Buchschachen gezogen. Ich dachte, ›Dance Together‹ könnte Carla Spaß machen.«
»Jede Freizeitbeschäftigung, bei der mein Kind nicht auf seinem Bett liegt und am Handy herumwischt, ist ein Gewinn«, sagte Vera.
Eva schmunzelte, dann überkam sie wieder die gewohnte Schüchternheit. Sie war nicht sonderlich gut in Small Talk. Das war Pauls Part. Vera hatte ihr in drei Minuten ihre halbe Lebensgeschichte und den Grund für ihre Heimkehr nach Sankt Martin in der Wart erzählt. Eva fiel es wesentlich schwerer, sich zu öffnen. In ihrer Unsicherheit starrte sie auf eine Pinnwand schräg vis-à-vis, auf der diverse Zettel und Prospekte hingen. Feng Shui, eine Aufforderung zum Mülltrennen, die Ankündigung eines Schulkonzertes. Ein Zettel mit einem grünen Daumenabdruck.
Vera folgte ihrem Blick.
»Oh, schau mal, da ist ein Aushang von einem Gartenstammtisch. Das wär was für mich. Wenn ich nicht bald die Schnecken in den Griff bekomme, zuck ich aus. Die Viecher haben mir das ganze Gemüsebeet leergefressen. Habt ihr in Buchschachen auch einen Garten?«
Eva nickte. Sie liebte alles, was wuchs und gedieh. Bei diesem Thema fühlte sie sich sicher. »Ja, aber weniger Gemüse, mehr Stauden und alte Rosen. Das meiste habe ich aus dem Nordburgenland hierher verpflanzt, aber der Garten hier ist riesig, es gibt noch so viele Lücken, ich bin noch lange nicht fertig.«
»Na dann«, sagte Vera und fotografierte den Flyer mit dem Handy, um die Kontaktdaten zu speichern. »Vielleicht sieht man sich dort.«
»Vielleicht«, sagte Eva.
Der Tanzunterricht war zu Ende. Die Tür zum Turnsaal ging auf. Dutzende Kinder stürmten zu ihren Eltern. Vera winkte Eva noch einmal zu und verschwand mit Letta im Schlepptau.
Eva blieb nachdenklich vor dem Flyer stehen. »Worauf warten wir noch«, fragte Carla.
»Ich mach noch schnell ein Foto von dem Aushang da«, sagte Eva. »Aber dann müssen wir uns tummeln, sonst wird der Papa grantig.«
Der Papa war tatsächlich grantig. »Wo warst du bitte die ganze Zeit«, herrschte er Eva an. »Ich hab dir doch gesagt, das heute Abend ist wichtig, und du fährst den ganzen Nachmittag in der Gegend spazieren.«
»Ich bin nicht spazieren gefahren, ich habe Carla von der Tanzstunde abgeholt«, verteidigte sich Eva.
Aber es war sinnlos, Paul hatte sich schon in Rage geredet: »Die kommen in zwei Stunden, das ganze Haus fäult nach Zwiebeln, nix is fertig, und du siehst erbärmlich aus. Wir müssen heute repräsentieren, geht das in deinen Schädel nicht rein? Das heute ist wichtig! Wenn ich dann einmal was von dir erledigt haben möchte, kriegst du es nicht auf die Reihe. Also bitte, komm endlich in die Gänge. Tua weiter.«
Eva seufzte tief. Als ob sie nicht wüsste, was sie zu tun hätte. Dann tat sie, was zu tun war.
Es war schon der dritte Repräsentationsabend für zukünftige Kunden und Kontakte in dieser Woche. Paul hielt Hof. Anders konnte man das, was er hier abzog, nicht beschreiben. Er gab sich vor Besuch wie ein König, der sein Reich präsentierte.
Die Hausführung war immer der erste Akt bei Pauls Abendeinladungen. Er ließ die Leute sogar ins Schlafzimmer blicken. Eva hasste die Blicke der männlichen Gäste, die dann zwischen dem luxuriösen Boxspringbett und ihr hin und her schweiften. Sie konnte deren Gedanken lesen. »Hier nagelt er also seine Frau. Sieht eh hübsch aus, die Puppe. Aber wenn man so reich ist wie der Achleitner, dann stehen die Weiber halt auf einen.«
Als ob sie Paul wegen seines Geldes geheiratet hätte. Als sie ihn kennenlernte, hatte er noch gar keines. Es war Evas Vater, der Paul damals bei der Hochzeit das Geld für die Gründung der Firma gegeben hatte. Evas Vater war ein Patriarch. Die Mitgift war der letzte Akt seiner Versorgungs- und Unterhaltspflicht für Eva gewesen. Und der ehrgeizige Paul hatte die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Er hatte mit dieser Starthilfe ein florierendes Bauunternehmen geschaffen. Dass er sein Architekturstudium nie abgeschlossen hatte, war allerdings seine Achillesferse. Vor allem, weil Eva sehr wohl ihren Abschluss auf der Universität für Bodenkultur gemacht hatte. Wofür eigentlich, fragte sich Eva. Sie hatte keinen Tag in ihrem Beruf als Landschaftsarchitektin gearbeitet. Ihr Job war es, den Haushalt zu führen und Paul in all seinem Tun zu unterstützen. Dann hatte sie nach mehreren Fehlgeburten Carla bekommen, und jetzt war es ohnehin zu spät für eine Karriere. Sie wusste, dass sie in ihrer Rolle der verzweifelten Hausfrau ein wandelndes Klischee war, und trotz ihres brillanten Intellekts betrübte sie diese Erkenntnis noch mehr als die Tatsache selbst.
Die Türglocke riss sie jäh aus ihren Grübeleien. Der Chef der »Pannonia Bau« und seine Frau waren eingetroffen. »Immer herein in meine bescheidene Hütte«, tönte Paul. Das mit dem »bescheiden« war pure Komplimenthascherei. Denn natürlich fühlte sich der Besuch dadurch genötigt, einen Lobgesang auf das Raumschiff und dessen Kommandanten anzustimmen. Paul sonnte sich in dem Lob. »Seht her, wer ich bin! Seht her, was ich erreicht habe!« Und dann immer die subtile Message: »Als meine Verbündeten könnt ihr Teil dieses Glanzes sein.«
Eva wusste genau, wie es nun weiterging. Nach der obligatorischen Hausführung würde Paul den Champagner aufreißen, und aus Herrn Direktor Zieserl und Gattin würden Harald und Sylvia werden.
Bis zum Plopp des Champagnerkorkens hatte sie Zeit, um die Vorspeisen vorzubereiten.
Sie bestrich kleine Blunzenpogatscherl mit Leberaufstrich von der südburgenländischen Weidegans und träufelte etwas Uhudlergelee darüber. Das Walderdbeeraroma der Uhudlertrauben passte gut zum erdig-würzigen Leberaufstrich aus der Region. Paul mochte fleischbetonte Küche mit dem gewissen Extra. Veganismus hielt er für eine Krankheit.
Eva servierte die Vorspeise gerade rechtzeitig zum Anstoßen und zum Bruderschaftskuss. Die Lippen des Herrn Direktor waren weich und fleischig auf ihren Wangen. Sylvia verteilte nur spitzlippige Luftküsse.
Sie reichte die Platte mit den Pogatscherln herum. Harald Zieserl griff begeistert zu und lobte den Geschmack dieses »innovativen Schmankerls«. Eva musste innerlich lachen: Hatte er gerade wirklich »Schmankerl« gesagt? Gab es tatsächlich Menschen, die dieses Unwort des Gastromarketings in den Mund nahmen?
Der Bauch des »Pannonia Bau«-Direktors wölbte sich über seiner Anzughose, er hatte ein freundliches Gesicht mit Hamsterbacken und einem leichten Doppelkinn, und seine Augen blitzten jovial. Er sah aus wie einer, der sich gerne anfüttern ließ. Wahrscheinlich hatte er sich sein Übergewicht auf Dutzenden Besprechungen, Veranstaltungen und politischen Events angefressen.
Seine Frau Sylvia war deutlich jünger, und alles an ihr wirkte hart. Ihr gestählter Body, der in Stretchhose und hochhackigen Boots steckte, ihre Fake-Brüste, die unter dem engen Top fast waagrecht von ihr wegstanden, der Zug um ihren Mund. Ihre grauen Augen hatte sie mit viel schwarzem Kajal umrandet. Auch ihre Haare waren pechschwarz gefärbt. Eva hätte wetten können, dass die Frau auch irgendwo ein schwarzes Tattoo aus ihrer wilden Zeit hatte, bevor sie die Frau Baudirektor wurde, vielleicht sogar ein Arschgeweih. Altersmäßig könnte das hinkommen. Eventuell würde Paul dieses Geheimnis lüften. Den interessierten Blick, mit dem er Sylvia aus dem Augenwinkel taxierte, kannte Eva nur zu gut. Aber Paul war viel zu schlau, um sein Interesse offen zu zeigen. Das konnte warten. Seine heutige Priorität war nicht, die Frau anzubraten, sondern den Mann einzukochen. Und das tat er gerade nach allen Regeln der Kunst.
Paul war ein blendender Unterhalter. Er hatte ein Feuerwerk an witzigen Geschichten parat. Eva kannte die meisten dieser Anekdoten schon und lächelte daher nur, wie jemand halt lächelt, der einen Witz zum 100. Mal hört, aber die Zieserls hingen gebannt an seinen Lippen. Außerdem verstand es Paul ausgezeichnet, anderen Leuten das Gefühl zu geben, sie wären etwas Besonderes. Er hatte sich gut auf den Abend vorbereitet, den bisherigen Lebenslauf des »Pannonia Bau«-Direktors recherchiert und streute ihm jetzt gekonnt Rosen. »Also das Wohnprojekt Pinkatal. Damit ist dir schon ein Coup gelungen, mein lieber Freund. Das hat Style. Das hätte die Zaha Hadid8 auch nicht besser hinbekommen.« Dem Direktor schwoll die Brust vor Stolz.
Und schon lenkte Paul das Gespräch geschickt auf das Thema, auf das er schon den ganzen Abend hinsteuerte. »Ehrlich gesagt erinnern mich die Wohnungen im Pinkatal ein bisschen an mein letztes Werk. Ihr wisst schon, das ›Inselparadies‹ am Neusiedlersee. So etwas können wir auch hier schaffen. Mit einem attraktiven Wohnprojekt wie diesem bringen wir die Menschen in unsere Region, stärken die südburgenländische Wirtschaft und schaffen zusätzliche Arbeitsplätze.«
Paul hätte echt in die Politik gehen können. Er sagte bereits »unsere Region«, obwohl er gerade mal ein paar Monate hier lebt, überlegte Eva. Aber dem »Pannonia Bau«-Typen schien das runterzugehen wie Öl. »Ich bin in meiner Funktion natürlich ein großer Freund der Regionalentwicklung«, sagte er und biss begeistert in das fünfte Blunzenpogatscherl.
»Unser Gast hat Hunger, was macht die Hauptspeise?« Das »Tua weiter«, sparte er sich in Gegenwart der Gäste. Aber Eva hörte es, auch wenn es unausgesprochen blieb.
»Kommt sofort!«, sagte sie mit einem strahlenden Fake-Lächeln und verzog sich in die Küche.
Sie selbst hatte null Appetit. Sie hatte schon mit Carla eine Kleinigkeit gegessen, die nach dem Tanzen ausgehungert gewesen war und nun vermutlich in ihrem Zimmer lag und Serien schaute. Eva hätte sich gerne zu ihr ins Bett gelegt und ihr dabei Gesellschaft geleistet.
Dabei roch die Daube köstlich. Das Fleisch war butterweich, die Soße sämig. Ein Duft von Thymian, Rosmarin, Lorbeer und Wacholder erfüllte die Küche, als sie kurz den Deckel lüftete. Die angebrochene Flasche Kochwein stand noch neben der Abwasch. Eva genehmigte sich einen kräftigen Schluck. Anders würde sie diesen Abend nicht durchstehen. Als Beilage hatte sie weiße Polenta und Bittersalate mit Apfel-Wacholder-Vinaigrette gemacht. Die Gäste würden zufrieden sein.
Sie trug das Essen auf. Der Champagner war schon leer. Paul öffnete gerade eine Flasche Desiderius 2013. Die Gäste mussten ihm wirklich wichtig sein, wenn er mit dermaßen großen Geschützen auffuhr.
»Ah, der Wein vom Szemes. Ich dachte, der Jahrgang ist längst ausverkauft«, sagte Harald Zieserl anerkennend.
»Nicht, wenn man die richtigen Leute kennt«, grinste Paul verschwörerisch. »In unserem Geschäft sind gute Beziehungen doch alles.« Er zwinkerte dem »Pannonia Bau«-Chef zu. »Soll ich dir eine Kiste besorgen?«
Eva kaute betont langsam an einem Bittersalatblatt. Sie kam sich an solchen Abenden immer öfters vor wie die Zuschauerin in einem bizarren Theaterstück. Nicht nur Paul und Harald, auch Sylvia Zieserl ließ sich ordentlich auftischen. Diese Sylvia isst viel zu viel für ihre Figur, dachte Eva. Entweder sie macht Intervallfasten, oder sie ist Bulimikerin. Bitte, lieber Gott, lass sie nicht in mein Klo speiben.
»Würmchen, träumst du schon wieder, der Herr Direktor sitzt auf dem Trockenen, schenk ihm doch nach.« Eva hasste es, wenn Paul sie Würmchen nannte. Ein Spitzname, den er ihr wegen ihrer Gartenleidenschaft gegeben hatte. Sie war Landschaftsarchitektin und kein Kompostwurm. Aber das jetzt auszudiskutieren, wäre sinnlos gewesen.
Sylvia Zieserl grinste belustigt. »Würmchen? Wie originell.« Und dann nach einer kleinen Pause: »Darf ich hier rauchen?«
Nein, dachte Eva, sie hatte keine Lust, dass das Raumschiff danach wie ein Aschenbecher stinken würde.
»Natürlich«, sagte Paul, griff zum Feuerzeug, das neben dem Kamin lag, und gab Sylvia lässig Feuer. Eva sah, dass er dabei mit dem kleinen Finger ihre Hand streifte. Sylvia zog überrascht die Augenbraue hoch, wirkte aber eher geschmeichelt als brüskiert. Harald Zieserl kriegte davon nichts mit.
Paul war bereits beim Hauptakt seiner Aufführung angelangt. »Wir sollten hier im Süden wirklich über so ein Projekt wie das ›Inselparadies‹ nachdenken. Die Lafnitzer Auen wären ideal dafür. Wohnen in und mit der Natur. Attraktive Wochenendhäuser für die urbanen Bobos, die mehr Geld als Verstand haben und sich nach Entschleunigung sehnen.«
Harald Zieserl nickte interessiert. »Was ist ein Bobo?«, fragte Sylvia gelangweilt.
»Na, so ein bürgerlicher Pseudoidealist, der wegen der Klimakrise nicht mehr nach Mauritius fliegt und dem es in seinem Wochenendhaus im Waldviertel zu kalt ist. Hier im Südburgenland ist das Wetter fast so schön wie in der Toskana. Der Bobo kann hier am Wochenende seinen Traum vom Landleben zelebrieren und ist dank der guten Autobahnanbindung am Montag trotzdem pünktlich in seinem Büro in der Stadt«, klärte Paul auf. »Habt ihr noch nie von Bobos gehört? Bourgeoiser Bohémien. Der siebente und der achte Bezirk in Wien und das Lendviertel in Graz sind voll von solchen Leuten.«
Die Zieserls lauschten gespannt. »Das Ganze muss natürlich eine finanzielle Win-win-Situation für uns sein«, sagte Paul und rieb den Daumen der rechten Hand gegen den Mittelfinger. »Die Bürgermeister müssen halt mitspielen, wegen der Umwidmung, aber im Nordburgenland war das auch kein Problem. Da wäscht eine Hand die andere. Da kennst du sicher die richtigen Leute. Win-win, sage ich nur. Wir müssen halt schauen, dass die Grünen nicht zu schnell Wind von der Sache kriegen. Die wehren sich ja gegen jede Bautätigkeit und verstehen einfach nicht, dass eine attraktive Wohnanlage mit einladenden Grün- und Kommunikationsflächen auch dem Schutz von Grund und Boden dient.«
»Ich hab eh gute politische Beziehungen, auch in der Bundesregierung«, sagte Harald Zieserl stolz.
»Was stinkt denn da so grauenhaft?«, fragte Sylvia und rümpfte angewidert die Nase.
Eva stürzte in die Küche. Auf der linken Herdplatte stand die Plastiktortenform mit der Mohntorte, die sie am Nachmittag gebacken hatte. Die Herdplatte war an, das Plastik war geschmolzen und stank entsetzlich.
Eva versuchte, die Form wegzuziehen, aber sie klebte an der Platte fest. Ihr Versuch, den Herd auszuschalten, war ebenfalls ergebnislos. Das Ding piepste nur wie verrückt.
Paul war ihr gefolgt. Sie bemerkte seine steile Zornesfalte. Er hasste solche Ungeschicklichkeiten, weil sie seine perfekte Performance störten. »Was hast du da wieder angestellt«, zischte er sie an, »eine Plastikschüssel auf einen aufgedrehten Herd stellen. Wie blöd kann man sein?«
»Ich schwöre, der Herd war nicht an!«, sagte Eva. »Ich war seit einer halben Stunde nicht mehr in der Küche. Der muss von allein angegangen sein.«
»Jaja, von allein«, höhnte Paul. »Das war vermutlich der Heilige Geist. Mach das weg und dann lass dir was einfallen wegen dem Dessert. Ist noch Eis eingefroren? Dann nimm das. Und servier ja nicht den Kastanienreis, den die Putzfrau ständig aus Ungarn daherzaht, der besteht nur aus Bohnen und Zucker. Ich mach inzwischen einen Eiswein auf.«
Er rannte wieder zurück zu den Gästen. Eva hatte er finster angestarrt, aber sobald er in Sichtweite der Zieserls war, knipste er wieder sein Siegerlächeln an.
»Kleines Problem mit dem Herd.«
Eva hatte es inzwischen geschafft, den Herd abzudrehen. Sie kratzte mit dem Ceranfeldschaber das weiche rauchende Plastik von der Platte. Sie hatte den Dunstabzug auf Höchstleistung aufgedreht und eine Duftkerze angezündet, aber es stank immer noch fürchterlich. Schnell richtete sie in kleinen Schälchen Eis an. Sie konnte sich noch immer nicht erklären, warum der Herd angegangen war. Sie wusste zu 100 Prozent, dass sie diese Platte den ganzen Abend lang nicht bedient hatte. Vielleicht wurde sie auch verrückt. Paul warf ihr ständig vor, dass sie ein Traummännlein war, das Geister sah und ein Fall für den Psychologen war.
Eva griff zum Tablett, stellte die Eisschälchen, Waffeln und eine Schüssel Schlagobers darauf und ging damit zurück zu Paul und seinen Gästen. Wenigstens würde er sie nicht weiter sekkieren, solange die beiden da waren. Dass sie sich nachher etwas anhören würde können, war sicher.
Die wahre Schuldige kam freilich nicht nur ungestraft davon, sie wiederholte sogar ihre Missetat: Die fette Fliege kreiste summend um den Herd und ließ sich dann zum zweiten Mal an diesem Abend gemütlich auf dem Pluszeichen des Displays nieder, an dem kaum sichtbar ein Tropfen Uhudlergelee klebte.
6 Dann ist ihm auch noch die Frau abhandengekommen
7 War das die Wienerin, der du immer die Eier hinaufbringst«, fragte die eine und fügte ein bisschen süffisant hinzu: »Warum tust du das, bei so einem Wagen kann sie sich auch Eier kaufen?« »Ja, weil ich neugierig bin«, sagte die andere. »Außerdem ist das keine Wienerin, sondern eine aus dem Nordburgenland.« »Jesus«, sagte die erste. »Nordburgenländer sind das … Geh, hör mir auf. Da ist mir ja ein Dunkelhäutiger noch lieber.«
8 Zaha Hadid war eine bekannte irakisch-britische Architektin.
Kapitel 3
Skikurs
Ob und wann er darf, darüber entscheidet bei den Taufliegen immer das Weibchen – und es macht es dem Auserwählten nicht leicht. Anstatt dem Werben zügig nachzugeben, weist es dieses zuerst zurück. Doch hat das Männchen es geschafft, sie zu begatten, hat es gewonnen. Denn seine Samenflüssigkeit löst bei ihr ein mysteriöses Post-Sex-Verhalten aus: die Abwehr weiterer Verehrer und vermehrte Eierproduktion.
Paul erwachte mit einer Morgenlatte. Kurz überlegte er, ob er seine noch schlafende Ehefrau damit konfrontieren sollte. Aber dann entschied er, dass ihm das zu mühsam war. Er hatte gestern, nachdem die Zieserls gegangen waren, noch einen wilden Streit mit Eva gehabt. Er hatte ihr vorgeworfen, dass sie unfähig war, ein simples Essen auf den Tisch zu bringen. Gerade dann, wenn es wirklich wichtig für ihn war. Und dann hatte er sie gefragt, ob sie sich mit Absicht so blöd anstellen würde, um ihn zu demütigen. Eva hatte geheult und war hysterisch geworden.
Für Versöhnungssex war es jetzt zu spät. So wie er Eva kannte, war die schon im »gekränkt und beleidigt Modus« und würde den ganzen Tag kaum mit ihm sprechen, sondern ihn nur mit waidwundem Blick mustern. Wie er diese Märtyrernummer hasste.
Evas passive Opferhaltung widerte ihn zunehmend an. Konnte sie nicht ein bisschen Feuer im Arsch haben. So wie diese Zieserl. Jaja, die Zieserl. Er dachte an ihre Titten. Die waren echt geil. Er fuhr mit der Hand in seine Boxershorts und stellte sich vor, sein Schwanz läge zwischen ihren Titten. Er bewegte seine Hand langsam auf und ab. Dass Eva was mitbekommen würde, schloss er aus. Die hatte Ohrenstöpsel drinnen, wegen seiner Schnarcherei. Und außerdem hatte sie ihre komischen CBD-Tropfen genommen, wie immer, wenn sie was aufregte. Das war dann aber auch schon der letzte Gedanken, den er an Eva verschwendete. An die Zieserl zu denken, war weitaus vergnüglicher. Er grunzte zufrieden, als er sich seinen Fantasien hingab.
Eva wachte auf, weil sie spürte, dass sich die Matratze, auf der sie lag, rhythmisch bewegte. Sie erstarrte.
Das konnte jetzt bitte nicht wahr sein. Ihr Mann lag neben ihr und holte sich einen runter.
Was sollte sie tun? Sie könnte hochfahren, ihn anschreien, ihn beschämen. Aber stattdessen hielt sie die Augen fest geschlossen und stellte sich schlafend. Sie spürte einen Kloß im Hals. Sie biss sich auf die Zunge. Tränen stiegen hinter ihren geschlossenen Lidern auf. Sie hatte all das schon einmal erlebt. So ähnlich und noch viel schlimmer.
Es passierte in der zweiten Klasse Oberstufe während ihrer Zeit im Gymnasium. Eva war unsterblich in Paul verliebt. Sie war die Jüngste in der Klasse, gerade mal 15. Sie war noch Jungfrau. Paul wollte es tun, aber sie hatte Angst davor, dass es wehtun würde, davor, schwanger zu werden, und am allermeisten davor, sich dumm anzustellen. Dümmer als all die anderen erfahrenen Weiber in der Klasse wie die Bettina oder die Sandy, mit denen der Paul schon was gehabt hatte.
Küssen hatte Eva beim Flaschendrehen gelernt. Flaschendrehen wurde damals auf jeder Klassenparty gespielt. Sie hatte immer gebetet, dass sie nicht den pickligen Robert oder den schweißelnden Alex, sondern den Paul erwischen würde. Und dann erwischte sie ihn wirklich. Eva konnte sich noch genau an das Etikett der Flasche erinnern. Es war eine leere Mavrodaphne-Flasche – den süßen griechischen Wein hatten sie zuvor alle gemeinsam gesoffen. Eva vertrug schon damals nichts. Sie hatte rote Wangen vor Aufregung und drehte die Flasche besonders wild, als sie an der Reihe war. Die Flasche kurvte sicher achtmal im Kreis, bevor sie wackelnd zur Ruhe kam. Der Flaschenhals zeigte auf Paul.
Paul grinste und robbte auf den Knien zu ihr, dann nahm er ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie. Und der Kuss war richtig gut, nicht so nass und schlabbrig wie der vom Dietmar und den anderen Buben in der Klasse, die sie in ihrer ewigen Pechsträhne immer zu erwischen schien, wenn sie Flaschendrehen spielten. Von da an war Eva verliebt in Paul. Und aus irgendeinem Grund hatte der Paul dann auch einen Stand auf sie gehabt. Nur das mit dem Sex, oder besser gesagt, das mit dem Keinen-Sex-Haben, war ein Problem.
Dann war der Skikurs gekommen. Der Höhepunkt des Schuljahres, obwohl das Quartier ein einziger Tiefpunkt war. Eine Jugendherberge in Zell am See. Man schlief zu sechst oder zu acht in einem Raum mit Stockbetten. Wählte man das untere Bett, so staubte es aus der Rosshaarmatratze des oberen Betts auf einen herunter. Falls der oben Schlafende sich während der Nacht zu viel bewegte, konnte man ihn mit ein paar Tritten in seinen Rücken daran erinnern, dass man auch noch da war. Allerdings musste man dabei aufpassen, nicht den Lattenrost aus den Angeln zu heben. Schlief man oben, so war der Plafond so knapp über dem Bett, dass es einer gewissen Körperbeherrschung bedurfte, unter die Decke zu gleiten, ohne sich den Kopf anzuhauen.
Eva hatte oben in so einem Bett gelegen, weil sie die Kleinste der Klasse war und deswegen weniger Platz brauchte als die Sandy, die unter ihr lag und schon so groß und entwickelt war wie eine richtige Frau.
Eva konnte dem Skifahren per se nur wenig abgewinnen. Sie war nicht unsportlich, sie machte Ballett und Rhythmische Gymnastik, aber Skifahren war einfach nicht ihres. Wacklige Sessellift- und Schleppliftfahrten, bei denen der Bügel immer weiter über den Hintern rutschte, bis man aus der Spur fiel. Klamme, schmerzende Finger, wenn nach einem Sturz Schnee in die Fäustlinge geraten war. Klobige Skischuhe, mit denen sie in der Hütte auf den Stiegen zum Klo immer stolperte. Viel zu lange Leihski, die machten, was sie wollten. Eisflächen, Mugel, brauner Matsch.
Am meisten freute sie sich immer auf später, wenn die Lehrer schliefen und sich Paul und ein paar andere Burschen heimlich in das Zimmer der Mädchen schlichen, sie dicht an dicht auf ihrem Stockbett saßen, »Bravo« lasen, gemeinsam Paprikachips aßen und den heimlich mitgebrachten Fernet tranken. Die Lehrer hatten angedroht, dass jeder Bursch, der in einem Mädchenzimmer erwischt wurde, von der Schule fliegen würde. Aber Paul hatte schon damals gewusst, wie er es anstellen musste, um nicht erwischt zu werden.
Und dann war dieser verhängnisvolle letzte Abend gekommen. Es hatte eine Abschlussdisco gegeben. Die Mädchen hatten sich alle in Schale geworfen. Sie trugen Glitzershirts und hellrosa getönten Lippenpflegestift, um die gerade erworbene Skifahrerbräune zu betonen.
Die Disco war ein Raum ohne Fenster, aber mit Ghettoblaster. Und bei »Everything I do, I do it for you« von Bryan Adams hatte Paul mit Eva eng getanzt und ihr ins Ohr geflüstert, er würde heute zu ihr ins Zimmer kommen, aber allein und viel später. Und dann würde er es mit ihr tun.
»Nein«, hatte Eva erschrocken gesagt. War er deppert geworden? Am Skikurs in einem Raum mit allen anderen? Er hatte nur blöd gegrinst und die Augenbraue hochgezogen und noch mehr Cola getrunken, das die Klasse vorsorglich schon vorher mit Inländer Rum gespiked hatte. Und dann hatte er sie für den Rest des Abends ignoriert.
In der Nacht war Eva dann aufgewacht, weil sich das Stockbett rhythmisch bewegt hatte. Erst wusste sie nicht, was es war. Ein Erdbeben? Eine Lawine? Sie wollte schon das Licht anmachen.
Aber dann hörte sie unterdrücktes Stöhnen und da wusste sie, die Sandy unter ihr trieb es mit jemandem.
Es dauerte nicht lange, vielleicht zehn Minuten, aber Eva kam es vor wie eine Ewigkeit. Sie fand es furchtbar peinlich und verstörend, aber irgendwie auch spannend und erregend.
Dann stand der Bursche, der bei der Sandy im Bett gewesen war, auf. Eva sah, wie er sich aufrichtete und seine Trainingshose hochzog. Er hatte keine Schuhe an, nur Socken. So schlich er zurück zur Tür, und als er diese öffnete, um den Raum zu verlassen, fiel das Notlicht aus dem Gang auf sein Gesicht, und Eva sah, wer es war. Paul.
Eva weinte die ganze Nacht. Am nächsten Tag redete sie im Bus auf der Rückreise nach Eisenstadt kein Wort mit ihm. Paul redete interessanterweise auch kein Wort mit Sandy.
Eine Woche war absolute Funkstille zwischen Eva und Paul. Eva hätte ihn hassen sollen, aber stattdessen hatte sie das Gefühl, das alles wäre ihre Schuld gewesen. Es war passiert, weil sie zu unreif und ängstlich war und ihrem Freund nicht das geben konnte, was er brauchte. Sie wollte ihn nicht verlieren. Sie konnte ihn nicht verlieren. Sie brauchte ihn.
Am darauffolgenden Wochenende holte Paul sie am Samstag ab wie immer. Sie gingen in die Disco in Eisenstadt. Eva trank fünf Tequila auf ex, dann sagte sie ihm, sie fühlte sich nun reif für Sex.
Paul fuhr mit ihr in den Wald und entjungferte sie im Auto. Es tat weh. Eva hatte das Gefühl, dass sie sich ungeschickt anstellte. Und danach fragte sie sich, was alle anderen an Sex fanden. Aber von diesem Tag an waren Paul und sie offiziell zusammen.
Paul war der geborene Leader. Er forderte einfach ein, was er wollte, und auch wenn er bei manchen unbeliebt war, gelang es ihm, eine Illusion großer Popularität zu schaffen.
Schon mit zehn reagierte er auf Bemerkungen wie »Du bist nicht mehr mein Freund« nur mit einem lapidaren Schulterzucken und einem höhnischen Lachen: »Ist mir doch egal.«
Mit zwölf war er der König beim »Bluatfetzen«, einem Spiel, bei dem der eine Spieler versuchen muss, eine Münze in die Luft zu werfen und diese im Flug nach bestimmten Regeln zu fangen. Gelingt ihm das nicht, darf ihm der andere Spieler die Münze mit den Fingern gegen die Knöchel der geballten Faust schnippen. Und das wurde so lange gespielt, bis die Knöchel blutig waren.
Mit 14 zerdrückte Paul leere Bierdosen auf seiner Stirn und entdeckte den Alkohol und die Mädchen. Und diese entdeckten ihn. Vor allem die, die in den Mädchencliquen das Sagen hatten, rissen sich um ihn. Dabei basierten all diese Interaktionen auf einem gravierenden Irrtum. Alle Beteiligten verwechselten bei der Partnerwahl Popularität mit Beliebtheit. Beliebtheit drückt aus, wen man persönlich gern mag. Popularität hingegen drückt aus, was man denkt, wen die anderen am meisten mögen.
Mit 16 küsste er beim Flaschendrehen zufällig Eva. Danach schmuste er ein paarmal mit ihr. Sie war ihm vorher nicht wirklich aufgefallen, obwohl sie ausgesprochen hübsch war. Ihre Rolle in der Klasse war es, keine bestimmte Rolle zu haben. Sie war weder stark noch schwach, weder Mitläuferin noch Verteidigerin. Sie war in dieser ganzen mafiösen Gruppendynamik einfach neutral. Und sie war die Erste, die Paul mochte, weil sie ihn mochte und nicht, weil er populär war. Der Haken war nur: Paul mochte sich selbst nicht besonders, und er wusste nicht, ob er Eva für ihre Gefühle lieben oder verachten sollte.
Trauerarbeit
Akt 2
Die Menschen sagen, dass ein schneller Tod ein Geschenk ist. Aber er hätte nicht sterben sollen. Nicht er. Es gibt keine Gerechtigkeit. Ich will, dass er Krebs bekommt. Ich weiß, wie Krebs ist. Ich habe das alles schon einmal gesehen. Wie ein Krebskranker nach Luft schnappt, sich mit starken Schmerzen herumschleppt. Wie sich seine Lungen mit Wasser füllen. Wie der Bauch anschwillt. Wie sich die Augen gelb färben und die Haare ausgehen. Aber Krebs bekommen auch immer die Falschen. Wer Gerechtigkeit will, muss selbst dafür sorgen.
Kapitel 4
Johannas Kräuterstammtisch
In Asien gibt es Mönche und Nonnen, deren Philosophie es ist, niemandem wehzutun, auch nicht den kleinsten Wesen auf diesem Planeten, weder in Gedanken, Worten noch Taten. Die Anhänger des Jainismus tragen stets einen Mundschutz, damit sie nicht versehentlich Insekten verschlucken, und fahren mit Staubwedeln über den Boden, bevor sie diesen betreten, um keine Insekten zu zerquetschen.
Echtes Blau ist im Gartenreich schwer zu finden. Eine Tatsache, mit der sich auch Johanna plagte. In der Mitte ihres »blauen Beetes« thronte eine Bauernhortensie, die zwar hellblau aufblühte, aber dann immer wieder beharrlich in ein schmutziggraues Lila umschwenkte.
Johanna hatte schon mit allerlei Listen versucht, die Pflanze umzustimmen. Sie hatte rund um den Wurzelstock Alaun und rostige Nägel vergraben, Essig ins Gießwasser gegeben und die Staude mit Rhododendronerde angehäufelt. Mal hatte sie dabei mehr, mal weniger Erfolg. Aber erst wenn der Herbst kam und die Blüten zusehends grüner wurden, war das Ringen um die richtige Farbe vorbei, und Johanna war wieder versöhnt – bis zum nächsten Jahr.
Unberechenbar waren auch die Akeleien, die sich im blauen Beet selbst aussäten. Denn immer wieder schlich sich unter den blauen Akeleien eine rosafarbene ein, die, sobald sie Farbe bekannte, von Johanna an eine andere Stelle des Gartens verpflanzt wurde. Sie einfach auszurupfen und auf den Komposthaufen zu werfen, hätte sie nie übers Herz gebracht. Johanna liebte diese Feenblumen seit ihrer frühesten Kindheit.
Als Zehnjährige hatte sie sich immer in den Nachbarsgarten geschlichen. Ihre Eltern bezeichneten dieses Stück Land als verwildert, Johanna als verwunschen.
Der verwunschene Garten gehörte zu einem Wochenendhaus, das reichen Wienern gehörte, die nur zwei- bis dreimal im Jahr herunter in den Süden kamen und deshalb die Blumenschönheiten, die hier neben Giersch und Ackerwinden gediehen, nur selten zu Gesicht bekamen. Johanna genoss deren Anblick dafür umso mehr. Die Akeleien sahen genauso aus wie die Blumen in den Illustrationen in Johannas Märchenbüchern – glockenförmige Blüten, auf denen Feen und Waldgeister schaukelten. Johanna liebte die Akeleien der Nachbarn, und manchmal bildete sie sich sogar ein, eine Fee zu sehen. In ihren Träumen war sie die Herrin dieses Zaubergartens. Jetzt, 40 Jahre später, hatte sie ihr eigenes magisches Gartenreich geschaffen und genoss es. Jedenfalls solange sie an der richtigen Stelle Blau sah.
Eigentlich war Johanna nur an einer einzigen Pflanze gescheitert, und das war ausgerechnet die, wegen der sie das blaue Beet ursprünglich geplant und angelegt hatte: dem Rittersporn.
Die blaue Staude war fixer Bestandteil jedes englischen Cottagegartens. Aber der südburgenländische Lehmboden war anscheinend nicht das richtige Substrat für den Rittersporn.
Johanna war keine, die schnell aufgab, aber irgendwann musste auch sie erkennen, beim Gärtnern galt die Regel: Standort ist alles. »20 Jahre bin ich beim Versuch, Rittersporn im Südburgenland anzupflanzen, gescheitert«, erzählte sie gerne ihren Gartenbesuchern. Denn egal ob gekaufte Pflanzen, geschenkte Ableger oder Pflänzchen, die sie selbst aus Samenkörnern zog, bei Johanna mochte der Rittersporn einfach nicht sein. Nicht einmal die wunderschöne zierliche Wildform, die sie jahrelang von einer Freundin überreicht bekommen hatte, hatte im burgenländischen Lehmboden überlebt. »Jojo, des Südburgenland, dei Stroßn san aus Luam, owa dahuam is dahuam.«9 Die Strophe aus dem Mundartgedicht hätte passender nicht sein können.
Irgendwann hatte auch Johanna eingesehen, dass die Natur am längeren Ast saß, und ersetzte den Rittersporn durch den robusten, aber giftigen Eisenhut. »Der passt sowieso besser zu mir«, scherzte sie dann. Sie spielte auf ihren kräftigen Körperbau und ihre resolute Art an. Letztere legte sie aber nur an den Tag, wenn ihr jemand wirklich »blöd daherkam«.
Im Grunde ihres Herzens war Johanna ein gutmütiger und großherziger Mensch.
Wenn sie nicht in ihrem Garten anzutreffen war, war sie in ihrem Geschäft gleich nebenan. Das Geschäft war eine Mischung aus Bauernladen und Gemischtwarenhandlung. Johanna nahm sich den Luxus heraus, neben Brot, Fleisch, Milch, Eiern und Gemüse auch das zu verkaufen, was ihr selbst gefiel. Mit Pflanzenfarbe gefärbte Schafwolle und originelle Keksausstecher, handgebundene Rosshaarbesen, lokales buntes Keramikgeschirr, Tischtücher aus Bauernleinen und dazu jede Menge Kramuri.
Wäre Johannas Hofladen in der Stadt gewesen, wäre sie damit wahrscheinlich reich geworden, aber hier in dem 300-Seelen-Dorf waren die meisten Kunden Pensionisten, die kein Auto hatten, um in den nächstgelegenen Supermarkt zu fahren. Und der Bedarf der Alten an Geschirr, Besen und Keksausstechern war längst gedeckt. Sie kamen für einen Laib Brot oder einen Liter Milch oder einfach nur zum Tratschen. Johanna störte das nicht. Sie hatte sogar einen kleinen Tisch und ein paar grün lackierte Sessel neben die Budel gestellt, damit sich die Besucher zum Tratschen hinsetzen konnten. Denn zum Tratschen kamen sie alle.
Weil man im Südburgenland jeden Besucher bewirtet, stellte sie ihren Stammkunden auch immer eine Kanne mit Kaffee oder einen Tee aus selbstgepflückten Kräutern und eine Mehlspeise hin. Dafür verrechnete sie natürlich nichts. Eine Tatsache, die der Finanzbeamte aus Oberwart bei einer Kontrolle fassungslos zur Kenntnis genommen hatte. Erst hatte er ihr nicht geglaubt und wollte eine Gastgewerbekonzession sehen, dann hatte er geglaubt, sie wolle ihn bestechen, weil Johannas warmer gedeckter Mürbteigapfelkuchen gar so gut war. Aber die hatte ihn nur ausgelacht.
Die Umsätze in Johannas Hofladen hielten sich in bescheidenen Grenzen, aber sie fühlte sich trotzdem reich, auch wenn andere das nicht verstanden. »Man ist glücklich, wenn man ein bisschen mehr hat, als man braucht, und wenn man nicht so viel hat, muss man halt ein bisschen weniger brauchen«, war ihr Motto.
Obwohl sie nur wenig Geld zur Verfügung hatte, wusste sie mit Geschick und Beziehungen das Beste daraus zu machen. Die Möbel in ihrem Geschäft waren vom Flohmarkt, das Gewächshaus war aus alten Fenstern selbst gebaut, und auch die Wege durch ihren Garten hatte sie mit alten verwitterten Steinen selbst verlegt, dazwischen wuchsen Teppichthymian und Rasenkamille, die sie selbst ausgesät hatte. Und Gemüse pflanzte sie statt in teuren Hochbeeten in ausgedienten Badewannen. Samen und Ableger verschenkte sie genauso freigiebig, wie sie ihr Gartenwissen mit anderen teilte.
Soll ich meine Rosen im Frühling oder im Herbst schneiden? Was mache ich gegen die Blattläuse? Warum haben meine Birnen innen drinnen braune Flecken? Johanna hatte auf alles eine Antwort. »Du solltest einen Gartenstammtisch eröffnen«, hatte irgendwann einer ihrer Stammkunden gesagt. Und irgendwie hatte sie der Gedanke nicht losgelassen. Ein regelmäßiges Treffen mit interessierten Gleichgesinnten, bei dem man Wissen und Samen austauschen konnte, gemeinsame Gartenausflüge machte … Das klang wunderbar.
Am nächsten Tag war Johanna zu ihrem Onkel gegangen, der bei einer Druckerei arbeitete, und hatte Flyer drucken lassen und zum ersten Stammtisch des »Klubs der Grünen Daumen« eingeladen. Jetzt stand sie supernervös in ihrem Hofladen und flehte innerlich, dass zumindest irgendwer kommen würde.
*
Kreisverkehre, überall Kreisverkehre. Als Vera hier im Südburgenland in die Schule gegangen war, hatte es die noch nicht gegeben. Jetzt schien das ganze Landstraßennetz voll davon zu sein. Bis zu einer Million Euro kostet die Errichtung eines Kreisverkehrs, hatte Vera einmal gelesen. Eigentlich unglaublich, dass ein paar Quadratmeter Asphalt so teuer waren. Hier im Bezirk mussten mittlerweile zig Millionen in die Erde versenkt worden sein.
Es gab sogar einen zweispurigen Turbokreisverkehr vor dem Einkaufszentrum am Stadtrand. Aber der schien den Verkehr manchmal eher zum Stocken als zum Fließen zu bringen. Vera wäre fast auf das Auto eines Pensionisten aufgefahren, der nach der Einfahrt in das Rondeau scharf abbremste, statt turbomäßig die Kurve zu nehmen. Jetzt stand der Wagen des Mannes in der Mitte der beiden Fahrbahnen. Der Lenker blinkte verwirrt einmal links und einmal rechts. Andere Fahrzeuge begannen zu hupen. Vera hatte Mitleid mit dem alten Mann. Als dieser den Führerschein gemacht hatte, war der korrekte Spurwechsel in einem millionenteuren Turbokreisverkehr sicher noch kein Thema gewesen.
Sie war spät dran. Heute war dieser Gartenstammtisch in Johannas Hofladen, für den sie sich angemeldet hatte. Beim Betreten des Hofladens wusste Vera sofort, welche von den Frauen in der Gruppe Johanna war. Die kleine, stämmige Frau mit den rotbraunen Locken und den wachen grünen Augen strahlte einfach eine natürliche Kompetenz aus, die sie sofort als Hausherrin offenbarte.
»Entschuldigt bitte mein Zuspätkommen … der Verkehr.« Vera biss sich auf die Zunge. Durfte man auf dem Land den Verkehr als Ausrede verwenden oder klang das blöd? »Ich meine, der Kreisverkehr.« Okay, das klang jetzt noch blöder. Zum Glück ignorierten die anderen ihre Verlegenheit.
Sie nutzte die Begrüßungsrunde, die nun folgte, um die anwesenden Frauen ausgiebig zu mustern. Was für ein bunter Haufen. Johanna trug dunkelgrüne Gummistiefel und eine giftgrüne Tunika. Farben, die ihre roten Haare noch mehr zum Leuchten brachten.
Neben ihr stand eine große, schlaksige Frau, die sich als Isabella vorstellte.
»Sie ist Kräuterpädagogin und führt die Drogerie in Pinkafeld«, erklärte Johanna.
Vera wusste nicht, was eine Kräuterpädagogin war. Inwiefern brauchten Kräuter eine Erzieherin? Sie beschloss, das bei nächster Gelegenheit zu recherchieren.
»Mathilde«, sagte eine dritte Frau und reichte Vera die Hand. Sie sah aus wie eine Rockabilly Braut. Als sie Vera die Hand drückte, schob sich der Ärmel der Bluse hoch und gab den Blick auf ein Tattoo frei. Eine Blumengirlande.
»Mathilde ist Köchin im ›Kurfürstenhotel‹ in Bad Tatzmannsdorf«, sagte Johanna.
Vera wusste nicht, ob erwartet wurde, dass auch sie ihren Beruf erklärte. Und was sollte sie sagen? Das Erste, das ihr spontan einfiel, war: geschasste Journalistin mit Schneckenproblem. Während sie noch überlegte, betraten zwei ältere Damen den Laden. Es schienen Stammkundinnen zu sein, denn sie wurden von Johanna herzlich auf südburgenländisch begrüßt. »Jo schau, seids a scho do, kimmts eina und druckts eich glei an Kaffee owi.«10
»Das sind die Grete und die Mitzi.« Sie stellte die Anwesenden einander vor. Dahinter betrat Eva den Raum.
»Super, dass du auch gekommen bist.« Vera freute sich, Eva zu sehen.
»Nachdem wir jetzt vollzählig sind, können wir nun beginnen«, sagte Johanna, hakte auf einer Liste die Namen der Teilnehmerinnen ab und hob den Jahresmitgliedsbeitrag von je drei Euro pro Person ein.
»Das mit dem Klubbeitrag muss leider sein, damit mir der vom Finanzamt keine Probleme macht«, seufzte sie. »Der unterstellt mir ständig, dass ich hier schwarz ein Kaffeehaus führe, drum hab ich das Ganze jetzt gleich als Klub bei der Bezirkshauptmannschaft angemeldet. So hat alles seine Ordnung.«
Reich wird die mit unseren paar Euros eh nicht werden, dachte Vera. Aber um Reichtum schien es Johanna nicht zu gehen. Das erste Thema des Gartenstammtisches war sinnigerweise »Sparsam und nachhaltig Gärtnern«.
Handouts wurden ausgeteilt. Johannas Tipps reichten von Anzuchttöpfen aus Eierkartons und Klopapierrollen über Kaffeesatz als Dünger bis zum Bau einer Rankhilfe für Bohnen aus selbstgeflochtenen Weidenruten.
Jetzt weiß ich endlich, was ich mit den alten Eierkartons mache, die mir die Nachbarn ständig vor die Tür stellen, dachte Eva. Bei Tipp 5, der da lautete »Die Erde eines Maulwurfshügels im Backrohr sterilisieren und dann als Anzuchterde verwenden«, war sie sich hinsichtlich der Umsetzung nicht so sicher. Maulwurfserde im Dampfgarer. Sie wusste genau, wie Paul auf so etwas reagieren würde. »Jetzt bist echt ein Fall für die Psychiatrie«, würde er sagen.
Johanna begann mit ihrem Vortrag: »Am günstigsten fahrt ihr, wenn ihr mit dem Kreislauf der Natur gärtnert. Baut nur samenfeste Sorten an, keine Hybride, dann lasst ihr ein Fünftel der Ernte stehen, bis sie blüht, und gewinnt das Saatgut. Das klappt toll bei Salat, Mangold, Gurken, Tomaten. Bei Wurzelgemüse bilden sich Samen oft erst im zweiten Jahr. Samen von reifen Zucchini und Kürbissen kann man besonders leicht ernten, es dürfen nur keine ungenießbaren Zierkürbisse in der Nähe angebaut werden, denn die verkreuzen sich. Ansonsten kann das Kreuzen aber auch eine spannende Angelegenheit sein. Ihr bekommt über die Jahre eigene Hofsorten, die optimal an euren Standort angepasst sind. Bei Bohnen macht das besonders Spaß. Bunt, gescheckt, getupft, die Natur hat immer Überraschungen parat. Und wenn ihr Samentütchen zukauft, seid auf der Hut. Da gibt es enorme Unterschiede in Preis und Inhalt. In manchen sind gerade mal fünf Samen drinnen, in anderen das Doppelte und Dreifache. Ich schlage ohnehin vor, dass wir bei unserem nächsten Treffen einen Samentausch machen.«
»Saaaamentausch«, sagte Mathilde langgezogen. »Das klingt heiß!«
»Und aus den Blumensamen, die überbleiben, können wir dann Samenbomben basteln und das Burgenland zum Blühen bringen«, schlug eine der älteren Besucherinnen vor. »Der Ploberger hat letztens im Fernsehen erklärt, wie das geht. Man muss nur Samen mit Erde, Tonpulver und Wasser mischen und dann daraus Kugeln formen.«
Die Frau, von der dieser Vorschlag kam, hatte eine Kappe auf. Sie war sicher schon über 80, aber sie gab sich kriegerisch wie eine Guerillakämpferin.
Sie kam Vera bekannt vor. War das nicht die Malerin Grete Sobotka, die sich im Südburgenland ein Kellerstöckl gekauft hatte? In den 1980er Jahren hatte die Sobotka für die Hainburger Au demonstriert und sich an Bäume gekettet. Ihr Kampfgeist für die Natur war offenbar ungebrochen.
Samenbomben, keine schlechte Idee. Zum Beispiel, um die Grüninseln in den hässlichen Kreisverkehren zu bombardieren, dachte Vera, aber gemessen an der Anzahl würde es dafür wohl Tonnen von Blumensamen brauchen.
»Ich war ja früher beim hiesigen Verschönerungsverein, aber da bin ich ausgetreten, weil die wollen immer nur Muschkateln setzen«, sagte die Guerilla-Grete kämpferisch: »Die haben ja null Geschmack oder Sinn fürs Regionale. Dabei sind heimische Wiesenblumen so viel schöner als das künstliche importierte Zeug aus Holland.«
»Ich kann auch was beitragen«, sagte Mathilde: »Bei uns im Hotel bleiben immer jede Menge Plastikkübel von der Molkerei und leere Ölkanister über, die dann weggeschmissen werden. Ich kann die das nächste Mal mitbringen, wenn Bedarf besteht. Man kann darin Brennnesseljauche ansetzen oder sie zum Schneckenabsammeln nehmen.« Zustimmendes Gemurmel erfüllte den Raum.
»Kann ich euch fragen, was ihr gegen die Schnecken tut?«, fragte Vera.
»Jessas, dei Schnecka«11, seufzte die zweite ältere Frau namens Mitzi. »I woas no genau, wia da erste rote Schneck in Owawort eizogn is. Im 87er Johr wor deis. Dei san va Bocksdorf iwa Stegersbach zu uns aufikrallt. I bin hinteri in mein Goardn, der wos ban Boch glegn is, und do hots nur so gwurlt, olles vulla Schneckn. Mia hots so graust.«12
»Die Spanische Wegschnecke ist in den 80er Jahren über Gemüsetransporte in Österreich eingeschleppt worden«, ergänzte Johanna. »Angeblich waren sie gar nicht in den Kisteln selbst, sondern in den Hohlräumen der Radfelgen. Und weil die Schnecken hier keine natürlichen Feinde haben, haben sie sich rasend schnell vermehrt und sind bis heute ein Riesenproblem.«
»Die Leit hom dann olle iahnere Gärtn gschliffen wegn dei Schneck, wals iahna olles ogfressn hom, und dann is a die Zeit kummen, wos olles in Supermoakt kaft hom«, bestätigte Mitzi.13
Johanna nickte. »Jetzt hat das Garteln und Selbstversorgen ein Comeback. Nur gegen die Schnecken gibt es noch immer keine Lösung. Indische Laufenten helfen, das sind die einzigen Vögel, die die bitteren Schnecken fressen, aber die brauchen einen Tümpel oder einen Bach und müssen vom Gemüse ferngehalten werden, weil sie das sonst auch fressen. Am besten ist, man versperrt den Schnecken einfach den Zugang zum Beet. Ich baue mein Gemüse zum Großteil in alten Badewannen an.«
Vera bedankte sich für die Antwort. Das Ganze klang logisch und war durchaus eine Überlegung wert, auch wenn sie keine Ahnung hatte, wo man alte Badewannen auftreiben konnte.
»Ich würde jetzt gerne zum Thema ›natürlich Düngen‹ kommen«, sagte Johanna.
»I häng immer an Strumpf mit Hianamist in die Reigntonne, so hob i glei a düngts Wossa«, sagte die Mitzi: »Friacha, oisa Junge, howi a immer die Rossäpfel aufklaum miassn, wenn d’ Ressa vabei san, owa heit hot jo kuana mehr Ressa im Dorf. Drum howi hiats d’Hiana, und eppa tua i ma a no a Goass ham.«14
»Tierischer Dünger ist eine super Sache, aber es ist auch schon viel gewonnen, wenn ihr anfangt, eure Küchenabfälle zu kompostieren«, riet Johanna. »Ich habe einen Experten von der Firma ›Inkaerde‹ eingeladen, der euch erklären wird, wie das richtig geht, er müsste gleich da sein. Will inzwischen wer einen Apfelfleck?«
Fliegender Themenwechsel vom Abfall zum Apfel. Aber alle griffen mit Appetit zu, und der Kuchen war ein Gedicht. »Könnte ich das Rezept haben?«, fragte Eva.
»Da gibt es kein Rezept, das macht man iwahaps«, sagte Johanna verwirrt. »Das ist einfach Mürbteig mit Apfelfülle.«
Vera lachte. Sie hatte während ihrer Zeit bei »Lust aufs Land« öfters genau diese Antwort von Bäckerinnen am Land bekommen. Frauen wie Johanna hatten das Backen einfach im Gefühl. Da wurde nichts gewogen oder gemessen.
Die Hofladentür ging auf. Ein junger Typ in Arbeitshosen und T-Shirt betrat den Raum.
»Ah, der Finz von der ›Inkaerde‹, grad haben wir über dich geredet«, sagte Johanna.
Der Finz sah nett aus. Normal, dachte Vera. Sie hatte sich bei dem Wort »Inkaerde« irgendwie einen exotischeren Repräsentanten erwartet. Jemanden im Poncho mit Panflöte. Sie musste selber über ihr blödes stereotypes Denken lachen.
Finz hatte einen Stoß Prospekte und mehrere Päckchen Erde mitgebracht.
Vera überlegte, ob sie seine Erläuterungen aufzeichnen oder mitschreiben sollte. Wäre sicher nicht schlecht. Aber das Ganze mit dem Smartphone zu machen, wirkte hier in diesem Rahmen ziemlich deplatziert.
»Hat wer einen Stift?«, fragte sie in die Runde und nahm die Rückseite eines Kassenbons, den sie in ihrer Handtasche fand, als Schmierzettel. Alle Anwesenden hatten geflochtene Weidenkörbe mit Notizblöcken und Stiften dabei. Hier war alles noch so angenehm analog.
Finz räusperte sich und fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes braunes Haar.
»Das Wichtigste, was ihr wissen solltet, ist, dass Erde ein Lebewesen ist. Unterirdisch wird zehn Mal so viel Leben ernährt wie oberirdisch. Pro Hektar gibt es 25 Tonnen Bodenleben – sofern die Erde intakt ist. Aber die klassische Landwirtschaft laugt den Boden aus. Egal ob Griechen oder Römer, alle großen Kulturen sind früher oder später am Boden gescheitert. Eine Zeit lang konnten sie das kompensieren, indem sie Kriege begannen und andere Länder eroberten. Trotzdem, älter als 1000 Jahre ist keine Kultur geworden. Wenn wir die Erde fruchtbar halten wollen, was gerade in Zeiten der Klimakrise und der Bevölkerungsexplosion ein riesen Thema ist, müssen wir ihr Substanz zurückgeben, und das geht nur über Humusaufbau. In Österreich haben sich bereit 3000 Landwirte diesem Ziel verschrieben, aber jeder Einzelne kann dazu beitragen, indem er anfängt, zu Hause zu kompostieren.«
Finz hatte eine ruhige Stimme, drückte sich klar aus, schien von dem überzeugt sein, was er vertrat. »Hier«, sagte er und griff zu einem Säckchen Erde, öffnete es und reichte es herum.
»Was ist das?« Vera befühlte den Inhalt mit den Fingern. Er fühlte sich grob und fasrig an und roch leicht nach Torf. »Fühlt sich an wie ganz normale Blumenerde.«
»Richtig«, sagte Finz und zog die Stirn in Falten. »Nur dass Blumenerde zumeist gar keine echte Erde ist, sondern ein Mix aus Torf und Nährstoffen. Torf – dafür werden jahrtausendealte Moorlandschaften zerstört. Das hat nichts mit Erde zu tun. Das ist tote Materie. Gemüse, das darauf angebaut wird, schmeckt fad. Es gibt sogar Wissenschaftler, die glauben, dass unsere modernen Zivilisationskrankheiten daher kommen, dass wir unser Gemüse auf künstlichem Substrat ohne jede Art von Bodenlebewesen anbauen. Und jetzt schaut euch das an.«
Das zweite Säckchen machte die Runde. Diesmal war der Inhalt feuchter, krümeliger. Die Erde wirkt irgendwie fetter, dachte Vera, echter.
»Das ist Kompost. In dieser Handvoll Erde stecken acht Milliarden Kleinstlebewesen.« Eva, die das Säckchen in der Hand hielt, zuckte erschrocken zurück, als hätte sie einen Sack voller Flöhe geöffnet. »Keine Angst, die beißen nicht«, sagte Finz und grinste. Eva lief rot an.
»Wer von euch hat einen Komposthaufen daheim?« Alle bis auf Vera zeigten auf. »Und was kommt da alles drauf?«
»Küchenabfälle«, sagte Mathilde.
»Zeitungen, Gartenabfälle, Grünschnitt, Laub«, ergänzten die anderen. Die burgenländischen Landfrauen schienen allesamt Kompostexpertinnen zu sein.
»Und was darf keinesfalls drauf?«, fragte Finz.
»Gespritzte Zitrusfrüchte, Unkraut, das Samen trägt, und Fleischabfälle«, sagte Vera, stolz, die Antwort zu kennen. Sie hatte zwar keinen Komposthaufen, aber einmal einen Artikel darüber geschrieben.
»Falsch«, sagte Finz. »Das liest man zwar überall, aber es ist Blödsinn. Alles Organische kann kompostiert werden. Der Kompost muss nur heiß genug werden. Dann werden Spritzmittel abgebaut, Samen getötet. Und Fleisch verfault nicht, sondern kompostiert. Und heiß wird euer Komposthaufen, wenn ihr ihn richtig aufsetzt. Ich kann euch den YouTube-Kanal ›Erdgeflüster‹ empfehlen, schaut euch den einmal an, da gibt es einen Film zur richtigen Anleitung.«
»Erdgeflüster«, flüsterte Vera Eva zu. Sie kam sich gerade vor wie eine schlechte Schülerin, die vom Lehrer getadelt wurde, und reagierte auf dieses peinliche Gefühl mit der gleichen Übersprungshandlung wie früher in der Schule: Sie begann, mit ihrer Sitznachbarin zu tratschen. Aber Eva ließ sich nicht darauf ein, sie nickte nur und schrieb eifrig weiter.
»Wenn ihr Heißkompost richtig herstellt, könnt ihr sogar kranke Pflanzen kompostieren, zum Beispiel Tomatenranken, die die Braunfäule haben«, erklärte Finz. »Die Natur findet dann eine Lösung, bildet aktive Gegenspieler im Kompost, so geht moderner Pflanzenschutz. Zumindest in der Theorie. Denn in der Praxis sind die meisten Komposthaufen reine Abfallhaufen. Merkt euch eines: Wenn es stinkt, ist es kein Komposthaufen. Zu viel Rasenschnitt, zu viele Küchenabfälle, dann beginnt es zu stinken und zu faulen. Und das zieht dann nur die Schnecken an.«
Schnecken, immer nur Schnecken, dachte Vera. Irgendwie waren diese Viecher allgegenwärtig.
Gerade hatte Finz ein drittes Säckchen herumgereicht. Eine schwarze Komposterde, die er selbst nach einem geheimen Rezept der Inkas herstellte.
Nix Poncho und Panflöte. Daher kam also der Name seiner Firma.
Vera studierte Finz und fragte sich, wie es wohl gekommen war, dass ein junger Typ sich dermaßen brennend für Kompost interessierte.
9 Die Straßen sind aus Lehm, aber daheim ist daheim.
10 Ja schau, seid ihr auch schon da, kommt herein und drückt euch einen Kaffee herunter.
11 Jesus, die Schnecken
12 Ich weiß noch genau, wie die erste rote Schnecke in Oberwart eingezogen ist. Im Jahr 1987 war das. Die sind von Bocksdorf über Stegersbach zu uns heraufgekrochen. Ich bin nach hinten in meinen Garten, der beim Bach gelegen ist, und dort hat es nur so gewuselt, alles voller Schnecken. Mir hat es so gegraust.
13 Die Leute haben dann alle ihre Gärten geschleift wegen der Schnecken, weil die ihnen alles abgefressen haben, und dann ist auch die Zeit gekommen, wo sie alles im Supermarkt gekauft haben.
14 Ich hänge immer einen Strumpf mit Hühnermist in die Regentonne, so habe ich gleich ein gedüngtes Wasser. Früher, als ich jung war, habe ich immer die Pferdeäpfel aufsammeln müssen, wenn die Rösser vorbeigekommen sind, aber heute hat ja niemand mehr Pferde im Dorf. Darum habe ich heute die Hühner, und vielleicht nehme ich mir auch noch eine Ziege nach Hause.
Kapitel 5
Finz
Oxytocin gilt als das Hormon, das uns vertrauen lässt. Das Kuschelhormon findet sich nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Pferden, Ziegen und – Goldfischen. Somit ist die Ähnlichkeit zwischen Mensch und entwicklungsgeschichtlich weit entfernten Tieren vermutlich größer, als bislang angenommen.
Jeder Mensch hat eine besondere Begabung. Eine Stärke, Fähigkeit oder Leidenschaft, die seinen X-Faktor bestimmt. Etwas, das ihn einzigartig macht.
Veras X-Faktor war es, Menschen mit ihren Texten zu berühren, Johannas X-Faktor war ihr grüner Daumen, Evas X-Faktor war, dass sie durch ihre Sensibilität viel mehr wahrnahm als andere Menschen. Der X-Faktor von Serafin, den alle nur Finz nannten, war Sex.
Es war ihm lange nicht bewusst gewesen, dass er ausnehmend gut im Bett war. Wie hätte er sich auch messen und vergleichen sollen? Er merkte es einzig an den Reaktionen der Frauen, mit denen er schlief, die ihm eher früher als später allesamt verfielen. Sogar und gerade die, die ihn zuvor überheblich behandelt und unterschätzt hatten.
Tatsächlich war an Finz auf den ersten Blick nichts Besonderes. Ein Phantombildzeichner hätte wohl lange vergeblich nach seinen speziellen Merkmalen gefahndet. Finz war mittelgroß, mittelschwer, hatte mittelbraunes Haar. Er war weder besonders schön noch besonders hässlich. Er war fast schon auffällig unauffällig. Aber wenn es um Erotik ging, machte ihm niemand etwas vor. Er konnte Frauen lesen wie ein Buch. Er spürte ihre Wünsche, noch bevor die Frauen sich dieser bewusst waren. Wenn er mit ihnen intim war, ließ er sich von ihrem Atem leiten. Dieser verriet ihm immer, was den Frauen gefiel. Er fachte ihre Lust an, und statt sie zu erlösen, ließ er sie für eine gefühlte Ewigkeit in brennender Agonie schweben. Er weckte unbändiges Verlangen und ließ sich jede Menge Zeit, um dieses zu stillen. Und wenn er es dann endlich tat, führte er die Frauen zu orgiastischen Gipfeln und erotischen Abgründen, die jenseits ihrer bisherigen Vorstellungskraft lagen.
Alle Frauen reagierten auf den Sex mit Finz auf die gleiche Weise: Sie verwechselten Lust mit Liebe. Sie wollten es noch mal erleben, und noch mal und noch mal. Ihre Geilheit überschritt durch Finz’ X-Faktor alle Grenzen. Die Frauen taten schon nach kürzester Zeit Dinge mit ihm, die sie sich niemals hätten träumen lassen. Das schockierte sie. Und deshalb suchten sie nach einer Lösung, um das, was sie taten, vor sich selbst moralisch zu rechtfertigen. Der Ausweg hieß Liebe. Jede einzelne Frau, die Finz vögelte, verliebte sich in ihn. Und jedes Mal geschah es mit einer Heftigkeit, die Finz Angst machte und ihm die Luft zum Atmen raubte.
In der Schulzeit hatten ihn die Mädchen, mit denen er geschlafen hatte, an der Bushaltestelle abgepasst, ihn mit Zettelchen und Anrufen bombardiert. Jetzt war Finz 31, und seine Wirkung auf Sexpartnerinnen hatte sich nicht verändert, nur die Methoden ihres postkoitalen Aufmerksamkeitsterrors – dank WhatsApp, Facebook, Messenger und Instagram.
Wäre Finz’ X-Faktor nicht Sex gewesen, hätte er vermutlich irgendwann eine ganz normale Beziehung gehabt, die sich langsam und natürlich entwickelt hätte. Er hätte die Zeit und den Raum gehabt, selbst tiefere Gefühle aufzubauen. Durch die heftigen Reaktionen der Frauen fühlte er sich aber innerhalb kürzester Zeit emotional so bedrängt, dass er nur einen Gedanken hatte: Flucht.
Das alles hatte in der Vergangenheit zu unschönen Szenen geführt: Vorwürfe, Tränen, Beschimpfungen. Frauen, die behaupteten, er würde sie nur ausnutzen.
Eine Aussage, die Finz paradox erschien. Sie wollten ihn ja immer und immer wieder.
Eine Zeit lang hatte er sich ganz von Frauen ferngehalten. Aber ein Talent, das ein X-Faktor ist, lässt sich nicht langfristig unterdrücken. Durch Zufall fand er die Lösung für sein Problem. Und diese Lösung hatte ihren Ursprung in Finz’ Kindheit.
Finz’ Vater war ein Künstler gewesen, bekannt für seine ausdrucksstarken Porträts im Stil des Russen Yaroslav Kurbanov. Als Elfjähriger hatte Finz stundenlang vor den halbfertigen Kunstwerken gestanden. Eines hatte es ihm besonders angetan: Es zeigte eine Frau mit großen flehenden Augen, die verschwörerisch einen Finger auf ihre Lippen legte. So, als würde sie den Betrachter bitten, ihr Geheimnis niemandem zu verraten. Die Frau auf dem Bild faszinierte Finz. Er kam täglich heimlich ins Atelier, um sie zu betrachten. Er suchte nach einer Möglichkeit, mit ihr in Verbindung zu treten. Irgendwann wusste er, wie. Er griff zum Pinsel und malte an einer unauffälligen Stelle einen winzigen Punkt in das Bild. Als der Vater am nächsten Morgen ins Atelier ging, hatte Finz Todesangst. Würde der Vater etwas bemerken? Finz wusste, dann würde ihm ein riesen Donnerwetter drohen, vielleicht sogar Schläge. Aber der Vater bemerkte nichts. Und als die »Frau mit Geheimnis« vollendet war, war Finz’ geheimer Punkt für immer ihr und sein Geheimnis.
Finz wiederholte seine Tat fortan bei jedem Porträt seines Vaters, das ihm gefiel. Es bescherte ihm eine heimliche Freude, unbemerkt Teil der Bilder zu werden. Jetzt, rund 20 Jahre später, tat er eigentlich genau dasselbe. Er war der geheime Farbtupfer im Leben von Frauen, die nicht ihm gehörten.
Er datete ausschließlich verheiratete Frauen. Finz schätzte diese geheimen Liaisonen, weil sie ihm genug Freiraum ließen. Verheiratete Frauen wollten und konnten ihn nicht jeden Tag sehen. Jedes Telefonat, jede Textnachricht war für sie ein potenzielles Risiko, ihren Mann, ihre Kinder, ihre Existenz zu verlieren. Der Kontakt musste deshalb auf ein für beide Seiten zuträgliches Maß beschränkt werden. Und das Beste: Verheiratete Frauen wollten weder bei ihm einziehen noch wollten sie ihn groß verändern oder ihm vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hatte. Das gefiel ihm. Denn er mochte sein Leben, so wie es war.
Finz hatte sich lange Zeit gelassen, erwachsen zu werden. Dann hatte er durch Zufall einen Job gefunden, der ihn nicht zu sehr forderte, aber abwechslungsreich genug war, um ihn nicht zu langweilen. Bei einer seiner Reisen in den Amazonas Regenwald war er im wahrsten Sinne des Wortes darüber gestolpert. Er flog bei einer Dschungelwanderung über eine Bodenunebenheit und landete in schwarzem Dreck. Sein Guide erzählte ihm, das sei Terra Preta – die geheime Schwarze Erde.
Im Regenwald entlang des Amazonas ist ein ganz bestimmtes Gebiet meterdick mit dieser schwarzen nährstoffreichen Erde bedeckt. Man konnte sich ewig nicht erklären, wie die dort überhaupt hingekommen war, denn geologisch hätte das Gebiet Wüste sein sollen. Wissenschaftler fanden dann nach langem Suchen eine Erklärung: Die Inkas hatten diese Indianererde aus Holz- und Pflanzenkohle, Tonscherben, Knochen, Fischgräten und tierischen und menschlichen Fäkalien über Jahrhunderte geschaffen, um den nährstoffarmen Boden am Amazonas fruchtbar zu machen. Das »Warum« war nun geklärt. Mit dem Aussterben der Ureinwohner war aber das genaue Wissen über das »Wie« verloren gegangen.
Kohle, Küchenabfälle und jede Menge Scheiße. Finz dachte darüber nach, wie er das zu Geld machen konnte. Er musste diese Erde nachbauen. Terra Preta aus Brasilien auszuführen, ist bei Gefängnisstrafe verboten, aber Finz hatte sich schon immer gerne über Gesetze hinweggesetzt. Als sein Guide nicht herschaute, füllte er die Taschen seiner Cargohosen unbemerkt mit dem Schwarzen Gold.
Zurück in Österreich recherchierte er das Potenzial der Inkaerde als natürlicher Dünger, und das, was er herausfand, war vielversprechend. »In Terra Preta gepflanzte Tomaten bringen viermal mehr Ertrag«, las er. »Ist der Kohlenstoff einmal im Boden, bleibt er mehr als 1.000 Jahre verfügbar. Ein Perpetuum Mobile der Fruchtbarkeit.«
War das nicht genau die Sache, die man all diesen Zuagroasten, die für jeden Bioscheiß ein Vermögen ausgaben, teuer verkaufen konnte?
Finz versuchte, aus verkokelter Grillkohle, Biomüll und seiner eigenen Pisse Terra Preta herzustellen. Ein Experiment, das nicht sofort von Erfolg gekrönt war. Er brauchte einen Profi als Partner und fand diesen. Der Bruder eines alten Schulfreundes, der im Südburgenland eine Biomasseanlage betrieb und Klärschlamm und Grünschnitt der umliegenden Gemeinden kompostierte. Der Betreiber der Kompostanlage war es längst leid, immer nur den Dreck anderer zu entsorgen. Finz konnte ihn für die Idee, gemeinsam lokale Inkaerde herzustellen, im Nu begeistern. Drei Jahre lang tüftelten die beiden an dem ultimativen Rezept für ihr Schwarzes Gold. Dann war die Inkaerde marktreif.
Ein tolles Produkt, eine Geschichte, die man super vermarkten konnte. Die Lokalpresse war begeistert. Die Zuagroasten waren es auch. Sie zahlten, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Euro pro Liter Schwarzerde.
Finz kam mit dem Liefern gar nicht mehr nach. Er schaffte sich einen alten Pick-up mit großer Ladefläche an, um der ständigen Nachfrage nachkommen zu können. Um Geld musste er sich nun keine Sorgen mehr machen. Um sein Sexleben auch nicht. Denn das Gros seiner Kundinnen waren verheiratete Frauen.
Trauerarbeit
Akt 3
Am Tag der Beerdigung war ich richtig wütend. Ich fand die Grabrede verlogen, das Essen beim Leichenschmaus billig, das Wetter unangemessen. Es waren nur Kleinigkeiten, aber ich wusste, was mich wütend machte. Diese Heuchelei.
Irgendwann habe ich diese Farce nicht mehr ertragen und gesagt, was ich mir denke. Da haben sie mich weggebracht. Als ob ich einen Fehler gemacht hätte. So kann man mit mir nicht umgehen. So nicht!
Kapitel 6
Vera zu Besuch bei Paul und Eva
Bei den Laubenvögeln bauen die Männchen eine Art Verführungstheater, eine Laube, die sie mit hübschen Gegenständen wie Blumen, Schmetterlingen oder weißen Steinen ausstatten. Seidenlaubenvögel errichten solche Lauben mit zwei parallelen Wänden. Das Weibchen sitzt dazwischen und schaut vorn heraus. Wenn das Männchen sich paaren will, muss es um die Laube herumgehen, um das Weibchen von hinten zu besteigen. Aber wenn ihr das nicht gefällt, schlüpft sie einfach zur Vorderseite wieder hinaus.
Gepflegte Unterkühltheit, moderne Sachlichkeit – dafür steht die Bauhaus-Schule auch noch 100 Jahre nach ihrer Gründung. Was 1919 in Weimar als Experiment begann, um Kunst und Handwerk zu verbinden, entwickelte sich zu einer einflussreichen Stilrichtung, die die Architektur bis heute prägt. Der Bauhausstil: nüchtern, schnörkellos, reduziert. Betonkästen. Flachdach. Fertigteile. Glatte Fassaden. Glasvorhänge.
Erschwinglicher Wohnraum war knapp in der Weimarer Republik. Bauhaus-Gründer Walter Gropius schien die Antworten zu kennen. Er brüstete sich mit der Aussage, er könne preiswerten Wohnraum für alle schaffen. Die Stadtväter von Dessau waren begeistert und beauftragten ihn 1926, eine Wohnsiedlung zu bauen. Das Ganze sollte ein Vorzeigeprojekt werden. Modern, sozial, günstig. Denn Gropius hatte versprochen, billiger zu sein als die Konkurrenz – und schneller. Häuser quasi am Fließband. Das Tempo, in dem diese Siedlung aus dem Boden wuchs, war tatsächlich atemberaubend – in kürzester Zeit entstand Wohnraum für Tausende Menschen. Doch schon bald nach dem Einzug bemerkten die Bewohner massive Baumängel. Die Wärmedämmung war miserabel, die Wände viel zu dünn. Risse entstanden. Die Reparatur- und Umbaukosten verschlangen mehr Geld, als geplant. Das Sozialprojekt wurde zu einem sozialen Problem. Es eskalierte. Die Sozialdemokratie wandte sich vom Bauhaus ab. Und Gropius verließ die Stadt und das Bauhaus.
Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Hätte Paul nur sein Architekturstudium beendet. Vielleicht wäre er dann klüger gewesen. Doch so wiederholte sich die Story eins zu eins bei ihm und seinem »Seewinkler Inselparadies«.
Paul war von dort weggezogen. Er hatte seine Baufirma in den Konkurs geschickt und am nächsten Tag als Planungsunternehmen neu gegründet. Er war jetzt als One-Man-Show unterwegs. Er war ein Visionär: Planen, konzipieren, andere begeistern – das konnte er immer schon besser, als Sachen praktisch umsetzen. Er hatte die Baumängel auf die Subfirmen geschoben. Es gab ein paar Bürgermeister und Kommunalpolitiker, die viel Geld und eine Menge Wählerstimmen verloren hatten, und denen er besser nicht mehr über den Weg lief. Aber mitgefangen hieß mitgehangen. Wer mit Paul gepackelt hatte und sich auf korrupte Grundstücksbeschaffungen und -umwidmungen eingelassen hatte, hielt die Goschn. Fakt war: Paul war ohne größeren persönlichen Imageschaden aus der ganzen Sache herausgekommen.
Nur die Käufer gaben keine Ruhe. Es war schon gut, dass er jetzt in Buchschachen saß.
Paul pfiff fröhlich vor sich hin, während er sich anzog. Er wusste immer schon, wie er sich am besten in Szene setzte. Für das heutige Treffen mit dem Zieserl und dem Bürgermeister wählte er einen kakifarbenen Anzug von Dsquared2, dazu ein hellblaues Hemd über einem weißen T-Shirt, beides von Arket, und teure weiße Sneakers von Yeezy. Er war sicher, dass diese Marken den Hinterwäldlern hier nichts sagten, deshalb band er sich seine Vintage Rolex ums Handgelenk. Ein diskreter Hinweis für die ganz Blöden, dass er ein Erfolgstyp war.
Er sprühte sich ein bisschen Terre d’Hermès auf, fuhr sich durch die Haare und betrachtete sich zufrieden im Spiegel. Die Irene, mit der er im Nordburgenland ein Pantscherl gehabt hatte, hatte gemeint, er sähe ein bisschen aus wie eine Mischung aus Leo Hillinger und Ryan Gosling, nur mit längeren Haaren. Sie war unglaublich verbrunzt in ihn gewesen. An die Irene hatte er jetzt schon länger nicht mehr gedacht. Aber die würde sich eh auch nicht mehr so schnell bei ihm melden. Schade eigentlich, er hatte sie gemocht. Sie war lustig und unkompliziert gewesen.
Eva beobachtete Paul, wie er sich umständlich fertig machte. Könnte er bitte endlich das Haus verlassen? Sie hatte Vera und Johanna eingeladen, weil sie ein paar Fragen zu den Obstbäumen hatte, die sie gekauft hatte und in den nächsten Tagen pflanzen wollte. Und sie wollte partout nicht, dass die beiden Paul in die Arme liefen.
Paul bemerkte, dass Eva ihn beobachtete.
»Du stehst grad so gemütlich, mach mir noch einen Kaffee, bevor ich fahr«, feixte er.
Eva lief zur Küchenzeile und tat, wie ihr geheißen. Die Anrichte war schon wieder voller Fliegen, dabei hatte sie nur kurz gelüftet.
Es läutete an der Tür. Evas Gebete waren nicht erhört worden. Die Gäste waren schon da. Überpünktlich wie alle hier im Süden. Sie öffnete.
»Wer ist da?«, fragte Paul.
»Johanna und Vera vom Gartenklub.«
Paul bedachte den Besuch nur mit einem flüchtigen Blick und einem kurzen Hallo, hörte aber ganz genau zu, als Eva die beiden begrüßte und das Gespräch begann.
Paul hielt sich nicht nur für einen ausgezeichneten Menschenkenner, sondern insbesondere für einen hervorragenden Frauenkenner.
Sein Urteil zu den beiden lautete schlicht: »Uninteressant.« Die eine mit den grünen Holzpantoffeln, dem Leinenkleid und den roten Haaren fiel für ihn in die Kategorie »burgenländische Landpomeranze«, die andere, eine schlanke Brünette mit Pferdeschwanz, sah zwar nicht schlecht aus, wirkte aber so, als ob sie gerne zurückredete. Und Frauen, die zurückreden, fand er anstrengend.
»Ich lass euch Ladies alleine, ich hab einen wichtigen Termin mit der ›Pannonia Bau‹ und der Gemeinde«, sagte Paul. »Würmchen, du kannst ja die Hausführung machen.«
»Wir wollten in den Garten gehen«, sagte Eva hastig und navigierte ihren Besuch an Paul vorbei.
Der warf demonstrativ lässig seinen BMW-Schlüssel in die Luft und fing ihn wieder auf, während er zur Garage schlenderte. »Vergiss nicht, dass du noch meine Post machen wolltest. Die Förderungsanträge müssen bis nächste Woche raus.«
»Ich weiß«, sagte Eva leicht genervt. Paul machte wieder mal auf: Wer ist hier der Boss? Das war so typisch, dass er sich vor den neuen Freundinnen deppert aufspielen musste.
Yeezy Turnschuhe, der macht wohl auf Berufsjugendlicher. Was für ein Einefetzer, dachte Vera, als sie Paul nachschaute. Dank Letta war sie bei den aktuellen Trendmarken up to date. Die Achleitners müssen echt gstopft sein. Bei Johanna kam die Botschaft überhaupt nicht an. Sie hatte nur Augen für die leuchtend orangegelbe Rose an der Garagenwand. »Eine ›Gebrüder Grimm‹, wie im Märchen, super, dass die hier Halbschatten hat, dadurch bleibt die Blütenfarbe schöner«, bemerkte sie.
Eva war froh über die Ablenkung. »Ich hab ein paar Blüten abgezupft und daraus eine Rosenbowle gemacht, mit Sekt und Erdbeeren. Darf ich euch was einschenken?« Sie verteilte das eiskalte Getränk gleichmäßig in drei bauchigen Gläsern. Vera nahm einen Schluck. Die Bowle schmeckte gut, nicht zu süß, nicht zu stark. Genau richtig für einen Frühlingstag wie heute. »Die Obstbäume, die ich gekauft habe, stehen gleich da drüben. Ich war extra in einer lokalen Baumschule, die auf alte Sorten spezialisiert ist.«
Vera studierte die Etiketten an den Stämmchen. »Klaräpfel, die liebe ich seit meiner Kindheit. Die bekommt man nie im Supermarkt, weil die gleich nach dem Pflücken mehlig werden. Aber frisch vom Baum sind sie knackig und zitronig frisch. Die besten Sommeräpfel der Welt. Und unsere Urlioma hat daraus immer Apfelmus gemacht, zu den Grumperndatschi.«
»Wie, was?« Eva verstand nur Bahnhof.
»Grumperndatschi sind Kartoffelpuffer, und die Urlioma ist die Uroma von der Letta, meine Großmutter. Sie ist vor ein paar Jahren gestorben. Wir leben jetzt in ihrem ehemaligen Haus.«
»Du hast nicht ernsthaft einen Holler gekauft«, stieß Johanna überrascht heraus und machte kugelrunde Augen.
»Ja, hab ich«, sagte Eva. »Was ist daran verkehrt? Ich mag Holler. Gekochte Hollerbeeren sind gesund, und aus den Blüten kann man Saft machen.«
»Aber einen Holler kauft man doch nicht.«
»Warum nicht?«
»Ja, weil der eh überall wild aufgeht. Hier drüben zum Beispiel.« Sie zeigte auf ein paar Sträucher auf der anderen Straßenseite. »Da geht man einfach hin und grabt ihn aus.«
Johanna schüttelte verwundert den Kopf. Holler kaufen. Diese Zuagroasten waren wirklich leicht übers Ohr zu hauen. Mehr Geld als Verstand. Aber die kauften ja auch Bärlauch, obwohl die Wälder voll davon waren, und die Löwenzahnsamen, die der Supermarkt seit Kurzem anbot. Wahrscheinlich würden sie auch Brennnesseln kaufen, wenn jemand ein Preispickerl dran anbringen würde.
»Wo sollen denn die Bäume hin?«, fragte Vera.
»Ich hab mir gedacht, ich pflanze sie hier entlang der Mauer«, sagte Eva. »Dann kann ich beim Pflücken auf der Mauer stehen und bequem in die Baumkrone greifen.«
»Der Plan geht aber nur auf, wenn du Hochstämme gekauft hast«, sagte Johanna. »Mittel- und Niederstämme in diesem Alter wachsen nicht mehr in die Höhe, sondern nur mehr in die Breite. Außerdem wird es eh fünf bis sieben Jahre dauern, bis du die ersten Äpfel ernten kannst.«
Eva schwirrte von den ganzen Informationen schon der Kopf. Sie hatte ein abgeschlossenes Studium als Landschaftsarchitektin und schien dennoch von nichts eine Ahnung zu haben. Allerdings hatte sie sich in ihrem Studium eher auf Grünflächen im urbanen Raum konzentriert und sich mehr mit Park- und Alleebäumen beschäftigt als mit den Besonderheiten diverser Obstbäume.
»Zumindest beim Holler geht’s schneller«, tröstete Vera. »Da kannst heuer schon Saft machen.«
Ein Lieferwagen parkte sich vor dem Raumschiff ein. »Das wird der Finz mit der Inkaerde sein«, sagte Eva. »Er hat gesagt, er bringt mir Komposterde für die Pflanzlöcher.«
So schnell sieht man sich wieder, dachte Vera. Und beobachtete Finz, der die Auffahrt heraufschlenderte. Schlendern war das richtige Wort. Alles an Finz war leicht und selbstverständlich. Während die meisten Menschen die Last der Welt auf ihren Schultern zu tragen schienen, schien Finz komplett unbelastet zu sein.
Finz hatte nicht nur die versprochenen Säcke mit Inkaerde dabei, sondern auch einen Plan. »Eigentlich sollte man Bäume im Februar pflanzen, aber die, die du gekauft hast, sind ja nicht wurzelnackt, sondern im Topf, das geht auch jetzt noch. Kann ich mir bitte die Hände waschen?« Finz’ Hände waren vom Hantieren mit den Erdsäcken ganz schmutzig.
»Natürlich, wir können alle reingehen. Ich hab Salzstangerln und ein Verhackertes gekauft, hat jemand Hunger?«
»Und ich hab einen Apfelkuchen mitgebracht«, sagte Johanna und lüftete ihren Korb. »Oder habt ihr geglaubt, ich komm mit leeren Händen?«
Dieses ewige Auftischen hier im Süden wird noch meine Figur ruinieren, dachte Vera. Finz schien diese Angst nicht zu haben, er wusch seine Hände in der Spüle und griff dann ordentlich zu.
Vera fand das Haus beeindruckend, aber nicht ungewöhnlich. Viele ihrer früheren Bekannten in den Wiener Nobelbezirken oder in Klosterneuburg hatten so gewohnt. Offene Designerküche, viel Stein und Edelmetall, edle Ecksofas, dazwischen ausgesuchte Designklassiker wie der Loungechair vom Eames. Teure Bilder an den Wänden und statt einzelner Fenster ganze Glasfronten.
Johanna folgte Veras Blick: »So große Fenster. Die möchte ich nicht putzen müssen.«
»Paul sagt, die Fenster sind mit irgendeinem Lotuseffekt ausgestattet, damit das Wasser besser abperlt«, sagte Eva. »Die Aussicht ist toll, aber umgekehrt kann uns auch jeder reinschauen. Ich komm mir vor wie in der Auslage, vor allem, wenn es dunkel ist. Manchmal fürchte ich mich sogar ein bisschen, wenn ich alleine bin. Aber für Paul kommen Vorhänge nicht infrage.«
Finz beteiligte sich nicht am Gespräch. Ihm waren die Fenster, gelinde gesagt, wurscht. Aber Eva fand er süß. Eva trug dunkelblaue Jeans, die ihre zierliche Figur betonten, weiße Turnschuhe und eine weiße Bluse. Sie sah aus wie eines dieser Models aus der Ralph-Lauren-Werbung. Fehlten nur mehr das Pferd und der Labrador. Er schätzte, sie war fünf, sechs Jahre älter als er selbst. Und verheiratet. Sein Beuteschema.
Zurzeit gab es keine spannende Frau in seinem Leben. Klar könnte er die eine oder andere Ex reanimieren. Aber seine letzte fixe Geliebte hatte mit ihm Schluss gemacht, als sie unerwartet schwanger geworden war. Hoffentlich sah das Kind ihrem Mann ähnlich und nicht ihm.
Er studierte Evas Gesicht. Es war oval und blass. Es waren die Augen, die sie so hübsch machten. Riesige blaue Augen, die aussahen, als würden in ihrer Iris Tausende Saphirsplitter funkeln. Das satte, tiefe Blau war ein spannender Kontrast zu ihrem hellen Teint und ihren dunklen Haaren. Die Augen faszinierten ihn. Es waren Augen, die lachten, aber nicht spöttisch, sondern liebevoll. Verständnisvolle Augen. Finz bemerkte, dass er Eva anstarrte, und wandte schnell den Blick ab.
Die Eingangstür ging auf. Paul stand im Türrahmen. War die Zeit wirklich so schnell vergangen? Er war kaum eine Stunde weg gewesen. Eva bemerkte sofort, dass er schlechte Laune hatte. »Dieser Bürgermeister ist so ein Pleampl«, schimpfte er statt einer Begrüßung. »Null Visionen, der Zieserl und ich werden es jetzt auf der steirischen Seite probieren, die haben hoffentlich mehr im Hirn als die dummen Südburgenlandler hier.«
Eva versank fast in den Erdboden. Ihr war die Szene mega peinlich. »Wer ist das?« Paul hatte Finz entdeckt, der seelenruhig in sein Salzstangerl biss und Paul in aller Ruhe studierte.
Den Typ cholerischer Ehemann kannte er nur zu gut. Dass Paul offenbar ein Arschloch war, tat ihm leid für Eva.
»Herr Kreishofer hat uns Erde geliefert«, sagte Eva.
»In die Küche?«, fragte Paul süffisant. Aber mit einem Lieferburschen wollte er sich ohnehin nicht abgeben. Seine Aufmerksamkeit konzentrierte sich wieder auf seine Frau: »Du warst hoffentlich schon auf der Post?«
»Nein, aber ich wollt … also, ich hab nicht vergessen, ich muss eh gleich los, also, ich fahr eh gleich.« Eva stotterte. Vera überlegte, wie sie die Stimmung entspannen konnte, aber ihr fiel nichts ein. Wahnsinn, war das unangenehm. Sie konnte Evas Verlegenheit fast körperlich fühlen. Die Stimmung war dahin.
Da ergriff Johanna das Wort. »Sie sollten die Wand hinter dem Herd in einer anderen Farbe streichen lassen«, sagte sie freundlich lächelnd zu Paul. »Orange zieht Fliegen an. Das kann im Sommer unglaublich lästig sein.«
Es kam selten vor, dass Paul sprachlos war. Aber auf diese Aussage wusste er tatsächlich nichts zu erwidern. Hatte diese Landpomeranze gerade sein Einrichtungskonzept infrage gestellt?
Und das Schlimmste war, sie hatte auch noch recht. Er musste an die Frankfurter Küche im Wiener MAK denken. Die Frankfurter Küche wurde 1926 im Rahmen des Projekts Neues Frankfurt von Ernst May initiiert und von der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky ausgearbeitet. An den sichtbaren Stellen war diese Küche blaugrün gestrichen, da Wissenschaftlern der Universität Frankfurt zufolge Fliegen blaugrüne Flächen meiden. Warum hatte er daran nicht gedacht, als er die Küche geplant hatte?
Paul drehte sich wortlos um und ging aus dem Raum. Heute war wirklich nicht sein Tag.
Er spürte Ärger in sich hochkochen. Wie eine riesige Welle durchflutete ihn die Wut und verbreitete ein Gefühl tiefer Unruhe und Ohnmacht.
Es ärgerte ihn, dass der Bürgermeister von Buchschachen seine Visionen nicht geteilt hatte. Er wollte hier wirklich etwas auf die Beine stellen. Eine Ferienanlage mit Zweitwohnsitzen, die cooler und stylischer waren als diese fantasielosen Blöcke mit den winzigen Fenstern und den grässlich bunten Fassaden, mit denen die Siedlungsgenossenschaften sonst das Land verschandelten. Moderner, minimalistischer Luxus. Ein Projekt, das urbane Leute mit Stil und Geschmack ansprach. Leute wie ihn selbst. Die Architektur musste beeindrucken, aber gleichzeitig auch dieses neue allumfassende Bedürfnis nach Entschleunigung erfüllen. Die Gegend hier war ideal. Rund eine Stunde von Wien und Graz entfernt und somit für die urbane Zielgruppe leicht erreichbar. Und wenn man erst einmal die hässlichen Durchzugsstraßen mit den Hunderten Kreisverkehren verließ, war es hier atemberaubend schön und idyllisch. Sanfte Hügel, unberührte Natur, Weinberge. Hier sah es stellenweise aus wie in der Toskana. Eine Enklave für Ruhesuchende. Perfekt auch als Refugium für Promis. Er könnte auch noch in der Natur versteckte Häuser für diese Klientel planen. Die hätten so ihre Ruhe. Die Einheimischen hier waren ein angenehm simpler Menschenschlag, nicht so stur wie die Tiroler oder so bockig wie die Oberösterreicher. Die Südburgenländer waren irgendwie freundlich devot. Als Promi konnte man hier echt in Frieden leben, dachte er. Kein Wunder, dass der Frank Hoffmann, der Andreas Vitasek, der Gery Keszler, die Konstanze Breitebner, der Günther Mokesch und die Elke Winkens hier bereits Häuser hatten. Angeblich hatte sogar David Bowie mal ein Haus in Stadtschlaining gesucht. Promis waren hier im Südburgenland sicher. Die eine Hälfte der Bevölkerung war zu hinterwäldlerisch, um diese überhaupt zu erkennen, und die andere zu schüchtern, um sie anzusprechen und zu belagern.
Paul wusste, er musste sich noch einmal mit dem Zieserl zusammensetzen, wenn er dieses Projekt auf die Beine stellen wollte. Es ärgerte ihn, dass er hier im Süden einen neuen Verbündeten brauchte, ohne den er bei seinen Plänen nicht weiterkam. Ein Partner, das war für ihn ein Zeichen von Schwäche. Aber er war auf fremdem Territorium. Im Nordburgenland war er der Rädelsführer gewesen. Er hatte die Regeln gekannt, die Schlüsselfiguren. Jetzt fischte er in unbekannten Gewässern. Er brauchte den Harald, um ihn hier durchzuführen, um ihn zu leiten. Aber dieses Gefühl der Ohnmacht ärgerte ihn auch. Er kannte die Gesetze der Natur. Nur die Stärksten überleben. Er musste das richtige Kräfteverhältnis wiederherstellen. Und er wusste auch schon wie. Wie hatte Haralds Frau noch mal geheißen? Sylvia? Er tippte den Namen ins Handy, kam direkt zu ihrem Social-Media-Konto. Er grinste selbstzufrieden, als er das Profilfoto sah, auf dem Sylvia mit geschürzten Lippen posierte. Dann schickte er die Freundschaftsanfrage ab.
Kapitel 7
Paul, der Narzisst
Schmetterlinge gelten als Delfine unter den Insekten, dabei sind es eigentlich grausliche Viecher. Sie süffeln hingebungsvoll an Blut, Schweiß und Tränen oder laben sich an Aas. Vereinzelt trinken Schmetterlinge auch ihren eigenen Urin. Und das mit so viel Hingabe, dass sie es nicht einmal bemerken, wenn man sie dabei fängt.
Der nächste Tag begann für Eva so wie immer. Mit einer Flut von Vorwürfen. »Warum isst du denn nichts? Setz dich da her, wie andere Frauen das auch tun, setz dich einfach her und iss endlich was. Sei doch bitte so lieb.«
Eva zog es den Magen zusammen. Sie hatte null Appetit. Aber sie wollte den häuslichen Frieden nicht schon wieder riskieren. Schon Carla zuliebe. Für Paul war das sonntägliche Familienfrühstück wichtig. Am liebsten auf der Terrasse, damit die Nachbarn sehen konnten, wie glücklich die Achleitners waren. Eine echte Vorzeigefamilie.
Vielleicht stand er deswegen auch so auf Häuser mit Glasfronten. Da war das inszenierte Bilderbuchleben quasi im permanenten Ausstellungsmodus.
Der Terrassentisch war ein Stahlgestell mit einer Platte, die aus einem einzigen Stück Eiche geschnitten war. Die Bänke rundherum waren mit grauen Schaffellen belegt. Es war ja erst Mai. Eva hatte den Tisch mit schwerer grauer und schwarzer Keramik gedeckt, die sie bei einer angesehenen lokalen Künstlerin in Stadtschlaining gekauft hatte. Die Keramikerin Petra Lindenbauer produzierte auch die Tableware für berühmte Sterneköche wie den Heinz Reitbauer, den Silvio Nickol oder den Konstantin Filippou. Das ganze Ambiente wirkte exklusiv nordisch. Paul mochte nordisches Design. Nur nordisches Essen mochte er nicht so. Für Gerichte mit Moos und Flechten hatte er nichts übrig. Eva hatte Rührei mit Schinken zubereitet, eine Käseplatte mit Nüssen und Apfelspalten gerichtet und einen Striezel und ein Vollkornbrot gebacken. Ohne Brotbackmaschine. Paul mochte es nicht, wenn die Brote vom Rührhaken der Maschine ein Loch im Boden hatten. Außerdem hatte sie einen Smoothie aus Himbeeren, roten Rüben, Ingwer und Kurkuma gemixt. Jetzt musste sie nur noch den Kaffee fertigmachen.
»Du wirkst so unentspannt, kriegst die Regel?« Paul liebte es, ungefragt Evas Zustand zu interpretieren. Blass, unzufrieden, unausgeglichen, nervös. Das waren die Attribute, mit denen er sie gerne bedachte, sogar wenn sie nur ruhig und gemütlich Sachen erledigte oder so wie gerade eben Kaffee kochte. Du bist dies, du bist das. Du bist immer irgendwas.
Eva lächelte bemüht, ging an Paul vorbei hinaus zur Terrasse und stellte die Kaffeekanne auf den Tisch. »Ich hol nur noch schnell die Marmelade.« Sie ging zum Vorratskasten, der optisch dezent in die Küchenfront integriert war und drückte leicht dagegen. Die Tür sprang auf. Quitte mit Chili, Weinbergpfirsich mit Zitronenverbene, Rosengelee … Eva hatte es sich eine Zeit lang zum Hobby gemacht, ausgefallene Marmeladensorten einzukochen. Allerdings waren die bei ihrer Familie auf wenig Gegenliebe gestoßen. Paul aß in der Früh lieber deftig, und Carla mochte nur klassische Sorten. Eva griff nach einem Glas Erdbeere mit weißer Schokolade. Die würde bei Carla gerade noch als »normal« durchgehen.
Als sie auf die Terrasse zurückkam, standen zu ihrer Überraschung Vera und Letta da. »Wir haben uns in Oberwart E-Bikes ausgeborgt und wollten einen Ausflug zur Meierhofermühle machen, aber ich glaub, wir haben uns verfahren.« Vera wirkte erhitzt: »Wir wollen aber nicht stören. Ich wollt nur fragen, ob ich kurz mein Handy bei dir aufladen kann oder deines benutzen darf. Ich hatte Google Maps an, und das hat so am Akku gesaugt, dass der jetzt leer ist. Nur ohne Maps finden wir den richtigen Radweg nie.«
»Ihr stört überhaupt nicht, setzt euch zu uns. Wir wollten gerade frühstücken, habt ihr Hunger?«, sagte Paul jovial.
Letta blickte gierig auf die Pfanne mit Rührei und Schinken, die in der Mitte des Tisches stand. »Also gut, aber nur, wenn es euch wirklich nichts ausmacht.«
»Auf gar keinen Fall, wir freuen uns riesig, bitte bleibt ein bisschen. Carla, steckst du bitte Veras Handy im Haus an.«
Menschen, die ihm förderlich erschienen, lud Paul gerne an seinen Tisch sein. Bei ihrem Besuch am Vortag hatte er Vera kaum beachtet, dann hatte er erfahren, dass sie Journalistin war. Und das hatte die Sache natürlich sofort verändert. Er wollte sofort alles über ihre Netzwerke und Kontakte wissen. Das konnte er ja jetzt bitte selbst herausfinden.
Eva war die perfekte Gastgeberin. »Ich hol euch gleich Teller und Besteck, Kaffee für dich, Vera. Letta, magst du einen Kakao? Ich hab auch einen Smoothie gemacht, mit Kurkuma, der soll ja so gesund sein.«
»Kann ich bitte auch einen Kaffee haben?« Carla blickte Letta bewundernd an. Dass die schon Kaffee trinken durfte. Aber Letta sah auch erwachsener aus als sie selbst, erwachsen und exotisch, wie die albanische Sängerin Dua Lipa, die auch schon mit 15 alleine in London gelebt hatte. Carla war ein großer Fan von Dua Lipa.
»Mit viel Milch bitte«, sagte Vera hastig.
»Ich hol nur schnell mein Tablet, dann zeig ich dir Bilder von meinen Projekten«, sagte Paul eifrig. Eva wusste, was jetzt kommen würde. Paul würde solange über sein iPad wischen, Bild nach Bild zeigen und sich in detailreichen Beschreibungen und Selbstbeweihräucherung verlieren, bis der Kaffee und die Rühreier eiskalt geworden waren. Ihr perfektes Frühstück wäre für die Katz gewesen.
»Schatz, lass uns doch zuerst essen«, sagte sie betont freundlich.
»Ist schon okay«, sagte Vera. »Ich bin nicht hungrig, und es interessiert mich wirklich. Ich hab mir schon einige deiner Projekte im Internet angesehen. Sieht toll aus.«
Die Sonne ging in Pauls Gesicht auf.
Eva dachte an die unzähligen Situationen, als sie anhimmelnd neben ihm stehen musste. Paul erwartete Zuspruch, was immer er auch tat. Sogar wenn er ein Bild aufhängt, will er, dass ich dabeistehe und jeden Hammerschlag benicke, dachte sie.
Sie griff nach ihrer Kaffeetasse und beobachtete Paul und Vera. Paul, der redete und erklärte, als ginge es um sein Leben, und ihre neue Freundin, die freundlich lächelte und interessiert schaute. Er war charmant, eloquent, witzig. Natürlich fand sie Paul toll. Alle taten das.
Letta und Carla hatten sich schon längst in Carlas Zimmer zurückgezogen. »New Rules«, ein Lied von Dua Lipa drang durch die geschlossene Tür.
»Now I’m standin’ back from it, I finally see the pattern
I never learn, I never learn.«
»Drehts die Musik leiser«, brüllte Paul.
»I finally see the pattern.« Ich sehe endlich das Muster, dachte Eva.
Paul gab Vera das Gefühl, dass er sich für sie interessiere. Er imitierte perfekt den angeregten Gesprächspartner. Dabei tastete er nur ab, wie er sie sich später einmal zunutze machen konnte. Eva hatte zum zweiten Mal in dieser Woche das Gefühl, dass sie die Einzige war, die Paul durchschaute – wie die Zuseherin in einem Theaterstück.
Früher, in einer anderen Zeit, hatte Paul sich auch Eva gegenüber so verhalten. Hatte sie umgarnt, umschmeichelt, eingelullt. Er war verrückt nach ihr gewesen. Dass sie so unerfahren war, hatte er entzückend gefunden. Dass sie ihn bewunderte und sich gerne und willig leiten ließ, hatte seinem Ego geschmeichelt. Sie war seine Traumfrau gewesen, die einzige Frau, die er je heiraten wollte und die er auch geheiratet hatte. Seine Vorzeigeehefrau. Er wusste auch nicht, was aus dieser Frau geworden war. Sie war irgendwann verschwunden. Stattdessen war jetzt diese weinerliche, unfähige Person an seiner Seite, für die er zunehmend nur noch Verachtung empfand.
Aus Evas Sicht sah das Ganze etwas anders aus. Je mehr Eva versuchte, sich von ihm zu distanzieren und zu emanzipieren, desto mehr tat er alles in seiner Macht Stehende, um sie klein zu halten. Paul war ein guter Rhetoriker. Er hatte immer schon verstanden, Eva in ihrer Meinung über andere Menschen zu beeinflussen. Er säte so lang Zweifel, bis sie ihrer eigenen Meinung nicht mehr traute. Fast wäre ihm das auch mit ihren Eltern gelungen.
»Dass du so ein Psycherl bist, liegt sicher an deiner Kindheit, deine Eltern haben dich zu wenig geliebt.« Evas Proteste blieben ungehört. Paul lachte nur verächtlich und wusste es besser. Das sei ja typisch für eine psychisch Kranke wie sie. Sie würde es einfach nicht einsehen wollen, dass sie ein Problem hätten. Und Kindheitstraumata würde man halt verdrängen. Das wüsste doch jeder! Was hätte sie da noch sagen sollen? Der Stich ging mitten ins Herz. Eva hatte geheult. Paul hatte die Heulerei als hysterisch und verrückt bezeichnet. Typisch für eine Mimose wie sie. Aber er hatte erreicht, was er wollte. Er hatte sie verunsichert. Eva lag nächtelang grübelnd im Bett und dachte über ihre Kindheit nach. War da tatsächlich etwas vorgefallen? Hatten ihre Eltern sie wirklich nicht geliebt? War sie etwa nicht liebenswert genug gewesen? Ihr Verstand sagte ihr, dass sie ein ganz normales mittelprächtiges Verhältnis zu ihren Eltern hatte. Im Gegensatz zu Paul, der für seine ehemals berufstätige Mutter nur abschätzige Verachtung übrighatte. »Ein karrieregeiles Weib, das familiär über Leichen gegangen ist, bloß um eine überforderte Sekretärin ohne Aufstiegschancen zu werden.« Das war nicht seine Vorstellung von Familienleben.
»Würmchen, träumst du schon wieder, mach uns noch einen Kaffee, der ist ja schon ganz kalt.«
Pauls Stimme schreckte Eva aus ihren trüben Gedanken hoch.
»Nein, lass nur«, sagte Vera, »wir müssen echt weiter. – Letta!« Sie rief den Namen ihrer Tochter laut Richtung Haus. Aber der Ruf hatte gegen Dua Lipas lautstarken Gesang keine Chance.
»Ich hol sie schon«, sagte Eva. »Carla wird enttäuscht sein, dass ihr schon fahrt. Sie findet Letta toll. Das hat sie mir nach der Tanzstunde gesagt. Außerdem hasst sie es, hier nur mit uns rumzusitzen.«
»Letta auch. Sie kann uns ja morgen besuchen kommen«, sagte Vera.
»Wir hören uns, du kannst ja mal über mich schreiben«, sagte Paul und küsste Vera auf die Wangen. Ein Hauch Terre d’Hèrmes blieb an ihr hängen. Paul ging mit federnden Schritten zum Haus zurück. Vera und Letta radelten davon.
Eva machte sich daran, das Geschirr abzuräumen. Pauls Tablet lag noch immer auf dem Terrassentisch. Sie sah eine Push-Nachricht im Facebook Messenger aufpoppen. Ihr Blick blieb am Display hängen. Sie erstarrte, als sie den Text las: Sylvia Zieserl hat deine Freundschaftsanfrage bestätigt.
Trauerarbeit
Akt 4
Zweieinhalb Monate nach seinem Tod ging ich für die Trauerbewältigung zu einer Psychologin. Es hat mir genau gar nichts gebracht. Sie hat gemeint, ich müsse lernen zu verzeihen. Was für ein Schwachsinn. Sie hat nur meinen Verdacht bestätigt, dass die Leute Psychologie studieren, weil sie selbst einen Pecker haben. Meine Freunde meinten, sie hörten mir zwar gerne zu, aber wirklich helfen könnten sie mir nicht. Ich war allein.
Kapitel 8
Eva bei der Nachbarin
Im Mittelalter gestand die Justiz Tieren Gefühle, ein Bewusstsein und in Folge auch Schuldfähigkeit zu. In einem Prozess des Jahres 1520 wurden Holzwürmer angeklagt, Möbel beschädigt zu haben. Auch Maikäfer gerieten ins Visier der mittelalterlichen Justiz: Sie hatten Felder leer gefressen und erhielten drei Tage Zeit, sie wieder zu verlassen.
Eva hatte lange überlegt, wie sie sich bei der Nachbarin für die regelmäßige Eierlieferung revanchieren konnte. Nachdem sie tagelang darüber nachgedacht hatte und ihr keine zündende Idee gekommen war, hatte sie sich für ein eingetopftes Usambaraveilchen und eine Flasche Prosecco entschieden. Damit lag sie goldrichtig. Die Nachbarin hatte bereits eine ganze Sammlung Usambaraveilchen in allen Lilaschattierungen im Stiegenhaus stehen.
Eva hatte gewusst, dass die Nachbarin daheim war, weil es aus dem Schornstein des Hauses wild rauchte. Die Nachbarin heizte nicht, sie verheizte. Kartons, Altpapier, alle Werbebroschüren der Supermärkte, die der Postler täglich brachte. Verheizen, das war auf dem Land für viele die traditionelle Art der Müllbeseitigung. Manchmal nahm der Rauch, der über ihrem Haus in den Buchschachener Himmel aufstieg, seltsame Farben an, war lilablau wie die Usambaraveilchen und stank widerlich. Eva wollte gar nicht wissen, was die Nachbarin an solchen Tagen alles verheizte.
Paradoxerweise legten die Nachbarn, die regelmäßig Dreck in den Himmel jagten, in ihrem unmittelbaren Umfeld größten Wert auf Sauberkeit. Das kündigte schon die Türmatte an. »Füße und Pfoten bitte abtreten.« Ein Malteser kam kläffend herbeigelaufen, als Eva läutete. Sein Fell war makellos weiß, von der Hundefrisörin gebleicht. Die Türglocke spielte »The Final Countdown« von Europe. »Der Heinzi, mein Mann, mag das Lied so gerne«, sagte die Nachbarin erklärend. »Dabei spielens das eh jeden Tag im Radio. Ich mag ja lieber den Andreas Gabalier. Aber den kann der Heinzi auf den Tod nicht ausstehen. Ich glaub, der ist ein bisserl eifersüchtig auf den Andi.«
Eva überreichte ihre Mitbringsel. Die Nachbarin war hocherfreut. »Den Prosecco mach ma gleich auf, und dann erzählst mir, wie ihr euch so eingelebt habt.« Sie war eine kleine kräftige Person Mitte 50 mit einer Frisur, die Eva an die früheren Playmobilfiguren ihrer Tochter erinnerte. Ein dunkelbrauner Farbhelm. Dunkelbraun waren auch ihre Leggings. Farblich abgestimmt auf das beigefarbene lange T-Shirt mit dem goldbraunen Print. An den Füßen trug die Frau goldene Sandalen mit Klettverschluss und Keilabsätzen. Ein konsequenter Versuch, Bequemlichkeit mit einem individuellen Modeanspruch zu vereinen. Die Nachbarin hatte sich in der Früh geschminkt. Jetzt waren nur mehr Reste des braunroten Lippenstiftes übrig. Durch die tätowierte Lippenkontur stach das Fehlen der Lippenfarbe noch stärker hervor. Die Augenbrauen fehlten ebenfalls. Statt Härchen saßen dort dunkelbraune Striche. Die Striche wanderten rhythmisch in die Höhe, wenn die Nachbarin sprach. »Komm herein. Aber bitte putz dir die Füße ab.« Der Malteser schnüffelte an Evas Beinen, sprang an ihr hoch und versuchte, sie zu begatten. »Butzi, lass das. Pfui, Butzi. Schäm dich, Butzi.«
Die Nachbarin schubste Butzi mit dem Fuß weg. Der schnappte nach dem Klettverschluss der Sandale, ergriff dann aber kläffend das Weite. Seine gebleichten Pfoten rutschten beim Laufen über den Laminatboden in Buchenoptik. »Entschuldige bitte«, sagte sie, »der Butzi freut sich immer so, wenn Besuch kommt.«
Sie bat Eva ins Wohnzimmer, das penibel aufgeräumt war. Vermutlich war alles an umherliegendem Mist zuvor verheizt worden. Der Kachelofen war noch warm. Auf dem Wohnzimmertisch lag ein gehäkeltes Spitzendeckerl. Die Nachbarin holte Korkuntersetzer, legte diese auf das Spitzendeckerl und platzierte die Sektgläser darauf. Bleikristall. Einen Aschenbecher aus Bleikristall gab es auch, aber geraucht wurde hier nicht. Im Aschenbecher lagen die Rabattmarkerl einer Supermarktkette. Eva blickte sich um, Einbaumöbel aus Kirsche, überall Nippes. Engel, Porzellanrosen. Ein Kalender mit Sprüchen. »Ehrlichkeit ist ein teures Geschenk, das man von billigen Menschen nicht erwarten kann«, stand da.
»Nett habt ihr es«, lobte Eva höflich.
»Ja gell, den Einbauschrank hat uns ein Tischler aus der Oststeiermark gemacht, der arbeitet super sauber, der saugt sogar den ganzen Dreck selber weg. Mit dem kann man auch reden, wegen der Rechnung.« Sie zwinkerte Eva verschwörerisch zu. »Falls ihr mal wen in der Richtung braucht.«
»Du, danke, aber der Paul hat da eh seine Kontakte.«
»Ich wollt es nur gesagt haben.« Die Nachbarin wirkte ein bisschen eingeschnappt.
Eva blickte aus dem Fenster. Auf der Konifere vor dem Wohnzimmerfenster balancierte ein Vogel. Eine Fliege kroch über die Scheibe, aber sie würde nicht mehr lange kriechen. Eine pestizidgetränkte Klebeblume versperrte ihr den Weg. Orangefarbene Vorhänge und gelbe Gardinen schufen einen dramatisch farbstarken Rahmen für ihren schleichenden Tod.
Die Nachbarin öffnete eine Schachtel mit Knabbergebäck. Party-Mix vom Diskonter.
»Jetzt erzähl einmal, wie es dir geht, ich bin ja froh, dass wir endlich wieder Nachbarn haben. Schon wegen den Einbrechern. Man fühlt sich einfach sicherer. Es steht ja so viel leer im Dorf. Die Jungen wollen nichts übernehmen und ziehen weg, und dann verfällt alles. Oder sie streiten sich ewig übers Erbe. Es will ja keiner mehr was arbeiten. Hast du gehört, dass der Michelbauer oben an der Kreuzung seinen Buben enterbt hat? Weil der ist spielsüchtig. Computerpoker. Da würd nur alles den Bach runtergehen. Da ist es besser, er lasst den Buam durch die Finger schauen und verkauft den Arkadenhof teurer an so an depperten Zuagroasten.« Sie schlug sich die Hand vor den Mund. »Euch hab ich natürlich nicht gemeint, ich rede von den anderen Wienern.«
Eine betretene Pause entstand. Die Nachbarin griff zum Glas.
»Schön, dass ma endlich einmal auf unsere Nachbarschaft anstoßen können!« Sie prostete Eva zu. »Ich seh’ dich immer so fleißig im Garten, hast neue Beete angelegt, gell.«
Eva nickte. »Wir haben uns Inkaerde liefern lassen. Die soll ja für immer fruchtbar …«
»So a Blödsinn«, unterbrach die Nachbarin sie rüde. »Mit dem biologischen Zeugs holst dir nur a Unkraut in den Garten.« Sie hob spielerisch drohend den Finger: »Wehe, ihr schleppt mir das Ragweed15 ein. Aber ich verrat dir was. Zum Glück hat der Heinzi noch eine Quelle fürs Glyphosat16. Falls ihr mal was braucht …«
»Du, ich wär da vorsichtig, Glyphosat ist krebserregend«, sagte Eva.
»So a Blödsinn, von einem Pflanzenschutzmittel kriegst keinen Krebs. Der Krebs, der kommt von der Psyche. Die, die vor euch in dem Haus gewohnt haben, da hat die Frau einen Unterleibskrebs gekriegt. Das war nur psychisch, wegen der Scheidung.« Sie schüttelte bedauernd den Kopf. »Die Leute lassen sich heute viel zu leicht scheiden. Eine gute Ehe, das ist harte Arbeit. Das musst wollen. Wenn der Heinzi und ich uns nicht so bemühen täten, wären wir schon lang nicht mehr zusammen. Aber die Leute heute denken ja nur an ihr Vergnügen. Lauter Egoisten. Keine Moral.«
Die Nachbarin blickte bedeutungsvoll in ihr Kristallglas, dann schaute sie Eva prüfend in die Augen.
»Ich verrat dir jetzt ein Geheimnis: Kennst die Gerlinde drei Häuser unter dir?«
Eva schüttelte den Kopf.
»Ich glaub, die ist eine Geheimprostituierte. Jeden Nachmittag schickt die ihre Kinder auf die Straße. Weil die Mama ist müde, die Mama muss sich hinlegen, die Mama muss sich ausrasten. Und dabei sind fremde Autos in der Straße geparkt.«
Die Nachbarin senkte verschwörerisch die Stimme.
»Ich bin sicher, die hat Männerbesuch. So was von sicher bin ich mir. Aber von mir hast das nicht. Gell. Ob das nicht der Callboy aus Unterwart ist. Das ist ein Araber oder ein Albanier oder ein Afghane, so ein Murl von da unten halt. Der macht kleine Reparaturen und Gartenarbeiten. Aber jeder weiß, was los ist. Das kommt davon, wenn die Männer die ganze Woche in Wien sind. Früher war in Oberwart in den Discos am Donnerstag Damentag. Da bist mit der Freundin hin, und dann haben die Frauen miteinander getanzt und was getrunken und dann sind sie wieder heim. Ganz anständig war das. Aber heute hamma orientalische Callboys in Unterwart. Die Welt steht nicht mehr lang.«
Eva stand der Mund offen. Ein Partycracker mit Sesam klebte unangenehm an ihrem Gaumen. Sie spülte ihn mit dem halbsüßen Prosecco runter, obwohl sie langsam Kopfweh davon bekam. »Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?«
»Klar, wir haben einen Wasserfilter, da bleibt der ganze Kalk und der Dreck aus den Rohren hängen, man weiß ja nie, was da im Leitungswasser drinnen ist. Der Heinzi war mal Wasserwart, das willst gar nicht wissen, was da so in den Rohren schwimmt.«
Eva schwirrte schon der Kopf. Aber der Redeschwall der Nachbarin nahm kein Ende. Sie hechelte einen Dorfbewohner nach dem anderen durch. Geburt, Hochzeit, Scheidung, wer gestorben war, bald sterben würde oder zumindest ins Altersheim abgeschoben wurde. Nur zur größten Enttäuschung der Nachbarin kannte Eva die Betroffenen nicht. Das machte das Ausrichten nur halb so lustig.
»Ja habt ihr denn noch gar niemanden kennengelernt?«, fragte sie schließlich frustriert.
»Doch, kennst du die Zieserls? Die waren gestern bei uns zu Besuch.«
»Soso, die Zieserls.«
»Ist was mit denen?«
»Na, die Zieserl is ka Guade.«
»Wie meinst du das?«
»Ich mein, dass die ein fleißiges Wischperl hat.«
»Ein was?«
Eva stand noch immer auf der Leitung.
»Na, die is a Flitschn. Du, da würd ich aufpassen! Die Zieserl hat kan Genierer. Die krallt sich deinen Mann, so schnell kannst nicht schauen. Übrigens, wenn ihr bei euch den Weg weiter Richtung Wald fahrt, gibt es da eine Stelle, da ist alles voll mit Gummis. Die fahren da alle in den Wald zum Pudern. Magst vielleicht einen Eierlikör? Ich hab noch einen von Ostern über. Die Hendln legen grad wie verrückt.«
Eva verneinte. Ihr wurde schlecht. Sie wusste nicht, ob von dem bösen Getratsche oder von dem vielen Alkohol oder von dem giftigen Rauch, der vermutlich immer noch wie eine Glocke über dem Haus schwebte.
»Ich glaub, ich muss jetzt gehen, die neue Putzfrau kommt heute zum ersten Mal, und der muss ich alles erklären.«
»Ich hoff, es ist keine Ungarin, die putzen alle so langsam«, sagte die Nachbarin.
Eva schaute auf die Uhr. Die ungarische Putzfrau würde erst in einer halben Stunde kommen. Aber sie hatte Lust auf eine Dusche. Obwohl sie die letzte Stunde in so einem blitzsauberen Haus gewesen war, fühlte sie auf einmal richtig dreckig.
Kaum hatte Eva das Haus verlassen, griff die Nachbarin zum Telefon. »Gerlinde, hallo, ich bin’s. Bist allein? Wie, nein. Dann schick die Kinder halt raus, wenn die so einen Lärm machen. Ich muss dir was erzählen. Du, die Zuagroaste war grad bei mir. Du wirst es nicht glauben, die Zieserl war auch schon bei denen. Ich fress einen Besen, wenn die nicht schon längst was mit dem Architekten laufen hat. Der ist ja genau ihr Typ. Erinnerst dich noch an den Fleischhacker, mit dem die Zieserl vorher das Pantscherl gehabt hat? Der hat genauso ausgeschaut. Der gleiche Typ. So ähnlich wie der Hillinger, ja.
Wie die sonst ist, die Eva? Ja eh nett. Ein bisserl naiv. Die kauft auch diese sauteure Unkrauterde. Die Blöden sterben halt nicht aus. Und wenn sie aussterben, ziehen neue her. Du, Gerlinde, ich muss aufhören, bei mir läutet es. Mein Gärtner ist da.«
»The Final Countdown« ertönte. Die Nachbarin öffnete die Tür. Der Mann war Anfang 20, und hätte er nicht diesen dunklen Dreitagebart gehabt, hätte man ihn noch jünger geschätzt. Seine Gesichtszüge waren fein, mit hohen Wangenknochen und schräg geschnittenen Augen, dunkelbraun wie Schokolinsen. Sein dichtes schwarzes Haar hatte er mit Gel gebändigt. Er war nur einen knappen Kopf größer als die Nachbarin. Und wirkte auf eine anziehende Art feminin und maskulin zugleich. Er trug Jeans, T-Shirt und Turnschuhe. Seine Kleidung war alt, aber gepflegt, genauso wie das Fahrrad, das er bei sich hatte.
Die Nachbarin ging in die Garage und kam mit einer Unkrautspritze zurück. »Du heute Terrassenfugen sauber machen, verstehen? Aber aufpassen, nix einatmen, ist giftig. Und danach reinkommen, duschen. Ich auf dich warten.«
15 Invasive Pflanze, die Allergien auslösen kann.
16 Umstrittener Wirkstoff zur Unkrautbekämpfung.
Kapitel 9
Veras Alltag
Katzen sind Raubtiere und fressen im Notfall alles, was ihnen das Überleben sichert – auch wenn es Herrchen oder Frauchen ist. Da sie eine Vorliebe für frisches Fleisch haben, knabbern sie besonders gerne an Leichen im frühen Stadium der Verwesung. Bevorzugt werden exponierte Körperteile wie Nase, Mund, Hände oder Füße angefressen.
»Rexi, Reeeexi, Reeeeeeeeeeexxxxxxiii.« Vera wurde durch lautstarkes Rufen aus dem Schlaf gerissen. Sie blickte auf das Display ihres Handys, das neben ihr am Nachtkasterl lag. 5.35 Uhr. »Reeeeeeeeexxxxxxxxiiiiiiiiiiiii, wo bist denn, do kimm her, Rexi, jo wo is denn mei Rexi, braver Rexi, kimm zum Frauli, REEEEEEEEEEEEXXXXIIIIII.« Die Stimme der Nachbarin überschlug sich fast. Aber der Rexi stellte sich taub oder war es längst geworden. Vera seufzte tief und zog sich die Decke über den Kopf. Das mit dem ruhigen Landleben war ein Mythos. Die Nachbarin hatte ihren Schäferhund wie immer frühmorgens zum Äußerln rausgelassen, und der Rexi dachte – ebenfalls wie immer frühmorgens – nicht im Traum daran, wieder ins Nachbarhaus zurückzukehren. Vera mochte die Nachbarin, sie mochte auch den Rexi. Aber an Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken, und außerdem war es eh langsam Zeit aufzustehen. Sie stieg aus dem Bett und ging schlaftrunken zum Fenster, um zu checken, wie das Wetter heute war. Es war grau und sah windig aus. Eher November als Anfang Mai. Rexi hob gerade das Bein und pinkelte gegen den gelben Sack mit Plastikmüll, den Vera gestern an den Straßenrand gestellt hatte.
Hier am Land gab es ein genaues System, an welchen Tagen in welchen Ortsteilen Restmüll, Papier oder der gelbe Sack von der Müllabfuhr abgeholt wurde. Die Bewohner stellten dann Tonnen und Müllsäcke an den Straßenrand. Weil nur wenige den Plan auswendig konnten, richtete man sich nach dem, der als Erstes damit begann. Nicht auszudenken, was passieren würde, würde sich hier jemand einen Scherz erlauben und zum Beispiel an einem Plastikabholtag Papier hinausstellen. Der Nachahmeffekt würde das Dorf ins Chaos stürzen.
Der Nachbar schräg vis-à-vis hatte einen schwarzen Müllsack hinausgestellt. Vermutlich waren ihm die gelben Säcke, die man bei der Gemeinde bekam, ausgegangen. Neben dem Müllsack stand ein Sechsertragerl Puntigamer Bier. Offenbar ein Bestechungsversuch an die Müllabfuhr, damit die Männer über die Farbverfehlung hinwegsahen. Irgendwann schreib ich mal ein Buch über das alles hier, dachte Vera.
Sie öffnete langsam die Tür zu Lettas Kabuff. »Letta, aufstehen, heute ist Schule.«
Letta stöhnte grantig. Dass der Schulbus schon um 6.40 Uhr fuhr, weil die Schule hier am Land um 7.25 Uhr begann, kam für sie einer Folter gleich. »Dafür bist schon um 13 Uhr fertig mit allem«, hatte Oma Hilda getröstet. Aber Letta wusste nicht, wofür sie fertig sein sollte. Für endlose langweilige Nachmittage hier in der Einöde? Vera füllte Kaffee und Wasser in die Bialetti und stellte den Espressokocher auf den Herd. Sie wusste nicht, ob es vertretbar war, dass eine 13-Jährige starken italienischen Kaffee trank, aber anders kam Letta in der Früh gar nicht in die Gänge, und außerdem gab sie eh reichlich Milch dazu. An Frühstück war um diese Uhrzeit nicht zu denken. Vera packte ihr eine Jause ein. Einen Apfel, den Letta wochenlang zur Schule hin und wieder zurück tragen würde, bis er angeschlagen und faul weggeworfen werden würde, und ein Vollkornbrot mit Hummus und Paprika, das noch heute im Mist landen würde. Letta würde sich später beim Schulautomaten eine in Plastik eingepackte Zimtschnecke rausdrücken, die voller Chemie und Transfette war. Aber Vera hatte keinen Nerv mehr für die ewige Schuljausen-Diskussion. Sie beschloss, in der Apotheke Vitamintabletten für Letta zu kaufen. Als Ausgleich.
Letta zog sich missmutig ihre Jeansjacke an, schulterte ihren Rucksack und ging zu Tür. »Ciao, mein Schatz, hab viel Spaß«, sagte Vera betont fröhlich.
»Werd ich haben«, sagte Letta. »In zwei Jahren. Sobald ich Geld verdienen darf, ziehe ich nach Wien zurück.«
»Du schmeißt die Schule sicher nicht, du machst Matura!«, rief Vera, aber sie war sich nicht sicher, ob Letta das noch gehört hatte. Die Tür war bereits krachend ins Schloss gefallen.
Vera atmete tief durch. Die Katze strich um ihre Beine. Sie hatte Lettas Abgang genutzt, um durch die offene Tür blitzschnell ins Haus zu kommen. Sie war schon da gewesen, bevor Letta und Vera ins Urliomahaus eingezogen waren. Sie war grau, alt, struppig und namenlos. Sie gehörte niemandem und fraß bei jedem, der ein weiches Herz hatte und sie fütterte. Vera hatte ein weiches Herz. Sie riss einen Softbeutel Katzenfutter auf und ärgerte sich, dass wie jedes Mal beim Öffnen ein bisschen was vom Inhalt auf ihre Hand spritzte. Irgendwann würde sie dem Katzenfutter-Hersteller ein Beschwerdemail schreiben. Konnte der seinen depperten Katzenfuttersoftbeutel-Aufreißfalz nicht spritzsicher designen? Ihre Laune war am Tiefpunkt.
Und das nicht nur, weil sie vom Geschrei der Rexibesitzerin geweckt worden war, weil Letta die Schule schmeißen wollte und ihre Hand mit ekligem Katzenfutter bespritzt war. Sie wusste zum ersten Mal in ihrem Leben nicht, wie es wirklich weitergehen sollte.
Sie hatte kaum mehr Geld auf dem Konto und noch schlimmer, sie hatte keine Perspektive.
Sie schnappte sich ihren Laptop und checkte die Mails. Das erste war von ihrer Hausbank. Ihr Kundenberater hatte eine digitale Nachricht in ihrem Postfach hinterlassen. Vermutlich ging es um ihren voll ausgeschöpften Überziehungsrahmen. Vera löschte das Mail. Das war das Gute an der Digitalisierung. Man musste sich nicht mehr persönlich mit solchen Lästigkeiten befassen. Der Avatar des Kundenberaters, den sie eh nicht persönlich kannte, konnte in der virtuellen Mailbox versauern.
Veras Handy läutete. Es war Eva. »Hi, geht’s dir gut?«
»Oh hallo, ja danke, ich sitz gerade am Computer.« Das klang zumindest beschäftigt. Sie musste ja nicht sagen, dass sie schon fast soweit war, sich im Internet Katzenvideos anzuschauen.
»Du, ich ruf dich eh wegen was Beruflichem an. Du hast doch gesagt, dass du auch Homepage-Texte schreibst. Also, der Paul hat doch jetzt ein neues Planungsbüro, der würde einen Text für seinen neuen Webauftritt brauchen.«
Vera horchte auf. Das kam ja wie gerufen.
»Viel zahlen kann er aktuell aber nicht«, dämpfte Eva Veras aufkeimende Begeisterung. »Er stellt sich ja beruflich gerade erst wieder neu auf. Es ist aber echt nicht viel Text. Er braucht nur eine Startseite und eine kurze Bio und vielleicht die Beschreibung von ein, zwei Projekten, damit die Leute hier herunten sich ein Bild darüber machen können, wer er ist und was er so macht.« Eva nannte den Betrag, den Paul als Honorar veranschlagt hatte. Der war so klein, dass der Paul dafür nicht mal einen halben Designerturnschuh hätte kaufen können. Eine Wiener Agentur hätte dafür nicht einmal einen Dreizeiler getextet. Aber Vera war nicht mehr in Wien. Sie knirschte innerlich mit den Zähnen, sagte aber dennoch ja. Lettas Zimtschnecken in Plastik mussten ja irgendwie finanziert werden.
»Ich schick dir auch gleich eine Mail mit allen Infos.«
»Ist gut, ich danke dir, wir sehen uns dann eh beim nächsten Gartentreffen.« Noch während sich Eva verabschiedete, fuhr Vera ihren Webbrowser hoch. Sie wollte mal sehen, was der WeltWeiteWahnsinn über Paul ausspuckte.
Sie tippte Pauls Namen in die Suchmaschine und begann mit einer Bildsuche. Das Ergebnis war nicht besonders aussagekräftig. Es waren entweder Bilder von modernen Häusern, die geradlinig wie Duplo-Steine waren, nur nicht so bunt, oder Porträts, die Paul von seiner besten Seite zeigten. Paul beim Handshake mit dem Landeshauptmann, Paul bei einer Veranstaltung zum Thema »Visionäres Wohnen«, Paul beim Spatenstich für das »Seewinkler Inselparadies«. Fesch war er ja, der Paul. Und charismatisch. Er stand auf allen Bildern aufrecht – Siegerlächeln. Siegerpose. Vera, die bucklig vor dem Laptop gesessen hatte, straffte unbewusst ihre hängenden Schultern und verzog den Mund zu einer Grimasse.
Eva hatte gesagt, Paul hätte gerne Infos über seine Projekte. Vera startete eine neue Suche zum Thema »Seewinkler Inselparadies«. Die Artikel, die sie dazu fand, hatten wohl eins zu eins den PR Text übernommen. Wohnluxus am Wasser, stylische Residenzen am See, zeitgemäße Architektur, Imagegewinn für die Region. Die Beiträge überschlugen sich fast vor Lobhudeleien. Ein einziges Magazin witterte Verstöße gegen die für die Seeregion geltenden UNESCO-Weltkulturerbe-Schutzbestimmungen. In den Kommentaren zum Artikel war eine erbitterte Diskussion zwischen Befürwortern der Siedlung und Umweltschützern entbrannt. Ein Kommentar weckte besonders ihre Aufmerksamkeit: »Die Siedlung kannst demnächst eh mit dem Bagger in den See schieben, die Häuser sind jetzt schon feucht und schimmlig«, schrieb ein gewisser CostaPannonius.
Sie öffnete ein neues Suchfenster und tippte auf gut Glück »Seewinkler Inselparadies« und »Baumängel« ein. Bingo! In kürzester Zeit fand sie einen Chat, in dem betroffene Käufer ihr Leid klagten. Risse im Putz, feuchte Flecken zwischen Glasflächen und Wand, Flachdächer, bei denen es hineinregnete. Offenbar waren die Nachbesserungsarbeiten noch im Gange. Ob der adrette Paul da wohl geschlampt hatte? Komisch, dass davon kaum was in den Medien war.
»Du sollst keinen Aufdeckerartikel schreiben, sondern Werbung für den Typen machen«, schalt sich Vera selbst. »Dafür wirst du bezahlt.«
Dennoch saß sie noch eine ganze Zeit lang nachdenklich vor dem Computer. Bis sie plötzlich aufgeregtes Gegacker hochschrecken ließ. Sie lief nach draußen. In einer der Blumenkisten vor dem Haus lag ein Ei. Davor lief laut gackernd ein Huhn auf und ab. Vera traute ihren Augen nicht. Sie wusste, dass sie ganz sicher kein Huhn besaß. Auch niemand von den unmittelbaren Nachbarn besaß Hühner. Wo das wohl herkam? Das Huhn war rot-braun und weiß gesprenkelt und sah etwas zerrupft aus. Sein Hals war ganz kahl. Vermutlich das letzte in der Hackordnung, das auf der Suche nach einem sicheren Legeplatz vor seinen Artgenossen geflüchtet war. Vera nahm das Ei in die Hand. Es war noch ganz warm. Das Huhn schien bereits das Interesse an seinem Ei verloren zu haben. Es stolzierte Richtung Garten davon und machte sich über den Salat her, der in einem der Beete aufkam. Na toll, dachte Vera. Kurz überlegte sie, das Huhn zu verscheuchen, aber andererseits war ein frisches Ei im Gegenzug für ein paar mickrige Salatpflanzerln ein guter Tausch. Und außerdem liebte Letta Tiere. Vielleicht würde sie das Huhn auf andere Gedanken bringen.
Vera hatte panische Angst um Letta, seit sie zum ersten Mal bemerkt hatte, dass Letta alles zu Hause hortete, was scharf war. Messer, Scheren, Rasierklingen, Teppichcutter, Glasscherben.
Ritzen ist ein merkwürdiges Phänomen: Während die meisten Menschen Schmerzen oder körperliche Schäden instinktiv vermeiden, schneiden sich andere selbst. Meist sind es Jugendliche, in aller Regel Mädchen.
Letta wusste selbst nicht mehr, wie es angefangen hatte. Eigentlich war alles wie immer gewesen. Stress in der Schule, Streit mit ihrer Mutter. Die beiden hatten sich angeschrien, Letta war ins Badezimmer der weitläufigen Wiener Altbauwohnung geflüchtet. Auf dem Rand der Wanne war Veras Rasierer gelegen. Letta hatte danach gegriffen und dann die Klinge ganz langsam über ihren linken Unterarm gezogen. Einmal. Und dann noch einmal. Und noch einmal. Es war ein schönes Gefühl gewesen, es hatte Erleichterung gebracht. An diesem Tag hatte sie sich zum ersten Mal selbst verletzt.
Monatelang war es ihr gelungen, die blutigen Schnitte und Narben zu verstecken. Sie trug lange Shirts, sogar im Hochsommer, wenn es draußen 35 Grad im Schatten hatte. Sie zog sich für den Turnunterricht auf dem Klo um und verdeckte ihre Unterarme mit Stulpen oder unzähligen Armketten und Festivalbändern.
Vera hatte »es« vom Klassenvorstand des Wiener Gymnasiums erfahren, das Letta damals besuchte. Andere Mütter hatten sich beschwert, dass Letta ihre Töchter mit dieser Ritzerei »angesteckt« hätte.
Vera hatte Letta die Jacke vom Leib gerissen und die Narben gesehen. Narben, die alt und silbrig weiß waren, geometrisch wie ein Spinnennetz. Narben, die frisch und rot waren und wulstig hervortraten. Narben, die von Verzweiflung zeugten.
»Warum tust du das?«, hatte Vera gefragt.
»Es hilft mir, die Traurigkeit auszuhalten«, hatte Letta geantwortet. Woher diese Traurigkeit käme? Schweigen.
»Das ist nur eine Modeerscheinung, eine pubertäre Phase, das tun jetzt alle Mädchen«, hatten Veras Freundinnen sie beruhigt. »Wir hatten damals alle Essstörungen, und die heute ritzen sich. Da geht es um den Kick.«
Aber Vera fühlte trotzdem ein nagendes Gefühl der Schuld. Letta war anders, sie war schon durch ihre Hautfarbe auf den ersten Blick anders, und daran war nur sie, ihre Mutter, schuld.
»Letta spürt sich nicht«, hatte die Schulpsychologin gesagt. »Sie steht neben sich. In so einer Situation lässt einen der Schmerz wenigstens irgendetwas spüren. Wenn Blut fließt, merkt sie, dass sie noch am Leben ist.«
»Letta idealisiert das Leiden«, hatte der Klassenvorstand gesagt: »Wir haben ›Die Leiden des jungen Werther‹ durchgenommen. Und während der Rest der Klasse die Leiden als erbärmlich übertrieben und Werther als Vaserl bezeichnet hat, hat Letta ihn glühend verteidigt.«
Vera hatte Letta zehn Mal zum Psychiater geschickt. Die Ritzerei hatte aufgehört, aber Letta war immer noch traurig. Die anderen Mütter hatten ihren Töchtern den Umgang mit Letta verboten.
»Das Mädel gehört aufs Land, hier kommt sie auf andere Gedanken«, hatte Oma Hilda gesagt. Und in Veras aktueller beruflicher Situation war der Umzug ins Südburgenland ohnehin die einzige Lösung. Eine neue Schule, ein neuer Start, neue Freunde. Tanzunterricht, damit Letta sich wieder spüren konnte. Vera hoffte, dass sich ihre Erwartungen erfüllen würden.
Trauerarbeit
Akt 5
Ich entwickelte kleine Rituale, die mir halfen, mit seinem Tod fertigzuwerden. Wenn die Trauer zu schlimm wurde, fing ich an, Dinge zu streicheln, die er mir hinterlassen hatte. Ich fuhr täglich zum Friedhof und putzte wie verrückt seinen Grabstein, so wie ich früher die schmutzigen Fenster in unserer Wohnung geputzt hatte. Ich sprach viel mit ihm, als würde er neben mir stehen. Und irgendwann antwortete er. Er sagte zu mir: »Du musst etwas tun. Du darfst ihn nicht einfach damit davonkommen lassen.«
Kapitel 10
Paul und die Zieserl
Im Auge einer männlichen Fliege gibt es eine bestimmte Region, die »Liebesstelle« genannt wird. Sie wird verwendet, um weibliche Fliegen zu entdecken und zu jagen. Dieser »Spot« befindet sich in der dorso-frontalen Region ihrer Augen und wird unter anderem benutzt, um eine potenzielle Partnerin im Flug im Auge zu behalten.
Paul wusste, am besten lügt man, wenn man haarscharf an der Wahrheit vorbeischrammt. Er erzählte Eva, dass er nach Graz musste, um den Ziviltechniker zu treffen, den er ob seines fehlenden Architektentitels benötigte, damit dieser gegen Bares seinen Stempel auf Pauls Einreichpläne setzte. Er erzählte Eva allerdings nicht, dass er danach noch die Zieserl auf einen Spritzer in einem Grazer Café treffen würde.
Sylvia Zieserl wiederum hatte ihrem Gatten erzählt, sie müsse nach Graz zum Chiropraktiker, weil sie seit ihrer Brustvergrößerung unter Rückenschmerzen litt. Die Titten waren sein Geschenk zu ihrem 40. gewesen. Jetzt würde Paul von diesem Geschenk profitieren.
Da war er sich 100-prozentig sicher. Die Zieserl hatte sofort auf seine Freundschaftsanfrage auf Facebook geantwortet. Ihr Gatte übrigens auch. Der ahnungslose Depp.
Paul wusste, dass er die Zieserl vögeln würde, seit er ihr das erste Mal Feuer gegeben hatte. Die hatte ihn an diesem Abend so auf eine bestimmte Art angeschaut. So auf eine verdorbene Art. Er wusste sofort, dass da was gehen könnte. Er hatte so was immer schon gewusst. Er kannte diesen Typ Frau. Das war eine, die es früher richtig wild getrieben hatte und sich dann aus Berechnung einen reichen, aber langweiligen Mann geangelt hatte, der es nie verstanden hatte, es ihr ordentlich zu besorgen. Die Höhepunkte dieser Ehe waren die monatlichen Treffen mit der Oberwarter Hautevolee. Nun, das würde er ändern.
Die Zieserl saß schon im Café, als Paul dort ankam. Er hatte sich absichtlich etwas Zeit gelassen. Die Erfahrung hatte ihm gezeigt, dass die Hasen mehr spurten, wenn man sie ein bisschen zappeln ließ. Sylvia sah scharf aus. Enges, weit ausgeschnittenes Top, Push-up-BH. Die Augen hatte sie wieder schwarz umrandet. Sie musterte Paul kühl. »Wenn du mich kennenlernen willst, musst du dich beeilen. Ich geh nämlich gleich wieder.«
Paul zog amüsiert die Augenbrauen hoch. »Dann verlieren wir am besten keine Zeit.«
*
Eva spürte sofort, dass etwas anders war, als Paul gegen 22 Uhr aus Graz zurückkam. Er hatte diese selbstzufriedene Aura, die er immer hatte, wenn er sich als Mann bestätigt fühlte.
Sie schnupperte verstohlen an ihm, als er sie zu Begrüßung auf den Mund küsste. Er roch wie immer. Weder frisch geduscht noch verschwitzt, sondern so steril, als hätte er nach dem Sex ohne Duschgel geduscht. Beides hatte sie in der Vergangenheit schon erlebt. Vielleicht bildete sie sich das Ganze doch nur ein und sah Gespenster. Paul hatte ihr ja versprochen, dass der Umzug in den Süden ein neuer Start war.
»Carla schläft schon. Wir hatten Pastaauflauf, soll ich dir was aufwärmen?«
»Ich hab keinen Hunger, ich hab schon mit dem Nemeth gegessen. Der erwartet ja jedes Mal, dass ich ihn zum Essen ausführe. Dabei zahl ich ihm echt genug für seine depperten Stempel.«
Eva nickte verständnisvoll. Dass der Nemeth den Hals nicht vollbekam, war ein ständiges Problem ihres Leider-nein-Architekten-Gatten.
»Ich hab aber an anderen Hunger!« Paul blickte sie treuherzig an. Eva trug eine rosa Flanellpyjamahose mit weißen Herzen, ein grünes Kapuzen-T-Shirt und rosa Kunstfrotteesocken. Ihr war null nach Sex zumute. Aber wenn Paul lächelte, hatte er immer noch dieses Grübchen auf der linken Wange, in das sie sich mit 15 verliebt hatte.
»Komm her, ich hatte einen echt stressigen Tag, du könntest mir helfen, mich zu entspannen.« Eva zögerte. Sie hatte als quasi Alleinerzieherin auch einen stressigen Tag gehabt. Sie hatte zwar null Lust, aber sie wollte Pauls gute Laune nicht zerstören. Ein fröhlicher Paul war ihr allemal lieber als ein verletzender, zynischer Paul. Außerdem war es echt schon ewig her, seit sie miteinander geschlafen hatten. Sie sollten es wirklich wieder mal tun. Warum nicht jetzt. Dann würde sie vielleicht auch wieder mehr Lust auf Sex bekommen. Mit Sex ist das ja eine ganz komische Sache. Je weniger man hat, desto weniger geht er einem ab. Zumindest war das bei Eva so.
»Wir könnten auch wieder die Spielzeugkiste aufmachen«, flüsterte er ihr ins Ohr.
Eva erstarrte. Als vor zehn Jahren »Fifty Shades of Grey« herausgekommen war, war Paul auf den Bondage Trip aufgesprungen und hatte seinen Fitnessraum in eine Sado-Maso-Kammer verwandelt. Eva hatte das Ganze gar nicht getaugt, sehr zu seinem Missfallen. Als Mutter eines Kleinkindes war sie mit durchwachten Nächten und vom Stillen wunden Brustwarzen schon genug gefoltert. Sie brauchte Zärtlichkeit und Schlaf und keinen Ehemann, der ihr Brustklammern anlegte und auf strenge Kammer machte.
Zum Glück hatte sich das Ganze erledigt, als Carla größer wurde und ein solches Spielzimmer in einem Familienhaushalt nicht mehr vertretbar war. Die Sado-Maso-Accessoires wanderten in die Versenkung und wurden nie wieder gesehen. Eva hatte sie schon ganz vergessen. Paul grinste anzüglich: »Oder du könntest mir einen blasen.« Er war wirklich geil. Er hatte mit der Zieserl im Auto geschmust, als er sie zu ihrem Wagen gebracht hatte, den sie in der Grazer Tiefgarage geparkt hatte, und alles war nach Plan gelaufen. Aber dann hatte sie diese unnötige Masche »Ich bin keine Frau für eine schnelle Nummer« abgezogen und war davongefahren. Weiber.
Als Eva und Paul miteinander schliefen, dachten sie paradoxerweise beide an die Zieserl. Paul, weil er noch immer von den Titten der Zieserl angeturnt war. Und Eva, weil sie überlegte, ob Paul und die Zieserl wirklich nur Facebookfreunde waren.
Später, als er längst schlief und leise schnarchte, schlich Eva ins Badezimmer. Pauls Kleider lagen fein säuberlich über dem Badewannenrand. Sie tastete nach seiner Hose. Die Geldbörse steckte in der rechten hinteren Hosentasche. Eva klappte die Brieftasche mit zitternden Händen auf. Sie musste Gewissheit haben. Sie atmete auf, als sie die flache Verpackung mit dem kreisförmigen Inhalt ertastete. Eva vertrug die Pille nicht. Paul hatte immer eines seiner Spezialkondome in der Geldbörse. Er nahm ausschließlich diese Marke. Sie atmete erleichtert auf. Das Kondom war noch da.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.