Kitabı oku: «Distinktion durch Sprache?», sayfa 6
2.2 Theoretisch-methodischer Rahmen
Diese Arbeit ist nicht die erste, die sich der aktuellen studentischen Mobilität widmet. In den folgenden Abschnitten wird dargelegt, mit welchen Aspekten sich vorausgehende Untersuchungen auseinandersetzten. Im Anschluss an diesen Überblick wird aufgezeigt, welche Forschungslücken bestehen und wie dieses Projekt das Fehlende berücksichtigen will. Weiter wird deutlich gemacht, wie sich diese Arbeit positioniert und welche Forschungsfragen sie mithilfe von welchen Daten und Methoden beantworten will. Schliesslich werden drei theoretische Konzepte eingeführt, die diesem Vorhaben dienlich sind.
2.2.1 Forschungsstand, -lücken und mögliche Ergänzungen
Akademische Mobilität hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einem Forschungsthema entwickelt, das durch verschiedene Disziplinen untersucht wird. Wenn auch die theoretischen Ansätze und die Methoden variieren, der thematische Fokus ist den nachfolgend genannten Forschungsarbeiten gemeinsam. Die anschliessende Auflistung erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr soll sie die breite Palette an Forschungsschwerpunkten darlegen, die mit der Thematik verknüpft sind, und einen knappen Überblick ermöglichen.
Es sei hier auf zwei Formen der gegenwärtigen studentischen Mobilität hingewiesen, die in der stets wachsenden Forschungsliteratur eine besondere Aufmerksamkeit erfahren. Zum einen beschäftigen sich etliche Projekte mit der programmierten Mobilität, d.h. in erster Linie mit kurzen Mobilitätsaufenthalten, die im Rahmen von dafür konzipierten Programmen zustande kommen. Zum andern wird die akademische Mobilität von Studierenden ergründet, die ausserhalb von Programmen erfolgt.1
Sichtet man Forschungen, die sich mit Studienaufenthalten von kürzerer Dauer im Rahmen von Mobilitätsprogrammen2 beschäftigen, so fällt auf, dass einige der Publikationen auf Mandatsbasis zustande gekommen sind. Dies ist nicht weiter erstaunlich, da hinter solchen Programmen mehrheitlich politische und wirtschaftliche Interessen und Träger stehen. So werden unter anderem Motive und Motivationen für studentische Gastaufenthalte ergründet (z.B. Streckeisen 1993 für den Schweizer Kontext; Ballatore & Ferede 2013 und Hauschildt 2016 für den europäischen Kontext). Es werden Mobilitätserfahrungen der Studierenden sowie von im akademischen Kontext tätigen Experten zusammengetragen (Streckeisen & Diem 1993; Aydin 2012; Dewey et al. 2012). Biographische Aspekte werden erforscht, die den an Mobilitätsprogrammen teilnehmenden Studierenden eigen sind (z.B. Eichsteller 2011). Weiter werden die Bedingungen ergründet, welche die Mobilität begünstigen und zum Erfolg von politischen Programmen beitragen (z.B. Streckeisen 1993; Ferencz 2012; Teichler 2012; Van Mol 2014).
Neben diesen bildungspolitischen, soziologischen, erziehungswissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Forschungsaspekten stossen auch Sprachen, mit denen Studierende während einem Studienaufenthalt in der Fremde konfrontiert werden, auf Interesse (Freed 1995; Dufon & Churchill 2006; Kinginger 2007, 2009). In den Forschungsarbeiten, die der Sprache im Zusammenhang mit Gastaufenthalten gewidmet sind, ist die Zahl der Themen gross und erstreckt sich von Sprachtests vor und nach Studienaufenthalten (z.B. Serrano et al. 2011) über sprachlich-identitär ausgerichtete Projekte (z.B. Jackson 2008; Ellwood 2011; Kinginger 2015) bis hin zu kritischen Betrachtungsweisen von Sprachpraktiken und Sprachgemeinschaften mobiler Studierender (z.B. Pellegrino Aveni 2005; Van Mol & Michielsen 2015). Zunehmend schliessen an akademischen Gastaufenthalten interessierte Forschende mehr als rein sprachliche Aspekte mit ein. So greifen sie z.B. anthropologische Perspektiven auf (vgl. Murphy-Lejeune 2002 zur studentischen Mobilität in Europa; Pherali 2012 zur akademischen Mobilität im britischen Universitätskontext) und analysieren bildungspolitische Diskurse (vgl. Gore 2005 für den US-amerikanischen Kontext).
Auch studentischer Mobilität, die ausserhalb von mobilitätsfördernden Programmen erfolgt, wird zunehmend Aufmerksamkeit geschenkt, und dieses Thema beschäftigt unterschiedliche Disziplinen. So werden die studentische Mobilität und die damit verbundenen Kosten und der daraus sich ergebende Nutzen aus ökonomischer Perspektive betrachtet (z.B. Freeman 2010; Teichler 2012). Weiter werden u.a. transnationale Mobilitätsrichtungen analysiert und mit politischen Systemen der jeweiligen Herkunfts- bzw. Empfangsländer in Verbindung gebracht (Di Piero & Page 2008). Transnationale Netzwerke und Erfahrungen von Studierenden fern von ihrem Herkunftsort werden ergründet (z.B. Montgomery 2010). Und wie bei allen Bestrebungen von Menschen, sich neu zu organisieren – in diesem Fall über die Mobilität –, bieten sich auch anthropologische Fragen an. So finden etwa Fragen zum Thema Gender Eingang in die Erforschung der akademischen Mobilität (z.B. Polanyi 1995 im russischen Kontext; Talburt & Stewart 1999 im spanischen Kontext).
Auch im Kontext nicht programmierter Mobilität wird der Sprache ein besonderer Stellenwert eingeräumt. So werden neben dem akademischen Erfolg, der u.a. mit den vor Ort verlangten Sprachkompetenzen verbunden wird (z.B. Benzie 2010), die Sprachpraktiken von an ausländischen Universitäten Studierenden ergründet (z.B. Gu 2014). In diesem Zusammenhang werden beispielsweise Interaktionsmodi (Iino 2006; Isabelli-García 2006) und soziale Netzwerke und die darin vorherrschenden Kommunikationsarten analysiert (Fernández 2012). Weiter werden sprachlich-identitäre Aspekte in Berichten von anderssprachigen Studierenden ergründet (für die Schweiz vgl. Poglia et al. 2009; für den internationalen Kontext vgl. Benson et al. 2013).
Wie aus diesen Ausführungen hervorgeht, stellt das Thema „akademische Mobilität“ ein interdisziplinär angelegtes Forschungsfeld dar, das mit seiner wachsenden Grösse an Übersichtlichkeit einbüsst. Wenn also im Folgenden auf Forschungslücken hingewiesen wird, geschieht dies erstens im Bewusstsein, dass diese möglicherweise bereits geschlossen worden sind, mir dies aber trotz ausgiebiger Lektüre entgangen sein mag. Zweitens werde ich nur auf Lücken verweisen, die mir aufgrund meiner Lektüre aufgefallen sind, die ich aus soziolinguistischem Interesse, d.h. dem Interesse daran, Sprache in einem gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen, ausgewählt habe. Diese Auswahl ist wiederum auf mein Projekt ausgerichtet, das sich mit dem Stellenwert von Sprache im Rahmen der intra-nationalen Mobilität von Tessiner Studierenden in die Deutschschweiz auseinandersetzt. Vier Lücken seien im Folgenden erwähnt.
Erstens wird in der Forschungsliteratur kaum auf Studierende verwiesen, denen im Verlaufe des Studiums Mobilität nicht „vergönnt“ ist. Ihre Stimme wird von Forschenden selten bis nie gehört. Wenn sie jene erwähnen, stellen sie dieselben als „VerliererInnen“ dar (Murphy-Lejeune 2002). In diesem Zusammenhang wird vorwiegend von europäischen ForscherInnen unterstrichen, dass nicht-europäische Studierende in ihrer Mobilität zum einen stark eingeschränkt sind, d.h. dass sie nur vereinzelt überhaupt an Mobilität denken können und immobil bleiben müssen, und dass sie zum andern selten von mobilitätsfördernden Programmen profitieren können (z.B. Dervin & Byram 2008; Souto-Otero et al. 2013).3
Zweitens ist in der wissenschaftlichen Literatur – sowohl international als auch national – kaum von denjenigen Studierenden die Rede, die zur Mobilität gezwungen sind. Akademische Mobilität wird in erster Linie als Option beschrieben, die wünschenswert ist. Immobilität – oder das, was als immobil betrachtet wird (vgl. dazu 2.2.4.1) – hingegen wird meist als negativ angesehen und nur in wenigen Publikationen als Privileg erachtet (eine Ausnahme ist z.B. Weiss 2005); daher rührt auch die Etikettierung der Immobilen als VerliererInnnen.
Drittens fokussiert die bisherige Forschung diejenige akademische Mobilität wenig, die nicht über Landesgrenzen hinausführt, sondern innerhalb eines Staats stattfindet4. Im globalen Zeitalter werden vorwiegend Mobilitätsbewegungen untersucht, die über kontinentale oder zumindest nationale Grenzen hinausgehen (Teichler 2005; Rivza & Teichler 2007). Dass auch „kürzere“ Wege für Studierende eine Mobilitätssituation darstellen, wird wenig thematisiert.
Viertens erwähnt die Mehrheit der mir bekannten Forschungen, die sich auf die Sprache im Kontext der akademischen Mobilität konzentrieren, den historischen, wirtschaftspolitischen Zusammenhang nur am Rande5. Dies, obschon – wie im kurzen Überblick über die Universitätsgeschichte und die Landschaft der Universitäten ersichtlich wird – studentische Mobilität, der möglicherweise mit ihr einhergehende Wechsel der Sprachregion und mit ihr verbundene Herausforderungen nur begriffen werden können, wenn sie in diesen historischen, ökonomischen und politischen Zusammenhang gestellt werden. Wenige Forschungen (z.B. Montgomery 2010) beachten diesen, während andere den Blick auf die Sprache im Kontext der akademischen Mobilität lenken, fast ohne die zum Verständnis der sozialen und sprachlichen Praktiken notwendigen Bedingungen historischer, politischer und wirtschaftlicher Art zu berücksichtigen.6
Aus den aufgezeigten Forschungslücken erwächst ein Auftrag für die vorliegende Arbeit. Sie versucht, einen Beitrag zur Erforschung der akademischen Mobilität zu leisten. So ist es – wie bereits angedeutet – die intra-nationale akademische Mobilität in der Schweiz, um die es im Folgenden gehen soll. Sie übergreift – wenn auch kleinräumig – Sprachgrenzen, was für die soziolinguistische Arbeit von besonderem Interesse ist. In dieser Kleinräumigkeit wirken national- und lokal-politische, wirtschaftliche und historische Faktoren. Die Rolle, die in der Mobilitätssituation der Sprache zukommt, möchte diese Arbeit mit Blick auf die genannten Faktoren verstehen. Diese Verbindung ist auch deshalb relevant, weil die Arbeit erstens den Anspruch hat, nicht „bloss“ deskriptiver, sondern auch interpretativer Natur zu sein, und sich zweitens auf einen kritisch soziolinguistischen Ansatz stützt (vgl. 2.2.2).
Weiter befasst sich das Projekt mit Studierenden im Schweizer Kontext, die sich nur bedingt freiwillig für die Mobilität entscheiden. Dies rückt die akademische Mobilität in ein neues Licht und lässt Fragen zur Immobilität aufkommen. So wird in dieser Arbeit immer wieder auf Immobilität verwiesen, was zum Verständnis der Mobilität beiträgt und dazu verhilft, die der Mobilität nachgesagten Vorzüge (aber auch Herausforderungen) nachzuvollziehen. Der Blick auf die wechselseitige Beziehung zwischen Mobilität und Immobilität zwingt ausserdem dazu, die Wertung „VerliererInnen“ kritisch zu bedenken.
Zum einen soll dieses Projekt einen wissenschaftlichen Beitrag zur Erforschung der akademischen Mobilität leisten. Zum andern möchte es zum kritischen Nachdenken in der universitären Umgebung anregen und aufzeigen, welche – bisher wenig thematisierten – Eigenheiten die Mobilität über Sprachgrenzen hinweg hat und inwiefern der Sprache auch machtbezogene Attribute anhaften, die in der wissenschaftlichen Literatur zur studentischen Mobilität allenfalls in Randbemerkungen vorkommen, obwohl sie, wie in den analytischen Kapiteln dargestellt wird, reale Konsequenzen für soziale Akteure haben.
2.2.2 Positionierung
Damit, dass die Lücken in der Erforschung der akademischen Mobilität erkannt sind und das an sie schliessende Vorhaben skizziert ist, ist auch angedeutet, welche thematischen, methodologischen und epistemologischen Aspekte im Rahmen dieser Arbeit zentral sind. Das Interesse am Stellenwert der Sprache im Kontext der akademischen Mobilität über Sprachgrenzen hinweg, an damit zusammenhängenden national- und lokal-politischen, wirtschaftlichen und historischen Faktoren, an Fragen nach Machtprozessen und Ideologien, die der Mobilität bzw. Immobilität anhaften, und an einer interpretativen und kritischen Betrachtungsweise führt zu einer epistemologischen Positionierung innerhalb der kritischen Soziolinguistik. Aber was bedeutet „kritische Soziolinguistik“? Um dies zu erläutern, sind einige Ausführungen erforderlich, die dazu dienen sollen, die Soziolinguistik an und für sich und ihre „kritische“ Komponente zu portraitieren.
Die Bezeichnung „Soziolinguistik“ wird seit den 50er-Jahren gebraucht, zunächst in den Vereinigten Staaten und später auch in Europa. Lange war die Bezeichnung für das Feld uneinheitlich1. So zirkulierten Begriffe wie „linguistic anthropology“, „sociologie du langage“, Begriffe, die sich weder deckten noch klar unterscheidbar waren. Inzwischen hat sich ein Konsens darüber durchgesetzt, was mit Soziolinguistik gemeint ist. Sie wird als „Felddisziplin“ angesehen, also als eine Domäne, in welcher die Datenerhebung im Feld geschieht und welche kommunikative Daten verschiedener Art beinhaltet. Weiter wird unterstrichen, dass – in Anlehnung an die Arbeit der Ethnolinguisten (vgl. Boutet 1994) – soziale Situationen, in welchen sprachliches Material entsteht, einer Analyse unterzogen werden sollen. Dieser Leitsatz, Sprache immer auf dem Hintergrund der sozialen Produktionsbedingungen zu ergründen, ist weitgehend akzeptiert. Soziolinguisten verwarfen bereits früh schon die Idee eines statischen und idealen Sprachsystems, die von Strukturalisten (de Saussure 1916) oder Generativisten (Chomsky 1965) vertreten wurde, welche „langue“ und „parole“ strikte trennten, also an der Unterscheidung zwischen dem abstrakten Sprachsystem und dem fluiden Sprachgebrauch festhielten (vgl. dazu auch Duchêne 2008). Stattdessen waren Begründer der Soziolinguistik wie William Labov, John Gumperz und Dell Hymes davon überzeugt, dass Sprache sich im Gebrauch manifestiere, nicht neutraler Natur sei und dass ihr deshalb stets soziale Aspekte anhaften würden (Ammon 1987).
Seit den 50er-Jahren wurden Arbeiten von grosser Bandbreite und mit unterschiedlichen Positionierungen produziert. Während die einen SoziolinguistInnen sich mit Korrelationen auseinandersetzten und ergründeten, wie Sprache und soziale Produktionsbedingungen zusammenspielen (z.B. Akzent und geographische Merkmale einer Region), tendierten andere dazu, Soziologie und Linguistik als Domänen zu vereinen und interdisziplinär zu arbeiten. Wieder andere forderten dazu auf, den theoretischen Link zwischen der Sprache und der Gesellschaft zu überdenken, d.h. beispielsweise die Frage nach dem sozialen Wert von Sprachen und Sprachpraktiken zu stellen und der Frage nach der Deutungshoheit nachzugehen. Wer die zuletzt genannte Frage verfolgt, ergründet u.a., welche Sprache in einer sozialen Interaktion welchen Wert von wem zugeschrieben bekommt und welche Konsequenzen solche Verhandlungsprozesse mit sich bringen. Diese letzte Positionierung ist der eingangs erwähnten „kritischen Soziolinguistik“ zuzuordnen (Heller 2002; Boutet & Heller 2007). Sie geht den Fragen des Machtausübens, -zuschreibens oder -absprechens auf den Grund, Fragen, die durch Sprache selbst, damit verbundene Kompetenzen und Sprachgebrauch aufkommen (Heller 2002, 2003; Duchêne 2008, 2009), und ermöglicht es, zu zeigen, wie und weshalb Vorgänge geschehen und welche Konsequenzen sie haben (Boutet & Heller 2007: 312).
Solche Fragen sind im Zusammenhang mit meinem Interesse an der akademischen Mobilität über Sprachgrenzen hinweg und am Stellenwert der Sprache, der mit dieser Mobilität verbunden ist, besonders relevant. So wählen Tessiner Studierende – wie Stefanias Statement zu Beginn zeigt – ihren Studienort auch im Hinblick auf die Sprache, die sie dort zu erlernen hoffen. Die Wahl, in der Deutschschweiz (und eben nicht in der italienischsprachigen Herkunftsregion) zu studieren, hängt mit Vorteilen zusammen, die mit einer gewissen Sprache assoziiert werden. Diese wiederum sind im lokalen Raum mit der Zeit zu „Vorteilen“ geworden. So muss der Wunsch von Studierenden, gewisse Sprachen besser zu beherrschen, im lokalen Markt analysiert werden, der historisch gewachsen ist. Innerhalb dieses Markts sind gewisse Währungen stärker oder sind, mit anderen Worten, gewisse Sprachen einträglicher. Es ist denn auch nicht verwunderlich, dass der Markt mit seinen Regeln erheblichen Einfluss auf das Handeln von Menschen hat. Schliesslich hängt deren Zugang zu sozialen Positionen, Ressourcen und Kapital davon ab.
Die kritische Soziolinguistik ordnet soziale und sprachliche Praktiken in einen bestimmten Raum und einen spezifischen historischen Kontext ein. Jede Interaktion ist in einem zeitlichen und örtlichen Rahmen situiert und findet auf einem Hintergrund statt, der von den „trajectoires“2 der Akteure getragen ist. Materielle Bedingungen gehören zu diesem Hintergrund; sie sind an ihn gebunden und schränken die Handlungsmöglichkeiten ein (Giddens 1984). Somit sind soziale Phänomene und damit verbundene Praktiken situiert, kontextualisiert und nicht neutral. Dieser Ansatz geht darüber hinaus, Gemeinschaften und darin erfolgende Interaktionen als gegeben zu betrachten. Er versucht stattdessen, sozialen Akteuren und ihren „trajectoires“ zu folgen und dabei die vorhandenen Ressourcen zu berücksichtigen. Um diese „trajectoires“ zu ergründen und zu verstehen, inwiefern Sprache dabei welchen symbolischen oder materiellen Stellenwert erlangt, ist die Berücksichtigung des Markts hilfreich. Gepaart mit einem ethnographischen Ansatz, der die Akteure, ihre Interaktionen und vorhandenen Ressourcen in diesem Markt situiert, erlaubt es die Idee des Markts, die Interessen und Möglichkeiten zu begreifen, die den Handlungsspielraum der Akteure wie auch die von ihnen unternommenen Handlungen beeinflussen (Heller & Martin-Jones 2001; Heller 2002). Zusammenfassend kann die dieser Arbeit zugrunde liegende epistemologische Positionierung einem interaktionellen, konstruktivistischen Paradigma zugeschrieben werden, das eine ethnographische Herangehensweise bedingt.
2.2.3 Forschungsfragen, Daten und Methodologie
Diese Arbeit wird vom eingangs bereits erwähnten grundlegenden Forschungsinteresse, also der Quaestio, gelenkt: „Welchen Stellenwert hat die Sprache in Diskursen und Praktiken, die mit der studentischen Mobilität im schweizerischen Hochschulsystem zusammenhängen?“ Die Quaestio wiederum geht auf die epistemologische Positionierung zurück, auf der meine Arbeit basiert. Die Forschungsfragen, welche die folgenden Kapitel leiten, hängen mit der Quaestio und der Positionierung zusammen. Sie beruhen auf der Vorstellung, dass mit der akademischen Mobilität einhergehende Ideologien auf dem Terrain der Sprache verhandelt werden, dass diese Ideologien sich in Diskursen niederschlagen und soziale wie auch sprachliche Praktiken der von der studentischen Mobilität tangierten Akteure beeinflussen.
Aus diesem Interesse ergeben sich drei Leitfragen, die für die Datenerhebung wie auch für die Analysearbeit zentral sind und es ermöglichen, den Stellenwert von Sprachen im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität über Schweizer Sprachregionen hinweg empirisch zu untersuchen. So soll ein Beitrag zum Verständnis geleistet werden, wie Sprache und Mobilität in soziale und diskursive Praktiken im Kontext des schweizerischen Hochschulsystems hineinwirken, und sollen Kapitalerwerbsprozesse im Bildungssystem und die Rolle der Sprache in der heutigen Gesellschaft ergründet werden, jener Gesellschaft, welche die Studierenden als für die Zukunft geeignete „Subjekte“ konstruiert.
Die nachfolgenden Leitfragen wollen jene mit der Mobilität verbundenen Handlungen erhellen, welche vor dem Mobilwerden und in der Mobilitätssituation vollzogen werden. Sie setzen es sich also zum Ziel, die Mobilität von ihrem Ursprung her – also ausgehend vom anfänglichen Wunsch nach Mobilität bzw. von der Entstehung desselben – und die damit verbundenen Interessen zu ergründen.
Auf die Formulierungen der Leitfragen folgen jeweils kurze Erläuterungen.
I. Unter welchen Bedingungen wird Mobilität für wen möglich und erstrebenswert? Wer wirbt wie für sie, und inwiefern spielt Sprache dabei eine Rolle?
Diese Frage schliesst insofern an die historischen Ausführungen an, als sie darauf abzielt, den dominierenden Machtapparat und dessen Logik anhand von Praktiken zu ergründen, die im Zusammenhang mit der akademischen Mobilität stehen. Die Universität dient diesem Apparat und hebt hervor, welche Mobilität ausführbar und erstrebenswert ist. Es gilt, Promotionsdiskurse und -praktiken, die von im heutigen schweizerischen Hochschulsystem involvierten Institutionen produziert werden, im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität zu verstehen und zu ergründen, welche Rolle die Sprache dabei spielt. Im Besonderen fokussiere ich mich auf Diskurse und Praktiken, welche deutschschweizerische Institutionen/Akteure an die Tessiner Studierendenpopulation richten.
II. Wie konstruieren (welche) Studierende ihre Mobilität, und wie wird Sprache zum Argument, ihre Entscheidung zu legitimieren?
Die Mobilität und deren Legitimation sollen ergründet werden, und zwar sowohl in dem Falle, wo zukünftige Studierende über ihre Entscheidung, mobil zu werden, nachdenken, als auch in demjenigen, wo die Entscheidung für Mobilität bereits gefallen ist. Es geht darum, Diskurse und Praktiken von Tessiner MaturandInnen und mobil gewordener Studierender zu verstehen. Es soll untersucht werden, wie TessinerInnen, die sich für ein Studium an einer deutschschweizerischen Universität entschieden haben, ihre Mobilität begründen (gerade im Zusammenhang mit der Veränderung der schweizerischen Hochschullandschaft seit der Gründung der USI). Mithilfe dieser Frage gelingt es, zu begreifen, welche wirtschaftspolitischen Interessen sich wie auf individuelle Praktiken auswirken und inwiefern (welche) Sprachen diesen Interessen dienen. Die Frage geht also über eine individuelle „Begründung“ der Mobilitätswahl hinaus. Sie soll zur Klärung beitragen, wie sich der Machtapparat im universitären Bereich reproduziert, die dortigen Praktiken beeinflusst und individuelle legitimierende Diskurse und Praktiken prägt.
III. Wie kommen Studierende mit der Mobilitätsituation in der anderssprachigen Region zurecht?
Wenn Tessiner Studierende mobil geworden sind und möglicherweise den Wunsch haben, zusätzliche Sprachkompetenzen zu erwerben, stellt sich die Frage, wie sie in ihrer neuen Umgebung zurechtkommen. Setzen die Universitäten die in Promotionsdiskursen versprochenen Hilfestellungen für Studierende mit anderssprachigem Hintergrund um? Und kommen die Studierenden ihren eigenen Vorsätzen nach? Mit welchen Herausforderungen sehen sich die Studierenden konfrontiert? Wie begegnen sie diesen? Unter welchen Bedingungen und aus welchen Gründen beziehen sie sich in ihrer Mobilität auf ihre Herkunftsregion? Solche Fragen sind in der dritten Leitfrage enthalten und sollen dazu beitragen, zu verstehen, welche diskursiven und sozialen Praktiken sich im Studierendenalltag abspielen und inwiefern sich darin sprachideologische und politisch-ökonomische Dimensionen spiegeln.
Die Leitfragen verlangen sowohl nach gewissen Daten zur Beantwortung derselben als auch nach einer gewissen Methode, diese Daten zu generieren. Darüber hinaus bedingen die Fragen – mit dem mehrfach darin enthaltenen Fragewort „wie“ zielen sie darauf ab, den Stellenwert von Sprachen im Zusammenhang mit der studentischen Mobilität über Schweizer Sprachregionen hinweg zu verstehen – auch eine gewisse Art und Weise, die Daten zu analysieren. Im Folgenden soll kurz beschrieben werden, welche Daten dazu zählen, mit welcher Methode sie erhoben worden sind und wie diese analysiert werden. Das methodologische Kapitel nimmt sich dieses Vorhabens im Detail an.
Die Leitfragen bedürfen einer qualitativen Herangehensweise. Ein ethnographisches Vorgehen bietet sich an. Ethnographische Feldforschung beinhaltet das Erfahren und das Erleben der/des Forschenden, die sie/ihn zu einem Teil des Forschungsfeldes machen. Es gelingt so, die Perspektiven der unterschiedlichen Akteure wie auch deren Sprachpraktiken zu berücksichtigen. Die Entscheidung, auf diese Weise vorzugehen, hängt damit zusammen, dass diese Methode es erlaubt, dem Untersuchungsgegenstand in seiner Komplexität Rechnung zu tragen (Giddens 1984). Eigentlich der Anthropologie entsprungen, ist die sprachliche Ethnographie tief und unablösbar im sozialen Leben situiert und bietet eine spezifische ontologische und epistemologische Ausrichtung (Hymes 1964; Mason 2002). Das ethnographische Arbeiten ermöglicht es, zu sehen, wie Sprachpraktiken mit den realen Lebensbedingungen von Menschen verbunden sind, zu verstehen, wie und warum Sprache für Menschen aus ihrer Sicht wichtig ist, und zu sehen, wie sich Prozesse mit der Zeit entwickeln (Heller 2008: 250). Sprachliche Einzelhandlungen werden als Index von Mustern und Entwicklungen angesehen, welche über die Einzelhandlung hinaus relevant sind. Diese weiterführende Dimension ist Teil der ethnographischen Interpretation (Fabian 1995).
Mit dem Ziel, die studentische Mobilität und die Rolle der Sprache in der Hochschulbildung im Schweizer Kontext zu verstehen, habe ich zum einen in der Rolle der Ethnographin physisch (und gedanklich, nachdenklich, beobachtend und mithandelnd) zwischen 2011 und 2014 an ausgewählten Lebenswelten teilgenommen. Dabei habe ich mich auf die vom italienischsprachigen Tessin auf die Deutschschweiz gerichtete Mobilität konzentriert.
Die im Rahmen meiner ethnographischen Feldforschung erhobenen Daten lassen sich den drei Leitfragen zuordnen:
Im Zusammenhang mit meinem Vorhaben (Frage I), die studentische intra-nationale Mobilität als sozio-ökonomisches Phänomen zu verstehen und dabei zu begreifen, wer wie für sie wirbt und inwiefern Sprache dabei eine Rolle spielt, habe ich an Informationstagen für zukünftige Studierende an verschiedenen Universitäten (Bern, Luzern und Zürich [ETH und Universität], USI) beobachtend teilgenommen, war an Präsentationen verschiedener Studienfächer, habe vor Ort mit Leuten (zukünftigen Studierenden, VertreterInnen der verschiedenen Universitäten, OrganisatorInnen) gesprochen und dabei etliche institutionelle Dokumente (Flyer, Einladungen, Informationen für MaturandInnen, etc.) gesammelt. Auch haben Gespräche mit den in diesen Bildungsinstitutionen für die Marketingbroschüren und -konzepte Verantwortlichen stattgefunden. Zusätzlich stehen mir die gesetzlichen Grundlagen (z.B. das Schweizer Hochschulförderungsgesetz) zur Verfügung, welche die Mobilität ermöglichen und den Rahmen für die damit verbundene Propaganda bilden.
Um der Frage II nachzugehen, wie (welche) Studierende ihre Mobilität konstruieren und wie dabei Sprache mitspielt, habe ich mithilfe der Immatrikulationsstellen der Universitäten Bern, Fribourg, Zürich (ETH und Universität) und Luzern StudienanfängerInnen aus dem Tessin kontaktiert. Mit elf mobil gewordenen Studierenden, die im Kanton Tessin ihre Maturität gemacht hatten, führte ich narrative Interviews durch, welche aufgezeichnet und teilweise transkribiert wurden. Weiter sprach ich an Informationstagen mit zukünftigen Studierenden über die ihnen bevorstehende Entscheidung für/gegen Mobilität.
Um zu ergründen (Leitfrage III), wie Studierende mit ihrer Mobilitätsituation in ihrer anderssprachigen Aufnahmeregion zurechtkommen und wie sie ihre mit ihrer Herkunftsregion bzw. -kultur zusammenhängenden Praktiken begründen, habe ich während eines akademischen Jahres (2011–2012) in einer italienischsprachigen Studierendenorganisation in Bern teilnehmend beobachtet. Ich war an zahlreichen verschiedenen Events/institutionellen bzw. individuellen Treffen (Apéros, Eishockey-Match, Zugfahrten, Sitzungen, Generalversammlung, Stammtischtreffen etc.), und machte danach jeweils Feldnotizen. Damit verbunden war das Sammeln von institutionellen Dokumenten (Flyers, Statuten, Einladungen …), auf die Verseinaktivität bezogener Korrespondenz (Newsletter des Vereins, Jobaustausch …) und Fotos, die von der Studierendenorganisation auf deren Website veröffentlicht worden waren.
Diese ethnographisch erhobenen Daten analysiere ich, indem ich mich auf Prämissen aus der kritischen Soziolinguistik berufe (Hymes 1964; Boutet & Heller 2007) wie auch an Begründer der kritischen Ethnographie anlehne (Bourdieu 2000 [1972]; Emerson et al. 1995, 2001; Bhatia et al. 2008; Gobo 2008).
Dabei werden den sozialen und sprachlichen Praktiken zugrunde liegende (Sprach-)Ideologien (Irvine 1989) und Interessen der verschiedenen Akteure ergründet. Einzelhandlungen werden als situiert betrachtet, d.h., dass analysiert wird – und zwar über die Einzelhandlung hinaus, während der teilnehmend beobachtet wurde –, welche Bedeutung ihnen zukommt und inwiefern sie für die involvierten Akteure zentral sind. Diesem Teil der Analysen dienen die Feldnotizen, die Einzelhandlungen in einer „thick description“ (Geertz 1973) festhalten, wie auch die gesammelten Dokumente, die mit den beobachteten Ereignissen verknüpft sind.
Die in Gesprächen zustande gekommenen Daten werden (analog zu den Beobachtungen) als situierte Handlungen (vgl. Cicourel 1974; Briggs 1986) erachtet, in denen eine bestimmte Person auf bestimmte Art und Weise unter bestimmten Bedingungen einer bestimmten Person – in diesem Fall mir – etwas erzählt (Heller 2008). Sie werden als Praktiken der „De- und Entextualization“ der zu ergründenden Phänomene analysiert (Silverstein & Urban 1996). In Interviews (re-)konstruieren die Gesprächspartner ihre mit der Mobilität zusammenhängenden Praktiken. Dieser Rekonstruktionsprozess ist nicht neutral, sondern wird von Gesprächspartnern produziert, die eine bestimmte Position/Rolle haben. Das Herausarbeiten dieser Positionen kann im Zusammenhang mit dem aus der teilnehmenden Beobachtung erworbenen Wissen dazu dienen, zu erkennen, wie intra-nationale Mobilität auf Tertiärstufe von den verschiedenen Akteuren verhandelt und praktiziert wird und welche Rolle die Sprache dabei für sie spielt.