Kitabı oku: «Der Capitän des Vultur»
Der Capitän des Vultur
Mary Elizabeth Braddon
Inhaltsverzeichnis
Erstes Capitel.
Zweites Capitel.
Drittes Capitel.
Viertes Capitel.
Fünftes Capitel.
Sechstes Capitel.
Siebentes Capitel.
Achtes Capitel.
Neuntes Capitel.
Zehntes Capitel.
Elftes Capitel.
Zwölftes Capitel.
Dreizehntes Capitel.
Vierzehntes Capitel.
Fünfzehntes Capitel.
Sechzehntes Capitel.
Siebzehntes Capitel.
Achtzehntes Capitel.
Neunzehntes Capitel.
Zwanzigstes Capitel.
Einundzwanzigstes Capitel.
Zweiundzwanzigstes Capitel.
Dreiundzwanzigstes Capitel.
Vierundzwanzigstes Capitel.
Fünfundzwanzigstes Capitel.
Impressum
Erstes Capitel.
Der Weg nach Marley Water.
»Ist heute Abend Niemand mit der Postkutsche gekommen?« fragte der Grobschmied von Compton auf dem Moor den Wirth des Schwarzen Bären, des ersten und größten Gasthauses in diesem Kirchspiel.
»Niemand als Capitän Duke.«
»Was? Der Capitän ist also wahrscheinlich in London gewesen?«
»Er war über drei Wochen dort,« erwiederte der Wirth, der etwas scheuer Natur und nicht besonders gesprächig war.
»Ah! hm!« sagte der Grobschmied, »drei Wochen und länger in London, drei Wochen von seiner schönen, jungen Frau entfernt; drei Wochen mit Spielen und Prahlen und Fechten und Prügeln der Nachtwächter und mit Tanzen und Schmausen zugebracht; drei Wochen um des Königs Geld durchzubringen, drei Wochen —«
»Um zum Teufel zu gehen; drei Wochen um zum Teufel zu gehen!« sagte eine Stimme hinter ihm; »warum sagt Ihr es nicht geradezu heraus, John Homerton?«
»Ich will verdammt sein, wenn dies nicht Mr. Darrell Markham ist!«
»Er selbst und Niemand anderes!« sagte der Sprecher, ein hochgewachsener Mann in einem Reitrock, hohen Stiefeln und einem dreieckigen Hut, den er tief in’s Gesicht gedrückt hatte; »aber behaltet es für Euch, Homerton. Niemand in Compton weiß, daß ich hier bin; es ist nur ein fliegender Geschäftsbesuch und in ein paar Stunden bin ich wieder fort. Was war es, das Ihr über Capitän George Duke von Sr. Majestät Schiff Vultur sagen wolltet?«
»Ich wollte nur sagen, Master Darrell, daß ich, wenn ich eine so hübsche Frau hätte sie wie Mr. Duke und nur zwei Monate von zwölf bei ihr sein könnte, nicht die Hälfte dieser zwei Monate in London verliedern würde. Ich glaube, Eure Cousine mit ihrem hübschen Gesicht hatte eine bessere Partie machen können, Mr. Darrell Markham.«
»Ich glaube es auch, John Homerton,« sagte der junge Mann traurig; »ich glaube es auch.«
Die drei Männer standen während dieses kurzen Zwiegesprächs vor der Thür des Wirthshauses. Der Grobschmied hatte den Zügel seines kräftigen, kleinen, weißen Pony in der Hand, bereit zum Aufsitzen, um nach seiner Schmiede am andern Ende der langgedehnten Landstadt weiter zu reiten. Darrell Markham wandte sich von den Beiden ab und trat einige Schritte auf die vorüberführende staubige Landstraße hinaus, wo er gedankenvoll auf einen schmalen, gewundenen Pfad blickte, der sich meilenweit über das nackte, dunkle Moorland hinzog. Der Schwarze Bär stand nämlich am Eingang der Stadt und am Saume des offenen Landes.
»Wir werden eine dunkle Nacht bekommen,« sagte Markham, zu seinen Gefährten zurückkehrend, »und ich werde keinen sehr angenehmen Ritt nach Marley Water haben.
»Sie morden doch diesen Abend nicht weiter wollen, Sir ?« sagte der Wirth.
»Ich sage Euch, ich muß noch diesen Abend meinen Weg fortsetzen, Samuel Pecker. Schlechtes oder gutes Wetter, ich muß diese Nacht in Marley Water schlafen.«
»Sie waren stets so verwegen, Mr. Darrell,« sagte der Grobschmied voll Bewunderung.
»Zu einem einsamen Ritt über das Moor von Compton bedarf es gerade keines großen Muthes, John Homerton. Ich habe ein paar Pistolen, die niemals versagt haben, ein rasches, kräftiges Pferd und weiß recht gut, wie ich für meine Börse Sorge tragen soll. Ich habe es schon früher mit Straßenräubern zu thun gehabt und bin mit ihnen fertig geworden. Was aber mehr ist als Alles, ich muß es thun.«
»Ihr müßt also diesen Abend in Marley Water sein, Mr. Markham ?«
»Ich muß diese Nacht im Goldenen Löwen zu Marley Water schlafen, Mr. Pecker,« antwortete der junge Mann.
»Wirth, zeigt mir den Weg von hier nach Marley Water,« sagte ein Fremder.
Die drei Männer sahen empor. Ein Mann zu Pferde, der vor der Thüre angehalten hatte, schaute mit scharfem, forschenden Blick auf die kleine Gruppe herab. Er war so leise herangeritten, daß sie den Hufschlag seines Pferdes nicht gehört hatten. Wie lange er schon da war und woher er gekommen, konnte Keiner von den Dreien errathen; aber da war er, den letzten gelben Strahl der untergehenden Herbstsonne voll auf seinem Gesicht.
Dieses Gesicht war ein sehr hübsches. Regelmäßige Züge, eine frische Farbe der leicht von der Sonne gebräunten Wangen, braune Augen mit dunkeln, scharfgezeichneten Brauen und braunes, lockiges Haar. Der Reiter war von mittlerer Größe, kräftig gebaut und wohlproportionirt, ein Modell männlicher, englischer Schönheit. Das Pferd war gleich seinem Herrn von breiter Brust und starkem Bau.
»Ich wünsche den nächsten Weg nach Marley Water zu erfahren,« sagte er nochmals, denn es hatte etwas so Plötzliches in seiner Erscheinung gelegen, daß keiner der drei Männer seine erste Frage beantwortet hatte.
Der Wirth, Mr. Samuel Pecker, war der Erste, der sich von seiner Ueberraschung erholte.
»Jener Weg dort über das Moor wird Euch gerade wie ein Pfeil nach Marley Water bringen, Capitän,« antwortete der Wirth höflich, aber in einem etwas sonderbaren Tone.
Der Reiter nickte.
»Dank Euch, und gute Nacht!« sagte er und trabte auf dem Moorlandpfade davon.
»Capitän! Wer ist er denn?« fragte Darrell Markham, sobald der Fremde sich entfernt hatte.
»Der Mann Eurer Cousine Sir — Capitän George Duke.«
»So, das ist George Duke?« Er sprach doch wie ein Fremder.«
»Das ist seine Art soll, antwortete der Wirth, »heute mit Euch Brüderschaft trinken und Euch morgen wie einen Fremden behandeln. Man weiß nie recht, wie man mit ihm daran ist; jedenfalls ist er ein lustiger Cumpan, obschon ich mir nicht denken kann, was er diesen Abend in Marley Water zu schaffen hat, nachdem er noch keine zwei Stunden von London zurück ist.«
»Er ist ein sehr hübscher Mensch,« sagte Darrell Markham, »und ich wundere mich nicht darüber, daß Millicent Markham sich in ihn verliebt hat.«
»Es giebt Leute, welche behaupten, Miß Millicent habe sich in einen Andern verliebt gehabt, ehe sie den Capitän sah,« sagte der Wirth.
»Dann sollten sie etwas Besseres zu thun wissen, als von den Liebesangelegenheiten junger Damen zu sprechen,« antwortete Markham ernst. »Ich will Euch etwas sagen, Samuel Pecker, wenn ich mich nicht sogleich auf den Weg mache, so werde ich Marley Water diesen Abend nicht mehr finden. In einer Stunde wird es pechschwarz sein. Sagt ihnen, sie sollen Balmerino bringen.«
»Müßt Ihr diesen Abend wirklich gehen, Mr. Markham?«
»Ich sage Euch, ich muß gehen, Samuel. Sagt dem Stallknecht, er solle das Pferd herausführen. Ich werde die Hälfte des Wegs zurückgelegt haben, ehe es finster wird, wenn ich sogleich aufbreche.«
»Gute Nacht denn, Sir,« sagte der Grobschmied; »ich wünschte nur, Ihr bleibt in Compton. Der Ort ist jetzt langweilig genug, seit der alte Squire todt und die Halle geschlossen ist, während der junge Squire, wie die Leute sagen, sich in London ruinirt und auch Ihr fort seid. Compton ist nicht mehr, was es war, als Ihr ein Knabe wart und Euer Onkel, der Squire Weihnachten in der Halle hielt; das waren Zeiten und jetzt —«
»Leider müssen wir Alle alt werden, John Homerton,« antwortete Darrell mit einem Seufzer.
»Aber es ist hart, mit achtundzwanzig Jahren von Altwerden zu sprechen,« sagte der Grobschmied. »Gute Nacht, Mr. Darrell, und entschuldigt meine Freiheit Gott segne Euch!«
Darrell Markham hielt als Antwort auf diesen warmen Segenswunsch seine Hand hin. Der gute Mann ergriff sie mit einer muskulösen Herzlichkeit, murmelte einen andern Segen, bestieg seinen Pony und trabte langsam davon.
In diesem Augenblicke ließ sich eine weibliche Stimme im Innern des Wirthshauses vernehmen:
»Wo ist er, wo ist mein thörichter Knabe? Er darf diesen Abend nicht mehr fortgehen, um sich auf des Königs Heerstraße den Hals abschneiden, oder das Gehirn zerschmettern zu lassen,« und mit diesen Worten trat eine gewichtige Frau von einigen fünfzig Sommern aus der Thüre des Hauses hervor und schlang zwei rothe, fette Arme um Darrell Markhams Hals. »Ihr werdet doch diesen Abend nicht fortgehen, Mr. Darrell? O, ich hörte Pecker Euch bitten, dazubleiben, aber in seiner schläfrigen, einfältigen Weise. Es ist ein Unterschied im Bitten. O, ich habe keine Geduld mit ihm; als ob Ihr da bliebt, um Enten zu färben.«
Diese dunkle Anspielung war ein Spott auf Mr. Samuel Pecker, dessen blödes, unterwürfiges Wesen ihm die Verachtung seiner pompösen und energischen Ehehälfte zuzog.
Was den Herrn und Gebieter vom Schwarzen Bären betraf, so muß hier erwähnt werden, daß es keinen solchen gab. Es gab Aufwärter und Aufwärterinnen, es gab Küchenmägde und Stallknechte, aber keinen Herrn, keinen Wirth. Denn dieses Individuum verlor sich so ganz im Glanze seiner gewaltigen Gebieterin, daß es besser gewesen wäre, wenn er gar nicht existirt hätte, denn was von ihm da war, stand immer im Wege. Wenn er einen Befehl gab, so war es gewöhnlich ein verkehrter und unausführbarer, wenn er aber unglücklicher Weise von einem mit der Gewohnheit des Hauses nicht vertrauten Dienstboten dennoch ausgeführt wurde, so kam die ganze Maschinerie des Schwarzen Bären auf einen Tag in Unordnung. Empfing er einen Reisendem so gab er ihm gewöhnlich einen so traurigen Eindruck vom Leben überhaupt und vom Leben in Compton insbesondere, daß neun Mal unter zehn Mal der entmuthigte Wanderer sich wieder entfernte, sobald sein Pferd ein Maul voll Heu und einen Trunk Wasser aus dem großen Troge unter dem Eichbaum vor dem Hause erhalten hatte. Es gab nirgends so viele Räuber als auf den Straßen, von denen Samuel Pecker sprach, es gab niemals solche Stürme, als wenn er vom Wetter redete, niemals so schlechte Ernten, als wenn er sich über die Landwirthschaft ausließ.
Einige Leute sagten, er sei von Natur schwermüthig und es verursache ihm Schmerzen zu lächeln. Andere dagegen behaupteten, er sei ein weit lebhafterer Mann vor seiner Verheirathung gewesen, die Last seines Glückes sei zu viel für ihn und die Wonne, mit einem so großartigen Geschöpf wie Mrs. Samuel Pecker vereinigt zu sein, habe seine Gesundheit und seine Geisteskräfte untergraben. Gewiß ist, daß er nicht nur sehr verzagt und kleinmüthig, sondern auch vollkommen unfähig war, den Hohn abzuwehren, den seine liebenswürdige, aber riesenhafte Ehehälfte täglich auf sein Haupt häufte.
Der Fremde, welcher zum ersten Male Zeuge des häuslichen Glückes im Schwarzen Bären war, konnte auf den Gedanken kommen, daß Samuel Pecker dort nur ein geduldeter Eindringling, und nur dem Namen nach durch die Gnade seiner Frau Eigenthümer des Gasthauses sei. Aber es war nicht so; die erhabene Linie Pecker hatte seit undenklichen Zeiten im Schwarzen Bären regiert. Der verstorbene Samuel Pecker, der Vater von Samuel, dem Gatten von Sarah, war ein stattlicher, sechs Fuß hoher Mann, und seinem milden, schwachen Sohn so unähnlich gewesen, wie es nur zwei Menschen sein können. Von diesem Vater hatte Samuel den großen, gut eingerichteten Gasthof geerbt, sich aber nicht lange im Besitz der Herrschaft erhalten, denn sechs Monate nach seiner Thronbesteigung hatte er Sarah, Wittwe von Thomas Masterson, eines Seemanns, und Haushälterin von Squire Ringwood Markham von der Halle zur Frau genommen und ihr das Regiment abgetreten.
So kam es, daß Sarah Peckers fette Arme in diesem Augenblicke Markham Darrells Hals umschlangen. Sie hatte Darrell von Kindheit an gekannt und keine Mutter hatte jemals ihren Erstgeborenen mehr geliebt, als Sarah Pecker den blondgelockten Knaben liebte, der in ihren Augen mit achtundzwanzig Jahren noch immer ein Knabe war. Sie hielt ihn für das Muster edler Männlichkeit und war fest überzeugt, daß es in ganz England keinen hübscheren, gescheidteren, muthigeren und edelmüthigeren jungen Mann gebe, als Darrell Markham.
»Ihr werdet diesen Abend nicht weiter gehen, Master Darrell,« sagte sie. »Es soll nicht gesagt werden, daß Ihr den Schwarzen Bären verließt, um auf dem Moore von Compton ermordet zu werden. Jenny richtet in diesem Augenblick einen Kapaun für Euch her und Ihr sollt eine Flasche von Eures armen Onkels eigenem Burgunder haben, den Pecker bei der Versteigerung in der Halle erstanden hat!«
»Es nutzt nichts, Mrs. Pecker; ich sage Euch, ich kann nicht bleiben. Ich weiß, wie gut Jenny einen Kapaun braten kann und ich weiß auch, wie bequem Ihr es Euren Gästen zu machen versteht, und ich wollte mir nichts Besseres wünschen als zu bleiben, aber ich darf nicht. Ich muß mit der Kutsche, die morgen früh um fünf Uhr von Marley Water nach York geht, weiter reisen. Ich hatte überhaupt kein Recht, nach Compton zu kommen, aber ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, Euch, Mrs. Sarah, in der Erinnerung an die alten Zeiten die Hand zu schütteln und mich nach Lucas Jordan dem Doktor, und Selgood dem Advokaten und einigen andern von meinen früheren Bekannten zu erkundigen und — und —«
»Und nach Miß Millicents He, Master Darrell? London ist eine so große Stadt und um all, die schön bemalten Madams, die in ihren Reifröcken, in ihren französischen Kleidern und regenbogenfarbigen Hüten dort herumfliegen, habt Ihr doch nicht ganz Miß Millicent vergessen, nicht wahr, Darrell Markham?«
Sie hatte ihn auf ihren breiten Knieen gewartet, als er noch ein kleines Kind war, und sie nannte ihn zuweilen ganz kurz Darrell Markham.
»Vor einem Jahre war in der Kirche von Compton eine lustige Hochzeit,« fuhr sie fort, »und Alles war sehr großartig und hübsch, und die Braut sah sehr reizend aus; aber etwas war nicht recht und das war der Bräutigam.«
»Wenn Ihr nicht wünscht, daß ich mich verspäte, oder daß mir irgend ein tapferer Straßenritter auf dem Moore von Compton die Hirnschale einschlägt, so würdet Ihr besser daran thun, wenn Ihr mich fortließet, Mistreß Pecker. Mistreß Pecker! O, die guten alten Tage, die guten alten Tages wo ich Euch Mistreß Sally Masterson in der Halle zu nennen pflegte!«
Er wendete sich mit einem Seufzer von ihr ab und begann ein trauriges, altenglisches Lied zu pfeifen, während er gedankenvoll hinaus in die weite, düstere Moorfläche blickte.
Der Stallknecht brachte das Pferd an die Thüre des Wirthshauses — ein kräftiges, feuriges Thier von brauner Farbe, das nur an der Seite des Kopfes einen ganz schmalen, weißen Streif hatte.
Der junge Mann schlang den Arm liebkosend um den Hals des Pferdes und, seinen Kopf niederziehend, blickte er es an, wie er einen Freund angeblickt haben würde, von dessen Liebe und Treue in einer falschen und grausamen Welt er wenigstens überzeugt wäre.
»Braver Balmerino, guter Balmerino,« sagte er, »Du hast mich diese Nacht vierundzwanzig Meilen über ein raues Land zu tragen; Du hast mich in einer Sendung zu tragen, die vielleicht ein schlimmes Ende nehmen wird; Du hast mich von vielen bitteren Erinnerungen wegzutragen; aber Du wirft es thun, nicht wahr, Balmerino, alter Junge?«
Das Pferd drückte seinen Kopf an die Schultern des jungen Mannes und schnüffelte an den Aermeln seines Rocks.
»Braver Junge, das heißt Ja,« sagte Markham, während er in den Sattel sprang. »Gute Nacht, alte Freunde, lebet Alle wohl.«
Er winkte mit der Hand und ritt langsam nach dem Moorlandpfad; aber noch ehe er die Landstraße überschritten hatte, eilte ihm der sonst so phlegmatische Samuel Pecker nach.
»Mr. Darrell Markham,« sagte er, »geht diesen Abend nicht nach Marley Water, geht nicht! Fragt mich nicht, warum, Sir, ich kann Euch nicht sagen, warum, denn ich weiß es selbst nicht; aber geht nicht! Ich habe eines von jenen Gefühlen, die so deutlich wie Worte sprechen: Thut es nicht!«
»Was, eine Vorahnung, Pecker?«
»Ich glaube, das ist das rechte Wort dafür. Geht nicht, Sir!«
»Samuel Pecker, ich muß,« antwortete Darrell. »Wenn ich wüßte, daß ich in meinen Tod ginge, so würde ich gehen.«
Er schüttelte den Zügel aus dem Halse seines Pferdes und das Thier eilte so rasch davon, daß, ehe sich Samuel Pecker besinnen konnte, Darrell Markham in eine Wolke von Staub gehüllt, bereits über das Moorland dahinflog.
Mrs. Pecker stand unter dem weiten, gewölbten Portale des Schwarzen Bären, dem davoneilenden Reiter nachblickend.
»Armer Master Darrell!« rief sie mit einem Seufzer; »braver, edelmüthiger Master Darrell! Um Miß Millicent wegen wünschte ich nur, daß Capitän George Duke ihm ein wenig ähnlich wäre.«
»Aber angenommen, Capitän George Duke wünscht nichts der Art, wie dann, Mrs. Pecker ?«
Die Person, die auf diese Weise das Selbstgespräch der Mrs. Pecker beantwortete, war ein Mann von mittlerer Größe in einem Seemannsrock und einem dreieckigen Hut, ein Mann, der ebenso leise an die Thüre des Wirthshauses gekommen war, wie vor einer halben Stunde der Reiter.
Zum ersten Mal seit ihrer Herrschaft im Schwarzen Bären erbebte der gigantische Busen der Mrs. Pecker einer Person des stärkeren Geschlechts gegenüber.
Sie, dieses große Weib, stammelte fast, als sie sagte: »Ich bitte um Verzeihung, Capitän Duke, ich war nur in Gedanken versunken.«
»Ja, Ihr habt nur laut gedacht, Mrs. Pecker. Ihr wünscht also, daß Capitän George Duke von Sr. Majestät Schiff Vultur ein eben solcher Taugenichts und Müßiggänger sein möchte wie Darrell Markham.«
»Ich will Euch sagen, was es ist, Capitän, Ihr seid Miß Millicents Ehemann und wenn — wenn Ihr ein junger Hund wäret und sie wäre Euch geneigt, so könnte ich um dieser lieben jungen Dame willen mich nicht dazu bringen, ein Wort gegen Euch zu sagen. Aber sprecht kein schlimmes Wort gegen Muster Darrell Markham, denn das ist eines der Dinge, die Sarah Pecker niemals ertragen wird, so lange sie eine Zunge im Munde und scharfe Nägel an ihren Fingerspitzen hat.«
Der Capitän brach in ein langes schalIendes Gelächter aus, — ein Gelächter, das eine eigenthümliche silberne Musik in sich hatte. Es gab Leute in der Stadt Compton, im Seehafen Marley Water und an Bord der Fregatte Sr. Majestät, des Vultur, welche sagten, das Gelächter des Capitäns habe zu Zeiten etwas Grausames an sich und sei keineswegs angenehm zu hören. Aber welcher Mann in amtlicher Stellung ist jemals dem giftigen Hauch der Verleumdung entgangen, und warum sollte Capitän Duke hierin eine Ausnahme von seinen Mitmenschen machen?
»Ich verzeihe Euch, Mrs. Pecker,« sagte er, »ich verzeihe Euch. Es kann mir nichts daran gelegen sein, wenn die Leute Gutes von Darrell Markham sprechen. Der arme Teufel« ich bedaure ihn!«
Mit dieser freundlichen Bemerkung wandte der Capitän des Vultur der stattlichen Sarah den Rücken und schritt nach der offenen Thüre des Wirthshauses, durch die man den rosigen Wiederschein des Kaminfeuers wahrnahm.
Auf der Schwelle begegnete er Samuel Pecker, der nach seiner feierlichen Beschwörung von Darrell Markham durch eine Seitenthüre, die durch den Hof führte, in das Haus zurückgekehrt war.
Wenn Capitän Duke von Sr. Majestät Flotte das schreckliche Aussehen gehabt hätte, das jemals ein Teufel, oder ein Gespenst angenommen, so hätte seine Erscheinung auf der Schwelle des Schwarzen Bären den sanften Samuel Pecker kaum mehr erschrecken können. Das Gesicht des armen Samuel wurde weiß und seine Kniee zitterten unter ihm, während er zurücktaumelte und mit seinen schwachen wasserblauen Augen den Flottenoffizier anstarrte.
»So seid Ihr also nicht gegangen, Capitän?« stotterte er.
»Ich bin nicht gegangen? Wohin bin ich nicht gegangen?«
»Ihr seid nicht nach Marley Water gegangen?«
»Nach Marley Water! Nein! Wer sagte, daß ich dahin gehen wollte?«
Der kleine Rest von männlichem Muth, der Mr. Samuel Pecker nach seiner Ueberraschung noch geblieben war, wurde ihm durch den entschiedenen Ton des Capitäns vollends ausgetrieben und er murmelte schüchtern:
»Wer es sagte? O, Niemand besonders; nur — nur Ihr.«
Der Capitän ließ wieder sein eigenthümliches Gelächter vernehmen.
»Ich habe es gesagt? Ich habe es gesagt« Samuel? Wann?«
»Vor einer halben Stunde. Als Ihr mich nach dem Wege dahin gefragt habt.«
»Als ich Euch nach dem Wege von Marley Water gefragt habe! Ich kenne ihn ja so genau, wie das Verdeck meines eigenen Schiffs.
»Das ist mir auch aufgefallen« Capitän, als Ihr mit Eurem Pferde an dieser Thüre anhieltet und mich nach dem Wege fragtet. Ich muß sagen, daß es mir sonderbar vorkam.«
»Ich hielt mein Pferd an! Wann ?«
»Vor einer halben Stunde.«
»Samuel Pecker, ich bin heute noch auf keinem Pferde gewesen. Ich habe im Ganzen keine besondere Vorliebe für’s Reiten; heute aber bin ich von meiner Reise ermüdet und ich komme gerade vom Theetisch meiner Frau her.«
»Und doch sagt Pfarrer Bendham, daß es keine Gespenster gebe!«
»Samuel Pecker, Ihr seid betrunken.«
»Ich habe heute noch keine Kanne Bier versucht, Capitän. Fragt Sarah.«
»Nein, das hat er nicht, Capitän,« antwortete Samuels Frau auf diese Berufung. »Ich habe dafür ein zu scharfes Auge auf ihn.«
»Was schwatzt denn der Narr für albernes Zeug, Mrs. Sally?« fragte der Capitän ärgerlich.
»Der Himmel sei uns gnädig! Ich weiß es nicht,« erwiederte Mrs. Pecker verächtlich.
»Er ist so voll von Einbildungen wie das älteste Weib in Cumberland. Er sieht immer Gespenster und Kobolde und Leichentücher und allerlei Schreckliches und macht sich dadurch untauglich für Geschäft und Buchführung. Er kann, wenn es finster ist, nicht am Kirchhof vorbeigehen, ohne daß nach seiner Erzählung ehrliche Leute, die ein christliches Begräbniß erhalten haben, aus ihrem Grabe kommen, um ihn anzublicken, als ob anständige Leute wegen eines Menschen wie er, ihr bequemes Grab verlassen möchten. Da wundere sich Jemand, wenn mir die Geduld ausgeht.«
Mrs. Pecker sprach gern von ihrem kleinen Geduldsvorrat in Bezug auf Samuel, ihren Mann, und da all’ ihre Handlungen ihre Worte bestätigten, so fand sie allgemein Glauben.
»O, laß gut sein, Sarah, laßt es gut sein, Capitän Duke, und es geht mich nichts an,« sagte Samuel demüthig, »es waren unser Drei, die ihn gesehen haben, das ist Alles.«
»Drei von Euch, die wen gesehen haben?« fragte der Capitän.
»Drei von uns, die es gesehen haben?«
»Es? Was?«
»Das Gespenst oder den Mann, der vor einer halben Stunde an dieser Thüre anhielt und mich nach dem Wege von Marley Water fragte.«
»Und wie sah dieser Mann aus?« fragte der Capitän.
»Euch so ähnlich wie Euer Spiegelbild,« antwortete der Wirth. »Du brauchst mich nicht so verächtlich anzusehen, Sarah, das Gesicht, das mich jetzt anblickt, ist dasselbe, das mich vor einer halben Stunde angeblickt hat. Ich hätte es mir denken können, daß etwas Ungewöhnliches an ihm sein müsse, weil er so leise herankam,« murmelte Samuel gedankenvoll. »Fleisch und Blut schleichen sich nicht so unbemerkt an einen Menschen heran.«
Capitän Duke sah dem Sprecher scharf in’s Gesicht, sah ihn mit seinen forschenden braunen Augen gedankenvoll und ernst an und dann brach er wieder in ein Gelächter aus, das lauter war als zuvor. So sehr schien ihn das erstaunte und erschrockene Gesicht des Wirths zu ergötzen, daß er noch immer lachte, als er durch den alten niedrigen Vorplatz schritt — lachte, als er die Thüre zu dem eichengetäfelten Zimmer öffnete, in welchem die Honoratioren des Orts zu sitzen pflegten — lachte, als er sich in den großen Armstuhl am Kamine warf —- lachte, als er Samuel Pecker rief und vor Lachen kaum sein Lieblingsgetränk, den Rumpunsch bestellen konnte.
Das Zimmer war leer und als die Thür sich hinter dem Wirth schloß, zogen sich die Muskeln in dem Gesichte des Capitäns zusammen, während der fröhliche Ausdruck aus seinen braunen Augen verschwand und einem entschiedenen Trübsinn Platz machte.
Als der Punsch gebracht wurde, trank er drei Gläser nach einander; aber weder das große Holzfeuer, das in dem weiten Kamin brannte, noch das dampfende Getränk schien ihn zu erwärmen, denn er fröstelte, während er trank.
Er fröstelte, während er trank, und zog dann seinen Stuhl näher an den Kamin, stellte seine Füße auf die zwei eisernen Feuerböcke und blickte düster in die rothe knisternde Flamme.
»Mein Alp, mein Schatten, mein Fluch!« sagte er.
Es waren nur sechs Worte, aber sie drückten den Haß eines Lebens aus.
Darauf schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen. Er sprang so schnell empor, daß er den schweren Eichenstuhl umwarf, und eilte aus dem Gemach.
Auf der andern Seite des Vorplatzes befand sich das gewöhnliche Wirthszimmer, wo die Leute aus dem Bürgerstande ihre Abende zubrachten. Es war gegenwärtig gedrängt voll und ein lauter Lärm von Reden und Gelächter drang durch die offene Thüre.
In dieses Zimmer trat der Capitän, und den Hut von seinen braunen Locken, welche hinten mit einem Band zusammengebunden waren, abnehmend, verbeugte er sich vor der fröhlichen Versammlung.
Die Anwesenden waren in einem Augenblick auf ihren Füßen. Capitän George Duke von Sr. Majestät Schiff der Vultur war ein großer Mann zu Compton. Seine Heirath mit der einzigen Tochter des verstorbenen Squire hatte ihm in dem Orte, in dem er sonst ein Fremder war, eine gewisse Popularität verliehen.
»Es thut mir leid, Euch stören zu müssen, Gentlemen,« sagte er herablassend, »ist Pecker da?«
Pecker war da, aber so niedergeschlagen und schüchtern, daß er, als er sich bei Nennung seines Namens von seinem Stuhl erhob und vortrat, kaum ein Wort vorzubringen vermochte.
»Pecker, ich wünsche genau zu wissen, wie viel Uhr es ist,« sagte der Capitän. »Meine Uhr ist abgelaufen und Mistreß Duke, war durch das Lesen von Mr. Richardsons Romanen und durch die Wartung ihres Schooßhundes so ganz in Anspruch genommen, daß alle Uhren in meinem Hause stehen geblieben sind. Welches ist die genaue Zeit nach Eurer unfehlbaren großen Uhr an der Stiege, Samuel?«
Der Wirth fuhr mit feinen kleinen knochigen Händen durch sein lichtblondes Haar, wodurch er seinem Denkvermögen eine leichte Anregung zu geben schien, und entfernte sich dann schweigend, um den Befehl des Capitäns zu vollziehen. Ein Dutzend große kartoffelähnliche silberne und tombackene Uhren kamen in einem Augenblick zum Vorschein.
»Ich habe halb Acht.« — »Ich ein Viertel auf Neun.« —- »Zwanzig Minuten, Capitän.« — George Duke hätte ein halbes Dutzend verschiedene Zeiten haben können, wenn er gewollt hättet aber er sagte in ruhigem Tone:
»Vielen Dank, Gentlemen; aber ich will meine Uhr nach der von Pecker richten, denn ich glaube, daß sie die Zeit besser einhält als die Kirchen-, die Markt- und die Gefängnißuhr.«
»Die Gefängnißuhr geht aber zuweilen am Montag früh um acht Uhr doch sehr richtig, nicht wahr, Capitän?« sagte ein kleiner Schuhmacher, der die Rolle des Witzbolds in der Gesellschaft spielte.
»Zuweilen nicht halb richtig genug, Mr. Tomkins,« antwortete der Capitän, seine Uhr aufziehend, während ein ernstes Lächeln um seinen hübschen Mund spielte. »Wenn Jeder gehängt würde, der es verdient, so würde mehr Platz für die ehrlichen Leute in der Welt sein, Mr. Tomkins. Nun, Samuel, welches ist die genaue Zeit!«
»Zehn Minuten auf Acht,« Capitän, und welch eine Nacht. Ich habe gerade aus dem Stiegenfenster geblickt und der Himmel ist so schwarz wie Dinte und der Erde so nahe, daß man denken könnte, er würde auf unsere Köpfe fallen und uns erdrücken, wenn ihn der Wind nicht hielte.
»Zehn Minuten auf Acht,« wiederholte der Capitän, seine Uhr einsteckend. Dann drehte er sich um und ging auf die Thüre zu, blieb aber hier stehen und sagte: »O, beiläufig gesagt, würdiger Samuel, um welche Zeit habt Ihr meinen Geist gesehen?«
Er lachte, während er diese Frage stellte, und sah die Gesellschaft mit einem boshaften, gegen den schüchternen Wirth gerichteten Wink an.
»Die Kirchenuhr schlug gerade Sieben, als der Mann zu Pferd in den Weg über das Moor einbog, Capitän. Aber fragen Sie mich nichts weiter, es ist von keiner Wichtigkeit, es geht mich nichts an, es geht Niemand etwas an — aber —« und er holte tief Athem —- »Aber ich habe es gesehen.«
Die Kunden des Schwarzen Bären waren sonst nicht gewöhnt, den Bemerkungen des Wirths große Aufmerksamkeit zu schenken: aber diese drei letzten Worte schienen eine besondere Wirkung ans sie auszuüben und sie blickten mit erschrockenen Gesichtern von Samuel Pecker auf den Capitän und von dem Capitän wieder auf Samuel Pecker.
»Unser lustiger Wirth hat seinem alten Ale etwas zu stark zugesprochen und er muß sich in seinen klugen Kopf gesetzt haben, daß er meinen Geist gesehen, aus keinem bessern Grunde, als weil ein Reisender, der mir ein wenig ähnlich sieht, an seiner Thüre angehalten und ihn nach dem Wege von Marley Water gefragt hat. »Ich hoffe, daß guter Ale und gute Gesellschaft ihm den Kopf wieder zurecht setzen werden,« sagte George Duke. »Gute Nacht, Gentleman.«
Er verließ das Zimmer und kehrte nach dem eichengetäfelten Gemach zurück, wo er sich wieder in den Stuhl am Kamin warf und mit düsteren Blicken in das Feuer starrte. Er war ein so gänzlich verschiedenes Wesen von dem Manne, dessen fröhliche Stimme und leichtes Lachen sich so eben in dem gewöhnlichen Wirthszimmer hatte vernehmen lassen, daß es für Denjenigen, der ihn in der einen Phase gesehen, schwierig gewesen wäre, ihn in der andern wieder zu erkennen.
Er blieb indeß nicht lange allein, denn bald darauf trat Nathaniel Halloway, der Müller, ein und leistete dem Capitän bei seinem Punsch Gesellschaft, und nicht lange danach kamen auch Solgood, der Advokat, und Jordan, der Wundarzt, gewöhnlich Dr. Jordan genannt. Die vier Männer waren sich sehr befreundet und sie saßen rauchend, trinkend und von Politik sprechend bis Mitternacht beisammen, als Capitän George Duke von seinem Sitz aufstand.
»Zwölf Uhr vom Thurme der Kirche,« sagte er. »Gentlemen, ich habe eine hübsche junge Frau, die zu Hause auf mich wartet, und eine Viertelstunde zu gehen, bis ich nach Hause komme. Deshalb muß ich Euch jetzt gute Nacht sagen. Ihr werdet mit Eurem Punsch und Eurer Unterhaltung auch ohne mich fertig werden.«
Nathaniel Halloway sprang empor.
»Capitän Duke, Ihr werdet uns nicht so ohne weiteres verlassen,« rief er. »Ihr seid nicht auf dem Verdeck Eures Schiffs und Ihr dürft nicht in Allem Euren Willen haben. Was aber den schönen kleinen Admiral im Unterrocke zu Hause betrifft, so könnt Ihr leicht Euren Frieden mit ihm machen. Bleibt und trinkt Euren Punsch aus, Mann,« und der würdige Müller, auf den das Gelage des Abends nicht ganz ohne Wirkung geblieben war, ergriff in herzlicher Weise den Capitän beim goldverbrämten Aermel und versuchte ihn zurückzuhalten.
George Duke aber schüttelte ihn leicht ab und trat, die Thüre öffnend, hinaus auf den Vorplatz gefolgt von dem Müller und den beiden andern Mitgliedern der kleinen Gesellschaft. Das Haus, das fünf Minuten zuvor so ruhig gewesen, war jetzt ganz Geschäftigkeit und Verwirrung. Da war zuerst die würdige Mistreß Sarah Pecker, welche abwechselnd jammerte und klagte und dann wieder mit der äußersten Höhe ihrer Stimme Verwünschungen und Scheltworte ausstieß. Dann war Samuel, ihr Gatte, da, blaß, erschrocken, nutzlos und überall im Wege stehend. Dazu waren der Stallknecht, die Köchin, zwei rosenwangige Zimmermädchen und der Aufwärter da und in der Mitte der Halle lag der Gegenstand von all diesem Lärm und dieser Aufregung, durch die Arme zweier Männer, eines Briefträgers und eines Farmarbeiters unterstützt, auf dem Boden ausgestreckt. Ja da lag still, bewegungslos und bewußtlos derselbe Darrell Markham, der fünf Stunden vorher in voller Gesundheit und Kraft von hier nach dem kleinen Seehafen von Marley Water aufgebrochen war, und an seiner Seite kniete Mrs. Sarah, ihn beschwörend, die Augen zu öffnen und zu sprechen.
»Wir haben ihn auf dem Weg gefunden,« sagte einer der Männer. »ich und Jim Bulder; wir waren auf dem Heimweg vom Marley-Markt, und wir stießen auf ihn in der Finsterniß. Es war so dunkel, daß wir nicht sehen konnten, ob es ein Mensch oder ein todtes Schaf war; aber mir hoben ihn auf und fühlten, daß er steif und kalt war. An seiner Brust und seinem linken Arm war etwas Feuchtes und ich merkte beim Anfühlen das es Blut war; und ich und Jim faßten ihn beim Kopf und bei den Füssen und trugen ihn geraden Wegs hierher.«
»Wer ist es? Was ist es?« fragte Capitän Duke, sich vordrängend.
»Der nächste Verwandte und theuerste Freund Eurer Frau, Capitän, Mist Millicents Cousin, Darrell Markham! Ermordet! Ermordet auf dem Moore zwischen hier und Marley Water.«
»Meine Viertelstunde von hier,« ergänzte der Farmarbeiter, der den Verwundeten aufgehoben hatte.
»Darrell Markham, der Cousin meiner Frau, Darrell Markham! Weshalb ist er hierher gekommen? Was hat er in Compton gethan?« fragte der Capitän argwöhnisch. Seine dunkelbraunen Augen blickten auf das stille Gesicht nieder, das von Essig und Wasser triefte, womit Mrs. Pecker die Schläfe des Verwundeten badete.
»Weshalb er hergekommen ist? Er ist hergekommen, um ermordet zu werden! Er ist hergekommen, damit ihm sein kostbares Leben auf dem Compton-Moor geraubt würde, das arme, liebe Lamm!« schluchzte Mrs. Pecker.
Während all, dieser Verwirrung war Lunas Jordan, der Wundarzt, ruhig an die Seite des Verwundeten geschlüpft, hatte den Arm desselben ergriffen und mit der Scheere, welche am Gürtel von Mrs. Pecker hing, den Rock vom Aufschlage bis zur Schulter bedächtig ausgeschnitten.
»Eine Schüssel, Molly, und ein seidenes Tuch zum Verbinden,« sagte er ruhig.
Mehrere seidene Tücher wurden ihm von den Anwesenden überreicht, während das Mädchen eine Schüssel brachte und sie mit zitternder Hand unter Darrells Arm hielt.
»Halte sie ruhig, mein Mädchen,« sagte der Arzt, während er eine Lancette hervorzog und in den kalten, steifen Arm stieß. Das Blut floß langsam und stoßweise aus der geöffneten Ader.
»Ist er todt, ist er todt, Mr. Jordan?« rief Sarah Pecker.
»Ebensowenig als ich es bin, ebensowenig als ich es bin, Mrs. Pecker,« sagte der Arzt, welcher seine Untersuchung vornahm, während die Umstehenden erschrocken und erwartungsvoll zusahen. »Der Gentleman hat das Unglück gehabt, eine Pistolenkugel durch den rechten Arm zu erhalten. Sie hat den Knochen über dem Ellbogen zersplittert, aber wir werden wohl im Stande sein, den Arm wieder in Ordnung zu bringen. Er ist in Folge von Blutverlust und der kalten Nachtluft ohnmächtig geworden. Er hat, ich glaube, einen schlimmen Fall von seinem Pferde gethan und auf dem Hinterkopfe hat er eine Hautwunde, die von den scharfen Kieselsteinen auf dem Wege herrührt, weiter ist es aber nichts.«
Nichts weiter! Dies schien den erschrockenen Leuten, welche noch vor wenigen Minuten Mr. Markham für todt gehalten, eine so geringfügige Sache, daß Mrs. Pecker, die sonst nicht zur Weichherzigkeit geneigt war, die Hand des Wundarztes ergriff und sie mit Thränen und Küssen bedeckte.
»So, das ist also Darrell Markham,« sagte der Capitän gedankenvoll zu sich. »Darrell, der Unwiderstehliche, Darrell, der Schöne, Darrell der Muthige, Darrell, der seine Cousine, Millicent, jetzt meine Frau, heirathen sollte. Hm, ein hübscher, junger Mann mit braunen Locken und einer geraden Nase! Keine Gefahr für sein Leben, wie Sie sagen, Doktor ?« fragte er laut.
»Keine, wenn nicht Fieber dazu tritt, was der Himmel verhüten wolle!«
»Aber wenn es doch geschehen würde, wie dann?«
»Dann ist’s freilich schlimm. Bei solchen erregbaren Temperamenten —«
»Er hat also ein erregbares Temperament?«
»Ein sehr erregbares. Unfälle wie dieser haben ohnedies leicht Fieber zur Folge. Mrs. Pecker, er muß sehr ruhig gehalten werden. Es darf Niemand zu ihm gelassen werden, dessen Anwesenheit ihn aufregen könnte.«
»Ich werde an seiner Thüre selbst Wache halten und ich möchte die Person sehen, die es wagen würde, ihn auch nur durch einen Athemzug zu stören,« sagte die würdige Matrone, ihren dünnen Gatten scharf anblickend.
Der Wirth zum Schwarzen Bären hielt sofort den Athem an, als ob er glaubte, daß er künftig ohne diese natürliche Verrichtung existiren müßte.
»Wir müssen den Patienten sogleich hinauf bringen,« sagte der Arzt. »Wir müssen ihn in Euer ruhigstes Zimmer und in Euer bequemstes Bett bringen, und wir dürfen dazu keine Zeit verlieren.«
Auf die Weisung des Arztes hoben drei Männer den Verwundeten behutsam auf und sie waren gerade im Begriff, ihn die Treppe hinaufzutragen, als er seine linke Hand an die Stirne führte und langsam die Augen öffnete.
Die drei Männer hielten an und Mrs. Pecker rief laut:
»O, die Freude, er ist nicht todt! Master Darrell, sprecht zu uns und sagt uns, daß Ihr nicht todt seid.«
Die blauen Augen blickten trübe auf die erschrockenen Gesichter, die sich ringsum sammelten.
»Er hat mich geschossen. Er hat mich des Briefs an den König und meiner Börse beraubt. Er hat mich in den Arm geschossen!«
»Wer hat Euch geschossen, Master Darrell?« rief Mrs. Pecker.
Der junge Mann sah sie mit leere Blicke an, offenbar nicht wissend, wo er sich befand und wer Diejenigen, die ihn umgaben, waren. Darauf wandte er seine blutunterlaufenen Augen von ihrem Gesichte ab und seine Blicke wanderten unter den übrigen Zuschauern umher: vom Wirth zum Stubenmädchen, vom Stubenmädchen zum Briefträger, vom Briefträger zum Arzt, vom Arzt zu Capitän George Duke von Sr. Majestät Schiff, der Vultur.
Die blauen Augen öffneten sich mit einem wilden Ausdruck so weit sie konnten.
»Das, das ist der Mann!«
»Welcher Mann, Master Darrell?«
»Der Mann, der mich geschossen hat«
»Ich habe mir’s ja gedacht, daß er in ein Wundfieber verfallen würde. Er redet bereits irre,« sagte der Arzt mit leiser Stimme.
Capitän Duke schlug die Augen nieder und ein dunkler Schatten verbreitete sich über sein hübsches Gesicht.
»Ihr träumt, mein Lieber,« sagte Mrs. Pecker. »Welcher Mann und wo, wo ist er?«
Darrell Markham hob langsam seinen unverwundeten Arm auf und deutete auf das dunkle Gesicht des Capitäns.
»Dort!« sagte er, sich in dem Arme des Mannes, der ihn unterstützte, ein wenig emporrichtend und dann bewußtlos wieder zurücksinkend.
»Ich dachte es mir,« murmelte der Capitän.
»Ich ebenfalls,« erwiederte der Arzt. »Das Fieber ist bereits da und damit auch die Gefahr.«
»Und er muß ruhig gehalten werden?« fragte der Capitän, als der Verwundete die breite, eichene Treppe hinaufgetragen wurde.
»Er muß ruhig gehalten werden, sonst kann ich nicht für sein Leben einstehen. Ich habe ihn als Knaben gekannt und ich weiß, daß ihm jede heftige Aufregung eine Gehirnentzündung zuziehen wird.«
»Armer Mensch! Er ist in Folge meiner Verheirathung mit seiner Cousine ein Verwandter von mir, obschon ich fürchte, daß in dieser Beziehung keine große Zuneigung zwischen uns besteht. Und dies ist das erste Mal, daß wir einander gesehen haben. Seltsam!«
»Es giebt Vieles im Leben, was seltsam ist, Capitän Duke,« sagte der Arzt.
»So ist es, Doktor,« antwortete der Capitän. »So ist Darrell Markham auf seinem Wege von Compton nach Marley Water von einer oder mehreren unbekannten Personen durch einen Schuß verwundet worden. Sehr seltsam!«

Zweites Capitel.
Millicent.
Millicent Duke saß an diesem Herbstabend allein in ihrem kleinen Wohnzimmer, während der Nordostwind draußen um das Gebäude heulte,— sie saß allein und versuchte Richardsons letzten Roman zu lesen, einen kleinen, abgegriffenen Band, den ihr die Frau des Pfarrers von Compton geliehen hatte. Aber so sehr sie Richardsons Novellen liebte, so war sie heute doch nicht im Stande, ihre Aufmerksamkeit auf die Erzählung zu concentriren; ihre Gedanken entfernten sich von der armen Clarissa und dem bösen Lovelace, das Buch entsank ihrer Hand und sie verfiel in ein tiefes Nachsinnen. Es lohnt sich wohl der Mühe, auf Mrs. Millicent Duke zu blicken, wie sie ruhig an ihrem einsamen Kamin sitzt, mit der einen weißen Hand ihren kleinen Kopf stützend, während ihr Ellbogen auf der Armlehne des Stuhls ruht, in welchem sie sitzt.
Es ist ein sehr schönes und mädchenhaftes Gesicht« auf dem das wechselnde Licht des Feuers zittert, bald die eine Wange mit einer sanften Röthe beleuchtend, bald sie im Schatten lassend, je nachdem die Flamme emporschießt oder zurücksinkt. Es ist ein sehr schönes und mädchenhaftes Gesicht mit zarten Zügen und dunkelblauen Augen, in deren sanften Tiefen ein Schatten wohnt — ein Schatten wie von langgetrockneten, aber nicht vergessenen Thränen. Es sind auch gedankenvolle Linien um den Mund bemerkbar, die nicht von einer vollkommen glücklichen Jugend Zeugniß geben. Wenn man diesen gedankenvollen Mund und diese traurigen Augen ansieht, so läßt sich unschwer errathen, daß Millicent Duke und Kummer und Sorgen längst Bekanntschaft mit einander gemacht haben. Aber trotz dieser Schwermuth, welche ihre Züge überschattet, oder vielleicht gerade wegen dieser Schwermuth, ist Millicent Duke ein sehr schönes Mädchen. Man kann sie sich nicht leicht als eine verheirathete Frau denken. Ihr Aussehen ist noch so jugendlich, in ihrem Benehmen liegt eine so mädchenhafte, fast kindische Schüchternheit, daß ihr Gatte — kein besonders liebender oder zärtlicher Gatte — zu sagen pflegte: »Millicent ist so schwer wie ein kleines Kind zu behandeln, denn man weiß niemals, ob sie nicht wie ein verzogenes Kind im nächsten Augenblicke in Weinen ausbrechen wird.« Es giebt indeß Leute in Compton, welche sich der Zeit erinnern, wo das verzogene Kind niemals weinte und wo ein Frühlings-Sonnenblick kaum heiterer war als das strahlende Gesicht von Millicent Markham. Aber dies war in den guten alten Tagen, wo ihr Vater, der Squire, noch lebte und wo sie gewohnt war, auf ihrem hübschen weißen Pony die Gegend zu durchstreifen, begleitet und beschützt von ihrem Cousin und theuersten Freunde, Darrell Markham.
Sie ist an diesem kalten Herbstabend ganz besonders traurig. Der scharfe Wind, unter dessen Stößen die Fenster erzittern, macht sie frösteln und sie zieht den schweren Stuhl näher an das niedergebrannte Feuer. Sie hat ihre einzige Magd längst zu Bett geschickt und es fehlt ihr an Material, um das Feuer in dem weiten Kamin zu unterhalten. Die Wachskerzen sind in den alten, silbernen Leuchtern tief heruntergebrannt. Es bat Zehn, Elf, Zwölf auf dem Kirchthurme von Compton geschlagen, aber noch immer ist kein Anzeichen von der Rückkehr des Capitäns.
»Er ist glücklicher bei ihnen, als bei mir,« sagte sie traurig. »Wer kann sich auch darüber wundern? Ihre Reden unterhalten und erheitern ihn; ich kann ihn mit meinem unglücklichem blassen Gesicht nur langweilen.« Sie warf, während sie dieses sprach, einen Blick in den ihr gegenüberhängenden Spiegel, in welchem sie bei dem schwachen Lichte des erlöschenden Feuers und der düster brennenden Kerzen ihr bleiches Gesicht erblickte. »Und doch nannte man mich einst ein hübsches Mädchen,« murmelte sie; »ich hatte Farbe aus meinen Wangen und Darrell pflegte zu sagen, ich habe die Rosen aus dem Garten gestohlen. Ich glaube, er würde mich jetzt kaum mehr erkennen.«
Die lange Stunde nach Mitternacht schlich träge dahin und als es endlich Eins schlug, vernahm sie den scharfen Tritt ihres Mannes auf dem Pflaster der leeren Gasse. Sie sprang rasch von ihrem Stuhle auf und eilte hinaus in den Vorplatz; aber gerade als sie im Begriff war den Riegel zurückzuziehen, hielt sie plötzlich inne und legte die Hand auf’s Herz.
»Was ist’s diesen Abend mit mir?« murmelte sie. »Ich habe das Gefühl, als ob mir ein großer Kummer bevorstände, aber welcher neue Kummer kann mich noch treffen?«
Ihr Mann klopfte mit seinem Schwertgriff ungeduldig an die Thüre, während sie mit zitternder Hand zu öffnen suchte.
»Hattest Du an der Thüre gehorcht, Millicent, weil Du so schnell aufmachst?« fragte er beim Eintritt.
»Ich habe Deine Tritte in der Straße gehört und mich beeilt, Dich einzulassen, George. Du kommst sehr spät,« setzte sie hinzu, während er in das Zimmer trat und sich in den Stuhl warf, in dem sie gesessen hatte.
»Das klingt wie ein Vorwurf,« sagte er spöttisch. »Ich habe allerdings sehr Vieles, was mich zu Hause halten könnte,« murmelte er sich umsehend — »ein weinendes Weib, ein schlechtes Feuer und herabgebrannte Lichter.«
Er wandte seiner Frau den Rücken und beugte sich über die erlöschenden Kohlen, indem er an denselben seine Hände zu wärmen suchte. Seine Frau setzte sich an einen kleinen, polirten Tisch, wo sie den Roman von Richardson wieder aufnehmend, sich den Anschein gab, als sei sie im Lesen vertieft.
Nach einer kleinen Pause sprach der Capitän, ohne sich nach seiner Gefährtin umzuwenden, ohne sie auch nur ein einziges Mal beim Namen anzureden: »Es hat drunten ein Unglück gegeben,« sagte er kurz.
»Ein Unglücks« rief Millicent, ihr Buch weglegend und mit einem Ausdruck von unbestimmter Besorgniß aufblickend. »Ein Unglück! O, das thut mir leid; aber was für ein Unglück?«
Da er ihre Frage nicht beantwortete, so wiederholte sie dieselbe:
»Was für ein Unglück, George?«
»Ein Mann ist auf dem Compton-Moor von Straßenräubern halb ermordet worden.«
»Aber nicht wirklich ermordet worden, George?« Sie war so lebhaft mit ihren eigenen traurigen Gedanken beschäftigt, daß sie dem, was ihr Mann sagte, nur eine halbe Aufmerksamkeit zu schenken vermochte.
»Nein, nicht ermordet, aber fast ermordet; hab’ ich es Dir nicht gesagt?« antwortete der Capitän. »Und ein sehr hübscher, junger Bursche ist es,« setzte er halb zu sich sprechend hinzu — »ein hübscher Mensch mit weißem Gesicht und hellen Haaren. Armer Teufel!«
»Es thut mir sehr leid,« murmelte Millicent halbleise, und da ihr Gatte sich nicht auf seinem Sitze rührte und nichts weiter mehr sagte, nahm sie ihr Buch wieder auf und begann zu lesen. Es trat eine Pause ein, während welcher der Capitän die erlöschenden Kohlen aufstörte. Darauf wendete er sich um und blickte seine Frau scharf an. Nachdem er sie einige Minuten mit einem zornigen Ausdruck in seinen hübschen, braunen Augen beobachtet hatte, sagte er mit einem verächtlichen Lachen:
»Der Himmel segne diese romanlesenden Weiber! Der Tod eines Mitmenschen ist ihnen gar nichts, wenn nur Miß Clarissa mit ihrem Geliebten versöhnt ist und Mistreß Palmela’s Tugend im sechsten Bande belohnt wird! Was Du doch für ein zartes, theilnehmendes Wesen bist! Weinst über Sir Charles Grandison und fragst mich nicht einmal, wer der ist, der im blauen Zimmer des Schwarzen Bären zwischen Leben und Tod liegt.«
Mrs. Duke sah ihren Gatten mit einem bittenden Blicke an, als ob sie an harte Worte und als Erwiderung darauf an Entschuldigungen gewöhnt wäre.
»Ich bitte Dich um Vergebung, George,« sagte sie zögernd. »Ich bin wirklich nicht gefühllos, dieser verwundete, halb sterbende Mann thut mir leid, wer er auch sein mag. Wenn ich ihm einen Dienst leisten könnte, so würde ich es sehr gern thun, was es mir auch kosten möchte. Was kann ich mehr sagen, George?«
»Und man spricht von weiblicher Neugierde,« rief der Capitän mit einem spöttisches Gelächter; »selbst jetzt fragt sie mich nicht, wer der Verwundete ist.«
»Sein Name kann wenig Unterschied in meinem Mitleid für ihn machen, George. Der arme Mensch! Er dauert mich sehr, wer er auch sein mag. Ist er ein Freund von Dir? Ist es Jemand, den ich kenne, George?«
Ihr Gatte wartete einige Augenblicke, ehe er diese Frage beantwortete. Millicent hatte sich von ihrem Sitz erhoben und stand am Tisch mit den Lichtern beschäftigt, welche nahe daran waren, auszugehen. Der Capitän drehte sich in seinem Stuhle um und beobachtete ihr bleiches Gesicht, während er langsam und deutlich sagte:
»Der Mann ist Jemand, den Du kennst, und er ist kein Freund von mir.«
»Wer ist es, George?«
»Dein Cousin, Darrell Markham.«
Sie stieß einen Ruf aus, keinen schrillen Schrei, sondern einen kläglichen Ruf, und erhob ihre Hände zum Kopf. Sie blieb einige Augenblicke in dieser Stellung, ganz still und ruhig, und dann sank sie wieder auf ihren Sitz am Tische nieder. Ihr Mann beobachtete sie die ganze Zeit über mit einem höhnischen Lächeln und einem boshaften Feuer in seinen Augen.
»Darrell, mein Cousin Darrell, todt?«
»Nicht todt, Mistreß Millicent, nicht ganz so schlimm als das. Dein theurer, blonder Cousin mit dem Milchgesicht ist nicht todt, mein süßes, liebendes Weib; er liegt blos im Sterben.«
»Ja dem blauen Zimmer des Schwarzen Bären liegend,« sagte sie, die Worte, die er einige Minuten zuvor gesprochen hatte, in einer verwirrten Weise wiederholend.
»In dem blauen Zimmer des Schwarzen Bären liegend. Ja, im blauen Zimmer, Nummer vier im langen Gang. Du kennst das Gemach gut genug. Warst Du nicht oftmals in dem alten Wirthshaus, um die frühere Haushalterin Deines Vaters, die Wittwe des Matrosen, jetzt die Frau des Wirths, zu besuchen ?«
»Zwischen Tod und Leben schwebend,« wiederholte Millicent in demselben halb bewußtlosen Tone, der so kläglich anzuhören war.
»Er war es! Der Himmel weiß, wie es seht mit ihm steht. Das war vor einer halben Stunde. Die Wage mag seitdem den Ausschlag gegeben haben; er mag todt sein!«
Als George Duke die letzten Worte sprach, sprang seine Frau plötzlich von ihrem Sitze auf und eilte, ohne ihn anzublicken, nach der äußern Thüre. Sie hatte bereits ihre Hand auf dem Riegel, als sie im Tone des Schmerzes ausrief: »O nein, nein, nein!« und auf ihre Kniee niedersank, den Kopf an die Thüre gelehnt.
Der Capitän des Vultur folgte ihr in den Gang hinaus und beobachtete sie mit harten, mitleidslosen Augen.
»Du wolltest also zu ihm eilen?« sagte er, als sie auf ihre Kniee sank.
Zum ersten Male, seit Darrell Markhams Name erwähnt worden war, blickte Millicent ihren Gatten an, nicht traurig, nicht vorwurfsvoll und am wenigsten furchtsam, sondern ihre blauen Augen sahen kühn und trotzig zu ihm empor.
»Ich wollte es.«
»Und warum gehst Du nicht?« Du siehst, ich bin nicht grausam; ich halte Dich nicht auf. Du hast Deine Freiheit. Geh! Geh zu Deinem Cousin und — zu Deinem Geliebten, Mistreß Duke. Soll ich Dir die Thüre öffnen?«
Sie erhob sich mit einiger Anstrengung, noch immer zur Stütze an die Hausthür gelehnt.
»Nein,« sagte sie, »ich will nicht zu ihm gehen, ich könnte ihm von keinem Nutzen sein; ich könnte ihn aufregen, ich könnte ihn tödten!«
Der Capitän biß sich auf die Unterlippe und der triumphirende Blick verschwand aus seinen braunen Augen.
»Aber wisse, George Duke,« sagte sie in einem Tone, der den Ohren ihres Mannes neu war, »es ist nicht die Furcht vor Dir, die mich hier zurückhält, keine Scheu vor Deinen grausamen Worten und noch grausameren Blicken, die mich abhält, an seine Seite zu gehen, denn, wenn ich ihm durch meine Gegenwart nur einen Augenblick des Schmerzes ersparen, oder durch meine Liebe und Aufopferung nur eine Minute Frieden und Trost geben könnte, und wenn die Stadt Compton ein einziges Feuermeer wäre, so würde ich durch die Flammen gehen, um es zu thun.«
»Das ist eine sehr schöne Rede aus einem Roman,« sagte ihr Gatte, »aber ich glaube nicht an solche schöne Reden und ich habe vielleicht meine eigenen guten Gründe, daran zu zweifeln. Wenn Darrell Markham im Sterben nach Dir verlangte, so würdest Du vielleicht zu ihm gehen, besonders,« setzte er mit seinem gewöhnlichen Spott hinzu, »da die Stadt Compton nicht in Flammen steht.«
Millicent sprang auf ihn zu und ergriff mit ihren beiden kleinen, schlanken Händen, die sonst so schwach und in dieser Nacht so stark waren, krampfhaft seinen Arm.
»Hat er, hat er, hat er es gethan ?« rief sie leidenschaftlich; »hat Darrell nach mir verlangt? O, George Duke, bei Deiner Ehre als ein Gentleman, als ein Seemann, als ein Diener Sr. Majestät, bei Deiner Hoffnung auf den Himmel, bei Deinem Glauben an Gott, sage mir, hat Darrell Markham nach mir verlangt?«
Der Capitän ließ sie auf seine Antwort warten, während er nach dem Wohnzimmer zurückkehrte und dort an der flackernden Flamme des großen Leuchters ein kleines Wachslicht anzündete.
»Ich sage nicht Nein und sage nicht Ja,« sagte er. »Ich habe keine Lust, den Boten zwischen Dir und ihm zu machen. Gute Nacht,« setzte er hinzu, an seiner Frau vorüber in den Vorplatz tretend und von dort nach der Treppe gehend. »Wenn Du die ganze Nacht aufbleiben willst, so thue es, Mistreß Duke. Es ist auf den Schlag Zwei und ich bin müde. Gute Nacht!«
Er ging hinaus und in ein kleines Schlafgemach über dem Wohnzimmer. Es war einfach, alter hübsch möblirt und überall herrschte die größte Nettigkeit. Im Kamin brannte noch das Feuer; aber obschon der Capitän fror, so lenkte er doch seine Schritte sofort nach dem Fenster. Er öffnete es sacht und lehnte sich hinaus, während die Uhren Zwei schlugen.
»Ich dachte es mir,« sagte er, als er das leise Oeffnen der Hausthüre vernahm. »Ich wußte es, daß sie zu ihm gehen würde.«
Der schwache Ton eines leichten und schnellen Tritts unterbrach die ruhige Stille der Straße.
»Und die geringste Aufregung kann verderblich für ihn sein,« murmelte der Capitän, während er das Fenster schloß.
Darrell Markham lag in einer todtenähnlichen Betäubung in dem blauen Zimmer des Schwarzen Bären. Mr. Jordan, der Arzt, hatte erklärt, daß es mehrere Tage dauern werde, bis der gebrochene Arm des Patienten wieder eingerichtet werden könne. Mittlerweile war Mrs. Sarah Becker angewiesen, über das geschwollene Glied fortwährend kühlende Umschläge zu machen. Aber in keinem Falle sollte die würdige Matrone den jungen Mann, wenn sein Bewußtsein wieder zurückkehrte, durch Klagen oder Fragen beunruhigen; noch sollte sie bei Gefahr seines Lebens irgend Jemand, mit Ausnahme des Arztes selbst, den Zutritt zu ihm gestatten.
Mrs. Pecker erwiederte daraus, sie möchte sehen, wer es wagen würde, dem Verwundeten zu nahe zu kommen, um ihn zu belästigen oder zu beunruhigen, »denn wenn es der Pfarrer des Kirchspiels selbst wäre,« sagte sie mit Nachdruck, »so müßte er keinen großen Werth auf seine Augen legen, im Falle er es wagen sollte, Sarah Pecker zu hintergehen.«
»Niemand darf in seine Nähe kommen, einmal für allemal und einmal für immer,« setzte Mrs. Pecker scharf hinzu, als sie unten an der großen Treppe auf eine kleine Versammlung von blassen Gesichtern stieß, denn das gesamte Hauspersonal hatte sich um sie gedrängt, als sie von dem Krankenzimmer herunter kam, begierig, Nachrichten von dem Verwundeten zu erhalten, »und ich will Dich nicht haben,« fuhr sie mit besonderer Heftigkeit zu ihrem Herrn und Gebieter, den würdigen Samuel, gewendet, fort, »ich will es nicht haben, daß Du alle Augenblicke mir mit Deinen Fragen in den Weg kommst: »Ist er noch nicht besser, Sarah?« oder: »Denkst Du nicht! daß er davonkommen wird?« und so weiter. Wenn der Arm eines armen, jungen Gentlemans zu Brei zermalmt ist,« setzte sie hinzu, sich an die Uebrigen wendend, »und wenn ein armer, junger Gentleman so viele Stunden in einer kalten Oktobernacht für todt auf einem einsamen Moor gelegen hat, so kann er nicht in zwanzig Minuten oder in einer halben Stunde wiederhergestellt sein. So geht in die Küche und verhaltet Euch ruhig, bis der Eine oder Andere von Euch gebraucht wird, denn Alles, was Master Darrell bedarf, soll er haben. Ja, wenn er die goldene Krone und den Scepter des Königs bedürfte, so müßte Jemand von Euch nach London und sie holen!«
Nachdem Mrs. Pecker auf diese Weise ihren höchsten Willen kund gethan, ging sie wieder die Treppe hinauf und trat in das Krankenzimmer, während der Arzt, der seine Absicht erklärte hatte, die Nacht in dem Gasthause zuzubringen, sich zu einer kurzen Ruhe in einem Nebenzimmer niederlegte.
Mr. Samuel Pecker hatte sich indeß in das kleine Privatgemach neben der Gaststube zurückgezogen, wo er sich am Kamin niedersetzte.
»Ich denke, da Mr. Markham in den Arm geschossen ist und sie wahrscheinlich nicht herunterkommen wird, so könnte ich mich an eine Kanne Bier wagen,« bemerkte der Wirth gedankenvoll.
Die Verlockung war trotz der vorgerückten Stunde zu groß für ihn und nach einigem weiteren Bedenken stand er auf, um das Bier zu holen. Er war eben im Begriff, über den Hausplatz zu geben, als er durch ein leichtes Klopfen an der starken, eichenen Hausthüre, welche für die Nacht geschlossen worden war, aufgehalten wurde. Das Licht wäre fast seinen Händen entsunken.
»Gespenster!« murmelte er, »Compton ist voll von ihnen. Ich hatte sonst geglaubt, sie wären nur auf dem Kirchhof und das war schon schlimm genug; aber jetzt reiten sie Einem geradezu vor die Thüre und stellen allerlei Fragen. Ich bin begierig, was noch aus uns werden soll. Ich wünschte nur, sie suchten Sarah heim. Ihre Nerven würden es vertragen. Ich glaube aber nicht, daß sie zum zweiten Mal kommen würden, wenn sie ihr einmal da, wo sie in ihrer üblen Laune ist, gegenübergetreten wären.«
Das Klopfen wurde etwas lauter wiederholt, während der Wirth aus diese Weise bei sich überlegte.
»Für Geister klopfen sie doch etwas stark und sie sind sehr beharrlich,« sagte Samuel. Das Klopfen dauerte indeß fort und wurde immer lauter. »O, ich werde also doch aufmachen müssen,« murmelte Mr. Pecker mit einem Seufzer; »wenn denn doch Jemand draußen wäre, der herein muß, was würde Sarah sagen, wenn ich ihn nicht einließe?«
Es war wirklich Jemand von Fleisch und Blut draußen, denn als Mr. Pecker langsam und sehr vorsichtig die Riegel zurückgeschoben hatte, schlüpfte eine weibliche Gestalt durch die enge Oeffnung der Thüre und eilte, ehe Mr. Pecker sich von seinem Erstaunen erholt hatte, nach der großen Treppe, die zu dem Zimmer führte, in welchem Darrell Markham lag.«
Ein jäher Schrecken vor der Rache seiner gewichtigen Ehehälfte ergriff den armen Samuel und mit ungewohnter Schnelligkeit lief er der Fremden nach und hielt sie am Fuße der Treppe aus.
»Ihr dürft nicht, Madam,« sagte er, »Ihr dürft nicht, entschuldigt mich, Madam, es kostet mir das Leben — selbst der Pfarrer — ja, Madam, Sarah!« so stammelte der erschrockene und verwirrte Samuel.
Die Frau schlug die große graue Kapuze zurück, die ihr Gesicht verhüllte.
»Kennt Ihr mich nicht, Mr. Pecker ?« fragte sie. »Ich bin es, Millicent, Millicent — Duke.«
»Ihr, Miß Millicent! Ihr, Mrs. Duke! O Miß, o Madam, Euer armer Cousin!«
»Um’s Himmelswillen, Mr. Pecker, haltet mich nicht von ihm fern. Gebt aus dem Weg, geht aus dem Weg,« sagte sie leidenschaftlich, »er stirbt vielleicht, während Ihr hier mit mir sprecht.«
»Aber, Madam, Ihr dürft nicht zu ihm. Der Doktor und Sarah haben es verboten. Sie ist wirklich schrecklich -—«
»Laßt mich durch!« rief Mrs. Duke, »ich sage Euch, ein rasendes Feuer könnte mich nicht aufhalten. Laßt mich durch!«
»Nein, Madam — aber Sarah —«
Millicent Duke streckte ihre zwei schlankem weißen Hände aus und stieß den Wirth mit einer Kraft, die ihr Niemand zugetraut hätte, aus dem Wege. Sie flog die Treppe hinauf nach dem blauen Zimmer, auf dessen Schwelle ihr Mrs. Sarah Pecker entgegentrat.
Das Mädchen fiel aus die Kniee, während ihr aufgelöstes Haar um ihre Schultern wallte.
»Sarah, Sarah, liebe, gute Sarah, laß mich ihn sehen.«
»Nicht Euch, nicht Euch, noch irgend Jemanden,« sagte die Wirthin in entschiedenem Tone — »Euch am wenigsten von allen Personen, Mrs. George Duke.«
Der Name traf sie wie ein Schlag und sie schauderte unter demselben.
»Laßt mich ihn sehen! — laßt mich ihn sehen!« sagte sie, »seines Vatersbruders einzige Tochter, seine nächste Verwandte — seine Spielgenossin — seine theure und liebende Freundin —«
»Die seine Frau hätte werden sollen,« unterbrach sie Mrs. Pecker.
»Ja, die niemals die Frau eines Andern hätte werden sollen, sondern feine liebende, treue und glückliche Frau. Laßt mich ihn sehen!« rief Millicent, ihre gefalteten Hände flehend emporhebend.
»Der Doktor ist im Zimmer, wollt Ihr, daß er Euch hört, Mrs. Duke?«
»Wenn mich die ganze Welt hörte, so würde ich nicht aufhören, Euch zu bitten. Sarah, laß mich meinen Cousin, Darrell Markham, sehen!«
Die Wirthin, die ein Licht in der Hand hielt, wurde, indem sie auf das jammervolle Gesicht und die thränenvollen Augen, die durch das hereinhängende goldene Haar fast geblendet wurden, niederblickte, ein wenig erweicht.
»Miß Millicent,« sagte sie, »der Doktor hat verboten, daß ein sterbliches Geschöpf in seine Nähe kommt — der Doktor hat verboten, daß eine sterbliche Seele ein Wort zu ihm spreche, das ihn beunruhigen und aufregen könnte — und glaubt Ihr, der Anblick Eures Gesichts würde ihn nicht aufregen?«
»Aber er hat mich zu sehen verlangt, Sarah, er hat von mir gesprochen.«
»Wann, Miß Millicent?«
Von Mitleid erfüllt für dieses jammervolle Gesicht, das zu ihr emporblickte, nannte die Wirthin die Tochter ihres verstorbenen Gebieters nicht mehr bei dem neuen, harten und grausamen Namen der Mistreß Duke. »Wann, Miß Millicent?«
»Diesen Abend — diesen Abend, Sarah.
»Master Darrell hätte gewünscht, Euch zu sehen! Wer hat Euch das gesagt?«
»Capitän Duke.«
»Master Darrell hat diesen Abend nicht mehr als ein Dutzend Worte gesprochen, Miß Millicent, und diese Worte waren unsinnige Worte. Er hat nicht ein einziges Mal Euren Namen genannt.«
»Aber mein Mann hat doch gesagt —-«
»Der Canitän schickt Euch also her?«
»Nein, nein, er hat mich nicht hergesendet. Er hat mir gesagt —- oder wenigstens zu verstehen gegeben, daß Darrell von mir gesprochen — daß er mich zu sehen verlangt hat.«
»Euer Mann ist ein seltsamer Herr, Miß Millicent.«
»Laßt mich ihn sehen, Sarah, laßt mich ihn nur sehen. Ich will kein Wort sprechen, keinen Seufzer ausstoßen; laßt mich ihn nur sehen.«
Mrs. Pecker zog sich einige Augenblicke in das blaue Zimmer zurück und flüsterte dem Arzte etwas zu. Nach einigen Minuten kehrte sie in Begleitung des Doktors, welcher die Treppe hinunterging, um in der Küche nach einem Trank zu sehen, den er für seinen Patienten verordnet hatte, zurück.
»Wenn Ihr auf einen leblosen Körper blicken wollt, so könnt Ihr hereinkommen, Miß Millicent, denn er liegt so still wie ein solcher,« sagte Mrs. Pecker.
Sie ergriff das Mädchen beim Arm und führte es in das Zimmer, wo Darrell Markham, einem hellen Kaminfeuer gegenüber, bewußtlos aus einem großen Himmelbett lag. Millicent wankte an die Seite des Lagers, setzte sich in den Armstuhl, den Sarah Pecker bisher eingenommen hatte, ergriff Darrell Markhams Hand und drückte sie an ihre zitternden Lippen. Es schien, als ob etwas Magisches in diesem sanften Druck läge, denn des jungen Mannes Augen öffneten sich seit der Scene in der Halle zum ersten Mal und blickten auf seine Cousine.
»Millicent,« sagte er ohne Ueberraschung, »liebe Millicent, es ist so gut von Dir, daß Du bei mir wachst.«
Sie hatte ihn vor drei Jahren während einer gefährlichen Krankheit gepflegt, und es war kaum auffallend, wenn er in seinem Delirium die Gegenwart mit der Vergangenheit verwechselte, indem er glaubte, daß er sich in seinem alten Zimmer in Compton Hall befände und daß seine Cousine an seinem Bette wache.
»Ruf meinen Onkel, ruf den Squire", sagte er, »ich wünsche ihn zu sehen,« und dann nach einer Pause murmelte er für sich: »das ist doch nicht das alte Zimmer; es muß es Jemand verändert haben.«
»Master Darrell,« rief die Wirthirn »wißt Ihr denn nicht, wo Ihr Euch befindet? Bei Freunden, Muster Darrell, bei treuen und aufrichtigen Freunden. Wißt Ihr denn nicht?«
»Ja, ja,« sagte er, »ich weiß, ich weiß. Ich habe lange in der Kälte draußen gelegen und mein Arm ist verletzt. Ich erinnere mich setzt, Sally, ich erinnere mich; aber ich habe ein sonderbares Gefühl in meinem Kopfe und ich kann nicht sagen, wo ich bin.«
»Seht her, Master Darrell, hier ist Mrs. Duke, die in dieser bitterkalten, finstern Nacht den weiten Weg vom andern Ende der Stadt hierher gekommen ist, um Euch zu sehen.«
Die gute Frau sagte dies, um dem Kranken eine Freude zu machen; aber die Erwähnung des Namens Duke erinnerte den jungen Mann an die Heirath seiner Cousine und er rief mit Bitterkeit aus:
»Mrs. Duke! Ja, ich erinnere mich’s, und dann den Kopf aus dem Kissen umdrehend, sagte er mit plötzlicher Heftigkeit: »Millicent Duke! Millicent Duke, weshalb kommst — Du hierher, um mich mit Deinem Anblick zu peinigen?«
In diesem Augenblicke erhob sich der Ton eines Wortwechsels in dem Hausflur unten, gefolgt von raschen Fußtritten auf der Treppe. Mrs. Pecker eilte nach der Thüre, aber ehe sie dieselbe erreichen konnte, wurde sie heftig aufgerissen und der Capitän des Vultur trat in das Zimmer. Ihm auf dem Fuße folgte der Arzt, der sogleich an das Bett ging, indem er mit halbunterdrücktem Zorn ausrief:
»Ich protestire dagegen, Capitän Duke, und wenn etwas Schlimmes daraus entstehen sollte, so mache ich Euch dafür verantwortlich.«
Der Capitän nahm keine Notiz von der Rede, sondern wandte sich an seine Frau und sagte in rohem Tone:
»Wird es Euch anstehen, mit mir nach Hause zu gehen, Mrs. Millicent? Es ist fast vier Uhr und das Zimmer eines kranken Gentlemans ist zu solcher Zeit kaum ein passender Ort für eine Dame.«
Darrell Markham richtete sich im Bette empor und rief mit krampfhaftem Lachen:
»Ich sage Dir, das ist der Mann, Millicent; Sarah, sieh ihn an. Das ist der Mann, der mich auf Compton Moor angehalten —- der Mann, der mich in den Arm geschossen — der Mann, der mir meine Briefe geraubt hat.«
»Darrell! Darrell!« rief Millicent, »Du weißt nicht, was Du sagst. Der Mann ist mein Gatte.«
»Dein Gatte! Ein Straßenräuber! ein —«
Das Wort, das noch auf Mr. Markhams Lippe war, blieb ungesprochen, denn er fiel bewußtlos auf das Kissen zurück.
»Capitän George Duke,« sagte der Arzt, seine Hand auf den Puls seines Patienten legend, »wenn dieser Mann stirbt, so habt Ihr einen Mord begangen.«

Drittes Capitel.
Rückblicke.
John Homerton, der Grobschmied, sagte nur die Wahrheit, wenn er behauptete, daß der junge Squire, Ringwood Markham, sich in London ruinire. Wenn auch die einfachen Landbewohner die Gefahren und Laster der Hauptstadt leicht übertreiben, so war doch, was der ehrliche Meister Homerton sagte, keine Uebertreibung, denn der junge Squire eilte mit schnellen Schritten auf der glatten und bequemen Straße dahin, die als der Weg zum Ruin bekannt ist.
Ringwood Markham war drei Jahre älter als seine Schwester Millicent und sechs Jahre jünger als sein Cousin Darrell, denn der alte Squire Markham hatte spät im Leben geheirathet und kurz nach seiner Hochzeit den kleinen Darrell adoptirt. Dieser war das einzige Kind seines jüngeren Bruders, der frühzeitig gestorben war und seinem Waisenknaben ein kleines Vermögen hinterlassen hatte.
Ringwood Markham hatte in seinem Aeußern große Aehnlichkeit mit seiner Schwester. Er besaß dasselbe blaßgoldene Haar, dieselben tiefblauen, glänzenden Augen, dieselben feinen Züge und dieselbe weiße und rosige Hautfarbe. Aber jene Art Schönheit, welche reizend an einem Mädchen von Neunzehn ist, war viel zu weibisch an einem Manne von Zweiundzwanzig, um gefallen zu können, und der alte Squire sah mit Verdruß seinen geliebten Sohn zu nichts Besserem als zu einem hübschen Knaben, zu einem puppenhaften Gecken aufwachsen, die Bewunderung von einfältigen Schulmädchen und überspanntem mittelalterlichen Frauen.
Ringwood war stets der Günstling seines Vaters gewesen, selbst mit Ausschluß der reizenden, liebenswürdigen und liebenden Millicent, und als Darrell zum Mann heranwuchs, kränkte es den alten Squire, in dem älteren Cousin einen muthigen, kühnen und kräftigen Jüngling zu sehen, der sich in allen männlichen Uebungen auszeichnete, während Ringwood nur an sein hübsches Gesicht und an seinen gestickten Rock dachte, und den glänzenden Griff seines Schwerts mehr liebte als die Klinge.
Es war hart für den Squire, sich die demüthigende Wahrheit bekennen zu müssen; aber die Thatsache ließ sich nicht in Abrede stellen, daß Ringwood Markham ein Feigling war.
Der alte Mann verbarg seine Kränkung in dem Innern seines Herzens und mit einem Gefühl von Ungerechtigkeit, welches eine der Schwächen leidenschaftlicher Liebe ist, haßte er Darrell, weil derselbe seinem Sohne überlegen war.
So kam es, daß sich das blasse Gesicht des Kummers zuerst in der kleinen Familiengruppe zu Compton Halt zeigte.
Darrell und Millicent hatten einander von Kindheit an geliebt und sie liebten einander so offen und aufrichtig, daß sie in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes vielleicht niemals Liebende gewesen waren.
Sie hatten keine koketten Eifersüchteleien, keine reizenden Zwiste und noch reizendere Versöhnungen, keine verstohlenen Zusammenkünfte im Mondschein, keine Vermittlung von bestochenen Kammerzofen, welche mit der Besorgung parfümirter Liebesbriefe beauftragt waren. Nein, sie liebten einander ehrlich und offen mit einer ruhigen, unveränderten Zuneigung, die so wenig Worte bedurfte, daß vielleicht Niemand von der Tiefe und Stärke dieser stillen Leidenschaft eine Ahnung hatte.
Wenn der Squire diese wachsende Neigung zwischen den jungen Leuten auch wahrnahm, so that er doch nichts, um sie zu begünstigen oder zu entmuthigen. Um Millicent hatte er sich ohnehin nie viel bekümmert. Sie und ihr Bruder waren die Kinder einer Frau, die er wegen ihres schönen Vermögens geheirathet hatte und die unbeachtet und unbetrauert — Einige sagten, am gebrochenen Herzen — gestorben war, bevor Millicent ihr erstes Jahr vollendet hatte.
So verliefen die Dinge zu Compton Hals sehr friedlich. Darrell und Millicent ritten mit einander durch die schattigen grünen Feldwege und über die weite Moorfläche, während der Squire in dem eichengetäfelten Wohnzimmer oder in dem holländischen Garten seine Pfeife rauchte und Ringwood in dem Städtchen herumlungerte, oder in der Wirthsstube des Schwarzen Bären seine Zeit zubrachte. Aus diese Weise erschien das Leben ruhig und angenehm genug, bis ein Ereigniß die ganze Sachlage veränderte.
Darrell und Ringwood Markham hatten einen heftigen Streit, bei dem auf beiden Seiten harte Worte gesprochen und Schläge ausgetauscht wurden — einen Streit, der Darrells Aufenthalt zu Compton Halt plötzlich ein Ende machte.
Wir haben gesagt, daß Ringwood Markham ein Feigling und ein Müßiggänger war. Es gab aber Leute in Compton, die ihm noch schlimmere Namen beilegten, die ihn einen herzlosen Feigling und einen Lügner nannten, und der Tag kam, wo Darrell selbst dem angebeteten Sohn des Squires diese Namen in’s Gesicht schleuderte.
Er hatte ein Liebesverhältniß zwischen Ringwood und einem siebenzehnjährigen Mädchen, der Tochter eines kleinen Farmers entdeckt, und ihm darüber Vorstellungen gemacht.
Ringwood nahm dies sehr übel auf. Es entstand ein Wortwechsel zwischen ihnen, der damit endigte, daß der junge Mann, vor Zorn seiner nicht mehr mächtig, seinem Cousin wie eine Katze an den Hals sprang und ihn zu drosseln versuchte, als ein Schlag von Darrells kräftiger Faust ihn zu Boden streckte. Dies geschah, am Hause des erwähnten Farmers, in Gegenwart von mehreren Zeugen.
Darrell kehrte nach der Halle zurück, wo er einige Kleider in seinen Sattelranzen packte und zwei Briefe schrieb, einen an seinen Onkel, worin er ihm offen genug sagte, daß er Ringwood niedergeschlagen habe, weil er die Entdeckung gemacht, daß derselbe wie ein Schurke handle, und daß er es für besser halte, wenn sie sich, da jetzt böses Blut zwischen ihnen herrsche, von einander trennten. Sein zweiter Brief war an Millicent gerichtet und fast ebenso kurz als der erste. Er setzte sie blos von dem stattgehabten Streit in Kenntniß, indem er beifügte, daß er nach London gehe, um sein Glück zu machen, und daß er seiner Zeit zurückkehren werde, um ihre Hand zu verlangen.
Er ließ die Briefe in seinem Zimmer auf dem Tisch zurück und ging hinunter in den Stall, wo er sein eigenes Pferd Balmerino fand, es bestieg und das Haus verließ, in welchem er seine ganze Jugendzeit zugebracht hatte.
Er entfernte sich sehr traurig, aber von dem Geiste der Hoffnung beseelt, wie er hochherzigen Jünglingen eigen zu sein pflegt. Es schien ihm eine so leichte Sache, sein Glück zu machen, um es dann mit seiner Cousine Millicent zu theilen. Jene große Auster, die Welt, wartete ja nur darauf, durch den kühnen Streich seines abenteuerlichen Schwerts geöffnet zu werden, und wer konnte daran zweifeln, daß seltene und unschätzbare Perlen in der Schale verborgen waren, bereit, in die offenen Hände des tapferen Abenteurers zu fallen?
Ringwood Markham kehrte spät am Abend mit blassem Gesicht und einem blutigen Tuch um seine Stirn, nach Hause zurück.
Er fand seinen Vater in dem eichengetäfelten Gemach auf der einen Seite der Halle am Kamin sitzen. Die Thür dieses Zimmers stand offen, und als der junge Mann aus seinem Wege nach seinem eigenen Zimmer sich vorbeizuschleichen suchte, rief ihn sein Vater an und befahl ihm mit gebieterischer Stimme, zu ihm herein zu kommen.
Langsam und mürrisch gehorchte der junge Mann, seinen zerschlagenen Kopf hängend und auf den Boden blickend.
»Was hast Du am Kopfe, Ringwood?« fragte der Squire.
»Mein Pferd ist vor einigen Schafen auf dem Moor scheu geworden und hat mich gegen einen Stein geschleudert,« murmelte der junge Mann.
»Du sagst eine Lüge, Ringwood Markham,« rief sein Vater in zornigem Tone. »Ich habe einen Brief von Deinem Cousin Darrell in meiner Tasche. Bah, Mann! Du bist der Erste der Markhams, der jemals einen Schlag hinnahm, ohne ihn mit Interessen zurückzuzahlen. Du hast den Milch- und Wassercharakter Deiner Mutter, wie ihr rothes und weißes Gesicht.«
»Ihr braucht nicht von ihr zu sprechen,« sagte Ringwood; »Ihr habt sie nicht allzu gut behandelt, wenn die Leute, die es wissen können, die Wahrheit sprechen!«
»Ringwood Markham, reize mich nicht. Es ist hart genug für einen Markham von Compton, einen Sohn zu haben, der sich nicht vertheidigen kann. Gehe zu Bett.«
Der junge Mann verließ das Gemach mit denselben schlotternden Schritten, mit denen er es betreten hatte. Er stahl sich vorsichtig die Treppe hinauf, denn er glaubte, sein Cousin Darrell befinde sich noch im Hause, und er hatte keine Lust, mit ihm zusammenzutreffen.
So blieb Millicent einsam in Compton Halt zurück, ganz einsam, denn sie hatte Niemand, der sie liebte.
Sie glich einem zarten und gebrechlichen Mechanismus, der vortrefflich war, wenn er in Ordnung gehalten werden konnte, der aber auch sehr leicht der Beschädigung und Zerstörung ausgesetzt ist. Die Tochter des Squires war kein hochgebildetes Mädchen. Ihre geistige Unterhaltung war von der einfachsten Art. Ein alter Roman konnte sie Tage lang glücklich machen und sie konnte über die zahmsten Verse irgend eines Dichters der damaligen Zeit in Thränen ausbrechen. Bei ihr nahm das Herz den Platz des Verstandes ein. Wer sich an ihre Zuneigung wendete, der konnte aus ihr machen, was er wollte. Liebe sie und ihre ganze Natur entfaltet sich gleich einer prachtvollen Blume, die ihren Kelch in der Morgensonne erschließt. Entferne diesen wohlthätigen Einfluß und dieselbe Natur zieht sich in sich selbst zurück und wird ein kleines unscheinbares Ding, das durch raue Behandlung leicht zerbrochen wird.
Nachdem also Darrell fort war und die liebe alte Sally Masterson die Halle verlassen hatte, um Gebieterin vom Schwarzen Bären zu werden, war die arme Millicent ganz der Barmherzigkeit ihres Vaters und ihres Bruders überlassen, von denen keiner sich mehr um sie bekümmerte, als um ihren kleinen spanischen Hund« der sie im Hause begleitete. So kam der zarte Mechanismus in Unordnung und Millicents Tage waren dem Romanlesen und der Stickerei einer für Darrell bestimmten Weste gewidmet, deren Farben bereits durch die Thränen verblichen waren, welche die geduldige Arbeiterin bei dem Gedanken an den abwesenden Geliebten auf die Stiche hatte fallen lassen.
In allen Dingen, welche das Leben und die Welt betrafen, war sie so unerfahren wie ein kleines Kind und sie hegte nicht den geringsten Zweifel darüber, daß ihr Cousin sein Glück machen und in wenigen Jahren zu ihr zurückkehren werde, um sie als seine Frau heimzuführen. Aber trotz dieser Hoffnung war ihr Leben sehr langweilig und traurig, ihr Vater theilnahmslos, ihr Bruder anmaßend und ihre ganze Umgebung war dazu angethan, sie elend zu machen.
Das bitterste Leid stand ihr aber noch bevor. Es kam in der Person eines gewissen Capitän George Duke, der auf seinem Wege von Marley Water nach der Hauptstadt sich einige Tage in Compton aufgehalten und in dem Herrenzimmer des Schwarzen Bären die Bekanntschaft von Squire Markham gemacht hatte. Auch mit Ringwood Markham war er bekannt und befreundet geworden und der offenherzige Seemann hatte versprochen, bei seiner Rückkehr nach seinem Schiff, dem Vultur, wieder in Compton anzuhalten.
Die einfachen Leute des kleinen Städtchens nahmen den Capitän bereitwillig für das, wofür er sich ausgab — für einen Offizier der Flotte Sr. Majestät; aber in dem Seehafen von Marley Water fanden sich Leute, welche behaupteten, daß das gute Schiff, das unter dem Namen Vultur in den Büchern der Admiralität eingetragen war, ein ganz anderes Fahrzeug sei, als die nette kleine Barke, die zuweilen in einem ruhigen Winkel des obscuren Hafens von Marley vor Anker lag; Es gab sogar boshafte Menschen, welche Worte, wie »Seeräuber,« »Sklavenhändler,« flüsterten; aber die kecksten dieser Verleumder trugen Sorge, diese Worte außer der Hörweite des Capitäns zu flüstern, denn George Duke’s Schwert befand sich während seines kurzen Aufenthalts in dem kleinen Seehafen öfter aus als in der Scheide.
Wie sich aber dies auch verhalten mochte, gewiß ist, daß der hübsche, leichtherzige, freigebige George Duke sehr bald ein großer Günstling von Squire Markham und seinem Sohn Ringwood wurde. Seine heitere Laune brachte Leben in die düstere alte Behausung Seine Erzählungen von Seeabenteuern gefielen den beiden Landjunkern und der Seeoffizier, der ein Mann von Welt war und es verstand, einer vortheilhaften Bekanntschaft zu schmeicheln, galt für den angenehmsten und herzlichsten Gesellschafter.
So ertönte Compton Hall Nacht um Nacht von seinem fröhlichen Gelächter; Korke flogen und Gläser klangen, während die drei Männer bis Mitternacht beisammen saßen. Es war bei einem dieser halbtrunkenen Gelage, als Squire Markham dem Capitän George Duke die Hand seiner Tochter Millicent versprach.
»Ihr seid in sie verliebt, George, und Ihr sollt sie haben,« sagte der alte Mann. »Ich kann ihr bei meinem Tode ein paar tausend Pfund geben und wenn Ringwood etwas zustoßen sollte, so wird sie die alleinige Erbin der Halle und des dazu gehörigen Guts sein. Ihr sollt sie haben, mein Junge. Ich weiß, daß so eine Art Liebschaft zwischen Milly und einem breitschultrigen blondhaarigen Neffen von mir besteht; aber das soll kein Hinderniß für Euch sein, denn der Bursche ist kein Günstling von mir und wenn es mir so beliebt, so muß meine feine zimperliche Miß Euch in einer Woche heirathen.«
Capitän Duke sprang von seinem Stuhl auf und schüttelte die Hand des Squire, indem er mit dem Entzücken eines Liebhabers ausrief:
»Sie ist das schönste Mädchen in England und ich möchte sie lieber zur Frau haben, als eine Herzogin zu St. James.«
»Sie ist allerdings hübsch genug,« sagte Ringwood boshaft »und sie würde noch viel hübscher sein, wenn sie nicht immer jammerte.«
Der Farmer Marrison hätte eine Geschichte davon erzählen können, wie Master Ringwood selbst an dem Tage, wo ihn sein Cousin Darrell niedergeschlagen hatte, in der Küche des kleinen Farmhauses gejammert hatte. Der einfache Farmer hatte keine geringe Verachtung für den Erben von Compton Hall gefühlt, dessen Kopfwunde er aus Barmherzigkeit verband, ehe er ihn mit der eindringlichen Versicherung entließ, daß er, wenn er je wieder seinem Hause nahe kommen sollte, eine solche Tracht Prügel erhalten werde, die er in seinem ganzen Leben nicht mehr vergessen würde.
Die beiden Kinder hatten etwas von der nervösen Schwäche ihrer armen zarten und vernachlässigten Mutter geerbt, die vor siebzehn Jahren in Sally Mastersons Armen gestorben war; aber ich glaube, daß in Millicents Natur bei all ihrer Furchtsamkeit und Empfindlichkeit ein gewisser ruhiger Muth schlummerte, der in Ringwoods selbstsüchtigem und frivolem Charakter fehlte.
Nachdem Squire Markham seinem neuen Günstling, dem Capitän, die Hand seiner Tochter versprochen hatte, verlor er keine Zeit, um seine Absicht auszuführen. Er ließ Millicent am Morgen nach dem trunkenen Gelage in das eichengetäfelte Zimmer kommen und kündigte ihr an, auf welche Weise er über ihr Schicksal verfügt habe.
Raue Worte bei dieser wie bei jeder andern Gelegenheit , thaten ihr Werk bei Millicent Markham. Sie vernahm den Entschluß ihres Vaters, daß sie den Capitän Duke heirathen sollte, Anfangs nur mit einem Blicke des Erstaunens, als ob sie den Umfang ihres Elends nicht recht zu fassen vermöchte: dann, als er seinen Befehl wiederholte, flossen ihre klaren blauen Augen von großen Thränen über und sie fiel vor den Füßen des Squire auf ihre Kniee nieder.
»Es ist Euer Ernst nicht, Sir,« sagte sie kläglich, ihre armen, kleinen, schwachen Hände faltend und flehend zu ihrem Vater erhebend, »Ihr wißt, daß ich meinen Cousin Darrell liebe, daß wir einander innig und aufrichtig geliebt haben, seit wir kleine Kinder gewesen, und daß wir Mann und Frau werden sollten, sobald wir Eure Einwilligung dazu erhalten hätten. Ihr müßtet das schon lange gewußt haben, obschon wir nicht den Muth hatten, es Euch zu sagen. Ich will in allen andern Dingen Euer gehorsames Kind sein, aber ich kann niemals einen andern Mann heirathen als Darrell.«
Brauchen wir die alte Geschichte von der Wuth und Tyrannei eines einfältigen, eigensinnigen und engherzigen Landjunkers zu erzählen? Squire Markham wollte von keinem Aufschub hören und ehe Darrell den Brief erhalten konnte, welchen Millicent an ein Kaffeehaus in der Nähe von Covent-Garden adressirte — ehe sich die Augen der Braut von den langen durchweinten Nächten erholt hatten — ehe das Städtchen die Sache kaum halb besprochen hatte, ließen die Glocken der Kirche von Compton im Morgensonnenschein ihr fröhliches Hochzeitsgeläute ertönen und Millicent Markham und George Duke standen neben einander am Altare.
Als Darrell Markham den kleinen thränenbenetzten Brief erhielt, der ihm von der unglücklichen Heirath Kunde gab, verfiel er in einen blinden Wuthausbruch, der sich gegen den alten Squire, gegen den jungen Ringwood, gegen Capitän Duke und selbst gegen die arme unglückliche Millicent richtete. Es ist schwer für einen Mann, den Einfluß zu begreifen, den die Tyrannei eines unmenschlichen Vaters auf ein armes schwaches Weib auszuüben vermag. Darrell sagte sich, Millicent hätte ihm trotz der ganzen Welt treu bleiben sollen, wie er es selbst durch alle Prüfungen geblieben wäre. Er eilte hinunter nach Compton und schlich sich, um dem Mädchen, das er liebte, keine Verlegenheit zu bereiten, nach Eintritt der Dunkelheit in das Städtchen, wo er erfuhr, daß er zu spät gekommen sei und daß der Squire sein Wort gehalten habe.
Voll Verzweiflung über den Schiffbruch seiner Hoffnungen kehrte der junge Mann nach London zurück. Mit grollenden Gefühlen in der Brust stürzte er sich eine kurze Zeit lang in die Zerstreuungen der Hauptstadt, in denen er das liebliche Gesicht seiner Cousine zu vergessen suchte.
Eine Heirath, unter solchen Umständen geschlossen, hatte wenig Aussicht, eine glückliche zu werden. Der leichtherzige fröhliche Capitän Duke war am häuslichen Heerd nichts weniger als eine angenehme Persönlichkeit. Der Mann, dessen gute Laune das Entzücken seiner Zechgenossen bildet, zeigt sich im Familienkreise nur zu häufig als ein widerwärtiger Gesell. Zu Hause war der Capitän mürrisch und übellaunig, stets geneigt, über Millicents blasses Gesicht und thränengeschwollene Augen zu murren. Während des größten Theiles des Jahres befand er sich mit seinem Schiff auf einer jener geheimnißvollen Fahrten, von denen die Admiralität keine Kunde hatte, und während dieser langen Abwesenheit desselben hatte Millicent, wenn sie auch nicht glücklich war, wenigstens Ruhe. Drei Monate nach der Hochzeit wurde der alte Squire, vom Schlage gerührt, todt in seinem Lehnstuhl gefunden und Ringwood, der Erbe des Guts, schloß das Herrenhaus und eilte nach London, wo er sich bald in einem Strudel von Verschwendung und Lastern verlor.
So standen die Dinge, als George Duke und Millicent fünfzehn Monate verheirathet waren und Darrell Markham auf dem öden Moor von Compton durch die Hand eines Straßenräubers fast sein Leben verloren hätte.

Viertes Capitel.
Capitän Duke weist ein Alibi nach.
Darrell Markham starb nicht an den Folgens der Aufregung, von der der Arzt sagte, daß sie tödtlich werden könne. Der Doctor kämpfte tapfer mit dem Fieber und richtete den gebrochenen Arm mit Geschick wieder ein, wobei der Patient allerdings große Schmerzen litt, denn in jenen Tagen wußte man noch nichts von Betäubungsmitteln.
Darrells Wiedergenesung schritt nur sehr langsam fort, so langsam, daß der Schnee dicht auf dem Moorland unter den Fenstern des Schwarzen Bären lag, ehe der gesplitterte Arm wieder fest verheilt war und der geschwächte Körper seine frühere Kraft wieder erlangt hatte. Es war eine traurige und langwierige Krankheit. Die biedere Sarah Pecker wurde indeß nicht müde, ihren kranken Knaben, wie sie Darrell nannte, zu pflegen. Der schwachsichtige und schwachköpfige Samuel mußte Filzschuhe tragen und in seinem geräumigen Hause wie ein Dieb herumschleichen. Die Abendbesucher wurden in die Trinkstube auf der Rückseite des Hauses verwiesen, um durch ihren Lärm den Kranken nicht zu stören. Trübsinn und Trauer herrschte in dem Schwarzen Bären bis zu jenem glücklichen Tage, wo Dr. Jordan seinen Patienten außer Gefahr erklärte. Sarah Pecker gab an diesem fröhlichen Abend ein Faß ihres stärksten Ale den Besuchern des Schwarzen Bären zum Besten.
Capitän George Duke war auf einer kurzen Fahrt nach der spanischen Küste abwesend, als Darrell Markham sich zu bessern begann; aber zur Zeit, wo der junge Mann seine volle Genesung , erlangt hatte, war der Seemann wieder nach Compton zurückgekehrt.
Der Schnee lag tief in den engen Straßen des Städtchens, als er zurückkam. Er erschien ohne vorherige Nachricht und trat ruhig in das kleine Wohnzimmer, wo er Millicent am Kamin sitzen fand, einen Roman lesend.
Aber er war bei dieser Gelegenheit in besserer Laune als gewöhnlich und sah in seiner kleidsamen Uniform wundervoll, hübsch und kühn aus. Es war nicht ganz des Königs Uniform, wie einige Leute behaupteten, sondern ihr sehr ähnlich mit einigen , leichten Abänderungen, die gegen den Capitän sprachen.
George Duke nahm Millicent in den Arm und gab ihr einen derben Kuß auf beide Wangen.
»Ich komme zu Dir mit allerlei guten Dingen beladen nach Hause, Mistreß Milly,« sagte er, ihr gegenüber Platz nehmend. »Eine Kiste mit Orangen und ein Faß Wein von Cadix — flüssiges Gold, fast eben so werthvoll als das kostbare Metall, und ich habe einen Haufen glänzenden Flitterstaat für Dich, um ihn an Deine rosigen Ohren, an Deinen weißen Hals zu befestigen.«
Der Capitän nahm ein altmodisches ledernes Kästchen aus der Tasche und öffnete es auf dem kleinen Tisch, wo er eine Menge fremder Juwelen ausbreitete, die im Lichte des Kaminfeuers funkelten. Arabeskisches Gold von wundervoller Arbeit und vielfarbige ausländische Edelsteine glänzten auf dem dunkelpolirten Tisch und spiegelten sich auf demselben ab wie Sterne in einem Fluß.
Millicent erröthete, während sie sich über den Schmuck beugte, und stammelte einige dankbare Phrasen hervor.
Sie erröthete bei dem Gedanken, wie wenig sie sich aus diesem Flitter machte und wie ihre Seele sich nach einem andern Schatz sehnte, der ihr niemals angehören konnte — nach dem verbotenen Schatz von Darrells tiefer und redlicher Liebe.
Während sie dies dachte, blickte sie der Capitän an, dem Anschein nach absichtslos, in der That aber mit einem scharfen forschenden Blick.
»Wie geht es denn Deinem hübschen blonden Cousin?« sagte er. »Hat er sich von jener Geschichte wieder erholt, oder war sie sein Tod?«
Es lag ein boshafter Ausdruck in seinem Gesichte, als er das grausame Wort »Tod« aussprach.
»Er ist viel besser, fast ganz hergestellt,« antwortete Millicent.
»Hast Du ihn gesehen?«
»Nicht mehr seit der Nacht, wo Du mich an seinem Bette fandest.«
Sie blickte ihn ruhig, fast stolz an, als sie dies sagte. Es war ein Blick, der zu sagen schien:
»Ich habe ein reines Gewissen. Du magst thun, was Du willst, so kannst Du mich nicht erröthen oder stocken machen.«
Sie hatte in der That ein reines Gewissen. Mehr als einmal war Sarah Pecker zu ihr gekommen und hatte gesagt:
»Euer Cousin ist diesen Abend sehr krank, Miß Millicent; kommt und setzt Euch ein halbes Stündchen an sein Bett, um ihn ein wenig aufzuheitern. Die arme alte Sally wird bei Euch bleiben und wo sie ist, da kann selbst der Härteste nicht sagen, daß etwas Unrechtes dabei ist.«
Aber Millicent hatte sich immer entschieden geweigert, indem sie sagte:
»Es würde uns Beide nur unglücklich machen, liebe Sally. Ich will lieber nicht kommen.«
Einer von den Leuten des Vultur brachte noch am Abend der Rückkehr des Capitäns die Kiste mit Orangen und das Faß spanischen Wein von Marley nach Compton und George Duke trank eine halbe Flasche von dem flüssigen Gold, bevor er zu Bett ging. Er versuchte umsonst, Millicent zu bewegen, ebenfalls davon zu kosten. Der Schlüsselblumenwein von Sarah Pecker war ihr lieber als der feinste Xeres, der auf der spanischen Halbinsel wuchs.
Frühzeitig am nächsten Morgen erschien der Constabel von Compton im Hause des jungen Ehepaars mit einem Verhaftsbefehl gegen Capitän George Duke wegen einer Anklage auf Mordversuch und Raub auf des Königs Heerstraße. Blaß vor Wuth trat der Capitän in das kleine Wohnzimmer, wo Millicent beim Frühstück saß.
»Darf ich fragen, Mrs. Millicent,« sagte er, »wer Deinen schönen Cousin dazu verleitet hat, einen unschuldigen Mann verurtheilen und hängen zu lassen mit der Absicht, wie ich glaube, um aus Dir eine hänfene Wittwe zu machen? Was soll das heißen?»
»Was, George?« fragte sie, verwirrt durch sein Benehmen.
Er theilte ihr die ganze Geschichte des Verhaftsbefehls mit.
»Du wirst Dich wahrscheinlich noch erinnern,« sagte er, »wie dieser Master Darrell ausgerufen hat, daß ich es sei, der auf ihn geschossen habe.«
»Ja, George; ich dachte damals, daß es irgend eine seltsame Fieberphantasie sei, und ich denke es auch jetzt noch.«
»Ich bin Dir für Deine gute Meinung sehr verbunden, Mrs. Duke,« antwortete er. »Ich hätte sie kaum von Dir erwartet. Glücklicher Weise kann ich mich von dieser wahnsinnigen Anklage leicht reinigen: aber ich bin darum Darrell Markham für seine freundliche Absicht nicht weniger verbunden.«
Der Constabel führte George Duke sogleich in das Zimmer der Magistratsperson, welche mit der Untersuchung solcher Fälle beauftragt war. Darrell Markham, blaß von seiner langen Krankheit und den Arm noch in der Schlinge, war bereits dort anwesend.
»Dank Euch, Mr. Markham, für diesen guten Dienst,« sagte der Capitän, seine Arme über einander schlagend, »wir werden wahrscheinlich demnächst Gelegenheit finden, unsere Rechnung mit einander auszugleichen.«
Die würdige Magistratsperson war nicht wenig in Verlegenheit, wie sie den vorliegenden Fall behandeln sollte. Obschon nur sehr wenig über Capitän George Duke in Compton bekannt war, so schien es doch unglaublich, daß ein so feiner Gentleman, der Gatte von Squire Markhams Tochter, des Straßenraubs schuldig sein könne. Aber in jenen Tagen war der Straßenraub ein sehr gewöhnliches Verbrechen und das Publikum durch mehr als eine auffallende Entdeckung in Erstaunen gesetzt worden. Feinere Gentleman als Capitän Duke hatten ihre verzweifelten Vermögensumstände auf des Königs Heerstraße zu verbessern gesucht.
Darrell brachte seine Anklage in der einfachsten und geradesten Weise vor. Er sei vom Schwarzen Bären weg geritten, um sich nach Marley Water zu begeben. Drei Meilen von Compton sei ein Mann, der, wie er beschwören wolle, kein Anderer als der Angeklagte gewesen, auf ihn zu geritten und habe seine Börse gefordert. Er (Darrell) habe ein Pistol gezogen, aber während er im Spannen desselben begriffen gewesen, habe der Mann, Capitän Duke, ihn in den Arm geschossen, vom Pferde gerissen und auf den Boden geworfen. Er könne sich an nichts weiter erinnern, bis er in dem Hausflur des Schwarzen Bären wieder zu sich gekommen sei und den Angeklagten unter den Anwesenden erkannt habe.
Der Richter hustete zweifelhaft.
»Fälle von Verkennung der Person sind nichts Seltenes in der Rechtsgeschichte dieses Landes,« sagte er mit einem gewissen Nachdruck. »Könnt Ihr wirklich schwören, Mr. Markham, daß der Mann, der Euch angegriffen hat, Capitän George Duke war?«
»Wenn der Mann, der dort steht, Capitän Duke ist, so kann ich einen feierlichen Eid leisten, daß er der Mann ist, der mich beraubt hat.«
»Als Ihr von den Personen, die Euch aufgehoben, gefunden wurdet, wurde Euer Pferd ebenfalls gefunden?«
»Nein, das Pferd war fort.«
»Würdet Ihr es wieder erkennen?«
»Gewiß; ich würde es unter Tausenden wieder erkennen.«
»Hum!« sagte der Richter, »das ist ein Punkt von großer Wichtigkeit. Ich halte das Pferd für einen wichtigen Punkt.«
Er sann so lange über diesen wichtigen Theil des Falles nach, daß sein Schreiber ihn achtungsvoll anstieß und ihm etwas in’s Ohr flüsterte.
»Oh, oh, ja, natürlich,« murmelte er hilflos, dann sich räuspernd, sagte er in seinem amtlichen Tone:
»Capitän Duke, was habt Ihr zu dieser Anklage zu sagen?«
»Seht wenig,« antwortete der Capitän ruhig; »aber ehe ich überhaupt spreche, muß ich den Wunsch ausdrücken, daß Samuel Pecker vom Schwarzen Bären herbeigeholt werde.«
Der Richter flüsterte dem Schreiber etwas zu und dieser nickte, worauf der Richter sagte:
»Geh Einer von Euch hin und hole den genannten Samuel Pecker.«
Während Einer der Anwesenden den Auftrag vollzog, nickte der würdige Richter über seiner »Fliegenden Post« seiner damaligen Zeitung, der Schreiber schürte das Feuer und Mr. Markham und der Capitän maßen einander mit wüthenden Blicken, während in den braunen Augen des letzteren ein verhängnißvolles röthliches Feuer blitzte.
Mr. Pecker erschien endlich mit blassem Gesicht und unordentlichem Haare. Er hatte eine vage Idee, daß diese Vorladung für ihn von schrecklichen Folgen sein könne, selbst das Hängen nicht ausgeschlossen. Er konnte nicht glauben, daß er aus einem andern Grund in die Gerichtsstube gerufen werde, als um wegen eines ungeheueren, aber unbewußt begangenen Verbrechens zur Verantwortung gezogen zu werden.
Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als ihm Jemand im Saale zuflüsterte, daß er als Zeuge vernommen werden solle.
»Nun, Capitän Duke,« sagte der Richter, »was habt Ihr dazu zu sagen?«
»Wollt Ihr die Güte haben, an Mr. Darrell Markham zwei oder drei Fragen zu stellen?«
Der Richter blickte den Schreiber an, der Schreiber nickte dem Richter zu, und der Richter gab durch Ricken dem Capitän seine Zustimmung zu erkennen.
»Wollt Ihr fragen, ob er weiß, zu welcher Zeit der Angriff stattgefunden hat?«
Bevor der Richter etwas darauf sagen konnte, erwiederte Darrell Markham:
»Ich kann zufällig diese Frage mit Bestimmtheit beantworten. Der Wind blies gerade über das Moor und ich hörte genau die Kirchuhr von Compton dreiviertel auf Acht Uhr schlagen, als er auf mich zuritt.«
»Als ich aus Euch zuritt?« fragte Capitän Duke.
»Als Ihr auf mich zurittet,« antwortete Darrell.
»Mr. Samuel Pecker, wollt Ihr so gut fein und dem Richter sagen, wo ich um dreiviertel auf Acht Uhr am Abend des 27. October gewesen bin?«
»Ihr wart im Herrenzimmer des Schwarzen Bären,« antwortete Samuel stotternd, »und Ihr kamt in’s Wirthszimmer, um zu fragen, wie viel Uhr es sei, worauf ich hinausging und nach der Uhr an der Treppe sah, die nie eine Minute zu früh oder zu spät geht.«
»Es waren an diesem Abend noch andere Leute im Zimmer, welche mich sahen und hörten, wie ich die Frage stellte: ist’s nicht so, Mr. Pecker?«
»Es waren noch viele da,« antwortete Samuel, »welche Euch Eure Uhr nach der Treppenuhr richten sahen; denn nicht Ihr wart es, Capitän Duke, der Muster Darrell beraubt hat. Ich weiß es, wer es war.«
Diese außerordentliche Behauptung rief großes Erstaunen im Gerichtssaal hervor.
»Ihr wißt es?« rief der Richter. »Und warum habt Ihr diese Kenntniß vor denen zurückgehalten, die berechtigt sind, sie zu vernehmen? Das ist sehr unrecht, Mr. Pecker, wirklich sehr unrecht!«
Der unglückliche Samuel fühlte, daß er sich in einer Patsche befand.
»Es war eben so wenig Capitän Duke als ich es war,« stöhnte er, »es war der Andere.«
»Der Andere! Welcher Andere?«
»Der, welcher mit seinem Pferde an der Thür des Schwarzen Bären anhielt und sich über den Weg nach Marley Water erkundigte.«
Etwas Weiteres war aus Samuel Pecker durch alle Kreuz- und Querfragen nicht heraus zu bringen. Er blieb dabei, daß ein Mann, der dem Capitän Duke so ähnlich gesehen, daß sowohl er, Samuel Pecker, als John Homerton, der Grobschmied, dadurch getäuscht worden seien, am Schwarzen Bären angehalten und sich nach dem Wege von Marley Water erkundigt habe.
Er keuchte und stotterte und war verwirrt; aber er wich nicht von seiner Behauptung ab, und bat, daß John Homerton gerufen werden möchte, um seine Aussage zu bestätigen.
John Homerton wurde gerufen und erklärte, daß es nach seinem besten Glauben und Wissen Capitän Duke gewesen sei, der am Schwarzen Bären angehalten habe, während er, Master Darrell Markham und der Wirth vor der Thür gestanden.
Aber diese Behauptung wurde sogleich durch ein Alibi entkräftet. Eine Viertelstunde darauf, nachdem der Reisende den Weg nach Marley eingeschlagen hatte, sah man den Capitän die Hauptstraße herunter kommen und nach dem Gasthause gehen. Dies wurde nicht blos von Samuel Pecker, sondern auch von andern Zeugen bestätigt.
Weder der Richter noch der Schreiber hatten etwas darauf zu sagen. Die Sache schien ein unerklärliches Geheimniß zu sein, für welches sich der juristischen Erfahrung der würdigen Herren von Compton kein Vorgang darbot.
Während der Richter und sein Factotum mit einander flüsternd berathschlagten, ohne zu einer Entscheidung gelangen zu können, kam ihnen George Duke selbst zu Hilfe.
»Ich denke, nachdem die Anklage in dieser Weise gescheitert ist, brauche ich nicht länger hier zu bleiben, Sir?« sagte er.
Der Richter griff begierig nach diesem Auskunftsmittel.
»Die Anklage ist gescheitert,« erwiederte er mit feierlicher Wichtigkeit, »und wie Ihr bemerkt, Capitän Duke, und wie ich eben selbst bemerken wollte, ist es für uns nicht nothwendig, Euch länger zurückzuhalten. Ihr verlaßt diesen Saal mit eben so gutem Charakter, wie Ihr ihn betreten habt,« setzte er hinzu, während ein leichtes Kichern über dieses zweideutige Compliment unter einem Theil der Zuhörer die Runde machte. »Ich bedauere, Mr. Markham, daß diese Sache so in Geheimniß gehüllt ist. Es ist offenbar ein Fall von Verkennung der Person, der zu der schwierigsten Klasse von Fällen gehört, mit denen das Gesetz jemals zu thun hatte; aber wie ich vorher gesagt, betrachte ich das vermißte Pferd als einen großen Punkt - als einen sehr starken Punkt.«
Der Capitän und Darrell Markham verließen gleichzeitig den Saal.
»Ich habe für das Werk dieses Morgens eine Rechnung mit Euch auszugleichen, Mr. Markham,« flüsterte der Capitän seinem Ankläger zu.«
»Ich schlage mich nicht mit Straßenräubern,« antwortete Darrell stolz.
»Was, Ihr wagt es, noch immer zu behaupten —«
»Ich wage zu sagen, daß ich nicht an diese Geschichte mit George Duke und seinem Doppelgänger glaube. Ich glaube vielmehr, daß Ihr durch eine Taschenspielerei mit der Uhr im Schwarzen Bären ein Alibi nachgewiesen habt, und ich bin fest überzeugt, daß Ihr der Mann seid, der auf mich geschossen hat.«
»Ihr sollt mir für diese Verdächtigung büßen,« sagte der Capitän wüthend, »Ihr sollt mir für jedes unverschämte Wort büßen, Darrell Markham, ehe wir mit einander fertig sind.«
Er entfernte sich, nachdem er dem Cousin seiner Frau noch einen grimmigen Blick zugeworfen hatte, und kehrte nach seinem Hause zurück, wo Millicent blaß und angstvoll den Ausgang des Verhörs erwartete.
Darrell Markham verließ am Abend dieses Tages mit der Postkutsche das Städtchen und kehrte, ärmer durch den Verlust seines Pferdes, seiner Uhr und seiner Börse wieder nach London zurück, um dort sein Glück zu suchen.

Fünftes Capitel.
Millicent begegnet dem Schatten ihres Mannes.
Vierzehn Tage nach Darrells Abreise war das gute Schiff Vultur zu einer neuen Fahrt bereit und Capitän Duke ritt nach Marley Water, um die letzten Zurüstungen zu überwachen.
»Ich werde am 30. unter Segel gehen, Milly,« sagte er am Tage, wo er Compton verließ, »und da ich nicht mehr Zeit habe, herüber zureiten und Abschied von Dir zu nehmen, so wäre es , mir lieb, wenn Du mich vor meiner Abreise in Marley besuchen wolltest.«
»Ich werde kommen, wenn Du es wünschest, George,« antwortete sie ruhig.
Sie war stets sanft und gehorsam, etwa wie ein Kind gegen einen harten Zuchtmeister, aber nicht wie eine Frau, die ihren Mann liebt.
»Ganz gut. Es geht wöchentlich dreimal eine Postkutsche hier durch nach Marley. Du kannst mit dieser kommen, Millicent.«
»Ja, George.«
Während des ganzen düsteren Januarmonats war der Schnee auf dem Compton-Moor nicht geschmolzen. Millicent fühlte einen eigenthümlichen dumpfen Schmerz im Herzen, während sie vor der Thür des Schwarzen Bären stand, die nach Marley bestimmte Kutsche erwartend und hinaus auf die weiße glänzende Schneefläche blickend, die sich in weiter Ferne unter dem bleifarbigen Abendhimmel ausdehnte.
Mrs. Sarah Pecker war sehr empört über diese winterliche Reise.
»Was beabsichtigt der Capitän damit,« rief sie, »daß er ein armes zartes Lamm, wie Ihr, vierundzwanzig Meilen weit in einer alten dumpfen Kutsche an einem Winterabend wie dieser fortzusenden verlangt? Wenn er Euren Tod wünscht, Miß Milly, so ist er auf dem Wege, seine schlechten Wünsche in Erfüllung gehen zu sehen.«
Die schwere rumpelnde Kutsche kam angefahren, während sich Mrs. Pecker noch immer über diesen Gegenstand verbreitete. Einer oder zwei der Innenpassagiere blickten heraus und verlangten Branntwein und Wasser, während die Pferde gewechselt wurden. Einige von den Außensitzenden kletterten vom Dach des Wagens herunter und gingen in die Wirthsstube, um sich am lodernden Kaminfeuer die Hände zu wärmen und Branntwein zu trinken. Ein Mann, der auf dem Bocke saß, weigerte sich, abzusteigen, als ihn der Kutscher dazu aufforderte. Er kehrte das Gesicht von dem Wirthshause ab und blickte unverwandt auf die schneeige Moorfläche hinaus, diese Stellung so lange beibehaltend, als die Kutsche anhielt.
Selbst wenn dieser Mann sein, Gesicht der kleinen Gruppe vor dem Bären zugewendet hätte, würde es schwierig gewesen sein, etwas Genaues von seinen Zügen zu sehen, denn sein dreieckiger Hut war tief in die Stirn gedrückt und der Kragen seines dicken Reitermantels über die Ohren aufgeschlagen.
Mrs. Pecker hob Millicent in die Kutsche, pflanzte sie in eine warme Ecke und hüllte sie in ihren Camelot-Mantel.
»Ihr würdet besser daran thun, Miß Milly, eine von Samuels großen wollenen Binden um den Hals zu nehmen und eine Decke um Eure Füße zu wickeln. Es ist bitterkaltes Wetter für eine solche Reise.«
Millicent lehnte beide Anerbieten ab, aber sie küßte ihre frühere Dienerin.
»Gott segne Euch, Sally,« sagte sie, »ich wünschte, die Reise wäre vorüber und ich zurück und wieder bei Euch.«
Die Kutsche fuhr ab, ehe Mrs. Pecker etwas erwiedern konnte.
»Liebes, armes Kind,« sagte die Wirthin, zu denken, »daß sie an einem solchen Tage allein und freundlos sich auf eine Reise begeben muß! Sie wünscht sich wieder zurück zu sein. Ich denke mir zuweilen, daß ein Ausdruck in ihren armen blauen Augen zu lesen sei, als wünschte sie sich: still und ruhig im Kirchhof von Compton zu liegen.«
Die Landstraße von Compton nach Marley Moor führte in vielfachen Windungen über ödes Moorland, nur selten ein Dorf oder ein einsames Farmhaus berührend. Die Reise auf dieser Straße dauerte länger als auf dem ebenfalls über das Moor führenden Reitweg und es war bereits finster, als die Kutsche über das holprige Pflaster von Marley Water hinfuhr.
An dem Wirthshause, wo die Kutsche anhielt, wurde Millicent von ihrem Gatten erwartet.
»Du kommst gerade recht, Milly,« sagte er, »der Vultur geht noch in dieser Nacht unter Segel.
Capitän Duke wohnte in einem Wirthshause am Quai. Er legte Millicents Arm in den seinigen und führte sie durch die enge Hauptstraße, die nur in weiter Entfernung von Oellampen beleuchtet war, welche ein schwaches Licht verbreiteten.
Als Millicent einmal, verwirrt durch den Lärm des kleinen geschäftigen Seestädtchens, zurückblickte, war sie überrascht, den vermummten Außenpassagier, den sie in Compton bemerkt hätte, ihnen auf den Füßen folgen zu sehen.
Capitän Duke fühlte, wie die kleine Hand seinen Arm plötzlich fester umfaßte und zitterte.
»Was hat Dich erschreckt?« fragte er.
»Der — der Mann!«
»Welcher Mann?« .
»Ein Mann, der außen ans der Kutsche reiste und dessen Gesicht durch seinen Hut und Mantel ganz verhüllt war. Ich hörte die andern Reisenden von dem Mann sprechen. Er war so unhöflich und so schweigsam, daß die Leute eine Abneigung gegen ihn hegten. Er befindet sich gerade hinter uns.«
George Duke blickte zurück, aber der Außenpassagier war nicht mehr zu sehen.
»Was für ein einfältiges Kind Du bist, Millicent!« sagte er.
»Was ist da Besonderes daran, wenn Du einen Deiner Mitreisenden in der Hauptstraße erblickst, zehn Minuten nachdem der Wagen angehalten hat?«
»Aber er schien uns zu folgen!«
»Bah! in lebhaften Städten gehen die Leute hinter einander, ohne einen Gedanken, daß sie ihren Nachbarn folgen. Millicent, Millicent, wann wirst Du lernen, klug zu werden?«
Der Capitän des Vultur schien in dieser kalten Januarnacht in ungewöhnlich guter Laune zu sein.
»In vierundzwanzig Stunden werde ich mich in weiter Ferne auf dem blauen Wasser befinden, Milly,« sagte er. »Nur ein Seemann weiß, was es heißt, wenn ein Seemann des Lebens auf dem Lande überdrüssig ist. Ich habe am Vorigen Abend von Deinem Bruder Ringwood gehört.«
»Schlechte Nachrichten?« fragte Millicent ängstlich.
»Nein, gute Nachrichten für Dich, die sein Vermögen erhält, wenn er unverheirathet stirbt. Er führt ein wildes Leben und richtet in Wirthshäusern und an weit schlimmeren Orten als in Wirthshäusern seine Gesundheit zu Grunde. Zum Glück für Dich ist das Gut zu Compton so gesichert, daß er es weder verkaufen noch verpfänden kann.«
Das kleine Wirthshaus, in welchem George Duke wohnte, lag dem Hafen gegenüber und Millicent konnte von dem Zimmer aus, in welchem für das Ehepaar zum Abendessen gedeckt war, die Lichter des Vultur durch die Winternacht schimmern sehen.
»Um welche Stunde wirst Du absegeln, George?« fragte sie.
»Ein wenig vor Mitternacht. Du kannst mit mir hinunter in den Hafen gehen, dort von mir Abschied nehmen und dann morgen früh mit der Kutsche nach Compton zurückkehren.«
»Ich werde thun, wie Du wünschest. Wird diese Reise lange dauern?«
»Nicht lange; ich werde spätestens in drei Monaten zurück sein.« .
Ihr Herz sank ihr bei dieser bestimmten Antwort. Sie war immer viel glücklicher, wenn ihr Gatte abwesend war, als wenn er sie mit seiner Gesellschaft beehrte.
Während George und seine Frau beim Abendessen saßen, trat ein Kellner mit der Meldung herein, daß Jemand den Capitän Duke zu sprechen wünsche.
»Wer wünscht mich zu sprechen ?« fragte er ungeduldig.
»Ein Mann, der in einen Reitermantel gehüllt ist und den Hut tief in die Stirne gedrückt hat, Capitän.«
»Habt Ihr ihm gesagt, daß ich beschäftigt sei, daß ich im Begriff stehe, unter Segel zu geben?«
»Ja, Capitän; aber er sagt, er müsse Euch sprechen. Er sei deshalb über zweihundert Meilen weit gereist.«
Das hübsche Gesicht des Capitäns verfinsterte sich.
»Verwünscht seien alle unzeitigen Besucher!« sagte er zornig. »Laßt ihn in Teufels Namen herauskommen. Hier, Millicent,« setzte er hinzu, als der Kellner das Zimmer verlassen hatte, »nimm eines von diesen Lichtern und gehe in das gegenüberliegende Zimmer; es ist mein Schlafgemach Es wird das Beste sein, wenn ich diesen Mann allein sehe. Schnell, Mädchen, schnell.«
Capitän Duke gab mit einer ungeduldigen Gebärde seiner Frau den Leuchter in die Hand und schob sie in seiner Eile und Aufregung fast zur Thüre hinaus.
Sie schritt über den Gang in das gegenüberliegende Zimmer.
Ehe sie es aber betrat, erkannte sie in dem Manne, der die Treppe heraufkam, den Außenpassagier wieder, welcher ihr und dem Capitän auf der Hauptstraße gefolgt war, und ehe sie die Thüre wieder schloß, hörte sie ihren Mann sagen:
»Du hier! Beim Himmel, ich hatte es mir gedacht.«
In dem Schlafzimmer des Capitäns brannte ein Feuer und Millicent setzte sich au den Kamin. Sie saß fast eine Stunde da, verwundert über den langen Besuch des Fremden. Einmal ging sie hinaus auf den Gang, um sich zu versichern, ob derselbe sich noch nicht entfernt hatte. Er befand sich aber immer noch bei dem Capitän. Sie hörte die Stimmen der beiden Männer, welche laut und zornig klangen; sie konnte aber ihre Worte nicht verstehen. Die Uhr schlug elf, als die Thüre des Speisezimmers geöffnet wurde und der Fremde die Treppe hinunterging.
Gleich darauf kam der Capitän herüber und rief zur Thüre herein:
»Komm, Millicent, ich habe kaum noch eine halbe Stunde Zeit; ziehe Deinen Mantel an und komm mit mir.«
Es war eine bitter kalte Nacht. Der Mond schien voll und klar auf den weißen Steindamm und sein blasses Licht verlieh jedem Gegenstand, auf den es fiel, eine gespenstige Helle. Die letzten Zecher hatten die Schenken auf dem Quai verlassen, die engen Straßen waren leer, die Lichter in den Fenstern der Häuser erloschen und es herrschte in Marley Water ein wenig nach elf Uhr eine Stille wie auf dem Kirchhof zu Compton.
Millicent fröstelte, als sie an der Seite ihres Mannes den Quai entlang ging. Er hatte nicht mehr mit ihr gesprochen, seit er ihr befohlen hatte, sie solle ihn zum Landungsplatz begleiten. Sie hatte ihn ein- oder zweimal verstohlen angeblickt und in dem hellen Mondlicht an seinem Gesicht gesehen, daß ihn etwas beunruhigte. Sie stiegen zum Hafendamm hinunter, der sich weit in die See hinaus erstreckte.
»Das Boot wartet am andern Ende auf mich,« sagte Capitän Duke. »Die Fluth ist eingetreten und der Wind uns günstig.«
Er schritt eine Zeit lang schweigend dahin, während ihn Millicent scheu beobachtete. Darauf blieb er plötzlich stehen und sagte:
»Mistreß Millicent, hast Du einen Ring oder einen ähnlichen Schmuckgegenstand bei Dir?«
»Einen Ring, George?« sagte sie, verwirrt durch die Plötzlichkeit der Frage.
»Einen Ring, eine Broche, ein Armband, irgend Etwas, worauf Du in zwanzig Jahren, wenn nöthig, schwören könntest?«
Sie hatte einen Armband, das ihr Darrell an ihrem sechzehnten Geburtstag gegeben hatte, ein Armband, das etwas von seinem Haare enthielt, und von dem sie sich um keinen Preis getrennt hätte.
»Ein Armband!« sagte sie zögernd.
»Irgend Etwas! Habe ich nicht gesagt, irgend Etwas?«
»Ich habe die kleinen Diamantringe, George, in meinen Ohren, die Du mir von Spanien mitgebracht hast.«
»So gib mir einen davon. Ich möchte irgend ein Andenken von Dir mit auf die Reise nehmen. Der Ohrring thut es.«
Sie nahm das Juwel aus ihrem Ohre und überreichte es ihm. Sie war zu gleichgültig gegen ihn und gegen alle Dinge ihres traurigen Lebens, um sich auch nur darüber zu wundern, dass er den Schmuckgegenstand von ihr verlangte.
»Dies ist besser, als sonst etwas,« sagte er, das Juwel in die Westentasche steckend; »die Ohrringe sind von indischer Arbeit und ein seltenes Muster. Vergiß nicht, Millicent, daß der Mann, der zu Dir kommt, und sich Deinen Gatten nennt, nicht George Duke ist, wenn er Dir diesen Diamantohrring nicht zurückgeben kann.«
»Was willst Du damit sagen, George?«
»Wenn ich nach Compton zurückkomme, so frage mich nach dem Ohrring, der zu dem gehört, den Du noch im Ohre hast. Wenn ich ihn Dir nicht zeigen kann, so behandle mich als einen Betrüger und treibe mich von Deiner Thüre.«
»Aber ich würde Dich ja kennen, George, wozu bedarf es da noch eines Erinnerungszeichens, um Dich wieder zu erkennen?«
»Du wirst es vielleicht doch bedürfen. Seltsame Dinge begegnen Männern, die ein solches Leben führen wie ich. Ich kann vielleicht an Bord gefangen und Jahre lang von Dir fern gehalten werden. Mag ich aber nun in drei Monaten, oder in zehn Jahren zurückkommen, jedenfalls verlange von mir den Ohrring; und wenn ich ihn nicht vorzeigen kann, so glaube mir nicht.«
»Aber Du kannst ihn verlieren.«
»Ich werde ihn nicht verlieren.«
»Aber ich begreife nicht, George —«
»Ich verlange nicht, daß Du es begreifst,« erwiederte der Capitän ungeduldig.
»Ich verlange nur, daß Du dessen, was ich Dir sage, eingedenk bist und mir gehorchest,«
Er verfiel darauf wieder in Schweigen. Sie gingen nach dem äußersten Ende des langen Steindammes, während der Mond hoch in dem wolkenlosen Himmel vor ihnen hinsegelte und ihre Gestalten lange Schatten hinter sich warfen.
Sie waren eine halbe Meile von dem Quai entfernt und allein aus dem Steindamm, wo nur das Echo ihrer Tritte und das Rauschen der Wogen sich vernehmen ließen.
Das Boot des Vultur wartete am Ende des Steindamms. Capitän Duke nahm seine Frau in seine Arme und drückte einen Kuß ans ihre kalte Stirne.
»Du wirst einen einsamen Rückweg nach dem Wirthshause haben, Millicent,« sagte er, »ich habe ihnen aber anbefohlen für Deine Bequemlichkeit Sorge zu tragen und darauf zu sehen, daß Du morgen mit der Kutsche sicher wieder nach Hause befördert wirst. Lebe wohl und Gott segne Dich. Gedenke dessen, was ich Dir diesen Abend gesagt habe!«
Etwas in seinem Benehmen — eine Zärtlichkeit, die ihm sonst fremd war, rührte ihr sanftes Herz.
Sie hielt ihn auf, als er im Begriff war, die Stufen hinunter zu steigen.
»Es war mein Mißgeschick, daß ich Dir niemals eine gute Frau war, George Duke. Ich will für Deine Sicherheit beten, während Du fern auf der grausamen See bist.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.