Kitabı oku: «Diese bescheuerte Fremdheit in meiner Seele»

Yazı tipi:

Für M.

Struktur

1  Titelseite

2  Impressum

3  Widmung

4  Inhaltsverzeichnis

5  Vorspann

6  Textanfang

7  Seitenzahlen im gedruckten Buch

Inhalt

1  Traumhaus und Glupschaugen

2  Streuselkuchen mit Nachschlag

3  Im Auftrag des Kalifen

4  Hatatitla in Hude

5  Schuhcreme und Pampelmusen

6  Nazi mit Samenerguss

7  Spiegeleier ohne Mama

8  Skateboards und Datteln

9  Hüpfende Lineale

10  Himmelfahrtskommando

11  Gene und Glockenspiel

12  Große Klöten

13  Mulattenhuder

14  Wassereis und Ranzen

15  Im Seelöwengehege

16  Schwein mit Cordhose

17  McEnroes Sohn

18  Prinzessin vom Plattensee

19  Tinnitus mit Haaren im Arsch

20  Kuss auf die Stirn

21  Nur Türken pinkeln auf Mopeds

22  Otthusen und die »Brother Deluxe«

23  Eingemauert an der Ostsee

24  Kaffee, der nicht schmeckt

25  Zerbrochenes Holz

26  Omar Ali Ben Salem

27  Kanak Power

28  Gib’s mir, Moslem!

29  Auferstehung der Toten

30  Currywurst im Volvo

31  Sindbad und Esmeralda

32  Epilog

33  Über den Autor

34  Impressum

Wo bist du?

Und wenn ich dich finde: Werde ich mich finden?

Wer bist du?

Und wo in mir hast du dich versteckt?

Pubertätsgedicht von Omar Ali Ben Salem

Ich habe nichts gegen Fremde.

Einige meiner besten Freunde sind Fremde.

Aber diese Fremden da sind nicht von hier!

Methusalix in »Asterix – Das Geschenk Caesars«

Traumhaus und Glupschaugen

Ich war fünf Jahre alt, als Steffen mir die Unschuld raubte.

Er ließ keinen Stein auf dem anderen und hinterher (um es mal pathetisch auszudrücken) war so ziemlich gar nichts mehr wie zuvor. Aber das begriff ich erst einige Zeit später.

Wir schrieben das Jahr 1978, und Steffen, mein zehnjähriger Bruder, war schlecht gelaunt. Er hatte sich mit seinen Freunden gestritten, was einigermaßen oft vorkam, und meist war das auch gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Freundschaft.

Steffen, schon damals ein blonder Sonnyboy, den alle liebten, weil er gute Witze riss und einen einnehmenden Charme besaß, ein dünner Schlaks mit dicker Hornbrille, aber einem Zahnpastalächeln, das Felsbrocken erweichen ließ, hatte nämlich einen immensen Freundeverschleiß.

Die wenigen Tage jedoch zwischen diesen oft nur ein oder zwei Wochen dauernden »Freundschaften« hatten es wahrlich in sich. Da verzog sich mein Bruder sofort nach der Schule, ohne sein Mittagessen auch nur anzurühren, auf den Dachboden, wo der größte Teil seiner Spielsachen lagerte, und war für die kommenden Stunden nicht eine Millisekunde lang ansprechbar.

Falls man dann aber doch einmal gegen diese unausgesprochene »Steffen-auf-gar-keinen-Fall-ansprechen-Klausel« verstieß, und sei es auch nur, um ihn ein wenig zu trösten, bekam er umgehend einen Wut- und Heulanfall, aus dem die Worte: »Könnt ihr mich nicht alle mal in Ruhe lassen!« mehr schlecht als recht herauszuhören waren, und stürzte in die nächste freie Ecke, in der er dann die kommenden Stunden nahezu unbewegt kauerte. Mit dem Gesicht zur Wand, gern noch zusätzlich bedeckt von Teppichen, Handtüchern oder ähnlichem Weichkram, welcher weitere Annäherungen an ihn komplett verhinderte.

Eigentlich hatte ich ja schon gelernt, dass ich ihm in solchen Stimmungen besser nicht begegnete, aber da gab es etwas, das war stärker: Ich wollte ran an die Puppen. Steffen besaß nämlich ein mehrstöckiges Barbie-Traumhaus mit voller Ausstattung, größer als ich, welches er sich von dem Geld, das er von den zahlreichen Verwandten zu seiner Kommunionsfeier geschenkt bekommen hatte, im letzten Jahr gekauft hatte. Es war sein ganzer Stolz, sein meistgehüteter Schatz, der wie ein Altar im Zentrum des staubigen Dachbodens prangte – aber seltsamerweise eines seiner wenigen Besitztümer, die er den wechselnden Freundesgruppen akribisch vorenthielt.

In dieser rosa Villa wohnten nicht nur Ken und Barbie, sondern auch ihre Schwester Skipper, ihre Kusine Francie und die Zwillinge Tutti und Todd, die selbstverständlich alle ihr eigenes Zimmer besaßen. Das faszinierte mich ganz besonders, da wir drei Brüder uns im richtigen Leben zwei kleine Zimmerchen im Obergeschoss mit Dachschräge teilen mussten.

Axel, mein größter Bruder, neun Jahre älter als ich und damit stolze pubertierende vierzehn (also ein »Halbstarker«, wie mein Papa das gerne abschätzig formulierte, obwohl dieser Ausdruck schon damals etwas aus der Mode gekommen war), durfte das sechs Quadratmeter umfassende kleine Zimmer allein frequentieren und Steffen und ich zu zweit das große (acht Quadratmeter).

Ansonsten gab es eigentlich nicht so viele Gründe, warum ich unbedingt an Barbies Plastikvilla ran wollte, mit seinen langweiligen Bewohnern, diesen unförmigen Gummigeräten, die nicht einmal richtig sitzen konnten.

Außer, dass ich grundsätzlich mit Sachen spielen wollte, mit denen mein bewunderter großer Bruder gerade spielte. Und sei es auch nur mit dämlichen Puppen, die mich ansonsten herzlich wenig interessierten.

Ich schlich mich also auf Socken über die ausgefahrene Schiebeleiter auf den Dachboden und versuchte, keine Geräusche dabei zu machen, als ich mich von hinten an Steffen heranpirschte.

Der kniete etwa zwei Meter von der Luke entfernt auf dem knarzenden Holzboden und versank gerade mit seinem Oberkörper, vor sich hin murmelnd, im geräumigen Puppenhaus.

Ich beobachtete ihn von hinten, still auf eine Gelegenheit wartend, wenn schon nicht mit Ken, Barbie oder deren »großen« Verwandten, dann doch wenigstens mit einem ihrer Kinder, den Zwillingen Tutti und Todd, eine Zeitlang herumspielen zu dürfen, ohne eigentlich genau zu wissen, was ich mit denen überhaupt anfangen sollte.

Steffen, in sein Spiel vertieft, brabbelte in aller Seelenruhe in unterschiedlichen Stimmlagen, die er seinen Püppchen zuteilte. Doch so sehr ich mich auch bemühte, ich konnte keine vollständigen Worte, geschweige denn Sätze heraushören.

Nach einer Weile begriff ich, dass das Puppenpärchen in der Küche wohl gerade Essen für die versammelte Familie kochte und sich angeregt über die Zutaten unterhielt – was umso skurriler war, da Steffen ja gerade auf sein eigenes Essen verzichtet hatte.

Ich, ein Allesvertilger, dem Appetitlosigkeit völlig fremd war, der sich aber nicht ansatzweise für das Zustandekommen von Mahlzeiten interessierte, hatte plötzlich das immer heftiger werdende Verlangen, Steffen, Barbie und Ken beim Kochen behilflich zu sein.

Fast hätte ich meinen Arm ausgestreckt und ihm einfach in die Küche gegrapscht, mitten hinein in den Herd und die kleinen Töpfe, aber im letzten Moment konnte ich mich gerade noch zusammenreißen. Die Zeit war noch nicht reif.

Ich übte mich weiter in Bewegungslosigkeit, tatenlos wie eine Sphinx hockte ich hinter seinem Rücken, obwohl es mir zunehmend schwerfiel. Ich hatte dabei das sichere Gefühl, dass mein Bruder mich bisher noch nicht bemerkt hatte.

Doch da täuschte ich mich: Auf einmal schob er seinen Oberkörper aus dem Spielgestell und drehte sich zu meinem Entsetzen direkt zu mir um.

»Hau endlich ab!«, giftete er mich an. »Ich will alleine spielen!«

Augenblicklich kräuselte ich meine Unterlippe zu einem »Flunsch«, wie es meine aus Schlesien stammende Mama immer so treffend formulierte. Ich sah ihn mit aufgerissenen Augen an, mit schwerem Atem, die Stirn zu einer Leidensmiene hochgezogen. Meist genügte das, um schließlich doch noch sein Mitleid zu erwecken und aus Gnade eines seiner Püppchen überlassen zu bekommen. Aber heute nicht. Heute leider nicht. Zumindest keines von denen, die ich gerne gehabt hätte.

»Du willst also mitmachen, was?«, fauchte er mich an. »Kannst du haben!«

Er kramte in seiner Stofftier- und Puppenkiste, einem mit zahlreichen Stickern übersäten ehemaligen Umzugskarton, den er in jahrelanger Sammelarbeit nach und nach gefüllt hatte, und zog eine (Achtung Vokabel-Polizei: So hieß die damals wirklich!) Negerpuppe heraus.

Die war aus Plüsch, schokoladenbraun, hatte rote, wulstige Lippen, schwarze, dichte Locken aus Wollkringeln und riesige, dunkle Knöpfe als Augen.

Er warf sie mir vor die Füße.

»Das da«, rief er. »Das bist du!«

Die Puppe starrte mich an, aus voluminösen Glupschaugen, und sie machte mir Angst.

Ich berührte sie nicht, auf keinen Fall, sorgsam hielt ich meine Arme auf dem Rücken verborgen, als würde auch nur der kleinste Kontakt mit ihr eine ansteckende Krankheit auslösen, betrachtete das Stoffungetüm nur verstohlen von der Seite, wie eine Frucht, von der man weiß, dass sie giftig ist, die einen aber trotzdem auf magische Weise anzieht.

Und als hätte mich mein Bruder mit dieser seltsamen Puppe und seiner bescheuerten Äußerung nicht schon genug irritiert, wies er mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sein Traumhaus und die versammelte Barbie-Familie in der Puppenküche. Dabei imitierte er den Tonfall eines Show-Moderators, der seine Gäste ankündigte: »Und das hier sind …« Er zog die Worte in die Länge, um die Spannung zu steigern, auf das, was jetzt kommen würde: »Wir!« Nacheinander zeigte er auf Barbie, Ken, Todd und Tutti. »Das sind Mama, Papa, Axel und ich!«

Er grinste mich erwartungsvoll an, als hätte er mir gerade seine allerneueste Erfindung offenbart, und wäre gespannt, wie ich darauf reagieren würde.

Ich zuckte mit den Achseln. Ich hatte keinen Schimmer, was er mir damit sagen wollte.

Mir fiel an seiner eigenartigen Argumentation eigentlich nur auf, dass, wenn Axel Todd, der Junge sein sollte, dann ja wohl Steffen Tutti, das Mädchen war, und das fand ich lustig. Also begann ich zu lachen.

Das brachte ihn erst recht zur Weißglut. Er riss die Negerpuppe hoch und hielt sie mir direkt vor die Augen. Sie glotzte mich mit unveränderter Miene an.

»Fällt dir was auf?«, schrie er. »Was ist das? Was ist das?«

Ich sah abwechselnd zu ihm und zu der Puppe, mit offenem Mund und konnte nichts erwidern. Mein Bruder machte mir Angst.

»Das da, das ist braun! Und die da drinnen, die sind weiß!«, erklärte er mir mit erhobener Stimme, als wäre ich geistig zurückgeblieben. Und fuhr fort: »Du bist überhaupt nicht mein Bruder! Und das Kind von Mama und Papa, das bist du auch nicht!«

»Und du … du bist nicht Tutti!«, schrie ich umgehend zurück. Schließlich konnte ich seine lautstarken Beleidigungen und seine dummen Negerpuppen-Vergleiche nicht einfach so auf mir sitzen lassen.

Ich sprang auf und stapfte heulend über die ausgefahrene Holzleiter zurück nach unten. Mir war die Lust vergangen. Steffen war böse zu mir gewesen.

Ich verkroch mich in meiner Zimmerhälfte im Obergeschoss und spielte auf dem Kinderbett mit den Sachen, die mir gehörten, mir allein, meinem Playmobilschiff, meiner Playmobilkutsche und meinen Matchbox-Autos. Da würde ich Steffen nämlich nie und nimmer ranlassen, schwor ich mir, auch, wenn er noch so sehr darum bettelte. Ich war stinksauer.

Dabei ging es im Grunde nicht darum, was er mir da eigentlich gesagt hatte, das hatte ich eh nicht verstanden. Er hatte mich einfach nicht mitspielen lassen, wollte mich mit dieser hässlichen Negerpuppe abspeisen und hatte mich angeschrien. Er hatte mich angeschrien und mir Angst gemacht.

Obwohl mir der tiefere Sinn dieser Aktion auf dem Dachboden so überhaupt nicht einleuchtete, beschäftigte er mich zunehmend. Ich musste immer daran denken. Ob ich wollte oder nicht: Während ich spielte, kehrten seine Worte zurück und setzten sich in mir fest, so sehr ich auch versuchte, sie als dummes Geschwätz abzutun und darüber abfällig zu lachen: »Du bist nicht mein Bruder! Und das Kind von Mama und Papa, das bist du auch nicht!«

Hmm. Ich wusste ja bereits, dass ich ganz anders aussah als meine Eltern und meine Brüder. Das hatte ich auf Fotos entdeckt und auch im Spiegel. Aber ich hatte das immer als eine Besonderheit angesehen, eine Auszeichnung, und so war es mir von allen anderen auch verkauft worden: »Na, du bist aber ein Süßer, mit deinen schwarzen Locken und dunklen Augen! Ein ganz ein Schöner!« So oder so ähnlich klang es, wenn Verwandte oder sonstige Erwachsene auf mich zutraten, mich begutachteten, begrapschten, hochhoben und bestaunten. Das kannte ich nicht anders. Ich galt als besonders braun, besonders exotisch, besonders hübsch. Nicht im Traum wäre ich auf den Gedanken gekommen, dass das damit zu tun haben könnte, kein korrektes Mitglied dieser Familie zu sein.

Meine Eltern waren beide brünett, genauso wie mein Bruder Axel, nur Steffen war blond. Äußerlich hatten sie miteinander auch nicht so viel gemeinsam, außer vielleicht, dass sie alle vier eine Brille trugen. Ich dagegen nicht. Aber waren sie deshalb nicht meine Eltern und Brüder?

Als mich meine Mutter am selben Abend ins Bett brachte, und mir mit zarter Stimme »Weißt du wie viel Sternlein stehen« als Gute-Nacht-Lied vorgesungen hatte, wagte ich es einfach mal, sie zu fragen.

»Steffen war heute böse zu mir. Er hat gesagt, dass du nicht meine Mama bist und er nicht mein Bruder. Stimmt das?«

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Vermutlich, dass sie darüber lachte und »Blödsinn« und »Vertragt euch« sagte, wie sie es ja meistens tat, wenn irgendeiner von uns irgendeinen beleidigt, gehauen oder sonst irgendetwas Dummes getan hatte. Aber ich hatte nicht geahnt, was dieser kleine Satz bei ihr auslösen würde.

Eben noch hatte ihr wundervoller Sopran mich sanft an die Pforte der Traumwelt geführt, wo ich nicht mal mehr anklopfen, sondern nur noch eintreten musste, so wie er das jeden Abend tat, und normalerweise Erfolg damit hatte. Nur nicht heute, wo mich etwas Anderes beschäftigte.

Eben noch hatte sie gelächelt, hatte mir liebevoll die Decke bis ans Kinn gelegt, damit ich in der Nacht nicht fror.

Doch nun bekam ihr Gesicht von einem Moment auf den anderen einen eigenartig verzerrten Ausdruck, so als hätte sie was Schlechtes zum Abendbrot gegessen und wäre kurz vorm Übergeben. Sie musste sich von mir wegdrehen, starrte auf den Teppich und faltete ihre Hände. Sie atmete schwerfällig und langsam und stöhnte beim Ausatmen.

Nach einer Weile hatte sie sich gefasst, wandte sich wieder meinem Gesicht zu, blickte mir tief in die Augen und sagte mit fester Stimme: »Nein, Mathias. Steffen hat Unrecht.«

Dann warf sie mir noch ein Lächeln zu, das allerdings einen Tick zu angestrengt wirkte, als dass ich es ihr hätte glauben können, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und verschwand aus dem Zimmer.

Mein Herz wummerte. Ich konnte nicht einschlafen.

Das, was mir mein Bruder heute gesagt hatte, und die komische Reaktion meiner Mama arbeiteten immer noch in mir weiter, vermischten sich mit seltsamen Fantasien, in denen Geister und Monster vorkamen, die aussahen wie eine Kreuzung aus Ken und Barbie und der Negerpuppe, die mich aus dem Bett reißen und aus dem Haus ziehen wollten.

Als Soundtrack dazu erklang »Weißt du wie viel Sternlein stehen« mit dem glockenhellen Sopran meiner Mama in Endlosschleife, der sich immer schriller, verzerrter in meinem Kopf ausbreitete und mich so gar nicht mehr beruhigte.

Das lag vielleicht auch an dem sehr realen, lautstarken Streit, der eine Etage tiefer in unserem Wohnzimmer stattfand.

Ich vernahm die aufbrausende Stimme meines Vaters, die besorgten, beschwichtigenden Töne meiner Mutter und das Heulen und Kreischen von meinem Bruder Steffen.

Seine Worte hörte ich am deutlichsten: »Ihr Lügner! Ihr seid solche Lügner!«

Plötzlich ließ mich das Knallen einer Tür zusammenfahren und das Brüllen meines wutentbrannten Papas, der sie umgehend wieder aufriss: »Na warte! Du sollst mich kennenlernen!«

An der Treppe zum Obergeschoss, in welchem ich mittlerweile zitternd, schwitzend und mit panisch aufgerissenen Augen in meinem Bettchen lag, prügelte er endlose Minuten lang auf meinen wimmernden Bruder ein.

Streuselkuchen mit Nachschlag

Als mich meine Mama am nächsten Tag zu Fuß vom Kindergarten abholte, trat sie mit mir völlig überraschend in die kleine Konditorei, die sich auf halbem Wege nach Hause befand und aus der es morgens immer so gut roch. Sie bestellte sich einen Tee und mir einen Streuselkuchen, den ich so sehr liebte, am liebsten aber von ihr selbst gebacken.

Ich war noch nie im Innern dieser Bäckerei gewesen, immer nur dran vorbeigelaufen, Essen gab es bei uns zu Hause und sonst nirgends.

Doch mir sollte der Abstecher recht sein. Ich hatte nach dem Kindergarten und dem ganzen Gespiele mit meinen Freunden sowieso meist einen Kohldampf, der mit Mittag- und Abendessen allein schwerlich gestillt werden konnte.

Ich kaute zufrieden meine Streusel, die ich vom Teigboden löste, und separat verspeiste, weil sie so schön süß waren und wunderbar zart im Vergleich zum trockenen Boden, den man endlos lang kauen musste. Und ich merkte, wie meine Mama mich lächelnd beim Futtern beobachtete.

Doch plötzlich fror ihr Lächeln ein. Sie räusperte sich und hob zu sprechen an. »Weißt du, Mathias, wir haben euch alle drei sehr, sehr lieb, und wir wollen niemals andere Kinder haben als euch drei«, sagte sie und blickte mir tief in die Augen, wie sie es gestern Abend ja auch schon getan hatte.

Ich kaute vor mich hin, blickte sie ebenfalls an, allerdings verdutzt. Ich wusste nicht, was ich erwidern sollte, da sie plötzlich wieder so unheimlich ernst wurde.

Sie fuhr fort: »Was Steffen da gestern zu dir gesagt hat, … das stimmt … zum Teil … ein wenig …«

Ich hörte auf zu kauen. Eigentlich hatte ich diese Sache mit den Puppen längst zur Seite geschoben, am Tage hat man schließlich andere Sorgen als in der Nacht. Aber nun interessierte mich natürlich schon, wieso Steffen mit seiner dämlichen Aktion auf dem Dachboden denn auf einmal doch Recht gehabt haben sollte. Und wenn es auch nur »zum Teil« war.

»Nun ja«, fuhr sie fort. »Jedes Kind hat Papa und Mama, genau wie du, wir sind Mama und Papa für dich, und das werden wir auch immer bleiben. Aber weißt du, Mathias, da gibt es andere Menschen, die dafür gesorgt haben, dass du zur Welt kamst. Und da gab es wieder andere Menschen, die haben Axel zur Welt gebracht. Und noch einmal ganz andere, die sind dafür verantwortlich, dass es den Steffen gibt.«

Ich starrte sie aufmerksam an und wagte nicht zu atmen. Obwohl ich nicht viel von dem, was sie da sagte, begriff, wusste ich intuitiv, dass es jetzt nicht angebracht war, irgendetwas anderes zu machen, als ihr zuzuhören.

»Diese anderen Menschen«, fuhr sie fort, und ich merkte, wie schwer sie sich damit tat; sie sprach die Worte langsam, gedehnt und machte lange Pausen, »die haben dann irgendwann gemerkt, dass sie nicht gut für euch sind. Und haben euch lieber zu uns gegeben, zu Mama und Papa Kopetzki, wo ihr – wahrscheinlich – ein besseres Zuhause bekommt als bei ihnen. Verstehst du?«

Ich schüttelte den Kopf. Sie nickte.

»Irgendwann wirst du alles mal verstehen. Aber jetzt noch nicht. Und bis dahin ist das, was Steffen dir da gestern gesagt hat, eine große Dummheit gewesen. Denn wir sind genauso Eltern für dich wie für Steffen. Und das unterscheidet sich kein bisschen davon, wie andere Eltern zu ihren Kindern sind. Im Gegenteil: Wir haben uns für euch entschieden. Und ich sage es dir noch einmal: Wir wollen keine anderen!«

Hunger hatte mich wieder erfasst, ein entsetzlicher Hunger. Er verdrängte den guten Willen, ihrer Erzählung zu folgen, ohne mit so etwas Profanem wie Kuchenessen beschäftigt zu sein.

Ich schob mir nach den süßen Streuseln auch noch den trockenen Boden Stückchen für Stückchen in die Mundöffnung. Nur schwerlich ließ er sich zerbeißen. Wie Lehm klebte er hartnäckig am Gaumen und an den Milchzähnen.

Wie meine Mama schon richtig erkannt hatte: Ich verstand tatsächlich wenig von dem, was sie gesagt hatte – sehr, sehr wenig. Von welchen anderen Leuten redete sie denn da? Und wie, bitteschön, sollten diese komischen Leute »dafür gesorgt« haben, dass wir »auf die Welt kamen«? Warum waren sie »nicht gut« für uns? Und schließlich: Wie kamen wir dann überhaupt zu unserer Mama und unserem Papa? Zu Fuß? Mit dem Flugzeug?

Das einzige, was ich verstand, war, dass, was auch immer mir da mit diesen komischen Leuten passiert sein sollte, meine Brüder etwas Ähnliches mit anderen komischen Leuten erlebt hatten. Axel hatte es erlebt, und vor allen Dingen auch Steffen.

Ja, auch Steffen kam später zu Mama und Papa! Er gehörte also genauso viel oder genauso wenig zu unserer »Barbie-Familie« wie ich. Und das würde ich ihm tüchtig aufs Brot schmieren, wenn er mir das nächste Mal wieder diese bekloppte Negerpuppe entgegenschleudern sollte.

Doch ich verstand auch etwas von diesem Gespräch, das mich sehr stolz machte: Nämlich, dass es für das, was sie mir da sagte, wert gewesen war, in eine Konditorei einzukehren – was wir ja sonst niemals taten – und Streuselkuchen zu essen.

Für immer sollte nun der Geschmack von Streuselkuchen mit dieser ersten, wichtigen Unterredung mit meiner Mutter verbunden bleiben.

»Darf ich Capri-Sonne?«, wagte ich nach einer nicht enden wollenden Pause zu fragen, in der wir uns schweigend begutachtet hatten, weil wir wohl beide nicht so recht wussten, wie wir diese Unterhaltung denn nun ordentlich zu Ende führen sollten.

Mama lächelte.

»Natürlich.«

Sie stand auf, ging zum Kühlschrank, der neben der Brötchentheke stand, nahm eine bunt bedruckte Kunststoffpackung heraus, bezahlte sie an der Kasse und stellte sie auf meinen Teller.

Kirsche.

Ich betrachtete die Packung und verzog das Gesicht. Eigentlich mochte ich Orange viel lieber, aber das traute ich mich dann doch nicht zu äußern. Schließlich wollte ich nicht die Stimmung dieser so heilig anmutenden Erwachsenen-Unterredung kaputtmachen; im Grunde war ich ja ziemlich glücklich, sie mit meiner Mutter führen zu dürfen. Ich war halt schon ein großer Junge.

Stattdessen fummelte ich den eingeschweißten Strohhalm von der Rückseite der Getränkepackung und rammte ihn mit ein wenig Fingerspitzengefühl in die Kunststoffhülle.

Dann fiel mir etwas ein.

»Kommen die Leute, die mich auf die Welt gebracht haben, aus Afrika?«

Augenblicklich verfinsterte sich das Gesicht meiner Mama und sie lehnte sich erschrocken zurück.

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte sie entsetzt.

»Na, wegen der Negerpuppe!«, rief ich, strotzend vor Stolz, ihr auch mal etwas erklären zu können, was sie vorher nicht gewusst zu haben schien. »Die Neger kommen doch aus Afrika und da kommt doch auch die Negerpuppe her! Und wenn Steffen sagt, ich sehe aus wie eine Negerpuppe, und Eltern sehen doch meistens so aus wie ihre Kinder, dann müssen meine früheren Eltern doch aus Afrika sein!«

Ich war zufrieden mit meiner wasserdichten Argumentationskette, doch meine Mama hatte von Wort zu Wort entsetzter gewirkt.

Ich spürte, dass sie schwer um ihre Fassung rang. Sie holte das Brillenetui aus ihrer Handtasche hervor und wedelte sich Luft zu.

»Also, erstens«, stellte sie fest, nachdem sie eine Weile wieder mal die richtigen Worte gesucht hatte, »siehst du nicht aus wie ein Neger. Ganz und gar nicht. Die sind viel brauner als du. Das, was Steffen da gesagt und getan hat, war sehr gemein, und das solltest du so schnell wie möglich vergessen. Mag sein, dass deine … diese …« Sie ruderte mit den Händen in der Luft herum, als müsste sie sich die korrekte Formulierung regelrecht herbeiwinken. Dann hatte sie es geschafft. »… also die Menschen, die dafür gesorgt haben, dass du zur Welt kamst«, fuhr sie fort, »und die dir vielleicht auch ein ganz klein wenig ähnlich sehen, aus einem anderen Land kommen als diesem, aber …« Sie machte eine Pause, atmete langsam ein und dann schnaufend wieder aus. »Aber wir wissen es nicht. Damit müssen wir alle leben. Und außerdem …« Jetzt sah sie mir erneut tief in die Augen, »möchte ich nie wieder, dass du diese Menschen deine Eltern nennst. Nie wieder. Hast du mich verstanden? Wir sind deine Eltern. Wir sind Mama und Papa. Da gibt es keine anderen!«

Ich hatte die Hälfte der Capri-Sonne ausgetrunken, mich eben mit dem ekelhaften Kirschgeschmack so halbwegs arrangiert, als diese Worte meiner Mama in meine Ohren drangen und dort geradezu schepperten. Sie hatten Gewicht, diese Worte, bleiernes Gewicht, das spürte ich. Sie klangen wie die, die ich im Gottesdienst hörte, in den meine Eltern mich seit einigen Wochen immer sonntags mitnahmen.

Da stand dieser Mann mit der bunten Kutte hinter dem Steintisch und sprach lauter so wichtiges Zeug, das in dem riesigen, hallenden Raum meistens echote und dadurch noch größere Wichtigkeit bekam.

»Aus einem anderen Land«, »Du siehst ihnen ähnlich«, »Wir wissen nicht, woher. Damit müssen wir leben«, »Aber niemals diese Menschen deine Eltern nennen!«, echote es nun auch in meinem Kopf, und ich fühlte mich ganz plötzlich unendlich müde.

Meine Mama hatte nie zuvor so mit mir gesprochen. Zwar war sie natürlich streng zu mir, wenn ich meine Spielecke nicht aufräumte, mit meinem Roller zu weit auf die Straße fuhr oder einen meiner Brüder zuweilen »Furzknoten« oder »Kackgesicht« nannte, aber das klang alles anders. Und es sollte auch noch Jahre dauern, bis sie wieder so oder so ähnlich mit mir sprechen würde.

Doch diese wichtigen, schweren, nachhallenden Worte, die ich ja im Grunde besser verstand, als ich mir eingestehen wollte, schufen Raum in mir, Raum für Gedanken und Gefühle, die sich nach und nach in mir breitmachten. Sie sorgten dafür, dass ich mir immer, wenn ich einem erwachsenen Menschen begegnete, der so schwarze Locken besaß wie ich, so dunkle Augen und eine so dunkle Haut, so dicke Lippen und eine so dicke Nase, vorstellte, er oder sie könnte »dafür gesorgt haben, dass ich auf die Welt gekommen war«.

Ganz tief in mir drin, in einer verborgenen Ecke meines Wunschdenkens, wartete ich mit einer Mischung aus angsterfülltem Schaudern und nervös gespanntem Kribbeln auf den Moment, in dem zwei dieser dunklen Menschen auf mich zutreten und zu mir sagen würden: »Hallo, Mathias. Wir sind deine richtigen Eltern. Komm mit. Wir gehen nach Hause.«

Im Auftrag des Kalifen

»Ein Prinz«, sagte ich und streckte meine Brust heraus. »Er war ein Prinz!«

Markus stierte mich mit herabhängendem Unterkiefer an. Er zeigte mir einen Vogel, wandte sich von mir ab und warf den Fußball in die Luft, den er bis jetzt in der Hand gehalten hatte, um ihn nun abwechselnd auf beiden Füßen tanzen zu lassen. Dabei zählte er die Ballkontakte – »Drei, vier, fünf, sechs, …« – und tat so, als wäre ich gar nicht mehr da.

Ich beobachtete ihn, während ich gleichzeitig überlegte, wie ich ihn davon überzeugen könnte, mir doch verdammt nochmal zu glauben.

»… zehn, elf, zwölf, …«

Das macht er gut, dachte ich. Er ist ja wirklich ein guter Kicker. Ein Künstler am Ball! Aber er soll bloß nicht denken, dass mir das Respekt einflößt!

Wir lungerten auf der Fußballwiese herum, die an unsere Grundschule grenzte und die auch mal wieder hätte gemäht werden können. Die langen Halme krochen zuweilen bis zu den nackten Oberschenkeln hinauf und manche ganz böswillige stachen uns sogar in die Waden. Aber das machte uns nichts aus, wir waren eh nur zu zweit, kickten nach Schulschluss ein wenig ziellos vor uns hin, weil wir noch keine Lust hatten, nach Hause zu radeln, und zeigten uns gegenseitig ein paar Dribblings, die wir für wahnsinnig genial hielten. Die anderen Kinder waren schon abgehauen.

»Im Ernst!«, versuchte ich es ein weiteres Mal, ohne sicher zu sein, dass er mir überhaupt noch zuhörte. »Es war ein Prinz, ein Prinz aus Italien!«

»Aus Italien?« Abrupt brach er seine angeberische Jonglage ab und ließ den Ball auf den Rasen kullern. Mit verkniffenem Gesicht blickte er mich von der Seite an. »Etwa ein Spaghetti?«

»Ja, genau ein Spaghetti!«, schrie ich, voller Übermut, da er nun endlich angedockt zu haben schien. Und ich senkte verschwörerisch die Stimme: »Der kam angeritten nach Deutschland, weil er mal richtig gutes Obst essen wollte. Das haben die da nämlich nicht, die haben da ja nur Spaghetti und Pizza, und besonders unsere Äpfel mögen die da richtig gerne. Und er wollte für seine Landsleute einen riesigen Sack davon einsammeln und die da unten mal ordentlich überraschen! Und eigentlich wollte er auch gleich wieder zurückreiten, aber dann hat er unterwegs ein Mädchen getroffen, die genauso braun war wie er. Die sammelte nämlich ebenfalls gerade einen Sack Äpfel ein, und zwar genau von dem Baum, an den er selber ran wollte, dem schönsten und größten in unserm Land, von dem in Italien schon Sagen berichtet haben. Und er wollte ihr sagen, dass sie die Finger von seinen Äpfeln lassen sollte, weil er die doch für sein Volk benötigte, aber sie hat ihn nur frech angesehen. Und dann hat er sie gefragt, woher sie eigentlich komme, und sie hat ihm geantwortet: Aus einem Land, wo Milch und Honig fließen und wo es nur glückliche Menschen gibt. Und dann hat er ihr ein wenig zu lang in die Augen geschaut, und so ist die Liebe in ihm ausgebrochen und in ihr auch. Und dann haben beide das mit den Äpfeln sein gelassen, weil die Säcke auch viel zu schwer gewesen wären für sie und ihre Pferde, und sind auf und davon. Ganz weit weg, also in das Land, wo Milch und Honig fließen und wo es nur glückliche Menschen gibt.«

Da war er wieder, Markus’ herabhängender Unterkiefer, der eher an einen VW Käfer mit kaputter Motorhaube erinnerte, als an einen siebenjährigen Jungen.

»Du spinnst!«, attestierte er mir nach einer endlosen Pause, in der ich noch die kleine Hoffnung verspürt hatte, er könnte mir meinen Schmarrn abgenommen haben.

Schließlich hatte ich doch beobachten können, wie er meine Erzählung mit geweiteten Pupillen verfolgt hatte, ich hatte förmlich dabei zugesehen, wie jedes meiner Worte ein unruhiges Flackern in seinen Augen auslöste, als hätte er meine kleine, feine Herkunftsgeschichte selber erlebt – umso erstaunlicher, da ich sie ja gerade jetzt, in diesem Augenblick erst erfunden hatte.

Aber nun schien er zu meiner Enttäuschung wieder aufgewacht zu sein aus seinem Tagtraum, in den ich ihn mit all meinen zur Verfügung stehenden Mitteln hineinfantasiert hatte. Er popelte in der Nase, als würde ihm keiner dabei zusehen, bohrte mit seinem Blick ein Loch in die Grasfläche und reckte anschließend triumphierend seinen Schädel in die Höhe.

Ich schob augenblicklich Panik. Vermutlich war ihm etwas eingefallen. Vermutlich das schlagende Argument, mit dem er mich kaltstellen konnte – so wie er mich ja auch regelmäßig ausdribbelte, so gut ich ihm mit seinen blöden, schlaksigen Beinen auch Paroli bot.

»Und wiiiie, bitteschön«, wollte er mit bedrohlichem Singsang in der Stimme wissen, als wäre ich der Täter und er der Kommissar, der mich des Mordes überführte. »Wiiiie sollst du dann bitteschön entstanden sein, wenn die sich gleich in dieses Dingsda …« Er schnippte ein paar Mal mit den Fingern, weil ihm die richtige Formulierung nicht gleich einfiel. »… in dieses … dieses Land da mit Milch und Honig aufgemacht haben?«

Ich senkte den Kopf. Da hatte er mich erwischt. Darüber hatte ich mir tatsächlich noch keine Gedanken gemacht.

Nun bohrte ich selber meinen Blick in den Rasen und ließ die Schultern in Richtung Boden sacken. Eine knifflige Frage. Wie entstand man denn überhaupt?

Um meinen Entstehungsbericht hieb- und stichfest zu machen, musste ich so etwas natürlich wissen! Denn dass der berühmte Storch für die ganze Sache verantwortlich sein sollte, glaubten mit sieben Jahren weder ich noch Markus. Im Gegenteil: Wir amüsierten uns über die Vorschüler oder Winzlinge aus dem Kindergarten, die auf unsere altkluge Frage: »Wisst ihr denn überhaupt, wo die Babys herkommen?« stolz antworteten: »Ja, klar, vom Storch!«

Dann lachten wir uns über sie kaputt, während die Kleinen ihr Gesicht verzogen: »Hast du gehört, der Winzling glaubt noch an den Storch! Ha ha! Ist der blöd!« Dabei hofften wir natürlich, dass niemand von denen auf die naheliegende Idee kommen würde, uns mal zu fragen, wie es sich denn wirklich verhielte mit diesen Babys. Denn dann wäre uns das Lachen wohl ganz schnell vergangen. Viel weiter als die Vorschüler waren wir da leider nicht.

Dann fiel es mir plötzlich ein. Da hatte mein Kumpel Lars – der war ja schon acht und wusste ganz sicher darüber Bescheid – vor Kurzem etwas erzählt. Etwas, was ich absolut nicht glauben konnte, doch von dem er geschworen hatte, dass es sich haargenau so abspielen würde.

»Ein Kuss!«, brüllte ich, überglücklich über meine Rettung in letzter Sekunde, bevor sich Markus wieder seinem angeberischen Gekicke hätte widmen können. Und ich nahm mir vor, meinem Retter Lars bei nächster Gelegenheit ein Hubba Bubba zu spendieren, ohne ihm aber genau zu erzählen, wieso ich das tat. »Sie haben sich vorher natürlich geküsst, gaaaanz lange, und dann bekam Esmeralda …«

»Esmeralda?« Markus zog die Stirn in Falten.

»Ja, Esmeralda!«, behaarte ich auf diesem, zugegeben nicht so ganz zeitgemäßen Namen, der mir da plötzlich wie aus dem Nichts in den Kopf geschossen war – ich fand allerdings, er passte irgendwie. »So hieß halt das Mädchen aus dem Land, wo Milch und Honig fließen – da kann sie ja auch nichts für. Aaalso: Sie bekam ganz heftige Bauchschmerzen, wahrscheinlich von den vielen Äpfeln, die sie genascht hatte, und ging zum Fluss. Und dann musste sie ganz dringend. Groß. Sie hat den Rock gehoben, aber natürlich so, dass es der Prinz nicht gesehen hat, sie hat sich vor ihm geniert, und dann kam stattdessen ein Baby raus, und das war ein bisschen braun, weil es aus dem Loch rauskam, wo normalerweise die Kacka rauskommt, und da ist sie selber ganz erschrocken. Da wusste sie jetzt gar nicht, was sie mit dem Baby machen sollte. Weil, sie konnte es ja nicht mitnehmen in das Land, wo Milch und Honig fließen, das wäre viel zu anstrengend gewesen, so auf dem Pferd, zwanzig Tage und Nächte, die man da reitet. Und dann hat sie plötzlich einen Korb gesehen, da unten am Fluss. Der stand da einfach rum. Und da hat sie es reingesetzt und das Baby wegschwimmen lassen. Und dann ist sie wieder zum Prinzen hochgegangen und beide sind sie glücklich miteinander weggeritten. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Jawohl, genau so war das.«

Markus verzog das Gesicht und ploppte den Ball auf den Rasen. »Ein Korb? Das ist doch nicht dein Ernst. Was war denn das für ein Korb?«

»Das weiß ich doch nicht!«, echauffierte ich mich, weil ich keine Lust hatte, mir jetzt auch noch auszudenken, was für ein blödsinniger Korb denn das gewesen sein sollte. Schließlich hatte ich dieses Wunderwerk an Story gerade aus dem Stegreif improvisiert, mit allen Details und Wendungen, angereichert mit so ziemlich allen Beilagen, die ein gutes Märchen so braucht (von dem Loch, wo die Kacka rauskommt, vielleicht mal abgesehen). Das war gar nicht so einfach gewesen.

Sollte er sich doch seinen vermaledeiten Korb selber erfinden, meinetwegen einen mit rosa Schleifchen oder am besten gleich einen Einkaufskorb vom Penny-Markt!

»Woher soll ich das denn wissen? Das ist doch schon so lange her! Da war ich doch noch ein Baby! Was weiß ich, in was für einem Korb ich da gelegen habe!«

»Aber deine Eltern müssen das doch wissen – die haben dich doch schließlich gefunden, oder?«

Hmm, überlegte ich. Hatten mich meine Eltern überhaupt gefunden?

Ich entschied mich spontan dazu, dass das dann doch wohl ein wenig zu einfach wäre. Ein solch profanes Ende würde zu einer so genialen Geschichte ja auch überhaupt nicht passen.

»Nein, eine Magd war’s!«

»Eine was?!«

»Eine Magd!«

Markus schnaubte abfällig.

»Sowas gibt’s doch nur im Märchen! Überhaupt kommt mir die ganze Geschichte so vor, als ob ich sie schon mal gehört hätte.«

Stimmt, da hatte er recht. Zumindest im Halbschlaf musste eine ähnliche Geschichte sein Gehirn schon mal gestreift haben. Schließlich war er mit mir in einer Klasse, in der zweiten, und das mit dem Baby im Korb und dem Land, wo Milch und Honig fließen, hatten wir kürzlich erst bei Frau Koslowski in Reli gehabt. Doch das erwähnte ich nicht, vielleicht war mir auch selber nicht so ganz bewusst, wo ich diesen ganzen Schwachsinn eigentlich aufgeschnappt hatte.

Ich war dermaßen in meinem Element, dass ich einfach weiter fabulierte: »Du hast vollkommen recht, Markus, du hast diese Geschichte schon mal gehört. Und das nicht nur einmal. Und zwar deswegen, weil das nämlich Ortsgespräch ist in Hude, bis heute! Und ich schwöre dir, es gibt sogar Fotos von der Magd! Jedenfalls hatte die keinen Mann und kein Haus. Und da hat sie sich gedacht, da ist doch die Familie Kopetzki, die nehmen immer Kinder auf, und warum nicht dieses, da freuen die sich doch!«

»Mann, Mann, Mann!« Markus schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht, ich weiß nicht, ich weiß nicht.«

Ich spürte, wie es in ihm ratterte. Gleich ist es soweit, jubilierte ich innerlich, setzte aber außen mein Pokerface auf. Gleich hab ich ihn vollständig überzeugt!

»Und deswegen«, wagte sich noch einmal jene Frage aus ihm heraus, die mich überhaupt zu dieser ganzen Erzählung veranlasst hatte. »Deswegen siehst du also so … so anders aus als deine Eltern und Brüder?«

»Meine Zweiteltern und meine Zweitbrüder!«, posaunte ich stolz. »Woanders hab ich natürlich noch ganz viele andere! Brüder, kann ich dir sagen, und Schwestern, so viele, davon kannst du nur träumen! In Italien! Und im Land, wo Milch und Honig fließen! Da leben die alle! Ganz weit weg! Und gaaanz glücklich!«

»Und willst du da mal hin?«, fragte er schüchtern.

Ich überlegte eine Weile, genoss dabei im Stillen meinen Triumph und die Tatsache, es meinem Fußball-Erzkonkurrenten in zumindest anderer Disziplin mal so richtig gezeigt zu haben.

»Nö«, fiel es entspannt aus meinem Mund.

Ich riss ihm den Ball aus der Hand, kickte ihn auf die Wiese und jagte hinter ihm her.

»Ist doch alles super hier!«, rief ich. » Komm, lass uns weiterspielen!«

Das war die Story, die ich Markus erzählte. Nicole erzählte ich eine ganz andere.

Sie war das einzige gleichaltrige Kind in meiner Straße und kam fast jeden Nachmittag zum Spielen auf unser Grundstück mit dem schönen, großen Rasen, wo es eine Wippe gab und eine Schaukel und einen Sandkasten. Sie selber hatte nur einen Sandkasten.

Als ich mit ihr auf die zweistufige »Turnstange« kletterte, die wir so nannten, obwohl es eigentlich eine stählerne Wäscheleine war, und wir auf der unteren Stange zum Sitzen kamen, betrachtete sie meine schwarzen Locken, meine dunklen Pupillen und sagte plötzlich: »Mein Papa meint, du bist nicht deutsch.«

Dann schaute sie mir erwartungsvoll in die Augen, so als müsste ich jetzt sofort, auf der Stelle eine Erklärung dazu abgeben. Als hätte ich etwas ganz Schlimmes verbrochen, sie hätte mich dabei ertappt, und nun müsste ich mich dafür entschuldigen. Oder beteuern, dass das alles ja gar nicht wahr sei und ich es überhaupt nicht getan hätte!

Natürlich hätte ich jetzt sagen können: »Das stimmt nicht, was dein Papa sagt«, aber dann wäre sie vermutlich beleidigt von dannen gezogen, wie sie es schon mal gemacht hatte, als ich ihr gesagt hatte, dass ihr Papa immer so eine rote Nase habe und furchtbar aus dem Mund rieche.

Und dann hätte ich für die nächsten Tage mal wieder keine Spielfreundin gehabt, die mich nachmittags besuchte, vielleicht sogar keine für die nächsten Wochen. Denn die meisten meiner anderen Freunde waren faule Säcke, die keine Lust darauf hatten, zwei Kilometer zu mir hinaus zu radeln – bei denen im Ortskern gab es ja Spielplätze genug. Wäre also ziemlich fahrlässig gewesen, es sich mit ihr zu verscherzen.

Ich löste mich von ihrem neugierigen Blick, indem ich mich mehr oder weniger gekonnt an der Stange entlanghangelte.

Sie tat es mir nach, war darin aber um einiges wendiger, eine kleine Schlangenfrau – das hatte sie vermutlich beim Voltigieren auf Ponys gelernt. Sie konnte sogar auf der unteren der beiden Stangen ein paar Schritte freihändig balancieren. Doch obwohl sie so konzentriert ihre Turnkünste vollführte, wusste ich, dass sie immer noch auf eine Antwort wartete.

Einen Ballwurf weiter weg, hinten im Blumenbeet, machte sich meine Mama am Unkraut zu schaffen, während Papa am Hühnerstall herumwerkelte. Der Verschlag musste ausgebessert werden, und er zimmerte gerade ein Holzstück an die Schuppenwand. Die Schläge seines Hammers hallten zu uns herüber und so ähnlich hämmerte es auch in meinem Schädel, da ich krampfhaft überlegte, was ich Nicole denn nun erzählen sollte.

Meine Eltern konnten uns zum Glück nicht hören, nicht aus dieser Entfernung, da hätten wir uns schon anbrüllen müssen, und das beruhigte mich ein wenig.

Ich fühlte mich also ansatzweise sicher, räusperte mich, wie unser Dorfpfarrer vor der Predigt, holte tief Luft und stieß den ersten Satz heraus: »Dein Papa hat recht. Ich komme von ganz weit her.«

»Woher denn?«, fragte sie, ihren Blick erneut auf mein Gesicht geheftet.

Hmm. Ja, woher eigentlich?

»Aus Arabien!«, schoss es aus mir hervor, »Aus Bagdad, wo Sindbad zu Hause ist!«

Ein geschickter Spielzug! Ich wusste, dass Nicole ein Fan der Zeichentrickserie »Sindbad« war, die zurzeit im Vorabendprogramm lief. Ich mochte eigentlich »Heidi« viel lieber, aber Nicole fand »Sindbad«, besser, und so hatten wir das schon etliche Male zusammen gucken müssen.

Punkt 17.50 Uhr, wenn sie dann noch bei mir war, ließ sie alles Spielzeug liegen, rannte ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. »Komm, Mathias, Sindbad fängt gleich an!« Ich hatte keine Chance und musste ihr dann einfach folgen.

Nun blickte ich sie erwartungsvoll an! Würde sie mir glauben? Sindbad und das mit Bagdad war doch eine tolle Sache!

Aber sie verzog das Gesicht.

»So weit her? Ist das wahr?«

»Aber natürlich ist das wahr! Vor Jahren, als ich noch ganz klein war, hat mich ein Mann hierher gebracht, der hatte einen Turban auf und ein langes Gewand, und er war ganz schwarz im Gesicht. Und das war der Großwesir vom Kalifen von Bagdad, und er hatte den Auftrag, mich nach Deutschland zu bringen, weil man in Bagdad immer noch auf Pferden reitet und mit Kutschen unterwegs ist und mit fliegenden Teppichen. Und ich sollte hier groß werden und Auto fahren lernen. Und wenn ich dann groß bin, dann komme ich zurück nach Bagdad, und dann zeige ich denen, wie das geht.«

»Wow«, sagte sie nur und löste ihren Blick von meinem Gesicht.

Einen Moment später baumelte sie kopfüber mit den Beinen an der Stange, nahm drei oder viermal Schwung und landete nach einer beachtlichen Luftrolle mit den Füßen auf dem Rasen. Ich hielt mich mit den Händen an der oberen Stange fest, saß auf der unteren und staunte sie dabei an.

»Wow«, sagte ich ebenfalls.

Sie lachte ein wenig erschöpft und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht.

Dann grinste sie mich an: »Aber das dauert wohl noch eine Weile, bist du Auto fahren kannst«, sagte sie und fügte flüsternd hinzu: »Bis dahin bleibst du ja noch ein bisschen bei mir.«

Das klang so liebevoll, dass mein Kopf umgehend zu einem Glutofen anschwoll.

Für meinen Kumpel Michael, mit dem ich als Messdiener in rotweißer Kutte beinahe wöchentlich vor dem Altar stand, zur heiligen Kommunion synchron die Schellen erklingen ließ und unserem Prälaten Wein und Weihrauch reichte, war ich der Sohn von Winnetou.

Ich hatte gerade meine ersten Karl-May-Filme gesehen und war begeistert von dem Indianer auf dem wunderschönen schwarzen Pferd, mit dem schneidigen Fransenanzug, der immer durch diese machtvolle Felslandschaft ritt und ständig »mein Bruder!« zu seinem blonden Freund sagte.

Old Shatterhand, das hatte mir meine Mama gesagt, war eigentlich ein Deutscher, also einer, der aus unserer Gegend kam. Vermutlich sogar direkt aus unserem Dorf, aus Hude, so jedenfalls fabulierte ich im Geiste diese Information weiter, das war doch schließlich naheliegend.

Und er wird ja wohl auch nur für ganz kurze Zeit da unten in der Prärie bei seinem Freund Winnetou weilen – diese ständigen Schießereien mit den Schurken, das hält doch kein vernünftiger Mensch lange aus. Und Old Shatterhand wirkte dann doch noch einigermaßen vernünftig.

Zwischenzeitlich kam er sicher immer wieder hierher, um sich zu erholen. Leider war ich ihm bisher noch nicht begegnet, aber ich hielt wachsam die Augen auf.

»Quatsch!«, sagte Michael, als wir mit dem Fahrrad nach dem Gottesdienst gemeinsam wegfuhren – wir radelten zum Teil in dieselbe Richtung. »Winnetou hat doch überhaupt gar keinen Sohn!«

»Wenn ich’s dir doch sage! Natürlich hat er einen! Ich muss es doch schließlich wissen! Ein kleines Baby hatte er da, im Zeltlager bei den Apachen! Aber in den Filmen kommt sein Söhnchen nicht vor, weil ein Baby halt noch nicht reiten und Abenteuer bestehen kann und Bösewichter niederschießen und so. Aber Winnetou ist ja von Rollins mit einer Kugel getroffen worden und ist hopsgegangen und Old Shatterhand hat sich um das Baby gekümmert und es nach Deutschland gebracht. Nach Hude, wo sich seine alten Freunde, die Kopetzkis, um das Kind kümmern sollten, weil er ja wieder zurück musste in die Prärie, um Abenteuer zu bestehen. Aber wenn ich mal groß bin und Old Shatterhand kommt zurück, dann nimmt er mich mit zu dem Apachen-Zeltlager, und dann zeigt er mir alles.«

»Quatsch mit Soße!«, sagte Michael. »Und deine Mama? Warum hat die sich nicht um dich gekümmert?«

»Na, die ist doch auch tot!«, rief ich. »Die ist doch schon in ›Winnetou II‹ gestorben! Weißt du das denn nicht?«

Ich war geschickt, ich war ein Schelm, ich war ein Genie! Ich hatte mir gerade nicht nur eine wasserfest abgesicherte Geschichte ausgedacht, die für Michael verdammt schwer zu widerlegen sein würde, sondern ihn auch gekonnt mit Wissenslücken konfrontiert bezüglich »Winnetou II«!

Schließlich war er ebenfalls ein Fan dieser Filme, die gerade vor kurzem mal wieder im ZDF ausgestrahlt worden waren. Er kannte sie eigentlich in und auswendig.

Und Winnetou hatte ja tatsächlich eine Frau, die im zweiten Teil der Trilogie von einem Bösewicht feige umgebracht wurde. Warum, bitteschön, sollte das nicht meine Mama sein? Also meine richtige Mama – die andere kochte ja zu Hause gerade das Mittagsessen.

Michael sagte jetzt gar nichts mehr. Ich hatte ihn platt geredet. Aber ich merkte, dass es in ihm arbeitete. Und das reichte mir. Schweigend, beide in Gedanken versunken, fuhren wir noch eine Weile nebeneinander her, bis uns unsere jeweiligen Nachhausewege voneinander trennten.

Es waren nicht die einzigen Stories über meine Herkunft, die ich im Ort bei Freunden und Klassenkameraden verbreitete.

Mal war ich Nachfahre vom kleinen Muck, mal kam ich aus dem Dschungel von Afrika, mal von den Eskimos vom Nordpol, wo es mir auf die Dauer einfach zu kalt gewesen war.

Ich brauchte diese Geschichten und hatte das Gefühl, dass meine Freunde sie ebenfalls brauchten. Sie erklärten, warum die Dinge so waren, wie sie waren.

Sie erklärten, warum ich nicht nur anders, so komplett anders aussah als der Rest meiner Familie, sondern auch als so ziemlich jeder in meinem Dorf, wo man Menschen aus anderen Ländern hauptsächlich aus dem Fernseher kannte.

Und mir selber erklärten sie etwas, wofür ich noch Jahre brauchen würde, um es vollständig zu begreifen.

Hatatitla in Hude

Natürlich blieben die Fantasiegeschichten, die ich fortan meinen Freunden erzählte, nicht so ganz ohne Folgen.

Michael fing mich eines Sonntagmorgens, als ich nichtsahnend zum Gottesdienst radelte, auf halber Strecke an einer dichtbewachsenen Kurve ab und fauchte mich an: »Du bist überhaupt nicht der Sohn von Winnetou!«

Nachdem ich ihn fast über den Haufen gefahren hatte, weil er so plötzlich, wie aus dem Nichts, auf die Straße geschossen war, kam ich erst einmal zum Stehen und schaute ihn eine Weile lang fragend an.

Ich schwieg und tat einfach so, als wüsste ich überhaupt nicht, wovon er sprach.

»Du weißt ganz genau, wovon ich spreche!«, durchschaute er mich umgehend. »Meine Mama sagt, du spinnst!«

Ich lächelte und entschied mich dafür, auf gleichgültig zu stellen.

»Na, wenn du meinst.«

Das provozierte ihn noch mehr. Er funkelte mich an, sein Kopf war rot angelaufen.

»Und dann hat sie gesagt, dass du deine richtigen Eltern überhaupt nicht kennst! Und deine anderen Eltern, die kennen die auch nicht! Du lügst!«

»Wenn du meinst«, wiederholte ich betont entspannt.

Innerlich tobte es aber in mir. Ich suchte verzweifelt nach einer Lösung aus dieser verflixten, ziemlich peinlichen Situation.

Beim Lügen ertappt zu werden, war so etwa das Unangenehmste und Schlimmste, was einem Jungen meines Alters widerfahren konnte. Es gab mich komplett der Lächerlichkeit preis. Und das vor allen! Dem Hohn, dem Spott, dem Dorfgespräch – ich war Freiwild! Denn was wusste ich denn schon, mit wie vielen meiner Freunde oder Schulgefährten er sich in Zukunft über meine kleine, unbedeutende Story das Maul zerreißen würde? Sich kaputtlachen würde? Mich an den Pranger stellen würde?

Ich atmete tief durch, wischte mir mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn und zwang mich dazu, über solche Horrorszenarien nicht weiter nachzudenken. Stattdessen versuchte ich, kühl und sachlich zu reflektieren: Wie verdammt nochmal komme ich da jetzt raus? Und gab mir sogleich die Antwort: Gar nicht. Keine Chance. Du bist im Arsch.

Trotzdem probierte ich es. Schließlich hatte ich nichts mehr zu verlieren.

»Du wirst schon sehen«, beharrte ich ganz einfach und ruhig auf meiner hanebüchenen Geschichte. »Du wirst staunen, wenn Old Shatterhand plötzlich hier in Hude einreitet, auf seinem Pferd Hatatitla und ich sitz dann da oben mit drauf! Dann werden dir die Ohren schlackern! Und dann kannst du deiner Mama ja gerne Bescheid geben, dass sie rauskommen soll aus ihrem Haus, um sich das dann einfach mal anzuschauen! Dann werden wir ja wissen, wer recht gehabt hat!«

Für einen Augenblick blitzte in seinen Augen so etwas wie Begeisterung auf. Vermutlich stellte er sich gerade vor, wie es denn wäre, wenn ich tatsächlich recht hätte und seine Mutter nicht. Und er dann vielleicht ja sogar selbst eine Runde auf Hatatitla mitreiten dürfte, weil er immer an mich geglaubt hatte. Wie wir dann gemeinsam mit Old Shatterhand durch den Ort trabten, unter dem Jubel des Dorfvolkes, das uns mit Palmenzweigen oder ähnlichem Kraut zuwinkte, als würden wir in Jerusalem einziehen.

Doch dann hatte Michael sich wieder gefasst und seine Nüchternheit, die er von seinem Papa geerbt haben musste, der Postbeamter war, hatte die Schlacht gewonnen.

»Ja, ja, ja, erzähl du mal!«, winkte er ironisch ab. »Ich glaub dir kein Wort! Und dass ich mit dir zusammen weiter messdienere: Vergiss es! Das kannste knicken. Mit einem Lügner steh ich doch nicht vorm Altar! Heute ist das letzte Mal!«

Es wurde dann doch nicht das letzte Mal – so viele Messdiener gab es in unserer kleinen Kirchengemeinde schließlich auch nicht, als dass man sich seine Partner hätte aussuchen können. Wir beide waren halt die Kleinsten und wurden sowieso immer ungefragt zusammen eingeteilt.

Aber er sprach eine ganze Weile (gefühlte Monate, wahrscheinlich waren es aber nur Tage) kein weiteres Wort mehr mit mir, stellte sich stur, obwohl ich ihm ansah, dass er mir verflucht gerne geglaubt hätte.

Wahrscheinlich war er ja gerade deswegen so sauer auf mich: Er hatte mir die Story, als ich sie ihm erzählt hatte, fraglos abgenommen. Und wenn ihm seine Mutter da nicht so übel hineingefunkt hätte, würde er das wohl auch immer noch tun. Eigentlich war nämlich sie die Schuldige. Sie hatte nicht nur meine harmlose Lügengeschichte, sondern obendrein Winnetous Macht entzaubert. Seine Macht, etwas mit unserem kleinen, beschaulichen Leben zu tun haben zu können.

Und so lauteten dann auch die ersten Worte, welche Michael nach langer, langer Funkstille eines Sonntagmorgens endlich wieder an mich richtete: »Sag mal, wann kommt er denn nun endlich, dein Old Shatterhand?« Und ich bin mir sicher, dass er diese Frage nicht scherzhaft meinte.

Nicole allerdings war nicht so blauäugig. Sie konnte sich weiterhin »Sindbad« mit mir anschauen, ohne mich dabei zu fragen, wie es denn nun wirklich in Bagdad sei. Sie wusste, dass ich geflunkert hatte, nahm mir das aber weder übel, noch sprach sie mich jemals darauf an. Wir spielten auf unserem Rasen einfach weiter, als wäre nichts gewesen.

Und Markus? Der glaubt mir die Geschichte mit dem Prinzen aus Italien wohl heute noch. Und auch im Fußball dribbelte er mich nie wieder so aus, wie er es davor immer getan hatte. Das hätte sich auch nicht geschickt, schließlich war ich ja auch von blaublütiger Herkunft!

Ich hatte ihm Respekt eingeflößt. Insgeheim war ich Zeuge, wie er ein ums andere Mal anderen Kindern stolz erzählte, dass er jemanden kenne, der als Baby in einem Korb in unser Örtchen geschwemmt worden sei. Und er hatte ja auch recht! Anders konnte man sich das ja auch nicht erklären. Denn wie bitteschön sonst kam ein ausländisch aussehender Junge Anfang der siebziger Jahre ausgerechnet nach Hude? Die meisten Gastarbeiter zog es schließlich in die Stadt. Da war dann doch ein kleines bisschen mehr für sie los.

So kam es, dass ich ganze neun Jahre alt werden musste, um meinen allerersten Ausländer zu sehen. Live und in Farbe! Und der ging dann sogar noch in meine Klasse.

Schuhcreme und Pampelmusen

Erdal war schon fast elf, als er uns in der 3a der Katholischen Grundschule zum ersten Mal beehrte.

Das Erste, was mir an ihm auffiel, war sein Haarschnitt: Die Seiten waren kurz, in der Mitte hob sich das Haar, streckte sich, wohl mit Klebstoff gestützt, wie ich damals dachte, in die Höhe, und mündete hinten in einem kleinen Pferdeschwanz. Experten hätten das vielleicht auch 1982 schon als eine Art verunglückten Irokesen bezeichnet, ich selber aber überlegte: So sehen die da im Ausland also aus, wenn sie mal ihren Turban ablegen! Obwohl es draußen regennasser Frühling war und bei Gott noch kein Hochsommer, trug er kurze Hosen und ein dünnes Polohemd, sodass ich auf seinem rechten Unterarm ein seltsames Zeichen entdecken konnte: ein eckiges Doppel-S, in schwarzer Schrift. Das hatte er sich wohl selber dran gemalt, anders konnte ich mir das nicht erklären. Es sah ziemlich brutal aus, wie bei einem japanischen Krieger, welche sich in Zeichentrickfilmen ja auch immer mit unleserlichen Lettern bemalten, bevor sie angriffen. War der Junge etwa ein »Halbstarker« wie mein Bruder Axel, der sich manchmal mit Gleichaltrigen prügelte? Ein bisschen sah er jedenfalls danach aus.

Aber was mich an dem Typen vor allem faszinierte: Er war genauso braun wie ich!

Erdal stand neben Frau Koslowski, unserer Klassenlehrerin, etwas verdruckst, verlegen an seinem rosafarbenen Tornister fummelnd, der vor seinen Beinen baumelte, und diese Verlegenheit passte so gar nicht dazu, dass er bereits größer war als sie. Und eigentlich die ganze Zeit grinste. Ein richtiges Grinsegesicht war dieser Neue.

Ich fragte mich: War das ebenfalls typisch für Ausländer? Grinsten die da unten alle so? Ich überlegte, dass ich das in einer Neuauflage meiner Herkunftsgeschichte dann unbedingt einbauen musste.

»Das ist Erdal!«, stellte uns Frau Koslowski den Grinserich vor und war dabei bemüht, sich durch Rückenstreckung größer zu machen, als sie eigentlich war.

Ein Giggeln, Grunzen und Kichern breitete sich in unseren Reihen aus, als wir diesen sonderbaren Namen hörten, und auch ich konnte mir ein unterdrücktes Lachen nicht verkneifen.

Wie hieß der Kerl da? Erdal? Das klang doch irgendwie nach Fernsehwerbung!

»Vielleicht ist das ja gar nicht seine Hautfarbe«, flüsterte mir Andreas von hinten zu. »Vielleicht ist das ja Schuhcreme in seinem Gesicht!«

Ich verstand nicht sofort. »Häh?« Andreas schlug sich an die Stirn.

»Mann, bist du bescheuert! Erdal! Damit machst du dir doch die Schuhe sauber!«

»Ruhe, gefälligst!«, zischte Frau Koslowski und schob sich ihre Nickelbrille auf die Nasenspitze. Das wirkte.

Wenn ihre Nickelbrille auf der Nasenspitze landete, wusste jeder: Ein weiterer Pieps und es hagelte Hausarbeiten, Nachsitzen, in der Ecke stehen und manchmal sogar Linealschläge auf die Fingerspitzen.

Eigentlich war zu dieser Zeit die Prügelstrafe in Schulen bereits abgeschafft worden. Nur waren wir halt leider eine katholische Schule, und da lebte die bewährte Tradition noch munter ein paar Jahre weiter.

Frau Koslowski verharrte ein paar Sekunden in ihrer Pose, bis auch der leiseste Anflug von Flüstern, Kichern, Stuhlrutschen oder sonstigen Geräuschen endgültig aus dem Klassenraum entschwunden war.

Sie war schon eine recht betagte Dame, hager bis auf die Knochen, etwas bucklig, mit grauer Dauerwelle und für uns Kinder ohnehin nicht mehr weit vom Friedhof entfernt – heute weiß ich, dass sie damals gerade mal Anfang Fünfzig war.

Die Hitlerjahre und die Vertreibung aus Schlesien hatte sie einigermaßen gefasst überstanden, wie sie uns oft erzählte, doch nun merkte man ihr an, dass sie diesem seltsamen Geschöpf da neben sich etwas befremdlich gegenüber stand. Sie rieb ihre Hände aneinander, als würde sie sie in der Luft waschen wollen, und trippelte von einem Fuß auf den anderen.

»Erdal wird ab heute Schüler in unserer Klasse sein«, erklärte sie mit dem breitesten Lächeln, zu dem sie fähig war, aber das wirkte ziemlich angespannt. »Vorher hat er in Oldenburg gelebt und da ist er auch in die eine oder andere Schule gegangen. Aber eigentlich kommt er aus Anna … Anna …« Sie wandte sich Erdal zu und griff ihm an den Unterarm und – ob zufällig oder nicht – genau auf sein Doppel-S. »Wie heißt das noch gleich?«

»Anatolien!«, skandierte Erdal, mit dunklem Timbre (er war tatsächlich schon im Stimmbruch!), brüllte fast dabei, sichtlich stolz, etwas besser zu wissen als eine Lehrerin.

Ich konnte mir vorstellen, dass es nicht das erste Mal war, dass jemand Probleme hatte, dieses eigenartige Wort auszusprechen.

Und er fügte hinzu: »Da kommen aber nur meine Eltern her. Ich selber komm aus Kreyenbrück.«

Frau Koslowski lachte verlegen und ließ Erdals Arm wieder frei.

»Genau, Anatolien«, bestätigte sie.

Auf seine letzten Worte aber ging sie nicht ein. Vermutlich hatte sie sie überhaupt nicht gehört.

»Das ist gaaaanz weit weg von hier. Weiß denn jemand, wo das ist?«, fragte sie in die Runde, wahrscheinlich, um davon abzulenken, dass sie wohl selber nicht so viel darüber wusste.

Ich meldete mich.

»Spanien!«, rief ich siegessicher und meinte das einmal in einer Dokumentation im Fernsehen aufgeschnappt zu haben.

Frau Koslowski schüttelte den Kopf.

»Nein, Mathias, das verwechselst du vermutlich mit Andalusien, wo die Pampelmusen herkommen. Andalusien klingt so ähnlich, ist aber ganz woanders. Anatolien ist in der Türkei. Das ist so weit weg, dass es schon gar nicht mehr in Europa ist. Und von dort kommen viiiele, gaaanz viele Leute her zu uns, die ein bisschen so aussehen wie Erdal und so ähnliche Namen tragen.«

Wieder machte sich ein Giggeln in der Klasse breit, diesmal aber um einiges verhaltener, sodass es Frau Koslowski vermutlich gar nicht mitbekam.

Katja meldete sich, von uns immer nur »Katjes« genannt. Sie war unsere Klassenbeste und trug braune Zöpfe, eine dicke Brille und eine Zahnspange. »Und wieso sind dann Erdals Eltern hierhergekommen, wenn es so weit entfernt von hier ist?«

Frau Koslowski lächelte ihr milde zu.

»Eine gute Frage, Katja. Eine sehr gute Frage.« Sie wandte sich wieder an uns.

»Ja, wer kann uns das sagen?«, fragte sie in die Klasse. »Weiß das etwa jemand?«

Markus wusste es, mein alter Fußballfeind: »Da unten ist es so heiß, da können die alle vor lauter Hitze überhaupt nicht arbeiten. Deswegen verdienen die kein Geld und müssen zum Geldverdienen zu uns kommen. Sonst können sie sich ja nichts kaufen.«

Da Frau Koslowski leise zu lachen begann und zu Erdal blickte, der dann wohl mehr aus Höflichkeit in ihr Lachen einfiel, lachten auch alle anderen, ich eingeschlossen. Ohne genau zu wissen, worüber. Nur Markus lachte nicht, der das doch vollkommen ernst gemeint hatte.

Anschließend räusperte sich Frau Koslowski und sagte: »Naja, so ganz Unrecht hast du ja nicht damit, Markus.«

Obwohl keiner mehr etwas sagte, klatschte Frau Koslowski in die Hände und rief: »Ruhe jetzt!« – wahrscheinlich, weil sie nicht wusste, was sie denn noch zu diesem Thema erzählen sollte, weder zu Anatolien, Andalusien, den Pampelmusen, noch zu Erdals seltsamem Aussehen, das sie immer wieder verstohlen von der Seite betrachtete.

Um die Sache abzuschließen, schob sie ihn ein Stück weiter von sich weg, der Klasse zu, und sagte: »Erdal wird sich bestimmt gut bei euch einfügen. Nehmt ihn nett auf. Wenn er Fragen hat, beantwortet sie ihm. Aber er ist ja auch nicht mehr ganz so klein. Immerhin ist er ja schon viel älter als ihr, nicht wahr, Erdal?«

Sie blinzelte ihm zu.

»So, dann setz dich jetzt. Neben Mathias ist noch ein Platz frei.«

Nazi mit Samenerguss

Wie Frau Koslowski ausgerechnet darauf kam, Erdal neben mich zu setzen, war mir ein Rätsel. Schließlich gab es viele andere freie Plätze.

Tatsächlich tat ich mich schwer mit diesem seltsamen Typen an meiner Seite. Ich fühlte mich beengt von ihm und irgendwie bedroht. Er war so groß, so breit, seine Ellbogen legte er stets auf meiner Tischhälfte ab und sein Haarlack stank zu mir herüber. Und dann dieses dämliche Dauergrinsen, das ich sogar wahrnahm, wenn ich ihn nicht ansah. Dieser Junge machte mich eindeutig nervös. Manchmal kippelte ich absichtlich nach hinten, um ihn von der Seite unbeobachtet betrachten zu können. Dann bemerkte ich erst, wie ähnlich er mir war – wenn man von seinem bescheuerten Haarschnitt einmal absah.

Seine Nasenflügel waren so breit wie meine, er hatte ebenfalls einen Stiernacken und genau wie ich einen kleinen Buckel. Nur seine schwarzen Locken waren nicht so ausgeprägt wie meine, es waren eher Wellen, und ich hätte sie gerne gegen meine störrischen Filzdrähte eingetauscht, die mir jeden Morgen das Kämmen zur Folter machten.

Die ersten zwei Tage sprach ich überhaupt nicht mit ihm, ich glaube auch nicht, dass jemand anderes aus der Klasse das tat.

Das lag aber nicht daran, dass sich keiner für ihn interessierte. Im Gegenteil: Wir schienen alle eine gewisse Ehrfurcht vor ihm zu haben. Wir wussten halt nicht, was geschehen würde, wenn wir einfach mal so, aus heiterem Himmel, das Wort an ihn richteten.

Für uns war er ein bisschen wie der biblische Goliath aus dem Religionsunterricht, so groß, so breit, so alt – jemand, den man aus der Ferne bestaunte, aber dem man besser nicht zu nahe kam.

Und dann seine ganze Erscheinung: wie aus einer anderen Welt. Genau das stimmte ja auch irgendwie. Zudem wirkte er nicht gerade so, als würde er sich unbedingt mit einem von uns abgeben wollen. Er hing stets gelangweilt über seinem Tisch, den Kopf meist auf seine Handflächen gestützt, und starrte dabei ins Leere.

Da aber dieses dämliche Grinsen wirklich keine einzige Sekunde lang aus seinem Gesicht wich, fragten wir anderen uns dann doch gegenseitig in der Pause auf dem Schulhof, was in diesem eigenartigen Kerl eigentlich so vorging.

»Er nimmt uns überhaupt nicht ernst!«, klagte Martin. »Der denkt doch, wir sind alberne Kinder, und das nur, weil er schon fast elf ist!«

»Ich hab mal gehört, dass die Ausländer im Kopf nicht so ganz dicht sind, jedenfalls nicht so dicht wie wir«, berichtete Klara, unser pausbäckiger Rotschopf, der, ob Sommer oder Winter, immer mit Strickpullovern in die Schule kam. »Und deswegen ist er wahrscheinlich auch sitzen geblieben und musste die Schule wechseln. Habt ihr bemerkt, dass er sich noch kein einziges Mal im Unterricht gemeldet hat?«

Ein paar nickten, doch keiner sagte etwas. Jeder überlegte angestrengt.

»Ich glaube, er ist ein Nazi«, sagte ich mitten in die Stille hinein.

»Ein was?«, fragte Andreas, der mich vor ein paar Tagen wegen der Schuhcreme zurechtgewiesen hatte. Diesmal war nun er es, der sich schwer mit dem Verstehen tat, und ich es, der sich voller Genugtuung ob seiner Unwissenheit an die Stirn schlagen konnte.

»Ein Nazi, Mensch! Weißt du nicht, was das ist? Das ist einer, der zum Frühstück Menschen verspeist! Habt ihr nicht auf seinem Arm dieses Zeichen bemerkt? Da steht ›SS‹! Ganz groß! Und das ist das geheime Erkennungszeichen der Nazis! Wenn ein anderer Nazi das sieht, dann freut er sich und zeigt ihm dann sein eigenes Zeichen. Und dann sind sie schon zu zweit, und wenn sie irgendwann ganz viele sind, dann fallen sie über uns her und fressen uns!«

»Du hast sie doch nicht alle!«, urteilte Martin, der Winzling unserer Klasse. Doch merkte ich an seiner gekräuselten Stirn und den leicht geweiteten Pupillen, dass er bei meiner Erzählung ein wenig Furcht bekommen hatte. »Woher willst du das denn alles wissen?«

Das konnte ich ihm natürlich nicht beantworten. Wie meistens bei mir bestanden meine felsenfest behaupteten und mit voller Inbrunst dargebrachten Informationen aus einer Mischung aus Halbwissen, das ich in Büchern, im Fernsehen oder von Erwachsenengesprächen aufgeschnappt hatte, und meiner manchmal allzu sehr auf Panik getrimmten Fantasie. Aber das durfte ich selbstverständlich nicht zugeben. Lieber schwieg ich und nickte nur wissend, während sich die anderen schon wieder dem Klettergerüst zugewandt hatten, da ihnen das Gespräch mittlerweile zu abstrus geworden war.

Doch um für die nächste große Pause einen Trumpf im Ärmel zu haben, nahm ich mir vor, Erdal einfach mal auf meine These hin anzusprechen. Vielleicht gab er es ja zu, dass er ein Menschenfresser war. Als wir alle wieder in den Klassenraum zurückgekehrt waren, saß er wie immer gelangweilt auf seinem Platz und kaute die Reste seines Brötchens. Wahrscheinlich hatte er den Raum in der Pause gar nicht verlassen, wie er es eigentlich niemals tat – zumindest sah ich ihn nie auf dem Schulhof.

Ich ließ mich neben ihn auf meinen Sitz fallen, tat unbeeindruckt, raschelte ein wenig mit meinen Heften herum, doch innerlich kratzte ich all meinen mir möglichen Mut zusammen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich gerade mit meinem Leben spielte, wandte ich mich ihm zu.

»Bist du ein Nazi?«, fragte ich, nachdem ich eine Weile vergeblich darauf gewartet hatte, dass er meinen durchdringenden Blick erwiderte.

Doch plötzlich drehte er ganz langsam, als könnte er ihn nur unter großer Anstrengung bewegen, seinen Kopf in meine Richtung. So langsam, dass ich nun wirklich Angst bekam, ihm die falsche Frage gestellt zu haben. Und jetzt sofort, auf der Stelle, sozusagen als Strafe dafür, von ihm verspeist werden würde.

»Häh?«, quiekte er, wobei seine Hasenzähne hervorblinkten. Jetzt ist es soweit, dachte ich. Jetzt frisst er mich! Aber das Dauergrinsen hatte sein Gesicht nicht verlassen. Im Gegenteil. Es war noch breiter geworden. Seine Augen leuchteten in mildem Glanz und der ganze Kerl wirkte nun plötzlich überhaupt nicht mehr so bedrohlich.

Da er immer noch fragend zu mir herüberschaute, wies ich mit dem Finger auf seinen rechten Unterarm. Sein Blick folgte meinem Finger. Es dauerte ein paar Sekunden, dann prustete er los.

»Du Idiot!« Er knuffte mir mit der Faust in die Brust. Und das kitzelte eher, als dass es schmerzte. »Das ist doch Kiss!« Damit zog er den Stoff seines Polohemdes nach oben und ich entdeckte zwei ähnlich gezeichnete Buchstaben wie das Doppel-S: »K« und »I«.

Ich zuckte hilflos mit den Schultern. Kiss?

Was wollte er mir denn damit sagen? War das eine anatolische Geheimorganisation? So etwas wie die Nazis der Türken?

Er griff in seinen Tornister und zog eine Zeitschrift heraus, auf der vorn in gelbroten Lettern das Wort »Popcorn« prangte.

Diese Zeitschrift kannte ich bereits von meinen Brüdern, und für mich war sie eines von den Dingen, die das Reich der Kinder von dem der Jugendlichen trennte. Und von denen waren es auch nur die »Coolen«, die »Popcorn« oder auch »Bravo« lasen und sich so etwas wie »Disco« oder »Musikladen« im Fernsehen anschauten. Aha, dachte ich. Zu denen gehört also auch Erdal!

Er blätterte eine Weile angestrengt – es war das erste Mal, dass ich ihn so engagiert erlebte – und schließlich hatte er gefunden, was er suchte.

»Kiss!«, rief er mit unverhohlenem Stolz und schob die Zeitschrift auf meine Tischhälfte.

Mein Blick fiel auf ein Foto mit einer Gruppe langhaariger Männer, deren Gesichter weiß angemalt waren, die ihre Zungen herausstreckten und eckige Gitarren umgehängt hatten.

»Das sind Rocker!«, erklärte er mir. »Und was für welche!«

»Kommen die auch aus Anatolien?«, fragte ich zurückhaltend.

Sein Grinsen wurde breiter.

»Nein, aus Andalusien.«

Das war eine Anspielung auf meinen Fauxpas an seinem ersten Tag bei uns, aber für Ironie war ich noch ein bisschen zu jung, und so nahm ich das selbstverständlich für bare Münze.

Umgehend stellte ich mir eine Gruppe Männer vor, die ständig Pampelmusen aßen und dadurch im Gesicht immer weißer und weißer wurden.

Dass ich ihm glaubte, schien ihn noch mehr zu belustigen.

»Wenn du mich mal besuchen kommst«, schlug er mir vor, »hören wir uns Platten von denen an. Ich schwör dir, Alter, von Kiss kriegst du ’n Samenerguss!«

Ich erschrak.

»Einen was bitte?« Er lachte auf.

»Na, so ’n richtig fetten Abspritzer! Da wird dein Pimmel zum Wolkenkratzer, Mann! Zur Wasserstoffbombe!«

Er setzte sich breitbeinig hin und fuhr mit beiden Händen in Schritthöhe gleichmäßig in der Luft hin und her.

Dabei stöhnte er, sein Stöhnen wurde lauter und lauter, schließlich verharrte er in der Bewegung, als hätte er einen plötzlichen Krampf und spuckte anschließend kräftig nach oben.

Ein paar Spritzer landeten auf meinem Tisch und der aufgeschlagenen »Popcorn«, der Rest verteilte sich auf Erdal und dem Fußboden.

»Wie war das?«, fragte Frau Koslowski.

Ich hatte sie weder kommen gehört noch gesehen, ich denke, Erdal noch weniger. Doch trotzdem stand sie da, ins Klassenzimmer gebeamt wie Captain Kirk, kerzengerade vor unserem Tisch, und stierte direkt auf diesen großen Jungen mit dem komischen Haarschnitt, der immer noch in breitbeiniger »Samenerguss«-Pose auf seinem Stuhl saß und sich nicht zu rühren wagte.

Sie wiederholte ihre Frage, mit bedrohlicher Langsamkeit. Dennoch zischten ihr die Worte nur so über die Lippen: »Was hast du da gesagt, Erdal Özgür?«

Es war das erste Mal, dass ich Erdals vollständigen Namen hörte. Und ich merkte, wie Frau Koslowski diese fremden, exotischen Worte bewusst in die Länge zog, jeden Buchstaben auf das Genaueste betonte, als hätte sie vor, sie Erdal Silbe für Silbe um die Ohren zu hauen.

Mir stockte der Atem. Auch ich wagte mich nicht zu bewegen. Ich glaube, niemand in der Klasse tat das.

Ein paar Augenblicke zuvor war es im Raum noch turbulent zugegangen, der Geräuschpegel war am Limit, es wurde getobt. Doch davon war nun nichts mehr zu spüren. Erdal erwiderte Frau Koslowskis Blick, ohne sein Dauergrinsen zu verlieren.

»Häh?«

Frau Koslowski Augen zogen sich immer mehr zusammen, schienen jetzt bloß noch aus zwei engen Schlitzen zu bestehen. Und nun, beinahe in Zeitlupe, ohne auch nur für eine Sekunde Erdal aus ihrem Killerblick zu befreien, schob sie ihre Nickelbrille auf die Nasenspitze. Was, wie ja schon gesagt, normalerweise nichts Gutes verhieß.

»Das heißt nicht ›Häh‹«, zischte sie »Das heißt: ›Wie bitte‹!«

»Wie bitte?«, wiederholte Erdal kleinlaut. Sein Grinsen hatte sich etwas zurückgezogen.

»Ich will wissen, was du da eben gesagt hast, dieses Wort mit S!«

»Kiss?«, kam es immer leiser und schüchterner aus ihm heraus. Dabei deutete er auf die »Popcorn« auf meinem Tisch.

»Solche Sachen wollen wir hier nicht sehen!«

Frau Koslowski riss das Heft hoch, rollte es zusammen und wedelte mit ihm umher.

»Die werde ich behalten, bis dein Vater zum Elternsprechtag kommt. Dann wird er mir beantworten müssen, wieso sein Sohn solches Zeug liest und solche Wörter in den Mund nimmt!«

Sie wandte ihm den Rücken zu, das Gespräch war für sie beendet. Doch ich spürte, dass es im Vergleich zu anderen ihrer Ausraster diesmal lange dauern würde, bis sie sich wieder beruhigt hatte.

Am Lehrerpult angekommen, fuhr sie noch einmal herum. Sie heftete einen letzten Mörderblick an Erdal, der langsam wieder aus seiner Bewegungsstarre erwacht war, weil er wohl glaubte, das Schlimmste hinter sich zu haben, und zischte: »Dir werden wir schon Manieren beibringen. Schließlich sind wir hier in Deutschland, nicht in Anatolien.«

Es war immer noch mucksmäuschenstill in der Klasse. Keiner traute sich, auch nur in die Richtung von Erdal zu schauen.

Der saß wieder stocksteif auf seinem Stuhl und sah mit verdecktem Gesicht zu Boden.

Als ich versuchte, einen Blick darauf zu erhaschen, merkte ich, dass sein Dauergrinsen immer noch nicht verschwunden war.

»Anna … Anna … Anatolien«, flüsterte er vor sich hin, und seine Augen funkelten verschmitzt.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
212 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783943709919
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
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