Kitabı oku: «Petrus Canisius»

Yazı tipi:

Mathias

Moosbrugger

PETRUS
CANISIUS

Wanderer zwischen den Welten


Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Einleitung

1.Zwischen Nimwegen und Freiburg in der Schweiz

Nimwegen: Der junge Peter Kanis und sein Blick in die Zukunft

Freiburg in der Schweiz: Der alte Petrus Canisius und sein Blick in die Vergangenheit

2.Zwischen Kartäusern und Jesuiten

Ein Beinahe-Kartäuser: Petrus Canisius und der mystische Drang nach innen

Ein ganzer Jesuit: Petrus Canisius und der aktivistische Drang nach außen

3.Zwischen Kollegien und Konzil

Jesuitenkollegien: Petrus Canisius und die Neuerfindung der Gesellschaft Jesu

Konzil von Trient: Petrus Canisius und die Neuerfindung der katholischen Kirche

4.Zwischen Kirchenvätern und Katechismus

Kirchenväter: Petrus Canisius und der Kampf um die kirchliche Tradition

Katechismus: Petrus Canisius und der Kampf um die kirchliche Zukunft

5.Zwischen Schuld und Sühne

Schuld: Petrus Canisius und eine Lebensgeschichte des Versagens

Sühne: Petrus Canisius und eine Lebensgeschichte des Wiedergutmachens

Statt eines Nachworts

Dank

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Personenregister

Ortsregister

Bildnachweis

Vorwort

Das ist keine Biographie über Petrus Canisius – jedenfalls dann nicht, wenn man die Maßstäbe des berühmten Mozart-Biographen Volkmar Braunbehrens anlegt. Braunbehrens schreibt, dass eine Biographie die Aufgabe habe, „ein möglichst lückenloses Bild des Lebenslaufes ‚ihres Helden‘ zu zeichnen“1. Wer nach einem solchen möglichst lückenlosen Lebenslauf von Petrus Canisius (1521–1597) sucht, dem kann ich nur raten, dieses Buch sofort zuzumachen und sich stattdessen in der Bibliothek oder im Antiquariat seines Vertrauens die Biographie des irischen Historikers James Brodrick von 1935 zu besorgen. In der zweibändigen deutschen Übersetzung aus dem Jahr 1950 umfasst dieses Mammutwerk mehr als zwölfhundert Seiten.2 Auch wenn die Canisius-Forschung seit damals auf vielen Feldern vorangeschritten ist, gibt es bis heute nichts, was sich an biographischer Vollständigkeit mit diesem Buchgebirge vergleichen ließe.

Das vorliegende Buch ist also keine Biographie. Es ist mehr so etwas wie ein biographisches Porträt bzw. vielleicht sogar noch eher eine biographische Skizze und damit für diejenigen gedacht, die keine Zeit für zwölfhundert Seiten haben (oder keine Lust darauf) und sich trotzdem auf dem Stand der gegenwärtigen Forschung über Petrus Canisius informieren möchten. Das Ziel besteht darin, die Persönlichkeit von Petrus Canisius sichtbar zu machen, indem er in die wichtigsten historischen Spannungsfelder eingeordnet wird, in denen er sich bewegt hat. Viele Details – teilweise auch durchaus wichtige Elemente – wurden bewusst kurz behandelt oder sogar ausgelassen, um das Profil seiner Persönlichkeit nicht unter einer Überfülle von biographischen Einzelheiten verschwinden zu lassen.

Der Aufbau sieht folgendermaßen aus: Nach einer Einleitung, die dafür wirbt, dass es sich lohnt, diesem weitgehend vergessenen frühneuzeitlichen Jesuiten historisch auf die Spur zu kommen, bietet das erste Kapitel einen Überblick über die wesentlichen Eckpunkte des Lebens von Petrus Canisius zwischen seiner familiären Prägung und seiner religiösen Berufung; das zweite Kapitel beschäftigt sich dann mit der Ausgestaltung seiner Spiritualität zwischen Mystik und Aktivismus, die das Fundament seines ganzen weiteren Lebens gebildet hat; das dritte Kapitel erschließt darauf aufbauend seine Lebensaufgabe der Wiederbelebung der katholischen Kirche im römisch-deutschen Reich zwischen dem Aufbau eines jesuitischen Schulwesens und der Neugestaltung des katholischen Selbstbewusstseins im Umfeld des Konzils von Trient; das vierte Kapitel rekonstruiert Petrus Canisius als Denker und Autor, der nichts lieber getan hat, als sich in ein Buch zu vertiefen (vorzugsweise das eines Kirchenvaters) oder selbst eines zu schreiben (besonders erfolgreich in seinem Katechismus); das fünfte und letzte Kapitel thematisiert schließlich die Schattenseiten seines langen Lebens, aber auch das, worin er über seine Zeit hinausgewiesen hat.

Alle diese Kapitel sind so konzipiert, dass sie grundsätzlich jeweils für sich bzw. auch in beliebiger Reihenfolge gelesen werden können; deswegen haben sich auch einige wenige Wiederholungen nicht ganz vermeiden lassen. – Ich glaube allerdings, dass man das größte Lesevergnügen (und den größten Erkenntnisgewinn) dann hat, wenn man sich die Kapitel in der vorgegebenen Reihenfolge vornimmt. Der Aufbau des Buches folgt nämlich dem Grundsatz, dass jedes Kapitel das vorhergehende vertieft, um so Schritt für Schritt ein immer vielfältigeres Bild eines außergewöhnlich vielfältigen Lebens sichtbar zu machen.

Bei allem Bemühen darum, eine historische Persönlichkeit so zu skizzieren, wie sie nach momentanem historischem Wissensstand gewesen ist, ist diese Einleitung in das Leben von Petrus Canisius aus Anlass seines 500. Geburtstages natürlich in allen Teilen meine Einleitung. Sie ist von den Aspekten bestimmt, von denen ich glaube, dass sie besonders wichtig sind für das Verständnis seiner Persönlichkeit. Ich habe mich allerdings bemüht, diese Aspekte in einer Weise darzustellen, dass sie auch für andere interessant werden: Denjenigen mit ausgeprägt historischen Interessen wollte ich eine nahezu unbekannte Schlüsselfigur der Religionsgeschichte des 16. Jahrhunderts präsentieren. Ihnen bietet sein Leben nicht zuletzt einen Einblick in das bewegte Reformationsjahrhundert aus einer Perspektive, die im heutigen durchschnittlichen Geschichtsbewusstsein kaum präsent ist: aus der Perspektive eines überzeugten Katholiken. Denjenigen mit ausgeprägt religiösen Interessen wollte ich einen Heiligen vorführen, dessen Leben besonders eindrucksvoll deutlich macht, dass Heiligkeit keine Ewigkeitskategorie ist. Ihnen zeigt sein Leben, dass sich Heiligkeit immer in ganz konkreten (und aus heutiger Perspektive mitunter auch verstörend konkreten) historischen Biographien verkörpert.

Allen – den historisch Interessierten, den religiös Interessierten und allen anderen auch – wollte ich ein spannendes Buch über einen spannenden Menschen schreiben.

Ob mir das gelungen ist, müssen die Leserinnen und Leser entscheiden!

Einleitung

Es ist noch gar nicht so lange her, dass der frühneuzeitliche Jesuit Petrus Canisius in aller Munde war. Als der Osttiroler Bergbauernbub Franz Josef Kofler am Beginn des 20. Jahrhunderts von seiner strengkatholischen Base wieder einmal gefragt wurde, ob er die im Religionsunterricht aufgegebenen Fragen auch wirklich gelernt habe, hatte er keine besonderen Skrupel, ein wenig zu schwindeln. Er versicherte ihr, dass da alles in bester Ordnung sei. Sie könne ihn ruhig ausfragen. Das tat sie aber erfahrungsgemäß nie, denn: „Sie wußte nicht, wo wir waren und zudem kannte sie sich nur im alten ‚Kanisi‘ aus, nicht im neuen.“3

Der Name Canisius bzw. Kanisi war bis vor wenigen Jahrzehnten nicht nur im tiefkatholischen Osttirol, sondern im ganzen deutschen Sprachraum (und darüber hinaus) praktisch gleichbedeutend mit katholisch-religiöser Bildung. Wer ein ganzer Katholik war, hatte seinen Kanisi gelernt oder machte es wie der kleine Franz Josef Kofler und behauptete es zumindest. Unter dem Kanisi verstand man in der Regel einen Katechismus im Frage-Antwort-Format, in dem die zentralen Inhalte der katholischen Lehre auf Schulniveau zusammengestellt waren. Zwar hatte man schon seit dem 18. Jahrhundert damit begonnen, im Unterricht bevorzugt andere Katechismen zu verwenden. Die volkstümliche Bezeichnung auch dieser neuen Katechismen nach Petrus Canisius wurde aber beibehalten. Immerhin hatte er das literarische Genre des katholischen Katechismus im 16. Jahrhundert praktisch neu erfunden und war damit unglaublich erfolgreich gewesen. Sein Katechismus in drei unterschiedlich langen und unterschiedlich komplexen Versionen aus den Jahren 1555, 1556 und 1558 war innerhalb kürzester Zeit zu einem regelrechten Bestseller geworden – und ist es über Jahrhunderte hinweg geblieben. Ein besonders fleißiger Geschichtsforscher hat genau nachgezählt. Die von ihm erhobenen Zahlen sind beinahe unglaublich: Allein zu Lebzeiten von Petrus Canisius (gest. 1597) und damit in gerade einmal vierzig Jahren sind demnach 347 Katechismus-Auflagen erschienen. Bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts sind dann noch einmal unbegreifliche 832 weitere Auflagen dazugekommen – soweit wir jedenfalls momentan wissen. Vielleicht waren es sogar noch mehr. Ursprünglich geschrieben auf Latein, der Weltsprache des 16. Jahrhunderts, war dieser Katechismus in seinen drei Varianten praktisch sofort in die verschiedensten Volkssprachen übersetzt worden; in die gängigen europäischen sowieso, aber offenbar sogar unter anderem auch ins Äthiopische und ins Japanische.4 Ein Jesuit mit einem Faible für alte Sprachen hat sich sogar die etwas kuriose Mühe gemacht, dieses für den Schulgebrauch gedachte Buch in die Gelehrtensprachen Altgriechisch (1595) und Hebräisch (1620) zu übersetzen. Aber auch die zahlreichen Analphabeten wurden nicht vergessen. Für sie wurde auf der Grundlage des Textes von Petrus Canisius ein Bilderkatechismus erarbeitet, der 1589 das erste Mal veröffentlicht wurde.5

Noch beeindruckender aber: Diese regelrechten Massen an Katechismusbüchern sind nicht nur immer wieder neu aufgelegt und gekauft, sondern von noch größeren Massen an Lesern auch tatsächlich gelesen und im Schulbetrieb sogar konsequent auswendig gelernt worden. Was Petrus Canisius über den christlichen Glauben geschrieben hat, ist von vielen Generationen von Schülern immer und immer wieder aufs Neue und Wort für Wort wiederholt und damit nachhaltig verinnerlicht worden. Man darf sich natürlich fragen, mit wie viel Begeisterung und spiritueller Nachhaltigkeit das im Einzelnen jeweils verbunden gewesen sein mag. Dennoch übertreibt man wohl nicht, wenn man Petrus Canisius als den meistgelesenen und damit breitenwirksamsten katholischen Autor mindestens der letzten 500 Jahre bezeichnet.

Das hat sich in kürzester Zeit schlagartig geändert. Als kluger Schüler konnte man zwar noch vor einem halben Jahrhundert im vorarlbergischen Bregenzerwald von seinen stolzen Eltern als ein echter Petrus Canisius bezeichnet werden. Aber schon damals wusste man auch als kluger Schüler kaum noch etwas mit der historischen Figur hinter dem Namen anzufangen.6 Heute kennt man in der Regel nicht einmal mehr den Namen. Das hat natürlich nicht zuletzt mit den einschneidenden Veränderungen im Religionsunterricht der jüngeren Vergangenheit zu tun. Das Pauken von religiösen Inhalten gilt mittlerweile (ob nun zu Recht oder zu Unrecht) in weiten Kreisen als heillos überholt – und damit auch das Konzept des Katechismus, egal, ob ein solcher von Petrus Canisius oder von jemand anderem geschrieben worden ist. Mit dem Katechismus ist aber zugleich auch der wichtigste canisianische Erinnerungsort sozusagen über Nacht verloren gegangen.

Petrus Canisius ist jedoch nicht nur als Autor des einst wichtigsten katholischen Religionsbuches mittlerweile praktisch vergessen. Dass er ein außerordentlich wichtiger Berater von Kaisern, Königen und Herzögen gewesen ist und so im Auftrag seiner jesuitischen Ordensoberen auf die Gestaltung der in der frühen Neuzeit für praktisch alle Lebensbereiche maßgeblichen Religionspolitik7 entscheidenden Einfluss genommen hat, weiß außerhalb absoluter Expertenkreise kein Mensch.8 Seine Bedeutung beim geistlichen Wiederaufbau der im Reformationsjahrhundert am Boden liegenden katholischen Kirche, die sich nicht in seiner Beratertätigkeit an Fürstenhöfen erschöpfte, ist überhaupt nahezu unbekannt. Während man sich mindestens in bewusst protestantischen Kreisen nicht nur an den reformatorischen Übervater Martin Luther, sondern auch durchaus noch an einen Philipp Melanchthon als entscheidenden Gestalter der lutherischen Identität im 16. Jahrhundert erinnert, ist Petrus Canisius bei den Katholiken zu einem großen Unbekannten geworden. Und das, obwohl kaum eine andere einzelne Person so viel zur Neugestaltung der katholischen Identität in der frühen Neuzeit beigetragen hat und man ihn sogar ohne Übertreibung den „Inbegriff der katholischen Reform des 16. Jahrhunderts“9 genannt hat. Es drängt sich sogar der Verdacht auf, dass Petrus Canisius in den vergangenen Jahrzehnten gerade im kirchlich-katholischen Milieu mehr oder weniger bewusst verdrängt worden ist. Nachdem ihn die antimodernistisch-kulturkämpferische Kirche 1864 zuerst selig- und 1925 dann heiliggesprochen und sogar zum Kirchenlehrer ernannt hatte, war dieser neue Heilige, der schon im 19. Jahrhundert mit mangelnder Verehrung zu kämpfen hatte,10 schon bald offenbar grundsätzlich peinlich geworden. Wie es scheint, konnte man in ökumenisch zunehmend sensibleren Zeiten nur wenig mit einem wie ihm anfangen, den Papst Leo XIII. 1897 als Kämpfer gegen die „lutherische Auflehnung“11 gepriesen und den der besonders streitbare Papst Pius XI. sogar noch 1925 im Heiligsprechungsdekret Misericordiarum Deus mit Hochachtung als „Zertrümmerer der Ketzer“ (haereticorum malleus)12 – gemeint waren damit natürlich wieder die Protestanten – bezeichnet hatte.13 Die seit damals immer wieder unternommenen allzu bemühten Versuche, die Quellen gegen den Strich zu bürsten und ihn als einen „Ökumeniker der ersten Stunde“14 ins Spiel zu bringen, haben nicht nur historisch wenig überzeugt.15 Sie haben auch nicht zu einer Popularisierung dieses unpopulären Heiligen beigetragen. Die Diözese Innsbruck, die 1964 und damit genau hundert Jahre nach seiner Seligsprechung gegründet worden ist, hat ihn sich zwar noch als Diözesanpatron ausgesucht, richtig volkstümlich ist Petrus Canisius aber auch dort nicht mehr geworden. Es dürfte kein Zufall sein, dass er in dem vielstrophigen Lied „O Gott, streck aus die milde Hand“ in der Österreich-Ausgabe des offiziellen kirchlichen Gesangsbuches Gotteslob, in dem die zahlreichen Patrone der Bundesländer und Diözesen Österreichs besungen werden, als einziger noch nicht einmal namentlich erwähnt wird.16

Das vorliegende Buch möchte dem entgegenwirken und diesen großen Unbekannten des 16. Jahrhunderts anlässlich seines 500. Geburtstages wieder etwas bekannter machen. Verdient hätte er es: Sein Leben ist nämlich tatsächlich unglaublich spannend, eine geradezu atemlose Kaskade von glänzenden Erfolgen und schallenden Niederlagen, in der sich die nervöse Unruhe widerspiegelt, die am Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit in allen Lebensbereichen herrschte. Petrus Canisius war sozusagen ständig in Bewegung und geprägt von der unbedingten Bereitschaft, sich in dieser vor allem religiös unruhigen Zeit für die Überzeugungen zu verbrauchen, die für ihn entscheidend waren. Seine Aktivitäten waren dementsprechend zahlreich – so zahlreich, dass er hinter ihnen mitunter geradezu zu verschwinden droht. Es ist eine echte Herausforderung, den Menschen Petrus Canisius mit seiner tiefreligiösen, geradezu mystischen Innerlichkeit angesichts seiner Hyperaktivität als Organisator in Ordensangelegenheiten und als religiöser und religionspolitischer Berater von Kaisern, Päpsten und Bischöfen nicht aus den Augen zu verlieren.

Glücklicherweise kann man sich bei der Suche nach dem Menschen Petrus Canisius auf eine kleine, aber sehr feine historische Canisius-Forschung stützen, die quasi unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung seit vielen Jahren konsequent gearbeitet hat. Wobei klein gerade für die Anfangsphase nicht wirklich zutrifft: Tatsächlich sind im ausgehenden 19. und bis über die Mitte des 20. Jahrhunderts hinaus im Gefolge seiner Selig- und Heiligsprechung die relevanten Quellen, nicht zuletzt seine umfangreiche Korrespondenz, zu einem großen Teil in einem geschichtswissenschaftlichen Kraftakt, der seinesgleichen sucht, in vorbildlichen kritischen Editionen erfasst und zum Teil auch bereits in gewichtigen Studien verarbeitet worden.17 Einige dieser Studien sind bis heute unübertroffen geblieben.18 Diese altehrwürdige, nicht selten allerdings etwas hagiographisch angehauchte frühe Forschungstradition, die im Umfeld der Gesellschaft Jesu von einigen wichtigen Forschern äußerst verdienstvoll weiterentwickelt worden ist,19 hat in jüngster Zeit sehr davon profitiert, dass die frühe Geschichte des 1540 gegründeten Jesuitenordens in ganz neuer Intensität das Interesse der Frühneuzeithistoriker auf sich gezogen hat. Das hat zu höchst innovativen kleineren und größeren Untersuchungen geführt, die zwar das spirituelle Selbstverständnis der Gesellschaft Jesu mehr denn je als tieferen Grund ihrer massiven historischen Bedeutung betonen, dabei aber bewusst auf jede fromme Übermalung verzichten.20 Petrus Canisius, der im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum geradezu als Verkörperung des jungen Jesuitenordens galt, kann auf dem Hintergrund dieser Neujustierung der frühneuzeitlichen Jesuitenforschung in ein ganz neues Licht gerückt und als historische Figur spannender und facettenreicher gezeichnet werden denn je.21

Auf den eindrucksvollen Leistungen aus der Frühzeit der kritischen Canisius-Forschung, aber nicht zuletzt auch auf dem neuen historischen Blick auf die ersten Jesuiten baut dieses Buch auf. Sein zentrales Ergebnis kann gleich am Beginn vorweggenommen werden: Petrus Canisius war in seinem ganzen Leben ein Wanderer zwischen den Welten. Das ist zuerst einmal wortwörtlich gemeint: Er hat Europa von Sizilien bis Osnabrück und vom schweizerischen Freiburg bis Warschau durchwandert und dabei im Auftrag von Päpsten, Fürsten und Ordensoberen zigtausende Kilometer zurückgelegt. Es ist berechnet worden, dass er während seines geschäftigsten Lebensabschnitts von etwa 1550 bis etwa 1570 im Durchschnitt etwa 2000 Kilometer pro Jahr zurückgelegt hat. Als Gesamtbilanz seiner Wanderungen stehen nach vorsichtigen Schätzungen an die 100.000 Kilometer zu Buche. Kein Wunder, dass in seiner niederländischen Heimatstadt Nimwegen als Erinnerung an ihn bis heute ein vom vielen Wandern zerschlissenes Paar Schuhe aufbewahrt worden ist. – Er ist aber auch im übertragenen Sinne ständig zwischen verschiedenen Welten hin- und hergewandert: Zwischen der Welt der hohen Politik und der Welt der kleinen Leute; zwischen der Welt der Päpste und der Welt der Landpfarrer; zwischen der Welt der Universitäten und der Welt der unbedeutenden Dorfschulen; zwischen der Welt der mystisch-innerlichen Frömmigkeit und der Welt der knallharten Religionspolitik; vor allem aber zwischen der Welt der althergebrachten kirchlichen Traditionen, die für ihn so wertvoll waren, und der Welt der religiösen Aufbrüche im Reformationsjahrhundert, die ihn so massiv herausforderten.

Die Wiederbelebung der darniederliegenden katholischen Kirche war nach seiner Überzeugung der einzige Weg, auf dem das Auseinanderfallen dieser sich im 16. Jahrhundert zusehends voneinander entfremdenden Welten verhindert werden konnte: Nur die katholische Kirche konnte die alte kirchliche Tradition mit den weißglühenden religiösen Bedürfnissen der Gegenwart verbinden; zu diesem Zweck hat Petrus Canisius wichtige Texte der antiken Kirchenväter als religiöse Mahnschriften für seine Zeitgenossen neu herausgebracht. Nur die katholische Kirche konnte die immer stärker auseinanderfallenden kulturellen Räume des italienischen Südens und des deutschen Nordens zusammenhalten;22 zu diesem Zweck hat sich Petrus Canisius in Deutschland unablässig für Rom und in Rom unablässig für Deutschland eingesetzt. Und nur die katholische Kirche konnte zwischen dem in der Entdeckungszeit wachsenden globalen Anspruch des Christentums und den religiösen Bedürfnissen vor Ort bei den einzelnen Gläubigen vermitteln; zu diesem Zweck hat er sich auf dem ökumenischen Konzil von Trient genauso engagiert wie als Prediger auf der Domkanzel in Augsburg oder als Exerzitienmeister und spiritueller Ratgeber an praktisch allen Orten, an denen er je gewirkt hat.

Aufgrund dieser tiefen Überzeugung von der einzigartigen Bedeutung der katholischen Kirche ist er im wörtlichen wie im übertragenen Sinne ohne Pause als Botschafter der Erneuerung dieser Kirche unterwegs gewesen. Er hat so versucht, quasi als Verkörperung der kirchlichen Berufung zum Brückenbauen zwischen den immer stärker auseinanderdriftenden geistigen, kulturellen und religiösen Welten, tragfähige Verbindungen herzustellen. Er hat dabei Bemerkenswertes geleistet. Man muss aber auch ganz unumwunden feststellen: Oft genug ist er damit gescheitert. Gerade in den religiös aufgeladenen Konflikten in Deutschland hat er selbst fatalerweise bei etlichen Gelegenheiten nicht unerheblich dazu beigetragen, dass es zwischen der protestantischen und der katholischen Welt über Jahrhunderte hinweg zu einer nachhaltigen Entfremdung gekommen ist. Er war bei aller geographischen und geistigen Beweglichkeit immer auch ein Kind einer in Religionsdingen zum Teil geradezu hysterischen Welt. Seinen unrühmlichsten Ausdruck hat diese religiöse Hysterie bei ihm in seiner berühmt-berüchtigten Verteidigung der im 16. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum immer massiveren Hexenverfolgung gefunden. Er hat mit seinen Wortmeldungen und seinem Hang zum Dämonenglauben zur Verschärfung einer ohnehin bereits äußerst verschärften Situation beigetragen. – Dennoch: Man versteht ihn am besten nicht von diesen bedauerlichen Extremen her, sondern von der grundlegenden Dynamik, von der sein Leben geprägt war: Vom unablässigen Wandern zwischen den politischen, kulturellen und geistigen Welten seiner Zeit, die sich fatalerweise immer mehr voneinander entfremdeten und dabei Verwerfungslinien aufrissen und an denen Europa – und die Welt – über Jahrhunderte hinweg gelitten hat und teilweise bis heute leidet. Petrus Canisius erfüllte so mit seiner ganzen Existenz das spirituelle Idealbild eines Jesuiten, der sich nach einer berühmten Kurzformel seines Zeitgenossen und Mitbruders Jerónimo Nadal erst dann so richtig zuhause fühlt, wenn er unterwegs ist.23

Und wer weiß: Vielleicht kann gerade ein Blick in das bewegte Leben von Petrus Canisius dabei helfen, uns am Beginn des dritten nachchristlichen Jahrtausends die höchst faszinierende, aber oft nur schwer zugängliche Welt der frühen Neuzeit mit ihrem kaum zu bändigenden religiösen Eifer etwas näherzubringen. Vielleicht ist er auch ein Wanderer zwischen der Welt von damals und der Welt von heute.

1. Kapitel

Nimwegen: Der junge Peter Kanis und sein Blick in die Zukunft

Der Bub, der auf dem linken Flügel des Nimwegener Renaissance-Flügelaltars vom Ende der 1520er Jahre hinter seinem Vater kniet und betet, blickt unter seinem Pagenschnitt etwas versonnen in die Welt hinein. Als Betrachter fragt man sich unwillkürlich, woran er wohl denkt. Nachzudenken gäbe es für ihn genug: Der 1521 geborene Peter Kanis ist noch keine zehn Jahre alt, aber er hat in seiner überschaubaren Vergangenheit schon einiges erlebt, das einen ins Grübeln bringen könnte.24 Vor allem: Seine Mutter Jelis van Houweningen ist erst vor Kurzem gestorben und hat ihn und seine jüngeren Schwestern Wendelina und Philippa als Halbwaisen zurückgelassen. Sie ist auf dem gegenüberliegenden rechten Flügel des Altars mit ihren insgesamt sechs Töchtern abgebildet, von denen fünf – inklusive Philippa – früh gestorben sind. Dass ihr einziger Sohn später zu einem besonders eifrigen Marienverehrer geworden ist, der sich am Ende eines dicken Buches über Maria direkt an die Gottesmutter wendet und darum bittet, „dass mein Name nicht etwa in die Liste deiner Freunde oder Söhne, aber doch wenigstens deiner kleinen Schützlinge und Diener hineingeschrieben werde“25, ist von einer intimen Kennerin seines Lebens psychologisch mit diesem frühen Verlust der leiblichen Mutter erklärt worden.26

Aber nicht nur Peter, auch sein Vater Jacob Kanis musste mit diesem harten Verlust umgehen. Er tat es so, wie man es sich damals von einem gutsituierten Bürger erwartete: Zuerst gab er den Flügelaltar mit den Abbildungen seiner Familie auf dem linken und rechten Flügel und dem zentralen Bild der Kreuzigungsgruppe als Andenken an seine erste Frau in Auftrag – und sah sich dann als verantwortungsbewusster Vater so schnell wie möglich nach einer neuen Mutter für seine beiden unmündigen Kinder um. Zu dem Zeitpunkt, als der Altar fertig gestellt war, dürfte er sie bereits gefunden haben. 1530 wurde geheiratet. Wendelina van den Bergh, die ihrem Jacob in den kommenden Jahren ein volles Dutzend Kinder schenken sollte, wurde für den jungen Petrus Canisius glücklicherweise zu mehr als nur einer mehr oder weniger geduldeten Stiefmutter. Er blieb ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1557 eng verbunden, obwohl sie sich mit einigen seiner Lebensentscheidungen nicht leicht abfinden konnte und er sie immer wieder per Post ermahnte, dass sie in der Erziehung seiner zahlreichen Halbgeschwister zu lax sei. Seinen ersten erhaltengebliebenen Brief an sie unterzeichnete er als „Peter Kanis, dein Sohn, für immer dir in Gott ergeben“.27


Einem Flügelaltar (1526/30) verdanken wir das erste Porträt von Petrus Canisius im Alter von noch nicht einmal zehn Jahren. Er kniet betend hinter seinem Vater Jacob Kanis, der den Flügelaltar zum Andenken an seine verstorbene erste Frau in Auftrag gegeben hat.


Vielleicht hat der noch nicht zehnjährige Peter Kanis auf dem Flügelaltar aber nicht nur über die tiefgreifende Erfahrung des Verlusts seiner Mutter und dessen damals noch nicht ganz absehbaren Folgen für ihn und seine Schwester nachgedacht bzw. nachdenken müssen, sondern auch schon über seine persönliche Zukunft. Dass er auf dem linken Flügel des Altars als damals noch einziger Sohn und Erbe in Aussehen und Kleidung als verkleinerte Version seines Vaters Jacob unmittelbar hinter diesem abgebildet wurde, war nämlich nicht nur künstlerische Konvention. Jacob Kanis dürfte seine Zukunft schon damals relativ genau für ihn vorausgeplant haben, und klar war: Der kleine Peter sollte eines Tages in seine Fußstapfen treten und auf dem weiterbauen, was er als Vater grundgelegt hatte. Peter kam aus einer guten Familie und das sollte sich auch in seiner beruflichen und persönlichen Entwicklung widerspiegeln. – Jacob konnte auch wirklich zu Recht stolz auf sich und seine Lebensleistungen sein. Er hatte bereits eine höchst beeindruckende Karriere hinter sich, als er seine Familie auf dem Flügelaltar verewigen ließ, und sollte auch in weiterer Folge bis zu seinem Tod knapp fünfzehn Jahre später stets ein einflussreicher und hochgeachteter Mann bleiben. Nach rechtswissenschaftlichen Studien in Köln und Orléans war er in die Dienste von Herzog René II. von Lothringen getreten, für den er aber nicht nur in juristischen Angelegenheiten tätig war. Er hatte sich als sein Gesandter ausgezeichnet, war zum Erzieher der herzoglichen Söhne ernannt worden und hatte sich für seinen Brotherrn auch als Verwalter und Gouverneur der Festung Mayenne erfolgreich engagiert. Als es ihn schließlich doch wieder in seine Heimatstadt Nimwegen zurückzog, war er aufgrund seiner Leistungen in den Adelsstand erhoben worden und konnte zudem fortan Jahr für Jahr mit einem Geldgeschenk des dankbaren Herzogs rechnen. Zurück in Nimwegen gründete er 1519 im nach den damaligen Vorstellungen für einen Mann perfekten Alter von 30 Jahren eine Familie mit der vermögenden Apothekerstochter Jelis van Houweningen. Von einem Rückzug ins Familien- und Privatleben konnte allerdings auch jetzt keine Rede sein. Er engagierte sich mit größtem Einsatz in der kommunalen Politik und wurde insgesamt neunmal zum Bürgermeister von Nimwegen gewählt. Sein mühsam erarbeitetes Renommee blieb ihm auch in dieser neuen Lebensphase über die Stadtmauern hinaus weiter erhalten. So vertrat er im Jänner 1540 seinen Landesfürsten, den Herzog von Geldern, bei der vierten Hochzeit des berüchtigt heiratswütigen englischen Königs Heinrich VIII., diesmal mit der unglücklichen Anna von Kleve. Kurz vor seinem Tod Ende Dezember 1543 leistete Jacob noch im September als erster Vertreter des Magistrats von Nimwegen seine Unterschrift unter den Vertrag von Venlo, mit dem das Herzogtum Geldern nach längeren Konflikten an Kaiser Karl V. fiel.28

Eine solche Musterbiographie wünschte sich der honorige Nimwegener Patrizier Jacob Kanis auch für seinen Sohn Peter. 1535 und damit nur wenige Jahre nach der Anfertigung des familiären Flügelaltars wurde der 14-Jährige deshalb ins nahe Köln auf der deutschen Seite des Rheins geschickt. Bis dahin hatte er eine eher mäßige elementare Schulbildung genossen. Das sollte sich nun ändern: Im Jänner 1536 wurde er an der Kölner Universität und damit an der Alma Mater seines Vaters immatrikuliert. Das Ziel war klar definiert: Auch aus dem kleinen Peter sollte ein Jurist werden. Das sollte der erste Schritt in einer erfolgreichen Karriere nach väterlichem Vorbild werden. Seine Studienerfolge waren dann auch wirklich bemerkenswert. Er machte bereits im gleichen Jahr seinen Abschluss als Bakkalaureus, wurde im Jahr darauf zum Magister artium promoviert und ging dann auf väterlichen Druck nach seinem Lizentiat 1539 ins belgische Löwen, um dort auch noch Kirchenrecht zu studieren. Ein ganzer Jurist musste entsprechend der seinerzeitigen Vorstellungen nämlich auch in diesem Fach firm sein. Aber es war bereits zu spät: Der noch nicht zwanzigjährige Peter hatte mittlerweile seine eigene Berufung gefunden und die passte so gar nicht zu den Plänen seines Vaters. Er wollte sein Leben ganz und gar der Religion widmen – und zwar ganz sicher nicht als Kirchenrechtler.

Tatsache ist nämlich, dass sich Peter Kanis bereits im frühen Kindesalter nicht nur mit dem Tod der Mutter und mit den ausgesprochenen oder unausgesprochenen väterlichen Plänen für seine berufliche Zukunft auseinandersetzen hatte müssen. Er hatte bereits damals mit geistlichen Erfahrungen zu ringen gehabt, die ihn innerlich tief bewegten und herausforderten. Vielleicht waren es gerade diese Erfahrungen, die den versonnenen jungen Patriziersohn, der vom Nimwegener Flügelaltar herausblickt, schon im Alter von noch nicht einmal zehn Jahren im tiefsten Inneren beschäftigten. Immerhin erinnert er sich als alter Mann daran, „dass ich schon als Knabe ernstlich über die Wahl einer heilsamen, mir zusagenden Lebensweise nachdachte“29. Glücklicherweise wissen wir, wie eine für ihn besonders prägende religiöse Erfahrung aus dieser frühen Phase seines Lebens konkret ausgesehen hat: Der Vielschreiber Petrus Canisius war normalerweise ein nur wenig auskunftsfreudiger Protokollant seiner innersten seelischen Erfahrungen. Aber um das Jahr 1570 herum berichtete er in seinen autobiographischen Bekenntnissen mit untypischem Gefühl davon, was er irgendwann im Alter zwischen acht und zehn Jahren in der Nimwegener Stephanskirche erlebt hatte. Man führt sich diese eindrucksvolle religiöse Erfahrung am besten in seinen eigenen Worten zu Gemüte:

„Ich war noch ein Knabe, als ich einst in der Kirche des heiligen Erzmärtyrers Stephanus zu Nymwegen betete und deinen hochheiligen Leib, o Herr, neben dem Hochaltar demütig flehend verehrte. Ich kann nicht die Gnade vergessen, die du mir als Kind bei dieser Gelegenheit erwiesen hast. […] Ich glaube bestimmt, daß du, o Herr, diesen Geist der Furcht und frommer Besorgnis erweckt und erhalten hast, damit ich in der unbeständigen und zum Leichtsinn neigenden Jugendzeit an deiner Furcht gleichsam einen Erzieher und Beschützer hätte und nicht so leicht auf verkehrte Wege gerate. Denn du durchbohrtest ‚mit der Furcht vor dir mein Fleisch‘, damit ich anfinge, mich vor deinen Gerichten zu fürchten.“30

Vielleicht kommen bei dem einen oder anderen angesichts dieser massiven Betonung der Furcht vor Gott am Beginn des spirituellen Lebens von Petrus Canisius alle möglichen und unmöglichen (jedenfalls aber anachronistischen) Vorbehalte gegen eine solche religiöse Erfahrungswelt auf. Aber egal, ob man das, was Petrus Canisius hier beschreibt, im Einzelnen für gut oder weniger gut hält, sicher ist, dass man auch noch ein halbes Jahrtausend später durch die ungewohnte fromme Sprache hindurch eine große spirituelle Empfindsamkeit hören kann. Petrus Canisius war offenbar schon als Bub für innerliche Erfahrungen empfänglich, die ihn sehr früh zu einer sehr bewussten und tiefempfundenen Religiosität geführt hatten.31 Diese religiöse Empfindsamkeit lässt sich nicht soziologisch mit der damaligen Selbstverständlichkeit von religiösen Überzeugungen erklären. Man wird ihr auch nicht gerecht, wenn man sie psychologisch auf das Pflichtgefühl gegenüber seiner verstorbenen Mutter zurückführt, die ihre Familie auf dem Sterbebett eindringlich ermahnt hatte, sich angesichts der religiösen Umwälzungen der frühen Reformation, die in den 1520er Jahren auch in Nimwegen überdeutlich spürbar geworden waren, niemals von der katholischen Kirche abzuwenden. Sie war für ihn eine echte Herzenssache.

Wahrscheinlich hat Jacob Kanis schon lange, bevor er seinen Sohn zum Studium nach Köln geschickt hatte, geahnt, dass Peter aus einem anderen Holz geschnitzt war als er selbst. Peter hatte sich schon in Nimwegen in einem Milieu bewegt, das vom Streben nach spiritueller Innerlichkeit bestimmt war, und er hatte sich darin offenbar wohlgefühlt wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Seine Mutter war fromm gewesen, seine Stiefmutter war fromm. Noch dazu war sie nicht nur die Schwester eines späteren Hofkaplans von Kaiser Ferdinand I., sondern (und für Petrus Canisius viel wichtiger) die Nichte der bekannten niederländischen Mystikerin und Begine Maria van Oisterwijk. Zur erweiterten Familie gehörte dann auch noch die Großtante Reinalda van Eymeren, die mit Die evangelische Perle das letzte große Werk der flämisch-rheinischen Mystik verfasst hat.32 Mit beiden Frauen kam der junge Peter in näheren Kontakt.33 Bei seinen Gesprächen mit ihnen wurden Dinge zur Sprache gebracht, die sich ihm tief ins Gedächtnis einbrannten und seine weitere geistliche Biographie maßgeblich beeinflussen sollten. Reinalda, die oft im Nimwegener Bürgermeisterhaus zu Gast war, sagte ihrem jungen Verwandten Peter schon vor seinem Umzug nach Köln bei einer Gelegenheit „die Gründung eines neuen Priesterordens voraus, […] dem auch ich mich anschließen werde“, obwohl doch damals „noch kein Mensch an die Jesuiten“ dachte. Maria van Oisterwijk ihrerseits erklärte ihrem Stiefgroßneffen etwas später, „ich würde einst durch meine schriftstellerischen Arbeiten der Kirche gute Dienste leisten“. So jedenfalls erinnerte sich der als Schriftsteller berühmtgewordene Jesuit Petrus Canisius mehr als ein halbes Jahrhundert später und bekräftigte, was wie eine allzu fromme Geschichte klingt, mit dem größtmöglichen Nachdruck: „Bei Gott, ich erdichte nichts; ich gebe nur der Wahrheit Zeugnis.“34


Nikolaus van Essche (1507–1578) war der maßgebliche geistliche Mentor von Petrus Canisius in seiner Zeit an der Universität Köln. Seine von der Kartäuserfrömmigkeit geprägte mystische Religiosität hat auf den jungen Studenten großen Eindruck gemacht.

Kupferstich von J. B. Berterham, um 1700.

Dass ihn sein Vater aus dieser religiös durchtränkten Umgebung nach Köln geschickt hatte, führte nicht zu einer Eindämmung der spirituellen Neigungen Peters durch die nüchternen Anforderungen des Studiums, ganz im Gegenteil. In Köln wurde er nicht nur zuerst Mitglied der von seinen Landsleuten dominierten Montanerburse, die sich dem wichtigsten mittelalterlichen Theologen Thomas von Aquin als ihrem geistigen Patron verschrieben hatte, sondern kam dann vor allem als Untermieter in das Studentenpensionat von Andreas Herll, wo er unter die geistliche Führung von Nikolaus van Essche geriet. Dieser van Essche stand unter anderem auch mit Maria van Oisterwijk in engem Kontakt, die bereits 1530 nach Köln übersiedelt war. Er machte den jugendlichen Peter noch intensiver mit der ihm bereits aus seiner Nimwegener Heimat in Ansätzen bekannten spätmittelalterlichen Frömmigkeitstradition der Devotio moderna vertraut, der es in erster Linie um die innerliche Unmittelbarkeit des Menschen zu Gott ging und nicht so sehr um äußerliche religiöse Formen und Rituale.

Zudem lehrte er ihn, die Bibel als einen geistlichen Fahrplan in eine solche persönliche Beziehung zu Gott hinein zu lesen, und förderte die Vertrautheit Peters mit dem Evangelium, indem er ihn täglich einen kurzen Textabschnitt daraus meditieren und auswendig lernen ließ. Hier dürfte der Anfang der unglaublichen Bibelfestigkeit von Petrus Canisius liegen, die einige seiner Biographen sogar zur Vermutung veranlasst hat, dass er die ganze Bibel oder mindestens wesentliche Teile auswendig gekannt haben muss.

Für seine zukünftige geistliche Entwicklung vielleicht noch wichtiger war aber, dass van Essche ihn mit der Kölner Kartause unter ihrem berühmten Prior Gerhard Kalckbrenner und so mit einem der pulsierendsten Zentren spirituellen Lebens im katholischen Milieu des römisch-deutschen Reiches intensiv in Kontakt brachte. Van Essche wurde auf diese Weise ein wichtiges Verbindungsglied in die religiöse Zukunft seines jungen Schützlings. Für Peter Kanis sollten die Kartäuser von Köln nämlich zu enorm wichtigen Geburtshelfern in sein zukünftiges geistliches Leben als Jesuit hinein werden.

Für den nüchternen Jacob Kanis musste es scheinen, dass sein Sohn mit dem Beginn seiner Studien vom frommen Regen Nimwegens in die noch frömmere Traufe Kölns gekommen war. Für Peter selbst dagegen war es wie ein Heimkommen. Sein spiritueller Appetit wuchs, je mehr er von Spiritualität umgeben war. Jacob versuchte, ihm anders beizukommen und ihn doch noch auf Schiene zu bringen, diesmal mit Hilfe einer hübschen Erbin, die ihn ins großbürgerliche Leben eines Nimwegener Bürgermeistersohnes locken sollte. Als auch das scheiterte und Peter sich in einem privaten, aber nach den damaligen Vorstellungen bindenden Gelübde im Alter von 18 Jahren auf lebenslange Keuschheit verpflichtete, bemühte sich Jacob in einer letzten Aufwallung väterlichen Engagements, aus Peters offensichtlich unüberwindlicher Berufung ins religiöse Leben das Beste zu machen, was nach seinen Maßstäben noch möglich war. Peter sollte zu seiner standesgemäßen Versorgung wenigstens eine gut dotierte geistliche Pfründe im Kölner Domkapitel erhalten, die er als Bürgermeister von Nimwegen verleihen durfte. Man wird Jacob nicht unrecht tun, wenn man ihm unterstellt, dass er seinem Sohn damit eine kirchliche Karriere ermöglichen wollte, die ihn bei seinen offensichtlichen Talenten vielleicht sogar bis zum Bischofsamt geführt hätte. Aber Peter verweigerte sich auch diesmal. Er wollte anders, nämlich echt geistlich leben, und beharrte gegen alle väterlichen Vorstellungen darauf, seinen eigenen Weg zu finden, wie das für ihn möglich war. Dass das Leben eines Kirchenfürsten für ihn jedenfalls nicht der geeignete Weg war, stand für ihn offensichtlich von allem Anfang an außer Frage.

Vielleicht hat sich dieses unaufhörliche jugendliche Ringen mit den väterlichen Erwartungshaltungen und Plänen auch unmittelbar auf seine späteren theologischen Überzeugungen ausgewirkt. Dass Petrus Canisius etwa zwanzig Jahre später in seinem berühmten Kleinen Katechismus das alttestamentliche vierte Gebot der Ehrerbietung gegenüber den Eltern auffällig stark aus dem familiären Zusammenhang herauslöste und es vor allem als Gebot der Unterordnung unter die kirchliche Obrigkeit interpretierte, könnte man durchaus in diesem Sinne verstehen.35 Sicher ist jedenfalls, dass er selbst als Jugendlicher die väterliche Autorität eher als belastend für seine religiöse Entwicklung empfunden haben dürfte, die Repräsentanten der kirchlichen Welt dagegen als diejenigen, die ihm seinen Traum von einem echt geistlichen Leben ermöglichten. – Es ist auf diesem Hintergrund kein Wunder, dass das erste geschriebene Wort, das uns von Petrus Canisius erhalten ist, „PERSEVERA“ lautet: „Halte durch!“ Er hatte es als 17-jähriger Student in Köln in Großbuchstaben oben auf die erste Seite seines Schulheftes geschrieben. Es war genau die Zeit, als sich immer deutlicher abzeichnete, dass sich seine eigenen Pläne und die seines Vaters grundsätzlich nicht auf eins bringen ließen. Da hieß es entweder nachgeben oder durchhalten. Petrus Canisius entschied sich mit Nachdruck und in Großbuchstaben für das Durchhalten. Es sollte das Motto seines Lebens werden.


Auf dieser ersten Seite eines Schulhefts des 17-jährigen Petrus Canisius findet sich in Großbuchstaben sein Lebensmotto: „PERSEVERA“ (Halte durch!) – und andere nützliche Notizen wie z. B. ein Rezept gegen Nasenbluten.

Was dann passierte, könnte man sich nicht symbolträchtiger vorstellen: So wie der rebellische Teenager Peter Kanis Schritt für Schritt aus den Plänen seines Vaters verschwand, so verschwand schließlich auch der noch nicht zehnjährige Bub Peter Kanis aus dem Familienbild auf dem Nimwegener Flügelaltar. Er wurde etwa um 1580 herum übermalt mit seinem Halbbruder Gerit Kanis, dessen Lebensweg mehr nach dem Geschmack Jacobs war und der nach dem Tod des Vaters zum Oberhaupt der Familie werden und ihn viel später auch noch als Bürgermeister von Nimwegen beerben sollte. Wer diese massive Retusche am Flügelaltar in die Wege geleitet hat, wissen wir nicht. Genauso wenig wissen wir, ob sich Peter davon getroffen fühlte, dass man ihn aus dem Doppelporträt mit seinem Vater quasi ausradiert hatte (oder ob er vielleicht sogar erleichtert war). Als Jacob im Dezember 1543 im Sterben lag, war er aber jedenfalls sofort nach Nimwegen aufgebrochen. Er hatte seinen lange gesuchten geistlichen Weg jenseits der väterlichen Welt kaum mehr als ein halbes Jahr zuvor endlich gefunden. Im Mai war er zum ersten Mitglied der Gesellschaft Jesu aus dem römisch-deutschen Reich geworden. In seinen zahlreichen Briefen und vielfältigen anderen Schriften gibt es keinen Hinweis, wie sich Petrus Canisius angesichts des Todes des Vaters gefühlt haben mag. Allerdings gab er etwa ein Vierteljahrhundert später in seinen Bekenntnissen eine gewisse Furcht um das Seelenheil des Vaters zu Protokoll, der „viele Fehler begangen und manches nicht gesühnt hat“36. Ein anderer seiner Halbbrüder, Derick Canisius, der auch Jesuit geworden war, erinnerte sich viel später jedoch daran, dass Peter diesem Problem unmittelbar am Totenbett des Vaters auf seine typische Art begegnet war: Er bat „nach dem Tode seines Vaters die ganze Nacht unter vielen Tränen Gott […], seinem Vater Verzeihung und Frieden zu schenken. Und Gott, der Vater der Erbarmungen hörte seine kindlichen Seufzer und tat Canisius kund, daß sein Vater und seine Mutter im Himmel seien.“37

Einen vielleicht noch intimeren – und biographisch versöhnlicheren – Einblick in das komplizierte Vater-Sohn-Verhältnis als diese sehr fromme Erinnerung bietet das, was Petrus Canisius selbst etwas mehr als ein halbes Jahrhundert später in seinem letzten Lebensjahr an seinen Neffen schrieb: „Mach deinem Namen Jakobus keine Schande; du hast dir ja mit diesem Namen das Leben meines Vaters zum Vorbild genommen, und du weißt wohl, welch seltene und hervorragende Fähigkeiten er hatte.“38 Die Befreiung aus der väterlichen Welt hatte seinen Traum von einem geistlichen Leben überhaupt erst möglich gemacht. Aber trotzdem blieb er bis zu seinem Tod mit spürbarem Stolz der Sohn des Jacob Kanis, der sich nicht nur unermüdlich um seine eigene Karriere gesorgt hatte, sondern genauso unermüdlich (wenn auch erfolglos) auch um die Karriere seines Sohnes.

Das Bild des jungen Peter Kanis auf dem Nimwegener Flügelaltar wurde erst bei einer Restaurierung im Jahr 1988 hinter der nachträglichen Übermalung wieder freigelegt, nachdem es kurz zuvor mit Hilfe von Röntgenstrahlen dort wiederentdeckt worden war. Der Altar wird heute in dieser ursprünglichen Form im Stadtmuseum von Nimwegen aufbewahrt.39 Erst seit damals blickt dieser noch nicht zehnjährige Bub mit seinem versonnenen Blick wieder in eine ihm noch weitgehend unbekannte Welt hinein – eine Welt, die er als Erwachsener vor allem auf religiöser Ebene wie kaum einer seiner Zeitgenossen im religiös höchst turbulenten 16. Jahrhundert mitgestaltet hat. Dazu musste er aber aus der väterlichen Welt von Nimwegen ausbrechen und nach neuen Welten Ausschau halten.

Freiburg in der Schweiz: Der alte Petrus Canisius und sein Blick in die Vergangenheit

Viel erinnert auf dem Bild des altgewordenen Petrus Canisius, das ihn in den späten 1590er Jahren und damit in seiner letzten Lebensphase im schweizerischen Freiburg zeigt, nicht mehr an den jungen Peter Kanis vom Nimwegener Flügelaltar, das auffallend volle Haupthaar und die Frisur vielleicht ausgenommen.

Das dürfte ihm durchaus recht gewesen sein. Immerhin hatte er über die Jahre hinweg eifrig daran gearbeitet, sich von seinen heimatlichen und familiären Wurzeln zu emanzipieren und ganz in dem geistlichen Leben aufzugehen, für das er sich gegen die väterlichen Pläne entschlossen hatte. Dieses neue geistliche Leben hatte er mit einem existenziellen Befreiungsschlag begonnen, als er sich am 8. Mai 1543 und damit punktgenau an seinem 22. Geburtstag durch seine ersten Gelübde an die junge Gesellschaft Jesu gebunden hatte, die nördlich der Alpen damals noch kaum bekannt war. Der 8. Mai war für ihn fortan dementsprechend nicht mehr in erster Linie sein Geburtstag als Sohn einer wohlhabenden Bürgermeisterfamilie, sondern der Tag seiner geistigen Wiedergeburt als Jesuit. Damit hatte er sein altes Leben – diesen bis auf einige göttliche Gnadeninterventionen geistlich mehr oder weniger vergeudeten „Zeitraum vor meinem Eintritt in die Gesellschaft Jesu“40 – endgültig hinter sich gelassen, und zwar ganz bewusst „ohne Abschied von meinen Eltern zu nehmen und ohne Wissen meiner Freunde“41. Sie waren ja ein Teil seines alten Lebens. 1547 instruierte er sogar einen seiner jesuitischen Mitbrüder, dass die Briefe seiner leiblichen Brüder erst nach einer ordensinternen Zensur an ihn weitergeleitet werden sollten.42 Nichts sollte ihn mehr unmittelbar mit seinem alten Leben verbinden. Was er für seine Familie in Zukunft noch sein sollte, das war er (und zwar tatsächlich mit sehr großem Einsatz) als religiöser Ratgeber und Wächter über ihre katholische Rechtgläubigkeit.43


Dieser ausdrucksstarke Kupferstich von Dominikus Custos aus dem Jahr 1599 bietet ein authentisches Porträt des altgewordenen Petrus Canisius. Er ist zur Grundlage aller späteren Darstellungen in Kunst und Kitsch geworden.

Als der alte Petrus Canisius in den späten 1590ern quasi von seinem Altersbildnis auf sein Leben zurückblickte, blickte er dementsprechend vor allem auf sein zweites Leben und damit sein Leben als Jesuit zurück. In diesem zweiten Leben hatte er auch tatsächlich unglaublich viel erlebt: Grundlegend für alles Weitere war, dass er seiner jesuitischen Berufung schon sehr früh ein klares Profil gegeben hatte. Ihm war bewusst geworden, dass seine Lebensaufgabe als Jesuit darin bestand, „mit dem Engel der Deutschen (dem hl. Michael)“44 zusammenzuarbeiten und sich dementsprechend vor allem für die Wiederbelebung des scheintoten deutschen Katholizismus einzusetzen. Das ging so weit, dass er während seiner zweieinhalb italienischen Jahre von 1547 bis 1549 von seinem Ordensvater Ignatius von Loyola wegen seines ständigen „Brütens über Deutschland“45 ermahnt werden musste. Aber er konnte nicht anders: Der Einsatz für die Wiederaufrichtung der katholischen Kirche in Deutschland war das große Anliegen, das sein ganzes weiteres Leben prägte, und er war bereit, sich und seine ganze Existenz dafür in die Waagschale zu werfen. Der Rektor des Prager Jesuitenkollegs Ursmar Goisson traf in diesem Zusammenhang den entscheidenden Punkt, wenn er feststellte, er „besitzt die Gabe, allen alles zu sein“46. Petrus Canisius folgte tatsächlich ohne jeden Vorbehalt dem berühmten Motto des Völkermissionars Paulus, der im Blick auf seine eigene missionarische Wandlungsfähigkeit von sich gesagt hatte: „Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.“ (1 Kor 9,22) Als brennender Katholik übersetzte er das für sich so: Nur indem er für die Deutschen ein ganzer Deutscher wurde, konnte es ihm gelingen, aus den Deutschen wieder ganze Katholiken zu machen und sie so zu retten. Das wurde nicht nur zu seinem persönlichen Leitgedanken. Er machte daraus auch ein grundsätzliches missionarisches Prinzip, das er im Sommer 1565 seinem Orden für alle Aktivitäten nördlich der Alpen empfahl: Es musste demnach darum gehen, sich „soweit als nur möglich den Deutschen und ihrer Eigenart anzugleichen“47. Damit dürfte er bei der römischen Ordensleitung offene Türen eingerannt sein, denn schon 1549 hatte man ihm und seinen Gefährten, die gerade im Begriff waren, nach Deutschland aufzubrechen, von dort den Rat mitgegeben, sie sollten sich „den Sitten jenes Volkes […] gleichförmig machen“48.

Petrus Canisius selbst jedenfalls hielt sich an diese Maxime: So rückhaltlos, wie er ein Jesuit geworden war, so rückhaltlos wurde der ehemalige niederländische Patriziersohn im Laufe seines Lebens auch ein Deutscher. Das ging so weit, dass er im November 1565, als er für eine letzte Stippvisite in seine Heimatstadt Nimwegen zurückgekehrt war, nicht einmal mehr seine niederländische Muttersprache richtig beherrschte. Er musste in der Kirche zum hl. Stephan notgedrungen auf Deutsch predigen.49 Sogar seine seltsam distanzierten und von religiöser Rhetorik durchdrungenen Briefe an seine Stiefmutter und seine Geschwister schrieb er ab den 1550er Jahren in der Regel nicht mehr auf Niederländisch, sondern auf Deutsch.50

Petrus Canisius hatte also über die Jahre tatsächlich ein anderes Leben geführt als das, das man sich von dem noch nicht zehnjährigen Peter Kanis vom Nimwegener Flügelaltar vielleicht erwartet hätte: das Leben eines Jesuiten statt eines Juristen, das Leben eines Missionars statt eines Domherrn, das Leben eines Deutschen statt eines Niederländers. Dieser „Theologe der Gesellschaft Jesu“, wie ihn die großformatige Umschrift um das Altersbild nennt, war mit diesem anderen Leben schon zu seinen Lebzeiten berühmt geworden. Das auf diesem Altersbild zitierte Motto aus dem alttestamentlichen Buch Daniel zählt ihn im rhetorischen Überschwang sogar zu den Männern, die „immer und ewig wie die Sterne leuchten“ (Dan 12,3).

Ob sein Ruhm wirklich immer und ewig andauern sollte, war zwar am Vorabend seines Todes noch keineswegs ausgemacht, aber dass Petrus Canisius von seinem Altersporträt herab auf ein Leben zurückblicken konnte, in dem er zu einer echten Berühmtheit geworden war, war bei aller Bescheidenheit auch ihm selbst bewusst. Schon während seiner frühesten jesuitischen Lehrjahre im weiteren Verlauf der 1540er Jahre war er aufgefallen, unter anderem als offizieller Abgesandter des gegen seinen Erzbischof aufbegehrenden Kölner Klerus an Kaiser Karl V., als Teilnehmer am Wormser Reichstag oder auch als Theologe bei der ersten Sitzungsperiode des Konzils von Trient. Von 1547 bis 1549 war er dann in Italien gewesen, zuerst in Rom, wo er bei Ignatius von Loyola selbst noch einmal in die Lehre als Jesuit ging, dann im sizilianischen Messina, wo er die erste öffentliche Schule der Jesuiten mitgegründet und damit eine kaum zu überschätzende Neuausrichtung seines Ordens mitinitiiert hatte: Die Jesuiten sollten der erste echte Schulorden der Kirchengeschichte werden.51

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland im November 1549 setzte er sich mit Feuereifer dafür ein, dass diese Neuausrichtung des Ordens auch nördlich der Alpen Fuß fassen konnte. Er engagierte sich vor allem im hochschulischen Kontext, half abgehalfterten Universitäten wie Ingolstadt und Wien wieder auf die Beine und überwachte die Übernahme von Lehrstühlen und ganzen Universitäten durch die Gesellschaft Jesu. Vor allem sorgte er in erster Linie im süddeutsch-österreichischen Raum für die Gründung zahlreicher Jesuitenkollegien, die mit Vorliebe an den verschiedenen Hochschulorten errichtet wurden. Diese Kollegien wurden zum Katalysator für die erfolgreiche Wiederbelebung des am Boden liegenden katholischen Schulwesens im römisch-deutschen Reich. Mit dem Großen Katechismus von 1555 verfasste er sogar selbst das wichtigste theologische Schulbuch für seine Studenten. Er war damals gerade 34 Jahre alt.

Ähnlich atemlos – wenn nicht sogar noch atemloser – wie bis zu diesem Zeitpunkt ging es für ihn weiter. 1556 wurde er von Ignatius von Loyola in einem der letzten Erlässe vor seinem Tod im Juli dieses Jahres zum ersten Provinzial der neuerrichteten oberdeutschen Jesuitenprovinz ernannt. Als seinen Hauptsitz suchte er sich Augsburg aus, nach seiner Einschätzung eine „herausragende Burg, von der aus wir ganz Deutschland überblicken und unterstützen können unter Mithilfe Gottes“52. Das war eine Entscheidung mit Ansage: Nicht nur war nämlich der bei weitem überwiegende Teil der Bürger der Reichsstadt Augsburg protestantisch und das katholische Bekenntnis erst kürzlich durch militärischen Druck überhaupt wieder erlaubt worden. Vor allem war die Stadt als Ort des Augsburger Bekenntnisses von 1530 einer der wichtigsten symbolischen Erinnerungsorte des deutschen Protestantismus überhaupt. Punktgenau von hier aus wollte Petrus Canisius auch die Wiedergeburt des deutschen Katholizismus in die Wege leiten. Er sollte damit wider Erwarten erfolgreich sein.

Seine Augsburger Jahre waren auch so etwas wie der Höhepunkt seines tätigen Lebens, mindestens von außen betrachtet. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass er in Augsburg ab 1559 auch sehr erfolgreich als Domprediger wirkte. Er war schon vorher ein beliebter Prediger gewesen, aber hier feierte er geradezu atemberaubende Erfolge. Schon nach einem Jahr wurden in Augsburg beinahe tausend Konversionen zur katholischen Kirche gezählt und für die als Finanziers und Bankleute weltberühmten und auch politisch höchst einflussreichen Augsburger Fugger wurde er eine Art familieneigener geistlicher Ratgeber.53 Der Augsburger Domdekan schrieb geradezu euphorisch an den Erzbischof von Mainz, Petrus Canisius habe „in so kurzer Zeit so glänzende und unverhoffte Erfolge bei der Regierung wie bei der städtischen Bevölkerung erzielt, […] daß sich das Angesicht Augsburgs veränderte.“54 Besonderes Aufsehen erregte er damit, dass die vorher protestantischen Fugger-Frauen unter seinem Eindruck zu heißblütigen Katholikinnen wurden. Im städtischen Klatsch und Tratsch wurde das je nach religiösem Geschmack entweder als ein regelrechtes Wunder verhandelt oder als Verführung schwacher Frauen durch die „weibische“ Jesuitensekte. Nach seinem nicht ganz freiwilligen Rückzug zuerst als Domprediger 1566 und dann als Provinzial 1569 wurden Dillingen, Ingolstadt und Innsbruck seine hauptsächlichen Wirkungsstätten. Damit begann bei allen anhaltenden literarischen Erfolgen, die er als nun quasi hauptberuflicher Autor mehr denn je feierte, doch auch so etwas wie ein Rückzug auf Raten.

Dieser Rückzug auf Raten in den 1570er Jahren hatte besonders mit einem schmerzhaft bitteren Konflikt mit seinem Nachfolger als Provinzial Paul Hoffaeus zu tun.55 Petrus Canisius hatte Ende 1567 von höchster päpstlicher Stelle den Auftrag erhalten, gegen die berühmten Magdeburger Centurien des kämpferischen Protestanten Flacius Illyricus und seiner Mitstreiter anzuschreiben, in denen die Geschichte der katholischen Kirche und vor allem des Papsttums als eine unablässige Abfolge von Götzenkult, Blasphemie und Widergöttlichkeit dargestellt wurde. Um diesem Vorwurf fundiert zu kontern, griff er ganz massiv auf die personellen Ressourcen in der oberdeutschen Provinz zurück. Zahlreiche Mitbrüder hatten ihn über viele Jahre hinweg bei der Recherche, bei der Strukturierung und bei der Korrektur dieser Bücher unterstützen müssen, die 1571 und 1577 in Form eines Bandes zuerst über Johannes den Täufer und dann über die Jungfrau Maria erschienen. Paul Hoffaeus, mit dem er sich zeitlebens in einer sehr komplizierten Beziehung befand, sah das immer kritischer. Dem Orden wurden durch dieses Unternehmen seiner Meinung nach wertvolle Kräfte entzogen, die woanders viel dringender gebraucht würden. Die Stimmung zwischen den beiden verschlechterte sich von Jahr zu Jahr. Im Jänner 1578 beklagte sich Hoffaeus in einem Brief an den jesuitischen Ordensgeneral Everard Mercurian zum wiederholten Mal über diesen unmöglichen Petrus Canisius. Dieser sei mit seinen mehr oder weniger sinnlosen schriftstellerischen Abenteuern „die drückendste Last für diese Provinz durch acht oder neun Jahre“56 gewesen. Er war mit dieser Einschätzung nicht allein. Sogar Derick Canisius, der als Halbbruder von Petrus Canisius ebenfalls Jesuit geworden war, stellte fest, es sei „kaum zu glauben, wie sehr der gute Pater bei dieser Arbeit sich und zugleich viele andere abplagt und abquält“57.

Dieser berühmte und einst höchst einflussreiche Jesuit war also im Laufe der 1570er Jahre nicht nur seinem Provinzial, sondern auch vielen anderen Mitbrüdern lästig geworden. Ein theologischer Streit zwischen Petrus Canisius und Hoffaeus um die Frage, ob es erlaubt sei, Zinsen zu nehmen,58 brachte dann das Fass zum Überlaufen.59 Während Hoffaeus das Zinsennehmen unter gewissen Umständen für theologisch legitim hielt, vertrat Petrus Canisius den mittelalterlichen Standpunkt, demzufolge Zinsen dem göttlichen Gebot widersprachen. Dieser konservative Standpunkt war in der anbrechenden Neuzeit kaum noch mehrheitsfähig und vergrämte zudem wichtige Förderer der Jesuiten wie die Fugger, die als Bankiers auf Zinsen angewiesen waren. Hoffaeus sah in Petrus Canisius dementsprechend eine endgültig untragbare Belastung für seine Ordensprovinz. Ihm blieb trotz römischer Protektion bis hinauf zum Papst schließlich nur noch der Rückzug aus dem innersten Zirkel der Macht in der oberdeutschen Jesuitenprovinz. Er ergab sich in seiner typischen Art und Weise in sein Schicksal. Schon Anfang 1578 hatte er an seinen Ordensgeneral geschrieben: „Ich anerkenne meine Schwäche und […] werde daher sehr gern dem Urteil des P. Provinzial beistimmen und den Rest meiner Tage im Frieden des Gehorsams und religiöser Einfachheit zubringen.“60 Diese Tage im Frieden des Gehorsams und der religiösen Einfachheit sollte er nach dem Willen von Provinzial Hoffaeus in Freiburg im äußersten Westen der oberdeutschen Jesuitenprovinz verbringen und damit so weit entfernt von ihm wie möglich.

Ende 1580 war es dann schließlich so weit. In Begleitung des päpstlichen Nuntius Giovanni Bonomi trat Petrus Canisius seine letzte große Reise an. Er wurde nunmehr zwar im wahrsten Sinn des Wortes an den Rand gedrängt, aber er war auch als Exilant immer noch eine Berühmtheit, und das nicht nur in der katholischen Welt. Als er auf dem Weg nach Freiburg mit dem Nuntius einen Zwischenstopp im tiefprotestantischen Bern machte, wusste man dort sehr genau, mit wem man es zu tun hatte. Die Berner Stadtchronik bezeichnet ihn als „aller Jesuiteren Grossvattern“61, also als die Wurzel des Jesuitenübels, das die katholische Kirche in weiten Gebieten nördlich der Alpen fatalerweise wieder auf die Beine gebracht hatte. Er und sein Begleiter konnten von Glück sagen, dass die Berner Stadtväter es mindestens verhindern konnten, dass die aufgebrachte Volksmenge die beiden ohne langes Federlesen am Galgen aufknüpfte. Sie retteten sich mit Müh und Not und unter einem Regen aus faulem Gemüse aus der Stadt.

Die Berner hatten in ihrer antikatholischen Erregung nicht Unrecht: Petrus Canisius war wirklich so etwas wie der Großvater der Jesuiten im deutschsprachigen Raum. Er war der Allererste aus dem Gebiet des römisch-deutschen Reiches gewesen, der in die Gesellschaft Jesu eingetreten war. Das war im Jahr 1543 gewesen. Von da an hatte er ohne Pause für die Verbreitung seines Ordens gearbeitet. Er hatte Kollegien gegründet, hatte Bischöfe und Fürsten als Unterstützer der jesuitischen Anliegen gewonnen und sich in Rom bei seinen Ordensoberen stur und nachdrücklich um mehr und immer noch mehr Jesuiten für die Aufgaben im deutschen Norden bemüht. Er hatte das mit solch unerbittlicher Regelmäßigkeit und Penetranz getan, dass seinem Ordensgeneral einmal der Kragen platzte. Francisco de Borja rügte ihn scharf und empfahl ihm mit unmissverständlichen Worten, dass er endlich „mit den Männern, die Ihnen nach Deutschland gesandt wurden, zufrieden sein“ sollte, weil ohnehin „keine Provinz freigebiger behandelt wird als die Ihrige“62. Aber Petrus Canisius war nicht zufrieden. Er warb auch weiterhin mit unermüdlichem Nachdruck darum, dass die römischen Jesuitenoberen nicht vergessen sollten, dass die Mission im häretischen Deutschland mindestens so wichtig sei wie die Mission im heidnischen Indien. Während die Indienmission im 16. Jahrhundert dank der vielfach gedruckten Briefe seines berühmten Mitbruders und Asienmissionars Franz Xaver eine hervorragende Presse hatte und ganze Heerscharen von jungen Jesuiten davon träumten, dort zu arbeiten,63 musste Petrus Canisius mit endlosen Briefen nach Rom dafür sorgen, dass darüber Deutschland nicht ins Hintertreffen gerät.64 Der Erfolg gab ihm recht: 1580 und damit im Jahr seiner Abreise nach Freiburg wurden insgesamt 1111 aktive Jesuiten im Reich gezählt.65 Nicht nur die protestantischen Berner wussten, dass diese eindrucksvolle Vermehrung der Gesellschaft Jesu im Endeffekt ganz auf ihn und seine Arbeit zurückging.

Seinem Nachfolger als oberdeutscher Provinzial wurde er von der jesuitischen Ordensleitung in Rom auch für die Zukunft als wichtiger Ratgeber nachdrücklich ans Herz gelegt. Er war ja, so die Einschätzung der jesuitischen Leitungszentrale, der „Vater aller, die in Oberdeutschland und den angrenzenden Provinzen zu uns gehören“66. Und als die Jesuiten im Jahr 1640 mit einem dickleibigen Prachtband ihr hundertjähriges Bestehen feierten, fiel das Urteil über Petrus Canisius sogar noch enthusiastischer aus: „Niemandem verdankte der Orden und der Katholizismus in Deutschland mehr als ihm.“67 Kein Wunder, dass die Jesuiten im deutschsprachigen Raum zu seinen Lebzeiten nicht selten auch als Canisianer bzw. Canisten bezeichnet wurden.68

Aber wie es solchen Übervätern mitunter so geht: Er war den nachfolgenden Generationen in seinem Orden mit seinen Eigenheiten zusehends zur Last geworden und musste sich deshalb nun in sein Ausgedinge nach Freiburg begeben.

Freiburg war damals eine Grenzstadt des Katholizismus, praktisch zur Gänze umschlossen von protestantischem Gebiet. Die Ansiedlung der Jesuiten und der damit verbundene Aufbau eines jesuitischen Bildungswesens vor Ort sollten nach den Plänen des Stadtrats diesen katholischen Vorposten langfristig absichern. Damit war man höchst erfolgreich und das hatte nicht zuletzt mit Petrus Canisius zu tun.

Er hatte zwar schon 1582 und damit keine zwei Jahre nach seiner Ankunft alle Leitungsfunktionen in der hiesigen Jesuitengemeinschaft abgeben müssen, aber er konnte auf andere Möglichkeiten zurückgreifen, um aktiv und einflussreich zu bleiben. Wie an vielen früheren Orten seiner Karriere war er auch in Freiburg ein äußerst beliebter und einnehmender Prediger und geistlicher Begleiter, er war am Ausbau des lokalen Jesuitenkollegs und der damit verbundenen Schule maßgeblich beteiligt und setzte sich auch für die Ansiedlung eines katholischen Buchdruckers in der Stadt ein, die allerdings erst nach einigen Turbulenzen langfristig abgesichert werden konnte. Vor allem profilierte er sich in seiner Freiburger Zeit als der Vorzeigehagiograph der Schweizer. Er schrieb mehrere vielgelesene Lebensbeschreibungen diverser Schweizer Nationalheiliger beginnend beim heiligen Beat, dem berühmten, aber unhistorischen Schüler des Apostels Petrus, bis hin zum heiligen Niklaus von der Flüe aus dem 15. Jahrhundert. Mit diesen frommen Schriften wurde er so etwas wie das katholische Gewissen der in Glaubensfragen uneins gewordenen Eidgenossenschaft – berühmt bei den Katholiken, berüchtigt bei den Protestanten.

Er machte es also auch in Freiburg so, wie er es in seinem Leben im Anschluss an den Völkerapostel Paulus immer getan hatte und wie man es von einem guten Jesuiten auch erwarten durfte: Er passte seine Arbeit und sich selbst ganz an die Bedürfnisse seiner neuen Wirkungsstätte an.69 Aus dem Altersbildnis des Petrus Canisius aus den 1590er Jahren blickt uns ein echter Freiburger entgegen.

Die Freiburger liebten ihren Petrus Canisius dementsprechend und verehrten ihn schon zu Lebzeiten wie einen Heiligen. Als einmal das Gerücht die Runde machte, er werde Freiburg auf Befehl seiner Ordensoberen doch wieder verlassen müssen, legten sie mit Nachdruck Widerspruch ein. Sie hätten, stellten sie fest, in ihren Kirchen „nicht einen einzigen Leib eines Heiligen. Wir werden einen haben, wenn dieser heilige Mann sich bei uns zur Ruhe legt.“70 Auf diese einmalige Chance wollten sie keinesfalls verzichten. Aber auch Petrus Canisius liebte seine Freiburger und er tat dies in erster Linie aus religiösen Gründen. Er musste sie zwar immer wieder wegen ihrer unzulänglichen moralischen Anstrengungen tadeln, nicht zuletzt in ihrem Umgang mit den Armen,71 sie hatten aber, wie er mit sehr großer Anerkennung schreibt, „ihre katholische Frömmigkeit bewahrt mitten unter gewalttätigen und rasenden Häretikern, was man als ein Wunder ansehen mag“72.

Petrus Canisius hatte also auch in seinem Exil in Freiburg noch so einiges zu tun. Er arbeitete nicht nur wie ein Besessener an der Korrektur seiner früheren Bücher, die er mehrfach neu auflegen ließ. Er hat auch sonst noch unbegreiflich viel Neues geschrieben. Es war die Zeit, in der er sich mehr denn je schriftstellerischen Projekten widmete, die unmittelbar darauf abzielten, die konkrete Frömmigkeit zu beleben. Zu diesem Zweck hatte er beispielsweise noch vor seiner Abreise nach Freiburg im Auftrag des Tiroler Landesfürsten Erzherzog Ferdinand II. ein Buch herausgebracht, das ein mittelalterliches Sakramentswunder in Seefeld nahe bei Innsbruck in den glühendsten Farben schilderte, um so zur Reaktivierung der darniederliegenden Seefelder Wallfahrt beizutragen.

In Fribourg führte er das weiter: Neben den erwähnten populären Schweizer Heiligenleben schrieb er mehrere fromme Schriften. Am bemerkenswertesten ist kurioserweise ein Büchlein, das vorerst nicht gedruckt worden ist, eine Gebetsanleitung für den jungen Jesuitenschüler Ferdinand von Habsburg, der ca. zwanzig Jahre später als Ferdinand II. einer der katholischsten Kaiser des römisch-deutschen Reiches werden sollte. Diese Gebetsanleitung von 1592 wurde auch für König Philipp III. von Spanien und den späteren bayrischen Kurfürsten Maximilian von Hand abgeschrieben. Erst in der Mitte des 18. Jahrhunderts ist es auch im Druck herausgegeben worden.


Der Tiroler Landesfürst Ferdinand II. wünschte sich eine Belebung der eingeschlafenen Seefelder Wallfahrt. Zu diesem Zweck brachte Petrus Canisius 1580 ein Buch heraus, in dem er das Sakramentswunder von 1384 und die damit verbundenen Gebetserhörungen bewarb.

Nun beherrschte Petrus Canisius zwar ganz nach dem damaligen Zeitgeschmack das Format der kleinen frommen Erbauungsschrift, aber auch im Alter dachte er noch immer in monumentalen Kategorien. Seine umfassende Erklärung bzw. Anleitung zur Lektüre und Meditation der Evangelien aller Sonntage und aller Feiertage des Kirchenjahres, die man als sein eigentliches Alterswerk bezeichnen kann, entsprach diesen monumentalen Kategorien.73 Sie wurde 1591 und 1593 unter dem Titel Notae in Evangelicas Lectiones in zwei Bänden im Umfang von sage und schreibe 1172 und 864 Seiten gedruckt. Dieses Büchergebirge schlug voll ein. Besonders begeistert war der Bischof von Lausanne, der seinem ganzen Klerus vorschrieb, sich diese beiden Bände anzuschaffen und der eigenen Predigttätigkeit zu Grunde zu legen. Wie viele Landpfarrer sich wirklich durch diese über zweitausend Seiten lateinischer Bibelauslegung mit ihrem umfassenden biblischen (und z. T. patristischen) Anmerkungsapparat durchgearbeitet haben, ist zwar fraglich. Viele, die sich ihres Lateins nicht wirklich sicher waren, werden froh gewesen sein, dass immer wieder Ausgaben mit deutschen Übersetzungen auf den Markt kamen. So oder so: Dass Petrus Canisius auf dem Umweg dieser beiden Bände auf vielen Kanzeln in der Schweiz und darüber hinaus direkt oder indirekt zu Wort gekommen ist, ist jedenfalls sicher.

Und doch: Bei all seinen zahlreichen Aktivitäten war der alte Mann in Freiburg, der vom Kupferstich aus den 1590ern herabblickt, genau das: ein alter Mann. Aufgrund eines Schlaganfalls im Jahr 1591 und wegen zunehmender körperlicher Schwäche hatte er schon mit kaum siebzig Jahren das Predigen und damit seine wahrscheinlich größte Leidenschaft aufgeben müssen. Bei seiner letzten öffentlichen Ansprache 1596 anlässlich der feierlichen Eröffnung des neuen Kollegiengebäudes der Jesuiten, zu der die Freiburger Jesuiten ihren großen alten Mitbruder noch einmal hervorgeholt hatten, hatte er sich nur noch mit einem kaum hörbaren Flüstern äußern können. Die Publikation seiner beiden dickleibigen Evangelienerklärungen war in gewisser Weise auch so etwas wie eine Verlegenheitslösung dieses leidenschaftlichen Predigers gewesen, der etwas produzieren wollte, das wenigstens „andern zum Predigen nützlich sein kann“74, wenn er schon selber nicht mehr predigen konnte.


Die zweibändigen Notae in Evangelicas Lectiones (Hinweise zu den Lesungen aus den Evangelien) von 1591/93 sind das Alterswerk von Petrus Canisius. Geschrieben hat er es für die katholischen Prediger, die sich oft schwer damit taten, über die biblischen Texte in den Gottesdiensten zu predigen.


Dieses Kästchen von Petrus Canisius zur Aufbewahrung von Schreibutensilien wird im Münchener Jesuitenarchiv bis heute als besonderer Schatz gehütet. Zu Recht: In ihm verkörpert sich der Vielschreiber Petrus Canisius, der zigtausende Seiten geschrieben hat – als Buchautor, als Briefschreiber und als Prediger.

Petrus Canisius hatte sich in seinem Leben verbraucht und man sah es ihm offenbar auch an. Als ein französischer Gelehrter 1594 auf einer Reise durch die Schweiz in Freiburg Station machte, schätzte er ihn auf weit über 80. Tatsächlich war er gerade einmal 73 Jahre alt.75 Dass in dieser letzten Phase seines Lebens von einem unbekannten Maler ohne sein Wissen eine Porträtskizze angefertigt worden war, hatte zweifellos auch damit zu tun, dass man allgemein damit rechnete, dass er nicht mehr lange leben würde. Man wollte die Züge dieses berühmten Mannes noch rechtzeitig für die Nachwelt erhalten.

Aber nicht nur die anderen, auch der alte Petrus Canisius selbst war sich sehr bewusst, dass er vom Leben nicht mehr viel mehr als den Tod erwarten konnte. Das bedeutete für einen frommen Katholiken wie ihn natürlich in erster Linie, sich geistlich auf den Übergang ins Jenseits vorzubereiten. Das Einüben in einen guten Tod gehörte zum Standardrepertoire der frühneuzeitlichen katholischen Frömmigkeit, das man aus dem Spätmittelalter herübergerettet und sogar noch intensiviert hatte. Petrus Canisius dürfte mit diesem Einüben schon früh begonnen haben,76 besonders intensiv wahrscheinlich ab dem 50. Lebensjahr, denn ab da galt man gemeinhin als Greis. Und tatsächlich sinnierte er 1574 und damit im Alter von 53 in einem Brief darüber, dass er sich nunmehr „dem Tore des Todes“77 nähert. Er wollte nicht den Fehler seines Vaters machen, der „vom Tod ereilt wurde, ehe er die Kunst gut zu sterben verstand“78. In den 1590er Jahren, mit über 70, war die Vorbereitung auf den Tod noch dringlicher geworden. Es war ja, wie er einen Mitbruder wissen ließ, „das besondere Kennzeichen der wahren Diener Gottes, seine Todesstunde immer vor Augen zu haben und sein Leben in Ordnung zu bringen, um dann das Ende dieser Lebenszeit mit bereitem und frohem Herzen anzunehmen“79. Es war endgültig an der Zeit, sich „reisefertig zu machen und vor dem Tode meinen letzten Willen aufzusetzen“80, damit „ich in dieser gegenwärtigen Sterblichkeit ein heilsames Lebensende erreiche“81. Ende 1596 oder Anfang 1597 wurde dementsprechend ein jüngerer Mitbruder abkommandiert, dem er sein geistliches Testament diktierte. In diesem Testament spricht Petrus Canisius am Ende seines Lebens und damit quasi direkt von seinem Altersbildnis herab.

Ähnlich wie schon etwas mehr als ein Vierteljahrhundert zuvor in seinen etwas umfangreicheren Bekenntnissen82 wollte er damit nach dem „Beispiel des großen Bischofs von Hippo und berühmten Kirchenlehrers Augustinus“83 sein Leben in Form eines geistlichbiographischen Rechenschaftsberichts Revue passieren lassen. Er war nicht zuletzt auch darin ein guter Schüler des Augustinus, dass er seine von außen betrachtet unbedeutend kleinen Jugendsünden besonders grell hervorhob und überhaupt immer wieder darauf hinwies, dass er das Leben eines „Unwürdigen“84 gelebt habe und er bei aller seiner Arbeit ein „unnützer Knecht“85 gewesen sei. Wenn ihm in seinem Leben etwas gelang, dann war das immer der göttlichen Barmherzigkeit zuzuschreiben; bei „jedem Unternehmen verdankte ich den glücklichen Ausgang ausschließlich der Gnade Gottes“86.

Aber das Testament ist nicht nur ein eindrucksvolles Zeugnis der tiefen Demut des altgewordenen Petrus Canisius, sondern auch ein Zeugnis seines bemerkenswerten Selbstbewusstseins. Er war sich am Vorabend seines Todes sehr bewusst, dass er in seinem Leben für die Gesellschaft Jesu in Deutschland und darüber hinaus von ganz entscheidender Bedeutung gewesen war, und er wollte dafür sorgen, dass das auch der Nachwelt überliefert wurde. Denen, die „einmal die Geschichte unserer Gesellschaft Jesu erforschen oder darstellen werden“, wollte er „über mich und mein bisheriges Leben einen zuverlässigen Bericht“ hinterlassen.87 Seine eigene Lebensgeschichte wollte er nicht einfach den späteren Historikern überlassen; er wollte vorab dafür sorgen, dass diese Lebensgeschichte auch in seinem Sinne geschrieben würde. Immerhin hatte er „in dem von Christus übernommenen Beruf einiges geleistet“88 und hatte dafür „viel Dank und Anerkennung“89 gewonnen. Das durfte man der Nachwelt durchaus überliefern. Es war nicht die Karriere geworden, die sich sein ehrgeiziger Vater Jacob Kanis etwa 70 Jahre früher für seinen Erstgeborenen ausgemalt hatte. Es war viel mehr.

Petrus Canisius überlebte die Niederschrift seines geistlichen Testaments nicht lange. Am Nachmittag des 21. Dezember 1597 und damit nicht einmal ein Jahr später starb er in einem Zustand völliger Entkräftung. Dass dieser große Marienverehrer mit dem Ave Maria auf den Lippen gestorben ist, ist zwar eine fromme Erfindung seines ersten Biographen Jakob Keller90; dass er so fromm gestorben ist, wie er gelebt hat, ist jedoch bestens belegt. Er hat auf seinem Sterbebett bis kurz vor seinem Tod aus einem Notizbuch selbstaufgezeichnete Gebete gelesen. Als ihm das nicht mehr möglich war, hat er sich nach dem Empfang der Sterbesakramente ein Kruzifix und eine geweihte Kerze geben lassen. Unter den unermüdlichen Gebeten seiner anwesenden Mitbrüder gab er dann ohne sichtbaren Todeskampf den Geist auf. Er war 76 Jahre alt geworden.

Wie es sich für einen heiligen Mann gehörte, war sein Tod nicht sein Ende – im Jenseits nicht, aber auch nicht im Diesseits und da vor allem nicht an seiner letzten Wirkungsstätte Freiburg. Die Freiburger, die ihn im Leben geliebt hatten, liebten ihn mindestens so sehr auch im Tod. Er wurde sofort wie ein Heiliger verehrt, dem im Laufe der kommenden Jahre viele Heilungswunder zugeschrieben wurden, vor allem an Müttern und Kindern. Als im Jahr 1625 sein Grab in der städtischen Nikolauskirche – die heutige Kathedralkirche der Diözese – geöffnet wurde, um seine Überreste in die neu errichtete Michaelskirche der Jesuiten zu übertragen, drängten sich die Menschen, um seine Gebeine mit ihren mitgebrachten Rosenkränzen zu berühren.91 Es war immerhin die letzte Chance, mit ihrem „Patriarchen der schweizerischen Kirche“92 mehr oder weniger leibhaftig in Kontakt zu kommen. Diese Chance wollten viele nützen, darunter zweifellos viele, die ihn nicht mehr persönlich gekannt hatten. Petrus Canisius hätte das bei aller Demut wahrscheinlich gefreut: Er hatte zu Lebzeiten den Freiburgern den von ihm persönlich äußerst eifrig betriebenen Reliquienkult ja mit Nachdruck ans Herz gelegt. Jetzt war der große Reliquienverehrer selbst zur verehrten Reliquie geworden. Der Traum der Freiburger, endlich einen eigenen Heiligenleib in ihrer Stadt zu haben, hatte sich erfüllt.

Die Jesuiten des Freiburger Kollegs beteiligten sich eifrig an diesem aufkommenden lokalen Kult. Unter anderem gestalteten sie einige Zeit später sein Sterbezimmer in eine Kapelle um. Man erinnerte sich aber nicht nur an den berühmten Mitbruder Petrus Canisius, man wollte auch, dass er sich im Himmel an die erinnerte, die er zurückgelassen hatte. Und man war sich sicher, dass man beweisen konnte, dass er das tatsächlich tat: Wie die Freiburger griffen nämlich auch die Jesuiten auf die spektakuläre Wunderkraft des Petrus Canisius zurück, die er vom Jenseits aus offensichtlich fleißig anwendete und die zahlreich dokumentiert ist. Es ist unter anderem belegt, dass der Rektor des Kollegs einen der Löffel des Verstorbenen per Post verschickte, damit ein Mädchen, das mit einem verkrüppelten Daumen geboren worden war, geheilt würde. Erwartungsgemäß konnte man sich auf ihn verlassen. Nachdem alle Familienmitglieder des Mädchens den Löffel geküsst hatten, wurde der Daumen wieder völlig hergestellt.93 Die Freiburger Jesuiten zeichneten dieses und viele weitere Wunder auf die Fürsprache von Petrus Canisius in ihren Jahresberichten fleißig auf. Das ging so weit, dass diese Jahresberichte über weite Strecken den „Charakter eigentlicher Mirakelbücher“94 bekamen. Die Botschaft lautete: So eifrig wie er in seinem Leben für die Kirche gearbeitet hatte, so eifrig arbeitete er auch nach seinem Tod für die Kirche und die Gläubigen, die mit ihr verbunden waren. Petrus Canisius, der zu Lebzeiten auf die verzweifelte schriftliche Bitte einer von Besessenheit geplagten Frau um Heilung mit dem erschrockenen Ausruf „Ich Unglücklicher, für wen hält man mich?“95 reagiert hatte, war nach seinem Tod zum Wundermann geworden.

Aber nicht nur die Freiburger und die Jesuiten waren daran interessiert, das Vermächtnis dieses großen Mannes zu bewahren und ihn sich so als Fürbitter im Himmel warmzuhalten. Das überlieferte Altersbildnis selbst ist nichts anderes als der Versuch eines finanzkräftigen Verehrers und Freundes, den Ruhm von Petrus Canisius über seinen Tod hinaus am Leben zu halten. Octavian Secundus Fugger hatte sich trotz des mehr oder weniger sanften Drucks seiner von Petrus Canisius höchstpersönlich zum Katholizismus bekehrten Mutter in mehreren Anläufen nicht dazu durchringen können, selbst Jesuit zu werden. Aber er wollte doch das Andenken an den großen Jesuiten ehren, der seine Familie, die berühmten Fugger, während seiner Zeit in Augsburg (und darüber hinaus) als religiöser Ratgeber und Seelenführer so stark beeinflusst hatte. Er entschloss sich dazu, Dominikus Custos, den besten Kupferstecher, den man damals für Geld kriegen konnte, damit zu beauftragen, einen Kupferstich mit einer lebensnahen Darstellung von Petrus Canisius anzufertigen. Dafür gab es glücklicherweise eine verlässliche Vorlage: Am Grab des Petrus Canisius war als Zeichen der Verehrung ein Bild nach der bereits erwähnten Porträtskizze angebracht, die noch zu seinen Lebzeiten irgendwann in den 1590er Jahren ohne sein Wissen hergestellt worden war. Dieses Bild ist im Laufe der Zeit leider verlorengegangen. Es dürfte entfernt worden sein, weil derartige Darstellungen von Verstorbenen an ihren Gräbern nach kirchlichen Regeln eigentlich verboten waren, zumindest solange es noch nicht zu einer offiziellen Selig- oder Heiligsprechung gekommen war. Diese kirchenamtlichen Akte ließen bei Petrus Canisius ja tatsächlich noch überraschend lange – bis 1864 bzw. 1925 – auf sich warten. Octavian Fugger hat das Bild vom Grab aber glücklicherweise früh genug, nämlich im Jahr 1599, in den sehr schön ausgeführten Kupferstich umarbeiten lassen, der sich in zahlreichen Drucken erhalten hat. Ihm verdanken wir, dass nicht nur die Dutzenden Bücher und die knapp 1500 Briefe aus dem Leben des Petrus Canisius überliefert sind und auch nicht nur die vielen Wunder, die er gemäß den Jahresberichten der Jesuitengemeinschaft von Freiburg nach seinem Tod gewirkt hat, sondern auch dieses eindrucksvolle lebensnahe Porträt. Dieses Bild „von einer außergewöhnlichen Wahrhaftigkeit“96 ist zur Grundlage sämtlicher späterer Bilder von Petrus Canisius geworden.97


Trotz eines früh eingeleiteten Seligsprechungsverfahrens wurde Petrus Canisius erst 1864 seliggesprochen, die Heiligsprechung erfolgte 1925. Das hielt die Freiburger Jesuiten nicht davon ab, sein Sterbezimmer bereits 1636 in eine Kapelle umzugestalten.

Es ist ein sehr schöner Zufall, dass man die Umrisse des Lebens von Petrus Canisius von seinem Geburtsort Nimwegen bis in seine letzte Lebensphase im schweizerischen Freiburg (und mehr als Umrisse waren es bisher nicht) anhand der beiden von ihm überlieferten Porträts entwerfen kann. Man kann dieses Leben mit ihrer Hilfe quasi aus seinem eigenen Blickwinkel ins Auge fassen, und zwar sogar zweimal. Einmal vom Blick nach vorn auf dem Jugendbildnis des Nimwegener Familienaltars aus den späten 1520ern: ein Blick, den der versonnene, noch nicht zehnjährige Peter Kanis mit seiner schon damals kaum zu bändigenden spirituellen Neugier in eine noch weitgehend ungewisse Zukunft wirft. Und dann vom Blick zurück auf dem Freiburger Altersbildnis des Kupferstichs aus den späten 1590ern: ein Blick, den der inzwischen berühmt gewordene alte Petrus Canisius auf ein intensiv gelebtes geistliches Leben auf der Bühne der frühneuzeitlichen Weltgeschichte wirft. Zwischen diesem erwartungsvollen Blick nach vorn und diesem resümierenden Blick zurück hat sich mehr abgespielt, als eigentlich in ein einzelnes Leben hineinpasst. Auf jeden Fall mehr, als man in ein möglichst kurz gefasstes biographisches Porträt über diesen Wanderer zwischen den Welten hineinschreiben kann. Versuchen wir es trotzdem.

2. Kapitel

Ein Beinahe-Kartäuser: Petrus Canisius und der mystische Drang nach innen

Aus Petrus Canisius wäre ein ganz ausgezeichneter Kartäusermönch geworden. Sein spiritueller Mentor Nikolaus van Essche, der ihn 1536 unter seine Fittiche genommen hatte, als er als kaum Fünfzehnjähriger zum Studium nach Köln gekommen war, dürfte schon sehr früh erkannt haben, dass er es mit einem jungen Mann zu tun hatte, dem es mit seinem Entschluss zu einem religiösen Leben blutig ernst war. Und wo hätte so jemand ernsthafter religiös leben können als in einem Kartäuserkloster!

Da war einmal die kompromisslose spirituelle Disziplin der Kartäuser, die der religiösen Leistungsbereitschaft des jungen Peter Kanis sehr entgegenkam. Peter Kanis war zutiefst davon überzeugt, dass zu einem echt religiösen Leben nicht nur das gläubige Vertrauen in die Gnade Gottes gehörte. Ein religiöses Leben umfasste auch und sogar in erster Linie die mühsame praktische Vorbereitungsarbeit auf diese Gnade Gottes. Martin Luthers vehement vertretene Option, dass man ganz von der „Leistungsfrömmigkeit“ weg- und „zur Glaubens- und Gnadenfrömmigkeit“98 hinkommen müsse, hat er dementsprechend für eine grundlegende Verirrung gehalten. Religion bedeutete nach seinem Verständnis vor allem unermüdliche harte Arbeit an sich selbst – eine Arbeit, die man nicht einfach durch den Verweis auf die alleinwirksame göttliche Gnade aushebeln durfte. Noch nicht zwanzigjährig hat er im Jänner 1541 in diesem Sinne an seine Schwester Wendelina geschrieben, „daß Gebete Deine vollkommene Besserung nicht bewirken werden, wenn Du nicht Dein träges Herz auf die Gnade vorbereitest, um die Du Gott bittest“. Es waren, wie er sie ermahnte, ernsthafte „geistliche Übungen“ notwendig, um „zu verkosten, wie süß und liebenswürdig Gott ist“99.

Das war nicht nur ein frommer (und etwas altkluger) Ratschlag an seine Schwester, das war auch der Grundsatz seiner eigenen religiösen Praxis. Während seiner Kölner Studienzeit hielt er sich in einem Merksatz dementsprechend immer und immer wieder selbst vor, dass rastloses „Streben und Mühen“ notwendig waren, wenn man wie er den Ehrgeiz hatte, „Gott gefallen zu wollen“100. Dieses Streben und Mühen beinhaltete dem katholischen Zeitgeschmack entsprechend auch körperliche Selbstdisziplinierung. Peter Kanis war hier ganz ein Kind seiner Zeit: Er griff ganz selbstverständlich auch auf Techniken der körperlichen Selbstdisziplinierung zurück, um in sich Neigungen abzutöten, von denen er vermutete, dass sie ihn von seinen geistlichen Ambitionen ablenken könnten. Sein teilweise exzessives Fasten ist vielfach belegt; schon als Kind hat er freiwillig ein härenes Büßerhemd getragen. Den postmodernen Kult um körperliche Gesundheit und Leistungsfähigkeit als Inbegriff eines gelungenen Lebens hätte er dementsprechend nicht verstanden. Ein gelungenes Leben war nach seiner Überzeugung vielmehr ein unermüdliches geistliches Leben auf der Suche nach Gott – und wenn einen körperliche Bedürfnisse von dieser Suche ablenkten, musste man selbstverständlich mit allen möglichen Mitteln gegen sie ankämpfen. Man konnte dabei eigentlich nicht streng genug sein. Was er 1586 im Alter von 65 Jahren an die adligen Stiftsdamen in Hall in Tirol schrieb, war auch schon in seiner Jugend seine tiefste Überzeugung gewesen: „Je strenger aber der mensch gegen jm selber ist […], souil mer thailt jme der gütig Got sein barmhertzigkhait, vnd verzeicht jme desto volkhumenlicher seine sind“101. Wirklich religiös zu leben, war harte Arbeit.

Die Kartäuser als die religiösen Spitzenathleten ihrer Zeit waren geradezu der Inbegriff dieser religiösen Leistungsbereitschaft des jungen Peter Kanis. Die üblichen Mönchsgelübde von Armut, Keuschheit und Gehorsam allein waren ihnen in ihrer religiösen Praxis seit jeher zu wenig gewesen: Das Leben eines Kartäusermönchs sollte grundsätzlich nichts anderes sein als eine große und unermüdliche geistliche Übung. Er musste sich zu diesem Zweck durch eiserne Selbstdisziplin ganz von der Welt abwenden und in immer neuen Anläufen bereitmachen für das eine große Ziel: die Begegnung mit Gott. Dabei durfte er sich von nichts und niemandem ablenken lassen – nicht von der sündigen und verdorbenen Welt, noch nicht einmal von seinen Mitbrüdern im Orden. Darum lebten, aßen, arbeiteten und beteten die Kartäuser im Wesentlichen allein. Sie waren keine Kirchenfürsten, keine Grundherren und auch keine Hofkapläne; sie waren keine Prediger, keine Seelsorger und auch keine Lehrer. Sie waren einsame Gottsucher, die bereit waren, sich rund um die Uhr nichts anderem zu widmen als einer rigorosen religiösen Praxis in Gebet, Meditation und geistlicher Lektüre. Diesem Programm war der Kartäuserorden, dieser „durch strenge Askese und Schweigegebot strengste Orden überhaupt“102, seit seiner Gründung am Ende des 11. Jahrhunderts und damit beinahe ein halbes Jahrtausend lang beharrlich treu geblieben, als Peter Kanis ihm in den 1530er Jahren begegnete. Andere Orden mochten regelmäßige und oft sehr schmerzhafte Reformen nötig haben, um immer wieder zu sich selbst und ihrer spirituellen Berufung zurückzukehren, weil sie sich zu sehr auf die Welt und zu wenig auf Gott eingelassen hatten; die Kartäuser nicht. Das wurde sogar sprichwörtlich: „Der Kartäuserorden wurde niemals reformiert, weil er niemals deformiert wurde.“103

Die Kartäuser waren für Peter Kanis aber nicht nur wegen ihrer außerordentlichen asketischen und spirituellen Disziplin und Leistungsbereitschaft attraktiv. Sie hatten sich in den 1520er und 1530er Jahren unter den Katholiken auch einen ausgezeichneten Ruf wegen ihrer unerschütterlichen Rechtgläubigkeit und Standfestigkeit in ihren katholischen Überzeugungen erworben. Während in anderen Orden ganze Massen von Mönchen und Nonnen unter dem Eindruck des Mönch-Reformators Martin Luther und seiner Mitstreiter ihre Klöster verlassen hatten, waren die Kartäuser der katholischen Sache im Wesentlichen vorbehaltlos treu geblieben. Besonders berühmt waren in diesem Zusammenhang die Londoner Kartäuser geworden. Sie hatten die Errichtung einer vom Papst getrennten englischen Staatskirche durch König Heinrich VIII. abgelehnt und waren dafür zwischen 1535 und 1537 nach mehreren politischen Schauprozessen hingerichtet worden.

Es war genau die Zeit, in der sich auch der Teenager Peter Kanis immer klarer wurde, dass ihm seine religiösen Überzeugungen ähnlich wichtig waren. Das hatte in seinem Fall zwar nicht das Martyrium bedeutet. Aber er war am Ende der 1530er Jahre doch im Begriff, sein bisheriges Leben als wohlhabender Nimwegener Patriziersohn mit glänzenden Aussichten auf eine erfolgreiche großbürgerliche Zukunft wegen seiner religiösen Überzeugungen aufzugeben. Wie bei den Londoner Kartäusern waren das nicht irgendwelche religiösen Überzeugungen; es war keine jugendliche Aussteigerspiritualität, die ihn zu diesem Schritt motivierte. Er war vielmehr zutiefst von der Überzeugung durchdrungen, dass nur der Glaube der römischen Kirche der wahre christliche Glaube war. Genau für diesen Glauben war er bereit, sein bisheriges Leben vorbehaltlos aufzugeben. Als etliche Jahre später das Gerücht gestreut worden war, dass der katholische Vorkämpfer Petrus Canisius nun doch zur Reformation übergelaufen sei, goss er diese feurige Überzeugung von der Heilsnotwendigkeit der katholischen Kirche, für die sogar der Einsatz des eigenen Lebens kein zu hoher Preis war, in ein entsprechend feuriges Bekenntnis, das er erstmals 1571 und dann immer wieder als Anhang seiner Bücher abdrucken ließ: „Der römischen Kirche, die alle diese Lästerer verachten, […] gehörte ich an und von ihrer Autorität entferne ich mich nicht eine Hand breit: um für sie Zeugnis abzulegen, bin ich bereit, mein Leben hinzugeben und mein Blut zu vergießen“, denn „ich habe die völlige Gewißheit, daß nur in der Einheit mit ihr die Verdienste Christi, des Herrn, und die Heilsgaben des Heiligen Geistes sich auf mich und die anderen Menschen verströmen.“104 Dass der unerschütterliche katholische Bekennermut der Kartäuser einen Katholiken von dieser Machart sehr beeindruckt haben dürfte, ist naheliegend.


In Köln hat Petrus Canisius nicht nur studiert und entscheidende spirituelle Impulse aus dem Umfeld der dortigen Kartause erhalten. Er hat dort mit seinem Erbe auch die erste Jesuitenniederlassung im römisch-deutschen Reich errichtet.

Ausschnitt aus der Großen Ansicht von Köln von Anton Woensam, 1531.

Die Kartäuser waren für den jungen Peter Kanis aber nicht nur wegen ihrer beinharten asketischen Disziplin und ihrer unerschütterlichen katholischen Rechtgläubigkeit eine naheliegende Option für das vorbehaltlos religiöse Leben, nach dem er sich sehnte. Mehr als von all dem fühlte er sich von der tiefen Innerlichkeit ihrer Ordensspiritualität angezogen. Der Kartäuserorden bestand nämlich keineswegs nur aus Mönchen, die „härter als Stein“ waren und „weder mit sich selbst noch mit denen, die mit ihnen leben, Mitleid“ hatten.105 Tatsächlich war das spirituelle Profil der Kartäuser auch und vielleicht sogar in erster Linie geprägt von einer außergewöhnlichen Feinfühligkeit für die Intimität der persönlichen Gotteserfahrung.106 Schon im Spätmittelalter hatten sich dementsprechend Kartäusergemeinschaften intensiv mit mystischen Strömungen im Umfeld der Devotio moderna verbunden.107 Im Fokus dieser in erster Linie im niederrheinisch-flämischen Raum verbreiteten Frömmigkeitsbewegung standen spirituelle Praktiken, die vor allem auf die unmittelbare Begegnung des einzelnen Gläubigen mit Gott abzielten und ursprünglich besonders intensiv von Laien kultiviert worden waren. Das war zwar keine religiöse Biedermeierei, die Religion aus dem öffentlichen Raum herauslösen und auf den privaten Raum beschränken wollte; die Ordens- und Kirchenreform war ganz im Gegenteil ein großes Anliegen der Devotio moderna. Aber es ging doch um eine bewusst ich-zentrierte Religiosität. Die individuelle Begegnung mit dem geheimnisvollen Gott im Inneren der eigenen Erfahrungswelt ohne gesellschaftliche, ja in gewisser Weise sogar ohne kirchliche Hilfsmittel war das eigentliche Ziel.

Diese individuelle Begegnung wurde naheliegenderweise in erster Linie durch religiöse Übungen gesucht, die den Einzelnen zu einer eigenverantwortlichen und höchstpersönlichen Frömmigkeitspraxis herausforderten: Andachtsübungen im Umfeld der Passionsfrömmigkeit sollten das innerliche Mitgefühl für den leidenden Christus anregen; die Praxis des inneren Gebets sollte über auswendig gelernte Gebetsformeln hinausführen und dabei helfen, einen persönlichen spirituellen Stil zu entwickeln; die oft eifrig gepflegte fromme Lektüre sollte dabei unterstützen, sich in einsamer Zurückgezogenheit mit nichts anderem zu beschäftigen als der Bedeutung der christlichen Botschaft für das eigene Leben. Diese stark auf die individuelle Glaubenspraxis bezogenen spirituellen Techniken passten perfekt zum traditionellen kartäusischen Ordensideal der einsamen Gottsuche.108 Sie wurden dementsprechend in vielen Kartausen mit Begeisterung aufgenommen und weiterentwickelt. Die Kartäuser wurden so innerhalb der katholischen Kirche zu den wahrscheinlich wichtigsten Trägern eines selbstbewussten mystischen Christentums, das Kirche nicht vor allem als hierarchische Institution oder als sakramentale Vermittlungsinstanz der göttlichen Gnade betrachtete, sondern in erster Linie als eine Gemeinschaft von engagierten Gottsuchern. Diesen Gottsuchern ging es darum, Gott nicht nur in gewissen abgezirkelten Lebensbereichen wie in der Liturgie oder in kirchlichen Ritualen zu begegnen,109 sondern ihr innerstes und intimstes Seelenleben zu einem Ort dieser Begegnung zu machen.

So ein Gottsucher wollte der junge Peter Kanis mit seinem „zur Mystik hinneigenden kontemplativen Naturell“110 auch sein – und er hatte Glück: Nicht nur war an seinem Studienort Köln eine Kartäusergemeinschaft angesiedelt, die das Zentrum der letzten großen Blüte der Devotio moderna am Niederrhein bildete und sich ganz auf eine solche mystische Form des Christentums eingelassen hatte. Vor allem war sein geistlicher Mentor Nikolaus van Essche dem „Herzen und der Freundschaft nach […] ein wahrer Kartäuser“111, der nur aus gesundheitlichen Gründen nicht in den Orden hatte eintreten können. Van Essche war bereits von entscheidender Bedeutung gewesen für die Anbindung der frommen Frauengemeinschaft um die berühmte Mystikerin Maria van Oisterwijk an die Kölner Kartause. Jetzt hatte er die Chance, auch ihren offensichtlich spirituell ebenso begabten Großneffen Peter Kanis, dem Maria noch im Kindesalter eine große Zukunft als religiöser Schriftsteller vorausgesagt hatte, ins kartäusische Leben der mystischen Gottsuche einzuführen. Und er war ein bemerkenswert hingebungsvoller spiritueller Begleiter. Er leitete Peter nicht nur durch ein striktes Programm aus täglicher Lektüre und Meditation der Bibel und durch regelmäßige geistliche Gespräche zu einem religiösen Leben an. Er warf sich selbst mit seiner ganzen Persönlichkeit in die Waagschale. Er „betete und weinte um mich, segnete und warnte mich, ermahnte mich in Wort und Schrift“112, erinnerte sich Petrus Canisius Jahrzehnte später an ihn zurück. Einmal nahm van Essche sogar die Mühe einer längeren Reise nach Nimwegen auf sich, um seinen Schützling auch in den Ferien mit Nachdruck daran zu erinnern, dass Schulferien nicht auch religiöse Ferien sein durften. Die Suche nach Gott duldete keine Pausen.

Dieses persönliche große Engagement verfehlte seinen Eindruck auf Peter nicht. Er war ja, wie er viele Jahre später im Rückblick feststellte, bereits mit der tiefen Sehnsucht nach Köln gekommen, endlich „eine bestimmte Lebensweise“ jenseits seiner großbürgerlichen Herkunft zu finden, „die mir zum Heil gereicht“113. Dass er sich in Köln bald immer stärker „zu dem frommen Leben der Ruhe und Beschauung, wie es die Kartäuser führen“114, hingezogen fühlte, war kein Zufall. Nikolaus van Essche, dieser Kartäuser ehrenhalber, hatte ganze Arbeit geleistet.

Als van Essche 1538 und damit nach nur etwa zwei Jahren als Peters spiritueller Ratgeber ins heute belgische Diest ging, um dort Pfarrer zu werden, war die Frage für ihn dementsprechend eigentlich nicht mehr, ob, sondern nur noch wann sein Protegé Peter den Schritt in den Kartäuserorden machen würde. Van Essche wusste ihn in Köln auch weiterhin in guten kartäusischen Händen, die das vollenden würden, was er begonnen hatte. Er hatte Peter mit den führenden Köpfen der Kölner Kartause bekanntgemacht. Hier fand dieser religiös hochbegabte Jugendliche Gesprächspartner, die ihn in persönlichen Begegnungen und besonders auch in ihren Schriften immer noch tiefer in die mystische Spiritualität der niederrheinischen Kartäuser einführten. Petrus Canisius bezeichnete sie später als „aufrichtige Freunde […], denen das Heil meiner Seele sehr am Herzen lag“115. Zu diesen Freunden gehörte der berühmte Prior Gerhard Kalckbrenner, der als Zentrum eines literarisch eifrig tätigen Zirkels von katholischen Widerständlern gegen die Reformation fungierte. Wohl noch bedeutender für die weitere spirituelle Entwicklung von Peter Kanis dürfte allerdings Kalckbrenners Vikar Johannes Justus von Landsberg gewesen sein. In seinen Schriften wurde vieles von dem vertieft, was Peter bei van Essche bereits gelernt hatte. Wie van Essche pflegte auch Landsberg eine mitunter geradezu grell anmutende Begeisterung für die Andacht zum leidenden und gekreuzigten Christus. Diese Begeisterung gehörte zum Grundbestand der kartäusischen Spiritualität in dieser Zeit. Versatzstücke dieser schon im Spätmittelalter äußerst beliebten Frömmigkeitsform haben Petrus Canisius wenig überraschend langfristig geprägt. Dass er im Oktober 1560 einem körperlich und geistig angeschlagenen Freund den Rat gab, er solle „sich eine Wohnung in den Wunden Christi“116 bauen, ist genauso auf diesem Hintergrund zu verstehen wie seine spätere Gewohnheit, jede seiner täglichen Gebetszeiten aus dem Brevier in Beziehung zu einer Dimension des Leidens Jesu zu bringen.117 Als seine leiblichen Brüder am Ende der 1570er Jahre wegen ihres katholischen Glaubens für eine kurze Zeit aus Nimwegen vertrieben worden waren, ermunterte er sie dazu,, „Trost in der Betrachtung des bittern Leidens Christi“ zu finden.118 Das war nach seiner Erfahrung der Königsweg, mit eigenem Leid umzugehen.

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