Kitabı oku: «Ich bin, was ich werden könnte»

Mathias Wais
Ich bin, was ich werden könnte
Entwicklungschancen des Lebenslaufs
Anregungen für die Biographiearbeit
1. Auflage 2001 im Verlag Joh. M. Mayer, Stuttgart
5. Auflage 2020 im Info3 Verlag, Frankfurt am Main
ISBN E-Book 978-3-95779-137-5
ISBN gedruckte Version 978-3-95779-128-3
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH
Cover: Houman Schroeder, Frankfurt am Main unter Verwendung eines Motivs von Jean Cocteau
Über dieses Buch
Individualität will gelebt sein. Sie entfaltet sich in der Zeit, in der Begegnung mit anderen Menschen und sie kann immer wieder neue Lebenswirklichkeiten schaffen.
Der Autor knüpft an alltägliche Begebenheiten an und zeigt, wie anhand von Gespräch und Übung mit Ruhe und Sicherheit, dem Neuen und Anderen Raum geschaffen werden kann. Kleine Fallbeispiele lassen erkennen, wie auch in Krisenzeiten in der Enttäuschung über Unerreichtes ein Zukunftskeim zu bemerken ist, der wachsen, blühen, gedeihen will und kann. Ein Buch, gesättigt mit Lebenserfahrung, das ganz ohne theoretischen Überbau konkrete Anleitungen für die eigene Arbeit an der Biographie und Lebenswirklichkeit bietet.
Über den Autor

Mathias Wais, geboren 1948, studierte Psycholgie, Judaistik und Tibetologie in München, Tübingen und Haifa und schloss als Diplom-Psychologe ab; eine psychoanalytische Ausbildung und Forschungen schlossen sich an. Zunächst Spezialisierung auf Neuropsychologie und Therapie von Hirnverletzten. Seit 1985 Arbeitsschwerpunkt Biographik, Biographie- und Erziehungsberatung und Leitung des Dortmunder Zentrums »Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene«; Autor von zahlreichen Sachbüchern.
„Das Wesen der Individualität ist auf Zukunft angelegt.“
Mathias Wais
Inhalt
Über den Umgang mit dem Labyrinth – ein Vorwort
Teil I
1 Das Zukunftselement in heutigen Schicksalen und die biographische Krise
2 Das individuelle Urbild
Teil II
3 Entwicklungsgesetze und ihre Bedeutung
Die Mondknoten
Das zwölfte Lebensjahr und der Zwölfer-Rhythmus
Der Fünfer- und der Zehner-Rhythmus
Zur Bedeutung der Zahlenverhältnisse
4 Die Lebensmitte und ihre Krise
5 Die Bedeutung der Jahrsiebte
6 Die vierfache Ich-Frage – Zur biographischen Bedeutung der Pubertät
7 Der Doppelgänger I
Seine Entstehung
8 Der Doppelgänger II
Seine Sprache
9 Der Doppelgänger III
Zwischen Heimat und Heimatlosigkeit
10 Geistige Wesen in der Biographie I
Das Helle und das Dunkle
11 Geistige Wesen in der Biographie II
Chronos und Kairos
12 Versuch über das Böse in der Biographie
13 Das Stauungsphänomen
14 Das Polaritätsphänomen
15 Das Verdopplungsphänomen
16 Über das schrittweise Eintreten von Ereignissen
17 Sprache des Anfangs I
Zur Signatur der Geburtssituation
18 Sprache des Anfangs II
Die Bedeutung der landschaftlichen Herkunft
19 Sprache des Anfangs III
Der erste Moment einer Begegnung
20 Verbindung und Trennung
21 Biographie heute – Der Einzelne und die Gemeinschaft
Teil III
22 Über Zufall und Sinn
23 Wege zum Sinnverständnis moderner Lebensläufe
24 Das Beratungsgespräch als Biographiehilfe
25 Der Weg der Übung
26 Vorbereitung auf die Biographiearbeit
27 Über den Umgang mit biographischer Erkenntnis
28 Zur Frage der Berechtigung der Biographiearbeit
Anmerkungen
Herangezogene Literatur
Uwe Meinardus Biographiearbeit und Psychotherapie – schwierige Verwandte oder freundliche Nachbarn?
Über den Übergang mit dem Labyrinth – ein Vorwort
Eigentlich geht man durch das Leben wie durch ein Labyrinth – irgendwie kommt man schließlich durch, hinterher aber wüsste man kaum zu sagen wie. Viele Werke der Mythologie und Kunst scheinen mir diesen Sachverhalt anzusprechen. Es gibt Kunstwerke, die das Thema des Labyrinths zu einem Bild, zu einem Moment verdichten. So habe ich in dieser Hinsicht zum Beispiel Wesentliches in dem Film Orlando (nach dem Roman von Virginia Woolf) von Sally Potter erfasst.
Biographiearbeit und Biographieberatung, wie sie in den letzten Jahren aufgekommen sind, stellen leider keine Hilfe dar, besser durch das Labyrinth zu kommen. Und was hieße auch besser?Würde man mit einem Konstruktionsplan in der Hand durch das Labyrinth gehen, so gäbe es die Befreiung, die Überraschung nicht, doch wieder ein Stück weitergekommen zu sein. Diese Überraschung ist es aber, die Hoffnung gibt.
Wir wissen eigentlich kaum etwas über das Labyrinth, durch das wir – manchmal amüsiert, manchmal verzweifelt, manchmal tatkräftig, manchmal mutlos – hindurchzukommen versuchen. Das einzige, was wir wissen, ist, dass es immer weitergeht. Mit Weitergehen meine ich das Herauskommen aus Katastrophen, aus dem Scheitern, auch aus dem Glück, das – wie es Sigmund Freud formulierte – ein episodisches Phänomen ist. Die Frage ist also: Woher wissen wir, dass es immer weitergeht? Oder was liegt vor, wenn wir dieses Wissen – etwa in einer uns ausweglos erscheinenden Situation, einer zermürbenden Ehekrise oder einer inneren Einsamkeit – verlieren?
Wer konstruiert eigentlich dieses Labyrinth? Eine einfache Antwort wäre: der liebe Gott. – Aus der jahrelangen Beratungspraxis und der beratenden Begleitung von Menschen in Lebenskrisen habe ich jedoch den Eindruck gewonnen, dass der Sachverhalt in einer skandalösen Weise komplizierter ist: Wir sind es selbst, die das Labyrinth ständig, im Vollzug sozusagen, konstruieren. Unser Ich ist es. Da muss es, von unserem Alltags-Ich unbemerkt, eine Instanz in uns geben, die, unsere Vergangenheit und Zukunftsmöglichkeiten überschauend, unser Schicksal schafft. Deshalb also, weil wir es selbst schaffen, wissen wir, dass es in unserem Labyrinth immer weitergeht.
Wieso tut jenes Ich – nennen wir es, weil es ja nicht das alltägliche Ich ist, das »Höhere Ich« – das? Offenbar verfolgt es Ziele und Aufgaben und führt uns in Begegnungen, durch Schicksale, auch durch die Banalitäten des Alltags. Der erste Teil des Buches handelt von diesem Höheren Ich.
Biographiearbeit und Biographieberatung gehen ja nicht von der Frage aus: Wie hätten Sie’s denn gern? Sie können keine Tips geben, wie man etwa schneller oder mit weniger Aufwand durch das Labyrinth käme. Die Aufgabe der Biographieberatung ist eine andere. Sie kann, anhand konkreter und alltäglicher Lebensfragen und Lebenskrisen, uns mit dem Gedanken vertraut machen, dass wir es selbst sind, die laufend das Labyrinth konstruieren. Sie kann damit etwas an der Haltung ändern, mit der wir durch das Labyrinth gehen; nichts dagegen an der Tatsache, dass wir durch ein Labyrinth gehen. So versucht der zweite Teil, anhand einiger biographischer Phänomene zu zeigen, nach welchen Gesichtspunkten wir unser Labyrinth konstruieren. Wenn es gelingt, so taucht im Beratungsgespräch eine Idee, eine handlungsrelevante Perspektive davon auf, dass die Konstruktion des Labyrinths sinnvoll ist, weil sie unsere ist, uns eigen ist.
Der dritte Teil handelt davon, wie man als Beraterin oder Berater zu einem Verständnis des individuellen Labyrinths kommt und wie man das dem nach Rat Suchenden vermittelt. Für beide, für ihn wie für den Berater, handelt es sich – um dies vorwegzunehmen – nicht um intellektuelle Akrobatik oder psychologisch analysierende Akribie, sondern um einen Übungsweg. Der Beratende, der einen individuellen Lebensgang verstehen will, geht einen inneren Übungsweg, und der Betroffene, der ein Verständnis seines Labyrinths und Gesichtspunkte dafür sucht, wie er sich aktiv handelnd, statt passiv erleidend weiterbewegen kann, muss ebenfalls einen Übungsweg gehen.
Was mein eigenes Verständnis von Lebensläufen und Lebenskrisen betrifft, so habe ich es zunächst den Menschen zu verdanken, die als Ratsuchende zur Biographieberatung kommen. Im Gespräch mit ihnen kann, wenn es gut geht, dieses Element der Überraschung auftauchen. Es entsteht dann plötzlich eine Perspektive auf die aktuelle Lebenskrise, auf den Lebenslauf selbst, die zuvor keinem der Gesprächspartner bewusst gewesen ist.
Sodann gehe ich bei meiner Arbeit von einem anthroposophischen Menschenbild aus – so wie ich es eben verstehe. Es ist nach meiner Kenntnis das modernste und differenzierteste Menschenbild, das die geistige Sphäre des Menschen einbezieht. Dabei fühle ich mich folgenden Autoren verbunden: Bei Rudolf Frieling, dem christlichen Gelehrten und Pfarrer, lerne ich die Genauigkeit der Phänomenbetrachtung, das Ernstnehmen des »Textes«, hier: der biographischen Phänomene, so wie sie sich eben darstellen. Bei Friedrich Weinreb, dem jüdischen Gelehrten und Mathematiker, lerne ich das Denken in Zwischenräumen. Weinreb hat, anknüpfend an die kabbalistische Tradition, immer wieder die Wirkung der Sphäre des Geistigen bis ins Buchstäbliche und Tägliche hinein gezeigt und verständlich gemacht, wie das Wesentliche und Eigentliche zwischen den Dingen liegt. Für das Lernen bei Frieling wie bei Weinreb wie aber auch bei allen anderen Autoren, die ich heranziehe (Viktor Frankl, Bernard Lievegoed, Hans Schauder), gilt, dass man ihre Arbeit und ihr Denken nicht einfach übernehmen kann. Man muss etwas Eigenes daraus machen. Und insofern ist das Buch, wenngleich mitgeprägt von den genannten Menschen, doch wieder subjektiv, persönlich und damit einseitig. Es gibt nur meine derzeitige Sicht der Dinge wieder, und insofern kann es sich nur um einen Werkstattbericht handeln.
Von da aus ergibt sich mir auch die Berechtigung, nicht alles hier in Frage Kommende in Vollständigkeit darstellen zu müssen. Vieles ist unvollständig. So hatte ich auch nicht das Bedürfnis, zu den einzelnen Themen jeweils alles zu referieren, was man darüber anderswo nachlesen kann. Zum Beispiel behandeln die Kapitel über den Doppelgänger nur einige Aspekte dieses Themas. Selbstverständlich ist es sinnvoll, dazu all das Umfangreiche nachzulesen, was man diesbezüglich bei Rudolf Steiner und in der sonstigen anthroposophischen und nicht-anthroposophischen Literatur nachlesen kann. Der Charakter des Werkstattberichts mag es auch akzeptabel machen, dass in diesen Beiträgen zur Biographik ausgerechnet Ausführungen über karmische Zusammenhänge fehlen. Dies liegt daran, dass für mich dieser zentrale Themenbereich in der Praxis kaum handhabbar ist. Und ein bloßes Referieren von dazu vorhandener Literatur erschien mir nicht sinnvoll.
Erwähnen möchte ich noch, dass eine weitere Quelle meiner biographischen Verständnisbemühungen die – durch keinerlei kunstwissenschaftliche Vorbildung getrübte – Auseinandersetzung mit Werken der modernen Kunst ist. In der jahrelangen Beschäftigung mit dem Werk etwa Alexej Jawlenskys, Camille Claudels, Phillip Glass’, Béla Bartóks oder Wilhelm Lembrucks habe ich, so scheint es mir, mehr über die menschliche Entwicklung und das Lebenslabyrinth gelernt als im Studium der Psychologie. Zu solcherart fruchtbaren Kunstwerken zähle ich neben dem schon erwähnten Film Orlando (die Buchvorlage von Virginia Woolf hat einen anderen Akzent als der Film) auch den Film Le Bal, der davon erzählt, wie rätselhaft gleich man sich doch über die Jahre, Jahrzehnte und über die verschiedenen Erdengänge bleibt – bei allem Weiterschreiten, bei aller Entwicklung.
Dankbar für das anhaltende Interesse der Leser und mit Unterstützung durch den Verlag Johannes Mayer, Stuttgart, bringe ich dieses Buch in einer leicht überarbeiteten und um vier Kapitel erweiterten Fassung neu heraus.
Im Januar 2001
Mathias Wais
Teil I
Coming
I am coming! I am coming!
I am coming through!
Coming across the divide to you
In this moment of unity
Feeling an ecstasy
To be here, to be now
At last I am free
Yes at last, at last
To be free of the past
And of a future that beckons me
I am coming! I am coming!
Here I am!
Neither a woman, nor a man
We are joined, we are one
With a human face
We are joined, we are one
With a human face
I am on earth
And I am in outer space
I’m being born and I am dying
Sally Potter,
Schlussgesang aus Orlando
1
Das Zukunftselement in heutigen Schicksalen und die biographische Krise
Unter welchem Gesichtspunkt wird man einen Lebenslauf sinnvollerweise betrachten? Zunächst scheint es nahezuliegen, den schon abgeschlossenen Lebenslauf etwa einer Künstlerpersönlichkeit aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts oder den sich gerade entfaltenden Lebenslauf eines Zeitgenossen unter einem historischen Gesichtspunkt anzuschauen: Wie ist alles geworden? Wie kam der Künstler zu seiner Malweise, mit welchen Stilrichtungen hatte er Berührung, mit welchen Kollegen sich auseinandergesetzt, aus welchem persönlichen Erleben hat er ein bestimmtes Thema in seinen Bildern immer wieder aufgegriffen? Oder: Wie kommt es, dass mein Nachbar nicht verheiratet ist und allein in dem großen Haus wohnt? Welche Beziehungserlebnisse haben ihn dazu gebracht? Wie war das mit seinen Eltern? Was haben sie ihm hinsichtlich der Belastbarkeit von Beziehungen vorgelebt?
So könnte man fragen. Das wäre eine historische Frageweise: Wie ist es dazu gekommen, dass es jetzt so mit meinem Leben steht? Man stellt, wenn man historisch fragt, die Frage nach der Ursache, nach der Verursachungskette. Wieso ist es so, wie es ist? Und man sucht die Ursachen in der Vergangenheit.
Es war eines der großen Verdienste der Psychoanalyse, dass sie kausale Zusammenhänge zwischen Erwachsenenleben und Kindheitserlebnissen aufzeigen konnte. Mittlerweile gehört es zum allgemeinen Bildungsgut, seelische und zwischenmenschliche Gegebenheiten kausal-logisch anzuschauen: Weil mein Vater mich damals nicht ernstgenommen hat, deshalb traue ich mir heute nichts zu. – Weil der Maler X zwei Jahre die Malschule von Y besuchte, deshalb hat er später diesen Malstil entwickelt.
Seit rund hundert Jahren scheint die historische Betrachtungsweise zunehmend nicht mehr auszureichen, um Lebensläufe zu verstehen. Diese kausal fragende, nach einer Verursachungskette fragende Sicht hat sich als richtig und wichtig herausgestellt. Aber sie kann nur begrenzt sichtbar und verstehbar machen, wie sich der moderne Mensch in seinem Lebenslauf individualisiert.
Lebensläufe waren bis in die jüngste Vergangenheit, von einigen Ausnahmen – Künstlern insbesondere – abgesehen, nur wenig individuell. Sie waren vor allem typenhaft und vorgezeichnet. Sie waren auch gar nicht dazu geeignet, in ihnen so etwas wie Individualisierung zu suchen. Und weil sie hauptsächlich typenhaft, gruppenhaft, klassen- oder ständetypisch waren, war ihr Ablauf aus der Vergangenheit bestimmt: aus den althergebrachten Werten und Traditionen. – Wieso bist du ein Schuster? – Weil mein Vater ein Lederhändler war. – Wieso hast du diesen Mann geheiratet? – Weil unsere Eltern befreundet waren und nebeneinander wohnten.
Insofern ein solcher Lebenslauf »typisch« ist und man, vor allem, »Typisches« in ihm erwartet, reicht die historische Betrachtungsweise aus. Insofern aber seit dem 20. Jahrhundert Lebensläufe immer mehr das Typische verlieren und zunehmend Individualisierung im eigenen Lebenslauf gesucht wird, braucht es noch einen weitergehenden Gesichtspunkt, wenn wir einzelne Biographien in ihrer individuellen Gestaltung verstehen und sie beratend begleiten wollen.
Biographiearbeit, Biographieberatung ist in den letzten Jahren nicht entstanden, um bessere Erklärungen für einzelne Lebensläufe zu finden, sondern aus dem Wunsch heraus, Biographien als etwas Zielgerichtetes anschauen zu können. Es wuchs das Bedürfnis nach einer Sichtweise oder Haltung, die es erlauben würde, Biographien auf ihre Sinnhaftigkeit befragen, miterleben und beratend begleiten zu können.
Dieses Bedürfnis, einen Sinn im Lebenslauf erkennen und das Leben auch nach diesem Sinnverständnis führen zu können, spitzt sich natürlich in drängender Weise zu, wenn man in eine persönliche Krise gerät, wenn man nicht mehr weiter weiß. Dann will man eben nicht bloß wissen: Wie ist es nur dazu gekommen, dass ich nun so übel dran bin? Sondern man will heraus aus dieser Krise, man will ihren Zusammenhang mit der Fortführung des eigenen Lebens sehen. Man fragt nach ihrem Sinn. Und das Bedürfnis nach einer Antwort hat enorm zugenommen.
So kommt Herr K. zur Beratung mit der Frage, was er wohl falsch gemacht habe: Ihm ist, fast fünfzigjährig, zum ersten Mal in seinem Leben gekündigt worden. Voraus ging eine eskaliernde Distanzierung seitens der – meist jüngeren – Kollegen. Er wurde »gemobbt«, immer mehr abgeschnitten vom Informationsfluss der betrieblichen Abläufe, auch vom sozialen Leben im Betrieb und schließlich mit lächerlichen Beschäftigungsaufträgen gedemütigt. Herr K. sucht in der Beratung Orientierung in einem Augenblick, da ihn sein Weg in eine Sackgasse geführt zu haben scheint und noch nicht annähernd erkennbar ist, wie es mit ihm weitergehen könnte.
Wie weit ist ihm geholfen, wenn man nun für seine Situation nach kausalen Erklärungen sucht? Vielleicht lässt sich als »Ursache« des Problems seine Herkunftsfamilie heranziehen: Herr K. wuchs in einer sogenannten Patchwork-Familie auf, von der er sich ausgegrenzt fühlte. Die leibliche Mutter, der Stiefvater und die zwei Stiefbrüder schienen ihm eine verschworene Einheit zu sein, vor der er sich klein, unbedeutend und überflüssig vorkam. – Aber inwieweit könnten solche »Erklärungen« dafür ausreichen, erkennen zu können, wie es weitergehen kann? Die wirklich handlungsrelevante Frage ist ja nicht »Wo kommt das her?« sondern »Wo will das hin?« Und: Welchen Stellenwert, welche Bedeutung hat diese Krise innerhalb des gesamten Lebenszusammenhangs? Wie steht sie in Bezug zu den anderen Lebensfeldern von Herrn K.? Welchen Sinn hat die Krise? – Sie wirft also eine Frage nach der Zukunft auf.
Viele Menschen suchen heute in einer solchen oder ähnlichen Krise Beratung. Eine Lebenspraxis, die bisher getragen hat oder jedenfalls zu ertragen war, trägt nicht mehr; Lebenszusammenhänge, eine Partnerschaft, ein berufliches Engagement, die über Jahre Sicherheit gegeben haben und wie selbstverständlich zum eigenen Leben gehörten, werden plötzlich fremd und zuwider. Man empfindet sich in ihnen nicht mehr zu Hause. Bewährte Strategien der Konfliktbewältigung greifen nicht mehr. Es reicht jetzt nicht mehr aus, nach jedem Streit mit der Ehefrau »schön essen« zu gehen, nach dem Misserfolg im Beruf »ein paar Tage« wegzufahren oder andere zu beschuldigen. Früher gemachte Erfahrungen sind nicht mehr anwendbar. Das ist die Situation der Krise. Und solchen Krisen, Einschnitten und Eskalationen gegenüber bedarf es heute solcher Fragen wie: Was will daraus werden? Wo will das hin? Was möchte da werden, das ohne diese Krise offenbar nicht werden könnte?
Man kann ein Kunstwerk, das Bild eines Malers auch so anschauen: Was wird sein nächstes Bild sein? Wo will er hin damit? Was sucht er, indem er dieses Bild so malt? Jedes Bild, jede Momentaufnahme eines Lebenslaufs kann als ein suchender Anfang gesehen werden – wenngleich es auch richtig ist, dass jedes Bild und jede Momentaufnahme eines Lebenslaufs auch ein Angelangt-Sein bedeutet.
Und gerade dieser vorwärts gerichteten fragenden Haltung bedürfen moderne Lebensläufe. Denn heutige Biographien spulen sich nicht mehr in vorgezeichneten Bahnen ab. Sie müssen zunehmend aktiv, gestaltend in die Hand genommen werden. Das Leben muss heute geführt werden.
Das kann aber nur mit Blick auf weiterführende Wege geschehen. Dieser Blick eröffnet die Sinnfrage und enthält ein aufrichtendes Element. Denn indem ich die zukunftsgerichtete Sinnfrage stelle, begegne ich mir schon wieder als aktiv Handelnder. Jetzt bin ich heraus aus dem passiven Erleiden der Krise. Die in die Zukunft gerichtete Frage erlaubt den Blick auf den aktiven eigenen Anteil daran, dass es weitergeht. Das ist das aufrichtende Element. Der Erklärung suchende Blick in die Vergangenheit dagegen führt zum Selbstbild des Erlitten-Habenden.
Es geht also darum, ein vorwärts gerichtetes, aufrichtendes Element aufzusuchen, wenn wir moderne Lebensläufe betrachten, und zu lernen, dieses Element anzusprechen und aufzurufen, wenn wir Biographien beratend begleiten wollen. Es kommt nicht auf den lückenlosen Zusammentrag von Lebensdaten an, sondern auf die Krisenpunkte, Wendepunkte, Entscheidungssituationen, Einschnitte, Wechsel, kurz: Übergänge in einem konkreten Lebenslauf, wenn wir verstehen wollen, worauf er hinaus will. In den Übergängen spricht sich etwas von dem aus, was erst noch werden will. In ihnen ist immer damit zu rechnen, dass sich da jemand zu sich selbst aufzurichten versucht. Da wächst einer für einen kurzen Moment über sich hinaus. Da erscheint für einen Moment ein »roter Faden«, ein Sinnzusammenhang, und man ahnt, wofür sich jemand all diese Schwierigkeiten aufhalste. Etwas von den Lebenszielen kann in solchen Übergangsmomenten sichtbar werden.
Die Krise beginnt meist mit dem Gegenteil dessen, worauf sie hinaus will. Zunächst geht alles lange Zeit gut. Dann geht es schief. Dann ist die Ohnmacht da, eine elementare Ohnmacht: Man weiß nicht mehr, wie es weitergehen soll. Es ist eine Ohnmacht vor sich selbst. Solange man sich noch – in der Krise, wenn alles schief läuft – über den Ehepartner, die Kinder, die Schwiegermutter ärgert, hat man den Punkt noch nicht erreicht, der hier als Ohnmacht angesprochen wird. Erst wenn man empfindet, dass der Kern der Krise eine Ohnmacht vor und mit sich selbst ist, dass man an sich selbst ohnmächtig ist, dass man vor sich selbst darniederliegt in einem Versäumnis, einer Schuld, einem Versagen, einer Illusion – erst dann ist eine Öffnung der Situation möglich, aus der Anschluss an die Sphäre der Aufrichtung gefunden werden kann. Und dies entsteht nicht in erster Linie durch die Erklärung, wie es nun zu dieser schlimmen Situation gekommen ist, vielmehr liegt das Weiterführende in der Einführung eines Neuen: im Anerkennen des Veraltet-Seins dessen, was bisher gegolten hat, und in der Bereitschaft zu Neuem. Wo man von sich selbst enttäuscht und vor sich selbst ohnmächtig ist, entsteht die wesentliche Frage, die weiterführt: Wer bin ich wirklich? Wer bin ich über das hinaus, was ich an mir kenne und was sich – bis zu dieser Krise – an mir bewährt hat? Wer bin ich über all die Besitztümer, Kenntnisse und Fähigkeiten hinaus, mit denen ich es doch so weit gebracht habe, mit denen ich mich so stark identifizierte, die mir aber doch in dieser Krise nichts nützen?
Das ist keine Frage, die sich mit einem psychologischen oder charakterologischen Gutachten beantworten ließe. Es ist die Frage: Was bin ich noch nicht, das ich aber sein könnte? Es ist die Frage nach der Entwicklungsmöglichkeit, der Entwicklungsnotwendigkeit. Das Individuum ist heute etwas, das sich immer noch entwickelt. Es ist nie fertig, ausgereift. Das Individuum ist etwas, das sich über seine verflossene Geschichte hinaus in der Zukunft erst noch sucht.
Ein erhöhtes Bei-Sich-Sein, wie es sich nach einem vollzogenen Entwicklungsschritt immer einstellt, entsteht aus dem Sich-Aufrichten gegen Widerstände und Hindernisse, zumeist innerer Art. Sie müssen nicht auf Anhieb als solche erkennbar sein. Sie können zum Beispiel auch die Form von Gewohnheiten haben, die in der Krise am Umdenken und neuen Handeln hindern. Auch Gefühlsprägungen aus früher Kindheit können zu Hindernissen werden, wenn nun eine unbefangene Sicht der aktuellen Lebenssituation erforderlich wäre. Widerstände gegen Entwicklungen können auch in der Selbst-Täuschung liegen: Man macht sich etwas vor über seine sozialen Fähigkeiten oder seelischen Kräfte und gelangt dadurch nicht zu einer realistischen Sicht der Dinge. Aber auch Fähigkeiten, Kompetenzen und Erfahrungen können unter Umständen Hindernisse darstellen: Man versteift sich in der Krise darauf, bisher bewährte Fähigkeiten heranzuziehen; aber sie nützen nichts mehr.
Diese Ich-Qualität, das Element der Aufrichtung anzusprechen und aufzurufen, ist dann die Aufgabe der Biographieberatung: Wohin strebst du mit dem, was dir jetzt an Fähigkeiten und Unfähigkeiten, an Sicherheiten und Unsicherheiten gegeben ist? Durch welches Handeln kannst du dich an die Aufrichtekraft anschließen?
In der Biographieberatung soll das Individuelle in seinem Zukunftscharakter angesprochen werden. Das Individuelle ist noch nie ganz da. Es auf seinem Weg zur Ganzheit beratend zu begleiten, ist Inhalt der Biographieberatung. Diese fragt nicht: »Wie hätten Sie’s denn gern?« sondern: »Wie können Sie angesichts der Ihnen jetzt gegebenen Situation sinnstiftend Ihr Leben weiterführen?« So ist Biographieberatung eine Art Entwicklungshilfe für das Individuelle und Einmalige eines Menschen. Die biographische Krise ruft nach einem aktiven Ergreifen des Schicksals, nach Schicksalsgestaltung. »Erkenne dich selbst« und »Ergreife dich selbst« – das ist heute das gleiche. Biographieberatung soll eine hinweisgebende Hilfeleistung sein auf dem meist langen und mühseligen Weg der tätigen Selbsterkenntnis.
Und es geht, ausgelöst zumeist durch Krisen oder Übergänge, um eine Selbsterkenntnis, die sich in erster Linie auf die Zukunft richtet, auf das, was ich noch nicht bin. Dieses Selbst, das sich da erkennen will oder soll, entsteht in gewisser Weise erst in dem Moment des Sich-Aufrichtens und Sich-Aufraffens. Erkennen und Gestalten sind hier eins.
So mag es auch in dem angeführten Fall weniger darum gegangen sein, durch die lebensgeschichtliche Analyse eine genaue Erklärung für die aktuellen Beziehungsverwicklungen zu finden, als vielmehr darum, den Sinn dieser Krise zu finden und daraus weiterführende Handlungsmöglichkeiten abzuleiten. Hier ging es für Herrn K. darum, Autonomie zu lernen, sich unabhängig zu machen vom Anpassungsdruck und Neid seiner Kollegen, für die nicht Erfahrung und überschauende Kompetenz zählten, sondern nur die unablässige Produktivitätssteigerung. Dass es um das Ziel der Autonomie ging, zeigte sich auch darin, dass sich zunächst das Gegenteil von Autonomie einstellte. Nicht nur finanziell, sondern auch, was seine Selbstachtung betraf, drohte Herr K. in eine lähmende Abhängigkeit von seiner Frau zu geraten. Sie war beruflich selbständig, eine selbstbewusste Frau mit vielfältigen sozialen Bezügen – und er, als jetzt Arbeitsloser, wiederum klein, unbedeutend und wie überflüssig daneben stehend. Das Thema, um das es geht, spitzt sich also noch einmal zu – wie wir überhaupt oft finden, dass das, was als Krise erlebt wird, noch gar nicht der eigentliche Umbruch ist, sondern im Gegenteil zur letzten Zuspitzung, ja zur Karikatur dessen führen kann, was schon lange anwesend war.
Herr K. konnte erst in der erneuten Zuspitzung erkennen, worauf diese Krise hinaus wollte: Sich nicht mehr da heraus zu definieren, was er für andere war, ob er ihnen wichtig war oder nicht, sondern unabhängig von anderen seine Prägungen, Erfahrungen und Fähigkeiten einzusetzen und sich in dieser Unabhängigkeit zu erkennen. – Nach einer Umschulung wurde er Unternehmensberater und war bald so gefragt, dass er es sich aussuchen konnte, welche Aufträge er annehmen wollte.
In dieser Auflösung der Krise liegt kein Patentrezept, sondern nur das für diese Individualität jetzt Sinnvolle. Für andere Individualitäten in ähnlicher Situation kann anderes sinnvoll sein. Immer aber wird die tätige Selbsterkenntnis darin bestehen, die Sprache der Krise so zu hören, dass ein Klang aus der Zukunft ertönt.
2
Das individuelle Urbild
Es geschieht immer mit einer gewissen Scheu, wenn man sich über den geistigen Wesenskern eines Menschen äußert. Es geht um sein »Höheres Ich« oder »Höheres Selbst«, sein Urbild. Es ist das Individuellste an einem Menschen und damit das Intimste.
Wenn ein Mensch aus der Not, der Krise, aus dem Scheitern sich zu dem wesenhaften Kern seiner selbst durchringt, so ist das immer ein bewegendes Ereignis. Dieses auf den Weg zu bringen und versuchsweise zu begleiten, ist der wesentliche Inhalt der Biographieberatung. Natürlich geschah schon immer und geschieht dieser Durchbruch auch ohne solche Hilfe. Jemand ringt sich zu einer schweren Entscheidung durch, und es ist, als käme da einer in einem erhöhten Sinne nach Hause – zu sich selbst. Er selbst mag es so erleben, als habe da schon jemand auf ihn gewartet. Und in der Tat: Er selbst, sein Urbild hat da schon auf ihn gewartet, zu dem er sich gerade erst durchgerungen hat, zu dem er sich gerade erst aufgerichtet hat. Und er empfindet: Jetzt erst bin ich Ich.
Wenigstens ahnungsweise weiß oder empfindet jeder Mensch, dass es eine »normale«, das heißt überwiegende Zeit im Vordergrund stehende Seite seiner selbst gibt und eine erhöhte Seite, die sich nur in Momenten des Übergangs, des Aufraffens vergegenwärtigt.
Worum handelt es sich bei dieser erhöhten Seite, dem Urbild, und worum handelt es sich bei dieser alltäglicheren Seite eines Menschen? Zunächst einmal bin ich natürlich das, was ich und andere tagtäglich an mir erleben, was ich von mir weiß, was ich an mir kenne. Diese Seite des Menschen kann man das Alltags-Ich nennen. Es erkennt sich in der Erinnerung. Dass ich weiß, wovon ich geprägt bin, dass ich mich von meinen Eltern, dem elterlichen Milieu herleite; dass ich die Vorzüge und die Schattenseiten meines Temperaments kenne; dass ich in mir das gleiche Holz erkenne, aus dem alle Menschen der Gegend, aus der ich stamme, geschnitzt sind; dass ich weiß, was mir sympathisch ist, was unsympathisch; dass ich meine Vorlieben und Abneigungen kenne; dass ich meine Gewohnheiten und Sicherheiten habe; dass ich vermeide, was mir Unsicherheit bedeuten würde; dass ich meine Überzeugungen und politischen Meinungen habe – all das ist mein Alltags-Ich. Wenn mich jemand fragt, wer ich bin, wenn ich mich jemandem beim Kennenlernen vorstellen will, dann erzähle ich ihm davon.
Nun hat das vorangehende Kapitel gezeigt, dass dies – entgegen dem alltäglichen Anschein – noch nicht alles sein kann, was einen Menschen ausmacht. Es war zu sehen, dass besonders in Situationen der Krise, des Übergangs noch etwas anderes aufscheint. Die Krise, so wurde dargelegt, besteht ja eben darin, dass das Alltags-Ich nicht mehr weiterhilft. Es greift nicht mehr, was es sich bis dahin erworben oder was es als Grundausstattung mitgebracht hat: Fähigkeiten, Erfahrungen, Eigenschaften. Der Entwicklungsschritt, der nun ansteht, kommt nicht aus dem Alltags-Ich.
Das Alltags-Ich kann auch logischerweise nicht der Entwicklungsmotor sein. Biographie wäre dann nämlich nur die ständige lineare Fortschreibung dessen, was es bereits von sich kennt. Sie wäre eine Fortschreibung des Gewordenen. Das Alltags-Ich, das sich nur aus der Erinnerung kennt, besteht aus Gewordenem, aus Elementen also, die ihre Entwicklung schon hinter sich haben. Der Entwicklungsschritt besteht aber darin, dass jetzt, indem es sich aufrichtet, etwas qualitativ Neues in das Leben kommt. Der Entwicklungsschritt geht über das Gewordene hinaus.
Um es, der Deutlichkeit wegen, etwas schärfer auszudrücken: Das Alltags-Ich ist Gewordenes, Geronnenes, es ist immer gekennzeichnet durch ein Element der Erstarrung. Was früher vielleicht errungen und erobert werden musste, ganz individuell von mir, das ist jetzt, da ich es errungen habe und zu meinem Inventar zähle, typisch geworden, typenhaft. Es ist eine Art Maske, deren Wesen es ist, das Individuelle zu verbergen. »Persona« heißt im Lateinischen »Maske«. Das Wort leitet sich her von »personare«: hindurch-tönen. Also meine Persona, mein Alltags-Ich, das ist die typische Seite an mir. Dahinter gibt es noch eine individuelle Seite, die in Momenten des Übergangs durch mein Alltags-Ich hindurchtönt.
Das Wesen des Alltags-Ich ist Beharrung, Verbleiben bei dem, was man von sich kennt. Das Wesen des Höheren Ich ist die Wandlung. Das Höhere Ich weiß um alle Sinnmöglichkeiten, die sich in meinem diesmaligen Erdenleben vergegenwärtigen könnten. Es hält den roten Faden – tatsächlich sind es immer mehrere rote Fäden – meines Lebens in der Hand, es kennt meine Geburtsimpulse und Lebensaufgaben, für die ich angetreten bin. Das Höhere Ich ist der Geistkern, der von Erdenleben zu Erdenleben wandert, jedesmal verändert und bereichert um die Erfahrungen, die eine bestimmte Individualität in einem Erdenleben mit sich gemacht hat und deren Quintessenz nun weitergetragen wird in den Ansatz eines erneuten Erdenlebens.
Das Höhere Ich ist die einzige Instanz im Menschen, deren Wesen Vorausblick, Vorangehen und Suche nach weiterführender Wandlung ist. So ist dieser innerste Kern, obwohl nie so direkt anschaubar und zugänglich wie das Alltags-Ich, der natürliche Verbündete des Beratenden in der Biographieberatung.
Unter den anderen Instanzen bewegt sich das Gefühl in der Sphäre des Reagierens und kommt insofern immer hinterher. Auch da, wo es um das Fühlen von Zukünftigem geht, um Vorausahnung, Befürchtung und Angst, auch Vorfreude, sind wir in der Sphäre des Reagierens: Das Gefühl braucht einen vorgängigen Inhalt – der auch nur vorgestellt sein kann –, auf den es antworten kann. Darin liegt nichts Verkehrtes, aber auch nichts Richtung-Gebendes.
Und dann die Gewohnheiten im Tun und Denken: Sie leben erst recht aus der Vergangenheit. Man tut oder denkt etwas, weil man schon lange so tut und denkt und weil es sich bewährt hat. Auch diese Ebene im Menschen sucht das Neue nicht. Sie sucht das Geregelte, Feste, allgemein Anerkannte und persönlich Bewährte.
Schließlich die physische Seite des Menschen: Sie in eine Wandlung hineinzunehmen, ist das Schwierigste. Manchmal erlebt man es: Jemand blüht körperlich auf in einer neuen Begegnung; jemand verjüngt sich über seine seelische Bewegung hinaus bis ins Leibliche, weil er geliebt wird. Aber auch in dieser Situation geht die Wandlung nicht von der Ebene des Physischen aus.
Es ist nur das Höhere Ich, das die Wandlung sucht und sie auch impulsieren kann. Nur das Höhere Ich sucht die Zukunft. Mit ihm zunehmend – wenn auch nie endgültig, so doch annäherungsweise – in Übereinstimmung zu kommen, könnte ein Sinn unseres Lebens sein.
Dadurch, dass uns ein Höheres Ich gegeben ist, sind wir immer mehr, als wir leben. Das Höhere Ich enthält immer wesentlich mehr Möglichkeiten, als wir verwirklichen. So hat jedes Menschenleben eine unabschließbare Tendenz. Es trägt einen »Überschuss« in sich, Möglichkeiten, die nie Gegenwart werden, eine Größe, die real oft nicht erreicht wird. Daraus ergibt sich die wesenhafte Zukunftsorientiertheit eines jeden Schicksals und jeder Schicksalssituation. Da ist immer etwas, das ich noch nicht bin.
Üblicherweise ist dieses Urbild wie verstellt durch das Alltags-Ich. Es gibt aber ein klares Unterscheidungskriterium, mit dem wir zumindest nachträglich versuchen können auseinanderzuhalten, was Alltagsseite und was wesenhafte Seite an einem Menschen ist: Was zum Höheren Ich gehört, wandelt sich. Was in die Sphäre des Urbildes rückt, wird den Impuls haben, sich zu wandeln. Aus jugendlichem Zorn wird beim Erwachsenen Milde. Was zum Alltags-Ich gehört, hat die Neigung zu bleiben und sich zu verhärten, ja unter Umständen auch zu karikieren. Der jugendliche Zorn wird beim Erwachsenen Hass. Etwas ist vom Höheren Ich ergriffen, wenn es in die wandelnde Tat hineingenommen wird.
Damit hängt ein zweites Unterscheidungskriterium zwischen Alltags-Ich und Höherem Ich zusammen: Die Wandlung ist nicht einfach Veränderung. Der jugendliche Zorn wurde unter mancherlei und großer Anstrengung, in Selbstüberwindung und in vielen Momenten des Aufraffens und der Selbsterkenntnis zur Milde gewandelt. Es wird nicht einfach nur so, von allein, etwas anderes daraus. Das Neue, das aus dem Alten entsteht, ist immer errungen.
Dagegen ist Merkmal des Alltags-Ich entweder die Beharrung bis zur seelischen Sklerose oder die beliebig erscheinende Veränderung: Heute studiere ich Kunst; letztes Jahr war ich auf dem Erzieherseminar; nächste Jahr mache ich eine Weltreise, und danach werde ich Mutter einer zahlreichen Kinderschar sein. – Auch das ist Alltags-Ich, denn die Veränderungen sind nicht errungen, sondern ausgedacht oder herbeigefühlt. Dahinter ist wieder die Neigung zum Beharren des Alltags-Ichs zu erkennen: Ich will bei meinem Selbstbild (beim künstlerischen Menschen mit tausend Möglichkeiten) bleiben. Würde ich mich auf nur eine der vielen Situationen, die ich für mich für möglich halte, einlassen, bestünde die Gefahr, dass ich meine Grenzen, meine Begrenztheit kennenlernte. Und das erst wäre, in diesem Zusammenhang, der Beginn einer eigentlichen Wandlung.
Die Biographieberatung erstrebt eine Art Imagination des Höheren Ichs des Ratsuchenden. Diese wird so nie Wirklichkeit werden, aber sie wird die Wirklichkeit immer mehr in ihren gestaltenden Griff nehmen können. Das Höhere Ich ist ein Tatwesen. Es sucht nie die Sicherheit und Gewöhnung, sondern die wandelnde Tat. Und darin liegt die Chance der Biographieberatung, die im vorangegangenen Kapitel als eine Art Entwicklungshilfe beschrieben wurde. Der zu Beratende wird zu immer sehr einfachen Wandlung freisetzenden Taten angestiftet: Gewohnheiten vorübergehend ändern, Unsicherheiten gezielt aufsuchen, die Dinge unter neuer Perspektive anschauen und dergleichen mehr.
Das Höhere Ich kann man inhaltlich nicht so bestimmen, wie man das Alltags-Ich eines Menschen bestimmen und beschreiben kann. Sein Wesen ist Aufbruch. In gewisser Weise gibt es das Höhere Ich jetzt noch gar nicht. Es ist immer das, worauf das Schicksal erst hinauswill. Das Höhere Ich hat nicht Eigenschaften, die man etwa irgendwie psychologisch messen könnte. Seine Substanz ist Aufbruch.
Wie aber kann man dann versuchen, sich ein Bild vom Höheren Ich eines Menschen zu machen?
Wir erkennen den Wesenskern eines Menschen an seinem Werden, an seinen zu Neuem aufbrechenden – inneren oder äußeren – Taten. Was wagt er? Was lebt in ihm über das hinaus, was er geworden ist und schon kann? Das Höhere Ich kann man, um es etwas pointiert auszudrücken, geradezu als das Gegenteil dessen bezeichnen, was jemand schon geworden ist. Ein erstes Bild entsteht deshalb näherungsweise, indem man das, was jemand ist, was man als sein Alltags-Ich kennt, umdreht. Denn das Geistige ist in gewisser Weise immer eine Art Umkehrung dessen, was irdisch-sinnlich erscheint.1 Ist also jemand in seinem Alltags-Ich zum Beispiel sanguinisch bis chaotisch, dann kann sein Urbild damit zu tun haben, dass er sich das Gegenteil – hier also Klarheit, Systematik und Verbindlichkeit – dazu zu erarbeiten sucht, um vollständig zu werden.
So zu sprechen, heißt nicht, das Alltags-Ich gering zu achten. Das Alltags-Ich ist notwendig wie der physische Leib; es ist eine Art Kleidung für das Höhere Ich. Es kann überzeugend und schön sein, wie ein Leib, wie die Kleidung überzeugend und schön sein können. Das Höhere Ich kann gar nicht in reiner Form auf Erden anwesend sein. Und es würde diesen Zustand auch nicht wollen. Das verwirklichte Höhere Ich als irdische Situation wäre sinnlos.
Es hängt mit diesem »Prinzip des Gegenteils« zusammen, des »Umdrehens«, dass die Krise genau die Lebenssituation ist, in der etwas vom Höheren Ich hindurchtönt. Wenn das Alltags-Ich nicht mehr trägt – in der aufgelassenen Situation, in der vom Alltags-Ich nicht mehr strukturierbaren Situation, im Chaos –, dann kann das Element des Geistigen, hier in der Gestalt des Höheren Ich, in das Irdische hineinwirken. Das Geistige kann da ansetzen, wo eine irdische Ordnung aufbricht, eine Struktur zerfällt, etwas Gewohntes nicht mehr gilt. Wenn wir uns ihm nähern, uns eine Vorstellung vom Urbild des anderen machen wollen, so ist es sinnvoll, die Krisen und Umbrüche seines Lebens anzuschauen: Womit haben sie begonnen? Worin bestand die Ohnmacht? Und was hat der Betreffende daraus gemacht? – Eine alte Ordnung zerbricht. Für einen Moment ist alles offen. Dadurch werden die Verhältnisse berührbar für eine neue Ordnung, die etwas qualitativ Neues, eigentlich Gegenteiliges hereinbringt. Dazwischen liegt die Grenzsituation. Wenn ein Mensch in großer innerer Not ist, oder wenn man ihn sehr liebt, kann man etwas davon sehen, worauf es mit ihm hinaus will – in Grenzsituationen, in der Liebe. Und der Betroffene selbst – auch er wird wohl erst in Grenzsituationen, in Situationen der Liebe und im Tod seines eigenen Urbildes ansichtig werden.
Um sich die zentrale Bedeutung des Höheren Ich für den inneren Zusammenhang einer Biographie vor Augen zu führen, ist es sinnvoll, zu einer Modellvorstellung zu greifen, wie sie sich aus dem anthroposophischen Menschenbild ergibt: Das Höhere Ich ist nicht in der Weise im Menschen anwesend, wie es die Gewohnheiten, die Gefühle, das Denken, überhaupt das Alltags-Ich sind. Vielmehr strahlt es eher in den Menschen ein, von außen – von oben, wenn man so will. Es besteht also eine gewisse Distanz zwischen dem Ich, das sich im Alltag als solches erlebt, und dem geistigen Wesenskern des Menschen. Diese Distanz kann variieren. So ist sie gering in den beschriebenen Momenten des Übergangs und Sich-Aufraffens, und sie ist größer in Momenten, die auch in der Psychologie und Psychopathologie als »Ich-Störung« beschrieben werden: im exzessiven Alkoholgenuss, in der Geistesverwirrtheit. Auch in Schockmomenten kann sich das Höhere Ich gegenüber dem Alltags-Ich »lockern«. Außerdem kann diese Distanz auch von Person zu Person variieren; der eine ist seinem Urbild näher, der andere ferner.
Auf diesen Umstand, dass das Höhere Ich von außen in den Menschen einstrahlt, ist seine dreifache Wirkungsweise zurückzuführen:
1. Das Höhere Ich erscheint als Entwicklungsimpuls im Willensleben des Menschen.
2. Indem es von außen oder oben seine Impulse ausstrahlt, werden auch die Menschen, die sich im Umfeld bewegen und entfalten, und die Lebensumstände von dem persönlichen Höheren Ich erfasst. Es erscheint dann als von außen, durch andere Menschen oder bestimmte Lebensumstände zukommendes Schicksal, als mich-berührendes Handeln anderer, als Gelegenheit, als Zufall.
3. Schließlich strahlt das Höhere Ich von Anfang an in den Menschen ein. Deshalb gestaltet sich seine Leiblichkeit von der Zeugung an nicht nur nach dem Erbstrom, sondern auch nach den Gesichtspunkten des Höheren Ich.
Diese drei Wirkungsebenen des Höheren Ich sind noch zu erläutern.7
1. Das Höhere Ich als Entwicklungsimpuls in der Beobachtung des eigenen Seelenlebens: Dieser Gesichtspunkt ist mit Vorsicht zu handhaben. Nicht alles, was Impuls ist, ist schon eine Äußerung des Höheren Ich. Impulse aus dem Höheren Ich gehen immer auf Wandlung und damit auf Verzicht von Sicherheiten und Gewohnheiten. Impulse, die aus dem geistigen Wesenskern kommen, bringen, wenn sie in die Tat umgesetzt werden, immer die Notwendigkeit eines Verzichts mit sich.
Der Impuls, heute ins Freibad zu gehen, ist noch kein Impuls des Höheren Ich. Wünsche solcher Art sind normal und notwendig. Ihre Verwirklichung befriedigt das Alltags-Ich. Impulse aus dem Urbild dagegen sind unbequem für das Alltags-Ich, verlangen Einsatz und Überwindung und führen, wenn sie verwirklicht werden, zu einer auch als solcher empfundenen Vervollständigung der Person.
Wünsche aus dem Alltags-Ich drängen auf Wiederholung: Es war letzten Sonntag so gemütlich im Freibad, also möchte ich diesen Sonntag wieder hin. Impulse aus dem Urbild aber bringen immer eine neue Qualität und verlieren ihre voranbringende Kraft, wenn sie wiederholt werden. Niemand wiederholt so etwas. Es handelt sich um den einmalig als notwendig erkannten Schritt, seine Durchführung und das darauf folgende Empfinden, einen Schritt in Richtung Ganzheit gemacht zu haben. Er ist nicht beliebig wiederholbar, weil diese Dinge in die gesamten Lebensumstände so eingebettet sind, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt als notwendig erkannt werden – und dann auch in die Tat umgesetzt werden müssen.
Während man die Realisierung von Wünschen verschieben kann, kann man die neue Tat nicht verschieben: Wenn es heute nicht reicht ins Freibad, gehe ich eben morgen. Habe ich aber einmal die Notwendigkeit erkannt, einen Dauerstreit mit einem Nachbarn zu beenden, weil mir mein eigener Anteil daran deutlich geworden ist, so kann ich das nicht verschieben. Der Urbild-Impuls entfaltet seine Kraft im Moment des Auftretens und verliert sie, wenn ich lieber erst noch dieses und jenes erledige. Für den Phlegmatiker kann der Impuls, Fechten zu lernen, das heißt, sich in zielgerichteter, kontrollierter und geistesgegenwärtiger Aggression einzuüben, aus seinem Urbild kommen – ein solcher übender Umgang mit sich selbst würde ihn vervollständigen, das heißt dazu beitragen, dass er ganz auf die Erde kommt. Und wenn er die Einsicht einmal hat, wird er sich sogleich anmelden. Der Impuls aus dem Höheren Ich, der im Bewusstsein als willensbetonte Einsicht erscheint, richtet sich immer auf etwas Ungeahntes, etwas nicht Selbstverständliches, auf etwas, das einem eigentlich, das heißt vom Alltags-Ich her gesehen, gar nicht liegt, das man aber als notwendige Ergänzung der eigenen Person erkannt hat.
Im künstlerischen Schaffen ist man den Impulsen des eigenen Urbildes in besonderer Weise nahe. Der Künstler bemüht sich nicht primär um das, was er kann, sondern um das, was er noch nicht kann. Sein Ringen um Ausdruck ist immer eine Suche nach Steigerung und Verwesentlichung. Er will über das hinaus, was er schon gemacht hat. Damit stellt er sein Werk und seinen Lebensgang in besonderer Weise unter die Gestaltungsmacht seines Urbildes.2
2. Indem mein Höheres Ich auch auf die menschlichen und zwischenmenschlichen Zusammenhänge meiner Umgebung einstrahlt und offenbar auch in die äußeren Abläufe, kommt es mir als mein Schicksal von außen entgegen. Ereignisse, bestimmte Konstellationen, das Verhalten anderer Menschen mir gegenüber – all dies enthält auch Aufgaben, Herausforderungen und Impulse für mich. Eine andere Frage ist es, ob ich das erkenne und aufgreife. Wenn ich es nicht aufgreife, bleibt das, was um mich herum geschieht, Zufall. Wenn ich es erkenne und aufgreife, dann lasse ich es mir zufallen und nehme es als meines an.
Auch hier muss man nicht in schlechthin allem, was einem begegnet, das eigene Höhere Ich am Walten sehen. Man entwickelt seine diesbezügliche Wahrnehmungsfähigkeit am besten, wenn man sich in die Haltung einer Bereitschaft, sich von menschlichen Ereignissen und sachlichen Abläufen etwas sagen zu lassen, begibt. Es sind vor allem die Situationen und Schicksalsumstände, an denen ich mich stoße, die ich nicht ohne weiteres meistere, die ich vielleicht sogar loshaben möchte, in denen sich etwas von meinem geistigen Wesenskern ausspricht.
Und es spricht sich das Höhere Ich immer als Aufforderung aus. Angenommen, ich läge seit Jahren mit meinem Grundstücksnachbarn in einem erbitterten menschlichen und juristischen Streit, weil er nach meiner Meinung seinen Gartenzaun 5 cm zu weit auf mein Grundstück gesetzt hat. Ich kann nun sagen, das ist ein dummer Zufall, dass ich einen solchen Knülch als Nachbarn habe. Ich kann aber auch fragen: Welche Aufforderung liegt für mich in diesen Vorgängen? – statt nur den Blick darauf zu richten, was diese Vorgänge vielleicht über den Nachbarn aussagen. Was sagen sie für mich aus? – Und ich könnte, im Rahmen dieses Beispiels, vielleicht dahin gelangen zu erkennen, dass ich selbst in meinem Wesen dieses ausbreitende und raumgreifende Element habe, das mich hinsichtlich des Gartenzauns an meinem Nachbarn so nervt. In dieser Angelegenheit stoße ich mich also an einem Teil meines Alltags-Ich. Das so herbeigeführt zu haben, dass ich es nun hören kann – darin liegt ein Wirken meines Höheren Ich. Und ich kann nun prüfen, wo ich generell in den Willen anderer Menschen eingreife, und kann lernen, mehr auf die Belange derer zu achten, die mit mir zu tun haben, statt mich nur selbst faszinieren zu lassen von meinem eigenen starken Willensleben.
Aber es geht hier nicht um Zeichendeuterei. Schließlich ist nicht schlechthin alles, was passiert, eine Botschaft an mich. Im beschriebenen Sinne schicksalsverdächtig sind Umstände, die entweder eine entnervende Zähigkeit an den Tag legen – Monate und Jahre verfolgt mich das gleiche Ärgernis – oder sich hartnäckig wiederholen. Dies kann ein Hinweis darauf sein, dass ich die Aufforderung noch nicht verstanden habe. – Im Gartenzaun-Beispiel: Nach Jahren gebe ich auf, verkaufe Haus und Grund und baue woanders eine neue Existenz auf. Mit Sicherheit bricht nach kurzer Frist ein ähnlicher Streit los, diesmal um eine Garagenzufahrt.
»Das Schicksal« ist in solchen Dingen sehr geduldig. Es kann, wenn ich nicht »höre«, auch zehnmal solche Situationen herbeiführen – bis ich verstanden habe.
Insgesamt also führt das Höhere Ich Begegnungen herbei, Gelegenheiten, Umstände, innere und äußere Krisen. Natürlich sind diese Impulse auch verwoben mit den Bestrebungen der Höheren Iche anderer Menschen und eingebettet in übergeordnete Bestrebungen und Vorgänge. In Kapitel 7 soll dieser Aspekt ausführlicher dargestellt werden.
3. Das Höhere Ich spricht bereits zu dem gerade entstehenden, noch ungeborenen menschlichen Wesen. Es ist ein schönes Bild, dass die Haltung des Embryos im Mutterleib die Form eines Ohrs annimmt. Der werdende Mensch »hört« auf sein Höheres Ich, das dadurch an seiner Leiblichkeit mitbildet – längst bevor es auf die Seele, das Denken und Wollen des Betreffenden einwirken kann. Durch diesen Vorgang wird die physische Individualisierung erst möglich, denn die leibliche Grundausstattung ergibt sich ja aus dem Erbstrom. Am deutlichsten wird dies am Gesicht. Es ist der individuellste Teil der Leiblichkeit. Dass man ein Gesicht unter tausenden von Gesichtern wiedererkennt, obwohl es andererseits den Eltern und Geschwistern des Betreffenden ähnlich sein mag, ist Ausdruck dessen, dass das Gesicht ein absoluter Abdruck der Individualität ist.
Es ist anzunehmen, dass sich in weiterer Zukunft auch die übrigen Teile des Leibes immer stärker individualisieren werden. Je kräftiger das hereinstrahlende Ich ist, um so individueller kann die Leiblichkeit werden.3
Unerheblich ist in diesem Zusammenhang, ob jemand dick oder dünn, groß oder klein ist; wie er in seinem Leib steckt, wie er sich des Leibes bedient, wie er sich mit ihm bewegt – darin liegt etwas von seinem Urbild. Es gibt deshalb auch das Erkennen der Individualität eines Menschen an seinem Leib. Im besonderen ist es – bei einem primär auf den Partner gerichteten Interesse – der Sexualität gegeben, in ihr ein Urbilderlebnis vom anderen haben zu können.
In dieser besonderen Nähe des Höheren Ich zur Leiblichkeit, zu ihrer Gestalt und ihren physiologischen Vorgängen, liegt auch die intime Verbindung mit ihrer Gesundheit und Krankheit. Tagsüber ist das Verhältnis zur Leiblichkeit stark vom Alltags-Ich, von der seelischen Befindlichkeit geprägt. Schon das kann sich, über die Brücke der Psychosomatik, körperlich auswirken. Aber nachts, im Schlaf, ist das Alltags-Ich abwesend, und dann kann das Höhere Ich den Leibesvorgängen Impulse geben, die über aktuelle Gestimmtheiten hinaus grundsätzliche Individualisierungsmöglichkeiten vermitteln.4 So sind zum Beispiel chronische Krankheiten oder langfristig sich anbahnende Krankheiten, aber auch Beeinträchtigungen durch Unfälle oder Überbelastung darauf zu befragen, ob sie Individualisierungsaufforderungen enthalten, die offenbar anders nicht gegeben werden konnten.
Das Höhere Ich steckt also voller Impulse, ist selbst Impuls. Seine Substanz ist Aufbruch. Andererseits ist deutlich, dass wir nur das wenigste davon verwirklichen. Auch daraus ergibt sich die These von den wiederholten Erdenleben: Die diesmal nicht verwirklichten Impulse und Entwicklungsmöglichkeiten bringt man das nächste Mal wieder mit, wahrscheinlich in etwas veränderter Form. So hat man die Entwicklungschancen auch über dieses Erdenleben hinaus. Welche Geduld des Schicksals!
Das Wesentliche unserer irdischen Existenz scheint sich aus dem ständigen Aufgespanntsein zwischen Geistnähe und Geistferne zu ergeben, zwischen Höherem Ich und Alltags-Ich. Liebe und Freiheit können sich wohl nur von da entfalten. Es wäre deshalb unangebracht, das Alltags-Ich etwa geringer zu achten als das Höhere Ich. Beide sind gleich notwendig.
Teil II
3
Entwicklungsgesetze und ihre Bedeutung
Das Höhere Ich als Gestalter der Biographie bedient sich bestimmter Entwicklungs- und Ereigniskonstellationen, die in diesem und den folgenden Kapiteln dargestellt werden sollen. Was die Entwicklungsgesetze betrifft, so ist zwischen ihrer allgemeinen Gültigkeit einerseits und ihrer individuellen Ausprägung andererseits zu unterscheiden. Sie erscheinen zumeist als zeitliche Strukturen, als Gliederungsverhältnisse oder »Rhythmen«. Dass sich eine Biographie auch nach solchen Entwicklungsgesetzen gestaltet, drückt sich in ihrer Einbindung in kosmische Gesetzmäßigkeiten, Abläufe und Rhythmen aus, deren irdische Seite zeitliche Gliederungsverhältnisse sind.
Am bekanntesten in diesem Zusammenhang ist wohl die Gliederung in Jahrsiebte. Ihre Bedeutung wird im übernächsten Kapitel gesondert behandelt.
Die Mondknoten
In den meisten Biographien zeigen sich die Mondknoten und halben Mondknoten als sehr markante Wendepunkte. Alle achtzehn Jahre, sieben Monate und zwei Wochen wiederholt sich die Konstellation zwischen Mondbahn, Erdumlaufbahn und Sonne. Wenn wir »Erde« als das Hier und Jetzt auffassen, den Mond – spirituellen Traditionen folgend – als Signum des Vergangenen und die Sonne als Impulsator des Zukünftigen, dann bedeutet der Mondknoten ein bestimmtes Zusammentreffen von Vergangenheit und Zukunft im Jetzt. Bezogen auf den Lebensgang ergibt sich daraus, dass sich alle achtzehn Jahre, sieben Monate und zwei Wochen die Geburtsimpulse wieder bemerkbar machen. Einerseits kommen wir bewusstlos auf der Erde an, andererseits trägt unser Höheres Ich ein Wissen mit sich um unsere Ziele, die wir uns für diesen Erdengang gestellt haben. Es müssen keine sensationellen Aufgaben sein. Das sind zunächst und in erster Linie die eigene Individualität betreffende Entwicklungsnotwendigkeiten, Bedürfnisse nach Vervollständigung und Ausgleich einseitiger Erfahrungen. Weiterhin können wir annehmen, dass diese Ziele auch in übergeordnete Ziele und Strömungen eingebettet sind. Da der Mondknoten-Rhythmus vor allem ein kosmischer Rhythmus ist (im Gegensatz zum Siebener-Rhythmus, der zunächst ein biologischer ist – siehe Kapitel 5), ist er auch besonders geeignet, allgemeine kosmische Ziele in unser Willensleben einzuprägen. An die so aufzufassenden Geburtsimpulse also »erinnert« der Mondknoten.
Phänomenologisch stellen sich die Mondknoten als schicksalsmäßig von außen kommende Abbrüche, als Verlustereignisse, als Auslaufen oder Leerlaufen bisher gültiger Beziehungen und Verhältnisse dar. Es handelt sich dabei um eine Art Reinigung: Die Lebenssituation wird an diesem Wendepunkt gereinigt von dem, was nicht oder nicht mehr zu den Geburtsimpulsen gehört oder passt. Der Mondknoten wird deshalb meist krisenhaft erlebt, und zunächst steht ganz das Verlusterlebnis im Vordergrund. Freundschaften gehen auf einmal zu Ende, ein Projekt, für das man sich lange engagiert hatte, scheitert plötzlich; aber auch persönliche Interessen entleeren sich auf einen Schlag, und man weiß dann kaum mehr, warum man eigentlich so lange diesem oder jenem Hobby nachgegangen ist.
Das ist aber nur die eine Seite des Mondknotens, und sie trifft auch nur insofern zu, als es in der Lebenssituation Tätigkeiten, Beziehungen und Aufmerksamkeitsfelder gibt, die für den weiteren Verfolg des roten Fadens nicht oder nicht mehr sinnvoll sind. Die andere Seite besteht darin, dass – wiederum durch Ereignisse, die von außen eintreten – Hinweise auf etwas Neues, Anderes auftauchen, das es jetzt aufzugreifen gilt. Diese subjektiv als neu erlebten Bereiche sind aber gar nicht neu, sondern sie enthalten etwas von dem, wofür einst angetreten wurde. Aufgrund in der Vergangenheit waltender Lebensumstände hatte man sich davon entfernt. Im Mondknoten wird man daran erinnert.
Ein Beispiel: Eine Künstlerin malte bis zu ihrem siebenunddreißigsten Lebensjahr immer wieder schwebende, in der Luft gleitende Figuren. Etwas Leichtes, Elegantes, aber auch Unirdisches drückte sich darin aus. Mit siebenunddreißig Jahren und einem Monat hat sie aufgrund eines technischen Defekts an ihrem Auto einen Unfall. Sie kauft sich ein anderes Auto – als sie damit losfahren will, gerät es in Brand. Sie kann sich eben noch retten. Ihr künstlerisches Schaffen ist seit Monaten zunehmend gelähmt. Sie hat das Empfinden, nicht mehr malen zu können. Es fließt nicht mehr.
Besondere Kindheitsumstände haben dazu geführt, dass sie das Element der Aggression gar nicht kennt – an sich selbst nicht, und wenn es auf sie zukam, machte es sie ratlos. Sie blickte nur auf das Harmonische und Leichte. Anhand ihrer Bilder wurde in der Beratung deutlich, dass sie künstlerisch in eine Sackgasse geraten war. Es fehlte ihrer Malerei, aber auch ihrer Lebensführung das Element einer gesunden Aggression. Die destruktiven Vorfälle mit den beiden Autos und ähnliche Ereignisse zu Hause, zum Beispiel ein Wasserrohrbruch, konnten damit in einen Zusammenhang gebracht werden: Es zeigte sich, dass sich die in ihrem Leben und Schaffen bislang fehlende Aggression verselbständigt hatte und nun zunächst von außen – als technische Defekte – und »vom Schicksal« – als Schaffenslähmung – herrührend erlebt wurde. Dieses von jeder Aggression freie Leben und Schaffen spitzte sich zum Mondknoten hin so zu, dass deutlich wurde: Mit dieser Einseitigkeit kann es so nicht weitergehen.
Und die dazugehörige Aufforderung kam auch gleich hinterher: Genau in den Tagen des Mondknotens zettelte ein Nachbar einen Streit mit ihr wegen der Hofreinigung an. Entgegen ihrer früheren Gewohnheit reagierte sie nun nicht harmonisierend, sondern ließ sich auf den Streit ein, wurde anhaltend wütend und entfaltete einen dem Vorfall kaum angemessenen Zorn. Aus diesem Zorn heraus fing sie unvermittelt wieder zu malen an, und es gelangen ihr jetzt Figuren, die miteinander rangen – auch wenn sie noch erheblich schwebten. Auf den Vorschlag hin, den Figuren Erdenfestigkeit zu geben, versuchte sie es zunächst mit anderem Material. Sie schnitzte jetzt die Figuren, aber trotzdem fiel es ihr schwer – bildlich gesprochen –, sie auf die Erde zu bringen. Dann schraubte sie die Figuren am Werktisch fest! Sie versuchte es weiterhin mit Stein, lebte dabei aber nur eine ungerichtete Aggression aus. Schließlich malte sie wieder: Die Figuren waren in diesen Monaten fester und kräftiger geworden – nur im Blick hatten sie noch etwas sehnsüchtig Entschwebendes.
Sehr deutlich können sich auch die halben Mondknoten bemerkbar machen – neun Jahre und drei Monate. Besonders der erste Halbknoten bringt in vielen Biographien die erste Anknüpfung an die Geburtsimpulse – was subjektiv oft als bedeutsames Erlebnis erkannt wird. Der russische Maler Alexej Jawlensky stand im ersten Halbknoten zum ersten Mal vor einer Ikone, und zwar in dem Moment, als ein Vorhang davor bei Posaunenschall aufgerissen wurde. Er war wie vom Blitz getroffen und erkannte sofort, dass dieses Bild des plötzlich aufreißenden Vorhangs, der den Blick freigibt in die Welt des Geistig-Göttlichen, ihn zutiefst traf. Tatsächlich war dies später der wesentlichste und intimste Gehalt seiner zahlreichen Gesichter-Bilder: das Gesicht als Fenster zum Geistigen.5
So mag eine Frau mittleren Alters, ursprünglich Lehrerin, in die Gelegenheitsprostitution abgerutscht sein. Kurz nach ihrem neunten Geburtstag hatte ihr Vater mit Blick auf die ältere Schwester und deren uneheliches Kind zu ihr gesagt: »Hoffentlich wirst du nicht mal so eine.« Sie wurde so eine. – Wie sich später zeigte, hatte das als Zwischenschritt auch durchaus Sinn. Sie wurde im weiteren Verlauf Sozialarbeiterin und leitete ein Café für drogenabhängige Prostituierte. Aufgrund ihrer eigenen Geschichte besaß sie bei den Betroffenen unangefochtene Glaubwürdigkeit.
Der halbe Mondknoten entspricht der in der Waldorfpädagogik »Rubikon« genannten Entwicklungsstufe. Sie interessiert hier nicht unter pädagogischen, sondern unter biographischen Aspekten. Das Rubikon-Alter ist ebenfalls eine Phase der Reinigung und des Verlustes: Das Kind verliert hier erstmals den selbstverständlichen, unmittelbaren Zusammenhang mit seiner nächsten Umgebung. Eltern und auch die Person des Lehrers werden plötzlich kritisch und distanziert gesehen. Das Unmittelbare der Kindheit wird nun abgelegt. Und als Neues, in die Zukunft Zeigendes tritt durch äußere Ereignisse oder innere Vorgänge – die, wenn man sie zurückverfolgt, auch auf äußere Eindrücke zurückgehen – etwas von den eigenen Lebenszielen in Erscheinung. Dies muss nicht die Deutlichkeit haben wie bei Heinrich Schliemann, der mit neun Jahren den Entschluss fasste, Troja und Mykene auszugraben. Oft erkennt man erst hinterher, dass in dieser Zeit eigene Lebensziele oder der künftige »rote Faden« in Erscheinung getreten sind.
Der erste Halbknoten kann auch mit der Verarbeitung einer schweren Krankheit durchlaufen werden, durch die das Ich danach wie freigesetzt, eigentlich erst zu sich gekommen wirkt. So erkrankte Novalis, bis dahin träumerisch und verhangen, im Alter von neun Jahren. Danach aber war er geistig wach und hatte ein Erkenntniserlebnis des Höheren Ich, das, in die Anschauung zu bringen, später Streben und Inhalt seiner Dichtung wurde. Ähnliches lässt sich häufig finden: Eine Krankheit im neunten Lebensjahr setzt zwei Bewusstseinszustände voneinander ab, und der Betroffene macht damit einen entscheidenden Individualisierungsschritt.
Lebensmotive können im neunten Lebensjahr aufklingen – aber wie auch beim vollen Mondknoten stellt sich dies zumeist als äußeres Ereignis, zumindest als von außen verursachtes Erlebnis dar. So hörte Strawinsky mit neun Jahren zum ersten Mal ein Konzert und war tief berührt – ohne dass er damals schon beschlossen hätte, Komponist zu werden. In derselben Zeit traf er seine spätere Frau. – Auf diese Weise können auch die späteren halben Mondknoten durch eine Begegnung mit dem eigenen Wesenskern geprägt sein, mit eigenen Lebensmotiven. Eine siebenundzwanzigeinhalbjährige Studentin begegnet auf einem Fest einem Brasilianer. Sie ist tief beeindruckt, nicht so sehr von ihm als Person, vielmehr als Botschafter einer ganz anderen Welt. Sie sieht ihn nie wieder, aber Jahre später erhält sie die Anfrage, ob sie bereit wäre, in Brasilien ein Krankenhaus mit aufzubauen – sie war inzwischen Ärztin geworden. Ihre zweite Lebenshälfte lebt und arbeitet sie dort.
Das zwölfte Lebensjahr und der Zwölfer-Rhythmus
Die Zahl Zwölf steht für Vollständigkeit. Etwas schließt sich zur Einheit, was bis dahin nur in verschiedenen Fragmenten anwesend war. Die Zwölf ist eine Zahl der Abrundung und des gegenseitigen Ausgleichs von Einseitigkeiten. Der erste Zwölfer-Punkt, kurz vor der Pubertät, schließt die Kindheit ab. Die weiteren Zwölfer-Punkte können durch innere Entwicklungsgänge das Fruchtbarwerden des bisher Erlebten bringen. Ideale können hier erstmals oder wieder auftauchen, Sehnsüchte, deren Streben dann in die weitere Zukunft führt. Sozusagen der geistige Gehalt des bisher Erlebten verdichtet sich zu einem Ideal, und zwar in sehr willensbetonter Weise.
Man findet den Zwölfer-Rhythmus als fortlaufende Struktur selten. Deutlich tritt er auf im Lebensgang der französischen Bildhauerin Camille Claudel. Bei ihr waren durch den Zwölfer-Rhythmus Lebensereignisse aufeinander bezogen, die ihr großes und sehr willenshaft verfolgtes Ideal der Überwindung einseitiger Männlichkeit und Weiblichkeit berührten. Sie wollte in ihrer seelischen Haltung und als Künstlerin beides sein können.6
Der Fünfer- und der Zehner-Rhythmus
In manchen zeitgenössischen Biographien findet sich ein Fünferbeziehungsweise Zehner-Rhythmus. Die Fünf steht für die Polarität der Geschlechter, sie ist eine Krisenzahl. Entsprechend kann sie die Entwicklung einer Beziehung in der Zeit strukturieren. – Auch in der Natur kommt die Zahl Fünf im Zusammenhang mit der Geschlechtertrennung vor. So haben manche Blüten zum Beispiel fünf Blätter. Dagegen erscheint die Fünf im Mineralreich, das keine Geschlechtertrennung kennt, nicht.
Die Zahl Zehn ist bezüglich der Fünf, der Zahl der Geschlechtertrennung, die Zahl der Ehe, die Zahl der Einheit der Geschlechter im Irdischen. So finden wir Ehen, die an Fünfer-Punkten in eine tiefe Krise geraten, an Zehner-Punkten aber zur Versöhnung finden. Dabei sind die Fünferbeziehungsweise Zehner-Schritte ab dem Zeitpunkt des Kennenlernens der späteren Ehepartner zu rechnen, und die entsprechenden Ereignisse – Krise oder Versöhnung – müssen nicht zu jedem Fünfer- oder Zehner-Schritt auftauchen.
Zur Bedeutung der Zahlenverhältnisse
Weiterhin gibt es noch individuellere Rhythmen. Ein Sechzehnerschritt war bisher nur bei Alexej Jawlensky zu finden, und es kann gezeigt werden, wie intim der geistige Bezug, den die Sechzehn anspricht, mit seinem Werk zusammenhängt.7
So bedeutsam diese zeitlichen Verhältnisse in den Lebensläufen einerseits erscheinen, so sehr muss andererseits vor Zahlenmystik und -deuterei gewarnt werden. Das Individuelle einer Biographie kann man nicht aus allgemeinen Gesetzen ableiten. Die Entwicklungsgesetze und Zahlenstrukturen sind gleichsam Instrumente, derer sich das Höhere Ich als der Gestalter der Biographie bedient. Das Verhältnis der Gesetze zur Individualität kann man sich vielleicht am besten vor Augen führen, wenn man sich klarmacht, in welcher Weise in einem Gesicht beide Aspekte zum Ausdruck kommen: Der Aufbau eines menschlichen Gesichts unterliegt bestimmten Gesetzmäßigkeiten – zwei Augen, eine Nase in der Mitte darunter, darunter der Mund et cetera. Diese allgemeinen Gesetze erklären aber nicht den individuellen Ausdruck eines Gesichts, das Einmalige. Dieses kommt von woanders her als ein Abdruck des Höheren Ich.
Es ist sinnvoll, solche und ähnliche biographische Entwicklungsgesetze und Gestaltungsmerkmale, wie hier und im folgenden beschrieben, zu kennen. Sie sind ein Mittel zum Verständnis von Biographien. Zum Erkennen des Individuellen tragen sie aber nur dann bei, wenn man sich bewusst macht, wie eine Person den in dem einzelnen Entwicklungsgesetz liegenden Impuls aufgreift.
Es bringt auch keinen Erkenntnisgewinn, an jede Biographie, derer man habhaft wird, schematisch den Maßstab eines Neuner-, Zwölfer- oder sonstigen Rhythmus anzulegen. Wichtiger ist die Biographie des Betreffenden als Ganzes. Man versuche zunächst, sich ein erstes und vorläufiges Verständnis der für das Individuum charakteristischen Lebensthemen zu verschaffen, und frage dann erst, ob sich das bisher Erkannte anhand von rhythmischen Strukturen verifizieren lässt, deren Zahlenproportionen wiederum ein genaueres Verständnis der Lebensthemen ermöglichen.
Das Wesentliche am Verständnis einer Biographie ist, sich ein Bild vom geistigen Wesenskern des Betreffenden aufzubauen, von seinen Zielen, Möglichkeiten und Grenzen. Die Einbeziehung zeitlicher Entwicklungsstrukturen in diesen Verständnis- oder Erkenntnisvorgang hat im Zusammenhang damit nur eine Hilfsfunktion. Es würde zu chaotischen Spekulationen führen, den »Sinn« eines Lebensganges aus bestimmten Zahlen »deuten« zu wollen.
Überhaupt ist es eine heikle Angelegenheit, mit der »Bedeutung« von Zahlenproportionen umzugehen, die man zu finden meint. Die Versuchung ist groß, eine gefundene Zahlenstruktur in einem der numerologischen Werke nachzuschlagen, die heute zahlreich zur Hand und wohlfeil sind. Sinnvoller ist es, sich mit den geistigen Kräftekonstellationen zu befassen, deren irdischer Name in einer Zahl verborgen sein kann. Hierüber gibt es umfangreiche, aber auch zwielichtige Literatur. Der Autor bevorzugt dazu Werke der jüdischen esoterischen Tradition (heute vertreten durch Friedrich Weinreb) und des anthroposophischen Zahlen-, Mathematik- und Geometrieverständnisses (vertreten zum Beispiel durch Rudolf Bindel). Es kommt auf jeden Fall darauf an, sich in eine Empfindung für die Proportionen einzuleben, die sich in den Zahlen aussprechen.
Zahlen weisen auf Wechselverhältnisse hin, die zwischen irdischen und sinnlich gegebenen Vorgängen bestehen können. Sie sagen etwas über die Natur eines Sinnzusammenhangs und über die geistige Seite irdischer Zusammenhänge. Weite Felder der Schöpfung sind nach Zahl und Verhältnis geordnet. Zwischen Planetenbahnen bestehen Proportionen, die in Zahlen abgebildet und sogar, in der harmonikalen Musik, zu Gehör gebracht werden können.8 Die Entwicklung des menschlichen Leibes durchläuft numerisch formulierbare Proportionen.9 Was sich in der Zeit entfaltet, bewegt und überhaupt zusammengehört, spricht sich in Zahlenverhältnissen zueinander aus. Auf dem Feld der Musik ist dies vielleicht noch am ehesten erlebbar. Aber auch im Bereich der Biographik entfalten sich die Ereignisse, die ichhaft zusammengehören, untereinander in Zahlenverhältnissen.
So ist es zum Beispiel ein Unterschied, ob eine Trennung vier oder sieben Jahre, neun oder zwölf Jahre nach dem Kennenlernen geschieht. Die Qualität der Trennungssituation ist entsprechend eine jeweils andere. Eine Trennung nach vier Jahren wird in der Ebene von Schwierigkeiten des alltäglichen Zusammenlebens liegen. Wenn nicht noch andere Umstände und Faktoren hinzukommen, wird man dies so erwarten dürfen. Denn in der Vier verdichtet sich die rein irdische Seite des Menschen. Bei einer Trennung nach sieben Jahren darf man erwarten, dass das Paar nicht zu einer gemeinsamen Entwicklung finden konnte. Einer Trennung nach neun Jahren liegen zumeist gegenseitige Fremdheitserlebnisse zugrunde, die von dem Paar nicht mehr aufgelöst werden konnten. Bei der Trennung nach zwölf Jahren werden wir im allgemeinen das Fehlen einer geistigen Beziehung feststellen. Dies sind nur Beispiele, keine Deutungsmuster.
Wir können, um beim Thema Trennung zu bleiben, in einer Biographie nach weiteren Trennungs- und Verlusterlebnissen suchen und dann oft ein bestimmtes Zahlenverhältnis, einen »Rhythmus« zwischen diesen Ereignissen finden. Die Zahlenwerte eines solchen Rhythmus können dann vielleicht einen Hinweis darauf geben, worauf die betreffende Individualität mit dem Trennungsthema in ihrem Leben hinaus will. Die Zahlenwerte können etwas sagen über den »Sinn«, den solche Trennungen für diese Person haben. Und dieser ist eben ein jeweils anderer – je nachdem, ob die Trennungen alle vier, alle neun Jahre stattfinden et cetera.
Abschließend und dem übernächsten Kapitel schon vorgreifend sei noch zu bedenken gegeben, dass der besonders unter Anthroposophen bekannte und beliebte Siebener-Rhythmus ein Rhythmus anderer Art ist als etwa der Fünfer-, Zehner- oder Zwölfer-Rhythmus. Denn die Jahrsiebte sagen etwas über Zeiträume aus, die nach Erlebnis und Aufmerksamkeit unter einem bestimmten Thema stehen. Rudolf Steiner hat die Qualität dieser jeweils etwa sieben Jahre umfassenden und – bis zur Lebensmitte – durch einen biologischen Entwicklungsschritt abgeschlossenen Zeiträume mehrfach umfangreich beschrieben.10 Aus seinen Beiträgen geht hervor, was auch die einfache Beobachtung von Lebensläufen zeigt: Der Siebener-Rhythmus verweist auf Erlebnisqualitäten, Wahrnehmungsqualitäten, die sich aus der natürlichen Entfaltung und biologischen Entwicklung des Menschen ergeben. Etwas ganz anderes sind die in diesem Kapitel beschriebenen Zeitverhältnisse der Ereignisse zueinander. Der Sechzehner-, Zehner- oder Achter- Rhythmus sagt etwas über Zeitpunkte, zu denen bestimmte Ereignisse eintreten, die im Zusammenhang mit einem Lebensthema stehen und deren Abstand, in Jahren ausgedrückt, diesen sinnhaften Zusammenhang charakterisiert.
Die Rhythmen betreffen den inneren, sinnhaften Zusammenhang äußerer Ereignisse. Ihr Auftreten hängt ganz von der individuellen Gestaltung einer Biographie ab. Sie müssen auch gar nicht auftreten, und meist ist es nur ein Rhythmus. Dagegen gilt das Gesetz der siebenjährigen Entwicklungsschritte für alle Biographien, auch wenn es oft von einer Reihe anderer, vor allem individueller Faktoren, überlagert ist. Anders wäre das Trennungs- und Verlustthema wahrscheinlich überbeansprucht, wenn zwar Trennungen und Verluste in der Biographie auftreten – es gibt sie wohl in den meisten Biographien –, aber kein Rhythmus zwischen ihnen zu entdecken ist.
Diesen Bereich kann man nicht mechanisch handhaben. Vor allem geht es hier nicht um eine pauschale Zahlenmystik, die das »Vorkommen« bestimmter Zahlen untersucht und deutet: XY hat in einem Haus mit der Nummer 6 gewohnt, seine Frau hat ihn sechs Jahre nach der Heirat verlassen, und die Freundin seiner Tochter besitzt sechs Meerschweinchen. Das muss doch etwas bedeuten! Nein, das bedeutet nichts. Denn es werden dabei willkürlich aus allen möglichen Lebensbereichen, die gar keinen sinnhaften Zusammenhang haben, Zahlen zusammengestellt. Und weil man solche Zahlen vorfindet, interpretiert man den sinnhaften Zusammenhang oder wenigstens eine »Bedeutsamkeit« hinein.
Die Zeit- und Zahlenstrukturen, wie sie in der Biographik Beachtung finden, bestehen zwischen Ereignissen. Sie sind nie selbst schon Ereignis – schon gar nicht als Hausnummer oder Anzahl von Meerschweinchen. Und die Ereignisse, zwischen denen sie erkennbar werden, müssen sinnhaft zueinander in Verbindung gebracht werden können. Sonst gerät man damit in willkürliche und unverbindliche Spielereien. Denn natürlich würde man in jeder Biographie für jede Zahl einen Rhythmus finden, der irgendwelche Ereignisse miteinander verbindet. Man wird vielmehr nach Wendepunkten suchen, nach Neuanfängen und dergleichen. Wenn überhaupt, dann setzt die rhythmische Strukturierung der Biographie an solchen Ereignissen an.
Das Höhere Ich individualisiert die Biographie unter anderem dadurch, dass es zwischen den einzelnen Ereignissen durch Rhythmisierung ihres Auftretens einen Zusammenhang herstellt. Das Individuelle liegt zwischen den Ereignissen; es liegt darin, wie sie aufeinander bezogen sind – nicht in den Ereignissen selbst.
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Die Lebensmitte und ihre Krise
Das Lebensmitte-Thema ist in besonderer Weise geeignet, die geistige Herkunft des Menschen zu bezeugen. Wir können auf diese Herkunft unter anderem daraus schließen, dass der Mensch Ideale hat, Ziele und Strebungen verfolgt, die nicht von dieser Erde sind. Die Ideale meinen etwas, das es auf ihr gar nicht gibt, das es aber geben sollte. Sie sprechen von einer geistig-göttlichen Weltordnung, der die Erde sich so weit wie möglich nähern soll. Jeder von uns hat, mehr oder weniger bewusst oder ausformuliert, solche Ideale. Und viele von uns streben auch ihre Verwirklichung an.
Ein charakteristisches Merkmal der Ideale liegt darin, dass sie nicht nur oder nicht in erster Linie ihren Träger, das einzelne Individuum, meinen, sondern die Menschengemeinschaft und die Erde als ganzes. Ideale haben also eine überpersönliche Dimension. Das unterscheidet sie von persönlichen Wünschen. Ich kann mir ein neues Auto oder Stressfreiheit im Beruf wünschen – das ist sicher legitim, aber es liegt darin nichts Geistig-Göttliches, dessen Merkmal immer die übergeordnete, über das persönliche Glücksstreben des einzelnen hinausgehende Perspektive ist. Das Geistig-Göttliche hat stets das Ganze im Auge, das Ganze der Menschheit, das Ganze der Erdentwicklung. Und etwas davon leuchtet darin auf, dass wir Ideale haben und deren Verwirklichung anstreben.
Wenn es aber richtig ist, dass der Mensch einen geistigen Wesenskern hat, dass etwas in ihm ist, das sich aus dem, was er physiologischbiologisch ist, nicht ableiten lässt, dann muss dieser Wesenskern irgendwoher kommen und nach dem physischen Tod des Menschen irgendwohin gehen. Dies weist auf eine geistige Sphäre hin, in der jener Wesenskern sich vor der Geburt aufhält und aus der er das mitbringt – wie eine Art Erinnerung –, was dann auf Erden ein Ideal ist.
Bringt der Mensch Ideale und übergeordnete Ziele aus der geistigen Welt mit auf die Erde, wo sie nur sehr unvollständig zur Geltung gebracht werden können, dann erhebt sich die Frage, warum kommt der Mensch eigentlich auf die Erde? Warum bleibt er nicht in der geistigen Welt, in der er diesen Idealen begegnet und wo sie offenbar eine Wirklichkeit haben? Dort haben sie offensichtlich ihre Heimat, während das irdische Leben doch in weitgehendem Widerspruch zu ihnen steht. Warum bleibt der Mensch nicht »da oben«, wo es keine Umweltverschmutzung, keine Steuererhöhungen, kein Bundesbahndefizit, keine Ausbeutung und keine Strafzettel gibt? Wäre er nicht besser beraten, dort die Ideale zu leben, statt die ganze Mühsal und Frustration eines irdischen Lebensgangs auf sich zu nehmen?
Es muss irgendwann in der Zeit, die der hier beschriebene Wesenskern eines Menschen in der geistigen Welt verbringt, so etwas wie einen Entschluss geben, sich den Strapazen eines irdischen Lebens erneut zu stellen. Und dieser Entschluss muss etwas damit zu tun haben, dass es in dieser Zeit wohl einen Moment gibt, in dem er den persönlichen, eigenen, individuellen Beitrag erkennt, den er zur Verwirklichung der Ideale auf der nicht-idealen Erde leisten könnte.
In fast allen Kulturen und Religionen außerhalb der offiziellen monotheistischen Kirchen lebt die Vorstellung, dass nach dem Tod die Seele ihre auf Erden gemachten Erfahrungen verarbeitet, indem sie diese den Wesen vorlegt, die ausschließlich in der geistigen Sphäre leben. Daraus muss eine Art Einsicht darüber entstehen, was während der Erdenzeit versäumt wurde in der Mitarbeit an den geistig-göttlichen Weltenzielen. Aus diesem Anschauen der Versäumnisse muss sich für die Seele eine Art Schwelle, ein Wendepunkt ergeben, der sie dazu herausfordert, es wiederum zu versuchen – mit der Erde und mit sich selbst. Rudolf Steiner nennt diesen Wendepunkt die »Begegnung mit dem großen Hüter der Schwelle«. Sie liegt in der Mitte der Zeit, die die Seele zwischen Tod und nächster Geburt in der geistigen Welt verbringt, und sie besteht darin, dass man eines Bildes Christi ansichtig wird, der – obwohl er dies als göttliches Wesen für sich gar nicht nötig gehabt hätte – ebenfalls auf die Erde kam, um ihr den Auferstehungsimpuls einzupflanzen. Diese Christus-Begegnung in der Mitte der Zeit, die man zwischen dem letzten Tod und der nächsten Geburt in der geistigen Sphäre verbringt, kann vielleicht so charakterisiert werden: Ich habe in meinem letzten Erdengang Verschiedenes erreicht, aber Verschiedenes auch versäumt und nicht verwirklicht, bin bestimmten Aufgaben nicht gerecht geworden. Nun erkenne ich Christus, der, ohne dass er etwas versäumt hätte, freiwillig auf die Erde kommt und seine Möglichkeiten, die er als höchstes göttliches Wesen hat, opfert, um der Erde und den Menschen weiterzuhelfen. Wieviel näher liegt es nun, dass ich beschränktes Wesen wieder zur Erde zurückkehre, um erneut meinen Beitrag zur Verwirklichung der göttlichen Ziele zu leisten, die die geistige Welt mit der Erde anstrebt. Ich will also das Eingefügt-Sein in die ideale Ordnung der geistigen Sphäre opfern, um erneut zu versuchen, mit den beschränkten Mitteln meiner Individualität und in dem begrenzten Raum meiner persönlichen Biographie an den Zielen der Götter mitzuarbeiten.
Aus dieser Situation nähert sich dann der geistige Wesenskern, das Ich, wiederum der Erde. An dem Wendepunkt ist ein Entschluss gefallen. Das Ich bildet sich jetzt von der geistigen Sphäre her erneut einen persönlichen Ausgangspunkt auf der Erde, sucht sich seine künftigen Eltern, nimmt als Reisegepäck das wieder auf, was sich vor diesem Wendepunkt in der nachtodlichen Auseinandersetzung mit der geistigen Welt über das vorangegangene Erdenleben an persönlichen Aufgaben und Zielen ergeben hatte. Es schafft sich leiblich und sozial eine Ausgangsposition, die es wahrscheinlich macht, dass es seine persönlichen Aufgaben und Ziele in die übergeordneten Ziele und Aufgaben einordnen kann.
Dann kommt man auf die Erde und hat alles das vergessen, hat die eigenen Geburtsimpulse vergessen. Das hohe Bewusstseinsniveau, auf dem man, sozusagen auf dem Höhepunkt seines Lebensgangs in der geistigen Welt, Entschlüsse gefasst hat, verdunkelt sich zunehmend, je mehr man sich mit seinem individuellen Gepäck ausstattet, je näher man der Erde kommt. Denn auf der Erde, gebunden an das Materielle, haben wir ein niedrigeres Bewusstseinsniveau als in der geistigen Welt. Und im Moment der Zeugung des künftigen Leibes schläft man dann geradezu ein. Eine direkte Erinnerung an die Ziele und Entschlüsse, an die »Geburtsimpulse«, mit denen wir wiederum auf Erden aufgetreten sind, gibt es im Regelfall während des irdischen Lebens nicht mehr. Stattdessen lebt man sich immer mehr ein in die irdischen Verhältnisse; irdische Bedürfnisse und Wünsche entstehen, die vor allem dadurch charakterisiert sind, dass sie im Horizont des Persönlichen verbleiben.
Und dann kommt die Pubertät: Das Ich, dieser geistige Wesenskern, erwacht in anfänglicher Art zu sich selbst. Das ist daran zu erkennen, dass der junge Mensch jetzt die Möglichkeiten seiner Autonomie und seiner ganz eigenen Individualität erkennt – ohne dass er sie im Moment schon konkret zu füllen wüsste. Zugleich mit diesem Ich erwachen die Ideale. Ein beachtenswerter Zusammenhang: Zu dem Zeitpunkt, da der Mensch ein erstes – auf die Mitmenschen mitunter recht schroff wirkendes – Bewusstsein seiner Eigenheit, ein erstes Bewusstsein seines ganz individuellen Schicksals entwickelt, da tauchen die Ideale auf – wie eine ahnende Erinnerung an die überpersönlichen Gesichtspunkte, die er in der geistigen Welt aufgenommen hat. Natürlich sind diese Ideale jetzt noch nicht ausformuliert, sie wirken vielleicht auch ein bisschen amüsant, aber sie enthalten immer den Impuls, dass der junge, gerade zu sich selbst erwachende Mensch es eines Tages besser machen möchte: Er wird alles besser machen und besser verstehen als seine so angepassten, festgefahrenen Eltern. Der eine will die Umwelt retten, der andere die Indianer in ihre alten Rechte einsetzen, der dritte ist sich sicher, dass es bessere, dem Menschen gerechtere Formen des Zusammenlebens gibt, als er sie zu Hause wahrnimmt, der vierte will einmal ein großer Erfinder medizinischer Geräte werden.
Sehen wir einmal davon ab, dass der Erwachsene gegenüber jungen Menschen häufig den Fehler macht, sie mit diesem Sehnen solange nicht ernstzunehmen, bis sie sich selbst nicht mehr ernstnehmen, aufgeben und in die Sphäre des persönlichen kleinen Glücks zurückkehren. Und dann ist zum Beispiel eine Bereitschaft dafür entstanden, die Drogenszene attraktiv zu finden. – Auf jeden Fall schließt sich der junge Mensch zunächst von der Erwachsenenwelt ab, weil er zu Recht empfindet, dass sein Sehnen nicht von dieser Welt ist, und wartet auf Möglichkeiten, das, was in ihm lebt, auf die Erde zu bringen.
Und dann wird er erwachsen, lernt einen Beruf, wird – wie man so sagt – realistisch, schraubt sein Sehnen immer weiter zurück und verfolgt zunehmend eigene Ziele. Besitz, Wohlstand und sozialer Einfluss stehen schließlich ganz im Vordergrund. Eine Zeit lang geht das auch gut. Dann aber, zwischen dem achtundzwanzigsten und fünfunddreißigsten Lebensjahr, taucht da ein merkwürdiger Zweifel auf – erst leise und immer wieder verworfen, aber stetig nagend und schließlich unüberhörbar: Ist das eigentlich alles?
Jetzt bin ich, sagen wir, dreiunddreißig, habe Erfolg im Beruf, bin angesehen, habe ein Eigenheim, eine »passende« Frau dazu, eine Lebensversicherung, außerdem bin ich Vorstand im Kegelverein, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, mein Hobby als Angler macht mir viel Freude – aber trotzdem: All das fühlt sich zunehmend irgendwie hohl, banal, unwichtig an. Steckt nicht noch etwas ganz anderes in mir? Bin ich nicht noch zu ganz anderem berufen? Soll das denn jetzt die nächsten dreißig Jahre so weitergehen? Und das Kreuz tut neuerdings auch weh, obwohl ich doch regelmäßig Sport treibe.
Solche Zweifel in der Lebensmitte können sich derart verdichten, dass daraus innerlich ein Bild wie von einem Schreckgespenst seiner selbst entsteht. Ich sehe mich selbst in all dem, was ich versäumt und vergessen habe. Meine Beziehungsschulden, meine unerledigten zwischenmenschlichen Aufgaben, meine täglichen kleinen Egoismen, meine Ausweichmanöver in Situationen, die mich zu klarer Stellungnahme herausgefordert hätten – kurz, ich sehe meinen Schatten. Ich sehe ihn mit dem drängenden Gefühl, dass das nicht so bleiben kann, dass es da noch etwas anderes geben muss, das meinem Leben Sinn gibt. Es kann doch nicht der Sinn sein, immer neue Besitztümer anzuhäufen und einflussreicher zu werden. Darin liegt doch ein Versäumnis. Aber was genau habe ich eigentlich versäumt? Worin besteht denn die Dimension, die meinem Leben fehlt? – Das ist die Frage der Lebensmitte.
Nun ist das keine abstrakt-philosophische Frage, die sich mit dem Besuch eines Volkshochschulkurses klären ließe, sondern es ist ein vital und existentiell erlebter, über Monate, manchmal Jahre durchlittener Selbstzweifel. Ein quälendes Gefühl elementarer Unvollkommenheit des eigenen Seins entsteht. So gelangt man in der Lebensmitte an einen Nullpunkt und fühlt sich von allen guten Geistern verlassen. Es ist eine Schwelle, die spüren läßt, dass das, was so weit getragen hat, nun nicht mehr weitertragen wird. Angst kann entstehen. Es ist eine Selbstbegegnung, als würde man einem Schreckgespenst begegnen. Rudolf Steiner nennt dieses Schreckgespenst den »kleinen Hüter der Schwelle«. Diese Begegnung muss nicht genau so, wie hier zusammenfassend beschrieben, erlebt werden. Sie kann auch einfach als Depression, als Gefühl der Sinnlosigkeit und der Leere auftauchen oder als ungerichtete Ruhelosigkeit.
Auf jeden Fall gibt es zwei Möglichkeiten, mit dieser Begegnung mit dem kleinen Hüter der Schwelle umzugehen: Ich kann zum einen den zunehmenden Zweifel zu übertönen versuchen, indem ich mich jetzt noch mehr in das hineinsteigere, was ich schon immer gemacht habe. Dann kaufe ich mir ein flotteres Auto, schließe noch eine Lebensversicherung ab, kaufe eine neue Möbelgarnitur und lasse mir für mein Hobby die neueste Angel aus Kanada kommen.
Eine andere Möglichkeit, dieser Hüter-Begegnung auszuweichen, liegt darin, dass ich jetzt dramatische Entschlüsse fasse: Ich fange noch einmal ganz neu an, mache meinen eigenen Laden auf, heirate eine andere Frau, oder ich wandere aus und züchte Schafe in Australien. – Darin liegt natürlich nichts Falsches, aber wenn es dazu dient, diesen grundlegenden Selbstzweifeln auszuweichen oder sie schnell zu beseitigen, dann ist es ungesund.
Ein ganz anderer Weg ist zwar anstrengender, macht aus diesem Tiefpunkt aber einen Wendepunkt: Ich kann versuchen, die Selbstbegegnung auszuhalten und hinzuhören, worauf sie hinaus will. Dann wird mir zunehmend hörbar werden, dass dieser kleine Hüter ungefähr so spricht: Du hast bis jetzt für dich, vielleicht noch für deine Familie gelebt, hast Besitz und Sicherheiten geschaffen – und das war auch richtig so. Aber indem du dich in das äußere Leben so mit Haut und Haar hineinbegeben hast, ist dir eine Dimension verlorengegangen – nämlich die, mit der du ursprünglich angetreten bist. Du bist gar nicht nur für dich selbst auf die Welt gekommen. Du merkst das daran, dass das Erreichte dir jetzt hohl wird, weil es nur dir gilt. Du hattest ursprünglich übergeordnete Ziele und Ideale. In deiner Pubertät hast du dich zunächst bruchstückhaft und vielleicht etwas emotional daran erinnert. Aber dann hast du sie wieder vergessen. Du bist ursprünglich auf die Welt gekommen, weil du einen Beitrag dazu leisten wolltest, dass die Gemeinschaft der Menschen und die Erde sich weiterentwickeln können. Es ist gut, dass du dir dafür in der ersten Lebenshälfte einen persönlichen Ausgangspunkt geschaffen hast. Du hast dir Fähigkeiten erworben, du kannst etwas. Aber jetzt beginnt deine zweite Lebenshälfte, und da brauchst du, um ein sinnerfülltes Leben zu führen, Anschluss an diese Ziele, die über dein persönliches Glück und Weiterkommen hinausgehen.
Auch diese Hüter-Begegnung muss nicht genau so erlebt werden, wenn man sich ihr stellt. Sie kann einfach eine Horizonterweiterung sein, ein Aufwachen dazu, dass es Wichtigeres gibt als das eigene, persönliche Glück. In der ersten Lebenshälfte, besonders als junge Erwachsene, fragen wir – zu Recht – zunächst: Was hat mir die Welt zu bieten? Jetzt, an diesem Wendepunkt der Lebensmitte, taucht die komplementäre Frage auf: Was eigentlich habe ich der Welt zu bieten? Was kann die Welt von mir erwarten? Womit kann ich mich zur Verfügung stellen?
Und nun kann man einen elementaren Entschluss fassen, der sich individuell ganz unterschiedlich ausnehmen mag: der Entschluss, sich mit dem, was man hat und was man ist, einzusetzen für übergeordnete Ziele und Ideale. Der Handwerksmeister, der sich einen kleinen Betrieb aufgebaut hat, gibt ihn jetzt auf und geht in ein Rehabilitationszentrum, um Behinderte in einen Beruf einzuführen. Der Arzt verkauft seine florierende Praxis, um am Aufbau des Gesundheitswesens in Indien teilzunehmen. Die Verkäuferin engagiert sich im Dritte-Welt-Laden et cetera. – Aber es müssen auch nicht so programmatische Änderungen eintreten; denn es ist nicht in erster Linie Kühnheit, sondern Entschlossenheit gefordert. Viele meistern diese Lebensmittekrise so, dass sie weiterhin das tun, was sie schon immer getan haben, aber jetzt ein neues, übergeordnetes Interesse damit verbinden. Sie bringen die Entschlossenheit auf, bei einer Sache zu bleiben, auch wenn sie äußerlich nicht so großartig erscheint. Sie haben jetzt, nachdem sie die Phase des Zweifels ausgehalten haben, Zugang zur geistigen Dimension dessen gewonnen, was sie alltäglich beruflich oder privat tun. Vielleicht verbinden sie damit auch gar nicht die großen Ideale, aber sie können jetzt zum Beispiel ihren Mitmenschen neu begegnen, an ihren Kollegen ganz neue, wesenhafte Züge entdecken, vielleicht zunehmend auf den Automatismus von Sympathie und Antipathie verzichten, der unser soziales Leben so unbefriedigend reguliert, und können einen Menschen in seiner Eigenberechtigung anerkennen. – So etwas ist mindestens ebenso wichtig wie das Gesundheitssystem in Indien.
Dieser Entschluss zum Überpersönlichen, der auf Erden zur Lebensmitte ansteht, antwortet auf den Entschluss, den man einst in der geistigen Welt gefasst hat, als man dort dem »großen Hüter der Schwelle« begegnete. Die Lebensmittekrise ist insofern eine Antwort auf den Entschluss, zur Erde zu kommen. Nach diesem Entschluss hatte man angefangen, sich den irdischen Verhältnissen wieder zu nähern. Dann lebte man sich zunehmend ein auf Erden. Gleichzeitig verlor man aber immer mehr den Anschluss an die geistige Welt. Und jetzt, in der Lebensmitte, in der weitesten Entfernung von der geistigen Sphäre, da entschließt man sich erneut zur Erde, und zwar wiederum zu ihrem überpersönlichen Aspekt, und gewinnt wieder Anschluss an die geistige Dimension.
Es ist aber nicht so, dass der Fall damit erledigt wäre, dass man, mehr oder weniger bewusst, solche Einsichten hat oder Entschlüsse fasst. Der »kleine Hüter« weicht nun nicht mehr von der Seite, das heißt, ab jetzt ist der Hüter immer dabei, was auch immer man tut und lässt. Ich blicke von nun an, bei allem, was ich tue, auch immer auf das, was ich noch nicht kann, was mir nur unzureichend gelingt, wo ich mich weiterentwickeln muss, um wirken zu können. Und das wird anstrengend. – Auch das Element, Entschlüsse fassen zu müssen, bleibt bestehen. Während sich nämlich in der ersten Lebenshälfte die Dinge meistens noch von selbst ergeben, Freundschaften, berufliche Werdegänge, Interessen, so muss ich das jetzt alles bewusst und mit Willen angehen. Zum Beispiel ergeben sich neue Freundschaften nach der Lebensmitte meist nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie zuvor. Jetzt entsteht Freundschaft eigentlich nur noch, wenn ich das will und bewusst herbeiführe. Ich muss jetzt bewusster auf andere Menschen zugehen. War ich früher noch wie getragen von den Umständen, so muss ich mich jetzt selbst tragen, sonst resigniere ich über die Kümmerlichkeit des Daseins. Der junge Mensch kann immer noch die Hoffnung haben, dass es besser wird. Jetzt muss ich es selbst besser machen, damit es besser wird. Insofern bin ich Herr meines Schicksals geworden. Es liegt jetzt in meiner Hand, worauf es mit mir hinausläuft. Man muss sich jetzt gezielt Gedanken machen, aus welchen Quellen man seine Zukunft gestalten will.
Das ist bis ins Körperliche festzustellen. Liegen nicht besondere Krankheiten vor, so erlebt man vor der Lebensmitte seinen Körper nicht. Jetzt aber lastet er zunehmend schwer. Mit etwa achtundzwanzig Jahren fängt der rein physische Abbau an – übrigens fängt er im Gehirn an –, und jetzt muss bewusst etwas für den Erhalt des Körpers, für Gesundheit und Beweglichkeit getan werden, sonst wird der Körper schnell zur Last und schränkt ein. Und seelisch ist das eben auch so. In den Jahren nach achtundzwanzig kann ein seelischer Abbau im Sinne einer um sich greifenden Perspektivlosigkeit beginnen, wenn nicht aktiv Perspektiven erarbeitet werden – und zwar solche, die über das hinausführen, was die eigene konkrete Person belangt.
Wie der Körper ab der Lebensmitte eine Sklerotisierungstendenz zeigt, eine Tendenz zu versteifen und zu verhärten, so ist es auch im Seelischen. Man muss etwas für seine seelische Beweglichkeit tun, aber eben nicht nur während der Lebensmittekrise, sondern ab jetzt immer. Und die Grundgeste dieser Beweglichkeit ist es, über sich selbst hinauszugehen, ein herzliches Interesse für all das zu entwickeln, was nicht Ich ist. Es geht jetzt um eine kontinuierliche Selbsterziehung.
Hier hat auch seinen eigentlichen Platz, was in den letzten Jahren als Biographieberatung bekannt geworden ist. Biographieberatung geht, wie bereits erläutert, nicht von der Frage aus: Wie hätten Sie Ihr Leben denn gerne? Vielmehr: Wie ist Ihr Leben geworden, und wie können Sie es jetzt sinnhaft weiterführen? Wie können Sie innerhalb des Rahmens, der in der ersten Lebenshälfte entstanden ist, so an sich arbeiten, dass Sie Anschluss an die Dimension des Geistigen, des Sinnhaften gewinnen? Biographieberatung kann eine solche Anleitung zur Selbsterziehung, zum übenden Umgang mit sich selbst sein, so wie das ab der Lebensmitte angebracht ist.
Einige einfache Beispiele für solch einen Übungsweg seien hier angedeutet: Man kann sich etwa vier Wochen lang jeden Abend kurz darauf besinnen, wenn man den Tag abschließt, was heute wesentlich und was heute nicht so wesentlich gewesen ist. Man kann sich das jeden Abend mit ein paar Stichworten aufschreiben. Macht man diese Übung, kommt man zu einem überraschenden Ergebnis: Es gibt nichts Unwesentliches. Was mir zunächst unwesentlich erschienen ist, erweist sich bei näherer Betrachtung eigentlich als ein kleines Versäumnis meinerseits.
Da ist er also schon wieder, der kleine Hüter. Dass ich heute morgen über den Staubsauger meiner Putzfrau gestolpert bin, scheint zunächst ein unwesentliches Ereignis zu sein. Aber wenn ich es genau betrachte, sagt es mir, dass ich die Arbeit der Putzfrau nicht ernst nehme und herumlaufe, als wäre sie gar nicht da. Ich habe kein Bewusstsein dafür, dass sie anwesend ist. Also nächste Woche, wenn sie wiederkommt, werde ich sie ansprechen und versuchen, ihre Arbeit bewusst wahrzunehmen.
So banal ist das mit der übergeordneten Dimension. Es geht nicht darum, in der Lebensmitte große Fahnen aufzurollen und aus dem Fenster zu hängen, sondern darum, da, wo man steht – oder, wie in dem Beispiel, wo man stolpert –, sich ganz auf das einzulassen, was vorliegt. Dadurch wird, was da ist, erst vollständig, erfüllt sich und gewinnt geistige Substanz.
Eine andere Übung könnte sein, das Alte neu zu tun. Statt also in der Lebensmittekrise alles hinzuwerfen und das Ticket nach Australien zu kaufen, könnte man sich systematisch damit beschäftigen, all das neu anzusehen und neu zu greifen, was man schon immer tut. Dazu ist es sinnvoll, kleine Gewohnheiten, die sich über Jahre eingeschlichen haben, probeweise einmal für vierzehn Tage zu ändern. Man könnte das Bild im Büro einmal an eine andere Wand hängen, nur für zwei Wochen; und sehen, wie das wirkt. Wenn es dann nach vierzehn Tagen wieder an seinem alten Platz hängt, wird man es neu sehen; und vielleicht sieht man auch sein Büro neu. – Oder man könnte einmal, nur für vierzehn Tage, statt morgens beim Frühstück den Kopf in die Zeitung zu stecken, die eigenen Kinder fragen, wie es denn in der Schule so geht. Danach liest man die Zeitung ganz anders. – Oder man könnte einmal, nur probeweise, den grünen Pulli anziehen, den einst die Schwiegermutter geschenkt hat und der nun seit fünf Jahren im Schrank hängt. Nur einmal zwei Wochen lang. Vielleicht sieht man dann nicht nur den Pulli anders.
Die Lebensmittekrise hat also ihren Sinn darin, auf die Entschlüsse zu antworten, mit denen wir einst auf die Erde gekommen sind. Sie hat nicht den Sinn, jetzt das Irdisch-Materielle zu verachten. Im Gegenteil, sie soll der Ausgangspunkt dafür sein, dass wir dem Irdisch-Materiellen Sinn geben können, dass wir es vervollständigen, dass wir es zu sich selbst führen, indem wir über das hinausgehen, was wir von uns gewohnt sind.
Nun gibt es aber Ausnahmen: Es gibt Menschen, die schon in sehr jungen Jahren konkret an der Verwirklichung ihrer Ideale arbeiten, offenbar aus einer mitgebrachten Selbstlosigkeit heraus. Und es gibt ältere Menschen, die nach überhaupt nichts streben, die keine Lust haben, sich um irgend etwas Übergeordnetes zu bemühen. – Wir können annehmen, dass wir beide Male Menschen vor uns haben, die ein besonderes Opfer bringen. Letztere führen den Materialismus und die Selbstbezogenheit auf die Spitze und führen ihren Mitmenschen damit vor, welche Trostlosigkeit in einem nicht-strebenden Leben entsteht. Und sie können möglicherweise eben dadurch wirken: Sie können Ansporn und Anlass sein für die anderen, sich selbst zu befragen, was Materialismus und Selbstbezogenheit betrifft. Es ist insofern nicht richtig, Menschen zu verurteilen, die über die Lebensmitte hinaus eine materialistische Gesinnung leben, die also nicht aufgreifen, worauf in diesem Kapitel hingewiesen wurde. Sie erfüllen vielleicht auch, indem sie so leben, eine große Aufgabe. Aber es hängt von uns ab, ob wir das so aufgreifen, als Ansporn, als Anlass. Erst dann haben diese Menschen ihre Aufgabe erfüllt, auch ohne dass sie sich dessen bewusst sind.
Und die jungen Menschen, die schon lange vor der Lebensmitte Anschluss an eine geistige Dimension haben und überpersönlich wirken können, opfern vielleicht ihre vollständige Individualisierung – möglicherweise auch, um Ansporn zu sein, aber jetzt aus der anderen Richtung. Sie leben etwas dar, was mitreißen soll. Und sie verzichten möglicherweise darauf, ganz – mit Haut und Haar – auf die Erde zu kommen, wie es der ersten Lebenshälfte gemäß wäre. Sie arbeiten sich nicht so umfassend in die irdischen Verhältnisse ein, bleiben insofern unvollständig, leben in einer gewissen Einseitigkeit, können aber gerade dadurch eine jugendliche Kraft für ihre Ideale zur Verfügung stellen, die der mittelalterliche Mensch nicht mehr hat. Und häufig ist es dann so, dass diese schon jung tätigen und wirkenden Menschen früh sterben oder schwer krank werden. Besonders wenn es sich um Künstler handelt, kann man den Eindruck haben: Sie wollten die Erde nur kurz berühren, die Menschen aufblicken lassen zu den Idealen – und dann gehen sie wieder.
So stehen also auch Ausnahmen noch in dem Sinnzusammenhang der Lebensmittekrise.
5
Die Bedeutung der Jahrsiebte
Man kann die Lebensmittekrise auch als eine Konsequenz aus der Wirkung der Jahrsiebte erachten. Bei dem Rhythmus der Jahrsiebte handelt es sich um eine aus der Ebene der Lebenskräfte, des Biologischen stammenden Gliederung der biographischen Entwicklung. Er ist ein Entwicklungsrhythmus, der von innen kommt – im Gegensatz zum Beispiel zum Mondknotenrhythmus, der von außen, aus kosmischen Abläufen auf den Lebensgang einwirkt. Er konstelliert nicht die zeitliche Gliederung äußerer Ereignisse wie der Mondknoten oder wie die bereits erwähnten Zeitstrukturen. Vielmehr ist die Sieben eine ursprünglich aus der Entwicklung des Organismus selbst hervortretende Zahl. Sie bewirkt von innen her, sowohl beim Kind wie beim Erwachsenen, im Verlauf von jeweils etwa sieben Jahren einen Bewusstseinswandel. Diesen Bewusstseinswandel kann man auffassen als eine stufenweise Annäherung des aus der geistigen Welt kommenden Ich an die irdischen Verhältnisse bis zur Lebensmitte und ein wiederum stufenweises Zurücktreten des Ich von den äußerlichen Verhältnissen ab der Lebensmitte. So sind die Jahrsiebte Inkarnationsstufen bis zur Lebensmitte, hingegen Exkarnationsstufen nach der Lebensmitte.
Es hat also keinen Sinn, die Wirksamkeit der Jahrsiebte in äußeren Ereignisabfolgen zu suchen. Die Jahrsiebte gliedern die Entwicklung des menschlichen Bewusstseins von innen her. Die Rhythmen dagegen, die in Kapitel 3 besprochen wurden, sind kosmische Rhythmen, keine biologischen. Sie bilden Kräfteverhältnisse der geistigen Welt im Irdischen ab, indem sie sich in der zeitlichen Struktur der äußeren Ereignisabfolgen vergegenwärtigen. Die Aussage: »Alle sieben Jahre hatte ich einen Unfall«, mag genauer Beobachtung entsprechen, hat aber nichts mit diesem Jahrsiebte-Rhythmus zu tun. Ebenso tritt der jeweilige Bewusstseinswandel auch nicht abrupt, als umschriebenes Ereignis ein, sondern er kommt allmählich, findet in der Mitte eines Jahrsiebts einen Höhepunkt, und bereits im dritten Drittel eines Jahrsiebts kündigt sich dann schon das Bewusstseinsthema des nächsten an.
Die Siebenjahres-Zeiträume selbst, die Themen der jeweiligen Bewusstseinshaltung können auch als unterschiedliche und folgerichtige Interesse- oder Fragerichtungen aufgefasst werden. In jedem Jahrsiebt stehen andere Erlebnisqualitäten im Vordergrund. Es gibt hierfür bereits eine Reihe von Beschreibungen11, so dass hier die Jahrsiebte nicht noch einmal im einzelnen charakterisiert werden müssen. In vier Stufen gliedern die Jahrsiebte in der ersten Lebenshälfte das Einleben des Ich in die irdischen Verhältnisse. Im ersten Jahrsiebt geht es um den Aufbau, um die Ordnung des Leibes, die das Ich sich nach und nach zu eigen macht, damit sie ihm als Instrument dienen kann. Im zweiten steht die Ordnung des Gewohnheitslebens im Vordergrund: Klare und wissbare Verhältnisse geben dem Ich die Sicherheit, in der sozialen Welt Fuß zu fassen. Im täglichen Lebensvollzug verbindet sich das Ich mit der Erde. Im dritten Jahrsiebt wird die Ordnung der Seele als eigene erlebbare Ordnung gesucht. Diese Phase beginnt bekanntlich mit einem heftigen Protest gegen die bis dahin von den Eltern und Lehrern übernommene Ordnung. Der Jugendliche will jetzt eigene Wege gehen, die ihm selbst angemessene seelische Haltung zur Welt finden. Und im vierten Jahrsiebt geht es um die Ordnung des Handelns. Der junge Erwachsene versucht nun, ausgehend von seinem Verstand, berufliche und soziale Handlungskompetenz zu entwickeln.
Im gleichen Zuge, wie das Ich sich in diesen vier Stufen mit der Erde verbindet, löst es sich zunehmend von seiner geistigen Herkunft, so dass mit achtundzwanzig Jahren ein gewisser Endpunkt erreicht ist. Das Ich ist dann vollständig auf der Erde angekommen. Die sich von innen ergebende und wie selbstverständlich einstellende Entwicklung ist nun zu Ende. Das zeigt sich, subjektiv freilich gar nicht bemerkt, daran, dass der körperliche Abbau bereits zu diesem Zeitpunkt, mit achtundzwanzig Jahren also, einsetzt – und zwar ironischerweise zuerst im Gehirn, dem Organ, dessen Tätigkeit im vierten Jahrsiebt im Vordergrund stand, wo es um die intellektuelle Durchdringung und »Behandlung« der Welt ging.
Der Bewusstseinswandel im fünften Jahrsiebt, an dessen Ende die Lebensmittekrise eintritt, besteht nun darin, dass dieses Ende des Inkarnationsvorgangs und die damit verbundene Ferne von der geistigen Welt ganz allmählich ins Bewusstsein treten – subjektiv als der sich einschleichende Zweifel erlebt, wie oben beschrieben. So kann die Lebensmittekrise als eine Schwelle an der Stelle der Entwicklung aufgefasst werden, an der die Bewusstseinswandlung in eine andere Richtung umschlagen sollte. Die nun folgenden Jahrsiebte bringen, wenn der Lebensmittekrise nicht ausgewichen wird, eine zunehmende Bewusstseinserweiterung in Richtung übergeordneter, überpersönlicher, vielleicht auch spiritueller oder religiöser Gesichtspunkte und Erfahrungen.
Im Unterschied zur ersten Lebenshälfte handelt es sich in der zweiten um Entwicklungs-Möglichkeiten. Die Lebensmittekrise kann auch umgangen, »verdrängt«, gleichsam überschrien werden durch herbeigeführte dramatische äußere Ereignisse – spontane zweite Heirat, Wechsel der beruflichen Existenz et cetera. Dann können die anschließenden Jahrsiebte ihre bewusstseinswandelnde Kraft nicht in der richtigen Weise entfalten. Insofern handelt es sich beim Jahrsiebte-Rhythmus nicht um einen autonomen Rhythmus wie beim Mondknoten, dessen strukturierende Gestaltungskraft nicht vom Bewußtseinsniveau des Betreffenden abhängt.
Aus dem Zusammenhang zwischen den Jahrsiebten und der Lebensmitte ergeben sich verschiedene Spiegelungen, wenn man die Lebenskurve als u-förmige Kurve darstellt. Dann können verschiedene Entsprechungen zwischen den Seelenhaltungen der ersten und der zweiten Lebenshälfte deutlich werden – je nachdem, ob man den Spiegelungspunkt im fünfunddreißigsten oder achtundzwanzigsten Lebensjahr ansetzt. Aus der Kurve aber Spiegelungen äußerer Ereignisse entnehmen zu wollen, ergibt jedoch keinen Sinn. Falls es sich nicht um durch das biologische Alter vorgegebene äußere Ereignisse wie Schuleintritt, Pensionierung et cetera handelt, kann die Kurve nur Entsprechungen von Seelenhaltungen, Interessenrichtungen oder Bewusstseinsstufen zeigen. Die Kurve und die auf ihr sichtbaren seelischen Entsprechungen zwischen der ersten und zweiten Lebenshälfte haben deshalb auch nichts mit der in modernen Lebensläufen anzutreffenden Symmetrie zwischen Ereignissen der ersten und der zweiten Lebenshälfte zu tun.
Man findet eine solche Symmetrie besonders ausgeprägt bei dem ungarischen Musiker Béla Bartók12, aber zum Teil auch in »Jedermanns-Biographien«. Spiegelungspunkt ist dann immer ein Zeitpunkt oder eine Zeitspanne in der Lebensmitte, und die sinnhaft zusammengehörenden Ereignisse gliedern sich paarig um ihn – zum Beispiel zehn Jahre vor dem Spiegelungspunkt erste Heirat, zehn Jahre danach zweite Heirat. Hier geht es also nicht um die Jahrsiebte, sondern um ein übergeordnetes Gestaltungsprinzip, das sich ebenfalls ganz unabhängig vom Bewusstseinsniveau eines Menschen durchsetzt.
6
Die vierfache Ich-Frage – zur biographischen Bedeutung der Pubertät
Viermal im Lebensgang steht der Mensch vor der aus dem Innern erwachsenden Frage: Wer bin ich eigentlich?
In stiller Art prägt diese Frage zum ersten Mal das Erleben des fünfjährigen Kindes. Im fünften Lebensjahr entsteht dem Kind ein Bewusstsein von der Polarität der Geschlechter. In sein Erleben tritt die Tatsache, dass die elterliche Hülle aus zwei verschiedenen Menschen besteht, die polar aufeinander bezogen sind. Es wächst ein feines Empfinden dafür, dass, was bisher als einheitliche elterliche Hülle erlebt wurde, einen leichten Riss, eine Aufspaltung in ein weibliches und ein männliches Element zeigt. Natürlich weiß das Kind schon zuvor, dass es Männer und Frauen gibt, aber Geschlechtsunterschied und Geschlechtspolarität treten noch nicht in sein Erleben. Das vierjährige Kind kann die Oma noch fragen: Oma, bist du ein Junge, oder bist du ein Mädchen? Das sechsjährige nicht mehr.
Als Folge dieses leisen Verlustes der Ureinheit und Wahrnehmung einer grundsätzlichen Spaltung der Menschen in männliche und weibliche tritt die Frage auf: Und was bin dann ich? Bin ich männlich oder bin ich weiblich? – Selbstverständlich weiß das Kind die Antwort. Aber dieses Wissen tangiert noch nicht das Bild, das es von sich selbst hat. Noch der knapp fünfjährige Knabe kann nach einem Marktbesuch zu Hause verkünden: Wenn ich groß bin, werde ich Marktfrau! – Der Junge, der über diese erste Identitätsfrage hinaus ist, will jetzt Obstverkäufer werden. Und er wird dann immer, wenn er auf den Markt zum Einkaufen mitgenommen wird, genau beobachten, was die Männer und was die Frauen auf dem Markt tun.
Damit ist also im fünften Lebensjahr – in der Psychoanalyse als ödipale Phase bekannt – ein erster Schritt zur Bestimmung der eigenen Identität getan. Ich bin ein Junge. Ich bin ein Mädchen.
Im neunten Lebensjahr ist das Kind wieder, jetzt aber mit anderem Akzent, vor die Frage nach der eigenen Identität gestellt. Jetzt beschäftigt es sich mit der Frage, inwieweit es eine Verlängerung oder Fortsetzung der Eltern ist und inwieweit eine eigenständige Person. Das nimmt häufig die Form der Findelkindphantasie an: »Eigentlich stamme ich aus einem Königshaus. Meine Eltern, Könige in einem fernen Land, mussten mich aussetzen. Die Leute, die vorgeben, meine Eltern zu sein, haben mich gefunden und großgezogen. Ich muss herausfinden, wo meine eigentliche Heimat und was, demzufolge, meine eigentliche Aufgabe ist, worin mein eigener Lebensweg liegt.«
Dahinter steht die Wahrnehmung eines Widerspruchs: Ich stamme zwar angeblich leiblich von meinen Eltern ab, aber im Kern meiner Person bin ich ein ganz eigener. Woher kommt mein Ich? Mein Ich kann nicht einfach eine Fortsetzung meiner Eltern sein. – Diese sich oft nur unterschwellig abspielenden Überlegungen wirken sich vorübergehend im Bewusstsein des Kindes so aus, dass es etwas auf Distanz von seinen Eltern geht. Diese werden jetzt kritisch betrachtet. Das Kind hat Einsamkeitserlebnisse. Manche Kinder beschäftigen sich nun mit der Möglichkeit des Todes und stellen sich vor, wie es wohl wäre, wenn sie allein leben würden, ohne die Eltern.
Auch hier geht die Frage »Wer bin ich?« von einem Verlusterlebnis aus: Eltern, Familie, die häuslichen Abläufe, das täglich Erlebte – all das wird nicht mehr mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie zuvor gesehen. Das neunjährige Kind tritt seiner Welt gegenüber. Bislang hat es darin gestanden. Ich und die Welt sind zweierlei. Es gibt einen Riss, einen Spalt zwischen mir und der Welt – konkret: den Eltern und Lehrern. Wer in diesem Zusammenhang bin ich? Ich bin offenbar ein eigenes Individuum, bin letztlich nur auf mich gestellt.
Das Kind beantwortet die Identitätsfrage jetzt aber noch nicht inhaltlich. Noch will es sich nicht selbst inhaltlich bestimmen. Vielmehr geht es um das Urerlebnis, dass ich überhaupt ein Ich bin, und zwar ein anderes als alle anderen. – Die Identitätsfrage versinkt dann wieder. Was aber zurückbleibt, ist ein Spielen und Experimentieren mit dem Unterschied von Innen und Außen, von Ich und Welt. Mein Ich ist innen, die Welt ist außen. Man kann also Geheimnisse haben, kann lügen und sich verstellen. Darin bekräftigt sich und wird handhabbar das elementare Trennungserlebnis, das das Ich der Welt gegenüber hat.
Sodann setzt mit zwölf Jahren die inhaltliche Frage nach der eigenen Individualität mit einem Paukenschlag ein: Alles, was bisher vertraut war, nicht nur Eltern, Lehrer und familiäre Gewohnheiten, auch der eigene Körper, wird fremd. Nichts mehr ist selbstverständlich. Eine tiefe Kluft trennt auf einmal von allem, was bisher getragen hat, selbst von der eigenen Leiblichkeit. Wer bin ich also? Wer bin ich, wenn sich mein Ich offenbar nicht von meiner Familie, nicht von meinen Lehrern, nicht einmal von meinem Leib her bestimmt und trägt, so wie bisher? Mein Ich ist offenbar nur äußerlich und allenfalls in einer für die Vergangenheit gültigen Weise an Familie, Schule und Leib gebunden. Was kann also stattdessen und eigentlich meine Individualität werden?
Es ist charakteristisch, dass der junge Mensch diese Frage nicht aus der Vergangenheit beantworten will, sondern radikal aus der Zukunft. Das jetzt erst in sein eigenes Bewusstsein eintretende Ich sieht betont ab von der Vergangenheit – mein Elternhaus ist verstaubt und verknöchert, meine Schule ist muffig, und in meinem Leib bahnen sich ungeahnte Dinge an – und will sich ganz in die Zukunft hinein orientieren. Jetzt erst beginnt ein eigenes Schicksalswollen, und von nun an sucht der Mensch bewusst Schicksals- und Beziehungsgestaltung aus eigenem Vermögen. Vorher waren Schicksal und Beziehungen vorfindlich. Jetzt kann man sie wollen und – vor allem – nicht wollen. Bislang hat man mit den Kindern gespielt, die in der Nachbarschaft wohnten. Jetzt will man sich seine Freundschaften aussuchen. Bislang hat man weitgehend desinteressiert und tatenlos zugesehen, wenn die Eltern das Kinderzimmer renoviert und neu eingerichtet haben. Jetzt will man das selbst machen, jetzt hat man dazu eigene Vorstellungen. Bislang hat die Mutter mich eingekleidet, und mir war nur wichtig, ob es zweckmäßig war. Jetzt stelle ich mir meine Kleidung selbst zusammen.
Natürlich ist es aus der Sicht des Erwachsenen eher amüsant, manchmal nervenaufreibend, dass der junge Mensch seine Individualität nun über Kleidung und Bilder an der Wand finden will. Es ist eben ein Anfang, unbeholfen, aber deshalb nicht ungültig. Die vehemente Art, mit der sich der pubertierende Mensch oft gegen alles stellt, was Vergangenheit ist – und deren Repräsentanten sind in erster Linie die Eltern –, enthält einen richtigen Kern. Ich weiß zwar noch nicht genau, wer ich bin, aber ich weiß, dass ich nicht das bin, was bisher selbstverständlich so erschien, auch wenn es von meinen Eltern so geprägt worden war. Ich bin Zukunft.
So kann man die Pubertät als den eigentlichen Beginn der bewussten Biographie betrachten. Erste, unbeholfene, oft unrealistische Lebensentwürfe tauchen auf. Erste biographisch bedeutsame Entscheidungen werden getroffen – man möchte bald aus der Schule gehen, um Handwerker zu werden, man möchte den und den Vereinssport betreiben. Das Individuum fängt an, sein Leben selbst zu leben. »Fängt an« heißt, es ist wie beim Laufenlernen: Man fällt tausendmal hin, bevor man wirklich laufen kann. Aber anders kann man nicht laufen lernen. Der junge Mensch tut sicher viel Unbedachtes und Unausgegorenes, setzt sich Gefährdungen aus, radikalen Tendenzen, wechselt täglich seine jeweils absolut richtige Meinung. Aber anders kann der bewusste Griff nach dem eigenen Schicksal nicht ruhig und sicher werden.
In dieser Phase tauchen auch die Ideale auf. Der junge Mensch sucht Ideale – nicht als abstraktes Gedankengut und bloß Gepredigtes. Vielmehr hat er die Sehnsucht, dass es Menschen geben möge, die für sie angefeindet werden und schließlich mit ihnen obsiegen. Das Ich sucht sich in der Pubertät im Idealischen. Das äußerlich sperrig Auffallende ist oft nur das Geheimzeichen für etwas Idealisches. Die Lederstiefel stehen für Freiheit, der Lippenstift für Hingabebereitschaft, die Rockmusik für Gelassenheit im Sturm und der kurze Haarschnitt für Autonomie, zum Beispiel. – Es ist eine tiefe Tragik, dass der Erwachsene den Pubertierenden so wenig ernst nimmt. Eltern, Lehrer und die Tante aus dem Fränkischen sind nur entrüstet über das Aussehen des bis dahin so adretten Kindes. Und sie betrachten die Pubertät als eine Art vorübergehende Krankheitserscheinung. Danach ist, hoffentlich, alles wieder gut. Würde man ansprechen, bestätigen und aufgreifen, was der junge Mensch an Idealen sucht, wie er konkret-sinnlichen Anschluss daran sucht, wie er Schicksalsentwürfe ausprobiert, so könnte mancher biographische Umweg, manche Einengung des Lebenshorizonts, manche Klischeefixiertheit in den Lebensabläufen vermieden werden. Selbst der Erwachsene noch nimmt sich in der Erinnerung daran nicht ernst. Die eigene Pubertät wird teils verschämt, teils belustigt als eine Art verlängerte Faschingszeit angesehen. Dann erst wurde es ernst.
Das täuscht. Ernst war es oft schon vorher; ständigen Entwertungen und Anfeindungen ausgesetzt zu sein, wenn man gerade begonnen hatte, etwas zu entwickeln, von dem man selbst noch nicht weiß, worauf es hinausläuft. Es ist etwa so, als wollte man einem einjährigen Kind, das gerade laufen lernt, einreden, es sei eine spinnige Idee, laufen zu wollen. Es sollte dies besser unterlassen, und im übrigen sei es einfach lächerlich und ärgerlich, immer diese unbeholfenen Gehversuche mit ansehen zu müssen. Die Pubertät ist ein Beginn – und häufig schon ein Ende. Viele trauen sich später nicht mehr, eigenes zu wollen, Ideale zu suchen, die es zu leben lohnt.
Erst beim vierten Mal, in der Lebensmitte, wenn noch einmal die Frage auftaucht: »Wer bin ich eigentlich?« ergibt sich oft ein Rückgriff auf Pubertätsideale. Wie im Kapitel über die Lebensmitte beschrieben, stellt sich in dieser Phase die Identitätsfrage als nagender Zweifel ein: Ist das denn alles, was ich bisher erreicht habe? Soll darin mein Leben auch weiterhin bestehen? Bin ich schon das, was ich mir bisher an Besitz, Fähigkeiten und Einfluss erworben habe? Oder bin ich noch etwas grundsätzlich anderes?
Und wie in der Pubertät sieht auch jetzt diese Frage nach dem eigenen Ich betont ab von der Vergangenheit und sucht die Zukunft. Bis jetzt war ich der, der sich dies und jenes erworben, erarbeitet und erobert hat. Aber wer bin ich morgen? Was bin ich darüber hinaus? Das Ich beginnt jetzt, seine geistige Dimension zu suchen.
Und wieder ergibt sich die Ich-Frage aus einem Verlusterlebnis: Ein Riss ist eingetreten zwischen meinem innersten Ich und dem äußeren Kleid, das dieses Ich sich bisher geschaffen hat. Und eine Ahnung davon kommt auf, dass das eigentliche Wesen des Ich nicht seine irdisch-äußere Erscheinung ist, sondern die Sphäre des Übersich-hinaus-Gehens sucht.
Viermal also fragt das Ich nach sich selbst. Es fragt aus sich heraus – Identitätsfragen und -zweifel, die durch äußere Ereignisse angeregt sein können, kommen natürlich hinzu. Jedesmal geht dem ein Riss, ein Bruch im Verhältnis zur Welt voraus. Und jedesmal ist die Ich-Frage an die Zukunft gestellt. Das Ich hat Zukunftscharakter.
7
Der Doppelgänger I
Seine Entstehung
Die Substanz des Doppelgängers ist unbewusste Gewohnheit, die unbemerkt entsteht, die sich einschleicht und unbemerkt auswirkt. Diese Art der Gewohnheit wirkt sich immer einengend, verhärtend, festlegend aus. Das können wir aus Distanz, als Unbeteiligte oder hinterher so bemerken. Was wir selbst erleben, wenn solche Gewohnheiten in unserem Denken und Tun am Werk sind, ist Sicherheit und Selbstverständlichkeit. Es ist oft sehr schwer, beratend einem Menschen erkennbar zu machen, wie sehr er eingeengt und festgelegt ist von Gewohnheiten des Denkens, Fühlens oder Handelns, die ihm – wie man sagt – in Fleisch und Blut übergegangen sind.
Man sagt zu Recht: Die Gewohnheiten haben eine übergroße Neigung zur Verfestigung, zur Verhärtung, ja zum Erstarren. Es gibt bei jedem Menschen geradezu einen Leib aus Gewohnheiten. Er ist fast physisch. Man kann ihn in der Biographieberatung eigentlich nur anpacken, indem man Vorschläge macht, bestimmte Gewohnheiten vorübergehend, und sei es nur für zwei Wochen, zu ändern. Dann können Bewusstsein und Wille in eine Gewohnheit kommen, die sich vor Jahren eingeschlichen haben mag. Die bewusst und willentlich gesetzten Gewohnheiten befreien geradezu aus der Einengung durch die einschleichend entstandenen. Sie befreien an dieser Stelle vom Doppelgänger.
So sieht ein Lehrer, ein ganz harmonischer und gefühlvoller Mensch, sich zu Hause zunehmend in Konflikte zwischen der Tochter und seiner zweiten Frau hineingezogen. Jeden Tag, wenn er nach Hause kommt, hat es wieder Streit gegeben zwischen den beiden, und immer wieder übernimmt er die Position des Schiedsrichters und Schlichters. – Ihm wird in der Biographieberatung die Übung vorgeschlagen, möglichst genau, bevor er den Streit zu schlichten sucht, den Streitanlass zu erfragen und für sich kurz aufzuschreiben. Nach zwei Wochen mit dieser einfachen Übung wird ihm klar, was weder er noch die beiden streitenden Frauen bisher gesehen haben: Streitanlass war immer ein Satz, ein Einwurf von ihm am Vortag. So hat er zum Beispiel einmal einen Streit zu schlichten versucht, indem er unter anderem sagte, beide sollten doch am Nachmittag einmal etwas getrenntere Wege gehen – die Tochter, sie war siebzehn, sollte ihre Schularbeiten in ihrem Zimmer machen und die Frau im Garten arbeiten. Am nächsten Tag – er ist, wohlgemerkt, gar nicht anwesend – entsteht genau hierüber wieder ein Streit: Die Tochter geht gleich nach dem Essen in ihr Zimmer, die Stiefmutter rennt ihr hinterher und beschimpft sie, weil sie sich zurückziehe. – So stellt sich heraus, dass der gemeinsame Nenner der Konflikte zwischen Tochter und Stiefmutter er war. Er erkannte nun, dass er, vordergründig schlichtend, immer neuen Zündstoff in die Beziehung zwischen den beiden Frauen brachte. Und er erinnerte sich, dass es in ihm schon immer eine ungelebte Streitlust und Aufmüpfigkeit gab, die er aber in dem sehr harmonischen Elternhaus nie ausleben durfte, auch als Jugendlicher nicht. Er war es, der sich – unbewusst – die Gewohnheit gebildet hatte, Tochter und Ehefrau statt seiner zum Streit zu bringen.
Dieses Beispiel zeigt erstens, wie geschickt solche Inszenierungen des Doppelgängers sein können. Es zeigt zweitens, dass es nicht irgendwelche Gewohnheiten sind, die ein Eigenleben entwickeln und sich verfestigen, die man mit dem Doppelgänger in Verbindung bringt. Vielmehr handelt es sich um Gewohnheiten, die damit zu tun haben, dass man etwas meidet – eine Erkenntnis, eine negative Konsequenz, eine Selbsteinsicht et cetera. Besonders in der Kindheit und Jugend, wenn der Einfluss von erziehungsehrgeizigen Erwachsenen noch stark ist, aber auch im Erwachsenenleben ernährt sich der Doppelgänger von dem, was wir an uns nicht wahrhaben wollen oder dürfen.
Der Doppelgänger ernährt sich von dem, was das Ich nicht wahrhaben will, und kann es gerade deswegen zur unbemerkten Gewohnheit werden lassen. Erst dadurch bekommt er seine für jeden Menschen individuelle Gestalt. Im Laufe des Lebens zieht er alles an sich, was das Ich nicht wahrhaben will, was es meidet, was es verdrängt. Was vom Ich nicht durchdrungen ist, verselbständigt sich im Unbewussten. Seelenvorgänge, in denen das Ich nicht anwesend sein möchte, gerinnen, verhärten, werden Teil des Gewohnheitsleibes und damit verfügbar für den Doppelgänger. Auch mitgebrachte Prägungen wie die persönliche Temperamentsmischung werden als primäre Teile des Gewohnheitsleibes dann Nahrung für seine verfestigende Tendenz, wenn sie im weiteren Leben nicht vom bewussten Ich durchdrungen werden. So heftet sich der Doppelgänger an alles, was in der Versenkung verschwinden will, und er wird zum Gegenbild unseres Bewusstseins und bewussten Selbstbildes. Er ist ein Wesen, das seine Physiognomie aus unserer Selbsttäuschung gewinnt. Der Begriff »Schatten«, wie er in der Jungschen Psychologie verwendet wird, scheint hier zutreffend, weil der Doppelgänger tatsächlich darin lebt, dass das Licht unseres Bewusstseins nicht überall hinleuchtet. Sein Wesen liegt in der Verdichtung und Erstarrung von seelischen Vorgängen.
Von dieser Ebene aus kann der Doppelgänger Krankheiten bewirken. Das aus dem Bewusstsein abgespaltene Seelische wird verdichtet und in die biologischen Abläufe des Leibes eingearbeitet – ein Feld der Psychosomatik.
Der Doppelgänger wirkt sich in vielfältiger Weise aus. Fragt man, wie er eigentlich erlebt wird, ist zunächst zu sagen: gar nicht. Darin lebt er ja, dass er nicht direkt als solcher erlebt wird. Und gerade deswegen, weil er dieses Merkmal des Verborgenen besitzt, kann er so wirksam sein. Er versucht, in alles hineinzuschlüpfen, was vom bewussten Ich nicht durchdrungene Gewohnheit ist; daher führt die Tendenz der Gewohnheiten zur Verfestigung. Ferner lebt der Doppelgänger in den uns selbst ursprünglich unangenehmen Teilen unseres Temperaments, die wir in unser Selbstbild nicht aufnehmen wollen. Und er tobt sich besonders gern in Beziehungen und Partnerschaften aus, also gerade da, wo sich im Zwischenmenschlichen unbemerkt Gewohnheiten bilden. So kann, was man als störend am Partner erlebt, eine Wirkung des eigenen Doppelgängers sein. Man projiziert Aspekte des eigenen Doppelgängers auf den Partner – oder auf das eigene Kind, die Kollegin et cetera – und reagiert auf ihn genauso, wie man ursprünglich in sich selbst auf ihn reagiert hat: Man bekämpft ihn, hasst ihn, will ihn nur weg haben. So kommt es im Extremfall geradezu zu »Doppelgängerehen«: Zwei Menschen vertreten füreinander den Doppelgänger des anderen und bekämpfen sich deshalb jahrelang gegenseitig. Aber eigentlich bekämpfen sie sich selbst.
Solche Doppelgängerehen sind ohne fremde Hilfe meist nicht auflösbar. Man fragt sich, warum diese beiden Menschen sich nicht trennen, da sie sich doch nur noch hassen. Aber tatsächlich kann man sich ja von seinem Doppelgänger nicht trennen. Man braucht in einer solchen Konstellation den anderen als Leinwand für den eigenen Film. Die Beziehung zwischen zwei solchen Menschen verfestigt sich immer mehr. Der Gewohnheitsleib kann von sich aus den Griff nicht lockern. Man ist solange in diese Verhältnisse festgezurrt, wie man kein Bewusstsein in die tatsächlichen Zusammenhänge bringt. Das klar urteilende, nicht selbstbezogen urteilende Bewusstsein ist das einzige, was diesen erstarrenden Griff lockert.
Aber nicht nur in Beziehungen mit anderen, auch im Umgang mit sich selbst kann man das Wirken des Doppelgängers erleben. In allem, was ängstigt, seelisches Erleben angstvoll einengt, in allem Sicherheitsdenken liegt eine Wirkung des Doppelgängers. Auch in der Depression, im ständigen Kranksein kann er sich auswirken – er ist in allem, was uns, aus uns selbst heraus, systematisch einengt, und er hat eine besondere Nähe zur »kalten« Intelligenz. Das materialistische Denken, die mechanische Intelligenz sind besonders vom Doppelgänger geprägt. Das ist erkennbar an der Neigung der mechanischen Intelligenz zur Verfestigung, zum Sichern, zum Sicher-haben-Wollen, zum Sicher-wissen-Wollen, zur definitorischen Festlegung. Es geht hier um ein Denken, das abschließt, statt beweglich zu machen.
Es gibt aber auch noch direktere, dem Erlebnis nähere Wirkungen des Doppelgängers. Da er aber auch hier – mit einer Ausnahme, von der sogleich die Rede sein soll – als solcher nicht erkannt wird, sinkt er sofort wieder zurück in die indirekte Wirksamkeit, wie sie oben skizziert wurde. Der Doppelgänger nistet sich besonders in alles hinein, was vom bewussten Ich nicht durchdrungene Gewohnheit ist. In Situationen nun, in denen solche Gewohnheiten plötzlich nicht mehr greifen, plötzlich aussetzen, kann der Doppelgänger auf einmal wie entblößt vor uns stehen. Das ist dann ein Schreckerlebnis, als würde man wie ein Dieb auf frischer Tat ertappt.
Eine Angestellte geht mit einem Kollegen immer besonders harmonisch – man könnte auch pointierend sagen: süßlich – um, kritisiert an ihm aber ständig seine Aggressivität und seinen Zynismus. Eines Tages wird es dem Kollegen zu bunt, und er schleudert ihr entgegen: »Du bist ja selbst so destruktiv mit deiner Süßlichkeit.« In diesem Moment hat die Angestellte ein Erlebnis wie bei einem elektrischen Schlag. Sie spürt physisch, wie kurz, nur für einen Moment, sich etwas von ihr löst, und sie sieht, fast sinnlich wahrnehmbar, sich selbst in hässlicher, zynischer, aggressiver Fratze. Es ist ein Schock. Sie sieht auf einmal ihren Schatten und erlebt, wie dieser Schatten nach ihr greift. Möglicherweise erfasst sie, dass sie das selbst ist. Es kann aber auch beim Eindruck eines unbestimmt Dämonischen bleiben. Nach wenigen Sekunden ist das Erlebnis vorbei, und zurück bleibt eine tiefe Erschütterung und Verunsicherung.
Eine andere Situation, in der der Doppelgänger, wenn auch nicht so dramatisch und plötzlich, hervortritt, ist die Lebensmitte-Situation (siehe Kapitel 4). Sie ist ja dadurch charakterisiert, dass, was bislang selbstverständlich, sicher und gewohnt war, hinterfragt wird, dass sich Zweifel einschleichen, ob man sich eigentlich in dem, was man bisher gelebt hat und von sich kennt, schon erschöpft, oder ob man im Tiefsten vielleicht noch gar nicht vollständig ist. Und hier kann nun, mehr schleichend als plötzlich, wiederum der Doppelgänger vor das innere Auge treten: Die eigenen Versäumnisse werden zunehmend bewusst. Man sieht sich in immer klareren Umrissen von seiner Schattenseite. – Auch dies kann ein niederschmetterndes Erlebnis sein, das möglicherweise zu Depressionen und chronischen Krankheiten führt, wenn man sich nicht bewusst und gezielt damit auseinandersetzt.
Von diesem Beispiel aus ergibt sich ein Blick auf die eigentliche Funktion des Doppelgängers. Er hat die Funktion eines »Hüters der Schwelle«. Was in der Lebensmitte von allein geschieht, wird auf dem Schulungsweg, wenn man sich durch gezielte Selbsterziehung für das Geistige zu öffnen versucht, bewusst und mit Willen erreicht.13 Auf dem Schulungsweg nähert man sich bewusst dem eigenen Doppelgänger und setzt sich, wie es auch Aufgabe der Lebensmitte ist, willentlich mit ihm auseinander. Man erkennt ihn als solchen, man anerkennt, dass man auch diese hässliche Figur voll Selbsttäuschung und Versäumnisse ist, und anerkennt sie als Teil des eigenen Erdenwesens. Dies ist so eine Art Eintrittskarte in das Verstehen des Wirkens der geistigen Welt. – Und es mag einsichtig erscheinen, dass in diesem Zusammenhang vom »Hüter der Schwelle« gesprochen wird, denn die Anerkennung des Doppelgängers als Teil des eigenen Wesens macht den Menschen vollständig, und erst aufgrund dieser Vollständigkeit kann sich der Blick für das Wirken der geistigen Sphäre öffnen.
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