Kitabı oku: «Laktatexpress - Im Tal der Ortsschildsprinter»
MATT GELPE
LAKTATEXPRESS
IM TAL DER ORTSSCHILDSPRINTER

Matt Gelpe:
Laktatexpress
Im Tal der Ortsschildsprinter
© Matt Gelpe – Covadonga Verlag, 2010
Coverillustration: Hanswerner Budt
Fotos auf dem Umschlag: Tom Ayton Design (Autorenportrait),
Carsten Hasemeyer, Daniela Bargholt, Marbod Jäger (v.l.n.r.)
Covadonga Verlag, Bielefeld – 2010
ISBN 978-3-936973-57-0
ISBN-ePub 978-3-936973-63-1
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise,
nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
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INHALT
Statt eines Vorworts
Don’t try this at home
Prolog
1. Wenn ich König vom Wuppertal wär’…
2. In Order of Appearance
3. I want to ride my Bike
4. Der Sozialverträglichkeitsreport
5. Der ultimative RTF-Knigge
6. Eating Iron
7. Der Hund, des Bikers bester Freund
8. Wohin mit den Pillen?
9. Das Balzverhalten geschlechtsreifer Marathonisti
10. Einmal Junkie – immer Junkie
11. Cantilever Disease – Eine Selbstbefragung
12. Prima Klima: Der Kohlen-Fuß-Druck
13. Engel links, Teufel rechts
14. Radfahrersprache – schwere Sprache!
15. Alles Bekloppte…
16. Yin und Yang am Rad
17. Sponsored by Oma
18. Kurzgeschichten
19. Halali – Der Besuch beim Klassenfeind
20. Impression Session
21. Love me or lead me! – The Search
22. Ein Quantum Klinsmann
23. Yes we Cannondale!
24. Zehn Glaubensgrundsätze
25. Wer hat Angst vorm schwarzen Loch?
26. Der Testosteron/Epitestosteron-Bericht
27. I am Legend
28. Hätten Sie’s gewusst?
29. Die Insel. Eine Reality Soap
30. Jagdzeilen. Ein Messereport
31. Die geht nie kaputt!
32. Freund Bimbach reimt sich einen
33. Marathongeheimnisse
34. Teil 1: Hirnwäsche, Psychologie
35. Teil 2: Material, kauf es dir!
36. Teil 3: Training – unbezahlbar
37. Teil 4: Tictac, Taktik, Strategie!
38. Matts Sommernachtstraum
39. Radfahren bedeutet E-Motion…
40. Wanderlust. Neulich im Burgholz
41. Bleib frei, sei in der Partei
42. Auf dem Cyclocross-Trip
43. Der ultimative »Bin ich ein Crosser?«-Test
44. An der Tasche eines Mannes…
45. Bin Baden und die Tour de France
46. Ein Jahres-End-Projekt
47. Hinter jedem Polar steckt ein kluger Kopf!
48. On Turkey
49. Cane diem – Neues vom Hund
50. Deutschland sucht den Radsport-Star!
51. Jährlich kommt der Nikolaus
52. Pimp my Bike – Ein Weihnachtsdrama
53. Ein Manifest des Radsports
Das Laktatexpress-Glossar
Gewidmet…
…all den Gelbjacken, die überall auf dieser Welt
Straße und Trail bevölkern – und natürlich
meinen Wuppertaler Trainingskollegen,
meinem Transalppartner aus dem Harz
und allen Wettkampfgegnern.
Danke für die niemals versiegende Quelle der Inspiration.
Matt Gelpe
STATT EINES VORWORTS
»Die Jungs und Mädels vom Laktatexpress sind schon eine korrekte Combo. Kein Verein, aber einheitliche Trikots und Auftreten wie eine Radsportgruppe. Bei jedem Rennen, ob schmale oder breite Noppenreifen, am Start, und im Trainingslager, ich kann euch sagen, da werden Beine und Bauchmuskeln gleichermaßen anaerob trainiert.«
Stefan »Dano« Danowski, Buchautor und Gewinner der Salzkammergut Trophy Extremstrecke
»Laktatexpress.de war die erste Internetseite, die von den alltäglichen Leiden der Hobbybiker auf der Langstrecke berichtete. Sozusagen das Gegenstück zu meiner damaligen Seite Kettenblatt.de. Auch wenn die Entstehungsgeschichte jetzt schon verdammt lange her sein mag, eins ist sicher: Die Laktatexpressler leben definitiv den Radsport!«
Ralph Berner, Olympiateilnehmer 1996 in Atlanta (Platz 10 im Cross Country)
»In einem Rennen mit Laktatexpress-Beteiligung gibt es mindestens drei Handlungsstränge. Erstens: Wer gewinnt aus der Spitzengruppe? Zweitens: Wer wird hinten vom Besenwagen geschluckt? Und drittens: Wer kommt vor dem leuchtend gelbweißen Trikot ins Ziel? Manchmal frag’ ich mich, welcher Kampf mit härteren Bandagen und mehr Eifer ausgefochten wird…«
Stefan »ZimBo« Zimmermann, unverbesserlicher Ausdauer-Abenteurer und stolzer Ironman
»Who the f… is Matt Gelpe?!«
Lance A.
DON’T TRY THIS AT HOME
Die Ratschläge in diesem Buch wurden in unermüdlichem Selbstversuch getestet. Sie sind vom Autor und Verlag sorgsam geprüft und nicht frei eines gewissen Maßes an Ironie formuliert. Deswegen bieten sie keinen Ersatz für medizinische Beratung oder kompetente trainingstechnische Betreuung. Jede Leserin und jeder Leser sind für ihr eigenes Handeln voll verantwortlich. Alle Angaben und Tipps in diesem Buch erfolgen ohne Gewährleistung und Garantie seitens Verlag und Autor. Eine Haftung für Personen-, Sach- oder Vermögensschäden ist ausdrücklich ausgeschlossen.
Und wenn du beizeiten mal nicht weiter weißt oder dich bei der Lektüre dieses Buches gelegentlich seltsam begriffsstutzig fühlen solltest: Einfach mal ins Glossar am Ende schauen. Da wird dir gewiss geholfen.
PROLOG
Das Bergische Land. Unendliche Weiten und unerforschte Anstiege. Wir schreiben das Jahr 2011. Dies sind die Abenteuer des Teams Laktatexpress. Die Eskapaden einer Gruppe berufstätiger Menschen, die mit wachsender Begeisterung auf Rennrad, Zeitfahrrad, Mountainbike oder Cyclocrosser unterwegs sind, um die seltsame, nicht selten skurrile Welt des Hobbyradsports zu erforschen, fremde Wesen in neongelben Jacken aufzustöbern und ungeahnte Laktatwerte zu erreichen…
WIE ALLES BEGANN
Vor mehr als zehn Jahren gab es in Wuppertal eine kleine, lose Gemeinschaft von Radsportlern, die sich an den Wochenenden, wenn keine MTB-Marathons stattfanden, zu gemeinsamen Ausfahrten bei Radtouristiken trafen. Man startete spät, um ausschlafen und möglichst viele Leute überholen zu können. Und wenn sich ein paar Überholte hartnäckig im Windschatten festbissen, wurde auch schon mal an der Verpflegungsstelle attackiert. Kurzum, das Tempo war immer gnadenlos hoch, Trainingspläne nur Schall und Rauch, alle gingen durch die Führung, und wenn der Schnitt am Ende unter 32 km/h lag, war das fast schon eine herbe Enttäuschung. Dass in unserer Gruppe auch starke Frauen mitfuhren, machte das Überholen von älteren Herren auf teuren Rennvelos besonders pikant. Das muss man halt schon verkraften können, von einem »Doppelzopf« eingesackt zu werden.
In dieser Zeit, es muss bei einer wunderschönen RTF in Richtung Iserlohn gewesen sein, entstand auch der Name Laktatexpress. Wir knallten ein flaches Tal hoch, und einer der Überholten, der uns schon vom Vorwochenende kannte, meinte nur resignierend: »Aah, da kommt ja schon wieder der Laktatexpress…« Damit hatten wir unseren Namen weg. Und wir waren stolz darauf!
Im November 2001 hatte ich dann die fixe Idee, all die vielen bemerkenswerten Begebenheiten, die uns so im Laufe des Jahres passierten, in Wort und Bild festzuhalten. Und was wäre dafür besser geeignet als eine eigene Internetseite? Zumal wir doch alle begeisterte Leser der Web-Auftritte diverser Profis waren (von denen an dieser Stelle besonders die Seite von Ralph Berner hervorgehoben sei).
Aber immer nur Spitzengruppe, Siege, Siege…? Wer kann das auf Dauer hören? Viel interessanter ist doch, was hinten im Peloton passiert: die Ausreden nach verpatzten Rennen, die gemeinen Attacken im Kampf um Platz 859 oder einfach die packenden Erzählungen von epischen Hungermacken… Das ist es, was Radfahrer, wenn sie montags mit laktatgeschwängerten Oberschenkeln am Arbeitsplatz vor ihrem Internetbrowser sitzen, lesen wollen. Dachte ich mir zumindest, und die Zugriffszahlen auf unsere Website gaben uns recht.
Schnell entwickelte sich Laktatexpress.de zu einer der meistbesuchten Internetseiten rund um den Hobbyradsport in deutschen Landen – insbesondere, wenn wir mal wieder Rennen gefahren waren und darüber berichteten. Daneben gab es auch noch ein Forum, das bald Kultstatus genoss, weil in ihm fragwürdige Ausreden, ungehaltene Kommentare zu unseren Berichten und allerlei anderer Schabernack wild durcheinander kommuniziert wurden. Leider hat uns ein Spam-Roboter dieses Kleinods der Meinungsfreiheit beraubt.
Im Jahr darauf beschwerte sich dann ein Rennfahrer: »Wenn ich gewusst hätte, dass du vom Laktatexpress bist, hätte ich dich vorm Ziel noch überholt.« Das war lustig, und wir ließen uns so was natürlich nicht zwei Mal sagen. Trikots und Hosen waren schnell entworfen, auf das uns weithin jeder erkennen möge. Die Farben des Trikots lagen auf der Hand: dottergelb wie das Ortsschild, schneeweiß, wie es nur Weltmeister tragen dürfen, rote Streifen wie die Blutkruste, die nach einem Sturz an deinem Bein klebt, und ein bisschen schwarz, so wie die Nacht, die dich bei einer Hungermacke umgibt. Derart optisch professionalisiert gingen wir fortan an den Start. Auch unser Fokus hatte sich inzwischen verlagert: weg von RTFs, hin zu Rennen.
Das Jedermann-Debüt bei Rund um Köln, die großen Etappenfahrten über die Alpen, die bekannten und neuen MTB-Marathons… nichts war mehr vor uns sicher. Und wenn im Rennen irgendwo jemand eine blöde Aktion geliefert hatte, dann konnte er sicher davon ausgehen, dass diese Episode am nächsten Montag genüsslich im Internet ausgebreitet und seziert wurde. Selbstredend unter Nennung des vollständigen Namens. So lernten wir quer durch Europa eine Menge netter Leute kennen. Kontakte, die bis heute Bestand haben. Gleichzeitig gibt es aber auch Menschen, die bis heute wünschen, sie hätten uns nie kennengelernt…
Neben den aktuellen Wochenendberichten etablierte sich auf Laktatexpress.de eine weitere Rubrik: die Monatsberichte. Eine etwas freiere Textform, die sich ein wenig vom aktuellen Tagesgeschehen löst. Geschrieben just for fun zur Unterhaltung der Leser. Hier durfte die Fantasie seit jeher auch mal einen Zwischensprint einlegen. Schon seit Beginn der Aufzeichnung hüpfen wir in dieser Reihe also regelmäßig auch mal in die Zukunft des Radsports (oder in das nächstbeste Kettenfettnäpfchen, das uns die Radsportmagazine bereitstellen). Und doch sei bei der Sattelstütze meines Opas versprochen, dass all diese Berichte immer auch einen gewissen Funken Wahrheit enthalten.
Vielleicht mag es erschreckend sein, dass viele dieser haarsträubenden Stories, die nun erstmals in gedruckter Form vorliegen, auf einer wahren Begebenheit beruhen, aber so ist der Hobbyradsport nun mal. Und so dürften die Geschehnisse und Marotten, von denen in den folgenden Geschichten die Rede sein wird, den allermeisten begeisterten Hobbyradsportlern seltsam bekannt und verdächtig nah vorkommen – auch wenn die werte Leserschaft uns und das Bergische Land in den meisten Fällen vermutlich nicht persönlich kennen wird.
Hier ist es also: das Tagebuch einer Gruppe laktatsüchtiger Radfahrer. Das ganz große Blatt. Ausgewählte Geschichten aus dem Logbuch des Laktatexpress. Nur echt mit 53 Zähnen.

1
WENN ICH KÖNIG VOM WUPPERTAL WÄR’…
»Ich fühl’ mich gut! Die Form stimmt, der Trainer ist zufrieden. Die Waage zeigt kaum noch Ausschlag. Heute ist mein Tag. Heut mach’ ich sie alle fertig.
Geh’ ich direkt am ersten Berg weg oder lass’ ich sie zappeln und degradier’ sie in der zweiten Hälfte zu Statisten? Ich frag’ mich, was ein schönerer Sieg ist? Aber Vorsicht, der eine war im Höhentrainingslager, und wer weiß, wer gerade noch ’ne heimliche Intensitätswoche absolviert hat. Ich muss aufpassen, nicht zu übermütig gleich am Anfang die Körner zu verpulvern… Ach was, erst drei Wochen Alpen, dann die Superkompensation und gestern die Vorbelastung. Heute passt’s, heute lass’ ich die Glocken klingeln!
Hast du die Flaschen an der Streckenteilung abgestellt? Gut, okay. Ich fahre mit zwei großen Flaschen, innen mit Farbe die Flüssigkeit angemalt. Die anderen sollen denken, dass ich mit anderthalb Kilo in den Haltern am Start stehe. Aber am ersten Berg werd’ ich sie eines Besseren belehren. Sie sollen sich quälen – ich will das Entsetzen in ihren Augen sehen. Wenn ich mich leichtfüßig absetze, unwiderstehlich wie ein Adler schwerelos aufsteige. Die Satteltasche ist auch mit Luftpolsterfolie ausgestopft. ’Ne Panne wäre fatal, aber ich fahre heute auf Sieg! Sekt oder Selters – heute muss es klappen.
Das Ortsschild wird meines sein. Ach was, der Zwischensprint, die Bergwertung, der Gesamtsieg! Dazu das Trikot des aggressivsten Fahrers – und das des besten Jungseniors. Alle übereinander, das wird mollig warm. Ach ja, schön so im Rampenlicht! Erst das Sieger-Interview, dann gleich die obligatorische Dopingkontrolle – Zielpissen im Stehend-Anschlag kann ich ja. Schließlich raus aufs Podium. Handshake mit dem Bürgermeister, Gruß ans Publikum und dann die Küsschen…
Zwei oder drei? Wie macht der Petacchi das noch? Ich glaube, international sind drei. Mit der linken Seite anfangen. Und die werden scharf auf mich sein, die Mädels. Ich bin der Sieger! Der Beste, der absolute Gewinner. Schampuskaiser! Während ich so da oben stehe, werden die anderen langsam ins Ziel trudeln. Tja, bei so ’ner Bergetappe muss der eine oder andere schon mit dem Zeitlimit kämpfen. Aber Jungs, kommt schon, Kopf hoch, ist doch nur Radsport.
Obwohl, so sicher sollte ich mir nicht sein. Vielleicht klemm’ ich mich anfangs einfach nur hinten ran. Lass’ die anderen arbeiten. Mach’ ein schmerzverzerrtes Gesicht und erzähl’ was von Übertraining. Da werden sie attackieren und ihre Chancen in der Flucht suchen, sich vorne im Wind bei der Tempoarbeit aufreiben, um mich zu zermürben. Aber ich werde wie Phönix aus der Asche steigen und sie alle Lügen strafen!
Heute ist der Tag gekommen, um für Jahre der Demütigung belohnt zu werden. Jahre, in denen ich hinten im Peloton um Anschluss gekämpft habe. Heute wird zurückgezahlt – für all die Tage, an denen ich alleine nach Hause fahren musste, weil die Form nicht für die vorletzte Kuppe reichte. Für die Zeiten, wo mein Name Seiten weiter hinten in den Ergebnislisten auftauchte. Aber ab heute wird alles anders! Sie werden vor mir zittern. Ab jetzt bin ich der Chef des Pelotons, der König der Landstraße, der Patron der Patrone – ähh: der Kapitän der Kapitäne!
Noch ein letzter Check: neue Kette, Laufräder und Hinterbau geputzt. Das neue Trikot zum Zeichen meiner Überlegenheit strahlt in reinstem weiß. Das Sitzpolster ist frisch gecremt. Vier Gels müssten für die Distanz reichen. Auch die Details zählen. Ich bin hochkonzentriert. Dasselbe Ritual wie vor jedem Rennen. Jetzt in den Flow kommen und dann durchziehen. Ein Blick in die Augen der Kontrahenten. Sie sollen spüren, dass der Sieg ab heute nur noch an mich gehen kann. Der Helm, die neue verspiegelte Sonnenbrille, der Pulsgurt… Was ist mit dem Pulsgurt? Oje, der Pulsgurt. Ohne Pulsgurt würd’ ich am ersten Berg überziehen. Garantiert, roter Bereich – und zack! – Krämpfe, vorzeitiges Ende, Abbruch, dasselbe wie immer. »Ich muss noch mal hoch, meinen Pulsgurt holen… Wartet ihr auf mich? Fahrt nicht ohne mich los…!«
»Mein Gott, Gelpe, Mann, jetzt hol endlich deinen Pulsgurt und beeil dich! Is’ ja schon gut, wir warten. Können wir nicht ein Mal pünktlich wie jede andere Radsportgruppe auch zur Dienstagsabend-Trainingsrunde starten?«

2
IN ORDER OF APPEARANCE
Am besten lernst du sie gleich mal richtig kennen, die Jungs und Mädels, die das Laktatexpress-Universum bevölkern und dir in den folgenden Geschichten gelegentlich um die Ohren fahren werden. Das also sind sie: die Protagonisten im »Tal der Ortsschildsprinter«. (Ansonsten müssen wir noch betonen: Alle in diesem Buch erwähnten Personen sind natürlich fiktiv, Ähnlichkeiten zu lebenden Personen sind rein zufällig und niemals beabsichtigt! Nie…)
DER HARTE WUPPERTALER KERN
Wuppertal, ja, ja, da wo der Papst mit Loriot ’ne Herrenboutique eröffnet… genau da liegt das Epizentrum unserer Radsportleidenschaft. In den umliegenden Wupperbergen finden sich Myriaden von MTB-Trails und Asphaltrampen, auf denen man die anderen vortrefflich leiden lassen kann. Das Bergische Land vor der Haustür und die Grenzen des Sauerlands sind auch lediglich eine knappe Fahrstunde vom Ortseingangsschild entfernt. Das Tal der Wupper selbst lässt nur eine Möglichkeit zu, »locker und flach« Rennrad zu fahren: durch die »Uelfe« Richtung Remlingrade-Radevormwald. Kein Wunder also, dass man sich hier zwangsläufig irgendwann auf der Abendrunde über den Weg fährt.
Frank R., genannt »Sprengmeister«
Erfahrener Ex-Rennfahrer, hat sich schon mit Bart Brentjens in Baal bei Sommerrennen gekloppt. Seine Fahrweise ist immer dynamisch, Beschleunigung nach der roten Ampel Ehrensache. Dass er alles mit Akribie vorbereitet, ist sein Markenzeichen, cellophanierte, sorgfältig gefaltete Trikotsätze für die einzelnen Etappen der Transalp sind ein Gerücht. Die Sprintattacken kommen dagegen vollkommen ohne Vorwarnung. Seine Wohnung liegt zufällig am Ende der Dienstagabendrunde, und er hat immer guten Espresso und kalte Getränke im Ausschank.
Rainer W., die »isländische Nähmaschine«
Gefürchtet wegen seiner gnadenlosen Trittfrequenz. Ehrenmitglied der »Sektion Burgholz«. (Das ist die Truppe, die jeden Sonntag durch das größte Waldgebiet zwischen Solingen und Wuppertal streift.) Der unverbesserliche Mountainbiker kennt restlos alle Verbindungsstrecken durch unser allerliebstes Naherholungsgebiet. Immer nach dem Motto: Je steiler, desto geiler. Der Unterschied zwischen einer 28-prozentigen Waldschneise und einem flachen Forstweg will ihm partout nicht einleuchten. Nebenbei ist Rainer noch für seine Grundlagenausdauer bei Salsa-Tanzevents bekannt, was manchmal zu lustigen Leistungseinbrüchen am späten Sonntagnachmittag führt.
Daniela B., »Erste Frontfrau«, auch Dani genannt
Wo sie ist, ist vorne. Bei Trainingsrunden immer auffällig unauffällig. Mindestens zwei, drei Mal im Jahr haut sie einen raus, da fragt sogar der Trainer, wo das herkommt. Kann sechs Stunden lang drei Schläge unter Maximalpuls halten. Trägt seit mehreren Jahren das modische Trikot der NRW-Landesmeisterin über die Marathondistanz – und lässt sich auch von schiefen Bandscheiben oder querenden Motorrädern nur kurzfristig aufhalten. Bevorzugt im Gelände 14 Gänge und trinkt leidenschaftlich Isoplörre aus Tutzing. Ende der Werbepause.
Markus »der Reverend« B.
Startet prinzipiell bedächtig von hinten aus dem letzten Startblock, um mehr Leute überholen zu können. Haut nach hinten immer einen raus wie Don Camillo und Peppone. Autorisierter Kurzstreckenreporter der Laktatexpress-Website: Wenn seine Bewertung eines Marathons negativ ausfällt, sinken im nächsten Jahr die Anmeldezahlen. Ist bei Veranstaltern deshalb gefürchteter als ein Restaurantkritiker beim Sternekoch. Aufgepasst, er verirrt sich in letzter Zeit öfter auf die längeren Strecken. Wenn er auf dem Rennrad zu sehen ist, hat es vorher zwei Wochen nicht geregnet.
Markus »Schledde« M.
Transalp-Challenge-Finisher aus Köln. Hat schon mehr Radfahrer gestoppt als die Polizei! Er arbeitet nämlich bei einer bekannten Zeitmessungsfirma. Kann da aber nichts für Jedermänner regeln, also bitte keine Zuschriften ;-).
Jörg »the lightning« H.
Tempohart wie ein Stück Asphalt aus der Kürtener Sülz. Man sagt, er ist zur Verbesserung seiner anaeroben Fähigkeiten ins Oberbergische gezogen. Live high, work low, bike sometimes. Wir sind gespannt.
Roger »Venga« H.
Online auch unter dem anglizierten Namen Rohan unterwegs, aktuell wohnhaft in Bochum. Unser Online-Auktionshaus-Experte, weiß immer, wo es was zu schnappen gibt. Weigert sich als einziger Fahrer, weißen Helm und weiße Schuhe zu tragen, hat außerdem einen Hang zu Mottotrikots und andersfarbigen Regenjacken. Und das, obwohl der stilsichere »Sprengmeister« sein langjähriger, kongenialer Teampartner ist.
Manfred »the beast from the east« K.
Die Wälder östlich von Köln sind sein Jagdrevier. Regelmäßige Platzierungen bei MTB-Marathon- und in letzter Zeit häufiger auch NRW- oder RheinlandCup-Crosscountry-Rennen. Wenn auf den kurzen Strecken nicht immer der Puls so hoch wäre…
Matt »El Capitan O.«
Last but not least: der Webmaster des Laktatexpress. Hatte im November 2001 die fixe Idee, eine Internetseite mit der Endung ».de« ins Leben zu rufen. Schreibt seitdem jeden Monat mindestens einen ellenlangen Bericht. Ist in seinem wahren Leben Semi-Radprofi und betreibt zum Ausgleich an Ruhetagen eine Wuppertaler Design-Agentur. Man sagt, er habe sich mit dem Förster im Gelpetal so zerstritten, dass er neuerdings als Radsportler öffentlich nur noch unter Pseudonym auftritt.
PÄRCHENPOWER ALL OVER DEUTSCHLAND
Dass Radsport keine reine Männerdomäne ist, beweist der Laktatexpress. Wir haben eine stattliche Anzahl gleichberechtigt bikender Paare in unseren Reihen (also nicht solche, wo »sie« sich von »ihm« das Fitnessrad zur Montagsrunde aufpumpen lässt):
Marbod, genannt »Mbod«, und Nina!
Unsere Laktat-Keimzelle im wunderschönen Heidelberg. Leben auf, wenn es lang und bergig wird. Marbod hat einen Hang zu exzessiven Streckenlängen ô la Wuppertal–Berlin, Wuppertal–Stuttgart, Wuppertal–Paris. Seine Geschichten allein würden ein weiteres Buch füllen. Er ist außerdem bekannt für seine unerbittlichen Selbstportraits, durch ihn bekommt das Wort »Pass-Bild« eine vollkommen neue Bedeutung. Marbod brachte den Laktatexpress bundesweit ins Bewusstsein, indem er jahrelang RTFBerichte für die Tour schrieb. Einige wurden tatsächlich auch abgedruckt. Der Liebe wegen ging’s nach Heidelberg, da kann er jetzt mit Nina auch viel längere Touren fahren.
»Dr. Dr.« Sandra J.
Unsere Multisportlerin aus Witten kann sich auf dem Rennrad so klein machen, dass dahinter nur Windschatten bis zur Kniescheibe entsteht. Sandra bestand Teil 1 des Laktatexpress-Aufnahmetests, weil sie ahnungslos bei einer fünfstündigen Grundlagenrunde durch das Bergische die komplette erste Stunde von vorne fuhr – und trotzdem am Ende mit der Gruppe ankam. Liiert mit…
Markus »Horchposten Taunus« H.
Wohnt in einem Dorf der Ahnungslosen, wo Internet und Handy erst noch erfunden werden müssen. Ist aber egal, der Feldberg mit seinen Sahne-Trails ist nicht weit entfernt. Da kann man herrlich entspannt trainieren und grillen, was Teil 2 der Aufnahmeprüfung war.
Lars B. und Silke P., »die Serientäter« aus Essen
Multiple Transalp-Challenge-Finisher. Eigentlich unzertrennlich, nur während der Etappenrennen hat der Teampartner Vorrang im Hotelbett. Lars unter anderem in Kombination mit Bernd aus dem Süden unserer Republik. Silke dauernd auf der Suche nach der richtigen Partnerin. Warum die beiden so viele Transalp Challenges mitfahren? Sie haben einfach übermäßig Erfolg bei Preisausschreiben und Sponsorings. Und wer sagt bei zwei Etappenrennen hintereinander schon nein, wenn der Chef den Urlaub freigibt?
Eberhard und Verena
Wuppertals prominentestes Radsport-Traumpaar. Fahren alle Sorten von Rad – Hauptsache, es gibt viel Windschatten. Waren akut in die Führungsarbeit eingebunden, als der Name Laktatexpress geprägt wurde. Die beiden, kurz »E+V« genannt, sind in ihrem zweiten Leben geistige Anführer eines Dortmunder Radsportvereins mit Spitzengruppe-Ambition. Deswegen war in der Anfangszeit auch eine gewisse Rivalität zu spüren…
DIE »LÜDENSCHEID CONNECTION«
Die Bergfestung im Sauerland, einst eine mächtige Radsport-Bastion gegen all die Windschattenlutscher aus dem Flachland. Hier hat der Laktatexpress seine Qualitäten am Berg erlangt und erste Einblicke in die Welt des gehobenen Amateurradsports erhalten.
Silke und Dieter
Didi war schon NRW-Cup-Führender, als wir noch dachten, Biopace wäre die Zukunft. Sille, Danis Schwester, kann locker bei jeder RTF vorne mitfahren – wenn sie sich mehr zutrauen würde. Sie nennt den ersten wirklich schönen Krautscheid-Renner im neuen Design ihr Eigen. Wenn es keine schönen Stahlrahmen mehr gibt? Muss man halt alles selber machen.
Bariadi
Der braungebrannteste Fahrer der Lüdenscheid Connection hat Erfahrung im »Frauenweitwurf«. Podium Mixed bei der Rennrad-Transalp mit Deutschlands schnellster Postfrau Nicole H. aus Darmstadt. Bariadi findet kleinere Übersetzungen als 42 x 21 im Sauerland einfach lächerlich. Gehörte zur Bergstadt-Profitruppe um Côte-d’Azur-Rundfahrt-Sieger Stefan R., Bergwertungsgewinner Andre R. und Sprinttrikotträger Jörg B. (der neuerdings wieder beim RegioLoop auftauchte – und gewann).
Christian G.
Jetzt wohnhaft in Frankfurt. Wurde bei den Transalp Challenges 2002 und 2003 von seinen Teampartnern auf hohem Niveau so platt gefahren, dass er fortan nur noch auf Laufveranstaltungen gesichtet wurde.
DIE EHEMALIGEN
Versenkt, vergrätzt, verzogen und verschollen. Bei einer freiwilligen Gemeinschaft von charakterstarken Individuen bleibt es nicht aus, dass eine gewisse Fluktuation im Gruppengefüge herrscht. Man kann es auch natürliche Selektion nennen. Aber egal, jeder dieser Herren hat einen berechtigten Platz in der Geschichte des Laktatexpress.
Robby »Tobby, the flyin’ Cannondale«
Wenn es das Wort »Freerider« schon vor zehn Jahren gegeben hätte, Robby wäre einer gewesen. Zu seinem Leid geriet er in den Uphill-lastigen Einflussbereich der Sektion Burgholz. Ist nach München verzogen und fährt seitdem kaum mehr – muss ja ein tolles Bike-Gebiet sein da an der Isar…
Carsten S.
Berühmt aus der frühen Laktatexpress-Kolumne »Carsten erklärt die Welt«. War seiner Zeit weit voraus und hat Bowdenzüge fachgerecht mit Lüsterklemmen verlängert – die gute alte bergische Elektroingenieurs-Ausbildung… (Heute steht so was ja als Notfalltipp in jeder Bike-Zeitschrift). Träumt zeit seines Lebens davon, a) einmal schneller als Danielle zu sein, b) ein teureres Rad zu besitzen als Matt O. und c) bei der Rückfahrt aus dem Burgholz nicht auf Rainers Guide-Qualitäten angewiesen zu sein.
F.r.a.n.k.y.b.o.y.
Kam, sah – und ging wieder. Glaubt jetzt an eine andere Konfession und trägt auch deren Trikot, ab und zu.
Thomas L.
Der On/Off-Trikotträger aus Dortmund. Seine Ausreden vor Rennen sind legendär, sein Auftritt beim ersten Bike-Marathon in Wetter war suboptimal. Aber der Kerl ist gefährlich! Hatte mal Trikotgröße L – und fragt jetzt nach S! Jahrelanges Training oder neumodische Schmeichelgrößen?
Carsten B.
Ein Antritt am Berg wie ein Hungerhaken. Im Nachnamen das englische Wort für Bremse. Auf dem Rad aber alles andere als das. Auch wenn er inzwischen vorzugsweise vorher schwimmen und anschließend noch joggen geht.
DIE GEBURTSHELFER
Und dann gab es noch ein paar Radfahrer in unserem Umfeld, die allesamt auf ihre jeweils unnachahmliche Weise den Namen Laktatexpress mitgeprägt haben.
Thommaso »Titanio mi Amore« G.
Guter italienischer Radsportadel mit akuter Titanrahmen-Sammelleidenschaft, jetzt wohnhaft im schönen Allgäu. Unvergessen sein erster Auftritt beim Neuenrader Bergzeitfahren anno tuck. Einzelstart, die Profis alle längst oben, nur noch drei Hobbyfahrer auf der Strecke… also wird schon mal die Siegerehrung gemacht. Während der vermeintlich Erste aufs Podium klettert, kommt ein flatterndes weißes T-Shirt mit Hakenpedalen den Berg hochgeknallt. Bestzeit aller Klassen! Alle Lizenzler einen aufrücken, bitte…
Uwe »Cappelino« K. oder »der Pate von Bochum«
Großgrundbesitzer und Fahrradnarr. Bester Kunde von Krautscheid Bicycles. War an der Entstehung des Begriffs Laktatexpress unmittelbar beteiligt. Irgendwann war ihm die Vorherrschaft auf allen RTFs der Region zu wenig und er gründete eine Nachwuchs-Rennsport-Gemeinschaft, die unter dem dubiosen Namen »Team Sieben Steine« den deutschen Zwergenradsport nachhaltig aufwirbelt.
»Gott«
Gefeierter mehrfacher Vereinsmeister aus Dortmund, tauchte am Tag nach einer Tequila-Party beim legendären 12.00-Uhr-Stadthallentreff auf. Es gab eine MTB-Ausfahrt in die Wupperberge, bei der unerbittlich alle vorhandenen Kräfte gemessen wurden. Der Tag endete mit der besinnlichen Suche nach »Gott« in den weiten Hanglagen unter der imposanten Eisenbahnbrücke von Remscheid nach Solingen.
Ralf »Yeti« K.
Berühmt geworden durch seine brillanten Zwischenfragen zu bewegenden Radsportthemen: »Was sagst du zum sozialen Hochschulprojekt für Wuppertal?« »Hääh? Was hat dieses Projekt mit Radfahren zu tun?« Rein gar nichts, deswegen streut er derlei bildungsbürgerliche Blendgranaten gerne in die Spitzengruppe – immer dann, wenn am Tremalzo das Tempo mal wieder etwas zu hoch für ihn ist.
Hanswerner »the Bud«
Er war der Erste und Einzige, der 1990 am Gardasee mit 2,4er Breitreifen rumfuhr – auch wenn die kaum durch den Hinterbau passten, egal. Manche sagen, er war Hellseher, andere monieren: »Damit kam er den Berg überhaupt nicht mehr hoch!« Unvergessen die erste Abfahrt vom Monte Brione an seinem Hinterrad, damals noch direkt an der Abrisskante lang – ohne Absicherungsseil! Wenn Engel fliegen könnten… Und dann war da noch die Aktion mit dem legendären, illegalen MTB-Marathon auf der »Rund um Wuppertal«-Wanderstrecke. Aber da können wir uns nicht mehr dran erinnern, Herr Oberförster. Man sagt, Hanswerner hat umgeschult und illustriert neuerdings Cover von Radsportbüchern.
Frank U.
Unser Mann für die Deutsche Meisterschaft! Ein knallharter Tempobolzer, der uns den Windschatten würdigen lehrte. Brachte sich 2001 bei der allerersten MTB-Hobby-DM in Willingen um den Sieg, weil er die Nacht zuvor unbedingt im Sauerlandstern übernachten wollte, ohne ein Zimmer gebucht zu haben. Am Start hatte er exklusiv drei Friseusen, die ihn frenetisch anfeuerten – aber irgendwie keinen Saft mehr in der Hose.
Mattes B.
Mitbesitzer des wahrscheinlich besten und sicher einzigen Outdoor-Outlets in der bergischen Metropole. Mag seit Ende seiner Karriere als Lizenzfahrer nicht mehr schnell fahren. An seiner schnuckeligen Radsport-Finca in Cronenberg startete einst der »Rund um Wuppertal«-MTB-Marathon… »Welches Rennen, Herr Oberförster? Ich hab’ nur zufällig eine dreistellige Nummer am Lenker.«
Eddy (nicht Merckx)
Inhaber der berühmt-berüchtigten »Cycle Station«. Einziger Radsportladen für sportlichere Betätigung in Wuppertal. In den Vitrinen waren die ersten vollkommen überteuerten Syncros-Teile zu bewundern. Ist vor Jahrzehnten über den ortsansässigen Fluss gegangen.

3
I WANT TO RIDE MY BIKE
Wenn du als Kind in den 50er, 60er oder 70er Jahren aufgewachsen bist, ist es zurückblickend kaum zu glauben, dass wir so lange überleben konnten! Als Kinder saßen wir in Autos ohne Sicherheitsgurte und Airbags. Unsere Bettchen waren angemalt in strahlenden Farben voller Blei und Cadmium. Die Fläschchen aus der Apotheke konnten wir ohne Schwierigkeiten öffnen, genauso wie die Pulle mit dem Bleichmittel. Türen und Schränke waren eine ständige Bedrohung für unsere Fingerchen. Auf dem Fahrrad trugen wir nie einen Helm! Wir tranken aus Wasserhähnen oder Bächen und nicht aus antiseptischen CamelBaks oder silberionisierten Bidons.
Wir bauten unseren Puky-Rädern alles Unnötige dran und wieder ab und entdeckten während der ersten rasenden Abfahrt, dass Weinmann-Bremsen doch was Tolles sind. Wir kamen nach einigen Unfällen auch ohne klar. Wir verließen morgens das Haus zum Spielen. Wir blieben den ganzen Tag weg und kehrten erst nach Hause zurück, wenn die Straßenlaternen angingen. Niemand wusste, wo wir waren, und wir hatten nicht mal ein Handy oder GPS dabei!
Ja, das waren lustige Zeiten, als wir in bunten Klamotten den Monte Brione runterheizten oder als Espoirs mit kratzigen Baumwolltrikots im Unterlenker unserer Sieben-Gang-Raleighs hingen. Wir haben uns geschnitten, brachen uns Knochen, Schulterblätter und Zähne, und niemand wurde deswegen verklagt! Es waren eben Unfälle. Niemand hatte Schuld außer wir selbst. Keiner fragte nach Aufsichtspflicht. Kannst du dich noch an »Unfälle« erinnern? Der Surfschüler, der sich erstmalig ein Carpentari-Rad auslieh und sich prompt das halbe Ohr abriss? Wir haben ihm den Lappen unter ein verschwitztes Stirnband gesteckt und sind ins Krankenhaus gefahren. Damit mussten wir alle leben, denn es interessierte niemanden – und keine Fachzeitschrift schrieb uns vor, wie breit der Lenker sein musste! Wir aßen Kekse auf unseren Touren und Brote mit dick Butter. Wir grillten ständig und wurden trotzdem nicht zu fett. Wir tranken mit unseren Freunden aus einer Flasche, und niemand starb an den Folgen.
Wir hatten keine Playstation, kein Nintendo 64, dafür Indexschaltung, BioPace, Deore XT und mehr Spiel im Steuersatz als heutzutage Federweg. Wir hatten im Studium Freunde. Wir gingen einfach raus und trafen sie auf der Straße. Oder wir marschierten einfach zu deren Heim und klingelten. Manchmal brauchten wir gar nicht zu klingeln und gingen einfach hinein. Ohne Terminkalender, Outlook oder SMS. Keiner fuhr mit dem Auto zum Treffpunkt, keiner brachte uns und keiner holte uns, wir nahmen einfach das Rad. Nicht den Crosser, das MTB, das Zeitfahrrad oder den Renner – einfach das Rad. Wie war das nur möglich?
Wir dachten uns Spiele mit dem Rad aus, mit Holzstöcken und Tennisbällen, mit Baumstämmen und Treppen, und wir versuchten, in Kratern und Skateparks Rad zu fahren. Außerdem tranken wir TRi TOP pur, ohne dass die Prophezeiungen eintrafen, die Plörre würde in unseren Mägen für ewig zu Zuckerklumpen erstarren. Und trotzdem hatten wir mit notorisch leeren Trikottaschen nicht selten einen Hungerast. Meine Freundin fuhr zum Bike-Festival an den Gardasee – und kam mit einem Riesen-Blechpokal zurück! Wir lernten, was ein Leistungstest ist – und wie schlecht wir doch waren. Wir nahmen das Training ernster, disziplinierten uns, wurden besser und besser. Beim Straßentraining durfte nur mitmachen, wer gut war. Wer nicht gut war, musste lernen, mit Enttäuschungen klarzukommen. Basta!
Aber wir wurden auch älter. Die Regenerationszeiten wurden länger, und wer das nicht akzeptierte, landete im Fegefeuer des Übertrainings. Unsere Taten hatten manchmal Konsequenzen. Und keiner konnte sich verstecken. Eine rote Ampel konnte eine Gruppe trennen, ein missachteter Radweg eine endlose Diskussion mit der Polizei herbeiführen. Von hupenden Autos, abgerissenen Rückspiegeln und in Cabrios versenkten, klebrigen Iso-Flüssigkeiten ganz zu schweigen. Wir waren keine Engel auf Rädern. Wir hatten traumhaft schöne Momente auf zwei Rädern. Wir haben aber auch gelernt, dass traumatisch schreckliche Unfälle zum Radsport dazugehören. Nur gut, dass wir fast alle ein Mal mehr aufgestanden, als unter der Leitplanke durchgerutscht sind.
Unsere Generation der Senioren 1/2/3/4 hat eine Fülle von innovativen Entdeckern mit Risikobereitschaft und charismatischen Führungspersönlichkeiten hervorgebracht. Wir hatten Freiheit, Misserfolg, Erfolg und Verantwortung in Beruf und Karriere – und wir hatten den Radsport als Schule, Ausgleich, Ansporn und Lebensinhalt. Mit alldem wussten wir umzugehen. Bis heute… und hoffentlich auch noch in ferner Zukunft.
Du willst wie Freddy Mercury auch nur täglich dein Rad fahren? Du stehst auf das wöchentliche Ausscheidungsrennen mit deinen besten Freunden? Du sehnst dich nach epischen Ritten durch faszinierende Landschaften? Und du genießt montagmorgens am Arbeitsplatz das herrlich brennende Gefühl in deinen Oberschenkeln, und deine Arbeitskollegen können die Milchsäure, die dir in den Pupillen steht, förmlich sehen?
Willkommen in der wunderbaren Welt des Laktatexpress!

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DER SOZIALVERTRÄGLICHKEITSREPORT
Es gibt untrügliche Anzeichen, dass der Radsport dich über alle Gebühr vereinnahmt und mehr als 50 Prozent des Speichervolumens deines Kleinhirns besetzt. Wenn mindestens zwei dieser Geistesblitze auch schon mal durch deinen Kopf gegangen sind, kannst du wahrlich stolz sein – oder dir ernsthaft Sorgen machen.
1.
Wenn Sperrmüll ist, zufällig leere Bananenkisten am Wegesrand stehen und dir spontan durch den Kopf schießt: »War hier eine Verpflegungsstelle?!«
2.
Wenn vor dir bei Hitze ein nettes Mädel im Spaghettiträger-Shirt flaniert, der BH sich abzeichnet und du denkst: »Ja, hat Polar denn schon wieder einen neuen Brustgurt rausgebracht? Kenn’ ich noch gar nicht.«
3.
Wenn du bei der Verabredung eines geschäftlichen oder privaten Termins sagst: »Ja, Montag oder Donnerstag ginge… « und insgeheim denkst: »…da ist eh Ruhetag!«
4.
Wenn du bei Barzahlung nur eine Währung kennst: »Boah, der Pullover ist aber teuer, dafür bekomm’ ich ja ’ne Tune-Kurbel, oder zwei plus Innenlager.«
5.
Wenn du beim Italiener lieber zum »All you can eat«-Büfett gehst, weil du fürchtest, dass sonst die Menge Pasta einfach zu klein ist.
6.
Wenn du beim Thema WeightWatchers oder Diät nicht zuerst an die eigenen Pfunde denkst, sondern an das traumhafte Gesamtgewicht deines neuen Hardtail-Rahmens.
7.
Wenn du bei einem Stau auf der Autobahn relaxed auf Landstraßen ausweichst und unweigerlich alte RTF-Strecken abfährst.
8.
Wenn deine Favoriten im Internet Explorer Bike-Sport-News, radnet und eBay heißen.
9.
Wenn du an der Tankstelle auf die Frage »Sammeln Sie Punkte?« reflexartig die Stempelkarte der letzten RTF hervorkramst.
10.
Wenn du überlegen musst, wie du den Kollegen erklärst, warum du zur Zeit der Tour de France unbedingt die N24-Nachrichten oder das aktuelle Börsengeschehen per TV-Stick auf dem Firmenlaptop verfolgen musst.

5
DER ULTIMATIVE RTF-KNIGGE
Es hat mal einer aus dem Laktatexpress gesagt, dass immer noch jeder dazu in der Lage ist, den anderen ab und zu mal Qualen zuzufügen. Das mag für konditionelle Belange vielleicht nicht ganz stimmen, aber seelische Schmerzen können ja auch grausam sein. »Was für seelische Schmerzen?«, mag da der eine oder andere einwenden. Nun, wer hat noch nie wegen einer totalen geschmacksmäßigen Verirrung an Kleid, Körper oder Bike eines mitfahrenden Zeitgenossen echten Ekel verspürt oder gar ins hintere Peloton gekotzt? Na also, kennt doch jeder, deswegen hier die ultimativen DOs & DON’Ts für die nächste RTF.
Hier erst mal die Klassiker:
Gelbe Regenjacken, zumeist schon bei strahlendem Sonnenschein getragen, gehören in Kombination mit grauen Wollsocken zu den Standardverunstaltungen auf RTFs. Es könnte ja heute oder morgen noch regnen. Der Vorteil ist, dass diese Jacken aerodynamisch derart unvorteilhaft sind, dass solche Gestalten meist nur kurze Zeit hinten in der Gruppe drinhängen. Bei den Socken gilt derweil die alte Lagerfeld-Regel: klassisch weiß oder passend zum Trikot. Sonst nicht wundern, wenn der Hintermann versucht, mit klebrigem, rotem Eistee aus der Trinkflasche die Sockenfarbe etwas zu verändern.
Kappe statt Helm. Einige meinen ja, das wäre cooler, weil Jan das in Alpe d’Huez auch so gemacht hat. Deswegen wird im Sauerland an 250-Meter-Hügeln auch kein schützender Helm getragen. Total daneben! Gerade weil RTFs meist in einer größeren Gruppe mit teilweise unerfahrenen Radlern gefahren werden. Und wer jetzt denkt, ist doch jedermanns eigene Entscheidung, der hat noch nicht darüber nachgedacht, dass es dann die lieben Mitfahrer sind, die einen mit offenem Gehirn wieder aus der Leitplanke ziehen müssen. Also, liebe helmlosen Kappenfahrer: Wir lassen euch einfach im Rollsplitt liegen und sagen an der nächsten Verpflegung Bescheid. Sorry for that!
Teamtrikots. Wer Anhänger einer bestimmten Radsportgruppe ist, kann das ja mal zeigen. Aber bitte nur mit Originalrad! Telekom-Trikot, Banesto-Hose und Colnago-Käppi auf einem Gios, das geht wirklich nicht!! Und wer schon professionell gekleidet ist, sollte mindestens einen 30er Schnitt in GA1 absolvieren können – und das bitteschön vorne im Wind und nicht hinten lutschend. Generell ist allen schon damit geholfen, wenn Bekleidung, Helm und Rad insgesamt harmonisch kombiniert sind und man nicht daherkommt wie eine Wurst in bunt. Sonst wird man nämlich gefressen, und zwar mittendrin.
Vereinstrikots fallen fast unter dieselbe Kategorie. Die GS1/2/3-Radsportgruppen auf Mallorca machen vor, wie man sich da verhalten sollte, um nicht als Kasperlehaufen aufzufallen. Dann können durchaus auch mehr als zehn Leute dieselben Trikots stilgerecht tragen. Kleiner Tipp: Gleichfarbige Helme, Handschuhe und Socken steigern die Wirkung gewaltig. Die Räder sind eh meist Einheitsbrei in Naturcarbon…
Die Beine. Unrasierte Waden signalisieren: Mir ist egal, was du von mir denkst, eigentlich bin ich… a) Wanderer, b) Mountain-biker, c) Toupetträger, d) ADFCler. Leider sind diese Artgenossen manchmal stärker, als einem lieb ist. Versteckt sich doch manch starker Muskel unter der Kraushaarmatte. Über solche Leute sollte man sich spätestens dann nicht mehr beschweren, wenn man selbst schon vor Schwäche Kettenschmiere am rechten Bein hat.
Namen auf dem Oberrohr. Das ist so eine Unart und vielleicht notwendig bei den Triathleten, die ihr Rad in der Wechselzone auf Hawaii einfach nicht wiederfinden. Auch bei Teamfahrerinnen, die auf Mallorca schon mal mit dem identischen Rad der Kollegin aus dem Keller kommen, mag das praktikabel sein. Aber für den normalen Radler ist so was ein definitives Armutszeugnis. Es hat doch jeder ein individuelles Rad, das ihn aus der Masse hervorhebt – da braucht keiner beim Vorbeifahren genötigt werden, immer Vor- und Nachnamen lesen zu müssen. Abknibbeln, und zwar sofort!
Parfüm in der Spitzengruppe. Es gibt ja immer so einige Transpiranten, die riecht man schon ab der dritten Doppelreihe im Windschatten. Bei einigen ist der Geruch wirklich ekelhaft, weil das Trikot schon sichtlich Schweißränder hat und anscheinend seit März nicht mehr die Waschmaschine gesehen hat. Andere versuchen durch massiven Einsatz von Deodorant verzweifelt, den eigenen Elektrolythaushalt zu schonen und die anderen im Windschatten in ein totales Sauerstoffdefizit einzunebeln. Diese beiden Typen und alle, die am Vortag beim Spanier eine Überdosis Knoblauch gefressen haben, gehören ans Ende des Feldes, pfui!
Übergroße Packtaschen unter dem Sattel. Meist baumeln diese wie schlabbrige Hodensäcke unter den Sätteln von Leuten, die meist nicht mal die 100er Runde fahren. Einen Kettennieter haben sie dann trotzdem nicht dabei. Fragt sich, was sonst noch in den Taschen rumschlingert. Dazu kommt noch, dass die Dinger alle Mitfahrer nerven, weil sie rappeln und klappern wie ein Alu-Bidon im Flaschenhalter.
Und noch zwei, drei kleine Hinweise für die Pedanten:
Logos auf den Reifen gehören immer auf Höhe der Ventile, das zeugt von Symmetrie, beweist Liebe fürs Detail, kostet nix und hilft beim Finden von tückischen Durchstichlöchern.
Weiße Lenkerbänder sollten sauber und wenn schon, dann auch blendend weiß sein, nicht schmandgrau.
Überhaupt: Rahmen bitte niemals mit Farbverlauf lackiert.
Zum Abschluss noch ein paar Transalp-Sünden, die in Zukunft zu vermeiden sind:
Gummitiere auf Helm oder Lenker, das ist ungefähr genauso cool wie das Siegel am neu gekauften Flite-Sattel baumeln lassen.
Hörnchen gehören in eine nahezu waagerechte Lage! Perfekt sind sie seitlich gesehen in Verlängerung der Mittelachse des Vorbaus – vorausgesetzt, der ist nicht auch schon auf +55 Grad montiert.
Vorbau und Sattelstütze in einer auffälligen Farbe oder achtzigerjahremäßig in Magenta eloxiert oder gar bunt gescheckte Lenkerbänder sind definitiv out und ebenso eine grobe Beleidigung für die Augen der Betrachter und Mitstreiter wie Schutzbleche bei strahlendem Sonnenschein oder gar Körbchen und Gepäckträger!
Vorder- und Hinterreifen in verschiedenen Farben sind ein Verbrechen!! Du trägst ja auch nicht einen roten und einen schwarzen Schuh, oder? Never!
Na also, dann klappt’s ja auch mit dem harmonischen, stilvollen Miteinander, und demnächst können wir alle als Role Model für die Procycling herhalten.

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EATING IRON
Jetzt, wo die Sonne langsam das Bergische Land erwärmt und der Tour-Trainingsplan schon auf dem Klo vergammelt, wird es allmählich Zeit, ein wenig Saft in die Muckis zu pumpen. Und wo geht das besser als in einem Fitnessstudio? Da kann jeder die muskulären Grundlagen fürs Biken legen und nebenbei auch noch grundsätzliche Erfahrungen im Umgang mit Randgruppen aus anderen Bevölkerungsschichten sammeln. Wer die drei Wintermonate nicht auf Lanzarote im La Santa Ressort trainieren kann, muss halt anderweitig Akzente setzen.
TÜRKISCHER BASAR
Also rein in die Muckibude und gezielt die Männerumkleide angesteuert. Die Tür geht auf, und es fallen einem direkt diese Anti-»Astralkörper« auf: Käsige Monsterwanzen schieben ihre Adiletten zur Dusche, pubertierende Hänflinge posen verstohlen vor überdimensionalen Spiegeln, und ein Stepptanz-Nationalteam-Mitglied verlässt ungeduscht (!!) die Bildfläche in Richtung Disko. Doppelpfui! Ein stilles Plätzchen gesucht und einen Spind gesichert. Direkt nebenan überlegen ein paar adipositasgefährdete Jugendliche, in welcher Körperfalte sie ihr neues MMS-Handy in die ökumenische Gemischt-Sauna schmuggeln können.
Auch ein Klassiker der Umkleidekabine: der Handyposer! Erst mal minutenlanges, penetrantes »Ruf mich an«-Geklingel, das nur vom Nokia-Originalsound im Spind nebenan übertönt wird. Dann ein aus der Dusche eilender Vollathlet, der in aller Öffentlichkeit sein Privatleben diskutiert: »Ja, die Freundin ist weg. Okay. Ja. Alimente sind Scheiße, wegen der Kinder, verständlich. Ja, die Frau macht auch Stress… ach, die andere auch? Na gut, ach ja, und heute Abend wieder auf die Rolle. Na, dann viel Glück beim nächsten Mal.«
WARM-UP
Also schnell in die Hose geschlüpft und raus aus dem Gays-Only-Bereich. Zum Aufwärmen stehen verschiedene Geräte bereit. Als gestandener Biker hat man die Wahl zwischen permanent belegten Lauf- oder besser gesagt Walkingbändern und Heimtrainern mit gen Himmel ragenden Kerzen-Sofasätteln und zu kurzen Kurbeln. Die Ich-muss-abnehmen-Hausfrauen, die bei 35er Trittfrequenz in der Gala blättern, ersticken fast in ihrer Parfümwolke. Als einziger Ausweg bleibt da nur der kniescheibenzermarternde Elliptical Bodyshaper mit Pseudo-Skilanglauf-Feeling.
IMMER LOCKER UND FLACH…
Nach drei Minuten ausgiebiger, freudbetonter und vollkommen ausreichender Aufwärmphase geht’s an die Eisenstangen. Lustig, die Geräte für die untere Körperpartie sind immer frei. Also ran an die Maschine und pumpen, was das Zeug hält.
Wenn das Studio voll ist, bleibt es derweil nicht aus, dass man sich Oberkörper-Geräte mit anderen teilen muss. Gerät man an den falschen Partner, hat man das »Pinnchen« erniedrigend weit oben wieder einzustöpseln. Was soll’s, der Kerl sieht aus wie ein aufgepumpter Michelinschlauch – und zu viel Oberkörpermuskulatur ist sowieso schlecht für das Renntempo. Aber wehe, der Muskelprotz folgt dir dann an die Beinpresse. Gotcha! Da gibt’s dann einen auf die Mütze.
Du beginnst harmlos mit dem Standardprogramm: 157 Kilo – 20 Wiederholungen. Der Quadrizepskönig schaut erst gar nicht hin und schwingt sich nach dir in die Sitzschale. Beim ersten Anreißen quillt die Kniescheibe hervor, und die Augen werden glasig. Bei 10 ist Schluss. Wechsel. 181 – 15 Wiederholungen stehen auf dem Panel. Mister Latissimus Dorsi will sein Gesicht nicht verlieren und kontert. 189! Bei dreieinhalb ist seine Anstrengung durch lautes Gestöhne dokumentiert. Bei fünf schaut das halbe Studio zu, weil das Gewicht mit Überschall in die Federn knallt. Wechsel, jetzt kommt die Rache der Oberbergischen! 195 Kilo bei 12 Wiederholungen – wir wollen ja keinen zu starken Muskelzuwachs, sondern nur Ausdauer. Inzwischen hat sich die überaus attraktive Trainerin zu unserem Mr. Schwarzenegger gesellt. Er zieht die letzte mögliche Stufe: 207! Das ist ein Wort, eher gesagt: ein Urschrei. Eins, naja ein halb, aber das lassen wir mal gelten. Er kriecht auf Oberarmen aus dem Gerät. Wechsel. Bei 10 Wiederholungen wird die Luft dünn, aber die Bewegung sieht noch flüssig aus. Und immer schön den Mund zulassen – fast wie bei einer RTF. Was sagt man als Radsportler zu solchen Leuten? Luftpumpe!
ERKAN UND STEFAN
Nach diesem kleinen Oberschenkel-Shootout ist mal wieder ein Gerät für die Brust an der Reihe. Direkt nebenan lungern zwei Typen à la Erkan und Stefan. Erkan sitzt relaxed im Chickenwatch-Thron, von dem aus man alle Bauch/Beine/Po-Geräte gut überblicken kann. Stefan schnappt sich die Adelholzener Sauerstoffwasser-Flasche vom Partner, schüttelt sie erst einmal kräftig durch, lässt den Überdruck entweichen und zieht auf ex leer. Erkan fallen vor Schreck seine drei Gewichtsplatten in den Stapel, und seine Arme gehen in die »Jesus am Kreuz«-Haltung. »Ey, Mann, ey, das war voll cool. Sauerstoffwasser. Fördert die Rekombination und ist gut für eh – weißt schon, eh! Und du machst, ey, alles raus, ey…« Stefan guckt ihn an. »Ey, so was wie Anabolika, hey cool, ey, Sauerstoff. Aber ich hab’ Kohlensäure rausgemacht, sonst muss ich immer an der Hantelbank, so, wenn der Hintern so hoch ist so, na, du weißt schon, ey…« Nicht nur Erkan versteht und verzieht die Nase.
THE SMELL OF WINTER
Nach so viel Menschenkunde geht’s noch für 30 Sekunden auf die Stretchmatte, den Fitness-Schnittchen zugeschaut, die vom Spinning kommen, dann ab in die Umkleide. Und da ist er wieder, der Geruch, der einen an den fernen Sommer und an den Sinn des Krafttrainings erinnert. Der typische, unvergessliche Geruch einer Massenunterkunft nach einem Regentag bei der Transalp Challenge!

7
DER HUND, DES BIKERS BESTER FREUND
Wir wollen hier nicht des Menschen besten Freund denunzieren. Jeder von uns hatte mal einen Hund. Wer erinnert sich nicht liebevoll daran, mit dem Fiffi der Eltern zu nachtschlafender Zeit Gassi gehen zu müssen. Aber als Biker hat man so sein gespaltenes Verhältnis zu den bellenden Vierbeinern.
Der Spruch »Der tut nichts, der will doch nur spielen« ist jedem von uns geläufig, und jeder weiß in einem solchen Moment: Die Oma hat ihren Köter nicht mehr unter Kontrolle! Falsch wäre es jetzt, dem Tier dafür die Schuld zu geben. In der Erziehung gibt’s meist nur »Männchen« und »Leckerle«, der Rest ist antiautoritär oder gar Waldorf-Niveau.
Hat schon mal jemand einen Hundebesitzer kennengelernt, der zugibt, dass er seinen befellten Halunken nicht im Griff hat? Keiner dieser Tierfreunde ist bereit, seine sabbernde Senta, den langhaarigen Lumpi oder den räudigen Robbie an die Leine zu nehmen. »Nein, das kann man dem Tier doch nicht antun! Das Hundchen braucht seinen Auslauf. Und außerdem, wenn sie so frei rumlaufen, sind sie gleich viel ausgeglichener.« Ach so.
Unsereins Normalo-Biker ist dafür bei Feindkontakt umso unausgeglichener. Es soll sogar Wuppertaler MTB-Freunde geben, die kilometerlange Umwege in Kauf genommen haben, um nicht an einem bestimmten Hofhund vorbeifahren zu müssen.
Neulich beim Talsperren-Chillout dann der vorläufige Höhepunkt: Locker und flach dahinpedalierend macht es plötzlich »Happs!« Eine nette, hüfthohe Dogge hat sich von hinten herangeschlichen und zufällig in meinem Ärmling verfangen. Zugebissen hat sie nicht, aber das Sportlerherz verlässt kurzfristig den Grundlagenbereich.
Ich hab’ mal irgendwo gelesen, man soll Hunden nicht in die Augen schauen, um sie zu provozieren. Da die dicke Dogge hinterlistig von hinten kam, hatte ich gegen keine Regel verstoßen – und was hat’s genutzt? Ein genauso toller Tipp: die Hände vor der Brust verschränken. Wie soll das nun bitte gehen? Im Schritttempo die Hände vom Lenker nehmen und den Ellenbogen aus dem Gebiss zerren?
»Der tut nichts, der will nur spielen!«, verkündet besserwisserisch ein dahergelaufenes Herrchen, dem es offensichtlich egal ist, dass mein bestes Stück Pearl Izumi in den Fängen seines Monsters steckt. Als ich meine Sprache wiederfinde, bekommt das Tier ein schüchtern-energisches »AUS!« entgegengeschmettert. Aber erst als der nette Herr, mit der Leine um den Oberkörper geschlungen, in seiner Jackentasche fingert und raschelnd eine knisternde Tüte hervorzaubert, lässt der Weiße Hai auf vier Beinen von mir ab. »Herkules, guck mal, was Papi hier Feines für dich hat…«
Gestern dann im Gelpetal: Die Form stimmt, erste lockere Intervalle am Schlussanstieg der Sonntagsrunde. Mit Souplesse geht’s die Steigung bergan. Da kommt mir eine ältere Dame aus dem nahen Erholungsheim entgegen. Neben ihr trottet ein Mops. Besser gesagt ein Möpschen – so einer wie bei Ozzy Osbourne. Nur kleiner. Keine Gefahr für die Zwischenzeit, signalisiert mein Athletenkleinhirn. Aber der kleine knubbelige Hund sieht mich und – zack – klebt er an meinem Unterschenkel, als wolle er mich umarmen.
Die nette alte Dame mit der Perücke registriert das und meint ungerührt: »Der tut nichts, der will nur spielen!«
Ich blicke auf spitze, gelbliche Zähnchen und verlange: »Nehmen Sie bitte Ihren Hund weg.«
Sie: »Der tut wirklich nichts…«
Ich etwas lauter: »Nehmen Sie Ihr Viech weg!«
Sie: »So ein kleines Tierchen…«
Ich (inzwischen zwei Dezibel lauter): »Ihr Köter soll von meinem Bein weg.«
Sie empört: »Napoleon, komm fein zu Frauchen!«
Gäbe es Hörgeräte für Hunde, Napoleon bräuchte eins, denn mittlerweile hat er sich an meiner Wade in Stellung gebracht und beginnt, in rhythmischen Bewegungen auf meine Sidi zu onanieren. Mir reißt vollends der Geduldsfaden: »Wenn Napoleon nicht hört, dann nehmen Sie ihn gefälligst an die Leine!«
»Pfui, schämen Sie sich, komm mein Schatz!«
»Offenbar sind Sie und Ihr Köter taub, weg mit dem Vieh, aber dalli, hab’ ich gesagt! Verflixt noch mal!«
Dann rupft sie das kleine Miststück endlich von meinem Bein und führt Selbstgespräche: »Ist ein böser Mann, gell, mein Kleiner.«
Ich: »Ja, hervorragend, belohnen Sie Ihren dämlichen Köter auch noch, dass er so toll gehorcht. Dann begattet er das nächste Mal wahrscheinlich noch kleine Kinder.«
Langsam wird mir bewusst, wie grotesk die Situation ist. Ich rege mich über einen kleinen, onanierenden Mops auf und brülle einer alten Dame das Toupet vom Kopf. Damit macht man sich keine Freunde. Aber das ist mir im Moment egal, und die Intervallzeit ist sowieso im A… Ich fahre trotzdem zu Ende.
Oben an der Klinik kommt mir dann die beste Idee seit langem. Ich fahre wieder runter zum Käshammer, aber nicht langsam wie sonst, sondern ausnahmsweise mal mit Kette rechts – ganz rechts. Die Oma müsste jetzt mit ihrem obersten Feldherren so knapp hinter der lang gezogenen Rechtskurve sein. Und heute ist Waterloo! Mit Highspeed und erheblichen Kontrollproblemen schliddere über den losen Schotter, lasse mich fahrlässig weit aus der Kurve tragen. Ein furchterregendes Bild für die Oma, die gerade ihren Schoßhund auf der langen Geraden laufen lässt. Ich fahre die Ellenbogen in Four-Cross-Manier aus und brülle: »Ich tu’ nichts, ich will doch nur spielen!!« Die alte Dame wechselt schnell noch die Spur und bringt mit einem Becker-Hecht ihren Feldherrn auf dem Arm in Sicherheit und hält ihm die Augen zu.
Auf weitere Intervalle verzichte ich lieber, man muss ja nicht übertreiben. Aber Hunde? Eigentlich mag ich Hunde – solange es bergab geht.

8
WOHIN MIT DEN PILLEN?
Gestern war mein Glückstag. Am Eingang bei Aldi lugten gleich neben dem WC-Schaumreiniger der Geschmacksrichtung »Tropic« sehr vielversprechende Pillen vom Grabbeltisch: L-Carnitin & Vitamin E zum halben Preis. Wahre Regenerations-Nuggets! Der typische Aldi-Kunde und Treibholzaspirant verschmäht diese wunderbaren Kapseln offenbar, er verdrückt bei RTFs lieber mit Vorliebe fettig-zuckrige Vollei-Waffeln.
Dagegen ist L-Carnitin wie Koks für den ambitionierten Radsportler. Noch an der Kasse hatte ich eine Handvoll verputzt. Das Zeug kurbelt den Fettstoffwechsel an, natürlich nur, wenn man dazu reichlich Niacin und Biotin einwirft. Da kann man dem Hüftgold beim Schmurgeln zuhören. Man muss das Zeug nur lange genug nehmen. Irgendwann ist es bestimmt auch bei mir so weit.
NO DOPE – NO HOPE?
Den allseits bekannten Ex-Profi und -Experten Rudi A. nannten sie einst die »rollende Apotheke«, weil zwischen 40 zweifelhaften Substanzen in seinen Adern kaum noch Platz für Blut gewesen sein soll. Rudi, alter Waisenknabe, das war harmlos! Wenn sich ambitionierte RTF-Spitzengruppe-Fahrer heute das Knie aufschlagen, müssen die Pflaster auf der Sondermülldeponie entsorgt werden.
Denn neben Carnitin schwappen Kreatin (Muckis) und Guarana (Speed), verschiedenste Eiweiße sowie Eisen (rote Blutkörperchen) in einer Lake aus Calcium (Knochen) und Magnesium (Krämpfe), gewürzt mit Zink (Abwehr) sowie den Vitaminen A bis Z. Erst der Schuss Selen (Bindegewebe) aber rundet ein Bouquet ab, das allerdings ohne eine Spur Acetylcholin (Gefäßerweiterung, leider auch Darmtätigkeit) und einem Ideechen Glukosaminsulfat (K3-geschädigte Knieknorpel!!) nicht rund wäre.
Modedrogen des Frühjahrs sind zweifellos die Aminosäuren. Ohne Alanin (Glukoseaufbau), Isoleucin (noch mehr Muckis), Tryptophan (Wachstum) und Valin (gutes Wetter) gehe ich gar nicht aus dem Haus. Damit das gute Gewissen nicht zu kurz kommt, pfeife ich noch ein paar Naturprodukte ein: Weinessigkapseln (Glykogenspeicher), Grünlippmuschelextrakt (Gelenke) und Weizenkeimessenz (weiß ich nicht mehr).
Davon merke ich zwar genauso wenig wie von dem anderen Zeug, aber wenn ich Öko-Krempel kaufe, habe ich Plus auf meinem Gutmenschenkonto und kann mir das Mülltrennen sparen.
GIBT SAFT UND KRAFT
Pulver und Pillen sind für den hart trainierenden Mann an der Windkante, was für die liebevoll im Ziel wartende Frau die Kosmetik ist: Weil es teuer ist, spürt man sofort deutliche Verbesserungen. Mein Dealer ist ein 100-Tonnen-Ungetüm im Pitbull-Sweatshirt mit abgeschnittenen Ärmeln. Oberarme wie Ottfried Fischer Oberschenkel, nur härter. Sein Laden liegt schräg gegenüber von »Willy Müller« und ist immer leer. Dafür gibt er das Kraftpulver in Farbeimergrößen ab. Allein der Einkauf hier verleiht mir Kraft. Zum Glück nimmt er Kreditkarten.
Neulich habe ich versucht, den Hersteller des Kreatins zu googeln. »Site wird überarbeitet«, hieß es da nur lapidar – klingt ja superseriös. Da keimt doch der Verdacht, die kaufen einfach einen Doppelzentner Kalk im Baumarkt, füllen das Pulver um, schreiben »Amino-Carbo-Power« und »39,99 Euro« drauf und fertig ist das Bombengeschäft.
MACH MIR DEN HONDO
Am schlauesten stellt es eine Firma an, die gerne mit Zetteln in Startertüten auf ihr Programm hinweist. Die mischen etwas Vitamin E mit Magnesium, Kieselerde und dem Hausfrauen-Ecstasy Johanniskraut, schreiben einen Mondpreis drauf und nennen es so ähnlich wie einen Dauerbrenner in der Muckibude, der aber auch der Generation Zoetemelk schon auf wundersame Weise den Quadrizeps schwellen ließ. Großartige Idee. Denn kaum hört der Ausdauer-Freak den verboten klingenden Namen des besagten Produktes, schon bestellt er reflexartig, weil da ja ein winzigkleinesbisschen Illegales drin sein könnte. Vielleicht sollte ich Früchtetee unter dem Namen »THCokespeedorade« auf einem Ronsdorfer Schulhof verkaufen – das liefe bestimmt auch bombig.
HAARAUSFALL?
Die gleiche Nummer ist das mit dem Kaffee-Shampoo. Abgesehen davon, dass die Marketing-Leute des Ladens wirklich jeden Jedermann sponsern, der nicht bei drei auf’m Baum ist, hält sich die Werbekampagne hier strikt an das reizvolle Spiel mit dem Verbotenen. Dope dich mit Koffein, das war immerhin bis vor ein paar Jahren noch per Grenzwert verboten! Dass der Gewöhnungseffekt von Kaffee schneller eintritt, als Andy Schleck unter Volllast aufs große Kettenblatt schalten kann, wird lieber verschwiegen.
Aber Radsportler sind wie Techno-Teenies, die probieren jede Droge. Wenn morgen irgendwo steht, dass Gurgeln mit Klärschlamm gut für die Tempohärte ist, lägen tags darauf Deutschlands Klärbecken trocken. Millionen Tour-Abonnenten hätten sie leer gesoffen. Und ich hätte jeden niedergeschlagen, der sich mir dabei am Klärwerk in den Weg gestellt hätte.
ZWEI PROBLEME HABEN DIE GANZEN WUNDERMITTEL ALLERDINGS…
Erstens: Wie versteckt man all die Dosen, Flaschen und Pillenpackungen vor der Putzfrau, der Freundin und den Trainingspartnern? Nicht jeder kann das so effektiv lösen wie der Baumann mit der Zahnpasta… In vier unauffälligen Paar Sidi-Tretern bekommt man ja nicht viel untergebracht. Und wirklich appetitfördernd sind die speckigen Aroma-Safes auch nicht. Im Auto unter’m Reserverad wäre zwar viel Platz, aber der ist mittlerweile schon als Aldi-Carnitin-Bunker in Beschlag genommen. Ich überlege, mir etwas großes Hohles zu kaufen, einen volumigen Zeitfahrrahmen vielleicht. Bei der Sattelstütze fällt das Mehrgewicht der Pillen gar nicht auf.
Problem Nummer zwei bei den ganzen bunten Pillen ist gravierender: die Wechselwirkungen. Calzium und Magnesium sollen sich aufheben, die Vitamine E und C bei zeitgleicher Einnahme sofort letal wirken. Eisen stopft, Aminosäuren und auch Magnesium führen dagegen zu unkontrollierter Darmentleerung. Kreatin lagert Wasser ein, und Zink macht schlapp.
MAGNESIUM STATT ABFLUSSFREI
Eines habe ich in Selbstversuchsreihen immerhin herausgefunden: zwei, drei Eisenpillen, und die Schotten sind 48 Stunden zuverlässig dicht. Vorteil: Man muss beim Rennen nicht mehr aufs Klo. Nachteil: Man nimmt die ganze Nudelparty mit auf den Berg. Da kommt nicht mal eine morgendliche Magnesiumbombe gegen an.
Die wirkt zuverlässig dann erst während des Rennens. Also lerne: bis drei Tage vor dem Wettkampf Eisen, zwei Tage vorher Magnesium. Dazu passt dann Vitamin E. Am nächsten Tag gibt’s dafür Calzium mit Vitamin-C-Beilage. Am virtuosen Einsatz der restlichen zwei Dutzend Substanzen feile ich noch.
Neulich fragte mich mein Trainingspartner Frank R., ob bei mir denn molybdänmäßig alles im grünen Bereich sei. Berechtigte Frage: Spontan spürte ich akuten Molybdän-Mangelschmerz. Wie konnte mir das passieren, wo Molybdän doch sogar in der Stahlindustrie verwendet wird und im Raketenbau? Das Zeug sollte jeder Radsportler im System haben. Und auf dem Weg ins Trainingslager wird auch keiner der ultrascharfen spanischen Dopingfahnder Verdacht schöpfen. Ich pack’ das Zeug einfach in meinen alten italienischen Stahlrahmen.

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DAS BALZVERHALTEN GESCHLECHTSREIFER MARATHONISTI
Die Spezies der Radfahrer teilt sich seit Humboldts Erkenntnissen in drei wesentliche Kategorien: a) die Rennradfahrer, b) die Trimmfahrer und c) die seit Gary Fisher mutierten, auf Wald- und Feldwegen lebenden Mountainbiker. Heute wollen wir uns einmal der letztgenannten Spezies widmen und sie in ihrem natürlichen Lebensraum beobachten.
GRZIMEKS MEMOIREN
Diese äußerst putzigen, durchaus leistungsorientiert und immer mit Helm auftretenden Lebewesen rotten sich zwei Mal im Jahr zu sogenannten Festivals zusammen. Aus aller Welt kommen sie dann auf kleinster Fläche zusammen, um mit neuestem Material oder besonders coolem Aussehen ihre Artgenossen zu beeindrucken.
Gut zu beobachten auf diesen Festivals sind vielfältige Mutationen der Gattung Cyclus stollus. Zu nennen wären da an erster Stelle die oberkörperfreien Downhiller, die durch gehäuftes Auftreten in kunterbunten Plastikklamotten am Sessellift ihr Revier zu markieren gedenken. In ihrem Lebensraum konkurrieren sie mit den langhubigen Freeridern, die durch überflüssig weite Hosen und mit Tinnef vollgestopften Rucksäcken versuchen, sich gegen die anderen Artgenossen als einzige von der Bike autorisierte Spezies abzugrenzen. Von diesem Evolutionszweig stammen auch die coolen Sonnenbrillenposer ab, die im Eiscafé sehr detailliert über den Federweg der Betten aus dem Sauerlandstern referieren können.
Aber nicht diesen medienaffinen Randgruppen, die mit Radfahren eigentlich kaum noch etwas zu tun haben, gilt meine Aufmerksamkeit, ich habe es vielmehr auf eine andere, sehr kohärente Familie abgesehen: auf die kurzstreckigen Tourenschnecken und natürlich die laktatsüchtigen Marathonisti. Also begab ich mich an einem Sonntag um 5.00 Uhr in der Früh auf die Pirsch ins Sauerland…
STARTPIRSCH
Kaum ist die Sonne über die Wipfel der sauerländischen Nordmanntanne geklettert, tummeln sich die ersten sponsorbunt gescheckten Exemplare übereifrig im Startbereich. Mit hoher Trittfrequenz werden kleine Rampen hochgesprintet und der Puls auf Trab gebracht. Treffen zwei zusammen, erzählen sie sich pfauenhaft die nettesten Geschichten. Wortfetzen wie »noch erkältet«, »voll aus dem Training raus« oder »einfach nur mal sehen, wie es läuft…« signalisieren dem Konkurrenten: Vorsicht, da hat einer Topform! Zurückgeplustert wird dann meist mit »chronische Bronchitis«, »eitrige Angina« oder »das 24-Stunden-Rennen von gestern steckt mir noch in den Knochen…«
WIE DIE LEMMINGE
Nach diesem verbalen Vorgeplänkel begeben sich die Marathonisti artig an ihre Startplätze. Diese Aufstellung ist zumindest in Willingen absolut nicht artgerecht: Mehr als 3.000 wackere Zweiradler in sechs engen Startblöcken. Da geht’s den Hähnchen vom Wiesenhof ja noch besser. Auffallend nur, dass sehr viele kurzstreckige Tourenschnecken einen vorderen Startplatz ergattern und so schon am ersten Anstieg für ungeheuren Lärm und Verzweiflung unter den rennorientierten Langschnäblern sorgen. So gesehen fahren von den 3.000 angereisten Vertretern der Spezies nur etwa 150 ein Rennen, und der Rest fährt mehr oder weniger zufrieden hinterher.
FEED-ZONE
An der ersten Verpflegung am Diemelsee ist es dann interessant, die unterschiedlichen Strategien der Nahrungsaufnahme zu studieren. Die ersten Biker, die so etwas wie die Führungsrolle in der Nahrungskette einnehmen, knallen mit Tempo 50 durch die säuberlich aufgebauten Reihen von Getränkebechern. Sie brauchen keine Stopps an den Tränken, denn sie haben nette Artgenossen so dressiert, dass diese an jeder Steigung mit frischen 0,3-Liter-Flaschen peinlichst genau abgewogener isotonischer Labe am Wege stehen. Ersatzlaufräder und natürlich auch Ketten haben sie ebenfalls noch dabei. Hier merkt der Artenkundler, dass es bei dieser Jagd durch die Sauerländer Savanne um Gramm und Sekunden geht und jeder Fehler über Antilope oder Regenwurm entscheidet.
Danach kommt in kleineren Gruppen die durchaus ambitionierte Kategorie Marathonisti amateuristi. Diese fällt an der Labestation durch nicht minder beherrschendes Auftreten auf. Für den Laien unverständliche Kurzbefehle wie »ISO!!« werden in den Raum gebrüllt. Und die freiwilligen Helfer an den Theken sind allesamt Laien. Das führt zu tumultartigen Szenen, auch weil manchmal ein Teil der Horde durchfahren will, der eine oder andere Affe aber ohne anzuzeigen einfach zu den Bananen abbiegt.
Ist diese Spezies durch, kehrt erst mal Ruhe ein. Vereinzelt kommen nun Biker durch, die von den erfahrenen Radkundlern »Selbstverpfleger« genannt werden und am bestem mit Kamelen zu vergleichen sind. Sie haben sich vor Beginn des Marathons eine proppenvolle Drei-Liter-Trinkblase auf den Rücken geschnallt. Das macht zusammen mit den zwei 0,75er-Flaschen satte fünf Kilo Mehrgewicht. Damit kommt man an einem regnerischen Tag schon mal ohne Zwischenstopp bis zur zweiten Verpflegungsstelle. Diese Spezies ist bei allen Bikern gleichermaßen gefürchtet. Den Langsameren frisst sie beim Auffüllen der Vorräte sämtliche Tapeziertische leer. Und auch den schnelleren Marathonisti aus den hinteren Startblöcken sind sie ein Graus: Die Bezeichnung »Kamel« versteht nur, wer schon mal hinter einem solchen Exemplar im Trail warten musste.
ALLESFRESSER UND STREUNER
Die Sonne steht inzwischen fast senkrecht über dem Diemelsee. 30 Kilometer mit dem MTB können halt mitunter ganz schon lange dauern. An der Verpflegung herrscht ein Trubel wie in der Serengeti am einzigen Wassertümpel im Umkreis von hundert Kilometern. Da sind Horden von locker lachenden Tourenfahrern, die sich über die perfekt ausgeschilderte Strecke freuen. Sie probieren auch noch den letzten Kuchen, fragen ob es alkoholfreies Bier gibt. Gerne verharren sie im Schatten der Schirme, bis irgendwann einer der Rudelführer zum Aufbruch mahnt. Man hat ja immerhin noch drei Wassertümpel anzufahren, bevor im Ziel die Mutter aller Labestationen wartet.
Zwischendrin wuselt noch die Unterkategorie der Allesfresser an den Tischen herum. Eine nicht zu vernachlässigende Spezies. Sie streunt von Tisch zu Tisch und stopft sich alles Essbare wahllos in den Mund. Hauptsache, der Nachbar bekommt es nicht ab. Riegel werden kurzerhand gleich in Großhandelsdimensionen in den Trikottaschen versenkt, dass man problemlos halb Eritrea davon ernähren könnte – ist ja im Startpreis inbegriffen. Und damit sich das Startgeld richtig lohnt, wird noch die Frage hinterhergeschickt: »Habt ihr auch Gels?« Als ob Hyänen Gel bräuchten… Für die Haare, oder was? Aber bevor das Haltbarkeitsdatum überschritten wird, bitte sehr. Wir sehen uns bei eBay.
Zurück im Ziel sammelt sich die komplette Population wieder. Der Veranstalter hat ein Holzgerüst aufgebaut, um die Rudelführer aus aller Welt zu ködern. Die steigen dann auch artig angelockt von Blechpokalen aufs Podium und dürfen sich über Jagdtrophäen wie alte Drahtreifen freuen. Das Publikum kürt die Oberrudelführer des Tages mit rhythmischem Händeklatschen.
Alle anderen Artgenossen scheint dieses Gehabe allerdings nur peripher zu berühren. Sie haben sich urplötzlich in Eisdielenbiker zurückverwandelt. Nur die Startnummer zeichnet sie noch als stolze Marathonisti aus. Aber das interessiert im Tierreich keinen länger als drei Tage. Und so geht er weiter, der wiederkehrende Zyklus von Regeneration und Belastung. Der kontinuierliche Prozess der ewigen Auslese und des andauernden Balzrituals.
Fressen und gefressen werden – und nirgends schützender Windschatten! So ist das harte und einfache Gesetz der Savanne.

10
EINMAL JUNKIE – IMMER JUNKIE
Bei der letzten Ausfahrt habe ich’s gemerkt: Der Körper will nicht mehr. Zu viele Kuppen, zu viele Ortsschilder. Mein hochsensibler Athletenkörper braucht eine Pause. Auszeit, Finito, Recharging, Sendepause. Es regnete eh gerade, also habe ich mir gedacht: »Jetzt schnell zwei Wochen Winterpause, und dann geht’s frisch an die nächste Übersaison!«
Ein Wochenende später die goldene Versuchung. Strahlendes Wetter, Temperaturrekord im Oktober, die Freunde locken: »die Ennepe-Runde, nur locker«… Also rein in die Dreiviertel-Hose und die käsigen Beine in den Wind gehängt, Kuppe – Ortsschild – Kuppe, kleiner Formtest. Dann den finalen »Col de la Schluss«, fünfzehn Höhenmeter direkt vor der Haustür von hinten durchs Feld. Prächtig, Sieger! Doch am Sonntag beim traditionellen Rennrad-Raketentreff melden sich wieder die Wehwehchen, der Körper will seine Pause – und meine Trainingskollegen ihre Rampen.
BEIDES GEHT NICHT
Ich beschließe, einen psychologischen Berater hinzuzuziehen. Wofür hat man denn seine Krankenkasse? Montagmorgens sitze ich pünktlich um acht mit dicken Beinen beim Seelenklempner im Wartezimmer und will mir auf Krankenschein Rat holen. Um mich herum nur Rentner und plärrende Blagen.
Während ich anfange, vor mich hinzuschlummerm, träume ich, was ich mit der freien Zeit demnächst alles anfangen könnte… Frau Dr. Nölle-Neumann, die Psychiaterin, checkt mich erst mal sorgfältig durch und stellt ihre Fragen. Doch vollkommenes Unverständnis seitens der Fachfrau für Dachschäden und mentale Stärke: »Radfahren abgewöhnen? Sie sollten froh sein, einen so schönen Sport zu betreiben…«
Ich beginne, von den 300-Kilometer-Touren zu erzählen, und schildere ihr mein Vorhaben, nächstes Jahr alle RTFs der Republik nachzufahren und Deutscher Meister in der Wertung »Teilnehmerstärkster Verein« zu werden – als Einzelstarter. Nölle-Neumann wird skeptisch. Als ich dann auch noch unbedingt einen Ergometertest machen will, fängt sie langsam an zu verstehen, was mein Problem ist.
Eine Woche später geht’s ab in die Entzugs-Spezialklinik ins Glottertal. Beste Referenzen, Einzelzimmer und rundherum Schwarzwald! Ich kann nur sagen: obergeiles Trainingsrevier!! Komisch ist nur, ich darf mein Rad nicht mit aufs Zimmer nehmen, die Fenster sind vergittert, und die Tür geht auch nicht mehr auf. Am nächsten Morgen werde ich von einem bekannten Geräusch geweckt. Durchs gekippte Fenster vernehme ich das Surren von Freiläufen. Die Bezirksabschluss-RTF Südbaden!!! Und das direkt unter meinem Kammerfenster. Horror! Ich kann genau die keuchenden Lungen der Spitzengruppe hören, das Palaver der pünktlich um 6.30 Uhr in Doppelreihe gestarteten Rentner, das jämmerliche Krachen der Schaltwerke des frühen Treibholzes…. Mein Sabber hängt an der Fensterscheibe, ich tobe in Radhose durch das Zimmer, als die Pärchen auf der kurzen Runde vorbeieiern.
ICH BIN RENNFAHRER – LASST MICH HIER RAUS!
Zwei Minuten später finde ich mich mit den Armen nach hinten in einer weißen Langarm-Windweste wieder, und zwei nette, großgebaute Pfleger bitten mich, zwei »Nahrungsergänzungspillen« zu schlucken. Anschließend beruhige ich mich wieder, die Abfahrtszeit für die 150er Runde ist sowieso vorbei.
Nachmittags werde ich dann zur ersten Sitzung eingeladen. Gruppengespräch! Na, mal schauen, was meine Trainingspartner hier in der Klinik so auf’m Kasten haben. Das Ganze findet in einem großen Saal statt, der perfekt für Zirkeltraining geeignet wäre – aber es sitzen nur ein paar verkorkste Gestalten im Kreis herum. Nach und nach darf sich jeder vorstellen. Da ist Eva, ein magersüchtiger Strich in der Landschaft, sie will noch mehr abnehmen – kann ich verstehen. Der Typ mit der leuchtenden Nase neben ihr, Karl, trinkt dauernd zu viel – ich trinke auf Ausfahrten immer zu wenig. Wir kommen ins Gespräch. Als ich etwas von 2 x 0,75l pro Stunde sage, nickt Karl anerkennend, wir verstehen uns. Der dicke Egon sollte sich ein bisschen von der Eva abschneiden oder – genauer gesagt – sollte er ihr etwas von sich abgeben. Und der Rastafari Michael in der Ecke hat eigentlich kein Problem, er meint, nur die anderen hätten eines mit seinen Zigaretten. Als ich an der Reihe bin, habe ich wieder dasselbe Problem wie mit der Nölle-Neumann. Schwester Erika: »Aber was denn…?«
RADFAHREN IST DOCH GESUND
Ich: »Nee, ich brauche mal ’ne Pause. Mal richtige Regeneration mit Massage, Sauna, Thai-Chi und so.«
Erika: »Ich bin heute Morgen mit dem Auto gekommen, das ist ungesund!« Gelächter von allen außer Karl.
Ich merke, dass das Trainingslager hier langsam voll in die Hose geht. Also disponiere ich um und nutze aus, dass Schwester Erika von dem morgendlichen Zwischenfall nichts weiß: »Wie wär’s denn mit ’ner kleinen Runde?«
Die dralle Krankenschwester ist begeistert. Räder zu Therapiezwecken sind genug vorhanden, die Pfleger werden kurzerhand einfach mitradeln. »Viel Feind, viel Ehr«, denke ich mir und reiße vorsichtshalber die Tourenkarte an mich.
»Aber nicht zu steil«, ermahnt Erika.
»Nein, nur locker und flach«, sage ich, und ab geht’s mit dem Tross Richtung Bad Krotzingen in die Rheinebene. Nach gemütlichem Einrollen knicke ich scharf ab: Staufen. Am ersten Hügel ist Egon weg! Die Kette hat seinen 150 Kilo Lebendgewicht wohl nicht standgehalten, er hätte als Sprinter bei der heutigen Bergetappe sowieso keine Chance gehabt. Wir lassen ihn mit einem halben Kilo Powerbar als Notproviant zurück.
Noch ganz zaghaft beginnt die Steigung im Münstertal sich zu erheben, da riecht Erika auch schon den Braten. »Wir müssen umdrehen, da geht’s ja in die Berge!« Richtig erkannt. Zum Glück nimmt mir einer der Pfleger die Worte aus dem Mund: »Kein Problem, wenn wir so weiterfahren, ist der Weg zurück nach Hause kürzer…«
Erika willigt mit hochrotem Kopf ein und sagt: »Okay, aber lasst jeden sein eigenes Tempo fahren.« Zwei Sekunden später ist sie weg – meine Rechnung scheint aufzugehen.
Eine kleine Tempoverschärfung in den Serpentinen des oberen Münstertals schafft dann auch die Rotnase Karl, der schon seine beiden Flaschen restlos leer getrunken hat. Kurz vor seinem Exitus trumpft er plötzlich mit erstaunlichem Fachwissen auf: »Bin ich Tom Simpson – hicks! – ist das hier der Ventoux, oder was? Jauhh.«
Die spindeldürre Eva ist dagegen schon ein anderes Kaliber. Ich schätze, sie wiegt ganze 35 Kilo. Das macht bei 240 getretenen Watt immer noch einen Faktor von 6,8! Ullrich-Niveau also. Ich entscheide mich, nicht am Stohren die Entscheidung zu suchen. Lieber moderat bergauf nach rechts. In der Abfahrt vom Wiedener Eck herrscht starker Seitenwind. Die arme Eva wird auf der Windkante einfach von der Straße gefegt – und tschüss.
Am Fuße des Anstiegs zum Belchen ist die tête de la course auf drei Personen reduziert. Der Rastafari, ein Pfleger und ich. Jeder hat die Lage gepeilt, jeder will als Erster oben sein. Jetzt ist Taktieren angesagt – noch unterhalb der Baumgrenze erwähne ich wie zufällig etwas von den berühmten Pilzen am Wegesrand und ihrer leistungssteigernden Wirkung. Der Pfleger kann das nur bestätigen. Kurze Zeit später simuliert der Rastafari eine Verpflegungskontrolle, isst wahllos einen ganzen Schwarm Pilze von einem Baumstrunk – und schafft dann leider nicht mehr den Anschluss an die Spitzengruppe. Bauchkrämpfe. Und Zeit für mich, mir meinen letzten Rivalen genauer anzuschauen:
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