Kitabı oku: «Gott finden. Wie geht das?»

Yazı tipi:

GOTT FINDEN. WIE GEHT DAS?

MATTHIAS BECK


Inhalt

Cover

Titel

Vorwort

Hinführung

1. DIE ORDNUNG IN DER NATUR UND IM MENSCHEN

Das große »Von-Selbst«

Kosmos und Natur

Organismus und Mensch

Die geistige Ordnung – die Asymmetrie der Welt

Der absolute Geist – ein personaler Gott?

Gott ist ganz menschlich

Gott ist ganz göttlich

Zusammengefasst: Mensch und Gott

2. DIE EXERZITIEN DES IGNATIUS VON LOYOLA

Ordnung schaffen im eigenen Inneren

Die Exerzitien konkret

Betrachtung des eigenen Lebens – 1. Woche

Die Berufung jedes einzelnen Menschen – 2. Woche

Indifferenz –Immer wieder Abstand nehmen

Leiden, Schmerz und Entscheidungen – 3. Woche

Überwindung von Leid und Zerrissenheit – 4. Woche

Die Analyse der Emotionen – Gespür für sich selbst

Die Bewegungsrichtung des Menschen – Trost und Trostlosigkeit

3. KONSEQUENZEN – SPIRITUALITÄT UND ETHIK

Tugenden und der Einzelne

Was kann eine aufgeklärte Religiosität zu einem erfüllten Leben beitragen?

Glaube und Wissenschaft

Glaube als innerer Halt und Annahme meiner selbst

Glaube und Emotionalität

Glaube, Wissen und Achtsamkeit

Wozu noch Kirche?

Literaturverzeichnis

Danksagung

Über den Autor

Impressum

Endnoten

Vielleicht fragen Sie sich, warum Sie gerade dieses Buch in die Hand nehmen. Sie hätten ja auch ein Buch über Autos oder übers Kochen nehmen können. Aber Autos interessieren Sie nicht, Kochen vielleicht. Und da sind wir schon bei einer zentralen Frage: Warum interessiert mich etwas? Wann kommt innerlich bei mir etwas in Bewegung? Gibt es in mir einen Resonanzboden, der bei bestimmten Ereignissen zum Schwingen kommt? Vielleicht haben Sie auch eine bestimmte Frage und erhoffen sich Antworten, oder es treibt Sie die Sehnsucht nach mehr Leben? Vom bloßen Überleben zum wirklichen Leben?1

Jeder Mensch sucht etwas in seinem Leben: meistens Glück, Liebe, den richtigen Beruf, den geeigneten Lebenspartner, Gesundheit. Jeder2 will geliebt und respektiert werden. Wenn man etwas sucht, will man auch etwas finden. Jedes Versteckspiel verliert seinen Reiz, wenn man denjenigen, der sich versteckt hat, nicht findet, und derjenige, der nicht gefunden wird, verliert die Lust daran, wenn er wartet und niemand kommt. Das Spiel ist aus. Warten auf Godot von Samuel Beckett ist ein solches Theaterstück3: Zwei Menschen warten auf jemanden, der nie kommt. Menschen sagen oft: Wir sind alle Suchende. Aber Menschen wollen auch etwas finden. »Ich suche Gott«, lässt Friedrich Nietzsche den Mann mit der Laterne am helllichten Tage hinausschreien. Er wird ausgelacht.4 Lässt Gott sich finden?

Sie blättern im Buch, vielleicht legen Sie es wieder weg. Sie finden nicht, was Sie suchen. Wissen Sie genau, was Sie suchen? Manchmal wissen wir nicht, was wir suchen. Es ist oft nur eine diffuse Unruhe da. Der Tag geht weiter. Die Zeit ist flüchtig, sie steht nicht still. Der nächste Termin, neue Eindrücke. Der Tag fliegt dahin, von Ereignis zu Ereignis. Was bleibt am Abend? Was mache ich mit meiner Zeit? Kann ich irgendwo ausruhen und zur Ruhe kommen?

Die Einzigartigkeit

jeder Person

Was immer Sie suchen, was immer Sie finden, es bleibt Ihre eigene Suche. »Der Mensch ist seines Glückes Schmied«, sagt der Volksmund. Das ist in einem gewissen Sinn richtig. Wir haben zwar Voraussetzungen, die wir mitbekommen haben, aber wir können daraus etwas machen. Daher steht im Zentrum dieses Buches die Einzigartigkeit jeder Person. Jeder ist einzigartig und wichtig. Wenn man weiß, dass man wichtig ist, muss man sich nicht wichtig nehmen und im Mittelpunkt stehen. Jeder ist hundert Prozent Mensch. Jeder hat seine Welt, ist seine Welt und nimmt sich und die Welt auf seine Weise wahr. Der Andere hat seine Welt, seine Wahrnehmungen. Gibt es da Überschneidungen? Die Wahrnehmung beginnt bei mir: Ich sehe, ich höre, ich spreche, ich nehme die Welt wahr. Und gleichzeitig lebt jeder mit anderen Menschen zusammen. Der Andere hat seine Wahrnehmungen, sieht und hört auf seine Weise. Für die Kommunikation zwischen Ich und Du ist das Verständnis der jeweiligen Wahrnehmungen von großer Bedeutung.

Daher wird eine feste

Verwurzelung in einem

tieferen Seinsgrund

immer wichtiger.

Derzeit gibt es eine große Krise: Corona. Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen, oft isoliert. Jeder muss irgendwie damit umgehen. Jeder nimmt die Situation anders wahr. Die Bedrohung durch das Virus kann nur abgewendet werden, wenn jeder Einzelne sich an bestimmte Regeln hält. Selten war der Einzelne so wichtig: Abstand, Hygiene. Das kann sehr belastend sein, aber auch aufmunternd: Endlich werde ich ernst genommen. Diese Krise ist ein Symptom eines viel größeren weltweiten Umbruchsprozesses, der ein Umdenken erfordert: im Umgang mit der Umwelt, in der Wirtschaft, in der Politik, in der Arbeitswelt (auch durch »künstliche Intelligenz«) und auch in den Religionen. Es ist eine Art Entkoppelungsprozess im Gang, in dem der Mensch sich immer mehr abkoppelt von seinem letzten Urgrund und sich dadurch weit von seinem Wesen entfernt. Die Folgen werden mehr und mehr sichtbar. Die Welt wird unübersichtlicher und unsicherer, daher wird eine feste Verwurzelung in einem tieferen Seinsgrund immer wichtiger.

Der Einzelne wird auch in den Wissenschaften immer bedeutsamer. Das hat unter anderem mit den verschiedenen Paradigmenwechseln zu tun, die in der Geschichte stattgefunden haben. Der erste große Paradigmenwechsel war jener der Kosmologie: Nicht mehr die Erde steht im Mittelpunkt, sondern die Sonne. Das spielt für den Einzelnen noch keine so große Rolle. Der zweite war der Übergang von der Newtonschen Mechanik zur Quantenphysik: Nichts ist starr, alles ist in Wechselwirkung und die Dinge verändern sich durch die Beobachtung. Der dritte Paradigmenwechsel geschieht in der Genetik, die erkennt, dass Gene aktiviert und inaktiviert werden müssen. Dafür sind epigenetische Faktoren verantwortlich, die auch mit dem Lebensstil des Einzelnen zusammenhängen.

Derzeit macht auch die Medizin einen solchen Paradigmenwechsel durch. Bisher war sie weithin naturwissenschaftlich geprägt und ihre Erkenntnisse waren verallgemeinerbar. Jetzt stellt man fest, dass aufgrund des unterschiedlichen Genoms jedes einzelnen Menschen dasselbe Medikament bei jedem Menschen anders wirkt. Hier spricht man von individualisierter und personalisierter Medizin.5 Der Einzelne tritt ins Zentrum, was auch in der Psychologie schon der Fall war. Verbunden mit den Erkenntnissen von Genetik und Epigenetik zeigt sich, dass der Einzelne viel zum Gesundbleiben und Gesundwerden beitragen kann: durch Lebensstil, gute zwischenmenschliche Beziehungen und ein geordnetes Innenleben.

Du bist wichtig, nimm

dich ernst, ohne

ständig im Mittelpunkt

stehen zu müssen.

Der letzte Paradigmenwechsel sollte in der Theologie stattfinden. Menschen suchen immer mehr nach individueller Spiritualität und weniger nach Religion in der Gemeinschaft. Oft suchen sie in asiatischen Religionen oder in esoterischen Kreisen, weniger im Christentum. Das Christentum spricht von der Kirche, vom Volk Gottes, von der Gemeinschaft der Gläubigen. Viele spricht diese Art der Religionsgemeinschaft nicht mehr an. Der Einzelne als einzigartiges Individuum mit seiner Entscheidungshoheit über sein Leben wird ihnen nicht genug gewürdigt. Es gibt so viele existentielle Fragen, die nicht beantwortet werden. Vieles von dem, was im Christentum verkündet wird, erreicht den Menschen nicht mehr in seiner existentiellen Betroffenheit. Formelhafte religiöse Botschaften berühren das Herz der Menschen nicht. Manches wirkt sogar abstoßend. Der Mensch will mit seinen Fragen ernst genommen werden. Diese Fragen drängen sich auf. Niemand kann ihnen entgehen. Menschen suchen nach Antworten, sie wollen ihr Leben verstehen und etwas erfahren. Zusammengefasst: Der Einzelne steht auch hier im Zentrum. Ein zentraler Satz könnte lauten: Du bist wichtig, nimm dich ernst, ohne ständig im Mittelpunkt stehen zu müssen. Im Bereich der Ethik ist es der Begriff der Menschenwürde, der auf den Einzelnen abzielt.

Wenn Fragen nicht beantwortet werden, wenden sich die Menschen ab. Das ist schon bei Kindern so. Sie haben so viele existentielle Fragen nach dem Leben, dem Himmel, und wo die verstorbene Großmutter jetzt ist. Eltern tun gut daran, diese Fragen ernst zu nehmen und mit den Kindern nach Antworten zu suchen. Dieses Buch will dabei helfen. Es gibt einen Weg, im eigenen Inneren Antworten zu finden. Sie liegen oft viel näher, als man denkt. Im Menschen ist schon alles angelegt, der Schatz muss nur gehoben werden.

Wenn die Frage nach

Gott gestellt wird,

geht es nicht um ein

religiöses System,

sondern um die

Wahrnehmung

innerer Erfahrungen,

die jeder

machen kann.

Dieser Schatz darf ans Licht kommen und in Erscheinung treten. Das Verborgene ans Licht kommen zu lassen, ist eine lebenslange Aufgabe. Es dient der Findung der eigenen Wahrheit. Der griechische Begriff für Wahrheit sagt genau das: A-letheia ist das »Unverborgene«. Das Verborgene darf in die Unverborgenheit entlassen werden. Was zeigt sich da? Etwas sehr Vertrautes und auch Fremdes. Es zeigt sich meine Wahrheit – auch mit ihren Schattenseiten – und etwas darüber hinaus. Wenn man sich auf diese Wahrheit einlässt, findet man Bekanntes und Unbekanntes. Es zeigt sich Dunkles, aber auch eine »Welt« des Lichtes. Die Botschaft des Lichtes kommt aus einer anderen Welt und ist zugleich ganz lebensnah. Manchmal entdeckt man diese Botschaft wie zufällig, manchmal weisen Andere darauf hin, manchmal wird man durch eine Krise dahin gedrängt. Mancher entdeckt diese andere Welt nie. Vom Finden dieses »ganz Anderen« handelt dieses Buch.

Gott6 finden – wie geht das? Da kann man fragen: Warum und wozu soll ich Gott finden? Es geht mir auch ohne Gott sehr gut. Da würde ich sagen: Dann ist es gut. Dann vergiss die Frage. Es kann sogar sein, dass es Dir ohne Gott besser geht. Die Frage ist allerdings, ob derjenige, der Dir als »Gott« vermittelt wurde, nicht doch ein Zerrbild ist. Wenn die Frage nach Gott gestellt wird, geht es nicht um ein religiöses System, das dem Menschen von außen aufgepfropft wird und ihm fremd bleibt, sondern um die Wahrnehmung innerer Erfahrungen, die jeder machen kann und die jedem ganz vertraut sind.

So geht dieses Buch

einen Weg von der

Erkenntnis der Natur

über die Kenntnis der

eigenen Biographie hin

zur Wahrnehmung des

göttlichen Grundes im

eigenen Innersten.

Vielleicht stellen sich angesichts der aktuellen Corona-Krise auch grundsätzliche Fragen nach dem Sinn von Krankheit, Leid, Unordnung und Chaos, nach dem Sinn der Welt und des eigenen Lebens, nach Tod und Endlichkeit des Seins. Oder es werden Erfahrungen gemacht von Mitmenschlichkeit, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Liebe, Glück und eine neue Achtsamkeit und Wachsamkeit gegenüber vermeintlichen Selbstverständlichkeiten entsteht. Vielleicht kommt durch die Ereignisse auch eine neue Nachdenklichkeit auf oder sogar eine Sehnsucht, den Dingen auf den Grund zu gehen. Womöglich entsteht eine positive Unruhe, die spüren lässt, dass es noch nicht alles gewesen sein kann mit dieser Welt und den alltäglichen Sorgen.

So geht dieses Buch einen Weg von der Erkenntnis der Natur über die Kenntnis der eigenen Biographie hin zur Wahrnehmung des göttlichen Grundes im eigenen Innersten. Von dort aus geht es wieder zurück in den Alltag mit der Frage, wie man die gewonnenen Erkenntnisse alltäglich umsetzen kann. Ein tieferes »Standfinden« im letzten Grund des Seins kommt vielen zugute: Dem Einzelnen kann es helfen, ein besseres Leben zu führen, es kann dem Gesundheitssystem nützen, weil Menschen womöglich weniger krank werden, der Wirtschaft, da die Menschen am Arbeitsplatz zufriedener sein könnten, und dem Staat, weil Menschen innerlich und äußerlich besser gebildet wären und dadurch zu mündigen Bürgern werden, die die Demokratie mittragen könnten.

HINFÜHRUNG

Jeder Mensch ist mit sich selbst allein. Selbst wenn er in Gemeinschaft mit anderen lebt, ist jeder zunächst eine Einzelperson. Die Mitmenschen können helfen, das Alleinsein auszuhalten. Aber auch im Kreis anderer Menschen kann man sehr allein sein und sich einsam fühlen. Alleinsein kann für den, der es aushält, sehr erfüllend sein. Einsamkeit hingegen ist bedrückend und kann krank machen.

Jeder bleibt immer er selbst. Er ist sich zugemutet. Er kann sich nicht entfliehen. Er kann in irgendein Land auswandern und nimmt sich doch immer mit. Er kann nicht aus sich heraus. Er kann sich nicht ausweichen. Er kann mit niemandem tauschen. Manchmal könnte man vor dieser Erkenntnis erschrecken: Ich bin ich. Ich lebe. Ich lebe mein Leben, nicht das des Anderen. Ich kann mir nicht entkommen. Niemand kann mir das abnehmen. Ich kann mein Leben nicht abgeben. Ich kann es nur annehmen oder ablehnen. Es ist mir aufgegeben und zugemutet. Wir sind in die Welt hineingeworfen, so ähnlich sagt es der Philosoph Martin Heidegger (1889 –1976). Wie kann ich das aushalten? Wie kann ich mich aushalten?7

Können andere mir bei meiner Lebensbewältigung helfen? Tatsächlich sind wir aufeinander angewiesen. Wir kommen vom Du der Eltern her. Sie haben uns gezeugt. Niemand ist gefragt worden, ob er leben will. Andere haben entschieden, dass ich lebe. Manche finden es gar nicht gut, in dieser Welt zu sein.8 Jetzt aber bin ich da in dieser Welt. Was Dasein heißt, weiß ich, weil ich da bin. Ich bin in meiner Welt, der Andere in seiner Welt. Sind dies abgeschlossene Welten?9 Jeder in seiner Welt? Wie können wir uns da verständigen? Gibt es Gemeinsames? Gibt es nur meine Welt und die Welt des Anderen, oder gibt es auch eine gemeinsame Welt, die uns verbindet? Eine Welt dahinter oder dazwischen? Eine Welt für mich, für den Anderen und die Welt an sich?

Immanuel Kant (1724 –1804) würde sagen, dass die Menschen durch Prinzipien verbunden sind, die dem Ganzen zugrunde liegen. Sicher ist, dass die Welt mir vorausliegt. Sie war schon da, bevor ich kam. Ich muss mich auf sie einstellen. Aber nicht nur die Welt liegt mir voraus, sondern auch Menschen mit den Generationen zuvor bis hin zu meinen Eltern. Von dort her kommen genetische Ausstattungen und psychische Prägungen. Diese Prägungen stammen nicht nur von den Eltern und ihrer Erziehung, sondern auch aus der Kultur, der Religion, der Tradition. Zunächst muss sich jeder in das Vorgegebene einfügen, bevor er beginnen kann, seine Welt und die Welt insgesamt zu gestalten. So wird das Vorgegebene langsam zum Aufgegebenen und zur Aufgabe.

Ich sehe die Welt mit meinen Augen, höre Geräusche mit meinen Ohren, taste mit meinen Fingern, fühle und spüre die Dinge in meinem Leib. Ich weiß gar nicht, wie die Welt »wirklich« ist, ich kenne sie nur durch meine Wahrnehmungen. Das »Ding an sich« können wir nicht erkennen, so hat es Immanuel Kant formuliert. Der Andere hat eine andere Wahrnehmung und einen anderen Zugang zur Welt als ich. Jeder hat seine Perspektive. Ich kenne die Welt nur so, wie ich sie wahrnehme. Der Andere kennt sie nur so, wie er sie wahrnimmt. Vielleicht kann ich mich mit ihm darüber austauschen, und wir können uns gegenseitig bereichern: meine Sicht, seine Sicht. Ich kann mich auch in ihn hineinversetzen, »in seinen Schuhen gehen«. Aber es bleibt meine Wahrnehmung seines Lebens. Ganz der Andere kann ich nie sein. Während ich die Welt und den Anderen wahrnehme, nehme ich mich wahr, wie ich mich bei einem Gespräch fühle, wie es mir mit den Ereignissen geht, die ich erlebe. Diese Selbstwahrnehmung kann geschult werden. Davon handelt das Buch.

Diese Selbstwahrnehmung

kann geschult

werden. Davon

handelt das Buch.

Ich nehme nicht nur die Welt und mich in dieser Welt wahr, sondern auch andere Menschen. Ich nehme sie wahr, sie nehmen mich wahr. Wie kann man sich da verständigen? Wie komme ich aus mir heraus? Wie werde ich befreit aus meiner »Ich-Verfangenheit«? Zunächst ist es der Andere, der mich infrage stellt oder auch bereichert. Die Auseinandersetzung mit dem Anderen und den Ereignissen der Welt sind eine Anfrage an mich. Aber beide – der Andere und die Ereignisse – sind auch ein Gewinn. Der Andere führt mich über mich selbst hinaus, er zeigt mir andere Perspektiven auf, er erweitert meinen Blick. Es kommt zum Dialog. Und die Ereignisse fordern mich heraus.

Man merkt oft erst in der Einsamkeit, dass da etwas fehlt, nämlich der Andere. Lerne ich mich erst durch den Anderen kennen? In jedem Fall gibt es die Sehnsucht, sich mit dem Anderen auszutauschen. Das hat die Corona-Krise gezeigt. Die Menschen wurden in die Isolation geschickt, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Und doch haben sich viele bemüht, Kontakte über Telefon, Handy oder Computer aufrechtzuerhalten. Viele lernten auch neu, dem Anderen zuzuhören. Bei Video-Konferenzen können nicht alle gleichzeitig sprechen. So gibt es verschiedene Herausforderungen: Einerseits stehen wir im Austausch mit anderen Menschen, sonst könnten wir gar nicht überleben, und andererseits müssen wir lernen, es mit uns selbst auszuhalten.

Verständigung mit anderen Menschen vollzieht sich zunächst nonverbal zwischen Eltern und kleinsten Kindern, später auch mithilfe von Worten und Begriffen. Kinder können die Dinge anfassen und mit den Händen begreifen, später müssen sie die Welt geistig begreifen und das Begriffene auf den Begriff bringen. Wir sprechen mit Worten, wir haben etwas zu sagen. Durch das Wort ereignet sich etwas. Durch das Sprechen geben wir nicht nur Informationen weiter, sondern teilen uns als Person mit. Dadurch geben wir immer auch etwas von uns selbst preis. Alles Sprechen und Handeln ist zudem von Emotionen begleitet.

Das heißt allerdings noch nicht, dass der eine Mensch den anderen Menschen auch versteht. Dieser kann das gesprochene Wort akustisch hören, und es inhaltlich doch nicht verstehen. Daher muss man bezüglich des Inhalts manchmal nachfragen: Habe ich dich richtig verstanden, dass du das sagen wolltest? Wenn der Andere das bestätigt, kann man darauf antworten. Diese Art und Weise der Gesprächsführung würde viele Missverständnisse vermeiden helfen: Erst fragen, ob ich den Anderen verstanden habe, und ihm dann antworten. Es geht nicht nur darum, den Inhalt dessen zu verstehen, was der Andere sagt, sondern auch um das, wie er es sagt und wie er sich als Person darin ausdrückt. Er spricht sich als Mensch in seinen Worten aus, aber auch in und mit seinen Emotionen, Gesten, Blicken und inneren Haltungen. Erst wenn Menschen sich in dieser Ganzheit von Wort und innerem Wesen miteinander verständigen können, kommt es zu wirklicher Begegnung. Wenn dies nicht geschieht, kommt es statt zu einer Begegnung oft zu einer »Ver-gegnung«, wie Martin Buber (1878 –1965) das genannt hat.

Aus welchen Gründen können und möchten sich Menschen gut verstehen? Zunächst einmal will jeder vom Anderen angenommen werden. Dann kann es sein, dass Menschen beruflich miteinander zu tun haben, gemeinsame Hobbies pflegen, zusammen Kinder großziehen oder einfach gerne miteinander Zeit verbringen. Aristoteles (384 –322 v. Chr.) hat diese verschiedenen Ebenen anhand von Freundschaften beschrieben10: Es gibt Freundschaften, die man pflegt, weil man einen Nutzen davon hat oder wegen der gemeinsamen Lusterfahrung, oder – als höchste Form – weil es einem um die Freundschaft als Freundschaft geht.11 Man will mit dem Anderen befreundet sein, weil man mit ihm zusammensein will. Mit diesen Menschen will man sein Leben teilen und um des Zusammenseins willens zusammensein, ohne weitere Zwecke damit zu verbinden.

Das Christentum sagt

darüber hinaus, dass es

darum gehe, den Anderen

um seiner selbst willen zu lieben, ohne weitere Bedingungen.

Immanuel Kant spricht davon, dass es darum gehe, den Anderen um seiner selbst willen zu achten. Er entwickelt dies im Zusammenhang mit dem Begriff der Menschenwürde. Das Christentum sagt darüber hinaus, dass es darum gehe, den Anderen um seiner selbst willen zu lieben, ohne weitere Bedingungen. Man soll den Anderen nicht (vollständig) verzwecken. Allerdings weiß jeder, dass es in Beziehungen immer wieder geschehen kann, dass der Eine mit dem Anderen berechnend umgeht.12

Das Berechnende stört das Vertrauen zwischen Menschen. Der Andere wird nicht mehr um seiner selbst willen angenommen, sondern nur unter bestimmten Bedingungen. Diese muss er erfüllen. Dadurch wird das Verständnis füreinander abnehmen. Daher muss man an Freundschaften arbeiten. Sonst passiert es, dass man einander nicht mehr versteht, sich auseinanderlebt und womöglich auseinandergeht. Es gibt ein wohlwollend-liebendes Miteinander, aber auch das Gegenteil davon: Streit, Hass und Verachtung.

Wir suchen nach

Phänomenen, die diesem

»um seiner selbst

willen« oder dem

»aus sich selbst

heraus«

entsprechen.

Die Frage ist, ob es so etwas wie das »Um seiner selbst willen« oder »Aus sich selbst heraus« überhaupt gibt, oder ob nicht alles einer Berechnung unterliegt. Im alltäglichen Leben mag vieles dem Kalkül unterliegen. Die Frage ist aber, ob das schon alles ist. Denn wenn wir in diesem Buch auf die Suche nach dem Absoluten gehen, dann suchen wir nach Phänomenen, die diesem »Um seiner selbst willen« oder dem »Aus sich selbst heraus« entsprechen. Um bei Letzterem zu bleiben: Allein dasjenige (oder derjenige), das (oder der) durch nichts Anderes geworden ist, sondern aus sich selbst heraus ist (nicht geworden ist), ist das Göttliche – wenn es das überhaupt »gibt«. Doch wenn es das gibt, kommt es nicht von woanders her, sondern ist aus sich selbst heraus: ohne Raum, ohne Zeit, ewig. Es ist in diesem Sinne das Selbstverständliche, das sich aus sich selbst heraus versteht und aus sich selbst heraus ist und den Anderen um seiner selbst willen annimmt.

Wenn es so sein sollte, dass das Göttliche aus sich selbst heraus ist, dann ist die Frage, warum es aus sich selbst heraus ist, sinnlos. Das »Aus-sich-selbst-heraus-Seiende« kann nicht durch etwas Anderes begründet werden. Es begründet sich selbst, es ist, was es ist, es erklärt sich aus sich selbst heraus. Es ist wie ein mathematisches Axiom, das auch nicht mehr durch etwas Anderes erklärt werden kann. Das »Aus-sich-selbst-heraus-Sein« kann dann etwas Anderes, von sich Unterschiedenes, aus sich entlassen. Sollte am Anfang eine Energie gewesen sein, dann stellt sich sofort die Frage, woher diese Energie stammt. Da besagt das Wort »En-ergie« etwas Treffendes: En-ergeia bedeutet im Griechischen: etwas ins Werk setzen. Das kommt in die Nähe dessen, was christliche Theologie als Schöpfung bezeichnet. Die Energie kann etwas ins Werk setzen, sie kann aber sich selbst nicht ins Werk setzen, sie kommt von woanders her. Zusammengefasst: Alles innerweltlich Endliche ist von einem Anderem her. Allein das Göttliche ist aus sich selbst heraus und nicht von etwas Anderem her. Es kann aus dem Nichts etwas schaffen (»creatio ex nihilo«).

1
DIE ORDNUNG IN DER NATUR UND IM MENSCHEN
DAS GROSSE »VON-SELBST«
Kosmos und Natur

Wie immer der Kosmos auch entstanden ist: durch »Zufall«, aus einer Energie, durch den Urknall oder durch einen Schöpfungsakt. Logisch einsichtig scheint zu sein, dass das Nichts nicht »knallt«. Wo nichts ist, knallt auch nichts. Aus dem Nichts kann nichts werden. Es sei denn, ein Schöpfer kann aus nichts etwas machen (creatio ex nihilo). Evident ist, dass der Kosmos da ist und sich seit seiner Entstehung in einem ständigen Entwicklungs- und Werdeprozess befindet. Der Kosmos dehnt sich bis heute aus. Sagen wir, er wäre mit dem Urknall entstanden (einige Forscher bezweifeln diese These), dann dehnt er sich seit etwa 14 Milliarden Jahren bis heute kontinuierlich aus: und zwar teilweise mit einer größeren Geschwindigkeit als mit der Lichtgeschwindigkeit, und das sind circa 300.000 Kilometer pro Sekunde. Eine gigantische Dimension. Dieser Prozess geschieht »von selbst«. Der Mensch hat ihn nicht in Gang gesetzt, er kann ihn nicht machen und ihn auch nicht aufhalten. Wenn jemand fragen würde, warum das geschehe, könnte man ihm wohl keine Antwort geben. Die Welt ist einfach entstanden. Andere würden vielleicht sagen, jemand habe sie in Gang gesetzt, geschaffen. Das könnte eine plausible Antwort sein, muss es aber nicht. Andere Erklärungsversuche sagen: Der Anfang bleibt im Dunklen.

Die Planeten haben ihre Bahnen. In den Millionen von Galaxien zeigt sich eine große Ordnung, sonst würde das System kollabieren. Die Gravitationskraft spielt für die Bahnen der Himmelskörper eine zentrale Rolle. Diese Ordnung ist nicht starr vorgegeben, sondern flexibel. Innerhalb der Ordnung gibt es auch Unordnung, Chaos und Zufall. Aber eben nur innerhalb der Ordnung. Wäre alles Zufall, gäbe es den Zufall nicht, und die Welt könnte nicht existieren. Wenn die Sonne zufällig einmal im Osten, einmal im Süden, im Norden oder Westen aufginge, wäre zumindest unser Sonnensystem nicht mehr existent.

Die Sonne geht im Osten auf. Das heißt, sie geht gar nicht auf, sondern es sieht nur so aus. Wir wissen heute, dass sie im Bezug zur Erde stillsteht und die Erde sich um sie dreht. Kosmologisch – und letztlich auch theologisch – ist es sinnvoll, dass die Sonne im Mittelpunkt des Sonnensystems steht und nicht die dunkle Erde. Das war der Paradigmenwechsel vom geozentrischen Weltbild (mit der Erde im Mittelpunkt) zum heliozentrischen (mit der Sonne im Mittelpunkt). Die Sonne »erleuchtet« die Welt. Sie gibt der Erde Licht und Wärme. Ohne Licht gibt es kein höherentwickeltes Leben: Pflanzen, Tiere und Menschen brauchen dieses Licht und auch eine bestimmte Temperatur, dazu den angemessenen Luftdruck und ein passendes Klima.

Die Sonne scheint immer, auch wenn sie hinter den Wolken oder nachts nicht zu sehen ist. Sie scheint »von selbst«. Niemand schaltet sie ein oder aus. Durch die Erddrehung sind immer Teile der Erde im Schatten. Der Schatten, den wir Nacht nennen, ist jene Seite der Erde, die sich von der Sonne weggedreht und »abgewendet« hat. Der Schatten kommt durch das Licht zustande. Ohne Licht gibt es keinen Schatten. Wenn alles dunkel ist, gibt es keinen Schatten. Der Schatten deutet auf das Licht hin. Der Schatten und das Dunkle sind dort, wo das Licht nicht hinkommt. So ist es jedenfalls kosmologisch. Die Sonne ist immer da und scheint, sie verschwindet nicht, sie kann gar nicht verschwinden. Es sei denn, das Ende der Welt wäre gekommen. Physiker und Astronomen sagen, dass der Energievorrat der Sonne begrenzt ist und sie ein Ende haben wird, selbst wenn es erst in Milliarden von Jahren der Fall sein wird. Das wäre auch das Ende des Lebens auf der Erde.

Die Erde ist ein kleiner Teil dieses riesigen Sonnensystems und ein verschwindend geringer des gesamten Kosmos. Astronauten sagen, die Erde sei von außen betrachtet wunderschön und wirke sehr zerbrechlich. Bilder aus dem Weltraum bestätigen das. Bislang ist die Erde der einzige Planet, von dem wir wissen, dass auf ihm Leben in dieser komplexen Weise existiert. Dazu braucht es die Sonne als Licht-, Wärme- und Energiespender, es braucht Wasser, unter anderem, damit die Pflanzen Photosynthese betreiben können. Pflanzen sind eine besondere Grundlage des Lebens. Der grüne Blattfarbstoff Chlorophyll verwandelt Sonne, Wasser und Kohlendioxid in Stärke, also in Zuckermoleküle, die sich in der Pflanze, in Bäumen oder im Gras anreichern. Kühe und andere Tiere können dann zum Beispiel das Gras fressen (Menschen nicht, weil ihnen bestimmte Enzyme fehlen) und beziehen daraus Energie für ihr Leben. Menschen können andere Pflanzen oder auch Tiere essen. So ergibt sich folgende Kaskade: Sonnenenergie wird in Lebensenergie der Pflanze verwandelt (Stärke, Zucker) und diese liefert die Energie für Tiere und Menschen.

Interessant für die gesamte Ordnung der Welt ist, dass Pflanzen Kohlendioxid (CO2) aufnehmen und Sauerstoff (O2) abgeben, während der Mensch O2 aufnimmt und CO2 abgibt. Es sieht so aus, als hätte die Welt nicht nur eine Ordnung, sondern auch eine große innere Logik. Diese Logik drückt sich in den Naturgesetzen aus, die der Mensch nicht gemacht hat, die er aber erforschen kann. Die »Bio-logie« erforscht diese Logik des Lebens. Die Ordnung des Lebens ist Voraussetzung dafür, dass Leben existieren und dass Naturwissenschaft betrieben werden kann. Wäre die Welt nicht geordnet, könnte man in China nicht dieselbe Forschung betreiben wie in Europa. Umgekehrt: Naturwissenschaftliche Forschung kann weltweit nur betrieben werden, weil die Naturgesetze überall auf der Welt gelten. Dies erklärt den Siegeszug der Naturwissenschaften, dass sie eben auf der ganzen Welt betrieben und ihre Ergebnisse in internationalen Journalen publiziert werden können.

Zusammengefasst: Der Kosmos ist nicht aus sich selbst heraus. Er kommt von woanders her. Er ist einfach entstanden oder geschaffen worden, jeder mag hier seine Perspektive einbringen und für sich schauen, ob diese Sicht logisch begründbar ist. Aus nichts wird nichts, das Nichts knallt nicht, das scheint evident zu sein. Die Griechen meinten noch, der Kosmos sei ewig. Das scheint naturwissenschaftlich-kosmologisch widerlegt zu sein. Der Kosmos und die Erde (als ein Teil von ihm) haben einen Anfang und werden auch ein Ende haben. Er unterliegt einem Entwicklungs- und Werdeprozess, das ist das Anzeichen von Endlichkeit in Raum und Zeit. Er trägt das Phänomen des »Von-Selbst« in sich: Planetenbahnen, Sonnenschein, Regen, Wetter, Klima geschehen von selbst, der Mensch kann diese Prozesse nicht machen, aber teilweise beeinflussen und die natürlichen Abläufe gravierend verändern. Selbst vermeintlich kleine Temperaturschwankungen von ein bis zwei Grad können verheerende Folgen für das Klima auf der Erde habe. Daran erkennt man, wie fein abgestimmt dieser ganze Prozess ist. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass er überhaupt funktioniert.

Organismus und Mensch

Auch im menschlichen Organismus gibt es diese Ordnung. Da ist zunächst die Ordnung der Natur und des Lebendigen, in der vieles von selbst abläuft. Der Organismus organisiert sich dabei von selbst: Das Herz schlägt von selbst, die Leber entgiftet den Körper, auch die anderen Organe funktionieren von selbst. Diese Ordnung beginnt sogar schon viel früher: bei der Befruchtung. Hier finden männliche Samen und weibliche Eizelle von selbst zueinander. Wahrscheinlich durch einen Vorgang, den man Chemotaxis nennt. Die Eizelle lockt die Spermien durch Duftstoffe an, ein Spermium dringt dann in die Eizelle ein. Wenn dieser Mechanismus nicht funktioniert, findet keine Befruchtung statt. Sollte ein Spermium z. B. aufgrund möglicher genetischer Schäden nicht in der Lage sein, die dicke Hülle der Eizelle zu durchbrechen, findet ebenfalls keine Befruchtung statt.

Der Embryo wächst von selbst heran: zwei Zellen, vier Zellen, acht Zellen. Aristoteles nennt das die Selbstbewegung des Lebendigen. Es ist ein dynamischer Entfaltungsprozess: Aus wenigen Zellen entwickelt sich von innen heraus ein ganzer Organismus. Die Zellen differenzieren sich beim Menschen ab dem fünften Tag der Embryonalentwicklung in circa 220 verschiedene Zelltypen. Auch diese Zelldifferenzierung geschieht von selbst. Der Organismus als Ganzer steuert den Prozess. Man spricht von der »Selbstorganisation des Organismus«.

Die Zelldifferenzierung geschieht durch sogenannte epigenetische Einflüsse. Diese aktivieren oder inaktivieren Gene. Jede Zelle (mit einigen Ausnahmen) hat dieselbe genetische Grundausstattung und die verschiedenen Zelltypen kommen durch An- oder Abschalten von Genen zustande. Das ist beim Embryo so und später haben auch der Lebensstil, die Umwelt und die Innenwelt des Menschen mit seinem Denken und Fühlen Einfluss auf diese Schaltprozesse. Das bedeutet, dass die Information im Organismus ein »dialogisches« Geschehen zwischen Genetik und Epigenetik darstellt. Diesem Dialog liegt die Ganzheit des Organismus zugrunde. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile oder sogar etwas ganz anderes13: der eine Organismus in der Verschiedenheit der Verschaltungsebenen.

Das »Von-Selbst« geschieht auch auf anderen Ebenen: Ab der vierten Schwangerschaftswoche fängt ein bestimmter Zelltypus von selbst »zu zucken« an. Er tut das dann circa siebzigmal in der Minute und – wenn es gut geht – achtzig oder neunzig Jahre lang. Es sind dies die Herzzellen. Das Herz schlägt von selbst. Auch andere Systeme des Organismus funktionieren von selbst: Das Immunsystem, das Verdauungssystem, die Atmung, die Reparaturmechanismen von Zellen und Geweben. Ohne ein gut funktionierendes Immunsystem, das Bakterien, Viren und andere Fremdstoffe abwehrt, können wir nicht überleben. Das Infektionsgeschehen mit Corona-Viren angesichts der gerade aktuellen Corona-Pandemie zeigt es: Hier reagiert das Immunsystem manchmal zu stark und wendet sich gegen den eigenen Körper. Auch die Sinne funktionieren von selbst: Augen »sehen«, Ohren »hören«, Finger tasten von selbst. Genau genommen sehen nicht die Augen, sondern der Mensch sieht mit Hilfe der Augen, hört mit Hilfe der Ohren und tastet mit Hilfe der Finger.

Ob diese Ordnung und

der Logos auch im

menschlichen Geist

anzutreffen sind.

Zusammengefasst: Auf der Suche nach Phänomenen, die auf einen absoluten Seinsgrund oder etwas Göttliches hindeuten könnten, wurden Phänomene der Ordnung und des »Von selbst« im Kosmos und im Organismus beschrieben. Die erste Frage ist die von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 –1716), warum die Welt überhaupt ist und nicht vielmehr nichts, die zweite ist jene, woher denn die Naturgesetze kommen und als Drittes ist die Beobachtung festzuhalten, dass die Prozesse der Natur weithin von selbst ablaufen, wenn sie nicht vom Menschen zerstört werden. Je nach Perspektive kann man nun sagen, dass das so ist und nicht weiter begründet werden kann, oder man kann zurückgehen auf einen letzten Seinsgrund, aus dem alles entsprungen ist. Dies könnte man dann als Schöpfung bezeichnen. Will man zurückgreifen auf alte Schöpfungsmythen, also Geschichten von der Schöpfung im Alten Testament, dann heißt es dort: Die Erde war wüst und leer, es herrschte Chaos (Tohuwabohu), der Geist Gottes schwebte über den Wassern und schuf aus dem Chaos Ordnung und Kosmos. Hier wurde also eine ordnende Kraft angenommen und ein Logos, der den Naturgesetzen vorausgesetzt ist. Im Folgenden wollen wir hinschauen, ob diese Ordnung und der Logos auch im menschlichen Geist anzutreffen sind.

DIE ORDNUNG DES GEISTES – ASYMMETRIE DER WELT

Will man sich dem menschlichen Geist und damit auch dem Innenleben des Menschen zuwenden, stößt man auf Gedanken und Gefühle. Es geht dabei darum, Gedanken und Gefühle im Inneren wahrzunehmen und sie zu ordnen. Was die Gedanken betrifft, so kann man z. B. darauf achten, logisch zu denken und sich nicht in Widersprüche zu verwickeln. Dass dieses widerspruchsfreie Denken möglich ist, liegt daran, dass der menschliche Geist schon eine Ordnung in sich trägt. Eine erste Form dieser Ordnung des Geistes zeigt sich in der Asymmetrie der Welt. Zu den Gefühlen kommen wir später.

Die Asymmetrie besteht darin, dass die Lüge die Abweichung von der Wahrheit ist und nicht umgekehrt. Das Unrecht ist die Abweichung vom Recht, das Unglück die Abweichung vom Glück, Krankheit die Abweichung von Gesundheit und nicht umgekehrt. Die Orientierung geschieht am Positiven. Es ist der Maßstab der Beurteilung, sonst könnten wir uns in der Welt gar nicht zurechtfinden. Die Wahrheit ist Anzeichen ihrer selbst und des Gegenteils, so heißt es bei Thomas von Aquin (1225 –1274). Wenn man fragt, warum das so ist, kann man wohl wiederum keine Antwort geben außer jener, dass dies daher kommt, weil die Welt so eingerichtet ist. Es gibt Phänomene, die aus sich selbst heraus einsichtig sind, ohne eigens begründet werden zu können, wie eben Axiome in der Mathematik.

Denken kann man nur mit Worten. Worte drücken etwas aus, was in Begriffe gefasst werden kann. Begriffe bilden Wirklichkeit ab und weisen gleichzeitig über sich hinaus. Wenn jemand sagt, dass er krank sei, hat er eine Vorstellung von Gesundheit. Wenn jemand sagt, etwas sei ungerecht, hat er zumindest eine Ahnung von Gerechtigkeit. Vom Negativen aus kann man sich dem Phänomen oft besser nähern, als wenn man eindeutig definieren will, was nun Gerechtigkeit, Glück oder Gesundheit ist. Große Phänomene wie Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit kann man nicht eindeutig fassen. Gleichzeitig haben die »negativen« Begriffe wie Ungerechtigkeit, Unglück, Krankheit auch eine ethische Komponente: Sie besagen implizit, dass eigentlich Gerechtigkeit, Glück und Gesundheit die Normalität sein sollten. Noch einmal anders ausgedrückt: Der Begriff »blind« besagt, dass ein Mensch eigentlich sehen können sollte. Ihm fehlt etwas, er hat einen Mangel. So fragte ein Arzt früher seinen Patienten: Was fehlt ihnen? Der Patient könnte dann sagen: Ich weiß es nicht genau, was mir fehlt, aber ich fühle mich krank, mir fehlt Gesundheit. Es handelt sich um einen Mangel. Im Zusammenhang mit der Ethik sagt Thomas von Aquin, dass das Böse ein Mangel an Gutem sei. Man könnte auch sagen, dass das Böse das pervertierte Gute sei. Es zieht die Kraft aus dem Guten und verdreht (pervertiert) es dann.

Es gibt ein Reich der

Natur, das sich weithin

von selbst organisiert,

und ein Reich der

Freiheit, das mit

Entscheidungen des

Menschen zu tun hat.

Während Naturprozesse – wie schon gesagt – von selbst ablaufen, muss man sich zur Ordnung des Geistes aktiv verhalten. Man kann der Wahrheit zustimmen, oder sie ablehnen. Man kann lügen und ungerecht handeln. Hier kommt die Freiheit des Menschen ins Spiel und mit dieser Freiheit die Verantwortung. Es gibt ein Reich der Natur, das sich weithin von selbst organisiert, und ein Reich der Freiheit, das mit Entscheidungen des Menschen zu tun hat. Der Mensch orientiert sich dabei am Positiven und muss sich entscheiden, ob er diesem Guten folgen will oder nicht.

Das Streben nach Wahrheit und Erkenntnis ist ein Grundphänomen des menschlichen Geistes. Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen«, so hat es Aristoteles formuliert.14 Menschen wollen wissen, wie sich die Dinge verhalten, wie sie wirklich sind. Dieses Wissenwollen ist letztlich die Suche nach der Wahrheit. Auch der Naturwissenschaftler sucht implizit nach der Wahrheit, wenn er wissen will, wie sich die Dinge verhalten. Allerdings findet er immer nur partielle innerweltliche »Wahrheiten«, nicht die ganze Wahrheit.

Diese persönliche

Wahrheitssuche spitzt

sich zu in der Frage,

wer ich »in Wirklichkeit«

bin. Dies ist ein

lebenslanger Prozess.

Es ist ein Weg der

»Selbstentdeckung«.

Der Mensch kann nicht nur über die Phänomene der Welt nachdenken und nach der Wahrheit draußen suchen, sondern er kann sich auch über sein eigenes Leben Gedanken machen und nach der eigenen Wahrheit suchen. Er kann sogar darüber nachdenken, dass er über sich nachdenkt. Er hat diese Möglichkeit zur doppelten Reflexion. Reflexion kommt vom lateinischen Wort reflectere und das heißt: sich nach innen beugen. Dieses »Sich-nach-innen-Beugen« kann bedeuten, über sich nachzudenken, es kann aber auch heißen, sich zu sammeln, still zu werden, zu meditieren oder zu beten. Es kann weiterhin meinen, darauf achtzugeben, was in mir vorgeht, welche Gedanken, Worte und Gefühle in mir aufsteigen. Der Einzelne kann die Welt draußen wahrnehmen und auch sich selbst. Er kann auf die Suche nach sich selbst gehen. Diese persönliche Wahrheitssuche spitzt sich zu in der Frage, wer ich »in Wirklichkeit« bin. Dies ist ein lebenslanger Prozess. Es ist ein Weg der »Selbstentdeckung«.

Diese Selbstentdeckung geht Hand in Hand mit der Entdeckung des Anderen und der Entdeckung der Welt. Der Begriff sagt es bereits: Es ist eine »Ent-deckung«, also ein schrittweises Wegziehen der Decke, die zunächst etwas zugedeckt hat. Dieser Begriff der Entdeckung zielt auf den griechischen Begriff von Wahrheit ab: A-letheia, die »Un-verborgenheit«. Das Verborgene kann schrittweise ans Licht treten und entdeckt werden. Zum einen geht es von selbst, zum anderen kann sich Mensch dazu entscheiden. In einem wunderbaren Wort hat der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo (354 – 430) das so ausgedrückt: Die Wahrheit bricht sich Bahn. Dem, der sich ihr öffnet, eröffnet sie sich, dem, der sich ihr verschließt, verschließt sie sich.

Das heißt einerseits, dass sich die Wahrheit von sich aus langsam im Leben Bahn bricht, und andererseits, dass sich der Einzelne aktiv an diesem Wahrheitsfindungs- und Selbsterkennungsprozess beteiligen kann. Weiterhin bedeutet es, dass diese Wahrheit nicht nur einen momentanen Zustand des Menschen abbildet, sondern einen Weg der Wahrheitsfindung beschreibt. In Anlehnung an Begrifflichkeiten des Philosophen Martin Heidegger kann man diesen Prozess der Wahrheitsfindung auch als »Wahrheitung« bezeichnen, oder mit einem Verb ausdrücken: Es »wahrheitet«, es »be-wahrheit-et« sich. Die Wahrheit kann sich im Leben zeigen und bewahrheiten, das heißt, sie kann sich als richtig erweisen. Jede »kleine Wahrheit« kann dabei den Weg zur »ganzen Wahrheit« immer mehr eröffnen. Manchmal kommt die Wahrheit von selbst ans Licht, dann wieder sucht der Mensch nach ihr. Manchmal allerdings bringt der Mensch der ans Licht drängenden Wahrheit auch Widerstand entgegen.

Das liegt daran, dass diese Wahrheit über das eigene Leben nicht immer angenehm ist. Sie lässt den Einzelnen die eigenen Schwächen, Ängste, Sorgen und Unvollkommenheiten unverstellt sehen. Der Mensch kann diese Schwachstellen besser annehmen, wenn er sich von einem letzten Seinsgrund unbedingt angenommen und in ihm geborgen weiß. In dem Ausmaß, in dem er sich sicher ist, angenommen zu sein, kann sein Vertrauen ins Leben wachsen. Selbstannahme ist hier ein anderes Wort für Selbstliebe. Selbstannahme und »Selbst-Wahrheit« im Sinne von Ehrlichkeit sich selbst gegenüber machen den Menschen frei. Er braucht dazu das notwendige Vertrauen, sich seiner Wahrheit stellen zu dürfen. Wahrheit in diesem Sinne ist keine tote philosophische Buchwahrheit, sondern eine lebendig wirkende Wahrheit im Menschen, die sich Stück für Stück zeigt und der sich der Menschen immer mehr öffnen kann. Dies ist ein dialogisches Geschehen. Je mehr der Mensch bereit ist, sich vertrauensvoll seiner eigenen Wahrheit und der Wahrheit »hinter allem« zu öffnen, desto mehr Klarheit gewinnt er über das eigene Leben.

Der Mensch kann diese

Schwachstellen besser

annehmen, wenn er

sich von einem letzten

Seinsgrund unbedingt

angenommen und in

ihm geborgen weiß.

Gehen wir noch einmal einen Schritt zurück und nehmen eine andere Perspektive ein: Schon das kleine Kind strebt nach Erkenntnis, indem es Dinge anfasst und begreifen will. Es will wissen, wie die Welt ist. Es will aber auch wissen, wer es selbst ist. Es kommt ja gewissermaßen aus der Fremde zu sich selbst zurück. Eltern haben es gezeugt, es spricht zunächst so über sich, wie die Eltern über ihr Kind sprechen: »Hans Auto putt gemacht«. Erst mit der Zeit lernt es »Ich« zu sagen. Dieses Wissen- und Erkennen-Wollen geschieht im Alltag. Je nach Interesse will das Kind oder der Jugendliche genauer wissen, wie sich die Dinge verhalten. Dieses »Wissen-Wollen« kann sich später in einer Lehre oder einem Studium fortsetzen, indem der Erwachsene zu erkennen versucht, wie die Phänomene zusammengehören und welche (Natur-)Gesetze in ihnen wirken. So entwickelt sich schrittweise ein tieferes Verständnis für die Dinge. Womöglich geht das Wissen-Wollen weiter bis hinein in die Philosophie, die danach fragt, warum die Dinge überhaupt sind (Leibniz). Schließlich kann dieses Wissen-Wollen auch in theologische Fragen münden, die nach den »ersten und letzten Dingen« fragen: Was war vor der Erschaffung der Welt und was ist nach dem Tod, warum gibt es das Leid, was ist der Sinn meines Lebens und wer bin ich?

Eine gute Theologie

sollte den Menschen

zu diesem

Weiterfragen

ermutigen.

Wer immer weiter fragt und nach tieferen »Be-gründ-ungen« sucht, kommt schließlich auf einen letzten Grund. Diesen letzten Grund nennen alle Gott, so hat es Thomas von Aquin für das Christentum formuliert, aber jeder ihn nennen, wie er mag. Im Weiterfragen zeigt sich, dass der Mensch implizit nach diesem letzten Grund Ausschau hält, und sich fragt, was die Welt im Innersten zusammenhält, wie es der Dichter Johann Wolfgang von Goethe (1749 –1832) formuliert hat. Die Fragen drängen den Menschen immer weiter nach vorne. Eine gute Theologie sollte den Menschen zu diesem Weiterfragen ermutigen und ihm helfen, weiterzufragen nach den letzten Gründen des Seins. Diese Form des Weiterfragens könnte schon Kindern beigebracht werden, anstatt ihnen zu sagen: Fragt nicht so viel. Es wäre pädagogisch wichtig, das Neugierde-Verhalten und das Interesse von Kindern zu stärken und sie zum Weiterfragen zu ermutigen. Sie könnten so womöglich zu einem Staunen über die Welt und das eigene Dasein gelangen. So hat es jedenfalls Immanuel Kant zusammengefasst: Was mich am meisten fasziniert, ist der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.15

Das Weiterfragen hängt damit zusammen, dass der Mensch von seiner Geiststruktur her nach Erkenntnis sucht und auf das Absolute hin ausgerichtet ist. Er kann das Relative nur als relativ erkennen, weil er immer schon im Raum des Absoluten steht. So hat es der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 –1831) formuliert. Der nach Erkenntnis Strebende findet in allem Endlichen ein »Zuwenig« und strebt darüber hinaus. Das Absolute – so hatten wir gesagt – ist in den Phänomenen der Welt und im Weiterfragen zu finden. Es kann durch Reflexion ans Licht geholt werden. Es ist als Grund von allem immer da und in allem gegenwärtig. Man kann es durch Weiterfragen finden, aber es kann sich auch von selbst in anderer Weise zeigen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
162 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783990405963
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