Kitabı oku: «Leben - Wie geht das?»
Matthias Beck
Leben
~
Wie geht das?
Die Bedeutung der
spirituellen Dimension
an den Wendepunkten
des Lebens

Meinem Bruder Wolfgang gewidmet
Inhalt
Cover
Titel
Widmung
Präambel
Vorwort
TEIL A Die biographische Entwicklung des Menschen
1. Hinführung
2. Die Vieldimensionalität des Lebens und der Selbststand
3. Die Frage nach dem letzten Grund
4. Der Lebensbeginn
5. Geburt – Neugeborenes
6. Kindheit
7. Kindheit – Intuition und Fragen
8. Pubertät als Krise
TEIL B Grundreflexionen über die Welt, den Menschen und die Frage nach dem Absoluten
9. Die Brüchigkeit und Zerrissenheit der Welt
10. Der Mensch als Wesen des Geistes und der Transzendenz – Glauben und Wissen
11. Die Frage nach Gott
12. Das befreiende Handeln Gottes
13. Die Offenbarung Gottes im Neuen Testament und seine Wirkungsgeschichte
14. Neuzeit und verändertes Weltbild
15. Gegenwart und moderne Biologie
16. Leben als das Ganze – Die Komplementarität der Wissenschaften
TEIL C Die Berufung des Menschen
17. Pubertät als „Seinsüberstieg“
18. Die Zerrissenheit des Menschen
19. Überwindung der Zerrissenheit – „Stimmigkeit“
20. Gottes Wille – Erfahrbarkeit im Leib
21. Die allgemeine und besondere Berufung des Menschen
22. Die Ablehnung des Rufes
TEIL D Die Biographie der zweiten Lebenshälfte
23. Lebensmitte als existentielle Krise
24. Das Alter
25. Krankheit und Leid
26. Das Phänomen der Zeit
27. Angst, Sünde und Schuld
28. Die existentielle Bedeutung von Sakramenten und Dogmen
29. Zusammenfassung und Ausblick – Wie geht Leben und was ist Christentum?
Endnoten
Anhang
Endnoten: Anhang
Literaturverzeichnis
Impressum
Präambel
Das vorliegende Buch ist in Wien und damit im europäischen Kontext geschrieben. Es verwendet bestimmte Begriffe, die einer christlich geprägten Kultur entstammen. Es will aber den Versuch unternehmen, etwas Allgemeingültiges zu sagen, was alle Menschen betrifft. Vielleicht geht das gar nicht, weil eben doch jeder Mensch in seinem Innenleben, seinen Gefühlen, seinem Gewissen, seinen Denkstrukturen so unterschiedlich geprägt ist, dass allgemeine Aussagen über das Leben gar nicht möglich sind. Möglich sind Aussagen von der Gestalt, dass alle Menschen nach Glück suchen, dass sie leiden, dass sie sich freuen können und weinen, dass sie krank werden und sterben müssen. Dann aber gehen die Unterschiede schon los, wie der Mensch zu seinem Glück findet, wie sein Leben gelingt und was das Glück ist.
Trotz der Vorprägungen, die der Autor ebenso wie jeder andere Mensch mitbringt, bemüht sich das Buch, diesen Fragen näher zu kommen und Phänomene aufzuzeigen, die universal gültig sind und in jedem Menschen auftreten. Allein die Interpretation dieser Phänomene wird in anderen Denkhorizonten und Kulturen unterschiedlich sein. So möge der Leser der Sache gegenüber aufgeschlossen sein und nicht so sehr auf die Begriffe achten, sondern auf die Sache selbst, die sich hinter den Begriffen zeigt. Er kann manche Ausdrucksweise in seine eigene Sprache übersetzen und zuschauen, ob die beschriebenen Phänomene auch in seinem Erleben auffindbar sind. Dann wäre schon ein Stück Universalität gewonnen.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird im Text nur ein genus verwendet.
Vorwort
Das Buch ist entstanden aus Vorlesungen, Vorträgen und vielen Einzelgesprächen. Es ist kein wissenschaftliches Buch und nicht für Professoren geschrieben. Es soll jeden erreichen, der in Zeiten der Orientierungslosigkeit Fragen an das Leben stellt. In zahlreichen Gesprächen tauchte immer wieder die Frage auf, wie Leben eigentlich geht, wie es gelingt, wie es glückt und was man dafür tun kann. Außerdem stand häufig das Problem im Mittelpunkt, wie man dem Menschen von heute im naturwissenschaftlich geprägten Zeitalter noch religiöse Inhalte vermitteln kann. In diesen Fragen zeigte sich eine gewisse Furcht vor der Übermacht naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und medizinischer Machbarkeiten und zum anderen die Sorge, dass da für die Frage nach Gott kein Platz mehr sei. Bei dieser Gottesfrage kamen wiederum eigenartige Vorstellungen von Religion, Christentum und Spiritualität zum Vorschein. Oft stand die Frage im Zentrum, ob das Christentum für die Alltagsbewältigung überhaupt noch etwas beitragen kann.
Das Buch will die existentiellen Fragen des Lebens mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnissen zusammenbringen. Es will Hinweise geben, wie in Zeiten der Krise gehandelt werden kann; wie der Mensch sich selbst finden kann, ohne sich selbst je neu erfinden zu müssen; wie Umbruchsphasen durchgestanden werden können und wie Krankheiten womöglich mit religiösen und spirituellen Fragen zusammenhängen. Das Buch ist so aufgebaut, dass es sich an den verschiedenen Lebensphasen des Menschen orientiert und zwischendurch Grundsatzreflexionen über die existentiellen Fragen des Lebens anstellt. Dabei werden manchmal vorab Antworten gegeben, die erst später begründet werden.
Das Buch wendet sich im Teil A den Grundfragen des Lebens anhand der biographischen Entwicklung des Menschen bis zur Pubertät zu. Dann geht es im Teil B um einige Grundsatzreflexionen über die Struktur der Welt, den Menschen und die Existenz Gottes, um schließlich im Teil C wieder zum Menschen zurückzukehren, erneut bei der Pubertät anzusetzen und die zweite Lebenshälfte im Teil D mit einigen Detailfragen zu betrachten. Es wird über die Grundbestimmung des Menschen gesprochen, die darin besteht, dass jeder einzelne eine je einmalige Berufung hat.
Das Buch ist also mehrfach interdisziplinär angelegt. Bei diesem interdisziplinären Zugang müssen einerseits die wissenschaftlichen Zugänge zum Menschen klar voneinander getrennt werden, und andererseits muss der Mensch in seiner Leib-Seele-Einheit als ganzer in den Blick kommen. Die verschiedenen Ebenen im Menschen sind unvermischt und ungetrennt zu betrachten.
Teil A
~
Die biographische
Entwicklung
des Menschen

1. Hinführung
Wie geht Leben, woran soll der Mensch sich orientieren? Eine triviale Frage? Menschen aller Zeiten haben diese Frage gestellt. Wie geht das Leben, wie gelingt es, warum scheitert es? Geht das Leben überhaupt, geht es langsam oder schnell, geht es gerade oder schief, geht es an mir vorüber? Soll es „gut“ gehen? Kann es auch scheitern? Geht es nicht immer irgendwie? Soll man diese Fragen überhaupt stellen oder sie lieber verdrängen? Ist es nicht leichter, nicht hinzuschauen und nicht nachzufragen?
Warum geht Leben eigentlich und steht nicht still? Kann man es nicht anhalten? Läuft die Zeit? Geht sie immer weiter? Bis zum Tod? Ist dann Schluss? Soll es immer so weiter gehen, womöglich über den Tod hinaus? Ist das Leben ständig im Werden, ein ständiger Wandlungsprozess? Was ist dieses Werden, wohin geht es? Ist es ein Weniger-Werden, ein Mehr-Werden? Was ist der Ursprung des Lebens, und was ist sein Ziel? Fragen über Fragen. Sollte man nicht einfach in den Tag hinein leben, ohne zu fragen, oder drängen sich die Grundfragen des Lebens so auf, dass man ihnen irgendwann nicht mehr ausweichen kann?
Eine letzte Frage: Warum muss man eigentlich überhaupt leben, kann man nicht auch tot sein? Niemand hat je gefragt, ob wir leben wollen. Das Leben ist jedem zugemutet worden. Jeder einzelne ist in das Leben hineingeworfen worden, er ist der Geworfene (Heidegger). Über seine Existenz oder Nicht-Existenz wurde von anderen entschieden. Es kann die Liebe der Eltern gewesen sein, ein Zufall, ein „Unfall“, eine Herstellung im Reagenzglas, vielleicht sogar eine Herstellung, um später einem Geschwisterkind Knochenmark zu spenden. Vielleicht gehört es zum guten Ton, Kinder zu haben, womöglich Wunschkinder. Ohne Kinder könnte das Leben sinnlos sein. Eltern wollen sich in den Kindern fortzeugen, die Gene in die nächste Generation weitergeben. Die Sehnsucht nach Bleibendem ist groß. Das eigene Leben kann nicht alles gewesen sein, es muss doch weiter gehen. Hat das Leben einen Sinn und wenn ja, welchen? Kann man sich das Leben nehmen im doppelten Sinn? Kann man es an sich reißen, statt es sich schenken zu lassen, oder kann man sich das Leben nehmen, indem man es beendet? Wenn das Leben gelingt, kann der einzelne es als Geschenk erfahren, wenn es misslingt, erlebt er es womöglich als große „Last“.
Das vorliegende Buch ist ganz einfach und für den „normalen Menschen“ geschrieben. Es ist der Versuch, Antworten zu finden auf diese Fragen, die jeden beschäftigen. Ein solcher Versuch ist nicht neu, es gab schon viele zuvor. Das Buch will das Einfache und Selbst-verständliche ans Licht holen, über das Innerste des Menschen nachdenken, über seine Biographie und schließlich über die Verschränkung von Naturwissenschaft und Geisteswissenschaft.
Das Selbst-verständliche ist oft das Große, das niemand bemerkt und das sich aus sich selbst heraus versteht. Aber was versteht sich aus sich selbst heraus? Versteht sich nicht alles vom anderen her: von der Familie, vom Geschlecht, von der Nationalität, von der Bildung, von naturwissenschaftlichen Zusammenhängen her? Gibt es in all dem Verständnis vomanderen-her auch ein Verstehen aus-sich-selbst-heraus? Gibt es etwas ursprünglich Aufspringendes im Menschen, Originäres, Neues, Einmaliges, noch nie Dagewesenes, Absolutes, Selbst-verständliches? Verweist das Selbstverständliche und Ursprüngliche im Menschen auf einen letzten Ursprung? Ist das Ursprüngliche jenes eigenartige „Phänomen“, das man kaum bemerkt, weil es so still ist? Ist das Selbstverständliche in allem zu finden? Ist es versteckt, muss man es erst ent-decken? Das Buch versucht, dieses Selbstverständliche ans Licht zu heben und die Frage zu beantworten, wie der Mensch dazu hinfindet.
Eigenartig: Das Selbstverständliche soll ans Licht gehoben werden, als wäre es verborgen? Ist es verborgen und muss erst ent-borgen und entdeckt werden? Muss die Decke erst weggezogen werden? Das Wegziehen dieser Decke und der Prozess des Entdeckens ist ein Weg vom Verborgenen ins Entborgene und damit ein Weg zur Wahrheit. Der griechische Begriff für Wahrheit meint genau dies: A-letheia ist das Unverborgene. Die Wahrheit ist das Unverborgene. Die Wahrheit ist verborgen und muss ans Licht geholt werden, sie ist schon da und muss entdeckt werden.
Das Finden und Entbergen dieser Wahrheit ist ein lebenslanger Prozess. Es ist ein dialogischer Prozess nach außen zur Welt, nach innen zu sich selbst und letztlich zur Wahrheit hinter allem. Die Wahrheit selbst ist dialogisch, sie ist lebendig, sie bewegt sich, sie zeigt sich und entzieht sich, sie drängt ans Licht und verbirgt sich. Wenn man sich ihr öffnet, öffnet sie sich, wenn man sich ihr gegenüber verschließt, verschließt sie sich. Augustinus hat es so ausgedrückt: Die Wahrheit bricht sich Bahn. Dem, der sich ihr öffnet, eröffnet sie sich, dem der sich ihr verschließt, verschließt sie sich.
Wenn man die ans Licht drängende Wahrheit zurückhalten will, bricht sie sich auf anderen Wegen Bahn. Zurückhalten kann man sie auf Dauer nicht, dazu ist ihre Dynamik zu groß. Es liegt in ihrem „Wesen“, in die Unverborgenheit zu drängen. Sie ist der Horizont, an dem man sich orientiert bei allen Fragen, die da lauten: Wie ist das eigentlich, wie verhält es sich, wie sind diese und jene Zusammenhänge, aber auch bei der Frage: wer bin ich eigentlich und was soll das Ganze? Die Wahrheit ist Anzeige ihrer selbst und ihres Gegenteils, sie bringt auch die Unwahrheit ans Licht. Wenn man sich ihr nicht öffnet, verbirgt sie sich. Dann hört der Mensch zwar äußerlich, aber er hört nicht die tiefere Botschaft, er sieht die Phänomene und sieht doch nicht durch sie hindurch, es geht ihm letztlich kein Licht auf. Er hat die Wahl: er kann sich der Wahrheit öffnen oder sich ihr verschließen. Insofern ist er seines Glückes Schmied. Wer die Wahrheit erkennt und das Erkannte auch umsetzt, kommt zum Licht (Joh 3,21).
Die Wahrheit hat verschiedene Aspekte. Es kann die Wahrheit des eigenen Lebens sein, die Wahrheit im Gegensatz zur Unwahrheit, es kann die Wahrheit der Welt sein, die „Wahrheit“ der Mathematik oder die Wahrheit in allem, in jedem Moment oder die Wahrheit hinter allem. Selbst der Naturwissenschaftler sucht implizit nach dieser Wahrheit. Er will wissen, wie die Dinge sich verhalten, wie sie sind. Er will herausfinden, wie Natur, Pflanze, Tier und Mensch funktionieren. Zwar bringen Naturwissenschaften keine Wahrheit hervor, aber sie versuchen, dieser Wahrheit näher zu kommen: mit Modellen und Hypothesen, die sich bewahrheiten oder als falsch herausstellen, die sich verifizieren oder falsifizieren lassen. Naturwissenschaften suchen implizit nach dem Sein der Dinge, nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber sie können es nicht finden.
Denn ihre Methode ist nicht dazu geeignet, diese letzten Dinge zu erfassen, das bleibt der Philosophie und Theologie überlassen. Die moderne Naturwissenschaft stellt solche letzten Fragen auch nicht ausdrücklich. Die Philosophie eines Aristoteles hat es noch getan. Die Beschäftigung mit dem Lebendigen heißt bei ihm Physik (von physis die Natur) und die Wissenschaft, die sich mit den Grundfragen des Seins beschäftigt, Metaphysik. Diese versucht, wie es bei Aristoteles heißt, das Seiende als das Seiende zu erfassen, also nach dem Wesen der Dinge zu suchen, nach dem, was die Dinge an sich, in sich und aus sich heraus sind. Sie sucht nach den innersten Zusammenhängen, nach dem, was sich in allem und hinter allem zeigt.
Die Frage nach dem Wesen der Dinge ist heute weithin verloren gegangen, aber gerade eine moderne Wissenschaft braucht wieder beide Zugänge zur Interpretation der Welt: den naturwissenschaftlichen und den geisteswissenschaftlichen. Beide sind von ihrer Methode her klar zu unterscheiden, sie sollten sich aber komplementär ergänzen. Sonst ist die Struktur der Welt nicht mehr hinreichend zu erfassen und ethische Fragen sind nicht mehr adäquat zu beantworten. Die moderne Ethik im Kontext von Biologie und Medizin enthält schon dieses komplementäre Zueinander von Natur- und Geisteswissenschaften. Zur Beantwortung aktueller medizinethischer und bioethischer Fragen bedarf es des naturwissenschaftlichen Sachverstandes, der Einordnung in ein konkretes Menschenbild (Anthropologie) und der ethischen Urteilsbildung zum richtigen und guten Handeln. Auch die Forschung sollte von ihren Ansätzen her bereits interdisziplinär und komplementär arbeiten. Es gilt, eine transdisziplinäre Forschung zu entwickeln, die von vornherein die verschiedenen Wissenschaften in Forschungsprojekte einbindet.
Die moderne Naturwissenschaft sucht nach Einzelerkenntnissen und Lebensgesetzen, Philosophie und Theologie hingegen suchen nach dem Ganzen des Lebens und der Frage, warum es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts (Leibniz). Deswegen können sich Naturwissenschaft und Theologie auch nicht widersprechen, weil ihre Fragen und Methoden ganz unterschiedlich sind. Zum Beispiel kann man bei der Frage von Schöpfung oder Evolution sagen, dass Schöpfung sehr wohl evolutiv vonstatten gehen kann. Gott kann etwas ins Sein setzen, das sich dann von selbst weiter entwickelt.
Die Evolutionstheorie versucht, mit ihrer naturwissenschaftlichen Methode, den Werdeprozess der Welt zu erklären. Sie kann als Theorie verändert, ergänzt oder im Sinne eines Paradigmenwechsels ganz neu geschrieben werden. Sie wird bereits durch neuere Forschungen ergänzt. (Die neuere Forschungsrichtung „EvoDevo“, evolutionary development, versucht Erkenntnisse aus der Embryonalentwicklung auf jene der Evolutionstheorie zu übertragen.)1 Naturwissenschaften können nur Theorien und Hypothesen an die Welt herantragen und zusehen, ob die Phänomen sich mit diesen Theorien hinreichend plausibel erklären lassen. Solange die Sternenkonstellationen noch ausreichend mit der Annahme interpretiert werden konnten, dass die Erde im Mittelpunkt der Welt steht und die Sonne sich um sie herum dreht (daher bis heute die Rede von Sonnenaufgang), wurde nicht weiter darüber nachgedacht.
Als aber klar wurde, dass durch genauere Meßmethoden die Unerklärbarkeiten zunahmen, ging Kopernikus von einer neuen Annahme aus, dass die Sonne im Mittelpunkt unseres Sonnensystems steht und die Welt sich rotierend um die Sonne dreht. Und siehe da, bestimmte Phänomene und Konstellationen konnten jetzt besser erklärt werden. Das nennt man einen Paradigmenwechsel. Man stellt sich auf einen neuen Standpunkt und findet bessere Erklärungen für bestimmte Phänomene. Solche Paradigmenwechsel geschehen häufiger in naturwissenschaftlichen Theorien. Ein solcher geschah auch beim Übergang von der Newtonschen Mechanik zur Quantenphysik, und er geschieht heute in gewisser Weise im Kontext der Genetik. Diese dachte bis vor kurzer Zeit, dass die Informationen für den Organismus und für Krankheiten in den Genen alleine liegen. Inzwischen wird aber immer klarer, dass Gene aktiviert und inaktiviert werden müssen und dass dafür verschiedene Faktoren in der Umwelt, aber auch im Lebensstil des Menschen, seinem Denken und Fühlen sowie seinen zwischenmenschlichen Beziehungen liegen. Diese Faktoren nennt man epigenetische Faktoren.
Es zeigt sich also, dass naturwissenschaftliche Theorien sich ändern können, und dass Naturwissenschaften keine absoluten Wahrheiten hervorbringen. Naturwissenschaften stellen – wie erwähnt – Hypothesen auf und sehen zu, ob diese sich bewahrheiten (verifizieren) lassen oder sich als falsch herausstellen (falsifizierbar sind). Die Theologie stellt hingegen keine Theorien auf, ob es Gott gibt oder nicht und versucht dann, eine solche Theorie zu verifizieren oder falsifizieren (das geht gar nicht), sondern sie geht im Judentum und Christentum davon aus, dass Gott der Schöpfer der Welt ist und sich in dieser Welt gezeigt hat, und sie versucht unter anderem darüber nachzudenken, ob eine solche Vorstellung von Schöpfung und Offenbarung möglich ist und sinnvoll gedacht werden kann. Sie macht als Geisteswissenschaft auch keine Experimente, und die Bibel ist kein naturwissenschaftliches Buch.
So ist die Evolutionstheorie ein naturwissenschaftlicher Zugang zur Interpretation der Welt und die Theologie ein geisteswissenschaftlicher. Beide haben unterschiedliche Methoden und Problemstellungen. Die Evolutionstheorie fragt, wie die Welt sich womöglich entwickelt hat und die Theologie fragt, warum es sie überhaupt gibt. Beide können sich also gar nicht widersprechen, weil ihre Fragen ganz andere sind. Aus theologischer Sicht schmälert es nicht die Größe Gottes, wenn man davon ausgeht, dass er etwas ins Sein setzt, was sich dann selbst weiter entwickelt und transzendiert (Selbsttranszendenz), und was das heliozentrische Weltbild mit der Sonne im Mittelpunkt angeht, ist es sogar plausibler davon auszugehen, dass die Sonne als Licht der Welt im Zentrum steht und nicht die Erde. Naturwissenschaftliche Theorien können das theologische Denken befruchten, das Staunen vor der Größe Gottes befruchten und sogar neue Aspekte eines Gottesbildes aufzeigen.
Bei ihrer Suche nach der „Wahrheit“ entdeckt die Naturwissenschaft immer wieder Neues, aber die ganze „Wahrheit“ erkennt sie nie. Das Ganze entzieht sich ihrem Zugriff. Das Ganze ist nur vom Ganzen her zu erkennen und nicht aus der empirischen Forschung von den Einzelteilen her. In allen „Einzelerkenntnissen“ zeigt sich aber eine andere Art von Wahrheit, die eigens reflektiert werden kann: Die Naturwissenschaft und die Naturwissenschaftler gehen nämlich implizit davon aus, dass die Welt geordnet ist, sonst könnten sie gar keine Naturwissenschaft betreiben. Nur wegen dieser Ordnung ist es möglich, weltweit Forschungsergebnisse zu vergleichen: Zellen, Gewebe, Organe wachsen bei gleichen Bedingungen in Europa genauso wie in den USA und in China. Das ist ja der Siegeszug der modernen Naturwissenschaften. Sie funktionieren auf der ganzen Welt, unabhängig von kulturellen Kontexten.
Allerdings bedeutet diese Ordnung nicht, dass alle physiologischen Abläufe bereits genau festgelegt sind. Die Ordnung im Lebendigen ist keine festgelegte Starrheit, sondern höchste Form von Flexibilität, Komplexität, ständiger Wechselwirkung und Dialog. Gerade die Erkenntnisse der modernen Biologie bringen im Kontext der Genetik viel von diesem Wechselwirkungsgeschehen ans Licht. Denn die Gene enthalten nicht die ganze Information für den Organismus. Sie sind nur die Grundinformation und müssen ständig an- und abgeschaltet, aktiviert und inaktiviert werden. Nur in diesem ständigen Wechselwirkungsgeschehen entsteht Information für den Organismus (worauf später genauer eingegangen wird.) Diese Prozesse sind hochkomplex und laufen in jeder Sekunde im Organismus milliardenfach und unbemerkt ab. Sie geschehen „von selbst“, selbstverständlich und ohne Geräusch. Erst wenn die Prozesse entgleisen, nimmt man sie als Krankheit oder Schmerz wahr. Gesundheit merkt man nicht, Krankheit wird spürbar.
Ordnung und Spielraum, Ordnung und Zufall, Ordnung und Freiheit gehen Hand in Hand. Gerade dieses Zusammen von Ordnung und Spielraum, Ordnung und Zufall macht das Lebendige aus. Gäbe es die Ordnung nicht und herrschte nur der Zufall, gäbe es den Zufall nicht mehr. Denn gäbe es nur Zufall, wäre der Zufall aufgehoben. Zufall kann es nur im Kontext von Ordnung geben. Außerdem würde im Kontext des dauernden Zufalls kein Organismus mehr funktionieren. Das Herz muss immer schlagen und das Auge immer sehen. Es darf nicht plötzlich anfangen zu hören. Gäbe es andererseits innerhalb der Ordnung nicht den Spielraum, die Veränderbarkeit und die „Freiheit“, gäbe es keine Weiterentwicklung. Alles wäre starr festgelegt. Beides also ist notwendig: Ordnung und Freiraum. Noch einmal anders: Wäre alles zufällig und beliebig, käme die Ordnung durcheinander und der Mensch hätte nie entstehen können. Eine derartige Unordnung zeigt sich zum Beispiel bei Krebserkrankungen.2 Bei diesen Erkrankungen ist die Ordnung gestört und Zellen aus der Lunge tauchen plötzlich im Gehirn auf. Da gehören sie nicht hin. Diese Zellen nennt man Metastasen. Eine solche Unordnung ist mit dem Leben nicht vereinbar.
Auch im Kosmos herrscht diese Ordnung: die Sonne geht jeden Morgen im Osten auf und nicht mal im Süden, mal im Westen oder mal im Norden. (Wir wissen längst, dass die Sonne überhaupt nicht aufgeht, sondern dass die Erde sich dreht und es so aussieht, als ginge die Sonne auf.) Ginge sie morgen im Süden und übermorgen im Westen auf, hörte die Welt auf zu existieren. So gibt es eine Ordnung im Kosmos, in der Natur, im Organismus, im Inneren des Menschen, auch im menschlichen Geist. Dort ist es die Ordnung der Logik und des logischen Denkens, das sich nicht in Widersprüchen bewegen darf. So ist die Ordnung auf jeder Ebene eine andere und dennoch durchzieht sie das ganze Sein. Sie besteht im Kosmos in der Ordnung der Planeten und Sterne, im Lebendigen in einem ständigen Wechselwirkungsgeschehen zur Aufrechterhaltung eines dynamischen Gleichgewichtes im Organismus und im menschlichen Geist in der Logik des Denkens und der Ausrichtung auf den logos.
Die Ordnung ist im biologisch Lebendigen vorgegeben und muss gleichzeitig im Lebensvollzug immer wieder eingeholt werden. Das erfordert Aufwand und „Arbeit“. Das Tote neigt zur je größeren Unordnung, wie die Physik herausgearbeitet hat. Diese Tendenz zur Unordnung wird als Entropie bezeichnet. Im Lebendigen muss dieser Neigung zur Unordnung durch Energiezufuhr immer wieder entgegengewirkt werden. Daher spricht man auch von negativer Entropie im Lebendigen.3 Diese Ordnung und die Tendenz zur Unordnung gibt es in anderer Weise auch im Seelischen und im Geistigen. Auch dort neigt das „Tote“ im übertragenen Sinn zu Unordnung, Zerstreuung und Desintegration. Dieser Tendenz zur seelisch-geistigen Zerstreuung und Desintegration muss ebenfalls durch je neue Integrationsarbeit entgegengearbeitet werden.
Im Griechischen wird die Kraft zur Desintegration und Zerstreuung mit dem Begriff des Dia-bolos belegt (dia-bolos kommt von dia-ballein: zerstreuen, auseinanderreißen). Diesem Begriff steht jener des Sym-bols (von sym-ballein zusammenwerfen) gegenüber. Er weist auf die integrierenden Momente des Lebens hin. Es wird im Laufe des Buches zu zeigen sein, wie die desintegrierenden Kräfte im Menschen je neu zusammengehalten und integriert werden können und was diese Integrationsarbeit mit dem Begriff des Symbols zu tun hat.
2. Die Vieldimensionalität des Lebens und der Selbststand
Das menschliche Leben hat viele Dimensionen. Das ist eine triviale Aussage. Spannend aber wird die Frage, wie diese Dimensionen sich gegenseitig im Leben durchdringen. Wissenschaftstheoretisch müssen die verschiedenen Ebenen von Naturwissenschaft, Medizin, Psychologie, Soziologie, Philosophie und Theologie genau auseinandergehalten4 werden und greifen doch im konkreten Leben ineinander. Die Naturwissenschaften versuchen, die Welt und die Einzeldinge in ihrer Ausdehnung und Messbarkeit zu erfassen (res extensa bei René Descartes), die Geisteswissenschaften befassen sich mit dem Nicht-Ausgedehnten und Nicht-Messbaren des menschlichen Geistes (res cogitans). Diese Sichtweise des Descartes impliziert zwar einen Leib-Seele-Dualismus in der Unterscheidung von Geist und Materie, aber diese Unterscheidung ist zunächst geeignet, um die unterschiedlichen Perspektiven aufzuzeigen. Sie wachsen heute mehr und mehr zusammen.
Es gibt Phänomene im Leben, die sich der Messbarkeit und Wägbarkeit entziehen. Es wäre unsinnig, das Gewicht oder die Zentimeter von Gedanken oder von Liebe und Treue bestimmen zu wollen. Im menschlichen Lebensvollzug existiert beides zugleich: die messbaren physiologischen Veränderungen im Organismus (Zellveränderungen, Blutwerte, Hormone) und die nichtmessbaren Phänomene wie Liebe, Treue, Vertrauen, Wahrheit. Außerdem gibt es noch die emotionale Gefühlsebene, die von der Psychologie betrachtet wird. Alle Dimensionen sind im Menschen gleichzeitig „da“, sie dürfen wissenschaftlich gesehen nicht vermischt, im Lebensvollzug aber auch nicht von einander getrennt werden. Auch hier gilt: unvermischt und ungetrennt.
Eine naturwissenschaftlich geprägte Welt geht oft davon aus, dass nur das existent ist, was messbar ist und übersieht dabei, dass die größere Zahl von alltäglichen Vollzügen des menschlichen Miteinanders gerade nicht messbar ist. Es sind dies die geistigen Vollzüge und die täglichen personalen Begegnungen. Jeder Gedanke, jedes Versprechen, jede Liebe und Treue sind in dem Sinne zunächst nicht messbar. Zwar versucht die Hirnphysiologie immer wieder, auch den Vollzug des Denkens messbar zu machen und die hirnphysiologischen Veränderungen beim Denken und Fühlen darzustellen. Aber mit diesen Messungen erfasst man nur die „Außenseite“ eines Gedankens oder eines Gefühls, nicht aber den Gedanken, das Gefühl oder das Phänomen der Liebe selbst. Das Messbare ist die objektive Sicht auf ein Phänomen (auch als die „Dritte-Person-Perspektive“ bezeichnet), während das subjektive Erleben und der subjektive Vollzug („Erste-Person-Perspektive) kaum messbar ist.
So sehr es hilfreich ist, hirnphysiologische Veränderungen im Gehirn liebender Menschen, meditierender Mönche oder betender Menschen aufzuzeichnen, so wenig erfasst man doch die Liebe als Liebe oder das Gebet als Gebet. Man kann auch bestimmte Konfliktsituationen im Gehirn darstellen, aber damit ist der Konflikt noch nicht als Konflikt in seiner existentiellen Bedeutung für zwei Menschen begriffen. Man erfasst nur eine Korrelation zwischen Gedanken und hirnphysiologischen Veränderungen, nur die äußeren Wirkungen eines inneren Geschehens. Vor allem kann man nicht sagen – wie manche Hirnphysiologen es tun – dass die Veränderungen im Gehirn die Ursache für den Gedanken, der Konflikt, die Tat, der Liebe sind. Man kann nur von einer Korrelation zwischen Gedanken und Veränderungen im Gehirn sprechen.5
Will man bis hierher eine Zusammenschau der verschiedenen wissenschaftlichen Zugänge zum Menschen (Naturwissenschaften, Psychologie, Soziologie, Medizin, Philosophie, Theologie) im Blick auf den konkreten Lebensvollzug des Menschen wagen, kann man es so sehen: Der Mensch hat naturwissenschaftliche Grundlagen (z. B. Genetik, Epigenetik, Geschlecht), er hat psychische Prägungen durch Eltern und Vorfahren (Beziehung zu den Eltern, Ängste, Konflikte) und er hat einen menschlichen Geist (er ist ein Geistwesen), der sich philosophisch und theologisch mit Fragen nach dem Sinn des Lebens und den letzten Gründen des Seins auseinandersetzen kann. Die natürlichen Vorgaben sind dem Menschen mitgegeben, sein Leben ist ihm als Aufgabe aufgegeben. Im Leben gibt es – wissenschaftlich gesehen – die naturwissenschaftlich messbare und verallgemeinerbare Dimension im Menschen, die psychisch individuell geprägte, die mit anderen individuellen Prägungen verglichen werden kann und die geistige, die im Lebensvollzug etwas Einmaliges und Unvergleichbares enthält: Jeder Mensch hat seine eigenen Gedanken, seine individuelle Lebensführung, seinen eigenen Namen, seine Identität und Berufung, seine je individuelle Krankheit und letztlich stirbt er auch seinen eigenen Tod. Niemand kann ihn dabei vertreten.
Allerdings vermischen sich gerade heutzutage die Ebenen des Verallgemeinerbaren und des Individuellen immer mehr. Gerade die naturwissenschaftlichen Forschungen im Bereich der Medizin, die eigentlich alles zu verallgemeinern suchen, nehmen gegenwärtig immer mehr das Individuelle in den Blick. Sie erkennen, dass jeder Mensch ein ganz individuelles Genom hat und zum Beispiel Arzneimittel wegen dieser Unterschiedlichkeit in jedem Menschen anders wirken. Das Fachgebiet der Pharmacogenomics befasst sich mit diesem Einmaligen. Man spricht immer mehr von individualisierter Medizin, die sich mit dem Individuellen im Blick auf die genetische Ausstattung befasst. Philosophisch-theologisch umfassender muss man von einer personalisierten Medizin sprechen, die sich dem ganzen Menschen mit seiner Innenwelt, Umwelt und seiner seelisch-geistigen Verfasstheit zuwendet. So gibt es verallgemeinerbare Phänomene im Menschen, die wissenschaftlich gesehen vergleichbar sind, aber es ist doch immer der eine, individuelle und einzigartige Mensch, der krank ist, sich freut, denkt und fühlt.
Die Einzigartigkeit des Menschen hat auch mit seinem Geistsein und seiner Vernunftbegabung zu tun. Die geistige Verfasstheit setzt den Menschen instand, sich mit den verschiedenen Dimensionen seines Seins in seinem Lebensvollzug auseinandersetzen und sie zu einer Einheit zu integrieren. Er kann seine genetischen Veranlagungen nutzen, sich mit seinem Leben identifizieren oder es ablehnen, er kann ein gutes Selbstverhältnis aufbauen und seine elterlichen Prägungen in sein Leben integrieren oder sich dagegen wehren. Der Mensch kann auf Grund seiner Geistverfasstheit auch über sein ganzes Leben und den Tod nachdenken. Der Geist ragt von sich aus über den Tod hinaus und in den Bereich jenseits des Lebens hinein. Er übersteigt die Endlichkeit der Welt. Der Mensch, der seine Existenz und die Welt als endlich erkennt, ist mit seinem Geist schon darüber hinaus. Er ist schon im Raum des Absoluten, sonst könnte er die Grenze nicht als Grenze erkennen, so hat es Hegel formuliert.
Der Mensch kann nicht nur nach draußen über die Endlichkeit hinausschauen, sondern auch nach innen. Er kann in jeder Re-flexion (reflectere, sich zurückbeugen) und inneren Versammlung in einer schrittweisen Distanzierung von den Dingen langsam zu sich selbst zurückkehren und bei sich sein. Die Tradition nennt das die vollständige Rückkehr zu sich selbst. In dieser Rückkehr zu sich selbst überschreitet der Mensch sich ebenfalls auf einen letzten Grund hin und findet diesen letzten Grund in sich. In ihm findet er seinen inneren Halt und Selbststand und lernt von dort aus, es mit sich selbst auszuhalten. Das Selbststand-Finden und das Mit-sich-Aushalten hat Seneca etwas anders ausgedrückt: Es ist das Zeichen des geordneten Geistes, dass er es mit sich selbst aushält: „Für den ersten Beweis eines geordneten Geistes halte ich das Stehen-Bleiben-Können und Mit-Sich-Verweilen.“6
Dieses Mit-sich-selbst-Aushalten, Mit-sich-allein-sein-Können und seinen Selbststand in sich finden ist die Bedingung der Möglichkeit für gelingende Beziehungen. Nur wer es mit sich selbst aushält, wird es auf Dauer auch mit anderen aushalten. Ohne dass der Mensch seinen Selbststand erlangt – und diesen erreicht der Mensch nur, wenn er sich selbst überschreitet und im Absoluten seinen tragenden Grund und letzten Halt findet (s. u.) –, steht der Mensch immer in der Gefahr, andere oder anderes zu verabsolutieren oder als fremd abzulehnen. Wenn die innere Souveränität oder der Selbststand fehlen und das sichere In-sich-Stehen nicht entwickelt ist, wird das Fremde immer als etwas Bedrohliches erlebt und abgelehnt werden. Das In-sich-Halt-Finden ist deshalb so wichtig, da es dem Menschen Stand und „Sicherheit“ verleiht, es mit sich selbst auszuhalten, den anderen in seiner Andersartigkeit zu „ertragen“ und – bei Freundschaften und Beziehungen – den anderen nicht durch Verabsolutierung zu überfordern. Der mangelnde Selbststand, die mangelnde innere Sicherheit und die Verabsolutierung des anderen stört zwischenmenschliche Beziehungen und letztlich auch die Freiheit des Menschen. Denn diese bedeutet über die Handlungsfreiheit und Willensfreiheit hinaus auch die Freiheit von bestimmten Abhängigkeiten, die den Menschen hindern, sein inneres Wesen und seine Berufung leben zu können.7
3. Die Frage nach dem letzten Grund
Der Mensch kann in seinem tiefsten Inneren den letzten Grund finden, der ihm Halt gibt, der ihn trägt und frei werden lässt von anderen Abhängigkeiten. In seinem tiefsten Seelengrund trifft der Mensch auf das Absolute. Dieses Absolute und dieser letzte Grund ist aber auch der Horizont des gesamten Seins und aus jüdisch-christlicher Sicht ein personaler Grund. Er ist im Menschen „da“ und gleichzeitig als Grund der Welt gegenwärtig. Nach einem solchen Grund haben die Menschen Jahrtausende lang gesucht. Aber sie wussten nicht, ob es ihn gibt und wie er „aussieht“. (Der deutsche Begriff „Grund“ taucht zum ersten Mal in der mittelalterlichen Mystik als Seelengrund auf. Der Mensch, der nach Begründungen sucht und immer weiter sucht, kommt schließlich auf einen letzten Grund, und diesen nennen alle Gott, so formuliert es Thomas von Aquin. Diesen letzten Grund findet der Mensch als Grund der Welt und als Seelengrund in sich selbst.)
Dieser Grund beginnt sich nach der Auffassung des Judentums und Christentums im Laufe der Geschichte schrittweise zu zeigen und zu offenbaren. Der Gott Jahwe tritt aus seinem dunklen Seinsgrund und seinem „Versteck“ hervor und – so die Meinung des Judentums – beginnt zu sprechen. Dieses Sprechen ist nicht nur eine Mitteilung im Sinne der Weitergabe einer Information, sondern Gott fängt an, sich selbst mitzuteilen und sein Leben mit den Menschen zu teilen. Er sagt, wer er ist: „Ich bin der ich bin“, der „Ich-bin-Da“ (Ex 3,14). Das heißt, er ist das Da-sein, das Sein, er ist der, der er ist und auch das Für-den-anderen-da-Sein.
Dieses Sprechen Gottes, das Wort Gottes, das zunächst noch anfanghaft und distanziert ist (niemand hat Gott je gesehen) beginnt sich später - so die Auffassung des Christentums - dem Menschen genauer zu zeigen und zu offenbaren. Das Sprechen Gottes vermenschlicht sich, das Wort Gottes wird Mensch, kommt dem Menschen entgegen und macht ihm vor, wie Leben geht. „Ich bin das Leben“ (Joh 14,6). Dieses „Wort“ Gottes, das sich im irdischen Leben zeigt, heißt im Griechischen „logos“. Der logos zeigt sich in dieser Welt als Mensch, er zeigt sich in jedem Menschen und erweist sich als Grund der Welt. Daher heißt es im Johannesevangelium: Im Anfang war der logos, im Anfang war das Wort (Joh 1,1 - 2).
Bewusst heißt es:„Im Anfang“ war das Wort und nicht „Am Anfang“. Es geht nicht um den Anfang der Welt, den man eher mit dem Begriff des Beginns belegen müsste, sondern es geht um das je neu Anfanghafte und Ursprüngliche, in dem der absolute Grund „da“ ist und der in jedem Moment des Lebens aufspringt und etwas Neues ins Sein setzt, das noch nie da war. Es sagt etwas aus über den letzten Grund des Seins, den das Judentum den Schöpfer nennt: Alles wird täglich erneuert, das Leben lebt von dieser ständigen Erneuerung, die von selbst und ganz still vonstatten geht. Selbst Zellen im Organismus werden unmerklich in jeder Sekunde erneuert, abgebaut, umgebaut, neu gebaut.
Bei Hermann Hesse heißt es: Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Allem Anfang wohnt dieses Neue, Junge, Anfanghafte und Ursprüngliche inne. Jeder Moment des Lebens ist ein solcher Anfang im Kontinuum des schon Gewesenen, Vergangenen und Zukünftigen. Im Jetzt des Augenblicks fallen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammen. Das je neu Anfanghafte und Aufspringende des Ursprünglichen ist das Jetzt der ständigen Gegenwart. Ständige Gegenwart ist Ewigkeit. So ist im Vorbeizug der Zeit das Ewige immer schon „da“ und in jedem neuen Moment des Lebens, der noch nie da war, das Bleibende präsent. Das Neue knüpft an schon Bekanntes an, sonst könnte der Mensch sich gar nicht zurecht finden. So ist es neu und doch nicht ganz unbekannt. Jedem Augen-Blick des Lebens wohnt das Anfanghafte es Ur-wortes inne. Man muss es nur entdecken, es ist ganz still.
Dieses Wort ist nach christlicher Auffassung in der Person Jesu Christi Mensch geworden und wohnt auch in jedem Menschen. Daher drückt Augustinus die Anwesenheit dieses Wortes im Seelengrund des Menschen personal so aus:„Du bist mir innerlicher als ich mir selbst bin“ und „unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir“.
Wenn dem so ist, dann ist der Mensch derjenige, der auf dieses Ur-Wort ant-worten (gegen-worten) muss. Darin besteht seine tiefste und letzte Ver-ant-wortung.
Nun kann der Begriff „logos“ nicht nur mit „Wort“, sondern auch mit Logik, Vernunft und Sinn übersetzt werden, und dann meint dies, dass die Welt von einer Art Ur-logik, Ur-vernunft und einem Ur-Sinn durchdrungen ist. Man findet diesen logos in der Ordnung des Kosmos, in der Ordnung und dem Spielraum der lebendigen Natur sowie in der Ordnung und Freiheit der Vernunftnatur des Menschen. Diese Ur-logik und das Ur-Wort durchdringen alles und zeigen sich in allem. Sie müssen nur ent-deckt werden.
Wenn diese Urlogik in allem ist und der Mensch auf den Logos, der sich in der Welt zeigt, antworten muss, dann meint das konkret, dass er in eine bereits vorfindliche Welt hineingeboren wird und daher „nur“ der „Gegen-Worter“ und nicht der „Worter“ ist. Er ist das zweite Glied in der Kette, er ist Geschöpf und nicht Schöpfer. Er muss sich auf die vorfindliche Welt einlassen, kann deren Gesetze erforschen und darüber nach-denken, was die Welt im Innersten zusammenhält. Vor-denken kann er die Welt nicht, sie ist schon „da“. Auch ein Vordenker ist in diesem Sinne ein Nachdenker.
Der Mensch muss im konkreten Alltag immer wieder neu auf die ihm begegnenden Ereignisse des Lebens reagieren und kann, wenn es gut geht, sein Leben ein Stück weit selbst mitgestalten. In ständigen Entscheidungen muss er auf das auf ihn Zukommende (Zu-kunft) antworten und kann doch selbst auch Anfänge setzen. Im tiefsten Sinne „machen“ kann er die Zukunft nicht. Es kann sein, dass es morgen keine Zukunft mehr gibt. Wenn es sie aber gibt und die Welt nicht untergeht, kann er im Rahmen seiner Vorgegebenheiten anfanghaft etwas Selbstursprüngliches setzen, er ist nicht nur Spielball fremder Mächte.8
4. Der Lebensbeginn
Das Leben beginnt ganz still und unscheinbar: ein menschlicher Same und eine Eizelle vereinigen sich zur Zygote, dann geht alles wie von selbst, zwei Zellen, vier, acht. Es ist ein neues Leben entstanden. Dieses neu entstandene Leben ist einmalig, vor ihm war noch nie eines so und nach ihm wird keines mehr so sein. Es ist es sogar in seiner genetischen Ausstattung, auch aufgrund der epigenetischen Faktoren. Daher unterscheiden sich auch eineiige Zwillinge. Dieses neue Leben hat ein Geschlecht, es ist lebendig, es ist ein Menschenleben und keine Sache. Es weiß nichts von seiner Existenz und wurde auch nicht gefragt, ob es leben will. Das Leben wird ihm zugemutet. Später muss sich der junge Mensch zu seinem Leben, zu sich selbst und zu seiner Umgebung irgendwie verhalten.
Das Spermium findet die Eizelle, indem es durch bestimmte Duftstoffe angelockt wird (Chemotaxis). Spermium und Eizelle wandern im Eileiter aufeinander zu. Es kann passieren, dass aufgrund eines genetischen Defekts ein Spermium die Eizelle nicht findet oder es zu schwach ist, in sie einzudringen. Dann findet keine Befruchtung statt. Nur ein Spermium von den vielen Millionen, die auf die Eizelle zuwandern, darf in die Eizelle eindringen. Nach dem Eindringen des einen Spermiums verschließt sich die Eizelle. Gelangt ein zweites Spermium hinein, ist dies mit dem Leben nicht vereinbar.
Die Eizelle hat eine sehr dicke Hülle, so dass nur gesunde Spermien eindringen können. Haben Spermien zum Beispiel einen genetischen Schaden und können die Eizellhülle nicht durchdringen, findet keine Befruchtung statt. Die Medizin kann hier zwar nachhelfen und mit Hilfe einer Spritze ein Spermium in die Eizelle einbringen (intracytoplasmatische Spermieninjektion, ICSI). Sie kann aber das eingebrachte Spermium vorher nicht genetisch untersuchen, da es bei der Untersuchung zerstört würde. So gelangt möglicherweise ein genetisch geschädigtes Spermium in die Eizelle, so dass bei den späteren Kindern Schäden entstehen können.9
Es beginnt ein stiller, geräuschloser, von selbst ablaufender, komplizierter physiologischer Prozess. Die erste Zelle teilt sich, es entstehen zwei Zellen, dann vier, dann acht. Es geschieht das, was Aristoteles „Selbstbewegung“ nennt. Der Begriff meint, dass sich das Leben jetzt von selbst weiter entwickelt und von innen her Gestalt wird. Die Zygote (erste Zelle) und der Embryo wachsen und die Zellen differenzieren sich in die etwa 220 verschiedenen Zelltypen, die ein erwachsener Mensch hat. Die Zygote hat bereits eine aktive Potentialität, das heißt, sie hat alles in sich, was sie zur Entwicklung hin zum Embryo und zur weiteren Entwicklung braucht. Von außen bedarf sie nur der Nahrung und der richtigen physiologischen Umgebung. Diese aktive Potentialität führt zu einem Lebens- und Entfaltungsprozess, der nicht zu stoppen ist. Um ihn zu stoppen, muss man den Embryo töten. Leben ist ständige Veränderung. Und Veränderung braucht zwei Prinzipien: ein sich änderndes und ein sich durchhaltendes. Das erste nannte Aristoteles „Materie“, und dasjenige Prinzip, das sich im Innersten des sich verändernden Lebendigen durchhält und die Identität des Seienden ausmacht, nannte er Seele.
Das sich entwickelnde Leben drängt nach vorne, nach Wachstum, Veränderung, Differenzierung und schließlich nach Geborenwerden. Es ist ein unumkehrbarer Prozess, eine Einbahnstraße. Es geht nur in eine Richtung nach vorne und nicht zurück, es drängt nach vorne und nach draußen. Der Embryo und der spätere Fetus (ab dem dritten Monat so genannt) entwickeln sich als Mensch und nicht erst zum Menschen. Der aktiven Potentialität der Zygote, des Embryos und des Fetus, die zur Selbstentfaltung führt, steht die passive Potentialität von Samen und Eizelle gegenüber. Diese besitzen jeweils nur den halben Chromosomensatz und bedürfen daher des jeweils anderen, um lebensfähig zu sein. Allein sind sie es auf Dauer nicht.
Der neu entstandene Embryo hat bereits anfanghaft etwas von einem „Selbst“10. Zwar beginnt die Umsetzung der eigenen genetischen Information in konkrete Eiweißstoffe (Genexpression) nach Meinung einiger Autoren erst zwischen dem Vier- und Achtzellstadium11. Aber die Selbststeuerung im Sinne eines eigenen Stoffwechsels des Embryos beginnt bereits früher:
„Die Selbststeuerung des Embryos beginnt nicht erst im Achtzellstadium, in welchem die Aktivierung der embryonalen DNA zur Transskription beobachtet wird; sie erfolgt wahrscheinlich schon im Pronukleusstadium, spätestens aber in der Zygote, die sich in einem durch die Zona pellucida begrenzten Reaktionsraum befindet und ihren eigenen Stoffwechsel hat. Als Folge dieses Stoffwechsels und der eigenen Proteinsynthese wird der Vorrat an mütterlicher mRNA allmählich verbraucht. Schließlich wird die Transskription der eigenen DNA angeschaltet. Die Selbstorganisation beginnt mit dem eigenen Stoffwechsel im Reaktionsraum der Zona pellucida.“12
Der Embryo ist auf diese Selbststeuerung und eine anfanghafte Eigenaktivität angewiesen. Denn er hat die Hälfte des genetischen Materials vom Vater und dieses müsste eigentlich vom Immunsystem der Mutter als fremd erkannt und der Embryo abgestoßen werden. Offensichtlich kann sich aber der Embryo durch seine Selbststeuerung und Eigenaktivität vor dieser Abwehr des mütterlichen Immunsystems schützen. Wie das funktioniert, ist noch nicht ganz geklärt.13 Aber es wurde zum Beispiel bei der „Maus schon wenige Stunden nach der Befruchtung ein immunsuppressiver Faktor (EPF: Early Pregnancy Factor) gefunden, der das Immunsystem der Mutter unterdrückt und eine Abstoßungsreaktionen verhindert“.14
Die Zygote und der spätere Embryo müssen also nach der Verschmelzung von Samen und Eizelle ihr eigenes Programm aktivieren und der Mutter signalisieren, dass sie ihn nicht abstoßen soll. Im Blick auf die Veränderungen bei der Mutter und die Individualität des Embryos formuliert Günter Rager:„Der Austausch der Signale führt unter anderem dazu, dass der mütterliche Organismus sich auf Schwangerschaft einstellt (humanes Choriongonadotropin, HCG) und verhindert, dass der Embryo bei der Einnistung in den Uterus als Fremdkörper angesehen und abgestoßen wird (early pregnancy factor, EPF).“15
Der neu entstandene Organismus agiert also von Beginn an als eine Einheit und „sendet an die Mutter Signale, die den embryo-maternalen Dialog einleiten und zur Steuerung (Synchronisation) und Feinabstimmung des embryonalen und mütterlichen Systems beitragen“.16 Hier findet auf einer ganz physiologischen Ebene ein erster „Dialog“ und eine erste „Kommunikation“ im Sinne einer Wechselwirkung zwischen Embryo und Mutter statt. Ohne eine solche Kommunikation wäre ein Überleben des Embryos nicht möglich.
Daher ist die Rede vom Lebensbeginn, der erst mit der Implantation in die Gebärmutter anzusetzen ist, biologisch nicht schlüssig, da der embryo-maternale „Dialog“ vor der Implantation als Bedingung der Möglichkeit für die Einnistung des Embryos beginnen muss. Der menschliche Embryo durchläuft dann eine typisch menschliche Entwicklung. Neben der Selbstbewegung und Gestaltwerdung des Embryos findet eine Ortsbewegung statt. Er wandert vom Eileiter zur Gebärmutter. Selbstbewegung im Sinne des inneren Wachstums und Ortsbewegung gehören zusammen. Die Zygote wächst heran und die Zellverbindungen verdichten sich. Der sich entwickelnde Embryo darf nach außen hin nicht an Größe zunehmen, sonst bleibt er bei der Wanderung zur Gebärmutter im Eileiter stecken. So gehören Wachstum, Verdichtung und Kompaktierung zusammen.
Nach der Entstehung der Zygote beginnt einige Stunden später die erste Zellteilung. Bald danach folgen die nächsten. Diese Zellteilungen gehen „von selbst“ und aus sich selbst heraus, nahezu selbstverständlich. Die Teilungen gehen immer weiter, nichts kann sie stoppen, nur der Tod. Mancher Biologe fragt sich, woher die Zellen „wissen“, dass sie sich teilen müssen und wie sie sich teilen müssen, damit Leber-, Gehirn- oder Muskelzellen entstehen. Mancher Biologe fragt sogar, wie eine Zelle „denkt“ und wie sie mit anderen Zellen kommuniziert. Denken und Kommunizieren sind eigentlich geisteswissenschaftliche Begriffe. Zellen denken nicht, aber sie kommunizieren miteinander und tauschen sich über Hormone, Zellmembranen und haptische Kontakte aus. „Solange diese vier Funktionen (Vermehrung, Stoffwechsel, Abgrenzung, Kommunikation) aufrecht sind, lebt die Zelle.“17 Aufgrund dieser Kommunikation ist die Frage nach dem Denken der Zellen nicht falsch gestellt, denn offensichtlich wohnt dem biologischen Leben, zumal dem menschlichen, ein gewisser „Geist“, ein logos, eine Urlogik und Urvernunft inne.
Dass die Zellteilungen reibungslos vonstatten gehen, ist gar nicht selbstverständlich. Denn bei jeder Zellteilung muss das genetische Material im Zellkern sowie das gesamte Zytoplasma, das um den Zellkern herum gruppiert ist, verdoppelt werden. Dann muss die Zellteilung akkurat und vollständig vonstatten gehen, so dass wirklich zwei neue Zellen entstehen. Diese Zellteilungen finden nicht nur in der Embryonalentwicklung statt, sondern ständig auch im ausgewachsenen Organismus. In jeder Sekunde werden Milliarden Zellen neu produziert, sie werden aufgebaut, abgebaut, umgebaut. Bei all diesen Verdoppelungs-, Abschreibe- und Teilungsprozessen können Fehler passieren. Diese Fehler werden im Organismus aber repariert oder aber die Zellen werden ausgesondert, wenn die Reparatur nicht gelingt (Apoptose). Der Organismus hat eine Vielzahl von „checkpoints“, an denen jede Zelle, bevor sie in den Kreislauf gelangt, auf ihre Funktionstüchtigkeit hin untersucht wird.
Bei der milliardenfachen Anzahl diese Zellteilungen und Vermehrungsschritte ist es nicht verwunderlich (eher sogar wahrscheinlich), dass einmal einer dieser Schritte nicht funktioniert und der Fehler nicht repariert wird. Es können genetische Veränderungen eintreten, Mutationen auf den Chromosomen stattfinden oder Chromosomen falsch verteilt werden. Wenn zum Beispiel ein Chromosom in der Zelle zuviel ist, entstehen Schäden beim Embryo. Die bekannteste Krankheit ist die Trisomie 21, bei der das Chromosom 21 dreimal vorhanden ist (Down Syndrom).
Hat der Embryo einen genetischen Schaden, kann dieser zu einer Krankheit führen, muss aber nicht. Das hängt mit dem physiologischen Mechanismus zusammen, dass Gene aktiviert und inaktiviert werden müssen. Nur aktivierte kranke Gene führen zu einer Krankheit. Wird ein geschädigtes Gen nicht aktiviert, entsteht auch keine Krankheit. Bei der Vielzahl der milliardenfachen Zellteilungsprozesse sind Abschreibefehler statistisch gesehen viel wahrscheinlicher als das Gelingen dieser Prozesse. All diese Mechanismen laufen „von selbst“ und nahezu selbstverständlich ab, aber selbstverständlich sind sie gerade wegen der hohen Fehlerwahrscheinlichkeit nicht. Es sterben auch immer wieder Embryonen ab.
Ab dem Achtzellstadium beginnen sich die Zellen in die etwa zweihundertzwanzig verschiedenen Zelltypen zu differenzieren. Diese Differenzierung geschieht ebenfalls dadurch, dass einzelne Gene ab- und andere angeschaltet werden. Jede Zelle enthält dieselben etwa dreißigtausend Gene (Ausnahme Same und Eizelle und einige andere Zelltypen). Durch das Abschalten einzelner Gene entstehen die verschiedenen Zelltypen. Man nennt diesen Prozess Methylierung (da Methylgruppen an die Gene angeheftet werden) oder auch Imprinting, da jeder Zelltyp seinen individuellen Fingerabdruck bekommt. Es ist etwa so wie bei einer Flöte, bei der unterschiedliche Töne herauskommen, je nachdem welche Löcher offen oder geschlossen sind. Da die Zellen alle dieselbe Grundinformation haben und lediglich in den unterschiedlichen Zelltypen je anders geschaltet sind, können womöglich geschädigte Zellen durch andere Zellen von einem ursprünglich anderen Zelltypus ersetzt werden. Sie können womöglich umprogrammiert werden.
Ein Zelltyp ist bei dieser Zelldifferenzierung ganz eigenartig: er fängt irgendwann einmal an zu zucken. Diese Kontraktionen vollzieht er dann siebzig Mal in der Minute und dies oft siebzig oder achtzig Jahre lang. Es sind dies die Herzzellen. Diese Zellen kontrahieren sich von selbst, das Herz schlägt von selbst, niemand weiß genau warum, selbst wenn man die physiologischen Mechanismen kennt. Wenn es nicht mehr schlägt, kann die Medizin es nach einem Herzstillstand manchmal wieder zum Schlagen bringen. Man nennt diesen Vorgang eine re-anima-tion, was wörtlich bedeutet: die Seele zurückgeben. Dem Organismus wird im übertragenen Sinn die Seele im Sinne der Lebenskraft zurückgegeben, indem das Herz wieder anfängt zu schlagen. Dann aber muss es wieder von selbst schlagen, machen kann der Mensch den Herzschlag nicht. Auch dies ist ein „Von selbst“, etwas vermeintlich Selbstverständliches. Aber selbstverständlich ist es nicht. Bei der millionenfachen Schlagzahl des Herzens ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zwischendurch einmal aufhört zu schlagen, sehr viel größer.
Um den dritten Monat herum sind die Organe und das Gehirn angelegt. Jetzt finden kaum noch Zelldifferenzierungen statt, sondern der Embryo, der ab jetzt Fetus genannt wird, wächst nur noch heran. Das erste Sinnesorgan, das sich entwickelt, ist das Ohr. Der Embryo beginnt zu hören und nimmt den Rhythmus des Herzschlages der Mutter wahr. Die Wahrnehmung des jungen Menschen beginnt also mit der Wahrnehmung eines Rhythmus’. Spätestens jetzt (wahrscheinlich schon früher) beginnt auch der emotionale Dialog mit der Mutter. Der Fetus wird in ihren Rhythmus mit hineingenommen, die pränatale Psychologie weiß einiges davon. Hier werden erste Weichen für die weitere Biographie des Menschen gestellt.
Dass die Zelldifferenzierungen durch die erwähnten Abschaltmechanismen geschehen, bedeutet, dass die Information für den Organismus nicht allein in den Genen liegt, sondern verteilt ist auf die genetische Grundinformation und die epigenetische Schaltinformation aus der Umgebung (Epigenetik). Diese die Gene an- und abschaltenden Faktoren sind zum Teil bekannt, zum Teil noch unbekannt. Sie liegen auf den Chromosomen in den Bereichen zwischen den Genen (diese Abschnitte hat man bisher für billiges Zeug gehalten, cheap junk), sie liegen im Zytoplasma der Zellen, sie bestehen in der Interaktion zwischen den Genen selbst und den Genen mit den Proteinen. Im erwachsenen Organismus reichen diese Interaktionen bis zum Nervensystem und zum menschlichen Gehirn.„Auch das Gehirn … nimmt direkten Einfluß darauf, welche Gene einer Zelle aktiviert und welche Funktionen von der Zelle infolgedessen ausgeführt werden.“18 Die Information liegt aber nicht nur in den Genen (DNS, Desoxyribonucleinsäure) und ihrer Umgebung, sondern vor allem auch in der Ribonucleinsäure (RNS).„Information und Stoffwechsel. Die zwei wichtigsten Eigenschaften des Lebens. Beide in einem Molekül“19, nämlich der RNS.
Es findet also eine ständige Wechselwirkung statt zwischen den Genen, zwischen Genen und Proteinen, zwischen Genen und ihrer Umgebung, zwischen DNS und RNS, zwischen den Zellen sowie der Umgebung der Zellen, zwischen dem ganzen Organismus und den Zellen, den Genen und Proteinen sowie der Umgebung des Organismus. Auch die soziale Umwelt, die Ernährung und die Innenwelt des Menschen mit seinem Denken und Fühlen haben Einfluss auf diese genetischen Interaktionen. In der Embryonalentwicklung wird das Genom durch diese ständigen Interaktionen erst langsam geformt und dabei müssen die genetische Grundinformation und die epigenetische Schaltinformationen genau aufeinander abgestimmt sein, damit die Zelldifferenzierung beim Embryo geordnet abläuft. Verläuft sie ungeordnet, entstehen Missbildungen. Eine solche ungeordnete Zelldifferenzierung findet zum Beispiel statt, wenn man aus einem fünf Tage alten Embryo Zellen entnimmt und diese Zellen zu embryonalen Stammzellen verwandelt, um sie zu therapeutischen Zwecken beispielsweise bei Patienten mit Parkinson, Diabetes, Krebs, Alzheimer zu verwenden.
Transplantiert man diese jungen fünf Tage alten Zellen in den anderen Organismus des Patienten, dann bleibt zwar die genetische Grundinformation zur Zelldifferenzierung bestehen, aber diese „Aufforderung“ zur Zelldifferenzierung läuft jetzt wegen der anderen Umgebung im Patienten („Schaltinformation“) ungeordnet ab. Und eine ungeordnete Zelldifferenzierung ist das, was man als Krebs bezeichnet. Daher haben bisher seit zehn Jahren alle Therapieversuche (weltweit) mit diesen jungen und unreifen Zellen, die man embryonale Stammzellen nennt, zu Krebserkrankungen geführt.
Schon auf dieser rein physiologischen Zellebene sieht man, dass die Information im Organismus nicht eindimensional starr festgelegt ist, sondern sich als ein ständiges Wechselwirkungs- und Interaktionsgeschehen darstellt zwischen genetischer Grundinformation und epigenetischer Schaltinformation. Das Genom des Menschen scheint sich in der Embryonalentwicklung erst langsam zu formen, es liegt nicht starr fest, sondern wird erst langsam Gestalt. Dabei spielt offensichtlich das Verhältnis zur Mutter und später auch zum Vater eine wesentliche Rolle. Die drei entscheidenden Phasen dieser Formung sind offensichtlich die pränatale Phase im Mutterleib, die Geburtsphase und die Pubertät.20
Interessant ist, dass in der Embryonalentwicklung viele „Aktivitäten“ bereits vom Embryo ausgehen. Sie reichen von der schon erwähnten Hormonausschüttung zur Verhinderung der Abstoßung bis hin zum langsamen Sich-Eingraben des Embryos in die Gebärmutter (zwischen 6. und 14. Tag) sowie der Ausbildung der Nabelschnur und der Geburtseinleitung durch den Fetus. Er gibt die Signale zum Beginn der Geburt. Daher sind frühzeitig eingeleitete Geburten und Kaiserschnitte (wenn sie nicht absolut notwendig sind) nicht das Mittel der Wahl, da der Fetus noch nicht zur Geburt reif ist und eine vorgezogene Geburt Stress bei ihm auslöst.
So ist der Entwicklungsprozess von der Zygote bis hin zum geborenen Kind eine Einbahnstraße. Der Organismus entsteht durch die Verschmelzung von Samen und Eizelle, er wächst, wird Gestalt und muss geboren werden. Bleibt er in seiner Entwicklung stehen oder im Geburtskanal stecken, stirbt er ab und vergiftet womöglich den Organismus der Mutter. Der Weg hin zur „Befreiung“ aus dem dunklen Mutterschoß, zum „Erblicken“ des Lichtes ist unumkehrbar. Lebensentfaltung ist Entwicklung nach vorne und bedarf eines geordneten Wachstums mit zielgerichteter Veränderung. Ohne eine solche Ordnung und Zielgerichtetheit ist der Organismus nicht lebensfähig.
5. Geburt – Neugeborenes
Der Fetus wird geboren, die Nabelschnur durchtrennt, das neugeborene Kind muss selbständig atmen. Dieses Von-selbst-Atmen nennt man Spontanatmung. Sie geschieht „von selbst“, man kann sie nicht machen. Man kennt zwar die physiologischen Mechanismen im Atemzentrum im Stammhirn, aber das Phänomen des „Von selbst“ taucht auch hier wieder auf. Setzt die Spontanatmung beim neugeborenen Kind nicht ein, müsste es beatmet werden. Auf Dauer aber muss es von selbst atmen. Tut es dies nicht und muss beatmet werden, stellt sich irgendwann die Frage, wann man die Beatmungsmaschine abstellen darf. (Um hier ein Kriterium einzuführen, hat man vor etwa vierzig Jahren das Hirntodkriterium definiert. Dies besagt, dass man den Patienten für tot erklärt, wenn in den drei großen Arealen des Gehirns – Großhirn, Zwischen-, Mittel-, Kleinhirn und Stammhirn – keine Aktivitäten mehr gemessen werden können, das sogenannte Nulllinien-EEG.). Solche Beatmungen geschehen auch bei Operationen, nach denen der Patient wieder von der Beatmungsmaschine wegkommen muss oder auch nach sogenannten Re-anima-tionen (wörtlich: Wiederbeseelungen), wenn nach einem Herzstillstand das Herz wieder zum Schlagen gebracht wird. Dann muss der Mensch solange beatmet werden, bis der Organismus sich erholt hat. Auch dann muss der Patient irgendwann wieder von der Maschine loskommen und allein atmen.
In all diesen Bereichen geht es um ein „Von-Selbst“: Beim Atmen, beim Herzschlag, bei der physiologischen Lebensentfaltung. Alle diese Dimensionen haben etwas miteinander zu tun. Das findet sich in vielen Kulturen und Religionen. In Meditationstechniken lernt man, auf seinen Atem zu achten und dadurch still zu werden. Man findet diese Zusammenhänge in Begriffen wie atman, was mit Atem und mit dem Ewigen zu tun hat. Im Alten Testament heißt es, dass Gott dem Menschen den Atem einhaucht – dargestellt im Gemälde von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom – und dass der Mensch am Ende seines Lebens den Atem wieder aushaucht. Man sagt, seine Seele verlasse seinen Leib. (Das Christentum geht von einer Leib-Seele-Einheit und der leiblichen Auferstehung des Menschen aus, so dass hier einige theologische Fragen entstehen, wie die Leib-Seele-Einheit nach dem Tod zu denken ist.) Auch der Herzschlag geht von selbst. Das Judentum sieht das Herz als den Sitz der Seele und tut sich deshalb mit der Hirntoddefinition schwer. Es akzeptiert sie, wenn damit ein Leben gerettet werden kann. Auch das Leben, die Zellteilung, der Stoffwechsel, die Zellkommunikation geschieht „von selbst“, das Lebendige braucht von außen nur Nahrung, Wasser und Licht, alles andere geschieht von innen von alleine.
Der Fetus wird also abgenabelt und das Kind muss selbständig atmen. Selbstverständlich ist das nicht, denn auch hier können viele Störungen auftreten wie zum Beispiel ein Atemstillstand (der allerdings bei Kindern selten ist, bei Erwachsenen immer wieder vorkommt). Mit der Geburt beginnt eine erste Form von Eigenstand. Das Kind ist abgeschnitten von der Nabelschnur, es erblickt das Licht der Welt und muss „selbständig“ leben und atmen, ohne selbständig zu sein. Es ist total abhängig von seiner Umgebung. Es tritt in eine neue Beziehung mit der Mutter ein. Im Lächeln der Mutter erkennt das Kind die mütterliche Liebe und wird durch sie „ins Bewußtsein gerufen“.21 Im weiteren Verlauf dieser Begegnung eröffnet sich ihm
„der Horizont des gesamten unendlichen Seins und zeigt ihm vier Dinge: 1. Daß es, eins’ ist in der Liebe mit seiner Mutter, obwohl ihr gegenübergestellt, also daß alles Sein, eins’ ist. 2. Daß diese Liebe, gut’ ist: also alles Sein, gut’ ist. 3. Daß diese Liebe, wahr’ ist, also alles Sein, wahr’ ist. 4. Daß diese Liebe, Freude’ weckt, also alles Sein, schön’ ist.“22
Durch das Lächeln der Mutter hindurch erkennt das Kind das gesamte Sein in seiner Einheit, Gutheit, Wahrheit und Schönheit: „Das Lächeln der Mutter wird vom Kind verstanden, wobei hinter der Bilderwelt die Welt des Seins im Ganzen sich lichtet: gleichzeitig im Ich und im Du, im Innen und Außen.“23
Auch die Mutter muss sich auf das neue Kommunikationsgeschehen einstellen. Aus der genetischen, hormonellen, zellulären, pränatalen „Kommunikation“ ist eine Kommunikation von Ant-litz zu Ant-litz geworden. Die Mutter blickt das Kind an und das Kind blickt die Mutter an (ant-litz, ahd.: gegen-blicken). Der Mensch ist der Gegen-Blicker, so wie er der Gegen-Worter, der Ant-Worter ist. Das Kind wird angeblickt und angesprochen, es blickt zurück, kann aber noch nicht mit Worten antworten. Es ist auf Blicke und Zuwendung der Mutter angewiesen, es selbst kann sich nur äußern durch Bewegungen und Schreien. Übermäßiges Schreien deutet dabei bereits auf eine Kommunikationsstörung mit der Mutter im Mutterleib hin oder auf eine körperliche Störung. Die Not des Kindes besteht darin, sich nicht verbal verständlich machen zu können. Es kommen Hunger, Durst und womöglich erste Schmerzen hinzu. Außerdem ist das Kind total abhängig von der Mutter oder von anderen Menschen, die sich um das Kind kümmern.
6. Kindheit
Das Kind versteht sich zunächst von der Mutter, dann auch vom Vater und der Umgebung, also vom Du her. Vom Du kommt es zum Ich. Wenn es anfängt zu sprechen, spricht es zunächst so, als wenn ein anderer über es spräche: „Paul Auto putt macht.“ Es dauert einige Zeit, bis das Kind „Ich“ sagen kann. Über die Innenwelt des Kindes kann man nur schwer etwas sagen. Das Kind kann sich nur rudimentär äußern. Erst wenn es sprechen kann, kann es mehr von sich mitteilen und schließlich sich selbst mitteilen. Die Mutter „versteht“ es meist besser als mancher Fremde. Wenn das Sprechen beginnt, beginnt eine neue Form der Kommunikation, die nonverbale wird durch die verbale ergänzt.
Sprechen lernt der Mensch durchs Sprechen. Das geht ebenfall fast wie „von selbst“. Ein Kind lernt Chinesisch genauso leicht wie Englisch oder Deutsch. Es spricht einfach nach, was es hört und dies geht nahezu unbemerkt von selbst vonstatten. Es wird angesprochen und spricht zurück. Das Sprechen in Worten ist dabei nur ein Teil der Kommunikation, es bleibt die nonverbale Kommunikation durch Zeichen und Gesten. Das Kind begreift die Dinge zunächst, indem es sie mit den Händen be-greift und anfasst, später begreift es sie auch geistig und lernt darüber zu sprechen.
Selbst wenn der Mensch das Sprechen erst langsam lernen muss, gehört doch die Sprache zu seinem Wesen. Auch Tiere haben eine Art „Sprache“ (Bienensprache), aber ihre Sprache dient vornehmlich der Verständigung. Zwar dient auch die menschliche Sprache der Verständigung, sie ist aber vor allem Selbstmitteilung. Im Sprechen gibt der Mensch etwas von sich preis, im Sprechen drückt er sich aus, im Sprechen öffnet er sich dem anderen. Sprechen ist auch notwendig zur Orientierung im Leben, zur Kulturbildung, zur Abstraktion des Konkreten im Begriff, zum Nachdenken über den Sinn des Lebens. Selbst Denken geht nur in Worten und ist ein Sprechen mit sich selbst. Außerdem ist der Mensch das Wesen, das ein Versprechen abgeben kann.
So beginnt das Wort im Menschen konkret zu werden, auch das ewige Wort. Der Dialog mit den Eltern und Gleichaltrigen beginnt. Es kommen Kindergarten und Schule hinzu, das Kind lernt lesen und schreiben, eine weitere Form, sich sprachlich auszudrücken. Was soll das Kind lernen? Es muss Wissen erwerben, um sich in der Welt zurechtzufinden. Innerhalb dieses Wissens, das von außen kommt und von Eltern und Schule vermittelt wird, bildet sich langsam auch ein inneres Wissen heraus. Es bildet sich langsam ein Ge-wissen heran, das einerseits schon angelegt ist und doch erst gebildet werden muss. Es ist eine Form von Wissen, das alles umfasst.
So wie ein Ge-birge den Zusammenschluss von Bergen meint, so ist das Ge-wissen ein Zusammenfließen von mehreren Arten von Wissen: Geisteswissen und Herzenswissen, Sachwissen und Faktenwissen, Wissen der Vorfahren und Eltern, Konventions- und Höflichkeitsregeln, Lernen von Geboten und Verboten, Respekt vor dem anderen und in allem das Lernen der Liebe durch das Geliebtwerden durch die Eltern (eine gute Beziehung zu Mutter und Vater vorausgesetzt). Das schon Angelegte des Gewissens und der Liebesfähigkeit muss entfaltet werden. Auch angelegte Talente müssen gefördert werden, damit sie sich entfalten können. Das Kind muss Beziehungen zu anderen Menschen lernen und sozialisiert werden. Wird es das nicht, kann es sich nicht in der Welt zurecht finden und wird möglicherweise „auf die schiefe Bahn“ geraten. Von jugendlichen Straftätern und Gefängnisinsassen sagt man oft, sie müssten nach der Verbüßung der Strafe re-sozialisiert werden. Offenbar können sie aber oft gar nicht re-sozialisiert werden, weil sie primär gar nicht sozialisiert worden sind.
Dieses Lernen und die Aneignung von Wissen ist aber nur ein Teil der Entwicklung und der Gewissensbildung. Es bietet dem Kind eine grobe Orientierung. Es handelt sich um das sogenannte Über-Ich Sigmund Freuds. Dem jungen Menschen wird von außen gesagt, was er zu tun und zu lassen hat. Sigmund Freud hielt dieses Über-Ich, das von außen geprägt wird und sich im Menschen internalisiert, schon für das ganze Gewissen des Menschen. Aber in all dem „Von außen“ ist immer auch schon ein „Von innen“ angelegt. Dieses „Von innen“ ist etwas je Einmaliges und Individuelles, das in den Bereich des Absoluten hineinragt. Es überschreitet das innerweltliche und relative Über-Ich sowie das Ich des Menschen. Daher ist das Gewissen mehr als das Über-Ich, es beinhaltet trotz aller innerweltlichen Prägung eine ganz andere Dimension des Seins.
Diese ganz andere Dimension ist das schon angesprochene Absolute auf dem Grund der menschlichen Seele. Dieses Absolute stellt nach christlicher Auffassung eine personale Größe dar, die ein personales Antlitz und ein Gesicht hat. Dieses personale Absolute ist jene Größe, die nach jüdischer Sicht im Lauf der Geschichte angefangen hat zu sprechen und sich nach christlicher Auffassung in der Person Jesu Christi verleiblicht hat. Sie ist auch in jedem Menschen „da“ und kann den Menschen im Gewissen „ansprechen“. Allerdings – so hat es Heidegger formuliert – spricht diese Stimme im Menschen in der Weise des Schweigens. Diese schweigende Stimme im Innersten des Menschen ist die Stimme der Wahrheit, christlich gesprochen die Stimme Gottes. Diese Stimme Gottes, die sich in der Person Jesu verleiblicht hat und die Stimme der Wahrheit ist („Ich bin die Wahrheit“, Joh 14,6), ist in jedem Menschen präsent.
Gäbe es diese „Stimme“ nicht, die mehr ist als das Über-Ich der Eltern oder äußerer Autoritäten, könnte ein Kind niemals zu einer anderen Gewissensentscheidung gelangen als die Eltern. Diese Stimme ist etwas Einmaliges und Neues. Sie ist in jedem Menschen präsent, wenngleich er zunächst von außen geprägt und damit fremd-bestimmt ist. Sie ist „da“, obwohl zunächst viele andere „Stimmen“ der Mutter, des Vaters, der Geschwister, der Freunde, des Über-Ich im jungen Menschen „sprechen“. Schon frühzeitig kann man dem Kind und dem späteren Erwachsenen helfen, diese fremden Stimmen von der leisen Stimme des Absoluten und der Wahrheit unterscheiden zu lernen . (Darauf wird später in Teil C über die Berufung des Menschen und die innere Stimmigkeit detailliert eingegangen.) Diese leise Stimme ist die Stimme eines ganz anderen und zugleich die tiefste Stimme des eigenen Ich, die das Ich im Sinne des Ego überschreitet. Der tiefste Grund im Menschen ist Dialog mit dem Absoluten. Dieser Dialog ist überlagert von vielen anderen Stimmen.
Es bleibt eine lebenslange Aufgabe, diese fremden Stimmen immer mehr von jener Stimme der Wahrheit unterscheiden zu lernen, die den Menschen schrittweise vom Fremden zum Eigenen, von der Heteronomie zur Autonomie führen will. Wirkliche Autonomie erlangt der Mensch, wenn er im absoluten Grund seinen Halt findet, der das Leben trägt und das innerweltliche Ich übersteigt. So wird die Unterscheidung der verschiedenen Stimmen, die in der geistlichen Literatur als Unterscheidung der Geister bezeichnet wird, zur zentralen Lebensaufgabe. Die frühzeitige Erziehung dazu hin ist von lebensentscheidender Bedeutung, da jeder wichtigen Entscheidung diese Unterscheidung vorausgehen sollte. Später wird genauer darauf eingegangen.
Neben dieser inneren Ausbildung muss das Kind aber auch eine äußere Ausbildung durchlaufen, es muss sozialisiert werden und Beziehungen leben lernen. Gerade auf diese Sozialisierung ist der Mensch existentiell angewiesen, da er als „physiologische Frühgeburt“ (Portmann) eigentlich viel zu früh und damit ganz unreif auf die Welt kommt. Er ist somit vollständig hilflos und total angewiesen auf die Zuwendung durch andere Menschen. Diese Sozialisierung geschieht zunächst in der Beziehung zur Mutter und zum Vater, dann auch in den Auseinandersetzungen mit Geschwistern und anderen Kindern.
Das Kind erfährt Freiräume und Grenzen. Es muss sich mit anderen reiben lernen und im wörtlichen Sinn mit ihnen auseinander-setzen. Das bedeutet zu erkennen: hier bin ich und dort bist du, hier ist meine Freiheit, dort ist deine Freiheit. Wir beide sind zwei ganz verschiedene Menschen und meine Freiheit endet dort, wo deine anfängt. Schon der junge Mensch muss in kleinen Schritten den anderen als den anderen erkennen und respektieren lernen. Er lernt Jungen von Mädchen zu unterscheiden, er wird Freunde und Gegner gewinnen, Freude und Enttäuschungen erfahren.
Er wird Laufen lernen und dabei immer wieder hinfallen. Die Schmerzen des Hinfallens werden ihn zu mehr Wachsamkeit erziehen. Würde das Hinfallen nicht Schmerzen verursachen, würde das Kind wohl nie wachsam genug werden, um richtig laufen zu lernen. Man schneidet sich in einer Sekunde in den Finger und es dauert Tage und Wochen, bis es heilt. Diese Diskrepanz kann dazu dienen, beim nächsten Mal aufmerksamer zu sein, um eine neuerliche Verletzung zu vermeiden. Wäre man genauso schnell wieder gesund, wie man sich verletzt hat, würde wohl kein Erkenntnisfortschritt stattfinden. Schmerz und Leiden können in diesem Sinn zu einer tieferen Erkenntnis und „Heilung“ führen. Das gilt für den Rest des Lebens und zwar nicht nur für körperliche Schmerzen, sondern auch für seelische.
Schließlich werden Kinderkrankheiten das Kind plagen. Kinderkrankheiten haben einen ganz physiologischen Sinn, nämlich jenen, das Immunsystem aufzubauen und zu stärken. Dieses Immunsystem ist für das ganze weitere Leben das Zentrum des physiologischen Abwehrsystems, das den Organismus vor Krankheiten schützen soll. Das Immunsystem hat – wie andere Zellen auch – ein Gedächtnis und muss ein Leben lang Bakterien, Viren, Pilze oder auch Krebszellen, die jeder in sich trägt, als fremd erkennen und abwehren. Krebszellen im fortgeschrittenen Stadium entziehen sich allerdings dem Immunsystem.
Gesundheit und Krankheit sind als Folgen von diesen Prozessen eine Frage des ständig aufrecht zu erhaltenden Gleichgewichtes zwischen „Angreifern“ und dem abwehrenden Immunsystem. Der Mensch steht in einem ständigen Kampf zwischen Krankheit und Gesundheit. Er ist umgeben von Millionen von Bakterien, Viren, Pilzen, und ein intaktes Immunsystem muss diese ständig in Schach halten. Durch diese ständige Auseinandersetzung bleibt das Immunsystem „fit“ und der Mensch gesund. Gesundheit ist eine Art Zwischenzustand zwischen krank und gesund. Man nennt dieses Gleichgewicht Homöostase. Die vermeintlich selbstverständliche Gesundheit muss immer wieder neu durch „physiologische Arbeit“ errungen werden. Sie ist nicht selbstverständlich.
So ist das Leben insgesamt eine ständige Auseinandersetzung zwischen Eigenem und Fremdem, zwischen Angreifern und Verteidigern, zwischen Schwerkraft und Leichtigkeit. Dies gilt auf der Ebene der Physiologie, des Zwischenmenschlichen, des Seelischen und des Geistigen. Ohne diese Auseinandersetzung wird der Mensch träge und ohne diese positive Spannung wird der Mensch leer und stirbt letztlich ab. Man findet diese Spannung und Auseinandersetzung bereits auf der Ebene der Physik mit der Schwerkraft der Welt. Diese lässt den Menschen überhaupt erst stehen und nicht abheben, sie bringt auch das Kind zum Hinfallen.
Nur wenn der Körper ständig mit dieser Schwerkraft „kämpft“, werden Knochen und Muskeln immer wieder aufgebaut und bleiben stabil. Jeder Astronaut, der sich im schwerelosen Raum bewegt, weiß, dass seine Knochen und Muskeln bald abgebaut sind, wenn er nicht hart trainiert. Wenn sie keinem Widerstand ausgesetzt sind, werden sie abgebaut. Ähnliches gilt für das gesamte Leben. Auch das Gehirn muss ständig trainiert werden in der Auseinandersetzung mit der Welt. Je besser diese Auseinandersetzung gelingt und je besser der Mensch geistig unterwegs ist, desto eher können Abbauprozesse im Gehirn verlangsamt werden.
Je älter das Kind wird, desto mehr kommen eigene Entscheidungen hinzu. Diese entscheiden mit über Glück und Unglück, Gesundheit und Krankheit, Leid, Gelingen oder Misslingen des Lebens. Natürlich spielen auch äußere Einflüsse eine große Rolle. Aber in allen äußerlichen Prozesse, in all den physiologischen, psychischen und zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen sind bereits geistige Prozesse zugegen. Die Prozesse der Auseinandersetzungen trainieren die psychischen und sozialen Fähigkeiten, sie dienen dem seelischen Reifungsprozess und im günstigsten Fall der Stärkung des Ich. Dieses Ich, das im Sinne der Psychologie im Idealfall zu einer gesunden Ichstärke heranreift (ohne im Egoismus stecken zu bleiben), ist auch jenes Ich, dass erst vom Absoluten her zu sich selbst heranreift.
In all den physischen, psychischen, sozialen Reifungsprozessen finden geistig-geistliche Prozesse statt. Der Geist ist im Menschen immer schon da und muss sich dennoch erst entfalten und entwickeln. Er muss im konkreten Lebensvollzug die verschiedenen Ebenen der naturwissenschaftlichen Vorgaben (Genetik, Geschlecht, Begabungen) und der psychischen Prägungen (Eltern, Umgebung) immer wieder neu durchdringen und zu einer inneren Ganzheit integrieren. Die schon vorhandene innere Ganzheit der Leib-Seele-Einheit24 muss im Alltag immer wieder neu errungen werden. Diese ist je neue Integrationsarbeit und erfordert Energie. Im Kapitel über innere Zerrissenheit und Stimmigkeit wird dies genauer erläutert.
Der physiologischen Tendenz zur Unordnung, die das Tote ausmacht und – wie schon gehört – als Entropie bezeichnet wird, muss ständig mittels Nahrungs- und Energiezufuhr entgegengewirkt werden. Den psychischen Tendenzen zur Desintegration der Kräfte muss durch Kultivierung der verschiedenen Triebe im Menschen entgegengewirkt werden, und der Geist des Menschen muss geistig-intellektuell und geistlich-spirituell gebildet werden, um die auseinanderdriftenden Antriebe je neu zur inneren Mitte zusammenzuführen. Dies geschieht durch Erziehung, Bildung und spirituell religiöse Unterweisung. Hier ist vor allem eine gute Pädagogik durch Eltern und Schule gefragt, die dem Menschen eine äußere und innere Bildung vermittelt.
Diese Bild-ung soll das Bild, das im Mensch schon „da“ ist, ans Licht holen. Sie sollte den Einzelnen zur Erkenntnis, Selbsterkenntnis und Erkenntnis des anderen führen, zur Selbstliebe und Nächstenliebe sowie zum Umgang mit Freude und Lebensfülle, aber auch zu Selbstbeherrschung und Verzicht anleiten. Und das alles dazu hin, dass der Mensch äußerlich und innerlich frei wird, Selbststand findet und zu seiner eigentlichen Größe heranreift. Alle Gebote und Verbote, alles Einüben von inneren Haltungen und Tugenden sollen nur dem einen Ziel dienen, dass das Leben gelingt und zur Erfüllung kommt – und das des Nachbarn auch.
Selbsterkenntnis, Fremderkenntnis, Selbststand-Finden, Selbstliebe und Nächstenliebe kommen allerdings erst zu sich, wenn sie durch das Relative hindurch den Grund des Absoluten finden. Erst von dort her führt die Erkenntnis zu tieferer Selbsterkenntnis und diese ist Voraussetzung für die Erkenntnis des anderen als des anderen (Levinas). Den anderen als den anderen zu erkennen und nicht nur durch die Brille eigener Prägungen, Vorstellungen, Projektionen, Wünsche und Verstellungen, ist die Voraussetzung für das Gelingen von Beziehungen. Die Rücknahme dieser Projektionen, die ein Leben lang zu leisten ist, ist ein Weg der Bewusstmachung eigener Prägungen und des sich je neu Überschreitens auf das Absolute hin. Eine gute religiös-spirituelle Erziehung kann dazu beitragen.
7. Kindheit – Intuition und Fragen
In der frühen Kindheit hat die Hinwendung zum Absoluten eher intuitiven Charakter. Das Kind stellt wie selbstverständlich Fragen nach den letzten Gründen des Seins: wo ist die verstorbene Großmutter, was ist nach dem Tod, kommen Tiere auch in den Himmel, ist der liebe Gott auch wirklich lieb, wo wohnt er und warum hängt der Mann da am Kreuz? Diese Fragen treffen ins Zentrum des Lebens, und ein Kind kann mehr Fragen stellen als viele Philosophen beantworten können. Da Antworten auf die Fragen der Kinder nicht ganz leicht zu geben sind und die intellektuellen Zugänge für das Kind noch zu schwer zu verstehen sind, gilt es in dieser Phase der Entwicklung, ihnen atmosphärisch einen Zugang zum Absoluten zu ermöglichen: durch Musik, Stille sowie das Lesen heiliger Texte in versammelter Atmosphäre. Dennoch sollte man sich auch um Antworten bemühen.
Das Kind hat für die Tiefendimensionen des Lebens schon ein inneres Gespür. Gerade in jungen Jahren haben die meist noch unverstellten Kinder viele Fragen, die sich auf die letzten Dinge beziehen. Man sollte diese Fragen ernst nehmen und nicht belächeln. Man sollte sie fördern und kindgerecht zu beantworten suchen. Es ist eine erste wichtige Phase der Orientierung im Leben. Kinder haben neben der Ahnung vom Absoluten auch schon etwas von der Brüchigkeit der Welt erlebt, den Streit mit den anderen Kindern im Kindergarten oder in der Schule, den Streit der Eltern und vielleicht auch deren Trennung. Sie haben die Härte des Lebens schon ein Stück weit kennengelernt und in allem die Grenzen und Zerbrechlichkeit des Lebens. Angesichts dieser Erfahrung der Fragmentarität des Lebens sowie einer Ahnung vom Absoluten fragt das Kind intuitiv darüber hinaus. Es hat ein Gespür dafür, dass vieles so nicht sein sollte und dass es vielleicht noch etwas ganz anderes gibt.
Im Ernstnehmen der Fragen des Kindes und im Bemühen, diese Fragen zu beantworten, werden wesentliche Weichen für das weitere Leben gestellt. Es werden Grundlagen gelegt für ein Vertrauen ins Leben und in eine Macht jenseits der elterlichen Autorität, die das Leben trägt. Die Vorstellung von der elterlichen Allmacht zerbricht in der Pubertät sowieso. Oft haben schon sehr junge Menschen im Alter von sieben oder acht Jahren tiefe intuitive und geistliche Einsichten in eine andere Dimension des Seins. Friedrich Nietzsche soll schon mit acht Jahren gesagt haben, er müsse ein Heiliger werden und die anderen Freunde hätten nicht so schwere Bedingungen.25 Sein Leben lang war er auf der Suche nach seiner religiösen Berufung, viele seiner Schriften geben Auskunft von diesem Ringen.
Das, was der Mensch später an Halt und Orientierung braucht, wird in Kindertagen als Urvertrauen grundgelegt. Was Kinder erleben und erfahren, prägt ihr weiteres Leben, womöglich sogar bis hinein in die Zellen und die Formung des Genoms. Denn es scheint so zu sein, dass sich das Genom des Menschen, das – wie schon erwähnt – aus genetischer Grundinformation und epigenetischer Schaltinformation besteht, noch bis zur Pubertät durch die Umgebung sowie und die Beziehung zur Mutter und zum Vater mitgeformt wird. Es ist nicht starr festgelegt, sondern wird erst langsam Gestalt. So wäre es möglich, dass die Atmosphäre im Elternhaus, Vertrauen und Angst, Frieden und Streit auf diese prägende Phase bis in das Genom hinein Einfluss haben.
Aber zurück zu den Fragen der Kinder. Ihre Fragen kommen ganz automatisch und wie von selbst. Entscheidend ist, wie die Antworten ausfallen. Eltern sollten sich herausfordern lassen durch die Fragen der Kinder. Sie sollten sich bemühen, kindgerechte Antworten zu geben und die Fragen nicht als kindlich abzutun. Dazu müssen sich die Eltern selbst mit den existentiellen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Bemühen sie sich nicht um gute Antworten und schieben die Fragen der Kinder als lächerlich beiseite, erlischt mit der Zeit deren Interesse und die Bereitschaft zum Fragen. Mit jeder unbeantworteten Frage wächst die Frustration und führt langsam dazu, nicht mehr zu fragen.
Umgekehrt wächst mit jeder Antwort die Neugierde weiterzufragen und durch den Dialog und das Sprechen mit den Kindern deren Interesse an den Dingen, die sie umgeben. Man sieht nur, was man weiß. Das heißt, dass mehr Wissen den Menschen auch mehr sehen lässt und ein Mehr-Sehen wieder zu mehr Wissen und zu mehr Inter-esse führt (inter-esse, dazwischen sein, drinnen sein). Schließlich wächst auch die Nähe zwischen Eltern und Kind. Denn beide arbeiten gemeinsam an einem Problem oder erschließen sich ein neues Gebiet und kommen sich so näher. Gemeinsam gelebtes Leben und gemeinsames Ringen vertieft die Beziehung.
Das Schlimmste ist, wenn Eltern nicht für Gespräche zur Verfügung stehen und Kinder keine Fragen mehr stellen. Derjenige, der keine Fragen mehr stellt, ist womöglich so enttäuscht worden, dass er gar nicht mehr damit rechnet, Antworten zu bekommen. Eine als lächerlich abgetane Frage verunsichert den jungen Menschen. Eine Mischung aus dem Nichtmehr-weiter-Fragen und einer wachsenden inneren Unsicherheit kann sich im Laufe des Lebens zur Arroganz (a-rogare, nicht fragen) entwickeln, die meint, schon alles zu wissen. Halbbildung macht frech, sagt der Volksmund. Daher ist das Wecken des Interesses in Sinne des Wissen-Wollens und Weiterfragens so wichtig, da dieses Fragen zu den letzten Fragen des Seins führt und gleichzeitig bescheiden macht angesichts des Wissens, was man alles nicht weiß und dass man nichts weiß (Sokrates).
Wer immer weiter fragt, kommt schließlich auf einen letzten Grund. Thomas von Aquin war der Meinung, dass der Mensch, der immer weiter fragt, schließlich auf diesen letzten Grund stößt und diesen letzten Grund nennen alle Gott. Es ist der Grund, der alles trägt und auf den man sich verlassen kann. Es ist der Grund, der die Welt trägt und im Innersten Halt gibt. Aus diesem Grund heraus wachsen dem Menschen – wie von selbst – jene Kräfte zu, die er zum Leben braucht. Dieser Grund ist wie ein Quell lebendigen Wassers im Innersten des Menschen. Manchmal muss der einzelne im späteren Leben erst zu-grunde-gehen, um wieder Anschluss an diesen Quellgrund zu bekommen.
Wenn der Grund und damit die Kraftquelle verschüttet sind, ist der Mensch kraftlos, leer, vielleicht depressiv. Dann muss dieser Grund wieder frei gelegt werden, vielleicht in einem ersten Schritt durch Psychotherapie, letztlich aber durch die Wiederanbindung an den Grund durch Stille, Meditation, Gebet. Die geringfügige „Arbeit“, die man leisten muss, um an diesem Grund dran zu bleiben, ihn nicht zu verlieren oder wieder zu ihm zurückzukehren, ist täglich ein wenig Rückzug und Stille sowie ein Hören auf das göttliche Wort. Dazu muss der Mensch sich je neu freischaufeln von all dem, was ihn im Alttag zuzudecken und zu erdrücken droht.
So sollte eine gute Pädagogik das Fragen der Kinder und Jugendlichen – übrigens auch der Erwachsenen – fördern und es ihnen nicht abgewöhnen. Der Mensch, der nicht mehr fragt, ist wie abgestorben, innerlich tot und desinteressiert. Dabei ist das Inter-esse, das Dazwischen-Sein, ein zentrales Moment am Menschsein. Der Mensch kann mit seinem Intellekt (intus legere, drinnen lesen) in den Dingen und hinter den Dingen lesen. Das schafft die Möglichkeit, sich in dieser Welt zurechtzufinden, sich zu orientieren und die Größe der Welt und des Lebens zu entdecken. Dazu sollten bereits Kinder angeleitet werden.
Um das zu können, müssen Kinder Sprechen, Lesen, Schreiben lernen, sie müssen sich verständlich machen können und Kommunikation üben, soziales Verhalten lernen und die eigenen Grenzen und die des anderen respektieren lernen. Da dies ein großes und anstrengendes Programm ist, dürfen Ruhe und Versammlung, aber auch Spielen, Sport, Freizeit und Musizieren nicht fehlen. Vor allem Sprechen, Schreiben und Kommunikation sind von zentraler Bedeutung für die Entwicklung des Kindes. Ein junger Mensch, dessen Kommunikation mit der Umwelt nicht gelingt, vereinsamt. Er wird nicht sozialisiert. Menschen, die nicht Lesen und Schreiben können, sind von großen Teilen der Welt ausgeschlossen. Kommunikationsstörungen führen auf Dauer zu Beziehungsstörungen und Beziehungsstörungen führen zu Kommunikationsstörungen. Beides führt zu Leid, Einsamkeit und Verzweiflung.
So ist es wegen der hohen Intuition der Kinder für existentielle und religiöse Fragen sinnvoll, schon kleine Kinder in die Grundfragen der Religion einzuführen. Zum Beispiel können schon im Kindergarten einfache Gebetsformen eingeübt und religiöse Fragen beantwortet werden. Zusammen mit guten menschlichen Kontakten wird dies dem Kind Halt und Ausrichtung geben. Es ist auch sinnvoll, zum Beispiel die Feier der Erstkommunion (im katholischen Raum) in dieser frühen Phase vorzunehmen, da Kinder vieles intuitiv aufnehmen, obwohl sie noch nicht alles verstehen können. Aber auch der Erwachsene ringt ein Leben lang um dieses Verständnis. Daher sollte man auch Eltern in die religiöse Erziehung der Kinder mit einbeziehen, wenn ihre Kinder im christlichen Kontext an die Sakramente (Erstkommunion, später Firmung, Konfirmation) herangeführt werden. Symbole und Zeichen müssen erklärt werden, auch sie sind eine Art Sprache.
8. Pubertät als Krise
Mit der Pubertät beginnt der zweite Abnabelungsprozess des jungen Menschen von der Mutter und den Eltern. Alles gerät durcheinander, alles wird infrage gestellt. Hormone spielen verrückt, aus dem Jungen wird ein junger Mann, aus dem Mädchen eine Frau. Die Geschlechtsreife beginnt und bald können die Jugendlichen eigene Kinder zeugen. Werte brechen um, die Absolutheit der Eltern wird hinterfragt. Bei manchem bricht Langweile oder die Null-Bock-Mentalität auf. War bei den Kindern noch ein intuitiver Zugang zum Religiösen möglich, wird auch dieser jetzt infrage gestellt. Der Sinn von Religion überhaupt wird bei vielen fragwürdig. Religion ist für die einen gar nicht mehr „cool“, andere wollen verstehen, wozu der Glaube an Gott überhaupt gut sein soll. Der junge Mensch sucht nach Antworten und setzt sich kritisch mit seinen Eltern und mit allem, was ihm von außen vorgegeben ist, auseinander. Das dient der Findung des Eigenstandes. Die Eltern werden in die Auseinandersetzungen einbezogen oder abgelehnt, sie müssen vieles aushalten und argumentativ erläutern. Um hier mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, müssen sie sich weiterhin mit den wesentlichen Fragen des Lebens auseinandersetzen und neu argumentieren lernen.
Fragen und Antworten will gelernt sein, und das kann man trainieren. Im Mittelalter gab es eine eigene Methode des Fragens und Antwortens, eine Anleitung zum Argumentieren. Bei diesem Argumentationstraining sollte man im Gespräch zunächst wiederholen, was der andere gesagt hat, sich rückversichern, dass man ihn richtig verstanden hat und dann erst antworten. Wie viele Missverständnisse kämen gar nicht erst zustande, wenn man sich so verhielte. Und zweitens sollte man im Disput das Argument des anderen stark machen und nicht schwächen. Das eigene Argument sollte besser sein als das stärkste des Gesprächspartners.
Die Diskussionen sollten bei aller Unterschiedlichkeit der Meinungen in angemessenem Respekt und mit Wohlwollen so geführt werden, dass man den anderen nicht bewusst missversteht und verletzt. Philosophieren heißt Weiterfragen, so hat es Carl Friedrich von Weizsäcker einmal formuliert. Mit dem Weiterfragen und dem Versuch der Beantwortung einer Frage entstehen neue Fragen, und neue Fragen bringen das Interesse voran. Dieses Interesse des Fragens und Suchens sollte man auch bei Jugendlichen fördern. Immerhin heißt es: wer suchet, der findet (Mt 7,8).
Was also macht der junge Mensch mit diesem Durcheinander, mit diesem Chaos, mit dieser Krise? Was geschieht jetzt? Wie soll dieser Umbruch der beginnenden Herauslösung aus dem Elternhaus gelingen und gestaltet werden? Der junge Mensch will schon ganz frei und selbstständig sein und kann doch nicht allein leben. Er hat schon Allmachtsphantasien und ist doch noch ganz abhängig. Er ist gerade zwölf bis fünfzehn Jahre alt. Wie löst man diese Spannung? Und woher bekommt man Antwort?
Offensichtlich ist dieser Prozess nicht nur ein Prozess der Befreiung von etwas, also von den Eltern und anderen Fremdbestimmungen, sondern auch ein Prozess zu etwas hin, nämlich zum Finden der eigenen Identität, Wahrheit und Berufung. Wie kann der junge Mensch zu diesem Eigenen durchreifen? Er ist noch sehr jung, kann noch nicht ganz weg vom Elternhaus, aber ganz zu Hause ist er auch nicht mehr. Wie kommt er aus der Spannung des Nicht-mehr-ganz-bei-den-Eltern- und Noch-nicht-ganzbei-sich-selbst-Seins, aus dem Frei-sein-Wollen, aber noch nicht ganz Freisein-Können heraus?
Bedarf es gerade zum Aushalten dieser Spannung und für das Überwinden dieses Abgrundes und des Zwischen-den-Welten-Seins einer ganz anderen Dimension, eines Überstieges in eine andere Welt, die jetzt in diesem Chaos tragende Kraft bekommt und neue innere Ordnung schafft? Bedarf es gerade für diesen schrittweisen Überstieg zur Selbstwerdung einer ganz anderen Ebene? Das klingt paradox. Der Mensch soll ja gerade aus der Fremdbestimmung durch die Eltern langsam zum eigenen Ich heranreifen. Und jetzt soll noch eine andere zusätzliche Ebene, womöglich eine neue „fremde Macht“ ins Spiel kommen? Soll der junge Mensch aus einer Fremdbestimmung in eine andere Fremdbestimmung hineingeraten? Das klingt widersprüchlich.
Damit das nicht geschieht, müsste diese „andere Dimension“ „da“ sein und doch nicht vereinnahmen, sie müsste ganz zurücktreten und doch Halt geben. Sie müsste im innersten Innen des Menschen ansetzen und doch Orientierung geben, sie müsste Wegweisung sein und doch Raum geben zur Selbstentfaltung. Sie müsste von innen her Halt geben und in den Eigenstand und die Freiheit führen. Sie dürfte den jungen Menschen nicht wiederum von außen her fremd bestimmen wie eine äußere Autorität, sondern müsste eine innere Autorität sein, die dem Menschen wie ein Kompass den Weg weist. Sie müsste ihm helfen, zu sich selbst zu erwachen und den eigenen Lebensweg schrittweise zu finden. Sie müsste die Selbstwerdung fördern und nicht blockieren, sie müsste den Menschen groß machen und nicht klein, ihn wachsen lassen und nicht schrumpfen, ihm Vertrauen schenken und nicht Angst einflößen, den Weg ins Unbekannte bahnen helfen und nicht im Alten stecken bleiben. Eine solche Macht müsste den Menschen überschreiten und doch in ihm sein, sie müsste dem Menschen innerlicher sein als er sich selbst innerlich sein kann.
Bevor diese Macht und innere Autorität näher beschrieben wird, sollen zunächst zwei weitere grundsätzliche Fragen bedacht werden: Zum einen jene über die Brüchigkeit der Welt, die sich gerade in Krisen- und Umbruchszeiten zeigt, und zum anderen jene über die Grundstruktur des Menschen, die sich vor allem in seinem Geist- und Vernunftcharakter zeigt. Wer diese Zwischenüberlegungen nicht mitvollziehen will, möge gleich zum Teil C „Pubertät als existentieller Umbruch“ übergehen.
Teil B
~
Grundreflexionen
über die Welt,
den Menschen
und die Frage nach
dem Absoluten

9. Die Brüchigkeit und Zerrissenheit der Welt
Die Welt ist endlich und hat Mängel, sie ist kein Paradies. Das merkt schon das Kind, der junge Mensch, der Pubertierende. Es kann sein, dass der Heranwachsende in der Pubertät gar nicht mehr weiß, wie er mit sich selbst und mit anderen umgehen soll. Er wird sich und womöglich auch den anderen ein Stück weit fremd. Selbst wenn er spürt, dass es in der Welt eine Ordnung gibt, herrscht dennoch auch Unordnung und Chaos in ihm und um ihn herum. Es gibt konstruktive Kräfte des Aufbauens und destruktive der Zerstörung. Es gibt Krankheit und Leid, Erfahrung von Endlichkeit und Tod. Es gibt Scheitern und Enttäuschung, Naturkatastrophen und Kriege. Es gibt Chaos in der Natur, aber auch Chaos im eigenen Inneren und im menschlichen Leben. Es wird Leid ausgelöst durch menschliches Handeln und den Missbrauch der menschlichen Freiheit: malum physicum und malum morale nennt das die Tradition. Es gibt das Übel in der Natur und das Übel durch menschliches Handeln.
In all dem Hin und Her muss der Mensch Orientierung finden. Er muss das Gute vom Schlechten unterscheiden lernen, die desintegrierenden und ihn in Verwirrung bringenden Kräften von jenen unterscheiden lernen, die ihn zur inneren Mitte und zum inneren Frieden führen. Das geht nicht von heute auf morgen. Es bedarf verschiedener Suchbewegungen, Grenzerfahrungen, Scheiterns und Gelingens, Gesprächs mit Älteren und gegenseitigen Austausches. In Umbruchszeiten, wenn Äußeres zusammenbricht, sucht der Mensch im Chaos des eigenen Lebens nach neuem Halt. Das gilt für die persönliche Biographie, das gilt aber auch für geschichtliche Perioden von Umbruchzeiten.
Die gegenwärtige Zeit ist eine Zeit derartiger Umbrüche. Diese sind begleitet von einem Verlust an Grundwerten, Zerbrechen von Beziehungen und Strukturen, von enormer Zeitbeschleunigung und Verdichtung von Zeit durch immer mehr zu bewältigende Aufgaben. Die Neuorientierungen geschehen in einer ständig komplexer werdenden Welt mit einer nahezu unüberschaubaren Zunahme an Informationen. Außerdem kommt es durch Internet und Handy-Kultur zu ganz neuen Formen der Kommunikation sowie zu einem Gleichzeitig-Werden mit der ganzen Welt. Eine immer tiefere Durchmischung von Kulturen und Religionen. Migrationsbewegungen, Reisen sowie Flugverkehr beschleunigt diesen Vorgang.
Dieses zum Teil undurchschaubare Vielerlei führt zu einer Suche nach Ethik und Spiritualität, der Mensch sucht in dieser aufgewühlten Zeit nach Ruhe, Orientierung und innerer Ausrichtung. Er droht einerseits in der Flut von Angeboten unterzugehen, im Pluralismus von Meinungen und Sinnangeboten seine Orientierung zu verlieren und andererseits zu vereinsamen und in die Isolation zu geraten. Er braucht für sich selbst und für andere neue Orientierungspunkte. Auch die Gesellschaft muss sich neu ausrichten und sich fragen, wohin die Reise eigentlich gehen soll und welche Grundwerte sie aufrecht erhalten will. Was in einer Einzelbiographie in der Pubertät an Unruhe aufbricht und durcheinander gerät, scheint auch in Zeitepochen immer wieder zu geschehen: Umbruch, Aufbruch, neue Orientierung, tieferen Stand finden. Die Gegenwart ist eine solche Zeit der Umbrüche und Transformationen. Sie bedarf einer neuen Ausrichtung und einer tieferen Verankerung des Lebens.
In einer derartigen Zeit der Krise des Staates entstand die Nikomachische Ethik von Aristoteles, ein Buch, das dem Menschen helfen will, wieder Halt und Orientierung zu finden. Aristoteles geht davon aus, dass der Mensch diese Orientierung braucht, wenn er sein Leben nicht verfehlen will. Im letzten will der einzelne, dass sein Leben gelingt. Er sucht nach seinem Glück. Nach diesem Glück strebt – so Aristoteles und später Thomas von Aquin – jeder Mensch, allein der Weg dahin ist schwer zu finden. Glück heißt im Griechischen Eu-daimonia („eu“ heißt gut und „daimon“ ist der Geist). Diesen Begriff kann man frei so übersetzen: dem guten Geist folgen. Der Mensch findet sein Glück, wenn er dem guten Geist folgt.
Glück kann man nicht machen, aber Glück stellt sich ein, wenn man richtig lebt und dem guten Geist folgt. Richtig leben und dem guten Geist folgen bedeutet für Aristoteles: ein tugendhaftes Leben zu leben. Und das heißt wiederum – sehr verkürzt – die vier Tugenden der Klugheit, Tapferkeit, des Maßes und der Gerechtigkeit im Leben umzusetzen. Es bedeutet, in allem das rechte Maß zu finden, nicht zuviel, nicht zu wenig, die rechte Mitte einzuhalten zwischen den Extremen. Der Mensch soll klug entscheiden und klug handeln, mutig und tapfer nach vorne leben und nach der Gerechtigkeit streben. Gerade diese Werte und ein solches Leben interessieren aber den Pubertierenden womöglich gar nicht.
Orientierung suchen heißt auch, nach Selbstvergewisserung Ausschau halten, nach Haltepunkten, die nicht brechen. Einen solchen Versuch, nach derartigen Haltepunkten zu suchen, unternahm schon Augustinus. Er fragte sich, ob in Situationen, wo alles rundherum zusammenbricht, wirklich alles bricht oder ob es nicht doch noch etwas gibt, was sicher ist, woran man sich halten kann. Seine Antwort war: Selbst wenn alles zusammenbricht, selbst wenn der Mensch an allem zweifelt, selbst wenn er sich in vielem täuscht und getäuscht wird, selbst wenn Gott ihn täuschen sollte, so wird ihm doch klar, dass er es selbst ist, der da zweifelt, sich täuscht oder getäuscht wird. Si enim fallor sum: Selbst wenn ich mich täusche, bin ich26, selbst wenn ich in allem getäuscht werde, weiß ich doch, dass ich es bin, der da getäuscht wird, wenn ich mich irre, weiß ich, dass ich bin und dass ich mich irre.
René Descartes hat später diese Grundeinsicht, die Augustinus mit der Täuschung durchreflektiert hat, auf das Denken selbst übertragen. Sein Satz: cogito ergo sum (ich denke, also bin ich) stellt ebenfalls einen Versuch dar, sich seiner selbst gewiss zu werden. Die Tatsache, dass der Mensch über all diese Fragen nachdenken kann, zeigt, dass er sich in einem nicht täuschen kann, nämlich darin, dass er selbst es ist, der da denkt. Bei Augustinus lief der Weg zur Selbstvergewisserung über die Täuschung, bei Descartes über das Denken, heutzutage würde er vermutlich über das Fühlen oder das Nicht-mehr Fühlen laufen.
Viele Menschen sagen: Ich fühle nichts mehr, es ist so leer in mir, es ist alles wie abgetötet. Die Depression ist nahezu Volkskrankheit Nummer eins geworden. Manche wollen cool sein, Spaß haben, Chillen. Und hier könnte man sagen: ja, es ist so leer in dir und du fühlst nichts, aber du kannst erkennen, dass du es bist, der nichts fühlt und dass es deine Leere und Gefühllosigkeit ist. Und man könnte sogar hinzufügen: Du kannst etwas dagegen tun. Heidegger würde sagen, der Mensch ist immer irgendwie gestimmt: traurig, fröhlich, leer, erfüllt. Der Mensch kann aber darauf reflektieren, dass es seine Stimmung ist und nicht die eines anderen. So kann der Mensch auch im Bereich der Stimmungen und Gefühle eine Art Selbstvergewisserung suchen: Ich fühle, also bin ich, oder: ich fühle nichts, also bin ich. Aus dieser Perspektive tritt das Ich in den Vordergrund. Aber es muss gefragt werden, ob dieses Ich schon das letzte ist, das den Menschen ausmacht oder ob auch das Fühlen, das Denken und das Getäuschtwerden auf etwas anderes verweist, ob es nicht eine dialogische Struktur hat.
Kehren wir zunächst zurück zum Lebensvollzug. Der Mensch in der Umbruchzeit sucht Halt, zunächst bei den Mitmenschen. Aber gerade diese Menschen wie zum Beispiel die Eltern verlieren ihren Absolutheitsstatus. Das Elternhaus wird brüchig, man beginnt sich davon zu entfernen. Wenn es gut geht, sind Freunde da und Gleichgesinnte, auf die Verlass ist. Neue peer-groups entstehen, es finden sich Gleichaltrige, mit denen man auf Augenhöhe diskutieren kann. (Missbrauchsfälle entstehen oft in Situationen, wo Abhängigkeitsverhältnisse bestehen und gerade keine peergroups vorhanden sind und nicht auf Augenhöhe miteinander kommuni ziert wird.) Gerade in einer solchen Phase braucht man Menschen, mit denen man sprechen kann, mit denen man seine Probleme und Visionen teilen kann. Mancher gerät auch in Gruppen, die ihm nicht gut tun. Selbst wenn der einzelne das spürt, dass er in falschen Gruppen unterwegs ist, scheint für ihn die Hauptsache zu sein, nicht allein zu sein, irgendwo dazuzugehören, verstanden zu werden, angenommen zu sein, nicht ausgestoßen zu werden und geliebt zu sein trotz der schwierigen Phase, in der er steckt.
Diese Fragen bleiben ein ganzes Leben lang: wo bin ich zu hause, wo kann ich mich anlehnen, wo finde ich meine innere Ruhe? Wo bin ich anerkannt und akzeptiert, selbst in meiner Unleidlichkeit? Wo kann ich so sein, wie ich bin, wo muss ich mich nicht verstellen? Wohin soll der Mensch sich wenden, wenn der Halt bei den Mitmenschen verloren geht, wenn Mitmenschen ihn enttäuschen, wenn Eltern nicht da sind oder ihre Autorität und Absolutheit verlieren, wenn beginnende Freundschaften zerbrechen, wenn man sich selbst nicht mag und keine rechte Beziehung zu sich selbst und zu anderen aufbauen kann, wenn man gar ein anderer sein möchte und in die Einsamkeit gerät. Da ist oft Leere und Verzweiflung.
Die größte Verzweiflung ist die, so hat Sören Kierkegaard es formuliert, ein anderer sein zu wollen, als man selbst ist: „Diese Form von Verzweiflung ist: verzweifelt nicht man selbst sein wollen, oder noch niedriger: verzweifelt nicht ein Selbst sein wollen, oder am allerniedrigsten: verzweifelt ein anderer sein wollen als man selbst, ein neues Selbst sich wünschen.“27 Die Frage ist, wie man aus dieser Einsamkeit und der inneren Zerrissenheit, aus der Zweiheit, in die die Verzweiflung einen geführt hat, wieder zurück zur Einheit und Gemeinschaft gelangt. Hier gibt es viele Angebote aus der Psychologie und Psychiatrie, manches aus der Esoterik und den Religionen. Seriöse Therapien können helfen, mit der Zerrissenheit fertig zu werden, zumindest kurzfristig. Langfristig wird man sich tiefer verankern müssen. (Mehr dazu im Kapitel über die Stimmigkeit.)
Die Brüchigkeit des Lebens lässt also Ausschau halten nach Haltgebendem, Bleibendem und Absolutem. In jedem Zusammenbrechen muss doch etwas Bleibendes sein, es bricht ja immer nur Etwas, nie das Ganze zusammen (es sei denn, der Mensch stirbt und die Welt geht unter). Der Mangel deutet darauf hin, dass er auch behoben werden kann, der Durst deutet darauf hin, dass es irgendwo Wasser gibt, die Zerrissenheit auf Einheit, die Ungerechtigkeit auf Gerechtigkeit hin, das Unglück auf Glück, die Lüge auf Wahrheit, die Krankheit auf die Möglichkeit der Gesundheit.
Dabei ist es ist nicht so, dass es das Unglück geben muss, damit es auch das Glück geben kann, dass es das Dunkel geben muss, damit es das Licht gibt, oder den Teufel und das Böse, damit es Gott und das Gute geben kann. Sondern man muss die Asymmetrie der Welt als Asymmetrie ernst nehmen und die Gerichtetheit der Welt sehen lernen. Hier herrscht ein Gefälle: Die Zerrissenheit ist die Abweichung von der Einheit, das Unglück die Abweichung vom Glück, die Lüge Abweichung von der Wahrheit, die Ungerechtigkeit Abweichung von der Gerechtigkeit. Und nicht umgekehrt!
Der Maßstab der Bewertung ist immer das Positive. Die Wahrheit ist der Maßstab für die Lüge und nicht umgekehrt. Andersherum ist der Begriff der Lüge ein wertender Begriff und deutet implizit darauf hin, dass Wahrheit sein soll, der Begriff der Krankheit deutet darauf hin, dass eigentlich Gesundheit sein soll, die Zerrissenheit, dass Stimmigkeit und Einheit sein soll. In einem Satz zusammengefasst: Die Wahrheit ist Anzeige ihrer selbst und ihres Gegenteils. Die Welt des Mangels ist die Welt des „Abfalls“ vom Guten, vom Wahren und vom Schönen. Es sind nicht zwei gleichwertige Welten, die des Bösen und des Guten, die sich hier gegenüber stehen. Das Böse ist der Mangel an Gutem, man könnte auch sagen, das Böse ist das pervertierte Gute. Es zieht die Kraft aus dem Guten, oder wie Ignatius von Loyola einmal sagte: Das Böse kommt oft unter dem Anschein des Guten.
So deutet die Gebrochenheit und Brüchigkeit des Lebens darauf hin, dass es eigentlich nicht so sein sollte, dass es heil und ganz sein sollte. Allein die Frage, wie man zu dieser Ganzheit hinfindet, ist entscheidend. Der Mangel und die Brüchigkeit des Lebens zeigen sich wohl am schmerzlichsten in gescheiterten Beziehungen, im Abschied nehmen müssen, im Tod. Der Mensch sucht ein Leben lang nach bleibenden guten Beziehungen, nach bleibendem Beieinandersein, nach Nicht-Abschied-nehmen-Müssen, nach Nicht-Streit-Haben, sondern Frieden, nach Anerkanntsein, Geliebtwerden und Erkanntwerden. Lieben und Erkennen sind im Hebräischen ein Wort. Der andere soll sein Gegenüber wahrnehmen wie er „wirklich“ ist. Es sollen Begegnungen stattfinden und keine – wie Heidegger es nennt – Vergegnungen.
Das größte Leid und die schwersten Folgen für das Leben mit all seinen Entscheidungen, die oft weit in die Politik und die Weltgeschichte hineinreichen, ist das Nicht-Angenommensein, das Verlassen-Werden und die quälende Einsamkeit. Es sind zerstörte Beziehungen, zerbrochene Lieben, enttäuschte Erwartungen, das Nicht-Geliebt-Werden. Es entstehen Minderwertigkeitsgefühle des Nicht-gut-genug-Seins, des Nicht-Anerkannt Werdens, des Von-der-Welt-nicht-Wahrgenommenwerdens, des Versagens. Als Reaktion darauf kommt es zu Kompensationen der Minderwertigkeitsgefühle, zu Machtausübung und Unterdrückung des anderen. Die Kompensationsmechanismen können das große Auto sein oder der Reichtum, es kann die Sehnsucht nach Geltung und Macht sein, die Sucht nach Erfolg. Es können die kleinen Dinge des Alltags sein, aber auch die Weltpolitik lebt von diesen Kompensationshandlungen. Mancher Diktator hat aus Gefühlen der Minderwertigkeit heraus ein ganzes Regime aufgebaut bis zur Vernichtung der Welt.
Alfred Adler hat eine ganze Psychologie dieser Minderwertigkeitsgefühle mit ihren Kompensationsmechanismen entwickelt. Viele psychologische Forschungen befassen sich mit den dahinter liegenden Beziehungsstörungen, frühkindlichen und sogar pränatalen Störungen in der Beziehung zwischen Mutter und Kind. Fast könnte man sagen: das größte Unheil der Menschheitsgeschichte sind misslungene und gestörte Beziehungen, die verletzte oder nicht gewährte Liebe. Eine gestörte Beziehung zum anderen hat oft auch eine gestörte Beziehung zu sich selbst zur Folge oder umgekehrt, das gestörte Verhältnis zu sich selbst führt zu Beziehungsstörungen.
Hinter all diesen Fehlstellungen steckt die große Sehnsucht des Menschen, geradezu der Schrei nach Wahrgenommen-Werden, Erkanntwerden, Angenommensein, Geliebtwerden, Geborgenheit, nach Heilsein und Ganzsein, nach Lebensentfaltung. Warum? Weil man im Raum des Angenommenseins ausruhen kann und seinen Frieden findet, weil man sich dort nicht mehr verstellen und mit dem Leben lügen muss, weil man seine Wahrheit leben kann und keinen Schein mehr aufbauen muss, der das wahre Sein verdeckt. Das schafft innere Ruhe und Gelassenheit, es gibt Vertrauen und Mut, in das Leben hineinzuleben. Es gibt auch die Kraft zur Lebensentfaltung und Lebensfreude. Das Seinkönnen im eigenen Sein befreit zum Selbstsein.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.