Kitabı oku: «Ein kleines Leben»

Yazı tipi:

Matthias Klingenberg

Ein kleines Leben

Eine Spurensuche

Impressum

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-86408-233-7 (Print) // 978-3-86408-234-4 (E-Book)

© 2017 Vergangenheitsverlag, Berlin

www.vergangenheitsverlag.de

Lektorat: Bettina Moll (www.texttiger.de)

Covergestaltung: Frank Petrasch

Coverabbildung: Wolfgang Klingenberg

Alle Rechte, auch die des Nachdrucks von Auszügen, der fotomechanischen und digitalen Wiedergabe und der Übersetzung, vorbehalten.

Inhaltsverzeichnis

Instamatic

Prolog oder „Jever Licht“

Transgenerationales Schweigen

#Reminder

Das Arbeitszimmer meines Großvaters

Kriegsbericht – Teil 1

Stadt der Helden

#das dorf

Gadenstedt/Bargfeld

Gruppenbild in Schwarz-Weiß

Beschriftungen

Ich schaue mir Kisten an

#Karl im Traum

Joppen

Luckenwalde

Der Bolzberg

9. Mai 2015

Kanisterbombe

Königsbrück

Manöver SPEARPOINT

Früher ratterten die Schienen beim Drüberfahren

Feste

8 Neonröhren x 25 Watt

Kriegsbericht – Teil 2

Brüx

Westfront

#Der letzte Urlaub 1990 in Hahnenklee

Erinnerungen verbrennen

Epilog

Instamatic

Im Nu geladen!

KODAK

CAMERA

INSTAMATIC 100

An Ihrer neuen KODAK Camera werden Sie Ihre helle Freude haben, denn mit der INSTAMATIC 100 photographieren Sie drin­nen so leicht wie draussen, farbig so gut wie schwarzweiss. Vom Film­einlegen bis zum Auslösen geht alles so spielend einfach, daß Sie nur überrascht sein werden.

Sie brauchen nur folgendes zu tun …

– Camera öffnen – KODAPAK Kassette einlegen – Camera-Rücken­­deckel schliessen.

– Filmtransporthebel durchschalten – fertig zur ersten Aufnahme.

– Motiv durch den hellen, klaren Sucher anvisieren und …

– Auslösen.

Verwenden Sie KODAK-Filme Nr. 126 in der KODAPAK Kas­sette (für blitzschnelles Laden und Entladen). Sie können Schwarz­weiss­bilder, Farbbilder und Farbdias machen, je nachdem welchen Film Sie verwenden.1

Im Nachlass meines Großvaters fanden sich zwei Kameras. Eine Kodak Instamatic 100 und eine Zeiss Ikon Nettar 515/2. Als ich mich auf den Weg machte, mehr über das Leben meines Großvaters zu erfahren, beschloss ich, die Orte, die ich besuchen würde, mit seiner Originalkamera zu dokumentieren. Eigentlich hätte ich mich aus einer Vielzahl von Gründen für die Zeiss Ikon entscheiden müssen: Dieser Apparat hatte Karl an die Fronten des Krieges begleitet. Seine mit dieser Kamera gemachten Aufnahmen würden eine wichtige Rolle bei meinen Recherchen und in diesem Buch spielen. Die Zeiss Ikon ist außerdem die eindeutig bessere Kamera, die Instamatic eher ein Spielzeug, gekauft irgendwann in den 1960er-Jahren. Trotzdem beließ ich die Rollfilmkamera, wo ich sie gefunden hatte. Aus zwei einfachen Gründen: Erstens bin ich ein mise­rabler Fotograf – die Zeiss hätte mich überfordert – und zwei­tens habe ich meinen Großvater nie mit der Zeiss-Kamera fotografieren sehen. An die Instamatic in seinen Händen kann ich mich aber gut erinnern.

Leider wurde die Produktion der für die Instamatic not­wen­digen Kassettenfilme 2007 eingestellt, sodass ich gezwun­gen war, schon abgelaufene Filme im Internet zu ersteigern, aber irgendwie passt das ja zum Projekt, dachte ich mir.

1 Aus einem Werbetext der Firma Kodak für die Instamatic-Kamera (1960er-Jahre).

Prolog oder „Jever Licht“

„Man besucht sich ja nur selber, wenn man zu den Toten geht.“

(Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm)

Mein Opa, Karl Krüger, starb am 17. Mai 1993. Kurz zuvor, es mag am Freitag, den 7. Mai, gewesen sein, bekam ich mein Abiturzeugnis ausgehändigt. Meine Eltern waren damals zur Kur irgendwo im Süden der Republik und wir nutzten, recht schamlos, die Abwesenheit der Erziehungsberechtigten aus, um in ihrem Haus Party zu machen.

Meine Großeltern lebten auf dem gleichen Grundstück wie wir. Sie bewohnten das alte Fach­werkvorderhaus, wohingegen wir im Neubau zum großen Garten hinaus residierten. Ich erinnere mich noch genau an die mal wohlwollenden, mal skeptischen Blicke und Kommentare meines Opas – ja, auch der Oma – bezüglich des sich vor ihren Augen abspielenden tagelangen Abitur-Party-Rausches. Meine Oma – Toni war ihr Name, stand auch so in ihrem Pass – kam dann mit grimmigem und leidendem Blick die kurze Treppe hinauf, die vom Alt- zum Neubau führt, und versuchte, uns die ausgelassene Stimmung zu vermiesen, indem sie sich über die Lautstärke beschwerte und nachfragte, ob denn die Freun­dinnen und Freunde, die da auf dem elterlichen Teppich und Sofa herumlungerten, nicht auch einmal nach Hause müssten. Es war mir peinlich, wenn sie das tat, mich vor meinen Freun­den zurechtwies.

Dies war auch das Wochenende, an dem ich mit meinem Mitschüler Jörg versuchte, so viele Hannen-Alt-Flaschen leer­zu­trinken und auf den Terrassenboden zu platzieren, bis dieser komplett mit Flaschen gefüllt wäre. Mein Opa ging, während wir uns oben der x-ten Altbierflasche widmeten, unten an der Terrasse vorbei in den Garten, schaute kurz herauf und meinte, ob es nicht Zeit wäre, ein paar leere Flaschen in den Alt­glas­­container zu bringen. Unser Anliegen blieb ihm unver­ständlich.

Zu erwähnen sind wohl auch die ausgedehnten, sich auf dem Wohnzimmerteppich abspielenden, nicht so recht erfolg­reichen Annäherungsversuche an Nicole, einer Frau, die nach­haltig mei­n­en Geschmack, vor allem in Bezug auf Musik, Kleidung und Kunst sowie natürlich in Bezug auf Frauen geprägt hat. Ich verehrte Nicole, die auch in meinem Abitur­jahrgang war, schon seit Jahren. „Verehrte“ ist zu schwach, ich himmelte sie an. Sie verkörperte, was ich mir unter dunkel, alternativ und unangepasst vorstellte. Sie trug immer schwarz, hatte seltsam andere Freunde und hörte Musik, die sonst nie­mand, den ich kannte, mochte, geschweige denn kannte. An einem dieser Abende, irgendwann zwischen der Zeugnis­ausgabe und dem Tod meines Großvaters, brachte sie einige ihrer Schallplatten mit, wir öffneten einen schweren roten Franzosen aus dem Keller meines Vaters, rauch­ten, lagen auf dem Wohnzimmerteppich und degustierten Nicoles Tonträger: Es war die 1989 erschiene LP Haus der Lüge von den Einstür­zenden Neubauten, die mich völlig aus dem Konzept brachte. Ich erinnere mich an eine stundenlange Diskus­sion mit Nicole über eine Zeile aus dem Mund des Sängers der Neubauten: „Gott hat sich erschossen, ein Dachgeschoss wird ausgebaut“. An dieser Stelle sollte vielleicht gesagt werden, dass weder Nicole noch ich aus einer aufgeklärten, urbanen Bildungs­bürger­familie kamen, sondern dass sich all dies in einem klei­nen Dorf in Niedersachsen abspielte.

‚Gott ist tot‘ und die Unverblümtheit, mit der diese These aus den Blaupunkt-Lautsprechern meiner Eltern hallte, war für uns noch verstörend. Hinzu kam, dass es genau diese Platte war – auf ihrem Cover ist ein pinkelndes stilisiertes Pferd abge­bildet –, vor der mich unser Gemeindepastor gewarnt hatte: Denn als sich im Jahr zuvor, ausgerechnet am Neujahrsmorgen 1992, unser Mitschüler S. das Leben nahm, machten dessen Eltern und Pastor den schlechten Einfluss eben dieser Lang­spielplatte hierfür verantwortlich. S. hatte außerdem ein Tour-Poster mit der Coverabbildung in seinem Zimmer aufgehängt und liebte die Neubauten, so berichtete es mir immerhin der Dorfpfarrer. Mich hat Haus der Lüge bisher nicht in den Selbst­mord getrieben, eher dazu, mir nach und nach alle Veröf­fentlichungen der Einstürzenden Neubauten zu kaufen.

Der 17. Mai 1993 war ein an sich schöner Tag, die Sonne schien und eine Vorahnung des bevorstehenden Sommers lag in der Luft. Das Wochenende war alkoholdurchsetzt gewesen, das Vorhaben, die Terrasse mit Altbierflaschen zu füllen, war letztendlich doch an Jörgs und meiner Müdigkeit gescheitert und auf später verschoben worden. Für den Montag war bis­her nichts Bestimmtes geplant, wobei man nie wissen konnte, was der Abend, die Nacht an spontanen Zusammen­künften und Besäufnissen noch bringen konnte. Ich erinnere mich nicht, wo sich mein fünf Jahre jüngerer Bruder an diesem Nachmittag aufhielt, vielleicht war er bei Freunden? Bei den Pfadfindern? Oder saß er mir gegenüber, als ich auf der Terrasse an einer Flasche von dem übrig gebliebenen Hannen-Alt nuckelte und viel zu lauter Musik durch die geöffneten Terrassentüren lauschte? Ich werde ihn später fragen und seine Erinnerungen nachtragen müssen. Karl oder besser Kalle – wir nannten ihn Opa Kalle, dass sein richtiger Name Karl war, habe ich erst viel später begriffen – kam in den Garten, holte sich einen Klappstuhl aus seiner Garage, setzte sich und be­gann, ein Kreuzworträtsel zu lösen. Irgendwann gesellte sich Toni dazu. Ebenfalls mit einem Kreuzworträtsel bewaffnet, füllten beide nun ihre Kästchen aus. Es war ungewöhnlich warm an diesem Sonntag (ich will dies hier betonen, weil es in meiner Erinnerung einen zentralen Platz einnimmt). Mein Groß­vater war Diabetiker und hatte außerdem nach einer schweren Magendarmoperation (war es Darmkrebs gewesen?) einen künstlichen Darmausgang, den er, vor sich geschnallt, mit sich herumtrug und ihn viel dicker aussehen ließ, als er in Wirklichkeit war. Aus diesen Gründen musste er sich beim Alkohol zurückhalten, was er auch tat: Er trank seit Jahren nur noch Light-Bier der friesischen Jever-Brauerei und meine Oma hatte sich ihm irgendwann solidarisch angeschlossen. Es war zu einem täglichen Ritual der beiden geworden, diese kleinen, schlanken Flaschen mit dem grün-weißen Etikett zu leeren. Mein Bruder und ich, und eigentlich auch meine Eltern, machten sich lustig über dieses Light-Bier-Getrinke – zumal beide Großeltern nicht in der Lage waren, das englische Wort light auszusprechen, weshalb bei ihnen das Getränk „Jever Licht“ hieß.

Karl hatte Diabetes, nahm Blutdruckpillen ein und war ein kriegsversehrter Mann, Ende 70, dem man nach seiner Darm­operation – bei guter Pflege! – allerhöchstens noch fünf Jahre versprochen hatte. Diese fünf Jahre hatten sich am 17. Mai nahezu verdoppelt. Karl Krüger ruft also seiner Frau Toni, mit der er zu diesem Zeitpunkt fast 50 Jahre verheiratet ist, hinter­her und bittet sie, ausnahmsweise ein Weizenbier aus den Vorräten meiner Eltern mitzubringen. Ich glaube, mich daran zu erinnern, dass sie sich noch einmal umdrehte und nach­fragte: „Bist Du sicher?“ Er nickt und sie geht. Eine Viertel­stunde später sitzen beide wieder da und Karl hält ein großes Glas Erdinger oder Franziskaner Hefeweizen in der Hand. Er trinkt, steht mit dem Glas in der Hand auf und fühlt sich irgendwie nicht gut.

Der Rest des Abends verläuft, soweit ich mich entsinne, unspektakulär. Ich gehe relativ früh ins Bett. Der Vorabend und die Abende davor haben ihre Spuren hinterlassen, wahr­scheinlich falle ich todmüde in mein Hochbett und schlum­mere innerhalb von Minuten ein. Eines der Fenster – es sind drei an der Zahl, die vom Erker meines Zimmers auf die Dorfstraße schauen – ist gekippt. (Ich halte das bis heute so und bilde mir ein, ansonsten zu ersticken.) Gegen halb drei wache ich auf. Die Sirene eines Rettungswagens reißt mich aus dem Schlaf. Sie ist so laut, so nah, dass ich aufstehe und aus dem Fenster sehe: Dort unten, auf der Straße, steht eine Ambu­lanz. Das Blaulicht spiegelt sich in der Scheibe meines Fensters. Das Martinshorn ist mittlerweile abgestellt, der Wa­gen hat sein Ziel erreicht.

Dass sich irgendetwas im Haus meiner Großeltern ereignet haben musste, war mir gleich klar. Dass es sich theoretisch ja auch um meinen Bruder, der im Nebenzimmer schlief, hätte handeln können, kam mir gar nicht erst in den Sinn. Hatte ich schon in diesem Augenblick eine Vorahnung? Dachte ich noch, der Krankenwagen sei wegen meiner Großmutter gekommen? Oder wusste ich schon, dass mein Großvater gerade gestorben war? In der Rückschau will es mir so erscheinen, aber ob hier die Verklärung gute Arbeit geleistet hat oder ob es wirklich so gewesen ist, vermag ich nicht mehr mit Sicherheit sagen.

Ich kletterte die Sprossenwand herunter, die die erste Etage meines Zimmers mit dem Erkerraum verband, und nahm die zwei weiteren Treppen, die hinüber zum Altbau meiner Großeltern führten. Hierzu musste ich den Flur überqueren, der den Alt- mit dem Neubau verbindet. Die Haustür steht sperrangelweit offen. Nothilfeausrüstungsgegenstände stehen im Flur herum, das Blaulicht des Krankenwagens erhellt flackernd blau den schlauchartigen Raum. In der Wohnung der Großeltern sitzt Toni, meine Großmutter, im Sessel. Sie wirkt aufgeregt und schläfrig zugleich. Der Sanitäter teilt mir die schon erahnte unfassbare Neuigkeit mit und sagt, dass er ihr ein Beruhigungsmittel gespritzt habe. Mein Bruder ist aufge­wacht, herbeigelaufen und steht neben mir. Der Tote liegt oben im Schlafzimmer im Ehebett, es war ein Herzinfarkt. „Da war nichts mehr zu machen, als wir kamen, war er schon tot.“ Der Rettungssanitäter von eben zuckt mit den Schultern: „Mein Beileid.“ Sein Kollege räumt derweil die Gerätschaften wieder zusammen und trägt sie zum vor dem Haus stehenden Kran­kenwagen.

Außer den beiden Sanitätern war noch ein Hausarzt aus dem Nachbardorf anwesend, der mich fragt, ob denn die Eltern nicht zu Hause seien. „Nein, die sind auf Kur“, erwi­dere ich. Die Großmutter im Sessel kommt für einen Moment aus den Tiefen des Beruhigungsmittelrausches zurück in das Hier und Jetzt: „Wir müssen Frau Krick anrufen! Wo habe ich bloß die Nummer?“ Frau Krick und der Tod waren in unserem Dorf nicht voneinander zu trennen; sie leitete das örtliche Beerdigungsunternehmen, eine „Dorfinstitution“, wie der Fri­seur­salon des Toten eine war. Die Sanitäter verab­schieden sich, eine Schiebetür knallt metallen und der Kran­kenwagen fährt ab.

„So, mehr kann ich auch nicht für euch tun. Ich komme dann morgen nochmal vorbei, um ihr eine Spritze zu geben“, sagt der Arzt. „Am besten ihr ruft jetzt irgendwelche Ver­wandten an, dass jemand vorbeikommt ...“, fügt er hinzu und geht. Ich schaue meinen Bruder an. Wir beide sind einiger­maßen überfordert mit der Situation. Keiner von uns traut sich, hochzugehen und den Toten anzuschauen. Ohne den Toten selbst gesehen zu haben, ist die Situation aber reichlich surreal. Habe ich das vielleicht alles nur geträumt?

Meine Oma sackt wieder weg, nicht ohne vorher wiederholt zu haben, dass Frau Krick anzurufen sei. Ich suche im hand­geschriebenen Telefonregister meines Großvaters die Nummer des Beerdigungsunternehmens, finde sie dann aber schließlich im Örtlichen Telefonbuch. Die Wählscheibe des grünen Telekomapparates surrt. Frau Krick verspricht, am frühen Morgen vorbeizukommen. Ich versuche, meine Tante zu errei­chen, die ein paar Dörfer weiter wohnt. Es ist mitten in der Nacht. Irgendwann erreiche ich eine verschlafene Stimme; ihr Mann verspricht ebenfalls am Morgen da zu sein.

Was folgte, war eine der längsten Nächte meines Lebens: Die Großmutter zwischen wachen und apathischen Bewusst­seins­zuständen hin- und herschwankend: plötzlich ganz wach, rational und abgeklärt, dann wieder weit weg und vor sich hin­starrend. Eine zutiefst seltsame Atmosphäre: oben der tote Groß­vater und unten seine unzurechnungsfähige Frau mit ih­ren beiden Enkelkindern.

Für mich war diese Nacht eine Initiation. Ich bin in dieser Nacht erwachsen geworden.

In der Frühe – wir waren wohl kurz auf dem Sofa eingedöst – kommt die Beerdigungsunternehmerin mit ihrem Sargkatalog. Es handelt sich um ein damals noch geläufiges Fotoeinsteck­büchlein, auf einer Albumdoppelseite haben genau zwei Fotos Platz. Links sieht man Särge, rechts den dazugehörigen Blu­men­schmuck. Unter jedem Bild steht der Preis. Umso weiter man blättert, umso teurer werden die Erdmöbel und umso auf­wendiger die Dekoration. (Ob diese Profiteure des Todes wohl heute ein Tablet mitbringen und langsam von einem Sargmodell zum anderen wischen?) Frau Krick löst die angespannte Situation professionell mit einem „Herzliches Beileid“ und meint, jetzt müssten „wir“ ja dieses tun und jenes aussuchen. Die „Wir“-Form verfolgt pädagogische und kauf­männische Ziele. Mich widert das Ganze an. Wir wählen einen einfachen hellen Holzsarg. Ich glaube das billigste Modell. Die Abneigung, der guten Frau Krick Geld in den Rachen zu schmeißen, befördert diese Entscheidung. Außerdem hätte der Tote nicht gewollt, für seine Beerdigung mehr als das unbe­dingt Notwendigste auszugeben. Später bekomme ich dann kritische Bemerkungen von nahen Verwandten zu hören, denen der letzte Gang ihres Vaters zu schnöde war. Gestört hat mich das aber nicht.

Gegen neun kommt dann die ältere Tochter, meine Tante, mit ihrem Mann und eine künstliche Geschäftigkeit erfüllt das Haus. Der Onkel sitzt im Stubensessel liest und kommentiert lauthals die Tageszeitung. Wir beide, mein Bruder und ich, sind wieder die Enkelkinder, die man nicht allzu ernst nehmen muss. Mein Erwachsenensein hat nicht lange angehalten. Irgend­wann kommen dann auch unsere Eltern zurück. Der Tod des Großvaters wird Normalität, die Leiche eingesargt und schnell weggebracht.

Der Geruch des Desinfektionsmittels erfüllt den Flur noch tagelang und ist mir bis heute nicht aus der Nase gegangen. Die Person selbst, die sich da für immer entmaterialisiert hat, spielt bei all diesem schon kaum noch eine Rolle. Mit Es-muss-ja-weitergehen-Phrasen wird die Rückkehr in die Alltagsroutine eingeleitet.

Mein Bruder und ich gehen nach der Beerdigung nicht zum anschließenden Kaffeetrinken in die Dorfkneipe – ein sinn­loses, hohles Ritual, dem Ereignis und dem Toten unwürdig. Wir nehmen stattdessen unsere Räder und fahren zum nächst­gelegenen Baggersee.

Transgenerationales Schweigen

Was mache ich hier nur? Ich sitze seit Wochen, ja Monaten, am Schreibtisch, betrachte uralte Schwarz-Weiß-Fotografien, ana­lysiere Dokumente und Urkunden, treibe mich in tenden­ziösen Internetforen herum und schreibe Notizen in mein kleines rotes Moleskine. Der Zufall will, dass ich dies genau im hun­dertsten Geburtsjahr meines Großvaters tue, um den es bei den ganzen Recherchen ja geht. Das habe ich aber erst bemerkt, als ich im Werk des Nachkriegsschriftstellers Arno Schmidt nach parallelen Mustern, Einstellungen und Thema­tiken suchte und mir hierbei sein Geburtsjahr 1914 auffiel. Was – an anderer Stelle hierzu mehr – nicht die einzige Parallele bleiben sollte.

Wenn ich die Fragen stelle: Wo war mein Großvater Karl Krüger im Zweiten Weltkrieg? Was hat er dort getan? Was hat man ihm damals angetan? Dann frage ich mich zugleich, warum ich das wissen will, denn dies war ja im Grunde die Frage der ersten Nachkriegsgeneration, der ich gar nicht angehöre. Ich bin 1972 geboren. Als mögliche Antwort könnte aber herhalten, dass sich meine Eltern dieser Frage ja nie gestellt haben, mein Fragen also ein ‚nachholendes‘ Fragen ist. So ganz will mir das jedoch nicht einleuchten. Denn das würde ja heißen, dass ich heute hier nicht sitzen würde, wenn meine Eltern ihre Eltern gefragt und meine Großeltern zu einer Auseinandersetzung gezwungen hätten. Ist da vielleicht etwas dran? Vielleicht insofern, als dass meine heutige Beschäftigung mit dem Leben meines Großvaters definitiv eine andere wäre, wenn es in meiner Jugend einen Dialog, einen Austausch über seine Vergangenheit zwischen den drei Generationen gegeben hätte. Dieser Austausch hat aber nicht stattgefunden: Meine Eltern haben nicht gefragt, die ungestellte Frage wurde nicht beantwortet und das Gesamtthema beschwiegen.

Es geht im Kern um Schuld und Leid, aber auch um Erkenntnis. Um eine empathische, die nachfühlen und ver­stehen will. Es will mir erscheinen, als ob der Fluch der Großelterngeneration bis heute auf uns lastet und dies nicht nur in einem kollektiven Sinne einer viel beschworenen deutschen Verantwortung oder Kollektivschuld, sondern auch in einem individuellen und psychologischen. Es ist ein dunkler Schatten, der kaum sicht- oder wahrnehmbar – und oft nicht einmal mehr seinem Ursprung zuordenbar – auf uns lastet. So fühlt es sich für mich zumindest gerade an.

Solche über Generationen hinweg weitergegebenen Trau­ma­erfahrungen sind mir zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem Völkermord an den Armeniern begegnet. In den Jahren 2009 bis 2013 koordinierte ich ein türkisch-armenisches Versöhnungsprojekt, das versuchte, junge Erwachsene aus bei­den Ländern über die Arbeit mit Zeitzeugen einander näher­­zubringen. Die Teilnehmer des Projekts führten unter wis­sen­schaftlicher Anleitung Interviews mit älteren Armeniern und Türken durch. In Armenien konnten wir über 100 Zeit­zeugen-Interviews, teilweise bis zu zwei Stunden lang, trans­kri­bieren, sodass ein ganzes Archiv an Geschichten entstanden ist. Es war für mich sehr faszinierend zu hören, wie detailliert sich diese Menschen an etwas erinnerten, was sie selbst nicht erlebt hatten. Ja, an etwas, was sogar ihre Eltern nicht selbst erlebt hatten. Einige der Interviewten waren sogar so jung, dass es sich bei ihren Erinnerungen schon um Überlieferungen der Urgroßeltern handelte. Kein Wunder, waren doch die Verbrechen um das Jahr 1915 begangen worden. Das, an was sie sich erinnerten, war also über bis zu vier Generationen weitergegeben worden. Auf türkischer Seite, also der Täter­seite, herrschte eine ähnliche Situation wie bei uns vor: im Prinzip nicht viel mehr als Schweigen.

Die Armenier, mit denen unsere Projektteilnehmer spra­chen, vermittelten mit ihren überlieferten Geschichten über Mord, Vergewaltigung und Vertreibung vor allem eines: ein tiefsitzendes transgenerational überliefertes Trauma. Es gibt Studien hierzu, die besagen, dass diese traumatischen Erleb­nis­se mit zunehmender Distanz zu ihrer Entstehung nicht abneh­men, sondern sich sogar verstärken können. So war auch mein Eindruck bei diesen Interviews. Gut erkennbar war, dass das, was überliefert wurde, sich mehr und mehr aus dem kulturellen Gedächtnis der Nation speiste und dass der Anteil tatsächlich überlieferter Erinnerungen der Vorfahren abnahm.

Die Sozialpädagogin Kristina Tambke spricht davon, dass traumabezogene Gefühle und deren Aufarbeitung an die nach­folgenden Generationen delegiert werden. Dies trifft sowohl auf die Armenier als auch auf meinen Untersuchungs­­gegen­stand zu. Das nicht thematisierte angerichtete und ertragene Leid, die fehlende Aufarbeitung und Auseinander­setzung mit der eigenen Vergangenheit mündeten und münden in emo­tionales Schwei­gen. Eine Stille, die die erlittenen Traumata emotional ver­schweigt. Wer in dieser Atmosphäre auf­wächst, bleibt hier­von nicht unberührt. Emotional ver­schlos­sene Eltern und Groß­eltern erziehen Kinder, die ebenfalls ver­schlos­sen sind. In der Familie entsteht ein gene­rations­übergreifender Verdrän­gungs­me­chanismus. Die Kinder nehmen Teile dieses Leids unbewusst auf und machen es zum Teil ihrer eigenen Identität, ohne die eigentlichen trauma­tischen Erlebnisse zu kennen. Es ist dann ein fremder Teil des eigenen Ichs. Da das Trauma an sich gar nicht mehr bewusst ist, ist es umso schwerer, diese Delegation zu erkennen und sie aufzuarbeiten. In der Familie herrscht ein unausgesprochenes Gebot, dass über das Trauma selbst und auch über seine generationsübergreifende Präsenz nicht ge­sprochen wird. Die Weitervererbung des Traumas plus Schwei­ge­gebot werden zu einer belastenden Krankheit für die Familie. Das Problem wird aber gar nicht erkannt, die einge­schränkte emotionale Kom­munikationsfähigkeit, da nicht er­kannt, als normal angesehen. In einer solchen Umgebung bin ich aufge­wachsen, in einer ähnlichen scheinen meine Eltern aufge­wachsen zu sein.

Ich bin immer noch dabei, mir erklären zu wollen, warum ich hier sitze, warum ich das Leben meines Großvaters erforsche, warum ich wissen will, wo er zwischen Mai 1942 und Kriegs­ende war. Denn über diese Zeit gibt es keine Hinweise. Alles scheint wie ausgelöscht, vernichtet vielleicht. Vielleicht will ich verstehen, wieso es so war, wie es war in meiner Familie. Viel­leicht will ich mir erklären, warum ich selbst so bin, wie ich bin, und nicht anders kann.

#Reminder

Ich gehe auf und versinke im Schlamm meiner Erinnerungen

Überall an den Wänden meines Zimmers hängen Reminder

Ihre vermeintlich heimelige Nostalgie starrt mich an

Ihre bohrenden Blicke schnüren mir die Kehle zu

Ich will sie in einen großen Umzugskarton werfen und wegsperren im Keller

Aber sie wehren sich so heftig, sie schreien: „Fass uns nicht an! Lass uns da, wo wir sind!“

Sie drohen auszupacken und die ganze Wahrheit zu sagen

Ich lasse sie also, wo sie sind, und versuche, an ihnen vorbei, durch sie hindurch zu schauen

Manchmal setze ich mich in ein anderes Zimmer, um ihnen zu entkommen

Schon zieht es mich zurück hierher

Das Arbeitszimmer meines Großvaters

Das Arbeitszimmer meines Großvaters war vielleicht acht Quadratmeter groß. Rechter Hand stand ein massiver dunkel­brauner Holzschreibtisch im Art-Deco-Stil, schätzungs­weise aus den 1930er-Jahren. Links und rechts hatte er Türen, hinter ihnen ausziehbare Läden in hellem Holz mit englischem Zug. In der Mitte eine mächtige Schublade, deren Frontplatte sich stilbrechend in den Raum hineinwölbte. Rechts neben dem Schreibtisch stand ein Eckschrank aus den 1960er-Jahren, in dem Aktenordner und – wenn ich mich recht erinnere – Foto­alben lagerten. Über dem Schreibtisch, in die Wand gedübelt, aus derselben Zeit, ein Regal bestehend aus zwei Brettern, die auf einem schwarzen filigranen Metallgerüst auflagen. Auf den Regalbrettchen standen kleine Modelle von Kriegsflugzeugen (eine Hawker Hurricane der Royal Air Force war darunter) – ich erinnere mich daran, wie sie Karl an seinem Schreibtisch sitzend zusammenbaute. Ich fand das damals komisch, im Sinne von seltsam, ihn so dasitzen zu sehen, einen erwach­senen Mann, der Plastikflugzeuge zusammensteckt. Ich habe ihn damals gefragt, warum er das macht, und ich glaube, ein „Einfach nur so!“ als Antwort erhalten zu haben. An der gegenüberliegenden Wand zum Schreibtisch standen ein Tisch und ein kleines Sofa. (Oder war es ein Sessel? Hier ver­schwimmt meine Erinnerung.)

Die Großeltern wohnten in einem Fachwerkhaus mit angebautem Friseursalon, ihrem Friseursalon. Vom Flur aus ging es links in die Küche und rechts in das Wohnzimmer, die Stube. Vom Flur führte eine gedrehte Holztreppe in das zweite Geschoss, wo sich auch das Arbeitszimmer befand. Setzte man einen Fuß auf die Treppe, so knatschte sie wie die Sargdeckel in gruseligen Vampirfilmen – so zumindest die Wahrnehmung des damals 14- oder 15-Jährigen. Man trat also in die Wohnung ein, sah die Großmutter in der Küche werkeln, wollte aber zum Großvater, fragte, wo er denn sei, bekam die Antwort „Im Arbeitszimmer“, stieg die quietschende Treppe hinauf und sah ihn gedankenversunken an seinem Schreibtisch sitzen. Erfreut mit einem Lächeln schaute er dann auf. Halb weiter mit seinen Schreibarbeiten beschäftigt, halb sich schon auf die Anwesen­heit seines Enkels konzentrierend, fragte er schließ­lich: „Na, was ist los?“ oder nutzte eine andere belanglose Floskel, um in den Dialog einzusteigen. An einem dieser Tage, es muss Mitte der 1980er-Jahre gewesen sein, habe ich angefangen, ihn nach dem Krieg zu fragen.

Was hatte damals nur meine Neugier am Krieg geweckt? Sicherlich spielte da die Schule eine Rolle, die das „Dritte Reich“ jedes Jahr aufs Neue thematisierte (den Holocaust hin­gegen fast gar nicht!). Eine Rolle spielten bestimmt auch meine musikalischen Vorlieben, geprägt durch den Platten­schrank meines Vaters, der zwar selbst nie ein Hippie gewesen war, ihre Musik aber liebte. Ich hörte mit großem Interesse Eric Burdon & The Animals, versuchte, die Texte rauszuhören, zu verstehen, um was es ging – was mir dank des fortschreitenden Englischunterrichts auch immer besser gelang. Burdon sang über den Vietnamkrieg, über Protest, Da­gegensein und einen anderen, mir exotisch und spannend er­schei­nenden Lebensstil, weit weg von meinem Dorf. Irgendwie kam eins zum anderen und die Frage der 68er war meine Frage geworden, wohl auch, weil sie von meinen Eltern nie gestellt worden war.

Ich wollte aber nicht nur wissen, was mein Großvater womöglich im Krieg verbrochen hatte, sondern war insgesamt an der Schilderung des Krieges und des Erlebten interessiert. Diese eher grundsätzliche Neugier überwog ganz klar. Zorn verspürte ich jedenfalls keinen. Das unterschied mich von den Fragern der ersten Generation, die es ja in unserer Familie nicht gegeben hatte. Die Kriegserlebnisse der Großväter waren bis dato kein Thema gewesen, es war in unserer Familie, als wäre ein geheimes Schweigegelübde verabredet gewesen: We­der meine nach dem Krieg geborenen Eltern noch meine Großeltern redeten darüber. Wann immer man das Thema anschnitt, erntete man nichts als eine Stille, gefüllt mit Unbe­hagen, oder ein paar nichtssagend hingeworfene Sätze, deren Intonation eindeutig keine Lust auf ein Weiterfragen oder Nachhaken machte.

Nichtsdestotrotz nahm ich also eines Tages, vielleicht im Jahr 1986, all meinen Mut zusammen und begann, meinen Großvater zu fragen, am Anfang ganz allgemein und unver­fänglich, etwa so: „Sag mal Opa, wo warst du denn überall im Krieg? An welchen Orten, meine ich?“ Er war wahrscheinlich sehr verdutzt, als er zum ersten Mal eine solche Frage aus dem Mund seines halbwüchsigen Enkelsohnes hörte. Und ich bin mir sicher, dass er die Frage mit einer Handbewegung abgetan hätte, wenn sie jemand aus der Generation seiner eigenen Kinder gestellt hätte. Aber seinem Enkel konnte er eine Ant­wort schlecht abschlagen. Er war ja unverdächtig. Er zögerte, wog ab und entschied sich dann dafür, nicht einfach zu schwei­gen, sondern zumindest irgendetwas zu entgegnen. Viel­leicht dachte er: „Na gut, ich werde jetzt irgendeine lustige Anekdote erzählen und dann ist wieder Ruhe.“ Was er dann bei unserer ersten Interviewrunde in seinem Arbeitszimmer er­zählte, war dann auch mehr eine Anekdote. Ich glaube, es ging um eine Begebenheit zu Beginn des Krieges, bei der Besetzung Frankreichs. Er hatte einer Nachschubeinheit ange­hört und sie hatten in einem besetzten Dorf oder auf einem Landgut den Sektkeller geplündert. Für die Kameraden hatten sie anschlie­ßend eine feuchtfröhliche Party veranstaltet. Das ist das, woran ich mich so ungefähr erinnern kann. Schon früh fragte ich ihn, ob er denn auch im Osten an der Front gewesen sei, zum Beispiel in Stalingrad. Gelogen hat Karl mir gegenüber, so glau­be ich, nie. Er antwortete dann immer: „Ja, in Stalingrad war ich auch.“ Aber er sagte es so, dass mir klar war, dass es besser war, nicht weiterzufragen.

Im Laufe der nächsten Monate und Jahre habe ich ihn immer wieder gefragt und mit jeder kleinen Geschichte, die er mir erzählte, wuchs meine Neugier, mehr über diese mir fremde, ferne und abenteuerlich erscheinende Zeit zu hören. Es faszinierte mich, meinen Großvater noch einmal ganz an­ders und neu kennenzulernen. Er zeigte mir Fotografien, auf denen ein junger, gutaussehender Mann Mitte zwanzig zu se­hen war, er schilderte endlos Episoden aus seiner Zeit bei der Wehrmacht, erzählte von weiten Landschaften, fremden Städten und Völkern. Ich war begeistert. In meinen Kopf ent­standen Bilder und ganze Abenteuerfilme, wenn er erzählte. Ich sah mich selbst als Soldaten weit weg von zu Hause ... Es ging eine seltsame Anziehungskraft von diesem Krieg und seinem Teilnehmer, meinem Großvater, aus. Diese jugend­lichen Tagträume wurden aber immer von einem bitteren Beigeschmack getrübt, denn ich wusste ja, was alles an Leid und Unrecht von Deutschland und deutschen Soldaten ausge­gangen war. Ich spürte so etwas wie ein Schuldgefühl, gar nicht so sehr wegen der Taten meiner Vorfahren, sondern weil ich mich so bedenkenlos dem abenteuerlichen Schwelgen, der Fantasie, Soldat zu sein, hingegeben und somit Verrat an meinen eigenen Überzeugungen verübt hatte, sah ich mich doch selbst als überzeugten Pazifisten. Eine aus diesem Gefühl herauswachsende Verantwortung, gepaart mit einem unstill­baren Bedürfnis, mehr über die Schrecken dieses Zweiten Weltkrieges, von dem ich so viel gehört hatte, zu erfahren, trieb mich dazu, meinen Großvater mehr und mehr mit Fragen über Stalingrad, über das Töten, über den Tod per se zu quälen. Er beantwortete die Fragen zunächst einmal gar nicht. Dann – nachdem ich nicht locker ließ und ihm erklärte, dass es doch für meine Generation wichtig sei, darüber mehr zu erfahren, dazu noch aus erster Hand, von einem der dabei gewesen wäre – begann er, immer noch sehr widerwillig und zögerlich, jedes Wort minutenlang abwägend, erst bruchstückhaft, dann etwas zusammenhängender zu berichten. Seine Erzählungen blieben auch weiterhin auf einzelne Episoden beschränkt, er erzählte, woran er sich vierzig Jahre nach Kriegsende noch erinnern konnte; und ich bin mir sicher, dass er die trau­matischsten Erlebnisse weiterhin für sich behielt. Ich selbst erinnere mich heute – noch einmal fast dreißig Jahre später – nicht mehr an alles, was mir Karl damals erzählte. Zwei Episoden haben sich mir aber tief ins Gedächtnis eingebrannt. Ich erinnere mich genau an die Stimme meines Großvaters, die Atmosphäre und an meine Gefühle während des Zuhörens: Auf meine Frage, ob er denn auch jemanden erschossen hätte, damals im Krieg, antwortete er ausweichend und erzählte die Geschichte von einem Deserteur. (Jetzt, beim Niederschreiben dieser Erinnerungen, bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob nicht meine Frage eine andere gewesen ist, ob ich nicht vielmehr fragte, warum er nicht einfach abgehauen sei, wenn im Krieg doch alles so schlimm gewesen sei.) Karl antwortete auf diese Frage mit einer Geschichte von einem Kameraden, der es nicht mehr aushielt an der Ostfront und sich selbst mit seiner Dienstwaffe in den Oberarm schoss. Um die Wunde authentisch aussehen zu lassen und um die Kugel abzu­bremsen, legte er einen Laib Brot auf den Arm, setzte die Pistole mit ihrer Mündung an, drückte ab und schoss sich eine Kugel durch den Arm. Ich glaube, mich zu erinnern, dass sich diese Begebenheit beim Vormarsch oder beim Sturm auf die Innenstadt von Stalingrad im September 1942 zugetragen hat. Jedenfalls fanden die Sanitäter Brotkrumen in der Wunde und überstellten den Verwundeten der Kriegsgerichtsbarkeit, die ihn als Deserteur zum Tode verurteilte. Die Soldaten der ei­gen­en Einheit mussten das Urteil vollstrecken und den Kame­raden standrechtlich erschießen. Ob mein Großvater selbst zu dieser Einheit gehört hatte, er also selbst Teil des Erschie­ßungskommandos gewesen war, ließ er offen, und ich wagte es nicht, weiter nachzuhaken. Eine bedrückende Stille beherrschte den Raum, nachdem Karl zu Ende erzählt hatte. Nach ein paar Minuten Schweigen lösten wir die Gesprächs­situation irgend­wie auf, und ich verließ das Arbeitszimmer.

Diese Geschichte reichte mir nicht aus. Ja, sie war scho­ckierend und erzählte von der Brutalität des Krieges, was mich ja auch brennend interessierte, aber sie spielte nicht direkt an der Front, im Schützengraben. Der Deserteur war schließlich durch die Kugeln der eigenen Soldaten gestorben, aber ohne Feindkontakt. Und war er nicht auch ein wenig selbst schuld? Da schlugen sie wieder, die beiden Herzen in meiner Brust.

Die nächste Gesprächssituation ergab sich vielleicht erst Wochen später. Ich wollte mehr hören, noch Schlimmeres, eine Art Sensationsgier machte sich in mir breit. Ich bohrte, er zögerte, wich aus, versuchte, das Thema auf etwas anderes zu lenken, ich blieb hartnäckig, und er begann, über etwas zu berichten, dass für ihn sehr schmerzvoll gewesen sein muss: Sie lagen eingegraben irgendwo im heutigen Russland oder der Ukraine, vielleicht war es auf der Krim. Plötzlich hörten sie das Zischen einer Granate, das Geschoss flog direkt auf sie zu und schlug direkt neben ihm ein. Karl hatte sich geduckt, den Kopf rechtzeitig eingezogen, das Gesicht verdeckt. Rauch, Stöhnen, Hilferufe der Verletzten, langsam verließ Karl seine Schutzhaltung und schaute sich um. Dort, wo neben ihm sein Kamerad – an den Namen erinnere ich mich nicht – im Graben gelegen hatte, war nur noch der Rumpf seines Körpers erkennbar. Dort, wo eben noch sein Kopf gesessen hatte: nichts. Im Arbeitszimmer lag ein Knistern in der Luft – Stille, mein Großvater unterdrückt mit Mühe die Tränen. Auch ich bin betroffen und meine Neugier ist fürs Erste gestillt. Es läuft mir kalt den Rücken herunter. Karl braucht einige Minuten, um seine Fassung wiederzuerlangen.

Kurze Zeit später zeigt Karl mir sein auseinanderfallendes Soldbuch, weil ich gefragt hatte, ob er denn bei der SS gewesen sei. Es hatte mich einige Überwindung gekostet, diese mir seit sehr langer Zeit auf den Lippen brennende Frage tatsächlich zu stellen. Sie zu beantworten, war mit Sicherheit nicht einfacher. Das Büchlein mit der Aufschrift „Soldbuch und Personalausweis“ ist in eine schwarze Lederhülle gekleidet. Auf der ersten Innenseite lächelt mich ein sehr junger Soldat Karl Krüger an und auf Seite drei sind seine Beförderungen eingetragen, zwei an der Zahl: am 3. Februar 1940 zum Ge­freiten einer Nachschubeinheit und am 1. Dezember 1941 zum Ober­gefreiten des 5. Infanterie-Regiments 194. Weitere Ein­tra­gungen sind nicht zu sehen. „Ich hatte großes Glück, dass die Beförderung zur SS nur mit Bleistift eingetragen worden war. Als uns klar wurde, dass wir demnächst in Gefangenschaft gehen würden, habe ich den Eintrag einfach herausradiert. Das hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet. Denn die SS-Angehörigen sind gleich zu Anfang aussortiert worden, ich habe meine Kameraden nie wiedergesehen. Ich glaube, die Russen haben die sogleich alle erschossen.“

Ich nehme das Heft, führe es ganz dicht vor meine Augen und halte es gegen das Licht. Ich will sehen, ob es dort Anhalts­­punkte, Überreste gibt, die die Geschichte meines Großvaters stützen. Während ich das tue, frage ich mich insgeheim, ob ich wirklich entsprechende Hinweise finden möchte oder lieber doch nicht. Sollte ich mir nicht besser wünschen, dass er nicht Teil der SS war? Aber irgendwie geht trotzdem ein Nerven­kitzel von der Idee aus, dass er, der hier neben mir sitzt, Teil dieser Mördertruppe gewesen sein soll. Ich prüfe das vergilbte Blatt von beiden Seiten ganz genau; ich kann keinen ein­deutigen Hinweis darauf finden, dass hier etwas entfernt wurde. Ich bin erleichtert und enttäuscht zugleich.

„Und wie bist du da reingekommen, in die SS?“, fragte ich weiter. „Das war ganz am Ende des Krieges in Russland, als schon alles egal war, die hatten einfach nicht mehr genug Leute. Da haben die mich gefragt und ablehnen konnte man das nicht, und plötzlich war ich in der SS, in der Waffen-SS wohlgemerkt.“

Wenn ich heute hier an meinem Schreibtisch in Tiflis sitze und in meinen Garten schaue, frage ich mich, während ich dies tippe: Und was hat er da gemacht? Was waren seine Aufgaben bei der SS? In welche Gräueltaten war er verwickelt? Fragen, die höchst wahrscheinlich jeder von uns mit den zwei Runen assoziieren würde. Leider habe ich ihn all diese Fragen damals nicht gefragt, mich nicht getraut, zu fragen. Nicht getraut, weil ich ihn nicht verletzen wollte? Weil ich mein Bild von ihm nicht zerstören wollte? Weil ich mich selbst nicht mit einem solchen Erbe belasten wollte? Hinzu kam sicherlich, dass er auch keine Anstalten machte, weiterzureden; nonverbal gab er zu ver­stehen: bis hierher und nicht weiter. Wie auch in seinem Kriegs­bericht behielt er einen (entscheidenden?) Teil seines Lebens – die Zeit von Anfang Mai 1942 bis zur Entlassung aus der sowjetischen Gefangenschaft im Juli 1945 – für sich.

Manchmal holte Karl auch sein braunes Fotoalbum aus dem kleinen Eckschrank im Arbeitszimmer: Auf schwarzer Foto­pap­pe, geschützt durch milchige Transparentpapiere mit Spinn­­webmuster und mit Fotoecken fixiert sind dort an die drei­hundert Schwarz-Weiß-Fotos eingeklebt. Mit dem Album auf dem Schreibtisch saßen wir dann zusammen, gingen die Fotos durch und Karl erzählte: „Hier auf dem Vormarsch nach Frankreich ... Aha, das war an der Maginot-Linie. Und hier, das war mein Kamerad Willi in Luxemburg. Hier war ich ein­quartiert in Laußnitz. Das ist ein Truppenübungsplatz irgend­wo bei Berlin.“ Fotos, die ihn an die traumatischen Erlebnisse an der Ostfront – in Kiew, Charkow oder Stalingrad – erin­nerten, überblätterte er unkommentiert, wenn ich nicht um Erklärung bittend insistierte.

Seinen Kriegsbericht hat Karl in einen langen, schmalen Kalender eingetragen, den er, wenn wir über den Krieg re­deten, zu Hilfe nahm, um sich zurückzuerinnern. Im Kalen­der sind die Stationen des Krieges mit Datum und Ortsangabe verzeichnet. Nicht alle.

Kriegsbericht – Teil 1

Der Kriegsbericht von Karl Krüger umfasst nur zweieinhalb Schreibmaschinenseiten. Er beginnt mit der Auflistung: „Meine mir noch bekannten Feldpostnummern“. Danach folgen Na­men und Adressen von fünf Kriegskameraden und die „Ad­res­sen von Quartieren während des Krieges“, wie am Rand handschriftlich vermerkt ist. Es sind also nicht nur die Namen und Adressen der Kameraden, sondern auch die der Familien und Einzelpersonen, bei denen er während des Krieges unter­gekommen war. Danach folgen, Satz an Satz, Datum an Da­tum, kurz und knapp, die Stationen des Gefreiten, dann später Obergefreiten, Karl Krüger. Auf der Mitte der dritten Seite endet der Bericht mit den Sätzen: „Wir wurden dann auf einen Brückenkopf eingesetzt über eine Kettenbrücke kamen wir auf diesen Brückenkopf. Nach etwa 14 Tagen begann dann der weitere Vormarsch.“ Das letzte genannte Datum ist der 10.05.1942. An diesem Tag kam die 71. Infanterie-Division in Charkow, in der Ukraine an, schreibt Karl und vermerkt lapidar: „Die 71. Division kam bei der Kesselschlacht um Scharkow nicht mehr zum Einsatz.“ Übertitelt ist der Kriegs­bericht jedoch mit der Zeitangabe „Vom 27.08.1939– 29.07.1945“. Warum endet hier der Bericht nach nur zwei­einhalb Seiten im Mai 1942?

Im grauen Ordner, in dem dieser Kriegsbericht zu finden ist, ist auch ein einzelnes Kalenderblatt eingeheftet: Es stammt aus einem Wochenkalender der Firma Gieseke in Hannover, die bis heute mit Friseurbedarf handelt, und umfasst den Zeitraum zwischen den beiden Sonntagen 26. Januar und 1. Februar. Leider fehlt die Jahresangabe, die sich aber nach einigen Recherchen ermitteln lässt: Zwischen 1930 und 1993 fiel der 26. Januar genau zehnmal auf einen Sonntag. Schaut man sich nun das abgerissene Blatt noch einmal genauer an und bezieht die nicht beschriebene Rückseite in die Berech­nung mit ein, so ist für den 28. Januar und den 4. Februar der Stand des Mondes eingetragen, zunehmender Mond und Voll­mond. Legt man nun beides übereinander, so kann das Jahr eindeutig bestimmt werden: Das Kalenderblatt ist von 1958.

Hat er es noch im gleichen Jahr beschrieben oder war es ein alter Kalender, der erst später, in Ermangelung einer Alter­native oder in einem Anflug von protestantischer Sparsamkeit, für den Kriegsbericht herhalten musste? Unwahrscheinlich, dass er ihn noch im gleichen Jahr, als der Kalender noch gültig war, nutzte. Vielleicht ein oder zwei Jahre später, das erscheint mir realistischer. Also 1959 oder 1960? Diese Datierung wirft dann aber neue Rätsel auf, denn wie hat er sich an all die exakten Daten und Adressen des Kriegsberichtes erinnern können, es waren ja mindestens dreizehn Jahre seit Kriegsende vergangen (wenn wir vom frühestmöglichen Jahr 1958 ausge­hen). Irgendwo musste er das alles vorher schon einmal aufge­schrieben haben. Auf losen Zetteln? In einem Kriegs­tage­buch? Es findet sich in seinen Sachen leider kein Anhalts­punkt, der hier weiterführen würde. Hat er die ur­sprüng­lichen Auf­zeichnungen nach dem Übertragen in den Kalender ver­nichtet? Wenn ja, warum? Hat er bei der Auswahl dessen, was er über­tragen hat, aussortiert, gefiltert? Hatten die ursprüng­lichen Aufzeichnungen auch die Zeit von Mai 1942 bis zum Kriegs­ende 1945, so wie der getippte Bericht ja übertitelt ist, umfasst?

In einen solchen Spiralkalender, ein Werbegeschenk der Hannoveraner Firma, hatte Karl seinen Kriegsbericht (oder war das schon die zweite Version?) handschriftlich eingetragen, den eigentlichen Kalender einfach überschreibend. Das ein­zige schon erwähnte, noch erhaltene Blatt beginnt mit dem durchgestrichenen letzten Satz des getippten Berichtes: „[D]ann begann der weitere Vormarsch.“ Danach folgt: „In rus­sischer Gefangenschaft ... Gottswalden (oder Gottswaldern) ... bei Luckenwalde.“ Das Wort „Gottswalden“ ist mit einem krakeligen Strich umkreist, der Stadtname „Luckenwalde“ mit ebensolcher Strichführung unterstrichen. Die nächsten sechs Tages­felder enthalten keine Schrift; den ersten Februar ziert eine weitere Ortsangabe: „Jüterboch (oder Jüterbock)“ – ge­meint ist wohl das bei Luckenwalde liegende Jüterbog. Den Rand hat Karl (in Gedanken versunken?) mit gleichmäßigen Stri­chen markiert. Jeder kurze Strich ein weiteres Ereignis, das dem unvollendeten Kriegsbericht später hinzugefügt werden sollte. Oder markieren diese Striche die Begebenheiten, die Karl bewusst ausgespart hat?

Das Tagesfeld vom 30. Januar ist mit zehn senkrechten kurzen Strichen, wie bei einer Addition, einer Aufzählung ver­sehen. Zehn krakelig nebeneinander gesetzte Striche. Auf das Durchstreichen der ersten vier mit dem fünften h­at er verzichtet, also doch keine Zählreihe? Das Wochenkalender­blatt weist ein paar weiter unzusammenhängend scheinende, scheinbar wahllos hingekritzelte Striche auf. Es scheint ziem­lich offensichtlich, dass Karl irgendwann später die hand­schriftlichen Kalenderseiten abtippte und dabei das schon Erledigte durchstrich. Der getippte Kriegsbericht ist also – höchst wahrscheinlich – erst sehr viel später entstanden. Ich erinnere mich selbst noch an den Kalender als Ganzes. Ich erinnere mich, wie Karl ihn mir zeigte, aus ihm vorlas, erklärte. Vielleicht war es ja sogar mein eigenes Interesse, dass ihn – es muss wohl irgendwann Mitte der 1980er-Jahre gewesen sein – dazu bewegte, das Ganze nochmal in Reinschrift zu bringen. Vielleicht konnte er sich zu diesem Zeitpunkt auch schon gar nicht mehr an das erinnern, was er bei der ersten handschrift­lichen Niederschrift ausgelassen hatte. Wenn, dann sicherlich nur noch bruchstückhaft. Und wollte er das überhaupt, sich erinnern an diese letzten drei Kriegsjahre: Mai 1942 bis Mai 1945?

1958. In diesem Jahr, im September, war Karl Krüger vierund­vierzig Jahre alt geworden. Ein guter Zeitpunkt für eine Rück­schau, ein Resümieren, ein Nachdenken über Erlebtes? Ver­arbei­­tung, Verklärung, Vergessen. Fragen gehen mir durch den Kopf: Warum schreibt man einen Kriegsbericht? (Und dann noch einen, der mehr an ein Itinerar erinnert, Narratives fast völlig auslässt.) Für die Nachwelt? Weil einem die Traumata des Krieges täglich aufs Neue begegnen? Für seine(n) Enkel? Und wieder: Warum lässt man dann das ‚Spannendste‘, den Vor­marsch auf Stalingrad, den totalen Krieg, den Untergang aus? Weil es zu traumatisch wäre, darüber zu schreiben? Weil es un­mög­lich ist, den Stift anzusetzen und das Unsagbare zu sagen? Warum? Was ist da passiert?

Ich versuche, in den Menschen Karl Krüger hineinzu­schauen, mich in ihn hineinzugraben. Je tiefer ich vordringe, desto mehr Rätsel gibt er mir auf.

„Ab August 1942 setzte die 71. Infanterie-Division über den Don, nahmen Karpowka und Rossoschka, bis sie schließ­lich Stalingrad erreichte. Hier wurde die Division im Januar/ Februar 1943 vernichtet.“ So das Ende eines Kampf­berichtes aus dem Internet.

Und dabei fing doch alles so gut an. Verfolgt man die Wegstrecke der ersten drei Jahre, liest sich der Bericht – und ich nehme hier die mündlichen Berichte meines Großvaters an mich als seinen Enkel hinzu – eher wie die Abenteuerreise eines 23-Jährigen: Eingezogen im August 1938, zugeteilt einer Nachschubeinheit, von da nach Kaiserslautern, dann Pirma­sens zur Bewachung eines Munitionslagers am Westwall. Weiter, Ende des Jahres, nach Ruschberg bei Marnheim in Rheinland-Pfalz, Niederkirchen, Grumbach und dann Kom­panie­friseur (!) in Niederkirchen bei Deidesheim, eine wunder­bare Weingegend nebenbei. Vom 18.12.1939 bis 01.01.1940 Heimaturlaub. Weihnachten zu Hause – und das in Kriegs­zeiten. Dann beginnt der Westfeldzug. Karl schreibt: „Über die Luxenburger Grenze am 12.05.1940 morgens um 6 Uhr Über die Belgische Grenze am 14.05.1940.“ Mir ist beim Lesen und wiederholten Lesen der Zeilen, als könnte ich die Euphorie des jungen Soldaten spüren, als könnte diese euphorische Stimme hier zu mir, in das Jahr 2014, in all ihrer Intensität vordringen und sagen: „Endlich passiert etwas! Endlich geht es los! Auf dem Vormarsch in Frankreich!!!!!“ – fünf Ausrufezeichen. Diese fünf, mit aller Wucht tief in das Papier geschlagenen Ausrufezeichen stehen so da, obwohl mindestens zehn Jahre nach Ende des Krieges getippt. Was es für einen 1914 gebo­renen jungen Deutschen bedeutete, in Frankreich einzumar­schie­ren, können wir uns heute kaum noch vorstellen. Als Kind seiner Zeit, geprägt von der überall vorherrschenden Pro­pa­ganda, muss er sich als Teil einer historischen Großtat gefühlt haben. Endlich überwindet Deutschland die „Schmach von Versailles“, zahlt es dem Erbfeind heim. Er muss begriffen haben, dass er Teil eines großen historischen Ereignisses war. Der einfache Soldat, Karl Krüger aus Bierbergen, dessen Vater nichts weiter als ein Arbeiter war, machte Geschichte oder war zumindest dabei, wenn sie gemacht wurde. Ist ihm wirklich dieser Stolz als kalter prickelnder Schauer den Rücken he­runter­gelaufen? Auch noch als er den Kalender abtippte? Oder hatte sich seine Wahrnehmung und Bewertung dessen, woran er beteiligt gewesen war, gewandelt? Ich glaube, er war da hin- und hergerissen. Hin- und hergerissen zwischen der Euphorie seiner Jugend und der Belehrtheit des Älteren, des Nachkriegs­deutschen.

Die Stationen des Vormarsches in Frankreich sind durch je zwei Schrägstriche „//“ voneinander abgesetzt. Das wirkt fast modern, expressionistisch, auf jeden Fall setzt sich so die Geschwindigkeit der fünf Ausrufezeichen ungebremst fort: Mou­son // Stenay // Verdun // Saint Mihiel // Nancy. Stak­kato­haft // Trommelfeuer: Assoziationen. Hier läuft es mir kalt den Rücken herunter. Bei seinen Unterlagen findet sich auch ein etwa DIN A6 großer vergilbter Pappzettel, versehen mit der handschriftlichen Notiz: „Vormarschweg in Frankreich 71. Division“. Zu sehen ist eine Karte der Region zwischen Lu­xemburg, Verdun und Nancy mit der verzeichneten Marsch­­­route, links daneben ein Text in der zeittypischen Frak­tur, überschrieben mit „Soldaten!“, unterschrieben mit „Es lebe der Führer!“, vom Kommandeur der Division Karl Weißenberger. Auch hier spürt man noch einmal die Euphorie: „Ihr habt das Panzerwerk 505 erstürmt und die Höhe 311 erobert. Damit habt ihr als erste deutsche Truppe die eigent­liche Maginotlinie durchbrochen.“ Die Division wurde später „Die Glückliche“ genannt, ein Kleeblatt ihr Symbol – das Glück verließ sie dann spätestens in Stalingrad. Zumindest wenn man 90 Tote, 446 Verletzte und 17 Vermisste aus den eigenen Reihen bei der Er­stürm­ung des besagten Panzerwerkes noch unter ‚glücklich‘ verbuchen mag.

Im Folgenden berichtet Karl immer wieder von seinen Quartieren. „Berichtet“ ist zu viel gesagt, er zählt sie auf. Mir, als Nachgeborenem, war völlig unbekannt, dass Soldaten, die ja sozusagen in offiziellem Auftrag unterwegs waren, so oft privat untergebracht waren: „einqwartiert“, wie es Karl schreibt. Einquartiert mit Familienanschluss, so suggerieren es jedenfalls die Aufzeichnungen: „ich wohnte bei einer Familie Stoffel [...] in Mamer auch in Luxenburg vom 08. bis 10.10 1940 auch in privat Qwartieren untergebracht.“ Später hielt er sich im sächsischen Laußnitz auf, dann die letzte verzeichnete private Unterbringung bei einer Familie Bergmann. Die Beziehung zu den Bergmanns scheint eine intensivere gewesen zu sein. Im Nachlass finden sich zahlreiche Briefe an und von den Berg­manns – und dies bis in die späten 1960er-Jahre hinein.

Nach den Bergmanns in Sachsen begann für Karl Krüger der lange Marsch gen Osten. Erst mit dem Zug, dann zu Fuß, ab und an auf Lastwägen quer durch das südliche Polen in Richtung der heutigen Grenze zur Ukraine. Ich gebe die im Bericht aufgelisteten Städtenamen ein und berechne dank Google Maps die Länge der Reiseroute – einige der Straßen hat es wohl damals nicht gegeben, einige Städte der Route musste ich auslassen, weil ich sie einfach nicht gefunden habe –, runde 1.700 Kilometer sind es aber dennoch von Pulsnitz, dem letzten Ort auf deutschem Boden, bis Kiew. Die Reise ging über Wrocław, Katowice, Kraków, Rzeszów – ich stutze und sehe, wie nah die Stadt Rzeszów an Lublin liegt, die Mutter meiner Tochter ist dort groß geworden, ich selbst war mehr­mals dort. Von dort geht es, in der Nähe von Lubaczów, weiter über die Grenze in die damalige Sowjetunion. Am 18.07.1941 wurde Schytomyr erreicht. Nicht nur mein Großvater erreichte am 18. Juli die 300.000-Einwohner-Stadt, 120 Kilometer westlich von Kiew, am gleichen Tag schlug auch der Stab der berüchtigten Einsatzgruppe C sein Quartier in Schytomyr auf. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicher­heits­dienstes waren ideologisch geschulte Spezialkräfte, die direkt für die Ermordung von Juden, Kommunisten, Roma und Sinti, psychisch Kranken und anderen unerwünschten Personengruppen eingesetzt wurden. Die Vorgehensweise dieser Truppen muss so grauenhaft gewesen sein, dass sich der Generalstabsoffizier des eingesetzten 51. Armeekorps, Robert Bernardis, der Operation Walküre anschloss. Für die Teilnahme am Hitlerattentat wurde er im August 1944 in Plötzensee hingerichtet. Es ist überliefert, dass direkt hinter den vor­rückenden Panzern der Wehrmacht drei Lastwagen der Ein­satz­gruppe in die Stadt einrückten. Kurz darauf wurden alle Juden von Schytomyr ermordet. Kann man am 18. Juli als Wehrmachtssoldat in Schytomyr einmarschiert sein und nichts davon mitbekommen haben? Kann man ein Leben führen, einen Friseursalon eröffnen, zwei Töchter großziehen, ein gu­ter Großvater sein, ohne je darüber gesprochen zu haben? Oder hat er darüber gesprochen? Mit seiner Frau Toni? Un­wahr­scheinlich. Mir jedenfalls wollte er nichts, besser ‚fast‘ nichts, darüber erzählen.

„Stellungskrieg vor Kiew 07.08 bis 24.08.1941“ (Kriegsbericht, Karl Krüger, S. 2)

Stadt der Helden

Ich sitze im sogenannten Zentral-Park in Gyumri, der west­lichsten Stadt Armeniens, direkt an der geschlossenen Grenze zur Türkei und schreibe in mein rotes Notizbuch. Es ist schon fast zwei Wochen her, dass ich in der Ukraine war. Ich hatte dort, in einem sowjetisch anmutenden Platten­bauhotel, mit meiner Kollegin Elena ein Training zum Thema Geschichts­aufarbeitung und Oral History gegeben und danach den anschließenden freien Samstag genutzt, um in eigener Sache Nachforschungen anzustellen …

Alexej trifft uns um 8:30 Uhr morgens vor dem zwölfstöckigen Plattenbau in dem Elena wohnt. Eigentlich sollte uns Pawel treffen. Beide, Alexej und Pawel, kenne ich schon von unserem Training. Sie sind Hobby-Historiker und beschäftigen sich mit der Geschichte der Belagerung Kiews im Zweiten Weltkrieg. Leider tun sie dies auf reichlich unkritische Art und Weise: Bei der Exkursion, die wir gemeinsam mit ihnen und den Teil­nehmern des Trainings gemacht hatten, hinterließen sie einen reichlich militaristischen Eindruck. Wir besichtigten mit ihnen den Verteidigungswall, den die Sowjets in den zwanziger Jahren um Kiew gelegt haben, damals noch um eine mögliche Invasion der Polen abzuwehren. Erstmals genutzt wurde diese aus hun­derten kleinen Vier-Mann-Bunkern bestehende Anlage aber im Jahr 1941 gegen die Deutschen. Die einzelnen Bunker nennt man auf Russisch „DOT“, was eine Abkürzung für Долговременная Огневая Точка ist und auf Deutsch in etwa „Langzeit-Feuer-Position“ heißen könnte. Wir besuchen auch das Grab eines unbekannten sowjetischen Soldaten, den Pawel und seine Freunde am Rande der Haupteinfallstraße gefunden hatten.

Aus dem einfachen Grab ist mittlerweile ein farbenfrohes Mahnmal geworden: Als man den Toten ausgrub, kamen die auf der anderen Straßenseite in kleinen Datschen lebenden Anwohner herüber, interessierten sich und ein Dialog zwi­schen ihnen und Pawels Gruppe entstand. Einer von ihnen mauerte einen steinernen Ring um das Grab, ein anderer setzte einen Stein; man beschriftete ihn, pflanzte Blumen und schattenspendende Bäume und begann, sich um das Grab und die Geschichte des dort bestatteten Soldaten zu kümmern.

Der Boden in den westlichen Vororten von Kiew trägt noch immer die Überreste unzähliger noch unentdeckter und nicht identifizierter Toter deutscher und sowjetischer Herkunft. Bei ihren Recherchen zum DOT-System gräbt Pawels Gruppe fast jeden Monat einen von ihnen aus: Ist es ein Deutscher, so verständigen sie die Kriegsgräberfürsorge, die den Gefallenen dann auf einen der großen deutschen Friedhöfe rund um Kiew umbettet. Manchmal kommen die Verwandten des Toten, um dem siebzig Jahre zu späten Begräbnis beizuwohnen, immer öfter kommt aber niemand. Nach dem Grab des unbekannten Soldaten besuchen wir eine Reihe weiterer DOTs, kleine halb in die Erde versenkte Schießstände.

Durch vier dünne Schlitze wurde auf die nahenden deutschen Faschisten aus wassergekühlten Maschinengewehren geschossen. Ein fünfter Mann bediente das Teleskop in der Mitte des ca. 20 Quadratmeter großen Betonwürfels. Zielen konnte man durch die engen Schlitze nicht. Der Teleskop­mann, vielleicht auch eine Frau (!), ordnete nur an, welches der vier MGs zu schießen hatte. Erobert wurden die DOTs über ihre einzige Schwachstelle: das Teleskoprohr. Die Deutschen schlichen sich an, gelangten unter erheblichen Verlusten irgendwie auf das Dach des Bunkers, sprengten den Stahl­deckel des versenkbaren Teleskops ab und warfen ein oder zwei Granaten in die Öffnung. Des ‚Augenlichtes‘ so beraubt wurde das DOT dann gestürmt und von den Eroberern übernommen. Vor einem dieser Bunker hat die Gruppe Schau­tafeln aus bedruckter LKW-Plane aufgestellt. Auf ihnen wird in russischer und ukrainischer Sprache die militär­tech­nische Seite der Anlage erklärt. Darüber hinaus zeigt eine der Tafeln Bilder von deutschen Soldaten, die Pawel oder jemand aus seiner Gruppe aus dem Internet heruntergeladen hat. Auf einem dieser Bilder sieht man deutsche Wehrmachts­angehörige der 71. Infanterie-Division: Sie haben sich vor dem DOT, vor dem auch unsere Gruppe gerade steht, für die Kamera aufgestellt. Der Bunker auf dem Foto ist an mehreren Seiten durch Granateinschläge schwer beschädigt, die Tür ist heraus­gerissen und eine entrückt daliegende Leiche eines Soldaten der Roten Armee liegt etwa 5 Meter vor dem Eingang zum Bunker. Die drei deutschen Soldaten lächeln in die Kamera.

Heute befindet sich dieser Bunker innerhalb einer in der Chrustschow’schen Zeit gebauten Vorstadtsiedlung: Etwa zehn planmäßig angeordnete, mittlerweile halb verfallene zweistö­ckige Mehrfamilienhäuser rahmen den Bunker ein, unmittel­bar neben ihm ein Kinderspielplatz mit Rutsche und Schaukel. Auf einer Bank sitzen die Alten der Siedlung und schauen dem Treiben im und um das DOT zu. Am Ende der Führung, die Pawel mit viel militärhistorischem Wissen anreichert, spielt ein Alter, der wohl zu Pawels Gruppe gehört, selbstgeschriebene und sowjetische Lieder auf dem Schifferklavier.


Spätestens jetzt habe ich gemischte Gefühle, was den Charakter der Exkursion betrifft. Ich stelle mir die Frage, was eigentlich die Ziele und Überzeugungen dieser Hobby-His­toriker sind: Historische Überreste wie diese DOTs, nos­talgische Gesänge, technische Daten über die Schussfähig­keit der Maschinengewehre usw. usf. Aber was erwarte ich eigent­lich von einer solchen Gruppe hier in Kiew, einer Stadt, die sich an ihrem Eingang selbst „Stadt der Helden“ nennt? Und waren es nicht auch Helden, diese Männer und Frauen in der Roten Armee, die Europa vom Faschismus befreiten?

Es ist mitnichten so, dass die Gruppe irgendetwas Nega­tives über die deutschen Soldaten sagt: Ihre Gräueltaten, Babi Jar oder das Massaker in Schytomyr, um nur zwei von Deutschen vor Kiew begangene Großverbrechen zu nennen, werden gar nicht erwähnt. Niemand wirft mir – als Vertreter der deutschen Seite, als der ich hier, ob ich es will oder nicht, zweifelsohne angesehen werde – irgendetwas vor. Ganz im Gegenteil: Die Männer rund um Pawel bewundern die Sol­daten des Weltkriegs. Diese Bewunderung gilt nicht nur den eigenen, sondern auch den deutschen Soldaten, und dies, obwohl Wehrmachtsangehörige und Sondereinheiten auf brutalste Art und Weise mehrere 100.000 Zivilisten abschlach­teten. Der Kern dieser Bewunderung hat, so glaube ich zu­mindest, etwas mit dem Männlichkeitsbild dieser Ukrainer zu tun: Was waren das damals als Mann noch für gute Zeiten, als ein Mann noch ein Mann sein konnte – es Dinge gab, für die es sich zu töten und zu sterben lohnte. Die Jetztzeit mit all ihren verwischten Grenzen und Unklarheiten überfordert sie; sie sehnen sich zurück nach einer – in ihren Augen – einfa­cheren Zeit.

Wir fahren weiter zum letzten DOT unserer Seminar­exkursion: In einem Waldstück, etwa ein Kilometer entfernt von der großen Magistrale, liegt ein weiterer Bunker mit einem langen unterirdischen Gang unter einem künstlich angelegten Hügel. Randalierer haben das Hinweisschild auf DOT Nr. 179 in den Graben geschmissen. Ich mache ein Foto vom selbst­gemachten Schild, ein angenagelter pfeilförmiger Weg­weiser ist mit „DOT 179“ beschriftet, der andere, in die entgegen­gesetzte Richtung zeigend, mit „Zur Frontlinie“. Wir gehen auf eine Lichtung zu, und ich erkenne schon vom Weiten, dass sich mehrere Personen in ungewöhnlicher Klei­dung vor dem Bunkereingang aufhalten. Mein Verdacht erhärtet sich, als ich näherkomme: Dort stehen ein sowje­tischer und ein deutscher Soldat in Originaluniform mit zeittypischer Bewaffnung. Sie empfangen uns mit einem Lachen und laden zu einem Gruppenfoto ein. Ich soll unbedingt den Wehrmachtssoldaten mit Handschlag für ein Erinnerungsfoto begrüßen; ich entscheide mich dies nur mit dem Sowjetverkleideten zu tun. „Ich gebe Faschisten nicht die Hand“, bemerke ich – eine Äußerung, die unkommentiert bleibt.

Dann muss der unterirdische Gang durchlaufen werden. Pawel erklärt uns, dass sie dieses Programm regelmäßig mit Schulklassen durchführen. Um zu zeigen, wie unerträglich laut es für die Bunkerbesatzung im Krieg war, schießen sie mit Platzpatronen im Bunker-Inneren herum. Vor dem Schießen gibt es noch die Empfehlung, doch den Mund geöffnet zu halten, dann sei die Druckwelle weniger gefährlich. Ich erkläre, dass ich schon einen Tinnitus hätte – was nichts als die absolute Wahrheit ist – und dankend auf die Rundtour ver­zich­te. Schnell wird mir aber klar, dass dies ein unmögliches Verhalten ist. Also folge ich der Gruppe, die Finger in die Ohren gesteckt, leicht geduckt, in das Innere des dunklen Tunnel-Labyrinths. Irgendwann schießt der als Rotarmist Verkleidete: Die Druckwelle lässt mein Hemd flattern, aus der Gruppe sind Schreie zu hören. „Was für ein Quatsch!“, denke ich, als ich wieder frische Waldluft atme.

Ich möchte das Kriegsspielgelände nun wirklich zügig verlassen, verweise auf die reichlich fortgeschrittene Uhrzeit und dass wir morgen ja alle früh raus müssten. Vergeblich, ich bin der Einzige in der Gruppe, der hier weg will. Die Führung, Nazi und Rotarmist vorneweg, setzt hinter dem künstlichen Hügel derweil ihre Besichtigungstour fort: Aus gefundenen Granathülsen verschiedenster Kaliber haben die Wochenend-Militaristen eine Skulptur zusammengeschweißt; schwarz lackiert steht sie nun als ungeschickte Unförmigkeit an der Schnellstraße. „Ist das Kunst oder kann das weg?“, flüstere ich Elena auf Russisch zu. Sie versteht meinen Humor nicht. Wieder muss gesungen werden, der Alte packt erneut sein Instrument aus, eine junge adrette Vorstadtschönheit hält ihm Noten und Text hin. Meine Teilnehmer genießen die Abend­sonne und die nostalgischen Gesänge. Nach den Liedern darf geschossen werden. Ich werde zuallererst aufgefordert, lehne aber ab.

Alexej ist ein untersetzter Mittdreißiger im viel zu engen grauen Polohemd. Der Schweiß steht ihm auf der Stirn, wir steigen in seinen japanischen Mittelklassewagen, verlassen den Hof vor Elenas Haus und biegen auf die Hauptverkehrsstraße ab. Ich sitze hinten hinter dem Schwitzenden, Elena vorn, was mich davon befreit, anstrengende Gespräche auf Russisch mit Alexej führen zu müssen. Auf dem Programm am heutigen Samstag stehen zwei Orte, die mit Karl zu tun haben: die Stadt Irpin, mittlerweile fast ein Stadtteil Kiews, und Schytomyr, etwa 120 Kilometer westlich von der Hauptstadt der Ukraine lie­gend.

„Stellungskrieg vor Kiew (Datschi Irpen) vom 14.09. bis 30.09.41. Dann sind wir zurück nach Berditschew (50 K.M.). Dort waren wir 2.10.41 bis 5.10.41“, schreibt mein Opa in seinem Kriegsbericht. Nur diesen einen Satz gibt es dort. Ihm will ich heute folgen.

Treffpunkt im Kiew nahen Irpin ist – wie sollte es anders sein – ein DOT. Wir warten auf Konstantin, einen Trainings­teilnehmer, der in Irpin zu Hause ist. Da wir zu früh sind, nutzen wir die verbliebene Zeit und gehen runter zum Fluss, dem Irpin. Die Landschaft, die sich uns hier am Horizont aufspannt, ist jetzt im Mai eine weite, saftig-grüne Flussaue. Frucht­­bare Feuchtwiesen, teils wohl zu morastig für eine Nutzung, teils für den Ackerbau genutzt, soweit das Auge reicht. Der Irpin selbst ist an dieser Stelle ein etwa 10 Meter breiter, langsam fließender Fluss. 1941 hatte sich hier das 194. In­fanterie-Regiment, dem Karl angehörte, an einer ge­sprengten Eisenbahnbrücke verschanzt. Heute, 73 Jahre spä­ter, stehe ich mit Kontantin, einem etwa 50 Jahre alten Allergiker mit hochrotem geschwollenem Gesicht, unter der wieder­errichteten Eisenbahnbrücke aus dunkelrostigem Stahl. Er erzählt mir, dass die Deutschen hier kaum noch gekämpft, sondern es sich in den Datschen in der Nähe des Flusses gemütlich gemacht hätten. Über mehrere improvisierte Brü­cken gelangen wir über den Fluss und seine ausufernden Wiesen. Konstantin möchte mir die Befestigungsanlage zei­gen – es geht schon wieder um diese kleinen Bunker mit den drei Buchstaben. In seiner Jugend hat er dort viel gespielt, jetzt kann er sich aber kaum noch erinnern, wo der Bunker eigentlich stand.

Auf einem Feld arbeiten Frauen mit hochgesteckten Haaren, sie ziehen das schnell sprießende Unkraut aus der pech­schwarzen fruchtbaren Erde. Ihre Aufmachung, ihre Hal­tung, das ganze Bild erinnert mich an die Reispflücker­innen, denen ich einmal im fernen Laos zugesehen hatte. Ziemlich ziellos irren wir durch das Unterholz, wischen uns Spinnen­netze aus dem Gesicht, zertreten Schnecken samt ihren Häu­sern und geben schließlich auf: Konstantin kann den Ort einfach nicht mehr finden.

Ich schieße Fotos, abwechselnd mit meinem Mobiltelefon und der mitgebrachten Instamatic-Kamera meines Großvaters. Ob diese Bilder wohl etwas werden? Den notwendigen Kas­set­ten­film habe ich im Internet ersteigert, seine Haltbarkeit lief laut Packungsaufdruck im September 1992 ab.


Wir gehen zurück und fahren entlang der Bahnschienen ins Stadtzentrum von Irpin. Es ist eine wilde Mischung aus verfal­lenen sowjetischen Industrieanlagen, teils renovierten, teils dem Verfall preisgegebenen Plattenbauten und den architek­tonischen Selbstverwirklichungsexperimenten der späten 1990er-Jahre. Der zentrale Platz von Irpin ist quadratisch. In seiner Mitte das unvermeidbare Kriegsmahnmal, an der Stirn­seite das Rathaus, ein schlichter dreistöckiger Bau, dem nach Ende der Sowjetunion eine klassizistische Fassade vorgesetzt wurde. An einer anderen Seite das Heimatmuseum, das Konstantin mir zeigen will, welches aber – und das finde ich gar nicht so schlecht – heute geschlossen ist. Wir fahren also weiter über schlaglöchrige Straßen und kommen schließ­lich vor einem ummauerten Parkgelände mit Wächter­häuschen und rostigem Metalldrehkreuz zum Stehen. Hier befand sich und befindet sich das Haus der Schriftsteller: Auf einem etwa einem Hektar großen Areal stehen villenartige kleine Häuser locker in das satte Grün der verwahrlosten Parkanlage einge­bettet und harren ihrem wohl nicht allzu fernen Kollaps. Auf mich übt dieses postsowjetische Verwil­derungs­szenario – zumindest auf den ersten Blick – eine stark romantische An­zieh­ungskraft aus: Eine nicht zu bändigende saftig grüne Natur umfängt, umschlingt die Bauten einer zu Ende gegang­enen Epoche und wird sie wohl letztendlich – und das finde ich in diesem Augenblick ebenfalls gar nicht so schlecht – ver­schlingen.

Konstantin erzählt mir, dass das Gelände vor dem Krieg ziemlich genau so ausgesehen hätte. Es sei damals ein Sana­torium gewesen. Die Deutschen hätten 1941 die Häuser und das Gelände als Basis für die Eroberung der Kiewer Innenstadt genutzt. Mein Opa sei mit ziemlich großer Wahr­schein­lichkeit hier (wir betreten ein sehr altes Häuschen in Fachwerkbauweise mit zwei spitzen Türmchen) in diesem Zimmer gewesen, selbst die Betten dort hinten in der Ecke hätten damals dort schon so gestanden. Die drei Metallgitterbetten, das will ich Konstantin gern zugestehen, sehen wirklich so aus, als seien sie mindestens siebzig Jahre alt. Von der Veranda mit hölzernem Geländer, von dem die braune Farbe in großen Stücken abblättert, ergibt sich ein malerischer Blick auf die Niederungen des Irpin. Warum erfüllt es Konstantin so sehr mit Freude und Genug­tuung, mir das alles hier zu zeigen? Was fühlt er hier mit mir? Welche Gedanken mögen ihm durch den Kopf gehen? Ich traue mich nicht ihn zu fragen.

Wir gehen weiter auf ein augenscheinlich neueres Gebäude zu: In einem dunklen Saal mit schweren purpurfarbenen Vor­hängen steht der Geruch des Verfalls. Aufgereiht dort außer­dem neun Plexiglasboxen mit dem Wappen der Ukraine. Am morgigen Sonntag sind im Land Präsidentschaftswahlen. Etwa einen Monat zuvor hatten Kiewer Bürgerinnen und Bürger den zentralen Platz der Stadt, den Maidan, in Besitz genommen, um für die Unterzeichnung eines Abkommens mit der Euro­päischen Union zu demonstrieren. Über hundert von ihnen bezahlten dieses Engagement mit dem Tod. Den Eingangs­bereich des Wahllokals ziert ein mannshoher, fast quadratischer Spiegel mit Goldrahmen. Ich schieße ein Bild von uns vieren im Spiegel.

Die Fahrt geht ohne Konstantin, der in Irpin geblieben ist, weiter über die Trasse nach Schytomyr. Eine Landschaft wie in Nordniedersachsen: platt, fruchtbar, wenig bewaldet. Die Ein­fahrt nach Schytomyr markiert eine nach oben zulaufende Beton-Stele, die mit dunkelbraunen Fliesen beklebt als Unter­grund für die sieben weißen Lettern des Stadtnamens Житомир herhalten muss. Rechts daneben eine Jahreszahl: 884. Um­so jünger und ahistorischer die Orte aussehen, umso zwang­hafter der Versuch ihre Gründung möglichst weit zu­rück­zudatieren, denke ich, während ich meine Instamatic für ein weiteres Foto präpariere.


Die Straße ist sehr gut ausgebaut. Bevor wir in das Stadt­zen­trum abbiegen, hält Alexej an einer Raststätte mit dem Namen „Petrograd“. Das heutige Sankt Petersburg hieß von 1914 bis 1924 so. Es war der Versuch, den europäisch kling­enden Namen Petersburg in eine russisch anmutende Bezeichnung abzuändern. Nach 1924 taufte man die Stadt dann in Leningrad um, erst 1991 bekam sie wieder ihren ursprünglichen Namen zurück. Was sagt uns also der Name des Restaurants über seinen Besitzer? Ist er aus Russland hierhergekommen? Gehört er der russisch­sprachigen Bevölkerungsgruppe an? Ist der Name ein absicht­licher Affront den ukrainisch sprechenden Bevölkerungs­teilen und ihrer vermeintlichen Westorientierung gegenüber? Diese und andere Fragen gehen mir durch den Kopf, als wir unter einem Holzverandadach Platz nehmen und uns eine des Russischen nicht im Ansatz mächtige Kellnerin bedient. Viel­leicht bin ich durch die gesamtpolitische Lage und das gerade beendete Seminar zur Geschichtsaufarbeitung auch einfach nur extrem politisiert: Wahrscheinlich hat es absolut keine weiter­gehende Bewandtnis mit „Petrograd“.

Wir nehmen vier Portionen ukrainische Deruny (Kartoffel­puffer) mit Smetana und Kompott. Alexej verschlingt zwei Portionen und schwitzt am ganzen Körper. Er ist etwas genervt, so scheint mir, dass er heute seinen Samstag opfern soll, um diesen Deutschen durch die Gegend zu kutschieren. Aber seinem erkrankten Freund – besser Kameraden – Pawel konnte er diesen Gefallen nicht abschlagen, und ich habe mich in all den Jahren im Osten daran gewöhnt, die Angebote der Einheimischen schamlos anzunehmen.

Der viel zu süße Kompott, eine zweifelhafte Spezialität der Gegend, hergestellt aus eingeweichten Trockenfrüchten, geht mir kaum über die Lippen. Ich fürchte den hohen Zucker- und Puringehalt und mache mir schon wieder Sorgen um meine Gesundheit, während Alexej schwitzend den zehnten Kartof­fel­puffer in seinen Mund schiebt und nun wieder bester Laune zu sein scheint.

Schytomyr hat heute etwa 300.000 Einwohner. In der Zeit, als mein Großvater hier war, brachten SS-Einsatzkommandos fast alle Juden in Stadt und Umgebung um. Karl hinterließ in seinem Fotoalbum nur ein Bild, das sich eindeutig Schytomyr zuschreiben lässt. Noch in der Raststätte fragt Alexej den Wirt, ob er wisse, wo dieses Foto aufgenommen worden sein könnte. Der Wirt, ein bierbäuchiger Mittvierziger mit Stoppelbart, erkennt die zweigeschossigen weißen Gebäude sofort: „Das muss die Uliza Michailowskaja sein.“

Von der autobahnähnlichen Trasse biegen wir auf einen großen Prospekt, eine Aufmarschstraße und fragen uns bis zur besagten Michailowskaja durch. Karls Bild zeigt einen Straßenzug mit zwei weiß gekalkten Bürgerhäusern. Straßen­bahn­schienen durchziehen die Bildkomposition, ein schwerer Militär-LKW mit großem Mercedes-Benz-Stern auf dem Kühler fährt von links in das Bild hinein. Er ist beladen mit deutschen Wehrmachtsangehörigen, die sich erschöpft auf der Pritsche des Wagens niedergefläzt haben. Etwa zwanzig sowje­tische Kriegsgefangene, unschwer an ihren Uniformen erkenn­bar, laufen neben dem LKW die Straßen herunter. Von einem Balkon eines der Bürgerhäuser schaut ein Soldat – ich kann nicht erkennen, wessen Uniform er trägt – auf das Geschehen herunter. Er hat die Hände hinter dem Rücken verschränkt und sein Blick scheint mir leer, starr und abwesend zu sein. Ein zweiter sitzt hinter ihm auf einem Stuhl, die Balustrade des Balkons verdeckt ihn fast vollständig. Im Abstand von ein paar Metern stehen junge Bäume am Straßenrand. Eisengitter sollen ihren Stamm vor Beschädigungen schützen. Der ganze Straßenzug macht einen recht neu errichteten oder immerhin frisch renovierten Eindruck. Der Fotograf, mit hoher Wahr­scheinlichkeit mein Großvater, hat diese Szene vom gegen­über­liegenden Bürgersteig aufgenommen.

Einer der in der Kolonne marschierenden Soldaten bückt sich und scheint etwas vom ungeteerten Boden aufzuheben. Nein, jetzt fällt mir auf, dass seine Kameraden Essgeschirre in den Händen halten, ihm scheint das an einem Metallhenkel zu tragende Gefäß aus der Hand gerutscht zu sein, der Inhalt – war es eine Suppe oder einfach nur Wasser? – ergießt sich auf die Straße. Der Soldat versucht, dieses Malheur mit einer bück­enden Bewegung noch verhindern zu wollen. Einige seiner Kameraden haben ihre Blicke in seine Richtung gelenkt und beobachten schweigend das Schauspiel. Was mag dieses Missgeschick für den völlig ausgemergelten Soldaten bedeutet haben? Haben die Kameraden ihm später etwas von ihren Rationen abgegeben? Wohin ging diese Kolonne überhaupt? In die geordnete Kriegsgefangenschaft oder in den sicheren Tod? Die Berichte über die Behandlung von sowjetischen Kriegs­gefangenen durch deutsche Wehrmachts- und andere Nazi­verbände lassen nichts Gutes ahnen.

Mit Elena und Alexej gehe ich dieselbe Straße hinunter, auf der schon Karl damals gestanden und fotografiert hatte. Sie hat sich in all den Jahren, immerhin 73 an der Zahl, kaum ver­än­dert. Nur zwei Häuser mussten der sowjetischen Nach­kriegs­bauwut (oder den Bomben des Weltkrieges?) wei­chen. Die Bäume, den Blättern nach zu urteilen sind es Linden, überragen mittlerweile die Bürgerhäuser und spenden an hei­ßen Tagen wie heute einen angenehmen Schatten, der zum Promenieren einlädt. Handyshops, Cafés, Restaurants, Papier­waren und andere typische Geschäfte unserer Gegenwart be­siedeln die Erdgeschosse. Ein hübsch-hässlicher Platz mit rostiger Springbrunnenanlage und türkisdreckigem Becken ersetzt die fehlenden zwei Häuser und durchbricht den an­son­s­ten fast museal anmutenden Gesamteindruck.

Alexejs Ehrgeiz zielt darauf ab, exakt die Stelle auszu­machen, von der aus mein Großvater sein Foto von der Michailowskaja gemacht hat. Mir ist das eigentlich gar nicht so wichtig, vielmehr möchte ich die Atmosphäre des Ortes mit so viel allgemeiner und persönlicher Geschichte in mich aufsau­gen, herumschlendern und einfach nur ein paar Bilder vom heutigen Leben in Schytomyr machen. Egal, ich spiele mit und wir stehen über mein Tablet gebeugt, das einzige Foto von Karl analysierend am Straßenrand: Passanten halten inne, drehen sich zu uns um, tuscheln und gehen Einkaufstüten schleppend weiter. Die Mittagshitze brennt Ende Mai 2014 unerbittlich auf uns nieder.

„Etwas weiter hierüber. Nein, nein! Das kann nicht sein, die Fenster auf dem Bild haben Rundbögen und diese hier sind ganz gerade. Aber guck mal der Balkon da oben, hat der nicht exakt diese verschlungenen Geländerverzierungen? Ja, genau! Hier! Genau hier muss er gestanden haben!“


Jetzt ist auch Alexej – vor allem nachdem ich ihm gesagt habe, dass ich den richtigen Ort ohne ihn nie gefunden hätte – total entspannt und glücklich. Wir gehen noch bis zum Ende der Michailowskaja und schlendern dann – Elena und ich mit einem Stakanshik-Vanilleeis – zurück zum Auto.

In mir tut sich eine seltsame Leere auf. Jetzt war ich also dort, wo mein Großvater vor 73 Jahren ein Foto von sowje­tischen Kriegsgefangenen geschossen hatte. Ich stand (wahr­schein­lich!) genau auf dem Flecken Erde, wo er damals gestanden hatte. Ich habe eigentlich bekommen, was ich wollte: Ich habe die abstrakte Wirklichkeit einer Fotografie, die ich in der Hinterlassenschaft meines Opas fand, mit der konkreten Gegenwart des abgebildeten Ortes in der Jetztzeit verbunden. Aber was soll das? Was bringt mir das?

Erneut habe ich große Zweifel am von mir verfolgten Ansatz: Habe ich nicht genug eigene Probleme? In meiner Zeit? In meinem Leben? Dass ich mich jetzt auch noch mit dem Leben meines Großvaters und seiner Generation beschäftige? Ich sitze schweigend und in mich gekehrt auf der Rücksitzbank von Alexejs Toyota, während wir den Straßen­bahn­­schienen folgend unseren Weg aus Schytomyr heraus suchen. Wir sind schon fast hinter der Stadtgrenze, fahren durch datschenartig angelegte Vorstadtsiedlungen mit kleinen liebevoll gepflegten Obstgärten, als ich links von uns einen Davidstern und somit den Eingang zum jüdischen Friedhof von Schytomyr vorbeirauschen sehe. Muss ich nicht Alexej bitten anzuhalten? Sollte der Besuch des jüdischen Friedhofs hier in einer Stadt, wo die deutschen Invasoren fast alle Juden umgebracht haben, nicht Pflichtprogramm sein?! Ich fühle mich unwohl, in meinem Kopf führt das politisch korrekte Verantwortungs­bewusstsein einen unerbittlichen Kampf gegen die nostalgi­sierende Trägheit eines heißen Tages im Mai. Denn kann ich auf der anderen Seite jetzt Alexej überhaupt bitten, noch einmal zu halten? Er hat ja schließlich auch Familie und will beizeiten daheim sein. Und muss ich Alexej und Elena jetzt eigentlich noch weiter mit unseren deutschen Traumata beläs­tigen? Außerdem, vielleicht ist Alexej ja auch Antisemit, die soll es ja viel geben hier! Während ich mich quäle, verschwindet der Friedhof schon im Rückspiegel von Alexejs Wagen. Ich habe mich um den jüdischen Friedhof in Schytomyr herumgedrückt.

Die beiden weiteren Programmpunkte sind Alexejs Idee: Der Besuch von Himmlers Bunker und ein deutscher Soldaten­friedhof. Beide gehörten zu Hitlers Wolfschanzen­anlage, der Bau begann im Herbst 1941, also nachdem Karl hier war. Wir verlassen Schytomyr in Richtung Winnyzja, das hinter Berditschew weiter südlich von Schytomyr liegt. Mehr­mals müssen wir nachfragen, wo sich die Bunkeranlage des SS-Anführers und Holocaust-Verantwortlichen Himmler befindet, Hinweisschilder gibt es nicht. Wir biegen in einen Mischwald aus dunklen hohen Tannen und Birken ab, den sogenannten Hege­wald, wie die deutschen Besatzer das Gebiet nannten. Man hat uns gerade in einer kleinen Siedlung auf dem Weg hierher erzählt, dass der Bunker auf einem ehemaligen sowje­tischen Flugplatz stehe: „Etwa hundert Meter hinter dem kleinen Birkenwäldchen müssen Sie rechts scharf auf einen unbefestigten Feldweg abbiegen, dann sehen Sie schon die Anlage“, sagt ein Halbstarker im schwarzen Unterhemd und mit Goldkettchen, der seinen aufgemotzten Lada Samara mit Heckspoiler wäscht.

Beim dritten Versuch scheinen wir richtig zu sein: Umgeben von dichtem Wald und selbstgezimmerten Holzbaracken steht auf einer Lichtung ein ehemals imposantes Verwaltungs­ge­bäude (vielleicht aus Flugplatzzeiten oder doch ein Nazibau?). Es bildet den Mittelpunkt eines kleinen Platzes. Nur einen Bunker können wir nirgends ausmachen. Ein etwa fünfzig Jahre alter Mann mit Dreitagebart in weinrotem Trainings­anzug streicht die Metalltür einer Baracke mit roter Rost­schutz­farbe. Immer wieder tunkt er den stark haarenden Pinsel in die abgeschnittene Plastikflasche, in der er die Farbe aufbewahrt. Ein Mann um die zwanzig, ich nehme an sein Sohn, steht neben ihm und will seine paar Brocken Englisch zur Anwen­dung bringen: „Hello! Where are you from?“ „I am from Germany!“ „Ah, Germany, interesting.“ Alexej fragt, ob das hier der richtige Ort sei, und wenn ja, wo denn nun der berühmte Bunker – er fragt nach dem ставка гиммлера, also dem Hauptquartier Himmlers – zu finden sei. Der Anstreicher hebt seinen Arm, dabei tropft die Farbe auf den staubigen Boden und seine Jacke, und zeigt zu einigen unscheinbaren Baracken hinüber. „Dort!“ Jetzt entdecken wir einen etwa 4 Meter hohen und vielleicht 5 Meter breiten moosüber­wachsenen Betonquader, rundherum haben sich lokale Bau­herren die stabile Außenwand zunutze gemacht und den Bunker in ihre Improvisationen aus Holz, Wellblech und Ab­bruchmaterialien eingebaut, sodass er fast komplett unsicht­­bar geworden ist. Eine sympathische Art, die ‚unkaputtbaren‘, an­geb­lich meterdicken Betonmauern zu entmaterialisieren. Auf der hinteren Seite befindet sich eine ca. ein Meter über dem Boden gelegene türkisfarbene Luke mit Verschlussrad – ähnlich den Luken, wie ich sie aus U-Boot-Filmen kenne. Nun erfahren wir vom Mann im Trainingsanzug, dass auch das Verwal­tungsgebäude in der Mitte der Lichtung Teil des deutschen Quartiers war. Als wir versuchen, das Gelände weiter zu erkunden – hinter dem Bunker steht noch ein großes Gebäude mit Spitzdach – werden wir von einer ganzen Horde halb wilder Hunde mit verfilztem Fell verjagt. „Sind die Hunde gefährlich?“, frage ich den Pinselnden. „Keine Ah­nung“, tönt es lapidar von der anderen Seite des Platzes.

Der Erkenntnisgewinn dieses Trips zu Himmlers Bunker hält sich für mich stark in Grenzen. Auf dem Rückweg, kurz vor der Überquerung des Flusses Huiva biegen wir links ab und stehen vor einem etwa einen halben Hektar großen, mit kniehohen Mauern eingefassten Friedhof. Neun mannshohe Stelen aus Granitstein sind beidseitig eng an eng mit den Namen von Toten deutscher Herkunft beschriftet: Es müssen mehrere tausend Namen sein, so meine vorsichtige Schätzung. Etwas abseits machen zwei junge Frauen Rast unter einem Baum; ein Rasenmäher steht neben ihnen, Gartengeräte lehnen am Baum, beide lächeln, sie unterhalten sich angeregt und essen Wareniki aus einer mitgebrachten Plastiktüte, eine späte Mittagspause wohl.

Wir bleiben nicht lange. Mir ist unbehaglich inmitten dieses Massengrabes. Nicht weil mich die Anwesenheit tausender Toter bzw. ihrer wenigen Überreste schockiert, sondern weil ich das beklemmende Gefühl, das mich hier befällt, nicht loswerde: Tausende, zumeist junge Männer, gestorben für ein verbrecherisches Regime. Tausende junge deutsche Männer, die trotz ihres Alters schon so viel Unheil angerichtet haben. Ich schäme mich für meine Herkunft, hier auf dem akkurat gepflegten deutschen Friedhof im ukrainischen Schytomyr.

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