Kitabı oku: «Drug trail - Spur der Drogen»
Matthias Kluger
(Nach einer Idee von
Peer-Holger Stein)
DRUG TRAIL
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2021
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Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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Titelbild: Gemälde von Matthias Kluger (2014)
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Exodus
„Fuck!“
Vor seinen weit aufgerissenen Augen begann sich der Raum samt Interieur zu drehen. Bedrohlich wölbte sich der Boden unter seinen Füßen nach vorn und erschwerte ihm so das Gehen und die Balance zu halten. Der braune Teppich schien über eine Felsklippe hinweg in die Tiefe zu stürzen.
Er taumelte, stolperte zur Badezimmertür und krallte seine Finger in das Holz des Türrahmens, ohne zu bemerken, dass dabei zwei der erst kürzlich manikürten Fingernägel abbrachen.
Sein Herz raste wie der Kolben einer Dampfmaschine und drängte das Blut in kurzen, heftigen Stößen durch das Adergeflecht hinauf in seinen Kopf. Schweißperlen traten auf seine Stirn, rannen ihm über das Gesicht und färbten den Kragen des weißen Hemdes dunkel.
Während Tausende imaginäre Nadeln auf seine Kopfhaut einstachen, spürte er den aufsteigenden Schwindel. Sein Blickfeld verengte sich bis zur Größe eines Stecknadelkopfes – dann wurde es vollends schwarz um ihn herum. Es war eine beängstigende Finsternis, die sich über ihn senkte, und doch keine Bewusstlosigkeit. Als wäre er Teil einer in Zeitlupe abgespielten Filmsequenz, versagten schlagartig beide Knie ihren Dienst, er kippte vornüber und seine knapp neunzig Kilo knallten auf die kalten Fliesen des Badezimmers.
Er röchelte leise und seine Hände fühlten die Kühle des Bodens, während anhaltend ein Dampfhammer auf die Windungen seines Gehirns einzuschlagen schien. Durst! Unbändiger Durst! Das maßlose Verlangen nach Flüssigkeit! Jedes Molekül seines Körpers schrie verzweifelt danach. Doch er war nicht fähig zu schreien. Vielmehr füllte seine angeschwollene Zunge die gesamte Mundhöhle aus und presste sich gefühllos gegen den ausgetrockneten Gaumen. Fortwährend pulsierte sein Herz – nein, es tobte wie verrückt und verursachte ein bebendes Inferno vom Haaransatz bis zu den Zehen. Im Versuch, kriechend den Waschtisch zu erreichen, mobilisierte er die letzten Kräfte. Zitternd gelang es ihm, sich aufzustützen. Noch immer umgab ihn ein Schleier wabernder, undurchdringlicher Schwärze. Direkt vor ihm, nur wenige Schritte entfernt, müsste sich das Waschbecken mit dem erlösenden Wasserhahn befinden. Seine Hand tastete wie die eines Blinden, als sich augenblicklich die Muskeln verkrampften und seinen ganzen Körper wie einen Zitteraal vibrieren ließen. Gleichzeitig schien eine kräftige imaginäre Faust seine Eingeweide zusammenzuquetschen, was ihn ungewollt dazu zwang, eine gekrümmte Haltung wie die eines Fötus einzunehmen. Übersäuerter Mageninhalt, der gallig durch die Speiseröhre nach oben quoll, tropfte zu beiden Seiten aus den Mundwinkeln. Als zerrte eine zweite, extrem starke Hand an seinen Haaren, riss er ruckartig den Kopf in den Nacken und übergab sich in einem Schwall. Sekunden später lag er mit dem Gesicht inmitten seines Erbrochenen. Speisereste verklebten Mund und Nasenlöcher, doch davon bekam er nichts mehr mit. Es war der Augenblick, an dem sich auch sein Herzmuskel das letzte Mal zusammenzog, um gleich darauf bleiern zu erschlaffen.
Der Anruf
„Phil? Phil, kannst du mich hören?“
Robert presste das iPhone an sein kaltes Ohr und lauschte.
„Shit, Phil, ich kann dich nicht verstehen. Bist du noch dran?“
Nichts, außer einem Rauschen in der Leitung, durchbrochen von gelegentlichem Knacken.
„Wenn du mich hörst, Phil, ich leg jetzt auf. Ruf mich gleich zurück, hörst du!“
Robert war so auf das erfolglose Telefonat mit seinem Zwillingsbruder konzentriert, dass er einen Fuß auf die Straße setzte, ohne den Verkehr zu beachten. Das laute Hupen eines Kleinwagens riss ihn abrupt in die Realität zurück und ließ ihn mit einem Satz auf den Bürgersteig zurückspringen. Zur Entschuldigung hob er die linke Hand, während seine rechte das Handy in die Manteltasche steckte. Fröstelnd stülpte Robert den Kragen seines dunklen Mohair-Mantels nach oben und wandte sich zur Fußgängerampel rechts von ihm. Washington D.C. war in dicke Schneeflocken gehüllt, die sich zart wie Wattebäuschchen auf seinem blonden Kurzhaarschnitt und den Schultern des Mantels türmten. Inmitten geschäftigen Trubels gehetzter Stadtmenschen, die zwei Tage vor Weihnachten noch die letzten Geschenke für ihre Liebsten aufzutreiben versuchten, schlug Robert den Weg in Richtung Capitol ein. Er wich gerade einer entgegenkommenden älteren Dame mit enorm beladenen Einkaufstüten aus, als sein iPhone klingelte. Robert nestelte das vibrierende Gerät aus den Tiefen seiner Manteltasche und drückte es sich an die Ohrmuschel.
„Endlich, Phil. Wo bist du?“
„Im Treppenhaus vor meiner Wohnung. Sorry, ich musste vorhin auflegen. Irgendwelche Idioten sind bei mir eingebrochen und haben einen irrsinnigen Saustall hinterlassen. Zwei von der Streife besichtigen gerade das Chaos.“
„Eingebrochen?“, fragte Robert, als hätte er das eben Gesagte nicht korrekt verstanden. „Fehlt irgendwas?“
„Zirka 900 Euro, aber die Uhr, die mir Vater letztes Jahr geschenkt hat, haben sie liegen lassen.“
„Fuck. Wie sind die reingekommen?“
„Meine Haustür scheint ein Witz zu sein. Der Polizist meint, Profis knacken das Schloss in null Komma nix. Muss heute Nacht gewesen sein, als ich bei meiner Perle war.“
„Perle? Welche Perle?“, hakte Robert nach.
Philipp grinste ins Telefon. „Nix Ernstes.“
„Und jetzt?“, wollte Robert wissen.
„Na ja, der oder die hatten es nur aufs Bargeld abgesehen. Der von der Streife meint, dass es sich meist um Einzeltäter handelt. Nicht selten Junkies, die Kohle für Drogen brauchen. Hier in Berlin haben die Cops laufend damit zu tun und kommen kaum hinterher. Ist eine richtige Seuche. Der Polizist hat mir vorgerechnet, dass so ein Junkie im Durchschnitt hundert bis zweihundert Euro am Tag braucht. Das sind locker mal über fünfzigtausend im Jahr.“
„Da muss ’ne alte Oma lange für stricken. Sonst ist aber alles okay, oder?“
„Außer, dass es arschkalt ist und regnet“, entgegnete Philipp.
„Bei uns schneit es“, brüllte Robert nun, da ein rumorender Truck auf seiner Höhe lautstark von einem Gang in den anderen schaltete. „Wann kommst du?“
„Deswegen habe ich dir gestern schon aufs Band gesprochen. So wie es aussieht, wird das nichts über die Weihnachtstage. Mutter hat für die Feiertage ein volles Programm aufgelegt und die aktuelle Kampagne lässt mir kaum Luft zum Atmen. American-British-Tobacco hat den Relaunch vorgezogen und mein Boss ist kurz vorm Kollabieren.“
„Shit, Alter. Hätte mich gefreut, dich über Weihnachten zu sehen. Was mach ich jetzt mit den beiden Hasen, die ich uns gebucht habe?“ Robert feixte in den Hörer.
„Dir wird schon was Passendes einfallen, Bruderherz. Zur Not halte sie bis zum Frühjahr warm. Wie geht’s Vater?“
„Wie soll’s Dad ein knappes Jahr vor der Präsidentschaftswahl schon gehen? Ich seh ihn mehr im Oval und im Kongress als zu Hause. Das Auftreiben von Spendengeldern kostet ihn Jahre seines Lebens. Aber er hat ja mich.“ Robert lachte auf. „Spaß beiseite. Dad geht es so weit gut. Er wird sicher ungehalten sein, wenn ich ihm sage, dass du nicht kommen kannst. Ich treffe ihn …“ Robert zögerte einen Augenblick. „Warte kurz, ich bekomm gerade noch ein Gespräch rein.“
Robert presste den Makeln-Knopf und lauschte dem zweiten Anrufer. Dann, nach etwa einer Minute, wechselte er wieder die Leitung: „Phil, ich muss Schluss machen. Ich melde mich. Sag Mom noch einen Gruß von mir.“
Noch bevor Philipp antworten konnte, hatte Robert aufgelegt und einem der vielen Yellow Cabs, die sich schleichend den Weg durch den verschneiten Verkehr bahnten, Zeichen gegeben.
„Zum Capitol“, wies Robert den Taxifahrer an, nachdem er sich den Schnee vom Mantel geschüttelt hatte und eingestiegen war. „Und zwanzig Dollar extra, wenn wir es in zehn Minuten schaffen!“
Reporteralltag
„Komm schon, Sue. Du hattest die Kleine über Ostern. Da werde ich sie doch zwei Tage über Weihnachten bei mir haben können.“
Sue, die eigentlich Sophia hieß, strich sich eine Strähne ihres langen schwarzen Haares aus der Stirn. Sie war eine äußerst attraktive Mittdreißigerin, die ihre italienischen Wurzeln nicht verhehlen konnte.
„Das hättest du dir überlegen sollen, bevor du die Schlampe auf deinem Schreibtisch gefickt hast.“
„Sue, das ist vier Jahre her. Was hat das jetzt damit zu tun?“
Sophia verdrehte die Augen, um sich nicht anmerken zu lassen, wie ihr die Vorstellung von Oliver mit diesem Flittchen noch immer einen Stich versetzte.
„Eve wird Weihnachten und Silvester mit mir bei meinen Eltern verbringen. Basta. Danach kannst du sie gerne übers Wochenende haben. Vorher nicht.“
„Dein letztes Wort?“, fragte Oliver, dem das Gespräch wieder einmal aus dem Ruder gelaufen war.
„Du zahlst“, war die lapidare Antwort seiner Exfrau, die im Begriff war aufzustehen.
„Warte, warte, setz dich bitte wieder. Ich lade dich ein und wir trinken noch einen, okay?“
Widerwillig stand Sophia am Bistrotisch, strich ihren figurbetonten Rock glatt, überlegte einen Moment und ließ sich dann sichtlich genervt auf den Stuhl zurücksinken.
Das Brown Bag am Franklin Square, in dem sie gerade saßen, lag unweit der Washington Post, wo Oliver arbeitete, und glich im Inneren einer überfüllten Bahnhofshalle. Dicht gedrängt standen diejenigen Gäste, die keinen der begehrten Sitzplätze ergattern konnten, aufgeheizt, Schulter an Schulter, in dicken Mänteln und Daunenjacken, was die Scheiben des Restaurants feucht beschlagen ließ.
„Hör zu, Sue. Was hältst du davon, wenn ich an einem Tag bei deinen Eltern vorbeikomme und wir gemeinsam feiern?“
„Dio mio, bist du jetzt völlig übergeschnappt?“ Sophia wedelte mit der Hand vor ihrer Stirn, als wäre sie ein Scheibenwischer. „Wir sind Sizilianer, hast du das vergessen? Noch bevor du einen Schritt über die Türschwelle gemacht hast, steckt das Messer meines Vaters zwischen deinen Rippen.“
„Ach was“, entfuhr es Oliver. „Lorenzo hat mich immer gemocht, das weißt du!“
„Klar, bis zu dem Tag, als er mitbekommen hat, dass sein Schwiegersohn seinen Schwanz nicht im Griff hat.“
„Sue, es war ein Mal. Ein Mal und – ach, vergiss es …“ Oliver beschloss mit einem übertriebenen Seufzer, nicht weiter zu bohren. Es hatte keinen Sinn, alles von Neuem aufzuwärmen. Sie waren jetzt vier Jahre getrennt und ihre gemeinsame Tochter Eve würde nächstes Jahr sechs werden. „Okay, Sue, gut. Lass uns nicht streiten und noch nen Drink nehmen. Eine Bitte hätte ich dennoch: Würdest du nachher noch schnell mit rüber zur Redaktion kommen? Ich hab ein Geschenk für Eve … und für dich“, fügte er etwas leiser hinzu.
„Dann lass uns gleich gehen“, bat Sophia. „Und ich warte unten.“ Sie zog eine Braue in die Höhe. „Ich habe nämlich keine Lust, in deinem Büro irgendwelchen langbeinigen Blondinen über den Weg zu laufen, die hinter meinem Rücken tuscheln, welchem Hengst ich aufgesessen bin.“ Sophias Miene strahlte noch immer Verärgerung aus.
Nachdem sie gezahlt und sich zum Ausgang gedrängt hatten, blies ihnen von draußen die kalte Dezemberluft Schneeflocken ins Gesicht. Als Oliver den Arm um Sophias Schulter legte, um sie so durch das Schneetreiben zu führen, zauderte sie zuerst abweisend, ließ es dann aber doch geschehen.
Wenig später gelangten sie zum großen Zeitungsgebäude an der 1301 K Street NW und Oliver hielt Sophia die mächtige Glastür zur Eingangshalle der Washington Post auf. Sie waren noch damit beschäftigt, sich stampfend und klopfend vom Schnee auf den Schuhen und der Kleidung zu befreien, als Oliver eine merkwürdige Anspannung auffiel, die in der Luft lag. Das übliche hektische Treiben im Empfangsbereich schien noch intensiver als sonst, so als seien sämtliche der Anwesenden in irrsinniger Eile. Handys waren gezückt, man rief sich quer über die Köpfe hinweg unverständliche Sätze zu, während hin und her gelaufen wurde, um scheinbar irgendein fiktives Ziel als Erster zu erreichen. In dem Augenblick, da sich ihre erstaunten Blicke trafen, hörten sie durch das Stimmengewirr hindurch Olivers Namen.
„Oliver, shit, Oliver.“ Im Stechschritt kam „Qualle“, Olivers Assistent und ein wahres Computergenie, auf ihn zugelaufen. Eigentlich hieß er Ronny, doch angesichts seines schwabbelig gedrungenen Körperbaus nannten ihn alle nur bei seinem Spitznamen. Es schien ihn auch keineswegs zu stören.
„Verdammt noch mal. Wo warst du die ganze Zeit? Hast du dein Handy nicht gehört?“
Oliver verzog entschuldigend das Gesicht: „Sophia, das ist Qualle. Qualle, Sophia.“
„Ja, ja, hi Sue“, begrüßte Qualle die Ex seines Chefs in scheinbarer Vertrautheit. Dann zog er Oliver am Ärmel zur Seite. „Sie haben Winston gefunden“, platzte es aus ihm heraus.
„Winston? Wo?“, fragte Oliver mit zusammengekniffenen Lippen.
„In einer Suite im Four Seasons.“
„Und?“
„Ja, was und?“ Qualles Nasenflügel bebten. „Der Vice President ist tot.“
„Tot? Wann? Wer hat ihn gefunden?“
„Die Meldung kam erst vor ner halben Stunde, so in etwa. Einer seiner Bodyguards fand ihn im Badezimmer. Mehr wissen wir noch nicht.“
„Wer von uns ist im Four Seasons?“, fragte Oliver hektisch.
„Frank und Jenny. Na und du, will ich hoffen.“ Qualle blaffte seinen Chef regelrecht an, bereute jedoch im selben Atemzug den ungestümen Vorwurf in seiner Stimme.
Oliver spürte das Adrenalin durch seine Adern rauschen. Für einen kurzen Moment wurde ihm wieder bewusst, warum er Reporter geworden war.
„Okay. Ähm, Sue“, Oliver stammelte sichtlich erregt, „also, du verstehst doch …“
„Hau schon ab.“ Ihr kurzes Lächeln war für Oliver wie eine Offenbarung. Warum hatte er diese Frau nur so beschissen behandelt? Er gab Sophia zum Dank einen Kuss auf die Wange und wandte sich zum Gehen.
„Warte kurz“, hielt sie ihn zurück. „Das Geschenk für Eve. Ich will nicht ihre Enttäuschung unterm Weihnachtsbaum sehen, dass ihr Dad mal wieder …“
„Klar, das Geschenk. Äh, Ronny“, wies Oliver seinen Assistenten im Gehen an, „lauf bitte in mein Büro. Die große blaue Tüte mit den drei Päckchen. Und ich melde mich, ja?“
Wenn sein Boss ihn nicht mit seinem Spitznamen ansprach, dachte Qualle, musste ihm die Angelegenheit mit der Geschenktüte wirklich am Herzen liegen. Er zwinkerte der attraktiven Sophia zu und bat die Italienerin, kurz auf ihn zu warten.
Weißes Pulver
Der Taxifahrer benötigte trotz starken Schneetreibens und des damit verbundenen Verkehrstrubels nur neun Minuten, bis er seitlich des James A. Garfield Memorials am Ende der Maryland Ave SW zum Stehen kam. Die in Aussicht gestellten zwanzig Dollar extra hatte er sich durch waghalsige Überholmanöver redlich verdient. Als Robert zu den Bürogebäuden rechts des Capitols lief, war dessen über achtzig Meter hohe Kuppel der dicken Schneeflocken wegen kaum auszumachen. Über den Aufzug des Kongress-Bürokomplexes Rayburn House gelangte Robert in den siebten Stock und stand wenige Minuten später im Vorzimmer seines Vaters William Baker.
William Baker war seit vielen Jahren Kongressabgeordneter der Demokraten und zählte zum Kreis der engsten Berater, dem sogenannten Inner-Circle, des Präsidenten.
Mia, die Sekretärin, bedeutete Robert mit einem Kopfnicken zur Tür, dass er bereits erwartet wurde.
„Hi, Dad. Was genau ist passiert?“, platzte es beim Eintreten in das geräumige Arbeitszimmer aus Robert heraus.
„Schließ die Tür“, wies sein Vater ihn an. „Genaues wissen wir noch nicht. Der Präsident wurde erst vor wenigen Stunden darüber informiert, dass Sicherheitskräfte Winston leblos in einer Suite des Four Seasons gefunden haben.“
„Ist es sicher, ich meine …?“
„Noch wissen wir nichts Näheres über die Umstände, aber …“
In diesem Moment klingelte das Telefon. William Baker ging um den mächtigen Mahagonischreibtisch herum und griff zum Hörer.
„Baker.“ Gespannt lauschte der Abgeordnete in den Hörer, während er seinen Sohn stirnrunzelnd musterte. Nach etwa einer Minute angespannten Zuhörens antwortete Baker in den Apparat: „Sind schon auf dem Weg, Bob. Bis gleich.“ Er legte auf und drückte zeitgleich den grünen Knopf der Gegensprechanlage: „Mia, lassen Sie bitte den Wagen vorfahren.“
Robert zog fragend die Augenbrauen in die Höhe. „Ins Weiße Haus?“
William nickte, während er sein Jackett vom Kleiderhaken nahm, es sich überstreifte und die Krawatte zurechtrückte. „Bob hat eine Krisensitzung einberufen. Wir treffen uns im Oval.“
Dreißig Minuten später betrat Robert mit seinem Vater William Baker das Oval Office im Westflügel des Weißen Hauses. Neben dem Präsidenten Bob Thompson waren die Direktorin der CIA, Julia Hobbs, sowie Verteidigungsminister Ashton Brown anwesend.
„Ah, William, Robert. Gut, dass ihr da seid. Julia wollte gerade beginnen, uns Genaueres über die Umstände von Winstons Ableben zu berichten. Schreckliche Sache. Verflucht, er war ein verdammt guter Mann.“
William und Robert begrüßten die Anwesenden mit Handschlag – dann nahmen sie auf dem Sofa gegenüber der Direktorin Julia Hobbs und dem Verteidigungsminister Platz.
„Bevor ich auf die brisanten Details eingehe …“, Chief Hobbs legte eine bedeutungsschwangere Pause ein, „will ich eines klarstellen: Auf mein Anraten hin hat der Präsident bewusst den Rahmen der einzuweihenden Personen auf das notwendige Minimum beschränkt. Alles, was ihr hier und jetzt von mir erfahrt, bleibt in diesen vier Wänden. Keine Informationen nach draußen, weder an Mitglieder des Kongresses noch, Gott bewahre, an die Presse. Habt ihr das verstanden?“
Allgemeines Kopfnicken schien der Direktorin auszureichen, denn sie fuhr umgehend fort: „Unser Vice President, Logan Winston, wurde durch einen meiner Beamten im Badezimmer seiner Suite des Four Seasons um exakt 10:17 Uhr aufgefunden. Der Exodus musste nur kurz zuvor eingetreten sein. Fremdeinwirkung derzeit ausgeschlossen. Alle lebenserhaltenden Sofortmaßnahmen bis zum Eintreffen der Sanitäter waren umsonst. Der hinzugezogene Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Das Brisante hierbei ist, dass die Todesursache – zumindest deutet derzeit alles darauf hin …“ Abermals legte die Direktorin der CIA eine Pause ein, um den nun folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen: „Vermutlich hat Logan eine Überdosis irgendeiner noch nicht näher untersuchten Substanz zu sich genommen. Auf dem Bettlaken wurde ein weißes Pulver gefunden, ebenso Spuren an seiner Nase und Oberlippe. Wir gehen von Kokain aus, es könnte aber auch irgendein anderer synthetischer Dreck sein. Genaueres werden wir in ein paar Stunden aus dem Labor sowie nach der Obduktion erfahren.“
„Versteht ihr jetzt, warum ich diese Scheiße in kleiner Runde besprechen musste?“
Etwas erstaunt über die derbe Wortwahl hefteten sich alle Augen auf den Präsidenten.
„Wenn durchsickert, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten durch Drogenkonsum gestorben ist – ihr könnt euch vorstellen, wie die Aasgeier im Kongress und die Presse über uns herfallen werden. Und das so kurz vor den Wahlen. Einen schlechteren Zeitpunkt, so makaber das jetzt klingen mag, hätte sich Logan kaum aussuchen können.“
„Was gedenkst du zu tun?“, wandte sich Verteidigungsminister Ashton Brown an Julia.
„Nun, egal, was die Obduktion ergibt, es wird unter Verschluss bleiben. Offiziell wird das Statement lauten, dass Winston an einem Herzversagen gestorben ist.“
„Wir sind hier zu fünft“, schaltete sich William ein. „Sanitäter vor Ort, der Notarzt, das Obduktionsteam sowie deine Leute von der CIA und dem Secret Service. Da zähle ich schon mindestens weitere acht bis zehn Personen. Wird schwierig mit der Geheimhaltung, meinst du nicht auch, Julia?“
„Meine Jungs halten dicht. Sie haben einen Eid auf die Verfassung geschworen, vergiss das nicht, William. Alle anderen lass meine Sorge sein.“
„Okay“, entgegnete William, „ich schlage dennoch vor, einen Notfallplan auszuarbeiten, nur für den Fall der Fälle, dass doch an irgendeiner Stelle etwas durchsickert. Was meinst du, Bob?“
William blickte zum Präsidenten, der mit verschränkten Armen und besorgter Miene am Resolute Desk, dem reich verzierten Schreibtisch, einst Geschenk der britischen Königin Victoria, lehnte und nickte.
„Natürlich, William hat recht. Wir sollten vorbereitet sein. William, Robert, kümmert euch bitte darum.“
Es war das erste Mal, dass Robert in seiner kurzen Amtszeit als jüngster Berater des Präsidenten von diesem direkt um etwas gebeten wurde. Auch wenn die Bitte nicht allein an ihn, sondern gleichzeitig an seinen Vater gerichtet worden war.
„Julia, Ashton“, fuhr der Präsident fort, „ich hätte euch beide nachher gern an meiner Seite. Wir werden um 20:00 Uhr vor die Presse treten. Lasst ein Statement vorbereiten. Lebenslauf von Logan, Verdienste, das ganze Programm eben.“
Straßensperre
Oliver lenkte seinen ganzen Stolz, einen Oldtimer BMW 1600 Baujahr 1972, von der 29 M Street NW nach links auf das Four Seasons zu, wurde jedoch durch eine Straßensperre aufgehalten. Beamte der United States Capitol Police, kurz USCP, hatten den Gebäudekomplex an der 29th weiträumig abgeschottet.
Zahlreiche Übertragungswagen der örtlichen Fernsehstationen sorgten, zusätzlich zu der teilweisen Sperrung der Hauptverkehrsader 29 M Street NW wie auch der nahe gelegenen Seitenstraßen, für erhebliches Chaos. Hinzu kamen die üblichen Gaffer, die dicht gedrängt in morbider Neugier die Gehwege blockierten. Kurzum: Die Einsatzteams der USCP hatten alle Hände voll zu tun, das Areal rund um das Gebäude Four Seasons zu sichern und gleichzeitig freundlich, aber dennoch bestimmt unnötige Zaungäste in die Wüste zu schicken.
Oliver fuhr zwei Blocks weiter, bis er eine Möglichkeit zu parken fand. Zwar wies die Markierung an der Straße auf ein absolutes Halteverbot hin, doch er hoffte, die in der Frontscheibe angebrachte Plakette „Presse Washington Post“ würde eine Strafe abwenden.
Fünfzehn Minuten später erreichte er die Straßensperre zu Fuß.
„Washington Post, Oliver Konecki.“ Er hielt dem Officer der USCP seinen Presseausweis vor die Nase, was diesen sichtlich unbeeindruckt ließ, denn er war nicht willens, ihn auch nur einen Schritt weiter in Richtung Hotel kommen zu lassen.
„Tut mir leid, Mister. Kein Zugang.“
„Hören Sie, Officer. Dies hier ist ein Presseausweis der Washington Post. Ich bin seit über fünfzehn Jahren Reporter bei diesem Blatt und allein die Tatsache, dass die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, informiert zu werden, sollte Anlass genug sein, mich durchzulassen.“
„Gut, Mr. – ähh …“ Der Officer in schwarzer Uniform überragte Oliver um fast einen halben Kopf und neigte sich jetzt dem gezückten Ausweis entgegen. „Mr. Konacki, oder Konecki, egal, ich sagte bereits, Zutritt verweigert! Sie können gerne abseits der Straße warten, bis ich andere Anweisungen erhalte. So lange jedoch bewahren Sie bitte Ruhe. Haben Sie mich verstanden?“ Letztgesagtes hatte einen derartigen Befehlston, dass sich selbst Oliver beugen musste.
„Schon gut, schon gut“, antwortete er daher einlenkend. „Was schätzen Sie, wann wird die Absperrung aufgehoben sein?“
„Ich werde es Sie wissen lassen, Kumpel, aber bis dahin …“ Der Officer wedelte mit seiner Rechten, die einen Schlagstock fest im Griff hielt, zum Gehen.
Murrend wandte sich Oliver ab und blickte zu beiden Seiten die Hauptstraße entlang. Verdammt! Wäre er nur früher hier gewesen, dann hätte unter Umständen die Möglichkeit bestanden …
Oliver zog sein Handy hervor und wählte Jennys Nummer. Es läutete eine halbe Ewigkeit, bis sich die schrille Stimme seiner Kollegin meldete: „Auch schon wach?“
„Wo seid ihr?“, fragte er, ohne auf die Anspielung rechtfertigend einzugehen.
„In der Nähe des Four Seasons. Da, wo halt alle Starreporter im Moment sein sollten.“
„Wo genau, du Hexe?“, raunzte Oliver liebevoll.
„In einer Seitenstraße der Pennsylvania. Eine kleine Weinbar.“
„Kenn ich. Bin gleich bei euch.“
Oliver befand sich bereits auf der Pennsylvania Avenue und folgte dieser nun in nordöstlicher Richtung. Vor den niedrigen Gebäuden, die abwechselnd mit Klinkerstein gemauert oder weiß gestrichen waren, schlängelte er sich am Gehweg durch zahlreiche Passanten und Trauben von Schaulustigen hindurch. Wenn ihn nicht alles täuschte, befand sich das kleine Weinlokal an der nächsten Straßenecke. Erst im Herbst hatte er es mit einer Kollegin aus der Sportredaktion besucht. Nichts Ernsthaftes, nur ein feuchtfröhlicher Abend mit anschließendem Quickie in ihrer Wohnung.
Er bog um die Ecke. Tatsächlich. Die Weinbar lag direkt vor ihm, und wie er bemerkte, war auch hier hinter der Bar eine Absperrung der USCP errichtet worden. Sowohl vor dem Eingang als auch im Lokal selbst herrschte emsiges Treiben. Stoisch zwängte sich Oliver ins Innere der Bar. Ein fader Dunst angebrannten Olivenöls gemischt mit den Ausdünstungen transpirierender Gäste hing wie eine unsichtbare Wolke über den aneinandergereihten Köpfen. Ohne auf den leidenden Blick der überforderten Bedienung einzugehen, quetschte sich Oliver mit der rechten Schulter voran in den hinteren Bereich zur Bar. Wie Lemminge drängten sich etliche Gäste vor dem Tresen, darunter Jenny und ihr Kollege Frank, der seine Digitalkamera geschultert trug.
„Und, habt ihr schon was herausgefunden?“, fiel Oliver mit der Tür ins Haus.
„Nicht mehr als die Kollegen hier.“ Frank schmunzelte. „Alle sind sie da, wie die Aasgeier. Die Jungs von der Times, Daily News – sogar vom Chronicle. Doch niemand wird auch nur in die Nähe des Hotels gelassen.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Oliver in die Runde.
„Das, was alle machen: warten“, entgegnete Jenny, während sie gelangweilt ihr von Sommersprossen übersätes Gesicht zu einer Grimasse verzog.
„Irgendwas ist da faul, ich rieche es förmlich“, flüsterte Oliver. „Klar, es geht hier um den Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten. Aber warum schotten sie das Areal dermaßen ab?“
„Reine Routine“, meinte Frank. „Bevor die nicht genau wissen, was passiert ist, lassen die keine Kakerlake auch nur in die Nähe. Wenn wir …“
Eine plötzlich aufkeimende Unruhe unterbrach Franks Ausführungen. Irgendetwas schien draußen in Bewegung zu kommen. Ohne Rücksicht zu nehmen, schob sich Oliver an mehreren Gästen vorbei zum Ausgang. Tatsächlich rollten soeben eine schwarze Limousine sowie ein Leichenwagen, eskortiert von zwei dunklen Vans Ford V8 mit abgetönten Scheiben, die Pennsylvania Avenue entlang, um anschließend links in der Zugangsstraße zum Hotel zu verschwinden. Frank hatte die Digitalkamera im Anschlag und das leise Rattern des Auslösers sicherte ihnen mehrere Aufnahmen in der Sekunde.
„Bleibt ihr hier am Ball“, wies Oliver seine Kollegen an. „Ich fahr ins George Washington Hospital. Sie bringen ihn sicher dorthin.“
„Woher willst du das wissen?“, fragte Jenny ihn musternd.
Oliver tippte mit dem Zeigefinger an seinen Nasenflügel.
Fragestunde
Die Kabelbinder, mit denen sie Enrico vor Stunden an den Stuhl gefesselt hatten, schnitten ihm schmerzhaft in die Handgelenke. Seine Beine waren eingeschlafen, Schweiß stand auf seiner Stirn. Es fehlte nicht viel und er würde sich vor ihnen in die Hose pissen.
Direkt gegenüber von Enrico saß zusammengesunken sein Boss, Vicente. Seit seiner Jugend arbeitete Enrico jetzt schon für Vicente. Er war wie eine Vaterfigur für ihn, von der er sich über viele Jahre hinweg immer wieder die gleiche Leier anhören musste: „Weißt du“, fragte Vicente dann stets, „warum meine Mama mich auf Vicente taufen ließ? Na? Na? Ich verrat’s dir: Kommt aus dem Lateinischen von ‚vincere‘ und bedeutet so viel wie ‚Der Siegende‘.“ Dabei klopfte sich Enricos Boss wie ein Gewinner mit den flachen Händen auf die Brust. Das, was nunmehr von Vicente übrig geblieben war, hatte nichts mehr mit einem Sieger gemein. Sie hatten ihm übel zugesetzt. Sein rechtes Ohr fehlte, abgeschnitten. Sie hatten es Vicente blutbesudelt in den Rachen geschoben, inmitten abgebrochener, ausgeschlagener Zähne. Von seinem Gesicht war nach der Spezialbehandlung kaum noch etwas zu erkennen. Sein Antlitz war eine dunkelrote, zu Brei geprügelte Masse. Kleine Blutblasen bildeten sich dort, wo einst die Nase und die breiten Lippen ihren Platz hatten, und rot gefärbte Spuckefäden zogen sich bis auf den Boden. Aber Vicente atmete noch.
Unbewusst nach vorn und hinten wippend, starrte Enrico angsterfüllt auf die ohne Skrupel übel zugerichtete Gestalt. Würde ihn nun das gleiche Schicksal ereilen?
Aus dem Augenwinkel heraus nahm Enrico eine Bewegung wahr. Sie kam von einem elegant aussehenden Mann, dem er zwar zuvor noch nie begegnet war, den er jedoch von Erzählungen seines Ziehvaters her kannte. Mitte fünfzig, grau meliertes Haar, ein wie mit dem Lineal akkurat gezogener Scheitel, bekleidet mit dunklem Anzug und camelfarbenem Wintermantel. Gelassen, als würde soeben ein Werbefilm für eine italienische Modemarke gedreht, streifte sich dieser einen Lederhandschuh über, während er seinem Begleiter durch Nicken Anweisung erteilte.
Die zweite Person hatte die Figur eines Athleten und maß mindestens einen Meter neunzig. Das kantige Gesicht des Hünen sowie der massige Schädel waren glatt rasiert. Eine mächtige Narbe zog sich von der linken Augenbraue bis hoch in die Stirn und bei genauerem Hinsehen konnte man die Mulde erkennen, die sich entlang der Narbe auf der Schädeldecke abzeichnete. Seit über einer Stunde schon hatte die verschrobene Glatze den Job übernommen, Fragen an Vicente zu richten. Nachdem ihm dieser nicht die gewünschten Informationen preisgegeben hatte, prügelte der Glatzköpfige mit regungsloser Miene den Schlagstock in Vicentes Gesicht. Immer wieder. Die wuchtigen, klatschenden und knackenden Geräusche, die die Schläge verursachten, hallten dumpf in der Lagerhalle, in die Vicente mit Enrico vor über zwei Stunden verschleppt worden waren.
Jetzt griff die Glatze nach hinten in den Hosenbund, zog eine Walther P99 mit Schalldämpfer hervor und richtete die Waffe an die Schläfe Vicentes. Das leise Knacken des Abzugshahns riss dessen Kopf zur Seite. Blut und Gehirnmasse spritzten auf den staubigen Betonboden und formten gemeinsam mit eingetrockneten Ölflecken ein bizarres, abstrakt anmutendes Muster.
Sekunden der Stille.
„Hast du gesehen, was passiert, wenn man sich meinen Regeln widersetzt?“ Der grau melierte Gentleman, der auf den Namen Paolo Fucari hörte, wandte sich nun flüsternd an Enrico.
Mit vor Entsetzen starrem Blick konnte dieser weder ein Wort sagen noch eine Regung zeigen. Die Angst hatte jeden seiner Muskeln einfrieren lassen.
„Sicher verrätst du mir jetzt, von wem Vicente in den letzten Monaten das Koks bezogen hat?“ Ohne jede Notation in der Stimme war es weniger eine Frage denn ein Befehl.
„Mister, Mister Fucari“, hörte Enrico sich jetzt stammeln, „ich, ich habe wirklich keine Ahnung. Vicente hat daraus ein Geheimnis gemacht. Die Lieferungen kamen meist nachts ins Lagerhaus. Ich …“ Mehr brachte Enrico nicht zustande. Ohne es zu wollen, quollen Tränen aus seinen Augen, während er wie ein kleines Kind zu schluchzen begann.
Der Hüne mit Glatze wollte gerade zum Schlag ausholen, als die erhobene Hand Paolo Fucaris Einhalt gebot.
Fucari trat an Enrico heran, beugte sich zu dessen Ohr und flüsterte: „Ich glaube dir, mein Freund. Du bist doch mein Freund, oder?“
„Ja, ja, alles, was Sie wollen“, jammerte Enrico.
„Gut. Ulrich, binde ihn los.“ Enrico spürte den warmen Atem Fucaris an seiner Wange, während der Glatzkopf namens Ulrich ein Messer zückte und die Kabelbinder durchschnitt. Wie bei einer Marionette, deren Fäden losgelassen wurden, sackten Enricos Arme seitlich des Stuhls nach unten.
„Hör gut zu, Enrico. Gerade ist ein Platz in meiner Organisation frei geworden. Freu dich. Ich befördere dich soeben! Du nimmst den Posten von diesem Dreckskerl Vicente ein. Sicher wirst du mir ein zuverlässigerer Weggefährte sein als dieses stinkende Etwas. Du unterbindest die Lieferungen – hast du gehört! Auf die Straße kommt nur unsere Ware. Du wirst mir sagen, von wem das Koks kommt. Ulrich wird ein Auge auf dich haben. Und jetzt entsorg dieses Schwein und sieh zu, dass der Boden gereinigt wird.“
Fucari tätschelte freundschaftlich Enricos Schulter. Dann verschwanden er und die vernarbte Glatze Ulrich durch eine Seitentür der Lagerhalle.
Enrico blieb sitzen. Noch immer spürte er den Druck der Hand auf seiner Schulter. Übelkeit stieg in ihm auf und er erbrach sich.
Das Jackett
Zu zweit hievten Männer in weißen Overalls den leblosen Körper auf die sterile Plastikfolie des aus Aluminium gefertigten Sarges. Dann schloss sich der Deckel über dem Leichnam. Ein Agent des Secret Service, der unübersehbar das Sagen hatte, streifte transparente Plastikhandschuhe ab, gab das Zeichen für den Abtransport des Aluminiumsarges und wandte sich an seinen Kollegen: „Habt ihr alles gründlich durchsucht?“
„Das Zimmer ist sauber, Chief. Nichts, was noch auf den Aufenthalt des Vice hindeuten würde.“
„Gut. Nehmt die gesamten Utensilien mit ins Labor der Pathologie. Ich informiere Hobbs.“
„Wird gemacht, Chief.“
Mit gehorsamem Nicken griff der Beamte nach einem luftdichten Behältnis und folgte den Sargträgern. In der dunkelblauen Box waren sämtliche Habseligkeiten des Vizepräsidenten fein säuberlich in Plastiktüten verstaut. Auch das Jackett Logen Winstons, das zwei Agenten des Secret Service noch kurz zuvor aus der Reinigung im Kellertrakt des Hotels abgeholt hatten.
Pressekonferenz
Blitzlichtgewitter begrüßte Bob Thompson, als er, gefolgt von der Direktorin der CIA Julia Hobbs sowie Verteidigungsminister Ashton Brown, Punkt 20:00 Uhr Ortszeit ans Rednerpult trat. Mit stoischem Gesichtsausdruck wartete der Präsident der Vereinigten Staaten, bis das Klicken der Fotoapparate sowie das Gemurmel der anwesenden Journalisten verstummten.
Bob Thompson atmete tief ein, bevor er zu sprechen begann: „Ladies and Gentlemen, Bürger der Vereinigten Staaten. Mit großem Kummer in meinem Herzen obliegt es mir, Ihnen mitzuteilen, dass unser Vizepräsident, Präsident des Senats und guter Freund Logan Winston heute Vormittag von uns gegangen ist. Ein Schicksalsschlag, der unsere Nation, ebenso wie alle hier im Weißen Haus und natürlich im Besonderen seine Familie in tiefe Trauer stürzt. Unsere Gedanken sind in diesen Minuten, Stunden und Tagen bei seiner Frau Rachel und den Töchtern Barbara und Bridget.“
Die einfühlsame Rede des Präsidenten zeichnete den fulminanten Aufstieg Winstons vom jungen Jurastudenten bis zu dessen Wahl zum demokratischen Senator des Bundesstaates von Delaware auf. Eine Bilderbuchkarriere. Seit nunmehr über drei Jahren war er nach der äußerst knapp gewonnenen Wahl des demokratischen Abgeordneten Bob Thompson zum Präsidenten der Vereinigten Staaten dessen Vizepräsident gewesen.
Merklich trauernd, neigte sich die Rede des Präsidenten nach etwa fünf Minuten dem Ende entgegen: „Wir beten für Logan Winston. Für ihn wie auch für seine Familie und seine Freunde.“ Thompsons schmerzerfüllter Blick ruhte gedankenversunken auf den Gesichtern der Journalisten, die gleichfalls schweigend ihrer Anteilnahme Ausdruck verliehen. Dann erhob Thompson ein letztes Mal die Stimme: „Ich danke Ihnen für Ihre rücksichtsvolle Berichterstattung im Sinne Logan Winstons Familie. Sie werden sicherlich Fragen haben. Julia Hobbs wird Ihnen diese gerne beantworten.“
Noch während er den Presseraum durch den seitlichen Ausgang verließ, wurden die ersten Fragen der Journalisten gestellt.
Lauthals setzte sich Jenny Thompson, Washington Post, über die Kollegen im berstend gefüllten Presseraum hinweg durch, als sie rief: „Director Hobbs, welche Gründe rechtfertigen es, das Areal rund um das Hotel Four Seasons für die Presse abzuriegeln? Ist dies nicht ungewöhnlich? Trotz der Tatsache, dass es sich um unseren Vizepräsidenten handelt?“
„Keineswegs, Ms. Thompson“, antwortete Julia Hobbs sichtlich kühl. „Unser Secret Service hielt sich strikt an die Standards, die für derartige Sicherheitsbelange festgelegt sind. Auch wenn ich nachvollziehen kann, dass es Ihnen als Journalistin die Berichterstattung erschwert.“
„Woran ist Logan Winston gestorben?“, hakte Jenny nach.
„Wir warten noch auf die Ergebnisse der Obduktion. Der behandelnde Arzt, der vor Ort den Tod festgestellt hat, geht von akutem Herzversagen aus. Fremdeinwirkung, das können wir zum jetzigen Zeitpunkt sagen, scheidet aus. Also handelt es sich um eine natürliche Todesursache.“
Lauthals wurden weitere Fragen durcheinander in den Raum gerufen. Direktor Hobbs deutete mit ihrem Zeigefinger konsequent über Jennys Kopf hinweg auf einen Kollegen in den hinteren Sitzreihen: „Rudy Mason, Ihre Frage bitte.“
Kokaiiiin
„Rodrigo, wo warst du solange? Beeil dich. Der Präsident spricht gerade im Fernsehen.“
Rodrigo drückte seiner jungen mexikanischen Freundin einen Kuss auf die Wange, bevor er sich mit lautem Seufzer auf das durchgesessene Sofa fallen ließ.
„War mächtig Trubel heute im Hotel. Lauter Beamte des Secret Service. Das hättest du mal erleben sollen.“
„Und? Hast du die Leiche gesehen?“ Catalina schauderte es bei dem Gedanken.
„Wo denkst du hin? Die hatten alles abgeriegelt. Aber sie haben mich direkt angesprochen.“ Mit stolzgeschwellter Brust achtete Rodrigo auf die Reaktion seiner Freundin, die prüfend ihre dichten, dunklen Augenbrauen zusammenzog.
„Wer hat dich angesprochen? Was hast du damit zu tun?“
„Was ich damit zu tun habe? Du fragst mich, Rodrigo, den Chef der Chefs des Four Seasons, tatsächlich, was ich damit zu tun habe?“ Er kicherte laut auf. „Na, die wollten die Jacke dieses Winston von mir. Sein Jackett, verstehst du? Ich hatte es gerade aufgebügelt, da stehen zwei so Schränke wie Men in Black vor mir in der Reinigung und machen ein ganz ernstes Gesicht.“
„Ja, und?“, fragte Catalina.
„Nichts und. Ich hab’s ihnen natürlich gegeben. Aber …“ Rodrigo machte eine Pause, stand auf und schmunzelte. Er griff in die Hosentasche seiner Jeans und zog ein unscheinbares Plastiktütchen hervor. Tänzelnd wedelte er mit dem Tütchen vor Catalinas Gesicht. „Aber ich hab ihnen nicht alles gegeben.“ Wieder kicherte er laut auf.
„Was ist das?“
„Das, meine Prinzessin, ist der Nachtisch für heute Abend. Kokaiiiin. Und sicher der feinste Stoff, den wir uns jemals reingezogen haben.“
Catalina schmunzelte nun ebenfalls. „Wo hast du das Zeug her?“, wollte sie wissen.
„Aus der Jahacke des Vizepräsidenten der Vereiheinigten Staaten“, gab Rodrigo im Singsang von sich. „Was glaubst du, der Typ hat sicher nur vom Feinsten geschnupft. Das Zeug wird uns so geil machen, dass wir die ganze Nacht vögeln werden.“
„Glaubst du nicht, dass es vermisst wird?“
Rodrigo riss die Augen auf. „Vermisst?“, gluckste er. „Der Typ ist auf Eis gelegt, in den ewigen Jagdgründen, Babe. Der vermisst in dieser Welt mit Sicherheit nichts mehr.“
„Cool“, flüsterte Catalina, während sie auf das Päckchen in Rodrigos Hand stierte.
„Ich werde jetzt meinen durchtrainierten Body unter die Dusche lenken. Und wenn ich zurückkomme, kannst du die erste Line direkt von meinem nach Seife duftenden Schwanz ziehen.“ Er warf das Tütchen aufs Sofa, gab Catalina noch einen Kuss auf die Stirn und verschwand im Bad.
Es war ein schäbiges Badezimmer in der kleinen Zweizimmerwohnung, deren Miete sie sich gerade mal so leisten konnten.
Schnell zog Rodrigo sein Shirt und die Jeans aus. Das Neonlicht am Spiegel über dem Waschbecken warf ein unnatürlich helles Licht auf die dunkle Haut des Mexikaners. Fletschend prüfte er vor dem Spiegel die Zähne – nicht, dass Reste der Petersilie vom Mittagssandwich diese verunstalteten. Doch alles war perfekt.
Er drehte den Wasserhahn auf und ließ die Brause einige Minuten laufen, bis endlich heißes Wasser kam. Dann stellte er sich, vor lauter Vorfreude laut summend, in die Duschwanne, zog den mit bunten Goldfischen bedruckten Plastikvorhang zu und begann sich von oben bis unten einzuseifen. Während er den Schaum in seinem Gesicht und auf seiner Haut verteilte, ließ ihn ein leises Kratzen aufhorchen. Mit geschlossenen Augen rief er durch den Duschvorhang zur Badezimmertür: „Catalina, bist du das?“ Keine Antwort – stattdessen erneutes Kratzen und Poltern. „Catalina?“ Er blinzelte, um etwas erkennen zu können. „Scheiße“, fluchte Rodrigo, als plötzlich ohne Vorwarnung etwas gegen den Duschvorhang stieß und diesen aus der Wandverankerung riss. Abwehrend streckte er die Arme in die Höhe, während der Plastikvorhang samt Metallschiene und einem zuckenden Leib in die Wanne schlug.
Augenblicklich brüllte Rodrigo wie am Spieß. Hektisch spülte er die brennenden Augen mit Wasser aus und tastete dabei mit einer Hand nach dem Körper, der zitternd halb in der Duschwanne, halb auf dem Badezimmerboden lag. Als er endlich wieder klar sehen konnte, lag Catalina gekrümmt vor ihm. Ihr Kopf musste gegen die Armatur geprallt sein, denn eine klaffende Wunde an ihrer Stirn färbte das Duschwasser rot, bevor es gurgelnd im Abfluss verschwand.
„Catalina, fuck, was ist los? Was ist mit dir? Sag was! Oh, scheiße, scheiße, scheiße.“
Angespannt hantierte er am dünnen Plastik des heruntergerissenen Duschvorhangs, der sich völlig durchnässt um den Wasserhahn gestülpt hatte. Als er den Regler endlich zu fassen bekam, drehte er das brausend heiße Nass ab.
Catalina lag mit ihrem Oberkörper auf seinem linken Fuß. Im Versuch, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, zog er ihn hervor und stieg vorsichtig aus der Wanne. Ein Zittern hatte Catalina derart heftig erfasst, als würden permanente Stromschläge durch ihren Körper gejagt.
„Catalina, scheiße, verdammt, was ist mit dir? Sag doch was!“
Rodrigo kniete sich vor sie, umschloss mit beiden Händen ihr Gesicht und sah das Weiß ihrer nach oben verdrehten Augäpfel. In diesem Moment brach ein Schwall Erbrochenes aus Catalina heraus, direkt auf seine nackten Oberschenkel.
„Ohhh, shit. Shit, Catalina, Catalina, verdammt, sag doch was!“
Völlig von Sinnen schüttelte er sie an den Schultern. Ihr Kopf wackelte dabei hin und her, während der saure Dunst ihres ausgeworfenen Mageninhalts beharrlich in seiner Nase biss. Instinktiv griff er nach einem Handtuch und presste es auf die blutende Platzwunde an ihrer Stirn.
Catalina begann heftiger zu atmen. War das ein gutes Zeichen? Dann krümmte sie sich zusammen, gerade so, als wolle sie wie eine Katze eingerollt in den Schlaf übergehen. Doch Catalina schlief nicht, sie lag nur still da.
Banale Story
Qualle schien sichtlich enttäuscht.
„Was?“, fuhr Oliver ihn an, da er mit seinem schlechten Gewissen haderte. Wäre er vormittags ans Handy gegangen, hätten sie jetzt unter Umständen mehr Material für die morgige Ausgabe. Aber es war schließlich um Eve gegangen, seine Tochter – und Weihnachten. „Keines der anderen Blätter hat mehr als wir. Die Beamten vor Ort haben alles derart dicht gemacht, als wäre ein fucking Außerirdischer gelandet.“ Oliver schmiss verärgert den Kugelschreiber über seinen Tisch.
„Ich sag doch gar nichts, Boss“, nörgelte Qualle gespielt beleidigt, um sich dann an Jenny und Frank zu wenden, die ebenso offenkundig frustriert am Besprechungstisch gegenüber lehnten. „Immerhin konntest du die beiden ersten Fragen bei Hobbs landen. Das ist doch schon was.“ Qualle reckte lobend den Daumen in die Höhe.
„Ach, Qualle, du bist süß.“ Jenny stieß sich vom Besprechungstisch ab, ging einen Schritt auf den Assistenten Olivers zu und kniff ihn in die dicke Wange.
„Wie sind die Fotos geworden?“, fragte Oliver an Frank gewandt.
„Wenn wir einen Leichenwagen auf Seite eins drucken wollen, passt das Bildmaterial.“
„Okay. Ich schlage vor, wir ziehen ein Archivbild von Logan Winston, den Leichenwagen gibt’s als Miniaturbild. Ohne in Spekulationen zu verfallen, bekommen wir mit der Story nicht mehr als eine halbe Seite gefüllt. Seite drei dann noch den Lebenslauf. Geburt, wesentliche Eckpfeiler seiner Karriere, Abgang.“
„Keine Spekulationen?“, setzte Jenny nach.
„Du hast den Präsidenten gehört. Rücksichtsvolle Berichterstattung im Sinne seiner Familie. So hat er sich doch ausgedrückt, oder?“
„Schon, aber müssen wir uns daran halten? Ich hab das mehr als Bitte ver…“
„Welche Hypothesen willst du aufstellen?“, unterbrach Oliver sie. „Director Hobbs hat ausdrücklich betont, dass Winston eines natürlichen Todes gestorben ist. Wo nichts ist, werden wir auch nichts finden!“
„Aber du hast doch selbst gesagt, dass da irgendwas faul ist. Straßensperren, die ganze Abschottung, als sei unser Vizepräsident mit einem hochansteckenden Virus infiziert gewesen. Das Ganze stinkt doch zum Himmel!“, widersprach Jenny.
Frank nickte zustimmend, während Oliver an seine eigene Abfuhr im George Washington Hospital dachte. Tatsächlich hatte man den Leichnam zur Obduktion dorthin gebracht. Doch kein Kommentar der Ärzte, nicht mal auf die Station wurde er vorgelassen.
„Vergesst die Riesenstory. Das ist kein Material für den Pulitzer. Ein andermal vielleicht. Klimpert zwanzig Spalten runter, dann legt euch schlafen. Ich für meinen Teil mach Feierabend. Qualle, hast du ’ne Zigarette für mich?“
Zögernd zog Qualle ein faltiges Päckchen aus seiner Brusttasche und reichte es Oliver. Eigentlich hatte sein Boss damit aufgehört.
Blackout
Rodrigo rieb seine eiskalten Handflächen aneinander. Alleingelassen saß er vornübergebeugt im Flur des George Washington Hospitals. Trotz des alles überlagernden Geruchs nach Desinfektionsmittel hatte er noch immer den säuerlichen Duft des Erbrochenen Catalinas in der Nase. In seinem Kopf drehte sich alles. Außerstande, einen klaren Gedanken zu fassen, schossen in seinem Schädel Bilder der letzten Stunden wie Stroboskopblitze wild durcheinander. Bildsequenzen von Catalina, wie ihr regloser Körper vor ihm gelegen hatte. Wie er sie immer wieder geschüttelt und dabei um Hilfe geschrien hatte. Offensichtlich hatte er seine Jeans angezogen, ein Handtuch um Catalinas nasse, schlaffe Gestalt gelegt. Ein weiterer Lichtblitz und er stand auf einmal mit nacktem Oberkörper barfuß im Aufzug – Catalina in seinen Armen – regungslos. Keine Ahnung, wie er in der Eiseskälte zum geparkten Wagen gekommen war. Die Autofahrt ins Krankenhaus – dasselbe schwarze Loch der Amnesie. Wie war er nur hierhergekommen? Jetzt zuckten kurz die Bilder der heraneilenden Schwester vor seinem Auge. Dann erneute Dunkelheit. Als er wieder aufgewacht war, hatte man ihm eine Decke um die Schultern gelegt und etwas in seinen Arm gespritzt. Ein Beruhigungsmittel, erklärte ihm die freundliche Schwester, bevor sie ihn auf den Stuhl in diesen gottverdammten Korridor abgeschoben hatte. Das weiße Neonlicht brannte in seinen verheulten Augen. Wo war Catalina jetzt? Konnten sie ihr helfen?
Er musste etwas unternehmen. Irgendetwas. Würde er weiterhin hier sitzen bleiben, lief er Gefahr, wahnsinnig zu werden.
Gerade als er aufstehen wollte, erschrak er wegen zweier Männer, die direkt vor ihm standen und auf ihn herabsahen. Woher waren die so plötzlich gekommen? Sie sprachen mit ihm, doch er konnte lediglich ein dumpfes Gemurmel vernehmen. Jetzt packte ihn einer der Männer an der Schulter, zog ihn hoch und drehte ihm die Arme auf den Rücken. Was um Himmels willen geschah hier? Was hatten die Männer mit ihm vor?
Er spürte das kalte Metall der Handschellen, war jedoch nicht in der Lage, Widerstand zu leisten. Mürrisch legte ihm der zweite Beamte die zuvor heruntergerutschte Wolldecke über die Schultern.
Die Bakers
„Hi, Mom, frohe Weihnachten.“
„Robert, lieb, dass du anrufst. Wie geht’s dir? Habt ihr das Fest schön verbracht?“
„Kommt drauf an, Mom. Unser Truthahn hat dieses Jahr auf jeden Fall überlebt. Wir hatten alle Hände voll damit zu tun, dem Präsidenten irgendwelche Pläne auszuarbeiten.“
„Mit ‚wir‘ meinst du bestimmt dich und William“, mutmaßte Birgit.
„Ja, klar. Ich soll dir einen schönen Gruß von Dad ausrichten. Es geht hier tatsächlich drunter und drüber. Politik, du kennst das ja.“
Und wie Birgit das kannte. Als sie nach ihrem Studium in Hamburg Anfang der Achtziger aus dem Norden Deutschlands nach München gezogen war, um dort eine Stelle am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung anzunehmen, hatte sie nicht geahnt, dass dieser Ortswechsel ihr bis dato so streng gehütetes Single-Dasein auf den Kopf stellen sollte.
Professor Walter vom Institut hatte ihr 1982 die Aufgabe übertragen, das sogenannte Praxisreferat einzurichten. Eine Institution, deren Hauptaufgabe darin bestand, Medienunternehmen zu akquirieren, um Studenten zur Ergänzung der universitären Ausbildung Praktikumsplätze zur Verfügung zu stellen. Mit Liebe und Engagement widmete sich Birgit dieser Herausforderung. Ihr erklärtes Ziel war es, nicht nur in Deutschland ansässige Firmen zu gewinnen, sondern darüber hinaus Medienagenturen im Ausland. Dann, auf einer Werbeveranstaltung im Deutschen Hof in München, hatte sie ihn das erste Mal getroffen. Im maßgeschneiderten hellgrauen Anzug und mit seinen strahlend blauen Augen sah er umwerfend aus. Sie wusste, sollte er sie an diesem Abend ansprechen, würden sie über kurz oder lang im Bett landen. Und er sprach sie an, mit der zurückhaltenden und dennoch zielführenden Art der Diplomatie.
„Fräulein Schmidt, darf ich Ihnen meinen Glückwunsch zu Ihrem überaus gelungenen Vortrag aussprechen?“, waren seine Worte, als er im Foyer auf sie zutrat. Er stellte sich ihr als William Baker vor, Generalkonsul der Vereinigten Staaten in München.
So jung und schon Generalkonsul, überlegte Birgit, während sie innerlich bereits dahinfloss. Der Duft seines Rasierwassers, ebenso die gewählte Aussprache – er sprach perfekt Deutsch, wenn auch mit Akzent – das Gesamtpaket passte.
Sie setzte ihr strahlendstes Lächeln auf, ließ sich liebend gern auf einen Drink an der Hotelbar einladen, und noch am selben Abend landeten sie in seiner Wohnung. Aus dem One-Night-Stand entwickelte sich eine, ja, man könnte es fast schon Beziehung nennen, die dem Wunsch beider entsprach, ihre persönliche Freiheit nicht aufzugeben. Wenn man sich ein-, zweimal die Woche traf, so stand unausgesprochen fest, dass dies rein zum Ausleben sexueller Fantasien gedacht war. Bis zu dem Tag, da ihr bewusst wurde, dass etwas nicht stimmen konnte. Eine Frau spürt so etwas und es wurde dann durch ein positives Ergebnis des Schwangerschaftstests bestätigt.
Daraufhin hatte sie in Erwägung gezogen, für William italienisch zu kochen, um bei Pasta, Weißwein und Kerzenschein die Neuigkeit möglichst positiv zu verkaufen. Doch sie entschied sich dagegen, zog es vor, sich mit ihm in einem Fastfood-Lokal zu treffen, vielleicht unbewusst, um diese Angelegenheit, diese Schwangerschaft in der gleichen Geschwindigkeit zu besprechen, in der das Essen serviert wurde.
„William, übrigens … mmh, ich bin schwanger“, sagte sie schmatzend, nachdem sie ihre Tabletts mit Burger und Pommes vor sich abgestellt hatten, um sogleich, ohne Luft zu holen und wie beiläufig, weiter auszuführen: „Du brauchst dir keinen Kopf zu machen. Ich stell keine Ansprüche, du hast keinerlei Verpflichtungen, sieh es einfach als … als kleinen Betriebsunfall.“ Sie zuckte etwas unbeholfen mit den Schultern, während sie Williams immer größer werdende Augen betrachtete. Wie schön blau sie doch waren. „Wir könnten nachher noch ins Kino gehen. Flashdance soll ganz gut sein. Was meinst du?“, fragte sie völlig belanglos, das Thema schneller wechselnd, als ein Boxenstopp bei einem Formel-1-Rennen dauert.
Gänzlich überrumpelt starrte William sie an. „Bist du sicher?“, flüsterte er und schob die zwischen ihnen liegende Tüte Pommes beiseite.
„Wenn man den Filmkritiken Glauben schenkt, ja. Auch soll die Musik zu Flashdance der Hammer sein.“
„Birgit, hör bitte auf, derart banal zu diskutieren. Seit wann weißt du es?“
„William, ich, ich …“ Jetzt verschlug es Birgit die Sprache. Ihre Brust hob und senkte sich vor Aufregung. Vorsichtig tupfte sie sich eine Träne aus dem Winkel ihres Auges. „Ich weiß, das war alles nicht so geplant. Ich bin ebenso überrascht wie du. Aber sieh doch mal: Eine Abtreibung kommt nicht infrage. Du kennst mich! Ich bin ein Mensch, der über sein Leben und über das Wie und Wann selbstständig entscheidet. Ich werde gewiss ganz gut alleine klarkommen, ein Kind großzuziehen. Meinst du nicht auch?“
William antwortete nicht sofort. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, schien er in seinen Gehirnwindungen nach der passenden Antwort zu kramen. Schließlich hatte er diese anscheinend in Form einer Frage gefunden: „Wieso grenzt du mich von vornherein derart aus? Ich meine … ich habe doch ein nicht ganz unerhebliches Wort mitzureden.“
„Ich werde nicht abtreiben, wenn du das meinst!“ Birgit funkelte ihn nervös und gleichzeitig kampfeslustig an.
„Wer spricht denn von Abtreibung? Du doch, nicht ich. Ich spreche vielmehr von einer gemeinsamen Wohnung, mindestens sechs Zimmern mit zwei Bädern, damit wir uns ab und an aus dem Weg gehen können. Wir sollten einen Babysitter engagieren, der perfekt Windeln wechseln kann. Und wenn du willst …“
„Pssst.“ Birgit unterbrach ihn lächelnd, während sie ihm den Zeigefinger auf die Lippen legte. „Genau das wollte ich vermeiden. Dass du dich verpflichtet fühlst.“
„Sicher fühle ich mich verpflichtet“, entgegnete William sanft. „Aber es ist ein schönes Gefühl.“
Noch im selben Jahr heirateten sie standesamtlich, 1984 kamen die Zwillinge Philipp und Robert zur Welt. Die gemeinsame Wohnung am Starnberger See, etwas außerhalb Münchens südlich gelegen, besaß sogar acht Zimmer – was allerdings auch nicht verhindern konnte, dass ihre Ehe nach nur drei Jahren vor dem Aus stand. Pragmatisch trafen sie rechtzeitig die Entscheidung, getrennte Wege zu gehen, bevor die Phase der gegenseitigen Vorhaltungen in ihrer Lebensgemeinschaft die Oberhand gewann. Während Birgit mit Philipp in der Wohnung am Starnberger See blieb, willigte William ein, den Posten des Beraters für Auslandsfragen in Washington D.C anzunehmen. So wurden die Zwillinge Philipp und Robert im zarten Alter von drei Jahren getrennt, da William seinen Sohn Robert mit in die Vereinigten Staaten nahm, während Philipp bei seiner Mutter blieb.
Über all die Jahre des Erwachsenwerdens trafen sich die Brüder sowie Birgit und William, sooft es die Zeit und die Ferien zuließen, abwechselnd in München und Washington D.C. – für Philipp und Robert, trotz der Tausenden von Kilometern Entfernung, ein ganz normales, außergewöhnlich multikulturelles Familienleben.
Übergabe Ramirez
Dem Sheriff des Metropolitan Police Departments – kurz MPDC – missfiel es sichtlich, als zwei Beamte des Secret Service mit ernster Miene in seinem Büro erschienen.
„Wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte er daher, ohne von seinem Tisch aufzusehen.
„Sie haben seit gestern Abend einen gewissen Rodrigo Ramirez in Gewahrsam.“
„Kann sein. Was ist mit ihm, dass ihr Jungs vom Secret Service bei mir antanzt?“ Noch immer würdigte der Sheriff die Agenten keines Blickes.
Ohne auf die Frage einzugehen, legte einer der in dunkle Wintermäntel gehüllten Anzugträger ein gefaltetes Blatt Papier auf den Tisch des Sheriffs. Der kannte diese Art von Schreiben, diese Direktiven, die ihm wieder einmal vor Augen führten, dass er und sein Department außen vor gelassen wurden, wenn es um die wirklich wichtigen schlimmen Jungs ging. Doch dieses Mal schien es sich bei der nachgefragten Person um einen ganz großen Fisch zu handeln. Die Verfügung zur sofortigen Überstellung des genannten Häftlings an den Secret Service war von keiner geringeren Person als der Direktorin der CIA selbst, Julia Hobbs, unterschrieben.
Erstmals sah der Sheriff von seiner Tischplatte auf und musterte die beiden Beamten. „Warten Sie hier“, wies er die Agenten an, stand auf, trat an dem Duo vorbei und verließ das Büro. Er überquerte den Flur, bis er an eines der Großraumbüros kam, in dem der Duft von Hot Dogs und kalter Pizza lag.
„Luke“, schrie er über die Köpfe der anderen Polizeibeamten hinweg und deutete nickend einem der Beamten im hinteren Flügel des Raums an, zu ihm zu kommen.
„Chief, was gibt’s?“, fragte Luke, dem der grimmige Ausdruck im Gesicht seines Chefs nicht entgangen war.
„Du warst doch gestern dabei, als ihr diesen Rodrigo Ramirez aus dem George Washington geholt habt, oder?“
„Klar. Was ist mit ihm?“
„Keine Ahnung. Wo ist der Bericht?“
Luke schien derartig überrumpelt, dass er anfänglich nur stammelnd antworten konnte: „Chief, der Bericht, also, der Bericht …“
„Kein Bericht? Verdammt, Luke, du weißt doch …“
„Chief, es war nach 23:00 Uhr, als wir im Krankenhaus ankamen. ’ne Stunde später hatte ich Feierabend. Bin eh erst um 2:00 Uhr nach Hause gekommen. Da war keine Zeit für nen Scheißbericht.“
„Schon gut, entspann dich“, beruhigte der Sheriff. „Wieso wurdet ihr gerufen?“
„Einer der Ärzte … also, dieser Ramirez hatte seine Freundin ins George Washington gebracht, da war sie aber bereits verstorben. Der Arzt äußerte den Verdacht des Drogenmissbrauchs. Sicherheitshalber hat er dann uns informiert.“
„Drogen, so, so“, sinnierte der Sheriff. „Sonst irgendwas, was die Jungs vom Secret Service auf den Plan rufen könnte?“
„Secret Service?“, wiederholte Luke erstaunt, um gleich darauf verneinend den Kopf zu schütteln.
„Zwei dieser Halbaffen warten in meinem Büro und wollen Ramirez mitnehmen. Und so wie es scheint, mit Befehl von ganz oben.“
Lukes Mundwinkel verzogen sich nach unten, während er unwissend mit den Schultern zuckte.
„Gut, schaff mir diese geleckten Secret-Typen vom Hals und übergib ihnen Ramirez. Lass dir ’ne Quittung geben, nicht, dass die uns noch ans Bein pissen, sollte der Mexikaner verschollen gehen.“
Ihr wisst, was das bedeutet
„Was wissen wir über diesen – wie heißt er noch mal?“ William hatte kurz zuvor Julia Hobbs gebeten, in einem der schweren Ledersessel vor seinem Schreibtisch Platz zu nehmen.
„Rodrigo Ramirez“, antwortete Julia. „Nicht sehr viel. Mexican American, braucht also keine Aufenthaltsgenehmigung. Ebenso seine verstorbene Freundin, eine gewisse Catalina Flores.“
„Und was macht diesen Ramirez so interessant?“, fragte Robert, der ebenfalls anwesend war, dem sich allerdings noch nicht alle Zusammenhänge erschlossen.
„Rodrigo Ramirez ist Angestellter im Four Seasons, was allein genommen noch nicht problematisch ist“, erklärte Julia. „Doch die Tatsache, dass dessen Freundin am gleichen Tag wie Logan Winston verstarb, darüber hinaus die gleichen Symptome aufwies, macht die Sache so brisant.“
„Du meinst, sie ist auch an einer Überdosis gestorben?“
„Nicht ganz, Robert“, erklärte die Direktorin der CIA. „Wir wissen mittlerweile, dass es keine Überdosis war, der Winston und die Freundin dieses Ramirez zum Opfer gefallen sind. Genau genommen schnupften vermutlich beide schlichtweg Kokain. Doch dieses war gestreckt mit einem Mittel, das einen tödlichen Anstieg des im Körper befindlichen Adrenalins bewirkt. Epinephrin wird in sehr kleinen Dosen in der Medizin verwendet – in unserem Fall führt die erhöhte Beimengung zu Blutdruckanstieg, exzessiven zerebralen Blutungen bis hin zu Kammerflimmern und Herzstillstand.“
Robert und William sahen sich an. Beiden war bewusst, dass nun der Fall eingetreten war, den William im Oval Office als Worst-Case-Szenario an die Wand gemalt hatte.
„Jetzt haben wir die undichte Stelle, Julia“, stellte er daher fest.
„Nicht ganz“, meinte diese prompt. „Nur dann, wenn ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen der Freundin dieses Ramirez und Logan Winston hergestellt wird.“
„Und das versuchst du zu verhindern“, resümierte William ohne jegliche Betonung in seiner Stimme.
„So ist es. Ramirez befindet sich in der Obhut des Secret Service. Noch weiß er nicht, warum und in welchem Zusammenhang. Wir müssen ganz sicher sein, woher er das Koks hat und dass er die Puzzleteile nicht zu einem Ganzen zusammenfügt.“
„Das bedeutet?“, fragte Robert.
„Ihr wisst, was das bedeutet!“, flüsterte Julia. „Es geht hier um nationale Interessen.“
Jetzt hast du mich neugierig gemacht
Robert lag bereits im Bett, als sein Handy summte. Verschlafen tastete er mit seiner rechten Hand auf dem Nachttisch, bis er das Mobiltelefon zu fassen bekam. Das hell erleuchtete Display blendete seine zusammengekniffenen Augen. „Big Brother“, las er verschwommen – dann drückte er den grünen Hörer und raunzte mit leiser, brüchiger Stimme: „Phil, was hast du vor? Willst du mich mit Schlafentzug quälen?“
„Klar“, erwiderte Philipp und Robert konnte das Schmunzeln seines Bruders durch die Leitung hören. „Wenn du dich nicht meldest, liegt es an mir, dich anzurufen. Was geht ab?“
„Was willst du zu nachtschlafender Zeit wissen?“, fragte Robert, der nun endgültig wach geworden war.
„Nichts Bestimmtes. Wie geht’s euch, dir und Dad, meine ich?“
„Du weckst mich mitten in der Nacht, um zu erfahren, wie es uns geht? Au Mann, Phil. Gut so weit. Wir haben zu tun, Dad und ich, rund um den Tod des Vizepräsidenten.“
„Warum das?“, fragte Phil. „Schreibt doch den Posten einfach aus, stellt einen Vize ein und weiter geht der Trott.“
„Wenn es so einfach wäre“, entgegnete Robert. „Da spielen viele Faktoren mit rein, verstehst du?“
„Kein bisschen! Was für Faktoren?“
„Hinter, na ja, hinter den Kulissen. Manches ist nicht so, wie man es aus der Presse erfährt.“
„Höre ich da brisantes Material knistern? Winston war ein Doppelagent und wurde von 007 aus dem Verkehr gezogen?“
„So in etwa“, lachte Robert auf.
„Mal im Ernst, jetzt hast du mich neugierig gemacht“, flüsterte Philipp.
„Ich kann dir nichts sagen, Phil, topsecret.“
Philipp pfiff durch die Zähne. „Topsecret also?“
„So ist es“, antwortete Robert.
„Jetzt lass dich nicht so feiern. Ich bin’s, dein Bruder. Meine Lippen sind versiegelt.“
„Im Ernst, ich darf nicht darüber reden. Nur so viel: Manches deutet darauf hin, dass Drogen im Spiel waren, und wir vermuten, dass noch etliches auf uns zukommen wird.“
„Winston hat sich nen goldenen Schuss gesetzt und Amerika wird von Drogen überflutet?“, fragte Philipp.
„Lass uns jetzt Schluss machen, Phil, ich muss in ein paar Stunden raus und mir fallen die Augen zu. Ich melde mich, ja?“
„Schon gut, penn weiter“, gab Philipp nach.
Dann legten sie auf.
Dagobert Duck
Innerhalb der Syndikate hatte sich die Neuigkeit wie ein Lauffeuer herumgesprochen. Vicente war exekutiert worden, und niemand wagte es, Enrico als rechtmäßigen Nachfolger Vicentes infrage zu stellen.
Gerade einmal sechs Tage war es her, dass Enrico eigenhändig das Blut vermengt mit Gehirnmasse und Knochensplittern Vicentes vom Betonboden des Lagerhauses geschrubbt hatte. Das, was von Vicente übrig geblieben war, zu entsorgen, bereitete Enrico weniger Mühe. Als letzte Ruhestätte musste ein Toyota Corolla, Baujahr 74 herhalten, zusammengepresst auf die Größe eines Schuhkartons.
Inmitten seines Abendessens, Enrico angelte gerade geschickt mit Stäbchen die vor ihm aufgetischten Gunkanmaki- und Nigiri-Sushi, läutete sein Handy. Ungestört im hinteren Bereich seines Lieblingsrestaurants nahm er das Telefonat an.
„Enrico Portas.“ Enrico lauschte, vernahm aber zuerst nur ein röchelndes Atmen am anderen Ende der Leitung.
„Ciao, Enrico.“ Erneut schleimiges Einatmen. „Ich darf dich doch Enrico nennen, nachdem ich für deinen Gönner so viel Gutes getan habe?“
„Wer spricht da?“, fragte Enrico, obwohl er bereits vermutete, wer mit fast schon asthmatischem Schnaufen zu ihm röchelte.
„Enrico, mein Freund. Kennst du Dagobert Duck? Du kennst doch Dagobert Duck, oder?“ Enrico hatte keine Gelegenheit, zu antworten, denn abermals übermannte den Anrufer ein heftiger Hustenanfall. Dann fuhr dieser fort: „Nenn mich Dagobert. Nicht, dass ich wie diese Ente in Geld bade, doch für ein frisches Sushi reicht es allemal. Lang zu, mein Freund. Heute bist du mein Gast, auch wenn ich bedaure …“, von Neuem befiel den Fremden, der sich Dagobert nannte, ein Hustenreiz, während Enrico sich suchend im Lokal umblickte, „… bedaure, dass ich dir nicht Gesellschaft leisten kann. Vicente hat mich sehr geschätzt – und ich ihn, musst du wissen. Durch mich hat er viel – und wenn ich viel sage, dann meine ich auch viel, sehr viel – am Syndikat vorbei verdient. Das steht nun dir zu, mein Junge.“
So, wie Dagobert „mein Junge“ betonte, löste es bei Enrico ein Schaudern aus.
„Sicher fragst du dich jetzt, was du dafür tun musst. Ich verrate es dir. Nicht mehr, als es in deinem Lager entgegenzunehmen und auf die Straße zu bringen. Gut, pro Lieferung hatte Vicente ein mageres Salär für mich. Eine Million in kleinen Scheinen. Ich liebe diese ledernen Koffer, die er stets für mich bereitgestellt hat. Kannst du mir folgen, Enrico? Bist du noch dran? Du bist so schweigsam.“
„Was macht Sie so sicher, dass ich den Deal möchte?“, fragte Enrico leise.
„Enrico, Enrico, Enrico. Jetzt enttäuschst du mich. Ich liefere dir Ware im Wert von mehreren Millionen und du hinterfragst mich? Selbst Vicente hat mir vertraut. Und du weißt, Vicente war ein vorsichtiger Mann. Gott hab ihn selig.“
„Sie wissen, was mit Vicente geschehen ist?“
„Dumme Sache, Enrico. Einmal unvorsichtig kann tödlich sein in unserem Metier. Aber du bist wachsam, das spüre ich. Übermorgen, übermorgen 23:00 Uhr kommt die Lieferung in deinem Lager an. Vergiss den Lederkoffer nicht.“
Bevor Enrico antworten konnte, hatte Dagobert auch schon aufgelegt.
Im Fahrstuhl
Als ein Sheriff des MPDC, gefolgt von zwei grimmig dreinblickenden Beamten in schwarzen Wintermänteln, ihn aus der Zelle holte, war Rodrigo Ramirez bereits hellwach. Man hatte ihm ein dunkelgraues Hemd aus kratziger Wolle sowie ein Paar alter Winterstiefel überlassen. Über die Nacht hinweg hatte das ihm verabreichte Beruhigungsmittel in seiner Wirkung allmählich nachgelassen. Übrig geblieben waren einzig stechende Kopfschmerzen.
Gerade mal eine Stunde, bevor die Beamten seine Zelle betraten, kam langsam, ganz zaghaft die Erinnerung an den Vorabend in sein Gedächtnis zurück. Wie eine Blume, die man im Zeitraffer wachsen sieht, erblühten in ihm die grauenhaften Erkenntnisse der Ereignisse des vorangegangenen Tages.
Abermals brannten Tränen, als Bilder von Catalinas reglosem Körper vor seinen rot geränderten Augen erschienen. Sie hatte vor ihm gelegen, hatte sich ein letztes Mal gekrümmt, als ihre Muskeln plötzlich erschlafften. War sie bewusstlos oder …?
Was dann geschah, hatte ohne greifbare Kontrolle stattgefunden. Eine Scheißangst hatte sich seiner bemächtigt, eine Angst, die ihm das Atmen beinahe unmöglich machte. Hektisch war er in seine Jeans geschlüpft und hatte mit zittrigen Händen damit gekämpft, die Knöpfe der Hose zu schließen. Sein Blick war auf das große Badetuch an der Wandhalterung gefallen, das er in Panik heruntergerissen und um den schlaffen, nassen Körper Catalinas gelegt hatte. Stöhnend hatte er sie hochgehoben, als ihm in diesem Moment, warum auch immer, ihre geschlossene Faust aufgefallen war. Hielt sie etwas in der Hand? Doch er hatte sich nicht weiter darum gekümmert. Catalina musste hier raus, in ein Krankenhaus. Und zwar schnell!
Seine blau angelaufenen Lippen bibberten, als er mit nacktem Oberkörper, Catalina auf den Armen, im eiskalten Aufzug lehnte. Ruckartig setzten sich die Seilwinden des Fahrstuhls in Bewegung und ratterten dem Erdgeschoss entgegen. War es das Rumpeln der Kabine, der Schock, der ihn bis ins Mark gefesselt hielt, oder die Eiseskälte, die ihn am ganzen Leib zittern ließ? Erneut war sein Blick auf die Faust ihrer linken Hand gewandert. Rodrigo winkelte sein rechtes Bein an, um Catalina damit zu stützen, stand anschließend auf seinem linken Fuß und bekam so eine Hand frei. Während das Neonlicht in unrhythmischem Takt flackerte, öffnete er vorsichtig ihre Finger. Zum Vorschein kam der kleine Beutel, das Plastiktütchen mit dem weißen Pulver, das ihm den Fick seines Lebens bescheren sollte.
„Oh shit, shit“, zischte Rodrigo. Er zog an der Tüte, als staubige Flocken zu Boden rieselten. Das Scheißding ist offen, durchfuhr es ihn. Sein Blick wanderte wie der eines Geisteskranken durch den Aufzug. Wohin mit dem Päckchen? Unmöglich, mit Drogen im Krankenhaus aufzutauchen. Die Kabine setzte ruckend auf – sie waren im Erdgeschoss angekommen. Jeden Augenblick würde sich die Fahrstuhltür öffnen. Dann wusste er, was zu tun war. Zwischen den Seitenwänden des Aufzugs und dessen Decke befand sich eine schmale Schattenfuge. Genau in dem Augenblick, da sich geräuschvoll die Tür zur Seite schob, hatte er das Plastiktütchen in die schmale Ritze gepresst.
„Rodrigo Ramirez, mitkommen“, forderte ihn der Sheriff in rohem, ungehaltenem Ton auf. Eine kräftige Hand zog ihn ruppig am Unterarm von der Zellenpritsche. Ihm wurden abermals Handschellen angelegt, bevor er stolpernd den drei Beamten folgte. Sein Kopf pochte, als ballerten gleich mehrere Presslufthämmer von innen gegen die Schädeldecke. Vor der Polizeiwache angekommen, blendete ihn das grelle Tageslicht – doch das war nur von kurzer Dauer, denn er wurde unsanft in einen schwarzen, direkt vor dem Eingang parkenden Van gestoßen.
Die Lieferung
Kurz nach 23:00 Uhr kam der Kleintransporter in einer Lagerhalle zum Stehen. Ein Rolltor hinter dem Wagen ratterte nach unten, bis es mit metallischem Laut den Boden kratzte. Zwei unrasierte Latinos stiegen aus. Sowohl dem Aussehen als auch der beinahe identischen Kleidung nach – Jeans, Sweatshirt, dicke braune Lederjacke – sahen sie aus wie ihr reziprokes Spiegelbild. Wie einstudiert gingen sie zur Rückseite des Wagens, öffneten die Hecktüren und begannen damit, mehrere Kartons auszuladen.
Mit steinerner Miene, ohne auch nur ein Wort zu verlieren, beobachtete Enrico, neben drei seiner schwer bewaffneten Jungs, die Szenerie. Insgesamt fasste die Lieferung zwölf gleich aussehende Pappbehälter. Auf eine kurze Anweisung Enricos hin ging einer der Wachleute zu den Kartons, öffnete den erstbesten und bestätigte mit knappem Nicken den ordnungsgemäßen Inhalt.
„Kommt mit.“ Enrico forderte die Lederjacken auf, ihm in das rückwärtig angrenzende Büro zu folgen.
Dort wartete bereits auf einem schlichten Küchentisch mit Plastikauflage ein schwarzer Koffer. Mit leisem Knacken entriegelte Enrico die Schlösser, klappte den Deckel des Koffers nach oben und drehte diesen in Richtung der Latinos.
„Wollt ihr nachzählen?“
„No“, antwortete einer der beiden knapp.
Während die Drogenlieferanten das Gepäckstück entgegennahmen, trat aus einer Ecke der Halle eine dunkle Gestalt hervor. Sie war groß gewachsen, muskulös und besaß kein einziges Haar am Kopf. Einzig eine Narbe, die sich von der linken Braue bis hoch in die Stirn zog, stach heraus. Ulrich.
Er kniete kurz hinter dem Transporter nieder. Dann, so wie er erschienen war, verschwand Ulrich auch wieder.
Im Van
Unsanft landete Rodrigo auf der Rücksitzbank des Vans. Noch ehe er sich versah, wurde ihm eine dunkle Kapuze über den Kopf gezogen.
„Hey, ihr Pe…“ Er wollte schon „Penner“ schreien, doch eine innere Stimme der Vernunft, gepaart mit ungezügelter Angst, hielt ihn davon ab, diese Männer, die anscheinend mehr Macht innehatten als die Sheriffs der MPDC, unnötig zu verärgern.
Der Van setzte sich in Bewegung, wobei Rodrigo nicht mit Bestimmtheit sagen konnte, wie viele der Anzugträger noch mit ihm im Wagen saßen.
Denk nach, Rodrigo. Denk nach. Was wollen die von dir? Sie kidnappen dich mitten am Tag, lotsen dich aus dem Gewahrsam der MPDC, stecken dich in einen Scheißvan und stülpen dir eine verschissene Kapuze über den Kopf. Das ist – das ist wie im Film, sann Rodrigo. Verdammt, warum das Ganze? Catalina ist tot, aber ich habe nichts damit zu tun. Shit, ich weiß ja noch nicht einmal, warum sie sterben musste.
Im Dunkel der nach Chemikalien riechenden Maske zwang er sich, ruhig zu atmen und aufkeimende Tränen zu unterdrücken.
Der Stoff. Bestimmt geht es um den Scheißstoff. Klar, er hatte das Koks geklaut, dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten hatte er, Rodrigo Ramirez, Koks geklaut. Natürlich, Rodrigo, du beschissenes, blödes Arschloch. Wie dämlich muss man sein, Koks im Wert von mehreren Hundert Dollar zu klauen, aus dem Jackett des Vizepräsidenten. Natürlich, das musste es sein. Nicht Catalina. Wenn sie ihm hier was anhängen wollten, dann doch nicht so. Nein, der Stoff war es. Das erklärt auch diese Anzugträger – Agenten – klar, das sind Agenten. Und zwar welche von ganz oben. Oberagenten sozusagen, direkt aus dem Weißen Haus. Und die haben dich jetzt am Sack, Rodrigo. Weil du ein so dermaßen großes Arschloch bist.
Der Van vollführte eine spitze Linkskurve, die Rodrigo von einer Seite zur anderen schaukeln ließ. Dabei bemerkte er, dass links von ihm die Tür war und rechts von ihm einer der „Oberagenten“.
Okay, Rodrigo. Aus der Sache kommst du nur wieder raus, wenn du alles zugibst. Ja, du hattest Koks zu Hause. Ja, aus der Jacke des … Halt, das darfst du auf keinen Fall zugeben. Niemals. Rodrigo, reiß dich zusammen, verdammt. Das Koks hast du gekauft, irgendwo. Nur nicht aus der Jacke dieses verfickten Jacketts. Mit Catalinas Tod hast du nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Du hast sie in die Klinik gebracht. Und woher willst du eigentlich wissen, dass sie dich nach dem Koks fragen? Aber warum sonst wäre ich hier, wenn nicht wegen des Stoffs? Egal, wenn sie dich fragen, Rodrigo, ermahnte er sich selbst, wenn sie dich fragen, dann hattest du Koks in der Wohnung. Scheiße, ja, das Päckchen war offen, sicher finden sie Reste dieser verfickten Droge auf dem Teppich oder dem Tisch. Also Koks, ja, aus der Jacke dieses Logan Winston – niemals, nein, nein, nicht aus dem Jackett. Wenn du das zugibst, Rodrigo, bist du echt am Arsch. Irgendwoher von der Straße hast du es. Ein Junkie bist du, nichts weiter als ein Junkie, der Stoff auf der Straße gekauft hat. Auf der Straße, auf der Straße.
Immer wieder murmelte er in seinen Gedanken diesen Satz. Bis der Van zum Stehen kam und sie ihn aus dem Wagen zogen.
Die Hinrichtung
Durch den von Ulrich am Lieferwagen angebrachten Peilsender erlangte das Syndikat die erforderliche Gewissheit.
Paolo Fucari hatte bereits den Verdacht gehegt, doch nun lagen handfeste Beweise vor. Er musste handeln. Durch Geschick, Härte sowie einen messerscharfen Verstand hatte er es innerhalb der Hierarchie der Organisation weit gebracht. Doch wer letztendlich die Fäden des Syndikats in Händen hielt, war auch ihm unbekannt.
Das Einzige, was ihn daher interessierte, war sein Anteil am Kuchen des Geschäfts, der direkt am Marktanteil und Umsatz des Syndikats gemessen wurde. Über siebzig Prozent der über die Grenze von Mexiko ins Land eingeschleusten Drogen gingen durch die Hände seines Syndikats und verhalfen der Mafia zu satten Gewinnen – jener Organisation, die zu Beginn der siebziger Jahre von Sizilien aus amerikanisches Gebiet erobert hatte: der Cosa Nostra. Er selbst schätzte das Volumen für dieses Jahr auf umgerechnet 120 Milliarden Dollar. Und das nur mit Drogen. Fast genauso viel Umsatz erzielte das Syndikat mit Spielcasinos, Prostitution, Menschenhandel – um nur einige der Geschäftsfelder zu benennen. Nicht zu vergessen der Waffenschmuggel. So belieferte seine Organisation ein halbes Dutzend der mexikanischen Drogenkartelle mit jeglicher Art von Handfeuerwaffen, Maschinenpistolen bis hin zu Panzerfäusten.
Die Kartelle Mexikos, die das Syndikat mit ausreichend Drogen versorgten, hatten alle Hände voll zu tun, den Binnenmarkt und die sich laufend ändernden Routen für Schmuggelware in die USA aufrechtzuerhalten und zu verteidigen.
Das Sinaloa-Kartell war zur mächtigsten Organisation in Mexico aufgestiegen. Weitere Kartelle wie das Golf-Kartell, das Juárez-Kartell, das Tijuana-Kartell sowie das Beltrán-Leyva-Kartell, La Familia Michoacana und Los Zetas kämpften bis aufs Blut um ihre Machterhaltung im Drogenhandel. Folglich bekriegten sich die Kartelle untereinander, während sie sich gleichzeitig Anfeindungen weiterer Konfliktparteien wie der mexikanischen Polizei, dem Militär und auch den Bürgermilizen des Landes ausgesetzt sahen. Ein blutiger Krieg, der Unmengen an Waffen und Munition verschlang und jährlich Tausende, vielfach auch Unbeteiligte, das Leben kostete.
Paolo Fucari hatte gehofft, dass sein rigoroses Vorgehen – die Exekution seiner eigenen Führungskraft Vicente – den Widersachern Zeichen genug gewesen sei. Doch der erneute Versuch, am Syndikat vorbei Vicentes Nachfolger Enrico zu beliefern, zeigte, wie effektlos seine Message gewesen war.
Der weißhaarige Mann atmete schwerfällig, während er auf dem schmuckvollen Orientteppich seines Arbeitszimmers kniete. Zwei dünne Schläuche klemmten in seinen Nasenlöchern und versorgten die mit COPD diagnostizierte, chronisch erkrankte Lunge mit Sauerstoff.
Zwölf Söldner des Syndikats hatten zuvor das Villenanwesen regelrecht überrannt und diejenigen Wachposten des Weißhaarigen eliminiert, die nicht freiwillig ihre Waffen niedergelegt hatten.
Mit der stoischen Ruhe, die Ulrich auszeichnete, klappte er ein Stativ gegenüber dem Weißhaarigen auf, fixierte das Objektiv der Kamera auf den Alten und drückte den Knopf mit dem roten Symbol für die Aufnahme.
Abermals wurde der Weißhaarige von einem Hustenanfall geschüttelt, wäre fast vornübergekippt, hätte Ulrich ihn nicht nach hinten gezerrt. Die Hände am Rücken gefesselt, den Kopf auf die Brust gesackt, harrte der Alte, ohne zu jammern, auf sein Ende.
Ulrich stellte sich hinter sein Opfer, ergriff einen Baseballschläger, holte aus und schlug mit aller Kraft auf den Kopf des Alten. Die Wucht des Aufpralls ließ die Schädeldecke wie die Schale einer Walnuss auseinanderplatzen. Erstaunlicherweise fiel der Alte nicht zur Seite. Nach wie vor kniete er, während sich sein weißes Haar durch eine dunkelrote Masse verklebte.
Der zweite kraftvolle Hieb besiegelte das Ende des Alten. Dagobert, wie er sich gern genannt hatte, war hingerichtet.
Der Schwur
Es stank nach fauligem Obst und Urin. Seinem Urin. Vorsichtig versuchte er sich aufzurichten, sackte allerdings des stechenden Schmerzes in seiner rechten Hand wegen in sich zusammen. Erneut stützte Rodrigo Ramirez sich ab, dieses Mal mit der linken Hand, an der, im Gegensatz zur rechten, noch alle fünf Finger vorhanden waren.
Kaum auf den Beinen, versank sein Fuß inmitten der schwarzen, nassen Müllbeutel, was ihn umknicken und auf die Knie fallen ließ. Schweißverklebtes Haar verfing sich in seinen Wimpern, hinderte ihn, die verschwollenen Augen ganz zu öffnen. Blinzelnd nahm Rodrigo nur schemenhaft die Umgebung wahr.
Abermals rappelte er sich zittrig auf, stolperte ein paar Schritte, bis er seitlich Halt an der kalten Steinmauer fand. Nachdem er seine schweißnassen Haarsträhnen mit dem Unterarm aus dem Gesicht gewischt hatte, erkannte er im Mondlicht Reifenspuren im Schnee, die der Van auf der schmalen Zufahrt zum Hinterhof hinterlassen hatte.
Humpelnd tastete er sich an der Mauer den Zufahrtsweg entlang, während sein hektischer Atem kleine Nebelschwaden ausstieß. Als er aus dem Hinterhof hinaustrat, fand er sich an einer kleinen, nur spärlich beleuchteten Seitenstraße wieder. Da stand er nun und obgleich die Wunde des fehlenden Mittelfingers höllisch schmerzte, erfüllte ihn ein bis dahin nicht gekanntes Glücksgefühl. Er hatte überlebt. Tatsächlich hatten sie ihn am Leben gelassen, trotz der Drohungen, trotz der Misshandlungen und der Verstümmelung. Er lebte, sog die kalte Winterluft tief in seine Lungen und stolperte durch den vom Mond hellblau schimmernden Schnee. Nichts hatte er, Rodrigo, verraten, immer nur heulend wiederholt, was für ein Abschaum er selbst doch sei, ein Junkie, der jeden verdienten Cent in Scheißdrogen investierte.
Vornübergebeugt, beide Hände auf die Oberschenkel gestützt, verharrte er einige Minuten – während die Bilder der vergangenen Tage wie ein Stummfilm auf seiner Netzhaut flimmerten: Sie hatten ihn verhört, tagelang, geschlagen, verstümmelt, als plötzlich einer seiner Peiniger telefonierte. Nachdem das Gespräch geendet hatte, gab dieser den beiden anderen Anzugträgern ein knappes Zeichen. Abermals stülpten sie ihm die nach Chemikalien stinkende Kapuze über den Kopf und erneut wurde er in einen Van geladen, jenen, in dem er – vor wie vielen Tagen eigentlich? – verschleppt worden war. Wo brachten sie ihn jetzt hin? Würde er am Leben bleiben? Jeden Moment rechnete Rodrigo damit, dass man ihn aus dem Wagen warf, um ihn dann mit einem kurzen Schuss in den Hinterkopf zu exekutieren. Als der Van nach etwa zwanzig Minuten tatsächlich hielt, pisste er sich ein. Wortlos beförderte ihn ein heftiger Tritt aus dem Gefährt. Er schlug weicher auf als erwartet, gleich darauf wurde ihm die Kapuze vom Gesicht gezogen. Mit zugekniffenen Augen, die Lippen aufeinandergepresst, inmitten stinkender Müllsäcke liegend, hörte er den Van rückwärts aus der Einfahrt rollen.
Rodrigo schüttelte verzweifelt den Kopf, als wolle er alle Gedanken an das Geschehene von sich wischen, und richtete sich auf. Schritt für Schritt humpelte er am Seitenstreifen der Straße entlang, ohne zu wissen, wohin diese ihn führen würde.
„Du bist ein Junkie, nichts weiter als ein Junkie, der Stoff auf der Straße gekauft hat“, murmelte er gebetsmühlenartig vor sich hin. Doch tief in seinem Inneren wusste er, dass er den Keim der Wahrheit nicht für sich behalten konnte. Mit jedem weiteren Abdruck seiner Schuhsohlen, den er im Schnee hinterließ, erblühte in ihm mehr und mehr ein zartes Pflänzchen und irgendwann, so schwor er sich, würde aus diesem Pflänzchen ein Baum erwachsen. Und dieser Baum besaß einen Namen: Rache!
Presseschlagzeile
Anfang Februar – 269 Tage vor der Präsidentschaftswahl
Verunreinigte Drogen fordern weitere Todesopfer
Erst vor einem Monat wurde der erste Todesfall durch vergiftete Drogen registriert. Seither ist die Zahl der Drogentoten auf über 14.000 gestiegen. Offensichtlich ist die Sucht der Drogenabhängigen größer als ihre Angst zu sterben. Auch Hilfsangebote sozialer Organisationen werden kaum wahrgenommen, da viele Abhängige Angst vor strafrechtlicher Verfolgung haben und lieber anonym bleiben wollen.
Meinst du wirklich?
Es war gerade einmal sechs Wochen her, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten, Logan Winston, in einem feierlichen, weltweit ausgestrahlten Trauerakt zu Grabe getragen worden war. Staatsmänner aller Nationen, hohe Würdenträger aus Politik, Wirtschaft und Religion hatten dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen.
Als wäre der Verlust des zweithöchsten Vertreters der USA nicht schon Schicksalsschlag genug, riss die Reihe der Hiobsbotschaften für Präsident Bob Thompson nicht ab. Über die Vereinigten Staaten von Amerika rollte eine Welle wie eine todbringende Walze, die sowohl in ihrem plötzlichen Auftreten als auch in ihrer Dimension nicht vorherzusehen war. Eine Welle von Drogentoten. Nur wenige Wochen nach dem Ableben des Vizepräsidenten häuften sich die Meldungen über Todesfälle durch Drogenkonsum in solchem Ausmaß, dass die Presse inzwischen von einer „Epidemie der Toxic Drugs“ sprach.
Bob Thompson stand am Fenster des Oval Office und kehrte seinen engsten Vertrauten den Rücken zu. In Gedanken versunken schweifte sein Blick durch den Garten des Weißen Hauses, ohne dabei die kahlen Bäume, die noch auf die Zeit der zarten Knospen des Frühlings warteten, wahrzunehmen.
„Was ist deine Meinung, William?“
„Ich schließe mich Julia an“, antwortete William Baker. „Das Problem liegt auf der Hand: Es sind vergiftete harte Drogen im Straßenhandel, die täglich bis zu tausend Tote fordern. Bislang sind – ohne die Dunkelziffer – mehr als 14.000 Tote zu verzeichnen. Woher die verunreinigten Drogen stammen, konnten unsere Geheimdienste noch nicht mal ansatzweise herausfinden. Es ist wie verhext; nicht nur das Wie, ebenso das Warum ist unklar. Wenn das so weitergeht, haben wir bis zu den Wahlen mehr Drogentote als Verkehrsopfer.“
„Und was schlagt ihr vor?“ Bob Thompson drehte sich um und sah erst Julia, danach Robert, dann William direkt in die Augen.
„Wenn du mich fragst“, führte William weiter aus, „plädiere ich für ein konsequentes Vorgehen. Betrachte es mit den Worten Nixons: ‚war on drugs‘. Du musst mehr investieren, um noch härter durchgreifen zu können. Undercover wie auch mehr bewaffnete Fahnder auf die Straße schicken. Wir sind im Krieg und das amerikanische Volk erwartet von seinem Präsidenten, dass er diesen gewinnt.“
„Wie soll ich einen Krieg gewinnen, wenn ich noch nicht einmal den Feind kenne?“ Bob Thompson geriet in Rage. „William, dort draußen sterben Menschen, Mütter verlieren ihre Kinder. Und wir? Wir stochern im Nebel! FBI, CIA, NSA, DIA, Julia, du weißt besser als ich, wer nicht noch alles beteiligt ist. Und das Ergebnis …?“
„Früher oder später werden wir die Quelle der Toxic Drugs finden“, verteidigte sich Julia. „Unsere Geheimdienste arbeiten auf Hochtouren, drehen jeden Stein herum, unter dem ein Giftmischer sitzen könnte. Du musst Besonnenheit und Stärke ausstrahlen. Und bedenke eines, Bob: Das Volk hat Angst. Und mit Angst, das weißt du ebenso gut wie ich, gewinnst du Wählerstimmen, aller Schichten, aller Rassen.“
„Genauso wie die Republikaner“, entgegnete Bob. „Versteht ihr: Dieser Krieg erscheint mir aussichtslos, abgesehen davon, dass er seit Jahrzehnten Milliarden an Steuergeldern verschlingt, ohne dass wir jemals Aussicht auf Erfolg hatten. Da können wir auch gleich die vielen Milliarden nehmen und sie diesen Kartellen in den Rachen schieben.“ Der Blick des Präsidenten wanderte durch die Runde.
„Vielleicht sollten wir genau das tun, Mr. President“, hörte Robert sich sagen.
Bob Thompson zog fragend die Brauen nach oben, während William seinen Sohn entgeistert anstarrte. „Könntest du mir bitte erklären, was das soll?“, fragte er verwirrt, da er nicht im Geringsten begriff, worauf sein Sohn hinauswollte.
Robert neigte den Kopf seitlich, richtete den Blick auf Julia Hobbs, als suche er nach der passenden Begründung. „Nur ein Gedanke, den Julia und ich vor ein paar Tagen diskutierten. Tatsächlich ist es so, wie Sie es, Mr. President, gerade ausgeführt haben: Seit Jahrzehnten schlagen wir der Hydra einen Kopf ab, wo umgehend zwei neue nachwachsen. Der Kampf scheint aussichtslos. Schauen wir uns die Geschichte der Prohibition der zwanziger und dreißiger Jahre an – den 18. Zusatzartikel, der ein vollkommenes Alkoholverbot vorschrieb. Und was hat er gebracht? Getrunken wurde trotzdem – nur illegal. Und wer hat davon profitiert? Ausschließlich das organisierte Verbrechen. Durch die Aufhebung der Prohibition war das Problem gelöst.“
„Robert, wir sprechen hier nicht von einem Schluck Whiskey, sondern von harten Drogen. Es wäre ein Unding, wenn du mich fragst, hieran auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Gerade jetzt, wo Rauschmittel auch noch mit giftigen Substanzen gestreckt werden. Der Vorschlag ist irrwitzig.“ William schien verärgert über den voreiligen Vorstoß seines Sohnes.
„Nein, nein, lass ihn, William“, schaltete sich nun Bob Thompson ein. „Ganz so von der Hand zu weisen ist der Gedanke nicht. Überlegt doch mal. Mehr als die Hälfte der Bundesstaaten hat den privaten Genuss von Marihuana legalisiert. Über fünfzig Prozent der Wähler befürworten dies mittlerweile. Wenn nun auch harte Drogen legal wären, hätten wir zumindest die Möglichkeit, deren Konsum zu steuern. Gleichzeitig würde der illegale Handel damit unattraktiv werden.“
„Bei aller Liebe, Bob“, erwiderte William. „Wie stellst du dir das vor? Amerika als Land der Junkies? Wir reden hier nicht von Alkohol oder Cannabis. Damit treibst du deine Wähler direkt in die Arme der Republikaner. Keine Amerikanerin, kein Amerikaner wird es gutheißen, wenn sich deren Kinder legal Koks in die Nase ziehen oder an der Nadel hängen. Wo willst du die Grenze setzen? Kokain und Heroin ja – Chrystal Meth nein? Ganz zu schweigen davon, dass wir solch einen Vorschlag weder im Senat noch im Repräsentantenhaus durchbekommen würden.“
Der Präsident schürzte nachdenklich die Lippen. „Meinst du wirklich?“
Ich hab schon zu viel gequatscht
„Ich und Drogen, spinnst du?“
„Dann ist’s ja gut, Robert. Die sterben ja wie die Fliegen wegen dem Giftpanschen! Da hat euer Präsident ja mal richtig ins Klo gegriffen, so kurz vor der Wahl, meine ich.“
„Das kannst du laut sagen, Phil. Fehlt bloß noch, dass das mit dem Vize …“ Robert brach mitten im Satz ab.
„Willst du damit sagen, dass …“
„Philipp, ich hab schon viel zu viel gequatscht. Behalt das für dich, ja? Sonst bin ich meinen Job los und werde wegen Vaterlandsverrat hingerichtet.“
„Gleich so schlimm?“, fragte Philipp lächelnd.
„Wie läuft deine Kampagne bei British Tobacco?“ Schnell wechselte Robert das Thema.
„Bin gerade bei der Erhebung und Ausarbeitung von Datenmaterial.“
„So weit schon? Dann hast du den Auftrag?“
„Noch nicht, aber ich hab das Ding sicher im Sack.“ Philipp lachte auf. „Nur weiß British Tobacco das selbst noch nicht.“
„Und wie geht’s Mom?“
„Sie ist mehr bei ihrem Pferd im Stall als zu Hause. Bin heute bei ihr zum Abendessen.“
„Grüß sie von mir, ja? Vergiss es nicht.“
„Versprochen. Wir melden uns.“
Der Stoff des Vizepräsidenten
Oliver verließ das Gebäude der Washington Post und lief, den Trenchcoat unter den Arm geklemmt, die Straße hinunter zu seinem geparkten Wagen. Gerade als er den Schlüssel ins Schloss des BMW stecken wollte, hörte er dicht hinter sich seinen Namen.
„Mr. Konecki? Sie sind doch Mr. Konecki?“
Als sich Oliver umdrehte, stand ein Mexikaner vor ihm, der sichtlich nervös wirkte. „Ja, kann ich Ihnen helfen?“
Der Latino sah sich hektisch nach allen Seiten um, zog, ohne ein Wort zu verlieren, einen Zettel hervor und schob ihm diesen unauffällig in die Handfläche. Oliver spürte etwas Raues an seinen Fingern, als sein Blick auf den Verband an der Hand des Mannes fiel.
„Was …?“ Noch ehe Oliver weitere Fragen stellen konnte, machte der Fremde auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge der Passanten.
Erstaunt blickte Oliver dem Mexikaner hinterher. Er überlegte kurz, ihm zu folgen, entschied sich dann aber doch dagegen, öffnete die Fahrertür und stieg in den Wagen. Neugierig lehnte er sich in dem durchgesessenen Fahrersitz des BMW zurück, faltete das Papier auseinander und las die gekritzelten Druckbuchstaben auf dem zerknitterten Zettel: „23:00 Uhr, Buzzard Point, Ecke First Street SW. Allein!“
Vage erinnerte sich Oliver an das Areal. Dort, am Buzzard Point, trafen die beiden Flüsse Anacostia River und der Potomac aufeinander und bildeten eine Halbinsel südwestlich von Washington. Vor einigen Jahren hatte man in der Nähe des Buzzard Point die Leiche einer jungen Studentin gefunden. Hatte dieser Mexikaner etwa darauf abgezielt? Soweit Oliver wusste, wurde der Mord an jener Studentin niemals aufgeklärt. Noch während er vor sich hin grübelte, breitete sich ein unwohles Gefühl in seiner Magengegend aus, so als hätte er zu viel und zu schnell Fettiges in sich hineingestopft. Sollte er tatsächlich allein einen Wildfremden nachts auf diesem abgelegenen Territorium Washingtons treffen? Und wozu?
Mit einer kleinen Taschenlampe leuchtete er auf das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Es war bereits 23:10 Uhr. Somit harrte er bereits über eine halbe Stunde im Dunkel des grauen Betonklotzes, direkt am Ufer des Anacostia Rivers aus. Das Gebäude, das die Ausmaße eines Fußballstadions besaß, wirkte im nächtlichen Mondlicht bedrohlich massiv.
„Verdammt“, fluchte Oliver vor sich hin. Fröstelnd trat er aus dem Schatten der Fassade und wandte sich zum Gehen, als er plötzlich eine Präsenz ganz in seiner Nähe spürte. Er blickte nach rechts und sah eine Gestalt, die mit großen Schritten zielstrebig auf ihn zugelaufen kam.
Oliver erkannte den Mexikaner erst, als dieser direkt vor ihm stand. „Was soll das Ganze?“, zischte er, während seine Linke den Elektroschocker in der Hosentasche fest umschlossen hielt. 500.000 Volt Leistung gaben ihm ein spärliches Gefühl von Sicherheit.
„Kommen Sie, Mr. Konecki“, bedeutete ihm der Mexikaner in starkem Akzent.
„Moment mal, Mister. Ich gehe nirgendwo hin. Was soll diese Heimlichtuerei? Wer sind Sie überhaupt?“
„Mein Name ist Rodrigo. Das tut jetzt aber nichts zur Sache. Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“
„Gut, dann sprechen wir, aber hier. Oder besser noch, Sie kommen morgen in mein Büro. Ich spendiere sogar einen Kaffee. Was soll diese Geheimniskrämerei?
„Jetzt kommen Sie schon, bevor uns jemand sieht.“ Rodrigo zupfte Oliver ungehalten am Ärmel.
„Wer soll uns sehen? Was …“
Ohne weiter auf Oliver einzugehen, huschte Rodrigo im Schatten der Fassade entlang, um zum anderen Ende des Buzzard Point-Gebäudes zu gelangen. Kurz haderte Oliver, doch dann gewann seine journalistische Neugier die Oberhand und so folgte er dem Heimlichtuer. An der Ostseite des Baus bog der Mexikaner links ab und eilte etwa 200 Meter weiter in Richtung Anacostia River, an dessen Ufer einige kleine Motorboote vor Anker lagen. Ehe sich Oliver versah, kletterte dieser Rodrigo auf eines der Boote und kauerte sich ins Dunkel. Vorsichtig folgte Oliver dem Latino, während das sanfte Schaukeln des Kahns seinen Adrenalinpegel noch weiter anheizte.
„Also, was wollen Sie von mir, Rodrigo?“, flüsterte Oliver, der nun, um die Gesichtszüge des Mexikaners im Dunkeln erkennen zu können, ebenfalls kniete.
„Meine, meine Freundin ist gestorben“, begann Rodrigo mit brüchiger Stimme.
„Die Studentin, die man hier gefunden hat?“, hakte Oliver ein, während sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten und er die Mimik seines Gegenübers nun halbwegs wahrnehmen konnte.
„Nein, nein.“ Rodrigo verstummte für einen Moment. „Meine Freundin Catalina …“
„Ich weiß nicht mehr, wie sie hieß, aber wir sprechen doch von der Studentin, deren Leiche man hier vor einigen Jahren entdeckt hat, richtig?“
„Ich weiß nichts von einer Studentin. Jetzt hören Sie mir doch endlich einfach nur zu“, zischte Rodrigo. „Kurz vor Weihnachten habe ich ein Tütchen mit nach Hause gebracht. Koks. Ab und an haben meine Freundin und ich etwas geschnupft, hat uns angeheizt. Nur, an diesem Abend ist Catalina zusammengebrochen, im Badezimmer, während ich noch unter der Dusche stand. Ich hab sie gleich ins Krankenhaus gefahren, doch …“, er stockte kurz, fuhr dann aber fort, „doch sie hat nicht überlebt.“
„Ja, und?“, schnitt Oliver ihm ungeduldig das Wort ab, biss sich jedoch gleich darauf auf die Zunge, als ihm bewusst wurde, wie unsensibel die Anmerkung war.
„Sheriffs vom MPDC haben mich aus dem Krankenhaus abgeführt. Ich hab’s nicht so richtig mitbekommen. Die Schwester im Hospital hatte mir ein Beruhigungsmittel gespritzt. Als ich dann am nächsten Morgen in der Zelle aufgewacht bin, ist mir erst klar geworden, woran Catalina gestorben ist.“
„Woran ist sie gestorben?“, fragte Oliver.
„Plötzlich kamen Beamte, Mr. Konecki. In schwarzen Anzügen. Das waren keine Sheriffs des MPDC, die waren von irgendeiner Bundesbehörde, verstehen Sie? Die haben mir eine Kapuze über den Kopf gezogen, mich in einen Wagen verfrachtet und irgendwohin verschleppt.“
„Wohin?“
„Keine Ahnung. Spielt auch keine Rolle. Die wollten unbedingt wissen, was ich weiß.“
„Ich kann Ihnen nicht folgen, Rodrigo. Was genau?“
„Na, das Koks“, antwortete Rodrigo mit sich überschlagender Stimme. „Das Scheißkoks, an dem Catalina verreckt ist.“
„Catalina, also Ihre Freundin, ist an einer Überdosis gestorben? Und die Beamten haben Sie verschleppt, um herauszufinden, wo Sie das Koks gekauft haben? Hört sich abenteuerlich an.“ Langsam schwand das Interesse Olivers an der Geschichte dieses Mexikaners.
„Ich habe das Koks nicht gekauft, das ist es ja. Ich fand es im Jackett aus der Reinigung. Und deswegen haben die mich ausgequetscht und gequält.“
Voller Ungeduld fasste Oliver Rodrigo am Arm. „Jetzt komm zum Punkt, Rodrigo. Was für eine Story soll das sein? Welches Jackett?“
„Das aus dem Four Seasons. Das von diesem Logan Winston, dem Vizepräsidenten“, zischte Rodrigo.
„Das Koks war aus der Jacke Logan Winstons?“, entfuhr es Oliver, der noch immer den Oberarm Rodrigos umschlossen hielt.
„Ja doch. Der Scheißkerl hat meine Catalina auf dem Gewissen.“
Irgendetwas passte an der Geschichte nicht. Warum sollten Bundesbeamte einen x-beliebigen Latino verschleppen?
„Woher wollen Sie wissen, dass es die Jacke des Vizepräsidenten war?“
„Weil ich sie aufgebügelt habe, als ich noch im Four Seasons gearbeitet habe. Shit, Beamte des Secret Service haben sich das Jackett aus der Reinigung geholt, es sich von mir geben lassen. Und dann, am nächsten Morgen, wurde ich verschleppt.“
„Was genau wollten die von Ihnen erfahren?“
„Woher ich das Koks habe. Immer wieder haben sie mich das gefragt und immer wieder habe ich geantwortet, ich hätte es auf der Straße gekauft; ich sei ein Scheißjunkie, der Koks auf der Straße kauft.“
„Und, haben Sie?“, fragte Oliver.
„Hören Sie mir überhaupt zu, Mr. Konecki? Catalina hat den Stoff des Vizepräsidenten gezogen und ist verreckt. Die haben mich gefoltert, um herauszubekommen, was die Wahrheit ist.“
„Gefoltert?“, hakte Oliver ungläubig nach.
Rodrigo rückte ein wenig zur Seite, wodurch das fahle Mondlicht seine rechte Körperhälfte erhellte. Dann hob er die Hand und zog am Verband, der um seine Finger gebunden war. Als er diesen komplett abgewickelt hatte, sah Oliver auf einen entzündeten, rot gefärbten Stumpf, an jener Stelle, wo sonst der Mittelfinger seinen Platz hatte. Entsetzt starrte Oliver auf das fehlende Glied.
„Die haben Ihnen den Finger abgeschnitten?“
Rodrigo gab keine Antwort.
„Okay, angenommen, ich glaube Ihnen. Außer Ihrer Story und der Wunde an der Hand habe ich nichts. Was soll ich Ihrer Meinung nach mit der Information anfangen?“
Rodrigo neigte den Kopf zur Seite, als hätte er die Frage nicht verstanden. Dann griff er in die Tasche seines Blousons und zog ein Plastiktütchen hervor. „Das … haben sie nicht gefunden“, flüsterte Rodrigo, während er das Päckchen geheimnisvoll gegen das Mondlicht hielt. „Sie haben zwar die Wohnung durchsucht und alles auf den Kopf gestellt, aber …“
„Was ist das?“, unterbrach Oliver.
„Das, Mr. Konecki, ist der Stoff des Vizepräsidenten. Und ich verwette meinen Arsch, dass Logan Winston ebenso daran verreckt ist wie meine Catalina.“
Oliver runzelte die Stirn. „Und warum kommen Sie gerade zu mir?“
„Sie sind Chefredakteur der Washington Post. Mann, Mr. Konecki, stellen Sie sich so blöd oder muss ich Ihnen alles haarklein aufs Butterbrot schmieren? Tausende von Junkies sterben plötzlich auf unseren Straßen. Nicht an Überdosen, sondern an Toxic Drugs. Ihr Presseleute berichtet tagtäglich darüber und argumentiert, die Epidemie, an der mehr Menschen verrecken als in den Achtzigern an Aids, sei wegen eines Drogenkriegs des organisierten Verbrechens ausgebrochen. Jetzt zählen Sie doch endlich eins und eins zusammen. Und? Was fällt Ihnen dabei auf?“
„Sie meinen, es existiert eine Verbindung der Drogenmafia zu Regierungskreisen?“
„Bingo“, flüsterte Rodrigo. „Ich habe mir nächtelang den Kopf zerbrochen, Mr. Konecki. Weswegen geht eine Bundesbehörde ein derartiges Risiko ein, mich zu verschleppen und zu misshandeln? Doch nicht allein des Verdachts wegen, ich hätte ein Päckchen Drogen aus einem Jackett geklaut! Mit Sicherheit ist es denen auch scheißegal, dass Catalina gestorben ist. Nein, dahinter stecken andere Motive. Und der einzige Grund, der mir hierzu einfällt, ist …?“ Rodrigo schnippte mit den Fingern seiner linken Hand und runzelte fragend die Stirn.
„Irgendjemand von ganz, ganz oben hängt da mit drin. Jemand, der die Macht hat, eine Bundesbehörde zu beauftragen. Jemand aus der Regierung.“ Oliver senkte nachdenklich den Kopf, während seine Synapsen auf Hochtouren liefen.
„Wieder bingo“, flüsterte Rodrigo. „Überlegen Sie doch mal. Ständig berichtet ihr in euren Artikeln, dass es Drogenkartelle sind, die neuerdings ihren Krieg auf offener Straße austragen, indem sie vergiftete Drogen in Umlauf bringen. Auf dem Rücken der Junkies. Warum sollten die das machen? Würden Sie Ihre Kunden vergiften, und damit das Risiko eingehen, Ihr Geschäft zu ruinieren? Sägen Sie an dem Ast, auf dem Sie sitzen? Nein, nicht wirklich, oder? Das ist kein Machtkampf irgendwelcher Dealer um die Ecke. Da steckt ein ganz anderes Kalkül dahinter. Welches, das müssen Sie herausfinden. Ich sage Ihnen nur eines: Die Drogenkartelle haben ihre Finger überall drin. Wie Tentakel. In Banken, in der Wirtschaft, in der Politik – ja, sogar in kirchlichen Organisationen. Das ist ein Milliardenmarkt. Und ich will, dass Sie, Mr. Konecki, einen Stachel in das System treiben. Was glauben Sie, was Sie lostreten werden, wenn die Welt erfährt, dass der Vizepräsident der Vereinigten Staaten Drogen genommen hat und durch Toxic drugs vergiftet wurde? Ich garantiere Ihnen, die Lawine, die über das Land hereinbricht, wird gigantische Ausmaße haben. Vielleicht beginnt dann der eine oder andere unruhig auf seinem Stuhl zu rutschen. Wenn das passiert, haben Sie womöglich den Startschuss dafür gegeben, diesen Drogensumpf trockenzulegen.“
Presseschlagzeile
Mitte März – 237 Tage vor der Präsidentschaftswahl
Säugling jämmerlich verhungert
Rettungskräfte fanden in den Randbezirken die Leichen einer jungen Mutter und ihres Säuglings. Die Mutter ist anscheinend ein weiteres Opfer der seit Monaten kursierenden Toxic Drugs. Ihr Kind hatte allein keine Chance und ist wohl langsam und qualvoll verdurstet.
Bislang gibt es über 35.000 Todesfälle durch Gift in Drogen. Präsident Bob Parker gerät immer weiter unter Druck. Unzufriedene und besorgte Bürger demonstrieren inzwischen täglich vor dem Weißen Haus und fordern von Politikern und staatlichen Behörden wirksame Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung.
Einfacher als gedacht
Seit Wochen beherrschten Tausende von Drogentoten die Schlagzeilen sämtlicher Tageszeitungen. Kräftig wurde darüber spekuliert, wer hierfür die Verantwortung zu übernehmen hatte. Drogenkartelle und deren Machtkampf, so wurde zumindest vermutet, wären die Delinquenten. Doch das eigentliche Problem sei die Machtlosigkeit der Regierung und ihrer Vertreter. Präsident Bob Thompson stand unter immensem medialem Beschuss.
Und morgen würde auf Seite eins der Washington Post eine Schlagzeile prangen, deren Ausmaß einem unter dem Kapitol gezündeten Sprengsatz gleichkam.
Die Recherche rund um den Drogentod des Vizepräsidenten Logan Winston gestaltete sich einfacher als von Oliver angenommen.
Im George Washington Hospital bestätigte der behandelnde Arzt die Geschichte des Mexikaners Rodrigo Ramirez. Der Mediziner habe in der besagten Nacht die MPDC informiert, da der Exodus der jungen Mexikanerin aller Voraussicht nach nicht allein auf den Konsum von Drogen zurückzuführen war. Sein Verdacht einer Vergiftung traf zwar nicht in der vermuteten Form zu, doch das Ergebnis der Laboruntersuchungen in den darauffolgenden Tagen rechtfertigte die Entscheidung des Arztes. Exzessive zerebrale Blutungen, hervorgerufen durch einen Wirkstoff namens Epinephrin. In kleinen Dosen ein wirksames Medikament, in der im Körper der jungen Frau nachgewiesenen Menge jedoch absolut tödlich. Weitere Auskünfte könne er nicht geben, da er als behandelnder Arzt schon mehr preisgegeben habe, als die Schweigepflicht zulasse. Ausführlichere Details waren für Oliver zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr vonnöten.
Währenddessen knöpften sich Jenny und Qualle den Sheriff des MPDC vor. Zuerst mauerte der Cop unter dem lapidaren Vorwand, er könne sich nicht an jeden einzelnen Gefangenen erinnern. Doch eine Einladung zum Abendessen mit Jenny löste die Zunge des Sheriffs.
Schon seit Jahren gingen ihm die Jungs des Secret Service auf die Eier, fluchte der Sheriff, nachdem ihm der vierte Scotch serviert wurde. „Blasierte Arschlöcher sind das, die meinen, was Besseres zu sein. Ja, sie haben diesen Latino mitgenommen.“
Je später der Abend, desto redseliger wurde der Sheriff. Er wisse nicht, wohin sie den Latino gebracht hätten, aber der Secret Service habe reges Interesse an dem Mexikaner gezeigt. Zuerst wollte er die Jungs in ihren Anzügen schmoren lassen. Die waren ja in seinem Hoheitsgebiet, seinem Office. Doch nachdem er die Verfügung gelesen hatte, die eigenhändig von der Direktorin der CIA ausgestellt war, gab er schließlich klein bei und händigte den Mexikaner an die Agenten aus.
Ein zweites Date am darauffolgenden Abend und Jenny besaß eine Kopie der Verfügung. Unterzeichnet von Julia Hobbs. Bingo!
Die Rückschlüsse, die Oliver hieraus zog und für die nächste Zeitungsausgabe in seinen Computer hackte, nämlich dass zu den Drogenopfern auch der Vizepräsident Logan Winston zählte, des Weiteren, dass hochrangige Mitarbeiter des Secret Service, mehr noch, dass Politik und Wirtschaft hinter dem tausendfachen Sterben, der Seuche, der Drogenepidemie stecken könnten, sollte Wellen nicht gekannten Ausmaßes schlagen. Und er, Oliver, würde sich mehr Feinde machen als Napoleon zu Zeiten seines Feldzugs nach Ägypten.
Neues Terrain
Präsident Bob Thompson schleuderte eine Ausgabe der Washington Post auf den Amtstisch des Oval Office. Heftig schlug er mit der flachen Hand auf die Titelstory, bevor er – im Versuch, sich zu beruhigen – mit gesenktem Kopf beide Hände auf die massive Tischplatte stemmte.
„Das ist der absolute GAU! Julia, was hast du dir bei der Aktion nur gedacht?“
„Bob, der Mexikaner war der Einzige aus dem Hotel, der Kontakt zu Logans Kleidung hatte. Und die Freundin dieses Latinos starb noch am selben Abend – mit den gleichen Symptomen wie Logan.“ Julia wirkte merklich aufgebracht. „Es war zwingend nötig, herauszufinden, was dieser Mexikaner wusste.“
„Zwingend, diesen Latino zu foltern?“, brauste Bob Thompson auf. „Wer in Gottes Namen hat dieses Vorgehen autorisiert? Ich mit Sicherheit nicht!“
Die direkte Anfeindung des Präsidenten veranlasste Julia Hobbs, förmlich zu werden: „Mr. President, es obliegt meinem Verantwortungsbereich, zum Schutz Ihrer und der Sicherheit aller Amerikaner …“
Entnervt winkte Bob Thompson ab und stoppte damit Julias Rechtfertigung. „Julia, du hast eine Entscheidung getroffen. Ich respektiere das. Doch was ich in diesem Fall nicht akzeptiere, nicht akzeptieren kann, sind die Ergebnisse unserer Geheimdienste. Mir kommt es so vor, als arbeiteten FBI, CIA, NSA, und wie sie alle heißen, an ein und demselben Fall – doch ist das Zusammenwirken unserer Organisationen geprägt von … von interner Abschottung und dem Drang nach dem eigenen Machterhalt. Nur ja keine Informationen weitergeben. Von Teamarbeit sind wir Lichtjahre entfernt. Die Lorbeeren selbst einsacken, damit sich dies bei der Verteilung der Budgets positiv auswirkt.“ Bob Thompsons Gesicht war rot angelaufen. „Sag mir, wenn ich mich irre – aber sämtliche Behörden stehen sich gegenseitig im Weg. Schlimmer noch – sie feinden sich wechselseitig aus Gründen der Daseinsrechtfertigung an!“
„Ganz so trifft deine Darstellung nicht zu, Bob“, widersprach Julia. „Die Ergebnisse …“
Bob Thompson fiel Julia Hobbs unwirsch ins Wort: „Lass es gut sein, Julia. Unser Timing lässt dieses Hickhack zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu. Viel wichtiger ist, wie wir uns erklären! Seit Wochen stehen wir unter Druck, um in diesem Drogendesaster erste Erfolge vermelden zu können. Und jetzt, jetzt sind es nicht mehr nur Junkies, über deren Tod geklagt und berichtet wird, nun erreicht diese Giftkrise auch noch unsere Politebene. Mehr noch. Die Spekulationen dieses Journalisten, hinter den Syndikaten und den Giftopfern könnten hohe Regierungsmitglieder stecken … Was für eine Scheiße! Ich garantiere euch“, dabei deutete der Präsident drohend mit dem Zeigefinger in die Runde, „die Wähler werden uns dafür abstrafen. Ein jahrzehntelanger Kampf gegen die Drogen mündet im Fiasko. Wenn wir das Ruder nicht um 180 Grad herumreißen, uns der Situation nicht mit einem frischen, unschlagbaren Plan stellen – dann gute Nacht.“
Bob Thompson stemmte die Hände in die Hüften und kniff seine Augen derart zusammen, dass kleine Krähenfüße zum Vorschein kamen.
„Robert“, fuhr der Präsident fort, „ich habe über deinen Vorschlag nachgedacht. Was, wenn wir tatsächlich harte Drogen legalisieren? Was, wenn wir auf Prävention setzen, statt auf Gefängnisstrafen? Was, wenn wir Steuergelder verwenden, um Suchtkliniken einzurichten, anstatt die Süchtigen wegzusperren? Erlangen wir damit nicht zwei Lösungen auf einen Schlag: die Untergrabung des illegalen Drogenhandels bei gleichzeitig humaner Behandlung der Opfer? Damit stellen wir obendrein ein Gegengewicht her zu den untragbaren Behauptungen der Presse, Regierungsmitglieder seien der Drogenmafia verschrieben.“
Erstaunt über die plötzliche Auslegung des Präsidenten blickte Robert einen nach dem anderen im Raum an. So detailliert hatte er bis dato sein und Julias Gedankenspiel anscheinend nicht überdacht.
„Mr. President, sicher sehe ich den Ansatz, doch es bedarf massiver Recherchen sowie eines ausgefeilten Plans. Jedes kleinste Detail dieses Gedankenpuzzles muss explizit recherchiert, untermauert, statistisch fundamentiert werden. Denken sie nur an die Millionen Suchtkranken, die in Ländern leben, die die gleichen Verbote haben wie die Vereinigten Staaten. Die USA sollen kein Pilgerland für Drogenabhängige weltweit werden. Dies alles gilt es zu bedenken. Und weiter, Mr. President, sollte der Weg uns tatsächlich in dieses Terrain führen, werden wir eine Kampagne benötigen, wie sie dieses Land, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. Unser Szenario kommt der Mondlandung gleich. Jeder – und damit meine ich tatsächlich jeden auf diesem Globus – wird das Augenmerk auf dieses Land, auf Ihre Entscheidung und die hierfür notwendige neue Gesetzgebung richten.“
Es war nur so aus Robert herausgesprudelt, doch jetzt wirkte er angespannt, mit hochgezogenen Brauen die Reaktion des Präsidenten wie auch die seines Vaters William abwartend.
Dieser holte tief Luft, schüttelte mürrisch den Kopf, um dann seine Meinung, die noch immer diametral anders ausfallen sollte als die seines Sohnes, kundzutun: „Bob, bei aller Liebe für die heroischen Gedanken meines Sohnes, du weißt, ich gehe mit dir durch dick und dünn, aber das hier …“, William Bakers Blick streifte fast abschätzend Robert, „das hier ist ein … ein völliges Hirngespinst. Ihr vergleicht Äpfel mit Birnen! Alkohol, Marihuana, Menschenskind, das sind weiche Drogen, die wir, mal ganz ehrlich, alle schon ausprobiert haben. Okay, der Vorstoß einzelner Bundesstaaten, Marihuana zu legalisieren, hat erste Erfolge gezeigt. Allein die Besteuerung auf diese weichen Drogen wird den Staatskassen guttun. Uns liegen aber keine Langzeitstudien vor. Wir wissen nicht wirklich, ob das Konzept aufgeht. Ganz davon abgesehen, wie die Drogenmafia hierauf reagiert.“
„Einen Schritt nach dem anderen, William“, widersprach Bob Thompson. „Ich höre schon wieder das Argument Drogenmafia. Natürlich werden die Syndikate Mittel und Wege suchen, um das drohende Fiasko abzuwenden. Doch wir haben – so sehe ich es zumindest – zwei ganz entscheidende Vorteile. Erstens: Wir werden die Lieferanten sein und somit kontrollieren, dass ausschließlich reine, geprüfte Drogen auf den Markt kommen. Zweitens: Wir drehen den Syndikaten den Hahn ab, die Gelddruckmaschine ‚Droge‘ wird für die Mafia versiegen. Das ist doch das Ziel, oder?“
„Und du glaubst tatsächlich, die Syndikate werden sich das einfach so gefallen lassen?“ William schüttelte ungläubig den Kopf.
Es war nun Julia, die sich direkt an ihn wandte: „William, der Präsident hat recht. Deine Darlegung – klar, ich habe die gleichen Befürchtungen wie du, aber deine Argumentation bedeutet doch unterm Strich, dass die Syndikate uns, die Regierung, in der Hand haben und nicht umgekehrt. Mit dem Vorstoß der Legalisierung besteht die Chance …“
„Ich bin dennoch nicht überzeugt“, unterbrach William. „Sicher, ich werde mitziehen, aber überzeugt …“ William hob resigniert die Hände, als wolle er sich ergeben.
Sekundenlang herrschte Stille im Raum.
„Wie ist deine Meinung? Bis jetzt hast du dich noch gar nicht geäußert.“ Bob Thompson sah zu seinem Verteidigungsminister Ashton Brown, der teilnahmslos der Diskussion gefolgt war.
„Müssten wir abstimmen, Bob, stünde es unentschieden. Ich schließe mich den Argumenten von William an. Ein Vergleich zwischen Prohibition und harten Drogen – ich bitte dich. Der hinkt nicht nur, er sitzt vom Kopf an gelähmt im Rollstuhl.“
Einige Augenblicke überlegte Bob Thompson, wog die genannten Für und Wider gegeneinander ab. Dann traf er seine Entscheidung: „William, ihr bekommt alle notwendigen Ressourcen. Sagt mir, was ihr braucht, was erforderlich ist, und ich werde die Budgets hierfür freigeben. Stellt euch ein Team zusammen – einen wohlgemerkt kleinen Stab vertrauenswürdiger Personen. In einem Monat will ich Ergebnisse sehen. Das Pro und Contra des Plans, bis ins Detail ausgearbeitet. Dann werden wir entscheiden. Also, verlieren wir keine Zeit. Eines noch: Das Thema ist topsecret. Bevor nicht alle Fakten auf der Hand liegen, kein Wort zu niemandem! Macht euch an die Arbeit.“
Robert nickte zustimmend und verließ daraufhin mit seinem Vater William das Oval Office. Als Julia mit Ashton den beiden folgen wollte, hielt der Präsident sie zurück: „Julia, bleib noch kurz. Wir müssen reden.“ Dabei deutete Bob Thompson mit seinem Zeigefinger auf die Titelseite der Washington Post.
Frage und Antwort
„Und, meine Damen und Herren?“ Erwartungsvoll blickte Philipp in die Runde.
Um einen Besprechungstisch saßen sechs Mitarbeiter der Marketingabteilung, gekrönt vom Marketing-Vorstand, Frau Grossmann, sowie dem CEO von American-British-Tobacco, Dr. Fischer. Bedächtiges Schweigen breitete sich in dem modern möblierten Besprechungsraum in der vierten Etage des Berliner Verwaltungstrakts aus.
Bestrebt, der Situation gerecht zu werden, faltete der CEO seine Hände, betrachtete diese, als zeichnete sich auf ihnen die Antwort ab, lehnte sich anschließend nach vorn und setzte ein charmantes, doch gekünsteltes Lächeln auf. „Herr Baker, deswegen sind Sie doch hier, um uns diese Frage zu beantworten, oder?“
„Sicher, Dr. Fischer. Aber sehen Sie nun den Zusammenhang dieser simplen Frage mit Ihrer geplanten Werbekampagne? Die perfekte Werbung kann Ihre Kunden nur dann überzeugen, wenn sie die meist unbewusst wahrgenommenen Gründe für das Rauchen wirklich trifft. Deshalb muss im Vorfeld der Grundnutzen des Rauchens geklärt werden. Denn jedem Konsumenten ist klar, dass Rauchen ungesund ist, übel riecht und viel Geld kostet. Also muss es doch Gründe geben, die für den Raucher noch wichtiger sind, und die müssen wir in der Kampagne ansprechen – sonst sind die Millionen für die Schaltung von Werbung rausgeschmissenes Geld! Anders ausgedrückt: Wenn Sie uns für eine Feldforschung beauftragen, dann können wir fundiert die relevanten Bedürfnisse ansprechen und – dessen bin ich mir sicher – Ihre Marke wieder in die Gewinnzone bringen.“
„Was würde diese Feldforschung Ihrer Meinung nach kosten?“ Dr. Fischer runzelte die Stirn, als wolle er die Antwort gar nicht hören.
Philipp ging um den Tisch herum zu seinem Platz, blätterte in seiner Ledermappe, bis er gefunden hatte, wonach er suchte. „Ich habe mir erlaubt, den Auftrag bereits vorzubereiten.“ Mit dem wohl freundlichsten Lächeln dieses Tages schob er das Papier vor die gefalteten Hände des CEO.
Die Furchen gruben sich noch tiefer in Dr. Fischers Stirn. „Und bis wann können wir mit einem Ergebnis rechnen, sollte ich Ihnen das hier gegenzeichnen?“ Dabei nickte Dr. Fischer in Richtung des Auftrags.
Ein Auge zusammengekniffen, betrachtete Philipp seine Armbanduhr, jene, die die Einbrecher nur wenige Monate zuvor nicht gestohlen hatten. „Sollten Sie unserer Agentur das Budget hierfür geben, dann liefern wir Ihnen die Feldstudie …“, Philipp legte eine Denkpause ein. „Wäre Ihnen nach der Kaffeepause recht?“
Nun war es an ihm, eine Augenbraue in die Höhe zu ziehen und die Reaktion Dr. Fischers abzuwarten.
„Sie meinen, Sie haben die Studie dabei?“
„Die Feldstudie, wie auch einen groben Ausblick auf die Kampagne. Voraussetzung …“ Philipp tippte auf den Auftrag.
„Was meinen Sie?“ Dr. Fischer blickte fragend in die Runde. Das beeindruckte Nicken der Mitarbeiter, vereinzelt mit einem Schmunzeln durchsetzt, gab letztendlich den Ausschlag. „Gut, Herr Baker. Sie haben uns wieder mal gewonnen – zumindest für die Ergebnisse der Feldforschung. Die Umsetzung – na, sehen Sie zu, dass Sie auch hier so überzeugend auftreten. Frau Grossmann, können wir das im Budget noch unterbringen?“ Dabei deutete Dr. Fischer auf die Endsumme des Auftrags.
Frau Grossmann drückte ein wenig ihr Kreuz durch, nahm die Schultern zurück und stupste mit dem Zeigefinger die elegante Lesebrille in Richtung Nasenwurzel.
Philipp kannte Frau Grossmann schon seit einigen Jahren und wusste, dass sie die fünfzig bereits überschritten hatte. Sollte man ihr allerdings im schummrigen Licht einer Bar begegnen, so würde man sie aufgrund ihrer schlanken, durchtrainierten Figur um mindestens zehn Jahre jünger einschätzen. Einzig feine Fältchen um Augen und Mundpartie sowie erste hellbraune Altersflecken an ihren schlanken Händen gaben Hinweise auf ihr tatsächliches Alter. Neben dem CEO war sie die „Blonde Eminenz“ des Marketings und mit erheblicher Entscheidungsbefugnis ausgestattet. Philipp wusste das und ballte seine Linke hinter dem Rücken zur Faust.
„Bekomm ich hin, Dr. Fischer“, antwortete die Marketingchefin mit einem süffisanten Lächeln.
Philipp atmete innerlich auf, schenkte Frau Grossmann sodann ein kurzes Augenzwinkern, während der CEO den Auftrag unterschrieb.
„Und jetzt, Herr Baker“, Dr. Fischer schubste Philipp den Auftrag über den Tisch, „in knappen Worten das Ergebnis der Feldstudie, bevor wir nach dem Mittagessen ins Detail gehen.“
„Okay. Im Wesentlichen, Herr Dr. Fischer, geht es um zwei zentrale Themen: Das Nikotin im Tabak wirkt beruhigend auf das vegetative Nervensystem – denken Sie an das HB-Männchen der Konkurrenz. Stress führt bei ihm zur Überforderung, das HB-Männchen geht in die Luft, um nur kurz nach dem Zug an einer Zigarette wieder herunterzukommen: ‚Komm, mein Freund, rauche, dann geht alles wie von selbst!‘“
„Aber wir können doch nicht die alten Kamellen der Konkurrenz nachahmen“, warf Dr. Fischer ein.
„Nein, natürlich nicht! Wir brauchen eine neue, zeitgemäße Umsetzung des gleichen Inhalts. Und da kommt das zweite Thema ins Spiel.“
„Und welches?“ Dr. Fischer blickte neugierig.
„Das Selbstbild des Rauchers. Faktisch sind fast alle Produkte austauschbar. Warum, Herr Dr. Fischer, haben Sie so viel für Ihre schöne Uhr ausgegeben? Eine billigere hätte die gleiche Zeit angezeigt! Verbraucher entscheiden sich bewusst für bestimmte Marken – zum Beispiel bei Uhren, Brillen, Kleidung – und auch bei Zigaretten. Und warum? Um ihr ganz individuelles, persönliches Profil zu formen. Heutzutage verkauft sich jede Person selbst als Marke und drückt dadurch ihr Image aus.“
„Wenn ich Sie richtig verstehe, Herr Baker, bedient Ihr Kampagnen-Ansatz nicht nur den Grundnutzen für Zigaretten, sondern darüber hinaus das Verwender-Image. Somit bieten wir eine positive Identifikationsfläche“, resümierte der CEO Dr. Fischer und nickte Frau Grossmann zu.
Der Nachmittag verlief ganz nach Philipps Geschmack. Nachdem sämtliche Themen behandelt waren, schüttelte er zum Abschied allen Anwesenden die Hand.
„Frau Grossmann, wenn Sie so nett wären und Herrn Baker zum Ausgang begleiten würden? Die Vorstandssitzung beginnt in wenigen Minuten.“
„Natürlich, Dr. Fischer. Herr Baker, folgen Sie mir bitte.“
Wortlos schritt Philipp neben der Marketingchefin den Korridor entlang zu den Aufzügen. Als sie in die Kabine getreten waren, kündigte ein „Ping“ im Stakkato an, dass sich die Türen des Fahrstuhls schlossen.
„Nochmals herzlichen Dank, Frau Grossmann. Mit Ihrer Budgetfreigabe ist mir ein Stein vom Herzen gefallen.“
„Wer hoch pokert, sollte belohnt werden, meinen Sie nicht auch, Herr Baker?“
Philipp grinste und Frau Grossmann erwiderte das Lächeln. Ihre weißen Zähne saßen kerzengerade und Philipp überlegte flüchtig, dass sie dafür gewiss ein Vermögen ausgegeben hatte.
„Herr Baker, wenn wir schon beim Pokern sind.“ Sie strich sich mit der Hand eine Strähne ihres blonden Pagenschnitts aus der Stirn. Philipp fielen die gepflegten Fingernägel auf, die mit glänzend beigem Nagellack überzogen waren. „Meinen Sie nicht, die Budgetfreigabe wäre ein Abendessen wert? Zur Feier des Tages?“
In diesem Augenblick setzte der Fahrstuhl sanft im Erdgeschoss auf. Ohne dass Philipp eine Antwort auf die Frage geben konnte, traten beide aus dem Aufzug in die futuristisch gestaltete Empfangshalle. Diese wenigen Sekunden reichten aus, dass Philipp ein Gedanke durch den Kopf schoss. War dies eben die Aufforderung zu einem Date gewesen? Oder täuschte er sich?
„Das ist doch das Mindeste, Frau Grossmann“, antwortete Philipp im Tonfall des Gentlemans. „Liebend gern und danke, dass Sie mich danach gefragt haben. Ich hätte es nicht gewagt, direkt mit …“
„Ich habe bis zirka 19:00 Uhr hier zu tun“, fiel sie ihm ins Wort. „Wenn Sie mich abholen könnten? Und das Lokal suche ich aus, einverstanden?“ Frau Grossmann schmunzelte.
„Klar. Perfekt. 19:00 Uhr hier am Eingang. Ich freue mich. Also, bis dann.“
Tall slender angel
Punkt 19:00 Uhr trat Frau Grossmann aus der gläsernen Drehtür des Verwaltungsgebäudes ins Freie. Über ihr rotes Kostüm hatte sie einen hellen Frühlingsmantel gezogen, farblich passend zu den hochhackigen Louboutin.
„Ich liebe es, wenn Männer pünktlich sind. Es gibt uns Frauen das Gefühl der Wertschätzung.“
„Aber sicher. Dann los, Frau Grossmann. Ich parke gleich hier.“ Philipp deutete auf den Parkplatz, wo sein dunkler Porsche Cayenne geparkt stand. Ganz Kavalier öffnete er der Marketingleiterin die Beifahrertür und wartete ehrerbietig, bis sie eingestiegen war. Dann lief er um den Wagen herum und startete den Motor.
„So jung und schon ein so teures Spielzeug.“ Mit hochgezogenen Brauen fuhr Frau Grossmann bedächtig über das Armaturenbrett.
„Keine Angst, Frau Grossmann, das ist ein Firmenwagen. Wohin soll’s denn gehen?“
„Kennen Sie das Horváth in Kreuzberg?“
„Klar. Glauben Sie, dass wir dort um diese Zeit ohne Reservierung einen Tisch bekommen?“
„Das lassen Sie meine Sorge sein, Philipp. Ich darf doch Philipp sagen?“
„Kein Problem“, antwortete er kurz grübelnd, ob sich dieses Privattreffen negativ auf die weitere Zusammenarbeit auswirken könnte. Doch gleich darauf verwarf er den Gedanken wieder.
Das Glück war auf ihrer Seite, als sie direkt vor dem Lokal am Paul-Lincke-Ufer eine Parkbucht fanden. Gemäß der Etikette ließ es sich Philipp abermals nicht nehmen, seiner eleganten Begleitung die Fahrzeugtür zu öffnen. Die Aprilsonne senkte sich über die Dächer von Kreuzberg, als sie das Restaurant betraten.
„Guten Abend, die Herrschaften.“ Ein junger Kellner in schwarzem Hemd und schwarzer Hose begrüßte die Gäste überschwänglich.
„Ich habe reserviert, auf Grossmann.“
„Augenblick, die Dame, ich sehe kurz nach.“ Der Kellner fuhr betont konzentriert mit dem Zeigefinger über die Eintragungen in einem ledergebundenen Kalender. „Da haben wir es. Zwei Personen für 20:00 Uhr. Gut, dass Sie rechtzeitig reserviert haben. Hach, derzeit würden wir zwei Restaurants voll bekommen. Ich zeige Ihnen Ihr wunderschönes Plätzchen. Darf ich?“ Der junge Ober lief im Stechschritt und mit ausladendem Hüftschwung durch das holzvertäfelte Lokal, vorbei an einer langen Theke bis in den hinteren Bereich des Restaurants. „Bitte sehr. Ich bringe Ihnen umgehend die Karte. Darf es ein Aperitif sein?“
Das Menü war, wie nicht anders zu erwarten, ausgezeichnet. Zur Vorspeise wurde Leindotterölvinaigrette mit Maränenkaviar serviert, gefolgt vom Hauptgang, einer Eismeerforelle mit Paprikaaromen.
Die zu Beginn etwas zurückhaltende Konversation entspannte sich nach nur wenigen Minuten, was neben dem Aperitif auch einem hervorragenden Rotwein zuzuschreiben war.
Als kurz nach elf Uhr der Nachtisch abserviert wurde, faltete Philipp seine weiße Stoffserviette zusammen und lehnte sich entspannt im Stuhl zurück: „Noch einen Kaffee oder Espresso?“
„Gern. Aber wollen wir den vielleicht woanders trinken? Ich glaube, ich brauche ein wenig frische Luft. Der Rotwein.“ Frau Grossmann lächelte und fächelte sich mit der Nachspeisenkarte zu, um ihrem Wunsch Nachdruck zu verleihen.
Philipp beglich die Rechnung und wenig später saßen sie im Wagen, dessen glänzend schwarzlackierte Motorhaube die Lichter Berlins widerspiegelte.
„Kaffee. Das war das Stichwort. Haben Sie einen besonderen Wunsch, Frau Grossmann?“
„Nur einen. Es sollte angenehm ruhig sein. Der ganze Tag heute im Büro und jetzt das volle Restaurant. Den Abend in Ruhe ausklingen lassen – das wäre perfekt, oder?
„Hmmh.“ Philipp verzog nachdenklich das Gesicht. Noch bevor er einen Vorschlag anbringen konnte, kam ihm Frau Grossmann zuvor: „Wohnen Sie nicht in dieser Ecke von Berlin?“
„Ganz recht. Keine zehn Minuten von hier. Alt-Treptow, in der Krüllstraße.“
„Hätten Sie Lust, den Kaffee bei Ihnen zu trinken? Nur wenn es keine Umstände macht. Anschließend lasse ich mir ein Taxi kommen, damit Sie nicht mehr fahren müssen.“
„Gern. Ein Kaffee im Restaurant Baker. Klingt perfekt.“
Als Philipp fünfzehn Minuten später die Dreifachverriegelung zu seiner Wohnungstür aufschloss, stand Frau Grossmann so dicht hinter ihm, dass der Hauch ihres Parfums seine Nase umspielte.
„Das ist ja wie in Fort Knox bei Ihnen.“
„Sicherheit geht vor. Kurz vor Weihnachten wurde in meine Wohnung eingebrochen. Junkies! Aber jetzt“, Philipp klopfte auf das Holz der Eingangstür, „kommt hier keiner mehr rein.“
Die Wohnung aus den sechziger Jahren besaß keinen der üblichen Eingangsflure. Alle Innenwände waren entfernt und der Statik wurde durch massive, frei stehende Betonpfeiler Rechnung getragen.
„Machen Sie es sich bequem, fühlen Sie sich wie zu Hause.“
Frau Grossmann zog den Mantel aus, winkelte ihr linkes Bein an, streifte sich den Schuh ab und ließ ihn ebenso achtlos wie den Mantel auf das Parkett fallen. Gleich darauf folgte der zweite Louboutin. Dann lief sie durch den etwa achtzig Quadratmeter großen Wohnraum und besah sich das Interieur.
„Sie beweisen Geschmack, Philipp. Aber das dachte ich mir schon. Von wem ist das Bild?“, fragte sie und deutete auf ein mächtiges, modernes Ölgemälde über der weißen Ledercouch.
„Rayk Goetze, Neue Leipziger Schule“, antwortete Philipp, der hinter der Küchenzeile stand, die in den Wohnraum integriert war. „Ich hätte noch einen Valdo im Angebot, oder doch lieber Kaffee?“
„Beides, wenn machbar“, antwortete Frau Grossmann, ohne den Blick vom Gemälde abzuwenden. Dann, als habe sie eine Eingebung, lief sie zur Küchentheke und nahm auf einem der Barhocker Platz. „Wirklich schön haben Sie’s hier, Philipp. Wohnen Sie allein in Berlin?“
„Nein, meine Mutter wohnt ebenfalls in der Stadt. Mein Vater und mein Bruder leben in den Staaten.“
„Sie haben einen Bruder?“
„Robert, ja, mein Zwillingsbruder. Allerdings bin ich der Hübschere.“ Philipp feixte.
„Dessen bin ich mir sicher“, entgegnete Frau Grossmann augenzwinkernd.
Philipp ließ den Korken knallen und schenkte den Prosecco in zwei Glasschalen. „Cheers, Frau Grossmann. Auf Sie.“
„Auf uns, Philipp. Wir waren heute ein unschlagbares Team. Nennen Sie mich bitte bei meinem Vornamen, wenn wir uns privat treffen. Ich heiße Heidi.“
„Heidi, angenehm, Philipp.“ Er hob die Sektschale in die Höhe.
„Wollen wir nicht aufs Sofa? Ist gemütlicher.“ Heidi lächelte, rutschte elegant vom Hocker und schlenderte am Prosecco nippend zur Couch. Philipp folgte ihr und setzte sich mit etwas Abstand neben sie.
„Ein wirklich schöner Abend, Heidi. Aber verrat mir eines: Hast du tatsächlich den Tisch im Horváth schon vor Tagen reserviert?“
„Ist dir aufgefallen?“ Heidi schmunzelte verschwörerisch.
„Klar, ich meine …“
„Pass auf, Philipp. Den Tisch habe ich natürlich im Voraus reserviert. Ebenso war mir klar – zumindest hatte ich es gehofft –, dass du genauso vorbereitet im Meeting erscheinst, wie du es getan hast. Dein Ruf eilt dir voraus und ich wollte unbedingt die Feldstudie mit deiner Agentur – oder exakt: mit dir haben.“
Erstmals an diesem Tag setzte Philipp eine verblüffte Miene auf. „Tatsächlich? Dich sollte man nicht unterschätzen.“
„Ganz sicher nicht“, entgegnete Heidi, während sie ein Bein auf dem Sofa anwinkelte, um sich draufzusetzen. Divenhaft legte sie ihren Kopf auf die Rückenlehne des Ledersofas, rieb sich mit der linken Hand den rechten Fuß und seufzte leise: „Ah, diese Schuhe. Da habt ihr Männer leichteres Spiel. Ich könnte jetzt stundenlang so sitzen bleiben. Diese Ruhe.“
„Dann lehn dich zurück und genieße. Apropos Ruhe. Etwas Musik?“ Ohne die Antwort von Heidi abzuwarten, griff Philipp nach der Fernbedienung auf dem Glastisch und drückte die Play-Taste. Sofort erfüllte angenehme Lounge-Musik den hohen Raum. „Auch noch einen Schluck Valdo?“
„Gern“, lächelte Heidi und reichte ihm das Glas.
Philipp lief an die Küchenbar und schenkte in jede der Sektschalen nach. Als er zur Couch zurückkehrte, winkte Heidi ihm mit der rechten Hand. „Stört es dich, wenn ich rauche?“
Erst jetzt sah Philipp die gedrehte Zigarette, die Heidi zwischen Zeige- und Mittelfinger hielt. „Keineswegs, ich hol dir einen Aschenbecher.“
Abermals verschwand Philipp hinter der Küchenzeile, kramte in einem der Schränke, bis er mit einem Kaffeebecher in der Hand zurück ans Sofa kam. „Mit nem Aschenbecher kann ich leider nicht dienen.“ Philipp verzog seine Lippen zu einem Schmunzeln. „Der müsste aber auch gehen.“ Er stellte den Becher auf den Glastisch.
Sichtlich mit Genuss zündete sich Heidi die Selbstgedrehte an und inhalierte den Rauch des ersten Zuges tief in ihre Lungen. Süßlicher Geruch nebelte sie ein. „Willst du auch ziehen?“, fragte sie und reichte Philipp den Glimmstängel entgegen.
„Ist das …?“
„Völlig harmlos“, beschwichtigte Heidi. „Nur ein wenig Gras. Vertreibt jeden nervigen Gedanken. Du hast noch nie, oder?“
„Ehrlich? Nein. Noch nie. Ab und an eine Gauloises.“
„Das kannst du nicht vergleichen“, meinte Heidi verständnisvoll. „Hat mit Rauchen an sich nichts zu tun. Ist wie … wenn du einen Schluck zu viel hast – gerade so, dass es angenehm ist. Sehr beruhigend. Also, ein Zug?“
Philipp langte nach dem Joint, betrachtete kurz die schwelende Glut und legte das andere Ende an seine Lippen. Erst zog er zaghaft, dann etwas beherzter. Das Eingeatmete breitete sich über die Luftröhre in seinen Lungenflügeln aus und reizte seine Atemwege. Ein Hüsteln war das Resultat, gefolgt von einer Träne, die aus dem linken Auge rann.
„Wau, da merkst du, dass ich noch nie …“, bemerkte Philipp sich räuspernd und gab den Joint dankend zurück.
„Du bist ja süß“, antwortete Heidi und zog genussvoll am Joint. „Merkst du schon, wie es wirkt?“, fragte sie neugierig, die Augen des Qualms wegen zu zwei kleinen Schlitzen zusammengekniffen.
„Hmm“, war die lapidare Antwort. Tatsächlich spürte Philipp, wie sich die Droge in seinem Körper ausbreitete. War es das Gras oder die Tatsache, etwas Verbotenes zu tun – egal, er fühlte, ja, er fühlte eine Erregung in sich aufsteigen. Sein Glied verhärtete sich, was ihn zwang, die Sitzposition zu verändern, da sein Penis ungünstig in der Unterhose eingezwickt war. Unbewusst zupfte er am Schritt, bis alles korrekt und angenehm saß.
Heidi hatte das nervös wirkende Manöver beobachtet und lachte: „Na, das ist ja wohl die beste Wirkung, die man sich erhoffen kann.“
Leichte Röte färbte Philipps Wangen, als er halblaut murmelte: „Ist das so, ja?“ Dann musste auch er lachen.
„Noch ein Zug – jetzt, da es wirkt?“ Heidi neckte ihn, während sie verführerisch mit dem Joint wedelte.
„Gib schon her, Blondie“, scherzte Philipp verspielt.
„Augenblick!“ Heidi setzte sich auf, kniete sich auf dem Sofa vor ihn, drehte den Glimmstängel in ihrem Finger und führte ihn zu Philipps Lippen. Zart umschloss er ihre Hand, während er einen tiefen Zug des Marihuanas einatmete. Dieses Mal unterdrückte er ein Husten. Just in dem Moment, da er den restlichen Rauch wieder auspustete, presste Heidi ganz sanft ihre Lippen auf die seinen und sog die ausgeblasene Wolke ein. Bevor Philipp reagieren konnte, lehnte sie sich wieder zurück.
„Angenehm, oder?“, fragte sie, wobei Philipp einen Hauch von Unsicherheit an ihr bemerkte.
„Ich würde lügen, wenn nicht“, gab er zur Antwort und lächelte sie unverhohlen an.
„Bist du schüchtern oder irritiere ich dich?“, fragte Heidi nun wieder selbstbewusster.
„Keineswegs“, flüsterte Philipp.
„Du gefällst mir, weißt du das – und ich wäre jetzt in der Stimmung …“ Sie verstummte für einen Moment. Dann spitzte sie die Lippen: „Auf mich hat das Zeug – und du natürlich – auch eine stimulierende Wirkung. Sehr sogar.“
„Tu dir keinen Zwang an“, war das Einzige, was Philipp in diesem Augenblick hervorbrachte.
Knisternde Erotik spannte sich wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen. Was dann geschah, übertraf seine kühnsten Träume. Heidi nahm einen tiefen Zug, dann noch einen und behielt den Rauch eine gefühlte Ewigkeit in ihren Lungen. Gleichzeitig schob sie behände den roten Rock bis zur Hüfte, sodass Philipp den schmalen Streifen Stoff ihres Slips unter der hellen Strumpfhose ausmachen konnte. Ungeniert fasste sich Heidi mit der linken an das Nylon über ihrer Scham, streichelte sich sanft, während sie ein letztes Mal an dem zu einem Stumpen heruntergerauchten Joint sog.
„Ich bin feucht, Philipp“, hauchte sie und streckte ihm mit laszivem Blick die Haschisch-Zigarette hin. Behutsam nahm er den Joint und bugsierte ihn in die Kaffeetasse. Er wollte sich zu ihr beugen, ihr einen Kuss geben, doch sie wehrte ab. „Nein, erst mal zusehen. Ich liebe es, wenn ein Mann mich beobachtet. Exhibitionistisch, oder?“
Philipp starrte, war nicht in der Lage, ein Wort zu sprechen. Ohne Unterlass massierte Heidi ihren Venushügel. Dabei beobachtete sie Philipp, als wolle sie jeden seiner Blicke, jeden tiefen Atemzug ihres Gegenübers in sich aufnehmen, gleich dem Inhalieren der Droge. Während ihre Linke noch immer die Scham liebkoste, knöpfte sie mit der Rechten ihre Kostümjacke auf. Zum Vorschein kam ein weißer Spitzen-BH. Sie zog am Büstenhalter und entblößte eine ihrer Brüste. Ein kleiner Busen, wie Philipp auffiel. Die dunkle Brustwarze, deren Nippel erigiert hervorstach, zeichnete sich von der honigmilchigen Haut ab. Sichtlich erregt befeuchtete Heidi ihre Finger mit etwas Speichel, bevor sie den Nippel zwischen ihren Fingern zu kneten begann. Der im Verhältnis zum Vorhof mächtige Nippel versteifte sich zusehends. Philipp stierte auf ihre beige lackierten Fingernägel und tat einen tiefen Atemzug, als er den Nippel zur Größe eines Schnullers zwischen ihren Fingern anschwellen sah. Heidi stöhnte leise, lustvoll. Dann tastete sie nach dem Saum der Strumpfhose, zog daran und ließ die linke Hand unter ihr Höschen gleiten. Das Nylon der Strumpfhose glänzte, während sie weiter sanft masturbierte. Philipp hörte das leise Schmatzen der Feuchtigkeit, als ihre Hand sich anwinkelte und sie das Innere ihrer Vagina massierte. Sie begann heftiger zu atmen, schloss für Sekunden die Augen, um sie sofort wieder aufzureißen und Philipp anzustarren. Ihre Zungenspitze fuhr gedankenverloren über die Oberlippe, sie atmete stoßweise durch den Mund. Dann, als hätte sich ein Schalter umgelegt, hielt sie plötzlich inne, zog die Hand aus der Strumpfhose, beugte sich zu Philipp und steckte ihm den feucht glänzenden Zeigefinger in den Mund.
„Gefällt dir, was du siehst?“, hauchte sie.
Zur Antwort nahm Philipp ihre Hand und liebkoste sanft jeden Einzelnen ihrer Finger mit der Zunge. Heidi lächelte leidenschaftlich. Dann stand sie auf, streifte sich in einem Zug das Nylon samt Slip von den schlanken Beinen und nahm die gleiche zurückgelehnte Sitzposition wie zuvor ein. Jetzt konnte Philipp unverhüllt ihre Schamlippen sehen. Gleich ihrer immensen Nippel, spitzte eine verhältnismäßig große Klitoris am oberen Rand ihrer Vagina glänzend hervor.
Nun war der Bann endgültig gebrochen. Wie in Trance öffnete Philipp erst den Gürtel, dann den Reißverschluss seiner Hose. Ebenso erregt wie erleichtert zog er seinen Penis aus den weißen Shorts hervor. Dabei verloren beide nicht für eine Sekunde den Blickkontakt zueinander. Wortlos gaben sich beide in gegenseitigem Vertrauen der empfundenen Erotik hin. Für Philipp eröffnete sich zu diesem Zeitpunkt eine neue Dimension der Lust. Noch nie zuvor hatte er eine Frau kennengelernt, die derart ungeniert ihre sexuellen Wünsche vor ihm ausbreitete. Als wäre es das Normalste der Welt, stillten beide ihr sexuelles Verlangen, indem sie ihrer Selbstbefriedigung freien Lauf ließen. Nicht die gegenseitige Berührung des anderen steigerte in diesen Minuten ihr Verlangen, es war die visuelle Offenheit, die einer völligen Hingabe von Körper, Geist und Seele gleichkam.
Ein raues Stöhnen drang aus Philipps Kehle, als er über seine Eichel rieb, kurz innehielt und sich das Ejakulat über Hand und Hosensaum verteilte. Noch während er die Augen lustvoll zusammenpresste, spürte er das Zittern von Heidis Fuß an seiner Wade. Er öffnete die Lider und ließ seinen Blick von Heidis weit aufgerissenen Augen und Mund zu ihrem Schoß wandern. Wenige Augenblicke später verebbte das Zittern ihres Körpers, wich dem Erschlaffen all ihrer Muskeln.
Minuten der Stille vergingen, in denen sie entspannt dalagen, sich ansahen und wussten, dass sich ihrer etwas schier Unglaubliches bemächtigt hatte.
„Wow, das war …“
„Psst, Philipp, nicht reden. Es ist zu schön, als dass wir es mit Worten beschreiben sollten.“
Heidi stand auf, zog an Philipps Hose, die um seine muskulösen Oberschenkel gespannt war, und streifte sie samt Shorts ab. Dann half sie ihm, sein Hemd über den Kopf zu ziehen. Anschließend stellte sie sich vor ihn, zog sich die rote Jacke über die Schultern, knöpfte den unter ihre Brüste gezogenen BH auf und legte sich splitternackt neben Philipp. Sanft berührte ihre Zunge seine Lippen. Er roch ihren Atem, die samtige Wolke ihres Parfums und fühlte den feinen Schweiß in ihrem Nacken. Hemmungslos erkundete Heidis Zunge die seine. Sie biss ihn sanft ins Ohrläppchen, während seine Hände ihren Nacken streichelten. Als seine Zunge zärtlich in ihrer Ohrmuschel spielte, erbebte ihr ganzer Körper. Erst zaghaft, dann heftig, pressten sich ihre Lenden ihm entgegen. Ihr entging nicht, dass sich sein Penis abermals versteifte. Sie setzte sich auf, umschloss mit ihrer Hand sein Glied und führte es zwischen ihre angeschwollenen, feuchten Schamlippen. Philipp betrachtete sie von der schlanken Taille aufwärts. Ihre kleinen Brüste wiegten sich im Takt, indes er neuerlich von ihren erregt aufgestellten Nippeln fasziniert war. Er winkelte seine Arme an, stützte sich auf und sog an der linken Brustwarze. Seine Stöße, die sie rhythmisch in der Feuchte ihres Schoßes entgegennahm, wurden heftiger. Mit einem Stöhnen ließ er sich wieder zurücksinken, ergriff mit beiden Händen ihre Lenden, während sie den Rücken leidenschaftlich nach hinten bog. Jeder ihrer Muskeln und Nerven war auf ein Maximum angespannt. Sie umschloss seinen Penis mit ihrer Vagina wie eine feuchte Schleuse, die unkontrolliert im Inneren zu zucken begann. Sie spürte ihre Kontraktionen, jene Energie, die sich mit einem Mal heftig entlud. Hemmungslos stöhnend erschauderte ihr gesamter Unterleib, während sie das Pulsieren seines Gliedes fühlte, als er sich in ihr ergoss. Schwer atmend ließ sich Heidi auf ihn sinken.
„Das war wirklich, wirklich gut“, flüsterte sie und bekam eine Gänsehaut, als die zärtlichen Finger Philipps ihre Wirbelsäule auf und ab strichen.
„Gut? Ehrlich, du bist der Wahnsinn. Ich …“
„Psst.“ Sie legte zwei Finger auf seine Lippen und betrachtete erschöpft sein gerötetes Gesicht. Einige Minuten verbrachten sie in dieser Stellung, ohne ein Wort zu sagen.
„Ich habe Durst. Wenn ich jetzt nicht gleich etwas zu trinken bekomme, kannst du auf meinem Grabstein die Inschrift lesen: Beim besten Sex seines Lebens leider verdurstet.“ Philipp stützte sich auf. „Auch einen Schluck?“
„Hast du Wasser da?“, fragte Heidi, stand auf und ging nackt zur Küche. Philipp betrachtete sie von hinten. Für seinen Geschmack hatte sie die wahrhaft perfekte Figur. Man sah ihr durchaus an, dass sie keine zwanzig mehr war, doch die kleinen, birnenförmigen Pobacken waren prall und gingen in einen langen, schlanken Rücken über.
Tall slender angel, hätte sein Bruder Robert gesagt.
„Tall slender angel“, flüsterte er daher in ihr Ohr, als er hinter ihr am Barhocker stand.
Sie fasste nach hinten und klatschte ihm auf den nackten Hintern. „Ich verdurste, hast du schon vergessen?“
„Kommt sofort.“
Philipp ging in die offene Küche zum Kühlschrank, füllte zwei Gläser mit eiskaltem Mineralwasser und reichte Heidi eines davon. Gierig leerte sie es in einem Zug.
„Kann ich mal ins Badezimmer?“, fragte sie und blickte sich um.
„Hinten rechts, die zweite Tür vor dem Schlafzimmer“, erklärte Philipp und bedeutete ihr mit dem Zeigefinger den Weg. Er ging gerade um die Theke, als er den gedämpften Klingelton seines iPhones hörte.
Heidi, die schon auf dem Weg ins Bad war, drehte sich fragend zu ihm um. „Jetzt noch?“
Philipp zuckte die Schultern, huschte zum Sofa, wo unter all den Kleidungsstücken auch sein Sakko lag. Er zog das Handy aus der Innentasche und meldete sich: „Baker.“
Philipp lauschte, dann unterbrach er den Anrufer: „Augenblick, Robert.“ Er nahm das iPhone vom Ohr, schirmte die Sprechmuschel mit einer Hand ab und flüsterte der noch immer fragend dreinblickenden Heidi zu: „Mein Bruder.“
Heidi nickte, verschwand im Bad und Philipp widmete sich wieder dem Anrufer.
„Hi, Robert, wie geht’s?“
Konzentriert hörte Philipp seinem Bruder zu, ohne selbst ein Wort zu verlieren. Fünf Minuten später verabschiedete er sich mit den Worten: „Geht klar. Ich melde mich.“
Das Display seines Handys zeigte kurz nach vier Uhr morgens. Er ahnte, dass dieser Anruf sein Leben verändern würde.
Ankunft Washington D.C.
Ein dumpfer Stoß riss Philipp aus seinem Schlummerzustand, als die Boeing auf dem Washington Dulles International Airport aufsetzte. Übermüdet lugte er durch das Bullauge und betrachtete das futuristische Flughafengebäude, das in ihm stets aufs Neue den Eindruck einer Science-Fiction-Architektur erweckte. Als wäre dieser Bau mit der über 180 Meter langen und 46 Meter breiten Stahlbetondecke irreal, schimmerten riesige Glasscheiben bläulich zwischen schräg stehenden Betonpfosten.
45 Minuten später stand er mit seinem Rollkoffer sowie einer Umhängetasche nach seinem Bruder Ausschau haltend am Ausgang des Airports. Er sah auf das Display seines Handys: kurz nach Mitternacht. In dem Augenblick, da er die Nummer seines Bruders Robert wählen wollte, hörte er ihn hinter sich: „Hi, Phil. Schön, dass du da bist.“ Philipp drehte sich um, als Robert ihn auch schon umarmte und fest an sich drückte.
„Gut siehst du aus, Alter. Lass uns gleich ins Hotel fahren. Dann können wir noch einen Scotch zu uns nehmen.“ Robert deutete auf eine schwarze Limousine, die direkt vor ihnen auf einer mit „VIP“ gekennzeichneten Parkbucht stand. Am Wagen wartete ein Chauffeur, der sich nach einer knappen nickenden Begrüßung ungefragt des Verladens des Koffers annahm.
„Und, wie war der Flug?“, fragte Robert, nachdem sie im Fond der Limo eingestiegen waren.
„Perfekt. Hab die meiste Zeit damit verbracht, Schäfchen zu zählen. Hat nichts gebracht, bis zirka eine Stunde vor Landung. Da bin ich dann endlich eingeschlafen.“
„Noch immer Flugangst?“, wollte Robert wissen.
„Du kennst mich, klar. Wird sich so schnell auch nicht ändern. Wie geht’s Dad?“, lenkte Philipp vom leidigen Thema seiner Aviophobie ab.
„Kann ich dir sagen. Wir hadern derzeit miteinander.“
„Hat es was mit dem Auftrag des Präsidenten zu tun?“
Robert nickte: „Ja. Der Vorschlag, über eine Legalisierung von Drogen nachzudenken, kam von mir. Sicher etwas unüberlegt in den Raum geworfen, doch die Ereignisse der letzten Wochen und Monate haben den Präsidenten dazu veranlasst, ihn aufzugreifen. Dad ist nicht überzeugt – aber Ober sticht Unter, wie es so schön heißt.“ Robert grinste.
„Das wird ein Riesenfass, bist du dir dessen bewusst?“
„Phil, noch mal“, versuchte sich Robert zu verteidigen, „es war zu Beginn nur der Fetzen eines Gedankens. Jetzt ist er zum Politikum geworden, einem Politikum, das sämtliche Werte und alle bisher verfolgten Strategien aus den Angeln hebt. Sollte sich der Präsident tatsächlich für die Legalisierung von harten Drogen entscheiden, wird es nicht unerhebliche Gesetzesänderungen geben müssen. Ganz zu schweigen von den Folgen für die Amerikaner, die Wirtschaft …“
„Und die Drogenkartelle“, ergänzte Philipp. „Ihr macht euch damit mächtige Feinde.“
„Du meintest, wir machen uns damit mächtige Feinde“, korrigierte Robert ernst.
Philipp zuckte mit den Schultern. „Klar, wir, deswegen bin ich ja hier. Aber unter uns: Du bist der Angsthase von uns beiden, nicht ich. Wer versichert uns, dass nicht irgendein Heckenschütze dir oder mir die Birne wegpustet?“
„Wird schon nicht …“
„Sicher, Robert?“, unterbrach Philipp. „Wenn die, wer auch immer die sind, mitbekommen, dass wir eine Steilvorlage für den Präsidenten ausarbeiten, Drogen zu legalisieren …“ Philipp machte eine kurze Pause und pfiff durch die Zähne. „Jeder Kleindealer, dem du dadurch seinen Markt wegnimmst, jeder Drogenbaron, oder wie sich die Bosse nennen, wird uns und alle daran Beteiligten aus dem Weg schaffen wollen. Mit der Legalisierung trocknest du den illegalen Drogenmarkt aus. Genauso war es zu Zeiten der Prohibition – nur dass der Drogenmarkt größer und weltumspannend ist. Je mehr ich versuche, es dir zu erklären, desto heftiger drückt meine Blase. Ich piss mir bei dem Gedanken fast in die Hose.“
„Das haben wir intern alles bereits diskutiert. Wir schreiben Geschichte, Bruderherz.“ Jetzt grinste Robert breit, während Philipp nur mit dem Kopf schütteln konnte.
„Wann geht’s los?“, wollte Philipp wissen.
„Heute um 14:00 Uhr ist ein Treffen bei Bob Thompson angesetzt.“
Philipp nickte und betrachtete stumm durch die getönten Scheiben der Limousine die beleuchteten Straßen Washingtons. Ein erstes Treffen mit dem mächtigsten Mann der Welt, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, hätte er sich unter anderen Vorzeichen gewünscht. Niemand im Wagen achtete auf den hellblauen Toyota, der der Limousine in sicherem Abstand folgte.
Peng, peng, peng
„Woher haben Sie Ihre Information?“
Statt eine Antwort auf die Frage zu geben, folgte auf dem Fuße eine Gegenfrage: „Wie ist Ihr Plan? Haben Sie überhaupt einen?“
Die Person am anderen Ende der Leitung atmete tief ein, bevor sie eine Antwort gab: „Mister Eagle, der Präsident ist ein mächtiger Mann mit umfangreichen Befugnissen, zweifellos. Doch ohne Zustimmung des Senats und der Kongressmitglieder wird er, außer heißer Luft, nichts bewirken.“
„Dessen bin ich mir nicht so sicher“, antwortete jener Mann, der auf den Namen Eagle hörte, mit sonorer Stimme.
„Sitzen Sie im Senat oder ich?“ Die Frage des Senators klang genervt.
Mr. Eagle umschloss den Hörer noch fester, sodass das Weiße seiner Knöchel hervortrat. „Vergessen Sie nie, was Sie uns zu verdanken haben, Senator Coleman. Lassen Sie Ihre Beziehungen spielen. Sie verdienen Unsummen durch uns. Wie geht es im Übrigen Ihrer Tochter auf der Privatschule?“
Am anderen Ende wurde es ruhig. Die Drohung war angekommen. „Lassen Sie meine Familie aus dem Spiel!“
„Sie müssen handeln, Senator, und zwar schnell. Das Team um Bob Thompson rüstet sich bereits für die Legalisierung. Sollte es so weit kommen, verlieren wir über Nacht unsere Einnahmequellen. Das wird aber nicht passieren. Und Sie, Senator, sorgen dafür! Wenn nicht, regeln wir es auf unsere Weise.“
„Was wollen Sie damit andeuten?“
Es wurde still in der Leitung. Nach unendlichen zwanzig Sekunden erhielt Senator Coleman eine Antwort: „Peng, peng, peng“, flüsterte Mr. Eagle und legte auf.
Müde, doch konzentriert zog Verteidigungsminister Ashton Brown den Gürtel des weißen Bademantels enger, während er sich in seinem Lederstuhl aufrichtete. Auf dem Arbeitstisch vor ihm lagen diverse Hängeakten sowie etliche Fotos, die er wiederholt eingehend betrachtete. Die Farbfotos zeigten Schnappschüsse von drei Personen. Zwei davon waren ihm bestens bekannt. William Baker und dessen Sohn Robert. Das Gesicht des dritten Individuums war ihm neu. Es zeigte einen blonden Mann, Mitte/Ende zwanzig, der direkt neben Robert Baker vor dem Washington Dulles International Airport stand und diesem zum Verwechseln ähnlich sah. Dann griff Ashton Brown zu einer der Hängemappen und legte das Foto hinein. Auf der Mappe war ein Name notiert: Philipp Baker.
Habe ich Ihr Wort?
Zwar hatte er über die Jahre schon zigfach darüber berichtet, ganze Rubriken über Entscheidungen, die in diesem Raum getroffen wurden, gefüllt, doch betreten hatte er jenes Heiligtum noch nie. Als er die Einladung auf seinem Schreibtisch liegen sah, traf ihn diese wie ein Vorschlaghammer. Der Präsident selbst hatte sie unterzeichnet und ihn, Oliver Konecki, um ein Treffen gebeten. Er müsste lügen, würde er behaupten, an diesem Morgen nicht ein Grundrauschen an Nervosität zu verspüren.
Frisch geduscht und glatt rasiert durchwühlte er seinen Kleiderschrank nach einem ungetragenen weißen Hemd. Das erste, was ihm in die Finger fiel, bestand nicht den Geruchstest. Ebenso das zweite, das er aus dem Schrank zog. Beide Kleidungsstücke landeten auf einem Berg Schmutzwäsche neben seinem Bett. Das dritte Hemd musste – etwas aufgebügelt – als tragbar eingestuft werden, denn ihm gingen die Alternativen aus. Eine grauschwarz gestreifte Krawatte rundete das Bild mit seinem schwarzen Jackett, das er lässig über der Bluejeans trug, farblich perfekt ab.
Am Weißen Haus angekommen entging Oliver nicht die aufgebrachte Menschenmenge, die mit Plakaten und Megaphonen gegen die derzeitige Drogenpolitik demonstrierte. Bestens durch Sicherheitskräfte abgeschirmt, ließ man sie nun schon seit Monaten gewähren. Ihn freute und faszinierte zugleich das Durchhaltevermögen dieser Menschen.
Dann, Punkt 11:30 Uhr, durchschritt er den Körperscanner des Weißen Hauses und wurde von einem Sicherheitsbeamten abgetastet, bevor eine nette, etwas mollige Dunkelhaarige ihn direkt ins Oval Office geleitete.
„Zum ersten Mal hier?“, erkundigte sich der weibliche Scout, schnellen Schrittes vorangehend.
„Yep“, antwortete Oliver knapp.
Die Dunkelhaarige überflog die Einladung, die Oliver ihr zuvor gereicht hatte, auf ihrem vor die massige Brust gepressten Klemmbrett, ohne deswegen an Geschwindigkeit einzubüßen. „Oliver Konecki. Richtig?“, rief sie im Laufschritt nach hinten.
„Der bin ich“, lächelte Oliver und hastete der Dame hinterher.
Abrupt blieb sie stehen. „Etwa der Oliver Konecki von der Washington Post?“
„Ganz recht“, bestätigte Oliver und wäre fast auf seine Begleitung aufgelaufen.
„Na, da haben Sie ja für mächtigen Wirbel gesorgt. Scharf auf den Pulitzer, was?“
„Zufall, Ms.?“
„Smith“, lächelte die Mollige.
Olivers Blick fiel auf das Namensschild, das neben der Tür hing, vor der sie zum Stehen gekommen waren. Darauf las er „Vice President of the United States“ und noch immer stand darunter der Name „Logan Winston“.
„Ja, tragisch, nicht?“, seufzte die mollige Ms. Smith, als sie bemerkte, wie Oliver das Schild betrachtete. „Ganz unter uns, Mr. Konecki: Hätten Sie nicht aufgedeckt, dass unser Vice an diesen vergifteten Drogen gestorben ist – früher oder später hätte sein Herz sowieso nicht mehr mitgespielt. Logan Winston hat Tag und Nacht geackert, müssen Sie wissen. Er war ein guter Mann, aber auf seine Gesundheit hat er nicht geachtet. Ich zum Beispiel esse jeden Morgen ein gesundes Müsli, viel Obst und bevor ich hier meinen Job antrete, ist Morgengymnastik angesagt. Das hält jung, wenn Sie verstehen.“
„Sicher“, bestätigte Oliver, während er beim Betrachten ihrer ausladenden Figur insgeheim grübelte, wie viele Hamburger sie ihm verschwieg.
Ms. Smith stampfte wieder los. „Wir sind gleich da, Mr. Konecki. Zweimal links ums Eck und schon sind wir am Oval.“
Angekommen klopfte sie an der Tür neben dem Oval Office, die mit President’s Secy beschriftet war, und trat, ohne auf eine Antwort zu warten, ein.
„Ich bring dir den Besuch, Jenny. Mr. Konecki von der Washington Post.“
Eine schlanke Rothaarige mit elegantem, eng anliegendem Kostüm stand auf und trat lächelnd mit ausgestreckter Hand auf Oliver zu. „Herzlich willkommen, Mr. Konecki. Der Präsident wartet bereits auf Sie.“ Während sie sich zur Begrüßung die Hände schüttelten, fuhr die Vorzimmerdame fort: „Ich bin Jenny und sollten Sie irgendetwas brauchen, geben Sie mir einfach Bescheid. Wenn Sie hier bitte kurz warten würden. Ich gebe dem Präsidenten Bescheid, dass Sie da sind.“
„Ich mach mich dann mal aus dem Staub“, tönte sogleich Ms. Smith aus dem Hintergrund. „Machen Sie’s gut, Mr. Konecki.“ Dann schloss sich die Tür des Sekretariats.
In dem Moment, da Jenny den Knopf der Sprechanlage drücken wollte, öffnete sich die Tür zum Oval Office. Heraus trat Bob Thompson. „Ach, Jenny, dieser Konecki von der Washington …“ Jennys Augen weiteten sich und schweiften zur gegenüberliegenden Seite des Zimmers. Sofort setzte Bob Thompson ein einnehmendes Lächeln auf. „Mr. Konecki?“
„Mr. President. Es ist mir eine Ehre …“
„Lassen wir die Formalitäten“, schmunzelte Bob Thompson. „Kommen Sie, wir haben einiges zu bereden.“
Es ist kleiner, als ich es mir vorgestellt habe, befand Oliver, als er das Oval betrat.
„Setzen Sie sich, Mr. Konecki.“ Der Präsident wies ihn zur hellen Couch. Fast gleichzeitig nahm auch Bob Thompson gegenüber von Oliver Platz und schlug die Beine übereinander. „Irgendetwas zu trinken?“
„Im Moment nicht, vielen Dank.“
„Auch gut. Kommen wir gleich zur Sache. Sie können sich denken, warum ich Sie um das Treffen gebeten habe?“
Oliver zuckte etwas verlegen mit den Schultern, bevor er antwortete: „Ich nehme an, es geht um die Enthüllungen rund um den Tod von Logan Winston.“
„Exakt.“ Bob Thompson fixierte ihn mit seinen dunkelbraunen Augen. Argusaugen, dachte Oliver. Augen wie die eines Adlers.
„Mr. President, sicher hätte ich die Option besessen, vor der Veröffentlichung des Artikels …“
„Ich erwarte keine Entschuldigung“, beschwichtigte Bob Thompson. „Natürlich haben Sie mich und meinen Stab mit Ihrer Enthüllung in Schwierigkeiten gebracht. Massive Schwierigkeiten – und das ist noch die Untertreibung des Jahres. Aber wir leben in einer Demokratie, was die Pressefreiheit – die ich schätze – mit einbezieht. Es besteht also kein Grund, Sie zu tadeln oder gar einzuschüchtern – falls Sie das in Erwägung gezogen haben. Ganz im Gegenteil, Mr. Konecki. Ich möchte Sie um Ihre Hilfe bitten.“
„Um meine Hilfe?“, fragte Oliver erstaunt, ohne eine Idee zu haben, wie diese Hilfe aussehen sollte.
„So ist es. Doch bevor ich ins Detail gehe, brauche ich Ihr Versprechen.“
„Ich höre“, erwiderte Oliver, während er es dem Präsidenten gleichtat und die Beine übereinanderschlug.
Bob Thompson beugte sich zu Oliver. „Ich will Ihr Ehrenwort, Mr. Konecki, dass das, was Sie in den kommenden Stunden erfahren, hier im Raum bleibt, bis ich Ihnen den Startschuss gebe. Haben Sie mich verstanden?“
„Natürlich“, bestätigte Oliver knapp mit einem unwohlen Gefühl in der Magengrube. Eine kurze Pause trat ein. Dann setzte Oliver nach: „Entschuldigen Sie, wenn ich frage: Was, wenn nicht?“
Bob Thompson lächelte: „Ich habe mit Ihrer Gegenfrage gerechnet. Sie sind Journalist, und ich habe lange nachgedacht, was ich Ihnen hierauf zur Antwort gebe. Fühlen Sie sich geschmeichelt, wenn ich Ihnen sage: Sollten Sie Ihr Wort brechen, ich an Ihrer Loyalität zu irgendeiner Zeit zweifeln, werden Sie den Tag verfluchen, an dem Sie mich persönlich kennengelernt haben. Ja, ganz recht, ich drohe Ihnen.“ Dabei hob Bob Thompson abwehrend seine Hand. Sogleich flüsterte er, als würden sie einen geheimen Pakt fürs Leben schließen: „Wenn es nicht um die Sicherheit der ganzen Nation gehen würde, um das Leben Tausender Menschen, die durch diese Gift-Epidemie tagtäglich verenden, glauben Sie mir, ich würde mich zu keiner Zeit derart herablassen, das Amt des Präsidenten niemals derart beflecken und eine Drohung aussprechen. Doch in diesem Fall habe ich keine andere Wahl.“ Die dunkelbraunen, jetzt fast schwarzen Augen Thompsons bohrten sich in die Olivers. „Habe ich Ihr Wort?“, fragte Bob Thompson streng.
Oliver überdachte kurz die Alternativen. Doch es fielen ihm keine ein. „Sie haben mein Wort, Mr. President.“
„Gut. Ich glaube, jetzt brauchen wir beide einen kräftigen Schluck zum Hinunterspülen – auch wenn erst Lunchtime ist.“
Lasst uns Geschichte schreiben
Bob Thompson hatte sich kurz entschuldigt und Oliver im Oval Office zurückgelassen. Grübelnd saß dieser noch immer mit einem Glas Scotch in der Hand auf der Präsidentencouch. Der Plan des Präsidenten, in den er nunmehr eingeweiht worden war, schien ihm vom Grundsatz her simpel und logisch. Doch je mehr er darüber nachdachte, je bewusster ihm wurde, dass er nun Teil dieses Plans war, desto mehr wuchs sein Respekt vor dieser Entscheidung und der damit schier undurchdringlichen Masse an Folgen. Die Folgen, die vielen Auswirkungen, die mit der Legalisierung von harten Drogen in den Vereinigten Staaten einhergingen, stellten für ihn mehr und mehr eine unüberwindbare Mauer dar. Nein, der Plan glich keiner Mauer, vielmehr einem Labyrinth, erbaut aus Tausenden aneinandergereihten Dominosteinen. Viele, viele Steine, die in einer riesigen Lagerhalle aufgestellt waren. Jeder Stein stand für eine Konsequenz der Entscheidung. Legalisierung bedeutet Ausgabestellen für Drogen, überlegte Oliver. Sollte jeder Süchtige Zugang haben und Koks, oder welche Drogen auch immer, im Supermarkt beziehen können? Die Einrichtung neuer Suchtberatungsstellen wäre vonnöten. Verstärkter Ausbau von Kliniken zur Behandlung der Suchterkrankungen. Wie würde sich der Rest der Welt zu dem Thema stellen und würde man hierdurch nicht ein Volk von Junkies heranziehen? Wie würden die Drogenkartelle darauf reagieren? Und so weiter und so weiter. Zu guter Letzt – wer würde welche Drogen woher beziehen? Eine zentrale Einkaufsstelle des Staates, die Rahmenverträge mit den Syndikaten dieser Welt aushandelte? Oder gar der landwirtschaftliche Anbau in den Vereinigten Staaten? Würde sich das Bild in den kommenden Jahrzehnten dahingehend ändern, dass neben Mais- und Kornfeldern auch Mohnplantagen das Land zierten?
In Olivers Kopf schossen die Gedanken wie Pingpongbälle wirr durcheinander, als pünktlich um 14:00 Uhr Bob Thompson, gefolgt von drei weiteren Personen, das Oval Office betrat.
„Mr. Konecki, dies sind drei meiner engsten Vertrauten. Darf ich vorstellen: die Herren William, Robert und Philipp Baker.“ Der Präsident lächelte auffordernd. „Diese Herren, Mr. Konecki, stellen den Inner-Circle zur Umsetzung meines Plans War on drugs dar. William Baker, mein langjähriger Freund und Berater, sein Sohn Robert, der mich erst auf die Idee gebracht hat, und neu hinzugestoßen Philipp Baker, Roberts Zwillingsbruder aus Deutschland.“
Oliver nickte und schüttelte einem nach dem anderen die Hand.
„So weit, so gut, meine Herren. Ich habe Mr. Konecki von der Washington Post eingeladen und ihn über seine Rechte und Pflichten der Geheimhaltung aufgeklärt. Ihr fragt euch bestimmt, warum. Ganz einfach: Mr. Konecki ist ein hervorragender Journalist. Immerhin hat er meine Person, das Amt des Präsidenten, durch die jüngsten Enthüllungen in der Washington Post in mächtige Bedrängnis gebracht. Eine alte Kriegsregel lautet: Kannst du deinen Feind nicht bezwingen, mach ihn zu deinem Freund. Nicht, dass Mr. Konecki in seiner Funktion generell als Feind einzustufen wäre, doch die freie Presse wird ein mächtiger Anker unseres Vorhabens sein.“
Oliver lächelte etwas gekünstelt in die Runde. Noch heute Morgen hatte er sich den Verlauf dieses Tages wahrlich anders vorgestellt.
„Philipp, wie ich von Robert erfahren habe, sind Sie ein ausgezeichneter Stratege, wenn es um Marketingkampagnen geht. Richtig?“
„Wenn Ihnen das so angekündigt wurde, Mr. President, will ich Ihr Bild ungern trüben“, witzelte Philipp noch etwas schüchtern.
„In ein paar Monaten sind Präsidentschaftswahlen“, fuhr Bob Thompson fort. „Ursprünglich wären wir mit Eckpfeilern wie Abbau der Arbeitslosenzahlen, Verbesserung sozialer Infrastrukturen und Steigerung unseres Bruttosozialproduktes in den Wahlkampf gezogen. Nach wie vor stehen diese Themen auch zur Debatte. Nichtsdestotrotz überschattet die Drogen-Epidemie all unser Denken und Tun. Derjenige, der für dieses Damoklesschwert einleuchtende Lösungsvorschläge hat, wird diese Wahl gewinnen. Ich muss euch nicht sagen, dass, sollte ich keine zweite Legislaturperiode erreichen, all unsere Pläne und Arbeit zunichte sind. Ihr vier seid mir in den kommenden Monaten verantwortlich, den Vorstoß zur Legalisierung von allen Seiten zu beleuchten und auf Machbarkeit zu prüfen. Jedes Für und Wider muss herausgearbeitet werden. Und: Sollte tatsächlich das Pro das Contra überwiegen, muss in einer unvorstellbar kurzen Zeit eine Kampagne hierfür erarbeitet werden. William, setz dich mit den Ausschussmitgliedern, die ich dir genannt habe, zusammen. Sie sind loyal und werden dicht halten. Wir brauchen alle Fakten fiskalischer wie juristischer Natur.“
„Darf ich eine Frage stellen?“, warf Philipp ein. „Sie sprachen von Geheimhaltung. Ist das überhaupt möglich?“
„Nun, früher oder später werden Informationen durchsickern. Jeder Winkel des Weißen Hauses, des Senats und des Kongresses hat Ohren. Doch je später, desto besser sind wir darauf vorbereitet – so hoffe ich.“
Es herrschte Stille im Raum. Der Blick des Präsidenten haftete jeweils für mehrere Sekunden auf jedem Einzelnen von ihnen. Dann schlug Bob Thompson mit der flachen Hand auf den Tisch. „Jungs, lasst uns Geschichte schreiben!“
Finden sie die Quelle, Paolo
„Paolo, Sie hatten mir zugesagt, sich um das Problem zu kümmern.“
„Habe ich, Mr. Eagle.“
„Und weswegen lese ich noch immer diese Schlagzeilen? Warum ist immer noch dieser Giftscheiß auf unseren Straßen?“ Ashton Brown, alias Mr. Eagle, klang maßlos ungehalten.
„Wir haben Dagobert eliminiert. Ein deutliches Zeichen gesetzt. Entweder hat seine Organisation mehr vergiftete Drogen im Umlauf als gedacht oder …“, Paolo Fucari legte eine Denkpause ein, „oder das Problem hat größere Dimensionen als angenommen.“
„Soll das heißen, Sie gehen von verunreinigter Ware unserer Lieferanten aus?“
„Diese Option müssen wir in Betracht ziehen, Mr. Eagle. Wir führen verstärkt Stichproben all unserer Lieferungen durch. Noch haben wir nichts gefunden, doch ich garantiere Ihnen, werden wir fündig, wird die Angelegenheit behoben.“
„Unser Syndikat bedient siebzig Prozent des Marktes. Was, wenn eines der mexikanischen Kartelle dahintersteckt?“
„Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Die Ursache muss anderen Ursprungs sein. Ich frage mich aber die ganze Zeit nach dem Warum. Zuerst dachte ich, Dagobert will unser Verteilernetzwerk an sich binden. Hätte Sinn ergeben. Er verteilt hinter unserem Rücken verunreinigte Ware – in unserem Namen – und reißt so den Markt an sich. Allerdings hat sich Dagoberts Organisation auf das ihr zugeteilte Territorium zurückgezogen.“
„Paolo.“ Die Stimme Ashton Browns wurde ernst, eindringlich. „Was, wenn der Präsident eine Legalisierung von Drogen auf den Weg bringt?“
„Wie? Unmöglich, Mr. Eagle, das wäre ja eine …“ Paolo hielt inne. „Gibt es hierfür Anhaltspunkte?“
„Eindeutige. Thompson stellt bereits ein Team, ja einen ganzen Stab zusammen, der dieses Szenario prüft. Ihm kommt es, wie mir scheint, sehr gelegen, im Jahr seiner angestrebten Wiederwahl mit einer derart revolutionären Reform Politik zu machen. Dieses Massensterben schreit nach einer Verstaatlichung. Es würde mich nicht wundern, wenn er selbst der Drahtzieher ist.“
„Thompson steht nicht auf unserer Gehaltsliste. Ließe sich das ändern?“, fragte Paolo.
„Wir hatten bereits zu Zeiten, da er Senator von Illinois war, solch einen Versuch gestartet. Keine Chance. Doch das lassen Sie meine Sorge sein. Finden Sie die Quelle, Paolo – um den Präsidenten und seine Crew kümmere ich mich.“
Wir könnten dich brauchen
„Philipp, wo bist du?“ Heidi presste den Hörer fester an ihr Ohr. „Wo? Ich glaub’s nicht. Und wann gedenkst du wieder nach Berlin zu kommen? Immerhin haben wir einen stattlichen Auftrag bei deiner Agentur platziert.“
Erneut lauschte Heidi der Stimme aus ihrem Handy.
„Jetzt komm mir nicht damit. Hey, du weißt, dass wir die Beauftragung an deiner Person festgemacht haben. Plötzlich mit anderen Consultants ins Feld zu ziehen, wird meinen CEO nicht zufriedenstellen. Du bewegst deinen gottverdammten Arsch hierher. Hörst du! Es wäre zu schade, müsste ich ihn dir aufreißen …“
Die Stimme Philipps klang eindringlich und entschlossen an Heidis Ohr.
„Ich soll mir nichts, dir nichts meinen Job hinschmeißen? Wie stellst du dir das vor? – Moment mal, jetzt ganz langsam, Philipp … Fürs Weiße Haus? Bob Thompson?“
Heidi strich sich eine Strähne aus der Stirn, kramte in ihrer Handtasche nach einem Feuerzeug und zündete sich eine Lucky Strike an. Sie rauchte sonst nicht in ihrer Wohnung, doch offensichtlich ließ der Gesprächsverlauf dieses Telefonats eine Ausnahme zu.
„Okay, zum Mitschreiben. Du mailst mir einen Vertrag zu, dem entsprechend ich Mitarbeiterin in einer Stabsstelle des Präsidenten der Vereinigten Staaten werden soll. Habe ich dich da richtig verstanden? Des Weiteren stellt mir der Präsident eine Suite zur Verfügung und kommt für sämtliche Spesen und Auslagen auf …“ Sie lauschte weiter. „Ach ja, eine Arbeitsgenehmigung liegt bei. Sag mal, spinnst du völlig oder meinst du das ernst? Klar habe ich meinen Rechner an. Augenblick …“
Mit der Zigarette im Mundwinkel, dem Hörer in der einen und einem Glas Rotwein in der anderen Hand lief Heidi ins Nebenzimmer. Sie startete das Mailprogramm. Ihr Account zeigte vierzehn neue E-Mails. Der Absender der zuletzt zugestellten Mail lautete: Phil.Baker@security-department-wh.com.
„Augenblick, Mister Phil@security. Ja, ich habe die Mail vor mir. Ich stelle auf Lautsprecher … Hörst du mich?“
„Als säße ich neben dir, Heidi“, antwortete Philipp. „Hör zu, ich weiß, das hört sich jetzt alles irre und unwirklich an. Fakt ist, dass ich von Präsident Bob Thompson höchstpersönlich engagiert wurde. Wofür, kann ich dir zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Nur so viel: Wir könnten dich hier wirklich gut gebrauchen. Du arbeitest seit Jahren für die Tabakindustrie, bist mit allen Wassern gewaschen. Daher öffne den Anhang und lies den Vertrag. Du wirst sehen, dass das Feld unter ‚Bezüge‘ frei gelassen wurde. Übertreib nicht, aber schreib hier die Summe rein, die für dich angemessen erscheint, um übermorgen in Washington zu sein und in Berlin vorerst alles liegen und stehen zu lassen. Den Rest klären wir hier.“
Gerüchte
Blitzlichtgewitter drängelnder Reporter, Paparazzi und Schaulustiger erhellte die Nacht zum Tag. Rachel Thompson schritt mit eng anliegendem, paillettenverziertem Abendkleid, Nerzstola sowie einem schlichten Perlenkettchen um den schlanken Hals neben ihrem Präsidentengatten. Der ausgerollte rote Teppich führte sie direkt zum Eingang des Ford’s Theaters, jenes im viktorianischen Baustil errichteten Theaters, das am 14. April 1865 Schauplatz des Attentats auf Abraham Lincoln war. Rachel Thompson hatte als Schirmherrin der Aidshilfe hochrangige Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zu einer Wohltätigkeitsveranstaltung geladen. Höhepunkt dieses Abends sollte ein Konzert Sir Elton Johns sein, der für jenen wohltätigen Zweck in Begleitung seines Ehemanns David Furnish eigens aus England eingeflogen war.
Als sich der Applaus nach der zweiten Zugabe Elton Johns gelegt hatte, flanierten die zahlreichen Gäste im Foyer des Theaters und genossen den servierten Champagner sowie die kunstvollen, filigran angerichteten Häppchen.
Bob Thompson gratulierte gerade Sir John zu seinem Auftritt und führte einen charmanten Smalltalk mit dessen Ehemann, als Senator George Coleman an die Dreiergruppe herantrat.
„Sir John, Mr. Furnish, darf ich Ihnen Senator Coleman vorstellen, den wohl stockkonservativsten Republikaner, den man sich nur vorstellen kann.“
Bob Thompson klopfte Coleman freundschaftlich grinsend auf die Schulter, während dieser dem Künstlerpaar die Hände schüttelte und ein paar schmeichelnde Worte wechselte, um sich dann im Flüsterton an den Präsidenten zu wenden: „Bob, könnte ich Sie kurz unter vier Augen sprechen?“
„Gerne, George. Sir John, Sie entschuldigen uns.“
Die beiden ergrauten Politiker schlenderten zur gegenüberliegenden Seite des Foyers. An einem Stehtisch machten sie halt und der Senator lächelte den Präsidenten vielsagend an. „Bob, mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie für die kommende Präsidentschaftswahl einen fulminanten Vorstoß wagen wollen.“
„Was genau meinen Sie, George?“, hakte Bob nach und wischte nicht vorhandene Krümel vom Ärmel seines Smokings.
„Nun, wenn man der Gerüchteküche Glauben schenken darf, geht es bei Ihrem Vorstoß um das aktuell dringliche Problem der Toxic Drugs.“
„Ach, was erzählt man sich denn unter vorgehaltener Hand in Ihrem Lager, George?“ Die dunklen Argusaugen Bobs durchbohrten nun förmlich sein Gegenüber.
„Nun ja. Es war die Rede von einer geplanten Legalisierung harter Drogen.“
„So etwas erzählt man sich? Interessanter Gedanke, George, wirklich interessant.“ Bob Thompson wandte sich vom Senator ab und ließ, als sei die Unterhaltung unsterblich langweilig geworden, seinen Blick in die Runde der herumschlendernden Gäste schweifen. Innerlich brodelte der Präsident, doch er bemühte sich, ein Lächeln aufzusetzen. Dann schüttelte er den Kopf, widmete seine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Senator und murmelte: „Abgesehen davon, dass mir solch ein Gedanke so abwegig erscheint wie ein Eisberg in der Sahara – woher haben Sie diese angebliche Information?“
Coleman zuckte nichtssagend mit den Achseln. „Ich würde nur gerne wissen, ob an diesem Schwachsinn etwas Wahres dran ist. Ich meine …“
„George“, fiel Bob Thompson dem Senator ins Wort, „nichts von alledem steht auf meiner Agenda. Das versichere ich Ihnen. Kommen Sie, George, genießen Sie den Abend und grübeln Sie nicht über Dinge, die man sich in Ihrer Partei unter vorgehaltener Hand erzählt. Dennoch danke ich Ihnen, dass Sie mich über die Tuschelei aufgeklärt haben.“ Er klopfte dem Senator vertrauensvoll auf die Schulter, drehte sich um und ließ ihn stehen.
Hat wer geplaudert?
Philipp saß zwischen Oliver Konecki und seinem Bruder Robert in William Bakers Arbeitszimmer, um über die Planung notwendiger Ressourcen zu sprechen, als das Telefon klingelte. Sein Vater formte flüsternd die Worte, dass Bob Thompson in der Leitung war.
„Gestern sprach mich auf der Galaveranstaltung Senator Coleman an. So wie es aussieht, macht unser Projekt bereits die Runde. Wie kann das sein? Sollte die Presse jetzt schon Wind davon bekommen, müsste ich ein Dementi abgeben. William, glaubst du, der Journalist hat geplaudert?“
William blickte kurz auf und betrachtete Oliver Konecki von der Seite. „Ohne Gewähr, Bob. Denke eher nicht. Welchen Sinn würde es ergeben? Meines Erachtens …“ William überlegte kurz: „Nein“, hörte er sich dann bestimmt sagen.
Einige Sekunden des Schweigens in der Leitung. Als wäre die letzte Frage nie gestellt worden, fuhr der Präsident fort: „Macht ihr bereits Fortschritte?“ Hierauf erhielt Bob Thompson bloß einen kurzen Schnauf, den er verstand. „Sorry, William. Es ist nur … Coleman hat mich gestern eiskalt erwischt. Ich bin nicht erpicht auf eine Wiederholung. Also, macht es gut.“
Philipp sah über die vielen Papiere der auf dem Tisch ausgebreiteten Ideensammlung hinweg. „Was Neues, Dad?“
„Bob wurde gestern direkt auf War on drugs angesprochen. Ich stelle die Frage nur einmal: Hat jemand von euch …?“
Sie sahen sich einer nach dem anderen an. Ohne Argwohn – eher mit dem Ausdruck der Verwunderung. Dann schüttelten sie ausnahmslos verneinend die Köpfe.
„Der Präsident hat auf mich getippt, richtig?“ Oliver fuhr sich mit der Hand durch die dichte Mähne.
„Wenn Sie so direkt fragen, ja“, antwortete William Baker wahrheitsgemäß.
„Welchen Grund sollte ich haben? Ich bin Journalist, kein Idiot. Wäre ich allein der Story wegen in diesem Team, würde ich Daten sammeln und kurz vor Schluss berichten. Nicht zu Anfang, wo keiner weiß, ob wir schwanger gehen oder nicht.“
„Was ist mit Julia?“, fragte Robert.
„Julia?“, wiederholte William, während Philipp und Oliver aufmerksam die Stirn runzelten.
„Ja, Julia ist die Einzige, außer uns, die in den Plan eingeweiht ist“, ergänzte Robert seine Mutmaßung.
„Ausgeschlossen.“ William wischte das Misstrauen mit der flachen Hand von sich. „Philipp, was ist mit dir und der Marketingtante. Du hast ihr doch nicht …?“
„Nein! Wie besprochen habe ich Frau Grossmann den Vertrag zugeschickt und ihr bis heute Mittag Zeit für eine Entscheidung gegeben. Näheres würde sie erst hier in den Staaten erfahren – so wie wir es ausgemacht haben.“
„Okay. Dann lasst uns nicht weiter über die undichte Stelle grübeln. Jeder weiß, was er zu tun hat. Ergebnisse übermorgen. Jungs, ich verlass mich auf euch.“ William Baker wollte Motivation ausstrahlen, doch die Art, wie er sprach, verriet seine Sorgen. Noch immer stand er nicht hinter dem Plan des Präsidenten.
Hllp, Hllp
„Du kommst tatsächlich. Glückwunsch zur richtigen Entscheidung.“ Philipps Stimme klang offenkundig heiter.
„Klar! So ein Angebot bekommt man nicht alle Tage.“
„Was sagt Dr. Fischer dazu?“
„Das willst du nicht wissen.“
„Hat er den Auftrag zurückgezogen?“
„Yep“, antwortete Heidi kurz und knapp.
„Egal. Die Tickets sind in Schönefeld bereits für dich hinterlegt. Dein Flug geht übermorgen.“
„Dann muss ich schleunigst packen. Ich freu mich auf dich, Philipp.“
„Dito. Was machst du gerade?“
„Was soll ich morgens um vier Uhr schon machen? Ich liege verschlafen im Bett.“
„Was hast du an?“, hauchte Philipp ins Telefon.
„Wenn du glaubst, mein Lieber, du weckst mich mitten in der Nacht, dass ich dir schmutzige Sachen ins Ohr flüstere, dann täuschst du dich aber gewaltig. Mach dir meinetwegen versaute Gedanken. Was mich angeht … gute Nacht!“ Heidi schmatzte noch einen Kuss durch die Leitung, dann legte sie auf.
Perfekt, sann Philipp.
Eine Tüte Chips sowie zwei Gläser Rotwein später schlief er im Doppelbett seines geräumigen Vier-Zimmer-Apartments vor laufendem Fernseher ein. Sein Schnarchen übertönte das leise Klicken an der Eingangstür. So bekam Philipp nicht mit, wie eine dunkle Gestalt lautlos in die Wohnung schlüpfte und mit dezentem, kaum wahrnehmbarem Knacken die Tür hinter sich schloss. Der Unbekannte steckte sein Werkzeug in die Seitentasche der eng anliegenden schwarzen Jacke und knipste eine Taschenlampe an, bevor er im matten Lichtkegel auf leisen Sohlen durch den Wohnraum in Richtung des Schlafzimmers schlich. Er huschte durch die angelehnte Tür und stand wenige Sekunden später vor dem Schlafenden. Routine, dachte der Eindringling. Zwei, drei Handgriffe und schon wäre der Job erledigt. Er fasste in die Seitentasche seiner Hose und zog einen etwa sechzig Zentimeter langen Kabelbinder hervor. Die genialste Erfindung, seit es Fesselungen gibt, amüsierte sich der Unbekannte. Über den Schlafenden gebeugt, schob er das dünne Plastikband vorsichtig unter dessen Knöchel, um die Enden mit einem einzigen kurzen Ruck zusammenzuziehen. Blitzartig erwachte Philipp aus seiner Tiefschlafphase, riss die Augen auf und erkannte im bunten Flackerlicht des Fernsehapparates eine Gestalt, direkt über ihn gebeugt. Als würde in seinem Körper eine Bombe gezündet, platzte das Adrenalin förmlich in Philipps Kreislauf. Instinktiv schoss er in die Höhe, um dem Fremden die Faust ins Gesicht zu rammen. Doch bevor auch nur eine seiner Bewegungen ihr Ziel fand, brach ein harter Schlag sein Nasenbein. Tränen schossen Philipp in die Augen, ein unsäglicher Schmerz schoss von der gebrochenen Nase abwärts bis zu den Schultern und ließ ihn wie einen Sack nach hinten aufs Bett fallen. Doch der Urtrieb eines jeden Menschen, der kraftvolle Überlebenswille, gewann die Oberhand. Im Schleier seiner tränenden Augen boxte er blindlings um sich, wobei all seine Hiebe ins Leere schlugen. Abermals spürte Philipp die Faust, dieses Mal am Kinn, und ehe er sich versah, presste der Unbekannte mit enormer Brutalität ein Kopfkissen auf sein Gesicht. Philipps immer noch verschleiertes Sichtfeld verdunkelte sich – aus dem Versuch, zu schreien, wurde ein gedämpftes Stöhnen. Er wollte Luft holen, doch das Kissen ließ keinen Atemzug zu. Seine Fingernägel kratzten sich in die Handrücken der ledernen Handschuhe des Fremden. Es waren große, kräftige Hände, die das gesamte Körpergewicht auf das Kissen pressten. Die Tatsache, nicht atmen zu können, die Angst, zu ersticken, wandelte sich zu schierer Panik. Philipp stampfte mit den gefesselten Füßen, bog seine Hüften nach oben, zappelte wie eine sich windende Katze – doch nach wenigen Augenblicken verließen ihn die Sinne.
Erstickte Angst schlängelte sich sacht in sein Bewusstsein. Wie flutender Nebel, der sich zur Abenddämmerung einen Weg zwischen Bäumen und Sträuchern des Waldes sucht. Dann, schlagartig, ohne Vorwarnung, durchzuckte ihn der Schmerz. Dieser war so präsent, als gäbe es nichts anderes. Philipps Kopf glühte, pochte im Rhythmus seines Blutes. Er wollte die Augen öffnen, doch er bewirkte gerade einmal, dass sich die Lider einen Spaltbreit hoben. Im Hintergrund flimmerte noch immer das unregelmäßige bunte Licht des Fernsehapparates. Als hätte man Apfelsinen in die Haut der Augenlider implantiert, fühlte er die Schwellung, die sein gesamtes Gesicht unter Spannung setzte. Benommen rappelte er sich ein Stück weit auf und stützte sich auf den rechten Ellenbogen. War er tatsächlich noch am Leben? War er allein? Neuerlich erfasste ihn unsägliche Panik. Hektisch zitterte seine linke Hand zum Nachttisch neben dem Bett, den Schalter der Lampe suchend. Endlich fühlte er den Kippschalter und drückte dagegen. Der aufflammende Lichtkegel schmerzte durch die winzigen Sehschlitze, was ihn blitzschnell die Augen schließen ließ. Kraftlos sank er zurück aufs Bett. Seine Atmung glich einem Röcheln, war unregelmäßig schwer. Wild wirbelten seine Gedanken durcheinander – doch einer Tatsache war er sich sicher: Er lebte und es schien, als sei er allein im Zimmer.
Hustend stützte er sich auf, wobei er es vermied, die Augen erneut zu öffnen. Sein Handy! Irgendwo hier musste doch sein Handy liegen. Wiederholt tastete seine linke Hand blind über die Glasplatte des kleinen Tisches. Die Fingerkuppen zitterten auf der Suche nach dem Mobiltelefon. Dann fand seine Hand, wonach sie suchte, und griff danach, als er wie aus dem Nichts das Rascheln von Stoff neben sich wahrnahm. Plötzlich umschloss eine kräftige Hand die seine. Philipps Schrei erstickte in dem Augenblick, da sich ein Lederhandschuh stählern auf seinen Mund und äußerst schmerzhaft auf die gebrochene Nase legte. Energisch, kraftvoll.
Philipp strampelte wie ein wild gewordener Psychopath, als der Fremde zu flüstern begann: „Hör gut zu“, sprach eine dunkle, durchdringende Stimme in fließendem Deutsch, „fahr zurück in dein Berlin und vergiss das alles hier. Wenn nicht …“, im nächsten Augenblick sah Philipp verschwommen eine scharfe Klinge vor seinem Gesicht, „schneide ich dir das nächste Mal mit diesem Teppichmesser ein Auge aus.“
Der Lederhandschuh, der Philipps Unterkiefer wie in einem Schraubstock gefangen hielt, ließ von ihm ab. Philipp schloss die geschwollenen Lider, hörte schwache Trittgeräusche, die sich entfernten, dann war es still um ihn herum. Ohne nachzudenken, tastete er abermals nach seinem Handy. Sobald er es fand, suchte er blinzelnd die eingespeicherte Nummer seines Bruders und drückte, als der Name Robert im Display aufleuchtete, die Verbindungstaste.
Nach mehrmaligem Läuten hörte er wie aus weiter Ferner eine Stimme an seinem Ohr: „Phil, es ist mitten in der Nacht. Ich hoffe, du hast einen guten Grund …“
Philipp schrie um Hilfe, doch heraus kam nur ein blutig-gurgelndes, schmerzverzerrtes Gestammel: „Hllp, Hllp.“
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