Kitabı oku: «Der Hauptstadtflughafen»
Matthias Roth
Der Hauptstadtflughafen
Politik und Missmanagement
Ein Insider berichtet

Hinweis
Die in diesem Buch beschriebenen Personen existieren so nicht. Handlungen und Eigenschaften von Personen sind ausgetauscht ebenso wie genannte Abteilungen und Funktionen, die beschriebenen Orte und die genannten Zeiten.
© 2013 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe
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Umschlaggestaltung: Stefan Hilden, München unter Verwendung einer Illustration von Stefan Hilden
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Satz: thielenverlagsbuero, Hannover
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783866743069
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Für e.
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Vorwort
Der erste Monat
Die erste Woche
Die zweite Woche
Die dritte Woche
Die vierte Woche, Arbeitstag 18 bis 22
August 2010 – Der zweite Monat
Die fünfte Woche, Arbeitstag 23 bis 27
Die sechste Woche – Das betriebliche Vorschlagswesen
Die siebte Woche, Arbeitstag 33 bis 37
Die achte Woche, Arbeitstag 38 bis 42
September 2010 – Der dritte Monat
Die neunte Woche, Arbeitstag 43 bis 47
Die zehnte Woche, Arbeitstag 48 bis 52
Die elfte Woche, Arbeitstag 53 bis 57
Die zwölfte Woche, Arbeitstag 58 bis 62
Die dreizehnte Woche, Arbeitstag 63 bis 67
Oktober 2010 – Der vierte Monat
Projekt des Monats: Das Betriebskonzept
Tag des Monats, Sonntag, kein Arbeitstag
November 2010 – Der fünfte Monat, Arbeitstag 88 bis 109
Tag des Monats, Dienstag 94. Arbeitstag
Projekt des Monats: Der neue Bodenbelag
Dezember 2010 – Der sechste Monat, Arbeitstag 110 bis 132
Projekt des Monats: SAP Modul PS
Risikomanagement, die Anfänge
Tag des Monats, Mittwoch 130. Arbeitstag
Januar 2011 – Der siebte Monat, sieben Monate bis zur Kündigung
Highlight des Monats: »The Henschel-Villa-Episode«
Tag des Monats, Donnerstag 136. Arbeitstag – Mein eigenes Büro
Risikomanagement, die Übergabe
Februar 2011 – der achte Monat: der neue Kollege
Projekt des Monats: Festlegung der Prioritäten
Tag des Monats, Montag 168. Arbeitstag
Risikomanagement, die Situation der Personalabteilung
März 2011 – Der neunte Monat, fünf Monate bis zur Kündigung
Vorfall des Monats: »The ORTI Incident«
Tag des Monats, Mittwoch 185. Arbeitstag – Der Einführungstag
Risikomanagement, die Ausschreibung
April 2011 – Der zehnte Monat, vier Monate bis zur Kündigung
Vorfall des Monats: die Beförderung
Tag des Monats, Montag, 203. Arbeitstag
Risikomanagement, Nummer 1
Mai 2011 – Der elfte Monat, drei Monate bis zur Kündigung
Projekt des Monats: Urlaub
Tag des Monats, Donnerstag 221. Arbeitstag – Der Flughafen in der Außenwirkung
Das Risikomanagement, die Berater kommen
Juni 2011 – Der zwölfte Monat
Projekt des Monats: Zahlen der Flughafen Energie und Wasser
Tag des Monats, Donnerstag 256. Arbeitstag
Risikomanagement, die Berater sind da
Juli 2011 – Der dreizehnte Monat
Projekt des Monats: Der größte Stau aller Zeiten
Tag des Monats, Montag 263. Arbeitstag
Risikomanagement, der Betriebsrat
August 2011 – Der vierzehnte Monat
Tag des Monats, Montag 283. Arbeitstag
Projekt des Monats: Umzug
Risikomanagement, zurück auf »los«
September 2011 – Der fünfzehnte Monat
Projekt des Monats: meine Kündigung
Tag des Monats, Mittwoch 320. Arbeitstag
Risikomanagement, das Ende
Oktober 2011 – Der sechzehnte Monat
Vorfall des Monats: Die KFZ Kennzeichen
Tag des Monats: Dienstag 344. Arbeitstag
November 2011 – Der siebzehnte Monat
Tag des Monats, Freitag 362. Arbeitstag
Projekt des Monats: Besichtigung der Baustelle
Dezember 2011 – Der achtzehnte Monat
Projekt des Monats: Einführung in den BER
Tag des Monats, Montag, der letzte Arbeitstag
Der Autor
Vorwort
Am 8. Mai 2012 sagte die Flughafengesellschaft den Termin zur Inbetriebnahme am 3. Juni 2012 kurzfristig wegen technischer Probleme beim Brandschutz ab. Der Eröffnungstermin wurde etwas vage auf die Zeit »nach den Sommerferien« verschoben. Dieser erste neue Termin könnte immer noch richtig sein, auch wenn inzwischen sieben Sommerferien verstrichen sind. Das hat er den vielen anderen Terminen voraus, die später und mit vermutlich mehr Bedacht genannt wurden, aber wieder abgesagt werden mussten.
Die Behebung der technischen Probleme beim Bau des Berliner Flughafens BER dauert inzwischen länger als die ursprünglich geplante Bauzeit. Wer kann noch sicher sagen, wie viele Eröffnungstermine verstrichen sind und wann – wenn jemals – der Flughafen eröffnen wird?
Sicher sagen lässt sich wohl, dass selbst bei einer möglichen Eröffnung zu einem Zeitpunkt in der Zukunft – ein Ereignis, das sich noch nicht ganz ausschließen lässt – das Projekt weitgehend gescheitert ist. Denn dann stünde da ein Flughafen, der zu klein ist, deutlich teurer wurde als geplant und dessen Bau viel zu lange gedauert hat. In dem ganzen Chaos ist auch kein Verantwortlicher der Misere mehr sicher auszumachen.
Im gewöhnlichen Lauf der Dinge ist die Konsequenz für eine solche unternehmerisch grobe Fehlplanung und Misswirtschaft die Insolvenz. Diese ist tragisch für alle Betroffenen, Arbeitnehmer, Zulieferer, Eigentümer. Solch drastische Konsequenzen sind aber auch Motivation dafür, vernünftig zu planen und mit den begrenzten Mitteln wirtschaftlich zu haushalten und verantwortungsvoll umzugehen. Eine Insolvenz ist darüber hinaus auch eine Gelegenheit zum Neuanfang, die Chance, gescheiterte Strukturen aufzugeben. Vermögenswerte werden am Markt angeboten, auf dass jemand mit mehr unternehmerischem Geschick damit Mehrwert schaffe.
Nichts von alledem gibt es bei der Flughafengesellschaft des BER, keine Wirtschaftlichkeit, keine Verantwortung, keine Konsequenz und keine Insolvenz. Die Flughafengesellschaft kann zu Recht erwarten, dass sie aus dem für ihre Zwecke unerschöpflichen Steueraufkommen bedient wird. Und solange gebaut wird, haben die mit dem Bau betrauten Mitarbeiter einen Arbeitsplatz und Zulieferer für die Baustelle ein sicheres Einkommen.
Dieses Buch entstand 2012 als Chronik meiner Zeit als Mitarbeiter der Flughafengesellschaft in den achtzehn Monaten bis kurz vor der Absage der Eröffnung am 8. Mai 2012. Damals war die Eröffnung im Sommer 2012 das Ziel, die Flughafengesellschaft war ein angesehener Arbeitgeber und die Eröffnung wurde nicht bezweifelt. Warum das so war, kann ich nicht nachvollziehen. Was ich nachvollziehen kann, ist, warum die Eröffnung gescheitert ist.
Dieses Buch richtet sich daher an alle, die das ebenfalls nachvollziehen wollen. Es richtet sich an die deutschen Steuerzahler, die wissen wollen, wie es in der Flughafengesellschaft kurz vor dem Debakel aussah. Dieses Buch richtet sich auch an alle Arbeitnehmer, die unausgelastet sind, unterfordert sind, innerlich gekündigt haben. Es richtet sich an alle die wissen wollen, was ein Bore-out ist und wie er sich anfühlt.
Kalifornien, Juli 2019
Der erste Monat
Die erste Woche
Der erste Tag
»Um Gutes zu tun, braucht es keine Überlegung.« Obwohl er schon lange tot ist, hat der Mann, der diesen Satz geprägt hat, auch heute noch genug Autorität, und kaum jemand wird ihm widersprechen: Goethe. Ich will ihm auch nicht widersprechen, aber ich will feststellen: Um das Falsche zu tun, braucht es auch keine Überlegung.
»Da sind Sie ja, wie schön, kommen Sie rein!«, die junge Mitarbeiterin der Personalabteilung empfängt mich in ihrem Büro, es ist mein erster Arbeitstag. Vor einigen Tagen hatten wir telefoniert und sie hatte mich vorsichtig gefragt, ob ich an meinem ersten Arbeitstag etwas früher kommen könne, so gegen halb neun vielleicht? Es seien noch einige Formalitäten zu erledigen. Halb neun fand ich nicht unbillig und daher hatte ich keine Einwände.
»Möchten Sie einen Kaffee haben?«, richtet sie das Wort wieder an mich, während sie Unterlagen auf ihrem Schreibtisch zusammensucht.
»Ja, gerne.«
»Hier ist Ihre Stellenbeschreibung und eine Sicherheitsbelehrung, die müssten Sie bitte durchlesen und unterschreiben, ich hole Ihnen inzwischen einen Kaffee.«
Auf der Doppelseite steht, dass ich als Referent in der Zentralen Controllingabteilung der Berliner Flughafengesellschaft eingestellt werde, und was meine Aufgaben sind. Die Formulierungen sind allgemein gehalten und dürften auf ziemlich alle Mitarbeiter zutreffen, die entfernt in einer Finanzabteilung arbeiten. Meine Aufgaben sind mir aber klar, sie sind in drei Bewerbungsrunden ausführlich besprochen worden: Das Controlling der Baustelle, auf der der neue Hauptstadtflughafen der Stadt Berlin entsteht. Die Baustelle hat den Arbeitstitel BBI, der Flughafen selbst wird nach Fertigstellung BER heißen. Die Aufgabe eines Controllers ist üblicherweise die Erhebung und Aufbereitung von Daten als Grundlage für Entscheidungen der Unternehmensführung. Das ist vielleicht vergleichbar mit den Aufgaben eines Navigators auf einem Schiff. Der Kapitän bestimmt das Ziel und den groben Kurs, der Navigator kümmert sich um Position, Kurs und Geschwindigkeit. Beide zusammen kommen überein, in welcher Zeit das Ziel erreicht werden kann und soll, und wie viel Diesel dabei verbraucht wird.
Vor wenigen Monaten wurde der Termin für die Eröffnung des Flughafens um ein dreiviertel Jahr verschoben, weil ein Planer insolvent wurde und in der Folge wichtige Baupläne fehlten. Es gibt also offensichtlich Probleme mit dem Ziel, dem Kurs und der Zeit.
»Hier ist Ihr Kaffee.«
Die junge Kollegin ist zurück. In der nachfolgenden halben Stunde muss ich weitere Formulare ausfüllen und einige Unterschriften leisten. Die junge Kollegin erzählt derweil, wie schwierig es war, meine Stelle zu besetzen und welcher Aufwand getrieben wurde. Über ein Jahr sei die Stelle unbesetzt gewesen. Das wurde auch im Bewerbungsgespräch erwähnt, aber ich habe nicht nach den Gründen gefragt. Ich bekomme meinen Flughafenausweis und eine Willkommenstüte mit Werbegeschenken und einer Broschüre über den Flughafen und über die Baustelle.
»So, das wäre geschafft.« Die junge Kollegin ist zufrieden. »Ich bringe Sie jetzt zu Ihrer Abteilung.«
Die Ankündigung klingt nach mehr Leistung als nun unmittelbar folgt, denn »meine Abteilung« ist direkt auf der anderen Seite des Flurs. Nach vier Schritten stehen wir im Büro meines Chefs. Er ist leider nicht da. Eine Tür weiter wird uns geholfen.
Eine ältere, aber drahtige Frau mit schulterlangen lockigen Haaren sitzt hinter ihrem Schreibtisch und begrüßt uns: »Ach, da sind Sie ja, ich habe Sie schon erwartet. Ich soll Sie erstmal in Empfang nehmen.« Sie steht auf, läuft um Ihren Schreibtisch herum und reicht mir die Hand. »Ich bin Frau Moori und Sie werden bei mir im Büro sitzen.«
Die Kollegin aus der Personalabteilung verabschiedet sich, sie sei etwas im Stress. Wir bleiben zu zweit zurück und Frau Moori weiß nicht so recht weiter. Der Chef habe noch eben ein wichtiges Gespräch, er sei aber gleich zurück. Wir stehen etwas unentschlossen herum.
»Sind Sie nervös?«, überbrückt sie die Stille.
»Nein, warum sollte ich nervös sein?«, frage ich überrascht. Tatsächlich habe ich keinen Grund, es wirkt doch alles ganz normal.
Meine neue Kollegin schaut ungläubig. Schließlich zeigt sie auf den leeren Schreibtisch, der ihrem gegenüber steht: »Ja, das ist wie gesagt Ihr neuer Arbeitsplatz. Ich glaube, unser Chef hat Ihnen da schon Unterlagen hingelegt … Ja, genau, hier, das Organigramm der Flughafengesellschaft. Das können Sie mal durchsehen. Da sehen Sie hier oben unseren Geschäftsführer und daneben den anderen Geschäftsführer, zuständig für die Baustelle. Der ist aber nur Nummer 2, unser Geschäftsführer ist die Nummer 1.« Sie zeigt in einem Organigramm auf einen umrahmten Namen unterhalb »unseres« Geschäftsführers. »Und den hier kennen Sie, oder? Weil, bei dem müssten Sie eigentlich ein Bewerbungsgespräch gehabt haben, nicht wahr?«
»Ja, das ist richtig, das hatte ich.« Und ich erinnere mich auch noch gut daran. Das war im letzten Winter und ist inzwischen sieben Monate her. »Ist er dann Nummer 3?«, frage ich meine neue Kollegin.
Die überlegt kurz: »Nein, eher so … vielleicht Nummer 7. Die meisten anderen Bereichsleiter sind wichtiger.«
Das finde ich eine interessante Einschätzung und ich frage zurück: »Also haben wir den wichtigsten Geschäftsführer und den unwichtigsten Bereichsleiter?«
Frau Moori lächelt: »Ja, das kann man so sagen.«
Ich schaue wieder auf das Organigramm. Nummer 7 hat einige Abteilungen unter sich, unter anderem das Zentrale Controlling, meine Abteilung. Unterhalb der Bereichsleiter gibt es sehr viele Abteilungen mit jeweils einem Abteilungsleiter, mein Chef ist einer davon. Bei der Anzahl wird er schon Glück haben, wenn er die Nummer 50 in diesem Unternehmen ist. Weiter komme ich mit meinen Gedanken nicht, da betritt Nummer 50, Torsten Baumgard, unser Büro.
»Hallo, da sind Sie ja! Schön, dass Sie da sind, und willkommen beim Flughafen.« Wir reichen uns die Hand. »Kommen Sie, setzen wir uns in mein Büro.«
Es sind vier Monate vergangen, seit ich auch ihn zuletzt gesehen habe, es war Winter, kalt und dunkel. Jetzt ist Hochsommer und einer der heißesten seit langem. Die frühe Sonne scheint ins Büro und es ist schon jetzt warm, angenehm warm. Aber dabei wird es vermutlich nicht bleiben.
»Es ist schön, dass Sie da sind, wir haben unglaublich viel zu tun und die Abteilung ist vollkommen unterbesetzt. Die Kollegen sind alle am Limit.« Herr Baumgard lässt keinen Zweifel daran, welche Erleichterung ein neuer Mitarbeiter für ihn bedeutet. Er hatte mir eine Prämie versprochen für jede Woche, die ich früher beim Flughafen anfangen könne. Aber ich konnte nicht.
Herr Baumgard greift hinter sich und fördert eine großformatige Pappe mit dem Grundriss der Büros seiner Abteilung hervor, die an der Wand lehnte. Auf der Pappe kann ich erkennen, dass die Abteilung meines Chefs sich über sechs Räume erstreckt, die alle aneinandergereiht liegen und durch Türen jeweils miteinander verbunden sind. Er hat das mittlere Büro und ich sitze mit Frau Moori im Büro unmittelbar südlich davon.
»Wir haben ja einige Umbauarbeiten hier vorgenommen, bevor Sie gekommen sind«, erläutert er. »Also konkret haben wir Ihr Büro und mein Büro durch eine neue Tür verbunden. Früher mussten wir hier immer über den Flur laufen, jetzt sind alle Büros der Abteilung auch intern verbunden.«
Ich werfe einen Blick auf die Tür. Tatsächlich, sie sieht frisch aus. Die Handwerker scheinen mit dem Zusammenbau nicht ganz fertig geworden zu sein, am oberen Türrahmen fehlt noch die Verkleidung. Torsten Baumgard fährt fort in seinen Erläuterungen:
»Was jetzt am dringendsten anliegt, ist, dass Sie Aufgaben von Frau Moori übernehmen, also konkret die Betreuung des Bereiches Liegenschaften und der Gesellschaft Flughafen Energie und Wasser, kurz FEW.«
Ich bin überrascht: »Wieso Liegenschaften, was ist mit der Baustelle?«
»Der Bereich B, also die Baustelle selbst, soll weiterhin betreut werden von der Frau Moori, sie will das nicht abgeben.«
»Ich verstehe nicht, wir haben doch in den Bewerbungsgesprächen darüber gesprochen, dass jemand gesucht wird, der die finanzielle Situation der Baustelle betreut. Warum ist das jetzt geändert?«
»Nein, das ist noch so, nur müssen wir das anders einstellen. Zunächst betreuen Sie die FEW und die Liegenschaften, die ja indirekt auch mit der Baustelle zu tun haben. Also konkret: Alles, was fertiggebaut ist, geht in den Bereich Liegenschaften über. Und die FEW stellt den Strom für die Baustelle, der Bezug ist also schon da. Und alles Weitere wird sich finden, keine Sorge.«
Ich bin verwirrt, aber mein Chef bricht das Gespräch ab: »Kommen Sie, ich stelle Ihnen Ihre Kollegen vor.« Die Entwicklung finde ich gar nicht gut, aber Herr Baumgard scheint es nicht bemerkt zu haben. Spätestens bei der Besprechung meiner Aufgaben muss ich das wieder aufbringen.
Zunächst werde ich herumgeführt und den Kollegen vorgestellt. Insgesamt besteht die Abteilung aus acht Mitarbeitern verteilt auf fünf Büros, zwei nördlich vom Chefbüro, drei südlich. In jedem darf ich kurz einige Sätze zu mir sagen, wo ich herkomme und was ich bisher gemacht habe. Anschließend geht es gemeinsam zum Mittagessen in die Kantine. Als wir zurückkommen, ist gerade ein Mitarbeiter der EDV-Abteilung dabei, meinen PC aufzubauen. Ich bekomme einen gebrauchten Mini-Tower mit neuer Maus und aufgearbeiteter Tastatur. In einigen Wochen werde ich die Tastatur umtauschen, weil die Taste »L« nicht mehr geht.
»Laptops gibt es auch, aber nur ab Abteilungsleiter«, lässt mich Frau Moori wissen. »Und das ist zwei Hierarchiestufen über uns.«
»Wieso zwei? Doch nur eine, oder?«
»Nein, weil unsere Abteilung zu klein ist, wir haben keine Teamleiter. Aber eigentlich ist die Struktur: Geschäftsführer, Bereichsleiter, Abteilungsleiter, Teamleiter und dann wir, wir sind hier ganz un…«
Wir werden in unseren Betrachtungen unterbrochen, es klopft an der Tür zum Flur. Es vergehen zwei endlose Sekunden, bevor Frau Moori sich erbarmt: »Ja, bitte?«
Die Tür geht auf und unser Kollege Herr Tönjes tritt ein. Er ist mir heute Vormittag als der jüngste Mitarbeiter der Abteilung vorgestellt worden und bringt mir nun meine Ration Arbeitsmaterialien. Anschließend gibt er mir noch den Hinweis mit auf den Weg, darauf gut aufzupassen. Ich werde noch lernen, wie Recht er damit hat, Büromaterial ist in unserer Abteilung schwer zu beschaffen.
Der zweite Tag, Freitag
Ich erreiche den Flughafen um 8:30 Uhr. Torsten Baumgard hat mir freundlicherweise seine Parkkarte überlassen. Damit kann ich auf dem Parkplatz am Gebäude parken und muss nicht auf den Parkplatz weit hinten am Terminal. Herr Baumgard braucht die Karte nicht, als Abteilungsleiter hat er Anspruch auf eine Fernsteuerung für die Schranke, da muss er nicht groß anhalten und mit der Karte herumfingern, sondern kann einfach von ferne die Schranke bedienen und durchrauschen. Neue Parkkarten werden für den Parkplatz nicht mehr vergeben, er ist schon überfüllt. »Weil die Ossis nicht parken können«, wie ich irgendwann erklärt bekomme. Außerdem mussten Teile abgesperrt werden, weil die darunterliegenden Keller einsturzgefährdet sind.
Frau Moori begrüßt mich freundlich, wir geben uns die Hand. Sie findet es gut, dass sie nicht mehr alleine sitzen muss, sondern nun endlich wieder einen Kollegen hat.
»Wissen Sie, ich habe ja auch noch bis letzte Woche ganz hinten hier auf dem Flur mein Büro gehabt, bei den Marketingleuten. Ich bin erst diese Woche umgezogen. Naja, umgezogen ist jetzt vielleicht etwas zu viel gesagt, weil ich habe noch einige Sachen in meinem alten Büro. Also, der Umzug ist noch nicht abgeschlossen, will ich damit sagen.« Es folgt eine kurze Pause bevor sie mich fragt: »Rauchen Sie eigentlich?«
»Nein, ich rauche nicht.«
»Aber es stört Sie doch nicht, wenn ich rauche?«
»Nein, überhaupt nicht, solange Sie nicht hier drinnen rauchen.« Frau Moori reagiert irritiert, sagt aber nichts. Mein PC fährt derweil immer noch hoch und ich wundere mich, wie lange das dauert.
Herr Baumgard hat mir einige Termine weitergeleitet, anscheinend gibt es jeden Dienstag eine Besprechung innerhalb der Abteilung und ein Mal im Monat eine Besprechung mit allen anderen Controllingabteilungen zusammen.
»Ist die Sitzordnung für Sie so in Ordnung?« Frau Moori nimmt dass Gespräch wieder auf. Sie scheint verunsichert. »Ich habe ja einfach jetzt diesen Schreibtisch hier besetzt, aber wenn Sie lieber anders sitzen möchten, können wir darüber sprechen.«
»Nein, das ist für mich so vollkommen in Ordnung.«
Frau Moori ist nicht zufrieden. »Ja, ich frage auch nur noch mal, weil, für mich ist diese Seite hier besser.«
»Dann ist doch super.«
»Ok, dann sitze ich also hier, auf der Seite. Abgemacht. Sehr gut. Ich finde das gut!«
»Ich auch.« Ich sitze mit dem Rücken zum Büro meines Chefs und Frau Moori mir gegenüber. Ich beschließe, bei meinem Chef vorbeizuschauen und betrete sein Büro durch die neue Tür. Wir begrüßen uns per Handschlag.
»Sollen wir uns heute zusammensetzen und über meine Aufgaben sprechen?«, eröffne ich das Gespräch.
»Ja«, entgegnet Herr Baumgard, »ich habe da auch gleich was.« Er öffnet eine Schublade und kramt eine Folienpräsentation hervor. »Sehen Sie das doch zunächst durch, damit Sie einen ersten Eindruck vom Flughafen bekommen.« Er reicht mir die Folien über seinen Schreibtisch.
Die Präsentation ist eine Präsentation vom Flughafen über den Flughafen. Nichts, was ich nicht schon von der Webseite des Flughafens über den Flughafen weiß. Weitere Aufgaben gibt es erstmal nicht. Egal, ich muss ohnehin noch eine Wohnung suchen, für den neuen Job sind meine Frau und ich umgezogen und wir wohnen noch in einer beengten Zwischenlösung. Der weitere Tag vergeht also bei Surfen im Internet, Wohnungssuche und Gesprächen mit Frau Moori. Ich erfahre, dass sie wenige Tage vor der Wende beim Flughafen in Tegel als Ansagerin angefangen und sich dann bis zur Abteilungsleiterin hochgearbeitet habe. Neben der Arbeit habe sie eine Fortbildung gemacht. Ich merke, wie stolz sie darauf ist. Leider sei sie degradiert worden, als die Verwaltungen der Flughäfen Schönefeld und Tegel zusammengelegt wurden und ihre Position doppelt vorhanden war. Und das, obwohl der andere Kandidat aus dem Osten war, aus der DDR. Aber das störe sie nicht, weil das eben so sei. Außerdem habe sie ja nichts gegen diese Leute. Immerhin habe sie ihr Blackberry noch, das bekommen nur Abteilungsleiter. Sie zeigt es mir, es sieht etwas abgegriffen aus. In einigen Wochen wird sie mir damit aus ihrem Urlaub ein Foto schicken von dem Fisch, den sie an der Ostsee geangelt hat. Frau Moori zieht los und beschafft Eimer und Wischlappen, durch die Bauarbeiten an der Tür ist es etwas staubig in unserem Büro.
Mittags geht es wieder in die Kantine, pünktlich um 12:30 Uhr. Das Essen ist solide Hausmannskost in üppigen Portionen. Frau Moori gönnt sich noch einen Nachtisch aus einem winzigen Gläschen und lässt sich viel Zeit mit dem Verzehr. Der Rest der Abteilung schaut ihr dabei zu.
Der Nachmittag vergeht bei Privatgesprächen mit Frau Moori, sie sitzt dabei auf dem Stuhl maximal zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Sie erzählt von sich und aus ihrem Leben.
Am späten Nachmittag schaue ich bei Herrn Baumgard ins Büro: »Ich gehe ins Wochenende, schönen Feierabend und bis Montag!«
»Ja, aber Montag in einer Woche, ich habe kommende Woche Urlaub«, mit der Ansage überrascht mich mein Chef.
»Ja, ok.« Ich muss mich kurz orientieren und frage dann: »Was soll ich tun, haben Sie Aufträge?«
»Nein, finden Sie sich erstmal in Ruhe ein.« Er steht auf, kommt auf mich zu und reicht mir die Hand. »Schönes Wochenende.«
Ich bin überrascht. Ich bin perplex. Und ich bin ins Wochenende entlassen. Als ich nach Hause fahre, begleitet mich ein komisches Gefühl.
Der dritte Tag, Montag
Ich erreiche unser Büro vor Frau Moori. Während mein PC hochfährt, nutze ich die Zeit und wische meinen Schreibtisch. Der Wischeimer steht seit Freitag früh auf Frau Mooris Schreibtisch, darin Wasser und Lappen, aber noch keine Mückenlarven.
Frau Moori betritt das Büro, wir begrüßen uns per Handschlag. Frau Mooris Hand ist etwas feucht. Mein Chef ist im Urlaub und ich habe keine Vorstellung, was ich den Rest des Tages machen soll. Ich verwickle Frau Moori in Gespräche über den Aufbau und die Struktur des Flughafens, sie erzählt wenig darüber und viel über sich. Am Ende des Tages kenne ich ihr Leben in groben Zügen von den ersten verschwommenen Erinnerungen bis in die Gegenwart. Der Vormittag zieht sich etwas.
Nachmittags unterbricht ein Anruf aus der IT-Abteilung Frau Mooris frei vorgetragene eigene Biografie. Ich bin für das Gruppenlaufwerk freigeschaltet. Viel ist darauf nicht los, nur sind wahllos einige Dateien vorhanden. Ich vermute, die meisten arbeiten lokal. Ich finde Protokolle der Dienstags-Abteilungsmeetings, das letzte ist vom Februar 2010. Immerhin habe ich so Zeit für meine privaten Belange. Frau Moori erzählt in der üblichen Haltung, weit zurückgelehnt, Arme verschränkt und ich suche nach einer Wohnung. Der Nachmittag zieht sich etwas.
Der vierte Tag, Dienstag
Der gestrige Tag ist nur schleppend vergangen und es gibt keine Anzeichen, dass sich daran heute etwas ändern wird. Es ist 9:30 Uhr, ich hocke seit einer Stunde mit Frau Moori im Büro, E-Mails sind noch keine hereingekommen, das Passwort für unser Buchhaltungssystem SAP habe ich noch nicht und auf den Wohnungsbörsen im Internet gibt es gegenüber gestern keine neuen Angebote. Frau Moori hängt schlaff über ihrer Tastatur und klickt lustlos herum, den Kopf auf der linken Hand aufgestützt.
Ich stehe auf und trete hinaus auf den Flur vor unserem Büro, die Tür ziehe ich hinter mir wieder zu. Das Hauptgebäude der Flughafengesellschaft ist ein sehr langgezogener zweistöckiger Klinkerbau aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg mit einem langen Flur in jeder Etage, an dem links und rechts die Büros liegen. Mein Büro liegt ziemlich mittig in dem langen Flur im ersten Stock, nach rechts Richtung Norden kann ich den Flur hinaufblicken bis zu dem Fluchtpunkt, an dem Decke, Boden und Wände zusammenlaufen.
Dort hinten geht es eine Etage tiefer hinaus auf den Parkplatz. Nach links Richtung Süden geht der Blick nicht ganz so weit, ich kann die Glastür am Ende des Flurs noch erkennen. Kurzentschlossen lenke ich meine Schritte nach links in Richtung Glastür. Auf dem Flur liegt derselbe graue Teppich, den ich auch im Büro habe, er ist schon reichlich niedergetreten und abgewetzt. Rechts reihen sich die Türen der Personalabteilung aneinander, alle geschlossen. Links endet nach einigen Schritten das Reich von meinem Chef und es beginnen die Büros der Abteilung »Sicherheit«. Ich laufe weiter, rechts sind noch immer die Büros der Personalabteilung, alle Türen sind zu, links die Sicherheit, auch alle Türen zu. Die letzte Tür rechts steht offen, das ist die Herrentoilette. Hinter der Glastür beginnt das Treppenhaus, es ist repräsentativ und verbindet das Foyer am Haupteingang eine Etage tiefer mit den Räumen im dritten Stock. Dort oben irgendwo sitzt Nummer 7, wenn ich das von meinem Bewerbungsgespräch noch richtig in Erinnerung habe. Das Treppenhaus ist quadratisch, die Treppe verläuft im Uhrzeigersinn an den Wänden entlang und schraubt sich so nach oben. In der Mitte bleibt Raum frei für eine schockierend hässliche, eckige Hängeleuchte, die von der Decke in der dritten Etage bis in das Foyer herunterhängt. Ich schätze ihr Baujahr auf die frühen 60er Jahre. Rechtsherum folge ich dem Verlauf der Treppe hinunter in das Foyer. Die Stufen sind aus Marmor und an den Ecken rund abgetreten. Im Foyer sitzt eine Pförtnerin hinter ihrem Pult und schaut nur kurz von ihrem Kreuzworträtsel auf. Hinter zwei Automatiktüren scheint die Sonne und die Vögel zwitschern. Ich wandere hinüber in die Kantine, dort wird für die Mitarbeiter Frühstück bereitgehalten. Für mich gibt es einen Kaffee, der ist nicht besonders gut, aber dafür auch erfreulich billig. Die Kantine ist ziemlich leer, vermutlich ist es auch schon etwas spät für Frühstück.
Um 10:30 Uhr bin ich zurück an meinem Schreibtisch. Frau Moori hockt unverändert über ihren Tasten und reagiert nicht auf meine Rückkehr. Ich entsperre meinen Bildschirm und bin ratlos. Was jetzt? Ich starre links an meinem Monitor vorbei aus dem Fenster. Der Blick geht über das Vorfeld des alten Flughafens Schönefeld. Der Flughafen wickelt für Berlin Billigflugverkehre ab, AirBerlin und EasyJet. Weit hinten auf einer Abstellposition steht eine schwarze Fokker. Das vermute ich jedenfalls, ich kann das von hier so genau nicht erkennen. Ich schaue im Internet nach Wohnungen, alles noch immer unverändert, keine neuen Angebote. Es klopft an der Tür, Herr Lackner tritt ein. Er ist der Stellvertreter von Torsten Baumgard. Er begrüßt Frau Moori und anschließend mich mit Handschlag.
»Hört mal«, ist seine Eröffnung, »habt ihr was für das Abteilungsmeeting gleich?« Frau Moori denkt nach. »Ich habe nämlich nichts und würd das sonst absagen, da Herr Baumgard nicht da ist.«
Frau Moori nickt zustimmend. »Ja, da bin ich dafür.«
Ich habe auch nichts, der Kollege nickt und ist wieder weg. Fünf Minuten später sagt er den Termin ab, meinen einzigen Termin in dieser Woche. Es ist elf Uhr, noch anderthalb Stunden bis zum Mittagessen. Ich lese im Internet die FAZ.
Nach dem Mittagessen zurück im Büro wende ich mich an Herrn Lackner und frage ihn als Vertreter meines Chefs, ob er Aufgaben für mich habe. Er ist überrascht und vollkommen ratlos. Er blättert wahllos in einigen Papierstapeln auf seinem Schreibtisch.
»Ja, da weiß ich jetzt auch nicht … hat denn … ähm … Herr Baumgard nichts …?«
Schließlich fördert er den Controlling Monatsbericht vom letzten Monat zu Tage. »Hier, da können Sie reinschauen, das ist unser Monatsbericht.«
Zurück an meinem Schreibtisch verlangt Frau Moori zu wissen, was ich da habe. Ich halte ihr den Monatsbericht hoch.
Sie lehnt sich zurück, so weit ihr Bürostuhl das zulässt und verschränkt die Finger hinter dem Kopf: »Was ich da gestern erzählt habe, also über meine Eltern, ja? Dazu muss ich noch sagen … «, und weiter geht es mit dem Bericht aus ihrem Leben.
Als ich abends nach Hause fahre, fühle ich mich wie nach einer ordentlichen Kneipenschlägerei und viel Alkohol.
Der fünfte Tag, Mittwoch
Der monatliche Controllingbericht des Flughafens ist so etwas wie die Meldung der Navigatoren an die Geschäftsführung über die aktuelle Position des Tankers im Vergleich zu den im letzten Jahr gesetzten Zielen. Der Flughafen ist in unterschiedliche Bereiche organisiert, die in unterschiedlichem Umfang zum Erfolg oder Misserfolg des Unternehmens beitragen. Der Bereich Liegenschaften und die Beteiligung FEW übertreffen ihre Planwerte um einige Millionen. Trotzdem erwirtschaftet die FEW Verluste, nur eben weniger als geplant. In der Detailbeschreibung wird dazu eine ganze Liste von Positionen erläutert, die jeweils besser oder schlechter sind als ursprünglich geplant und die in der Summe das Ergebnis der FEW ausmachen.
Die Aussagekraft des Berichtes hält sich in Grenzen, die Meldung an den Kapitän sieht etwa so aus: »Gegenüber der Planung haben wir mehr für Diesel bezahlt, aber wir sind auch weiter gefahren, wir haben mehr transportiert und dafür mehr Erlöse bekommen. Allerdings haben wir auch mehr Reparaturen als geplant und in der Summe haben wir Verlust gemacht.«
Ich schätze, ein Kapitän wird sich das anhören, die Stirn runzeln und denken: »Aha.«
Vielfach ist heute die Steuerung von Unternehmen über Kennzahlen verbreitet. Dabei wird das Ergebnis in viele Teilkomponenten zerlegt, die zentrale Aspekte des Geschäfts beschreiben: Das Ergebnis wird zum Beispiel beeinflusst von den Kosten für Diesel bezogen auf die gefahrene Seemeile. Diese Kosten wiederum hängen ab von den Kosten für Diesel je Liter einerseits und dem Verbrauch andererseits. Der Verbrauch hängt dann wieder ab von der Beladung und der Geschwindigkeit. In der Summe entsteht eine baumartige Struktur mit ausgewählten, wesentlichen Kennzahlen. Das aufzusetzen ist nicht trivial, insbesondere, weil die Erhebung und Berechnung solcher Kennzahlen automatisch erfolgen muss, um den Verwaltungsaufwand gering zu halten.
Im Ergebnis aber bekommt der Kapitän die Meldung: »Sir, wir hatten im letzten Monat höhere Kosten für Diesel. Der Dieselpreis selbst ist unverändert, aber unser Verbrauch ist gestiegen. Wir sind nicht mehr beladen als sonst und wir fahren auch nicht schneller als sonst. Sir, es scheint ein Problem mit den Maschinen zu geben, Sir!«
Der Kapitän wird dann denken: »Es gibt ein Problem mit den Maschinen.« Außerdem wird er denken: »Ich sollte sie durchchecken lassen.«
Aber so weit ist der Flughafen noch nicht.
Es ist zehn Uhr an diesem Mittwoch, ich bin seit einer Stunde im Büro. Trotz des frühen Morgens ist es schon gut warm. Viel passiert ist noch nicht, abgesehen von meiner Durchsicht des letzten Monatsberichtes. Die IT Abteilung hat heute früh den Drucker aus Frau Mooris altem Büro hierher umgeräumt, er steht jetzt auf Frau Mooris Schreibtisch neben dem Wischeimer vom Freitag. Ich habe das vorhin überprüft, es sind immer noch keine Mückenlarven darin, aber das Wasser ist trüber geworden. Ich glaube, Kaulquappen mögen das.
Frau Moori wünscht, dass der Drucker auf die kleine Ablage am Kopfende meines Schreibtisches kommt. Ich habe nichts dagegen. Trotzdem begründet Frau Moori ihren Wunsch damit, sie brauche Platz für ihre Akten.
»Brauchen Sie keinen Platz für Ihre Unterlagen?«
»Nein, die Schreibtische sind groß genug und Akten lege ich praktisch keine an.«
»Keine Akten? Sie müssen doch dokumentieren!?«
»Ja, da erstelle ich ein PDF und speichere das auf dem Gruppenlaufwerk ab.« Es ist klar, wir haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von dokumentierten Vorgängen.
Frau Moori lässt nicht ab: »Ach, sind Sie einer von diesen modernen Menschen, die sich an Papier nicht die Fingerchen schneiden wollen?«
»Schneiden Sie sich an Papier die Finger?« Mich erheitert die Vorstellung.
Frau Moori streitet das flugs ab: »Nein, ich schneide mich nicht! Aber ich glaube, Sie sollten aufpassen, sich nicht zu schneiden.«
Ich beachte sie nicht weiter, greife mir den Monatsbericht und laufe zu Herrn Lackner ins Büro. Der ist nicht am Platz und sein Bürokollege weiß über den Verbleib nichts außer, dass Herr Lackner grundsätzlich heute da sei, er habe ihn schon gesehen.
»Und, wie gefällt es Ihnen bisher bei uns?«, fragt er mich dann.
Ich antworte wahrheitsgemäß ausweichend: »Naja, ich arbeite mich in die Themen ein, so viel kann ich noch nicht sagen.« Wir sprechen etwa eine Stunde über dies und das.
Herr Lackner taucht nicht auf, den Monatsbericht lege ich auf seinen Tisch.
Zurück in meinem Büro hat der Drucker anscheinend gerade seinen neuen Platz gefunden, wie besprochen.
Frau Moori steht davor und betrachtet ihr Werk: »Diesen Drucker habe ich mir damals beschafft, als ich noch Abteilungsleiterin war. Es ist gar nicht so einfach, an einen eigenen Drucker zu kommen. Aber Sie können ihn natürlich auch nutzen, das wollte ich jetzt damit nicht sagen.«
»Prima, danke.«
Wir sprechen eine Weile über die Vorteile eines eigenen Druckers, da gibt es ja doch einige. Noch eine Stunde bis zum Mittagessen.
»Frau Moori, Herr Baumgard sagte mir bei der Begrüßung, dass ich auch von Ihnen Aufgaben übernehmen soll?«, versuche ich ein neues Thema.
»Ja, das soll wohl so sein, dass Sie demnächst den Monatsabschluss machen für die FEW und den Bereich Liegenschaften. Aber das zeige ich Ihnen, wenn es soweit ist. Dann können wir das zusammen durchgehen.«
»Kann ich dafür schon etwas vorbereiten?«
»Nein, das machen wir dann zusammen.«
»Kann ich Ihnen irgendetwas anderes abnehmen?«
»Nein, also, Ihre Aufgaben, da muss sich Herr Baumgard kümmern, das ist sein Job, da kann ich nichts machen. Weil, ich hab’ auch nichts, was Sie jetzt einfach so kurz hoppla-hopp übernehmen können.« Frau Moori wendet sich wieder ihrem PC zu.
Noch eine Dreiviertelstunde bis zum Mittagessen. Ich könnte mir ja im SAP Buchungssystem anschauen, wie es meinen beiden Bereichen so geht. Aber dann wieder ist ja auch mein SAP Passwort noch nicht da. Und irgendwie fühle ich mich auch etwas müde heute.
Der sechste Tag, Donnerstag
Es ist 09:15 Uhr als ich auf den Parkplatz beim Flughafen fahre. Ich habe mir heute Morgen viel Zeit beim Frühstück gelassen. Ich bin jetzt eine Woche hier und habe in der Sache kein gutes Gefühl. Was wird heute passieren, was soll ich hier tun? Die Sonne wärmt schon ordentlich, es wird vermutlich wieder ein heißer Tag. Es nützt ja nichts, ich steige aus und lenke meine Schritte ins Büro.
»Guten Morgen, Frau Moori!«
Frau Moori steht auf, kommt auf mich zu und reicht mir die Hand: »Morgen.« Ihre Hand ist trotz der frühen Stunde schon etwas verschwitzt.
Ich starte den PC. »Frau Moori, ich habe meine alte Digitaluhr mitgebracht, die hat ein eingebautes Thermometer. Wir können ja wetten, wie warm es heute wird.«
Gestern hatten wir lange genau darüber spekuliert.
Zu der Wettgeschichte hat Frau Moori aber keinen rechten Zugang: »Wetten? Warum sollen wir denn wetten?«
»Nur so?«, schlage ich vor.
»Aha. Und worum sollen wir wetten?«, hakt Frau Moori nach.
Ich habe schon keine Lust mehr, »Ach ist ja auch egal, ich lege die Uhr hier hin.«
»Damit ich weiß, wann meine Stunde geschlagen hat?«, erkundigt sich Frau Moori, sie ist schlecht drauf.
Ich wechsle das Thema: »Ich mache mal Kaffee« und kann in der Küche auch gleich Hände waschen und den verschwitzten Händedruck loswerden.
Ich setze den Kaffee auf und schaue in der Küche aus dem Fenster auf eine gepflegte Wiese mit einzelnen Bäumen. Mitten auf der Wiese steht ein Schild »Treffpunkt«. Das erheitert mich, denn die Wiese ist nicht so sehr groß.
Ich stelle mir vor, wie sich zwei unterhalten: »Lass uns nachher auf der Wiese treffen.«
»Gute Idee, aber wo genau auf der Wiese?«
Präzise in diesem Moment entsteht aus dem Nichts die Idee, auf der Wiese das Schild aufzustellen, sozusagen als Referenzpunkt und damit nie wieder Mitarbeiter auf der Suche nach einander über den Rasen irren mögen. Während meiner Zeit hier werde ich aber nie jemanden an diesem Treffpunkt stehen sehen. An die ferne Seite der Wiese grenzen das Konferenzzentrum und die Kantine, der Weg hinüber führt erst im weiten Bogen nach rechts und dann drüben am Gebäude entlang zum Eingang der Kantine. Ein Riesenumweg, mindestens doppelt so lang wie der direkte Weg über den Rasen. Nichts, weder ein Trampelpfad und auch nicht die geringste Spur herunter getretenen Rasens deuten darauf hin, dass das schon jemandem aufgefallen wäre.
Die Kaffeemaschine fängt an zu gurgeln, der Kaffee läuft durch. Ich sehe mich weiter in der Küche um, es gibt zwei Kühlschränke, beide laufen. Der erste ist leer und dreckig, der zweite ist auch dreckig, kühlt aber dazu eine Sektflasche, eine vertrocknete Tube Senf und zwei Joghurtbecher. Auf der Arbeitsplatte steht eine Mikrowelle. Eine kurze optische Inspektion legt den Schluss nahe, dass darin vor einigen Monaten ein Hamster explodiert sein muss und seitdem festtrocknet.
Ich schaue auf den Flur hinaus, er ist leer. Ich habe wenig Lust, in mein Büro zurückzukehren und mir lange Monologe anzuhören. Ich kann aber auch schlecht hier auf dem Flur herumstehen. Also laufe ich nach links zum Parkplatz und setze mich in mein Auto. Es ist 9:30 Uhr, auf BBC läuft eine spannende Reportage über Namibia. Nach einer Stunde laufe ich zurück.
Auf dem Weg in mein Büro lege ich einen taktischen Stopp im Büro von Herrn Tönjes ein und frage ihn nach meinem Passwort für unser Buchungssystem SAP.
»Ja, das ist noch nicht so weit, leider, das liegt noch beim Betriebsrat«, lässt er mich wissen.
Was der Betriebsrat mit Passwörtern von SAP zu tun hätte, ist mir nicht klar. Herrn Tönjes auch nicht, aber das sei schon immer so gewesen. Ich laufe zurück in mein Büro. Frau Moori hockt hinter ihrem PC in einer Form des Stand-by, neben sich den Wischeimer für die Kaulquappen. Bei mir keine Mails und kein Anruf. Dafür ist in der Küche mein Kaffee schon seit einer Stunde durchgelaufen und simmert auf der Warmhalteplatte vor sich hin. Kaffee auf Warmhalteplatte, die ganz große Barista-Kunst. Noch zwei Stunden bis zum Mittagessen.
Der siebte Tag, Freitag
Um 9:15 im Büro aufzuschlagen ist sicher nicht unbedingt furchtbar früh. Aber nach meinem Empfinden der spätestmögliche Zeitpunkt für einen Mitarbeiter, der noch keine Aufgaben zugeteilt bekommen hat. 9:15 Uhr sagt zumindest noch: Seht her, ich biete meine Arbeitskraft an wie vertraglich vereinbart. Frau Moori ist deutlich früher da und das muss sie auch, schließlich hat sie –wie sie selbst immer wieder betont – sehr viel um die Ohren. Ich bin daher etwas erstaunt, sie nicht am Schreibtisch zu finden, sondern vor dem Büro, lässig an den Türpfosten gelehnt. Die Reinigungskraft ist da und saugt und wischt unser Büro.
»Während der Arbeitszeit?«, frage ich Frau Moori etwas irritiert.
»Ja, warum, wann denn sonst?«, fragt sie zurück, anscheinend ebenfalls erstaunt. »Und guten Morgen übrigens«, fügt sie hinzu und reicht mir die Hand. Wieder verschwitzt, klasse.
Also stehen wir da so herum und schauen der Reinigungskraft beim Reinigen zu. »Sagen Sie Frau Moori«, nutze ich die Gelegenheit, »wann ist denn eigentlich Monatsabschluss, wir haben ja nun schon den 7. Arbeitstag?«
»Vor dem 9. Arbeitstag fangen wir damit nicht an, wann war denn bei Ihrem vorigen Arbeitgeber Monatsabschluss?«
»Am 3. Arbeitstag waren wir damit durch«, gebe ich zurück. Ich glaube, auf unterschiedliche Art sind wir beide beeindruckt.
Der Vormittag verläuft schleppend, ich surfe etwas nach neuen Wohnungen und beschließe schließlich, einen Abstecher in die Kantine zu machen.
Meine Ausflüge dorthin sind nicht unbemerkt geblieben, in der Schlange vor der Kasse werde ich angesprochen: »Hallo, du musst der neue Mitarbeiter von Herrn Baumgard sein, richtig?«
»Ja, das ist richtig.« Ich bin überrascht.
Der Kollege ist jung und blickt mich aus wachen Augen forschend an. Er reicht mir die Hand: »Ich bin Karl. Willkommen beim Flughafen.«
Wir zahlen zwei Kaffee, laufen zusammen zurück zum Hauptgebäude und unterhalten wir uns über hauptsächlich private Belange. Ich erfahre aber trotzdem, dass Karl als Controller im technischen Bereich arbeitet. Ihm macht die Arbeit Spaß, aber es sei schade, dass er den ganzen Tag alleine in seinem Zweierbüro sitze.
Ich will nicht zurück in mein Büro und setze mich mit meinem Kaffee auf dem Parkplatz ins Auto und höre etwas Musik. Als ich ins Büro zurückkehre, ist Frau Moori schon zum Mittag. Also mache ich mich wieder auf den Weg in die Kantine und kürze bei der Gelegenheit über den Rasen ab.
Natürlich fängt mich vor der Kantine ein Kollege ab: »Sie können doch hier nicht einfach über den Rasen laufen!«
»Warum nicht?«
»Es gibt hier gepflasterte Wege und die führen nun mal außen herum!«
»Wie erreichen wir denn dann den Treffpunkt?«, halte ich dagegen und deutete auf das Schild »Treffpunkt« mitten auf der Rasenfläche.
»Der Treffpunkt wird nie genutzt. Es ist zwar in Ordnung, den Treffpunkt zu nutzen, das will ich jetzt damit nicht sagen. Aber ich muss Sie bitten, nicht über den Rasen abzukürzen.«
Ich lasse den guten Mann wissen, dass seine Bitte angekommen ist. Nie wieder habe ich den Mann gesehen, gelegentlich habe ich über den Rasen abgekürzt und häufig bin ich darauf angesprochen worden. Am besten funktioniert folgende Erklärung: »Ich wollte zum Treffpunkt, aber da war niemand, vermutlich sind die schon zum Essen vorgegangen.«
Der Nachmittag zieht sich. Frau Moori hat die übliche Haltung eingenommen, sie berichtet unter anderem vom Fortschritt bei ihrem Umzug in unser gemeinsames Büro: »Ich bin ja mit dem Umzug noch nicht ganz fertig, weil ich ziemlich viel zu tun habe.«
»Sie haben doch mit dem Umzug noch gar nicht angefangen, oder?«
»Richtig, ich habe eben viel zu tun.«
Es vergeht ein kurzer Moment, in dem wir beide nichts sagen. Dann fährt sie fort: »Naja, ganz richtig ist das nicht, ich habe schon angefangen, meinen Gummibaum umzuziehen. Aber der steht in einem ziemlich großen Pott und der wurde mir dann zu schwer. Können Sie mir vielleicht helfen, den herzutragen?«
Als wir auf den Flur hinaustreten, sehe ich den Baum schon gleich. Er steht am nördlichen Ende des Flurs und zwar mittig. Die nähere Inaugenscheinnahme lässt den Transportaufwand bis in unser Büro in keiner Hinsicht gerechtfertigt erscheinen, das Bäumchen ist praktisch tot. Das ist einfach lächerlich, aber ich lasse mir nichts anmerken. Endlich steht das traurige Gewächs bei uns im Büro. Und niemand hat uns gesehen.
Ich werde um halb drei nach Hause fahren, bis dahin sind es noch zwei Stunden. Als ich schließlich im Wochenende bin, fühle ich mich gereizt und sehr müde.
Die zweite Woche
Montag, der achte Arbeitstag
Herr Baumgard ist aus dem Urlaub zurück, ich stehe bei Arbeitsbeginn bei ihm im Büro und er ist gestresst: »Es ist ja unglaublich viel liegen geblieben, das alles in nur einer Woche, unglaublich. Ich habe alleine vierhundert E-Mails bekommen!«
»Was immer ich Ihnen abnehmen kann …«, biete ich an.
Er ist dem Angebot gegenüber aufgeschlossen: »Das ist sehr gut, ich schaue kurz durch die Sachen durch und komme dann gleich auf Sie zu.«
Zwei Stunden später schaue ich wieder bei ihm vorbei, das Büro ist leer. Ein Büro weiter weiß Herr Tönjes: »Herr Baumgard ist in einer Besprechung.«
»Wann kommt er denn wieder?«
»Keine Ahnung, er ist einfach los.«
Ich setzte mich an meinen PC und will in meinem Kalender einen Termin mit meinem Chef einstellen. Dadurch kann ich sehen, dass er seit halb zehn terminlich ausgebucht ist, die Mittagspause ist noch frei. Ich sperre meinen PC, greife mir Geld und meinen roten Flughafenausweis und schlendere hinüber ins Flughafenterminal.
Der Flughafen Schönefeld ist alt, von der DDR als Hauptstadtflughafen gebaut, musste nach der Wende ein Anbau dem gestiegenen Verkehrsaufkommen Rechnung tragen. Dieser Anbau, Terminal C, ist der erste, den ich vom Verwaltungsgebäude aus erreiche. Ich betrete den öffentlichen Bereich. Rechts von mir ist ein Burgerbrater, »Cindys American Diner«, links ein kleiner Buchladen. Vor mir sind einige Check-in-Schalter mit AirBerlin Werbung und dahinter sind die Sicherheitsschleusen.
Dort lässt man mich nicht durch, trotz meines roten Flughafenausweises. Die Mitarbeiterin ist sehr freundlich: »Als Mitarbeiter müssen Sie die Mitarbeiterschleusen nutzen, die sind gleich hier am Gebäude außen um die Ecke!«
Dort komme ich ohne Probleme weiter und wenige Minuten später stehe ich im Sicherheitsbereich des Terminal C. Es ist eher leer, ein Flug wird gerade abgefertigt. Im Mövenpick greife ich mir einen Kaffee und den Tagesspiegel, stecke meinen Flughafenausweis weg (obwohl das verboten ist) und setze mich in eine Ecke. Immerhin ist hier klimatisiert.
Also bin ich jetzt Referent im Zentralen Controlling der FBS, der Flughafengesellschaft Berlin Schönefeld GmbH. Ich habe eine gute Ausbildung und ich habe sieben Jahre Berufserfahrung. Auf meiner letzten Stelle hatte ich zuletzt Verantwortung für zwei Mitarbeiter. Ich bin hier, weil ich dachte, hier ginge es weiter, die größte Baustelle Europas, das geht doch nicht ohne eine effiziente Struktur und motivierte Mitarbeiter. Und das stimmt auch, nur anders, als ich dachte. Eine Woche in meiner neuen Stelle habe ich keine Vorstellung davon, was meine Aufgaben sind. Was ich weiß, ist, dass es nicht das ist, was in den Bewerbungsgesprächen besprochen wurde.
Meinen Chef habe ich an dem Tag nicht mehr gesprochen. Er rief mir zwischendurch zu, wir müssten unseren Termin auf morgen verschieben und später stellte er mir einen Termin für Dienstagnachmittag ein.
Dienstag, der neunte Arbeitstag
Ich sitze mit Frau Moori zusammen, es ist ein frischer Arbeitstag, der Kaffee ist gekocht und ich bekomme gezeigt, wie der Monatsabschluss geht, und welche Aufgaben für das Zentrale Controlling mit dem Monatsabschluss verbunden sind. Der Monatsabschluss dauert einen ganzen Tag, wie Frau Moori erläutert. Was ich dann zu sehen bekomme, ist erschütternd: Der Monatsabschluss besteht darin, dass aus Exceldateien der Dezentralen Controller aus den einzelnen Bereichen die Erläuterungen in eine zentrale Exceldatei der Zentralcontroller übertragen werden. Ich muss das zukünftig für den Bereich Liegenschaften und für die Gesellschaft FEW machen. Die Erläuterungen bekomme ich von den dortigen Controllern per E-Mail zugeschickt, ich kopiere sie in eine andere Datei und schicke sie per E-Mail weiter. Bei der Gelegenheit telefoniere ich mit den beiden Kollegen, die die Erläuterungen erstellen und lasse mir die Situation in ihren Bereichen erklären.
Beide sind sehr zurückhaltend und Frau Moori erklärt das so: »Die Kollegen sind jeweils die Abteilungsleiter der dezentralen Controllingabteilungen. Die wollen sich schon grundsätzlich nicht mit uns Referenten auseinandersetzen. Außerdem dürfen sie uns natürlich nichts sagen, was sie nicht auch schon ihrem jeweiligen Bereichsleiter erläutert haben und idealerweise auch nicht, bevor ihr Bereichsleiter das mit seinem Geschäftsführer besprochen hat. Sonst steht da am Ende irgendwas in unserem Monatsbericht, die Geschäftsführung fragt dazu die Bereichsleiter und die wissen von nichts. Das ist dann nicht gut.«
»Also steht in unseren Monatsberichten nichts drin, was die Geschäftsführung nicht sowieso schon weiß?«
»Genau.«
Im Laufe der Zeit werde ich mich mit meinen beiden Ansprechpartnern in den Dezentralen Controllingabteilungen immer besser verstehen. Am Informationsfluss wird das nie etwas ändern.
Die Ergebnisse sehen in beiden Bereichen leidlich gut aus, im Bereich Liegenschaften gibt es eine Überschreitung der Werte gegenüber dem Plan und die FEW trifft die Planung ganz gut. Insgesamt ist das Ergebnis der FEW aber negativ und das ist nicht einleuchtend, weil das Unternehmen der Versorger (Gas, Wasser, Strom) des Flughafens ist und kein Versorger mit negativer Marge arbeitet. Das Ergebnis aus dem Bereich Liegenschaften ist zunächst so gar nicht einzuschätzen, solange die interne Verrechnung nicht enthalten ist, solange also die Miete der flughafeninternen Abteilungen an den Bereich Liegenschaften nicht enthalten ist. Dafür muss ich einen Blick ins Buchhaltungsprogramm (SAP) werfen. Mein Passwort ist noch nicht da, also besorge ich mir die Zugangsdaten, die wir für die Azubis vorhalten.
SAP hält in seinem Programm verschiedene Standardberichte vor. Wie durch einen Rückspiegel im Auto erlauben sie den Blick auf den Weg, den das Unternehmen in der Vergangenheit zurückgelegt hat. Auch beim Flughafen sind diese Rückspiegel da, aber sie sind abgeklebt, das bedeutet, die Standardberichte sind zur Nutzung gesperrt.
Ich spreche Herrn Tönjes darauf an. »Ja, wir haben uns von einem Berater eigene Berichte programmieren lassen, die sind besser. Die alten Berichte haben wir gesperrt um die Leute zu zwingen, die neuen Berichte zu nutzen.«
»Herr Tönjes, das ist doch kaum sinnvoll, SAP ist ein komplexes Programm, es dauert einige Zeit, sich darin zurechtzufinden und neue Mitarbeiter wie ich müssen bei Null anfangen, obwohl die Standardberichte vorhanden sind und genutzt werden könnten?«
»Ja, aber wir haben kaum neue Mitarbeiter und das war schon immer so. Wir können das auch nicht kurzfristig ändern, da ist der Betriebsrat dagegen.«
»Der Betriebsrat? Was hat denn der Betriebsrat damit zu tun?«
»Naja, das weiß ich jetzt auch nicht. Aber das war schon immer so.«
Hinzu kommt – aber das habe ich erst viel später verstanden –, dass das System SAP beim Flughafen nicht zentral betreut wird, sondern über Bereiche und Abteilungen hinweg einzelne Mitarbeiter bestimmte Module des SAP verwalten. Frau Moori zum Beispiel verwaltet auch ein kleines Modul. Und je komplizierter sie das macht, desto unentbehrlicher wird sie. So entstehen hochkomplexe und für Außenstehende kaum zu durchschauende Strukturen. Das ist nicht nur echtes Herrschaftswissen, es ist auch ein Weg, Kollegen und Vorgesetzte über die eigene Arbeitsbelastung zu täuschen. Letztere versuchen, mit SAP-Beratern den Wissensrückstand auszugleichen, aber die Berater leben von dem Urwald, und je mehr es dort wuchert, desto besser leben sie. Am Ende sind die Berater rund um das Jahr da und so etabliert, dass sich dafür auch niemand mehr großartig rechtfertigen muss.
Gegen Ende meiner Zeit beim Flughafen wird mir einer aus dem Beraterteam anvertrauen: »Wissen Sie, so etwas wie hier habe ich noch nicht gesehen, es ist vollkommen unstrukturiert. Es gibt viel zu viele Kostenstellen, viel zu viele Profitcenter, die interne Verrechnung ist bei Weitem zu komplex. Wir verwalten uns alle nur noch selbst.«
Das Beratungsbudget unserer Abteilung (hauptsächlich für SAP) ist gewaltig. Wer hier beraten darf, kann sorglos in die Zukunft blicken.
Erstmal kommt jetzt Torsten Baumgard herein, es ist Zeit für die wöchentliche Abteilungsrunde. Wir laufen im Besprechungsraum zusammen, Herr Baumgard hat Kaffee gekocht. Eine Agenda gibt es nicht. Der Chef moderiert im freien Vortrag, sein Urlaub, die Menge an Arbeit auf seinem Schreibtisch, vierhundert E-Mails. Anschließend dürfen wir erzählen, woran wir arbeiten.
Als die Reihe an mir ist, bittet mich Torsten Baumgard: »Kannst du noch erzählen, wo du herkommst, was du vorher gemacht hast und was sonst noch interessant sein könnte?«
Zu dem Zeitpunkt habe ich hier schon neun Mal acht Stunden abgehangen, ich habe mit den Kollegen mehr Zeit verbracht als mit vielen guten Freunden in einem Jahr. Ich lasse mir nichts anmerken und gebe eine knappe Zusammenfassung meines Lebenslaufes. Nach der Besprechung geht es in die Kantine.
Um vier Uhr habe ich meinen Termin mit meinem Chef, ich sitze in seinem Büro am runden Besprechungstisch. Er ist voll mit Unterlagen und Kaffeeflecken.
»Sollen wir uns duzen?«, bietet er an und ich willige erfreut ein, die Ansprache eines Menschen in der dritten Person finde ich ohnehin antiquiert.
»Wie geht es dir?«, eröffnet er das Gespräch.
»Mit geht es gut, danke.«
»Wie kommst du mit Frau Moori zurecht?«
»Gut, alles in Ordnung.« Das ist sicher nicht nach allen Seiten aufrichtig, aber was soll ich machen?
Mein Chef selbst hat anscheinend keine so hohe Meinung von Frau Moori, unverblümt räumt er ein: »Ich will dir ja sagen, ich komme mit ihr gar nicht klar und ich würde sie am liebsten loswerden. Aber ich weiß nicht, wie.«
Wenngleich ich die Einschätzung nachvollziehen kann, ist das doch eine recht offenherzige Ansage und ich sehe nicht, dass ich darauf einsteigen muss. Ich antworte ausweichend: »Sie kennt das Unternehmen gut und sie teilt ihr Wissen mit jemandem wie mir, der neu hinzukommt. Außerdem hat sie einen trockenen Humor.« Diese Antwort habe ich mir schon als Vorlage abgespeichert, ich werde ständig gefragt, wie es sei, mit Frau Moori ein Büro zu teilen.
Heute geht es zunächst um etwas anderes und ich komme lieber zügig zum Kernpunkt: »Torsten, können wir noch Mal darüber sprechen, was genau meine Aufgaben hier sind? Ich habe verstanden, dass ich in deiner Abteilung zuständig bin für die FEW und den Bereich Liegenschaften. Nun gibt es in beiden Bereichen schon Controller, für die FEW Frau Peter und bei Liegenschaften die Frau Meyer, richtig?«
»Ja, das ist richtig. Es ist so, dass unsere Aufgabe hier ist, die Dezentralen Controller zu unterstützen. Ich schlage vor, dass wir konkret mit beiden Termine vereinbaren, ich dich vorstelle und wir dann sehen, dass wir uns regelmäßig mit den Dezentralen treffen.«
»Unterstützung der Bereiche?«, frage ich nach.
»Ja«, entgegnet mein Chef, »dazu gehören auch zum Beispiel die Geschäftsführervorlagen aus dem Bereich.« Er steht auf und kramt auf seinem Schreibtisch. »Hier … eine GF-Vorlage aus dem Bereich Liegenschaften … von Frau Lässer … es geht … ähm … um die weitere Entwicklung des Baufelds Ost. Vielleicht kannst du da mal draufschauen. Wir müssen die freigeben.«
Torsten reicht mir einige Seiten Papier. Auf dem Deckblatt steht »GF-Vorlage« und weiter: »Weitere Entwicklung des Baufeld Ost«. Dahinter sind einige Seiten Papier geheftet.
»Das ist alles? Unterstützung der Bereiche?« Ich bin verunsichert.
»Ja, was da kommt, ist nicht wenig, warte es ab, die Abteilung ist überarbeitet.«
Ich muss an Frau Moori denken, wie sie mir meistens mit verschränkten Armen gegenübersitzt und die Märchentante gibt.
»Hast du sonst noch was?« Torsten schaut auf die Uhr. »Ich muss noch durch meine E-Mails sehen …«
»Ja, ich finde, wir sollten grundsätzlich über meine Aufgaben sprechen, ich habe nichts zu tun im Moment.«
»Das ist doch jetzt Unsinn, ich habe dir gerade die GF-Vorlage gegeben. Lies dir die durch und gib mir dann deine Empfehlung, wie ich entscheiden soll.«
»Ich empfehle und du entscheidest?«
»Richtig. Und ich muss jetzt durch meine E-Mails durchsehen.«
Verstehe, das Gespräch ist beendet.
»Bis wann muss die GF-Vorlage geklärt sein?«, frage ich noch.
»Die ist vom letzten Dienstag, wir sollten bis kommenden Dienstag eine Meinung dazu haben.«
Ich gehe zurück in mein Büro, werfe die Papiere in eine Schublade und fahre nach Hause.
Mittwoch, der zehnte Arbeitstag
Eine Geschäftsführervorlage oder Vorstandsvorlage oder auch Entscheidungsvorlage ist nicht mehr als ein schriftliches Memo an die Unternehmensleitung mit der Bitte oder dem Vorschlag, eine bestimmte Entscheidung zu fällen. Heute Morgen nun habe ich die Geschäftsführervorlage von gestern zur Hand genommen und leider bin ich daraus nicht besonders schlau geworden. Ich rufe also Frau Lässer an und stelle mich kurz vor. Sie wirkt aufgeschlossen. Sie erläutert mir den Hintergrund der Vorlage und schließlich habe ich eine Vorstellung davon, worum es geht. Die angehängte Wirtschaftlichkeitsrechnung ist aber falsch. Sie kennt sich damit nicht so aus und wir vereinbaren daher, die heute Nachmittag direkt an ihrem PC zu korrigieren.
Anschließend rufe ich noch Frau Meyer und Frau Peter an, um Termine zu vereinbaren. Frau Meyer ist reserviert und schlägt schließlich einen Termin am Freitag vor. Frau Peter hat keine Zeit und verspricht, sich wieder zu melden.
Es ist 10:10 Uhr, ich habe alle möglichen E-Mails »zur Info« von Torsten weitergeleitet bekommen, Auswertungen zu der Entwicklung der Fluggastzahlen, Organisationsanweisungen, Hinweise vom Betriebsrat und so weiter. Ich laufe rüber in sein Büro, wir begrüßen uns per Handschlag.
Ich teile die Ergebnisse des heutigen Vormittags mit ihm, er ist angetan und schaut in seinen PC: »Hast du mich zu dem Termin mit Frau Meyer mit eingeladen?«, will er wissen.
»Nein, willst du da mit?«
»Ja, die ersten Male schon, leite mir den Termin bitte weiter.« Mehr hat er erstmal nicht für mich, die anderen Dinge auf seinem Schreibtisch muss er selbst erledigen.
Ich hocke mich also wieder an meinen Arbeitsplatz. Es ist bewölkt heute, ein drückender Tag. Draußen fahren zwei Flughafenmitarbeiter auf ihren Aufsitzrasenmähern die Flughafenstraße hinunter. Es sieht aus, als würden sie sich ein Rennen liefern und dabei halten sie hinter sich den ganzen Verkehr auf. Ich nehme die Vorlage wieder zur Hand und überlege mir einige mögliche Verbesserungen für den Termin um drei Uhr heute Nachmittag. Pünktlich um 12:30 Uhr holt uns Herr Lackner zum Mittagessen ab.
Bei der Gelegenheit richtet er das Wort an mich: »Sie wissen ja, dass ich die Kommentardateien für die Monatsberichte weiterbearbeite und dabei ist mir aufgefallen, dass Sie das Eurozeichen verwenden. Wir aber schreiben hier immer ›EUR‹, das können Sie nicht wissen.«
»Doch, das weiß er, ich habe es ihm gesagt!« Frau Moori ist hinter ihrem PC aufgewacht.
Torsten betritt das Büro: »Gehen wir essen?« Wir gehen.
Der Nachmittag zieht sich, das Essen in der Kantine war schwer und fettig und mit reichlich »Grundsoße dunkel«. Draußen ist es noch immer drückend und schwül. Thema beim Mittagessen waren Autos, und Frau Moori hat das Thema gleich mitgenommen.
»Mein Freund und ich haben uns damals für einen Skoda entschieden, ein sehr schönes Auto, ein Kombi.«
Ich schaue aus dem Fenster.
»Bei der Farbe haben wir uns für dunkelgrün entschieden, metallic. Weil, das ist nicht so empfindlich und sieht trotzdem gut aus. Also besser als schwarz. Oder … weiß. Oder silber, das fährt ja wirklich jeder!«
Ich schaue immer noch aus dem Fenster, weiter hinten fährt ein Follow-me-Fahrzeug über den Vorfeldbeton.
»Leider haben wir nur den kleinen Motor, aber damals dachten wir, das sei ausreichend.« Frau Moori macht eine kleine Pause und schaut auch aus dem Fenster. »Das ist auch ausreichend, aber etwas mehr Anzug braucht das Auto schon.«
Ja, dieser Skodamotor ist schon einer, zu klein und doch ausreichend. Ich fühle mich müde.
»Das Auto ist nicht so gewöhnlich wie der Golf, der fährt ja überall herum. Das wollten wir nicht. Der Skoda ist selten. Also, so selten jetzt auch nicht, aber schon etwas. Trotzdem gibt es noch genug davon, wegen Ersatzteile und so ist das wichtig.«
Es ist möglich, Menschen zu Tode zu reden, ich weiß das sicher.
»Komischerweise war es nicht so einfach, Schonbezüge für den Wagen zu bekommen. Wir wollten Lammfell haben, das ist im Winter sehr angenehm.«
Ich schaue noch immer aus dem Fenster.
»Hörst du mir überhaupt zu?«
Ich reagiere nicht.
»Hallo, hörst du mir zu?«
Ich tue aufgeschreckt: »Hm? Was?«
Frau Moori steigt wieder ein, »Ich erzähle gerade von unserem Auto, dem Skoda? Kombi? Naja, ich sach, wir sind sehr zufrieden, ein schönes Auto.«
Frau Moori schaut aus dem Fenster und ich überlege genervt, seit wann wir uns eigentlich duzen.
Vom Schreibtisch gegenüber redet es in meine Gedanken hinein: »Die Lammfell-Schonbezüge haben wir dann doch noch bekommen, und zwar bei einem Volkswagen-Händler bei uns um die Ecke am Adlergestell. Der ist sehr freundlich und wahrscheinlich werden wir da unser Auto wieder in die Inspektion bringen. Die letzten Jahre waren wir bei der Werkstatt in Schönefeld, aber jetzt sind die pleite. Schade, die waren billig.«
Ich krame meine Unterlagen zusammen, murmle, »Frau Moori, ich hab’ einen Termin, wir sehen uns später«, und schließe die Bürotür hinter mir, bevor Frau Moori reagiert.
Es ist 13:30 Uhr, ich sitze im Auto und beschließe eine Fahrt nach Alt-Schönefeld auf der Suche nach einem Kaffee. Die Fahrt ist kurz und führt im Bogen über eine Brücke über die Eisenbahnschienen. Von hier oben kann ich gut erkennen, wie sehr das Örtchen auf den neuen Flughafen eingestellt ist. Riesige Flächen sind als Gewerbegebiete ausgewiesen und verkehrlich erschlossen, aber außer der Post, dem Holiday Inn und viel Unkraut hat sich noch niemand hier angesiedelt. Das Holiday Inn ist kühl und scheint verlassen, trotzdem bekomme ich meinen Kaffee und eine Zeitung.
Pünktlich um drei Uhr stehe ich bei Claudia Lässer im Büro. Es war gar nicht so einfach, hierher zu kommen, das Gebäude ist am anderen Ende des Flughafengeländes und nur zu Fuß zu erreichen. Zwei Sicherheitstüren können nur durch telefonische Anmeldung überwunden werden und bremsen den Besucher weiter aus, zwei Mal klingele ich mir einen wunden Finger, bevor jemand reagiert und mich herein lässt. Wenn das Sekretariat nicht besetzt ist, kann man versuchen, mit dem Handy im Gebäude jemanden zu erreichen oder einfach warten, bis irgendjemand herauskommt. So jedenfalls erläutern mir das meine Kollegen später. Frau Lässer ist dankbar für meine Hilfe mit der Berechnung der finanziellen Auswirkungen ihrer GF-Vorlage, sie ist in meinem Alter.
Sie hat die Vorlage schon wieder weitgehend überarbeitet und erläutert dazu: »Weißt du, das Problem ist einfach, dass so viele in der Sache mitreden und jeder seine eigenen Vorstellungen hat. Das muss dann alles so eingearbeitet werden, dass nicht wieder irgendeiner unzufrieden ist, die Geschäftsführung nimmt nur Vorlagen an, mit denen alle Bereiche einverstanden sind.«
»Das kann ja nicht sein«, werfe ich ein. »Das liefe ja dann auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinaus.«
»Doch, so ist es aber. Glaube mir, ich bin seit zehn Jahren hier. Das ist gar nicht so einfach, ich schreibe schon den ganzen Tag an dieser Vorlage herum.«
Ich bin beeindruckt.
»Aber die Wirtschaftlichkeitsrechnung ist unverändert, sollen wir die durchgehen?«, schlägt sie vor.
Also gehen wir meine Anmerkungen durch. Nach einer Stunde sind wir damit fast fertig, als Claudias Chef das Büro betritt. Claudia stellt uns vor und erläutert, dass wir gerade durch die GF-Vorlage »Entwicklung Baufeld Ost« gehen.
»Ah, ja, Baufeld Ost, dazu habe ich gestern Abend noch mit Nummer 7 gesprochen, da fehlten ja nur noch die Zustimmungen von Zentralcontrolling und Buchhaltung und Nummer 7 hat gesagt, das geht in Ordnung. Also, das hat sich erledigt, das ist durch. Aber was anderes, Frau Lässer, können Sie mir eben die Unterlagen ›Selchow‹ heraussuchen? Super eilig, ich habe jetzt einen Termin beim Chef. Reichen Sie es einfach rein, ja?« Und weg war er.
Immerhin ist es jetzt schon fast vier Uhr, ich kann nach Hause fahren. Das hätte ich mal gleich nach dem Mittagessen tun sollen.
Donnerstag, der elfte Arbeitstag
Was ist schlimmer, keine Arbeit oder sinnlose Arbeit? Das erste ist anstrengend, das zweite ist deprimierend.
Ich erreiche den Flughafen kurz nach neun, die Kollegen sind alle schon da. Diejenigen von meinen Kollegen, die Tarifmitarbeiter sind und der Zeiterfassung unterliegen, kommen möglichst früh und gehen möglichst spät. Für die Überstunden gibt es Aufschläge und für jeweils acht Stunden gibt es einen Gleittag und die Kollegen sparen die Zeit für die Anfahrt und die Abfahrt zum Flughafen. Der Rest der Mitarbeiter kann kommen und gehen, wann er will, sofern die Arbeit gemacht ist. Soweit jedenfalls die für mich günstige Interpretation meines außertariflichen Arbeitsvertrages.
Ich betrete mein Büro. »Guten Morgen, Frau Moori!« Es folgt der feuchte Handschlag.
Ich fahre meinen PC hoch und gehe Hände waschen. Heute liegt nichts an, kein Termin und bisher auch keine E-Mail. Ich surfe erstmal die Seite der FAZ an, anschließend lese ich online DIE ZEIT.
Frau Moori lehnt sich weit zurück und verschränkt die Finger hinter dem Kopf: »Wie war es gestern im Bereich Liegenschaften?«, erkundigt sie sich.
»Gut, ich habe mit Frau Lässer die GF-Vorlage durchgesprochen.«
»Hast du die Meyer schon getroffen?«
»Nein, morgen haben Torsten und ich einen Termin mit ihr.«
»Da kann ich dich gleich warnen.« Frau Moori zieht die Stirn bedeutungsvoll hoch. »Weil die Frau Meyer ist eine falsche Schlange, eine ganz miese Person ist das. Aber ich will da nicht vorgreifen. Du wirst schon selbst sehen!«
Ich muss irgendwas tun, ich werde sonst irre. Ich google »Fortbildung« und komme nach einigen Links auf die Homepage der Fernuni Hagen.
»Willst du gar nicht wissen, wie ich bei der Meyer zu der Einschätzung komme?« Frau Moori lässt nicht locker.
»Nein, ich finde deinen Vorschlag sehr vernünftig, dass ich mir selbst ein Bild mache.«
Frau Moori ist zufrieden, »Ja, das ist er.«
Sie wendet sich wieder ihrem PC zu und ich informiere mich über die Uni Hagen.
Nach zwei Minuten setzt Frau Moori wieder an: »Eins noch, wegen der Meyer, ja? Also, ich will dir eins sagen, du kannst nur auf ihrer Seite sein oder auf meiner, nur, damit das klar ist.«
Ich kann so nicht arbeiten. Frau Moori sitzt auf ihrem Bürostuhl weit zurückgelehnt, die Arme verschränkt.
»Ist das klar?«, hakt sie nach.
Ich weiche aus. »Ich habe es gehört.« Sie ist zufrieden.
»Weil«, Frau Moori verschränkt die Finger hinter dem Kopf, »das war damals so, dass … «
»Du, ich muss eben zu Torsten rüber«, unterbreche ich sie und laufe in das angrenzende Büro. Torsten sitzt an seinem PC, er steht auf und begrüßt mich mit Handschlag.
Wir sprechen über die GF-Vorlage. Torsten weiß auch nichts von einer Entscheidung durch seinen Chef, Nummer 7. Für mich jedenfalls ist die Sache erledigt. Ich gebe Torsten die Unterlagen zurück. Er schaut kurz darauf, locht den Kram, greift sich zielgerichtet einen schon sehr schwangeren Ordner und heftet die neuen Seiten dazu. Dann wendet er sich mir zu und es folgt etwas Smalltalk. Nach etwa einer Stunde verlasse ich das Büro ohne Aufgaben zum Flur hin und beschließe einen Spaziergang über das Gelände. Es ist später Vormittag, es ist angenehm und noch nicht so heiß.
Ich denke über Nummer 7 nach. Er ist Bereichsleiter und Chef von Torsten. Er ist Diplom-Mathematiker und über eine große Beratungsgesellschaft zum Flughafen gekommen. Und seitdem kommen viele Aufträge vom Flughafen an die Beratungsgesellschaft zurück. Mein Bewerbungsgespräch bei ihm war, wie bei den Beratern üblich, eine Fallstudie. Das läuft dann so ab, dass der Bewerber mit Informationen zugeschüttet wird, Wichtiges von Unwichtigem trennen muss, um anschließend eine Entscheidung zu fällen. Alles keine Atomphysik, besonders, wenn sich ein Absolvent der Wirtschaftswissenschaften mit einem in wirtschaftlichen Themen nur leicht bewaffneten Mathematiker unterhält. Die Berater der großen Gesellschaften sind sicher mehrheitlich keine Dummköpfe, aber sie sind in der Regel jung und weit über jedes gerechtfertigtes Maß hinaus selbstbewusst. Ich bin sicher, dass ich in meinem Unternehmen als obersten kaufmännischen Leiter keinen Biologen einstellen würde. Auch keinen Logopäden. Und eben auch keinen Mathematiker, egal, ob er von irgendeiner Beratung kommt oder direkt vom Imperator höchstpersönlich. Nummer 7 werde ich erst bei seinem Abschied wieder sehen.
Der Chef von Claudia Lässer kommt mir entgegen: »Na, unterwegs zum Termin?«
»Nein, ich gehe spazieren!« Er lacht.
Ich muss das nächste Mal einige Unterlagen mitnehmen, das ist in meiner Situation wichtig.
Freitag, der zwölfte Arbeitstag
Es ist 9:10, ich betrete das Büro, Austausch von Grußformeln, Händedruck feucht, PC hochfahren, Hände waschen.
Die Reinigungskraft kommt, ich laufe zu Torsten ins Büro. Es gibt nichts Neues und auch keine Information, was bei der GF-Vorlage beschlossen wurde.
Zurück in meinem Büro, immer noch »Situation rot« bei Frau Moori, schlechte Laune auf hohem Niveau. Frau Meyer ist anscheinend ihre Erzfeindin, der Termin mit ihr ist heute um 14 Uhr. Frau Moori sabbelt halb zu mir, halb vor sich hin über das Schlechte im Leben und in Frau Meyer. Ich bemühe mich, nicht hinzuhören. Mit dem Fernstudium komme ich nicht weiter, nichts hat mich so richtig angesprochen. Vielleicht sollte ich eine Doktorarbeit schreiben? Andererseits sehe ich darin keinen wirklichen Mehrwert. In meinem Jahrgang ist der Doktor oft so etwas wie der Geländewagen unter den Titeln, ein kleiner Egobooster, dabei oft sinnlos und meistens schlecht verarbeitet. Die Deutschen lieben den Titel, aber der Rest der Welt belächelt uns dafür. Außer – natürlich – Österreich. Ich suche weiter, aber ich kann nicht abstreiten, dass mir sehr langweilig ist.
Auf Arbeit für das Nichtstun bezahlt zu werden, ist eine Situation, die sicher für viele einem Ideal nahe kommt. Dahinter steckt die Idee, dass tun kann, was will, wer nichts hat, was er tun muss. Und diese Vorstellung ist falsch, weil in einer Büroumgebung diese Freiheit nicht gegeben ist. Der nicht ausgelastete Mitarbeiter kann nicht anfangen, im Büro seine Modelleisenbahnanlage aufzubauen oder Ölgemälde zu pinseln. Wer keinen Ärger mit seinem Chef haben will, sollte möglichst acht Stunden am Tag beschäftigt aussehen. Das schränkt den Raum der Möglichkeiten gewaltig ein.
Ich schaue hoch zu der Wanduhr über der Tür. Sie scheint stehen geblieben zu sein, es kann doch nicht erst halb zehn sein. Ich gleiche das mit meiner Armbanduhr ab: Doch, es stimmt, es fehlt noch eine halbe Stunde bis zehn Uhr. Aber anscheinend gibt es Probleme mit dem Sekundenzeiger! Er kommt nicht vom Fleck! Ich beobachte ihn. Er springt eine Einteilung weiter und steht dann da wie angewurzelt und zeigt genau auf die Nummer vier. Es vergeht viel Zeit, viel zu viel Zeit. Müsste er nicht längst die nächste Einteilung genommen haben? Da, endlich! Der Sekundenzeiger ruckt vor, zittert kurz und zeigt nun auf den unteren Bereich der vier. Wie lange soll das denn dauern, bis wir die fünf erreichen, in dem Tempo? Der Zeiger ruckt weiter, zittert wieder und bleibt stehen. Das sind mindestens anderthalb Sekunden. Hat das Universum Probleme, die bleischwere Zeit durch die Gegenwart hindurchzuziehen?
Ich schaue von der Uhr wieder auf, aber außer mir scheint niemand die Zeitlupe zu bemerken. Vom Schreibtisch gegenüber kommt das Hintergrundmurmeln, irgendwelcher Text, dumpf und monoton, wie in einer fremden Sprache und durch schwere Vorhänge gesprochen.
Ich stecke mein Portemonnaie ein und schaue bei Karl im Büro vorbei. Er sitzt tatsächlich alleine, das Büro ist etwas dunkel, vor seinem Fenster stehen hohe Bäume.
»Hey Karl! Ich will eben einen Kaffee aus der Kantine holen, kommst du mit?«
Karl lächelt. »Klar! Danke, dass du an mich gedacht hast.«
Karl schließt hinter uns sein Büro ab, dann schlägt er vor: »Lass uns doch ins Terminal laufen, da ist nicht so viel los, der Kaffee ist besser und wir bekommen etwas frische Luft?«
Da bin ich dabei. »Steckt ihr auch im Monatsabschluss im Moment?«, eröffne ich das Gespräch, während wir unsere Schritte den Gang entlang Richtung Norden lenken.
»Also ich nicht so, ich erstelle ein Mal jährlich die Nebenkostenabrechnung für die Mieter, für den Jahresabschluss. Mit den Monatsabschlüssen habe ich nicht so viel zu tun.«
»Wieso werden denn die Nebenkostenabrechnungen bei euch erstellt, die Mieter sind doch im Bereich Liegenschaften oder nicht?«
»Das ist witzig, dass du das sagst. Früher habe ich auch so gedacht, zumal ich ja auch gar keinen richtigen Einblick in die Mietverträge habe. Ich erstelle das also irgendwie und dann kommt aus dem Bereich Liegenschaften ein ganzer Stapel zurück mit Anmerkungen, was sich alles geändert hat, welche Mieter längst ausgezogen sind und so. Total ineffektiv.«
»Was meinst du damit, früher hättest du auch so gedacht?«
Wir sind am Ende des Ganges angekommen, Karl stemmt die schwere Tür zum Parkplatz auf und wir treten ins Leben hinaus.
»Ich habe irgendwann vorgeschlagen, das anzupassen. Aber das war nicht gut, meine Chefin hat mich dann gefragt, ob ich meine Arbeit nicht machen wolle. Und ob ich denke, dass es an mir sei, Aufgaben aus ihrer Abteilung in einen anderen Bereich zu verschieben.«
Karl schweigt und schaut vor sich hin. Schließlich fährt er fort, er wirkt etwas traurig: »Weißt du, das hier ist nur ’n Job.«
Wir schweigen beide eine Weile, bevor er fortfährt.
»Lass uns über etwas anderes reden: Was machst du, wenn du nicht hier bist?«
Vor dem Terminal steht ein Segafredo-Kaffee-Kiosk. Da gibt es nicht nur sehr guten Kaffee, sondern auch Muffins und Sitzplätze in der Sonne. Ein sehr guter Ort für die Frühstückspause.
Später an diesem Tag, um kurz vor zwei, machen Torsten und ich uns auf den Weg zur Frau Meyer. Frau Meyer sitzt im selben Bürogebäude wie Claudia Lässer, das ist vom Hauptgebäude etwa zehn Minuten zu Fuß. Wir verlieren noch einige Minuten an den Gegensprechanlagen der beiden Sicherheitsschleusen, bevor schließlich jeweils der Summer geht, die Verwaltung der Liegenschaften ist gesichert wie ein Geheimbund. Frau Meyer begrüßt Torsten herzlich und mich etwas reserviert. Ich darf wieder vortragen, wer ich bin und woher ich komme, anschließend äußert Torsten, wie sehr er erleichtert ist, mit mir die Unterstützung gefunden zu haben, die seine Abteilung so dringend braucht. Frau Meyer steigt ein und klagt minutenlang über ihre Arbeitsbelastung, wir hören geduldig zu. Anschließend gibt es etwas loses Geplänkel zwischen Frau Meyer und Torsten über dieses Projekt oder jenes Vorhaben. Ich streue einige Fragen ein, habe aber keine Ahnung, worum es geht und wann ein neues Thema beginnt. Bald ist eine Stunde um und Torsten und ich befinden uns auf dem Rückweg ins Hauptgebäude. In meinen Augen ist die Situation gegenüber vor zwei Stunden unverändert. Außer natürlich, dass ich nun einige wirre Notizen bei mir habe.
Torsten aber ist zufrieden: »Solche Gespräche müssen wir einfach regelmäßig mit den Bereichen führen, um auskunftsfähig zu sein und konkret die Transparenz der Ergebnisse sicherzustellen.«
Ich stimme ihm zu und setze nach: »Torsten, was mir noch nicht richtig klar ist, die Frau Meyer macht den Monatsabschluss und alle anfallenden Controllingaufgaben aus dem Bereich. Was ist dann meine Aufgabe, soll ich ihre Arbeit kontrollieren, die Zahlen überprüfen?«
»Nein, aber du musst wissen, was dahintersteckt, was sie meint mit dem, was sie schreibt.«
»Wenn es darum geht, auskunftsfähig zu sein, um Fragen beantworten zu können, dann ist die Frau Meyer das doch schon. Wer immer etwas wissen will, fragt einfach Frau Meyer.«
Das will Torsten so nicht gelten lassen. »Das stimmt zwar, aber Frau Meyer arbeitet für den Bereich und ist damit nicht unabhängig.«
»Einverstanden, aber ist es dann nicht besser, ich erstelle den Monatsabschluss und kümmere mich um die Controllingaufgaben? Dann ist er unabhängig und ich bin auskunftsfähig und wir haben keine Doppelarbeit.«
»Ja, so war es ja mal«, erläutert Torsten, »aber es ist geändert worden. Und jetzt ist es eben so.«
Torsten wirkt etwas genervt, er wechselt das Thema. Er hat zwei Kinder und seine Frau arbeitet nicht.
Zurück in meinem Büro lasse ich mich in meinen Stuhl fallen. Frau Moori hat die übliche Haltung eingenommen, weit zurückgelehnt, die Finger hinter dem Kopf verschränkt.
Es dauert nicht lange bis zu ihrem ersten Kommentar: »Und? Habt ihr wichtige Strategiegespräche mit Frau Meyer geführt, während ich hier die Arbeit gemacht habe?«
Ich packe wortlos meine Sachen zusammen und fahre nach Hause.
Die dritte Woche
Montag, der 13. Arbeitstag – »The Door Incident«
Es ist kurz vor neun, ich habe das Gelände des Flughafens erreicht, das Auto geparkt und den Motor abgestellt. Es nützt nichts, der nächste Schritt ist der Gang ins Büro. Acht Stunden erweitertes Schlafen, bevor gegen fünf mein echtes Leben beginnt. Leider bin ich dann vermutlich wieder müde und gereizt vom Nichtstun. Ich betrete mein Büro, Frau Moori ist schon da, feuchter Händedruck und launige Bemerkung, sie scheint heute gut drauf zu sein. Ich fahre den PC hoch und gehe Hände waschen. Zurück auf meinem Bürohocker habe ich mich kaum hingesetzt, da kommt Torsten ins Zimmer und wünscht uns einen guten Morgen. Er läuft hinüber zu Frau Moori, es folgt der Handschlag. Torsten lässt sich nichts anmerken, aber ich kann die Feuchtigkeit schmatzen hören. Jetzt bin ich dran und ja, Torstens Hand ist noch feucht. Toll, da kann ich gleich wieder Hände waschen gehen.
Mein Chef geht in sein Büro zurück: »Ich lasse unsere neue Tür gleich mal offen, ja?«
Frau Moori ist damit nicht einverstanden, sie läuft hinterher und steht nun in der Tür zu Torstens Büro: »Das ist ja nicht dein Ernst, oder? Wir wollen doch hier nicht die Tür dauernd offen stehen lassen!«
»Das hatten wir doch besprochen! Verbesserung der Kommunikation in der Abteilung, erinnerst du dich?«
»Ja, klar, Verbesserung, super. Aber so will ich das nicht, weil, ich will dir nicht beim Tippen deiner E-Mails zuhören! Ich mache die Tür zu.«
Torsten hält dagegen: »Nein, lass die Tür offen.«
Frau Moori kümmert sich nicht um die Aufforderung und zieht die Tür zu. Ich bin mehr als gespannt und … es passiert nichts. Frau Moori setzt sich wieder an ihren Schreibtisch, sie hat einen hochroten Kopf aber dafür dieses Gefecht klar für sich entschieden. Damit dürfte geklärt sein, wer nach Punkten Chef der Abteilung ist. Ich bin gar nicht überrascht, als Frau Moori nach wenigen Minuten von ihrem PC abrückt und die Arme auf dem Bauch verschränkt. Ich bin erfahren genug und weiß, in wenigen Sekunden geht das Wort an mich.
»Du willst doch die Tür auch nicht dauerhaft offen haben, oder etwa doch?«
Es ist halb zehn und den Tag kann ich an den Nagel hängen.
Dienstag, der 14. Arbeitstag – Das Rauschen
Der Dienstag verläuft wie der Montag und der Mittwoch wird verlaufen wie der Dienstag und diese Woche wird sein wie die letzte war und die nächste sein wird. Im Kleinen werden die Dinge anders sein. Die Stelle, an der mir auf dem Weg zur Arbeit morgens der weiße Golf mit der schwarzen Motorhaube begegnet, das Essen in der Kantine, die Gespräche mit den Kollegen. Im Großen werden die Dinge auch anders sein, das Leben außerhalb des Flughafens zieht weiter, wie die Jahreszeiten eben auch. Und dennoch, in der so wichtigen Größe dazwischen wird mein Leben für die nächsten 18 Monate sein wie ein schlechter Traum, ein vollkommen weißer Raum, zu großen Teilen vollkommene Monotonie, Langeweile und Gleichförmigkeit. Ein Leben wie weißes Rauschen im Bewegtbild, es ist da, es ist nicht richtig, es ist monoton. Es bewegt sich und doch ist es vollkommen sinnlos. Zunächst ist das nicht weiter verdrießlich, es rauscht und es flimmert. Die Zweifel kommen zuerst. Was soll das sein? Was ist daraus zu machen? Was soll daraus zu machen sein? Aber das Rauschen farblos. Und das Flimmern schwarz und weiß. Es dauert an und es ist nicht abzuschalten. Für acht Stunden am Tag. Es rauscht. Jeden Tag. Es flimmert. Jede Woche. Monotonie und Langeweile, jeden Tag und jede Woche und jeden Monat. Es rauscht und es flimmert. Und es tötet. Die Begeisterung stirbt als erste, und an dieser Stelle, in der dritten Woche meiner Arbeit beim Flughafen, starb meine Begeisterung. Die Neugier hält sich etwas länger, aber eingelullt in das Rauschen wird auch sie nicht überleben. Das Interesse ist nicht so weit von der Neugier entfernt und wird bald folgen. Mit einigem Abstand und schließlich zuletzt stirbt der Mitarbeiter und mit ihm stirbt, was noch an Motivation und Antrieb es bis hierher geschafft hat. Das ist die innere Kündigung, der Mitarbeiter versinkt im Rauschen und wird selbst zu weißem Rauschen. Die letzte Stufe werde ich nach etwa sechs Monaten erreicht haben, um Weihnachten herum.
Am Dienstag findet wieder unsere interne Controllingrunde statt. Torsten hat Kaffee gekocht. Wir sitzen zusammen, eine Agenda gibt es nicht und ein Protokoll auch nicht. Torsten erzählt, anschließend sind wir der Reihe nach dran. Herr Lackner hat einen validen Punkt und fragt, wie wir mit der Planung dieses Jahr umgehen wollen. An der Stelle setzt die Querbeet-Diskussion ein. Jeder ruft herein, unterhält sich mit seinem Sitznachbarn über einen Teilaspekt, während der Beitrag eines Kollegen noch nicht beendet ist. Es gibt keinen für mich erkennbaren roten Faden. Am Donnerstag setzen wir uns wieder zusammen und wiederholen die Besprechung, weil niemand mehr weiß, was besprochen und beschlossen wurde. Eine Agenda gibt es auch für das Wiederholungsmeeting nicht und ein Protokoll auch nicht.
Am Freitagvormittag bekomme ich eine Terminanfrage von Karl, im Betreff steht »Feinabstimmung interne Verrechnung« und zum Treffpunkt steht da »Am üblichen Ort«. Also finde ich mich zur angegebenen Zeit im Segafredo vor dem Terminal ein. Karl sitzt schon da und hat für mich einen Kaffee mitbestellt. Außerdem hat er Hans mitgebracht, ein Kollege vom Flughafen und ein alter Schulfreund von ihm.
Privat suche ich eine Form der Weiterbildung, die ich möglichst online machen kann. Und natürlich noch immer nach einer Wohnung. Obwohl ich schon gar nicht mehr weiß, was ich eigentlich hier will. Die möblierte Zwischenlösung jedenfalls müssen wir Ende Juli räumen, sie ist nicht mehr verfügbar. Ein mieser Job und kein Zuhause, ein echter Tiefpunkt.
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