Kitabı oku: «Ohne Obdach»
Matthias Unterwegs
OHNE OBDACH
Leben auf der Straße
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016

Foto: Marie Löwe
Matthias Unterwegs
- geboren 1958 in der DDR
- nach der vom Regime verweigerten Zulassung zum Abitur Ausbildung zum Krankenpfleger, anschließend Theologiestudium
- etwa 20 Jahre Gemeindepfarramt im ländlichen Bereich / nach der sog. Wende zahlreiche Begegnungen mit Obdachlosen, die im Pfarrhaus um Hilfe baten
- ab 2004 Klinikseelsorger / in dieser Zeit Basisausbildung in Prozessorientierter Psychologie
- bis Sommer 2017 von der Heimatkirche beurlaubt / Mitarbeit in einer protestantischen Gemeinde in Südfrankreich als ehrenamtlicher Pfarrer / Lebensunterhalt dort als Gärtner und Reparaturhandwerker in gedanklicher Nähe zum Arbeiterpriestertum / Weiterführung des Studiums am Institut für Prozessorientierte Psychologie in Zürich
Alle Erlöse des Autors aus diesem Buch
kommen Obdachlosenprojekten zugute.
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detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Berti und Peter, für Ruben und Sven, sowie für Hermann und Harry, die in diesem Buch zum Teil anders heißen und für alle Namenlosen, die keine dauerhafte Bleibe haben.
Ein Schüler fragte den Rabbi:
„Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht
gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?“
Darauf antwortete der Rabbi:
„Weil sich niemand mehr so tief bücken kann!“
Jüdische Legende
Inhalt
Cover
Titel
Über den Autor
Impressum
Widmung/Zitat
TEIL I
Aufbruch
Das Foyer le Relais
Übersehen werden
Deutschland – Erfahrungen als Durchreisender
Freiheitsberaubung?
Notunterkünfte in und um Stuttgart
Ulm – eine Weile vor Ort
Krise
Geburtstagsgeschenke
Zwischenstation
Montpellier – unter den Brücken
TEIL II
Zwischenbilanz
Schatten der Stadt
Engagement für Menschen ohne Obdach
Die Vesperkirche
Das Gesundheitszentrum für Obdachlose der
Jenny De la Torre Stiftung
Das Grab mit den vielen Namen
Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan
Der Spur des Herzens folgen
Zahlen und Fakten
Fehlende Krankenversicherung
Betteln und das Recht
Sinti und Roma
Was tun in der Begegnung?
Mein Weg in das Projekt
Eine leise Antwort
Danksagung
Kein Nachwort, aber ein Brief an Matthias
TEIL I
Aufbruch
Gegen drei Uhr werde ich wach. Es ist mitten in der Nacht. In der Luft liegt eine große Feuchtigkeit. Es ist eiskalt. Aus dem Bambusgebüsch, das mir zum Nachtquartier geworden ist, heraustretend sehe ich die dicken Schneeflocken. Wie komme ich durch diese Nacht? Die Zeit wird lang. Hier kann ich nicht bleiben. Ich packe die Sachen und will mich warm laufen. Dicke Schneeflocken schmelzen auf der Jacke. So werde ich bald durchnässt sein. In diesem Moment weiß ich zum Glück nicht, dass es in den nächsten Wochen für Südfrankreich außergewöhnlich kalt bleiben wird. In Carcassonne, nur etwa 50 km vom Mittelmeer entfernt, wird am 3. Mai dick Schnee liegen. Keiner kann sich erinnern, dass es das je gegeben hat. Ich werde dann in Montpellier sein, wo es nicht friert, aber in Unmengen eiskalt regnet. Der im Bau befindliche Regenwasserkanal, der dort mein geschützter Schlafplatz sein wird, wird sich fluten.
Gestern, am 7. März bin ich aufgebrochen. Ich habe mich entschieden, zwei Monate das Leben auf der Straße zu teilen. Zurzeit lebe ich in Frankreich in der Nähe von Toulouse. Beginnen will ich mit diesem Weg in Albi. Warum kann ich nicht genau sagen. Ich folge einem inneren Impuls. Mir ist etwas unheimlich und ich habe Sorge, ob ich das aus- und durchhalte. Ich packe einen Rucksack mit Schlafsack, Isomatte, ein bisschen Wechselwäsche. Das Telefon und die Bankkarten bleiben zu Hause. Knapp zwanzig Euro habe ich dabei. G. bringt mich in den Nachbarort an den Bahnhof und setzt mich ab. Das erste Problem habe ich bereits am Fahrkartenautomaten. Er akzeptiert nur Münzen oder eine Bankkarte. Der Schalter ist geschlossen. Ich suche eine Kneipe, um einen Schein zu wechseln. Zum Glück gelingt es mir, mich mit meinen wenigen Brocken Französisch verständlich zu machen.
Im Zug macht mich eine freundliche Schaffnerin darauf aufmerksam, dass ich meine Fahrkarte nicht „compostiert“ hätte. Die Entwertung ist bei jeder französischen Fahrkarte vor dem Einstieg nötig, sonst gilt das als Schwarzfahren. Doch die Schaffnerin sieht von einer Bestrafung ab. Mein Zug fährt durch Toulouse. Unter einer großen Straßenbrücke sehe ich ein kleines Lager: Zelte, Matratzen, eine Feuerstelle. Da wohnen Menschen im wahrsten Sinn des Wortes unter der Brücke.
Am Nachmittag komme ich an. Albi ist eine kleine Stadt mit einer alten festungsartigen Kirche. Vier Euro achtundneunzig habe ich noch in der Tasche. Auf der Straße grüßt mich eine Frau freundlich. Ich frage sie nach einer Bäckerei und wo man schlafen könne: „Je suis sans abri“1. Sie zeigt mir den Weg zur nächsten Bäckerei, dann weist sie mich auf eine Anlaufstelle mit dem Namen „Colibri“ hin, die Obdachlosen weiter helfe. Ich reime mir das aus den Bruchstücken, die ich verstehe, zusammen und nehme die Richtung wahr, in die sie zeigt. Zuletzt schnorrt sie mich an, bittet um einen Euro für Brot. Ich zögere einen Augenblick – was bleibt mir denn dann? – und gebe ihr den Euro. Das Körnerbaguette, das ich in der sonntags geöffneten Bäckerei kaufe, schmeckt köstlich. Ich esse sparsam, es soll durch den restlichen Tag reichen. In der vage angezeigten Richtung finde ich das Colibri-Büro nicht. Eine Passantin fragt mich, wonach ich suchen würde. Ich versuche ihr zu sagen, dass ich ohne Obdach sei und einen Ort zum Schlafen brauche. Ob ich bezahlen könne – „Non“. Und sie zeigt mir den Weg zum „parc de loisir“2. Da gäbe es auch Wasser, um sich zu waschen. Ich finde den Freizeitpark am Tarnufer. Es gibt Spazierwege, Picknickplätze, Spielgeräte und einen größeren Teich, sowie am Rand einen Gebäudekomplex „salle de fête“ mit von außen zugänglichen Toiletten. Ein guter wirklich geschützter Schlafplatz ist auf den ersten Blick nicht zu finden. Was nun? In der Nähe des Bahnhofes hatte ich an einem Haus die Aufschrift gelesen „Église Évangélique“3. Da würde man einem Obdachlosen das Nachtquartier wohl nicht verweigern – oder? Doch ich will die erste Nacht auf diesem Weg im wahrsten Sinn des Wortes ohne Obdach verbringen, auch wenn mir unheimlich ist. Ein hohes Bambusgebüsch an einem Hang soll mich beherbergen. Noch scheint volle Sonne, doch im Wind liegt zunehmend eisige Kälte. Kinder spielen. Jogger sind unterwegs. Familien haben sich zum Picknick nieder gelassen. Bald leert sich der Park. Was kann ich jetzt tun? Auch wenn es schon dunkel wird, ist es noch lange hin bis zu der Zeit, zu der ich normalerweise schlafen gehe. Es ist ganz ungewohnt, nichts zu tun. So ziehe ich noch einmal los, um Albi zu erkunden. Dabei finde ich zufällig das Büro von „Colibri“ und stelle fest, dass es heute ohnehin nicht geöffnet hatte. Montags bis freitags darf man von 9 bis 12 Uhr auch ohne Termin dorthin kommen. An der Kathedrale lässt ein Priester durch einen Seitenausgang eine Frau mit einem Kind heraus. Soll ich ihn nach einem Schlafplatz fragen? Ich gehe weiter. In dem Haus mit der Tafel „Église Évangélique“ brennt Licht. Ich könnte klingeln. Doch ich will zu meiner Entscheidung stehen, diese erste Nacht im Freien zu schlafen. Ich habe Hunger. Restaurants verheißen Menüs zu durchaus erschwinglichen Preisen. Doch mein Geld reicht nicht. Ich bleibe draußen.
Zurück im Park richte ich mich in dem Bambusgebüsch ein. Das ist in dem Geländegefälle gar nicht leicht. Ich ziehe in mehreren Schichten fast alle Kleidung an, die ich dabei habe. Am Rande des Parks fährt eine Polizeistreife entlang. Wenn die mich hier finden, was dann?
Und nun bin ich also wach durch Kälte und Schnee. Die Nacht ist noch lang. Mir wird bewusst, dass das Besondere dieses Weges vielleicht im Zeithaben liegt. Doch im Moment möchte ich nur, dass die Zeit vergeht. Aber es ist doch meine Lebenszeit! Kann ich mir wünschen, dass sie vergeht? Wie kann ich in der Zeit sein – auch in solchen Augenblicken? Mein Schlafplatz für die restliche Nacht wird ein Pflaster aus einbetonierten Kieselsteinen vor den überdachten Waschbecken außen vor den öffentlichen Toiletten. Ich finde etwas Schlaf, werde immer wieder wach und bleibe noch bis sieben Uhr liegen. Als es hell wird, ist alles weiß! Es wird den ganzen Tag nicht aufhören zu schneien. Das Geld reicht noch für ein Baguette und einen Kaffee in der Bäckerei. Die Heizkörper im Bahnhofsgebäude sind warm. Das tut gut. Gegen neun Uhr gehe ich in die Kathedrale in die persönliche Stille.
In der Beratungsstelle „colibri“, sitzen ein paar Leute rum. Einige spielen Brettspiele. „Je suis sans abri, je cherche un lieu pour dormir“4 bringe ich mühsam die auswendig gelernten Wörter heraus, zu denen ich noch nicht wirklich Kontakt habe. Ein Mann gibt mir einen Kaffee und lässt mich wissen, dass eine der Frauen mich nachher beraten wird. Freundlichkeit kommt mir entgegen. Schließlich sitze ich zwei Frauen gegenüber. Sie fragen zwar nach meinem Namen und Geburtsdatum, aber ich muss mich nicht ausweisen. Als sie wissen wollen, warum ich auf der Straße sei, sage ich, dass ich bei einer Freundin gewohnt hätte und mache eine Geste, die alles heißen kann. Sie fragen nicht weiter nach. Alle Schlafplätze in Albi sind belegt. Es gäbe die Möglichkeit, für drei Tage in einer etwa 20 Kilometer entfernten Stadt in einer Notunterkunft des Croix-Rouge5 zu bleiben. Danach könnte ich gern wiederkommen. Dann klingelt das Telefon. Ein neues Angebot. In Lisle-sur-Tarn gibt es ein Foyer, das freie Plätze hat. Da könnte ich auch länger bleiben. Dazu gäbe es dort Sozialarbeiter, die mir weiterhelfen könnten. Bis 17 Uhr müsste ich dort sein. Wie ich das schaffe, bleibt allerdings mein Problem. Es sind fast 30 km. Die Bahnfahrkarte kostet 5,80 Euro. Mit dem „Tarnbus“ sind es nur zwei Euro, egal wie weit man in der Region Tarn fährt. Das ist sehr sozial und umweltfreundlich. Aber auch diese zwei Euro habe ich nicht. Mir sind ein paar Cent geblieben.
Ich werde betteln. Ohnehin will ich in den nächsten Monaten die verschiedenen Formen des Bettelns ausprobieren. Wie fühlt sich das an? Wie geht es mir damit? So schreibe ich auf ein Schild, das ich an meinem Rucksack befestige, meinen Satz „Je suis sans abri“ und stelle mich in eine Passage, die in einen Supermarkt führt, in der Hand den leeren Pappkaffeebecher vom Frühstück in der Bäckerei. Fast alle Leute schauen an mir vorbei. Die erste, die mir etwas gibt, ist eine junge Frau. Sie überreicht mir ein belegtes Baguette, eine Tüte mit zehn kleinen Milchbrötchen und eine Flasche Wasser. Ab und zu bekomme ich eine kleine Münze. Zwei Schülerinnen geben mir ein paar Cent. Mich berührt das, denn es hätten meine Töchter sein können in jener Zeit, als sie noch ins Gymnasium gingen. Ich weiß, dass sie immer wieder Obdachlosenzeitungen kaufen und den Preis in der Regel aufrunden, trotz begrenzter Finanzen. Mir kommen Tränen in die Augen, auch als eine Frau mir Münzen im Wert von mindestens zwei Euro gibt. Inzwischen ist so ein Betrag für mich ein kleines Vermögen, denn das „Geschäft“ scheint mühsam zu sein. Ein Mann spricht mich an und weist mich auf die Anlaufstelle „Colibri“ hin. In mir ist ein tiefes Schamgefühl. Ich versuche zu differenzieren. Rührt das daher, dass ich nicht in echter existentieller Not bin, also zum Überleben hier nicht stehen müsste, weil ich jederzeit nach Hause fahren könnte? Ist es eine Art Lüge? Nehme ich jemandem den Platz weg? Als ich das alles abgearbeitet habe, bleibt ein Anteil tiefer Beschämung, sich helfen lassen zu müssen. Ich komme auf meinem Weg jetzt tatsächlich nicht ohne Hilfe weiter. Nach zwei Stunden habe ich gut sechs Euro zusammen. Später werde ich erleben, dass dieses, was mir kläglich erscheint, ein veritabler Erfolg ist. Nicht immer läuft es so gut.
Ich laufe zum Busbahnhof. Der Bus ist gerade weg. Der Nächste fährt so spät, dass ich nicht pünktlich in Lisle-sur-Tarn ankommen würde. Also muss ich den Zug nehmen. Mit dem Ticket ist meine „Kollekte“ wie gewonnen so zerronnen. Doch mir wird bewusst, für diesen Tag ist gesorgt, mehr brauche ich heute nicht.
Das Projekt ist nicht einfach zu finden. Menschen, die ich anspreche, wissen nichts davon. Andere zeigen mir vage eine Richtung. Zwischendurch lande ich bei einem öffentlichen Gebäude in einer Rentnerrunde, die gerade vom Kaffeetrinken aufgestanden ist. Wieder erhalte ich nur eine ungefähre Richtungsangabe. Das Städtchen ist allerliebst und hätte in jedem Reiseführer in Deutschland drei Sterne. Es gibt einen kleinen quadratischen Marktplatz, von uralten Fachwerkhäusern mit Arkaden umgeben. Doch mich erreicht die Schönheit erst mal nicht. Ich gerate in Panik. Die Zeiger der Uhr rücken immer dichter auf 17 Uhr zu. Schließlich finde ich mein Ziel. Es liegt auf der anderen Stadtseite jenseits des Flusses und gehört wohl schon zur nächsten Kommune.
Das Foyer le Relais
Das Gebäude wirkt wie ein brandenburgisches Gutshaus – hohe Fenster mit Fensterläden, ein großer Vorraum, von dem eine breite Treppe nach oben führt. Auch hier werde ich freundlich begrüßt. Ich soll warten. Vor Fünf haben sie gar nicht mit mir gerechnet, offensichtlich hätte ich auch viel später kommen können. Oh, da hätte auch der spätere Bus gereicht und ich hätte noch ein paar Euro mehr in der Tasche. Egal, es ist wie es ist. Ich werde in ein Buch eingetragen: Name und Geburtsdatum werden erfragt. Keiner will wissen, warum ich auf der Straße bin. Wieder fragt niemand nach Papieren. Ich muss die Hausordnung unterschreiben. Der wichtigste Punkt: keinen Alkohol! Wir sind hier ein gutes Dutzend Männer, darunter offenbar noch ein paar andere Ausländer. Damnia sieht so aus, wie ich mir einen Inder vorstelle. Er trägt lange zerschlissene lockere Kleidung und hat zwei Federn im Haar. Trotz des Frostes läuft er ohne Strümpfe. Zum Essen zieht er einen Holzlöffel irgendwo aus den Tiefen seiner Kleidung. Es folgen Stäbchen, mit denen er isst. Etwas Ruhiges und Respektverschaffendes geht von ihm aus.
Es gibt einen streng geregelten Tagesablauf. Wenn ich dieses „Foyer“, wie die Franzosen es nennen, näher kennenlernen will, dann heißt das im Moment für mich: freies Leben auf der Straße adé. Das Projekt vom Roten Kreuz wäre dichter an Albi gewesen und hätte mir auf den ersten Blick besser gepasst. Dennoch entschließe ich mich, ein paar Tage zu bleiben und will einfach dem folgen, was sich mir auftut. Ich lasse mich ein, mit dem Wissen, jederzeit weiterziehen zu können. Mein Bett steht in einem Drei-Bett-Zimmer. Ein Zimmerkollege – Abdullah – kommt aus dem Sudan. Er ist sehr fürsorglich, erklärt mir alles und versorgt mich später am Tisch mit Essen. Es gibt ein reichliches Abendbrot – Kürbissuppe, Gemüse und Entenfleisch mit Reis, verschiedene Käse und als Dessert einen Joghurt. Jeder muss irgendwie mittun. Einige haben gekocht, andere decken den Tisch, die übrigen sind im Abwaschteam. In Deutschland wäre es wahrscheinlich schon ein Problem, ohne Hygieneausweis die Küche zu betreten.
Am Abend sitzen viele im Tagesraum und sehen fern. Um 23 Uhr ist Nachtruhe. Um halb acht wird geweckt. Der Tag ist klar strukturiert. Es gibt ein petit déjeuner6 - eine Schale Kaffee, Kakao oder Milch und ein oder zwei Croissant oder ähnliches. Das Toastbrot hat einen ganz leichten Schimmelgeschmack. Dann wird gemeinsam das ganze Haus gereinigt. Jeder bekommt eine Aufgabe. Neben dem eigenen Zimmer bin ich für einen Waschraum mit zuständig. Um halb neun treffen wir uns zur Arbeitseinteilung. Jeder, der hier bleiben will, muss eine Arbeit übernehmen. Ich spalte gemeinsam mit Georgio mit einer Spaltaxt, Keilen und einem Vorschlaghammer Holz, das wir unten im Keller dicht an der Holzheizung aufstapeln. Andere schneiden in einer Art Gewächshaus auf der anderen Straßenseite dünne Holzleisten auf Maß und bündeln sie für den Verkauf auf dem Markt als Kaminanzündeholz. An Schautafeln kann ich sehen, dass von diesem Projekt her im Sommer Arbeiten durchgeführt werden, wie sie in Deutschland über ABM realisiert werden: Wanderwege anlegen und markieren, Rastplätze bauen etc. Die Vormittagsarbeit wird durch eine kleine Kaffeepause unterbrochen. Die Mittagspause dauert einschließlich der üppigen Mahlzeit zwei Stunden. Es gibt wieder Kürbissuppe, dazu etwas Ähnliches wie Couscous mit einer Gemüsepfanne und Fleischbällchen aus Lammfleisch, wieder Käse, eine gekochte Birne mit Schokoladensoße und einen Kaffee. Das Essen wirkt ein bisschen wie Schlaraffenland. Die Mitarbeitenden essen mit, dazu eine ganze Reihe Männer in Arbeitskleidung, die nicht hier im Haus schlafen.
Nachmittags wird wieder gearbeitet. Ich wasche mit einem Lösungsmittel die Wände im verrauchten Aufenthaltsraum ab, der frisch gestrichen werden soll. Auch die Nachmittagsarbeit wird noch einmal durch eine Kaffeepause unterbrochen, das in Frankreich mancherorts übliche goûter, was ich noch nicht kenne.
Nach Arbeitsschluss erkunde ich das Städtchen. Nicht weit von der recht großen Kirche beginnt der Markt. Es gibt ein Internetcafé. Dort sehe ich Damnia, der wieder barfuß unterwegs ist. Er sitzt vor einem Bildschirm und hat ziemlich viele Mails vor sich. Ich hatte mir für diesen Weg eine neue Mailadresse eingerichtet. Nur die Kinder und G. kennen sie, damit ich im Notfall erreichbar bin. Ich habe versprochen alle paar Tage hinein zu schauen. Das tue ich heute zum ersten Mal. Eine halbe Stunde im Internetcafé kostet 1,50 Euro. Ich habe nur noch 90 Cent und darf für eine Viertelstunde ins Netz. G. schicke ich eine kurze Nachricht, damit sie weiß, wo ich bin. Später erfahre ich, dass das eine erste Beruhigung für sie war. Auch zu Hause hatte es geschneit und sie hatte viel Angst um mich. Es ist der dritte Tag dieser Reise. Ich bin so voller Eindrücke, dass es mir erscheint, als wäre ich schon viel länger unterwegs.
Ich versuche, mir im Haus an der Aufgabenliste die Namen der anderen Mitbewohner einzuprägen. Frank teilt andere mit ein und scheint so eine Art Vorarbeiter zu sein. Abends kommt Jan ins Haus, dem man den Sozialarbeiter schon ansieht. Abdullah ist weiterhin sehr fürsorglich. Er macht mir klar, dass ich alles Wichtige immer bei mir tragen sollte. Im Zimmer sei das nicht sicher. Als ich am Abend die Zeit verpasse, holt er mich zum Essen.
Am nächsten Morgen steht er ganz früh auf und geht. Da die meisten seiner Sachen noch hier sind, denke ich, dass er zurück kommen wird. Ich werde ihn nicht wiedersehen.
Meine heutige Arbeitsaufgabe ist, den Tagesraum weiter für die Renovierung vorzubereiten. Der Fernsehschrank muss geschliffen werden. Zum Mittagessen gibt es große Hühnchenteile, einen Salat mit Couscous und wieder Käse und Dessert. Übriggebliebenes von gestern, wie die restlichen Birnen in Schokoladensoße, wird mit aufgetragen. An diesem Nachmittag – es ist Mittwoch – wird nicht gearbeitet. Das gehört zur Ordnung des Hauses. Ich schlafe zwei Stunden, dann spaziere ich durch das Städtchen. Die Tourismusinformation, wo ich etwas mehr über die Region erfahren wollte, ist geschlossen. Etwas abseits im Ort steht das Pfarrhaus. Ich könnte ja den Priester mal nach einer französischen Bibel fragen. Doch nach dem Zeitplan, der an der Kirchentür hängt, müsste er gleich Messe im Altersheim haben. Da will ich lieber nicht stören. Am Bahnhof stelle ich fest, dass eine Fahrkarte 10,20 Euro kostet. Die muss ich also aufbringen, wenn ich von hier zu meinem ersten Zwischenaufenthalt nach Hause aufbrechen sollte7. Ob ich das mit der Mundharmonika erspielen kann? Aber dazu muss ich wohl wieder in die nächstgrößere Stadt. Doch dann müsste ich mir den Weg dorthin ja auch noch erbetteln.
Die ersten Tage bringen mir eine erstaunliche Erkenntnis: Die meisten Obdachlosen sind als solche nicht erkennbar. Sie sind gepflegt, denn in solchen Anlaufpunkten und Foyers gib es Gelegenheit, sich zu duschen, sich zu rasieren und zu essen. Ich sehe sie mit Handys, die mein uraltes Nokia, das ich zu Hause gelassen habe, völlig in den Schatten stellen. Die, die ich als Obdachlose vor Augen und in meiner Vorstellung hatte, sind vielleicht jene, die sich in einer Weise aufgegeben haben und diese Möglichkeiten nicht mehr nutzen.
Was mache ich hier eigentlich? Ich glaube, es geht darum, einfach in dem, was gerade da ist, zu bleiben und wahrzunehmen, was um mich herum und mit mir geschieht. Und vielleicht lässt sich die Zeit nutzen, um weiter Französisch zu lernen.
Beim Weg durch das Städtchen kommt mir die Frage, ob ich nicht heute schon mal betteln könnte. Aber irgendwie ist das nicht dran. Heute brauche ich kein Geld. Das kann ich übermorgen machen. Damnia ist losgezogen, barfuß mit einem Bambusstab. Der Boden ist gefroren, auf den Pfützen liegt Eis.
Donnerstag – dem Aushang an der Kirche habe ich entnommen, dass um 9 Uhr eine Messe sein soll. Als ich frage, ob ich da hingehen kann, wirkt das offenbar belustigend. Aber ich erhalte die Erlaubnis. Leider finde ich die Kirche verschlossen vor. Nach einer Weile mache ich mich auf den Weg zum Centre parossial, dem Pfarrhaus. Auf mein Klingeln hin ertönt eine Stimme aus der Sprechanlage. Dann öffnet eine alte Frau oben ein Fenster. Ob sie mich verstanden hat, weiß ich nicht. Ich kann ihre Antwort jedenfalls nicht deuten und warte weiter. Irgendwann öffnet ein älterer kleiner Mann. Ich frage nach der Messe und er sagt „terminée!8“ Es ist halb zehn. Ob er sie zu Hause gelesen hat, weil sowieso keiner in die Kirche kommt? Ich frage ihn nach einem Neuen Testament. Er verschwindet, lässt mich im Flur warten. An einer Tür ist ein Wort von Mutter Teresa, das ich so verstehe, dass man in jeder Person, die einem begegnet, Christus sehen solle. Der alte Mann kommt mit einem kleinen Buch in der Hand zurück und gibt es mir. Es riecht muffig nach altem stockigem Papier. Es ist eine Ausgabe von 1952, aber besser als gar nichts. Um mit mir vertrauten Texten Französisch zu lernen, ist es gut genug.
Heute ist es meine Aufgabe, in der Küche mit Yves und Jean-Louis das Essen vorzubereiten. Die Malerarbeiten macht Mefo. Das Verhalten am Tisch ist sehr sozial. Ich staune, wie das restliche Fleisch miteinander geteilt wird. Unter den Mitarbeitenden ist eine Neue, Beatrice, wohl auch eine Sozialarbeiterin. Sie lässt mich wissen, dass sie um 15 Uhr mit mir sprechen wolle. Ich habe Herzklopfen. Doch das Gespräch ist behutsam. Sie stellt keine bohrenden Fragen. Ich sage ihr, dass ich wahrscheinlich am Montag oder Dienstag zu einer Freundin bei Toulouse fahren könne. Ja, ich dürfe so lange bleiben. Ich frage sie, wer das alles hier bezahle und erfahre, dass das Projekt vom Conseil regional9 mit öffentlichen Geldern finanziert wird. Frank erzählt mir später von der Geschichte des Hauses. Es habe mit weiteren Grundstücken einem kinderlosen Ehepaar gehört. Dieses habe es schon vor dem zweiten Weltkrieg der Kommune vererbt mit der Auflage, es für junge Menschen in Not zu nutzen. In der Zeit der Besatzung sollen Nazis dort residiert haben.
Jetzt dient es der Reintegration von Obdachlosen. Jeder, der in Not ist, wird aufgenommen. Wer einen Integrationsvertrag unterschreibt, bekommt ein Einzelzimmer und einen Arbeitsvertrag auf Mindestlohnbasis. Davon muss er dann an das Haus Unterhalt abgeben. Die nächste Stufe der Integration ist dann eine eigene Wohnung in der Umgebung, während man in dem Projekt weiterarbeitet. Die Männer, die zum Mittagessen kommen, gehören wohl zu dieser Gruppe.
Am Nachmittag hat mich eine große Traurigkeit erfasst, ohne dass ich richtig weiß, was das ist. Meine Trennungsgeschichte ist präsent und ich hänge in den immer gleichen Gedankenschleifen, ob es nicht doch einen anderen Weg gegeben hätte …
Die Zeit wird mir lang und ich habe kein Geld, um ins Internet zu gehen, ein Lebenszeichen abzusetzen oder zu schauen, ob G. geantwortet hat. Ich werde morgen einen Versuch starten zu betteln. Abends um halb neun bin ich noch mal in dem schönen Städtchen. Es liegt wie ausgestorben da. Montag will ich sehen, dass ich hier wegkomme. Vier Tage noch, bzw. dreieinhalb. Soll ich ausharren, ich habe doch erfahren, wie es hier läuft. Aber ich merke, dass es wie in der Begleitung von Komapatienten10 ist. Damit etwas geschehen kann, muss man dran bleiben und die Leere und das scheinbare Nichts aushalten.
In der Mittagsdienstbesprechung gab es fast eine Schlägerei. Xavier, der dunkelhäutig ist, ging hoch wie eine Rakete. Er hatte einen Disput mit Yves, der dabei ganz ruhig blieb. Hinterher hat mir Frank erzählt, wie Yves Xavier provoziert hatte mit „Fucknigger“ und anderen diskriminierenden Ausdrücken. Yves provoziert gern. Mir versucht er obszöne französische Wörter beizubringen, mit denen ich die Sozialarbeiterin ansprechen solle und glaubt wohl, dass ich die Bedeutung nicht verstünde.
Ein neuer Tag. Letzte Nacht habe ich geträumt, dass ich mit meinen Kindern und weiteren Menschen aus meiner Vergangenheit unterwegs bin. Da ist eine S-Bahn, in die etwas verladen wird. Wir können zurück fahren. Doch plötzlich sind keine Gleise mehr da, nur noch zerbrochene Schwellen.
Vormittags gibt es dann richtig Stress. Alle müssen sich im Tagesraum einfinden. Immer zwei der Mitarbeiter gehen mit einem von uns auf sein Zimmer. Irgendwann wird mir klar, dass sie nach Alkohol suchen. Auch ich muss mein Zimmer zeigen, wo sich jedoch nichts findet. Mefo, der in den letzten Tagen super gearbeitet hat, ist total aggressiv. Er muss gehen. Offenbar ist er es, der gestern Abend beim Trinken gesehen wurde. Er geht fein rausgeputzt, aber hinterlässt sein Zimmer verwüstet. In der Dusche hinterlässt er mit schwarzer Schuhcreme verschmierte Handtücher. So schnell kann die freundliche Stimmung kippen.
Bei Frank haben sie Bierflaschen gefunden. Er, der einen Integrationsvertrag hat, wird verwarnt und für drei Tage ausgesperrt. Er darf das Haus nicht betreten, obwohl es weiter Nachtfrost gibt. Mir sagt er, es sei gerecht. So seien die Regeln. Er hätte es gewusst und einen Fehler gemacht. Dafür müsse er gerade stehen.
Am Nachmittag unternehme ich einen zweiten Anlauf, in die Messe zu gehen. Sie soll in einer Kapelle in der Hafenstraße sein. Aber auch da stehe ich und warte vor verschlossener Tür. Mal sehen, ob sich das später noch mal aufklärt.
Heute will ich nun aber ins Email-Postfach sehen und auch eine Nachricht senden. Aber ich habe kein Geld. Ich brauche ungefähr einen Euro, besser noch eins fünfzig. Ich traue mich nicht zu betteln. Frank ist auf dem Marktplatz. Ich schäme mich. Als er weg ist, wage ich es. Heute will ich Leute direkt ansprechen. Um meine Hemmungen zu überwinden, entscheide ich, dass ich zehn Leute ansprechen werde. Es sind dann elf oder zwölf. Ein totaler Misserfolg! Einige ignorieren mich. andere sagen, sie hätten kein Geld dabei. Nur eine Frau ist sehr freundlich und erklärt mir, wo die Herberge „Le Relais“ ist. Ich hatte versucht, ihr klar zu machen, wofür ich das Geld brauche und weiß am Ende nicht, ob sie mich verstanden hat und ob sie wirklich nichts dabei hat, wie sie sagt. Ich gehe zum Pfarrhaus. Vielleicht kann ich dort ins Internet. Es ist nur die alte Frau da. Sie ist recht freundlich und meint, ich solle es am nächsten Tag doch auf der Post versuchen. Erst hinterher fällt mir ein, dass ich sie ja wenigstens um einen oder zwei Euro für das Internetcafé hätte bitten können. So etwas Blödes, da bin ich wie gelähmt und nicht so richtig handlungsfähig. Meine ganze Energie ist nötig, um ein paar zurechtgelegte Vokabeln miteinander zu verknüpfen.
Im Relais arbeite ich wieder in der Küche mit. Es sind drei Neuankömmlinge da. Später ziehe ich nochmal los und setze mich vor den kleinen Supermarkt nur wenige Schritte vom Markplatz und spiele Mundharmonika, meine Mütze vor mir. Es gibt überhaupt keine Reaktion. Ob das an dem kleinstädtischen Gepräge liegt? Ach, ich habe Sehnsucht nach G. Hoffentlich schlummert im Netz keine dringende Mail! Beim Spielen mit der Mundharmonika gelingt es mir, für Augenblicke die Absicht zurückzustellen und einfach die Lieder in dieses Feld zu geben: Abendlieder, Volkslieder und Choräle – „Großer Gott, wir loben dich“ …
Ein neuer Tag. Das Essen ist schmaler geworden, so mehr Resteküche. Doch heute nach dem Mittagessen kommt eine Art Nahrungsmittellieferung. Ein Teil der Verpackungen z.B. Schmelzkäseecken ist schlicht weiß und hat eine kleine EU-Fahne als Aufdruck. Sie müssen aus irgendwelchen EU-Lagerbeständen kommen. Anderes ist wieder ein Sammelsurium und könnte aus Spenden einer Organisation wie der Tafel in Deutschland kommen. Die Lebensmittel werden sortiert. Ein Teil wird in der Küche eingelagert. Ein Teil wird in kleinere Partien aufgeteilt. Diese holen die Männer ab, die mit uns Mittag essen, ohne hier zu wohnen. Ich weiß noch nichts von der landesweit organisierten Banque alimentaire11. Etwa ein Jahr später werde ich in der Toulouser Niederlassung eine Weile als Ehrenamtlicher mitarbeiten. Ich werde Lebensmittelspenden sortieren oder nachmittags Bestellungen von Hilfsorganisationen und Initiativen für die Abholung vorbereiten. Im Moment ist das in weiter Ferne. Ich habe nur eine Ahnung davon, was es mit der Lieferung auf sich haben könnte.
In meinem Zimmer treffe ich auf einen großen bärtigen Mann. Er war wohl die letzten zwei Wochen unter sehr schwierigen Umständen unterwegs, bis er hier landete. Jetzt stinkt das Zimmer extrem nach irgendeinem Deo. Nachts wird es unruhig. Noch ein Neuer kommt. Xavier und der Mitarbeiter vom Nachtdienst bringen ihn rein. Er telefoniert eine ganze Weile mit seinem Handy unter der Bettdecke. Am Morgen erfahre ich, dass seine Frau ihn nicht rein gelassen hat, weil er betrunken war. Er ist so schnell wieder fort, wie er gekommen ist. Wo mag Abdullah geblieben sein? Warum ist er so überstürzt abgereist?
Übersehen werden
Um sieben Uhr werde ich wach. Es ist Samstag und arbeitsfrei. Ich will nach Galliac, in der Hoffnung, dass es dort sowohl mit dem Internet als auch mit dem Betteln besser klappt. Ich will trampen. Gleich das erste Auto hält, ein freundlicher Mann nimmt mich mit seinem ziemlich klapprigen Gefährt mit und bringt mich bis dicht ans Stadtzentrum. Da gibt es eine alte Abteikirche. Sie ist offen. Ich nehme mir Zeit für die Stille. Dann spiele ich eine Stunde vor der Tür Mundharmonika. Es kommen nur wenige Leute, niemand gibt etwas. In der Stadt finde ich eine Mediathek, zu der eine Cyberbasis gehört. Dort kann man ins Internet. Ich frage und darf gratis an einen Computer. Ich finde eine Nachricht von G. vor, die sehr erleichtert ist und kann ein Lebenszeichen versenden. Besser läuft es mit dem Mundharmonikaspiel dann vor einem kleinen Supermarkt. Ich spiele wieder Volkslieder, die ich als Kind im Posaunenchor gelernt habe und Choräle, eben meine Musik. Darin bin ich authentisch. Gern könnte ich mehr und anderes, wünschte mir die Fähigkeit, bekannte Melodien aufzugreifen, zu improvisieren. Aber ich kann das nicht. Ich komme auf fast vier Euro, bis ich von einem Verkäufer vertrieben werde. „Bonne chance!“12 wünscht er mir. Es ist sicher nicht böse gemeint, aber es ist mir dennoch irgendwie ein Hohn, da er mich gerade von meiner winzigen Einkommensquelle abschneidet. Oder musste er mich vertreiben und meint es ernst?
Eigentlich bin ich zufrieden. Wenn ich übermorgen bis Toulouse trampen würde, reicht es vielleicht für die Fahrt durch die Stadt bis in den Vorort. Ich probiere es um 14 Uhr noch einmal vor der Abteikirche, vergeblich. Nun stehe ich in einer Einkaufsstraße an einer anderen Kirche. Es kommen immer mal ein paar Menschen die Straße entlang. Aber sie schauen über mich hinweg bzw. an mir vorbei, selbst jene, die die Kirche betreten. Ich werde die nächsten Stunden hier bleiben. Ein Aushang informiert, dass es eine Abendmesse gibt. Mal sehen, was da passiert. Es ist weiterhin ungemütlich kalt. Die Leuchtschrift an der Apotheke gegenüber behauptet es seien sechseinhalb Grad. Es wird 17.30 Uhr, nur noch eine Stunde bis zur Messe, sechs Grad, ich friere. Dann geht es los, eine Gruppe Farbiger kommt an, fröhlich mit diversen Instrumenten. Nach und nach strömen immer mehr Leute herbei, Halbwüchsige in Pfadfinderuniformen und viele Erwachsene. Eine Münze wird mir in die Kappe getan. Fast alle sehen über mich hinweg. Zwei Frauen grüßen mich. Eine Frau ruft mich zu sich und bittet, dass ich sie die Treppe hoch begleite, dann lässt sie mich stehen. Ich glaube, das Schlimmste ist, immer wieder übersehen zu werden. Dass fast alle mir nichts geben wollen, finde ich nicht so tragisch. Doch dieses Über-einen-Hinweg-sehen, das ist schwierig. Du bist nichts. Du bist nicht. Mit den letzten Ankommenden gehe ich in die Kirche und besuche die Messe. Fröhlich geht es zu mit lebhafter Musik. Die Kollektenschale kommt. Mein erster Impuls ist, in meine Mütze zu greifen und die erste Münze zu nehmen, die ich in die Hand bekomme. Ich bin richtig erleichtert, dass es nur ein Zwanzig-Cent-Stück ist. Dann der nächste Gedanke: Leere deine Mütze in den Korb. Heute brauchst du nichts mehr! Das ist zu viel. Das bringe ich nicht übers Herz, bzw. durch die Hände. Das so mühsam gesammelte Geld! Da fällt es mir schwer zu vertrauen, dass der morgige Tag wieder für das Seine sorgen wird. Es wird nochmals gesammelt. Da gebe ich mir einen Ruck und schütte die Mütze in den Korb. Aber es hat nicht mehr die Kraft, wie beim ersten Anlauf. Beim Friedensgruß während der Eucharistie reichen mir die Umstehenden die Hand. Sie alle werden am Ausgang wieder an mir vorbei gehen, ohne mich zu sehen. Nur eine junge Frau gibt mir einen Euro. Es ist die größte Münze, die ich an diesem Tag bekommen habe. Ein paar Münzen waren noch in der Jackentasche. Mir bleiben drei Euro. Es ist kalt und dunkel. Ich muss nach Lisle-sur-Tarn zurück. Ich entscheide mich zu laufen, um die Zugfahrkarte im Wert von 2,20 Euro zu sparen. Es sind gut zehn Kilometer. Auf dem Weg aus der Stadt kommt plötzlich ein Mann auf mich zu und spricht mich an. Es ist ein Hüne. Ich verstehe nicht, was er von mir will. Ich habe Angst und beeile mich, fort zu kommen. Ich glaube, er wollte Geld. Doch meinen geringen Schatz will ich nicht teilen, habe ihn ja gerade erst dem nicht genommenen Zug abgetrotzt.
Solange ich durch den Vorort und das Industriegebiet von Gaillac laufe, versuche ich Autos zu stoppen. Aber wer hält schon gern im Dunkeln an! Nach dem letzten Kreisverkehr schluckt mich die Finsternis. Ich laufe auf der linken Seite. Eines der entgegenkommenden Autos wendet und hält mit Warnblinklicht an. Der Mann sagt mir etwas vom Relais in Lisle-sur-Tarn und gibt mir eine Warnweste und eine kleine Dynamotaschenlampe und schon ist er wieder weg. Das berührt mich. Ich brauche zwei Stunden von der Kirche bis nach Hause. In mir ist die Erfahrung des Übersehenwerdens. Ich kann mir gut vorstellen, dass das eines der wesentlichen Probleme ist. Wie bin ich denn früher selbst in Berlin unterwegs gewesen? Mir fällt ein Penner in der S-Bahn ein, den man zwar übersehen konnte, aber überriechen ging nicht. Ich habe damals einen weiten Bogen um ihn gemacht. Wie werde ich wohl später, nach dieser Zeit, anderen Obdachlosen begegnen?
Sonntag. Ich will in die Messe, aber ohne vor der Tür zu betteln. Ich bin frühzeitig da. Die alte Dame aus dem Pfarrhaus winkt mich zu sich ran und spannt mich ein beim Einräumen und bittet um Hilfe, die völlig verkorksten Altarkerzen in Gang zu bringen. Sie hatte mit dem Dorn des Leuchters versehentlich eine Kerze auseinander gesprengt. Ich tue, was ich kann. Die Reparatur gelingt notdürftig. Im Gottesdienst wendet sich der alte Priester den Erstkommunionkindern zu. Er geht mit den Kindern sehr warmherzig und freundlich um. Sie werden gesegnet. Nach dem Gottesdienst ist eine Taufe. Es gibt eine kleine Extrafeier, an der über die große Taufgesellschaft hinaus keiner teilnimmt. Ich bleibe – etwas abseits. Als alle gegangen sind, gehe ich zum Priester und erkläre ihm, dass ich im Relais wohne, aber morgen nach Toulouse wolle. Mir würden sieben Euro für die Fahrkarte fehlen, ob er mir helfen könne. Er wirkt hart, ganz anders als den Kindern gegenüber. Die Warmherzigkeit ist wie weggeblasen, aber er greift in die Kollektenschale und gibt mir zehn Euro. Ich will ihm mein Kleingeld dafür geben. Er lehnt das ab. Beim Verlassen der Kirche werfe ich das Geld, das ich nicht brauche, in den Opferstock und hoffe, dass das keine Kränkung war. Mir fällt der Mutter-Teresa-Spruch an seiner Bürotür ein. Aber werde ich immer den Ansprüchen, die ich an mich selber habe, gerecht? Und ich will auch gar nicht, dass er Christus in mir sucht und mir deshalb hilft. Doch ich möchte von ihm als Mensch gesehen werden.
Was ist mit dem Vertrauen, dass jeder Tag für sich sorgen werde? Das scheint ja ein wesentliches Thema des Weges zu sein. Passt es dazu, dass ich heute schon für die Fahrkarte, die ich morgen brauche, gesorgt habe? Dazu habe ich – wenn auch nicht sehr herzlich – mehr bekommen, als ich brauchte. So werde ich gleich morgen früh nach dem Frühstück den Zug nehmen können. Auf dem Weg zum Relais treffe ich einen älteren Herrn, der offenbar in dieser Straße wohnt. Er hat mich vor ein paar Tagen angesprochen. Wir haben mühsam einige Worte gewechselt. Er hat sehr freundlich auf meine Auskunft reagiert, dass ich zurzeit im Relais wohne. Heute nickt er mir zu. Ich bin SDF und dazu noch Deutscher, es macht ihm offenbar nichts aus. Das ist die Freundlichkeit, die ich mir von dem Priester gewünscht hätte. In der Begegnung mit Obdachlosen braucht es wohl die richtige Mischung: Wahrnehmen und offen sein und zugleich keine bohrenden Fragen stellen.
Für den Sonntagnachmittag ist ein Ausflug geplant. Wir mussten uns vorher schon entscheiden, ob wir mitkommen. Ich sage zu. Das Haus wird für die Zeit geschlossen. Alle Fensterläden werden zugemacht. Ob das hier nötig ist? Wir fahren in einem Kleinbus des Hauses, begleitet von einem älteren Herrn, nach Galliac. Das Abteimuseum dürfen wir kostenlos besichtigen und spazieren nachher noch durch einen sehr schönen Park. Am Abend kommt wieder ein Neuer in unser Zimmer. Er wirkt wie ein braver Familienvater, sitzt da und löst Sudokus. Er und der andere Mitbewohner unterhalten sich über die Qualität der Unterkünfte. Dieses Relais kommt bei dem, der den Tag zuvor gekommen war, ziemlich schlecht weg wegen der „jungen Leute“. Er ist lange schon ohne festen Wohnsitz, was ihm äußerlich nicht anzusehen ist. Er erzählt von Emmaus, den Einrichtungen der Fondation Abbé Pierre13: Einzelzimmer, Privatsphäre und fünfzehn Euro in der Woche Taschengeld. Dann zeigt er einen Steckschlüssel, den er einem Eisenbahner mal weggenommen habe. Damit öffne er sich auf Abstellgleisen alte Bahnwaggons, um darin zu schlafen.
In der Nacht schließt der Neue unser Zimmer von innen ab. Ich habe zu tun, es im Dunkeln aufzubekommen, als ich auf die Toilette muss.
Es gibt immer noch Nachtfrost. Gut, dass ich nicht unter irgendeiner Brücke schlafen muss. Am Morgen um 6 Uhr klingelt Frank, seine Aussperrung ist abgelaufen, er darf zurück ins Haus.
Ich frühstücke noch und verabschiede mich bei der Hausmutter. Von den Sozialarbeitern ist noch keiner da. Ich richte einen Gruß aus und will einfach nur nach Hause. Für die Mitarbeitenden bin ich ein Durchreisender gewesen wie sicher viele, die auftauchen und von denen man später nichts mehr hört. Es waren nur wenige Tage. Ich bin voller Eindrücke, als hätte ich eine lange Reise hinter mir.
Vom Bahnhof aus laufe ich zu Fuß. Am Ortsausgang hält eine Frau an und nimmt mich mit. G. ist überrascht. Sie hat noch nicht mit mir gerechnet. Etwas Fremdes ist in der Luft. Es braucht mehr als einen Tag, bis sich das legt.
Deutschland – Erfahrungen als Durchreisender
Ich bin in meinem Heimatland Brandenburg und breche von hier aus auf, um durch Deutschland zu ziehen. Mit einem Wochenendticket in der Tasche sitze ich im Zug und will bis Hof kommen. Genau kann ich nicht sagen, was mich dorthin zieht. Ich kenne diese Stadt nicht, war noch nie dort. Mit Hof verbinde ich allenfalls einige interessante Predigten, die ich immer wieder von einem dortigen Pfarrkollegen im Internet fand. Andreas, ein Freund, hat mich am Morgen zum Bahnhof gebracht. Die restlichen Scheine, die ich im Portemonnaie hatte, habe ich ihm in die Hand gedrückt. Er ist auf dem Weg zum Gottesdienst. Er soll sie in die Kollekte legen. Ich will wieder nur mit ein paar Münzen auf den Weg gehen und hoffe, dass mir das Vertrauen gelingt, dass jeder Tag für das Seine sorgt. Gut verwahrt im Rucksack ist noch ein Bahnticket von Stuttgart nach Toulouse für die geplante zweite Unterbrechung dieser besonderen Zeit. Außer diesem Fixpunkt gibt es keinen Plan. Eine Erwägung war auch, in dieser Zeit quer durch beide Länder zu ziehen. Doch ich habe sie verworfen und die Rückfahrt organisiert, um nicht in den nächsten vier Wochen unter dem Druck zu stehen, soundso viele Kilometer am Tag schaffen zu müssen, um zur verabredeten Zeit zu Hause zu sein. Angesichts der Erfahrungen meiner ersten Etappe habe ich mein Handy in der Tasche. So kann ich mal ein Lebenszeichen absetzen, falls ich nirgendwo ins Internet komme.
Hof hat eine Bahnhofsmission. Ich nehme sie wahr, will aber erst mal in die Stadt. Die große Kirche zieht mich an, sie ist katholisch. Eine Passionsandacht wird angeboten. Sie wird runter gelesen, nichts spricht mich an. Bin ich überheblich in meinem Urteil? Eine Messe schließt sich an. Die Predigt ist lebensfern. Ich schweife ab. Hänge mit meinen Gedanken in vergangenen Lebensphasen zwischen Rechtfertigung und Selbstvorwürfen. Ob ich mir irgendwann verzeihen kann? Ob es mir gelingt, den ganzen Kram mal loszulassen? Die Orgel spült die überwiegend aus älteren Leuten bestehende Gemeinde hinaus. Ich frage in der Kirche nach der Notunterkunft. Der Messdiener ist bereit, mich hinzufahren. Es ist ein erwachsener Mann. Ich dachte immer, diese Aufgabe übernähmen nur Kinder und Jugendliche. Er kann sich gar nicht vorstellen, dass man ohne Wohnung leben kann. Dann will er wissen, ob ich denn ab und zu zur Kirche gehe. Ja, antworte ich.
In der Notübernachtung des örtlichen Diakonischen Werkes informiert man mich, dass ich als „Selbstzahler“ übernachten dürfe. Das kostet 6,20 Euro – mit Frühstück mehr. Mit einem Übernachtungsschein der Bundespolizei sei es aber für eine Nacht umsonst. Wenn ich länger bleiben wolle, müsse ich selbst zahlen oder mich um einen Kostenträger wie das Sozialamt bemühen. Zwei Euro sind noch in meiner Tasche, also los zur Dienststelle der Polizei im Bahnhof. Dort stellt man fest, dass mein Ausweis auf der Fahndungsliste steht, o Schreck! Mir waren vor einigen Monaten in Stuttgart alle Papiere gestohlen worden. Nach längerer Zeit kam mein Ausweis zurück. Die dortige Polizei hat offenbar vergessen, ihn aus der Fahndung zu nehmen. Zum Glück glaubt man mir, dass ich identisch bin mit der Person, die die Plastikkarte beschreibt. Sie löschen den Vermerk in ihrem Computersystem. Hoffentlich wissen das die künftigen Computer auch, denn in Deutschland läuft ohne Ausweis nichts, wenn man auch nur die geringste Hilfe in Anspruch nehmen will, wie ich in den nächsten Wochen erfahren werde.
In der Notübernachtung hat ein Zivi Bereitschaftsdienst. Ich bekomme eine Tütensuppe warm gemacht und eine alte Scheibe Graubrot dazu. Das Zimmer hat zwei Doppelstockbetten und eine Sanitärzelle. Trotz des Rauchverbots riecht es verraucht. Auf den ersten Blick sind die Betten sauber, doch mit dem zweiten sehe ich allerhand kleine schwarze Krümel. Ein Laken ist total zerlöchert. Es ist wohl besser, meinen leichten Schlafsack zu nehmen. Ganz angenehm ist das nicht, aber ich habe ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit zur Körperpflege. Für den Moment bin ich ganz froh, allein hier schlafen zu dürfen, obwohl ich ja auch das Milieu kennenlernen und mit Betroffenen in Kontakt kommen will.
Morgen will ich weiter nach Süden, denn der Weg zum Sozialamt ist für mich verschlossen. Eine Fahrkarte nach Nürnberg kostet zwanzig Euro. Ich muss an Geld kommen oder trampen, mal sehen wie das Wetter ist.
Der Morgen fühlt sich depressiv an. Ich hasse diesen grauen Schleier, der sich immer wieder auf meine Seele legt. Ich erbitte das mir zugesagte Frühstück. Eine Frau hat Dienst. Sie kontrolliert erst das Dienstbuch, ob mir wirklich ein Frühstück zusteht. Dann gibt es Nescafé, zwei Scheiben von dem alten Brot von gestern Abend, Butter und eine Marmelade. Höflichkeit ist im Raum, aber keine Freundlichkeit, Wärme schon gar nicht. Auf in die Stadt. Die evangelische Lorenzkirche, an der ich zufällig vorbei komme, ist zu. Der Mann, der das Grundstück pflegt, vertröstet mich auf morgen. Dann nehme ich mir eine stille Zeit halt in der katholischen Kirche. Wo finde ich nur diese Hospitalkirche, wo diese ansprechenden Predigten her kamen? Ob ich den Pfarrer mal sehen kann? Wer sucht, der findet. Doch auch diese Tür ist zu. Ein freundlicher Orgellehrer und seine Schülerin lassen mich schließlich ein.
Später in der Stadt setze ich mich an eine Bushaltestelle und beginne Mundharmonika zu spielen. Eine junge Frau kommt aus einem Fotogeschäft und fragt, ob sie mich fotografieren darf. Ich stimme zu. Auf Nachfrage erzählt sie, dass sie Praktikantin sei und eine Präsentationsmappe erarbeite. Sie sammle Gesichter besonderer Menschen. Eigentlich könnte sie mir ja was geben, denke ich. Doch in mir zögert etwas, sie zu fragen. Schließlich ist sie Praktikantin und hat sicher kein wesentliches Einkommen.
Mit der Mundharmonika und meiner Mütze neben mir bettelt es sich viel leichter, als einfach nur so. Ich habe das Gefühl, auch etwas zu geben. „Haben Sie heute schon etwas gegessen?“ Vor mir steht eine freundliche Frau. „Hier, für eine Mittagsmahlzeit!“ In der Mütze liegen fünf Euro. Ich bin sprachlos und voll Freude.
Am Vormittag hatte mein Restbestand von zwei Euro mich gerettet. Ich musste dringend auf die Toilette. Doch die öffentliche öffnete ihre Tür nur gegen 50 Cent. Das gehört zu den Problemen, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte. Wo geht man als Obdachloser am Tag aufs Klo? So mancher McDonald‘s hat Drehkreuze vor den Toiletten eingeführt. Später komme ich auf eine geniale Lösung. Man muss nur in einem Bahnhof nach einem bereitgestellten Zug schauen, dessen Abfahrzeit noch nicht ran ist …
Das Bettelgeschäft läuft schlecht. Ich wechsle den Platz. Innerhalb der nächsten zwei Stunden werde ich übersehen, überhört, bis mir eine Frau 70 Cent gibt. Spiele ich so schlecht? Na ja, ich habe keine Hits drauf oder Evergreens und so. So komme ich jedenfalls nicht weiter. Ich gehe in eine Buchhandlung, schmökere ein wenig und falte regionale Landkarten auseinander, um für mich eine Richtung zu finden. Dann ist es da: ich will Richtung Bayreuth/Erlangen aufbrechen – heute halt zu Fuß die Saale entlang. Mit einem Brot aus dem Backshop im Rucksack laufe ich los auf einem Uferwanderweg und bin voller Erinnerungen an einen gemeinsamen Urlaub in Thüringen, in dem wir zu zweit an der Saale entlang geradelt sind.
Mein Blick hat sich verändert. Ich scanne die Landschaft und Grundstücke, wo mein nächster Schlafplatz sein könnte – dort eine Nische unter einer Brücke, da ein verfallener Hof und im Ortseingang von Schwarzenbach ein parkartiges Gelände, das einen Unterstand hat. Am Ortseingang ist ein Pflegeheim der Diakonie, im Ortszentrum neben der Kirche ein sehr schön restaurierter alter Pfarrhof. Mein Weg führt zum Bahnhof, um zu sehen, wie ich unter Umständen weiter kommen könnte. Dann zum EDEKA-Markt. Ich setze mich vor die Tür und spiele auf der Mundharmonika. Was dann los geht, ist überwältigend. In meiner Mütze sammeln sich so viele Münzen, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Auch Jugendliche sind unter den Gebenden. Eine Frau schenkt mir dazu eine Brezel. Auf der anderen Seite des Eingangs arbeitet in einem Dönerwagen ein junger Türke. „Haben Sie Hunger?“ Er macht mir einen Döner. Die Bierdose lehne ich freundlich ab, habe mein Wasser dabei. Er fragt, ob ich Kinder hätte. „Ja, vier, aber die sind alle schon groß.“ Das Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben. „Das gäbe es bei uns nicht! Da kümmern sich die Kinder um die Eltern, wenn sie in Schwierigkeiten sind! Kein Sohn würde seinen Vater auf der Straße sitzen lassen!“ Ich muss ihn beruhigen, so entrüstet ist er und ich versuche, ihm klar zu machen, dass das für mich im Moment in Ordnung ist.
Eine Grundfrage tat sich hier auf. Wie antworte ich auf Fragen, ohne Geschichten zu erfinden? Wie kann ich authentisch sein, ohne mich zu outen? Wie werde ich der Situation und den schwierigen Erfahrungen anderer Obdachloser gerecht, da ich doch jederzeit meinen Weg abbrechen kann? So einfach kann ich nicht sagen: „Ich bin obdachlos“. Das wäre für mich irgendwie ein Hohn gegenüber den tatsächlich Betroffenen. Stattdessen sage ich: „Zur Zeit lebe ich ohne Obdach“ oder „Im Moment lebe ich auf der Straße“. Der Unterschied ist wohl kaum zu hören. Aber für mich ist es stimmig. Wenn ich nach meiner Herkunft gefragt werde, antworte ich wahrheitsgemäß, dass ich mal Krankenpfleger war, gegenwärtig ohne Arbeit sei und eine Scheidung hinter mir habe.“ Dann hat kaum einer weiter gefragt. Sie reimen sich ihre Geschichten zusammen. Ich werde bald merken, dass das alle auf der Straße ähnlich machen. Wenn einer nicht erzählt, dringt man auch nicht weiter in ihn ein und denkt sich eben seinen Teil.
Meine Mütze hat sich gefüllt. Der Markt schließt bald. Gegenüber steht ein altes Haus mit toten Fensteraugen. Da müsste ich zur Not schlafen können. Doch zuerst will ich es beim Pfarrer versuchen, denn es ist ziemlich kalt. Ich atme auf, denn die Fenster sind erleuchtet. Es ist jemand da. Schmeckensbecher steht auf dem Schild an der Klingel. Auf das Läuten hin öffnet sich oben ein Fenster, ein Mann schaut herunter. Ob man hier als Durchreisender ein Nachtquartier finden könne? “Ja, kein Problem, ich komme runter.“ Er erscheint mit dem Schlüssel zum Gemeindehaus, fragt auch, ob ich etwas zu essen brauche. Das Haus ist frisch renoviert. Er entschuldigt sich fast, dass es keine Matratze dort gibt. Die müsse man sich mal beschaffen. Deshalb bietet er mir an, auf den Tischen zu schlafen, falls mir der Boden zu kalt sei. Er würde noch den Küster anrufen, dass der am Morgen nicht erschrickt. Ich habe es warm und trocken und habe eine Toilette. Besser kann es nicht kommen. Ich biete ihm als Dankeschön Arbeit an. Das lehnt er ab. „Das wäre ja Ausnutzung einer Notlage.“ Er gibt mir einen Schlüssel, damit ich mich sicher fühlen kann. In meiner Mütze zähle ich gut achtzehn Euro, welch ein Schatz!
Jetzt bin ich sicher, dass ich als nächstes nach Bayreuth will. An der Stadt bin ich immer nur vorbei gefahren. Das klingt so interessant. Da liegt etwas Fremdes drin und irgendwie auch Musik. Ob es dort eine Notunterkunft gibt? Es ist sicher gut, aus der Nische des dörflichen Umfeldes hinauszugehen in den städtischen Bereich.
Damit sie sich nicht zu sehr beunruhigt, schicke ich G. eine SMS. Plötzlich finde ich mich wieder als jemand, der sehnsüchtig auf Antwort wartet und damit geht es mir nicht sonderlich gut. Mist, vielleicht war die Idee, das Handy mitzunehmen, doch nicht so gut.
Am nächsten Morgen stehe ich um sieben Uhr auf, es ist warm. Gestern Abend hat irgendwas mit der Heizung nicht geklappt. Als ich um acht aufbrechen will, kommt Pfarrer Schmeckensbecher mit Kaffee und Obst. Er erzählt von der schönen Umgebung des Fichtelgebirges. Ich entschließe mich, mir Zeit zu nehmen, um etwas davon zu sehen. Das Beste ist, ein Stück zu trampen und dann einen der Berge zu besteigen. Doch an der Landstraße, die aus dem Ort führt, habe ich kein Glück. Als nach einer Stunde niemand angehalten hat, gebe ich auf. So laufe ich ins Zentrum zum Bahnhof, dann geht es eben mit dem Erlös vom gestrigen Abend ohne Ausflug in die Natur gleich mit dem Zug weiter.
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