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Kitabı oku: «Welt- und Lebenanschauungen; hervorgegangen aus Religion, Philosophie und Naturerkenntnis», sayfa 10

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Indem wir nun noch ganz über den Stillen Ozean wandern, gelangen wir zu den amerikanischen Kulturvölkern. In Amerika überhaupt scheint der Sonnenkult besonders verbreitet zu sein; seine größte Ausbildung hat er jedoch eben unter den Kulturvölkern dieses Erdteils erfahren. Bei den Mexikanern, wo der Sonnengott zugleich Kriegsgott (Huitzilopochtli) war, nahm dieser Kult die grauseste Form durch die Massenmenschenopfer an, die mit Kannibalismus verbunden waren. Blut mußten die Menschen den Gottheiten bei jeder Gelegenheit als Gabe bringen; war es nicht das eines Opfers, so war es das eigene Blut durch Schlitze in der Brust, den Ohren, der Zunge, den Lippen. Im Blut wohnt die Seele, wie wir wissen. Die Mayavölker übten ähnliche Gebräuche, wenn auch nicht entfernt in der rücksichtslosen Furchtbarkeit wie die Mexikaner. Und bei den Peruanern hat der Sonnenkult schon einen bedeutenden Adel erreicht, der nur selten von Menschenopfern unterbrochen wurde. Die Inka waren Sonnensöhne und vertraten die Sonnengottheit auf Erden. Vertreter der Gottheit waren auch die Herrscher Mexikos; sie legten einen Eid ab, bewirken zu wollen, „daß die Sonne ihren Lauf gehe, daß die Wolken regnen, die Flüsse fließen und die Früchte reifen.“ Wir kennen ähnliche Verpflichtungen der Herrscher auch bei anderen Völkern, und ein König der Norweger hat sich selbst zum Opfer bringen müssen, als es unter seiner Herrschaft nicht gelang, die Götter dem Volke günstig zu stimmen und eine Hungersnot abzuwenden. In Mexiko wie in Peru erhielten die Herrscher schon bei Lebzeiten Gottesdienst und Opfer, die nach ihrem Tode fortgesetzt wurden. Menschliche Schutzgeister fanden sich überall. Zum Teil waren es die Geopferten selbst, die man dann schon bei Lebzeiten vor ihrer Opferung mit göttlichen Ehren behandelte und mit allen Gaben beschenkte, um sie sich günstig zu stimmen. Andere Geister gewann man durch Vermauern oder Vergraben von Menschen, namentlich von Kindern. Sonnensäulen und Huacas – ein Wort, das auch Geister bedeuten soll – sind Mäler solcher Schutzgeister, oder auch Steine, die sich an den Orten befinden. Viel verbreitet in Mexiko war auch die Sitte, Götter selbst zu essen. „Am dritten Jahresfeste des Huitzilopochtli verfertigen die Priester ein Bild des Gottes, zusammengebacken aus allerlei Sämereien mit dem Blute der geopferten Kinder. Nach diesem Bilde schoß ein Priester einen Pfeil und durchschoß den Gott. Dann nahm ein Priester an ihm die Handlungen vor wie an einem Menschenopfer. Er öffnete die Brust, brachte ein Herz hervor und reichte es dem Könige, der es aß. Den Leib des Bildes aber verteilte er so an die Quartiere der Stadt, daß jeder Einwohner ein Teilchen davon erhalten konnte. Dieses nannte man Teocualo, der Gott, den man ißt.“ So erzählt Lippert. Die Handlung läßt verschiedene Deutung zu; die einfachste und naheliegendste scheint mir doch die zu sein, daß das Bild den Gott darstellte und jeder, aus einer Opferhandlung an ihm, einen Teil von ihm in sich aufnehmen wollte. Nach dem Genannten wären die Tempel hier, in Peru, und übrigens auch anderweitig, lediglich Begräbnisstätten für einen vergötterten Ahnen. Zu all diesem Naturmenschlichen kommen nun noch die Tierfetische, die Totems. In Mexiko gelten als solche Kolibri, Reiher, Adler, Schlange, Bär usf. Und die Götterbilder erhielten sie als Symbole, wie aus nebenstehender Darstellung einer Gottheit zu ersehen ist. Im Haupttempel wurde sogar eine lebende Klapperschlange gehalten und verehrt. In Peru kommt der Kondor hinzu. Wir besitzen durch John L. Stephens (Reisen in Zentralamerika, Reisen in Yucatan) eine große Zahl von Darstellungen mittelamerikanischer Gottheiten und Kulthandlungen. Auf dem seltsamen Kreuz zwischen den beiden anbetenden Figuren im Tempel zu Palenque steht ein Hahn oder ein Reiher, die Arme des Kreuzes enden wohl in stilisierten Schlangen. Tiere, Alligatoren, Vögel, Affen, kommen auf den Bildwerken Mittelamerikas oft vor, nicht selten auch Menschen mit eigenartigen Tierköpfen.

Ich schließe damit die wohl etwas ermüdende Aufzählung. Das Naturmenschliche ist für eine Betrachtung der Welt- und Lebenanschauungen von außerordentlicher Bedeutung, weil es das Allgemeinmenschliche darstellt. Es verleugnet sich zu keiner Zeit und bei keinem Volke, selbst nicht bei uns, von denen nicht besonders gesprochen zu werden brauchte. Und wo es nicht offen zutage tritt, weil mehr Erfahrungen und bessere Einsichten zu anderen Anschauungen geführt haben, da wirkt es versteckt durchaus noch mit und lenkt die Ansichten weit mehr, als stolze Kultur zugestehen mag. Es ist materiell verfeinert und ethisch gehoben worden, aber im Wesen findet es sich nicht sehr verändert. Und eigentlich sind es nur der absolute Materialismus und absolute Energismus, die aber, wie sich später zeigen wird, zu absolutem Zwangssystem führen, sowie der Spinozismus, die das Naturmenschliche äußerlich ganz abgestreift haben. Demnach werden wir auch in der Folge noch oft an die bisherigen Darlegungen zu erinnern haben.

17. Polytheistische, henotheistische und antagonistische Anschauungen

Die Gesamtheit der Gottheiten des Polytheismus können wir einteilen in: irdische Geister- und Gegenstandsgottheiten, Vergötterungen, Naturerscheinungen, Herrsch- und Schaffensgottheiten, Schicksals- und ethische Gottheiten, Prinzipiengottheiten. Die beiden ersten Gottheitenarten sind unmittelbar naturmenschlich, sie gehören dem Animismus und dem Seelen-Ahnenglauben an. Sie liefern das unübersehbare Heer der Genien, Geister, Feen, Nymphen aller Art, Dämonen, Hexen usf., wovon schon die Rede gewesen ist. Auch die Naturerscheinungen als persönliche Gottheiten aufgefaßt, enthalten sehr viel Naturmenschliches. Ist das Feuer, das Wetter, der Sturm, die Sonne, der Mond, ein Stern, der Himmel, die Erde eine Gottheit, so muß eine Beseelung angenommen sein, die mit der betreffenden Erscheinung so verbunden ist wie bei den Lebewesen. Daraus folgt natürlich nicht, daß diese Beseelung aus den Lebewesen herstammen muß, sie kann selbständig gesetzt sein und mit besonderen Eigenheiten; wie auch eine Pflanze anders beseelt ist, denn ein Tier, und dieses anders, denn ein Mensch. Soll also auch nicht bestritten werden, daß in gewissen Fällen die Naturgottheiten in der Tat aus Fetischen abgeschiedener Seelen hervorgegangen sind, die sich die betreffenden Erscheinungen zum Sitze erwählt haben, so glaube ich doch nicht, daß dieses in allen Fällen geschehen ist. Weder Zeus als Himmel noch Helios als Sonne, noch Wuotan als Wetter, noch Rā, Indra, Mitra, Ahura-Mazda und so viele andere enthalten einen Hinweis auf rein Seelenhaftes. Wenn Seelen ihren Wohnsitz in Sonne, Wetter, Feuer usf. aufschlagen, so geschieht das in den hervorgehobenen Fällen immer, nachdem die Gottheit von der Erscheinung schon geschieden, Zeus schon der Gott des Himmels, Helios der der Sonne usf. geworden ist. Man muß auch beachten, wie in diesen Fällen so ganz anders von den Seelen gesprochen wird als von den Göttern. Homer ist für die Griechen Kronzeuge, da er in bezug auf die Seelen ganz naturmenschlich denkt, seine Götter aber absolut nichts Schattenhaftes, wie doch die Seelen bei ihm, an sich haben. Die Vergöttlichung der Naturerscheinungen ist eine Folge des Animismus überhaupt, nicht erst der Verselbständigung der Seele und ihrer Lokalisierung in der Welt. Auf dieser Stufe des Polytheismus gehören die Weltanschauungen einem monistischen Animismus an, der nur in der Weise einer Entwicklung fähig ist, daß die Beseelungen, besser die beseelten Dinge, mehr und mehr voneinander nach ihrer Bedeutung geschieden und geordnet werden, bis Wetter, Himmel, Sonne, Gestirne usf. höher bewertet sind als selbst der Mensch. Aber die Welt ist einheitlich aus, nach Art der lebenden Menschen, bestehenden Dingen zusammengesetzt, und sie war von je so und bleibt so. Ein Polytheismus ist nur darin zu sehen, daß eben die höher erachteten, das heißt die mächtigeren, Dinge aus egoistischen Gründen verehrt werden, wie Menschen auch, die man fürchtet und sich geneigt machen will.

Wie man lernte, die Gottheiten aus den Dingen herauszunehmen und sie als Herrscher über diese Dinge zu setzen, ist schwer zu sagen. Die Erkenntnis und die Verselbständigung der Seele kann wohl nicht herangezogen werden, weil mit ihrer Entnahme die Ertötung der Dinge selbst notwendig verbunden war; beim Himmel und seinen Objekten, der Erde, dem Meere usf., aber davon keine Rede sein konnte. Zwar darf man von einem Sterben und Aufleben bei wechselnden Erscheinungen sprechen, wie bei Wettern, Sonnenunter- und -aufgängen u. ä., und das hat man ja auch überall getan. Aber das ist noch durchaus verschieden von der Beherrschung durch freie Gottheiten, die das wechselnde Verhalten der Dinge nach Belieben leiten. Auf dem rein animistischen Standpunkt glauben wirklich viele Völker, daß jeder Tag eine neue Sonne hat, die am Morgen geboren wird und am Abend stirbt. Ja, manche leiten daraus das Sterben der Lebewesen überhaupt ab. Ich habe die polynesische Sage von Maui, dem Sonnenheros, und seinem Tode in der Finsternisgöttin erzählt (S. 65); sein Tod brachte, erklären die Neuseeländer, das Sterben in die Welt, vorher hat alles unbegrenzt gelebt. Und Osiris, ursprünglich ein Sonnengott, ist nach seinem Tode ein Totengott geworden. Im siebzehnten Kapitel des Totenbuches heißt es: „Ich bin der gestrige Tag, ich kenne auch den morgenden Tag. Das ist Osiris. Was ist das? Der gestrige Tag ist Osiris, der morgende Tag ist der Lichtgott Rā.“ Hier zeigt sich’s ganz deutlich, daß wir es nicht mit von der Erscheinung getrennten Gottheiten zu tun haben; die gestrige Sonne ist Osiris, die heutige Rā. Aber ein Volk wie die Ägypter ist dabei nicht stehen geblieben, und wo es dem Rā oder Osiris die höchsten Eigenschaften zuschreibt, wozu auch ewige Dauer gehört, da hat es ihn von der Erscheinung schon abgelöst. Die Römer hatten etwas, das die Scheidung der Gottheiten von den Erscheinungen hätte vorbereiten können, die genii, die ja außer den Dingen stehen und diese leiten. Allein, sie schieben selbst den Gottheiten Genien zu; Jupiter hatte seinen genius wie Mars, Minerva, die anderen Götter alle, und wie Menschen und Tiere usf. Die genii standen also selbst den Göttern noch übergeordnet, die den Erscheinungen übergeordnet standen; wenn auch die genii untrennbar von den Göttern waren, daß man sie vielleicht auch als ihnen beigeordnet bezeichnen könnte.

Man wird hiernach wohl nicht umhin können, anzunehmen, daß von den Erscheinungen getrennte Gottheiten durch ein Gefühl von Höherem als die Erscheinungen sich allmählich aufgedrängt haben. Dieses Gefühl wird erst sehr dunkel gewesen sein, sich aber bei einem Volke im Laufe der Jahrhunderte zu immer größerer Klarheit herausgearbeitet haben. Wie sehr Völker zu kämpfen hatten und haben, um sich dieses Gefühls stets bewußt zu sein, sehen wir ja daran, daß immer und immer wieder die Gottheit mit der Erscheinung verwechselt, trotz schon erreichter höherer Auffassung, in die rein animistische Auffassung zurückgefallen wird. In demselben Kapitel des Totenbuches, dem obiges Zitat entnommen ist, heißt es: „Ich bin der Urgedanke dessen, was da ist und was da sein wird. Was ist es? Das ist Osiris.“ Also dieser höchste Gedanke betrifft den gleichen Gott, der nur der gestrige Tag sein sollte. Ähnliches gilt von Helios, Marduk, Jupiter, Zeus und von anderen Gottheiten. Wenn es wahr ist, daß die Namen der Gottheiten Appellative sind (was freilich gegenwärtig nur für einige zugestanden wird), nur daß wir so viele noch nicht zu übersetzen vermögen, wie Istar, Aphrodite u. a., so ist eine derartige zweiseitige Auffassung ganz verständlich, die Namen entsprechen den mit den Erscheinungen identifizierten Gottheiten, zum Beispiel Dyaus (Zeus, Jovis), „was glänzt“, „das Strahlende“. Sie blieben den Gottheiten auch, als diese von den Erscheinungen getrennt wurden; und nun waren sie zugleich nur Namen, wie von Personen, und Erscheinungsbezeichnungen, sodaß die Gottheit bald ein Individuum, bald eine Erscheinung bedeutete. Lippert geht von der Ansicht aus, daß ursprünglich dem Seelen-Ahnenglauben entsprechend die Namen der Gottheiten Herr, Herrin, Mann, Frau, Geist besagen sollten. Zweifellos läßt sich das bei einigen Namen nachweisen. Zeus als Ὑπατος ist höchster Herr, Schang-ti der Chinesen für Himmel ist das gleiche, Freia ist die Frau, Mannus der Mann usf. Aber andere sind ebenso sicher nicht auf solche Bedeutungen zurückführbar. Dyaus, Dev, Div als Glanz, nach Max Müller, ist schon erwähnt. Hier freilich macht Lippert eine sehr treffende Bemerkung. Bei den Eraniern sind die Dev gerade das Entgegengesetzte wie bei den ihnen so nahestehenden Indiern, nämlich böse Geister statt gute. Es wäre nicht denkbar, daß man die bösen Geister auch als glänzende bezeichnet hätte. Es müsse darum Dev ursprünglich eine beiden Völkern gemeinsame neutrale Bedeutung besitzen. Und diese findet er nach Worten in slawischen Sprachen in der Tat nahestehend den Bezeichnungen seiner Annahme. Die Etymologien sind vielfach recht unsicher, er kann in diesem Falle wohl recht haben. Amun heißt aber der Verborgene oder Gerufene, Brahma der Sprechende, Agni der Flackernde, Apollon der Abwehrende, Helios der Brennende, Artemis die Schlachtende (als Todesgöttin), Wuotan der Wütende (der Stürmende) usf. Auch wären solche Namen wie Dyauspitar (Jupiter), Demeter unnötige Pleonasmen, wenn der erste Teil nichts anderes besagte als der zweite. Zu beachten ist endlich, daß umgekehrt selbst Personennamen in Würdebezeichnungen übergegangen sind, wie Cäsar in den Kaiser. Die Ansicht Lipperts wird sich also wohl kaum allgemein aufrecht erhalten lassen. Wo sie aber bei höchsten Auffassungen zutrifft, handelt es sich oft lediglich um Anerkennung der höchsten Herrschaft, wie bei unserem der HERR, nicht um Ahnenglauben.

Wenn die Gottheiten von den Erscheinungen getrennt sind und nun diese beherrschen, so verursachen sie sie auch, wie Poseidon oder Wuotan den Sturm, Zeus oder Indra den Donner und Blitz, Osiris die Nilüberschwemmungen. Sie treten also nicht bloß als Leiter und Herrscher auf, sondern auch als Hervorbringer, und wenn die letztere Eigenschaft ausgedehnt wird, können sie auch zu Schöpfern werden. Indessen hängt es wohl mit der ursprünglichen Anschauung von den Gottheiten als den Erscheinungen selbst zusammen, daß in vielen Fällen sie tatsächlich nicht als Schöpfer dieser Erscheinungen gelten. Im Gegenteil finden wir vielfach Kosmogonie mit der Theogonie verbunden; Erscheinung und die zugehörige Gottheit erstehen zugleich, oder sie sind zugleich vorhanden. Allenfalls werden Menschen, Lebewesen überhaupt, von einer Gottheit geschaffen. Und selbst dabei ist oft Unsicherheit und Zweideutigkeit vorhanden, indem neben diesen Schöpfungen auch spontane Entstehung angenommen wird, oder einfacher, Abstammung von Gottheiten auf natürlichem Wege. Es ist fast trivial, auf Hesiodos’ Theogonie zu verweisen. Chaos, Ge, Tartaros, Eros werden, und nun entwickelt sich die ganze Götterreihe, wobei die Erscheinungen als ihnen selbstverständlich zugehörig und mit ihnen hervorgehend angesehen sind. Uranos entsteht mit dem Himmel, Helios mit der Sonne, Pontos mit dem Meer usf. Ähnlich liegen die Verhältnisse bei den Ägyptern. Nun = Thot (Urwasser = Urgeist) sind vorhanden, es entwickelt sich die kosmogonische Götter-Vierpaarheit; wodurch die Grundlage zu allen Erscheinungen gewonnen ist. Aus einem Ei, das das Paar He-Hehet aus dem Urwasser heraufholt, ersteht Rā und mit ihm sogleich das Licht, die Sonne. Rā aber differenziert sich in neue Gottheiten, welche Naturerscheinungen darstellen. Unter den verschiedenen indischen Kosmogonien entspricht die wichtigste, mit den Grundelementen Tad (Das), Tapas (Inbrünstige Betrachtung), aus denen Kama (Wille), Ritam (Weltordnung, Kausalität), Satyam (Wahrheit, Folge) und der Wechsel von Tag und Nacht, Sonne, Mond, Gestirne usf. hervorgehen, gleichfalls diesem Prinzip. Noch mehr hierher gehört vielleicht die Kosmogonie, die mit Brahmanaspati (Herr des Gebets oder Opfers) als Urprinzip beginnt. Âditi und Dakhsha sind seine Folgen, das, woraus entsteht, und das, was entstehen lassen kann. Daraus die Âdityas, zu denen Varuna gehört. Dieser nun ist der eigentliche Weltschöpfer: er schafft alle Wesen, erhält Himmel und Erde, er setzt die Sonne an den Himmel. Die Sonne (Sûrya) wird jedoch auch wie Rā in einem Weltei aus dem Urmeere emporgehoben. Nach einem Rigvedahymnus stellt Varuna einen Baum „in das Bodenlose“ auf, der wohl ein Weltbaum sein soll, wie die Esche Yggdrasil der Germanen. W. Schwartz hat ein Buch, „Indogermanischer Volksglaube“, geschrieben, in dem er den Weltbaum als Licht- oder Sonnenbaum erklärt und als kosmogonisches Prinzip in Anspruch nimmt. „Das aufsteigende Licht erschien .... als Lichtsäule oder unter dem Reflex eines Baumes als Stamm; die in den Wolken sich verästelnden Sonnenstrahlen als Äste und Zweige, die Wolken als Blätter.“ Nach ihm und anderen wären Sonne, Mond, Gestirne Früchte dieses Himmelsbaumes. Ich kann diesem und was noch weiter von fast allen Erscheinungen als mit dem Weltbaum zusammenhängend gesagt wird, nicht folgen, so interessant die Ausführungen im einzelnen sind. Der Weltbaum ist, glaube ich, lediglich als Stütze der Welten gedacht, oder als Träger, da ja für den wissenschaftlich nicht geschulten Geist eine Stütze durchaus nötig ist, so daß eine solche fast auf der ganzen Welt als Baum, Berg, Säule, Tier, Mensch usf. angenommen wird. Varunas Baum wird nichts anderes sein, wie auch Zeus’ Baum, auf den er die Welt gleich einem Gewand gehängt hat. Bei den Japanern entstehen wenigstens die Sonnen-, Mond- und Sturmgottheiten (Amaterasu, Tsonkiyoumi, Sousano) zugleich mit Sonne, Mond, Gewitter aus dem rechten und dem linken Auge und aus dem Atem des Götterpaares Isanami und Isanaghi.

In anderen Fällen sind die Gottheiten vorhanden, und besondere von ihnen bauen die Welt, wenn nicht einer von ihnen alles bildet. Dann werden die Erscheinungen unter die Gottheiten verteilt. Schon die Ägypter kennen einen allgemeinen Weltschöpfer, der bald Amun, bald Osiris, Rā, Ptah, Atum oder Tum genannt wird. So heißt es in dem siebzehnten Kapitel des Totenbuches: „Ich, der Gott Atumu, ich bin der Seiende. Ich war allein im Urgewässer (Nun). Ich, der Gott Atumu, der Schöpfer des Himmels und Bildner des Seienden, ich bin aufgegangen aus dem Urgewässer.“ „Ich bin der Lichtgott Rā in seinen ersten Aufgängen. Was ist das? Nämlich der Lichtgott Rā als König am Anfang seiner Herrschaft über das, was er erschaffen hat.“ Aber an der gleichen Stelle wird doch Rā als Gottheit (Atumu) in der Sonnenscheibe bezeichnet: „Ich bin der, welchen keiner unter den Göttern übertrifft. Was ist das? Das ist Atumu (wofür auch Rā steht) in seiner Scheibe.“ Und ferner wird ein solcher Schöpfer zunächst nur Schöpfer der Gottheiten dargestellt, die nun ihrerseits weiterschaffen. So heißt es in dem sogenannten Apophisbuch von 310 v. Chr., das einem Priester Esmin ins Grab gegeben war und ihn in der Unterwelt vor dem Feinde Rā’s, dem Drachen Apophis, schützen sollte, und in dem Rā als Allherr redet:

 
Erst als ich entstanden war, entstand das Entstandene,
Alles Entstandene entstand, nachdem ich entstanden war.
Zahlreich waren die Gestalten, die aus meinem Munde herauskamen.
 

Nun wird, wie in babylonischen und anderen Schöpfungsgedichten, erzählt, was nicht vorhanden war. Dann lautet es: „Ich schuf alle Gestalten, indem ich allein war.“ „Es entstanden viele Gestalten der Gestalten, In den Gestalten der Erzeuger Und in den Gestalten ihrer Kinder. Ich ergoß Samen in meine Hand, Ich begattete mich mit meinem Schatten.“ „Ich spuckte aus den Schu, ich spie aus die Tafêne (Tafnut).“ „Sie (diese Götter) brachten mir mein Auge hinter sich her, Und nachdem ich es mir eingesetzt hatte, Weinte ich über sie. So entstanden die Menschen.“ Bis auf das letzte sehr schöne Bild, daß die Menschen aus den Tränen (rîme = weinen, rôme = Mensch) des Gottes entstehen, ist alles wunderlich, kraus und zum Teil häßlich. Weiter wird erzählt, wie von Schu und Tafnut alle anderen Götter hervorgehen. Sie erzeugen Qeb und Nut, diese Osiris, Seth, Isis, Nephthys. In einem anderen Text sagt Rā zu Thot: „Ich werde dich aber die beiden Himmel mit deiner Schönheit und deinen Strahlen umfassen lassen.“ Und als Erklärung wird hinzugefügt: „Das ist die Entstehung des Mondes, des Thot.“ Der Wert derartiger Feststellungen wird dadurch sehr geschmälert, daß sie so oft auf einem Wortspiel beruhen. Und in Wortspielen ist niemand so groß wie die Ägypter, Brugsch gibt eine Menge Beispiele dafür.

Bei den Babyloniern sind die Gottheiten schon vor der Welt vorhanden, mindestens die drei: Anu, Ellil und Ea, wohl auch die Istar. Andere heißen ihre Söhne, wie Marduk Sohn Ea’s genannt wird. Die Welt ist, wenigstens zum Teil, von Marduk gebildet. In dem Schöpfungsepos, Enuma Elis, Tafel VI ist leider gerade der diese Bildung beschreibende Text fast ganz zerstört. Einiges ersieht man aber aus der Tafel VII, in der Marduk unter verschiedenen Namen gepriesen wird. Dort heißt es von ihm u. a.:

 
„Tutu-Ti-Ukkinu, Leben der Götterschar,
Der für die Götter festsetzte den glänzenden Himmel,
Der ihre Wege in die Hand nahm, bestimmte ihre Bahnen.“ —
„Der himmlischen Sterne Bahnen haltet er in Händen.“ —
„Weil er die Stätte geschaffen, die Feste gebildet,
Nennt seinen Namen ‚Herr der Länder‘, Vater Ellil.“
 

Ein anderer Text gibt Anu als Schöpfer des Himmels, Nudimmud, d. i. Ea, als Schöpfer des Ozeans an. Letzterer schafft dann auch aus Lehm den Ziegelgott, den Schmiedegott, kurz überhaupt die Handwerksgötter, und ferner Berge, Meer, Rohr, Wald, Könige, Menschen usf. Nach noch einem anderen Text ist es die Göttertrias Anu, Ellil und Ea, die Sonne und Mond mit den Gottheiten Samas und Sin hervorbringt. Wunderlich klingt folgende Reihe aus einem als „Beschwörung gegen Zahnschmerz“ bezeichneten Texte. Der Verfasser beginnt mit dem Uranfang, ehe er zu seinem Zahnwurm kommt, der ihn plagt:

 
Nachdem Anu den Himmel erschaffen,
Der Himmel die Erde erschaffen,
Die Erde die Ströme erschaffen,
Die Ströme die Gräben erschaffen,
Die Gräben den Sumpf erschaffen,
Der Sumpf den Wurm erschaffen.
 

Was endlich in einem letzten Text (alle aus „Greßmann, Altorientalische Texte“ entnommen) der Strom, „der alles schuf“ und den die großen Götter gruben und mit Zyklon, Feuer, Grimm, Schrecken, Furchtbarkeit begabten, bedeuten soll, weiß ich nicht. Die babylonischen Texte enthalten nicht selten, was uns Aberwitz erscheint. Wir haben ja auch unter ihnen reine Schülerarbeiten und Formeln von irgendwelchen obskuren Beschwörern; Kundgebungen, die nicht besser ausgefallen sein werden, als solche gegenwärtig ausfallen.

Ähnliche Ideen von der unabhängigen Schöpfung der Erscheinungen und der Gottheiten finden sich bei den Indiern. Da aber bei diesen ja alles vertreten ist, läßt sich eine Scheidung zwischen den einen und den anderen Ideen kaum bewirken. So gehört das oben (S. 132) Gesagte zum Teil auch hierher, namentlich wenn die Gottheiten so verblaßt sind wie dem Varuna (oder wie der schaffende Gott genannt wird) gegenüber. Vielleicht hierher gehört auch die germanische Kosmogonie, denn im Eddagedicht Vafthrudnismal werden für Sonne, Mond, Tag, Nacht, Jahreszeiten Väter angegeben (Mundilföri für Sonne und Mond, Dallingr für den Tag, Norvi für die Nacht, Windswalr für den Winter, Savasudr für den Sommer: alle offenbar Appellativnamen). Die Erde ist aus Ymir hervorgegangen. Aber das Voluspagedicht, das von letzterem sehr wohl weiß, erzählt nichts von Vätern der erstgenannten Dinge; Sonne und Mond werden als vorhanden eingeführt, nur ohne Namen und ohne bestimmten Sitz, bis beides die Götter verliehen.

Die Schicksalsgottheiten sollten nach unserem Gefühl mit den ethischen Gottheiten verbunden sein. Tatsächlich sind sie es nicht, sie stehen neben diesen. Sie sind auch früher als diese, denn Ethik, selbst nur Sinn für Recht und Unrecht ist nicht ursprünglich naturmenschlich, sondern Folge höherer Gesittung; ein praktisches Regulativ zwischen Egoismus und Altruismus, das das wirkliche Zusammenleben der Menschen miteinander ermöglicht – abgesehen von der Kindesliebe, die ja überhaupt nicht bloß eine menschliche Eigenschaft ist. Die Schicksalsgottheiten entstammen dem dumpfen Gefühl der Ohnmacht des Menschen gegen Tod und Unheil. Alle müssen sterben, und vieles Unheil läßt sich mit aller Mühe, allem Flehen und allen Gaben an die gewählten Gottheiten nicht abwenden. Da der Mensch jedes gegenständlich auffaßt, so denkt er sich zuletzt persönliche Mächte, welche unbewegbar walten, und deren Willen gegenüber selbst seine Gottheiten ohnmächtig sind. So hängt sein Los ab von diesen Gottheiten und vom Schicksal. Erstere bewirken alles, sofern jene letzteren indifferent sich verhalten, Gutes und Böses; daher ihre Verehrung und Versöhnung mit Gabe und Beschwörung. Aber die Schicksalsgötter sind nicht zu beugen, sie werden darum sehr gefürchtet, und an ihnen wird möglichst vorbeigegangen. Die Griechen hatten für ihre Moirai: Klotho, Lachesis, Atropos; die Spinnerin (des Lebensfadens), die Loserin (der Geschicke), die Unabwendbare, einen gewissen, aber nur wenig verbreiteten Kult; die Römer für ihre Parcae: Nona, Decima, Morta, gar keinen, obwohl Parca ursprünglich Geburtsgöttin war. Ob die germanischen Nornen, in der Edda Urdr, Verdandi, Skuld (aber auch andere) verehrt worden sind, steht wohl nicht fest. Je höher die Herrscher- und Schaffensgottheiten steigen, um so mehr müssen die Schicksalsgottheiten zurücktreten. Sie verhalten sich darum überhaupt mehr passiv; sie herrschen nicht, schaffen nicht und leiten nicht. Sie bestimmen nur ein für allemal. Was sie bestimmen, geschieht, mitunter freilich (wie bei Homer) unter ihrer Mitwirkung. Trotz ihrer unabwendbaren Macht sind sie also nicht immer kosmische Gottheiten. Die griechischen Moiren waren Töchter von Zeus und Themis. Daher sind sie von den Unsterblichen den Sterblichen gesetzt, wie Penelope sagt. Ja, jedem Sterblichen kann eine Moira gesetzt sein. Dann ist Moira einfach das Geschick, und Zeus heißt der Moiragetes, wie Apollon der Musagetes. Aber Hesiodos nennt im „Schild des Herakles“ Atropos die „älteste und erhabenste Göttin“. Die Nornen haben zum Teil noch niedrigere Abkunft, außer von Göttern auch von Alben und Zwergen. Mehr der indischen Auffassung von der Allbedeutung und Allmacht des Wortes entspricht die griechische Aisa und römische Fata für Moira und Parca. Es sind der Spruch des Zeus und des Jupiter, als der höchsten Gottheiten, dem aber diese Gottheiten selbst nicht mehr sich entziehen können, so daß die Folgen ganz unabwendbar bleiben. In dieser Auffassung schwinden die Schicksalsgottheiten als solche völlig und gewinnt das Wort bestimmende Kraft, oder der Spruch, oder der Gedanke, oder das Opfer. Das gehört schon in die Betrachtung der letzten Klasse von Gottheiten. Bei anderen Völkern als den genannten habe ich besondere Schicksalsgottheiten, den Moiren entsprechend, überhaupt nicht finden können; bei diesen werden also die eigentlichen Gottheiten zugleich auch das Geschick bestimmen. Sie haben auch nicht solche Sagen wie die Griechen, von dem Sturz ganzer Götterdynastien, und wie die Germanen, von der Vernichtung von Göttern in der Götterdämmerung, wenn auch Weltvernichtung ihnen bekannt ist.

Ins Äußerste getrieben, führt die Schicksalslehre zum Fatalismus, dem Kismet, einem Bruder der rein mechanistischen Weltanschauung. Selbst das noch verhältnismäßig frohe Griechentum kennt diese triste Seelenberuhigung, der sich später namentlich die stoische Schule bemächtigte. Aber wie rührend klagt nicht schon Hekabe in den Troerinnen des Euripides:

 
In die Wechsel des Schicksals füge dich still;
Schiff hin, wie der Gott, wie die Welle dich treibt,
Und kehre den Bug nicht wider den Strom;
Denn du fährst mit dem Steuer des Schicksals.
 

Von Gottheiten wie Nike, Fortuna, Victoria, Sors usf. braucht hier nicht gesprochen zu werden.

„Fast in allen polytheistischen Religionen,“ sagt Twesten in seinen „Ideen der asiatischen Kulturvölker und Ägypter“, „welche Spuren ihrer älteren Gestaltung in der Überlieferung oder in dem späteren System bewahrt haben, bei den indischen und iranischen Ariern, wie bei den Ägyptern und bei den Griechen, tritt die Verbindung der Götter mit den Körpern oder Kräften der Natur mehr und mehr in den Hintergrund, indem bald an denselben Göttern intellektuelle und moralische Eigenschaften die Naturseite zurückdrängen, bald ein neues Geschlecht das ältere ersetzt, wenn dieses den geistigen Ansprüchen nicht mehr genügt.“ Das letztere muß zwar, als zu hoch gedacht, abgelehnt werden, aber mit dem voraufgehenden kann man sich nur einverstanden erklären.

Die ethischen Gottheiten, sofern sie mit dem Jenseits in Verbindung stehen, werden wir später behandeln. Für das Diesseits besondere ethische Gottheiten einzuführen und hoch zu verehren, war nur den Griechen vorbehalten. Apollon, Nemesis, Themis haben nirgends ein gleiches. Die Furiae der Römer, die den Erinnyen entsprechen, stehen gleichwohl in weiter Ferne von ihnen, da sie nur Gespensterseelen von Verbrechern sind, deren die Götter sich bedienen, lebende Verbrecher zu schrecken und zu strafen. In Apollon hat das, was wir als Griechentum bezeichnen, die Kalokagathie, seine blühendste Idee erreicht. Sonst werden die verschiedenen Gebiete des Ethos von verschiedenen Gottheiten mitverwaltet, insgesamt namentlich von der höchsten Gottheit. Die griechische Kalokagathie schließt ein: Gerechtigkeit, edles Benehmen, in sich gefaßte Harmonie des Lebens, ruhige Milde, Liebe zu Kunst und Kenntnis. Was über diese Eigenschaften hinausgeht: die entsagende, tiefgefühlte und stets geübte Liebe zur Menschheit, gehört, soweit ich sehen kann, nicht zum Kreise der Apollinischen Lehren. Man denke nur, wie als etwas so Außerordentliches es hervorgehoben wurde, daß die Athener einen Altar des Mitleids hatten, was doch selbstverständlich hätte sein sollen. Ein anderes dagegen mutet uns in der Apollinischen Lehre christlich und mosaisch an, die Entsühnung von Sünde; Apollon ist auch der entsühnende Gott. Er ist überhaupt die Gottheit des höheren inneren Lebens, darum auch der Amphiktyonie. Am nächsten den Griechen stehen die Eranier; Ahurô Mazdâo ist das Prinzip des Guten, er ist aber zugleich ein Weltgott, das Prinzip des Lichtes. Das Gute, das er vertritt, bedeutet Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit. Das Schöne fehlt bei ihm, das für Apollon so charakteristisch ist: die edle Einfalt und stille Größe, wie Winckelmann von der Kunst der Griechen sagt. Wohl auch die vorbezeichnete Liebe. Ahurô Mazdâo, Ormuzd, gleicht mehr dem Zeus, der ja auch die Gerechtigkeit verwaltet, und nur partiell dem Apollon. Die Indier haben in der Wischnu-Lehre einen wunderlichen Ausweg gefunden, um einen Gott in verschiedener Bedeutung für die Welt erscheinen zu lassen und ihn zugleich menschlich-persönlich zu machen, die Inkarnationen, Awatâras, Wischnus. Von diesen kommen hier die erste und neunte in Betracht. Als Krischna ist Wischnu das Ideal alles Edlen, Guten und Schönen; halb Gott, halb Mensch, zieht er von Land zu Land in stetem Kampfe mit dem Schlechten und Gemeinen. Die schon erwähnte Bhagavad-Gîtâ (S. 115) enthält die Lehren dieses Gottes. Sie werden unendlich variiert vorgetragen:

Yaş sınırı:
12+
Litres'teki yayın tarihi:
30 haziran 2018
Hacim:
655 s. 10 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain