Kitabı oku: «Die Glocken von Robbensiel»
Max Geißler
Die Glocken von Robbensiel
Roman
Saga
1.
Am Strande der See lag vor vielen Jahren ein Fischerdorf, das hiess Robbensiel.
Dort hatte ein trutziges Friesengeschlecht gesessen.
Als der Häuser immer mehr wurden, sagten die Leute zueinander:
„Wir wollen eine Kirche bauen; denn wir haben durch den Fischfang, durch die Jagd und durch die Muschelbänke viel Geld verdient. Warum sollen wir zwei Stunden über die Heide gehen, wenn wir eine Predigt hören wollen?“
Dazu sagten andere: „Das kann alles geschehen. Aber dann müssen wir erst einen Deich ziehen, der sich quer vor die Bucht stellt; in seinem Schutze soll fortan unser Dorf liegen.“
So geschah es auch.
Die Schiffer und Fischer von Robbensiel wurden Kärrner. Sie führten Seesand und Klei in grossen Haufen quer vor die Bucht, und der Damm wurde fertig.
Er war höher als ihre Häuser, die dicke, niedrige Strohdächer hatten, weil der Wind sich nicht hart an ihnen stossen sollte.
Wenn ein Sturm heraufkam, so rollten die Wogen an die Aussenseite des Dammes und zerbrachen.
Die Leute von Robbensiel aber wachten nun nicht mehr an ihren Herdfeuern, wenn eine wilde Nacht war. Sie sagten: „Den Flötenkiel überspringt die See nicht.“
Diesen Namen hatten sie dem Deich gegeben, weil der Seewind immer auf ihm daherlief und wie ein fahrender Musikant flötete.
Der Grund, auf dem das Dorf Robbensiel stand, war einst Meeresboden gewesen. Die See hatte im Laufe der Jahrhunderte an jenem Strande Mengen von fruchtbarem Schlamm angeschlickt — immer mehr, bis sich der Meeresgrund über die sanft daherrollenden Wellen erhob. Nun grub der Pflug dieses Vorland, das das Meer den Leuten geschenkt hatte; und ein Teil war als gutes Grasland liegen geblieben, und die Jahre hatten einen grünen Teppich aus feinem Rasen darübergewoben. Weite Weiden grünten, und auf den Fennen schritten Schafe und bunte Kühe.
Und die Leute von Robbensiel bauten hinter dem Deich eine Kirche mit einem hohen Dache. Das war viel höher als die Dächer ihrer Häuser, schaute weithin über die See, und auf dem Sattel trug es ein goldenes Kreuz.
Es war eine grosse Feierlichkeit, wenn die Glocken von Robbensiel läuteten und die See zu dem tiefen, schönen Klange sang.
An der Aussenseite des Flötenkiels legten um diese Zeit Handelsschiffe an, die die Beute der Fischer von Robbensiel fortführten. Hinter den Fenstern der Häuser waren weisse Vorhänge.
Die Frauen trugen des Sonntags, wenn sie in die Kirche gingen, samtene Mieder mit Knöpfen aus Gold und hatten Ketten um den Hals, die waren von mattem Silber und gaben einen sanften, feinen Klang.
Die Leute in der Heide aber sagten, wenn sie einen sahen, der recht stolz einherging: „Der ist reich wie einer von Robbensiel.“
So währte das hundert Jahre.
Da wurde das Kreuz auf dem Kirchendach, das der Seewind schwarz und unansehnlich gemacht hatte, nicht mehr mit neuem Gold belegt.
Es kam auch einmal eine Sturmflut. Die rollte schwere Sturzseen gegen den Deich von Robbensiel und zerbrach ihn an einigen Stellen.
Aber es war niemand im Dorfe, der gesagt hätte: „Wir wollen den Deich wieder ausbessern, sonst wird er in wenigen Jahren ganz zerfallen sein.“
Und die Nachbarn in der Heide, die das sahen, schüttelten die Köpfe und sprachen:
„Die neuen Leute von Robbensiel taugen nichts mehr. Ihre Väter sind stolz gewesen auf das Geld, das sie von den Vorvätern ererbt. Aber sie haben nichts hinzuverdient, und die neuen Leute wollen nicht einmal mehr arbeiten.“
Von den Fennen um Robbensiel verschwanden zu dieser Zeit die Schafe und Rinder; denn es geschah in den wilden Nächten des Herbstes und Vorfrühlings, dass das salzige Seewasser durch die Breschen des Deiches schoss und die Weiden verdarb.
In den Augen derer von Robbensiel löschte das freudige Licht; und die den Fischfang betrieben, kamen mit leeren Booten und finsteren Stirnen heim.
Die Fische, die sich einst in unermesslichen Zügen gegen den Strand gedrängt hatten, waren auf unerklärliche Weise verschwunden. Die Leute sagten:
„Wir wollen warten, ob sie im nächsten Jahre wiederkommen.“
Aber es blieb wie vorher.
Weil sie nur einen kargen Verdienst hatten, so verbrauchten sie den Rest ihres Gutes. Aber sie sträubten sich, den Deich zu bauen, der schon ein ganz morsches Bollwerk geworden war, das die nächste grosse Flut hinwegfegen konnte.
Zuerst, als sie die Baufälligkeit des Dammes erkannten, hatten sie Klei und Sand herzugefahren und hatten dem Verfall Einhalt getan. Aber weil ihr Verdienst sich nicht besserte, weil der Fischfang immer weniger eintrug und weil sie doch mehr arbeiteten, als ihre Vorfahren je nötig gehabt hatten, deshalb wurden sie mutlos und lässig. Sie liebten ihre Heimat nicht mehr, weil sie ihnen nichts gab.
Und wurden ein trutziges, schweigsames, verbittertes Geschlecht.
Etliche waren auch, die fürchteten sich vor dem Einbruch der See, und sie sagten: „Eines Tages wird sie uns überfallen, wird über den Deich springen und wird sich alles wieder nehmen, was sie unseren Vorfahren geschenkt hat.“
Und die grosse Flut kam. Sie zerstörte Häuser und stürzte die Kirche ein.
Da rollten die Glocken von Robbensiel durch die Gassen, die die Wogen in den Deich gebrochen hatten, und rollten hinaus in die See. Sie trieben hinab in grüne schimmernde Tiefen, durch die kein Sommerwind singt und kein Strahl goldenen Lichtes geht.
Und manchmal, wenn die Wogen schlugen und der Seewind sauste, und wenn die Leute von Robbensiel nun wieder an ihren Herden die Nächte durchwachten wie früher, ehe der Deich gewesen; wachten, bis die Stimmen des Grauens still geworden waren, dann lauschten sie auf, hörten ein fernes, frommes Läuten und sagten: „Das sind die Glocken von Robbensiel.“
In den Dächern der Häuser wühlte der Wind. Aus den Gärten schwand die bunte Zier der Blumen. Die Zäune um die Gelände vermorschten und sanken — je länger, je mehr. Alles im Stranddorfe Robbensiel war Verfall.
Darum packten etliche ihre Habe und siedelten sich auf dem Grunde der Geest oder auf der dürren Scholle der Heide an. Einige zogen in das Moor — Armut zu Armut. Andere aber verkauften, was sie hatten, und fuhren nach Amerika. Schiffer hatten ihnen erzählt: „Dort liegt das Gold in glänzenden Barren im Stein und Sande der Erde verborgen; man muss nur Glück haben, um sich an einem Tage Reichtümer zu schürfen.“
Das Glück wollten sie versuchen.
Und die See kam und zerbrach die verlassenen Häuser.
2.
Einer der wenigen, die weder in die Heide, noch in das ferne Land Amerika ausgewandert, war Wiet Evers.
Wiet Evers war ein alter Mann. Der konnte nicht einmal mehr Muscheln schürfen; da hielt er sich ein paar Schafe und trieb sie auf die Düne, die hoch und breit die Bucht von Robbensiel nach dem Lande hin wie ein mächtiger Bogen umzog.
Es war ein Sommertag.
Ringsum war alles so still, dass Wiet Evers bei den Schafen zu hören vermeinte, wie die versunkenen Glocken läuteten. Sie sangen: „Ihr alle geht unter! Ihr alle geht unter!“
Wie Wiet Evers solche Worte den Klängen des Sommertages unterlegte und halb verträumt über das wundersame Schicksal von Robbensiel nachsann, kam ein Mann mit einem jungen Seefahrer über die Düne daher.
„Ihr seid ein Mynheer,“ sagte Wiet Evers zu dem Alten; denn er sah, dass dieser vornehme Kleider trug und weiche silberne Haare über die Schläfen gestrichen hatte. „Was sucht Ihr hier, Herr?“
Der Alte lächelte: „Ich suche die Einsamkeit und die See.“
„Die beiden werden in der Bucht von Robbensiel bald allein daheim sein,“ sagte Wiet Evers. „Es ist nur gut, dass Ihr sonst weiter nichts sucht. Von diesen Dingen werdet Ihr hier wohl mehr finden, als Euch lieb ist.“
Und Wiet Evers, der die Schafe hütete, schaute den Männern nach und schüttelte den Kopf.
An diesem Tage kaufte Mynheer Remmer van der Heyde das Haus von Klas Hinrichs. Das war ganz von Efeu umsponnen und lag am Fusse der Düne.
Die Leute, als sie davon erfuhren, machten ungläubige Augen und sagten:
„Wie kann denn einer kommen und um diese Zeit in Robbensiel ein Haus erstehen? Wer wird denn an diesem Strande wohnen wollen, den die See frisst?“
Aber es war doch so.
Klas Hinrichs machte nun wieder frohe Augen, weil er das Geld einstreichen und seine Heimat verlassen konnte.
Da sagten die Leute von Robbensiel: „Klas Hinrichs hat Glück. Der kann mit dem Gelde in einem glücklicheren Lande etwas Gutes beginnen; wir aber müssen warten, bis uns und unsere Häuser die See frisst, wenn wir nicht alles im Stiche lassen wollen.“
Am nächsten Tage fuhren Wagen den Hausrat Remmers van der Heyde in die Bucht von Robbensiel. Nachdem alles in dem Hause seinen Platz gefunden hatte, redete der alte Remmer lange mit seinem Sohne.
Es war, als erzählte der Alte dem jungen Seemann sein Leben oder als bespräche er mit ihm, was geschehen sollte, wenn sein Herz eines Morgens aufgehört hätte zu schlagen; denn sie redeten lange und eindringlich miteinander. Und so sprach Remmer van der Heyde zu seinem Sohne:
„Du weisst, dass deine Mutter nicht lange nach deiner Geburt gestorben ist. Da musstest du bei fremden Leuten wohnen; denn ich hatte mein Geld in einem überseeischen Handelsgeschäft. Ich musste dort bleiben, wenn ich nicht wollte, dass ich mein ganzes Vermögen verliere. Das Geschäft hob sich, und ich konnte mir endlich die eingelegte Summe mit einem hohen Gewinn zurückzahlen lassen. Ich unternahm dann ein anderes Geschäft und verlor dabei wieder die Hälfte von dem, was ich hatte. Daraus erkannte ich von neuem, dass ich nicht zum Kaufmann geboren bin. Mir fehlte die Lust und der Blick, einen Stand der Dinge wahrzunehmen, bei dem ich einen grossen Gewinn erzielen konnte. Darum beschloss ich, von nun an in der Einsamkeit einer Küste meinen gelehrten Neigungen zu leben und ein Werk über die Wunder der Tiefsee zu schreiben. Wenn ich auch dafür nie Geld erhalte, so werde ich doch eine ehrliche Freude daran haben und ein billiges Leben führen. Von dem aber, was ich besitze, will ich dir eine Brigg bauen lassen, sobald du die nötigen Stufen deiner Seemannslaufbahn durchschritten hast.“
Der junge Remmer van der Heyde liess sich am nächsten Tage wieder anmonstern; der alte aber blieb in seiner Einsamkeit.
Danach vergingen Jahre.
Und als es nach diesen Jahren wieder einmal Herbst geworden war, kehrte der jüngere Remmer van der Heyde in das Haus am Strande von Robbensiel zurück. Er war als Matrose ausgezogen, nun aber war er Steuermann geworden. Damit hatte er die Stufen der Seemannslaufbahn durchschritten, von denen der Vater bei seinem Weggange geredet hatte.
„Ich will den Winter über in Robbensiel bleiben“, sagte er.
„Du sollst bei mir bleiben,“ sprach da der alte Remmer van der Heyde, „denn ich will dir nun die Brigg bauen lassen, wie ich dir versprochen habe. Wenn du dann dein eigenes Schiff hast, wirst du dir Geld mit den Fahrten verdienen und kannst dir dann dein Leben richten, wie du gern magst.“
Der junge Seefahrer blieb danach in Robbensiel, und die Brigg ward in Auftrag gegeben.
Eines Tages traf der Steuermann Remmer van der Heyde auf dem Deiche den Schiffer Wessel Jansen. Dieser schritt immer daher, als schwanke der Damm unter ihm wie ein leichtes Schiff im Sturme.
Jansen nahm die Rechte des anderen in seine breite, starke Seemannshand und sagte: „Du willst ja wohl nun ein Kapitän sein, Remmer van der Heyde?“
„Hm,“ nickte dieser, „will ich! Im Frühjahr wird die Brigg fertig.“ Und sie gingen weiter den Deich entlang.
Im Rücken lag ihnen die Bucht von Robbensiel, zur Rechten schlug die See, und zur Linken öffnete sich das Tief mit seinen Weiden und Gräben, in denen mannshohes Schilf wuchs.
In diesem Tief standen im Schutze des Dammes drei Häuser, die nur mit den Firsten ihrer Rohrdächer auf die See schauten.
In dem ersten dieser Häuser schenkte der alte Schiffer Harm Harbers Bier und Branntwein.
In dem zweiten, das zwei Steinwürfe weit davon entfernt war, wohnte Old Wimke Tülp. Diese sass im Hörn ihres Hauses und wärmte sich die Füsse auf der Feuerkieke. Sie litt am Gliederreissen; deshalb wusste sie schon drei Tage vorher, dass ein Sturm komme. Bei Old Wimke wohnte der Entenjäger Feis Tülp im Hause, ihr Enkel, der oft tagelang mit dem rostigen Schiesseisen draussen am Strande lag. Dabei hatte er eine dichtgewirkte Jacke an, die nur auf der Achsel zu schliessen war. Auf dem blonden Haare sass ihm die runde, gestrickte Mütze mit dem dicken Wollknopf obenauf. Und um den Hals schlang er sich ein schwarzes, schmales Tuch, das er vorn zu einer wehenden Schleife knüpfte. Feis Tülp hatte klare, blanke Augen und ein junges, freies Gesicht.
Von Old Wimkes Hause einen Möwenruf entfernt lag das dritte, das Haus des Schiffers Wessel Jansen.
In dieses trat Jansen mit Remmer van der Heyde.
Und Remmer van der Heyde sah, dass Jansens Schwester Jantje ein starkes und schönes Mädchen war.
Jantje Jansen aber dachte: Er ist der Sohn des Mynheers und wird bald eine eigne Brigg haben.
Am zweiten Tage sah er sie wieder und dachte: Es wäre gut, wenn der Kapitän der Brigg eine Frau hätte, die so schön und tapfer wäre wie Jantje Jansen.
Und sie meinte: Mit so einem, wie dem jungen Remmer van der Heyde, möchte ich wohl gerne fahren.
Am dritten Tage stand Wessel Jansen draussen im Graben und schnitt Rohr; deshalb musste Remmer van der Heyde mit Jantje Jansen allein sein.
Sie sassen lange am Herdfeuer.
Da sagte der Steuermann: „Jantje Jansen, wenn du mich lieb hast, kannst du meine Frau werden.“
Und das schöne starke Mädchen sah dem Manne froh in die Augen und sagte: „Wenn du mich lieb hast, so will ich gerne dein sein, Remmer van der Heyde.“
Darauf umschlangen sie sich mit ihren Armen und küssten sich.
Als der Frühling kam, wurden sie in der Heidekirche getraut, und die Brigg lag seefertig vor der Werft eines fernen Nordseehafens. Da nahmen sie beide Abschied von dem alten Remmer van der Heyde. Und nachdem sie im Herbste von ihrer ersten glücklichen Fahrt heimgekehrt waren, schenkte Frau Jantje einem Mädchen das Leben.
Das nannten sie Elke van der Heyde.
Der Winter verging, und am Morgen des 10. Februar stach die Brigg abermals in See. Sie war nun schon ein Jahr alt und ging nach Schweden. Und der Kapitän nahm auch diesmal Weib und Kind mit auf die Fahrt.
Dem alten Remmer van der Heyde aber hatten sie in seiner Siedelei von Robbensiel das Versprechen gelassen: „Wenn es eine glückliche Reise ist, so muss die Brigg am 13. März heimkehren und wird in der Frühe dieses Tages Robbensiel sichten. Wir wollen im Vorübersegeln eine Flagge zum Grusse setzen, an der du erkennen sollst: jenes Schiff ist die Brigg deines Sohnes, und an Bord ist alles wohl.“
Dann zogen sie hin.
Grossvater van der Heyde reichte dem Kinde beim Abschied ein sanftes Glöcklein aus Silber. Daran sollte es sich ergötzen, wenn es auf der langen Fahrt nichts vernähme als den eintönigen Schlag der Wellen, die an der Bordwand zerbrachen.
3.
An einem Märztage schlingerte Wessel Jansen den Deich entlang und arbeitete heftig gegen den Wind.
Es lag schwerer Nebel über der See.
Jansen spuckte missmutig hinein; denn er hatte auf einen langen, klaren Ost gewartet, der die Gräben noch einmal mit Eis überziehen sollte; auf dem Eise wollten sie dann schreiten, wenn sie Rohr schnitten.
Da kam Feis Tülp aus dem Nebel heraus.
„Tülp,“ sagte Jansen, „nun müssen wir bis an den Bauch im Wasser stehen. Das ist eine kalte Partie, Tülp. Aber geschnitten muss das Ried werden; denn die Bauern wollen ihre Dächer flicken.“
Er rieb sich dabei die Tropfen aus dem Barte, der ihm wie eine Krause von einem Ohre zum andern lief; dann drehte er sich zwei Stücke Priem von dem Röllchen und schob sie in den Mund, eins steuerbord und eins backbord.
Weil er dabei ungeduldig von einem Fusse auf den andern wiegte, fragte Tülp:
„Na, hast du das Zwicken, Jansen?“
Der schlug mit der Hand in den Wind:
„Nee. Hat Old Wimke Tülp daheim im Lehnstuhl etwa was in den Gliedern?“
Da nickte Feis Tülp:
„Hat sie. Sie sitzt im Hörn hinter dem Ofen und weimert. Es ist ein Sturm auf dem Wege, Jansen.“
Jansen starrte den Entenjäger aus weiten Augen an.
„Ja, Jansen, Old Wimke meint, ein Sturm, so gross wie jener, der vor dreissig Jahren die Glocken von Robbensiel gestürzt hat.“
Da sagte Jansen:
„Wenn die Alte recht hat, so werden sie Elke van der Heyde bald wie ein Märchen erzählen, dass dort, wo die graue See geht, einmal Menschen gewohnt haben. Es ist eine verrückte Welt, Tülp! Komm, wir wollen sehen, was Harm Harbers zu meint, und wollen uns mit einem lüttjen Snaps Branntwein wärmen — dass dir im Graben das Herz nicht kalt wird,“ setzte er lachend hinzu.
Feis Tülp merkte nicht, worauf Jansen anspielte.
Nun gingen sie den Deich hinab zu Harm Harbers.
„Schallen wi woll een lüttjen Kloren hewwen?“ rief Jansen dem alten Harbers beim Eintreten entgegen.
„Ihr wollt ja wohl Ried schneiden?“ fragte Harbers und wunderte sich.
Feis Tülp ging mit schweren Schritten gegen den Herd.
Dort sass Etje Harbers und spann Flachs. Sie sass im Scheine des Feuers, und hinter ihr tickte die rauchbraune Standuhr.
Harbers und Jansen blickten zu dem rückwärtigen Fenster hinaus und sahen, wie Nebel und Regen über die Heide flogen.
Einmal wandte sich Jansen um, weil er vom Herde her ein leises Lachen vernahm.
Dann kniff er die Augen ein wenig zu und sagte:
„Na, Feis Tülp, weisst du nun, was ich gemeint habe? Wir gehen zu Harm Harbers, hab’ ich gesagt, dass dir das Herz nicht kalt wird, Junge!“
Da zerriss Etje Harbers der Faden zwischen den Fingern. Sie sprang auf und schürte den Brand mit der Feuerzange.
Tülp aber freute sich an dem verräterischen Rot, das ihr bei Jansens Worten auf die Stirne geflogen war.
Harbers warf um diese Zeit einen Blick auf das Wetterglas und schloss die schmalen Lippen noch fester.
„Na, wie steht das?“ fragte Jansen.
„Weisst du was von der Brigg, die Kapitän Remmer van der Heyde fährt?“
„Die Brigg? Da hast du recht, Harbers!“ ... Jansen stützte das Kinn in die Hand ... „Am zehnten Februar ist sie von Bremerhaven in See gegangen“ ...
Seine Augen wurden plötzlich weit, und der Mund blieb ihm offen stehen, wie einem, der ein Gespenst sieht.
Dann schlug er das leere Kelchglas auf den Tisch, dass es zersprag.
Als Etje Harbers das hörte, tat sie einen Schrei — so klagen die Möwen, wenn der Sturm anhebt.
Und Jansen starrte auf den Wandkalender.
„Am dreizehnten März ist die Brigg fällig!“ sagte er tonlos.
Der Wandkalender zeigte den zwölften.
4.
Inzwischen war über der See eine dunkle Wetterwand emporgestiegen.
Old Wimke Tülp stand in der Tür ihrer Hütte, hielt sich mit beiden Händen an dem einen Pfosten und hob die Augen gegen den drohenden Himmel.
Es war ihr, als sähe sie in dieser Stunde Gott selber mit wehendem Bart und im fliegenden Wolkenmantel auf den Zinnen jener starken Himmelsburg schreiten und ausgehen, mit den Menschen Gericht zu halten über ihre Sünden.
Harm Harbers aber sprach zu Jansen und Tülp:
„Ihr könnt heute kein Ried schneiden. Wir wollen hinausgehen nach Robbensiel.“
Und Jansen sagte:
„Ja, wir wollen helfen! Aber was können wir dabei tun? Es müssten etliche Bauern mit Pferd und Wagen kommen. Dann könnten wir die Habe der Leute von Robbensiel bergen, ehe ihre Dächer einstürzen.“
„Das ist gut,“ antwortete Harbers. Und er wandte sich an Etje: „Tu dir ein Tuch um und lauf auf die Geest und sage den Bauern, was nötig ist.“
„Wenn sich aber niemand findet, der die lange Stunde durch den Sturm fahren möchte?“
„So sag’ ihnen: der alte Remmer van der Heyde habe Geld genug, sie dafür zu bezahlen, dass sie sein Hab und Gut der See aus dem Maule reissen.“
Und Etje Harbers eilte hinaus in den Sturm und lief in den Nebel der Heide.
Harbers, Jansen und Tülp schritten bald danach hinter dem Deiche den schmalen Fusspfad im Tief und kamen hinaus nach Robbensiel, als schon die Dämmerung in das bleierne Grau des Tages sank.
Der Sturm sauste, und der Regen flog.
Harbers und Tülp gingen gegen die Häuser, die dem geborstenen Deiche am nächsten lagen; Wessel Jansen aber steuerte dem Dache des alten Remmer van der Heyde zu, das bei der Düne lag und am weitesten von der andrängenden See entfernt war.
Er stiess die Türe auf. Da sass der Alte an seinem Tisch und schrieb — ja, Remmer van der Heyde hatte die lange Wildgansfeder zwischen den Fingern und war von einem Gleichmut, als läge draussen auf dem Watt ein Sommertag und schaue einer Herde ziehender Wolkenlämmer nach.
„Mynheer,“ rief Jansen, „was weisst du von der Brigg?“
„Nichts.“
„Nichts? Und das sagst du so hin?“
„Was willst du dabei tun, Wessel Jansen?“
„Hörst du den Sturm nicht, Remmer van der Heyde?“
„Ich höre ihn und weiss, dass Robbensiel untergehen kann.“
„Kann?“ schrie Jansen und schlug auf den Tisch. Dann riss er dem Alten das Papier unter der Wildgansfeder weg. „Kann?“ fragte er noch einmal. „Sag’: muss! Ihr müsst alle ersaufen in dieser Nacht!“
„Vielleicht!“ entgegnete van der Heyde. „Viel wird die See nicht zu tun haben.“
Der Alte legte den Kiel beiseite und lehnte sich im Stuhle zurück.
Jansen fragte:
„Und die anderen? Ich meine, die in den übrigen Häusern wohnen?“
Ein heimliches Lächeln lief über das feine Gesicht des Alten.
Er fuhr sich mit der flachen Hand über Stirn und Mund, als wolle er das Lachen abwischen, das sich zu falscher Zeit dahin verirrt hatte.
Dann sagte er: „Erst haben sie gebetet. Darauf haben sie ihre Häuser dicht gemacht und wieder gebetet. Aber als sie sahen, dass der liebe Gott nicht gleich in Seestiefeln den Deich herschritt und die schäumenden Mäuler der Wogen zertrat, die die See durch die Breschen des alten Deiches schob, da haben sie im Stiche gelassen, was in ihren Häusern war, und sind ins Land geflohen. Sie haben nicht viel verloren.“
„Alle?“ fragte Jansen. Er war froh, als er den alten Remmer so reden hörte.
„Ich weiss es nicht,“ entgegnete der Holländer, „aber ich sah ihrer etliche am Nachmittage durch den Sturm gegen die höher liegende Geest schreiten. Es sind ja nur noch sieben Häuser auf Robbensiel, Jansen.“
Jansen blickte nach der Uhr und sagte: „Mache dich fertig. Du kannst hier nicht bleiben, du musst ausziehen, Mynherr“ ...
Der Sturm warf die Haustür auf, und Harbers und Tülp stampften hinter ihm drein über die Fliesen.
Harbers rief hinein:
„Jansen, es rollen Berge von Wasser gegen den alten Deich!“ Der Qualm seiner Fackel wehte in den Raum; es war inzwischen dunkel geworden. „Komm, Jansen, wir warten auf dich.“
„Und was soll mit Remmer van der Heyde werden?“
„Das Haus von Wiet Evers steht dreihundert Schritt weiter gegen die See hin und liegt tiefer als das des Mynheers. Zuerst zu Wiet Evers! Vorwärts, Jansen!“
Wiet Evers hatte inzwischen mit seinem Weibe auf den Tod gewartet.
Die Flut drängte sich schon gegen die Mauern seines Hauses; sie stieg über die Schwelle und züngelte auf die Vordiele. Sie kroch um die Fackeln, die Harbers und Tülp draussen zu seiten der Tür in das Gras gesteckt hatten, und löschte sie aus.
Da band Feis Tülp drei Pechfeuer, die in Wiet Evers Hause waren, an eine hohe Stange, entzündete die Feuer am Herdbrand und steckte die Stange vor dem Hause in die Erde.
Die Brände sollten dem Wagen, auf dem Etje Harbers um diese Zeit von der Heide her gegen Robbensiel fuhr, den Weg zeigen; denn es war ganz finster.
Fast bis an die Knie standen die Männer in der steigenden Flut und trugen aus Wiet Evers Hause, was ihnen gerade in die Hände fiel.
Das wurde auf der höher gelegenen Fenne, wo sie schon den alten Mann und sein Weib niedergelegt hatten, in Sicherheit gebracht.
Da lief ein Licht durch die Nacht — endlich!
Und hintendrein ein zweites: die Wagen rollten durch den Sturm heran.
Eine Weile später zischte die See unter den Hufen der Pferde zur Seite, und Wessel Jansen fiel den geängstigten Tieren in die Zügel. Dann leitete er sie zu der Stelle, wo Wiet Evers auf seinem Hausrate nach dem Tode rief.
Die alte Evers schwieg — es war, als horchte Peterke Evers in stummer Qual, ob sie die See höre, wie sie die Reste von Robbensiel verschlinge.
Aber die wilde Woge, die alles fressen würde, kam nicht.
Es war, als wirke das trutzige Friesenwerk, dass das alte Geschlecht vor Jahrhunderten um seine Siedlung gezogen hatte, auch in seinen Trümmern noch Wunder. Jede breite See zerschlug sich an den starken Pfeilern und suchte mit gebrochener Kraft ihren Weg diesseits des Dammes weiter. Nur das kurze Schlagen der Wellen war schon an allen Wänden, und Wiet Evers sah, dass er mit dem, was sein war, auf einer ganz kleinen Insel liege. Da wollten sie der alten Frau in den Kissen auf dem Wagen ein Lager bereiten.
Aber Peterke Evers rührte sich nicht.
„Du bist kalt, Möh,“ sagte Etje Harbers zu ihr. „Wir wollen dich nun mit den Betten decken und in unser sicheres Haus im Tief fahren.“
Da trug ein Knecht das Windlicht herbei. Und sie sahen: die alte Frau lehnte mit weit offenen Augen gegen einen Sack voll Betten. Aber ihre grossen grauen Augen waren wie die Fenster einer nächtlichen Fischerhütte, in der niemand daheim ist. Es war kein Licht mehr hinter den Fenstern — die Seele war aus diesem morschen Hause heimlich von hinnen gefahren.
Da legten sie die Tote auf den Wagen. Und Wiet Evers hockte sich in die Betten zu ihr und war neidisch.
Der Wind sang ein schauerliches Totenlied. Da rollte der Wagen davon, und sein Licht verlor sich hinter dem anderen Deiche im Dunkel.
Nicht lange nachher schlugen die Wogen schon bis an die Kanten des Rohrdaches und begannen darin zu wühlen und es zu zerreissen.
In dem anderen Hause, in dem noch zu retten war, verschloss Remmer van der Heyde seine Schränke und Kästen. Schon schäumte von Zeit zu Zeit eine brausende Flut unter dem Wagen hindurch, der nun vor der Haustür stand. Aber die Männer schritten durch das Wasser und bargen viel. Zuletzt noch des Alten geräumigen Glasbehälter mit den bunten Seesternen und den roten Korallen.
Sie warfen Betten darum.
Dann sprang die See in das Haus.
Und was noch unter dem Dache war, musste untergehen.
Mit den brennenden Stümpfen der Fackeln schritten die Menschen neben dem davonächzenden Gefährt.
So verliessen die letzten Robbensiel.
Und Robbensiel war seit dieser Nacht nicht mehr.
Während Peterke Evers in Wessel Jansens Hause ihren ewigen Schlaf schlief und die Zeiger der Uhren gegen die Zwölf rückten, flatterten die grauen Schaumfahnen der See auch um den Deich vor den Häusern vom Tief.
Der Wind brauste mit immer wilderer Macht, die Wasser kochten, und die Wildgänse klagten.
Um diese Zeit wachten die Männer, die ihr Leben für die letzten von Robbensiel eingesetzt hatten, im Hause von Harm Harbers.
Sie sassen in Ölzeug und Seestiefeln, die Südwester auf den Köpfen, beim Kartenspiel.
Etje Harbers aber legte manchmal ein neues Stück Torf in die Glut.
Dann erhob sich wieder das leise Flüstern im Hörn; denn Feis Tülp sass mit Etje Harbers im Schutze der traulichen Ecke, in die der Schein des Herdfeuers so heimlich rann.
In dieser Nacht küsste er Etje Harbers zum erstenmal.
Sie sassen einander so nahe, dass sie den Schlag ihrer Herzen hörten. Es war der gleiche tapfere Ton des Mitleides und Mutes, hüben und drüben; es war ein schöner, voller Klang, der ihnen sagte: wir wollen nicht zag sein, so oft die Not des Lebens noch an uns herantritt.
Darum küsste Feis Tülp Etje Harbers zum erstenmal.
Und die wildeste und herrlichste Nacht seines Lebens neigte sich ihrem Ende zu.
5.
Das Licht des Tages kam.
Es war der dreizehnte März.
Die Männer auf dem Deiche sahen: wo Robbensiel gewesen war, schäumte nun die graue See, und die Möwen flogen darüber.
Der Sturm tobte, und Remmer van der Heyde hob sein Fernrohr und suchte weit draussen nach einem Zeichen, an dem er die Brigg seines Sohnes erkennen wollte.
Aber das Zeichen erschien nicht.
Am Abende flaute der Sturm ab, und die Sterne gingen an.
Die Männer wechselten sich in den Wachen nach jeder zweiten Stunde.
Aber auch der nächste Morgen kam, und es war nichts zu melden gewesen. Und wie sie alle auf dem Deiche standen, lag die Natur wieder in heiterem Lachen der Unschuld, das sich bis in die Fernen des Himmels dehnte.
Um diese Zeit nahm Harm Harbers dem alten Remmer van der Heyde das Glas aus der Hand.
Nachdem er es eine Weile auf eine bestimmte Stelle im Horizont gerichtet hatte, sagte er: „Es liegt ein neues Wrack auf Linsand. Aber es liegt in Luv, denn ich sehe nur die obere Hälfte eines Mastes.“
Da blickten sie alle hinaus über die See und bestätigten, was Harbers bemerkt hatte.
Dann streiften sich die Männer das Ölzeug über und schoben das Rettungsboot auf dem Karren an die Kante. Sie setzten die Segel, und das Boot flog hinaus.
Remmer van der Heyde allein blieb auf der Höhe des Deiches und sah die fliehenden Segel wie die Schwingen einer Möwe oder wie den Schaumkamm einer fernen Woge dahingleiten.
„Siehst du etwas in der Höhe der Rahen an dem grossen Maste, Harbers?“ fragte Jansen, wie das Boot dem Wrack näher kam.
„Es wird das Stück eines zerfetzten Segels sein,“ sagte Tülp.
„Nein, die Segel liegen gerefft auf den Rahen,“ sagte Harbers. „Der dunkle Ballen wird der letzte Mann des Schiffes sein, der sich dort festgeschlungen hat, als das Fahrzeug verloren war.“
Nun waren sie dem Wrack auf Rufweite nah.
„Hallo!“
Es kam keine Antwort zurück.
Sie brachten das Boot heran und sahen: es war ein Weib, das in der Höhe der Rahen festgeschlungen war, tief in Tücher gehüllt.
Feis Tülp stieg in den Stricken empor.
Da traf ein Wimmern sein Ohr, und ein sanfter Klang ward hörbar wie von einer silbernen Glocke.
Die Glocke hatte einst Remmer van der Heyde gehört und hing an einem Bande um den Hals eines Kindes. Das hatte seinen Arm um die Mutter geschlungen und hielt die kleine Glocke in der Hand und schwang sie, damit ihr Tönen die Mutter wecke.
Aber die Frau hatte das Haupt geneigt und war tot.
Und sie hielt das Kind mit ihren starren Armen fest.
Dies Kind hatte weiche, sonnenhelle Haare und weinte, als es Feis Tülp von dem Herzen der Toten nahm.
Wessel Jansen aber starrte empor und streckte Elke van der Heyde seine Arme entgegen.
Dann wickelten sie die Kleine ein, flössten ihr einen Schluck Wein über die Lippen und gaben ihr einen Bissen Brot zu essen.
Harm Harbers aber litt nicht, dass Wessel Jansen zu Tülp in die Wanten emporstieg, um seine tote Schwester loszubinden. Er sagte:
„Das geht über die Kraft eines Mannes. Kümmere dich indessen um das Kind, Jansen.“
Dann stieg der alte Schiffer selbst in die Rahen und half die Taue lösen, und sie liessen die Tote sanft herniedergleiten. Sie lehnten sie rückwärts ins Boot und breiteten ein Tuch über ihr stilles, bleiches Gesicht.
Dann stiessen sie ab.
„Die Boote verschlagen, die Männer über Bord — und alle verloren. Das ist das Ende!“ sagte der alte Harm Harbers dumpf.
Da läutete das silberne Glöcklein in den kleinen Händen des Kindes.
Remmer van der Heyde und Etje Harbers warteten am Saume der See, bis das Boot anlegte.
Und Etje Harbers nahm den Männern das Kind ab.
Dann standen sie eine Weile vor dem Entsetzlichen, das sich da zugetragen hatte.
Aber sie fanden das Wort nicht, mit dem sie diesem furchtbaren Schlage des Schicksals begegnen sollten.
Sie bargen die Leiche und das Boot, und Etje Harbers ging mit dem Kinde in das Haus und versorgte und pflegte es.
Remmer van der Heyde aber ging danach in den klaren Schein, der über der braunen Ebene lag, und wanderte in Einsamkeit.
Als er wiederkam, stand schon das Licht hinter dem Fenster von Harbers’ Schenke.
Der Himmel war voller Sterne; auch die weite, leise Fläche der See war mit goldenen Lichtern geschmückt und lag wie ein Himmel zu seinen Füssen.
Remmer van der Heyde ging an allem vorüber.
Als er in die Schenke trat, sass dort Jansen neben Harm Harbers am Tisch.
Jansen fürchtete sich vor keiner Wut der See; aber mit der Einsamkeit seines kleinen Hauses, wo in der Scheune zwei Tote lagen, getraute sich der Schiffer an diesem Tage doch nicht fertig zu werden. Darum war er zu Harbers gekommen.
„Remmer van der Heyde,“ sagte er, „mir ist, als wäre meine Schwester erst heute von mir fortgegangen. Das macht: alles, was in der Stube noch von ihr da war und für sie bereit stand, wenn sie wieder einmal darin einkehren würde,“ — der Schiffer starrte eine Weile vor sich auf den Tisch — „mir ist, das alles ist nun mit ihr gestorben.“
Remmer van der Heyde setzte sich auf die Wandbank den Männern gegenüber.
Sie sahen, dass das feine Gesicht des Alten auch in dieser Nacht den Zug jenes rätselvollen Gleichmuts trug, den sie vor dem Untergange seines Hauses an ihm wahrgenommen hatten.
Da sagte Harm Harbers:
„Was soll nun werden?“
Jansen sass mit weitgeöffneten Augen.
Er sah rückwärts, in eine andere Zeit.
Dann sagte Remmer van der Heyde:
„Ich werde mir ein kleines Haus bauen, so wie sie alle sind, die im Tief und im Schutze des Deiches stehen. Es soll ganz draussen sein, am Ende des Tiefs, wo sich an der Aussenseite des Dammes der Flötenkiel ansetzt.“
„Und das Kind?“ fragte Harbers.
Da begegneten sich die Blicke Jansens und Remmers van der Heyde.
Dieser sagte:
„Wessel Jansen, ich habe nur noch den kargen Rest eines Lebensweges zu gehen, auf dem mir nun wohl alles in Scherben gebrochen ist, was ich begonnen habe. Aber ich möchte mir ganz zuletzt doch noch das Licht einer Freude an meinen Weg stellen — vielleicht ist es endlich einmal eine richtige Freude und kann mir leuchten, bis die grosse Nacht kommt. Ich will mein Geld für Elke van der Heyde mehren, solange ich noch Zeit habe. Ich will die Kleine mit aller Liebe überschütten, die ein alter Mensch auf ein Kind werfen kann. Und ich will es halten, als wäre es mein eignes.“
Jansen atmete auf:
„Remmer van der Heyde, das hat mir arges Kopfzerbrechen gemacht, das mit dem Kinde; denn ich stehe ihm gerade so nahe wie du. Ich habe zwei Tote in meinem Hause, ich habe heut eine Stube an Wiet Evers vermietet, in der er sterben will, und ich habe kein Weib — ich hab’ aber auch kein Geld wie du, Remmer. Was sollt’ ich also mit dem Kinde anfangen?“
So wurden sie einig.
In den nächsten Tagen kamen Leute aus den Katen der Heide.
Sie gruben den Grund zu dem Hause am Ende des Tiefs und führten Backsteine herbei, aus denen sie dem Einsiedler von Robbensiel ein neues Heim errichten wollten.
Manche lächelten wohl über diesen Mann, der in seiner Stille, Güte und Eigensucht für sie ein Rätsel war.
Aber sie hielten ihn dennoch für sehr klug und sprachen nicht geringschätzig von ihm.
Einige beneideten ihn, weil er tagsüber nicht hart frönen musste und immer noch genug Geld besass, davon zu leben, wiewohl er die stolze Brigg verloren hatte.
Als die Dünenröslein aufgegangen waren und die Rispen des Strandgrases lispelten, stand das kleine Backsteinhaus.
Wessel Jansen hatte die Mauern mit einem dicken Rohrdache gedeckt.
Es war auch ein Raum in dem Hause, der nur von oben Licht erhielt und nach der Stube hin mit einer grossen Glasscheibe verschlossen war.
In diesen Behälter brachte Remmer van der Heyde seine bunten Muscheln und seltenen Fische.
Er hatte sich ein kleines Pumpwerk anbringen lassen, damit er das Seetierglas mühelos mit neuem Wasser versorgen könne.
Und Remmer van der Heyde zog mit dem kleinen Mädchen in das niedere Haus des fernen Tiefs und wohnte fortan darinnen.
6.
Es war Freundlichkeit zwischen den Leuten im Tief und Remmer van der Heyde, wenn es kam, dass sie einmal aneinander vorübergingen. Aber es war keine Gemeinschaft zwischen ihnen; denn der Alte brachte sein Leben in der gleichen tiefen Abgeschlossenheit zu wie sonst.
An den Kirchgängen in die klingenden Sonntagmorgen hinein nahm er nicht teil; auch erschien er nie beim Kartenspiel oder beim Bier in der Schenkstube von Harm Harbers.
Manchmal stieg er auf den Deich und sah die Trümmer des Fischerdorfes liegen.
Einmal, nach Wochen, kam Etje Harbers an einem stillen Junimittag, um nach dem Kinde zu sehen.
Sie fand Elke van der Heyde in einem sauberen Kleidchen auf dem weichen Polster eines niederen Stuhles sitzen, aus dem sie nicht fallen konnte.
Es fehlte der Kleinen an nichts, und der alte Mann hatte es vermocht, um das Kind die Liebe und Sorge zu breiten, die ein Mutterherz nur immer hätte ausströmen können.
Remmer geleitete Etje Harbers bis an die Schwelle des Hauses und sagte zu ihr:
„Du kannst von eurem Hause gut bis zu diesem Fenster sehen, vor dem der dichte weisse Vorhang ist. Ich will diesen Vorhang an jedem frühen Morgen aufziehen. Wenn er aber einmal in der Mitte des Vormittags das Fenster noch verhängt, so komm heraus und nimm Klein-Elke in deine Hut; denn an diesem Tage werde ich selbst dazu nicht mehr imstande sein.“
Das versprach Etje Harbers und ging.
An der Südseite des Hauses hatte der Alte einen Blumengarten angelegt.
Er hatte auch einen Efeuzweig in jener Sturmnacht von dem alten Stocke auf Robbensiel gebrochen. Der kletterte nun schon wieder an der roten Backsteinwand empor, trieb junges Grün und senkte seine feinen Wurzelfasern der Zweige in die Fugen zwischen den Steinen.
Und das gelbe Rohrdach wurde grau, und wenn ein Regen oder ein tagelanger feuchter Wind darübergegangen war, zeigte es schon den grünen Anflug des Mooses.
An schönen Sommertagen trug Remmer das Kind manchmal über den Deich und setzte es in den weichen, klaren Sand am Saume der See, in dem die bunten Muscheln lagen. Oder er entkleidete es, wenn die Sonne hoch stand, und liess das stärkende Nass über den kleinen Körper rinnen.
Als er das zum erstenmal versuchte, weinte Elke van der Heyde.
Da rieb er die zarte Haut mit einem weichen Tuche, und schon nach einigen Tagen erkannte er, dass sich das Kind auf die erfrischende Flut freue.
Er regelte das Leben der Kleinen ganz genau.
Schlaf und Wachen, Essen und der Aufenthalt in der reinen Luft der Küste — alles folgte zu seiner Zeit.
Als er eines Tages die Tür, hinter der Elke schlief, ganz leise auftat, da stand sie, von dem Schnee ihres Hemdchens umweht, mitten im Zimmer, streckte die kleinen Arme nach ihm aus und trippelte mit schwanken Schritten jauchzend auf ihn zu.
Da hob sie der alte Mann empor und drückte sie im Sturme der Freude an sein Herz.
Und eine Träne rann aus seinem Auge; die sank in das weiche Haar des kleinen Hauptes und glänzte darin wie ein Edelstein.
Der Herbst kam und breitete seine klare Bläue über Land und See.
Remmer van der Heyde war es, als werde sein Herz wieder jung an dieser Jugend, die es zu schirmen hatte. Er sah in dem Mädchen eine liebliche Blume, die ihm von einem späten Frühling geschenkt worden war.
Manchmal aber, wenn er in der Einsamkeit sass, machte er sich doch Vorwürfe darüber, dass er das Kind der milden Sorge einer Frau ganz entziehe. Eine frevelhafte Eigensucht sei es, wenn er das junge, erblühende Herz und die heimlich erwachende Seele, die in die warme Sonne eines Frühlings drängten, in das Spätherbstlicht seines Lebens stelle, sagte er zu sich. Und es sei ein törichter Wahn, zu glauben, dieses trübe vergehende Licht könne noch die Wunder eines Frühlings wirken.
Dann hatte er schwere Gedanken.
Er fragte sich, ob er nicht jetzt noch in den Tagen, wo die Sonne seines Lebens sich zum Untergange neige, eine Schuld auf sich lade, die er nie sühnen könne.
Aber was sollte er mit einer gedungenen Dienerin anfangen? Die hätte ja nicht einmal die Einsamkeit seines Hauses ertragen können.
Dann kam nach allen Zweifeln doch wieder eine herrliche Freudigkeit über sein Herz. Die durchrann ihn als eine köstliche Kraft, und er sagte:
„Ich will leben — dieses Kindes wegen, und ich will allen Reichtümern des Geistes und des Herzens, die in mir sind, nachgehen wie erfrischenden Quellen, damit die junge Menschenblume an ihnen sich erquicke.“
Er fühlte die ganze unverbrauchte Kraft der Liebe in seinem Herzen und war fest davon überzeugt, dass der Drang, diese Liebe in ein menschliches Wesen hinüberzuströmen, in keinem Menschen so stark sein könne wie in ihm.
Mit solchen Gedanken schritt er aus der Nacht, die Tau und Sternenlicht in seine Kleider geträufelt hatte, über die Schwelle seines Hauses und setzte sich noch eine Zeitlang vor die vielen Blätter, die er mit zierlicher Schrift beschrieben hatte.
Erst wenn die dumpfen Schläge der Uhr die Mitternacht kündeten, legte sich Remmer van der Heyde schlafen.
7.
So schwanden die Jahre dahin.
Der Efeu an der Nordwand des Einsiedlerhauses war schon bis auf das Dach gestiegen.
An die anderen Wände hatte Remmer van der Heyde weisse Rosen gepflanzt. Sie sandten ihre Zweige empor und verhüllten die roten Backsteine, und wenn sie blühten, war es, als erglänzten die Wände von Silber.
Und es ging eine Geschichte von dem Rosenhause im Tief; die drang bis in die fernsten Höfe der Heide und noch weiter hinaus.
Es war die Geschichte eines alten Mannes und eines jungen Kindes und der wundersamen Wege, die die beiden zusammengeführt hatten. Und sie erzählte von wundersamen Tagen einer wundersamen Einsamkeit.
Wenn die Grossmütter ihren Enkeln von dem Rosenhause berichteten, so wurden die Augen der Kinder weit; denn es war lieblich wie ein Märchen, was sie vernahmen. Da lebte ein Mädchen von der Schönheit der himmlischen Engel in dem Hause eines steinalten Einsiedlers. Und einmal im Jahr — in der Johannisnacht, wenn im Lande die Rosen blühen — seien die Wände dieses Hauses aus Silber. Wenn der Wind daran streife, erklängen sie und gäben eine sanfte, schöne Musik. Die Wände der Stuben aber seien aus Glas, und dahinter leuchteten goldene und feurige Sterne, die liessen ein zauberhaftes Licht in die Gemächer rinnen ...
So erzählten die Leute.
Je länger und je weiter die Geschichte lief, desto lieblicher dichteten die Herzen der Menschen, und desto reicher und schöner wurde das Märchen von dem Einsiedler im Rosenhause.
Die Zeit ging.
Feis Tülp und Etje Harbers waren längst Mann und Frau geworden. Aber sie hatten keine Kinder.
Und Wiet Evers, der nach dem Untergange von Robbensiel in Wessel Jansens Hause gewohnt hatte, war schon lange gestorben.
In die Schule brauchte Elke van der Heyde nicht zu gehen; denn es erwies sich, dass sie weit über ihr Alter hinaus klug war, und dass ihr der alte Mann schon mehr beigebracht hatte, als die Kinder der Kätner und Heidebauern in den ersten Jahren ihrer Schulzeit lernen mussten.
Er führte Elke vor die Grösse der See oder vor die Pracht des gestirnten Himmels und sagte ihr, dass diese ganze Welt der goldenen, kreisenden Funken ein über alle Massen Gewaltiges sei und darin doch alles mit einer Bestimmtheit geschehe wie in dem kleinen Werke seiner Taschenuhr, die Elke schon so oft bewundert hatte.
Und er erkannte, dass die Ahnung eines Göttlichen sich in die Seele des heranwachsenden Mädchens senkte, wenn er ihr zeigte, wie der Wechsel der Tage und Jahre sich mit unveränderlicher Regelmässigkeit vollzieht.
Dann kam die Zeit, in der Elke zu dem Pfarrer des Heidedorfes gehen musste, damit dieser sie prüfe, wie tief sie in die Lehre der Kirche eingedrungen sei.
Sie stand nicht ohne Zagheit vor dem freundlichen Manne, der fast ebenso einsam in seinem Rohrdachhause neben der Kirche war wie Remmer van der Heyde in dem seinen.
Er wirkte erst seit wenigen Monaten in seinem Amte.
Elke van der Heyde hörte seine volle, weiche Stimme und verstand seine einfachen Fragen.
Sie fand auch, dass sie noch viel mehr wisse.
Der Pfarrer hiess Ehm Ras und war aus der Heidestadt gebürtig, in die das Märchen von dem Einsiedler von Robbensiel und seinem Kinde schon längst gedrungen war.
Auch er kannte es.
Und von dem Pfarrer erzählten die Leute, dass er ein junges, reiches Mädchen zur Braut habe, das er nun bald als seine Frau in das Pfarrhaus auf der Heide führen werde.
Als Elke dem Mann einige Zeit gegenübergestanden hatte, wurde ihr Blick wieder ganz frei; denn der Pfarrer trug in dieser Stunde nicht den ernsten Predigermantel, den sie in der Kirche an ihm gesehen hatte, und redete mit einer herzlichen Freundlichkeit zu ihr:
„Du bist in einer tiefen Einsamkeit aufgewachsen.“
„Ja, Herr Pastor; aber diese Zeit ist an mir vorübergeflogen — ich weiss nicht wie rasch.“
„Du bist stärker und grösser und, wie ich sehe, auch klüger geworden als die anderen deines Alters.“
Da senkte Elke van der Heide einen Augenblick die Lider.
Als sie den Blick wieder hob, sagte sie:
„Das mag daher kommen, weil mich mein Vater mit allem Fleisse unterrichtet und mit aller Liebe gepflegt hat. Er ist sehr klug und schreibt an einem Buche, das heisst: Die Wunderwelt des Meeres.“
Der Pfarrer sah Elke bei allem, was sie sagte, mit seinen forschenden blauen Augen an. Er sass in seinem Schreibstuhl und liess seine Hand im Sinnen über den blonden Vollbart gleiten.
Da erkannte er, dass dieses Kind schon eine Jungfrau geworden war.
Er sah, wie weich ihr helles Haar, das einen feinen, silbernen Spiegel hatte, sich um ihre Schläfen schmiegte, und dass der Zopf gleich einer Krone über ihrer weissen Stirne lag.
Er sah auch die Fülle ihrer Glieder und die schuldlose Klarheit ihrer blauen Augen und dachte bei sich: Gott hat an diesem Kinde ein Wunder getan.
Dann fragte er:
„Werde ich Remmer van der Heyde daheim treffen, wenn ich einmal in das Rosenhaus komme, und wird er mir wohl sein Buch zeigen?“
Bei diesen Worten kam ein Licht der Freude in ihre Augen.
„Oh,“ sagte sie, „er wird gern mit Ihnen reden und über alles Auskunft erteilen, was Sie von ihm wissen wollen.“
„Ist er nicht schon sehr alt?“
„Fünfundsiebzig Jahre ist er nun geworden. Aber er war nie krank, und wer ihn sieht, denkt nicht, dass er einmal sterben werde.“
„Und so wird er auch freundlich zu mir sein?“ fragte der Pfarrer lächelnd. Er fragte so, weil er wusste, dass Remmer van der Heyde niemals an den sonntäglichen Kirchgängen teilnahm.
„Er kann überhaupt nur freundlich sein, Herr; denn er ist von einer unendlichen Güte des Herzens.“
„Aber er redet doch selten mit einem Menschen?“ sagte Ehm Ras.
„Ja, das wohl; vielleicht, weil er sich so gewöhnt hat. Mit Harm Harbers redet er aber doch ganz gern.“
Der Pfarrer stand aus dem Schreibstuhle auf und schritt auf Elke van der Heyde zu, die schon an die Tür der Arbeitsstube getreten war.
Als sie ihn mit ihren klaren Augen anschaute, liess er die Hand, die er ihr hatte reichen wollen, noch einmal sinken; denn er erkannte, dass die Augen dieses Mädchens von einem Reichtum der Seele sprachen, der ihn von neuem an das liebliche Märchen von dem Einsiedler am Hörn erinnerte.
Aber jetzt standen die Gestalten dieser seltsamsten Geschichte, die je durch die Hütten auf der Heide gelaufen war, plötzlich in der ganzen heiteren Verklärung vor ihm, die die dichtenden Herzen der Alten über sie ausgegossen hatten.
Es war dem Pfarrer, als müsse er lange mit diesem Mädchen reden können, und zwar über Dinge, von denen die Leute in den Hütten und Dörfern nicht einmal ahnten, dass sie da seien.
Erst nach einer Weile reichte er ihr die Hand und sagte:
„So grüsse Remmer van der Heyde von mir und sag’ ihm, dass ich in einigen Wochen in das Rosenhaus kommen und lange und gern mit ihm plaudern will.“
„Ich will nichts vergessen,“ sagte das Mädchen.
Und der Pfarrer hielt die junge Hand lange in der seinen.
Als Elke aus dem Hause ging und im Sonnenlicht der Ostern in die Einsamkeit der Heide schritt, stand er am Fenster seiner Arbeitsstube und schaute ihr nach. Da war ihm, als ginge der Glanz des Frühlingslichtes von diesem Kinde aus, das die Anmut einer Jungfrau hatte.
So stand er lange Zeit.
Die Uhr der Kirche schlug, und er hörte es nicht; denn über seine Seele ging ein Schauer, als habe er zum erstenmal vor einem Wunder gestanden.
Zum erstenmal?
Hatte er nicht das liebliche Wirken des Frühlings schon oft über die Erde kommen sehen?
Und dann, hatte er nicht jenes andere Mädchen mit seinen Armen umschlungen und seinen Mund auf die roten Lippen gepresst und auf die sanften Lider der Augen, die sich im Glücke dieser einzigen Stunde geschlossen wie vor der goldenen Helligkeit der Sonne?
Und Elke van der Heide war ein Kind!
Sie war in der Einsamkeit einer Hütte emporgeblüht, die hinter die arme Dürftigkeit eines Deiches sich ducken musste, damit nicht See und Wind sie zerschlugen.
Elke war im Schatten eines jener Dächer aufgewachsen, unter denen die Menschen harte Herzen haben und den Zug trutziger Verschlossenheit um die Lippen tragen ...
Das Leben ging hier grau und eintönig um die armen Häuser, wie die See eintönig und grau über die Armut des Küstenlandes rollte ...
Und doch, wirft die See nicht auch einmal eine Perle von köstlichem, schönen Schein ans Land?
So sann der Pfarrer im Hause auf der Heide; denn er hatte ein Wunder gesehen und suchte sich dieses Wunder zu deuten.
Und da er des Rätsels Lösung nicht finden konnte, sagte er zu sich: „Es ist eine Lüge.“
Er setzte sich wieder in den Stuhl, um seine Predigt zu entwerfen.
Und er schrieb von der Sonnenseligkeit der Frühlingserde und von der Fröhlichkeit der Herzen, die in die Tage der Ostern gehen. Und er schrieb von dem Manne, der eine köstliche Perle fand.
So wollte er hinüberleiten zu dem Wunder der Auferstehung.
Aber in seine Seele klangen Töne von märchenhaften Glocken.
In diese Klänge horchte er hinein ...
Es war, als kämen sie fern über die Heide und vom Strande der See ...
Da ging der Heidepfarrer hinaus in die goldene Einsamkeit des Frühlingstages.
Er ging so weit, dass er das Rosenhaus im Tief sehen und den milden, grünen Schimmer wahrnehmen konnte, den das junge Laub der Rosenranken über die Wände zu spinnen begann.
Hinter dem Fenster dieses Hauses sass in dieser Stunde Remmer van der Heyde und liess das warme Licht der Sonne über seine weissen Hände gehen.
Er hatte einen seltsamen Schein in den Augen des Kindes gesehen, der war fremd und schön.
Aber was sich in ihm spiegelte, wusste Remmer van der Heyde nicht.
Es war nicht jener heisse, fröhliche Glanz, von dem Elkes Seele erfüllt wurde, wenn die Sonnenstrahlen einen stillen Heidemittag hindurch das Mädchen umspielt hatten.
Es war auch nicht jenes Licht, das etwa aus den Gärten der Märchen in diese Augen strahlte, wenn der Greis in einer Stunde heimlichen Glückes das Mädchen hineingeleitete.
So oft Elke an diesem Tage in die Stube trat, sah sie der Alte an.
Immer sprachen ihre Augen von einem rätselhaften, fremden Glück.
Da sagte Remmer van der Heyde:
„Komm, setze dich mir gegenüber und erzähle mir noch manches, was du mit dem Pfarrer geredet hast. Sie sagen, er sei ein kluger, ernster Mann und rede eine starke, klare Sprache, die den Weg in die Herzen der Heideleute und derer von der Küste finde.“
Da setzte sich Elke ihm gegenüber; aber sie blieb stumm, senkte die Lider und sah auf ihre Hände, die sie gefaltet in den Schoss gelegt hatte.
„Du möchtest etwas sagen, Kind?“
„Ja — ich dachte, so müsste Jesus von Nazareth geredet haben, so stark und klar. Und so müsste er auch ausgesehen haben.“
Aber das Mädchen erhob seine Augen bei diesen Worten nicht.
Da wunderte sich Remmer van der Heyde und dachte an die frommen Neigungen der Frauen seines Geschlechtes. So waren sie alle gewesen, die den Namen van der Heyde getragen hatten.
„Es kann sein,“ sagte er.
Dann ging sie wieder hinaus an die Herdstatt, und der Alte hörte, dass sie Feuer zündete.
Weil er sich gewöhnt hatte, die Entwicklung der Seele Elkes mit allem Eifer zu verfolgen, damit er sie in jeder Weise fördern könne, dachte er über die Wandlung ihres Herzens nach, die er sich aus einer Erregung der Sinne heraus erklärte. Diese aber sei weder nach der Zeit, in der sie geschehe, noch nach dem Grade der Stärke, von dem der reine Glanz der Augen des Mädchens ihm erzähle, ungewöhnlich.
Und er nahm sich vor, auch jetzt nicht den mindesten Zwang auf ihr Herz auszuüben, das nach der fremden, schönen Sonne der Liebe zum Manne sich zu sehnen beginne, ohne es zu wissen, und nach der Seligkeit dieser Liebe verlange, ohne sie zu ahnen.
Und über seine Seele kam ein neues, wundersames Glück und eine heimliche, fröhliche Sorge.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.