Kitabı oku: «Cajetan Schaltermann»
Max Herrmann-Neiße
Cajetan Schaltermann
Saga
Cajetan SchaltermannCoverbild//Illustration: Shutterstock Copyright © 1920, 2020 Max Herrmann-Neiße und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726594409
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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»Werle: Gregers, – ich glaube, kein Mensch auf der Welt ist dir so zuwider wie ich.
Gregers (leise): Ich habe dich zu sehr in der Nähe gesehen.«
I
Es war so, daß er diese seine Heimatstadt, zu der er mit allem und jedem in Gegensatz stand, rechtschaffen haßte. Aber wenn er sich herzhafter zusammengerafft hatte, ihr zu entfliehn, fand er sich schließlich immer wieder auf dem Punkte, wo sie ihn zäher denn je umklammert hielt. Diese Stadt besaß eine unerklärliche Gewalt über die Feinde wie über die Freunde, und auch der hartnäckig Widerstrebende fühlte sich bald von der Wehmut ihrer vielen Glocken wie von einem Netze umsponnen und in den Dornröschenschlaf ihres um hundert Jahre zurückgeschraubten Klosterdaseins unentrinnbar verstrickt.
Cajetan Schaltermann überdies war in der Stadt geboren. Er verbrachte da seine Schulzeit, die nicht so schlimm war, wie er selbst meinte, aber auch nicht so angenehm, wie seine Lehrer hofften. Immer ward ihm, auf hundsföttische Weise, etwas verdorben. Die Benefizvorstellung der schüchtern angebeteten Soubrette fiel natürlich auf den Abend, der mit einer schwierigen schriftlichen Arbeit belastet war, und sprang man Sonnabend mittags nach Haus, so bildeten die Wagenburgen der Bauern ärgerliche Hindernisse, und sicherlich trug eine Marktfrau ihren vollgepackten Korb so ungeschickt, daß mancherlei Unheil, eh man sich’s noch versehen konnte, geschehen war. Aber damals maß er die Schuld an solchen Mißfällen, wenn überhaupt von Schuld bei ihm die Rede sein konnte, mehr einzelnen Personen oder Dingen zu, als der hinterhältigen Zauberkraft der Stadt selbst. Erst ein Ereignis, das ihn viele Zeit später betraf, erhellte in einem erschütternden Augenblick die für ihn so verhängnisvolle Geste der ganzen Siedelung. Cajetan saß in Oberprima und hatte sich an den gleichmäßigen Gang des Schulbetriebes so gewöhnt, daß ihm der Gedanke des nahen Abschiedes fast weh tat; auch das Schwerste, was verlangt wurde, l8ief ihm leicht ein, und sein Platz in der hintersten Bank war ihm wie ein ererbter Kirchenstuhl zu etwas Heimischem geworden, aus dessen Besitz er sich Sicherheit und Beruhigung schöpfte. Was die Kirchen betraf, so gab es da Abendandachten mit Musik und Stimmung und einem dunkel verborgenen Chor, wo kleine Briefchen durch viele willige Hände zu einem Mädchen mit zwei langen Hängezöpfen und hübsch blöden Augen flossen, und die vielen Offiziere, hinter denen man im Theater wie bloß geduldet zurücktrat, und zu deren aufreizend verhüllten Stuben seltsame Wege führten, waren auf offenem Platze zu anderen Stunden demütiger Untergebene, als vor Kathedern oder an schwarzen Tafeln je gefunden werden konnten.
Die Kaisergeburtstagsfeier begann mit einer Andacht in der Gymnasialkirche. Man mußte lange in Reih’ und Glied stehen in dem langen Korridor. Einige kamen zu spät und wurden beschimpft, bis man endlich in den Kirchenbänken verstaut war und hinzudämmern begann in der Gewöhnung des alten Rhythmusses und nachzuholen versuchte, was vielleicht an Schlaf im Bette versäumt worden war. Cajetan mummelte sich in sich selbst ein und fühlte den leeren Raum seiner einmal ganz von Gedanken befreiten Trägheit wie eine angenehme Wölbung, in der sich behaglich schaukeln ließ. Plötzlich empfand er, daß ein Blick, stechend wie das jähe Licht einer elektrischen Lampe, die Schülerreihen ableuchtete, und hörte im selben Augenblick, daß häßlich eine breite, falsche Stimme die Harmonie seiner Träumerei unterwühlte. Und mit einem Mal wußte er, daß alles von dem Manne am Altar herrührte. Er hatte die Religionsstunden dieses Pfarrers wie etwas über sich ergehn lassen, das nicht sonderlich erfreulich war, aber was, wie Mücken im Sommer, so und nicht anders sein mußte. Jetzt erinnerte er sich, daß dieser Mann von dem Mädchen mit den sehr langen Hängezöpfen und den hübsch blöden Augen zornviolett als von einem »Frauenzimmer« gesprochen hatte. Er schaute auf, und nun sah er hinter dem eigentlichen Antlitz des Religionslehrers wie hinter einer Maske eine Art zweites Gesicht, hämisch und von steinernem Zwange verzerrt, und hörte hinter seiner wirklichen Stimme das monoton feindselige, schleppende Geräusch durch den Stadtpark tappender Gruppen von Pensionären. Und auch, daß die Mitschüler grinsten, wenn sie vom »Pater Aloysius« munkelten, und der Name einer Witwe, bei der er als gerichtlich bestellter Vormund oft zu tun hatte, in eigen kitzelnder Art mit dem seinen zusammen genannt wurde, fuhr dem wie aus dem Gleis geworfenen Cajetan von ungefähr gleichzeitig durch den Geist. Und schon traten sprunghaft, indes er mit dem Strom der andern auf den Gang zurück und nach der Aula schritt, Bilder an sein inneres Auge, die er seit Jahren gesehen hatte, in diesem Augenblicke aber erst mit der Leidenschaftlichkeit der sinnvollen Vision wahrhaft erschaute. In ganz neuer Beleuchtung und Umrißschärfe stieg jetzt auch die tragikomische Figur jenes Potzpuch vor ihm auf, jenes eigenartig verwilderten Schwarmgeistes, den man von der Schule gejagt hatte, weil er zu stolz gewesen war, das mit kleinen Lügen zu erhalten, was ihm groß erschien. Sonderlich war eine Szene, die schon um drei Jahre zurücklag, und welcher er damals so gut wie gar keinen Wert zugemessen hatte, heut dem Cajetan bis zur plastischen Nähe gegenwärtig. Es handelte sich um einen abendlichen Besuch Cajetans bei eben jenem Potzpuch, und wie er die steile, enge Holztreppe in dem dunklen, altertümlichen Gebäude bis zu der Kammer sich hinauf tastete, die Potzpuch mit zwei kleineren Schülern teilte, wie die beiden Knaben mit der Ehrfurcht der Jünger dem Potzpuch nach seinem leisesten Wink zur Hand waren, wie besagter Potzpuch ein dickes Manuskript hervorholte und in der mangelhaft erleuchteten Kammer vorzulesen begann, die beiden Stubengenossen aber mäuschenstill saßen, und Stunde um Stunde verging, indes jener begeistert las und dem Cajetan fremde Namen wie »Stirner, Lassalle, Kierkegaard« durch die dumpfe, stickige Atmosphäre des Zimmerchens schwirrten, wie das Abendessen den Knaben darüber kalt ward, ohne daß sie auch nur mißvergnügte Gesichter zu zeigen wagten – alles das spielte sich noch einmal in Cajetans verwandelter Seele wie auf einer günstigeren Bühne ab. Und wie war das mit Victor von Kreibnitz gewesen, dem Sohn des Korpskommandeurs, als man ihn auf einer nächtlichen Orgie mit Offizieren und Schauspielerinnen ertappt hatte? Leitete man diesen Vorfall nicht sachte in ein Attest des zuständigen Arztes ab? Cajetans Erregung ging jetzt wie ein Mühlrad zur Überschwemmungszeit. Alle die Potzpuchschen Namen »Stirner, Lassalle, Kierkegaard« ‒ und er wunderte sich, daß er sich seitdem nie wieder darum gekümmert hatte ‒ mußten doch irgendwie eine Macht darstellen, feindlich jener, mit der man ihn und seinesgleichen dressierte. Wer hatte Eisenstäbe zwischen ihn und diese Werte gerammt? Hastig wollte er »die Schule« antworten, da las er, wie frisch gedruckt, jene alten Perfidien der die Stadt beherrschenden Zeitung, durch welche eine ganze Gesellschaft von Männern mit einem einzigen Federstrich abgetan wurde. Und war der Vater General nicht mit Orden und Ehrenzeichen behangen zum Mathematiker geklirrt, und sein Sohn doch noch nach Oberprima versetzt worden? Cajetan schnappte unwillkürlich zusammen; eben wuchtete der Mathematiker in seiner Reservehauptmannsuniform durch die Aula, an der Spitze der Kollegen, neben dem Direktor, der wie unter einer heimlichen Bürde geknickt einherknarrte. Gesang schwoll an. Jetzt erst kam Cajetan voll zum Bewußtsein dessen, wo er sich befand. Die Oberprimaner standen ganz im Hintergrunde der Aula, um den Ofen herum, lümmelten sich an der Wand hin oder hockten bei dem Tischchen, auf dem in einer Nische die Noten aufgestapelt waren. Vor ihnen befand sich das Klavier, betreut vom Zeichenlehrer, der sich in Gehrock und weißen Handschuhen wichtig tat. Dann breiteten sich Bänke mit den Schülern der »niederen Klassen« bis vorn zum Podium, auf dem rechts das Lehrerkollegium thronte, links irgendwie ehrgeizige Angehörige von Gymnasiasten und die würdevoll auf Draht gezogenen Familien des »Lehrkörpers« ein doch mehr peinliches Dasein von Nurgeduldeten führten.
Der musikalische Teil (der immer dieselbe Mischung aus Langeweile und offiziellem Drill darstellte und je nach der Signatur des Festes »Die Himmel rühmen« oder »Nun laßt die Glocken« oder »Wir treten zum Beten« hieß) war zu Ende, und, wie in Theaterpausen, brodelte für einige Minuten das Stimmengewirr einer so oder so erwartungsvollen Menge durch den Saal. Dann stakte umständlich der Historiker ans Rednerpult und trompetete seine geschwollenen Phrasen, in denen Wendungen wie »Wer möchte nicht einstimmen mit dem Dichter . . .« oder »O daß doch jeder Deutsche sich immerdar bewußt wäre . . .« sozusagen aufdringlich dominierten. Etliche nickten sowieso, und der alte Direktor ließ in mechanischer, halbkreisförmiger Bewegung sein wächsernes Antlitz von links nach rechts pendeln. Der Pedell, der bestochen war – eigentlich hatte er den Auftrag, die Tür zu hüten ‒ gönnte den ersten vorsichtig leises Entrinnen.
Die Rede zog sich wie Gummi. Der Tochter des Griechischprofessors entfiel unversehens der Schirm, sauste in die erste Schülerreihe hinab, wurde unter umständlichem Gescharr heraufgeholt und der mehr als nötig Errötenden zurückgereicht. Schwüle drückte wie Bauernbettlaken; ein Sekundaner heuchelte einen Ohnmachtsanfall. Cajetan hüpfte im Käfig seiner Vorstellungen von Ast zu Ast. Seine Gedanken wollten einen Ausweg finden, stießen sich, turnten an den Gemälden der Aula herum, machten ein paar Aufschwünge an der Kopie von Menzels »Flötenkonzert«, die ganz vorn, von einer Lichtflut übergossen, protzte, blieben schließlich doch an den historischen Porträten kleben, die Stifter und Gönner des alten Jesuitenkollegs, Bischöfe und Fürsten widergaben, und eine frische Flamme der Erkenntnis schwelte aus dem Innern dieser goldüberladenen Rahmen dem überreizten Gemüte entgegen. Ein Oberlehrer hatte, obwohl er im Akzent eine slawennahe Abkunft nicht ganz verleugnen konnte, in schlecht und recht gehobelten Carminas zu Flottenvereinsfeiern oder so das Äußerste in Servilität getan und war promptest avanciert. Den Cajetan schwindelte. War er bis heut mit Blindheit geschlagen von einer Pensumsöde zur andern geschlürft? Er ballte die Fäuste, karambolierte mit seinem Nachbar, der aus süßem Schlummer prallte, und entschuldigte sich nicht. Der Redner hob seine Stimme, klomm mit einer Gelenkigkeit, die unerklärlich blieb, von den gracchischen Reformen zu Wilhelm II. und klatschte sein dreifaches »Hoch!« wie ein rotes Sacktuch der Versammlung um die Ohren. Füße räusperten sich schwerfällig ihr Gleichgewicht zurecht, »Heil Dir im Siegerkranz« prasselte an die Fenster, und in einem übertriebenen Schnörkel unterschrieb das Klavier das knisternde Pergament des allgemeinen Niedersitzens. Gleichförmig schnurrte die Reihe der Schülervorträge herab. Aus jeder Klasse quälte sich einer aufs Podium, versuchte eine Verbeugung und haspelte mit dem einstudierten Klapperpathos korrekter Schulbetonung seine Deklamation herunter; fast dieselben verschollenen Drehorgelstücke hatte man jedesmal aus dem Lesebuch geklaubt: »Das Glück von Edenhall«, »Zu Limburg auf der Veste«, »Lied eines deutschen Knaben«. Cajetan stellte den Guckkasten seiner Erinnerung um fünf, sechs Jahre zurück: er sah sich selbst dort oben, einen schmächtig aus den Kleidern angelnden Quintaner, er hörte sich die Pointe jenes ihm aufgegebenen Schmarrens vom »Mutteraug« mit der Begeisterung seines ehrlich erschütterten Gefühls hinauskreischen und wie das wiehernde Hohngelächter des ganzen Auditoriums sein hilfloses Aus-allen-Himmeln-stürzen vom Ehrenplatz fegte. Warum lachten sie nicht über den Geschichtslehrer oder den Uniformierten, wenn sie so schnell bereit waren, jugendlicher Ahnungslosigkeit, die alles ernst nahm, ein Bein zu stellen? Er blickte genauer auf, und mit einemmal erkannte er hinter all diesen abgerichteten Mienen wie hinter Masken die wüsten Konturen anderer, wahrhaftigerer Gesichter, Fratzen, aber in ihrer Fratzenhaftigkeit deutlicher den letzten Sinn von Charakter und Bestimmung offenbarend, und immer verzerrt von irgendeinem geheimnisvoll bösen Despotismus, dem sie alle unterlegen waren und der sein Zeichen verräterisch genug auf Stirnen und Lippen eingebrannt hatte. Und zwischen den toten Menschen auf den Bildern mit den dicken Goldrahmen, und den Lebenden, die da oben so unglücklich Herrn und Hirten spielten, mußte es eine mysteriöse Verwandtschaft geben: fast mit den gleichen verstellten Gesten duckten die Gemalten sich unter entwürdigender, unsichtbarer Geißel. Cajetan wand sich, langte wie in Krämpfen nach dem Begriff, der alles übersichtlich machen könnte; er focht gegen einen Feind ohne Herz und Augen, wer würde ihm helfen können? Er beschloß, sich den Rottner, Pawitzeck, Burg, Mannshof, Hitzelmann, Fritz von Riedler zu nähern. Die hatten wohl eine Art Rüstung, immer waren sie für sich, stachlig wie Igel, schimpften auf das »Lausenest« und schwärmten von einem abenteuerlichen »Draußen«.
Die Feier war bis zu dem Teil vorgeschritten, der in der Verteilung von »Prämien« sein Hauptereignis besaß. Cajetan vernahm, ganz unvorhergesehen, wie sein eigner Name genannt wurde, fühlte sich vorwärts geschoben, hing, ohne daß er es so eigentlich merkte, vor dem Direktor, nahm ein Buch in Empfang, machte seinen Bückling und verschwand. Und wußte während des ganzen Vorgangs nur das eine: daß er rot geworden war wie ein abseits Ertappter und gezittert hatte, und schämte sich so innerlichst seiner Schwäche, daß er es wie einen körperlichen Schmerz verspürte. Er argwöhnte auch, Gekicher um sich zu haben, fixierte mit einem Ruck drohend den Kreis, in dem er stand, hatte aber im selben Zug die Gewißheit, daß die erhaltene Belohnung »Wilhelm der Große, ein deutsches Heldenleben« hieß. Verlockte er nicht seinen Hund mit Küchenabfällen zu den bravsten Kunststücken – aber als er von dem Oberlehrer, der die Bibliothek verwaltete, Tolstois »Krieg und Frieden« erbeten hatte, hatte der sarkastisch gelächelt und ihm Eichendorffs »Taugenichts« als geeignete Lektüre empfohlen. Und wie verhielt es sich mit» Stirner, Lassalle und Kierkegaard«? Jene Rottner, Pawitzeck, Burg, Mannshof, Hitzelmann, Fritz von Riedler ließen untereinander gelbe Hefte zirkulieren und taten überlegen separiert, aber dem Cajetan hatte seine Selbstachtung verboten, durch eine Frage Neugierde zu bekunden. Stadtväter verschwanden in den Nebeneingängen von Restaurationen, über die Geschichten von nicht ganz klarer Bedenklichkeit im Umlauf waren, bei Tisch ging von Scheidungsklagen die Rede. Welche fuhren über Sonntag nach Breslau, man tuschelte so viel, doch einer zog den Hut vor dem andern mit der Ehrerbietigkeit des Auguren, der zuverlässig weiß, was von dem allen zu halten ist.
Der Schlußchor sprang durch den Reifen von Cajetans Betrachtungen und riß ein großes Loch in die dünne Umhüllung, die aus Leiden und Ahnungen gewirkt war. Cajetan rannte mit geschlossenen Augen durch die Riemerstraße, er kannte aus den acht Jahren, in denen er Tag für Tag mehrere Male denselben Weg gemacht hatte, jedes Haus an dem ihm eigentümlichen Geruche: jetzt war er vor der Roßschlächterei, jetzt an der Brauerei, dann an dem Kaffeeschank . . . Auf dem Ring war Platzmusik: Mädchen, Offiziere, Schauspieler, Referendare flanierten, und da strich ja auch jener Steuermensch wie eine Hyäne an der Mauer entlang und jener Veterinär grinste wie ein schlecht gezähmter Schakal, und die Frau Fabrikbesitzer schwamm wie eine Ente, und alle wollten etwas mehr vorstellen, als sie in Wirklichkeit waren, der Viktualienhändler, der hin und wieder Zeitungsberichte schrieb, hielt sich für einen Journalisten, der Mützenmacher mit seinen Gelegenheitsreimereien zu Wurstessen und Hochzeiten für einen Dichter, der versoffne Organist für ein verkanntes Komponistengenie und sogar der skrupellose Varieteedirektor, Schürzenjäger, Alkoholiker, Spieler wie keiner, schien sich selbst den treusorgenden Gatten und Vater zu glauben. Cajetan hatte sehen gelernt.
II
Von jetzt ab galt Cajetan, der acht Jahre lang ein Vorbild und Liebling gewesen war, als auf eine unerklärliche Manier verwandelt oder verwirrt. Der einstige Musterschüler trieb diese letzten Monate seiner Gymnasiumszeit haltlos in allen Strudeln umher, die früher seiner gradlinigen Bahn bis zur Bewußtlosigkeit fern geblieben waren; etwas befremdlich Unstetes war über ihn gekommen, er glich einem Pferde, das acht Jahre lang im Göpel ging, plötzlich aber vor seinem Lenker zu scheuen beginnt. Mit einem Mal war er mit den Rottner, Pawitzeck, Burg, Mannshof, Hitzelmann, Fritz von Riedler gut Freund und mehr als das, er rührte kein Schulbuch mehr an, das Schriftliche ward schnell vor Schulanfang oder in den Pausen oder sogar während des Unterrichts hinter dem Rücken des Vordermanns zusammengefetzt und jedem Lehrer, wo es nur anging, passive Resistenz entgegengestellt. Cajetan hatte zuerst bei seinen neuen Kameraden etwas in betreff der »Stirner, Lassalle und Kierkegaard« zu erfahren versucht, aber da hatten sie abwehrende Mienen bekommen und jene zugeknöpfte Impertinenz, an der man unschwer die absolute Unwissenheit erkennt, so daß er alsobald abließ. Die jedoch hatten sich erst allmählich davon erholt, und eine freiere Unbefangenheit herrschte nur, wenn sie im Hinterstübchen der »Roten Wage« über Lehrer und Stadtenge debattierten, mehr Bier, als ratsam, zu sich nahmen, Skat spielten, rauchten, lärmten, Kommerslieder brüllten und den drei Töchtern der Wirtin ihre Verliebtheit auf eine kälberhaft täppische Art demonstrierten. Das alles: Zechen, Herumludern, Poussieren, Kannegießern tat Cajetan oberflächlich und wie bewußtlos mit, wobei ihm selbst die Freude am Protest nicht eigentlich zu Gemüte ging, aber für sich allein war er bemüht, noch auf anderen Pfaden in aller Heimlichkeit dem Verhängnis, das über seiner ganzen Welt stand, hinter die Kulissen zu kommen. Was er an Gedrucktem erwischen konnte, schleppte er wahllos zusammen und verschlang es; er suchte sogar die Gesellschaft jenes Veterinärs mit dem Schakalgesicht, der im Rufe eines belesenen Mannes stand. Dort erfuhr er, daß ein gebrechlicher, verwitterter Kauz, hinter dem die Kinder auf der Straße »Gewittermänndl« herriefen, weil sein Spaziergang nach gutem oder schlechtem Wetter bis auf die Sekunde geregelt war, ein in ganz Deutschland und darüber hinaus berühmter Forscher sei. Der eitle und geschwätzige Viehdoktor labte sich schmatzend an diesem ihm wohlgefälligen Thema, erzählte, wie er des Einsamen einziger Freund sei, und auch über den Grund, aus dem die Stadtzeitung ihren berühmtesten Mitbürger einfach ignorierte, ließ sich der Tierarzt weitläufig aus, und jene Macht, die Cajetan das erstemal dunkel in den Aulastunden geahnt hatte, und mit der er sich auseinandersetzen wollte, trat wiederum einen Schritt deutlicher aus ihrer gefährlichen Tarnkappe heraus. Es verhielt sich also derart, daß in dieser Stadt ein einziger Wille herrschen mußte; wer dem gegenüber sein eigenes Gesetz zu behaupten sich erdreistete, wurde so oder so erledigt, zermalmt oder beiseite geschleudert und liegen gelassen. Für den Augenblick glaubte er, alle Niedertracht greifbar vor seinen Fäusten zu haben, und sein Zorn und der Ehrgeiz, Sieger zu werden, wuchs ihm übers Haupt wie eine Palme; unbeherrschter schlug er auf den Schenkentisch und prahlte mit den Bierfreunden von großen, erstaunlichen Dingen, die bald geschehen würden, und wurde zudringlicher zu den Mädchen. Aber wenn er ohne Zeugen sich selbst gegenüber saß, fühlte er, wie die alten Bedrängnisse und Beängstigungen aufs neue an ihn herankrochen, und seine Seele immer leerer wurde, und wie er sich bald ganz und gar würde verloren haben. Er fing an, sich zu verachten, und spottete seiner eigenen Scham. Er gönnte sich keine Sekunde der Entspannung mehr und war immer wach, dem Prinzip der Stadt seine Schliche abzulauschen. Von nun an belauerte er in der Klasse jede Gebärde der Lehrer, wie ein Jagdhund sprungfertig, und in der Konferenz hieß es: »Wenigstens die alte Aufmerksamkeit ist geblieben.«
Die Erscheinungen wechselten in reichster Mannigfaltigkeit, aber soviel ward dem Cajetan immer gewisser, daß ein Regisseur, der alles bestimmte, doch sich einmal würde erraten lassen. Er hielt sich also unbeweglich und sah. Sein Gesicht war so bereit zur Aufnahme eines Ergebnisses, daß jeder eigene Ausdruck daraus verschwunden war; nachher kniff er stets die Augen zusammen, um besser überlegen zu können, und ließ unwillkürlich die Unterlippe hängen – so hatte er bei der verschlagensten Spionage eine harmlos dämliche Physiognomie. Aber hinter dieser Eselsvisage arbeitete es unablässig. Er sah und sah. Der kleine schiefschultrige Geschichtsprofessor fuhr zur Klasse herein wie eine Napoleon-Karikatur, versuchte jede etwaige Rebellion von vornherein mit einem als niederschmetternd gedachten Blicke zu vernichten und machte sich endlich im Katheder, wie in einem Herrschersessel, der ihm allein zukam, breit, als ob dieser arme Mensch nichts von der mannshohen Kluft merkte, die zwischen dem, was er war, und dem, was er vorzustellen sich getraute, klaffte. Oder betäubte er etwas in sich selbst und war Dünkel hier Notwehr gegen die eigne Verzweiflung? Seit zwanzig Jahren machte er zur selben Zeit dieselben Witze, die keine waren, war entzückt, wenn alle pflichtschuldigst grinsten, brachte dieselben pedantischen Übungen und Arbeiten, deren Lösung jede Klasse von der vorhergehenden empfing, und vernachlässigte im übrigen sein Fach über alle Möglichkeit. »Lächerlich ist er, nichts als lächerlich!« sagte sich Cajetan – doch da war auch noch etwas Verstecktboshaftes, dem jeder, der ihm irgendwie widerstand, zum Opfer fiel, und war nicht eben auch der Potzpuch letzten Endes über die verletzte Überheblichkeit dieses Gernegroßes gestolpert? Wirklich, in dieser Schule und in dieser Stadt half Lachen überhaupt zu nichts: jener Muchoreck, dem seine eigene Klasse ins Gesicht prustete, und den sogar die Herren Kollegen nur mit einem verstohlenen Lachen im Mundwinkel ansprachen, saß heute als Direktor in einer der begehrtesten Großstädte. Humpelnd wand sich und leisetretend der Lateiner durch die nur halbgeöffnete Tür, salbte die Herzen wie mit warmer Butter zu jeglicher Gefügigkeit, setzte sanftmütig die zutraulich gemachten Seelchen auf seine geschickt kaschierten Leimruten und schlang ihnen hübsch gemütlich die Schlinge seiner arggedenklich vorgefaßten schlimmen Meinung um den bloßen Hals, daß sie, ein letztes, blödes Nichtbegreifen im Blick, vor seiner milden Schadenfreude kommode verröchelten. Aber der rächte sich vielleicht nur dafür, daß er grundsätzlich von dem jüngeren Schulrat gedemütigt wurde und jedesmal mit beschämender Gründlichkeit den kürzeren zog. Da hatte der Geograph besser für seine eigene Haut gesorgt; er tat von Glockenschlag zu Glockenschlag – weder darüber, noch darunter – nicht mehr, als seines Amtes war, verzeichnete phlegmatisch ohne jede verächtliche oder lobende Glosse schlechte und gute Noten in sein Merkbuch und schritt gefühllos über in Todesängsten Verzuckende und über frische Leichen aus der Zensurenberatung zum gewohnten Stammtisch. Nur wenn ihm einer seine urkundlich festgelegten Einschätzungen anzutasten wagte, wehrte er sich, als sollte ihm die einzige Waffe entwunden werden gegen eine Macht, die ihm selber gefährlich werden könnte. – Nachts hockte Cajetan wieder mit denen in der »Roten Wage«. Aber je toller sie über »Schulzwinger« und »Pauker« ihre Knüppel schwangen, desto offenbarer war ihm so, als wüßte er etwas besser. Gab es da nicht auch noch ein Zusammenstehen gegen Erwachsene, die anders wollten, ebensogut als die Bande gegen die Knaben hielt? Ja, den alten Sonderling, der den Homer auf seine Art burschikos vorgetragen hatte, in saftigen Späßen Junge war mit seinen Jungens und die Stupidität des Betriebes mit scharfkantiger Satire zerfetzte, hatten sie unter sich unmöglich gemacht. Und betrank sich der verhaßte »Sägebock« nicht heimlich? Und bei dem feindseligen »Spulwurm« lärmten lauter schmutzige Kinder durch die schlampig verwahrlosten Stuben, und dem widerlichen »Ajax« siechte die Gattin gelähmt dahin. Opfer schienen auch sie, alle, alle, von einem Gewaltigeren, und erst, wenn die Genossen auf die Stadt zu schimpfen begannen, schwante dem Cajetan, daß das Geheimnis ihm näher trete. Jedenfalls legte er sich auch an diesem Saum in Hinterhalt.
Aus einem Silvesterabend sogar, der in Punsch und Zigarettenrauch wie ein Herbstfeld im Nebel unterging, schien das Unbekannte zu lugen. Cajetan und Ferdinand waren die ersten in der »Roten Wage«: Ferdinand wohnte bei einer grauen, vergeizten Tante, die auch am letzten Abend des Jahres Licht sparte und mit den Hühnern schlafen ging, und Cajetans Eltern besaßen die schöne Honoratiorenschenke am Ring, feierten jetzt unten im Lokal mit den Stammgästen und überließen überhaupt den Sohn mehr sich selbst. Die beiden, der Lange und der Kleine, durch Körperhaftes in ihrer auffälligen Zusammenstellung unverkennbar, waren also die für sie allzu helle Mautstraße hinuntergegangen und ganz offenkundig in »ihr Lokal« eingeschwenkt, indes die andern noch zu Haus »familiensimpelten«. Denn wenn die Mitschüler sich in die Schatten der Häuser drückten, hoffend, wenn schon gesehen, doch vielleicht nicht erkannt zu werden, gaben Cajetan und Ferdinand ihrer prägnanteren Gestaltung gemäß diese klägliche Verklausulierung von Anfang an auf und schritten wie andere Erwachsene, die nicht unter der Fuchtel einer unzeitgemäßen Unmündigkeit gehalten werden, durch den erleuchteten Flur gradewegs ins Hinterzimmer. Augenblicklich befanden sich hier erst der Kolonialwarenhändler Klinke mit seiner Frau, die, das Nützliche mit dem Angenehmen verbindend, Silvester bei ihren besten Kunden zu feiern gedachten, und an einem anderen Tische fünf oder sechs junge Leute, Kommis aus einer Eisenhandlung, Buchhalter in Speditionsgeschäften, die sich von ihresgleichen wieder als etwas Besseres absonderten, einen sogenannten »Klub« bildeten, der bei Tanzkränzchen und Festtagskonzerten »korporativ« auftrat und sich bestrebte, die gravitätische Solidarität von Studentenverbindungen in Formeln und Allüren nachzuahmen. Cajetan und Ferdinand setzten sich an einen leeren dritten Tisch. Sie sprachen, wie nicht anders zu erwarten, von der Schule, insonderheit von den Aussichten für das Abiturium. Ferdinand, der sich nur kümmerlich in der Überflutung mit Latein, Griechisch, Mathematik über Wasser hielt, hatte große Bange vor den entscheidenden Arbeiten. Er rechnete immer wieder sein Soll und Haben zusammen, und versuchte auf alle Arten da einen Posten einzuschieben, dort einen auszumerzen, um doch noch eine einigermaßen erträgliche Bilanz für sich herauszuschlagen. »Wenn ich wenigstens noch die zwei letzten griechischen Arbeiten halbwegs genügend schreibe . . .« murmelte er, und »Hauptsache, ich schaff’ die lateinische Klausur . . .!« und »Im Französischen kann ich mich vielleicht noch mündlich rausreißen . . .!« Cajetan, der sich ja, trotz allem, durch die früheren günstigen Leistungen so stand, daß er schlechterdings nicht verlieren konnte, blieb ungerührt. »Das ist mir alles Wurscht,« erwiderte er, » ob ich das Examen besteh’ oder nicht, das nützt mir einen Dreck, bloß wissen möcht’ ich . . . bloß wissen . . . ich halt das einfach nicht mehr aus, wie der Ochse vorm Berg zu stehn! Wo liegt denn der Hund begraben, hä?« Ferdinand hörte kaum hin und buchte für sich kummervoll weiter Plus und Minus. Manchmal sagte er melancholisch »Na prost!« Abwechselnd schwebten die drei Töchter durchs Zimmer, immer aus der Küche ans Büfett nach vorn und zurück, mit den abgefeimten Gebärden von Zehnpfennig-Prinzessinnen, die nach dem günstigsten Augenblick schielen, um sich zur Entgegennahme von Huldigungen herabzulassen. Ihre Mutter aber prätzelte bei der Krämerfamilie wie ein Huhn auf seinen Eiern und gackste ab und zu verschlagen-betulich. Die Mädchen hatten sich endlich geeinigt: die beiden Jüngeren gesellten sich zu dem »Klub« aus der Eisen- und Speditionsbranche, die Älteste trat zu Cajetan und Ferdinand. Man bat sie, Platz zu nehmen, und bot ihr ein Glas Bier, sie nahm gnädig an und ersuchte darum, statt Bier Punsch trinken zu dürfen. Sie erkundigte sich nach den andern »Herrn«, plauschte vom Theater, schimpfte auf die Stücke und Schauspieler, die Cajetan heimlich gern hatte, und lobte was ihm ein Greuel war und die Komödianten, die vorwiegend in der »Roten Wage« verkehrten. Dann wurde Karten gespielt, und die beiden ließen den Fratz gewinnen, indem sie absichtlich falsch zugaben oder sich beim Zählen zu ihrem Vorteil irrten. Sie akzeptierte das als etwas Selbstverständliches und begann plötzlich auf ein paar Mädchen zu schimpfen, die sich in bezug auf Kleidung und Gehabe vom Gros der Backfische separiert hatten und jetzt durch klatschsüchtige Zungen in üblen Verdacht gebracht worden waren. Cajetan merkte unwillkürlich Blut und Galle in sich aufsteigen, bremste aber noch, wenn schon auf seinem Gesicht seine innere Meinung unschwer abzulesen war, und da Ferdinand nicht weiter auf das Gerede einging, ließ die Wirtstochter vorderhand das brenzliche Thema fallen und gab sich, insgeheim erbost, aufmerksamer dem Kartenspiel hin. Es wurde ungemütlich häklig, jeder verbarrikadierte sich in seinem Bau, und die Gasflamme sang recht aufreizend – da erschienen gottlob Kurt und August und brachten von häuslicher Grogseligkeit eine Atmosphäre noch unterirdischer, humoristisch säuselnder Berauschtheit mit sich, so daß gleichsam die ganze Stimmung um zwei, drei Umdrehungen höher hinaufgekurbelt wurde, wo sie sich nun wackelnd hielt, in ständiger Gefahr, hinabzufallen, zu zerschellen und am Erdboden die tausend bunten Scherben in Staub und Kot zu verlieren. Kurt, durch die trüb gewordenen Brillengläser blinzelnd, verbarg seine heute noch vermehrte, im Grunde gütige Unsicherheit in gesteigerter Burschikosität und August spielte noch schmalziger die Rolle des pathetischen Komödianten, die er sich selbst allzugern agieren sah. So kam auch über Ferdinand und Cajetan fast etwas Unechtes, hinter dem aber bei Cajetan das Ungebändigte noch lockerer an der Leine lag und noch subtiler auf seiner Hut und gefährlicher bereit, loszubrechen. Man saß jetzt zu Fünfen am Tisch, die Wirtstocher ließ sich, beinahe versöhnt, von August hofieren, ohne daß sie merkte, wie er sich plumpzotig über sie mokierte, Kurt mußte am Klavier die neuesten Operettenschlager wiederholen, Cajetan und Ferdinand würfelten Schnäpse aus. Hernach läutete es »Zwölf«!, der »Klub« rannte mit den Gläsern auf die Straße hinaus, die Wirtin spendierte Grog, alles gratulierte sich durcheinander, Kurt bekam eine melancholische Anwandlung, und klimperte »Verlassen . . . verlassen . . .«, man riß ihn weg, warf ihm den Kasten vor der Nase zu, hin und wieder blitzte das Grölen und Getobe von draußen herein, Ferdinand schrie: »Wenn ich nur das Abiturium besteh! . . . aus dem Affenzirkus raus! Bloß raus!«, August beugte sein Knie vor der Wirtin und knödelte: »Ihr holden Fraun, ganz im Vertraun . . .«, dann flüsterte er unvermittelt: »Ich muß aber heut wieder aufschreiben lassen!« Kurt ließ grundlos ein Lachen erdröhnen, die Klubisten kamen im Gänsemarsch zurück, die geleerten Gläser in der Hand, und sangen »Freut Eu . . . euch . . . des Lä . . . bens . . .«, der Kaufmann aber und seine Frau schmorten wie befriedigte Zuschauer schmunzelnd im Sofa, als sei das alles nur ihnen zu Ehren und zur Belustigung angestellt, und die Wirtin gluckste applaudierend: »Das sein Ihnen zu tepsige Brieder!« Plötzlich entstand eine Pause, und für einen Moment wurde die jähe Lautlosigkeit so starr, daß sich Cajetan in vager Geniertheit bewußt war, wie er sich seiner eigentlich zu schämen hätte. Er wagte kaum aufzuschauen, und als er es tat, glaubte er in den Mienen von Kurt und Ferdinand Ähnliches zu erblicken. Indem er sich nach August umsah, der sich am Bierhahn zu schaffen machte, stocherte eine spitzige Stimme in die Stille: »Und das mein ich halt doch, so anständig wie wir hier, werden die Wirbels- und Schmaritzky-Töchter nich Silvester feiern!« Cajetan war es, als bohre man ihm im Zahnnerv, aber er hörte sich noch ruhig und sachlich etwas entgegnen, von »gerichtlich festgestellt« und »arme Mädels, die genug unter den Neidhämmeln zu leiden hätten«, da sah er, daß die Alte den Kopf schief legte wie ein Huhn und, wie an den einzelnen Worten würgend, sekundierte sie: »Und das sag ich, wenn das meine Töchter wären, die prügelte ich, daß sie nicht mehr loofen könnten . . . Sich so auftakeln und immer für wer-weeß-was halten . . . Jetzt hat man’s gesehn! . . . Eene Krähe hackt der andern die Augen nich aus! . . . Aber, wenn se schon so rumwetzen, da weess man schon!« Und nun fiel alles über ihn her: er sei verliebt in die, deshalb die Verteidigung, und neulich Abend hätte man sie noch allein nach den Wällen gehn sehn, und in der Kirche seien sie nie, aber im Theater . . . freilich, was die dem Cajetan bieten, könnte ihm in der »Roten Wage« nicht geboten werden . . . Einer fing schon an, sich wohlgefällig schmutzige Details auszumalen . . . Das Krämerehepaar seufzte eingeschnappt, mißbilligend . . . Cajetan war einfach wehrlos, der Überschwang der Gehässigkeit drohte ihn zu ersticken . . . alles wirbelte, neben dem Ofen tauchte die gemeine Fratze Augusts wie eine fleischgewordene Obszönität auf . . . Cajetan ergriff, mit Vehemenz das Bierseidel, das zerkrachte an den Kacheln . . . Tische kippten, Gaskronen sausten, wie geriet der Fetzen Seide zwischen die Zähne? Das Stuhlbein war also auch kein rechter Halt – nicht der Katze auf die Pfoten treten! – Kreischen, Fluchen, Türen zugehauen . . . draußen . . . im Hofe fallen Gegenstände hohl auf die Steine und etwas summt immerzu: »Fuchs du hast die Gans gestohlen – – –« Schließlich hockte Cajetan weinend wie ein Kind am Erdboden, vor den Herren vom »Klub« . . . Kommis aus einer Eisenhandlung, Buchhaltern in Speditionsgeschäften . . . und ließ sich von vier Klageweibern zünftig abkanzeln und heulte immer wieder auf, langgezogen, wie aus dem Keller heraus: »Wenn man doch eben nicht satisfaktionsfähig ist . . . man muß doch standesgemäß – –«
Im neuen Jahr kam er nicht mehr in die »Rote Wage«. Im März bestand er das Examen, es war ein schöner, lauer Abend, als er im schwarzen Rock sich nach Hause wiegte, dort wurde er wie ein Triumphator empfangen, eine Flasche Wein prangte auf dem Tisch, aber dem kleinen »Abschiedstrunk«, den die Mitprüflinge unten in der Restauration seines Vaters genehmigten, blieb Cajetan fern und war bemüht, in jener Zeit zwischen Examen und Universitätsanfang, sich ganz zurückzuziehen und eigen zu halten.
III
Cajetan war das einzige Kind der Schaltermannschen Eheleute. Herr Schaltermann, ein kurzer, korpulenter, sehr jovialer Kegel, war zuerst Schullehrer gewesen, hatte es aber bei irgend einem Gewissenskonflikte vorgezogen, sein Amt zu quittieren, dann hatte er alles mögliche probiert: sich abwechselnd als Reisender, Zigarrenkaufmann, Brauereibuchhalter ohne sonderliches Glück versucht, bis ihn ein Zufall in dieses gutgehende Restaurationsgeschäft führte, das mit seinem anständig vornehmen Betrieb auch wirklich der korrekt lehrerhaft gebliebenen Grundgesinnung des Mannes entsprach. Immer noch malte beispielsweise Herr Schaltermann Zahlen und Buchstaben wie Gestochenes, und jede Menukarte glich einem Musterbeispiel deutscher Schönschreibekunst. Frau Schaltermann war die Tochter einer wohlhabenden, frühverwitweten Bäuerin, besaß, da die zwei Frauen jahrelang allein auf ihrem Gute sogar über rumänische und galizische Erntearbeiter strenges Regiment zu führen wußten, die ganze selbständige Resolutheit einer Zarin und das herzhafte Verständnis für jedes Seineneignen-Weg-Gehen und hatte auch tapfer einst die Hochzeit mit dem Stellungslosen durchgesetzt, der vor der Beschränktheit ihrer Dorfgenossen als der »weggejagte Lehrer« verschrieen war. Ja, es bedeutete recht eigentlich ihr Verdienst, wenn später ihr Mann ausgehalten, mit unverwüstlicher Hoffnungsfreudigkeit immer wieder etwas Neues ergriffen hatte und endlich doch noch glücklich in dieser behaglichen Sinekure gelandet war. In der Hauptsache stand ihre raschentschlossene und unbeirrbare Tatkraft auch hier dem Hauswesen vor, sorgte dafür, daß ihre Küche als die reellste der ganzen Stadt allenthalben gerühmt wurde, und verstand es überdies, die Kellner und Kellnerburschen am Zügel zu halten, indes der Herr Gemahl mit seinem schwerfällig weitausholenden, gründlichen Debattieren, das aber von Freundlichkeit knusprig war wie ein Sonntagsbraten, einen gediegenen Kreis zahlungskräftiger, wohlbewürdeter und trinkfester Stammtischler sich gleichsam in familiärer Vertraulichkeit verbunden hielt. Diesen beiden Leutchen also, nachdem ihnen erst drei, vier Kinder gleich nach der Geburt gestorben waren, wurde endlich in Cajetan eine Art Erfüllung ihrer tiefsten Wünsche geschenkt, und sie hatten nun diese letzte Verheißung zum Besseren mit der ganzen verwöhnenden Liebe der oft Enttäuschten gehätschelt und gehuschelt. Sie hatten sich auch beide fest versprochen, diesen Spätling so zu stellen, daß ihm unbegrenzte Unabhängigkeit und Geborgenheit für immer gesichert sei. Sie hatten ja beide ihre Erfahrungen. Und »Freund, ich bin zufrieden, ’s gehe, wie es will, unter meinem Dache leb’ ich froh und still«, sang die Mutter oft.
Cajetan, der schwächlich und anfällig geblieben war, wurde während der ersten Knabenjahre in der Obhut des Papas gehegt und gepflegt; früher als gewöhnlich ward ihm bereits das Lesen beigebracht, und da der Junge die Studier-Neigung zu des Alten großer Freude geerbt hatte, vermißte er nichts, wenn er nur über Karl-May-Schwarten oder Bilderschmökern kauern durfte, und so blieb ihm das Herumtollen mit Kindern gleichen Alters ganz und gar unbekannt. Dann kam er auf das Gymnasium, und die Reaktion trat ein. Cajetan wurde zwar von Anbeginn ein Musterschüler, aber was an Lesbarem nicht mit dem von der Schule Geforderten zusammenhing, lehnte er ab – er war vorderhand übersättigt. Statt dessen machte er mit dem Vater Spaziergänge, botanisierte, sammelte Steine, zuerst immer ganz hingegeben, aber desto gründlicher schlief nach einiger Zeit jedesmal der allzu stürmische Enthusiasmus für diese Dinge ein. Und das machte sich auch ziemlich unauffällig, und ohne daß eigentlich beide Teile etwas davon merkten: der Vater war im Geschäft, die Mutter in der Küche, und Cajetan kam oder ging, war da oder nicht da – er hätte selber keine Auskunft darüber geben können. Die Zeit der ersten Liebe überstand er besser als mancher Altersgenosse, sei es, daß er erblich so gut wie garnicht belastet war, sei es, daß Gott es besonders gut mit ihm meinte: es zwitscherten da bei seiner Mutter Kochfräuleins aus bester Familie herum, Förstertöchter haben heißes Blut, und der schüchterne Cajetan konnte als verlockender Gegensatz gelten – genug: Cajetans Erkenntnis lautete im tiefsten, weiter nicht nachhaltig berührten Herzen: So viel ist gar nicht einmal dran! Und mit diesem Punktum blieb er, nichtssagende, mehr aus Neugierde geborene Ablenkerchen ausgenommen, für immer gefeit. Im übrigen: er lernte, und er erlebte sich selbst. Dabei trug und beschützte ihn der geregelte Apparat dieses ihm so geläufigen Bezirkes und sorgte dafür, daß nichts störte; in Wahrheit freilich war er eigentlich für das sichere Glück solcher Umhürdung bis zu dem Zeitpunkt blind geblieben, an dem er, als vom Schulzwange frei, die Augen weiter zu öffnen sich anheischig machte, hatte es stets als etwas Gebührendes hingenommen.
Jetzt, da er von der Etikette einer fatalen Schein-Untergebenheit erlöst war, ward er auch mehr unter die Leute gemischt und die Leute mischten sich zu ihm. Der Vater reichte ihn unten am Stammtisch herum und verstaute ihn hinter einem Maßkrug, der Cajetans Initialen am Deckel trug. Da taten sich Gesichter, die lange für Cajetan nur wenn es hochkam die flüchtige Bedeutung konstanter Orientierungspunkte gehabt hatten, weiter auf, und aus wichtigen oder tolpatschigen Gebärden deuteten sich Entdeckungen an, die dicht bei dem Pole zu liegen schienen, an dem die dem Cajetan verheißene oder vielmehr angedrohte Urmacht verankert sein mußte. Natürlich ging es darum, was Cajetan studieren sollte. Der Vater behandelte mit Ausdauer und Gründlichkeit die Aussichten und Zweckmäßigkeiten aller vier Fakultäten, wobei er der ihm von seiner Lehrerzeit gebliebenen Unart, häufig schwungvolle Zitate als Ornamente anzubringen, wollüstig frönte: oft flocht er auch Statistiken ein oder rannte nach dem Konversationslexikon und las eigensinnig Tabellen vor. Der reich gewordene Wachszieher begann drocksend von seinem Sohne zu erzählen, der in Breslau Kaplan war; den Ausdruck »Dogmatik«, den er auf der ersten Silbe betonte, umknixte er mit besonderer Scheu, und die Worte blieben ihm wie die Biertropfen am Barte hängen, bis er sie mit einem schnurzlichen »Mein Herr filius« sauber ableckte. Da steckte der Landmesser mit dem Kropf ein spöttisches, wohlfeilnachsichtiges Zucken auf. Zu Haus war er nur geduldet: die Seinen – eine Frau, die Büfettdame gewesen war, und eine Tochter, die es lieber hätte werden sollen – warfen ihm plebejische Manieren vor und begleiteten noch seine Geste des Zahlens, die einzige, die ihm erlaubt war, mit Vorwürfen über mangelndes Handelstalent. So war der Stammtisch ein Zufluchtshafen für ihn, in welchem er sich gleich immer für alles schadlos hielt. Doch selbst hier noch war ihm volle Ellbogenfreiheit nicht vergönnt; er durfte seine Witze nur sehr versteckt loslassen, denn durch verschiedene Spekulationen in Schwierigkeiten geraten, war er dieses und jenes Schuldner geworden, und das »Hüte dich, feins Blümelein!« klang immer warnend in seinen Ohren. Jetzt nahm er das Thema wie eine Waage in die Hand und belastete die andere Schale mit seinem Egon, der eben Fahnenjunker geworden war, daß die Schale mit dem Kaplan des Wachsziehers hoffnungslos sank und der Vater Schaltermann den Brockhaus mit der Rangliste vertauschen mußte, denn die meisten hatten gedient und legten nun die Nummern von Regimentern wie sorglich aufbewahrte Schmuckstücke hin, deren Goldgehalt jeder eingehenden Prüfung standhalten wollte. Bis der krummbeinige Jonschert sich an die Unterhaltung machte und sie sich wie einen Schemel unter das Gesäß schob, den er nun lange nicht mehr zu verlassen gedachte. Seine Glanzperiode, von der er bis an sein Lebensende zehren würde, war ihm als einem Ratsmanne von Winzig geblüht, und dort hatte er es sich angewöhnt, so pratschig laut zu reden, als ob immer alle schliefen. Er wischte erst die Zunge einmal durchs Maul und schob mit der gepolsterten Hand die Manschette zurück. »Der . . . der . . . der . . . also betreffende . . . Herr Professor Nimmschick, der hat . . . hat . . . neulich mit mir gesprochen über die . . . die . . . also betreffenden Abiturienten. Ich war . . . war . . . vor dem Essen noch mal über den Damm gegangen, nämlich, die Inf antristen, die kamen von Buxdorf, und da . . . da . . . da traf ich, also den Herrn . . . betreffenden Herrn Professor Nimmschick, und da kamen wir also so drauf zu sprechen, ich weiß nicht mehr, wovon’s alles ging, und da sagte der: Nein . . . nein . . . nein . . . nein, die . . . die . . . die betreffenden Philologen, die haben nämlich gar keine Aussicht jetzt auf Anstellung, für . . . für fünf, sechs Jahre ist alles überfüllt . . . aber . . . aber die . . . die Ingenieure, die Ingenieure also betreffend, die sind heut’ noch am besten dran! . . . prost, prost, prost, pröstchen . . . zum Wohle . . . zum Wohle . . .« Cajetan dachte nach, warum sich alle von dem alten Kracher so tyrannisieren ließen, und warum sich niemand dieses unhöfliche Schreien verbat; in Winzig, wo er sich durch Wucher und Güterschlächterei ein beträchtliches Vermögen zusammengegaunert hatte, durfte sich der »verpuchte Kravattenmacher« nicht mehr blicken lassen, und nun thronte er hier und führte das große Wort, und alle wußten doch, wie es um ihn bestellt war. »Das . . . das . . . das beste, also, ist heutzutage wirklich noch ein betreffender praktischer Beruf . . . die, die anderen Karrieren dauern . . . dauern immer länger . . .« Und plötzlich sprach er von seinem eignen Sohne, einem gutmütigen Dümmlinge, der unter des Erzeugers Schäbigkeit am schwersten zu leiden hatte, der sitzen geblieben war und jetzt auf einer sogenannten »Presse« zum Examen gedrechselt wurde, und fing ganz zügellos an, gegen irgendeinen Lehrer zu wettern, der an des Sohnes Mißgeschick Schuld sein sollte. »Der . . . der Lump, der also betreffende, der . . . der gemeine Schuft, der hat also meinen Moritz nicht leiden gekonnt . . . wir wohnten nämlich auf ein und demselben Flure, und da hab’ ich mir mal mittags, also, das Klavierspielen verbeten . . . also, so ein Geklimper, da muß man doch seine Ruhe haben, man . . . man hat doch also auch seine betreffenden Nerven nicht auf dem Miste gefunden! das . . . das . . . ist doch eine Gemeinheit! die . . . die reine Niedertracht ist das! und da . . . da hat er . . . hat er . . . meinem Moritz immer also betreffende Aufgaben gestellt, die nämlich gar nicht zu lösen gingen . . . der . . . der . . . Gott verzeih’ mir’s! . . . Hund, der verfluchte! Der . . .« Cajetan griff wie in etwas unleidlich Klebriges, es hing sich an, daß man die Hände kaum noch erheben konnte, und dabei mußte er immer in dies gelbe Ledergesicht des Jonschert sehen, aus dem uneindämmbar diese penetrante Flut von Worten quoll. Cajetan suchte nach einem Floß, er wollte es daraufhin wagen: Wer redet überhaupt in unserer Stadt am lautesten? Zuerst sah er nur ganze Heerscharen von Pensionierten, Abgetakelten, Rentnern, Ausrangierten, die das ihre im Schuppen hatten und unter dem Schlußstrich ihrer mehr oder minder reinlichen Summierung wohlgefällig hinfaulten. Mit einem Male war es ganz hell vor Cajetan: Dieser ganze Ort war vorzüglich eine Burg der Alten, auf dem Guanohügel ihres Vergangenen hockten sie und blinkten mit abfälligen Schnäbeln auf das verabscheute offene Meer! Um neun Uhr früh kamen sie aus der »Faulenzermesse« gekrochen wie malade Küchenschaben, knabberten mäkelnd an dem und jenem Gemüsestand, der und jener Schaufensterneuigkeit, und schlieferten grüppchenweis, eine zudringliche Demut recht demonstrativ zur Schau tragend, zum häuslichen Frühstück. Nachher humpelten sie knickebeinig durch alle Gänge des Stadtparks, immer zu zweien oder dreien, morchelten sich laut politisierend hin und her, blieben wieder stehen und zeichneten Pläne in den Sand oder gestikulierten sich irgendwelche Handhabungen vor, und jeder dieser ehemaligen Tütendreher oder Bäckermeister mimte vor sich einen Major a. D. auf der Homburger Kurpromenade. Überall krächzten und kramten diese verkalkten Rentenkrauter, das Stadtparlament wimmelte von ihnen, und der alte Herr Schaltermann sogar hatte sich einmal, als eine ihm nachteilige Steuer beschlossen worden war, zu dem Ausbruche hinreißen lassen: »Die Tapergreise nicken doch bloß mit ihren Glatzen und hampeln, wie man sie hampeln läßt!« Aha!, dachte Cajetan, es gibt also auch über diesen Jubilaren noch eine Instanz, und beschloß, die Lupe sobald nicht aus der Hand zu legen, Öfter als früher machte er jetzt dem Tierarzt seine Visite, aber die Frage, warum »sein berühmter Gelehrter« denn nicht einer Stadt, die ihn so mißachtete, für ewig den Rücken kehrte, fand fürs erste keine zufriedenstellende Antwort. Denn daß der Viehdoktor viel Rühmens machte von einer Einladung, die dem» gelehrten Freunde« von einer Zeitungsgröße Berlins zugegangen sein sollte, brachte die Karre Cajetans auf ihrem Dreckwall keinen Schritt weiter. Und er war doch scharf darauf, den Feind, den er überall witterte, um jeden Preis einmal richtig zu fassen. Er fing an, sich Aufzeichnungen zu machen; er war ja als Sohn seines Lehrervaters so organisiert, daß er sich schriftlich treffender Rechenschaft abzulegen verstand und ihm die Dinge schwarz auf weiß ihre Zusammenhänge klarer offenbarten. Wenn man erst mal den Federhalter ergriffen hatte, wurde man um soviel klüger und überblickte alle Richtungen um so eher, daß der Einseitigkeitsfanatismus des eignen Ärgers unter den kritischen Gesichtspunkt eines Hans-über-allen-Gassen gerückt war. Cajetan freilich brauchte anfangs noch System: er baute sich einen Rahmen und versuchte hübsch sauber jegliches dahinein zu praktizieren, und auch die andere Gefahr, ein abseitiger gelegenes Fort über Eselsbrücken zu beschleichen, blieb ihm nicht erspart, wie er schon etwas von der Zwickmühle zu ahnen kriegte, daß man den Feind sehen muß, um ihn ins Herz treffen zu können, aber daß eben dieses bis zu Ende Sehen den Schwachen unfähig macht für den entscheidenden Schlag. Er notierte sich zwei Lager dieser Stadt: ein priesterliches und ein militärisches, die er irgendwie voneinander abhängig oder gar bedingt fühlte. Er lächelte. »Wie die Stadt als alte Garnison in der Kriegsgeschichte einen Namen hat, so entwickelte sie sich auch im Laufe der Zeit zu einem befestigten Orte in kirchlicher Hinsicht und bewehrte sich mit kirchlichen Außenbastionen oder Klöstern« – und er spürte wie eine wollüstige Genugtuung, daß dieser Satz seinen stoßparaten Geist satt machte. Doppelpunkt: – jetzt galt es, sich erst recht tummeln! Er addierte und subtrahierte drauf los: Invaliden, Kirchenabonnenten, Livreen – Hurra! es ging ja doch alles in einen Topf, und das Formular war so gut wie vorgedruckt, man durfte sich etwas geschwülstiger ausdrücken: Autoritätsgläubige wurzelnd im Althergebrachten! Jetzt erst rannte er durch die Straßen wie einer, der sein Examen bestanden hat. Da er letzten Endes noch ganz und gar nicht frei war, wurde er frech und stierte jedem unter den Hut und pfiff, wo er einst kaum den Mund gespitzt hatte. Und kostete eigentlich nun auch erst den Vorzug dieses, im wahrsten Sinne des Wortes, Zeithabens aus.
Allerdings standen einem dabei soviele Möglichkeiten zur Verfügung, daß man ganz unentschlossen werden konnte, in welchen Napf zuerst zu gucken am rätlichsten wäre. Früh saß Cajetan mit der Mutter allein am Kaffeetisch – der Vater, nach ausgedehnter nächtlicher Sitzung, schlief gewöhnlich noch – und machte Pläne. So gut schmeckte der Kaffee wie nirgends sonst, drei Tassen trank die Mutter und aß Fettschnitte und kuschelte vor ihrer großen geblümten Tasse wie ein Häschen, und noch warme Zwiebacks gab es immer, und man durfte sogar Butter darauf tun. Darüber herrschte Einigkeit, daß Cajetan Jurist werden sollte, dann zumindest sich den Doktortitel erwerben, nachher könne er immer noch tun und lassen, was ihm beliebe. Dabei kam die Mutter ins Erzählen. »Gestern Morgen, wie ich fürs Vatel aufs Landratsamt gehen mußte wegen seiner Vormundschaftssache, denk’ dir, da hält mich auf einmal die Mommerten an. Und da kam sie so hintenherum und tat, als könnt’ sie nicht bis auf drei zählen, und fragte, was du studieren würdest . . . und wo . . . Ihr Franz wisse noch gar nicht . . . Er hätte ja auch noch ein Jahr Zeit . . . Bei Jura gäbe es wenigstens Stipendien von der Stadt . . . und sie hätte auch noch keine Ahnung, wo sie das Geld hernehmen solle, denn es werde doch außerdem noch genug kosten und habe schon soviel gekostet. – Du! das scheinheilige Reff, das! dabei hat sie noch nicht einen Pfennig für ihn ausgegeben, denn er kriegte ja schon von Sexta an mehr Stipendien, als er brauchte . . . Er wußte doch auch drauf zu laufen, er ist doch ihr Sohn, na, und im Klinseln ist sie doch Meister, und dann hat er sich durch Stundengeben schönes Geld gemacht, und sie hat ja das Haus und die Pension! Und nachher fragte sie so ganz unbefangen, du würdest doch wahrscheinlich einer Verbindung beitreten, du könntest es dir ja leisten und . . . und das Biertrinken, das wärst du ja wohl schon von Haus aus gewöhnt – na, da hatte sie mich grade, wie sie mich haben wollte, ich meinte: O ja, ein Duckmäuser war mein Cajetan Gottseidank nie! Und dann sagte ich ganz kurz angebunden: es täte mir leid, aber ich müsse wieder ins Geschäft, ich hätte nicht soviel Zeit, und sie solle nur entschuldigen, und weg war ich – nu ja, ’s ist ja auch wahr, die falsche Schalaster steht immer noch um Elfe auf dem Markte ’mm und klabatschkert, ich möchte bloß wissen, wann die was kocht – und so ein heimtückisches Getue kann ich nun mal für den Tod nicht verknusen! . . .« Ordentlich jung sah die Mutter aus in ihrer aufrichtigen Entrüstung, und dann schmeckte der Kaffee noch einmal so gut und wie nirgends sonst, wirklich, wie nirgends sonst! Aber das Bewußtsein, daß in dieser Stadt etwas Hassenswertes immer und überall vorhanden war, wuchs. Und mit jeder Stunde im Tag ward es eklicher fühlbar und, ohne daß es sich haschen ließ, saß es einem doch zuletzt, nicht abzuschütteln, an der Kehle. Wie im Fieber flatterte Cajetan durch die Straßen und umfädelte den protzigen Förster Knöterich mit einem Geflecht von Argwohn – der stampfte so breitspurig, als hätte er Rom zu bewachen, der alte Narr, und im Kriegerverein schmauchte er an verqualmten Tiraden und blies seine gute Gesinnung wie Rauchringe beifallsheischend in jeden Kneipenlärm, denn wo es Freibier gab, da haftete er wie eine Klette fest und sackte sich voll und schwadronierte und dann immer hin und her auf Patrouille, wo die Bahnerfrau wohnte mit dem weiten Busen, da verdrehte der Ehekrüppel, der morsche, sich schier den Hals. Auf der andern Seite der Straße watschelte der alte Schuppe, der pensionierte Glöckner, den die Kirche reich gemacht hatte, seine Frau, die rutschte sich die Kniee wund, und der Sohn, der wurde natürlich Pfarrer, aber ging man nachts in die »achtzehn Stufen«, da sielte er sich mit der Magd im Sekt. Ja, das war auch bei Nacht, und nicht am Tage! Und da fuhr der Brauer Hippel vorüber, in seiner Uniform versteht sich, der war also wieder mal eingezogen und protzte sich bei der Kundschaft herum. Cajetan hätte heulen mögen und wußte eigentlich selbst nicht mehr, weshalb. Vor ihm schlappte der Herr Fabrikbesitzer, der tat immer, als müsse ihm jeder die Schuhe putzen, und man raunte von einer halben Million, und plötzlich ging ganz drüben der Hauptmann Schinkel, der Fabrikbesitzer grüßte, der dankte, da kroch er fast in seinen Kragen hinein vor demütigem Entzücken, und dann traf er den Schuppe, und nun salbten die zwei: »Ein zu netter, freundlicher Herr, der Herr Hauptmann!« Dem Cajetan war just wie seekrank zumute; ja sollte der Säbelträger sie vielleicht angespuckt haben, die taten wahrhaftig, als wäre das ein Wunder, daß sich so einer auch wie ein Mensch benimmt! Cajetan überraschte sich selber dabei, daß er nicht übel Lust hatte, um sich zu schlagen. Die Tiergesichter da und da! es war die höchste Zeit, Schluß zu machen! Wurde er denn ein Sonderling mit der Gramfalte? Zum Dompteur fühlte er sich jedenfalls noch nicht standfest genug: wer war auch so einem Ansturm gewachsen? Die Kinder schon, die noch im Wagen muffelten, blähten so vollgefressene, meschante Backen auf, und die im Sande herumpopelten, warfen Steine nach seinem Hunde und kreischten hinter ihm her, und Frauen quirlten wie Haubenstöcke und hatten Stimmen wie zerbeulte Gießkannen oder als ob Spülicht in einen Gulli klackt, und eine war wie ein Mops um die Nase und bellte. Abends kratzten abgetrieben dürftige Mädel um den Ring, und hinter den Fenstern röhrten fadenscheinige Migucken in Visionen ihre Hälse aus, und Zoten flogen wie Harpunen von Lehrlingen, Soldaten, Chauffeuren und herumlungernden Caballeros und zerrten sich das Ihre in den Stadtpark, und mancher Einspänner leuchtete dann nicht erfolglos mit seiner Taschenlampe plötzlich in das Geheimnis einer verschollenen Bank. Dann gab es noch Vereine, in denen alle Niedertracht in Statuten gefaßt zu einer ständigen Einrichtung gemacht zu sein schien, wo jeder den räudigen Affen des Nächsten mit Zucker fütterte und Gruß und Erkennungszeichen nicht anders hieß, als: »Es war immer so!« Cajetan trat die Tage in den Rücken, daß sie sich beeilen sollten. Zuletzt lud ihn noch der Kartell derjenigen Verbindungen ein, die Fleisch vom Fleische dieser Stadt und ihren Herren ein Wohlgefallen waren, und da wurde seltsamerweise auch der Vater Schaltermann so energisch, daß Cajetan hingehen mußte. Er staunte: dies Band trugen ja alle, alle, vom Bürgermeister bis zum Schlachthofdirektor, und der Religionslehrer war vorhanden, und das Ekel von Mathematiker, und taten so sanft mit Cajetan wie mit einem weichen Ei, und, wenn man sich auf die Satzungen verpflichtete, durfte man sie duzen. Cajetans ehemalige Freunde waren auch eingeladen und konnten nach dem siebenten Glase weder diesem »Du«, noch dem Glanz von Mütze, Band und Volksachtung widerstehen – oder war es, daß die »Bundesdamen« so hold zu lächeln verstanden, und der Bombasmus der schwefelnden Prinzipienreden zu überzeugend brauste? – jedenfalls: Cajetan war nun eben einmal ein Gastwirtssohn und blieb nüchtern bis zum Abgang, und sooft er in den Hof hinaustrat, reckte er sich nach den kühlen Sternen und atmete tief auf, und als er nach Hause kam, wusch er sich sorgfältigst in frischem Wasser und pfiff noch im Bett die Strophe des Kommersliedes: »Wer die Wahrheit kennet und saget sie nicht, der ist fürwahr ein erbärmlicher Wicht!« Aber er pfiff es so ganz anders, als die dort an der Kneiptafel es gebollert hatten, und man wußte nicht recht, ob er dazu schluchzte oder auf eine aufwiegelnde Art sich zu lachen unterstand.
Und ein paar Tage drauf fuhr er nach München.
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