Kitabı oku: «Der irrende Richter»

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Max Kretzer

Der irrende Richter

Roman

Saga

Der irrende Richter

© 1914 Max Kretzer

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711502914

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Als der Landgerichtsrat Sonter die Durchsicht des Aktenstückes in Sachen Goland kontra Goland beendet hatte, erhob er sich von seinem bequemen Rohrsessel und ging durch das nebenan liegende Speisezimmer hinaus auf den Balkon, um die Blumen zu betrachten, die, wohlgeordnet, in fast gleichmässig hohen Töpfen die steinerne Brüstung dermassen schön zierten, als hätte die sorgende Hand eines Gärtners mit Verständnis gewaltet.

Es war im Juni, und die Vormittagssonne brannte schon heiss, so dass Sonter es unter der herniedergelassenen, blaugestreiften Markise als eine Wohltat empfand, sich, wie gewöhnlich bei seinem Studium, ledig der zu sehr beengenden Kleidungsstücke zu befinden, was ihn (er hatte es auf Umwegen erfahren) bei den Bewohnern des gegenüberliegenden Hauses in den Ruf gebracht hatte, noch immer ein an Bewegungsfreiheit gewöhnter Junggeselle zu sein, der es mit seinem losen Aufzug nicht so genau nehme. In dieser stillen Strasse des bereits auf Charlottenburger Gebiet liegenden Westens, wo schon ein vorübersausendes Auto die Menschen aus ihrer Ruhe schreckte, sahen sich die Leute gegenseitig in die Fenster und versuchten, schon aus den täglichen Gewohnheiten der Nachbarn deren Beruf und Lebensweise zu ergründen.

Sonter, der unter dem gelben Alpakajackett die Weste vermissen liess, zeigte sich auch ohne Stehkragen, weil dieser ihn zumeist bei seiner häuslichen Arbeit genierte, was wohl mit dem etwas kurz geratenen Halse zusammenhing, auf dem der massive, prachtvolle Napoleonkopf etwas schief sass, so dass dadurch der Eindruck einer leichten Verwachsung hervorgerufen wurde. Es war aber lediglich eine Angewohnheit des Landgerichtsrats, das Herrscherhaupt etwas seitwärts zu neigen, weil er auf dem rechten Ohre besser hörte als auf dem linken.

Sonter schritt bedächtig von einem Blumentopf zum andern, die ganze Brüstung des viereckigen Balkons entlang, der nur so gross war, dass vier Menschen, sitzend, ihn hätten ausfüllen können. Sein Gesicht glitt dabei über die Blüten der Rosen und Geranien hinweg, die abwechselnd ihr dunkelrotes und rosa Farbenspiel zeigten, und entschieden mussten ihn die Leute für einen zärtlichen Blumenfreund halten, der seine Liebe zur Flora auf diese Art äussern wolle. In Wahrheit waren seine Gedanken nur bei den Ehescheidungsakten Goland kontra Goland, die ihn ganz besonders interessierten. Wenn den Landgerichtsrat Sonter eine Rechtsfrage stark beschäftigte, dann ging er an diesen heissen Tagen stets auf den Balkon hinaus und roch an den Blumen, oder erfreute doch sein Auge daran, was er aber rein mechanisch, wie ein Gewohnheitsmensch tat, dem irgendwelche Ablenkung zum Bedürfnis geworden ist.

In diesen Betrachtungen (es waren in der Tat mehrere) wurde Sonter durch das Erscheinen seiner Frau gestört.

„Wünschen der Herr Landgerichtsrat hier draussen zu frühstücken? Es ist nämlich gerade so weit!“

Sonter behandelte diese Frage nur als die Aufmerksamkeit einer Dienerin, der man nur alltägliche Beachtung zu schenken brauche. Er erhob kaum den Kopf, machte auch keine höfliche Körperwendung, als er erwiderte: „Nein, Käthe, ich danke. Decken Sie nur ruhig drin ... Was haben Sie denn heute?“

„Es war noch etwas kaltes Huhn da. Dazu habe ich frischen Spargel gekocht. Auch sonst ist noch allerlei kalter Aufschnitt da. Der Spargel darf aber nicht kalt werden!“

„Schön, schön, Käthe. Ich werde gleich kommen, trotzdem ich heute keinen grossen Appetit habe.“

Er hatte nun das Napoleonhaupt erhoben und blickte auf die Strasse, deren blanker Asphalt in fast weissem Sonnenglanze lag, denn die Häuser gegenüber waren allmählich dem breiten Schattenrisse entrückt. Drüben wurde eine Autodroschke mit Gepäck beladen, und das zog sein Auge an, während die Gedanken fortwährend bei der Sache Goland kontra Goland weilten. Es war da ein ganz bestimmter Paragraph des Bürgerlichen Gesetzbuches heranzuziehen, der ihn andauernd beschäftigte.

„Der Herr Landgerichtsrat haben jedenfalls gestern abend wieder zu gut gegessen, und dann schmeckt das Frühstück niemals, das weiss ich schon“, fuhr Frau Sonter ruhig fort, ohne sich von der Stelle zu rühren.

Sie stand noch immer hinter der Schwelle, im Schatten des Zimmers, aus dem ihr frisches Gesicht, noch rot von der Hitze des Kochherdes, über der hellen Hausbluse hervorleuchtete und einen auffallenden Gegensatz zu der etwas fahlen Farbe ihres Mannes bildete, die nicht gerade gehoben wurde durch das schreiende Gelb des vor ihm stehenden Goldlacks.

„Da mögen Sie schon recht haben, Käthe“, erwiderte Sonter in derselben freundlichen Weise, wobei er sich wunderte, wie viele Koffer man da drüben herbeischleppte, die seiner Meinung nach gar nicht auf dem Verdeck des Autos Platz hätten.

Die fünfte Zivilkammer des Landgerichts, die sogenannte Ehescheidungskammer, hatte nur Dienstag und Freitag Sitzung, und da heute Mittwoch war, so hatte Sonter gestern abend etwas spät am Stammtisch der alten Weinstube in der Potsdamer Strasse gesessen. An solchen Abenden pflegte er seinem Magen, über den er sich durchaus nicht beklagen konnte, etwas Besonderes anzutun, was aus dem Geleise der häuslichen Küche glitt. Ja, er schwelgte dann sogar ein wenig in den Speisekartengenüssen, so mit dem Behagen eines Ehemannes, der stets ohne seine Frau ausgeht und dann nicht zu befürchten braucht, bei seinen Wünschen irgendwelchen Einwendungen zu begegnen, oder gar für zwei zu bezahlen.

So hatte er sein Leben als Junggeselle geführt, und so führte er dieses Leben auch weiter, nachdem er in die Ehe hineingeplumpst war, so wie der Wanderer, der ahnungslos in der Dämmerstunde über die blühende Heide streicht, plötzlich in einen verlorenen Tümpel gerät, aus dem man schwerer herauskommt, als hinein.

„Wer mag denn da drüben schon verreisen?“ fragte er so nebenbei, während seine Gedanken nun wieder völlig bei Goland kontra Goland waren, indem er ernstlich erwog, ob neben dem Paragraphen 1568 nicht auch der Paragraph 1566 als entscheidend heranzuziehen sei; natürlich zugunsten der Frau, die in diesem Falle ohne Zweifel die Märtyrerin war, die nicht nur aus ihrem Joche befreit werden wollte, sondern auch musste. Das stand für ihn als Referent in dieser Sache durchaus fest, wenn auch der Vorsitzende der Kammer seine Meinung bisher nicht teilte, vielmehr immer wieder vorschlug, den neuen Beweisanträgen des Ehemannes, dass die Behauptungen seiner lieben Gattin nur ihrer hysterischen Veranlagung entsprängen, stattzugeben. Aber dieser liebe Kollege Dienstel war ein Nörgler, ein ausgesprochener Weiberfeind, der sich schon aus diesem Grunde immer mehr auf seiten der Männer stellte und sich erst überzeugen liess, wenn der Buchstabe des Gesetzes es verlangte.

Frau Sonter trat nun auf den Balkon und blickte ebenfalls auf die Strasse, wobei sie es vermied, sich an die Seite ihres Mannes zu stellen, damit die Nachbarschaft drüben nicht etwa ihre Schlüsse auf eine Intimität zwischen beiden zöge; denn solange sie hier wohnten, sah man den Landgerichtsrat stets allein auf dem Balkon sitzen und sie nur als Dienerin um ihn, die kam und ging, sobald er ihrer bedurfte.

„Ach, da verreist ja schon der Baumeister, das sind die beiden Töchter seiner Ersten, die jetzt einsteigen“, sagte sie dann und stützte sich mit den verschränkten Armen auf die innere Eisenstange der Balkonbrüstung, weil es sie nun selbst interessierte, zu beobachten, wer alles die Reise mitmache. Dabei dachte sie: Er ist ja heute sehr gemütlich. Sonst gingen ihn doch die Menschen nichts an.

Diesmal machte Sonter eine Ausnahme, was wohl mit seiner guten Laune zusammenhing; denn im Augenblick war er zu der Erkenntnis gekommen, dass der Paragraph 1566 unstreitig als ausschlaggebend angewandt werden müsse, trotz der verwickelten Rechtsfrage. Der Ehemann Goland hatte seiner Frau nach dem Leben getrachtet, indem er sie mit dem Revolver bedrohte, und deshalb brauchten seine sonstigen ehelichen Entgleisungen nicht mehr unter Beweis gestellt zu werden. Die Ehe konnte geschieden werden. Diese Sache brauchte ihm also kein Kopfzerbrechen mehr zu machen.

„Sagen Sie mal, — Sie sind wohl schon über die ganze Nachbarschaft informiert, wie?“ fragte Sonter und liess nun seinen scharfen Napoleonblick wohlgefällig auf ihrer vollen Gestalt ruhen, besonders auf der schönen Rundung der Oberarme und des Nackens, die sich unter der dünnen, fast durchsichtigen Sommerbluse in ihrer ganzen kraftvollen Straffheit zeigten, fast reizvoll in diesem verhüllten Zustande.

Nun, da er über die Rechtsfrage mit sich einig war, opferte er die Ehemärtyrerin bis auf weiteres zugunsten dieses Stück blühenden Lebens da vor sich, das ihm gesellschaftlich so entfernt war wie der Mond von der Erde, seine gesunde Sinnlichkeit aber beizeiten so sehr beschäftigte, dass er ganz vergass, sein Dienstmädchen geheiratet zu haben und somit einfach Mann ohne Schmuck und Würde wurde.

„Das wird einem alles so zugetragen, Herr Landgerichtsrat“, erwiderte Käthe mit Absicht laut, weil auf dem Balkon des benachbarten Hauses, der kaum zwei Meter entfernt lag, gerade die dicke, jüdische Dame erschien, die dort regelmässig vormittags ihr Gemüse zurechtputzte und nur zu gern die Ohren spitzte, sobald es etwas zu erlauschen gab. Denn wenn rechts und links gesprochen wurde, so konnte man fast jedes Wort vernehmen. „Die Mädels klatschen zusammen und dann wissen sie bald, wer hier und dort wohnt. Na, und was dann noch fehlt, das reimt sich die Herrschaft selbst zusammen.“

Das sagte sie weniger laut, weil ihr der Zweck nun erreicht zu sein schien, denn immer war sie darauf bedacht, den äusseren Abstand zwischen sich und „ihrem“ Landgerichtsrat zu wahren.

„So, so“, sagte Sonter kurz und ging nun in das Speisezimmer, weil Käthe ihn abermals gebeten hatte, den Spargel nicht „ganz kalt“ werden zu lassen. Die beweglichen Kirschaugen der fetten Nachbarin genierten ihn auch ein wenig, denn wenn es in ihnen aufblitzte, schien die Funkensprache immer zu melden: Verstellt euch doch nicht so, ich weiss schon genügend Bescheid.

„Wünschen der Herr Landgerichtsrat vielleicht etwas zu trinken? Ein Glas Rotwein?“ fragte Käthe, als Sonter, durchaus noch in derselben guten Laune, am Tische Platz genommen hatte.

Obwohl sie von robuster, ländlicher Art war, hatte sie viel Beweglichkeit in ihren Gliedern, weil das gesunde Blut sie stets zur Arbeit drängte. Schon war sie an dem Büfett, öffnete die geschnitzte Türe und langte in das oberste Fach hinein, um ein Glas herauszuholen. Dabei musste sie sich auf die Fussspitzen stellen, und so reckte sie ihre Gestalt, die nun beinahe etwas Schlankes bekam, wodurch Sonters Auge noch mehr erfreut wurde, natürlich nur „vorübergehend“, wie er sich bei derartigen Aufwallungen zu entschuldigen pflegte.

„Nein, nein, ich danke, — lass nur“, hielt er sie von ihrem Tun ab. „Du weisst doch, dass ich am Tage nie etwas trinke.“

Rasch hatte er, wie immer, wenn sie unter sich waren, das Du gefunden, aber es war mehr das Du des freundlichen Brotherrn, als das vertrauliche des Geliebten.

„Das schon, aber ich glaubte, der Herr Landgerichtsrat würden vielleicht heute ...“

„Weshalb gerade heute, Käthe? Komm, setz’ dich zu mir. Ich habe mit dir zu reden.“

Ganz verblüfft blickte sie ihn an, so mit dem Ausdruck eines grossen Kindes, das noch nicht weiss, ob es Strafe oder Belohnung zu erwarten hat. Denn das war auch der Grundzug dieser emporgezogenen Frau, dass ihrem Wesen immer etwas Kindliches anhaftete, ob sie es nun verleugnen wollte, oder nicht.

Während sie rot wurde, hob ihr rascher Atem die Brust, und als Sonter sie so fast aufgeregt dastehen sah in ihrer ganzen häuslichen Sauberkeit, auf die sie so grosses Gewicht legte, mit dem etwas kokett frisierten, fast rötlich-blonden Haar, sah er wieder jenen schwülen Sommerabend vor sich, wo es um ihn geschehen war. Ein paar Sekunden schloss er die Augen, er wusste kaum weshalb: geschah es, um die Erinnerung zu bannen, oder aus Furcht vor sich selbst. Dann erhob er den klugen Blick und wiederholte: „Komm’, Käthe, komm’, setz’ dich.“

Es kam selten vor, dass Sonter sich zu einer derartigen Einladung verstieg, denn zu sehr klaffte, seiner Ansicht nach, der Bildungsunterschied zwischen ihnen, und ausserdem liebte er die Schweigsamkeit auch beim Essen, wenigstens im Hause. Und da Käthe das wusste, hielt sie sich in respektvoller Entfernung von ihm.

„Ich möchte nur erst einmal sehen, ob Frau Klenke —“

Sonter verstand sie und liess sie hinausgehen. Seitdem er hier wohnte, hielt er sich für die gewöhnlichen Hausarbeiten nur eine Aufwartefrau, denn Käthe, gewöhnt an Arbeiten von früh bis spät, fasste kräftig mit an und tat das übrige, was eine Fünfzimmerwohnung verlangte.

„Herr Landgerichtsrat möchten jetzt nicht gestört sein“, sagte sie hinten in der Küche zu der biederen Frau Klenke, die gerade dabei war, eine Zinkwanne mit einem Strohwisch auszuscheuern. „Sollte also was vorkommen, hat’s keine Eile, hören Sie? Ich habe da auf dem Balkon etwas zu tun, bin aber bald wieder hier.“

„’s jut, Fräulein, ich werde mir danach richten“, erwiderte die dürre Frau Klenke, krallte die linke, knochige Hand wieder um den Rand der Wanne und scheuerte mit der rechten weiter, bereits gewöhnt an derartige Wünsche. Als sie sich hier eines Tages meldete und von dem jungen, derben Weibe in der Küche empfangen wurde, gebrauchte sie sofort die Anrede „Fräulein“, denn unter einer Frau Landgerichtsrat hatte sie sich etwas anderes vorgestellt. Käthe hatte dazu gelacht, ohne aber irgendwelche Einwendung zu machen. Und als dann Frau Klenke immer hörte, wie das Fräulein von ihrem Gebieter nur in der dritten Person sprach, glaubte sie eine Wirtschafterin vor sich zu haben. Dabei war es geblieben. Mochte man auch so manches andere tuscheln, — ihr konnte das gleichgültig sein, wenn sie nur gut bezahlt bekam.

Sonter hatte inzwischen mit Appetit zu essen begonnen. Er war bei Stimmung, das merkte er an seinem körperlichen Wohlbehagen. Der Wein war ihm gestern gut bekommen, und die Nacht hatte er traumlos durchgeschlafen. Er sah ein, dass er sich zusammennehmen müsse, denn als Käthe nun zurückgekehrt war und ihm gegenüber sass, sah sie ihn ganz herausfordernd und verliebt an.

„Hör’ mal, ich habe da eine Haarnadel von dir gefunden, sie liegt drin auf dem kleinen Tisch“, begann er dann, während er ruhig weiter kaute. „Das wäre ja nichts Besonderes, nein, denn weshalb sollte man nicht mal ’ne Haarnadel verlieren.“

„Eine Haarnadel?“ erwiderte Käthe verlegen. „Die werde ich dann wohl beim Aufräumen verloren haben.“

„Ob es aber durchaus notwendig war, dja, sie bei meinen Akten als Lesezeichen zu verlieren, das möchte ich bezweifeln“, fuhr Sonter unbeirrt fort und richtete nun den Herrscherblick mit Bedeutung auf sie. „Denn du weisst doch, dass ich dir streng verboten habe, an meine Akten zu gehen, selbst wenn sie einmal offen daliegen sollten.“

Er sprach es nicht in bösem Tone, aber innerlich ärgerte er sich doch, dass diese Neugierde gerade an der Sache Goland kontra Goland befriedigt worden war, weil darin Dinge erörtert wurden, die nicht an die Öffentlichkeit gehörten. Vor allem war es ihm unangenehm, eine Mitwisserin im Hause zu haben, obendrein in einem Falle, der ihn tiefer berührte, als man es von einem Richter erwarten durfte.

Käthe sah ein, dass Leugnen nichts helfen würde. „Ich weiss gar nicht, wie ich dazu gekommen bin“, sagte sie kleinlaut. „Die Akten lagen auf dem Tisch, und da habe ich die obersten aufgeschlagen. Und dann habe ich mich gleich so vertieft, dass ich alles andere um mich her vergass. Nehmen’s der Herr Landgerichtsrat nur nicht übel, ich werde es gewiss nicht wieder tun. Muss ich auch gerade die dumme Haarnadel drin liegen lassen! Weiter bin ich nämlich nicht gekommen.“

„Ist das wahr?“

„Wahrhaftig, so gesund ich hier sitze. Ich klappte die Akten zu, weil ich später noch weiter lesen wollte. Dann aber wurde ich müde und ging zu Bett.“

Sonter glaubte ihr und fühlte sich nun beruhigt, dass sie die undelikaten Dinge nicht gelesen hatte. Das war jedenfalls zum Nutzen ihrer und der anderen, die, er fühlte es in diesem Augenblicke mehr denn je, noch ein Stück seines ferneren Lebens ausmachen würde. Und so warf er gutmütig ein: „Na, einmal ist ja keinmal, Käthe. Ich wünsche jedoch, dass sich das niemals mehr wiederhole.“

„Ich hatte auch gerade genug davon, das können der Herr Landgerichtsrat glauben“, sagte Käthe, nun wieder ermuntert durch seine Verzeihung. „Das ist ja ein netter Ehegemahl, dieser Herr Goland! Nimmt erst seiner Frau das Geld ab, und dann schlägt er sie obendrein noch und will sie totschiessen. Ein feiner Mann ...“

„Nicht wahr?“ ging Sonter lebhaft darauf ein, weil dieses Urteil sich völlig mit seinem Empfinden deckte, und nicht nur mit dem richterlichen. „Unterschreibe ich vollständig, Käthe. Man braucht ja auch nicht besonders gelehrt sein, um zu einer solchen Ansicht zu kommen.“

„Dumm genug von der Frau, dass sie sich das alles gefallen liess“, eiferte Käthe weiter. „Ich jedenfalls hätte mich gewehrt, und wenn ich das erste beste Ding genommen hätte. Die Augen hätte ich dem Kerl ausgekratzt.“

Sonter lachte auf. „Ei, ei, was muss ich hören, ich bekomme ja ordentlich Angst vor dir. Übrigens ist Kerl der richtige Ausdruck.“

Genugtuung sprach aus seinen Zügen, denn während des ganzen Prozesses hatte sich in ihm der Widerwille gegen Goland in dem Masse gesteigert, in dem er die bedauernswerte Klägerin zu verehren begann.

„Herr Landgerichtsrat würden sich doch auch niemals so vergessen können. Und nun gerade vor mir Angst haben, — ach, du lieber Himmel!“ Nun lachte sie. „Erstens bin ich viel zu wenig, und zweitens krieche ich jetzt schon in ein Mauseloch, wenn ich manchmal sehe, dass Herr Sonter ärgerlich sind.“

„Ich hielt dich immer für ungemein demütig, sozusagen für eine Dulderin“, sagte er, um bei dieser Gelegenheit ihre Natur einmal vollständig zu erschöpfen, und nun muss ich zu meiner Überraschung hören, dass du aufsässig sein könntest. Mir ganz etwas Neues.“

„Na, das käme doch auf die Verhältnisse an. Ich meinte ja nur, wenn ich an Stelle dieser Frau Goland gewesen wäre.“

Die etwas wegwerfende Betonung des Namens ärgerte nun Sonter, so dass er plötzlich einen anderen Ton anschlug. „Das verstehst du nun ganz und gar nicht, weil du die Auffassungen dieser Kreise nicht kennst.“

„Entschuldigen Herr Landgerichtsrat nur, aber was sind das für Auffassungen, wenn ein Mann seine Frau mit der Reitpeitsche schlägt?“

Sonter sah ein, dass er sich in seiner Belehrnug vergriffen hatte. „Ich meinte das ja auch nur in bezug auf die Dame, — auf die Dame, verstehst du? Eine Dame der Gesellschaft kann eben nicht zu jedem ersten besten Ding greifen, wie deine einfältige Vorstellung es dir ausmalt. Dja. Sie erträgt die Schmach einmal, vielleicht auch zweimal, vielleicht noch öfters, wenn sie Rücksicht auf ihren Ruf zu nehmen hat, oder wenn noch andere Verhältnisse vorliegen sollten, die ihre Scheu vor einem öffentlichen Skandal erklärlich machen. Ist aber schliesslich das Mass voll, dann sucht sie sich ihr Recht auf anständigem Wege und — findet es auch. Dja.“

„Na, dann ist auch an der Dame nicht viel dran, — nehmen’s mir der Herr Landgerichtsrat nur nicht übel. Aber wenn sie sich das so gefallen lässt, dann fordert sie den Mann ja geradezu heraus, es öfters zu tun. Ich wenigstens nähme meine Beine in die Hand und liefe, so weit ich laufen könnte, um mich allein zu ernähren.“

„Das ist deine Meinung“, sagte Sonter nun so abweisend, dass sie erschreckt zurückwich. Am liebsten hätte er sie nun nach dieser Herabsetzung Frau Golands, die er auch persönlich empfand, vom Tische gejagt, aber sofort erinnerte er sich der „Sache“, und so fühlte er sich in der Rolle des wohlmeinenden Richters, der es sich während seines ganzen langjährigen Berufes zur Aufgabe gemacht hatte, Unwissenheit und offener Ehrlichkeit das nötige Verständnis entgegenzubringen.

„Verzeihen der Herr Landgerichtsrat mir nur, wenn ich etwas zu viel gesagt haben sollte, ich kenne die Dame ja gar nicht“, kam ihm danach Käthe eingeschüchtert entgegen. „Ich würde mir wohl sonst eine derartige Beurteilung nicht erlaubt haben. Aber der Herr Landgerichtsrat sagen ja immer selbst, dass die Richter ohne Ansehen der Person zu urteilen pflegen, — neulich erst haben der Herr Rat es wieder ausgesprochen, als die Herren hier waren. Und da habe ich mir das gemerkt. Ich merke mir eben alles, was der Herr Landgerichtsrat sagen.“

„Im Ernste?“ lenkte Sonter nun heiter ein. „Das ist hübsch von dir. Dann merke dir also nochmals: steck’ deine Nase nicht in meine Akten, lass vor allem nicht deine Haarnadeln als Andenken zurück.“

„Ich werde es gewiss nicht wieder tun, Herr Landgerichtsrat, und den Mund will ich mir auch nicht wieder verbrennen.“

„Nun könntest du doch den Rotwein und zwei Gläser bringen. Ich denke, wir stossen einmal auf dein Gelöbnis an. Wenn du willst.“

„Wenn der Herr Landgerichtsrat erlauben ...“

Sie hatte sich erhoben und holte nun wieder vom Büfett die Flasche, aus der sie einschenkte, Sonter ein volles Glas und sich ein halbes. „Der Herr Landgerichtsrat wollten doch auch noch mit mir reden“, sprach sie dabei.

„Ach so“, sagte Sonter, gleichsam ernüchtert. Mit dem Reiz, den sie vorübergehend auf ihn auszuüben begonnen hatte, war es sofort vorbei, denn zu sehr trug sie die Vernunft der Dienerin zur Schau, die alle Illusionen zerstörte.

Er sah sie wie bedauernd an, erhob das volle Glas, ohne jedoch mit ihr anzustossen, nippte daran und stand dann auf, um den übrigen Wein Schluck für Schluck bei dem Studium der Akten zu nehmen. Es war wie eine Flucht vor seiner Frau, vor dieser Frau, mit der ihn eigentlich weiter nichts verband als das Zusammenleben unter einem Dache.

„Wann wünschen der Herr Landgerichtsrat zu Mittag zu speisen?“ fragte Käthe betroffen. „Vielleicht um zwei?“

„Es ist mir recht.“

Danach ging er ohne weiteres in sein Arbeitszimmer, denn die Sache Goland kontra Goland verlangte es, dass er sich noch einmal in sie vertiefte. Jetzt erst recht.

Die blonde Käthe blickte ihm ein paar Augenblicke nach, so mit dem Gefühl eines verlassenen Geschöpfes, das soeben von dem Geliebten etwas ganz anderes erwartet hatte. Sie fuhr sich mit der arbeitsharten Hand über die Augen, weil es ihr da feucht emporgedrungen war. Dann trug sie die Flasche mit dem Wein und das Glas, so wie es war, nach dem Büfett, ging wieder zu dem Tische zurück und begann ihn abzuräumen.

Ein leiser Seufzer kam über ihre Lippen. Sie sah ein, dass ihr Reich wohl ewig die Küche sein und bleiben werde.

II.

Die Türe war offen geblieben, und so konnte Sonter deutlich den Seufzer seiner Frau vernehmen, dem er unwillkürlich einen von gleicher Art folgen liess, was beinahe wie eine ungewollte Antwort auf die Zweifelsfrage der enttäuschten Frau klang.

Er setzte sich, nahm wieder das Aktenstück vom Schreibtisch und hielt es, wie es seine Gewohnheit war, fast dicht vor das Gesicht, weil die dunkle Übergardine diese Fensterecke ganz unnötig dem Lichte entrückte. In diesem dämmrigen Winkel spannen sich aber die Gedanken zu gut, und wenn er sich weit in den Sessel zurücklegte, brauchte er nicht zu befürchten, von dem Mummelgreis da drüben, der während des ganzen Tages den Rauch seiner Pfeife gegen die Scheiben blies, als Schaufensterobjekt betrachtet zu werden.

Sonter kam aber heute nicht zur Sammlung, obwohl er sich die grösste Mühe gab, seine Anmerkungen an der richtigen Stelle anzubringen. Rein mechanisch griff er nach dem dickleibigen Band auf dem Aufsatze des Tisches, um sich in die Kommentare gewisser Paragraphen zu vertiefen, aber er las nur die Worte, ohne ihren Begriff zu erfassen. Seine Gedanken waren auf andere Dinge gerichtet. Er hörte, wie Käthe, um ihn nicht zu stören, fast geräuschlos das Geschirr zusammensetzte, und wie sie dann mit ihrem etwas schweren Schritt davonging. Das zwang ihn, das Buch fahren zu lassen und sich wieder zu erheben. Als er sie aber noch einmal hereinbitten wollte, war sie bereits verschwunden.

Um mehr zur Ruhe zu kommen, zündete er sich eine Zigarre an und ging dann, die Hände auf dem Rücken, ein paarmal in dem einfenstrigen Zimmer auf und ab, wie er es manchmal tat, wenn ihn Zweifel über eine Rechtsfrage beschäftigten. Dann trat er wieder an seinen Schreibtisch und nahm einen mit der Morgenpost eingetroffenen Brief, den er vordem in die Schreibunterlage geschoben hatte. Im Stehen las er ihn nochmals, obwohl er seinen Inhalt bereits genau kannte.

Der Brief war von seiner Mutter, der Inhaberin eines flottgehenden Hotels in seiner märkischen Heimatstadt, die ihm in ihrer merkwürdigen, mehr an Krähenfüsse erinnernden Schrift mitteilte, dass sie am nächsten Sonnabend nach Berlin kommen werde, um ein paar Tage dort zu verbringen, und dass er pünktlich auf dem Bahnhofe sein möchte, um sie abzuholen. Natürlich hoffe sie, bei ihm Logis zu finden; er möchte nur so freundlich sein, sich darauf vorzubereiten und alles in Ordnung zu bringen. Als alte Frau würde sie ihm ja nicht viel Mühe machen, besonders weil sie die Zeit geschäftlich ausnützen müsse.

Das war es, worüber er noch mit Käthe hatte reden wollen, denn nun sah er die unangenehme Situation kommen, der er so gerne, vorläufig wenigstens, entgangen wäre. Wahrhaftig, es war keine Kleinigkeit, dieser guten, starrköpfigen Alten, die trotz ihrer siebzig Jahre noch wie ein Gardekürassier dahinmarschierte, und deren ganzer Stolz „ihr Sohn, der Herr Landgerichtsrat“, war, in dürren Worten begreiflich zu machen, weswegen er in diese heimliche Ehe, von der sie nicht die blasseste Ahnung hatte, so über Nacht hineingesprungen war. Gott sei Dank war er bereits Anfang der Vierziger und ein gefestigter Mann mit Grundsätzen und abgeklärter Lebensanschauung, obwohl er für Frau Hotelbesitzer Sonter immer noch mehr von einem „Jungen“ hatte, dem man bei jeder Gelegenheit Verhaltungsmassregeln mit auf den Weg geben müsse.

Das Lesen des Briefes brachte dem Landgerichtsrat erst recht nicht die Ruhe, was um so erklärlicher war, weil er im Augenblicke niemand hatte, mit dem er über diesen stillen Kummer ein vernünftiges Wort hätte austauschen können. Es lag daher nur zu nahe, dass er seinen Spaziergang wieder aufnahm und ihn schliesslich nach dem Speisezimmer verlegte, in dem er nun um den grossen, viereckigen Esstisch aus schwerem Eichenholze herumging, so ganz unsinnig, als wäre es ihm aus Gesundheitsrücksichten empfohlen worden, auf diese Art Fussgymnastik zu treiben.

Es sah wohnlich in diesem Zimmer aus, weil hier allerlei altmodische Familiendinge zusammengetragen waren, die ihm Elternliebe ins Haus geschickt hatte, und die er auch in dieser neuen Behausung aus Pietät überall da angebracht hatte, wo sie nicht gar zu störend und aufdringlich wirkten. Dieses Talent hatte er vom Vater, dem es daheim, schon als Hotelbesitzer, noch Spass machte, mit dem Hammer in der Hand herumzulaufen und überall Nägel einzuschlagen, wo noch irgendein Plätzchen für ein Bild war.

Anton Friedrich Sonter selig hatte eben niemals den kleinen Winkelgastwirt und Bierabzieher, der in seiner Schankstube alles selbst machen musste, ablegen können, und an diesem Brauche hatte er auch noch bis zum Tage seines ganz plötzlich erfolgten Todes festgehalten.

Als der Landgerichtsrat viermal die Runde um den Tisch gemacht hatte, blieb er vor dem Luxusofen hinten in der Ecke stehen und betrachtete ganz aufmerksam die Photographien seiner Eltern, die auf dem mit Stoff überzogenen und mit roten Fransen versehenen Kaminbrette rechts und links von der altertümlichen Bronzeuhr standen, die man ihm damals von Hause zur Vervollständigung seiner Junggesellenausstattung geschickt hatte. Der goldige Junge, der da oben sass und nun schon seit vielen Jahrzehnten immer denselben Schmetterling auf dem Zeigefinger betrachtete, machte ihm stets Spass, nicht bloss des unglaublich dicken Kopfes wegen, sondern auch aus tieferen Gründen; denn sobald er ihn anblickte, befand er sich wieder im Elternhause, sah er die trauliche Wohnstube mit den alten Mahagonimöbeln vor sich und sich selbst als den hoffnungsvollen Stammhalter, der schliesslich andere Wege ging, als der Erzeuger von ihm erwartet hatte. Diese alte Bronzeuhr war sozusagen der Zeitmesser, an dem er gross geworden war, und deshalb liebte und schätzte er sie.

Sonter sah sich zuerst das Bild seines Vaters an, in dessen Gesichtszügen schon der „Napoleon“ zu finden war, aber mehr der gemütliche der Kleinstadt im Schlafrocke, dem die Natur aus Versehen die Erinnerung an den „l’empereur“ mitgegeben hatte. Es war mehr der Komiker in der Maske. Den nötigen Welternst hatte dem Sohn erst die Strenge der Mutter gegeben, was natürlich unabsichtlich geschehen, aber nicht zu leugnen war.

Und als nun Sonter mit seinen Augen zu ihrem Bilde überging, das rechts von der Uhr stand, weil Damen immer diesen bevorzugten Platz an der Seite eines Herrn einnehmen müssen, brachte ihn der ernste Ausdruck ihres Gesichts wieder auf das am Sonnabend bevorstehende Ereignis.

Er hielt es nun für besser, sofort das nachzuholen, was er vorhin in augenblicklicher Aufwallung seines Blutes versäumt hatte.

Schon wollte er auf den weissen Knopf der elektrischen Klingel drücken, als Käthe leise zurückkehrte, das silberne Teeservice in Händen, das, frisch geputzt, nun wieder bis zum Abend den Büfettisch zieren sollte.

„Gerade wollte ich nach dir klingeln“, sagte Sonter, nun gefestigt in seinem Entschlusse.

„Wünschen der Herr Landgerichtsrat etwas? Soll etwas besorgt werden? Vielleicht Briefe? Frau Klenke muss sowieso für mich nach unten.“

„Nein, nein, es ist nichts zu besorgen. Sei doch so gut und komme ins Arbeitszimmer.“

„Einen Augenblick, Herr Landgerichtsrat.“

Etwas umständlich setzte sie das Tablett fort.

Als sie dann zu ihm hineinging, sass er bereits auf seinem Sessel und bat sie, auf dem Stuhle neben dem Schreibtische Platz zu nehmen, was sie auch, nun ersichtlich eingeschüchtert, tat, so in der Weise einer Person, der eine Ehre damit erwiesen wird. Immer befürchtete sie, der Tag könnte kommen, wo ihr Mann zu ihr sagen würde: Die ganze dumme Herrlichkeit hat ein Ende, packe deine Sachen und gehe. Unsere Ehe war weiter nichts als ein kleiner Spass von meiner Seite.

Sonter zeigte aber durchaus kein erzürntes Gesicht. Er rauchte behaglich seine Zigarre, die ihm im Augenblick vortrefflich schmeckte, und blickte sie heiter an, als er begann:

„Zuerst möchte ich dich mal wieder um etwas bitten, Käthe. Lass doch endlich das lange Landgerichtsrat fort, wenn wir unter uns sind, — ich glaube dir das schon einmal auseinandergesetzt zu haben. Denk’ ich.“

„Aber ich muss doch immer den Abstand zwischen mir und dem Herrn Landgerichtsrat wahren.“

Ihre Unterwürfigkeit kühlte ihn ab.

„Ich kann dich ja so ziemlich verstehen, siehst du. Ich glaube dir gern, dass es dir immer noch schwer wird, zu vergessen, was du vordem bei mir warst. Aber wie die Verhältnisse nun einmal liegen ...“

Er sah sie verlangend an und wollte ihr schon durch zärtliche Worte jede Scheu nehmen, als sein Blick noch rechtzeitig auf die Akten Goland kontra Goland fiel, was ihn rasch daran erinnerte, dass er von nun an andere Wege zu nehmen habe. Und so änderte er sofort seinen Ton.

„Na, wenn du es schon nicht lassen kannst ... Vielleicht ist es auch besser so. Dja. Dann bleibe doch einfach bei Herr Rat. Meinetwegen sage nur Herr Sonter. Mich geniert’s nicht, wenn wir allein sind.“

„Ich will es mir merken, Herr Rat.“

„Das freut mich, Käthe. Denn siehst du, — ich will gar kein Hehl daraus machen, — manchmal habe ich so die Empfindung, als wenn sich hinter deiner ewigen Dienerei so etwas wie Mucken versteckt. In solchem Falle weiss ich eben nicht, was ich mit dir anfangen soll.“

Käthe, die, nur auf der Kante des Stuhles sitzend, die Hände in den Schoss gelegt hatte, schüttelte mit dem Kopf und lächelte.

„Dabei denke ich mir nun gar nichts, Herr Landgerichts — — Herr Sonter. Das ist mir nur alles so geläufig geblieben.“

„Ich will es dir glauben. Aber du wirst mir auch glauben, dass ich das auf die Dauer furchtbar langweilig finde. Nun, wie du willst. Deswegen keine Feindschaft zwischen uns. Und nun zur Hauptsache.“

Als Käthe ihn so sprechen hörte und daraus nur die Vorwürfe entnahm, war sie der Meinung, dass sie als seine Frau auch gewisse Ansprüche auf Pflichten erheben dürfe. Auf Rechte hatte sie, ihrer Dienerinnatur folgend, ganz von selbst verzichtet.

„Herr Rat haben mir ja von Anfang an verwehrt, so zu sein, wie es eigentlich zwischen Eheleuten — Ich kann mich im Augenblick nicht so ausdrücken.“

Sonter lachte zu ihrer Verlegenheit.

„Das ist nun wieder ganz schief von dir aufgefasst, Käthe. Du ganz allein hast mir den Weg dazu erschwert, indem du bei deinen alten Gewohnheiten geblieben bist. Der beste Beweis dafür, dass du mich soeben erst wieder indirekt angeredet hast.“

„Ich kann’s mal nicht anders.“

Käthe biss sich auf die Lippe, blickte zu Boden und sass da wie eine Sünderin, die sich selber zürnt.

Sonter betrachtete sie so ein paar Augenblicke, ohne jedoch ihre inneren Empfindungen dabei ergründen zu wollen.

„Denk’ nur, Käthe, wen wir am Sonnabend als Logiergast bekommen“, sagte er plötzlich. „Meine hochverehrte Mama. Und deshalb wollte ich eigentlich mit dir reden.“

„Herrje!“ Käthe fuhr in die Höhe, und sofort war jede Spur von Geknicktheit von ihr gewichen. „So ganz plötzlich kommt die gnädige Frau?“

Sonter nickte heiter. „Und ganz ungerufen dazu. Nun müssen wir einmal beraten, wie wir das machen. Es wird ja nur ein paar Tage sein. Ich denke, ich räume ihr mein Zimmer ein und schlafe einstweilen hier vorn auf dem Sofa, das ist ja zum Ausziehen.“

Er hatte schon die Worte auf den Lippen: Du bist natürlich das „Fräulein“, als er sich noch rechtzeitig besann. Er schämte sich seiner Feigheit, hielt es auch für würdelos, sich von dieser Seite zu zeigen, und so wollte er erst lieber abwarten, was Käthe dazu sagen würde.

Ihr Gesicht hellte sich auf, denn sofort hörte sie heraus, dass Frau Sonter von der heimlichen Ehe noch nichts wisse, also nicht etwa nur erscheine, um den Skandal darüber ins Haus zu tragen. Sie durfte auch nichts erfahren, das stand bei Käthe sofort fest, und so war sie auch schon mit ihrem Plane fertig.

„Nein, das geht nicht, Herr Rat, das dulde ich auf keinen Fall. Das wäre ja noch schöner. Ich könnte ja doch nicht ruhig schlafen. Gnädige Frau bekommt mein Zimmer, und ich schlafe in der Mädchenkammer. Das ist doch sehr einfach, nich? Ich werde gleich morgen alles in Ordnung bringen. Frau Klenke kann heute schon das Gerümpel aus der Kammer schaffen. So wird uns allen geholfen, nich?“

Als sie sich nun eilig erhob, als müsste sie sofort an die Arbeit gehen, sprühte sie beinahe vor Freude, denn sie merkte Sonter wohl an, dass er dagegen nichts einzuwenden habe.

In der Tat erfreute ihn dieser Einfall, wenn er ihm auch wie eine kleine Komödie erschien, wie das Leben sie als Notbehelf tagtäglich schafft. So überhörte er denn Käthes weiteren Vorschlag, dass sie ebenso gern auch auf ein paar Tage das Haus verlassen würde, wenn der Herr Rat vielleicht sonstige Unannehmlichkeiten befürchte. Er überhörte es mit Absicht, weil die Komödie zu rasch in eine Tragikomödie überzugehen drohte, in welchem Falle er sich wiederum scheute, die richtigen Worte dafür zu finden; und überdies: er konnte doch am allerwenigsten ohne Bedienung sein, wenn die Frau Hotelbesitzerin Gast bei ihm war.

„Gut, gut, Käthe, wir reden noch darüber“, schnitt er alle weiteren Erörterungen ab, schon zufrieden, das nötige Verständnis bei ihr gefunden zu haben. Und als müsste er ihr gleichsam im Augenblick eine Belohnung zuteil werden lassen, zog er sie plötzlich an sich, beugte ihren Kopf nach hinten über und küsste sie auf die roten, schwellenden Lippen, die ihn gar zu verführerisch dazu eingeladen hatten. Es war so plötzlich über ihn gekommen, dass er sich gleich darauf selbst darüber wunderte, wie er sich zu dieser Zärtlichkeit wieder hinreissen lassen konnte, nachdem er sich fest vorgenommen hatte, diese Zwangsehe nur als ein Nebeneinanderleben zweier verirrter Menschen zu betrachten.

„Es war wieder recht dumm von mir, Käthe, mich so zu vergessen“, sagte er sofort, wie zur Entschuldigung, als er das fast leidenschaftslose Verhalten der Überrumpelten bemerkte.

„Wieso, Herr Rat?“ fragte Käthe, die, ganz rot geworden, heftig atmend vor ihm stand. „Wir sind doch Mann und Frau.“

„Eben deshalb“, erwiderte Sonter verdriesslich. „Wenn ich dich jetzt ärgern wollte und du wärst eben eine andere, als du bist, dja, so müsste ich einfach sagen: keine Spur von Leidenschaft, kein Verständnis für meine gute Laune ... Geh’ nur.“

Sonter raste durch das Zimmer, so in der Art eines Mannes, der sich unmöglich ganz äussern darf, um in seinen Empfindungen richtig begriffen zu werden.

„Ich bin gewiss nicht schuld daran. Herr Rat haben doch selbst gewünscht, dass ich mich in keiner Weise nähern soll. Wenn ich nur wüsste, was daraus noch werden soll.“

Ohne weiteres machte sie kehrt und ging hinweg, aber doch mit stolzer Haltung, was er, als er sie mit seinen Blicken durch die offene Tür verfolgte, deutlich bemerken konnte. Er sah, wie sie den Kopf in den Nacken warf und hörte dann noch, wie sie die Tür des Speisezimmers, ganz gegen ihre sonstige Gewohnheit, ziemlich laut schloss.

In Sonter überwogen nun die Selbstvorwürfe den offenen Ärger, denn er sah ein, dass er diese Szene, die eigentlich nur zu seiner eigenen Pein diente, unüberlegt heraufbeschworen hatte, und das gerade zu einer Zeit, wo er des grössten seelischen Gleichgewichtes bedurfte. Und es lag nur zu nahe, dass er sich in seiner aufgeregten Gedankenwelt alles zurückrief, was ihm zur Erklärung seiner ehelichen Verbindung mit Käthe Schlegel hätte dienen können.

Da war zuerst der Umstand, dass Käthe, als sie vor etwa zwei Jahren, noch in der alten Wohnung, zu ihm zog, sofort den Eindruck auf ihn machte, kein Dienstmädchen gewöhnlicher Art zu sein, dem man erst sozusagen das Benehmen eintrichtern müsse, damit es sich den Gewohnheiten und den Umgangsformen der jeweiligen Herrschaft hübsch anpasse. Sie hatte erst einen Dienst bei einem Fabrikdirektor gehabt, von dem sie ein ganz vortreffliches Zeugnis mitbrachte. Ihr Vater war Landmesser in der Niederlausitz gewesen, der seine liebe Not gehabt hatte, für die grosse Familie anständig zu sorgen. Weil zwei ihrer Schwestern verheiratet waren, litt es Käthe nicht mehr zu Hause, da eine Freundin ihr schrieb, sie möchte nur nach Berlin kommen, wo tüchtige Mädchen ihr gutes Fortkommen fänden. Es war auch Zeit, dass sie sich ihren Unterhalt selbst verdiente, wie es die Schwestern vor ihrer Verheiratung schon getan hatten.

Sonter sah ein frisches, aufgewecktes Mädchen vor sich, das kluge Antworten zu geben verstand, sich willig und bescheiden zeigte, das noch keinen Bräutigam hatte und die Sonntage nicht dazu benutzte, in die Tanzlokale zu gehen und sich dem ersten besten Mann an den Hals zu werfen. Irgendwo in einer Vorstadt Berlins sass eine Tante von ihr, der allein ihre Besuche an freien Tagen galten. Pünktlich um elf Uhr war sie zu Hause, so wie er es angeordnet hatte, und kam sie durch eigenes Verschulden später, so sprach sie am anderen Tage freiwillig ihre Entschuldigung aus.

Bisher hatte Sonter eine ältere Köchin gehabt, die ihm zugleich die Wirtschaft führte. Als er nun hörte, dass das neue Mädchen gut bürgerlich kochen könne, wozu sie ihre frühere Dienstherrin während eines Jahres allmählich angelernt habe, musste er sich erst recht gestehen, einen guten Griff getan zu haben; denn gewöhnt an häusliches Behagen, hatte ihm die Frage, wie sich nun alles zur Zufriedenheit seines Magens gestalten würde, bereits erhebliche Sorge gemacht. Besonders war er gegen jedes Mittagsmahl im Restaurant, schon weil es sich mit seinen Dienststunden so wenig vertrug und er nicht aus einer Aufregung in die andere kommen wollte. Deshalb konnte er doch ausschwärmen, wie und wann er Lust hatte, was so eine Folge seines ganzen Berufes war, den er zwischen öffentlichem Amt und häuslicher Arbeit teilen musste.

Sonter war in Wirtschaftsdingen etwas genau, was er von seiner Mutter hatte. Er rechnete gern mit Pfennigen, zum Ärger der guten, alten Köchin. Käthe Schlegel dagegen hatte Verständnis dafür, und so konnte es nicht ausbleiben, dass er bald der lieben Mama, die auch in ihren Briefen auf das Wohl ihres Sohnes bedacht war, schreiben konnte, er habe jetzt ein „Mädchen für alles“ gefunden, das geradezu als das Ideal eines bequemen Junggesellen gelten könne.

Denn schliesslich brachten es die Gewohnheit und die Leutseligkeit seines Wesens mit sich, dass er Käthe als eine Art Hausvertraute betrachtete, zu der er sich über allerlei kleine Familienzwiste und Berufssorgen offen aussprechen konnte.

Diese Art des kameradschaftlichen Verkehrs wurde erst bedenklich, als der etwas weiberscheue Sonter die Entdeckung machte, dass ein hübsches und sauberes Dienstmädchen auch ihre gefährlichen Reize haben könne, besonders in einer Stunde, wo die aufgepeitschte Phantasie eines Mannes mit seiner gesunden Vernunft durchzugehen die unleugbare Absicht habe.

Das war an einem sehr denkwürdigen Sonntagabend im Sommer gewesen, als der Landgerichtsrat von einem Herrendiner kam, bei dem der Sekt ihm das nötige Feuer durch die Adern getrieben hatte.

Diesem Sektteufel war es wohl zu verdanken, dass er sich mit Käthe, die ihm in ihrer duftigen Batistbluse heute ganz besonders verführerisch erschien, in ein Scherzgeplänkel einliess, das dann eine ganz verfängliche Richtung nahm.

Er sah nicht sein Dienstmädchen in ihr, sondern nur das Weib, und sie vergass ganz den Brotherrn und Landgerichtsrat und hörte immer nur den verliebten Mann sprechen, der ihre Sinne aufstachelte und ihr eine ganz neue Welt offenbarte.

Halb zog er sie, halb sank sie hin ...

Auf diese Art war es um ihn geschehen.

Folgender Dialog schwebte ihm noch wie ein stets sichtbares Menetekel vor Augen, das am anderen Tage mit elementarer Gewalt in seinen moralischen Katzenjammer hineinplatzte.

„Herr Landgerichtsrat haben mir die Ehe versprochen und mir Ihr Ehrenwort gegeben, mich zu heiraten.“

„Ich? Aber Käthe, Sie träumen wohl?“

„Aber der Herr Landgerichtsrat müssen das doch ebensogut wissen, wie ich.“

„Das kann ich wirklich nicht mehr wissen, Käthe. Sie müssen doch gleich gemerkt haben, dass ich mich in bedenklicher Sektstimmung befand.“

„Gewiss. Herr Landgerichtsrat hatten einen kleinen Schwips weg, sprachen aber doch ganz vernünftig. Sie haben mich ja förmliche beäthert mit Liebenswürdigkeiten.“

„Deshalb brauche ich Ihnen doch nicht gleich die Ehe versprochen zu haben. Für so unvernünftig müssen Sie mich nicht halten. Du lieber Himmel, ich habe eben eine kolossale Dummheit gemacht, das gebe ich zu. Sie aber auch.“

„Ich? Aber Herr Landgerichtsrat! Sie haben ja beinahe auf den Knien vor mir gelegen, so dass ich mich kaum zu retten wusste. Ich wollte ausreissen und war schon an der Tür, da haben Sie so viel gebeten ... Und dann haben Sie den Riegel vorgeschoben und mich gleich umarmt und geküsst, dass ich wehrlos war. Herr Landgerichtsrat wissen, dass ich noch nie gelogen habe ... Mein Gott, wenn das nun meine Mutter erfährt. Dann gehe ich einfach ins Wasser.“

Diese Worte schwammen in einem Tränenbach, der die Empfindung zu echt lockerte, als dass sie der Landgerichtsrat als bloss gemacht betrachten durfte. Hier offenbarte sich die Natur eines einfältigen Menschenkindes, die ausser der herkömmlichen Reihe an einen Ehrenmann herantrat und sein Gewissen ganz überwältigend aufschreckte.

„Gut, Käthe, — beruhigen Sie sich nur, ich werde darüber nachdenken.“

Mit diesem schon halben Eingestehen seiner Schuld ging er in seine Studierstube und dachte gründlich über den „Fall Käthe“ nach, bis ihm allmählich die Überzeugung kam, dass dieser Fall Käthe eigentlich ein „Fall Sonter“ war. Diese Überzeugung kam ihm wenigstens als Richter, nicht als Mensch. Denn nach menschlichen Begriffen hatte Käthe ebensoviel schuld wie er, wenn von einer Schuld bei einem Liebesrausche überhaupt die Rede sein konnte. Denn kein Mensch musste müssen, am allerwenigsten im Spiel der Leidenschaften.

Jedoch lag dieser Fall wesentlich anders, weil hier ein unbescholtenes und unerfahrenes Mädchen unter dem passiven Zwang ihrer Dienstbotenabhängigkeit gestanden und gesündigt hatte, er somit von dem Vorwurfe der Ausnutzung der Vertrauensseligkeit nicht freizusprechen war.

Der Richter geriet mit dem Menschen in Konflikt, obwohl schliesslich der Richter mit der Ansicht kam, sein leidenschaftliches Vergessensein sei auf Grund des Paragraphen 51 des Strafgesetzbuches zu entschuldigen, der bekanntlich gewisse in einem Zustande von Bewusstlosigkeit oder krankhafter Störung der Geistestätigkeit begangene Handlungen, durch welche eine freie Willensbestimmung ausgeschlossen ist, für straffrei erklärt.

Landgerichtsrat Sonter fand aber diese Selbstbeschönigung so blamabel, dass er die Gedankenberufung auf den berühmten Paragraphen sofort ausschaltete und nur den menschlichen Standpunkt walten liess.

Was war geschehen? Ein Herr hatte den Weg zu seiner hübschen Dienerin gefunden und, statt Dank zu ernten, zum mindesten Verständnis, war er mit einer vernichtenden Anklage überschüttet worden, die sogar das fürchterliche Gespenst einer notgedrungenen Eheschliessung an die Wand malte. Zehn andere hätten vielleicht darüber gelacht und sich mit dem Humor der Situation abgefunden, — Leopold Sonter dagegen verspürte die Tragik des Vorfalls, wenn er auch, in Selbstironie übergehend, die Bezeichnung „Tragikomödie“ als die allein richtige erachtete.

Drei Tage nahm sich Sonter Zeit, über die etwaigen Folgen dieser ad hoc - Eheschliessung, wie er sie nannte, gründlich nachzudenken, bis er zu der Einsicht kam, dass sie immerhin das kleinere Übel sein würde gegenüber den ihm drohenden Nachteilen, wenn dunkle Mächte ihn nicht nur um sein ganzes Ansehen als Mensch, sondern auch als preussischer Richter, brächten.

In seiner bedauerlichen Gemütsverfassung sah er bereits eine gefundene Mädchenleiche, einen öffentlichen Skandal und schliesslich sein Scheiden aus dem Staatsdienst, was gleichbedeutend auch mit seiner Lebensvernichtung gewesen wäre, denn er war Richter mit Leib und Seele.

Noch einmal schreckte er vor allem zurück, als sich die kalte Vernunft höhnisch an ihn herandrängte und ihm sein durchgeistigtes Napoleongesicht als lächerlich wirkende Fratze zeigte.

Als er aber die sonst lebenslustige Käthe still und weltfremd umherschleichen sah, wie sie ihm absichtlich aus dem Wege ging und jedesmal rot unter seinem forschenden Blicke wurde; sie dann eines Abends in ihrem Kämmerlein verloren weinen hörte, als sänge sie schon auf diese Art ihr Abschiedslied von der Welt, fand er nicht den Mut zu einer Beruhigung durch irdische Güter. Er schämte sich auch ein wenig, auf diese Art seine Ehre zu Markte zu tragen und zu dem Geständnis seiner Schuld auch noch die Verachtung mit in den Kauf zu nehmen.

Denn so sah dieses Mädchen aus: dass es aufspringen und ihm den Rücken zukehren könnte, um dann ihre sittliche Grösse vor ihm in der Tiefe eines Wassers zu begraben. Und dann hätte er niemals mehr mit reinem Gewissen Recht sprechen können, — das fühlte er so mit der ganzen elementaren Wucht eines unbestechlichen Mannes.

So kam denn der Gang nach dem Standesamt, ein etwas heimlicher Gang mit zwei bezahlten fremden Zeugen, „Urkundenstatisten“, wie sie der Landgerichtsrat grimmig für sein Gedächtnisbuch getauft hatte. Lange hatte er geschwankt, ob er nicht wenigstens seinen Schwager, den Fabrikanten Netzbein, einen sonst besonnenen Mann, ins Vertrauen ziehen solle, aber der hatte den Fehler, alles seiner Frau zu erzählen, und wenn die liebe Schwester erst über ihre neue Schwägerin das Nähere erfuhr, dann fiel sie sicher in Ohnmacht, erholte sich aber schnell und teilte die Geschichte sofort halb Europa mit.

Es gab da auch einen Kollegen am Landgericht, der in ähnlicher Weise hängen geblieben war, also Verständnis für den Schicksalsgenossen hätte haben müssen; aber auch ihn umging Sonter, denn es erschien ihm als in der menschlichen Natur begründet, dass, wer einmal unbesonnen in eine Grube gefallen war, sich gerne freute, wenn einem anderen dasselbe passierte.

Wenn Landgerichtsrat Sonter an diesen Gang zum Standesamte dachte und sich dabei den trüben, regnerischen Tag vorstellte, die beiden, übrigens sonntäglich gekleideten „Individuen“ noch vor Augen hatte, die mit derselben Gleichgültigkeit sein Glück besiegeln halfen, wie sie es, ein Gewerbe aus dieser Not machend, schon bei einem Dutzend anderer Pärchen getan hatten (fast jedes Standesamt in Gross-Berlin hat mit derartigen Aushilfezeugen aufzuwarten), dann verfolgte ihn noch immer die Vorstellung, den Weg zum Richtplatz angetreten zu haben.

Leider war er am Leben geblieben, weil man ihn durch Handschlag und mit Glückwunsch zum friedlichen Aushalten auf diesem seltsamen Planeten, und zwar an der Seite einer frischen, unternehmend aussehenden Lebensgefährtin, begnadigt hatte, und das drückte ihn als die Moral davon.

Im übrigen hatte er noch in der Erinnerung, dass sich alles sehr kurz und sehr geschäftsmässig abgespielt hatte, ohne jede besondere Aufregung der anderen mitwirkenden Geister, woraus er schloss, dass der Herr Standesbeamte gegen derartige aussergewöhnliche Eheschliessungen bereits ganz abgestumpft gewesen sein musste.

Noch merkwürdiger aber fand es Landgerichtsrat Sonter, dass man bis heute so wenig Notiz von seiner Heirat genommen, dass sein Leben sich während dieses ganzen Jahres gleichmässig wie immer abgespielt hatte; dass trotz alledem keine Berufsstörung bei ihm eingetreten war, noch weniger sein scharfes Denken nachgelassen hatte. Und er hatte doch geglaubt, mindestens den Verstand verlieren zu müssen, hatte befürchtet, über Nacht zum Mittelpunkte gesellschaftlicher Verlästerung zu werden und einen Familienboykott zu erleben, was gleich einer privaten Verrufserklärung gewesen wäre. Es meldete sich aber niemand, am wenigsten von seinen Kollegen, der ihn auf den Isolierschemel hinwies, — im Gegenteil trat durchaus keine Veränderung in seinem Verkehr ein, denn wenn die üblichen Einladungskarten ins Haus kamen, so lauteten sie nach wie vor nur auf Herrn Landgerichtsrat Sonter allein, ganz ohne den Zusatz „und Frau Gemahlin“.

Zuerst hatte Sonter seine Verwunderung darüber nicht unterdrücken können und dahinter so etwas wie zarte Rücksichtnahme auf seine menschliche Verirrung erblickt, die man dem ausgezeichneten Richter nicht übelnehmen wolle; allmählich aber kam er zu der Einsicht, dass man, weil er niemand von seiner „Vermählung“ Kenntnis gegeben hatte, auch keine Notiz von der Existenz seiner „Gemahlin“ zu nehmen brauche, falls man überhaupt von seiner Ehe etwas wisse.

Als Landgerichtsrat Sonter zu dieser Überzeugung gekommen war, schlug er sich mit der flachen Hand gegen die Stirn und nannte sich einen Narren, lobte aber zugleich die wundersamen gesellschaftlichen und sozialen Einrichtungen einer Grossstadt, die es ermöglichten, dass sich kein Mensch um das Privatleben des anderen bekümmerte, sobald es nicht an die grosse Glocke gehangen wurde.

So gab er sich selbst den schönen Titel „verheirateter Junggeselle“, während die, die es am meisten hätte angehen sollen, ihn nach wie vor für total ledig hielten.

Und das war nicht zuletzt der Bescheidenheit und Verschwiegenheit seiner „Geheimfrau“ zu verdanken, wofür er ihr im stillen auch nicht die Anerkennung versagte, weil gerade dadurch das Zusammenleben einigermassen erträglich wurde.

III.

Am anderen Tage, nachmittags zwischen fünf und sechs Uhr, als Sonter gerade ein neues Aktenbündel vorgenommen hatte, liess sich eine Dame bei ihm melden, was etwas ganz Ungewohntes war. Käthe überbrachte die Visitenkarte, so in einer Art, als wüsste sie selbst nicht, was sie dazu sagen solle. Natürlich hatte sie rasch die Aufschrift gelesen, nachdem die Besucherin von ihr in den Salon geführt war.

„Frau Doktor Julia Birkenheimer? Kenne ich nicht“, sagte Sonter etwas kurz, ohne sich vom Sitz zu rühren. Er war ärgerlich über diese Störung, denn er hatte bereits Toilette zum Ausgehen gemacht, um einen kleinen Spaziergang zu unternehmen, denn seit neun Uhr morgens hatte er sich fast ununterbrochen mit den Auslassungen des streitsüchtigen Publikums beschäftigt.

„Eine sehr elegante Dame“, warf Käthe ein.

„Was wünscht sie denn?“

Käthe zuckte mit den Achseln. „Danach habe ich natürlich nicht gefragt, — das steht mir ja auch nicht zu. Wenn aber der Herr Landgerichtsrat wollen ...“

„Der Herr Landgerichtsrat wollen weiter nichts als ungestört sein“, äffte er sie an.

„Gut, dann werde ich es ihr sagen.“

„Käthe, du bist wohl verrückt?“

„Ja, das war ich mal“, sagte sie, nun auch ziemlich erregt, weil sie nicht wusste, wie sie sich in dieser Angelegenheit verhalten sollte.

Indem sie schon gehen wollte, erhob sich Sonter, um sich selbst zu der Dame zu bemühen, weil er sein Verhalten nun für unschicklich hielt. Ohne auf seine Frau noch Rücksicht zu nehmen, ging er, die Visitenkarte in der Hand, geradenwegs in den Salon. Käthe aber blieb mitten im Speisezimmer stehen und sah ihm nach, so im Zweifel an seiner Aufrichtigkeit. Schon seit gestern morgen empfand sie instinktiv, dass in ihm etwas Besonderes vorgehen müsse, was mit den Akten Goland kontra Goland zusammenhänge, denn gar zu sehr hatte er sich für diese Frau ins Zeug gelegt.

Draussen auf der Strasse lag die noch brennende Junisonne, und so ging Käthe auf den Balkon, um den durstigen Blumen etwas von dem Wasser zu geben, das die sorgsame Frau Klenke schon vorher hinausgestellt hatte. Käthe nahm das kleine, grün lackierte Giesskännchen, schöpfte damit aus dem Eimer und begann still die Blumen zu begiessen, wobei sie auf der Seite anfing, die dem Salon, dessen Fenster weit geöffnet waren, am nächsten lag.

Kaum war Sonter im Salon und hatte seine höfliche Verbeugung gemacht, als Frau Doktor Julia Birkenheimer, von dem grünseidenen Sessel aufhüpfend, ihm auch schon wie eine gute Bekannte entgegenrauschte und ihn, ohne seine Anrede erst abzuwarten, mit einem Schwall liebenswürdiger Worte zu benebeln begann, aus denen ihm vor allem die Entschuldigung im Ohre haften blieb, dass sie es wage, einen „vielbeschäftigten, in seinem Berufe so andauernd tätigen und“, wie man ihr gesagt habe, „schwer zugänglichen Herrn“, zu stören, — natürlich nur auf ein paar Minuten! Aber wenn der Herr Landgerichtsrat den Grund dazu erfahren haben werde, werde er diese unliebsame Störung gewiss verzeihlich finden. Ihr Mann habe ihr zwar gleich davon abgeraten, denn Richter seien keine juristischen Auskunftsbureaus, und besonders seien preussische Richter unnahbar in dieser Beziehung, namentlich wenn es sich um delikate Amtsdinge handle, aber was tue man nicht alles einer geliebten Schwester wegen, die zwischen Hangen und Bangen schwebe und eher den Tod vorziehen würde, als die Fesseln eines unwürdigen Ehejochs noch länger zu ertragen. Und eben deshalb ... und gerade deswegen — und so weiter.

Ein scharfer Duft von Veilchen erfüllte das Zimmer und strömte in sanften Wellen dem von vornherein stumm gemachten Sonter entgegen, der mit seinem Napoleonblick die elegante, in Seide knisternde, wenn auch nicht mehr ganz junge, so doch noch immer einladende, plappernde Modepuppe umfasste, ohne sie vorerst mit dem Herrscherauge zur Ruhe zwingen zu können.

„Gnädige Frau haben sich wohl im Hause geirrt“, kam er endlich zu Worte. „Sicher wollten Sie Justizrat Samter nebenan in Anspruch nehmen. Eine Verwechslung der Namen liegt sehr nahe.“

Frau Birkenheimer lachte, so dass die kleine Goldplombe an dem Seitenzahn aufblitzte.

„Nein, nein, ich komme direkt zu Ihnen, Herr Landgerichtsrat. Ich habe wohl ganz vergessen zu sagen, dass ich die Schwester von Frau Goland bin, wie? Dann bitte ich vielmals um Entschuldigung.“

Sie hätte das nicht erst zu bestätigen brauchen, denn die Ähnlichkeit mit ihrer Schwester war unverkennbar, wenn sie auch eine mehr lädierte Schönheit war, die unstreitig das Bestreben zeigte, sich durch kosmetische Mittel in den früheren Zustand zu versetzen. Jedoch war Sonter durch diesen Überfall so verblüfft, dass er sich durchaus ratlos vorkam. So stand er unter den Gefühlen eines Mannes, der zwischen Freude und Ärger schwankt und erst überlegen muss, was ihm vorteilhafter sein würde.

„Ich wollte es dem Fräulein nicht gleich sagen, sonst hätten Sie mich vielleicht gar nicht vorgelassen“, fuhr Frau Birkenheimer eifrig fort. „Ich seh’s Ihnen nämlich schon an. Seien Sie mir nur nicht böse, Herr Landgerichtsrat.“

„Durchaus nicht, gnädige Frau“, warf Sonter nun verbindlich ein, beinahe schon erfreut darüber, dass sie Käthe für sein Fräulein gehalten hatte; denn er sah gleichsam ein Hindernis fortgerückt, wonach er sich freier äussern dürfe.

„Ich weiss ja, dass Junggesellen immer etwas ungnädig sind, wenn man sie in der Arbeit stört“, sprach Frau Birkenheimer weiter und nahm ohne Aufforderung wieder Platz, weil sie eine längere Aussprache für selbstverständlich hielt.

Sonter wurde zwar etwas rot, erhob aber auch dagegen keinen Einspruch, weil er sich dazu nicht für verpflichtet hielt. Halb gezwungen setzte er sich ebenfalls, neugierig, was nun weiter kommen würde.

„Jedenfalls gibt es Ausnahmen, gnädige Frau“, bemerkte er leichthin, um über diesen Punkt doch etwas zu sagen.

„Cilly hat Sie für einen so scharmanten Herrn erklärt, dass mir der Gang dadurch bedeutend erleichtert wurde, wollen Sie glauben?“ ermunterte ihn Frau Birkenheimer, eine bessere Laune zu zeigen, denn seine Zurückhaltung konnte ihr nicht entgehen. „Wissen Sie, was sie gestern abend erst sagte? Sie sagte, dass sie bei der letzten Zeugenvernehmung ganz entzückt gewesen wäre von Ihrer Liebenswürdigkeit, mit der Sie sich ihrer angenommen haben, als Golands Anwalt allerlei unschöne Bemerkungen fallen liess. Das soll ja geradezu ein Patentekel sein. Ich bitte Sie! Es so hinzustellen, als könnte meine Schwester ihre Zofe und das übrige Dienstpersonal beeinflusst haben! Das ist doch überhaupt eine Unverschämtheit. Blaue Flecke am Arme macht man sich doch nicht zum Vergnügen. Ich habe das selbst gesehen. Mein Mann wollte nur nicht, dass ich mich da hineinmische. Drei ganz unparteiische Zeugen genügen ja auch schon ... Glauben Sie denn nun, Herr Landgerichtsrat, dass die greuliche Sache bald zu Ende sein wird? Sie können sich gar nicht denken, wie dankbar Ihnen Cilly ist, dass Sie ihren neuen Beweisanträgen immer stattgegeben haben.“

„Das erfolgt durch Gerichtsbeschluss, Frau Doktor“, sagte nun Sonter ziemlich kühl, obwohl ihm das Herz bei alledem ein wenig bebte. „Ich tue lediglich meine Pflicht als Referent, ganz ohne Ansehen der Person, nur im Interesse der Sache.“

„Na, na, Herr Landgerichtsrat, — ein wenig Sympathie bringen Sie uns armen, gequälten Frauen in einem solchen Falle doch wohl entgegen“, sagte Frau Birkenheimer ganz dreist und erhob den schelmischen Blick zu ihm. „Cilly hat wenigstens so die Auffassung, als betrachteten Sie ihre Angelegenheit auch von der rein menschlichen Seite. Und mit Recht, das sage ich. Würden Sie nun einmal die grosse Liebenswürdigkeit haben, mir ganz offen zu sagen, ob die Ehe zu Cillys Gunsten geschieden werden wird? Das Urteil muss doch bald herauskommen. Ihr Mann will die Sache jedenfalls nur verschleppen. Und bis dahin verpulvert er ihr Geld. Der Junge muss ihr doch auf alle Fälle zugesprochen werden, nicht? Denn aus dem würde ja was Schönes werden, wenn er bei seinem Vater bliebe. Er neigt jetzt schon zu allerlei Dummheiten. Wissen Sie, was er neulich sagte? Er bliebe nach der Scheidung nur da, wo das meiste Geld wäre. Wenn Sie wüssten, wieviel Tränen Cilly darum schon vergossen hat. Und dann faltet sie die Hände und betet förmlich zu Gott: ‚Käme doch noch der rechte Mann, der dir Erziehung beibrächte.‘ Meine Schwester ist recht zu bedauern, wollen Sie glauben.“

Darauf liess Frau Doktor Julia Birkenheimer das Händespiel von der rotseidenen Schmuckschleife ihres langstieligen Sonnenschirmes, den sie wie eine Lanze vor sich aufgepflanzt hatte, holte ihr Spitzentüchlein aus der silbernen Panzerhandtasche und tupfte sich damit auf die feuchtgewordenen Augen, aber doch vorsichtig genug, um den Eindruck der kosmetischen Mittel nicht zu verwischen. Dann zog sie den Schmerz durch die feine Nase und plinkerte ein wenig mit den schönen Augen, was so alles der Ausdruck ihrer durch die Tränen verursachten Stimmung war. Und zu alledem kam noch ein tiefer Seufzer über ihre schmalen Lippen, als sie hinzufügte: „Ja, ja, so ist das im Leben.“

Obwohl Sonter den Verlauf der Dinge schon ziemlich zu kennen glaubte, hielt er es mit seiner Amtsverschwiegenheit doch nicht vereinbar, aus seiner Zurückhaltung herauszugehen. Es wurde ihm nicht leicht, das fühlte er; denn je mehr ihm Frau Birkenheimer das Bild ihrer Schwester enthüllte, das ihm nun körperlicher vor Augen trat, als alle Schriftsätze es zu tun vermocht hätten, desto mehr fühlte er sich zu Cilly Goland hingezogen und versucht, ihr seine Anteilnahme zu beweisen.

„Das Schicksal Ihrer Frau Schwester tut mir ungemein leid, aber Sie werden es wohl begreiflich finden, dass ich mich über den Stand der Sache in keiner Weise äussern kann.“

„O, das ist recht schade“, warf Frau Birkenheimer ganz betrübt ein. „Und meine Schwester glaubte gerade, dass Sie sich für ihr Schicksal besonders interessierten. Sie kannten sie doch schon als Mädchen, nicht wahr?“

„Ich habe Fräulein Hoffmeister allerdings mehrfach in geselligen Kreisen gesehen, irre ich mich nicht, so war es zuletzt bei Geheimrat Frank.“

„Sehen Sie, Ihr Gedächtnis!“ rief nun Frau Birkenheimer lebhaft aus. „Mit Lydia Frank war sie ja eng befreundet.“

„Das heisst, ich kann mich auch irren“, wandte Sonter rasch ein. „Das sind schon mindestens zehn Jahre her; nach dem Tode des Geheimrats wurde es dort sehr still im Hause.“

„Nein, nein, es hat schon seine Richtigkeit, Herr Landgerichtsrat. Haben Sie nicht meiner Schwester damals den Hof gemacht? Ein Wunder wäre es ja nicht, denn Cilly war wirklich ein hübsches und nettes Mädel. Na, na, besinnen Sie sich einmal. Ein Verbrechen wäre es jedenfalls nicht gewesen, denn an einen Herrn Goland dachte sie damals noch gar nicht. Sie können sich ja wohl denken, wie das so ist bei uns jungen Mädchen. Wir träumen mit offenen Augen vom Himmel, und dann greift ein kecker Kerl zu und führt uns in eine Ehehölle. Das heisst, — ich kann mich ja nicht beklagen, Gott sei Dank nicht. Meinen Felix sollten Sie kennen lernen, der ist die Aufopferung selbst, der wird schon vorher rot, ehe er ein böses Wort herausbringt. Manchmal ist es mir schon zu viel Nachgiebigkeit, wollen Sie glauben?“

Frau Birkenheimer beschäftigte sich nun wieder mit der Schmuckschleife an ihrem Schirme, die sie über den Griff eine kleine Rutschbahn machen liess, abwechselnd von oben nach unten und umgekehrt. Ihre Nervosität zwang sie zu andauernder Unruhe, wodurch sie den ruhigsten Menschen anstecken konnte.

Sonter fand nur ein Lächeln, obwohl er plötzlich wieder rot geworden war, denn nur zu wahr hatte sie gesprochen. Damals schon hatte Fräulein Hoffmeister seine Aufmerksamkeit erregt, die über das gewöhnliche Mass der Beachtung von seiten junger Männer hinausgegangen war, denn sonst hätte sich dieses Interesse wohl nicht auf die Akten Goland kontra Goland übertragen. Er fand es nun ganz merkwürdig, dass Frau Goland bei ihrem Auftauchen an Gerichtsstelle durch nichts diese früheren Beziehungen zu erkennen gegeben hatte, die nun hier in dieser Unterhaltung ein ganz anderes Gesicht bekamen. Obwohl es ihm als Richter nur angenehm hatte sein können, war er innerlich doch ein wenig ärgerlich darüber gewesen, weil die alten Gefühle für sie in ihm noch nicht erloschen waren.

„Ist das Ihrer Frau Schwester noch in der Erinnerung geblieben?“ sagte er dann. „Bei der grossen Zahl der Verehrer, die Fräulein Hoffmeister damals hatte, konnte ich in meiner Unscheinbarkeit unmöglich so sehr auffallen. Es war schon damals meine Stärke, mich immer im Hintergrund zu halten.“

„Sie wussten wohl auch weshalb, Herr Landgerichtsrat“, schmeichelte nun Frau Birkenheimer darauflos. „Grosse Männer lassen die Ereignisse an sich herantreten. Unscheinbarkeit? Ich bitte Sie? Wer Ihren Charakterkopf einmal gesehen hat, der vergisst ihn doch nicht. Der beste Beweis, dass Sie meiner Schwester in der Erinnerung geblieben sind.“

„Und danach ging sie hin und heiratete einen Herrn Goland“, warf Sonter etwas boshaft ein.

„Leider. Diesen Flachkopf, diesen Idioten, der nur ihr Geld durchbringen konnte.“

„Dazu scheint er aber Verstand genug gehabt zu haben“, unterbrach sie Sonter und sah unwillkürlich nach der gossen Standuhr in der Ecke, die mit brummenden Schlägen angezeigt hatte, dass mittlerweile eine halbe Stunde verronnen war.

Frau Julia hatte diesen Blick auf ihre Weise gedeutet, erhob sich elegant und schwenkte ihre knisternde Seidenrobe mit ein paar Schritten durch den Salon, weil sie absolut nicht lange auf einem Flecke stehen konnte. Sie tat das auch gerne, um ihre hübsche Figur mit der biegsamen Beweglichkeit in ein vorteilhaftes Licht zu rücken.

„Haben Sie vielen Dank für den liebenswürdigen Empfang, Herr Landgerichtsrat“, sagte sie dann und reichte ihm die Hand. „Ich gehe zwar ebenso klug von hier weg, wie ich gekommen bin, aber ich freue mich doch, Ihre persönliche Bekanntschaft gemacht zu haben.“

„Diese Freude ist ganz auf meiner Seite, gnädige Frau“, diente ihr Sonter höflich. „Ich bedaure nur unendlich —“

Das gab Frau Julia wieder Mut. „Sagen Sie mal — Sie sind doch wirklich ein so scharmanter Herr —, können Sie mir nicht wenigstens Ihre Privatansicht als kleinen Trost mit auf den Weg geben? Eine kleine Freude möchte ich doch Cilly bereiten. Sie möchte so gern auf ein paar Wochen fort, schon des Jungen wegen. Darf ich übrigens um das Vergnügen bitten, Sie nächstens bei uns zu einer Bowle zu sehen? Es wäre reizend.“

Sonter verbeugte sich wie zum Dank, ohne jedoch darauf einzugehen. Ein Weilchen überlegte er, dann siegte sein Gefühl. „Wenn Sie meine Privatansicht wünschen, das ändert die Situation“, sagte er, die klugen, grauen Augen besonnen auf die nervöse Frau gerichtet. „In diesem Falle würde ich bitten, dass sich Frau Goland keine Sorge mache, möge sie ruhig die nächste Woche abwarten.“

„Das genügt mir, Herr Landgerichtsrat, tausend Dank. Auf Wiedersehen.“

Sonter öffnete ihr die Türe, die von hier aus direkt zum Korridor führte und begleitete sie bis zur Aussentür, durch die sie, mit einen nochmaligen: „Auf Wiedersehen“ ermunternd, das Rauschen der leichten Seide davontrug. Nur ihr starker Veilchenduft blieb zurück, der, aufgescheucht durch die Wellen des Luftzuges, nun auch den Korridor füllte.

Käthe hatte die Blumen ruhig weiter begossen; sie wollte sich schon der anderen Seite des Balkons nähern, als das Gespräch nebenan sie zu interessieren begann. Das Fenster stand weit offen, die Dame sprach laut und ungeniert, und auch Sonters Stimme liess an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Die feinen, vorgezogenen Stores waren nicht dazu geschaffen, den Schall viel zu dämpfen, und so war es Käthe möglich, alles mit anzuhören, was sie um so lieber tat, als sie sich einbildete, als Frau ein gewisses Recht dazu zu haben, besonders da der Besuch sich beinahe wie eine gute Bekannte einführte und so aufdringlich liebenswürdig tat.

Einmal schlug Käthe das Gewissen, denn sie dachte an das Sprichwort: „Der Horcher an der Wand, hört seine eigne Schand!“ Denn es dünkte ihr beinahe wie eine Art Schande, dass Frau Birkenheimer sie für ein „Fräulein“ hielt, weil ihr dabei nur zu sehr zum Bewusstsein kam, wie sie als Sonters Frau gleichsam von ihm versteckt wurde, damit sein guter Ruf nur nicht unter dieser Ehe zu leiden habe.

Sie huschte von ihrem Lauscherposten hinweg und machte den Versuch, die Blumen weiter zu begiessen, aber das Giesskännchen zitterte in ihrer Hand. Es ging etwas in ihr vor, was sie bisher nicht empfunden hatte. Und diese sonderbare Empfindung verstärkte sich noch, als sie, unwiderstehlich zum Weiterhorchen angetrieben, nun noch hörte, dass ihr Mann das „Junggeselle“ ruhig einsteckte, ohne den Mut zu einer Richtigstellung zu finden.

Ihr Herz schlug heftig, und wenn sie nun Empörung empfand, so kam es daher, dass Sonter sie im Hause so offen zu einer Dame verleugnete, die aus jener Welt kam, in die sie niemals hineinkommen durfte, weil ihr Herr und Gebieter es so verlangte. Bisher hatte sie noch keine eifersüchtigen Regungen empfunden, was daher kam, weil ihr niemals Gelegenheit dazu geboten worden war. Nun aber passierte etwas anderes: Da war ein elegantes Weib erschienen, nannte sich Schwester der Frau Goland, erweckte in Sonter alte Erinnerungen an diese und lockte ihn schliesslich in ihre Wohnung.

Ei, dachte Käthe, da nimmt man dir ja eine schöne Binde von den Augen. Sie glaubte nun die Erklärung dafür zu haben, weshalb ihr Ehemann diese in Scheidung liegende Ehefrau verteidigt und sie so sehr als Dame herausgestrichen hatte, um den Unterschied zwischen ihr und seiner Frau festzustellen. Und das hatte sie am meisten gekränkt.

Was redet denn diese Person eigentlich noch so viel, er will doch fortgehen, dachte sie dann ganz aufgebracht, weil sie ihre Ohnmacht gegen diesen Zustand fühlte. Am liebsten hätte sie geklopft und hineingerufen: Herr Rat, Sie wollten doch Ihren Spaziergang machen!

Dann, als sie vernahm, dass Frau Birkenheimer nun endlich gehen wollte, ergriff sie hastig den leeren Wassereimer und huschte durch das Speisezimmer, hinaus über den Korridor.

Als sie dann mit einem vollen Eimer zurückkehrte, war Sonter gerade in sein Arbeitszimmer getreten.

Eine frische Zigarre zwischen den Lippen, trat er sacht auf den Balkon, wo sich Käthe gerade die Augen aussah, um noch etwas von der eleganten Dame zu erhaschen.

„Käthe, denken Sie nur, was alles vorkommt“, begann er, nun erfreut, eine geduldige Zuhörerin beim Ausschütten seiner kleinen Schmerzen zu haben.

Diesmal drohte nebenan nicht die fette Nachbarin, und so brauchte er wenigstens nicht auf seine Worte Rücksicht zu nehmen.

„Herr Rat sind ja so lange aufgehalten worden“, sagte sie mit dem Ausdrucke der Besorgnis, obwohl ihre Brust stürmisch ging. Ohne ihn anzusehen, begoss sie nun auf dieser Seite die Blumen, vorsichtig Topf für Topf.

„Es ging nicht anders. Denken Sie nur, kommt da eine Dame und will Auskunft von mir haben über einen schwebenden Prozess.“

„Ach was! Hätte ich das gewusst, so hätte ich sie gleich abgefertigt. Die Tür vor der Nase hätt’ ich ihr zugeschlagen.“

„Sie sind ja heute sehr zärtlich in Ihren Bemerkungen. Die Dame verlangte doch mich zu sprechen!“

„Das weiss ich, Herr Rat. Aber das muss mir doch der gesunde Menschenverstand sagen, dass sich ein Richter nicht über seine Akten aushorchen lässt, so viel habe ich doch auch schon vom Herrn Rat gelernt.“

„Diese Ansicht ehrt Sie, Käthe. Sie haben aber noch viel Schlimmeres begangen, Sie haben sogar hinter meinem Rücken die Akten studiert und alle meine Anmerkungen gelesen. Bedenken Sie nur.“

„Dafür bin ich auch Ihr — Fräulein, Herr Rat.“

Ein Lachen folgte, wie er es in dieser Art von ihr noch nicht gehört hatte. Was hat sie denn eigentlich, dachte er und setzte sich auf den Korbstuhl, der zur Hälfte schon im Zimmer stand, mit der Lehne diesem zugekehrt. Er zog den kleinen Balkontisch zu sich heran, legte die Arme auf den Tisch und verfolgte auf diese Art mit seinem ruhigen Blicke die Bewegungen der Fleissigen, die noch immer kein Auge für ihn hatte.

„Haben Sie sich über etwas geärgert, Käthe?“

„Geärgert? Ich? Herr Rat wissen doch, dass ich mich in alles schicke. Ich bin ja schon zufrieden, wenn man mich in Ruhe lässt ... Werden Herr Rat heute länger fortbleiben? Ich möchte gern einmal das Fenster im Arbeitszimmer putzen.“

„Das könnten Sie doch auch Frau Klenke machen lassen, Käthe. Sie wissen doch, dass ich das nicht gerne von Ihnen sehe.“

Wieder kam das halbverschluckte, helle Lachen, das ihm so fremd war.

„Die macht das nicht sauber genug, Herr Rat. Ausserdem ist das ja immer so gewesen. Ich bin an Arbeiten gewöhnt, und aus der Nachbarschaft mache ich mir gar nichts.“

„Käthe, Ihnen ist heute etwas in den Kopf geschossen. Seien Sie doch gemütlich, ich bin es ja auch.“

Wenn Landgerichtsrat Sonter mit seinen Akten durch war, dann legte er auch den Beamten allmählich ab, besonders wenn er schon einen „anderen Menschen“ angezogen hatte.

Käthe setzte die Giesskanne plötzlich hin, kehrte sich ihm nun zu und nestelte mit beiden Händen an ihrem üppigen Haar hinten, so dass ihre ganze Büste sich straffte. „Mir ist gar nichts, Herr Rat, wirklich nicht. Es ist nur heute so schrecklich warm ... Sie werden nun doch wohl ausser dem Hause essen?“

„Ich muss dir wohl schon den Gefallen tun, Käthe“, sagte er freundlich, indem sein Blick wieder ihre kräftige Gestalt umfasste, was ihn, da er kein Heuchler war, mit Wohlgefallen erfüllte. Manchmal glaubte er besondere Reize an ihr zu entdecken, und dann bedauerte er in Gedanken, dass in diesem Kopfe nicht ein anderes Hirn mit einem anderen Denkvermögen steckte.

„Herr Rat dürfen aber nicht vergessen, dass morgen früh die Akten abgeholt werden. Herr Rat scheinen mir heute nämlich ganz besonders gut aufgelegt zu sein, und dann könnte es vielleicht etwas spät werden.“

„Nicht daran zu denken.“

„Dann müssen der Herr Rat aber bald gehen. Die Dame hat Sie sehr lange aufgehalten.“

Damit ergriff sie einfach die Giesskanne und ging an ihm vorüber ins Zimmer, wobei sie sich seitwärts vorbeidrängte, um nicht mit ihm in Berührung zu kommen.

Sonter erhob sich, ging ihr nach und zwang sie dadurch zum Bleiben. „Eigentlich bist du doch ein ganz hübsches Mädel, Käthe“, sagte er, ganz unter dem Eindruck ihres Anblicks stehend.

Käthe wurde rot. „Das wissen Herr Rat jetzt erst?“ erwiderte sie dreist. „Andere haben mir das schon früher gesagt.“

Sonter lachte friedlich. „Du hast neben mir auch noch andere? Das ist ja ganz etwas Neues.“

Käthe spielte die Ernste. „Weiss ich denn, ob der Herr Rat nicht auch andere haben?“

„Dann wäre ja die Ehescheidung fertig“, platzte es Sonter heraus, beinahe mit demselben Ernst, den sie zeigte.

Käthe, die mit dem Rücken gegen das Büfett gelehnt dastand und mit dem Giesskännchen leise gegen ihr Kleid wippte, behandelte die Sache durchaus lustig. „Da könnten ja der Herr Rat mich bald wieder los werden.“

„Oder du mich, Käthe“, ging Sonter darauf ein und schritt vor dem Esstisch auf und ab durch die ganze Länge des Zimmers. Diese Unterhaltung interessierte ihn nun, denn es war da ohne sein Wollen ein Gespräch angeknüpft, über dessen Möglichkeit er seit längerer Zeit schon nachgedacht hatte.

Käthes Lächeln erstarb.

„Was mich betrifft, so ist das natürlich alles nur Scherz“, sagte sie, den Blick zu Boden gewandt. „Ich habe keinen anderen und habe auch nie einen gehabt. Dazu habe ich auch gar keine Zeit.“

„So habe ich das auch nur aufgefasst, Käthe, natürlich“, sagte Sonter ohne jedes Bedenken. „Aber hast du nie darüber nachgedacht, dass dieser Fall mal eintreten könnte — bei unserem ganz eigentümlichen Zusammenleben? Wie? Denn eigentlich, das musst du doch eingestehen, bist du doch nur ein verheiratetes Mädchen.“

„Das haben mir der Herr Rat schon einmal gesagt.“

„Und ausserdem bist du fünfzehn Jahre jünger, lebst unter einer Art Zwang mit mir zusammen, bist und bleibst immer die andere Welt. Dja.“

Käthe schickte sich mit einem Ruck an, das Zimmer zu verlassen.

„Herr Landgerichtsrat brauchen mich ja nur wieder fortzuschicken, dann gehe ich. Das wissen Herr Sonter ebensogut wie ich, dass ich mich schon darin fügen werde.“

Sie sah ihn nicht mehr an, weil sie ihm ihren stillen Kummer verbergen wollte, der ihrem Gesicht sofort einen anderen Ausdruck gab. Es zuckte wieder um ihren Mund, weil heimliche Tränen nur ihre einzige Waffe gegen derartige Angriffe dunkler Mächte waren, wie sie sich ihr Schicksal auslegte.

„Das ist leichter gesagt, als getan“, sagte Sonter begütigend. „Damit wäre uns beiden nicht gedient.“ Alsdann blieb er vor ihr stehen und fügte so mit leichtem Ärger über all die verwickelten Dinge hinzu: „Du bist ein ganz merkwürdiges Mädchen, Käthe, das muss ich dir immer wieder sagen. Nichts Frauenhaftes haftet dir an, keine Spur davon, und deshalb wird es mir auch so leicht, dich immer noch als Mädchen zu bezeichnen.“

„Das hängt wohl mit ganz anderen Ursachen zusammen, Herr Rat.“

Er gab dem Gespräch eine andere Wendung, gleichsam zur eigenen Beruhigung.

„Ich wollte dir ja noch sagen, dja, in welcher Angelegenheit die Dame kam“, begann er wieder. „Es war eine Schwester der unglücklichen Frau Goland, worüber wir gestern sprachen. Sonst hätte ich mich vielleicht nicht so lange aufhalten lassen. Nein. Nervös ist die Dame, ich kann es dir gar nicht sagen.“

„Ach, so hängt das zusammen“, verstellte sich Käthe und verliess nun das Zimmer, weil sie sich doch etwas unsicher fühlte. Sie wusste auch schon alles und brauchte daher das übrige nicht zu hören.

Als Sonter gegangen war, putzte Käthe rasch das Fenster. Dann ging sie an das Aktenbündel, das bereits verschnürt auf dem Schreibtisch lag, öffnete es vorsichtig und vertiefte sich wieder in die Sache Goland gegen Goland. Es reizte sie nun doch, auch die andere Hälfte zu lesen mit allem Zubehör und Beschlüssen, Zeugenaussagen und so weiter. Trotz des Verbotes ihres Herrn und Gebieters. Und als sie damit fertig war, hatte sie durchaus nicht mehr die Empfindung, dass der Mann allein die Schuld an dem Ehezerwürfnis trage, wie Sonter es dargestellt hatte. Und das war das Merkwürdige dabei. Aber vielleicht war sie zu dumm dazu, um alles richtig zu erfassen, so wie es die Herren Richter taten. Und damit wollte sie sich begnügen.

IV.

Am Sonnabend erhielt Sonter eine Depesche, dass seine Mutter verhindert sei und erst im Laufe der nächsten Woche nach Berlin kommen könne, was ihm, obwohl er in den Ereignissen des Lebens nur eine Reihe von Zufälligkeiten erblickte, diesmal wie eine Bestimmung erschien. Noch gestern abend hatte Frau Birkenheimer ihre Einladung zu „Krebsen und Bowle“ brieflich wiederholt, mit all den kleinen liebenswürdigen Lockungen, die eine lebenslustige Frau immer bereit hat, wenn sie einen Herrn für ihren Kreis kapern will. Ihr Mann würde sich sehr freuen, wenn der Herr Landgerichtsrat ihnen beiden die Ehre schenkte (zwischen den Zeilen stand eigentlich, dass diese Freude wohl mehr von ihrer Seite ausgehe), und ausserdem würde seiner noch ein ganzer Kreis schöner Frauen harren, und so weiter.

Frau Birkenheimer schien es eilig zu haben, das leuchtete ihm ein, und witterte sein gesunder Menschenverstand richtig, so steckte dahinter ihre Sehnsucht, das etwas aufdringliche Gespräch von neulich in der eigenen Häuslichkeit fortzusetzen.

Bevor Sonter Käthe davon unterrichten konnte, dass er am anderen Tage nachmittags in Gesellschaft sei und dass sie ihm daher alles Nötige zurechtlegen möge, wusste sie bereits von dem Ereignis. Er hatte die Briefkarte auf seinem Schreibtisch liegen lassen, und so war nichts einfacher, als dass sie ihre Neugierde daran befriedigte.

Lange stand sie davor, drehte das Büttenpapier von einer Seite zur anderen und begann immer wieder zu lesen. Solche Karten kamen ja genug ins Haus, die sie alle ziemlich gleichgültig gelassen hatten; diese hier aber brachte ihr Blut wieder in Wallung. Dahinter steckt doch etwas Besonderes, raunten ihr die Schläge des Herzens zu. Pass auf, sie wollen ihn dir wegfangen. Puck-puck, puck-puck ging das Herz immer stürmischer, und jeder Schlag lautete: Du — Schaf — du — Schaf.

Käthe lachte still vor sich hin. So leicht war das wirklich nicht, ihr den „Herrn“ wegzukapern, denn der sass fester, als sie alle glaubten! Dann erstarb plötzlich ihr Lachen, langsam, bis nur noch ein Zucken um die Lippen übrigblieb. Natürlich sollte er dort mit Frau Birkenheimers Schwester zusammentreffen, mit dieser Frau, über deren Aussehen sie sich schon allerlei Vorstellungen beim Lesen der Akten gemacht hatte, mit der sie sich aber die halben Nächte beschäftigen musste, bevor sie das brennende Gesicht in das einsame Kissen drückte, um endlich den Schlaf zu finden.

„Werden der Herr Rat den Smoking anziehen?“ fragte sie am Sonntag vormittag, als sich das Gespräch um diese Dinge drehte. „Und den hellen Paletot darf ich wohl auch herauslegen, es ist ganz kühl geworden.“

In der Nacht hatte es ein tüchtiges Gewitter gegeben; ein Dauerregen war gefolgt, so dass die Strassen in Nässe schwammen. Aber gerade dieses Wetter behagte Sonter, denn es erschien ihm mehr zu einer häuslichen Geselligkeit geeignet.

„Ich denke wohl, den Smoking, Käthe. Es ist zwar Sommer, aber ich bin zum erstenmal dort. Ausserdem habe ich keinen Besuch machen können, der Kürze der Zeit wegen nicht ... Was wirst du denn heute mit dem Sonntag machen, he?“

„Ich finde schon etwas, Herr Rat, um mit der Zeit auszukommen. Es muss doch auch jemand zu Hause bleiben.“

„Möchtest du nicht heute einmal ins Schillertheater gehen?“

Schon wiederholt hatte er sie auf diese Art auf andere Gedanken gebracht, weil es ihm manchmal leid tat, sie hier allein sitzen zu sehen.

„Ich danke, Herr Rat. Heute möchte ich lieber zu Hause bleiben. Ich habe Briefe zu schreiben.“

„Wie du willst, Käthe ... Bist du nicht eigentlich froh, dass meine Mutter heute noch nicht gekommen ist? Mir fiel so ein kleiner Stein vom Herzen.“

„Aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben, Herr Rat.“

Sonter stiess einen Seufzer aus. „Leider nicht. Vielleicht telegraphiert die gute Alte nochmals ab.“

Käthe, die den Smoking nach vorn gebracht hatte, um, weil es hier heller war, seine Tadellosigkeit zu prüfen, lachte kurz auf. „Das tut ja die gnädige Frau doch nicht. Die will gewiss sehen, wie es ihrem Herrn Sohne geht und dabei einmal gründlich Umschau halten.“

„Eben deswegen. Na, deshalb wollen wir uns die Laune heute nicht verderben.“

„Vielleicht ändert sich bis dahin noch manches, Herr Rat.“

„Du hast jetzt öfter solche Gedanken, Käthe“, sagte er und blickte sie prüfend an.

„Man kommt darauf, Herr Rat. Ewig können wir doch wohl nicht zusammenbleiben.“

Darauf schwieg der Landgerichtsrat, denn er wollte ihr diese Meinung nicht nehmen.

Als es nach dem eintönigen Mittagessen glücklich fünf Uhr geworden war und Sonter, in seinem Arbeitszimmer sitzend, beim Kaffee eine Zigarre rauchte und noch einmal die Zeitung überflog, bevor er sich in den Smoking werfen wollte, klingelte es an der Entreetür, so dass er einen leichten Schreck bekam bei dem Gedanken, es könnte ihn um diese Zeit ein unwillkommener Besuch stören. Er ging auf leisen Sohlen in den Korridor und blickte vorsichtig durch das Guckloch; dann, als er einen jungen, unbekannten, etwas „fremd“ aussehenden Mann beobachtete, öffnete er, entschlossen zur kurzen Abfertigung.

Es war Hermann Usen, ein Nachbarssohn aus Käthes Heimat, der vergangenen Herbst schon von den Soldaten losgekommen war, dann wieder zu den Eltern ging, und nun hier auftauchte, um sich nach der alten Freundin zu erkundigen. Alles das brachte er kurz und höflich hervor, immer den Hut in der Hand, so in geschulter Weise, die die militärische Dressur nicht verleugnen kann. Zugleich bat er um Entschuldigung für die Störung hier vorne; er sei bereits hinten gewesen, habe aber vergeblich geklingelt.

Sonter, der selbst nicht Soldat gewesen war, liebte diese Leute mit dem offenen, respektvollen Wesen, die niemals vergassen, vor Herren mit Ansehen Haltung anzunehmen; und da er überdies einen modisch gekleideten Mann erblickte, der auch im Gesicht nach etwas aussah, so rief er auch schon ins Zimmer hinein: „Käthe! Kommen Sie doch einmal her, hier ist jemand, der Sie sprechen will.“

Diesmal hatte er wirklich ganz vergessen, dass er eine Frau besass, weil ihn diese Szene an ähnliche, bereits früher erlebte, erinnerte, besonders zur Zeit der alten Köchin, die immer einen ganz ausgebreiteten Verwandtenbesuch zu erwarten hatte.

Käthe befand sich auf dem Balkon, wo sie die Blumentöpfe ins Trockene stellte. Sonter musste ins Speisezimmer gehen, um ihr das alles noch einmal zu sagen. Dann bekümmerte er sich nicht weiter darum und nahm wieder vor seiner Zeitung Platz. Als er aber Käthes Ausruf draussen hörte: „Hermann, Sie? Na, das is mal ’ne Überraschung!“ erhob er sich wieder, öffnete die Tür von hier aus, als er vernahm, dass der Besuch schon eingetreten war, und sprach im Gönnertone hinaus: „Hören Sie mal, Käthe — ich habe nichts dagegen, wenn Sie Ihren Besuch bewirten ... Lassen Sie sich nachher noch einmal sehen.“

„Schön, Herr Rat. Danke für die Freundlichkeit.“

Auch sie dachte in diesem Augenblicke gar nicht daran, dass sie von Rechts wegen Frau Sonter hiess. Glücklich darüber, ein liebes Gesicht aus der Heimat zu sehen, nickte sie Hermann Usen zu, ihr zu folgen und ging ihm voran nach der Küche, was Usen auch ganz selbstverständlich fand, denn wo ein Dienstmädchen ihr Reich hatte, da war auch der Aufenthalt von seinesgleichen.

Als nach einem Weilchen Sonter im Smoking dastand, schon den Zylinderhut auf, klingelte er nach Käthe.

„Ich will nun gehen, Käthe“, begann er, den Abglanz bester Laune auf den Zügen, weil seine Gedanken nun schon zu Frau Birkenheimer vorausgeeilt waren. „Es freut mich, dass du heute nicht so ganz allein bist und wenigstens jemand zum Plaudern hast. Der junge Mann wird dir gewiss viel aus deiner Heimat zu erzählen haben, wie?“

„Eigentlich spricht er ja nicht viel, aber sonst hat er es in sich“, sagte Käthe heiter und half ihm den Paletot anziehen.

Das brachte Sonters zerstreute Gedanken mit einem Rucke wieder zusammen. „Wie meinst du das, Käthe? Wie soll ich das verstehen? Doch nicht etwa so, dass er sich gegen dich etwas herausnehmen könnte, wie? Danach sah er mir eigentlich nicht aus.“

Käthe lächelte seltsam.

„Stille Wasser sind tief, Herr Rat.“

Sonter fasste unter den Paletot und zog mit einem festen Griffe den Smoking herunter, weil sein etwas kurzer Hals immer einen Kampf mit den Kragen der Kleidungsstücke führte. Dabei kam ihm zum Bewusstsein, dass es doch immerhin ein eigentümlicher Zustand sei, wenn er einen ihm unbekannten jungen Mann mit seiner Frau allein in der Wohnung lasse. Und so sagte er, plötzlich rot geworden, nicht bloss durch die körperliche Anstrengung: „Möchtest du ihn nicht doch lieber abschieben? Vielleicht war ich etwas voreilig mit der Einladung.“

„Herr Rat haben nichts zu befürchten, ich weiss schon, wie ich mich zu verhalten habe.“

Ärgerlich schwenkte sie durchs Zimmer, und aus der Art, wie sie einen Stuhl geraderückte, merkte er ihr an, dass sie sich gekränkt fühlte.

„So meinte ich das ja nicht“, lenkte er ein. „Aber sieh mal, — da er nicht weiss, dass wir verheiratet sind, so — du, mein Gott, ich brauche mich doch wirklich nicht erst näher darüber auszulassen.“

„Ich weiss schon. Herr Rat sehen in mir immer noch das Dienstmädchen.“

„Es wird mir eben schwer, Käthe, davon loszukommen. Du wirst doch nicht etwa denken, dass ich eifersüchtig bin, wie? Das wäre denn doch geradezu eine Beleidigung, die ich mir selbst zufügen würde. Meine Achtung vor dir bleibt immer dieselbe. Adieu, Käthe. Und mach mit deinem Besuch, was du für gut hältst.“

„Ich wünsche Herrn Rat viel Vergnügen.“

„Danke, Käthe.“

Zum Zeichen seines Wohlwollens gab er ihr die Hand und ging dann, nachdem er sich zuvor durch einen Blick in sein Arbeitszimmer überzeugt hatte, dass sämtliche Akten verschlossen waren.

Käthe begleitete ihn bis zur Korridortür, schloss sie ab, schob den Sicherheitsriegel vor und ging dann in das Speisezimmer zurück. Aber nicht wie sonst eilte sie auf den Balkon, um ihm nachzublicken; vielmehr blieb sie stehen, verschränkte die Hände über dem Leib und starrte zu Boden.

Noch niemals hatte sie so das Gefühl der Verlassenheit und Überflüssigkeit auf der Welt gehabt, wie jetzt; aber auch nie zuvor hatte sie Ähnliches in ihrem Herzen entdeckt: dass ihr nämlich trotz dieser ehelichen Missachtung und häuslichen Tyrannei Sonter viel mehr war, als es das ganze Verhältnis zwischen ihnen bedingte. Sie hatte sich schon in alles gefunden gehabt, wollte ihm Dienerin bleiben und weiter nichts, und nun litt sie unter einem ganz elenden Seelenzustande, den allein seine eben ihr bewiesene restlose Gleichgültigkeit geschaffen hatte.

Denn so deutlich war er noch nie gewesen, indem er ihr einfach wie zum Hohne zu verstehen gab, dass sie sich nicht etwa einbilden solle, sie könne ihn eifersüchtig machen. Und dass er ihr das gerade in einer Stunde gesagt hatte, da er einen neuen Lebensweg zu wandeln gedachte (dass es so sei, fühlte sie instinktiv), — das traf sie wie ein Backenstreich, der sie noch tiefer erniedrigte.

In diesem Zustande der Wehrlosigkeit kamen ihr wieder ein paar Tränen, die sie rasch wegwischte, weil sie sich entsann, dass in der Küche jemand sass, der auf ihre Rückkehr wartete.

Als sie wieder hinten auftauchte, waren Hermann Usens erste Worte: „Na, ist der Alte fort? So ein Junggeselle macht doch immer seine Sperenzen, ehe er geht.“

Sie hatte ihm Kaffee vorgesetzt, und so sass er am Küchentische, die langen Beine weit von sich gestreckt, kaute den Rest der geschmierten Schrippe und blickte sie dabei ganz vergnügt an, so mit einem Ausdruck, als wollte er die Bestätigung von ihr haben, dass sie nun, Gott sei Dank, allein seien und machen könnten, was sie wollten. Beim Militär hatte er verschiedene Liebschaften gehabt, und so bildete er sich etwas darauf ein, immer gleich den richtigen Ton den Mädels seines Umgangskreises gegenüber zu finden.

Käthe sagte vorerst nichts, weil sie überlegte, ob sie ihm nicht gleich eine Ohrfeige geben und ihn hinauswerfen solle. In der Stimmung dazu war sie, besonders wenn sie erwog, dass sie Frau Rat war. Dann aber siegte die Klugheit und so machte sie ihrem Groll in Worten Luft.

„So dürfen Sie vom Herrn Landgerichtsrat nicht reden, Hermann, das dulde ich nicht“, sagte sie und setzte ein paar Tassen hin, dass es klirrte. „Sie haben doch gleich gesehen, wie gut er es meint. Ein anderer hätte gesagt: Nehmen Sie hübsch wieder die Hintertreppe.“

Der frische Usen lachte auf. „Sie? Nanu, Käthe, seit wann denn Sie? Nanu wird’s Tag. Die würden ja brüllen vor Lachen zu Hause, wenn sie das hörten.“

Ihre Sauberkeit, ihr blühendes Wesen, das in der hellen Sonntagsbluse etwas ungemein Appetitliches hatte, waren ihm gleich beim ersten Anblick aufgefallen, und so hatte er sich zugerufen: Die oder keine andere in Berlin. Nun erst recht davon eingenommen, gereizt von diesem Widerstande, sprang er auf und versuchte, den Arm um ihre Taille zu legen. Da bekam er auch schon einen kleinen Stoss und sah im nächsten Augenblick eine Kelle in ihrer Hand.

„Damit kriegen Sie eins, wenn Sie sich nicht ruhig verhalten. Das lassen Sie sich gesagt sein, Hermann. Und wenn Sie wollen, können Sie gleich wieder gehen. Sie müssen nämlich wissen, dass ich hier etwas mehr bin, als Mädchen für alles.“

„Ach so, Sie sind was Feines geworden“, sagte nun Usen ganz verändert, aber doch so in einer Art, aus der sie die Spitze deutlich heraushörte. „Das wusste ich nicht, entschuldigen Sie nur. Unsereins kann so hoch nicht langen, uns fehlt das glatte Gesicht.“

Er griff nach Hut und Schirm, um kurzweg zu gehen, aber Käthe bat ihn, zu bleiben. Ihr gutes Herz siegte, und es tat ihr leid, weil ihr die ganze Jugendzeit, die sie mit diesem hübschen Burschen verlebt hatte, wieder vor Augen stand. Auch wollte sie nicht, dass er nun mit dem Gedanken wegginge, sie treibe etwas Schlechtes in diesem Hause, wodurch sie ihrer Familie und den Verwandten gegenüber in kein gutes Licht gerückt worden wäre.

„Was Sie denken, ist nicht“, beruhigte sie ihn. „Der Herr Landgerichtsrat ist ein hochanständiger Herr, das sollten Sie ihm doch gleich angesehen haben. Ich koche ihm und wirtschafte ihm, das ist alles. Übrigens, hören Sie mal, — von wegen ‚Alter‘, das lassen Sie nur. Der ist erst vierzig und ein hübscher Mann. Wenn der wollte, dann bekäme er an jedem Finger zehn, und darunter welche von achtzehn Jahren. Haben Sie ’ne Ahnung, wie es unter solchen Herrschaften zugeht.“

„Na ja, das glaub’ ich schon“, sagte Usen, nun leicht aufatmend, denn schnell war ihm das üble Misstrauen genommen. Er setzte sich wieder, hielt aber die Beine manierlicher, denn Käthes Aufmucken hatte ihm Respekt eingeflösst. Im Gegenteil befriedigte es ihn nun, sie als etwas Besseres wiedergesehen zu haben, was seinen Ehrgeiz sofort aufstachelte.

„Weshalb heiratet denn der Herr nicht, Fräulein Käthe“, fragte er, nun sofort den besseren Ton findend. „Das habe ich übrigens schon zu Hause gehört, dass Sie es hier sehr gut haben sollen.“

„Na, sehn Sie, daran liegt es eben“, fand Käthe die nötige Ausrede, ohne ihn jedoch anzublicken, weil sie sich dieser Verlogenheit dem offenen Menschen da gegenüber ein wenig schämte. „Ich habe es hier so gut, weil ich unentbehrlich bin. Dadurch hat es auch der Herr Rat so gut, deshalb heiratet er nicht.“ Bei sich aber dachte sie: Ich werde mich schön hüten, ihn blosszustellen, eher sterbe ich ja.

Hermann Usen wagte nun nach Art seines Schlages einen kecken Vorstoss, was seiner Ansicht nach Käthe nur schmeicheln konnte. „Da muss eben jemand kommen und Sie hier wegheiraten, damit die Geschichte ein Ende nimmt“, sagte er lachend und zeigte dabei seine zwei Reihen kerniger Zähne, was er übrigens gerne tat, weil er wusste, dass ein solches Lachen ihm gut stand.

„Wenn das nur so einfach wäre“, ging Käthe auf diesen Ton unwillkürlich ein. „Aber sehn Sie, Hermann, ich habe einen längeren Vertrag, und den muss ich doch halten. Aus diesem Vertrage kann mich nur der Herr Landgerichtsrat entlassen.“

„Na, das würde er doch sicher tun, wenn er guten Ersatz bekäme“, sagte Usen und rührte schon in der zweiten Tasse Kaffee.

Käthe seufzte unmerklich. „Ja, das würde er wohl gerne tun“, erwiderte sie dann, wobei sie aber etwas ganz anderes im Sinne hatte als ihr Gast.

„Na also. Das wissen Sie doch wohl, Fräulein Käthe, dass jeder Dienst sofort ein Ende hat, wenn ein Mädchen heiraten will.“

„So? Na, darüber wollen wir uns heute nicht den Kopf zerbrechen. Es wäre auch wirklich schade darum, wenigstens um Ihren Kopf.“

Sie setzte sich nun zu ihm, goss sich ebenfalls Kaffee ein und liess ihn erzählen. Mit der gewöhnlichen Arbeiterei sei das nichts mehr gewesen, infolgedessen habe er sich in der Installation anlernen lassen, so dass er in einem Berliner Beleuchtungsgeschäft eine Probeanstellung gefunden habe. Er sei also, gerade wie sie, auch etwas Besseres geworden, nämlich Monteur. Wenn er noch Glück habe und von seinem Vater etwas Geld bekomme, dann könne er selbst einen kleinen Laden aufmachen. Viele fingen so an und beschlössen ihr Leben als wohlhabende Leute.

„Das ist nett von Ihnen, dass Sie so vernünftig denken“, sagte Käthe und betrachtete ihn nun beinahe mit anderen Augen. „Früher waren Sie nur als Sausewind bekannt, der den Mädchen die Köpfe verdrehte. Wenn Sie sich dann noch eine solide Frau nehmen, dann kann es Ihnen ja gar nicht fehlen.“

„Würden Sie nun so freundlich sein und mit mir ein Stündchen ausgehen?“ fragte Usen dann so unvermittelt, dass Käthe förmlich einen Schreck bekam. „Ihr Herr Rat wird Ihnen das sicher nicht übelnehmen, obendrein da wir Landsleute sind.“

Käthe zwang sich zu einem Lachen. „Da kennen Sie ihn schlecht. Er würde einfach toben, wenn er die Wohnung ohne Aufsicht fände. Sie können aber dreist hierbleiben und Abendbrot essen. Wir erzählen uns dann noch so manches aus der Heimat, nich?“

Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ihn bald wieder gehen zu lassen, aber gerade heute hatte sie Angst vor dem Alleinsein. Sie hielt es auch für richtiger, dem wiederholten Drängen Usens um einen Spaziergang auf diese Art zu begegnen. Nach dem Abendbrot entliess sie ihn mit dem Versprechen, nichts dagegen zu haben, wenn er sich wieder einmal nach ihrem Befinden erkundigen wolle; aber „hinten herum“, das müsse sie sich ausbitten.

V.

Um dieselbe Zeit sass Landgerichtsrat Sonter in Halensee in dem hocheleganten Heim, das sich der Verlagsbuchhändler Doktor Birkenheimer hier draussen in einer der stillen Villenstrassen an der Grenze der Kolonie Grunewald geschaffen hatte. Seit einer Stunde schon lag er derartig im Banne der Frau Cilly Goland, geborenen Hoffmeister, dass er sich unwiderstehlich verloren vorkam. Was er während des ganzen Weges so angenehm befürchtet hatte: dass die Scheidungssüchtige bei ihrer Schwester sein würde, war in Erfüllung gegangen.

Gleich bei seinem Eintritt war sie auf ihn zugeeilt und hatte ihn, nachdem kaum die Begrüssung ausgetauscht worden war, mit Beschlag belegt, wobei sie vermied, in ihm augenblicklich mehr zu sehen als den guten, alten Bekannten von früher, den nach langen Jahren in behaglichem Kreise wiederzusehen, sie sich herzlich freue. Und das gab ihm gleich festen Boden unter den Füssen, denn, gesellschaftsscheu, wie er durch die Ereignisse geworden war, gehörte er zu den Menschen, die unter völlig fremden Gesichtern der Ermunterung bedürfen, um rasch aufzutauen.

„Sie haben es gewiss für sehr aufdringlich gehalten, dass meine Schwester so ohne weiteres in Ihr Haus platzte“, sagte Cilly dann, um allmählich auf das Hauptthema zu kommen, „aber Sie haben gar keinen Begriff, wie die gute Julia um mich besorgt ist.“

„Im Gegenteil, — ich kann Ihrer Frau Schwester nur dankbar dafür sein, denn sonst hätte ich wohl heute nicht das Vergnügen, in so angenehmer Weise mit Ihnen plaudern zu können“, erwiderte Sonter zuvorkommend.

„Während dieser ganzen Zeit des widerlichen Kampfes war sie die einzige, die treu zu mir hielt“, fuhr Cilly fort, ein wenig rot geworden durch seinen vielsagenden Blick, „denn ihr Mann, das sollen Sie nur gleich wissen, hat für solche Dinge gar kein Verständnis. Der hat nur seinen technischen Verlag im Kopf und rechnet fortwährend. Zum Glück ist er wenigstens im Hause eine Null, sonst wäre er ganz und gar unerträglich. Aber das brauche ich Ihnen als Menschenkenner wohl nicht erst zu sagen, das haben Sie jedenfalls schon gemerkt. Jetzt sitzt er wieder da hinten mit solch einem Idioten von Wasserbaumeister und wühlt in seinen Kanälen. Über der Erde befindet er sich eigentlich nie, was ihm fast das Dasein eines Regenwurms gibt. Ich glaube, der rechnet noch im Grabe weiter.“

Sonter fand das sehr witzig und lachte, und unwillkürlich musste er seinen Blick der Zimmerflucht zuwenden, um des Hausherrn ansichtig zu werden, der da ganz hinten lebhaft auf einen Herrn mit dickem Kopfe einsprach und dabei mit dem Zeigefinger immer nach unten deutete, als hätte er auf einen Nachbar unter sich zu schimpfen. Dabei bewohnte er das Haus doch ganz allein.

In der Tat war es Sonter nicht entgangen, dass Doktor Birkenheimer mehr eine verzichtende Stellung im Haushalte seiner Frau einnehmen müsse, denn er hatte sich von Anfang an wenig bemerkbar gemacht. Hin und wieder tauchte er unter seinen Gästen auf, hörte der Unterhaltung zu, sagte ein paar verbindliche Worte, lächelte wie abwesend und trug dann seinen geschmeidigen Körper wieder davon, was beinahe fluchtartig geschah. Jedenfalls fand er sich inmitten der vielen Damen höchst überflüssig, hauptsächlich in der Nähe seiner Frau, die ihm dann auch immer das Wort abschnitt, weil er doch nichts Rechtes zu sagen wusste. Wahrscheinlich befürchtete sie, er könnte von seinen technischen Dingen reden, und das wäre den Herrschaften doch wohl furchtbar langweilig vorgekommen.

Als Birkenheimer jetzt wieder herangeschnellt kam, unhörbar auf seinen Lackschuhen, und den beweglichen, hageren Kopf auf dünnem Halse erst in dieses Zimmer steckte und dann in den Salon nebenan, wo die helle Stimme der Frau Oberstleutnant Drenkler alle anderen übertönte, hatte er, bildlich genommen, wirklich etwas von einem beweglichen Regenwurm, der sich zum Lichte wälzt. Wenigstens für Sonter, der unwillkürlich sagte: „Sie haben nicht ganz unrecht.“

Frau Golands Gedanken waren bereits vorausgeeilt. In der Einbildung, sich schon geäussert zu haben, legte sie diese Zustimmung anders aus.

„Nicht wahr?“ warf sie lebhaft ein. „Er sollte doch froh sein, solch eine elegante und gebildete Frau wie Julia zu haben, die ihm erst das nötige Dekorum gibt. Aber begreift er sie? Versteht er sie? Keine Spur. Er war fast noch ein dummer Junge, als sie ihn heiratete. Sohn seines Vaters, weiter nichts. Ein langes Lesezeichen in einem der Bücher des Verlags, und das ist er bis heute noch geblieben. Alles ist ihm nur Technik, Technik, und nochmals Technik. Natürlich Wasserbautechnik. Mein Gott, die muss ja auch sein, das ist richtig, — aber ein bisschen Sinn für andere Dinge auf der Welt muss ein gebildeter Mann doch auch haben.“

„Das sollte ich meinen“, ermunterte sie Sonter, der sie so ausserordentlich begehrenswert fand, wie sie, in dem blassblauseidenen Sessel zurückgelehnt, mit wogender Brust und glühendem Gesichte die Pfeile ihrer Entrüstung abschoss, ganz das Bild der vernachlässigten, eifernden Frau, die das Unglück einer anderen nur berührt, um mit Wollust in den eigenen Qualen zu wühlen.

„Sie sind auch ein kluger Mann, Sie stehen mitten im Leben und halten die Schicksalswage täglich in der Hand“, sprach sie weiter, nicht ganz ohne besondere Absicht; „aber sehen Sie sich doch mal diese Art Männer an, was das eigentlich für Trottel sind. Ich habe Julia damals gleich gesagt, sie solle ihn lieber nicht nehmen, aber Mama wollte es so. Und die begreife ich heute noch nicht, denn wir Mädels hatten Geld und hätten ruhig auf den Richtigen warten können. Aber Mama war immer fürs frühe Heiraten und für Ausnutzung der Konjunktur, wenn auf der anderen Seite die Versorgung mit Moos winkte. Papa war schwach und sagte überhaupt nichts. Der war schon zufrieden, wenn man ihn damit in Ruhe liess. Seine Kohlen en gros waren ihm alles. Familienverkehr hatten wir wenig, und auf den Bällen setzte er sich in einer Ecke fest und trank unmenschlich viel Champagner. In jedem jungen Manne sah er einen Schwiegersohn und traktierte ihn. Mama blieb es dann vorbehalten, den Schwarm zu sortieren. Na, so hat Julia denn ihren Idioten bekommen, und so bin ich auf diese Art hineingefallen. Julia kann ja noch von Glück sagen, dass sie in ein solides Geschäft hineingeheiratet hat und dass sie so ein gutmütiges Schaf zur Seite hat, das sie trotz alledem anbetet und ihr treu bleibt. Sie würde es ihm sonst auch gehörig besorgen. Meiner Ansicht nach ist er ja viel zu dumm, um mit einer anderen anzubandeln. Er verliebt sich höchstens in den Kopf einer Königin, — Sie müssen nämlich wissen, dass er auch Briefmarken sammelt. Aber mein Herr Gemahl —! Was soll ich zu Ihnen noch davon sprechen, lieber Freund, — Sie kennen ihn ja wohl schon aus den Akten. Verzeihen Sie, dass ich das hier berühre, aber die Gesprächswendung macht es notwendig.“

Birkenheimer tauchte plötzlich vor beiden auf, zog einen Sessel heran und nahm Platz.

„Hat sie mich wieder beim Zipfel, Herr Landgerichtsrat?“ fing er dann ohne weiteres mit einem überlegenen Lächeln an, was ihm eigentlich etwas Kluges gab. „Ich vermute es fast, denn wenn sich meine Frau Schwägerin über etwas zu beklagen hat, dann spiele ich entschieden eine Rolle darin. Sie hätte mich heiraten sollen, dann wäre ich ihr weniger interessant erschienen.“

„Die richtige Erkenntnis“, bemühte sich Frau Goland, heiter zu sein, obschon sie innerlich ärgerlich über die Störung war. „Interessant bist du unter allen Umständen, auch wenn ich sonst mit dir nicht ganz übereinstimme ... Gehen denn die langweiligen Weiber da nebenan immer noch nicht? Die wollten doch nur zum Kaffee bleiben.“

„Soll ich es ihnen sagen?“ Birkenheimer tat so, als wollte er schon aufspringen, was seine Komik erkennen liess. Er blieb dann aber sitzen, weil er in demselben Augenblick ein Rücken von Stühlen hörte.

„Na, endlich!“ rief Cilly aus und wandte den hochfrisierten Kopf der Türöffnung zu. „Du kannst deinen Löwenmut heute schonen.“

„Gnädige Frau erzählte mir soeben von Ihrer Markenliebhaberei“, sagte Sonter freundlich, gewissermassen, um die Gegensätze zwischen beiden zu überbrücken. „Sie haben jedenfalls seltene Exemplare in Ihrer Sammlung, und das kostet sicher viel Geld.“

„Nun haben Sie aber etwas Schönes angerichtet!“ sagte Cilly mit einem Blicke nach oben und erhob sich zugleich, um sich zu den Abschied nehmenden Damen zu begeben.

Unwillkürlich liess Sonter seine Augen ihr folgen, und sein Eroberungsblick umfasste voller Wonne die hohe, feste Gestalt, die bei aller Biegsamkeit etwas Junonisches hatte und mit wahrhaft königlichem Schritte die kurze Schleppe des moosgrünen Foulards hinter sich her zog.

Das Abschiedsfinale nebenan, das in allen Tonarten erklang, dauerte noch ein Weilchen, und diese Gelegenheit benutzte Birkenheimer durchaus nicht dazu, von seiner Markensammlung zu sprechen. Vielmehr sagte er sofort, so mit einer Liebenswürdigkeit, die keinen Widerspruch duldet:

„Sicherlich hat sie Ihnen während der ganzen Zeit wieder nur ihre unglückliche Ehe vorgeschmerzt, nicht wahr? Das ist nämlich ihre Krankheit, womit sie uns schon alle angesteckt hat.“ Zum Glücke fiel ihm ein, dass Sonter damit zu tun hatte, und so ging er in ein Lob über. „Sonst aber eine vortreffliche Frau, eine kluge Frau. Und Geist besitzt sie ja auch, nur die Männer hasst sie gründlich.“

„Nehmen wir an, eine gewisse Sorte“, verteidigte sie Sonter, peinlich berührt von dieser Kritik, die ihn beinahe selbst traf.

„Nun ja, was sie aber so Sorte nennt. Jeder normale Mensch ist für sie ein Idiot. Hat sie Ihnen das nicht schon vorgetragen?“ Birkenheimer lächelte gutmütig, und aus seinen Knabenaugen sprach durchaus Harmlosigkeit, als er fortfuhr: „Ich weiss, dass ich ihrer Ansicht nach auch nicht weit davon zu Hause bin. Vollendete Helden, die den ganzen Tag mit Schild und Speer herumlaufen, können wir doch nicht alle sein, nicht wahr? Solch einen Bezwinger wünscht sie sich aber, am Tage mutig und abends zu ihren Füssen, mit der Laute in der Hand. Es braucht auch bloss einer mit der Laute zu sein. Ich sage das nur zu Ihnen, weil Sie ja die Hoffmeisters von früher kennen.“

Sonter horchte auf. „Vielleicht wird sie anders, wenn ihre Ehe erst geschieden ist“, sagte er. „Mir sind derartige Fälle bekannt.“ Dabei dachte er an seine eigene Ehe.

Birkenheimer zeigte wieder sein Lächeln, aus dem man niemals recht klug wurde, ob es einfältig oder schlau sei. Jedenfalls blickten bei solcher Gelegenheit die Augen unter dem scharfen Glas stets pfiffig in die Welt, was dann seinem schmalen, bärtigen Gesicht einen durchaus intelligenten Ausdruck gab.

„Oder sie wird noch kränker, Herr Rat. Wie das bei unzufriedenen Frauen immer der Fall ist. Ich will ihren Mann gewiss nicht in Schutz nehmen, schon weil mir diese Art Drohnen sehr gegen den Strich geht, aber ein stattlicher Kerl ist er doch, und mutig ist er auch. Sonst hätte er den Kampf mit ihr nicht aufgenommen.“

„Ich kenne den Herrn“, sagte Sonter kurz, fast wegwerfend. „Übrigens, — nennen Sie das Mut, wenn ein Mann sich an seiner Frau tätlich vergreift?“

Birkenheimer hob die Schultern und warf die Lippen auf.

„Manche Frauen, wissen Sie, lieben das und können ohne solche Dinge gar nicht leben. Sanfte Männer sind ihnen ein Greuel, fragen Sie nur meine Frau, da kommt sie gerade.“

„Sprichst du von mir, mein Flixchen?“ sagte Frau Birkenheimer launig, trat hinter ihren Mann und fasste ihn an die Läppchen seiner etwas zu gross geratenen Ohren. „Was hast du gesagt? Gestehe!“

„Da haben Sie’s“, wandte sich Birkenheimer lachend zu Sonter.

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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
280 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711502914
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