Kitabı oku: «Herbststurm»

Yazı tipi:

Max Kretzer

Herbststurm

Roman

9. bis 11. Tausend

Saga

Herbststurm

German

© 1906 Max Kretzer

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711502822

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I.

Es gibt ohne Zweifel Zustände im Seelenleben eines Menschen, in denen er die Nachtigall im November schlagen hört, sich um diese Zeit an Flieder- und Maiglöckchenduft berauscht, und zum Überfluss noch den Lenzesglanz unter azurblauem Himmel erblickt, trotzdem draussen der Herbstregen gegen die Scheiben klatscht und seinen faden Wassergeruch durch die offne Balkontür treibt. Die gemeine Aussenwelt ist dann erstorben, das Paradies der Einbildung öffnet sich, die Liebe schwingt den Zauberstab und lässt im Herzen die frischen Keime spriessen, über die eine Fülle rosenroten Lichts sich ergiesst. Und ist es auch eine späte Saat, die zäh die Kruste durchdringt, lockt die Sonne nur noch mit spröder Kraft, kaum die Ernte verheissend, die erwartet wird — der Verstand ist taub geworden, die Vernunft badet sich nur in Wonne, und die Torheit treibt ihr köstliches Narrenspiel.

Wenn es anders gewesen wäre, wie hätte sich sonst Werner Ulten, schon im Frack, die Gardenie im Knopfloch, noch immer abplagen können, zur Bewunderung eines jungen Mädchens den Pegasus zu tummeln, den er mit all der Unsicherheit eines Fünfundvierzigjährigen bestiegen hatte, dem es schwer wird, die rhythmische Gangart herauszubringen, wenn auch die überquellenden Gefühle sozusagen die Geistessporen zu jedem neuen Antrieb sind. Und er hatte doch so manchen Gaul gebändigt, war flott über alle Hindernisse gegangen, nicht nur in seiner schönen Leutnantszeit, sondern noch in den letzten Jahren, als das trostlose Luderleben Dank der Grossmut seines jungen Bruders rasch ein Ende genommen und ihn wieder auf jene Höhe gebracht hatte, von der aus er verachtungsvoll in die Niederungen blicken konnte, in denen er eine Zeitlang „anständig vegetiert“ hatte, wie die Daseinsumschreibung all der Niedergebrochenen lautet. Selbst der etwas steife, rechte Arm, konnte ihn nicht von neuen verwegenen Reiterkunststücken abhalten, die er an schönen Tagen am Charlottenburger Hippodrom zum besten gab.

Und nun war ihm zu diesem Glück ein zweites zugeflogen: Rita Keith, das Geschöpf mit den schweren Flechten und dem krausen Sinn, das auf seinen Lebensweg geschneit war wie eine duftende Blüte, losgelöst vom übervollen Frühlingsbaum. Damit wenigstens hatte er sie soeben verglichen, als die poetisch gebundenen Worte ihm wie einem verliebten Primaner aus der Feder flossen, von jener Überschwenglichkeit tropfend, die der Johannestrieb in den goldnen Becher schüttet. Sein narbenreiches Don Juan-Herz hatte eine neue Wunde bekommen, die ihm aber diesmal so tief und unheilbar dünkte, dass er in Gedanken die ganze Hausapotheke seiner Erfahrungen durchsuchte, um das nötige Besänftigungspflaster dafür zu finden.

Weshalb war sie gekommen, sie, die er in Wahrheit mit der Libelle verglich, die über den Sumpf seines trügerischen Daseins flatterte, um ihn gleich einem verführerischen Irrlicht aus seiner Ruhe zu bringen, hinwegzulocken nach einem Wohin, von dem er noch nicht wusste, würde es in der Tiefe oder auf einem festen Gestade sein!

Die bekannten drei Klingelzeichen schreckten ihn auf, und als er es eilig hatte, um dem Bruder zu öffnen, schlug der Zugwind die Balkontür zu und trieb die losen Papierblätter vom Schreibtisch auf den Teppich. Die Scheiben klirrten, und die Gasflamme der Arbeitslampe züngelte hoch empor.

„Hoi, hoi, der Herbststurm tobt,“ sagte Werner und hiess den Jüngeren im dunklen Korridor willkommen, bevor er ihm voran ins Zimmer ging, um rasch die Glastür zu schliessen und nach den losen Seiten zu suchen, die er mit einer gewissen Schamhaftigkeit unter einigen Büchern verbarg. Dann erst drückte er sein Erstaunen aus: „Was, wieder in Zivil? Du, hör’ mal —!“

„Man kann doch nicht immer in der bunten Jacke herumlaufen,“ gab der andre zurück und legte die in Seidenpapier eingewickelten langstieligen Rosen beiseite. „Und gerade heute, weisst du, passte es mir absolut nicht. Das geht ja auch alles ohne Aufregung ab. Man flitzt so schön in die Droschke hinein, schindet vergnügt den Abend und flitzt dann wieder ungesehen heraus.“

Der Ältere nahm die Haltung eines Vorgesetzten an und drohte scherzhaft mit dem Finger. „Einjähriger Ulten, nehmen Sie sich in acht, dass man Ihnen das Privatwohnen nicht versalzt und Sie zur Strafe vier Wochen in die Kaserne einzieht.“

Und sogleich stellte sich der Jüngere stramm hin und erwiderte mit demselben komischen Ernst: „Herr Leutnant Ulten wollen entschuldigen, aber es soll nicht wieder vorkommen.“

„Hoffentlich hast du wenigstens Urlaub,“ fuhr Werner lachend fort und machte zugleich Licht am Kronleuchter, da die grünumflorte Schreibtischlampe nur einen geringen Schein verbreitete.

„Bis ins Bewusstlose,“ erwiderte Walter gut gelaunt und sah sich nach einem Platz für seinen Zylinder um.

„Na, dann geht’s ja noch, es wird dir ja heute niemand auf die Bude steigen,“ sagte der andere wieder. „Aber für die Folge führe doch lieber deine Schnüre spazieren. Die Karre könnte doch mal schief gehn.“ Dann wetterte er über andre Dinge los, mit all der Lebhaftigkeit, die immer die stille Wonne des Nachgeborenen bildete. Heute müsse er selbst den Diener spielen, denn seine Haushälterin, die gute Frau Schlierke, scheine auf ihre alten Tage noch tanzen zu gehn; es sei nun schon der dritte Sonntag, an dem sie ihn wie einen Waisenknaben versetzt habe.

„Leg’ doch ab, wir haben noch Zeit,“ fuhr er fort und wollte ihm beim Abziehen des Paletots behilflich sein, wogegen sich Walter jedoch wehrte, denn er sah darin etwas wie ein Dankgefühl für Dinge, deren Gewährung er für selbstverständlich hielt.

Beide Brüder standen sich nun im Frack gegenüber, der Ältere aufgeschossen, schlank und biegsam, unverkennbar der Typus des früheren Offiziers, neuerdings der gewiegte Lebenskünstler in full dress, der elegante Zeittotschläger, an dem alles mit einem gewissen Schwung peinlich abgewogen ist: vom kühngestrichenen Haar und dem Bartzwirbel à la Haby, und von der weissen Weste, durch deren Knopfloch die dünne Kette gezogen ist, bis hinab zum weichen Pariser Lackschuh; und der Jüngere mittelgross und breitschulterig, etwas unbeholfen in seinen Bewegungen, zwar in Wichs geworfen wie der andere, aber mehr nach bürgerlicher Art zurechtgemacht, mehr für die gute Stube geschaffen, als für den Salon. Der Grosse der Mann der Welt, der sich fast daran gewöhnt hat, im Frack zu schlafen, der Kleine der Sonntagsgast, der sich notgedrungen eingezwängt sieht in das unentbehrliche Gewand des Festes.

Und so gross der Gegensatz in ihrer Gestalt war, so wenig ähnelten sie sich auch im Gesicht. Werner zeigte ein gerades Profil mit feinen Linien, die fast in einem Zuge schön ausliefen, während bei Walter die Ecken und Rundungen sich stiessen, ohne dass er dadurch hässlich wirkte. Der Ältere war mehr die ausgeführte Zeichnung eines Idealkopfes, der Jüngere glich mehr einer keck hingeworfenen Skizze, die aber doch den Meister verrät. Werner war die abgeklärte Stille nach vielen Lebensstürmen, in Walter drohte noch das heraufziehende Gewitter, das aber selten zum Ausbruch kam, weil ihm die harte Arbeit seiner Jugend keine Zeit zur Entfesselung der Leidenschaften gelassen hatte.

Zwanzig Jahre jünger als der andre, hatte er stets den gehörigen Abstand von ihm empfunden, was ihn schon als Kind einschüchterte, weil er es sich niemals hatte vorstellen können, dass an der Wiege eines kleinen Kerlchens plötzlich ein ausgewachsener Bruder stehen könnte, den man als Spielkameraden behandeln sollte. Und wenn er oftmals die dunkelsten Erinnerungen an seine Kinderzeit durchging, fand er es schier lächerlich, immer zwei grosse Männer um sich gehabt zu haben, die ihn abwechselnd auf den Arm nahmen, als müssten sie sich in die Vaterfreude teilen.

Und etwas von diesem Erziehertum hatte sich Werner bis auf den heutigen Tag bewahrt, was er gerade jetzt wieder bewies, als er den Jüngeren keck an die Schultern fasste und ihn wie einen eingekleideten Einsegnungsjüngling drehte, wobei er sagte: „Lass mal sehen, ist das der neue? Sitzt ja patent, ganz patent. Junge, du wirst Aufsehen machen.“ Und während er ihm über den Rückenteil des Fracks strich, diesen dann vorn über der schmucken Weste wie zum Spasse zusammenzog, um seine Knappheit zu prüfen, sodass er ein wohlgefälliges Lachen hervorrief, versuchte er dem Jüngeren die gesellschaftliche Schüchternheit zu nehmen, indem er ihm lebhaft schilderte, wie gut aufgehoben sie heute bei Frau von Steckel né Krukenberg sein würden, die es endlich erreicht habe, diesen Prachtkerl von Bruder, der es mit kaum vierundzwanzig Jahren bis zum angehenden Grossindustriellen gebracht habe, zu ihren Gästen zu zählen.

„Du, ich hab’ Angst,“ brachte Walter mit wenig schlauer Miene seine stete Redensart an, die jedesmal fällig wurde, sobald ihn der Ältere in seine Kreise mit verfeinerten Lebensgewohnheiten führen wollte, was übrigens noch nicht oft vorgekommen war. Besonders in Gesellschaft kluger Frauen geriet der Jüngere leicht in Verlegenheit, und sein ganzer Mutterwitz schrumpfte zusammen, sobald er sich in eine längere Unterhaltung mit ihnen einlassen sollte.

Werner griff in das lose, nussbraune Haar des Bruders, das einen gewissen Wildurstand zeigte, ziepte ihn zum Scherz daran und sagte: „Hör’ mal, mein Junge, es wird Zeit, dass du deine Weiberscheu endlich lässt.“

„Ach, ich bin ja gar nicht so,“ erwiderte Walter lachend und trat vor den Spiegel, um seine Frisur zu prüfen. „Denk’ nur nicht, dass ich nicht auch schon meine Erfahrungen hinter mir habe. Aber siehst du, das ist doch ’ne ganz andre Sorte, die in meinem Teich herumschwimmt. Durchschnittsware, wie wir Kaufleute sagen. Du hast eben einen ganz andern Umgang.“

Werner stellte sich wie ein Ankläger vor ihm hin. „Ja, sag’ mal, das klingt ja ganz verdächtig, du wirst doch nicht etwa in schlechte Gesellschaft geraten sein, he? Vielleicht gar gewisse Balllokale besuchen, obendrein ohne mich, wie? Du, hör’ mal, mein Junge, das wäre Verrat an deinem älteren Bruder. So etwas tut man doch nicht ohne einen erfahrenen Führer.“

Walter lachte geschraubt. „Kann man’s wissen?“ sagte er dann und bemühte sich, dem Schnurrbärtchen eine gewisse kümmerliche Flottheit zu geben, um hinter dem grossen Vorbild nicht zurück zu bleiben. Angesteckt durch die übermütige Laune des andern, überwand er jedoch rasch seine Verlegenheit. „Ach ich meinte ja nur so alles, was bei unsrer soliden Frau Mitchef herumkreucht und fleucht an süssen Philistermädels, mit und ohne schiefe Hüften ... Was denkst du übrigens, sie will mich absolut unter die Haube bringen, nach dem alten Grundsatz: ‚Jung gefreit, hat niemals gereut!‘“

„Na, erst reisse nur dein Jahr ab, und dann können wir ja weiter darüber sprechen,“ warf Werner heiter ein. Dann aber, als der Jüngere nicht locker liess und meinte, er würde gern einmal unter Führung des andern der „Sumphonie“ des nächtlichen Berlins lauschen, wehrte Werner diese Zumutung durchaus ernst ab, indem er mit einer gewissen Weichheit sagte: „Das wollen wir doch lieber bleiben lassen, mein Junge, es war nur Scherz. Schon genug, dass ich das räudige Schaf in der Familie war, dich möchte ich doch vor einem ähnlichen Schicksal bewahren. Du weisst, ich habe immer Vaterstelle an dir vertreten. Also bleib hübsch gehorsam. Du wenigstens sollst oben im klaren Wasser schwimmen, mein Leben ist doch ein halb verpfuschtes.“

Sein Maitraum war verschwunden, und er hörte jetzt wirklich nur den Herbstregen draussen gleichmässig niederschlagen, und dazwischen den klagenden Gesang des Windes, der die kahlen Bäume in dem grossen Hintergarten ächzen machte. Denn seine Stimmung hatte jäh gewechselt, wie immer, wenn er daran dachte, dass er mit Leib und Seele Offizier gewesen war und im schönsten Mannesalter seinen Abschied hatte nehmen müssen, weil die erbarmungslosen Manichäer die Wechsel nicht mehr verlängern wollten und keine Deckung vorhanden war. Mit Schrecken stand ihm jener Tag wieder vor Augen, als er mit Urlaub nach Berlin gekommen war, um die Notfrist gründlich auszunutzen. Das war zur Zeit, als es mit dem alten Ulten bereits gekracht hatte, der sich nach Aufgabe seiner Landwirtschaft in der Uckermark in allerlei unerspriessliche Gründungen für Bodenkultur eingelassen hatte. Drei Tage lang lief sich der Alte die Sohlen ab, um die achttausend Mark aufzutreiben. Alle Bekannten und Verwandten wurden erfolglos abgeklappert. Und als der Alte schon in hellster Verzweifelung daran dachte, die bald auszahlbare Lebensversicherung an die Gesellschaft zu verkaufen, um die Gläubiger wenigstens vorläufig zu beruhigen, war es zu spät. Der Oberst hatte bereits Kenntnis erhalten, und der Abschied war unabwendbar.

Die Mutter jammerte, und alle Tanten taten dasselbe, denn „der Stolz der Familie“ war gefallen, obendrein nahe vor dem „Premier.“ Die Tragik wurde dadurch noch erhöht. Das schlimmste aber war, dass die paar letzten Kröten des Alten nun doch noch flöten gingen, weil Werner einen Kameraden als Bürgen mit hineingezogen hatte, den er vor dem gleichen Schicksal wenigstens bewahren musste.

Zum ersten Male sah der zehnjährige Walter die Eltern weinen, hörte er eine Szene zwischen Vater und Sohn, die die Wände erzittern machte. Der Alte klagte seinen Jungen an, während dieser nur Vorwürfe dafür hatte, dass man ihn in eine Karriere getrieben habe, ohne die erwarteten Opfer bringen zu können. Es war die alte Geschichte: man hatte sich gegenseitig die Verhältnisse gründlich verheimlicht, bis die Wahrheit um so fürchterlicher an den Tag kam. Schliesslich aber hörten die Vorwürfe auf beiden Seiten auf, übrig blieb nur das dumpfe Verzichtleisten auf alles, was war und hätte sein können.

Der Alte konnte den Schlag nicht überwinden und sank bald, ganz mürbe geworden, ins Grab. Die Brüder hielten wacker zur Mutter, aber der Lebenskampf brachte sie auseinander, wie zwei ganz verschiedene Schwimmer, von denen der eine willenlos umhergetrieben wird, während der andre kühn sein festgesetztes Ziel nimmt. Werner hatte verschiedenes versucht, sich ehrlich durchzuschlagen. Hintereinander war er Privatsekretär bei einem hohen Herrn, besserer Versicherungsbeamter und schliesslich Angestellter in einem Offizier-Verein gewesen; jedesmal jedoch hatten ihm seine noblen Passionen einen Strich durch die Rechnung gemacht, denn sobald er fest im Sattel zu sitzen glaubte, wurde er rückfällig, d. h. er machte aufs neue Schulden, die ihm schliesslich seine Stellung kosteten.

Und während er so die unglückliche Existenz eines Menschen führte, der weder schlecht noch unredlich ist, den besten Willen zu allem hat, aber jedesmal seiner unglücklichen Veranlagung unterliegt, bewegte sich der Nachgeborene und in der Erziehung Zurückgebliebene in stetem Aufstieg zu einem glänzenden Erfolge. Kaum fünfzehn Jahre alt, war er in die Metallwarenfabrik von Clemenz eingetreten, die noch nicht lange bestand, sich aber im besten Aufschwung befand, weil sie das Patinodum erfunden hatte, eine Art Neusilber, das aber an Güte und Billigkeit alles bisher Dagewesene übertraf. Bald fand der Chef Gefallen an dem aufgeweckten, jungen Menschen, der von früh bis spät nur das Interesse seines Hauses im Auge hatte und nach Geschäftsschluss noch das Bestreben zeigte, sich auch geistig zu fördern, um die Lücken seiner Schulbildung zu überbrücken. Er nahm ihn vom Lager ins Kontor, wo er ihm bald eine bevorzugte Stellung einräumte, wie sie sonst nur ältere Leute einzunehmen pflegen.

Schon mit zwanzig Jahren hatte Walter die Postprokura, und als er nach mancherlei nächtlichem Brüten ein Mittel erfand, das Patinodum vor Schwarzwerden zu bewahren, nahm ihn der Chef kurz entschlossen als Teilhaber in die Fabrik, indem er die Verbesserung mit einem bestimmten Kapital bewertete, das als Einlage zu gelten hatte. Das war im selben Sommer geschehen, als Werner in Ostpreussen bei einer Gestütsverwaltung einen Unfall vom Pferde hatte, sodass nun der Jüngere nichts Eiligeres zu tun wusste, als den einstigen Familienstolz sofort nach Berlin kommen zu lassen, um ihn sozusagen in die Rechte eines Grandseigneurs zu setzen, der nun endlich nach seinen Neigungen leben durfte, ohne sich mit dem Gedanken an den andern Tag zu plagen.

Er bezahlte Werners Schulden, liess ihn eine elegante Gartenwohnung im äussersten Westen beziehen, die er mit einer gewissen Verschwendung ausstattete, schickte ihm an jedem Ultimo einen anständigen Scheck, und tat auch noch so manches andre, was mit aussergewöhnlichen Kosten zusammenhing. Sein einziges Bedauern dabei blieb, dass er mit all diesen Zärtlichkeiten nicht auch die Mutter noch überhäufen konnte, die nun dem Vater gefolgt war. Je gefestigter aber seine soziale Lage wurde, je haltloser wurde die des andern. Werner sah die Goldgrube, gewöhnte sich daran und griff immer tiefer hinein, manchmal so vorzeitig, dass seine Finger schon den Boden berührten, bevor die neu füllende Hand wieder da war. Aber der Jüngere verzieh ihm alle Schwächen, wie man sie einem höheren Wesen verzeiht, zu dem man seit frühester Jugend gewöhnt ist, emporzublicken. Er wusste, dass dieser hübsche Kerl stets die Hoffnung und der Liebling der Eltern gewesen war; ihm selbst aber erschien er immer als das Vorbild unerreichter Schneidigkeit, und so hielt er es für ganz selbstverständlich, wenn er alles mit ihm teilen müsse, um dadurch zugleich die Alten noch im Grabe zu ehren, die seiner Meinung nach unter ähnlichen Umständen dasselbe getan hätten, wie er.

Dritten Personen gegenüber sprach er von Werner nie anders als von seinem „Bruder, dem Offizier“, wodurch er sich gleichsam gesellschaftlich mit gehoben fühlte. Dass der alte Glanz bereits vorüber war, genierte ihn nicht; für ihn blieb die Eigenschaft bestehen.

Und gerade heute, wo er von Stolz erfüllt war, neben dieser prächtigen Erscheinung den Abend geniessen zu dürfen, betrübte es ihn besonders stark, den Bruder sich selbst verkleinern zu sehen. Sofort aber glaubte er die Ursache zu dieser Stimmung zu erraten. „Schmerzt dich dein Arm wieder?“ fragte er teilnahmsvoll, weil er wusste, dass bei dem Sturz damals eine nervöse Schwäche zurückgeblieben war, die oftmals in Zuckungen ausartete, namentlich, wenn jäh die Witterung umschlug. Die Ärzte hatten es als ein rheumatisches Leiden erklärt; eigentlich aber war es nur die Folge der Erschütterung, die der ganze Körper davongetragen hatte, und die der Ältere in Augenblicken seelischer Aufregung am heftigsten durchkostete. Das ging so weit, dass er beim schreiben manchmal den Krampf in den Fingern bekam, was ihn schon wiederholt dazu getrieben hatte, sich den Gebrauch der linken Hand für alltägliche Dinge anzugewöhnen.

Werners graue Gedanken verflogen rasch, denn als er in die grossen, treuen Augen des Jüngeren blickte, schämte er sich fast, seinem Selbstvorwurf mit soviel Milde begegnet zu sehen. Im Stehen zog er ihn an sich und drückte einen Kuss auf seine Stirn.

„Kerlchen, du, der du immer Verzeihung für mich hast! Ich ohrfeige mich moralisch, und du möchtest mir am liebsten eine teure Kur verschreiben. Weiss schon, weiss schon, was du sagen willst!“ Er hielt ihn nun an den Schultern gefasst und wippte ihn sanft hin und her. „,Du musst nach dem Süden, Werner,‘ willst du sagen, nicht wahr? ‚In Wiesbaden hast du ja doch nur geflirtet, statt den Soliditätsprotzen zu spielen. Dort unten aber, irgend wo auf Capri oder sonst wo im warmen Sonnenschein wird es dir besser tun, wieviel brauchst du, Werner?‘ Nicht wahr, mein Junge, das alles hängt dir schon auf den Lippen? Fehlt nur noch deine berühmte Bewegung nach dem Portefeuille, die für mich schon zum reinen Mechanismus geworden ist.“ Und als der Kleine nun vergnügt nickte, fuhr der Grosse in einem Zuge fort: „Aber nein, mein verflixtes Kerlchen, diesmal hast du fehlgeschossen mit deiner Diagnose. Es gibt nichts mehr von Reissen und Schwäche, Frühlingsblut durchströmt meine Adern, und willst du es nicht glauben, so pass auf, ich beweise es dir sofort.“

Und er ergriff mit der schwachen Rechten einen Stuhl und streckte ihn langsam wagerecht, sodass vor Anstrengung sein Gesicht braunrot wurde.

„Bravo, bravo!“ rief Walter aus, trotzdem er merkte, wie diese Kraft eigentlich nur geheuchelt war. Aber Werner fühlte sich dadurch so gehoben, dass er ihm sofort beweisen wollte, was alles er jetzt unternehme, um den Arm zur Untertänigkeit zu zwingen. Seit einiger Zeit übte er sich mit einer schweren Luftpistole im schiessen, und so liess er auch im Salon das Licht aufflammen und schoss von dort durch die offne Tür auf die Scheibe, die er rasch im Balkonzimmer aufgestellt hatte. Und als verschiedene Bolzen kraftvoll eingeschlagen waren, sagte er mit freudiger Genugtuung: „Sieh’ mal, Junge, wie das sitzt. Dreimal hintereinander elf. Deubel, das nennt man doch nicht zittern! Jeden Tag treibe ich das jetzt. Macht mir riesigen Spass. Willst du glauben, das ist die beste Massagekur ... Übrigens geht’s auch mit der Linken ... pass mal auf, mein Junge. Man kann nie wissen, wozu auch diese Abwechselung mal nutzt.“

Walter merkte ihm aber an, wie er den linken Arm nur um deswegen benutzte, weil der rechte ihm nach und nach versagt hatte. Trotzdem liess der Jüngere aufs neue Bewunderung folgen, weil er wusste, dass diese Täuschung zugleich eine Art Gesundung für den Bruder war.

„Ja, mein Junge, der Wille macht viel,“ sagte Werner zum Schluss, als er das Schiesszeug flugs beiseite brachte. „Und siehst du, mein Sohn, ich will jetzt, dass heisst zu dir gesagt: in meinem Dasein gehörig umschwenken. Es muss anders werden, ganz anders! Donnerwetter ja, es wird Zeit, dass ich nun endlich mal diesem, na, sagen wir schon Lotterleben entsage ... mal wieder neu auf die Welt komme! Verflucht, so alt bin ich doch noch nicht, um als Salontatterich zu enden, der um vier Uhr morgens schlafen geht und gegen Mittag erst aufsteht. Ein wenig auch durch deine unverantwortliche Güte, nimm mir’s nicht übel. Ich muss doch endlich mal meine Schulden an dich abtragen. ... Ja, ja, ich weiss schon, was du wieder sagen willst. Es sei nicht nötig, du hättest es ja dazu, und du seiest mir sozusagen auch verpflichtet — von damals noch, als dir vorzeitig die Luft auszugehen drohte. Ewig dasselbe von dir! Aber das waren ja Kinkerlitzchen gegen all die feurigen Kohlen, die du auf mein Haupt ladest. Und die brennen mir schon lange zu sehr. Du sollst doch nicht später mal an meinem Grabe stehen, mit dem Gedanken: ‚Hier ruhet einer, der immer nur erntete, aber niemals säete.‘“

Den angegriffenen Arm in den tiefen Ausschnitt der Weste geschoben, ging er wie in einem Verjüngerungsrausch auf und ab, ohne dass Walter ihn in diesem frommen Selbstbetrug störte. Plötzlich aber blickte er doch von seinem Sessel auf, denn während draussen der Regen kein Ende zu nehmen schien und der Herbststurm ihn in ganzen Schwaden über den grossen Balkon trieb, begann Werner seinen verkannten schönen Bariton zu erproben, indem er wie in Verzückung loslegte: „Winterstürme wichen dem Wonnemond ...“

Dadurch fühlte sich der Jüngere veranlasst, an den Schreibtisch zu treten und auf eine Photographie zu tippen, die einen ganzen Berg von ähnlichen Herzensandenken krönte: „Du, ist sie das?“ fragte er.

Werner liess die Winterstürme in Gedanken weiter entweichen und war sofort an seiner Seite: „Nee du, noch nicht,“ erwiderte er vergnügt. „Aber siehst du, die war mein Unglück, denn ihretwegen ritt ich mich zuerst hinein. Sieht naiv aus, was? Dafür wird sie wohl jetzt irgendwo schon Mütterrollen spielen, vielleicht in Bumsdorf an der Schwemme. Der Teufel brachte sie an unsern Musenstall, wo sie gerade mich auszunehmen wusste. Na es waren amüsante Stunden. Der liebe Gott beschütze meine Nachfolger.“

Er war heute Nachmittag beim Aufräumen verschiedener Schubkästen gewesen, und so packte er den ganzen Kram jetzt wieder ein, Briefe und Photographien wirr durcheinander, zum grossen Leidwesen Walters, der gern ein wenig weiter geschnüffelt hätte, dafür aber den Trost bekam, dass diese „ganze Couleur“ so ziemlich auf eins hinauslaufe, was die Qualität anbetreffe, nur dass sie sich durch andre Farben unterscheide, in diesem Falle durch schwarz, braun und blond.

„Du, deine Routine darin, die möchte ich haben,“ sagte der Kleine plötzlich mit so unschuldsvoller Miene, dass der Grosse nicht bloss beim Lächeln stehen blieb, vielmehr in laute Heiterkeit ausbrach.

„Lieber nicht, mein Sohn. Du siehst ja, wie weit man dabei kommen kann. Zum Tagedieb mit andauerndem Nachtdienst in jener Welt, in der man sich nicht langweilt, die uns aber mit grausamer Wonne langsam die Nerven abstumpft und noch so manches andre. Du bist zu schade dazu.“

Einige Augenblicke überlegte er, dann aber schwankte er nicht mehr; denn was sie beide wussten, wusste nur einer. Er griff nochmals nach dem Schlüsselbund und holte das Bild derjenigen hervor, die der andre vorhin gemeint hatte. „Frau Schlierke braucht es noch nicht zu wissen, sonst hätte ich schon längst meinen Schreibtisch damit geschmückt, das kannst du dir doch denken,“ bemerkte er dabei und liess ihn dann allein, um sich draussen im Korridor die Gummischuhe überzuziehen.

Wieder mit der Garderobe zurückgekehrt, rief er fragend aus: „Ein Mädel, du, was? Rassekopf! Natürlich kein Vergleich mit der Wirklichkeit. Na, du wirst sie ja sehen und deine Augen machen ... Avanti. Reiss dich los, ich glaube ja, dass es dir schwer wird. Aber Junge, nimm sie mir nicht fort, denn du hast die Moneten.“

Aber er sagte es nicht ernst, mehr im Scherz eines Siegers, der einem andern auch gern den harmlosen Anteil an einer schönen Beute gönnt.

Walter schwieg, denn noch immer im Anblick versunken, hörte er kaum die Worte. Dann aber stammelte er wie in einer Mitverzückung: „Du, die hat wirklich so etwas Seltenes. Ich bin neugierig ...“

„Das kannst du auch, mein Sohn. Solche Schätze hebt man nicht alle Tage.“

Werner drehte das Gas aus; dann liess er den Bruder zuerst hinaus und verschloss sorgsam die Türe.

II.

Während sie um das nun verdorrte Beet des grossen, sauberen Hofes schritten, der zur Sommerszeit einer schönen Blumenanlage glich, trommelte der Regen auf ihren Schirmen. Draussen auf der stillen Strasse wiegte sich der Schein der Laternen in dem von Wasser glänzenden Asphalt. Durch den Regendunst sah man an den Palästen drüben eine Reihe erleuchteter Fenster, denn „tout Berlin“ war bereits längst zurück aus Sommerfrischen und Bädern und begann Magen und Nerven wieder auf die Probe zu stellen. Langsam rückte die Wintersaison heran, und allmählich zählte man die Häupter der treuen Gäste, um zu sehen, ob keines von ihnen fehle.

„Du, dort oben bei Bankdirektors wirst du auch nächstens glänzen,“ sagte Werner, als sie vor der Haustür standen und auf die Droschke warteten, die der Junge des Portiers herbeizuholen geeilt war. „Er Schaute mit Zahlenkranz, sie singt schlecht, der Sohn halber Idiot, und die Töchter haben ’n Tick weg von wegen Über-Emanzipation. Sonst Essen und Weine tadellos.“

Walter liess sein Lachen steigen und meinte, dass er die Familie bereits vor sich sehe. Dann klapperten die Hufe des Leibschimmels heran, der schon ohne Zügeldruck vor dem Gitter hielt.

„n’ Abend die Herren,“ grüsste der alte Weisslackierte und legte mit einer gewissen Ehrfurcht die Hand an die Hutkrempe: „Et war ooch de höchste Eisenbahn, Herr Leitnant. Eener kam Ihnen schon in de Quere, aber nach Weissensee fahr’ ick nich. Bin schon bestellt, sag’ ick und zupf’ an de Decke von de Liese. Wej war er. Und ick wieder rin in meine Arche. Krause vor mir ist zahmer, der wohnt da draussen.“

Die Brüder streckten sich bereits in dem bequemen Landauer, als sich die letzten Worte in einem Selbstgespräch verloren. Werner rief ihm noch durch das Fensterchen die Hausnummer zu und ermunterte ihn durch ein: „Etwas dalli, Reschke.“

Der Alte drehte schon, als er laut zurückrief: „Weess schon, weess schon, Herr Leitnant, da fängt’s immer zuerst an, det Haus find’ ick im Dunkeln, dafor sorgt Liese schon.“

„Er kennt nämlich meine ganzen Beziehungen,“ sagte Werner. „Ich glaube, der würde mich um die Welt fahren, wenn es ginge. Dafür habe ich ihm auch versprochen, seine Liese mal ausstopfen zu lassen, wenn der Schinderkarren ihr drohen sollte ... Übrigens hat er ausser neun Kindern noch Erzählertalent. Sein Mitmachen bei Metz als Landwehrmann erzählt er mir an jedem schönen Sommermorgen, wenn ich so, mit süsser Bettschwere belastet, durch den Tiergarten gondele. Du kannst dir denken, was ich davon behalten habe.“ Und nach einer Pause, als Feuchtigkeit durch das Verdeck drang, stöhnte er: „Man bringt wirklich ein Opfer, bei solchem Hundewetter andern Leuten Plaisier zu machen. Vernünftige Menschen bleiben lieber in ihrem Wigwam und wickeln sich in wollene Decken. Aber siehst du, ich kann nun einmal ohne diesen Genussrummel nicht leben. Andre fliehen die Aufregung, ich suche sie. Ich muss den Duft der grossen Welt haben, sonst ersticke ich. Meine Sonne ist die Lichtfülle des Salons. Das Rauschen seidener Kleider ist mir die süsse Nervenmusik dazu, und an den weissen Nacken und Armen trinkt sich mein Auge satt. Vorläufig wenigstens noch! Wollen ja sehen, wie ich mich in dieser Beziehung ändern werde. Selbst in der Ehe. Na ja! Lach’ nicht zu dieser Phantasie al fresco. Hängt alles von der Gegenliebe ab. Aber ich glaube kaum ... Sicher wird man mal später meine Gebeine eingewickelt in Fracklappen in der Ruine einer dieser Abfütterungspaläste finden, und ein zukünftiger Virchow wird dann seine tiefsinnige Betrachtung mit der Rätsellösung geben: ‚Das sind die Überreste eines jener glänzenden Gesellschaftstiere, die sich von Sekt und Austern nährten und stets die fremden Frauen begehrten!‘ Reimt sich übrigens.“

Durch die getrübten Scheiben sahen sie nur den schwachen Lichtglanz des sonntäglich zugeknüpften Berlins, das in ungeheurer Nässe schwamm und hier im Westen, wo man sich an Feiertagen mehr in den Häusern verkrümelte, nur vereinzelt die wandernden Regenschirme zeigte.

Dumpf donnerte die Stadtbahn über die eiserne Brücke, die Elektrischen heulten vorüber, und gleissend flammte einen Augenblick die bunte Gaslichtumrahmung an einem Restaurant auf, halb verwischt von dem Windschauer, der darüber strich. Dann wieder Stille, nur unterbrochen vom gleichmässigen Geklapper des Schimmels.

„Eigentlich müsste mich ja solches Wetter zum Spazierengehen reizen,“ begann Werner wieder nach einigem Schweigen, als das Trommeln oben sich verstärkte und das Auge nur noch Regennebel sah. „In holder Erinnerung nämlich. Dir kann ich’s ja sagen, denn du bist ja mehr als mein Bruder ... bist sozusagen mein junger, treuer Freund.“ Und als er zur Bestätigung einen warmen Händedruck Walters empfangen hatte, fuhr er fort: „Übrigens kennst du ja am besten meine ewigen Widersprüche, ich falle eben aus einem Extrem ins andre. Etwas verrückt muss am Ende jeder sein, schon um vernünftig zu bleiben. Klingt zwar paradox, ist aber bewiesen. Also hör’ nur, wie ich sie kennen lernte. Abends elf Uhr Dorotheenstrasse. Von oben eine Schleusenöffnung wie heute. Ich komme gerade von Kantorowicz, wo ich zwei Burgunderpünsche festgelegt habe. Du kennst ja die Zylinderdestille ... Bin also bei Stimmung und denke, wo trinkst du jetzt noch eine Mokka, um dich nach dem verfehlten Abend mal frühzeitig in die Klappe zu legen. Ausnahmsweise! Es war nämlich wirklich ein total verfehlter. Ich sass solo im Wintergarten und quetschte mich auf meinen zwei Plätzen in der Loge allein herum, denn ich war gründlich versetzt worden. Dafür konnte aber die schöne Sie jedenfalls nicht, denn George Dandin der Zweite war nicht zur Jagd gegangen, wie sie geglaubt hatte. Wenn ein Lebemann einen leeren Logenplatz neben sich hat, dann geniert ihn das, da es immer verdächtig ist. Entweder ist er ein Verschwender oder ein Hineingefallener. Das erstere war ich immer, und für das zweite wollte ich nicht gehalten werden. Früher hätte ich meinen Ärger durch einen Nachtpendel ersäuft, diesmal aber kam mir der moralische. Mir schwante etwas von einem Ausgleich im Leben, schon von wegen des verfallenen Billets. Denn eigentlich hattest du doch die Kosten getragen. Weiss schon, weiss schon, mein Junge — ich bin ja auch schon ruhig! ... Also wieder zu Kantorowicz. Natürlich habe ich ganz überhört, dass es draussen planscht, sonst hätte ich noch einen dritten getrunken. Schirm hatte ich nicht, meinen Stock konnte ich nicht aufspannen, leere Droschke nirgends zu sehen. Endlich kommt ein Taxa vorüber und ich rufe ihn an. Gerade als er seine Rosinante parieren will, meldet sich eine süsse Stimme an der Haltestelle der Elektrischen: ‚Kutscher, sind Sie frei?‘ Ein Theaterspätling, der keinen Platz im besetzten Wagen gefunden hatte. Sehr elegant: braunen Ulster, rotes Spitzenkopftuch, himmelblaues Glasetui; sonst alles mollig, trotz der Vermummung. Für so etwas habe ich Kenneraugen.

Als der Kutscher hält, will sie einsteigen, aber ich komme ihr zuvor. Ernüchtert über diesen Irrtum, tritt sie wieder an die Haltestelle, wo ja sozusagen internationaler Schutz für Damen ist. Da sage ich galant wie immer: ‚Bitte, meine Gnädige, steigen Sie nur ein, ich kann warten.‘ Und sie tut es natürlich, nachdem sie dem Kutscher Strasse und Hausnummer zugeraunt hat. Dann aber, als ich wie ein bedrippter Gentleman die Tür schliessen will und mir der Regen dabei in den Nacken läuft, packt mich erst der ganze Ärger, und ich sage frech wie Oskar: ‚Zum Dank könnten Sie mir eigentlich Ihren Schirm pumpen.‘ Und was soll ich dir sagen, mein Junge: sie reicht mir den Schirm heraus und flötet gemütlich: ‚Mit Vergnügen, Herr Ulten. Sie können ihn ja morgen bei Frau von Steckel abgeben, vielleicht lassen Sie gleich die Krücke machen, sie ist etwas wacklig.‘

Du, so baff war ich in meinem Leben noch nicht, und ich danke meinem Schöpfer, dass kein Momentphotograph in der Nähe war. Denn ohne Zweifel wäre die Galerie der dummen Gesichter vermehrt worden. Die Spitzenumrahmung hing ihr bis an die Nase, und so sah ich nur noch ein paar dunkle Punkte, die ich für Augen hielt, und bemerkte so etwas wie weisse Zähne. Dann aber bekam ich meine Geistesgegenwart wieder. Ich zog den Hut und wünschte ihr glückliche Fahrt, woraus der Kutscher sicher auf engere Bekanntschaft schliessen durfte. Und was soll ich dir weiter sagen: ich dachte an keine Mokka mehr, auch an keinen Regen, und ging wie ein Betäubter, den eine liebliche Sphinx soeben gekratzt hat, die Linden entlang. Erst am Brandenburger Tor fiel mir ein, dass ich einen zugeklappten Schirm neben meinem Stock trug, ein leichtes und feines Ding mit einem silbernen Sezessionsgriff, der allerdings bedenklich wackelte. Da spannte ich ihn schliesslich auf und ging so weiter wie ein Träumender, durch den Tiergarten bis zur Potsdamer Brücke. Und von dort gondelte ich allmählich bis nach Hause. Es ging eben ein Fluidum von dem seidenen Dach aus, das meine Gedanken benebelte und die Beine mechanisch ihre Arbeit verrichten liess. Natürlich war ich schon am andern Nachmittage bei Frau von Steckel, die schon von allem wusste und sich köstlich amüsierte. Du lieber Himmel, wer merkt sich auch die kleinen Mädels alle, die so in der Gesellschaft herumwimmeln und Tagebücher über die wohlgepflegten Schnurrbärte führen. Erst wenn sich eine durch irgend etwas besonderes hervortut, fällt sie einem auf, und ist sie obendrein witzig, kriegt sie eine Eins von uns. Und die hat nun eben Rita Keith weg von mir ... Du, die steht in meinem Lebensbuche extra verzeichnet, lach’ nicht mein Junge, glaube es mir.“

Walter lachte auch gar nicht, denn er glaubte es ihm, der aus dem leichten Ton plötzlich in bewegte Worte übergegangen war, die den Jüngeren gewissermassen ergriffen. Schweigend suchte er wieder des andern Hand, im Stillen nur bestrebt, das späte Herzensglück nach seiner Weise zu fördern.

Und es klang wie Inbrunst, als der Ältere dabei sagte: „Du, das hätte der Alte noch erleben müssen, wie wir beide jetzt so Hand in Hand auf unsrer Höhe dahinrollen. Ich glaube, er hätte noch Verzeihung für alle meine Sünden gehabt. Und die gute Mutter erst ...“ Aber sofort wurde er andrer Meinung. „Eigentlich aber ist es besser, dass sie von diesem ganzen tollen Unsinn des Herrn Habenichts keinen Hauch mehr verspüren. Sollte ich noch mal in den Adelsstand erhoben werden, so werde ich befürworten, mich Werner von Walters Gnaden zu nennen ... Weiss schon, weiss schon mein Junge, was du sagen willst! Ich will dir keinen Schmerz bereiten; aber ich bin nun einmal die personifizierte Selbstverspottung. Das habe ich vom Alten, der, nebenbei gesagt, auch kein Geld leiden konnte. Na, und die Schürzen waren vor ihm auch nicht sicher. Und dann, siehst du, schrie er noch Zeter und Mordor, als ich in seine Fusstapfen trat ... Du schlägst mehr nach der Mutter. Vielleicht bist du auch ein Gemisch von beiden. Die gute Alte konnte ja auch manchmal heftig werden, bis zur Besinnungslosigkeit, als sie noch jünger war. Da gab es Szenen aus Eifersucht zwischen beiden, ich sage dir! Das hast du alles nicht mehr erlebt. Aber Mutter konnte nichts nachtragen; schliesslich kam sie wieder von selbst und machte alles gut. Na, und sollte ich dir mal Veranlassung zum Zorn geben, dann sei ebenso gnädig zu mir ... Da sind wir ja schon.“

Unter einem grauen Zeltdach führte ein Läufer bis zur Haustürtreppe hinauf, über deren letzte Stufe man gerade noch ein paar weissbeschuhte Füsschen unter einer rosigen Spitzenwolke huschen sah. Der Dame voran schritt ein langer, würdiger Herr, der einen hohen Chapeau claque ältesten Jahrganges trug und den Aufstieg sehr bedächtig nahm. Man sah sozusagen den hohlen Rücken und die steifen Beine.

„Das ist der Gymnasialprofessor Töppert mit seiner kinderlosen, sehr lebenslustigen Frau, ein Schwager unsrer lieben Gastgeberin,“ raunte Werner dem Bruder zu, als sie im Treppenlichtglanz langsam hinterdrein stiegen, um das knatternde Seidenrauschen oben erst verschwinden zu lassen. „Eine Leuchte der Wissenschaft, die die Menschen in zwei Arten teilt, in solche, die Mathematiker sind, und in solche, die es nicht sind. Ausserdem hat er die Angewohnheit, jeden Nächsten während eines Gesprächs mit seinem Zeigefinger zu erdolchen. Bewahre dir also dein Leben. Wahrscheinlich weicht ihm aus diesem Grunde auch seine Frau stets aus ... Um Himmelswillen, lach’ nicht so laut, sonst platzt hier der falsche Marmor von den Wänden. Auch eine Errungenschaft Gross-Berlins, diese speckglänzenden Säulen, die uns Carrara, Porphyr und Malachit vorlügen und mit Goldschaum garniert sind. Oben wirst du dasselbe bei den Leutchen finden: alles fein poliert, nach echter Weise geschliffen, aber wenn man dran klopft, klingt’s hohl.“

Und bevor sie die letzten Stufen nahmen, gab er ihm Verhaltungsmassregeln: „Tritt den Damen die Schleppen nicht ab, denn dann verwandelt sich die Frömmste in eine Furie. Und wenn du der Gnädigen die Hand küsst, dann tu es möglichst oben am Gelenk, schon aus hygienischen Gründen, denn bis dahin verirren sich die wenigsten. Rede auch nicht zu viel, denn sonst giltst du sofort für weise und musst mit deinem Geist das Gehirndunkel andrer erleuchten. Im übrigen lege die Wahrheitsliebe mit der Garderobe ab und lächle bei jeder Anrede verbindlich. Du kannst es dir leisten, denn du hast gesunde Zähne. Und das kleidet einen jungen Mann. Man sieht nun einmal gern beim Sprechen jeden Menschen auf den Mund. Das wissen die Zahnärzte am besten, und deshalb werden sie immer nnverschämter mit ihren Preisen.“

„Du, ich habe Angst,“ fuhr Walter dazwischen, aber diesmal klang es scherzhaft, mehr im Übermut eines Menschen, der nun keinen Rückzug mehr sieht.

„Mit mir, mein Junge?“ spottete Werner. „Bleib’ nur immer an meiner Seite, ich werde dich schon heraushauen im Wortgefecht. Na, und dann ist ja eine da, die ganz so denkt wie wir beide, und sie wird dich bald unter ihre Fittiche nehmen. Du, ich bin mächtig vorgedrungen in ihr Seelenlabyrinth, denn ich kann dir sagen: die Irrgänge in diesem Wundergeschöpf sind gross.“

Schon im geräumigen, hellgetäfelten Entree, das mehr einer sogenannten Diele glich, bekamen sie an den Überkleidern und Gummischuhen eine Ahnung von der Zahl der Besucher. Es roch nach Regennässe und den verflüchteten Resten der von den Damen zusammengetragenen Parfüms, woraus die Wärme einen süsslichen Backgeruch gemacht hatte, der die verfeinerte Gesellschaft schon verriet, ohne dass man sie sah.

„Betrachte die Fusskähne und du wirst die Parkettschwimmer danach taxieren können,“ geistreichelte Werner im geheimen weiter, als er nun vor dem Spiegel seinen Schnurrbart strich, nachdem Albert, der frühzeitig dünnhaarig gewordene Livreegeist, seine Handdienste geleistet hatte. Durch eine kleine Seitentür war gleichzeitig Toni erschienen, das saubere Zimmerkätzchen, das stets dabei sein musste, um die Kopftücher und Hüte der Damen nebenan unterzubringen und den Schönen sonstige Toilettengefälligkeiten zu erweisen. Neugierig beäugelte sie Walter, und aus ihren wässerigen Augen im stets lachenden Gesicht sprach deutlich die Verwunderung über die Ungleichartigkeit der beiden Brüder, deren Gemeinschaft sie sich nicht zusammenreimen konnte. Aber der Kleine gefiel ihr besser, denn er sah frisch und kernig aus, bis zur Stirne gebräunt von Wind und Wetter.

„Was, soviel Plempen heute?“ scherzte Werner halblaut, als er in dem Wust von Mänteln verschiedene Säbelscheiden blitzen sah und sein Blick nun noch die halbversteckten Helme und Mützen streifte. „Ist ja riesig feudal heute. Einjähriger Ulten, machen Sie sich nicht zu mausig, auch wenn Sie in Zivil sind.“

Das Stubenpflänzchen mit der weissen Krause im strohblonden Haar hatte die ersten Worte aufgegriffen, und so warf sie mit kecker Vertraulichkeit ein: „Es sind auch zwei Leutnants dabei, die gnädige Frau im Sommer in Heringsdorf kennen gelernt haben.“

„Du, das ist mir Wurscht,“ raunte der Jüngere, plötzlich mutig geworden, dem Älteren zu, der nun etwas zerstreut unter den wenigen noch vorhandenen goldberänderten Kärtchen auf einer flachen, silbernen Schale suchte, die auf einem Tischchen zwischen zwei grossen Ecktüren stand. „Siehst du, da hast du’s, mein Junge,“ flüsterte er mit einer gewissen verhaltenen Erregung. Und er las leise: „Herr Walter Ulten wird gebeten, Fräulein Rita Keith zu Tisch zu führen.“ Dann fügte er grimmig hinzu: „Und mir hat sie wieder einmal Frau Töppert aufgebrummt, die mir Luft ist und keine angenehme. Ein Mordsweib, diese Steckel. Manchmal die reine Malice. Na, mein Trost, dass du den Engel hast. So bleibt die Nachbarschaft wenigstens in der Familie.“

Fremde Gesichter tauchten hinter ihnen auf, und so traten sie durch die von Toni aufgestossene Tür in den grossen, dreifenstrigen, dunkelroten Salon, wo die Hausherrin mit ihrem berühmten, strahlenden Lächeln Cercle abhielt.

III.

Es wimmelte bereits von Gästen, die sich durch die ganze Zimmerflucht des zweiten Stockwerks verteilten und sich nach Neigung und Bekanntschaft zu Gruppen zusammengefunden hatten, teils sitzend, teils stehend, behaglich gespreizt, oder in steifer Würde. Viel Alter und viel Jugend, viel vornehme Eleganz und viel aufgetakeltes Protzentum, viel Talmi und viel Gold. Denn im Hause Steckel herrschten die freien Formen demokratischer Genusssucht, die Standesunterschiede wohltuend übersieht und in der Republik des Salonzigeunertums nur Lustigkeit, Geist, Witz und die bekannten guten Manieren gelten lässt. Man wusste, dass Herr von Steckel ein sehr kunstsinniger Herr von tadelloser Ehrenhaftigkeit gewesen war, dessen Diners eine gewisse Berühmtheit aufzuweisen hatten, und dass seine zweite Frau Emmy der alten Berliner Familie Krukenberg entstammte, deren grosse vereinigte Brauereien lokalhistorisch waren und hübsche Millionen abgeworfen hatten.

Gleich einem grossen Geldpolypen hatten die Krukenbergs durch Heiraten die Fangarme nach allen angesehenen Berufen ausgestreckt, waren verschmolzen mit Gelehrten- und Künstlerkreisen und durften sich sogar schmeicheln, in verwandtschaftliche Beziehungen zum höheren Offizier- und Beamtentum getreten zu sein, was um so weniger zu verwundern war, als die Generation bereits zwei Kommerzienräte aufzuweisen hatte, einen Geheimen und einen gewöhnlichen. Daneben gab es noch drei Direktoren gleichen Namens und ein viertel Dutzend Schwiegersöhne und Schwäger, die nahrhafte Bierpfründen gefunden hatten, nachdem die vereinigten Brauereien in zwei grosse Aktiengesellschaften umgewandelt worden waren, die wohl verschiedene Verwaltungen, aber nur einen Gewinngeist hatten.

Selbst die sogenannten, in der Entwickelung des Sich-gehen-lassens Rückständigen konnten auch von Frau von Steckel nur sagen: „Einfach tip-top,“ wie die moderne Gesellschaftsbewertung lautete. Im übrigen machte sich die gute Seele nicht viel aus den Nörglern, die jedes Wort auf die Goldwage legten und gar zu sehr „Etepetete“ taten, wie sie echt berlinisch zu ihrem engsten Kreise sagte. Wer nicht kommen wollte, konnte fortbleiben. Ihr lag nicht viel daran, denn sie hätte in ihrem Winterquartier fünfzig Räume haben müssen, um auf einmal alle diejenigen bei sich zu sehen, die auf den Tag warteten, wo die goldgeränderten Einladungskarten ihnen ins Haus geflogen wären.

Nun stand sie lächelnd vor Walter, das fliederfarbige Dinerkleid aus feinster Seide vorsichtig ausgeschnitten, damit der gedrungene Hals über seine Kürze hinwegtäusche, trotz der ausgebuchteten Hüften eine bewegliche Erscheinung, die durch markierte Jugendlichkeit ihre vierzig Jahre geschickt zu umgehen verstand. Das Stumpfnäschen kleidete sie, und es gehörte entschieden in das behagliche, pfiffige Gesicht, sobald sich beim Vergnügtsein das Grübchen in der vollen Wange zeigte. Alles an ihr prallte wie die gesunde Lebenslust, die, lange durch mürbe Bande zurückgehalten, nur mit der Kraft einer klugen Frau sich bändigt.

„Woran liegt es eigentlich, dass ich Sie noch gar nicht bei mir gesehen habe?“ fragte sie, während sie die Musterexemplare der beiden Maréchal Niel-Rosen langsam in die linke Hand wippte. Sofort aber wurde ihr Gedächtnis aufgefrischt, denn schon vor zwei Tagen, bei Gelegenheit seines Besuches, hatte sie dieselbe Frage an ihn gerichtet. In ihrem chic frisierten Köpfchen drängten sich die Ereignisse derartig, dass sie heute schon vergessen hatte, was sie gestern noch bewegte.

Und die gleiche Ausrede kam: „Der Dienst, gnädige Frau ... und dann das Geschäft in jeder freien Stunde. Man hat’s nicht leicht.“

„Nein, man hat’s nicht leicht,“ stimmte sie heiter bei, wobei sie aber an Regierungsrat Hendling dachte, einen sehr schneidig aussehenden Herrn aus dem Ministerium des Innern, der, obwohl er nur wenige Jahre älter war als sie, gern den gemeinsamen Tanz durchs Leben mit ihr gewagt hätte, und ihr schon seit einem Jahre so andauernd den Hof machte, dass die Blinden es hätten merken müssen. Sie aber mochte ihn nicht, hätte ihn viel lieber als Mann ihrer Stieftochter gesehen, eines schon etwas späten Mädchens, das, weil es launisch und nicht besonders hübsch war, trotz ihres Geldes allmählich zu versauern begann.

„Die teuersten Kleinodien zeigt man nicht so rasch, Verehrte,“ mischte sich Werner hinein, der in ihrer Nähe stand und von der plappernden Töppert nicht loskommen konnte.

„Der böse Bruder, was?“ warf Frau von Steckel lachend ein. „Er tyrannisiert Sie wohl auch — wie uns alle.“

„Ich wüsste eine, der ich als Sklave zu Füssen liegen könnte,“ plänkelte Werner in jenem zweifelhaften Ernst, den sie am besten zu würdigen wusste.

„Ach, Sie — gehen Sie doch! Sie können ja keiner treu bleiben,“ rief sie ihm munter im Freundschaftston zu.

Trotzdem war sie etwas rot geworden, ging ihre Brust wie in leichter Erregung. Denn wenn sie alle Bewerber um ihre Witwenhand, die heimlichen und die offnen, Parade ziehen liess, so erschien ihr Werner Ulten als der Begehrenswerteste, schon um deswegen, weil sie ihn für einen vermögenden Mann hielt. So lange er in ihrem Hause verkehrte, seit etwa zwei Jahren, wusste man nur, dass er als Rentier in glänzenden Verhältnissen lebte, und dass sein süsses Nichtstun mit den Folgen seines Sturzes zusammenhing, von dem die Mär ging, er habe ihn sich irgendwo bei einem auswärtigen Rennen zugezogen.

Aber Ulten war ihr einer von den „Windigen“ in punkto Liebe, die mit ihrem Herzen stets jonglierten, sie nach Laune und Bedürfnis, wie er selbst zu sagen pflegte. Und das wäre kein Nachfolger des seelensguten, wenn auch langweiligen Steckel gewesen, der sie nach dem Tode ihres ersten Verlobten durch seine milde, nachgiebige Ruhe in fünfzehnjähriger zufriedener, wenn auch kinderloser Ehe gründlich verwöhnt hatte.

„Endlich sind Sie mal erkannt,“ sagte die kokette Frau Professor zu Werner und zeigte ihre niedlichen, spitzen Zähne. „Mir werden Sie doch wenigstens heute treu bleiben.“

„Aber mit Grazie, meine Gnädige, sogar über den Nachtisch hinaus,“ witzelte Ulten, ohne auf ihren schmachtenden Blick Rücksicht zu nehmen. Dieses verliebte Persönchen, das in seiner losen Üppigkeit stets etwas Zerflossenes hatte, stimmte ihn immer nervös, namentlich wenn im Hintergrunde ihr dürrer Mann drohte, der es nicht lange ohne sie aushielt, vielmehr die erste, beste Gelegenheit wahrnahm, auf ihren Gesellschafter zuzutreten und ihm mit irgend einer Frage den berühmten Dozentenfinger auf die Brust zu setzen.

Augenblicklich sprach er wild auf den Regierungsrat ein, versäumte aber dabei nicht, über die blitzende Brille hinweg verdächtige Blicke auf seine Frau zu schiessen. Schon wiederholt hatte er mit seiner verschleimten Stimme immer dasselbe gequarrt, das durchaus nicht zur Sache gehörte, ihm aber wie ein festzunagelndes Ereignis dünkte.

„Sagen Sie doch, mein Bester — dieser Herr Ulten hat noch einen Bruder? Ei, ei, das wusste ich noch gar nicht. Ein ganz junger Mensch, hem ja. Habe ihn noch nie hier gesehen. Sehr merkwürdig, sehr merkwürdig.“

Es klang fast wie ein Vorwurf, den er dem Älteren über das Dasein des Jüngeren machen wollte.

Rat Hendling, der tapfer bei ihm aushielt, obgleich er sich lieber mit der Hausfrau beschäftigt hätte, hörte ihm nur halb zu, denn er wusste bereits längst, dass auch grosse Gelehrte mitunter recht überflüssiges Zeug schwatzen konnten. Dann aber, als der andre die Voraussetzung aussprach, dieser junge Ulten werde hoffentlich nicht ebenso anmassend sein wie der ältere, griff er diese Bemerkung eifrig auf, indem er einwarf: „Das ist Ihnen also auch schon aufgefallen.“

„Unangenehm sogar, sehr unangenehm,“ bestätigte der Professor und dolchte mit seinem Finger wieder los, wobei er den Ansatz zu einer grossen Rede nahm: „Hören Sie mal, mein Bester, da muss ich doch sagen, hem ja —. Es dürfte Sie besonders interessieren, wenn ich Ihnen als Mathematiker, der gewohnt ist, die Differentialberechnung als Grundlage alles Wissens zu nehmen, wenn ich Ihnen, hem ja, als höherer Mathematiker als ganz wahrscheinlich meine Meinung ausspreche, dass dieser Herr Ulten etwas sehr viel von einer angestochenen Frucht hat, hem ja ... Nebenbei gesagt, mein Bester: das Jus hat ja auch seine Bedeutung, allen Respekt vor den Juristen, namentlich in der höheren Verwaltung! Aber das unumstössliche Gesetz der Grössenlehre —. Sie stimmen mir doch bei? Schön, schön von Ihnen! Man findet so wenige verständige Menschen, die uns Mathematikern den ersten Platz einräumen.“

Trotzdem er noch gar keine Zustimmung bekommen hatte, fasste er das als selbverständlich auf. Dann löste er den verwickelten Redefaden weiter: „Dieser Herr Ulten soll nämlich früher —“.

Er dämpfte seine Stimme noch mehr, und da er seine Frau soeben lustig lachen hörte, und der andre in dem Verklatschten einen Nebenbuhler erblickte, so empfanden beide in innerer Übereinstimmung das Bedürfnis, ihren Groll über ihn auszuspritzen, nach Art wohlerzogener Leute, die nie zu viel sagen, sich aber doch genug in Andeutungen ergehen, um unter sich verstanden zu werden.

Wie zwei Grössen konnten sie eine dritte nicht leiden, sobald sie sich von ihr unterdrückt fühlten.

Inzwischen nahm Walter die hingeworfene Bemerkung Frau von Steckels zu seinem Bruder in vorlauter Weise auf. „Na, ich glaube, nächstens wird er sich in dieser Beziehung doch ändern,“ sagte er in der festen Überzeugung, etwas Bedeutsames zu sprechen. Er fühlte sich plötzlich sicherer, gleichsam herausgefordert durch die vergnügte Stimmung, in die man ihn sanft hineingezogen hatte. „Was ein Schirm nicht alles machen kann.“

„Ach so,“ kam es gedehnt über der Hausfrau Lippen. Ihr Grübchen verschwand, und mit noch grösserer Neugierde betrachtete sie diesen Naturburschen im Frack, der so offen etwas aussprach, was der andre, der Bezwinger des Parketts, bisher kaum angedeutet, sie aber längst geahnt hatte. Abermals arbeitete ihre Brust stärker, und als Ulten der Jüngere, in Verlegenheit gesetzt, sich ausschwieg, war die Angelegenheit für sie erledigt.

„Ada!“ rief sie leicht aus und winkte ihre Stieftochter herbei, die sich sofort aus einer Damengruppe löste und steif und würdevoll herantrat, wie ein stets schläfriges Mädchen, das gleich einer Somnambule durch das Leben zieht.

„Es wird dich interessieren, der junge Herr Ulten ist ganz Selfmademan,“ belehrte Frau von Steckel mit ihrem liebenswürdigsten Lächeln, hinter dem sich aber die Absicht verbarg, leise auf den Naivling hinzuweisen. „Sei doch so gut und stelle die Rosen in Wasser.“

Ada bedachte Walter mit einem gnädigen Lächeln, liess die grünen Pupillen in den Schlitzaugen Versteck spielen, und rauschte dann in ihrem schleppenden Reformkleid davon, worin sie wie ein übergrosses, eckig geratenes Baby steckte, dessen spitze Nase man schon wittern musste, wenn man auch nur den hohlen Rücken sah.

Derartige, brutal-gesund aussehende junge Männer mit glatten Wangen interessierten sie nicht, am wenigsten, wenn sie Kaufleute waren, obendrein noch selbstgemachte. Sie malte in Öl, Aquarell und in Brand, und so schwärmte sie neuerdings nur noch für Künstler mit bleichen Wangen, umrahmt von wilden Christusbärten, von der Art, wie es Herr Silenius war, der sich drüben im Erkersalon unter nüchtern denkenden Leuten herumdrückte und schon darauf wartete, sich mit ihr in ein tiefsinniges Gespräch über alte und neue Schulen (versteht sich in der Malerei!) einzulassen.

Höchstens hatte sie noch Freude daran, die jungen Offiziere ein wenig aufzuziehen, sich auch mit ihnen zu necken, um versunkene Illusionen heraufzubeschwören, und sie nachher zu „Mammi“ als Flachköpfe hinzustellen; mehr aus innerer Unzufriedenheit, als aus Überzeugung.

„Kommen Sie, ich will Sie mit Ihrer Tischdame bekannt machen,“ sagte Frau von Steckel, plötzlich wieder vergnügt geworden. „Ihr Herr Bruder scheint doch keine Zeit dazu zu haben.“ Aber schon musste sie sich wieder andern Gästen zuwenden und ihn mit Entschuldigung verlassen.

Werner stand wie auf Kohlen, denn das Ohr immer nach dem Jüngeren gespitzt, hatte er alles gehört. Nun aber konnte er sich von der Plaudertasche losmachen, und so legte er Walter für sich mit Beschlag. „Lass um Himmelswillen nicht solche Bemerkungen fallen,“ raunte er ihm aufgebracht zu. „Vorläufig soll das kein Mensch ausser uns wissen.“

„Siehst du, ich mache immer Dummheiten,“ jammerte Walter verblüfft. „Solche Gesellschaften bringen mich in Verwirrung.“

Werner war rasch beruhigt, denn er wusste, dass bei dem Jüngeren alles aus gütigem Herzen kam. Um ihn aber vor weiteren Sprüngen zu bewahren, gab er ihm wieder ein kurzes Privatissimum über Gesellschaftsregeln.

„Siehst du, mein Junge, diese grossen Salons haben ein hundertfaches Echo. Du sprichst ein unüberlegtes Wort, machst eine voreilige Bemerkung über einen Menschen, und morgen weiss es tout Berlin, jenes sogenannte Überall-Berlin, das sich einbildet — törichterweise natürlich — die ganze Riesenstadt auszumachen, aber doch nur eigentlich ein winziger Bruchteil der arbeitssamen und fleissigen zwei Millionen ist, die sich den Teufel um das scheren, was hier im Westen bei den Genusslingen vorgeht. Höchstens, dass sie einmal ein Skandälchen in den Zeitungen verschlingen und sich am aufgewühlten Schmutz erfreuen. Aber diese Minderheit hat ihren besonderen Resonanzboden, der alles mit Paukenschlag wiedergibt; meistens mit unreinen Noten. Unglücklich der Virtuose, der in einem derartigen Mischmasch-Salon auftritt und schlecht die Geige spielt. Sicher ist er bei seinem ersten Konzert gerichtet ... Hebbel sagt zwar: ‚Die Ohren sind die Almosenempfänger des Geistes,‘ in unsrer Gesellschaft aber heisst es: ‚Die Ohren sind die Horchtrichter für den Tratsch der bösen Zungen‘ ... Es soll mich nicht wundern, wenn es nicht in acht Tagen herum ist, Herr Werner Ulten sei schon lange mit Fräulein Rita Keith heimlich verlobt. Dafür wird schon die kleine Frau Professor sorgen, die mir gleich sagte, du habest ein so klangvolles Organ. Das ist schon verdächtig! Die klappert alle Theestunden ab, selbst dort, wo man sich die Stühle zusammenpumpt, um die lieben Nächsten bei einem sogenannten jour fixe sesshaft zu erdrosseln. Und es lief mir schon neulich über die Leber, als sie mich mit Taubenaugen fragte, in welchem Geschäft ich meine Schirme reparieren liesse. Fräulein Keith lacht natürlich über solche Anzapfung, denn sie strahlt über allem Geflunker unerreichbar wie die Sonne ... Aber wo steckt sie eigentlich, diese Schalkdrossel?“

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05 mayıs 2025
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