Kitabı oku: «Gesammelte Aufsätze»

Yazı tipi:

Max Nettlau

Gesammelte Aufsätze

Mit einem Vorwort von Peter Mercer

Impressum

ISBN 978-3-940621-84-9 (epub)

ISBN 978-3-940621-85-6 (pdf)

Digitalisat basiert auf: Nettlau, Max, Gesammelte Aufsätze, Band 1. 1. Auflage. Hannover: Die freie Gesellschaft, 1980.

Bearbeitung und Vorwort von Peter Mercer

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© Vergangenheitsverlag, 2011 – www.vergangenheitsverlag.de


eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

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Inhalt

Vorwort zur Edition

Verantwortlichkeit und Solidarität im Klassenkampf (1899)

Einige Worte über konstruktiven Sozialismus (1930)

Klassensozialismus und Menschheitssozialismus (1931)

Die nächste Ausbreitungssphäre des freiheitlichen Sozialismus (1930)

Autoritärer und freiheitlicher Sozialismus (1930)

Quantitätskrise und schwindender Kulturboden erfordern neue Mittel der Abwehr (1932)

Über die Möglichkeiten freiheitlich revolutionären Fortschritts (1929)

Von der Organisation zur Assoziation (1930)

Die heutigen Aufgaben der freiheitlichsozialistischen Organisationen (1930)

Nachwort (1922)

Zwischen Autorität und Freiheit (1932)

Rußland und der Sozialismus (1930)

Nationalismus und Internationalismus (1932)

Kurzbiografie von Max Nettlau

Vorwort zur Edition

Anarchismus scheint ein amorphes Gebilde zu sein, nicht wirklich zu fassen, nicht wirklich mit den Regeln des Wissenschaftsbetriebs zu definieren. So begegnet man dem Anarchismus auf den unterschiedlichsten Feldern, die – besieht man sie genauer – vor allem dazu verleiten zu verneinen, dass es überhaupt eine verbindliche Lehre des Anarchischen geben kann. Zu unterschiedlich sind die Ansätze verschiedener Schulen und Vertreter dessen, was man leichtfertig unter dem Begriff des Anarchismus zusammenfasst.

Anarchisten und die, die sich damit beschäftigten, gab es wahrscheinlich schon immer. Aus der Idee der ‚Gesellschaft ohne Herrschaft‘ wurde jedoch erst im 19. Jahrhundert so etwas wie eine Lehre – mit vielen Gesichtern und einer bewegten Geschichte, mit Phasen der Popularität und Jahren der Bedeutungslosigkeit, er zog Intellektuelle an, aber hatte nie die Bindungskraft und Faszination, die der Sozialismus oder Faschismus auf die Massen ausübte. Als soziale Bewegung geriet er fast in Vergessenheit. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigten sich im englischsprachigen Raum wieder vermehrt Intellektuelle wie Noam Chomsky und Murray Bookchin mit den Ideen des Anarchismus. Auch auf Künstler und Literaten übte die Utopie der Herrschaftslosigkeit schon immer eine starke Anziehung aus. Die Protestbewegungen der 1960er Jahre grub die anarchistischen Klassiker aus und bis heute zeigen sich Freiheits-Aktivisten auf der ganzen Welt von den Grundideen des Anarchismus geprägt.

Was ist aber Gegenstand des Anarchismus? Es ist die Forderung nach der Abschaffung der Herrschaft von Menschen über Menschen. Es ist die Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeit und das Streben nach einer möglichst freien Gesellschaft, in der „soviel Kollektivität wie nötig und soviel Individualität wie möglich nebeneinander bestehen“, wie der Schriftsteller Horst Stowasser es formulierte. Einer, der sich intensiv damit auseinandersetzte, wieviel Kollektivität nötig und wie viel Freiheit möglich sein mochte, war Max Nettlau (1865-1944), von dem diese Edition eine Auswahl seiner wichtigsten Schriften präsentiert. Nettlau war ein Sprachforscher und einer der bedeutendsten Historiker des Anarchismus in Deutschland. Die hier vorliegenden Aufsätze sind vor allem ein wertvolles Zeitdokument zur Rekonstruktion der Kontroversen innerhalb der anarchistischen Bewegung der 1920er und frühen 1930er Jahre. Allerdings – liest man die Texte heute – sind sie nicht einfach nur Dokumente der Hauptschaffenszeit von Nettlau. Die darin behandelten Themen haben bis heute ihre Aktualität behalten. Es sind zentrale Fragen, die Nettlau verhandelt: Wie kann man freiheitliche Ambitionen im Alltag umsetzen, in der das Zusammenleben von wirtschaftlichen Sachzwängen geprägt ist? Wie lassen sich technischer Fortschritt und Ökologie miteinander vereinbaren? Wie kann man für seine Ideen werben, ohne einem intoleranten Dogmatismus zu verfallen? Nettlau war nicht nur bloßer Theoretiker des Anarchismus, der solche Fragen und etwa eine in sich geschlossene Lehre des Anarchismus zu erarbeiten versuchte. Seine Beiträge waren vielmehr der Versuch, der anarchistischen Bewegung praktische Impulse zu geben, und die sozialistischen Ideen mit dem Alltagsleben der Menschen zu verbinden.

Die hier in einer kompakten Edition zusammengefassten Texte Nettlaus erschienen in der zweiten Folge der anarchosyndikalistischen Zeitschrift ‚Die Internationale‘, die von der Freien Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD) herausgegeben wurde. Die FAUD war eine im Dezember 1919 gegründete anarchosyndikalistische Gewerkschaft, die aus der Freien Vereinigung deutscher Gewerkschaften (FVDG) hervorgegangen war. Nettlau schrieb regelmäßig für diese Zeitschrift. In seinen Artikeln formulierte er seine grundlegendsten Gedanken in kompakter Form, weshalb diese Edition einen guten Überblick vermittelt und als Einstieg in Nettlaus Gedankenwelt zu verstehen ist. Eine Ausnahme bildet der erste Text, der die Niederschrift eines im November 1899 gehaltenen Vortrags in der Londoner Freedom Discussion Group ist.

Ein Schwerpunkt der hier versammelten Aufsätze ist die Auseinandersetzung mit dem autoritären Sozialismus, einem zentralen Thema von Nettlau. Darunter sind nicht nur der Kommunismus russischer Prägung, sondern auch alle anderen marxistischen Strömungen in Europa zu verstehen. Die Spannung zwischen den beiden sozialistischen Ideologien war so alt wie die Bewegung selbst. Doch unter dem Eindruck des bolschewistischen Kommunismus seit 1917 hatten sich die alten Konfliktlinien konkretisiert und verhärtet, wie Nettlau argumentiert: „Diese schamlose Diktatur im Sozialismus ist ein Verbrechen am Sozialismus und an der ganzen Menschheit, deren Traum und Hoffnung zu allen Zeiten nicht Zwang, Ungleichheit und gegenseitige Feindseligkeit, sondern Freiheit, Gleichheit und Solidarität oder mindestens friedliches Zusammenleben waren und sind.“ Die Sozialdemokratie wurde nicht weniger kritisiert. Nettlau verglich den Führungsanspruch der Sozialdemokraten mit dem der Priesterkaste in alten Zeiten: Die Unentbehrlichkeit der Politiker sei deren eigene Fiktion, die zu einem Selbstzweck geworden sei. Außerdem würde die Sozialdemokratie von den Kapitalisten nur noch als zähmbares Haustier gesehen, die dadurch unfähig geworden sei, ihre humanitären Zielsetzungen von Gleichheit und Gerechtigkeit zu erfüllen. Solch grundlegende Kritiken kennzeichnen die Werke Nettlaus in weiten Teilen. Kritik übte er auch am Anarchismus, dem er selbst am meisten abgewinnen konnte, und dessen begrenzter Wirkungsgrad er bedauerte. So forderte er wiederholt einen Schulterschluss oder zumindest eine Verständigung mit allen Elementen der Gesellschaft, die freiheitliche Ziele verfolgten. Sein Streben galt stets der Pluralität und richtete sich trotz eigener deutlicher Positionen gegen starren Dogmatismus. Auch wenn Nettlau angesichts des Nationalismus und Faschismus des frühen 20. Jahrhunderts keine Hoffnung hatte, zu Lebzeiten die sozialistische Revolution im anarchistischen Sinne zu erleben, veröffentlichte er wiederholt Beiträge mit konkreten Vorschlägen zur Verbesserung des Status quo. Nettlau blieb Idealist mit einer gut gemeinten Botschaft: „Das wirkliche Ziel ist das freie Leben, das heißt die freie soziale Betätigung eines jeden, und dieses Ziel kann von keiner autoritären Richtung erreicht werden.“ Die extreme Bestätigung dafür erlebte er ab 1933.

Die Zeit des Nationalsozialismus erlebte Nettlau in Wien, wo er – nachdem die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg sein geerbtes Vermögen aufgebraucht hatte – lebte. In ärmlichsten Verhältnissen ging er dort seiner Tätigkeit nach, den Anarchismus zu dokumentieren, alles über ihn zu sammeln, darüber zu schreiben. Ergebnis dieser Tätigkeit, die er über Jahrzehnte betrieb, war nicht nur die auf 7 Bände konzipierte und ab 1925 veröffentlichte „Geschichte der Anarchie“ (wovon die beiden letzten Bände nicht mehr verlegt wurden). Ein umfängliches Archiv über den Anarchismus war das zweite „opus magnum“. Das Archiv musste er 1935 wegen seiner Geldnöte an das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam (ILSG) verkaufen. Als die Nationalsozialisten 1938 Österreich „anschlossen“, ging Nettlau nach Amsterdam, seiner letzten Lebensstation, wo er bis zu seinem Tod, 1944, unbehelligt an der Katalogisierung seines Archivs arbeitete.

Verantwortlichkeit und Solidarität im Klassenkampf (1899)

Niederschrift eines im November 1899 gehaltenen Vortrags in der Londoner Freedom Discussion Group)

Die folgenden Bemerkungen, die auf einen Artikel aufgebaut sind, der im November 1897 in “Freedom” veröffentlicht wurde, dürfen nicht aufgefaßt werden als ein Wunsch, direkte anarchistische Propaganda durch irgendein Hilfsmittel oder “Steckenpferd” zu ersetzen; sie werfen einfach die allgemeine Frage auf, die, soviel ich weiß und soweit mir gesagt worden, bis zum heutigen Tage vernachlässigt worden ist: Die Möglichkeit einer neuen Form und Kombination des Klassenkampfes. Ich bin begierig auf anarchistische Kritik, die, ganz abgesehen von der allgemeinen Möglichkeit, zu untersuchen hat, ob die hier vorgeschlagenen Mittel zur Freiheit führen oder nicht, also ob sie die Ziele der Anarchisten unterstützen.

Der Fortschritt in der Arbeiterbewegung scheint sich verzweifelt langsam zu entwickeln. Ideen, die uns so klar, so selbstverständlich und annehmbar erscheinen, stoßen oft auf eine so ungeheure Menge von Vorurteilen und Gleichgültigkeit, daß es zweifelhaft erscheint, ob die großen Massen sie jemals bewußt und ernsthaft sich zu eigen machen werden, wenn sie nicht tatsächliche Veränderungen oder Versuche in größtem Maßstab vor sich sehen. Und selbst, wo derartig eindringliche Versuche schon in gewissem Maße bestehen, wo z.B. die Solidarität auf wirtschaftlichem Gebiete nicht nur durch Propagierung freier Ideen, sondern durch direkte materielle Vorteile, wie klein sie auch immer sein mögen - wie in dem Falle der Gewerkschaft und Genossenschaft - demonstriert werden, werden die wirklichen Massen nicht in eine enge Berührung mit ihnen kommen, selbst nicht nach einem Jahrhundert der Agitation und Propaganda.

Ob diese pessimistische Ansicht berechtigt ist oder nicht, so wird doch die Notwendigkeit und Möglichkeit, neue Mittel zu finden, die die Position der Arbeiterklasse stärken, nicht bestritten werden; und viele dauernde oder zeitweilige Aktionsmittel sind vorgeschlagen und sogar ausprobiert worden während der letzten Jahre: Der Generalstreik, der Militärstreik, der internationale Grubenarbeiterstreik, der Aufmarsch der Arbeitslosen oder Streikenden in den Hauptstädten (in Amerika und neuerdings in Frankreich) Sabotage usw. Auch sind Versuche gemacht worden, die organisierte Arbeit der Arbeiterklassen als Produzenten und Konsumenten für die direkte ökonomische Aktion verwenden und zwar in einer Verbindung von Gewerkschaften und Konsumgenossenschaften, kooperativen Siedlungen, Arbeitsaustausch (der amerikanische Ausdruck für den direkten Austausch der Arbeitsprodukte) usw. Und auf jener Linie liegen auch die Mittel, die ich hier vorschlagen will. Die Anarchisten können sich diesen gegenüber nur verhalten wie zu den soeben erwähnten, nämlich wenn möglich, sie praktisch unterstützen, jedoch ohne Abweichung von der Propaganda unserer vollen und letzten Ziele des freien Menschen in freier Gesellschaft.

Was außer dieser direkten geistigen Propagierung anarchistischer Ideen und außer der wirklichen revolutionären Aktion, die unabhängig von allen vorhergehenden Diskussionen ist, notwendig erscheint, ist große und immer größer werdende Volksmassen zur Erkenntnis der Prinzipien menschlicher Würde, Freiheit und Solidarität zu bringen und zu versuchen, zu diesen Prinzipien sich emporzuheben; weiter ist es notwendig, daß die untrennbare Verbindung dieser beiden Prinzipien anerkannt wird. Denn Anerkennung und oberflächliche Auslegung nur des ersten Grundsatzes führt sehr leicht zu individualistischer Selbstsucht, zu rücksichtslosem Emporsteigen über die Schultern der Mitmenschen hinweg, wohingegen Solidarität ohne persönliche Würde und Freiheit gerade das ist, was wir tagtäglich um uns herum sehen, was uns in jeder Minute verletzt: — die Solidarität der kompakten Majorität mit den häßlichsten Zügen der bestehenden Ordnung: Konkurrenz, Patriotismus, Religion, politische Parteien usw. Folglicherweise ist eine Vereinigung und Verschmelzung der Gefühle der Freiheit und Solidarität notwendig, und Menschen, die soweit vorgeschritten sind, werden geneigter sein, unsere Ideen zu empfangen oder besser gesagt, sie werden sie leichter verstehen, als es heute breite Schichten der Bevölkerung können, darum denke ich, die Anerkennung und Verschmelzung dieser Forderungen als Kriterium fixieren zu können, als einen Prüfstein für alle möglichen Aktionsmittel. Und Aktionsmittel, die diesen Standard nicht erreichen, sollten zu ihm emporgearbeitet werden.

Noch ehe ich weiter auf den Gegenstand meiner Untersuchung eingehe, muß ich meine Anschauung bezüglich zweier Punkte niederlegen, in denen ich, wie ich glaube, einen ketzerischen Standpunkt hinsichtlich des üblichen wirtschaftlichen Glaubensbekenntnisses einnehme, ganz gewiß aber tue ich das hinsichtlich der in der Agitation üblichen Argumente. Meine späteren Schlußfolgerungen werden auf diese beiden Punkte aufgebaut werden.

Einer beschäftigt sich mit dem, was “Öffentlichkeit” und “öffentliche Meinung” genannt wird, und meine Meinung ist, daß dieser Faktor in Arbeitskämpfen bisher zu wenig in Betracht gezogen worden ist. Die organisierten Arbeiter eines Industriezweiges oder Gewerbes kämpfen für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Die Unternehmer wehren den Streik durch eine organisierte Aktion ab und können durch erfolgreiche Streiks oder durch die Macht einer starken Gewerkschaft gezwungen werden, den Arbeitern Konzessionen zu machen. Aber die Konsumenten der Produkte dieses Industriezweiges oder Gewerbes, die in der Regel überhaupt nicht organisiert sind, tun nichts, das ihre Interessen wahrnehmen könnte und ihnen Produkte zu dem möglichst niedrigen Preise beschaffen könnte, und so ist dann nur natürlich, daß die Kapitalisten die Lasten jener Konzessionen, die sie den Arbeitern machen müssen, auf das kaufende Publikum abwälzen. Soweit ich weiß, nehmen die Arbeiter an dieser letzten Auswirkung ihres Kampfes kein Interesse. So schnellen denn die Preise empor, die Öffentlichkeit, als der schwächste Teil, trägt die Kosten der Konzessionen, die die Arbeiter dem Kapital abgerungen haben.

Nun, was ist “Öffentlichkeit”, wer ist das? Alle Verbraucher selbstverständlich, aber für den hier behandelten Zweck kann ich sie in zwei Klassen teilen, in jene, die ein großes Einkommen haben und für die die Preisschwankungen der Produkte keine ernsthaften Schwierigkeiten bilden (und diese dürfen wir hier ganz außer Betracht lassen) und in die ungeheure Masse jener Menschen mit kleinem Einkommen, denen die geringste Preissteigerung ein ernsthaftes Hemmnis ihrer Lebensführung bedeutet. Gewiss, eine beträchtliche Anzahl dieser Konsumenten mögen als überzeugte Sozialisten oder Anarchisten oder aus instinktivem Gefühl der Solidarität und Liebe zu Gerechtigkeit, die sie zur Basis unserer Hoffnung auf eine heller und schönere Zukunft macht, diese neue Last, das Endresultat der Kämpfe, ihrer Mitarbeiter, mit leichtem Herzen ertragen; aber ich weiß, ich würde mich selbst betrügen, wollte ich meine Augen der Tatsache verschließen, daß die große Masse, die unberührt ist von fortschrittlichen Ideen und edlen Gefühlen (wenn das nicht der Fall wäre, wie könnte sie denn die bestehende Gesellschaftsordnung ertragen?) keine Sympathie für die organisierte Arbeiterschaft in solchen Fällen fühlt und sich indifferent, teilnahmslos, wenn nicht voreingenommen oder sogar feindlich benimmt. Wenn beispielsweise während eines Kohlenarbeiterstreikes der Mann mit den Streikenden sympathisiert, ihrem Streikfonds ein paar von seinen Pfennigen abgibt usw., so wird jedoch in vielen Fällen seine Frau - die wie vorher mit demselben niedrigen Lohn ihres Mannes alle Bedürfnisse befriedigen soll, trotz der infolge der Kohlennot höheren Preise - weit entfernt davon sein, seine Sympathie zu teilen, und sie wird ihm diese Tatsache nicht verhehlen. Das Resultat ist, daß im besten Falle sich die Gefühle von beiden Seiten neutralisieren.

Streiks solcher Art lassen die Verhältnisse sowohl im wirtschaftlichen wie im moralischen Sinne unverändert, selbst dann, wenn die Streiker siegreich sind, denn die abgezwungenen Konzessionen werden von den Kapitalisten auf die Schultern des kaufenden Publikums abgewälzt, und je ärmer die Konsumenten sind, um so bitterer fühlen sie die Folgen. Die moralische Erhebung und die Begeisterung der Streiker und der sympathisierenden Kreise werden ausgeglichen durch dumpfe Feindschaft der Massen - die tatsächlich die Rechnung bezahlen müssen.

Darum wäre es nützlich, wenn Mittel gefunden würden, durch welche die gesamte Öffentlichkeit (die Massen der Arbeitenden) nicht nur gefühlsmäßig, sondern materiell an jedem Streik interessiert wäre wie die Streikenden selbst. Wenn die Öffentlichkeit einmal ernsthaft am Streik interessiert ist, dürfte ihre Hilfe ganz enorm sein; ganz abgesehen von der Sympathie und Unterstützung kann sie jene mächtige Waffen führen: ich meine den Boykott.

Das ist der erste der zwei Punkte.

Der zweite Punkt meiner ketzerischen Meinung betrifft die Verantwortlichkeit der Arbeiter für die Arbeit, die sie leisten. Diese Verantwortlichkeit wird gegenwärtig überhaupt nicht anerkannt. Es ist üblich, einen Mann als ehrlichen Arbeiter zu betrachten, wenn er für Lohn arbeitet, ganz abgesehen davon, was er tut. Es gibt kaum irgendeine Beschäftigung, die in tatsächlicher Weise vermieden und verabscheut würde und so Menschen, die sie ausüben, ernsthaft beschämte - gemein und infam, wie die Beschäftigung auch immer sei.

Abgesehen von dem drastischen Beispiel der vielen Anwärter für einen Henkerposten (wir lesen manchmal, daß Personen aller Beschäftigungszweige, aus dem Arbeiterstande und der Mittelklasse sich darum bewerben), ist es nicht für viele die Höhe ihres Ehrgeizes, Schutzmann zu sein? Und werden sowohl Schutzleute wie Soldaten nicht in gewisser Ausdehnung von unwissenden Weibern, vom Volke, armen Dienstmädchen und Köchinnen unterhalten? Soldaten, die in England sich freiwillig stellen, wissen genau, daß ihre gewöhnliche Beschäftigung nicht die Verteidigung ihres Landes ist, das ja von niemand angegriffen wird, sondern die Unterdrückung von Aufständen armer, schlechtbewaffneter Eingeborener, und sie wissen, daß es ihre Aufgabe ist, solches so erbarmungslos wie möglich zu tun, um Aufstände und Rebellionen im Keime zu ersticken. Junge Männer schämen sich nicht, sich einer unaufhörlichen Polizei- und Henkersarbeit hinzugeben, noch schämen die Mengen des Volkes sich, in Freundschaft zu leben mit Soldaten. Auch besteht niemals Mangel an Gerichtsboten, Pfändungsvollstreckern, Zolleinziehern, Güterschlächtern usw. Die sogenannte öffentliche Meinung, die so viel von Menschlichkeit und Zivilisation redet, scheint diese Feinde und ihre Werkzeuge in unserer Mitte ganz zu übersehen, und wenn sie sie sieht, ist es nur, um sie zu bemitleiden, um zu sagen, es ist nicht ihre Schuld.

Mehr noch! Während dieser Abschaum der Menschheit sich bei den meisten Menschen einer geringen Beliebtheit erfreut, gibt es geradezu schändliche Gewerbe und Beschäftigungen, die von viel größeren Körperschaften ausgeführt werden, gegen die niemand Einwendungen zu erheben scheint. Ich meine die ungeheuren Massen von Arbeitern, die durch ihrer Hände Arbeit minderwertige Häuser aufbauen, minderwertige Kleider erzeugen, minderwertige Nahrung herstellen und vieles andere mehr produzieren, das das Leben degradiert, den Geist und Körper ihrer Mitmenschen bedrückt und herunterbringt. Wer hat die Mietskasernen, die scheußlichen Höhlen in den großen Städten aufgebaut, und - was noch schlechter ist - wer erhält sie durch Scheinausbesserungen und Reparaturen in einem Zustand, der ihre unaufhörliche Ausbeutung ermöglicht? Wer produziert Schundkleidung, die abscheulichen Nahrungsmittel und Getränke, die nur die Armen kaufen? Wer preist sie dem Publikum, den Armen an, nachdem andere sie äußerlich glänzend übertüncht haben (soweit man sich diese Mühe überhaupt noch macht), wer preist sie durch Überredung, falsche Angaben und Lügen an? Alles dies tun (wenn auch unzweifelhaft inspiriert durch Kapitalisten, die einzig und allein Vorteile daraus ziehen) große Zweige hart arbeitender, angesehener und gut organisierter Bauberufe, Textilgewerbe und Handelsformationen. Das ist abstoßend und empörend, und wir können keine Entschuldigung dafür finden, wenn wir nirgends Bemühungen sehen, diese Tatsachen anzuerkennen, und noch weniger, sie zu beseitigen. Überall begegnen wir der indifferenten Antwort: Ich muß es tun! Ich kann mir meine Arbeit nicht aussuchen! Wenn ich sie nicht mache, macht sie sonst jemand. Ich verdiene nichts daran. Ich würde lieber eine wirklich nützliche Arbeit verrichten. Aber ich bin nicht verantwortlich dafür: die Verantwortlichkeit trägt der Unternehmer, der mich solche Arbeit tun heißt!

Unsere Meinung ist, so lange wie diese ausweichende, feile Entschuldigung allgemein anerkannt wird, so lange wird uns keine hellere Zukunft erstehen. Auf Grund dieser Ansicht wird es den Kapitalisten immer möglich sein, die eine Hälfte der Arbeitenden zu kaufen, um die andere Hälfte zu unterdrücken. Sie werden fortfahren, die Massen der Arbeiter in geistiger und körperlicher Herabwürdigung zu erhalten, dumpf und stumpf, geschwächt, kraftlos, die endlosen Freuden des Lebens übersehend infolge der bedrückenden Umgebung, in der sie leben, und der Erbärmlichkeit der Nahrungsmittel, die ihren Körper und Geist aufbauen. Und die praktische körperliche Arbeit, die diese üblen Folgen zeitigt, wird von den Arbeitern selbst verrichtet, von ihnen, die, wie alle andern, selbst darunter leiden. Direkter Mord (Soldaten, die Streikende erschießen) und dieser indirekte Mord durch Erschaffung dieser schrecklichen Umgebung, Nahrung und vieles andere mehr, das die Mitmenschen ruiniert, beides ist gleich schädlich in seinen Folgen, und als solches muß es erkannt werden, ehe wir an eine Besserung denken dürfen.

Das ist es, was ich die Verantwortlichkeit des Arbeiters für das, was er schafft, nennen will. Und was wir weiter sagen, ist, daß der Mangel dieses Verantwortlichkeitsgefühles sowohl die Arbeiter wie auch ihre Opfer degradiert. Niemand wird ableugnen, daß Polizisten und Soldaten durch ihre berufsmäßige Menschenjagd, durch Verrat und Mord, den sie begehen, verrohen und versinken. Und ich zögere nicht, zu behaupten, daß dasselbe mit jenen Arbeitern geschieht, die Handwerke und Gewerbe ausüben, die auf Betrug basiert sind. Man betrachte beispielsweise den Arbeiter, der angeblich Röhren und Entwässerungen repariert und in Wirklichkeit doch niemals derartiges tut, oder den Verkäufer, der seine Tage damit zubringt, Leuten Dinge aufzureden, die sie gar nicht haben wollen, die der Ladeninhaber los sein will, weil sie ihm den höchsten Profit bringen, oder weil sie dem Verderben ausgesetzt sind. Ich glaube nicht, daß der Charakter dieser Männer - ehrlich, arbeitsfreudig und gutherzig, wie sie am Anfang auch sein mögen - sich im Laufe der Zeit verbessert. Eher ist anzunehmen, daß er verhärtet und gleichgültig wird als frei und begeisterungsfähig. In gleicher Weise können die Massen von Produzenten minderwertiger und indifferenter Waren kaum Interesse an ihrer Hände Arbeit haben. Aber niemand kann ohne Interesse an seiner Arbeit leben, ohne daß seine Fähigkeiten abstumpfen, sein Intellekt sich vermindert und er letzten Endes unfähig wird, die Ideen von Freiheit und Empörung zu erfassen. Wieviel weniger wird er danach handeln können! Man vergleiche diese Männer mit jenen, die gezeichnet sind von William Morris in “Wiederbelebung der Handarbeit” oder in “Kunde von Nirgendwo”, und es wird klar werden, was ich meine.

So muß jedermann ein Opfer dieses Übels werden, denn die Verüber unsozialer Handlungen werden immer selbst die Opfer. Alle Arbeiter verabscheuen Spione und Spitzel; die meisten von ihnen verabscheuen Streikbrecher; bis dieses Gefühl der Abneigung nicht ausgedehnt worden ist auf alle, die unsoziale Arbeit, Arbeit, die schädlich für die Mitmenschen ist, verrichten, bis zu der Zeit sehe ich keine Hoffnung für die Zukunft. Das ist der zweite Punkt meiner einleitenden Bemerkungen, und so sind wir denn bei dem eigentlichen Thema angelangt, das ich umso kürzer behandeln kann, da die Begriffe durch obige Bemerkungen geklärt sind.

Ich habe die Form einer Aktion finden wollen, die große Massen des Volkes zu einem Begriff und einer Erkenntnis von wirklicher und ernsthafter Vereinigung der untrennbaren Gefühle menschlicher Würde, Freiheit und Solidarität führen würde.

Und ich glaube, eine derartige Aktionsform ist erreichbar, wenn die soeben besprochenen Elemente in gehöriger Weise vereinigt und angewendet würden. Nämlich: Die Notwendigkeit, die gesamte Öffentlichkeit (die Massen der Arbeiter) ökonomisch in gleicher Weise am Streik zu interessieren wie die Streiker selbst - und die Notwendigkeit des Verantwortlichkeitsgefühles der Arbeiter für das, was sie produzieren!

Eine solche Aktion würde einen mächtigen Anstoß für Gefühle der Selbstachtung und Solidarität bedeuten und würde große Massen auf den Weg zur Freiheit führen und sie weiterer Propaganda aufschließen. Die Lehren der Propaganda würden dann nicht mehr in dem gleich großen Maße zu ihrem und unserem Leben in Widerspruch stehen, wie es gegenwärtig der Fall ist. Die Umrisse derartiger Mittel liegen nach meiner Meinung für die Arbeiter in der Verweigerung jener Arbeit, die dem gesamten Volke schädlich ist; stärken könnten sie ihre Position dadurch, daß sie den Betrug, der an den Massen des Volkes geübt wird, klar und einfach bloßstellen. Und für die Öffentlichkeit liegen sie in der Unterstützung solcher Bewegungen, in aktiver Sympathie mit den Streiks, die auf solcher Basis geführt werden - und dem Boykott. Solche Streiks dürften mit einem Gewinn sowohl für die betreffenden Arbeiter wie auch für die Öffentlichkeit enden. Und die Kosten solcher Streiks hätten tatsächlich die Kapitalisten zu tragen; sie würden ihren Profit reduzieren. Gewiß werden derartige Streiks nicht die Grundfesten der bestehenden Ordnung zerstören können; kein Streik kann das, wenn er nicht die entschlossene Ablehnung der Arbeit für andere ist: der Generalstreik, die soziale Revolution. Aber Streiks solcher Art können die Arbeiterklassen fester aneinander gliedern, als sie es heute sind. Die Streiks werden ihren individualistischen Charakter verlieren und zu einer Angelegenheit der Allgemeinheit werden, was sie heute nur durch Gefühlsmomente und das persönliche Empfinden von einigen, nicht aber durch ihre ökonomische Basis sind.

Im praktischen Leben mag jene Taktik selbstverständlich mannigfaltige Formen annehmen; sie sollte Leib und Seele des Bewußtseins der Gewerkschaften, vor allem der Sozialisten werden, dann werden praktische Wege und Formen gewiß nicht fehlen.

Wenn beispielsweise die organisierten Bauarbeiter sich entschließen würden, keine Mietskasernen mehr anzurühren, weder welche aufzubauen noch zu reparieren und sie gleichzeitig der Öffentlichkeit den hoffnungslos ungesunden Charakter aller Flickarbeit in dieser Richtung klarmachen würden, so bekäme die gesamte Wohnungsfrage einen viel weiteren Sinn, als sie früher trotz aller Versammlungen, Zeitungskampagnen und Komitees gehabt hat. Es ist nicht verwunderlich, daß die breiten Massen des Volkes sich dieser Agitation gegenüber teilnahmslos verhalten haben, sahen sie doch, daß in Wirklichkeit alles seinen alten Gang ging. Ihre Nachbarn machten - soweit sie im Baugewerbe beschäftigt waren - durch ihre lächerlichen Ausbesserungen das Wohnungselend zu einem Dauerzustand, während sie selbst vielleicht im Ernährungsgewerbe beschäftigt waren und sie ihrerseits den Maurern, Bauarbeitern usw. giftige Stoffe zum Essen und Trinken lieferten. Einer schneidet dem anderen die Kehle durch, und die Kapitalisten geben die Direktive hierzu. Wenn Hausruinen zuletzt doch verdammt werden, so wird das weder getan von den Leuten, die die Häuser bewohnen, noch von den Arbeitern, die sie ausbessern, sondern von Autoritäten der Gesundheitspflege, die in Solidarität mit den reichen Klassen handeln, um sie durch Vernichtung der Krankheitsherde vor Ansteckung zu bewahren. Eigene Initiative und Selbstachtung sind wenig bekannt unter den Opfern des bestehenden Gesellschaftssystems, und keine Bemühung sollte unterbleiben, die sie hervorrufen könnten. Das Verantwortungsgefühl ist eines der Mittel, das zu diesem Ziele führen könnte.

Wenn die Baugewerbe von London sich entschließen würden, keine Hand mehr an die ungeheuren Gebiete der Armenviertel im Osten und Süden Londons zu legen, so würden mit einem Schlage nicht nur die Fragen der Wohnungsnot, sondern auch die des Grundbesitzes an der Tagesordnung stehen. Die Antwort der Öffentlichkeit würde der Schrei: “Keine Miete!” sein. Und die Handlungsangestellten ihrerseits könnten dadurch helfen, daß sie sich weigern, jene abscheulichen Nahrungsmittel, die sie heute ausbieten, weiter zu verkaufen. Das könnte manch einem Bewohner aus dem Ostende die Idee geben, die komfortablen Wohnungsmöglichkeiten im Westen Londons etwas näher zu studieren, ebenso die Nahrungsmittelbelieferung auf den Docks eingehender zu betrachten. Auf jeden Fall wäre eine gewisse Möglichkeit vorhanden, einige der schlechtesten Züge im Ostend zu beseitigen - das ist immerhin etwas - und die Menge neuer und sauberer Arbeit, die die Baugewerbe in schönerer Umgebung zu tun bekämen, würden ihnen reichlich die Opfer wieder aufwiegen, die sie für einen solchen Streik bringen müßten.

Die Textilgewerbe sollten die Minderwertigkeit der Shoddybekleidung dem Publikum vor Augen führen und sich weigern, derartiges weiter herzustellen. Selbst kleinere Abteilungen, die beispielsweise damit beschäftigt sind, die Gegenstände äußerlich glänzend und verlockend zu machen, selbst solche kleineren Abteilungen könnten den Anstoß nach solcher Richtung hin geben.

Wiederum in chemischen Werken, Bleiweißhöllen und dergleichen mehr, in denen die Arbeiter selbst, nicht aber die Produkte ruinierend auf die Gesundheit wirken und genug zu sein scheinen, um solche Plätze zu veröden. - Scham sollte auf jene gehäuft werden, die solche Betriebe in Gang halten und sich in ihnen ermorden lassen. Sie sollten für geringer als Streikbrecher betrachtet werden, was sie tatsächlich auch sind, denn sie halten diese Betriebe in Gang, und solange sie in Gang sind, werden immer neue Opfer - unwissend manchmal beim Arbeitsantritt - herangezogen; Tag um Tag kommen neue, um die Reihen wieder aufzufüllen, die gelichtet worden sind durch den Zusammenbruch unvermeidlicher Opfer.

Oder würden die Handlungsgehilfen nicht viele ihrer aufgestellten Forderungen gewinnen, wenn sie sich ernsthaft entschließen würden, es als unehrenhaft zu betrachten, dem Publikum Lügen zu sagen, würden sie so nicht schneller und direkter zum Ziele kommen als durch den Verkauf großer Quantitäten ihre Stellung zu halten oder zu verbessern? Das Publikum würde ihnen selbstverständlich beistehen. Jene hartnäckigen Ladeninhaber mit ihren minderwertigen verdorbenen Nahrungsmitteln würde es boykottieren. Es ist wirklich schwer für das Publikum mit der Arbeiterklasse wie sie heute ist, Sympathie zu haben: wir mögen ihre lange Arbeitszeit bedauern und Unannehmlichkeiten, die uns manchmal erstehen, durch frühes Schließen der Ladengeschäfte in guter Laune hinnehmen, aber wir wissen, daß unsere Sympathie den Verkäufer nicht hindern wird, uns statt frischer Nahrungsmittel verdorbene zu verkaufen, wenn es so im Interesse des Ladeninhabers liegt. Kurz: Als Konsumenten können wir keine Sympathie mit den Werkzeugen der Kapitalisten haben, und da die große Masse in beiden Fällen Arbeiter sind, sind sie geteilt und stehen sich selbst feindlich gegenüber, und nur eine praktische Aktion, gegenseitige Solidarität und Hilfe kann diese bestehende Feindschaft überbrücken; Überredung und Mitgefühl sind auch gewichtige Faktoren, aber in allen Fällen sind sie nicht ausreichend. Ich denke, daß die hier gegebenen Beispiele, ob sie gut oder schlecht gewählt sind, genügen werden, um zu illustrieren, was ich meine, und diese meine Meinung hängt durchaus nicht von den hier angeführten Beispielen ab. Vollständig anerkenne ich die Schwierigkeit, einen Anfang in der hier gewiesenen Richtung zu machen, und als ersten Schritt schlage ich die Diskussion des Begriffes “Verantwortlichkeit” vor. Wenn einmal ein Grundsatz verstanden wird, und Menschen sich zu ihm bekennen, so wenig es auch sein mögen, so dauert es nicht lange, bis wir Menschen auftauchen sehen, die unvorbereitet, unorganisiert danach handeln. In dem kleinsten Geschäft, in dem die Arbeiter ihre Werkzeuge niederlegen und verweigern, länger ihre wertlose unsoziale Arbeit fortzusetzen, mag eine solche Bewegung beginnen oder sie mag in der alten orthodoxen Weise feierlichst eingeleitet werden durch Resolutionen auf Kongressen; die Idee ist nach allem nur ein kleiner Schritt vorwärts in das Gebiet des

Altruismus: wenn ein Mann, der seine Arbeitskraft dazu hingibt, die Löhne seiner Mitarbeiter zu drücken auf Grund dieses unsozialen Aktes als Streikbrecher verachtet wird, so laßt uns die Verachtung auf alle unsoziale Arbeit ausdehnen. Und wenn die in Frage kommenden Arbeiter das nicht als erste erkennen, so soll das Publikum es erkennen und danach handeln.

Alles dieses mag hart und herzlos klingen, aber ich sehe nur zwei Alternativen: entweder sentimental sein, allen Vernunftsgründen die Augen verschließen, man bemitleide alles, entschuldige alles und ende dabei, daß man den verwundeten oder getöteten Soldaten beweint und auch den Schutzmann, der in der Ausübung seiner Dienstpflicht zu Schaden gekommen ist - oder logisch sein, logisch handeln! Dann kann man nicht Entschuldigungen für alles dieses finden, ausgenommen für den vollständig unvorbereiteten Zustand der öffentlichen Meinung in dieser Sache. Der nächste Schritt muß dann sein, die Öffentlichkeit Stellung nehmen zu lassen zu dieser Frage. Lehnen wir aber die Grundsätze der Verantwortlichkeit ab oder ignorieren wir sie, so folgen wir ganz einfach den betrügerischen Methoden der Oberflächlichkeit und Feigheit überlassen irgend jemand das zu tun, um das wir uns herumdrücken, verlieren uns in Sentimentalitäten, anstatt eine wenn auch unwillkommene Wahrheit anzunehmen. Unwillkommen nenne ich sie, weil sie für den Augenblick die Arbeit vermehrt, die getan werden muß, ehe ein wirklicher Wechsel der Verhältnisse zu erwarten ist. Aber wie ich vorher schon einmal sagte, dieser Wechsel wird nie eintreten, wenn die Menschen bleiben, wie sie gegenwärtig sind. Es ist aus dem Vorhergehenden klar, daß mein Vorschlag ein zweifacher ist: Die Erziehung eines Verantwortlichkeitsgefühles - und dessen Verwendung für einen sogenannten kollektivistischen Streik im Interesse der Gesamtheit. Wenn dieser zweite Vorschlag sich als unpraktisch erweisen sollte, bleibt der erste doch bestehen, und müssen andere Mittel gesucht werden, das über alles wichtige Gefühl der Verantwortlichkeit zu erwecken und in Taten umzusetzen. Ich habe das tiefe Gefühl, daß es eines Menschen unwürdig ist, seinem Mitmenschen Schaden zuzufügen, weil der Kapitalist es von ihm verlangt. Die Entschuldigung: Ich bin nur ein “Werkzeug” kann solches Tun niemals rechtfertigen. Für jene, die die gegenwärtige Ordnung anerkennen und die zufrieden sind, Werkzeuge des Kapitalisten und Versklavte ihrer Mitmenschen zu sein, mag es genügen, aber jene andern, die solche unsozialen Handlungen begehen und dennoch das bestehende Gesellschaftssystem ablehnen, sind unbewußt Feiglinge, und sie werden niemals die bestehende Ordnung der Dinge umwerfen. Wir wollen Menschen, die zuerst frei wurden in ihrem Geiste, die es ablehnen, Dinge zu tun, die das Elend und die Sklaverei ihrer Mitmenschen in einen Dauerzustand verwandeln, und die so einen breiten Strom von Sympathie und Solidarität, die die Basis aller zukünftigen Aktionen sein werden, ins Leben rufen.

Eine solche wirtschaftliche Aktion scheint mir Männern, die frei sind, und die die Grundlage ihrer Freiheit in der Freiheit und dem Wohlergehen aller anderen sehen, am nächsten zu liegen. Wenn sie nicht dadurch, daß sie es überhaupt ablehnen, für den Kapitalisten zu arbeiten, der gegenwärtigen Ordnung ein Ende bereiten können, so sollen sie doch auf jeden Fall versuchen, nicht zum Schaden ihrer Mitmenschen zu arbeiten. Und solches sollen sie aus eigener Selbstachtung tun, gleichgültig, ob ihre Solidarität sofort beantwortet wird oder nicht. Das ist anarchistisch: Tun, was wir wünschen, getan zu sehen.

Die alte politische und autoritäre Art und Weise ist die des “Wir waschen unsere Hände in Unschuld”; sie proklamiert diese Dinge als unvermeidlich und verewigt sie so, vertrauend, daß andere etwas tun werden, das wir nicht können oder nicht wollen. (Worte, die sehr oft austauschbar sind!) Da wir dieses Prinzip in der Politik ablehnen, sollten wir es auch in sozialen Dingen in weitestem Sinne verneinen und darum nachdrücklich die Verantwortlichkeit eines jeden für das, was er tut, betonen.

Ich will nur noch hinzufügen, daß bei der Diskussion dieses Gegenstandes das Wort “Moral” nicht in dem Sinne aufgefaßt werden soll, daß die Arbeiter moralischer werden sollten. In dieser Verbindung habe ich das Wort nicht gebraucht und leicht könnte es mißverstanden werden. Selbstachtung sollen sie bekommen, sollen zum Bewußtsein ihrer Würde kommen und vor allem sollen sie frei werden. Ihr eigenes Gefühl wird ihnen dann eingeben, unsoziale Akte in weitestem Sinne abzulehnen, wie es sie ja auch davor zurückhält, zum Streikbrecher oder zum Spion zu werden. Leicht kann man sagen, erst müsse das kapitalistische System zerstört werden und dann werden wir uns alle diese Eigenschaften aneignen. Aber wer soll dieses System zerstören, müssen wir fragen, seitdem das Dogma, daß ein Kapitalist den anderen verschlingen wird, bis keiner mehr übrig sein wird, uns nicht mehr genügt und befriedigt, wie bisher die Sozialdemokraten?

Zum Schlusse wiederhole ich, daß ich nicht beabsichtige, die Bedeutung anderer Propagandamittel herabzusetzen und die hier vorgeschlagene Methode besonders in Versammlungen von Anarchisten und Gewerkschaftlern diskutiert zu sehen wünsche. Eine Ausdehnung der gewerkschaftlichen Aktionen von bloßen Interessen der einzelnen Gewerbe oder Industriezweige bis zu umfassenden Befreiungstaten für die Massen der Gesellschaft könnte das Endergebnis solcher Diskussionen sein, und dürfte die Sympathien aller derer, die frei sind und die alle frei zu sehen wünschen, gewinnen.

London, November 1899

Einige Worte über konstruktiven Sozialismus (1930)

(Erstpublikation Februar 1930, erschienen in: „Die Internationale“)

Unter sechs von Nestor Machno an Malatesta gerichteten Fragen befindet sich die folgende: “(3) Welche Mittel soll der Anarchismus außer der sozialen Revolution benutzen und über welche verfügt er, um seine konstruktiven Auffassungen zu zeigen und hervorzuheben?”

Hierzu macht der Genfer Risveglio folgende seinen eigenen Standpunkt präzisierenden Ausführungen: “Der Anarchismus sucht vor allem den Tag zu beschleunigen, an dem die Massen zur Revolution als Mittel greifen, da er überzeugt ist, daß eine neue Entwicklung sich nicht auf andere Weise einen Weg bahnen kann. Wie unter dem Regime des Feudalismus alles zur Unterwerfung unter den Feudalismus führte, so löst sich unter dem kapitalistischen Regime alles in Einordnung in den Kapitalismus auf. Es gibt wohl die ganze tägliche Propagandaarbeit, Protestaktionen, Widerstand und Empörung und ebenso die Vorbereitungs- und Erziehungsarbeit, aber wir glauben nicht, daß man auf dem Gebiet der konstruktiven Auffassungen viel zeigen und hervorheben können wird, außer, versteht sich, theoretisch. In jedem Milieu gedeiht nur das sich demselben Anpassende, und wir möchten vor allem dieser Anpassung ein Ende machen. Fallen wir nicht unsererseits in den Irrtum der egalitären Sozialisten, den Glauben entstehen zu lassen, daß man schon mit dem heutigen Regime und seinen Einrichtungen viel erreichen könne, denn dann ist es natürlich, daß man nicht mehr an die Revolution denkt. Dies geschieht dann auch, wenn außerordentliche Verhältnisse eine solche Revolution erfordern, erleichtern und auf einmal hervortreten lassen wie 1918 bis 1919; man fühlt sich dann gar nicht dazu angeregt, ihr zu folgen und sie vorwärtszutreiben, ihrem Ziel zu, und läßt so den Feinden Zeit, sich von ihrer Überraschung zu erholen und dann zur grausamsten Unterdrückung zu schreiten.” Gewiß kann die Frage des konstruktiven Sozialismus durch diese Bemerkungen nicht als abgeschlossen betrachtet werden. Das gegenwärtige Milieu beeinflußt und beeinträchtigt ja nicht nur unsere positive Tätigkeit, sondern unser ganzes Denken und Wesen, also auch unsere sozialistischen Auffassungen und den Rhythmus all unserer sozialistischen Betätigung. Trotzdem üben wir unser Denken und unseren Willen nach besten Kräften und sollten, schon um Einseitigkeit zu vermeiden, auch praktisch konstruktive Übungen nicht unterlassen. Der menschliche Fortschritt muß auf der ganzen Linie vorgehen, und Phantasie, Gefühl und Spekulation (reine Verstandarbeit) sollen stets eine praktische Betätigung befruchten und umgekehrt. Dem von so vielen gemachten geistigen Fortschritt, der Einsicht des Wertes der Zusammenarbeit und dem gefühlsmäßigen Fortschritt, der Neigung zu uneigennütziger und freiheitlicher Solidarität, sollte wirklich eine wesentlich größere praktische Betätigung der so zahlreichen vorgeschrittenen Sozialisten entsprechen, als das heutige Organisationsleben, die übliche Propaganda und allenfalls die Teilnahme an Vereinen zu Bildungs- und Erholungszwecken und die direkten Arbeitskämpfe darstellen. Die verhängnisvolle Trennung von Kopf- und Handarbeit hat die Menschheit genug gespalten und auf beiden Seiten solche Einseitigkeit geschaffen, daß sie sich nur schwer zusammenfinden; in gleichem Sinn ist nach meiner Auffassung der ganze Sozialismus im Bann einseitiger Entwicklung, wenn er die konstruktive Seite unentwickelt läßt.

So werden ganze Generationen alt, müde und finden nichts zu tun als die tägliche Propaganda- und Organisationsarbeit usw.; dies wirkt abstumpfend wie ein ewiger Elementarunterricht, von dem nie ein Aufstieg zu eigenem Denken, eigener Forschung, eigener Ausübung des Gelernten stattfinden würde. Solcher Routine sollte man sich entreißen; sie hat bei den großen Parteien und Organisationen ganz und gar zu einer Übertragung der Tätigkeit auf delegierte, angestellte, professionelle Kräfte geführt, die sich in ihre Rolle als Führer gründlich eingelebt haben, und die jede unabhängige Betätigung der Geführten schädlich für sich halten und instinktiv bekämpfen. Der Sozialismus wird so immer unproduktiver, mechanisierter, auf einige wenige Aktionen der leitenden Kräfte beschränkt, und seine Verwirklichung würde sich bei diesem Tempo auf Hunderte von Jahren verteilen. Demgegenüber kommen die vorauszusehenden anfänglichen Unzulänglichkeiten des noch so wenig geübten konstruktiven Sozialismus wenig in Betracht. Denn wenn man hier von jedem Fehler und Mißerfolg große Nachteile erwartet und deshalb gar nichts tut, wie kann man da hoffen, nach einem revolutionären Sieg ein neues soziales Gebäude aufzurichten, das nicht an allen Ecken und Enden etwa gerade solche Fehler zeigte und Mißerfolge hervorbrächte, wie diejenigen, die man bei vorhergehender Übung zu vermeiden gelernt hätte? Wir sind leider groß in der Ängstlichkeit vor den Folgen einer unzureichenden Leistung, eines momentanen Mißerfolgs, nicht nur auf diesem praktischen, sondern auf dem Gesamtgebiet unserer Auffassungen. Nie fehlen die Kassandrarufe, die alles von der Routine Abweichende als demoralisierend, korrumpierend, parteizerstörend verschreien; nichts leichter als auf solche Weise kaltes Wasser über jede neue Initiative zu schütten. Wer aber hätte je gehen gelernt, wenn er jeden Fall gescheut hätte? Wagen wir uns also trotz allem auf das verpönte Gebiet des konstruktiven Sozialismus.

Von grundlegender Wichtigkeit scheint mir die Frage der richtigen Proportionen zu sein. Zwerghafte Organismen mit intim-kameradschaftlichem Charakter sind immer möglich, gerade so wie in sich geeinte Familien, deren Mitglieder verschiedene Berufe ausüben und unter sich, wo es zweckmäßig oder nötig ist, Solidarität ausüben. Solche Zwerggruppen sind für die Beteiligten oft sehr angenehm, ebenso oft lockern, sie sich oder zerfallen, wie Familien. Hierin liegt nichts Neues. Wenn die zum sozialistischen Leben neigenden sich auf solche Weise betätigen, mag ihnen dies Befriedigung oder, bei Disharmonie, Enttäuschungen bringen, und sie mögen ein gutes oder ein schlechtes Beispiel geben. Es wäre aber nichts gewonnen, wenn der konstruktive Sozialismus sich hiermit erschöpfen würde, und es wäre ein Verlust, wenn seine tüchtigsten Anhänger sich hierauf beschränkten, sich isolierten und ihrer Tätigkeit also selbst sehr enge Schranken setzten.

Eine kooperative Produktion in größerem Maßstab müsste in jedem Herstellungszweig in Bezug auf Größe des Betriebes, Maschinen, Absatzkreis, laufendes Kapital und Kredit usw. mindestens über dieselben Einrichtungen und Mittel verfügen wie normale kapitalistische Betriebe, oder das Unternehmen wäre von Beginn an hoffnungslos im Nachteil. Wenn dann innerhalb eines richtig ausgestatteten und gut proportionierten Betriebes an Stelle von niedrigen Arbeitslöhnen, hohen Direktionsgehalten und dem Betrieb entzogenen Profit, höhere Arbeitslöhne und eine sie nicht wesentlich überschreitende Entlohnung der technischen Leitung treten würden, und der Profit auch hierfür oder zur allmählichen Vergrößerung des Betriebes verwendet würde, so wären lebens- und leistungsfähige Organismen geschaffen, deren günstigere Arbeitsverhältnisse den Ansporn bilden sollten, solche Betriebe möglichst zu vermehren. Aber erst wenn Derartiges für eine Reihe von Produktionszweigen besteht, und wenn in zahlreichen Sozialisten der Wille erwacht ist, nur diesen Betrieben ihre Kaufkraft zuzuwenden, dann kann aus den Arbeitern und dem Käuferkreis eine sich gegenseitig mit allem Wesentlichen versorgende Gemeinschaft werden, die festbegründet dasteht und innerhalb welcher dann ein neues soziales Leben sich aufbauen kann durch neue soziale Einrichtungen, die besten Arbeitsverhältnisse, freiwilligen Wechsel in der Beschäftigung usw. Solche kleinen kooperativen Städte, oder wie man es nennen will, in denen auch das Wohnungswesen gartenstadtartig, der jetzigen Härten beraubt ist, und die in direkter Wechselbeziehung mit landwirtschaftlichen Unternehmungen auf gleicher Grundlage stünden, hätten sich in Ländern ungestörten ökonomischen und sozialen Lebens wie England, Holland, Schweden usw. längst einrichten lassen, wie Letchworth und einiges wenige andere an Gartenstädten, Gartenvorstädten, Siedlungen usw. tatsächlich ins Leben traten. Gewerkschaften und Genossenschaften, wo sie altbegründet, zahlreich und permanent sind, hätten zusammen die Anfangsmittel und Arbeitskräfte meist hinreichend beistellen können, ebenso die sozialistischen Bewegungen ihre Kaufkraft als Konsumenten. Es ist nicht geschehen, weil eben, von den Genossenschaften abgesehen, allen anderen der Glaube an die Sache fehlt. Wenn aber Derartiges nicht in dem erforderlichen Umfang, sachlich, zweckmäßig und mit rechnungsmäßiger Genauigkeit begründet und betrieben wird - wie es bei den Unternehmungen großer Genossenschaften, den gartenstadtartigen Siedlungen usw. wohl schon manchmal geschehen ist -, so entstehen betriebstechnisch minderwertige Gründungen, die ein schlechtes Ende nehmen.

Zwanglosigkeit , Reichlichkeit, ein bequemes Treiben sind dabei nicht möglich, und hierdurch scheint die Anziehungskraft solcher Organismen, deren werktätige Kräfte, wenn alles gut zusammenginge, in wesentlich verbesserten Verhältnissen leben könnten, wesentlich vermindert. Psychologisch scheint dies unvermeidlich zu sein: dem kapitalistischen Zwang steht bei den Arbeitern volle Verantwortungslosigkeit gegenüber. Mangel an Interesse an dem Unternehmen ihrer Ausbeuter, und dafür eine Arbeit mit intensivem Verantwortungsgefühl einzutauschen, erscheint dem Durchschnittsmenschen als eine Verschlechterung seiner Lage, auch wenn die Arbeitsverhältnisse wesentlich besser würden.

Dies ist auch der Grund, warum die Arbeiter in der jetzigen Vorbereitungsperiode des Sozialismus so leicht alle Macht in die Hände der Führer gleiten lassen, wodurch sie die eigene intensive Bemühung und die Verantwortung von sich abgewälzt sehen, und ebenso ist ihnen deshalb der kommunale und der Staatssozialismus so genehm, wo erst recht andere festbegründete Organismen jedem die Arbeit zuweisen und für ihn denken und ihm die Verantwortung abnehmen. Dieses passive Verhalten ist fest eingewurzelt, da es, seit in aller Urzeit Stärkere den Schwächeren den Arbeitszwang auflegten, eine Verteidigungswaffe der Ausgebeuteten war, wenn sie schon arbeiten mußten, möglichst wenig, schlecht und gleichgültig zu arbeiten. Je intensiver die Ausbeutung, bis zur heutigen Rationalisierung, desto mehr wird diese Abwehrwaffe gebraucht, und so kommt es, daß, je näher große soziale Krisen heranrücken, die, wenn ein neuer Aufbau stattfinden kann, an die Arbeitslust und Arbeitsenergie eines jeden sehr hohe Anforderungen stellen werden, desto mehr der Arbeitsprozeß den Arbeitern verhaßt und in seinem Resultat gleichgültig geworden ist.

Deshalb sollte man sich nicht bei dieser Konstatierung beruhigen und diese Verhältnisse, weil sie die heutigen Kapitalisten schädigen, prinzipiell gutheißen, sondern versuchen, entgegenzuwirken, und hier zu ist der konstruktive Sozialismus wohl das eigentliche Gegenmittel. Durch ihn würde, in tüchtig aufgebauten Produktivorganismen wie die im vorigen geschilderten, die freie Arbeit in ihrer Würde und ihren Leistungen gezeigt werden, und die Masse der Arbeiter könnte allmählich lernen, solche freiwilligen selbstbegründeten Verhältnisse der kommunalen und staatlichen Arbeitsknechtschaft vorzuziehen. Dies mag noch so schwer praktisch durchzuführen sein - es muß doch eine unserer Aufgaben bleiben, diese große Lücke auszufüllen, bevor bei einer neuen sozialen Krise weitere Teile der Menschheit der sozialen Staatsknechtschaft verfallen, wie seit dem Herbst 1917 in Rußland.

Denn es ist leicht, den Arbeitswillen einer befreiten Menschheit in den Himmel zu erheben, wie die Propagandaliteratur dies tut; man vergißt dabei die sehr großen Erholungs-, d.h. Nichtarbeits- oder Wenigarbeitswünsche, die sich dann mindestens ebenso intensiv geltend machen würden. Um da Zusammenstößen vorzubeugen, könnte eine in der vorbereitenden Übungs- und Erfahrungszeit erzielte Erziehung zum Verantwortlichkeitsgefühl und sozialer Arbeit für ein soziales Milieu gewiß nur nutzen. Vor allen Dingen sollten wir die konstruktive Arbeit des autoritären Sozialismus nicht übersehen, der seit vielen Jahren seine Mitglieder in unzählige gesetzgebende, beratende und verwaltende Stellen hineinzusetzen weiß, dazu zahllose Arbeiter aus seiner Anhängerschaft, die so aus dem privatkapitalistischen in das kommunale und staatliche System übergehen, von dem einmal zum sogenannten sozialistischen Staat und der sozialistischen Gemeinde nur ein Schritt sein wird, den diese bereits dem ganzen Organismus eingefügten Anhänger zuerst machen werden. Wenn man das Adaptation (Anpassung) nennt, ist sein Wesen dadurch nicht erschöpft; es ist bereits ein Teil des neuen autoritären Aufbaus, und wenn wir nicht wünschen, daß im entscheidenden Moment die großen Massen blindlings dieser Strömung folgen, die so plausibel und mühelos erscheint und sie von neuem des Verantwortungsgefühls enthebt, so müßten wir ein freiheitliches Gegengewicht zu schaffen versuchen. Die Genossenschaftsbewegungen sind uns bereits entgangen, weil man die für ihren Betrieb in der gegenwärtigen, über die Rohstoffe, Naturschätze und Arbeitswerkzeuge nicht frei verfügenden Zeit notwendige methodische Regelmäßigkeit und Sparsamkeit für autoritär, entwürdigend und egoistisch-pedantisch hielt. Für die Sozialdemokraten waren sie zu unabhängig, außerstaatlich und außerparteilich und so wurden sie, ihrem Schicksal überlassen, vielfach indifferent, kleinlich und weitgehenderen Zielen entfremdet. Der Syndikalismus ist von seinen unmittelbaren Aufgaben absorbiert und umschloß in den Zeiten seiner größeren Entfaltung so viel unmittelbare revolutionäre Hoffnungen, daß er irgendeine vorbereitende, teilweise, nicht das Endziel direkt anpackende Tätigkeit gar nicht ins Auge faßte und jedenfalls nicht in Angriff nahm. Unter Anarchisten besteht die erwähnte Besorgnis, die ich für übertrieben halte, durch irgendeine nicht direkt revolutionäre Handlung den Sündenfall zu begehen und der Zersetzung oder Korruption rettungslos zu verfallen, wobei aber doch der Fall eintritt, daß gerade sehr viele Anarchisten sich an Seitenbewegungen aller Art sehr eifrig beteiligen und dadurch vielfach der allgemeinen Bewegung verlorengehen. Diese bot eben ihrem Tätigkeitsbedürfnis keine direkte, irgendwie konstruktive Aufgabe, und sich der Revolution unmittelbar zum Opfer zu bringen, ist nicht jedermanns Sache; so bleiben nur die angedeuteten Spezialisierungen übrig, die unsere Idee manchmal viel zu sehr überwuchern.

Gustav Landauer, einer der wenigen, die diese Verhältnisse übersahen, versuchte zweimal, durch die Schrift “Ein Weg zur Befreiung der Arbeiterklasse” (Berlin, 1. Mai 1895; 30.S.) und durch die Gründling des Sozialistischen Bundes (1908), einen Anstoß zu praktisch-sozialistischer Betätigung zu geben, von seinem Interesse für Die Neue Gemeinschaft ganz abgesehen (“Durch Absonderung zur Gemeinschaft”, 1900). Sein zweiter “Sozialist”, seit dem 15. Januar 1909, sein Aufruf zum Sozialismus (1911) und vieles in seinem Briefwechsel begründen seinen Standpunkt überreichlich; daneben steht die harte Tatsache, daß der Bund Ende 1910 17 Gruppen zählte: fünf in Berlin und Umkreis, je eine in Breslau, Leipzig, Hamburg, Köln, Hof an der Saale, Mannheim, Heilbronn, Stuttgart und München, Bern, Zürich, Luzern. Im Februar 1912 waren es 18. Diese Organisation und Landauers persönliche Arbeitskraft und Prestige reichten gerade aus, den “Sozialist” bis zum 15. März 1915 am Leben zu erhalten als die schönste, inhaltsreichste, wirklich wertvollste anarchistische Zeitschrift , die es bis dahin in Deutschland gab. Die Mitgliederstärke der Gruppen ist mir nicht bekannt. Zu einer praktischen Tätigkeit der Gruppen als Gemeinschaft kam es nicht, und wenn lokal irgendetwas geschehen ist, blieb es vereinzelt. Ob nun diese weniger als zwanzig Gruppen 500 oder 1000 Mitglieder zählen mochten, jedenfalls sah Landauer den Miniaturcharakter der Anteilnahme und ebenso die Abneigung, der seine Initiative bei den deutschen Anarchisten begegnete, z.B. auf dem Kongreß in Halle, 16. Mai 1910, und seitens des Leipziger “Anarchist” (s. “Sozialist”, 15. August 1912), und von einem wirklichen Versuch war bald kaum mehr die Rede. Der “Sozialist”, wie Landauer ihn zusammenstellte und großenteils schrieb, war übrigens selbst ein solcher Versuch, dem Anarchismus von allen Seiten, aus dem bestem Denken aller freien Männer neues Blut zuzuführen und ihn vor der Enge und Verknöcherung zu bewahren, der er schon damals zu verfallen drohte; Landauer versuchte ihn weit, geräumig, für die verschiedenen freiheitlichen Richtungen geistig bewohnbar zu machen, auch ein Stück konstruktiver Anarchismus.

Wenn in dem großen deutschen Sprachgebiet in sechs Jahren sich kaum zwanzig kleine Gruppen für freiheitlich-konstruktiven Sozialismus zusammenfinden und auch diese keinerlei Anfang machen, ist das nun wirklich ein Beweis für die Wertlosigkeit, Bedeutungslosigkeit oder Unmöglichkeit dieses Vorschlages oder zeigt es vor allem, wie weit wir es in der Abkehr von einer in den Verdacht, praktisch unter uns sozialistisch leben zu wollen geratenden Tätigkeit gebracht haben? Landauer schrieb einmal: “Wer mich nicht versteht, braucht nicht unbedingt mir die Schuld zu geben”, und diese kecken Worte passen wirklich auf gar manche Situationen.

Würden sich jetzt, nach zwanzig Jahren, wieder nur 500-1000 zusammenfinden, wäre ein Versuch aussichtsloser wie damals. Würden sich 5 -10 000 oder 50 -100 000 für konstruktiven Sozialismus, wenn auch auf gemäßigster Grundlage erklären, so könnte wohl etwas geschaffen werden, dem der einzelne seine gewissenhafteste Arbeitsleistung geben müßte, um es sicher zu begründen, und dann könnte jeder, der etwas an Geist und Talent zu geben hat, das neue Gebäude freiheitlich ausschmücken, und jeder, der für ein freies Milieu empfänglich ist, würde sich in demselben wohl fühlen. Solche Schöpfungen des freien sozialistischen Willens würden unter dem solidarischen Schutz der ganzen Arbeiterschaft stehen, und so weit sind wir schon, um zu erreichen, daß sie dadurch vor kapitalistischen und staatlichen Eingriffen geschützt würden. Sie würden nicht auf ein Land beschränkt bleiben und sich international verbrüdern. So können wohl eine Reihe freiheitlicher Oasen geschaffen werden, die sich, wozu es auch an Anregungen nicht mehr fehlt, teilweisen oder ganzen Austritt aus den Staaten erringen würden, was alles möglich wäre, wenn eine sympathisierende Menge, seien es die organisierten Arbeiter, seien es die radikalen und humanitären freiheitlichen Kreise aller Art, neben ihnen stehen und wenn sie selbst Hervorragendes leisten und ein wirklich der freien Zukunft den Weg weisendes Beispiel geben.

Ist also der freiheitliche Sozialismus aller Richtungen, der Anarchismus und Syndikalismus einer solchen Leistung von Zehntausenden, neben denen Hunderttausende mit solidarischen Sympathien stehen, fähig, dann wäre eine solche Tätigkeit für all diese Richtungen wohl das Zweckmäßigste, durch das sie dem beständig neue Positionen okkupierenden autoritären Sozialismus endlich wirkungsvoll entgegentreten würden. Ist eine solche Grundlage für den Anfang nicht vorhanden, sollte an ihrer Begründung gearbeitet werden; denn wenn einmal wirkliche soziale Krisen Dutzende von Millionen in Bewegung setzen werden, haben wir wenig zu erwarten, wenn wir jetzt nicht einmal einige Zehntausend aktionsfähig finden würden, mit einigen hunderttausend Sympathisierenden neben sich.

Jeder Versuch, groß oder klein, müßte im Geist hingebender Arbeit für das künftige große Ziel gemacht werden und nicht zur Erreichung unmittelbaren persönlichen Lebensgenusses. Auch für letzteren Zweck tun sich Personen zusammen, und es ist ihre Sache, und ich gönne ihnen den Genuß, nur ist eben ihre Mitarbeit am großen Bau der Zukunft gering und sie sollten auf jeden Fall nicht dabei das große Wort führen wollen. Im Übrigen ist auch ihr Wille, sich dem Druck des heutigen Systems auf irgendeine Weise zu entziehen, willkommen und zu begrüßen.

Klassensozialismus und Menschheitssozialismus (1931)

(Erstpublikation August 1931, erschienen in: „Die Internationale“)

Unzählbare Jahrtausende uns in ihrem wahren Wesen unerforschbarer Entwicklungen belasten die heutige Menschheit, die in ihren ältesten geschichtlich erreichbaren Zeiten schon überall dort, wo Bodenverhältnisse usw. umfangreiche Eroberungen erleichterten, ausgebildete Herrschaftssysteme zeigt, vom Typus, den man den “orientalischen Despotismus” nennt (Westliches Asien, Ägypten usw.). Diesem expansiven Despotismus leisteten kleinere Bergvölker heroischen Widerstand, entwickelten aber dadurch meist einen derartigen Militarismus, daß sie ihrerseits darauf brannten, sich als Eroberer auf weniger geschützte Völker des Flachlandes zu stürzen. Seevölker endlich benutzten früh die Waffe des Schiffes, das Waren, aber auch Krieger trägt, und begründeten die Stadtkolonien an den Seeküsten, denen das friedliche Hinterland bald auf jede Weise tributär wurde. So ist in den uns bekannten etwa zehntausend Jahren der Geschichte unaufhörliche Eroberungslust am Werk, die noch von den der Ausdehnung zur See parallelgehenden zeitweiligen Völkerwanderungen und nomadischen Invasionen vermehrt wurde.

All dies bedingte eine schon durch endlose Generationen gefestigte Trennung der Menschen in Herrschende und Beherrschte, Befehlende und Gehorchende, Besitzende und Besitzlose, relativ Gebildete und der Bildungsmöglichkeiten beinahe oder gänzlich Beraubte, und all diese Ungleichheit, gesichert und konsekriert durch physische und geistige Mittel, durch den grausamsten Zwang und die beständige Aufsicht der Werkzeuge der Obrigkeit und durch einen auf jede Weise gezüchteten Unterwürfigkeitssinn, der an Empörung gar nicht denkt oder sie mindestens als gänzlich aussichtslos betrachtet. In diesem Rahmen schleppen sich die geschichtlichen Jahrtausende dahin, und es gibt nichts, aber auch gar nichts von dem Uralten, das man als “heutzutage unmöglich” bezeichnen könnte. Sucht man die Folter, man hat sie in den Untersuchungskerkern einer Reihe von Ländern gefunden; sucht man Kannibalismus, man fand ihn soeben bei den Zigeunern der Slowakei. Wann wurde ein grausamerer Krieg geführt als der Weltkrieg, wann wurden grausamere Friedensbedingungen diktiert und auch den kommenden Generationen aufgezwungen als nach diesem Krieg? Wann haben Hunger und Armut so gewütet wie in unseren Jahren, von China und Rußland bis Deutschland und Österreich? Wann gab es ärgere Horden als die faschistischen? Ist etwa der finstere Aberglaube verschwunden, der nationale Haß, irgendeine der rohesten Leidenschaften? Nichts hat sich wesentlich verändert, nur daß für die im Lauf der Jahrtausende geschwächten Nerven vieles aus der Öffentlichkeit weggeräumt ist und sich im Stillen vollzieht, oder es wird eine Kompensation durch Sport und anderes Nervenaufpeitschende geboten. Die Menschheit konnte diesen Raubbau an sich selbst wohl nur dadurch ertragen, daß bis zum achtzehnten Jahrhundert ihre Zahl, ihre Produktionsverhältnisse und Lebensbedingungen doch verhältnismäßig gering, einfach und wenig kompliziert waren und daß sie sich beständig ungeheuren nichterschöpften, oft kaum berührten, ja in ihrer Benutzbarkeit unbekannten Naturreichtümern und -reserven gegenüber befand. Alles spielte sich in einem kleinen Maßstab innerhalb eines riesigen Rahmens ab, während seit damals dieses Verhältnis mit tödlicher Sicherheit sich gänzlich umkehrt: großer Maßstab, kleiner Rahmen!

Dieser Umschwung ist der größte, den die menschlichen Lebewesen seit den katastrophalen eiszeitlichen Perioden der Urzeiten durchmachen, gleichfalls Perioden unerbittlicher Einschnürung der Lebensbedingungen, die furchtbare Tragödien zeitigen mußten. Nach einer gewissen Vorbereitung durch den im Zeitalter der Entdeckungen sich ausdehnenden Seehandel, durch lebhaftere innere Produktion (Manufaktur) und durch ein beginnendes wissenschaftliches Leben, das die Natur und ihre Produkte zu erschließen begann, erfolgte seit 150 Jahren in rapid gesteigertem Grade die Vervielfältigung der Produktion durch den Maschinismus, die unendliche Erleichterung der Transportverhältnisse durch Dampf und Elektrizität, die Erschließung der Naturschätze in allen Teilen der Erde und ihre beständig intensivierte Einfügung in den Produktionsprozeß aller Länder, kurz, mechanische Zauberhände überwinden jedes technische Hindernis, und absolut all und jedes in allen Teilen der Erde ist dem kontinuierlichen Produktions-, Handels- und Verbrauchsprozeß in den Rachen geworfen oder für die baldmöglichste Zukunft hierzu bestimmt. Dieser ungeheure Wechsel traf nun eine gänzlich unvorbereitete Menschheit, welche die vorbereitenden Jahrhunderte, vom sechszehnten ab, mit religiösen und synastischen Kriegen, bürokratischem Staatsallmachtsaufbau, Monarchendienst usw. zubrachte, in ihrer überwiegenden Masse von der Bildung abgeschnitten und auf jede Weise versklavt, mißhandelt und meist der äußersten Dürftigkeit, dem chronischen Hunger preis gegeben. Alle künstlerischen, gelehrten und manchmal moralisch und sozial gefühlvollen und auch rebellischen Leistungen und Tätigkeiten einzelner täuschen hierüber nicht hinweg, und nach der Niederschlagung aller Volksempörungen des ausgehenden Mittelalters in England, Frankreich, Deutschland, Spanien usw. waren grade in jenen Jahrhunderten, vom sechszehnten bis zum achtzehnten, die Volkskräfte gelähmt, und der Empörungsgeist verlief sich meist auf religiöse Irrwege, 16. und 17. Jahrhundert, um, als hier im 18. Jahrhundert die Aufklärung durchdrang, sich der an den antiken Republiken und alten Volkstraditionen nährenden demokratischen Illusion hinzugeben, den gerechten Himmel nunmehr in den gerechten Staat verlegend und dort suchend. Sozial war das Volk damals blind, bis die physische Unerträglichkeit des Fabriksystems in seiner rohesten ältesten Form Koalitionen, bald die Trade Unions und die Arbeiterschutzbestrebungen als Notwehr ins Leben rief.

Eine ihr soziales Leben auf Grund irgendwelcher gemeinsamer Menschlichkeitsgefühle einrichtende Menschheit hatte es bis dahin nicht gegeben und gibt es auch heute nicht. Der zur Arbeit durch seine Armut Gezwungene wurde so rücksichtslos verbraucht wie ein Werkzeug abgearbeitet wird. Als die amerikanischen Indianer durch Sklavenarbeit abstarben, begann der Import der Negersklaven, und mit derselben kühlen Sachlichkeit wurden die aus unerträglichem Elend auf dem Land flüchtenden Besitzlosen, Männer, Frauen und Kinder, in die neuen Fabriken gesperrt und verarbeitet und durften europäische Auswanderer, Nachfolger der Sklavenimporte, Nordamerika urbar machen und gewissermaßen als “Trockenwohner” bewohnen, bis seitdem das organisierte Kapital sie meist wieder ruiniert und in neue Dienstbarkeit einzwängt. Die im neunzehnten Jahrhundert als gemeinsame Stimme der Menschheit funktionierenden Faktoren, die öffentliche Meinung, die Presse, die Parlamente und Parteien, die organisierten Religionen, viele und oft wertvolle Denker und Redner usw., alle vermochten keinen Teil der alten sozialen Struktur wirklich zu erschüttern und nahmen nur endlose Reparaturen, Verdeckungen der nacktesten Schäden, Namensänderungen usw. vor, durch die der Ausbeutungsmechanismus ein zeitgemäßeres Aussehen gewann. Einiges gewannen die Ausgebeuteten selbst durch Zusammenhalten, die Arbeiter durch Gewerkschaften, die Bauern durch agrarische politische Mittel und Wege, ohne daß aber selbst nur zwischen diesen beiden großen Gruppen, den Arbeitern und den Kleinproduzenten, Handwerkern und Bauern, irgendwo ein Zusammenwirken gegen die Großausbeuter, Kapital und Staat, sich entwickelt hätte; vielmehr gibt es wenig Länder und Gegenden, wo nicht zwischen diesen beiden für den Produktionsprozeß entscheidenden Gruppen Mißtrauen und Feindschaft bestünde.

In diese trübe Flut uralter brutalster Herrschaft der Privilegierten und ebenso uralter sehr großer Hilfs- und Willenlosigkeit der Unterdrückten mündete nun seit über einem Jahrhundert die reine Quelle des Sozialismus: ist es da zu verwundern, daß sie sich beständig In der Flut verliert? Eine Quelle vermag einen Strom nicht zu reinigen, sie geht darin unter. Die seit der Vorzeit autoritär gedrillte Menschheit hörte als Masse die Freiheitsrufe einiger Sozialisten der letzten hundert Jahre in ihrer ursprünglichen echten Form einfach nicht, während sie den Lockungen autoritärer Verfälscher des Sozialismus um so leichter Gehör schenkte, je müheloser ihr dies gemacht wurde und wird. So entstanden die heutigen Scheinerfolge, sozialistische Majoritäten bei englischen und deutschen Wahlen, während zugleich ein Magdeburger Parteitag und Moskauer Parteikongreß die bekannten Taten sozialistischer Machthaber gegen das Volk und andersdenkende Sozialisten, als selbstverständliche Begleiterscheinungen der Macht betrachten. So ist das einstige Gold sozialistischer Ideen und Gefühle auf wertloses Schaumgold verflattert, von dem sich einzelne Atome über Millionen verteilen. Ich sehe vollkommen ein, daß es nicht anders kommen konnte, sobald man die abschüssige Ebene der Erfolgshascherei betrat, die zugleich für alle militanten Parteisozialisten eine sichere persönliche Versorgung in immer steigendem materiellen Umfang bedeutete. Aber diese Parteien wurden dadurch zu Gauklern, die mit Vorspiegelungen arbeiten, die den Vertröstungen der Geistlichkeit aller Zeiten auf das Himmelreich immer ähnlicher sehen, und es kann nicht der Wille der wirklichen Sozialisten und aller human denkenden Menschen sein, zuzusehen, wie sich systematisch ein neues Pfaffentum neben oder an die Stelle des alten Pfaffentums stellt.

So viele sentimentale Bande noch immer auch die freiheitlichsten Sozialisten mit allem verbinden, was sie noch immer als relativ volksfreundliche Aktionen betrachten, sollten wir doch endlich einmal versuchen, in diesen Dingen ganz klar zu sehen und entsprechend zu handeln. Sonst vergehen die Jahre umsonst, unsere Reihen verfallen und der ganze Sozialismus verläuft im Sande. Denn nichts garantiert ihm dauerndes Leben, wenn er sich selbst aufgibt, das heißt von dem allgemeinen autoritären System wieder absorbiert wird, das im Lauf der Zeiten unzählige seiner Bekämpfer lahmzulegen und in ihren Folgen fast oder ganz spurlos verschwinden zu machen verstand und das wahrlich vor dem Stimmzettel, dem Mitgliedsbuch und selbst zeitweiligen Diktaturen nicht kapitulieren wird, da es sich zu fest auf die autoritäre Mentalität ungeheurer Massen stützen kann.

Ist deshalb der freiheitliche Sozialismus aussichtslos? Nicht im geringsten, nach meiner Überzeugung, sobald er nur endlich beginnen wird, sich an die freiheitswilligen und in nennenswertem Grade freiheitsfähigen Teile der Menschheit direkter zu wenden als dies bisher geschieht. Hierzu müssen wir zunächst mit uns selbst ehrlich sein. Bei aller Anerkennung der Gleichberechtigung aller Menschen und unserem Wunsch, in jedem möglichst viele Keime und Möglichkeiten einer gedeihlichen und solidarischen Entwicklung als Mensch und Bruder zu erkennen und zu fördern, wissen wir doch daß die Menschen unendlich verschieden sind, daß sie ebenso sehr verschieden schwer oder leicht in besserem Sinn beeinflußt werden können und ebenso, daß bei all dem die Klassenzugehörigkeit wirklich nichts zu sagen hat. Der Sozialismus in seinen uneigennützigsten, opfermutigsten, revolutionärsten Richtungen hatte seit jeher auf die besten Elemente absolut aller Klassen eine Anziehungskraft, die alle Klassenschranken durchbrach. Dasselbe gilt von allen freiheitlichen und humanitären Richtungen, von denen keine einzige ein Klassenmonopol war. Klassenangelegenheiten sind unmittelbare praktische Kämpfe, die Gewerkschaftsbewegung also und ähnliche agrarische Schutzbewegungen, aber selbst hier ist der reine Klassenstandpunkt durchaus nicht immer allein maßgebend, wie z.B. das Zusammengehen der Schutzzollbestrebungen (Importe und Einwanderung) von Arbeitern und Kapitalisten in Nordamerika, die häufige Interessengemeinschaft von Bauern und Großagrariern usw. beweisen.

Nicht eine einzige wertvolle menschliche Bewegung ist also reine Klassenangelegenheit: wie sollte dies also die wertvollste aller Bewegungen, die Sache der Befreiung der Menschheit von Herrschaft und Ausbeutung sein?

Die marxistische Klassenideologie bildete sich aus, weil man zuerst in den durch das Fabriksystem als unvermeidliche Abwehr ins Leben gerufenen Trade Unions dann in den von der demokratischen Illusion zu Massen gruppierten, nach Wahlrecht dürstenden Chartisten und in den sowohl vom bonapartistischen, wie vom republikanischen allgemeinen Stimmrecht in Frankreich rekrutierten Wählermassen Armeen zu sehen glaubte, denen man mit einiger Geduld und Ausdauer eine sozialistische Führerschaft aufoktroyieren zu können glaubte, was ja auch in unerwartetem Umfang gelang. Es blieb aber immer dieselbe Masse, die noch nie einen wirklichen Willen zu einer Tat im Sinn der ihr suggerierten Ideen gezeigt hat; denn wenn man einmal die Geschichte ihrer legendären Hüllen entkleiden würde, würde sich zeigen, in welchem Grade jedes revolutionäre Kapitel der Geschichte der Initiative kleiner Minoritäten entstammt und die Masse sich nur mit der sehr günstigen Konjunktur oder erst nach der vollendeten Tatsache einstellte. Jede Klassenmasse ist eben trotz dem äußeren Anschein ohne innere Konsistenz, verschiedenartig und daher brüchig und träg. Treibende Faktoren waren immer individuelle und kollektive Initiativen, bestehend aus für einen Zweck bewußt zusammenarbeitenden Elementen der verschiedensten Herkunft. Auch dies wäre leicht für jede Sphäre des Fortschritts nachzuweisen. Es müßte also mit Wunder zugehen, wenn dies für die Zusammenfassung aller Fortschritte anders sein sollte und hier sich auf einmal alles anders, als Kulissenwechsel der Klassen voll, ziehen sollte. Nur wer gänzlich marxgläubig ist, kann dies glauben, und für diesen hat jeder sonstige Sozialismus seinen Sinn verloren, und es ist vergeblich, mit ihm zu diskutieren: seine Antwort an alle anderen Sozialisten sind nur Kerker oder Tod, wenn er wie im heutigen Rußland über diese staatlichen Machtmittel verfügt.

Glaubt nun etwa jemand, dem diese Klassenideologie heute noch unentbehrlich erscheint, daß ihm durch Aufgeben derselben wirklich etwas genommen würde? Ich fasse es so auf, daß ihm dadurch nur etwas gegeben würde, der innere Zusammenhang mit allen guten Elementen der Menschheit, ohne die nie eine gute Sache wirkliche Ausdehnung gewann. Diese Elemente sind auch von selbst zum Klassensozialismus gekommen, wird man einwenden. Gewiß, aber es wird immer eine offene Frage bleiben, ob sie nicht in diesen hundert Jahren einem wirklichen Menschheitssozialismus einen ganz anderen Umfang und Inhalt zu geben verstanden hätten. Der klassenexklusive Sozialismus verstand es nicht, und wollte es meist auch gar nicht, mit irgendeiner Menschen im Allgemeinen bewegenden Frage und Richtung in ein klares Verhältnis zu treten.

Betrachten wir z.B. die Freidenker; hier fürchtet man Wähler- und Mitgliederverlust und proklamiert Religion zur Privatsache, oder man fürchtet Kontakt mit anderen Menschen und organisiert proletarische Freidenker. Oder die Kooperationsbewegung, die man einerseits als verbürgerlichend perhorresziert oder andererseits parteimäßig gefärbt und isoliert selbst betreibt. Oder die antimilitaristischen und Friedensbewegungen, die man durch einige Worte in den Parteiprogrammen und gelegentliche Internationalitätsversicherungen in friedlichen Zeitläufen zu ersetzen glaubt. Von jeder der lebenden Bewegungen ist der Sozialismus verachtungsvoll getrennt oder er sucht sie mit Parteifärbung nachzuahmen. Komisch ist, daß schließlich doch all diese partiellen Besserungsbestrebungen in den Sozialismus eingedrungen sind, aber notgedrungen, als unwillkommene Gäste und durch Isolierung und Parteianstrich verkümmernd. Statt zuerst und aus sich heraus die Welt mit humanitären Ideen und Anregungen zu überschütten, wie vor hundert Jahren Robert Owen, die Saint-Simonisten und viele andere Sozialisten es taten, ist längst der organisierte Sozialismus von heute so ziemlich der letzte geworden, der einer allgemeinen freiheitlichen und fortschrittlichen Anregung folgen würde.

Daher wäre wohl die erste Aufgabe eines regenerierten Sozialismus, freundliche und offene Beziehungen zu allen die Menschheit bewegenden Fragen und zu den auf diesen Gebieten uneigennützig und freisinnig wirkenden Personen und Bewegungen anzubahnen. Wenn man so unendlich nachsichtig war und ist gegenüber jedem Arbeiter, der halbwegs den nominellen Parteipflichten nachkommt, auch wenn seine sonstige sozialistische Betätigung gering ist, kann man auch nachsichtig sein gegenüber Personen mit gutem Willen und vorläufiger Spezialisierung auf einem engeren Gebiet. Der Kontakt mit allen Arbeitern besteht ohnedies durch die täglichen Angriffs- oder Verteidigungskämpfe; der Kontakt mit allen übrigen freiheitlichen und humanitären Kräften müßte ihm vollständig gleichwertig und gründlich gefestigt und vertieft zur Seite stehen; erst dann würden die nützlichen und die guten Elemente der Menschheit eine zu wirklichem Ausdruck eines sozialen Freiheitswillens hinreichend starke zwanglose Gruppierung bilden, die den Parasiten, ihren willigen Werkzeugen und ihren noch in geistiger Unmündigkeit dahindämmernden Opfern mit wachsendem Erfolg gegenübertreten könnte. Diese Gruppierung der tüchtigen und freiheitlich und sozial leistungsfähigen Teile der Menschheit ist also das erste Erfordernis, die Schaffung eines wirklichen Menschheitssozialismus, und wenn es durch den täglichen Kontakt im Arbeitskampf gelingt, daß sozialistische Arbeiter ihre Klassengenossen für den allgemeinen sozialistischen Kampf gewinnen oder mitreißen, desto besser, und in diesem Sinn ist dieser Klassensozialismus ebenso willkommen wie die spontane Hilfe irgendeiner andern Gruppe der Menschheit für die große Arbeit, für das Ziel der menschlichen Befreiung.

Die nächste Ausbreitungssphäre des freiheitlichen Sozialismus (1930)

(Erstpublikation März 1930, erschienen in: „Die Internationale“)

Aus allem, was wir seit vielen Jahren im Sozialismus miterleben, dürfen wir wohl die Lehre ziehen, daß der autoritäre Sozialismus mit der Gegenwart und Vergangenheit derart verknüpft ist, daß er sich nicht über deren Niveau erheben kann und die Neigung hat, unter dasselbe zu sinken. Nur der freiheitliche Sozialismus ist mit dem menschlichen Fortschritt wirklich verbunden und kann der Zukunft ins Auge blicken, selbst wenn er dies viel zu wenig beachtet, und noch immer dem autoritären Sozialismus, der doch sein und der Menschheit bitterster Feind ist, eine gewisse Solidarität entgegenbringt. Die Solidarität aller Arbeitenden, Teilnahme an der Freude über all ihre Kämpfe und Errungenschaften sind Selbstverständlichkeiten für anständige Menschen und bedeuten heutzutage nicht mehr auch nur den geringsten nachsichtigen Kontakt mit den Inhabern der Herrschergewalt im autoritären Sozialismus. Diese wollen es nicht anders, sie haben das friedliche Nebeneinandergehen in der Internationale, 1864 -1872, im letzteren Jahr unmöglich gemacht und sind von Jahr zu Jahr seitdem bis zur physischen Vernichtung andersdenkender, selbst autoritärer, Sozialisten im heutigen Rußland vorgeschritten. Die Volksmassen ließen sie schalten und walten, anscheinend froh, daß ihnen von Führern die Denkarbeit und relative Verantwortlichkeit abgenommen wurde. Beide Teile haften eben in der Vergangenheit, sind Opfer derselben und können nicht anders. Sie können moderne Techniken konstruieren und von modernen Arbeitern bedienen lassen, aber sie können nicht einen Atemzug freien Geistes in ihre Ideen und Einrichtungen hineinlassen, weil dieser Geist ihnen wie allen Autoritären fremd ist und sie ihn als ein ihrem Wesen feindliches Element empfinden und hassen.

Es konnte nicht anders kommen und wurde von allen freiheitlichen Sozialisten seit hundert Jahren warnend vorausgesagt. Wir verlieren dadurch nichts, weil wir nie etwas hatten, und wir brauchen nur unsere eigenen sentimentalen Illusionen, die früher durch einige persönlich bemerkenswerte Vertreter dieser Richtungen, Männer wie Marx, Lassalle, Bebel, Jaurès und viele andere Nahrung erhielten, als Illusionen gründlich zu erkennen und wie eine schlechte Schuld abzuschreiben. Wir haben aber die eigene Pflicht, uns ganz klar zu werden über die fortschrittlichen Kräfte der Menschheit, und mit all diesen in intelligenten, selbstlosen, sorgfältig gepflegten und fruchtbringenden Kontakt zu treten. Noch einmal gesagt, freuen wir uns über jede praktische soziale Errungenschaft und arbeiten wir daran mit, aber übersehen wir nicht, daß aus all dem unter den Händen autoritärer Sozialisten nur ein Staatsknechtsschaftssystem à la Rußland sich ergeben kann, und daß der wirkliche Sozialismus längst und immer nur in der Verbindung des sozialen mit jeder Art des geistigen, moralischen und jedes sonstigen Fortschritts bestand, in dem Streben nach fruchtbarer Verbindung von Solidarität und Freiheit.

Glaubt wirklich ein moderner Mensch, daß die besten Männer aller Zeiten sich für nichts und wieder nichts nach der Freiheit sehnten und für die Freiheit kämpften, und daß es etwas beweise, wenn ein Napoleon die französische Revolution erwürgt, ein Marx den Cäsarenwahnsinn im Sozialismus inauguriert, den Lenin und seine Genossen sich physisch ausleben lassen, wenn ein Nietzsche phantasiert, die Menschheit sei Dünger zur Aufzucht einiger erhabener Größen und ein Mussolini einem großen Volk den Fuß auf den Nacken setzt? Oder hat die Bürokratie aller Zeiten Leistungen vollbracht, die rechtfertigen würden, sie ins Endlose zu erweitern und das soziale Wohl und Weh aller dem sozialistischen Staat anzuvertrauen? Soll die menschliche Arbeit, die den Menschen in aufsteigender Linie von der Tierwelt differenzierte, durch ihre jetzige Mechanisierung ihn wieder zum arbeitenden Tier herabdrücken? Wer in all diesen Vorstellungskreisen lebt - und die Reinkultur des autoritären Sozialismus, der Bolschewismus, tut dies -, der gehört der Vergangenheit an und die Entwicklung wird über ihn hinwegschreiten.

Der Sozialismus dieser Art liegt vor der heutigen Menschheit jeden Tag mehr entfaltet da, ebenso der mit der Bourgeoisie mitregierende Sozialismus anderer Länder, der Städte beherrschende Gemeindesozialismus , das Großgewerkschaftstum usw. Nirgends ein sympathischer Zug, überall Herrschsucht, Strenge und kostspielige Durchschnitts-, wenn nicht minderwertige Leistungen. Kein Wunder, daß die im autoritären Irrwahn Befangenen nach “Faschismus” rufen, und daß die Freunde freier Menschlichkeit am Sozialismus verzweifeln! Tun wir das möglichste, dem Sozialismus im Menschheitsbewußtsein seinen wahren Charakter wiederzugeben, und je mehr uns dies gelingt, desto dankbarer wird man uns sein und desto eher werden wir solche Sympathien gewinnen, die uns ermöglichen, Verwirklichungen näherzutreten. Wir können gegenwärtig nur auf solche Weise unsere Bewegung stärken, denn bei der autoritären Mentalität aller übrigen Sozialisten und der Volksmassen haben wir von einem sozialen Sieg derselben nur das zu erwarten, was in Rußland geschah oder Schlimmeres, und unser eigener Sieg, wenn ein solcher für eine schwache Minorität denkbar wäre, wie wäre es möglich, ihn der autoritären Masse gegenüber aufrechtzuerhalten? Es muß leider gesagt werden, daß zu der einzigen reaktionären Masse, als die uns alle Parteien gegenüberstehen, längst der ganze autoritäre Sozialismus gehört und noch immer die große Masse der von freiheitlicher Denkweise unberührten und ungerührten Arbeiter.

Wir sind mit ihnen, zum dritten Mal sei es hier gesagt, ökonomisch solidarisch und kämpfen ihre Kämpfe mit und suchen ihnen als Syndikalisten Kampfmethoden näherzubringen, die wir für zugleich praktisch und aussichtsreich halten, aber geistig verwandt können wir nicht mit den Gläubigen und Opfern der Autorität sein, sondern nur mit den geistig freien Menschen, wer immer sie sind, und nur von ihnen kann uns weitgehende Unterstützung kommen, wenn sie den wahren Wert unseres Sozialismus erkennen, und es ist unsere Sache, ihnen denselben zu erklären. Die latenten, schlummernden, durch ihre Lage instinktiv freiheitlichen Kräfte im Volke, an die man so lange geglaubt hat, sind nun ein mal so schwer zu erwecken, als wenn sie gar nicht vorhanden wären: die Ereignisse seit 1917 haben unzählig diktatorische Sozialisten aller Nuancen erweckt, aber wirklich unendlich wenig neue freiheitliche Kräfte. Selbst Malatesta schrieb 1928, auf die italienische Internationale der Jahre 1872 bis ungefähr 1881 zurückblickend: ...”Wir setzten unsere Hoffnung in die allgemeine Unzufriedenheit und da das Massenelend wirklich unerträglich war, glaubten wir, daß ein Beispiel genüge, wenn man, die Waffen in der Hand, den Ruf “Nieder mit den Herren!” ausstoße, zu bewirken, daß die arbeitenden Massen sich gegen die Bourgeoisie stürzten und den Boden, die Fabriken, alles mit ihrem Schweiß Hergestellte und ihnen Weggenommene in Besitz nähmen. Und dann hatten wir einen mystischen Glauben an die Tugenden des Volks, an seine Fähigkeiten und an seine Instinkte für Gleichheit und Freiheit.

Die Tatsachen zeigten damals und seitdem (und hatten schon in der Vergangenheit gezeigt), wie weit wir von der Wahrheit entfernt waren. Denn der Hunger ohne Bewußtsein des eigenen Rechts und ohne eine die Handlungen leitende Idee bringt keine Revolutionen hervor, höchstens sporadische Erschütterungen...Und wenn unsere Wünsche nicht unsere Urteilskraft verschleiert hätten, würden wir die niederdrückende und daher antirevolutionäre Wirkung des Hungers daraus erkannt haben, daß unsere Propaganda größeren Erfolg in weniger verelendeten Gegenden hatte und unter jenen Arbeitern, meist Handwerkern, die in weniger schlechten wirtschaftlichen Verhältnissen lebten.

Was aber die “Instinkte für Gleichheit und Freiheit” des Volks betrifft, ach, wie schwer ist es, sie zu erwecken! Damals und noch jetzt in dem großen Teil der Masse, den die Propaganda noch nicht erfaßt hat, treiben die durch tausendjährige Knechtschaft erzeugten “Instinkte” die Arbeiter eher zur Furcht und was noch schlimmer ist, zur Bewunderung ihrer Herren und daher zu fügsamer Unterwürfigkeit...

Selbst, wenn an Stelle dieser noch nicht ausgestorbenen Gefühle Haß und Rache treten würden, wäre das Resultat ein ausschließlich autoritäres, ein Wechsel der Rollen, und keineswegs ein freiheitliches. Wollen wir wirklich die Freiheit und nicht nur einen Szenenwechsel wie in Rußland, wo grade die ergebensten Anhänger und Werkzeuge des herrschenden Systems, das sozialistisch zu sein behauptet und es im autoritären Sinn auch ist, uns als die grausamsten Tyrannen erscheinen, so müssen wir Anschluß an die freiheitlichen und humanitären Elemente der ganzen Menschheit suchen und finden, die allein in ihrer Gesamtheit, durch zielbewußte Tätigkeit erweckt und sich solidarisch fühlend, ein Stück “Neuland” zu bilden fähig sind, in dem wir uns in Idee und Tat frei bewegen, befestigen und ausdehnen könnten in dem Sinn, daß wir allen etwas Gutes bringen. Wir können dies bringen als bewußteste Vertreter der Freiheit und Solidarität. Jede Richtung kann dadurch gestärkt werden, und wir selbst können von jeder Richtung lernen.

Vielleicht lernen dann selbst die Volksmassen in ihren nicht fanatisierten Teilen durch dieses Beispiel, und das nächste Ziel wäre erreicht durch zwei große Solidaritätsbünde - den aller freiheitlich und humanitär Fühlenden und den aller Arbeitenden. Solidarität in dem Sinn, daß ein Angriff auf einen als Angriff auf alle betrachtet und gemeinsam abgewiesen würde. Wenn alle ehrenwerten Arbeiter aller Richtungen jeden staatlichen und kapitalistischen Eingriff gegen irgendwelche Arbeiter und Sozialisten aller Art gemeinsam zurückweisen würden und ebenso alle freiheitlich und humanitär Fühlenden Jeden solchen Eingriff in irgendwelche freiheitlichen und anarchistischen Angelegenheiten, wäre dann nicht eine Aktionsbasis für wirklichen sozialistischen und menschlichen Fortschritt geschaffen? Wie ist es heute? Ein nicht ganz im hierarchischen Organisationswege approbierter Streik läßt die meisten Arbeiter unberührt, eine politische Verfolgung geht nur die eigene Partei an, für das schreiendste Unrecht müssen erst mühsam protestierende Kräfte zusammengebracht werden, meist immer dieselben, während zahllose andere ebenso regelmäßig fehlen. Wie die feinste Membrane sollte die Menschheit in all solchen Fällen reagieren, aber sie reagiert eher wie Dickhäuter gegen Mückenstiche, und das meiste Unrecht nimmt ungestört seinen Gang. Diese zwei Solidaritätsbünde würden also die Wege zur Freiheit sichern, und nun käme es auf Leistungen an, das heißt nun das Herauskommen aus der Sphäre der Wünsche, Hoffnungen, Behauptungen, Programme, Hypothesen usw., in der wir uns noch vornehmlich bewegen.

Hier Ist die Aufgabe eine sehr große, indem an Stelle der Abstraktionen, Formeln, kürzesten Zusammenfassungen, die man der Einfachheit wegen für Im Interesse der Propaganda gelegen hält, wirkliches Nachdenken, Studium, Forschung, Erfahrung und Übung auf allen Gebieten treten müßten. Da hat uns seit Jahrhunderten die Wissenschaft vorgearbeitet, die eigentliche Bahnbrecherin der Anarchie, die sich der Autorität des Glaubens In stahlhartem Kampf entgegenstellte und sie für alle denkenden Menschen zu Fall brachte. Eine andere Bahnbrecherin war die Arbeit, die ihren eigenen Weg unaufhaltsam ging, dem Nichtkönnen, dem Dilettantismus, der Primitivität gegenüber. Aus dem Kontakt beider entstand die Technik, der die ungeheure Aufgabe zufallen wird, den freiheitlichen Produktions- und Distributionsformen, die wir wünschen, die bestmöglichen praktischen Mittel zu geben. Wir haben hier sehr viel zu lernen, denn wir müssen wünschen, daß z.B. das vor mehr als vierzig Jahren von Kropotkin auf diesem Gebiet Zusammengestellte endlich überprüft werde, nicht von uns selbst, die wir alle Dilletanten sind, sondern von Fachmännern. Dann würden wir z.B. über die Größe der Produktionsgebiete, die Herkunft der Rohstoffe usw. zeitgemäß orientiert sein und wüßten vielleicht, in welchem Grade Dezentralisationstendenzen auf diesem Gebiet zweckmäßig, nützlich und möglich sind und wann sie schädliche Zersplitterung, unnütze Wiederholung usw. bedeuten. Nicht unsere Wünsche können hier maßgebend sein, sondern nur technische Möglichkeiten, die unsere Wünsche so viel als möglich zur Grundlage haben. Von unserer Seite aus würden die technischen Kräfte erfahren, daß wir mit ihnen in ein freundlicheres Verhältnis zu kommen wünschen als etwa die Bolschewisten in Rußland, die zuerst glaubten, sie entbehren und ihren Ersatz improvisieren zu können, und die sie jetzt unter Todesdrohung zu ihrer Arbeit zwingen.

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