Kitabı oku: «Isargrauen»
Max Winter
Isargrauen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Tote in der Baugrube
Party bei Winkler
In der Gerichtsmedizin
Bei ARRI
Jana
Das Video
Die Arbeit ruft
Wo ist Olli?
In alle Richtungen
Alte Bekannte
Der Tote und der Stein
Die Beerdigung
Im Studio Olga
Münchner Freiheit
Der Mann aus dem Kopierwerk
Charlies Deal
Ein Mann mit Einfluß
Eine heiße Spur
Die Razzia
Wir müssen reden
Die Warnung
Ein Schnüffler kommt ins Spiel
Wie ein Dieb in der Nacht
Kein guter Tag
Ein Auftrag mit Folgen
Der Überfall
Arthur
Entscheidungen
Die Einladung
Charlie
Ohne Ausweg
Lose Enden
Das Ende eines langen Tages
Epilog
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Impressum neobooks
Der Tote in der Baugrube
MAX WINTER
Isargrauen
Für A.
Copyright © 2018 Max Winter, Wien
Lektorat & Satz: Andreas Schneider
Umschlaggestaltung: Art Colibri
Bildnachweis: Pixabay; Unsplash
In herkömmlicher deutscher Rechtschreibung
Dies ist eine fiktive Geschichte.
Sie ist von realen Ereignissen inspiriert.
Die Namen aller Beteiligten wurden geändert.
Inhalt
Sie fanden die Leiche nur durch Zufall. Am Tag, bevor das Fundament mit Zement gegossen werden sollte, hatte ein Sommergewitter in der Baugrube Erde weggeschwemmt. Ein Stück Plastik ragte nun aus der Erde, als würde es herauswachsen wollen.
Ein Maurer, der sehen wollte, ob man wie geplant weiterarbeiten konnte, sah sich den Boden näher an und wischte an der bewußten Stelle mit dem Fuß Erde weg. Er stieß auf Widerstand, grub weiter und legte etwas Längliches frei, das in Folie eingewickelt und mit Klebeband zugeklebt worden war. Er riß an der Folie, sah merkwürdige Farben, seltsam bläulich und tiefrot. Er drückte auf die Folie und das, was darin war, gab nach und bildete einen feuchten Fleck an der Stelle. Es fühlte sich vertraut an. Er riß die Folie an einer Ecke auf, da erkannte er, daß darin kein Bauschutt war, sondern ein Mensch. Er sah nur einen kleinen Ausschnitt des Gesichts des Toten, aber der Anblick ließ ihn aufstöhnen und rückwärts taumeln, als wäre er von einem Schlag getroffen worden.
Man verständigte die Polizei um halb sieben Uhr früh, also rückte erst einmal ein Kommissar vom Kriminaldauerdienst an, der dafür sorgte, daß der Fundort gesichert wurde. Zwei Stunden später betrat Kriminalhauptkommissar Arnold Gassinger sein Dienstzimmer in der Ettstraße und als er davon erfuhr, machte er sich sofort auf den Weg, im Schlepptau Kriminalkommissar Rudolf Wörl.
Als Jana an der Baugrube vorbeifuhr, wußte sie nicht, daß in der Nacht ein Toter hineingelegt worden war. Sie hatte gesehen, wie das Mittelhaus abgerissen worden war, hatte die Bagger gesehen, die das alte Haus Stück für Stück demoliert hatten, bis nur noch ein Grippe aus halben Wänden da war und dann ein Haufen Schutt, der weggeräumt wurde, bevor man die Grube ausgehoben hatte. Sie kam fast täglich hier vorbei, schon weil sie oft zum Kameraverleih bei ARRI mußte. Als sie jetzt im Morgengrauen auf dem Weg zum Drehort war, war die Straße vor der Baustelle voller Polizei.
Sie wußte nicht, daß sie den Toten, der dort lag, gut gekannt hatte.
Produktionsfahrer, das war Janas Jobbezeichnung und jetzt war sie auf dem Weg zum Filmset, das in einem extra dafür angemieteten Haus am Englischen Garten aufgebaut war. Der Drehtag verlief gut. Ein Werbedreh, heute war der letzte Tag, außerdem Freitag und am Abend wollte sie mit Olli, ihrem Freund aus Berlin, auf ein großes Fest gehen. Sie hatte nur wenige Fahrten, zwischendurch genug Pausen, es war keiner von diesen Streßtagen, an denen sie kaum Zeit zu essen hatte und nur während der Fahrt schnell eine Semmel herunterschlingen konnte.
Im Münchner Institut für Rechtsmedizin machten sich zwei Pathologen daran, den Toten zu sezieren. Werner Karg und sein Kollege Prantl untersuchten ihn erst äußerlich, dann öffneten sie die Leiche. Alle Beobachtungen sprachen sie in ein Diktiergerät. Was dieses allerdings nicht aufzeichnete, war der Gesichtsausdruck der beiden Mediziner. Eine Leiche mit solchen Verletzungen hatten sie noch nie gesehen. Das Gesicht war übersät mit Schnitten unterschiedlicher Tiefe. Es fehlten Hautstücke, auf der rechten Wange war der Knochen zu sehen, das Fleisch war merkwürdig krumm herausgeschnitten worden. Dazu Brandwunden. Schwellungen und Verfärbungen, die von Schlägen herrührten. Am ganzen Oberkörper und den Armen die gleichen Wunden. Ein Folter-Martyrium, das Stunden gedauert haben mußte.
Im Autoradio erklärte eine Sprecherin, daß hunderte Ostdeutsche in Botschaften der Bundesrepublik in Ungarn und Ostberlin geflüchtet waren, um so ihre Ausreise zu erzwingen. Wieder eine dieser merkwürdigen Nachrichten, so als löste sich der Ostblock gerade auf. Sie mußte Olli fragen, ob er das schon gehört hatte. Nur ein Teil seiner Familie kam aus Westberlin, der andere lebte abgeschnitten jenseits der Mauer.
Es war Abend und Jana fuhr vom Set nach Hause. Sie kam wieder an der Baugrube vorbei. Inzwischen waren weiße Planen aufgehängt worden, um die Sicht zu verdecken. Mit rotgestreiften Bändern war der Raum vor der Baustelle abgesperrt worden. Polizeiautos parkten in einer Reihe, Beamte in Uniform und Zivil liefen herum.
Was war hier vorgefallen?
Sie war später weggekommen als geplant, der Dreh hatte bis sieben gedauert. Jetzt mußte sie Miriam, ihrer Mitbewohnerin, noch bei etwas helfen. Jana wohnte in einer Wohngemeinschaft, die aus drei Zimmern, einer großen Küche und einem Bad bestand. Sie bewohnte das Zimmer am Ende des Ganges. Ein großer Raum, Dielenboden, zwei Doppelglas-Fenster mit Holzrahmen. Sie hatte nicht viele Möbel, war aber gemütlich eingerichtet. Am Boden standen Stapel von Comics, überall lagen verstreut Zeichenutensilien, Blöcke unterschiedlicher Größe, Farbstifte, Tuschegefäße.
In der geräumigen Küche stand ein schöner alter Tisch. Weder ihre Mitbewohnerin noch der Typ im vorderen Zimmer, der fast nie da war, nahmen je etwas aus dem Kühlschrank, was nicht ihres war, jedenfalls nicht, ohne vorher zu fragen. Sie hielten sich an den Putzplan. Jana hatte vorher schon in zwei anderen Wohngemeinschaften gewohnt, wo das anders gewesen war. Hier war alles ziemlich perfekt. Besonders mit Miriam verstand sie sich gut.
Nun mußte sie mit ihr die restlichen Sachen holen, die noch in der Wohnung von Miriams Exfreundes lagen, der sie schon mehrfach geschlagen und ihr einmal ein blaues Auge verpaßt hatte. Miriam hatte ziemlich Angst, brauchte die Sachen aber dringend. Jana hatte ihr angeboten, sie zu begleiten. Also fuhren sie gemeinsam hin, der Typ wartete schon, gereizt wie immer. Als er sah, daß Jana dabei war, war ihm anzusehen, daß er sich die Sache noch einmal überlegte. Er entschied sich dann, nur ein paar beleidigte Bemerkungen abzulassen. Jana wirkte nicht wie ein Mädchen, das sich herumschubsen ließ. Sehnige Figur mit wacher Körperspannung, wie zum Sprung bereit. Schwarze Kleidung, ein Punk-T-Shirt, Springerstiefel. Er sah das Pfefferspray nicht, das Jana in ihrer Hand hielt, aber er spürte, daß sie bereit war, etwas zu tun, was ihm nicht gefallen würde.
Alles lief ohne Zwischenfälle ab. Ihre Mitbewohnerin hatte ihre Sachen, sie sprangen in Janas roten Golf und brausten davon.
Zu Hause duschte Jana und zog sich etwas Frisches an. Dann saß sie wieder in ihrem Wagen und fuhr zu Olli, den sie vor drei Monaten am Set in Berlin kennengelernt hatte und mit dem sie seit einiger Zeit eine lockere Beziehung hatte. Er war Beleuchter und schlief meistens bei ihr, wohnte aber eigentlich bei seinem Kumpel Moritz in Laim, wohin sie jetzt unterwegs war, um ihn abzuholen. Dort angekommen, klingelte sie zweimal und wartete im Wagen.
„Hallo, Süße, allet Paletti?“, fragte er, als er einstieg.
Sie lachte, dann küßten sie sich, und sie fuhr los.
„Wie war’s bei dir heute?“, fragte er.
Sie erzählte ihm von ihrem Drehtag. Ein Werbedreh für Skibekleidung. Eine kleine Produktionsfirma, die nur Werbung und Imagefilme machte und die darauf spezialisiert war, auch mit kleinen Budgets etwas anfangen zu können. Jana arbeitete regelmäßig für sie. Heute morgen hatte sie auf ihrer ersten Fahrt einen Schauspieler abgeholt, um ihn zum Drehort zu bringen. Ein kleiner Mann, freundlich und ruhig, so unscheinbar, daß er sich auf dem Rücksitz kaum vom Polster abhob. Am Set kam er in die Maske, dann rein ins Kostüm, immer noch kaum zu bemerken. Dann wurde gedreht und als hätte jemand einen Schalter umgelegt, strahlte er plötzlich, zog alle Blicke auf sich, war charismatisch und unwiderstehlich. Einstellung vorbei, wieder graue Maus. Sie hatte diese Verwandlung schon früher erlebt, aber heute war es besonders auffällig. Nicht alle Schauspieler waren so. Nicht selten waren sie von der nervigen Sorte und besaßen keinen Aus-Schalter, jedenfalls nicht, wenn sie hinten im Wagen bei Jana saßen und das Stück beleidigtes Genie oder gekränkter Meister zum Besten gaben. Schauspieler waren jedenfalls nicht der Grund, warum Jana so gerne Produktionsfahrerin war.
Am Tiergarten fuhren sie über die Isar, dann bog Jana rechts ein und folgte der Straße. Es ging vorbei an der Abzweigung zu dem Sanatorium, das im Wald lag. Die Zufahrt war zugewachsen, und so oft sie auch hier vorbeikam, hatte sie niemals gesehen, daß jemand den Weg nahm. Sie erreichte Geiselgasteig, links kam jetzt die Zufahrt zum Filmzentrum. Jana fuhr daran vorbei, bog dann aber gleich links in die Straße ein, die von alten Bäumen gesäumt wurde. Prachtvolle Häuser lagen hier hinter undurchdringlichen Hecken, und die polierten Klingelschilder blieben überwiegend ohne Namen. Hier begann Grünwald, der Vorort Münchens, in dem viele Filmleute lebten und andere Reiche und Schöne, die sich regelmäßig in den Klatschspalten wiederfanden.
Hier wohnten viele, die in die großzügigen Villen und weitläufigen Gärten schon hineingeboren worden waren. Das war für sie nicht immer ein Vorteil, weil nicht wenige dieser Zöglinge von ihren Eltern schnell in englische Internate für Schwererziehbare mit Drogenproblemen abgeschoben wurden. Aber von außen betrachtet waren die gepflegten Grundstücke, an denen Jana auf der Suche nach einem Parkplatz nun vorbeifuhr, die reine Pracht.
„Palazzi Protzi“, sagte Olli.
Nun konnte es nicht mehr weit sein, die Straße war vollkommen zugeparkt. Viele teure Mercedes und Porsches, Ferraris mit geöffnetem Verdeck, die meisten Wagen waren Oberklasse. Janas Golf fiel hier unter die Kategorie Schrottlaube.
Sie quetschte sich zwischen einen Baum und ein Fiat-Cabrio, an dessen Rückspiegel ein Elvis in einem weißen Las Vegas-Kostüm hing.
Party bei Winkler
Es war das letzte Haus in der Straße. Sie gingen ein paar Schritte bis zur breiten Auffahrt, die hell beleuchtet war. Am Eingangstor mußten sie ihre Namen nennen, und man schaute auf einer Liste nach.
„Jana Wolf und Olli Becker“. Der Produktionsleiter Michael Gerstmann, ein Freund von Jana, hatte dafür gesorgt, daß der Gastgeber Winkler sie auch auf die Liste setzten ließ.
Sie gingen die Auffahrt hoch, zusammen mit anderen Gästen der Musik und dem großen Haus entgegen, das etwas erhöht stand. Hinein ins Getümmel der Party, die schon wogte unter dem Sternenhimmel einer warmen Münchner Nacht.
„Laß uns dorthin gehen“, sagte Jana zu Olli.
Es zog sie zu einem der Tische, die am Rand des weitläufigen, parkähnlichen Gartens standen, bei den hohen Bäumen, hinter denen eine breite Hecke kam, die das Grundstück vom Wald trennte. Vor ihnen lag der weite Rasen mit dutzenden Tischen. Oberhalb davon der große, unter Wasser beleuchtete Swimmingpool, dann die breite Terrasse und dahinter das prachtvolle Haus, das aus allen Fenstern in die Nacht hinaus strahlte. Im Garten brannten überall mannshohe Fackeln, auf den Tischen Kerzen. Ein DJ legte Musik auf. An mehreren Bars mixten Barkeeper auf Zuruf Cocktails, Kellner mit weißen Schürzen gingen umher und servierten Getränke. Am opulenten Dallmayr-Buffet reichten Köche feine italienische Speisen auf weißem Porzellan.
Es mußten weit über zweihundert Gäste sein, die sich hier eingefunden hatten.
„Ich mach mal ne Runde, such mal die anderen“, sagte Olli und stand auf, „Du kommst klar, Süße?“
Ja. Sie nickte. Sie kam klar. Und es wunderte sie nicht, daß er gleich wieder aufsprang. Auch wenn sie gehofft hatte, daß er wenigsten heute abend weniger unruhig sein würde als die letzte Zeit über. Daß sie heute zusammen feierten. Olli verschwand im Getümmel.
Jana fand, daß es Zeit war, etwas gegen ihren Hunger zu tun und steuerte die Terrasse an. Sie trug eine schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt mit dem Aufdruck Ramones und Springerstiefel. Damit hatte sie sich weniger in Schale geworfen als alle anderen Gäste, als all die Schönen des Films, die beim alljährlichen Sommerfest des Produzenten Wilhelm Winkler zeigen wollten, wie gut es ihnen ging. Man sah Anzüge von Armani, aufwendige Kleider mit Blumenmustern, Seidenblusen mit gewagten Schnitten.
Das Buffet ließ keine Wünsche offen. Sie wählte in Ruhe aus und ließ sich die Köstlichkeiten anrichten. Als sie mit dem Teller und einem kühlen Hellen zurück zu ihrem Tisch ging, hörte sie eine Stimme.
„Hey, Jana!“
Sie drehte den Kopf und sah den Produktionsleiter Michael Gerstmann, der sie auf die Einladungsliste gesetzt hatte, und der ihr zuwinkte, sie solle zu ihnen kommen. An seinem Tisch saßen auch andere, mit denen sie schon gedreht hatte, eine Aufnahmeleiterin, ein Kameraassistent und außerdem zwei Männer, die sie nicht kannte.
„Hallo“, sagte sie und setzte sich zu Michael, der ihr einen Stuhl hinschob.
„Mahlzeit“, sagte der ältere Mann im schwarzen Anzug, und zeigte auf sich selbst.
„Ich bin Max Helmer, Produzent. Und das neben mir ist Arthur, der Autor“, sagte er, schob dann „Arthur the author“ auf englisch nach und lachte.
„Hallo“, sagte Jana.
„Servus“, erwiderte Arthur. Er trug einen blauen Leinenanzug, der ihm gut stand. Er hatte einen intelligenten Blick.
Die anderen unterhielten sich, und Jana machte sich erst über das Vitello Tonnato und dann über die erstklassige Lasagne auf ihrem Teller her. Zum Abschluß widmete sie sich einem schönen Stück Tiramisu. Der Kakao schimmerte matt und verführerisch. Die Dessertgabel glitt durch die verschiedenen Schichten, durch Mascarpone und getränkten Biskuit, und Jana genoß jeden Bissen. Sie blickte zu Arthur, der blickte zurück. Das kühle Augustiner Edelstoff, ihr Lieblingsbier, schmeckte vorzüglich.
Vom Garten aus, wo sie saßen, blickte sie auf die Terrasse, die von Palmen in großen Töpfen flankiert wurde. Überall saßen Leute zusammen, aßen, tranken, rauchten, unterhielten sich. Sehr kurze Miniröcke über langen Beinen zogen Blicke auf sich, leicht gebräunte, durchtrainierte Schauspieleroberkörper in weißen T-Shirts zu Anzughosen ebenso. Man pflegte Kontakte, manchmal auch Freundschaften, sagte sich Bosheiten, tauschte den neuesten Branchenklatsch aus und streute Gerüchte. Was wurde gerade produziert, wer hatte Mist gebaut, wer ging Pleite, wer machte ein Vermögen. Immer wieder drang schrilles Lachen durch das Gemurmel, Namen wurden gerufen, das Fest lief glänzend.
Als sie gegessen hatte, hatte sich das Gesprächsthema auf den Gastgeber verlagert.
„Ich weiß nicht, wo der all das Geld her nimmt“, sagte Helmer, „aber jedes Jahr dieses Fest, er investiert ja auch ständig, was man so hört.“
„Ja, und versenkt ziemlich viel“, sagte Gerstmann. „und zwar zielsicher. Rösler vom Filmzentrum sagte mir, wenn er höre, daß Winkler sich irgendwo beteiligt, weiß er, daß der Film nichts wird.“
„Ja“, meinte Arthur, „ein Pleitenspürhund. Für seine neue Serie soll bald Drehbeginn sein. Da können wir gespannt sein“, sagte Arthur, „Wenn er ein Film wäre, müßte man ihn so pitchen: Schweinsäuglein meets Fleischmütze des Grauens“, sagte Arthur. Am Tisch brach Gelächter aus, auch Jana konnte sich nicht mehr halten.
Er blickte zur Terrasse. „Wenn man vom Teufel spricht ...“, sagte er. Alle sahen zu dem Mann hin, der einen schwarzen Anzug mit Fliege trug. Er war klein und stämmig und gestikulierte raumgreifend mit seinen Armen. Er mochte Mitte fünfzig sein, hatte keine Haare mehr und tief in den Höhlen liegende, kleine Augen. Wilhelm Winkler war auf die Terrasse getreten und mit ihm seine Entourage. Die Leute in seiner Nähe grüßten ihn, gingen zu ihm hin, es wurden Hände geschüttelt, und man machte ihm die Aufwartung. Winkler hielt Hof und man merkte, daß er in seinem Element war. Aller Augen auf ihn gerichtet. Jeder wollte auf seinem jährlichen Sommerfest sein, wer eine Einladung bekam, war jemand in der Branche. Hier mußte man sein.
So sehr Winkler in der Aufmerksamkeit badete, so froh war Jana, daß sie am Rand saß und alles von weitem beobachten konnte. Sie war nicht beim Film, weil sie wie Winkler war. Im Gegenteil. Sie wollte nicht die Weltherrschaft, sondern ihre Unabhängigkeit. Zwar galt die strenge Hierarchie beim Film auch für sie, aber Fahrer waren dem weniger ausgesetzt, weil sie doch die meiste Zeit unterwegs waren oder warteten. Sie war nie im Zentrum, wo sich der Streß konzentrierte, beim Regisseur und beim Kameramann. Natürlich hatte sie auch mit ekelhaften Aufnahmeleitern, launigen Schauspielern und zurückgebliebenen Blendern in allen Abteilungen zu tun, die durch Beziehungen auf ihre Positionen gelangt waren. Aber nie allzu lange. Dann gab es wieder ein neues Team. Nur einmal mußte sie wochenlang mit einer ausgesprochenen Mist-Crew drehen. Ein übellauniges Schicksal schien für jeden Posten die blödesten Personen aus ganz Deutschland versammelt zu haben. Das war unangenehm, aber sie hielt sich heraus, soweit es ging, machte möglichst professionell ihre Arbeit und versuchte, dabei niemandem auf die Nerven zu gehen. Während die Produktion lief, trank und kiffte sie nicht, Koks oder Speed nahm sie generell nicht. Sie war pünktlich. Sie stand nicht im Weg. Sie baute keine Unfälle. Sie konnte alles mit vier Rädern fahren, auch Siebeneinhalbtonner flüssig rückwärts einparken. Sie machte ihren Job gut.
Überall wogte die Party, überall Gespräche und Gelächter. Und Olli nicht bei ihr. Wo war er? Sie sagte, sie schaue einmal nach ihm, stand auf und ging zur Terrasse, sah sich dort um, suchte ihn dann am Haus. Hier und da grüßte sie Leute. Eine Schauspielerin, die sie kannte, kam ihr entgegen und deutete schmatzend ein Bussi-Bussi an.
„Hast du Olli irgendwo gesehen?“, fragte Jana.
„Also vorhin war er noch da hinten ...“, sie griff sich an die Nase, machte ein Snief-Geräusch und wies mit dem Kopf in Richtung der hinteren Räume. Ihr Grinsen und ihr starrer Blick ließen vermuten, daß sie sich auch gerade schon bedient hatte.
„Danke“, sagte Jana, „wir sehen uns.“
Ein Gang führte ins Haus, sie folgte ihm, bis sie zu einer Tür kam, die offen stand. Im Türrahmen lehnte ein hochgewachsener Typ mit dünnen, blonden Haaren. Er trug einen dreiteiligen Anzug, der für Janas Geschmack etwas zu sehr glänzte. Er legte den Arm an den Türrahmen und verwehrte ihr so den Eintritt.
„Bitte, junge Dame, Sie wünschen?“, sagte er ironisch und abweisend.
Sie blickte an ihm vorbei, sah in den großen Raum, der als Spielzimmer eingerichtet war. Zwei Billardtische, mehrere Kartentische, entlang der Wände Sofas und Sessel, davor niedrige Glastische. Überall saßen und standen die Gäste, auf den Tischen Päckchen mit Gras und Tabak, Koks und Tabletten, Gläser mit Champagner und Whisky. Sie hörte das Stakkato, mit dem eine Kreditkarte auf einen Tisch klopfte.
Sie sah Olli an einem der Tische, er winkte zu ihr rüber.
„Ist okay, Frank!“, rief er.
Aber Jana bedeutete ihm, zu ihr zu kommen. Dann ging sie zurück auf die Terrasse.
Zu Durroux sagte sie: „Von dir gar nichts, Junge.“
Olli kam ihr nach, sie sah den stieren Blick in seinen Augen.
„Ich dachte, du wolltest es mit dem Koks langsamer angehen lassen.“
„Na, wenn die hier so damit um sich werfen, sag ich auch nicht nein.“, antwortete er und grinste.
„Wer war denn der Blonde?“
„Frank Durroux. Arbeitet für Willi Winkler. Ist eigentlich ganz nett“, sagte er.
„Zu mir nicht“, sagte Jana.
„Ach komm, das war sicher nur Spaß. Der hat sich auch schon was reingezogen, wir feiern doch alle.“
„Kommst du jetzt mit mir?“, fragte sie.
„Nee, da drin ist es gerade super, bißchen später, okay?“
„Wenn du nur da drin bist, werde ich hier nicht alt“, sagte Jana.
Olli zog ein Gesicht.
„Es fängt doch gerade erst an. Ist doch wirklich ein tolles Fest. So was ist ja auch nicht jeden Tag. Meine Berliner Kumpels kommen vielleicht auch noch. Komm schon.“
„Wie du meinst. Ich bleibe jedenfalls nicht mehr lange.“, sagte sie. „Schläfst du dann bei mir?“
„Ja, Süße, mach ich, wird aber vielleicht spät.“ Sie küßten sich zum Abschied. Er zog sie dabei an sich. Aber sie spürte, daß er nicht bei ihr war.
Er steuerte wieder sein Spielzimmer an. Sie ging zurück in den Garten, schlenderte herum, atmete die Nachtluft, die nach Wald roch, wenn sie nicht gerade am Qualm all der Zigaretten und Joints vorbeiging, die um sie herum brannten. Sie schaute nach Leuten, die sie kannte, fand aber weder Michael Gerstmann noch die anderen.
Vielleicht war es Zeit zu gehen. Olli wollte sich ohnehin lieber ohne sie zudröhnen. Den kleinen Joint, den sie dabei gehabt hatte, um ihn mit Olli zu rauchen, würde sie nun eben zu Hause alleine rauchen. Und dazu noch ein Augustiner trinken.
Als sie zur Einfahrt kam, herrschte dort reges Treiben. Autos suchten Parkmöglichkeiten, Taxis hielten und ließen Gäste aussteigen, die dann die Auffahrt hochgingen.
Auch Frank Durroux stand auf der Straße bei einem schwarzen Dreier-BMW und unterhielt sich mit zwei Männern. Sie sah, wie er ein Päckchen annahm. Ihre Blicke kreuzten sich. Es gefiel ihm nicht, daß sie gerade jetzt hier vorbei kam. Sie ging an den dreien vorbei, ohne sie weiter zu beachten. Sie kannte auch die beiden anderen. Der eine war Charlie, der Dealer, der regelmäßig an Drehorten auftauchte und offenbar viele Leute kannte. Der andere hieß Kerndl und war sein Aufpasser. Wenn man ihn sah, hinterließ er einen bleibenden Eindruck. Ziemlich klein, aber muskulös, zerschlagenes Gesicht, Blumenkohlohren, Boxernase, links nur eine halbe Augenbraue.
Als sie auf ihren Wagen zuging, sah sie, daß im Fiat-Cabrio, neben dem sie geparkt hatte, jemand saß, der gerade den Motor anließ. Sie erkannte, daß es Arthur war.
„Du mußt aufpassen, daß dein Elvis nicht wegfliegt, wenn das Dach offen ist“, sagte sie.
Er lächelte sie an.
„Der kann nicht wegfliegen, der ist zu schwer. Das ist der späte Elvis. Der dicke Elvis.“
„Ist das dein Talisman?“, fragte Jana.
„Genau, so was in der Art. Bringt Glück und vertreibt böse Geister.“
„Gibt es in dieser Gegend viele davon?“, fragte sie.
„Ja“, sagte er, „hier wohnen die Filmleute.“
Als sie im Wagen saß und Richtung München fuhr, fiel ihr ein, woran sie Durroux erinnerte. Er hatte das hagere, versteinerte Gesicht, an dem man die harten Kokser erkannte. Mit ausgebrannten, seelenlosen Augen. Aber in Durroux’ Blick lag noch etwas anderes, sie wußte nicht, was es war, nur, daß es ihr nicht gefiel.
Daß Olli dort geblieben war, war nicht das Problem, sondern warum er geblieben war. Sie machte sich keine Sorgen, daß er eine andere abschleppen könnte. Dabei gefiel er vielen Frauen. Jung, gutaussehend, locker, Typ Sonnyboy. Was an ihr nagte, war, daß er sich in letzter Zeit in genau den Typus verwandelte, den sie beim Film gerade nicht mochte. Und so war er vorher gerade nicht gewesen. Vor ein paar Monaten hätte er mit Durroux überhaupt nichts anfangen können. Jetzt ließ er sie wegen ihm alleine nach Hause fahren.
Sie hatte Olli bei einem Dreh in Berlin kennengelernt. Er hatte dort für eine gute Beleuchter-Crew gearbeitet. Als Beleuchter schleppte er den ganzen Tag im Rekordtempo die großen Scheinwerfer, die Brenner, die Stative und die Kabel. Sie waren immer früh am Set, bauten schnell auf, tagsüber schnell um, abends schnell ab. Wenn am Set nicht weitergedreht wurde, lag es nicht selten an dieser Abteilung, weil es eben dauerte, bis neu eingeleuchtet war. Harte Arbeit. Und die Beleuchter waren die, die wußten, wie man das Licht setzen mußte, damit es so aussah, wie der Regisseur und der Kameramann es wollten. Sie waren Lichtkünstler, wenigsten einige von ihnen, und die guten Oberbeleuchter waren sehr gefragt.
Sie mochte seinen harten Körper, seine unbeschwerte Art, seine Berliner Lockerheit. Aber Kokain machte schneller abhängig als Heroin und gab man dem nettesten Beleuchter, den man finden konnte, Koks, wurde sogar aus ihm schneller ein Arschloch, als man schauen konnte.
Sie kam am Haus der Kunst vorbei, dann überquerte sie die Ludwigstraße, auf der nur ein einsamer Radler unterwegs war. Dann bog sie in die Amalienstraße ein und kam zu der Baustelle, die zur Straße hin abgesperrt war. Niemand war zu sehen. Sie parkte und ging zum Rand der Baugrube. Eine Plane hatte sich etwas gelöst und gab die Sicht frei. Etwa fünf Meter unter ihr war die geschotterte Fläche, in der eine längliche Mulde zu sehen war. Sie fragte sich, was hier passiert sein mochte. Sie wußte nicht, daß hier ein Mensch verscharrt worden war, um mit Beton zugeschüttet zu werden, um in einem für hundert Jahre undurchdringlichen, steinernen Grab verhüllt zu werden, auf dem dann Menschen leben würden, die nicht wußten, daß unter ihnen ein namenloser Toter lag.
Plötzlich wurde Jana bewußt, daß sie unglaublich traurig war. Sie hätte heulen können. Wieder einmal entwickelte sich eine Beziehung, die vielversprechend begonnen hatte, nicht so, wie sie es sich gewünscht hätte.
Sie riß sich los von dem Blick nach unten, ins Dunkle, der sie sogartig fesselte und ging zu ihrem Wagen und fuhr heim.
In der Gerichtsmedizin
Jana hatte bereits zu Mittag gegessen, als Olli am nächsten Tag zu ihr kam. Er war völlig übermüdet und hatte eine Whisky-Fahne. Als erstes machte er sich ein Bier auf, dann drehte er sich einen Joint. Jana wußte nicht, daß es bereits sein dritter war, seit es hell geworden war. Das Problem war das Runterkommen nach dem High. Endlich schlafen können, wenn der Körper längst ausgelaugt war und das Hirn sich in sinnlosen Kreisen drehte.
Trotz ihrer Zweifel war Jana froh, ihn zu sehen.
Sie saß in der Küche, er ging hektisch auf und ab.
„Die suchen einen Beleuchter bei ihrer Produktionsfirma. Frank Durroux ist dort Produktionsleiter. Die machen eine Pilot-Folge für eine Serie. Sie haben mir einen Job angeboten. Hört sich nicht schlecht an.“
„Ich mache mal Kaffee“, sagte sie.
Den Nachmittag über sprachen sie wenig miteinander. Es war sinnlos, solange er so nervös war. Er war mit sich selbst beschäftigt.
Sie ging in den Englischen Garten laufen, in den großzügigen Park mitten in München, den sie liebte. Sie lief dort regelmäßig. Sie konnte dabei gut nachdenken, die Gedanken kamen und gingen. Die Bewegung tat ihr gut, sie baute so Streß ab. Als sie nach dem Laufen nach Hause kam, schlief er bereits.
Am Montag sagte Olli den neuen Job zu. Er meinte, daß er eine Zeitlang nichts gegen eine Daily Soap einzuwenden hätte. In der Branche kannten alle die Vorteile. Es war nine to five für Filmleute. Eine geregelte Arbeitszeit, keine Überstunden, keine Arbeit am Wochenende, leichte Dreharbeiten, weil man täglich viel Sendezeit drehen mußte, und das ging nur, weil vieles gleich blieb und man nicht allzu pingelig war. Das Licht war leicht zu setzen. Knallhell, voll ausgeleuchtet, keine Tiefe. Daily Soap-Licht eben.
Der Nachteil war, daß man seinen Namen mit etwas wenig Anspruchsvollem in Verbindung brachte und man dann vielleicht nicht mehr für Kinoproduktionen engagiert wurde, was die meisten Filmschaffenden wollten, zumindest irgendwann einmal. Werbung machten hingegen alle, weil das sehr gut bezahlt war.
Dagegen, daß ein solcher Daily Soap-Job seine Vorteile hatte, konnte Jana nichts sagen. Sie wollte schon, daß er in der Münchner Filmszene zurecht kam und als Beleuchter Jobs bekam. Aber mußten es ausgerechnet diese Typen sein? Als Olli sagte, sie werde schon noch sehen, daß Frank schon ganz in Ordnung sei, meinte sie, das glaube sie nicht.
Der Fund der Leiche hatte für Aufregung im Polizeipräsidium gesorgt, bis ganz nach oben. Das hieß für Arnold Gassinger, daß er die Ermittlungen nicht so frei führen konnte, wie er es sich gewünscht hätte. Man würde ihm dabei immer über die Schulter schauen, auch wenn er der leitende Beamte war, sobald es sich um Mord handelte. Doch der Polizeipräsident sah es als seine Aufgabe an, seinen Untergebenen mehr als nur beratend zur Seite zu stehen. Und die Ruhe in der Bevölkerung war für ihn ein hohes Gut, das man nicht leichtfertig und durch unangebrachten Aktionismus aufs Spiel setzen durfte.
Die Wahlen hatten zwar gerade stattgefunden, aber im Rathaus und in der Staatskanzlei war man schlechten Nachrichten immer abgeneigt. Es mußte grundsätzlich vermieden werden, daß die Kravallblätter von einer „Folter-Leiche auf Luxus-Baustelle“ berichteten und daß die Zeitungen, die vorgaben, seriös zu berichten, sich in langen Artikeln über böse Spekulanten ausließen und der Polizei Unfähigkeit unterstellten.
Genau auf solche Gefahren war Gassinger von seinem Vorgesetzten aufmerksam gemacht worden. Der hatte ihm auch gleich das wahrscheinlichste Ermittlungsergebnis mitgeteilt. Es handelte sich um eine Einzeltat, bedauerlich natürlich, aber beruhigenderweise ohne Zusammenhang mit irgend etwas außer vielleicht dem Täter. Aber Gassinger war schon lange im Geschäft. Er hatte nicht nur einmal erlebt, daß beim Erklimmen der Karriereleiter eine wundersame Verwandlung vom kompromißlosen Bullen in ein weitsichtiges und alles abwägendes politisches Wesen stattfand.
Und was die Ermittlungen anging, schufen ein paar Photos, die zur rechten Zeit auf geheimnisvolle Weise den Weg zu einer Zeitung fanden, unabweisbare Fakten.
Als er wieder in sein Büro trat, wartete sein Assistent Rudolf Wörl bereits mit dem Obduktionsbericht auf ihn. Gassinger vertiefte sich darin und als er damit fertig war, machte er sich auf den Weg zu Dr. Werner Karg, dem Rechtsmediziner, der um diese Zeit im Institut war.
Er fand ihn in dem kleinen Büro, das neben den gekachelten und mit stählernen Tischen versehenen Sezierräumen lag. Der Arzt war hager und sehnig, er wirkte wie ein Marathonläufer, hatte aber für Sport jeder Art nur Verachtung übrig. Dafür rauchte er drei Packungen Zigaretten täglich.
Er bot Gassinger einen Stuhl an.
„Einen Kaffee?“, fragte er.
„Danke, mach dir keine Mühe.“, antwortete Gassinger.
„Interessant, oder? Hatten wir so was schon mal?“
„Nein, sieht nicht so aus. Im Bericht ist die Rede von über fünfzig Einzelverletzungen. Und die Todesursache ist ein Stich durchs rechte Auge.“, sagte Gassinger.
„Ja, genau.“, antwortete Werner Karg.
„Dann mal raus damit, laß hören“, meinte Gassinger.
Deswegen war er zu Karg gegangen. Ihn interessierte, was er ihm im persönlichen Gespräch sagen würde, Vermutungen aller Art, vielleicht auch nur Eindrücke, die Rückschlüsse auf den Täter geben konnten. Er wollte gerade auch das wissen, was vielleicht nicht im Bericht stand, weil es zu spekulativ war.
„Todeszeitpunkt etwa 24 Stunden vor dem Fund. Womit wir es zu tun haben, ist eine Folterung. Das Ganze hat sich über mehrere Stunden hingezogen, vier bis fünf. Das Opfer wurde auf einem Stuhl fixiert, und zwar an den Füßen, an den Händen und am Hals. Der letale Stich durchs Auge wurde mit einer Art Dolch ausgeführt, der nicht besonders scharf war. Die anderen Schnittverletzungen wurde mit zwei verschiedenen Werkzeugen zugefügt, einem ziemlich stumpfen Messer, vielleicht einem Kochmesser, und einem sehr scharfen Messer, könnte ein Skalpell gewesen sein. Die Brandverletzungen wurden mit Zigaretten, Zigarren und offenen Feuerquellen, zum Beispiel Feuerzeugen, beigebracht. Der Folterer hat kein medizinisches Fachwissen. Ein Koch ist da auch nicht dabei. Ich würde eher unter Grobmotorikern suchen.“ Er lächelte nicht ohne Bitterkeit.
„Sprich weiter“, sagte Gassinger.
Der Mediziner zündete sich eine neue Zigarette an der alten an.
„Also, man muß es schon aushalten können, einen Menschen so lange leiden zu sehen. Das Opfer muß mehrfach vor Schmerz ohnmächtig geworden sein. Dann hat man gewartet, bis es wieder bei Bewußtsein war – und weitergemacht.“
„Und das Koks im Blut?“, fragte Gassinger.
„Das wurde zuletzt einen Tag vor den Verletzungen eingenommen, allerdings nicht regelmäßig. Und nur eine geringe Menge. Wie jemand, der es einmal probiert. Koks wäre auch kontraproduktiv – jedenfalls aus Sicht der Täter. Die wollten Schmerz erzeugen.“
„Also ein Rachemotiv?“, fragte Gassinger.
„Möglich. Aber eher kühl ausgeführt. Kein Affekt. Ein Sozio- oder Psychopath. Oder ein Auftrag.“
„Mafia?“, fragte Gassinger.
„Die foltern zwar, aber dann sieht das anders aus. Ich kann es dir nicht sagen. Sicher ist nur, wer immer beteiligt ist, zeichnet sich durch außergewöhnliche Empathielosigkeit aus. Ich meine, ich bin kein Psychiater. Aber das ist leicht zu sehen. Hier sind wir am oberen Ende der Skala. Extremer Narzißmus. Extremer Sadismus. Sehr gefährlich.“
Bei ARRI
Jana war häufig bei ARRI, das war ein ganzer Gebäudekomplex, in dem sich auch Studios und eine Post-Production befanden. Sie mußte dort meistens zum Kameraverleih. Die meisten Münchner, die dort hingingen, wollten ins gleichnamige Kino, das einen modernen Vorführsaal mit bequemen Sesseln hatte. Die wenigsten wußten, daß Arnold und Richter auch erstklassige Filmkameras bauten und dafür ständig Oscars bekamen. Die Münchner Produktionen liehen sich die ARRI-Kameras und die passende Ausrüstung dann eben beim Kameraverleih.
Es war Aufgabe der Kameraassistenten, das Material abzuholen, meist am Tag vor Produktionsbeginn, und es dann gleich dort zu testen. Dafür gab es einen Raum neben der Ausgabe, wo sie die Kamera aufbauten, eine Optik daraufschraubten und dann auf eine Wand sahen, wo eine Graphik aufgemalt war, die ein wenig so aussah wie ein Testbild im Fernsehen. Wenn die Produktion viel Geld hatte, nahmen sie eine 35 mm-Kamera. Die Kamera, aber auch die passenden Objektive, kosteten mehr Miete, außerdem ging natürlich das Material ins Geld, dafür war die Bildqualität unvergleichlich gut. Wenn weniger Geld da war oder ohnehin fürs Fernsehen produziert wurde, wählte man die 16 mm-Variante.
Das Testen der Ausrüstung war nicht nur wichtig, damit die Kameraassistenten nicht mit fehlerhaftem Equipment zum Dreh kamen und dann der ganze Drehtag im Eimer war, sondern auch, weil es teuer wurde, wenn etwas kaputt war. Wenn in Wohnungen oder Häusern gedreht wurde, rechneten die Produzenten eine Summe für Schäden mit ein, weil erfahrungsgemäß immer eine Vase zu Bruch ging, ein Stativ durch ein Fenster kippte oder ein Produktionsfahrer einen Zaun umfuhr. Das machte das Filmgeschäft genau aus: mörderischer Streß, wobei jeder Fehler fatal sein konnte, gewürzt mit einer ordentlichen Prise Streit.
Jana lernte früh, daß es wichtig war, daß der Ruf alles war und sich Fehler in Windeseile herumsprachen. Ein Fahrer, der mehrfach irgendwo dagegen rumpelte, konnte sich etwas anderes suchen. Ein Regieassistent, der keine Menschenmassen dirigieren konnte, war für den Job ungeeignet, ein Produktionsleiter, der, wenn jemand plötzlich ausfiel, nicht ruckzuck einen Ersatz aus dem Hut zaubern konnte, war seiner Aufgabe eben nicht gewachsen.
Wenn Jana sich bei einer Produktionsfirma bewarb, für die sie noch nicht gearbeitet hatte, schaute sie dort natürlich zu Bürozeiten vorbei, wenn nicht gerade alle mitten im Produktionsstreß waren. Sie gab ihren Lebenslauf ab, auf dem ihre bisherigen Jobs aufgelistet waren. Die neue Firma rief dann einfach jemanden von der Liste an, in der Branche kannte ohnehin jeder jeden, und fragte nach Jana. Dann hieß es: das macht sie gut. Das reichte. Wenn dann jemand gebraucht wurde, bot man ihr den Job an. Natürlich für etwas zu wenig Geld, dann sagte Jana, es müsse schon ein wenig mehr sein, dann sagte man, ja aber die Produktion sei doch so schrecklich arm, dann sagte Jana, ja trotzdem, und dann bekam sie, was anständige Fahrer eben bekamen. In allen Abteilungen war es das gleiche, gute Leute kosteten eben gutes Geld. Die Amerikaner sagten: if you pay peanuts, you get monkeys.
Aber als Jana anfing, war alles neu und ungewohnt und besonders. Als sie das erste Mal bei ARRI war, lief ihr dort eine Fernsehmoderatorin über den Weg. In einem der Studios wurde täglich eine Nachmittags-Talkshow aufgezeichnet. Einmal schaute Jana zu, wie ein Anheizer das Publikum mit Witzen in Stimmung brachte, bevor es losging. Während die Show lief, leuchtete immer wieder ein Applausschild auf, damit das Publikum auch wußte, wann es zu klatschen hatte.
Ein Woche später war sie wieder bei ARRI, da wurde im Studio daneben ein Werbespot gedreht. Sie mußte eine Schauspielerin vom Flughafen Riem abholen, die aus London eingeflogen wurde. Sie spielte die Hausfrau, die sich enorm freute, daß der Pulli nach dem Waschen wieder so weich war. Jana hatte eine Zeitlang nichts zu tun, also schaute sie beim Drehen zu. Der Regisseur trug wallende weiße Gewänder und bewegte sich eigentümlich. Jemand sagte ihr, wer es war. Jana war beeindruckt. Er hatte zwei Münchner Fernsehserien gemacht, die jeder kannte. In einer wurde das München der Schickeria aufs Korn genommen, mit dem sie selbst immer mehr in Berührung kam.
Durch irgend etwas wurde der Dreh aufgehalten und als klar war, daß es etwas dauern würde, bis weitergedreht werden konnte, sagte der Regisseur, sie sollten ihn holen, wenn es weiterginge und ging einfach davon. Er wohnte auf der Rückseite des Studios und wartete offenbar lieber in seiner Wohnung.
Jana wurde bald klar, daß in der Filmbranche nicht alles so war, wie es schien. Und darum ging es natürlich auch: Dinge anders aussehen zu lassen, als sie waren. Daß das aber mitunter sehr viel weiter ging, als sie sich vorstellen konnte, sollte sie bald erfahren.
Jana
Gassinger fuhr wieder in sein Büro in der Ettstraße. Sein Assistent Wörl kam ins Zimmer.
„Interpol ist jetzt informiert, ich habe unsere Anfrage übermittelt“, sagte Wörl.
„Gut“, meinte Gassinger, „dann schau, ob irgendwo in Europa in der letzten Zeit etwas Vergleichbares passiert ist. Ich denke vor allem an Italien, Frankreich, Österreich, Schweiz. Frag dort auch an. Die haben vielleicht etwas, was nicht über Interpol läuft, vielleicht auch etwas Älteres. Haben sich ansonsten noch Anlieger gemeldet, haben die Befragungen am Fundort etwas gebracht, haben wir Aussagen, hat irgend jemand etwas gesehen?“
„Nein“, sagte Wörl, „wir haben nichts. Alle haben brav geschlafen.“
Gassinger seufzte. Jetzt mußte er auf die Ergebnisse aus der Forensik hoffen. Die Untersuchung der Plastikfolie, des Klebebandes und der Kleidung der Leiche. Ausweise, Schmuck oder irgendwelche anderen Hinweise auf die Identität des Toten waren nicht gefunden worden. Das Opfer wurde auf Mitte dreißig geschätzt. Gassinger hoffte auf brauchbare Fingerabdrücke oder irgend etwas anderes, das Rückschlüsse auf die Identität des Toten, auf den oder die Täter oder wenigstens auf den Tatort liefern konnte.
Es war abzusehen, daß die Ermittlungen schwieriger würden als bei den Tötungsdelikten, mit denen er sonst zu tun hatte. Mord aus Leidenschaft, Mord im Affekt, Eifersucht, Jähzorn, ein kurzes Aufflackern und dann ein Leben lang Reue. Beziehungstaten. In einer überwältigenden Mehrzahl der Fälle gab es ein Näheverhältnis zwischen Opfer und Täter. Hier konnte es auf den ersten Blick auch so wirken. Aber dies war nicht, was man Übertötung nannte, niemand hatte im Zorn oder aus lange gehegtem Haß zehnmal geschossen oder wie wahnsinnig auf das Opfer eingestochen. Hier paßte nichts zusammen, es gab extreme Gewalt und doch wirkte es gestellt und seltsam. Gassinger konnte sich das nicht erklären. Aber er mußte es verstehen, um den Fall zu lösen.
Zwischen Jana und Olli lief es wieder besser. Die neue Produktion, bei der Olli jetzt Scheinwerfer schleppte, ließ sich gut an. Er wirkte zufrieden. Sie drehten in den Bavaria-Studios. Mit dem Oberbeleuchter kam Olli gut klar, der Kameramann namens Rollmann war verträglich, und das Essen war gut. Wenn er vom Dreh kam, war er exzellent gelaunt. Aber schon nach wenigen Tagen war die schöne Zeit wieder vorbei.
Am Mittwoch kam Olli erst spät vom Dreh nach Hause, bleich, nervös, sie wußte gleich, was los war. Snief-snief. Am Donnerstag das gleiche. Sie saß in ihrem Zimmer und wartete, daß er zu ihr kam. Aber das Warten war anders als früher. Sie entfremdeten sich.
Es war die Phase zwischen zwei Drehs, die Ruhephase, an die sie sich immer erst wieder gewöhnen mußte, wenn sie gedreht hatte. So ging es jedem, vom Fahrer bis zum Produzenten. Eine ständige Anspannung während der Drehzeit, die schon vor dem ersten Drehtag begann. Dann dauernd auf Adrenalin mit Spitzen von extremem Streß. Nach dem letzten Drehtag fiel man in ein Loch. Eine seltsame Leere, die nur langsam in echte Entspannung überging. Genau in dieser Phase war Jana jetzt. Sie hatte ein paar Tage frei, bevor der nächste Dreh begann. Zeit, um über sich und Olli nachzudenken.
Sie war zurückhaltend und öffnete sich Menschen nicht leicht. Er war da ganz unverkrampft, locker, schnell, berlinerisch: Weeste, weeste, haste, kannste. Als sie sich bei dem Dreh in Berlin kennengelernt hatten, hatte Jana als Set-Aufnahmeleiterin gearbeitet, was sie sonst nicht machte. Sie war eingesprungen, weil jemand kurzfristig erkrankt war und der Produktionsleiter Michael Gerstmann schnell Ersatz gebraucht hatte. Es war ohnehin ein üblicher Weg, beim Film Karriere zu machen. Erst war man Fahrer. Im Laufe der Zeit und durch die Erfahrungen bei vielen Produktionen lernte man, welche Abteilungen es gab, welche Aufgaben zu welcher Position gehörten und wie die einzelnen Räder ineinandergriffen, damit die komplizierte Maschinerie, die die Dreharbeiten waren, reibungslos funktionierte. Als Fahrer hatte man sowieso dauernd vor allem mit der Produktionsabteilung zu tun, also mit Aufnahmeleitern und Produktionsleitern, die einem die Tagesdisposition und die Fahrten gaben. Man sah, was sie machten und wie sie es machten. Irgendwann traute man sich das selbst zu und bekam eine Chance, wenn man wollte. Manche machten vorher noch eine Assistenz. War man längere Zeit Aufnahmeleiter, konnte man Produktionsleiter werden, und dann vielleicht irgendwann Produzent.
Jana wollte bei dem Dreh in Berlin nicht Karriere machen, sondern Gerstmann einen Gefallen tun. Die Bezahlung stimmte auch, drei Wochen Dreh in Berlin waren eine nette Abwechslung, das Hotel war in Ordnung und die Crew war nett.
Bei diesem Dreh lernte sie Olli kennen. Zum ersten Mal sah sie ihn beim Catering. Er biß von einer Wurst ab und sagte, ohne eine Miene zu verziehen: „Gar nicht mal so lecker.“ Jana verschluckte sich fast vor Lachen. Er war lustig, er sah toll aus. Gesund, fröhlich, fit. Sie wollte ihren Olli zurück. Aber es war zu spät. Er hatte sich verändert oder sie oder sie beide, jedenfalls ging es so nicht weiter.
Am nächsten Tag sprach sie mit Olli.
„Ich brauche eine Veränderung. Ich kann so nicht weitermachen. Vielleicht sollten wir mal eine Auszeit nehmen“, sagte Jana.
„Willst du dich trennen?“, fragte Olli.
„Ehrlich gesagt, eigentlich schon.“
Olli war überrascht, aber er fiel nicht aus allen Wolken. Er hatte bemerkt, daß sie ihm gegenüber zuletzt anders gewesen war. Vielleicht hatte er insgeheim sogar damit gerechnet.
„Okay, dann sollte ich heute vielleicht lieber bei Moritz schlafen“, meinte Olli, „aber bei unserem Filmabend bleibt es, oder?“
„Ja, klar“, sagte Jana.
Keine von Janas Beziehungen hatte allzu lange gedauert. Sie konnte nicht sagen, wieso, aber ihre Freundschaften und Liebschaften endeten immer bald, nachdem die ersten Enttäuschungen einsetzten. Dabei fand sie nicht, daß sie zu schnell aufgab. Ihr Vertrauen wurde mißbraucht und sie zog sich zurück. Ein Fluchtimpuls, der sich ihrer bemächtigte. Wenn die Beziehung beendet war, blieb oft das Gefühl zurück, dem Falschen vertraut zu haben. Sie hatte sich so sehr gewünscht, daß es diesmal klappen würde, daß Olli einer war, der ihr Vertrauen verdiente.
Die Sache mit dem mißbrauchten Vertrauen zog sich schon durch ihr ganzes Leben.
Am Abend ihres 15. Geburtstages war ihr Vater wie so oft schwer betrunken nach Hause gekommen, doch diesmal war es nicht beim üblichen Spannen geblieben. Diesmal bedrängte er sie körperlich und ließ keinen Zweifel daran, wie es weitergehen sollte. Aber sie schrie wie am Spieß und biß in seine Hand, als er versuchte, ihr den Mund zuzuhalten. Sie riß ihr Knie hoch, traf ihn gut und konnte weglaufen. Sie versteckte sich im Wald und als ihr zu kalt wurde, ging sie zum Pfarrer, der ihr glaubte und sie im Pfarrhaus übernachten ließ. Am nächsten Tag ging er zu ihren Eltern und ließ durchblicken, daß er sie, falls so etwas wieder passierte, sofort anzeigen würde.
Ihre Eltern wußten, daß er Wort halten würde. Er lag mit dem halben Dorf im Streit und war bekannt für seinen Starrsinn. Er predigte, daß Gier und Habsucht ins Verderben führten. Das kam bei den niederbayerischen Bauern nicht gut an. Es kam erschwerend hinzu, daß er aus Polen stammte und von einem „Polacken“ ließ man sich dort aus Prinzip nichts sagen, und mochte auch der Papst selbst einer sein.
Ihre Mutter deckte den Vater, wie üblich, und wurde in der Folge nur noch kälter ihr gegenüber. Sie hatte nie etwas dagegen getan, wenn der Vater die nackten Töchter begaffte, es störte sie offenbar nicht, daß er eine ganze Sammlung mit Photos und Super 8-Filmen hatte, die vor allem entstanden waren, wenn die Familie beim Baden war.
Doch ihre Eltern waren nur ein Teil des Gefängnisses ihrer Kindheit. Es war der Ort, in dem sie lebte, es war die Schule, die Lehrer. Jeder hatte seinen Platz und seinen Status, und daran gab es nichts zu rütteln. Die Großbauern hatten das Sagen und der Herr Bürgermeister und der Herr Apotheker. Alle anderen hatten den Mund zu halten. Als Kind eines Angestellten mit kleinem Einkommen hatte Jana in der Schule keinen guten Stand. In ihrer Klasse gab ein tyrannisches Zwillingspaar den Ton an, dessen Familie den Nachbarort Tag und Nacht mit dem Gestank einer Schweinezuchtanlage mit ein paar tausend Schweinen beglückte.
Auch die Lehrer folgten der sozialen Hackordnung, und für Janas Eltern wäre der Gedanke völlig absurd gewesen, sich zur Abwechslung auch mal auf die Seite ihrer Tochter zu stellen, wenn es Streit mit anderen Schülern oder Ärger anderer Art gab.
In der einen Sache, die Jana liebte, dem Zeichnen, unterstützten sie sie natürlich auch nicht. Die Kunstlehrerin sah Janas Talent und ließ das ihre Eltern auch wissen, aber das bewirkte gar nichts. Im Gegenteil, von da an sahen sie das als nutzlose Beschäftigung, wer konnte schon von so etwas leben, Jana jedenfalls nicht, entschieden ihre Eltern.
Jetzt wohnte sie in einem Hinterhaus in der Schellingstraße in einer Altbauwohnung. Im Hof stand eine mächtige Kastanie, darunter konnten die Hausbewohner im Sommer sitzen. Im Haus wohnten ein paar alte Leute, die ein Münchnerisch sprachen, das schon selten geworden war. Auch die Familie, die vor Jahrzehnten aus Jugoslawien gekommen war, sprach bayerisch, die Eltern Rado und Milena noch vermischt mit Jugo-Slang, deren Strebersohn machte an der Technischen Universität Karriere. Außerdem wohnte im Haus auch eine neapolitanische Familie, die bei Mario arbeitete. Im Hof erklangen also häufig die Wörter cazzo und kuraz, wenn alltägliche Handlungen einer Betonung bedurften. Insgesamt eine bunte Mischung, in der jeder Teil selbständig war. Das war nach Janas Geschmack.
Die Presse machte Druck, und die Polizeiführung wollte sich wieder mit Gassinger „abstimmen“, wie sie es nannte. Also fand sich Gassinger wieder im obersten Stockwerk des Polizeipräsidiums ein. Das Wort, das nicht fallen sollte, sagte man ihm, war Sonderkommission. Eine SOKO erweckte Aufmerksamkeit. Gab es eine SOKO, gab es auch Gefahr und etwas zu berichten und wenn die Journalisten zu wenig Informationen hatten, stellten sie blöde Fragen oder erfanden etwas. Meistens beides. Was verschweigt die Polizei? Sind die Bürger noch sicher? Kommt die Mafia jetzt auch zu uns?
Auch Gassinger wollte keine SOKO. Er brauchte im Moment keine. Er wollte nur ungestört seine Arbeit machen, und falls es sich als nötig erweisen würde, könnte er immer noch eine fordern.
„Was machen wir mit der Presse?“, fragte man ihn.
„Wir geben Ihnen etwas, nicht viel, gerade genug, damit sie zufrieden sind“, antwortete Gassinger.
„Einverstanden“, sagte sein Vorgesetzter.
Also sorgte Gassinger dafür, daß etwas durchsickerte. Ein paar Photos vom abgesperrten Fundort hatten die Pressephotographen bereits ergattert. Also gab es noch ein paar Details dazu und das reichte für eine knallige Schlagzeile: Mafia-Mord! Folter-Opfer sollte mitten in Schwabing einbetoniert werden. Aus gut unterrichteter Quelle in der Mordkommission habe man erfahren, daß die Polizei von einem Mafia-Krieg ausgehe. Näheres könne man nicht sagen, aber die Bevölkerung mußte kaum befürchten, zwischen die Fronten zu geraten. Es wurde nicht erwähnt, welche Mafia, aber bei dem Wort dachten sowieso alle automatisch an Sizilien und damit war die Sache erledigt. Nach ein paar Tagen interessierte sich niemand mehr dafür.
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