Kitabı oku: «Gefangen auf der Insel vor dem Wind»
Maxi Hill
Gefangen auf der Insel vor dem Wind
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Inhaltsverzeichnis
Titel
PEDERSAND
EINE OSTDEUTSCHE STADT – IM MAI 2008
IN DER BANK
AUF NACH PEDERSAND
AUF DER INSEL VOR DEM WIND
DIE STURMFLUT
STROMAUSFALL
DAS MANUSKRIPT
IN EINER SÄCHSISCHEN KLEINSTADT APRIL 1985
GEDANKEN IM WIND — PERDERSAND 2009
EINE SCHWERWIEGENDE ENTSCHEIDUNG JULI 1985
IN LIEBE VERFÜHRT
AUF OFFENER SEE — JULI 1985
DIE HEIMKEHR – AUGUST 1985
LICHT AM ENDE DES TUNNELS
HIMMEL ODER HÖLLE
DAS LEID DES EINEN
ENDSPURT
VERLORENE ILLUSION
DAS ENTSETZEN
SIE MUSS STERBEN
MAXI HILL
Impressum neobooks
PEDERSAND
Draußen wird es langsam dunkel. Jetzt viel früher als mir lieb ist. Zu dieser Zeit würden die Tiere heimkommen von der Weideinsel. In diesem Jahr kommen sie nicht. Ich müsste Mads beim Überholen helfen, aber er kann nicht riskieren, dass ich einen Fuß von der Insel setze.
Der Wind heult ums Haus und schlägt die Stalltür auf und zu, was Mads völlig kalt lässt. Die letzten Blätter der Kastanie tanzen wie volltrunken vor den Fenstern und wirbeln unter den Dachfirst, wo sie sich im Reet verfangen. Dieses Wetter treibt Mensch wie auch Tier zurück zwischen schützende Wände.
Was für ein Leben? Kein Leben! Nur ein ständiges Warten. Worauf?
Seit Kurzem weiß ich, worauf ich warte. Endlich. Und es lohnt sogar, den richtigen Moment selbst zu zelebrieren. Er wird kommen, dieser passende Moment. Und dann? Dann ist nichts mehr wie es war, all die Jahre hier in der Einsamkeit von Pedersand, dem Eiland, das seit Generationen den Pedersens gehört.
Ich habe mich im letzten Herbst und im Winter jeden Tag aufs Neue auf den Abend gefreut, wenn ich am Tisch sitzen und mir meinen Frust von der Seele schreiben konnte, von dem Mads nichts ahnt, nie geahnt hat. Es gibt solche Menschen, die rein gar nichts verstehen, nichts verstehen wollen von den Dingen, die in uns liegen. Was Mads nicht sieht oder hört, das ist nicht.
Er ist so durchschnittlich. Durchschnittlich schlecht, wie auch durchschnittlich gut. Aber er tut nichts dafür, das Gute zu pflegen. Könnte er seinen Verstand auf die inneren Werte eines anderen Menschen ausrichten, wenigstens auf den einzigen Menschen, den er hat — mich —wäre die Welt eine andere. Er ist der Mann, und der Mann hat seit Generationen das Sagen, da können die Feministinnen Kriege anzetteln, wie sie wollen. Das bleibt so bis in alle Ewigkeit.
Nicht auf Pedersand. Nicht mehr lange, mein lieber Mads. Nicht mehr lange.
Seit ich mein Werk fast vollendet und minutiös durchexerziert habe, weiß ich genau, wie es mit uns weitergehen kann. Und es wird genauso weitergehen, wie es auf dem Papier steht. Das alles hätte längst passieren sollen, aber der Sommer hatte mich abgehalten, mein Werk in die Tat umzusetzen. Zuerst wollte ich noch, dass alles glimpflich ausgeht — für Mads. Ich dachte: Für die Heimkehr der Tiere braucht er mich. Zugleich wusste ich auch: Wenn meine Flucht von hier nicht klappen sollte, sieht es schlecht für mich aus. Die zweite Idee, war: Ich muss ihn überzeugen, das Boot zu Wasser zu lassen, das er bewacht wie den Schatz von Fort Knox. Einen guten Grund dafür zu finden, den er mir auch abnimmt, ist nicht leicht, aber was ist noch leicht für eine wie mich?
Es ist ruhig wie zuletzt immer hier im Haus auf Pedersand. Zu ruhig. Ich schlage die dicht beschriebenen Seiten zu. Ein beachtlicher Stapel, den mein Leben hergab. Das Beste ist, ich konnte bei der Wahrheit bleiben, auch wenn sie hart ist und weh tut. Mads wird das Papier nicht anrühren. Seine Fantasie bewegt sich in exakt den Grenzen der verhassten Insel, auf der er mich gefangen hält. Niemand wird mein Werk anrühren, weil auf diesem öden Eiland keine Menschenseele mehr lebt, die lange Texte liest. Keine, seit Eltje unter der Erde liegt…
Mads sitzt seelenruhig im alten Lehnstuhl, in dem seine Mutter Eltje so gerne gesessen hatte, als sie krank wurde und uns bald verlassen musste. Danach beanspruchte sein Vater Villads den Platz, und jetzt ist es Mads. Sein Kopf lehnt auf dem speckigen Polster, er döst nur noch dahin. Nicht einmal das ebenso öde Fernsehprogramm fesselt seine verkümmerten grauen Zellen. Kann es auch nicht bei dieser miesen Auswahl. Nur noch Krimis und Liebesfilme in allen Schattierungen. Die Höhepunkte: Geld oder Liebe und die ewigen Wiederholungen der holländischen Heiratsshow, die ohnehin gestellt daherkommt.
Wenn die Arbeit getan ist, könnte Mads doch ein Buch lesen. Das habe ich ihm tausendmal vorgekaut. Und ich habe mich tausendmal erregt, wenn er abschätzig wurde und das Bücherlesen als Zeitverschwendung abtat. Bei uns zuhause — meine Heimat gibt es nicht mehr — wurde immerzu gelesen. Jeden Abend kam einer der Eltern in unser Zimmer und las uns eine Geschichte vor. Später prügelten wir drei Geschwister uns um den begehrten Lesestoff, den es in der Ausleihe gab — gratis, wohlgemerkt. In meiner Heimat gab es vieles gratis oder für wenige Groschen.
Mein Fünf-Pfennig-Brötchen-Land, deine Bürger haben nichts geachtet, den größten Vorteil nicht. Dieser Vorteil hat die Heimat kaputtgemacht, genau wie der größte Nachteil sie letztlich zu Fall brachte. Wer wüsste das besser als ich, eine Verführte aus dem untergegangenen Land. Damals, da wusste ich nichts von alldem, aber die Erinnerung ist immer richtig. Die Heimat liegt einem so tief im Herzen, dass man daran krank werden kann, wenn man sie verloren hat. Ich habe sie verloren, und ich trage daran die Schuld. Nur daran. Nicht daran, was in den Jahren hier im fremden Land, hier auf dieser gottverlassenen Insel, hier mit Mads und mit seinem Vater Villads, mit dem ständigen Wind und der latenten Angst vor der Flut aus mir geworden ist.
Das alles und noch viel mehr steht jetzt schwarz auf weiß auf beinahe dreihundert Seiten. Ob es mir hilft, mit mir selbst ins Reine zu kommen, wenn geschehen ist, was geschehen muss, das weiß keiner. Ich kenne ein gutes Versteck für Papier, aber ich werde es nicht brauchen. Mads hat keinen Sinn für Lesestoff. Wenn er etwas kann, dann ist es, den Tieren und mir seinen Willen aufzuzwingen.
Nicht mehr lange mein Freund. Nicht mehr lange…
Ich werde es tun. Bald. Mein Plan ist gut und er verspricht viel. Auf dieses Eiland wird es ohnehin nie wieder einen Menschen verschlagen. Nie wieder. Darin hat Mads — darin hatte schon sein Vater Villads — vermutlich Recht. Das Klima leidet, und die Vadehavsoer, wie man hierzulande sagt, werden verschwinden. Alle. Und Mads‘ Überreste werden mit Pedersand untergehen.
Ich werde mir jetzt einen Cognac genehmigen und dann zu Bett gehen. Wir schlafen getrennt. Nur wenn Mads betrunken ist und nicht mehr weiß, wie es zwischen uns steht, kommt er angekrochen. Bisweilen schlägt er dann mit der Tür und stampft siegessicher auf. Dann macht er nicht lange Federlesen.
Ein Cognac reicht nicht. Gleich wird er mich missbilligend anschauen und ich werde schadenfroh zurückgrinsen. Warte nur ab, du wirst dich noch wundern.
Was also macht es aus, wenn ich seinen Cognac leere. Er braucht ihn bald nicht mehr…
Wenn geschehen sein wird, was geschehen muss, werde ich sein Boot bei Flut hinaus aufs Meer steuern und dort wie herrenlos treiben lassen. Ich werde jammern, wenn jemand kommt und es zurückbringt. Ich werde zetern, er sei ertrunken. Ihn aber werde ich hier auf dieser einsamen Insel, auf der niemals wieder einer leben möchte, in Tiefschlaf bringen, ihn ersticken und anschließend vergraben. Und niemand wird es je erfahren…
Aber was, wenn er das Boot nicht zum Ufer bugsiert, weil er nie mehr etwas zu meinem Gefallen gemacht hat in letzter Zeit. Nie mehr.
Ich grabe meine verschüttete Intelligenz heraus, die mit den Jahren soweit gediehen ist, dass sie neue Zweifel gesät hat: Was, wenn jemand Lunte riecht, wenn sie mit Spürhunden kommen…?
Verflucht sei das Boot. Besser wäre gleich die Jauchengrube, in die steckt kein Hund seine Nase, und Spuren hinterlässt eine Leiche auch nicht…
EINE OSTDEUTSCHE STADT – IM MAI 2008
Die Schatten auf der Veranda werden länger. Doktor Benjamin Winter sitzt in die Zeitung vertieft mit dem Rücken zu seiner Frau Ida. Vermutlich war es ihm heute in der UNI nicht geglückt, sein Tagesblatt zu lesen.
Ida läuft in der Küche hin und her, setzt Wasser für den Tee auf und garniert Wurst, Schinken und Käse auf eine Platte. Obwohl sie beide ganz verschiedene Bedürfnisse haben, hält sie verbissen an den alten Ritualen fest. Früher mit den Kindern haben sie stets zur selben Zeit gegessen, und es waren angenehme Minuten zu viert am Tisch mit liebvollen Gesprächen über den Tag eines jeden. Heute erfährt sie kaum noch etwas davon, wie Bens Tag verlaufen ist, und ihn interessiert es nicht, wie ihr Tag war. Vermutlich bringen das Alter und die Gewohnheit mit sich, dass man gleichgültig wird. Womöglich hat er nicht mehr Fantasie, als zu glauben, sie sitzt ohnehin nur stundenlang am Computer und schreibt. Es interessiert ihn nicht, was dazu gehört, einen Roman zu veröffentlichen.
Sie fragt sich seit Langem, wann sich diese Gleichgültigkeit zwischen sie geschoben hat. Sie hat in der Regel eine gute Wahrnehmung, mitunter eine viel zu gute, als dass sie das Leben kaltlassen könnte. Es kann nur so schleichend geschehen sein, dass auch sie es nicht gespürt hat — jedenfalls nicht sofort. Als es ihr dann bewusst geworden ist, beschloss sie, wenigstens die guten alte Rituale nicht zu vernachlässigen, ihrer Ehe zuliebe. Auch wenn daraus keine neue Leidenschaft erwächst, sie wird ihren Teil Verantwortung leben, so deprimierend es auch ist, wenn der Partner nie Anteil am Erfolg wie auch am Misserfolg nimmt. Immerhin gab es einmal die übergroße Liebe. Diesen Teil von sich, von ihrem Leben, will sie nicht verlieren. Man verliert in dieser Zeit schon viel zu viel an Werten, die mal etwas bedeutet haben. Die Zeiten werden immer feindseliger, fast bedrohlich. Vermutlich steht davon wieder allerhand in der Zeitung, weshalb sich Ben nicht losreißen kann, obwohl sie schon lange mit dem Geschirr klappert.
Ihr Blick fällt auf die Zeitung vor Bens Brust. Er hat seinem Stuhl eine leichte Drehung gegeben, vermutlich, um die letzten Sonnenstrahlen noch auszunutzen. Über die Blätter hinweg spürt sie seinen Blick, der sofort verschwindet, sobald ihre Augen ihn finden.
Der Wasserkessel sprudelt über. Sie gießt das heiße Wasser über die Teebeutel in zwei Gläser — sie trinken seit Jahren verschiedene Teesorten, genau wie sie verschiedene Sorten Kaffee bevorzugen. Ben tritt fast lautlos ins Zimmer. Schwungvoll landet die Zeitung auf dem Wohnzimmertisch.
»Der Artikel steht drin«, sagt er und setzt sich auf seinen Essplatz. Fast gelangweilt wandert sein Blick über Teller und Platten. Beinahe mechanisch schiebt er das Schälchen gemischten Salat beiseite. Sie weiß, dass er kein Grünzeug mag, aber sie achtet seit Jahren darauf, dass er genug Vitamine und wichtige Ballaststoffe zu sich nimmt.
»Hat sie ganz gut geschrieben.« Ben räuspert sich umständlich, was bei ihm heißt, er habe es noch vergessen zu erwähnen.
Ida schaut ihn an, fragend, aber sie fragt nicht mehr. Wenn er ihr etwas erzählen will, soll er es tun, ohne dass sie ihn dazu auffordert. Es ist ohnehin besser, wenn sie die große Politik unerwähnt lassen. Sie ändern daran nichts, reiben sich nur auf. Erst recht, seitdem ihr Sohn bisweilen mit ziemlich verqueren Einstellungen bei ihnen aufkreuzt und damit die Familienidylle erheblich stört.
»Woher kanntest du eigentlich die Geschichte um diesen …, der der Euthanasie zum Opfer gefallen ist? «
»Wie? Ich meine, woher weißt du…?«
Ben hat seit Jahren keines ihrer Bücher mehr gelesen. Seine Argumente sind zwiespältig. Zum Teil leuchten sie ein, zum Teil klingen sie wie Ausreden.
»Der Artikel«, sagt er mit einer Spur von Vorwurf und dreht seinen Kopf wie beiläufig zur Zeitung hin.
»Ach«, sagt sie. »Ist er heute drin?«
»Eigentlich kannst du zufrieden sein. Die Dame schreibt doch sehr wohlwollend.«
»Okay. Ich lese ihn nachher. Jetzt essen wir erst einmal in Ruhe. «
Wiedermal gibt sie die Gelassene, die gute Hausfrau, die so tut, als gebe es nichts Wichtigeres für sie als sein Wohl, bestenfalls beider Wohl. In Wahrheit brennt sie darauf, zu lesen, was die Presse schreibt.
Solange sie isst, denkt sie darüber nach, warum sich das Leben immer wiederholt und warum sie nichts dagegen tun kann. …hat sie gut geschrieben…kannst du zufrieden sein.
Diese Worte fliegen durch ihren Kopf und finden keinen Widerhall. Warum kann er alle Menschen richtig einschätzen, nur für sie findet er nie die passenden Worte. Wie schön wäre es gewesen, er hätte nur ein Wort geändert. Hast du gut gemacht.
Dafür hätte er leider das Buch erst einmal lesen müssen.
In den ersten Jahren ihrer Autorenkarriere war sie bisweilen frustriert, weil sie den Eindruck hatte, von ihm alleingelassen zu werden. Unterbewertet. Aber es lag noch der Glaube in ihr, dass sich daran etwas ändern würde, sobald sie erfolgreich sei. Sie hatte sich geirrt. Später wollte sie ihn nichtmehr darum bitten, eines der Bücher mal zu testen, bevor es veröffentlicht wird. Was man erzwungenermaßen tut, wird mit gleicher Münze bezahlt. Das wollte sie sich ersparen. Also legt sie lediglich jedes fertige Buch offen im Arbeitszimmer hin, lässt es zwei Tage liegen und legt es dann, zumeist von ihm unberührt, in den Schrank. Umso berührter ist sie an diesen Tagen in ihrem Gemüt. Bisweilen denkt sie, sie könnte den erfolgreichsten Bestseller landen, ohne ein Wort von ihm zu hören. Kein Wunder, dass ihr dabei selbst die Puste ausgegangen ist und sie sich im Selbstmitleid lange Zeit gut gefiel. Ist es verwunderlich, dass sich eine lange unterdrückte Enttäuschung bei der ersten Lappalie entlädt, was auch mal in einem handfesten Streit endet?
Leider tut es ihr danach nie so gut wie erhofft, wenn sie sich selbst versichert, dass sie es mit Ben schlechter getroffen hat, als alle Welt glaubt. Immerhin gelten sie nach außen als unzertrennliches Paar, liebevoll und umsichtig füreinander. Am deutlichsten hören sie diese Meinung von ihrem Bankberater, einem freundlichen, aber sehr redseligen jungen Mann, der es geschickt versteht, aus seinen Kunden heraus zu kitzeln, wohin sie ihr erspartes Geld zu tragen gedenken. Eine bessere Marktforschungsmaschine kennt Ida Winter kaum. Morgen schon steht bei diesem Jens Wegener ein Termin an.
IN DER BANK
Erst vor wenigen Jahren war das Bankgebäude inmitten der Stadt errichtet worden, schon ist es als Prestigeobjekt zu klein und man muss noch einen Flügel anbauen. Wie günstig, dass der Laden nebenan, der lange Zeit Farben, Lacke und allerlei Sortimente für die Renovierung von Wohnungen verkaufte, schließen musste. Ein nachfolgendes Matratzengeschäft überlebte ebenso nicht und schloss schließlich auch, weil das schäbige Gebäude saniert werde sollte. Im Handumdrehen gehörte es zur Bank. Inzwischen ist das triste Gemäuer mit der bröckelnden Fassade nicht mehr erkennbar hinter dem teuren Marmor zwischen den großen, blau schimmernden Fensterfronten.
»Schön war es ja wirklich nicht«, flüstert Ida Ben zu, als sie in der kleinen Sesselgruppe vor einem riesigen Fernsehbildschirm sitzen und auf Jens Wegener warten, ihren Bankberater. Idas Blick geht zum neuen Innenhof zwischen den Gebäudeflügeln, der mit plätschernden Springbrunnen und edlen Gehölzen ebenso edel anmutet wie alles hier. Der feine Regen glitzert auf dem Marmorbrunnen und den teuren Bodenplatten und lässt alles wie blank poliert erscheinen. Auch Ben schaut in dieselbe Richtung.
»Jeder denkt, die Banken sind für die Rettung der Unternehmen da. Hier rettet man offenbar lieber sein Prestige.«
Sie erwartet von Ben keine Antwort. Eigentlich spricht sie viel zu oft mit sich selbst. In der Nähe von Menschen, die Ben nicht einschätzen kann, spricht er nur selten und wenn, dann sehr leise. Vielleicht ist das ein Erbe aus jener Zeit, als man noch fürchten musste, wegen eines falschen Zungenschlags in Misskredit zu rutschen.
Solange sie still nebeneinander sitzen, geht es ihr durch den Kopf: Sie gehen jedes Jahr hierher. Noch nie hatte sie — auch nicht in ihrem Inneren — den Bau in seiner Vollkommenheit einer Verkommenheit gleichgesetzt, aber die Zeiten wollen nicht, dass man sie gutheißt. Ben muss ähnliches durch den Kopf gehen, wie sie vernimmt.
»Schau es dir nur gut an, damit du weißt, wo dein Geld steckt«, sagt er leise. Vermutlich hatte er ihren Blick verfolgt. »Bei diesen Investitionen werden für uns wohl bald Minuszinsen herauskommen.«
»Wenn er uns das anbietet, lege ich mein Geld in den Safe«, entfährt es Ida ein wenig lauter als gewünscht. Ein kleiner Stich durchfährt sie. Mein Geld, hatte sie gesagt. Mein Geld. Natürlich haben sie ein gemeinsames Konto und das ist der bedeutende Unterschied zu ihrer Art, Tee zu kochen oder Kaffee zu trinken. Die wirklich hochgradigen Dinge verstehen sich noch immer als ihre gemeinsamen. Dazu gehören auch ihre Urlaube. Sie sind sich ja nicht fremd und schon gar nicht feind, aber irgendetwas fehlt seit Jahren in ihrer Ehe, und das sieht Ben totsicher ebenso. Sie hatten beide keine Lust mehr darüber zu reden, den Verlust ihrer Leidenschaft zum Gegenstand von Grundsatzdebatten zu machen, das führte noch nie zu einer Lösung. Seit Langem grübelt sie, warum die Wärme zwischen ihnen verlorengegangen ist. Bisweilen war sie zu dem Schluss gekommen, er kann mit ihrem Erfolg, mit ihrer Popularität, nur schlecht umgehen. Vielleicht wünscht er sich eine Frau, die ihm die Pantoffeln reicht, die ihm alles mundgerecht serviert. Das kann sie nicht mehr. Das will sie auch gar nicht. Nur manchmal, im Urlaub vielleicht, macht sie es aus purem Zeitvertreib.
Der Urlaub. Noch haben sie keine Planung, aber sie weiß es schon im Voraus. Ben zieht es ans Meer. Seit es ihnen uneingeschränkt möglich ist, fahren sie an die Ostsee-Küste und mieten sich eine der vielen modernen Ferienwohnungen, die von Kapital zeugen, über das ein hiesiger kaum verfügt.
Einmal hatten sie es an der Nordsee probiert. Seitdem klingt das Wort aus Bens Mund wie ein Schimpfwort, dem sofort eine Bemerkung folgt: Wenn ich ans Meer fahre, will ich Wasser sehen, keinen Schlamm.
»Hallo Familie Winter. Ich grüße Sie.« Die freundliche Stimme kommt aus dem ebenso freundlichen Gesicht der seriösen Erscheinung von Jens Wegener, ihrem langjährigen Berater. »Kann ich Ihnen etwas anbieten? Kaffee, Tee, oder Saft. Wasser vielleicht? «
Ben verneint und auch Ida weiß, dass sie mit jedem Ja die Zeit ihres Treffens unnötig verlängert, die Jens Wegener ständig und unnötigerweise auf eine Stunde ausdehnt. Das würde auch heute so sein, obwohl Ben noch zur UNI muss und es auch unumwunden erklärt.
Solange der Mann im dunklen Anzug und schmaler Krawatte die Lage der Banken erklärt, was für Ida schier undurchsichtig ist, aber für Ben nicht minder nebulös sein kann, gedulden sich die beiden. Sie kennen die Rituale und fügen sich. Leider läuft die lange Rede darauf hinaus, die lächerlichen Zinsen zu begründen, die man dem Sparer seit dem letzten Bankenskandal zumutet.
Zu guter Letzt reden nur noch die Männer darüber, welches Auto noch seinen Preis verdient und wohin man demnächst in den Urlaub fliegt. Unter den Malediven läuft heutzutage kein Vorschlag mehr ab, den ein Banker macht. Mit ihrem Status — was immer er darunter versteht — müsse man diese einmalige Welt erkunden, solange sie noch bestehe.
Ida schüttelt ohne es zu merken den Kopf. Sie ist beileibe keine Umweltfanatikerin, aber sie glaubt fest daran: Wenn alle Empfehlungen für Urlaubsreisen zu diesen Langzeitflügen tendierten, ist es ja kein Wunder, dass diese Inseln nicht mehr lange Bestand haben werden. Und das sagt sie auch in das erstaunte Gesicht des jungen Mannes. Schiebt aber lächeln nach: »Wir haben uns im vorigen Jahr neue E-Bikes gekauft. Die sind wesentlich gesünder für uns und die Umwelt. «
Ben rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum. Ob es daran liegt, dass ihm die Zeit davonläuft, oder ob er mit ihrer Art zu kontern wiedermal ein Problem hat, erkennt sie nicht. Schließlich hat er sich darum auch nicht geschert, als es zwischen den Männern viel zu lange um Autos ging.
»Uns genügt die freie Natur«, sagt sie mit kleinem Triumph in der Stimme. »Wir könnten durchaus auf einer einsamen Insel leben, sofern sie keine Weltreise erfordert und genug Bewegung erlaubt. «
Das müde Lächeln von Jens Wegener kränkt sie, aber Ben scheint zufrieden zu sein, dass sein Gegenüber durch Idas Bemerkung seinen Redefluss gestoppt hat und endlich die Papiere zur Vertragsverlängerung zu ordnen beginnt, um sie zur finalen Unterschrift zu übergeben.
Auf ihrem Weg zurück nachhause sind sie sich vermutlich einig: In dieser Welt wird nichts mehr besser. Jeder hängt still seinen Gedanken nach. Sie haben beide keine Lust, über die Methoden der Banken zu lamentieren, über das unüberschaubare Geflecht des Finanz-Schacherns und wie es bis auf jeden einzelnen Angestellten herunter bricht, auch auf den sehr angenehmen Jens Wegener.
Erst zuhause, als Ida die Unterlagen in den Ordner heftet, sagt sie zu Ben: »Ich glaube, man sollte unter diesen Umständen auch den Vertrag zur Sparlotterie rückgängig machen. Ob die Beträge immer einem guten Zweck zugeführt werden, weiß sowieso keiner.«
Ben, der durch den Flur läuft und noch damit beschäftigt ist, seine Tasche für die UNI zu füllen, bleibt abrupt stehen, als muss er überlegen. Dann sagt er, was sie ohnehin erwartet hat: »Mein Gott, was sind die paar Euro? Die machen uns auch nicht reicher. «
Das stimmt, gibt sie unumwunden ihrem Mann Recht, obwohl sie weiß, dass sich Ben damit nur vor der peinliche Konsequenz zu schützen versucht, einmal sagen zu müssen, wir wollen das nicht mehr.
Ida hat indessen ein Problem damit, von ihrem Mann subtil behandelt zu werden, als wäre sie das perfekte Medium für raffinierte Verführungen. Für sie war die Sache mit der Sparlotterie von Anfang an eine Methode zur verkappten Gewinnmaximierung. Freilich werden bisweilen winzige Gewinnsummen ausgeschüttet, um den Sparer bei Laune zu halten, aber wohin das Gros des eingezahlten Geldes fließt, wird nirgends offengelegt. Allein die Tatsache, dass der Sparer am Jahresende einen Teil der eingezahlten Summe rücküberwiesen bekommt, macht manch einen Bankkunden ebenso glücklich, als wäre es ein passabler Gewinn.
Als sie am Tag darauf erwacht, wirft das Licht der Morgensonne die zarten Schatten der Gardine an die Wand. Es hat sie nicht gedrängt, das Bett zu verlassen, und Ben muss erst gegen elf Uhr zur UNI. Jetzt aber zieht sie eine magische Kraft hinauf. Sie schaut nach Ben. Der liegt ruhig atmend neben ihr, ein Bild, das sie bisweilen merkwürdig milde stimmt. In den früheren Jahren hätte sie ihn wachgeküsst. In den früheren Jahren hätten sie sich noch geliebt. Ben liebte es mehr als sie selbst, wenn der Tag damit anfing, dass er ihren Körper besaß, ihre Liebe, die sie ihm schenkte. Sie wendet sich ab von ihren Gedanken und von Ben. Früher ist nicht heute.
Auf leisen Sohlen schleicht sie sich aus dem Zimmer. Ihr Blick aus dem Wohnzimmerfenster bringt ihr das Gefühl von überwältigender Sehnsucht nach Sommer, nach Meer und nach nackten Füßen. Am Himmel ist keine einzige Wolke zu sehen. Nur am Horizont zieht ein schwacher Streifen dunstiger Bläue. Ida mag es lieber, wenn der Himmel mit weißen Wolken übersät ist, aber nach dem verregneten Vortag fühlt sich die gewaltige, wie Kobaltglas schimmernde Kuppel einfach nach Urlaub an, nach Freiheit von allen Zwängen, nach jener tiefen Zufriedenheit, die sie aus unerklärlichen Gründen im Urlaub noch immer gemeinsam empfinden, irgendwo auf Usedom oder Rügen.
Gleich heute wird sie sich dranmachen, ein schönes Apartment zu buchen.
Sie frühstücken gemeinsam, hören dabei die Nachrichten und reden über unbedeutende Dinge. Der Sicherheitsdient im Haus. Der dauernd kränkelnde Aufzug. Der Einzug der vielen Studenten und der Ausländer in den begehrten Wohnkomplex mitten in der Stadt. Nur hin und wieder huscht ihr Blick zu Ben. Sie findet, er ist ein Anderer, seit die Kinder aus dem Haus sind. Immerhin trägt er alles mit, was sie tut, wenn auch ohne die gewünschte Begeisterung.
Er hat davon auch seinen Nutzen. Sie muss schließlich nicht mehr zwingend das Haus verlassen, kann ihre Zeit auf ihn einstellen, was sie zumeist auch bewerkstelligt. Leider hat Ben dafür kein Gespür, glaubt womöglich, ihre Planung für den Tag sehe ohnehin alles genauso vor. Sie trägt es ihrerseits mit Fassung, was die Melancholie, die sie deswegen bisweilen empfindet, nicht mindert.
Als Ben aufbricht, weiß sie nicht einmal, ob sie erleichtert oder enttäuscht sein soll. Die Rituale in ihrer Ehe sind seit Jahren dieselben. Warum sollte sie also enttäuscht sein.
Weil es nicht stimmt, geht ihr auf. Früher, als sie noch täglich zur Arbeit ging, kam ihr Ben stets wie ihr Beschützer vor, wie ihr Fels in der Brandung. Erst nach und nach änderte sich seine Position zu ihr. Genau genommen, seit sie Bücher schreibt. Nicht sofort. Es änderte sich parallel zu ihrem Erfolg, zu ihrer Anerkennung durch die Öffentlichkeit. Irgendetwas gefällt ihm daran nicht, aber er offenbart sich ihr nie. Manchmal sieht es so aus, als sei er noch immer eifersüchtig, wegen ein paar Komplimenten, die auch mal von Männern kommen. Dann wieder hat sie das Gefühl, er misst sich mit ihr und glaubt, sein Status sei dadurch unterbewertet.
Das Telefon läutet. Auf der Anzeige eine bekannte Nummer. Noch ehe sie abhebt, glaubt sie, Jens Wegener, ihr Bankberater, habe gestern etwas vergessen.
Eine Frauenstimme redet überschwänglich, wie froh sie sei, dass es endlich mal jemanden treffe, dem sie es wirklich gönnt. Es ist Vera Böllmann, die PR-Chefin der Bank.
Wie sich herausstellt, hat die bankeigene Sparlotterie den diesjährigen Hauptgewinn ermittelt, und das sind ausgerechnet sie, Ida und Dr. Benjamin Winter.
»Wohin soll es gehen?«, fragt Ida, noch immer ungläubig.
»Auf eine einsame Insel in Dänemark…«
»In Dänemark!« Es war etwas zu schrill, das merkt sie sofort, aber ihr Erstaunen ist echt. In Anbetracht der bisherigen Minibeträge, die bisweilen ausgeschüttet werden, hätte man, wenn man schon mal das Glück hat, mit einem Kurzurlaub in der näheren Umgebung rechnen können. Niemals aber mit dem Ausland.
»Wir haben uns erkundigt und wissen, dass es unbedingt etwas für Sie ist. Deshalb freue ich mich aufrichtig für Sie.«
Daher also. Erst gestern hatten sie mit Jens Wegener dieses Thema angeschnitten, und ausgerechnet heute… ! Irgendetwas muss faul sein an der Sache. Hatte bisher ein anderer Sieger abgelehnt?
»Erst einmal bin ich natürlich überrascht«, sagt sie ehrlich, »aber ich werden nachher mit meinem Mann reden und rufe zeitnah zurück. «
Verstehen will Vera Böllmann Idas Zögern nicht. Das nötigt ihr eine weitere Erklärung ab: Die einzigen Bewohner der Insel würden zu dieser Zeit nicht zuhause sein. Sie hätten also völlige Freiheiten — ganz ohne Verpflichtung.
Genau so sagt es Ida am späten Nachmittag auch Ben. Wie sie erstaunt sie am Morgen war, ist es Ben momentan. Auch er sieht einen Zusammenhang zu Idas Bemerkung bei Jens Wegener, aber anfreunden kann er sich mit dem Gedanken nicht sofort.
»Wer will schon in die Einöde«, sagt er. »Ich wette, die suchen schon lange nach einem Dummen, dem sie den Gewinn andrehen können. Vielleicht war es ein allzu günstiges Angebot von dort. Wie sagtest du, heißt die?«
»Petersland, oder so. «
»Na, dann wollen wir doch mal sehen…«
Ben setzt sich an den Computer und Ida hört fast eine halbe Stunde nichts von ihm. Als er kommt, trägt er einen verschwommenen Ausdruck mit sich, auf dem ein winziges Pünktchen mit einem Stift eingekreist ist. Vermutlich musste er den Kartenausschnitt bis zu dieser Unkenntlichkeit vergrößern, aber zu erkennen ist die Insel deswegen nicht. Sei Finger tippt auf den Kringel.
»Genau kann ich es nicht sagen, aber das hier könnte sie sein — Pedersand.«
Nach dem Abendbrot reden sie über die Sache mit dem Urlaub. Begeistert sind sie beide nicht, aber Ida hatte zumindest etwas länger Zeit, darüber nachzudenken und war zu dem Schluss gekommen: Ein Abenteuer in der Abgeschiedenheit würde ihrer Ehe neue Impulse verleihen. Alleine dafür lohne es sich, in die Einsamkeit zu ziehen.
Erst nach vielen Worten hin und her und nach reiflicher Bedenkzeit willigt Ben ein.
Viel später — als sie schon auf Pedersand sind — wird ihr klar, warum ihr Mann letztlich eingewilligt hat. Er trägt ein ganzes Bündel Akten mit sich. Hier kann er in Ruhe diverse wissenschaftliche Arbeiten angehen.
AUF NACH PEDERSAND
Allein die Fahrt ab dem Festland, wo sie ihr Auto zurücklassen mussten, ist abenteuerlich. Eine Fähre bringt sie bis zu einem Anleger auf einer Insel im Nirgendwo. Ein überkluger Passagier erklärt mit ausladenenden Gesten, wo Manö liege, wo Römö und wo Fanö, was immer die Namen bedeuteten und wie immer man sie aussprach. Ida weiß beides nicht. Allein am Gehabe des Mannes erkennt sie, dass er sie als Deutsche identifiziert hat und dass er sie womöglich für marklose Landratten hält.
Als Ida glaubt, endlich am Ziel zu sein und die Fähre hoffnungsvoll verlässt, steht ein Boot bereit, auf dem einer eine Schild hochhält, das ihren Namen und den Namen der Insel zeigt: Pedersand.
Solange sie ihr Gepäck verstauen, deutet ihnen der Skipper mit einer missbilligenden Geste an: Die Zeit sei nicht gut gewählt. Der Mann, der sich als Postbote entpuppt, schiebt emotionslos ein einziges Wort nach, als spräche er zu seinesgleichen: »Ebbe.«
Warum er so zur Eile mahnt, ahnen die Landratten nicht.
Die Luft ist süßlich, modrig fremd. Aber die frische Brise tut gut, sehr gut. Das findet auch Ben.
Weit hinten im Nichts sind bald schemenhaft graugrüne Konturen zu sehen. Je näher sie kommen, kann Ida auf einer deutlichen Schräge ein paar Gebäude und wenige Bäume erkennen. Langsam formt sich vor ihren Augen etwas, was wie eine grüne Eisscholle anmutet, die nördlich auf einer anderen Scholle aufliegt.
Das kleine Eiland gleicht südöstlich einer flachen Hallig, nordwestlich scheint es eine mannshohe Steilküste zu haben. Nur einen bäuerlich anmutenden Dreiseitenhof kann man von Weitem erkennen. Davor breiten sich Wiesen und Koppeln aus, die von windschiefen Gattern gezäunt sind. Vieh ist nicht zusehen. Aber ein zerschundener Bollerwagen steht am Weg für ihre Koffer bereit, gleich hinter dem Anlegesteg. Der Mann vertraut ihnen auch noch die Post an, die er in seiner Tasche hatte. Dann fährt das Boot zurück.
An einem Holzpflock am Rande der Wiese hängt ein flach behauener Stein, um den sich eine Kette aus Hühnergöttern rankt.
Hier wohnen H. und M. Peterson. Vielsagend schaut Ida zu Ben und tippt auf Peterson: »Peterson auf Perdersand, wie kann es anders sein. Vermutlich hat hier jede Insel den Namen der einzigen Bewohner.«
Die Gummiräder des Bollerwagens knirschen im Sand, sonst ist nichts zu hören als ein leises Säuseln des Windes.
Auf dem schmalen Kiesweg hin zu den Gebäuden begreift Ida die Ruhe und den Frieden, die über dem Leben der Menschen liegen mag, die es hierher verschlagen hat. Sie selbst hat nie nach Aufregung gedürstet, nach Action, wie man neudeutsch sagt. Sie hat schon viel von einsamen Inseln gelesen, zumeist von den Hallig-Inseln, aber niemals wirklich verstanden, dass man sich damit verbunden fühlen kann wie mit seinem Baby, das an der Nabelschnur hängt.
Die Gebäude auf dem seichten Hügel sehen intakt aus, was Ida beruhigt. Das Haus, das sie als Wohnhaus ausmacht, scheint sich zu ducken vor Wind und Wetter, aber es hat etwas Märchenhaftes, etwas Nostalgisches oder eben Unerwartetes für sie.
Zwei seitliche Gebäude rahmen das Haus ein, ein drittes ist ein hölzerner Schuppen, schon etwas windschief hinter dem Haus gelegen. Vermutlich längst ungenutzt. Alles hat einen morbiden Charme, der sie ebenso belustigt, wie auch neugierig macht.
Zugegeben, sie folgt sonst gerne Bens Urlaubswünschen nach Komfort, nach moderner Ausstattung, nach Bequemlichkeit und Nähe zu allem, was man im Urlaub braucht. Aber einmal im Leben kann man auch anders die Zeit verbringen. Anderenfalls wäre es ein grober Widerspruch zu ihrer Aussagen, sie könnten auch auf einer einsamen Insel leben. Ihr ist bewusst, dass sie diese Worte nur gewählt hatte, um zu belegen, wie wenig sie andere Menschen brauchen, wie sehr sie sich noch selbst genügen.
Je weiter Ida den Fuß auf dem leicht ansteigenden Sandweg setzt, desto mehr ist ihr, als müsse sie aus einem unwirklichen Traum erwachen und jemand sagt ihr, dass sie nun aufstehen muss und der Pflicht zu folgen hat. Noch kann sie sich nicht einlassen auf die Zeit, an der das pulsierende Leben, das sie normalerweise umgibt, an ihr vorbeiläuft, sie unberührt lässt, das sie vielleicht sogar vergisst.
Noch ist kein Mensch zu sehen, aber das Boot, das sie von einer der unbekannten Inseln bis hierher chauffiert hat, ist längst außer Rufweite. Was, wenn hier gar keiner ist? Nicht selten fallen in dieser Zeit Gutgläubige auf einen Nepper herein. Das allerdings dürfte ihnen unter den Umständen, wie sie zu der Reise gekommen sind, nicht passieren.
Nun also sind sie auf Pedersand, was immer das Wort bedeutet und was der Ort an Bedeutung für sie bringen soll.
Der Skipper hatte während der Fahrt telefoniert, wortkarg, aber nicht mürrisch. Verstanden hat sie ihn nicht, an seiner Reaktion hat es Ida abgelesen, es muss jemand daheim sein.
Ben zieht die Schultern an, dann klopft er zwar an die Tür, aber er drückt sofort genervt die Klinke herunter, was Ida beschämt, obwohl Bens forsches Vorgehen in dieser Lage verständlich ist.
»Hallo!«, ruft er. »Familie Winter ist hier.«
Kein Laut ist zu hören, erst nach Minuten ratlosen Herumstehens an der offenen Haustür kommt eine Frau mittleren Alters aus dem Anbau geschlurft. Über ihren Schuhen trägt sie Gummigaloschen, auf ihrer Jacke kleben Fäden aus Heu und Stroh. Das hellbraune Haar hängt in zwei Strähnen von ihrer Stirn, der Rest ist nachlässig zu einem Knoten verwirbelt, der tief im Nacken sitzt. Die schmalen, etwas mandelförmigen Augen sind das einzig Markante, was Ida auffällt, aber freundlich sehen sie nicht aus.
»Da kommen Sie ja doch noch«, sagt das Gesicht, das ebenso gereizt wirkt wie Ben, bestenfalls gestresst. Ben sagt später, dass es für ihn eher abweisend, fast feindselig ausgesehen habe.
»Wir warten seit Montag«, sagt sie, und das ist kein guter Einstieg in ein Gespräch, das normalerweise zwischen Gast und Vermieter geführt wird.
»Wieso?«, stammelt Ida. »Wir kommen wie ausgeschrieben am 7.7. und der ist heute, oder irre ich da?«
»Ich weiß«, erwidert das undurchschaubare Gesicht. »Ich habe schon nachgefragt … Der Fehler liegt bei der Bank. «
Verstehen kann Ida den vermeintlichen Fehler nicht, aber schlimmer geht es Ben. Der ist so grantig, dass er sich nur noch im Hintergrund hält. Hoffentlich, denkt Ida, sucht Ben den Lapsus nicht bei mir.
Nach einer alles beendenden Geste und mit abgehackten Worten werden Ida und Ben Winter von der Frau durch den Flur des Hauses geführt, das alt, aber nicht baufällig ist und in dem sich auch hier drinnen alles zu ducken scheint. Dennoch wirkt es geräumiger als von außen gedacht. Die Geste der Frau, das Gepäck an der Treppe stehen zu lassen, ist ebenso sparsam wie alles an ihr. Sie ist offenbar eine Deutsche, oder sie hat sich das Deutsch hervorragend angelernt. Dennoch kommt kein anheimelndes Gefühl in Ida auf, wie gewöhnlich, wenn sie im Ausland auf Deutsche trifft, was in der Tat nicht immer beglückend ist. Hier wäre es ihr angenehm, schließlich wird man sich über einiges verständigen müssen, bevor das Ehepaar für die Zeit ihrer Anwesenheit die Insel verlässt, wie es Vera Böllmann von der Bank gesagt hatte.
Das Merkwürdige an der Frau entschuldigt Ida vor sich selbst mit den abgeschiedenen Bedingungen, unter denen das Paar lebt. Einen Mann bekommen sie jedoch gar nicht zu sehen.
Ida mag es, wenn Menschen zurückhaltend sind. Leider schwingt bei dieser Frau etwas Ungewisses mit, etwas von Unmut und etwas von Machtlosigkeit. Abgesehen von der leicht verstaubten Kleidung macht sie einen soliden Eindruck. Ihr Haar ist mit feinen Silberfäden durchzogen, ihre Augen, nichtmehr so scheu, aber noch immer distanziert, ergänzen die Körpersprache, die Sachlichkeit verrät.
Später spricht die Frau mit großer Konzentration. Ihre Gesten sind knapp und doch sehr deutlich. Sogar, als sie den Gästen ihr Zimmer zeigt — zuvor hatte sie wie selbstverständlich nach einem Gepäckstück gegriffen, um es die Stufen hinaufzutragen — scheint es Ida, als habe diese Frau eine unerschöpfliche Kraft in sich.
Ein solcher Mensch, auch eine solche Frau, würde immer die Möglichkeit haben, sich aus eigener Kraft allen Widrigkeiten der Natur zu widersetzen, auch denen böser Mächte. Für ersteres würde sie hier diese Kraft wohl sehr gut gebrauchen können.
Das Lächeln ist merkwürdig sparsam, aber der schmale Mund erklärt sehr klar, sehr einfach, wie das Leben auf der Insel für sie beide die nächst verbleibenden Tage funktioniert.
Der Haushalt habe alles, was man braucht. Das Gras sei gemäht und um Vieh müssten sie sich nicht sorgen, das sei bereits fort. Lediglich die Hühner und die Kaninchen, die sie ihnen noch zeigen werde, sollten sie regelmäßig füttern. Und falls es Probleme gebe, stehe ihnen — die Eier sowieso — das Fleisch der Rammler zu. »Nur der Rammler!«, betont sie, die seien ansonsten nutzlos.
Nutzlos erachten später sowohl Ben als auch Ida genau diesen Hinweis der Frau. Wie sollten sie wissen, was ein Rammler ist und was eine Häsin? Und warum sollte es Probleme geben?
Das Haus hat zwei Stockwerke, aber auch oben macht es einen erstaunlich geräumigen Eindruck. Am Abend lädt sie die Frau zum gemeinsamen Essen ein. Gegessen werde in der geräumigen Küche im Parterre. Das bleibe auch während ihrer Abwesenheit so. Das Haus gehöre ab jetzt vollständig ihnen, nur ihr Schlafzimmer bliebe verschlossen, alle anderen Räume stünden offen.
Von einem Hausherrn ist keine Spur. Aber der Tisch ist gedeckt, als würde sich sogleich noch einer zu ihnen gesellen. Ohne viele Worte hat die Frau aus allem, was verfügbar schien, etwas gezaubert. Eier, Kaninchenfleisch, Fisch, Käse und ein grüner, gemischter Salat. So abgeschieden diese Menschen hier leben, an Hunger leiden sie nicht, und bescheiden sehen ihre Mahlzeiten vermutlich nie aus.
Ida besteht darauf, nach dem Essen das Geschirr spülen zu helfen. Eine Arbeit, die sie seit Langem nicht mehr erledigen muss. Aber es liegt ihr viel daran, ein paar Worte mehr mit der Frau zu wechseln, die besonders in Bens Anwesenheit abweisend wirkt.
Da man sie schon am Montag erwartet habe, sei ihr Mann schon voraus. Wohin, das sagt die Frau, die Peterson heißt, nicht. Als die aber später erfährt, dass Ida Buchautorin ist, sagt sie doch etwas mit merkwürdigem Blick: »Falls es … ich meine, falls es langweilig wird oder Sie nicht aus dem Haus können…« Sie stockt, aber dann ergänzt sie merkwürdig lächelnd, fast entschuldigend: »…ach was. Dann wird eine Autorin doch vermutlich etwas zum Lesen dabei haben. «
Idas Frage nach ihrem Mann, die ihr auf den Lippen brennt, beantwortet die Frau nicht. Ob das gewollt ist, kann sie nicht ergründen, weil just in diesem Moment das Funktelefon anschlägt.
Die Antworten, die die Frau gibt, sind ebenso einsilbig, wie sie auch zu ihnen beiden ist. Das beruhigt Ida in gewisser Weise. Und ebenso sieht es Ben.
Am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück verlässt jene Frau, die Ida und Ben Winter nur als M. oder als H. Peterson kennen, mit ziemlich viel Gepäck aus Kisten und Kartons auf dem Bollerwagen den Hof in Richtung des Anlegers, von dem ihr schon der Postbote vom Vortag geschäftig entgegen gelaufen kommt.
AUF DER INSEL VOR DEM WIND
Sie sind noch keinen vollen Tag hier, schon gehört alles, was Ida bisher gedacht und erlebt hat, einem anderen Leben an. In der endlosen Weite und der steten Brise, die frisch, aber sauber und gesund ist, scheint es Ida, als schmelzen auch die Tage dahin, die sie einst als normal betrachtet hat, die ihr jetzt merkwürdig enteilen, als haste das Leben vor ihr davon. Sie schaut in die Runde und über die Endlosigkeit des neuen Seins, das sie schon heute nicht mehr als öde, als trist oder gar tötend ansieht. Sogar Ben gefällt es, auch nach dem Frühstück noch ebenso eins mit ihr zu sein, wie seit Jahren davor. So verschieden ihr inneres Leben auch abläuft, sie wachen noch nach vielen Jahren gemeinsam auf, als würde die Liebe noch so groß, noch so tief sein, dass man spürt, wenn der andere sich regt, wenn sein Atem einen anderen Rhythmus bekommt, wenn man glaubt, im nächsten Moment verlassen zu werden, weil man als schlafend gilt und weil der andere Rücksicht nimmt. Rücksicht ist die neue Liebe, hatte sie einmal gedacht, als sie sich mehr von Ben gewünscht hatte, als dass er nur rücksichtsvoll war.
Wie die Kinder laufen sie ungewohnt einträchtig Hand in Hand nach Nordwest am windschiefen Gattertor vorbei, das einen Teil der Wiese begrenzt. Die ganze Insel scheint schräg zu sein. Dort, wo das Land zum Meer hin abbricht, ragt es höher hinaus als auf der Gegenseite. Gerade dort hatte Ida am Vortag Blumen zwischen dem kargen Gras erkannt, das überall auf der Insel wächst. Sie liebt Blumen auf ihrem Tisch, aber sie ist klug genug, sie nicht unnötig dem Kleingetier vorzuenthalten, das ohne die Blüten nicht leben kann. Zudem haben Wildblumen in einer Vase keine so lange Überlebenszeit wie Zuchtpflanzen.
»Schau mal, wie schön die Grasnelke auf diesem kargen Sand blüht«, freut sie sich, aber Ben hat längst ihre Hand losgelassen, steht an der Abbruchkante und schaut angestrengt über das Wasser, das ruhig liegt. Nur winzige Wellen kräuseln sich und werfen das Sonnenlicht zurück, was die Welt um sie herum ganz silbern macht.
Ida interessiert die Welt zu ihren Füßen viel mehr. Hier an der Kante, die noch höher liegt als das Haus, das die Vorfahren vorausschauend erhöht gebaut haben, ist die einzige Stelle, wo Blumen blühen. Überall auf den Wiesen ist nur das dicke Salzwiesengras zu sehen.
Schön, denkt Ida. Ebenso schön findet sie den gelben Hornklee, der sich an die Abbruchkante duckt. Weiter hinten blüht ein Strauch mit Strandflieder und rundherum eine Nesselart in kräftigem Pink.
Sie streift weiter durch das Gras. An ihren bloßen Waden kitzeln die wippenden Spitzen vom Schlangenmoos.
Auch Ben hat seine Jeans hochgekrempelt. Er geht heute wie sie nur in einfachen Pantinen ohne Strümpfe. Als sie das Haus verlassen haben, hatte er etwas gemurmelt, was sie nicht hinterfragt hat, was sich aber so anhörte wie: Wenn er schon mal die Freiheit habe…
Hier an der Abbruchkante gibt es eine Stelle aus dichtem Gras, die wie geschaffen ist zum Verweilen. Ida setzt sich auf das weiche Polster, Ben führt seine Hand wieder an die Stirn und schaut hinaus in die Weite, aus der man sie hierher gebracht hat. Dass es ein Trugschluss war, erkennt Ida erst viel später, schließlich liegt das Festland östlich, wo auch die unbekannte Insel mit dem Schiffsanleger liegen muss.
Während sie so sitzt, den Wind im Gesicht spürt, die Schuhe auszieht und die Zehen in den losen Kies drückt, überdenkt sie ihr Glück, wie sie zu diesem kleinen Paradies gekommen sind: Wie die Jungfer zum Kind. Über diese Plattitüde beginnt sie zu kichern. Jeder andere Schreiberling würde sie für einen solch platten Satz schelten.
In ihren Gedanken vergisst sie, dass Ben noch immer hinter ihr steht. Vermutlich wäre es ihr sonst nicht entfallen, dass auch er von etwas träumt: Von seinem kleinen Paradies, das er verloren zu haben glaubt und das er hier, genau hier, wo das Leben keine Ablenkung bringt, wieder neu erobern könnte?
Gerade nimmt Ida sich etwas fest vor: Wenn sie zurück im Haus ist, wird sie sofort ihre seltenen Eindrücke von diesem Stück Land aufschreiben, bevor sie von unbedachten Worten oder ganz Anderem überlagert werden. Genau das passiert ihr oft, und wenn sie für ihr Setting das Besondere braucht, kann sie es nicht mehr so klar und präzise rekonstruieren.
Kaum zu Ende gedacht, spürt sie Bens Arm um ihre Schultern. Sein Kopf nickt zum offenen Meer: »Wäre das nicht Stoff für einen neuen Roman. Die kleine Insel im Wind? «
Ida hält den Atem an. Wann denkt Ben je daran, worüber sie schreibt? Was ist mit ihm?
»Für mich liegt die Insel noch vor dem Wind«, sagt sie in der Gewissheit, Ben würde sofort ein Gegenargument anführen. Sie irrt sich nicht zum ersten Mal.
Ben sitzt dicht bei ihr und lässt seine Hand von ihrer Schulter tiefer sinken, aber fester streicheln. Ida liebt es, wenn seine Haut auf ihrer Haut liegt, egal wo und warum. Er scheint dasselbe zu wollen und hebt ihren locker über den Gürtel fallenden Pulli an, schiebt seine Hand darunter und streicht zärtlich über ihren nackten Rücken und die Lende. Sie legt ihren Kopf auf seine Schulter wie früher. Über das Meer zieht ein Schwarm Schwäne, sehr tief, gefährlich tief, wie Ida glaubt. Die Luft ist klar, klarer als befürchtet. Irgendwer hatte einmal gesagt, wenn ein sonniger Tag diesig ist, bleib auch der nächste schön. Heute ist er alles andere als diesig. Aber gerade in seiner Klarheit ist er so besonders — für ihr Herz ist er schön, denkt sie, und sie denkt, wie dumm wir doch beide sind. Wir leben aneinander vorbei, jeder für seinen Job. Das kann nicht das Leben sein. Nicht das. Wenn nicht hier, wann dann, können sie sich wiederfinden?
Ob es ein Leben für sie wäre zwischen Kühen und Koppeln, zwischen Hühnern und Kaninchen…? Mit Trinkwaser aus einem Behälter und mit Brauchwasser aus einem anderen. Am schlimmsten aber ist für sie das Klo, das in einer Jauchegrube endet. Ein ganz furchtbarer Gedanke …
Ida muss ihn nicht zu Ende denken. Bens Hand wandert um ihre Flanke herum bis zu ihrer rechten Brust. Erst zärtlich, rücksichtsvoll, dann fordernd. Unmerklich schiebt sie den Körper näher zu Ben. Es ist noch immer etwas Einzigartiges, wenn sie Bens Begehren spürt. Es ist wie damals als Kind, als sie ihre Puppe wiedergefunden hatte und vor Freude zu weinen begann und alles um sich herum vergaß, bis sie die Mutter daran erinnerte, was sie zu tun habe. Als erstes käme bei aller Freude immer die Pflicht.
Noch am letzten Gedanken hängend, stöhnt Ida auf.
»Mein Gott«, schreit sie beinahe, »wir sollten doch gleich am Morgen die Hühner füttern und herauslassen… Und die Kaninchen…«
Bens Griff lockert sich, was sie zutiefst bereut, aber nun nicht mehr ändern kann. Verstohlen schaut sie ihm ins Gesicht. Seine gerade noch ebenmäßig entspannte Miene scheint zu versteinern, sein Haar bewegt sich leicht, als schüttelte sein Kopf einen gerade gefassten Gedanken wieder ab.
Jeder für sich laufen sie zurück zum Haus.
»Geh schon hinein, ich mach das«, sagt er zu Ida. Mal wieder geht seine Enttäuschung ohne ein weiteres Wort einher, aber mit so deutlichen Gesten, dass es ihr wehtut. Er will sie jetzt, wo sie ihm etwas verdorben hat, für eine Weile nicht sehen, sie hat vermasselt, was für beide gut gewesen wäre. Warum?
Sie kann es nicht mehr ändern und sie weiß, dass sich genau diese Dinge, wo einer die Erwartung des anderen durchkreuzt, durch ihr Leben ziehen. An dieser Entwicklung ist sie nicht schuldlos. Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein. C‘ est la vié.
Wenn er da draußen diese ungewohnten Dinge tut, wird er abgelenkt von dem, was war, abgelenkt durch Hühner und Kaninchen. Ähnlich jedenfalls geht es ihr zumeist selbst, und genau das ist der Grund, warum sie beide ihr gemeinsames Problem der schleichenden Entfremdung nicht aufarbeiten, nicht im Guten, aber zum Glück auch nicht im Bösen.
Zurück ins Haus kommt Ida gerade noch rechtzeitig, um die Stimme eines Mannes zu erfassen, die aus dem Gerät kommt, das im Flur steht, das sie aber nicht beherrschen würde, müsste sie jetzt etwas tun.
»Hallo«, versteht sie, und auch den Namen »Vincent«, sagt die Stimme in einem Akzent, der sich mehr platt als dänisch anhört. Und dann sagt er, er käme in den nächsten Tagen nicht, was immer das bedeutet. Zwischen halbem Deutsch und halbem Dänisch hört sie etwas, was nach Sturmflut klingt. Und er schiebt nach, jemand — den Namen versteht sie nicht ganz, er klang nach Fritsch oder ähnlich — habe gesagt, ihr wisst, was zu tun ist!
Eine halbe Stunde später erscheint Ben mit Heufäden am Pullover und mit ebenso bestaubten Händen, wie die Kleider der Frau bestaubt waren, gestern, was vermutlich von dem Trog herrührt, in dem das Trockenfutter lagert.
Eine Zeit lang prüft sie unmerklich, wie seine Laune ausfällt. Sie kennt den Grund für Bens Verstocktheit stets genau, heute sie akzeptiert sie ihn sogar. Ober ohne ein Wort wendet sie sich dem Gemüse für den Auflauf zu, das zu putzen und zu schneiden sie sich vorgenommen hatte. Sie prüft die beiden Herde, von denen einer mit Strom, der andere mit Gas funktioniert. Sie entscheidet sich für den mit Stromanschluss, weil ihr Gas im Haus schon seit Jahren gefährlich erscheint.
Erst als sie die Formen in den etwas nostalgischen Herd schiebt und die Hitze aus der Röhre ihr Gesicht zu röten scheint, erinnert sie sich an den Anruf.
»Da war einer«, sagt sie vorsichtig, »Da draußen … Er sagte etwas von Sturm und dass wir wüssten, was zu tun ist. «
Ida und Ben wissen es natürlich nicht. Aber Ben verspricht, nach dem Gerät zu schauen, ob er den Anruf wiederherstellen kann. Das tut er ausnahmsweise sofort und vermutlich sehr gern. Damit ist er für eine weitere Zeit wieder aus ihrem Blickfeld und sie müssen nicht über die verunglückte Annäherung da draußen reden.
Während des Essens sitzen sie stumm beieinander. Sie spürt, wie er ständig nach ihr schielt, aber sie hat nichts zu sagen. Was auch?
»Ich konnte den Anruf nicht wieder aktivieren, muss mich erst mit dem Gerät vertraut machen«, sagt Ben kurz und so abschließend, dass sie keinen Anlass sieht, etwas zu erwidern. Dann lehnt er sich auf der Sitzbank zurück, nimmt sein Mobiltelefon in beide Hände und sucht nach einer Anleitung für das, was er Funkgerät nennt.
Zum Glück, denkt Ida, hat er sich das neueste iPhon von Apple geleistet, das er auch seinen Kindern stolz präsentiert hat. Erst vor einem Jahr war diese Neuerung auf den Markt gekommen. Ben ist in diesen Dingen eher konservativ, wartet, was die Kritiken sagen, aber in diesem Fall hat er Weitsicht bewiesen, sofern ihn nicht purer Besitzerstolz erfasst hat.
Nachdem Ida mit dem Spülen fertig ist, dasselbe Bild, bis Ben sagt: »Verdammt. Es wäre doch gelacht, dass wir es das nächste Mal nicht besser machen können.« Das kann man so oder so sehen, denkt Ida. Entweder er kommt mit dem, was er vorhat, nicht voran, oder es war mal wieder eine versteckte Anspielung auf sie und ihre ungeschickte Reaktion. Und sie denkt: Dann mach es doch besser! Herrgott…! Bei der wortkargen Frau hatte sie nur einen einzigen Handgriff gesehen, wie bei jedem Telefon.
Tief atmend steht Ben wieder auf und geht ins Nebenzimmer. Auf der Plüsch-Couch nimmt er jene Pose ein, die ihr auch zuhause sagt: Stör ihn jetzt bloß nicht. Und das kommt ihr sogar recht.
Da steht sie nun mit einem fast zu Tode verletzten Herzen und mit brennendem Vorwurf, alles vermasselt zu haben. Sie wollte alles dafür tun, dass ihre Ehe wieder einen Aufschub bekommt. Jetzt wird sie wohl alles tun müssen, den Ehefrieden zu retten, auch wenn sie den noch keinen Tag infrage gestellt hat. Sie wollte mit diesem einsamen Urlaub sehnlichst erreichen, dass alles wieder wird wie früher, und dann fallen ihr im ungeeignetsten Moment die dämlichen Hühner fremder Leute ein. Wie idiotisch ist sie denn? Wer hätte sie hier — wobei auch immer — beobachten können? Wie weit wäre Ben gegangen? Sicher nicht bis zum Äußersten, bei aller Abgeschiedenheit. Hier ist man verraten und verkauft, vergessen und begraben…
Nach dieser Selbstbezichtigung sucht sie krampfhaft auch nach seinem Anteil, um sich besser zu fühlen: Warum fällt ihm auch ausgerechnet dort ein, dass es noch etwas wie Körperlichkeit gibt zwischen zwei Eheleuten. Haben wir keine andere Gelegenheit? Und wie oft ging es mir ähnlich und er hatte noch eine wichtige Sache am Laufen.
Am zweiten Tag müssen beide denselben Vorsatz getroffen haben, sie wollen alles besser machen. Es scheint, als wäre die alte Harmonie aus dem Nichts zurückgekehrt, nur mit Bens Berührungen sieht es spärlicher aus als erhofft. Sie erkunden die Insel und sie spüren die Wirkung des Klimas und die Wirkung der Abgeschiedenheit, die ihnen sagt: Nur du und dein Mann sind hier und wir müssen uns aufeinander verlassen.
So geht auch der zweite, ein ebenso klarer Tag aber mit deutlich mehr Wind ohne Probleme zu Ende.
Ida sagt: »Es war doch ein schöner, ein fast aufregender Tag.« Dieselbe Ansicht glaubt Ida auch bei Ben zu fühlen. Jedenfalls war der Tag nicht so öde, nicht so gegenseitig abweisend wie befürchtet, und es werden all die weiteren Tage, die sie hier verbringen wollen, nicht mehr öde, nicht mehr abweisend sein. Das nimmt sie sich vor. Es liegt an ihnen, an niemand sonst.
Sie ist schon vorausgegangen und räkelt sich in den ländlich bunten Kissen. Ben braucht, wie auch zuhause, für einen Mann ziemlich lange bei seiner Abendtoilette.
Als er kommt, schielt sie nach ihm. Er duftet, anders als daheim, nach Mandelseife. Seine gut gebräunten Arme mit den hervorstehenden Adern glänzen, und die Härchen auf der Haut um seinen Hals sind hochgerichtet, als reckten sie sich wie ein erektiles Glied. Wie erotisch er noch ist, wie er sie noch elektrisieren kann. Ida wünscht sich, dass sie bei ihm noch ebensolche Gefühle erzeugen könnte, was ihr nach ihrem Verhalten am Ufer nur noch schwer fällt zu glauben. Als er seine Hand nach ihr ausstreckt, hält sie den Atem an. Er beugt sich noch einmal zu ihr herüber und gibt ihr einen Kuss auf die Wange. Sie spürt, dass er näher bei ihr liegen bleibt als zuhause, zögernd vielleicht, was er tun soll. In dieser Atmosphäre von tiefer Nähe, von erhoffter Intimität, die sie kaum noch so erlebt hat, hat sie das Gefühl, unter der Decke nach Ben greifen zu müssen, genau dort, wo er so sehr erregbar ist, dass er noch nie widerstanden hat. Aber sie tut es nicht, wartet, dass er wie immer den Anfang macht.
Und dann … nicht lang danach erlebt sie das Gefühl streichelnder Hände über ihrer Haut, über ihrer Brust, über Bauch und Schenkel. Ihr beider Atem vermischt sich zu einem und ihre Hand spielt in den wundervollen Haaren ihres Geliebten Benjamin Winter von der Abi-Klasse. Wie lange ist das her? Undenkbar lange.
An diesem Abend erlebt sie wieder wie einst, wie sich ihr Schweiß vermischt, wie sich ihre Körper ergeben in dem Gefühl, den anderen zu brauchen, noch immer verrückt nach ihm zu sein und es ewig zu bleiben.
Ben ist so voller Begierde, dass er gar nicht merkt, im nächsten Moment wie ein Hengst über sie herzufallen. Es ist wie verhext. Heute genießt sie seine Unerbittlichkeit mit Wonne. Trotz seiner Heftigkeit reagiert auch sie mit viel zu starken Gefühlen auf ihn. Diese Augenblicke, die sie männliche Besessenheit nennt, hat sie bis gestern nicht gemocht an ihm, aber wenn sie ehrlich ist, braucht sie gerade jetzt Bens Zuwendung, Bens Anerkennung, Bens Geflüster, mit dem er ihr die Ewigkeit verspricht. Sie hat sie schon immer gebraucht, erst dann fühlte sie sich wirklich geliebt. Und wenn ihn nichts anderes zu diesen Bekenntnissen bringt, dann eben auch ihr Nachgeben auf seine Unerbittlichkeit.
In dieser Nacht bricht das Eis, das nur vom Stress gezeugt hat, redet sie sich ein. Heute erdulden die meisten Business-Leute zu viel Stress und können daher keine Kraft mehr für die schönen Seiten des Lebens aufbringen.
Nachdem sich beide vom Zustand höchster Erregung ausgeruht haben, kugeln sie noch einmal kichernd übereinander her, als waren sie und blieben sie nun für immer in dieser vollkommenen Übereinstimmung ihrer Gefühle. Wie nur selten liebkost Ben ihre Lippen, leckt ihre Haut wie eine junge Katze ihre Milch, dann lacht er leise und steigert seine Lust zu einem unhaltbaren Ausbruch.
Ben hat seine Vorstellungen von den Urlaubsnächten mit Ida zu verwirklichen begonnen. In Ida indes bleibt etwas zurück, was sie sich trotz höchster eigener Zufriedenheit, nicht erklären kann. Noch niemals zuvor hatte sie Gedanken wie diese, wenn sie sich geliebt haben. Warum stellt sie sich heute ein Szenario vor, das so weit weg liegt wie Kimbuktu.
Wie muss es sein, ein ungeliebter Mann zwingt dich zu dem, was du Ben freiwillig gegeben hast. Und was wäre, du müsstest unfreiwillig empfangen, was du von einem Scheusal zu empfangen befohlen bekommen hast?
In den meisten Jahren zuvor hatte sie bisweilen einen inneren Widerstand gegen Bens unverhofften Ausbruch gehegt, weil sie seine Liebe bei Tage vermisst hatte. Das war zwar Fakt, aber sie hat trotzdem seinen Willen zugelassen, was als einvernehmlich gilt. Freilich wäre sie glücklicher, seine Liebe außerhalb des Bettes deutlicher zu spüren, gerne würde sie auch abseits jeglicher körperlicher Erwartung von ihm Worte geflüstert bekommen, die ihr schmeicheln. Daraus dürfte er dann gerne neue Sehnsucht schöpfen, neue Erwartung an sie, neue Gier.
Sie lieben sich noch einmal, nicht mehr so heftig, mit mehr Ruhe und Tiefe, dann schläft Ben ein. Sie bleibt wach wie stets, wenn sie erregt ist, egal wovon.
Auf einmal ist es ihr, als sterbe ihre eigene Sehnsucht, als bliebe ihr Körper leer und ihr Herz kalt und verlassen zurück.
In ihre vielen Gedanken mischt sich wie so oft die ernüchternde Erkenntnis, dass Bens Hingabe nicht das bedeutet, was sie braucht. Die Liebe eines Mannes ist nur die Belohnung der Frau für das, was sie ihm schenkt. Alles, was nach Liebe duftet, dient nur diesem einen Ziel. Ist das erreicht, ist es vorbei mit lieben Worten, mit tausend Schwüren. Erst recht mit jeglichem Verständnis für das, was die Frau an seiner Seite anders macht, anders denkt als er.
Ein Urlaub wie dieser kann schön sein, aber die Zeit ihrer grauen Einsamkeit tief in ihr drin wird wiederkommen und dann hilft ihr nur, die Zähne zusammenzubeißen und sich in ihre Texte zu vergraben, die Enttäuschungen zu vergessen und sich einzubilden, sie lägen einzig an ihrer eigenen übertriebenen Erwartung an die Liebe. Nur so hat sie die Jahre überstanden, und nur so wird sie die kommenden überstehen.
Bei Tage roch die Luft nach Weite, nach Schlamm und nach Fisch. Nur an den Koppeln stach der bekannte Duft nach frischem Gras heraus. Dennoch waren ihr die fremden Dünste nicht unangenehm, wie sie fremde Dünste in der Stadt gewöhnlich empfindet.
Jetzt hat sich etwas verändert. Wind heult ums Haus und es scheint sogar, dass Regen an die Fenster peitscht. Unter diesem dicken Dach kann sie die Geräusche nicht so gut ausmachen wie zuhause in ihrer Wohnung, wo sie jeden Mucks vom anderen unterscheidet. Zudem liegen die Fenster hier oben so weit hinter der vorspringenden Wulst aus Reet, dass es die Regentropfen schwerhaben könnten.
Ida kann jetzt kein Auge zumachen. Sie lauscht in die Nacht. Dabei geht ihr merkwürdigerweise durch den Kopf, dass sie den Namen der Leute gar nicht kennen würde, wäre er nicht auf den Stein geritzt worden. Von der wortkargen Frau haben sie ihn schließlich nicht erfahren, und in ihrem Glückwunschschreiben stand nur der Name der Insel. Sie denkt an den Anruf von gestern: Fritsch oder ähnlich hatte der Anrufer gesagt. Aber ein F stand nicht auf dem Stein, nur M. und H. Peterson.
Fast schläft sie darüber ein. Nicht lange, und sie hat das Gefühl, sie liege auf schwankenden Schiffsplanken. Das kann kein Wind mehr sein, denkt sie, und greift behutsam nach Ben. Der aber schläft tief und befriedigt, wie Männer danach wohl alle sind.
Auf nackten Füßen schleicht sie zum Fenster. Der Regen verhindert jede Sicht in die Ferne. Gerade noch kann sie schleierhaft erkennen, wie sich der Busch hinterm Haus und der Baum daneben gespenstisch biegen. Wenn sie jetzt Ben wach macht, lacht er sie aus.
Irgendetwas schlägt hart auf. Immer wieder. Sie schleicht die schmale Treppe hinunter. Irgendwo muss ein Fenster offenstehen, sie spürt den stürmischen Atem der See. Und sie fröstelt sogar, ob vor Angst oder ob es wirklich so kühl geworden ist, kann sie nicht sagen.
Im Halbdunkel stolpert sie über einen Gummistiefel, der, wer weiß woher herausgefallen sein muss. Am Abend stand da keiner. Irgendwann weckt sie Ben, versucht es jedenfalls. Noch im Halbschlaf nimmt er sie in seine Arme, zieht sie unter seine Decke und presst seinen Körper, der noch nicht wieder bekleidet ist, an ihre Seite.
»Schlaf jetzt«, murmelt sein Mund, der nur ganz flüchtig einen Kuss auf ihre Schläfe drückt. »Da hat doch jemand von Sturm geredet«, hört sie ihn lallen, und sie fühlt, wie er sie fester an sich drückt, dass sie seine Männlichkeit spürt: »Ich habe alles niet- und nagelfest gemacht.« Kaum sind seine Worte vom Kissen verschluckt, wird seine Arm auf ihrer Lende schwerer und sein Atem in ihrem Nacken noch tiefer, noch stärker als zuvor. Seit Langem liegen sie wieder wie früher zusammen in einem Bett. Sie rundgerollt wie ein Baby, er mit seinem Bauch an ihrem Rücken, was für beide etwas Erotisches hätte, wäre Ben nicht zu erschöpft von der Liebe.
Sie ergibt sich seinem Wunsch, still zu halten, und sie hofft, schnell einschlafen zu können. Diese Bauernhäuser stehen seit ewiger Zeit und trotzen den Unbilden der Natur. Warum sollte heute etwas passieren, ausgerechnet jetzt, wenn sie hier sind. Das wäre in der Tat nicht logisch, und logisch war sie noch immer.
Bevor sie langsam hinüber driftet, taucht eine Erinnerung aus längst vergessener Kinderzeit nebelhaft in ihr Gedächtnis. Es waren ähnliche Worte, wie sie ihre Mutter gebrauchte, wenn die kleine Ida bei einem Gewitter ins Bett der Mama gekrochen kam und sich fest an sie kuschelte: Dir kann gar nichts passieren. Ich bin ja bei dir. Als ob ein Blitz nur dort einschlägt, wo es einsame Kinder gibt. Als ob man einen Donner weniger hört, wenn die Mama neben einem liegt.
Merkwürdig, dass sie sich gerade jetzt wieder wie ein Kind fühlt, das in Zärtlichkeit gehüllt von allen Sorgen enthoben werden soll. Wann gab es das zuletzt? Nicht von Ben, seit Langem nicht mehr.
DIE STURMFLUT
Ida glaubt, das Unterbewusstsein hat sie geweckt. Sie zwingt sich, die Augen zu öffnen und miteinander zu verbinden, was die Ohren längst hören aber der Kopf nicht wahr haben will. Mit großem Getöse rüttelt der Sturm am Haus. Sie stemmt sich gegen ihre Angst, weil sie stark sein will. Ben würde anderenfalls wieder in seine Art des Kleinredens verfallen, oder sie der Panikmache schelten, und weg wäre die gerade zurückgewonnene Harmonie.
Noch wehrt sie sich gegen klares Denken, das nur bedrohlich sein würde. Im Dämmerzustand so nah bei Ben lässt es sich in der Tat leichter verharren. Wenn er doch nur bald aufwachen würde. Sie muss sich der Lage stellen, in der sie ist.
Der Wind scheint ein Vielfaches stärker zu sein als am Abend. Sie lauscht in den Morgen zwischen Bens ziehendem Atem und dem heulenden Sturm. Ein heftiger Schlag, ein Poltern irgendwo im Haus treibt sie in die Höhe. Ben spürt ihre Bewegung, aber er grunzt nur undeutlich und möchte sie mit einem kurzen Griff dazu bewegen, noch eine Stunde zu schlafen. Das kann sie nicht. Sie schleicht zum Fenster, das viel weniger dicht zu sein scheint, als behauptet, weil die Vorhänge sich bewegen. Der blaue Himmel des Vortages ist unsichtbar und tief ergraut. Der würzige Duft der Wiese nach Schafgarbe, das Wogen wippend-rosa Köpfe der Grasnelken und das Zittern der feinen gelben Blüten vom Hornklee sind weggespült vom vielen Regen. Alles versinkt im diffusen Dunst einer Macht, die sich ihrer Erwartung an einen Tag voller Innigkeit mit Ben, wenigstens aber voller Eintracht, entgegenstemmt.
Beim Anblick der Bilder um sie herum pfeift sie auf Ben und seine Müdigkeit, sie muss hinunter, schauen, was los ist. Völlig unverständlich für eine Frau aus der Stadt, denkt sie in diesem Moment an die Tiere fremder Leute, die ihr als einzige Pflicht anvertraut wurden. Ob sie trocken geblieben sind in ihrem Holzverschlag? Gestern hat sie bemerkt, wie der Wind durch die Ritze weht. Und gestern war er nicht halb so heftig. Bei diesen Dingen, in denen Verantwortung zu tragen ist, war sie das ganze Leben der Vorreiter, ehe Ben überhaupt eine Notwendigkeit für sich erkannt hat. Zumeist hatte er ihrem Drängen nur nachgegeben und lustlos Vorkehrungen getroffen, die nur sie für nötig erachte, wie er zu sagen pflegt.
Sie schlüpft in Jeans und Pullover und steigt die schmale Treppe hinunter. Es knackt im alten Gebälk, aber das kennt sie noch aus der Kinderzeit. Immer wenn sie die Holzstufen zum Dachboden hinauf ist, knackte es irgendwo gespenstisch. Sie hatte sich nicht selten gruselige Geschichten ersonnen, und vermutlich war damit der Grundstein gelegt für späteres Schreiben.
Im fensterlosen Flur ist es düster, nur wenig Licht fällt durch die offene Küchentür auf den gefliesten Boden. Durch die geschlossene Haustür dringt schwallartig etwas Wasser in den Flur. Hastig sucht sie nach den Gummistiefeln, findet den anderen vom einzigen Paar hinter einem Vorhang. Sie sind ihr einige Nummern zu groß — bestimmt würden sie auch Ben noch eine oder zwei Nummern zu groß sein.
Ganz vorsichtig öffnet sie die Tür, schlägt sie hastig wieder zu und rennt rücksichtslos polternd nach oben.
»Ben!«, schreit sie schon von der Treppe her, »du musst kommen, es ist nur noch Wasser um uns, kein Land mehr.«
Das stimmt nicht ganz. Zur anderen Seite des Hauses, zur Abbruchkante hin, ist noch viel Land zu sehen, aber vor dem Haus zum Watt hin sieht sie keinen Horizont mehr.
Ben hebt seinen Kopf, lässt ihn zurückfallen auf das Kissen und sagt, eher mürrisch als erschrocken, »Wir sind auf einer Insel, schon vergessen?«
»Verdammt!«, schreit sie ihn an. »Ja, auf einer Insel aber nicht auf einem schwimmenden Haus. Herrgott, nun komm endlich! «
Hastig, fast vorwärtsstolpernd in den viel zu großen Stiefeln, läuft sie die Stufen zurück, stürzt in die Küche und prüft, ob die Fenster dicht sind und ansonsten alles noch in Ordnung oder brauchbar ist. Erst dann verlässt sie das Haus, kämpft mit ganzer Kraft gegen den Sturm an und schleppt sich durch knöchelhohes Wasser bis zum hölzernen Schuppen außerhalb des festgemauerten Komplexes von Haus und Scheunen. Dieser Holzschuppen scheint ihr plötzlich am gefährlichsten zu werden. Am gefährdetsten ist er ohnehin. Ihr stockt der Atem. Die Jauchegrube verströmt einen widerlichen Gestank, vermutlich läuft sie über. Dieser Gedanke erzeugt bei der vom Luxus der Großstadt verwöhnten Frau sofort Übelkeit.
Der Sturm zaust an ihrem Haar, der Regen peitscht wie Drahtseile gegen ihren Leib und durchnässt schon auf den wenigen Schritten ihre Kleider. Sie kann die schwere Tür, vermutlich der stabilste Teil der ganzen Bude, kaum bändigen, aber drinnen wird es ruhiger sein, denkt sie noch, dann versinkt die Welt um sie herum.
Als sie zu sich kommt, schmerzt ihr Kopf und ihr Gesicht wird von Wasser umspült. Dicht bei ihr, zwischen dem Kaninchenstall und den Heuballen, liegt ein Balken quer. Diese verrückten Träume, denkt sie wie schlaftrunken. Sie spürt eine Taubheit, die ihr befiehlt, liegen zu bleiben und weiter zu schlafen, sich an Ben zu kuscheln und sich an ihm zu wärmen. Ihr ist kalt. Um sie herum ist alles nass, aber Ben ist gar nicht zu spüren an ihrer Seite. Sie versucht, die Augen zu öffnen. Das verschwommene Bild um sie herum ist ein anderes als gewohnt: Weder das heimische Schlafzimmer, noch die Badewanne. Wo, verdammt, kann sie so nass sein wie in der Badewanne? Sie will nach Ben schauen, da schwappt salziges Wasser in ihren Mund. Salzig! Langsam kommen die Bilder wieder. Sie ist auf diesem Eiland, diesem von Menschen verlassenen Stück Land mitten im Meer. Diese Menschen wussten, warum sie an diesem Tag nicht hier sein sollten. Verdammt.
»Ben! Zum Teufel hilf mir…! « Nur mühsam dreht sie sich zur Seite, bekommt sofort wieder einen Schwall schmutzigen, salzigen Wassers in den Mund, in dem sich Heu verfangen hat und ganz bestimmt auch Hühnerscheiße. Sie spuckt und krächzt aus Angst, sie müsste daran ersticken oder sich vergiften mit Salmonellen oder scheußlichen Viren. Mit unsäglichem Kraftaufwand gelingt es ihr, die Knie unter den Leib zu schieben, um den Rücken krümmen zu können und vorsichtig den Kopf zu heben. Sie bekommt keine Luft. Vermutlich hatte sie in ihrer Ohnmacht schon Wasser geschluckt, das sich langsam in ihrer Lunge breitmacht, Bläschen für Bläschen. Die Kraft, um zu husten, fehlt ihr. Der leere Magen will den Ekel loswerden. Wenigstens hat sie im Vierfüßlerstand hockend eine gewisse Distanz zwischen ihrem Mund und dem dreckigen Wasser. Vorsichtig befühlt sie ihr Gesicht, ob es eine Wunde hat, ob Blut im Spiel ist. Eine Stelle zwischen Stirn und Schläfe tut höllisch weh und fühlt sich geschwollen an. Einäugig blinzelt sie um sich. Die Kaninchen im untersten Stall werden gleich dasselbe erleben, was sie durchmacht, wenn nicht bald etwas geschieht.
Irgendwo poltert schon wieder etwas. Reflexartig reißt sie die Arme schützend über ihren Kopf. Gleich darauf hört sie die Stimme von Ben: »Ja was machst du denn für Sachen!« Sie sieht sein Gesicht nicht, aber sie stellt sich vor, wie wütend er ist. Oh, Ben kann wütend werden, wenn sich jemand — nein, wenn sie sich — anders verhält als er es für richtig erachtet.
Sie spürt seine Arme unter ihren Achseln. Nur verkrampft dreht sie sich so, dass es ihm leichter fällt, ihr hoch zu helfen. Der Schmerz in ihrem Kopf pocht so heftig, dass ihr noch übler davon wird, als ohnehin. Sie möchte sich übergeben.
»Ich wollte…«, stammelt sie zu ihrer Entschuldigung, aber Ben ist nicht nach einer Diskussion zumute. Allzu optimistisch, er würde sie verstehen, ist sie ohnehin nicht. Nicht einmal nach dieser Nacht, die ihr bruchstückhaft wieder einfällt. Erinnert sie sich richtig, müsste doch gerade diese Nacht alles einfacher machen. Liebesnächte haben das Leben mit Ben eine Zeit lang immer einfacher gemacht.
»Die Kaninchen und die Hüh…«
Um sie herum kracht es wieder, und es stürmt so heftig, dass die Bretterwände kaum Schutz bieten. Sogar Ben schaut sich dauernd nach irgendetwas um, was gefährlich werden könnte. Als ihr Körper sich soweit in die Höhe streckt, dass sie beinahe auf den eigenen Füßen steht und sie sich selbst nach allen Seiten umschauen kann, hört sie Bens vorwurfsvolle Worte. »Lass doch das blöde Vieh. Darum kümmern wir uns später. Los…! Erst mal zurück ins Haus, trockene Sachen an … und dann… «
Auch Bens Stimme ist atemlos wie ihre. Auch sein Atem klingt so erregt, als würden sie sich gerade lieben.
Erst jetzt bemerkt sie, dass Ben mit nackten Füßen in seinen Plastikpantoffeln steckt. An einer Stelle seitlich vom Haus reicht ihm das Wasser bis zum Knöchel. In ihren Stiefeln blubbert es und von ihren Kleidern fließen Bäche an ihr herunter, dass sie es auf der Haut spüren kann.
Schritt für Schritt auf wackligen Beinen aber mit Übelkeit im leeren Magen hält sie sich rechts an Ben fest, links tastet sie sich an der Trennwand entlang, die uneben und voller gefährlicher Holzschiefer kein guter Ausgleich zu Bens festem, vielleicht auch wütendem Griff ist. So genau kann sie noch gar nicht denken, was sie Ben aber unbedingt verheimlichen muss.
»Hätte die … ich meine, die Frau des Hauses … nur einmal ein einziges Wort gesagt! Hätte sie mich auch nur gefragt, was ich mir als schlimmstes Szenario vorstellen würde, ich hätte genau das gesagt: Land unter. Und ich hätte ganz bestimmt gefragt, was zu tun ist. Aber niemand hat uns auf ein solches Dilemma vorbereitet.«
Niemand? Sie scheint wieder klar denken zu können, hofft sie jedenfalls.
»Da war doch der Anruf…«, sagt Ben keuchend unter der Last ihres Körpers.
»Ja, verdammt. Da war der Anruf!«
Jetzt nicht auch noch wütend werden. Bloß nicht das. Nicht einmal, falls das ein versteckter Vorwurf war.
Konnte sie alles richtig an Ben weitergeben? Nein. Aber es hat ihn auch nicht angehoben. Nichts, was er nicht selbst erlebt, hebt ihn je wirklich aus seiner stoischen Art. Ihr Vorwurf an ihn ist jetzt ebenso fehl am Platz, aber die Hoffnung, er könnte wenigstens einsehen, dass er hätte auf den Funkspruch aktiver reagieren können, wenigstens am Morgen nach ihrem Hinweis auf das Wasser eher hätte agieren können, diese Hoffnung hat sie nicht.
»Ja, mein Gott. Was sollten wir mit ungenauen Angaben auch anfangen?«, faucht er, weil er es seit einigen Jahren nicht verträgt, wenn sie ein krummes Haar an ihm sucht.
Wir?, denkt sie wütend. Wieder einmal wir? Also auf keinen Fall er. Ist die Technik nicht von jeher sein Metier?
Sie erreichen das Haus. Ben stützt sie beim Gehen, als sei sie ein Greis, was ihm ihr hilfloser Zustand offenbar aufträgt. Im Flur drückt er sie auf die Holzbank und holt die trockenen Sachen, die noch vom Abend in der Küche über der Stuhllehne hingen. Er will ihr beim Entkleiden helfen, aber sie will es nicht.
»Na, dann mach ich uns erst einmal ein heißes Frühstück, danach sehen wir weiter.« Der Gedanke an heißen Kaffee und duftenden Toast versöhnt sie sofort. Vielleicht ein Ei, denkt sie, sagt es aber nicht, weil Ben nie gut im Eierkochen war. Dennoch will sie dankbar sein für seine Hilfe. Kein Gedanke an Pflicht.
Vielleicht muss sie lernen, gerechter zu denken: Ja, er wollte den richtigen Umgang mit dem Funktelefon recherchieren, aber das erschien auch ihr völlig unnötig. Sie haben beide ihre Handys dabei, und wenn jemand sie anfunkt, dann spricht er sowieso gleich seinen Text. Und eine Nummer für einen Rückruf ist ohnehin nicht dabei gewesen. Das alles behält sie für sich, froh, wieder auf eigenen Beinen zu stehen, wenn auch nicht mehr so sicher.
Noch ehe Ida wankend mit ihrem Bündel Kleider ins Badezimmer verschwindet, drückt Ben sie sanft an sich. »Mach nicht immer solche Geschichten!«
Sie nickt nur schuldbewusst. Was sollte sie tun? Er war es, der die Sache unterschätzt hat. Sollte sie ihm das unter die Nase reiben? Jetzt? Es würde nur auf sie selbst zurückfallen. Seine immer gleichen Worte, sie sei streitsüchtig und rechthaberisch, haben sie zu oft verletzt. Dabei will sie doch nur logisch mitdenken, nichts weiter. Das Wort Logik passt offenbar in Bens Vorstellung leider nicht zu einer Frau. Und logisch muss sie sein, sonst könnte sie ihren Beruf an den Nagel hängen. Wie sehr sie sich vor jeder Diskussion fürchtet, vor jedem Streit, vor jedem unbedachten Wort, will Ben gar nicht spüren. Ihm scheint es seit Jahren besser zu gefallen, ihr eine Schwäche nachzusagen, als etwas an ihr anzuerkennen. Vielleicht spürt er auch gar nicht, dass er sie verletzt, was für sie nicht weniger enttäuschend ist. Freilich könnte sie anders mit ihm reden. Aber wie sollte man nach so vielen Ehejahren noch die Grundregeln einer intakten Ehe besprechen? Und um nichts anderes geht es ihr — bei aller Liebe.
Wenn sie etwas braucht, dann ist es Harmonie. Leider funktioniert die nicht einseitig. Leider. Sie selbst würde alles daran setzen…
STROMAUSFALL
Solange Ida ihre Verletzung kühlt und alles daran setzt, wieder zu Kräften zu kommen, rettet Ben Winter vor dem steigenden Wasser, was ihm zu retten gelingt, ohne zu wissen, was wirklich sinnvoll ist und was noch passieren kann.
Zuerst, auf Idas flehende Bitte hin und einigermaßen widerwillig, holt er drei der Kaninchen aus den unteren Stallbuchten.
»Warum müssen die auch hier in dem windigen Verschlag hausen!«, wettert er vor sich hin, »da gibt es doch noch den gemauerten… «, Schon mit der ersten Berührung des kuschelweichen Fells wird seine Stimme butterweich: »Na, mal sehen, was wir machen können mit euch Schlawinern…« Er setzt die drei, die bisher allein in je einer Bucht hausten, zu den anderen weiter oben, unwissend, was ein Rammler ist und was eine Häsin. Ben Winter grinst verschlagen: »Na dann, habt mal Spaß miteinander. Vielleicht gibt es bald Nachwuchs in Hülle und Fülle!«
Die Hühner scheinen den Zustand von Landunter zu kennen und bleiben auf ihren Stangen. Zwei Hennen gackern verschreckt in den Nestbuchten, als Ben nach ihnen schaut. Wenigstens haben sie ihre Pflicht noch erfüllt und Eier gelegt, die er zu Ida in die Küche bringen wird. Als er anschließend prüft, wohin er die Hühner und Kaninchen im Notfall bringen könnte, entdeckt er im festen Anbau auf der anderen Seite des Hauses einen Stapel Säcke. Futter ist nicht darin, was er vor steigendem Wasser zu schützen hätte und was ihm die Anstrengung erspart, die Säcke die schmale Stiege hinauf nach oben zu hieven. Keiner ist verschlossen. Es ist Sand darin. Inzwischen feuchter Sand, aber es ist gut, dass es Sand ist, der ihm auf einmal wichtiger erscheint als jedes Futter.
Mit unsäglicher Kraft wuchtet er den ganzen Stapel, der sich als zweireihig entpuppt und den die Leute vermutlich zu eben dieser Art Vorsorge griffbereit angelegt haben, Stück für Stück vor die Haustür und vor das hölzerne Tor am Schuppen der Tiere. Alles Wasser, das bereits durchgesickert ist, können sie später herausschöpfen. Die Säcke sind allemal Gold wert, leider sind sie nicht gut für die ungeübten Hände und das untertrainierte Kreuz eines Wissenschaftlers…
Total erschöpft legt er nach zwei Stunden Plackerei eine Pause ein. Seine Sachen sind durchnässt, der Rücken schmerzt, Arme wie Hände zittern und sind von der ungewohnten Arbeit eine Zeit lang zu nichts mehr zu gebrauchen.
Ida hat Tee aufgebrüht und hilft Ben aus den klatschnassen Sachen und denselben Stiefeln, die sie am Morgen in ihrer Not zu Bens Verwunderung angezogen hatte.
Er sagt nichts, murmelt nur ein genötigtes Danke. Seine Blicke aber verraten längst, wie er sich wundert, vermutlich darüber, wie schnell sie sich erholt hat.
Es gibt ein zweites, kleineres Paar Stiefel und sogar ein drittes, aber beide konnte Ida in ihrer Eile am Morgen gar nicht entdecken. Vom Ölzeug, von dem sich Ben nur eine der Jacken geschnappt hatte, die griffbereit hinter dem Vorhang im Flur hingen, läuft das Wasser in Bächen auf die Fliesen. Sie wird sich später darum kümmern, sofort lässt es Ben nicht zu. Ob sie ihm noch mehr Sorgen bereiten wolle, sagt er. Wenigstens sagt er nicht Schererei oder gar Ärger.
Sie sitzen mit ihren Teepötten am Küchentisch und versuchen, die lebensfeindliche Welt um sie herum, die noch gestern als kleine Idylle erschien, zu verstehen.
»Irgendwo liegt bestimmt eine Liste mit Verhaltensregeln und Notrufnummern. Das ist Vorschrift für Häuser, die Gäste beherbergen«, sagt Ben. Und damit hat er Recht.
»Ich werde mich umsehen«, sagt sie. In ihren Augen leuchtet etwas, was Ben seit Jahren vermisst haben dürfte, was ihr heute merkwürdig leicht gelingt. Sie ist froh, dass er nicht schimpft. Die kommende, ungewisse Zeit wäre nicht aushaltbar mit ihm, wenn er die Entscheidung für diesen Urlaubsort allein auf sie abwälzen würde, nur weil es jetzt unvorhersehbare Schwierigkeiten gibt.
Zugegeben, sie hatte den größeren Anteil am gemeinsamen Ja, aber es war und es bleibt ihre gemeinsame Entscheidung. Sie rührt im Tee und denkt: Ein bisschen scheint sich ihr Plan für die Rettung ihrer Ehe zu erfüllen, wenn auch unter denkbar schlechtem Vorzeichen.
Es schüttet vom Himmel wie aus Eimern. Der Sturm zaust an allem, was nicht dreifach gesichert ist. Irgendetwas wirbelt durch die Luft, verfängt sich an einem Baum und landet schließlich weiter südlich im Wasser, das dort schon knietief sein könnte.
Ben hat keine Ruhe, will wieder nach draußen, aber sie überredet ihn abzuwarten. Sie muss auf ihn achten, sonst passiert auch ihm ein Unglück und sie muss ihn gar noch gesundpflegen.
Der Tag ist so grau, dass man im Zimmer elektrisches Licht braucht. Ida hat sich noch nicht wieder ordentlich angezogen. Es ist so bequem im Jogginganzug und überdies ist er kuschlig warm. Wie kalt es auf einmal ist, hat sie nicht erwartet, und auch Ben schimpft, vermutlich hat er viel mehr Recht dazu als sie.
Sie könnte schon wieder mit ihm gehen und ihm ein bisschen helfen. Er ist schwere Arbeit nicht gewöhnt. Wie erschöpft er ist, spürt sie daran, wie seine Nase läuft und wie er röchelt, als quäle ihn eine Erkältung. Ben lehnt ihr Angebot ab und auch die warme Suppe, die sie in Windseile bereitet tat. Er sagt mit einem Unterton, den sie als vorwurfsvoll ansehen könnte, er muss alles verrammeln, vielleicht auch die Fenster, um keine böse Überraschung zu erleben. Wie er die Leute einschätzt, gebe es dafür bestimmt auch Vorkehrungen, er müsse sie nur finden. Und dann sagt er: »Die Nächte werden todsicher schlimmer als die Tage. Bevor nicht alles erledigt ist, habe ich keine Zeit für anderes.« Vornübergebeugt verlässt er wortlos das Haus. Auch sie schweigt, aber sein Ton und die harsche Entschiedenheit kränkt sie. Er ist es immerhin selbst, der sich nicht helfen lässt und nun allein da draußen bei Landunter zusehen muss, wie er zurande kommt.
Landunter ist für Ida von einem zum anderen Moment zum Reizwort geworden, und es wird sie ganz gewiss noch im Tiefschlaf beunruhigen, erst recht, weil sie zur Untätigkeit gezwungen wird. Bisher war Zwang für sie das große Unwort. Wenn einer dem anderen Zwang antut, ist die Menschheit unmenschlich geworden.
Auf dem Küchentisch steht der Topf mit der heißen Instantsuppe, die es zuhauf in der Vorratskammer gibt. Sie wollte etwas Gutes tun, weil eine heiße Suppe durchwärmt. Er aber hat keine Zeit, was sie an diesem Tage weniger beunruhigt als zu Hause. Es gibt wahrlich auch Schlimmeres, als eine kalte Suppe später wieder aufzuwärmen.
Der Fernseher läuft, aber sie schaut nicht hin. Auch Ben hat nicht mehr hingeschaut. Aus den Nachrichten im Radio wissen sie: Das Festland weiß Bescheid, was auf einigen Inseln los ist, und man sagt, es werde noch ein paar Stunden dauern, bis … Der Bildschirm ist plötzlich dunkel.
»Ja, bis was denn nun?«, ereifert sie sich, aber sie schimpft ins Leere. Doktor Benjamin Winter sucht ja nach den Vorkehrungen der Leute. Beides ist kein Problem, sie hatte ohnehin keine Lust, einen anderen deutschen Sender zu suchen, um alles richtig zu verstehen. Zudem will sie nach der Gästemappe schauen, die sie vergessen haben, sich von der Frau abzufordern. Warum auch immer, verdammt. Gewöhnlich bekommt man die als Gast zuerst gereicht. Gewöhnlich. Was ist hier noch gewöhnlich.
Im Haus ist es jetzt am Nachmittag schon, als eile die Nacht herbei, und je mehr Fenster Ben von außen verrammelt, wird es immer dunkler. Sie versucht an allen Lichtschaltern ihr Glück. Keine Chance. Vielleicht macht Ben auch irgendwo etwas an der Leitung und will sich vor einem Stromschlag schützen. Gut tut er damit. Eine Weile harrt sie aus. Sie darf ihn bei seiner Aktion nicht drängen. Was also tun?
Schritt für Schritt durchstreift sie die Räume. Im Flur gleich neben der Tür hängt eine Laterne, aber woher bekommt sie Feuer, das den Docht erhellt?
Zurück zur Küche. Zündhölzer. Die guten alten Zündhölzer. Sie atmet rasch aber beruhigter. Es ist alles da. Die Leute sind diese Art von Kummer offenbar gewöhnt. Mit gestärkter Zuversicht macht sie sich daran, alle Schübe, alle Laden und Fächer der Schränke zu durchstöbern.
In der oberen Etage klinkt sie zum ersten Mal an einer Tür, die gegenüber dem Gästezimmer liegt und die nicht verschlossen ist. Der Raum ist ebenso groß wie ihrer, aber er wirkt viel kleiner. Er ist vollgestopft mit Aktenordnern und allerlei Kisten und Schachteln. Es muss das Arbeitszimmer der Leute sein. Etwas packt sie. Die Neugier? Die Not, diese Gästemappe zu finden, die für ihr Dilemma von Vorteil sein kann? Tatsächlich findet sie eine Mappe aus abgegriffenem Leder. Sie leuchtet so gut sie kann mit der Funzel über die Seiten und hofft, darin ist alles, was Ben braucht. Leider kann sie kein Wort dänisch, aber Ben wird eine Erklärung finden, bestimmt. Diese nordischen Sprachen ähneln dem Deutsch.
Erst einmal fällt ihr ein Stein vom Herzen. Wenigstens damit kann sie in ihrer Lage behilflich sein.
Bevor sie mit ihrer Funzel wieder nach unten stiefelt, hebt sie die Leuchte so weit an, dass sie etwas mehr vom ganzen Raum erkennt. Auf zwei Schreibtischen stehen sich die Rechner gegenüber. Das heißt, ein antiquierter, kombiniert als Rechner und Bildschirm steht auf dem Tisch, ein Rechner steht unter dem anderen Tisch und ein moderner Monitor steht darauf. Am liebsten würde sie sofort auf den Powerknopft drücken und auf der Tastatur klimpern, um nachzusehen, woran die beiden arbeiten — hier in der Einöde. Aber es gibt momentan keinen Strom.
Rein motorisch zieht sie an einem Griff unter der Schreibtischplatte und redet sich ein, es nur zu tun, weil er ein wenig offen gelassen wurde. Niemals sonst würde sie … Niemals sonst …
Der Schub wackelt und gibt quietschende Geräusche von sich, aber sie bekommt ihn nicht auf, er ist verklemmt. Mit einem Ruck reißt sie ihn ungewollt aus der Führung und schlägt damit an ihr Schienbein. Sie schreit auf und flucht, weil der Schmerz zu heftig ist und weil der Inhalt zu Boden poltert. Was da heraus poltert ist zwar weniger spektakulär als der Schmerz ihres Beines, aber die Sache ist ihr peinlich. Sie hofft, alles wieder in der Ordnung hinterlassen zu können, wie es sein soll, was ziemlich illusorisch ist.
Locher und Heftklammern, Klebestreifen und Aktendullis, und ein abgenutzter Taschenrechner bleiben zum Glück unbeschadet. Zwei kleine Schachteln mit Tacker- und Büroklammern aber verstreuen ihren Inhalt auf dem Boden. Ben würde sie schelten. Als alles hastig aufgesammelt ist, ordnet sie zuerst den Stapel Papier in die Lade zurück. Der benötigt den meisten Platz. Dann wird sie alles drum herum anordnen, so logisch, wie man nur sein kann.
Als alles verstaut ist, entdeckt sie, dass der Stapel Papier eng beschrieben ist. Sie schiebt die Leuchte ganz nah heran und blättert darin herum. Sie weiß sofort, was es ist. Genau so haben ihre ersten Manuskripte auf Normseiten ausgesehen, ehe sie auf die Idee gekommen ist, von Anbeginn des Schreibens einen Buchsatz zu machen. So weiß sie immer, welchen Umfang das künftige Buch haben wird. Aus dieser Datei lässt sie sich inzwischen stets ein einzelnes oder auch zwei Probeexemplare drucken, um alles zu überarbeiten oder auch einigen Testlesern übergeben zu können. Die Meinung der ganz normalen Leser ist ihr im Laufe der Zeit immer wichtiger geworden.
Einer der beiden Leute muss also auch das Schreiben für sich entdeckt haben. Kein Wunder, wenn man in dieser Einöde zur Untätigkeit gezwungen wird.
Sie kann nicht widerstehen und liest die ersten Seiten. Sie sind datiert vom Vorjahr. Ein Krimi offenbar. Der Beginn ist gar nicht so schlecht für einen Anfänger, aber auch kein Brüller.
Nach den ersten vier Seiten hat sie Blut geleckt, aber da hört sie Bens Stimme im Flur und huscht rasch aus dem Zimmer, das ihr vermutlich gar nicht gestattet ist, zu betreten. Ein Verbot gab es allerdings auch nicht.
Bens Fluchen im Flur kann sie verstehen. Er ist kein Typ für das Handwerkliche. Er ist Wissenschaftler ohne Ambitionen für häusliche Bastelei. Schuldbewusst leuchtet sie mit der Funzel und geht ebenso vorsichtig die Stufen hinunter, wie sie sie hinauf gestiefelt war.
Die Fenster der beiden Zimmer, die nach Westen zeigen, hat Ben mit passenden Holzplatten zugestellt, was das Haus im Parterre in totale Finsternis stürzt.
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»Gibt es hier kein Licht!« wettert Ben.
»Ich dachte, du hast…«
»Ich! Wieso ich schon wieder…?«
Ach ja, denkt sie. Vermute niemals, der Mann könnte an einem Umstand schuldig sein. Niemals!
Von Schuld kann auch nicht die Rede sein, nur von Verursachung. Diesen Lapsus ihrer Gedanken gesteht sie sich ein, nichts weiter. Aber der Ärger ist aufgeflammt. Das Manuskript ist vergessen. Wie ein Faustschlag trifft sie seine Frage: »Wie geht es dir?« Als sie abwinkt, bittet er sie, im Haus nach dem Stromzugang zu suchen, er werde sich derweil noch einmal in den Anbau begeben und nach geeignetem Material schauen.
Sie hofft, irgendwo einen Stromkasten suchen finden, wie sie einen von früher kennt mit ständig drehenden Stromzählern. Wie die Elektroversorgung hier funktioniert, wissen sie beide nicht. Sogar Ben gesteht, er macht sich jetzt Vorwürfe, diese Dinge nicht erfragt zu haben. Ida tröstet ihn: »Es gibt in der Kammer noch etliche von den Lampen hier. Für heute wird es wohl reichen. «
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