Kitabı oku: «Klippenfall»
Inhalte
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74 Epilog
75 Danksagung
76 Info
Meike Messal
Klippenfall
Fehmarn-Krimi
Prolibris Verlag
Handlung und Figuren dieses Romans entspringen der Phantasie der Autorin. Darum sind eventuelle Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen zufällig und nicht beabsichtigt. Nicht erfunden sind Institutionen, Straßen und Schauplätze auf Fehmarn.
Alle Rechte vorbehalten,
auch die des auszugsweisen Nachdrucks
und der fotomechanischen Wiedergabe
sowie der Einspeicherung und Verarbeitung
in elektronischen Systemen.
© Prolibris Verlag Rolf Wagner, Kassel, 2022
Tel.: 0561/766 449 0, Fax: 0561/766 449 29
Titelfoto © Meike Messal
Schriften: Linux Libertine
E-Book: Prolibris Verlag
ISBN E-Book: 978-3-95475-238-6
Dieses Buch ist auch als Printausgabe im Buchhandel erhältlich.
ISBN: 978-3-95475-228-7
www.prolibris-verlag.de
Die Autorin
Meike Messal wurde 1975 in Minden geboren. Nach dem Abitur lebte sie für einige Zeit in Israel und Südafrika und studierte in Hamburg Germanistik, Anglistik und Amerikanistik. Anschließend unterrichtete sie in Schleswig-Holstein. Die Wege an die Küste waren kurz und Messal, die das Meer liebt, verbrachte ihre Freizeit am liebsten am Wasser. Besonders hatte und hat es ihr Fehmarn angetan.
Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern wieder in ihrer Heimat und unterrichtet an einem Mindener Gymnasium. Wann immer es die Zeit zulässt, findet man sie jedoch an ihrem Sehnsuchtsort – auf Fehmarn. Nach Nachtfahrt ins Grauen und Atemlose Stille spielen ihre aktuellen Kriminalromane Düsterstrand und nun auch Klippenfall daher auf ihrer Lieblingsinsel.
Messal ist außerdem als Herausgeberin aktiv und veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten.
Weitere Informationen zu der Autorin unter www. messal.com
Für all die wunderbaren Mütter
und ganz besonders für meine –
Christiane
1
Die Nachricht erwischte sie mitten beim Kartoffelschälen. Stirnrunzelnd betrachtete Sylke ihr Handy und las die SMS ihrer Tochter erneut. Hoffte, die Buchstaben würden dadurch einen anderen Sinn ergeben. Komm schnell. Jemand ist hinter mir her.
Emilie war schon den ganzen Tag am Strand, dem Ort, an den es sie immer zog. Sie liebte die Steilküste am Katharinenhof und hielt sich oft stundenlang dort auf.
Sylkes Finger schwebte über der Anruftaste, bereit, den grünen Button zu drücken. Doch dann hielt sie inne. Was, wenn Emilie den Klingelton auf laut hatte? Und sie ihm so verriet, wo ihre Tochter langlief?
Abermals stockten ihre Gedanken. Ihm? Verdammt, wurde Emmi von einem Mann verfolgt? Ja, natürlich. Wer sonst sollte hinter einem hübschen 12-jährigen Mädchen herrennen? »Hör auf zu spinnen«, beruhigte sie sich. »Wahrscheinlich bildet sie sich das bloß ein. Es ist sicherlich nur ein Camper, der zufällig denselben Weg läuft, und sie denkt gleich wieder sonst was.« Doch die Besorgnis ließ sich nicht wegreden, ein merkwürdiges Gefühl beschlich sie.
»Wo genau bist du?«, schrieb sie zurück. Sie ließ die Kartoffeln stehen und eilte zur Tür, schlüpfte in ihre Turnschuhe. Bis zum Strandabschnitt, an dem Emilie sich fast immer aufhielt, war es nicht weit, nur die Zufahrtsstraße zum Campingplatz entlang und dann an der Schranke hinunter zum Wasser. Weiter würde sie mit dem Auto ohnehin nicht kommen, da konnte sie gleich dorthin joggen. Sie lief täglich und war fit, doch heute waren ihre Schritte größer und ausholender als sonst. Kaum auf den Weg achtend hielt sie das Handy vor sich. Emilie antwortete nicht.
Sie versuchte, sich auf ihren Atem zu konzentrieren, spurtete. »Es ist nichts. Sie ist fast jeden Tag dort. Noch nie ist etwas passiert.« Doch was, wenn genau dies das Problem war? Tägliche Routine? Vielleicht hatte jemand sie schon Tage oder gar Wochen beobachtet und auf den einen günstigen Moment gelauert?
»Quatsch!« Sylke rief das Wort laut und schüttelte unwillig den Kopf. Was war bloß los mit ihr? Sie hatte sich noch nie besonders große Sorgen um ihre Tochter gemacht. Emilie war reif für ihr Alter und gewohnt, allein klarzukommen. Sylke arbeitete fast rund um die Uhr, um für sie beide den Lebensunterhalt zu verdienen.
Alte Lindenbäume säumten die Straße, sie raste daran entlang, vorbei an friedlich grasenden Pferden und dem verwaist daliegenden Basketballspielfeld. An der Abzweigung zum Waldpavillon biss sie sich auf die schweißnassen Lippen. Emilie liebte es, auf der Terrasse des Café-Restaurants zu sitzen, direkt am Meer. Doch meistens hatte Sylke abgewunken, zu viel zu tun im Geschäft. Sie schwor sich, noch an diesem Abend einen Tisch zu reservieren und Emmi so viel Eis essen zu lassen, wie sie wollte. Aber zuerst musste sie ihre Tochter finden!
In dem Moment blinkte ihr Handy auf. Der Text sprang ihr entgegen. Hab mich versteckt. Komm schnell. Er sucht mich.
Nun hielt sie doch an. WO BIST DU?, hämmerte sie auf die Tasten und legte ihre Hand kurz auf ihr rasendes Herz. Dann rannte sie weiter, an der griechischen Taverne vorbei über das Gelände des Campingplatzes, mit knirschenden Schritten Richtung Strand. Rechts von ihr ragten die hohen, dunklen Bäume des kleinen Stiftungswaldes stumm in den Himmel. War Emilie dort irgendwo im Dunkeln oder noch unten am Wasser? Einen Moment zögerte Sylke, dann folgte sie dem Pfad zum Meer ein kurzes Stück, bis sie den Strand überblicken konnte. Schwer atmend blieb sie stehen, ihre Augen bewegten sich suchend hin und her durch die wilde Schönheit, die sich hier auftat. Doch heute hatte sie keinen Blick für die türkis schimmernden Wellen, die großen Steine in der Brandung. Wo zur Hölle war Emmi?
Obwohl es auf zwanzig Uhr zuging, war es noch warm, das T-Shirt klebte an Sylkes Körper. Doch nur eine Frau sah sie weit weg barfuß durch die Wellen gehen. Wahrscheinlich saßen die Familien inzwischen vor ihren Zelten und Wohnwagen und grillten. Sylke starrte erneut auf ihr Handy, als könnte sie es damit beschwören. »Ich bin jetzt da«, tippte sie schnell, »am Pfad zum Wasser.«
Ein Knirschen ließ sie zusammenzucken. Vor ihr tauchte ein Mann mit verschwitzten Haaren auf. Unwillkürlich trat Sylke einen Schritt zurück. Wo war der denn so plötzlich hergekommen? Konnte das Emilies Verfolger sein? Er war klein und schmal gebaut, schlaksige Arme lugten aus den Ärmeln seines weißen T-Shirts hervor. Würde der Typ Emmi derartige Angst einjagen können? Wohl kaum. Außerdem kam er Sylke bekannt vor. Die kantigen, scharfen Gesichtszüge, das frisch rasierte Gesicht, das ihn jünger aussehen ließ, als er vermutlich war. Vielleicht ein Tourist, der bei ihr im Laden eingekauft hatte? Er kam nun direkt auf sie zu.
Sie wandte den Blick von ihm auf ihr Handy, das soeben aufblinkte. Bin im Stiftungswald. Erleichtert drehte sich Sylke um. Emmi war ganz in ihrer Nähe.
»Hallo!« Die Stimme direkt neben ihr ließ sie zusammenzucken. Der Mann war schneller, als sie gedacht hatte. Und leiser. Er lächelte sie an. Die schmalen Lippen passend zu seiner knochigen Erscheinung, eher weiß als rot, irgendwie blutleer. Ja, er kam ihr definitiv bekannt vor. Doch woher bloß?
»Sie sehen gestresst aus«, sprach er weiter. »Ist alles in Ordnung?«
»Äh ja, danke.«
Sie nickte ihm kurz zu und lief dann weiter bergan bis zu dem kleinen zugewachsenen Pfad in den Wald hinein. Sylke scherte sich nicht um die Äste, die ihren Körper peitschten, nicht um das Wasser, das in ihren Schuh drang, als sie über einen umgestürzten Baum und direkt in eine Pfütze sprang. Ihr Kopf drehte sich von links nach rechts. Dickicht. Von Emilie keine Spur.
Ein lautes Frauenlachen von fern. Ein Glück, der Mann war verschwunden und auch sonst schien sie hier vollkommen allein zu sein.
»Emmi?« Sylke wusste selbst nicht, warum sie flüsterte. Sie lauschte. Hörte nichts als die Wellen, den schlagenden Puls des Meeres, der träge durch die dicken Äste der Bäume drang. »Emmi, wo bist du?« Ihre Stimme wurde lauter, eindringlicher.
Erneut hörte sie ein Knacken und für einen Moment befürchtete sie, der Mann würde abermals auftauchen. Doch es war Emmi, sie kroch aus einem Gebüsch. In ihren langen blonden Haaren hingen Blätter, aus einem frischen Kratzer unter ihrem rechten Auge quoll ein wenig Blut. Ihr Blick war voller Erleichterung, als sie sich aufrichtete und ihrer Mutter um den Hals fiel. »Ein Glück!«, wisperte sie in Sylkes Schulter, »ich hatte solche Angst!«
»Ach Emmilein!« Sylke schob ihre Tochter ein wenig von sich und schaute sie an. Plötzlich kam ihr die Furcht, die sie eben noch verspürt hatte, lächerlich vor. »Du hast dir das bestimmt eingebildet.« Sie musterte die Wunde. »Das sieht nicht gut aus. Komm, wir gehen nach Hause und versorgen es. Und all die Blätter müssen wir auch aus deinem Haar pflücken.«
Emilie nickte, doch ihre Augenlider zuckten. »Das war keine Einbildung«, sagte sie. »Dieser Mann hat mich beobachtet. Ich habe es genau gemerkt. Und als ich gehen wollte, kam er hinter mir her.« Sie fasste Sylkes Hand. »Da bin ich losgerannt. Und plötzlich lief er auch.« Ihr Griff wurde fester. »Ein Glück, dass dies mein Ort ist, niemand kennt ihn so gut wie ich. Ich habe ein paar Haken geschlagen und mich dann hier verkrochen. Das hat er gar nicht mitbekommen und mich unten am Strand gesucht.«
Am Wasser? Plötzlich sah Sylke den Mann mit den verschwitzten Haaren wieder vor sich. »Wie sah der Typ denn aus?«, fragte sie, während sie Emmi mit sich zog. Der Schweiß an ihrem Körper wurde unter dem Schatten der Bäume mit einem Mal kalt und sie fröstelte.
»Er war klein und dünn.« Emilie ging nun genauso zügig wie ihre Mutter. »Deshalb hatte ich auch erst keine Angst vor ihm. Ich dachte, den hau ich mit meiner Faust k. o., falls er mir zu nahe kommt.« Sie blieb stehen. Ihre Stimme wurde wieder leise, und sie umklammerte Sylkes Hand so stark, dass es ihr wehtat. »Aber dann hab ich seinen Blick gesehen. Er hat mich angestarrt. Mit ganz komischen Augen.«
»Was meinst du damit?« Sylke runzelte die Stirn. Emmis Worte hallten noch in ihrem Kopf. Klein und dünn.
Emilie zuckte mit den Schultern. »Sie waren blau wie das Meer. Aber es war keine Lebendigkeit in ihnen. Sie blickten tot. So, als hätte er schon mit dem Leben abgeschlossen.«
Mit einem Mal bekam Sylke Kopfschmerzen. »Woher hast du denn nur solche Ideen?«, rief sie. »Tote Augen! So ein Unsinn. Du hast ihn noch nicht einmal richtig angesehen!« Aber in ihren Gedanken beschwor sie wieder das Gesicht des Mannes herauf. Versuchte, sich seine Augen vorzustellen. Es gelang ihr nicht. Sie hatte nach Emmi gesucht, ihr Blick hatte ihn nur flüchtig gestreift, war an seinem Mund haften geblieben. Der hatte gelächelt. Oder war es ein Grinsen gewesen, ein boshaftes Verzerren der Lippen?
Sie war in ihre Gedanken versunken, merkte nicht, dass Emilie stehen geblieben war. Erst der Ruck an ihrer Hand holte sie zurück. Ungeduldig wandte sie sich um. »Was ist denn?«
Doch ihre Tochter antwortete nicht. Alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen, bleich war sie. Die blonden Haare mit den Blättern darin fielen ihr in die Stirn und über die Wunde. Sie schaute Sylke nicht an, sondern auf einen Punkt vor ihnen. Erstarrt wie eine Maus, die die Katze vor sich zu spät entdeckt hatte.
Langsam löste sich Sylke von dem Anblick ihrer Tochter und drehte sich herum. Wir sind zu zweit, schoss es ihr durch den Kopf, den machen wir ...
Es gelang ihr nicht, den Gedanken zu Ende zu denken. Ein schrecklicher Schmerz durchfuhr sie, explodierte erst in ihrer Brust und dann in ihrem Kopf. Die Bäume rasten auf sie zu, kippten, fielen. Riesen waren sie, groß und schwarz und begruben sie unter sich.
2
Ratlos nahm Levke die Hand von der Klingel. Warum machte Sylke nicht auf? Sie hatte doch gesagt, dass sie und Emmi zu Hause seien und Levke vorbeikommen könne. So hatten sie es vereinbart, als Levke am Morgen gegen zehn in Sylkes Laden in Burg geschneit war. Jetzt im Juli, in der Hauptsaison, war Sylke auch sonntags dort anzutreffen.
Jedes Mal, wenn Levke die Tür aufstieß und die helle Klingel ertönte, war sie gespannt, welche Dekorationswunder ihre Freundin diesmal vollbracht hatte. Und sofort hatte sie die kleinen Unterschiede zur letzten Woche entdeckt: Der Tisch mit den selbstgenähten Taschen aus Jeanshosen, auf denen vorne der Umriss von Fehmarn zu sehen war, stand nicht mehr mittig, sondern links am Fenster. Dafür thronte im Zentrum des Ladens ein Couchtisch, der aus einem Baumstamm mit einer kleinen Glasplatte bestand. Durch das Glas hindurch sah man ebenfalls die Insel, ihre Umrisse waren in den Baum geritzt. »Der ist cool, den würde ich mir auch sofort ins Wohnzimmer stellen.« Levke strich vorsichtig mit den Fingern über den Tisch. »Tolle Arbeit. Wer hat das angefertigt?«
»Ich arbeite neuerdings mit Lutz zusammen, du weißt schon, dem Tischler aus Petersdorf. Es ist super, wie sein Sortiment aus Holz meine selbstgenähten Sachen ergänzt. Die Touristen kaufen einfach alles von ihm.«
»Das freut mich!« Levke lächelte. Wie hatte Sylke vor einigen Jahren mit der Entscheidung gehadert, ihren langweiligen, aber dafür sicheren Job als Verwaltungsfachfrau an den Nagel zu hängen und sich selbstständig zu machen. »Ich hab keinen Mann, dessen Gehalt uns auffangen könnte, falls es schiefläuft«, hatte sie immer wieder gesagt. Doch Levke war nicht müde geworden, Sylke zuzureden und sie in ihrer Idee zu unterstützen. So gut nähen wie ihre Freundin konnte niemand und schon vor der Öffnung des Ladens waren ihre Sachen im Internet heiß begehrt, vor allem unter Fehmarn-Fans. Sylke nähte ausgefallene Taschen, Kissen, Taschentuchhüllen, Handwärmer, Kopftücher, Schals und Ponchos. Und auf all diesen individuellen Stücken prangte Fehmarn – mal nur der Umriss, mal die ganze Insel, mal ein besonderer Teil von ihr. Am liebsten mochte Levke die großen Umhängetücher, auf denen buntgestickte Vögel aus dem Naturschutzgebiet Wallnau leuchteten. Man konnte mit geschlossenen Augen über sie streichen und fühlen, um welchen Vogel es sich handelte. Emmi liebte dieses Spiel und sie gewann immer. Niemand kannte die Tiere auf Fehmarn so gut wie sie.
Levke ließ sich auf den großen Stuhl am Verkaufstresen fallen. »Ich muss dir was erzählen.« Sie fuhr sich durch ihre lockigen braunen Haare und klemmte eine widerspenstige Strähne hinter das Ohr. »Gestern war doch Kais Geburtstagsfeier.«
»Ach ja!« Sylke schlug sich gegen die Stirn. »Mist, ich habe ganz vergessen, ihm zu gratulieren.«
»Ich weiß!« Nun blickte Levke vorwurfsvoll. »Erst kommst du nicht und dann meldest du dich nicht mal. Ich habe dir gestern Abend eine SMS geschrieben, aber darauf reagiert Madame ja nicht.«
»Entschuldige.« Sylke schüttelte den Kopf. »Meine Taschen sind fast ausverkauft. Ich musste gestern Abend nähen, was das Zeug hält. Heute schaffe ich einfach nicht alles, denn Emmi muss ich schließlich auch mal sehen.« Sie deutete vage auf den Vorhang, der hinter dem Verkaufstresen angebracht war und das daran anschließende Nähzimmer verbarg. »Eigentlich habe ich jetzt gar keine Zeit zu quatschen, wenn gerade mal keine Touristen hier einfallen. Komm doch heute Abend zu uns, dann kannst du mir alles erzählen. Es wird wohl nur Tiefkühlpizza geben ...«
»Das bin ich ja gewohnt. Aus dir wird keine Köchin mehr.« Levke schüttelte lachend ihren Kopf. »Man kann nicht in allem Talent haben. Ich würde ja was mitbringen, aber wie gesagt, gestern war ich bei Kai und da habe ich diesen Typen kennengelernt. Er ist nur dieses Wochenende auf der Insel und ich bin gleich mit ihm verabredet. Heute Abend ist er schon wieder weg.«
»Oh Levi, nicht dein Ernst.« Sylke verzog den Mund. »Neben dir und deinen Eskapaden komme ich mir alt vor.« Sie drehte sich im Kreis. »Aber wo soll neben Laden und Kind auch noch Platz für einen Mann sein?«, murmelte sie.
Levke hatte sie trotzdem gehört. Das war das große Manko an dem Geschäft. Es lief so gut, dass Sylke kaum noch Zeit für etwas anderes hatte. Sogar ihre Tochter kam zu kurz, fand Levke. Aber das durfte man Sylke nicht sagen, dann wurde sie wütend. Und Emilie war wirklich reif für ihr Alter. Außerdem hielt sie sich am liebsten allein am Meer auf. Am Wasser, immer am Wasser. Manchmal, wenn Levke sie ansah, kam ihr Emmi schon selbst wie ein halbes Meerwesen vor. Sie schien das Rauschen der Wellen in sich zu tragen und mit Schritten zu laufen, die sich diesem Rhythmus angepasst hatten.
»Okay, also heute Abend. Sieben?«
»Besser um acht.« Sylke seufzte. »Vielleicht koche ich doch. Emmi kann ja nicht immer nur Fastfood bekommen.«
»Ansehen kann man es euch nicht.« Ein wenig neidisch blickte Levke auf ihre Freundin, die groß und schlank vor ihr stand. Obwohl Sylke im letzten Jahr ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert hatte und sie damit drei Jahre älter war, fand Levke, dass man den Altersunterschied zwischen ihnen nicht sah. Im Gegenteil, Sylke wirkte jünger als sie. Dazu war sie immer perfekt gekleidet, die Farbtöne aufeinander abgestimmt, dezentes Make-up, das zu ihrer hellen Haut und den blonden, akkurat geschnittenen schulterlangen Haaren passte.
»Dir doch auch nicht.« Lächelnd musterte Sylke ihre Freundin. »Du hast Rundungen an den richtigen Stellen und die Männer stehen auf dich. Andauernd kommst du mit einem Neuen um die Ecke.«
Mit diesen Worten hatte sie Levke sanft, aber bestimmt zur Tür geschoben. »Bis heute Abend, Levi«, hatte sie ihr hinterhergerufen und Levke hatte von der anderen Straßenseite gewunken.
Und jetzt war Sylke nicht zu Hause. Hatte sie die Zeit vergessen und einfach weitergenäht? Das war bei ihr durchaus möglich. Auch, dass Emilie immer noch am Strand hockte und sich irgendeiner Beschäftigung so hingab, dass sie auf nichts anderes mehr achtete.
Levke ging um das Haus herum in den Garten. Dort spähte sie durch die große Terrassentür ins Innere. Das Wohnzimmer war mit einer offenen Küche verbunden. Nichts rührte sich. Levke holte ihr Handy aus der Tasche, wählte Sylkes Nummer, sie stand gleich ganz oben. Niemand ging ran. Auch ein Anruf im Laden blieb unbeantwortet. Komisch.
Levke dachte an den gestrigen Abend. Daran, dass Sylke weder Kai angerufen noch auf die SMS reagiert hatte. Wenn sie nähte, vergaß sie manchmal alles um sich herum. Aber Emmi? Sie musste doch langsam Hunger bekommen.
Seufzend beschloss Levke, zu warten. Sie machte es sich auf der Terrasse im Gartenstuhl gemütlich. Von Katharinenhof nach Burg zu fahren, um im Laden nachzusehen, das würde zu lange dauern. Bestimmt kamen die beiden jeden Augenblick zurück.
Levke fuhr sich durch das Gesicht. Inzwischen war sie gar nicht mehr so wild darauf, Sylke von dem Typen zu erzählen. Gestern Abend auf Kais Feier hatte sie ihn sympathisch gefunden. Ein wenig zu klein und zu dünn für ihren Geschmack, aber irgendwie faszinierend. Er flirtete mit ihr völlig anders, als sie es gewohnt war. Subtil, doch umso beharrlicher, so als wäre sie das einzige weibliche Wesen auf der Feier. Sie hatte eindeutig ein paar Gläser zu viel intus und wäre bereit gewesen, mit ihm zu knutschen. Als ihre Lippen jedoch vor seinen schwebten, hatte er mit einem Mal einen Rückzieher gemacht, Ausflüchte gesucht und sich stattdessen für heute mit ihr verabredet. Dann war er spurlos verschwunden, sie hatte ihn den ganzen Abend nicht mehr gesehen.
Und die Verabredung heute? Bang! Er war nicht aufgetaucht. Levke hatte auf ihn am Rathaus gewartet und je mehr Zeit verstrichen war, desto dümmer war sie sich vorgekommen. Sie hatte sich mehrfach gefragt, warum sie überhaupt dort stand. Betrunken an einem Abend war das eine, aber nüchtern bei hellem Tageslicht ... verrückt. Sie war doch alt genug, um zu wissen, dass man sich auf so was besser nicht einließ. Bestimmt hatte zu Hause seine Frau auf ihn gewartet und das schlechte Gewissen hatte ihn geplagt. Hatte er eigentlich einen Ring getragen? Levke konzentrierte sich, aber sie konnte sich kaum noch sein Gesicht in Erinnerung rufen, geschweige denn seine Hände. Sie war gestern so beschwipst gewesen, sie hatte ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Über den Typen würde sie jetzt nicht mehr nachdenken. Seufzend schüttelte Levke den Kopf.
Oh Mann. Sie brauchte jetzt definitiv eine Tiefkühlpizza – etwas anderes würde es wohl doch nicht geben – und vor allem ein kühles Bier. Als ihr Sylkes Lieblingsspruch einfiel, musste sie plötzlich grinsen. Wie oft hatte sie den schon von ihrer Freundin gehört, wenn sie mal wieder geknickt nach einem misslungenen Date mit ihr darüber quatschte: Du weißt doch, der größte Unterschied zwischen Männern und Frauen liegt in dem Satz: Was für ein Arsch!
3
Als Sylke in vollkommener Dunkelheit zu sich kam, brauchte ihr Gehirn nur Sekunden, um sich zu erinnern: Er hatte vor ihnen gestanden. Sie hatte ihn nur aus den Augenwinkeln gesehen, keine Zeit gehabt, einen klaren Gedanken zu fassen, schon war ein schrecklicher Schmerz durch ihren Körper geschossen. Und dann diese Dunkelheit. Ein ähnliches undurchdringliches Schwarz wie dieses, das sie jetzt umgab. Sie hatte ihre Tochter nicht schützen können.
»Emmi?« Sylkes Stimme klang selbst in ihren Ohren zu dünn. Das lag nicht an ihren rasenden Kopfschmerzen oder an ihren Gliedern, die sich wie Pudding anfühlten. Nein. Die Angst nahm ihr die Kraft. Wo war Emmi? Obwohl die Dunkelheit sie umgab und sie selbst mit weit aufgerissenen Augen nichts erkennen konnte, spürte sie es: Emmi war nicht da.
»Emmi?« Lauter sagte sie es, flehend. Wenn sie sich doch täuschte und ihre Tochter neben ihr lag? Vorsichtig tastete Sylke nach links und rechts. Da war niemand. Sie lag weich. Nicht auf einem festen Boden aus Stein, Lehm oder Holz. Ihre linke Hand klopfte weiter den Untergrund ab, auf dem sie lag, und schlug dann ins Leere. Erschrocken hielt Sylke inne, ließ ihren Arm baumeln, horchte. Nichts. Dunkelheit und Stille.
Langsam stützte Sylke sich auf ihren rechten Arm. Sofort explodierten Sterne in ihrem Kopf. Mit fest aufeinandergepressten Lippen schob sie sich ein Stück nach oben, beugte sich nach links, drehte sich. Unter ihr quietschte es, ein altes Lattenrost auf Metall. Das Geräusch kannte sie, sie musste auf einem Bett liegen. Sie rollte sich zurück auf den Rücken, streckte beide Arme aus. Rechts stieß sie an eine Wand. Rau. Keine Tapete.
Sylke versuchte, ihr Gehirn in Gang zu bringen. War es gut oder schlecht, dass sie hier lag? Immerhin lebte sie. Und sie lag in einem Raum, nicht irgendwo am Strand oder in dem kleinen Waldstück. Er hatte sie hierhergeschleppt und auf ein Bett gelegt. Und sie war nicht gefesselt. Oder? Mit einer plötzlichen erneut aufkommenden Panik zog sie ihre Beine zu sich, stieß erleichtert die Luft zwischen den Zähnen aus. Sie konnte sich bewegen. Wenn es doch bloß nicht so verdammt dunkel wäre!
Sylke atmete tief ein und schwang dann die Beine über den Bettrand. Sofort wurde ihr schwindelig, stöhnend presste sie die Finger gegen die Stirn. Aber sie saß. Sie griff nach ihrer Hosentasche, aber natürlich hatte er ihr das Handy abgenommen. Ihre Füße berührten den Boden und langsam stand Sylke auf, ignorierte das Pochen hinter ihren Schläfen, befahl den Beinen vergeblich, mit dem Zittern aufzuhören. Vorsichtig streckte sie sich, hob die Arme in Zeitlupe nach oben, zuckte zurück. Ihre Fingerspitzen hatten die Decke gestreift. Niedrig war sie, zu niedrig für ein normales Zimmer. Sylke streckte die Arme nach vorne, tastete sich zur nächsten Wand, fuhr an ihr entlang.
Es dauerte lange, bis sie den ganzen Raum erkundet hatte. Mehrfach war sie gestolpert, gegen Dinge gestoßen. Sie hatte alles abgetastet, jeden Winkel erforscht. Zurück bis zu dem Bett. Sylke ließ sich darauf sinken, krallte sich mit beiden Händen an der Matratze fest.
Es war ein vollmöbliertes Zimmer mit einem Tisch und einem Stuhl. Sogar einen Sessel und ein Regal hatte sie erfühlt. Und in der Ecke schräg gegenüber zwei niedrig gemauerte Wände, die ihr bis zur Brust gereicht hatten. Es hatte lange gedauert, bis sie begriffen hatte, dass es ein kleinerer, abgeteilter Bereich sein musste, in dem sie dann eine Toilette und ein Waschbecken entdeckt hatte.
Und natürlich gab es eine Tür. Bei ihr hatte sie besonders viel Zeit verbracht. War immer wieder mit den Fingern daran entlanggefahren. Über das kalte, glatte Metall, über die Scharniere auf der einen Seite. Doch sie hatte keine Türklinke ertastet, nur eine kleine Schlossrosette. Es hatte gedauert, bis sie die volle Bedeutung dieser Tatsache erkannte und den Gedanken zulassen konnte: Ohne Schlüssel kam sie hier nicht heraus. Sie war eingesperrt. In einem fensterlosen Zimmer mit niedriger Decke.
Aber das Wichtigste hatte sie nicht gefunden. Nirgendwo.
»Emmi!« Das Wort kam schluchzend aus ihrem Mund. Eine Welle der Verzweiflung erfasste sie so stark, dass sie schwankte. Sie hatte keine Ahnung, wo sie war und wer sie gefangen hielt. Aber das Schlimmste war die Ungewissheit, was er mit ihrer Tochter gemacht hatte.
4
Sie war so schön. Die langen Beine in den kurzen Shorts. Das T-Shirt, das an ihrem verschwitzen Körper klebte. Man konnte darunter die kleinen Brüste sehen, die sich fest gegen den Stoff drückten. Und dann ihre langen blonden Haare, flatternd im Wind. Sie stand allein in der Ecke des Schulhofes und versuchte, teilnahmslos zu wirken. Heiß war es heute, sehr heiß für einen Tag im Juni, zum Glück wehte von der See eine starke Brise.
Er richtete sich auf, straffte seine Schultern. Wenn sie doch bloß einmal herübersah! Dann würde er ihr cool zunicken, lässig den Arm heben. Aber sie schaute nicht in seine Richtung. Er war Luft für sie.
Oh nein. Da kam sein Bruder. Der hatte ihm gerade noch gefehlt. Wie immer umringt von mindestens fünf Bewunderern. Sie lachten und machten Späße. Einer der Jungen kicherte übertrieben laut. Das schien seinem Bruder nicht zu gefallen. Er blieb stehen und boxte ihn in die Seite. Der Junge stolperte, vollführte eine fast absurde Drehung, fiel hin. Sein Bruder blickte abschätzig zu ihm hinab und ging weiter. Gut. Wenn er sich hier abreagierte, dann würde er von ihm zu Hause vielleicht heute nicht mehr so gepiesackt.
Nein, bitte nicht. Sie kamen direkt auf ihn zu. Hektisch sah er sich um. Wohin konnte er flüchten? War ein Lehrer in der Nähe? Schon stand sein Bruder vor ihm.
Er schluckte, hob den Kopf. Sein Bruder haute ihm mit seiner mächtigen Hand so auf die Schulter, dass er in die Knie ging. »Na, Wicht«, grinste er hämisch, »holst du dir wieder einen runter?« Sofort lachten alle Jungen los, umringten ihn. Zitternd stand er in der Mitte. Tränen krochen herauf, bahnten sich einen Weg zu den Augen. So ein Scheiß, bloß nicht weinen, alles, nur das nicht. Doch sein Bruder hatte das Glitzern schon bemerkt. »Heulsuse«, sagte er verächtlich. »Dich wird nie ein Mädchen angucken.« Dann drehte er sich um, sofort löste der Kreis sich auf und die anderen folgten. Wie kleine Welpen.
Erleichtert atmete er auf. Schnell wischte er sich die Tränen aus den Augen. Warf einen verstohlenen Blick zu ihr hinüber. Hatte sie seine Erniedrigung beobachtet? Nein. Sie schaute auf einen Baum. Konzentriert. Still. Was sah sie dort? Angestrengt wanderte sein Blick durch die Äste. Und dann bemerkte er ihn ebenfalls, einen imposanten, großen Vogel, gut versteckt zwischen den Blättern. Seine gelben Krallen leuchteten, die braunen Federn waren mit weißen Tupfen gesprenkelt. Aufmerksam prüften seine runden Augen die Umgebung. Und mit einem Schrei erhob er sich plötzlich in die Lüfte, kreiste wie ein Herrscher über dem Schulhof und verschwand schließlich am blauen Himmel.
Wenn er doch bloß wie dieser Vogel wäre! So überlegen, so schön, so stark. Dann würde sein Bruder ihn nie mehr ärgern, nie mehr bloßstellen vor den anderen. Und sie würde ihn endlich bewundernd ansehen.
Er war so in Gedanken versunken, dass er den Schulgong nicht hörte. Erst als es mit einem Mal still um ihn war, durchfuhr ihn ein Schreck. Der Schulhof war leer. Er stolperte los. Wenn er die Tür zur Klasse öffnete, würden alle lachen und Herr Johan eine blöde Bemerkung machen. Einen Eintrag ins Klassenbuch gab es bestimmt auch noch. Mit gesenktem Kopf stand er eine Weile im Flur. Besser war es, abzuhauen. Er drehte auf dem Absatz um, stieß die schwere Schultür auf und rannte nach draußen. Er lief und lief und blieb nicht stehen, bis er den Strand erreichte. Keuchend setzte er sich in den Sand, ließ ihn durch die Finger gleiten. Wunderbar warm war der. Langsam zog er die Schuhe aus und vergrub seine Zehen. Die Sonne glitzerte auf den Wellen, sie schien auf ihn hinab. Ein Seufzer entfuhr ihm. Hier am Meer war alles gut. Jedenfalls für einen kleinen Moment.
5
Die Zeit verstrich, wurde zu einem langen Band, das sich ausdehnte und mit jedem Herzschlag länger wurde.
Nach einigen Minuten zurück auf dem Bett, in der ihr die Angst jegliche Luft zum Atmen genommen hatte, war sie erneut aufgestanden, um sich eine Vorstellung von dem Raum zu verschaffen, in dem sie eingesperrt war. Langsamer diesmal, gründlicher. Sylke war in alle Richtungen gegangen, hatte die Schritte gezählt und trotz der Dunkelheit war ein Bild in ihrem Kopf entstanden. Das Zimmer war zwar niedrig, doch relativ groß, um die fünfzehn Quadratmeter, schätzte sie. Von der Tür aus stand rechts an der Wand das Bett, links befand sich die kleine Abgrenzung zum »Bad«, dahinter Regal, Sessel und Tisch mit Stuhl.
Sylke hatte sich gereckt und jeden Zentimeter der Wände abgefahren. An der Decke hatte sie schließlich etwas gefunden, dass sich wie eine Neonröhre angefühlt hatte. Nur der Lichtschalter dazu fehlte.
Sie hatte auch den Boden abgetastet, war auf allen vieren gekrochen. Vor dem Sessel war der Untergrund nicht glatt und trocken, sondern flauschig. Dort lag ein Teppich, ein Flokati vielleicht.
Schließlich war sie zu dem Stuhl gerobbt, hatte sich auf ihn gesetzt und versucht, ihre flatternden Gedanken zu beruhigen, die aus der schwarzen Enge fliehen wollten. Auf keinen Fall durfte sie wehrlos auf dem Bett liegen, wenn er hereinkäme.
»Denk nach«, ermahnte sie sich. »Wer ist dieser Mann? Er kommt dir bekannt vor!« Sie ging alle Kunden durch, an die sie sich erinnern konnte. Ihre Freunde, Bekannte, Emmis Mitschüler aus der Inselschule und deren Eltern. Doch so sehr sie auch ihr Gehirn zermarterte, es gelang ihr nicht, sein Gesicht mit einer konkreten Person in Verbindung zu bringen. Frustriert schlug Sylke mit der Faust auf den Tisch. Sie hatte absolut keine Ahnung, wer sie gefangen hielt. Und warum. Und wo zur Hölle ihre Tochter war.
Langsam richtete sie sich auf, drehte den Kopf in alle Richtungen. Nirgends ein Spalt, durch den ein bisschen Licht schimmern würde. »Ich weiß nicht, ob du mich hörst«, sagte sie laut. »Ich möchte nur zu meiner Tochter. Bitte lass mich zu Emilie, dann mach ich alles, was du willst. Nur bitte, lass sie aus dem Spiel!«
Sie bemühte sich, ihrer Stimme einen festen Klang zu geben, doch beim letzten Satz wurde sie brüchig. Sylke räusperte sich. Mit einem Mal war sie froh über die Dunkelheit, denn so konnte er wenigstens die Tränen nicht sehen, die über ihre Wangen liefen. Angespannt horchte Sylke in das Schwarz. Kam von draußen eine Antwort?
Sie wartete und wartete. Saß stocksteif und gerade auf dem Stuhl. Bewegte sich nur von Zeit zu Zeit, wenn eines ihrer Beine einzuschlafen drohte. Doch irgendwann überkam sie trotz der schrecklichen Angst eine tiefe Müdigkeit. Ihr Kopf sackte auf die Brust. Anfangs wurde sie davon wach, richtete sich immer wieder auf, schließlich versank sie für ein paar Stunden in einer Welt zwischen Wachsein und Traum. Darin zogen dunkle Schatten an ihr vorbei, die an ihr zerrten.
Sie zuckte erschrocken zusammen, als es plötzlich hell wurde. Das grelle Licht brandete über sie wie eine Flutwelle. Reflexartig kniff sie die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen, sie begannen sofort zu tränen. Vorsichtig versuchte Sylke sie wieder zu öffnen. Das Zimmer verschwamm vor ihren Augen. Die Neonröhre an der Decke tauchte den Raum in ein gnadenlos hellweißes Licht.
Jemand hatte auf den Schalter gedrückt. Jemand außerhalb ihres Gefängnisses.
6
Ratlos stand Levke vor Sylkes Laden. Fehmarn und Meer prangte auf einem großen blauen Schild über der Tür, die Schaufensterscheiben reflektierten die Mittagssonne. Sylkes Geschäft befand sich im Zentrum von Burg, ein Stück hinter dem Rathaus am Kaufhaus Scholz vorbei die Straße hinunter, in der Nähe des Filmtheaters Fehmarn. Wie oft hatten sie früher, als Sylke noch nicht so beschäftigt war, in dem gemütlichen Kino spannende Filmabende verbracht. Levke liebte das urige Ambiente, denn jeder Platz im Saal war mit einem kleinen Tisch und einem Lämpchen ausgestattet.
Auf der Straße herrschte reges Treiben, vor allem Touristen flanierten gutgelaunt durch die Stadt. Doch in dem Laden, dessen Türglocke in der Hauptsaison fast unermüdlich klingelte, war niemand. Stirnrunzelnd drückte Levke die Klinke herunter, rüttelte daran, doch die Tür öffnete sich nicht.
»Sylke?«
Was, verdammt, war mit ihrer Freundin los? Sie hatte gestern lange auf Sylke und Emmi gewartet und war letztendlich verwundert von Katharinenhof nach Landkirchen gefahren, wo sie sich in einer kleinen, gemütlichen Einliegerwohnung ihr eigenes Reich geschaffen hatte. Mehrfach hatte sie versucht, Sylke auf dem Handy zu erreichen. »Es gibt bestimmt eine ganz plausible Erklärung«, hatte sie sich eingeredet, als sie schließlich nach Mitternacht todmüde ins Bett gefallen war. Sie musste am nächsten Tag wieder früh raus. Der Bäcker, bei dem sie in Burg arbeitete, öffnete wochentags um sieben, Sylkes Laden hingegen erst um zehn Uhr.
Den ganzen Vormittag hatte sie an Sylke gedacht und sich sofort in der Mittagspause auf den Weg zu dem Laden gemacht, der nur wenige Hundert Meter von der Bäckerei entfernt lag. In ihren Gedanken sah sie Sylke lachend in der Tür stehen. »Wir haben doch bloß die Zeit vergessen, das kennst du doch!« Sie hörte die Stimme ihrer Freundin so nah an ihrem Ohr, dass sie erschrak, als der Laden in ihr Blickfeld kam und dieser verlassen dalag.
Das war noch nie vorgekommen. Selbst als Sylke vor einem Jahr eine schwere Grippe bekommen hatte. Mit Fieber hatte sie hinter dem Tresen gestanden und ihre Mattheit weggelächelt. Im Weglächeln war sie gut.
Levke schaute auf ihre Uhr, sie hatte nur noch fünfundzwanzig Minuten. Ein letztes Mal klopfte sie energisch gegen die Scheibe, jedoch mehr aus Pflichtbewusstsein. Sylke war nicht da, sie ging nicht an ihr Handy. Und Emmi ...
Levke schlug sich gegen die Stirn. Natürlich, Emmi! Sie musste doch in der Schule sein. Da war Sylke streng, da kannte sie keine Gnade. Die Inselschule lag mitten in Burg, wenn sie schnell ging, konnte sie in weniger als fünf Minuten dort sein. Sie wollte gerade loslaufen, als sie innehielt. Mist, es waren doch Ferien! Das vergaß sie manchmal, da sie keine Kinder hatte.
Seufzend fuhr sich Levke über die Stirn. Sie hatte um vier Feierabend. Dann würde sie noch einmal zum Laden gehen. Bestimmt war das alles nur ein großes Missverständnis, sicher hatte Sylke irgendetwas gesagt, das ihr entgangen war.
Levke nickte energisch. So musste es sein. Sie ging mit festen Schritten, einem Lächeln auf dem Gesicht, tat alles, um sich selbst zu überzeugen. Um zu verhindern, dass sich die Angst in ihrem Inneren weiter ausbreitete wie ein Geschwür. Nein, verdammt noch mal, sie wollte nicht darüber nachdenken, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmte.
7
Langsam gewöhnten sich Sylkes Augen an die Helligkeit. Sie schaute sich um, eilig, wer wusste schon, wann das Licht wieder ausging. Sie hatte gründliche Arbeit geleistet, das Bild in ihrem Kopf stimmte. Nur wurde es jetzt mit Farben gefüllt: Der Sessel war aus einem tiefen Bordeauxrot und sah ein wenig so aus, als könnte eine Oma gut in ihm vorlesen. Das Regal war groß und dunkel und mit allerhand Büchern und Spielen bestückt. Auf dem Bett lag eine bezogene Bettdecke. Die hatte sie gar nicht wahrgenommen.
Und in einem weiteren Punkt hatte sie Recht gehabt: Es gab kein Fenster. Die Decken waren niedrig. Die Tür bestand aus massivem, glänzendem Metall. Keine Klinke. Kein Entkommen.
Sylkes Müdigkeit war schlagartig verschwunden, stattdessen breitete sich die Angst erneut in ihr aus. Sie zwang sich, den Blick abermals durch den Raum wandern zu lassen. Gab es irgendwo eine Kamera? Beobachtete sie jemand? Doch so sehr sie sich anstrengte, sie konnte nichts entdecken.
Vorsichtig stand sie auf. Ihr Rücken schmerzte und knackte, als sie sich kurz streckte, ihre Beine fühlten sich wackelig an. Sie ging auf das Regal zu und betrachtete es eingehend. War dort irgendwo eine Kamera versteckt?
Ihre Finger fuhren über die vielen Bücher, zogen nacheinander einige heraus, schlugen sie auf. Warrior Cats, verschiedene Bände. War das nicht eine Reihe, die schon länger bei Jugendlichen beliebt war? Sie meinte, sich zu erinnern, dass Emmi einmal davon erzählt hatte.
Als ihre Augen über die Bücher eine Regalreihe darunter wanderten, begann ihre Hand zu zittern. Astrid Lindgren: Mio, mein Mio. Die Brüder Löwenherz. Ronja Räubertochter, das sie Emmi im vergangenen Winter vorgelesen hatte. In der Ferienzeit hatte sie noch nie Urlaub nehmen und den Laden schließen können, denn da war auf der Insel natürlich am meisten los; für eine Aushilfe war der Umsatz nicht groß genug. Der reichte zwar, aber nur, wenn sie allein dort schuftete. Doch in den kalten Monaten war immer weniger Trubel als im Frühjahr und Sommer. Da hatte sie mehr Zeit für Emmi, und die hatte sie angebettelt, ihr das Buch vorlesen. Eigentlich fand sie, dass Emmi schon zu groß dafür sei und Bücher selbst lesen konnte und sollte. Doch ihre Tochter hatte nicht lockergelassen, und so hatten sie an den langen Winterabenden zusammen auf dem Sofa gesessen und waren in Gedanken mit Ronja und Birk durch den Wald gezogen.
Mit einem Mal war dieser Geruch in ihrer Nase: Emilies Haar, direkt auf ihrer Schulter. Wenn sie sich nur ein klein wenig drehte, versank ihre Nase darin – in dem blonden Haar, das über sie floss wie ein sich wogendes Weizenfeld im Sonnenschein und genauso duftete. Nach frischem Brot. Nach Sommer. Nach Leben.
Sylke schluckte. Behutsam nahm sie das Buch in die Hand, streichelte darüber. Dann drückte sie es fest gegen ihre Brust. Konnte jemand, der Lindgren-Bücher besaß, böse sein? Das war schier unmöglich, oder?
Regungslos stand sie dort. Doch der Griff um das Buch wurde härter, so hart, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ihr Blick war auf das gegenüberliegende Bett gerichtet. Auf die Decke, die ihr zuerst nicht aufgefallen war. Rosa war die. Kleine grüne Feen mit Zauberstäben in den Händen flogen darauf umher.
Langsam drehte sie sich zurück zu dem Regal. Mehrere Bände von den Fünf Freunden und von TKKG standen dort ebenfalls. Sie sahen im Gegensatz zu den anderen Exemplaren alt und abgegriffen aus. Daneben ein Mikado-Spiel, ein weißer Block, Filzstifte.
Plötzlich war Sylke so schwindelig, dass sie sich auf den Teppich sinken ließ. Das Zimmer drehte sich. Sie atmete tief ein und aus, stützte sich auf dem Boden ab. Dieser Raum war ein Gefängnis, das nicht für sie errichtet worden war.
»Emilie!« Das Wort entfuhr ihr mit geballter Wucht, sie schrie es hinaus mit ihrer Angst. Wo zur Hölle war sie? Und warum war sie statt ihrer Tochter hier, in diesem verfluchten Kellerraum, der eindeutig nicht für sie bestimmt war?
Mit den Fingern trommelte sie gegen ihre Stirn, dann mit der Faust, immer heftiger. »Denk nach! Denk, verdammt noch mal, nach! Wer ist dieser Typ und wo könnte Emmi sein?«
Doch ihr Kopf war leer, nur die Angst pulsierte hindurch, verdrängte alles andere. Und mit einem Mal wünschte sich Sylke die gnädige Schwärze zurück.
8
Die Erschütterung darüber, dass sie den Laden immer noch geschlossen vorfand, ließ Levke erstarren. Auf dem Weg von der Bäckerei die Straße hinunter hatte sie sich vorgestellt, dass die Tür inzwischen offen stand und sie Sylke ordentlich die Leviten lesen würde. Wie hatte sie ihr nur solche Angst einjagen können!
Doch niemand stand lachend in der Tür, keine Sylke weit und breit, die sie beruhigte. Levke presste die Lippen aufeinander, schüttelte sich und lief dann die Straße zurück, vorbei am Rathaus, an den flanierenden Menschen auf dem Marktplatz weiter Richtung Pfannkuchenhaus. Das befand sich fast gegenüber der Burger Polizeistation, auf die Levke mit immer eiligeren Schritten zusteuerte.
Vollkommen atemlos blieb sie vor dem verschlossenen Eingang stehen und drückte gleich mehrmals hintereinander auf die kleine Klingel, bis ein Summen ertönte. Erleichtert stieß Levke die Tür auf. Links entdeckte sie einen kleinen Schalter mit einer runden Öffnung im Fenster, doch dort saß niemand. Deshalb stürmte sie gleich weiter zu einem Durchgang. In dem Raum dahinter standen zwei Schreibtische Rücken an Rücken, an denen sich ein älterer und ein jüngerer Polizist gegenübersaßen, beide in Uniform. Über dem Gürtel des älteren spannte sich ein beachtlicher Bauch. Er sah auf, als Levke hereintrat und betrachtete sie aus gutmütigen, lebhaften Augen. Der jüngere, schlank, mit einem ordentlich gekämmten Seitenscheitel und Brille, las etwas am Computer und nahm kaum Notiz von ihr.
Der Ältere rollte mit seinem Stuhl näher heran und musterte die verschwitzte Levke. »Goden Dach oog«, sagte er. »Is alles in Ordnung?«
»Nein!« Levke schüttelte so heftig den Kopf, dass ihre Locken in alle Richtungen flogen. »Nichts ist in Ordnung. Meine Freundin ist verschwunden. Und ihre Tochter.«
Jetzt schaute auch der Jüngere auf, Interesse in seinem Blick.
»Verschwunden?« Furchen legten sich auf die Stirn des Älteren. Er deutete auf einen Stuhl, der vor den zusammengestellten Schreibtischen stand. Levke war allerdings zu aufgeregt, um sich zu setzen. Unruhig lief sie durch den Raum. »Wir waren gestern verabredet«, sprudelte sie los, »aber die beiden waren nicht zu Hause. Sie sind auch nicht zurückgekommen. Und jetzt ist Sylkes Laden zu, Sie kennen ihn bestimmt, Fehmarn und Meer.«
»Klaar.« Der Polizist nickte. »Wer kennt den nicht?« Er zog ein Blatt Papier zu sich heran. »Jetzt noch mal von vorne. Wie heißen die beiden und was genau ist passiert?«
Er machte sich Notizen, während Levke erzählte. Als sie geendet hatte, sah sie ihn erwartungsvoll an. Es war allerdings der Junge, der sprach, sein Blick betont gelangweilt: »Die kommen sicher bald wieder.«
»Was?« Levke traute ihren Ohren kaum. »Haben Sie mir nicht zugehört?«
»Doch, habe ich.« Der junge Polizist war aufgestanden und kam lässig herübergeschlendert. Levke sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an.
»Ich fasse mal zusammen«, fuhr er fort. »Eine Mutter und ihre Tochter sind seit einem Tag nicht da. Es sind Schulferien, die Mutter ist überarbeitet. Vermutlich«, er schnaubte, »haben sie sich einfach entschlossen, mal Urlaub zu machen.«
Levkes Fingernägel gruben sich in ihre Hand. Sie beschloss, den Jüngeren zu ignorieren, und richtete all ihre Aufmerksamkeit auf den Älteren. »Ich bin ihre beste Freundin. Sie hätte mir gesagt, dass sie verreisen würde.« Sie sprach mit eindringlicher Stimme. »Und sie würde nie ihren Laden einfach so schließen, mitten in der Hauptsaison. Ohne ein Wort an ihre Kunden, wann sie wieder da ist. Niemals.«
Der Polizist wiegte den Kopf. »Trotz allem kann sie sich spontan entschlossen haben. Das passiert immer wieder. Nachts geht es ihr nicht gut, und sie überlegt sich, am nächsten Tag endlich einmal die lang ersehnte Auszeit zu nehmen. Und dann ist ihr Akku im Handy leer und Frau Harmsen kann Sie nicht erreichen. Haben Sie schon mal mit ihren Eltern gesprochen? Vielleicht hat sie sich bei denen gemeldet.«
»Ihre Eltern sind tot. Sie ist nicht verheiratet. Ich bin ihre engste Bezugsperson.«
Der Jüngere grinste. »Hört sich so an, als könnte sie ’n bisschen Spaß gebrauchen. Kein Wunder, dass sie abgehauen ist.«
Fassungslos rang Levke nach Worten. Was erlaubte sich dieser Grünschnabel? Auch sein Kollege zog die Augenbrauen zusammen. »Nu hol dien Snuut!«, fuhr er ihn an.
»Sie hat eine Tochter, verdammt noch mal«, fauchte Levke, die ihre Stimme wiedergefunden hatte. »Sylke und Emmi verschwinden nicht einfach so. Ihnen ist etwas zugestoßen, das ist klar.«
»Ach, und was? Eine Entführung von zwei Frauen gleichzeitig?« Die Stimme des jungen Polizisten klang inzwischen genervt. »So was passiert auf Fehmarn nicht.« Fast sah es so aus, als wollte er noch »leider« hinzufügen, doch er schwieg.
»Ach nein?« Levke reckte ihr Kinn nach oben. »Vor einigen Jahren wurde ein kleiner Junge entführt, erinnern Sie sich nicht? Das war eine ganz unheimliche Geschichte.« Sie trat einen Schritt nach vorne. »Eine Geschichte, die, wenn ich mich recht erinnere, nicht die Polizei aufgeklärt hat. Sondern ein junges Mädchen, das nach ihrem verschollenen Bruder gesucht hat. Der auch hier auf Fehmarn verschwunden war.«
Der ältere Polizist war aufgestanden, stand nun zwischen Levke und seinem Kollegen. »Jümmers langsam mit den jungen Peer.« Er bedeutete dem Jungen, sich zu setzen, was dieser widerwillig tat. »Eine schreckliche Sache war das«, sagte er dann und strich sich über das Gesicht. »Ich erinnere mich natürlich. Allerdings«, er sah Levke gutmütig an, »nicht zu vergleichen mit dieser hier. Es ist was ganz anderes, ob ein kleines Kind verschwindet oder ob eine Mutter mit ihrer Tochter für ein paar Stunden nicht zu erreichen ist.« Er hob beschwichtigend die Hand, als Levke erneut Einspruch erheben wollte. »Wissen Sie was«, sagte er, »wir fahren gleich einmal bei Frau Harmsen vorbei und schauen, ob wir an ihrem Haus etwas Verdächtiges feststellen. Und Sie melden sich wieder, wenn die beiden in den nächsten Tagen auch nicht auftauchen, in Ordnung?«
»Nein.« Levke wusste, dass sie trotzig klang, aber die Angst legte sich erneut um ihre Brust und machte ihr das Atmen schwer. Wenn die Polizei nichts tat, wer sollte dann den beiden helfen?
In dem Moment klingelte das Telefon und der Ältere nahm ab. Er sprach leise und schnell und wandte Levke den Rücken zu. Auch der Jüngere würdigte Levke keines Blickes mehr. Ein paar Minuten stand sie zitternd am Tresen. Dann drehte sie sich mit einem Ruck um und lief nach draußen.
»Emmi, Sylke, ich lass euch nicht im Stich«, murmelte sie, während sie zum Parkplatz der Inselschule eilte, auf dem sie morgens vor Arbeitsbeginn ihren kleinen Fiat abgestellt hatte. »Egal wo ihr seid, ich werde euch finden.«
Obwohl ihr niemand zuhörte, legte sie alle Zuversicht in ihre Stimme, die sie aufbringen konnte. Doch so sehr sie sich auch anstrengte, in ihrem Gedächtnis kramte: Sie hatte absolut keinen Anhaltspunkt, was mit Sylke und Emmi passiert sein könnte und wo sie jetzt waren.
Wie in Gottes Namen sollte sie die beiden jemals finden?
9
Die nackte Neonröhre strahlte unerbittlich und tauchte den Raum in ein geradezu klinisches Licht. Seit Stunden, so kam es ihr vor, saß Sylke angespannt auf dem Stuhl, den sie so positioniert hatte, dass sie die Tür sehen konnte. Erst hatte sie überlegt, sich in den Sessel zu setzen, doch sie wollte auf keinen Fall wieder einschlafen. Stattdessen hatte sie darüber nachgedacht, ob sich irgendetwas in dem Raum als Waffe benutzen ließ. Sollte sie das dickste Buch nehmen und ihn damit auf den Kopf schlagen? Schnell verwarf sie die Idee wieder. Sie wollte erst wissen, wo Emilie war, bevor sie versuchte, zu kämpfen. Wenn sie ihm unterlag, würde er sie vielleicht töten und ihre Tochter bliebe allein zurück in seiner Hand. Nach einigem Zögern hatte sie jedoch einen Filzstift genommen und ihn unter ihren Pullover an der rechten Hand geschoben. Ein Stift war eine gute Sache, wenn es ihr gelingen würde, ihn direkt in sein Auge zu stechen.
Nun saß sie hier, den Stift fest umklammert und mit einem laut knurrenden Magen. Doch noch schlimmer war der Durst. Was würde sie jetzt für ein Glas Wasser geben! Und danach einen großen Becher Kaffee. Der würde wenigstens helfen, wieder klar zu denken.
Dann schlug sie sich vor den Kopf. Natürlich, es gab doch ein Waschbecken in dem Raum. Mit wackeligen Schritten ging sie zu der Waschecke hinüber und drehte am Wasserhahn. Sofort sprudelte klares, kaltes Wasser heraus. Sylke trank es gierig aus ihrer Hand. Dass sie nicht schon vorher darauf gekommen war! Sie schimpfte im Stillen mit sich selbst. Sie durfte sich jetzt nicht gehen lassen, sie brauchte mehr denn je all ihre Sinne. Als ihr Blick auf die Toilette fiel, zögerte sie. Sie musste dringend. Doch was, wenn es hier eine Kamera gab, die sie nicht entdeckt hatte? Oder er genau in dem Moment zur Tür hereinkam, wenn sie mit heruntergelassener Hose dastand? Diese Blöße wollte sie sich nicht geben. Doch sie hielt es nicht mehr aus, setze sich schnell und sprang genauso hektisch wieder auf, sobald sie fertig war. Jetzt schnell zurück zum Stuhl. Vorbereitet sein.
Sylke setzte sich kerzengerade hin und starrte auf die Tür. Die Minuten verstrichen, wurden zu Stunden, jegliches Zeitgefühl war ihr abhandengekommen. Sie wurde müde, ihr Kopf rutschte immer wieder nach vorne und dann schreckte sie jedes Mal hoch. Deshalb wusste sie im ersten Moment auch nicht, ob sie träumte, als sie ein kratzendes Geräusch vernahm. Sofort richtete sie sich auf, konzentrierte sich. Ja, es kam eindeutig von der Tür.
Sylkes Herz begann zu rasen, Adrenalin rauschte durch ihren Körper. Sie sprang auf, stellte sich hinter den Stuhl, den rechten Fuß nach vorne, Arme angewinkelt. Die Tür öffnete sich. Langsam. Wie hypnotisiert folgten Sylkes Augen der schweren Metallplatte, die sich Zentimeter für Zentimeter in den Raum fraß. Die Spitze eines schwarzen Turnschuhs folgte, dann ein Bein, schließlich der ganze Körper. Direkt danach fiel die Tür krachend zu.
Sylke blinzelte. Ihre Augen tränten und mit einer schnellen Bewegung wischte sie darüber. Das konnte nicht sein ... das war nicht er ... aber ...
»Mama!« Emilie war mit drei Schritten bei ihr, umarmte Sylke so heftig, dass sie schwankte. Sie versuchte, ihren Halt wiederzufinden, sog gierig den Geruch ein, der sie traf, Emmis Geruch, der Geruch ihrer Tochter. Vorsichtig, als könnte sich Emmi als eine Fata Morgana erweisen, hob sie ihre Hand, strich über das blonde Haar.
Emilie umklammerte sie. So standen sie da, regungslos. Schließlich löste sich Emmi von ihr. Sylke legte ihre Hand auf die Wange ihrer Tochter, schaute sie an. »Ist alles in Ordnung?«, flüsterte sie. »Hat er dir irgendetwas getan?«
Emilie schüttelte stumm den Kopf.
Eine Welle der Erleichterung durchflutete sie. Sie schob Emilie zum Bett, setzte sich direkt daneben, Bein an Bein. Emilie blickte mit großen Augen in das Zimmer.
Sylke nahm ihre Hand. »Wo warst du? Was ist passiert?«
Doch Emilie antwortete nicht. Sie starrte weiterhin wie gelähmt in den Raum, anscheinend ohne etwas wahrzunehmen. Sylkes Erleichterung löste sich auf, verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Das hier war nicht ihre Emilie. Dieses Mädchen hatte Angst und stand eindeutig unter Schock.
»Schon gut. Schon gut, meine Süße!« Sie rückte an ihre Tochter heran, umfasste sie mit beiden Armen. Erst da fiel ihr auf, dass Emmi einen Rucksack trug. Vorsichtig löste sie die Schulterriemen. Emilie ließ das teilnahmslos geschehen, jegliche Energie schien aus ihr gewichen zu sein. Die Tasche war schwer, Sylke stellte sie auf den Boden und öffnete den Reißverschluss. Sie war voll mit Essen. Zuerst holte Sylke eingepackte Brote heraus, dann Äpfel und Bananen. Zum Schluss zwei Tafeln Schokolade, Alpenmilch und Haselnuss. Außerdem befand sich noch eine Flasche Eistee darin und zu guter Letzt beförderte sie Cola ans Tageslicht. Obwohl sie es nicht wollte, knurrte ihr Magen laut auf.
»Hast du Hunger?«, fragte sie. Emilie schüttelte den Kopf. Bis auf »Mama« ganz zu Beginn hatte sie noch kein Wort gesprochen, stellte Sylke beunruhigt fest.
Sie schob das Essen zur Seite und nahm ihre Tochter erneut in den Arm. »Es wird alles gut«, flüsterte sie, vergrub sich in Emilies Haaren und sog den vertrauten Geruch in sich auf. »Wir sind zusammen, jetzt kann uns nichts mehr passieren, ich verspreche es dir.« Sie zwang sich, ruhig zu atmen. Sie wollte alles wissen: Wo Emilie gewesen war, was er mit ihr gemacht hatte, ob er irgendetwas zu ihr gesagt hatte, das darauf hinwies, warum sie beide hier waren. Doch Emilie würde jetzt nicht reden. Sie musste ihr Zeit lassen, Sicherheit geben. Eine Sicherheit, die sie selbst nicht verspürte. Sylke drückte sie fest an sich, hielt sie umschlungen. Sie merkte, wie Emilie sich langsam entspannte, sich in sie hineinkuschelte, als wollte sie in ihr verschwinden.
Alles wird gut. Immer wieder wiederholte Sylke das Mantra in ihrem Kopf. Sie hielt ihre Tochter im Arm, das war das Einzige, das zählte. Jetzt musste sie nur noch herausbekommen, wo sie waren, und es schaffen, zu flüchten. Irgendwann würde dieser Mistkerl ja mal auftauchen. Sylke hielt die Augen weit geöffnet. Sie würde über Emilie wachen und bereit sein, sobald er den Raum betrat.
10
Nicht nur ihre Schönheit hatte er bemerkt. Seit einigen Wochen beobachtete er sie nun schon. Jede Pause. Inzwischen hatte er herausgefunden, dass sie zwei Jahrgänge über ihm war. Er bewunderte nicht nur ihre langen Haare, die ihn an hellglitzerndes, goldenes Meer im Sonnenschein erinnerten, nicht nur ihre kleinen Brüste, auf die er, selbst wenn er es nicht wollte, immer wieder schauen musste. Aber da waren auch ihre langen, schmalen Beine, die aussahen, als sei sie ein Reh, jederzeit bereit, davonzulaufen und im Dickicht zu verschwinden. Ihre blauen Augen, die er noch nie lachend gesehen hatte. Sie schauten nachdenklich, manchmal traurig. Ihre Haltung. Sie stand ein wenig vornübergebeugt, als wollte sie sich an etwas anlehnen, Halt suchen.
Und sie war allein. Genau wie er. In der Pause ging sie immer in eine bestimmte Ecke, sogar, wenn es regnete und die anderen die Regenpause im Schulgebäude genossen. Sie hingegen ging hinaus, egal ob ein Sturm peitschte oder die Sonne vom Himmel stach. Wie unbeteiligt stand sie am selben Fleck.
Aber je länger er sie beobachtete, desto mehr merkte er, dass sie nicht so teilnahmslos war, wie sie wirkte. Sie sah alles. Inzwischen glaubte er, dass sie auch ihn bemerkt hatte. Seitdem hoffte er inständig auf ein Zeichen. Schließlich ging es ihnen doch beiden gleich – die anderen mieden sie, machten einen Bogen um sie, als wären sie Aussätzige. Sie allerdings sah nie in seine Richtung.
Er versuchte herauszubekommen, warum sie so allein war. Bei ihm, ja, das konnte er verstehen, klein und unscheinbar wie er war. Alle verehrten seinen großen Bruder, jedenfalls die Jungen in seinem Alter. Die Erwachsenen allerdings konnten ihn nicht leiden, doch wen interessierten schon die Alten.
Aber sie? Sie war schön, und klug war sie bestimmt auch. Warum nur hatte sie keine Freundinnen? Je mehr Tage ins Land gingen, desto mehr reifte in ihm eine Einsicht: Es musste so sein, weil sie es wollte. Sie hatte sich entschieden, allein zu sein. Sein Respekt vor ihr wuchs. Im Gegensatz zu ihm, der gesehen werden wollte, der sich nichts sehnlicher als einen Freund – noch besser, eine Freundin – an seiner Seite wünschte, hatte sie sich bewusst dagegen entschlossen.
Seitdem sah er sie mit anderen Augen. Das war keine Trauer in ihrem Blick, sondern Desinteresse an der Welt. Bestimmt suchte sie niemanden zum Anlehnen, sondern war nach vorne gelehnt, weil sie bereit war, zu kämpfen. Ein Boxer im Ring unter Hochspannung.
Er versuchte, so zu werden wie sie. Beherrscht und unnahbar. Wer sagte schon, dass man zum Glück mehr als sich selbst brauchte? Ihm gelang es nicht, noch nicht? Aber sie schien zufrieden zu sein, glaubte er.
Bis zu jenem Tag kurz vor den Sommerferien. Der Tag, an dem er begriff, dass sie noch viel schlimmer dran war als er. Viel, viel schlimmer.
11
Irgendwann war Emilies Atem langsamer und gleichmäßiger geworden. Voller Erleichterung darüber, dass ihre Tochter eingeschlafen war und so der Hölle wenigstens für kurze Zeit entkommen konnte, murmelte Sylke ein Danke in den Raum, ohne zu wissen, an wen sie es eigentlich richtete. Behutsam bewegte sie ihr rechtes Bein, gefühlte tausend Ameisen krabbelten darin herum. Dann griff sie zur Cola-Flasche, Koffein war jetzt genau das Richtige. Und weil sich ihr Magen erneut meldete, öffnete sie ebenfalls eine Packung der Brote. Es waren sechs Stück, da würde genug für ihre Tochter bleiben.
Sie hatte das erste Brot gerade aufgegessen, als das Licht erlosch. Sylke zuckte zusammen und streichelte dann schnell über Emilies Haar, weil die ihren Kopf unruhig hin und her warf. »Schhh«, wisperte sie. Angestrengt versuchte sie, sich an die Dunkelheit anzupassen, etwas zu erkennen. Aber wie auch schon zuvor sah sie die Hand vor Augen nicht. »Ob es Nacht ist?«, überlegte sie. Ohne Uhr und völlig übermüdet war es ihr nicht mehr möglich, nur ansatzweise zu sagen, wie spät es war. Er hatte sie und Emilie am Sonntagabend gefangen genommen. Als sie in dem Raum aufgewacht war, war es stockdunkel gewesen. Angenommen, er ahmte die natürliche Zeit nach, hatte sie die Nacht, dann den Montag hier verbracht und Emilie musste am frühen Montagabend zu ihr gekommen sein. Sylke beschloss, sobald das Licht anging, den Block zu nehmen und die Daten darauf zu notieren. Morgen wäre also Dienstag und sicherlich suchte man bereits nach ihnen. Bestimmt hatte Levke Alarm geschlagen. Bei dem Gedanken beruhigte sich ihr Herzschlag ein wenig.
Eine drückende Müdigkeit legte sich auf ihren Körper. Jetzt, wo sie einigermaßen satt war und Emilies regelmäßigen Atem hörte, konnte auch die Cola die furchtbare Mattheit nicht vertreiben. Krampfhaft versuchte sie, ihre Lider nicht zu schließen, dem Schlaf zu trotzen, falls er kommen und sich eine Möglichkeit zur Flucht ergeben würde. Was aber, wenn er sich gar nicht blicken ließ? Erst in mehreren Tagen kam? Sie konnte nicht tagelang die Augen offen halten. Dann würde sie so erschöpft sein, wenn er erschien, dass sie nicht klar denken konnte, geschweige denn fliehen. Vorsichtig legte sie Emilies Kopf von ihren Beinen auf das Bett und schob das Kissen darunter. Emilie seufzte, wachte aber nicht auf. Hoffentlich träumt sie vom Meer, dachte Sylke, stand langsam auf und streckte ihren verkrampften Körper. Sie tastete sich bis zu dem Regal, nahm einen Stapel Bücher heraus und kroch mit ihnen unter dem Arm an der Wand entlang zur Tür. Sorgsam stapelte sie einen hohen Turm direkt an das Metall. Sollte er die Tür auch nur einen Spalt öffnen, würden die Bücher mit einem lauten Getöse umfallen und sie wecken. So konnte er sie wenigstens nicht im Schlaf überraschen.
Sie tastete sich zum Bett zurück, erfühlte die Decke und zog sie sanft bis zu Emilies Schultern hoch. Plötzlich sah sie die rosa Feen darauf vor sich. Ihr wurde übel, sie würgte, ein bitterer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus. Sie versuchte, die dunklen Gedanken zu verdrängen, die sich erneut in ihrem Kopf breitmachten. So vorsichtig wie möglich kletterte sie über ihre Tochter, legte sich hin und schmiegte sich eng an sie. Das Bett war schmal, ein Bett für eine Person. Egal. »Schlaf jetzt«, ermahnte sie sich selbst. Aber sobald sie lag, war sie mit einem Mal hellwach. Ein dunkler Raum. Ein Bett. Zwei Frauen. Und irgendwo ihr Entführer. Was wollte er von ihnen? Warum gerade sie? Und wieso kam er ihr bloß so bekannt vor?
Erneut ging Sylke alle Männer durch, die eine Rolle in ihrem Leben spielten. Gespielt hatten. Viele waren das nicht gewesen und jetzt war sie schon länger allein. Irgendwie schaffte sie es nie, eine intensive Bindung aufzubauen. Sie war schnell genervt von enger Zweisamkeit, vermisste es, alles selbst entscheiden und bestimmen zu können, kompromisslos. Wahrscheinlich, weil sie es nicht anders gewohnt war, dachte sie manchmal bitter. Sie und Emmi waren sich ähnlicher, als sie zugeben wollte. Einzelgängerinnen. Dass sie seit der Schulzeit in Levke so eine gute Freundin gefunden hatte, die zu ihr hielt mit all ihren Macken, das war wirklich ein Geschenk.
Kai war einer ihrer wenigen männlichen Freunde. Obwohl »Freund« schon zu viel war, eher ein guter Bekannter. Kai, sein bester Kumpel Udo, Levke und sie gingen manchmal zusammen ein Bier trinken. Na ja, sehr selten. Denn Sylke hatte kaum Zeit. Der Laden, Emilie – da fiel sie am Wochenende meist einfach nur erschöpft aufs Sofa und freute sich, wenn sie es schaffte, nicht vor zehn Uhr abends einzuschlafen. Kai und Udo waren echte Nordlichter, rau im Ton, aber das Herz am rechten Fleck. Manchmal glaubte sie, dass Kai auf sie stand, jedoch wusste, dass seine Zuneigung von ihr nicht erwidert wurde. Er war nie verheiratet gewesen, überhaupt konnte sich Sylke nicht daran erinnern, dass er jemals eine Freundin gehabt hatte. Zwar redete er mal hier und da von einer Bekanntschaft, aber Sylke hatte das Gefühl, dass er das mehr aus Prahlerei tat und er ihr imponieren wollte. Er hatte allerdings verstanden, dass es mit ihnen niemals etwas werden würde.
Was für eine Truppe ... Eine beziehungsunfähige Frau, ein Mann, der vielleicht noch Jungfrau war – wer wusste das schon? Ein gutmütiger Nordbär und eine lebenslustige Levke, die irgendwie nicht hineinpasste und gerade deshalb den Laden zusammenhielt. Nein, unmöglich, dass Udo und Kai etwas mit der Sache zu tun hatten.
Sylke versuchte, sich an all die Touristen zu erinnern, die in den letzten Wochen in ihrem Laden gestöbert hatten. So viele hatten sich dort umgesehen. Obwohl sich eigentlich mehr Frauen zu ihr verirrten. Welche Männer hatten bei ihr eingekauft? Da war einer gewesen, der gleich zehn Taschen gewollt hatte. Und ein anderer, der sich stundenlang nicht für einen Schal entscheiden konnte. Und der, der sie fast einen ganzen Vormittag auf Trab gehalten hatte, sich alles zeigen ließ, um zum Schluss nur mit einer Taschentuchhülle für fünf Euro zu gehen. Keiner von denen hatte auch nur annähernd so ausgesehen wie der Mann, der sie verschleppt hatte.
»Du musst dich erinnern!« Sie presste eine Faust an ihre Schläfe. Aber so sehr sie in ihrem Gedächtnis kramte, sie fand sein Gesicht nirgendwo.
12
Sylke erwachte, weil sie nicht genügend Luft bekam. Erschrocken keuchte sie auf, setzte sich ruckartig hin. Emilies Arm rutschte von ihr herunter. Puhh, es war bloß Emmi gewesen, sie hatte im Schlaf nach ihr gegriffen, zu fest, wie eine Klammer. Sie hörte, wie ihre Tochter sich bewegte. Dann ihre zögerliche Stimme: »Mama?«
»Ich bin hier.« Sofort tastete sie nach Emilies Hand, drückte sie. Es war noch immer stockdunkel. »Ich bin hier«, wiederholte sie, schmiegte sich an ihre Tochter und umfasste sie, hielt sie.
»Ich dachte für einen Moment, ich hätte all das nur geträumt.« Emmis Stimme klang dünn, ein Papier, kurz davor zu zerreißen.
»Es ist alles gut. Wir sind zusammen.« Sylke versuchte, zuversichtlicher zu klingen, als sie war.
Emilie durchschaute sie sofort. »Nichts ist gut. Irgendjemand hält uns hier gefangen.«
Sylke drückte Emmi an sich. Sie war froh, dass ihre Tochter endlich wieder sprach. »Kennst du ihn?«, fragte sie schnell. »Ich glaube, dass ich ihn schon mal gesehen habe. Ich erinnere mich nur nicht, wo.« Als Emilie nicht antwortete, musste Sylke schlucken. Bitte, lass sie nicht wieder schweigen, dachte sie.
»Ich ... ich ... bin mir nicht sicher.« Emilie flüsterte.
»Okay. Das macht nichts. Wir finden es heraus!« Sylke streichelte über Emilies Hand, dankbar dafür, dass ihre Tochter überhaupt etwas sagte. »Ich habe ihn schon mal gesehen, glaub ich, und du vielleicht auch«, sinnierte sie, »dann kommt er bestimmt aus deinem Umfeld. Schule, wahrscheinlich. Kann es ein Vater sein? Ein Lehrer?«
Diesmal wartete sie länger auf Emilies Antwort. Sie schien krampfhaft nachzudenken. »Nein, ich glaube nicht«, antwortete sie schließlich. »Ein Lehrer auf keinen Fall, die kenne ich alle mehr oder weniger. Ein Vater? Vielleicht. Ich hab ja nicht so viel Kontakt zu den anderen.«
Das war untertrieben. Emmi hatte keine Freundin, niemanden, mit dem sie sich nachmittags verabredete. Immer nur das Meer. Das Meer und die Bücher. Wie oft hatte Sylke versucht, Kontakte herzustellen, Emilie dazu zu bewegen, sich mit einer Klassenkameradin zu treffen. Aber Emmi wollte nicht. Absolut gar nicht. Ihre Tochter war ihr zu ähnlich. Inzwischen hatte Sylke längst aufgegeben. Emmi kam jetzt in die 7. Klasse, da konnte sie nicht mehr über ihre Freundinnen bestimmen. Oder Nicht-Freundinnen, wies sie sich selbst zurecht.
Sie verdrängte die Gedanken. »Emmi?« Vorsicht in ihrer Stimme.
»Hmm?«
»Wir waren getrennt. Kannst du mir sagen ...« Sie stockte, hatte selbst Angst vor der Antwort.
»Er hat mir nichts getan.« Emilie nuschelte in das Kissen.
Sylke schloss für einen Moment die Augen. »Wo ... wo hat er dich denn hingebracht?«
»Keine Ahnung.« Jetzt war Emilie besser zu verstehen, sie hatte den Kopf zu ihrer Mutter gedreht. »Ich bin in einem Raum aufgewacht. Auf einer Matratze.«
»Was für ein Raum?« Warum musste sie ihr bloß alles aus der Nase ziehen? Mühsam versuchte Sylke, ihre Ungeduld zu unterdrücken, sie nicht in ihre Stimme zu lassen.
»Es war ein kleines Zimmer, viel kleiner als dies hier. Ein Abstellraum, oder so was.« Endlich schienen Emilie die Wörter leichter über die Lippen zu kommen. Ermutigend drückte Sylke Emmis Hand. Die sprach auch gleich weiter: »Außer der Matratze passte nicht viel rein. Kein Fenster. Ich hab da gelegen, stundenlang. Und irgendwann kam er.«
Sylke hielt die Luft an. »Und dann?«, presste sie heraus, als Emilie nicht weiterredete.
»Er, er ...«
»Ja?« Sylke erstarrte innerlich, wappnete sich für die Antwort, hatte er versucht … »Bitte, Emmi, sag es mir.«
»Er hatte eine Waffe.« Emilie schoss die Wörter heraus, abgehackt.
Sylke stockte der Atem. »Er hat dich mit einer Waffe bedroht?«
Sie spürte Emilie nicken. »Es war eine Pistole, glaube ich, genau wie in den Krimis im Fernsehen. Er hat gesagt, dass ich tun soll, was er sagt, sonst ...«
»Oh Emmi!« Sylke drückte ihre Tochter fester an sich.
»Dann musste ich mir ein Tuch um die Augen binden. Er hat mich am Arm gepackt und wir sind hierhingelaufen.«
»Okay.« Sylke schloss erneut die Augen, versuchte, das Gehörte einzuordnen. »Wie weit war es von dem Raum hierher?«
Emilie zuckte mit den Schultern. »Nicht so weit. Ich bin ein paar Schritte gegangen, dann hat er mich angehalten. Er machte etwas, es hörte sich an, als würde er eine Tür aufschließen. Anschließend mussten wir eine Treppe runtergehen. Links war eine Wand. An der hatte ich meine Hand, um nicht zu fallen. Rechts hielt er mich fest.«
»Gut, Emmi. Dann sind wir, wie ich schon vermutet habe, wohl in einem Keller. Und wenn du oben in einem Raum warst, dann ist das hier bestimmt ein Haus. Ein Haus, in dem er mit einer Waffe ein Mädchen mit Augenbinde herumführen kann. Ein Einzelhaus.« Sylke hatte immer schneller geredet. Viel war das nicht, aber besser als nichts. Ein Mann, ein Haus, eine Waffe.
»Mama?« Emmis Stimme hörte sich auf einmal wieder dünn an.
»Ja?«
»Warum sind wir hier?«
Sylke atmete tief ein. »Ich weiß es nicht«, flüsterte sie. Den Rest wollte sie nicht laut aussprechen: Der Grund, warum ein Mann allein in einem Haus zwei Frauen gefangen nahm. In einem Keller. Man musste kein Genie sein, um sich vorzustellen, was er im Schilde führte. Doch bisher hatte er ihnen noch nichts getan. Eine Schonfrist. Und in dem Moment fasste Sylke einen Entschluss. Sobald er kam, würde sie ihm einen Deal anbieten. Was immer er auch wollte, was immer er verlangte, sie würde sich dem nicht verschließen. Sie würde alles tun, wenn es sein musste, bis sie starb. Aber er musste ihre Tochter gehen lassen.
Sylke umfasste Emilie fester. »Schlaf noch ein bisschen«, flüsterte sie.
Emilie kuschelte sich enger an sie. Und Sylke hielt sie. Sie war froh, dass Emmi ihre Augen nicht sehen konnte, die weitaufgerissen in die Dunkelheit starrten.
13
Sylke schreckte hoch, begriff in der ersten Sekunde nicht, wo sie sich befand. Doch als sie Emilies Atem hörte, kam alles zurück, mit so einer schrecklichen Wucht, dass sie keuchte. Es war noch immer stockdunkel im Zimmer. Wie lange hatte sie geschlafen? Sie wollte sich gerade erneut an Emilie drücken, als das Licht anging. Wie zuvor schnitt der grelle Schein in ihr müdes Gehirn. Auch Emilie war mit einem Schlag wach, schrie erschrocken auf und sprang aus dem Bett, noch ehe Sylke ein Wort sagen konnte. Mit einem Satz war Sylke neben ihr. Gebannt starrten beide auf die Tür, denn von dort kam erneut das kratzende Geräusch, das Sylke auch am Vortag gehört hatte.
Als die Tür sich langsam aufschob und der Bücherstapel krachend umfiel, stellte Sylke sich vor Emilie, verbarg sie hinter sich. Sie nahm seinen Umriss wahr, ein schwarzer Schatten im Türrahmen, die rechte Hand nach vorne gestreckt. Die Pistolenmündung zeigte direkt auf ihr Gesicht.
Er warf etwas vor ihre Füße. Ein dünnes, weißes Plastikband. Kabelbinder. »Emilie soll es dir an die Hände machen. Fest.« Wie selbstverständlich er den Namen ihrer Tochter aussprach! Sylke spürte erneut Galle in ihrem Mund. Ihr war speiübel. Doch sie musste tun, was er wollte. Vielleicht ergab sich so die Gelegenheit, einmal allein mit ihm zu sprechen. Sie klammerte sich an den Gedanken, wagte sich nicht vorzustellen, warum er sie sonst fesseln wollte.
Langsam hob sie das Plastikband auf, legte es sich um die Handknöchel, nickte Emilie zu. Die blickte entgeistert auf ihre Mutter. »Zieh es zu«, flüsterte Sylke beschwörend, »es ist in Ordnung.«
Zögernd fasste Emilie das Ende an, zog ein wenig.
»Fester!« Die Stimme an der Tür klang harsch.
»Es ist in Ordnung«, wiederholte Sylke leise. Emily zog erneut, Sylkes Handflächen lagen nun eng nebeneinander.
»Komm her!« Der Mann winkte Sylke mit der Pistole zu sich. Als sie einen Schritt nach vorne machte, war Emilie sofort hinter ihr. »Du nicht.«
Emilie erstarrte, blickte auf die schwarze Waffe, die er nun auf sie gerichtet hatte, dann irrten ihre Augen im Raum umher, als suchten sie einen Fluchtweg.
»Ich komme gleich wieder.« Sylke gab ihrer Stimme einen festen Klang, doch sie wankte zur Tür. Dort blickte sie schnell zurück, lächelte ihre Tochter an, mit aller Zuversicht, die sie aufbringen konnte. »Ich komme wieder«, rief sie erneut, als er mit der linken Hand die Tür schloss, die rechte mit der Pistole abermals auf sie gerichtet.
»Vorwärts, da hinein.« Er zeigte mit der Waffe auf einen Raum neben ihrem Gefängnis. Die offen stehende Tür war eine ganz normale, stellte Sylke erleichtert fest, zwar auch aus Metall, aber dünner und von innen wie außen mit einer Klinke versehen. In dem Kellerraum befand sich eine Heizungsanlage, ein paar Wäscheleinen waren durch den Raum gespannt. Sie waren in dem Keller eines Einfamilienhauses, da war Sylke sich endgültig sicher.
Sie schaute den Mann an. Mit hochgerecktem Kinn und gerade aufgerichtet blickte sie ihm ins Gesicht. »Ich kenne dich«, sagte sie laut.
Er zuckte zusammen. »Ach ja?«
»Ja.« Sylke schwieg, suchte seine Augen. Emilie hatte Recht, eisblau waren die.
»Es ist mir egal, was du denkst«, antwortete er. »Hier geht es nämlich nicht um dich, sondern um deine Tochter. Emilie.«
Schon wieder. Schon wieder sprach er ihren Namen aus, als würde er sie kennen. Als wären sie befreundet.
Sylke atmete schwer. »Hör zu«, sagte sie, »lass Emilie aus dem Spiel. Ich verspreche dir, dass du alles mit mir tun kannst und ich mich nicht wehre. Nur bitte, lass sie gehen.«
Einen Moment musterte er sie. Sylke sah seine Augen über ihren Körper wandern. Dann wandte er sich abrupt ab. »Ich will nichts von dir«, sagte er heiser.
Ihr war sofort klar, dass er log. Sie hatte seinen Blick bemerkt, hörte das Verlangen in seiner Stimme. Erleichterung überschwemmte sie. »Ich gehöre dir«, wiederholte sie und ging einen Schritt auf ihn zu. »Alles, was du willst, versprochen. Nur Emilie musst du gehen lassen, das ist meine einzige Bedingung.«
Er lachte auf. »Es ist nicht an dir, Bedingungen zu stellen. Und wie gesagt, du interessierst mich nicht.« Er drehte sich ein wenig von ihr weg, doch die Waffe zeigte immer noch direkt auf sie. Konnte sie ihn mit gefesselten Händen überwältigen? Sylke schluckte, ihre Gedanken überschlugen sich. Warum hatte sie nie Judo gelernt, Karate oder sonst etwas? Nur laufen, das konnte sie, das war das Einzige, was sie beherrschte.
»Was möchtest du von meiner Tochter? Wieso ist sie hier?« Statt ihrer Fäuste schleuderte Sylke ihm die Fragen ins Gesicht.
Er schwieg.
»Ich weiß, dass du mich magst, ich habe deine Blicke gesehen.« Sylke redete weiter, mit aller Überzeugung, die sie aufbringen konnte. »Wieso willst du sie haben und nicht mich? Ich kann dir viel mehr geben, ich bin eine Frau. Alles, was ein Mann sich nur wünschen kann.« Erneut ging sie einen Schritt nach vorne, versuchte zu lächeln.
»Bleib stehen!« Er stand breitbeinig vor ihr, sein Gesicht todernst. »Hier geht es nicht um Sex, kapierst du das denn nicht?«
Überrascht hielt Sylke inne. »Ich weiß nicht, worum es geht, wenn du es mir nicht erklärst.«
Er schwieg erneut. Sylke bemerkte kleine Schweißperlen auf seiner Stirn. »Du hättest nicht kommen sollen«, sagte er schließlich. Seine Stimme war nicht mehr heiser, sondern tonlos.
»Was?« Sylke verstand nicht.
»An den Strand. Zu Emilie.« Er sah sie an und fast wirkte sein Blick vorwurfsvoll. »Ich wollte doch nur sie.«
Bei den letzten Worten zeigte sein Gesicht eine grimmige Entschlossenheit und mit plötzlichem Entsetzen begriff Sylke, dass sie ihn nicht überzeugen konnte. Sie wusste nicht, was er von Emilie wollte. Sie wusste nicht, wer er war. Aber eines wusste sie in dieser Sekunde mit aller Sicherheit: Sie war überflüssig in seinem Spiel. Sie würde diesen Raum nicht lebend verlassen.
14
Laura. Levke war der Name nicht gleich eingefallen, sie hatte erst googeln müssen. Viele Zeitungsberichte hatte es damals zu dem Fall gegeben, zu den verschwundenen Jungen und zu Laura, die ihren Bruder gesucht hatte und selbst ein Opfer des Entführers geworden war. Ja, Laura Wiegand. Levke scrollte durch die Internetseiten. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie gelesen hatte, dass Laura auf die Insel gezogen war. Genau, hier stand es. Ein kleiner Bericht nur, die Artikel waren im Laufe der Zeit immer weniger geworden, aber er enthielt die Informationen, die sie haben wollte: Laura lebte mit ihrer Familie in Neue Tiefe, dort, wo sie und ihre Eltern damals jeden Sommer den Urlaub verbracht hatten. Erinnerungen an glücklichere Tage.
Levke wusste, dass ihre Idee verrückt war. Aber sie hatte den Fall genau verfolgt, und Laura hatte ebenfalls ohne jeglichen Anhaltspunkt die Suche auf Fehmarn begonnen. Trotzdem hatte sie so viel herausbekommen und dieses schreckliche Monster, das die Jungen gefangen hielt, schließlich gefunden und gestellt.
Levke musste es einfach versuchen! Zwar fand sie keine genaue Adresse von Laura im Telefonbuch, noch nicht einmal eine Nummer konnte sie über das Internet finden, aber Neue Tiefe war nicht so groß. Sie würde bestimmt in Erfahrung bringen, wo Laura wohnte. Doch zuerst wollte sie noch einmal bei Sylke vorbeifahren.
Levke hatte wieder schlecht geschlafen, sich unruhig hin und her gewälzt. All ihre Anrufe und Nachrichten waren unbeantwortet geblieben. Am frühen Morgen hatte sie sich in der Bäckerei krankgemeldet. Ihr schlechtes Gewissen über diese Lüge versuchte sie damit zu beruhigen, dass sie jetzt, da ihre beste Freundin mit deren Tochter verschwunden war, schließlich keine Brötchen verkaufen konnte!
Mit ihrem roten Fiat düste Levke von Landkirchen los in Richtung Katharinenhof, zu Sylkes kleinem, aber sehr gemütlichen Haus. Es lag still und verloren da. Schon als Levke vor dem Haus parkte, spürte sie die Leere. Sylke hatte im Sommer normalerweise bereits morgens die Fenster weit geöffnet, ließ die Meerluft und die Sonne ein. Auf Levkes stürmisches Klingeln antwortete niemand. Levke ging um das ganze Haus, schaute in jedes Fenster. Fluchte, dass Sylke ihr nie einen Ersatzschlüssel gegeben hatte. Aber Sylke war selten im Urlaub, hatte keine Haustiere. Wozu musste man dann Schlüssel tauschen?
Doch es war auch so ganz offensichtlich: Emmi und Sylke waren nicht da. Für dieses Wissen brauchte sie das Haus nicht betreten. Seufzend stieg sie wieder in ihren Fiat, klopfte nervös auf das Lenkrad. Also nach Neue Tiefe. Ihre letzte Hoffnung.
Sie fuhr an weiten, duftenden Getreidefeldern vorbei, wich Radfahrern aus, die in Scharen unterwegs waren. Kurz hinter dem Ortsschild stellte sie ihren Wagen ab. Nachdem sie sich umgeschaut hatte, ging sie auf eine ältere Frau zu, die in einem Garten werkelte und an wunderschönen rosaleuchtenden Rosen herumschnitt.
»Dach oog!«, rief sie ihr zu. »Ich suche Laura Wiegand. Können Sie mir sagen, wo sie wohnt?«
Die Frau schaute stirnrunzelnd auf und musterte Levke ausgiebig. »Was wollen Sie denn von ihr?« Die Stimme war skeptisch, aber nicht unfreundlich.
»Sie ist eine Freundin meiner Freundin, von Sylke ...« Levke lächelte breit und wunderte sich wieder, wie leicht Lügen manchmal über die Lippen kamen. »Ihr gehört der Laden Fehmarn und Meer in Burg, den kennen Sie doch bestimmt?«
»Natürlich!« Die Frau kam näher, die Gartenschere wedelte durch die Luft. »Meine Tochter hat mir so ein wunderschönes Halstuch geschenkt. Lauter Vögel darauf. Selbst genäht, habe ich gehört.«
Levke nickte eifrig. »Genauso eins habe ich auch. Sylke macht das alles selbst, sie entwirft auch die Muster und Schnitte.«
Die Frau schien gar nicht zu merken, dass es nicht mehr um Laura, sondern um Sylke ging, vielleicht war sie aber auch durch die Gedanken an ihre Tochter abgelenkt. Sie zeigte mit ihrem Gartenhandschuh nach rechts. »Die Straße da rein, dann die erste links und da gleich das erste Haus. Schöne Pflanzen hat sie, blaue Kornblumen und ein Meer von Dahlien, das können Sie nicht übersehen.«
Dankend eilte Levke zu ihrem Auto und trat so heftig aufs Gas, dass der Motor aufheulte. Sie erkannte das beschriebene Haus sofort, denn die Blumenpracht fiel tatsächlich ins Auge.
Die Sonne schien, nur kleine Wolken sprenkelten den blauen Himmel, und auch in diesem Garten war eine Frau über die Blumen gebeugt. Ein paar Schritte neben ihr spielte ein Kind mit einem Ball. Puh, sie hatte Glück, hier auf Anhieb jemanden anzutreffen.
Langsam ging Levke auf die Frau zu und betrachtete sie dabei. Die lockigen braunen Haare klebten verschwitzt an ihrer Stirn. Immer wieder strich sie sie mit ihren Händen, die von Erde verkrustet waren, hinter das Ohr. Dadurch hatte sich in ihr Gesicht eine feine schwarze Linie gezogen. Sie war älter als auf den Fotos in der Zeitung, natürlich. Doch sie war es, Laura, daran gab es keinen Zweifel.
Levke blieb an dem weißen Zaun stehen. »Entschuldigen Sie«, sagte sie und lächelte das strahlendste Lächeln, das sie aufbringen konnte, »ich bin Levke. Meine beste Freundin und ihre Tochter sind verschwunden und ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich kenne Ihre Geschichte. Bitte, können Sie mir helfen?«
15
Die Waffe zielte genau auf sie, nicht auf ihr Gesicht, sondern auf ihr Herz. War es leichter, einem Menschen ins Herz zu schießen als zwischen die Augen? Sylke presste ihre Zähne fest aufeinander. Wieso kamen ihr solch verrückte Fragen in den Sinn? Wichtig war nur eins: Sie musste diesen Mann überwältigen, irgendwie. Aus schmalen Augen taxierte sie seine hagere Gestalt. Er war klein, kleiner als sie, und sehr dünn. Wenn sie ihm die Waffe aus der Hand schlagen könnte, hätte sie selbst mit gefesselten Händen eine Chance. Sylke spannte alle Muskeln an, beugte sich nach vorn, bereit zum Sprung.
In dem Moment durchschnitt ein fürchterlicher Schrei den Keller. Er hallte von den kahlen Wänden wider, so laut, dass Sylke zusammenzuckte. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper, die Haare stellten sich auf.
Auch der Mann machte einen erschrockenen Satz nach hinten, doch die Waffe zeigte noch immer auf Sylke. »Bleib hier!«, befahl er barsch, eilte rückwärts zur Tür hinaus und schloss sie ab.
Schnell sprang Sylke zur Tür und presste ihr Ohr gegen das kühle Metall. War das Emilie gewesen? Warum hatte sie so schrecklich geschrien? Wie ein verletztes Tier hatte es geklungen, ein Tier in Panik und Todesangst. »Bitte, lass es nicht Emmi gewesen sein!« Sylkes Gedanken rasten. Ihre Tochter befand sich in dem Zimmer nebenan, eigentlich war sie dort doch sicher, solange der Mann sich nicht bei ihr aufhielt. Oder? Gab es etwa noch mehr Menschen in diesem fürchterlichen Haus?
Mit angehaltener Luft lauschte Sylke. Der Schrei hallte in ihrem Kopf nach, während es draußen still blieb. Sylke traute sich kaum, zu atmen. All ihre Sinne waren angespannt, sie verschmolz fast mit der Tür. Plötzlich hörte sie ein lautes Poltern, dann einen dumpfen Schlag.
»Emilie?« Die Panik überkam sie erneut. Wie wild hämmerte sie gegen das Metall. »Emilie!«
»Mama?«
Träumte sie oder war das die Stimme ihrer Tochter? Ganz nah klang sie, sie musste halluzinieren. Sie hörte jemanden an der Tür, ein Schlüssel kratzte im Schloss. Sylke sprang einen Schritt zurück, starrte auf die Türklinke, die sich langsam senkte. Emilie stand im Türrahmen, die Haare wirr im Gesicht. Der Kratzer an ihrer Wange hatte erneut zu bluten begonnen, stark diesmal. Blut war in ihre weit aufgerissenen Augen geraten und verklebte ihre Wimpern. Wahrscheinlich hatte sie es sich hineingerieben, denn auch ihre Finger schimmerten rot. Mit einem Schritt sprang Emilie neben ihre Mutter. Sylke schaute sich hektisch um, die Wunde mussten sie später versorgen. »Wo ist er?«, fragte sie.
»Ich habe ihn umgehauen.« Emilie hielt den Schlüsselbund krampfhaft umklammert.
»Was?« Sylke traute ihren Ohren kaum.
»Ich hatte Angst, dass er dir was tut. Schreckliche Angst. Deshalb habe ich so geschrien. Und als er dann in der Tür stand, habe ich ihm das dickste Buch auf den Kopf geschlagen. Da ist er einfach umgekippt.«
»Du … oh Gott.« Sylke verdrängte den Gedanken daran, was passiert wäre, wenn Emilie ihn nicht niedergestreckt, sondern seine Wut noch mehr entfacht hätte. Sie lief mit schnellen Schritten zur Tür und spähte hinaus. Der Kellerflur war leer. Doch aus dem Raum links von ihr, ihrem Gefängnis, ragten ein paar Beine heraus. Blaue Jeanshose, weiße Socken, abgelaufene, graue Turnschuhe.
»Wo ist die Waffe?«, fragte Sylke. Emilie schluckte. »Ich weiß es nicht. Die hat er fallen gelassen, glaube ich. Ich hab nur nach dem Schlüssel gegriffen.«
»Mist.« Waffe suchen und riskieren, dass er dabei aufwachte, oder laufen? Sylkes Gedanken überschlugen sich. Sie entschied sich für das, was sie am besten konnte. Mit ihren gefesselten Händen zog sie Emilie in den Flur hinaus, warf einen Blick zurück, bevor sie mit ihr die Stufen hochhastete. Täuschte sie sich oder hatte gerade sein Fuß gezuckt?
»Schneller!« Sylke stieß das Wort abgehackt hervor, sich immer wieder nach unten umschauend. Sie stolperte, drohte zu fallen, konnte sich gerade noch ausbalancieren, spürte, wie Emilie sie von hinten griff. Als sie oben ankam, streckte sie die gefesselten Arme aus, drückte die Klinke. Abgeschlossen. Sylkes Herz hämmerte, sie schaute hinter Emilie die Treppe hinunter.
»Ich hab den Schlüsselbund.« Emilie drängte sich neben sie, fieberhaft probierte sie den ersten Schlüssel, den zweiten. Sie passten nicht.
»Nun mach schon!« Am liebsten hätte Sylke Emilie die Schlüssel entrissen, doch ihre zusammengebundenen Hände hielten sie davon ab. Stattdessen schossen ihre Augen von dem Schloss immer wieder die Stufen hinunter. Wenn er nur nicht zu sich kam!
Sie hörte ihn, bevor sie ihn sah. Ein tiefes Keuchen, ein kurzes Stöhnen. Dann seine Schritte auf dem Kellerboden, leise zwar, aber ihre angespannten Sinne registrierten die Laute wie eine Maus, die den Flügelschlag der Eule über sich spürt.
»Er kommt!« Sie wisperte, schaute verzweifelt auf Emilies Hände, die nun zitterten. Der Schlüssel, den sie gerade probierte, fand den Weg in das Schloss nicht, immer wieder rutschte er ab.
In der Sekunde, als sein grauer Schuh auf der unteren Treppenstufe auftauchte, flog die Tür auf. Sylke wäre fast nach vorne gekippt. Sie stolperte, Emilie fing sie erneut, zog sie in den dunklen Hausflur. Mit einem lauten Knall warf Emilie die Tür zu.
»Schließ wieder ab!«
Emilie sah sie an, kreidebleich. »Der Schlüssel steckt noch von innen!«, flüsterte sie.
Sylke atmete schwer, sie hatten noch zwei, drei Sekunden. Mit einem Satz sprang sie in den ersten Raum neben sich. Die Küche. Ein großer Messerblock stand direkt neben der Spüle. »Schneid die Binder durch.« Emilie war neben ihr, griff nach dem größten Messer, ratschte es an dem Plastik entlang. Noch immer zitterten ihre Hände. Sie machte es zu vorsichtig, zu langsam, sie musste sich beeilen ... Sylke hörte, wie die Kellertür aufflog. Sie drückte ihre Hände gegen die Klinge, bewegte sie hin und her. Das Blut an ihrem Handrücken spürte sie nicht, nur dass sie plötzlich frei war, das weiße Plastikband auf den Boden fiel.
In dem Moment fiel ein Schatten auf sie. Er stand in der Küchentür, mit wutverzerrtem Gesicht.
16
Er sah die Jungen auf sie zugehen. Ihre Augen weiteten sich, schossen über den Schulhof, suchten nach einem Ausweg. Doch wie immer stand sie allein dort, abseits von den anderen, unbemerkt. Die Jungen waren viel größer und älter, wahrscheinlich schon in der Oberstufe, so alt wie sein Bruder. Sie umringten sie, bildeten einen Kreis. Sollte er zu ihr gehen und ihr helfen? Aber ihn würden sie erst recht fertigmachen, das war keine Frage. Schnell blickte er über den Schulhof, so ein Scheiß, wenn man mal einen Lehrer brauchte, dann war keiner da. Typisch.
Erschrocken stellte er fest, dass die Jungen sie abdrängten, sie hatte keine Wahl, als zurückzuweichen. Die vier stießen sie zur Wand, zur Tür, die zu den Toiletten führte. Und ehe er sich versah, hatten sie sie hineingedrückt, verschwanden innerhalb von Sekunden mit ihr im Jungen-WC. Was für ein Mist, was sollte das? Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und ohne weiter nachzudenken, rannte er los. Vor der Tür angekommen, warf er erneut einen Blick über den Hof. Unzählige Schüler lachten und schrien, eine bunte Menge, in der niemand der Tür Beachtung schenkte, niemand seine Hand über der Klinke schweben sah, während in seinem Inneren ein Kampf tobte. Sollte er hineingehen oder es lassen? Was würden sie mit ihm tun, wenn er sie wobei auch immer störte? Er haderte. Sein Bruder hatte ihn so oft gepeinigt, sein Vater noch viel mehr, er kannte alle Facetten. Und jetzt sollte er sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben? Erneut irrten seine Augen umher, suchten Hilfe. Doch ein Lehrer war nach wie vor nicht in Sicht, und Freunde, die ihm beistehen würden, hatte er nicht. Er aber musste ihr helfen, er musste sehen, was sie dort taten!
Behutsam legte er seine Finger auf die Klinke und drückte sie so langsam hinunter, wie er konnte. Die Tür öffnen, einen Spalt nur. Seine Augen erblickten die gefliesten Wände, vollgekritzelt mit schwarzem Edding. Und dann ihn. Er stand vor ihr, hatte ihr T-Shirt nach oben geschoben und seine Hände auf ihre Brüste gelegt. Seine Kumpels umringten die beiden. Er konnte nur einen Teil ihres blonden Haares erkennen, nur ihren rechten Arm und die Hand daran, die unkontrolliert zitterte. Sie schluchzte. Diese Schweine! Eine rasende Wut erfüllte ihn, pochte rot und heiß durch seine Adern. Mit einem lauten Schrei stieß er die Tür vollends auf und rannte mit weit aufgerissenen Augen mitten in den stinkenden Raum hinein.
17
Mit seinen eisblauen Augen starrte er Sylke an wie ein Raubvogel. Die drückte ihre Tochter blitzschnell auf den Boden, nachdem sie ihr das Messer aus der Hand gerissen hatte. Fest hielt sie es umklammert und richtete die Spitze auf den Mann.
»Leg es weg!« Seine Stimme war dünn, wenig überzeugend, aber seine rechte Hand hatte sich gehoben und mit ihr die verfluchte Waffe. Hätte sie die doch bloß mitgenommen! Er senkte seinen Arm ein wenig, nun zeigte die Mündung direkt auf Emilie, die vor Sylke am Boden kauerte, den Kopf zwischen den Händen versteckt. »Weg damit!«, wiederholte er schärfer.
Langsam legte Sylke das Messer auf den Küchentresen, danach hielt sie ihre beiden Handflächen offen nach vorne.
»Setzt euch dahin!« Der Mann deutete auf eine altmodische Eckbank aus dunklem Eichenholz, darauf rote Kissen mit weißen Punkten. Der Stoff war abgenutzt und speckig. Ohne den Mann aus den Augen zu lassen, zog Sylke Emilie nach oben, drückte sie vorsichtig an dem kleinen Tisch vorbei auf die Bank. Sie selbst zog einen der Stühle zu sich heran und setzte sich so, dass sie den Mann direkt ansah. Noch immer war die Hand mit der Waffe erhoben, nun jedoch wieder auf Sylke gerichtet.
Durch ein kleines Fenster fiel Sonnenlicht auf den Boden und malte bunte Kringel auf das Laminat. Emilies Magen knurrte. Sylkes Blick zuckte zum Herd.
»Wie wär es endlich mit einem Frühstück?«, fragte sie und bemühte sich, Leichtigkeit in die Stimme zu legen. »Ich könnte uns ein paar Eier braten.«
Sie sah Überraschung in den Augen des Mannes. Ein paar Sekunden war es still. Eine Uhr über der Küchentür tickte. Es war sieben Minuten nach neun. »In Ordnung.« Der Mann nickte. »Aber mach ja keine Faxen.« Mit zwei Schritten stand er neben Emilie und richtete die Waffe auf sie.
Sylke hob beschwichtigend die Hände. »Es ist alles gut, nur Frühstück.« Sie öffnete den Kühlschrank. Er enthielt mehr Essen als ihrer zu Hause, nur lagen die Lebensmittel wild durcheinander. Sie fand schließlich zwischen Butter, Wurst, Milchtüten und Käse eine Packung Eier.
»Die Pfanne ist dort unten.« Mit seiner linken Hand deutete der Mann auf einen Schrank unter dem Herd.
Sylke öffnete die Schranktür und die Töpfe fielen ihr fast entgegen. Sie kramte nach der großen gusseisernen Pfanne, wog sie kurz in der Hand, stellte sie dann auf den Herd, machte ihn an, ließ ein Stück Butter schmelzen. »Rührei oder Spiegelei?«, fragte sie.
»Das ist mir gleich.« Der Mann schwieg einen Augenblick, wandte sich schließlich Emilie zu. »Was möchtest du?«
Emmi sah ihn aus großen Augen an. »Rührei.« Ihre Stimme war leise.
Sylke nickte, griff nach einer Schüssel, die zum Abtropfen in einem Gitter neben der Spüle stand, schlug Eier hinein, verdünnte sie mit etwas Milch. Ein paar Minuten später durchzog ein köstlicher Duft die Küche. Sylkes Magen zog sich zusammen. »Vielleicht noch einen Kaffee?«, fragte sie und bemühte sich krampfhaft, den Gedanken zu verdrängen, dass drei Meter weiter ein Mann ihrer Tochter eine Pistole an die Stirn hielt.
Der Mann nickte in Richtung Kaffeemaschine. Sylke füllte sie aus der Dose daneben großzügig. Vielleicht würde das den Nebel aus ihrem Kopf vertreiben. Sie öffnete weitere Schranktüren, tat so, als suchte sie nach Tellern. Ihre Augen scannten derweil den Raum. Eine relativ große Küche, genug Platz für den Esstisch, die Eckbank und zwei Stühle. Ziemlich ordentlich. Abgewohnt, aber sauber. Lebte dieser Mann wirklich alleine hier? Alles an der Einrichtung strahlte den Charme der sechziger Jahre aus. Vermutlich hatte er das Haus von seinen Eltern geerbt und nichts daran verändert. Und was machte er an einem Dienstagvormittag zu Hause? Musste er denn nicht arbeiten? Sylkes Kopf fühlte sie an wie ein Karussell, das durch undurchdringlichen Rauch wirbelte.
Sie fand die Teller, nahm drei Stück heraus, stellte sie auf den Tisch. Dazu drei Tassen. Als sie die Schubladen aufziehen wollte, hielt seine Stimme sie zurück. »Nur Löffel, keine Gabeln, keine Messer«, befahl er.
»Natürlich.« Langsam holte sie drei Löffel heraus. Sie lagen direkt neben den Messern. Und vorne befand sich ein kleines Fach mit zwei kleinen, scharfen Küchenmessern. Vorsichtig warf sie einen Blick über die Schulter, er beobachtete sie genau. Behutsam schloss sie die Schublade, griff nach der Butter und legte alles auf den Tisch. »Gibt es Brot?«, fragte sie.
Er deutete auf eine große viereckige Blechdose, in der sie abgepacktes Toastbrot fand. Sylke ging zum Tisch hinüber, teilte das Rührei auf die drei Teller auf, wobei sie Emilie am meisten gab. Sie stellte Brot und Butter dazu, goss den dampfenden Kaffee in die Becher.
»Stell meine Sachen dort rüber.« Der Mann zeigte mit der freien Hand auf den Küchentresen. Während Sylke sich setzte, ging er zur Anrichte, legte die Pistole so vor sich, dass sie in Richtung der beiden Frauen zeigte, und zog im Stehen den Teller zu sich heran.
Sie nahmen sich Brot, Sylke schmierte es mit der Rückseite des Löffels, was mehr schlecht als recht klappte. Emilie fiel hungrig über das Essen her. Gut. Sie aß, funktionierte. Hoffentlich blieb das so.
Verstohlen warf sie einen Blick zu dem Mann. Auch ihm schien es zu schmecken. »Ich könnte auch kochen«, sagte Sylke. »Im Kochen bin ich wirklich gut.« Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, wie Emilie einen Moment zu kauen aufhörte. »Ich habe sogar schon einen Koch-Wettbewerb gewonnen«, erzählte sie weiter.
»Das stimmt.« Emilies Stimme, nicht mehr leise, sondern hell und klar. »Mama ist die beste Köchin der Welt.« Sie wandte sich Sylke zu. »Diese Teile, die du so gut kannst, diese leckeren, duftenden ... wie heißen sie noch gleich?«
»Kröpel?« Der Mann hatte zu essen aufgehört.
»Ja, genau!« Emilie nickte eifrig. »Kröpel sind ihre Spezialität.«
»Ich liebe sie.« Seine Augen schweiften zum Fenster. »Früher, als wir den Bauern auf den Feldern ausgeholfen haben, da hat Mutter sie für uns alle gemacht. Zur Weizenernte, im Spätsommer.« Er stockte, fast erschrocken.
Sylke tat so, als hätte sie ihm gar nicht zugehört. Doch ihr Gehirn versuchte sofort, seine Worte einzuordnen. Ein altes Haus, vermutlich abgelegen, Felder drum herum. Ein Bauernhof? Es kam ihr nicht so vor. Wenn man aus dem Küchenfenster schaute, sah man jedenfalls nur das: ein großes Weizenfeld.
Ja, die Ernte, dazu die typische Insel-Spezialität, die die Erntehelfer zur Stärkung bekamen – süße Hefeteigkugeln, in Fett gebacken und in Zucker gewendet. Sylke hatte sie noch nie im Leben selbst gemacht. Trotzdem klatschte sie munter in die Hände. »Also abgemacht, heute Mittag gibt es Kröpel«, rief sie.
Mit einem Ruck stand der Mann auf. »Ihr müsst wieder runter«, sagte er. Seine Stimme klang heiser. Erneut richtete er die Waffe auf sie.
Sylke nahm ihren Teller und die Tasse und bedeutete Emilie, das Gleiche zu tun. Langsam gingen sie zur Spüle hinüber. In dem Moment tat Sylke, als würde sie stolpern, stieß gegen Emmi und schlug ihr die Tasse aus der Hand. Sie zerfiel krachend auf dem Boden.
»Ach Emmi, pass doch auf«, rief Sylke und bückte sich. Dabei zog sie blitzschnell die Besteckschublade ein Stück auf und griff nach dem Küchenmesser. Sofort war es unter ihrem Ärmel verschwunden. Sie klaubte die Scherben vom Boden und warf sie in den Müll neben der Spüle. Das Messer fühlte sich gut an. Klein und scharf. Nicht so gut wie eine Pistole, aber eine Waffe, immerhin. Nun musste nur noch die richtige Gelegenheit kommen, sie einzusetzen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.