Kitabı oku: «Schweizerspiegel»
Meinrad Inglin (1893–1971) aus Schwyz zählt zu den bedeutendsten Schweizer Schriftstellern. Nach Abbruch einer Uhrmacher- und Kellnerausbildung sowie des Gymnasiums, studiert er Literaturgeschichte und Psychologie in Genf und Neuenburg. Arbeit als Zeitungsredaktor und ab 1923 als freier Schriftsteller. Er schreibt vor allem Romane und Erzählungen, auch einzelne Aufsätze und eine Komödie. Für sein Werk erhält Inglin 1948 den Grossen Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung und gleichzeitig den Ehrendoktortitel der Universität Zürich. Es folgen der Innerschweizer Kulturpreis (1953), der Gottfried-Keller-Preis (1965) und der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Preis der Goethe-Stiftung Basel (1967).
MEINRAD INGLIN
Gesammelte Werke in zehn Bänden • Herausgegeben von Georg Schoeck Neuausgabe • Band 5
MEINRAD
INGLIN
Schweizerspiegel
Roman
Nachwort von Beatrice von Matt
Limmat Verlag
Zürich
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Umschlagbild: Meinrad Inglin 1935, zur Zeit der Arbeit am Schweizerspiegel
© 2014 by Limmat Verlag, Zurich
eISBN 978-3-85791-995-4
Im September 1912 kam der deutsche Kaiser in die Schweiz, um sich die Manöver des dritten Armeekorps anzusehen, für ihn ein unverfängliches Vorhaben, wie es schien, für die bescheidene Republik aber, die er in den zwei Jahrzehnten seiner Regierung einer solchen Beachtung nie gewürdigt hatte, eine Sensation.
An einem regnerischen, herbstlich kühlen Tage traf der hohe Gast mit ansehnlichem Gefolge in Zürich ein und stieg in einem Hause ab, dessen Vergangenheit seinem kaiserlichen Wesen angemessen erscheinen mochte, in der ehemaligen Villa Wesendonck. Die feierlich erregten Willkommensartikel der bürgerlichen Presse, die Begrüßung am Bahnhof durch die obersten Landesbehörden, die Ehrenkompagnie, die Fahrt durch die beflaggten Straßen und der Jubel des Volkes bewirkten einen Empfang, wie er auch einer reichsdeutschen Stadt nicht besser hätte gelingen können. Das militärische Schauspiel war vorbereitet, mit aller Sachlichkeit übrigens, die Manöver wurden reif zur Besichtigung. Die 5. Division bewegte sich als Flügeldivision einer supponierten blauen Armee vom Zürichsee her gefechtsmäßig gegen Nordosten und stieß an diesem Tage mit ihren Spitzen auf die 6. Division, die als Flügeldivision einer ebenfalls supponierten, vom Bodensee her anmarschierten roten Armee schon über das Thurknie bei Wil vorgedrungen war. Nur das Wetter ließ zu wünschen übrig. Die Nebelschwaden, die nach mehreren Regentagen auch jetzt wieder über die Stadt hinzogen, und der Gedanke an das schmutzige, nasse Manövergelände, das der Kaiser morgen besuchen sollte, ärgerten jedermann. Aber auch das Wetter zeigte sich noch gefügig, in der Nacht hellte es wider alle Erwartungen auf, und am nächsten Morgen blaute über dem ganzen Land ein unglaubwürdig wolkenloser Himmel.
An diesem Morgen verließen schon in der frühesten Dämmerung ungezählte Neugierige ihre Häuser und fuhren oder wanderten nach Kirchberg im Toggenburg, wo unter den Augen des deutschen Kaisers die Hauptschlacht zu erwarten war. Im Umkreis des hochgelegenen kleinen Dorfes tauchten denn bei Tagesanbruch überall zerstreute Gruppen und Züge von Menschen auf, die nach einigem Zögern die Hügelkuppe südlich des Dorfes bestiegen und ihr den Anschein eines riesigen Ameisenhaufens verliehen, während ringsum auf allen Straßen der lockere Anmarsch weiterdauerte.
In einem der ungeordneten Züge schritten drei Brüder aus Zürich, Severin, Paul und Fred, die Söhne des Brigadekommandanten Oberst Ammann. Sie schritten nicht friedlich nebeneinander, sondern getrennt hintereinander, weil Severin, der älteste, ungeduldig vorwärts drängte, Paul aber unter lässigen Protesten nur widerwillig folgte. Fred, der jüngste, schien im Zweifel, ob er es mit diesem oder jenem halten sollte, jedenfalls ging er in wechselnden Abständen zwischen ihnen und verhinderte auf diese Art wenigstens, daß sie den Zusammenhang gänzlich verloren.
«Wenn wir nicht rechtzeitig oben sind, hat es überhaupt keinen Wert, jetzt schon hinaufzugehen», rief Severin kühl belehrend, indem er knapp anhielt und die gemütlich Folgenden unwillig musterte. In seinen Kniehosen, der zugeknöpften Jacke, mit dem umgehängten Zeiß und der Ausweiskarte auf dem Hut erweckte er den Eindruck eines etwa dreißigjährigen Offiziers in Zivil, was den wirklichen Verhältnissen nicht entsprach. «Vermutlich ist er schon unterwegs», fuhr er fort, «der Zürcher Zug ist in Wil eingefahren, das haben wir ja gehört.»
«Wer ‹er›? Wer ist unterwegs?» fragte Paul verstockterweise, obwohl nun schon häufig genug vom Kaiser nicht anders die Rede gewesen war.
«Ach was!» sagte Severin und ging weiter, rief aber mahnend noch einmal zurück: «Wenn wir nicht beisammenbleiben, finden wir einander in diesem Gewimmel nicht mehr. Ihr könnt dann sehen, wer euch orientiert!» Damit schritt er endgültig aus, zielbewußt und aufrecht, ohne die vielen Bummler zu beachten, die bald beratend stehenblieben, bald zu irgendwelchen Infanteriestellungen in die Wiese hinausliefen.
Fred, ein lang aufgeschossener Bursche von sehr jugendlichem, gutmütig heiterm Aussehen, ermunterte Paul. «Komm du, es ist ja wurst!» sagte er lächelnd. «Und wenn wir Papa sehen, drückst du dich einfach!»
«Bitte, du wirst doch nicht glauben, daß ich mich vor Papa fürchte!» erwiderte Paul leise. «Da hätte ich ja zu Hause oder in Deutschland bleiben können. Aber diese Volksversammlung da … mir scheint, das wird ein zweifelhaftes Vergnügen.» Er drehte sein schmales, blasses Gesicht nach rechts und links, verzog leicht angewidert und etwas ironisch den vollen Mund, winkte dann aber mit der Rechten seinen eigenen Bedenken müde ab und schloß sich dem Bruder an. Er hätte auf Papas Wunsch in diesen Wiederholungskurs einrücken sollen, doch er besaß seinen Auslandsurlaub und war ein paar Tage zu spät heimgekommen; immerhin war er gekommen, wenn auch nur zu einem Besuch, Mama wenigstens konnte zufrieden sein, und Papa, der in diesen Manövern zum erstenmal eine Brigade führte, würde jetzt keine Zeit haben, sich mit ihm zu beschäftigen.
Die Brüder befanden sich vor dem letzten kurzen Anstieg zur Hügelkuppe, als rechts unter ihnen in der ausweichenden Menge ein paar Automobile sichtbar wurden, die auf dem nahen Fahrweg ebenfalls die Höhe erklommen. Das war ein glücklicher Zufall, der Fahrweg endete in ihrer Nähe oder verengte sich doch zum Fußpfad, keine dreißig Schritte über ihnen, und dort hielt denn auch, vom Publikum freilich zunächst verdeckt, der erste Wagen an. Aber die zudringlichen Leute wurden über die Böschung hinabgedrängt, und das Folgende spielte sich wie auf einer Bühne vor den Augen der Brüder ab. Severin packte plötzlich Freds Oberarm, drückte ihn heftig und starrte hinauf.
Dort oben stieg ein wohlgewachsener uniformierter Mann aus dem Wagen, wandte sich auf dem Trittbrett auffällig lachend noch einmal den übrigen Insassen zu, mit einer witzigen Bemerkung vielleicht, betrat dann den Erdboden und ging festen Schrittes zur Böschung, wo er stehenblieb. Während dieser wenigen Schritte erstarb sein Lachen, der letzte Rest von Heiterkeit wich aus seiner Miene. Vom vollen Schein der Sonne getroffen, die sich aus den östlichen Randnebeln erhoben hatte, blieb er in großartiger Haltung über dem Volke stehen, die behandschuhte Linke auf dem Säbelkorb, in der Rechten leicht, ja anmutig gesenkt den Stab eines Feldmarschalls, die linke Brustseite mit Orden geschmückt, den Kopf mit dem steilen Käppi ein wenig nach rechts gedreht; man erkannte seinen Schnurrbart, dessen forsch aufgerichtete Enden nach den ausgeprägten Backenknochen zielten, seine schönen Augen mit dem stolzen Ernst im Blick, sein ganzes, männlich straffes und selbstbewußtes Gesicht, das berühmteste Gesicht dieser Zeit. Er war es, Wilhelm der Zweite, der deutsche Kaiser.
«Hoch!» schrie das Volk. «Hoch der Kaiser! Hoch Deutschland! Hurra! Hoch!»
Der Auftritt dauerte wenige Sekunden, der Kaiser wandte sich seinen Begleitern zu und verschwand hinter der nachdrängenden Menge, so daß zwischen Pickelhauben und Oberstenkäppis nur für Augenblicke noch seine Kopfbedeckung zu erkennen war, die den Lederhüten unserer Soldaten glich.
Paul war belustigt, er grinste unverhohlen, während Severin begeistert und immer noch aufmerksam verharrte. Fred warf, nachdem er selber dem Eindruck sich arglos mit offenem Munde hingegeben hatte, einen kurzen, forschenden Blick auf die Brüder, wurde unsicher in seinen Gefühlen und sagte, um nur etwas zu sagen, lächelnd: «Ich hätte gedacht, er trüge einen goldenen Helm.»
«Du bist ein Kindskopf!» bemerkte Severin ruhig.
«Oh, bitte, das ist gar nicht so dumm!» fiel Paul ein. «Er hat nämlich einen goldenen Helm, und er hätte ihn gewiß gern aufgesetzt.»
«Quatsch!» erwiderte Severin. «Ihr wißt natürlich nicht, was für eine Uniform er trägt. Es ist die Uniform des deutschen Gardeschützenbataillons, und dieses Bataillon bestand früher aus Neuenburgern, vor 1857 nämlich, als der preußische König zugleich Fürst von Neuenburg war. Daß er bei uns ausgerechnet diese Uniform trägt, das ist ein sehr feiner Zug … Aber jetzt müssen wir hinauf, wenn wir noch etwas sehen wollen, vorwärts!»
Sie stiegen weiter, gerieten mit einem Schwarm von Neugierigen an die Seile, die, durch Soldaten bewacht, den Scheitel der Kuppe absperrten, und suchten sich hier im Gedränge einen Platz zu erobern.
Der Kaiser hatte indessen den höchsten Punkt der mäßig gewölbten Kuppe erreicht und blieb in liebenswürdig höflichem Gespräch vor einem ältern, zivilen Manne stehen. Die übrigen Manövergäste innerhalb der Umzäunung kümmerten sich scheinbar nicht um die beiden, in der Tat aber wahrten sie unmerklich einen achtungsvollen Abstand und verfolgten die kleine Szene heimlich mit lächelnden Blicken voller Wohlgefallen. Der Mann in Zivil war der schweizerische Bundespräsident Ludwig Forrer, eine stattliche Gestalt in dunklem Mantel und breitkrempigem Filz, auf dem klugen, von Kinn- und Backenbart weiß umbuschten Gesicht einen Ausdruck besorgter Würde, eine ausgesprochen bürgerliche Gestalt, die zum höchsten deutschen Soldaten den stärksten Gegensatz bildete, ein Republikaner zudem, ein Demokrat, was den Monarchen und erklärten Verächter alles Republikanischen jetzt offenbar nicht abhielt, ihm die artigsten Dinge zu sagen.
In einiger Entfernung stand ein hoher Milizoffizier, Oberst Hoffmann, Bundesrat und Chef des schweizerischen Militärdepartements, der einzige im lockern Kreise, der nicht lächelte, sondern durch seinen Klemmer die zwei Staatsoberhäupter mit einem klaren, sachlichen Blick umspannte. Er wartete auf das Ende des Gespräches, dann trat er vor, zog die Absätze zusammen und begann: «Wenn Eure Majestät nun gestatten, wird unsere Manöverleitung …»
«Ja, nun wollen wir mal sehen, was hier gespielt wird», unterbrach ihn der Kaiser und ging, ohne ihn weiter zu beachten, zwischen den ausweichenden Gästen hin nach dem südlich abfallenden Hang. Dort vorn befand sich in Gesellschaft von Adjutanten und deutschen Offizieren ein eidgenössischer Oberst, ein mittelgroßer, fester Mann mit einem massigen, mürrisch wirkenden Gesicht, der Manöverleiter, Oberstkorpskommandant Ulrich Wille.
Der Kaiser trat sichtlich wohlgelaunt an den ihm bekannten Schweizer heran. «Also los, Wille!» sagte er. «Wo stehen Ihre Legionen? Ich bin sehr neugierig! Und Sie wissen ja, mir können Sie nichts vormachen!»
Wille begann dem Kaiser den Stand der Übung darzulegen, indem er bald auf die Karte wies, bald in das Gelände hinausdeutete. Vor ihnen lag unter dem blauen Septemberhimmel eine mannigfaltige weite Landschaft mit Hügeln, Wäldern, Schluchten und Wiesentälern, mit leuchtend grünen Flächen, schattigen Gründen und kleinen, flach hinziehenden Nebeln, die in der schräg einfallenden Morgensonne weiß aufschimmerten und verdampften, das Anmarschgelände der blauen Division. Sie selber standen auf dem wichtigsten Punkt der roten Stellung, der sechsten Division, die sich in der Nacht hier auf den Höhen südlich von Kirchberg mit leicht nach Westen und Osten abgebogenen Flügeln, mit der Hauptfront nach Süden, zur Verteidigung eingerichtet hatte. Die Infanterie war eingegraben, da und dort ließ sie ihr Gewehrfeuer spielen, das den vortastenden gegnerischen Patrouillen galt, und über die Schützengräben hinweg donnerten bereits die Kanonen nach den Hauptkräften des Feindes. Der blaue Gegner hatte sich, mit zwei Brigaden in der Front, in einem mächtigen Halbkreis schon bedrohlich nahe an die rote Stellung herangearbeitet; er zeigte Angriffsabsichten und begann eben jetzt von verschiedenen Punkten her mit der artilleristischen Vorbereitung. Prächtige, lehrreiche Bilder von Angriff und Verteidigung waren zu erwarten, oder wären unter gewohnten Umständen zu erwarten gewesen. Die immer noch wachsende Masse der Manöverbummler aber drohte nun alles zu vereiteln; nicht nur den Hügel, auf dem man hier stand, umgaben sie in dichten Scharen, sie hatten auch die benachbarten Höhen besetzt und wimmelten überall durch die Kampfzone, ungezählte neugierige Menschen, die nach Zehntausenden zu berechnen waren. Sie zerstörten die Illusion eines wirklichen Kampfes, die notwendig ist, wenn die Übung nicht zum Gefechtsexerzieren oder gar zur Spielerei werden soll, sie verleideten der Truppe das kriegsgemäße Verhalten und ironisierten durch ihre bloße Gegenwart die eben dargelegte Lage.
Oberst Wille spürte grimmige Lust, die Übung zu unterbrechen, aber jetzt waren ihm außergewöhnliche Rücksichten auferlegt, und so zwang er sich, von den widrigen Umständen abzusehen, um bei der Sache zu bleiben. «Der rote Parteikommandant», erklärte er, «will alle verfügbaren Reserven an seinem rechten Flügel einsetzen, zur Umfassung des linken blauen Flügels, wie er hofft; er wird mit einem anständigen Gegenstoß zufrieden sein müssen, die Blauen haben dort auch Absichten, denke ich.»
«Wohl alles supponiert, was?» fragte der Kaiser.
Wille ging nicht auf diesen Ton ein, mit dem Wilhelm scherzhafterweise versuchte, die Übung leicht zu nehmen, er wahrte seinen vollen Ernst, setzte seinen bedeutenden militärischen Ruf entschlossen daran und gedachte im übrigen, dem kaiserlichen Fachmann morgen ein Beispiel von Verfolgung und Rückzug aufzutischen, wie man es in Deutschland kaum viel besser würde erleben können. Er wußte, warum der Kaiser gekommen war.
Die andern hohen Herrschaften beobachteten indessen die militärischen Vorgänge oder gaben sich zwanglos einer gewissen Geselligkeit hin. Verschiedene fremde Offiziere ließen sich von Oberst Sonderegger, dem jugendlich schneidigen Stabschef Willes, über die Lage unterrichten. Man erkannte den französischen General Pau und die mächtige Gestalt des schwarzbärtigen Burengenerals Beyer, man sah den österreichischen Feldmarschalleutnant von Dankl im Gespräch mit Oberst von Sprecher, dem großgewachsenen hagern Chef des schweizerischen Generalstabs, und freute sich am Anblick des kaiserlichen Gefolges. Die Herren Generaladjutanten von Plessen und von Lynker, General Hüne, der Graf zu Eulenburg und der Fürst zu Fürstenberg mit ihren Orden, reichen Schnurgarnituren und glänzend beschlagenen Pickelhauben bildeten, angeregt von der guten Stimmung ihres Herrn, eine offensichtlich wohlgelaunte und eindrucksvolle Gruppe. Abseits mit dem Fernglas vor Augen stand General von Moltke.
Die drei Brüder im Gedränge der Zuschauer sahen von alledem nicht eben viel und traten einen Streifzug durch das Manövergelände an. Sie waren eine knappe Stunde planlos unterwegs und wollten schon zum Feldherrnhügel zurückkehren, als sie in geringer Entfernung eine auffällige Bewegung des Publikums bemerkten, das von allen Seiten hastig einem Fahrweg zustrebte. Wie sie hinkamen, erkannten sie zunächst den kaiserlichen Wagen und gleich darauf zu ihrer größten Verblüffung den Kaiser selbst in einem nahen Schützengraben.
Der allerhöchste Feldherr hatte in der ausgesprochenen Absicht, sich die Dinge aus der Nähe anzusehen, mit dem Manöverleiter eine Rundfahrt unternommen und an verschiedenen Punkten anhalten lassen, auch hier also, wo ein mit Füsilieren dicht besetzter Schützengraben an den Fahrweg grenzte. Er war in den Graben hineingestiegen, prüfte jetzt leicht gebeugt über die Brustwehr hinweg das Schußfeld und fragte den nächsten Füsilier wohlwollend heiter nach dem Ziel und der Entfernung dahin. Der deutsche Kaiser in einem schweizerischen Schützengraben zwischen einfachen Milizsoldaten – so etwas hätte sich niemand auszudenken gewagt, es war ein unerwartetes Bild von zwingender Wirkung, das die hohen Begleitoffiziere entzückte und das Publikum zu lautem Beifall hinriß.
Als der Kaiser den Graben verließ, machte Severin, eine nahe Wiederholung des Auftritts erwartend, in hochgestimmter Aufregung den Vorschlag, dem Wagen vorauszulaufen und ihm, sobald man überholt würde, zu folgen.
Paul fand diesen Vorschlag lächerlich. «Überhaupt», sagte er leise und scherzhaft melancholisch, «das ganze Theater ist deprimierend. Zuerst singt die Presse in beschämender Untertänigkeit das Loblied Wilhelms, und jetzt läuft das Volk zu Tausenden diesem Monarchen nach und jubelt ihm zu … in Deutschland weiß man, wie er über die Republikaner denkt, aber hier fällt man auf ihn herein … mit unserem nationalen Selbstbewußtsein und dem Stolz auf unsere Demokratie ist es, scheint’s, nicht mehr weit her …»
«Jetzt hör aber auf, ich bitte dich!» erwiderte Severin streng. «Und übrigens bist du ja auch da, nicht wahr, du läufst auch mit, das ist sehr konsequent!»
«Ja, das ist ein Fehler», gab Paul zu. «Ich kehre jetzt um und werde mit dem nächsten Zug heimfahren, ich habe genug.» Er hob lässig grüßend die Rechte, nickte Fred noch zu und ging wirklich fort.
Fred lief ihm nach und suchte ihn zurückzuhalten. «Bleib doch, es ist ja ganz egal, wie du denkst!»
«Ach, es ist weniger wegen der Konsequenz», sagte Paul abschwächend, «aber ich bin nicht für Volksaufläufe …»
«Jaja, es ist ein elender Rummel!»
In diesem Augenblick, eben als der kaiserliche Wagen auf dem holprigen Wege langsam anfuhr, rief Severin dringend: «Fred, komm! Vorwärts, vorwärts!»
«Laß ihn doch laufen!» riet Paul. «Komm du mit mir, wir wollen aus dem Rummel heraus.»
«Ach was, wir wollen doch beisammen bleiben», erwiderte Fred ärgerlich, ohne sich zu rühren, und sah mit finsterer Miene zu, wie Paul ihn freundlich nickend verließ und Severin dem Kaiser nachlief.
Paul schlenderte den Weg zurück, kam am südlichen Fuß des Feldherrnhügels vorbei und schlug die Richtung auf Batzenheid ein, in das Thurtal hinab, wobei er zwischen den östlichen Flügeln der beiden Fronten einer auffallenden Reitergruppe begegnete. Zuerst hörte er nur die rasch herantrabenden Pferde und wich in Erwartung einer Kavalleriepatrouille mit dem auch hier recht zahlreichen Publikum gemächlich an den Wegrand aus.
Die Gruppe bestand aber aus fremden Offizieren, die sich in Begleitung schweizerischer Kavalleristen in diesem Abschnitt umsehen wollten. Sie kamen in ihren ungewohnten bunten Uniformen überraschend aus der nahen Kurve geritten, mit dem französischen General Pau an der Spitze, der im Deutsch-Französischen Kriege den rechten Vorderarm verloren hatte. Dieser eindrückliche Zeuge eines bedeutenden geschichtlichen Ereignisses, eine gedrungene Gestalt mit weißem Schnurrbart und energischen Zügen, kam leicht vorgebeugt auf einem prachtvollen Schimmel dahergetrabt.
Paul riß, einer unüberlegten Regung folgend, den Hut vom Kopf und schrie, völlig gegen seine stille Art: «Vive la France!»
Der General hing die Zügel über den waagerecht vorstehenden Armstummel und legte grüßend die Linke an den Mützenrand.
«Vive la France!» wiederholte Paul mit Überzeugung, von den Zuschauern laut und bereitwillig unterstützt, während die Gruppe vorübertrabte und auf dem vielfach geschlungenen Wege hinter der nächsten grünen Böschung verschwand.
Indessen spürte Fred einen bitteren Ärger sowohl über die Brüder, die ihn leichtsinnig verließen, wie über sich selber, weil er sich nicht hatte entschließen können, dem einen oder andern zu folgen. Aber dieser Ärger machte rasch der trotzigen Selbstbesinnung Platz, daß er nicht jeder Laune zu folgen brauche, sondern nach seinem eigenen Gutdünken handeln könne. Es war ja eine Laune, die seine Brüder auseinandertrieb, sie hatte nichts mit dem zu tun, was hier eigentlich in Frage stand, sondern nur mit dem faulen Zauber, der daraus gemacht wurde. Hier handelte es sich doch um ein ernsthaftes Manöver, zwei Divisionen kämpften gegeneinander, und Papa selber führte eine Brigade; man brauchte also nicht mit der Nase in der Luft da herumzulaufen und jede Uniform zu begaffen, man konnte sich an die sachlichen Vorgänge halten, das hatte einen Sinn und war am Ende auch ein Vergnügen.
Er verstand noch nicht sehr viel von diesen sachlichen Vorgängen, die Rekrutenschule erwartete ihn erst im nächsten Frühjahr, aber der Gedanke an Papa ermunterte ihn. Warum sollte er sich nicht an den Vater halten, der als hoher Fachmann hier mitspielte? Das wollte er nun wirklich tun, er kannte den Abschnitt ungefähr, den die Ammannsche Brigade besetzt hielt, und wollte sich nach ihrem Befehlshaber durchfragen, um von ihm endlich zu erfahren, was hier eigentlich los war. Wann und wo er ihn finden und wie er dabei auf seine Rechnung kommen würde, blieb recht zweifelhaft, die Umstände waren ihm nicht sehr günstig, doch bedachte er nun keine Schwierigkeiten. Die Hände in den Hosensäcken, den Hut auf dem Hinterkopf, einen schweizerischen Militärmarsch vor sich hin pfeifend, ging er quer durch das grüne Gelände auf die Suche nach dem Vater, während irgendwo die Menge wieder hurra, hoch und bravo schrie, da und dort Gewehre knatterten, Kanonen donnerten, Schützenlinien vorgingen, und die Sonne am tiefblauen Himmel über dem ernsten Spiel der Menschen heiter und unbeteiligt in den Mittag stieg.
I
1
«Das ist unser äußerstes Angebot, Herr Oberst. Wir halten es aufrecht bis Samstag mittag, nachher werden wir anderweitige Verfügungen treffen.» Der Präsident der Baugenossenschaft, ein wohlgenährter, sorgfältig gekleideter Mann, verharrte in der leicht vorgebeugten Haltung, in der er diese Worte gesprochen hatte, und blickte den Oberst verbindlich lächelnd an.
Oberst Alfred Ammann schloß seine Ledermappe, rückte mit dem Stuhl etwas vom Tische weg und lächelte ebenfalls. Er wußte so genau wie der Präsident, wie wenig diese Frist zu bedeuten hatte, aber während er sonst in Verhandlungen eine gewisse geschäftliche Taktik anerkannte und ernsthaft darauf einging, stellte er sie jetzt bloß, da ihm die Sache selber zu wichtig war. «Anderweitige Verfügungen …», antwortete er mit ironischer Nachsicht, «die stehen Ihnen heute schon frei … Es handelt sich für Sie nicht darum, ob Sie überhaupt bauen wollen, sondern ob Sie auf meinem Platze bauen können.»
Der Präsident zuckte freundlich die Achsel und lehnte sich zurück.
«Herr Nationalrat», begann der Dritte am Tisch, Anwalt der Genossenschaft, ein klug aussehender jüngerer Mann, der von Ammanns Offiziersrang weniger hielt als von seiner politischen Stellung, mit Unrecht übrigens, «so rasch werden Sie kein solches Angebot mehr erhalten … und später … kein Mensch kann sagen, ob sich die Stadt nicht nach einer andern Seite hin ausdehnen wird. Heute wissen Sie noch so genau wie wir, daß ein altes Haus an einem solchen Platze nicht zu retten ist. Ich will Ihnen nicht vorrechnen, was dieser feudale Sitz Sie jährlich kostet, aber wenn man unser Angebot bedenkt, wird kein Mensch glauben, daß Sie sich auf die Dauer so etwas leisten wollen.»
Ammann beachtete weder die Worte des Anwalts, noch den Anwalt selber. Er saß, den gelben Bürolehnstuhl füllend, die Beine nach der Art beleibter Leute bequem auseinandergestellt, die Unterlippe nachdenklich vorgeschoben, in stummer Sammlung da; es schien, als ob er sich im nächsten Augenblick entschließen werde. Er stand aber gelassen auf, griff nach seiner Mappe und reckte sich. Er war ein starkgebauter Mann von mittlerer Größe und unauffälliger Korpulenz, mit glattrasiertem, vollem Gesicht, kurzgeschorenem, dichtem, dunkelgrauem Haar und kräftig glänzenden, klugen Augen. «Schön, meine Herren», sagte er und nahm damit Abschied, «ich werde Ihnen wieder berichten.»
Er trat auf eine belebte Straße hinaus und hatte kaum die Richtung nach Hause eingeschlagen, als er auch schon gegrüßt wurde. Ein untersetzter, ebenfalls sehr wohlgenährter Mann hielt, die Straße querend, mit dem Rufe «Herr Oberst!» fröhlich gelaunt den Hut in der erhobenen Rechten. Ammann kehrte bei seinem Anblick sogleich sein wahres Wesen heraus, ein heiteres, leutseliges Wesen, das bei aller Intelligenz und männlichen Bestimmtheit am liebsten mit der ganzen Welt im Frieden lebte. Er gab den Gruß ebenso fröhlich zurück, indem er seinen breitkrempigen runden Filz auf burschikose Art weit ausladend zur Seite schwang, dann setzte er seinen Weg aufrecht und strammen Schrittes fort.
In einer stillern Seitenstraße ließ er sich Zeit und bedachte flüchtig seine Lage. Er war entschlossen, den Grundbesitz nun endlich zu verkaufen, aber irgend etwas ging in der Rechnung nicht auf, ein alter, widerstrebender Rest, den keine zahlenmäßige Bestimmung erfaßte. Dieser dunkle Widerstand, den er blindlings unterdrückt hatte, weil er gegen jede vernünftige Einsicht gerichtet schien, ließ ihn auch jetzt wieder ahnen, daß er mit dem Familiensitz mehr verkaufen werde als einen guten Bauplatz.
Er bog in eine leicht ansteigende, breite, geräuschvolle Straße ein und schlug eine strammere Gangart an, bis er die mäßige Höhe erreicht hatte. Eine mannshohe grüne Taxushecke, durch ein Gitter gegen die Straße hin abgeschlossen und von alten Parkbäumen überragt, unterbrach hier auf einer Länge von achtzig Schritten überraschend die linke Front der Häuser. Durch die Lücken der Baumkronen gewahrte man im Hintergrund die kahle Häuserreihe einer andern Straße. Ein kunstvolles, schmiedeeisernes Gittertor trennte die Hecke in der Mitte und gewährte durch seine schwarzen Ranken und Stäbe einen bescheidenen Blick ins Innere des stillen Gutes. Vom Gitter führten Sandsteinfliesen über einen Rasenstreifen zur kleinen Säulenvorhalle des Hauses, eines Herrenhauses aus dem 18. Jahrhundert, dessen edle Verhältnisse im Licht des späten Nachmittags sich hinter dem erst leicht verfärbten Herbstlaub eben noch erkennen ließen. Das Gut war im Jahre 1765 auf dieser kleinen flachen Höhe angelegt worden, mit freiem Gelände ringsum und mit dem Blick über die Stadt hin, aber vom Ende des folgenden Jahrhunderts an waren geschmacklose Miets- und Geschäftshäuser immer näher herangerückt, und jetzt hatten sie es erreicht, sie standen da, rings um diesen letzten sichtbaren Zeugen einer vornehmen bürgerlichen Kultur herum, geschlossen, anmaßend und überheblich.
Ammann, sein Besitzer, warf einen flüchtigen Blick durch das Tor, das längst nicht mehr geöffnet wurde und dessen Wappen auch nicht sein Wappen war, einen betont gleichgültigen Blick, dann trat er durch eine schmale Seitenpforte und stieß hinter sich das Gittertürchen unbedachtsam hart ins Schloß.
2
«Paul hat geschrieben», sagte Frau Barbara, als Ammann schon die Tür zum Büro öffnete. «Er kommt in acht Tagen heim.»
«In acht Tagen?!»
«Ja … das schreibt er», antwortete sie achselzuckend.
Ammann blickte eine Weile mit gerunzelter Stirn auf seine Frau, die sich vor einem offenen Wandschrank etwas zu schaffen machte, als ob die ganze Geschichte sie nichts anginge, dann legte er drinnen seine Mappe ab und trat wieder unter die Tür. «Du hast ihm doch geschrieben, daß …»
«Jaja, er weiß es schon», unterbrach sie ihn.
«So … ja, wenn dieser junge Herr meint, er könne sich noch einmal drücken, mit seinem Auslandsurlaub …»
«Drücken …!» erwiderte sie und blickte ihren Mann mit einer entschiedenen Kopfbewegung an. «Vielleicht kann er halt nicht früher fort.»
«Ja wahrscheinlich! Wenn man über ein Jahr lang gebummelt hat, ist es besonders schwer, zur rechten Zeit einzurücken. Er hat schon seinen letzten Wiederholungskurs versäumt … jetzt hört das auf!» Er trat in sein Büro und wechselte mit knappen, entschlossenen Bewegungen den Rock.
Er hatte auf Grund fortschrittlicher Anschauungen und mit kluger Einsicht in die veränderte Seelenlage der heranwachsenden Jugend seine vier Kinder nicht allzu streng erzogen, ja er hatte ihnen mehr Freiheiten gewährt, als ihm oft selber angemessen schien. Severin, sein Ältester, war dabei ein selbständiger Mann und frühzeitiger Familienvater geworden, Gertrud hatte von ihrem Mädchenalter an zu Vorwürfen kaum mehr Anlaß gegeben, Fred, der Jüngste, der noch mitten im Studium steckte, war ein lieber Kerl und verdiente alles Vertrauen; mit Paul aber klappte nun etwas nicht. Dieser intelligente, nach dem allgemeinen Urteil ungewöhnlich begabte junge Mann hatte Philologie studiert und sich nach dem Examen für ein Jahr ins Ausland begeben, «zur weiteren Ausbildung», was niemand allzu wörtlich nahm. Dieses Jahr war abgelaufen, aber statt daß der Herr Sohn inzwischen eine Stelle angenommen oder wenigstens zur rechten Zeit die Rückreise angetreten hätte, trieb er sich noch jetzt beschäftigungslos in München herum. Eine Anstellung stand ihm nun zwar durch die Vermittlung seines Onkels Gaston in Aussicht, aber daß er sich von seiner militärischen Pflicht ohne Grund noch einmal zu drücken suchte, hieß denn doch die väterliche Nachsicht auf eine harte Probe stellen.
Ammann legte ein Blatt vor sich hin, zückte die Feder und bedachte sich mit gesammelter Miene einen Augenblick, dann schrieb er, ohne zu stocken, mit kurzen, kräftigen Zügen: «Der Wiederholungskurs Deines Regiments beginnt am 6. Oktober. Ich erwarte von Dir, daß Du zur rechten Zeit heimkehrst. Mit Gruß Dein Vater.» Er adressierte den Umschlag an Herrn Dr. Paul Ammann, schrieb dick darüber «Expreß» und übergab ihn unverschlossen seiner Frau.
Damit war dieser Zwischenfall für ihn erledigt, er brannte sich eine Zigarre an, entfaltete das ausführliche Schriftstück mit dem Angebot der Genossenschaft und lehnte sich zurück, um die Angelegenheit noch einmal zu bedenken. Sein Blick ruhte auf einem Ölbild, das ihn längst nicht mehr abzulenken vermochte, einer sehr farbigen Darstellung von Bourbakis frierenden Soldaten und ihrer Entwaffnung durch die Schweizer Armee im Winter 1871. Dieses Bild, ein nüchterner Aktenschrank, der überladene Schreibtisch und eine Menge anderer Dinge paßten nach dem Urteil aller Kunstverständigen nicht in diesen Raum mit seiner schönen Stuckdecke, der zarten Landschaft über der Tür und dem prachtvollen alten Ofen. Er gab es zu, aber er hatte noch nie darunter gelitten. Dagegen kam seine Frau in den übrigen Räumen dem Stil des Hauses mit gutem Geschmack entgegen, er zollte ihr dafür alle Anerkennung und bezeugte wenigstens auf diese Art seinen Kunstsinn, den er als Eigentümer eines solchen Hauses denn doch nicht verleugnen durfte. Dieses Zugeständnis an den Geist verflossener Jahrhunderte und jener dunkle Widerstand beim Gedanken an den Hausverkauf hingen mit seiner Pflicht zur Repräsentation zusammen, und das nicht sehr ursprüngliche Gefühl dieser Pflicht war der einzige konservative Rückstand in seinem Wesen. Er war ein Mann seiner Zeit, ein Mann des Fortschritts, der Entwicklung, ein Demokrat vom Scheitel bis zur Sohle, und da ihm für das Haus jetzt ein wirklich anständiger Preis geboten wurde, konnte er wohl auch diesen Rückstand überwinden und mit seiner Familie vorläufig die in Aussicht genommene Mietswohnung beziehen.
Diese Frage beschäftigte ihn vor allem, nachdem er zur Überzeugung gekommen war, daß die gebotene Summe einen angemessenen Preis darstelle und der Verkauf nicht länger hinausgezögert werden dürfe; ein abermaliger Aufschub blieb ein Wagnis, das wußte er so genau wie der vorwitzige junge Anwalt. Ein geeignetes älteres oder neues Haus nun war in der Stadt gegenwärtig nicht zu finden gewesen, und selber ein Haus zu bauen, schien ihm übereilt, bevor sich gewisse Verhältnisse abgeklärt hatten. So bot sich als einfachste Lösung noch immer die Miete einer ihm und seiner Frau bekannten Wohnung, die nächstes Jahr, auf den 1. April 1914, frei wurde, einer sehr geräumigen Fünfzimmerwohnung im Stockmeierschen Haus an der Dufourstraße.
«Barbara!»
Seine Frau kam aus dem Wohnzimmer herüber, beugte sich leicht über das Schriftstück, das er ihr schweigend hingeschoben hatte, und begann es zu lesen, während er sie mit gelassener Neugier betrachtete. An der Summe blieb sie einen Augenblick hängen, das Folgende überflog sie nur, dann ging sie zum aufgehängten Rock, der wohl gebürstet werden mußte.
«Jaa …» sagte er gedehnt, «das ist mehr als ich erwartet hatte, offen gestanden. Jetzt heißt es zugreifen.»
«Und dann?» Sie hatte knapp angehalten und stand nun da, den Kopf etwas emporgeworfen, den lebhaften Blick auf ihren Mann gerichtet, sehr von oben herab, wie es schien, mit einer zugleich betrübten und herausfordernden Miene. Dieses beinah schroffe Auftreten, die bündige Frage und der beleidigte Anflug ihrer Miene waren Ammann vertraut; weder er noch die Kinder hatten unter ihrer herben Entschiedenheit jemals ernstlich gelitten. Es war ihre Art, keine mürrische, schlimme oder hochmütige, sondern eine gerade, im Grunde heitere und lebhafte Art. Mit ihren zweiundfünfzig Jahren besaß sie das Temperament eines lebenskräftigen jungen Mädchens, nur konnte sie sich bis zum Äußersten beherrschen, aber freilich auch sprudelnd herausfahren, wenn es nötig war. Jetzt stand sie da vor ihrem Mann, eine dunkelgekleidete, große, vornehme Gestalt mit grauem, ehemals fast schwarzem Haar, mit einem vollen, mütterlichen, um Mund und Augen stolz bestimmten Gesicht von gesunder Farbe, und mit dem Ausdruck leicht gekränkter Würde, der sich bei ihr in solchen Fällen unweigerlich einstellte.
«Ich wäre für die Wohnung bei Stockmeiers», antwortete er ruhig. «Vorläufig würde uns das doch genügen …»
«Ich habe dir schon gesagt, es ist ein Zimmer zu wenig», erwiderte sie bedauernd. «Ein Wohnzimmer, ein Salon, ein Büro für dich, ein Schlafzimmer, Freds Zimmer … und wo soll dann Paul schlafen?»
«Paul wird nicht mehr in der Stadt wohnen, wenn er am Graberschen Institut ist.»
«Er ist noch nicht dort.»
«Jaja … da brauchen wir uns keine Sorge zu machen … Gaston hat mir versprochen …»
«Und wenn wir Gäste bekommen? Ein Gastzimmer haben wir dann auch nicht.»
«Ja … wenn du in der Stadt jetzt eine geeignete Sechszimmerwohnung findest … schon recht, aber … ich sehe vorläufig keine andere Lösung.»
Sie schüttelte unwillig den Kopf. «Ich würde am liebsten mit der ganzen Geschichte nichts zu tun haben», rief sie und ging mit dem Rock so bestimmten Schrittes hinaus, als ob sie nicht mehr wiederzukehren gedächte.
Ammann blieb mit einem nachdenklichen Lächeln sitzen. Sie schien sich mit dem Gedanken an die Mietswohnung ja nun abzufinden, das war die Hauptsache. Zum Verkauf des Hauses hatte sie niemals weder ja noch nein gesagt, und er hatte es auch nicht verlangt. Er wußte, daß sie ähnlich dachte wie er, sie war immer eine sehr vernünftige Frau gewesen, doch er begriff, daß ihr die Trennung von diesem Hause viel schwerer fallen mußte als ihm, und daß sie sich damit so wenig offen einverstanden erklären konnte wie etwa mit dem Tode des Vaters.
Inzwischen bürstete Frau Barbara den Rock, brachte ihn aber nicht zurück, sondern setzte sich damit an eines der Fenster, das noch einen geschlossenen Blick ins Innere des Gartens gewährte, und suchte mit dem Umstand fertig zu werden, daß die seit Jahren schwankende Lage sich jetzt entschied. Sie hatte mit ihrem Sinn für klare Verhältnisse irgendeine Entscheidung schließlich als das Wünschenswerteste bezeichnet. «Wenn man nur endlich wüßte, woran man ist!» Das war nach Unterredungen oft genug ihr letzter Schluß gewesen. Jetzt aber war sie dermaßen betroffen, als ob sie im Gegenteil heimlich gewünscht hätte, daß die Lage sich solange wie möglich nicht entscheiden möchte. Der Verkauf brachte nun zwar einen Haufen Geld ein, das sie sehr zu schätzen wußte; sie hatte ihr Leben lang im Wohlstand gelebt und gewisse verächtliche Redensarten über den Wert des Geldes immer mit einem Achselzucken abgetan. Aber die Schönheit dieses Familiensitzes, die unaufdringlich gewachsen und gereift war, die Erinnerungen, die sich für sie wie für jedes ihrer Kinder daran knüpften, das Gefühl der Häuslichkeit, das die zerstreute Familie hier doch immer wieder umschloß, dieses geheimnisvolle alles umfassende «Daheim», in dem sie wurzelte, konnte dies mit Geld erkauft werden? Sie hatte gegen die Entwicklung der Stadt nichts einzuwenden, so wenig wie gegen den Fortschritt überhaupt, den gesteigerten Verkehr, das zwanzigste Jahrhundert, die Macht der Zeit; sie fand es töricht, sich dagegen zu sperren, und sie galt in ihren Kreisen denn auch als fortschrittliche Frau. Sie hatte ja diese ganze Entwicklung miterlebt, sie hatte an der Seite ihres Mannes gekämpft und gelitten. Aber warum kam man nicht schließlich an ein Ziel? Und warum konnte man sich dieser Entwicklung nicht entziehen, wenn man genug davon hatte? Warum drängten sich diese häßlichen Häuser ausgerechnet um ihr Heim zusammen, warum mußte diese Zeit eine ganze Familie vertreiben, über ein schönes altes Gut rücksichtslos hinwegstampfen und ein nüchternes Allerweltshaus an seine Stelle setzen?
Frau Barbara wurde jetzt, wie sie noch immer allein im schon fast dunklen Zimmer saß und nicht daran dachte, Licht zu machen, von ihrer berühmten Vernunft und Einsicht wohl ein wenig verlassen. Sie blickte mit einer ungewohnten, traurig bittern Miene verloren durch das Fenster in den Garten hinab, der in einem seltsamen Zwielicht lag. Von den beiden Straßen her drang das Licht der grellen Laternen dunkelgoldig durch das gilbende Buchenlaub und lag in gedämpften Flecken auf dem Rasen. Im Hintergrund schufen Gebüsche ein dichtes Dunkel, doch war davor in der Dämmerung noch der Brunnen zu erkennen, und der dünne Silberstrahl schimmerte ein wenig, den der bronzene Faunskopf, unberührt vom nahen Getöse, arglos mit geblähten Backen ins Muschelbecken spie.
3
Professor Gaston Junod trat ins Wohnzimmer, Ammanns Schwager, ein sorgfältig gekleideter, stiller Mann von dreiundfünfzig Jahren mit gepflegtem Spitzbart, zurückgekämmtem weißgrauem Haar und sackigen Fältchen unter den halb geschlossenen Augen. Leise und freundlich begrüßte er die Hausfrau, dann blickte er sich flüchtig um, als ob er etwas suchte, und lobte schließlich die Rosen, die auf dem Tisch über den Rand einer Kristallvase hingen.
Er stammte aus Lausanne, seine Muttersprache war französisch, aber er drückte sich geläufig schweizerdeutsch aus, mit etwas gebrochenem Akzent und leichten Abweichungen ins Schriftdeutsche. Vor sechsundzwanzig Jahren, als Privatdozent für romanische Philologie an der Universität in Zürich, hatte er Ammanns älteste Schwester geheiratet und seither die Stadt nur noch vorübergehend verlassen. Seine Vorlesungen galten im gebildeten Publikum, das einem geistreichen Vertreter der neuern französischen Literatur den Vorzug gab, für langweilig, doch die jungen Romanisten schätzten ihn aus irgendeinem Grunde. In der Ammannschen Familie verkehrte er nur gelegentlich, aber als leidlicher Cellist hatte er bis zur Abreise Pauls regelmäßig an einem Streichquartett in diesem Hause teilgenommen und seither auch mit Severin und Gertrud zusammen Trio gespielt.
«Schön, diese Rosen!» sagte er beiläufig und schon bereit, den Grund seines Besuches zu erklären.
«Ja, nicht wahr, prachtvoll!» antwortete Frau Barbara erfreut und drehte sorgfältig die Vase, so daß er sich noch zur Frage verpflichtet fühlte, ob es eigene seien. «Jaja freilich», bestätigte sie lebhaft, «das sind noch eigene. Wir werden nicht mehr lange eigene Rosen haben.»
«So? Ja … soll es denn nun wirklich zum Verkauf kommen?»
«Es scheint!»
«Ach, das ist schade! Ich habe immer noch gehofft, Alfred werde … ja, so ein Haus, auf Abbruch, das tut mir nun wirklich leid …»
Frau Barbara zuckte die Achsel, bat ihn, Platz zu nehmen, und ließ rasch eine Flickarbeit von einem Nebentischchen verschwinden, während er fortfuhr, sein Bedauern auszudrücken; doch plötzlich trat sie näher an ihn heran und sagte vertraulich gedämpft, aber mit tiefer Überzeugung: «Ja, nicht wahr, es ist jammerschade! Jammerschade!»
Er schüttelte bedauernd den Kopf und blickte sich wiederum flüchtig und scheinbar verlegen um, doch eh er ein Wort geäußert hatte, war Frau Barbara schon an der Tür und rief ihren Mann herbei.
«Ah, Gaston, willkommen, willkommen!» rief Ammann beim Eintritt laut und freudig. «So, sieht man dich auch wieder einmal? Das ist schön!»
«Du bleibst doch zum Nachtessen!?» sagte Frau Barbara. «Wir sind allein …»
Professor Junod lehnte mit erhobenen Händen ängstlich ab, dann kam er sogleich auf den Anlaß seines Besuches zu sprechen. «Ich wollte dir nur mitteilen», begann er, zu seinem Schwager gewandt, «daß Paul sich nicht angemeldet hat. Wir hatten gestern Aufsichtsrat und …»
«So, jetzt nehmt erst einmal Platz!» unterbrach ihn Frau Barbara. «Trinkst du ein Glas Wein? Oder ein Schnäpschen?»
Professor Junod lehnte wiederum leise, aber entschieden ab und fuhr mit seinem Berichte sogleich fort. Er gehörte dem Aufsichtsrat des Graberschen Instituts an, einer sogenannten Schnellbleiche für künftige Maturanden, wo eine Lehrstelle für Deutsch ausgeschrieben war.
«Nicht angemeldet?» fragte Ammann finster.
«Ja, es sind eine ganze Anzahl Bewerbungen eingelaufen, ich habe sie durchgesehen, aber von Paul war nichts da. Nun, nicht wahr, was wollte ich machen … der Termin ist abgelaufen, die Besetzung ist dringend … ich habe nicht allein zu entscheiden, und ich konnte doch nicht …» Er lächelte fast schüchtern und schüttelte den Kopf.
«Selbstverständlich!» sagte Ammann entschieden. «So … hm … was fällt diesem Herrn eigentlich ein?» Er blickte zornig fragend auf seine Frau, die aber in diesem Augenblick aus dem Wohnzimmer verschwand.
«Es wäre für Paul ja ein ganz netter Anfang gewesen», fuhr Professor Junod fort, «aber ich weiß nicht, vielleicht hat er etwas anderes im Sinn … diese jungen Leute, mon dieu …»
«Wann ist der Termin abgelaufen?»
«Vorgestern … es stehen jetzt drei Bewerber in der engern Wahl … in der nächsten Sitzung müssen wir beschließen.»
«Und wenn Paul sich nun morgen abend noch anmelden würde … aber es ist ja nun zu spät, natürlich …»
«Oh, man könnte sehen … ich weiß nicht … ich müßte mit den Herren reden …»
«Paul kommt spätestens morgen abend heim», erklärte nun Ammann bestimmt, «er muß übermorgen in den Wiederholungskurs einrücken. Ich werde dafür sorgen, daß er sich sofort anmeldet.»
«Gut, ja, ich glaube … das wird schon gehen!»
«Schön! Nun höre, Gaston, du bleibst zum Nachtessen da, wir machen eine gute Flasche auf, ich werde gleich …» Er hatte sich, den einsetzenden Protest abwehrend, langsam erhoben, aber zugleich mit ihm erhob sich auch sein Schwager und ergriff seinen Arm, mit der Beteuerung, daß dies ganz ausgeschlossen sei, er bedauere außerordentlich, aber es gehe wirklich nicht.
Ammann ergab sich und bat ihn, wieder Platz zu nehmen, aber Junod nahm nun unerbittlich Abschied. Frau Barbara, von ihrem Mann herbeigerufen, wickelte rasch die Rosen aus der Kristallvase in ein Seidenpapier und drückte sie dem Professor, der sie kaum anzunehmen wagte, mit einem Gruß an seine Frau und der dringenden Einladung zu einem baldigen Besuch energisch in die Hand.
Unter der Haustür wandte sich Professor Junod noch einmal um und nickte mehrmals, dann ging er, den Rosenstrauß in der Rechten, mit einem Ausdruck des Bedauerns langsam und nachdenklich die Straße hinab.
4
Fred, der auch in den Wiederholungskurs einrücken mußte, kam am Abend vorher aus den Ferien zurück, die er bei Onkel Robert auf dem Lande verbracht hatte. Er ließ sich von Mama küssen, beantwortete Fragen und richtete Grüße aus, dann stieg er mit dem Koffer in sein Zimmer hinauf.
«Ich hab’ dir alles gerüstet», rief ihm die Mutter nach. «Der Tornister steht unter dem Stuhl, und Wäsche liegt auf dem Bett. Sieh nach, ob nichts fehlt! Und wenn du baden willst, sag’s!»
Er trat in sein Zimmer, das er fünf Wochen lang nicht mehr gesehen hatte, und blieb einen Augenblick stehen, ein großer Bursche mit einem sehr jugendlichen, fast knabenhaften Gesichte, das zu seiner ausgewachsenen Gestalt in einem eher liebenswürdigen als störenden Gegensatze stand, und mit kurzem, schlicht zur Seite gekämmtem braunem Haar. Das Zimmer sah ungewohnt ordentlich aus und duftete nach dem Kampfer, mit dem die sorgliche Mutter das Militärkleid vor Motten geschützt hatte. Der Waffenrock mit den weißen Korporalstreifen auf den Ärmeln hing an einer Stuhllehne neben dem Bett, auf dem Sitz lagen die gebügelten Hosen, und darauf ruhte genau in der Mitte, mit der Bataillonsnummer gegen den Beschauer, das Käppi.
Fred schlitterte den schweren Koffer in die Mitte des Zimmers, setzte sich das Käppi auf, das bei jeder Kopfbewegung noch immer wackelte, und warf es mit einem sauern Lächeln auf die Bettdecke, dann zog er den Tornister am Tragriemen unter dem Stuhl hervor, ließ ihn pendeln und warf ihn ebenfalls weg. Die Mißachtung dieser Dinge wog aber nicht sehr schwer, er war jedenfalls Korporal geworden und hatte gegen seine Einberufung zur Offiziersschule im nächsten Sommer nicht eben viel einzuwenden. Der Militärdienst stand jedem gesunden jungen Schweizer so unweigerlich bevor wie die Steuerpflicht, und was weiter geschah, war Papas Ratschluß; er fühlte sich zwar, nachdem seine erste Neugier in der Rekrutenschule verflogen war, nicht dazu geboren, aber er hegte auch keine entschiedene Abneigung dagegen, und da von seiner Zustimmung außerdem wenig abhing, mochte denn alles so weiterdauern.
Gemächlich begann er den Koffer auszupacken und stieß unter der ersten Wäscheschicht auf ein Buch, das er sogleich in die entfernteste Ecke schmiß. Diese Mißachtung wog schwerer. Es war Osers Taschenausgabe des Schweizerischen Obligationenrechts, die er aus Pflichtbewußtsein in die Ferien mitgenommen, aber nie geöffnet hatte. Während er Kleider und Wäsche gedankenlos auf zwei Stühle türmte, beschlich ihn ein dunkles Unbehagen, das mit dem Beschluß und der Notwendigkeit zusammenhing, seinen Eltern heut abend etwas sehr Unangenehmes zu gestehen.
Fred hatte sich nach einem ordentlichen Reifezeugnis zum Studium der Rechte entschlossen, nicht weil er sich dazu gedrängt fühlte, sondern weil man sich vor den Toren der Hochschule notwendigerweise für etwas entscheiden muß. Jetzt war ihm die Juristerei verleidet, er brachte für dieses ausgeklügelte Netz von Gesetzen und Rechten keine Anteilnahme mehr auf, und gegen die Politik hegte er eine heimliche, aber entschiedene Abneigung. Außerdem besaß er jenes flüssige Mundwerk nicht, das vielen seiner Studiengenossen eine erfolgreiche Laufbahn schon jetzt verbürgte, und so schien es ihm nach seinen zwei Semestern denn höchste Zeit, dies fruchtlose Bemühen aufzustecken. Er hatte den heutigen Abend bestimmt, um es Papa mitzuteilen. Morgen früh um neun Uhr würde er sich dann bereits bei seiner Einheit befinden, weit ab vom Sturm des Unwillens, den sein Geständnis im väterlichen Herzen verursachen mochte, und vorläufig sicher vor all den überflüssigen Fragen und Erklärungen, die einem derartigen Ereignis im weitern Familienkreise zu folgen pflegten. Er haßte es, wenn man die Wichtigkeit eines Vorfalles übertrieb, und es brauchte sehr wenig, um in ihm das Gefühl zu erwecken, daß wegen eines Fliegendrecks wieder einmal mit allen Glocken geläutet werde.
Im Koffer blieb eine Blechbüchse zurück, die er nun auch herausnahm und mit einem leisen, zwiespältigen Lächeln öffnete. Sie enthielt einen gebleichten Katzenschädel, den er auf einem Streifzug durch den Wald mit seinem Vetter Christian vor einem Fuchsbau gefunden hatte. Er trat damit vor einen mannshohen doppelten Kasten, dessen obere Hälfte hinter einem Glasfenster all jene merkwürdigen Dinge enthielt, die ein junger Gymnasiast und Liebhaber der Naturkunde zu finden und aufzubewahren pflegt. Hier waren Vogelnester, Mineralien, Versteinerungen, Skelette, Muscheln zur Schau gestellt, und zwei von Mutters kleinen Konfitürengläsern bargen in Spiritus eine Ringelnatter und einen Feuersalamander; in den Schubladen der untern Hälfte ruhten Käfer, Raupen, Schmetterlinge und gepreßte Pflanzen. Er legte das kleine Knochengebilde, dem der Unterkiefer fehlte, neben zwei andere Schädel und blieb mit einem schwankenden Gefühl vor dem offenen Kasten stehen. Er kam sich kindisch vor, und zugleich berührte ihn ein Hauch jener Liebe, mit der er damals diese Dinge zusammengetragen hatte. Seither war die Sammlung unberührt und bis zu dieser Stunde unbereichert geblieben, denn es war wirklich eine belanglose Sammlung, und nie hatte er ihr die Bedeutung beigemessen, die sie jetzt für ihn anzunehmen schien. Er konnte ja nicht einfach die Juristerei aufstecken, er mußte umsatteln, und er wußte durchaus nicht, welches Pferd er reiten sollte außer dem, das einst in anderer Gestalt sein Steckenpferd gewesen war.
Jetzt stand er aber da und erwog mit wachsenden Bedenken den Unterschied zwischen einer knabenhaften Liebhaberei und der Naturwissenschaft. Vielleicht würde er das Studium niemals bewältigen, das die ernsthafte Beschäftigung mit Mineralien, Schmetterlingen oder Pflanzen voraussetzte, und es war ihm fast unmöglich, sich auch nur als Lehrer der Naturkunde an der Mittelschule vorzustellen, geschweige denn als Dozent auf dem Hochschulkatheder. Was aber blieb ihm dann übrig?
Er trat an ein Fenster und blickte entmutigt über den Garten weg auf die von heimkehrenden Arbeitern, Ladentöchtern und Büroleuten geschäftig belebte Straße hinaus. Warum mußte man einen Beruf wählen, wenn man keine Lust dazu hatte? Warum konnte man nicht alles etwas leichter nehmen, bummeln, wenn man bummeln wollte, und auf die Examen pfeifen? Am Ende war es doch gleichgültig, was man vorstellte, und verhungern würde man kaum.
Er spann diese Möglichkeit weiter aus, aber schon nicht mehr ernsthaft; im Grunde war er weit entfernt davon, er besaß alle Vorbedingungen zu einem anständigen Leben und hatte keine Ursache, seinen Eltern Enttäuschungen zu bereiten, auch wenn er augenblicklich ein wenig in der Luft hing. Er wollte es in Teufels Namen mit der Naturwissenschaft versuchen, da es ohne Berufsstudium nun einmal nicht ging, und er blieb dabei, seinen Entschluß den Eltern beim Abendessen mitzuteilen.
Er bestellte sein Bad, zog sich aus und lief im Schlafanzug barfuß über die kühlen Steinfliesen ins dampfende Badezimmer.
Nach einer Weile kam langsam, mit einem gekränkten Ausdruck, Frau Barbara die Treppe herauf. Paul war nicht zurückgekehrt, er hätte längst hier sein müssen, und Papa war darüber so aufgebracht, wie sie ihn selten gesehen hatte. Ihr war unbehaglich zumute.
Als sie am Badezimmer vorbeikam, hörte sie Fred plätschern und blieb auflächelnd einen Augenblick stehen. «In einer Viertelstunde können wir essen, Fred!» rief sie und ging weiter in Freds Zimmer, wo sie mit einem liebevoll verurteilenden Kopfschütteln die Unordnung wahrnahm und sogleich aufzuräumen begann.
Sie war noch da, als Fred aus dem Bade kam. «Ordnung hast du im Rusgrund nicht gelernt!» sagte sie entschieden. «Hast du Papa schon gesehen? Ja, brauchst dich dann nicht zu wundern … er ist wütend.»
«Warum? Was ist los?»
«Paul hätte doch morgen auch einrücken müssen … jetzt ist er nicht heimgekommen. Und Papa hat ihm doch für eine Stelle sorgen wollen … da hat er sich nicht angemeldet. Ich finde, das ist wirklich nicht recht von Paul. Ich weiß nicht, was er im Kopf hat.»
Fred hatte sich mit einem Nagelscherchen auf den Bettrand gesetzt und hörte aufmerksam zu. Er wußte nichts von alledem, und Pauls Versäumnis machte ihm auch keinen besonderen Eindruck, aber er empfand sogleich eine Erleichterung seiner eigenen Lage. Wenn sich Papa in schlechter Laune befand, war es ausgeschlossen, ihm eben jetzt ein Geständnis zu machen. Er brauchte vorläufig nichts zu sagen. «Ach, vom Dienste drückt sich jeder, wenn er kann», antwortete er leichthin. «Und er hat ja seinen Doktor!»
«Jajaja, mit dem Doktor allein ist es nicht gemacht! Daraufhin gibt ihm niemand auch nur einen Rappen. Es laufen genug Doktoren herum … Aber zieh dich jetzt an, sonst kommst du noch zu spät zum Essen.»
«Ja … so geh du jetzt!» befahl er scherzhaft und drehte sie an den Schultern der Tür zu. «Hinaus!»
«Jaja, wird sich wohl machen!» rief sie heiter, entwand sich ihm und versorgte noch ein Wäschestück.
Er begann mit ihr zu raufen wie ein kleiner Junge und drängte sie allmählich zur Tür. Sie wehrte sich belustigt, kreischte unter seinen Griffen ein wenig auf und teilte ihm Püffe aus, dann schlüpfte sie hinaus und eilte mit einem glücklichen Lachen rasch und leicht die Treppe hinab.
5
Ammann begab sich in die Dufourstraße zu Stockmeier, kurz nachdem ein Regiment seiner Brigade den Wiederholungskurs ohne den Füsilier Paul Ammann angetreten hatte, und die Stelle am Graberschen Institut nach einem freundlich gewährten Aufschub besetzt worden war. Er ging im Zivilleben grundsätzlich zu Fuß, um sich Bewegung zu schaffen, und trat nach einem halbstündigen Gang neben Stockmeiers Lebensmittelgeschäft durch die Haustür, entschlossen, auf Paul keine Rücksicht mehr zu nehmen und die Wohnung im zweiten Stock endgültig zu mieten.
Er wurde von Leo empfangen, dem einzigen Sohn Stockmeiers, einem außerordentlich freundlichen, sorgfältig gekleideten, schon ziemlich fetten Burschen mit vollen Wangen und zurückgekämmtem öligem Haar. «Ich will gleich den Vater rufen, einen Augenblick bitte, Herr Oberst!» sagte Leo lächelnd und verließ die Wohnstube geräuschlos. Nach zwei Minuten schon kehrte er mit dem Bescheid zurück, der Vater werde sogleich kommen. «Darf ich Ihnen etwas anbieten, Herr Oberst?» fragte er eindringlich und erkundigte sich dann, als Ammann dankend ablehnte, nach Fred. «Ich muß in zehn Tagen auch einrücken, mit dem andern Regiment», erklärte er, immerfort lächelnd. «Wir haben zusammen die Rekrutenschule gemacht und ich hätte mit ihm auch in die Unteroffiziersschule einrücken sollen, aber dann war ich leider geschäftlich verhindert. So sind wir dann auseinandergekommen. Ich hoffe aber, daß ich die Schule im Frühling machen und dann im Sommer in die Aspirantenschule einrücken kann.»
«Soo, das ist recht, das kann Ihnen nichts schaden!» antwortete Ammann wohlwollend und etwas scherzhaft. Er hielt diesen Leo nicht gerade für einen auserwählten Soldaten und zweifelte einigermaßen an seiner Eignung zum Offizier, doch er besaß in diesen Dingen eine weitherzigere Auffassung als gewisse Herren von der Instruktion. Der junge Mann da mochte es immerhin versuchen.
«Ja, ich habe Freude am Militär», sagte Leo und fuhr dann fort, in einer so liebenswürdig aufdringlichen Art seine Dienstwilligkeit zu bezeugen, daß sein hoher Vorgesetzter ihn schließlich nach andern Dingen fragte.
Indessen erschien sein Vater, und sogleich zog sich Leo mit einem gewinnenden Lächeln und einer leichten Verbeugung diskret zurück.
Stockmeier, ein untersetzter, fester, kurzhalsiger, sehr beweglicher Fünfziger mit einer hübschen Glatze, aber im Nacken mit Haaren bis über den Kragenrand hinaus, erschien ebenfalls lächelnd; sein rundes Gesicht mit der knolligen Nase und den leicht zugekniffenen Augen besaß einen gewitzten, beinahe schlauen Ausdruck, der sich auch diesem Lächeln mitteilte, ohne es in seiner arglosen Freundlichkeit zu entstellen. Wie er in seinen Hausschuhen rasch und federnd auf Ammann zuging, mit einem erfreuten «Soo, grüezi, Herr Oberscht», rieb er noch verbindlich die Hände, nickte grüßend und streckte ihm die rundliche Rechte hin.
Als er den Zweck von Ammanns Besuch ohne Umschweife erfuhr, nahm sein Lächeln ein wenig ab, ohne ganz zu verschwinden, er hob die Brauen und setzte sich mit einem Ausdruck zuvorkommender Bereitschaft dem Besucher gegenüber.
Ammann selber zeigte eine leutselig heitere Miene, bewahrte aber jene Zurückhaltung, die er im Verkehr mit einfachen Leuten seinem öffentlichen Ansehen und seiner Stellung schuldig war. Stockmeier spürte diese Zurückhaltung genau, fand sie aber angemessen und benahm sich am Ende der friedlichen Verhandlung beinahe untertänig.
Sie wurden einig, der hohe Besucher mietete die Wohnung und nahm leutselig Abschied, Stockmeier öffnete ihm die Türe, half ihm draußen in den Überzieher und begleitete ihn bald zur Rechten, bald zur Linken, wie es sich eben ergab, eifrig und dienstbeflissen auf die Straße hinaus.
Ammann fühlte sich durch dieses Verhalten des Mannes geschmeichelt, doch nur an der Oberfläche. Er kannte diese Art von Bürgern; solange man ihr Vertrauen besaß, von ihnen gewählt wurde und ihre Interessen vertrat, war man ihr großer Mann, aber sobald man ihnen in die Quere kam, sank man unweigerlich in ihrer Achtung und konnte bei allen Verdiensten öffentlich aufgefordert werden, ihnen, schonend umschrieben, den Hobel auszublasen. Dies alles bildete für einen Volksvertreter noch keinen Grund zur Verachtung, man war daran gewöhnt.
Er überschritt die Seefeldstraße, bog in einen vom Verkehr unberührten Weg ein und stieg gemächlich den erst teilweise überbauten Riesbacher Hang hinan, um da oben ein zweites, nicht so wichtiges und dennoch viel schwierigeres Geschäft zu erledigen. Das Haus, dem er zustrebte, war schon von weitem zu sehen, ein nicht sehr geschmackvoller, aber solider und eigenwilliger Bau mit einer Gartenterrasse am Abhang, das Haus seines Schwagers und Divisionskommandanten Boßhart. In diesem Hause hatte er als junger Leutnant seine Frau kennengelernt, die Verbindung mit diesem Hause war für die Anfänge seiner Laufbahn entscheidend gewesen und hatte schließlich auch das Schicksal Gertruds bestimmt, seiner Tochter, die ihrem Gatten Albrecht Hartmann, einem Instruktionsoffizier, hier zum erstenmal begegnet war. Dennoch betrat er dieses Haus nur noch aus triftigen Gründen; er ging lieber nicht zu Boßhart, wenn er es vermeiden konnte. Diesmal handelte es sich um seinen Schwiegersohn Hartmann, der auf Neujahr 1914 das Kommando des Regiments erhalten sollte, das eben jetzt im Wiederholungskurs stand. Er war nicht damit einverstanden, es gab noch andere Lösungen.
Vor dem Hause hielt irgendein Dienstwagen, die Ordonnanz ging rauchend auf und ab, und im Hausgang hingen über den Säbeln zwei Majorsmützen von Artilleristen. Er ließ sich durch das Mädchen sogleich anmelden, betrat den Salon und war darauf gefaßt, eine halbe Stunde lang warten zu müssen. Aber kaum hatte er sich mit einer militärischen Zeitschrift an ein Fenster gesetzt, als der Divisionär durch eine Nebentür eintrat.
Boßhart war größer als Ammann, aber ebenso beleibt, doch stand dieser sozusagen zivile Umfang in keinem schlechten Verhältnis zur ganzen Gestalt, die in ihrer Breite und Mächtigkeit fast bedrückend wirkte. Eine solche Gestalt ist bei einem gutmütigen, freundlichen oder auch nur lässigen Mann erträglich, aber Boßhart erweckte den gegenteiligen Eindruck, er sah hart, unfreundlich und völlig beherrscht aus. Sein Kinn verschwand in einem kurz zugestutzten, grauen Bart, der sich auf den Wangen so undeutlich verlor, daß man nie genau wußte, ob der Mann rasiert war oder nicht. Eine auffallend schmale, hämisch wirkende Nase mit weiten dünnen Nüstern und zwei durchdringend klare, sachlich blickende Augen nahmen seinem Äußern schließlich jede Spur von Humor und Leutseligkeit. Es gab unter den rund zwanzigtausend Männern der Division vermutlich kaum einen, der ihn liebte, er wurde höchstens gefürchtet; dennoch besaß er das Zutrauen der ganzen Division in einem Maße wie keiner seiner Vorgänger.
Dieser Mann, seiner Stellung nach übrigens in jedem andern Lande vom Rang eines aktiven Generals, trat hier nun einem seiner Brigadekommandanten entgegen, der zudem sein Schwager war, aber nicht das geringste Zeichen von Wohlwollen erhellte seine Miene. Er gab Ammanns Gruß zurück und fragte knapp nach seinem Begehren.
«Ich möchte etwas mit dir besprechen, aber nachher», antwortete Ammann mit einer abwinkenden Handbewegung. «Du hast Artilleristen in Arbeit, wie ich gesehen habe, ich kann warten.»
«Das geht zu lange!» erwiderte Boßhart. «Es handelt sich um die kombinierte Brigadeübung im Unterland. Sie wissen nie, was sie hinter der Infanterie mit ihren Kanonen anstellen wollen. Von einem Zusammenspiel ist noch keine Rede … Also was ist los?» Seine Stimme klang einförmig, hart, klar, und wie immer beim Sprechen flog ihm ungewollt ein bissiger Zug um den Mund.
«Jaa … es ist wegen des Kommandowechsels», begann Ammann nach kurzem Zögern in einem mißlaunigen Ton. «Ich kann nicht für Hartmann eintreten … Es wird noch ein anderes Regimentskommando frei, und außerdem werden zwei Bataillonskommandanten befördert, von denen mir der eine, Meister, genau bekannt ist … ich hatte ihn damals schon als Kompagniekommandanten in meinem Bataillon und möchte ihn jetzt für das Regiment haben.»
«Was hast du gegen Hartmann?»
«Nichts Besonderes, aber er ist nicht mein Mann, obwohl er mein Schwiegersohn ist. Außerdem ist er unbeliebt.»
«Bei den Liberalen?»
Ammann schob mit gelassen verurteilender Miene die Unterlippe vor, ohne zu antworten; er kannte Boßharts Sticheleien gegen das Parteiwesen und gewisse andere Erscheinungen des politischen Lebens zu gut, um darauf einzugehen.
«Hartmann kann nicht ewig auf ein Kommando warten», erklärte Boßhart, ohne sich zu regen, «und Meister kommt vorläufig zum Divisionsstab. Den andern Herrn haben wir untertänigst der betreffenden hohen Kantonsregierung zur Verfügung zu stellen. Befehl von Bern. Nächstens werden die Regierungsräte ihre Truppen selber führen. Sonst noch etwas?»
«Nein!» antwortete Ammann mit militärischer Schärfe, obwohl er über den laufenden Wiederholungskurs und den gleich darauf beginnenden seines andern Regiments noch einiges zu fragen und zu melden hatte. Er nahm Abschied, knapp und kühl wie ein ungerecht behandelter junger Hauptmann.
«Immer derselbe!» dachte er, während er mit erzwungenem Gleichmut das Haus verließ. «Er bringt es nicht fertig, mit seinesgleichen auf eine menschenwürdige Art zu verkehren. Ein unausstehlicher Kerl, und wenn er noch einmal so tüchtig und noch einmal so gerecht wäre!»
Er schlug sich die Angelegenheit samt dem Divisionär aus dem Kopf und dachte auf dem Heimweg an andere unerledigte Dinge, so wie sie ihm eben einfielen, und es war ein ganzer Schwarm. Obwohl er seine Anwaltspraxis aufgegeben hatte, führte er ein sehr tätiges Leben. Parlamentstagungen in Bern, Fraktions- und Kommissionsberatungen, parteipolitische Aktionen, Verwaltungsratssitzungen, Brigadesorgen und taktische Kurse nahmen ihn fortwährend in Anspruch.
Indes er nun an einen seiner Fraktionskollegen dachte, trat ihm aber plötzlich die brutale Gestalt des Divisionärs wieder vor Augen. Jener Kollege hatte eines fröhlichen Abends scherzhafterweise angedeutet, mit einem Divisionär als Schwager sei es leicht, militärisch vorwärtszukommen. Er lächelte bitter bei diesem Gedanken. Als ob Boßhart ihn jemals ernstlich begünstigt hätte! Das Gegenteil wäre leichter zu beweisen gewesen. Nein, der Oberstbrigadier Ammann hatte alles sich selber zu verdanken, seiner eigenen Energie, seiner Intelligenz, seiner Fähigkeit zu klaren Dispositionen, seiner glücklichen Hand und schließlich, warum nicht, auch seinem menschlichen und bürgerlichen Ansehen. Dabei war er kein so ruppiger Kerl geworden, sondern ein menschenfreundlicher, demokratischer Mann geblieben, der seine Untergebenen achtete. Solche Männer hatte die Schweizer Armee nötig. Man konnte die hohen Führerstellen nicht ausschließlich Berufsoffizieren überlassen.
Mit diesem Boßhart hatte es freilich eine eigene Bewandtnis. Er besaß nichts von jenem Instruktorendünkel, in dem sich ein paar jüngere Herren gefielen, er gebärdete sich nicht einmal preußisch, wie Hartmann mit seiner Potsdamer Dienstzeit. Wenn er in diesem Sinne wenigstens ein Preuße gewesen wäre! Aber er war etwas ganz anderes, es ließ sich schwer begreifen was, und er besaß eine unheimliche Autorität. Sicher war nur, daß ihm jedes humane Gefühl abging, nicht zu reden von Leutseligkeit oder gar von Gemütlichkeit, obwohl er auch kein Asket war, sondern im Gegenteil gern gut aß, sogar schwere Mengen und, wenn es darauf ankam, ohne zu wanken den ganzen Divisionsstab unter den Tisch trank.
Ammann konnte diesen Mann nicht verstehen, er hatte ihn nie verstanden. «Er ist ein Unmensch, ein Scheusal!» dachte er und betrat verärgert sein schönes Haus.
6
Paul war endlich heimgekehrt, von der Mutter herzlich empfangen, vom Vater in einem kühlen, vorläufigen Tone kurz begrüßt, und jetzt trat er seit langer Zeit zum erstenmal wieder gemeinsam mit den Eltern zum Mittagessen an. Er war etwas kleiner als Fred, doch ebenso schlank, und glich in der Form seines intelligenten, magern Gesichtes am ehesten der Mutter; nur Severin, der Älteste, besaß Vaters Züge, während Fred mit seinem Knabengesicht überhaupt niemandem glich. Einigermaßen auffallend an Paul war seine müde Haltung, die auch in seiner Miene zum Ausdruck kam, doch konnte man im ersten Augenblick zweifeln, ob diese Müdigkeit echt oder gespielt war; sie hing kaum mit diesem gesunden, geschmeidigen Körper zusammen, war aber freilich echt und wurde nur vielleicht ein wenig unterstrichen. Mit lässigen Bewegungen nahm er am Tische Platz und ließ sich von Mama Suppe in den Teller schöpfen.
«Das ist ja gar nichts, da, noch einen halben Löffel voll!» sagte Frau Barbara liebevoll aufbegehrend, als er ihr den Teller entzog. «Du siehst ja aus, als ob du hättest hungern müssen. Hier wird jetzt wieder gegessen!» Sie sprach lebhaft und viel, und sie war entschlossen, die Spannung zwischen Vater und Sohn während des Essens entladen zu helfen, damit die beiden nicht am Ende unter vier Augen erst recht alles verdarben.
Paul erwartete die Auseinandersetzung ohne Angst, aber mit einem unbehaglichen Gefühl, und auch er wünschte sie eben jetzt herbei. Er hatte sicher damit gerechnet, zu Hause auf diese dicke Luft zu stoßen, sie gehörte zum Bilde des Vaters, in dessen Umgebung er nicht frei atmen zu können meinte. Es war die träge Luft eines engen Raumes, die von satten Bürgern ängstlich vor jedem frischen Zuge bewahrt wurde, die Luft seines Landes. Mama dagegen ragte für ihn über diesen Dunstkreis hinaus ins Menschliche, Mütterliche; er verehrte sie schweigend, er liebte sie, und dankbar spürte er jetzt ihren Beistand.
Ammann aß mit unfreundlicher Miene schweigend seine Suppe und vermied alles, was die Lage vorzeitig hätte entspannen können. Er wollte den eigenmächtigen jungen Herrn gleich nach dem Essen vornehmen und ihm gründlich die Meinung sagen. Dies war ihm nun fast ebenso peinlich wie seinem Sohn, und als seine Frau mit wenigen Worten die faule Sache angriff, ging er wider seinen eigenen Vorsatz darauf ein.
«Wir haben dich übrigens schon längst erwartet», begann Frau Barbara sehr entschieden. «Du hättest etwas früher heimkommen dürfen … Warum hast du nur so lange gewartet?»
Jetzt blickte Ammann mit streng forschender Miene seinem Sohn zum erstenmal voll ins Gesicht.
Paul machte eine müde Kopfbewegung, hob ein wenig die Achseln und sagte: «Ach …!» Das war alles. Er hätte leicht ein Dutzend glaubwürdiger Entschuldigungen finden können, aber es widerstrebte ihm, sich zu verstellen.
Der Vater antwortete nach kurzem Zögern mit einem kargen, aber scharfen Verweis und verharrte in seiner geladenen Haltung.
«Wenn du dich wenigstens für die Lehrstelle angemeldet hättest!» fuhr die Mutter fort. «Papa hat sich alle Mühe gegeben …»
Paul blickte die Mutter mit einem Ausdruck an, der ihm eigentümlich war, mit einem gequälten Lächeln, das um Schonung bat und zugleich offenbarte, wie nebensächlich oder gar langweilig ihm diese ganze Geschichte vorkam. «Ich kann doch nicht als Einpauker beginnen», sagte er leise. «Das ist widerwärtig … diese Schnellbleichen … Ich habe ja nichts gegen eine Anstellung, aber …» Jetzt log er doch, er hatte sehr viel dagegen; im selben Augenblick wurde ihm das bewußt, und er verstummte.
Die Mutter machte noch ein paar flüchtige Bemerkungen über die Notwendigkeit, daß man heutzutage halt schließlich einen Beruf ausüben und seinen Lebensunterhalt verdienen müsse; plötzlich aber gab sie dem Gespräch eine familiäre Wendung und drängte ihrem Manne sowohl wie Paul mit derart vertraulichen Zusprüchen noch einen Bissen vom Fleischgericht auf, als ob die verstimmende Angelegenheit ihre wirklichen Beziehungen gar nicht zu berühren vermöchte.
Indessen war Ammann nicht gewillt, es dabei bewenden zu lassen; er hielt den Trumpf, den er gegen den widerspenstigen jungen Herrn auszuspielen hatte, noch in der Hand. Sofort nach dem Essen erhob er sich und sagte leichthin, als ob ihm das nun eben so einfiele: «Am nächsten Montag beginnt dann übrigens noch ein Wiederholungskurs. Du wirst vom Kreiskommando ein persönliches Aufgebot dazu erhalten.»
«Ich habe doch Auslandsurlaub!» erwiderte Paul ein wenig auffahrend und ziemlich ärgerlich, aber Papa ging nun wortlos in sein Büro.
«Ach weißt du, das kann dir nichts schaden!» sagte die Mutter, während sie ein Fenster öffnete. «Diese vierzehn Tage … das tust du mir zulieb, und nachher ist auch Papa wieder zufrieden.» Als sie seine leidend verzogene Miene und unentschiedene Haltung gewahrte, ging sie rasch auf ihn zu und führte ihn am Arm hinaus. «Komm, wir gehen noch ein wenig in den Garten!»
Auf der Treppe blieb er stehen und sagte leise: «Ich möchte am liebsten gleich wieder abfahren. Ich ersticke hier …»
«Ach was, jetzt bleibst du da!» erwiderte sie bestimmt, drückte seinen Arm an sich und zog ihn weiter. «Solange wir noch hier wohnen, laß ich dich nicht mehr fort. Im Frühling ziehen wir aus. Das Haus ist verkauft. Auf Abbruch!»
Er blieb wiederum stehen. «Verkauft?» fragte er.
«Jaja, ich hab’ dir doch geschrieben, daß es dazu kommen werde», antwortete sie in einem so selbstverständlichen Tone, als ob es sich um das Alltäglichste handelte.
«Das ist nicht schlecht!» sagte er nachdenklich, während er neben ihr in den Garten hinausschlenderte, und gleich darauf begann er bitter zu grinsen. «Das sieht ihm ähnlich! Er hat nie gewußt, was er hier besaß, und daß es so etwas nicht zum zweitenmal gibt.»
Jetzt blieb die Mutter stehen. «Du hast gut reden», begann sie und schüttelte kräftig abweisend den Kopf. «Du weißt nicht, was uns dies alles gekostet hat, und was Papa dafür angeboten worden ist. Vor zehn, fünfzehn Jahren hat man sich das noch leisten können, aber heute, mitten in einem Geschäftsviertel …» Sie zählte ihm alle Gründe auf, die zum Verkauf geführt hatten, und schien mit Überzeugung ganz auf der Seite ihres Mannes zu stehen.
Paul ließ sich nicht überzeugen, er lächelte ironisch ergeben, aber am Ende sagte er, von einem andern Standpunkt aus allerdings, mit einer lässig abwinkenden Handbewegung: «Ach, schließlich ist es ja egal! Es geht sowieso alles dahin, und es hat keinen Zweck, in dieser Zeit noch etwas zu konservieren. Mir kann es jedenfalls egal sein.» Als die Mutter daraufhin mit enttäuschtem Ausdruck schwieg, nahm er ihren Arm. «Aber deinetwegen tut es mir leid, Mama!» sagte er aufrichtig. «Du hast doch hierher gehört! Für dich wird es nicht so leicht sein …»
«Nein, leicht ist es nicht!» erwiderte sie knapp. «Wir kommen in eine Mietswohnung, vorläufig.»
Sie gingen in der Wärme des klaren Mittags auf dem mittleren Weg über zerstreutes Herbstlaub bis zum spitz auslaufenden Ende des Gartens, wo man durch halbkahles Gesträuch zur Linken den grauen Asphalt der Straße und eilige Arbeiter gewahrte, die nach der Mittagspause in ihre Fabriken zurückkehrten. Aus der Gruppe, die eben daherkam, blickte ein breitschultriger Bursche zu ihnen herein; sie sahen plötzlich durch die Gitterstäbe sein verächtlich spähendes, dunkles Gesicht und hörten auch die häßliche Bemerkung, mit der er sich wieder den übrigen anschloß.
Schweigend kehrten sie um.
7
Frau Barbara ging aus, um Besuche zu machen. Früher hatte sie in einem solchen Fall anspannen lassen und sich in die Equipage gesetzt, doch in den Jahren des zunehmenden Autoverkehrs war das auffällige Gefährt abgeschafft worden; für ein Auto hatte Ammann sich inzwischen noch nicht entschließen können. Sie ging aber gern zu Fuß und fand es in Ordnung.
In der Dufourstraße trat sie neben einem Lebensmittelgeschäft durch die Haustür und wurde in der Stockmeierschen Wohnung vom Hausherrn mit überaus freundlicher Ehrfurcht begrüßt.
«Ja, also es tut mir außerordentlich leid, Frau Oberst», sagte Stockmeier, «aber es ist eine Fünfzimmerwohnung, nicht wahr, und ich kann da wirklich nichts machen …»
«So!» sagte Frau Barbara, die mit Stockmeier in dieser Angelegenheit ohne Erfolg telefonisch verkehrt hatte, und blickte bekümmert an ihm vorbei.
«Nicht wahr», fuhr Stockmeier fort, «das Separatzimmer im ersten Stock hier bewohnt mein Sohn, und … he he he …»
«Jaja, Sie können ihn nicht hinauswerfen, das ist selbstverständlich, aber … Sie haben mir noch von einem mittleren Mansardenzimmer gesprochen …»
«Jaa, Frau Oberst … zu Ihrer Wohnung gehören zwei Mansarden und eh … die mittlere Mansarde ist der größte Raum im Dachstock, ich könnte da nicht ohne weiteres … ja, ich habe doch mit dem Herrn Oberst fest ausgemacht, nicht wahr, für eine Fünfzimmerwohnung mit zwei Mansarden …»
Erst jetzt begriff Frau Barbara Stockmeiers Widerstand; dieser vorsichtige Geschäftsmann war also der Meinung, man versuche für sein Geld noch etwas mehr zu bekommen, als man vertragsmäßig erwarten konnte. Sie hatte nie daran gedacht und sagte ziemlich barsch: «Ich muß ein Zimmer mehr haben und werde Ihnen die Miete dafür besonders bezahlen.»
«Jaa, Frau Oberst, daas ist etwas anderes», antwortete er geschäftig. Er suchte sich also nicht einmal zu verstellen, und Frau Barbara blickte ihn beleidigt von oben herab an. Nach der bedächtig zögernden Erklärung, daß er die mittlere Mansarde bisher als Lagerraum benutzt habe und sie nicht einfach so hergeben könne, da es ihm überall an Platz fehle, ging er mit Vorbehalten darauf ein, und in wenigen Minuten hatte Frau Barbara das Mansardenzimmer gemietet.
Sie machte sich wieder auf den Weg, kaufte in einem Spielwarengeschäft einen aufrecht stehenden Bären und setzte sich schließlich doch in ein Mietauto, mit dem sie gegen Hottingen hinauf zu ihrer Tochter fuhr.
Das Haus, ein noch ziemlich neuer, herrschaftlicher Bau in etwas undeutlichem Stil, lag erhöht in einem kleinen Garten, durch den man auf einem Seitenpfad zum Haupteingang gelangte. Frau Barbara schritt durch die mit Marmor bekleidete kühle Halle freundlich nickend am Mädchen vorbei, das ihr geöffnet hatte, und wurde mit einem «Endlich!» von ihrer Tochter empfangen, die ihr langsam die Treppe hinab entgegenkam, langsamer, als sie es von Gertrud erwartete. Während sie Hut und Mantel ablegte und vor einem Spiegel flüchtig ihr Haar ordnete, befahl Gertrud dem Mädchen, den Tee anzugießen, dann betraten die Frauen das Wohnzimmer, einen behaglichen weiten Raum mit einem braunroten Perser, der einen bemalten Kachelofen, den Flügel, ein eichenes Büffet und die überall verteilten Blumen willig in seinen herbstlich warmen Ton aufnahm; nur der kleine, weißgedeckte Teetisch in der Ecke vor dem Sofa entzog sich ihm freundlich.
«Seit mehr als einer Woche bist du nicht mehr dagewesen, Mama», sagte Gertrud mit halb ernstlichem, halb scherzhaft kindlichem Vorwurf. Sie war so groß wie die Mutter, nur schlanker, biegsamer, aber nicht mager, eine stattliche Gestalt in einem unauffälligen Hauskleid. Ihr dunkelbraunes Haar floß in wenigen Wellen gelockert nach hinten in einen tiefsitzenden Knoten zusammen, ihr Gesicht war anziehend eigenwillig, ihre bräunlichen Augen hatten einen klugen, vertrauenerweckenden Blick.
«Ja, was meinst du, ich kann daheim auch nicht immer weglaufen», antwortete die Mutter und zählte rasch ein paar Gründe dafür auf, dann fragte sie, gesammelt und eine mehr als oberflächliche Antwort erwartend: «So, wie geht’s?»
«Hm!» machte Gertrud und zuckte die Achseln.
Die Mutter blickte sie forschend an, und wohl niemand außer ihr hätte in diesem aufgeschlossenen, jugendlich frischen Frauenantlitz so genau bestätigt gefunden, was sie vom ersten Augenblick des Wiedersehens an gespürt hatte, nämlich, daß es ihrer Tochter ohne ersichtlichen Grund noch immer an all dem Schwung und der Spannung fehlte, die sie sonst zu jeder gesunden Stunde selbstverständlich geäußert hatte. «Du siehst einfach schlecht aus», sagte sie vorwurfsvoll. «Nach zwei Monaten sollte man sich anders erholt haben.»
«Ach, Mama … ich habe mich wirklich erholt …»
«So geh doch mehr an die frische Luft! Reitest du denn nicht mehr?»
Gertrud schüttelte kurz und entschieden den Kopf, so entschieden, als ob sie überhaupt nie mehr zu reiten gedächte.
«Früher hast du den ganzen Sommer durch Tennis gespielt und bist fast jeden Tag ausgeritten … das hat dir doch so gut getan … man kann nicht nur immer daheim sitzen, Bücher lesen und Klavier spielen …»
Das Mädchen kam mit dem Teebrett, Gertrud erhob sich, nahm ihm die Kanne ab und ordnete den Tisch, während Frau Barbara leise ins Nebenzimmer ging und sich über die Kinder beugte, einen Knaben und ein achtwöchiges Mädchen, die in ihren Bettchen schliefen. Dem Knaben legte sie vorsichtig den Bären auf die Bettdecke. Gleich darauf trat Gertrud neben sie, die zwei Frauen blickten sich einen Augenblick lächelnd an und betrachteten dann mit demselben freudig gerührten Ausdruck den kleinen Schläfer, der ruhig atmend auf dem Rücken lag. «Er wird gleich erwachen», flüsterte Gertrud und zog sich zurück.
Frau Barbara trat zögernd vom Bette weg und schaute flüchtig noch einmal zum Mädchen hinüber, dann blieb sie in einer Ecke des Zimmers vor einem Diwan stehen, den sie hier noch nie bemerkt hatte, hob prüfend seine schwere, goldbestickte Decke und stutzte; unter der Decke erschien Gertruds feines, leinenes Bettzeug. «Wer schläft denn hier?» fragte sie aufblickend.
Gertrud, die schon unter der Tür stand, antwortete unsicher, mit einer Miene, die alles verriet, mit einem müden, hilflos verlegenen Lächeln: «Ich!»
Die Mutter kniff den Mund zusammen und setzte sich mit dem Ausdruck beleidigten Erstaunens an den Teetisch. «Man muß auch nicht gleich zu weit gehen», sagte sie verurteilend. «Ich habe mit Papa früher manchen Streit gehabt, aber deswegen bin ich ihm nie davongelaufen. Nicht häufiger als Albrecht daheim ist …» Sie schüttelte energisch den Kopf.
Gertrud goß umständlich Tee in die Tassen, während sie langsam die Fassung verlor. «Ich streite ja gar nicht mit ihm», erwiderte sie tonlos und setzte sich steif auf das Sofa neben die Mutter; ohne daß sie es verhindern konnte, überliefen ihr die feuchten Augen.
Frau Barbara blickte betroffen auf, dann zog sie die Tochter zu sich heran, und Gertrud barg schluchzend das Gesicht an ihrer Schulter.
Die Mutter blieb lange stumm, halb aus Absicht, halb aus Ratlosigkeit. Endlich aber bat sie leise, in dem behutsamen, raunenden Tone, den nur ihre Kinder kannten: «Du, sag’ es mir, rede!»
Gertrud konnte über das lang Verschlossene nicht so rasch reden, es schien ihr viel zu schwierig, und so begnügte sie sich damit, Mamas schonende Fragen bald zu verneinen, bald mit wenigen Worten undeutlich zu beantworten.
«Bist du auf jemand eifersüchtig?»
Gertrud schüttelte den Kopf.
«Quält er dich?»
«Jetzt nicht mehr!»
«Hm … ich habe Albrecht immer für einen ritterlichen Mann gehalten.»
«Ja … aber er ist nur ein Mann, immer nur der Mann …»
«Ja, Kind, du hast doch mit offenen Augen geheiratet … ein Berufsoffizier, mein Gott, du warst ja vernarrt in ihn, aber du mußt ihn doch gekannt haben …»
«Ja … aber mich nicht!»
Während die Mutter abermals verstummte, richtete Gertrud sich auf und schaute dann, schlaff zurückgelehnt, mit verschleiertem Blick hoffnungslos vor sich hin.
«Weißt du», begann Frau Barbara wieder und ergriff Gertruds Rechte, die kraftlos neben ihr auf dem Sofa lag, «manchmal ist man halt selber auch nicht ganz ohne Schuld … aber wenn man sich ausspricht und beide den guten Willen haben, einander zu verstehen, dann, sollte man wahrhaftig meinen …»
«Mama, ich habe alles versucht … aber … er hat so gar keinen innern Kontakt mit mir … ich lebe wie in einer andern Welt, und ich kann ihm das lange begreiflich machen … er versteht es nicht oder will es nicht verstehen … und dann kommt er doch immer und … und verlangt von mir … ohne Rücksicht …» Sie wurde wieder von innen her geschüttelt, legte die Stirn plötzlich noch einmal an Mamas Schulter und schluchzte laut: «… und ich kann doch nicht, ich kann es doch nicht!»
Die Mutter schwieg. Ihr Gesicht, das den stolz beherrschten Ausdruck sonst wie gestempelt trug, schien von allem Bewußtsein verlassen, ein schmerzlicher Gram, der sich allmählich in Zorn verwandelte, entstellte ihre Züge. Das Elend all der brüchigen Ehen, die sie aus eigener Anschauung kennengelernt oder aus Gesprächen erfahren hatte, stieg vor ihr auf, mit all den unaussprechlich beschämenden Folgen, die sich in jedem Fall ergaben, aus stumpfer Duldung, dauerndem Streit oder endlicher Scheidung; sie war ihm überall begegnet, kopfschüttelnd, verurteilend, mit erhobenem Kinn. Daß nun ihre eigene, liebevoll und sorgfältig erzogene Tochter nicht dem selbstverständlichen Glück in die Arme gelaufen sein sollte, sondern diesem Elend, war eine überraschende und furchtbare Enttäuschung, sie fand es kaum glaublich, und es machte sie wütend.
Inzwischen wurde der Tee vor ihnen kalt, und im Zimmer nebenan erwachte der Kleine. Er schlug die Augen auf, lauschte ein wenig, kroch unter der Decke hervor und entdeckte den Bären. «Es Bärli!» sagte er lächelnd, ergriff ihn und kletterte damit aus dem Bett. Freudestrahlend, den unverhofften Fund weit vor sich hingestreckt, um ihn Mama so rasch wie möglich zu zeigen, trippelte er im Hemd ins Wohnzimmer hinüber. Dort aber stutzte er befremdet und senkte das Ärmchen.
Gertrud fuhr auf und lief ihm so rasch entgegen, als ob er ihr wieder entgleiten könnte; sie hob ihn hoch an ihre Brust, legte ihr Gesicht an seine Wange und trug ihn eilig zurück.
8
Paul Ammann rückte mit bitterm Unwillen in den Wiederholungskurs ein. Die Füsiliere des Zuges, dem er zugeteilt wurde, waren Arbeiter, kaufmännische Angestellte, Handwerker; er brachte keine Anteilnahme für sie auf, so wenig wie für die Masse des Volkes, der sie angehörten, er hatte die Fühlung mit dem Volksganzen verloren. Er unterhielt im zivilen Leben Beziehungen zu Malern und Literaten, die diese Fühlung ebenfalls verloren hatten, und verbrachte seine geselligen Stunden in der internationalen Luft der Kaffeehäuser. Trotzdem besaß er einen hohen Begriff von dem, was er in seiner Sprache Volk nannte, aber diesem Begrifflag keine Anschauung zugrunde und dieses Volk hatte nichts zu tun mit dem wirklichen Volke, das aus Fabrikarbeitern, Kaufleuten, Bäckern, Nationalräten, Tramführern, Bauern und vielen andern unkünstlerischen und geistlosen Menschen bestand. Er hatte die Kluft, die ihn von diesem wirklichen Volke trennte, nie als Übel oder gar als Schuld empfunden; jetzt, da man ihn zurückgeholt und dank den Gesetzen seines Landes unter eben dieses Volk gesteckt hatte, litt er darunter.
Er stand in den Tagen der Einzelausbildung fremd und unglücklich zwischen seinen Landsleuten auf einer gemähten Wiese, glitt von Zeit zu Zeit in die Grundstellung, drehte sich, wenn der Korporal Drehungen befahl, wiederholte Gewehrgriff um Gewehrgriff und fühlte sich furchtbar angeödet. Sein Gruppenführer war der Korporal Egli, ein untersetzter, etwas krummbeiniger Mensch mit einem merkwürdigen Altweibergesicht von rosiger Farbe, einer billigen Brille auf der langen Nase und zurückgekämmtem dünnem Haar. Beim Einrücken hatte er noch vernünftig, ja gutmütig mit seinen Leuten gesprochen; jetzt sprühte er vor Energie, eine fremde Willenskraft schien von ihm Besitz genommen und ihn völlig verwandelt zu haben.
Diese fremde Kraft beherrschte ringsum im fahlen Morgenlicht auf den gemähten grünen Wiesen und braunen Stoppelfeldern die übenden Gruppen und Züge, sie war im Bataillon wirksam geworden, ja sie hatte das gesamte Regiment, das gemütlich eingerückt war, in ein straff bewegtes, lebendiges Ganzes verwandelt. Wie man die zerstreuten Bestandteile einer Maschine sammelt, ölt und zusammensetzt, so waren die Eingerückten gesammelt, ausgerüstet und zur Truppe zusammengefügt worden, und wie man mit einer bestimmten Kraft die Maschine dann antreibt, so war mit dem Einsatz jener Willenskraft auch die Truppe in Betrieb gesetzt worden, in den militärischen Dienstbetrieb. Der Regimentskommandant hatte gleichsam den Strom eingeschaltet, der Strom war in die Bataillonskommandanten und von ihnen in die Hauptleute gefahren, und die Hauptleute hatten ihn an ihre Zugführer und Unteroffiziere weitergeleitet, die ihn nun auf die Mannschaft einwirken ließen. Es gab von jedem Grade gute und weniger gute Empfänger, aber die Kraft dieses Stromes genügte, um jeden abweichenden Eigenwillen auszuschalten und das Ganze in jenen flotten Gang zu bringen, der schließlich die Kriegstüchtigkeit der Truppe zu erneuern und zu steigern hatte. Wer sich von diesem Strome widerstandslos ergreifen ließ und bereitwillig ausführte, was ihm auferlegt war, dem ging alles leicht von der Hand; wer ihm aber widerstrebte und sich vom Gang des Ganzen nur mitschleppen ließ, statt selber zu laufen, der wurde zum Knirschen gebracht wie ein falsch eingesetztes Maschinenteilchen.
«Kopf hoch! Brust heraus!» befahl Korporal Egli. «Noch einmal, Ammann … ach was, das ist doch keine Achtungstellung … he, so reißen Sie sich doch zusammen! Nein, das ist noch gar nichts … weiter üben!»
Nachdem der Hauptmann selber sich ärgerlich mit ihm beschäftigt und für seinen Mangel an Schneid auch den Korporal verantwortlich gemacht hatte, brüllte Egli ihn mit hochrotem Gesichte wütend an: «Ammann, Sie sind ein verdammter Schlappschwanz! Wenn Sie glauben, Sie brauchen sich keine Mühe zu geben, weil Sie der Herr Doktor Ammann sind, so täuschen Sie sich. Nehmen Sie Stellung an! Hier haben Sie nicht mehr Rechte als andere auch, merken Sie sich das! … Lachen Sie nicht so dreckig, oder ich lasse Sie einsperren …!»
Paul preßte die Lippen zusammen, blickte mit emporgezogenen Augenbrauen in die Ferne und haßte den ehrlich entrüsteten kleinen Mann von Herzen.
Die zweite Dienstwoche schien ihm erträglicher, obwohl nun anstrengende Märsche und Übungen die Leistungsfähigkeit der Truppe auf die Probe stellten; die unangenehme Einzelausbildung hatte damit ihr ersehntes Ende gefunden, die Zeit verging rascher, und als auch die große Übung im Regimentsverband vor dem nahen Abbruch stand, begann er erleichtert aufzuatmen.
Er lief in der ausgebrochenen Schützenlinie seiner Kompagnie, die als Reserve zur Feuerunterstützung des Angriffs befohlen war, einen langgestreckten Hügel hinauf, während im Walde links davon zwei Bataillone in Linie bereitgestellt wurden. Am Rand der Höhe warf er sich hin und begann auf Kommando seine blinden Patronen zu verschießen. Vor ihm lag ein zweiter Hügel mit der markierten gegnerischen Stellung und einer schwarzen Zuschauermenge, von der sich in der klaren Morgenluft eine Gruppe höherer Offiziere und zwei Signalisten mit ihren manchmal aufblitzenden Instrumenten deutlich abhoben.
Paul wußte, daß sein Vater der Übung folgte und nachher das Defilieren abnehmen würde; er suchte ihn unter jenen Offizieren und erkannte ihn an seiner umfangreichen Gestalt und dem massigen Haupt mit der dreifach breit galonierten Mütze. Er zog das Gewehr an die Schulter und legte auf den Vater an. Es war eine unwillkürliche, halb spielerische, jedenfalls unbedachte Bewegung, und kaum hatte er Druckpunkt gefaßt, da schämte er sich, schoß anderswohin und lächelte verwundert über seinen eigenen Einfall. «Unsinn!» dachte er, während rechts und links von ihm die Schüsse knatterten und Verschlüsse riegelten. «Ich hasse ihn doch nicht? Er ist allerdings daran schuld, daß ich diese ganze Schweinerei da mitmachen mußte, aber er hat ja schließlich den Dienstzwang nicht selber eingeführt. Er ist überhaupt nichts aus sich selber, er ist nur eine Ausgeburt seiner abgestandenen Welt, über die er nicht hinaussieht, ein eingefleischter Schweizerbürger, den man besser abseits stehen läßt, da man ihn ja doch nicht ändern kann. Nein, ich hasse ihn nicht, er ist mir nur gleichgültig. Aber er sollte mich in Ruhe lassen, ich bin doch auch so anständig, nicht auf ihn zu schießen.»
Er lachte vor sich ins kurze Gras hinein, wälzte den Tornister, der ihm in den Nacken gerutscht war, seitlich auf die Erde und feuerte von Zeit zu Zeit einen Schuß ab, ohne das Gewehr auch nur anzuschlagen. «Vermutlich», dachte er ironisch grinsend, «würde ich ihn gar nicht getroffen haben. Unsereiner kann mit dem Schießprügel nichts anfangen, wir brauchen eine andere Waffe.»
Indessen hatte sich das Regiment da unten im Waldrand zum Angriff bereitgemacht und stürzte plötzlich unter Sturmsignalen mit Hurragebrüll auf das freie Gelände hinaus.
Die Reservekompagnie schoß ununterbrochen, bis die vordersten Linien die halbe Höhe des gegnerischen Hügels erreichten, dann stellte auch sie das Feuer ein und ging mit aufgepflanztem Bajonett ebenfalls auf den Hügel los; ehe sie aber den Hang erreichte, war oben die Stellung eingenommen, die Signalisten bliesen Gefechtsabbruch, die Bajonette wurden in die Scheiden gestoßen, der Feldweibel übernahm die Kompagnie, und die Offiziere gingen zur Kritik. Paul schob das Käppi auf den Hinterkopf, brannte sich eine Zigarette an und schlenderte, das Gewehr an der Laufmündung hinter sich herziehend, zum Sammelplatz, fest entschlossen, sich in Zukunft vor jedem Militärdienst rechtzeitig ins Ausland zu drücken.
Nachdem die Kompagnien auf freiem Felde eine Stunde geruht hatten, marschierten sie zur Sammlung des Bataillons und schließlich des Regiments auf die breite Landstraße, um vor dem Brigadekommandanten zu defilieren und den Rückmarsch nach Zürich anzutreten.
Oberst Ammann hatte statt eines regelrechten Defilierens in Paradeformation freilich nur den Taktschritt in Marschkolonne angeordnet. Er stand mit seinem Adjutanten und einem Generalstabsoffizier am Straßenrande bereit. Eine sichtbare Veränderung war mit ihm vorgegangen, seine Bewegungen waren knapper als im Zivilleben, sein leutselig offenes, breites Gesicht zeigte einen beherrschten Ausdruck, und die kräftig schimmernden Augen verrieten statt der gewohnten Heiterkeit einen zielbewußten Willen. Er hatte den zivilen Menschen, der zur Bequemlichkeit neigte und sich gehen ließ, entschlossen abgestreift und war Soldat geworden.
Der Regimentskommandant, Oberstleutnant Fenner, kam dahergetrabt und meldete seinem Vorgesetzten die anmarschierende Truppe, dann stieg er aus dem Sattel und stellte sich neben Ammann in die Wiese. Fenner, ein großer, hagerer Mann mit einem gebräunten, knochigen Gesicht von mürrischem Aussehen und einem ungestutzten, über die Mundwinkel herabhängenden Schnurrbart, stammte aus einfachen Verhältnissen und war wegen seiner trockenen Sachlichkeit und seiner Geringschätzung aller Äußerlichkeiten bekannt. In seiner persönlichen Ausrüstung befliß er sich der strengsten Ordonnanz und trug eine sogenannte Briefträgermütze. Er galt als tüchtiger Offizier, ausdauernder Bergsteiger und sicherer Schütze. Ammann schätzte ihn hoch, nicht nur weil er ein zuverlässiger Führer, sondern weil er ein Mann aus dem Volke war und sein demokratisch einfaches, gerades Wesen auch als Offizier nie verleugnet hatte. Fenner seinerseits hielt von den Führereigenschaften seines Vorgesetzten nicht besonders viel, doch er achtete ihn als ruhigen, verständigen Mann, der jeder besseren Meinung zugänglich war und sich nicht, wie gewisse Generalstäbler, auf theoretische Ansichten oder persönliche Marotten versteifte.
Die vereinigten Bataillonsspiele zogen vorüber, schwenkten nach links und machten Front zur Straße, der Stab des vordersten Bataillons ritt vorbei, und nun rückte zu den Klängen des Defiliermarsches die lange Kolonne heran, Kompagnie um Kompagnie im Taktschritt, das Gewehr geschultert, das Gesicht dem Inspektor zugewandt.
Oberst Ammann wußte, wo sein Sohn Paul eingeteilt war, er suchte ihn dort in der Kolonne und sah ihn auch. Er sah sein bräunlich bleiches, verschlossenes Gesicht kurz auftauchen und empfand dunkel die Genugtuung, daß dieser rebellische junge Herr nun wieder fest in Reih und Glied gefügt war; er ließ sich dadurch aber keinen Augenblick vom gehobenen Bewußtsein der Aufgabe, die er hier im Namen des Landes erfüllte, zu einem väterlichen Gefühl ablenken. Sein ganzes Wesen befand sich in einem gesteigerten Zustande. Wie jeder fühlende Mensch durch ein eindrückliches Erlebnis über sich selber hinaus gehoben werden oder außer sich geraten kann, so war auch Ammann nicht mehr ganz er selber. Er stand regungslos da und blickte mit einer vor Ernst und Sammlung finstern Miene in die vorüberzuckenden Reihen der ihm zugewandten Gesichter. Vor jeder Fahne aber riß er seinen schweren Körper in die strammste Stellung, legte die rundliche Rechte an den Käppirand und grüßte das Feldzeichen mit einem langen, unerschütterlich gläubigen Blicke.
9
Fred sattelte im Wintersemester auf Naturwissenschaft um, ohne es seinen Eltern vorerst zu gestehen. Er schlug zu Hause nur eine neue Taktik ein, er murrte gelegentlich über diese langweilige Juristerei und brachte es soweit, daß der Vater ihn fragte, zu was er denn eigentlich Lust habe. Eines Abends nun, als ihm besondere Umstände einen leichten Rückzug ermöglichten, platzte er bei Tische mit dem Geständnis heraus. An diesem Abend wurden Severin, Gaston Junod und ein Freund Pauls zum Quartettspiel erwartet. Frau Barbara besprach während des Nachtessens mit Paul noch einmal die Bewirtung der Gäste, und um acht Uhr mochte bis zur Ankunft des einen oder andern nicht mehr viel fehlen. Da sagte denn Fred mit seinem kindlich schlauen Lächeln, die erste Geige werde gewiß der Herr Dr. Severin spielen, ein Jurist könne sich doch wohl nicht mit der Bratsche zufriedengeben. «Übrigens, Papa», fügte er leichthin bei, «wegen dieser Rechtsgelehrsamkeit … ich habe jetzt naturwissenschaftliche Fächer besetzt, die interessieren mich mehr.»
Ammann, der bereits das Abendblatt entfaltet und einen Artikel zu lesen begonnen hatte, ließ die Zeitung sinken und blickte seinen Jüngsten scheinbar verständnislos an. «Ja …», begann er dann gedehnt und voller Bedenken, schob mit leicht gerunzelter Stirn die Zeitung beiseite und schickte sich bedächtig an, nähere Erklärungen entgegenzunehmen. «Du hast also … Naturwissenschaft …? Hm, wie stellst du dir das in Zukunft vor?»
Fred, dem eben diese Erklärungen peinlich und unnütz erschienen, erwiderte, ohne die Fragen richtig zu beantworten, mit verdrießlicher Miene: «Ach, es hat ja keinen Wert, sich mit etwas herumzuschlagen, das einem verleidet ist. Und Naturwissenschaft … ich meine, es sind erst Anfangsgründe, nicht wahr … aber es bleiben einem doch mehr Möglichkeiten offen … vorläufig hören ja noch alle dieselben Vorlesungen, Mediziner, Mathematiker, Landwirte, Apotheker, und ich weiß nicht wer noch …»
In diesem Augenblick ertönte die Klingel. «Da kommt schon einer!» rief Frau Barbara. «Das ist Severin, der kommt immer zuerst.»
«Hm», machte Ammann, während Fred sich mit betonter Gelassenheit erhob, «ich habe ja prinzipiell nichts dagegen, nur … ich finde, es ist schade um deine zwei Semester … ja, schließlich mußt du selber wissen, was du willst …»
«Jaja!» sagte Fred mit einer erledigenden Handbewegung, schlenderte zur Tür und stieg draußen weit ausholend mit verschmitzter Miene in sein Zimmer hinauf.
«Paul, sieh doch nach, ob es droben warm genug ist, ich will dann nicht schuld sein, wenn ihr frieren müßt», sagte die Mutter.
Während Paul in den Musiksalon hinaufging, die vier Pulte an die hohe Stehlampe herantrug und die Noten auflegte, begrüßte Frau Barbara ihren ältesten Sohn Severin, der seinen Bratschenkasten behutsam abstellte und den Mantel auszog. «Wie geht’s den Kindern?» fragte sie schon nach den ersten flüchtigen Worten.
«Ja …», begann Severin mit ernster Miene und bedachte sich einen Augenblick, um die denkbar genaueste Auskunft zu erteilen, indessen er sorgfältig den spärlichen Schnee vom Mantel schüttelte, den Mantel zusammengelegt dem Dienstmädchen übergab und mit beiden Händen seinen Rockkragen zurechtrückte, «… bis auf den Ueli geht es allen ordentlich. Der Ueli hat sich gestern etwas erkältet und hustet jetzt ziemlich stark. Heut abend hatte er nun ein wenig Fieber, 37,5 als ich wegging. Anna macht ihm Wickel, obwohl ich nicht überzeugt bin, daß dies unbedingt das Richtige ist. Übrigens ist Anna an der ganzen Geschichte selber schuld, sie packt ja die Kinder ein, als ob wir schon mitten im kältesten Winter wären, und will nicht begreifen, daß man sie allmählich an die Kälte gewöhnen muß … Guten Abend, Papa!»
Ammann, der sich mit Freds Geständnis beschäftigt und schließlich den Vorsatz gefaßt hatte, weitere Aufklärungen zu verlangen, saß mit der Zeitung noch am Tische. «’n Abend, Severin!» sagte er in dem gewohnten lauten Tone, in dem er alle Welt zu begrüßen pflegte, und blickte spöttisch wohlwollend zu seinem Ältesten auf.
Von allen drei Brüdern glich Severin dem Vater am meisten, er besaß den selbstgewissen Ausdruck seines Gesichtes, seine lebenskräftigen Augen, nur ohne den heitern Schimmer, eher mit einer gewissen Schärfe im Blick, und dieselbe klare, feste Stimme. Er war seit sieben Jahren mit einem unscheinbaren, braven Wesen verheiratet, hatte fünf mustergültig erzogene Kinder und erweckte den Eindruck eines sehr soliden, gutbürgerlichen Vierzigers, obwohl er erst dreißig Jahre alt war.
«Hast du den Artikel da über den sozialen Ausgleich gelesen?» fragte Ammann, nachdem Severin sich gesetzt hatte, und hielt ihm mit demselben spöttischen Blick, mit dem er ihn begrüßt hatte, die Zeitung hin.
«Jaja, das beginnt nachgerade langweilig zu werden», antwortete Severin mit einer wegwerfenden Handbewegung, doch sogleich setzte er sich zurecht und begann laut, lebhaft und klar diese Frage von seinem eigenen Standpunkt aus zu erörtern, wie Ammann es erwartet hatte. Er verfocht in sozialpolitischen Dingen mit einem gewissen Ehrgeiz sehr oft seinen eigenen Standpunkt, der sich mit dem der Partei nicht immer deckte, aber die ältern Herren waren noch liberal genug, auch seine Meinung gelten zu lassen. Er hatte zur Genugtuung dieser ältern Garde, die sich um den politischen Nachwuchs einige Sorgen machte, bald nach seinem glänzenden juristischen Staatsexamen die liberale Jugend zu organisieren versucht und war dann später zum Redaktor der jüngsten publizistischen Gründung gewählt worden, des «Ostschweizers», der die besonderen lokalen und ostschweizerischen Interessen mit mehr sozialpolitischem Verständnis vertreten sollte, als es den Hauptorganen der eidgenössischen Partei möglich war oder gut schien. Er befand sich damit in einer allgemein geachteten, nicht sehr einflußreichen, aber anständig bezahlten Stellung.
«Hört doch auf!» rief Frau Barbara in heitrer Verzweiflung, als Severin fertig war und Ammann zur Entgegnung ansetzte. «Kaum haben sie einander gesehen, da fangen sie schon zu politisieren an! Ich finde, du kommst so selten hierher, Severin, daß man wahrhaftig über etwas Vernünftigeres reden könnte, wenn du schon einmal da bist. Und wollt ihr jetzt nicht wieder regelmäßig Quartett spielen wie früher? Oder Quintett? Gertrud käme gewiß auch gern!»
Ammann fügte sich lächelnd und brach seine Erwiderung mit einem scherzhaften «Und so weiter» ab, während Severin die neue Frage sogleich ernsthaft aufgriff. «Ja, Mama, ich bin sehr einverstanden! Es hat überhaupt keinen Sinn, nur dann und wann zu spielen, dabei kommt nichts heraus. Ich bin immer dafür eingetreten, daß man regelmäßig spielt. Aber man muß sich eben auf die Leute verlassen können. Ich weiß ja nicht, was mit Paul nun los ist, ob er dableibt oder … was tut er denn überhaupt jetzt?»
Ammann hob ein wenig die Schultern und machte mit der Rechten eine unbestimmte Bewegung.
«Weißt du, Papa», fuhr Severin fort, «ich muß schon sagen … ich an deiner Stelle würde mir das nicht gefallen lassen. Paul hat jetzt über ein Jahr lang gebummelt, und er wird bestimmt weiterbummeln, wenn man ihn nicht in den Senkel stellt …»
«Bitte, Severin, Papa hat sich alle Mühe gegeben, Paul eine Stelle zu verschaffen», warf die Mutter ein, während Ammann selber mit einem Anflug von Ärger die Zeitung zusammenfaltete.
«Jaja!» sagte Severin leichthin, als ob er diese Bemühung nicht ernst nähme, stand lässig auf und legte dem Vater, während er langsam dicht an ihm vorbeiging, mit einer nachsichtigen Gebärde die Rechte auf die Schulter. «Wir kennen ja unsern Papa. Er hat immer ein gutes Herz gehabt, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre …»
Ammann lachte kurz auf und musterte seinen gestrengen Herrn Sohn, der mit einem Blick auf die Uhr zu einem Fenster hinschlenderte, nun wieder so spöttisch belustigt, daß auch Frau Barbara zu lächeln begann.
«Man hat nicht nötig, sein gutes Herz zu verleugnen, wenn man solche Mustersöhne besitzt, nicht wahr», sagte Ammann mit aller Ironie. «Übrigens …» fügte er ernsthaft bei, «ich habe daran gedacht, ob man Paul nicht auf der Redaktion beschäftigen könnte. Du hast ja schon einmal davon gesprochen, einen Volontär einzustellen …»
«Bitte!» antwortete Severin mit einer einladenden Handbewegung auf den Vater, der Mitglied der Redaktionskommission war. «In erster Linie hat ja der hohe Rat zu entscheiden, wenn es sich um einen bezahlten Volontär handeln soll. In zweiter Linie wird das von Pauls Einverständnis abhängen. Ich meinerseits bin sehr einverstanden. Wir könnten nicht nur einen Volontär, sondern einen dritten Redaktor brauchen. Ich würde Paul sofort das Feuilleton abtreten, außerdem müßte er freilich in allen Ressorts mitarbeiten, besonders im Lokalen …»
«Jetzt kommt wieder einer!» rief Frau Barbara.
«Ich will einmal mit Paul darüber reden», sagte Ammann. «Das wäre gar keine so üble Lösung … Übrigens, das weißt du auch noch nicht: Fred hat umgesattelt. Auf Naturwissenschaft!»
«Soo …? Ach Gott, es weiß ja keiner mehr, was er will. Ich war allerdings nie überzeugt, daß aus Fred ein Jurist werden könnte … aber Naturwissenschaft! Hm! Wundert mich nur, wer ihm das in den Kopf gesetzt hat … Ja, da kommen beide miteinander, glaub’ ich … Zeit wär’s … ich will machen, daß wir anfangen können … Adieu, Papa! Vielleicht sehen wir uns nachher noch.»
«Gaston!» rief Ammann laut und fröhlich, streckte mit einer willkommen heißenden Gebärde den rechten Arm aus und erhob sich, um seinen Schwager Professor Gaston Junod zu begrüßen, der, noch halbwegs in die Begrüßung der Hausfrau verstrickt, mit kleinen Schritten unter die Türe trat und nicht genau wußte, wohin er sich mit seinem Cello wenden sollte.
Indessen stand draußen, bescheiden abwartend, ein schlanker junger Mann mit sympathischen Augen, dunklen, klugen Augen in auffallend schattigem Grunde, Albin Pfister, Pauls Freund. Als die Reihe an ihn kam, begrüßte er mit einiger Schüchternheit Frau Barbara und den Hausherrn, die ihn ihrerseits freundlich willkommen hießen. Gleich darauf blickte er mit einem offenen, freudigen Lächeln, das seine gesunde weiße Zahnreihe entblößte, Paul entgegen, der ihn rasch unter dem Arm faßte und die Treppe hinaufführte.
Fred kam aus seinem Zimmer in den Musiksalon herüber und begrüßte die Gäste. «Darf man zuhören?» fragte er.
«Bitte, wenn es dir Spaß macht!» antwortete Severin.
Fred setzte sich abseits in den bequemsten Stuhl, streckte seine langen Beine aus und verfolgte schmunzelnd die Vorbereitungen zum Quartettspiel, die in ihrer ernsthaften Umständlichkeit ihn immer belustigt und zugleich erwartungsvoll gestimmt hatten. Er verstand nichts von Musik, was er gelegentlich betonte, aber er konnte zwei Stunden lang hingegeben und mausestill zuhören. Er vernahm jetzt, daß die Spieler mit dem Quartett opus 64 Nr. 5 von Haydn beginnen wollten und freute sich darauf. Lächelnd sah er zu, wie sie die Instrumente stimmten. Paul gab den Ton an und Severin strich ein paarmal energisch über die Bratsche, während Junod, die Linke an der Schnecke seines Cellos, den Kopf mit dem gepflegten weißen Spitzbart horchend ein wenig zur Seite geneigt, die Brauen mit gespanntem Ausdruck hochgezogen, leise den Bogen über die Saiten führte. Albin Pfister wurde mit seiner Geige zuletzt fertig und schien sich dann etwas rasch zufrieden zu geben, aber Severin, der ihm aufmerksam zuhörte, sagte mit nachsichtiger Milde: «Das E ist zu tief.» Endlich waren sie bereit.
Die zweite Geige und die Bratsche setzten piano mit den Achteln des einfachen Begleitmotivs ein, und das Cello antwortete, aber schon nach den ersten drei Takten unterbrach Severin das Spiel, das gewiß von selber in den rechten Fluß gekommen wäre, mit der lauten Bemerkung: «Ja, aber wir wollen das doch miteinander machen … noch einmal, bitte!» Sie fingen zum zweitenmal an, und als die erste Geige einsetzen sollte, gab Severin mit dem Kopf ein Zeichen, was offenbar ganz unnötig war und Paul nur ärgerte. Trotzdem setzte Paul rechtzeitig ein und ließ noch warm beseelt das Thema mit dem innigen Aufschwung erklingen. Aber gleich darauf rief Severin laut «piano, piano», und schon bei den ersten Triolen unterbrach er das Spiel abermals: «Paul, du drängst fürchterlich. Es ist doch ein moderato, nicht wahr … ja, wollen wir nicht lieber noch einmal von Anfang an …?»
Fred runzelte die Stirn und dachte, während sie noch einmal anfingen: «Severin ist ekelhaft!»
Indessen kam das Spiel etwas in Fluß, und Severin unterbrach es nicht mehr, doch immer wieder verlangte er mit dringlicher Stimme ein piano, ein crescendo, bis plötzlich Paul noch mitten im ersten Satz nun seinerseits aufhörte und gereizt erwiderte: «So spiel doch du die erste Geige!» Severin antwortete sachlich, ohne sich im geringsten aufzuregen: «Ich bin sehr einverstanden, daß du die Führung übernimmst, aber du hast bis jetzt noch kein Wort zu äußern geruht, nicht wahr, und einer muß es halt schließlich tun. Ja, also was wollen wir jetzt … wir können ja meinetwegen bei E weiterfahren … übrigens, bitte, Paul!»
Sie fuhren bei E weiter, führten den Satz zu Ende und begannen gleich mit dem Adagio cantabile, aber sie hatten die innere Fühlung miteinander verloren, das Adagio erblühte nicht, und vor dem Menuett hielt Severin wieder einen Vortrag über das Tempo, in dem es gespielt werden sollte.
Fred erhob sich laut gähnend und schlenderte mit langen, dröhnenden Schritten hinaus.
10
Paul trat vor den Spiegel und kämmte sich das lange wellige Haar über den Kopf zurück, in unbestimmten Gedanken an Papas neuen Vorschlag, der ihn dauernd beschäftigte. «Ich bin ja beinah einverstanden, wenn ich ganz ehrlich sein will», dachte er, legte den Kamm beiseite und schaute fragend sein Spiegelbild an, zuerst noch, ohne es recht zu gewahren, dann genau und neugierig forschend. Das Gesicht gefiel ihm; es war länglich, doch nicht zu schmal, und hatte ein kräftig entwickeltes Kinn, wurde aber ganz von der Stirne beherrscht, der ausgeprägten, wohlgeformten Stirne des vorwiegend intellektuellen, um nicht zu sagen geistigen Menschen, während der weiche, volle Mund und die etwas tiefliegenden Augen den skeptisch müden Ausdruck besaßen, den er auch in seiner Haltung ein wenig hervorkehrte. «Bist du ein Journalist? Sieht ein Journalist so aus?» fragte er und begann sich über diese offenbar eitle Bespiegelung sogleich selber lustig zu machen, indem er an der Nasenwurzel die Haut runzelte, die Augen zukniff und bleckend die gepflegten Zähne entblößte: es war das lautlose, sarkastisch heitere Grinsen, mit dem er so manches zu verlachen pflegte.
«Na ja … ich werde mich aber doch nur mit dem Feuilleton beschäftigen, vielleicht läßt sich da etwas machen», dachte er, verlor das Gesicht wieder aus den Augen und trat weg. Er ging aus, ohne Hut und Schirm, nur im Regenmantel, obwohl ein feuchtes Geflock, halb Regen, halb Schnee, schräg zwischen den Häuserfronten herabglitt; auf der Rathausbrücke querte er die Limmat und stieg in die engen Gassen der Altstadt hinauf, wo Albin Pfister mit seiner Mutter den Dachstock eines schmutziggrauen Hauses bewohnte.
In Albins Zimmer, einem niedern Raum mit offenen Bücherregalen, warf sich Paul in einen alten Lehnstuhl und hatte nichts dagegen, daß Albin die schon benutzte Kaffeemaschine noch einmal in Betrieb setzte. Auf die Frage nach seinem Befinden antwortete er achselzuckend, mit einem trüben Lächeln: «Hm … ich wollte, ich wäre in München geblieben. Aber als folgsamer Sohn bin ich heimgekehrt, nicht wahr … und jetzt bin ich lackiert, wie das vorauszusehen war. Erst steckt mich der Herr Oberst unter die Soldaten, und nun kommt selbstverständlich der Beruf dran, für den uns der liebe Gott erschaffen haben soll …»
«Höre, Paul, du solltest doch etwas veröffentlichen … auf mich hin, du darfst es wagen! Und wenn’s noch kein Meisterwerk ist, so wird es doch eine sehr, sehr achtbare Legitimation sein, nicht nur den Eltern gegenüber.»
Paul winkte ab und schwieg ein paar Sekunden mit einem bittern Ausdruck. «Was meinst du», fragte er dann zögernd, «wieviele dichten, bevor sie in einem bürgerlichen Berufe landen? Es gibt tausende allein im deutschen Sprachgebiet … und es gibt tausende von unveröffentlichten Manuskripten, an denen die Verfasser mit Herz und Seele hangen, obwohl niemals ein Hahn danach krähen wird. Es ist vermutlich schlimm für mich, daß mich das bedenklich stimmt …»
Albin schüttelte erheitert den Kopf. «Du hast das gefährliche Alter längst hinter dir. Du bist doch kein Gymnasiast mehr … Ich habe dieselben Zweifel durchgemacht und habe mich bis jetzt der öffentlichen Fron doch nicht unterworfen, obwohl bekanntlich auch noch kein Hahn nach mir kräht. Aber ich werde nicht unterkriechen.»
«Du hast gut reden, dir sitzt keiner auf dem Nacken, du bist unabhängig und kannst tun, was du willst, aber ich …» Er stockte und spürte beschämt, daß er gerade dies nicht hätte sagen dürfen.
Albin schwieg, mit einer kaum merklichen Vertiefung des traurig-heitern Ausdrucks, der seine ehrlichen Augen umlagerte. Er hatte nicht gut reden, ihm saß mehr auf dem Nacken als dem empfindsamen und übersättigten Sohne wohlhabender Eltern.
Albin Pfister tat das Hoffnungsloseste, was man in dieser nüchtern betriebsamen Welt tun konnte, um den allgemeinen Kampf ums Dasein mit Ehren zu bestehen, er beschränkte sich auf sein inneres Leben, und er dichtete. Er war überzeugt, daß ihm nichts anderes übrig blieb, er hatte sich nicht nur zu einem der üblichen Berufe untauglich erwiesen, er hatte schon unter der Notwendigkeit, nebenbei ein wenig Geld zu verdienen, auf eine scheinbar ganz unangemessene, fast krankhafte Art gelitten. Seit dem Tode seines Vaters, eines bescheidenen Antiquars, lebte er, die verständnislose und dennoch verehrte Mutter als beständigen Vorwurf neben sich, in diesem Dachstock, verzichtete auf Theater, Konzert und Kaffeehausbesuch, sparte sich die Zigaretten vom Munde und tat, was er mußte. Eine fragwürdige Haltung in den Augen der Welt, da kein sichtbarer Erfolg sie öffentlich rechtfertigte! Albin Pfister hatte mit einem schmalen ersten Gedichtband und ein paar Legenden, die in einer Zeitschrift erschienen waren, zu einem solchen Erfolg noch wenig Anlaß gegeben. Er vermied nach außen hin denn auch jede Andeutung seiner besonderen Lage. Von sich und seiner Arbeit sprach er kaum je aus eigenem Antrieb, und jenen sonst achtbaren Leuten, die ihn wohlwollend nach seinem Heimlichsten zu fragen pflegten, wich er entschlossen aus. Ein solcher Mensch hat nicht gut reden.
«Entschuldige, ich schwatze Kohl …» fuhr Paul leise fort und legte sich gequält die Rechte auf die Stirn. «Ich sollte es ja wissen … du hast’s viel schwerer …»
Albin winkte unwillig ab.
«Na ja … übrigens, um offen und ehrlich zu sein … was nun mich betrifft … ich habe jetzt das fatale Gefühl, daß ich im Begriffe bin, zu kapitulieren. Ich will jetzt … bitte, halte dich an der Stuhllehne …» Er wandte den Kopf ein wenig beiseite und deckte mit der Hand ironisch beschämt die Augen. «… ich will jetzt Journalist werden.»
Albin erhob sich und begann auf und ab zu gehen. «Du erwartest also, daß ich dir Besinnung predige?» fragte er lächelnd. «Ich fühle mich nicht berufen. Schließlich ist jeder zu seinem eigenen Umweg verdammt. Außerdem kommt es bekanntlich auf das Wie an, nicht auf das Was. Nur, wenn es sein muß … vielleicht daß man als Lehrer noch am anständigsten durchkäme …»
«Jaja, über den Journalismus sind wir einig, nicht wahr … aber ich werde nicht darin untertauchen, ich möchte ihn nur ein wenig beriechen. Höre, Albin! Ich könnte am ‹Ostschweizer› das Feuilleton übernehmen …» Und nun begann er dem Freunde eifrig seinen Plan zu entwickeln, einen Plan voll guter Einfälle und lobenswerter Absichten, der nur den einzigen kleinen Fehler hatte, daß er nicht der Redaktionspraxis, sondern dem Kopf eines hochzielenden jungen Mannes entsprang.
Albin hörte mit erzwungener Teilnahme zu, enttäuscht und heimlich bedrückt von diesem Eifer seines Freundes für eine Angelegenheit, über die sie noch gestern einträchtig die Achsel gezuckt hätten. Er sagte am Ende wenig dazu, und nachdem Paul ihn verlassen hatte, suchte er sich einzureden, daß dies alles an ihrem gegenseitigen Verhältnis nichts zu ändern vermöge. Aber die Enttäuschung verließ ihn nicht, und ein anderes, unangenehmes Gefühl gesellte sich rasch hinzu, eine leise Angst, die er bisher nicht wirklich gekannt hatte, die Angst des im Nebel kletternden Bergsteigers, der seinen Kameraden plötzlich eigenwillig einen neuen, ihm nicht erreichbaren Pfad einschlagen sieht.
11
Eine Woche später saß Paul als Redaktionsvolontär an seinem Arbeitstisch.
Der «Ostschweizer» erschien einmal täglich, kurz vor Mittag, im Umfang von sechs bis acht Seiten. Als verantwortliche Redaktoren zeichneten Dr. Severin Ammann und Erwin Schmid. Das Blatt stand unter der Aufsicht einer Redaktionskommission, die gelegentlich einen Leitartikel schickte. In einem Seitengäßchen des Limmatquais befand sich die mit der Herausgabe betraute Druckerei und Verlagsanstalt; der Redaktion hatte man im zweiten Stock desselben Hauses zwei Zimmer mit dem Blick auf die Limmat eingeräumt.
Severin war klug genug, die journalistische Erziehung des Bruders für den Anfang seinem Kollegen zu überlassen, und unter Schmids Augen hatte Paul in einem raucherfüllten, mit Zeitungen, Büchern und Broschüren unordentlich vollgestopften ehemaligen Wohnzimmer seine Tätigkeit denn auch aufgenommen. Mit Vergnügen bemerkte er das scheinbar planlose Durcheinander auf Schmids Arbeitstisch, und schon in den ersten Tagen, während er sich über diese Hilfsmittel des Geistes noch sarkastisch wunderte, bedrängten sich auch auf seinem Tische Leimtopf, Schere, Tintenfaß, Aschenbecher, Schreibpapier und Manuskripte; außerdem lagen unaufgeschnittene Broschüren da, die vielleicht auch er nicht aufschneiden würde, Stöße gelesener Zeitungen, die von Severin über Schmid zu ihm gelangt waren, und Bücher, Besprechungsexemplare, die zu lesen bis jetzt noch niemand Zeit gefunden hatte.
Von Anfang an wurden ihm die Einsendungen für das Feuilleton vorgelegt, in der Mehrzahl dilettantische Bemühungen, deren Wert nur ausnahmsweise dem geringen Honorar entsprach, das die Zeitung dafür bezahlen konnte; er las sie grinsend durch und mußte auf Schmids freundlich heitere Einsprache hin doch dies und jenes in den Setzraum befördern, weil es von einem Mitarbeiter stammte, den man nicht vor den Kopf stoßen durfte. Schmid und Severin warfen manchmal Ausschnitte aus andern Zeitungen vor ihn hin, mit der Aufforderung, sie für das Feuilleton entweder zu kürzen oder «etwas daraus zu machen», und es stand ihm nicht an, das zu verweigern. Zu seinem Mißvergnügen hatte Schmid auch den neuen Roman schon gewählt, der die laufende Kriminalgeschichte ablösen sollte; er stammte aus der Feder eines ausländischen Vielschreibers und kostete als Zweitdruck fünfzig Franken. Es zeigte sich, daß man für das Feuilleton kein Geld übrig hatte, und Pauls schöner Plan blieb vorläufig dort, wo er entstanden war.
Trotzdem ließ sich Paul noch nicht entmutigen, er schrieb kluge und witzige kleine Betrachtungen über literarische Gegenstände, die seiner Meinung nach brennend aktuell waren, und berichtete gewandt über Theateraufführungen und Konzerte. Dies vermochte ihn aber nach Severins Meinung nicht ernstlich genug zu beschäftigen, und bald wurden aus dem täglichen Zustrom von Nachrichten die unpolitischen seiner Hand anvertraut. Er hatte sie so rasch wie möglich auf ihre sprachliche Richtigkeit hin zu prüfen, allenfalls zu kürzen, gewisse Worte hervorzuheben und die Papierstreifen, auf die eine sparsame Agentur sie zusammengedrängt hatte, zerschnitten und mit Überschriften versehen dem Setzer zu übermitteln. Dabei erlebte er, daß Erwin Schmid seine sachlichen, oft wohl auch umständlichen Titel nachträglich durch auffälligere oder knappere ersetzte und ihm auf diese angenehme Art eine wichtige Lehre erteilte.
Zwischen Paul und Schmid entwickelte sich ein oberflächlich freundschaftliches Verhältnis, das seinen besonderen Grund in ihrer gemeinsamen Abneigung gegen Severin hatte. «Lesen Sie seine Thronrede!» sagte Schmid, als sie am Silvesternachmittag, die fertige Neujahrsnummer vor sich, noch eine müßige Viertelstunde auf der Redaktion verbrachten. «Da zeigt er sich von einer besondern Seite. Sehr lesenswert!»
Paul nahm die Nummer zur Hand und begann Severins Neujahrsbetrachtung zu lesen. Der vier Spalten lange Artikel trug als Überschrift die neue Jahreszahl: 1914. «Warum sollten wir vor der Zukunft bangen?» fragte Severin im ersten Absatz. «Es liegt in unserer Hand, dem Staatsschiff seinen festen Kurs aufzuzwingen und damit den Schleier zu zerreißen, der unser Heute vom Morgen trennt. Mit der bei uns beliebten Schlafkappenpolitik kann dies allerdings nicht geschehen, so wenig wie wir damit der Drosselung des wirtschaftlichen Lebens begegnen konnten, die infolge der gespannten internationalen Lage unser Land so sehr in Mitleidenschaft gezogen hat. Indessen wollen wir nicht verhehlen, daß mit der von uns schon längst verlangten eidgenössischen Verwaltungsreform bereits ein starker Schritt in die Zukunft getan wird. Wir werden endlich ein politisches Departement mit einem ständigen Vorsteher haben und dadurch in die Lage versetzt sein, der Welt gegenüber kontinuierlich und mit ganz anderm Gewicht, als es bisher möglich war, aufzutreten. Nennen wir den Mann noch einmal, dem wir das Steuer in die Hand zu geben wünschen: es ist Bundesrat Hoffmann. Mit scharfem Geist und starkem Willen wird er für die Stellung kämpfen, die die älteste Demokratie der Welt zum mindesten in Europa einzunehmen berechtigt ist.»
Nach einer einläßlichen Betrachtung der außenpolitischen Lage fuhr Severin fort: «… diese blutigen Wirren auf dem Balkan und die damit verbundene politische Kraftprobe der zwei großen europäischen Interessentengruppen haben das Gespenst eines gewaltigen Krieges heraufbeschworen. Der Dreibund hat erreicht, was er erreichen wollte, während die Tripelentente eine empfindliche Niederlage erlitt. Die unmittelbare Folge davon war jene gegenseitige großartige Steigerung der Rüstungen, die der Sozialdemokratie so sehr auf die Nerven geht. Die Großmächte stehen heute bis an die Zähne bewaffnet da; ihre Rüstungsausgaben haben horrende Summen erreicht, die man sich vor wenigen Jahren noch nicht einmal träumen ließ. Das ist für alle Zaghaften und Unentschiedenen ein ungemütlicher Zustand. Die Stellung, die man vielfach auch bei uns dieser Lage gegenüber einnimmt, mag der ehrlichen Sorge um unser Land entspringen, das geben wir gern zu. Und wenn in unserm eigenen Lager, in unsern Parteiorganen, im Tone der Verurteilung, ja des Abscheus davon gesprochen wird, so mag auch dies seinen menschlichen Grund haben. Wir alle wollen ja den Frieden. Aber Gott behüte uns vor einem schlaffen und schläfrigen Frieden. Die Spannung, in der sich die Völker jetzt befinden, ist ein Lebenselement, das dem Aufstieg nur förderlich sein kann. Das eine Beispiel, Deutschlands Macht und Größe, sollte uns doch die Augen öffnen. Eine ungeheuer straffe Organisation und Konzentration hat das deutsche Volk zu einer Kraftentfaltung ohnegleichen geführt. Und wenn es zum Krieg kommen sollte, was wir nicht glauben, – sind nicht Völker durch Kriege groß geworden? Vergessen wir doch die Geschichte nicht! Wir bedauern das Unglück auch, das ein Krieg im Gefolge haben kann, aber wir sind nicht sentimental genug, um gegen notwendige Entscheidungen zu protestieren …»
Paul warf die Zeitung grinsend auf den Tisch.
«Gelesen?» fragte Schmid.
«Ja … merkwürdig! Seit wann gibt es denn solche Demokraten? Die ältern Herren sind doch so friedlich gesinnt! Hm … jaja, die deutsche Zucht … Nur schade, daß Severin nicht unter einem preußischen Feldweibel Dienst machen darf …»
«Ja, wie ist das, macht er überhaupt Dienst?» fragte Schmid. «Ich hab’ ihn noch nie in Uniform gesehen … er muß doch mindestens Hauptmann sein?»
«Nein, er hat einen zu dicken Hals, Struma … man sieht’s ihm kaum an, aber … er ist untauglich.»
Erwin Schmid war ein dreißigjähriger Mann von mittlerer Größe, mit leicht gewelltem, vollem Haar, das er manchmal gewohnheitsmäßig und etwas nervös nach hinten strich, mit einem blassen, wachen Gesicht und mit magern Händen, die an den Spitzen des Zeige- und des Mittelfingers die jodfarbenen Spuren ungezählter Zigarettenreste trugen, das einzig Unsaubere am ganzen Mann. Seine Stimme schien immer leicht belegt, auf jeden Fall war sie klanglos, dazu sprach er hastig, leise, und oft durch einen kurzen Anfall von Heiserkeit oder Husten behindert, was ihn nicht abhielt, weiterzurauchen. Er war einer jener Journalisten, die über eine Theateraufführung ebenso flüssig zu schreiben wissen wie über eine neue Maschine oder einen Gesetzentwurf, nicht weil sie mehr davon verstehen als andere Sterbliche, sondern weil sie eine Schreibgewandtheit besitzen, die keiner menschlichen oder sachlichen Voraussetzungen mehr zu bedürfen scheint.
Severin hielt von seinem Kollegen nicht viel mehr als ein Baumeister von einem geschickten, etwas flatterhaften Hand-langer. Schmid seinerseits hielt Severins Art für laienhaft, trocken und langweilig, er war überzeugt, daß kein Mensch das Blatt lesen würde ohne den interessanten und schmissigen Zug, den er ihm täglich zu verleihen bestrebt war.
Nach Neujahr begann Severin sich mit der Erziehung seines Bruders ernstlicher zu befassen. Eines Nachmittags kam er mit dem feuchten Abzug einer für die folgende Nummer bereits gesetzten Seite aus seinem Büro herüber. Er kam aus einer saubern, musterhaft geordneten Schreibstube, in der alles seinen genau bestimmten Platz hatte, und wich unter der Tür wie gewöhnlich vor dem Rauch, der Schmids Bude erfüllte, ein wenig zurück. «Puh!» machte er angewidert. «Es ist mir unbegreiflich, wie man hier atmen kann … Paul, deine Buchbesprechung da können wir in dieser Form nicht bringen. Der Roman mag ja schlecht sein, aber … der Verfasser ist ein sehr eifriges Parteimitglied. Wir müssen Rücksicht nehmen … Jaja, du kannst nun lachen», fuhr er im selben ruhigen und festen Tone fort, als Paul höhnisch mitleidig vor sich hin zu lachen begann, «aber du bist im Irrtum, mein Lieber! Die Arbeit dieses Mannes für unsere Sache ist wichtiger als seine Schriftstellerei. Ich verlange nicht, daß du dein Urteil änderst, aber ich muß eine andere Besprechung bringen. Ferner, weil wir bei diesem Thema sind … der Inseratenchef hat reklamiert, die Kinos geben keine Inserate mehr auf, wenn wir jeden Film herunterreißen …»
Jetzt fuhr Paul auf. «Bitte, sieh dir diesen Kitsch doch selber an!» rief er ärgerlich.
«Zugegeben, jedoch … wir sind leider auf die Einnahmen aus dem Inseratenteil angewiesen … sehr bedauerlich! Aber man kann etwas verurteilen, ohne in deinen Ton zu fallen. Herr Schmid, sorgen Sie doch bitte dafür, daß wir künftig …»
Schmid, die rauchende Zigarette in der erhobenen Linken, drehte sich auf seinem Stuhl halbwegs herum, ohne den Stift vom Blatt zu nehmen, das er korrigierte, nickte hastig, mit einem leisen Lächeln, und wandte sich sofort wieder seiner Arbeit zu.
«Und dann möchte ich wirklich, daß im lokalen Teil etwas mehr geschähe», fuhr Severin fort. «Wir haben ja schon darüber gesprochen, nicht wahr … Wir sollten unbedingt in jedem Stadtteil einen zuverlässigen Gewährsmann haben …»
Schmid legte den Stift weg, drehte sich auf dem Stuhl herum und nahm eine sehr nachlässige Haltung an, hörte aber ernsthaft zu; die Beine weit auseinandergestellt, die Ellbogen auf den Knien, saß er vornübergebeugt da, blickte bald seine Zigarette, bald von unten her Severin an und blies sich immer wieder nachdenklich den Rauch unter die Nase. Paul saß auf der Stuhlkante, den Rücken tief angelehnt, die Beine ausgestreckt, eine spielerisch bewegte Zigarette zwischen den Lippen, durch deren gekräuseltes Rauchsäulchen er den Bruder kühl anblinzelte.
Severin stand in dem grauen Leinenkittel, den er zur Arbeit trug, aufrecht zwischen ihnen und ließ sich durch ihren Mangel an Haltung, der ihm ebenso mißfiel wie der zunehmende Rauch und die herrschende Unordnung, in seinen klaren und bestimmten Ausführungen nicht beirren. «Wenn in der Stadt irgendwas passiert, soll sich Paul gelegentlich auch selber hinbemühen, das kann ihm gar nichts schaden», fuhr er fort, während er die strengblickenden, klugen, dunklen Augen abwechselnd auf Schmid und seinen Bruder richtete.
Schmid stimmte dann und wann zu, indem er schweigend nickte oder ein bereitwilliges «Jaja», ein «Kann man machen», ein «Warum nicht» hören ließ, als ob es sich um das denkbar Einfachste handelte.
Nachdem Severin mit einem kräftigen, die Angelegenheit endgültig beschließenden «Schön!» sich ohne einen Schimmer von Freundlichkeit zurückgezogen hatte, verharrten die beiden regungslos in derselben Haltung und blickten sich mit nachdenklich heiterer Miene belustigt an.
In der Folge wurde im lokalen Teil etwas mehr geleistet, aber Paul versagte als Reporter. Eines Tages zum Beispiel brachte das Blatt eine ausführliche Polizeinachricht vom Einbruch in ein Kleidergeschäft.
«Darüber müssen wir morgen noch etwas bringen», sagte Schmid. «Bitte, gehen Sie doch rasch hin, und dann machen Sie ein hübsches kleines Artikelchen!»
Paul ging hin, kaufte sich anstandshalber eine Krawatte, stellte seine Fragen und sah sich um, dann kam er mit dem Bescheid zurück, daß die Polizeinachricht schon alles enthalten habe, was geschehen sei.
«Macht nichts, schreiben Sie etwas!» sagte Schmid.
Paul grinste lautlos, doch er war schon erfahren genug, um zu wissen, daß man mit der Feder aus nichts etwas machen kann, und so versuchte er es denn.
«Haben Sie’s?» fragte Schmid nach einer halben Stunde.
Aber Paul, der sein mühsam aus den Fingern gesogenes Aufsätzchen eben noch einmal durchlesen hatte, zerknitterte die Blätter entschlossen und warf sie in den Papierkorb. «Ach, es ist Mist!» sagte er ärgerlich.
«Nein, nein, halt, zeigen Sie her!» rief Schmid belustigt, nahm den Knäuel wieder heraus, glättete die Blätter und las sie. «Ja, das ist zu umständlich», sagte er lächelnd. «Die reinste Moralphilosophie! Hm … schadet nichts!» Er stellte noch ein paar Fragen und erklärte dann freundlich, während er bereits zu schreiben begann: «Schön, ich will’s machen.»
Abends las dann Paul im Abzug der ersten Seite erstaunt eine ausführliche Schilderung des Einbruchs, die neben nähern Angaben über die Örtlichkeit das schon Bekannte mit so gewandten neuen Wendungen wiederholte, daß man auch tatsächlich etwas Neues zu lesen glaubte.
So schritt seine journalistische Erziehung munter fort, und er unterzog sich ihr, schwankend zwischen der Hoffnung, schließlich doch seinen eigenen Plan durchsetzen zu können, und der Versuchung, die Feder hohnlächelnd hinzuwerfen.
12
Gertrud Hartmann stand mit ärgerlicher Miene am Telefon. «Aber Mama, ich hab’ dir doch gesagt …»
«Und wir machen es jetzt so!» erklärte Frau Barbara mit aller Entschiedenheit. «Severin und Gaston bringen zum Nachtessen ihre Frauen mit, und du kommst mit deinem Mann, nachher könnt ihr musizieren, und wer dann gehen will, kann wieder gehen … übermorgen!»
«Aber Mama, wenn du doch nicht die ganze Gesellschaft zusammenbringst, seh’ ich gar nicht ein …»
«Wir haben eine Woche lang darüber gestritten, nicht wahr, und jetzt finden wir halt, daß es so am besten geht. Wirf mir nicht wieder alles über den Haufen, sonst könnt ihr meinetwegen …»
«Hör’ Mama, ich komme rasch hinüber … auf Wiedersehen!» Gertrud hing den Hörer entschlossen an, sah nach den Kindern, die auf der Terrasse an der Sonne schliefen, gab dem Mädchen ihre Anweisungen und machte sich auf den Weg.
Es war Mitte März, vor zwei Tagen hatte es noch geschneit, in den Gärten ruhte unverändert die harte Wintererde, und die Bäume waren kahl wie im Januar; dennoch lag jetzt ein warmer, klarer Frühlingstag über der Stadt, der Schnee war geschmolzen, der leicht erregte See schimmerte bläulich grün, und dahinter in der südlichen Ferne erschien unter dem blauen Himmel die fleckenlos weiße Kette der tiefverschneiten Alpen. «Föhn!» dachte Gertrud, als sie über die Quaibrücke schritt, verzögerte den Gang ein wenig und schaute nach den Bergen; dabei stieß sie fast mit einem Bummler zusammen und schlug sofort wieder ihre gewohnte Gangart an.
Sie wanderte mit ihren ausgiebigen, freien, leicht federnden Schritten weiter dem See entlang. Dieses bloße Schreiten war ihr eine Lust, und der schöne Tag, der den trüben Winter zwar nach allen Erfahrungen nicht beendete, aber endlich den Frühling sichtbar verhieß, machte sie heiter. «Wenn es doch immer so wäre!» dachte sie aufatmend. «Wenn man doch immer so frei und ledig wandern könnte, fort von allem, in die schöne Welt hinaus!» Aber sogleich fielen ihr die Kinder ein, die daheim auf der Terrasse schliefen, und mit den Kindern tauchte der ganze Lebenskreis auf, in den sie verflochten war. Sie würde ihm niemals entrinnen können, die Menschen schleppten ja alle ihren Alltag, ihre Beziehungen, ihren Besitz und ihre Stellung wie Blei an den Füßen mit. Es gab nur eine innere Freiheit, die äußere mußte eine Sehnsucht bleiben und war oft nicht einmal ein ernstlicher Wunsch. Sie wünschte wohl, mit beiden Kindern, eins im rechten, eins im linken Arm, ungebunden fortzuwandern und eine neue Luft zu atmen, aber sie würde doch nicht alles aufgeben können. Den gesicherten Verhältnissen, den Gewohnheiten ihres gepflegten Lebens, dieser Stadt, die sie allen Städten der Welt vorzog, und schließlich den Eltern würde sie wohl niemals davonlaufen wollen.
Ohne anzuhalten schaute sie erfreut den Möwen zu, von denen einige bettelnd über der Quaimauer flatterten oder sich leichtfüßig auf der Mauer niederließen, die Flügel ordneten und aufmerksam herumblickten, während andere hoch über dem Wasser in der klaren Luft mit mühelosem Schwunge kreuzten.
«Wenn ich kein Mensch sein müßte, möchte ich eine Möwe sein, nur um so herrlich fliegen zu können», dachte sie. «Der Mensch ist und bleibt ein schwerfälliges Wesen, auch wenn er das Leben noch so meistert. Was ist doch Mama für eine überlegene, selbständige Person, aber wie ist sie an alles gebunden und wie quält sie sich jetzt wieder!»
Während sie vom Seeufer abbog, begann sie über Mamas Plan nachzudenken und überlegte, ob es nicht auf eine andere Art ginge. Mama wollte vor der Übersiedlung in die Mietswohnung noch einmal die Ammannsche Verwandtschaft in den alten Räumen versammeln. Die Einladung war bedacht und ausführlich besprochen worden, aber dabei hatte sich gezeigt, daß diese Verwandtschaft kaum mehr unter ein Dach zu bringen war. Die persönlichen Anlagen und Eigenheiten ihrer Mitglieder hatten sich im Lauf der Jahre unmerklich verstärkt. Da war die Verwandtschaft im Rusgrund mit ihrem Oberhaupt Onkel Robert, einem noch halb bäuerischen Landwirt, der auch in einem städtischen Salon den Rock auszog, wenn es ihm paßte, und der mit einem vornehmen, auf Haltung so erpichten Offizier wie Hartmann nur schwer in Einklang zu bringen war. Ferner hatte der kultivierte, stille Professor Junod mit Onkel Robert gar nichts gemein, so wenig übrigens wie mit Frau Barbaras Bruder, dem Oberstdivisionär Boßhart, der sich bei geselligen Anlässen höchstens langweilte, wenn er nicht gifteln oder trinken konnte. Eine größere Anzahl guter Flaschen würde zwar die männlichen Gegensätze gegen Mitternacht vielleicht aufzutauen vermögen, aber dann blieben immer noch die Frauen, und außerdem war der Hausfrau das Mittel unsympathisch. Zudem würde Paul sich wahrscheinlich drücken, vielleicht auch Fred, der in Gesellschaften mit merkwürdig feinem Gefühl das Unechte und Gezwungene spürte. Am ehesten konnte noch Severin bestehen; mit seiner Frau hingegen ließ sich wenig anfangen. Papa und Mama selber nahmen eine gewisse humane Mitte ein und wären wohl imstande gewesen, ohne Verstellung nach allen Seiten hin anzuknüpfen, aber offenbar hatten sich nun zu ihrem Ärger die Widerstände stärker erwiesen als ihr guter Wille.
Gertrud war in dieser Beziehung unbedenklicher als die Mutter, sie hätte ohne weiteres die ganze Verwandtschaft eingeladen und mit einem gewissen Trotz den Sieg des gesellig Anständigen über alles persönlich Trennende erwartet; als sie aber im Wohnzimmer neben Mama saß und von neuen Schwierigkeiten erfuhr, verzichtete sie achselzuckend auf eigene Ratschläge.
«Es ist immer dieselbe Geschichte, geh mir weg!» rief Mama mißgelaunt. «Man bringt heute vor lauter Empfindlichkeiten und Rücksichten kein halbes Dutzend Leute mehr zusammen. Übrigens …» Sie fuhr, den Kopf schüttelnd, etwas leiser fort: «… die andern sind nicht allein schuld … mein Bruder wäre gekommen, dafür hätt’ ich gesorgt … aber Papa hat etwas gegen ihn, etwas Militärisches, denk’ ich, und jetzt … ach, ich mag gar nicht mehr davon reden. Die Männer sind in dieser Beziehung um kein Haar besser als wir.»
«Ach herrjeh, Mama!» rief Gertrud heiter zustimmend.
«Jetzt, nicht wahr», fuhr Frau Barbara lebhaft fort, «trommelt halt Paul einfach das Quartett oder Quintett zusammen, und weil es das letztemal ist, daß ihr hier spielen könnt, verbinden wir es mit einem Nachtessen, und dazu bringt jedes seine andere Hälfte mit …»
«So ist die Musik doch auch einmal für etwas gut!» rief Gertrud mit betonter Befriedigung und im kindlichen Tonfall, in den sie der Mutter gegenüber zum Spaß noch manchmal verfiel.
Frau Barbara, die ihrer Tochter schon mehr als einmal geraten hatte, wieder zu reiten und Tennis zu spielen wie früher, statt immer am Klavier zu sitzen und Bücher zu lesen, überhörte die Anspielung geflissentlich. «Vielleicht kann ich dann die Rusgrund-Verwandten am andern oder übernächsten Tag noch einladen», fuhr sie fort. «Schuldig wären wir’s ihnen, Fred fährt ja fast jeden freien Tag hinauf … aber ich weiß es noch nicht, es wird zuletzt wohl eine Hetzerei geben … vorläufig bleibt’s beim andern. Und dann bringt Paul auch seinen Freund zum Nachtessen mit, den Herrn Pfister …»
«So? Ja, das scheint ein netter Kerl zu sein, nicht? Ich habe seine Gedichte gelesen und möchte ihn ganz gern näher kennenlernen …»
«Was macht die Madame? Ist ihr das neue Mädchen noch nicht davongelaufen?» ‹Madame› nannte Frau Barbara ironischerweise die alte Frau Hartmann, Gertruds Schwiegermutter, die mit schwer erträglichen Eigenheiten im Hartmannschen Hause den zweiten Stock bewohnte.
«Ach, was macht sie! Kürzlich hat sie einen Nachmittag lang gejammert, weil die Putzfrau statt am Samstag erst am Montag kommen konnte … und dabei gab es ja natürlich in der ganzen Wohnung kein Stäubchen, das sie nicht schon selber entdeckt und durch das Zimmermädchen hatte wegputzen lassen. Ich geh’ lieber gar nicht mehr hinauf, wenn ich nicht muß.»
Sie plauderten noch eine Weile um den Punkt herum, der Gertrud hergeführt hatte. Seit jenem Auftritt im Hartmannschen Hause, wo die Mutter am unrichtigen Ort auf ein Bett gestoßen war, hatten sie über das eheliche Mißverhältnis nicht mehr ernstlich gesprochen. Frau Barbara hatte sich mit Andeutungen begnügen müssen und daraus entnommen, daß zwischen Gertrud und ihrem Mann zwar kein offener Krieg, aber auch kein Frieden herrsche, sondern eine Art von Waffenstillstand. Dies war nach ihrer Meinung «gar nichts» und konnte höchstens zu gegenseitiger Gleichgültigkeit führen, was noch weniger war, während doch nur eine endgültige Versöhnung in Frage kam. Diese Versöhnung wünschte sie leidenschaftlich herbei, sie glaubte fest an ihre Möglichkeit und war entschlossen, die Vermittlung zu übernehmen, wenn die beiden es nicht selber fertig brachten. Der gesellige Abend nun konnte ihr eine Gelegenheit dazu bieten, jedenfalls würde sie die Entzweiten wieder einmal nebeneinander vor sich haben.
Gertrud war sich über diese Absicht Mamas völlig klar, und sie merkte auch, daß Mama aus eigenem Antrieb jetzt nichts mehr davon antönen würde, weil sie es ja überhaupt nicht in Frage gestellt zu haben wünschte. So mußte sie denn selber den heiklen Punkt noch einmal berühren, doch tat sie es erst beim Aufbruch und auch dann nur vorsichtig aus dem Hinterhalt: «Ich komme dann etwas früher, Mama, dann kann ich dir noch ein wenig helfen, gelt!»
«Was, früher! Ich habe Hilfe genug. Ihr kommt beide miteinander auf sieben Uhr!»
«Mama … höre, ich weiß wirklich nicht, was mein Mann dabei …»
«Ich will nichts mehr davon hören, fertig jetzt, adieu!» Frau Barbara schob ihre Tochter kurzerhand auf die Treppe, verhielt sich mit beiden Händen die Ohren und kehrte in die Stube zurück.
Gertrud blieb verdrossen auf der Treppe stehen, dann ging sie zögernd hinab, durchwandelte den Garten, in dem sie jedes Winkelchen kannte und liebte, gab sich dem vertrauten Anblick des Hauses hin, in dem sie aufgewachsen war, und spürte, daß sie noch immer mit ganzer Seele daran hing. Es war ein Stück ihres «Reiches», ihres ganz persönlichen innern Reiches, zu dem ihr Mann keinen Zutritt fand; bald, wenn das Haus in Schutt und Staub zusammenbrach, würde sie trauern wie um den Verlust eines geliebten Wesens. Was hatte ihr Mann hier zu tun, da es galt, im Kreise der Angehörigen davon Abschied zu nehmen!
Zu Hause verbrachte Gertrud den Rest des Nachmittags mit den Kindern im Freien, beförderte nach Sonnenuntergang die Kleine ins Bett und wechselte im Wohnzimmer dem Knaben die weiße Wolljacke. «Aber Schatz, was bisch du für es Drecksöili, lueg au da!» sagte sie liebevoll scheltend und zeigte ihm die Ärmel, die er sich draußen beschmutzt hatte.
In diesem Augenblick, kurz vor dem Nachtessen, hörte sie die Haustür zufallen und ihren Mann im Erdgeschoß den Gang durchschreiten. Sie würde ihn an seinem lässig taktmäßigen, fest auftretenden Schritte unter Hunderten erkannt haben. Auf der Treppe ließ er, wie sie es erwartete, die Spitze der Säbelscheide zwei-, dreimal gegen die Stufen klopfen, dann schritt er etwas gemächlicher, doch immer noch genau so fest auftretend, zum Garderobenständer; jetzt hing er den Säbel auf und stülpte mit einem leichten Schlag die Mütze darüber, jetzt stand er vor der Tür, zog sich auf beiden Seiten die Bluse herunter und drehte im engen Kragen kurz den Hals hin und her. Sie sah ihn vor sich, noch eh er eintrat, sie kannte die geringste seiner Bewegungen und wußte voraus, wie er sich nun beim Eintritt verhalten würde.
Er trat ein, ein großer, kräftig schlanker Mann von dreiundvierzig Jahren, in dunkler Reithose, tadellos sitzenden Stiefeln und eng anliegender blauer Uniformbluse, mit einem gesunden, von Luft und Sonne gebräunten Gesicht, dessen Ausdruck in seiner Mischung von sportlicher Derbheit, herrischer Kühle und männlicher Intelligenz nicht nur von guter Abkunft, sondern von wirklicher Rasse zeugte. Mit einem leisen, überlegenen, ironisch forschenden Lächeln näherte er sich gelassen seiner Frau, nickte leicht, als er ihre gleichgültige Miene gewahrte, und lachte dem Albrechtli zu, der ihm entgegenlief.
«Pape, i ha schon en Sumervogel gseh», plauderte der Kleine lebhaft und schloß sein Fäustchen fest um den Karabiner des Säbeltragriemens, der von Papas linker Hüfte herabhing.
«Soo?» machte Papa teilnehmend und strich ihm über das dunkelblonde Haar, dann fragte er schon etwas gleichgültiger, während er beiseiteblickend die eingegangenen Briefe und Zeitungen musterte: «Ja und dänn? Häsch en gfange?» Ohne sich um die Antwort zu kümmern, nahm er am Tische Platz, ließ den Knaben, der den Tragriemen nicht freigab, auf seinem Knie reiten und entfaltete eine Zeitung.
Gertrud ging schweigend hinaus. Sie suchte immer von neuem, ihren Widerwillen gegen diesen Mann zu unterdrücken und hoffte jedesmal irgendeine freundliche Änderung an ihm wahrzunehmen, aber bei seinem Anblick fühlte sie sich unweigerlich immer wieder abgestoßen. Sie gab sich Mühe, ihn nur von seiner besten Seite zu sehen, weil sie friedlich mit ihm auskommen wollte, aber sie bemerkte mit einer Schärfe, die ihr selber nicht geheuer vorkam, seinen hintersten Fehler, ja sie wurde gegen ihren guten Willen schon durch Nichtigkeiten gereizt, an denen er, wie sie genau wußte, unschuldig war. Das ironischüberlegene Lächeln, das seine schmalen, kühlen Augen besonders dann umspielte, wenn sie ihre Abneigung nicht zu verbergen wußte, und die beständige unerschütterliche Sicherheit seines Auftretens empörten sie. Nach den peinlichsten Vorfällen benahm er sich so, als ob alles in Ordnung wäre, und nie zeigte er vor ihr die geringste Verlegenheit, auch wenn er unmittelbar Grund dazu hatte. Oft wünschte sie, ihn richtig böse zu sehen, ihn schimpfen und fluchen zu hören, aber er beherrschte sich, und dieser Beherrschung gegenüber war sie machtlos.
Hartmann hatte bei seinem Eintritt auf den ersten Blick erkannt, daß Gertruds «Verstimmung» nicht gewichen war, und infolgedessen hatte auch er die Haltung nicht geändert, die er seiner Frau gegenüber seit Monaten einnahm. Über den eigentlichen Grund dieser Verstimmung war er sich nicht klar. Nach seiner Meinung hing sie mit Gertruds gegenwärtiger Vorliebe für Dinge und Anschauungen zusammen, zu denen er kein Verhältnis gewinnen konnte, für das «Innenleben», für Musik, schöngeistige Bücher, Gedichte. In einer der selten gewordenen Aussprachen hatte sie erklärt, daß sie ihm nicht entgegen zu kommen vermöge, wenn er so gar keine Beziehung zu ihrem innern Leben finde, und daß der Weg zu ihr nicht über den Körper, sondern über die Seele führe. «Warum versuchst du nicht wenigstens, mich zu verstehen? Du hast keine Ahnung, wie es in mir drin aussieht, du lebst in deinem alten Tramp weiter, und ich kann verhungern neben dir.» Das waren ihre Worte gewesen, ziemlich dunkle und etwas prätentiöse Worte. Er hielt das für eine Laune, für eine Art von persönlicher Mode. Das einzig Rätselhafte daran schien ihm ihre dauernd und hartnäckig verstimmende Wirkung, im übrigen aber waren Launen eine allgemein weibliche Schwäche, gegen die man mit Vernunft und Logik nichts ausrichten konnte. Schließlich mußte dies alles ein Ende nehmen oder doch seine Vorherrschaft verlieren, und dann würde Gertrud wieder mit ihm ausreiten, an Pferden und Hunden Freude haben, Rennen besuchen und die forsche, frische Frau sein, für die er sie im Grunde hielt. Er war entschlossen, bis dahin auszuharren, sich keine Blöße zu geben, der Sache nicht mehr Gewicht zu verleihen als sie besaß und, die «kritischen Augenblicke» ausgenommen, Gertrud ruhig ihrer Laune zu überlassen.
Beim Nachtessen, während sie sich wie immer mit dem Kleinen beschäftigte, saß er in seiner gewohnten Haltung, die ihm auch zu Hause keine Nachlässigkeit erlaubte, an der obern Schmalseite und richtete bald ein mahnendes Wort an Albrechtli, bald ein höfliches an seine Frau.
Gertrud sah ihn, ohne besonders nach ihm hin zu blicken, sie sah, wie er sich mit der breiten Brust in der eng anliegenden Bluse leicht nach vorn neigte und sorgfältig einen Bissen zum Munde führte, sie sah sein gesundes, sicheres, im Lampenschein rötlich braun schimmerndes Gesicht, das auch jetzt mit keiner Miene die Unerträglichkeit dieser Lage zugestand, und sie blieb kalt wie immer. Heimlich wünschte sie wohl, daß er mit der Demut des Leidenden, die das heillose Zerwürfnis ihn doch gelehrt haben müßte, ihre Hand ergreifen und sagen würde, daß er es nicht länger ertrage und daß er versuchen wolle, sie zu verstehen. Aber sie wußte, daß er höchstens auf eine unverschämt mannhafte Art zärtlich werden konnte, um etwas zu erlangen, was ihm nicht zukam, aber niemals imstande war, mit jenem menschlichen Zugeständnis ihr Inneres anzurufen.
«Iß jetzt, Schatzi, gäll!» mahnte sie den Kleinen, dessen Gegenwart bei Tisch ihr die gemeinsamen Mahlzeiten allein noch erträglich machte.
Albrechtli löffelte etwas eifriger in seinem Brei, aber da er genug hatte, begann er bald wieder gruchsend hin und her zu rutschen, faßte den Löffel falsch an und schielte zum Papa hinüber.
«Männchen! Stillsitzen und ausessen!» rief Hartmann in einem scherzhaften hochdeutschen Befehlston.
Gertrud fand das lächerlich, und als er ihr gleich darauf mit der Frage «Butter?» höflich die Schale anbot, nahm sie daran Anstoß, daß er nicht das schweizerdeutsche Wort «Anke» brauchte. «Er verfälscht alles, es ist alles gemacht an ihm, seine Haltung, sein Standesbewußtsein, seine Ausdrücke, er ist nicht einmal mehr ein rechter Schweizer.» Daß eben diese Haltung ihr einst Eindruck gemacht hatte, davon wußte sie nichts mehr.
Als er sich vom Tische erhob, klingelte sie dem Mädchen, und als er zur Türe schritt, sagte sie gleichgültig: «Du bist dann auf übermorgen bei Mama zum Nachtessen eingeladen.»
Er hielt an und richtete einen erstaunt fragenden Seitenblick auf seine Frau.
«Wir spielen Quintett, nicht wahr», erklärte sie, um einen Ton zu heftig. «Severin und Professor Junod bringen ihre Frauen zum Nachtessen mit … und dann kommt noch ein Herr Pfister … nachher spielen wir bis mindestens um elf Uhr.»
«Hm … was habe ich dabei zu tun?» fragte er, unwillig über diese offenbar nur halbe Auskunft, und schüttelte knapp den Kopf.
«Mach ganz wie du willst, es zwingt dich niemand!» antwortete sie achselzuckend und hob den Knaben vom Stuhl.
«Ich würde mich schwerlich zwingen lassen», erwiderte er. «Aber das dürfte etwas anders gemeint sein, vermute ich. Wegen der Musik wird Mama mich nicht einladen …»
Das Mädchen kam, um das Geschirr abzuräumen.
Hartmann wartete, auf- und abgehend, bis es fertig war, dann trat er vor Gertrud hin, die Hände in den Seitentaschen der Bluse, und erklärte mit spöttischer Ruhe: «Schön, wir werden übermorgen zusammen hinfahren.»
Sie wandte sich schweigend von ihm ab und begann ein paar Dinge vom Eßtisch zu versorgen, während er gelassen hinausging.
13
Frau Barbara wollte ihre Gäste nicht, wie es üblich war, vor dem Essen im Salon einpferchen, um sie dort ohne rechten Anschluß unter gezwungenen Gesprächen auf den Ruf zu Tische wie auf eine Erlösung warten zu lassen, sondern sie hatte von Anfang an die Tür zum Eßzimmer weit geöffnet, auf dem Büffet hinter der festlich gedeckten Tafel für die Herren eine Reihe von Schnäpsen bereitgestellt und Fred mit der Bedienung beauftragt. Fred stand nun verschmitzt lächelnd vor diesen Flaschen und schien die Veranstaltung nicht besonders ernst nehmen zu wollen. Den ersten zwei Herren, die sich von ihm ein Gläschen einschenken ließen, Paul und Albin Pfister, stellte er sich als Barmaid vor und riet ihnen zu unmöglichen Cocktails, dann benutzte er eine Serviette als Schurz und begann den Ruf nachzuahmen, der in Bahnhöfen den Zügen entlang erschallt. «Büffet!» rief er mit verstellter, hoher Stimme und blickte in den Salon hinein, wo sich die kleine Gesellschaft nach den ersten Begrüßungen noch unentschieden durcheinander bewegte.
Oberstleutnant Hartmann trat dort, nachdem er seine Runde beendet hatte, lächelnd wieder zu seinem Schwiegervater. Er trug zur schwarzen Gehhose den dunklen Waffenrock mit den zwei schimmernden Knopfreihen und dem roten Kragen, der mit dem winzigen weißen Saum des darunter verborgenen Leinenkragens seinen gebräunten Hals hoch und eng umschloß. Mit einem leisen, freundlich ironischen Lächeln trat er auf Ammann zu.
Ammann, seit Neujahr sein Vorgesetzter, blickte ihm mit einem ähnlichen Lächeln entgegen, dessen Ironie freilich an Spott grenzte, da ihn sein höherer Grad der Rücksicht enthob, die Hartmann dem Brigadier immerhin schuldete. «Du bist ein eleganter Kerl», sagte dies Lächeln, «ein Berufssoldat, ein schneidiger Offizier, während ich in deinen Augen nur ein militärischer Laie und heraufgekommener Bürger bin, aber bilde dir ja nicht ein, mein Lieber, daß die militärische Tätigkeit und das Führertalent mit der Eleganz, dem Schneid und dem Beruf zusammenhängen; indessen fühle ich mich durch deinen Hochmut nicht betupft, er läßt mich im Gegenteil völlig kalt, und außerdem bin ich überlegen genug, deine wirklichen guten Eigenschaften anzuerkennen.»
Hartmann las dies alles im Gesicht seines Vorgesetzten, und seine eigene Miene enthielt schon die Antwort darauf. «Ich weiß, daß du so über mich denkst», sagte diese Miene, «und es tut mir leid, daß du ein so dicker, schwerfälliger Kerl bist, daß ich dir den Beruf und manches andere voraushabe, und daß du dich deshalb ein wenig verteidigen mußt, aber ich kann mich nicht ändern, lieber Schwiegerpapa, und im übrigen bin ja auch ich bereit, dich anzuerkennen.»
Während dieser stummen Auseinandersetzung wechselten sie ein paar scherzhafte Worte, und erst als sie auf eine städtische Angelegenheit zu sprechen kamen, begannen sie ernstlich und unbefangen miteinander zu reden.
In ihrer Nähe standen Severin und Professor Junod vor ihren Frauen, die sich nebeneinander auf das Sofa gesetzt hatten. Severin sprach in seinem belehrenden Tonfall auf Junod ein, der mit schief gesenktem Kopf und emporgezogenen Brauen ungläubig lächelnd Severins breite Füße betrachtete. Die Frauen hörten einen Augenblick zu, dann setzten sie, noch eh er zu Ende war, ihr eigenes Gespräch über irgendeinen häuslichen Gegenstand fort.
Indessen führte Albin Pfister seinen Freund am Arm von den Schnäpsen weg zur nächsten Fensternische. «Wenn ich das vorausgesehen hätte, würdest du mich nicht erwischt haben», sagte er mißmutig.
«Was, erwischt!» widersprach Paul. «Ich habe dir gesagt, du sollest bitte auch gleich zum Nachtessen kommen …»
«Das ist eine ausgewachsene Soiree, die Damen sind in Toilette, die Herren im Smoking. Ich bin der einzige, der keinen Smoking trägt, und du hättest wissen können, daß ich keinen habe.»
«Du mein Gott, das ist doch alles so furchtbar gleichgültig!» erwiderte Paul gequält, mit einer wegwerfenden Handbewegung.
Albin schwieg trübe lächelnd, er fühlte sich nicht verstanden und fand es daher sinnlos, länger zu streiten; als aber Paul fortfuhr, sich zu verteidigen und diese ganze Veranstaltung als Komödie zu bezeichnen, versuchte er noch einmal, sich begreiflich zu machen. «Gewiß, es ist an und für sich ganz gleichgültig», sagte er ruhig. «Ein Smoking imponiert mir vielleicht noch weniger als dir. Aber ich bin gewohnt …»
«Gertrud, komm, hilf mir!» rief Paul seiner Schwester zu, die durch das Eßzimmer ging. Er nahm mit einer versöhnlichen Gebärde Albins Arm und erklärte, als Gertrud vor ihm stand: «Albin ist unglücklich, daß er keinen Smoking trägt, und läßt’s mich entgelten, weil ich daran schuld bin. Bitte beurteile das Verbrechen!»
Albin empfing von Gertrud sofort wieder den Eindruck, den er bei der Begrüßung empfangen hatte und den fast alle Menschen kannten, die mit ihr in Berührung kamen, den Eindruck einer frischen, offenen und warmherzigen jungen Frau, der man schon nach dem ersten kräftigen Händedruck Vertrauen und Sympathie unmöglich versagen kann. «Ich bin nicht unglücklich», erklärte er lächelnd und blickte in ihre freundlich teilnehmende Miene, «aber man soll sich den Formen einer Gesellschaft, in der man verkehren will, anpassen, sonst bleibt man besser zu Hause …»
«Aber», warf Paul ein, «es wird dir hier doch kein Mensch übelnehmen, daß du …»
«Ja, gewiß, man wird Rücksicht nehmen, aber das ist es ja eben! Daß man gerade auf den Gast Rücksicht nehmen muß, der nicht zur Familie gehört, das ist für diesen Gast doch einigermaßen peinlich, oder er müßte in gesellschaftlicher Beziehung eine dicke Haut haben; ich habe aber eine dünne, leider, sonst käme ich vermutlich über die Nichtigkeit hinweg. Du hättest es mir beizeiten mitteilen müssen.»
«Das finde ich auch», sagte Gertrud ernsthaft. «Herr Pfister hat ganz recht.»
Paul, der überzeugt gewesen war, daß Gertrud seinen Freund lachend beruhigen werde, blickte sie mit betontem Erstaunen an, dann verbeugte er sich plötzlich mit einem müde ergebenen Lächeln und schlenderte weg.
«Übrigens», fuhr Gertrud fort, «in diesem Fall, glaube ich … Sie sind doch hier kein Fremder. Papa, Mama und meine Brüder kennen Sie so gut …»
«Ja … aber wir wollen nicht mehr davon reden, ich bin schon beruhigt, daß mich wenigstens jemand begreift …»
«Paul ist manchmal etwas unberechenbar», sagte sie heiter verurteilend und wollte noch etwas hinzufügen, als beim Büffet eine laute Bewegung entstand. Fred schlug dort knallend die Absätze zusammen und meldete sich dem Oberstleutnant, der neben Ammann aus dem Salon herüberkam, mit gespannter Miene als Schnapswache an. Gertrud betrachtete ihn lachend.
«Unser neuer Regimentskommandant!» sagte Albin leise und blickte mit einem schwankenden Lächeln auf Hartmann.
«Sind Sie denn auch beim Militär?» fragte Gertrud.
Albin nickte bedauernd. «Übrigens nur als gewöhnlicher Füsilier», sagte er. «Paul und ich gehören zur selben Kompagnie.»
«Merkwürdig! Ich kann Sie mir nicht bewaffnet vorstellen.»
«Soo …?» sagte er scherzhaft beleidigt.
«Ich meine …» erklärte sie heiter und ein wenig verlegen, «trotzdem Sie …»
Er kam ihr rasch zu Hilfe. «Ja, ich bin gesund und besitze den nötigen Brustumfang. Aber … es ist wirklich kein Vergnügen für mich.»
«Das kann ich mir denken!»
In diesem Augenblick bat Frau Barbara die Gesellschaft zu Tische, nicht allzu freundlich, eher mit der leicht besorgten Miene einer Hausfrau, die bis zuletzt an den Vorbereitungen zum Essen teilgenommen und gewiß noch etwas Ärgerliches erlebt hat. Sie trug ein unauffälliges dunkles Kleid und als einzigen Schmuck eine alte silberne Filigrankette im Halsausschnitt, aber das vornehm Würdige ihrer Erscheinung kam dabei vollkommen zum Ausdruck. Während sie mit kaum merklichen Hinweisen jedem der Gäste seinen Platz andeutete, bat Fred feierlich um seine Entlassung als Schnapswache und machte, nachdem er sich abgemeldet hatte, militärisch rechtsumkehrt. «Mach keine Faxen, Fred!» sagte sie halb unwillig, halb belustigt, und schob ihn zu seinem Stuhl.
«Man muß sich üben», antwortete Fred, immer mit einer Spitze gegen Hartmann, der als scharfer Drillmeister bekannt war. «Es gibt ja nächstens Krieg, nicht wahr, und wenn wir die Drehungen nicht können, sind wir verloren.»
Diese Bemerkung entfachte sofort ein allgemeines, lebhaftes Gespräch, wie es zu dieser Zeit überall entstand, wo das Wort Krieg fiel. Man lebte im Frühling 1914, die Öffentlichkeit in ganz Europa wurde von der wachsenden Spannung offen oder heimlich ergriffen, und die Presse war voll von Gewitterzeichen. Dabei kam den meisten Menschen der Gedanke an die Möglichkeit eines «großen Weltkrieges» ungeheuerlich, ja verrückt vor. Die bürgerlichen Realpolitiker, die das Unheil fast mit offenen Augen kommen sahen, glaubten an keine Gefahr, sie waren trotz den wirtschaftlichen Nöten noch immer blind vor Stolz auf den Fortschritt und die Sicherheit ihrer Welt. Niemand freilich wäre imstande gewesen, die Katastrophe in ihrem ganzen Ausmaß vorherzusagen oder auch nur zu ahnen. Die Vorstellungen der Menschen vom «Krieg» waren noch durch die Erinnerung an 1870, an den Russisch-Japanischen und den jüngsten Krieg auf dem Balkan beherrscht.
«Ach, jedes zweite oder dritte Jahr einmal, solang ich mich erinnere, redet man davon, daß es Krieg geben werde», sagte Klara, die Frau des Professors, nachdem schon die verschiedensten Ansichten geäußert worden waren. «Die Männer sind immer gleich Feuer und Flamme, aber … ich sehe nicht ein, warum es ausgerechnet dieses oder nächstes Jahr Krieg geben soll.» Sie war mit der lockeren Fülle ihres angegrauten Haares, den lebhaften Augen und ausgeglichenen Zügen eine noch immer schöne, an Gestalt ebenso stattliche Frau wie ihre Schwägerin, doch weniger herb, lässiger in der Haltung und im ganzen liebenswürdiger.
Ihrer friedlichen Meinung widersprachen sofort drei oder vier Stimmen, wobei Severins laute und klare Belehrung den Sieg davontrug. «Tatsache ist», sagte Severin, «daß Rußland mit der Mobilisation begonnen hat. Ein Staat wie Rußland aber mobilisiert nicht zu seinem Vergnügen oder nur so probeweise, wie es allerdings behauptet wird, eine Riesenarmee. Und daß Deutschland zuschaut, bis es angegriffen wird, ist auch nicht denkbar.»
«Denkt über den Krieg, wie ihr wollt», erklärte Frau Barbara, «aber mir will es nicht in den Kopf, daß in unserm Zeitalter noch zivilisierte Völker übereinander herfallen könnten.»
«Aber Mama», widersprach Severin, «was meinst du denn, warum diese Völker Millionen um Millionen für Kriegsrüstungen ausgeben, und …»
«Die Völker? Ich denke die Regierungen!» warf Paul ein.
«… und warum zum Beispiel Frankreich jetzt die dreijährige Dienstzeit einführt, das zivilisierte Frankreich?» fuhr Severin fort, ohne Pauls Einwurf zu beachten.
In diesem Augenblick begann Professor Junod zu reden, der sich an der einen Schmalseite des Tisches bisher schweigend über seine Suppe gebeugt und sorgfältig Löffel um Löffel zwischen Spitzbart und Schnurrbart hineinbefördert hatte. «Frankreich kann nicht ruhig zusehen, wie man es in Berlin treibt, das ist ganz klar», sagte er mit seiner trockenen Stimme so ungewohnt laut, daß alle hinsahen. «Frankreich befindet sich in der Verteidigung. Das französische Volk aber wird von sich aus niemals Krieg anfangen.»
«Jaa, Gaston …» rief Ammann von der anderen Schmalseite her zweifelnd und durch Junods Eifer belustigt, «ich weiß nicht … das Volk möchte für 1870 im Grunde doch Revanche haben …»
«Und nachher müssen die Deutschen wieder Revanche haben», sagte Frau Barbara, ehe Junod antworten konnte, und bewegte entschieden den Kopf hin und her. «Ich finde es einfach unwürdig, daß man sich nicht friedlich verständigen kann.»
«Die Deutschen werden nach einem Kriege kaum in den Fall kommen, Revanche zu verlangen», bemerkte Hartmann lächelnd.
«Ah voilà!» rief Junod mit einer knappen Handbewegung gegen den Oberstleutnant und schien nun fortan auf jede weitere Bemerkung verzichten zu wollen. Aber im nächsten Augenblick behauptete er, daß die angebliche russische Mobilisation von den Deutschen erfunden worden sei, die einen Vorwand für ihre eigenen militärischen Machenschaften brauchten.
«Aber Gaston!» rief Ammann ernsthaft. «Man gibt es ja in Rußland offen zu, daß mobilisiert wird. Die Verstärkungen der russischen Armee an den Westgrenzen haben nichts mehr mit Manöver zu tun; man baut die rückwärtigen Verbindungen aus, Eisenbahnen werden angelegt und so weiter … nein, nein, Erfindungen sind das nicht.»
«Es läßt sich in der Presse genau verfolgen», sagte Severin mit einem Achselzucken. «Die ‹Germania› hat vorgestern wieder klipp und klar erklärt, was jetzt in Rußland geschieht; die Meldung ist auch von unserer Agentur gebracht worden.»
«Übrigens», fuhr Ammann fort, «was man von diesem Herrn Suchomlinow hört, dem russischen Kriegsminister, klingt deutlich genug. ‹Wir sind bereit!› erklärt der Kriegsminister, und das russische Heer ist nach seiner Überzeugung ganz einfach unüberwindlich …»
Auf diese Art ging es noch eine Weile fort, aber schließlich kamen zwischen einzelnen Tischnachbarn wieder friedlichere Gegenstände zur Sprache. Ammann gab sich, strahlend vor Zufriedenheit, bei aller Teilnahme an der Unterhaltung doch in behaglicher Breite dem Genuß der guten Dinge hin, und gelegentlich, während er verständnisvoll kauend die mächtigen Kinnladen bewegte, nickte er seiner Frau anerkennend zu. Frau Barbara saß zur Rechten ihres Mannes, oder vielmehr thronte sie dort, aufrecht, wachsam und immer bereit, das Gespräch zu lenken, dem Aufwartmädchen einen Wink zu geben, einen Gast zu ermuntern. Nichts entging ihr, und was sie besonders zu sehen wünschte, zeigte ihr der hohe, in einen schmalen Goldrahmen gefaßte Wandspiegel, dem sie schräg gegenüber saß. Gertrud, fand sie, brachte ihre Gestalt in dem einfachen blauen Abendkleid mit dem breiten, nicht sehr tiefen Ausschnitt anständig zur Geltung; dieser Ausschnitt entsprach ihren geraden, breiten Schultern, die zum kräftig schlanken, bestimmt ansetzenden Hals beinahe im rechten Winkel standen. So etwas durfte man zeigen. Das Haar trug sie wie immer in mäßig hohen, lockern Wellen, die beide Schläfen frei ließen. Sie sah hübsch aus neben ihrem Mann, der seinerseits jeden Vergleich aushielt, und zwar nicht nur hier. Mama war überzeugt, daß es in der ganzen Stadt Zürich ein so vornehmes, stattliches Paar nicht zum zweitenmal gab, und sie wäre zuversichtlich, ja glücklich gewesen, wenn sie die sichern Anzeichen des Unheils jetzt nicht mit eigenen Augen wahrgenommen hätte. Hartmann benahm sich hier seiner Frau gegenüber so liebenswürdig, wie man es nur wünschen konnte, aber Gertrud schien das kalt zu lassen, sie sprach mit ihm offenbar kein Wort mehr als nötig war. Auf ihrem sympathischen, nicht ganz vollkommenen Gesichte lag, durch ihre angeregte Lebhaftigkeit und das vielfach gespiegelte Licht hervorgerufen, ein lebendiger Glanz, der es schön machte, aber wenn sie ihrem Mann antworten mußte, wich dieser Glanz für Augenblicke einer kühlen Gleichgültigkeit. Sobald sie sich dann wieder mit Albin Pfister unterhielt, ihrem Nachbarn zur Rechten, strahlte sie vor liebenswürdiger Anteilnahme, ja vor Herzlichkeit.
Dies war immerhin kaum auffallend in einer Gesellschaft, die den Mangel an Liebenswürdigkeit zwischen Ehegatten mit der abstumpfenden Gewohnheit des täglichen Umganges aus eigener Erfahrung zu entschuldigen vermochte. Für die Mutter aber war es von schmerzender Deutlichkeit; sie fand Gertruds Benehmen unpassend und grollte beinahe auch diesem jungen Pfister noch, den sie als klugen, bescheidenen, durchaus ehrenhaften Mann kennengelernt hatte.
Der Abschluß befriedigte sie nicht, sie hatte mehr erwartet. Aber der eigentliche Grund ihrer Unzufriedenheit bestand in der Tatsache dieses Abschlusses selber. Sie hatte gehofft, der gesellige Abend werde ihr darüber hinweghelfen, wie eine Leichenfeier dem Trauernden vom blinden Schmerz zur Einsicht in das allgemein Gesetzmäßige seines Verlustes hinüberhilft; doch das Gegenteil war der Fall. Niemand erwähnte den Anlaß der Veranstaltung, obwohl jedermann wußte, daß in vierzehn Tagen das Haus erbarmungslos niedergerissen wurde. «Es ist ihnen gleichgültig, sie wissen, was wir dafür gelöst haben», dachte sie. «Was aber in Wirklichkeit niedergerissen wird und was wir alles verlieren, das wissen sie nicht.»
Sie täuschte sich, es war ihnen nicht gleichgültig; das Bewußtsein, daß man hier in einem dem Untergang geweihten Hause zum Abschied um die gemeinsame Tafel versammelt war, lagerte vielmehr über der ganzen Runde, und am Ende, als Champagner eingeschenkt wurde, kam es denn auch zur Sprache. Professor Junod setzte zu einem kleinen Toast an, in dem er Frau Barbara als die Spenderin des festlichen Mahles ehrte und sie hochleben ließ als die Seele dieses Hauses, das nun wie eine überreife Schale von ihr abfallen werde. «Die Form zerfällt, wie alle Form», schloß er, «aber der gute Geist, der sie beseelt hat, lebt unverändert weiter in der Herrin, die auch in Zukunft die Hausherrin sein wird.»
Bald nach ihm sagte Hartmann ein paar Worte; im Gegensatz zu Junod, der mit schüchtern verbindlichem Lächeln unter wiederholten leichten Verbeugungen sich während der ganzen Rede an Frau Barbara gewandt hatte, schaute er, ohne seine Haltung zu ändern, mit sachlich ernster Miene ungezwungen vor sich hin. «Das Haus Ammann», fuhr er nach einer knappen Einleitung fort, «ist mir immer als eine Verkörperung des guten schweizerischen Bürgertums erschienen, zu dem wir schließlich alle gehören. Seine Tugenden haben sich in diesem Hause bewährt, und bewähren sich immer noch. Das Kleinbürgerliche, das ihm gelegentlich anhaftet, ist hier überwunden. Dieses Bürgertum ist heute der sichtbarste Ausdruck der Nation. Manche schweizerische Tradition ist im Absterben. Die Tradition unseres Bürgertums ist im Wachsen begriffen, sie hat die Zukunft für sich. Mehr kann man nicht haben wollen. In diesem Sinne trinke ich auf die Zukunft des Hauses Ammann.»
Frau Barbara spürte eine flüchtige Regung von Stolz, aber im Tiefern blieb sie unberührt. Sie dachte nicht daran, etwas zu verkörpern, sie hielt sich an die unmittelbare Wirklichkeit, in der sie lebte, und schaute diese Wirklichkeit viel nüchterner an als die fabelnden Männer. Das Gerede von zerfallender Form, von Zukunft und wachsender Tradition lenkte ihren Blick nicht vorwärts, sondern zurück, und statt von heiterer Zuversicht war sie von der trüben Ahnung erfüllt, daß hier eher etwas ende, eine Ammannsche Epoche sozusagen, eine glänzende Epoche, deren Fortsetzung auf jeden Fall problematisch geworden war. «Redet ihr nur, aber verkauft sind wir halt doch!» dachte sie.
Dagegen geriet Ammann selber in eine sehr gehobene Stimmung. Er konnte in diesem Augenblick seine Hochachtung vor Hartmann nicht verbergen. «Albrecht!» rief er schallend, mit strahlender Miene, schwenkte ihm weit ausladend das schäumend volle Glas entgegen und trank es auf einen Zug aus. Gleich darauf begann er zu reden, während ihm der Schwiegersohn das Glas wieder füllte. «Wir wollen in dieser Stunde nicht nur an uns denken, meine Lieben», rief er mit heiterer Überzeugung, «sondern an die Gesamtheit des Vaterlandes. Wir dürfen mit uns zufrieden sein, es ist wahr, und wir sind stolz darauf, aber wir wollen nicht vergessen, wem wir alle unser Wohlergehen und unsere Sicherheit zu verdanken haben. Von der Zukunft des Vaterlandes, die ihrerseits in der allgemeinen Zukunft beschlossen liegt, hängt auch die unsere ab. Die allgemeine Zukunft aber würde uns wohl ebenso staunenswert vorkommen wie unsern Vätern oder Großvätern die Gegenwart. Die Entwicklung geht weiter, und mag es auch gelegentlich zu vorübergehendem Stillstand kommen, ein Rückfall ist nicht mehr denkbar, der Fortschritt ist unaufhaltsam, der Weg liegt vor allen Völkern offen. Im Glauben und Vertrauen auf diese Zukunft wollen wir unsere Gläser leeren!»
Die Gesellschaft griff zu den Champagnerkelchen. Nur Frau Barbara regte sich nicht; mit niedergeschlagenen Augen saß sie aufrecht da und zögerte. Die meisten bemerkten es und stutzten. Sie zögerte einen Augenblick, dann, während fast alle schon tranken, erhob sie das Glas langsam, mit verschlossener Miene, und nippte daran.
Nach dem Ende des Mahles regte sich ein gewisser Widerstand gegen die Teilung der Gesellschaft. «Ach, ihr braucht jetzt nicht gleich wegzulaufen, ihr werdet noch genug musizieren können!» sagte Frau Barbara. Da auch Severin dieser Meinung war, mußten sich die Spieler noch ein wenig gedulden. Fred aber fand es sinnlos, hier die Zeit zu verplaudern, da doch das Quintett beisammen und die Instrumente zur Stelle waren, er begann Gertrud heimliche Winke zu geben, stieß Paul in die Seite und entfernte sich schließlich zuerst. Mit einiger List gelang es dann auch Paul, Gertrud und Albin, unauffällig in den Musiksalon zu entweichen.
Gertrud begann in einer Anwandlung von Übermut auf dem glänzenden, glatten Parkett zu tanzen.
«Hast du schon so etwas gehört?» fragte Paul grinsend und faßte Albin am Arm. «Der Fortschritt ist unaufhaltsam … ein Rückfall ist nicht mehr denkbar … und dann die Zukunft, die Zukunft! Unglaublich! Überhaupt … ich achte ja Mama sehr hoch, nicht wahr, aber … ein solcher Abend ist doch eine üble Geschichte.»
«Ich weiß nicht … ich habe es ganz hübsch gefunden», antwortete Albin, während er mit lächelnden Augen den spielerisch leichten Bewegungen Gertruds folgte.
Paul blickte ihn spöttisch erstaunt an, dann schlenderte er achselzuckend von ihm weg, um seinen Geigenkasten zu öffnen.
Gertrud tanzte zum Flügel hin, setzte sich und schlug ein paar Akkorde an, dann drehte sie sich auf dem Stuhl herum, legte die Hände in den Schoß und fragte betrübt: «Aber was machen wir jetzt, wenn die andern nicht kommen?»
«Ich lotse sie schon noch herauf, nur keine Angst!» erklärte Fred, der diensteifrig die Pulte gestellt hatte.
«Wir könnten ja inzwischen das Largo aus dem Bach-Konzert da spielen», sagte Paul. Er hatte das Konzert in d-moll für zwei Violinen und Klavier hervorgeholt und legte die Stimmen auf. «Albin und ich kennen den Satz, und du spielst ihn vom Blatt, wenn du ihn nicht kennst.»
Gertrud blätterte ihre Stimme durch und war einverstanden, die Geiger stimmten ihre Instrumente, dann spielten sie das Largo, sorgfältig, andächtig, mit aller Ehrfurcht vor dem erlauchten Namen. Als sie es beendet hatten, allargando und mit großem Ton, drehte Gertrud sich langsam herum und blickte die zwei Geiger an. «Das ist wundervoll!» sagte sie leise.
Paul nickte ironisch zustimmend.
«Und wie das hier klingt!» sagte Albin. «Wir haben es ohne Begleitung auf meiner Bude gespielt, erinnerst du dich? Das ist ein Unterschied!»
«Ja … in vierzehn Tagen werden hier andere Töne erklingen», antwortete er bitter. «Es wird prasseln, splittern, krachen …»
«Ach Gott!» unterbrach ihn Gertrud unwillig.
«Und in einem Jahr», fuhr Paul mit grimmiger Genugtuung fort, «werden an dieser Stelle vielleicht ein paar Engroskrämer einander übers Ohr hauen … vielleicht wird man auch Strohhüte fabrizieren, oder es werden hier Maschinen kreischen, es wird nach Schweiß und Öl stinken … kurz, es lebe der Fortschritt! Abbasso la musica!»
«Ach was, ihr zieht nicht in die Wüste!»
«Zum Stockmeier! Dort wird es anders tönen, wenn wir überhaupt noch spielen sollten, was ich bezweifle …»
«Dann wird bei mir gespielt!» rief Gertrud aufwallend. «Überhaupt …» Sie zögerte einen Augenblick, ein zartes Rot glühte auf ihren Wangen, dann erklärte sie entschlossen: «Nächstesmal spielen wir bei mir. Und zwar kommst du zuerst einmal mit Herrn Pfister, dann wollen wir doch dies ganze Konzert probieren, ihr könnt es ein wenig üben! Sind Sie einverstanden, Herr Pfister?»
«Sehr gern!» antwortete Albin. «Wenn Sie nicht zu große Hoffnungen auf mich setzen. Ich bin ein Pfuscher.»
Sie hielt den Kopf schief und schielte ihn von der Seite her ungläubig an. «Ich habe Sie soeben gehört», sagte sie leise. «Das war nicht gepfuscht.»
In diesem Augenblick stieß Fred die Tür auf und verkündete triumphierend: «Sie kommen!»
Severin und Professor Junod traten ein, holten sogleich ihre Instrumente und setzten sich vor die Pulte, auf denen die Stimmen zum Klavier-Quintett von Schumann bereit lagen. Alle kannten das Werk, jeder hatte seine Stimme geübt, und die ersten zwei Sätze gelangen denn auch. Severin, der sich eben noch über politische Fragen ereifert hatte, war zum Glück nicht recht dabei und verzichtete auf Kritik. Fred war zufrieden. In den letzten zwei Sätzen begann es zu hapern, da und dort wurden Mißklänge laut, doch brachten sie alles zu einem guten Ende. Es war Mitternacht.
Severin erhob sich und entspannte den Bogen, Professor Junod stand auch auf. In diesem Augenblick kam Fred vom Notenschrank her und legte eine aufgeschlagene Stimme vor jeden der vier Streicher hin. «Spielt das da noch!» bat er. Es war ein Streichquartett von Mozart, das «Jagdquartett», das er sich gemerkt hatte. «Ach, es ist zu spät, Fred!» sagte Severin unwillig. «Wir können sie da unten nicht so lange warten lassen.» Fred widersprach und wurde sogleich von Gertrud unterstützt, die über die wartende Gesellschaft nicht im geringsten beunruhigt schien. Professor Junod zog bedauernd die Brauen hoch und sah nach der Uhr. Schließlich einigten sie sich auf Pauls Vorschlag, wenigstens den langsamen Satz noch zu spielen.
Sie rückten mehr gegen die Mitte, Gertrud schloß den Flügel und nahm in einer Ecke Platz. Fred, der den Leuchterschein, in dem sie bis jetzt gespielt hatten, nicht angenehm fand, stellte trotz Severins Bemerkung, man möge doch keine Geschichten mehr machen, die Stehlampe zwischen die Pulte. Während die Spieler ihre Instrumente stimmten, ging er zum Schalter. Einen Augenblick stand noch alles im hellsten Lichte, weiße Möbel aus dem Zeitalter Louis XVI. mit geraden zierlichen Beinen, der kunstreiche, von einem Meister der Dynastie Pfau gebaute Ofen mit den Geßner-Idyllen in zartem Blau und Weiß, die gelbe Seide der Wände, auf der sich in ovalen Rähmchen Schattenrisse von Komponisten abhoben, die unaufdringlich schöne Stuckdecke, dieser ganze wohlgestaltete Raum, in dem ein verehrungswürdiger, von der Umwelt schon überwundener Geist bis heute lebendig geblieben war. Fred drehte das Licht ab, schlich mit scherzhaft übertriebener Vorsicht auf den Fußspitzen zu seinem Stuhl und ließ sich lautlos nieder.
Die Spieler rückten die Stühle zurecht, strichen das aufgeschlagene Notenheft glatt, räusperten sich und saßen nun schweigend da, ein paar gespannte, stille Sekunden lang, die Fred immer besonders genoß. Die hohe Stehlampe mit dem großen goldgelben Schirm strahlte inmitten des dämmernden Salons einen warmen Strom von Licht auf die Gruppe hinab, die Notenblätter leuchteten, die braunen Instrumente schimmerten, auf den andächtig gesammelten Gesichtern lag gedämpft derselbe lebendige Schein, und als die vier Streicher langsam den Bogen hoben, schien es unmöglich, daß nun etwas anderes ertönen könnte als reinste Musik.
Die Anfangsfigur erklang, ein leises, schmerzliches Aufatmen und ergebenes Hinsinken, ein paar Noten nur, die doch das ganze Adagio im Kern zu enthalten scheinen; die erste Geige erweiterte sie zum Thema und sang sie schon heimlich verklärt zum Grundton zurück.
In diesem Augenblick trat Frau Barbara ein. Sie kam aus einer lärmigen Unterhaltung über den schweizerischen Generalstab, die von den zwei Männern unter dem Einfluß des Weines in einem merkwürdigen Wechsel von unnachgiebiger Überzeugung und lauter Fröhlichkeit geführt wurde, während die verlassenen, müde plaudernden Frauen wiederholt mit unterdrücktem Gähnen nach der Uhr geblickt hatten. Sie war über das lange Ausbleiben der Musikanten entrüstet. Mit grollender Miene trat sie ein, entschlossen, dem eigenmächtigen Gebaren ein Ende zu machen.
Gertrud beugte sich erschrocken vor, hob wie zur Abwehr die verschlungenen Hände vor die Brust und schaute Mama flehend an. Fred runzelte mit einem bösen Ausdruck die Stirn.
Frau Barbara warf den ersten Blick auf Gertrud, den zweiten auf Fred, dann stutzte sie, sah nach den Spielern hin und stand, ihren Groll beherrschend, mit gekränkter Miene da. Die Anfangsfigur erklang jetzt wehmütig aufatmend in der Oktave, und gleich darauf begann das allen Schmerz verklärende Singen der ersten Geige.
Frau Barbara setzte sich auf den nächsten Stuhl. Eine Weile saß sie noch sehr aufrecht, aber ihre Miene entspannte sich, und als die Geige das Thema wieder aufnahm, neigte sie mit gesenktem Blick ein wenig den Kopf.
Beruhigt spielten die Streicher den Satz zu Ende, mit aller Hingabe an seine unbeschreibliche Innigkeit und im mehr oder weniger deutlichen Bewußtsein, daß die Seele des Meisters hier zum letztenmal in einem Raume sang, der ihr bei aller Unvollkommenheit der Musikanten doch eine bescheidene Heimat gewesen war.
II
1
Fred erwachte in der neuen Wohnung an der Dufourstraße zur gewohnten Zeit mit schwerem Kopf und einem faden Geschmack im Munde. Sogleich trat ihm das wüste Bild einer Studentenkneipe vor Augen, an der er teilgenommen hatte. «Es ist gewiß schon Mittag», dachte er, blinzelte argwöhnisch in die graue Helle des Zimmers und tastete nach der Taschenuhr. Der Zeiger stand auf sieben. Erschrocken hielt er die Uhr ans Ohr, denn entweder war sie stehengeblieben oder es mußte sieben Uhr abends sein. Die Uhr tickte regelmäßig. Er begann angestrengt darüber nachzudenken, ob es Morgen oder Abend sei, bis er die ihm schon wohlbekannten Geräusche des Milchwagens und den Pfiff des kursmäßig von der nahen Schifflände abgehenden Dampfers hörte. Es war sieben Uhr morgens. Er wunderte sich, daß er trotz seinem Bierdusel so früh erwacht war, aber plötzlich fiel ihm der Grund ein, und in diesem Augenblick wurde ihm alles klar. Es war die Abschiedskneipe gewesen, an der er aus lauter Freude über den Schluß des Wintersemesters, eines unerquicklichen, sehr zweifelhaften Semesters, sich beinahe betrunken und dabei doch den Entschluß nicht aufgegeben hatte, am nächsten Morgen früh aufs Land zu fahren. Dieser Entschluß hatte ihn geweckt, und der Gedanke an die unmittelbar bevorstehenden Ferientage beim Onkel Robert im Rusgrund durchfuhr ihn jetzt aufheiternd wie ein unverhoffter Sonnenstrahl. Schmunzelnd sprang er aus dem Bett, und eine gute Stunde darauf, nachdem er gebadet und gefrühstückt hatte, stieg er am Stadelhofer Bahnhof schon völlig frisch und unternehmungslustig in den Zug.
Auf der ganzen Fahrt dachte er nur noch daran, ob ihn Christian wohl am Bahnhof erwarte und ob im Rusgrund alles beim alten geblieben sei. Er sah sich mit dem Vetter beim Haus vorfahren, die Laufhündin Fineli trabte wedelnd um das Gefährt, Martha und Lisi kamen herbeigelaufen, vor dem Haus hing Wäsche, der Knecht Bärädi sah neugierig vom Stall herüber, und die Sonne schien, wie sie in der Stadt nicht scheinen konnte. Gegen das Ende der Fahrt erkannte er eine alte Eiche wieder, die nicht mehr weit vom Bahnhof entfernt war, und als das Stationsgebäude selber in Sicht kam, entdeckte er, den Kopf unter dem offenen Fenster, Christians Einspänner. Den Vetter sah er dort neben einem großgewachsenen Mann, den er erst in der Nähe als Christians älteren Bruder Karl erkannte. Er stieg aus und schüttelte beiden kräftig die Hand.
«So, wieder ein Semester erledigt?» fragte Karl, während Christian sich um Freds Koffer bekümmerte.
Karl erwartete einen in wenigen Minuten fälligen Zug, um in die Stadt zu fahren. Er war ein dreißigjähriger, großer, grobschlächtig gebauter Mann in soliden Schuhen, mit einem weißen Kragen über dem farbig gestreiften Hemd und einer peinlich geknüpften bunten Krawatte. Er hatte dem Bauerngewerbe den Rücken gekehrt, weil es «keine Aussichten» bot, und sich nach einem kaufmännischen Examen allmählich «in den Handel hineingearbeitet». Dabei war er eifrig bestrebt, seine allgemeine Bildung zu fördern, er besuchte Hochschulkurse, lernte Sprachen und verfolgte in den Zeitungen aufmerksam den Lauf der Welt. Er wollte vorwärtskommen. Seine Beziehungen, besonders die verwandtschaftlichen zum Nationalrat und Brigadekommandanten Ammann, nützte er anständig, aber entschlossen aus, er besaß einflußreiche Freunde unter den liberalen Parteigenossen und war Offizier, Hauptmann in einem Landbataillon, das er in zwei, drei Jahren zu befehligen hoffte.
Fred war sich nicht ganz klar, wie er ihn zu beurteilen hatte, er schätzte ihn als ehrlichen und anständigen Menschen, fand aber seinen Bildungseifer und seine Strebsamkeit unsympathisch. Im Verkehr mit ihm beschränkte er sich auf einen freundlich ironischen Ton, den Karl ebenfalls ironisch beantwortete, obwohl er vor dem gesellschaftlich gebildeten Stadtbürger, dem Akademiker, dem Sohne seines einflußreichen Onkels im Grunde eine naive Hochachtung hegte.
«Ja, unsereiner muß an die Arbeit, wenn andere Leute in die Ferien fahren», sagte Karl, wobei er über diese Tatsache nicht eben unglücklich aussah.
«Dafür bringst du es auch zu etwas!» erwiderte Fred mit geheuchelter Achtung.
«Jaja, schon recht, du wirst ja auch nicht im Rusgrund hängen bleiben.»
«Das wär’ mir noch lang nicht das Letzte. Ich habe genug von der Stadt.»
«In den Ferien! Wir werden uns aber am Ende doch häufiger in der Stadt treffen als auf dem Lande … Im Sommer rückst du in die Aspirantenschule ein, nicht?»
«Es scheint!»
«Das wird ein anderer Betrieb als in den Wiederholungskursen, du wirst schon sehen. Wenn Hartmann Schulkommandant ist …» In diesem Augenblick fuhr der Zug ein, aber Karl schien ihn gar nicht zu beachten, er sprach ruhig weiter, indessen ein paar Fahrgäste aus- und einstiegen, dann streckte er plötzlich seine breite Rechte aus, drückte Fred sehr bestimmt und kräftig die Hand, nickte Christian flüchtig zu und bestieg ohne Hast ein Abteil, dessen Tür der Zugführer bereits geschlossen hatte.
Fred und Christian gingen zum Einspänner und fuhren sogleich los, eben als sich der Zug nach der entgegengesetzten Richtung ebenfalls in Bewegung setzte. Karl stand am Fenster und winkte maßvoll mit der flach erhobenen Hand, Fred winkte auch, aber ausgelassen, indem er aufstand und den Arm schwenkte, dann verloren sie einander aus den Augen.
Die Straße zog sich außerhalb der Ortschaft zwischen Wiesen und jungbelaubten Obstbäumen gegen einen langgestreckten, oben bewaldeten Höhenzug hin, den sie in einer weit ausgreifenden Schleife gemächlich erklomm. Die zwei Vettern saßen bequem zurückgelehnt nebeneinander; den Koffer hatte Christian hinten aufgeschnallt, und über den Bock hinweg lenkte er «Sepp», einen braunen Wallach, der hier auf ebener Strecke einen stampfenden Trab angeschlagen hatte. Zu beiden Seiten der Straße waren Arbeiter damit beschäftigt, hohe Stangen aufzustellen. Fred erfuhr, daß die Straße auf ein Schützenfest hin mit Wimpeln versehen werde, und als sie den Fuß der Höhe erreichten, bemerkte er, daß auch am nahen Schießstand Leute an der Arbeit waren.
«Wir müssen den Stand erweitern», erklärte Christian, «es ist ein kantonales Fest, wir würden da mit unsern zehn Scheiben bei weitem nicht auskommen.»
«Jaso, da bist du natürlich auch beteiligt», sagte Fred lächelnd.
«Ja, es hat jeder etwas übernehmen müssen. Wir haben hier noch nie ein Kantonales durchgeführt, und das gibt mehr zu tun, als man sich vorstellt. Die Komitees sind schon lang an der Arbeit. Ich habe zwar vorläufig noch nicht viel zu tun, ich bin beim Schießkomitee, aber … es gibt doch Sitzungen, und … schließlich muß alles klappen.»
«Wie manches Komitee gibt es denn da? Ich habe keine Ahnung, wie so etwas zustande kommt.»
«Ja … an der Spitze steht das Organisationskomitee, nicht wahr … und dann gibt es also ein Schießkomitee, das den Plan aufstellen, das eigentliche Schießen durchführen und die Abrechnung machen muß … dann ein Baukomitee, das jetzt eben an der Arbeit ist … hinter dem Stand wird noch eine Festhütte für etwa dreitausend Personen gebaut, damit fangen sie nächstens auch an … die Budenstadt kommt auf beide Straßenseiten. Dann gibt es noch ein Komitee für die Sammlung von Ehrengaben, ein Dekorations-, ein Empfangs- und ein Pressekomitee, ein Wirtschafts- und ein Unterhaltungskomitee, ein Finanzkomitee, ein Komitee für den Sanitätsdienst, für Unterkunft, Polizeiaufsicht, Verkehr …»
«Hör auf!»
«Jaja, das muß so organisiert sein, sonst geht’s schief. Wir rechnen mit einer Beteiligung von viertausend Schützen, bei einer Plansumme von zweihunderttausend Franken. Das Fest dauert zehn Tage …»
Fred hörte aufmerksam zu, wunderte sich, stellte Fragen und zeigte eine Anteilnahme, die ihm eben noch fern gelegen hatte. Ein Schützenfest war für ihn bis jetzt höchstens ein patriotischer Rummel gewesen wie alle derartigen Anlässe, ein Ausdruck jener plebejischen Betriebsamkeit, die von intellektuellen und höher gebildeten städtischen Kreisen als «schweizerische Festseuche» verurteilt und verspottet wurde. Jetzt, da er Christian ernsthaft und einsichtig davon reden hörte, begann auch er das kommende Fest unmerklich für eine große und wichtige Aufgabe zu halten.
Christian war ein einfacher und tüchtiger junger Mann, der mit seinem Vater zusammen die Landwirtschaft betrieb. Obwohl er, von den Schulen abgesehen, nie eine andere als bäuerliche Tätigkeit ausgeübt hatte, unterschied er sich doch von den ganz ursprünglichen Bauern der Landkantone, er war im sozialen Sinne geweckter, im Auffassen rascher und im Denken beweglicher, er war loser in der Erde verwurzelt als jene und stand schon auf der Schwelle zum Bürgertum. Seinesgleichen gab es unter kleinen Handwerkern, Arbeitern und im Umkreis der Städte auch unter Bauern zu Tausenden; sie fielen nicht auf und traten persönlich nur wenig hervor, aber sie bildeten eine für die Zukunft des Volkes entscheidende Schicht, sie stellten eine von der Erde nicht mehr gebundene und von Vorurteilen noch nicht ernstlich gehemmte Kraft dar, mit der alles möglich schien. Die tüchtigsten Handwerker, Aufseher, Vorarbeiter, die zuverlässigsten Eisenbahner, die brauchbarsten Soldaten und Unteroffiziere stammten aus der jungen Generation dieser Mittelschicht, wie denn übrigens auch Christian als einer der fähigsten Korporale seiner Kompagnie galt. Er war ein wenig kleiner als Fred, doch stämmiger, ein gesunder, kräftig gebauter Bursche mit krausem dunkelblondem Haar, gleichmütig blickenden Augen und leicht hervortretenden Backenknochen. Seinem Wesen nach schien er nicht eben heiter, er besaß einen ernsten, manchmal fast mürrischen Ausdruck und lachte selten laut, obwohl er sich über nichts zu beklagen hatte und allerdings auch kaum jemals klagte. Im Wagen neben Fred taute er nun etwas auf oder er verbarg doch die verhältnismäßig gute Laune nicht, die ihn im Grunde erfüllte.
Als sie plaudernd die halbe Höhe erreicht hatten, stand der Wallach plötzlich still. «Hü!» rief Christian, schüttelte das Leitseil und griff nach der Geißel, aber Fred hielt ihn zurück. «Laß ihn doch ein bißchen stehen!» bat er. Er fand es lustig, daß Sepp aus eigenem Ermessen hier anhielt.
«Er probiert nur etwas, der faule Hagel, er hat schon ganz andere Fuder da hinaufgezogen», sagte Christian, doch fügte er sich und zog die Bremse an, worauf Sepp befriedigt den Kopf senkte und aufwarf.
Sie saßen im Schatten der Berglehne, nahe am Waldrand, während die auslaufenden Hänge unter ihnen und das weite Land zu ihrer Rechten im klaren Licht der Frühlingssonne lagen.
«Weißt du, mir ist sauwohl, trotzdem ich gestern beinah einen Klapf hatte», gestand Fred und blickte seinen kurz und trocken auflachenden Vetter vergnügt an. Christian war für ihn die Hauptperson im Rusgrund. Das Schlichte, Anständige und Echte an ihm war ihm sympathisch, in seiner Nähe pfiff er auf das städtische Gehaben, und sein geringster Freundschaftsbeweis ging ihm näher als die lauteste Kameradschaftsbezeugung seiner Studiengenossen.
«Hü!» rief Christian nach einer Weile und löste die Bremse, worauf Sepp sich mit einem Ruck ins Geschirr legte und sogleich rüstig ausschritt. Vor der etwas steileren Strecke durch den Wald aber stiegen die Vettern aus und gingen neben dem Wagen bis auf die Höhe, wo sie von der breiten Straße bald in einen leicht abfallenden Fahrweg einbogen. Auf diesem noch morgenfeuchten, von hohen Böschungen gesäumten Weg, über dem die Tannäste sich oft von beiden Seiten her zusammenschlossen, begann der Gaul zu traben. «Jetzt will er heim», sagte Christian und drehte die Bremse fester an.
Es war denn auch die letzte Strecke, es war der Heimweg. Als sie zum Waldrand hinausfuhren, öffnete sich wie ein großer grüner Mutterschoß eine weite Mulde vor ihnen, und mitten darin eingebettet, von Bäumen halb verdeckt, lagen Haus und Stall. Fred stieß vor Übermut einen Laut aus, der ein Jauchzer sein sollte, aber nur ein heiserer Schrei war; er konnte gar nicht jauchzen. Christian lächelte über die freudige Erregung seines Vetters still vor sich hin, doch Fred bemerkte es nicht; während sie in die Mulde hineinfuhren, saß er, die Hände vergessen zwischen den Knien, mit kindlich strahlendem Gesicht aufrecht und schweigend da.
In der Nähe des Gehöftes war vorerst kein anderes Lebewesen zu entdecken als ein Huhn, das sich von seiner Schar zu weit entfernt hatte und beim Nahen des Einspänners wackelnd davonrannte. Gleich darauf aber meldete sich drüben beim Stall mit kräftiger Stimme Plutus, ein Appenzeller Sennenhund, und als sie vor dem mächtigen Riegelhaus anhielten, kam wirklich Fineli dahergetrabt, eine weiß und gelb gefleckte Schweizer Laufhündin. Fineli begrüßte ihren Herrn mit ein paar Trillern, dann schwieg sie und musterte aufmerksam den Gast; sobald aber Fred sie anrief, erkannte sie ihn und schwang freudig die Rute.
Tante Marie, die Hausfrau, kam zum Empfang herab und hieß den Gast willkommen, mit dem freundlich offenen Lächeln, mit dem sie ihn immer empfangen hatte, das aber nach seiner Erfahrung rasch und endgültig wieder hinter einer bald herben, wachen, bald mütterlich besorgten Miene zu verschwinden pflegte. Es war eine etwas untersetzte, noch kaum recht ergraute Frau, die nicht eben viel vorstellte, aber «Haare auf den Zähnen» hatte und ziemlich scharf, doch gerecht und ohne Launen regierte.
Unter einem offenen Fenster des ersten Stockes stand gerötet und lachend Lisi, ihre jüngere Tochter, und winkte scherzhaft ausgelassen mit einer Küchenschürze.
«Jaja! Gib du auf die Suppe acht!» rief die Frau, während sie Fred zur Haustür begleitete.
Im dritten Stock beugte sich die etwas blassere Martha über eine Fensterbrüstung und schaute unbemerkt mit einem stillen Lächeln auf den Vetter hinab.
Nachdem Fred die Hausinsassen kurz begrüßt und in seinem Zimmer auf Tante Maries Verlangen seine Kleider aus dem Koffer genommen hatte, damit sie keine Falten bekämen, begab er sich schmunzelnd zum Mittagessen in die große Stube. Hier richtete er seine Grüße aus und beantwortete eine Menge Fragen, bis Lisi die Suppenschüssel hereintrug und die Familie sich um den Tisch versammelte. Der Augenblick kam, wo das Gespräch plötzlich verstummte und alle Tischgenossen mit gesammelter Miene ein wenig den Kopf senkten, ein kurzer, stiller Augenblick, dem Fred sich ernsthaft fügte, obwohl er wußte, daß sie diesen Brauch nur der Frau zuliebe noch beibehielten. Dann aber wurde das Gespräch sofort wieder lebhaft aufgenommen, und Fred mußte nach allen Seiten hin alle möglichen Auskünfte erteilen. Man wollte wissen, wie es bei der Zügleten zugegangen sei, ob es ihnen in der neuen Wohnung gefalle, was mit den Möbeln geschehen sei, was Mama zum Verkauf gesagt habe, ob sie auf das Schützenfest hin wohl einmal alle zusammen hieher kämen, und dergleichen mehr.
«Hast du den Karl am Bahnhof noch gesehen?» fragte Onkel Robert, der durch seine mächtige Gestalt, seine Haltung und die Art seines Essens den Tisch durchaus beherrschte. Er saß in Hemdärmeln an der obern Schmalseite und ließ sich in seiner Beschäftigung, die ihn sehr in Anspruch nahm, nicht ernstlich stören. Ab und zu warf er eine Frage hin oder hörte mit halbem Ohr auf eine Antwort, sonst aber hantierte er, unaufhörlich kauend, mit Messer und Gabel, und wenn er etwa einen besonders großen, energisch angestochenen Fleischbrocken zwischen die Zähne gesteckt hatte, legte er die Unterarme so auf die Tischkante, daß Messer und Gabel aus seinen klobigen Fäusten in die Luft ragten, indessen er den Brocken mit nach innen gewandtem Blicke prüfend zerkaute. Dazu schnaufte er hörbar durch die Nase, wie ihm denn das ganze Tischvergnügen eine gewisse Mühe zu bereiten schien. Sein großes rotes Gesicht mit den buschigen blonden Brauen und dem außerordentlich kräftigen Kinn glich in den Hauptzügen dem seines Bruders Alfred, aber es befand sich hier gleichsam noch im Rohzustand und strotzte vor Gesundheit. Ein richtiger Bauer, der täglich selber Hand anlegte, war freilich auch Onkel Robert nicht mehr, er fuhr als Viehhändler im Land herum, war Mitglied des Kantonsrats und warb vor Wahlen unter der Bauernschaft für die Liste derselben fortschrittlichen Partei, der auch sein Bruder angehörte.
Fred bejahte die Frage nach Karl eifrig, was den Vater Ammann sichtlich befriedigte.
«Er bekommt in der Stadt jetzt eine sehr gute Stelle», bemerkte Frau Marie mit offener Genugtuung.
«Weißt du», rief Lisi lebhaft, «wenn Karl in der Stadt wohnt, kommen wir dann auch mehr nach Zürich.»
«Und im letzten Wiederholungskurs … habt ihr einander nie gesehen?» fragte Onkel Robert.
«Doch, ich hab ihn gesehen, aber er mich nicht», antwortete Fred. «So ein Hauptmann hoch zu Roß», fügte er scherzhaft verächtlich bei, «sieht sich nach dem Gewürm fremder Korporale überhaupt gar nicht um, nicht wahr!»
«Hähää!» machte der Alte heiser und strahlend vor Vergnügen.
«Du kommst doch jetzt auch in die Offiziersschule, nicht?» fragte Tante Marie. «Ja … wie lange ist es schon her, daß Karl die Offiziersschule gemacht hat!»
Das Gespräch drehte sich weiter um Karl, die ganze Familie war stolz auf ihn. Fred mußte ein wenig Achtung heucheln, um sie nicht zu verletzen, er kannte ihre Gesinnung und konnte sich sehr gut in ihre Lage hineindenken. Für sie war der Rusgrund kein Paradies, sondern ein abgelegenes Bauerngut mit einigen Kartoffeläckern, etwas Wald und Grasland für fünfzehn bis zwanzig Kühe, deren Milchertrag sich beim besten Willen nicht mehr steigern ließ. Zwar waren sie wohlhabend, da sie immer tätig und sparsam gelebt und außerdem ordentlich am Viehhandel verdient hatten, aber dies Leben war karg und einförmig, es führte nirgendshin und ließ sich auch nicht abschütteln. Dabei gewahrten sie ringsum auf allen Gebieten gewaltigen Fortschritt, großartige Möglichkeiten und wachsenden Reichtum, eine blühende Stadt lag ihnen vor der Nase, und zu den guten Kreisen dieser Stadt gehörte ihre eigene Verwandtschaft.
Fred fand es begreiflich, daß sie unter solchen Umständen ihren Blick nicht genügsam auf der eigenen, ewig gleichen Scholle ruhen ließen, sondern vom Leben der Zeit gefesselt wurden. Er hütete sich aber, seine eigene Meinung über diese Zeit preiszugeben, sie hätten ihn kaum verstanden, und außerdem konnte er nicht darauf schwören. Sicher war nur, daß er selber das fortschrittliche städtische Leben als «faulen Zauber» empfand, während ihn dies ländliche Dasein und Beharren unbegreiflich anzog; daß er mit seiner paradiesischen Faulenzerei auf etwas merkwürdige Art an diesem Dasein teilzunehmen pflegte, gestand er gern zu.
Nach dem Essen zog er sogleich die Kniehosen an und ging hinaus, um sich ein wenig umzuschauen und mit der Zurückhaltung des Genießers allmählich von dieser geliebten Welt Besitz zu ergreifen. Er unterhielt sich mit dem Stallknecht Bärädi, einem jungen Urschweizer aus dem Muotatal, dessen richtiger Name Bernhardin Schelbert war, begrüßte den Appenzeller Plutus, der immer dicker wurde, und versuchte umsonst, sich einem alten Kater in Erinnerung zu rufen; er schlenderte durch den Stall, zu den Schweinen, zum Hühnervolk, und erst nach dem Vieruhrkaffee, den wieder die ganze Familie gemeinsam einnahm, schlug er die Richtung auf das nahe Tobel ein. Dieses Tobel, eine tiefe, dicht bewaldete Bachschlucht, die den Rusgrund gegen Osten begrenzte, hatte Fred schon dutzendmal durchstreift, ohne es ganz zu ergründen, es barg undurchdringliche Dickichte, Teiche, kleine Wasserfälle, Fuchsbaue, weiche Moosböden, Farnhaine, Bruchhalden, merkwürdige Felsgebilde und noch manches Unerforschte.
Als er kurz vor dem Nachtessen zurückkehrte, war er bereits mit einer Neuigkeit für Christian geladen, er hatte einen Dachsbau mit frisch ausgeworfener Erde entdeckt; zu seiner Enttäuschung erfuhr er dann bei Tische, daß Christian, der im Herbst jeweilen das Jagdpatent löste, nicht nur diesen Bau kannte, sondern sogar den Dachs selber schon gesehen hatte.
Er ging frühzeitig zu Bett, er war müde, und die zwei Basen, die gewöhnlich erst abends «etwas von ihm hatten», mußten sich bis zum nächsten Abend gedulden. Eine Weile lag er noch wach im breiten Bauernbett und freute sich, daß er wieder da war. Man hatte ihm das Gastzimmer mit dem Blick gegen Osten überlassen und das zweite Bett daraus entfernt, es war eine sehr geräumige Kammer, die mit ihrem naturbraunen Getäfer jeden schönen Morgen stundenlang goldhell und warm in der Sonne lag. Ihm gegenüber an der Wand hing das Brustbild seines Großvaters Johann Gottlieb Ammann. Das offenbar schlecht gemalte Gesicht sah etwas leer aus, verriet aber doch eine gewisse brutale Lebenskraft und eine äußere Ähnlichkeit mit Onkel Robert. Papa glich ihm kaum; vielleicht hatte er ähnliche Augen, aber die Augen des Johann Gottlieb waren dem Maler vermutlich mißlungen, sie starrten mit einem eher tierischen als menschlichen Blicke dunkel unter den Brauen hervor.
Fred wußte von seinem Großvater nur, daß er aus einem Dorf des Zürcher Oberlandes stammte, eine schöne, wohlhabende junge Witwe geheiratet und gleich darauf den Rusgrund erworben hatte. Hier also waren seine Kinder zur Welt gekommen, vier Söhne und drei Töchter, soviel er sich erinnerte; von den Töchtern lebte nur noch Tante Klara, von den Söhnen war einer früh gestorben, ein anderer nach Amerika ausgewandert. Papa und Onkel Robert bildeten also auf diesem Stammbaum die zwei starken Seitenäste, die den Fortbestand des Geschlechtes Ammann aus dem Rusgrund gesichert hatten.
«Merkwürdig, es sind doch zwei so ganz verschiedene Menschen», dachte Fred. «Sie müssen nicht viel Gemeinsames mitbekommen haben, jeder hat früh seine eigene Richtung eingeschlagen und der Abstand ist noch größer geworden. Onkel Robert hat eine Unterwaldnerin geheiratet, die ihr eigenes Blut mitbrachte, und aus dieser Verbindung sind wieder völlig andere Menschen hervorgegangen, die sich voneinander abermals unterscheiden und ihre eigenen Richtungen einschlagen. Und erst auf unserer Seite! Papa ist nach dem Studium in der Stadt geblieben und hat eine Tochter aus vornehmen städtischen Kreisen geheiratet, die von ganz anderer Seite herkam als er. Was hat wohl Mama noch alles mitbringen müssen, daß wir faulen Äpfel, Paul und ich, so weit entfernt vom großväterlichen Baumstamm niederfallen konnten. Ist das nun ein Gewinn oder ein Verlust? Zwar gleichen ja auch wir einander gar nicht, Paul hat ausschließlich geistige Interessen, während ich … weiß der Teufel! Gertrud gleicht der Mama, ihre Kinder haben bestimmt kein Ammannsches Blut mehr, und mit Lisi und Martha hat sie schon gar nichts gemein, obwohl das ihre Kusinen sind. Aber Severin ist wieder ein Ammann, wenn auch ein städtischer; ob er wohl noch einen großväterlichen Zug besitzt? Oder vielleicht gibt es gar keine Züge, die unverändert durchgehen, alles wandelt sich fortwährend von Mensch zu Mensch. Es sind ja tausend Variationen möglich … oder vielmehr unbegrenzt viele … oder doch nicht unbegrenzt? Wird aus unserm Blute wieder einmal ein Typ wie der Großvater entstehen? Wenn man ausrechnen könnte, daß … ach Quatsch, man kann die Menschen nicht ausrechnen, das fehlte noch, da würden diese verdammten Mathematiker … sie würden sagen, daß in der dritten oder vierten Generation notwendigerweise … das wären Severins Kinder, meine Neffen und Nichten … es ist lächerlich, daß mein Bruder mich zum Onkel macht … man kann sich nicht wehren …»
Er merkte, daß sich seine Gedanken zu verwirren begannen und daß er jetzt schlafen könnte, aber irgend etwas schien ihm so wichtig, daß er es sich vor dem Einschlafen noch rasch klarmachen wollte, er wußte nur nicht mehr genau was, und strengte sich an, um es zu finden. «Die Variationen», dachte er schläfrig, «sind also unbegrenzt … man kann sich nicht dagegen wehren … aber wieso denn … ja, richtig, unbegrenzt, aber wie ein unbegrenztes Netz … ich bin ein Knötchen in diesem Netz … doch so einfach ist das nicht mit den Gesetzen, meine Herren Wissenschaftler … wenn ihr ausgerechnet habt, an welchem Punkt des Netzes ich mich notwendigerweise befinden muß … Punkt 2465 AH3 … werde ich euch vordemonstrieren … ich werde zurückturnen bis zu Christian, eine Bauerntochter heiraten und eine große rückläufige Bewegung … bis zum Großvater zurück … Prost Johann Gottlieb, deine schöne Witwe soll leben … gestatte mir, dein Enkel … wir stellen jetzt alles auf den Kopf …»
Bei diesem Unsinn mußte er lachen, öffnete blinzelnd noch einmal die Lider und merkte, daß er das Licht nicht gelöscht hatte. Er drehte es ab, blickte in der Dunkelheit ironisch nach dem Bilde hin, auf dem nur mehr das verschwommene Rund des Gesichtes zu erkennen war, und glaubte zu sehen, wie der alte Johann Gottlieb im Schutze der Dämmerung jetzt auch zu lachen begann. «Lach du nur!» dachte er belustigt, drückte den Kopf ins Kissen und sank schmunzelnd in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
2
Frau Marie blickte kurz vor dem Nachtessen durch ein Küchenfenster ihrem Gast entgegen, der mit lässig hängenden Armen und schweren, wiegenden Schritten wie ein Bauer auf das Haus zukam, ungekämmt, ohne Hut, ohne Kragen, mit aufgekrempelten Hemdärmeln, beschmutzten Strümpfen und dreckigen Schuhen. «Wie der wieder aussieht!» dachte sie erschrocken und begann sich Vorwürfe zu machen.
«Fred», sagte sie, als er die Treppe heraufkam, «um Gottes willen, wie siehst du aus! Nein, so darfst du dich wirklich nicht vernachlässigen … wenn Mama dich sähe, wir müßten uns ja schämen! Gib doch etwas mehr acht und tramp nicht in jeden Dreck hinein!»
Fred blickte scheinbar erstaunt auf die besorgte kleine Frau hinab, ließ sie ruhig ausreden und erwiderte dann, mit einem unschuldigen Blick auf seine Schuhe und Strümpfe: «Hm, es hat am Morgen geregnet, nicht wahr … Christian sieht genau so aus …»
«Das ist nicht dasselbe! Christian muß arbeiten und kann nicht besser aussehen … aber für dich schickt sich das nicht …»
«Wieso nicht? Was sich für Christian schickt …»
«Ach, das weißt du selber auch! Mama hat dich nicht so gut erzogen, damit du jetzt …»
«Hör auf, Tante, mach keine Geschichten! Dreck hin, Dreck her, mir ist wohl dabei, und du mußt jetzt wieder in die Küche, sonst brennen dir die Erdäpfel an!» Damit legte er den Arm um ihre Schultern und schob die wohlwollend Aufbegehrende mit sanfter Gewalt in die Küche zurück.
Fred hatte sich in den wenigen Wochen seit seiner Ankunft im Rusgrund wirklich verändert, und es war ein Zufall, daß Tante Marie es erst heute bemerkte. Er hatte die Sorge um sein Äußeres aufgegeben, unterschied sich nicht mehr allzusehr von den übrigen Bewohnern und nahm an verschiedenen Arbeiten teil. Dabei hatte er ohne jede Absicht seinen Vetter nachzuahmen begonnen. Er nahm lange, ruhige Schritte, wobei er sich infolge seiner Größe zu wiegen begann, und wurde wortkarg, was ihm ohnehin nahe lag.
Gleichmütig, mit einem stummen Nicken, kam er jetzt auch zum Nachtessen, setzte sich breitspurig hin und war bereit, gelegentlich ein Wort über das Wetter zu sagen; aber Christian, der nachmittags im Dorf gewesen war, meldete eine Neuigkeit, die sofort eine ungewohnt lebhafte Unterhaltung zur Folge hatte, und außerdem lag ein Brief von Mama neben seinem Teller. «Dein Vater hält dann am offiziellen Tag die Festrede», sagte Christian. «Ich hab’ es heute vernommen.»
Fred blickte ihn nur kurz und forschend an.
«Soso?» sagte Onkel Robert lebhaft. «Jää, reden kann er, das muß man ihm lassen …»
«Uh, dann kommt ihr doch einmal alle zusammen hieher!» rief Lisi.
«Habt ihr keine eigenen Redner, daß ihr sie müßt von Zürich kommen lassen?» fragte Fred.
«Bei einem Kantonalen hält am offiziellen Tag immer ein Regierungsrat oder ein Nationalrat die Rede», erklärte Christian. «Das ist immer so gewesen. Und dann ist er ja auch Ehrenmitglied des Kantonalverbandes … und als Bürger unserer Gemeinde, nicht wahr … er ist da wirklich als erster in Betracht gekommen.»
«Man könnte gar keinen Geeignetern finden», bemerkte Onkel Robert mit Überzeugung. «So, das freut mich, daß er zugesagt hat …»
Das nahende Schützenfest wurde weiterbesprochen, die Mädchen machten Pläne, und Christian erzählte vom Stand der Vorarbeiten.
Fred hörte nur mit halbem Ohr zu; er wurde beim Gedanken an den Brief, den er in den Hosensack gesteckt und dabei zerknüllt hatte, von trüben Ahnungen erfüllt. Nach dem Essen schlenderte er in den aufheiternden Abend hinaus und wunderte sich, wie hell es noch war. Er hatte während des verflossenen Regenwetters gar nicht bemerkt, daß die Tage so rasch zunahmen. Zerstreut ging er den Fahrweg hinauf und gedachte den Brief bei der Abzweigung eines gewissen schmalen Pfades zu öffnen, aber als er dort ankam, folgte er zuerst noch ein wenig diesem hübschen kleinen Pfade durch die Wiesen und stellte fest, daß in den letzten Tagen das Gras doch stark gewachsen war. Er gelangte zu einem Graben, an dem Christian und der Knecht im Nachwinter gearbeitet hatten, und sah mit Befriedigung, daß er den Zweck erfüllte. Das Grundwasser, das nach einer Regenzeit an dieser Stelle sonst immer durchgesickert und in die Wiese hineingeflossen war, sammelte sich jetzt in diesem Graben und fand weiter unten einen natürlichen Abfluß. Er kehrte um und schlenderte dem Stall zu, wo Bärädi auf einer Handorgel übte. Während er mit trübem Lächeln auf die Wiederholung einer Figur hörte, zu der sich der richtige Baß nicht finden wollte, öffnete er nachlässig den Brief.
«Mein Lieber», schrieb Mama, «ich möchte Dich nur rasch daran erinnern, daß Du vor dem Beginn des Sommersemesters noch zum Schneider mußt. Bitte, komm nicht wieder erst am letzten Tage heim, gelt! Dein Aufgebot zur Offiziersschule ist gekommen, ich schicke es Dir nicht nach, weil ich Dich nämlich allernächstens erwarte, Schatz. (Daß Du dann mitten aus dem Semester heraus einrücken mußt, finde ich nicht grad vorteilhaft.) Nach meiner Berechnung bist Du jetzt auch mit den Hemden und Socken zu Ende, mehr hast Du ja nicht mitnehmen wollen. Also! Gestern war Tante Klara hier und hat sich nach Dir erkundigt …»
Fred steckte den Brief wieder in den Hosensack; die paar Familiennachrichten sparte er sich auf. Mit dem finstern Ausdruck, den sein Gesicht während des Lesens angenommen hatte, ging er noch ein paar Schritte und blieb dann vor der im Grase liegenden Hündin stehen, die ihn mit der Rute wedelnd begrüßte; zerstreut sah er zu, wie sie, den Kopf seitlich zur Erde gedreht, mit den Zähnen einen Knochen bearbeitete.
Indessen kamen die Mädchen vom Hause herüber. Lisi schlich sich von hinten an ihn heran und legte ihm die Hände über die Augen. Er rührte sich zunächst nicht, aber dann griff er plötzlich zurück, so daß sie kreischend auswich. «Fred, du machst ein Gesicht wie sieben Tag Regenwetter», rief sie, kam wieder heran und faßte ihn unter dem Arm. «Hast du schlimme Nachrichten bekommen?» Nun trat auch Martha rasch auf ihn zu und faßte ihn unter dem andern Arm, was sie aus eigenem Antrieb, ohne Lisis Beispiel, niemals getan hätte.
«Ach … heim sollt ich wieder!» antwortete er verdrossen. «Saublöd!»
Die Mädchen suchten ihn aufzuheitern, und als sie vor dem Stall zum Knechte kamen, der beim Nahen der Gruppe seinen geläufigsten Ländler angestimmt hatte, begann sich Lisi am vetterlichen Arm zu wiegen. Lisi war ein impulsives, bei jeder Gelegenheit hell auflachendes, lebenslustiges Geschöpf von ansehnlicher Größe, mit einem hübschen, rötlich glühenden Gesichtchen und braunblonden Haaren, die sich häufig in Unordnung befanden und ihr dann ein fröhlich wildes Aussehen verliehen. Neben dieser vollblütigen Schwester entwickelte Martha in Freds Gegenwart auch ihrerseits eine gewisse Lebhaftigkeit, die oft rührend wirkte, da sie nicht einem natürlichen Temperament entsprang, sondern ihrem instinktiven Wunsch, den Vetter mit denselben Mitteln an sich zu ziehen wie Lisi. Ihre bescheidene persönliche Anziehungskraft und ihr besonderer Reiz beruhten aber auf dem Gegenteil. Sie war eine schlanke, stille Gestalt mit braunem, immer sehr ordentlich getragenem Haar und einem länglichen, dunkeläugigen, etwas blassen Gesicht, das am häufigsten einen mütterlich ernsten Ausdruck zeigte, wie sie denn unter gewohnten Umständen auch ein häuslich braves und arbeitsames Wesen an den Tag legte.
Außer diesen Eigenschaften hatte weder Martha noch Lisi einem Städter gegenüber viel einzusetzen. Sie waren keine Bauernmädchen mehr, deren Ursprünglichkeit den Mangel an Bildung aufwiegt, sie hatten ein welsches Institut besucht, französisch gelernt und an Tanzkursen teilgenommen, sie trugen zum Ausgang Kleider nach der Mode, Stöckelschuhe und seidene Strümpfe, und wenn sie von der Zukunft träumten, fiel ihnen kein Bauernhof ein, sondern die Stadt. In diesen Anfängen waren sie steckengeblieben. Ihre geistigen Bedürfnisse gingen nicht über das Allgemeinste hinaus, das die Öffentlichkeit ihnen bot. Sie gehörten zu jener Volksmasse, über die man in höher gebildeten Kreisen die Nase rümpfte, und ein Intellektueller wie ihr Vetter Paul, der die Menschen ausschließlich nach dem Grad ihrer geistigen Kultur beurteilte, wußte nichts mit ihnen anzufangen; nach seiner Meinung waren sie langweilige Provinzgänse. Fred urteilte anders und hatte sein natürliches Wohlgefallen an ihnen.
«Kommt, wir gehen auf die Heubühne!» rief Lisi, begeistert von diesem Einfall. «Es sind neue Bretter drauf, es ist schön glatt, wie gemacht zum Tanzen.»
«Ach nein, Lisi!» widersprach Martha. «Ihr fallt noch herunter!»
Aber Lisi ließ sich nicht abhalten und schob den Vetter, der ihr gutmütig folgte, auf die fest anliegende, mächtige Heuleiter.
Martha zauderte mit bekümmerter Miene einen Augenblick, dann stieg sie hinter den beiden auch hinauf.
Die anderthalb Meter breite Brücke lag unter dem Dachfirst, in der Längsrichtung des Gadens. Auf der einen Seite war der Heustock bereits verschwunden, und hier gähnte jetzt eine dunkle Tiefe; auf der andern Seite aber lag noch soviel Heu, daß man es wagen durfte, hinabzuspringen.
Lisi tanzte mit Fred auf der Brücke hin, aber Fred war nicht zum Tanzen aufgelegt und trieb nur Unsinn, er hielt sich die Tänzerin scherzhaft weit vom Leibe und hüpfte mit krummen Beinen wie ein Frosch tolpatschig um sie herum, als ob er sein Lebtag noch nie getanzt hätte.
«He nein, Fred, tu doch nicht so dumm!» rief Lisi. «Hast du gehört? Wenn du nicht recht tanzen willst, werf ich dich ins Heu hinunter!»
«Oder ich dich!» erwiderte Fred und packte sie an.
Lisi kniff ihn so kräftig in beide Arme, daß er sie fahren ließ, und rannte, von ihm verfolgt, die Brücke entlang, sprang aber plötzlich mit einem fröhlichen Schrei auf den Heustock hinunter. Fred sprang sogleich hinter ihr her, und gleich darauf wagte auch Martha den Sprung.
Lisi aber glitt, eh Fred sie fassen konnte, vom Heu hinab und rannte zur Leiter, auf der sie knapp vor dem hitzig werdenden Verfolger die Brücke wieder erreichte.
Martha glitt vom Stock hinab und blieb unten. «Tut doch nicht wie Kinder!» rief sie. «Ihr fallt sicher noch herunter!»
Aber die Jagd ging weiter, Lisi rannte bis zur Mitte der Brücke, dann sprang sie abermals hinab, und Fred ließ nicht auf sich warten. Als Kinder hatten sie das unzählige Male wiederholt und beim Sprung entzückt aufschreiend eine grauslich wohlige Beklemmung erlebt. Es war auch jetzt noch ein Vergnügen, man spürte im Fallen einen merkwürdigen, kitzligen Druck in der Zwerchfellgegend und plumpste nach der fröhlich bangen Spannung so tief ins Heu hinein, daß man ordentlich Mühe hatte, sich wieder hinauszuarbeiten. Lisi blieb nun jedenfalls stecken, bis der Vetter bei ihr war, ob sie sich nun ergeben wollte oder nicht. Unter seinen strafenden Griffen wieherte sie zuerst wie eine junge Stute, dann gab sie die Abwehr auf, begann zu wimmern und schien bereit, alles auf sich zu nehmen.
Fred drückte sie tief ins Heu hinein, schnaufte sich aus und hielt die Erschöpfte nieder. So verharrten sie eine Weile, das Heu knisterte leise, und der trockene Staub, den sie aufgewirbelt hatten, drang ihnen in die Nase. Auf einmal spürte Fred auf seinem Kopfe Lisis Hand, die über sein Haar zurückfuhr und mit sanftem Druck auf seinem Nacken verweilte.
Martha stand atemlos lauschend unten in der Dunkelheit. «Lisi!» rief sie gedämpft. Als sie keine Antwort erhielt, ging sie zu der Stelle, über der das Heu knisterte, aber der Stock war zu hoch, man konnte weder hinaufklettern noch etwas sehen. Da lief sie aufgeregt zum hintern Tor hinaus und dem Hause zu, als ob sie dort Hilfe zu holen gedächte, aber auf halbem Weg begann sie zu zögern und änderte plötzlich die Richtung. Sie bog nach Westen ab, in die Wiese hinein, die von der Abendröte über dem nahen Bergwald schon kein Licht mehr empfing, und schlich mit feuchten Augen durch die Dämmerung; es schien ihr gleichgültig, daß sie dabei das schönste Gras zertrat.
Am nächsten Morgen unternahm Fred schon früh eine letzte Forschungsreise durch das Rustobel hinab. In den oberen Teilen hielt er sich nicht auf, aber weiter unten, wo er selten gewesen war, drang er nur langsam und neugierig spähend vorwärts. Das Tobel wurde breiter, die Hänge waren weniger steil, aber noch ebenso dicht bewachsen, und wo sich Lichtungen öffneten, hatte man wieder reihenweise junge Tännchen angepflanzt. Manchmal kam ein schmaler Pfad von der Wiese herab, lief dem Bach entlang und verlor sich. In der Nähe von Bauernhöfen gab es am Hang oft häßliche nackte Stellen, die von allem möglichen Kehricht übersät waren. Eine solche Ablage umging Fred oben auf der Wiese und bemerkte dabei, daß er nicht mehr weit von einem Weiler entfernt war, dessen Hausdächer man auf beiden Seiten des Tobels zwischen den Obstbäumen gewahrte. Er stieg wieder hinab, folgte dem Bach noch eine Weile und wollte dann gemächlich umkehren; da entdeckte er eine von Kindern angelegte, aber verlotterte kleine Wassermühle. Am Rade fehlten zwei Schaufeln, eine der Seitenstützen, auf denen sich die Achse gedreht hatte, war zerbrochen, und das Kanälchen, das dem Rad vom Bach her Wasser zugeleitet, ließ sich im versandeten Geröll nur noch erraten. Der Schaden war aber nicht unheilbar. Fred stellte vor allem eine neue Seitenstütze her, legte die Achse wieder auf und trieb das Rad mit dem Finger an; es drehte sich. Jetzt mußte kanalisiert werden, und zwar so, daß das Wasser am Ende genau auf die Radschaufeln hinabfiel. Vorsichtig reinigte und verdichtete er die noch vorhandene Fallschwelle, dann grub er nach rückwärts den alten Kanal wieder auf und öffnete ihn schließlich mit großer Spannung gegen den Bach hin. Das Wasser strömte in das Kanalbett, floß rasch zur Schwelle, fiel hinab – das Rad drehte sich. Fred sah strahlend zu, das Rad drehte sich unter dem Fall und hörte nicht auf, sich zu drehen. Er betrachtete es lange und aus verschiedenen Entfernungen, dann begann er den Kanal auszubauen und befestigte die nachgiebigen Kiesdämme mit großen würfelförmigen Steinen, die er weit herum zusammensuchte.
Endlich mußte er umkehren, man war im Rusgrund pünktlich mit dem Mittagessen, und er wollte nicht am letzten Tage noch zu spät kommen. Statt nun aber den bequemen Fußweg durch die Wiese hinauf einzuschlagen, kehrte er durch das Tobel zurück. «So, Schluß, es ist zu Ende!» dachte er, und dieser Gedanke, den er am Morgen noch gewaltsam unterschlagen hatte, ließ ihn nicht mehr los. Weiter oben, an einem der steilen Hänge, glitt er aus und hielt sich, um schneller vorwärtszukommen, von nun an mehr an das Bachufer, wobei er unbekümmert durch das Wasser watete, wenn ihm hohes Geröll den Weg versperrte. Am Horizont seiner Vorstellungen tauchte die Stadt auf mit ihrer Hatz und ihrem Lärm, mit Hörsälen, Laboratorien, achselzuckenden Professoren und studentischem Komment, mit ihrer geschniegelten Gesellschaft und mit der Kaserne, dieser öden Drillanstalt, wo er bald wieder den Hampelmann spielen mußte. «Hol’s der Teufel! Warum bleib ich nicht einfach hier?»
Er sprang in diesem Augenblick von einem Block auf den nächsten hinüber, glitt aus, stürzte heftig hin und spürte im rechten Fuß einen so rasenden Schmerz, als ob man ihm mit einem Messer das Gelenk durchstieße. «Verflucht, oh verflucht!» stöhnte er laut, mit verkniffener Miene, und blieb regungslos liegen, die Stirn eiskalt umhaucht. Nach ein paar bangen Minuten erholte er sich ein wenig und versuchte vorsichtig, seine unbequeme Lage zu ändern, aber kaum bewegte er den Fuß, ja noch eh er ihn bewegte, beim bloßen Versuch schon, spürte er denselben Schmerz im Gelenk, einen unverschämt plötzlichen, stechenden Schmerz. Er blieb nun eine Weile liegen, so wie er eben lag, und begann sich mit dem Gedanken abzufinden, daß er den Fuß verstaucht, ausgerenkt oder gebrochen hatte. «Soso … aha … na ja!» sagte er kleinlaut.
Indessen begann der Fuß offenbar anzuschwellen und einen immer heftiger spannenden Druck auf den Schuh auszuüben. «Ich muß den Schuh ausziehen», dachte Fred, und versuchte es, aber nur einmal. «Verdammt, verdammt, ich kann doch nicht hier liegenbleiben!» Er begann zu rufen. «Heh! Heh! … Uuui! Heh … Hilfe!» Sowie er «Hilfe» rief, kam ihm das lächerlich vor, er schämte sich, er hatte sein Lebtag noch nie um Hilfe gerufen. Und man schrie doch wegen eines schmerzenden Fußes nicht um Hilfe! «Heh … heh da!» rief er noch ein paarmal, doch war nun offenbar niemand da oben auf den Wiesen, und im Rusgrundhaus konnte man ihn unmöglich hören. «Quatsch!» sagte er ärgerlich. Es war ihm klar, daß er allein hier fortkommen mußte.
Er biß die Zähne zusammen und begann sogleich mit wütender Miene auf den drei heilen Gliedern aus dem Geröll zu kriechen, wobei er das rechte Bein wie einen toten Gegenstand hinter sich her zog und dem heftigen Schmerz, den er bei jedem Anstoßen des Fußes empfand, die ganze erzürnte Kraft seiner Verachtung entgegensetzte. Auf diese Art schleppte er sich im Verlauf einer halben Stunde schräg den Hang hinauf und setzte sich oben erschöpft auf die Böschung. Nach kurzer Rast dachte er an den Brief, den er Mama schreiben mußte. «Liebe Mama, Deiner Aufforderung kann ich leider nicht Folge leisten, ich bleibe vorläufig im Rusgrund.» So gedachte er anzufangen; dann wollte er ein paar allgemeine Gründe dafür anführen, ferner sein ungeheures Bedauern ausdrücken, daß er vermutlich weder das Semester noch die Offiziersschule besuchen könne, und erst ganz am Schluß so nebenbei den Unfall erwähnen. Schmunzelnd legte er sich das zurecht, dann fällte er mit dem Taschenmesser in mühsamer Arbeit die zwei jungen Eschenstämmchen, die er sich beim Hinaufkriechen zum Ziel gesetzt hatte, und benutzte sie auf dem Heimweg als Krücken, wobei ihn die Achselhöhlen bald mehr zu schmerzen begannen als der nun ruhig hängende Fuß.
Er kam vor das Haus, sehr müde, und wurde zuerst von Christian entdeckt.
«Was hast du angestellt?» fragte Christian besorgt.
«Ich bin ein wenig ausgeglitscht … nicht der Rede wert.»
«Häng dich mir da an den Rücken! Ich trag dich die Treppe hinauf …»
«Ja, eigentlich könnte ich selber …» antwortete er zögernd, doch er konnte nicht mehr selber, er war erschöpft, und da sich Christian ohne viel Worte bereitstellte, machte auch er keine Umstände, schlang ihm von hinten die Arme um die Schultern und ließ sich tragen.
Im Hause selbst aber entstand eine ziemliche Aufregung, die Mädchen empfingen ihn mit Schreckensrufen, die in eine Flut von Fragen und Mitleidsbeteuerungen übergingen, die Hausfrau rief Jesus, Maria und Josef an, schickte Christian sogleich mit dem Wagen ins Dorf zum Arzt und erteilte den Töchtern unwirsche Befehle. «Aech, macht doch keine Geschichten!» rief Fred, ernstlich geärgert, und noch als er geborgen in seiner Kammer lag, verwahrte er sich gegen die verschiedenen, seiner Ansicht nach übertriebenen Maßnahmen, die Tante Marie für nötig hielt.
Nach zwei Stunden wurde ihm von einem ältern freundlichen Landarzt der Fuß wieder eingerenkt, was er leicht erbleichend, aber lautlos ertrug. Darauflag er denn als Patient am hellen Nachmittag in seinem buntgeblümten breiten Bett, das rechte Bein auf etwas erhöhtem Lager, den immer noch anschwellenden Fuß in einem Verband mit essigsaurer Tonerde, und begann das Ereignis zu bedenken, eher neugierig als mißmutig, wie einen listigen kleinen Zufall, der die Weiche plötzlich anders stellt als die unentrinnbaren Mächte der Eltern, des Vaterlandes und der Hochschule es haben wollten. «Man muß nur ein bißchen den Fuß verrenken», dachte er belustigt, «dann fällt alles um, was uns lenkt. Was gäbe es für ein Geschrei, wenn ich ohne diesen nichtigen Anlaß fünf Wochen aus meiner Karriere streichen würde! Am Fleisch und Bein hängt alles!» In der Frühe des zweiten Tages, als die Rusgrundsonne hinter den waldigen Hängen heraufkam und seine Kammer erfüllte, stellte er schmunzelnd fest, daß er an diesem Tage unbedingt unter allen Umständen wieder in Zürich sein mußte.
Am nächsten Morgen erfuhr er zu seiner Überraschung freilich, daß vor einem kranken Fuß denn doch nicht alles umgefallen war. Mama nämlich, die seinen Brief gar nicht erst beantwortete, kam, von Gertrud und dem Hausarzt begleitet, in einem geräumigen Mietauto, einem Sechsplätzer, ganz einfach hierher gefahren. Er wurde sorgfältig in die Stadt zurück befördert und nach einer Röntgenaufnahme des Fußes wieder in sein eigenes Bett gesteckt. Indessen fand er sich damit ab. Gertrud hatte bei der Heimfahrt versprochen, ihn zu ihrer neuesten Hausmusik im Wagen abzuholen, sobald der Arzt es erlauben würde, außerdem mußte man ihn auch hier in Ruhe lassen, und die Übersiedlung änderte nichts an der belustigenden Tatsache, daß ein geschwollener Fuß sich stärker erwies als die Notwendigkeit der akademischen Bildung und der Ruf des Vaterlandes.
3
Gertrud hatte bald das Streichquartett, bald die zwei Geiger zum Spiel ins Hartmannsche Haus geladen und war dabei mit Albin Pfister freundschaftlich vertraut geworden; dieser Mensch «interessierte» sie desto mehr, je näher sie ihn kennenlernte, und sie dachte in ihrer gesellschaftlichen Unbefangenheit gar nicht daran, aus konventionellen oder anderen Gründen sich den Umgang mit ihm zu versagen. Ihren Bekannten gegenüber gestand sie denn auch unbedenklich, dieser Pfister sei ein «heillos sympathischer und flotter Kerl». Sie wußte nicht oder noch nicht, was sie zu verschweigen gehabt hätte.
Eines Abends, nachdem die zwei Geiger zum Schluß ein Duo gespielt hatten, fragte sie Albin, an ein früheres Gespräch anknüpfend, plötzlich leise und lebhaft: «Haben Sie mir das Verzeichnis mitgebracht?»
Albin bewegte mit einem ratlosen Lächeln langsam den Kopf, indes seine Hände mit dem Violinbogen zu spielen begannen, den er eben entspannt hatte. «Überlegt habe ich es mir lange», sagte er, «aber … ich kann Ihnen nicht so viel Bücher aufschreiben, wie ich gerne möchte, Sie würden niemals alles lesen … und eine Auswahl zu treffen, ist furchtbar schwierig …»
«Ich will aber alles lesen!» rief Gertrud und erhob sich. «Schreiben Sie alles auf, was Sie …»
«Gertrud, mach dir doch keine Illusionen!» sagte Paul mit einer müden Handbewegung, während er seine Geige, ein altes französisches Instrument, sorgfältig einhüllte. «Du würdest das unmöglich verdauen …»
«Ach was!» rief Gertrud betrübt und ärgerlich zugleich.
«Das möchte ich nicht behaupten», sagte Albin lächelnd, «aber … Sie haben mich gebeten, von Pauls und meinem eigenen Maßstab auszugehen. Dieser Maßstab beruht aber auf einer jahrelangen intensiven Lektüre, die durchaus nicht planmäßig vor sich gegangen ist, sondern scheinbar willkürlich, in Wirklichkeit aber, wie ich überzeugt bin, nach einem geheimen persönlichen Gesetz … ja, nach einem Gesetz, dem, grob gesagt, im Materiellen ungefähr das Gesetz unsrer Ernährung entspricht …»
«Jawohl!» rief Paul, dem dieser Gedanke gefiel. «Genau so! Und nun stell dir vor: du bist klein und hungrig und verlangst jetzt dieselben Speisen und Getränke, die uns während zehn Jahren groß und satt gemacht haben. All das verlangst du auf einmal und hoffst uns dadurch einzuholen …»
«Mein Gott, wie kompliziert!» erwiderte Gertrud unwillig. «Man will ein paar Bücher lesen und …»
«Ein paar Bücher … das ist wieder etwas anderes. Lies aber bitte das Hauptwerk von Schopenhauer, den ganzen Nietzsche, die gesammelten oder meinetwegen ausgewählten Werke von Dostojewski, Tolstoi, Ibsen, Strindberg, Flaubert, Zola und so weiter. Lies das alles ohne die besondere innere Bereitschaft, die jeder einzelne dieser Autoren verlangt, um verstanden oder erlebt zu werden, und du wirst dich am Ende übergeben müssen …»
«So hab ich’s also endgültig verpaßt und bleibe eine dumme Kuh», antwortete sie gereizt.
«Nein, so kommen wir nirgends hin», sagte Albin entschieden. «Und du übertreibst, Paul. Frau Hartmann hat auch Voraussetzungen, nur andere als wir, und …» Er wandte sich an Gertrud. «… Sie kennen Ibsen, Zola und haben auch von den Russen dies und jenes gelesen … ich werde Ihnen doch ein Verzeichnis machen, wenn Sie mir einen Blick in Ihren Bücherschrank gestatten wollen …»
«Ja, bitte kommen Sie!» Ohne Paul weiter zu beachten, ging sie Albin voran in den kleinen Salon. Hier ließ sie sich auf den nächsten Stuhl fallen. «Ach, Paul macht mich immer ganz mutlos», sagte sie finster. «Ich mag nicht mehr von solchen Dingen reden, wenn er dabei ist …»
«Ja, Paul ist ein Skeptiker. Es gibt Dinge, die ich jetzt auch nicht mehr ohne weiteres mit ihm bereden möchte …»
«Nicht wahr?» sagte sie lebhaft. «Mir ist manches … ich will nicht sagen heilig, aber doch so wichtig, daß ich seine Glossen darüber einfach taktlos finde und in Zukunft überhaupt nichts mehr sagen werde … Ja, also das sind die paar Bücher, die ich besonders gern habe … die im Wohnzimmer haben Sie ja schon gesehen …»
Albin stand vor einem kleinen nußbraunen Schrank mit Glastüren und warf nach kurzer Musterung einen erstaunten Blick auf Gertrud, den sie neugierig lächelnd auffing. «Baudelaire, Mallarmé, Maeterlinck …?» fragte er und fuhr dann mit wachsendem Erstaunen fort: «Rilke, George, Hofmannsthal … Ja, aber … davon haben Sie mir nie etwas gesagt! Ich dachte immer, Sie … ja …»
«Jaja, ich sei so eine durchschnittliche Romanratte», ergänzte sie, erhob sich rasch und trat neben ihn. «Sehen Sie, hier …»
«Nein, gewiß nicht! Aber Sie stellten sich so ahnungslos … Ja, das ist ein wundervolles Buch!»
«Warum soll ich davon schwatzen! Ich habe auch mein Refugium …»
«Hm … wir sind den Frauen gegenüber Pedanten, wenn wir glauben, sie brauchten ebenso lange Umwege wie wir, um zu solchen Büchern …» Er brach plötzlich ab, zog einen schmalen Band heraus und sagte beschämt lächelnd: «Aber das gehört nicht hieher, leider!» Auf dem hellgrauen Kartondeckel stand schwarz gedruckt: Albin Pfister, Sonette.
«Für mich gehört es hieher!» erwiderte sie, nahm ihm das Buch weg und schob es wieder hinein. «Kennen Sie das hier?» fragte sie rasch und hielt ihm einen andern Band vor Augen. «Diese Gedichte hab’ ich furchtbar gern …»
Sie standen neben einander zwischen den geöffneten Glastüren, unterhielten sich über die Bücher und fanden immer wieder etwas, das sie beide als bedeutsam oder besonders schön empfunden hatten. Ihre Gesichter waren gerötet vor Wärme und Lebhaftigkeit und ihre Augen strahlten dasselbe freudige Verständnis aus. Albin begann mit wachsendem Eifer davon zu sprechen, welche Haltung dieser neuen Dichtung zugrunde liege, worin ihr Neues bestehe, warum man sie nicht mit den literarischen Erscheinungen der Dekadenz verwechseln dürfe, und wie sie im Begriff sei, den Naturalismus zu überwinden.
An alle diese Erörterungen erinnerte sich Gertrud später nicht mehr, ihr prägte sich nur ein, wie Albin aus sich heraustrat, wie eine klar bestimmte männliche Begeisterung aus seinen ehrlichen Augen leuchtete, wie sein ganzes bescheidenes Wesen etwas kräftig Überzeugendes annahm, und wie sie selber dabei die merkwürdige, durchaus körperliche Empfindung hatte, den Boden des Salons unter ihren Füßen zu verlieren, wie sie sich dann plötzlich gegen diesen Mann zu wehren begann und dem Gespräch ein unerwartetes, kühles Ende bereitete, das sie lange nachher noch beschämend und unverständlich fand. Auch Albin wußte später kaum mehr, was er alles gesagt hatte. Er sah in der Erinnerung an diese Stunde nur Gertruds kräftig schlanke Gestalt, wie sie gleich groß, frei und grad zu seiner Rechten stand, wie sie sich auf ein Knie niederließ, um ein Buch vom untersten Brett zu nehmen, und mühelos neben ihm wieder auffuhr, wie sie zurücktretend sich schief herabbückte, um einen Titel zu lesen, und dabei auf eine ganz besondere Art den Nacken bog, er sah ihren leicht über eine Buchseite gebeugten Kopf und das locker den Scheitel überfließende Haar, er sah ihr nahes, lebhaft glühendes Gesicht und immer wieder die Vertrauen und Liebe erweckenden Augen, die erst am Ende erschrocken zu wissen schienen, was über alle Worte hinaus zwischen ihnen vorging.
Als sie in das Wohnzimmer zurückkehrten, lehnte Hartmann am Flügel, die Rechte mit einer flüchtig gefalteten Zeitung neben sich auf die Kante gestützt, im straffen Gesicht einen Ausdruck verhaltenen Zornes, den Gertrud genau kannte. Er stand vor seinem ungleichen Schwager Paul, der mit ernster Miene sehr bequem in einem ledernen Klubstuhl saß, warf den Eintretenden einen kurzen Blick zu und beantwortete dann irgendeine Frage; mit der Begrüßung Albins übereilte er sich nicht. Gertrud bezog seinen Ausdruck, ja seine bloße Gegenwart zuerst unwillkürlich auf sich und Albin, erkannte aber an der Art seines Blickes sogleich, daß ihn etwas anderes beschäftigte.
Paul begann seine Schwester spöttisch zu mustern, während Albin und der Hausherr mit einem knappen Händedruck sich höflich begrüßten.
«Was ist los?» fragte Gertrud mit gemachtem Erstaunen.
«In Österreich ist ein Ehepaar erschossen worden», antwortete Paul achselzuckend. «Zufällig waren es kaiserliche Hoheiten.»
Hartmann streifte Paul mit einem verächtlichen Blick und gab seiner Frau mit einem Hinweis auf die Nachricht das Zeitungsblatt.
«Mein Gott, das ist ja furchtbar!» sagte Gertrud leise. «Der Thronfolger …»
«Ein Zufall wäre noch viel abscheulicher», sagte Hartmann mit schrägem Blick auf Paul. «Wenn man sich vorstellt, daß irgendein Schuft zufällig einen Erzherzog erschießt … unerträglich ist nur das eigentlich Sinnlose … aber hier handelt es sich um ein politisches Attentat, das ist klar!»
«Furchtbar!» wiederholte Gertrud, während sie das Blatt an Albin weitergab. «Ein neunzehnjähriger Lyzeumsschüler … wie kommt der dazu …»
«Steht in der Meldung», antwortete Hartmann. «Unter dem Einfluß der oppositionellen bosnischen Politik. Es beruht dort alles auf gewissen nationalen Gegensätzen …»
«Sarajevo, ist das …?»
«Die Hauptstadt von Bosnien. In der Meldung eines andern Blattes werden bereits die Serben verdächtigt …»
Paul erhob sich gemächlich und trat zu Albin. «So … wollen wir …?»
Albin nickte und begann Abschied zu nehmen.
«Also wie steht’s mit dem Quartett?» fragte Gertrud, während sie die beiden in den Garten hinab begleitete. «Wollt ihr hieher kommen, oder …?»
«Ach, ich weiß nicht … Junod hat etwas gemunkelt, daß wir bei ihm spielen sollen», antwortete Paul. «Das wird ja natürlich furchtbar kompliziert, aber … wir wollen vorläufig lieber nichts verabreden …»
«Hat’s jetzt nicht gedonnert?» fragte Gertrud und hielt auf dem Gartenweg an.
«Wo? Es ist ja eine ganz klare Nacht! Irgendein Auto oder ein Tramwagen …»
«Ja wahrhaftig … man sieht die Sterne … man ist wie geblendet, wenn man aus dem Licht kommt … ja, gut’ Nacht, Paul, ich lasse Papa und Mama grüßen … gut’ Nacht, Herr Pfister!»
Albin, der seit der Begrüßung Hartmanns kein Wort mehr gesprochen hatte, erkannte in der Dämmerung ihre Hand nicht und zögerte eine Sekunde, dann wünschte er etwas undeutlich gute Nacht und folgte eilig seinem Freunde.
Gertrud blieb zwischen den jungen Blautannen, die den Weg säumten, mit gespannter Miene einen Augenblick stehen, dann kehrte sie rasch in die Wohnstube zurück. Ihren Mann hörte sie in seinem Arbeitszimmer auf und ab gehen. Leise trat sie in die verdunkelte Kinderstube, wo sie ihr Lager eingerichtet hatte. Es war bald halb zwölf Uhr, die Kinder, die gegen zehn Uhr wach gewesen waren, schliefen ruhig. Mit derselben gespannten Miene wie im Garten, nur um einen Zug gequälter, blieb sie vor dem Bette stehen, tat ein paar ziellose Schritte und blieb wiederum stehen, raffte aber endlich, als ob alles Nachdenken ja doch zu keinem vernünftigen Schlusse führen könnte, ein paar Gegenstände auf dem Toilettentisch zusammen und begab sich damit in das gemeinsame Schlafzimmer.
Eine Viertelstunde darauf trat Hartmann ein und begann nach einem kurzen, forschenden Blick auf seine Frau sogleich die Uniformbluse aufzuknöpfen. «Es ist schwer, mit deinem Bruder ein vernünftiges Gespräch zu führen», sagte er so ruhig und selbstverständlich, als ob er nicht wochenlang allein in diesem Zimmer geschlafen hätte. «Er hat mir gegenüber so eine Art von Ressentiment … ich weiß nie, was hinter seinen Worten steckt … und dieser Mord ist doch wirklich kein Anlaß zu Journalistenwitzen.»
«Ja … er ist oft merkwürdig», antwortete sie, ohne genau zu erfassen, was in Frage stand. Mit einer Hand hielt sie noch immer den Saum des Linnens, das sie bei seinem Eintritt bis unter das Kinn hinaufgezogen hatte. Sie vermied seinen Blick, schaute zur Decke empor, von einem tiefen, dunklen Ernst erfüllt, und erkannte nur an seiner unverfänglichen Bemerkung und am Ton seiner Stimme, wie sehr er bemüht war, ihr jede Verlegenheit zu ersparen. Dankbar ging sie darauf ein.
Es wurde eine der unruhigsten und verworrensten Nächte, die sie seit langem erlebt hatte. Sie fand keinen rechten Schlaf, mußte zweimal hinaus, um die Kinder zu beruhigen, und wurde im Halbschlummer von Träumen geplagt, die sie nach dem Aufwachen noch ängstigten. Ihre Unterhaltung mit Albin vor dem Bücherschrank und das Ereignis in Sarajevo vermischten sich darin auf die unsinnigste Art, aber mit einer so heillosen Entschiedenheit, daß sie künftig das Wort Sarajevo nie mehr hören konnte, ohne an Albin zu denken. Schon beim ersten Versuch, einen Fetzen dieser Traumfolge festzuhalten, erschrak sie, weil der Mörder durchaus nicht der junge Lyzeumsschüler war, sondern Albin Pfister, der lächelnd mit einem Ordonnanzrevolver auf sie zielte und gleich darauf den Erzherzog erschoß. Der Erschossene wurde eilig weggetragen, war aber nicht mehr der Erzherzog, sondern irgendein Mann in Uniform.
Am Morgen, nachdem Hartmann weggefahren war, stand sie in den Unterkleidern mit offenem Haar und übernächtigen Augen trostlos vor dem Spiegel und kam sich so elend und verwüstet vor wie nie in ihrem Leben.
4
Die Beschäftigung mit den Kindern und die übrigen Pflichten des Tages verhalfen Gertrud immer wieder zu einem notdürftigen äußern Gleichgewicht, aber sie spürte, daß sie einem Zustand entgegentrieb, in dem sie sich nicht mehr würde beherrschen können. Dieser Gedanke erschreckte sie mehr als alles andere, und das Bedürfnis, sich auszusprechen, wuchs derart, daß sie stundenlang suchte und überlegte, wem sie sich anvertrauen könnte. Sie merkte erst jetzt, wie oberflächlich sie nach der Bekanntschaft mit Hartmann fast alle ihre Freundschaften begründet hatte. In dieser Not schrieb sie an Susi Brunner, eine Freundin aus ihrer Mädchenzeit, die seit drei Jahren mit einem Angestellten in Bern verheiratet war. Susi lebte in ihrer Erinnerung als kleine, frische Gestalt von wachem, anschmiegsamem Wesen und einer gewissen vertrauensseligen Offenheit, die zu erwidern man gern bereit war.
Schon drei Tage nach der Einladung holte Gertrud die junge Frau im Hauptbahnhof ab und fuhr mit ihr nach Hause. Ihr erster Eindruck war zwiespältig, aber sie bemühte sich, kein Urteil zu fällen, bevor sie ihr ruhig gegenübersitzen würde. Nach dem Sturm des Wiedersehens während der Heimfahrt ließ sie Susi für eine Viertelstunde allein und erwartete sie dann in der Wohnstube zum Tee. Sie hatte sich eben überzeugt, daß die Kleinen noch schliefen, und die Tür zum Kinderzimmer sorgfältig geschlossen, als Susi eintrat.
Gertrud bemerkte zuerst, daß sie das Kleid gewechselt hatte, aber in diesem formlosen grünen Umhang noch ebenso unvorteilhaft aussah wie im Reisekleid. Sie war dicker geworden und schien infolgedessen noch kleiner als sonst, auch ihr früher etwas spitzmausiges Gesicht war voller und unbestimmter, doch in ihren Bewegungen und in den fröhlich zudringlichen Augen äußerte sich ihr Wesen noch auf die alte lebhafte Art.
Mit einem freudig aufleuchtenden Lächeln trat sie rasch herein, ergriff mit beiden Händen Gertruds linken Oberarm, schmiegte sich an und begann sogleich im Ton eines erregten kleinen Mädchens hemmungslos zu plaudern. «Ach Trudi, ich kann dir gar nicht sagen, wie mich das freut, daß wir uns endlich, endlich wiedersehen. Ich habe ja entsetzlich viel an dich gedacht und wäre schon lange gern gekommen, wenn du nur ein Zeichen getan hättest. Aber ich mußte ja denken, du habest mich ganz vergessen, und ich getraute mir nicht, dich zu uns einzuladen; wir hatten ja zuerst auch nur ein paar Zimmer. Aber jetzt sind wir umgezogen, du, es ist eine ganz entzückende Wohnung und wir können sehr gut ein Gastzimmer einrichten, du mußt unbedingt diesen Sommer noch kommen …»
«Wollen wir nicht zuerst Tee trinken?» fragte Gertrud lächelnd, legte den Arm um ihre Mitte und führte sie zum kleinen Tisch.
Susi folgte kichernd, drehte sich aber plötzlich wieder der Freundin zu und sagte verzweifelt: «Weißt du, ich habe furchtbar zugenommen, es ist entsetzlich, ich weiß gar nicht was machen. Nach dem Heiri ging es noch, aber nach dem Hansli bin ich einfach immer dicker geworden, da und da und da, ach überall, du siehst es ja …» Sie zupfte mit trübseliger Miene über all den betreffenden Körperstellen so drollig an ihrem Kleid, daß Gertrud laut auflachen mußte.
«Ach ja, du lachst mich nun auch noch aus», sagte sie traurig, fuhr aber Gertrud plötzlich scherzhaft heftig an: «Was machst denn auch du? Dir sieht man ja gar nichts an, du bist immer noch …»
«Ho je, Susi, das meinst du nur! Aber komm jetzt, wir wollen uns doch setzen … so … wieviel Zucker nimmst du? Zwei, gern. Nein, nein, ich bin auch schwerer geworden. Aber ich habe immer etwas Sport getrieben, weißt du. Übrigens … was hat das zu bedeuten! Etwas schwerer oder leichter … darauf kommt es doch nicht an.»
«Ja, du hast gut reden, aber wenn du so wärest wie ich … die Männer sehen ja so darauf, es ist abscheulich. Meiner behauptet zwar immer, ich sei gar nicht dick, aber ich merke doch ganz genau … ach Gott, Trudi, ich habe dir ja noch so viel zu sagen … und auf deinen bin ich furchtbar gespannt, ich kenne ihn ja noch gar nicht. Er ist Oberstleutnant, gelt? Ich habe eigentlich ein wenig Angst vor ihm. Meiner ist ja nur Angestellter, aber er verdient doch schön, und weißt du, er kann halt lieb sein, wenn er will, ja jeh! Aber es ist nicht mehr wie am Anfang … die Leidenschaft verfliegt bei den Männern. Wenn er abends ausgegangen ist und dann so heimkommt, und ich bin noch wach und hab’ ihn erwartet, und er dann … weißt du … hast du das mit deinem nicht auch schon erlebt, daß er dann …» Sie fiel jetzt in einen gedämpften, hastigen Ton, beugte sich vor und schaute vertraulich lauernd zu ihrer Freundin auf.
Gertrud blickte ernüchtert ins Leere und wußte schon jetzt, daß sie niemals imstande sein würde, sich Susi anzuvertrauen. «Und ich habe sie für eine ganze Woche eingeladen!» dachte sie bestürzt. «Wie werde ich das gute Geschöpf wieder los?»
Im weiteren Verlauf des Nachmittags stellte sie sich auf eine bestimmte, etwas gönnerhafte Haltung ein, die ihr erlaubte, Anteilnahme an Susis Geständnissen zu verraten, ohne sich zu vergeben oder sie gar erwidern zu müssen.
Abends, als sie im Begriffe war, Susi ihrem Manne vorzustellen, ertappte sie sich auf einer Regung, die sie sogleich entschlossen bekämpfte: Sie schämte sich dieser Freundin. Sie sah voraus, daß Hartmann das schlampige, schwatzhafte Weibchen kühl verachten, aber ihm dennoch zuvorkommend und freundlich begegnen werde. «Er soll sie nicht verachten, er hat kein Recht dazu, es ist lauter Dünkel und Überheblichkeit», dachte sie und behandelte dann Susi bei Tische mit Absicht besonders freundschaftlich; aber zugleich wunderte und ärgerte sie sich, wie affektiert sich dies einst so natürliche Wesen vor Hartmanns Augen benahm. Nach dem Essen fing sie einen kurzen, ironischen Seitenblick ihres Mannes auf, den sie genau verstand. «Ach was, es geht dich gar nichts an!» dachte sie trotzend und fuhr in der Folge fort, Susi gegen ihr eigenes Gefühl mit aller Herzlichkeit zu behandeln.
Indessen trat ein häusliches Ereignis ein, das ihr sonst wenig zu schaffen machte, unter den Umständen aber, mit denen es zusammentraf, ihre Geduld auf die letzte Probe stellte. Herr und Frau Frey von Wurzach, Verwandte ihres Mannes, die ein Gut auf dem Lande bewohnten, meldeten sich zu einem kurzen Aufenthalt im Hartmannschen Hause an und wollten noch rechtzeitig zum Abendessen eintreffen. Gertrud mußte sie notgedrungen bei der Schwiegermama im oberen Stock unterbringen, aber sie kannte die damit verbundenen Schwierigkeiten zu gut, um vor der Heimkehr ihres Mannes auch nur einen Finger zu rühren. Fast gleichzeitig empfing sie die Einladung «zu einer kleinen musikalischen Soiree» auf diesen Abend bei Professor Junod. Ihr erster und einziger Gedanke dabei war, daß sie dort mit Albin Pfister zusammentreffen werde. Sie begann sogleich aufgeregt zu überlegen, ob sie der Einladung folgen solle oder nicht, sah aber voraus, daß diese Überlegung zu keinem vernünftigen Schlusse führen konnte, und stellte in nervöser Hilflosigkeit alles auf die Laune des letzten Augenblicks ab.
Hartmann, der seine Verwandten schon in der Stadt getroffen hatte, kam kurz vor dem Nachtessen mit ihnen angefahren. Gertrud führte die Gäste vorläufig ins Wohnzimmer und nahm sogleich ihren Mann beiseite. «Es ist dann noch nichts bereit!» sagte sie ziemlich heftig, als ob Hartmann daran schuld wäre. «Ich kann Susi nicht hinauswerfen, nicht wahr, und mit Mama kannst du meinetwegen selber reden.»
«Aber ich bitte dich! Willy sagte mir doch, daß er sich bei dir angemeldet hat.»
«Ach, ich mag nicht mit Mama streiten … und überhaupt, ich hab’ mich schon genug geärgert.»
«Schön, dann werden wir beide zusammen nach dem Essen die Sache bei Mama in Ordnung bringen!» erwiderte er mit unbewegter Miene in einem kalt abschließenden Ton und wandte sich ab.
«Nein, nein, jetzt, jetzt muß sie in Ordnung gebracht werden! Nach dem Essen kannst du bei Mama nichts anfangen, sie läßt dich gar nicht herein … und nachher hab’ ich auch keine Zeit mehr …»
«Wieso keine Zeit mehr?»
«Weil ich ausgehe.»
«Hm, erlaubst du … das ist kein sehr geeigneter Abend, um auszugehen … das verschiebst du doch besser!»
«Ich kann es nicht verschieben, es handelt sich nicht um mich allein …»
«Aha, Musik also? Hm!» Er blickte sie von der Seite her verächtlich forschend an.
Sie kehrte ihm mit einer entschiedenen Wendung schweigend den Rücken zu und lief weg. Einen Augenblick vorher hätte sie noch nicht zu sagen vermocht, wie sie den heutigen Abend verbringen werde; sie hatte ohne jede Überlegung geantwortet.
Hartmann schaute ihr einen Augenblick finster nach, wobei seine rotbraunen Kinnbacken über dem Uniformkragen in eine leise mahlende Bewegung gerieten, dann ging er rasch entschlossen zu Mama hinauf.
Die alte Frau Hartmann bewohnte mit zwei Dienstboten den oberen Stock und führte ein peinlich geregeltes, von tausend eingebildeten Plagen heimgesuchtes Dasein. Sie begann den Tag um acht Uhr mit merkwürdigen Turnübungen und einem darauf folgenden warmen Bad, dann kehrte sie ins Bett zurück und nahm das Frühstück ein, bis Fräulein Keller, eine wohlgenährte fröhliche Person mit einem goldenen Klemmer im rosigen Gesicht, zur Massage aus der Stadt eintraf. Gegen zehn Uhr erhob sie sich, und etwa eine Stunde darauf, nachdem sie von der Masseuse noch frisiert worden war, erschien sie in der häuslichen Öffentlichkeit. Von diesem Augenblick an bis zur Nachmittagsstunde, in der sie sich zur Ruhe hinlegte, erlebte sie fast nichts als Ärger und Sorgen, besonders im Hinblick auf Küche und Mittagessen. Vor dem Tee begann sie «Ordnung zu machen», eine Beschäftigung, die sich auf den hintersten Knopf erstreckte, und zum Tee selber empfing sie dann gelegentlich ihren Sohn oder die Schwiegertochter mit einem der Kinder. (Mit beiden Kindern zugleich durfte Gertrud nie erscheinen, da sich der Knabe sonst angeblich der Aufsicht entzog und fürchterliche Dinge anstellte.) Häufig fuhr sie daraufin die Stadt, um dies und jenes einzukaufen, wobei sie durch ihr umständliches Nörgeln und ihre Unentschlossenheit sich jedem Ladenmädchen unvergeßlich einprägte. Sogleich nach dem Nachtessen erschien Fräulein Keller wieder, der Massage folgten ausgedehnte Waschungen, und um zehn Uhr endlich begab die geplagte Frau sich seufzend zur Ruhe.
Als ihr Sohn eintrat, kam sie aus der Küche gelaufen, eine weißhaarige, noch immer sehr stattliche Erscheinung mit großen, anklagenden Augen in einem abgenutzten, leichenblaß gepuderten Gesichte. «Albrecht!?» rief sie mit erhobenen Händen, flehend und fragend zugleich, erschrocken über seinen Eintritt zu dieser ungewohnten Stunde.
«Guten Abend, Mama!» grüßte Hartmann. «Wie geht’s dir?»
«Ach, Albrecht, quäl mich nicht lange!» rief sie. «Sag mir lieber, was dich herführt!»
«Nichts von Bedeutung! Willy und Mathild sind da und lassen dich grüßen.»
«Albrecht, ich kann sie nicht empfangen, mein Gott … es ist ja viel zu spät, das weißt du doch … du machst ihnen das begreiflich, gelt, sei so gut! Und ich kann auch nicht hinunterkommen …»
Hartmann, der Mama jederzeit mit Geduld und Höflichkeit behandelte, nickte beruhigend. «Das sollst du auch gar nicht», sagte er. «Ich wollte dich nur bitten, uns das Gastzimmer zur Verfügung zu stellen …»
«Albrecht!!»
«Du wirst nicht das geringste damit zu tun haben, Mama, das kann ich dir versichern …»
«Nichts damit zu tun haben! Mein Gott, Albrecht, du hast ja keine Ahnung, was ein Haushalt ist. Und ich habe doch nur zwei Mädchen …!»
«Was soll ich machen, Mama? Unser Gastzimmer ist besetzt, Gertrud hat eine Freundin eingeladen. Soll ich Willy und Mathild wieder fortschicken?»
«Warum muß denn Gertrud eine Freundin einladen! Sie weiß doch …»
Hartmann entgegnete nun nichts mehr, er blickte Mama nur mit betrübter Miene an und wartete geduldig aufihre Zusage. Als die Frau dies merkte, rang sie die Hände, bat ihn, einen Augenblick zu warten, und kehrte hastig in die Küche zurück. Hartmann hörte sie verzweifelt klagen, weil in ihrer Abwesenheit die Köchin den Salat angerichtet hatte. «Ich habe Ihnen doch deutlich gesagt, Sie sollen warten!» rief sie. «Jetzt haben Sie’s verpfuscht …»
Als sie wieder herauskam, mit der Absicht, den Sohn in die Wohnstube zu führen, um ihm dort die Schwierigkeiten klarzumachen, trat Hartmann den Rückzug an. «Also danke, Mama!» sagte er rasch. «Ich werde es so anordnen, und du wirst gar nichts davon merken. Auf Wiedersehen!» Er nickte mit freundlicher Miene und zog schnell die Korridortüre hinter sich zu.
«Albrecht! Ihr richtet mich zugrunde!» rief sie ihm nach.
Er traf die neuen Gäste im Eßzimmer und wurde von seinem Vetter Willy sogleich in ein Gespräch über militärische Dinge verwickelt, im Augenblick, als von der andern Seite her Gertrud und Susi eintraten.
Gertrud stellte zuerst die Frauen einander vor. Susi streckte mit freudig bereitem, etwas schwärmerischem Lächeln rasch und ahnungslos die Hand aus, erlebte aber zu ihrem unaussprechlichen Ärger, daß die junge Frau auf diese herzhafte Art nicht einging.
Frau Mathilde war eine sehr aufrechte, schlanke Gestalt mit einem regelmäßigen Gesicht von strenger, offenbar bewußter Schönheit und mit prachtvollen, mild leuchtenden Schultern im flaumigen Rahmen einer weit zurückgeschobenen Boa. Ohne Susi mehr als die schlaffen Finger und ein kühles Nicken zu gönnen, wandte sie sich mit einer Bemerkung über den Reitunfall eines bekannten Offiziers an Gertrud, wobei sie mit der erhobenen, leicht aus dem Handgelenk fallenden Rechten lässig das eine Ende der Boa liebkoste. «Ich finde es bedauerlich», sagte sie. «Aber er hätte dieses Pferd niemals reiten dürfen, und man hat ihn ja auch vorher gewarnt.»
Gertrud empfand das Verhalten Mathildes als eine Beleidigung ihrer Freundin und war empört, aber zugleich ärgerte sie sich über Susis plebejische Zudringlichkeit. «Ach, das kann schließlich jedem passieren», erwiderte sie gereizt und wandte sich ab, um etwas zu flüchtig auch Susi und Herrn Frey einander vorzustellen.
Hauptmann Frey von Wurzach, ein mittelgroßer, kräftig gebauter Mann mit hohem, schmalem Schädel, spärlichem, in der Mitte gescheiteltem Haar und einer langen, steil abfallenden Nase gebärdete sich auch im Zivil durchaus als Offizier. Sein Rock war eng in die Taille geschnitten; er trug ihn zugeknöpft, hatte die Hände flach in die Seitentaschen geschoben und hielt sich äußerst gerade. Der hohe, steife Kragen erlaubte ihm nicht, den Hals frei hin und her zu drehen; wenn er sich im Gespräch nach rechts oder links zu wenden hatte, drehte er zugleich mit dem Kopf auch den Oberkörper herum. Vor Susi nahm er die Hände aus den Taschen, führte mit zusammengerückten Absätzen eine sehr knappe Verbeugung aus und sagte mit einem Lächeln, das Gertrud arrogant fand, völlig unbeteiligt: «Sehr angenehm!»
«Du kannst Willy gratulieren, Gertrud, er kommt zum Generalstab», bemerkte Hartmann mit der unentschiedenen, leicht ironischen Miene, die seine wahre Meinung weder recht verbarg noch preisgab.
«Na ja, dem entgeht man nicht», sagte Willy auf Gertruds kühl anerkennende Kopfbewegung überlegen lächelnd. Er hatte eine hohe, etwas näselnde Stimme, einen gemacht schneidigen Tonfall und die Gewohnheit, seine Mundart, die ihm nicht genügte, fortwährend mit hochdeutschen Brocken zu vermengen.
Nachdem die kleine Gesellschaft sich zum Essen hingesetzt hatte, nahm das Gespräch bald die unvermeidliche Wendung zum österreichisch-serbischen Konflikt, der als Folge des Attentats von Sarajevo alle Welt beschäftigte. «Serbien soll ja mobilisieren», sagte Frey. «Lächerlich!»
«Nicht ganz lächerlich!» wandte Hartmann ein. «Ein Volk, das derart provoziert wird wie jetzt die Serben … ob verdient oder nicht, ist eine andere Frage … hat sich vorzusehen. Man liest ja täglich von österreichischen Ausschreitungen gegen Serben; kein Wunder, wenn ihnen die Galle überläuft.»
«Na ja, aber die Serben sind doch eine Schweinebande! Ich bin fest überzeugt, daß sie alle mit den Attentätern unter einer Decke stecken. Und diese Mordbengel hatten ja eingestandenermaßen beschlossen, daß sie als Serben für ihr Land sterben wollten. Ausgezeichneter Heldentod, wenn solche Kanaillen für ihr dreckiges Wanzenparadies am Galgen baumeln!»
Hartmann lachte laut, fing zugleich einen erbitterten Blick Gertruds auf und beeilte sich, seinem Vetter zu antworten. Gertrud konnte ihre gereizte Stimmung schon nicht mehr verbergen, und die Gäste merkten es.
Das Essen war kaum zu Ende, als Frau Hartmann Gertrud dringend zu sich bitten ließ. Gertrud schickte das Kindermädchen hinauf und ging in ihr Zimmer, wo sie hastig eine unnötige, in diesem Augenblick sinnlose Beschäftigung mit den verschiedensten Dingen begann. Sie ordnete die Kinderkleidchen, die schon geordnet waren, legte für Albrechtli ein frisches Hemd bereit und rückte die Gegenstände auf dem Toilettentisch zurecht, bis jemand anklopfte.
Susi trat ein und kam mit erschrocken fragendem Blick rasch auf sie zu. «Gertrud, was ist mit dir? Mein Gott, du warst beim Essen so … Was hast du? Red doch, du bist ja ganz …»
Gertrud lief hinaus, ohne zu antworten. Im Eßzimmer, das Hartmann mit den Gästen bereits verlassen hatte, wurde sie vom Kindermädchen eingeholt. Frau Hartmann, meldete das Mädchen, habe oben im Gastzimmer die Bettwäsche auswechseln wollen, inzwischen sei aber Fräulein Keller gekommen, und das Zimmermädchen wisse nicht, wo sich der Schlüssel zum Wäscheschrank befinde, jetzt seien die Betten noch nicht angezogen …
«Nehmen Sie von unserer Wäsche!» sagte Gertrud, ergriff eine Schale mit kleinem Gebäck und trug sie hastig ins Wohnzimmer hinüber.
In diesem Augenblick öffnete Hartmann vom Gang her die Tür, ärgerlich, flüchtig, auf der Suche nach seiner Frau, während ihm Willy vom obern Stock herab mit schnarrender Stimme etwas zurief. «Du bekümmerst dich also um nichts mehr?» fragte Hartmann leise, im kalt drohenden Ton einer letzten Frage.
«Macht was ihr wollt, macht was ihr wollt!» schrie Gertrud.
«Schrei nicht!» zischte Hartmann und schloß eintretend rasch die Tür.
Gertrud zitterte, ihr Gesicht nahm den Ausdruck krampfhaften Weinens an. Sie fühlte, daß sie die Herrschaft über sich verloren hatte und nahe daran war, sinnlos loszuschreien. Hochatmend lief sie ins Kinderzimmer.
Hartmann folgte ihr sofort.
«Was willst du?» fuhr sie ihn an, wobei sie der schlafenden Kinder wegen die Stimme unwillkürlich dämpfte, und blickte ihm mit einem Haß in die Augen, der ihm über alle Worte und Vermutungen hinaus zum erstenmal etwas von ihrem wirklichen Zustande verriet.
«Ich habe mit dir zu reden, bitte setz dich!» antwortete er, und im nächsten Augenblick, als sie weglaufen wollte, packte er ihr Handgelenk.
«Laß mich!» fauchte sie und versuchte ihm die Hand zu entreißen, das Gesicht entstellt vor Wut.
Beherrscht, entschlossen, mit steinharter Miene stieß er sie vor sich her zum Diwan und ließ sie erst los, als sie den Widerstand aufgab und sich hinwarf. Er riegelte beide Türen ab, sah nach den Kindern, die im Schatten des abgedunkelten Lichtes lagen, und begann, während er sich ihr langsam näherte, in unterdrücktem Ton, aber zuerst noch jeden Satz heftig ausstoßend: «Jetzt wird Schluß gemacht. Mehr lasse ich mir nicht gefallen. Ich habe dir monatelang zugesehen, ohne ein Wort zu sagen, du hättest Zeit gehabt, Vernunft anzunehmen. Ich war auf Launen gefaßt und ich hätte noch länger gewartet. Aber daß du schließlich Skandal machen würdest, das habe ich nicht erwartet. Es ist abscheulich, wie du dich bei Tische benommen hast, und es war vorhin im höchsten Grade rücksichtslos, mich so anzuschreien, daß Willy und die Mädchen es hören konnten. Ich will keinen Skandal, verstehst du! Was zwischen uns vorfällt, bleibt unter uns. Das ist das Wenigste, was ich von dir verlangen kann, aber das verlange ich. Über Willy und Mathild magst du denken wie du willst, aber wenn sie unsere Gäste sind, hast du sie als Gäste zu behandeln. Eine Schande, wie du uns bloßgestellt hast! So etwas ist mir vollkommen unbegreiflich …»
Gertrud verbarg das Gesicht im Arm und schluchzte vor Mitleid mit sich selber. Hartmann war nie ein sanfter Gatte gewesen, aber daß er ihr auch auf diese lieblose Art Gewalt antun könnte, hatte sie nicht erwartet. Sie fühlte sich grenzenlos entwürdigt und hörte nicht auf seine Vorwürfe. Plötzlich aber begann er von «diesem Herrn Pfister» zu sprechen. Ihre erste Regung war, aufzufahren und ihm jedes weitere Wort zu verbieten. In diese zarteste Beziehung einzudringen hatte er kein Recht, es war ein roher Übergriff in das Reich ihrer Seele, ihrer einzigen Heimat in der Fremde dieser Ehe. Aber sie war kaum imstande, sich auch nur zu regen, und begann unter seinen erbarmungslosen Worten den Atem anzuhalten wie unter Stockhieben auf ausgesucht empfindsame Stellen.
«Ich wollte noch nicht darüber reden, aber einmal muß es heraus», fuhr er fort. Er sprach noch immer in gedämpftem Ton, aber ruhiger, bestimmter, vom Bestreben erfüllt, ihr jetzt ein für allemal knapp und klar seine Meinung zu sagen. «Du hast Beziehungen zu diesem jungen Mann … wenn man ihm Mann sagen darf. Wie weit diese Beziehungen gehen, kann ich nicht wissen, ich habe keine Beweise. Aber so etwas sieht und spürt man. Man kann’s euch von den Augen ablesen. Merke dir nun bitte folgendes: Wenn dieser Herr sich hier noch einmal zeigen sollte, werde ich ihn hinausohrfeigen. Diese Beziehungen haben aufzuhören. Ich werde sie unter keinen Umständen länger dulden. Und es wird auch nicht weitergemogelt. Ich will eine vollständig klare Situation haben. Bist du dazu nicht bereit, so bleibt dir logischerweise nur übrig, die Scheidung zu verlangen. Dann kommt es zu einem Skandal, über den ganz Zürich reden wird. Die Schuld daran wirst du allein zu tragen haben, denn mir kannst du nicht das geringste vorwerfen, was dich vor Gericht rechtfertigen würde. Du wirst dich auf jeden Fall im Unrecht befinden, auch vor der Öffentlichkeit. Alle anständigen Leute werden auf meiner Seite stehen, deine Eltern mit eingeschlossen. Auf deiner Seite wird nur dieser blasse Jüngling stehen, ein Dichterling, soviel ich weiß, ein armer Schlucker. Ich bin überzeugt, daß auf die Dauer für dich dabei nichts herauskommen würde als eine Blamage. Damit bin ich fertig. Ich werde nicht mehr davon anfangen, außer wenn du selber es wünschest.» Mit einem letzten erzürnten Blick wandte er sich von ihr ab und ging ruhig hinaus.
Gertrud richtete sich mit geröteten Augen und verwirrtem Ausdruck langsam auf, horchte eine Weile und erhob sich plötzlich, um die Tür, durch die er das Zimmer verlassen hatte, abzuriegeln. An der Tür blieb sie, rasch und aufgeregt atmend, einen Augenblick stehen, um abermals zu horchen, dann überzeugte sie sich, daß auch an der andern Tür der Riegel vorgeschoben war. «Ich bin fertig mit diesem Mann», dachte sie. «Ich werde nie, nie mehr etwas mit ihm zu tun haben. Daß er derart roh und rücksichtslos sein könnte, hätte ich nicht erwartet … oder doch, ich habe es geahnt, ich habe gewußt, daß es so enden werde … Und jetzt wälzt er alle Schuld auf mich. Das ist unerhört, sogar wenn er einen Grund dazu hätte … aber er hat keinen Grund, er ist grauenhaft ungerecht, er unterschiebt mir irgendetwas und stößt mich weg, ohne auch nur danach zu fragen … Beziehungen zu Albin? Aber was habe ich denn getan? Ich habe nichts getan … Und selbst wenn Albin mich lieben würde … aber was weiß ich denn, was weiß ich? Er hat nie ein Wort gesagt, er hat nur …» Ohne genau zu bedenken, was er denn eigentlich getan habe, erinnerte sie sich jetzt an die paar Augenblicke, in denen sie seine reine, scheu zurückgehaltene Liebe gespürt hatte; aber es widerstrebte ihr sofort, mit dem Verstand daran zu rühren wie an etwas Meßbarem. «Nein, das soll er mir nicht beschmutzen! Das steht turmhoch über alldem, was hier geschehen ist, und Albin selber steht turmhoch über ihm. Ein Dichterling, ein armer Schlucker! Wie brutal er mir das hingeworfen hat! Ja, er ist brutal, er hat mich behandelt, wie man kein Dienstmädchen behandeln würde. Und dazu spricht er noch von Scheidung!»
Bei diesem Gedanken wurde ihr schwach und kalt. Weder vor noch während ihrer Bekanntschaft mit Albin hatte sie jemals an diese Möglichkeit gedacht, wie sie denn überhaupt nichts mehr auf irgendwelche Folgen hin bedacht, sondern aus lauter Angst vor der Zukunft nur noch von einem Tag in den andern hinübergelebt hatte.
Sie setzte sich auf den Diwan, aber im nächsten Augenblick erhob sie sich aufgeregt wieder. «Ich kann nicht hier bleiben, sonst werde ich verrückt … es muß etwas geschehen … Ach, was soll ich tun, was soll ich tun?» Ihr nächster Gedanke war, Mama aufzusuchen und ihr alles zu bekennen, aber sie sagte sich sogleich, daß Mama für das Verzweifelte ihrer Lage kein Verständnis hätte. «Sie würde mir nur Vorwürfe machen und gar nicht begreifen, wie furchtbar es für mich ist … und wenn ich sagte, daß Albin … sie würde es niemals begreifen … sie kennt Albin nicht, und wenn sie ihn dann mit diesem Menschen vergliche, den sie ja für einen Edelmann hält … nein! Albin ist ja tausendmal mehr wert als dieser Mensch, der mir den Umgang mit ihm verbieten will … Verbieten! Als ob ich seine Leibeigene wäre! Niemals! Überhaupt … ich wollte zu Junods fahren, und er soll mich nicht daran hindern … er weiß, daß ich Albin treffen will, und wenn ich jetzt hierbleibe … diese Genugtuung soll er nicht haben … ja, ich muß Albin treffen, das ist das einzige, was ich jetzt tun kann …»
Zu welchem besondern Zweck sie ihn jetzt treffen und was sie ihm sagen wollte, war ihr durchaus unklar, aber sie klammerte sich zuletzt an diesen Gedanken wie der Ertrinkende an den nächsten festen Gegenstand, der die Flut überragt, gleichgültig, ob er dadurch gerettet werde oder nicht.
5
Hastig begann sie Kleid und Haare in Ordnung zu bringen, wusch sich die Augen, klingelte dem Mädchen und ließ einen Taxi bestellen. Sie benutzte die erste Gelegenheit, das Haus unbemerkt zu verlassen, und wartete in der Dämmerung des Gartens auf den Wagen. Auf der ganzen Fahrt wurde sie alsdann von der dunklen Vorstellung begleitet, daß ihr eine entscheidende Stunde bevorstehe, die all das Gemeine, Erniedrigende tilgen werde; erst vor dem ihr wohlbekannten Hauseingang erwachte sie zum nüchternen Bewußtsein, daß sie sich vorläufig nicht zu Albin, sondern in Gesellschaft begab, wo sie Haltung bewahren und eine unbefangene Miene zeigen mußte.
Sie wurde von Tante Klara, der Frau des Professors, im Hausgang empfangen und leise in die Wohnstube geführt. Aus dem Salon herüber drang der etwas rauh gespielte letzte Satz eines Streichquartetts. «Wie nett, daß du doch noch gekommen bist!» sagte Frau Klara langsam und blickte sie freundlich an.
«Ja, es ging wirklich nicht früher», erwiderte Gertrud. «Willy und Mathild Frey übernachten bei uns, und dabei war das Gastzimmer schon besetzt … es ist noch eine Freundin bei mir … ich hatte entsetzliche Scherereien, ich bin noch ganz konfus …»
«Ach, du Armes … ja, das kann man sich denken … komm sitz erst ein wenig ab!»
Gertrud war nahe daran, dieser gütig heitern, in menschlichen Dingen erfahrenen und verständnisvollen Frau unvermittelt alles zu gestehen. Aber in diesem Augenblick fragte Frau Klara neugierig nach dem Ehepaar Frey von Wurzach; sie mußte antworten, und der Augenblick kam nicht wieder.
Sie gingen in den Salon hinüber, wo Gertrud bei den Pulten rasch die vier Streicher begrüßte, den Professor, Albin, ihre Brüder Severin und Paul. Ohne sich in ein Gespräch einzulassen, trat sie zurück und stand plötzlich vor Fred, der sich mit der Hilfe eines Stockes schmunzelnd vom Sofa erhob. «Was, du bist auch da?» fragte sie erstaunt. «Wie geht’s mit dem Fuß?»
«Oh, ganz ordentlich … ich muß auf höheren Befehl noch die Krücke da brauchen, aber … es geht auch ohne.»
Gertrud setzte sich in das andere Ende des Sofas, zur Rechten der Hausfrau, die auf einem Stuhle Platz nahm, und erkundigte sich bei Fred nach den Eltern.
Als die Streicher unmittelbar vor dem Beginn eines neuen Quartetts noch einmal leise die Stimmung der Saiten prüften, bemerkte sie, daß Albin, mit dem Kinn die Geige haltend, sie von unten her kurz und forschend anblickte. Sie spürte sogleich, daß sie errötete, wandte den Blick ab und schaute nicht mehr hin. Während des Spieles saß sie mit geschlossenen Augen da, in einer Beklommenheit des Herzens, die sie vorerst nur undeutlich zur Besinnung kommen ließ, was und wie gespielt wurde. Die gewohnte Umgebung aber, die wechselnden Sätze einer bekannten und geliebten Musik, der Zwang, in den Pausen zu plaudern, und alle diese vertrauten Gesichter entrückten sie doch ihrem wirren Zustand ein wenig.
Als sie aber nach dem Abschied mit Albin und den Brüdern auf die beleuchtete Straße hinaustrat, stürzte sofort wieder die ganze heillose Wirklichkeit auf sie ein.
Sie drückte den Brüdern flüchtig die Hand, beteuerte noch einmal, daß sie zu Fuß nach Hause gehen wolle und wurde von atemhemmendem Herzklopfen befallen, weil sich jetzt sogleich entscheiden mußte, ob Albin sie begleiten oder verlassen werde. Indessen nahm sie von ihm nicht Abschied, sondern blickte ihn an, ohne sich zu gestehen, daß sie ihn damit zur Begleitung geradezu aufforderte. Der eben noch Unentschiedene bat denn auch wirklich darum. Um ihre Erregung zu verbergen, begann sie, nachdem sie freundlich dankend angenommen hatte, sofort von gleichgültigen Dingen zu reden.
Albin war nach dem unvermittelten Ende jenes Gespräches vor dem Bücherschrank und dem darauffolgenden Abschied, bei dem, wie er meinte, Gertrud ihm die Hand verweigert hatte, zur Überzeugung gekommen, daß die junge Frau sich jede mehr als freundschaftlich-gesellige Annäherung verbitten werde. Er hatte es selbstverständlich gefunden und sich trotz seinem absichtlosen Verhalten geschämt, daß er zu weit aus sich herausgegangen war. Mit dem unbedingten Anstand des völlig lautern Menschen und mit seinem besonderen Stolze hatte er beschlossen, das zweifellose Recht Hartmanns auf die ungeteilte Liebe seiner Frau mit keinem Gedanken anzutasten, die Frau selbst unmerklich zu meiden und mit seinen Gefühlen allein fertig zu werden. Während er jetzt, den Geigenkasten unter dem linken Arm, neben ihr dahinschritt, erlebte er die zwiespältigsten Empfindungen; ihre Gegenwart berückte ihn unweigerlich und gaukelte ihm das aufwachende Verlangen wieder als verheißungsvoll und berechtigt vor, obwohl er wußte, daß es hoffnungslos war. Er brannte und es tat weh; aber statt das Feuer zu fliehen, blieb er ihm nahe. Während ihn diese bittersüße Erkenntnis keinen Augenblick verließ, unterhielt er, um seine Befangenheit zu verbergen, mit allem Eifer das von Gertrud begonnene, harmlos nichtige Gespräch.
Sie hatte für den Heimweg die stilleren Straßen gewählt und bog jetzt in einen menschenleeren Weg ein, der sich bei spärlicher Beleuchtung lang auf gleicher Höhe hinzog und zwischen Villen hindurch immer wieder einen Blick hinab auf die Lichter der nächtlichen Stadt gewährte. Dieser Weg kreuzte die Straße, an der sie wohnte; es war nicht mehr weit dahin. «Ach Gott, er kommt mir mit keinem Wort entgegen», dachte sie verzweifelnd, während sie in mattem Tone davon sprach, wie schön es hier am Abend sei, wenn die Stadt da unten im Zwielicht liege.
«Ja, nicht wahr?» antwortete er. «Das habe ich oft erlebt. Wenn die Häuserformen so langsam zurücktreten … jedes neue Licht vertieft die Dunkelheit … und der See hat dann manchmal ganz merkwürdige Färbungen …»
«Ja.»
«Überhaupt, es gibt hier ringsum wundervolle Aussichtspunkte … und die Stadt hat bei jeder Tageszeit ihren besonderen Reiz. Haben Sie schon gesehen, wie sie erwacht, am frühen Morgen?»
«Ja.»
«Ich hab’ es kürzlich gesehen. Sie trat zuerst etwas grau und nüchtern aus der Dämmerung heraus … aber dann lag sie im hellern Licht eine Weile so herrlich still und frisch da unten … das erste Geräusch kam von einem einfahrenden Zug, der mit seinen Lichtern sonderbar übernächtig wirkte … aber fast genau mit der Sonne wurde es laut … Tram, Milchwagen, Hundegebell, allerlei hörte man jetzt, aber gut unterscheidbar, noch nicht als dumpfes Brausen wie untertags … und die Dächer, die höhern Mauern und die Türme strahlten hellgoldig … schön!»
Sie antwortete nicht, aber bei jedem Schritte zögerte sie etwas mehr, und schließlich blieb sie stehen.
Albin verstummte und blickte sie höflich fragend an.
«Ach, ich dachte … ich bin gleich zu Hause …» Sie begann wieder zu gehen. «Ja … könnten wir nicht einmal nachmittags zusammen musizieren? Ich habe mit Paul manchmal Sonaten gespielt, und wenn Sie Lust hätten …?»
«Ich hätte, offen gestanden, wohl Lust», begann er verlegen, «aber … ich kann ja viel zu wenig … es wäre für Sie kein Genuß …» Da sie schwieg, fuhr er fort, sich zu entschuldigen.
«Ist das der einzige Grund?» fragte sie kleinlaut.
«Nein!» antwortete er nach kurzem Zögern, und sowie er das gestanden hatte, entschloß er sich, des Versteckspielens müde, die Wahrheit zu gestehen, wie sie auch wirken möge. Während er aber bis zu diesem Augenblick mit freundlich schüchterner Miene ruhig, klar und folgerichtig gesprochen hatte, brachte er sein Bekenntnis jetzt nur stoßweise und ohne rechten Zusammenhang heraus, wobei er sich nicht an seine Begleiterin wandte, sondern mit angestrengter Sammlung ein aufgeregtes Selbstgespräch zu führen schien. «Nein, der Hauptgrund … der einzige wirkliche Grund ist der, daß ich … Ich bin es Ihnen und Ihrem Manne schuldig, mich zurückzuziehen … und ich tue es auch wegen mir, weil es keinen Sinn hat, mich einem Erlebnis auszusetzen, das mich … ich meine, ich habe ja dies Erlebnis nicht gesucht, ich habe nur auf einmal gemerkt, daß es so ist, daß ich also … daß ich Sie lieb habe …»
Gertrud spürte, wie ihr Körper von einer heißen Welle durchflutet wurde, die ein gleichsam überstürztes Glücksgefühl war und sie zugleich in die ärgste Beklommenheit versetzte. Mit glühendem Gesichte begann sie, rasch und stoßweise durch die geöffneten Lippen atmend, den Schritt so zu beschleunigen, als ob sie ihrem Begleiter davonlaufen wollte. Albin faßte es als Zeichen des Erschreckens und der Mißbilligung auf, aber er blieb an ihrer Seite und versuchte ihr eindringlich klar zu machen, daß er dies alles nur zu seiner Rechtfertigung gestehe und sie in keiner Weise damit zu belästigen wünsche. Erst vor dem Hause, als sie nicht anhielt, sondern, den Schritt wieder mäßigend, die Straße hinab neben ihm weiterging, erkannte er ihre Bereitwilligkeit, ihn anzuhören.
«Ich habe nie daran gedacht, daß mein Gefühl erwidert werden könnte … oder doch nicht im Ernst … das heißt, ich habe nie damit gerechnet», fuhr er fort, schwer bemüht, seine Lage möglichst genau darzustellen, und zugleich verlegen vor Scham über ein so ungewohntes Bekenntnis. «Ich weiß nur, daß Sie mir sehr freundschaftlich gesinnt sind, sonst weiß ich nichts Bestimmtes. Aber angenommen, daß Sie mehr für mich empfinden als Freundschaft … wo könnte das hinführen? In Ihren Kreisen bin ich eine unglückliche Figur, ein Sonderling ohne Besitz und Einkommen … Sie würden mir gegenüber gewisse bürgerliche Hemmungen niemals verlieren … obwohl Sie nach meiner Meinung weit über dem Durchschnitt stehen. Außerdem … ich würde es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren können, mich zwischen Sie und Ihren Mann zu drängen. Es käme nichts Ganzes dabei heraus und … ich habe auch meinen Stolz, ich würde verzichten, wenn ich etwas Halbes vor mir sähe. Ich wäre in jedem Fall Ihnen gegenüber nur der Bettler … und Liebe darf kein Almosen sein … Entschuldigen Sie, daß ich mich so ausdrücke, als ob … als ob überhaupt jemals eine Möglichkeit bestanden hätte … aber ich möchte, daß Sie sich über meinen Rückzug ganz klar sind. Ich will jetzt gehen … es hat keinen Zweck, länger darüber zu reden. Gut’ Nacht!» Er streckte zögernd seine Rechte aus. «Und noch einmal, bitte entschuldigen Sie diese …»
Mit mühsam beherrschter Miene blickte sie ihn an, ergriff seine Hand und drückte sie fest, worauf er, verstummend, sich sogleich abwandte, aber nicht den geraden Heimweg auf der weithin sichtbaren Straße einschlug, sondern wie auf der Flucht vor ihrem Blick im nächsten Seitenweg verschwand.
Gertrud kehrte langsam um, von unüberwindlicher Müdigkeit befallen, so langsam, als ob sie hier geduldig auf jemand wartete. «Alles aus!» dachte sie. «Er hat recht, er kann nicht anders handeln … Liebe darf kein Almosen sein … ach Gott, hätte ich ihn doch nicht … warum mußte ich ihn herausfordern! Jetzt ist für mich alles zu Ende … was noch kommt, hat ja keinen Sinn mehr … wozu gehe ich in dieses Haus zurück?» Sie hielt an, nicht wie man freiwillig anhält, sondern allmählich, schleppend, wie aus Erschöpfung, und jetzt, zum ersten und einzigen Mal in ihrem Leben, kam ihr der Gedanke, zu sterben. Aber sogleich erschrak sie davor, wie sie vor dem Gedanken an die Scheidung erschrocken war. Sie dachte an ihre Eltern, an die Kinder, an ihre geliebte Welt, an die schönern Tage ihres Lebens, und wußte, daß sie es niemals freiwillig tun würde. «Nein, nein, es wäre grauenhaft, ich will weiterleben, mag auch alles noch so trüb und sinnlos sein!» dachte sie tief beunruhigt und stieg von der Straße rasch die Stufen zum Garten hinauf.
6
«Es ist ein Unsinn, ich habe keine Ahnung von einem Schützenfest», sagte Paul gequält. Er stand in lässiger Haltung vor seinem Bruder und blätterte angewidert ein paar Drucksachen auf, Schießplan, Festschrift, Programme.
«Ich habe dir schon gesagt», erwiderte Severin und unterbrach seine Arbeit ärgerlich zum zweitenmal, «wir müssen einen Bericht über das Kantonalschützenfest bringen, und wir haben keinen eigenen Berichterstatter dort …»
In diesem Augenblick kam Schmid mit ein paar Papierstreifen eilig aus der Rauchkammer herüber. «Der Text des Ultimatums!» sagte er lächelnd.
«Endlich!» rief Severin in einem Ton, als ob Schmid an der Verzögerung schuld wäre, nahm die Papiere entgegen und begann sie sogleich zu lesen.
«Scharfer Tabak für eine Wiener Note, in Belgrad werden sie einen schönen Schnupfen bekommen.» Mit diesen Worten verschwand Schmid so eilig wie er eingetreten war.
Paul kehrte ebenfalls in die Nebenstube zurück, schmiß die Drucksachen auf einen Haufen anderer Broschüren und setzte sich vor das Manuskript eines von Severin angenommenen Feuilletonromans, zu dem er ein kurzes Vorwort schreiben sollte. Er befand sich in seiner bittersten Stimmung, das heißt, er fühlte sich auf unerträgliche Weise angeödet, und war schon halbwegs entschlossen, weder dies Vorwort zu schreiben, noch das Schützenfest zu besuchen. Während er mit Überwindung weiterlas, kam unerwartet Severin herüber und lief zum Telefonkasten, den er aus seinem Büro hieher verbannt hatte.
Severin läutete die Agentur an und bat um die mündliche Wiederholung einer undeutlich geschriebenen Stelle des Notentextes. «Wenn Sie uns schlechte Abzüge schicken, so ist das nicht unsere Schuld», sagte er trocken verweisend, nachdem er die Antwort stenographiert hatte. «Wir haben hier keine Zeit, Rätsel zu lösen. Und hören Sie! Wenn Sie im Verlauf dieser Stunde noch Auslandnachrichten bekommen, so telefonieren Sie doch bitte sofort, nicht wahr!» Er hatte kaum den Hörer angehängt, als er auf Pauls Tisch das Manuskript bemerkte und mit einem zornig erstaunten Ausdruck stehenblieb. «Das ist doch eine verfluchte Schlamperei!» sagte er heftig, ohne seine Haltung zu ändern. «Der Roman sollte längst im Satz sein. Wenn du keine Einleitung zustande bringst, so laß es bleiben!» Damit trat er entrüstet ab.
Schmid sah sich lächelnd nach seinem jungen Kollegen um.
Paul zerdrückte seine Zigarette im Aschenbecher, ohne eine Miene zu verziehen, dann nahm er ein Blatt Papier vom Block und begann entschlossen zu schreiben: «Die bekannte hochverehrte Autorin unseres neuen Romans schildert die Schweiz im Chaletstil. Es geht so recht behaglich, so recht sauber, so recht freundlich zu. Wir zweifeln nicht, daß unsere Leser sich angeheimelt fühlen werden. Das Kleine bleibt klein, das Große auch. Die Vergangenheit wird anhand von Spinnrädern, Schulbüchern und Großmuttermärchen wachgerufen. Sie erwärmt das Herz. Die Gestalten lieben einander und ihr Ländchen. Ein inniges, sinniges, trautes Beisammensein. Vaterländchen! Heimatchen! Schweizlein!» Mit einem saueren Grinsen erhob er sich und begann rauchend durch den engen Raum zu gehen. «Was meinen Sie, Herr Schmid, könnte man sich in München oder Berlin als freier Journalist einigermaßen durchschlagen?»
Schmid blickte freundlich auf, dann kratzte er sich in den Haaren. «Hm … schwierige Sache, am Anfang wenigstens. Man müßte schon mit ganz gerissenen Dingen kommen … Versuchen Sie lieber zuerst, von hier aus Verbindungen anzuknüpfen. Wenn man Sie nicht kennt, werden Sie nicht so rasch ankommen. Übrigens ist die Luft dort faul, warten Sie ab!»
Paul setzte sich von neuem hin und erwog, was er schon dutzendmal erwogen hatte, ob er nicht doch ohne Papas Geld im Ausland leben könnte, dann warf er sein Vorwort in den Papierkorb und trug den Roman in die Setzerei.
Am Sonntag darauf, zu Hause beim Frühstück, fragte ihn Fred scherzhaft, ob er zum Schützenfest mitkomme.
«Zum Kantonal-Schützenfest? Ja, fährst du denn hin? Du, das ist ja ausgezeichnet! Du könntest mir für den ‹Ostschweizer› einen Bericht schreiben, du bekommst …»
«Ich? Du bist ja verrückt!»
«Warum nicht? Du verstehst offenbar etwas davon und könntest …»
«Quatsch! Ich fahre in den Rusgrund. Am Schützenfest liegt mir eigentlich nichts … aber komm’ mit, dann sehen wir uns den Rummel zusammen an!»
«Hm … ich werde dazu genotzüchtigt, weißt du … wenn ich nicht hingehe, schmeißt mich Severin bei der nächsten Gelegenheit hinaus, und dann hab ich Papa wieder auf dem Buckel. Auf die Dauer werde ich allerdings lieber im Ausland Hobelspäne fressen als zum schweizerischen Festberichterstatter versimpeln.»
«Und ich würde bald lieber Hobelspäne fressen als weiterstudieren. Du kannst wenigstens froh sein, daß du fertig bist. Ich habe nicht das Gefühl, daß ich jemals fertig werde …»
«Ach! Man kann ein Jahr lang froh sein, und dann geht eine neue Schweinerei los … Aber du wirst dich doch irgendwie durchschlängeln können?»
«Du hast eine Ahnung! Als Jurist oder Philologe kann man sich schlängeln, bei uns nicht.»
«Aber Naturwissenschaft wäre doch immerhin …»
«Ja, was? Ha! Zuerst kommt eine Wüste, auf der nur Formeln wachsen … es ist zum Verdursten … und nachher spezialisiert man sich auf die Erforschung eines Fliegendrecks. Ich behaupte ja nicht, besonders viel Talent zu haben, aber entweder bin ich ein dummer Löli, oder dann …»
«Nein nein, weißt du … ich könnte dasselbe von mir sagen. Aber es liegt nicht an uns. Es ist ja alles faul … wir sind nicht die Einzigen, die das riechen. Wir sitzen jetzt da so schön bequem beim Morgenessen, nicht wahr … Porzellan, Silberbesteck, Bedienung, warmer Kaffee, Röllchenbutter, frische Gipfel … nichts zu maulen! Mama ist in der Kirche, es lebe die Christenpflicht! Papa ist noch im Nest … hoch die Freiheit! Und jetzt fahren wir also zum Schützenfest. Wir leben im Paradies, mein Lieber! Aber dieses Paradies stinkt zum Himmel, und wer eine etwas feinere Nase hat, der hält es nicht mehr aus. So liegt die Sache.»
Fred rollte die Serviette zusammen, steckte sie in den Ring und erhob sich lächelnd, ohne zu antworten. Er kannte Pauls Ansicht in dieser Beziehung und hörte sie nicht ungern, sie rechtfertigte auch ihn, doch er traute ihr nur halb und war geneigt, allenfalls ein Teilchen der Schuld, mit der man in Literatenkreisen die Zeit belud, auf sich zu nehmen. «Wir müssen gehen, du! Ich hole noch schnell den Koffer … ich bleibe ein paar Tage im Rusgrund.»
Als die zwei unzufriedenen Brüder sich dem Bahnhof näherten, drang ihnen der rauschende Marsch einer Blechmusik entgegen, die auf dem freien Platz neben dem Gebäude spielte. Die Julisonne strahlte schon mittägliche Wärme aus dem wolkenlosen Himmel. Der Bahnhof war von aufgeräumt plaudernden und lachenden Schützen dicht besetzt.
«Ein prächtiger Morgen!» höhnte Paul. «Es ist ja vorauszusehen, was sich weiter entwickeln wird. Radau, Schweiß und Blechmusik. Wenn du einverstanden bist, nehmen wir Zweite.»
Ein langer Zug fuhr ein, und die Masse der Schützen ging über ein freies Geleise hinweg zerstreut auf die Wagen los. Die Brüder bestiegen ganz hinten ein leeres Abteil zweiter Klasse, aber sie hatten sich kaum niedergelassen, als vom Nachbarwagen her lärmender Andrang einsetzte und ein beleibter Mann die Schiebetür aufriß. «Oha, Zweite!» sagte der Mann wohlgelaunt in tiefem Baß und blieb zögernd stehen, aber die Nachdrängenden schoben ihn vorwärts, besetzten das Abteil unbedenklich und legten ihre Gewehre der Länge nach, den Sitzraum überbrückend, auf die Netzstangen. Neben Paul nahm ein magerer, spitznasiger Sportsmann in Kniehosen Platz, neben Fred ein mürrisch blickender, einfacher Mann mit buschigem Schnurrbart, zwei offenbar ernstlich beflissene Schützen, die auf der ganzen Fahrt ruhig über den Sektionswettkampf sprachen und nur manchmal leise lächelnd nach einem übermütigen Burschen hinsahen, der mit lauten Späßen die Gesellschaft unterhielt. Eine Weile hörte man den dicken Herrn mit dem Baß gutmütig auf die Eisenbahner schimpfen, die zu wenig Drittklaßwagen bereitgestellt hatten, dann ging dort das Gespräch auf die Weltlage über, und der Bassist behauptete, Österreich könne den Krieg gegen Serbien unmöglich eröffnen, wenn Rußland nicht neutral bleibe. Indessen wurde die vordere Tür heftig auf- und zugeschoben, eine trockene Stimme rief: «Alle Billets gefälligst!» Die Schützen griffen nach ihren Fahrkarten, aber es war der Spaßvogel, der gerufen hatte. Ein fröhlicher Lärm entstand, der von keiner Rücksicht auf allfällig mitfahrende Zweitklaßgäste mehr beherrscht wurde.
Bei der Ankunft am Festort dröhnte ein zu schnell gespielter Marsch der Ortsmusik durch die offenen Fenster des Wagens, auf der Bahnhofstraße standen die Vereine mit ihren Fahnen zum Zuge geordnet, und vor der Wartehalle hob sich eine große bunte Gruppe von der Masse des Publikums ab.
Fred zog Paul inmitten der aussteigenden Schützen am Ärmel zu dieser Gruppe hin und erklärte dem widerwillig Folgenden, was «dieser ganze Zauber» zu bedeuten habe. «Das Orrrganisations-Komitee des letzten Kantonalschützenfestes», sagte er mit großen Augen scherzhaft wichtig, «überbringt dem Organisations-Komitee des gegenwärtigen Festes die Kantonalfahne. Aber der Hauptakt spielt, glaub’ ich, auf dem Ortsplatz. Hier wird nur abgeholt. Die Herren im schwarzen Wichs mit den Rosetten sind Komiteemitglieder … es gibt übrigens ein paar hundert Komitees … und die Mädels in den Trachten sind Ehrendamen. Lisi ist auch darunter, soviel ich weiß … dort, dort, zu äußerst rechts, siehst du sie?»
Während beim schneidigen Schmettern der Blechmusik die feierlich aussehenden Herren der beiden Komitees sich begrüßten, die Ehrendamen den Ankömmlingen Wein in silbernen Bechern kredenzten und der Fähnrich mit der Hilfe eines Befrackten die Stangen der Kantonalfahne zusammenschraubte, versuchten die Brüder, näher heranzukommen, aber sie wurden abgedrängt und begaben sich auf den Weg zur nahen Ortschaft.
Die Straße dahin war beflaggt und wurde zwischen den ersten Häusern von einem bunten Triumphbogen überbrückt, auf dessen efeuumranktem Kartonschild ein gereimter Spruch die Schützen «von nah und fern» willkommen hieß. Die Brüder schritten eben unter dem Bogen durch, als der Zug vom Bahnhof her sich in Bewegung setzte, und da sie die Dorfstraße von wartenden Zuschauern gesäumt sahen, traten sie schon hier beiseite. Während in der Nähe eine Kanone Schuß um Schuß zu lösen begann, rückte die festliche Kolonne, von blau und weiß gewandeten Halbartenträgern eröffnet, mit Marschmusik heran. Dröhnend zogen die Bläser vorbei, die Ehrendamen tauchten auf, fest im Schritt, mit einem fröhlich verlegenen Lächeln, und hinter ihnen schwang ein von der Ehrenwache begleiteter mächtiger Fähnrich das kantonale Banner in der unbewegten Sonntagsluft mit ernster Miene hin und her. Neugierig schmunzelnd blickte Fred seiner Base entgegen, und plötzlich sah Lisi auch ihn; mit einer impulsiven Bewegung hob sie, den Becher schüttelnd, die Rechte und rief unbedenklich laut «Salü Fred», indes ihr ohnehin gerötetes lachendes Gesicht unter der Rundhaube noch mehr erglühte und ihre Beine unter dem schwarzseidenen, von einer bunten Schürze bedeckten Rock aus dem Schritt gerieten. Die übrigen Ehrendamen blickten lächelnd nach dem Gegrüßten hin. Fred schaute der Gruppe nach und sah belustigt, wie Lisi, an der Schnürjacke nestelnd, den Schritt wieder suchte, auf irgendwelche Bemerkungen antwortete und sich auf einmal stramm ausschreitend in die Brust warf. Neue Gruppen, neue Banner folgten, und mit angehängtem Gewehr zog die Masse der Zürcher Schützen vorbei.
Immer mehr Zuschauer begannen den Zug zu begleiten. Fred schob den Bruder schlendernd am Arm neben sich her und fragte spöttisch, ob er nicht bald für seinen Bericht Notizen machen wolle. Paul antwortete nur mit einem hämischen Grinsen. Auf dem von Giebelhäusern umstellten, mäßig großen Platze war der feierliche Akt der Fahnenübergabe schon im Gang, aber die Brüder blieben im Gedränge stecken und sahen nicht viel davon. Jemand hielt eine Rede, aus der nur einzelne Brocken verständlich waren. Der nächste Redner jedoch begann unerwartet so laut und energisch, daß die Leute überall lächelnd die Hälse reckten, um den stimmgewaltigen Mann nicht nur zu hören, sondern wenn möglich auch zu sehen. Der Redner versicherte nach einem kurzen lokalhistorischen Rückblick, es sei für die hiesige Schützengesellschaft sowie für die ganze Gemeinde eine hohe Ehre, das Fest durchführen zu dürfen. Jeder Schütze, jeder Einwohner sei sich dieser Ehre bewußt und werde alles daran setzen, das ihm erwiesene Vertrauen zu rechtfertigen. In diesem Sinne nehme er das kantonale Banner entgegen und gelobe im Namen seiner Gesellschaft, es bis zum nächsten Kantonalfest in treuer Obhut zu halten. Die Rede fand kurzen, kräftigen Applaus, die Musik blies einen Marsch, Vereinspräsidenten riefen nach ihren Leuten, die Menge geriet in Bewegung.
«Jetzt ziehen sie auf den Schießplatz, zum Bankett in der Festhütte», erklärte Fred. «Sehr wichtig für dich! Ich meinerseits würde lieber hier im ‹Löwen› essen.»
Paul nickte schweigend, mit einer Miene, als ob ihm jetzt schon alles einerlei sei, und so betraten die Brüder das nahe Gasthaus, wo sie in der voll besetzten Stube mit Not an einem kleinen Winkeltische Platz fanden und erst nach geduldigem Warten von einer Kellnerin hastig bedient wurden. Fortwährend erschienen neue Gäste, blieben eine Weile beratend unter der Türe stehen und entfernten sich wieder. Fred machte, mit einem Auge zwinkernd, den Bruder auf eine Gruppe von Schützen aufmerksam, die offenbar vom Festplatz kamen und ihr Programm geschossen hatten. Sie versperrten mit angehängtem Gewehr den Eingang, indes der vorderste, ein in mittleren Jahren stehender, dem Anschein nach sehr selbstbewußter Mann mit dunklem Schnurrbart, bereits in die Stube getreten war, ohne den Hut abzunehmen; auf dem Hute trug er einen Lorbeerkranz, und da er sich mit gespielt herausfordernder Miene etwas zu lang nach einem Platz umsah, schien es, als ob er hier prahlerisch allen Gästen sein bekränztes Haupt vorführe.
Paul nahm zu Freds Vergnügen diesen Auftritt ernst und grinste unverschämt nach dem Manne hin. Fred aber sah dem Schützen an, daß er sich des humoristisch Fragwürdigen seines Auftretens bewußt war und es scherzhafterweise eben deshalb ein wenig übertrieb.
«Einfach unglaublich!» sagte Paul lächelnd, nachdem der Mann abgetreten war. «Ich habe mir ja die ganze Geschichte schon kraß genug vorgestellt, aber …» Er schüttelte den Kopf.
«Ach, das ist nicht so schlimm!» erwiderte Fred und begann dem Bruder zu widersprechen, nicht aus Anteilnahme am Fest, sondern um sich an Pauls heiterem Entsetzen zu weiden.
«Nicht so schlimm! Mein Lieber! Weißt du noch, was es zu bedeuten hatte, wenn bei den antiken Wettkämpfen einem Sieger der grüne Lorbeer gereicht wurde? Und heutzutag brüsten sich alljährlich Hunderte oder wahrscheinlich Tausende von Schweizern mit diesem künstlichen Lorbeerkranz, der als Massenartikel in Fabriken hergestellt wird! Oder vergleiche den alten römischen Triumphbogen, der dem größten und würdigsten Mann errichtet wurde, mit dem für jedermann hingestellten lächerlichen Gerüst da draußen! Das sind Einzelheiten, aber daran läßt sich die Erbärmlichkeit dieser ganzen festlichen Machenschaft ermessen.»
«Ja, wenn du mit solchen Vergleichen kommst … das hier ist doch etwas ganz anderes … der Lorbeerkranz ist geschmacklos, zugegeben, aber was den Triumphbogen betrifft … das ist eine Dekoration wie jede andere.»
«Eben ja! Es ist alles zur Dekoration geworden, alles ist entwertet und für den Massengebrauch zugeschnitten …»
«Aber die Hauptsache ist doch das Schießen!»
«Und die Festrede, der Hurrapatriotismus, der Bechertrunk, die Ehrenmeldung … Übrigens die Ehre, das ist auch so ein Punkt, mein Lieber. Einst war Ehre mehr wert als ein Bändel im Knopfloch oder eine Karte auf dem Hut, Ehre war etwas Hohes, Seltenes, aber dafür auch wirklich Vorhandenes, und geehrt wurde nicht jeder zweite Füdlibürger. Hier aber gibt es Ehrendamen, Ehrenbecher, Ehrenzeichen … Ehrenmeldungen, Ehrenweine … weißt du nicht noch mehr? Ha! Die Ehre ist billig geworden.»
«Du betrachtest das alles von der falschen Seite», wandte Fred ein, während er schmunzelnd ein Stück Fleisch zerkaute.
«Wieso? Ich bin durchaus nicht der einzige, der ein solches Schützenfest für eine grenzenlose Banalität hält. Aber das eigentlich Bedenkliche daran ist, daß man es als Höhepunkt des nationalen Lebens inszeniert. Allerdings …» Er machte, hinterhältig lächelnd, mit Schultern und Armen eine schwankende Bewegung. «… angeblich tritt ja hier dieses sogenannte nationale Leben am sichtbarsten zutage … es wird schon so sein, und das ist nicht mehr nur bedenklich, es ist …» Er hielt einen Augenblick inne, schien aber plötzlich dieser ganzen Erörterung überdrüssig zu werden und schloß, ohne den Satz zu beenden, mit seinem gewohnten müden Lächeln und einer gleichgültig erledigenden Handbewegung: «Ach … es ist ja überhaupt hoffnungslos!»
Fred wiegte kurz den Kopf, halb zustimmend, halb zweifelnd. Die Einwände gegen das Fest schienen ihm nicht unbegründet, obwohl er es einigermaßen bedenklich fand, daß Paul mit seiner Meinung recht haben sollte gegen die Tausende, die das Fest begingen. Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit aber vermochte er nicht zu teilen. Ihm schien, Paul urteile immer von den Zuständen aus und verkenne die Menschen, wenn er sie ihnen gleichsetze, oder ziehe sie gar nicht in Betracht, während zwischen den Menschen und den Zuständen doch tausend Vorbehalte möglich waren. Indessen gab er den Widerspruch auf, den er tiefer zu führen und richtig vorzubringen doch nicht hoffen konnte; es lag ihm auch wenig daran.
Sie tranken nach dem Essen einen schwarzen Kaffee, unterhielten sich über die Verwandten im Rusgrund, von denen Paul nur den Onkel Robert seiner bärenhaften Vitalität wegen bemerkenswert fand, und brachen endlich mit ironischer Neugier zum Festplatz auf.
7
Vom Bahnhof, wo ein Zürcher Zug eingefahren war, kamen kurz hintereinander mehrere Wagen dahergerasselt, deren lange Sitzbänke mit Schützen dicht besetzt waren, aber eine zahlreiche Menge von Schützen und Festbummlern zog auch zu Fuß hinaus, und vom Orte selber befand sich familienweise die halbe Einwohnerschaft unterwegs. Die Straße, dieselbe, auf der Christian seinen Vetter Fred in die Ferien gefahren, war nach je fünfzig Schritten mit einer bunten Reihe dreieckiger Wimpel überspannt, von denen der Nachtwind einige über den Draht geworfen hatte. In ihrer mäßigen Breite vermochte sie den Verkehr nicht ganz zu fassen, so daß die den Fahrzeugen ausweichenden Fußgänger und die eiligeren Schützen Seitenpfade in die Wiese zu treten begannen. Fred, dem diese Schändung des Rasens mißfiel, blieb mit dem Bruder absichtlich auf der Straße, aber nachdem sie ein paar Minuten lang geduldig hinter einer breiten kleinen Frau hergeschlendert waren, die mit der Rechten einen Kinderwagen schob, an der Linken ein kleines Mädchen führte, schlug Paul plötzlich mit ärgerlicher Miene doch einen Seitenpfad ein, und Fred folgte ihm unwillig. Von der Straße wälzte sich eine graue Staubschlange träge nach rechts in die Wiese hinaus, die Luft flimmerte in der hochsommerlichen Hitze, und vom Schießstand her knatterten wie trockene Peitschenschläge die Schüsse, die am gegenüberliegenden Hang ein ununterbrochenes brausendes Echo weckten. Zum Staub und zur Hitze gesellte sich bald der wirre Lärm der Budenstadt, der auf dem Festplatz selber dermaßen anschwoll, daß man nicht einmal das nahe Geknatter der Schüsse mehr hörte.
Lächelnd schritten die Brüder an den ersten Bretterständen vorbei, wo man Zigaretten, Türkenhonig, Magenbrot, Appenzeller Fladen und dergleichen kaufen konnte, verweilten einen Augenblick vor einem Karussell und ließen sich dann mit der gestauten Menge langsam zwischen den Buden weitertreiben. Aus einer umfangreichen Tunnelbahn drang hastig und gequetscht die Ouvertüre zu «Dichter und Bauer», in die eine fünfköpfige Blechkapelle vom gegenüberliegenden Zirkus kräftig hineinmusizierte. Das benachbarte Unternehmen stellte einen Glaskasten aus, worin eine halbnackte wächserne Mannsfigur mit regelmäßigen Bewegungen eine hingesunkene Frau erstach, während der Direktor auf dem Podium nebenan das Publikum brüllend darauf aufmerksam machte, daß es hier Gelegenheit habe, einer Dame durch den Leib zu sehen. Vor einem Zelthaus mit der Überschrift «Exotische Schau» rührte ein schwitzender Neger zähnebleckend eine dumpfe Trommel, neben ihm turnte ein Affe herum, und an der Kasse saß eine üppige Mulattin. Fred drängte sich hin, sah dem Affen zu und verlor den Bruder aus den Augen. Paul suchte ihn von der Seite her zu erreichen und geriet dabei vor eine Bude, aus der ihn eine hochblonde Dame anrief. «Schießt der Herr e mal?» rief sie energisch, indes sie hastig ein Luftgewehr spannte und vor einen Schießlustigen hinstellte. Paul ging rasch vorbei, machte sich dem Bruder bemerkbar und wartete ihm dann vor einem Bretterstand, wo ein Schütze im Kreis seiner lachenden Kameraden Bälle nach hölzernen Köpfen warf. Fred folgte, sah sich aber noch einmal nach dem Affen um und stolperte über einen eingerammten Seilpflock, dann schloß er sich vergnügt dem Bruder wieder an.
Sie kamen am Ende der Budenstadt auf den freien Platz zwischen Festhütte und Schießstand. Dieser Platz war zum größten Teil von Schützen belebt, die sich von den Festbummlern deutlich unterschieden, obwohl die meisten ihre Gewehre eingestellt hatten. Sie wechselten, Resultate überzählend und einander vorweisend, lachend, unternehmungslustig oder schimpfend zwischen Stand und Hütte hin und her, einige in grauen Überhemden, viele ohne Kragen, während manche, Schatten und Ruhe suchend, sich ohne Rock dem Stand entlang in den Rasen gelagert hatten. Die Brüder beschlossen, nun sogleich zum Mittelpunkt des Festes vorzudringen, und betraten den Schießstand, ein älteres, mit einem Türmchen versehenes Holzgebäude, das durch zwei neu angebaute niedere Flügel erweitert worden war. Sie hatten als bloße Zuschauer beim Eintritt eine Karte zu lösen, die Fred hinter das Hutband steckte, während Paul sie in der Tasche verschwinden ließ. Im Innern des Standes, wo die Schüsse nicht mehr das draußen hörbare trockene Geknatter, sondern ein hallendes Krachen hervorriefen, standen die Schützen dicht gedrängt hinter den Gewehrrechen; zwischen ihren Köpfen hindurch gewahrte man in der Entfernung von dreihundert Metern die lange Reihe der beweglichen Scheiben, auf denen da und dort Zeigerkellen erschienen, doch von den Schießenden selber war hinter der geschlossenen Menge nur wenig zu sehen.
Die Brüder suchten eine Lücke und schritten den Stand nach beiden Seiten hin ab, wobei sie fortwährend ausweichen mußten oder beiseite geschoben wurden. Im rechten Flügel stießen sie auf ihren Vetter Christian, der, eine grüne Rosette am Rockaufschlag, zur Wand der Wartenden hinausdrängte und einem der Büros zustrebte, die sich hinter Verschlägen an der Rückseite des Raumes befanden.
«Einen Augenblick!» sagte Christian, nachdem er kaum recht genickt hatte, und verschwand hinter einer Tür, um nach einiger Zeit wieder zu erscheinen und seine städtischen Vettern kurz zu begrüßen. «Ich habe noch Schießaufsicht, aber in einer halben Stunde werde ich abgelöst», erklärte er sehr ernsthaft, mit beschäftigter Miene. «Wollen wir uns in der Festhütte treffen?» In diesem Augenblick wandten sich in der Nähe, beim Gewehrrechen, ein paar Schützen um und riefen: «Schießkomitee! Schießkomitee!»
«Also in einer halben Stunde beim Eingang der Festhütte!» sagte Christian hastig und schob sich, dem Rufe folgend, eilig durch die Reihen.
Paul blickte in diesem Gedränge, Lärm und fortwährenden Krachen kopfschüttelnd den Bruder an, als ob ihm das alles unfaßbar wäre, und winkte mit der Rechten müde ab, aber auch Fred fand kein Vergnügen mehr an diesem Aufenthalt.
Sie verließen den Stand, bummelten noch ein wenig und setzten sich zur verabredeten Zeit mit ihrem Vetter endlich in der Festhütte an einen der langen, mit weißem Papier bespannten Tische. Fred bestellte eine Flasche Wein. Durch den hohen Hüttenraum, der gegen dreitausend Personen fassen mochte, dröhnte von der Bühne herab Rossinis Ouvertüre zum «Wilhelm Tell»; das Gastkonzert der städtischen Kapelle war in vollem Gang. In den Pausen verursachte der Lärm der zahlreichen Gäste ein betäubendes Summen. Es war brütend heiß.
«Paul ist nämlich als Pressevertreter da», erklärte Fred. «Es kommt alles in die Zeitung, was da läuft.»
Paul warf seinem Bruder schweigend einen kurzen, spaßhaft geringschätzigen Blick zu, während Christian mit einem leisen, vorsichtigen Lächeln Paul ansah, den er mehr aus dem Familienklatsch als aus eigener Erfahrung kannte.
«Das ist ja übrigens ein höllischer Betrieb», fuhr Fred fort. «Also wie lange dauert das Fest?»
«Zehn Tage», antwortete Christian, während er wieder eine sachlich ernste Miene annahm. «Es hat am Freitag begonnen. Aber ein solcher Betrieb ist natürlich nicht an jedem Tag.»
«Ja, aber geschossen wird doch zehn Tage lang von morgens bis abends auf alle sechzig Scheiben?»
Christian nickte.
«Wieviele Sektionen sind eigentlich angemeldet?»
«Hundertdreißig und rund vierhundertvierzig Gruppen, zusammen etwa viertausend Mann. Dazu kommen noch die Einzelschützen, die nicht angemeldet sind.»
«Und wie hoch ist die Plansumme?»
«Zweihunderttausend Franken.»
«Zwei-hundert-tausend? Die Plansumme», erklärte Fred, zu Paul gewandt, «ist nämlich der voraussichtliche Umsatz beim Schießen, abgesehen vom ganzen übrigen Betrieb. Mach dir einen Begriff davon!»
Christian lächelte, weil Fred offenbar bestrebt war, seinem Bruder das Fest so großartig wie möglich darzustellen.
«Und wieviel Schützenfeste werden jährlich in der Schweiz abgehalten?» fragte Fred weiter. Er ging zu seinem Vergnügen jetzt wirklich darauf aus, Pauls Entsetzen über das schweizerische Festleben auf die Spitze zu treiben, wobei seine eigene Stellung dazu unentschieden blieb.
«Das kann ich jetzt kaum so genau sagen», antwortete Christian, der den Hintergrund dieses Fragespiels nicht zu erkennen vermochte. «In der ganzen Schweiz werden jedes Jahr etwa fünf oder sechs solche Kantonal-Schützenfeste abgehalten. Aber daneben gibt es jährlich noch Dutzende von kleineren Schützenfesten, vielleicht vierzig bis fünfzig …»
«Tatsächlich?» fragte nun Paul selber.
«Das ist bei weitem nicht alles!» rief Fred. «Zu den Schützenfesten kommen bekanntlich noch Sängerfeste, Turnfeste, Musikfeste, Schwingfeste … außerdem gibt’s fast jedes Jahr irgendein eidgenössisches Fest, wo es noch ganz anders großartig zugeht.»
«Ja, es ist unglaublich, ganz unglaublich», sagte Paul leise und ernsthaft. «Dagegen ist nicht aufzukommen. Es ist überwältigend.»
Während nun Fred vom Ausmaß der eidgenössischen Feste zu reden begann, gewahrte Paul eine wachsende Zahl von Schützen, die den Lorbeerkranz auf dem Hute trugen, und seine Miene erhellte sich zu spöttischer Anteilnahme. Einer dieser Schützen, der offenbar leicht betrunken war, versuchte unter dem Gelächter und den Zurufen seiner Kameraden, die ihn durch die Hütte begleiteten, unversehens eine Kellnerin zu umarmen, was ihm nur halb gelang; jetzt bummelte er weiter und kam in der Nähe vorbei, ein etwas ungeschlachter Mann in mittleren Jahren, das Gewehr unordentlich nach hinten gehängt, auf dem zurückgeschobenen Strohhut den dichtbelaubten Lorbeerkranz, dessen eine blauweiße Schleife ihm verdreht auf den Nacken herabfiel; breitspurig bummelte er vorüber und sang oder gröhlte vielmehr «Heil dir, Helvetia, Hast noch der Söhne ja …», mit einem grimmigen Ausdruck seines dicknasigen Gesichtes, als ob er jeden herausfordern wollte, der seine vaterländische Kundgebung etwa nicht ernst zu nehmen geneigt wäre.
Fred hatte kaum ein paar vermutlich übertriebene Bemerkungen über die Höhe des Alkoholkonsums bei derartigen Festen an diesen Auftritt geknüpft, als er über zwei Tische hinweg den Onkel Robert in Begleitung Karls, Marthas und einiger ihm unbekannter Männer entdeckte. Sogleich erhob er sich und rief sie, seinen langen Arm reckend, zu Pauls Ärger laut herbei.
Das robuste, rötliche Gesicht seines Onkels leuchtete beim Anblick seiner Neffen erfreut auf, zugleich ließ er sich zum Spaß ein wenig in die Knie fallen, als ob er einen Sprung tun wollte, und kam rasch heran. Martha folgte ihm mit einem fröhlich innigen Ausdruck, der ihr stilles Gesicht schön machte. Die Gesellschaft drängte sich grüßend und plaudernd an dem schon zur Hälfte besetzten Tisch zusammen, während gleichzeitig an allen Eingängen der Hütte ein auffallender Andrang einsetzte. Man vernahm, daß ein Gewitter im Anzug sei, es wurde auch merkbar dunkler, und schon in einer der nächsten Konzertpausen übertönte ein nahes Donnern den Hüttenlärm.
Paul war von quälendem Unbehagen erfüllt, und während er lächeln, reden, antworten mußte, spürte er zum hundertsten Male, daß er mit diesen Leuten nichts gemein hatte und an alldem, was sie beschäftigte, niemals ernsthaft würde teilnehmen können. Er benützte ein lautes Gelächter, um Fred mitzuteilen, daß er sich drücken und in die Stadt zurückfahren werde.
«Ach was, wart nur!» antwortete Fred. «Wir gehen nachher miteinander zum Bahnhof.»
Paul schüttelte mit einer flüchtigen Grimasse den Kopf.
«So wart doch wenigstens, bis das Gewitter vorbei ist!» erwiderte Fred und blickte ihn lächelnd an. Er verstand den Bruder sehr wohl, ja er vermochte ihm sein wachsendes Befremden gegenüber dem Festrummel, der nun durch dies Zusammentreffen fordernd auch nach ihnen griff, fast genau nachzufühlen. Zugleich wurde er sich bewußt, wie leicht und ungezwungen er selber mit diesen von Paul verschmähten Leuten verkehren konnte, und in diesem Augenblick fühlte er sich dem sonst bewunderten Bruder zum erstenmal überlegen. Mochte Pauls empfindsame Ausschließlichkeit auch ein geistiger Vorzug sein, oder umgekehrt der Geist zu dieser Ausschließlichkeit führen, das Volk besaß jedenfalls ein natürliches Anrecht, sich so ungeistig und trivial zu betragen wie ihm zumute war. Ob er, Fred, es mit diesem oder jenem halten möchte, das zu entscheiden fühlte er sich unfähig, er stand seinem eigenen Gefühle nach in der Mitte zwischen diesen zwei Erscheinungen, die für immer getrennt zu sein schienen und die er doch beide begriff.
Indessen fuhren ein paar stürmische feuchte Windstöße in die auf zwei Seiten offene Hütte hinein, und die ersten Regenschauer trieben den Rest des bummelnden Volkes unter Dach. Das nun herrschende Gedränge, in dem die numerierten Aufwärterinnen sich mit verzweifelter Miene Bahn zu schaffen suchten, der heftig auf das Hüttendach rauschende Gewitterregen, die Klänge der unbeirrt weiterkonzertierenden Kapelle und der verworrene Lärm der Menge selber steigerten das festliche Treiben zu einem ungeheuren, sinnlosen Tumult. Paul fühlte sich dem in keiner Weise mehr gewachsen, und das gewohnte, ironisch abwehrende Lächeln erstarb ihm auf den Lippen. Befremdet, ja beängstigt sah er, wie dagegen seine Tischgenossen sich all dessen nicht bewußt zu sein schienen, sondern mitspielten wie selbstlose Gestalten in einem furchtbaren Traum, den er allein mit wachen Sinnen zu träumen verdammt war.
Nachdem er sich endlich von der Gesellschaft getrennt hatte und durch den Schmutz des zertretenen Rasens mit dem hinausdrängenden Volk auf die Straße geraten war, wo die schon wieder glühende Sonne sich in den Regenlachen spiegelte, trat er mit abweisender Miene sogleich den Rückweg zum Bahnhof an. Hier mußte er sich eine ziemliche Weile gedulden, und als der Zug einfuhr, blieb ihm nichts anderes übrig, als inmitten von wohlgelaunt heimkehrenden Schützen und Festbummlern Platz zu nehmen. Er fühlte sich niedergeschlagen vom Andrang dieses Tages, den er unbeteiligt mit heiterm Spott zu ertragen gehofft hatte, und in diesem Zustande begann ihm sein eigenes Dasein fragwürdig zu erscheinen. Mochte dieses Dasein auch seine eigene innere Rechtfertigung besitzen, was half ihm das gegen jene Übermacht, die es ausschloß und vor der es so nichtig wurde wie ein Menschenleben im Bergsturz!
Während der Fahrt stahl er sich freilich in seine gewohnte Haltung zurück, in jene Haltung eben, die halb aus Not, halb aus Einsicht, jedenfalls aber mit vollem Bewußtsein auf den Anschluß an das den Tag beherrschende Volk verzichtet. Er teilte sie mit vielen Intellektuellen aller europäischen Länder, und er war geneigt, sie zu übertreiben, wie mancher schaffende Künstler, der seiner Einsamkeit eine befremdend grundlose Eigenwelt abtrotzte.
Nach seiner Ankunft in Zürich schlug er durch den noch taghellen, von heimkehrenden Ausflüglern belebten Sonntagabend sogleich mürrisch verschlossen den Weg nach Hause ein. Vor dem Gebäude einer großen Tageszeitung aber wurde er zu seiner Verwunderung von einer Menschenmasse aufgehalten, die, an ihren Rändern unruhig gelockert, im Innern fest geschlossen, nach Tausenden zählen mochte. Er erinnerte sich, daß die Zeitung auf diesen Abend ein Extrablatt angekündigt hatte, die Ereignisse der letzten Tage fielen ihm ein, die nach der überwältigenden Gewöhnlichkeit des europäischen Alltags endlich das Ungewöhnliche erwarten ließen, und die Lust danach ergriff auch ihn. Er mischte sich unter die Menge, in der die merkwürdigsten Gerüchte von Mund zu Mund liefen, und wurde von einer plötzlich einsetzenden Strömung einem Ausgang des Gebäudes zugedrängt, wo die ersten Zeitungsverkäufer erschienen waren. Noch eh er hingelangte, fuhren ihm schon fetzenweise Nachrichten entgegen, die alle Erwartungen oder Befürchtungen zu erfüllen versprachen. Indes gedachte er an dieser Gier der Masse nach Sensationen nicht teilzunehmen und wandte sich mit dem eroberten Blatt in der Tasche gelassen heimwärts, um es freilich an der nächsten ruhigen Straßenecke dennoch aufzuschlagen.
Etwas großartig Spannendes und zugleich schon unheimlich Entschiedenes drang aus der bedruckten Seite auf ihn ein, der Anfang eines noch gar nicht übersehbaren Geschehens, das auf vernunftwidrige oder doch beängstigend dunkle Art alle Völker zu ergreifen drohte. Die gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Österreich und Serbien stand unmittelbar bevor, die diplomatischen Beziehungen waren abgebrochen, die österreichische Gesandtschaft hatte Belgrad verlassen, die serbische Armee wurde mobilisiert. Aus Petersburg kam die unverhüllte Erklärung, Rußland fühle sich durch die Maßnahmen der Wiener Regierung provoziert und sei nicht mehr imstande, eine gleichgültige Haltung zu bewahren. In allen Hauptstädten wuchs sich die Spannung zu einer fieberhaften Bereitschaft aus, überall reisten Monarchen, Minister, Diplomaten heim auf ihre Posten, und die europäische Presse betonte wie aus einem Mund die schwere Bedrohung der internationalen Lage.
Paul, der mit seinem Urteil diesen Anzeichen der nahenden Katastrophe so unzulänglich gegenüberstand wie jedermann, faltete das Blatt zusammen und ging erregt mit beschleunigten Schritten weiter. Er hatte heimlich nie befürchtet, daß etwa der Sturm ausbrechen, sondern im Gegenteil, daß er sich verziehen könnte, wie er denn meinte, daß in Europa seit Jahrzehnten alles Verheißungsvolle, groß Begonnene und Elementare immer wieder im Sande verlaufen sei. Jetzt endlich schien etwas Mächtiges wirksam zu werden, das die Menschen nicht mehr ihren blöden Zwecken vorspannen konnten.
In der Nähe des Hauses sah er sich zwischen leicht- und hellgekleideten Passanten plötzlich der auffallend gewichtigen schwarzen Gestalt seines Vaters gegenüber.
«Ah, Paul … eh … hast du etwa das Extrablatt?» fragte Ammann flüchtig und schon bereit, weiterzugehen. «Aha, schön, danke! Wollte es eben auch holen.» Er kehrte um und fragte leichthin, während er das Blatt aufschlug und, stehen bleibend, einen ersten Blick hineinwarf: «Und wie ist die Lage?»
«Ach …», sagte Paul unbestimmt, mit einem Achselzucken, und blieb scheinbar gelangweilt ebenfalls stehen.
Ammann begann, ohne eine Antwort zu erwarten, die hervorstechenden Nachrichten zu lesen, dann setzte er sich, immerfort lesend, mit einem Ausdruck steigender Sorge an Pauls Seite langsam wieder in Bewegung.
Paul beobachtete ihn unbemerkt, er sah, wie er die dicke Unterlippe vorschob und die Stirn runzelte, wie in seinen leuchtkräftigen Augen ein leises Erschrecken aufglomm und wie er schließlich mit einer nachdenklichen Verdüsterung seines satten, selbstzufriedenen Gesichtes einen Augenblick vor der Haustür stehen blieb. «Riechst du, wie es brenzelt»? dachte er. «Es ist euere Welt, die zu brennen anfängt und hoffentlich einstürzen wird, euere zivilisierte, sichere, fortschrittliche Welt! Löscht jetzt, wenn ihr könnt!» Er schloß die Tür auf, ließ den Vater eintreten und folgte ihm, von einer unvernünftigen wilden Genugtuung erfüllt.
8
Nachdem das festliche Treiben dieses Tages um die abendliche Essenszeit einen kurzen Unterbruch erfahren hatte, setzte es beim Anbruch der Dunkelheit im strahlenden Flitterglanz der Budenstadt wieder ein und erreichte einen neuen Höhepunkt in der Festhütte, wo die Vereine des Orts mit wechselnden Darbietungen die Bühne betraten. Fred saß in Gesellschaft an einem der langen Tische und hörte dem Gespräch zu, das zwischen Christian und anderen Schützen im Gange war.
«Nein, heute wurde nicht besonders gut geschossen, wenigstens in den Hauptstichen», erklärte Christian. «Das höchste Resultat in der ‹Kunst› hat immer noch Brunner mit 443 Punkten. In der ‹Meisterschaft› steht vorläufig Otter mit 23 Nummern an der Spitze.»
«Das sind schöne Resultate!» erwiderte sein Nachbar, ein großer, magerer Mann mit einem herben Gesicht von bäuerlichem Schnitt und verständigem Aussehen, ein Wagner namens Eckert. «Am letzten Kantonalen stand Eggmann in der ‹Kunst› mit 450,5 Punkten im ersten Rang. Und auf mehr als 23 Nummern hat’s in der ‹Meisterschaft› doch keiner gebracht.»
«Ja … aber die Gefährlichsten fangen erst an. Reich, Meister, Fenner, Tobler und andere waren noch gar nicht da. Und Ihr», fügte er mit einem Lächeln bei, «habt’s auch noch nicht gewagt.»
«Papapapa … ich komme nicht mehr in Frage. Wenn ich’s auf 20 Nummern bringe, bin ich wohl zufrieden. Aber an dir ist es jetzt! Wenn einer schon am ersten Tag in der Serie 24 Nummern schießt, dann …»
«Jaja, liegend wär’s zu machen, aber in allen drei Stellungen … das ist eine andere Sache.»
«Ach, er hat daheim ja schon wochenlang Zielübungen gemacht», warf hier Lisi vorlaut ein.
«Das ist ganz in Ordnung!» erklärte Eckert entschieden, mit einem scherzhaft verweisenden Beiklang. «Wer nicht übt, bringt’s zu nichts. Unsere Meisterschützen machen täglich Zielübungen …»
Bei diesen letzten Worten dämpfte er die Stimme, denn jetzt wurde es in der Hütte dunkel, und auf der Bühne erschien im schwankenden Rot des bengalischen Lichtes die Winkelriedszene, ein vom Turnverein gestelltes «lebendes Bild». Der Held lag, von einer Anzahl kniender und stehender Eidgenossen umgeben, mit einem an die Brust gedrückten Bündel feindlicher Speere sterbend in den Armen eines jungen Kriegers. Die regungslose mehlweiße Gruppe verdämmerte, starker Beifall setzte ein, der Vorhang fiel und das Licht wurde wieder angedreht, während sich im Zuschauerraum schon die Mitglieder des Männerchors erhoben, die nun drei Lieder vorzutragen hatten.
«Ein verrücktes Resultat», begann Christian wieder, «hat am Samstag Stähli im Schnellstich geschossen, 78 Punkte, und unmittelbar vorher das Maximum in der Gruppe.»
«Schon gehört!» antwortete Eckert. «Der Stähli ist ein ganz hervorragender Schütze! Wie steht’s übrigens bis jetzt mit den Gruppen und Sektionen?»
«Vier sehr gute Resultate hat eine Tessiner Gruppe von Bellinzona. Von den Sektionen kann man noch nicht viel sagen. Neumünster, Winterthur und Zürcher Stadtschützen haben allerdings bis jetzt fast nur Kranzresultate.»
Fred hörte aufmerksam zu, obwohl ihm die genannten Punktzahlen keinen Begriff vom Wert der Resultate vermitteln konnten; er hatte im Militärdienst wohl schießen und treffen gelernt, doch auf den ausgeklügelten Plan eines Schützenfestes verstand er sich nicht. Er sah aber ein, daß die Schützen selber das Fest anders beurteilten als die Bummler, und daß sie hier nicht zur Belustigung erschienen, sondern zum Wettkampf, der eine ernstliche Anspannung erforderte und erstrebenswerte Folgen haben mußte. Der gute Schütze wurde ja berühmt, und dieser Ruhm konnte sich nicht auf ein bloßes Vergnügen beziehen, sondern nur auf gewisse gesteigerte Fähigkeiten, die ihren Träger vor seinen Volksgenossen auszeichneten, auf seine sichere Hand also, sein scharfes Auge, seine Geduld und Selbstbeherrschung. Jede Ortschaft, jede Gemeinde vermerkte es mit Genugtuung, wenn einer ihrer Angehörigen oder ihre Gruppe, ihre Sektion, einen so offenen, allgemeinen Wettkampf siegreich bestand, und aus dem Bewußtsein des ganzen Volkes war die Tatsache nicht zu tilgen, daß die Schweiz die besten Schützen der Welt besaß.
Nach den Liedern des Männerchors erhob sich Christian gemächlich, nickte der Tischgesellschaft zu und wollte gehen.
«He he!» widersprach Eckert. «Was ist mit dir? Grad so ohne weiteres läuft man jetzt nicht fort!»
Dasselbe wurde Christian noch von anderen Bekannten zugerufen, so daß er schließlich gestand, er wolle morgen früh mit dem Schießen beginnen. «Wenn man nicht richtig ausgeschlafen hat», sagte er, «dann braucht man gar nicht erst ein Gewehr in die Hand zu nehmen.»
Während Eckert halb zustimmend, halb bedauernd den Kopf wiegte und die übrigen laut widersprachen, griff auch Fred nach dem Hut und erklärte schmunzelnd, er gedenke morgen ebenfalls zu schießen und werde jetzt mit Christian heimgehen. Da stand Martha auf. «Ach, dann komm’ ich auch grad mit, die Mutter ist so allein zu Hause», sagte sie unverfänglich, mit kaum merkbarem Erröten. Nach erneuten Protesten und nutzlosen Verhandlungen trennte sich die kleine Gesellschaft. Lisi und der Vater blieben mit ihren Bekannten in der Hütte, Christian, Fred und Martha wanderten durch die besternte warme Nacht dem Rusgrund zu.
Am nächsten Morgen betrat Fred wirklich in aller Frühe mit Christian den Schießstand, und wenn er vorerst auch nicht selber ein Gewehr in die Hand zu nehmen gedachte, so wollte er doch die Schützen an der Arbeit sehen. Das Feuer war um sechs Uhr eröffnet worden, die Schüsse dröhnten schon auf der ganzen Front. Christian strich neugierig den Gewehrrechen entlang und machte Fred bald auf einen festen, rotnackigen Mann aufmerksam, der im Begriffe war, auf einer Stichscheibe ein hohes Resultat zu erzielen. Die Stichscheiben, erfuhr Fred, besaßen ein in hundert Kreise eingeteiltes rundes Trefferfeld von einem Meter Durchmesser. Auf diese Scheiben schoß man die «Kunst» mit fünf, das «Glück» mit zwei und den «Nachdoppel» mit beliebig vielen Schüssen. Die Prämien wurden gesondert in jeder Kategorie durch die Rangordnung bestimmt. Der Warnerknabe nun, der durch einen Druck auf den Läutknopf dem Zeiger den erfolgten Schuß zu melden hatte, stempelte diesem Schützen soeben unter «Kunst» die Punktzahl 92 ins Büchlein. Es war der vierte Schuß, die drei vorhergehenden zählten 87, 96, 83. Der Schütze zielte wieder. Er lag auf die Ellbogen gestützt, den Hut über dem rechten Ohr, das Gewehr im Anschlag, und zielte wohl eine halbe Minute lang, dann legte er, ohne den Schuß gelöst zu haben, atemholend das Gewehr nieder, um es nach kurzer Ruhe abermals anzuschlagen. Dasselbe wiederholte er noch zweimal, dann wandte er sich, den Kopf schüttelnd, nach einem Kameraden um, und Fred sah sein robustes, vor Anspannung gerötetes Gesicht, das zu lächeln versuchte und es nicht fertig brachte. Der Kamerad beruhigte ihn mit betonter Gelassenheit: «Wart nur, Köbi, du hast Zeit genug!» Der Schütze wandte sich wieder der Scheibe zu, zielte aber noch nicht, sondern senkte wartend und wie erschöpft den Kopf.
«Er hat Fieber», flüsterte Christian seinem belustigten Vetter zu. «Wenn ihm dieser letzte Schuß noch gelingt, dann hat er ein Bombenresultat, er könnte in den ersten Rang kommen. Das weiß er, und darum tanzt ihm jetzt schon alles vor den Augen. Es gelingt ihm nicht, du wirst sehen! Das kommt sehr oft vor.»
Inzwischen sammelten sich hinter dem Schützen immer mehr Neugierige an, jeder Hinzutretende suchte zu ergründen, was hier vorging, und blieb, wenn er es erfahren hatte, gespannt in der Nähe stehen. Fred, der seinen Platz am Gewehrrechen mit einiger Mühe behauptete, blickte bald auf den nach Selbstbeherrschung ringenden Schützen, bald auf dessen Nachbarn zur Rechten, den er für einen Regierungsrat oder sonst einen hohen Beamten hielt. Dieser ergraute, eindrucksvolle Mann schoß mit seinem Privatgewehr, einem Stutzer, in sehr gerader Haltung erhobenen Hauptes kniend den «Nachdoppel», er löste einen Schuß nach dem andern, blies nach jedem mit gespitzten Lippen sorgfältig den Rauch aus dem Lauf und schielte dabei durch seinen schiefen Klemmer nach der Scheibe, wo die Kelle einen mittelmäßigen Treffer zeigte, dann schob er eine neue Patrone ins Lager, schlug den Stutzer feierlich an, zielte wieder und schoß, alles mit einer unvergleichlich würdigen Ruhe, die zum Fieber seines ringenden Nachbarn im stärksten Gegensatze stand. Noch weiter rechts bemerkte Fred einen liegenden jüngern Mann, der heftig den Gewehrverschluß zurückriß, mit einem grimmigen Ausdruck seines scharfgeschnittenen Gesichtes nach der Scheibe starrte und plötzlich, den Verschluß mit Wucht zustoßend, ehrlich erzürnt ausrief: «Lueg, jetzt isch der Stärnechaib wieder z’höch!» Im selben Augenblick krachte vor Fred endlich der fünfte Schuß des Fiebermannes, eine kurze Bewegung ging durch die Schar der Zuschauer, dann blickten alle gespannt und still auf die Scheibe. Die Zeigerkelle erschien eine Hand breit neben dem Schwarzen, der Schuß zählte 61 Punkte und war nicht geradezu schlecht, drückte aber doch das gesamte Ergebnis auf eine kaum mehr auffällige Punktzahl herab. «Schade!» sagte der Kamerad bedauernd. Die Zuschauer entfernten sich schweigend. Der Schütze, noch immer rot im Gesicht, unterzeichnete das Resultat, dann winkte er, alle Schuld sich selber zuschiebend, mit der Rechten verächtlich ab und trat zurück. Er hatte das bescheidene Glück, das da endlich auf ihn zugekommen war, aus mangelnder Beherrschung mit dem letzten schwächlichen Zugriff verscherzt und tauchte in der Masse der unbekannten Schützen namenlos wieder unter.
Fred ging, da er Christian nirgends mehr erblickte, langsam durch den Stand, wobei ihm auffiel, wie viele bejahrte und gesetzte Männer sich unter den Schützen befanden, welch soliden Eindruck auch die jüngern erweckten, was für prächtige Köpfe hier auftauchten und wie ansteckend ernst, sachlich, gesammelt fast alle Gesichter erschienen. Fred fühlte sich wirklich angesteckt, ja schon verlockt, seine eigene Tüchtigkeit auf die Probe zu stellen und den Versuch mit der Waffe zu wagen; jedenfalls begann er, statt mit belustigter Neugier ziellos herumzuschweifen, nun auch eine beschäftigte Miene zur Schau zu tragen. Er wollte hier doch lieber nicht als Außenseiter gelten. In diesem Zustand begegnete er dreimal einem Schützen, dessen Anblick ihn sonst erheitert hätte; jetzt verbot er sich geradezu, ihn wunderlich zu finden. Dieser Mann, eine hohe, kahlköpfige Gestalt im grauen Überhemd, hatte sich eine Schießbrille in die Stirn geschoben und wanderte, die Hände auf dem Rücken, den Kopf ein wenig gesenkt, in tiefes Sinnen versunken immerzu auf und ab, wobei er den im Wege stehenden Schützen auswich, ohne sie eines Blickes zu würdigen und ohne auch nur einen Augenblick seinen regelmäßigen Gang zu unterbrechen.
Im äußersten rechten Flügel entdeckte Fred plötzlich seinen Vetter, wie er stehend die Waffe anschlug und zu zielen begann. Sogleich trat er hinter den Gewehrrechen, beugte sich gespannt über den Warnerknaben und sah im Büchlein, daß Christian eine Meisterschaftsserie begonnen und in sechs Schüssen drei Nummern geschossen hatte. «Erst drei Nummern!» dachte er enttäuscht und bedauernd. «Das genügt ja nicht, er muß doch stehend mindestens sechs bis sieben Nummern haben.» In dieser Serie, die man dreimal schießen durfte, wurden je zehn Schüsse stehend, kniend und liegend verlangt. Wem in diesen dreißig Schüssen fünfundzwanzig Treffer in ein Rund von 37 Zentimeter Durchmesser gelangen, fünfundzwanzig Nummern eben, dem wurde der Meistertitel verliehen. Dies hatte Fred von seinem Vetter erfahren, aber erst jetzt trat ihm das Schwierige, ja scheinbar Hoffnungslose des Unternehmens vor Augen. Das Nummernfeld war ja nicht größer als ein Strohhut, und wer wollte denn auf 300 Meter Entfernung unter solchen Bedingungen fünfundzwanzigmal einen Strohhut treffen!
Er trat etwas zur Seite und beobachtete mit herzlicher Anteilnahme, wie nun auch Christian, Atem holend, das Zielen unterbrach, aber gleich darauf das Gewehr wieder anschlug, indem er es leicht emporwarf, als ob er in die Luft schießen wollte, wie er den Kolben fest an die Schulter zog und den linken Ellbogen auf die Hüfte stützte, wie er mit den Füßen suchend noch einmal den sichersten Halt ermittelte und endlich zu zielen begann, mit einem so finster gespannten Ausdruck seines ohnehin mürrischen Gesichtes, wie Fred ihn noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Der Schuß fiel und traf die Nummer, aber die letzten drei Schüsse fehlten sie wieder. Christian unterzeichnete das Resultat und trat mit seiner gewohnten gleichmütigen Miene, die durch keinen Zug den Mißerfolg verriet, zu seinem neugierig wartenden Vetter. «Willst du nicht auch schießen?» fragte er. «Du kannst beim Büchser ein Gewehr mieten.»
«Ja, ich habe daran gedacht», antwortete Fred, als ob weiter nichts dabei wäre; als aber Christian sich sogleich anschickte, ihm bei den erforderlichen Schritten zu helfen, überkam ihn schon eine leichte Erregung. Er mietete ein Ordonnanzgewehr, kaufte Patronen und bestellte ein Schießbüchlein mit Marken für die «Kunst», das «Glück» und die Übungsscheibe «Kehr». Etwas verwundert stellte er fest, daß ihn dieser bescheidene Anfang rund zwanzig Franken kostete, und daß bei diesem patriotischen Wettkampf also wohl nicht nur die Ehre, sondern auch der für manchen Schützen beträchtliche Einsatz erregend im Spiel stehen müsse. Er stellte das Gewehr dort, wo er schießen wollte, in den Rechen.
Er mußte eine Viertelstunde warten, um an die Reihe zu kommen, und während dieser Viertelstunde nahm seine Erregung langsam zu. «Was für ein Blödsinn!» sagte er sich. «So werde ich nichts treffen, das ist doch klar. Warum rege ich mich eigentlich auf? Die ganze Geschichte ist ja nicht der Rede wert.» Dies suchte er sich einzureden, aber der dunkle Antrieb seines scheinbar harmlosen Unternehmens verlor den Stachel nicht. Im Grunde beherrschte ihn doch der merkwürdige Ehrgeiz, im Hinblick auf die Tüchtigkeit der Sinne und die Herrschaft über sich selber es wenigstens in bescheidenem Maße diesen einfachen Männern gleichzutun und ein Probestück zu wagen, das in intellektuellen Kreisen mißachtet, vom Volk aber naiverweise geschätzt wurde.
Endlich konnte er antreten. Mit gespielter Gelassenheit warf er das Büchlein dem Warnerknaben aufs Pult, verlangte «Kehr» und legte sich auf die Matratze. Er machte das Gewehr zum Schuß fertig, schlug es an und schmunzelte bei allem Ernst nun doch über die wunderlich erregende Lage, in die er sich da begeben hatte. Sorgfältig suchte er, durch den Visiereinschnitt äugend, das schwankende Korn unter dem runden Schwarz der Scheibe festzuhalten, aber eben das erwies sich als besonders schwierig, das Korn wollte nicht stillstehen, und schließlich drückte er aufs Geratewohl ab. Es geriet nicht wohl, der Schuß saß nicht einmal im Schwarzen, geschweige denn in der Nummer. Er nahm sich ernstlich zusammen, zielte genauer und drückte den zweiten Schuß im richtigen Augenblick ab, aber beim Abdrücken zog er die Waffe unmerklich ein wenig nach unten, er «verzog» den Schuß und fehlte das Schwarze abermals. Beharrlich versuchte er es von neuem, doch erst der fünfte Schuß gelang ihm ruhig und genau; er traf das Schwarze, aber noch nicht die Nummer, während der nächste Schuß, der ihm mißlungen schien, zu seiner Erheiterung mitten in der Nummer saß. Die folgenden zwei Schüsse ergaben Treffer am linken Rand des Schwarzen, worauf er den Zielpunkt etwas nach rechts verlegte und endlich eine verdiente Nummer schoß. Auf denselben Zielpunkt löste er den letzten Schuß, mit dem er zu seiner Verwunderung das Schwarze wieder fehlte; er hatte scheinbar genau gezielt und ruhig abgedrückt, aber das Auge mußte einer der dutzend optischen Täuschungen erlegen sein, die durch den Wechsel des Lichtes bewirkt werden, und so hatte er denn, einen bekannten Fehler begehend, den Schuß «versehen».
Er stand auf, trat gleichmütig zurück und löste eine zweite Marke für die Kehrscheibe. Nach einer halben Stunde lag er wieder auf der Matratze und traf in zehn Schüssen viermal die Nummer, dann vertauschte er den eingehegten kleinen Platz mit einem andern im rechten Flügel, vor den Stichscheiben, und meldete dem Warner mit mürrischer Miene: «Kunst». Fred schoß die «Kunst», der Einsatz betrug sieben Franken, sechzig Prozent der hier konkurrierenden Schützen erhielten Prämien von hundert Franken an abwärts bis zu vier Franken, und als Auszeichnung winkte der Lorbeerkranz. Er schoß, als ob er von frühester Jugend an nichts anderes getan hätte, zuerst die «Kunst» und gleich darauf das «Glück», aber seine entschlossene Haltung half ihm wenig, es gab hier nichts zu erlisten, ja es gab auf der Stufe seines Könnens nicht einmal Glück; das geringste Versagen der Hand, des Auges, die leiseste Erlahmung des Willens kamen im Ergebnis unweigerlich an den Tag; das Schießen war die genaueste Selbstprüfung, hier ging es so nüchtern und unbestechlich zu, wie man es von einer nationalen Angelegenheit nur wünschen mochte. Fred hatte in der «Kunst» einen guten, zwei mäßige und zwei schlechte Treffer, er zählte sie nicht einmal zusammen, es konnte nichts dabei herauskommen; auch das «Glück» war ihm mißlungen.
Er gab das Gewehr zurück und fühlte sich schon versucht, dieser ganzen Schießerei den Rücken zu kehren und seiner Wege zu gehen, als er Christian traf, der ihn auf ungewohnt anteilnehmende, fast besorgte Art fragte, wie es ihm nun ergangen sei.
«Ach …», antwortete Fred grämlich, «alls verluegt, verzoge, verzitteret und vercheibet!» Aber sogleich begann er über seine eigenen Ausdrücke zu lachen, winkte mit der Rechten ab und erkundigte sich nach Christians Ergebnissen.
«Ja, meine erste Serie ist auch verpfuscht», sagte Christian leichthin und schlug vor, nun zum Mittagessen in die Festhütte zu gehen. Gleich darauf dröhnte denn auch in der Nähe als Signal zur Mittagspause ein Kanonenschuß, die Scheiben wurden eingezogen, Schützen und Warnerknaben verließen den Stand, und draußen auf der leuchtend grünen Wiese erschien der geschlossene Zug der Zeiger in ihren roten Blusen und Mützen.
Erst in der Hütte erfuhr Fred nach einigem Drängen, daß sein Vetter die erste Serie immerhin mit neunzehn Nummern beendet, die zweite aber stehend mit sieben und kniend mit neun Nummern so hoffnungsvoll wie nur möglich begonnen hatte. Neidlos bewundernd las er die im Büchlein eingestempelten Treffer, seine Anteilnahme wuchs wieder, und nachdem er auf Christians Verlangen den Hergang der eigenen Bemühung genau erzählt hatte, erschien ihm seine Niederlage nur noch als verdiente und lehrreiche Erfahrung.
Nach der Mittagspause entdeckte Fred im linken Flügel des Standes den Oberstleutnant Fenner, Christians Regimentskommandanten, der kniend schoß.
«Fenner!» bestätigte Christian. «Er hat stehend die Meisterschaft mit acht Nummern angefangen, jetzt, kniend, ist er bei der fünften Nummer.»
Fenner trug einen dunklen, stark benutzten Anzug, einen alten schwarzen Hut und grobe Schuhe. Nichts an seinem Äußern verriet den Offizier, er trat auch im zivilen Leben mit jener Einfachheit auf, deren hartnäckige Betonung unter den Offizieren der Ammannschen Brigade ein gewisses vergnügtes Aufsehen hervorzurufen pflegte. Jetzt kniete er dort und zielte. Er schien das Gewehr nicht einfach so erhoben, sondern wütend angepackt zu haben, er hielt es wie in einem Schraubstock fest, die behaarte Rechte am Kolbenhals, die linke am Magazin, den Rücken gewölbt, die Schultern eingezogen, in einer offensichtlichen äußersten Anspannung, als ob er nicht nur mit dem Auge, sondern mit dem ganzen Körper zielte und mit aller Kraft sich selber abzuschnellen gedächte. Fred sah ihn von rechts, seine regungslose, zornig wirkende Braue, den hervortretenden gebräunten Backenknochen, die unordentlich an den Daumen gedrückte Schnurrbarthälfte, die sich zu sträuben schien, diese ganze, zur Unbeweglichkeit gezwungene, geduckt lauernde Gestalt, und er preßte unwillkürlich die Zähne zusammen. Der Schuß fiel, Fenner entspannte sich gelassen, legte eine neue Patrone ins Magazin und blickte auf die Scheibe, wo eine Nummer gezeigt wurde, dann begann er mit derselben gespannten Kraft und Sammlung wieder zu zielen.
Links von ihm hatte ein dunkelhaariger, schmächtiger Bursche den «Schnellstich» begonnen, der mit acht Schüssen auf eine Minute beschränkt war. Nach jedem Schuß riß er, ohne das Gewehr aus dem Anschlag zu nehmen, in der höchsten Eile den Verschluß zurück, um ihn ebenso eilig wieder einzustoßen, und während die ausgeworfene Hülse noch wegflog, zielte er schon wieder. An seiner Seite stand ein Mitglied des Schießkomitees mit der Uhr in der Hand.
Fred wunderte sich, was dabei herauskommen werde, ging mit Christian hinüber und betrachtete bald diesen eiligen Burschen, bald den Oberstleutnant, den das Schnellfeuer in seiner Nähe nicht im geringsten zu stören schien. Nach dem Ablauf der Minute wurde die Scheibe gewechselt, die Zeigerkelle erschien achtmal, und Fred stellte fest, daß ein einziger Schuß das Schwarze gefehlt hatte. «Weißt du», sagte er leise und nickte anerkennend, «es wird durchwegs doch verdammt gut geschossen. Wenn man sich eine Kompagnie oder auch nur einen Zug solcher Schützen im Gefecht vorstellt … da möchte ich nicht zum bösen Feind gehören.»
«Ja … das hier ist mehr oder weniger eine Auslese, aber … es gibt doch in jedem Zug eine Anzahl solcher Schützen», erwiderte Christian ernsthaft.
«Meinst du, daß in einem Kriegsfall etwas darauf ankäme? Es ist ja ein abscheulicher Gedanke, auf Menschen zu schießen, aber wenn man sich verteidigen müßte … ein Dutzend guter Schützen könnte doch eine ganze vorrückende Kompagnie erledigen.»
«Unbedingt! Man würde zwar vermutlich im Krieg nicht so ruhig schießen können wie hier und selber auch angepfiffen werden, aber in gewissen Fällen käme es doch wahrscheinlich auf die bessern und ruhigern Schützen an. Wenn wir früh genug mit genügend Leuten so an der Grenze lägen, in guten Deckungen und am rechten Ort, dann, glaub’ ich, würden wir keine Maus durchlassen.»
«Ja, das glaub’ ich nun wirklich auch! Allerdings … im Vergleich mit den Nachbarstaaten haben wir kein großartiges Heer …»
«Jaja, aber die würden auch nicht fünfstöckig daherkommen. Sie könnten nicht mehr Leute einsetzen, als in einem Abschnitt Platz haben … und für unsere Grenzen hätten wir Mannen genug.»
«Ja, und sonst … he, du weißt doch, was der deutsche Kaiser vor zwei Jahren bei den Manövern hier für eine Antwort bekommen hat?»
Christian wußte es nicht, und Fred erzählte die Anekdote. Der Kaiser habe im Schützengraben einen schießenden Füsilier angesprochen und nebenbei bemerkt, die Schweizer seien ja freilich gute Schützen, aber im Kriegsfall werde ein Gegner mindestens mit einer doppelt so großen Anzahl aufrücken; was sie dann wohl tun würden? Der Füsilier habe geantwortet: «Dann würden wir zweimal schießen.»
Christian lachte kurz auf. «Jaja … hoffentlich kommt’s nicht dazu», sagte er und blickte gespannt nach der Scheibe, auf die Fenner in diesem Augenblick einen Schuß abgefeuert hatte. «Wieder eine Nummer!» rief er gedämpft, als die rote Kelle ins Schwarze flog, dann nickte er bedeutsam und schlenderte weg.
Fred wandte seine Aufmerksamkeit von neuem dem Oberstleutnant zu, der mit unveränderter Anspannung diesen Teil seiner Serie zu Ende schoß. Er begriff jetzt, daß hervorragende Resultate eine Zucht des Willens voraussetzten, von der sich Laien kaum eine Vorstellung machten, daß jeder einzelne Schuß dabei von entscheidender Wichtigkeit war und immer wieder denselben Aufwand von Kraft, Geduld und Selbstbeherrschung erforderte, einen Aufwand, den jedenfalls das tägliche Leben nur selten verlangte.
Sogleich nach dem zehnten Schuß stand Fenner auf, trat zum Warnerpult und blickte mit einer beiläufigen Kopfbewegung, doch mit drohender Miene, nach der Scheibe zurück, wo abermals die rote Kelle erschien, dann unterschrieb er sein ungewöhnliches Resultat von zehn Nummern. «Bravo! Bravo!» sagten die Schützen. Fenners hartes Gesicht trug einen Schimmer ironischer Zufriedenheit, doch er schien den Beifall kaum zu beachten und unter den Zuschauern keinen Bekannten zu besitzen, er musterte sie nur mit einem kurzen, beinah spöttischen Blick seiner nüchternen kleinen Augen, stellte das Gewehr schweigend in den Rechen und begann, die Arme verschränkt, die Rechte am linken Schnurrbartzipfel, die Schießenden zu beobachten, als ob nichts geschehen wäre.
«Herrgott, ist das ein trockener Patron!» dachte Fred. «Ein ungemütlicher Kerl! Aber im Kriegsfall, als Regimentskommandant … mit so einem wäre man auf jeden Fall nicht lackiert.»
Er bummelte durch den Stand und blieb neugierig bei einer Gruppe von Schützen stehen, in der ein untersetzter, fester Mann von strammer Haltung laut schimpfte und fluchte, während er mit dem Handrücken auf eine Seite seines Schießbüchleins klopfte; bei diesem Schuß, erklärte der Aufgeregte, sei es nicht mit rechten Dingen zugegangen, er habe ihn genau so abgegeben wie den vorhergehenden, und da werde ihm nun «so en Saucheib» gezeigt, den er gar nicht geschossen habe, das sei ihm denn doch noch nirgends passiert, er wisse auch, wann er gefehlt habe und wann nicht.
Fred ging lächelnd weiter. Er wußte wohl genug, daß es auch unter den Schützen Lärmer und Aufschneider gab, doch er machte den Fehler nun nicht mehr, ihrem lauten Wesen mehr Gewicht beizulegen als den Stillen und Bescheidenen, wie er denn überhaupt vom Schützenfest eine andere Ansicht gewonnen hatte.
Im rechten Flügel fiel ihm wieder eine kleine Ansammlung von Schützen auf, die einen Gewehrrechen belagerten, er trat hinzu und erkannte freudig aufgeregt seinen Vetter, der liegend mit vier Nummern den letzten Teil seiner Meisterserie begonnen hatte. Sogleich drängte er sich vor, bis er Christians ganze Rückseite bequem überblicken konnte, die gespreizten, fest an die Matte geschmiegten kräftigen Beine in den abgetragenen schwarzen Hosenröhren, die gestrickten grauen Socken, die darunter zum Vorschein kamen, die schweren Schuhe, den tanngrünen, an den Schultern straff gespannten Jagdrock, den von dunkelblondem, leicht gekräuseltem Haare dicht bewachsenen runden Kopf und die wulstigen kleinen Ohren.
Hinter dem angehenden jungen Meisterschützen häuften sich die Zuschauer, die nach jedem Nummerntreffer in gedämpftem Ton anerkennende Bemerkungen tauschten oder einander bedeutsam anblickten und gespannt auf den nächsten Schuß warteten.
Christian schoß ruhig und gleichmäßig in einer Art von hypnotischer Sammlung, die jeden Gedanken an seine Zuschauer, an die nahende Entscheidung oder die Bedeutung der Meisterschaft ausschloß und einzig darauf gerichtet war, den Schuß ohne Zielversehen sorgfältig abzudrücken. Nach der siebenten Nummer aber hörte er plötzlich, wie hinter ihm laut gefragt wurde «wieviel muß er noch?», wie ein paar nähere Stimmen antworteten «noch zwei!», und wie jemand unwillig in unterdrücktem Tone Ruhe verlangte. In diesem Augenblick erwachte er gleichsam und wußte, daß er im Begriffe war, die heißbegehrte kantonale Meisterschaft zu erringen, daß ihm nur noch zwei Nummern fehlten, und daß hinter seinem Rücken ein dichtgedrängter Haufe von Schützen stand, die ihm gespannt zuschauten. Er runzelte die Stirn und suchte diese Vorstellungen zu verscheuchen, aber sowie er wieder zu zielen begann, merkte er, daß er schon unruhig geworden war. Trotzdem zielte er nicht länger als sonst und gab den Schuß auch scheinbar richtig ab, blickte aber nicht mehr so gleichgültig wie bisher auf die Scheibe nach dem Resultat aus, sondern ängstlich, zweifelnd, erregt. Die weiße Kelle erschien, zum erstenmal nach sieben roten Kellen, und wirkte auf ihn wie ein Schlag in die Herzgegend; er hatte die Nummer gefehlt.
Die meisten Zuschauer warfen einander schweigend mit bedenklicher Miene kurze Blicke zu, jemand sagte «oha!», und nur wenige äußerten ein paar Worte; unter diesen wenigen war ein grauhaariger, griesgrämig blickender Mann, der seine Schadenfreude nicht verbergen konnte, eine überflüssige Bemerkung machte und dann mit offenem Mund und einem spöttisch zugekniffenen Auge lautlos vor sich hin lachte. Fred blickte ihn wütend an und verspürte eine grimmige Lust, ihm die Faust ins Gesicht zu hauen.
Indessen hatte Christian das Gewehr wieder angeschlagen, doch er wußte jetzt, daß ihm für die zwei fehlenden Nummern nur mehr zwei Patronen zur Verfügung standen und daß somit alles von diesen beiden letzten Schüssen abhing. Die Luft flimmerte ein wenig vor seinem zielenden Auge, und dies von der Sonne oder vom erhitzten Gewehrlauf herrührende Flimmern, das ihn bisher nicht ernstlich gestört hatte, verwischte ihm jetzt den Umriß des runden Schwarzen. Er schloß die Augen und wartete ein wenig, dann zielte er wieder und löste den Schuß; im selben Augenblick wußte er, daß beim Abdrücken das Korn um Haaresbreite zu weit rechts gestanden hatte. «Gefehlt!» dachte er erzürnt, entmutigt, riß den Verschluß zurück und wagte kaum nach der Scheibe hinzusehen. Da erschien doch die rote Kelle, nicht so entschieden auf die Mitte geworfen wie sonst, sondern vom Weißen her zögernd in den rechten Rand des Schwarzen hineinschleichend; die Nummer war knapp getroffen. «Donnerwetter, das ist gnädig abgelaufen!» dachte er, völlig aufgeheitert, und legte mit einem schüchternen, verwunderten Lächeln die letzte Patrone ins Magazin. Er war überzeugt, daß er die Nummer gefehlt hätte, ohne jenes Körnchen Glück, das auch der tüchtigste Schütze bei letzten Entscheidungen nicht entbehren möchte. Dies gab ihm seine Zuversicht zurück. Mit einer entschlossenen Bewegung zog er das Gewehr an die Schulter, rückte sich mit den Beinen in die bequemste Lage und schaute einen Augenblick ins Grüne hinaus, dann begann er zu zielen und verschob mit dem Zeigefinger den Abzug behutsam zum Druckpunkt.
Auf die Zuschauer hatte nach dem Fehlschuß der beinah noch einmal mißlungene Treffer eine gegenteilige Wirkung ausgeübt und die Spannung noch erhöht. Jeder dieser Schützen glaubte den Zustand zu kennen, in dem Christian sich jetzt befand, und wußte aus Erfahrung, daß beim geringsten Fieber gerade dieser entscheidende letzte Schuß am häufigsten mißlang. Sie drängten sich enger zusammen, die vordern wurden gegen den Gewehrrechen gepreßt und die hintern stellten sich auf die Zehen, während die nächsten mit unverwandtem Blick das anfängliche leise Schwanken der Laufmündung beobachteten, um daran den Fiebergrad des Schützen abzulesen, und festzustellen, ob im Augenblick der Schußabgabe das Korn gezittert, seitlich ausgeschlagen oder völlig geruht habe.
Fred, der eingeklemmt am Gewehrrechen stand, teilte nicht nur die allgemeine Spannung, sondern erlebte sie gesteigert auf eine intimere, persönlichere Art, ja er empfand sie fast eifersüchtig als sein Vorrecht und musterte bald diesen, bald jenen Drängenden mit einem verächtlichen Blick. Der Fehlschuß hatte ihn den Zuschauern gegenüber in eine gereizte Stimmung versetzt, während seine Anteilnahme an Christians Endkampf sich in das herzlichste Mitgefühl verwandelte. Er schaute dem Vetter zu, wie er nun das Gewehr zum letzten Schuß anschlug, und flehte die fehlende Nummer inständig herbei, ja er richtete diesen Wunsch mit gesammelter Kraft dermaßen eindringlich auf den Zielenden, als ob er ihn damit beeinflussen könnte. «Triff, Christian, triff!» dachte er angestrengt. «Du mußt die Nummer unbedingt treffen, du mußt, du mußt!»
In diesem Augenblick krachte der Schuß, zu früh für Freds Gefühl, und auch für die übrigen Zuschauer einigermaßen unerwartet, weil alle damit gerechnet hatten, Christian werde sich jetzt nicht übereilen, sondern das Zielen noch einmal unterbrechen. Fred hielt den Atem an und wartete mit beklemmender Angst und höchster Spannung auf das Erscheinen der Zeigerkelle. Rings um ihn herrschte eine lautlose Stille, in der sowohl er wie die übrigen Zuschauer das fortgesetzte Knattern der Schüsse nicht mehr zu hören schienen. Christian selber richtete sich halbwegs auf und blickte regungslos nach der Scheibe.
Die rote Kelle fuhr hoch und tauchte entschlossen ins Schwarze hinein, der Schuß saß mitten in der Nummer. Die Zuschauer brachen in dröhnende Bravorufe aus, die im ganzen Stand Aufsehen erregten. Viele Schützen eilten erst jetzt lächelnd oder fragend herbei, und ein paar Augenblicke schien überall das Gewehrfeuer zu stocken. Der lauteste Schreier war Fred, er schrie seine Bravos so ungehemmt hinaus, daß viele Schützen sich belustigt nach ihm umwandten.
Indessen war Christian aufgestanden und schrieb mit der kräftigen braunen Rechten, die ein wenig zitterte, ungeschickt seinen Namen unter das Resultat. Mit einem bescheidenen, glücklichen Lächeln trat er in den Stand zurück.
9
Die internationale Lage in den letzten Julitagen, wie sie von den Menschen unseres Kontinents empfunden wurde, wäre höchstens mit dem noch verhüllten Anbruch einer Naturkatastrophe von unvorstellbarem Ausmaß zu vergleichen, mit einer nie gesehenen Verdüsterung des Himmels und einem andauernden unterirdischen Donnern. Am Horizont zuckten die ersten Blitze, und es war zu befürchten, daß sich der geschwärzte Himmel in Feuern entladen und der grollende Erdteil wanken werde, aber noch fehlten sichere Anzeichen, und vor allem fehlte jede vernünftige Erklärung dieser furchtbaren Möglichkeit. Am 28. Juli wurde aus Wien gemeldet, daß in der Donaumonarchie der Kriegszustand eingetreten sei und ein Teil des Heeres gegen Serbien marschiere, am nächsten Tag erschien die Kriegserklärung, und wenige Stunden später erfuhr man die Mobilisation von Armeekorps in den angrenzenden Gebieten Rußlands; aus den übrigen Ländern aber stob ein Schwarm von Gerüchten und zweifelhaften Nachrichten auf, die nicht den geringsten Schluß erlaubten. Die Presse, die sonst jedes Wimperzucken einer Majestät und jedes neue Lüftchen in den internationalen Beziehungen eilig angezeigt hatte, war jetzt vom wirklichen Geschehen wie abgeschnitten, während die Minister, Botschafter, Diplomaten und verantwortlichen Männer aller Staaten kaum mehr Zeit zum Schlafe fanden und der länderverbindende Draht vom nahenden Strom der Ereignisse ununterbrochen fieberte.
Der schweizerische Bundesrat streckte wie jede andere Regierung alle möglichen Fühler aus, um von diesen Ereignissen nicht überrumpelt zu werden, und traf zugleich die ersten Vorbereitungen, um ihnen im Ernstfall begegnen zu können. Er stellte Verbindungen her mit den Führern der Armee und des Wirtschaftslebens, die ihrerseits wieder durch Besprechungen und Instruktionen das allfällig Notwendige vorbereiteten. Von einer dieser Besprechungen in Bern kehrte am Abend des 29. Juli der Brigadekommandant und Nationalrat Ammann nach Zürich zurück und begab sich in gehobener, ernster Stimmung sogleich nach Hause.
Als er die unterste Treppe betreten wollte, kam ihm von oben herab Stockmeier entgegen, worauf er abwartend auswich, um ihn vorbeizulassen. Sowie aber Stockmeier seinen Mieter erkannte, hielt auch er an. «Ah, Herr Oberst!» rief er, erfreut auflächelnd, und kehrte eilig über die paar Stufen zurück. «Bitte, bitte! Hahaha …» Einen Augenblick zögerten beide mit einladender Miene, obwohl sie bequem aneinander vorbeigekommen wären, dann stieg Ammann hinauf.
«Sie kommen aus der Bundeshauptstadt, Herr Oberst», sagte Stockmeier immer noch lächelnd, aber mit offener Neugier.
«Ja … man hat etwa da und dort eine Sitzung», antwortete Ammann gelassen und leichthin.
«Was sagt man nun eigentlich in Bern zur Lage?» fragte Stockmeier, wobei er seine Stimme dämpfte und mit ernstlich besorgter Miene ein wenig den Kopf vorstieß.
Ammann bewegte unbestimmt die Rechte.
«Es ist ja eine ganz unglaubliche Situation», fuhr Stockmeier mit emporgezogenen Brauen lebhaft fort. «In Bern wird man sich doch gewiß schwere Gedanken machen. So etwas ist ja überhaupt noch nicht dagewesen. Ich denke, der Bundesrat wird da … wird da auf der Hut sein müssen …» Während er dies und anderes ziemlich aufgeregt vorbrachte, blickte er Ammann mit einem ergebenen und zugleich fragenden Ausdruck eindringlich an, er warb geradezu um eine vertrauliche Mitteilung.
Ammann zog sich, während er antwortete, unmerklich zurück. Die Dinge, die ihn erfüllten, waren ihm zu wichtig, um sie kurzerhand diesem Mann und damit einer Stammtischrunde preiszugeben. «Man sieht auch in Bern noch nicht alles durch die schwarze Brille, aber äh …» Er nickte ernsthaft, während er bereits die nächste Treppe betrat. «… man sieht sich vor, selbstverständlich.»
«Das kann man sich doch denken, das kann man sich denken …»
«Ich persönlich bin der Ansicht, daß noch kein Grund zu einer ernstlichen Beunruhigung vorliegt …»
«So? So? Ja, nicht wahr … das wird sich ja sehr bald entscheiden. Aber man muß ja wirklich hoffen, daß es nicht zum Äußersten kommt … Eh, wie ist das, Herr Oberst, Sie halten doch morgen am Kantonalschützenfest die offizielle Rede, das ist doch morgen, nicht wahr?»
Ammann blieb auf der fünften Stufe noch einmal stehen. «Ja, das blüht mir auch noch, ich werde nicht darum herumkommen», erwiderte er spaßhaft betrübt und setzte den Fuß zögernd auf die nächste Stufe.
Stockmeier, der bei seinem kurzen Hals den Kopf nicht recht zurücklegen konnte, lehnte sich mit seiner ganzen rundlichen Gestalt breitspurig ein wenig nach hinten, um den langsam Hinaufsteigenden nicht aus den Augen zu verlieren, und rief, während sich auf seinem friedlich schlauen Gesichte wieder ein strahlendes Lächeln ausbreitete: «Das ist ganz in Ordnung, Herr Oberst, ganz in Ordnung! Wir werden ja auch dabei sein, nicht wahr, so etwas läßt man sich nicht entgehen, hahahaha.» Er schien jetzt, während er mit einer schwungvollen Bewegung den Hut von der Glatze hob, beinahe hintenüber zu fallen, dann eilte er, freundlich weiterlachend und ein paar Bemerkungen ausstoßend, die der Oberst schon nicht mehr verstehen konnte, plötzlich mit erstaunlicher Behendigkeit die Treppe hinab.
Ammann und seine Frau begrüßten sich auf ihre gewohnte Art mit jener zurückhaltenden, scheinbar spröden Freundlichkeit, die nicht auf einem Mangel an Zuneigung beruht, sondern im Gegenteil auf einem vollkommenen Einverständnis, auf einer unausgesprochenen Vertraulichkeit des Herzens, die keiner Beweise mehr bedarf. «Ich habe im Speisewagen etwas Weniges gegessen», erklärte er auf ihre Frage. «Wenn du nichts bereit hast …»
«Doch doch, ich hab’ alles warmgestellt, ich bring es gleich herein», erwiderte sie entschieden und eilte in die Küche.
Ammann musterte in seinem Büro flüchtig die während seiner Abwesenheit eingetroffenen Briefe und Drucksachen, dann zog er den langschößigen schwarzen Rock aus, schlüpfte in eine bequeme graue Hausjacke und ging zum gedeckten Tisch in die Wohnstube hinüber, wobei er sich kräftig räusperte, die Nase putzte, mit beiden Händen die Jacke zurechtrückte, mit dem Zeigefinger den Kragen lockerte, den dicken Hals hin und her bewegte und sich wippend in die Knie fallen ließ, kurz, alle jene kleinen Bewegungen machte, die zu seiner häuslichen Behaglichkeit notwendig waren.
Frau Barbara lehnte sich, sobald er zu essen begann, in seiner Nähe freundlich abwartend an den Heizkörper. Sie hatte die Entwicklung der Ereignisse in der Presse verfolgt und stand, wie jedermann, unter dem Eindruck des drohenden Unheils, aber sie begriff nicht, wieso dies alles nun scheinbar unabhängig vom menschlichen Willen vor sich gehen mußte, und war empört bei dem Gedanken, daß die Regierungen sich nicht unter allen Umständen zum Frieden bekennen wollten.
Ammann begann, ohne gefragt zu werden, indem er aufblickend nachdenklich nickte: «Eine dunkle Geschichte! Jeder Generalkonsul in Bern behauptet, daß sein Land nur gezwungen in den Krieg eintreten würde, aber … man hat das Gefühl, bei dieser allgemeinen Nervosität brauche es sehr wenig mehr. Der Bundesrat stellt sich jetzt allerdings zuversichtlich ein, und … ich glaube tatsächlich auch, es kommt nicht zum Äußersten … aber!?» Er hob die Rechte und hielt den Kopf schief, dann blickte er plötzlich mit einem forschenden Lächeln auf seine Frau und sagte in einem leisen, entschiedenen Tone: «Wenn’s in der Nachbarschaft losgehen sollte, dann wird bei uns sofort mobilisiert, soviel ist sicher.»
Frau Barbara unterbrach ihn nie, wenn er etwas zu erzählen begann, sie verriet ihre Meinung immer erst am Schluß und blickte ihn auch jetzt nur stumm abwartend an. Da surrte die Hausglocke. Ammann blickte fragend auf, während die Frau mit leicht betroffener Miene einen Augenblick verharrte und dann, unwillig über die Störung, hinauseilte.
Severin kam, er trat gelassen ein, begrüßte seinen Vater und setzte sich ihm sogleich gegenüber an den Tisch. «Etwas Neues aus Bern?» fragte er gleichgültig, als ob ihm nicht viel daran läge.
Ammann hatte beim Eintritt seines Ältesten eine ironisch abwartende Miene angenommen und gab jetzt eine ausweichende Antwort, während Frau Barbara plötzlich eine unwirsche Geschäftigkeit entfaltete und auf ihre harmlose Art beleidigt schien, daß sie nun nicht mehr allein und als erste die Neuigkeiten aus Bern erfahren sollte.
Severin wartete unter allgemeinen Redensarten über die Lage eine gemessene Frist, ohne die geringste Ungeduld zu verraten, auf irgendwelche Mitteilungen. Als diese Frist verstrichen war, nahm er an, daß Papa überhaupt nichts Wichtiges erfahren habe und nur in nebensächlichen Dingen nach Bern gereist sei. «Schön!» sagte er abschließend und gab damit zu verstehen, daß er nun zu seiner eigenen Angelegenheit übergehen werde. Er zog einen gelben Umschlag aus der Rocktasche, entnahm ihm ein Manuskript und legte es vor sich hin. «Da ist ein Artikel, über den ich deine Meinung hören möchte, bevor ich ihn abdrucke», begann er. «Ich hab’ ihn auf Umwegen bekommen. Der Verfasser ist ein ehemaliger Schweizer Offizier, der seit Jahren im Ausland lebt … Bitte, iß nur ruhig weiter, ich lese ihn vor, wenn du gestattest!» rief er, als Ammann, ein Stück Brot zerkauend, bereitwillig die Hand ausstreckte.
«Vor zwei Jahren», las Severin, «als der deutsche Kaiser die schweizerischen Manöver besuchte, erschien in einer französischen Zeitung eine wenig beachtete Notiz, die diesen Besuch mit heute wieder sehr aktuell gewordenen Dingen in Zusammenhang brachte …»
Ammann hörte zuerst gelassen zu, aber im Laufe der Vorlesung nahm sein Gesicht einen unwilligen Ausdruck an und seine Augen bekamen jenen starken dunklen Glanz, der über die gutmütig heitere Natur und schwerfällige Gestalt hinweg seine ursprüngliche Intelligenz und Willenskraft noch immer verriet.
Der Verfasser des Artikels behauptete, in den Plänen des deutschen Generalstabes für einen allfälligen Krieg mit Frankreich sei der Durchmarsch einer Armee durch die Schweiz vorgesehen. Der französische Generalstab habe dies erfahren, und man müsse damit rechnen, daß eine französische Armee zur Sicherung des rechten Flügels so früh wie möglich durch die Schweiz marschieren und das Rheinknie bei Basel besetzen werde. Jene Behauptung stützte er durch verschiedene, in Frankreich umlaufende Gerüchte und durch die Erwägung, daß die Deutschen bei einem Angriff auf den französisch-belgischen Festungsgürtel stärkere Widerstände erwarteten als beim Angriff durch die Schweiz, der ja überdies für den spätern Verlauf des Krieges ganz offenbare strategische Vorteile biete. Die Annahme, daß die Franzosen mit allen Mitteln versuchen würden, dies zu verhindern, liege deshalb auf der Hand.
«Und das willst du veröffentlichen?» fragte Ammann scharf, erhob sich und nahm Severin das Manuskript weg.
«Bitte sehr, ich habe gesagt, daß ich vorerst deine Meinung darüber hören möchte», erwiderte Severin vollkommen ruhig. «Im übrigen aber bin ich der Ansicht, daß die Öffentlichkeit ein Recht darauf hat, zu erfahren, in welche Lage wir unter Umständen geraten können.»
«Verdammter Blödsinn!» rief Ammann und blickte seinen Sohn zornig an. «Die Öffentlichkeit! Die Öffentlichkeit! Jetzt handelt es sich vor allem darum, das Volk zu beruhigen. Du hast offenbar keine Ahnung, was für eine Schweinerei entstehen kann, wenn die Leute den Kopf verlieren. Oder weißt du vielleicht, was für Beträge bereits in den letzten Tagen unsinnigerweise bei den Banken abgehoben worden sind und was im Ernstfall noch zu befürchten ist, welche Gefahren für die Lebensmittelversorgung entstehen könnten, was eine Panik für Wirkungen auf das Ausland haben müßte …? Überhaupt …» Er winkte ab und schritt erregt zu einer Fensternische.
«Du traust dem Volke ja sehr wenig zu», bemerkte Severin trocken. «Außerdem finde ich, daß gewisse offizielle Aufklärungen notwendig wären, wenn man solche Befürchtungen hegt. Man treibt aber in Bern offenbar Geheimniskrämerei …»
«Unsinn! Es ist doch ganz klar, daß man jetzt nicht alles an die große Glocke hängt. Im übrigen ist der Bundesrat weder blind noch taub, und was die augenblickliche Lage betrifft, so hat er durchaus noch keinen Anlaß, ins Feuerhorn zu blasen. Ich habe persönlich mit Hoffmann gesprochen, und ich kann nur sagen, daß in den offiziellen Kreisen auch jetzt noch eine optimistische Stimmung herrscht. Du wirst das morgen bitte als neueste Meldung bringen! Alles andere hat vorderhand keinen Sinn.»
«Ja … ich bin sehr bereit, bitte! Aber wir sind damit von der Sache abgekommen, nicht wahr. Du willst also, daß dieser Artikel nicht veröffentlicht wird. Schön! Es bleibt mir somit nichts anderes übrig, als ihn dir auszuhändigen. Ich habe das Original, das ich sofort zurückschicken werde, wohlweislich abschreiben lassen. Das hier ist die Abschrift. Ich möchte ausdrücklich bemerken, daß ich sie hiemit zu deiner Verfügung stelle. Ich meinerseits bin der Ansicht, daß diese Sache durchaus nicht aus der Luft gegriffen ist. Du wirst doch zugeben müssen, daß die Umgehung des Festungsgürtels den Deutschen enorme Vorteile bieten, und daß anderseits eine Besetzung des Rheinknies bei Basel für die Franzosen von höchster Wichtigkeit sein würde? Ob dies auf diplomatischem oder gewaltsamem Weg zustande käme und wie es mit dem internationalen Recht in Einklang zu bringen wäre, ist eine Frage für sich. Die militärische Möglichkeit besteht aber jedenfalls, das wirst du doch zugeben müssen?»
Ammann schwieg.
Severin blickte ihn eine Weile vorwurfsvoll fragend an, dann beschied er sich. «Jaja!» sagte er und legte seufzend ein Bein auf das andere. Aber im nächsten Augenblick nahm er das Bein wieder herab, zog den Stuhl näher an den Tisch heran und begann entschlossen, wenn auch gleichgültiger als bisher, von einer neuen Angelegenheit zu reden. «Noch etwas!» sagte er leise. «Ich möchte gern deine Festrede bringen, und zwar schon morgen, wenn du gestattest. Kannst du mir eine Abschrift geben?»
«Ausgeschlossen, ich habe erst ein paar Notizen gemacht und werde noch bis Mitternacht daran arbeiten müssen», erwiderte Ammann bedauernd, obwohl dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Er hatte seine Rede geschrieben und auswendig gelernt, wollte aber unter dem Eindruck seines Berner Aufenthalts jetzt freilich manches ändern und einiges hinzufügen. «Du hast ja übrigens außer ein paar Resultaten noch gar nichts über das Fest gebracht?» fuhr er fragend fort. «Ein Bericht oder eine kurze Schilderung wäre doch … es ist immerhin ein Kantonalschützenfest … ich habe etwas darüber erwartet.»
Severin nickte zustimmend. «Ich bin ganz deiner Meinung», sagte er und schaute ihn aufmunternd an, damit er sich nur völlig ausspreche.
Ammann verzichtete auf weitere Bemerkungen und blickte seinerseits Severin mit einer einladenden Handbewegung fragend an.
«Ja, also die Sache ist sehr einfach», begann Severin in etwas erhöhtem Ton. «Es ist mir recht, daß du selber diesen Punkt berührst. Es handelt sich um Paul, und ich muß jetzt leider einmal sagen, wie es steht.» Er erzählte nun sachlich und genau, wie Paul als Berichterstatter versagt habe, wie wenig Verlaß auch sonst auf ihn sei und wie sehr ihm das für den anständigen Journalisten entscheidende Gefühl der Verantwortung fehle. «Er ist vom typischen Hochmut der Literaten besessen, die sich über alles erhaben dünken und alles belächeln, auch wenn sie keinen blassen Dunst davon haben», schloß er schneidend. «Ich bedaure sehr, aber es ist nichts mit ihm anzufangen.»
«So werde ich ihm den Kopf zurechtsetzen!» rief Ammann erzürnt. «Dieser Herr wird mich morgen begleiten, und ich werde dafür sorgen, daß er seinen Bericht schreibt.» Er stapfte noch eine Weile in der Stube herum, während Severin, der die angekündigte Maßregelung völlig nutzlos fand, sich seufzend erhob und Abschied nahm.
«Wenn morgen, im Verlauf des Nachmittags, wichtige Nachrichten kommen sollten», sagte Ammann, «dann läute mir bitte an, nicht wahr! Du weißt, wo ich bin. Und das mit Paul … das werde ich in Ordnung bringen.»
«Schön! Adieu Papa! Adieu Mama!»
Nachdem Severin die Stube verlassen hatte, machte sich Frau Barbara mit leisen, harmlosen Worten an ihren Mann heran und erreichte in kurzer Zeit, daß er seinen Beschluß zwar nicht zurücknahm, mit der Durchführung aber sie beauftragte. «Laß mich nur machen, Paul ist morgen am Schützenfest», sagte sie entschieden, und ihre Miene drückte ein so vollkommenes Einverständnis mit ihm aus, daß er sich zufrieden gab.
«Äh, und wie ist das … kommst du auch mit?» fragte er besänftigt.
«Ach, fällt mir nicht ein!» warf sie ohne Bedenken hin, worauf er lächelnd in sein Büro ging.
Er schlug das Manuskript seiner Rede auf und strich nach kurzer Überlegung einen Ausfall gegen die Sozialisten, der unter den gegenwärtigen Umständen schlecht angebracht war; man konnte jetzt nicht einen Teil der Arbeiterschaft vor den Kopf stoßen, mit deren Hilfe man vielleicht schon in den nächsten Tagen notwendig rechnen mußte. Nachdem er den Riß geflickt und die Rede noch einmal gelesen hatte, fand er, daß der vaterländische Geist darin schwungvoller zum Ausdruck kommen, daß nun aber weniger die Freiheit als die Einigkeit betont werden müsse. Er legte ein leeres Blatt neben das Manuskript, machte den Füllfederhalter bereit und runzelte die Stirn; doch das Denken und Schreiben gelang ihm nicht so mühelos wie sonst, er merkte erst jetzt, wie sehr ihn dieser Tag zerstreut und ermüdet hatte. Trotzdem schrieb er ein paar Sätze hin, strich sie aber bald wieder aus, da sie ihm zu allgemein, zu wenig kernig erschienen. Um nicht am Ende in Phrasen zu verfallen, was nach seiner Überzeugung übrigens nie geschah, griff er zu einem Hilfsmittel, das schon ungezählten Schützenfestreden zugute gekommen war, zum «Fähnlein der sieben Aufrechten» von Gottfried Keller. Er schlug die Erzählung im Bande der «Zürcher Novellen» auf, begann darin zu blättern, dann zu lesen, und spürte wieder das innigste Einverständnis mit dem Geiste, der ihm hier verklärt entgegentrat. Er merkte sich verschiedene Stellen, die er als Kernworte «unseres Altmeisters Gottfried Keller» geradezu anführen wollte, doch fand er die Energie nun nicht mehr, seine Rede noch einmal abzuschreiben. Indessen las er weiter und folgte den sieben Aufrechten zum eidgenössischen Schützenfest nach Aarau, angewärmt und mählich eingelullt von dieser Luft aus dem vergangenen Jahrhundert, das seine geistige Heimat war. Sein Kopf neigte sich unmerklich, seine Unterlippe hing vergessen herab, sein Kinn bettete sich in die Schwarte, die es, vom Kragen gestützt, wulstig umgab, und mit diesem friedlich erschlafften Gesichte schlief er über seinem Altmeister leise schnarchend ein.
10
Onkel Robert, Fred und Christian brachen am offiziellen Tag zum Bankett in die Festhütte auf. Als sie in dem vierplätzigen kleinen Gefährt kurz vor Mittag die Straße gegen den Schießstand hinabfuhren, sahen sie vom Dorfe her den Festzug schon im Anmarsch. In das Kreischen und Knirschen der Räder mischten sich aus der Ebene herauf die Marschklänge der Ortsmusik, das Knattern der Gewehre und die Kanonenschüsse, die zur Begrüßung abgefeuert wurden. Kurz vor der Ankunft des Zuges hielt Christian bei einem kleinen Gehöft, wo er Roß und Wagen einstellen konnte. Sein Vater ging, ohne auf ihn zu warten, mit Fred auf den Festplatz. Es war ein bewölkter, warmer Tag, die Wimpel und Fahnen hingen schlaff an ihren Stangen, die Wiesen, Bäume und Dächer waren feucht vom Regen, der im Verlaufe des Morgens gefallen war, doch auf dem Platze selber herrschte eine so laute, fröhlich-geschäftige Stimmung, daß man das trübe Wetter darüber vergaß.
Die Spitze des Zuges, blauweiße Halbartenträger und die kräftig blasende Musik, schwenkte am Eingang zum Festplatz ab, und an ihr vorbei marschierten, vom Organisationskomitee begleitet, in Zylindern und langschössigen schwarzen Röcken der offizielle Redner und die eingeladenen Ehrengäste, die man am Bahnhof abgeholt hatte. Nationalrat Ammann schritt zwischen dem Gemeindepräsidenten und einem Vertreter der Regierung mit feierlich heiterer Miene stramm heran. Der Zug, der ähnlich zusammengesetzt war wie am Sonntag bei der Fahnenübergabe, verstopfte einen Augenblick den Hütteneingang und löste sich dann auf.
Onkel Robert ging ruhig mitten durch das ärgste Gedränge in die Hütte hinein, um seinen Bruder zu begrüßen. Fred zögerte noch und blickte nach Christian aus; da faßte ihn jemand sachte am Arm, er drehte sich um und sah Paul vor sich. «Was, du bist auch wieder da?» rief er überrascht.
Paul bestätigte diese merkwürdige Tatsache durch ein stummes Grinsen. «Papa hat es erzwungen, und er will auch erzwingen, daß ich den Bericht schreibe», erklärte er. «Sag, ist das nicht unglaublich kurzsichtig von ihm? Es ist doch klar, daß er so nichts erreicht! Ich habe mir die Sache von seinem Standpunkt aus überlegt. Er handelt so dumm und so plump wie nur möglich. Überhaupt, weißt du … ich habe jetzt angefangen, Papa zu beobachten, und ich werde ihn heute vermutlich in seiner ganzen Glorie zu sehen bekommen.»
Fred hörte mit einem halb spöttisch heiteren Lächeln zu, und dieses Lächeln verriet, was er dachte, nämlich: «Da hast du dir ja etwas Nettes ausgedacht!»
«Komm, wir gehen hinein!» drängte Paul. «Ich muß einen Platz in seiner Nähe haben.»
«Ja … ich wollte hier noch auf Christian warten», entgegnete Fred zögernd, «aber …»
In diesem Augenblick dröhnte beim Stand der Kanonenschuß, der die Mittagspause ankündigte, und das Knattern der Gewehrschüsse, das wieder ununterbrochen den ganzen Morgen gedauert hatte, hörte sogleich auf. Den Schützen war ihre Arbeit offenbar wichtiger gewesen als der Anblick des Festzuges; sie verließen den Stand erst jetzt, gingen in eifrigen Gesprächen über Erfolge oder Mißerfolge zum Mittagessen und schienen die Bedeutung des Tages nicht zu beachten.
Da betraten auch Paul und Fred die Hütte. Beim Tisch der Ehrengäste blieben sie in der Nähe des Onkels, der mit Papa sprach, abwartend stehen.
Onkel Robert war größer und stärker gebaut als Oberst Ammann, doch stand er jetzt in einer leicht geduckten, fast schüchtern wirkenden Haltung vor ihm, als ob er seine mächtige Gestalt absichtlich verkleinern wollte, und brachte seine Worte in bescheidenem Tone vor oder hörte beifällig nickend mit einem harmlos bewundernden Ausdruck seines robusten roten Gesichtes aufmerksam zu. Ammann bewahrte vor dem Bruder durchaus die eindrückliche Haltung, die er in der Öffentlichkeit einzunehmen gewohnt war, ja er schien sie sogar ein wenig zu übertreiben, weniger durch sein strammes Dastehen als durch eine gewisse, großartig überlegene Leutseligkeit. Dabei hatte er einen sehr entschiedenen Ton angeschlagen, wie er zwischen Brüdern nicht eben üblich ist, begleitete seine Worte mit gewichtigen Kopfbewegungen und verhielt sich jedenfalls der Achtung entsprechend, die ihm da entgegengebracht wurde. Diese äußern Züge, die das Verhältnis der beiden Männer zueinander leise kennzeichneten, waren aber viel zu unauffällig, als daß etwa ein Freund oder Bekannter sie besonders wahrgenommen und die Unterhaltung daraufhin beobachtet hätte. Nur ein rücksichtsloser, ja übelwollender Betrachter konnte auf den Einfall kommen, daß Ammann es nötig habe, sich vor der wuchtigen Erscheinung seines Bruders ein wenig aufzuspielen.
Paul kam auf diesen Einfall. Er stand dicht hinter Fred und sagte leise, den Blick unverwandt auf Papa gerichtet: «Du mußt zugeben, daß er jetzt geschwollen aussieht. Er spielt sich auf, das ist klar, er gibt sich einen Anstrich. Das tut man nur, wenn man es nötig hat. Onkel Robert ist ja ein naiver Bär, aber er ist echt bis auf die Knochen, er kann gar nichts anderes darstellen als was er ist. Papa kann es, und er spielt jetzt den sichern Mann. Schon das gibt ihm eine problematische Nuance …»
«… das heißt, du hast dir bereits eine bestimmte Vorstellung von ihm gebildet, die du jetzt anzuwenden suchst», unterbrach ihn Fred.
«Keine bestimmte, nein … aber ich sehe jetzt manches wieder, was ich früher nicht beachtet hatte. Erinnerst du dich an den Abschiedsfraß im alten Hause? Wie Papa dort mit Hartmann verkehrte, das fällt mir erst jetzt auf. Hartmann hat ja in seinem Auftreten auch etwas Unsympathisches, aber es ist, glaub’ ich, eine begründete Haltung, er ist unzweideutig Soldat, Offizier, genau so wie Onkel Robert ein Bauer ist. Auch wenn sie abgesetzt und kaltgestellt würden, bliebe der eine Soldat, der andere Bauer; sie sind echt, sie leben durch sich selber, durch ihr bestimmtes Wesen. Papa aber lebt durch seine bürgerliche Umgebung, die ebenso fragwürdig ist wie er. Wirf ihn aus Amt und Würden, was bleibt dann? Ein Bürger? Aber was ist das?»
Fred, der dem Bruder über die Schulter hinweg zugehört hatte, wandte sich ihm jetzt mit heiter verurteilender Miene angriffig zu: «Aber was sind dann erst wir, du und ich? Gar nichts, wenn du mit solchen Maßstäben kommst!»
«Ja, mein Lieber, wir sind die Söhne dieses Vaters», erwiderte Paul nachdenklich lächelnd. «Aber wir haben seine Epoche hinter uns, und wir gestehen unsere Fragwürdigkeit ein, wodurch sie erst erträglich wird. Das ist ein großer Unterschied …»
Lisi, die Ehrenjungfer, kam in ihrer Tracht eilig auf die beiden zugeschritten, begrüßte Fred lachend mit ihrem gewohnten Ungestüm und gab dann mit einem neugierig spöttischen Anflug etwas zurückhaltend auch Paul die Hand, um sich sogleich lebhaft wieder an Fred zu wenden: «Wo sitzt ihr? Habt ihr schon Plätze?»
«Wir stehen noch, wie du siehst, aber … dort kommt Christian … ja warum, willst du an unsern Tisch?»
«Nein, ich muß doch zu den Ehrengästen», erwiderte sie aufgeregt.
«Jaso, natürlich … He, hallo, Christian!»
Christian kam langsam durch den Mittelgang und blickte mit finsterm Gesichte suchend umher, bis er Fred bemerkte, dann schritt er gelassen herbei, begrüßte Paul, fragte nach dem Vater und wandte sich dem nächsten leeren Tische zu. Lisi nahm, die erhobene Rechte schwenkend, mit einer koketten Wendung Abschied. Paul setzte sich zu äußerst links neben Fred, so daß er ohne Rücksicht auf andere mit ihm plaudern konnte, und Christian belegte für seinen Vater, der sich eben von Ammann trennte, einen Platz zu seiner Rechten. Sie saßen, die Bühne vor Augen, in einer Reihe nebeneinander nah beim Tisch der Ehrengäste.
Inzwischen hatte die Hütte sich locker angefüllt, der summende Lärm der vielen Stimmen wurde vom Eröffnungsmarsch der Ortsmusik übertönt, und von der linken Seite her, wo sich die Wirtschaftsräume befanden, kamen die Kellnerinnen mit gefüllten Suppentellern gelaufen. Das Bankett begann.
Ammann saß inmitten der Ehrengäste auf dem hartkantigen Brett der flüchtig gezimmerten Holzbank, das alle Sitzbewegungen auf der ganzen Länge getreulich anzeigte, doch er hätte jeden Vorzug, das wohltätige Angebot eines Kissens etwa, weit von sich gewiesen. Dies war ein Volksfest, ein Fest von gleichberechtigten freien Schweizer Bürgern, und es stand keinem an, auch einem Nationalrat nicht, bequemer und weicher zu sitzen als andere. Er hatte schon Dutzende solcher Feste miterlebt und fühlte sich innig angesprochen von der besonderen Luft, die ihn hier wieder umgab. Diese langhalsigen Flaschen roter und weißer Ehrenweine, die er gleich bei der Ankunft mit scherzhaft bedenklicher Miene gemustert hatte, die muntern Gesichter seiner Tischgenossen, die ihre Hochachtung vor ihm in die heiterste Laune zu kleiden wußten, diese strammen Ehrenjungfern, die vielen Wimpel und Schweizerwappen, die stattliche Reihe der ausgehängten Vereinsfahnen, das festliche Getöse ringsum und endlich die Begrüßungsansprache des Festpräsidenten erfüllten ihn mit einem stolzen Behagen. Als seine Rede fällig war, begab er sich auf die Bühne und schritt sogleich stramm zur Rampe.
Lauter Beifall empfing ihn. Er stand nun dort, den linken Fuß leicht vorgesetzt, das Haupt erhoben, eine weiße Rosette am Rockaufschlag, und wartete gespannt ein paar Sekunden, bis sich das brausende Leben zu seinen Füßen beruhigte, dann schleuderte er mit zwei energischen Kopfbewegungen seinen wohlbedachten Anruf über die Menge hin: «Schweizerschützen! Eidgenossen!» Wer diesem festen Mann etwa einen machtvoll schallenden Ton zugetraut hatte, sah sich jetzt getäuscht, seine Stimme, angenehm klar im Alltagsleben, klang unerwartet hochgeschraubt, fast schneidend, und etwas dünn im Verhältnis zur Anstrengung, obwohl sie durchdrang.
Ammann drückte in einer kurzen Einleitung seine «Freude und hohe Genugtuung» aus, als Bürger dieser Gemeinde zu den «von nah und fern herbeigeeilten Schützen und Schützenfreunden» sprechen zu dürfen, dann kam er zum Thema: «Ich hatte kürzlich zum zweitenmal Gelegenheit, die Schweizerische Landesausstellung in Bern zu besuchen. Ich habe sie mir gründlich angesehen, und sie hat mich mit einem Stolz auf Schweizer Art und Arbeit erfüllt, wie ich ihn noch selten so stark empfunden habe. Tausende von Besuchern haben dasselbe erlebt. Aus allen Gauen unseres lieben Schweizerlandes liegen dort die Zeugnisse beisammen, was unser Volk geleistet hat und zu leisten imstande ist. Wir dürfen heute ruhig behaupten, daß unser kleines Land auf keinem Gebiete mehr hinter unsern großen Nachbarländern zurücksteht. Am ungeheueren Aufschwung der zivilisierten Welt in den letzten dreißig Jahren haben auch wir mitgearbeitet, und wenn wir heute den Triumph des Fortschritts erleben, so dürfen wir bei aller Bescheidenheit uns auch ein wenig darin sonnen.»
«Bravo! Bravo!» tönte es da und dort aus der Menge, nicht sehr laut, aber ehrlich überzeugt. Paul hob verzweifelt die Augen, Fred lächelte nachsichtig, Onkel Robert nickte seinem Bruder zu, und Christian aß mit aufmerksamer Miene ruhig weiter.
«Allein, liebe Schützen, angesichts jener imposanten Schau habe ich mich auch nach ihren Voraussetzungen befragt», fuhr Ammann angeregt fort. «Nicht nur der Fleiß und die Kunstfertigkeit unseres Volkes waren dazu notwendig, sondern vor allem ein geordnetes, kraftvolles Staatswesen. Nur in einem solchen Staatswesen kann sich die Tüchtigkeit des Volkes entfalten, und nur ein kraftvoller Staat kann nach außen und nach innen die Freiheit und den Frieden garantieren. Diese Garantie mußte gleichzeitig mit dem kulturellen Aufschwung neu geschaffen werden. Sie ist geschaffen worden, und zwar, Schweizer Schützen, mit eurer Hilfe und aus eurem wehrhaften Geist heraus. Sie ist geschaffen worden mit unserer Armee.»
Weit verbreiteter, gedämpfter Beifall unterbrach hier den Redner, der indes mit einiger Ungeduld ein anderes Ziel anzusteuern schien und sogleich fortfuhr: «Wenn wir uns also heute rühmen dürfen, in jeder Beziehung auf der Höhe der europäischen Kultur zu stehen, so wollen wir nie vergessen, was uns dazu verholfen hat. Es ist sowohl der Geist und die Tüchtigkeit des Volkes, wie die Ordnung und Kraft des Staates, es ist, mit einem Wort – das Vaterland! Vaterland! Ein Wort nur, aber dies Wort drückt eine Welt aus. Was wir soeben damit bezeichneten, erschöpft den Gehalt dieses Wortes nicht. Es spricht nicht nur zu unserem Verstande, es spricht zu unserem Herzen, es spricht zu unserem Wesen, und es enthält unsere ganze ehrwürdige Vergangenheit. Seit jenen glorreichen Tagen, da unsere Vorahnen bei Morgarten, bei Laupen, bei Sempach Gut und Blut einsetzten und uns damit ein Beispiel gaben, das noch heute unsere Herzen höher schlagen läßt …»
Jetzt hatte Ammann den vaterländischen Geist im Segel, jenen Geist, der um die Mitte des vorigen Jahrhunderts als junger, frischer Wind dem alten Bunde neues Leben einblies, und er fuhr auf dem breiten Strom der Rede durch das Land, als ob es noch immer das gelobte Land wäre. Endlich aber kam er im Anschluß an eine Bemerkung über den Untergang der alten Eidgenossenschaft auf die gegenwärtige Weltlage zu sprechen: «Auch heute wieder ziehen drohende Gewitterwolken über Europa herauf. Österreich hat Serbien den Krieg erklärt, Rußland droht einzugreifen, eine ungeheuere Spannung bemächtigt sich aller Völker. Wir wissen noch nicht, was Deutschland, was Frankreich und Italien tun werden, wir wissen nicht, ob der Krieg auf den Osten beschränkt bleiben oder auch an unsern Grenzen entbrennen wird. Immerhin ist heute noch kein Grund vorhanden, den Kopf zu verlieren. Die Aussichten auf Erhaltung des Friedens bestehen fort. Ich hatte noch gestern Gelegenheit, mit maßgebenden Kreisen in Bern Fühlung zu nehmen, und ich habe den bestimmten Eindruck gewonnen, daß man dort zuversichtlich an eine friedliche Wendung der Dinge glaubt. Trotzdem hat der Bundesrat die notwendigen Vorkehrungen getroffen, um im Ernstfall bereit zu sein. Er erwartet, daß auch das Volk bereit sei und treu zu ihm stehe, und zwar das ganze Volk. Die Interessen des einzelnen und die sozialen Gegensätze haben sich in Zeiten der Not den Interessen der Gesamtheit unterzuordnen. Nur wenn ein einiges Volk ruhig und entschlossen hinter dem Bundesrat steht, nur dann werden wir der Gefahr gewachsen sein, und nur dann werden wir unserem alten Wahrzeichen die Treue halten, dem weißen Kreuz im roten Feld.»
Diese besonders wuchtig vorgebrachten Worte lösten den stärksten Beifall aus. Der Redner schwieg einen Augenblick, dann setzte er mit einem etwas breiteren, schwingenden Tonfall zum Finale an: «Hundert Jahre sind verflossen, seit das gesamte Europa von Kriegswirren zerrüttet wurde. In diesen hundert Jahren ist eine unerhörte Entwicklung vor sich gegangen. Die Segnungen der Kultur und des Fortschritts sind bis in die letzten Winkel eingedrungen. Auch ein Krieg wird sie nie mehr daraus verjagen. Der gewaltige Aufschwung der zivilisierten Welt, von dem wir am Anfang gesprochen haben, kann nicht rückgängig gemacht werden. Die Völker sind mündig geworden, und in einem Kriege wird nicht mehr das blinde Schicksal walten wie in historischen Zeiten, sondern der menschliche Wille! Eidgenossen! An uns vor allem ist es, im Ernstfall nicht nur unser Land zu schützen, sondern auch den Glauben an den Fortschritt der Menschheit zu hegen und unentwegt der kulturellen Errungenschaften eingedenk zu bleiben, auf daß unser Land mit reiner Stirn vor die Zukunft treten kann. ‹Schau vorwärts, Werner!› Dieser Spruch der Stauffacherin gilt heute mehr denn je. Ich fordere Sie auf, auf die Zukunft unseres Vaterlandes ein dreimal donnerndes Hoch auszubringen. Unser Vaterland, unser liebes Schweizerland, es lebe hoch!»
«Hoch! Hoch! Hoch!» dröhnte es durch den Hüttenraum. «Extra hoch!» schrie eine gellende junge Stimme, man wußte nicht, zum Spaß oder aus Begeisterung, während durch Händeklatschen und Bravorufe ein mächtig anschwellender Beifall entfesselt wurde.
Ammann stieg rasch von der Bühne herab und suchte zwischen Bekannten und Ehrengästen hindurch, die ihn beglückwünschten, seinen Platz zu gewinnen. Er hatte den Tisch noch nicht erreicht, als ihm mit strahlender Miene Stockmeier entgegentrat. «Herr Oberst, das ist eine großartige Rede gewesen», rief Stockmeier und bot ihm die Hand an, wobei er aus lauter Überzeugung die Finger spreizte, «eine ganz großartige Rede, das … also … das kann ich Ihnen sagen … so etwas …» Er begann vor Begeisterung zu stammeln, während Ammann seine Hand ergriff und ihm leutselig zunickte.
Da begann die Musik das Vaterlandslied zu spielen, das Stimmengetöse ordnete sich rasch zum Gesang, an allen Tischen erhoben sich die Menschen. Ammann tat keinen Schritt mehr. Wie auf ein Stichwort wandte er sich, wo er eben stand, dem Volke zu und stimmte kräftig ein, regungslos, mit gehobener Brust und gerundeten Lippen. Stockmeier folgte dem Beispiel sofort und stand nun neben dem Oberst wie ein Bruder von kleinerem Maß, aber vom selben Schnitt; die Anstrengung des Singens trübte seine begeisterte Miene ein wenig, seine Stirn zeigte Falten bis in die Glatze hinauf, und wenn er Atem holte, nahm seine ganze bewegliche Gestalt daran teil. «Rufst du, mein Vaterland, / Sieh uns mit Herz und Hand / All dir geweiht!» sangen die beiden einträchtig schleppend mit dem Massenchor hinter der Musik her. Ammanns Augen wurden feucht vor Rührung.
Paul und Fred hatten sich ebenfalls erhoben. Paul stand da wie jemand, der auf freiem Felde, wo es keine Zuflucht gibt, von einem heftigen Platzregen überfallen wird und leicht geduckt mit einem nervösen Lächeln das Unvermeidliche über sich ergehen läßt. Fred stand dieser mächtig anschwellenden patriotischen Stimmung hilflos gegenüber. Obwohl er schon das Pathos der Rede peinlich gefunden hatte und nun diese Kundgebung für übertrieben hielt, war er gerührt, schämte sich aber dessen und wagte es nicht zu zeigen. Er schwieg zuerst, dann begann er unversehens mit einem spöttisch-trotzigen Ausdruck gröhlend mitzusingen und ließ sich am Ende des Liedes wie erschöpft auf die Bank zurückfallen, um plötzlich spaßhaft herausfordernd Paul anzublicken.
Paul, der diesem Benehmen nicht viel anderes entnehmen konnte, als daß dem Bruder ebenso zumute sei wie ihm, sagte mit schmerzlicher Miene und einer müde erledigenden Handbewegung leise: «Da hast du es! Höhepunkt des nationalen Lebens! Es ist einfach unmöglich.»
Fred schwieg.
«Dieses nationale Leben», fuhr Paul nach einer Weile fort, «hat ja seinen Sättigungsgrad schon längst erreicht, und was davon zwangsläufig immer wieder zum Vorschein kommt, ist so schal und abgestanden, daß kein geistig lebendiger Mensch mehr ohne Selbstverleugnung daran teilnehmen kann – womit noch gar nichts gegen das Vaterland gesagt ist. Übrigens …» fügte er noch leiser hinzu, «dieses Vaterland, das ist das Land des Vaters, verstehst du?»
«Ja … wenn er nur etwas weniger davon schwatzte!» entgegnete Fred.
«Mein Lieber, das gehört zu ihm, das ist einer seiner fragwürdigen Züge. Von Natur aus ist er ein harmloser, gutmütiger Kerl, nicht wahr, ziemlich intelligent, sogar ehrlich … meinetwegen auch tüchtig. Aber er ist bestimmt nicht dazu geschaffen, vor dem Volk pathetische Reden zu halten. Nichts ist lächerlicher, als wenn so ein gut genährter, biederer Bürger pathetisch wird. Pathos, starrer Ernst, finstere Entschlossenheit … mein Gott, das alles ist doch heute nicht mehr erträglich. Es ist ganz einfach falsch, es entspricht der wirklichen Lage nicht …»
Fred war damit einverstanden, aber er schwieg nun beharrlich.
Paul sprach mit einem wachen, gespannten Ausdruck leise weiter. Nachdem er sich aus seiner müden Gleichgültigkeit nun einmal aufgerafft hatte und die ihm versagte Umwelt wenigstens zu erkennen suchte, bedrängte ihn eine Fülle von ketzerischen Einsichten. «Und was hat Papa mit dem Heldenzeitalter zu tun?» fragte er. «Gar nichts, das ist klar. Dennoch beruft er sich darauf, ja er prunkt damit, als ob er daran teilgenommen hätte. Oder etwas besonders Interessantes: Wie kommt er dazu, militärisch Karriere zu machen? Er ist seinem ganzen Wesen nach ein ausgesprochener Zivilist. Dennoch wird er Brigadekommandant! Bei alledem stimmt etwas nicht, mein Lieber … bei ihm so wenig wie bei seinesgleichen … und es gibt in unserm Bürgertum viele seinesgleichen. In dieser oft kaum wahrnehmbaren, oft kraß zutage tretenden Unstimmigkeit zwischen ihrem Wesen und ihrer Erscheinung beruht ihre persönliche Fragwürdigkeit. Sie sind nicht echt, im Gegensatz zu Naturen wie Hartmann und Onkel Robert. Aber das ist nur ihre persönliche Problematik, verstehst du, es gibt auch eine allgemeine, an der sie alle teilhaben, eine bekannte übrigens, die nicht ich entdeckt habe. Nämlich … die bürgerliche Welt, und zwar nicht nur die schweizerische, ist heute eine unverschämt selbstsüchtige, materialistische, ungeistige Welt, und es ist lächerlich, es ist widersinnig, wenn sich ihre Träger als Idealisten gebärden. Daß viele es gar nicht merken, wie zum Beispiel Papa, das gehört auch zu ihnen …»
In diesem Augenblick betrat ein Mann mit einem Papier in der Hand die Bühne und blickte geschäftig umher, worauf ein helles Trompetensignal den dumpf brausenden Hüttenlärm durchstieß. Paul achtete nicht darauf, er fuhr eindringlich fort: «Diesen Mangel an Selbsterkenntnis, an Einsicht in die wirklichen Zustände, diese Ungeistigkeit, Selbstsicherheit und Sattheit, diesen blinden und dummen Glauben an den Fortschritt haben sie mehr oder weniger gemeinsam …»
«Jaja … hör auf, du!» unterbrach ihn Fred im abflauenden Lärm. Paul verstummte.
Der Mann auf der Bühne, der Präsident des Schießkomitees, räusperte sich und rief: «Ich gebe Ihnen hier noch die kantonalen Meisterschützen vom Anfang dieser Woche bekannt. Die Meisterschaft mit sechsundzwanzig Nummern hat errungen Fenner Adolf, Oberstleutnant. Es ist dies das höchste Resultat, das bis jetzt …» Diese letzten Worte wurden vom kräftig einsetzenden Beifall übertönt, man sah nur noch, wie der Mann den Mund bewegte, verstand aber nichts mehr. Die Musik blies einen Tusch, die Gäste wandten sich suchend nach dem Meisterschützen um, und Ammann erhob sich, in der Absicht, seinem Regimentsführer die Hand zu drücken; aber Fenner war nicht da. Inzwischen entstand rings um Christian eine gewisse Aufregung, Fred verhieß dem Vetter einen ohrenbetäubenden Beifall, Vater Robert stieß erwartungsvoll grunzende Laute aus, und vom Tisch der Ehrengäste blickte Lisi, den Hals reckend, mit bedeutsam lachender Miene neugierig zu ihrem Bruder hinüber.
Der Mann auf der Bühne öffnete den Mund wieder und gab sich Mühe, den Lärm zu durchdringen: «Die Meisterschaft mit fünfundzwanzig Nummern … ich bitte um Ruhe … die Meisterschaft mit fünfundzwanzig Nummern hat errungen Ammann Christian, Landwirt, Rusgrund.»
Fred blickte den Vetter begeistert an und schrie, die Rechte emporschleudernd, mit solcher Kraft, daß trotz dem dröhnenden Beifall in der ganzen Hütte und dem Tusch der Musik die allgemeine Aufmerksamkeit auf diesen Tisch gelenkt wurde, wo die Gäste sich erhoben, um mit dem glücklich schmunzelnden Schützen anzustoßen. Aber Christian hatte sich kaum recht erhoben, als ihn drei kräftige Burschen von hinten an den Schenkeln packten und in die Höhe hoben. Er protestierte mit ernstlichem Ärger und wehrte sich, doch die Burschen, Kameraden aus seinem Schützenverein, machten sich mit ihm unnachgiebig auf den Weg durch die Hütte. Der junge Meisterschütze schämte sich dieser Schaustellung, aber das ganze Festvolk jubelte ihm zu.
Die meisten Schützen verließen jetzt die Hütte, ein Kanonenschuß zeigte das Ende der Mittagspause an und gleich darauf begann im nahen Schießstand wieder das gewohnte regelmäßige Knattern. Paul und Fred schlenderten auf den Festplatz hinaus.
«Ein tüchtiger Kerl, der Christian!» sagte Fred. «Ich hab’ ihn gern … er imponiert mir … Wenn du übrigens am Montag mit mir im Schießstand gewesen wärest … da geht’s denn doch etwas anders zu als hier in der Hütte. Überhaupt … du magst ja in vielen Dingen recht haben, aber … es gibt doch noch andere Leute als du meinst, und … was du vom Schützenfest zu sehen bekommst, ist nur die Kehrseite … ich meine …» Fred besaß die Gabe nicht, sich so rasch und genau auszudrücken wie Paul, er stockte häufig, umschrieb manches und brach oft plötzlich ab, ohne alles gesagt zu haben, aber jetzt war ihm daran gelegen, dem Bruder auch seine Erfahrungen mitzuteilen. Er führte aus, daß der äußere Rummel der geselligen Veranstaltungen, des Hüttenlebens, der Budenstadt und des dekorativen Aufwands in keinem wesentlichen Zusammenhang mit dem Schießen selber stehe, und daß neunzig von hundert Schützen ohne großes Bedauern darauf verzichten würden, wie sie ja das Fest denn auch gar nicht nach der äußern Aufmachung, sondern nach dem Plan und der schießtechnischen Organisation beurteilten. Das Schießen möge ja wohl auch ein Vergnügen sein und oft sogar ein Spiel um Geld, aber es sei in der allgemeinen Wehrpflicht verankert, die zu belächeln man gerade jetzt kein Recht habe, und es bringe gewisse eigenartige Vorzüge des Volkes zum Ausdruck. Das Gespött der kultivierten Kreise könne deshalb weniger die zu einem Wettkampf antretenden Schützen treffen, als vielmehr ein paar vorlaute Patrioten, ein paar geschäftstüchtige oder rummelfreudige Unternehmer und das bummelnde Publikum.
«Das heißt, es trifft mit Recht die maßgebenden Leute und das Publikum», erwiderte Paul. «Das genügt. Und was deine Schützen angeht … ich denke, es waren hier doch zum größten Teil Schützen, die Papa zugejubelt haben?»
«Ach, das tun sie so aus Gewohnheit. Es ist ihnen nicht halb so ernst. Überhaupt, die einfacheren Leute, auch deine sogenannten Bürger, sind gar nicht so problematisch, wie du meinst …»
«An und für sich nicht, das mag sein, im Gegensatz zu ihren Wortführern. Sie sind im Alltagsverkehr scheinbar ganz annehmbare Menschen. Aber sie sind von sehr relativen und zum Teil abgelebten Ideen besessen, und diese Besessenheit macht sie eben fragwürdig. Dazu sind viele von ihnen so borniert, daß sie dich Schuft oder Lümmel nennen, wenn du die Richtigkeit ihrer Überzeugung zu bezweifeln wagst, oder eine Haltung einnimmst, die sie nicht begreifen können. Interessant ist auch, daß der Bürger einen Menschen verabscheut, der seine politischen Anschauungen ändert. Nichts ist engherziger und zugleich komischer als die naive Entrüstung, mit der er den Überläufer ‹Gesinnungslump› nennt. Er hat keine Ahnung von der Relativität menschlicher Meinungen, darum ist er unduldsam …»
«Es gibt auch unter den Bürgern einsichtigere Leute!»
«Natürlich, aber die sind zu zählen und haben wenig Einfluß. Was willst du, wenn sogar ein Nationalrat und Oberstbrigadier so verstockt ist? Warum will Papa nicht verstehen, daß ich über dieses Fest unmöglich einen Bericht in seinem Sinne schreiben kann? Warum ist er nicht imstande, mich ruhig anzuhören und auch mein Wesen, meine Meinung gelten zu lassen? Es wird jetzt zum offenen Bruch kommen, ich werde zur Redaktion hinausfliegen … ach, das ist alles so langweilig, so dumm und hoffnungslos!»
Beide schwiegen eine Weile, dann blieb Paul plötzlich stehen und blickte den Bruder mit einem fragenden Lächeln an. «Du hörst mir so zu und widersprichst ein wenig, aber im Grunde genommen weiß ich nicht, wie du über Papa denkst», sagte er leise.
«Ach, vor Papa liege ich auch nicht auf den Knien, aber … hol’s der Teufel, er ist mein Vater! Im übrigen … ich frage mich, wer recht hat, derjenige, der naiv am Leben teilnimmt, oder der andere, der es kritisiert und ihm ausweicht … Aber das heutige Leben ist im großen und ganzen ja natürlich saublöd. Es ist nichts los, man trottelt so dahin und fährt ab. Die einen haben Ehrgeiz, die andern Weiber. Und wozu das alles? Ha, man soll nur fragen! Und es wird so weitergehen, es wird sich auch in Zukunft nichts ereignen, das wert wäre, erlebt zu werden. Zum Kriege wird es ja nicht kommen, das wäre viel zu ungewöhnlich und würde nur die Geschäfte stören. Wir sind endgültig am Versumpfen und verbitten uns alle Aufregungen.»
«Aber wir müssen zu erkennen suchen, woran es liegt», erwiderte Paul. «Wenn wir die Zustände durchschauen, ihre Ursachen feststellen und die notwendigen Änderungen angeben könnten …»
«Was wäre damit erreicht? Die Unzufriedenen versuchen das doch alles, und das Heer der Zufriedenen winkt hohnlächelnd ab. Nichts zu machen! Ja, wenn die Wahrheit mit Ohrenmarken gezeichnet wäre! Aber welche von den tausend Wahrheiten, die heute verkündet werden, ist die Wahrheit? Du bist ja auch einseitig! Du schiebst jetzt alles auf das Bürgertum, aber es ist noch lange nicht erwiesen, daß die Sozialdemokraten oder gar ein paar Intellektuelle es besser machen würden. Es muß irgendwie an der Zeit liegen, am gegenwärtigen Stand der allgemeinen Entwicklung – wenn es nicht an uns selber liegt. Papa, Stockmeier, Onkel Robert, Hartmann, Christian und Ungezählte ihresgleichen sind mit dieser Zeit ja zufrieden …»
Sie gerieten in die Nähe der Festhütte, in der eine Gruppe wohlgelaunter Schützen auffällig lärmte, und stießen auf einen beduselten jungen Mann, der vor ihnen stehenblieb und, mit beiden Armen dirigierend, das Rütlilied gröhlte. Da kehrten sie wieder um und suchten eine stillere Gegend auf. Sie setzten das Gespräch fort, aber sie kamen zu keinem Schluß und sahen kein Ende ab. Fred besaß weder Pauls kritischen Intellekt, noch Christians dumpfe Zuversicht, er stand zweifelnd in einer ungewissen Mitte. Paul konnte ihm nicht helfen, er hatte selber keinen Boden unter den Füßen. So waren denn beide recht übel dran, aber es ging zu dieser Zeit freilich noch Tausenden so. Die meisten wachen und vorurteilslosen jungen Leute ihrer Generation befanden sich in einer ähnlichen Lage, sie waren beunruhigt, sie spürten, daß etwas nicht mehr stimmte, aber sie versuchten umsonst, dieses schwer entwirrbare Geflecht des Lebens zu durchschauen. –
Indessen hatte sich der Nationalrat in der Festhütte eine dicke Zigarre angebrannt und mit drei Tischgenossen zu jassen begonnen. Auch unter andern Ehrengästen waren friedliche Kartenspiele im Gang. Nach etlichen «Schiebern» aber standen Ammann und der Regierungsvertreter auf, um sich nun den Schießbetrieb anzusehen, wie man es von ihnen erwartete. Sie wandelten, von zwei Komiteepräsidenten begleitet, wohlwollend durch den Stand, verweilten da und dort ein wenig und kehrten schließlich in die Hütte zurück, wo sie einig wurden, nach dem Ehrenwein nun auch den einheimischen Festwein zu versuchen. Onkel Robert, Meister Eckert und verschiedene andere Gäste gesellten sich zu ihnen. Sie kamen auf die Weltlage zu sprechen.
Da erschien der Festwirt am Tisch und bat mit ehrerbietiger Miene den Herrn Nationalrat ans Telefon. Ammann stutzte einen Augenblick, dann stand er gelassen auf und ging in die Telefonkabine.
Severin meldete sich. «Guten Tag, Papa!» sagte er. «Die englische Flotte wird mobilisiert …»
«Was!?» rief Ammann ungläubig.
«Jawohl! Angeblich aus Gründen der Vorsicht. Ferner wird amtlich die Mobilisation russischer Streitkräfte mitgeteilt …» Severin wartete drei Sekunden, dann, als Ammann nichts dazu bemerkte, fuhr er fort: «Außerdem sind indirekte Meldungen über die Anordnung der Mobilisation in Deutschland und Frankreich erschienen …»
«Unsinn!» rief Ammann.
«Kann sein», erwiderte Severin ruhig. «Paris hat dementiert und von Berlin liegt eine amtliche Bestätigung nicht vor … Hallo, hallo, Fräulein, ich spreche ja, was läuten Sie denn? Warten Sie doch, bis ich … Schweinerei …! Bist du da, Papa? Schön, das ist alles! Entschuldige, bitte, die Leute hier werden nervös.»
Ammann versetzte mit diesen Nachrichten den Kreis seiner Tischgenossen in die lebhafteste Erregung, obwohl er sich selber dabei so ruhig wie möglich benahm. Im Verlaufe des nun folgenden Gespräches aber, das von diesen friedsamen und vernünftigen Männern mit mehr oder weniger bestürzter Miene geführt wurde und ansteckend durch die ganze Hütte wirkte, empfand er ein wachsendes Mißbehagen. Er saß hier untätig in der abgelegenen Festhütte, während man jetzt in Zürich, wo jeden Augenblick neue Nachrichten eintreffen konnten, den Pulsschlag der Ereignisse und die allgemeine Stimmung ganz anders zu spüren bekam. Es war dasselbe Gefühl, das in der nächsten Zeit auch den Einsamsten aus der Zelle lockte, den Fleißigsten störte und das Volk in aller Welt auf die Straße trieb. Ein sofortiger Aufbruch schien ihm aber schlecht angebracht und war mit seiner gespielten Zuversicht auch gar nicht zu vereinen.
Da gab ein neuer Vorfall den Ausschlag. Stockmeier kam aus der Telefonkabine gelaufen und suchte, während er mit der Rechten in der hinteren Hosentasche nach dem Geldbeutel grübelte, hastig die Kellnerin auf. Er bezahlte, fand nach einigem Hin und Her seinen Hut, den richtigen Regenschirm, und dachte offenbar an nichts anderes mehr als so rasch wie möglich den Bahnhof zu erreichen.
«He, Herr Stockmeier, was ist los?» rief Ammann.
«Ah, Herr Oberst … eh, bitte entschuldigen Sie», antwortete er aufgeregt und kam eilig herbei, «ich muß sofort heim, man hat mir telefoniert … also das sei ja … die Leute haben ja keine Vernunft …» In abgerissenen Sätzen erzählte er rasch, in seinem Lebensmittelgeschäft habe ein außerordentlicher Andrang eingesetzt, jedermann kaufe soviel man ihm nur gebe, die Vorräte an Reis, Zucker und Teigwaren seien bald erschöpft, das Ladenpersonal wisse nicht, wie es sich verhalten solle, und Leo, sein Sohn, sei in der Unteroffiziersschule, kurz, er müsse schleunigst nach Hause.
Ammann und der Regierungsvertreter entschlossen sich daraufhin, den nächsten Zug nach Zürich zu benützen. Vom Krämer begleitet, der sich immer wieder in Ausrufen, Fragen und Prophezeiungen Luft machte, fuhren sie wortkarg mit verschlossener Miene zum Bahnhof.
11
Die Schweiz, die bis zu diesem Augenblick von allen Nachbarländern als Durchgangsstraße oder Treffpunkt benützt worden war, mit der gesamten Umwelt in naher geistiger und wirtschaftlicher Verbindung gestanden und den Pulsschlag des europäischen Zusammenlebens in den eigenen Adern gespürt hatte, dieses von vier mächtigen Staaten umgebene Land besaß für die anbrechende allgemeine Erschütterung eine Empfindsamkeit ohnegleichen und erlebte sie mit jedem Nerv seines Daseins. Zur Angst um das eigene Land trat hier die Angst um das Ganze. Die deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch sprechende kleine Staatenfamilie, die ihre getrennten verwandtschaftlichen Neigungen zu den benachbarten Sprachgenossen besaß, mußte zusehen, wie diese Nachbarn sich anschickten, miteinander auf Tod und Leben zu ringen; sie erkannte, daß damit ein Grundgedanke der Eidgenossenschaft, der zur europäischen Idee berufen schien, brutal verneint wurde.
Bei den gerüsteten Völkern schlug diese Angst um das Ganze, wo sie etwa entstehen mochte, rasch in einen elementaren nationalen Willen um. Die Schweiz konnte nicht angreifen, sie konnte nur angegriffen werden, und es mußte sich erst zeigen, ob auch hier ein geschlossener Wille der allgemeinen Gefahr tatkräftig genug begegnen würde. Noch während sie erschrocken nach allen Himmelsrichtungen über die Grenzen blickte, wurde sie schon von Versuchungen angefallen, die ihre eigene Grundlage bedrohten und jenen eidgenössischen Gedanken der schwersten Prüfung aussetzten.
Die Entwicklung der Dinge jagte das Volk im Verlauf dieser Tage durch alle Grade der Spannung, der Angst, der Hoffnung und des Abwehrwillens, wobei jeder einzelne auf seine besondere Art antwortete, und von der engherzigen Selbstsucht bis zur Opferbereitschaft, von der Verzweiflung am Menschen bis zum Weltvertrauen keine mögliche Haltung fehlte. Das sichtbarste öffentliche Zeichen des erschütterten Gleichgewichts war zunächst der Andrang zu den Banken und Lebensmittelgeschäften, der in den Städten am Donnerstag begonnen hatte und am Freitag früh wieder einsetzte. Über die Tragweite dieser Erscheinung machte sich das Publikum vorläufig keine Gedanken, obwohl die Folgen rasch zutage traten.
Stockmeier ärgerte sich schon vor dem Frühstück am Telefon über die Lieferanten, die seine Bestellungen nur mehr unter Vorbehalten entgegennahmen. Er sah den regelmäßigen Gang seines Geschäftes gefährdet und ersuchte seinen Sohn Leo telegrafisch, sofort Urlaub zu verlangen und in einer dringenden Angelegenheit heimzukommen. Leo sollte zu den Lieferanten reisen, um die Abschlüsse persönlich zu sichern. Bevor er das Geschäft öffnete, erhöhte er die Preise aller Lebensmittel. Seinen Fuhrknecht und Magaziner, einen braven, starken Mann vom Lande, stellte er als Ordner und Überwacher an den Ladentisch. Gegen neun Uhr vertauschte er seinen Leinenkittel hastig mit dem guten Rock, stülpte den Hut über die Glatze und fuhr im nächsten Tram zur Kantonalbank. Er achtete nicht auf das Gespräch, das rings um ihn geführt wurde, sein Gesicht zeigte einen entschlossenen, feindseligen Ausdruck, seine dünnen Lippen bildeten nur noch eine schmale Linie.
Aus der Vorhalle des Bankgebäudes zog sich eine Menschenkolonne dicht gedrängt bis vor die Schalter, aber Stockmeier zögerte keinen Augenblick, sondern lief behend in das Ende der Kolonne hinein und begann sich geschäftig Bahn zu machen. Die Leute blickten ihn erstaunt an und versuchten fragend oder murrend ihren Platz zu behaupten, aber seine Entschlossenheit übte eine gewisse einschüchternde Wirkung aus; man sagte sich, dieser eilige Mann könne wohl nur ein Beamter sein, der unbedingt durchkommen müsse. Auf halbem Wege fand er jedoch zunehmenden Widerstand. Neben ihm begann ein großer, gebrechlich aussehender Mann entrüstet vor sich hin zu reden. «Es gibt doch immer wieder Leute, die keine Vernunft annehmen wollen», sagte der Alte, wobei er geflissentlich vermied, den Störenfried anzusehen. «Was sind denn das für Manieren! Wir haben alle die gleichen Rechte …» Stockmeier blickte ihn verächtlich an und suchte sich weiterzuwinden, wurde nun aber von allen Seiten zurechtgewiesen: «He, nicht drängen! Seien Sie doch vernünftig! Wir müssen auch warten …» Plötzlich öffnete Stockmeier aufgeregt den Mund zur Verteidigung: «Aber ich kann nicht warten, nicht wahr, das ist ein ganz anderer Fall, bitte, machen Sie Platz!»
«Laßt ihn durch, er will Geld anlegen!» rief ein Spaßvogel, worauf dem Krämer der Weg endgültig versperrt wurde. In unruhiger Haltung und mit aufgeregter Miene blieb Stockmeier stecken, wütend über diese unvernünftige Zusammenrottung, die einen aufrechten Bürger daran hinderte, rechtzeitig sein ehrlich verdientes Geld abzuheben.
Indessen hielt der Zudrang zu seinem Geschäfte unvermindert an. Denjenigen Kunden, die sich vom Gespenst einer Hungersnot nicht ängstigen ließen und ihre üblichen Einkäufe besorgen wollten, blieb nichts anderes übrig, als sich geduldig der wartenden Menge anzuschließen. Frau Barbara, die von ihrem Fenster aus zusehen konnte, wie immer neue Menschen mit Körben und Netzen daherkamen, entschloß sich, über die Mittagszeit persönlich beim Krämer das Nötige zu bestellen. Gegen zehn Uhr wurde sie von ihrer Schwiegertochter Anna, der Frau Severins, telefonisch gebeten, ihr doch bei Stockmeier ein paar Pfund Mehl zu kaufen; sie werde es sofort abholen lassen.
«Ja, du hast gut reden, das ist nicht so einfach», erwiderte sie. «Vor Mittag kommt man überhaupt nicht dazu. Aber wenn du es notwendig brauchst … ein Pfund kann ich dir geben.»
«Nein nein, Mama, danke!» antwortete Anna und erklärte dann zögernd: «Ich dachte nur … weil ihr doch die Handlung im Hause habt … du könntest vielleicht … es ist doch überall ein so furchtbarer Andrang …»
Frau Barbara kam ihr nicht zu Hilfe, sie wartete schweigend mit unwilliger Miene.
«Es kauft alles ein», fuhr Anna etwas unsicher fort, «man weiß ja gar nicht, was man tun soll … mein Gott, Mama, du wirst doch auch vorsorgen?»
«Fällt mir gar nicht ein!» entgegnete sie und fragte ohne weitere Erklärung nach den Kindern.
Anna gab eilig Auskunft, entschuldigte sich und brach die Verbindung ab. Sie war am gestrigen Abend ahnungslos in eine Lebensmittelhandlung getreten und von der aufgeregten Stimmung der vielen wartenden Frauen in wenigen Minuten dermaßen angesteckt worden, daß sich seither ihr ganzes und ausschließliches Bestreben auf die Versorgung ihrer Familie gerichtet hatte. Sie ließ sich von der Schwiegermama in diesem Bestreben nicht irre machen und kaufte weiter, soviel sie nur schleppen konnte.
Um Mittag kam ihr Mann von der Redaktion nach Hause. Er betrat wie gewöhnlich mit einem Gefühl der Entspannung die saubere, peinlich aufgeräumte Wohnstube, die sich den ganzen Morgen in greulicher Unordnung befunden hatte, und nahm seufzend am oberen Ende des gedeckten Tisches Platz. Die Kinder hatten sich versammelt. Die Mädchen Urseli, Bethli, Hedi, im Alter von sieben, sechs und vier Jahren, warteten aufmerksam und etwas ängstlich darauf, daß Papa sie ansprechen würde. Sie waren von ihm dazu erzogen worden, in der Gegenwart erwachsener Leute nicht vorlaut zu sein, nur zu reden, wenn sie angesprochen wurden, und ordentliche Antworten zu geben.
«So, Bethli», begann Papa mild, «was habt ihr am Morgen getrieben?» Bethli kam rasch ein paar Schritte näher und ließ die Antwort, die in ihrem Köpfchen für alle Fälle bereitgelegen hatte, frisch und deutlich los. Papa schien sich für diesmal damit zu begnügen, und da nun die Suppe aufgetragen wurde, befahl er die ganze Gesellschaft zu Tisch. Der dreijährige Ueli aber hatte sich inzwischen unbemerkt ins Nebenzimmer zu seinem einjährigen Brüderchen geschlichen und ihm den Gummifrosch weggenommen, mit dem er nun johlend zurückgelaufen kam. Sofort stürzte sich seine älteste Schwester Urseli auf ihn und wies ihn heftig zurecht, wobei sie im Bewußtsein ihres lobenswerten Eifers immer wieder zu Papa hinblickte.
Im Verlaufe des Mittagessens begann sich Anna ungewohnterweise nach der Lage zu erkundigen und führte ein paar der umlaufenden Gerüchte an. Severin, der bei seiner Frau nie ein Interesse an öffentlichen Dingen wahrgenommen hatte und seine eigene Tätigkeit, für die er ihr das nötige Verständnis nicht zutraute, nur selten erwähnte, bedachte sich eine Weile und gab dann im Bestreben, dieser erwachenden Anteilnahme entgegenzukommen, bereitwillig eine so ausführliche und klare Antwort, daß Anna sich wunderte.
«So glaubst du, daß es Krieg geben wird?» fragte sie ängstlich.
«Ja, also wie gesagt, jetzt sind überall diplomatische Besprechungen im Gang, und die Lage scheint sich eher etwas zu bessern. Scheint, verstehst du. In Wirklichkeit hat Deutschland heute morgen etwas sehr Entscheidendes getan, nämlich die Ausfuhr von Getreide, Mehl, Fleisch und andern lebensnotwendigen Artikeln gesperrt, das heißt …»
Das längliche stille Gesicht der Frau nahm während dieser Belehrung einen zunehmenden Ausdruck erschrockener Spannung an.
Die kleine Hedi begann plötzlich laut zu weinen.
«Was ist mit dir los?» fragte Severin.
Hedi konnte nicht antworten, sie weinte laut und fassungslos vor sich hin. Die übrigen zwei Mädchen rückten ein wenig von ihr weg und blickten erschrocken auf Papa.
«So so so!» rief Severin streng, schaute die Kleine eine Weile schweigend an und setzte dann seine Erklärungen fort, worauf Hedi sich schluchzend beherrschte.
Nach dem Essen zog sich Severin wie gewöhnlich für eine halbe Stunde zurück, und während dieser Frist herrschte in der Wohnung eine vollkommene Ruhe. Als er wieder erschien, bat ihn seine Frau in die Küche und zeigte ihm die Vorräte, die sie angelegt hatte, Teigwaren, Mehl, Zucker, Konserven, eingemachte Früchte, Reis, Dauerwürste. Er betrachtete das Lager mit verschlossener Miene, sagte kein Wort dazu und nahm mit einem Blick auf die Taschenuhr eilig Abschied. Von der Redaktion aus jedoch verbot er ihr dann unerwartet jede weitere Anhäufung von Lebensmitteln. «Ich will es nicht haben!» sagte er einfach.
Als aber Anna kurz darauf unruhig die Straße betrat und inmitten der allgemeinen Erregung den fortlaufenden Andrang geängstigter Frauen zu den Lebensmittelgeschäften gewahrte, verlor Severins Verbot in ihren Augen jedes Gewicht. Sie liefin die Wohnung zurück und eröffnete sogleich einen neuen Beutezug, indem sie Urseli und das Kindermädchen nach verschiedenen Geschäften abschickte. Sie beschloß, die aufgestapelten Waren in der Dachkammer zu verbergen und trug selber den ersten Handkorb voll hinauf. Nach ihrer Rückkehr schlichtete sie eilig einen Streit zwischen Hedi und Bethli, die sich in den Haaren lagen, dann füllte sie den Korb wieder mit Büchsen, Säcken, Schachteln und machte sich zum zweitenmal auf den Weg, leise und heimlich, um von den übrigen Hausbewohnern nicht bemerkt zu werden, gerötet vor Eifer, mit ängstlich besorgter Miene und mit der instinktiven Geschäftigkeit eines Muttertieres, das kein Mittel verschmäht, um die Seinen durch Not und Elend hindurch zu retten.
Die erste Nachricht, die Severin auf der Redaktion von Schmid übernahm, betraf die Pikettstellung der schweizerischen Armee, das Aufgebot von Landsturmtruppen und die Ausfuhrsperre von Pferden, Motorfahrzeugen, Benzin, militärischen Apparaten, Getreide, Mehl und Hafer. Er schrieb sofort einen Kommentar dazu, in dem er ausführte, daß diese Maßnahme noch keine Mobilisation bedeute, sondern lediglich die Bereitschaft dazu herbeiführe.
Schmid durchflog mit begierigen Blicken einen Stoß ausländischer Blätter und schnitt von Zeit zu Zeit eine Meldung heraus oder warf Notizen auf ein Blatt Papier, bald mit schiefem Kopf, um vom Rauch der Zigarette nicht belästigt zu werden, bald mit der Zigarette zwischen zwei gelben Fingerspitzen. Als der Ausläufer mit neuen Nachrichten kam, schob er die Zeitungen beiseite und las hastig die Agenturstreifen. «Hallo, Herr Doktor, allgemeine russische Mobilisation!» rief er laut und fröhlich.
«Schon wieder?» fragte Severin und kam aus seinem Büro herüber.
«Allgemeine! Amtlich! Das haben wir noch nicht gehabt», entgegnete Schmid. «Und hier bitte … oho, jetzt gilt’s, in Frankreich bereitet man sich auf die Mobilisation vor …»
«Woher kommt das? Zeigen Sie!»
«Das scheint zuverlässig. Und sonst … Donnerwetter, jetzt passen Sie auf, meine Herren!» Langsam erhob er sich, den Blick auf einer neuen Meldung, die er nun freudig gespannt vorlas: «Von Berlin. ‹Der Kaiser hat das Deutsche Reich in Kriegszustand erklärt.› Das ist ausgezeichnet! Hören Sie, wir machen ein Bulletin. Wir können damit noch vor den Abendblättern herauskommen. Ein Bulletin mit diesen drei Nachrichten, für zehn Rappen. In einer halben Stunde ist die ganze Auflage abgesetzt. Morgen ist das schon alles veraltet, und Neuigkeiten sind noch genug zu erwarten …»
Severin bedachte sich einen Augenblick, während Schmid angeregt weitersprach, dann blickte er auf die Uhr, stellte eine flüchtige Berechnung an und entschied sich plötzlich. «Gut! Ordnen Sie das sofort an!» Schmid verschwand, Severin ging eilig in sein Büro zurück.
Nach einer Weile kam Schmid wieder angestürmt und warf die Türe krachend zu. «Jetzt bekommt die Geschichte Zug!» sagte er im Vorbeigehen und blickte dabei den Volontär Paul so unternehmungslustig an, als ob sich die erfreulichsten Dinge vorbereiteten. «Das Bulletin wird einen reißenden Absatz haben. Und die nächste Nummer bringen wir in großer Aufmachung. Mit der Morgenpost erhalten wir Stoff, daß die Leute das Blatt fressen werden, passen Sie auf!» Bei diesen letzten Worten saß er bereits an der Schreibmaschine und begann mit seinen magern Fingern auf die Tasten zu schlagen.
Paul, der Nachrichten aus dem «Temps» übersetzte, zog mit einem bestürzten Lächeln die Brauen in die Höhe. Obwohl er Schmid genau kannte, wunderte er sich nun doch über ihn. Dieser Erzjournalist schien von den bevorstehenden Ereignissen persönlich durchaus nicht berührt zu werden, sondern sie nur als großartigen Zeitungsstoff zu betrachten; die Möglichkeit, dem Publikum als erster eine wichtige Nachricht vorzuwerfen oder damit die Wirkung des Blattes zu erhöhen, war ihm offenbar wichtiger als die Nachricht selbst. Paul begriff diese menschlich unbeteiligte Gewandtheit dem Alltag gegenüber, gestand ihr sogar eine erheiternde Verwandtschaft mit einem gewissen künstlerischen Schaffen zu und ließ sie auf hinterhältige Art sehr gern als journalistische Tugend gelten, aber jetzt fand er sie höchst merkwürdig. Er selber war von der Erregung, die der erwachende Sturm in ganz Europa hervorrief, dermaßen gepackt, daß ihn die journalistische Beschäftigung damit vielmehr anzuwidern begann. Von der ersten Bürostunde an hatte er dagesessen und darauf gewartet, daß ihn Severin hinausschmeißen würde, weil er ihm den Bericht vom Kantonalschützenfest abermals schuldig geblieben war. Jetzt fragte ihn schon kein Mensch mehr nach diesem Bericht, man warfihm dafür fremdsprachige Zeitungsausschnitte hin, die den Beginn des Erdbebens verkündeten, und über denen er die Zeit vertrödelte. Ihm stand das Kommende vor der Seele als eine furchtbare und zugleich erlösende Wende, die er nicht für möglich gehalten hätte, als Zusammenbruch einer Epoche und Anfang einer neuen Welt, als ein Geschehen von hinreißender Größe, dessen Erlebnis dem menschlichen Dasein endlich wieder Bedeutung verlieh. Er schätzte sich glücklich, diese Weltstunde miterleben zu dürfen, und erhoffte alles von ihr, was ihm die ruhmlos untergehende Zeit versagt hatte.
12
Severin schrieb gegen Abend, in Erwartung deutscher Zeitungen, die mit der nächsten Post eintreffen mußten, den Anfang eines Artikels über Deutschland, in dem er den Kriegszustand zu rechtfertigen und die dadurch entstandene Lage zu kennzeichnen gedachte. Die Post kam, aber ohne die deutschen Blätter. Er telefonierte nach Basel und erfuhr, daß der Verkehr zwischen Deutschland und der Schweiz im Badischen Bahnhof eingestellt worden sei. Da entschloß er sich, einen gelegentlichen Korrespondenten in Stuttgart anzuläuten und verlangte die Verbindung; das Fernamt teilte ihm mit, daß Deutschland den telefonischen Verkehr auf allen Linien gesperrt habe. Dieser Abbruch von Verbindungen, die immer bestanden hatten, so lang er sich erinnern konnte, zu jeder Stunde und so selbstverständlich wie da draußen die Limmat floß, brachte ihm die tatsächliche Lage unmittelbarer zum Bewußtsein als der wichtigste Regierungsbeschluß. Die Maßnahmen blieben also nicht auf dem Papiere stehen, sondern griffen schon in den Alltag ein, die Nationen schlossen sich ab, die Fäden rissen.
Er begann erregt auf und ab zu gehen, erwog mit einiger Befürchtung die Lage des auf sich allein gestellten Schweizerlandes mit seiner kleinen Armee, deren Kriegstüchtigkeit er heimlich bezweifelte, und bat schließlich die Depeschenagentur, ihm alle weitern Nachrichten schon heut abend von acht Uhr an bereitzuhalten. Er wollte nach dem Abendessen auf die Redaktion zurückkehren.
Paul ging nicht sogleich nach Hause, sondern streifte herum und nahm mit seinem aufgerührten Innern begierig an der fortdauernden allgemeinen Erregung teil. In der Bahnhofstraße schoben sich zwei lockere Menschenströme durcheinander, die Tramwagen gaben unablässig Signale und kamen nur langsam vorwärts, überall sah man Leute, die im Gehen oder Stehen zu zweit und dritt eine Zeitung lasen. Die Nachrichten der Abendblätter wurden von der Masse mit jenem leidenschaftlichen Bedürfnis verschlungen, das keine Befriedigung mehr kennt und sich über das Verbürgte hinaus auf die unsinnigsten Gerüchte stürzt. Die Pikettstellung der schweizerischen Armee, eine unerhörte Tatsache nach so vielen Jahrzehnten des Friedens, steigerte die Erregung und rechtfertigte sie zugleich, aber schon begann sich die aufgestachelte Phantasie des Volkes mit den Gründen zu beschäftigen, die dazu geführt haben mußten. Paul hörte vom Verlangen einer Großmacht, ihren Armeen die Schweiz zu öffnen, vom Selbstmord hoher Offiziere, von Grenzverletzungen, Revolten und erstürmten Banken. Er sah Mienen, die eine panikartige Stimmung, eine stille Fassungslosigkeit oder eine merkwürdige Art von Begeisterung ausdrückten. Von Zeit zu Zeit erschien eine starke Polizeipatrouille, die von der Menge schweigend durchgelassen wurde. Dieser erhöhte Sicherheitsdienst war auf Demonstrationen und Zusammenstöße zwischen einrückenden Russen, Österreichern und radikalen Jungburschen zurückzuführen. Vor den polizeilich bewachten staatlichen Banken standen Gruppen schimpfender Leute, die den Kassenschalter nicht mehr erreicht hatten. Auf allen Straßen und Plätzen, in den Tramwagen, in den Wirtschaften, überall waren die Menschen von den Vorboten des Sturmes dermaßen aufgerührt und verwandelt, wie noch niemand es erlebt hatte.
Paul kam verspätet zum Abendessen, aber diese Verspätung, die ihm sonst einen Verweis eingetragen hätte, wurde jetzt einfach übersehen. Mama fragte ihn nur, mit einem spöttischen Unterton: «Weißt du etwas Neues?» Da er nichts zu berichten wußte, was nicht schon bekannt war, wandte sie sich scheinbar verächtlich von ihm ab und fuhr fort, auf ihren Mann einzureden, was sie offenbar schon eine Weile getan hatte: «Also das will mir nicht in den Kopf. Daß Österreich Serbien angreift, hat einen Grund, wenn auch keinen genügenden, und daß Rußland den Serben beistehen will, ist am Ende auch noch verständlich. Aber warum Frankreich, Deutschland, Italien, England sich auf einen Krieg gefaßt machen sollten, das geht über meinen schwachen Verstand. Was wollen sie denn? Warum reden sie nicht miteinander? Warum stellen sie keine Forderungen? Es sind doch zivilisierte Nationen und keine wilden Tierhorden, die sich nicht verständigen können. Man führt doch nicht Krieg, nur um Krieg zu führen, ein Krieg ist ja etwas Furchtbares, es kann gar nicht genug Gründe geben, um ihn einigermaßen zu rechtfertigen. Warum also, warum?»
Frau Barbara rührte damit an einen Hauptgrund der fast irrationalen Aufregung in diesem ganzen vernünftigen Europa, an das völlig ungewohnte und um so beängstigendere Schweigen, das jede alarmierende neue Meldung wie eine undurchdringliche Wolke umgab.
Ammann, der die Zeitungen, Briefe und Drucksachen auf dem Büffet zusammenraffte und den Weg zum Büro einschlug, machte, ohne zu antworten, mit vorgeschobener Unterlippe verhalten lächelnd, eine unbestimmte Kopfbewegung, womit er sich den Anschein gab, etwas mehr zu wissen als er jetzt zu sagen für gut fände.
«Wenn ein großes Schicksal bevorsteht, fragt man vielleicht umsonst nach den Gründen», bemerkte Paul leise.
Frau Barbara blickte ihn kurz an. «Paperlapap!» sagte sie wegwerfend und erhob sich. «Willst du noch Erdäpfel? Oder Fleisch? Da, nimm doch das noch! Und nachher wirst du wissen, was du zu tun hast!»
Paul schaute sie fragend an.
«Du bist ja ein heiterer Soldat … fällt ihm nicht einmal das ein! Wenn die Armee auf Pikett gestellt ist, wird man, denk’ ich, nachsehen müssen, ob die Ausrüstung in Ordnung ist. Die Uniform hab’ ich dir ins Zimmer gehängt. Den Tornister kannst du selber holen, es wird wohl nicht alles drin sein, was drin sein muß. Und deine Marschschuhe, finde ich, sind nicht mehr heutig, du kannst morgen ein Paar neue kaufen. Fred wird jetzt wohl auch heimkommen.»
Paul hatte noch gar nicht ernstlich daran gedacht, daß er vielleicht einrücken mußte. Dies schien ihm vorerst eine wenig erfreuliche Seite des großen Geschehens, und die in seinem Zimmer aufgehängte, nach Kampfer duftende Uniform erfüllte ihn mit trüben Vorahnungen. Aber es stand nun freilich kein Wiederholungskurs bevor, sondern … ja, wer konnte denn wissen, was den Schweizersoldaten bevorstand! Statt den Ereignissen gegenüber untätig zu verharren, würde man gezwungen werden, mitzuhandeln, mitzuerleben, und das war vielleicht das Opfer des stumpfen Gehorchens wert. Indessen kümmerte er sich nur flüchtig um die Vollständigkeit seiner Ausrüstung, er ging wieder hinaus auf die Straße und schlug den Weg zu Albin Pfister ein.
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