Kitabı oku: «Unter der Marmorkuppel»
Mette Winge
I
1
Nasse Perlen. Blaß glänzende nasse Perlen auf einer Zickzack-Schnur. Vom Fenster aus sah er Laternenanzünder die Straße überqueren. Dreizehn Laternen brannten schon. Die vierzehnte hing vor ihrem Haus. Jetzt flammte sie auf, und eine weitere Perle reihte sich auf die Schnur.
Es hatte den ganzen Tag von einem zinngrauen Himmel geregnet. Trübselig und monoton. Erst vor einer knappen Stunde hatte es aufgehört, und jetzt lag der Regendunst tief über der Stadt. Es konnte aber auch Seenebel vom Sund sein. Von der Bredgade war es nicht weit zum Hafen. Weiter oben auf der anderen Straßenseite lag das vornehme Prinzenpalais. Seine Mutter nannte es immer nur Ferdinands und Carolines. Jetzt stand es wohl leer.
Durch den Dunstschleier konnte man auf der anderen Straßenseite die Figuren an der katholischen Kirche erkennen. Sie schwebten still in ihren Nischen. Ein schwacher rötlicher Lichtschein fiel nach draußen, als die Tür aufging und ein Mann heraustrat. Er warf einen verdrießlichen Blick auf den Himmel, schlug den Mantelkragen hoch und verschwand in Richtung Kongens Nytorv. Ein Krankenwagen bog läutend ins Tor zum Frederiks-Spital ein, und zwei Droschken rollten in einer Geschwindigkeit am Fenster vorbei, die für Kopenhagener Verhältnisse lebhaft war. Im Vergleich zu den Pariser Droschken jedoch war es fast ein Leichenbegängnis. Aber Kopenhagen hatte auch seine Vorteile. Er konnte sich nicht vorstellen, für immer in Paris zu leben, wenngleich es gerade jetzt angenehm wäre, trockenen Fußes die großen Boulevards entlangzuschlendern, sich in ein Straßencafé zu setzen und in den Metallstuhl zurückgelehnt das Leben zu betrachten.
Er hörte sich seufzen und spürte Petersens Ungeduld und die Nervosität des Dieners wie Nadelstiche im Rücken.
Er drehte sich zu dem Diener um. Der Mann sah blaß aus, trug eine Livree und war glattrasiert, wie es sich für einen herrschaftlichen Diener gehörte. Allerdings nahm er es nicht ganz so genau, denn er hatte sich einen stattlichen Backenbart zugelegt. Er mußte an die vierzig sein.
»Nun, wo waren wir stehengeblieben? Richtig, Sie servierten dem jungen Herrn einen Grog, als er gegen zehn Uhr nach Hause kam. Wußten Sie, wo er gewesen war?«
»Nein, nur, daß er eine Gesellschaft besucht hatte. Er trug jedenfalls einen schwarzen Anzug mit schwarzer Weste. Der junge Herr wirkte...« Der Diener verstummte.
»Wie wirkte er?«
»Der junge Herr wirkte...« Er senkte seine Stimme. Dann nahm er sich zusammen. »Er wirkte echauffiert.«
»Wie? So sprechen Sie doch, Mann.«
»Erregt, erschüttert, außer sich.«
»Was hat er getan, was hat er gesagt?
»Er reichte mir Mantel, Hut und Handschuhe und griff sich an den Kopf, als hätte er starke Kopfschmerzen. Er ging direkt ins Herrenzimmer, wo Licht war. Im Herrenzimmer brennt immer Licht – und es ist geheizt, auch wenn die Herrschaften außer Hause sind. Als er eintrat, bat er mich um einen guten, starken Grog. Ich ging sofort in die Küche, um ihn zuzubereiten. Aber das habe ich bereits berichtet.«
»Wie lange haben Sie für den Grog gebraucht?«
»Tja, das weiß ich nicht mehr so genau. Ungefähr eine Viertelstunde. Ich mußte erst das Feuer im Herd anfachen. Die Köchin hatte frei.«
»Wo stand oder saß Herr Bramsnæs, als Sie zurückkamen?«
»Der junge Herr saß mit zurückgelehntem Kopf in dem großen Sessel. Er hatte die Augen geschlossen.«
»Schlief er?«
»Nein, das glaube ich nicht. Ich meine mich zu erinnern, daß er mit den Fingern auf der Armlehne trommelte. Aber ich kann mich auch irren. Er öffnete die Augen, als ich eintrat.«
»Was machten Sie dann?«
»Ich servierte den Grog und fragte, ob der Herr noch etwas wünsche.«
»Und er antwortete...«
»Nein, das ist alles. Legen Sie sich nur schlafen, Lodwig! Ja, so nannte er mich. Ich bin ja seit vielen Jahren schon in diesem Hause. Als der junge Herr noch klein war, hat er mich Lodwig getauft,«
»Sie heißen Hans Peter Ludwigsen?«
»Jawohl.«
»Sie gingen dann zu Bett. Wo schlafen Sie?«
»Im fünften Stock, wo die Bediensteten untergebracht sind.«
»Sie hörten nichts?«
»Selbstverständlich nicht. Im fünften Stock kann man keine Geräusche aus der Wohnung hören. Ich legte mich zur Ruhe. Am nächsten Morgen begann ich mit meinen üblichen Pflichten. Lampen und dergleichen. Um Viertel nach acht klopfte ich bei dem jungen Herrn an, um ihm das warme Wasser zu bringen. Als ich sein Zimmer betrat, da entdeckte ich, daß er nicht im Bett gewesen war. Ich wunderte mich, denn ich hatte nicht den Eindruck gehabt, daß er noch einmal ausgehen wollte. Nachdem ich ins Wohnzimmer geschaut hatte, ging ich ins Herrenzimmer und fand dann... Ja, Sie wissen.«
»Der junge Herr Bramsnæs war tot?«
»Außerordentlich tot. Sie haben ihn selbst gesehen.«
Ja, er hatte ihn gesehen. Und er war ausgesprochen tot gewesen. Die rechte Gehirnhälfte fehlte. Sie klebte überall ringsum an Vorhängen und Quasten.
»Wissen Sie, wo der Herr des Hauses sich aufhält?«
»Er ist auf Lolland zur Jagd. Wir sind ja mitten in der Jagdsaison. Ich habe den Herrn telegraphisch in Kenntnis gesetzt, er ist auf dem Wege.«
»Und Herrn Bramsnæs’ Mutter? Wo befindet sie sich?«
»Die gnädige Frau hält sich auf dem Gut auf und ist noch nicht über das tragische Ereignis im Bilde. Ihr das mitzuteilen steht meiner Auffassung nach dem gnädigen Herrn zu.«
»Sagen Sie, wo liegt das Gut, wie Sie es nennen?«
»Lykkeseje liegt anderthalb Meilen südlich von Ringsted. Es gehörte zur Mitgift der gnädigen Frau. Wie Sie wissen, ist die gnädige Frau eine geborene Baronesse von Gyldensteen. Ein reiches und angesehenes Haus.«
»Und Frau Bramsnæs hält sich oft dort auf?«
»Ja, die gnädige Frau wohnt dort viel lieber als hier in der Hauptstadt. Die gnädige Frau kommt nur in die Stadt, wenn Gesellschaften eines gewissen Niveaus stattfinden, und natürlich, um für ihre Garderobe zu sorgen. Die Schneiderin der gnädigen Frau wohnt begreiflicherweise hier in der Stadt. Ja, auch die Hutmacherin. Früher kam die gnädige Frau auch zu wichtigen Theaterpremieren, aber das tut sie nicht mehr.«
»Hält sich der Fabrikant auch häufig auf dem Land auf?«
»Nein, der gnädige Herr zieht das Kopenhagener Leben vor. Er veranstaltet jedes Jahr ein paar größere Jagden auf dem Gut, und dann ist er dort, aber sonst bleibt er in der Stadt. Er ist sehr von seinen Geschäften in Anspruch genommen.«
»Gibt es noch weitere Kinder in der Familie Bramsnæs?«
»Ja, der junge Herr hat eine ältere Schwester, die mit dem Kammerherrn Oxholmer verheiratet ist. Sie leben auf ihrem Gut – einem kleineren Gut allerdings in der Gegend von Præstø. Sie haben zwei Kinder.«
»Kommt die Kammerherrin oft in die Stadt?«
»Hin und wieder. Die Herrschaft wohnt hier, wenn der Kammerherr seinen Pflichten bei Hofe nachkommen muß. Die Herrschaft war in der letzten Woche hier.«
»Wie lange, sagten Sie, sind Sie schon bei der Familie Bramsnæs?«
»Wie gesagt, seit der junge Herr ein kleiner Junge war. Er war drei Jahre alt, als ich in die Dienste der Familie trat, und da er 24 Jahre alt wurde, müssen es folglich 21 Jahre sein.«
Der Diener sah plötzlich aschgrau aus. Krogh spürte, daß seine hochmütige Fassade abbröckelte. Er beschloß, ihn in Ruhe zu lassen.
»Also: Sie sahen den jungen Herrn zuletzt, als Sie ihm gestern abend, das war Mittwoch, gegen zehn den Grog servierten. Danach haben Sie nichts gesehen oder gehört?«
Der Diener schüttelte den Kopf, und Krogh bemerkte, daß Schweißtropfen von seinem Backenbart perlten.
2
Krogh saß an dem Schreibtisch des pompös ausgestatteten Herrenzimmers. Hier hatte der junge Bramsnæs gesessen. Das Grogglas hatte einen Rand auf der polierten Fläche hinterlassen. Auf dem Tisch vor ihm lagen einige Papiere und Jetons. Die Spielmarken waren säuberlich sortiert gewesen, aber die Stapel waren eingestürzt. Die Papiere waren voller Berechnungen. Die Zahlen waren addiert und subtrahiert, ausgestrichen und neu geschrieben worden. Krogh sah sie sich sorgfältig an. War es eine Aufstellung von Spielschulden, oder waren es Spekulationsberechnungen? Es lag auch ein Brief dabei. Nach der Handschrift zu urteilen, mußte er von einer Dame geschrieben worden sein. Er war ganz kurz. Die Dame bat den jungen Bramsnæs, ihn am Freitag um acht im Restaurant Royal zu treffen. »Es ist nicht unwichtig, daß Sie kommen.« Die Unterschrift war ein großes, energisches E. Heute war Freitag.
Er sah sich im Herrenzimmer um. Es war modern und teuer eingerichtet. Der mächtige Schreibtisch hatte einen Aufsatz, auf dem zwei Büsten standen. Es waren auch einige Photographien aufgestellt. Eine zeigte eine hochgewachsene, schlanke Dame mit aufgestecktem Haar. Diese Frisur ließ sie noch größer erscheinen. Sie blickte direkt auf den Betrachter, und um ihren Mund lag ein fester Zug. Krogh schaute sich das Bild genau an. Dann stellte er es wieder hin. Eine andere Photographie zeigte den jungen Bramsnæs. Er hatte die gleichen Augen wie seine Mutter. Er posierte als moderner Flaneur, in allen Details à la mode und nicht von hundert anderen in Kopenhagen zu unterscheiden.
Auf einem dritten Photo war die ganze Familie zu sehen. Es mußte einige Jahre alt sein. Es zeigte dieselbe Dame, einen kleinen Jungen und ein etwas größeres, mürrisch blickendes Mädchen. Hinter ihnen stand ein Herr mit einem Allerweltsgesicht. Das mußte der Fabrikant T. S. Bramsnæs sein. Die Frau wirkte auf diesem Bild weicher und fröhlicher.
Der Stuhl, auf dem Krogh saß, war ebenso wie der große Schreibtisch aus Eiche, und der Bezug des Sitzpolsters hatte eine kräftige Farbe. Krogh strich mit der Hand darüber. Es war wohl das, was seine Mutter geschnittenen – oder war es ungeschnittener? – Mokett nannte. Links vom Schreibtisch war das Fenster. Die nach allen Regeln der Kunst drapierten Vorhänge, das Meisterwerk eines Tapezierers, waren reich mit Posamenten und Quasten verziert. Sie ließen nur wenig Licht herein. An der Wand zum Korridor stand ein Sofa, das vom Stil zu den Stühlen paßte. Es waren echte Möbel, sicher aus einer der feinen Tischlereien. Der Teppich war bunt und paßte für Kroghs Geschmack nicht zu den Stuhlbezügen. Aber davon verstand er sicher nichts. An den Wänden hingen zahlreiche Gemälde in den verschiedensten Rahmen. Die meisten waren aus Gold, andere schwarz mit Gold und wieder andere aus schwarzem Samt. Die Decke war in dunklen, goldenen Farben dekoriert. Den Stuhl, auf dem der junge Bramsnæs tot aufgefunden worden war, hatten sie weggeräumt. Die Flecken auf dem Teppich waren immer noch da, aber sie fielen wegen des Blumenmusters nicht auf.
Das spärliche Morgenlicht, das seinen Weg durch die Vorhänge fand, erhellte ein kostspielig und bequem eingerichtetes Herrenzimmer, in dem sich friedlicher Zigarrenrauch zur Decke zu schlängeln pflegte, während selbstzufriedene Herren nach dem Essen über ihre Börsensiege und Schäferstündchen mit kleinen Näherinnen plauderten. Es sah nicht aus wie ein Ort des Todes und der Tragödie.
Krogh lehnte sich zurück, und während er den Blick über die Gemälde, die schwarzgrauen Radierungen und die buntbemalte Decke entlangwandern ließ, dachte er über den Verlauf des gestrigen Tages nach.
Zusammen mit Petersen hatte er sich die große Wohnung vorgenommen. Erst das Herrenzimmer und dann die anderen Räumlichkeiten. Der Arzt hatte den Toten untersucht und wollte ihn sich im Krankenhaus genauer ansehen.
Sie hatten nichts Bemerkenswertes im Haus entdeckt. Alles war gut gepflegt und sauber. Den großen Wohnräumen war anzusehen, daß sie nicht oft benutzt wurden. Außer in den Schlafzimmern hielt man sich nur im Eßzimmer und im Herrenzimmer auf.
Es war schon spät, als Petersen und er im strömenden Regen nach Hause gingen. Zum Østerbro-Viertel war es nicht weit, aber er war trotzdem völlig durchnäßt angekommen.
Zu Hause hatte seine Mutter mit ihrem Nähzeug gesessen. Sie arbeitete an einer riesigen Stickerei, einer Tischdecke für 24 Personen. Er wußte, daß die Decke für ihn war. Er hatte ihr liebevoll bedeutet, daß er als Angestellter der Polizei weder Geld noch Platz haben würde, Gesellschaften für 24 Personen zu geben, doch sie hatte bloß sanft lächelnd den Kopf geschüttelt.
»Ich weiß mehr als du, mein Sohn. Ich habe das Gefühl, du wirst eines Tages sowohl eine Frau als auch Haus und Platz für Gesellschaften haben. Und Assessor wirst du auch noch.«
Die Mutter war sofort in die Küche gehuscht, um sein Essen aufzuwärmen. Das Mädchen ging um sechs nach Hause. Er hatte protestiert, aber erfolglos.
»Unsinn. Du brauchst dein warmes Essen, Johannes. Das fehlte noch, daß du nichts Ordentliches zu essen bekämest.« Er protestierte noch einmal, aber nur schwach, denn er wußte, sie würde nicht auf ihn hören. So war es seit seinem dreizehnten Lebensjahr gewesen, als sein Vater gestorben war. Von diesem Tag an hatte sich seine Mutter an ihn geklammert. Deshalb hatte sie Erleichterung gezeigt, als er von einem halbjährigen Parisaufenthalt zurückkehrte und seine Verlobung auflöste. Dabei gefiel ihr Therese, und zwar nicht nur, weil das Mädchen aus gutem Hause stammte. Aber er wußte, daß sie ihn in ihrem Innersten für sich allein haben wollte. Sie hatte mit ihrem Verstand akzeptiert, daß er eines Tages eine Familie gründen und sie allein bleiben würde, denn sie wollte ihm und seiner jungen Frau nicht zur Last fallen. Das hatte sie immer gesagt, und er wußte, daß sie es auch so meinte. Aber sie dachte nicht gern daran. Je mehr sich also seine Heiratspläne in die Länge zogen, desto glücklicher war sie.
Manchmal war ihre Fürsorglichkeit anstrengend. Unablässig ermahnte sie ihn, einen Wollschal umzulegen, wenn der Herbstregen einsetzte, und zu Hause die nassen Strümpfe auszuziehen, wenn er einen Verbrecher beschattet hatte. Sie nannte Verdächtige immer Verbrecher, obwohl er seine Mutter eigentlich für vorurteilsfrei hielt. Jedenfalls in Anbetracht ihres Alters. Sie war 57 Jahre alt.
Sie hatte weitergestickt, während er die aufgewärmte Kohlsuppe gegessen hatte – nicht gerade sein Leibgericht, und das gepökelte Schweinefleisch war reichlich fett gewesen. Aber er hatte einen solchen Hunger gehabt, daß alles heruntergerutscht war. Anschließend hatte sie die Ecke, an der sie gerade arbeitete, über dem Knie glattgestrichen, einen bewundernden Blick darauf geworfen und gefragt:
»Was ist es diesmal? Etwas Unheimliches?«
»Kann man schon sagen. Totschlag, wahrscheinlich sogar Mord.«
»Ein richtiger Mord?«›
»Ja, sieht so aus. Bestialisch.«
»Willst du erzählen, oder...«
»Aber ja.« Er berichtete ihr gerne von seinen Fällen. Nicht weil sie ihm helfen konnte, sondern weil ihm beim Erzählen Dinge einfielen, die er sonst vielleicht vergessen hatte.
»Wie ist der junge Mann ums Leben gekommen?«
»Mit einem Revolver erschossen – Kopfschuß.«
Er war sich nicht sicher, ob sie wußte, was das bedeutete. Er spürte die aufsteigende Übelkeit im Zwerchfell.
»Wie grausam. Wer war der Tote?«
»Nun, ein junger Mann, 24 Jahre alt, Student. Wohlhabende Familie. Der Vater ist der Fabrikant T. S. Bramsnæs. Du wirst die Metallwaren aus seiner Fabrik kennen, Mama. Sie haben einen Flügel als Warenzeichen. Er ist wohlhabend, soweit wir wissen. Die Mutter ist eine geborene Baronesse von einem seeländischen Gut. Reiches Haus, aber ich weiß noch nicht so viel.«
»Wie ist der Mörder hereingekommen?«
»Er oder sie – in diesen Zeiten kann es ja genauso gut eine Frau sein – ist hereingelassen worden oder hat einen Schlüssel gehabt. Und ist wieder hinausgegangen. Keine Zeichen von Einbruch.«
»Wann wurde er ermordet, der arme Kerl?«
»Tja. Der Arzt sagt, der Tod sei ungefähr zwischen elf Uhr gestern nacht und zwei Uhr heute morgen eingetreten. Aber er wird es näher untersuchen. Ich werde morgen mit dem Vater des jungen Mannes sprechen. Und mit den Bewohnern des Hauses. Vorläufig haben Petersen und ich nur mit dem Diener gesprochen. Ein recht aalglatter Herr, muß ich sagen.«
»Ja, ja, mein Lieber. Aber weil er Diener ist, muß er ja nicht unbedeutend oder falsch sein.«
»Mama, du hast nicht unser Exemplar gesehen. Er wirkt nicht besonders reinherzig. Er sieht so aus, als würde er beim Servieren die Flasche nicht ganz leeren, um einen guten Schluck für sich selbst zu behalten.«
»Ja, ja. Da magst du recht haben. Aber genieß du nur in Frieden deine Zigarre. Du hast einen langen Tag hinter dir.«
Und dann hatte sie sich wieder auf ihre Stickerei konzentriert und er sich auf seine Zigarre. Er dachte daran, wie seine Gedanken um diese Wohnung und ihre Bewohner gekreist waren, während der Zigarrenrauch zur Decke aufgestiegen war. Mit welchen Geheimnissen lebten die reichen Menschen in den großen Wohnungen? Sie mußten ja welche haben – wie alle Menschen.
Ludwigsen, der Diener, hatte aufgemacht, nachdem er an der quastenverzierten Klingelschnur gezogen hatte. Seine Maske war wieder unversehrt, steif und korrekt.
»Haben Sie Nachricht von dem Fabrikanten?«
»Ich gehe davon aus, daß der gnädige Herr in wenigen Minuten hier sein wird. Wünschen Sie zu warten?«
»Ich möchte mir das Herrenzimmer – und den Rest des Hauses – genauer ansehen. Mein Assistent kommt in ein paar Minuten. Und dann erbitte ich mir ein Gespräch mit Herrn Bramsnæs, und – wenn möglich – auch mit der Dame des Hauses.«
»Die gnädige Frau kommt erst später. Die gnädige Frau wird sicher äußerst erregt sein. Ich glaube nicht, daß die gnädige Frau...«
»Ich werde Frau Bramsnæs heute nicht behelligen. Aber mit Herrn Bramsnæs muß ich leider trotz des Trauerfalls dringend sprechen, wegen der Aufklärungsarbeit. Es muß nicht in der Sekunde sein, in der er das Haus betritt. Ich warte, bis es ihm recht ist – aber das Gespräch muß heute noch stattfinden. Ich bleibe vorläufig im Herrenzimmer. Würden Sie meinen Assistenten zu mir schicken, wenn er auftaucht?«
Und jetzt saß er hier und sah sich um. Wieder. Sah auf das geschnitzte Eichenholz, den Rand, den das Grogglas hinterlassen hatte, auf die blauen, weißen und grünen Jetons, auf die Zahlenkolonnen, auf den Brief mit der Verabredung, auf einen Bücherschrank mit schön eingebundenen und wenig benutzten Büchern, und auf einige ausgeklügelt drapierte Vorhänge, die das Morgenlicht fernhielten.
Die Zahlen störten ihn. Sie mußten etwas bedeuten. Er schrieb sie ab, addierte sie nach der Methode des jungen Bramsnæs, strich sie aus wie er und addierte sie wieder wie er. Es war kein Fehler in der Rechnung, aber er begriff nichts. Es waren anscheinend bloß Zahlen.
Es klopfte. Petersen stellte sich mit einer linkischen Habachtstellung in die Tür und meldete sich zum Dienst. Er war ein großer, stattlicher Mann mit einem üppigen Schnauzbart, den er nicht immer genügend stutzte. Manchmal war er so lang, daß er ihm beim Sprechen in den Mund geriet. Petersen war Witwer und wohnte mit seiner Schwester im Nørrebroviertel. Krogh mochte ihn ganz gern, allerdings mißfiel ihm sein militärisches Gehabe, aber er sagte nichts dazu. Er hatte versucht, seinen Leuten – es waren drei – die Feldwebelmanieren abzugewöhnen, aber das hatte sich herumgesprochen, und sein Vorgesetzter hatte ihn deswegen gerügt. Es ließe sich keine Disziplin aufrechterhalten, wenn man bei dergleichen durch die Finger sehe.
»Etwas Neues, Petersen?«
»Nein, Herr Inspektor. Man erwartet möglichst bald Ihren Bericht.«
»Ja, ja. Ich schreibe ihn, sobald wir mit den Hausbewohnern gesprochen haben, vor allem mit dem Vater des Ermordeten. Er soll bald hier sein, sagt der Diener.«
»Ich glaube, er ist gerade gekommen. Ich sah eine Droschke ins Tor fahren.«
Krogh horchte. Es drang ein Murmeln aus dem Korridor herein.
»Was meinen Sie eigentlich, Petersen?«
»Wie bitte?«
»Ja, was ist Ihre Einschätzung der Lage?«
»Ich möchte nicht zuviel sagen, wir haben ja gerade erst angefangen, aber wenn Sie darauf bestehen, so finde ich, ganz vorsichtig gesagt, Sie wissen ja... tja, also der Diener kommt mir nicht ganz koscher vor.«
»Nicht ganz koscher? Was meinen Sie damit?«
»Ja, was ich meine: Verdächtig. Aalglatt.«
»Nicht ganz koscher und aalglatt, eine seltsame Charakteristik, aber er hat so etwas... Ja, ja, ich glaube, ich weiß, was Sie meinen. Aber wir warten mit ihm, bis wir mit dem Fabrikanten gesprochen haben. Haben Sie eine Liste der Angestellten?«
»Hier.« Petersen zog ein zerknittertes Papier aus der großen aufgenähten Tasche seiner Jacke. »Außer unserem Freund, dem Diener, ist da noch die Köchin, die er erwähnt hat, ein Stubenmädchen und das Küchenmädchen, das jeden Abend nach Hause geht. Die anderen wohnen hier. Dann gibt es noch einen Knecht, der das Wasser heraufträgt. Da die Herrschaft keine Equipage mehr hält, hat sie auch keinen Kutscher mehr.«
»Haben Sie herausgefunden, wo die Leute in der Mordnacht waren?«
»Ja, in groben Zügen. Köchin und Stubenmädchen hatten frei, sagt der Diener. Sie waren beide nicht im Hause. Die Köchin hat ihre Schwester besucht, und die andere hat auch Besuche gemacht. Ich habe das Gefühl, die hat nicht nur ihre Familie besucht. Der Knecht sagt, er habe den ganzen Abend in seiner Kellerkammer gesessen und an einer Holzfigur geschnitzt. Er soll sehr gut schnitzen können. Und er habe nichts gesehen und gehört. Und es lagen auch überall Späne und Werkzeug herum. Es kann also stimmen, was er sagt. Das Küchenmädchen ist angeblich den ganzen Abend zu Hause bei seiner Mutter gewesen. Es ging um sechs Uhr abends von hier fort und kam gestern morgen um halb sieben zurück.«
»Hm, gehen wir lieber noch einmal das ganze Haus durch. Ich bin...«
Die Tür wurde geöffnet, und ein schwarzgekleideter Herr mittleren Alters trat ein. Sein Gesicht war wie auf der Photographie auffallend nichtssagend. Die Augen waren graublau, die Brauen hell, die Nase kurz und platt. Er hatte schütteres Haar und versuchte, die bloßen Stellen auf dem Hinterkopf durch geschicktes Frisieren zu verbergen. Er trug einen Kneifer. Krogh erhob sich, verbeugte sich und wollte sich gerade vorstellen, als er auch schon unterbrochen wurde.
»Ich weiß, wer Sie sind, Herr Kriminalinspektor. Sie sind hier, um die tief tragischen Umstände des Todes meines Sohnes zu untersuchen. Ich weiß, Sie wollen kondolieren. Unterlassen Sie es bitte und stellen Sie Ihre Fragen so kurz wie möglich. Ich hoffe, Sie verstehen...«
Die Stimme des Fabrikanten klang angespannt und gepreßt, und er machte eine schraubende Bewegung mit der Schulter, die Krogh als Ausdruck von Unbehagen deutete.
»Wer ist dieser Mann?« Bramsnæs zeigte auf Petersen.
»Polizeibeamter Petersen, mein Assistent. Er macht Notizen und ist in vollem Umfang informiert. Er ist einer unserer zuverlässigsten Leute. Erlauben Sie, daß ich anfange. Gut. Wann haben Sie die Stadt verlassen?«
»Vor fünf Tagen. Ich war auf Juellinge zur Jagd eingeladen, bei dem dortigen Lehnsbaron. Ich bin, wenn immer ich es ermöglichen kann, auf Juellinge dabei. Die Jagd ist hervorragend dort. Wir waren Mittwoch und Donnerstag draußen. Donnerstag fand das Jagdessen statt. Die übrige Gesellschaft reiste im Laufe des Freitags ab, aber der Kammerherr hatte mich lange vorher schon eingeladen, anschließend noch eine Woche zu bleiben und mich auszuruhen. Er ist ein sehr guter Freund und wußte, daß ich ein wenig Erholung brauchte. Wir verbrachten ein paar friedliche Tage, bis das unglückselige Telegramm kam.«
»Wann haben Sie Ihren Sohn zuletzt gesehen?«
»Montag, am Abend vor meiner Abreise. Er kam spät nach Hause. Ich saß hier in meinem Zimmer und arbeitete. Wir wechselten ein paar Worte, ehe er und ich gegen halb zwei zur Ruhe gingen. Ja, es war spät, und ich sah meinen Sohn nicht am nächsten Morgen, als ich das Haus verließ. Mein Sohn war kein early riser, wie die Engländer sagen.«
»Ihr Sohn studierte?«
»Ja, er studierte – meinem Wunsch gemäß – Staatswissenschaft, um Diplomat zu werden. Ich hatte gehofft, er würde die Fabrik übernehmen. Aber danach stand ihm nicht der Sinn.«
»Sie sagten ›Ihrem Wunsch gemäß‹.«
»Ja, ganz richtig. Mein Sohn äußerte nach der Matura den Wunsch, Ästhetik zu studieren, aber da dieses Studium äußerst brotlos und gänzlich unnütz ist, habe ich es ihm verboten. Darüber war er selbstverständlich enttäuscht, aber nach einer gewissen Zeit hat er, glaube ich, eingesehen, daß mein Urteil richtig war, und schien ganz zufrieden mit der Staatswissenschaft.«
»Nahm Ihr Herr Sohn am sogenannten Studentenleben teil, war er Mitglied einer studentischen Vereinigung?«
»Ich weiß, daß mein Sohn hin und wieder im Studentenverein verkehrte, aber er hat meines Wissens nie den neuen Verein betreten. Zum Glück. Er ging oft aus. Ich gab ihm, vielleicht als eine Art Belohnung für die Staatswissenschaft, ein ordentliches Taschengeld, darum genoß er, glaube ich, das, was Sie Studentenleben nennen. Aber was er sonst machte, weiß ich nicht. Doch, er fuhr mit meinem vollen Einverständnis hin und wieder nach Berlin, um einen sehr tüchtigen Repetitor der Wirtschaftswissenschaft zu frequentieren. Ich war nicht nur einverstanden, sondern unterstützte ihn aktiv. Es förderte seine Entwicklung. Aber darüber hinaus? Was weiß ein Vater letzten Endes von dem Tun und Lassen seines Sohnes?«
Krogh antwortete nicht, der Mann hatte ja recht. Eltern brauchten nicht viel von den Angewohnheiten ihrer Söhne zu wissen. In den sogenannten feinen Familien wußte man mehr über die Mädchen. Ihre Tugend war viel Geld wert, trotz der Mitgift, die ein Vater zu stellen hatte.
»War Ihr Sohn verlobt oder hegte er Gefühle für eine Frau?«
»Nein.«
Die prompte Antwort ließ Krogh vermuten, daß Bramsnæs diese Frage erwartet hatte.
»Hm, ungewöhnlich, daß ein junger Mann wie Ihr Herr Sohn nicht...« Er brachte seinen Satz nicht zu Ende.
»Mein Sohn war, wie ich Ihnen sagte, weder verlobt noch auf andere Art engagiert.«
»Wissen Sie, mit wem er verkehrte? Wer waren seine Freunde?«
»Viel kann ich Ihnen nicht sagen. Ich forderte ihn auf, seine Kommilitonen zum Sonntagmittagessen einzuladen, aber er tat es nicht.«
»Haben Sie darüber nachgedacht, warum nicht?«
»Ich glaube, mein Sohn ist–war–sehr verschlossen. Er hatte wohl keinen Sinn dafür, sich Freunde und einen Umgangskreis zu gewinnen – leider.«
Bramsnæs’ Miene war undurchsichtig. Er hielt sich kerzengerade, aber hin und wieder zog er die Schultern hoch. Plötzlich juckte er sich die Hand. Er hörte genau so unvermittelt damit auf, wie er angefangen hatte, und Krogh bemerkte, daß er sie blutig gekratzt hatte. Die Hände des Fabrikanten waren von Exzemen überzogen.
»Und die pekuniären Verhältnisse Ihres Herrn Sohns?«
»Er bekam, wie ich sagte, jeden Monat von mir eine angemessene Summe. Ich fand sie recht großzügig, ich weiß nicht, ob mein Sohn derselben Meinung war. Aber ich finde nicht, daß junge Männer, auch aus gutem Hause, zuviel Geld zwischen den Fingern haben sollten. Das verweichlicht nur und macht rastlos.«
»Spielte Ihr Herr Sohn?«
»Ob er spielte? Das glaube ich nicht.« Bramsnæs sah überrascht aus. »Nein, bestimmt nicht. Ja, ich weiß es nicht, aber ich glaube nicht.«
»Wir haben hier auf dem Tisch diese Zahlenaufstellungen gefunden, und wie Sie sehen, liegen hier Jetons. Das könnte darauf hinweisen, daß Ihr Sohn spielte. Vielleicht können Sie uns sagen, was das bedeutet?«
Krogh reichte dem Fabrikanten das Papier und zeigte auf die Jetons. Bramsnæs schaute auf das Papier und betrachtete lange die Zahlen, dann schüttelte er den Kopf.
»Sagt mir nichts.«
»Und die Jetons?«
»Auch nicht. Es sind ganz gewöhnliche Jetons.«
»Kannten Sie die Pläne Ihres Sohnes für die nächsten Tage?«
»Nein. Ich ging davon aus, daß er in seine Vorlesungen und zu seinem Repetitor ging. Was man so von seinem studierenden Sohn erwartet. Aber jetzt habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen. Meine Frau – die Mutter meines Sohnes – kommt bald, und ich muß verschiedenes vorbereiten. Wenn Sie also erlauben, Herr Inspektor.«
Er beugte leicht den Kopf, sah Krogh mit einem grauen Blick an und ging aus dem Zimmer.
»Hm.« Petersen räusperte sich.
»Ja, Petersen, was wollten Sie sagen?«
»Er weiß mehr über seinen Sohn, als er gesagt hat.«
»Woraus schließen Sie das?«
»Einfach so ein Gefühl. Er war auch so sonderbar unberührt.«
»Das kann daran liegen, daß Metallwarenfabrikanten innerlich galvanisiert sind. Naja, das war natürlich nur ein Scherz. Auf mich wirkte er zuverlässig, obwohl Sie recht haben mögen, Petersen. Haben Sie ja manchmal.«
»Meinen Sie? Ich finde in der Tat, daß er mehr weiß, als er gesagt hat.«
»Schon möglich. Und merkwürdig ist, daß er so heftig bestritt, daß der Sohn eine kleine Freundin hat, wenn er gerade noch gesagt hat, ein Vater wisse nicht soviel über seinen Sohn. Naja, das werden wir schon herausfinden. Wir müssen mit den Dienstboten sprechen, uns das Haus genau ansehen und heute abend ins Restaurant. Um acht. Falls Sie sich auf einen gemütlichen Abend zu Hause eingerichtet hatten, schreiben Sie ihn lieber in den Schornstein. Habe ich Sie brummen gehört, Petersen? Ich verstehe Sie. Aber dieser Fall ist nun einmal etwas ungewöhnlich. Bitte rufen Sie die Köchin.«
3
Marie Jensen, die Köchin, konnte nichts erzählen. Im Gegensatz zu allen anderen Köchinnen, die Krogh kannte, war sie lang, mager und säuerlich, und sie hatte, wie die meisten in diesem Herbst, Schnupfen. Sie war bei ihrer Schwester gewesen, die mit einem Zimmermann verheiratet war und in der Blågårdsgade in dem ärmlichen Nørrebroviertel wohnte.
Die Schwester hatte gerade ihr siebtes Kind bekommen und konnte Hilfe gut gebrauchen. Deshalb ging die Köchin an ihren freien Abenden immer zu ihr.
Nein, sie habe nichts gehört und gesehen. Sie sei gegen zehn nach Hause gekommen und wie immer in das Zimmer im fünften Stock gegangen, wo sie zusammen mit dem Stubenmädchen wohne, und habe sich hingelegt, ohne Licht zu machen. Sie sei müde gewesen und habe sich um die Schwester gesorgt, die angefangen habe zu husten. Das Stubenmädchen sei nicht zu Hause gewesen, da sei sie sich sicher, denn von dem anderen Bett habe sie keinen Laut vernommen. Ob sie sie kommen gehört habe? Nö, denn sie habe einen tiefen Schlaf. Aber das Stubenmädchen sei dagewesen, als Ludwigsen kam, um sie zu wecken. Die Morgenarbeit wartete. Sie spreche nur selten mit dem jungen Herrn und übrigens auch nicht mit dem Fabrikanten. Sie erfahre von Ludwigsen, was sie zu tun habe. Was es zum Mittagessen gebe, bestimme sie selbst. Natürlich nur, wenn die gnädige Frau nicht zu Hause sei. Sonst bekomme sie ihre Anweisungen von ihr. Krogh versuchte, sie über die Abwesenheit der Hausfrau auszuhorchen, aber Marie Jensen war schweigsam – sie wollte keine Kommentare geben. Die Herrschaft lebe ihr Leben, sie lebe für ihre Schwester und deren viel zu große Familie.
Das Stubenmädchen Anna Hansen war ein rundliches junges Mädchen, Anfang zwanzig. Sie wäre richtig hübsch gewesen, wenn ihr nicht ein Schneidezahn gefehlt hätte und die übrigen Zähne weniger gelb gewesen wären. Sie brauchte ein Gebiß. Sie stand kerzengerade vor ihm in ihrem hellblauen Arbeitskleid, die Hände unter der großen weißen Schürze verborgen. Auf dem rotblonden Haar saß ein Häubchen. Ja, sie habe auch frei gehabt, und das sei ungewöhnlich, denn sie und die Köchin pflegten nicht am selben Abend frei zu haben. Nicht Ludwigsen hätte ihnen freigegeben, sondern der junge Herr. Sie fing an zu schluchzen. Als sie mit der Lampe ins Zimmer gekommen sei, habe er gesagt, sie dürfe gehen, weil er ausgehen wollte. Er wollte Ludwigsen Bescheid sagen. Deshalb sei sie gegen sechs gegangen. Wohin? Ja, sie habe ihre Freundin besucht. Wo die Freundin wohne und wie sie heiße? Ja, sie heiße Sofie und wohne in der... jetzt habe sie doch glatt den Namen der Straße vergessen. Sie wisse natürlich gut, wo sie liege, ihr falle nur gerade nicht ein, wie sie heiße.
Petersen räusperte sich, und Krogh wußte, was das bedeutete. Er übernahm die Befragung.
»Soso, du warst bei deiner Freundin. Schminkst du dich immer, wenn du die Sofie, oder wie sie heißt, besuchst? Du hast ja noch überall Schminke im Gesicht.« Die Hand des Mädchens fuhr ins Gesicht. »Du bist doch tanzen gegangen, oder? Im Figaro oder im Huhn?«
Das Figaro war, wußte Krogh, ein beliebtes Tanz- und Amüsierlokal, von dem die Damen der Stadt sowohl ihre Dienstmädchen als auch ihre Ehemänner fernzuhalten versuchten. Offenbar nicht besonders erfolgreich, denn der Figaro war fast immer voll. Das Huhn war ein sehr gewöhnliches Lokal, wie seine Mutter sagen würde.
»Ich war nicht im Figaro.«
»Na, wo warst du denn? Antworte gefälligst.« Petersen war nahe an das Mädchen herangetreten und sah sie drohend an.
»Wo bist du also gewesen? Antworte, oder...« Er hob die Hand.
Das reichte. Das Mädchen fing an zu weinen. Doch, sie sei im Figaro gewesen, kam es schwach. Sie suchte nach einem Taschentuch, aber fand keins. Sie sah sich hilflos um. Petersen fuhr fort. Ob ihre Vorgesetzten das wüßten?
Nein, es sei ja nicht erlaubt. Ging sie öfters dorthin? Ja, so oft sie könne. Was sie dort mache? Tanzen und sich amüsieren. Dort sei immer etwas los, was man über dieses Haus nicht gerade sagen konnte. Hier herrsche eine merkwürdige Stimmung. Alle hätten Angst vor dem gnädigen Herrn. Sogar Ludwigsen und auch der junge Herr. Woher sie das wisse? Das wisse sie eben. Woher? Sie schwieg. Petersen hob die Hand. Das Mädchen schluckte und erzählte, sie habe eines Abends den jungen Herrn im Figaro getroffen. Sie hätten getanzt, und er habe sie auf ein Glas eingeladen. Absinth. Das habe sie noch nie probiert. Es habe merkwürdig geschmeckt. Und dann habe er angefangen, von dem Gespensterhaus zu sprechen, in dem sie beide wohnten. Es habe bitter geklungen. Kündige, habe er gesagt. Such dir einen anderen Platz. Dort kann man nicht leben. Was er damit gemeint habe? Das wisse sie nicht. Und weiter? Ja, dann habe er ihr gute Nacht gewünscht und sei gegangen. Sie sei sitzen geblieben und von einem Herrn zum Tanz aufgefordert worden, sie hätten etwas getanzt und getrunken, und dann seien sie zusammen weggegangen. Er habe ihr angeboten... Sie stockte. Was? Geld? Sie nickte verschämt.
»Ach, du verdienst Geld durch Unzucht?« Petersen klang wie die Verachtung der gesamten Öffentlichkeit, und das Mädchen heulte. Ob er das dem Herrn und der Polizei melden würde? Dazu habe er noch nicht Stellung genommen, sagte Petersen.
»Das kommt darauf an, was du uns erzählst.«
Das Mädchen erzählte. Ja, sie und der Mann seien hinausgegangen, und ein Stück weiter auf der Straße fast direkt in den jungen Herrn gelaufen, der in Gesellschaft eines anderen jungen Mannes gewesen sei.
»Eines jungen Herren?«
»Nein, ich kenne ihn. Er kommt aus derselben Straße wie ich.« Sie stockte und schluchzte.
»Wie heißt er.«
Das Stubenmädchen gab keine Antwort.
»Du kannst es genau so gut sofort sagen. Wie heißt er? Raus damit.«
»Frederik.«
»Weiter?«
»Weiß ich nicht. Sie nennen ihn Banjo-Frederik.«
»Warum?«
»Weil er so gut Banjo spielt. Und...«
»Und was?«
»Sie sagen, er könne auf vielen Saiten spielen.« Sie sah nicht aus, als wüßte sie, was das bedeutete.
»Banjo-Frederik und der junge Herr gingen also zusammen. Warst du überrascht?«
Sie nickte.
»Warum?«
»Weil Banjo-Frederik nicht dazugehört. Er ist nicht wie der junge Herr.«
»Haben sie sich irgendwie besonders benommen, die Art wie sie gingen oder so?«
Sie antwortete nicht. Sie starrte auf eine Blume auf dem Teppich und zeichnete mit ihrem rechten Zeh einen Kreis.
»Was haben sie gemacht?«
»Nichts.«
»Aber etwas haben sie getan, was du bemerkt hast. Erzähl schon.«
Sie antwortete nicht. Petersen traf dicht an sie heran.
»Na komm, raus damit. Du sitzt ganz schön in der Patsche. Was haben sie getan?«
Es kam immer noch nichts. Das Mädchen starrte auf den Boden und zeichnete mit dem Zeh noch einen Kreis.
»Kopf hoch!« Das Mädchen gehorchte, und Petersen gab ihr erst eine Ohrfeige auf die rechte Backe, dann auf die linke. Sie schnappte nach Luft, die Tränen spritzten ihr aus den Augen, und Petersens Fingerabdrücke brannten in ihrem Gesicht.
»Sie taten nichts auf der Straße«, kam es schließlich. »Aber...«
»Aber was?«
Sie stockte und schluckte kräftig.
»Ich sah sie in einem Toreingang stehen.«
»Wie konntest du sie auf der Straße und in einem Tor sehen?«
»Ich unterhielt mich mit einem Herrn, meinem Herrn, den ich drinnen kennengelernt hatte... Wir sprachen darüber, wo wir hingehen sollten. Und als wir an dem Tor vorbeikamen, sah ich sie. Ich bin mir ganz sicher. Das Tor war direkt an einer Laterne. Sie standen eng umschlungen, sie...«
»Bist du dir sicher?«
»Ganz sicher.« Sie nickte heftig.
»Wann war das?«
»Es war nicht in der letzten Woche und auch nicht in der Woche davor, denn da war ich nicht im Figaro. Ich hatte Zahnschmerzen. Es ist wohl schon einen Monat her.«
»Hast du den jungen Herrn später noch einmal im Figaro gesehen?«
»Nein.«
»Und du hast ihn nicht am Mittwoch abend gesehen?«
»Nein.«
Petersen hielt inne und sah zu Krogh hinüber. Krogh ergriff wieder das Wort.
»Wenn du nun schon einmal angefangen hast, kannst du uns auch erzählen, ob du in der letzten Zeit hier im Haus etwas bemerkt hast.«
Jetzt war sie mehr als willig. Sie nickte.
»Dann erzähl uns davon, du bist ja ein aufgewecktes Mädchen«, sagte Krogh sanft.
Sie berichtete von einem merkwürdigen Brief, der den gnädigen Herrn völlig verwirrt habe. Sie wisse nicht, was darin gestanden habe, aber als sie ins Eßzimmer gekommen sei, um Holz nachzulegen, habe sie gesehen, wie der gnädige Herr ein Stück Papier zerknüllt habe. Es müsse ein Brief gewesen sein, denn er habe den Brieföffner gebraucht. Ludwigsen habe es auch beobachtet. Der Herr habe ganz merkwürdig ausgesehen, und es habe geklungen, als ob er stöhnte. Ludwigsen habe gefragt, ob der Herr noch Kaffee wünsche. Beim Hinausgehen habe sie gesehen, wie der Herr den Brief wieder glattgestrichen habe.
»Mehr?«
»Nein«, sagte sie und zeichnete einen neuen Kreis mit dem Zeh.
»Hast du mir irgendeinem darüber gesprochen?«
»Nein«, wiederholte sie.
»Du kannst gehen, aber wir sind noch nicht fertig mit dir.«
Das Mädchen verschwand. Die roten Abdrücke von Petersens breiter Hand glühten feuerrot. Das nenne ich mir Fingerabdrücke, dachte Krogh. Ihm lag diese Methode nicht, aber sie war erfolgreich.
4
Es waren nur wenige Gäste im Restaurant. Krogh hatte einem Pikkolo Mantel und Hut überlassen und blickte sich um. Sein Blick schweifte über prachtvolle Gaslüster, vergoldete Spiegel und mächtige Fächerpalmen auf imponierenden Piedestalen. Ein weicher beigefarbener Teppich bedeckte den Boden, und eine ganze Reihe befrackter Kellner hatte am Büfett Aufstellung genommen.
Nur an zwei Tischen saßen Frauen ohne Begleitung. Die eine, eine ältere voluminöse Dame direkt vor ihm, sah aus wie eine Gutsbesitzersfrau auf Kopenhagenbesuch, von der Sorte, die solide ißt und anschließend ein Nickerchen macht. Sie sah aus, als ob sie nach Kopenhagen gekommen wäre, um einen Kondolenzbesuch zu machen oder sich ein neues Korsett zu kaufen. Sie rief mit gebieterischer Stimme nach dem Kellner und verlangte eine Extraportion Dessert. Genau das brauchst du, um nicht vom Fleisch zu fallen, meine Liebe, dachte Krogh. Sie war bestimmt nicht E.
Ganz hinten im Raum saß ein junges Mädchen, das aussah, als ob es auf jemanden wartete. Sie starrte abwechselnd auf die Drehtür und auf eine kleine goldene Uhr, die sie an einer Halskette trug. Er näherte sich ihrem Tisch. Sie strahlte, und Krogh glaubte eine kurze Sekunde, er wäre der Grund ihrer Freude. Aber sie sah auf etwas hinter ihm.
»Mama, endlich. Wo bist du denn gewesen? Ich war ganz nervös, hier allein zu sitzen.«
Krogh wurde von einer elegant gekleideten Dame mittleren Alters überholt, die zu ihrem Lämmchen eilte.
»Oh, Mathilde, Liebes. Du weißt ja nicht, wie schlimm es war. Denk nur, sie hat geglaubt, das Kleid sollte erst morgen fertig sein. Und...«
Krogh drehte den Wiedervereinten den Rücken zu. Ein Kellner näherte sich.
»Der Herr wünscht zu speisen?«
»Ja bitte. Ich würde gern hier sitzen.« Er zeigte auf einen Tisch, von dem man das ganze Restaurant übersehen konnte.
Der Diener zog den Stuhl heraus, strich das Tischtuch glatt, brachte die Karte und verschwand wieder. Krogh ließ die Karte liegen und sah sich wieder um. Er entdeckte Petersen, der ganz hinten im Raum Platz genommen hatte und Zeitung lesend aß. Krogh wußte genau, daß seine Lektüre ihn nicht davon abhielt, den vollen Überblick über die Ereignisse zu bewahren. Petersen erhob sich und tauschte seine Zeitung mit einer anderen aus. Er nahm die Politiken. Krogh wunderte sich, daß Petersen dieses radikale Blatt überhaupt in die Hand nahm. Bei der Polizei war es jedenfalls nicht gern gesehen.
An den meisten Tischen saßen je ein Herr und eine Dame, an einem Tisch saßen drei Paare, und an Kroghs Nachbartisch hatte sich ein einzelner Herr gesetzt. Er war klein, hatte glattes dunkles Haar und tiefe schwarze Ränder unter den Augen. Gekleidet war er wie ein Dandy, und Krogh bemerkte, daß er oft den Blick in einem der großen Wandspiegel auf seiner eigenen Gestalt ruhen ließ. Die junge Dame sprach mit gedämpfer Erregung auf ihre Mutter ein, und die beiden Damen betrachteten mit unverhohlener Neugier den Herrn. Krogh zerbrach sich den Kopf, wer er sein mochte. Es war jemand, den er kennen sollte.
Der Herr brach auf. Er plauderte mit dem Kellner und ließ, wie Krogh aus den Augenwinkeln registrierte, eine Münze in eine diskret ausgestreckte Hand gleiten. Der Herr warf einen prüfenden Blick in den Spiegel, ließ die Hand über das glänzende Haar mit dem breiten Scheitel gleiten, wohl wissend, wie es Krogh schien, daß die beiden Damen über ihn sprachen. Nachdem der Kellner ihm in seinen eleganten Mantel geholfen hatte, streifte er den einen Handschuh über, griff nach Hut und Stock und wandte sich mit einer tiefen Verneigung den beiden Damen zu.
»Sie haben recht, gnädiges Fräulein. Ich bin der Schriftsteller Herman Bang. Hr. Man de Bang, wie sie offenbar aus dem liebenswerten Witzblatt Punch wissen. Ich empfehle mich.« Und er verbeugte sich wieder. Die Geste war ironisch.
Aber natürlich, er konnte niemand anders sein als der kleine, merkwürdige Schriftsteller, von dem die ganze Stadt sprach. Krogh hatte Bang erstaunlicherweise noch nie gesehen, aber er kannte den Klatsch und wußte auch, daß man bei der Polizei sein Tun und Lassen aufmerksam verfolgte. Bang war einer der Unsittlichen, zu denen der junge Bramsnæs offenbar auch gehört hatte. Ob er wohl in denselben Kreisen verkehrt hatte wie Bang? Auch wenn keine Beweise vorlagen, glaubte er vorläufig die Geschichte des Stubenmädchens. An den Augen des Mädchens hatte er gesehen, daß es die Wahrheit sprach.
Eine junge Dame betrat das Restaurant. Sie war klein, dunkelhaarig und hatte große Augen, deren Wirkung durch die Augenschminke nicht beeinträchtigt wurde. Sie sah aus wie eine elegante Französin und war diskret, aber nicht billig gekleidet. Ganz sicher war er sich seines Urteils jedoch nicht. Therese hatte sich in Sachen Mode nie geirrt. Bei dem Gedanken an Therese verspürte er einen Stich. Jetzt war es schon über ein halbes Jahr her. Und er vermißte sie bestimmt nicht weniger – im Gegenteil. Ob sie sich in Kanada wohl fühlte? Ach, sicher. Therese gehörte zu den Menschen, die sich überall einrichten konnten – bloß nicht zusammen mit ihm. Als er den Kopf drehte, fing er seinen eigenen Blick in einem der gewaltigen Spiegel auf und stellte wieder einmal fest, daß er einem jener verschlossenen, melancholischen Männer glich, die viel älter wirkten, als sie waren. 33 Jahre war eigentlich noch nicht so alt, aber er fühlte sich innerlich älter. Das war seine Erklärung dafür, daß sie mit ihm gebrochen hatte. Sie schuldete ihm immer noch die ihre.
Während seine Gedanken um Therese kreisten, sah er, wie die junge Dame an einem Tisch Platz nahm, ihre Handschuhe abstreifte und begann, die Karte zu studieren. Sie entschloß sich schnell – der Kellner verschwand mit ihrer Bestellung –, er sah auf seine Uhr. Fünf Minuten vor acht. Sie blickte ebenfalls auf ihre kleine Kapseluhr. Krogh beobachtete sie gelassen. Sie wirkte sicher, aber ungeduldig, als hätte sie etwas Besseres zu tun, als in einem Kopenhagener Restaurant zu sitzen und zu warten. Sie schaute abwechselnd auf den Eingang und zu den Fenstern, über den Gardinen sah er den oberen Teil einer vorbeifahrenden Kutsche.
Der Kellner servierte, was sie bestellt hatte: ein Omelett und eine kleine Karaffe Wein. Sie mußte Ausländerin sein. Eine dänische Dame wagte es nicht, allein in einem Restaurant Wein zu trinken.
Krogh ließ sie essen. Sie schien ihr Mahl nicht zu genießen, ihre Unruhe wurde deutlicher. Jetzt war es fast halb neun. Sie versuchte, die Fassung zu bewahren, aber ihr Blick klebte an der Tür. Krogh erhob sich und ging zu ihr. Sie sah erstaunt zu ihm auf. Er zeigte seine Dienstmarke.
»Sie erlauben?«
Sie nickte, und Krogh setzte sich.
»Sie erwarten einen Herrn, einen gewissen Herrn Bramsnæs?«
»Woher wissen Sie das?«
»Von einem Brief, den Sie ihm geschickt haben. Ich muß Sie leider davon in Kenntnis setzen, daß Herr Bramsnæs nicht in der Lage ist zu kommen.«
»Warum nicht?«
»Er ist tot.« Krogh machte eine Pause. »Vermutlich wurde er mit einer Pistole getötet.«
Sie wurde weiß, die Augen waren weit aufgerissen. Aber nur einen kurzen Augenblick, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle.
»Das tut mir leid. Aber warum möchten Sie mit mir sprechen?«
»Ich möchte Sie bitten, mitzuteilen, was Sie über Herrn Bramsnæs wissen, warum Sie sich hier mit ihm verabredet hatten, und was Sie von ihm wollten.«
»Ich stehe selbstverständlich zu Ihrer Disposition, aber ich kann Ihnen kaum weiterhelfen.«
»Wir könnten damit beginnen, daß Sie mir erzählen, wie Sie heißen und welche Beziehung Sie zu dem Verstorbenen hatten.«
»Mein Name ist Edvarda Dujardin. Ich habe keinen festen Wohnsitz in Kopenhagen – meine Heimat ist Petersburg. Meine Mutter war Dänin, und aus diesem Grunde bin ich öfters hier. Trotz meines Namens habe ich keine Verbindung zu Frankreich. Mein Vater ist Russe.«
Sie sprach ausgezeichnet dänisch, aber sie war zweifellos nicht in Dänemark aufgewachsen. Ihren Akzent fand Krogh interessant, geradezu charmant.
»Ich gehöre zur russischen Botschaft. Diese Auskunft bin ich Ihnen wohl schuldig«, sagte sie leichthin.
Sie hatte ihren Schock offenbar überwunden. Ihre Augen funkelten, und sie wußte, sie hatte die Oberhand. Mit Leuten, die zu Botschaften und Gesandtschaften gehörten, mußte man vorsichtig sein. Krogh wußte, was diplomatische Immunität bedeutete.
»Aber natürlich will ich Ihnen erzählen, was ich weiß. Ein Mord ist ja ein furchtbares Verbrechen.«
»Woher kannten Sie den jungen Herrn Bramsnæs?« begann Krogh.
»Aus Saltsjöbaden. Wir haben uns dort letzten Sommer kennengelernt. Einer von diesen verregneten Sommern, wo man vier Wochen in einem Badehotel mit einem Haufen nichtssagender Personen zusammensitzt. Mitten in dieser ganzen Langeweile war Herr Bramsnæs ein belebendes Element. Wir plauderten, gingen spazieren und lasen zusammen Poesie. Wenn der Regen ab und zu für eine Weile aufhörte, zogen wir unsere unkleidsamen Seestiefel an, spazierten am Wasser entlang und hielten nach einem blauen Streifen am Himmel Ausschau. Vergeblich – es war wirklich deprimierend.«
»Wie gut haben Sie Herrn Bramsnæs kennengelernt?«
»Nicht intim, wenn Sie mit Ihrer Frage darauf angespielt haben sollten. Ich bin, wie Sie sehen müssen, um einiges älter als er, und ich bin zwar eine moderne Frau, aber so junge Männer fresse ich denn doch nicht!«
Sie lächelte ihm zu, aber er konnte ihr Lächeln nicht deuten. Fand sie ihn komisch oder Bramsnæs?
»Haben Sie Bramsnæs später gesehen?«
»Ja, wenn ich in Kopenhagen war, gingen wir zusammen essen, einmal habe ich ihn auch in Berlin getroffen. Das war letzten Herbst, einige Monate nach unseren Regenspaziergängen in Schweden.«
»Sie reisen viel. Petersburg, Saltsjöbaden, Berlin und Kopenhagen?«
»Ja, ich reise sehr gern, und die Verhältnisse meines Vaters ermöglichen mir dies. Ich studiere römische und griechische Kunst, und hier in Kopenhagen und besonders in Berlin gibt es ja wundervolle Sachen.«
»Es ist nicht unwichtig, daß Sie kommen, schrieben Sie in Ihrem Brief. Was haben Sie damit gemeint?«
»Nun, mein Freund interessierte sich auch für alte Kunst. In Wirklichkeit hat er sie mehr studiert als seine Staatswissenschaft, zu der ihn sein Vater gezwungen hat. Er war in aller Bescheidenheit ein Sammler – wie Sie sich denken können, ohne daß sein Vater es wußte. Er wollte es für sich haben. Und ich hatte gerade eine Sammlung Antiken besonderer Art in Kommission bekommen und wußte, daß er daran sehr interessiert sein würde. Aber es war wichtig, das Geschäft schnell und in aller Stille, wie man so sagt, abzuwickeln. Ich habe aus Vorsicht nur mit E. unterschrieben. Der Herr Papa liebt mich nicht besonders. Er hält meinen Einfluß auf seinen Sohn für verderblich.«
»Waren es gestohlene Sachen?«
»So würde ich es nicht nennen. Und denken Sie daran: ich habe nichts damit zu tun. Ich bin nur Mittelsmann.«
»Haben Sie Herrn Bramsnæs in der letzten Woche gesehen oder mit ihm gesprochen?«
Sie dachte nach. »Nein, vor zehn Tagen ungefähr haben wir hier zusammen gegessen. In diesem Restaurant. Der Kellner wird es sicher bestätigen können.«
»In welchem Gemütszustand befand sich Herr Bramsnæs?«
»In einem miserablen. Er mißgedieh.« Sie stockte. »Ist mißgedieh das richtige Wort? Es klingt komisch, aber Sie verstehen, nicht wahr? Nach der Kunst stand ihm der Sinn, nach dem Schönen, und da sollte er sich mit der Staatswissenschaft abplagen. Sein Herr Vater war unerbittlich. Und er hatte Angst vor ihm. Das haben wohl alle in dieser Familie. Ich verstehe sie nicht. Selbst ein Familientyrann muß doch seinen schwachen Punkt haben.«
»Kennen Sie Frau Bramsnæs? Haben Sie sie getroffen?«
»Die Baronesse? Nein. Sie soll ganz anders sein, sagte Simon – also Herr Bramsnæs. Aber sie hat es ja auch vorgezogen, in Ruhe vor dem Mann auf dem Landgut zu leben. Es ist wohl so eine Art Flucht.«
»Und die übrige Familie?«
»Seine Schwester? Die kenne ich auch nicht. Er hat hin und wieder von ihr gesprochen. Er mochte ihren Mann nicht. Übrigens fällt mir da ein: Er sprach sogar an jenem Abend von dem Mann der Schwester. Dem Kammerherrn. Das war das einzige Mal, daß er ein bißchen auflebte. Er erzählte, daß er etwas über ihn herausgefunden habe, aber er wollte nicht sagen, was. Es sollte bei einem Sonntagmittagessen wie eine Bombe explodieren. Simon verabscheute diese Mittagessen. Und er war sich sicher, daß er von dieser Entdeckung profitieren würde. Aber ich habe keine Ahnung, was es war, Herr Inspektor. Ich war selbst recht neugierig. Aber nach einer kurzen Heiterkeit über diese Entdeckung verfiel er wieder in düsteres Nachsinnen. Er fand, es sei nicht weit her mit dem Leben. Und sein Haß auf den Vater war an diesem Abend sehr groß.«
»Haben Sie den Fabrikanten einmal kennengelernt?«
»Nein, Simon hielt seine sämtlichen Freunde von ihm fern. Und ich war eine Freundin von Simon. Ich bin sehr traurig über das Geschehene. Bitte lassen Sie mich allein.«
Zwei große Tränen rollten aus ihren schönen Augen und zogen eine Spur durch die elegante Maquillage. Krogh nickte, dankte, stand auf und verbeugte sich. Er bezahlte seine Rechnung und verließ das Restaurant.
Einnehmend war sie, sehr charmant, aber, aber, aber... Antiken? Sein Instinkt sagte ihm, daß sie ihm einen Bären aufgebunden hatte. Wozu hatte sie den jungen Bramsnæs gebraucht?
5
Er schlenderte langsam an den Schaufenstern des breiten Boulevards vorbei. Das Fest war zu Ende, Maschinen, geschnitzte Möbel, Kunstgegenstände und Markenbutter waren wieder aus den Gebäuden verschwunden. Die große Tuborgflasche, eine der größten Attraktionen auf der sehr bodenständigen Weltausstellung, überrage das Ganze. Aber ein Erfolg war sie doch gewesen. Besonders in den ersten Monaten, als die Veranstalter mit Warenproben und Geschenken um sich warfen. Doch nachdem die Aussteller begonnen hatten, sich mehr zurückzuhalten, sank auch der Zustrom. Es sei zu teuer geworden, hieß es. In den Zeitungen hatten sich viele Besucher beschwert, weil sie geglaubt hatten, sie bekämen etwas geschenkt, und statt dessen bezahlen durften. Jetzt war alles vorbei, Kopenhagen zog sich wieder in sich selbst zurück und wurde wieder die kleine wankelmütige Stadt, die sich nie entscheiden konnte, ob sie eine Großstadt werden sollte oder nicht. Groß genug dürfte sie bald sein, aber das war nicht dasselbe wie eine Großstadt. Es wurde mächtig gebaut. Besonders in den Vierteln Vesterbro, Østerbro und Nørrebro, wo Spekulanten und geschäftstüchtige Bauherren mit großer Hast Häuser aus der Erde stampften. Er war vor kurzem an einer Baustelle in Vesterbro vorbeigekommen, als gerade ein Arbeiter von einem Gerüst gestürzt war. Sie hatten seine Frau geholt. Sie lag mit zuckenden Schultern quer über der Bahre. Die Kollegen des Mannes hatten hilflos danebengestanden und auf den Verunglückten gestarrt, während der Arzt ruhig das Blut mit einem Lappen von seinen Händen wischte.
Als er ein paar hundert Meter gegangen war, holte Petersen ihn ein.
»Interessant, sehr interessant. Bei dieser Dame ist, mit Verlaub gesprochen, auch nicht alles so ganz koscher.«
»Einverstanden. Sie erzählte, sie würde den Verkauf von Antiken vermitteln. Sie wissen, kleine Figuren, Vasen und dergleichen aus alten römischen und griechischen Gräbern. Diese hier sind wohl gestohlen. Sie behauptete, sie gehöre zur kaiserlich-russischen Gesandtschaft. Petersen, kontrollieren Sie das lieber.«
»Jawohl. Wie heißt Sie?«
»Sie nennt sich Edvarda Dujardin. Hier.«
Er gab ihm einen Zettel mit dem Namen. »Wir sehen uns morgen im Kommunekrankenhaus, da bekommen wir die traurigen Tatsachen präsentiert. Ich gehe nach Hause und schreibe an dem gottverdammten Bericht weiter. Schönen Abend noch, Petersen.«
»Guten Abend, Herr Inspektor.«
Petersen bog ab, und Krogh setzte seinen Weg fort. Er wollte durch die Stadt spazieren und noch einmal durch die Bredgade gehen, um sich den Tatort ein wenig im Abendlicht zu besehen.
Das Wetter war ganz anders als die Tage zuvor. Es war kälter geworden, der Wind nach Nord umgeschlagen, und die Sonne hatte ein paar Stunden geschienen. Mittlerweile waren große Wolken aufgezogen. Es sah nach Schnee aus.
Der Nordwind hatte den Dunst der Stadt weggeweht, die saure Glocke war verschwunden. Krogh atmete tief durch und war beinahe gut gelaunt. Richtig froh konnte er allerdings nicht sein.
Auf der Østergade herrschte ziemlich viel Verkehr. Eine Pferdebahn zuckelte gemächlich vor sich hin und versperrte einer langen Reihe von Wagen den Weg, so daß sie nur im Schrittempo fuhren. Er sah einen hutbedeckten Herrenkopf nach dem anderen vorbeigleiten. Die Gesichter zeigten verschiedene Grade von Ungeduld. Die begleitenden Damen sahen nicht so verärgert aus. Er überholte mühelos alle Wagen und amüsierte sich ein wenig, daß er auf Schusters Rappen schneller vorankam als die eleganten Equipagen.
Die Østergade hatte sich verändert. Mehrere Geschäfte hatten große Schaufenster bekommen, und die Dekorateure waren zwar nicht gerade Pariser Zuschnitts, aber auch nicht mehr ganz so provinziell wie früher. Vielleicht würde Kopenhagen trotzdem den Sprung zur Großstadt tun.
Der große, runde Kongens Nytorv war geradezu finster im Verhältnis zur hell erleuchteten Østergade.
Krogh ging unter den kahlen Bäumen des Platzes her. Weder Straßenfeger noch Armenhäusler hatten bisher die heruntergefallenen Blätter aufgefegt. Der Geruch von Herbst schlug ihm entgegen, als er durch einen Blätterhaufen watete, und er mußte unwillkürlich an eine Episode aus seiner Kindheit denken. Er hatte ein neues Kindermädchen bekommen, das ihn tun ließ, was er wollte. Er durfte sich auch in dem herabgefallenen Laub im Park wälzen. Seine Mutter war sehr böse geworden, nachdem sie seinen Mantel gesehen hatte, und hatte ihn geschüttelt und das Mädchen ausgeschimpft, bis es heulte.
Ein Bettler, der sich zum Schutz Zeitungen um die Beine gewickelt hatte, wackelte ihm entgegen und bat um einen Schilling. Herrje, die Schillinge waren schon vor mehreren Jahren abgeschafft worden. Er gab ihm eine Zehnøremünze.
Vor dem Theater hielten viele Wagen. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen. Seine Mutter hatte vor ein paar Tagen gesagt, sie würde gern das neue romantische Stück von Holger Drachmann sehen, diesem verrückten Menschen. Es sei irgendein Unsinn von einem dänischen Prinzen, aber nicht so negativ wie moderne Stücke heutzutage partout zu sein hätten. Das war ihre Meinung, er hatte keine, aber er würde mitgehen, auch wenn das Theater ihn nur mäßig interessierte. Wenn man ihn schon unbedingt mitschleppen wollte, dann lieber in ein Konzert.
Er bog in die Bredgade ein. Außer einem Wagen, der ihm in zügigem Tempo entgegenkam, war die Straße fast verlassen. Er sah einen einzelnen Herrn in ein Tor gehen. Sonst war niemand hier. Es war, als spazierte man in einer verlassenen Stadt herum. Wo waren die Kopenhagener alle? Aus vielen Fenstern schien Licht, sie saßen also sicher dort drinnen und froren. Vermutlich hatten die meisten noch nicht angefangen zu heizen.
Er blieb vor der Nummer 65 stehen. Hier war es. Die Straßenlaternen warfen nur ein schwaches Licht auf die reich dekorierte Fassade. Verrenkte Figuren starrten auf ihn herab; sie sahen aus, als würden sie ihn verspotten. Sie hatten ja gesehen, was er gerne wissen wollte. Hier an seiner Stelle hatte der Mörder gestanden. Er kannte zwar noch nicht das Kaliber der Waffe, aber die Pistole war kein Spielzeug gewesen.
In Gedanken folgte er dem Täter in das Tor und die einladend breiten Stufen der Treppe hinauf. Er mußte bis zur Tür gekommen sein, ohne jemandem zu begegnen, denn keiner der anderen Bewohner hatte etwas gesehen oder gehört. Hatte er an der Klingelschnur gezogen oder selbst aufgeschlossen? Und war er ruhig, eine Leiche hinterlassend, wieder hinausgegangen? Krogh blieb grübelnd noch etwas stehen, dann ging er langsam zurück auf die Stadt zu. Er wollte einen Blick auf die große Baustelle der Marmorkirche werfen. Sie würde sicher nicht so heißen, aber so hieß sie im Volksmund. Ein Riesenbrocken. Der gute Finanzmann Tietgen mußte viel gesündigt haben, daß er sein ganzes Vermögen für den Wiederaufbau des zerfallenen Gebäudes hergegeben hatte. Tja, die Zeit für romantische Ruinen war wohl vorbei.
Skeptisch betrachtete er den Koloß, der alles andere als schön aussah, mit seinem Wirrwarr von Gerüsten. Die Kuppel war längst geschlossen, jetzt waren sie wohl dabei, sie von innen fertigzubauen. Er trat dicht an den Bauzaun. Plötzlich überkam ihn die Lust, wie ein Junge darüberzuklettern und sich die Kirche von innen anzusehen. Er legte den Kopf zurück und sah in die Höhe. Ein Halbmond erschien zwischen flüchtig vorbeihastenden Wolken. Die Szenerie wirkte fremdartig: der Rohbau der Riesenkirche, die schwellende Kuppel mit der schnurrigen Laterne zuoberst, der Mond, die Wolken und das schwache Geräusch des Hafens. Er meinte, das Wasser gegen das Bollwerk schlagen zu hören. Er kehrte um und ging die Bredgade zurück. Hier war nichts zu holen. Das Viertel war fast ausgestorben. Er hörte einen Wagen in der Store Kongensgade vorbeirollen. Ihm war kalt. Plötzlich vernahm er dicht hinter sich ein Geräusch und wollte sich gerade umdrehen, als er einen Schlag auf dem Hinterkopf spürte. Er schwankte wie ein Betrunkener, ehe ihn ein brummendes Dunkel einhüllte.
6
»Warum mußten Sie sich partout allein da herumtreiben? Jetzt verzögert sich die Aufklärung. Sparen Sie sich die Proteste. Mit so einem Kopf können Sie nicht arbeiten. Oder? Der Polizeipräsident ist sehr nervös, gerade wegen dieses Falls. Wenn Sie also nur irgend können, Krogh, wäre das nicht schlecht. Sonst bringen Sie uns in eine peinliche Lage. Aber passen Sie auf sich auf. Ehrlich gesagt, Sie sehen aus wie Apfelbrei mit Milch auf einem Zinnteller.«
Es mußte der weiße Verband sein, der ihn an Milch erinnerte, dachte Krogh. Wenn er doch bloß ginge, damit er sich wenigstens noch ein bißchen ausruhen konnte. Seine Mutter würde sicher hysterisch reagieren, aber jetzt wurde die Sache eigentlich erst richtig interessant.
»Ich muß leider. Draußen wartet ein Wagen. Aber bitte fangen Sie nicht an, bevor ihr Kopf wieder ganz klar ist. Wir wollen schließlich unsere Leute nicht umbringen. Aber gut, daß Sie nicht schlimmer zugerichtet sind. Guten Morgen, Krogh.«
Der Vizepolizeipräsident tippte militärisch an seinen Bowler und verschwand.
Seine Mutter kam herein.
»Kann ich etwas für dich tun, Johannes?«
»Nein. Danke, Mama. Ich will versuchen, ein bißchen die Augen zuzumachen. Es rumort etwas da drinnen. Aber wenn Petersen kommt, laß ihn bitte herein.«
»Wenn Petersen kommt? Ich dachte, du bist krank?«
»Ja, ja, aber darum kann ich doch mit Petersen sprechen. Mach dir keine Sorgen, Mama. Mir geht es ausgezeichnet.«
»Du bist selbst schuld, wenn du dir deine Gesundheit ruinierst, mein Junge. Daß du es weißt.«
»Ja, ja, Mamachen.«
Er wachte auf, als Petersen in Habachtstellung in der Tür stand und sich mit Krankenzimmerstimme zum Dienst meldete.
»Petersen. Lassen Sie den Unsinn. Hier in meinen eigenen vier Wänden können Sie mich verdammt noch mal damit verschonen. Wie geht es?«
»Ich möchte mich zuallererst nach Ihrem Befinden erkundigen, Herr Inspektor. Eine haarige Sache. Es hätte natürlich jemand mit Ihnen...«
»Unsinn. Ich komme noch allein zurecht. Aber daß jemand die Polizei selbst unschädlich machen möchte... Das ist doch wohl das Dümmste, was man tun kann, denn die Polizei überlebt immer. Wenn es aber kein Irrtum war, müssen wir an irgendwas zu dicht rangekommen sein. Ich habe allerdings keine Ahnung. Was meinen Sie, Petersen?«
»Nichts, aber ich weiß inzwischen, daß man in der russischen Gesandtschaft von einem Fräulein Edvarda Dujardin nichts weiß. Man hat noch nie von ihr gehört und kennt auch niemanden, auf den die Beschreibung paßt.«
»Verflixt! So eine Frechheit! Das hätte ich ihr doch nicht zugetraut. Aber wir werden sie schon finden, wenn sie noch nicht außer Landes ist. Ich werde sie aufstöbern und die Wahrheit aus ihr herausschütteln, so wahr ich Johannes Arild Krogh heiße.«
»Ich dachte, der Herr Inspektor lehnten Handgreiflichkeiten ab. Normalerweise...«
»Ja, allerdings bin ich dagegen, selbst wenn Sie nicht hart schlagen, Petersen, gefällt es mir nicht. Aber es ist wohl nicht immer zu vermeiden. Noch in hundert Jahren wird die Polizei gelegentlich die Leute prügeln. Besonders die niedrigen Klassen. Man schlägt ja keinen Gerichtsassessor. Na ja, helfen Sie mir lieber, den weißen Plunder von meinem Kopf zu entfernen, und sehen wir zu, daß wir weiterkommen. Hören wir uns an, was der Doktor zu sagen hat. Gehen Sie schon mal vor und beschaffen uns einen Wagen? Mein Zustand berechtigt wohl dazu, daß wir einen Tag lang das Kleingeld der Polizei verprassen.«
Eine halbe Stunde später waren sie auf dem Weg zum Kommunekrankenhaus. Krogh klangen noch die Proteste seiner Mutter in den Ohren.
Eine schwarze Wolkenhaube hatte sich über die Stadt gelegt. Krogh konnte Petersen neben sich gerade noch erkennen.
»Sieht ja nicht schlecht aus«, sagte Petersen, als sie vor das neue Krankenhaus rollten, »wenn man an das alte denkt. Mit diesem Palast können die anderen Krankenhäuser es nicht aufnehmen. Aber hier landen würden wir trotzdem nicht gern.«
»Nein, zum Teufel, aber ein Fortschritt ist es doch. Was hat der Pförtner gesagt? Durch das Tor, nach rechts und den dritten Weg nach links. Ein Pavillon mit einem Kreuz über der Tür. Wir könnten es nicht verfehlen.«
Ihre Schritte hallten im Tor; ein Krankenträger zog einen Krankenwagen, und auf dem Innenhof huschten die Pflegerinnen hin und her. Ihre Häubchen nickten wie Schneeglöckchen.
Petersen klopfte an die Tür des Pavillons. Ein gebückter Mann in einer braunen Leinenjacke und mit müden Augen öffnete. Petersen zeigte ihm seine Dienstmarke.
»Bitte, kommen Sie herein. Sie werden erwartet. Nach rechts bitte.«
»Na, da sind Sie ja, Krogh. Ich glaubte fast, Sie hätten mich vergessen. Aber wie sehen Sie denn aus?« Der Arzt hatte die Reste des Verbands erblickt. »Sind Sie gefallen?«
Krogh erzählte kurz, was passiert war.
»Ein starkes Stück. Passen Sie auf sich auf. Sie können noch lange Kopfschmerzen davon behalten.«
»Sagt meine Mutter auch.«
»Sehen Sie. Mütter sind oft gar nicht so dumm. Sie sollten auf sie hören, ehe es zu spät ist.« Der Arzt sah ihn freundlich lächelnd an und deutete auf einen braungebeizten harten Stuhl.
»Jetzt zur Leiche.« Er nahm ein Stück Papier.
»In einer Sprache ausgedrückt, die auch Polizisten verstehen können, starb Ihr junger Mann durch einen Schuß aus einer kleinkalibrigen Pistole. Der Schuß wurde ganz aus der Nähe abgegeben. Wie Sie ja gesehen haben, wurde die rechte Hälfte des Gehirns sowie ein Teil des Gesichts weggeschossen. Verschönt hat ihn das nicht, aber das wissen Sie ja auch. Der Tod ist sofort eingetreten, und zwar Mittwoch abend zwischen neun Uhr und Mitternacht. Der Körper des jungen Mannes zeigt keine anderen Spuren von Gewalt – aber so ein Schuß ist ja auch Gewalt. Der Untersuchung des Mageninhalts zufolge hatte er gegen neun ein solides Abendessen mit Wein und Hummer eingenommen. Das sind die banalen Tatsachen.«
»Das Essen paßt auch zu seiner Gesellschaftskleidung.« Krogh schwieg. »Haben Sie sonst noch etwas?«
Der Arzt schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich schicke den Rapport an den Vizepolizeipräsidenten.«
Der Arzt erhob sich, um ihn hinauszubegleiten. Sein Mantel war alt, verschlissen und voller Flecken. Hier trugen die Ärzte nicht wie in Frankreich weiße Mäntel, wenn sie operierten oder obduzierten. Sie zogen ihre ältesten Sachen an. Krogh seufzte.
»Petersen«, sagte er, als sie durch das Tor gingen. »Würden Sie für mich ein Gespräch mit Frau Bramsnæs und ihrer Tochter, der Kammerherrin, vereinbaren? Ich gehe nach Hause und ruhe meinen Kopf ein bißchen aus. Er verträgt nicht soviel.«
»Das hat Frau Krogh auch gesagt. Sie...«
»Ja, ja. Aber benehmen Sie sich bitte nicht auch noch wie meine Mutter. Eine genügt.«
7
»Ich habe Sie erwartet, Herr Inspektor. Mein Mann sagte, Sie wollten mit mir sprechen. Ich stehe zu Ihrer Disposition. Ich sehe, Sie sind verletzt. Das tut mir leid.«
Das Bedauern der Dame über seinen Zustand war so herzlich wie ein kalter Umschlag. Er betrachtete sie. Sie war noch schön. Sie hatte ein längliches Gesicht mit braunen, schräggeschnittenen Augen, einen elegant geschwungenen Mund und eine hohe Stirn, auf der die Jahre – und der Kummer – ihre Spuren eingeritzt hatten. Das rotbraune Haar war über eine wulstige Einlage hochgesteckt. Das eierschalenfarbene Gesicht wirkte erschreckend nackt. Sie trug ein strenges, hochgeschlossenes erdschwarzes Kleid mit einer imponierenden Turnüre und sagte genau das gleiche wie ihr Mann:
»Bitte unterlassen Sie Ihre Kondolenz. Gleichgültig, wie schön und richtig Sie sich ausdrücken mögen, so müssen Sie wissen, daß es nicht viel hilft. Den eigenen Sohn zu verlieren ist das größte Leid, das es gibt.«
Krogh beugte den Kopf.
»Bitte! Fangen Sie an, Herr Inspektor, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
»Wann haben sie Ihren Herrn Sohn zuletzt gesehen?«
»Als ich vor drei Wochen in der Stadt war. Ich habe in meinem Taschenkalender nachgeschlagen. Es war am 23. Oktober. Mein Mann und ich wollten zu einer großen Gesellschaft. Darum kam ich in die Stadt. Ein wenig gegen meinen Wunsch, denn ich fühle mich am wohlsten in ruhiger Umgebung. Die Stadt zehrt an mir.«
»In welcher Stimmung war Ihr Sohn?«
»Warum fragen Sie danach? Mein Sohn hat sich nicht das Leben genommen.«
»Das meine ich auch nicht. Alles deutet darauf hin, daß Ihr Sohn – ermordet wurde. Aber trotzdem möchte ich gerne wissen, in welcher Stimmung er war, als Sie ihn zuletzt gesehen haben. Es kann von Bedeutung sein.«
»Es ging ihm ausgezeichnet. Nun, er war nicht gerade glücklich über sein Studium, aber er hatte sich wohl damit abgefunden. Sein Vater, mein Mann, ließ in diesem Punkt nicht mit sich reden.«
»Hat er etwas darüber verlauten lassen, wen er in der nächsten Zeit treffen würde?«
»Nein. Ehrlich gesagt, ich habe ihn nur einen kurzen Augenblick allein gesehen. Ich war in Eile. Ich mußte einige Erledigungen machen. Die Schneiderin, die Hutmacherin, Sie wissen. Das bereue ich jetzt, wie Sie sich denken können.«
Ihre gläserne Stimme war dabei zu zersplittern.
»Wo hielten Sie sich an jenem Abend auf, an dem Ihr Herr Sohn verstarb?«
»Auf Lykkeseje, unserem Gut. Ich spielte mit einigen Bekannten Whist. Sie werden es bestätigen können. Ich habe den ganzen Abend Glück gehabt«, fügte sie bitter hinzu.
»Hatte Ihr Sohn ein, äh, Liebesverhältnis?«
»Nein, das glaube ich nicht. Er schwärmte vielleicht ein wenig für eine junge Dame aus unserem Kreis, ein Fräulein Bülow, aber ich denke, daß es nicht die große Zuneigung war. Andererseits hätte daraus durchaus noch eine Verlobung werden können. Aber es gab ja keinen Grund zur Eile. Ein junger Mann soll sich nicht binden, bevor er sein Examen gemacht hat.«
»Frau Bramsnæs, Sie zogen Ihr Gut dem Stadthaus vor. Gab es einen besonderen Grund dafür?«
»Das hat wohl kaum etwas mit der Sache zu tun, Herr Kriminalinspektor. Aber ich kann Ihnen erzählen, daß es ganz private Gründe sind. Ich leide an Neuralgie.« Sie machte eine lange Pause. »Das Leben in Kopenhagen zehrt an mir. Ich komme freilich, wenn mein Mann mich als Gastgeberin oder Begleiterin für Gesellschaften braucht. Mein Mann hält sich ebenfalls häufig auf dem Gut auf. Aber er hat ja seine anstrengende Arbeit hier. Es ist nicht leicht, für eine große Fabrik verantwortlich zu sein. Heutzutage nicht. Diese neumodischen Gewerkschaften und dergleichen machen einem das Leben sauer. Sie stellen alle möglichen und unmöglichen Forderungen. Einen Arbeitstag von acht Stunden, Krankengeld und was weiß ich.«
Sie redete sich in Rage. Krogh blickte sie erstaunt an. Du liebe Güte. Ihr Gesicht war zwar genau so weiß, wie es die ganze Zeit über gewesen war, aber unter dem strengen, hochgeschlossenen Kleid wuchsen zwei rote Flecken. Sie hatten schon den Kiefer erreicht.
»Hatten sie irgendwelche Vermutungen über die Pläne Ihres Sohnes?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Auf seinem Tisch fanden wir unter einigen Papieren einen angefangenenn Brief. Es steht nicht viel darin, nur ›Liebste Irene‹. Wer ist Irene?«
»Meine Tochter, Simons Schwester. Sie mochten sich sehr, die beiden.« Sie wandte den Kopf ab. Er sah, daß die Flecken am Kiefer in Purpur übergingen.
»Ihre Frau Tochter ist verheiratet mit...?« Er sprach nicht aus, ehe sie antwortete.
»...dem Kammerherrn, Gutsbesitzer Ernst Oxholmer. Aber jetzt müssen Sie gehen. Ich muß mit dem Kirchendiener sprechen. Das Begräbnis meines Sohnes soll übermorgen stattfinden. Auf Wiedersehen, Herr Inspektor.«
Krogh stand auf, steckte die Papiere in die Tasche, verbeugte sich und verließ das Zimmer.
8
Das Trauergefolge schritt langsam durch das Gittertor des Friedhofs. Die meisten waren sichtlich niedergedrückt. Besonders die Damen. Sie betupften ihre Augen mit Spitzentaschentüchern, während der Wind an ihren langen schwarzen Schleiern zerrte.
Die Familie kam zum Schluß. T. S. Bramsnæs’ Gesicht glich einer Maske. Krogh bemerkte, daß er etwas sagte, aber kaum die Lippen bewegte. Wenn einer der Trauergäste kondolierte, beugte der Fabrikant ein wenig den Kopf. Sonst hielt er sich aufrecht. Seine Frau versuchte dasselbe, aber ihre Selbstbeherrschung war nicht so groß. Sie hatte den Schleier aus dem Gesicht geschlagen, und Krogh sah, daß sich tiefe Furchen unter ihren Augen eingegraben hatten. Sie sah aus, als hätte sie seit dem schrecklichen Ereignis nicht mehr geschlafen. Er verstand zwar ihren Schmerz, aber nicht, warum sie nicht kooperieren wollte. Sie hatte ihm nichts verraten.
Krogh wurde müde. Ihm drehte sich der Kopf, obwohl er geglaubt hatte, er wäre wieder gesund. Aber nachdem er fast den ganzen Tag gearbeitet hatte, fühlte er jetzt seine Kräfte schwinden.
Der Fabrikant war ihm ein Rätsel. Was wußte er in Wirklichkeit über seinen Sohn und dessen Leben? Etwas mußte es geben, dessen war Krogh sich sicher, auch wenn er geschwiegen hatte. Jedenfalls über das Wesentliche. Krogh war überzeugt, daß die Geschichte des Stubenmädchens stimmte, aber es fehlte der Beweis. Alle Kellner des Figaro hatten plötzlich an akutem Gedächtnisverlust gelitten. Auch Petersens dezenter Hinweis, es gehe um einen Mord, hatte ihnen nicht die Erinnerung zurückgeschenkt.
Die Dienstboten hatten an dem Begräbnis teilnehmen dürfen. Sie blieben für sich. Ludwigsen sah von seiner Kleidung und Haltung wie ein Herr aus, während die beiden Dienstmädchen aussahen wie das, was sie waren. Stach Ludwigsen so von seiner Klasse und seinem Beruf ab, weil er die abgelegten Kleider seines Herrn trug?
Die beiden Dienstmädchen wirkten bedrückt. Das Stubenmädchen schluchzte laut, während die Köchin noch magerer und vergrämter aussah als an dem Tag, an dem er mit ihr gesprochen hatte. Die Köchin blickte besorgt auf das Stubenmädchen, machte aber keine Anstalten, es zu trösten. Ludwigsens Miene verriet, daß er, Ludwigsen, das Weinen des Mädchens für unpassend hielt.
Die Trauerfeier hatte in der Garnisonskirche stattgefunden, und der Zug von Kutschen, der dem stattlichen schwarzdrapierten Leichenwagen – dem teuersten, der in Kopenhagen zu haben war, schätzte Krogh –, folgte, hatte die halbe Bredgade gefüllt. Auf dem Bürgersteig waren die Leute stehengeblieben, und einige Männer hatten den Hut abgenommen. Die Frauen gafften neugierig, während sie gleichzeitig von einem Fuß auf den anderen traten.
Das Gefolge zerstreute sich. Krogh wußte, daß kein Leichenschmaus stattfand. Er ging zu Petersen, der die Teilnehmer betrachtete. Jetzt kamen der Fabrikant und seine Frau an ihm vorbei. Er stützte sie, aber es kam Krogh so vor, als bedeutete sie ihm ungefähr genau so viel wie ein älteres Fräulein, das er aus Wohlerzogenheit über die Straße geleitete.
Bramsnæs grüßte Krogh äußerst knapp, während die gnädige Frau so tat, als sähe sie ihn nicht.
»Kommen Sie, wir gehen«, sagte Krogh zu Petersen. »Hier passiert nichts mehr.« Dann blieb er stehen. Er hatte einen weiteren Teilnehmer entdeckt, der durch das Tor kam. Er war überrascht, denn er hätte schwören können, sie wäre über alle Berge. Sie bewegte sich im Gegensatz zu dem übrigen Gefolge in einem fast anstößig schnellen Tempo. Sie kam wenige Schritte vor ihm vorbei und nickte ihm zu, weder herzlich noch verlegen, sondern mit der Selbstverständlichkeit, mit der man jemanden grüßt, dem man auf einem Diner vorgestellt wurde.
»Sehen Sie dieselbe Person wie ich, Herr Inspektor?«
»Ja, zum Teufel, Petersen. Unglaublich. Was sagen Sie dazu?«
»Verflixtes Weibsbild. Verhaften?«
»Nein, nur ja keinen Skandal. Folgen Sie ihr und sehen Sie, wohin sie geht. Dann schlagen wir morgen zu.«
Petersen verschwand. Krogh blickte ihm nach und fand, daß auch sein Gang etwas weniger Zögerndes bekam. Es sah geradezu aus, als fände der Polizeibeamte Petersen die Aufgabe attraktiv.
Krogh machte sich auf den Weg zur Kammer. Er wollte sehen, ob Danielsen Zeit hatte. Er hatte das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, der seine Denkweise verstand. Danielsen war Untergerichtsassessor in einer anderen Kammer. Kroghs eigener Assessor war ein älterer, träger Herr, der möglichst viel Arbeit seinen Untergebenen überließ. Sein großer Mangel war, daß er einfach alles tat, um es den beiden Polizeipräsidenten recht zu machen. Außerdem sah er seinem bevorstehenden Ruhestand entgegen. Der Vizepolizeipräsident nahm ihn nicht ernst, meinte Krogh an dessen überlegener Haltung ablesen zu können. Er hatte nur Respekt vor Leuten seiner eigenen Rangstufe. Außerdem wollte er Resultate sehen. Schnelle Resultate. Das beförderte die Karriere und machte einen beliebt bei den ewig hungrigen Polizeireportern.
Ein schnelles Resultat war eine Verhaftung, fast gleichgültig von wem. War aus dem Betreffenden nicht genug herauszuholen, wurde er wieder freigelassen – immer in aller Stille. Über die Verhaftung hingegen ließ sich immer eine Menge schreiben, und manch armer Schlucker wurde ausschließlich wegen eines höchstpersönlichen Verdachts des Vizepolizeipräsidenten in den Zeitungen verurteilt. Er hatte eine große Begabung für Maßnahmen, mit denen die Vernehmungsrichter die Leute geständig machen sollten. Krogh riskierte, diesem Vizepolizeipräsidenten in die Arme zu laufen. Naja, das Risiko mußte er eben eingehen. Und wenn er erst einmal in der Kammer war, mußte er auch diesen Bericht fertig machen. Trotz seiner Kopfschmerzen.
II
9
Ludwigsen war ihnen beim Ablegen behilflich, als sie vom Friedhof zurückkehrten. Er mußte sich beeilt haben, denn er hatte sogar schon seine Livree angezogen. Schweigend gingen sie in den Salon. Keiner betrat das Herrenzimmer.
»Wir möchten gern einen Tee«, sagte ihre Mutter. Ludwigsen nickte und verließ den Raum. Sie fühlte sich innerlich völlig leer. Ihr sehnlichster Wunsch war, weinen zu können. Weinen, weinen, weinen, die Arme um den Hals der Mutter gelegt. Aber etwas hielt sie davon ab, die Mutter zu berühren. Als sie drei Tage nach dem schrecklichen Ereignis nach Hause gekommen war, hatte die Mutter sie einen Augenblick an sich gedrückt, aber dann weggeschoben und den Kopf abgewandt. Ihre Bewegung schien anzudeuten, daß sie, Simons Schwester, mitschuldig sei an seinem Tod. Noli me tangere drückte das Gesicht ihrer Mutter aus. Sie wünschte keine Hilfe, nicht von ihr.
Sie sahen sich an, dann verbeugte sich Ernst vor ihrem Vater:
»Schwiegervater, Sie erlauben, daß ich mich zurückziehe? Und Sie, belle-mère?«
Ihre Eltern nickten beide schweigend. Ernst sagte nichts zu ihr, sondern drehte sich auf Offiziersschulenmanier auf dem Absatz um und verließ den Salon. Ihr stockte der Atem. Das konnte er ihr doch nicht bieten. Einfach so zu gehen. Sie hörte, wie die Tür geschlossen wurde, dann drehte sie sich um und lief hinter ihm her. Er hatte schon seinen Mantel vom Bügel genommen und zog ihn gerade an.
»Wo willst du hin? Du kannst doch nicht einfach gehen. Nicht heute.«
»Ich habe hier nichts verloren. Deine Eltern sind viel zu sehr mit ihrem eigenen Kummer beschäftigt, um zu bemerken, ob ich hier bin. Und du willst nicht mit mir zusammen sein. Ich gehe in den Klub.«
Er hatte den Mantel angezogen und die Wohnungstür geöffnet.
»Ernst, du kannst nicht gehen. Nicht heute«, wiederholte sie. »Du...« Sie hob die Stimme.
»Ich wünsche nicht, das ganze Haus über unsere ehelichen Verhältnisse orientiert zu halten. Sei so freundlich und halte inne, wenn die Tür schon aufsteht.«
»Du hast dir doch nicht gedacht, zu spielen? Wenn du...«
»Ich spiele nicht.«
»Das hast du früher auch schon gesagt.«
»Ich spiele nicht. Gehe bitte hinein, es kommt jemand.«
Er ging mit elastischen Schritten die breite Treppe hinunter. Ein Diener kam herauf. Er sollte sich sicher erkundigen, ob eine Herrschaft auf einer der oberen Etagen zu Hause war.
Sie ging hinein, schloß die Tür und stand einen Augenblick still, die Hand am Türgriff. Sie spürte, wie ihr Herz hämmerte. Sie haßte ihn und sein Spiel. Nie hatte er die Finger von den Karten lassen können, trotz seiner zahlreichen Versprechen.
Zu Beginn hatte es nicht viel ausgemacht. Das Gut warf genug ab, der Verwalter war tüchtig, und sie hatten gelebt, wie sie – und er – es gewohnt waren, mit Gästen und Bediensteten und häufigen Fahrten in die Hauptstadt. Ihre Mitgift versetzte sie in den Stand, zu tun, was ihnen beliebte.
Der ganze Kummer fing erst an, als sie das zweite Kind erwartete. Das älteste, Henriette, war krank gewesen, hatte eine Bronchitis gehabt, und beides zusammen hatte an ihren Kräften gezehrt. Es war, als würde das kommende Kind sie mit Haut und Haar fressen. Sie fühlte sich krank und beschwert und nahm kaum wahr, was um sie herum vorging. Deshalb entdeckte sie nicht, daß etwas nicht stimmte. Ernst hatte angefangen, immer später nach Hause zu kommen, wenn er ausgegangen war, um L’hombre zu spielen. Manchmal kam er nicht aus den Kleidern, sondern schlief angezogen auf dem Diwan im Büro ein. Sie konnte tags darauf noch riechen, daß er getrunken hatte.
Eines Nachmittags im Spätsommer hatte sie mit dem Kind und dem Kindermädchen auf der Gartentreppe gesessen, sich aber unwohl gefühlt und war ins Haus gegangen. Sie wollte sich etwas ausruhen, dann würden die Vorwehen sicher vorübergehen.
Als sie in das dunkle Vestibül kam – sie war von der Sonne geblendet und konnte nicht richtig sehen –, begriff sie mit einem Mal, daß etwas nicht stimmte. Daß etwas Schreckliches passiert war. Die Tür zum Büro stand offen, und sie hörte Stimmen. Laute Stimmen. Es waren Ernst und der Verwalter und eine dritte Stimme, die sie nicht kannte. Sie horchte, und langsam begriff sie, daß Ernst im Laufe der Nacht die Hälfte des Viehbestandes verspielt hatte. Der Verwalter hatte protestiert, als ein Fremder und sein Helfer angefangen hatten, das Vieh von der Weide zu holen. Sogar die Reitpferde hatte er verspielt. Die hatte der Fremde zuerst genommen und zusammengebunden. Auch ihr Pferd, die hellbraune Stute. Der Verwalter hatte den Fremden ins Büro geholt, um ihn vor den Gutsbesitzer zu bringen. Denn das könne doch nicht stimmen.
Aber es war so, und überdies hatte er auch noch ihre Mitgift und einen Teil des Grundbesitzes verspielt. Sie dachte mit schmerzhafter Klarheit an die Situation zurück. Allmählich tauchte wieder das dunkle Vestibül mit seinen Aufsätzen und der Ledertapete, dem Stock- und Schirmständer, dem Tisch in der Mitte mit dem Aufsatz für Visitenkarten und einer Vase mit dunkelroten Dahlien vor ihrem geistigen Auge auf. Das leicht dunstige Augustlicht war durch die schmalen Fenster, die nach Westen lagen, gefallen. Ihr war es so vorgekommen, als habe sie dort eine Ewigkeit gestanden, aber es hatte sich nur um ein paar Minuten handeln können.
Sie war überzeugt gewesen, sie würde eine Frühgeburt erleiden, denn sie war krank geworden. Der Arzt hatte sie mit sanfter Besorgnis angesehen und gefragt, ob sie etwas Unangenehmes erlebt habe. Sie hatte den Kopf geschüttelt.
»Aber nein, Herr Doktor. Henriette ist hingefallen und hat sich das Knie aufgeschlagen, das ist alles. Mehr kann es nicht sein, und bitte, belasten Sie nicht meinen Mann damit. Es geht bald vorüber.«
Sie hatte es geschafft. Als sie ein paar Wochen später niederkam, wickelten sie das Kleine in Watte, damit es nicht auskühlte. Sie hatte ihm nicht so viel Zärtlichkeit gegeben, wie es gebraucht hätte, denn ihre Gedanken hatten immerzu um die Tatsache gekreist, daß Ernst ihr Vertrauen mißbraucht, sie doppelt betrogen hatte. Erst hatte er gespielt – und verloren, und dann hatte er ihr nichts davon erzählt. Sie konnte ihm nicht verzeihen.
Der Junge war, vielleicht aus diesem Grund, ein weinerliches Kind geworden, das sie heftig irritierte. Während Henriette schnell wieder vor Lebenslust und Humor sprudelte, war er immer bedrückt und schlecht gelaunt. Sie hätte ihn rütteln können, so widerwillig und lustlos war er. Aber meistens nahm sie sich zusammen, denn sie fühlte, daß es ihre eigene Schuld war. Sie hatte sich nämlich lange Zeit, nachdem sie den Betrug ihres Mannes entdeckt hatte, gewünscht, sie würde nicht mehr leben.
Dann hatte ihr Vater ihnen unter die Arme gegriffen. Er war Ernst gegenüber mit großer Strenge aufgetreten, und Ernst hatte geschworen, er werde selbstverständlich nie mehr spielen. Selbstverständlich! Dabei konnte er es nicht lassen. Es ging ihm genau wie einem Branntweintrinker, der Branntwein riecht. Waren Karten auf den Tisch, dann spielte er, und zwar mit hohem Einsatz. Manchmal kam er erst nach Hause, wenn die Leute schon bei der Arbeit waren. Dann ging er, graugelb im Gesicht und mit glasigen Augen, in das Büro und warf sich auf den Diwan. Er antwortete nicht, wenn sie ihn ansprach, er ging einfach an ihr vorbei. Er glich einem Gespenst.
Es war wie eine chronische Krankheit, und sie hatte mit der Zeit gelernt, damit zu leben. Und vielleicht war es nicht so schlimm, wenn er bloß nicht verlor.
Im letzten Jahr hatte er nicht verloren. Seine Augen waren nicht mehr matt, der Dämon hatte ihn weniger geplagt. Sie hatte auch nicht mehr so viel Angst, und es kamen weniger Gläubigerbriefe. Nicht, daß er sie ihr gezeigt hätte, aber sie konnte es auf mehrere Ellen Abstand riechen, wenn so ein Brief in der Post lag.
Sie atmete freier und hatte auch erlaubt, daß er sie des Nachts besuchte, obwohl sie dadurch wieder in andere Umstände kommen konnte.
Eines Tages – es war wieder ein Sommertag – hatte sie mit den Kindern in der Laube gesessen. Die Kinder hatten gespielt, Henriette mit ihren Puppen und Harald, der Junge, im Sand, den er in großen Mengen in den Mund stopfte. Plötzlich hatte Simon dagestanden. Sommerlich gekleidet, elegant sah er in seinem modernen gestreiften Sommeranzug aus. Sie war aufgesprungen, angenehm überrascht. Er war noch nie unangemeldet gekommen. Doch ihre Freude erlosch in dem Augenblick, als sie sein Gesicht sah.
»Was ist passiert? Ist was mit Mama? Papa?«
»Nein, ihnen fehlt nichts. Wo ist dein Mann?«
»Ernst? Er ist ausgefahren. Im Jagdwagen, glaube ich. Er hat nicht gesagt, wohin. Was möchtest du von ihm?«
»Was ich möchte? Ihn schütteln, zerreißen, seinen Kopf an die Mauer schlagen. Ich will...«
»Bist du noch ganz gescheit? Was hat er getan?«
»Er hat Schande über die Familie gebracht. Über dich, deine Kinder, über uns alle.«
Simon hatte laut gerufen, ohne Rücksicht auf die Kinder. Henriette klammerte sich schweigend an ihr Kleid, Harald heulte. Sie hatte das Kindermädchen gerufen, das Simon neugierig mit großen Augen verschlang und nur widerwillig mit den beiden Kindern abzog. Als sie um die Ecke des Hauses verschwunden waren, hatte sie ihn dazu gebracht, sich hinzusetzen und ruhig zu erzählen, was geschehen war.
Ernst war beim Falschspiel erwischt worden. Er hatte nicht nur mit gezinkten Karten gespielt, sondern auch falsche Wechsel ausgestellt und sie mit dem Namen ihres Vaters unterschrieben. Das mit den gezinkten Karten wußte allerdings nur er, Simon, aber die falschen Wechsel hatten ihren Vater sehr erzürnt. Er war verbittert und würde kaum zu besänftigen sein. Darum hielt Simon sein Wissen über die Falschspielerei zurück. Aber sollte sich der Fall wiederholen, dann gebe es keine Gnade, das versprach er ihr. Er würde dafür sorgen, daß Ernst ins Zuchthaus käme. Und das bedeute Schande und Skandal. Ob sie wisse, daß sie mit einer tickenden Bombe im Schoß dasaß? Die ihre Existenz und die ihrer Kinder zerstören konnte?
Während Simon seiner Wut Luft machte, spürte sie, wie das letzte bißchen Freude und Geborgenheit, das sie hatte, wie schmutziges Wasser am Ende eines Waschtages versikkerte.
Ihre Welt war zusammengebrochen, und wäre sie guter Hoffnung gewesen, hätte das Kind sicher eine Mißbildung davongetragen.
Das Rote war viele Tage über der Zeit gewesen, aber in jener Nacht war es schließlich in einem Strom von Blut gekommen. Alles war durchnäßt gewesen – sogar die Matratze.
Simons Schlußwort hing ihr noch in den Ohren: »Das beste wäre, er schösse sich eine Kugel vor den Kopf.«
Sie hatte ihn verteidigt, so gut sie konnte. Hatte gerufen: »Du verdammst ihn einfach, ohne daß wir wissen – daß ich weiß –, ob es wahr ist.«
»Es ist wahr! Glaubst du wirklich, ich wäre den ganzen Weg herausgekommen, wenn es nicht stimmte? Du mußt dafür sorgen, daß er nie mehr spielt. Nie mehr, sage ich. Dann kann ich es vielleicht vertuschen. Obwohl die Gerüchte schon in der Luft schwirren. Ich habe die Beweise, und die werde ich behalten. Aber wenn er...«
Seitdem war es schrecklich gewesen. Jeden Abend, wenn sie einzuschlafen versuchte, hörte sie Simons zornige Stimme und dazwischen sein demütiges Weinen, in das sich ihre eigene tödliche Angst mischte. Sie mußte wieder aufstehen und ein Schlafmittel nehmen. Und wenn sie endlich schlief, träumte sie oft, sie hätte ihn ermordet. Entweder mit einer Eisahle durchs Herz oder einem Revolverschuß. Auch durch das Herz. Sie hatte nie an den Kopf gedacht.
Langsam ging sie in den Salon zurück.
10
Er hätte sich gegen das eigene Bein treten können, so dumm hatte er sich reinlegen lassen. Er hatte ihre Spur verloren – sie, ein angemaltes Frauenzimmer, war ihm entwischt, ihm, Niels Arthur Petersen, einem der erfahrensten Männer der Polizei. Das war bitter!
Sie war unbehelligt aus dem Friedhofstor spaziert und in eine Straßenbahn gestiegen. Hatte sich ruhig hingesetzt, aus dem Fenster geschaut, dem Schaffner zugelächelt und ihm sogar ein Lächeln entlockt. Kein kleines Kunststück. Er saß auch in der Straßenbahn und genoß das schöne Wetter – Sonne an einem Novembertag war ein seltenes Geschenk. Er studierte die Zeitung, während er sich hin und wieder vergewisserte, daß sie noch da saß. Als sie am Kongens Nytorv hielten, machte sie Anstalten auszusteigen. Er stand auch auf, aber dann änderte sie ihren Entschluß, und er kam in Verlegenheit. Er ging die Treppe hinunter und blieb auf der hinteren Plattform stehen, während die Straßenbahn durch die Østergade schaukelte. An der nächsten Haltestelle stieg sie aus und ging zurück zum Kongens Nytorv.
Er folgte ihr. Sie ging zielbewußt durch die Eingangstür von Wessel & Vett. Er seufzte, denn ihm schwante Übles.
Und so war es. Alle Frauen der Stadt, Damen mußte man eher sagen, denn Wessel & Vett war ein Kaufhaus für Damen, hatten sich ausgerechnet an diesem Tag hier ein Stelldichein gegeben. Sie standen überall dicht gedrängt. Er versuchte, sich durch Turnüren und Riesenhüten einen Weg zu bahnen, und fand sein Opfer schließlich in der Stoffabteilung, in der aufgehängte Bahnen im flimmernden Gaslicht glitzerten. Sie ging lange herum und befühlte sie. Dann steuerte sie auf die Damenwäscheabteilung zu. Er fluchte innerlich. Er würde wie eine Kuh auf dem Eis durch dieses intimste Mekka der Damen schlittern. Wessel & Vett war ein Geschäft, das ihm nicht gefiel, weder die Art, wie sie ihre Näherinnen behandelten, noch die Kundinnen, die sich hier zusammendrängten, waren ihm sympathisch. Ob die korpulente Dame dort, die sich Unterleibchen ansah und lauthals davon sprach, wie teuer so etwas war, überhaupt daran dachte, daß es von einer armen Heimarbeiterin genäht wurde für einen Lohn, der ihr nicht einmal das tägliche Brot und ein Dach über dem Kopf sicherte? Er verstand sehr gut, warum so eine Heimnäherin hin und wieder Herrenbesuch empfing. Das brachte mehr ein, als Spitzen auf ein Unterleibchen zu nähen. So groß es auch sein mochte.
Er hatte mehrmals polizeilich mit Näherinnen zu tun gehabt. Darum kannte er ihr Leben, kannte ihre kleinen, kalten und feuchten Wohnungen, wußte, daß ihr Essen nicht ausreichte, ihre Rücken schmerzten und ihre Augen rote Ränder hatten vom Starren auf das feine weiße Leinen.
In der Abteilung mit den zarten Sachen blieb er an der ersten Theke stehen, und eine zuvorkommende Verkäuferin fragte sofort, was er wünschte. Er würde warten, murmelte er. Sie sah ihn erstaunt an und zog sich zurück.
Es dauerte unendlich lange. Er wechselte das Standbein. Sie kam nicht heraus. Dann faßte er Mut und drang ganz in das Frauenland ein. Die Verkaufsstände flossen nur so über von delikaten Kleidungsstücken. So etwas hätte seine Frau nie getragen. Und die Schwester war auch vernünftig.
Sie war nicht da. Er ging etwas herum. Wo zum Teufel war sie geblieben? Er war sich ganz sicher, daß sie nicht an ihm vorbeigegangen war und daß es auch keine weiteren Ausgänge gab.
»Sie wünschen?«
Eine vollbusige ältere Verkäuferin wandte sich an ihn.
»Ich suche eine Dame.«
»Ich habe Sie bemerkt, glauben Sie nicht, daß...«
Petersen zeigte seine Dienstmarke.
»Oh, ich wußte nicht, daß... Ich glaubte...«
»Ich suche eine elegante Dame mit einer hohen Frisur und schwarzen Augen, ganz in Schwarz.«
»Einen Augenblick.« Die Vollbusige verschwand und kam mit einem jungen Mädchen zurück, das erzählte, eine Dame, die auf seine Beschreibung paßte, habe sich plissierte französische Unterröcke zeigen lassen, wohl an die vier, fünf. Sie hatte sie anprobieren wollen und war in eine Umkleidekabine geführt worden.
»Welche?« Das Mädchen zeigte ihm die Richtung, und Petersen ging in den kleinen Raum. Es roch nach ihrem Parfum. Auf einem Hocker lagen Fräulein Dujardins schwarzer Trauermantel, ihr Hut und die Handschuhe. Der Vogel war ausgeflogen, und zwar direkt an ihm vorbei! Da fiel ihm ein, daß eine Verkäuferin mit einem hohen Stapel Pappkartons an ihm vorbeigehuscht war. Natürlich! Das war sie gewesen.
Demütigend war das, einfach demütigend! Und das mußte ausgerechnet ihm passieren, der als erfahrener und versierter Kriminalbeamter galt, was sogar einmal in der Nationaltidende lobend erwähnt worden war. Er schlich mit hängenden Ohren von dannen. Die beiden Verkäuferinnen sahen hinter ihm her. Aber er würde das Weibsstück schon finden, und wenn er die ganze Stadt dafür auf den Kopf stellen mußte.
11
Die Herdplatte mußte einmal richtig geputzt werden, und die Türklinken gehörten poliert. Es wurde Zeit, daß sie sich das Küchenmädchen wieder einmal vornahm, diese Schlampe. Immer mußte man hinter ihr her sein.
Während sie einen Topf mit Wasser aufsetzte, verlor sie sich in Gedanken. Es wurmte sie, daß sie nicht genau sagen konnte, was an jenem Mittwoch abend schiefgegangen war. Aber irgend etwas stimmte nicht. Im nachhinein bereute sie, daß sie es dem Polizisten nicht erzählt hatte, aber erstens mochte sie die Polizei nicht, und zweitens wollte sie nicht, daß die Herrschaft glaubte, sie würde horchen. Und ganz davon abgesehen hatte das Personal sich nicht in die Verhältnisse der Herrschaft einzumischen. Dabei kam nie etwas Gutes heraus. Sie erlaubte nicht, daß die anderen, das Küchenmädchen und das Stubenmädchen, über die Herrschaft klatschten. Nicht in ihrem Beisein. Sie wußte, daß sie es taten, sobald sie ihnen den Rücken zukehrte. Ludwigsen wollte es auch nicht. Obwohl es da ja so einiges zu reden gab. Eine Hausfrau, die nie zu Hause war. Ein Hausherr, der so sauer wie ein Essigtopf war, ein unglücklicher junger Herr, zu unglücklich war er gewesen – ein ehemaliges Fräulein, jetzt eine junge Ehefrau, die einer nassen Katze glich, obwohl sie Kindermädchen und Stubenmädchen hatte und auf einem Gutshof wohnte. Und dann die Stimmung! Sie hätte sich schon längst eine andere Stellung suchen sollen. Dann wäre sie nicht in diese ganze Unordnung verwickelt worden. Dieses Unglück – und diesen Ärger. Ärger. Ihr Schwager, der Zimmermann, sagte, sie solle einfach kündigen, sie brauche nicht auf den Ziehtag zu warten, wenn so etwas passierte. Er war Sozialist und fand, man solle sich mit nichts abfinden. Darum ging es ihrer Schwester und den Kindern sicher auch so schlecht. Allein die Wohnung, die sie hatten. Man mußte durch zwei Höfe, um ins Haus zu kommen, und dunkel und feucht war es in den beiden Räumen. Wer wollte einem Sozialisten auch schon Arbeit geben? Aber sie, Marie Jensen, wollte nicht zur Unzeit von ihrer Stellung davonrennen. Sie setzte sich an den Tisch und blickte auf ihr Königreich. Ja, genaugenommen verwaltete sie es bloß, aber sie fühlte, es war ihres. Und deswegen war sie geblieben, auch wenn alles seit einem Jahr so merkwürdig war. Sogar Ludwigsen respektierte, daß dies hier ihre Domäne war. Sie akzeptierte ihrerseits, daß er über den Rest des Hauses regierte.
Ludwigsen. Er war ein netter und achtbarer Mann. Das hatte sie auch oft zu ihrer Schwester gesagt, und wenn er seine Sonntagssachen anzog, konnte keiner einen Unterschied sehen zwischen ihm und einem richtigen Herrn. Sie hatte hin und wieder überlegt, woher er wohl das Geld hatte, denn es waren keine abgelegten Kleider des Hausherrn, das wußte sie. Ludwigsen war größer als er.
Er war aber auch ein sonderbarer Mann, dieser Ludwigsen. Jetzt dienten sie bald seit acht Jahren im selben Haus, und sie wußte immer noch fast nichts über ihn. Nicht mehr, als sie in der ersten Woche erfahren hatte. Sie wußte, er war in der Gegend von Haslev geboren und stammte wie sie aus kleinen Verhältnissen. Und während sie auf einem Hof auf Falster, wo sie geboren war, Gänsehirtin geworden war, hatte er auf Lystrup gedient, erst in den Ställen und dann in der Küche. Später war er Hilfsdiener geworden, und schließlich Diener, als sie einen brauchten, und dann richtiger Herrschaftsdiener. Wohl erst bei einem Baron oder Grafen, dann bei dem Fabrikanten.
Ob Ludwigsen sich damals als Bursche genauso würdevoll und streng benommen hatte? Und hatte er die harte Stallarbeit genauso gehaßt wie sie die Plackerei mit den Gänsen und das mühselige Wasserpumpen? Sie hatte immer noch das Geräusch der rostigen Pumpe und das Fauchen der Gänse im Ohr.
Gänse waren boshafte und niederträchtige Tiere. Sie hatten nach ihr geschnappt, die Hälse gestreckt, und waren flügelschlagend und lärmend hinter ihr hergewesen, Tag für Tag. Die Herrschaft hier im Hause bekam oft Gänsebraten serviert. Nicht weil sie ihn selbst besonders mochte, sondern weil sie sich jedesmal freute, wenn eine geschlachtete Gans vor ihr auf dem Tisch lag. Jede Feder, die sie herauszog, machte sie froh, und das Tier auszunehmen war die reine Wonne. Wenn sie mit einem raschen Griff Herz und Leber herauszog, hatte sie gewonnen.
Ludwigsen könnte ruhig etwas mitteilsamer sein, überlegte sie. Er erzählte nie, was er vorhatte, wenn er in seinem feinen Anzug abzog. Sie sah ihn gehen und hörte ihn nach Hause kommen, aber das war alles, was sie wußte. Sie erzählte ihm ein bißchen von ihren freien Abenden, spürte aber, daß er überhaupt nicht interessiert war. Und dagegen war vielleicht auch gar nichts einzuwenden. Der Husten ihrer Schwester und die vielen hungrigen Mäuler in einer kleinen Wohnung im Nørrebroviertel, das war ja nichts, womit man einen Mann von Ludwigsens Kaliber belästigte. Ludwigsen hatte so etwas, daß man sich lieber zurückhielt.
Sie wußte auch, daß Anna, das Stubenmädchen, Angst vor ihm hatte. Er wirke so kalt, hatte sie einmal gesagt. Und da war etwas dran. Wie bei dem gnädigen Herrn. Der war auch so. Den mochte Anna auch nicht. Aber die mochte ja bloß Männer, die ihren rundlichen Reizen erlagen. Eine dumme Gans war sie nach ihrer, Marie Jensens, Meinung. Mit dem gnädigen Herrn war nicht gut Kirschen essen, das gab sie gerne zu. Aber sie würde es nie jemandem sagen, erst recht nicht der Anna. Man sollte seine Herrschaft nicht kritisieren. Das wäre ja noch schöner! Und auch nicht seine Vorgesetzten. Das sollte die Anna sich mal hinter die Ohren schreiben. Aber weder aus Ludwigsen noch aus dem gnädigen Herrn wurde man so leicht schlau.
Sie wußte nicht, ob sie Ludwigsen um Rat fragen sollte. Er war ein gescheiter Mensch, aber war es auch klug, sich an ihn zu wenden? Wen konnte sie sonst fragen? Nicht die Schwester, die dachte immer nur an ihre eigenen Sachen, und auch nicht den Schwager. Er würde bloß sagen, sie solle ihre Stelle verlassen. Und Anna wollte die Sache nicht in alle Richtungen ausplaudern. Die Polizei? Nein, nicht die Polizei. Das wäre, als würde man die Herrschaft verraten. Und sie wollte nicht in die Mühlen der Polizei geraten. Sie wußte noch genau, wie Anna ausgesehen hatte, nachdem sie mit dem netten, blassen Herrn von der Polizei und dem großen Polizisten gesprochen hatte, der eher aussah, als käme er aus dem Nørrebroviertel. Anna war mit glühenden Backen und geschwollenem Gesicht in die Kammer gestürzt, obwohl es Zeit war, den Mittagstisch zu decken. Ludwigsen war ein Mann, und darum mußte er wissen, wie er sich zu verhalten hatte.
Denn es war sehr merkwürdig gewesen. Als sie an jenem unglückseligen Abend nach Hause gekommen war, hatte sie ausnahmsweise und unerlaubterweise die Haupttreppe benutzt und sich gewundert, warum die Haustür nicht abgeschlossen gewesen war. Sie war in den Korridor geschlüpft und wollte gerade weiter durch das Eßzimmer und den Flur in die Küche schleichen, um sich dort mit einem Schluck Kaffee, den sie verwahrt hatte, aufzuwärmen, als sie aus dem Herrenzimmer eine zornige Stimme, die ihr bekannt vorkam, vernahm: »Tu es!« Und dann hatte der junge Herr gerufen: »Nein, nein, nein. Nie!« Mehr hatte sie nicht gehört, denn sie war schnell weitergegangen. Sie wollte nicht beim Horchen erwischt werden.
Jetzt hörte sie Ludwigsens Schritte auf dem Flur. Er kam herein und stellte das Frühstückstablett der gnädigen Frau ab. Es war unberührt. Sie hörte sich sagen:
»Ludwigsen, wenn Sie einen Augenblick Zeit haben. Es gibt da etwas, wozu ich gern einen guten Rat hätte.«
Ludwigsen sah sie erstaunt an.
»Möchten Sie einen Rat von mir, Jensen? Ja, das läßt sich schon machen. Der gnädige Herr ist gegangen, und die gnädige Frau ruht. Sie sagt kein Wort. Schrecklich, das mit anzusehen. Worum handelt es sich?«
Marie begann zu erzählen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.