Kitabı oku: «Schattenklamm»

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Mia C. Brunner

Schattenklamm

Kriminalroman

Zum Buch

GRENZÜBERSCHREITEND Auf einem Parkplatz in Kempten wird ein Mann kaltblütig und scheinbar völlig grundlos erschossen. Der einzige Hinweis, dem der Kemptener Hauptkommissar Florian Forster nachgehen kann, führt nach Hamburg. So gerät die ehemalige Hamburger Hauptkommissarin Jessica Grothe, die seit einigen Monaten im Allgäu wohnt, zuerst in die Rolle der Verdächtigen, dann unfreiwillig in die der Ermittlerin. Im Umfeld des Ermordeten scheint niemand ein Motiv zu haben. Erst als Hauptkommissar Forster plötzlich spurlos verschwindet, begreift Jessica die wahre Tragweite dieses dramatischen Falles und erkennt, in welcher Gefahr sie und ihre Familie schweben. Kann sie die drohende Katastrophe zusammen mit Hauptkommissar Forsters Kollegen noch rechtzeitig verhindern? Oder wird es noch mehr unschuldige Opfer geben? Ein Wettlauf um Leben und Tod beginnt.

Mia C. Brunner wurde in Wedel in der Nähe von Hamburg geboren. Seit fast 15 Jahren lebt sie mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern im Allgäu. Waren es früher nur Kurzgeschichten, die sie für ihre Kinder schrieb, machte sie später ihre ersten Krimierfahrungen mit selbstverfassten Dinnerkrimis, in denen sie ihre Faszination fürs Schreiben und ihre Leidenschaft fürs Kochen verbinden konnte. Nach »Schattenklamm« und »Schonfrist«, ebenfalls erschienen im Gmeiner Verlag, ist »Tödliche Klamm« ihr dritter Allgäukrimi.

Bisherige Veröffentlichungen im Gmeiner-Verlag:

Mordsklamm (2020)

Tödliche Klamm (2019)

Schonfrist (2017)

Schattenklamm (2016)

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

4. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © pathip – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4960-4

Kapitel 1

»Nein danke, wirklich nicht.« Martin Hansen schüttelte nicht nur vehement den Kopf, sondern hob zusätzlich noch abwehrend die Hand.

»Ach, komm schon, Martin. Das wird doch lustig.« Die junge gut aussehende Frau mit der etwas ungewöhnlichen dunkelbraunen Lockenpracht legte herausfordernd ihren Kopf leicht schräg und lächelte, unterstrich ihre Geste noch mit einem ausgedehnten »Bitte«, und zog schließlich schulterzuckend ab, als Martin erneut dankend, doch dieses Mal etwas rüder, ablehnte.

»Es reicht mir schon, dass ich überhaupt hier sein muss, da will ich mich nicht auch noch bei dämlichen Partyspielen zum Affen machen«, zischte er seinem besten Freund und Kollegen Wolfgang zu, der neben ihm stand und zustimmend nickte. Diese Party hier war der reinste Kindergeburtstag.

Doch die jährliche Weihnachtsfeier im hiesigen Polizeirevier war eine Pflichtveranstaltung, vor der man sich nicht so leicht drücken konnte. Wie in jedem Jahr wurde die Kantine in einen Partyraum umgewandelt, winterlich geschmückt und mit allerlei stimmungsvollen Liedern beschallt. Die Kolleginnen und Kollegen der Davidwache im Hamburger Stadtteil St. Pauli feierten ausgelassen, sangen vergnügt und lauthals die abgedroschenen Weihnachtslieder mit, die von Schnee, Schlittenfahrten und klingenden Glöckchen handelten, und aßen und tranken viel zu viel. Von weißer Weihnacht waren die Reeperbahn und ganz Hamburg jedoch weit entfernt. Draußen fielen dicke Tropfen auf den Asphalt und die wenigen Menschen, die sich bei diesem Wetter überhaupt auf die Straße trauten, liefen tief gebückt, mit hochgestellten Mantelkrägen oder unter großen Schirmen vor Nässe geschützt, so schnell sie konnten zu dem Ziel ihrer Träume. Selbst die Nutten hatten sich heute in ihre Löcher verkrochen. Kundschaft gab es bei diesem Wetter höchstens in der Herbertstraße oder in den unzähligen schillernden Klubs, die an so einem verregneten Tag nicht nur Amüsement, sondern auch Wärme und Trockenheit boten. Es würde ein ruhiger Abend für die diensthabenden Polizisten werden und das war gut so, denn richtig feiern konnten die Beamten nur, wenn sie wussten, dass ihre arbeitenden Kollegen nichts auszustehen hatten.

Polizeiobermeister Wolfgang Reuter lehnte mit dem Rücken an der Wand neben der Tür, die linke Hand in der Hosentasche, die rechte hielt ein Glas Bier. Er zog es genau wie Martin vor, den ganzen Trubel aus der Ferne zu beobachten.

»Hallo, ihr beiden!« Eine kleine rothaarige, etwas untersetzte Frau baute sich vor ihnen auf. »Warum probiert ihr nicht den Punsch? Zu Weihnachten trinkt man doch kein Bier«, sagte sie und versuchte dabei, recht streng und ermahnend zu schauen. Da sie aber aufgrund ihrer gerade mal einsfünfundfünfzig weit zu den beiden Männern hochschauen musste und da noch dazu ihre Augen strahlten, sei es nun, weil sie sich so sehr amüsierte oder weil sie selbst schon ein paar Gläser Punsch intus hatte, verlor die gespielte Strenge ihre Wirkung und alle drei prusteten wie auf Kommando los.

»Nee, Irene, vielen Dank.« Martin schüttelte heftig den Kopf. »Ich verarbeite immer noch den Alkohol von der letzten Weihnachtsfeier. Das Zeug war die Hölle.« Wolfgang stimmte lachend in das Kopfwackeln ein, nur dass er im Gegensatz zu seinem Freund heftig nickte.

»Genau«, brummte er. »Ich war drei Tage tot nach diesem Teufelszeug. Das will ich nicht noch einmal riskieren. Morgen ist ein Ausflug mit den Kindern geplant«, erklärte er, hob sein Glas und prostete ihr lächelnd zu. Irene war sozusagen die gute Seele der Wache. Als Schreibkraft erledigte sie unliebsame Tipparbeiten genauso wie die Vorsortierung der Post. Außerdem kochte sie den besten Kaffee von ganz Hamburg und hatte ein offenes Ohr für die Probleme der Kollegen und immer einen kessen Spruch auf den Lippen. Wolfgang mochte sie sehr und wusste, dass es nicht nur ihm so ging.

»Gestorben ist noch keiner an dem Punsch«, kicherte Irene nun und schlug ihr Glas klirrend an das Bierglas von Wolfgang. »Du gibst allerdings eine prima Zielscheibe ab«, flüsterte sie augenzwinkernd und tippte Wolfgang mit dem Zeigefinger auf die Brust. Genau über seinem Herzen leuchtete ein blutroter, kreisrunder Fleck. »Ketchup?«, fragte sie, grinste breit und ließ die beiden Männer einfach stehen.

»Scheiße, so ein Mist.« Fluchend rieb Wolfgang mit dem Hemdärmel über seine Brust. Natürlich hatte diese Aktion nur zur Folge, dass der Fleck größer wurde und der Ärmel ebenfalls rote Farbe annahm. »Warum hast du denn nichts gesagt?« Vorwurfsvoll schaute er seinen Freund an, der nur entschuldigend die Schultern hob, reichte ihm schließlich sein Bierglas mit den Worten: »Sofort die Luft rauslassen. Bin gleich wieder da« und verließ die Kantine in Richtung Umkleideräume.

Wolfgang Reuter war Streifenpolizist mit Herz und Seele. Er liebte seinen Job, mochte sein Revier und war gleichermaßen beliebt bei Arbeitskollegen und den Menschen auf der Straße. Natürlich nicht bei denen, die Dummheiten machten, die meinten, das Gesetz könnte hier und da etwas gebeugt werden zu ihren Gunsten. In diesen Dingen verstand Wolfgang überhaupt keinen Spaß. Und ebenso wenig mochte er Unordnung und Dreck. Er war einer der wenigen Polizisten, dessen Schreibtisch immer aufgeräumt, dessen Kleidung immer sauber und dessen Ausdrucksweise immer korrekt war. Ein kleiner Fehler, eine kleine Unachtsamkeit hatte große Folgen, also lebte er mit dem Vorsatz, allen Unwägbarkeiten schon im Vorfeld vorzubeugen.

Gerade als er ein frisches Hemd aus seinem Spind zog, klingelte sein Handy.

Nach einem kurzen verwunderten Blick auf das Display lächelte er zufrieden.

»Hallo Schatz«, begrüßte er seine Frau und knöpfte sein Hemd auf. »Alles in Ordnung?«

»Ja, mein Mausebär. Ich wollte nur deine Stimme hören«, kam ihr klingender Sopran durch das Telefon. Wolfgang liebte ihre glockenhelle Stimme. Seine Frau sang die Worte mehr, als dass sie sie sprach, und das gefiel Wolfgang sehr. Sie verbreitete so immer Freude und gute Laune. Er war gesegnet, eine solche Frau gefunden zu haben, und oft wunderte er sich, wie er dieses Glück verdient hatte.

Lächelnd machte er sich auf den Weg ins angrenzende Badezimmer, legte das saubere Hemd vorsichtig auf eines der Waschbecken und zog sich das schmutzige aus.

»Ich vermisse dich auch«, hauchte er mit tiefer, brummender Stimme, weil er wusste, wie sehr seine Frau das liebte. »Was hältst du davon, wenn ich hier die Zelte abbreche und gleich nach Hause komme?« Doch dann fiel ihm ein, dass auch seine Frau heute auf einer Weihnachtsfeier war und seine Kinder den Abend mit ihrer Tante verbrachten. »Bist du noch mit Jutta und Sylvia unterwegs?«

»Ja, wir sind im Apollo! Doch ich habe mich auf die Toilette verzogen, um mal kurz mit dir zu sprechen. Himmel, die spielen hier heute nur so doofe Weihnachtsmusik. Ist nicht zum Aushalten. Es ist ja nicht so, dass man in den Geschäften schon seit Wochen mit diesem Mist vollgedröhnt wird«, jammerte sie und ihre Stimme hallte vom Echo des gefliesten Raumes, in dem sie gerade stand. »Wenigstens hier hat man seine Ruhe.«

Wolfgang lachte. »Ja, ich bin auch gerade im Bad«, erklärte er. »Weihnachtsmusik ist echt ätzend.«

Eine kurze Pause entstand, dann seufzte seine Frau plötzlich und er hörte sie sagen: »Ich haue hier auch ab. Ich werde meinen Mädels einfach vorlügen, mir wäre nicht gut, und dann komme ich nach Hause. Treffen wir uns dort in einer halben Stunde?«, flüsterte sie verführerisch, wartete seine Antwort aber nicht ab und legte einfach auf.

Das war typisch für seine Frau, dachte Wolfgang lächelnd. Und genau diese Art von Spannung, diese unterschwellige Erotik, die immer wieder aufflammte, hielt ihre Beziehung spannend und aufregend. Ja, dieser Abend versprach nett zu werden. Zufrieden warf er das mit Ketchup befleckte Hemd auf ein weiteres freies Waschbecken und drehte den Wasserhahn auf. Erstens wollte er die noch feuchten Ketchupflecken auswaschen und zweitens sich selbst kurz frisch machen. Warum sollte er kostbare Zeit zu Hause mit Duschen verschwenden, wenn er doch gleich mit den wichtigen Dingen beginnen konnte und noch dazu angenehm riechen würde! Er drückte mit dem Ellenbogen auf den Seifenspender und ein Schwall giftgrüner Seife ergoss sich über seine Hand. Achseln, Hals und Brust wurden kräftig eingeseift und mit klarem Wasser abgespült. Zum Abtrocknen gab es leider nur diese kleinen Papierhandtücher, doch im Umkleideraum würde er sicher noch ein Handtuch finden. Als er den Waschraum verlassen wollte, schwang plötzlich die Tür weit auf und er sprang erschrocken einen Schritt zurück, um einer gebrochenen Nase oder einer Beule auf der Stirn vorzubeugen.

Verwundert starrte er den Eindringling an. Schließlich gewann er seine Fassung wieder.

»Du? Was machst du denn hier?«, fragte er, entspannte sich aber schließlich merklich und lächelte.

Sein Gegenüber schaute ihn ernst an. Keine Spur von einem Lachen, doch jede Menge Hass und Wut im Blick.

Wolfgang Reuter war verunsichert und vergaß in diesem Augenblick sogar sämtliche in seiner Ausbildung gelernten und immer wieder erfolgreich angewendeten Redetaktiken, wenn er Verbrechern gegenüberstand. Verbrechern? So ein Quatsch. Das hier war schließlich kein Verbrecher, das hier war …

Scheiße!

Eine Pistole blitzte vor ihm auf und zielte genau auf seine Brust, genau auf den Punkt, den der Ketchupfleck vor Kurzem noch so blutrot markiert hatte. Es war eine SIG Sauer, eine gängige Dienstwaffe, die zur Ausrüstung jedes Polizisten gehörte. Langsam wurde er panisch.

»Hallo, Wolfgang«, tönte die Stimme seines Gegenübers beinahe dröhnend an sein Ohr. Ein Strom von Adrenalin donnerte durch seine Venen und er hatte das dringende Bedürfnis zu fliehen, doch er rührte sich nicht. Ihm wurde heiß und er spürte sein Herz heftig und hämmernd in seinem Hals schlagen. Schweiß brach ihm auf der Stirn aus und er trat langsam einen Schritt zurück. »Lange nicht gesehen!«

»Was soll das? Das willst du doch nicht wirklich tun«, brachte der Polizist in ihm schließlich hervor und der einfache Mann in ihm fragte verzweifelt: »Warum?« Seine Stimme überschlug sich beinahe vor Angst und er begann fast hemmungslos zu zittern. Langsam und um Fassung bemüht schüttelte er den Kopf, doch von dem Eindringling, der Person, die nicht in dieses Badezimmer gehörte, kam nicht der Hauch einer Reaktion. Dann lächelte sie überlegen und arrogant.

»Das hättest du nicht tun dürfen, Wolfgang«, sagte sein Gegenüber und Aggressivität und Hass schwang in seiner Stimme mit. Doch nicht diese Art von Hass, die wütend und unkontrolliert war, dieser Hass, der Menschen Fehler machen ließ, weil sie bei ihren Reaktionen nicht auf den Ausgang ihrer Handlungen achteten, die Art von unkontrollierter Wut, die nur noch zu Reaktionen fähig war und keinen klaren Gedanken mehr zuließ. Hier sah und spürte Wolfgang eiskalten und absolut berechnenden Hass. Diese Aktion hier im Badezimmer war bis ins Detail durchdacht, geplant und würde gerade deshalb auch garantiert ausgeführt werden.

»Bitte«, flehte er schließlich, als sich der bösartige Gesichtsausdruck seines zukünftigen Mörders nicht änderte. Aus starken eiskalten Augen wurde er angestarrt und so weiter an die harte hellblau geflieste Wand getrieben. Sein nackter Rücken presste sich gegen die kühlen Fliesen, doch er nahm die Kälte nicht wahr, sondern konzentrierte sich darauf, seinen Herzschlag wieder ruhig zu bekommen und seine Stimme wiederzufinden. Er musste reden. Solange er redete, würde sein Gegner nicht schießen.

»Warum? Was bringt dich dazu …«, stöhnte er dieses Mal. Jedes Wort, das seine Lippen verließ, war schwer wie Blei und es kostete ihn große Mühe, es überhaupt hinauszubekommen. Angst und Panik schnürten ihm die Kehle zu und seine Gedanken überschlugen sich. Er fand keine Erklärung, keinen noch so kleinen Grund für seine ausweglose Lage. Er fühlte sich zu Unrecht bedroht. Das hier war einfach nicht richtig.

»Was mich dazu bringt?« Er hörte hämisches Lachen und erkannte diese Stimme nicht wieder. Die dreckige Verachtung und die lodernd heiße Wut vergifteten die Raumluft und ließen ihn schwer nach Atem ringen. Sein Blick trübte sich, das Bild der Waschbecken und Toilettentüren verschwamm vor seinen Augen und erst jetzt begriff er, dass er weinte. Wieder schüttelte er den Kopf, als könnte er seinen Gegner so beruhigen, doch dieses Verhalten beruhigte nicht einmal ihn. Instinktiv griff er nach seinem Handy, das neben dem sauberen Hemd auf dem Waschbeckenrand lag. Kurz überlegte er, ob er damit werfen sollte, ob diese Aktion seinen Angreifer ablenken würde, ob er so seinen Gegner überwältigen könnte, doch er dachte diesen Gedanken nicht zu Ende. Nicht, weil es vielleicht keine gute Idee gewesen wäre, sondern weil ganz andere Gedanken sein Gehirn blockierten und den Wunsch nach Flucht komplett verdrängten.

Er atmete schwer. Warum hatte er nach dem Telefon gegriffen? Wen sollte er anrufen? Und vor allem, wieso sollte sein Mörder zulassen, dass er überhaupt um Hilfe rief?

Er könnte schreien!

Würde ihn jemand hören? Würde er jemanden in eine tödliche Falle locken, wenn er sich bemerkbar machte? Würde er … würde er seine Kinder jemals wiedersehen?

Die Gewissheit traf ihn hart, doch sie ließ ihn schlagartig ganz ruhig werden. Er würde sterben, er würde diesen Raum nicht lebend verlassen. Er würde seine beiden Kinder niemals wiedersehen.

»Okay«, schloss er verbittert, aber seelenruhig sein Leben ab. »Dann drück ab!«

Er hörte den Schuss nicht, fühlte nur die Wucht der Explosion in seiner Brust, spürte keinen Schmerz, aber auch keine Angst mehr. Das Gefühl für seinen Körper verließ ihn gänzlich. Seine Beine gaben nach, widersetzten sich jeglichem Versuch der Kontrolle und sackten einfach in sich zusammen. Langsam rutschte er an der glatten Wand hinunter, bis sein Hintern den Boden berührte und sein Oberkörper zur Seite kippte und schwer auf dem Boden aufschlug. Er hatte vergessen zu atmen und sog mühsam die trübe Luft durch seinen Mund, füllte seine Lungen mit Sauerstoff und schmeckte verbrannten Atem und Eisen auf seiner Zunge.

Schlagartig setzte der Schmerz ein und ließ ihn stöhnen. Er hörte, wie die Tür geöffnet wurde.

War Hilfe gekommen?

Gab es Rettung?

Gut, dass sein beflecktes Hemd jetzt nicht auch noch Blut durchtränkt war. Blut war schwer wieder rauszubekommen, hatte er einmal gehört. Seine Hand fuhr instinktiv an das klaffende blutende Loch in seiner nackten Brust und er presste mit aller Kraft seine Finger dagegen, um den Blutfluss zu stoppen, um den Tod aufzuhalten, um den Schmerz unter Kontrolle zu bekommen. Doch als er mühsam an sich hinuntersah, bemerkte er, dass nichts – keine Hand, keine Finger – sein Blut aufhielt, weiter ungehindert seinen Körper zu verlassen. Sein Arm lag reglos hinter seinem Rücken, unwirklich verschränkt und ebenso nutzlos wie der Rest seiner Gliedmaßen.

Ergeben schloss er die Augen, rief sich das Bild seiner beiden Kinder ins Gedächtnis, atmete ein letztes Mal aus und ging für immer.

Kapitel 2

Wieder und wieder stieß die kleine Handschaufel in die kalte, schwarze Erde und grub kleine Löcher von etwa 15 Zentimeter Tiefe. Eins neben dem anderen.

Jessica Grothe kniete im viel zu hohen Gras vor dem noch recht kargen Beet am Grundstücksrand, hob die Hand, in der sie die Schaufel hielt, und wischte sich mit dem Ärmel ihrer Jacke den Schweiß von der Stirn. Dunkler Sand rieselte auf ihre Jeans.

Es war Oktober, ein sonniger Tag, doch der kalte Wind ließ einen frösteln, wenn man sich nicht einhüllte in warme Klamotten oder sich ausreichend bewegte. Wenn man beides tat, dann kam man ganz schön ins Schwitzen.

»Tante Jessi?« Das kleine, blonde Mädchen neben ihr sah sie fragend an. »Warum pflanzen wir die Blumen jetzt, wo doch schon bald der Winter kommt? Blumen mögen doch den Winter nicht, oder?« Auf allen vieren kroch die Kleine näher zu Jessica und setzte sich neben sie ins Gras, dann zog sie den Korb mit den Tulpenzwiebeln zu sich heran, griff hinein und versenkte eine der Zwiebeln in einem der noch freien Löcher.

»Das stimmt, Svenja«, gab ihre Tante zu. »Doch die Tulpen bleiben im Winter unter der Erde und sobald es im Frühjahr warm wird, kommen sie heraus und blühen in den schönsten Farben. Tulpen und Krokusse sind die ersten bunten Blumen zu Beginn der warmen Jahreszeit«, erklärte sie, nahm dann ebenfalls eine Tulpenzwiebel aus dem Korb und hielt sie ihrer Nichte vors Gesicht. »Hast du daran gedacht, dass du die Zwiebeln immer mit dem Popo nach unten in die Erde legst?«

Svenja kicherte: »Klar, sonst wachsen sie ja in die falsche Richtung und kommen in Australien heraus.« Dann nahm sie Jessica die Zwiebel aus der Hand und stopfte sie in ein Erdloch. »Gute Nacht, kleine Blume«, sagte sie und füllte das Loch mit Erde auf. »Bis zum Frühling, dann sehen wir uns wieder.«

Jessica schmunzelte. Die Tochter ihrer Schwester Susanne war ein so fröhliches, liebreizendes Mädchen, überhaupt nicht schüchtern, doch höflich und stets darauf bedacht, anderen zu helfen. Und dabei war sie gerade erst sechs Jahre alt. Vor ein paar Wochen wurde sie eingeschult und ging seit diesem Tag jeden Morgen stolz und erhobenen Hauptes in die nahe liegende Grundschule, erledigte sorgfältig die Hausaufgaben und war dann stets mit Kindern aus der Nachbarschaft oder aus ihrer Klasse zum Spielen verabredet. Susanne konnte wirklich stolz auf sie sein. Auf ihre beiden Kinder, denn auch ihr kleiner Sohn Tobias entwickelte sich prächtig. Tobias war noch nicht ganz drei Jahre alt und besuchte einen Kindergarten am Stadtrand. Trotz anfänglicher Befürchtungen, er würde nicht dort bleiben wollen, hatte auch bei ihm alles wunderbar geklappt und er hatte sich ohne Probleme gut in die neue Gruppe integriert.

»Meinst du, Oma und Opa kommen nicht doch schon heute?« Svenja drückte die letzte kleine Blumenzwiebel in die Erde und rieb dann ihre schwarzen Hände an ihrer Cordhose ab. »Wenn der Zug ganz schnell fährt, dann kommen sie vielleicht früher«, sagte sie hoffnungsvoll.

Gespielt entsetzt schlug Jessica die Hände über dem Kopf zusammen: »Himmel, nein. Ich hoffe, die beiden lassen sich noch ein bisschen Zeit. Wir haben doch noch nicht einmal den Kuchen gebacken.«

Svenja nahm die Hand ihrer Tante und ließ sich von ihr hochziehen. »Ja«, nickte sie zustimmend. »Gut, wenn Oma und Opa erst morgen kommen. Falls der Kuchen anbrennt, können wir morgen immer noch einen kaufen.«

Das heiße Wasser lief in breiten Rinnsalen über ihren schlanken Körper und wärmte und belebte sie gleichermaßen. Jessica liebte es, richtig heiß zu duschen. So heiß, dass es beinahe schon wehtat. So heiß, dass dicke Nebelschwaden die Luft im ganzen Badezimmer in eine trübe milchig-matte Soße verwandelte, warmer Sauerstoff beim Atmen in ihre Lungen strömte und sie auch von innen wärmte. Nachdem das Wasser auch die letzten Reste Seifenschaum aus ihrem schulterlangen Haar gespült hatte, griff sie nach der Mischbatterie und drehte den Hebel von links ganz nach rechts, sodass die eben noch brühheißen Tropfen schlagartig um gute 30 Grad kälter auf ihren Körper prasselten. Wie immer biss sie fest die Zähne zusammen und unterdrückte den Schmerzensschrei, der ihrer Kehle entrinnen wollte. Scharf sog sie die Luft durch die Nase, zählte rückwärts von zehn bis null und schaltete dann die Dusche aus. Sie stieg aus der schmalen Duschkabine. Ihre Haut war aufgrund der angeregten Durchblutung schön gerötet und schimmerte von unzähligen Wassertropfen, ihre Haare klebten dunkel und schwer an ihrem Kopf. Eigentlich waren sie blond und wellten sich recht wild um ihr Gesicht, fielen ihr über die Augen und waren kaum zu bändigen. Also wurden sie meist morgens mit einem Zopfband auf dem Hinterkopf zusammengebunden und erst am Abend wieder befreit. Ein Pferdeschwanz war praktisch, unkonventionell und pflegeleicht. Er ersparte ihr viele Stunden Haarpflege wie Kämmen, Föhnen oder womöglich häufige Friseurbesuche und machte das Leben um einiges leichter.

Sie ging zum Fenster und öffnete es einen Spalt, um die Raumluft in dem winzigen Badezimmer wieder klar zu bekommen. Das viel zu kleine Fenster reichte in den Garten hinaus. Es war von außen nicht einsehbar, da es unter der Erde lag und lediglich ein kleiner Schacht Licht von der Erdoberfläche zu ihr in den Keller leitete.

Schon beim Einzug vor vier Monaten war sofort klar, dass sie mit ihrer Habe in den Kellerraum des Reihenhauses ziehen würde, damit ihre Schwester mit ihren zwei Kindern im ersten Stock jeder ein Zimmer bewohnen konnte und die ganze kleine Familie zusammenlebte. Die drei brauchten sich gerade jetzt sehr.

Gut, im Gegensatz zu ihrem Leben früher hatten sie sich mit diesem Vorstadtreihenhaus um einiges verschlechtert, doch es erfüllte seinen Zweck, war immerhin bezahlbar und weit genug weg, um vom alten Leben Abstand zu bekommen und wieder Ruhe zu finden.

Auch Jessicas Leben hatte sich verschlechtert. Von einer Dreizimmer-Einliegerwohnung mit eigener Küche und großem Badezimmer in einer geräumigen Altbauvilla in Hamburg-Winterhude war sie in dieses Kellerzimmer mit winzigem Fenster im schönen Allgäu geraten. Immerhin hatte sie ein eigenes Badezimmer und einen eigenen Zugang über eine Kelleraußentreppe. Auch der Ort, in dem sie jetzt wohnten, war schön, bot alle Annehmlichkeiten einer mittelgroßen Stadt und, was besonders wichtig war, hatte eine direkte Bahnverbindung in die alte Heimat. Der Hauptbahnhof Kempten im Allgäu war nur zirka acht Zugstunden vom Hauptbahnhof Hamburg entfernt.

Doch eines war gleich geblieben. Wie bereits in Hamburg teilte sie sich ein gemeinsames Haus mit ihrer Schwester und den beiden Kindern.

Jessica griff nach dem großen Badehandtuch und trocknete sich sorgfältig ab, dann öffnete sie den Spiegelschrank über dem kleinen Waschbecken und holte ihre Schminktasche mit dem Lidschatten und dem Eyeliner heraus, lehnte sich dichter an den Spiegel und betrachtete ihr Gesicht.

Sie hasste es, sich für die Arbeit zu schminken. Es war irgendwie nicht richtig und sie kam sich verkleidet vor. Eigentlich hatte sie immer gedacht, sie wäre schön genug ohne diese Maskerade, doch ihr neuer Chef bestand darauf.

»Wenn ich Sie einstellen soll, dann müssen Sie schon etwas mehr auf jugendlich machen«, hatte er gesagt und süffisant gelächelt. »Immerhin sind sie schon über 30!«

Ihr 30. Geburtstag war am Tag des Vorstellungsgespräches gerade zwei Tage her und bis zu diesem Tag hatte es ihr gar nichts ausgemacht zu »nullen«. Doch nach diesem Gespräch hatte sie sich alt gefühlt.

Sie trug Lidschatten und Wimperntusche auf, wickelte sich in ihr Handtuch und lief hinüber in ihr Schlafzimmer. Dort angekommen, zog sie Unterwäsche, Nylonstrumpfhose und den kurzen schwarzen Rock über, der ebenfalls Voraussetzung für den neuen Job war, ging zum Kleiderschrank und suchte eine Bluse. Natürlich war wieder keine frische im Schrank. Sie würde eine bügeln müssen, bevor sie um 19 Uhr das Haus verließ. Jetzt musste erst einmal ein alter Pullover ausreichen. Fertig angezogen trat sie aus ihrem Zimmer, lief durch den kahlen, betongrauen Kellergang zur Innentreppe und ging hinauf in den Wohnbereich.

»Hallo, Jess.« Ihre Schwester Susanne schloss die Haustür hinter sich, schlüpfte aus ihrer Jacke und hängte sie ordentlich an den Garderobenständer im kleinen Flur. »Bist du schon startklar?«

Jessica rollte genervt mit den Augen. »Fast, habe noch eine gute Stunde, bis ich losmuss. Leider muss ich auch noch bügeln.« Sie zog genervt an ihrem dunkelbraunen Pullover, um zu demonstrieren, dass sie so sicher nicht gern gesehen wurde. »Und der Kuchen ist auch noch nicht gebacken.«

Susanne trat auf sie zu, stellte sich auf ihre Zehenspitzen und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Sie war gut einen halben Kopf kleiner als ihre Schwester. Ihre Haare waren ebenfalls blond, allerdings glatt und um einiges länger, doch trug sie sie im Gegensatz zu Jessica immer offen.

»Du backst den Kuchen«, bestimmte sie und zwinkerte ihr gleichzeitig zu. »Und ich bügle für dich. Dann tut jede das, was sie viel besser kann als die andere. Okay?«

Natürlich war Jessica einverstanden und natürlich hatte Susanne recht. Bügeln war nicht eine von Jessicas Stärken, doch Kuchen backen und Kochen konnte sie prima. Das war das einzige Talent, das sie von ihrer Mutter geerbt hatte, all die anderen Vorzüge und positiven Eigenschaften hatte ihr Vater mit in den Topf ihrer Erbmasse geworfen. Susanne war da anders. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester kam sie beinahe ausschließlich nach ihrer Mutter. Sie war ordentlich, still, aber bestimmt, führte ihren Haushalt gut, schaffte es, Arbeit, Kinder und das Bügeln unter einen Hut zu bekommen, und war nahezu immer gut gelaunt. Gut, in letzter Zeit fiel ihr das Glücklichsein natürlich etwas schwerer und wie ihre beiden Kinder besuchte auch Susanne seit ein paar Monaten regelmäßig einen Therapeuten, doch wer mochte ihr das verdenken. In so jungen Jahren den Ehepartner und den Vater ihrer Kinder auf so tragische Weise zu verlieren, das war kein Pappenstiel, damit wurde keiner so leicht fertig.

Jetzt arbeitete Susanne vormittags im Büro einer Anwaltskanzlei und war mittags immer pünktlich zu Hause, um Tobi aus dem Kindergarten abzuholen und Svenja nach der Schule bei den Hausaufgaben zu helfen. Es war ein großes Glück für Susanne gewesen, als angehende Junganwältin diesen Halbtagsjob zu bekommen, nachdem ihr Mann gestorben war. Ab und zu standen natürlich Überstunden an oder ein Gerichtstermin, der nicht in die Vormittagsstunden fiel. Doch das war relativ selten. Am Nachmittag schmiss sie dann den Haushalt, fuhr die Kinder zu Spielkameraden oder zum Blockflötenunterricht und saß abends gemütlich, aber allein auf dem Sofa und las oder schaute irgendeinen Krimi im Fernsehen. Manchmal weinte sie und schlief nach Stunden auf dem Sofa ein. Jessica fand sie dann immer dort, wenn sie nachts um 1 Uhr von ihrer Schicht nach Hause kam, legte liebevoll eine Wolldecke über ihre Schwester und strich ihr zärtlich über das samtweiche Haar.

Für Jessica war es selbstverständlich gewesen, ihre Schwester ins Allgäu zu begleiten, als diese nach dem Tod ihres Mannes in Hamburg nichts mehr hielt. Wolfgang war ermordet worden. Jemand hatte ihn mit seiner eigenen Dienstwaffe erschossen, im Badezimmer der Wache, an der er seit vielen Jahren als Streifenpolizist gearbeitet hatte. Das ganze Unglück passierte auf der letztjährigen Weihnachtsfeier und wirklich niemand hatte etwas bemerkt. Auch die Spurensicherung hatte keine Finger- oder Fußabdrücke gefunden, keine anderen Rückstände wie Haare oder Stofffasern, absolut nichts, das einen Hinweis auf den Täter gegeben hätte. Auch Wolfgangs privater Hintergrund wurde durchleuchtet. Susanne musste in diesen Tagen viel ertragen. Musste berichten, ob ihre Ehe auch gut war, ob sie immer wusste, wo ihr Mann sich aufhielt oder ob Wolfgang irgendwelche verdächtigen Telefonate geführt hatte. Susanne wurde das alles zu viel. Sie war fest davon überzeugt, dass ihr Mann weder korrupt noch in irgendwelche kriminellen Geschichten verwickelt gewesen war. Auch Jessica war genau ihrer Meinung. Ihr Schwager war ein verlässlicher Polizist, der seinen Job beinahe genauso sehr liebte wie seine kleine Familie. Als leitende Kriminalhauptkommissarin fiel Jessica damals in Hamburg die Aufgabe zu, den Mord an ihrem Schwager aufzuklären. Doch obwohl ihre Erfolgsquote normalerweise erstaunlich hoch war und ihr Gespür sie bisher immer auf den richtigen Weg zum Mörder geführt hatte, kam sie bei diesem speziellen Fall keinen Millimeter voran. Noch nie hatte sie so sehr gewollt, dass ein Fall aufgeklärt wurde, und noch nie hatte sie so kläglich versagt. Vor allem die traurigen Augen ihrer Schwester waren ihr Vorhaltung genug. Obwohl Susanne ihr niemals einen Vorwurf gemacht hatte und immer wieder beteuerte, dass es nicht Jessicas Schuld war, dass der Mörder noch frei herumlief, gönnte sie sich keine Ruhe und arbeitete verbissen weiter an dem Fall, obwohl keine neuen Erkenntnisse zutage kamen. Sie trat auf der Stelle, ganze fünf Monate lang. Dann hängte sie ihren Job an den Nagel und zog mit ihrer Schwester ins Allgäu.

»Tante Jessi?« Eine kleine Kinderhand schob sich in ihre und zwei große dunkelblaue Augen schauten zu ihr hinauf. »Wollen wir jetzt backen?«

»Hey, Kleines. Hast du auch eine Telefonnummer?« Ein großer, breitschultriger Mann mit viel zu langem, rotblondem Haar stellte sich Jessica in den Weg, sodass sie erschrocken ins Straucheln geriet und beinahe das Tablett mit dem Bier und den Tortillas für Tisch 16 fallen ließ. Sie schob die verrutschten Gläser wieder zurecht, atmete einmal tief durch und setzte dann ein breites Grinsen auf.

Jessica wurde bereits beim Vorstellungsgespräch erklärt, was ihr Chef und Besitzer der Kneipe, Markus Mertens, für sein Geld erwartete. Offenheit, Schlagfertigkeit und hier und da ein wenig flirten waren Pflicht. Auch durfte die Hand eines Gastes auf dem eigenen Hintern kein Problem darstellen und wäre sogar erwünscht. »Der Gast ist bei uns König, Kleines«, hatte Herr Mertens frivol grinsend bestimmt, »und zwar in jeder Beziehung. Ich hoffe, wir verstehen uns.«

Nach bis dahin mindestens zehn Absagen hatte Jessica diese Arbeit schließlich dankend angenommen. Und die Gäste der Kneipe waren in Wahrheit erstaunlich umgänglich, nett und sehr gesittet. Wären da nicht diese ungewohnten und vor allem unbequemen Klamotten, würde ihr der Job sicher auch noch Spaß machen.

»Bitte sehr, die Herren. Zwei Pils, ein Radler und die Tortillas. Zum Wohl!« Jessica griff nach den leeren Gläsern der letzten Bierrunde und platzierte sie auf ihrem Tablett.

»Wie heißt du? Du bist neu hier, oder?« Ein junger Mann beugte sich über den Tisch, um wegen der lauten Musik und dem Stimmengewirr von den Nachbartischen nicht allzu laut schreien zu müssen.

»Ja, ich bin neu. Sozusagen noch ganz frisch«, gab Jessica spontan zur Antwort, erinnerte sich dann wieder an die Ermahnungen ihres Chefs und zwinkerte dem Mann zusätzlich noch zu.

»Und wie heißt du?«, fragte der Mann erneut und grinste jetzt breit.

»Frag sie, ob sie einen Freund hat«, kam die Anweisung von links neben ihm. Ein etwas untersetzter Mittzwanziger boxte seinem Nachbarn grob gegen die Schulter.

»Ich heiße Jessica und nein, immer wenn ich hier arbeite, habe ich keinen Freund.« Den zweiten Teil ihrer Antwort richtete Jessica direkt an den dickeren Mann. »Und du?«

»Ich bin solo. Steh nicht so auf diesen Beziehungsquatsch«, verkündete er, lehnte sich lässig in seinem Stuhl zurück und fuhr sich arrogant mit der Zunge über die Vorderzähne. »Aber gegen ein wenig Spaß habe ich nichts.« Jetzt zwinkerte er Jessica zu.

Jessica lachte. »So viel geballter Manneskraft, wie du ausstrahlst, bin ich gar nicht gewachsen«, hauchte sie und versuchte ihrer Stimme gleichzeitig Bewunderung und eine leise Spur von Schüchternheit zu verleihen. Mit einer einzigen fließenden Bewegung griff sie nach dem letzten leeren Glas, drehte sich auf dem Absatz um und ließ diesen eingebildeten Schnösel einfach stehen.

Ein wenig wunderte sie sich immer noch darüber, wie leicht es ihr fiel, Situationen wie diese zu meistern, ohne vor Scham im Erdboden zu versinken oder vor Peinlichkeit kein Wort herauszubekommen. Schlagfertig war sie schon immer gewesen, doch mit derben Anmachsprüchen hatte sie als Kriminalbeamtin selten zu tun gehabt. Mit ihrer Uniform, ihrem Polizeiausweis und ihrer Dienstwaffe bekleidet, hatten Männer entweder genug Respekt vor ihr gehabt oder hielten sie für eine Furie, ein keifendes, abartiges Miststück, mit der man absolut keinen Spaß haben konnte. Jetzt hielten sie alle für ein dummes Blondchen ohne eigene Meinung, die nur darauf wartete, von heißen Verehrern erobert und genommen zu werden. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie sich wirklich hineinversetzen in all diese Frauen, die auf der Hamburger Reeperbahn aus den unterschiedlichsten Gründen anschaffen gingen. Trotz der Demütigungen, denen sie täglich ausgesetzt waren, trotz der Abhängigkeit von Freiern und dem eigenen Zuhälter gab ihnen das abartige und unterwürfige Begehren in den Augen der notgeilen Männer eine gewisse Art von Macht, eine Überheblichkeit und Stärke, die sie durchhalten ließ und die sie für ihren eigenen Selbstwert nur zu gut gebrauchen konnten. Wenn man die Sache aus ihrer Sicht betrachtete, waren sie diejenigen, die Macht ausübten und viel stärker waren als all die kleinen Schwächlinge, denen die herrschsüchtige Ehefrau zu Hause oder eigene solide Handarbeit einfach nicht ausreichte.

Zufrieden lächelnd schlenderte Jessica mit ihrem Tablett hinter den Tresen und stellte die leeren Gläser auf die Ablage neben dem Spülbecken. Sie verschaffte sich einen kurzen Überblick über den Gastraum und stellte fest, dass alle ihre Tische gut versorgt waren und nirgends auch nur ein annähernd leeres Glas zu sehen war. Jetzt, um kurz vor Mitternacht wurde es ruhiger in der Kneipe. Ruhig allerdings nicht im eigentlichen Sinne, denn der Geräuschpegel nahm im Laufe des Abends stetig zu, doch die Anzahl der Gäste war jetzt überschaubar, ab 23 Uhr konnte auch kein warmes Essen mehr bestellt werden und die Bedienungen hatten deutlich weniger zu tun. Um diese Uhrzeit saßen die meisten der Gäste auch nicht mehr an den Tischen, sondern direkt an der Theke. Die Arbeit im Thekenbereich erledigte fast ausschließlich Paula, eine junge, vollbusige und rothaarige Frau, die genau wegen dieser körperlichen Attribute vom Chef hier platziert worden war und bei den Kneipengästen hervorragend ankam. Sie plauderte und flirtete mit den Männern am Tresen und Jessica war sich sicher, dass der eine oder andere Gast auch mal mehr Service von ihr geboten bekam als nur einen tiefen Einblick in ihr allzu üppiges Dekolleté. Dennoch hatte sich Jessica von Beginn an ausgezeichnet mit Paula verstanden.

»Hi, Jess. Läuft alles gut?«, fragte die rothaarige Kollegin und begann, die mitgebrachten Gläser zu spülen.

»Alles prima, Paula. Jetzt wird’s ja auch etwas ruhiger.« Jessica ließ sich auf den kleinen Hocker plumpsen, der hinter der Theke stand. Sie wusste, dass Markus Mertens diese offensichtlichen Pausen nicht guthieß, doch da er heute nicht in der Kneipe war, nutzte Jessica die Gelegenheit, kurz ihre Beine auszustrecken und aus ihren Schuhen zu schlüpfen.

»Du, Jess?« Paula drehte sich zu ihr um, setzte ein beinahe sorgenvolles Gesicht auf und hob gleichzeitig fragend ihre Augenbrauen. Sie hatte eine ganz eigene theatralische Art, Dingen, und seien sie noch so unwichtig, durch einen dramatischen Gesichtsausdruck mehr Präsenz zu verleihen.

»Was denn?«

»Kannst du mich nachher mitnehmen? Mein Auto streikt schon wieder. Ich muss die olle Karre morgen wohl wirklich in die Werkstatt bringen.« Ein heftiges Kopfschütteln und ein Griff mit der Hand an ihre Schläfe unterstrichen auch dieses Mal die Dramatik eines Werkstattbesuches und das tragische Schicksal eines autolosen und damit verlorenen Mädchens.

»Klar.« Jessica schlüpfte in ihre Schuhe und stand auf. Es war nicht das erste Mal, dass sie Paula nach Hause brachte, und es war auch nicht gerade auf dem Weg, somit auch kein »Mitnehmen«, sondern eher ein unglaublicher Umweg, doch Jessica machte es gern. Sie liebte das Autofahren, besonders in der Nacht. Es gab ihr die Gelegenheit zum Nachdenken und Ruhe finden. Im Auto konnte Jessica prima entspannen.

Eine Stunde später saß Paula neben Jessica auf dem Beifahrersitz und plapperte fast ununterbrochen. Jessica konnte nach einem Abend in der Kneipe gar nicht verstehen, dass ihre Kollegin immer noch so ein Mitteilungsbedürfnis hatte. Man konnte doch annehmen, sie hätte seit Stunden nichts anderes getan, als zu reden, zu lächeln und zu flirten. Um 1 Uhr Nachts sollte man ruhig sein, die Dunkelheit genießen und nur noch das leise Brummen des Motors hören müssen. Auch das Radio blieb bei Jessica in der Nacht immer aus, obwohl sie sonst geradezu ein Musik-Junkie war, alte und neue Rocksongs liebte und auch in einer Lautstärke hörte, die für ihre Ohren nicht mehr gesund war. Genau aus diesem Grund brauchten ihre Ohren nachts ihre Ruhe.

Genervt schaltete sie in den dritten Gang runter und gab richtig Gas, als sie auf die B 12 fuhr, um nach Wildpoldsried zu kommen. Ihr BMW heulte zufrieden auf und beschleunigte beinahe ohne jeden Widerstand. Jessica lehnte sich entspannt in ihrem Sitz zurück und lächelte selig.

»Guck mal, Jess. Was blinkt denn da?« Verwundert deutete Paula mit dem Zeigefinger in die Dunkelheit vor ihnen, tippte sogar von innen gegen die Windschutzscheibe und schaute dann zu Jessica hinüber.

»Scheiße. Verdammter Mist. Ausgerechnet …!« Jessica trat auf die Bremse und reduzierte ihr Tempo auf ein angemessenes Maß. Die rot leuchtende Polizeikelle etwa 100 Meter vor ihr wies sie trotzdem an, in die Parkbucht einzubiegen und direkt hinter dem dort parkenden Streifenwagen, einem dunklen VW-Bus, anzuhalten.

»Was wollen die denn von uns?«, fragte Paula vorwurfsvoll und starrte wütend auf das Auto der Polizisten, obwohl das nun wirklich nichts für Jessicas überhöhte Geschwindigkeit konnte.

Jessica schaltete den Motor aus und ließ durch einen Knopfdruck die Scheibe auf der Fahrerseite hinunter. Kalte Nachtluft strömte in den warmen Innenraum und Paula schlang fröstelnd die Arme um ihren Körper.

»Einen schönen guten Abend, junge Frau. Sie wissen, warum wir Sie angehalten haben?« Eine ältlich aussehende Polizistin mit einem kantigen Gesicht und tiefen Falten auf der Stirn blickte streng und unerbittlich in den Wagen, schnüffelte dann, verzog angewidert das Gesicht und legte ihre rechte Hand auf ihre Dienstwaffe, die in einem Halfter an ihrem Gürtel hing. »Steigen Sie bitte aus. Haben Sie etwas getrunken?«, fragte sie. Es klang allerdings nicht so, als würde sie eine Antwort erwarten. Es war mehr eine Feststellung. Sie trat einen Schritt zurück und Jessica stieg tief seufzend aus dem Wagen.

»Nerve ich Sie?«, fragte diese Polizistin überheblich lächelnd, ohne ihre Hand von ihrer Dienstwaffe zu nehmen, und Jessica beschloss, sie nicht zu mögen. Eine wirklich unangenehme Person, die glaubte, sie sei etwas Besseres, nur weil sie eine Uniform trug. Solche Menschen waren Jessica zuwider.

»Selbstverständlich nicht, Frau …?« Fragend sah Jessica zu der Polizistin hinüber, die sich jetzt erhobenen Hauptes vor ihr aufbaute.

»Oberwachtmeisterin Schneible«, half sie ihrem Opfer auf die Sprünge und grinste dann wieder breit.

»Oh Mann, entschuldigen Sie«, trällerte Jessica fröhlich. »Da hätte ich Sie doch beinahe falsch angeredet. Ich hatte vermutet, dass Beamte in Ihrem Alter und mit Ihrer Kompetenz bereits Hauptwachtmeister wären. Sie legen sicher großen Wert auf eine korrekte Anrede, Frau Schneible.« Hatte ihre Aussage bis dahin noch nicht Frau Oberwachtmeisterins Nerv getroffen, ließ nun das komplette Weglassen ihres Titels sie beinahe explodieren. Wäre es nicht so dunkel gewesen, dann, da war Jessica sich sicher, hätte sie in ein purpurfarbenes, wütend verzerrtes Polizistinnengesicht geblickt.

»Haben Sie etwas getrunken?«, presste Frau Schneible zwischen fest zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Zuallererst gebe ich Ihnen einmal meinen Führerschein. Sie haben vergessen, danach zu fragen«, belehrte Jessica die Beamtin und konnte nicht umhin, selbst breit zu lächeln, kramte in ihrer Handtasche und zog ihre Geldbörse heraus. »Und nein«, fügte sie hinzu, »ich habe nichts getrunken.«

Sie reichte Frau Oberwachtmeisterin Schneible ihren Führerschein.

»Jetzt belügen Sie mich aber.« Polizistin Schneible war sichtlich um Fassung bemüht. Ihre Stimme bebte leicht, doch sie strengte sich an, ruhig und überheblich zu klingen, und nahm Jessica den Führerschein ab. »Sie riechen bestialisch nach Alkohol. Sie sind voll wie eine Haubitze …«, verkündete sie triumphierend, leuchtete mit der Taschenlampe erst auf die Papiere in ihrer Hand und dann direkt in Jessicas Gesicht. »… Frau Grothe.«

Jessica hob abwehrend die rechte Hand vor ihre Augen, um sich vor der plötzlichen Helligkeit zu schützen, und wollte gerade etwas auf die unberechtigten Vorwürfe erwidern, als Paulas glockenhelle Stimme aus dem Innenraum ihres BMWs nach draußen wehte.

»Liebe Frau Wachtmeisterin«, sang sie fröhlich, »meine gute Freundin Jessica riecht nur so komisch, weil sie sich ein komplett volles Bierglas über ihren Rock geschüttet hat. Und da wir im Anschluss sowieso die Kneipe verlassen haben, hätte sich das Auswaschen auf dem Klo gar nicht mehr gelohnt.«

Frau Oberwachtmeisterin Schneible beugte sich hinunter und blickte durch die geöffnete Fahrertür in den Wageninnenraum und direkt in Paulas tiefen Ausschnitt, die sich weit hinübergebeugt hatte, um von dem Geschehen draußen nichts zu verpassen. Jessica schüttelte seufzend ihren Kopf, verdrehte ihre Augen und flüsterte ein »Na, herzlichen Dank« in die kalte Nachtluft.

Als Polizistin Schneible sich wieder aufrichtete und sich nach einigen Sekunden scheinbar von Paulas Anblick erholt hatte, setzte sie erneut ihr überheblich grinsendes Gesicht auf.

»So, liebe Frau Grothe. Würden Sie mir bitte zum Wagen folgen. Schauen wir doch einmal, ob ich Ihren Führerschein gleich behalten darf.« Sie packte Jessica an der linken Schulter und schob sie vorweg zum Kleinbus und durch die geöffnete Seitentür. Dort wartete ein großer, schlaksiger Polizist an einem kleinen Schreibtisch, nahm den Führerschein an sich und lächelte Jessica freundlich entgegen.

»Frau Grothe, wie ich sehe«, sagte er nach einem Blick auf ihre Papiere. »Nehmen Sie Platz. Wenn Ihnen kalt ist, dann schließen wir die Tür.« Er strich sich beinahe schüchtern eine Haarsträhne seines haselnussbraunen Haares aus der Stirn und griff nach einem Kugelschreiber. »Nehmen wir erst einmal Ihre …«

»Halt«, unterbrach ihn seine resolute Kollegin. »Zuerst einen Alkoholtest. Die hat getrunken«, befahl sie, drehte sich um, ließ den jungen Mann mit Jessica allein und die Seitentür weit offen.

»Ist Ihnen kalt?«, fragte der Polizist erneut und machte Anstalten, sich zu erheben.

»Nein, nein. Kein Problem«, hielt ihn Jessica zurück. »Machen Sie bitte nur schnell diesen Test. Ich bin wirklich froh, wenn ich weiterfahren kann. Es ist schon so schrecklich spät.« Sie schob sich in die Bank ihm gegenüber, legte ihre Hände flach auf den Tisch vor sich und wartete.

Kurze Zeit später, nach Aufnahme ihrer Personalien und der Ermahnung für zu schnelles Fahren, las der junge Polizist das Alkoholkontrollgerät ab, lachte triumphierend und verkündete: »Nullkommanull. Ha, das wird ihr gar nicht gefallen.« Er überreichte ihr den Führerschein und wünschte ihr noch eine gute Heimfahrt, dann entließ er Jessica aus dem Polizeibus, nicht ohne seiner Kollegin mit Handzeichen und fröhlichem Lächeln verständlich zu machen, dass alles in Ordnung sei.

Nur sehr widerwillig ließ Frau Schneible Jessica schließlich weiterfahren.

»So eine blöde Kuh«, schimpfte Paula vom Beifahrersitz und kicherte dann plötzlich hinter vorgehaltener Hand. »Hihi, das passt ja. Scheißbullen …«, betonte sie jede einzelne Silbe des Wortes und wippte dabei langsam mit dem Kopf nach links und rechts. Ihr erhobener Zeigefinger tippte im gleichen Takt in die Luft. »… blöde Kuh. Haha, verstehst du, Jess? Weibliche Polizisten sind natürlich Kühe und keine Bullen. Komisch, oder?« Paula hielt sich den Bauch vor Lachen und krümmte sich in ihrem Sitz nach vorn.

Jessica gab Gas.

Zweimal am gleichen Abend wurde man bestimmt nicht angehalten.

Kapitel 3

»Fantastischer Mohnkuchen, Susi. Herrlich locker und leicht, nicht zu süß. Genau richtig«, lobte Elfriede Grothe ihre jüngere Tochter und hob mit elegant abgespreiztem kleinen Finger ihre Kaffeetasse zum Mund, nahm einen großen Schluck und lächelte begeistert.

»Danke, Mutti«, trällerte Susanne und sah zu ihrer Schwester hinüber, »aber das Lob muss ich an Jess weitergeben. Sie hat den Kuchen gemacht.« Liebevoll legte sie Jessica ihre Hand auf den Unterarm. Die Augen ihrer Mutter schnellten zu ihrer älteren Tochter und sie nickte dieser schließlich wohlwollend zu.

»Ja, ich und Svenja haben gestern gebacken. Aber die Tischdecke, die hat Susi gebügelt. Toll, nicht? Das hätte ich niemals so gut hinbekommen.« Lauthals lachend schlug sie sich mit den Händen auf die Oberschenkel und zwinkerte ihrer kleinen Schwester zu. Jessica wusste, wie sehr es ihrer Mutter zuwider war, am Tisch und vor allem beim Essen, derart laut zu lachen. Schon lautes Sprechen war ihrer Meinung nach nicht schicklich, doch Jessica hatte das nie gestört und auch Susi stimmte jetzt in ihr Lachen mit ein. Ihr Vater Herbert allerdings tupfte sich schnell mit seiner Serviette ein paar imaginäre Kuchenkrümel von seinen Lippen und versteckte so ein viel zu breites Grinsen.

»Schön habt ihr es hier«, sagte er schließlich mit einem Blick in den kleinen Garten hinter der großen Fensterfront im Wohnzimmer. »Der Garten ist aber noch nicht fertig«, entschied er schließlich.

»Wir haben gestern aber schon Blümchen gepflanzt, Opa«, meldete sich jetzt die kleine Svenja zu Wort. Susannes Tochter rutschte vom Esszimmerstuhl, lief zu ihrem Großvater und kletterte auf seinen Schoß. »Jetzt schlafen sie aber noch«, verkündete sie und legte ihm ihre kleinen Ärmchen um den Hals. »Erst im Frühjahr kommen sie heraus …«

»Im Frühjahr oder in Australien …«, warf Jessica ein und sorgte damit wieder für ausgelassene Stimmung.

Über den Besuch ihrer Eltern freuten sich die beiden Schwestern sehr. In Hamburg hatte sich die Familie regelmäßig getroffen und Zeit miteinander verbracht. Seit ihrem Umzug vor gut vier Monaten waren sie nicht mehr zusammengekommen, was bei einer Entfernung von guten 800 Kilometern auch nicht verwunderlich war. Auch Wolfgang hatte von Anfang an zur Familie gehört, war herzlich in ihren engen Kreis mit aufgenommen worden und wurde von ihren Eltern wie ein drittes Kind geliebt. Der Verlust ihres Schwiegersohns hatte auch Elfi und Herbert Grothe schwer getroffen.

Als ehemaliger Kriminalhauptkommissar war Jessicas Vater erschüttert über den Mord an einem Kollegen. Obwohl er seit guten fünf Jahren im Ruhestand war, nahmen ihn solche Schreckensmeldungen nach wie vor unheimlich mit und er wollte über den Stand der Ermittlungen ausführlichst unterrichtet werden. Dass er, genau wie seine Tochter, keinen Hinweis auf den Mörder sehen und finden konnte, nahm ihn beinahe genauso mit wie der eigentliche Verlust seines geliebten Schwiegersohnes. Herbert Grothe war Kriminalbeamter mit Herz und Seele. Seine Beliebtheit im Revier und seine immer professionelle Arbeit machten es Jessica nicht leicht, in seine Fußstapfen zu treten. Dennoch musste sie zugeben, dass wohl vor allem der gute Name und die empfehlenden Worte ihres Vaters ihren eigenen raschen Karriereaufstieg gefördert hatten. Mit 29 Jahren bereits zur leitenden Hauptkommissarin ernannt zu werden, war selten und ungewöhnlich. Nicht wenige ihrer Kollegen beneideten sie damals, doch sie strafte alle Zweifler Lügen, indem sie genau wie ihr Vater sauber, präzise und erfolgreich arbeitete.

Ihr Vater hatte ihren Ausstieg aus dem Polizeidienst nicht gutgeheißen. Für ihn war ihre Aufgabe ein Zeichen von Schwäche und entsprach in keiner Weise seinem persönlichen Lebensmotto. Jessicas Vater war der Meinung, dass nur sehr wenige Menschen tief in ihrer Seele so gut waren, dass sie sich in ihrem Leben nicht anstrengen mussten, um auf dem rechten Weg zu bleiben. Die meisten Menschen hatten dunkle Flecken auf der Seele und mussten sich tagaus, tagein bemühen, ihre schlechte Seite zu unterdrücken, um wirklich gut zu bleiben.

Und Jessica hatte mit ihrem Ausstieg aus dem Polizeidienst einen Schritt in die falsche Richtung getan. Sie sah an den enttäuschten Augen ihres Vaters und seinem durchdringenden Blick, dass sie seiner Meinung nach den größten Fehler ihres Lebens gemacht hatte. Doch gesagt hatte er nie etwas. Rein äußerlich hatte er ohne Murren ihre Fehlentscheidung scheinbar respektiert.

»Guck mal, Opa«, plapperte Svenja weiter, die ihren Großvater durch die Terrassentür in den kleinen Garten gezogen hatte und jetzt mit ihm vor dem dunklen und leeren Beet am Gartenzaun stand, »hier schlafen die kleinen Tulpen.« Dann sah sie ihren Opa mit großen runden Kinderaugen an und lächelte ihm entgegen. »Und da hinten soll die Sandkiste für mich und Tobi stehen.« Sie deutete mit ihrem kleinen Zeigefinger an den Rand der gefliesten Terrasse und erinnerte ihren Opa an das Versprechen, das er ihr noch in Hamburg gegeben hatte.

Herbert Grothe brach in schallendes Gelächter aus. »Das hast du also nicht vergessen!«, polterte er, hob seine Enkeltochter hoch in die Luft und drückte sie dann fest an sich. »Gleich morgen gehen wir in den Baumarkt und kaufen dir und deinem Bruder die versprochene Sandkiste. Ihr müsst mir aber helfen, sie aufzubauen, okay?«

»Klar, Opa. Das machen wir.«

Klaus Vollmer verließ als einer der letzten den Baumarkt, in dem er seit mehreren Jahren arbeitete. Er zog seinen alten Lederblouson fest um seinen Körper und schloss die Druckknöpfe über seiner Brust. Der Reißverschluss war seit Langem schon kaputt, doch er hatte weder das Geld für eine Reparatur noch konnte er sich eine neue Jacke leisten. Zu Hause warteten drei kleine Kinder und eine Ehefrau, die selbst kein Geld verdiente. Sein Ältester war letzte Woche gerade vier Jahre alt geworden und alle drei Kinder brauchten noch intensive Betreuung und kosteten jede Menge.

Doch bald würde es ihnen allen besser gehen.

Noch immer fröstelnd, stapfte Klaus Vollmer über den leeren Parkplatz zu seinem alten Ford, der am äußersten Rand parkte und das einzige Auto in diesem Bereich des großen Platzes war. Er zog seine Zigaretten aus der Jackentasche, ein Feuerzeug aus der Gesäßtasche seiner dreckigen Jeans und blieb kurz stehen, um sich eine Zigarette anzuzünden. Trotz der Flutlichtbeleuchtung war der Parkplatz um diese Uhrzeit bereits recht dunkel und umso weiter er sich vom Gebäude weg bewegte, umso schummriger wurde die Umgebung. Er parkte immer ganz am Rand und in dieser abgeschiedenen Ecke. Niemand sollte zu aufmerksam werden auf seine alte Rostlaube, die wirklich schon bessere Tage gesehen hatte, ihm aber treu und ohne Murren auch in ihrem hohen Alter noch ihren Dienst erwies. Doch bald würde er sich ein besseres Auto zulegen können. In der einen Hand seine brennende Zigarette, in der anderen seinen Autoschlüssel, ging er weiter auf den Ford zu. Er freute sich auf sein Zuhause, auf sein Sofa, das kalte Feierabendbier und das Abendessen.

Dann bemerkte er neben der Fahrertür seines Autos die dunkle Gestalt. Wie lange stand sie schon dort?

»Hallo? Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Klaus Vollmer ohne jeglichen Argwohn und hob zusätzlich grüßend die Hand mit dem Schlüsselbund.

»Ja, das können Sie tatsächlich«, begrüßte ihn die Person an seinem Auto und hob ebenfalls zum Gruß die Hand. Die Stimme klang hohl, etwas arrogant und passte überhaupt nicht zu diesem Menschen. Sie war beinahe furchteinflößend. Bei diesen Gedanken schüttelte Klaus Vollmer lächelnd den Kopf. Natürlich würde ihm hier nichts passieren. Niemand hatte einen Grund, ihm etwas zu tun. Er sah nicht aus, als hätte er Geld und seine alte Karre war noch weniger wert als seine kaputte Jacke. Trotzdem blieb er erschrocken wie versteinert einige Meter vom Auto entfernt stehen, als er diesen Menschen eiskalt und verbittert lachen hörte.

»Ja, Sie können mir tatsächlich behilflich sein, lieber Herr Vollmer«, wiederholte die Person dieses Mal flüsternd, doch nicht, um die Nachtruhe nicht zu stören, sondern um der eigenen Stimme Dramatik und eine unterschwellige Drohung zu verleihen. Beinahe theatralisch hob die dunkle Gestalt beide Hände gen Himmel und seufzte.

Klaus Vollmer kroch die Angst fröstelnd und unaufhaltsam über seinen Rücken, seinen Nacken und direkt in sein Gehirn. Dieser Mensch, der ihm gegenüberstand, war durch und durch böse. Er konnte die Augen nicht erkennen, denn sie lagen im Schatten eines dunklen Hutes, doch der etwas schief zu einem hämischen Grinsen verzogene Mund flößte ihm Panik ein.

»Was … wie kann ich Ihnen helfen?« Er wählte die Worte mit Bedacht und hoffte, er könne mit Ruhe und Selbstbeherrschung nicht nur seine Furcht bekämpfen, sondern auch die Situation zu seinen Gunsten ändern. »Ich habe absolut nichts, was Sie interessieren könnte«, fügte er hinzu und bereute sogleich seine Aussage, denn sein Gegenüber lachte erneut, dieses Mal beinahe belustigt, doch eiskalt.

»Oh doch, Herr Vollmer. Sie haben etwas, das mir gehört, und ich lasse mir nichts wegnehmen«, sagte die Stimme ruhig und bedächtig. »Niemals würde ich so etwas zulassen. Sie sind mir im Weg, Herr Vollmer. Sie … müssen weg!«

Als Klaus Vollmer sich auf dem Absatz umdrehte und zu rennen begann, wusste er im ersten Moment noch nicht, warum er so reagierte. Sein Verstand versuchte krampfhaft, ihm Gründe für diese merkwürdige Begegnung zu geben, doch ihm fiel absolut nichts ein, das ihm derartige Reaktionen verständlich machen konnte. Seine Flucht war eine absolut instinktive Handlung und auch diese Reaktion vermochte er nicht zu deuten. Bereits wenige Schritte später hallte die hämische Lache seines Angreifers erneut in sein Ohr und würde ihn verfolgen, bis er wieder nahe genug am Gebäude des Baumarktes und damit in Sicherheit und im Licht war. Schall war schneller, als er jemals würde laufen können, doch auch dieser gottverlassenen Stimme versuchte er zu entkommen und rannte jetzt noch schneller. Dann plötzlich dröhnte die Luft um ihn herum donnernd und brüllend und übertönte alles andere. Alle Lichter um ihn herum erloschen schlagartig und er hatte plötzlich das Gefühl zu fliegen, abzuheben und endlich frei von jeder Angst zu sein. Danke, er war gerettet.

Trotz der zwei Personen mehr im Haus verliefen die nächsten Tage ruhig und entspannt. Das lag vor allem daran, dass Susanne ihre Eltern, so oft es nur ging, zu Ausflügen mit den Kindern überredete und die Nachmittage deshalb immer still und friedlich waren. Jessica verbrachte diese freien Momente meist auf dem Sofa vor dem Fernseher. Im Gegensatz zu ihrer Schwester hatte sie für den Besuch ihrer Eltern keinen Urlaub genommen. Sie war noch in der Probezeit und durfte um freie Tage noch nicht bitten, wenn sie ihren Job behalten wollte.

Heute verbrachte die Groth’sche Familie den Nachmittag im Augsburger Zoo. Alle fünf waren, gleich nachdem Svenja aus der Schule kam, losgefahren und würden vermutlich erst gegen Abend wieder in Kempten sein. Jessicas Schicht begann bereits um 19 Uhr und sie glaubte nicht, dass sie ihre Schwester und den Rest heute noch sehen würde. Sie liebte ihre Nichte und ihren Neffen sehr, doch es war ausnahmsweise auch einmal schön, keine kleinen Kinder um sich herumwuseln zu haben. Solche Momente waren selten genug, also genoss Jessica die vermutlich letzten warmen Sonnenstrahlen des Oktobers, warm eingepackt in eine Wolldecke, auf einem Liegestuhl auf der winzigen Terrasse. Ihr Vater hatte am Samstag im Baumarkt nicht nur die Sandkiste für seine Enkelkinder gekauft, sondern seinen beiden Töchtern zum Einzug gleich noch zwei teure Holzliegen spendiert, zwei wunderbare Teile ganz ausgezeichneter Qualität. Wenn Herbert Grothe etwas kaufte, dann musste es gut sein und sehr lange halten. Jedenfalls war Jessica mehr als dankbar für dieses herrliche Geschenk. Wenn es nach ihr ginge, würde sie jede freie Minute im Freien verbringen, egal in welcher Jahreszeit und bei welchem Wetter.

Gerade hatte sie sich eine Tasse heißen Kakao aus der Küche geholt, ihn auf das kleine Tischchen gestellt, das eigentlich neben das Sofa im Wohnzimmer gehörte, und sich wieder auf die Liege gelegt, als es an der Tür läutete. Genervt warf sie die Wolldecke beiseite, erhob sich erneut von der Liege und betrat das Wohnzimmer durch die Terrassentür. Dann ging sie am Esstisch vorbei und schritt durch den kleinen Flur. Vor der mattierten Glasscheibe der Haustür konnte sie zwei dunkle Umrisse erkennen. Vermutlich waren das irgendwelche unangenehmen Vertreter von Staubsaugern oder merkwürdigen Glaubensformen, die ihr gleich mit Dreck auf dem Fußboden oder Blödsinn aus den verdrehten Gehirnen auf die Nerven gehen würden. Solchen Leuten musste man sofort zeigen, dass sie nicht willkommen waren. Also setzte Jessica eine betont ärgerliche Miene auf und öffnete die Tür.

»Da stehen zwei Namen an der Tür, Chef«, stellte der junge Beamte fest, als er die Haustür noch vor seinem Vorgesetzten erreichte und den Klingelknopf betätigte. Er verschränkte die Arme hinter seinem Rücken und baute sich neben dem Briefkasten auf. Hätte er nicht so zappelig und nervös sein Gewicht immer wieder von dem einen auf den anderen Fuß verlagert, dann wäre seine Körperhaltung beinahe majestätisch gewesen. Kommissar Berthold Willig war groß und schlaksig, überragte seinen Kollegen um einen ganzen Kopf und machte seinem Namen alle Ehre. Er war willig bemüht, aber bisher konnte Hauptkommissar Florian Forster noch keine außergewöhnlichen Talente an seinem Untergebenen feststellen. Er schien loyal und ehrlich zu sein, aber auch tollpatschig und scheinbar wenig intelligent. Florian Forster war es ein Rätsel, warum der Junge unbedingt zur Kriminalpolizei wollte, doch er behielt seine Meinung für sich.

»Hauptsache ist, der Name ›Reuter‹ steht auf dem Klingelschild«, sagte er sarkastisch. »Sonst stehen wir vorm falschen Haus!«

»Ja«, bestätigte Berthold Willig und beugte seinen Oberkörper weit hinab, um das Schild neben der Tür noch einmal ganz aus der Nähe zu betrachten, nickte dann und wiederholte seine Aussage. »Ja, Chef. Wir sind richtig. Hier wohnt aber auch noch ein Herr oder eine Frau Grothe.«

»Nicht ›Chef‹, Berthold. Wir hatten uns doch geeinigt, uns zu duzen.« Hauptkommissar Forster setzte ein charmantes Lächeln auf und sah zu seinem Kollegen auf. Auch daran würde er sich gewöhnen müssen. Sein vorheriger Kollege und Partner war mit ihm wenigstens auf Augenhöhe. Dabei war er selbst nicht einmal klein. Mit seinen eins neunundachtzig überragte er einige seiner Kollegen, seinen neuen Partner schätzte er auf zwei Meter zehn.

Die Haustür vor ihm wurde mit Schwung aufgerissen und Berthold Willig zuckte erschrocken zusammen. Die Dame, die sich im Eingang vor ihnen aufbaute, starrte sie beinahe böse an und presste ihre Lippen fest aufeinander. Als sie jedoch die Uniformen bemerkte, veränderte sich ihr Gesichtsausdruck merklich und wirkte jetzt überrascht.

»Ja?«, fragte sie und zog eine Augenbraue nach oben, hielt aber nach wie vor die Tür fest und ließ keinen Blick in die Wohnung zu.

Gerade als Hauptkommissar Florian Forster den Mund öffnete, um sich vorzustellen, fiel ihm sein Kollege Willig ins nicht ausgesprochene Wort.

»Guten Tag, verehrte Frau Reuter. Wir sind von der Polizei. Kriminalpolizei Kempten. Hier.« Er zog seinen Dienstausweis hervor und hielt ihn der Dame so dicht vors Gesicht, dass diese einen Schritt zurückwich und wieder ärgerlich schaute. »Mein Name ist Kommissar Willig und das hier ist mein Kollege …«

»Hauptkommissar Forster«, meldete sich jetzt der leitende Kommissar selbst zu Wort. »Dürfen wir kurz reinkommen, Frau Reuter? Wir hätten da einige Fragen an Sie.« Ohne eine Antwort abzuwarten, trat er auf die Tür zu und die Dame ließ ihn widerstandslos passieren. Berthold Willig folgte ihm auf dem Fuße.

»Schön, dass Sie den Weg in unser Haus so problemlos alleine finden, Herr Hauptkommissar«, hörte Florian Forster die Dame kühl und leicht überheblich sagen, als er den Flur hinter sich gelassen hatte und jetzt im Wohnzimmer stehen blieb. »Mein Name ist übrigens Grothe. Meine Schwester, Frau Reuter, ist nicht im Hause. Vielleicht kann ich Ihnen weiterhelfen?«

Ihr letzter Satz war nicht wirklich eine Frage, sondern eine Aufforderung, ihr zu erklären, aus welchem Grund sie überhaupt da waren. Hauptkommissar Forster lächelte zaghaft, setzte dann wieder sein charmantes Grinsen auf und drehte sich zu Frau Grothe um.

»Vermutlich können auch Sie uns die nötigen Auskünfte geben«, teilte er ihr mit und nahm unaufgefordert Platz auf einem der Stühle am Esstisch im Wohnzimmer. Etwas verlegen stellte sich Berthold Willig neben ihn.

»Nehmen Sie doch bitte Platz, meine Herren.« Sarkasmus schwang in ihrer Stimme mit und beinahe theatralisch deutete sie auf zwei Stühle gegenüber von Florian Forster. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Tee? Kaffee? Ein Glas Wasser?« Fragend hob sie die Augenbrauen, doch in ihrem Blick sah Hauptkommissar Forster Argwohn und Misstrauen.

»Gern. Zwei Glas Wasser, bitte«, bestellte der Beamte, zog demonstrativ den Stuhl neben sich unter dem Tisch hervor und deutete seinem Kollegen an, sich zu setzen.

Wütend stampfte Jessica in die Küche, riss den Vitrinenschrank über der Kaffeemaschine auf und holte zwei Gläser heraus. Dann griff sie nach der Wasserflasche neben dem Kühlschrank und transportierte alles zurück an den Esszimmertisch. Höflich lächelnd platzierte sie die Gläser und die Flasche vor den beiden Beamten. Dann setzte sie sich selbst den Beamten gegenüber.

»Und was verschafft mir jetzt die Ehre Ihres plötzlichen Besuches? Habe ich falsch geparkt?«, fragte sie süffisant lächelnd, doch konnte sie ihren Ärger trotz allem nicht gänzlich unterdrücken.

Hauptkommissar Forster ließ sich sehr viel Zeit, griff beinahe im Zeitlupentempo nach der Flasche und schenkte sich und seinem Kollegen ein. Dann sah er Jessica lange und durchdringend an, doch Jessica hielt seinem Blick stand.

»Neigen Sie denn dazu, falsch zu parken?«, fragte er schließlich belustigt und nahm einen großen Schluck aus dem Glas, ohne Jessica aus den Augen zu lassen.

Jessica sparte sich die Antwort.

»Warum sind Sie also hier, Herr Hauptkommissar?« Sie lehnte sich lässig auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Es geht um den Mord auf dem Parkplatz des Baumarktes am letzten Samstag«, erklärte der Beamte und verfiel plötzlich in einen sachlichen, professionellen Verhörton. »Sie haben sicher davon gehört?« Als Jessica nickte, zog er ein kleines Notizbuch aus seiner Brusttasche, schlug es auf und fuhr fort.

»Der Ermordete hieß Klaus Vollmer. Sagt Ihnen der Name etwas? Kennen Sie ihn?« Florian Forster schaute jetzt wieder von seinen Notizen auf und starrte Jessica unverwandt an.

»Nein, tut mir leid«, gab sie kopfschüttelnd zur Antwort. »Aber würden Sie mir bitte erklären, warum Sie ausgerechnet mich dazu befragen?« Dann fiel ihr ein, dass die Beamten ursprünglich nach Susanne gefragt hatten, und sie fügte hinzu: »Und was wollen Sie diesbezüglich von meiner Schwester? Wir haben den Mann schließlich nicht umgebracht.« Wieder schüttelte sie den Kopf, doch dieses Mal mehr aus Fassungslosigkeit.

»Davon gehen wir auch gar nicht aus«, wehrte Hauptkommissar Forster ab und hob beruhigend die rechte Hand. Es sah beinahe so aus, als würde er Jessica auffordern, stehen zu bleiben und nicht näher zu kommen.

»Und? Was wollen Sie dann hier? Haben Sie festgestellt, dass wir an diesem Tag in genau diesem Baumarkt eingekauft haben, und überprüfen Sie jetzt alle Kunden?« Wieder schwang Sarkasmus in ihrer Stimme mit und sie konnte es nicht verhindern. Sie war wütend und verstand die Zusammenhänge nicht. Was hatte das alles hier mit professioneller Polizeiarbeit zu tun?

»Das ist ja interessant«, stellte Herr Forster sachlich fest, doch konnte Jessica den Schalk in den Augen des Beamten aufblitzen sehen. »Sie geben also freiwillig zu, dass Sie am Tatort waren.« Noch bevor Jessica wütend aufbrausen konnte, winkte er erneut ab, verwies sie mit seiner erhobenen Hand in ihre Schranken und grinste breit und überheblich.

»Keine Panik, Frau Grothe. Das war nur ein Scherz«, erklärte er und schaute wieder in das kleine lederne Notizbuch. »Sagen Ihnen die Buchstaben ›LLFS‹ etwas, Frau Grothe?«

Jessica seufzte tief und eindeutig genervt. »Nein«, blaffte sie den Beamten wütend an. »Und ich möchte jetzt auf der Stelle wissen, was Sie von mir … was Sie von meiner Schwester wollen.« Um die Nachdrücklichkeit ihrer Worte zu unterstreichen, presste sie die Spitze ihres Zeigefingers auf die Tischplatte und den Mund fest zusammen.

»Wir haben festgestellt«, begann der Hauptkommissar schließlich, »dass es eine Verbindung des Opfers zu Ihnen und Ihrer Schwester gibt. Diesem Sachverhalt gehen wir nach. Was würden Sie also hinter den Buchstaben …«, er beugte sich wieder über sein Notizbuch und las ab, »›LLFS‹ vermuten?«

»Keine Ahnung, vielleicht eine Partydroge, vielleicht eine Abkürzung für … für … Lothar Lommel Fahr-Schule? Woher soll ich das denn wissen? Ich dachte, dafür würde man Sie bezahlen?«

»Deshalb sitze ich hier. Wir haben diese ›Abkürzung‹, oder was immer es ist, neben der Telefonnummer Ihrer Schwester gefunden. Sie war im Handy des Opfers gespeichert. Und die internen Ermittlungen haben ergeben, dass mehrmals Gespräche von diesem Handy an eben diese Nummer geführt wurden«, erklärte Florian Forster, legte sein Notizbuch auf den Esstisch und schob es zu Jessica hinüber. »Ist das die Telefonnummer Ihrer Schwester?«

Jessica schaute auf die etwas krakeligen Aufzeichnungen und fand schließlich die besagte Telefonnummer. Ungläubig schaute sie auf die zehn Ziffern. Dann nickte sie zögernd.

»Ja«, bestätigte sie schließlich. »Diese Telefonnummer gehörte zu dem Anschluss Wolfgang und Susanne Reuter in Hamburg. Und auch ich war unter dieser Nummer gemeldet, denn ich habe im selben Haus gewohnt.« Sie machte eine Pause und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Der Hauptkommissar unterbrach sie nicht.

»Wieso hatte das Mordopfer unsere Nummer in seinem Handy gespeichert? Und was bedeuten die Buchstaben vor der Telefonnummer? Wenn er diese Nummer benutzt hat, dann müssten wir diese Person doch kennen. Hat er schon immer in Kempten gewohnt? War er einmal in Hamburg zu Besuch? Wo hat er gearbeitet?« Jessica fühlte sich plötzlich ganz in ihrem Element. Der Fall interessierte sie brennend und sie wollte Antworten auf all diese Fragen, wollte die Verbindung verstehen, die angeblich zwischen ihrer Familie und dem Opfer bestand.

»Führen Sie jetzt die Ermittlungen, Frau Grothe?«, fragte der Hauptkommissar belustigt, schnappte sich sein Notizbuch vom Tisch und verstaute es in seiner Jacke. »Das überlassen Sie mal lieber den Profis.«

Jessicas Handy klingelte und verhinderte somit die abfällige Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag. Sie entschuldigte sich, stand auf und lief in den Flur zu ihrem Mantel, in dem ihr Handy steckte.

»Hallo?«, meldete sie sich ganz neutral, denn auf dem Display erschien keine Nummer. Der Anrufer war ihr also vermutlich nicht bekannt, und Jessica wollte unbekannten Anrufern nicht auch gleich ihren Namen verraten.

»Ich bin’s.« Eine Männerstimme meldete sich leise aus dem Telefon. Im Hintergrund rauschte es laut.

»Wer ist ›ich bin’s‹?«, fragte Jessica und spürte bereits wieder, wie Wut in ihr aufkochte. Dieser Tag, der eigentlich ruhig und besinnlich sein sollte, hatte eine Wendung genommen, die ihr gar nicht gefiel. Und weil sie nichts an ihrer Situation bessern konnte, war sie einfach nur genervt und ungnädig.

»Martin Hansen«, gab der Mann an und Jessica erkannte ihn sofort. »Hallo, Jess. Du wunderst dich sicher, dass ich anrufe.«

Der beste Freund ihres verstorbenen Schwagers Wolfgang war immer ein gern gesehener Gast auf jeder Familienfeier, jeder Party und jedem Sofa-Fernsehguck-Wochen­ende gewesen. Er gehörte beinahe schon zum Inventar der Wohnung. Doch seit dem Tod von Wolfgang hatte er sich nicht mehr bei den beiden Schwestern gemeldet. Bei der Beerdigung hatten sie ihn das letzte Mal gesehen. Jessica verstand damals sogar die Distanz, die er aufbaute. Martin Hansen fühlte sich genauso schuldig am Tod seines Freundes wie auch Jessica sich schuldig fühlte, den Mord nicht aufklären zu können. Außerdem war er schließlich hauptsächlich Wolfgangs Freund gewesen und nicht ihrer oder der ihrer Schwester. Doch warum meldete er sich ausgerechnet jetzt?

»Martin? Das ist aber jetzt eine Überraschung«, staunte sie deshalb wirklich überrascht. »Was gibt es? Wie geht es dir denn? Du hast dich lange nicht gemeldet.« Doch es war kein Vorwurf in ihren Worten. Sie freute sich wirklich, seine Stimme zu hören.

»Stimmt. Tut mir auch leid«, stammelte er und seine leise Stimme übertönte kaum das laute Rauschen im Hintergrund.

»Sitzt du im Auto?«, fragte Jessica, schaute sich dann aber beinahe ertappt zu den beiden Beamten um, die immer noch an ihrem Esstisch saßen.

»Nee … ja, schon. Aber ich stehe auf einem Rastplatz an der Autobahn. Ganz schön laut hier«, bestätigte Martin, der ihre Frage richtig gedeutet hatte.

»Ach, du stehst auf dem Rastplatz«, wiederholte Jessica betont laut und deutlich und grinste dann in Richtung Wohnzimmer. Hauptkommissar Forster grinste zurück, Kommissar Willig nickte anerkennend.

»Ja«, sagte Martin Hansen und sprach seinerseits jetzt auch etwas lauter. Er vermutete wohl eine schlechte Verbindung, weil Jessica beim Sprechen beinahe schrie. »Ich bin auf dem Weg nach Kempten … also eigentlich nach Österreich. Ähm, ich dachte, wir könnten uns sehen und ich mache hier einfach eine Nacht Pause.«

»Suchst du einen Platz zum Schlafen? Du weißt, du bist bei uns jederzeit willkommen«, verkündete Jessica fröhlich und freute sich bereits jetzt auf ein Wiedersehen mit Martin.

»Nee, danke«, gab ihr ehemaliger Kollege zurück. »Ich hab mich schon um eine Pension bemüht. Danke trotzdem für dein Angebot. Hast du heute Abend Zeit?«

Verwundert starrte Jessica auf den großen Garderobenspiegel im Flur. Dieser Besuch war also geplant und keine spontane Entscheidung, wie sie erst vermutet hatte. Doch vorerst würde sie sich auf ein Treffen einlassen. Martin würde schon mit der Sprache rausrücken, wenn sie ihm erst einmal gegenübersaß.

»Komm heute Abend doch in den ›Feuertempel‹ in der Innenstadt. Ich arbeite dort, finde aber sicher ein paar Minuten, um mit dir zu quatschen. Im Anschluss können wir dann ja noch woanders hingehen, wenn du magst«, schlug sie vor, beendete dann nach wenigen weiteren Sätzen das Gespräch und ging zurück zu den beiden Beamten an ihrem Esstisch.

»Vielleicht war dieser Herr Vollmer, der Ermordete, ein Bekannter meines verstorbenen Schwagers«, sinnierte Jessica nachdenklich und ließ sich auf ihrem alten Platz am Esstisch nieder. Die Sache war äußerst mysteriös und warf so viele Fragen auf. »Wie viele Gespräche wurden denn mit der Hamburger Nummer geführt? Und vor allem … wann und wie lange wurde telefoniert?« Fragend sah Jessica erst Herrn Forster, dann Herrn Willig an.

»Meine liebe Frau Grothe«, erklärte Hauptkommissar Forster mit einem weisen und überheblichen Lächeln auf seinen Lippen. »Sie können sicher ganz wunderbar Bestellungen aufnehmen und ganz ausgezeichnet bedienen«, sagte er arrogant. »Mein Kollege und ich konnten uns von letzterem höchst persönlich überzeugen. Doch bitte, versuchen Sie nicht, sich Gedanken über etwas zu machen, von dem Sie überhaupt keine Ahnung haben.« Der Beamte erhob sich gemächlich vom Stuhl und sein Kollege Willig tat es ihm eifrig und ein wenig hektisch gleich.

»Machen Sie Ihre Arbeit und wir unsere, okay?«

Jessicas Blicke waren unerbittlich und wütend, doch sie schwieg und blieb sitzen.

»Ich erwarte Ihre Schwester morgen um 10 Uhr auf der Wache«, bestimmte der Hauptkommissar ernst und Jessica vermutete, dass er selten keinen Erfolg mit diesen Befehlen hatte. Er wirkte in diesem Moment respekteinflößend und stark. »Ich werde auch Frau Reuter zu der Telefonnummer befragen müssen. »Als Jessica immer noch keine Reaktion zeigte, lächelte Florian Forster wieder überheblich.

»Ich finde auch allein hinaus, bleiben Sie ruhig sitzen, Frau Grothe. Vielen Dank für Ihre Mühen und das Gespräch.«

Mit diesen Worten verschwand er durch die Haustür, ohne sich noch einmal umzudrehen, und nahm seinen Kollegen mit, der wie sein Schatten an ihm klebte.

Kapitel 4

Die kühle Oktoberluft und der leichte Nebel, der über den Wiesen aufstieg, tauchte die Landschaft in eine beruhigende Herbstidylle. Jessica Grothe lief entspannt, doch mit großen kräftigen Schritten am Ufer des Bachtelweihers entlang und genoss die Ruhe ebenso wie den leichten Nieselregen, der ihr ins Gesicht wehte und ihre aufgeheizte Haut etwas abkühlte. Beim Joggen im Freien konnte sie am allerbesten nachdenken. Das war schon immer so. Noch als Schülerin hatte sie mit diesem Sport begonnen und besonders vor schwierigen Klassenarbeiten hatte ihr die Muskelanstrengung und die frische Luft Entspannung und Energie gebracht. Nach dem ereignisreichen gestrigen Tag und dem Treffen mit Martin in der Kneipe konnte sie in der Nacht kaum schlafen, also hatte sie sich gleich, als es draußen wieder hell wurde, ihre Laufschuhe übergezogen und hatte das Haus noch vor den Kindern, und noch bevor ihre Eltern wach wurden, verlassen. Jetzt lief sie bereits seit eineinhalb Stunden und war auf dem Heimweg.

Es war schön gewesen, ihren ehemaligen Hamburger Kollegen Martin Hansen wiederzusehen. Er war auf der Durchreise nach Österreich gewesen, wo er seinen Urlaub bei den Schwiegereltern seiner Arbeitskollegin Renate verbringen wollte, und hatte sich kurzfristig entschieden, Jessica zu besuchen. Es fiel ihm anfangs unheimlich schwer, sein schlechtes Gewissen zu verbergen, und Jessica wusste nur zu genau, wie er sich fühlte. Auch sie hatte nach Wolfgangs Tod in Hamburg alle Kontakte abgebrochen und selbst gute Freunde nicht mehr an sich herangelassen. Jeder, der Wolfgang näher gekannt hatte, trug sein Päckchen und musste sehen, wie er mit diesem Verlust klarkam und ohne Wolfgang weiterleben konnte. Martin hatte Jessica berichtet, dass es nach wie vor noch keine weiteren wichtigen Erkenntnisse im Mordfall Reuter gab und die Ermittlungen immer träger verliefen. Die Polizei konzentrierte sich wieder mehr auf aktuelle Kriminalfälle und Wolfgangs Fall würde wohl als ungelöst in die Geschichte eingehen und in den unzähligen Akten im Keller der Dienststelle verschwinden.

Wie von allein liefen Jessicas Beine, und das dumpfe Trampeln ihrer Füße auf dem befestigten Schotterweg, der um den See herumführte, war neben dem leichten Sausen des Windes das einzige Geräusch um sie herum. Gleich würde sie wieder ein Stück an der Straße entlanglaufen müssen, dann ein kurzes Stück durch ein Wohngebiet und in weniger als 10 Minuten würde sie wieder zu Hause sein.

Der Besuch der zwei Beamten vom Vortag war ein weiteres Mysterium, mit dem sich Jessica während ihrer Joggingrunde beschäftigte. Nach wie vor war es ihr ein absolutes Rätsel, warum dieser ihr völlig unbekannte Mann, der so kaltblütig am letzten Samstag auf dem Baumarktparkplatz erschossen wurde, ausgerechnet ihre Hamburger Telefonnummer in seinem Handy gespeichert hatte. In der Montagsausgabe der Regionalzeitung war sogar ein Foto von diesem Herrn Vollmer abgebildet worden. Dieser Mensch war Jessica gänzlich unbekannt. Vielleicht konnte ihre Schwester heute auf dem Revier Licht in das Dunkel bringen. Vielleicht war es auch nur ein dummer Zufall. Auch die Telefonverbindungen in Wolfgangs Handy und die seines Festnetzanschlusses waren im letzten Jahr überprüft worden. Jessica musste, obwohl es ihr gänzlich widerstrebte, auch kurzzeitig wegen eventuellen Korruptionsverdachts ermitteln, doch wie Jessica bereits vermutete, bestätigte sich dieser Verdacht nicht. Ihr Schwager hatte absolut keine ungewöhnlichen Verbindungen aufrechterhalten. Auch Anrufe nach Süddeutschland hatte er in den letzten zwei Jahren seines Lebens nicht geführt. Die Beamten, die speziell für die Überprüfung der Telefondaten abgestellt worden waren, hatten keine derartigen Unregelmäßigkeiten oder unerklärlichen Fernverbindungen festgestellt. Hauptwachtmeister Reuter blieb auch nach seinem Tod ein angesehener und korrekter Beamter, der niemandem etwas schuldig geblieben war.

Wenige Minuten später joggte Jessica über die kleine Rasenfläche vor dem Endreihenhaus, bog um den großen Lorbeerbusch und verlangsamte ihr Tempo erst kurz vor der Kelleraußentreppe. Sie stieg die Stufen hinunter, schloss die schwere Metalltür auf und trat in den Kellergang und in das rechts angrenzende Badezimmer.

Als sie um Punkt 10 Uhr frisch geduscht und dick eingepackt in ihren alten grünen Frotteebademantel das Wohnzimmer betrat, traf sie nur auf ihren Vater. Er saß auf dem beigen Ledersofa, die Beine lässig übereinandergeschlagen und Kopf und Oberkörper hinter einer Zeitung verborgen.

»Guten Morgen, Jessica«, dröhnte sein tiefer Bass hinter der Tageszeitung hervor. »Dein Frühstück steht noch auf dem Tisch. Warst du Laufen?« Er klappte umständlich die viel zu große Zeitung zusammen und kam herüber, um sich gemeinsam mit seiner Tochter an den Esstisch zu setzen.

»Guten Morgen, Paps.« Jessica gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. »Laufen beruhigt mich«, sagte sie nur, setzte sich und griff nach der Thermoskanne mit dem heißen Wasser. »Möchtest du auch noch einen Tee?«

»Gern.« Ohne Jessica aus den Augen zu lassen, schob er ihr eine leere Tasse entgegen und stützte dann seine Ellenbogen auf den Tisch und sein Gesicht in seine Hände. »Deine Mutter ist mit deiner Schwester zu diesem Hauptkommissar Forster gefahren, um ihre Aussage zu machen. Sie gehen im Anschluss noch durch die Stadt ein wenig Bummeln«, erklärte Herbert Grothe seiner Tochter, als diese sich fragend im Wohnzimmer umsah. Jessica lächelte. Ihr Vater hatte die erschreckend fantastische Gabe, Gedanken zu lesen. Zumindest hatte man als sein Gesprächspartner oft dieses Gefühl. Dabei besaß er einzig und allein eine ausgezeichnete Menschenkenntnis und das Talent, Gesten richtig zu deuten.

»Worum geht es denn eigentlich?«, fragte er schließlich, griff nach dem kleinen silbernen Löffel neben seiner Tasse und rührte fast gedankenverloren in dem heißen Teewasser herum. Der Faden des Teebeutels in seiner Tasse wickelte sich dabei immer mehr um den kreisenden Löffel, doch Herbert Grothe störte sich nicht daran.

Jessica berichtete ausführlich von den wenigen Erkenntnissen zu dem Baumarktmord, als würde sie wie in alten Zeiten einen eigenen Fall mit ihrem Vater besprechen und auf seinen Rat oder eine zündende Idee hoffen. Doch mit ihren schwammigen und ungenauen Angaben konnte auch der Hauptkommissar A. D. nichts anfangen.

»Scheint ein interessanter Fall zu sein«, grübelte Jessicas Vater mehr für sich. »Und wenn die Beamten solchen Kleinsthinweisen wie Telefonnummern im Handy nachgehen, dann haben sie vermutlich nicht gerade viele Hinweise am Tatort gefunden. Vielleicht erfahren die anderen später mehr.« Mit den »anderen« meinte er seine jüngere Tochter Susanne und seine Frau. Auch Jessica brannte bereits gespannt darauf, mehr zu erfahren. Vielleicht war dieser Hauptkommissar Forster bei ihrer Schwester etwas zugänglicher und rückte endlich mit mehr Informationen heraus. Gestern noch hatte sich Jessica ganz fürchterlich über diesen arroganten Schnösel von Kriminalbeamten geärgert. Der glaubte doch tatsächlich, er wäre etwas Besseres und er könne sie behandeln, wie es ihm beliebte. Doch jetzt schmunzelte sie beinahe über dieses steinzeitlich männliche Verhalten ihres Allgäuer Kollegen. Immerhin hatte er mit seiner überheblichen Art genau das erreicht, was er erreichen wollte, und dabei nur die nötigsten Informationen preisgegeben. Er war zwar unausstehlich, aber scheinbar wirklich ein Profi.

Dem geballten mädchenhaft schüchternen Charme ihrer Schwester allerdings würde er kaum etwas entgegenzusetzen haben. Soweit sich Jessica erinnerte, gelang es ihrer Schwester bisher immer mühelos, jeden Mann in ihren Bann zu ziehen, um den Finger zu wickeln und schließlich mit dieser komplett gegensätzlichen Vorgehensweise genau wie Florian Forster alle Informationen zu bekommen, die sie haben wollte.

»Susi macht das schon«, bestimmte Jessica schließlich und zwinkerte ihrem Vater wissend zu. Herbert Grothe brach in schallendes Gelächter aus.

Während der wenigen letzten Tage des Besuches ihrer Eltern war der Mordfall immer noch Hauptgesprächsthema und wurde erst ad acta gelegt, als Elfriede Grothe wütend mit der Faust auf den Tisch schlug und verkündete, dass sie von dieser Sache jetzt wirklich genug hätte. Natürlich schlug sie nur verbal und auch das sehr gesittet, denn Elfriede Grothe widerstrebte jede Art von Kontrollverlust gänzlich, sodass lediglich ihre Augen sich zu schmalen Schlitzen verengten und ihre Worte streng, aber gewählt und bedächtig klangen. Und Jessicas Mutter hatte recht. Weitere Ermittlungen hatten ergeben, dass im Handy des Mordopfers die Rufnummernunterdrückung eingeschaltet war und niemals vom Festnetzanschluss der Familie Reuter ein Gespräch zu diesem Mobiltelefon getätigt wurde. Es gab also offensichtlich keine Verbindung ihrer Familie zu diesem armen Herrn Vollmer.

Wie Jessica bereits vermutet hatte, war ihre Schwester Susanne nach ihrem Termin im Polizeirevier mit einigen neuen Erkenntnissen zur Sachlage nach Hause gekommen und hatte gänzlich Freude daran gehabt, Jessica und ihren Vater mit den neuen Informationen zu füttern.

Klaus Vollmer war demnach auf dem Weg von seiner Arbeitsstelle nach Hause gewesen. Er hatte also im Baumarkt gearbeitet, war scheinbar nicht sonderlich reich gewesen und hinterließ eine Frau und drei kleine Kinder. Einen wirklichen Grund für die Tat konnten die Beamten bisher noch nicht ausmachen. Sie vermuteten eine Eifersuchtstat, doch seine Frau hatte ein Alibi und es gab auch keine Hinweise auf eine mögliche Geliebte. Geldsorgen waren bei dieser Familie das einzig erkennbare Problem und schlossen somit auch Mord aus Habgier und einen Raubüberfall aus. Trotz der Redseligkeit des Kommissars bekam Susanne leider keine Auskünfte über mögliche Spuren am Tatort oder Informationen über den Freundes- und Bekanntenkreis des Opfers, wie sie bedauernd, doch schelmisch grinsend ihren wissenshungrigen Angehörigen mitteilte. Susanne hatte, wie nicht anders erwartet, einen hervorragenden Job gemacht, als sie all diese Informationen mit wenigen charmanten Augenaufschlägen dem Hauptkommissar aus den Rippen geleiert hatte.

Schließlich reisten ihre Eltern nach zehn Tagen wieder ab und im Reihenhaus Grothe kehrte der Alltagstrott zurück.

Susanne arbeitete wieder vormittags in der Kanzlei, die Kinder besuchten Schule und Kindergarten und Jessica verbrachte ihre Abende in der Kneipe und bediente mehr oder weniger betrunkene und mehr oder weniger sympathische Menschen, wobei das eine nicht unbedingt etwas mit dem anderen zu tun hatte.

Der Mordfall Vollmer geriet mehr und mehr in Vergessenheit und auch die regionale Presse verlor merklich das Interesse an diesem Verbrechen. Die anfänglich dramatischen Schlagzeilen wurden abgelöst von banalen Alltagsinformationen über bevorstehende Herbstbasare oder die Rede des Bürgermeisters zur Einweihung des neuen Gemeindezentrums.

In Kempten kehrte wieder Ruhe ein.

So richtig wohl fühlte sich Martin hier auf dem Bauernhof nicht. Seine Kollegin Renate hatte ihm die kleine Ferienwohnung auf dem Hof ihrer Schwiegereltern günstig vermittelt und er selbst hatte das Gefühl, er müsste unbedingt mal raus, unbedingt einmal weit weg von Hamburg Urlaub machen, so dass er dankbar das Angebot annahm. Jetzt allerdings bereute er diese Entscheidung. Die beiden älteren Verwandten von Renate belegten ihn fortwährend mit Beschlag und scheuchten ihn auf dem Hof herum, als wäre er ihr Angestellter. Vermutlich dachten sie, wenn er schon so günstig wohnte, könne er ein wenig bei der Hofarbeit helfen, um die Unmengen an Nebenkosten, die er durch seine Anwesenheit verursachte, abzuarbeiten. Das Frühstück allerdings war gut, deftig und mehr als ausreichend. Er köpfte sein Frühstücksei, das auf den Punkt genau richtig gekocht war und hervorragend schmeckte, und streute etwas Salz darauf.

Das Treffen mit Jessica vor ein paar Tagen war nett, aber mehr als unbefriedigend. Er hatte sich erhofft, ihr jetzt auf neuem Terrain etwas näher zu sein als in Hamburg unter den Augen der Familie und der Freunde, doch nach all dieser Zeit, die inzwischen verstrichen war, hatte er beinahe das Gefühl, sie wären sich fremd. Und Jessica war schön wie eh und je, hatte sich in den paar Monaten überhaupt nicht verändert, war sogar irgendwie ausgeglichener und entspannter. Der Umzug hatte den beiden Schwestern vermutlich sehr gutgetan.

Martin hatte bei seinem Treffen mit Jessica nicht erwähnt, dass er bereits seit zwei Tagen in Kempten war, bevor er sich traute, überhaupt bei ihr anzurufen. Sie sollte nicht wissen, wie sehr das schlechte Gewissen ihn plagte, wie sehr er immer noch unter dem Verlust des besten Freundes litt, und auf gar keinen Fall wollte er Susanne begegnen. Er hätte nicht gewusst, was er ihr sagen sollte. Sie hatte es schließlich am Allerschlimmsten getroffen. Sie hatte nicht nur ihren besten Freund, sondern auch ihren Partner und den Vater ihrer Kinder verloren. Es gab nichts, was er ihr Tröstendes hätte sagen können.

Er trank seinen Kaffee und die Milch aus, griff nach dem duftenden Brot mit leckerer hausgemachter Butter darauf und schob es sich in den Mund. Dann stand er auf und verließ den kleinen Frühstücksraum durch die Terrassentür nach draußen. Die klare frische Bergluft und der herrliche Blick ins Tal entschädigten ihn etwas für diese Reise, die nicht das gebracht hatte, was er sich erwünschte. Jessica war immer noch nicht seine Freundin.

Tief über die Akten gebeugt studierte Hauptkommissar Forster zum wiederholten Male die Untersuchungsergebnisse, die bislang vorlagen. Der Mordfall Vollmer entpuppte sich als ein schwieriger, undurchsichtiger Fall, der unheimlich nervte, weil es eben kaum voranging. Das Opfer schien völlig grundlos gestorben zu sein und absolut nichts, nicht einmal ein undeutlicher Fußabdruck deutete auf den Täter hin. Die Mordwaffe war nach wie vor unauffindbar, lediglich die Patronenhülse und die Kugel selbst waren sichergestellt worden, ließen aber auch keine näheren Vermutungen zu. Klaus Vollmer war mit einer einzigen Kugel im Rücken niedergestreckt worden, aus welchem Grund wusste niemand.

Jetzt, gute 14 Tage nach dem Mord, war es sehr unwahrscheinlich, den Mörder noch zu finden, doch Florian Forster wollte auf gar keinen Fall aufgeben. Gerade scheinbar unlösbare Fälle weckten sein kriminalistisches Interesse, ließen ihn fast fanatisch immer intensiver nach möglichen Motiven suchen und brachten ihm im Kreis seiner Kollegen den Spitznamen »Kampfterrier« ein, weil er sich in solche Fälle regelrecht verbiss und niemals aufgab.

Tief in Gedanken griff er nach seinem Kaffeebecher und nahm einen Schluck eiskalten Kaffee. Angewidert verzog er das Gesicht und stellte die Tasse zurück auf das einzig freie Plätzchen auf seinem überfüllten Schreibtisch. Aktenordner, Briefe, lose Zettel, seine Dienstmütze, diverse Stifte, Kaugummipackungen und ein Blumentopf mit einem komplett vertrockneten schrumpeligen Kaktus waren neben seinem Bildschirm und der Tastatur mehr oder weniger geordnet über seinen ganzen Schreibtisch verteilt. Hier im ersten Stock der Dienststelle war so gut wie kein Kundenverkehr und unumgängliche Verhöre wurden sowieso im angrenzenden Schreibzimmer oder in dem dafür vorgesehenen Verhörraum geführt. Es bestand also gar keine Veranlassung, Ordnung zu halten.

Hauptkommissar Florian Forster hasste die anfallende Büroarbeit, arbeitete viel lieber draußen und besuchte seine Verdächtigen gern zu Hause. Auch die häusliche Umgebung konnte schließlich Aufschluss über die zu befragende Person geben.

Von der Wohnsituation der beiden Schwestern aus Hamburg allerdings konnte er überhaupt keine Rückschlüsse ziehen. Aus welchem Grund hatten die beiden ein so enges Verhältnis, dass sie sogar den Wohnraum miteinander teilten, ja, noch dazu selbst in Hamburg schon immer geteilt hatten? Doch darüber brauchte er sich keine weiteren Gedanken machen, denn diese Spur hatte sich als Sackgasse herausgestellt. Nichts deutete auf eine Verbindung des Opfers zu den Schwestern oder dem verstorbenen Polizisten Reuter aus Hamburg hin, denn auch das Gespräch mit Susanne Reuter vor einer Woche hatte keine neuen Anhaltspunkte ergeben. Als er jetzt an die Unterhaltung mit der jüngeren der beiden Schwestern dachte, schüttelte er gedankenverloren seinen Kopf. Frau Reuter war eine unheimlich attraktive, sehr zierliche Frau und ihr Aussehen und ihr charmantes Auftreten hatten ihn total in ihren Bann gezogen. Normalerweise reagierte er auf Frauen ebenso sachlich und professionell wie auf jeden Mann, den er befragte, doch Susanne Reuter hatte etwas an sich, das ihn faszinierte. Im Nachhinein war er sich bewusst, dass er plappernd und offenherzig über den Fall gesprochen hatte, obwohl genau das sonst gar nicht seine Art war, und dieses Verhalten ärgerte ihn sehr. Er ließ sich ungern manipulieren, denn er zeigte nie Schwäche und verlor selten die Kontrolle über ein Gespräch oder eine Situation. Und Susanne Reuter war zwar unbestritten schön, doch weder ihr Äußeres noch ihr schüchternes und damit hilfloses Verhalten zogen ihn als Mann in irgendeiner Form an. Seine Traumfrau musste schlank, sportlich und selbstbewusst sein, ein Karrieremensch durch und durch, genau wie er, die wusste, was sie wollte, vielleicht schwer zu lenken war, aber gerade das machte doch den Reiz einer Partnerschaft aus. Er wollte diskutieren und streiten. Hauptkommissar Florian Forster brauchte eine intelligente Frau, die ihn forderte, geistig wie auch körperlich. Florian Forster brauchte keine Kellnerin!

Erschrocken über seine merkwürdigen Gedanken erstarrte der Polizeibeamte in seinem bequemen, aber durchgesessenen Bürostuhl und schaute mit leerem Blick an die bilderlose und völlig nackte Wand ihm gegenüber. Dann grinste er breit. Ja, die andere Schwester wäre eher sein Fall als diese Susanne Reuter. Jessica Grothe war genau die Art von »Sparringpartnerin«, die seinem männlichen Ego Futter geben würde und ihm persönlich jede Menge Spaß. Leider schien sie nicht besonders viel Wert auf ihren beruflichen Erfolg zu legen. Sie war finanziell abhängig von ihrer jüngeren Schwester und spielte lieber das Kindermädchen, als sich beruflich weiterzuentwickeln. Schade, aber diese Tatsache ließ sie gänzlich an Attraktivität verlieren.

»Guten Morgen, Chef … äh, Florian«, begrüßte Kommissar Willig seinen Vorgesetzten und betrat ohne anzuklopfen das kleine Büro am Ende des Ganges. »Die Unterlagen aus Hamburg sind endlich gekommen. Ich habe sie gleich mitgebracht.«

Gespannt nahm Florian Forster seinem Kollegen den dünnen grünen Pappordner mit den lang erwarteten Untersuchungsergebnissen vom Mordfall Reuter ab, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und bemerkte dann den fröhlichen Gesichtsausdruck von Berthold Willig, der, wie es seine Art war, die Hände hinter dem Rücken verschränkt hatte und beinahe lustig wippend sein Gewicht vom einen auf den anderen Fuß verlagerte.

»Was grinst du denn so, Berthold?«, fragte Florian leicht amüsiert und legte demonstrativ den Ordner beiseite, um seinem Kollegen seine volle Aufmerksamkeit zu widmen.

»Ich habe schon in die Akten gesehen«, verkündete Berthold und wurde gleich noch ein bisschen größer, als er seinen Rücken durchstreckte und sein Kinn etwas nach vorn schob.

»Und?«, fragte Florian neugierig. »Ist unser Fall jetzt gelöst?«

»Nee, Chef. Das nicht.« Berthold Willig warf mit einem Kopfrucken sein etwas zu lang geratenes braunes Haar zurück und biss sich belustigt auf die Unterlippe.

»Und?«, fragte der Hauptkommissar erneut, diesmal schon leicht ungeduldig.

»Wer hätte das gedacht«, triumphierte Berthold Willig. »Die leitende Hauptkommissarin in Hamburg, die damals den Mordfall Reuter bearbeitet hatte, heißt Jessica Grothe.«

Kapitel 5

Vor 20 Jahren in einer idyllischen Hamburger Nebenstraße vor einem imposanten Einfamilienhaus im schicken Vorgarten …

Der kleine Junge mit dem dunkelblonden Haar und den auffallend leuchtend grünen Augen kniete im nassen Gras und weinte. Die eiskalte Feuchtigkeit drang durch seine neue hellbraune Cordhose und er spürte die beinahe frostige Kälte an seinen Knien und Schienbeinen, doch er konnte jetzt nicht aufstehen. Leise schluchzend wiegte er seinen Oberkörper mechanisch vor und zurück. Von weitem sah es aus, als würde er beten und dazu monoton ein fast stummes Lied summen, doch seine Bewegungen waren nicht weich und fließend, sondern hektisch und schnell. In seinen Armen hielt er etwas Weiches. Weißes struppiges Fell quoll oben und unten über seine fest vor den Bauch gepressten dünnen Ärmchen. Schlaff und leblos lag der kleine Hund auf seinem Schoß und all das fröhliche Bellen und wilde Herumgetobe waren mit diesem winzigen Körper gestorben.

Er hatte aufgepasst. Niemals hatte er seinen Freund aus den Augen gelassen oder ihn allein im Garten spielen lassen. Jetzt war er tot.

Zärtlich streichelte er seinem Liebling den Kopf und sein Wimmern verwandelte sich schließlich wirklich in einen Singsang aus Schlaflied und Totengesang. Die winzigen Augen des quirligen Mischlings waren fest geschlossen. Der Junge hatte sie zugedrückt, weil sein Freund ihn so angsterfüllt und gequält aus seinem toten Körper angestarrt hatte. Außerdem hatte er dem Hund den weißen Schaum mit dem Ärmel seiner moosgrünen Jacke von den Lefzen gewischt und den Kopf liebevoll auf seinen rechten Unterarm gebettet.

Ob es einen Hundehimmel gab? Verstohlen sah er nach oben und erblickte eine graue Wolkendecke, aus der es müde nieselte. Auch der Himmel weinte um den süßen Hund.

Jetzt war niemand mehr da, der ihn mittags begrüßte, wenn der kleine Junge aus der Schule kam. Und sein Papa würde vielleicht sogar froh sein, wenn der alte Kläffer, wie er ihn nannte, endlich weg war. Jeden Abend, wenn sein Vater von der Arbeit kam, schimpfte er auf den fröhlichen Hund, der wild um seine Beine wuselte und sich auf den letzten Spaziergang des Tages freute. Abends durfte der kleine Junge nicht mit seinem Freund nach draußen, weil es zu gefährlich war. Der Junge hatte keine Angst vor der Nacht und wäre auch gegangen, aber abends musste immer sein Vater gehen, weil er groß und stark war und niemand ihm im Dunkeln etwas tun würde.

Wieder weinte der Junge und Tränen und Rotz tropften über sein Kinn auf das struppige Fell des Tieres. Wäre er doch auch so stark wie sein Vater, dann wäre sein kleiner Freund jetzt noch bei ihm. Dann hätte er noch besser auf ihn achtgeben können und vielleicht hätte sein Vater den Hund dann doch gemocht, weil er ihm keine Arbeit gemacht hätte. Doch der kleine Junge wusste, dass sein Vater nicht um den Mischling weinen würde. Er hatte auch nicht geweint, als die Mama gestorben war. Sein Gesicht war versteinert und wütend gewesen, als er von der Beerdigung kam, zu der der Junge nicht mitgehen durfte, weil es nicht richtig wäre. Damals hatte er sich schuldig gefühlt. Seine Mutter war gestorben, weil er nicht gut genug war, weil sie sich immer so sehr ärgern musste über ihn, weil er nie aufräumte und oft sein Gemüse nicht essen wollte. Jetzt war sie schon so lange tot, doch noch immer vermisste er sie schrecklich. Papa hatte sie schnell vergessen, war morgens wieder früh zur Arbeit gegangen und spät heimgekommen. Alles war wieder wie früher, nur Mama fehlte. Sein Vater würde auch nicht um den Hund weinen. Sein Vater weinte niemals.

An den Wochentagen war der »Feuertempel« nur wenig besucht. Manche Gäste kamen zum Abendessen oder tranken ein kleines Feierabendbier, doch nur sehr wenige blieben länger als 21 Uhr. Schließlich mussten die meisten der Gäste am folgenden Tag früh raus. Die wenigen Nachtschwärmer, die es länger in der Kneipe hielt, saßen schließlich hauptsächlich direkt an der Bar und bereiteten allerhöchstens Paula ein wenig Arbeit.

Heute allerdings hatte Paula sich krankgemeldet und der Chef persönlich bediente hinter dem Tresen. Markus Mertens war klein, etwas untersetzt und hatte sich deutlich abzeichnende Geheimratsecken in seinem dunkelbraunen Haar. Erste graue Härchen zierten seinen Kopf, doch keiner konnte sagen, ob sich die grauen Haare oder die Glatze zuerst durchsetzen würden. Ein viel zu großer und buschiger Schnauzbart unter der etwas platten Nase ließen ihn immer mürrisch und schlecht gelaunt aussehen, dabei war er eigentlich eine Frohnatur, wenn man auf seine Art von Humor stand. Er liebte abfällige Witze über Frauen, Behinderte und Ausländer, betonte dennoch immer wieder voller Inbrunst, er wäre der sozialste und liberalste Mensch, den man sich denken könnte. Jessica hielt ihn für einen Idioten und ihre Meinung dazu selbstverständlich immer zurück.

»Glück gehabt, junge Frau«, empfing Markus Mertens Jessica, als diese hinter den Tresen trat, um die Einnahmen des heutigen Tages an der Kasse abzurechnen. Der Abend hatte sich gelohnt und obwohl es erst kurz nach 21 Uhr war, passte das Trinkgeld und entschädigte sie für jeden dummen Spruch, den sie sich heute hatte anhören müssen. Im Laufe der letzten Wochen hatte Jessica gelernt, dass es hier nicht darauf ankam, immer freundlich zu lächeln und die Gäste höflich und zuvorkommend zu bedienen, sondern darauf, wie frech, kokett und lustig man auf die Kundschaft einging, um ihnen mehr Trinkgeld zu entlocken. Für den Gastraum waren heute nur Jessica und Eva eingeteilt. Ihre Kollegin Eva bediente nach wie vor zwei Tische mit Gästen direkt am großen Panoramafenster, das den Blick in die Fußgängerzone und Einkaufsstraße von Kempten freigab. Boutiquen reihten sich hier an Blumenläden, Imbisse und Kneipen. Um diese Uhrzeit allerdings war der grau gepflasterte Weg zwischen den Geschäften fast menschenleer. Der Bereich der Kneipe, in dem Jessica heute gearbeitet hatte, war jetzt ebenfalls leer. Da vermutlich keine weiteren Gäste kommen würden, griff Jessica nach dem alten Putzeimer unter dem Tresen, um ihre Tische abzuwischen, bevor sie dann von ihrem Chef in den hinteren Bereich geschickt wurde, um in der Küche zu helfen oder sein Büro zu putzen.

»Bist du taub, Mädel?«, blaffte Markus Mertens sie an, stapfte mit zwei großen Schritten zu ihr hinüber und baute sich direkt vor ihr auf. Ihr Chef war etwa einen halben Kopf kleiner als sie selbst, dafür aber doppelt so breit. Er stemmte die Fäuste in die Hüften und grinste breit. »Lass das Putzen, das macht heute Eva. Die hat eh nix zu tun.«

Jessica stellte den Eimer wieder auf seinen Platz und richtete sich dann zu voller Größe auf.

»Gut«, sagte sie von oben herab und lächelte zurück. »Und was soll ich dann jetzt machen?«

»Du, Fräulein, gehst jetzt nach Hause. Überstunden abbummeln«, verkündete Mertens selbstgefällig, drehte sich um und ließ sie einfach stehen.

Wenige Minuten später kam Jessica in Jeans und Wollpullover aus dem Personalbereich der Kneipe zurück in den Ausschankraum, durchquerte den Gastraum auf dem Weg zur Tür und kramte dabei in ihrer Umhängetasche auf der Suche nach ihrem Autoschlüssel. Sie hatte sich angewöhnt, ihre Arbeitskleidung erst hier anzuziehen, und auch für den Rückweg bevorzugte sie wärmere und bequemere Klamotten. Ende Oktober war es eindeutig bereits zu kalt für kurze Röcke und dünne Blusen.

Als sie die Tür erreicht hatte und die Hand gerade auf den Türknauf legte, hörte sie jemanden nach ihr rufen.

»Frau Grothe? Bitte warten Sie.«

Fragend schaute Jessica in die Richtung, aus der der Ruf kam.

»Ach«, bekam sie schließlich verwundert heraus, schloss die Tür wieder und ging auf den letzten besetzten Tisch der Kneipe zu. »Hauptkommissar Forster. Was für eine Überraschung.« Beinahe hätte sie, ganz nach Bedienungsmanier, breit und herausfordernd gelächelt, doch sie hielt sich zurück und verkniff sich jede Form von aufgesetzter Freude und Freundlichkeit.

»Ich würde mich freuen, wenn Sie sich kurz zu mir setzen, Frau Grothe«, sagte Florian Forster freundlich, zeigte auf den freien Platz am Kopfende des Tisches direkt neben sich und fuhr dann fort: »Ich würde gern kurz mit Ihnen sprechen.«

Jessica zögerte, setzte sich dann dem Beamten gegenüber auf einen weiteren freien Stuhl am Tisch und erwiderte das belustigte Lächeln auf dem Gesicht des Kommissars.

»Haben Sie denn immer noch nicht Feierabend, Herr Hauptkommissar?«, fragte Jessica beinahe schnippisch. »Was wollen Sie denn noch wissen? Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich das Opfer nicht kenne.«

»Es geht nicht um den Fall«, erklärte Florian Forster, griff nach dem fast leeren Bierglas vor sich auf dem Tisch und trank es aus. »Möchten Sie auch etwas trinken?«, fragte er höflich und winkte Eva heran, die nur darauf gewartet zu haben schien, denn beinahe zeitgleich stand sie schon neben dem Tisch und zückte ihren Zettelblock.

»Hi, Jessy«, grüßte sie ihre Kollegin freundlich, dann galt ihre Aufmerksamkeit einzig und allein dem Hauptkommissar.

»Ich hätte gern noch eine Halbe und …«, er sah Jessica fragend über den Tisch hinweg an.

»… bringst du mir ein Wasser, Eva?«, wendete sich Jessica jetzt direkt an ihre Kollegin. »Das alles hier geht auf mich«, sagte sie und deutete mit der Hand auf das jetzt leere Glas ihres Gegenübers.

Eva machte ein enttäuschtes Gesicht und ging. Sie fürchtete scheinbar um ihr Trinkgeld, wenn sie die Rechnung, wie Jessica es wollte, auf ihr Personalkonto schrieb und nicht abrechnen durfte. Alle Getränke, die das Personal während der Arbeitszeit trank, wurden mit eventuellen Überstunden verrechnet und waren selbstverständlich billiger als im normalen Verkauf. Markus Mertens wusste, wie man Geld machte.

»Sie sind also weder wegen des Falles noch zufällig hier«, analysierte Jessica treffend. »Was verschafft mir also die Ehre Ihres Besuches, Herr Hauptkommissar?«

Florian Forster beugte sich nach vorn, verschränkte seine Arme vor sich auf dem Tisch und stützte seinen Körper auf die Ellenbogen, dann legte er seinen Kopf leicht schräg und lächelte verstohlen, bevor er seinen Blick abwandte und aus dem Fenster sah. Der Kommissar hatte ein markantes Profil, eine gerade Nase, einen leichten Ansatz von Bart und dunkle Augen mit für einen Mann sehr langen Wimpern. Seine Haare waren beinahe schwarz, im Nacken kurz geschnitten, doch ansonsten recht lang und leicht gewellt. Jessica schätzte ihn auf Mitte 30, aber nicht nach seinem Aussehen, sondern mehr nach der Tatsache, dass er bereits Hauptkommissar war. Rein äußerlich sah er jünger aus.

»Ich habe Sie falsch eingeschätzt«, ergriff Herr Forster schließlich das Wort und sah ihr jetzt direkt in die Augen. Jessica hielt seinem Blick stand. »Ich kann Menschen eigentlich ganz gut beurteilen. Bei Ihnen habe ich mich geirrt, Frau Hauptkommissarin Grothe.« Jetzt grinste er und zeigte eine ganze Reihe ebenmäßiger und weißer Zähne. Dann biss er sich auf die Unterlippe und wartete gespannt auf Jessicas Reaktion.

»Sie haben also recherchiert«, stellte sie zaghaft lächelnd fest. »Die Spur in Richtung Hamburg ist also doch nicht so unbedeutend.«

»Wer weiß das schon«, erwiderte Florian Forster leise und starrte sie weiterhin an. Er wollte jetzt nicht über die Arbeit sprechen. Viel lieber wollte er, dass sie weiterredete. Ihre Stimme war einfach großartig, melodisch mit einem leicht erotischen Unterton, der ihn faszinierte und fesselte zugleich. Warum war ihm ihre Stimme beim letzten Gespräch nicht aufgefallen? Außerdem liebte er, wie ihre Lippen sich bewegten, wenn sie sprach. »Ich jedenfalls muss mich bei Ihnen entschuldigen«, sagte er schließlich, als von ihr nichts kam.

»Wofür?«

Viel zu kurze Frage.

»Für meine beweismangelnde Einschätzung«, gab er zu und überlegte fieberhaft, wie er sie zum Reden bringen konnte, denn sie schwieg. Zurzeit sah es fast so aus, als würde das Gespräch gleich zu Ende sein.

Die Bedienung brachte die Getränke.

»Wieso haben Sie Ihren Beruf aufgegeben?«, fragte er und sah im gleichen Moment in ihrem Gesicht, dass genau das die falsche Frage war. Ihre Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen und sie kniff fest ihren Mund zusammen. Dann verschränkte sie die Arme vor der Brust und schaute jetzt ihrerseits aus dem Fenster.

»Ich hatte meine Gründe und das ist privat«, erklärte sie nüchtern, dann griff sie nach dem Wasserglas und trank es in einem einzigen Zug leer. »Ich geh dann jetzt mal …«

Noch bevor sie sich erheben konnte, griff Florian Forster nach ihrem Arm und schüttelte den Kopf.

»Bitte bleiben Sie«, flüsterte er, ließ sie aber schnell wieder los und legte seine Hand zurück auf den Tisch. »Ich …«

Jessica entspannte sich etwas, lehnte sich langsam in ihrem Stuhl zurück, überschlug ihre Beine, legte beide Hände auf ihr Knie und wartete geduldig.

Florian Forster starrte sie an und suchte nach den richtigen Worten.

»Ich …«, begann er erneut und rieb sich dann beruhigend mit Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand über seinen Nasenrücken. »Um ehrlich zu sein«, gab er schließlich zu und konnte nicht umhin, wieder breit zu grinsen, allerdings schwang dieses Mal ein Hauch von Schüchternheit in dieser Geste mit, »ich wollte Sie eigentlich einfach nur wiedersehen.«

Sein Geständnis verschlug Jessica die Sprache. Mit leicht geöffnetem Mund starrte sie den Kommissar verwundert an, fing sich schließlich und schüttelte zaghaft den Kopf.

»Also«, sagte sie schließlich verblüfft, »das hätte ich jetzt nicht erwartet.«

»Und? Wo ist er?« Neugierig schaute Susanne links und rechts an ihrer Schwester vorbei, als diese am Morgen aus ihrem Zimmer im Keller kam und müde die Treppe hinaufschlurfte. Sie hatte sehr lange wach gelegen und ihr Kopf schmerzte höllisch aufgrund des Schlafmangels und der unermüdlichen Gedanken über den gestrigen Abend.

»Oh Mann, Susanne! Du verbreitest eine Hektik«, stöhnte Jessica, schob ihre Schwester mit einem Arm beiseite und ging durch den kleinen Flur in die Küche. »Wo sind die Aspirin?«

Susanne tanzte aufgeregt um sie herum.

»Hast du Kopfweh?«, fragte sie eher belustigt als bedauernd und zeigte dann auf den Hängeschrank über der Küchenzeile.

Jessica öffnete den Schrank, kramte in den diversen Medizinverpackungen herum und fand schließlich die Schmerztabletten. Sie drückte gleich zwei aus der Verpackung und wollte gerade ein Glas aus dem Schrank daneben holen, als ihre Schwester ihr schon eine mit Wasser gefüllte Tasse unter die Nase hielt.

»Und jetzt erzähl«, bestimmte sie aufgeregt. »Ist er noch da?«

»Wer ist noch da?« Genervt schluckte Jessica die Pillen und verzog angewidert das Gesicht. »Was ist denn mit dir los?«

Triumphierend lächelnd lehnte sich Susanne an den Rand der Spüle, presste ihre Handflächen vor ihrer Brust zusammen und tippte beschwörend die Zeigefinger aneinander, eine Eigenart, die sie immer hatte, wenn sie besonders aufgeregt war.

»Ich war gestern noch wach, als du nach Hause gekommen bist. Übrigens viel früher als erwartet, aber das ist jetzt egal«, plapperte sie wild drauflos und Jessica war es in diesem Moment ein Rätsel, wie ihre Schwester als Anwältin jemals ein vernünftiges Plädoyer zustande brachte. »Und ich habe dich reden und lachen gehört.« Jetzt nickte sie bestimmend und wartete auf eine Erklärung.

»Ach so«, sagte Jessica müde, rieb sich mit der Faust über ihr Auge und gähnte herzhaft. »Das meinst du. Ich habe telefoniert«, erklärte sie und wollte die Küche wieder verlassen, doch Susanne versperrte ihr den Weg.

»Nee, so leicht kommst du nicht davon. Mit wem hast du denn telefoniert? Gib’s zu, es war ein Mann!«

»Oh Mann, Susanne!«, stöhnte Jessica erneut. »Ja, es war ein Mann. Ich habe mit Martin aus Hamburg gesprochen, nur mal so. Seit er vor kurzem hier in Kempten war, ruft er ab und zu mal an. War ja auch schade, dass er sich davor so lange nicht gemeldet hat. Er gehörte schließlich fast schon zur Familie.«

Enttäuscht trat Susanne beiseite und ließ ihre Schwester endlich aus der Küche und aus ihren Fängen. »Und ich dachte, du hättest endlich mal jemanden abgeschleppt«, brummte sie fast tonlos vor sich hin. »Da arbeitest du schon in einer Kneipe und lernst trotzdem keinen Mann kennen.«

Doch dann änderte sich urplötzlich ihre Stimmung und sie strahlte übers ganze Gesicht.

»Wie geht’s denn Martin? Was hat er erzählt? Kommt er mal wieder nach Kempten?«

Jessica berichtete ausführlich über ihr Telefonat mit Martin und erwähnte ganz kurz, dass die Polizei in Hamburg im Mordfall Wolfgang Reuter immer noch im Dunkeln tappte. Sie wollte ihre Schwester nicht beunruhigen oder gar traurig machen, weil man den Mörder ihres Ehemannes nun vermutlich gar nicht mehr überführen würde. Der Mord war jetzt beinahe ein Jahr her und war von Anfang an undurchsichtig und mehr als rätselhaft gewesen. Es gab von Beginn an wenig Hoffnung auf eine Klärung, deshalb lohnte es kaum, sich weiter den Kopf darüber zu zerbrechen. Jessica selbst allerdings dachte fast täglich über diesen Fall nach, obwohl sie bereits seit Monaten nicht mehr auf dem Laufenden gewesen war. Immer und immer wieder überlegte sie, ob sie etwas vergessen oder etwas übersehen hatte, doch sie konnte keinen Fehler finden.

»Hier in Kempten kommen sie scheinbar mit dem Baumarktmörder auch nicht voran«, sagte Jessica schließlich, mehr, um vom Thema Wolfgang abzulenken, als das Gespräch weiter aufrechtzuerhalten. Am liebsten hätte sie sich jetzt verabschiedet und die nächsten Minuten unter der heißen Dusche verbracht, um ihren Kopf frei zu bekommen und endlich richtig wach zu werden. »Florian hat erzählt, dass der Fall sehr zäh ist und wenig Hinweise aufwirft. Sie tappen scheinbar auch im Dunkeln.«

Susanne, die neues Futter für ihr heutiges Lieblingsthema witterte, lächelte zufrieden.

»Florian?«, fragte sie amüsiert. »Du hast den Hauptkommissar noch einmal gesprochen? Interessant.«

»Was soll das denn nun schon wieder«, polterte Jessica und überspielte so ihre aufsteigende Unsicherheit. Sie hatte sich verplappert, fühlte sich ertappt und genötigt, sich zu rechtfertigen. »Herr Forster war gestern im ›Feuertempel‹ und ich habe mich kurz mit ihm unterhalten.«

»Klar«, lachte ihre Schwester und knuffte ihr liebevoll mit der Faust in den Bauch. »Du machst mir nichts vor, Schwesterherz.« Dann nickte sie anerkennend und zwinkerte. »Gute Wahl, Jess. Der Kerl sieht verdammt gut aus und ist dazu genau dein Kaliber.«

»Mein Kaliber? Blödsinn«, erklärte Jessica bestimmt. »Wir duzen uns, ja gut. Das war’s aber auch. Und so schnell sehen wir uns bestimmt nicht wieder.«

Mit dieser Aussage hatte Jessica tatsächlich recht. In den nächsten Tagen und Wochen kam nicht das kleinste Lebenszeichen von Florian. Anfangs hatte Jessica auch nicht damit gerechnet, doch jetzt ertappte sie sich immer wieder dabei, wie sie verstohlen zur Eingangstür des »Feuertempels« spähte, sobald diese sich öffnete und Gäste in die Kneipe strömten. Mindestens fünfmal täglich zog sie ihr Handy aus der Tasche, nur um kurz zu schauen, ob es einen eventuell verpassten Anruf anzeigte, und zweimal war sie bereits am Gebäude der Kemptener Kriminalpolizei vorbeigefahren, um zu überprüfen, ob der Hauptkommissar vor dem Gebäude geparkt hatte. Dabei wusste sie nur, dass er einen dunklen VW Kombi fuhr und in Kempten wohnte, also das Auto auch hier gemeldet war, mehr leider nicht. Gut, Florian Forster hatte ihr seine Karte mit der Dienstnummer gegeben und hinten drauf seine private Handynummer aufgeschrieben, doch so nötig hatte Jessica es nicht. Niemals würde sie einem Mann hinterherlaufen. Wenn der Hauptkommissar das Interesse an ihr verloren hatte, dann war es eben so. Sie jedenfalls würde sich nicht melden.

So richtig viel Beziehungserfahrung hatte Jessica sowieso nicht vorzuweisen. Ihre einzig länger dauernde Beziehung war die mit Kai gewesen, Student der Wirtschaftswissenschaften, groß, schlaksig und unsportlich. Über drei Jahre teilten sie die Wohnung und das Bett und alles schien in Ordnung zu sein, bis Kai schließlich urplötzlich eines Abends beschloss, seine Koffer zu packen und sie zu verlassen. Jessica wusste bis heute nicht, was sie damals falsch gemacht hatte. Für sie war Kai die große Liebe gewesen, der Mann, den sie heiraten und mit dem sie eine Familie gründen wollte. Sie hatten sich eigentlich immer gut verstanden, die wenige Freizeit, die sie aus beruflichen Gründen hatten, immer miteinander verbracht und sich stets aufeinander verlassen können. Und dann plötzlich zog er aus.

Kai hatte sich danach nie wieder gemeldet.

Nach diesem Desaster waren Jessicas folgende Beziehungen kaum der Rede wert gewesen. Mit ein paar wenigen Männern hatte sie es probiert, doch keiner hatte sie mehr als ein paar Wochen interessiert. Leider gehörte Jessica zu den Frauen, die sehr wählerisch waren und Fehler, eigene genau wie die anderer, nur schwer akzeptieren konnten.

Kapitel 6

Tief in Gedanken versunken schlenderte Hauptkommissar Forster über die Hamburger Reeperbahn. Am Tage war die Amüsiermeile von Hamburg unspektakulär und ein wenig schmuddelig, doch nachts erwachte sie zum Leben. Die bunten Lichter, die Kneipen, die zum Bleiben einluden, und natürlich die Stripbars, die mit nackten Frauen und purem Vergnügen warben, faszinierten den Allgäuer Beamten, der sich hier vorkam, als wäre er in Kempten ein kleiner Dorfpolizist ohne Herausforderung. Die Kommissare und Streifenpolizisten hatten hier monatlich sicher mit wesentlich mehr Verbrechen und Abgründen menschlichen Versagens zu tun, als er in seiner gesamten Polizeilaufbahn je haben würde.

Seit zwei Tagen war Hauptkommissar Forster bereits in Hamburg, hatte versucht, sich selbst ein Bild zu machen über diesen mysteriösen Mordfall an dem Polizeibeamten im Dezember letzten Jahres. Irgendwie hatte er das Gefühl, dieser Mord hätte etwas mit seinem aktuellen Fall zu tun, doch er kam nicht dahinter, welches Indiz ihn auf diese Idee brachte. Natürlich gab es da die Verbindung durch die gespeicherte Nummer im Handy des Kemptener Opfers. Florian Forster glaubte nicht an Zufälle und war sich sicher, dass mehr hinter dieser Nummer steckte, als die Beteiligten zugaben. Er vermutete irgendeine Beziehung zwischen den beiden Opfern. Da sowohl Susanne Reuter als auch Jessica Grothe glaubhaft versichert hatten, sie würden das Baumarktopfer Klaus Vollmer nicht kennen, musste die gespeicherte Telefonnummer in Verbindung zu dem Hamburger Opfer Wolfgang Reuter stehen, der als Einziger ebenfalls unter dieser Telefonnummer gemeldet gewesen war. Doch weder bei dem Polizeibeamten noch bei dem Baumarktmitarbeiter wies irgendetwas auf Korruption oder andere kriminelle Machenschaften hin. Beide Opfer hatten Familie, keine Eheprobleme, ein geregeltes Leben und schienen glücklich zu sein. Die beiden Opfer lebten schon immer beinahe 800 Kilometer voneinander entfernt und hatten nach Angaben der Freunde und Verwandten auch nie ihren Urlaub in der jeweils anderen Region verbracht, konnten sich also nicht begegnet sein. Und doch wurmte den Allgäuer Hauptkommissar etwas, das er nicht zu definieren vermochte. Auf der anderen Seite der mehrspurigen Straße sah er die hell erleuchteten Reklameschilder des Burger King und ihm gegenüber die Davidwache. Er hatte darum gebeten, sich den Tatort ansehen zu dürfen. Der leitende Kommissar Wächter war nicht begeistert gewesen, doch hatte er schließlich zugestimmt. Niemand ließ sich gern in die laufenden Ermittlungen blicken, das wusste Florian Forster nur zu gut.

Minuten später betrat er die Wache und stellte sich vor. Der diensthabende Polizist hinter dem Tresen verwies ihn freundlich an seinen Kollegen, der verärgert, ja beinahe zornig aus seinem Büro kam und Hauptkommissar Forster nur aus Höflichkeit die Hand zur Begrüßung entgegenstreckte. Florian wusste, dass er hier nicht willkommen war.

»Guten Tag, Herr Hauptkommissar«, wurde er mürrisch begrüßt. »Sie wurden uns schon angekündigt. Wollen Sie gleich mitkommen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, stapfte der Polizeibeamte mit weit ausholenden Schritten durch den langen Gang in den hinteren Teil des Gebäudes. Scheinbar schien er diese leidige Angelegenheit so schnell wie nur möglich hinter sich bringen zu wollen.

»Was verschlägt Sie hier nach Hamburg, Herr Hauptkommissar?«, brummte der Beamte vor ihm, in dem Versuch, höfliche Konversation zu halten. »Sie hätten sich die Unterlagen zu diesem Fall schließlich auch faxen lassen können.« Letzteres klang mit voller Absicht vorwurfsvoll.

»Die Unterlagen hatte ich bereits in Kempten gesichtet, doch ich mache mir gern selbst ein Bild«, gab der Kommissar ruhig und sachlich zur Antwort.

Der Hamburger Beamte blieb vor einer Tür stehen, stieß diese mit einer Hand auf und deutete Florian an, einzutreten.

»Das ist der Umkleideraum«, erklärte er dem Hauptkommissar. »Dort hinten ist das Bad mit den Toiletten und Duschen. Dort ist der Mord passiert.« Als der Polizist dem Kommissar in den gefliesten Raum nicht folgte, drehte sich Florian Forster zur Tür um und sah, dass der Beamte wortlos und beinahe angsterfüllt an die hintere Wand starrte und nicht bereit war, einen weiteren Schritt zu gehen. Florian wusste sofort, dass dort die Leiche gelegen haben musste.

»Es ist immer schrecklich, einen Kollegen zu verlieren«, versuchte der Kommissar den jungen Beamten zu beruhigen. »Mir selbst ist das noch nie passiert, dem Himmel sei Dank«, gab er zu.

»Ich habe ihn gefunden«, flüsterte der Hamburger Beamte kaum hörbar. »Und er war mehr als ein Arbeitskollege für mich. Er war mein bester Freund.«

Den Abend verbrachte Florian mit Martin Hansen in einer kleinen, recht stilvollen Kneipe ganz in der Nähe der Polizeiwache. Er war froh, dass er den Kollegen überreden konnte, auf ein Bier mit ihm mitzukommen, einerseits, weil er so den Abend nicht einsam in seinem Hotelzimmer verbringen musste, andererseits, weil er hoffte, noch mehr Informationen über Wolfgang Reuter zu bekommen. Vielleicht half ihm dieses Treffen mit dem besten Freund des Opfers, etwas mehr Klarheit zu schaffen oder die gesuchte Verbindung ins Allgäu herzustellen. Wenn er allerdings ganz ehrlich zu sich selbst war, interessierte ihn all das nur am Rande. Viel lieber würde er mehr über Jessica erfahren. Martin Hansen musste sie schließlich mehr als gut kennen, wenn er mit ihrem Schwager befreundet gewesen war. Außerdem waren Jessica und Martin beide Polizisten und damit Kollegen gewesen.

Seit dem Treffen im »Feuertempel« vor über zwei Wochen hatte er Jessica nicht mehr gesehen. Die Handynummer, die sie ihm etwas widerwillig aufgeschrieben hatte, war falsch. Diese Nummer existierte nicht. Für Florian war das ein Zeichen gewesen, dass sie ihn nicht wiedersehen wollte. Das und die Tatsache, dass sie sich auch nicht bei ihm gemeldet hatte, denn sie hätte sowohl auf dem Revier als auch privat auf seinem Handy anrufen können. Doch ganz abgehakt hatte er diese Angelegenheit noch nicht. Diese Frau zog ihn beinahe magisch an. Vielleicht lag es gerade an der Schwierigkeit, ihr näherzukommen und dass es für ihn eine so große Herausforderung darstellte, was die ganze Sache noch aufregender machte. Sein Jagdinstinkt war jedenfalls geweckt.

»Du hattest doch damals sicher auch Kontakt zu der Ehefrau und der Schwägerin von Wolfgang, oder?«, fragte Florian, obwohl er die Antwort bereits kannte. Martin Hansen nickte zustimmend.

»Was hältst du von den beiden Schwestern?« Jetzt sah Martin ihn fragend an, runzelte die Stirn, beschloss dann aber für sich, dass die Frage nicht darauf abzielte, Susanne und Jessica in den Dreck zu ziehen. Der Beamte hielt sehr viel von den beiden Frauen und würde niemals zulassen, dass die eine oder die andere jemals in den Verdacht gerieten, mit dem Mord etwas zu tun zu haben.

»Wolfgangs Frau Susanne ist eine ganz liebe«, begann Martin und gab der Kellnerin mit seiner rechten Hand ein Zeichen, die nächste Runde Bier zu bringen. »Ich war bei Wolfgang und ihr immer willkommen und hatte nie das Gefühl zu stören. Wolfgang und Susanne waren das Traumpaar schlechthin.« Er lachte und verdrehte gespielt genervt die Augen. »Da kann man schon neidisch werden, oder? Hast du Frau und Kinder?«

»Nee.« Florian schüttelte vehement den Kopf. »Das hat doch noch Zeit.«

»Findest du?«, warf Martin etwas verwundert ein. »Also ich könnte mir schon vorstellen …« Er vollendete den Satz nicht, denn die Bedienung trat an ihren Tisch und brachte das Bier.

»Und die Schwester?«, erinnerte Florian den Polizisten, als die Kellnerin mit den leeren Gläsern gegangen war.

»Jessy? Die ist klasse. Ein richtiger Kumpeltyp. Auf die kann man sich immer verlassen.« Wieder lachte Martin, dieses Mal aber eher unsicher. »Ich muss zugeben, dass ich eine Zeit lang mal total scharf auf die war. Erzähl das bloß keinem«, beschwor er flüsternd den Allgäuer Kollegen, lehnte sich dann zurück und grinste, als er Florians ernstes Gesicht sah. »Nee«, sagte er dann. »Die ist eine Nummer zu groß für mich. Zu mir passt besser eine, die ruhig und lieb ist als so ein Energiebündel wie Jessy.« Gedankenverloren griff er nach seinem Glas, erhob es und prostete Florian zu. »Tja, trotzdem ne klasse Frau.«

»Ja.« Abwesend starrte Florian auf sein Bierglas und drehte es zwischen seinen Fingern im Kreis. Das Glas schabte über den Tisch und verursachte ein dumpfes, brummendes Geräusch. Schließlich ließ er von dem Bierglas ab und schaute zu Martin hinüber, der jetzt noch breiter grinste. Sein Mund war etwas schief verzogen und ließ sein Gesicht recht albern und schelmisch aussehen. Auch seine Augen schienen zu lachen.

»Was ist denn?«, fragte Florian und hob fragend eine Augenbraue.

»Du stehst auf sie!« Martin Hansen schüttelte lachend und verwundert seinen Kopf. »Die ganze Fragerei … Ich hätte es merken müssen … Gott, bin ich blöd.« Er griff sich theatralisch an seine Stirn und rieb sich mit der Hand über seine kurzen rotblonden Haare. »Und ich dachte erst, das ist eine Art Verhör, was wir hier beide führen. Dabei willst du nur mehr über Jessy erfahren.«

Der Hauptkommissar fühlte sich ertappt, aber nicht beschämt. Es gab nichts, wofür er sich schämen musste, also stimmte er in Martins Gelächter ein.

»Und?«, fragte er schließlich und prostete erneut seinem Kollegen zu.

»Was, und?«

»Gibst du mir jetzt die gewünschten Informationen? Wir Männer müssen doch zusammenhalten.«

Erschrocken riss Jessica die Augen auf. Das Zimmer war stockdunkel, nicht der kleinste Fetzen Licht kam durch das kleine Kellerfenster. Ihr Handy, das sie gerade so unsanft aus dem Schlaf gerissen hatte, klingelte und klingelte. Genervt schlug sie die Decke zurück und die eiskalte Raumluft ließ sie frösteln. Der kleine Heizkörper neben der Tür zu ihrem Zimmer erbrachte Höchstleistungen, doch schaffte er es vor allem in der Nacht nicht, den Kellerraum auf normale Zimmertemperatur zu bringen. Jetzt war erst Anfang November und Jessica dachte mit Grauen an die frostigen Wintermonate, die ihr bevorstanden. Die Anschaffung eines zusätzlichen Elektroheizkörpers ließ sich wohl nicht vermeiden. Sie stapfte barfuß durch den dunklen Raum, stieß mit dem Schienbein gegen den kleinen Tisch in der Mitte, fluchte laut und fand schließlich ihre Jacke, in der ihr Handy nach wie vor ununterbrochen läutete.

Das Display zeigte einen unbekannten Anrufer an. Jessica schaute auf die Ziffernanzeige der Uhr in ihrem Handy. 2:57 Uhr. Wer in Gottes Namen rief um diese Uhrzeit an? Kurze Zeit überlegte sie, ob sie diesen dreisten Anrufer einfach wegdrücken sollte, doch dann siegte die Neugier und sie nahm das Gespräch an.

»Wer stört?«, brummte sie in das Telefon und versuchte ihrer Stimme einen wütenden Unterton zu verleihen, allerdings gelang ihr das nicht. Kurz nach dem Aufstehen klang ihre Stimme immer etwas heiser und gebrochen. Sie hüstelte.

»Hallo, Jess«, hörte sie eine Männerstimme an ihrem Ohr säuseln. Lallte der Kerl? »Schön, deine Stimme zu hören.«

»Wer ist denn da, bitte?« Jetzt klang sie wirklich wütend, doch ihr Gesprächspartner ließ sich in keiner Weise dadurch einschüchtern, sondern kicherte etwas albern.

»Du bisch sooooo süß«, verkündete die Männerstimme melodisch. »Oh Mann, i liab dei Stimm’. Die isch … sexy.«

»Wie bitte?« Dann plötzlich konnte sie die Stimme des Mannes endlich mit einem Bild in ihrem Kopf verbinden. »Herr Forster?« Erstaunt schüttelte sie ihren Kopf. Dann erinnerte sie sich daran, dass sie sich geeinigt hatten, sich zu duzen. »Florian?«

»Jaaaaaaaa«, kam es träge aus der Leitung.

»Bist du betrunken?«, fragte Jessica und grinste. Plötzlich amüsierten sie der Anruf und der angetrunkene Hauptkommissar sehr. Vielleicht freute sie sich aber auch nur, dass er nun endlich anrief.

»Na … a bissele höchschtens. Gar ned so schlimm. Du, Jess …?« Der Allgäuer Dialekt, der plötzlich so vehement bei ihm durchschlug, klang irgendwie niedlich.

»Ja?« Weil ihr die Kälte plötzlich durch und durch ging, stolperte Jessica zurück zu ihrem Bett, legte sich hinein und zog die Decke bis über ihre Schultern, das Handy fest an ihr Ohr gepresst.

»Mir müssen uns treffa«, verkündete Florian im Brustton der Überzeugung, hickste laut und räusperte sich dann. Jessica hörte, wie viel Mühe er sich gab, beim Sprechen nicht zu lallen, doch dieser Vorsatz misslang ihm gänzlich. Nur schwer bekam er die Worte einigermaßen klar über die Lippen. »Du derfsch mi itt so oifach wegschicka. Mir isch kalt.«

Jessica kicherte. »Es ist mitten in der Nacht! Wir können uns jetzt nicht treffen, Florian«, erklärte sie ihm ernst. »Wo bist du denn? Wieso ist dir kalt?«

»Ja, mir isch kalt«, sagte er geistesabwesend, dann kamen wohl ihre Worte bei ihm an und er beantwortete ihre Frage. »Bin im Hotel. Sehr kalt hier.«

»Du bist ja voll wie eine Schnapsdrossel. Geh ins Bett, dann wird dir wieder warm«, schlug Jessica vor und lächelte stumm in sich hinein.

»Kommsch du denn mit?«, fragte der Hauptkommissar. Es war die nüchterne, völlig sachliche Frage eines kleinen Kindes, das sich nicht wohlfühlte und nicht allein bleiben wollte, nicht die Frage eines Mannes, der nichts anderes im Kopf hatte als Sex. Im Kopf wie im ganzen Körper dieses Mannes war purer Alkohol, keine schmutzigen Gedanken.

»Ich liege bereits im Bett, Florian. Geh du jetzt auch schlafen. Wir können morgen weitersprechen.« Der mütterliche Ton in ihrer Stimme erschreckte Jessica erst, dann amüsierte sie sich köstlich über sich selbst, den Kommissar und die ganze Situation.

»Guats Nächtle, Jess.« Ein Rascheln und Knarzen drang durch den Hörer. Vermutlich kroch Florian in sein Bett. Dann wurde das Gespräch unterbrochen.

»Gute Nacht. Dann schlaf mal schön deinen Rausch aus.« Ohne das Handy aus der Hand zu legen, drehte sich Jessica auf die Seite, zog die Decke noch ein Stückchen höher, seufzte zufrieden und schloss die Augen.

Kapitel 7

Regen, der in Bindfäden vom Himmel fiel, und nasses Laub auf den Straßen waren eine unglückliche Kombination. Immerhin überfror die ganze Sache nicht auch noch, denn die Temperaturen hielten sich merklich bei acht bis zehn Grad. Wenn es nicht gerade regnete, wehte allerdings ein stürmischer Wind, dem nicht mehr viel fehlte und er wäre ein ausgewachsener Orkan geworden. Beinahe norddeutsches Wetter hier am Alpenrand.

Bei so einer scheußlichen Witterung war man einerseits froh, wenn man in einem Auto mit Sitzheizung und Klimaanlage fahren konnte, doch auf den glitschigen und rutschigen Untergrund hätte man wirklich verzichten können.

Mit gerade einmal Schrittgeschwindigkeit bog Susanne Reuter in die schmale Nebenstraße ein, die zum Haus des Ehepaares Vollmer führte. Herr Vollmer hatte auf diesen Termin bei ihm zu Hause bestanden und Susanne kam diesem Wunsch selbstverständlich nach. Als sie in die Auffahrt zu dem großen herrschaftlichen Haus einbog, wusste sie noch nicht, was der Grund für dieses Beratungsgespräch war. Das Einzige, was sie wusste, war, dass Herr und Frau Vollmer die Eltern des ermordeten Mannes waren, der auf so tragische Weise vor einigen Wochen auf diesem Baumarktparkplatz ums Leben gekommen war. Dieser Besuch verursachte ihr zwar leichtes Bauchweh, denn es war niemals angenehm, trauernde Angehörige zu vertreten, doch sie war professionell genug, sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen. Erhobenen Hauptes schritt sie schließlich auf die übergroße Eingangstür zu und betätigte den goldenen Klingelknopf.

Ein Butler öffnete und Susanne wurde durch eine kleine Empfangshalle mit imposanter Marmortreppe direkt in das Wohnzimmer des Hauses geführt.

Herr Vollmer begrüßte sie höflich, aber sehr distanziert und betrachtete sie völlig ungeniert und abschätzend. Frau Vollmer blieb auf dem mächtigen hellroten Designersofa sitzen und nickte nur kurz zum Gruß in ihre Richtung.

Schließlich saß die Anwältin dem Ehepaar gegenüber, legte artig die Hände auf ihren Schoß und wartete geduldig.

»Unser Anliegen ist folgendes«, begann Herr Vollmer ohne viel Herumgeplänkel. Höflichkeiten schienen genug ausgetauscht worden zu sein. »Sie müssen eine Schenkung rückgängig machen.«

Susanne sagte nichts, blinzelte nicht einmal, denn sie hatte gelernt, keine Fragen zu stellen, die sie nichts angingen. Was immer die Klienten von ihr wollten, musste sie tun. Nach kurzem Überlegen nickte sie.

»Haben Sie die Unterlagen vielleicht da? Ich müsste kurz einen Blick in die Übertragungsurkunde werfen«, erklärte sie nüchtern und professionell. »Handelt es sich um ein Geldgeschenk oder um die Übertragung einer Immobilie?«

»Geld«, sagte Herr Vollmer nur, verzog mürrisch das Gesicht und erhob sich schließlich. »Sehr, sehr viel Geld!« Er verließ das Wohnzimmer. Frau Vollmer starrte Susanne unverwandt an, rührte sich aber nicht. Stocksteif saß sie auf dem edlen Sofa, als würde sie einfach nur zur Einrichtung gehören, ein teurer Dekorationsgegenstand, der sonst zu nichts nütze war. Ab und zu rümpfte sie ihre kleine, etwas spitze Nase, sodass winzige Fältchen auf ihrem Nasenrücken entstanden. Ob es Abfälligkeit war oder ob sie einfach einen angeborenen oder antrainierten Tick hatte, konnte Susanne aus ihrer erstarrten Mimik nicht ergründen.

Der Butler brachte den Kaffee und platzierte völlig lautlos das zierliche Blumenmusterservice auf dem Tisch, schenkte drei Tassen dampfend heißen Kaffee ein, legte ungefragt dem Hausherrn zwei Stückchen Zucker in die Tasse und der Dame des Hauses goss er einen winzigen Schluck Milch hinzu. Dann sah er fragend, aber wortlos auf die Anwältin. Susanne schüttelte langsam den Kopf und hob abwehrend kurz ihre Hand. Niemals würde sie diese tödliche Grabesruhe, die in diesem Zimmer vorherrschte, durch unaufgefordertes Sprechen stören. Etwas unbehaglich war ihr schon zumute. Vorsichtig verlagerte sie ihr Gewicht ein wenig und schob ihre Beine etwas nach links. Der Raum zwischen dem Sofa, auf dem sie saß, und dem flachen Glastisch vor ihren Beinen war leider etwas schmal. Ihre Knie würden gegen die Kante des Tisches stoßen, wenn sie nach ihrer Tasse greifen würde, und das wollte sie vermeiden. Nicht, dass sie überhaupt auf die Idee kam, einen Schluck Kaffee zu nehmen, bevor Herr Vollmer wieder am Tisch saß.

»Hier.« Ein schmaler Ordner mit einem dunkelbraunen Einband und einem Wappen auf dem Deckel landete klatschend auf dem Tisch neben ihrer Tasse. Erschrocken fuhr Susanne zusammen. Komplett geräuschlos war Herr Vollmer wieder zurück in das Zimmer gekommen. Trotz seiner mächtigen Leibesfülle hatte der dicke, beigefarbene Teppich jeden plumpen Schritt dieses Mannes geschluckt. Er ließ sich auf den Platz neben seiner Frau fallen und ächzte angestrengt. »Schauen Sie sich die Sache an«, befahl er der Anwältin. »Und dann sagen Sie mir, ob man da etwas machen kann.«

Susanne griff nach dem Ordner, öffnete ihn und begann zu lesen.

»Das ist eine Schenkung an Ihren Sohn Klaus über 5.000 Euro«, sagte sie schließlich laut und schaute zu Herrn Vollmer auf. Es gelang ihr, sämtliche Emotionen aus ihrer Stimme und aus ihrem Gesicht zu nehmen, als sie fortfuhr. »Gibt es einen triftigen Grund, warum Sie das Geld zurückverlangen?«

Herr Vollmer Senior verzog wieder mürrisch seinen Mund. »Damit seine dumme Ische das Geld nicht erbt«, brummte er beinahe bedrohlich. »Sie wissen sicher, dass mein Sohn tot ist.«

Susanne nickte. Sie hatte schon vorher nicht verstanden, warum der Sohn eines offensichtlich so reichen Mannes in einem Baumarkt arbeiten musste. Scheinbar war das Mordopfer Klaus Vollmer ein ganz armes Würstchen gewesen, lebte mit seiner fünfköpfigen Familie in einer ärmlichen Gegend von Kempten und war alles andere als reich.

»Die Rückforderung dieser Schenkung wird allerdings problematisch. Ich denke, wir werden damit keinen Erfolg haben.« Dieser Klient wollte keine ausgeschmückten Worte, sondern klare Aussagen. »Kein Richter wird die jetzige Erbin zwingen, das Geld zurückzugeben.«

»Das Geld war nicht für sie«, brauste der alte Herr Vollmer wütend auf und schlug seine Faust energisch auf seinen dicken Oberschenkel. »Das Geld gehörte meinem Sohn! Und mit dieser dummen Frau war ich eh nie einverstanden«, wetterte er weiter gegen seine Schwiegertochter. »Die war nicht gut für ihn! Verdammt noch mal! Die Schenkung wird doch erst nach zehn Jahren rechtskräftig!« Fluchend wippte er aufgeregt auf dem Sofa auf und ab. Seine Frau wippte neben ihm, allerdings völlig unfreiwillig. Susanne Reuter verkniff sich ein Lächeln.

»Herr Vollmer«, begann sie beruhigend auf ihn einzureden. »Sie haben recht, dass eine getätigte Schenkung im Falle einer Erbschaft erst nach zehn Jahren rechtskräftig wird und vorher komplett oder teilweise in die Erbmasse einfließt.« Jetzt griff sie nach ihrer Tasse und nahm einen großen Schluck Kaffee. »Doch in Ihrem Fall sind ja nicht Sie gestorben, sondern Ihr Sohn. Mein Beileid übrigens zu Ihrem …«

»Ja, vielen Dank«, unterbrach Herr Vollmer ihre Beileidswünsche rüde und unhöflich. »Aber was kann man in diesem Fall denn jetzt machen?«

Susanne seufzte angestrengt.

»Wofür war das Geld denn eigentlich ursprünglich gedacht?«, fragte sie, schlug den Ordner erneut auf und blätterte darin herum. Schließlich fand sie die gesuchte Stelle. »Immerhin ist diese Schenkung über acht Jahre her.«

»Mein Sohn hat studiert. Dafür war das Geld«, polterte Herr Vollmer erbost. »Und diese blöde Kuh hat ihn dazu gebracht, das Studium zu schmeißen und ihm gleich drei kleine Kinder angehängt. Wer weiß, ob die überhaupt von ihm sind. Scheißblöde Kuh.« Bei diesen Worten bemerkte Susanne, wie Frau Vollmer ein zweites Mal fast unauffällig zusammenzuckte und beinahe schmerzerfüllt den Mundwinkel hob. Dann wurde sie wieder starr und reglos.

»Gut.« Susanne Reuter legte den Ordner wieder auf den Tisch. »Wenn Ihr Sohn studiert hat, dann hat er doch sicher das Geld bereits verbraucht«, sagte sie und wusste, dass sie mit dieser Aussage ihren Klienten noch mehr reizte. Frau Vollmer warf ihr einen flehenden Blick zu. Herr Vollmer schnaufte verächtlich.

»Was ich damit sagen will«, fuhr sie vorsichtig fort, »ist, dass Ihre Schwiegertochter gar nichts von dem Geld bekommen hat und deshalb auch nichts zurückzahlen muss.«

»Das ist mir egal«, schimpfte der Senior und seine Stimme klang grob und ärgerlich. »Mein Sohn hat nicht zu Ende studiert, er hat das Geld nicht für seine Ausbildung verwendet, also verlange ich es zurück. Die bleede Bix kriegt mein Geld sicher nicht.«

»Wir können natürlich versuchen, diese Schenkung anzufechten«, versuchte Susanne die Stimmung wieder ins Positive zu rücken. »Doch machen Sie sich nicht allzu viele Hoffnungen. Ich persönlich glaube nicht an einen Erfolg. Wenn wir Ihrer Schwiegertochter allerdings Böswilligkeit oder Habgier nachweisen könnten, dann würde es etwas günstiger aussehen.« Die Anwältin in ihr triumphierte, weil sie höchstwahrscheinlich mit diesen Worten den Zuschlag für diesen Fall an Land gezogen hatte, trotzdem er mehr als zweifelhaft und höchstwahrscheinlich völlig aussichtslos war. Die menschliche Seite in ihr allerdings konnte absolut nicht nachvollziehen, warum diese arme Frau all dieses Leid verdient hatte, was jetzt in naher Zukunft neben ihrem eigentlichen Schicksal als junge Witwe und alleinerziehende Mutter auf sie zukommen würde. Selbst wenn sie am Ende als Siegerin aus diesem Fall hervorging, kostete sie die ganze Aufregung eines langwierigen Prozesses Nerven, die sie vermutlich schon lange nicht mehr im Überfluss hatte.

»Leiten Sie alles in die Wege, Frau Reuter«, befahl Herr Vollmer und erhob sich ächzend, dann streckte er ihr zum Abschied seine Hand entgegen. »Ich verlasse mich auf Sie. Sie finden doch allein hinaus, oder?«

Martin Hansen hatte ein schlechtes Gewissen. Das und rasende Kopfschmerzen. Der gestrige Abend war lang gewesen und er war heilfroh, dass er an diesem Tag erst zur Spätschicht in die Wache musste. Gequält rieb er sich mit seinen Daumen und Mittelfingern die Schläfen, kroch dann mühsam aus dem Bett und schlurfte ins Badezimmer. Dabei wäre er beinahe gegen den Türrahmen gelaufen, weil sein Gleichgewichtssinn ihn im Stich ließ. Nur mühsam konnte er die Augen aufhalten. Er war zwar nicht mehr müde, doch das helle Licht, das durch das kleine Badezimmerfenster fiel, war grell und schmerzte schrecklich in seinem Kopf. Er schaute auf die Toilette, dann aufs Waschbecken und wieder auf das Klo. »Nee«, brummte er resigniert, stellte sich vors Waschbecken und pinkelte hinein. Sich zu bücken und den verdammten Klodeckel zu öffnen, wäre wirklich eine Spur zu viel gewesen. So war es einfacher.

Verdammt, er vertrug einfach gar nichts mehr. Mit Wolfgang war er oft um die Häuser gezogen, hatte auch mal ein Bierchen zu viel gehabt, doch selten war es ihm am nächsten Tag so schlecht gegangen wie heute. Soweit er sich an den gestrigen Abend erinnerte, war er recht lustig gewesen. Anfangs hatte er diesen Allgäuer Hauptkommissar für einen Idioten gehalten, doch im Laufe des Abends hatte er seine Meinung revidiert und korrigiert. Florian Forster war ein prima Kerl. Ob das allerdings Jessy auch so sah, bezweifelte er inzwischen. Florian war eindeutig an Susannes Schwester interessiert gewesen, doch Jessica hatte ihm vor zwei Wochen eine falsche Handynummer gegeben, wollte also scheinbar nicht, dass der Kommissar sich erneut bei ihr meldete. Jetzt allerdings hatte der Allgäuer von ihm die richtige Nummer bekommen. Hoffentlich war Jessy nicht sauer.

Der Wasserhahn rauschte, als Martin das Becken ausspülte, sich dann einen Schwall eiskaltes Wasser ins Gesicht klatschte und schließlich seinen ganzen Kopf unter den laufenden Hahn hielt, was seine Kopfschmerzen keinesfalls minderte, sondern zu Höchstleistungen antrieb. Um ein paar Schmerztabletten würde er nicht herumkommen, um seinen Kater in den Griff zu bekommen, doch zuerst musste er ein Gespräch nach Kempten führen.

Es klingelte lange, bis Jessica schließlich abnahm.

»Hallo, Martin. Wie geht’s?«, lachte sie fröhlich in den Hörer und Martin griff sich erneut gequält an den Kopf. Ihre Stimme war laut. Viel zu laut.

»Geht so«, brummte er etwas mürrisch. »Ich hatte gestern ein Gläschen zu viel.«

Jessica kicherte leise. »Dass es wirklich nur eins war, wage ich zu bezweifeln«, neckte sie ihn freundschaftlich. Mitleid hatte sie allerdings nicht mit ihm. Männer, die so viel tranken, dass sie am nächsten Tag nicht mehr geradeaus schauen konnten, hatten ihren Zustand selbst verschuldet und waren keines Bedauerns wert.

»Warum rufst du an?«, fragte sie schließlich, als von ihrem Gesprächspartner wieder nur ein schmerzhaftes Stöhnen zu hören war.

»Ich habe gestern aus Versehen deine Handynummer weitergegeben«, gab er etwas zerknirscht zu. »Ohne dich vorher zu fragen.« Mehr sagte er nicht.

Zuerst konnte Jessica sich keinen Reim aus seinen Worten machen, doch dann puzzelte sie sich alles zusammen. Der Anruf von Florian gestern Nacht, der ebenfalls total betrunken war, jetzt Martin, der wirres Zeug stammelte und weit davon entfernt war, wenigstens nüchtern zu klingen. Die beiden Männer waren gestern Abend zusammen gewesen.

»Bist du in Kempten?«, fragte sie schließlich verwundert und ließ sich auf den Esszimmerstuhl fallen, neben dem sie gerade stand.

»Wie kommst du denn darauf?«, kam Martins Antwort etwas verspätet und total verwirrt an ihr Ohr.

»Ja, weil … du warst doch gestern …« Sie unterbrach sich selbst, schüttelte den Kopf, beschloss dann aber, dass ihre Schlussfolgerung richtig sein musste, und sprach sie aus. »Was macht denn Florian Forster in Hamburg?«

Als Jessica Minuten später das Gespräch beendete, konnte sie immer noch nicht glauben, dass Hauptkommissar Forster extra nach Hamburg gefahren war, um in der Kemptener Mordfallgeschichte zu ermitteln. Wie kam er nur darauf, dass die beiden Todesfälle irgendetwas miteinander zu tun hatten? Jessicas Vater hatte einmal gesagt, wenn jemand wollte, fände er sogar eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen Pinguinen und Eisbären. Jeder Mensch hatte über wenige Ecken irgendetwas mit jedem anderen Erdbewohner zu tun und man müsste nur wichtige von völlig irrelevanten Informationen trennen, um die Bedeutsamen herauszufiltern. Die einzig wirkliche Verbindung zwischen dem Hamburger und dem Kemptener Mordfall war dieser merkwürdige Eintrag im Handy des zweiten Opfers. Glaubte Florian Forster denn immer noch, dass an dieser Spur irgendetwas dran war? Das wiederum würde dann aber bedeuten, Wolfgang hätte diesen Mann gekannt, was eindeutig nicht der Fall war. Jessica und vor allem Susanne kannten Wolfgang in- und auswendig. Dieser Mann war offen und ehrlich gewesen und hätte keine Gründe gehabt, irgendetwas zu verbergen. Hauptkommissar Forster sollte sich besser im näheren Umfeld des Opfers umsehen, anstatt in ihrem alten Fall herumzuwühlen. Jessica war eine gute Kommissarin gewesen, hatte sauber gearbeitet und eine Verbindung welcher Art auch immer ins Allgäu sicher nicht übersehen, wenn es einen Hinweis darauf gegeben hätte. Und es gab keinen, absolut gar keinen.

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Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
380 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783839249604
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Telif hakkı:
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