Kitabı oku: «Schlachtfest»

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Mia Wachendorf

Schlachtfest

Ein Krimi aus dem Emsland

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Inhaltsverzeichnis

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Samstag

Schlachtfest

Ein Krimi aus dem Emsland

von

Mia Wachendorf

Umschlagfoto: Philipp Deus auf unsplash.com

Copyright © 2021 Mia Wachendorf

Alle Rechte vorbehalten.

Es war ein seltsamer Anblick, als das aufgeplusterte Ding seinen Weg durch die sanft fließende Strömung des Flusses nahm, mal schneller, mal langsamer dahintrieb, sich drehte und wendete, still zu stehen schien, um dann wieder mit Macht voran zu schießen. Es trieb eine Weile auf der Oberfläche, ein unförmiges rosafarbenes Objekt, das nach unten gezogen wurde und sich wieder aufbäumte gegen den Sog der Strudel, die sich zahlreich in dieser Biegung befanden. Zwei vorbeischwimmende Stockenten beäugten es neugierig. Eine einzelne im Uferbereich schwimmende Biberratte riskierte einen Blick, sanft an der Wasseroberfläche dahingleitend, und tauchte dann gelangweilt ab. Das bauschige Etwas blieb im Gestrüpp der Uferböschung hängen, wo es sich wand und zappelte wie ein Fisch auf dem Trockenen. Es kam nicht frei, schwappte auf und nieder im Rhythmus der Wellen und schien sich seinem Schicksal zu ergeben.

Die Morgendämmerung tauchte das Flusswasser in ein Rosa, das dem des festhängenden Treibguts ähnlich war. Und doch passte das rhombenförmig abgesteppte Kleidungsstück nicht in das malerische Idyll dieser morgendlichen emsländischen Angelstelle. Eine Jacke, ein Fremdkörper aus Kunstfaser, weggeworfen, vergessen, verloren oder davongeweht. Und wasserfest. Sollte sie angefangen haben sich vollzusaugen, so würde sie nun von den Zweigen des Gebüsches an der Oberfläche gehalten. Ein Abtauchen war unmöglich. Sie blieb hängen und gesellte sich zu einer alten Plastikflasche, Treibholz und abgebrochenen Ästen.

Die Bäume hinter der Böschung rauschten im Wind und nur wenige Vögel zwitscherten eine gleichförmige Melodie. Kein intensiver Balzgesang wie noch vor wenigen Monaten, als der Frühling in diesen platten nordwestdeutschen Landstrich einzog. Doch der Gesang ließ erahnen, dass es wieder ein schöner sonniger Tag werden würde, wie schon die vorangegangenen in dieser heißen Juliwoche. Zum Vogelgezwitscher gesellte sich das ferne Muhen der Kühe, die auf den zum Wasser hin abfallenden Weiden am Ufer der Ems grasten. Die Kühle der Nacht verschwand nur langsam und mit den Sonnenstrahlen stieg ein süßlicher Duft aus den vertrockneten Grasflächen auf, die die sonnenbeschienenen Böschungen bedeckten. Der Wind trieb den typischen leicht modrigen Geruch des Flusswassers an den Strand herüber, an dem die beiden Angler saßen. Ihre Silhouetten hoben sich grau gegen den prächtigen Morgenhimmel ab. Sie saßen auf Hockern, nebeneinander, unbeweglich wie Statuen, auf das Wasser starrend als meditierten sie.

„Hast du das gesehen?“, fragte der eine, ein junger Mann, bekleidet mit Fleecepullover und dunkelgrünen Gummistiefeln. Der andere, ein älterer bärtiger Mann in Wachstuchjacke, begann seine Angel mit einem Köder zu bestücken. Er fluchte plötzlich, fuchtelte mit der Hand durch die Luft, in der der Haken mitsamt Angelschur steckte. Dann beförderte er schmerzverzerrt den Widerhaken heraus und steckte den Daumen in den Mund, damit das Blut nicht heruntertropfte.

„Gesehen? … Was gesehen?“, fragte er genervt.

„Na, da hinten! Im Gestrüpp. Da schwimmt was. Ne Jacke, oder so.“ Der Alte blickte kurz in die ihm angezeigte Richtung.

„Joh! Nicht meine Farbe.“ Er lachte röchelnd in sich hinein.

Der jüngere setzte das Starren aufs Wasser fort.

„Die schmeißen da allen Scheiß rein“, sagte der Alte ein paar Minuten später. „Neulich haben sie bei Haverlands Wiese einen kompletten Grill aus‘m Wasser gezogen.“

„Hhmm.“

„Da lag noch Grillfleisch drauf.“

„Is klar.“ Der Jüngere wirkte gelangweilt. Er kniff die Augen zusammen und fixierte die nun gleißend helle Wasseroberfläche am Anfang der Flussbiegung. Etwas bierflaschengroßes, weißschimmerndes schien sich aus der Lichtflut zu lösen und näherte sich in der Sonne glitzernd dem Ufer. Es tänzelte auf den Wellen wie ein verlassener Kahn. Zunächst kaum erkennbar, bewegte es sich dann schneller und erreichte bald die Angelstelle, an der es in Ufernähe vorbeitrieb. Er sprang auf und griff hektisch nach seinem Kescher, lief ein Stück über den Strand und konnte noch das Netz darüber ziehen und es an Land holen, bevor es um die nächste Biegung abgetrieben oder unter dem dichten Uferbewuchs unerreichbar geworden wäre. Er ließ es abtropfen und fummelte umständlich das Netz des Keschers herunter. Skeptisch besah er seinen Fang von allen Seiten.

„Das is’n Schuh.“ Die Enttäuschung über die jämmerliche Ausbeute stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Und was für einer!“ Wieder das röchelnde Lachen des Alten, das wie ein Automotor mir Startschwierigkeiten klang. Er war aufgestanden, um den seltsamen Fund zu betrachten. Der weiße Damensneaker war großzügig mit den verschiedensten Verzierungen besetzt. Kleine Perlen entlang der Schnürung und mehrere große Kristalle aus transparentem pinkfarbenem Kunststoff an den Seiten. Der junge Mann drehte den Schuh um, um das Wasser heraus zu kippen und sein Inneres zu inspizieren. Da war nichts außer Feuchtigkeit.

„Größe 39“, stellte er fest. Dann warf er ihn desinteressiert hinter seinen Angelstuhl auf den Strand. Gerade als sie sich wieder auf ihre Hocker fallen ließen, trieb eine pinkfarbene Damenhandtasche mit Henkeln direkt auf sie zu. Sie sprangen auf. Der Jüngere hatte sofort seinen Kescher zur Hand. Er stapfte mit den Gummistiefeln ein Stück ins Wasser hinein, währen der Alte ihn anfeuerte.

„Die kriegste noch!“ Er schaffte es, das schwimmende Damenaccessoire an Land zu befördern, ließ das Wasser ablaufen und öffnete den Reißverschluss. Er grinste, als er ein weißes längliches Damenportemonnaie zu Tage förderte, öffnete es und fand darin einige Geldscheine und Münzen.

„Finger weg!“, befahl der Alte. Der Jüngere zuckte mit den Schultern.

„Wer wirft denn sowas ins Wasser?“, fragte er und sah sich in der Gegend um, wobei ihn nicht wirklich interessierte, wem das Geld gehörte. Er hoffte vielmehr, der Besitzer wäre in weiter Ferne. Weiter gab die Tasche nichts her, das interessant für ihn wäre. Neben Kamm und Bürste, einem Lippenstift, knallrot, einem Kondom, violett, einer überschwemmten Puderdose und einer kleinen Dose Haarspray förderte er eine vollgesogene Packung Papiertaschentücher zutage. Außerdem ein Handy, dass sich als nicht mehr funktionstüchtig herausstellte.

„Vielleicht zieht sich da gerade eine aus“, meinte der Alte und blickte in Richtung der ufernahen Bäume, aus der die Fundstücke herangetrieben wurden. „Of da slapen twee mitnanner.“

„Hier buten?“ Das hatte der junge Mann in seiner kurzen Anglerkarriere zwar schon erlebt, aber noch niemals um halb fünf in der Früh.

„Und dann schmeißen sie vor Begeisterung ihre Klamotten in den Fluss, oder was?“ Die Wiesen und Strände der Ems hatten schon einiges gesehen, aber für gewöhnlich kamen die Paare nicht vor dem frühen Nachmittag, um sich hier mit Picknick und Liebesgetändel die Zeit zu vertreiben.

„Ach! Dat kann von sonst wo hergetrieben sein!“, meinte der Alte und rieb sich den stoppeligen Bart. Nachdem sie die Steppjacke geborgen hatten, ergänzten sie den Stapel der Fundsachen noch um ein T-Shirt mit Leopardenmuster, das wenig später angetrieben wurde. Dann angelten sie weiter.

„Meinst du, da kommt noch wat?“, fragte der junge Mann wenig später.

„Nee.“

#

„Das war’s!“ Der Möbelpacker pustete heftig und wischte sich mit einem riesigen graublauen Taschentuch den Schweiß von der Stirn. Es war fast Mittag. „Feierabend.“ Er schwitzte so heftig, dass seine kurzen schwarzgrauen Locken glänzten, als wären sie nass. Enna hatte Bedenken, dass er ihr schönes altes Parkett volltropfen könnte.

„Den haben Sie sich redlich verdient!“, sagte sie und versuchte ein Lächeln. Das Wohnzimmer war ein Kistenlager und wirkte vollgestopft und unordentlich, auch wenn die Möbel schon größtenteils an ihrem Bestimmungsort standen. Sie zeichnete den Lieferschein, der ihr hingehalten wurde, lächelnd ab. Das gröbste war erledigt. Nun war es an ihr, hier für Ordnung zu sorgen.

„Was ist denn eigentlich heute hier im Ort los? “, fragte sie. „Ich bin kaum mit dem Auto durchgekommen. Da war eine ganze Straße abgesperrt.“

„Ja, wegen der Aufräumarbeiten. Ich hatte auch so meine Probleme mit dem LKW. Wir feiern dieses Wochenende Schlachtfest. Das ist hier jedes Jahr um diese Zeit. Gestern ist’s angefangen. Heute wird wahrscheinlich noch mehr los sein als gestern. Samstags ist es immer am vollsten.“

„Schlachtfest? Ist das eine öffentliche Veranstaltung?“

„Ja sicher. Kommen Sie doch vorbei!“ schlug er vor. „Die Maarsumer gehen da alle hin, ist immer eine Menge los. Bier und Grillfleisch bis zum Abwinken. Oder sind Sie Vegetarier? Bei den Leuten aus der Stadt weiß man das ja nie.“ Er grinste über das ganze Gesicht.

„Nein, nein. Ich esse Fleisch, …“ Der Gedanke an ein Schnitzel vom Grill war ihr dennoch gerade zuwider. Außerdem zog sie ein gutes Glas Chardonnay einem Bier grundsätzlich vor. Eine leichte Übelkeit hatte sie befallen. Der Mann vor ihr roch nach Schweiß und sie war heute Morgen schon um vier Uhr aufgestanden, um rechtzeitig in Maarsum einzutreffen und die Möbelpacker hereinzulassen. Ihr Magen hatte sich schon vor zwei Stunden gemeldet. Ihr Frühstück hatte nur aus einem Hörnchen und einem Kaffee bestanden und sie hatte es bereits um halb fünf in der Frühe eingenommen. Das war sechs Stunden her.

„Kommt Ihr Mann noch nach?“, fragte er ganz direkt. Enna wusste, dass seine Art zu fragen nicht unhöflich gemeint war und eher daher rührte, dass die Menschen hier geradeheraus waren. Umschweife wurden nicht gemacht, man schlug sich nicht mit Floskeln oder Wordhülsen herum. Das gesprochene Wort wurde, wo möglich, auf das nötigste reduziert, ohne jedoch wichtiges wegzulassen oder mit notwenigem hinter dem Berg zu halten. So kannte sie ihre Heimat. So hatte sie sie in Erinnerung.

„Nein. … Nein, der bleibt in Münster“, antwortete sie nur. Einen Mann, in dem Sinne, gab es nicht. Aber sie hatte keine Lust ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen. Weit herumgekommen war sie nicht, es gab nichts zu berichten. Maarsum war der Ort an dem sie aufgewachsen und zur Schule gegangen war, bis sie mit 19 Jahren in Münster ihre Ausbildung bei der Polizei angefangen hatte. Mit Anfang Vierzig hatte sie nun, bis auf Ausnahmen von kurzer Dauer, immer in Münster gelebt. Ihr halbes Leben. Und nun war sie wieder hier, weg von Rüdiger. Ohne Rüdiger. Sie musste sich noch an den Gedanken gewöhnen, wieder Single zu sein. Aber so hatte sie es selbst gewollt.

„Münster! Schöne Stadt.“

„Ja, sehr schön“, sagte sie nur.

„Herrlich!“ Er schnaufte immer noch. Sie schwiegen eine Weile, wie um der Schönheit der Stadt Münster angemessen zu gedenken. Der blaue Overall des Mannes war staubig und befleckt. Enna fragte sich, ob ein körperlich arbeitender Mann wie er nicht eigentlich fitter sein müsste. Für einen Möbelpacker war er schmächtig und kurzatmig. Für eine Kommissarin hast du ganz schöne Klischeevorstellungen, schalt sie sich selbst. In ihrem Job versuchte sie den Menschen möglichst vorurteilsfrei zu begegnen.

„Und warum gerade ein Schlachtfest? Hat das irgendeine Tradition?“, fragte sie dann.

„Das kommt wohl daher, weil wir hier so viel Fleischindustrie haben. Familienbetriebe meistens. Dem Kösters, dem gehört der Schlachthof, ein Legehennenstall und ein Hähnchenmastbetrieb. Seinem Schwiegersohn die Wurstfabrik. Der Kösters sponsert das Ganze ein bisschen, tut eine Menge für den Ort, muss man schon sagen.“

„Aha. … Ist das Heinz Kösters?“ Der Name kam ihr bekannt vor. Der Heinz Kösters an den sie sich erinnerte, musste im Alter ihres Vaters sein.

„Heinz, ja. So heißt er“, antwortete der Mann, der seinen Atem schließlich wiedergefunden hatte. „Kennen Sie den?“ Enna schüttelte den Kopf.

„Nein, ich denke nicht.“ Enna hatte keine Lust, ihre Gedankengänge einem Fremden offen zu legen. Sie betrachtete sich inzwischen als Münsteranerin. Ihre Zeit dort war zu lang, um sich hier wieder sofort heimisch zu fühlen. Die Menschen, die hier wohnten, kannte sie größtenteils nicht mehr. Ihre Eltern waren beide nach ihrem Abitur nach Emden gezogen, wo ihr Vater einen neuen Job angenommen hatte. Später sind sie dann nach Langeoog übergesiedelt, um dort ihren Ruhestand zu verbringen, und Enna, die außer ihnen nur einen Bruder hatte, hatte es seither nicht mehr oft in die Gegend verschlagen. Moritz, ihr Bruder, war zwei Jahre jünger als sie und ist damals zum Studieren nach Gießen gegangen. Und dort geblieben. Hin und wieder schrieb sie ihm und er schickte Fotos von seiner kleinen Tochter. Aber jeder führte sein eigenes Leben. Es hatte sie nichts mehr zurück hierher gezogen. Bis jetzt.

„Ja, vielleicht gehe ich tatsächlich hin.“ Enna dachte nicht ernsthaft darüber nach, dieses fleischlüsterne Spektakel aufzusuchen. Eigentlich wollte sie nun lieber allein sein mit ihren Habseligkeiten und ihren trüben Gedanken. Es würde ewig dauern, bis alles ausgepackt und eingeräumt war.

„Machen Sie das! Vielleicht sieht man sich dort. Ich wünsche ein schönes Wochenende und viel Glück im neuen Heim!“, sagte der Mann und reichte ihr die Hand. Enna bedankte sich und begleitete ihn zur Haustür. Er stieg in den Umzugswagen, in dem schon der Kollege saß, der vorhin beim Auspacken geholfen hatte. Der Motor lief. Enna winkte ihnen kurz zu. Dann schloss sie die Haustür und lehnte sich von innen dagegen. Viel Glück im neuen Heim, hallte es in ihrem Kopf nach. Glück – das wäre schön. Vielleicht würde sie hier wirklich ihr Glück finden, in diesem kleinen roten Backsteinhaus am Rande des Teufelsmoors. Aber irgendwie zweifelte sie daran. Sie vermisste Rüdiger. Mehr als sie je für möglich gehalten hätte.

Auch der Flur war vollgestellt mit Umzugskartons, Lampen und Klappkisten. Enna sah sich um.

„Shit! Verdammte Scheiße!“ Das Fluchen war in letzter Zeit zu einer Gewohnheit geworden. Sie kannte eine Menge Flüche. Das Fluchen passte nicht zum Bild einer niveauvollen, modernen und ehrgeizigen Frau im besten Alter, dass sie nach Außen von sich vermitteln wollte, aber das störte sie nicht. Das Fluchen war sie selbst. So war sie. Sie bildete sich ein, es von ihren vielen „Klienten“ übernommen zu haben. So bezeichnete sie die straffällig gewordenen Menschen, mit denen sie täglich zu tun hatte. Das Fluchen hatte auf sie abgefärbt. Es war ein Ventil, um mit dem Schweren, dem Sinnlosen und dem Traurigen, dass ihr Job mit sich brachte, zurecht zu kommen. Aber sie schaffte es meistens, das Fluchen auf ihre eigenen vier Wände zu beschränken, oder zumindest auf ihr Privatleben.

Noch heute und morgen hatte sie zur Verfügung, zum Aufräumen dieses Durcheinanders, am Montag würde sie die neue Stelle antreten. Ihr neuer Posten als Hauptkommissarin. In Münster wollte sie nicht bleiben, nach der Trennung von Rüdiger. Sie war immer schon für einen klaren Schnitt, wenn es darum ging Altes hinter sich zu lassen. Alles andere schmerzte umso mehr. Sie wollte es so, um neu anzufangen. Enna wusste, sie konnte sich neu erfinden. Das ist ihr damals gelungen, und heute würde es wieder gelingen. Auch wenn es schwer fiel.

Sie hatte noch alle Zeit der Welt, um es sich hier gemütlich zu machen. Was das Einrichten betraf, stand sie nicht unter Druck, außer sie machte ihn sich selbst. Es gab niemanden, der sie antrieb, niemanden, dem sie es recht machen musste. Niemanden für den sie es schön machen konnte, nur sie selbst. Sie musste wieder an Rüdiger denken. Wenn sie an ihn dachte, hatte sie jedes Mal das Verlangen, ihm eine Kurznachricht zu schicken. Jedes Mal tat sie es dann doch nicht. Es war besser so.

Das war es also, ihr neues Zuhause. Sie ging zurück ins Wohnzimmer. Es roch immer noch nach Schweiß. Sie öffnete ein Fenster. Dann noch eines in der Küche. Sie atmete tief durch als wollte sie etwas herauslassen. Aber die Traurigkeit wollte nicht weichen. Etwas Neues würde beginnen, sie sollte nach vorne blicken. Doch es kam Enna Kolder so vor, als hätte sie in ihrem Leben gerade einen Schritt zurück gemacht.

#

Der Hunger hatte Enna fluchtartig aus dem Haus getrieben. Beim Durchfahren durch das Zentrum von Maarsum am Morgen hatte sie festgestellt, dass heute Wochenmarkt war. Gegen gedrückte Stimmung halfen als frische Lebensmittel vom Markt immer. Die Fahrt mit ihrem alten Golf in die Stadt war eine Reise in die Vergangenheit. Sie hatte sich nie Gedanken gemacht, wie ihre erste Begegnung mit Maarsum sein würde, nach der langen Zeit. Der Schock war groß. Und es war ernüchternd. Mit dem Wissen im Hinterkopf, dass sie hier nun eine Weile aushalten musste, empfand sie die Stadt als langweilig und spießig. Maarsum hielt in keinster Weise stand gegen das wunderschöne historische Münster mit dem Flair einer Studentenstadt. Ohne den Gedanken an eine Endgültigkeit hätte sie es als einen netten Ausflug empfunden, nun war es einfach nur trostlos. Irgendwann würde sie sich ein Fahrrad besorgen, wie früher. Und wie in Münster. Irgendwann, wenn sich alles eingespielt hatte.

Automatisch hatte sie ihr Handy an die Freisprechanlage angeschlossen. Als Kommissarin wollte sie erreichbar sein, auch wenn sie noch nicht im Dienst war. Wenn sie außer Dienst war, war ihr Handy die einzige Verbindung, die sie zu Rüdiger hatte. Rüdiger von Hatten, stellvertretender Polizeipräsident von Münster, ihr altes Leben. Attraktiv, zwölf Jahre älter als sie, zwei erwachsene Söhne und verheiratet. Sie wollte jetzt nicht an ihn denken, aber ihr Heimweh führte dazu, dass es ihr wieder nicht gelang, ihn aus ihrem Kopf zu verbannen.

In Maarsum gab es wenig, an das sie sich noch erinnerte. Selbst für den Weg in die Stadt musste sie sich konzentrieren, um nicht falsch abzubiegen. Die Stadt hatte sich gewaltig verändert. Viele der alten Häuser waren neueren modernen Bürokomplexen und Geschäften gewichen. Sogar ein überdachtes Einkaufszentrum hatte man gebaut. Maarsum war nie eine reiche Stadt gewesen, aber alles war immer ordentlich und sauber, soweit sie sich zurückerinnern konnte, die Verkehrsinseln üppig bepflanzt, die Häuser renoviert. So war es immer noch. Wenigstens das hatte sich nicht geändert. Sie parkte auf dem Johannes-Kolbe-Platz, wie früher.

Als sie die Fußgängerzone betrat, fand sie eine Reihe neuer Läden und Cafés vor, dazwischen gab es nur wenige leerstehende Geschäfte. Hier fühlte sie sich etwas mehr zuhause. Die alten unter Denkmalschutz stehenden Fachwerkhäuser waren noch vorhanden, ebenso wie die zu ihrer Schulzeit gebaute Bücherei, damals hochmodern. Die wirkte nun ein wenig abgenutzt, aber immer noch einladend, mit ihren großen, mit bunten Plakaten beklebten Glasfronten im Eingangsbereich. Sie hatte schon lange keine Bücher mehr entliehen, auch in Münster nicht. Der Berufsalltag ließ ihr zum Lesen kaum Zeit. Wenn sie ein Buch lesen wollte, dann kaufte sie es sich. Der Gedanke ein einmal gelesenes Buch wieder ab geben zu müssen, hatte ihr noch nie behagt. Zumindest nicht bei Büchern, die sie mochte. Aber als Schülerin hatte sie als Tochter eines Werftarbeiters und einer Friseurin nicht das Geld, um sich alle Bücher, die sie lesen wollte, zu kaufen.

Der Springbrunnen in der Friesenstraße war immer noch da. Wie vor über zwanzig Jahren lief das Wasser kaskadenartig über die flachen alten Mühlsteine herab. Ebenso gab es die dazugehörige Sitzbank unter der riesigen alten Kastanie noch. Es sah alles genauso aus wie damals, als sie mit Leonard, ihrem ersten festen Freund, hier gesessen hatte, in den Sommerferien, ein Jahr vor dem Abitur. Er hatte sich auf der Bank ausgestreckt und seinen Kopf mit den krausen schwarzen Haaren auf ihre Beine gelegt. Dabei hatte er mit verträumtem Blick abwechselnd in ihr Gesicht und in die gewaltige Krone der Kastanie geblickt, während sie miteinander diskutierten. Der Baum musste inzwischen noch höher gewachsen sein, aber es fiel ihr nicht auf, denn schon damals kam er ihr gigantisch vor. Sie war glücklich gewesen. Das wusste sie auch noch.

Je weiter Enna in das Zentrum hinein ging, ein kurzer Fußmarsch vom Parkplatz, umso bekannter kam ihr alles vor. Der historische Ortskern war weitgehend unverändert und der Markt, der hier jeden Mittwoch und Samstag stattfand, schien immer noch derselbe zu sein, wie vor 25 Jahren. Es gab hier keine Marktcafés, wie sie es vom Wochenmarkt aus Münster kannte. Mit überdachten Stehtischen, an denen die Frühaufsteher oder Spät-zu-Bett-Geher ihre Brötchen mit einer unendlichen Auswahl an Käse-, Wurst- oder Frischkäsecremes belegen lassen konnten und dazu sämtliche italienischen Kaffeespezialitäten bestellen konnten. Oder eine heiße, würzige Suppe, um den Kater zu vertreiben. Auch gab es keine Töpferwaren-, Schmuck-, Kerzen- und Taschenstände, an denen Enna selten vorbei gehen konnte, ohne zu stöbern. Alles war in einem bescheidenen ländlichen Rahmen geblieben. Man promenierte hier nicht Hand in Hand. Man shoppte nicht. Man kaufte, was man am Wochenende benötigte. Käse, Schnitzel vom Bunten Bentheimer Schwein, Bio-Gemüse, fangfrische Scholle, importierte griechische Oliven und Blumen. Hier traf man sich, um den neuesten Tratsch mitzunehmen, den man dann beim Kaffeetrinken mit der Familie oder Freunden zum Besten geben konnte.

Hatte ihr die Erinnerung an Rüdiger gerade noch den Appetit verschlagen, so kam der Hunger schlagartig zurück, als sie die Marktstände sah. Sie kaufte frisches Olivenbaquette und Schafskäse beim Griechen, Äpfel, Möhren und Kartoffeln beim Bio-Bauern und ein Lachsfilet beim holländischen Fischhändler. Die Sonne brannte heiß um diese Tageszeit und sie war froh, dass sie sich beim Stand, der „Frische Landeier“ anbot, unter einer Markise in die Schlange stellen konnte. Nur noch die Eier, dann hätte sie das wichtigste, um das Wochenende zu überleben.

Es ging nur langsam voran. Enna erschrak, als ihr plötzlich von hinten jemand auf die Schulter tippte. Sie drehte sich abrupt um, schob ihre Sonnenbrille auf das dunkelblonde lange Haar und musterte die alte grauhaarige Frau, die sich hinter ihr eingereiht hatte. Sie musste sich fast hinunterbeugen, um ihr ins Gesicht zu sehen, obwohl sie mit einem Meter siebzig selbst nicht gerade groß war.

„Sie kommen mir bekannt vor!“ ließ die schmächtige alte Dame verlauten und schob die Unterlippe bedeutungsvoll nach vorne. Ihre Stimme war leise, aber resolut. Sie war von geringer Größe, aber nicht unauffällig, und trug ein kaftanähnliches Kleid, das aus vielen verschiedenen buntgestreiften Stoffquadraten zusammengesetzt war und von einem schmalen Ledergürtel gehalten wurde. Um den Hals trug sie mehrere dunkle Perlenketten und eine goldene Kette mit einem Medaillon. Auf den kurzen Pagenkopf hatte sie einen gelben Strohhut gesetzt, der mit einem farbigen Band und einer Kunstblume verziert war. Sie musste mindestens achtzig Jahre alt sein. Alles in allem war sie tadellos gekleidet, in ihrem bunten Hippie-Look. Enna kam sich neben ihr farblos vor, in ihrer dunkelblauen Jeans und dem hellgrauen T-Shirt.

„Ich wüsste nicht…“ begann sie.

„Doch. Ich kenne Sie.“, beharrte die Frau.

„Woher denn?“, fragte Enna. Die alte Dame zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß, wer Sie sind“, sagte sie nur.

„Und wer sind Sie?“

„Josefa Beckmann.“ Enna konnte mit dem Namen nicht viel anfangen. Beckmanns gab es in dieser Gegend viele und sie hatte keine Freunde oder Bekannten mit diesem Namen.

„Sie sind Enna.“ Die Alte schien ihr Wissen nur in Stakkato-ähnlichen Kurzsätzen preis zu geben. Enna war überrascht. Sie hatte die Frau noch nie gesehen.

„Und woher kennen wir uns?“

„Von der Schule“, sagte Sie dann langsam. Das machte keinen Sinn. Enna hatte ein gutes Gedächtnis. An einen solchen Paradiesvogel im Lehrerkollegium würde sie sich bestimmt erinnern. Sie erwartete, dass die Frau weitere Informationen preisgeben würde, doch dieser letzte Satz schien sie vorerst überfordert zu haben. Sie hatte nicht das Gefühl, dass diese Unterhaltung zu etwas führen würde. Josefa Beckmann schien durch Ennas Auftauchen auf eine merkwürdige Weise betroffen und Enna wollte nicht unfreundlich sein.

„Ich kenne hier jeden“, behauptete Frau Beckmann.

„Es tut mir leid, ich kenne Sie nicht. Oder zumindest kann ich mich nicht an Sie erinnern.“

„Ich habe auch Leonard gekannt.“ Die alte Frau Beckmann sah sie mit ihren wässrigen grau-blauen Augen an und lächelte. Dabei ragten ihre Schneidezähne etwas über ihre Unterlippe hervor.

„Leonard? Woher?“, fragte Enna, nun energischer. Doch sie antwortete nicht.

Leonard war tot. Natürlich war jeder im Ort entsetzt gewesen über den Unfall mit Fahrerflucht, der einen jungen Mann mit besten Zukunftsaussichten so früh aus dem Leben gerissen hatte. Jeder im Ort hatte von Leonard gewusst. Die Erinnerung an die Zeit nach seinem Tod kam hier, am Ort des Geschehens, wieder in ihr hoch. Sie war wie in Trance gewesen, hatte tagelang nicht mehr gegessen, tagelang geweint, bis keine Tränen mehr kamen.

Josefa Beckmann kam ihr vor wie eine Erscheinung. Der Blick aus ihren trüben Augen war starr, auf den Lippen stets der Anflug eines Lächelns, der Gesichtsausdruck undurchdringbar, die Stimme sanft. Sie bewegte sich mit einer für ihr Alter unglaublichen Eleganz, fast tänzelnd.

„Es ist was passiert“, teilte die alte Beckmann in ihrer verlangsamten Sprechweise mit. Es war, als ob ihr Kopf nicht mit dem was sie sagen wollte Schritt halten konnte. Enna war perplex. Sollte sie die alte Dame ernst nehmen, oder sprach da nur eine verwirrte alte Frau, die sich etwas zurechtfantasierte? War sie möglicherweise dement? Immerhin kannte sie ihren Namen. Und den von Leonard. Und das nach über zwanzig Jahren.

„Hören Sie, wenn Sie mir etwas zu sagen haben, dann sagen Sie es bitte!“ Sie befahl es beinahe. Die alte Dame lächelte nur.

„Was darf’s sein?“ Die energische Stimme der Eierfrau. Enna drehte sich abrupt zu ihr um. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie inzwischen an der Reihe war.

„Zehn Bio-Eier bitte.“ Sie bezahlte und packte die Eier eilig in ihre Einkaufstasche. Dann dreht sie sich wieder zu der alten Dame um, doch sie blickte in die Augen eines jungen Mannes mit einem Kleinkind an der Hand. Die alte Beckmann war verschwunden.

#

Nachdem sie den Nachmittag mit dem Versuch das Umzugschaos zu beseitigen verbracht hatte, war sie am frühen Abend unter eine wechselwarme Dusche gesprungen. Nach Ausstoßen dutzender Flüche unterschiedlichster Art und Schwere, gelang es ihr endlich die passende Wassertemperatur einzustellen. Die Duschkabinenausstattung verfügte über keinen Thermostaten zum automatischen Einstellen der Wassertemperatur. Ein Fakt, den Enna so schnell wie möglich ändern würde.

Nach dem staubigen und schweißtreibenden Auspacken, Hin- und Herräumen, treppauf und treppab laufen, war das kühle Wasser belebend. Sie atmete tief durch und fühlte sich endlich ein wenig entspannt nach der Aufregung des Tages. Es war ihr nicht klar, was sie mehr gefordert hatte, der Umzug und die Tatsache, dass sie endlich Münster und ihrer unseligen Affäre den Rücken gekehrt hatte oder die Begegnung mit der alten Dame. Oder der Schock, mit ihrer Vergangenheit konfrontiert zu werden.

Beim Gedanken an ihre Vergangenheit fiel ihr Anne wieder ein. Sie hatte vor einer Woche mit ihrer alten Schulfreundin telefoniert und ihr mitgeteilt, dass sie wieder in die Gegend ziehen würde. Sie hatten sich während Ennas Zeit in Münster hin und wieder getroffen. Zumindest so häufig, dass ihre Freundschaft nicht eingeschlafen war. Obwohl Enna nicht glaubte, dass das jemals geschehen könnte. Sie waren sich so vertraut, es spielte keine Rolle, wie oft und wie lange sie sich nicht gesehen hatten.

Zwischen den Treffen telefonierten sie hin und wieder und jedes Mal, wenn sie sich tatsächlich trafen, war es, als wenn sie sich gestern erst gesehen hatten. Es gab nie ein Gefühl der Verpflichtung zwischen ihnen oder des Sich-fremd-geworden-seins. Sie waren schon in ihrer Schulzeit unzertrennlich gewesen und sie führte das damals im Scherz darauf zurück, dass sie im Prinzip den gleichen Vornamen hatten. „Enna“ ergab rückwärts gelesen „Anne“. Und Anne war wie Enna, und doch auch anders. Sie hatten beide etwas Wildes, Unbändiges, einen Hang zu Verrücktheiten und ein ihnen eigenes, tiefes Verlangen nach Leben und Glück. Nur dass jeder dieses auf seine eigene Weise auslebte. Anne war ein Muttertier. Auch wenn sie es liebte auszugehen, und dieses meist in einer Aufmachung, die Starqualitäten hatte, und mit Enna liebend gerne nächtelang um die Häuser zog. Ihre eigentliche Bestimmung sah Anne darin, sich um ihren Mann Jan und ihre beiden Kinder zu kümmern. Enna hatte nie eine große Sehnsucht gehabt, Mutter zu werden. Sie hatte es nie ausgeschlossen und war dafür offen. Doch für dieses Vorhaben hatte ihr der richtige Partner gefehlt. Dieses gab sie stets als Begründung für ihre Kinderlosigkeit an. Heute, mit 43 Jahren war es für Kinder fast zu spät. Doch sie hatte nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Sie war in ihrer Arbeit zuhause.

Es schien, als würden die langen Pausen zwischen den Treffen mit Anne ihre Freundschaft noch vertiefen. Anne war begeistert über die Neuigkeit, Enna wieder in ihrer Nähe zu haben. Und Enna hatte versprochen, sich zu melden, sobald sie in Maarsum angekommen wäre. Sie trocknete sich hastig ab und warf sich einen Morgenmantel über. Dann wählte sie Annes Nummer. Während es klingelte, sah sie auf die Wanduhr, die sie, als allererste Handlung im neuen Haus, in ihrem Wohnzimmer aufgehängt hatte. Es war schon sechs. Ein Treffen mit Anne wäre genau das, was sie brauchte, aber sie bezweifelte, dass Anne so kurzfristig Zeit hatte. Ihre beiden Jungen, 10 und 13 Jahre, beanspruchten sie meistens um diese Zeit. Und Jan war Kapitän zur See und oft nicht zu Hause.

„Lüken.“ Sie freute sich Annes tiefe wohlklingende Stimme zu hören.

„Anne, ich bin es, Enna. Ich bin da, gerade eingezogen – wenn man es so nennen will“, rief sie fröhlich ins Telefon und blickte sich in ihrem Chaos um.

„Enna! Wie schön!“ Anne war begeistert. „Und? Wie geht es dir jetzt damit? Wie fühlt es sich an?“ Anne kannte natürlich die ganze unselige Geschichte mit Rüdiger. Es tat gut, zu wissen, dass sie ihren Kummer notfalls mit ihr teilen konnte.

„Super geht es. Wirklich. Ich hätte Lust dich heute Abend zu treffen und ein wenig meine Heimkehr zu feiern, was hältst du davon?“ Sie rechnete mit einer Absage. Sie hätte Anne eher kontaktieren sollen, um ihre Ankunft anzukündigen. Aber der Frust war so plötzlich über sie gekommen, sie konnte nicht wissen, dass sie Anne jetzt brauchen würde.

„Natürlich! Das machen wir. Das feiern wir, ist doch wohl klar!“ Annes Begeisterung ließ sie aufatmen. Sie brauchte keinen trübseligen Abend zuhause verbringen.

„Toll! Und du hast auch wirklich Zeit? Was machen die Kinder?“

„Meine Mutter ist hier. Sie wird zwar nicht begeistert sein, wenn ich sie gleich wieder allein lasse, aber sie wird es verstehen. Ich muss schließlich auch mal raus, oder?“

„Unbedingt! Hier ist so ein Schlachtfest in der Innenstadt, mit Grillen. Das ist anscheinend das Event, wo hier heute jeder hingeht. Wäre das okay? Ich glaube für einen Club bin ich heute schon zu müde.“

„Grillen? Was immer du willst, Süße. Ich bin dabei! Lass und den Bullen bei den Hörnern packen!“ Sie lachte ihr unvergleichliches melodisches Lachen.

„Du spinnst!“ antwortete Enna nur. Sie wusste, was Anne vorhatte. Ihre Freundin war Flirts noch nie abgeneigt gewesen. Aber niemals würde sie ihren Jan betrügen. Ihre Familie war ihr heilig.

Sie verabredeten sich für 20 Uhr. Das ließ Enna Zeit, sich noch etwas auf der Couch auszuruhen, nachdem sie diese von Taschen, Büchern und diversen Textilien befreit hatte. Dann würde sie der Stadt ihr schönstes Gesicht zeigen. Sofern sie ihr Makeup in dem Chaos finden würde. Die Verabredung mit Anne ließ ihre Stimmung augenblicklich steigen. Doch um nachher fit zu sein, musste sie den verlorenen Schlaf von heute Morgen nachholen. Sie hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, sich hier wieder einleben zu können und schloss die Augen, versöhnt mit ihrer Situation. Die Bilder ihres ersten Tages zogen an ihr vorüber. Dann fiel sie in einen leichten Schlaf.

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„Du hast das absolut richtig gemacht. Der Kerl hat es nicht anders verdient!“, pflichtete Anne ihr temperamentvoll mit den Armen gestikulierend bei, nachdem Enna ihr die Gründe für ihren Umzug noch einmal ausführlich erklärt hatte. „Ich meine, Rüdiger ist ein guter Typ, aber man muss sich irgendwann mal entscheiden“, stellte sie fest. „Man kann nicht ständig so ein geborgtes Leben führen!“ Sie war dabei, sich in Ennas Lage hineinzusteigern, wie es ihre Art war. Aber auch wenn Anne ein richtiges Feierbiest war, in den grundlegenden Dingen des Lebens waren ihre Ansichten oft konservativer als die von Enna.

„Geborgtes Leben?“ Enna lachte.

„Ist doch so! Ich kann verstehen, dass man eine Zeit braucht, um zu wissen, was man will. Man kann zwei Leben führen, aber nicht auf Dauer. Wie lange wart ihr jetzt zusammen? Drei Jahre? Mal ganz ehrlich, als stellvertretender Polizeipräsident einer Stadt wie Münster, er wollte doch nie etwas anderes als die Sicherheit und den gesellschaftlichen Status durch seine Frau und seine Familie und seinen Spaß mit dir. Und du wusstest das!“

„Du hast Recht“, gestand Enna seufzend. „Aber ich hatte gehofft, dass sich irgendwann daran etwas ändert.“

„Ja, so wie wahrscheinlich jede Geliebte das hofft.“ Anne schaute sie mitfühlend an. Enna spielte gedankenverloren mit den Bierdeckeln, die auf dem Tisch lagen. Die beiden Frauen hatten sich in einer ruhigen Ecke einen Stehtisch gesucht, an dem sie ungestört reden konnten. Das Schlachtfest war in vollem Gange und das warme und trockene Wetter hatte zur Folge, dass es immer voller wurde. Die Menschen drängten sich schwatzend oder essend an ihrem Stehtisch vorbei. Nur wenige kamen Enna bekannt vor.

Anne sah verführerisch aus. Die paar Kilos, die sie zu viel hatte, wusste sie gekonnt in Szene zu setzen. Heute trug sie ein enges tief ausgeschnittenes T-Shirt mit Goldprint, dass ihre üppige Oberweite vorteilhaft zur Geltung brachte und dazu enge schwarze Jeans. Das von kurzem schwarzen Haar umrahmte Gesicht wirkte edel durch ihre blasse Haut, und sexy durch den knallroten Lippenstift und die dunklen Augen. Wie kam es, dass Enna, die schlank war, ein ebenmäßiges Gesicht und langes glänzendes Haar hatte, sich heute so wenig attraktiv neben ihrer mit Schönheit und Charme glänzenden besten Freundin vorkam? Ennas Haut war nicht mehr so glatt, wie vor zwanzig Jahren, aber eigentlich fand sie immer, dass sie sich für ihr Alter gut gehalten hatte. Dabei hatte sie sich heute besonders sorgfältig geschminkt, für die erste Begegnung mit ihrer Heimatstadt nach langer Zeit. Zwar musste sie anziehen, was sie in ihrem häuslichen Durcheinander finden konnte, aber immerhin trug sie ihre geliebte rot-geblümte Bluse aus Seide und darüber eine leichte hellbraune Lederjacke im Biker-Stil.

„Alles okay?“, fragte Anne. Enna nickte. „Du siehst so nachdenklich aus.“

„Ich habe nur gerade gedacht, was für eine tolle Freundin ich habe.“ Enna strahlte sie an. „Dein neuer Kurzhaarschnitt steht dir übrigens ausgezeichnet“, fügte sie hinzu. Anne hatte ihr langes dunkles Haar vor Kurzem abschneiden lassen und das passte perfekt zu ihrem Typ.

„Lenk nicht ab.“ Anne sah sie durchdringend an. Enna seufzte.

„Ich habe geglaubt, ich würde das Richtige tun, wenn ich mich von ihm trenne.“

„Und das hast du auch!“

„Ja, sicher. Aber vielleicht habe ich auch ein wenig geglaubt, indem ich ihm die Pistole auf die Brust setze, kann ich ihn noch umstimmen.“

„Na, das funktioniert bekanntlich nie“, stellte Anne voller Überzeugung fest.

„Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es keine andere Möglichkeit gab. So wie es war, wollte ich es nicht mehr. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, als Geliebte an der Seite eines Mannes alt zu werden!“

„Aber Enna, du wirst doch nicht alt!“ Anne grinste.

„Wir werden alle alt“, meinte Enna. „Du ausgenommen. Du bleibst immer ein Kind!“ Sie lachten. „Ach Anne. Ich möchte einfach auch nur mal jemanden ganz für mich allein“, sagte sie dann frustriert. „Ein gemeinsames Heim, gemeinsame Freunde. Warum klappt das bei mir nicht?“ Anne ließ sich durch Ennas leicht gedrückte Stimmung nicht ausbremsen.

„Ich bin sicher, du wirst ihn noch finden. Du wirst nicht allein alt werden, da bin ich 100prozentig sicher. Wenn einer sein Glück finden wird, dann du! Und weißt du was, darauf trinken wir!“ Anne wandte sich zur Theke und bestellte zwei Prosecco. Enna blieb nichts anderes übrig, als sich dem Tempo ihrer Begleitung zu fügen. Aber sie hatte auch gar nichts dagegen. Heute konnte sie hier noch tun und lassen was sie wollte. Niemand kannte sie. Ab Montag wäre sie Hauptkommissarin im Revier Sachsenstraße 10. Bald würde man sie als Beamtin des gehobenen Dienstes wahrnehmen und sie würde darauf achten müssen, wie sie sich in der Öffentlichkeit gab. Eine Zechtour könnte dann schon problematisch werden.

„Prosit!“ Anne prostete ihr zu und trank das Glas im ersten Zug halb leer. Enna nippte an ihrem Glas. „Weißt du was? Wir werden gleich heute damit anfangen, einen Mann für dich zu suchen“, beschloss Anne. „Die Gelegenheit ist günstig!“

„Oh, bitte nicht!“ Enna lachte. Darauf hatte sie überhaupt keine Lust.

„Wie wär’s mit dem da drüben? Der sieht schon die ganze Zeit hier rüber.“ Sie visierte einen großen blonden Mann an, der ihnen, als er bemerkte, dass man auf ihn aufmerksam geworden war, von der gegenüberliegenden Straßenseite zuprostete. Er war um die fünfzig, hatte eine sportliche Figur und seine Kleidung sah nach Geld aus. Sein dichtes blondes Haar fiel ihm in die Stirn, wodurch er jungenhaft wirkte. Seine Haut war gebräunt, als käme er gerade von einem Urlaub auf Mallorca zurück. Enna blickte kurz hinüber. Irgendetwas störte sie an dem Mann. Die Uhr an seinem Handgelenk war für ihren Geschmack etwas zu groß, seine Kleidung eine Spur zu protzig. Enna liebte einen hochwertigen, aber schlichten Kleidungsstil, an sich selbst, wie auch an Männern. Das Understatement, mit dem Rüdiger sich kleidete, hatte sie immer gemocht. Da durfte ein schlichtes Karohemd auch ruhig mal hundert Euro kosten.

„Der wäre eher was für dich“, stellte sie fest.

„Ach, und wieso wäre?“ Anne kippte den Rest des Prosecco hinunter. „Also, wenn du ihn nicht willst, ich nehme ihn gern!“ Sie lachte. Der Mann auf der anderen Straßenseite lächelte Enna zu.

„Kannst ihn gerne haben. Nicht mein Typ.“

„Wieso nicht? Der ist doch süß“, flüsterte Anne ihr hinter vorgehaltener Hand zu.

„Ich bin noch nicht so weit.“, sagte Enna langsam und mit gedämpfter Stimme.

„Du sollst ihn ja auch nicht heiraten, du Träumerin! Hab‘ ein bisschen Spaß!“ Anne stütze ihr Gesicht auf dem Stehtisch in die Hände und lächelte in Richtung ihrer vermeidlichen Eroberung.

„Achtung, Blondie kommt herüber!“, flüsterte sie und konnte ihr Vergnügen kaum verbergen. Tatsächlich setzte sich der Mann langsam in ihre Richtung in Bewegung. Behindert durch die immer noch dichten Menschenmassen, die sich an Grill- und Bierbuden vorbei schoben, kämpfte er sich voran. Enna versuchte ihn zu ignorieren und nippte an ihrem Glas. Das änderte nichts daran, dass er ihren Stehtisch schließlich erreichte.

„Guten Abend, die Damen!“ Er baute sich vor ihnen auf und strahlte sie an. Enna fand ihn bei näherer Betrachtung noch weniger attraktiv als aus der Ferne. Was wie Sonnenbräune gewirkt hatte, sah nun eher nach Sonnenbrand auf seinem rundlichen Gesicht aus. Seine Augen waren zwar von einem strahlenden Blau, jedoch eher klein und tiefliegend und kamen nicht zur Geltung. Das Blond seiner Haare hatte einen Rotstich. Obendrein stach eine Schürfwunde, die fast über die Hälfte seiner rechten Wange reichte, sofort ins Auge und machte ihn nicht attraktiver.

„Darf man sich dazustellen?“ fragte er und sein Akzent wies ihn eindeutig als Landbewohner aus.

„Wir beißen nicht!“ sagte Anne strahlend und zwinkerte ihm zu. Enna sagte nichts.

„Na, wie schön.“ Er räusperte sich. „Euch beide habe ich hier ja noch nie gesehen“, begann er das Gespräch.

„Dann schau mal gut hin!“, sagte Anne ausgelassen. Der Typ grinste.

„Mach ich ja schon.“ Sein Blick wanderte wieder zu Enna herüber. „Ich bin übrigens Reinhard“, stellte er sich ihr vor.

„Enna.“ Reinhard wartete einen Moment, aber Enna war nicht unbedingt angetan durch sein Auftauchen und sagte nichts weiter. Sie wäre lieber mit Anne allein geblieben und schielte vielsagend zu ihr hinüber.

„Ich bin Anne“, sagte Anne schnell. Enna ahnte, wieviel Vergnügen es ihr bereiten musste, sie zu verkuppeln.

„Wo seid ihr her, wenn ich fragen darf?“, versuchte Reinhard es weiter.

„Ich bin aus Rümgum, und du?“ Anne versuchte die Situation zu entschärfen, indem sie eine lockere Plauderei begann.

Reinhard machte sich offensichtlich nichts aus Ennas abweisender Art. Er schien zu den Männern zu gehören, die sich umso mehr herausgefordert fühlten, wenn eine Frau desinteressiert war. Er grinste sie an. Enna ignorierte ihn und hoffte, dass Anne ihn von ihr ablenkte.

„Ich bin von hier, aus Maarsum. In Rümgum hab ich mal eine tolle Stute gekauft“, Anne grinste über diesen Vergleich.

„Wow, reitest du?“, fragte sie interessiert.

„Ich reite nicht nur, ich handle auch mit Pferden. Mir gehört der größte Hengststall Niedersachsens“, verkündete Reinhard stolz.

„Und was willst du dann mit einer Stute?“, neckte Anne ihn.

„Stuten sind gute Reitpferde“, sagte Reinhard und wandte sich zu Ennas Freude nun vermehrt ihrer Freundin zu. „Die aus Rümgum, war, wie gesagt, besonders gut. Hatte einen klasse Charakter. Und Temperament.“ Enna war sich nicht sicher, ob Reinhard nun mit Anne flirtete, aber sie hoffte es.

„Cool“ meinte Anne nur. „Pferde sind ja auch irgendwie Menschen. Treu, anpassungsfähig, kontaktfreudig, … und sprunghaft.“ Nun war Enna sich nicht sicher, ob Anne ihn auf den Arm nahm.

„So ist es“, pflichtete Reinhard bei. „Aber manche sind auch bissig.“ Enna vermutete, dass diese Äußerung ihr galt. Aber es war ihr egal.

„Deine Freundin hier sieht aber nicht aus, als wäre sie von hier“, bemerkte Reinhard dann.

„Ach, und woran glaubst du das zu erkennen?“ Enna ließ sich nun doch dazu hinreißen, am Gespräch teil zu haben, was Reinhard schlagartig zum Strahlen über sein ganzes rundes Gesicht brachte.

„Nun, das weiß ich, weil ich dich nicht kenne. Und ich kenne sonst jeden hier. Und jede.“ Enna fand, dass es nicht nötig wäre, dass er sie dann auch noch kennenlernte, aber verkniff sich eine Antwort.

„Ihr Mädels habt ja gar nichts mehr im Glas!“, stellte Reinhard plötzlich fest. Er winkte der Thekenbedienung und machte ein paar geheimnisvolle Zeichen mit den Fingern, die die Frau hinter der Theke erstaunlicherweise zu verstehen schien. Sie stellte kurze Zeit später drei Sektgläser auf den Tresen, die Reinhard sofort auf den Stehtisch verfrachtete. Enna war das nun auch schon egal. Der Hengststallbesitzer ließ sich offensichtlich nicht abwimmeln, vielleicht ließ ein weiteres Glas Sekt ihn erträglicher werden.

„Auf die schöne Enna aus dem unbekannten Ort!“ Der Trinkspruch war so einfallslos, wie der Mann selbst, fand Enna. Anne lachte hysterisch. Wenigstens sie hatte ihren Spaß. Eine Eigenschaft ihrer Freundin war, dass sie den unmöglichsten Situationen etwas Spaßiges abgewinnen konnte. Der Sekt roch nicht wie üblich und hatte eine bläuliche Farbe. Sie stießen an und kippten das Zeug herunter. Es schmeckte scharf und süß.

„Holala! Das ist ja ne ganz spezielle Mischung!“, bemerkte auch Anne, die für gewöhnlich trinkfester war als Enna.

„So trinke ich Sekt am liebsten, nennt sich The Blue Planet und ist übrigens gerade total hipp.“ Reinhard war begeistert. „The Blue Planet, also der blaue Planet“, sagte er zu Enna. Enna bekam einen Schluckauf. Das Getränk zeigte außerdem eine unmittelbare alkoholische Wirkung, denn sie hatten noch nichts gegessen. Auch bei Reinhard, der wie sie vermutete, schon ein wenig länger auf dem Fest war und ihnen bezüglich Alkoholpegel deutlich voraus war.

„Bist du Naturschützer?“, meldete sich Anne zu Wort. Das Grinsen wollte nicht mehr aus ihrem Gesicht weichen.

„Bei dem Getränk könnte ich es glatt werden.“ Reinhard lachte laut über seinen eigenen Nicht-Witz. Er wurde Enna immer unsympathischer und sie dachte darüber nach, Anne mit ihrer Saufbekanntschaft allein zu lassen. Nur die Tatsache, dass sie heute nicht für das Alleinsein in Stimmung war, ließ sie diesen Gedanken wieder verwerfen. Vorerst. Der Schluckauf ließ zum Glück schnell nach.

„Danke für den leckeren Cocktail.“ Enna wollte nicht unhöflich sein.

„Gerne. Verrätst du mir jetzt, wo du herkommst?“, bohrte Reinhard weiter.

„Ich stamme von hier, aus Maarsum.“ Er sollte sie ruhig kennenlernen, dachte sie nun. Schließlich würde sie fast so etwas wie eine Person des öffentlichen Lebens in dieser Stadt werden.

„Nee! Wie das denn?“ Reinhard rückte am Stehtisch näher an sie heran. „Wo hast du dich denn bis jetzt versteckt gehalten.“

„In Münster“, sagte sie schnippisch und rückte von ihm ab.

„Münster! Wie kommt man denn von Münster nach Maarsum?“ Enna lächelte nur. Er glaubte doch wohl nicht, dass ihn das irgendwas anginge.

„Na ja, geht mich ja auch nichts an.“ Reinhard lallte inzwischen. „Aber schön, dass du nun hier bist.“

„Wie man’s nimmt“, murmelte Enna leise vor sich hin. Anne zwinkerte ihr grinsend zu. Reinhard kippte den Rest seines Blue Planet hinunter und wirkte nun beinahe, als müsste er selbigen verlassen.

„Warum kommt ihr nicht mit ins Zelt?“, lallte er. „Ich würde euch gerne mal zum Tanz auffordern.“ Es gab ein großes Tanzzelt am Eingang zum Festgelände. Anne war sofort begeistert.

„Ja klar, super Idee!“ Sie trank ihr Glas aus und sah Enna erwartungsvoll an. Enna glaubte nicht, dass Reinhard ein großer Tänzer war, zumindest nicht heute Abend. Sie verdrehte die Augen, willigte aber ein. Sie schoben sich schließlich zu dritt durch die Massen.

„Wenn das so weiter geht, muss ich erst mal was essen“, flüsterte sie Anne zu.

„Das Bisschen, was du isst, kannst du auch trinken.“ Anne lachte. Enna wusste, heute brauchte sie von Anne nicht mehr viel erwarten. Es war der Punkt, an dem sie sich entscheiden musste, ob sie mitmachte, oder sich von den beiden absetzte. Sie entschloss sich, mitzufeiern. Mal sehen, was der Abend noch brachte.

Reinhard orderte neuen Sekt für die beiden Frauen und für sich ein Bier, nachdem sie das Zelt erreicht und sich einen Platz an einem Tisch gesichert hatten. Enna nutzte die Zeit, in der er an der Theke stand, um mit Anne zu reden.

„Also so habe ich mir den Abend eigentlich nicht vorgestellt“, beklagte sie sich.

„Sei nicht immer so spießig!“, beschwerte Anne sich lachend.

„Spießig? Das hier ist spießig!“ Sie schnaufte missbilligend.

„Lass dich einfach gehen, dann wird es dir auch gefallen“, riet Anne. Enna sah sich zu Reinhard um.

„Ich habe Angst davor, was dann passieren wird“, flüsterte sie.

„Von dem Typen geht heute keine Gefahr mehr aus!“ Anne schien die hiesigen Feierbräuche besser einschätzen zu können. Zumindest wollte Enna ihr das gerne glauben.

„Lass mich aber bloß nicht allein mit dem!“, verlangte sie, da Anne bereits begonnen hatte, in ihrer näheren Umgebung zu flirten. Ein kleingewachsener Dunkelhaariger vom Nachbartisch war aufmerksam geworden.

„Mach dir keine Sorgen, Süße! Das wird ein toller Abend.“ Sie sagte das, während sie dem Mann am Nachbartisch zuzwinkerte. Anne war unglaublich.

Reinhard traf mit Sekt und Bier ein, oder mit dem, was aufgrund seiner eingeschränkten Motorik davon noch übrig war. Er stellte die Gläser ab und ließ sich auf einen der Klappstühle fallen.

„Mädels, Prost!“, war alles was er sagte, bevor er sein Bier in einem Zug halb leerte. Enna und Anne blickten sich vielsagend an. Dann prosteten sie sich zu.

„Ich muss unbedingt was essen.“ Ennas Magen meldete sich wieder. Wenn sie weiter Alkohol auf nüchternen Magen trank, würde ihr schlecht werden. Anne hatte ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Nachbartisch gelenkt und sah nicht so aus, als wolle sie mitgehen.

„Klar, … ich zeige dir den besten Bratwurststand … von allen“, bot Reinhard sich an. „Ich geb dir … was aus!“ Es dauerte eine Weile, bis die Sätze heraus waren.

„Danke. Musst du nicht. Bleib lieber hier und pass auf Anne auf!“ Damit war Reinhard sofort einverstanden.

„Du kommst aber wieder!“, forderte er lautstark. Enna versicherte es ihm, stand auf und begann sich durch die Menge nach draußen zu kämpfen. Sie blickte auf die Uhr, es war inzwischen elf geworden und sie war überrascht, wie schnell die Zeit vergangen war. Am Zeltausgang angekommen atmete sie tief durch. Es war immer noch sehr warm und die Anzahl Festbesucher schien sich nicht zu verringern. Enna hatte vergessen, wie man im Emsland feierte. Mit viel Alkohol – vor allem. Sie dachte darüber nach, sofort nach dem Essen zu verschwinden. Aber konnte sie Anne das antun? Andererseits würde es heute kein persönlicher Abend zwischen ihnen mehr werden, so viel war klar. Sie drängelte sich zur nächsten Würstchenbude durch und bestellte eine Pommes mit Majo. Der Pommesverkäufer kam ihr bekannt vor.

„Geht aufs Haus!“ Er stellte die fettige Mahlzeit auf den Tresen. Ihr wollte nicht einfallen, wer er sein könnte und sie verfluchte den Alkohol.

„Wie komme ich zu der Ehre?“

„Als Begrüßung für unsere neue Polizeichefin.“ Enna war überrascht und überlegte einen Moment, ob sie das annehmen sollte.

„Kennen wir uns?“, fragte sie.

„Ich bin’s, Bertram. Wir waren in einer Klasse.“ Enna sah ihn sich genauer an. Der Mann um die Vierzig sah aus, wie ein Bertram den sie mal kannte, hatte aber offensichtlich im Laufe der Zeit an Bauchumfang zugelegt. Bertram grinste.

„War mal schlanker. … Aber du hast dich überhaupt nicht verändert, Enna!“

„Bertram, ja klar“, rief sie aus. Sie freute sich, doch noch einen alten Bekannten zu treffen. „Danke! Für die Pommes.“ Enna steckte sich eine Pommes in den Mund. „Aber das mit der Polizeichefin vergiss mal schnell wieder. Ich bin Hauptkommissarin und Nebenstellenleiterin.“ Die Pommes waren gut und ihr Hunger ließ sie hastig essen. Sie erinnerte sich an Bertram als eine angenehme und freundliche Person.

„Du hast es ja weit gebracht!“, sagte Bertram, während die anderen Mitarbeiter in Hektik um ihn herum liefen. Es war Stoßzeit an der Pommesbude. Wer beim Trinken durchhalten wollte, musste sich um diese Zeit unbedingt stärken.

„Und du?“, fragte Enna kauend. „Ist das dein Betrieb … oder hilfst du hier aus?“

„Nee, nee, das ist hier schon meins“, sagte Bertram stolz. Sein Nachname wollte ihr nicht einfallen, sie mochte aber auch nicht nachfragen.

„Auch nicht schlecht.“ Enna nickte anerkennend und kaute weiter auf ihren Pommes frites. Es hatte sich also schon herum gesprochen, dass sie den Weg zurück in die Heimat gefunden hatte.

„Ich muss weitermachen. Ich hoffe man sieht sich“, sagte Bertram. „Äh, natürlich nicht beruflich“, fügte er grinsend hinzu.

Enna nickte ihm freundlich zu und merkte, wie gut es tat, etwas in den Magen zu bekommen. Sie fühlte sich gerade wieder mit diesem Abend versöhnt, als plötzlich lautes Gejohle und Geheule am Ende der mit Grill- und Getränkebuden gesäumten Fußgängerzone zu hören war. Sofort mischten sich aufgebrachte Stimmen darunter. Sie hielt inne und drehte sich zum Geschehen um. Sie konnte zunächst kaum etwas erkennen, ein seltsames Treiben spielte sich dort ab. Vermummte Gestalten mit Gegenständen in der Hand tanzten wild zwischen den Festbesuchern hin und her. Die Leute wichen erschreckt zur Seite. Mit den langen Stöcken oder Besen schlugen die Störenfriede um sich und bahnten sich ihren Weg durch die Menge. Im ersten Moment war ihr nicht klar, ob es sich um ein Spiel, eine Art Aufführung handelte oder ob ein Aufruhr im Gange war. Enna versuchte auszumachen, wie viele Personen beteiligt waren, aber die Vermummten schienen überall zu sein. Verschwanden von einem Ort, um urplötzlich woanders wieder aufzutauchen, sie waren überall zugleich. Und es waren mindestens Zehn. Als der Mob näher kam, stellte sie fest, dass es sich bei der Vermummung um Tiermasken handelte, teilweise mit langen Hörnern bestückt, die die schwarzgekleideten Personen wie tanzende Teufel wirken ließen.

„Die Tierschützer schon wieder!“, hörte sie eine Frau neben sich sagen. „Die können’s nicht lassen!“, sagte ein anderer. Auch die Menschen neben ihr wichen zurück, als die wilde Bande auf sie zukam.

Die Aufrührer schlugen den entrüsteten Gästen die Schalen mit Bratwurst und Senf aus den Händen. Einige der so ihres Essens beraubten liefen erschreckt davon, anderen versuchten nach den Stöcken zu greifen und sich zu wehren, meist ohne Erfolg. Die als Vieh verkleideten Tierschützer, begannen damit, Stehtische umzuwerfen. Gläser zerbrachen, die Menge kreischte. Die gesellige sommernächtliche Stimmung schlug in Rebellion um. Ein als Stier verkleideter Mann schlug mit einem Besenstiel eine Ketchupflasche und einen Serviettenhalter von einem der Tresen, hielt dann seine Waffe vor seinem breitbeinig aufgestellten Körper in die Höhe und blickte sich um wie ein in die Enge getriebenes Tier. Einige Betrunkene taumelten zur Seite. Ein anderer Aktionist, mit dem Kopf eines Schafbockes, hangelte sich an einer Markise hoch. Ein vermeidliches Schwein machte laute Grunzgeräusche und kämpfte sich eine Schneise durch die Reihen an der Sektbar, an der Enna selbst noch vorhin gestanden hatte. Es war unwirklich, wie ein Einfall aus der Unterwelt, und hatte trotz der vorherrschenden Gewalt etwas Mystisches, an diesem mittlerweile dunklen, mondlosen Abend.

Die Revolte schien in einen handfesten Tumult auszuarten. Enna sah sich gezwungen etwas zu unternehmen und nahm ihr Mobiltelefon aus der Tasche. Sie konnte hier unmöglich allein eingreifen, das würde keinen Sinn machen. Sie musste Verstärkung anfordern. Die Nummern des Polizeireviers, ihres Polizeireviers, hatte sie noch nicht gespeichert, ihr Dienst würde erst übermorgen beginnen und so wählte sie den Notruf. Nach dreimaligem Klingeln hörte sie eine Männerstimme.

„Notruf Leitzentrale.“ Sie versuchte ihre Gedanken zu ordnen, um eine möglichst präzise Beschreibung des Vorfalls zu geben.

„Kolder mein Name. Es gibt hier einen Zwischenfall auf dem Schlachtfest in der Innenstadt, nahe Markt. Sie sollten mit wenigstens drei Streifenwagen vorbeikommen.“ Enna dachte kaum darüber nach, dass noch niemand auf dem Revier sie kannte.

„Was ist denn passiert?“, fragte der Polizist am Ende der Leitung.

„Es gibt einen Tumult, ungefähr ein Dutzend Randalierer würde ich sagen, die sich als Nutzvieh verkleidet haben. Es kommt zu Sachschäden. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Personen zu Schaden kommen werden.“

„Nutzvieh? Sie meinen Schweine und Rinder?“, fragte der Diensthabende belustigt. „Also, Personen werden ganz bestimmt zu Schaden kommen, auf dem Fest, da bin ich sicher! Wie war noch ihr Name?“ Enna hörte ihn lachen. Offensichtlich glaubte er an einen Scherzanruf.

„Sie kommen bitte augenblicklich zum Geschehen! Sonst werde ich mir Ihren Namen merken!“, rief sie wütend ins Telefon. Ihr fiel ein, dass der Polizist seinen Namen gar nicht genannt hatte, aber das war ihr im Moment egal.

„Und Sie sind sicher, dass es sich nicht um einen Partygag handelt oder um eine Werbemaßnahme?“ Der Mann wirkte nun doch etwas verunsichert durch ihr entschiedenes Auftreten. „Hören Sie, hier ist der Teufel los. Ich bin die neue …“ Lautes Getöse hinter ihr hinderte sie daran weiterzusprechen. Dann war auf einen Schlag alles schwarz.

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„Enna! … Enna, du liebe Güte!“ Enna schlug die Augen auf und sah Annes besorgtes Gesicht über sich. Erst dann wurde ihr bewusst, dass sie auf dem Boden lag. Festbesucher standen um sie herum und starrten sie an, unter ihnen Bertram. Wie hieß er nur mit Nachnamen? Es wollte ihr nicht einfallen. Zwei ältere Frauen schlugen die Hände vors Gesicht. Enna konnte nicht genau ausmachen, ob sie nur entsetzt waren oder hinter vorgehaltenen Händen tuschelten.

„Geht es wieder? Du meine Güte!“ Anne wollte sich nicht beruhigen. Enna richtete sich auf. Ihr Kopf schmerzte höllisch. Sie fasste sich an den Hinterkopf und ertastete eine gewaltige Beule.

„Was ist denn passiert?“, fragte sie heiser.

„Du bist in das Gemenge gekommen, mehr weiß ich auch nicht! “ Anne war fassungslos. Zumindest hatte der Zwischenfall Anne wieder nüchtern werden lassen.

„Der Terrassenheizer ist ihr auf den Kopf gefallen“, sagte jemand aus der umstehenden Menge. Enna blickte sich um und bemerkte das Chaos. Neben dem umgekippten Terrassenheizpilz lag Abfall verstreut. Sie erinnerte sich wieder an die randalierende Bande in den tierischen Verkleidungen. Die wilde Meute war hier gewesen und hatte die Mülleimer von Bertrams Pommesbude umgekippt. Und sie selbst niedergeschlagen. Aus Versehen oder Absicht? Ennas Polizistengehirn begann zu arbeiten. Aber wo war die Polizei? Sie erinnerte sich, dass sie den Notruf gewählt hatte. Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Ihre zukünftigen Kollegen hatten es offensichtlich nicht für nötig befunden, sich her zu bemühen.

Enna wollte aufstehen, doch zu den Kopfschmerzen gesellte sich ein heftiger Schwindel.

„Bleib liegen, ich habe einen Krankenwagen gerufen“, sagte Anne und drückte ihr eine Hand auf die Schulter. „Man kann dich aber auch keine Sekunde allein lassen!“ Sie blickte sie vorwurfsvoll an. Enna wollte nicht ins Krankenhaus.

„Mir geht’s gut“, wehrte sie ab. Sie wollte heraus aus dieser Lage und vor allem aus dem Unrat.

„Du könntest eine Gehirnerschütterung haben. Bleib liegen!“

„Wie konnte das überhaupt passieren?“, fragte sie. Sie hatte geglaubt, immer gut vorbereitet zu sein, gegen jede Art von Gefahr. „Hat mich jemand angegriffen?“, fragte sie an Anne gewandt.

„Ja, der Heizpilz! Ganz gemein und hinterrücks. Und nun bleib bitte liegen!“, antwortete diese.

Im Hintergrund ertönte endlich ein vertrautes Geräusch. Das Martinshorn eines Polizeiwagens. Enna legte ihren Kopf auf die angewinkelten Knie. Sie hätte Lust, selbst Ordnung zu schaffen, in diesem Chaos, aber ihr Kopf ließ keinen klaren Gedanken zu.

„In welche Richtung sind die Randalierer verschwunden?“, fragte sie ihre beste Freundin.

„Hör mal, du willst doch jetzt hier keine Ermittlungen anstellen! Das überlass mal lieber der Polizei!“ Anne war entrüstet.

„Und die ist schon da!“ ertönte plötzlich eine tiefe Stimme neben ihr. Enna wollte gerade anmerken, dass sie selbst die Polizei sei, als die beiden Beamten neben sie traten.

„Was ist hier passiert?“, fragte der ältere der beiden Männer, der in Zivil war. Er sprach mit holländischem Akzent. Die niederländische Grenze war nicht weit und man traf häufig auf Niederländer, die sich im Emsland oder in der Grafschaft niedergelassen hatten.

„Hier ist eine Gruppe Bekloppter eingefallen und hat alles verwüstet“, entrüstete Anne sich erneut und gestikulierte wild mit den Armen. Sie konnte herrlich theatralisch sein. Aber jetzt war es Enna eher peinlich. „Und dann haben diese Chaoten meine Freundin hier k.o. geschlagen. Mit dem Terrassenheizer!“

„Sind Sie verletzt?“, fragte der Niederländer und sprach dabei das S auf die typisch holländische Weise aus, so dass es viel weicher klang als im Deutschen.

„Es geht schon wieder.“

„Wirklich?“ Der Mann schien ihr nicht zu glauben und sie befürchtete, dass ihre Erscheinung nichts anderes zuließ. Wie peinlich war das! Hier standen ihre neuen Kollegen und Mitarbeiter und sie lag vor ihnen im Dreck! So hatte sie sich ihre erste Begegnung nicht vorgestellt.

„Wirklich!“ bestätigte sie. Aber es half nichts, Enna musste aus dieser Lage herauskommen und Klarheit schaffen. Mit größter Anstrengung schaffte sie es, sich zu erheben, und dieses auch nur, weil Anne nun mit den Beamten beschäftigt war, und ihnen eine Standpauke wegen ihrer fehlenden Anwesenheit bei diesem Event hielt.

Nachdem sie sich aufgerichtet hatte, wurde ihr wieder schwindelig. Sie glaubte sich fast schon wieder am Boden als sie den kräftigen Arm des Zivilbeamten aus Holland um sich spürte.

„Hoppla! Wo wollen wir denn hin?“, fragte er und sie blickte ihm in das bartstoppelige Gesicht, das sie von oben anlächelte. Er musste um die Vierzig sein und seine graugrünen Augen wirkten freundlich.

„Es geht schon. Sie können mich wieder loslassen, danke!“ Warum musste ihr das gerade jetzt passieren? Trotz ihrer eher zierlichen Figur war sie für gewöhnlich hart im Nehmen. Aber der Schlag hatte ihr mehr zugesetzt, als sie zunächst geglaubt hatte.

„Sie sollten ins Krankenhaus gehen!“, sagte er und ließ sie vorsichtig wieder auf ihren eigenen Beinen stehen.

„Das habe ich ihr auch geraten“, mischte Anne sich ein.

„Ich glaube, ich höre den Krankenwagen schon“, bemerkte der Polizist in Uniform.

„Schon ist gut!“, sagte Anne besorgt. „Das hat eine Ewigkeit gedauert. Sie hätte tot sein können!“ Wenn Anne einmal in Fahrt war, konnte sie nichts bremsen. „Und wenn Sie sich etwas schneller herbewegt hätten, hätten diese Spaßverderber hier nicht so ein Gemetzel anrichten können!“, fügte sie wütend hinzu.

„Bitte, beruhigen Sie sich!“, forderte der uniformierte Polizist, ein junger Mann mit kurzgeschnittenem, weißblondem Haar sie auf. Anne öffnete den Mund, um zu erneuten Beschuldigungen anzusetzen.

„Anne, lass gut sein!“, versuchte Enna zu vermitteln. „Es geht mir gut!“ Das laute Sprechen verursachte ihr einen erneuten Kopfschmerzanfall.

„Das ist gelogen und das weißt du! Dir hätte Gott weiß was passieren können! Die hätten uns alle massakrieren können und keiner wäre gekommen! Wo leben wir denn?“

„Wenn die Damen sich einig sind, wie es Ihnen geht, dürfte ich dann noch Ihre Personalien aufnehmen?“, fragte der Niederländer Enna freundlich. „Vorausgesetzt Sie fühlen sich dazu schon in der Lage.“ Enna wollte gerade zustimmen, als zwei Rettungssanitäter mit einer Trage erschienen, die sich den Weg zu ihnen gebahnt hatten. Es standen immer noch Menschen um sie herum, die das Geschehen beobachteten.

„Ich komme am Montag zu Ihnen auf das Revier“, antwortete sie ihrem zukünftigen Kollegen. Sie hatte nicht die Kraft, ihre persönliche Situation hier und jetzt aufzuklären. Am Montag würde sie sich in aller Form im Revier vorstellen. Am liebsten hätte sie sich auf die Trage der Sanitäter gelegt und sich aus dem Gemenge heraustragen lassen, aber das war ihr vor den neuen Kollegen zu peinlich. Es war wie eine Schwäche, sich vor ihnen so angeschlagen zu präsentieren. Sie musste Stärke demonstrieren, in der Position, die sie zukünftig innehaben würde. Außerdem hatte sie das Gefühl, die Beamten würden ihr Trunkenheit unterstellen.

Der Beamte schaute verdutzt drein, als sie mit Anne den Schauplatz des Gemetzels verlassen wollte.

„Sagen Sie mir bitte wenigstens Ihren Namen und Ihre Adresse?“, bat er. „Ich muss Sie das fragen…“

„Haben Sie ja jetzt getan.“

Damit ging sie davon. Sie hatte sich dafür gerächt, beim Notruf so nicht ernst genommen worden zu sein. Was Disziplin betraf, verstand sie keinen Spaß. Das war schon immer so gewesen. Vielleicht lag es daran, dass sie sich oft in ihrem Leben selbst hatte disziplinieren müssen. Nach Leonards Tod. Oder auf ihrer Afrika-Mission während der Ebola-Epidemie.

Sie war gespannt auf die Gesichter der Kollegen, wenn sie in zwei Tagen als neue Chefin vor ihnen stehen würde.

„Du solltest wirklich zu einem Arzt gehen“, meinte Anne, als sie auf ein Taxi warteten. „Warum bist du nicht mit ins Krankenhaus gefahren? Ganz schön leichtsinnig!“

„Ich möchte jetzt einfach nur nach Hause!“ Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als in ihrem eigenen Bett zu schlafen, in welchem häuslichen Chaos auch immer es sich befinden mochte. „Ich kann ja immer noch zum Arzt gehen, wenn es nicht besser werden sollte.“

„Ja, aber morgen ist Sonntag.“

„Na und? Dann gehe ich zum Notdienst.“

„Kann es sein, dass es dir peinlich war, dich vor dem attraktiven Holländer auf die Trage zu legen?“ Anne grinste verschmitzt.

„Du spinnst doch! Außerdem, wo war der denn attraktiv? Der typische Holländer. Lang und dünn.“

„Und eben die fandest du doch immer sooo gutaussehend!“

„Ach wirklich? Daran kann ich mich gar nicht erinnern. Sooo schlimm kann es also gar nicht gewesen sein. Und ich bin jetzt wirklich nicht in der Stimmung, mir darüber Gedanken zu machen, sonst platzt mir der Kopf.“

„Natürlich nicht“, sagte Anne breit grinsend.

Sie wollte jetzt nicht darüber nachdenken, wie diese Antwort gemeint gewesen sein könnte. Eine bleierne Müdigkeit überfiel sie, als endlich ein Taxi vor Ihnen anhielt. Enna setzte sich auf den Rücksitz.

„Kotzt mir aber nicht den Wagen voll!“, rief der Taxifahrer barsch. Anne sah ihn verständnislos an. Enna fühlte tatsächlich eine Übelkeit. Oder war es nur der Gedanke daran, sich übergeben zu müssen? Sobald sie in den weichen Polstern saß, fiel sie in einen tiefen Schlaf. Sie wachte erst wieder auf, als das Taxi vor ihrem Haus stand und Anne sie wachrüttelte.

„Komm jetzt Enna! Wir sind da!“ Anne versuchte sie aus dem Auto zu zerren. Widerwillig ließ Enna es sich gefallen. Sie war unsagbar müde und die Kopfschmerzen hatten nur wenig nachgelassen.

„Warten Sie hier“, rief Anne dem Taxifahrer zu, „ich muss noch weiter.“

„Bevor Sie bezahlt haben, fahre ich bestimmt nicht weg!“, meinte der Mann und grummelte vor sich hin.

Anne brachte sie bis in ihr Schlafzimmer und zog ihr die Schuhe und die Lederjacke aus.

„Du bist ein Schatz, …!“, sagte Enna als sie sich verabschiedeten. „Das Taxigeld, das … machen wir später“, stammelte sie noch. Heute war sie zu nichts mehr in der Lage.

„Klar doch. Mach dir keine Gedanken. Jetzt schlaf erst mal und kurier dich aus! Und wenn es dir morgen nicht besser geht, gehst du zum Arzt. Oder ruf mich an und ich fahre dich!“ Enna fragte sich, wie das gehen sollte. Hatte Anne nicht ihre Mutter zu Besuch? Oder war es die Schwiegermutter?

Sie hörte, wie die Haustür hinter ihrer Freundin ins Schloss fiel. Als sie die Augen schloss, sah sie das grinsende Gesicht des Holländers vor sich. Dann fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Sonntag

Joris Sollewijn hatte sich früh auf den Weg gemacht an diesem verregneten Sonntagmorgen. Als Oberkommissar bei der Maarsumer Polizei hatte er jedes zweite Wochenende dienstfrei. Eigentlich. Das nutzte er, um seine Familie in Utrecht zu besuchen. Gestern hatte er außer der Reihe einen Dienst übernehmen müssen und konnte erst heute fahren. Es ärgerte ihn, dass sie ständig unterbesetzt waren. Auch wenn er noch heute wieder zurück musste, er würde es sich nicht nehmen lassen, die drei zu besuchen. Die Sehnsucht wäre unerträglich.

Seine Tochter Anouk war acht Jahre alt, sein kleiner Sohn Tim sechs. Er liebte sie über alles. Er liebte auch seine Frau, auch wenn er in letzter Zeit das Gefühl hatte, es würde immer schwerer, Esther von seiner Liebe zu überzeugen. Sie mussten reden, heute. Dringend.

Familie bedeutete ihm alles. Aber er war so wie er war. Und Esther akzeptierte das. Das hatten sie sich bei ihrer Hochzeit versprochen, sich anzunehmen, so wie sie waren. In guten wie in schlechten Zeiten. Sie hatten sich auch versprochen, treu zu sein.

Sein Hochzeitsversprechen bedeutet ihm etwas, es waren keine leeren Worte. Damals vor zehn Jahren im Kasteel de Haar bei Utrecht, und auch heute nicht. Keine Worte, die dahingesagt wurden, weil es so schön feierlich klang und so romantisch, wie der Park der Burganlage, in dem sie gefeiert hatten. Als er sie ausgesprochen hatte, war er sich ihrer tiefen und verbindlichen Bedeutung bewusst gewesen. Er hatte sich auch noch selbst versprochen, alles für diese Ehe zu tun, was in seiner Macht stand. Er hatte es sich geschworen. Joris war glücklich mit Esther und er wollte, dass diese Ehe funktionierte. Um jeden Preis. Dafür wollte er alles tun. Das hatte er immer getan. Er hatte sich nichts vorzuwerfen.

„Godverdomme!“, fluchte er plötzlich laut. Er war bereits auf der A28 Richtung Amersfoort unterwegs, als ein weißer Lieferwagen dicht vor ihm einscherte und ihn zum Bremsen zwang. „Nur Bekloppte unterwegs hier!“ Bekloppte. Seine Gedanken schweiften zum gestrigen Einsatz auf dem Maarsumer Schlachtfest.

Er hatte die Schlachtfest-Gäste nach den Randalierern gefragt und wie üblich waren die Maarsumer sehr hilfsbereit und auskunftsfreudig gewesen. Er war nun 42 Jahre alt, seit 20 Jahren bei der Polizei, die meiste Zeit davon in den Niederlanden, und er hatte eines gelernt: Wer eine Frage stellt, bekommt meistens auch eine Antwort. Es war so einfach, wie wahr. Er war immer wieder erstaunt, was die Leute bereit waren zu erzählen, einfach nur weil man sie fragte. Je freundlicher man fragte, umso mehr konnte man in Erfahrung bringen. Die meisten Menschen kamen sich bedeutsam vor, vermutete er, wenn sie von der Polizei um ihre Beobachtungen und ihre Meinung gebeten wurden. Einige waren einfach nur froh, helfen zu können. Nur wenige waren gegen die Polizei eingestellt und noch weniger Menschen im Emsland hatten etwas gegen einen Niederländer in einer deutschen Polizeiuniform. Er fühlte sich wohl in Maarsum. Aber Utrecht war sein Zuhause. In weniger als zwei Stunden würde er dort sein. Und er freute sich so sehr, seine Familie wiederzusehen.

Dennoch gab es an diesem Morgen Dinge, die seine Vorfreude minderten. Esther weigerte sich immer noch, mit den Kindern zu ihm nach Maarsum zu ziehen. Sie hatten wieder einmal deswegen gestritten, als sie gestern per Videochat miteinander gesprochen hatten. Er war nun schon zwei Jahre ohne sie dort. Seine Stelle war gesichert und unbefristet und es sprach nichts dagegen, dass sie endlich zu ihm kamen. Anouk und Tim könnten in ländlicher Umgebung aufwachsen, wie er es sich als Kind für sich selbst gewünscht hätte. Utrecht war gefährlich für kleine Kinder, zumindest dort, wo sie wohnten, mitten im Zentrum in der Nähe der Oudegracht. Sie mussten unbedingt heute noch einmal darüber sprechen.

Es wurmte ihn außerdem, dass er die freigewordene Stelle als Hauptkommissar, für die er sich beworben hatte, nicht bekommen hatte.

„Enna Kolder!“, rief er wütend aus, während er den grauen Golf über den Knotenpunkt Hattemerbroek bei Zwolle lenkte. „Was ist das überhaupt für ein Name?“ Man hatte ihm vor drei Wochen mitgeteilt, dass seine Bewerbung sehr großen Eindruck gemacht habe und man sicher wäre, dass er diesen Posten ebenfalls bestens ausfüllen könne, man jedoch einer Kollegin aus Münster den Vorzug gegeben habe. Harald Fehrmann, sein Vorgesetzter aus Papenburg, hatte noch etwas von Frauenquote, Aufstockung des Personals und ein wenig längerer Berufserfahrung gemurmelt, aber da hatte er schon abgeschaltet. Er war enttäuschter, als er sich eingestehen wollte. Morgen würde er der Quotenfrau begegnen.

„Frauenquote! Dass ich nicht lache!“ Wieder sprach er es laut aus. Der Regen prasselte heftiger auf seine Windschutzscheibe und er stellte den Scheibenwischer eine Stufe schneller.

Der Posten hätte ihm zugestanden. Er leitete das Revier praktisch jetzt schon. Außer ihm kam niemand seiner Kollegen für die Stelle in Frage. Paul-Peter war zu jung, Bernd zu alt. Und Frauke war nun überwiegend in der Hauptstelle in Papenburg tätig. Und drei Jahre jünger als er. Den Personalmangel hätte man auch mit jüngeren Kollegen beheben können. Es gab keinen wirklichen Grund, jemanden von außerhalb zu holen. Das sagte ihm nur eines: Man wollte keinen Holländer in einer leitenden Position. Da nahm man lieber eine deutsche Frau. Mehr Berufserfahrung. Welche alte Schachtel man ihm wohl vorsetzen würde.

Sein Berufsalltag würde sich von nun an ändern und das gefiel ihm überhaupt nicht. Vielleicht sollte er doch kündigen. Zurück nach Utrecht zu seiner Familie. Das war eigentlich keine Option. Er war nicht der Typ, der gerne wechselte, zumindest nicht, wenn ihm die Arbeit und die Stadt gefiel. Aber vielleicht sollte er dennoch darüber nachdenken. Er hatte noch eine Stunde Zeit, dann wäre er am Ziel. Es wollte nicht aufhören zu regnen.

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Es war das zweite Mal heute, dass Enna sich ein Glas Wasser einschenkte, um eine Kopfschmerztablette zu nehmen. Übelkeit und Schwindel waren weitgehend verschwunden und so sah sie keinen Grund für einen Arztbesuch. Zumal sie nicht sicher war, ob der Schlag auf den Kopf die Ursache war, oder ein simpler Kater. Sie sah auch keinen Grund für das Einräumen und Einrichten ihrer Wohnung. Eine bessere Ausrede als Kopfschmerzen, um Lästiges zu verschieben, gab es nicht. Und dafür, sich eine Tasse Kaffee nach der anderen einzuflößen, während man es sich auf dem Sofa gemütlich machte.

Sie war mitten in der Nacht aufgewacht und hatte festgestellt, dass sie noch angezogen war. Ihre Kehle war ausgetrocknet und sie war aufgestanden, um zu trinken und sich auszuziehen. Bis sie gegen neun Uhr morgens durch den stechenden Schmerz am Hinterkopf aufgewacht war, hatte sie wieder fest geschlafen. Danach konnte sie, trotz anhaltender Müdigkeit, keinen Schlaf mehr finden. Es gewitterte den ganzen Morgen und sie hatte den Eindruck, dass es im Haus immer schwüler wurde.

Anne hatte bereits mehrfach versucht, sie anzurufen und Enna schickte eine kurze Textnachricht. Sie würde sie zurückrufen, wenn die Kopfschmerzen verschwunden waren. Eine aufgedrehte Anne, wie sie sie gestern erlebt hatte, konnte sie in diesem Zustand nicht ertragen. Sie schloss die Augen und ließ die Ereignisse des gestrigen Tages Revue passieren. Ein seltsamer Einstieg in ihre neue Karriere. Ein zukünftiger Mitarbeiter findet sie angetrunken, von einem Terrassenheizer niedergestreckt auf dem Boden liegend bei einem Stadtfest. Solche Dinge durften nicht zu Gewohnheit werden.

Sie blickte sich im Zimmer um. Es würde noch eine Menge Arbeit sein, bis sie sich hier wohlfühlte. Der Gedanke an Arbeit ließ das Hämmern in ihrem Kopf wieder einsetzen. Frische Luft würde guttun. Sie öffnete die Schiebetür zur Terrasse und trat mit ihrer Kaffeetasse unter die Terrassenabdeckung. Der Regen hatte aufgehört. Sie sog die frische, noch kühle Sommerluft ein.

Das Grundstück ihres kleinen Einfamilienhauses grenzte hinten an ein Waldstück. Sie blickte nach rechts und nach links. Keiner ihrer Nachbarn war zwischen den hohen Büschen und Lebensbäumen zu sehen. Nur perfekt geschnittener, hellgrüner Rasen blitzte hier und dort hindurch. Ihr eigener Rasen sah weniger gepflegt aus. Das Haus aus den Sechzigern hatte einem alten Herrn gehört, der ins Betreute Wohnen umgezogen war. Er hatte den Garten und das an das Haus angebaute Gewächshaus aus gesundheitlichen Gründen vernachlässigen müssen, hatte er ihr erzählt. Von allen Immobilien, die ihr angeboten worden waren, hatte ihr dieses Haus dennoch am besten gefallen. Auch wenn sie kein ausgemachter Gartenfan war, hatte sie sich sofort in das rote Backsteingemäuer auf dem 800-Quadratmeter-Grundstück verliebt. Es hatte sie an das Haus ihrer verstorbenen Großmutter erinnert.

Häuser wie dieses gab es viele in der Gegend. Aber nicht jedes hatte eine so günstige Lage. Es befand sich in einem Abstand zur Innenstadt, der leicht mit dem Fahrrad zu bewältigen war, und gleichzeitig mitten in der Natur durch den Mischwald, der sich an ihr Grundstück anschloss mit dem daran angrenzenden Teufelsmoor. Sie hatte vor, den Garten pflegeleicht umgestalten zu lassen und das Gewächshaus abzureißen. An dessen Stelle könnte sie ein Gartenhaus setzen, groß genug, um eine Party darin zu feiern. Mit all den vielen Freunden, die sie hier noch nicht hatte.

In Münster hatte sie einen bescheidenen Freundeskreis, der in erster Linie aus Leuten bestand, die sie auf der Polizeischule kennengelernt hatte. Die könnte sie dann hierher einladen. Ganz sicher würde sie ihre Münsteraner Clique bald vermissen.

„Moin!“ tönte es von der Seite. Es war Helmut Brackmann, ihr Nachbar zur Rechten. Mit Helmut hatte sie schon kurz gesprochen. Er war Rentner und lebte allein. Als sie ihm das erste Mal begegnet war, hatte sie geglaubt, den Prototypen des emsländischen Spießbürgers vor sich zu haben. Nachdem sie sich unterhalten hatten, stellte sie fest, dass der erste Eindruck nicht getäuscht hatte. Sie winkte hinüber. „Moin!“ Dann blickte sie an sich hinunter. Sie trug noch ihre geblümte Pyjamahose, darüber ein altes graues Tanktop, und Schlappen. Sie blickte wieder auf. Helmut war noch da.

„Na? Verschlafen?“ fragte er neugierig.

„Ist doch Sonntag!“ Enna versuchte zu lächeln. Helmut winkte und zog sich dann diskret zurück. Vermutlich war er jemand, der sich auch sonntags den Wecker stellte, um pünktlich in der Frühmesse zu sein. Es war gerade einmal elf Uhr. Da man sie von seinem Haus aus hier nicht sehen konnte, vermutete sie, dass er einen morgendlichen Rundgang durch seinen Garten gemacht hatte, um zu sehen, ob noch alle Blumen und Pflanzen an ihrem Platz waren. Und um dabei zufällig etwas von der neuen Nachbarin zu erspähen. Sie fragte sich, ob sie ungerecht gegenüber Helmut war. Vermutlich war sie das, entschuldigte dies aber mit ihren Kopfschmerzen. Sie nahm einen Schluck Kaffee. Er war kalt. Enna verzog angewidert das Gesicht, entleerte die Tasse ins Blumenbeet und ging wieder hinein.

Ihr Telefon klingelte, als sie es sich gerade wieder auf dem Sofa bequem gemacht hatte. Sie fragte sich, wer sie auf dem Festnetz anrufen würde, die Nummer hatte sie außer Anne und ihrer neuen Dienststelle noch niemandem gegeben. Eine unbekannte Papenburger Nummer im Display.

„Kolder.“

„Guten Morgen Frau Kolder, Harald Fehrmann hier.“ Harald Fehrmann war Polizeipräsident in Papenburg und ihr Chef. Die Tatsache, dass er sie persönlich am Sonntagmorgen anrief, verursachte sofort eine neue Kopfschmerzattacke.

„Guten Morgen Herr Fehrmann. Was kann ich…?“

„Frau Kolder, ich weiß, Sie haben heute noch dienstfrei,“ unterbrach er sie, „und ich störe nur ungern, aber es ist etwas passiert, das ihre Anwesenheit in der Dienststelle Maarsum, bzw. an einem Tatort, schon heute dringend erforderlich macht.“ Harald Fehrmann war ein Mann, den Sie schon beim ersten Kennenlernen während ihres Vorstellungsgesprächs als unsympathisch abgestempelt hatte. Seine Stimme war übernormal laut. Alles was er sagte, gab er mit der Präzision eines Pistolenschusses von sich, machte nie überflüssige Worte oder verwendete Floskeln. Smalltalk schien er ebenso wenig zu kennen. Ein harter Hund. Und ein verdienter Polizist, zweifelsohne. Umso mehr wunderte sie sich nun über sein angebliches Bedauern, sie am Sonntag zu stören.

„Was ist passiert?“, fragte sie nur, denn sie wusste, dass er von den Menschen in seiner Umgebung ebenfalls erwartete, präzise und ohne Umschweife zu sein.

„Leichenfund nahe des Duisterwald bei Maarsum. Weiblich, etwa 30 Jahre alt, mit Würgemalen am Hals und einer Kopfwunde. Vermutlich Mord. Die weiteren Details erfahren Sie von Kriminalhauptmeister Bernhard Kötter-Stroth, den ich bereits beauftragt habe, Sie von zu Hause abzuholen. Kriminaloberkommissar Sollewijn ist leider verreist, daher werden Sie das zunächst allein übernehmen müssen.“ Der Polizeipräsident sprach emotionslos. Enna erstarrte. Nicht dass sie sich nicht einen spannenden Fall zum Einstieg gewünscht hätte, aber gleich einen Mord! Sie konnte sich nicht erinnern, dass es in Maarsum oder Umgebung jemals einen Mord gegeben hatte.

„Selbstverständlich. Ich stehe zur Verfügung“, antwortete sie. Wenn auch nicht sofort, dachte sie, mit Blick auf ihr lässiges Outfit.

„Danke. Und viel Glück bei Ihrem ersten Fall.“ Damit legte er auf und ließ sie mit dem Mordfall allein. Sie marschierte so schnell es ihr Kopf erlaubte ins Schlafzimmer, wo sie die Umzugskisten nach geeigneter Kleidung für eine Mordermittlung bei Regenwetter durchwühlte. Es klingelte an der Haustür. Sie blickte aus dem Fenster auf die Straße. Es war der Streifenwagen. Ein Polizist in Uniform stand vor ihrer Tür. Enna zog sich eine Jeans über, sprang ins Bad, um sich die Haare zu bürsten und lief dann die Treppe hinab. Es klingelte wieder. Das würde heute nichts werden, mit dem gemütlichen Regentag zuhause. Eine Frau war getötet worden. Sie musste sofort los.

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Aus der Ferne war Donnergrollen zu hören, als Enna mit Polizeiobermeister Bernd Kötter-Stroth zur Ems hinunterstiefelte. Es hatte wieder angefangen zu regnen. Der Fundort, eine malerische Emswiese mit einer Böschung zur Ems hinunter, war nahe einem Waldstück gelegen und hatte etwas romantisches. Ein Ort, an dem man sich ein gemütliches Picknick vorstellen konnte, läge nicht eine tote Frau darin. Enna sog den Duft der nassen Erde ein, der sie an ihre Kindheit erinnerte. An ihre Streifzüge durch die feuchten Wiesen hinter ihrem Elternhaus, auf der Suche nach geheimnisvollen Orten, an denen sie sich phantastische Geschichten ausdachte.

Unermüdlich zog der Fluss vorbei. Regentropfen prasselten auf die nackte weiße Haut der Toten, die mit dem Gesicht nach unten unter einer Anhäufung aus Birkenreisig lag. Nur der Kopf und ein Bein schauten unter dem Gestrüpp hervor, wie unter einer Bettdecke aus Zweigen, die man nicht sorgfältig genug auf sie gelegt hatte.

Ungefähr zehn Personen hielten sich in der Nähe des Fundorts auf und starrten die neue Chefin der Maarsumer Polizei an, während sie mit ungewaschenen Haaren im Trenchcoat über die mit Wasser vollgesogene Wiese stapfte. Es blitzte ununterbrochen, entweder durch das Gewitter, das gerade durchzog oder durch den Polizeifotografen, der um die Leichenfundstelle herumlief wie ein Hütehund um eine Schafherde. Enna kam sich vor wie ein Filmstar im Blitzlichtgewitter, nur dass sich statt des roten Teppichs eine Fläche aus schwarzem Matsch zu ihren Füßen ausbreitete und ihre Füße nicht in eleganten Pumps, sondern in ehemals weißen Sneakern steckten.

„Was machen all die Leute hier?“, fragte sie sofort.

„Das sind hauptsächlich Spaziergänger“, meinte Kötter-Stroth. „Und ein paar Tierschützer, die drüben im Duisterwald kampieren.“

„Hat man die Leute schon befragt?“

„Nur die Spaziergänger, die Tierschützer sind gerade erst dazugekommen.“

„Passen Sie bitte auf, dass niemand in die Nähe der Toten kommt!“, bat sie ihn. „Und dass niemand hier irgendwelche Handyfotos schießt! Sperren Sie den Bereich ab!“ Sie glaubte nicht daran, dass all diese Leute hier zufällig spazieren gingen. Nicht in dieser Anzahl, nicht bei diesem Wetter. Sie hasste Gaffer. Im Zeitalter des Handys war eine Neuigkeit wie ein Mordfall so schnell verbreitet, als hätte sie jemand von einem Maarsumer Kirchturm ausgerufen, vermutlich schneller. Den Tierschützern würde sie später einen Besuch abstatten. Personen, die sich nachts hier im Wald aufgehalten haben, könnten wichtige Zeugen sein.

Enna sah sich den Kopf der Toten an. Das Gesicht war kaum zu erkennen, da der starke Regen die Erde hochgespritzt hatte und lange nasse Strähnen ihres blonden Haares es verdeckten. Der schwarze Dreck wirkte wie zerlaufenes Mascara in ihrem Gesicht. Ihr Kopf lag auf der Seite, als ob sie mit geöffneten Augen schliefe. Man konnte noch erkennen, dass sie Lippenstift trug, knallrot, vermutlich wasserfest. Kleidung war unter dem Gestrüpp nicht zu sehen, ihr Körper schimmerte schneeweiß durch die schwarzen Zweige hindurch. Enna vermutete, dass sie schon mindestens 24 Stunden tot war. Fliegen hatten bereits angefangen Eier auf ihr zu legen, wie das Vorhandensein einiger Maden zeigte. Bei warmem Wetter wie gestern, konnte das sehr schnell gehen. Sie schaute sich in der Nähe um. Nichts deutete darauf hin, dass der Mord hier passiert sein könnte.

Die Ems führte zu dieser Jahreszeit wenig Wasser und strömte gemächlich dahin. Die Männer der Spurensicherung und uniformierte Beamte waren damit beschäftigt die Umgebung abzusuchen. Sie wollte warten, bis der Fotograf fertig war, bevor sie die Zweige weiter entfernte. Und sie würde dafür sorgen, dass die Menschen hier verschwanden. Sie hatte noch nicht oft mit Mord zu tun gehabt. Aber in den Fällen, die sie in Münster bearbeitet hatte, hatte sie große Empathie für die Opfer empfunden und eine tiefe Trauer. Gefühle, die sie nicht abschalten konnte, obwohl das für die Lösung des Falles besser gewesen wäre. Ein tiefes Gefühl des Unrechts und der Unzufriedenheit hatte sie gequält, wenn ein Fall nicht gelöst werden konnte. Aber das gehörte zu ihrem Beruf. Es hatte gut getan, mit Rüdiger über solche Dinge zu reden. Er hatte sie verstanden. Er kannte sich damit aus. Sie vermisste ihn.

Was ist dir nur passiert, fragte sie, als sie die Leiche betrachtete und schwor ihr, es herauszufinden.

„Es ist doch hier nichts am Fundort verändert worden?“ fragte sie ihren Kollegen Kötter-Stroth.

„Soweit ich weiß, nicht.“

„Was heißt, soweit Sie wissen?“

„Da müssen Sie wohl den Herrn fragen, der die Tote gefunden hat. Wir haben hier natürlich nichts verändert.“ Er schien ein wenig beleidigt wegen der Frage, aber genau konnte sie das nicht feststellen. Kötter-Stroths Augen waren hinter der Brille kaum zu erkennen. Seine Brillengläser waren mit Wassertropfen gesprenkelt.

„Und wer ist der Herr?“ Enna hasste es, wenn sie jemandem jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen musste. Das war schon vorhin im Streifenwagen so, als sie sich mit Kötter-Stroth bekannt gemacht hatte. Der 60-jährige Polizist hatte sie freundlich willkommen geheißen, aber Details zum Fall hatte sie nur auf Nachfrage erhalten. Immerhin war sie nun seine Chefin und sie erwartete, dass jeder spurte. Sie hatte sich vorgenommen, eine freundschaftliche, aber auch strenge Chefin zu sein. Das hatte sie von Rüdiger gelernt.

„Der Herr Haverland hat sie gefunden. Er steht dort hinten beim Streifenwagen.“ Sie sah in der Ferne einen Mann in Reitstiefeln auf und ab gehen. Sein Pferd graste in einiger Entfernung und ein mittelgroßer, brauner Hund lief um ihn herum. „Er hat schon danach gefragt, gehen zu dürfen. Hat wohl noch dringendes in seinem Betrieb zu erledigen.“

„Am Sonntag? Gut, ich spreche gleich mal mit ihm!“ Gab es denn hier niemanden, der am Sonntag ausspannen wollte?

„Die Forensik ist übrigens schon unterwegs.“

„Gut“, sagte Enna nur. Daran hatte sie noch nicht gedacht. Die Spurensicherung war längst vor Ort, ein Rechtsmediziner erschien jedoch nicht immer am Tatort. Normalerweise reichte eine Untersuchung in der Pathologie aus. Aber manche Rechtsmediziner fanden es hilfreich, das Opfer in der Umgebung des Fundorts zu untersuchen. Das gibt ihnen manchmal weitere Aufschlüsse. Enna betrachtete das als großes Engagement für den Fall und war dankbar. Und das an einem Sonntag. Diese Person hatte auf jeden Fall jetzt schon Pluspunkte bei ihr.

„Bei dem Regen werden wohl nicht viele Spuren an ihr hängenbleiben“, meinte Kötter-Stroth dann. Enna nickte.

„Wenn sie vergewaltigt worden ist, könnten wir Glück haben.“

„Sieht ja ganz danach aus. Wer macht sowas?“ Kötter-Stroth schüttelte fassungslos den Kopf. Manchmal ließ ein Mörder aber auch die Kleidung verschwinden, um keine Spuren zu hinterlassen. Sie fragte sich allerdings auch, warum die Tote nicht einfach in die Ems geworfen wurde. Es hätte sicher länger gedauert, bis man sie gefunden hätte. Vielleicht wäre sie auch für immer in den Fluten versunken.

Ein junger Mann mit langem Vollbart kam auf sie zu. Kötter-Stroth stellte ihn vor.

„Frau Kolder, das ist der Kommissar-Anwärter Paul-Peter Schellenberg von der SpuSi.“ Der Mann war in Zivil und kaum 30 Jahre alt.

„Sie sind der Leiter der SpuSi?“, fragte sie ihn ungläubig. In der Ferne hörte man wieder Donnergrollen.

„Nein, das ist der Herr Ollenschläger. Der ist aber leider längerfristig erkrankt, ich vertrete ihn.“

„So, aha. Sehr schön. Könnten Sie dann hier bitte einen Sichtschutz aufstellen? Am besten ein Zelt, wenn ich mir das Wetter so ansehe.“ Enna hätte wirklich freundlicher zu ihm sein können. Sie merkte, dass sie nervös war. Ihr erster Mordfall als leitende Ermittlerin machte sie nervös. Und trieb ihre Kopfschmerzen auf die Spitze.

„Wie es aussieht, ist die Frau unbekleidet, nicht wahr?“, fragte sie ihn dann.

„Es sieht so aus“, antwortete Schellenberg freundlich.

„Das heißt vermutlich werden wir auch keine Papiere bei ihr finden“ Noch während sie diese Schlussfolgerung aussprach, merkte sie wie absurd diese war.

„Oh, wir wissen wer sie ist“, meinte der junge Mann. „Der Entdecker der Toten kennt… äh, kannte sie.“ Enna sah ihn mit großen Augen an. Sie hatte vergessen, dass in einer Kleinstadt wie Maarsum, beinahe jeder jeden kennt. „Die Tote ist Susanna Schnieders-Kösters, die Frau von Jens Schnieders, eines Wurstfabrikanten aus Maarsum.“

„Und das haben Sie vom Herrn, wie war der Name, Haverland?“, fragte Enna erstaunt. Schellenberg nickte. „Es hat aber vermutlich noch niemand den Ehemann benachrichtigt, nehme ich an?“ Ihr war klar, dass das ihre Aufgabe war, die sie so schnell wie möglich erledigen musste. Bevor die Betroffenen es von jemand anderem erfuhren. Sie war sicher, dass sich die Nachricht von einem vermeidlichen Mord wie ein Lauffeuer in Maarsum verbreiten würde.

„Nein, noch nicht!“ Schellenberg schüttelte den Kopf. Er würde nun das gleiche denken wie sie, da war sie sicher. Es war ihre Aufgabe.

„Wann wird die KTU denn voraussichtlich eintreffen?“ Enna hätte noch gerne ein paar Worte mit dem Mediziner gesprochen, bevor sie die undankbare Aufgabe der Benachrichtigung der Angehörigen übernahm. Schellenberg wandte sich zu seinem Kollegen um.

„Bernd? Weißt du wann Jo hier eintreffen wollte?“ Bernd Kötter-Stroth zuckte mit den Schultern.

„Und Jo ist wer genau?“, fragte sie ungeduldig.

„Jo Engelbert.“

„Okay, … vielen Dank!“ Es gab bei einem Mordfall jede Menge Details zu klären. Die Tatsache, dass man seine Kollegen nicht kennt, machte die Sache nicht einfacher. Sie trat noch einmal an die Tote heran und nahm ein paar Birkenzweige herunter. Die Frau hatte einen durchtrainierten Körper mit Tätowierungen, eine Rose auf dem Schulterblatt und ein Arschgeweih. Sie trug ein silbernes Armband, mehrere Ringe und diverse Piercings in den Ohren.

Enna stapfte über die matschige Wiese die Böschung hinauf, an den Zuschauern vorbei, um mit dem Reiter zu sprechen, der immer noch ungeduldig auf sie wartete.

„Gehen Sie bitte nach Hause, hier gibt es nichts zu sehen“, bat sie die Menschen.

„Ist die Schnieders-Kösters ermordet worden?“ Eine ältere Frau mit Rosenmuster-Regenschirm wollte es genau wissen.

„Wir können dazu noch nichts sagen, bitte gehen Sie!“, wies Enna die Wartenden an. Die Leute setzen sich langsam in Bewegung.

„Die wird sich wohl nicht freiwillig nackt unter den Haufen Gestrüpp gelegt haben“, murmelte ein älterer Herr. Enna stapfte weiter hinauf zur Straße.

Der Hund begann laut zu bellen. Die Anstrengung, die rutschige Böschung hinaufzusteigen und das Gebell des Hundes ließen ihre Kopfschmerzen erneut aufwallen. Es pulsierte und hämmerte gegen ihre Stirn und ihr Schädel fühlte sich an, als wollte er zerplatzen wie eine Melone. Ihre Hand wanderte in die Manteltasche, um nach den Kopfschmerztabletten zu greifen, doch sie hatte kein Wasser, um sie einzunehmen. Sie hatte den Mann noch nicht ganz erreicht, da erkannte sie ihn wieder. Vor ihr stand der blonde Reinhard, der Mann, der Jeden und Jede kannte. Auch die Tote. Die Welt war noch kleiner, als sie dachte.

„Na sowas! Schon so früh unterwegs?“, rief er aus. Er war völlig durchnässt. Sie reichte ihrer Schlachtfest-Bekanntschaft die Hand.

„Nicht freiwillig. Enna Kolder, Kriminalhauptkommissarin aus Maarsum“, stellte sie sich ordnungsgemäß vor. „Ich habe ja gesagt, ich komme wieder.“ Sie versuchte krampfhaft zu lächeln. Das hatte ihr gerade noch gefehlt, dass dieser Trunkenbold und Frauenheld ihr Zeuge war.

„Tja! Ich hatte aber eigentlich noch gestern Abend mit dir gerechnet. Mein Name ist Haverland.“ Er hatte einen enormen Händedruck und seine Hände waren überraschenderweise warm. Da er sie nicht weiter auf das Missgeschick mit dem Terrassenheizer ansprach, vermutete sie, dass er nicht mehr viel von dem Abend mitbekommen hatte. „Dann muss ich dich ja jetzt wohl Siezen“, meinte er lächelnd. Enna überlegte einen Augenblick.

„Nicht nötig.“ Sie war nicht der Mensch für Formalitäten. Der braune Hund, ein kräftiger Airdale-Terrier, kläffte immer noch aus voller Kehle. Schließlich wies er das Tier zurecht.

„Also ich habe die Tote heute bei meinem morgendlichen Ausritt gefunden“, begann er. „Genauer gesagt, mein Hund hat sie gefunden.“

„Hast du, oder dein Hund, irgendetwas am Fundort verändert, zum Beispiel die Zweige abgedeckt?“, fragte sie ihn.

„Ich bin natürlich gleich abgesessen und habe mir das angesehen. Das Bein schaute da raus, und da habe ich natürlich gedacht, da stimmt was nicht“, antwortete Reinhard wichtigtuerisch.

„Also hast du sofort erkannt, dass es sich um eine tote Person handelt?“

„Na ja, so wie meine Hündin angeschlagen hat, dachte ich erst, da ist ein Hase drunter. Dann war’s aber doch ein Häschen!“ Er setze ein frivoles Grinsen auf. „Und das Bein einer Dame erkenne ich auf den ersten Blick, glaub mir.“ Er grinste weiter.

„Ich glaube nicht, dass das ein Anlass für Scherze ist.“, sagte sie streng. Die Tatsache, dass Reinhard Haverland heute nüchtern war, erhöhte nicht die Qualität seiner Sprüche. „Du kanntest die Tote?“, fragte sie.

„Ich kannte sie, jawohl.“ Die Situation schien ihm nicht nahezugehen. Oder er war enorm abgebrüht. „Susanna hatte keine Klasse, … nicht so wie du!“, behauptete er dann. Enna konnte es nicht glauben. Es war ein Mord geschehen und er hatte die Nerven, sie anzubaggern. „Susanna Schnieders-Kösters war die Dorfmatraze“, fügte er hinzu. „Sie ging mit allem und jedem ins Bett.“ Der muss es wohl wissen, dachte Enna bei sich.

„Und du hast nichts am Fundort berührt oder an der Toten?“, fragte sie dann.

„Na ja, ich habe den Kopf etwas freigelegt“, gestand er. „Ich musste doch nachsehen, ob man ihr noch helfen kann. Aber so wie sie aussah, wusste ich gleich, dass sie tot ist. Habe dann noch versucht am Hals den Puls zu fühlen, da habe ich die Würgemale gesehen. Sie war schon eiskalt und ganz starr.“ Enna glaubte ihm. Sie hatte die Leiche gesehen.

„Reitest du jeden Sonntagmorgen hier lang?“, wollte sie wissen.

„Mal hier lang, mal dort lang. Die Pferde wollen ja bewegt werden.“

„Keinen Kater von gestern?“

„Na klar, und was für einen.“ Er grinste ein breites Grinsen. „Reiten macht den Kopf wieder klar. Kannst gerne mal mitkommen, wenn du Lust hast“, bot er an.

„Danke, mein Kopf ist völlig klar.“ Das war eindeutig gelogen, aber sie hatte keine Lust mit Reinhard in eine nähere Beziehung zu treten, nicht einmal zum Reiten. „Wie ist das mit der Schürfwunde in deinem Gesicht passiert?“, wollte sie von ihm wissen. Die Wunde hatte die verdächtige Form von Kratzspuren, ob von einem Menschen oder einem Tier, konnte sie nicht sagen. Reinhard fasste sich ins Gesicht und strich sich über die verheilende, schorfige Wunde.

„Ach das, … das ist vom Radfahren. Ich habe mit dem Gesicht gebremst. Soll man nicht machen, ist ungesund!“ Er lachte.

„Ist das gestern passiert?“

„Nee, am Freitag. Hatte schon was auf. Da konnte ich natürlich nicht mehr Auto fahren, Frau Wachtmeister, das können Sie sich ja vorstellen.“ Und wie genau sie sich das vorstellen konnte! Er war also auch am Freitag schon ziemlich betrunken gewesen. Und prahlte damit. Sie hielt das übermäßige Trinken keinesfalls für ungewöhnlich. Im Emsland wurde viel getrunken, dafür war es bekannt. Und bei Festen hielt sich kaum jemand zurück, das hatte sie in ihrer Jugend oft erlebt. Und auch selbst praktiziert. In Ennas Jugend gab es eine Phase, in der sie das Leben ausprobiert hatte, mit all seinen Möglichkeiten und Facetten. Alkohol hatte dazu gehört.

„Wann hast du Susanna Schnieders-Kösters zuletzt lebend gesehen?“, fragte sie schließlich.

„Puh, keine Ahnung. Wahrscheinlich am Freitag, am ersten Abend des Schlachtfestes. Ja, da habe ich sie kurz getroffen. Sie war mit Heinz dort, ihrem Vater. Und Marita, seine Lebensgefährtin, war auch da. Wird das jetzt ein Verhör, oder was?“ Susannas Tod ließ ihn definitiv völlig kalt.

„Nein. Aber ich möchte dich bitten, morgen auf dem Revier zu erscheinen. Für eine Zeugenaussage. Und ich möchte dich außerdem bitten, umgehend ins Krankenhaus oder zu einem Arzt zu gehen, für einen Blutalkoholtest. Vielen Dank.“ Reinhard pfiff missbilligend durch die Zähne.

„Und wenn ich mich weigere?“

„Macht dich das verdächtig“, antwortete sie kühl. Damit ließ sie ihn stehen. Sie vermutete, dass er noch Restalkohol im Blut hatte.

Reinhard Haverland stieg auf sein Pferd und befahl dem Terrier, ihm zu folgen.

„Bitch“, rief er ihr nach als sie außer Hörweite war.

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Sie hatte Kötter-Stroth gebeten, sie zunächst zum Ehemann der Toten zu fahren. Jens Schnieders wohnte in einem neu erbauten Einfamilienhaus, das etwa dreimal so groß war, wie ihr eigenes. In einem übergroßen Carport, der an das Haus angebaut war, standen ein neuer 5er BMW und ein Porsche Carrera älteren Baujahrs. In der Einfahrt parkte ein vergleichsweise billiger roter Seat. Das Haus aus cremeweißen Klinkern war ebenso gepflegt wie der Vorgarten. Alles war in einem eher konservativen Stil gehalten, hier und da erhoben sich weißgraue steinerne Figuren aus den flach angelegten bunten Rabatten. Es gab mehr Pflaster, Kies und Stein als Grün. Die Beete waren ordentlich gejätet und geharkt, jedoch fehlte es an jeglicher Üppigkeit und Großzügigkeit, die Staudenbeete prächtig und harmonisch aussehen ließen. Dieser Gärtner wollte Farbe, Vielfalt und Protz, aber auf keinen Fall natürlich wirkende Schönheit. Kötter-Stroth stieg aus und sah sich das Haus und den Vorgarten aus der Nähe an. Es war offensichtlich nach seinem Geschmack. Oder er wollte ihr einen Moment für sich gönnen, bevor sie die traurige Nachricht überbringen musste, da war Enna sich nicht sicher.

Sie blickte in den Spiegel über dem Beifahrersitz. Ihr ungeschminktes Gesicht glänzte regennass und ihre Haare waren durch den Wind zerzaust. Sie versuchte sie mit den Fingern zu glätten und steckte sie hinten unter den Mantelkragen. Enna hasste Aufgaben wie diese und hätte alles dafür gegeben, wieder warm und trocken auf ihrem Sofa sitzen zu dürfen. Selbst ein peinliches nachbarliches Gespräch mit Helmut Brackmann wäre ihr lieber gewesen.

Auf ihr Klingeln öffnete zunächst niemand. Dann hörte sie von innen eine Frauen- und eine Männerstimme im Wechsel. Nach einigem Hin- und Her wurde die Tür geöffnet. Enna war überrascht, Jens Schnieders hatte offensichtlich gerade Damenbesuch. Die Frau um die Dreißig, die durch den Türspalt lugte, trug einen Herren-Morgenmantel und wirkte leicht verschreckt als sie Enna und den uniformierten Kötter-Stroth vor der Tür erblickte.

„Guten Tag, ich bin Enna Kolder von der hiesigen Polizei, das ist mein Kollege Kötter-Stroth. Könnte ich bitte Herrn Schnieders, … Jens Schnieders, sprechen?“ Die Frau im Morgenmantel schaute einen Moment unschlüssig, als ob sie etwas fragen wollte und sich nicht traute.

„Jens?“, rief sie dann nach hinten. „Ist für dich. … Die Polizei.“ Aus dem Wohnhaus war keine Antwort zu vernehmen.

„Könnten wir vielleicht reinkommen?“ fragte Enna freundlich. Die Frau öffnete die Haustür ganz und ließ sie hinein. Enna sah sie sich genauer an. Sie schien das zu bemerken.

„Ich komme gerade aus der Dusche“, entschuldigte sie sich. Ihre schwarzen kurzen Haare waren nass und standen zu allen Seiten ab. „Jens?“, rief sie, diesmal lauter. Im Hausflur roch es nach Kaffee und Rührei.

„Ich komme sofort“, ertönte es aus dem Obergeschoss.

Sie wandte sich entschuldigend lächelnd an die Beamten. Jens Schnieders erschien auf dem Treppenabsatz. Er war ein Mann von Ende Dreißig und unterdurchschnittlicher Attraktivität.

„Die Polizei? In meinem Haus?“ Er erblickte die Beamten und stieg mit schlaksigen Schritten die weiße Marmortreppe hinunter. „Was ist denn passiert?“, fragte er, noch bevor er unten war. Er war lässig gekleidet, seine Jeans wurde von einem Ledergürtel unterhalb eines leichten Bierbauchs gehalten, das buntkarierte Hemd hing halb im Hosenbund, halb darüber. Enna hatte das unbestimmte Gefühl, die beiden bei etwas gestört zu haben. Er schob seine metallgeränderte Brille mit dem Zeigefinger nach oben und blickte die Beamten erwartungsvoll an.

„Habe ich was verbrochen?“, fragte er scherzend. „Ich war die ganze Nacht im Bett, fragen Sie meine Freundin.“ Er blickte zu der Dunkelhaarigen herüber, die im Türrahmen zur Küche stand.

„Herr Schnieders, entschuldigen Sie, dass wir Sie am Sonntag stören, aber ich müsste Sie kurz unter vier Augen sprechen“, begann Enna.

„Ich habe vor Maike keine Geheimnisse.“

„Ist schon gut“, wiegelte diese ab. „Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“

Enna lehnte dankend ab. Kötter-Stroth nicht.

„Darf ich noch Ihren Nachnamen erfahren?“, fragte Kötter-Stroth Maike.

„Wassermann. Maike Wassermann.“ Kötter-Stroth schrieb ihren Namen gewissenhaft in sein Notizbuch und notierte sich noch ihre Adresse und Telefonnummer. Dabei sah er sehr konzentriert aus.

Sie gingen ins Wohnzimmer, in dem sich der Wohnstil wiederfand, den man beim Anblick des Vorgartens erwarten durfte. Alles war hell und wirkte hochwertig, spiegelte aber kaum gegenwärtige Wohntrends wieder und passte nicht wirklich zusammen. Jens Schnieders Wohnzimmer war der Versuch, mangelnden Geschmack mit Geld wettmachen zu wollen.

Enna fand es schwer, die passenden Worte zu finden und zögerte. Für solche Fälle hatte sie sich einmal einen Text zurecht gelegt, aber der genaue Wortlaut wollte ihr nicht einfallen.

„Herr Schnieders, ich muss Ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen“, begann sie. „Wir haben heute Morgen ihre Ehefrau Susanna tot aufgefunden. Wie es aussieht, ist sie einem Verbrechen zum Opfer gefallen.“ Jens Schnieders sah sie ungläubig an. „Mein herzliches Beileid“, fügte sie noch hinzu.

„Susanna? Tot?“ Er konnte es nicht fassen. Maike war ins Zimmer gekommen und schlug die Hände vor das Gesicht. Kötter-Stroth war ihr gefolgt, in der Hand eine Tasse Kaffee.

„Jemand hat Susanna umgebracht? “ Sie wirkte nun beinahe hysterisch. Jens legte den Arm um sie und versuchte sie zu beruhigen.

„Heinz hat mich gestern früh angerufen und mich gefragt, ob sie hier sei.“, klärte er sie auf. „Heinz Kösters, ihr Vater“, fügte er hinzu. Enna nickte. „Wissen Sie, wir leben getrennt. Susanna ist zu ihrem Vater gezogen. Sie ist am Freitagabend wohl nicht nach Hause gekommen. Ich habe ihm gesagt, er bräuchte sich keine Sorgen machen, das ist bei Susanna normal, dass sie mal woanders schläft.“ Er machte eine Pause. Jens Schnieders wirkte teilnahmslos. Enna konnte seine fehlende Reaktion auf den Tod seiner Frau noch nicht einschätzen.

„Sobald Sie dazu in der Lage sind, würden wir Sie bitten, Ihre Frau zu identifizieren“, Sie fand es schwierig, Menschen in einer solchen Situation zu befragen, aber sie wusste, dass die Umstände so schnell wie möglich ermittelt und so viel Informationen gesammelt werden mussten wie möglich. Der Zeitfaktor spielte eine erhebliche Rolle bei Mordermittlungen. Manchmal waren die Menschen am Anfang viel offener. Oft bewegte gerade der erste Schock sie zum Reden. Und das Vergessen wichtiger Details schritt rasend schnell voran, je weiter sich das Ereignis entfernte.

„Herr Schnieders, ich müsste Ihnen noch ein paar Fragen stellen.“

„Ja, natürlich“, sagte er nachdenklich. Maike hat sich schnell wieder beruhigt und machte sich von ihm los.

„Ich ziehe mir was über“, teilte sie Enna mit.

„In Ordnung. Sie sollten sich aber zu unserer Verfügung halten, wir müssen auch Ihnen ein paar Fragen stellen.“ Maike nickte.

„Ist sie wirklich ermordet worden?“, fragte Jens, nachdem Maike den Raum verlassen hatte.

„Wir vermuten es, aufgrund der Art und des Zustands, in dem wir sie gefunden haben.“

„Der Art und des Zustands? Was soll denn das heißen?“, fragte er, nun lauter.

„Ein Reiter hat sie auf einer Emswiese gefunden, unter einem Haufen Zweigen versteckt“, antwortete Enna ruhig. „Da sie unbekleidet aufgefunden wurde, können wir auch ein Sexualverbrechen nicht ausschließen.“

„Unbekleidet? Susanna war die meiste Zeit unbekleidet!“ Er schnaubte verächtlich.

„Was wollen Sie damit sagen?“, fragte Enna vorsichtig.

„Wie gesagt, wir sind getrennt. Und das nicht ohne Grund. … Sie ist mehr als einmal fremdgegangen. Man könnte auch sagen, sie hat sich durch sämtliche Betten der Gegend gevögelt“, bemerkte er schnippisch.

„Seit wann sind Sie getrennt?“

„Seit drei Monaten etwa.“

„Und die Trennung war unmittelbare Folge eines Seitensprungs Ihrer Frau?“, wollte Enna wissen.

„Nein, nicht unmittelbar. Ich habe immer geahnt, was sie so treibt - getrieben hat“, sagte er resigniert. „Gewusst habe ich es seit ungefähr vier Monaten, da hatte sie was mit einem Kollegen aus dem Fitnessstudio. Ich habe die beiden erwischt, als sie es hier im Haus getrieben haben. Sie hat die angeblich kurze Affäre dann beendet und mir hoch und heilig geschworen, dass es ein einmaliger Ausrutscher war. Aber ich habe mich daraufhin mal umgehört. Da kam so einiges zutage, das kann ich Ihnen sagen!“

„Bei wem haben Sie sich umgehört?“, wollte Enna wissen.

„Bei Bekannten. … Ich habe Susanna dann zur Rede gestellt. Sie hat natürlich behauptet, alle würden lügen.“ Er zog sich selbstgefällig die Jeans höher. „Es stimmte aber.“

„Und dann haben Sie sich von ihrer Frau getrennt?“ Jens Schnieders schien gerade sehr auskunftsfreudig, den Moment wollte sie nutzen.

„Ich habe die Schlampe abserviert. Hat mich sowieso nur ausgenutzt, die ganze Zeit. Sie war nur auf mein Geld scharf. Wissen Sie, sie war die Art Frau, die ständig neue Klamotten brauchte, Schuhe, Schmuck, Kosmetik, was weiß ich!“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung. „Es stimmte schon eine ganze Zeit nicht mehr zwischen uns. Sie brauchte ständig Aufmerksamkeit. Und ich habe nicht viel Zeit. Die Firma erfordert ständig meine Anwesenheit. Man könnte also sagen, unsere Interessen gingen weit auseinander.“

„Aber sie hatte auch ihr eigenes Geld verdient?“

„Sie hat im Fitnesscenter gearbeitet, hinter der Theke“, sagte er abfällig. „Wenn Sie das als Arbeit bezeichnen wollen! Wenn sie mich fragen, da war sie nur, um Männer abzuschleppen.“ Enna fragte sich, ob er wirklich nichts vom Lebenswandel seiner Frau gewusst hatte, oder ob ihm der einfach egal gewesen ist. Oder ob er ihm vielleicht doch nicht so ganz egal war und er das jetzt nicht zugeben wollte. Aber sie wollte ihn nicht mit Fragen in diese Richtung verärgern. Jetzt nicht. Noch nicht.

„Ihre Frau ist dann ausgezogen und wohnte seither bei ihrem Vater?“

„Richtig.“

„Gab es nach ihrem Auszug noch Probleme zwischen Ihnen?“

„Sie meinen, ob wir weiter gestritten haben? Ja klar! Jedes Mal, wenn wir uns begegnet sind. Sie hat mir gedroht, mich mit Hilfe ihrer Anwälte auszupressen wie eine Zitrone!“

„Hatte Sie denn die finanziellen Mittel, um das durchzusetzen?“, fragte Enna. Sie war überrascht, wie offen er mit den Fakten seiner Ehe umging und überlegte, ob ihn das eher verdächtig oder unverdächtig machte.

„Sie nicht, aber Daddy wird’s schon richten!“ Jens Schnieders blickte sie vielsagend lächelnd an.

„Entschuldigen Sie, aber ich muss das fragen“, sagte Enna dann und machte eine kurze Pause. „Wann haben Sie ihre Frau zuletzt lebend gesehen?“ Maike betrat in diesem Moment das Wohnzimmer und war überrascht und entsetzt über die Frage.

„Schon gut,“ sagte Jens Schnieders. Eine Armbewegung sollte Maike zeigen, dass sie sich nicht weiter aufzuregen brauchte. „Wir haben Susanna zuletzt auf dem Schlachtfest am Freitag gesehen, stimmt’s Schatz?“ Maike ging zu ihm hinüber und er legte wieder den Arm um sie.

„Das stimmt, wir sind ihr dort begegnet. Und es war wieder mal keine freudige Begegnung. Sie hatte einfach Probleme uns zusammen zu sehen, glaube ich.“ Maike schien sich wieder gefasst zu haben und wirkte nun eine Spur selbstsicherer. Jens nickte zustimmend.

„Hatte sie selbst gerade keinen festen Partner?“, fragte Enna.

„Nee, zu der Zeit lief da gerade mal nichts“, offenbarte Jens. „Das machte meine Beziehung zu Maike natürlich noch unerträglicher für sie.“ Enna wandte sich an Maike.

„Und wann sind Sie mit Herrn Schnieders zusammengekommen?“ Maike blickte ihren Freund unsicher an.

„Ungefähr ... also kurz nachdem Jens und Susanna sich getrennt haben.“

„Und das hat sie einfach so akzeptiert?“

„Sie hat mir natürlich eine Riesenszene gemacht und mir vorgeworfen, ich hätte sie hintergangen. Dabei war es im Grunde schon lange aus zwischen ihr und Jens. Das war doch keine richtige Ehe mehr!“ Enna war der Meinung, dass die eher ruhige Maike mit dem Mordopfer nicht viel gemeinsam gehabt haben konnte und fragte sich, wieso zwei so unterschiedliche Frauen befreundet gewesen waren.

„Wir haben nur noch nebeneinanderher gelebt“, pflichtete Jens seiner Freundin bei. Ennas Eindruck war, dass Maike und Jens sich wirklich gut zu verstehen schienen und in vielen Dingen einer Meinung waren. Für ihren Geschmack war das fast ein wenig zu viel Übereinstimmung. Und sie turtelten wie Frischverliebte, er konnte kaum die Finger von ihr lassen.

„Sie sind sich am Freitag auf dem Schlachtfest begegnet und haben gestritten. Worum ging es da genau?“, fragte Enna vorsichtig. Die beiden sahen sich an und zuckten mit den Schultern.

„Sie hatte wieder mit ihren Anwälten gedroht und mich dann auch noch als Schlampe bezeichnet“, antwortete Maike. „Wir sind dann einfach weitergegangen. Wollten uns nicht den Abend verderben lassen.“

„Und Sie haben sich das einfach so gefallen lassen?“, fragte Enna.

„So was hat sie ständig gesagt. Das haben wir gar nicht mehr ernst genommen.“ Maike schaute selbstzufrieden zu ihrem Partner hinüber.

„Sie war die Verliererin in der ganzen Sache. Das hat ihrem Ego einen ganz schönen Knacks versetzt“, meinte Jens. „Sie hat versucht uns das Leben schwer zu machen, wo sie nur konnte. Aber das ist ihr nicht gelungen. Und falls das Ihre nächste Frage ist: Nein, wir haben sie nicht umgebracht. Wir haben ihr so etwas ganz bestimmt nicht gewünscht, auch wenn wir nicht besonders traurig sind, dass sie nun tot ist.“

„Gut“, sagte Enna nur und blickte von einem zum anderen. Damit wollte sie es fürs erste belassen. „Wir möchten nicht länger stören. Nur eine Frage noch. Sind Sie sicher, dass Sie Frau Schnieders-Kösters nach diesem Freitag nicht noch einmal gesehen, evtl. am Samstag?“

„Nein. Samstag waren wir auch auf dem Schlachtfest“, berichtete Maike. „Aber da sind wir ihr nicht begegnet. Und auch sonst nirgendwo, also ich jedenfalls nicht.“ Sie blickte Jens an.

„Nein. Ich habe sie auch am Freitag zuletzt gesehen. Bei unserem Streit, danach nicht mehr. Da bin ich absolut sicher.“

„Wann haben sie beide das Schlachtfest am Freitag verlassen?“, wollte Enna noch wissen.

„Ich glaube wir waren um sechs zuhause“, meinte Jens. „Wir waren noch Spiegeleier essen bei Kalle. Kalle Meinert, ein Freund von uns. Um fünf ungefähr sind wir vom Schlachtfest aufgebrochen.“

Enna warf Kötter-Stroth einen Blick zu, der bedeuten sollte, dass sie nun gehen wollte. Er verstand und kippte hastig den Rest seines Kaffees hinunter. Jens brachte sie zur Haustür.

„Warten Sie!“, rief Maike plötzlich. Dann zögerte sie. „Sagen Sie, wie ist Susanna gestorben? Wie wurde sie ermordet?“ Enna blickte ihr ins Gesicht. Susannas Tod schien sie nicht völlig kalt zu lassen.

„Das wissen wir noch nicht genau. Es sieht im Moment so aus, als wäre sie erwürgt worden.“

„Guter Gott!“, rief Maike entsetzt. Enna war sich nicht sicher, ob ihr Entsetzen gespielt war. Sie fand außerdem, dass diese Frage ein wenig spät kam.

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Sie hatte noch darüber nachgedacht, ob es nicht besser wäre, die Tierschützer morgen, zusammen mit dem Oberkommissar ihrer Abteilung, zu befragen. Vier Augen sehen mehr als zwei, und vier Ohren hören mehr als zwei. Es war immer besser, jemanden für eine zweite Meinung dabei zu haben. Auch wenn Enna sich in erster Linie auf sich selbst verließ, sie war nicht so naiv zu glauben, dass eine einzelne Person alles richtig beurteilen konnte. Jede individuelle Sichtweise konnte fehlerhaft sein. Und manchmal schnappte man als Zuhörer mehr auf, als wenn man selbst der Fragensteller war. Sie hatte in Münster Kollegen gehabt, die sie um ihre Intuition und ihr Bauchgefühl beneidet und bewundert hatte, denn das war etwas, an dem es ihr selbst mangelte. Enna war eher ein Mensch, der sich auf Fakten verließ und Gefühl und Intuition wenig über den Weg traute. Im Allgemeinen war sie außerdem sehr von sich und ihrer Meinung überzeugt. Im Laufe ihrer Karriere bei der Polizei hatte sie jedoch mehr als einmal schmerzlich erfahren müssen, dass die Wahrheit oft komplizierter war, als sie sich auf den ersten Blick präsentierte. Es hatte Fälle gegeben, bei denen sie völlig falsch lag, in ihrer Einschätzung von Täter oder Tathergang. Sie hatte daraufhin die falschen Verdächtigen verhaftet, gegen den Rat der Kollegen. In einem Fall hätte der Mörder beinahe einen weiteren Mord verübt, weil er auf Grund ihres Irrtums die Gelegenheit dazu hatte. Inzwischen hatte sie gelernt, die Ansichten und Meinungen der Kollegen bei der Wahrheitsfindung zu nutzen und anderen Meinungen zu vertrauen.

Letztendlich hatte sie sich dennoch dazu entschlossen, den Tierschützern noch heute einen Besuch abzustatten. Der Zeitfaktor spielte die wichtigere Rolle. Sie musste von den Beteiligten oder Zeugen so viel in Erfahrung bringen, wie möglich und das so schnell wie möglich. Erinnerungen konnten verblassen, Personen konnten aus dem Blickfeld verschwinden. Es war nicht auszuschließen, dass der Täter sich noch in der Nähe aufhielt.

Das Schlimmste war für heute erledigt, das Schlimmste war die Benachrichtigung der Angehörigen. Das Furchtbarste, was es mitzuteilen gibt, ist der Tod eines nahestehenden Menschen. Auch wenn man nur der Bote ist, ist man doch derjenige, der diesen Schmerz unmittelbar auslöst. Das war eine Aufgabe, die sie immer betroffen machte. Auch wenn es heute für die Angehörigen offenbar keine traurige Nachricht war, die sie überbracht hatte. Niemand schien etwas für die Tote übrig zu haben. Dennoch, oder gerade deswegen, verstärkte sich das Mitleid, das Enna für das Opfer empfand. Empathie war ihr nicht fremd. Sie war ein Faktenmensch, aber nicht eiskalt.

Sie hatte mit Jens Schnieders vereinbart, dass dieser selbst seinen Schwiegervater Heinz Kösters benachrichtigen würde. Das war für die Betroffenen oft einfacher, als wenn sie die Nachricht von der Polizei erhielten. Mit der Erledigung dieser schweren Aufgabe ließen auch ihre Kopfschmerzen langsam nach. Es war inzwischen später Nachmittag und der Himmel hing voller dunkler Wolken, die langsam von Sonnenstrahlen durchbrochen wurden. Der Regen hatte aufgehört und war einer heftigen Schwüle gewichen. Enna hat das Fenster des Wagens auf ihrer Seite geöffnet, damit frische Luft herein strömte und die feuchte Kleidung trocknete. Der Wind spielte mit ihrem offenen Haar. Doch entspannen konnte sie sich nicht.

Auf der Fahrt zurück in den Duisterwald betrachtete Enna ihren Kollegen Bernd Kötter-Stroth, der den Wagen lenkte. Der leicht untersetzte ältere Mann wirkte ruhig und ausgeglichen, trotz allem, was heute passiert war.

„Sind Sie verheiratet?“, fragte sie ihn.

„Seit vierzig Jahren …glücklich! Und Sie?“

„Ich? Nein.“ Sie machte eine nachdenkliche Pause. „Vierzig Jahre sind eine lange Zeit.“

„Das können Sie auch noch schaffen. Sie sind noch jung!“

„Ich glaube, das schaffe ich nicht mehr!“ Enna lachte. Der einzige Mann, den sie hätte heiraten wollen, war Rüdiger. Doch selbst wenn es zwischen ihnen anders gelaufen wäre, wenn sie bei ihm geblieben wäre, er sich von seiner Frau getrennt hätte. Rüdiger war 58 Jahre alt. Der Gedanke, ihn zu heiraten, erfüllte sie mit Schmerz. Sie atmete tief durch.

„Ist alles okay?“, fragte Kötter-Stroth.

„Ja, alles Bestens!“, log sie. Sie waren im Wald angekommen. Kötter-Stroth parkte den Polizeiwagen am Rand eines Forstwegs. Das letzte Stück bis zum Camp der Tierschützer müssten sie laufen, erklärte der Kollege ihr. Enna war froh, wieder an der frischen Luft zu sein und stapfte zügig los. Der ältere Mann hatte Schwierigkeiten, ihr zu folgen.

Das Camp der Tierschützer befand sich auf einer Lichtung mitten im Duisterwald. Als sie dort eintrafen, schien man die Polizei schon erwartet zu haben. Die jungen Leute, die in Gruppen zusammen standen oder saßen, blickten sie neugierig an. Ihre Gespräche verstummten. Das Camp bestand aus etwa einem Dutzend Zelten, um einen freien Platz herum angeordnet, und einem großen Baumhaus, das ein paar Meter weiter in die Krone einer mächtigen Eiche gezimmert war. Es wirkte wie ein Patchwork aus verschiedenen Holz- und Kunststoffteilen, Möbeltüren, Tischplatten und Bauholz und sah aus wie ein Spielhaus für Kinder, wenn man von Größe und Höhe absah. Eine Strickleiter, die von einem Ast herabhing, führte auf die überdachte Plattform hinauf. Daneben hing eine Absturzsicherung herunter, ein Harnisch aus Lederbändern, wie man ihn beim Sportklettern benutzte. Der Wind rauschte in den Blättern und ließ das Wasser von den Bäumen tropfen. Die warmen Temperaturen zusammen mit der hohen Luftfeuchtigkeit, die fast als Dampf wahrnehmbar war, verlieh der Szenerie etwas Tropisches.

Die Gruppe der Tierschützer, etwa zwanzig junge Männer und Frauen, bemerkten die Neuankömmlinge im Wald schon von weitem. Einige standen von ihren Klappstühlen auf. Enna und Kötter-Stroth betraten das Gelände so schnell, wie es der matschige Untergrund erlaubte und sahen sich unter den Jugendlichen um, die hier einen belebten Fleck mitten im stillen Forst geschaffen hatten. Mit ihrem Eintreffen lösten sich zwei junge Männer aus der Gruppe und traten ihnen entgegen. Durch ihr selbstbewusstes Abheben von der Masse erweckten sie den Anschein, die Anführer der Truppe zu sein. Enna hatte die beiden schon unter den Schaulustigen an der Fundstelle der Leiche gesehen. Die beiden Polizisten hielten ihre Dienstausweise in die Höhe.

„Kolder. Das ist mein Kollege Kötter-Stroth“, stellte Enna sie mit lauter Stimme vor. Sie blickte in die Runde. Hier war kaum jemand älter als Fünfundzwanzig. „Wir sind hier, weil wir ein paar Fragen an Sie haben.“

„Geht es um die Tote?“ Einer der beiden jungen Männer, ein großgewachsener sportlicher Typ mit schulterlangen Haaren, trat auf sie zu. „Wir haben uns nichts zu Schulden kommen lassen. Das ist friedlicher Protest hier!“ Seine Stimme war laut und rebellisch.

„So friedlich war ihr Auftritt auf dem Schlachtfest gestern aber nicht!“ Enna wollte zumindest den Anschein erwecken, dass sie Bescheid wusste, auch wenn sie bisher noch nichts über die Aktionen dieser Protestler erfahren hatte. Einige der Tierschützer blickten sich an. „Das ist aber nicht der Grund, warum wir heute hier sind“, fuhr sie mit lauter Stimme fort, wie die Lehrerin vor einer Schulklasse. „In diesem Abschnitt des Duisterwalds, nahe der Ems, wurde eine Tote gefunden, wie Sie vermutlich schon gehört haben. Wir kennen noch nicht alle Einzelheiten, aber alles deutet darauf hin, dass sie erwürgt worden ist. Einige von Ihnen waren ja, bereits am Fundort.“ Sie blickte die vermeidlichen Anführer streng an. „Wir möchten Sie bitten, sollten Sie irgendwelche Hinweise zu dieser Sache geben können, uns diese unverzüglich mitzuteilen. Hat irgendjemand von Ihnen in den letzten Tagen oder Nächten hier im Wald etwas beobachtet?“ Sie lief die Runde ab und schaute den Umstehenden ins Gesicht. „Etwas was ungewöhnlich war, nicht alltäglich oder sogar verdächtig? Jede Kleinigkeit kann wichtig sein.“ Sie schaute in teilnahmslose, desinteressierte Gesichter mit maskenartigem Ausdruck. Niemand schien mit der Polizei zusammenarbeiten zu wollen. Sie bemerkte, wie der jüngere der beiden Anführer den langhaarigen älteren anblickte, während sie ihre Aufforderung aussprach. Dieser ignorierte ihn jedoch völlig. Enna trat auf die beiden zu. „Haben Sie etwas beobachtet?“, fragte sie den jüngeren.

„Ich? Ich habe gar nichts gesehen!“, antwortete der sofort.

„Und Ihr Name ist?“

„Tom Borgmeier.“ Der etwa 20-jährige junge Mann hatte dunkelblondes Haar, das sich durch die Feuchtigkeit kräuselte. Sein durch Akne vernarbtes Gesicht hatte einen aufmüpfigen Ausdruck angenommen.

„Hören Sie, wir hatten von dem Menschenauflauf unten an der Ems gehört und sind dann natürlich hin“, mischte sich der langhaarige ein. Er sah ausnehmend gut aus, hatte strahlende blaue Augen, weiße gleichmäßige Zähne und ein fein geschnittenes Gesicht. Er hätte ein Model sein können. Oder ein Tarzandarsteller.

„Danke, ich kann für mich selbst sprechen.“ Tom Borgmeier fühlte sich offenbar von seinem Mitstreiter bevormundet. Die beiden sahen sich feindlich an.

„Wir benötigen Sie nicht als Zeugen für den Fund der Leiche, sie alle könnten wichtige Beobachter für den Tathergang sein“, teilte Enna mit. „Haben Sie evtl. verdächtige Fahrzeuge gesehen, Spaziergänger, die sich merkwürdig benommen haben oder ähnliches?“

Sie stieß auf eisiges Schweigen. Einige der jungen Leute sahen sich an, schüttelten aber dann mit dem Kopf.

„Wir wissen gar nichts, das sehen Sie doch!“, rief Tom Borgmeier wütend. „Sie verschwenden hier ihre Zeit.“

„Ob wir unsere Zeit verschwenden oder nicht, das dürfen Sie ruhig uns überlassen.“

Enna warf Kötter-Stroth einen Blick zu. „Wir brauchen die Personalien von jedem einzelnen von Ihnen“, verkündete sie dann. Ein Raunen ging durch die Gruppe, gefolgt von aufgeregtem Stimmengewirr. Kötter-Stroth zückte seinen Notizblock und begann sofort damit, die Daten aufzunehmen. Enna wandte sich wieder den Anführern zu.

„Und ihr Name ist?“ fragte sie den langhaarigen.

„Marco Theding. Ich leite diese Gruppe seit drei Jahren“, gab er bereitwillig an.

„Das glaubt er zumindest“, warf Tom Borgmeier ein. Die feindliche Stimmung zwischen den beiden Aktionisten war deutlich spürbar.

„Ich bin ordnungsgemäß per Abstimmung in diese Position gewählt worden.“ Marco Theding sprach ruhig und mit fester Stimme. Er schien seinem aufgewühlten jüngeren Mitstreiter in allem überlegen. Tom Borgmeier wirkte neben der strahlenden Erscheinung des Marco Theding wie zweite Wahl.

„Hach! Gewählt? Weiß doch hier jeder, dass du dir die Position erschlafen hast!“ Tom lachte hämisch. Marco Theding machte einen Schritt auf seinen Widersacher zu.

„Leute, Leute!“, ging Enna dazwischen. So kam sie hier nicht weiter. „Sie beide würde ich in der nächsten Woche gerne auf dem Revier sehen!“

„Ach würden Sie? Da muss ich erst mal in meinem Terminkalender nachsehen“, Tom schien sich in seine Wut hinein zu steigern. Enna hatte keine Ahnung, was ihn so aufregte.

„Das war keine Bitte, sondern eine Aufforderung, der Sie Folge zu leisten haben“, teilte sie im unmissverständlich mit.

„Natürlich kommen wir“, sagte Marco Theding schnell und sah Tom an. Dieser gab einen Grunzlaut von sich, erwiderte aber nichts.

„Mein Kollege hier hat es nicht so mit der Polizei, nehmen Sie das bitte nicht übel!“, sagte Marco.

„Wer hat das schon!“, legte Tom patzig nach.

Enna sah keinen Sinn darin, diesem jugendlichen Kräftemessen weiter beizuwohnen. Offensichtlich hatte tatsächlich niemand etwas gesehen. Die beiden Streithähne würde sie sich noch einmal vorknöpfen. Enna nahm sich vor, die beiden getrennt zu den Hintergründen ihres Streits zu befragen. Heute wollte sie nur noch nach Hause, zurück auf ihr Sofa, umgeben von ihrem Chaos aus Kisten und Kartons. Nachdem ihre Kopfschmerzen sich gelegt hatten, und alles was sie heute tun konnte erledigt war, überfiel sie ein übermächtiges Ruhebedürfnis. Die Auseinandersetzung mit den jungen Leuten hatte sie den letzten Rest ihrer spärlich vorhandenen Energie gekostet. Sie war vorzeitig und ohne Vorwarnung in ihren neuen Job gestoßen worden, ihr erster Fall gleich ein Mordfall. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Aber wenigstens wurde es nicht langweilig.

„Wir benötigen auch noch die Namen aller Personen, die hier gestern und vorgestern Nacht gezeltet haben“, bat sie Marco Theding. Er war auf jeden Fall der Zugänglichere der beiden.

„Das haben wir alle, alle die heute hier sind. Die meisten von uns studieren und in den Semesterferien sind wir fast immer komplett hier im Camp versammelt. Zumindest die, die wirklich bei der Sache sind.“

„Was studieren Sie?“

„Wirtschaftswissenschaften in Münster.“ Tom Borgmeier tauchte wieder neben ihm auf.

„Das studiert er offiziell“, warf er dazwischen. „Und das glauben seine stinkreichen piekfeinen Eltern auch. Über Wirtschaften weiß Papas Liebling tatsächlich auch eine ganze Menge, und noch so einiges mehr, was man nicht an der Uni studieren kann“, stänkerte er weiter. Marco Theding hatte nun anscheinend genug davon. Er packte ihn plötzlich am Kragen und zog ihn zu sich heran, Angesicht zu Angesicht. „Da reden wir später drüber“, zischte er ihn an. Dann ließ er ihn los. Tom stolperte zur Seite, machte eine wegwerfende Handbewegung und ging wortlos davon.

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Tom hatte sich in seinem Zelt entnervt auf die Isomatte fallen lassen und beobachtete durch die halb geöffnete Zelttür, wie sich die Gruppe langsam zerstreute, nachdem die Beamten das Camp verlassen hatten. Es ärgerte ihn, dass Marco schon wieder Aufmerksamkeit bekommen hatte, die ihm nicht zustand. Immer wieder musste er sich in den Vordergrund spielen. Die Aufmerksamkeit der attraktiven Polizistin hätte er gerne selbst gehabt. Warum sah niemand, was für ein Blender und Opportunist Marco war?

Sie waren gerade dabei gewesen, die Sache mit der toten Frau zu besprechen, als die Ordnungshüter eintrafen. Er hatte sofort gesehen, dass es Susanna war, die Tochter seines Ziehvaters Heinz. Zu Susanna hatte er kein Verhältnis. Sie hatten nie viel miteinander zu tun gehabt. Seit er und Marco vom Fundort auf der Emswiese zurück waren, hatten sie unter vier Augen darüber diskutiert. Diesmal würde er sich nicht von Marco ausbooten lassen, das hatte er sich geschworen. Er würde aufpassen, wie ein Luchs. Diesmal war Marco zu weit gegangen. Noch durchschaute er die Sache nicht völlig, aber er würde dahinterkommen, was da gelaufen ist. Marco verhielt sich mehr als verdächtig. Diesmal hatte er die besseren Karten, und die würden Marco definitiv schlecht aussehen lassen.

„Hey!“ Marco blickte durch den schmalen Spalt. „Alles klar bei dir?“

„Klar ist alles klar!“ Doch sein Ärger war immer noch nicht verraucht.

„Darf ich reinkommen?“ Marco lächelte ihn an. Tom blickte den zehn Jahre älteren Tierschützer nachdenklich an.

„Gut. Komm rein!“ Marco kroch in das kleine graue Kuppelzelt und machte es sich auf dem Boden bequem. Er hatte Mühe, seine langen Beine unterzubringen. Schließlich setzte er sich Tom gegenüber in den Schneidersitz.

„Ich war’s nicht!“, begann Marco.

„Ja, ich bestimmt nicht!“ Tom lag auf dem Rücken und starrte auf die Zeltkuppel über ihm. Er hatte nicht die Absicht, sich wieder von ihm bequatschen zu lassen.

„Dann ist doch alles klar, Alter! Ihr habt der Ollen die Klamotten geklaut, das ist vielleicht nicht erlaubt, aber auch kein Verbrechen!“ Marco saß entspannt lächelnd vor ihm. Könnte er so entspannt sein, wenn er Susanna auf dem Gewissen hätte, fragte Tom sich. Aber Marco hatte ein Pokerface, damit hatte er ihn schon oft getäuscht. Alles war immer so easy für ihn. Und fast immer hatte er Erfolg mit seiner lässigen Art.

„Richtig. Das haben wir gemacht“, gab Tom zu. „War nicht korrekt, aber mehr ist nicht passiert. Aber was hast du gemacht?“

„Alter, ich habe die Frau gesucht, weil ich ihr helfen wollte, glaub mir endlich!“, flehte Marco. „Man konnte sie doch nicht nackt im Wald herumlaufen lassen! Hätte sie dich angezeigt, wäre das eine Katastrophe für unser Image gewesen. Da hätten wir einpacken können! Nur weil ihr so eine Scheiße macht!“ Er gestikulierte wild mit den Armen.

„Und deswegen hast du sie kurz mal um die Ecke gebracht! Um alles zu vertuschen.“

„Du spinnst doch! Was traust du mir eigentlich zu? Alter, ich habe das auch für dich gemacht, um deinen verdammten Arsch zu retten!“ Seine Stimme wurde mit jedem Satz schriller.

„Was gemacht?“ Tom wurde hellhörig. Er wartete nur darauf, dass Marco sich verplapperte. „Was genau hast du mit ihr gemacht?“

„Ich habe sie nicht angerührt. Sie lag einfach so da, mitten auf dem Waldweg, mit der Kopfwunde. Hat aber kaum geblutet. Sie war sturzbesoffen! Dachte ich.“

„Kopfwunde?“ Tom pfiff durch die Zähne. „Du lügst! Die Kommissarin sagte, sie wäre erwürgt worden. Und wie kommt sie dann wohl vom Waldweg runter an die Ems?“

„Mein Gott! Es war dunkel und ich habe sie natürlich nicht komplett auf irgendwelche Blessuren untersucht! Jetzt mach keinen Aufstand! Uns kann keiner was. In ein paar Wochen ist das Camp hier aufgelöst und keiner denkt mehr an uns.“ Marco verlor langsam die Beherrschung. „Aber ich habe sie nicht angerührt, damit das klar ist!“

„Ich glaub dir kein Wort.“

„Mann! Ich war selbst total schockiert, als ich sie da hab‘ liegen sehen. Was sollte ich denn machen? Hätte ich die Polizei gerufen, hätte man mich doch sofort verdächtigt! Allein mit ihr, mitten im Wald, angetrunken nach einem Fest! Die reimen sich doch sofort was zusammen. Da habe ich keinen Bock drauf. Wir sind für andere, wichtigere Dinge hier.“

Tom lauschte auf jedes Wort, darauf hoffend, dass er sich irgendwie verriet. Ein Mord lässt niemanden kalt, auch nicht den coolen Marco. Da konnte ihm schnell ein Fehler unterlaufen.

„Ach, glaub doch was du willst!“ Marco resignierte.

Jetzt drehte Tom sich auf die Seite und blickte ihm direkt ins Gesicht. Er hatte ihn da, wo er ihn haben wollte. Und er genoss es. Er war nun völlig ruhig.

„Was soll ich denn glauben? Du steigst mitten in der Nacht angetrunken einer nackten Frau hinterher und zwei Tage später liegt sie tot im Gebüsch. Und du willst mir erzählen, dass du nichts damit zu tun hast? War’s schön mit Ihr? Hast du sie ordentlich durchgefickt?“ Tom war immer noch völlig ruhig, als er das sagte. Endlich konnte er ihm die Demütigungen der letzten Monate heimzahlen. Die Sache mit Eva, die Frauengeschichten, die er ihm kaputtgemacht hatte, alles.

Marco blickte entnervt zu Boden.

„Ich habe sie nicht angerührt. Und jetzt sag ich dir mal was. Das was der Frau passiert ist, geht auf eure Kappe! Ihr habt sie ausgezogen und ausgesetzt. Dann ist sie einem Perversen in die Hände gefallen, der sie vergewaltigt und umgebracht hat!“

„Ja einem Perversen, das sehe ich genauso!“ Tom blickte ihm fest in die Augen. Endlich hatte er ihn in die Enge getrieben. Er kostete den Moment noch einmal voll und ganz aus. Jetzt war er selbst einmal der Coole. Doch Marco schien sich wieder gefasst zu haben und wollte sich nicht provozieren lassen. Er erwiderte seinen starren Blick.

„Und? Was willst du jetzt machen, du Idiot? Es der Polizei erzählen? Dann erzählst du denen auch, was ihr gemacht habt, oder ich werde es erzählen. Und was denkst du, was die dann glauben? Ein paar notgeile kleine Jungs haben Panik gekriegt und ihr Opfer mundtot gemacht, das werden sie denken! Ihr hängt da genauso drin!“

„Du Scheißkerl!“ Tom platzte wieder der Kragen. Er wollte auf ihn losgehen.

„Hey! Hey! Ganz ruhig!“ Marco hob abwehrend die Hände. „Das bringt uns nicht weiter, wenn wir uns an die Gurgel gehen!“ Tom ließ sich wieder zurück auf die Matte fallen und starrte auf seine Füße. Für einen langen Moment herrschte Schweigen zwischen ihnen.

„Wir müssen zusammenhalten! Für unsere gemeinsame Sache. Und für uns selbst“, beschwor Marco ihn.

Wieder einmal hatte Tom keinen wirklichen Trumpf in der Hand. Marco hatte Recht. Was er und eine Handvoll Leute aus dem Camp mit der Frau gemacht haben, war nicht in Ordnung, auch wenn sie ihr nur eine Abreibung verpassen wollten. Und nun machte es sie möglicherweise für einen Mord verdächtig. Das würde ihn davon abhalten, der Polizei alles zu erzählen. Auch wenn dieses Schwein wieder einmal davonkommen würde.

„Also gut“, sagte Tom schließlich. „Für die gemeinsame Sache. Und nur dafür.“

Marco hatte ihn ausgetrickst. Er hatte die Situation ausgenutzt, und jetzt hingen sie da alle drin. Für einen Mord, den sein schärfster Widersacher begangen hatte, wollte er nicht geradestehen müssen. Aber irgendwann würde er es ihm heimzahlen. Irgendwann.

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Sie hatte ihr Emsland wieder. Es war nicht unbedingt gewollt, aber nach der Trennung war es für Enna das Beste. In Münster gab es keine Alternative. Rüdiger war der stellvertretende Polizeipräsident. Irgendwie wären sie über ihre Arbeit immer verbunden gewesen, wenn sie geblieben wäre. Sie hatte einen klaren Schnitt gewollt und sie hatte ihn bekommen. Neben Münster gab es für sie nur einen Ort, an dem sie sich vorstellen könnte zu leben. Ihre Heimat. Und so hatte Rüdiger seine Beziehungen spielen lassen und ihr den Posten der Hauptkommissarin in Maarsum besorgt, Revier Sachsenstraße 10. Trotz allem hatten sie sich im Guten getrennt, einvernehmlich. Da war kein Mittelweg. Enna war nicht der Typ für Kompromisse, für sie gab es nur Alles oder Nichts. Sie hatte ihn gewollt, ganz und gar. Nach drei Jahren hatte sie geglaubt, das Recht zu haben, mehr zu fordern. Sie hatte sich geirrt. Von jetzt an wollte sie keinen Kontakt mehr mit ihm, das hatte sie ihm ganz klar mitgeteilt. Ihr Abschied war still, noch nicht einmal ein ‚Melde dich mal!‘ Sie waren fast wortlos auseinander gegangen, ein leiser Vorwurf in seinen warmen braunen Augen. An Freundschaft zwischen ehemaligen Partnern hatte sie noch nie geglaubt.

Enna lag wieder auf ihrem Sofa, zu erschöpft, um noch ein Buch in die Hand zu nehmen. Sie hatte den Fernseher für die Nachrichten eingeschaltet. Der Tag hatte so viel Kraft gekostet, dass sie nur daliegen und ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen konnte. Nicht einmal das Neueste vom Tage nahm sie wahr. Was konnte es auch Schlimmeres geben, als eine getötete junge Frau? Mitten aus dem Leben gerissen, nur wenig jünger als sie selbst. Sie hatte es der toten Susanna von Angesicht zu Angesicht geschworen und wiederholte diesen Schwur noch einmal vor sich selbst. Sie würde Susannas Mörder finden. Hatte sie beim Gedanken an Rüdiger noch ihre Gefühle verdrängen können, gab es nun kein Halten mehr. Die warmen Tränen liefen ihr Gesicht herunter und benetzten den Bezug des Sofas. Sie würde nie begreifen, was Menschen dazu trieb, einen anderen zu töten. Es fehlte ihr jegliches Verständnis, wie man einem menschlichen Wesen das antun konnte, was es am meisten fürchtete: Den Verlust des eigenen Lebens. Die größtmögliche Respektlosigkeit, die es auf der Welt gab. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, dass man sich wehrte und zuschlug, um das eigene Leben zu retten. Auch dass die Gegenwart eines anderen Menschen unerträglich werden konnte, aber die vorsätzliche Tötung wollte ihr nicht begreiflich werden. Es gab immer eine Möglichkeit den Vorsatz zu vermeiden, zum Beispiel durch Flucht. Sie hatte viel mit Rüdiger über solche Dinge diskutiert, Ursachen und Anlässe, warum Menschen Verbrechen begingen. Rüdiger hatte einen unglaublichen Wissensschatz, was Kriminalistik betraf, und sie hatte es geliebt und davon profitiert, sich mit ihm darüber auseinander zu setzen.

Enna schaltete den Fernseher aus und drehte sich schwungvoll auf die Seite, als könne sie so den Schmerz aus ihrer Seele schütten. Rüdiger von Hatten war ihr Leben gewesen. Er war in ihrem Kopf, seit mehr als drei Jahren. Und da wollte er nicht so einfach verschwinden. Sie ahnte, dass seine Vertreibung aus ihren Gedanken ein langwieriger Prozess sein würde.

Es war still im Haus. Er fehlte ihr so. Die einzigen Geräusche, waren die der Dämmerung, die durch die geöffnete Terrassentür nach innen drangen. Die wunderschön melodisch singende Amsel auf ihrem Zaun und der Wind in den Bäumen an ihrer Grundstücksgrenze. Die Tränen wollten nicht aufhören zu fließen und sie hielt sie nicht zurück. Irgendwann würden sie versiegen. Irgendwann würde wieder alles gut sein.

Sie musste eingeschlafen sein. Das Klingeln des Mobiltelefons drang aus weiter Ferne zu ihr durch. Hastig erhob sie sich und blickte auf das Display. Rüdiger. Ihr Herz begann schneller zu schlagen, doch sie zögerte. War es vernünftig, jetzt mit ihm zu sprechen? Sie brauchte ihn jetzt, also nahm sie ab.

„Hi, wie geht’s?“ Ihre Stimme klang schrill und heiser.

„Guten Abend!“ Rüdiger hatte aufgehört, sie mit ‚Schatz‘ oder ‚Liebste‘ anzureden, wie er es früher getan hatte. „Wie war das erste Wochenende in der neuen alten Heimat?“ Enna schluckte. Es tat so gut, seine vertraute Stimme zu hören und sie wünschte, sie wäre bei ihm. Seit der Trennung hatte sie ein dumpfes Gefühl der Trauer in der Magengegend, jedes Mal, wenn sie sich begegneten oder telefonierten.

„Hier ist ein Mord passiert“, platzte sie heraus. „Ich war schon heute im Einsatz, nix mit Wochenende!“

„Oh, tut mir leid. Da wirst du gleich ins kalte Wasser geworfen.“

„Ist ja nicht so, dass das neu für mich wäre“, wiegelte Enna ab. Sie wollte nicht als Weichei vor ihm dastehen. Mordfälle hatte sie in Münster schon mehr als einen bearbeitet.

„Ich weiß. Und du schaffst das. Ich hätte dir nur gewünscht, dass dein Einstieg in den neuen Job etwas gemächlicher abläuft“, sagte er mitfühlend.

„Lieber ein Sprung ins warme Wasser“, lachte Enna. „Das hätte ich mir auch gewünscht, das kannst du mir glauben. Aber was soll’s. Ich habe alles im Griff.“ Sie merkte, wie gut es tat, mit ihm zu sprechen. Doch die Vernunft meldete sich zurück.

„Warum rufst du an?“, fragte sie ihn. Die Leitung war so lange still, dass sie fast glaubte, er hätte aufgelegt.

„Ich wollte deine Stimme hören“, gab er dann zu. Enna atmete tief durch.

„Hör mal, du weißt, was wir abgesprochen haben.“

„Ich weiß. Aber es ist das erste Mal, dass wir so endgültig getrennt sind, und so weit voneinander entfernt“, jammerte er.

„Rüdiger, es gibt kein ‚wir‘ mehr. Ich möchte, dass du das begreifst.“ Er sollte sie gut genug kennen, um zu wissen, dass sie einen einmal gefassten Entschluss durchzog, mit allen Konsequenzen. Es war nicht fair, sie auf eine Beziehung anzusprechen, gleich welcher Art diese wäre.

„Nur dies eine Mal“, wiegelte er ab. „Unser Abschied war irgendwie so stumm. Ich wollte dir alles Gute wünschen.“

„Okay. Vielen Dank. Ich wünsche dir auch alles Gute!“ Und das meinte sie auch so.

„Halt die Ohren steif. Du bist eine gute Polizistin, du schaffst das!“

„Ich schaffe das!“, wiederholte sie, wie um sich selbst Mut zu machen. Auf keinen Fall wollte sie sich von ihm einwickeln lassen. Sie sagten sich Lebewohl. Nachdem Enna aufgelegt hatte, wollte das dumpfe Gefühl in ihrem Bauch nicht verschwinden. Sie zwang sich an etwas anderes zu denken. Morgen war ein neuer Tag. Und ein wichtiger. Sie würde ihre neue Stelle antreten. Und sie hatte ein Verbrechen auf zu klären. Das war nun das wichtigste in ihrem Leben.

Montag

Harald Fehrmann war ein Mann, der ohne Smalltalk auskam. Das war zeitlich sehr effektiv. Ennas Chef hatte es bereits eilig, als sie ihn in dem ihr zugewiesenen Büro antraf, wo er mit einer Tasse Kaffee in der Hand auf der Kante ihres Schreibtisches saß. Sein faltiges Gesicht verriet sein Alter, er musste an die Sechzig sein, doch seine schlanke Figur war tadellos, in dem grauen Maßanzug, und hätte auch einem jüngeren Mann gehören können. Den Kaffee nahm er schluckweise zu sich und teilte ihr dazwischen mit, dass er aus diversen Gründen, die er ansprach, ohne nähere Details zu nennen, gleich wieder zurück in sein Büro nach Papenburg müsse. Er sei nur an diesem Morgen hier, um sie kurz zu begrüßen und einzuweisen. Er würde ihr die volle Verantwortung für den Fall überlassen und sie hätte sein vollstes Vertrauen. Während sie seinen Ausführungen lauschte, versuchte sie sich zu erinnern, ob er ihr einen guten Morgen gewünscht hatte. Sie war sich nicht sicher.

Er platzierte seine leere Kaffeetasse mitten auf ihrem Schreibtisch.

„Kommen Sie, kommen Sie, Frau Kolder, ich stelle Sie dann mal den Kollegen vor.“ Mit diesen Worten schob er Sie durch die Tür in den Flur des Polizeireviers und weiter in einen großzügigen, modern gestalteten Büroraum, in dem drei Männer, zwei davon in Zivil, an ihren Schreibtischen saßen und arbeiteten oder sich unterhielten. Zwei von ihnen kannte Enna bereits, es waren Kötter-Stroth und der junge Schellenberg von der Spurensicherung. Sie war überrascht, als sie bemerkte, dass sie auch die dritte Person bereits kannte. Der niederländische Beamte, der sie auf dem Schlachtfest vom Boden aufgelesen hatte, drehte sich auf seinem Bürostuhl um und grinste sie frech an.

„Meine Herren, guten Morgen“, begann Fehrmann und klatschte einmal in die Hände. „Ich stelle Ihnen hier ihre neue Kollegin vor, Frau Enna Kolder. Frau Kolder kommt aus Münster zu uns und hat dort schon sehr erfolgreich an Mord und Schwerverbrechen mitgearbeitet und wird in dieser Abteilung, wie Sie ja bereits wissen, als Hauptkommissarin die Leitung übernehmen. Ich bin sicher, Sie wird das ganz ausgezeichnet machen.“ Fehrmann redete schnell, ohne Punkt und Komma, und machte sich nicht die Mühe, seine Worte besonders zu betonen. „Frau Kolder, Sie kennen bereits Herrn Kötter-Stroth und Herrn Schellenberg, wie ich hörte, da Sie ja schon ganz unverhofft in das Geschehen hier eingreifen mussten, sozusagen.“ Enna schüttelten ihnen die Hand und die Männer wünschten ihr ein herzliches Willkommen. „Ich möchte Ihnen noch unseren Kollegen aus den Niederlanden vorstellen, Oberkommissar Joris Sollewijn aus Utrecht“, fuhr Fehrmann hastig fort. Enna und Joris gaben sich die Hand. Joris Sollewijn grinste sie wissend an.

„Angenehm“ ließ er höflich verlauten. „Geht es wieder?“ Enna hatte damit gerechnet, von ihm auf ihre unglückliche Lage auf dem Schlachtfest am Samstagabend angesprochen zu werden. Trotzdem fiel ihr so schnell keine passende Antwort ein.

„Alles bestens, danke“, sagte Sie nur.

„Ich sehe, Sie verstehen sich bereits. Da bin ich überflüssig“, warf Fehrmann in seiner monotonen Sprechweise ein. „Ich muss leider augenblicklich wieder zurück nach Papenburg. Wünsche Ihnen noch einen schönen Arbeitstag und Ihnen, Frau Kolder, alles Gute für den neuen Posten!“ Damit verschwand er in Richtung Flur, nahm seinen Mantel vom Haken und warf ihn sich über den Arm. Die Männer sahen ihm noch nach. Dann sahen sich alle an und Enna hatte das Gefühl es wäre an ihr, ein paar Worte zu sagen. Sie hasste solche Situationen, sie war keine große Rednerin.

„Tja, wir hatten uns ja größtenteils schon vorher bekannt gemacht“, begann sie. „Ich möchte mich für das herzliche Willkommen bedanken und das würde ich gerne mit einem kleinen Einstand tun. Wie Sie wissen, war ich am Wochenende mit dem Leichenfund in der Emswiese bereits ziemlich eingespannt und so ist mir leider bisher keine Zeit geblieben, etwas zu organisieren. Das werde ich aber sofort als meine erste Amtshandlung nachholen und beim nächsten Bäcker etwas Leckeres für das Revier bestellen.“ Sie blieb etwas unschlüssig vor den Leuten stehen „Ich hoffe auf eine gute Zusammenarbeit und wünsche Ihnen noch einen schönen Arbeitstag.“ Die Männer lächelten und nickten ihr zu, oder taten gar nichts. Es war ihre erste Stelle als Chefin und Enna musste sich noch daran gewöhnen, allein für ein Team verantwortlich zu sein. Dann verließ Sie das Büro, um sich den übrigen Beschäftigten im Polizeirevier vorzustellen und sich anschließend in ihr eigenes Büro zurückzuziehen.

Enna orderte Mettbrötchen mit Zwiebeln, Käsebrötchen und Apfelkuchen, bei der Bäckerei, die der Polizeidienststelle gegenüberlag. Sie verschaffte sich zunächst einen Überblick über die Akten, die man ihr fein säuberlich auf den Schreibtisch gelegt hatte. Dann warf sie einen Blick in ihren PC und überprüfte die hier verwendeten Programme auf ihre Funktion. Sie wusste, dass für eine gründliche Einarbeitung erst einmal keine Zeit war. Der Mord an Susanna Schnieders-Kösters schwebte über allem und ließ ihre Gedanken nicht los. Seine Aufklärung war ihr vorrangigstes Ziel und hatte Priorität vor allem anderen. Dafür musste sie unbedingt sofort handeln. Die Befragung von Zeugen und Verdächtigen ließen sich nicht aufschieben. Sie sah in Ihrem Terminkalender, dass Reinhard Haverland bereits für den Nachmittag eingetragen war, die beiden jungen Tierschützer, die sie herbestellt hatte, hatten sich noch nicht gemeldet.

Enna sah sich im Raum um. Es war alles ordentlich, aber die Ausstattung war nicht so modern, wie in ihrem alten Revier. Der Schreibtisch musste in der Anschaffung einmal teuer gewesen sein. Aber das war sicher Jahre her. Das würde also für die nächsten Jahre ihre Wirkungsstätte sein. Sie würde sich daran gewöhnen.

Nachdem Enna die Akten gesichtet hatte, beschloss sie mit ihrem Team zusammen zu frühstücken. Die Bäckerei hatte die bestellen Sachen geliefert und da sie heute früh noch nichts herunter bekommen hatte, merkte sie jetzt, wie groß ihr Hunger war. Sie war sich nicht sicher, ob ihr Magen gestreikt hatte, weil sie aufgeregt wegen ihres neuen Postens war, oder weil der gestrige Abend noch nachwirkte. Sie hatte sich über Rüdigers Anruf gefreut, aber auch geärgert und hoffte, dass er ihre Abmachung, erst mal auf Abstand zu gehen, nicht weiter missachtete. Enna atmete tief durch, dann stand sie auf und ging in das Gemeinschaftsbüro ihrer Mitarbeiter herüber.

Die Männer saßen an Ihren Schreibtischen und blickten auf, als sie den Raum betrat.

„Das Frühstücksbuffet ist eröffnet!“ rief sie fröhlich und nahm die Folie von den Tabletts herunter. Kötter-Stroth stand als erster auf und rieb sich die Hände.

„Vielen Dank, Frau Kolder, da lass ich mich nicht lange bitten!“ Er bediente sich bei den Mettbrötchen und Paul-Peter Schellenberg, der junge Kommissar-Anwärter, schloss sich ihnen an. Enna wusste aus ihrer Jugendzeit, dass Brötchen mit frischem Schweinemett und gehackten Zwiebeln in dieser Gegend als Delikatesse galten. Sie nahm sich selbst ein Brötchen und gesellte sich zu den beiden.

„Und? Schon ein wenig eingelebt hier?“, fragte Kötter-Stroth freundlich.

„Kaum. Dafür bin ich wahrscheinlich noch zu kurz hier“, antwortete sie, ebenso freundlich. Die Kommunikation mit ihren Mitarbeitern war ihr sehr wichtig. „Aber ich bin sicher, das wird nicht mehr lange dauern. Ich denke es wird mir hier gefallen.“ Sie biss herzhaft in ihr Brötchen. Der Zwiebelduft erfüllte den ganzen Raum. Joris Sollewijn hatte telefoniert, nun starrte er auf seinen Bildschirm.

„Joris, was ist? Keinen Hunger?“, fragte Paul-Peter Schellenberg ihn. Doch der schien vertieft in seine Arbeit und reagierte nicht.

„Sind Sie beide aus dieser Gegend?“, fragte sie ihre Kollegen dann.

„Ich nicht“, antwortete Schellenberg, noch kauend. „Aus dem Osten. Bitterfeld.“

„Oh ha!“, entfuhr es Enna.

„Ist schon lange nicht mehr, wie es mal war.“ Sein langer Vollbart war voller Brötchenkrümel. Enna nickte. Es war nun schon sehr lange her, als Chemieindustrie ohne jeglichen Umweltgedanken den Ort und die ganze Gegend in der ehemaligen DDR verpestet hatte.

„Und Sie?“ Sie wandte sich an Kötter-Stroth.

„Waschechter Emsländer, möchte ich mal behaupten.“ Kötter-Stroth grinste über sein ganzes rundes Gesicht. „Hier geboren, aufgewachsen, und eigentlich auch nie wirklich weg gewesen.“ Genauso hatte Enna den älteren Mitarbeiter auch eingeschätzt. Verglichen mit Rüdiger, der etwa gleich alt war, war Kötter-Stroth ein völlig anderer Typ. Konservativ, traditionell, und auch äußerlich fast das völlige Gegenteil. Kötter-Stroth war kaum größer als 1,75 Meter und leicht untersetzt. Ein grauer Haarkranz und eine etwas altmodische Metallrand-Brille zierten sein freundliches, glattrasiertes Gesicht, in dem sich am Kinn ein Grübchen formte, wenn er lachte. Traditionell und konservativ war Rüdiger in gewisser Weise jedoch auch. Er hielt an einer, aus ihrer Sicht, lieblosen Ehe aus Gründen fest, die sie nicht nachvollziehen konnte, aufgrund seines Stands in der Münsteraner Gesellschaft. Aber war das wirklich so? Ihr war bisher nie der Gedanke gekommen, dass Rüdiger sie doch nicht so geliebt haben könnte, wie er immer wieder beteuert hatte. Und dass er seine Frau möglicherweise mehr liebte, als er ihr immer wieder weißmachen wollte. Der Gedanke verdarb ihr den Appetit. Sie bemerkte, dass die beiden anderen sie anstarrten und lächelte. Sie war wieder in Gedanken versunken gewesen. Es war ihr peinlich.

„Herr Sollewijn, kommen Sie, greifen Sie zu, bevor alles weg ist!“ Sie versuchte ihre Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken. Sie bemerkte, wie Schellenberg und Kötter-Stroth sich vielsagend ansahen. Merkwürdig, dass er sich so ausgrenzte. Hoffentlich war das keine Gewohnheit. Sie wollte, dass das Team sich untereinander versteht. Der Oberkommissar schaute von seiner Arbeit auf.

„Oder sind Sie Vegetarier?“, fragte sie ihn. An diese Möglichkeit hatte sie zuvor nicht gedacht. Schließlich stand Joris Sollewijn ein wenig widerwillig von seinem Platz auf und gesellte sich zu ihnen.

„Nein, ich esse sehr gerne Fleisch“, antwortete er. „Allerdings nicht in dieser Form. Wir Holländer bevorzugen es gut durch, wie man so sagt.“

„Ha! Aber die Matjes, die zieht ihr euch auch so rein!“ Kötter-Stroth lachte.

„Ich werde mir heute Nachmittag ein Stück von diesem leckeren Apfelkuchen gönnen“, kündete Joris an und betrachtete das Gebäck eingehend. „Vielen Dank dafür, das ist sehr nett von dir!“, fügte er höflich an. Enna wurde trotz seiner freundlichen Worte das Gefühl nicht los, dass er etwas gegen sie hatte. Und hatte er sie gerade etwa geduzt?“ Joris Sollewijn schien seinen Fauxpas bemerkt zu haben und blickte vom Kuchen auf.

„Oh, Verzeihung. Gewohnheit! Wir duzen uns hier eigentlich. Und so bin ich es auch aus Holland gewohnt.“ Er funkelte sie feindselig an. Sie konnte sich nun sicher sein, dass da von seiner Seite etwas war, was sie vielleicht irgendwann mal mit ihm besprechen sollte. Kötter-Stroth hörte auf zu kauen.

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