Kitabı oku: «Vernunft und Offenbarung»

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Können wir seit der Aufklärung eine universelle Moral ohne Gott denken? Lassen sich – insbesondere nach Auschwitz – Menschenrechte und Menschenwürde ohne den Rückbezug auf die jüdischchristliche Tradition gedanklich fassen? In Auseinandersetzung mit so unterschiedlichen Denkern des 20. Jahrhunderts wie Hermann Cohen und Leo Baeck, Ernst Bloch und George Herbert Mead, Hannah Arendt und Carl Schmitt geht es Micha Brumlik um den Nachweis, dass „spezifisch jüdische Motive über den Begriff der Offenbarung hinaus einen rationellen Kern enthalten, der auch jenseits konventionell gebundenen Glaubens, wenn schon nicht zu überzeugen, so doch mindestens aufzurütteln vermag“. Brumlik sucht in seinen Essays gleichzeitig nach Traditionen und Blockaden einer universellen Moral. Seine Tiefenbohrungen nach jüdischchristlichen Quellen philosophischen und politischen Denkens weisen so auch der Moralphilosophie neue Wege.

Micha Brumlik, geboren 1947 in Davos, Schweiz, lehrte Erziehungswissenschaft u. a. in Hamburg und Heidelberg. Von 2000 bis 2013 war er Professor am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe-Universität Frankfurt am Main und bis 2005 Direktor des Fritz Bauer Instituts, Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte und Wirkung des Holocaust. Seit 2013 ist Brumlik Senior Professor am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg.

Zahlreiche Veröffentlichungen: Aus Katastrophen lernen? (2004), Advokatorische Ethik (2004), Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts (2006), Schrift, Wort und Ikone. Wege aus dem Bilderverbot (2006) und Kritik des Zionismus (2007) bei der EVA. Entstehung des Christentums (2010) sowie Messianisches Licht und Menschenwürde. Politische Theorie aus Quellen jüdischer Tradition (2013).

Micha Brumlik

Vernunft und Offenbarung

Religionsphilosophische Versuche

Mit einem Nachwort:

Das neue Interesse an Religionsphilosophie


E-Book (EPUB):

© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2022

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: nach Entwürfen von: MetaDesign, Berlin

EPUB:

ISBN 978-3-86393-602-0

Auch als gedrucktes Buch erhältlich:

Neuauflage CEP Europäische Verlagsanstalt, Hamburg 2014

mit einem aktuellen Nachwort von Micha Brumlik

Print-Erstausgabe: © 2001 Philo Verlagsgesellschaft mbH Berlin / Wien

Print: ISBN 978-3-86393-024-0

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter

www.europaeischeverlagsanstalt.de

Vorwort

In diesen Tagen, Tagen, in denen die Fertigstellung der zweiten Auflage meines Buches Vernunft und Offenbarung ihrem Ende entgegengeht, zeigt das, was gemeinhin als „Religion“ bezeichnet wird, seine wohl hässlichste Fratze. In diesem Oktober des Jahres 2014 verteidigen kurdische Milizionäre, von den USA aus der Luft unterstützt, die an der türkisch-syrischen Grenze gelegene Stadt Kobane gegen die mörderische Soldateska des „IS“. Der „IS“ aber, eine radikalislamistische Truppe, deren Anführer jedenfalls ehrlich von der absoluten Wahrheit und Gottgefälligkeit ihres Tuns überzeugt sind, verkörpert wie in einem Brennglas alle Negativa der Religion, die die moderne Religionskritik anprangerte: Intoleranz, Gewalt und Grausamkeit.

Das Vorgehen des „IS“ erinnert zum Beispiel an die sogenannten Albigenserkreuzzüge des katholischen Frankreich gegen das südfranzösische Katharertum im frühen 13. Jahrhundert. Als die von fanatischen Dominikanern aufgehetzte französische Armee dabei war, 1209 die von Katharern gehaltene Stadt Béziers zu erobern, wohl wissend, dass sich in ihren Mauern auch katholische Christen befanden, gab der die Armee begleitende päpstliche Gesandte, Abt Arnaud Amaury, folgende Parole aus: „Tötet sie alle! Gott kennt die Seinen schon“ (Caedite eos! Novit enim Dominus qui sunt eius). Daraufhin wurden sämtliche Einwohner von Béziers, Katholiken und Katharer, Männer, Frauen und Kinder, Alte und Junge, alles in allem 20.000 Menschen, erbarmungslos umgebracht.

Das Geschehen in Kobane und um den „IS“ scheint daher all jenen recht zu geben, die – wie der Ägyptologe Jan Assmann – nachweisen wollen, dass die Verbindung von Gottes- und Wahrheitsfrage, zumal im monotheistischen Gewande, aufgrund notwendiger Intoleranz mörderische Konsequenzen zur Folge hat. Tatsächlich: In Kobane und den Kurdengebieten an der türkisch-syrischen Grenze droht derzeit, im Oktober 2014, ein Genozid; neu an dieser Situation ist seine religiöse Begründung – das 20. Jahrhundert kannte zwar viele Formen des Genozids und des Politizids, Genozide aus vor allem religiösen Ursachen kamen jedoch kaum vor – die vorgebrachten Motive für massenhafte Morde waren rassistischer, ökonomischer oder nationalistischer Art.

Die Neuauflage meines Buches, in dem es um eine Sichtung emanzipatorischer Gehalte der jüdischen Tradition geht, ist um ein umfangreiches neues Kapitel, ein Nachwort, ergänzt worden, in dem ich mir darüber Rechenschaft abzulegen versuche, ob und wie „Offenbarung“ heute, im frühen 21. Jahrhundert, noch zu verstehen sei.

Vom Blick auf Kobane beinahe geblendet, ist kaum noch nachzuvollziehen, was ein Theologe und Religionsphilosoph, der Berliner Professor Friedrich Daniel Schleiermacher, meinte, als er 1799 in Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern schrieb, dass Religion „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ sei. Auch Karl Marx’ bekanntes Wort, „Religion“ sei „Opium des Volkes“, trifft das Phänomen digital verbreiteter Mordtaten wie das Köpfen von Menschen überhaupt nicht mehr: Hier findet sich nichts, was auch nur im Geringsten einschläfernd oder beruhigend wirken könnte. Man kann daher kaum verstehen, was es heißen soll, dass beides, sowohl diese Gräueltaten als auch das mutige Eintreten von Papst Franziskus für im Mittelmeer gestrandete Flüchtlinge, Fälle desselben Phänomens, von „Religion“, sein sollen. Hilft die vom Schweizer reformierten Theologen Karl Barth getroffene Unterscheidung von „Religion“ und „Glaube“ weiter? Und wenn ja: Wer kann, wer darf überhaupt beanspruchen, im wahren, im richtigen „Glauben“ zu sein?

Ich widme dieses Buch Freunden, denen ich aus über Jahrzehnte währenden Debatten zum Thema Religion und Theologie Wesentliches verdanke: Hauke Brunkhorst, der, seit ich ihn kenne, seit 1970, als Gesellschaftstheoretiker im Geist einer negativen Dialektik jede vorschnell ausgerufene „Transzendenz“ und damit jeden falschen Trost kritisiert; Werner Schneider-Quindeau, der mich vor mehr als drei Jahrzehnten mit dem Denken Karl Barths vertraut gemacht hat und wesentlicher Partner in der Erneuerung des jüdisch-christlichen Gesprächs war und ist; und schließlich meinem Freund und langjährigen Mitstreiter aus der „AG Juden und Christen“ beim „Deutschen Evangelischen Kirchentag“, dem Bochumer Theologen Klaus Wengst, dessen eindringliche Exegese neutestamentlicher Schriften mir neue Horizonte eröffnet hat.

Nicht zuletzt gilt mein Dank Irmela und Axel Rütters, die sich seit Jahren meiner Bücher annehmen.

Berlin, 14. Oktober 2014

Inhalt

Vernunft und Offenbarung

Patriotismus und ethischer Unsterblichkeitsglaube: Hermann Cohen

Der Begriff der Offenbarung bei Steinheim und Schelling

Leo Baecks Theorie des Judentums als Vollendung der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik

Modernes Judentum und antitotalitärer Konsens

Freuds Religionskritik und die Theorie der Moral

Theologie und Messianismus im Denken Adornos

Vom theologischen Sinn des Bilderverbots

Carl Schmitts theologisch-politischer Antijudaismus

Das verkörperte ‚Sein für die Anderen‘ Zu Sartres Theorie des Judentums

George Herbert Mead und Ernst Bloch als Theoretiker des ‚Neuen‘

Trauerarbeit an der Moderne und melancholischer Messianismus

Gerechtigkeit zwischen den Generationen

Universalistische Moral ohne Gott? Emmanuel Levinas’ Ethik der Asymmetrie

Anerkennung und Erkenntnis in der geschlechtlichen Liebe Anmerkungen zu Positionen biblischen Denkens

Quellennachweise

Anmerkungen

Nachwort: Das neue Interesse an Religionsphilosophie

Anmerkungen zum Nachwort

Vernunft und Offenbarung

Vernunft und Offenbarung – das Spannungsverhältnis von autonomem menschlichem Denken und geschenktem göttlichen Wort beschäftigte die abendländische Religionsphilosophie von allem Anfang an. Ist der Mensch aus eigener Kraft in der Lage, Gottes Willen zu erkennen oder ist er – letzten Endes blind und befangen – auf ein unvordenkliches göttliches Wort verwiesen, dem er vertrauen muß und darf, auch dann, wenn er ihm nicht im letzten folgen kann?

Jüdische Religionsphilosophie seit der Aufklärung – wesentlich von Kant beeinflußt – hat sich dieser Frage immer wieder gestellt und dabei den scholastischen, katholischen Weg einer natürlichen Vernunft nur bedingt akzeptiert. Umgekehrt haben sich verschiedenste nichtjüdische Denker immer wieder mit den Grundstrukturen jüdischen Denkens und jüdischer Existenz auseinandergesetzt und den Versuch unternommen, dessen Eigentümlichkeiten positiv oder negativ zu bewerten. Darüber hinaus haben oft genug jüdische Denker, auch dann und dort, wo sie sich nicht explizit mit jüdischen Themen auseinandergesetzt haben und judaistischer Kenntnisse durchaus entbehrten, in ihren Arbeiten Motive der jüdischen Tradition entfaltet, weiterentwickelt und in einigen Fällen zur Vollendung gebracht.

Die hier versammelten Beiträge aus vierzehn Jahren gehen den Spuren jüdischen Denkens in der frühen Moderne nach und sind um den Nachweis bemüht, daß spezifisch jüdische Motive über den Begriff der Offenbarung hinaus, also etwa die „Auferstehung der Toten“, das biblische Bilderverbot, die Idee eines noch ausstehenden Messias, einer unbedingten göttlichen Weisung sowie einer Solidarität der menschlichen Generationen einen rationalen Kern enthalten, der auch jenseits konventionell gebundenen Glaubens wenn schon nicht zu überzeugen, so doch mindestens aufzurütteln vermag.

Die Prägung moderner jüdischer Religionsphilosophie durch Immanuel Kant, seine Kritik der Gottesbeweise sowie seiner kategorische Morallehre ließ bei jüdischen Denkern, gleichgültig, ob orthodox oder liberal eingestellt – eine Wahlverwandtschaft zur Offenbarung der Thora am Sinai sichtbar werden.

Für Hermann Cohen, dessen nachgelassenes Werk Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums auf der Basis Kants eine intersubjektivistische Moral mitmenschlicher Verantwortung entwarf, galt dies ebenso wie für den heute nach wie vor vergessenen Salomo Ludwig Steinheim, dessen Mitte des neunzehnten Jahrhunderts erschienenes Werk Die Offenbarung nach dem Lehrbegriffe des Synagoge von Kant her biblische Schöpfungstheologie und moralische Verantwortlichkeit miteinander zu verbinden sucht. Das hier vorgelegte Kapitel zu Cohen vollzieht nach, auf welchen Wegen und Irrwegen der bekannteste Neukantianer jüdisches Ethos, kantianische Philosophie und deutsches nationales Pathos im Rahmen einer biblisch inspirierten universalistischen Moral zu vereinigen suchte. Demgegenüber wollte Steinheim sechzig Jahre früher das Gebot menschlicher Sittlichkeit ebenso kühn wie überzeugt nicht aus der praktischen Philosophie Kants, sondern aus seinem theoretischen Hauptwerk, der Kritik der reinen Vernunft, ableiten. An Cohen und Steinheim läßt sich lernen, wie wenig auch eine aufgeklärte Moral auf das religiöse Erbe verzichten kann.

Jüdisches Denken ist gleichwohl seit den biblischen Schriften ein Denken der Geschichte – aber auch ein Denken in Geschichten, in Narrativen, ein Umstand, der in verblüffender Weise Grundüberzeugungen der aus der Romantik entstandenen verstehenden Geisteswissenschaft Wilhelm Diltheys entspricht. Leo Baeck, der letzte bedeutende Repräsentant des klassischen deutschen Judentums promovierte bei Wilhelm Dilthey. Sein Hauptwerk Das Wesen des Judentums, eine apologetische Reaktion auf die antijudaistische Abhandlung zum Wesen des Christentums des liberalen Theologen Adolf von Harnack zu Beginn des Jahrhunderts, zehrt ganz und gar von der geisteswissenschaftlichen Tradition und versucht gleichwohl, ihrem Historismus eine universalistische Moral entgegenzuhalten.

Hannah Arendt und Sigmund Freud standen beide bewußt und stolz zu ihrer jüdischen Tradition, ohne doch jüdische Denker in dem Sinne zu sein, daß sie sich in ihren Hauptwerken mit Themen der jüdischen Tradition befaßten. Als jüdisch in ihrem Denken lassen sie sich jedoch dann bezeichnen, wenn man die Auseinandersetzung mit jüdischer Existenz in der Moderne als eine ihrer zentralen Fragen betrachtet, wofür sowohl Freuds Mann Moses als auch Arendts Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft sowie ihre Aufsätze zur Verborgenen Tradition sprechen. Daß die jüdische Frage das gar nicht so geheime Leitmotiv der Ursprünge und Elemente darstellt und Freuds Mann Moses sowie die darin enthaltene Theorie der Moral aus der existentiellen Bedrohung des europäischen Judentums in den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts heraus geschrieben wurden, belegt, in welchem Ausmaß allgemeine Zeitdiagnose zur Deutung jüdischer Existenz und diese wiederum zur Chiffre ihrer Epoche wird.

Die Abstraktheit des jüdischen Monotheismus mitsamt seinem Bilderverbot und einem gleichwohl anthropomorphen, personalen Gott hat Spuren bis in die moderne Ästhetik, aber auch bis in die Theorie der Intersubjektivität hinein hinterlassen. Die gleichermaßen in den dreißiger und vierziger Jahren entstandenen Schriften jener Autoren, die später unter dem Etikett „Frankfurter Schule“ firmieren sollten und im Anschluß an Hegel eine Theorie kritischer Negativität wider die bestehenden Verhältnisse präsentierten, zehrten stärker von anverwandelten Motiven jüdischer Theologie als das auf den ersten Blick deutlich wird. „Theologie und Messianismus im Denken Adornos“ gewinnen ihr volles Gewicht dann, wenn man sich noch einmal den „theologischen Sinn des Bilderverbots“ vergegenwärtigt und sich klar macht, in welchem Ausmaß sich bereits die biblischen Schriften als eine Theorie sinnlicher Intersubjektivität lesen lassen, die konträr zur Abstraktheit des platonischen Denkens steht, auch und gerade dort, wo sich dieses auf dialogische, zwischenmenschliche Beziehungen einzulassen versucht.

Der jüdische Universalismus war in der Moderne stets all jenen ein Dorn im Auge, die die konkreten Selbstbehauptungsinteressen partikularer Gemeinwesen zum Zentrum ihres Denkens machten. Dabei konnten sie oft genug von Traditionen antijudaistischen Denkens in christlicher Tradition zehren. Der den Nationalsozialisten schließlich hörige, auf seine Weise genialische deutsche Verfassungsrechtler Carl Schmitt hat sich dieser Argumentationsweisen ausgiebig bedient. Im Negativ seines Antijudaismus wird deutlich, wie das Judentum in der Moderne wahrgenommen werden konnte. Aber auch einem aus existentieller und politischer Verantwortung für die Juden eintretenden Autor wie Jean-Paul Sartre gelingt es nicht immer – nicht einmal dort, wo er sich mit dem Antisemitismus auseinandersetzt – jenen Klischees zu entgehen, die er doch kritisieren möchte.

Dabei war Schmitts Ahnung von einer Wesensverwandtschaft von Judentum und Moderne so abseitig nicht. Im Werk so heterogener Autoren wie Ernst Bloch, Franz Kafka, Walter Benjamin und Emmanuel Levinas werden Begriffe, die die Signatur der Moderne ausmachen – „das Neue“, „das Späte“, „zu Späte“, „das Jähe“ und „das Unmittelbare“ – ausdrücklich oder unausdrücklich an Gehalte der jüdischen Tradition rückgebunden. Wo Bloch seiner Ontologie des „Noch-Nicht“ und der Hoffnung einen nun in der Tat heterodoxen Begriff eines sich selbst forttreibenden Absoluten zumißt, bezieht sich Franz Kafka auf die biblische Idee des Messias, um sie gegen jeden Optimismus zu kehren und die Heils- und Hoffnungslosigkeit aller geschichtlichen Erfahrung zu demonstrieren. Die gleiche Idee wird bei Walter Benjamin zum Unterpfand einer plötzlichen Rettung, eines Auftrages an die je Gegenwärtigen, dem geschichtlichen Verlauf noch einen rettenden Abschluß zu verleihen.

Daß das Unterpfand der Rettung sich als eine Weisung zeigt, die als Spur Gottes in jedem menschlichen Antlitz unmittelbar sichtbar wird, ist die Überzeugung von Emmanuel Levinas, der von Bibel und Talmud her die ontologische Grundstruktur allen abendländischen Philosophierens und dessen Moralvergessenheit kritisiert.

Nach Levinas Überzeugung war es diese Moralvergessenheit, die das abendländische Denken zum Wegbereiter der Vernichtungslager werden ließ. In striktem Gegensatz zur theoretischen Einstellung der abendländischen Philosophie seit der griechischen Antike setzt Levinas daher auf eine unvordenkliche Praxis, die die Menschen je schon in wechselseitige Verantwortungs- und Verpflichtungsverhältnisse gesetzt hat, in Verhältnisse, die sie aufgrund ihrer theoretischen Einstellungen verdrängt haben. Indem Levinas jedoch unbarmherzig auf den durchaus zwanghaften Charakter dieser Verantwortungsverhältnisse hinweist, bleibt er der Moderne, die bewußt an der Moral leidet, treu. Kann die gebietende Stimme vom Sinai, die die Verhärtungen des menschlichen Herzens aufbrechen wollte, in diesem Sinne als Ursprung eines die Moderne überwindenden oder gar zur Vollendung bringenden Denkens verstanden werden?

Patriotismus und ethischer Unsterblichkeitsglaube: Hermann Cohen
I.Deutscher Professor und jüdischer Denker

„Wir leben in dem Hochgefühl des deutschen Patriotismus, daß die Einheit, die zwischen Deutschtum und Judentum die ganze bisherige Geschichte des Judentums sich angebahnt hat, nunmehr endlich als eine kulturgeschichtliche Wahrheit in der deutschen Politik und im deutschen Volksleben, auch im deutschen Volksgefühl aufleuchten werde. Wenn mit diesem Kriege die letzten Schatten verscheucht werden, welche die innere deutsche Einheit verdunkeln, dann wird über alle Schranken der Religionen und der Völker hinweg der weltbürgerliche Geist der deutschen Humanität auf der Grundlage der deutschen Nationalität, der deutschen Eigenart in seiner Wissenschaft, seiner Ethik und seiner Religion die anerkannte Wahrheit der Weltgeschichte werden.“1

Als Hermann Cohen diese Zeilen im Jahr 1915 schrieb, war er bereits siebenundsiebzig Jahre alt, gerade seit drei Jahren als emeritierter Professor aus den Diensten der Universität Marburg ausgeschieden und lehrte an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums.

Der Begründer der Marburger Schule des Neukantianismus hatte ursprünglich in Breslau, am Seminar Zacharias Fränkels ein rabbinisches Studium aufgenommen, sich dann aber in Berlin dem Studium der Philosophie zugewandt. Nach einer Promotion in Halle und der Habilitation in Marburg lehrte er dort rund dreißig Jahre, bis zum Jahre 1912. Hermann Cohen dürfte der einzige nichtgetaufte Jude gewesen sein, dem es gelang, während des wilhelminischen Reiches eine ordentliche Professur zu erhalten. In einer Reihe von Arbeiten zu Kant und Platon, die in den systematischen Hauptwerken Logik der reinen Erkenntnis (1902), Die Ethik des reinen Willens (1904) sowie der Ästhetik des reinen Gefühls (1912) gipfelten, begründete er das mit, was später als Neukantianismus bezeichnet wurde. Dabei orientierte sich Cohen, nicht anders als Immanuel Kant selbst, an den konstruktiven Prinzipien der Mathematik.

II.Jüdisches Bekenntnis in Reaktion auf Kulturantisemitismus

Gleichwohl ging es Cohen stets auch um Fragen der Ethik. Als einziger bekennender jüdischer Professor im Deutschen Reich mußte sich auch ein Wissenschaftstheoretiker wie er von den antisemitischen Ausfällen des bedeutenden nationalliberalen Historikers Heinrich von Treitschke getroffen fühlen, der im Jahr 1879 – mitten in der Gründerkrise des Bismarckreiches – den christlich sozialen Antisemitismus des Berliner Hofpredigers Adolf Stoecker mit dem schriftlich fixierten Ruf „Die Juden sind unser Unglück“ unterstützte.2

Treitschkes rassenantisemitisch unterfütterter Angriff galt allen Beteuerungen zum Trotz indessen nicht nur den aus Mittel- und Osteuropa zuwandernden Juden, sondern eben auch jenen wenigen deutschen Juden, denen es mühsam gelungen war, öffentliche Anerkennung und Reputation zu finden. „Unter den führenden Männern der Kunst und Wissenschaft“ – so hetzte Treitschke – „ist die Zahl der Juden nicht sehr groß, umso stärker die betriebsame Schaar der semitischen Talente dritten Ranges.“3

Hermann Cohen, der sich aufgrund seines einzigartigen Status und seiner fraglosen Anerkennung in der deutschsprachigen Wissenschaftlergemeinschaft jedenfalls nicht persönlich geschmäht fühlen mußte, kam Treitschke in einer persönlichen Entgegnung in einer heute unverständlichen Konzilianz entgegen: „Nicht als Sprecher einer jüdischen Partei, sondern als Vertreter der Philosophie an einer deutschen Hochschule und Bekenner des israelitischen Monotheismus“4 stellte Cohen in seinem Bekenntnis zur Judenfrage zunächst fest, daß Rassenfragen ohnehin nicht argumentativ lösbar seien und es daher nur darum gehen könne, Treitschkes Meinung, das Judentum sei lediglich die Nationalreligion eines fremden Stammes, zu widerlegen. Auf dieser Basis nämlich, so Cohen, sei „dem hartnäckigsten, zudringlichsten Verlangen nach Verständigung der Boden entzogen“.5

Indem Cohen im folgenden dennoch, seinem mutigen Bekenntnis zum Trotz, argumentativ auf Treitschke einging, kam er dem Kontrahenten weiter entgegen, als es der Sache nach geboten war. Indem Cohen als naturwissenschaftlich interessierter Philosoph die Triftigkeit der Rassentheorie nicht gänzlich in Abrede stellen wollte, blieb ihm nur noch der Ausweg, den wahren Universalismus des Judentums herauszustellen. Insofern kann Cohens Antwort auf Treitschke aus dem Jahr 1880 zugleich als Urfassung der posthum 1919 erschienenen Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums gelten. In diesem Sinne stellt Cohen den historischen israelitischen Monotheismus als eine durch die Idee der Geistigkeit Gottes und der messianischen Verheißung geprägte Religion dar, als historische Urgestalt eines menschheitlichen Projekts geschichtsphilosophischer Art. Die achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts waren freilich in Deutschland seit etwa 1830 durch die Ablehnung jener, vor allem der hegelschen Geschichtsphilosophie gekennzeichnet.

III.Judentum, Christentum und Kantianismus

Cohens in Abwehr von Treitschkes Judenfeindschaft konzipierte Theorie des jüdischen Universalismus nimmt das verworfene und abgelehnte Projekt einer Geschichtsphilosophie wieder auf. Wie – so läßt sich Hegels Frage reformulieren – war es möglich, daß die Vernunft in der Geschichte wirklich geworden war? Wie müssen wir handeln? – so fragten gegen Hegel liberale und sozial verantwortliche Denker wie Cohens philosophischer Förderer, der akademische Materialist F. A. Lange, die nicht glauben mochten, daß der preußische Staat die Verkörperung der Vernunft war. Was so im Denken Hegels als rückwärts gewandte Reflexion erschien, wies sich den Neukantianern als politische Aufgabe. Die Rückkehr zu Kant im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts zog zugleich eine Neubelebung der Lehre vom gerechten, richtigen Handeln, der Ethik, und damit eine Abkehr vom realpolitischen Zynismus des Bismarckreiches nach sich. Diese Haltung – einschließlich ihrer Berufung auf Kant – zu artikulieren, schien Philosophen jüdischer Herkunft besonders nahezuliegen. Es ist mehr als ein Zufall, daß sich Cohen hier in einer Reihe mit Kants jüdischen Schülern seit Marcus Herz sieht, Schülern und Lesern, die eine tiefe innere Wahlverwandtschaft zwischen Kants praktischer Philosophie und der Orthopraxie des Judentums als Religion erkannten. Hermann Cohen brachte diese ebenso innige wie historisch unvermittelte Wahlverwandtschaft auf den Begriff:

„Diese idealistische Bedeutung der Sittlichkeit, kurz, was wir Deutsche als das unantastbare Heiligtum Kantischer Lehre ehren, worin alle Auffassungen sich einigen, was wir als den höchsten Schatz nationaler Weisheit allen modernen Völkern entgegen als Deutschheit hochhalten, das erscheint aus der Tiefe, aus der Gottinnigkeit, aus der Glut des sittlichen Enthusiamus der Propheten historisch unvermittelt. Die Kantische Ethik trifft zwar inhaltlich in ihrem Imperativ völlig zusammen mit dem Rigorismus der israelitischen Sittenlehre. Die Haggada, derjenige Teil des Talmuds, welcher die Sittenlehre enthält […]“6

Hermann Cohen, der sich nie taufen ließ, sah sich gleichwohl genötigt, auf christliche Motive zurückzugreifen, um die Wahlverwandtschaft zwischen Kantianismus und Judentum zu entfalten. Die Notwendigkeit dieser Argumentationsweise drängte sich Cohen durch eine Fragestellung auf, die ihrerseits von der christlich geprägten Philosophie des deutschen Idealismus vorgegeben war. Wie – so fragte sich der Kantianer Cohen – ist es möglich, daß ein gleichsam göttliches, allgemeines Sittengesetz der Vernunft endlicher, wenn auch moralisch freier Wesen entspringt, ohne daß dabei den endlichen Menschen selbst Göttlichkeit zuzusprechen ist? Die Antwort lautete in der von Hegel inspirierten, im ersten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts in Deutschland als gültig angesehenen Philosophie: durch Vermittlung! Diesem Programm hing auch noch ein vermeintlich hegelkritischer Neukantianer wie Hermann Cohen an.

So bestand die Antwort auf Treitschkes Schmähschrift in dem Hinweis, daß jedenfalls die modernen, die kantianischen Israeliten mit dem modernen Christentum die entscheidenden Grundannahmen teilen. Der Preis dieser Verteidigung bestand freilich nicht nur in einer relativen Preisgabe der Eigenständigkeit des Judentums in theoretischer Hinsicht, sondern führte auch dazu, der Idee der christlichen Religion einen systematischen Vorsprung vor der Geltung der prophetischen Ehtik zuzuschreiben:

„Ein Punkt nur ist in dieser Vertiefung der Gottesidee nicht zum vollen Ausdruck gekommen, dessen dogmatische Ausgestaltung den christlichen Monotheismus von dem israelitischen unterscheidet. Es ist dies der fundamentale Gedanke, welcher die Verbindung der modernen Völker mit dem griechischen Geiste zur Erzeugung einer neuen Kultur ermöglicht hat: Die Idee des Verhältnisses von Mensch und Gott wird in der Menschwerdung Gottes verinnerlicht, und vollzieht in der dogmatischen Form der Humanisierung Gottes die kulturgeschichtliche Mission der Humanisierung der Religion.“7

Was zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts der jüdische Reformer, Kantianer und Mendelsohnschüler David Friedländer im Berlin der protestantischen Seite in seinen 1799 publizierten Hausväterbriefen skizziert hatte und was schon damals auf protestantischer Seite auf den deutlichen Widerspruch liberaler Theologen wie des Propstes Teller und Friedrich Daniel Schleiermachers gestoßen war,8 führte Hermann Cohen mehr als ein halbes Jahrhundert später gegenüber einem illiberalen und antisemitischen Historiker wie Heinrich von Treitschke aus: ein Christentum ohne Christus.

Die Akzeptanz und Überzeugungskraft dieser Gedankenfigur sollte nach Cohens Willen den Juden ihren Platz in einer christlichdeutschen Gesellschaft sichern: „Ich hoffe gezeigt zu haben“, beschließt Cohen diesen Passus, „daß der Religionsgehalt des israelitischen Monotheismus mit dem in geschichtlichem Geiste gedachten Christentum vereinbar und zur Volksgemeinschaft zureichend sei.“9

Freilich kann sich die Aufgabe einer Vermittlung von Judentum und Deutschtum nicht im Gedanken eines Christentums ohne Christus erschöpfen – als historisch konkrete, vermittelnde und vermittelte Tat hat sie sich der Konkretion anzunehmen: dem damaligen deutschen Staat.

IV.Staat und Rasse

Die Bevölkerung dieses Staates, des Bismarckreichs, schien freilich vor allem aus Protestanten und sonstigen blutmäßigen Deutschen zu bestehen, aus mehreren Nationalitäten, ja sogar mehreren Rassen. Daher sieht sich Cohen in seiner Auseinandersetzung mit Treitschke über seine theologisch-systematischen Argumente hinaus gezwungen, auf die Rassentheorie einzugehen beziehungsweise die Bedeutung von Rassen für die Bildung einer Nation zu untersuchen. Dabei distanziert sich Cohen scharf von dem kulturalistisch-liberalen, allem Blutsdenken abgeneigten, ebenfalls jüdischen Begründer der „Völkerpsychologie“, Moritz Lazarus, der den Rassegedanken zur Erklärung des Wesens von Völkern für überflüssig hielt. Cohens Äußerungen zur Rassenfrage lassen an Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig:

„Mit gesundem Menschengefühl wird man die Frage, ob in einem Volke Rasseneinheit wünschenswert und in gewissen Minimalgrenzen erforderlich sei, unbedenklich bejahen […]. Wir müssen erkennen, daß der Rasseninstikt mitnichten simple Barbarei ist; sondern ein natürliches, national berechtigtes Verlangen. Barbarei wird Nationalgefühl, wenn es zu politischer und nationaler Ausschließung solcher Mitbürger degeneriert, die kein anderes Vaterland haben noch wollen.“10

Cohen meinte, Treitschke zugeben zu müssen, daß alle Juden das deutsche, germanische Aussehen subjektiv wünschten, und baute daher auf eine soziale Annäherung, ein Konnubium, das endlich zur Angleichung der Rassenunterschiede führen sollte. Für ihn bestand kein Zweifel daran, daß „wir Juden anzuerkennen haben, daß das Ideal nationaler Assimilation, als solches, von Geschlecht zu Geschlecht bewußter angestrebt werden soll“.11

Da Cohen aus prinzipiellen, der Authentizität des Gewissens verpflichteten Gründen gegen Konversionen zum Christentum eintrat, mußte er schließlich eine Lebensform befürworten, die sich aus damaliger Perspektive tatsächlich als deutsch-jüdische Symbiose bezeichnen ließe, nämlich für interkonfessionelle Ehen, in denen die Partner aus aufgeklärten Kulturprotestanten oder israelitischen, ethischen Monotheisten bestehen. Dabei war es nicht einmal nötig, Spekulationen oder Zukunftsprojektionen zu betreiben. Eine schlichte Bestandsaufnahme des real existierenden Judentums in Deutschland seit der französischen Revolution reichte dazu in jeder Hinsicht aus. Und zwar sowohl für die Form des Gottesdienstes als auch bezüglich der Lehrinhalte des deutschen Judentums:

„Unsere israelitische Religion, wie sie uns heute lebendig erfüllt, ist tatsächlich eine kulturgeschichtliche Verbindung mit dem Protestantismus bereits eingegangen; nicht nur, daß wir jene Tradition der Kirche, so wie die des Talmud mehr oder weniger bestimmt und unverblümt als unverbindlich abgeworfen haben; sondern viel tiefer in allen geistigen Fragen der Religion denken und fühlen wir im protestantischen Geiste.“12

V.Unsterblichkeit und Auferstehung

Diese vergleichsweise frühen Stellungnahmen wurden später – in der posthum erschienenen Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums – doch so weit revidiert, daß uns der späte Cohen nicht mehr als ein Deutscher mosaischen Glaubens erscheint, sondern als das, was die zeitgenössische, zwischen Zionismus und Assimilationismus hin- und herschwankende Debatte als „Nationaljudentum“ bezeichnet hat. Auffälligerweise kommt diese Position an der Erörterung einer Frage zum Ausdruck, die es mit einer vermeintlich rein theologischen, ganz unpolitischen Thematik zu tun hat, nämlich der Thematik von „Unsterblichkeit und Auferstehung“. Es scheint unzweifelhaft, daß diese Frage einem kantianisch gesonnenen Philosophen, dem es um eine vernünftige Religion ging, besondere Schwierigkeiten bereiten würde, geht es doch hier um weder erfahrungswissenschaftlich noch moralisch einholbare Wünsche und Bekenntnisse; jedenfalls dann, wenn man sich – wie Cohen es in seinen letzten Lebensjahren tat – ernsthaft auf die biblischen und rabbinischen Quellen einließ und sich nicht mit einer einfachen Wiederholung kantischer Positionen begnügte. Nach Kant waren ja die Begriffe „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ vernunftnotwendige regulative Ideen einer vom Sittengesetz geleiteten autonomen Individualität.

Cohen nimmt sich der Problematik einer vernunftgemäßen Rekonstruktion der Begriffe von Unsterblichkeit und Auferstehung zunächst dadurch an, daß er – in beinahe sprachanalytischer Manier – die bei diesem Komplex in Frage kommenden Begriffe sorgfältig voneinander unterscheidet. So ist der Begriff der „Seele“ weder historisch noch systematisch zwingend mit dem Begriff der „Unsterblichkeit“ verbunden, noch ist der Begriff der „Seele“ selbst ganz eindeutig. Zu alledem kommt noch hinzu, daß „Unsterblichkeit“ und „Auferstehung“ ebenfalls unterschiedliche Bedeutungen haben und unterschiedlichen Kontexten entstammen. Ein theoretisch interessierter Rückblick auf die allgemeine Kulturgeschichte seit der Antike ergibt zunächst, daß man unter „Seele“ sowohl das Prinzip animalen Lebens als auch das Prinzip sittlichen Lebens verstehen kann. Vor dieser Unterscheidung erscheint Cohen schon der aus dem Persischen kommende biblisch rabbinische Glaube an eine leibliche Auferstehung als eine Herabsetzung des Gedankens der Unsterblichkeit, „denn sie ist die Auferstehung des Leibes, während die Unsterblichkeit nur die der Seele ist und sein soll“.13

Läßt sich unter biblischen Voraussetzungen dann überhaupt noch von „Auferstehung“ sprechen? Ist diese Vorstellung nicht notwendig mit dem Begriff einer leiblich gebundenen Seele verknüpft? Cohen löst dieses Problem, indem er einerseits den Begriff der Unsterblichkeit der Seele strikt an die Seele des einzelnen Individuums bindet, den Begriff der „Auferstehung“ aber, ganz im Einklang mit den prophetischen Quellen, insbesondere bei Hesekiel, an den Gedanken der Auferstehung des Volkes knüpft. „Die Unsterblichkeit“, so kann Cohen dann formulieren, „gewinnt die Bedeutung des geschichtlichen Fortlebens des Individuums im geschichtlichen Fortbestand seines Volkes.“14

Dieser geschichtliche Fortbestand gewinnt sein Gewicht vor dem Hintergrund von Cohens Theorie des Messianismus, die er selbst strikt von jeder Eschatologie abhebt, um ihm eine präsentische Deutung einer immanenten, durchaus auch politischen Entwicklung zum Besseren des Menschengeschlechts zu geben. An dieser Stelle kann Cohen ganz im Einklang etwa mit Kants Mutmaßlicher Anfang der Menschengeschichte oder den anderen kleineren geschichtsphilosophischen Schriften eine zwar wissenschaftlich und erkenntnismäßig nicht einholbare, aber doch vernünftig begründete Lehre von der sittlichen Höherentwicklung der Menschen im Laufe der Geschichte übernehmen und für seinen Messianismus, mit dem er 1914 etwa den Eintritt Deutschlands in den Krieg begründete, reklamieren. Ist mit dieser Verlagerung des Auferstehungsbegriffs auf das kollektivgeschichtliche Schicksal des jüdischen Volkes, ja mehr noch, auf die geschichtliche Versittlichung aller Völker, auch der Skandal des Todes und der Wunsch nach Unsterblichkeit erledigt? Nach Cohens eigenen Voraussetzungen nicht, da ja die Unsterblichkeit stets die Unsterblichkeit der individuellen Seele ist. Hier kommt nun alles darauf an, die „Seele“ nicht als Prinzip animalischen Lebens, sondern als Prinzip der Sittlichkeit zu betrachten. Dabei nutzt Cohen den biblischen Begriff der Heiligkeit, den er als einen Aufruf, als einen Imperativ zu einem gottgemäßen Leben liest: „Ihr sollt mir sein“, heißt es im 2. Buch Mose 19,6, „ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk.“ Heiligkeit erscheint so als das Ideal eines sittlichen Lebens – wer heilig geworden ist, hat sich in seinem Leben den sittlichen Geboten Gottes geweiht:

„Wie aber nun die sittliche Heiligkeit zum religiösen Begriffe der Heiligkeit wird, wie denn Gott nicht mehr für das Opfer, sondern nur für die Aufgaben der Sittlichkeit zum Urbilde der Heiligkeit wird, so muß der Begriff des Lebens sich auch über die Grenzen des irdischen Lebens hinaus erweitern. Auch auf das Sterben muß sich das Menschenleben erstrecken. Der Tod kann nicht schlechthin mehr als das Ende des Lebens betrachtet werden. Er muß den Gedanken nahelegen, daß er nur ein Übergang sei zu einem anderen Leben. Denn die Heiligkeit ist ja das Ideal des Lebens geworden. Die Heiligkeit hat aber auch den Menschen als Individuum hervorgebracht. Der Mensch hat die Aufgabe und die Kraft der Buße, also der Selbsterneuerung und der Wiedergeburt. Und der heilige Gott wird demgemäß zum Gotte der Erlösung und der Versöhnung.“15

Freilich kommt Cohen alles darauf an, die Idee von der Unsterblichkeit der Seele im Rahmen einer sittlichen Wiedergeburt von allen mythischen und mystischen Vorstellungen zu reinigen. Weder stellt die postulierte Wiedergeburt der Seele eine etwas andere Fortsetzung des irdischen Lebens dar, noch geht es um eine Verschmelzung der Seele mit Gott, die ja die Differenz zwischen Gott und Mensch aufheben und damit dem Monotheismus widersprechen würde. Wenn die menschliche Seele ihre Verbindung zu Gottes Geist sucht und sich in guten Taten heiligt, in guten Taten, die zu tun Gott als Geist der menschlichen Seele auferlegt hat, wird jetzt deutlich, daß es der vom Menschen in seiner Seele angenommene Geist Gottes ist, der unsterblich ist, wobei wiederum dieser Geist Gottes als Geist von Gott, aber nicht mystisch als göttlicher Geist verstanden werden darf. Die Unsterblichkeit des Geistes hat dann aber ihren Ort im geschichtlichen Wirken eines Volkes und damit des ganzen Menschengeschlechts, gerade so wie die Seele – wenn überhaupt – in den biologischen Prozessen der Fortpflanzung und Vererbung fortdauert. Unsterblichkeit des Individuums ist daher in sittlicher Hinsicht ganz biblisch die „Einsammlung zu den Vätern“, sofern diese Väter ganz ohne Eschatologie Heilige in einem messianischen Prozeß sind:

„Dadurch ist der Mensch der Beschränkung auf das biologische Einzelwesen enthoben, nicht minder aber auch derjenigen auf das empirische Geschichtswesen. Denn der Begriff der Geschichte und der geschichtlichen Erfahrung hat sich jetzt über die Schranken der Vergangenheit und der Gegenwart hinausgehoben, und nur in die Zukunft und in die Entwicklung zu ihr ist das eigentliche Dasein, die eigentliche Wirklichkeit des Menschenlebens und der ganzen Völkergeschichte gelegt.“16

Dieser Gedanke einer Auferstehung ins geschichtlich Zukünftige, einer Weiterung ins Messianische, einer Vollendung der sittlichen Individuen in und zu „Allheitsindividuen“ erfüllt erst den Begriff der Individualität und ermöglicht erst die Vorstellung einer messianischen Menschheit. Nur in einer befreiten Menschheit erfüllen sich die Individuen, und nur durch sich sittlich höherbildende und ihre Aufgaben von Generation zu Generation lehrende Individuen kommt eine befreite und geläuterte Menschheit ihrem Begriffe nah. An genau dieser Nahtstelle hat dann die jüdische, die alttestamentliche Lehre von der Unsterblichkeit über die allgemeinen Bestimmungen der Ethik hinaus ihren Ort:

„Die Religion dagegen“ – und „die Religion“ ist für Cohen die jüdische Religion – „verwertet den ethischen Begriff des Allheitsich, den der Messianismus erfordert. Und diese Verbindung der messianischen Zukunft des Menschengeschlechts mit ihrem providentiellen Ursprung in den Erzvätern des Monotheismus bringt die jüdische Unsterblichkeitslehre zur unzweideutigen Geltung. Sie sind die geschichtlichen Vertreter des messianischen Menschengeschlechts, zugleich aber vertreten sie, als Stammvater, den biologischen Untergrund der Fortpflanzung und Vererbung.“17

Mit dieser Gedankenfigur wurde es Cohen möglich, seiner jüdischen Existenz in einem deutsch und protestantisch bestimmten Staatswesen einen guten, geschichtsphilosophisch begründeten Sinn zu geben – als Erbe einer biologisch beglaubigten messianisch-universalistischen Kultur, deren Abkömmlinge, in einem ethischen Sozialismus und einer die Welt sittlich pazifizierenden Großmacht lebend, eine hervorragende Aufgabe vertraten. Obwohl Cohen in seiner letzten Schrift den Auferstehungsglauben des Christentums stark kritisiert und obwohl er dem Judentum eine noch weniger als das Christentum auf Verdienste abzielende Glaubenshaltung zuschreibt, ist heute unübersehbar, in welchem Ausmaß er von den kantischen, den protestantischen Wurzeln der neueren deutschen Kultur zehrt. Immerhin: Einen Begriff der Erbsünde lehnt Cohen ebenso ab wie den Gedanken einer jenseitigen Strafe oder einer jenseitigen Belohnung. Daß aber die Individuen ihr Leben nicht führen sollten, um glücklich zu werden, war ihm zur unbefragbaren Voraussetzung geworden, weshalb er denn für die Todesangst und ihre Ausdrucksweisen nur wenig Verständnis hatte: „Die Hoffnung auf das Wiedersehn in jenem Leben ist das Symptom für alle jene Komplikation der empirischen Individualität.“18

VI.Deutschland im Krieg

Spätestens hier wird deutlich, in welchem Ausmaß der deutsche Jude und Kantianer Hermann Cohen unbemerkt und unreflektiert einige intellektuelle Voraussetzungen der Bismarckschen Staatsgründung mitträgt. Ohne einen Gedanken daran, daß es in diesem Reich auch Katholiken gab, ohne Erwähnung des einem ethischen Sozialisten eigentlich geläufigen Umstandes, daß es auch einen atheistischen Universalismus gibt,19 geriet ihm die Beziehung zum deutschen Protestantismus zum Kern seines politischen Denkens und seiner Interpretation des Judentums. Daß Hermann Cohen sich, dem Zionismus ebenso abgeneigt wie dem Chauvinismus, schließlich auf den bizarren Pfad eines universalistisch-messianischen Bekenntnisses für Deutschlands Weg in den Ersten Weltkrieg begab und er damit zu einem der hervorragendsten Vertreter der den Ideen von 1789 entgegengesetzten Ideen von 191420 wurde, wird auch an dem zu Beginn des Ersten Weltkrieges publizierten Schreiben an die Juden Amerikas deutlich. In diesem Du sollst nicht einhergehen als ein Verleumder. Ein Appell an die Juden Amerikas betitelten Schreiben heißt es unverblümt: „Nicht jeder Jude weiß es, aber jeder Jude soll es wissen: Die innere religiöse Entwicklung unserer Religionsverfassung verdanken wir nur Deutschland.“21 Diese Einsichten – so meint Cohen – sollten jeden Juden auf der Welt an die Seite des kriegführenden Deutschland treiben, das mit seinem Waffengang sowohl die praktischen Interessen der Juden wahrnähme als auch einen welthistorisch-messianischen Auftrag erfülle:

„Liebe Brüder in Amerika! Ihr werdet mich jetzt verstehen, wenn ich Euch sage: Jeder Jude des Abendlandes hat neben seinem politischen Vaterland als das Mutterland seiner modernen Religiösität, wie seiner ästhetischen Grundkraft und damit des Zentrums seiner Kulturgesinnung, Deutschland zu erkennen, zu verehren und zu lieben. Ich habe die Überzeugung, daß auch in jedem gebildeten russischen Juden diese Pietatät für die deutsche Bildung lebendig ist. Und ich habe daher auch die Zuversicht, daß er unseren deutschen Waffengang mit Rußland aus seinem jüdischen Herzen heraus begleiten muß.“22

Aus einer jüdischen Perspektive rechtfertigt Cohen den Krieg gegen Rußland vor allem mit der Rechtlosigkeit der russischen Juden, denen noch nicht einmal das allgemeine Schulrecht zugestanden sei. Dem Aufruf eines englischen Juden, mit den Juden Rußlands gegen Deutschland zu kämpfen, mag Cohen daher nur noch mühsam gebremsten prophetischen Zorn entgegensetzen. In dieser Weltstunde dürfe wohl die Frage aufsteigen, ob etwa das Weltgericht über Rußland hereinbreche,

„nicht zuletzt aus der Rücksicht auf seine unverhüllten Maßregeln zur Austilgung des jüdischen Volkes. Jeder Jude, der von der Kulturkraft und daher von dem Lebensrecht seiner Religion überzeugt ist, muß sich glücklich schätzen, wenn sein Patriotismus ihm wenigstens Neutralität in diesem Krieg auferlegt. Er muß uns deutsche Juden aber beneiden“, so hebt Cohen hervor, „daß wir für unser Vaterland kämpfen, getragen zugleich von der frommen Zuversicht, daß wir mit dem größten Teil unserer Glaubensgenossen seine Menschenrechte erkämpfen werden. Deutschland, das Mutterland der abendländischen Judenheit, das Land der Geistesfreiheit und Sittenzucht, Deutschland wird mit seinem Siege Gerechtigkeit und Völkerfrieden in der Welt begründen. Darüber können wir“ – so schließt sein Aufruf an die Juden Amerikas – „auf diplomatische Zusicherungen verzichten. Wir vertrauen auf die Logik unseres Geschickes und unserer Geschichte.“23

VII.Kritik am Zionismus

Auf der Basis dieser Voraussetzungen, das heißt auf der Basis eines eigentümlichen Gemisches von rigoroser universalistischer Moral, partiellen Konzessionen an das Rassedenken und einer Deutung des prophetischen Judentums, das in seinem Sinn gerade die Zerstreuung unter die Völker als metageschichtlichen Sinn jüdischen Schicksals akzeptieren mußte, konnte Cohen die damals entstehenden zionistischen Gedanken, etwa Martin Bubers, nur ablehnen. Die Sammlung der Juden und die Beschränkung auf eine womöglich religiös inspirierte Nationalstaatsgründung in Palästina mußten in dieser Perspektive als Verrat am prophetischen Messianismus erscheinen. In doppelter Frontstellung sowohl gegen die ihm als relativistisch erscheinenden Ansichten Moritz Lazarus’, der ihm in seiner Ablehnung der Rassenlehre gewichtige materialistische Einsichten preiszugeben schien, als auch gegen Martin Bubers Partikularismus beharrt Cohen auf dem Gedanken einer jüdischen Nation als weltweiter Kulturnation. Dieses Beharren beruhte, wie kurz darauf sein Eintreten für das kriegführende Deutschland, auf dem, was man als „historisches Bewußtsein“ bezeichnet, was aber in Cohens Variante wenig anderes war als eine Variante geschichtsphilosophischen Fortschrittsglaubens. Wenn Cohen am Ende seines Appells an die amerikanischen Juden von der „Logik“ der Geschichte und des Geschickes der Juden spricht, so handelt es sich dabei nicht um eine nachlässige façon de parler, sondern um ein wohlüberlegtes geschichtsphilosophisches Argument.

Religion war für Cohen ein Teil der allgemeinen kulturellen Entwicklung der Menschheit, einer Entwicklung, die ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt. Den Zionismus lehnte Cohen nicht nur deshalb ab, weil er ihm zu sehr an utilitaristischen Zwecken eines glücklicheren Lebens und zu wenig am Rigorismus des Sittengesetzes orientiert war („Die Kerls wollen glücklich sein […]“), sondern aus der geschichtsphilosophischen Überzeugung heraus, daß er hinter das von den Propheten erreichte Niveau moralischer Universalität zurückfalle. Wo Theodor Herzl etwa aus dem Antisemitismus der Dreyfusaffäre die Konsequenz eines jüdischen Staates zog, beglaubigte Cohen den „geschichtlichen Sinn des Abschlusses der Dreyfusaffäre“:

„Wir dürfen in der Zuversicht leben, daß unser Leiden zu einem glorreichen Abschluß kommt; glorreich nicht etwa nur für uns, sondern für die ganze Menschheit. Es muß Recht auf Erden werden; die Gerechtigkeit darf nicht im Stande der Gnade und Toleranz bleiben. Wie unserem französischen Märtyrer, unserem Glaubensbruder in der französischen Armee, die Ehre wieder hergestellt wird, weil die heilige Gerechtigkeit es erfordert, so dürfen wir ein gleiches Schicksal für alle unsere Märtyrer erhoffen. Und für unsere religiöse Gesamtheit erkennen wir zuversichtlich den Zusammenhang unseres Martyriums mit dem Siege der Wahrheit und mit dem wahrhaften sittlichen Heile dere Menschheit.“24

VIII.Geschichtsphilosophie nach Hegel

Nun sind derlei Meinungen, als politische und religiöse Äußerungen aufs Ganze des deutschen Judentums des neunzehnten Jahrhunderts bezogen, alles andere als ungewöhnlich.

Systematisch stellt sich freilich bei dem methodologisch und wissenschaftstheoretisch versierten Autor des Prinzips der Infinitesimalmethode und seiner Geschichte aus dem Jahre 1883 die Frage nach der Legitimität der Neuformulierung einer Geschichtsphilosophie. Insofern sich nun die jüdische wie auch jede andere Religion in der Geschichte entfaltet hat, „Religion“ aber wie „Geschichte“ ein Begriff ist und alle Begriffe in der Vernunft ihren systematischen Ursprung haben, kann die Aufgabe einer zeitgemäßen Religionsphilosophie in nichts anderem bestehen, als den „Begriff der Religion durch die Religion der Vernunft zur Deckung“ zu bringen.25 Kaum anders als Hegel in seiner Philosophie der Geschichte beharrt auch Cohen auf dem Verfahren einer vernunftgeleiteten Konstruktion der Geschichte, und zwar so, daß ein vernünftiger Begriff von Religion im Reich der geschichtlichen Entwicklung genau die Elemente auffindet, die er ohnehin systematisch zu konstruieren hätte. Gerät damit das geschichtliche, kulturelle, religiöse Material zur blanken Illustration einer auch unabhängig von ihm zu konstruierenden sittlichen Wahrheit? Das ist für den späten Cohen deshalb nicht der Fall, weil auf der Basis seiner Voraussetzung in der Geschichte die menschliche Vernunft immer schon am Werke ist und somit nichts anderes als deren Wirken zutage bringt. Alleine aus diesem Grund hält es Cohen für legitim, die Religion der Vernunft ausgerechnet aus den Quellen des Judentums zu konstruieren:

„Dieser Allgemeinheit, welche zur Grundbedingung sonach für die Religion der Vernunft wird, scheint es nun aber zu widersprechen, daß wir aus den Quellen des Judentums die herleiten wollen: die der geschichtlichen Wirklichkeit ihren einzelnen Erscheinungsformen gegenüber Notwendigkeit verleiht, das ist ja gerade die Allgemeinheit, die sich trotz allen sozialen Hemmnissen und trotz allen Unzulänglichkeiten in der Geschichte der Völker dennoch hindurchzuringen vermöge, und die in diesem Ringen und Sich-an-das-Licht-des-Tages-bringen einen Fortschritt und insbesondere eine Kontinuität vollziehe, in welcher der Sinn der Geschichte sich begründet, in welcher die Geschichte zur Geschichte der Vernunft wird.“26

Cohens stärkstes Argument für diese geschichtsphilosophische Betrachtungsweise besteht somit in seiner Annahme des psychischen und sozialen, somit realen Wirkens der auf Allgemeinheit zielenden Vernunft, des Organs der Gesetze. Das Wesen der Vernunft besteht für Cohen in dem, was er mit einer heute wenig glücklich wirkenden Beleihung eines neutestamentlichen Begriffs als „Gesetzlichkeit“ bezeichnet. Diese „Gesetzlichkeit“, das heißt die Fähigkeit der Menschen zur Bildung allgemeiner Begriffe und zur formalen Überprüfung von Unstimmigkeiten, stelle zugleich das Band zwischen der menschlichen und einer anderen Vernunft dar. Über diese Vernunft kann freilich nur eine begrifflich angeleitete Untersuchung der Religion Aufschluß geben. Dabei geht Cohen realistisch und induktiv vor, das heißt von ihrem Inhalt und ihrem Umfang aus, die Cohen mit einer folgenschweren Entscheidung beide als „Mensch“ bestimmt.27 So ist ein Weg gewiesen, den Menschen seiner – wie Cohen es ausdrückt – „empirischen Zweideutigkeit“ zu entreißen.28 Dabei ist Cohen die Differenz von „Gott“ hier und „Religion“ dort wohl bewußt, ebenso wie der Unterschied zwischen „Religion“ und „Ethik“. Beide gehen vom Menschen aus und beziehen sich auf ihn. Der Beitrag der Ethik besteht demnach darin, den Menschen seiner Individualität zu entreißen und ihn einer Selbstreflexion anheimzugeben, die im Gedanken und Bezugspunkt der „Menschheit“ gipfelt. Nach Maßgabe der Ethik erkennt sich das Individuum erst in der Menschheit und erfüllt sich die Menschheit in der Individualität. Daß die Menschheit alleine kein vollständiges Symbol der Individualität sein kann, sondern es hierzu einer vermittelnden Übergangsgröße bedarf, ist einem im immer noch von Hegel geprägten akademischen Milieu Deutschlands lehrenden jüdischen Philosophen zweifelsfrei gewiß:

„Alle methodische Gefahr ist jetzt von der Ethik entfernt. Die Individualität des Menschen, die sie in der Menschheit begründet, ist alles Scheins der Paradoxie enthoben: der Staat bildet die Vermittlung zwischen dem empirischen Individuum und der Idee der Menschheit, zu deren Träger der Mensch wird. An der Individualität des Staates, an welcher der empirische Mensch mit allen Fasern seines Herzens Anteil nimmt, deren Rhythmus sein eigener Pulsschlag gleichsam nachzittert, realisiert sich das Wunder, welches in der ethischen Lehre von der Menschheit als der Erfüllung des Menschen zu liegen scheinen könnte.“29

IX.Eine neue Sozialphilosophie: Der Mensch als Mitmensch

Hätte es Hermann Cohen dabei belassen, wüßten wir nicht zu sagen, wo die Abweichung zu Hegels Rechts- und Geschichtsphilosophie, wo genau der spezifische Beitrag seines Denkens aus den Quellen des Judentums läge.

Die Vermittlung zwischen Individuum und Menschheit in der Gestalt des Staates übergeht den für Cohen ganz offensichtlichen Umstand, daß das einzelne Individuum neben der gleichsam vertikalen Vermittlung zur Menschheit hin noch einer zweiten Vermittlung bedarf, einer Vermittlung, in der der Mensch nicht nur als autonomes Individuum, sondern als vom Leiden betroffener, sinnlicher, konkreter Mitmensch auftritt, als ein Wesen, dessen sittliche Bildung und Entwicklung unter Voraussetzungen steht, über die es selbst nicht verfügt. Hier entdeckt Hermann Cohen lange vor der Dialogphilosophie Martin Bubers, lange vor Franz Rosenzweigs sprachlicher Philosophie der Existenz den „Menschen als Mitmenschen“.30

Durch eine Reflexion auf das Problem der Theodizee, der metaphysischen Realität des Leidens und des Wesens der Sprache gelingt es Cohen, das Judentum als eine Ethik der Intersubjektivität zu konzipieren. Daß dabei das Werk Schopenhauers ebenso Pate gestanden hat wie Hegel oder der nicht namentlich aufgeführte Fichte – der noch vor Hegel in seiner Grundlage des Naturrechts nach den Principien der Wissenschaftslehre aus dem Jahr 1796 eine intersubjektive Theorie der Anerkennung entworfen hat31 –, ist ebensowenig zu übersehen wie die radikale Originalität von Cohens Einsatz an der menschlichen Sprache. Die unverhüllte und unverkürzte Form der Intersubjektivität wird nämlich erst durch eine Analyse der Sprache und ihrer Personalpronomina deutlich, eine Überlegung, die später Martin Buber in seinem Werk Ich und Du wieder aufnehmen sollte. Am Leitfaden der Sprache, an der dort angelegten Differenz von Teilnehmer- und Beobachterperspektiven gewinnt Hermann Cohen einen Gedanken der Intersubjektivität, der das kantische Instrumentalisierungsverbot in bezug auf andere Menschen begründet:

„Neben dem Ich erhebt sich, und zwar im Unterschiede vom Es, der Er: ist er nur das andere Beispiel vom Ich, dessen Gedanke daher durch das Ich schon mitgesetzt wäre? Die Sprache schützt vor diesem Irrtum: sie setzt vor das Er das Du. Ist auch das Du nur ein anderes Beispiel für das Ich und bedürfte es nicht einer eigenen Entdeckung des Du, auch wenn ich bereits meines Ich gewahr geworden bin? Vielleicht verhält es sich umgekehrt, daß erst das Du, die Entdeckung des Du mich selbst auch zum Bewußtsein meines Ich, zur sittlichen Erkenntnis meines Ich zu bringen vermöchte.“32

X.Die prophetische Neuerfindung des Menschen

Dieser Ausbruch aus dem methodischen Solipsismus einer kantischen, prinzipienprüfenden Ethik ist Cohen aus den Quellen des Judentums, insbesondere aus der Lektüre der prophetischen Schriften erwachsen. In ihnen wird – anders als im ansonsten in Deutschland gepflogenen, an der klassischen Antike ausgerichteten Neuhumanismus – eine Haltung zur Welt deutlich, die weder tragisch noch ästhetisch, sondern mitleidig und engagiert ist. In ihrem Monotheismus ist sie zudem immer schon universalistisch orientiert. Der mitleidige Blick der Propheten drängt in Verbindung mit ihrer Einsicht, daß die Beziehung der Menschen zu Gott zuvor der Überprüfung ihrer Beziehungen untereinander bedarf, zu einer Neuerfindung des Menschen:

„Der Prophet wird zum Ethiker der Praxis, zum Politiker und Juristen, weil er durchaus dem Leiden der Armen den Garaus machen will. Und es ist ihm nicht genug, sich in die genannten mehrfachen Berufe zu verwandeln, sondern er muß auch noch zum Psychologen werden: er muß das Mitleid zum Urgefühl des Menschen machen, im Mitleid gleichsam den Menschen erfinden, den Mitmenschen und den Menschen überhaupt.“33

Die Neuerfindung des Begriffs des Menschen, ja des Menschen selbst durch die Propheten: Die Kühnheit dieses von Cohen zu Beginn des Jahrhunderts gefaßten Gedankens, der die Historizität aller Ethik ebenso eingesteht, wie er die Wahrheit ihrer regulativen Ideen beglaubigt, kann erst ermessen, wer auch jenes Denken, das in bezug auf Buber und Rosenzweig als „Hebräischer Humanismus“ bezeichnet wurde, nicht mehr naiv sieht. Der von Cohen erstmals unternommene Versuch, eine philosophische Ethik nicht nur auf der Basis des antiken Denkens oder der Idee des autonomen Selbstbewußtseins, sondern auf den Schriften der Hebräischen Bibel zu begründen, führte zu einem philosophischen Paradigmenwechsel. Auf der Basis der in der Bibel bekundeten Leidenserfahrungen, ihrer auf dem Gespräch zwischen Gott und Mensch gegründeten Ehtik und dem Ausgreifen des prophetischen Universalismus gelang es dem noch bewußtseinsphilosophisch orientierten Kantianer Hermann Cohen, das Prinzip des methodischen Solipsismus zu überwinden und eine universalistische Ethik zu konzipieren, die ihren formalen Charakter aufgegeben hat und sich konkret der ethischen Gestaltung der ganzen Staaten- und Gesellschaftswelt widmet. Diese messianischen Züge auch in der Moderne zu unterstützen sind die Juden als historisch gewordene Minderheit in besonderer Weise auch und gerade dann geeignet, wenn sie eine Staatsnation im klassischen Sinn nicht bilden:

„Für die Fortbildung des Monotheismus müssen wir eine nationale Individualität bleiben, denn der Monotheismus hat eine geschichtliche Singularität uns aufgeprägt. Und da diese Nationalität von keinem eigenen Staate gehemmt wird, so ist sie vor dem Schicksal der Materialisierung seiner nationalistischen Idee geschützt.“34

Hermann Cohen hat für die Reinhaltung der Idee des jüdisches Volkes als eines Volkes von Priestern und Gerechten vom Nationalismus einen hohen Preis gezahlt. Der Denker, der wie kein anderer in der Moderne am reinsten für den prophetischen Universalismus, für ein nicht-materialistisch begründetes Programm sozialer Gerechtigkeit sowie für eine weltweite Rechtsordnung eintrat, sah die Erfüllung dieser Ziele aus Mitleid mit den unterdrückten Juden Rußlands ausgerechnet im Kriegseintritt des wilhelminischen Reiches. So hellsichtig und vernünftig der Jude und Philosoph wirkte, so verblendet äußerte sich der deutsche Patriot Hermann Cohen in seinem systematischen Bemühen, die kreatürliche Furcht vor dem Tode durch ein Jenseits zu ersetzen, das in nichts anderem besteht als in einer selbstlosen Aufopferung der Individuen zugunsten einer messianischen Idee, die vielfältig ursurpierbar war.

Der Begriff der Offenbarung bei Steinheim und Schelling
I.

Ob Gott nur durch blinden Glauben oder auch durch vernünftiges Denken erfahrbar sei, ist Thema der Religionsphilosophie spätestens seit dem platonistisch denkenden alexandrinischen Juden Philo.

Daß die Hoffart autonomen menschlichen Denkens in Widerspruch zu jenen Behauptungen geraten mußte, die gerade so, wie sie in den heiligen Schriften standen, zu glauben waren, macht die Unruhe nicht nur der Religionsphilosophie, sondern auch der Theologie als des wissenschaftlich kontrollierten Glaubens aus.

Stößt sich die Religionsphilosophie an der Apodiktizität biblischer Geschichte, die sie vor den Richterstuhl der Vernunft zerren möchte, so stößt sich jede Theologie in einer Welt, die eben auch die Vernunft kennt, an dem Umstand, daß die vernünftige Welt dem verkündeten Wort nicht vertraut, ohne Argumente für diesen Glauben gehört zu haben.

Damit steht jede Theologie vor dem fatalen Dilemma, sich entweder mit vernünftigen Argumenten auf einen Disput mit der Philosophie einzulassen – und dabei stets von anderem Gebrauch zu machen denn alleine von Glaubenswahrheiten, und so schließlich den Glauben verraten zu haben – oder aber den Disput an irgendeiner Stelle mit dem Hinweis zu beenden, daß über diese oder jene Wahrheiten des Glaubens nicht mehr debattiert werden könne. Argumentativer Glaube oszilliert stets zwischen der Skylla der Selbstaufgabe an die Vernunft und der Charybdis törichten Beharrens. Aus dieser Schwierigkeit führen zwei Wege heraus, deren ersten die scholastische Theologie beschritten hat, nämlich der Versuch, die menschliche Vernunft in der Übereinstimmung mit der biblischen Wahrheit zu verkünden, also gleichsam die Parallelität von Weltvernunft und Glauben zu konstruieren. Der zweite Weg ist uns nach Immanuel Kant vertraut, er besteht „lapidar gesagt“ darin, Vernunft und Glauben zu entwirren und beiden je ihr eigenes, nicht miteinander konkurrierendes Recht einzuräumen. Unter einem anderen Gesichtspunkt wird sich freilich diese Entzerrung von Vernunft und Glauben als besonders vernünftig erweisen. Dies nachzuweisen, war das Lebenswerk Salomon Ludwig Steinheims, des positivistisch gesonnenen Arztes, dem die Versuchung des Übertritts zum Christentum, der eine ganze Generation deutscher Juden erlag, nicht fremd war. Sein zwischen 1835 und 1865 verfaßtes theologisches Lebenswerk Die Offenbarung nach dem Lehrbegriffe der Synagoge entfaltet in vier Bänden in immer neuen Durchgängen und Erweiterungen die These von der Vernünftigkeit der Trennung zwischen Vernunft und Offenbarung und ist dabei um den Nachweis bemüht, daß im rechtverstandenen rabbinischen Judentum diese Differenz konstitutiv geworden sei; gerade so, wie das historisch entstandene Christentum diese Differenz spätestens seit dem Johannesevangelium zugunsten einer Vermengung von philosophischer Spekulation und messianischem Glauben aufgegeben habe.

Nichts könnte darum auch falscher sein, denn Steinheim als den Philo des neunzehnten Jahrhunderts zu bezeichnen. Denn so sehr Steinheim in Bezug auf Kant das gewesen sein mag, was Philo hinsichtlich Platos war, so sehr nimmt Steinheim gegen Philos Spekulation Stellung, gerade so, wie Kant in der Kritik der reinen Vernunft gegen die rationale Psychologie und Metaphysik des Platonismus Stellung nahm. Mehr noch: Steinheim sah in den großen rationalistischen jüdischen Religionsphilosophen, in Philo von Alexandrien und Baruch Spinoza seine eigentlichen Antipoden, jene Denker, die erst – in der Antike – das Christentum vorbereiteten und dann – im Zeitalter der Aufklärung – die jüdischen Grundideen der Freiheit und Verantwortlichkeit der Menschen verdunkelten. Denn Freiheit und Moralität – so weiß Steinheim von Kant – sind Fakten, die wissenschaftlich und philosophisch nicht beweisbar, sondern als vorgegebene allenfalls zu begreifen sind. Die Freiheit des Menschen aber hängt von Gottes freiem und persönlichem Handeln in der Schöpfung ab; jede Vorstellung von einer an sich ewigen Materie, die der Gott nur gestaltet, oder einer Identität zwischen Gott und Materie zerstört die Grundlagen des sittlichen Lebens. Dieser Umstand war – so Steinheim – Descartes und Kant noch geläufig, während er schon von den jüdischen Hellenisten Aristobul und Philo sowie von Spinoza systematisch verleugnet wurde.

„Das Dasein der Materie war also diesen beiden Denkern [Descartes und Kant, M.B.] dem Vater und dem Reiniger der modernen Philosophie, das Wunder aller Wunder, die Tat des unbegreiflichen, geoffenbarten Gottes. Dies verkennen, oder verdunkeln, oder endlich gar verleugnen, wie es die drei Judenphilosophen, namentlich Philo und Spinoza getan, heißt ‚Gott‘ nicht kennen, sondern nur den schlechten, ohnmächtigen Götzen, der mit dem schwachen Menschen auf einer Linie steht, und der eisernen Notwendigkeit des Faktums und an das Mögliche, was die gleich ihm ewige Materie zuläßt, gebunden, den blinden Mächten des Naturgesetzes unterworfen ist. Wir erblicken in dieser Philosophenlehre mora mathematico den verhüllten Apisdienst, den des goldenen Kalbes, indem sich das zeugend-ordnende Naturferment versinnlicht findet, ein weltordnender Phallus, der nur zeugen, nicht erschaffen kann.“35

Steinheim verbindet in seinem theologischen Werk Motive einer offensiven Polemik frühneukantianischer Art gegen die spekulativen Überlegungen des „Deutschen Idealismus“ auf der Linie Fichte-Hegel-Schelling mit einer soliden geführten Apologetik des Judentums wider rationalistische Religionsphilosophie und romantisch inspirierte Religionsgeschichte. Steinheim hat früh erahnt und richtig gesehen, daß ein sich argumentativ gebender Antijudaismus hier seine stärksten Stützen finden würde. Hier warnte nicht nur das Beispiel Spinoza, sondern auch die unverblümte antijüdische Polemik, wie sie sich im Werk etwa Ferdinand Christian Baurs oder Ignaz von Döllingers, zweier bedeutender Religionswissenschaftler seiner Zeit, findet.36 Und tatsächlich: es war die Religionsphilosophie des Deutschen Idealismus in Verbindung mit Einsichten der religionsgeschichtlichen Schule, die den prononciertesten Antijudaismus nationalsozialistischer Christen, etwa Gerhard Kittels oder Emanuel Hirschs, inspirierte.37

Die Argumentationslinie scheint zwingend: Vor dem Richterstuhl einer aufgeklärten Vernunft gerät nicht nur die Zuverlässigkeit der biblischen Zeugnisse in Beweisnot, sondern auch ihr Inhalt. Wie soll es vernünftig begründet sein, daß Gott sich partikular einem kleinen Hirtenvolk zuwandte und nur ihm die Botschaft von Freiheit und Erlösung vermittelte, nicht aber allen Menschen? Endlich: wenn Vernunft autonom geworden ist, so wird sie sich nicht mehr der Vorgegebenheit eines Textes unterwerfen, sondern das, was sie allein als Gott begreifen kann, nämlich das Absolute, aus eigener Kraft konstruieren. Zudem: historische Forschung schien zu zeigen, daß das Judentum weder die älteste, noch gar die erhabenste Religion war. Die entstehende Orientalistik entdeckte den Glauben Alt-Irans ebenso wie die Systeme etwa des alten Babyloniens, und einem vorurteilsfreien Blick mußten sofort Ähnlichkeiten zwischen diesen Bildungen und dem Judentum auffallen. Schließlich erscheint das Judentum als ein ephemeres Resultat altorientalischer Religionsentwicklung, als doch eher begrenztes Durchgangsstadium zum Christentum, in dem durch den Einfluß der griechischen Philosophie die spekulative Vernunft schon immer ihr Recht hatte. Endlich wirkt das Judentum als bornierte Religion, die weder die Tiefe der Menschheitsgeschichte noch die Höhe des spekulativen, vernünftigen Gedankens zu akzeptieren bereit ist. Unter diesen – im neunzehnten Jahrhundert tatsächlich so verlaufenden – geistespolitischen Fronten konnte im Gegenzug zwischen Historismus und Spekulation nur der Rückgriff auf positive (Natur)-Wissenschaft, auf autonome Moral und eben „Offenbarung“ helfen! An diesem Zentralbegriff eines autonom gewordenen, von jeder menschlichen Vermittlung freien Glaubens muß sich erweisen, ob die Tradition biblischen Denkens nach der Aufklärung noch eine Chance haben kann. Wenn sich zeigen läßt, daß die Selbstoffenbarung des biblischen Gottes am Sinai wenigstens nicht im Widerspruch zum empirischen und kausalitätsgebundenen Denken der modernen Naturwissenschaft steht, dann mag es nicht nur möglich, sondern geradezu geboten sein, diesem Gott zu glauben, wenn anders Freiheit, Moral und Menschenwürde nicht verspielt werden sollen. So sehr nun die Geschichte eines idealistisch instrumentierten Christentums und seiner antisemitischen Konsequenzen Steinheim recht gegeben haben mag, so wenig ist der Sache nach entschieden. Denn zwar gilt auch vom Denken, daß man es an seinen Früchten erkennen solle, gleichwohl muß sich ein argumentativ auftretendes Denken auch an der Güte seiner Argumente prüfen lassen. Da Steinheim, anders als die jüdische Altorthodoxie, nicht schlicht auf dem Glauben beharrt, sondern die Vernünftigkeit des Festhaltens an ihm diskursiv begründen möchte, sind diese Argumente selbst diskursiv zu überprüfen. Zudem ist zu fragen, ob der Gegner, gegen den er sich richtet, nämlich die von ihm so genannten „Mythophilosopheme“, die in der von Steinheim eher peripher erwähnten Philosophie Schellings ihren deutlichsten Ausdruck gefunden haben, von ihm angemessen bekämpft wird.38 Tatsächlich war die geistespolitische Lage komplizierter, als sie sich bisher darstellte. Denn die große idealistische Philosophie der Fichte, Hegel und Schelling war keineswegs bereit, der sich erneuernden orthodoxen Religion, sei sie nun jüdischer oder christlicher Provenienz, den Begriff der „Offenbarung“ kampflos abzutreten, im Gegenteil: die spekulative Durchdringung der menschlichen Geschichte überbot Spinozas Gedanken eines mit der Natur identischen Gottes durch die Idee eines sich durch die Geschichte entfaltenden und somit offenbarenden Gottes. Eine den biblischen Glauben verteidigende Position muß also nicht nur den Begriff „Offenbarung“ als vernünftig rekonstruierbar ausweisen, sondern zudem noch die Position behaupten, daß diese Offenbarung sich als punktuelles Ereignis in der Geschichte und nicht als der geschichtliche Prozeß selbst abgespielt habe. Im Werk des späten Schelling schießen jene Elemente, die Steinheim wechselseitig bekämpft hatte, nämlich eine rationalistische Gottesspekulation sowie eine Geschichte der religiösen Ideen zusammen, nehmen die subjektive Versenkung in Geschichten und die objektive Konstruktion einer Gottesidee, die Gestalt einer Philosophie der Mythologie und Offenbarung an.39 Darum wird im Folgenden zunächst Steinheims Begriff der „Offenbarung“ erläutert, um ihn anschließend mit Schellings Überlegungen zu einer Philosophie der Offenbarung wenigstens skizzenhaft zu konfrontieren. Abschließend soll die Frage gestellt werden, ob ein Offenbarungspositivismus, wie ihn die neuere evangelische dialektische Theologie seit Karl Barth gepflegt hat, für das Judentum eine Möglichkeit ist.

II.

Seit die französische Frühaufklärung die Idee einer geoffenbarten Wahrheit wegen ihrer öffentlich nicht systematischen Nachvollziehbarkeit kritisierte, stand das an der Aufklärung orientierte oder mit der Aufklärung konfrontierte Denken vor der Aufgabe, diesem Begriff zunächst eine scharfe Bedeutung zu geben. So hat Johann Gottlieb Fichte in seinem im Jahre 1792 erschienenen Versuch einer Kritik aller Offenbarung bereits zwischen natürlicher und geoffenbarter Religion unterschieden und den Unterschied beider daran bemessen, ob das Prinzip des Übernatürlichen sich als innerhalb oder außerhalb des menschlichen Bewußtseins denken lassen kann. Fichte sieht richtig, daß offenbarte Wahrheiten nicht als empirische Erkenntnisse a posteriori angesehen werden können, sondern von einer vorgängigen, apriorischen Konstruktion oder Selbsterforschung des menschlichen Bewußtseins, besonders in moralischer Hinsicht, abhängig sind. Die apriorische Annahme, daß die Quelle moralischer Institutionen nicht innerhalb, sondern außerhalb des menschlichen Bewußtseins liegt, führt schließlich zum Begriff der geoffenbarten Religion: „Der deducierte Begriff ist wirklich der Begriff der Offenbarung, d.i. der Begriff von einer durch die Causalität Gottes in der Sinnenwelt bewirkten Erscheinung, wodurch er sich als moralischen Gesetzgeber ankündigt.“40 Vor solchen oder ähnlichen Grundannahmen kantischer Art stellt sich dann die Frage, auf welche Weise ein als übersinnlich gedachter Gott auf das Sinnenwesen Mensch einwirken kann – zumal dann, wenn Gott ganz im kantischen Sinne als eine vom menschlichen Bewußtsein hervorgebrachte regulative Idee begriffen wird. Weiter stellt sich die Frage, anhand welcher Kriterien faktisch oder historisch übermittelte Mitteilungen als göttliche Offenbarung identifiziert werden können. Gibt es eindeutige formale oder materiale Kriterien, die eine Mitteilung als offenbarte Wahrheiten qualifizieren? Dabei ist die Frage nach den materialen Kriterien von Offenbarung im Rahmen eines kantischen Denkens leicht zu beantworten: der Inhalt der Offenbarung kann kein anderer sein als der Inhalt des Sittengesetzes beziehungsweise jener regulativen Ideen, die nach Kant der Mensch als moralisches Wesen hegen muß: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. In formaler Hinsicht impliziert der Endzweck jeder Offenbarung, nämlich reine Moralität, zunächst ein Ausschlußkriterium, nämlich die absolute Freiheit der Durchsetzung ihrer Inhalte von allen externen Motiven:

„Der Gehorsam gegen die moralischen Befehle Gottes kann sich nur auf Verehrung, und Achtung für seine Heiligkeit gründen, weil er nur in diesem Falle rein moralisch ist. Jede Offenbarung also, die uns durch andere Motive, z.B. durch angedrohte Sprachen oder versprochene Belohnungen, zum Gehorsam bewegen will, kann nicht von Gott sein, denn dergleichen Motive widersprechen der reinen Moralität.“41

Man sieht sofort, daß unter solchen philosophischen Auspizien die Chancen für eine gerechte Würdigung des spätestens seit Luther, frühestens seit Johannes und Paulus als Gesetzesreligion verketzerten Judentums schlecht genug waren und dieses selbst zum Inbegriff dessen werden mußte, was eine geoffenbarte Religion nicht sein konnte: nämlich ein Gesetzesglaube, der dem auserwählten Volk unter Androhung härtester Sanktionen auferlegt wurde. Das bedeutet aber im Umkehrschluß nichts anderes, als daß jener Gott, der sich vermeintlich als autoritärer Gesetzgeber am Horeb gezeigt hat, nicht der Gott sein konnte, den ein vernünftiger und moralischer Offenbarungsbegriff forderte. Vor dem Richterstuhl philosophischer Offenbarungskritik mußte das Judentum als historisch faktischer Ausdruck von Unfreiheit gelten. Vor dem Hintergrund solcher und ähnlicher Argumente übernahm Steinheim die Aufgabe, sowohl das Judentum als geoffenbarte Religion der Freiheit zu retten, als auch die heftig diskutierte Frage der Kriterien einer Offenbarung zu lösen. Steinheim bezeichnet dieses Kriterium als „Schibboleth“ und kommt im ersten, 1835 erschienenen Band seiner Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge zu dem Schluß, daß es die Ideen der Einheit Gottes, der Schöpfung der Welt aus dem Nichts sowie der menschlichen Handlungsfreiheit sind, die in formaler und materialer Hinsicht das Kriterium der geoffenbarten Wahrheit ausmachen. Gegen den Trinitarismus des Christentums, gegen den philosophischen Materialismus des religiösen Denkens von Philo bis Spinoza und wider die paulinisch-lutherische Lehre von der Unfreiheit der Menschen in der Erbsünde wäre damit die Richtigkeit des Tenach und des rabbinischen Judentums erwiesen, das im Buche Genesis Schöpfung und Freiheit und in den prophetischen Büchern die Einheit, Einzigkeit und Allgegenwart Gottes behauptet.

Anders als Fichte, der seinen Offenbarungsbegriff apriorisch konstruiert und am Kant der Kritik der praktischen Vernunft ansetzt, kommt Steinheim zu seinen Folgerungen durch ein unmittelbares Anschließen an Kants Kritik der reinen Vernunft.

Im berühmten Antinomienkapitel der Kritik der reinen Vernunft hatte Kant demonstriert, daß ohne Erfahrung die herkömmlichen metaphysischen Fragen, ob die Welt einen Anfang in der Zeit habe und dem Raum nach in Grenzen eingeschlossen sei oder nicht; ob alle Substanz aus einfachen Teilen bestehe oder nicht; ob die Welt nur durch Naturkausalität oder auch durch Freiheit zu erklären sei oder nicht und endlich: ob die Welt als Teil oder Ursache ihrer selbst ein notwendiges Wesen enthalte, nicht zu beantworten sind. Da aber entsprechende Erfahrungen überhaupt nicht denkbar sind, kann im Rahmen eines über seine eigenen Grenzen und Möglichkeiten aufgeklärten Denkens „vernünftig“ und das heißt argumentativ verantwortbar über diese Fragen nichts mehr gesagt werden. Die Immanenz des menschlichen Bewußtseins kann sich aus diesen Antinomien ebensowenig lösen, wie es davon lassen kann, diesen Fragen immer wieder vernünftelnd nachzugehen. Nun hatte schon der Kant der Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft und des Streits der Fakultäten dargetan, daß reine Vernunft den biblischen Glauben allenfalls als Symbol für das moralisch Gute ansehen könne und daß ansonsten ein schroffer Gegensatz zwischen Vernunft und Glaube bestehe. In diesem Kontext entwickelt Steinheim den Begriff der Offenbarung als das strikt dem vernünftigen Denken Entgegengesetzte – und zwar in materialer und formaler Hinsicht. In materialer Hinsicht lassen sich Kants Antinomien – etwa bezüglich eines ersten Anfangs der Welt – vernünftig nicht weiter auflösen: Entweder ist die Materie ewig, oder sie hat eine ihr vorhergehende Ursache, die wiederum eine ihr vorhergehende Ursache hat etc. Die einzige Lösung aus diesem vernünftig nicht auflösbaren Dilemma besteht in dem Sprung in eine andere Gattung des Denkens, nämlich in der Hinnahme der geoffenbarten biblischen Religion. Die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts, die nicht erkennbar, sondern nur geglaubt werden kann, löst die quälende Antinomie der Vernunft – freilich um den Preis, sich nun an etwas klammern zu müssen, das der Vernunft fremd und nicht einholbar ist. Entsprechend lautet denn auch Steinheims Definition der „Offenbarung“:

„Eben darin liegt das Hauptkriterium einer wahrhaft äußerlichen Offenbarung, einer Offenbarung in ihrer wahren und unverletzten Bedeutung, daß ihr Inhalt mit dem meines schlechthinigen Selbstbewußtseins sich im Widerspruche befindet, und sich eben dieses Selbstbewußtsein dennoch genöthigt fühlt, genau wie in der ganzen Welt der Erscheinung, dem Ding-an-sich, der Materie und ihren bewegten Gesetzen, die ebenfalls denen, aus dem reinen Bewußtsein herausgesponnenen, contrarié widersprechen, die wahre Existenz in der Wirklichkeit zuzuschreiben, was sie denselben a priori durchaus abzusprechen gezwungen ist.“42

Der Sprung in den Glauben der Bibel löst sowohl die internen Widersprüche des Bewußtseins als auch den Widerspruch zwischen dem vernünftigen Bewußtsein und der Erfahrung. Steinheim hatte sich vorgenommen zu beweisen, „dass das geoffenbarte (Gott, Seele, Freiheit) sich in einem Widerspruch mit dem rein-Vernünftigen befinde: und dennoch, oder vielmehr, eben deshalb das wirklich wahre und in der That existirende Wesen sein müsse.“43 Unter der Bedingung, daß sich erstens ausweisen läßt, daß der Begriff der Offenbarung dem des vernünftigen Denkens strikt entgegengesetzt sein muß, und zweitens, daß die Inanspruchnahme geoffenbarter Wahrheit von einer (pragmatischen) Vernunft zweiter Stufe geboten ist, hätte Steinheim in der Tat gezeigt, daß nur der Glaube die Antinomien der Vernunft lösen kann. Aber sogar wenn man bereit ist, die Definition der Offenbarung als das Nicht-Vernünftige zu akzeptieren, läßt sich bezüglich der zweiten Bedingung fragen, ob sich entweder nicht agnostisch – wie Kant selbst – mit den unaufgelösten Antinomien leben läßt, beziehungsweise warum, wenn denn schon eine offenbarte Wahrheit akzeptiert werden muß, es nun ausgerechnet und nur die der Hebräischen Bibel sein muß. Steinheims Generalantwort auf diese Frage besteht auf dem Hinweis der in seiner Zeit allgemein anerkannten Charakter der Religion als Korpus und Ausdruck einer Sittenlehre. Auf diesem widerum kantischen Hintergrund kann Steinheim zurecht behaupten, daß eine Religion, die weder die Idee menschlicher Freiheit noch die der Moral einholen kann, ihren Namen nicht verdient – was ihn zu einer schroffen Gegnerschaft zu jeder romantischen Religion, wie sie dann Schleiermacher und die historische Schule konstruierte, führen mußte. Indem Steinheim zu zeigen versucht, daß die Intuition der sittlichen Freiheit der Menschen ausschließlich im Bilde der biblischen Schöpfungslehre konzipiert und rekonstruiert werden kann – diesen Gedanken hat er besonders eindringlich und klar im 1856 erschienenen zweiten Band seines Werks erläutert44 – muß er sich mit zwei Folgeproblemen auseinandersetzen.

Er muß erstens zu der Frage der Faktizität und Historizität der biblischen Offenbarung Stellung nehmen, und zweitens ausschließen, daß die Gedanken von Gott, Freiheit und Unsterblichkeit sich auch in anderen mit Offenbarungsanspruch auftretenden Religionen nachweisen lassen. Es zeigt sich jetzt, daß die eigentliche Crux des Gedankens einer Offenbarungsreligion weniger in den Herausforderungen eines naturwissenschaftlich-positivistischen Weltbildes liegt, sondern in der Herausbildung eines wissenschaftlich-kritischen historischen Bewußtseins. Steinheim löst so das Problem einer historischen Nichtverortbarkeit einer offenbarten Religion: ein historischer Beginn würde dem Begriff der Offenbarung widersprechen, indem er der offenbarten Religion zwar den Anfang der Zeit ab –, dafür aber den Fortgang der Zeit zuspricht.

III.

Die Frage, wie das Göttliche in die Geschichte eintritt, wie eine mit vernünftigem Denken und wissenschaftlicher Erfahrung nicht begreifbare Größe menschliches Denken und Handeln beeinflussen kann, ist ein Problem, das die Offenbarungstheologie von der Philosophie der Subjektivität seit Descartes und Kant geerbt hat. Hatte Descartes zwischen der ausgedehnten und der denkenden Substanz unterschieden, so konnte Kant seine Kritik an rationalistischer Philosophie und seine Ethik des kategorischen Imperativs nur mit dem Mittel einer strikten Scheidung von Dingen an sich selbst hier und Erscheinungen dort, beziehungsweise zwischen einem je empirisch bestimmten Willen und einem noumenal freien Subjekt begründen, populär gesprochen mit einer „Zweiweltenlehre“. Dabei bleibt stets die Frage offen, wie zwei völlig voneinander unterschiedene „Substanzen“ aufeinander einwirken können. Auf das Problem des Verhältnisses von Gott und Menschen bezogen, lassen sich mindestens vier Lösungsstrategien skizzieren.

Der Offenbarungspositivismus – wie ihn Steinheim und die lutherische Orthodoxie vertreten45 – hält sowohl die positive, nur wissenschaftlich und empirisch begreifbare Welt der Erfahrung als auch die nur im blinden Glauben bezeugte Wirklichkeit des geoffenbarten Gottes fest. Beides ist unüberbrückbar voneinander getrennt, aber für eine unverkürzte Form richtigen menschlichen Lebens sinnvoll aufeinander bezogen. Der materialistische Positivismus seit der französischen Frühaufklärung leugnet die Existenz Gottes, da sie mit dem gesunden Verstand weder bewiesen noch erklärt werden kann, und reduziert Gottes Offenbarung auf empirisch erklärbare, psychologisch verständliche materielle Interessen der Menschen.

Die spekulative Religionsmetaphysik seit Spinoza46 identifiziert Gott und die Materie im Gedanken des Absoluten miteinander und bezahlt hierfür den Preis eines Verlustes an Orientierung in der biblischen Tradition.

Die idealistische Philosophie der Fichte, Hegel und Schelling leugnet die objektive Existenz der Materie und sieht diese als Ausdruck eines göttlichen Geistes an, nimmt also die dem materialistischen Positivismus konträre Haltung einer einseitigen Auflösung des Spannungsverhältnisses von Gott und Substanz zugunsten Gottes an. Über Spinoza hinaus dynamisiert der Idealismus den Gottesgedanken so, daß dieser als mit Entwicklung und innerer Geschichte begabt gesehen wird. Hegel und Schelling unterscheiden sich von Fichte, indem sie die Objektivität des göttlichen Geistes nicht im menschlichen Bewußtsein, sondern in der Objektivität des Denkens ansiedeln, Schelling wiederum unterscheidet sich von Hegel, indem er an die Stelle einer eigenmächtigen Konstruktion eine bedächtige Rekonstruktion des Wesens Gottes nach Maßgabe der Entwicklung des religiösen Bewußtseins setzt. Die historisch dynamisierte Gleichsetzung von Gott und absoluter Substanz hat – im Unterschied zum Offenbarungspositivismus – den wissenschaftspolitischen und theoriestrategischen Vorteil, mit der Entwicklung der damals neu entstehenden Geistes- und Geschichtswissenschaft insofern vereinbar zu sein, als sie das menschliche Denken über die Götter und Gott in die (Re-)Konstruktion Gottes aufnehmen kann, während der Offenbarungspositivismus gezwungen ist, wider alle geisteswissenschaftliche Einsicht entweder fundamentalistisch an der Bibel festzuhalten oder wie Steinheim mit der Ungereimtheit einer zwar historisch fortwirkenden, aber nicht historisch beginnenden Offenbarung operieren zu müssen.47 (Auch Steinheim hat die Ergebnisse der historisch-kritischen Forschung sehr wohl zur Kenntnis genommen und ist bemüht, dort, wo es um das Fortwirken der Offenbarung geht, historische Kritik walten zu lassen.)48 Vor dieser Problemlage wird deutlich, warum das Christentum flexibler auf die Herausforderung der Philosophie antworten konnte beziehungsweise warum es christliche Denker waren, die die Theorie des objektiven Idealismus entwickelten.

Das Verhältnis von Gott und Substanz, von Absolutem und Kontingentem, von zeitlosem Sein und historischer Existenz konnte im Christentum deshalb besser gefaßt, und das heißt, als vermittelt angesehen werden, weil das seit Nizäa geltende Dogma von Jesus, der als Christus wahrer Gott und Mensch ist, alle geistigen Potentiale einer Vermittlungstheologie enthielt. So stellte sich im philosophischen Diskurs dieser Zeit Gottes Gesetzgebung am Sinai als unvermittelte Herrschaft des Moralprinzips dar, während die Menschwerdung Gottes in Jesus gerade in seinem Tod am Kreuz die Botschaft einer absoluten Vermittlung göttlicher Liebe und menschlicher Not ist. Daher sieht die spekulative christliche Religionsphilosphie das Wesen der Offenbarung auch nicht – wie die Offenbarung der Thora – als das Anbieten einer Weisung, derart, daß die Offenbarung die Form und die Weisung ihr Inhalt ist, an, sondern als den historischen Prozeß selbst, der in Jesu Geburt und Tod als Fleischwerdung und Selbstentäußerung Gottes kulminiert. Wird für das Judentum in der Offenbarung die Thora gegeben, so ist im Christentum Jesus selbst die Offenbarung, weswegen der Bezug auf seine eigenen Lehren das Wesen des Christentums verfehlt hat. In der Philosophie der Offenbarung heißt es bei Schelling, „handelt es sich allein darum, die Person Christi zu erklären. Er ist nicht Lehrer, nicht Stifter, sondern Inhalt des Christentums.“49 Schelling bemüht in seiner Philosophie der Offenbarung von 1841/42 eine komplexe, auch von kabbalistischen Ideen zehrende theosophische Überlegung der Ausdifferenzierung und Wiederversöhnung eines göttlichen Seins mit sich selbst. Damit Welt und Schöpfung werde, mußte sich Gott von sich selbst abheben und einen Teil seiner Selbst als selbständiges außergöttliches Sein freigeben. Da Schelling im Außergöttlichen auch das Widergöttliche sieht und damit das Problem der menschlichen Sündhaftigkeit anspricht, das bekannte christlich-paulinische Dogma von der Erbsünde und der notwendigen Selbstverfehlung des Menschen, kann er in den christlichen Dogmen nicht nur eine nicht-dualistische Antwort auf die Frage von dem Verhältnis von Gott und Substanz, sondern auch eine nicht-dualistische Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von menschlicher Freiheit und materieller menschlicher Existenz sehen. In und mit Christus sind all diese Spannungen – so der Schelling von 1841 – gelöst, das heißt vermittelt:

„Durch diese Vermittlung und Versöhnung sind nun alle früheren Momente und Verhältnisse gesteigert, sind faßlicher und begreiflicher gleichsam geworden. Weil Christus nur durch den in ihm seienden Vater Christus ist, so wird im Sohne das Göttliche offenbar; aber der, welcher zum Sohne erklärt wird, ist nicht der im Vater vor der Schöpfung Seiende. Jetzt ist eine viel höhere, faßlichere Einheit gesetzt. Derselbe, der seinen Willen in das konträre Sein legt, als der Unversöhnliche, legt seinen Willen in den Sohn und versöhnt das Sein im Sohne sich selbst, und in dieser Vermittlung ist die höchste Einheit mit sich selbst hergestellt. Hiermit glaube ich den Grundgedanken der Offenbarung ausgesprochen zu haben.“50

Steinheim hat in keiner seiner Schriften das spekulative Niveau Fichtes, Schellings und Hegels auch nur annähernd erreicht, geschweige denn, daß er im Rahmen einer Kritik ihren systematischen Überlegungen gerecht werden konnte. Er hat aber sehr genau gesehen, daß all diese Überlegungen zu judentumsfeindlichen Überlegungen führen, was sich wiederum an Schellings Philosophie der Offenbarung zeigen läßt. Dort sagt Schelling im XXVII. Kapitel, das sich mit der Offenbarung im Judentum auseinandersetzt, daß die Offenbarung an Abraham an ein falsches göttliches Prinzip geknüpft gewesen sei, daß kein Volk solcher Knechtschaft in seinem Tun und Lassen unterworfen gewesen sei wie das jüdische und daß das Typische des Mosaismus das Heidnische sei.51 Diese Überlegungen gipfeln in der Feststellung:

„Denn so schlaff zeigte sich dies Volk, daß es nicht einmal sein Land erobern konnte, obwohl mit göttlichem Befehl. Es hatte durch seinen Gottesdienst keinen religiösen oder moralischen Einfluß. Scheint es das begünstigste Volk zu sein, so hat es diesen Vorzug gebüßt. Es war immer potentielles Christentum oder gehemmtes Heidentum. Im Judentum war das Kosmische Hülle des Zukünftigen, darum auch selbst geheiligt […] Die Juden waren aber nur Etwas als die Träger der Zukunft, und das Mittel ward zwecklos, wie die Hülle vom Kern hinweggeweht wird […] Aber der Tag wird erscheinen, da sie in die göttliche Ökonomie werden aufgenommen werden. Inzwischen sollte man ihnen die nothwendigen menschlichen Rechte zugestehen.“52

IV.

Der reaktionäre späte Schelling verbindet so spekulativen Antisemitismus auf höchstem Niveau mit einem eindeutigen Eintreten für die Menschenrechte der Juden. Der Demokrat, Positivist, Aufklärer und Kantianer Steinheim wollte wider diese Formen des Antijudaismus den klaren Rückgang auf Kant und war damit Nachfolger und Vorläufer all jener liberalen deutschen Juden, die von Marcus Herz bis zu Hermann Cohen bei Kant das Wesen des Judentums als einer vernünftigen Religion freier Sittlichkeit angelegt sahen.

Die letzte Phase deutsch-jüdischer Philosophie – das Werk Franz Rosenzweigs – ist dann, wie die neuere Forschung zeigen konnte,53 von Schelling inspiriert und interessierte sich für Kant und den orthodoxen Offenbarungspositivismus zunehmend weniger. Das führt uns endlich zu der Frage, ob Steinheims Offenbarungspositivismus, auf den sich zum Beispiel Hans-Joachim Schoeps und Jakob Petuchowski unter den neueren jüdischen Denkern bezogen, dem Wesen des Judentums überhaupt gerecht werden kann. Entgegen dem Titel von Steinheims Werk Die Offenbarung nach dem Lehrbegriff der Synagoge bezieht sich Steinheim gut protestantisch vor allem auf die Bibel und bemüht – soweit ich sehe – kaum oder nur sehr wenig das talmudische Schrifttum. Ihm mochte daher auch jene Passage entgehen, die ihm als naturwissenschaftlichem Positivisten ohnehin fremd vorkommen mußte, jene Passage im Traktat Bawa Mezia,54 in der erzählt wird, daß die Rabbiner sich bei ihrer Interpretation der Thora auch durch eine göttliche nicht beeindrucken ließen, da sie aus dem Deuteronomium wußten, daß die Weisung nicht im Himmel, sondern nah bei den Menschen ist. Das deuteronomistische und rabbinische Judentum hat im Prinzip – und das unterscheidet es jedenfalls vom Protestantismus – das Problem der Vermittlung von Gottes Wille und geschichtlicher Welt nicht auf die Offenbarung eines Messias als des menschgewordenen und als Mensch gestorbenen Gottes geschoben, sondern dort angesiedelt, wo die Vermittlung tatsächlich geschieht: in der Mitte jener, die die Lehre im geschichtlichen Prozeß empfangen, aufnehmen, um- und fortbilden, also in dem Prozeß der Tradition einer ebenso verbindlichen wie dem geschichtlichen Prozeß gegenüber offenen Interpretation.

Nun ist mit dem Verweis auf die Inkompatibilität von rabbinischem Judentum und Offenbarungspositivismus noch nichts über das Recht religiöser Spekulation gesagt - ob ein Jude nach Auschwitz ohne sie auskommt, darf indessen bezweifelt werden.

Leo Baecks Theorie des Judentums als Vollendung der geisteswissenschaftlichen Hermeneutik
I.

In den Arbeiten Leo Baecks über das Judentum hat die Theorie Wilhelm Diltheys, bei dem Baeck mit einer Arbeit über Spinoza promoviert hatte, ihren idealen Anwendungsfall gefunden. Dilthey hatte um die Jahrhundertwende den sich inzwischen konsolidierenden Geisteswissenschaften nicht nur ein methodologisches Gerüst, sondern damit zugleich eine Theorie ihres Selbstverständnisses geboten. Darin wollte er vermittels einer empirischen Transformation von Hegels Theorie des Geistes die Ausprägungen kultureller Gehalte in ganzen Lebensvollzügen sowohl in ihrem inneren Zusammenhang als auch insbesondere in ihren Auswirkungen auf die Individuen, die einer solchen Kultur angehörten, verdeutlichen. Wenn über Baecks Beziehung zu Dilthey gehandelt wird, wird meist Diltheys Theorie der Polaritäten, das heißt einander entgegengesetzter geistiger Strömungen, in den Mittelpunkt gestellt sowie dessen Methode eines nachvollziehenden Verstehens der Sinngehalte einer Kultur beziehungsweise der ihre Individuen motivierenden geistigen Kräfte. In Diltheys Argumentationsfigur des hermeneutischen Zirkels – gemäß dem sich Selbstverständnis und Handeln der Individuen aus dem Ganzen der Kultur, in der sie leben, erschließen lassen, während sich umgekehrt der Sinngehalt einer ganzen Kultur nur aus den Lebensvollzügen ihrer Individuen erschließen läßt – wurde Hegels spekulative Theorie der Volksgeister, das heißt übergeordneter geistiger Strukturen, in ein einzelwissenschaftlich bearbeitbares Forschungsprogramm umgewandelt.

Leo Baecks nicht nur wissenschaftliches Verständnis des, seines Judentums basiert auf diesem Programm einer romantischen, weil einfühlenden Hermeneutik auch noch dort, wo er sich selbst äußerst kritisch mit dem, was er für Romantische Religion hält, auseinandersetzt. Auch die in dieser Schrift getroffene Unterscheidung zwischen klassischer und romantischer Religion ist noch dem romantischen Programm verhaftet, wonach die gelingende Einfühlung – und was anderes ist das als ein methodisch eingesetzter Affektgebrauch? – Typen und Strukturen geistigen und das heißt wirklichen Lebens erschließt. Diesem Programm ist Leo Baeck, der seit 1894 bei Wilhelm Dilthey studiert und nur ein Jahr später bei ihm mit einer Arbeit über Spinozas erste Einwirkungen auf Deutschland 1895 promoviert wurde, Zeit seines Lebens treu geblieben. In seinen Hauptwerken – angefangen mit dem Wesen des Judentums aus dem Jahr 1905, bis zu Dieses Volk. Jüdische Existenz, das in seiner abschließenden Fassung 1957 erschien – bleibt er einer ansonsten eher impliziten methodischen Maxime treu, die er jedoch im Vorwort zur zweiten Auflage des Wesens des Judentums, erstmals erschienen 1906, dann wiederaufgelegt im Jahre 1921, folgendermaßen entfaltet hatte. Im Ausgang von der platonisch klingenden Annahme, daß, wer das Wesen erkennen wolle, etwas als das Ganze betrachten und den Blick auf die Entwicklung einer Grundkraft richten solle, die das Treibende des in den einzelnen Erscheinungen wirkenden geschichtlichen Lebens bewirke, charakterisierte Baeck das Wesen des Geschichtsforschers:

„Er will zusammenschauen, auf das Offenbarende und Bestimmende, auf das Organische den Blick richten, auf das, wovon alles Wachstum, alle Entwicklung kommt und was in allem Wachsen und aller Entwicklung sich entfaltet; er will das Treibende, die Grundkraft erfassen, die in einzelnen Erscheinungen eines großen geschichtlichen Lebens wirkt. Die Einheit und damit der Zusammenhang in einem geistigen Geschehen, sein Prinzip soll dargelegt werden. Das Historische und Systematische, das Wissen von den Tatsachen und die Erkenntnis der Ideen, verbinden sich hierzu miteinander und führen einander…“55

II.

Mit dieser methodologischen Einlassung trifft Baeck eine folgenschwere Vorentscheidung: historische Phänomene wie Religionen, Nationen oder Kulturen sollen letzten Endes auf eine Grundkraft, ein Prinzip reduziert werden oder umgekehrt: das, was sich in einer gegebenen Kultur als vielfältig oder sogar unübersichtlich erweist, gilt als Epiphänomen, als Oberflächenphänomen, hinter dem sich ein nachvollziehbares und verstehbares, aus einem Prinzip resultierendes Geschehen verbirgt. Es ist kein Zufall, daß Baeck hier Metaphern des Organischen bemüht: Kulturen und das hinter ihnen stehende Prinzip verhalten sich ebenso zueinander, wie der Phänotyp von Lebewesen, etwa Pflanzen, zu ihrem Genotyp. Für ein kulturwissenschaftliches und historisches Forschungsprogramm bedeutet die Wahl dieser Metaphorik nichts anderes als den systematischen Ausschluß der wechselseitigen Beeinflussung von Kulturen, die Betonung ihrer inneren Abgeschlossenheit und Vollständigkeit sowie die Negation einer möglichen Überdeterminiertheit und damit Kontingenz ihrer Artikulationen. Für eine mindestens dem Anspruch nach auch empirisch orientierte Kulturwissenschaft ist damit der Weg der Konstruktion gewiesen, gerade so wie noch die Geschichtsphilosophie, namentlich Hegel, einzelne Volksgeister idealtypisch bestimmt und als relative Wirklichkeit postuliert hatte. Der Gewinn der historizistischen Wende der Droysen, Ranke und Dilthey, die gegen die Konstruktion eines Volksgeistes alleine aus dem Gedanken, mindestens auch das Eigengewicht der Quellen und anderer Zeugnisse der Vergangenheit zu ihrem Recht kommen lassen wollten.

Freilich will der Schüler Diltheys dem historischen Material seinem konstruierenden Zugriff entgegen doch so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er die Stimmen der Quellen zumindest zur Kenntnis nimmt und das heißt – wiederum in der Sprache der Schule – sich um ein Verstehen des Materials bemüht. Dieses Verstehen deutet Baeck psychologisch:

„Es ist die Geschichtspsychologie, die sich an dieser Aufgabe erweisen will. Dem Ganzen, das sie mit ihrer Methode zu erschließen sucht, kann irgend ein Einzelnes, irgend eine Zeit oder irgend eine Gestaltung widersprechen, so wie ein Schritt oder auch ein Pfad der Richtung widersprechen kann, die zuletzt doch festgehalten bleibt und weitergeht.“56

Aber auch die vermeintlich empirische Methode des individuellen Nachvollzugs geistiger Gebilde bleibt letzten Endes dem Konstruktionsprinzip verhaftet und damit von einer empirischen Überprüfung ausgeschlossen. Wenn gegenläufige Tendenzen im Material von allem Anfang an als unerheblich und in ihrer widersprüchlichen Richtung als quantité negligéable angesehen werden, lastet alles auf der Konstruktionskunst des Historikers beziehungsweise auf seinen kritischen und wegweisenden Fähigkeiten, also darauf, wie er dem geschichtlichen Ganzen seinen Sinn zumißt:

„Das Wesen aufzeigen, bedeutet daher zugleich, den Weg aufweisen, der allein der Weg der Zukunft sein kann. Jede Selbsterkenntnis befaßt auch immer eine Forderung an sich selbst, sie spricht das Gebot des Lebens, das Gebot der Geschichte aus; ein Erinnerndes, ein Vorwärtsführendes ist in ihr. Das gilt vom Individuum und es gilt von allem großen geistigen Leben, von der Religion auch, wenn anders sie ihr Wesen, ihr Schöpferisches hat.“57

Dabei ist sich Baeck durchaus der Heterogenität des historischen Materials bewußt. Anläßlich einer Überlegung über den Eingang „fremder Vorstellungen“, kurz, von Worten und Begriffen, die das Judentum im Lauf seiner Geschichte aufzunehmen hatte, erkennt er den nichtisraelitischen Ursprung des Wortes „Nabi“ (Prophet), jedoch nur, um zu betonen, welche „originale Kraft“ und welchen „Gedankenbesitz“ es in Israel erhalten habe. Diese Kraft zur Assimilation heterogener Inhalte und Begriffe schreibt Baeck der „gestaltenden Kraft des israelitischen Genius“58 zu, der sich kaum an Fremdes verloren, sondern seinen eigentümlichen „Charakter“ im Lauf der Zeiten nicht geändert habe. Die israelitische Religion, die Baeck nicht klar vom Judentum trennt, war durch eine vorgezeichnete Grenze von allem Fremden getrennt, gegen das sie oft einen langen und harten Kampf zu kämpfen gehabt hatte, der keineswegs immer mit dem gleichen Erfolg geführt worden sei. Zeiten der Gefahr und Versuchung seien im Gegenteil Zeiten der weiteren Herausbildung der religiösen Eigenart gewesen. Diese Eigenart bestimmt Baeck vor allem, ohne es hier schon namentlich zu nennen, in Abhebung vom Christentum, das durch den Glauben an Geheimnisse und Dogmen gekennzeichnet sei, durch ein von höheren Autoritäten verbürgtes „Glaubensgut“. Im Unterschied dazu kenne das Judentum weder Heilstatsachen noch Gnadengaben, noch einen einmaligen, Erlösung verbürgenden Glaubensakt, sondern sei eine wesentlich undogmatische Religionsphilosophie, der auf der anderen Seite das Gebot, das Rechte zu tun, entspreche. Der Inhalt, das Thema dieser Religionsphilosophie, der monotheistische Gedanke jedoch – und hier hat Baecks Geschichtspsychologie ihren Ort –, sei vor allem von „Persönlichkeiten“ geprägt: „Israels nicht unwesentlichste Selbständigkeit“.59 Persönlichkeiten aber sind Menschen, die nicht das bleiben, was sie geworden sind, sondern etwas aus ihren Erkenntnissen und Vorzügen erwachsen lassen. Die Lektüre der Heiligen Schrift, namentlich der Erzväter und der großen Schriftpropheten verweist auf den Gedanken einer durch „Persönlichkeiten bestimmten Entwickelung“, womit das Programm einer historischen Psychologie angesprochen ist, das Baeck aber als solches nicht entfaltet hat, sondern am konkreten Beispiel der „prophetischen Religion“ entwirft.

III.

Baecks Methode läßt sich also als ein auf historisches Material gestütztes, konstruktives Verfahren kennzeichnen, das den Eigensinn mindestens des jüdischen Volksgeistes beziehungsweise der jüdischen Religion durch den Eigensinn inspirierter, an einem oder zwei zentralen Gedanken orientierter Persönlichkeiten erklären will, wobei die Frage, wie diese Persönlichkeiten zu ihren Gedanken kommen, beziehungsweise unter welchen Umständen diese Persönlichkeiten zu dem werden konnten, was sie schließlich geworden sind, offen bleibt, oder vielmehr durch sich selbst erklärt wird: „Die Religion ist ihnen der Sinn, der erste innerste Kern ihres Daseins, nichts Äußerliches und nichts Hinzugekommenes, nichts Erworbenes und nichts Gelerntes.“60 Der Glaube als seelisches Leben vermochte die Propheten deshalb zum unnachgiebigen und unerschütterlichen Verkünden ihrer Botschaft zu bewegen, weil dieser Glaube – so drückt sich Baeck aus – seine Sicherheit und Rechtfertigung in sich selbst trug. Dabei bleibt freilich offen, was es heißen soll, daß ein Glaube seine Rechtfertigung in sich selbst trägt. Kann die Rechtfertigung eines Glaubens wirklich in sich selbst bestehen? Es scheint als verwechsele Baeck hier in folgenreicher Weise ein je subjektiv gefühltes Evidenzerlebnis mit einer wie auch immer von Gott erlassenen und dadurch beglaubigten Botschaft. So jedenfalls berichten es die biblischen Schriften selbst. Am Übersehen dieses Umstandes, am Übergehen der in dieser Hinsicht unbezweifelbaren Textgrundlage wird deutlich, wie hoch der Preis ist, den Baeck für seine von Dilthey übernommene Psychologisierung entrichten muß. Wie die meisten jüdischen Religionsphilosophen jener Epoche, namentlich Hermann Cohen, sieht auch Baeck das Wesen des Judentums minder in einem spekulativen Monotheismus, denn in einer gefestigten, universalistischen Sittlichkeit begründet. Indem er aber die auf dieser Einstellung sockelnde Religion umstandslos in den Begriff des „Lebens“ überführt, und dieses Leben nicht als Leben des Geistes, sondern als Leben des Einzelnen – in diesem Fall jenes prophetischer Menschen – bestimmt, ist er gezwungen, einen nicht weiter reduzierbaren Kern jeder menschlichen Persönlichkeit zu beschwören, die indes systematisch unbestimmt bleiben muß: „Es ist der über alles Wissen und allen Witz erhabene Rest, worin jeder wahre Mensch sein innerstes Persönliches hat.“61 Die methodische Maxime zum Verstehen der biblischen Schriften besteht daher darin „Menschen zu begreifen“. Wie aber, so möchte man fragen, soll das möglich sein, wenn der innerste Kern dieser Persönlichkeiten seinerseits einem rationalen Verstehen nicht zugänglich ist? Des Rätsels Lösung ist wiederum der Begriff des Lebens, des Weges Gottes zum Menschen, der auf die Klarheit, den Weg des Menschen zu Gott trifft. Hier wird deutlich, daß der Begriff des Lebens, ohne jemals präzise ausgewiesen zu sein, die Funktion eines theoretischen Passepartouts spielt, der stets dort, wo die Kette rationaler Argumentation abreißt und Glaubenssätzen den Raum überläßt, einspringen muß. Dabei hat Baeck später, 1932, zugunsten dieser lebensphilosophischen Argumentation in Theologie und Geschichte vorgebracht, daß es der Gedanke der Aktualisierung und Vergegenwärtigung des Glaubens über die Erstarrung des Historismus hinweg sei, der zur damals auch im Protestantismus aufbrechenden Vergegenwärtigungstheologie nötigte.62

IV.

Nun hat Baecks Werk, trotz einer beeindruckenden Einheitlichkeit, doch eine Entwicklung durchlaufen, weshalb an einer seiner durchdachtesten und systematischsten Arbeiten, der 1922, zehn Jahre vor Theologie und Geschichte entstandenen Romantischen Religion zu überprüfen ist, ob die im Wesen des Judentums angelegten theoretischen Kurzschlüsse im Sinn einer stringenteren Argumentation behoben sind.

In der Romantischen Religion wird nun das, was noch im Wesen des Judentums als von innen her treibende Kraft jeder Religion postuliert wurde, auf die Objektseite gerückt, freilich so, daß eine bestimmte Art religiöser Erfahrung als „romantische“ kritisiert wird, während die Ausdrucks- und Erlebnisformen der „klassischen“ Religion gerechtfertigt werden. Einen um Objektivität auch nur bemühten, methodologischen Standpunkt jenseits von „romantischer“ und „klassischer“ Religion kann Baeck nicht vorweisen – seine Kritik der romantischen Religion setzt sogleich material ein, ohne sich vergewissert zu haben, daß sie genau jenes vermag, ohne das der geisteswissenschaftliche Forscher nicht auszukommen im Stande ist. Die Romantik sei besonders geeignet, den Stimmen früherer Tage zu lauschen, daß sie „mit ihrer Empfindungsfülle allem Menschengemüt in seinen Falten und Geheimnissen nachzusinnen, sich in die Individualitäten hineinzufühlen vermag.“63 Diese nun die historische Wissenschaft allererst ermöglichende Haltung wird aber später, wo sich Baeck ausdrücklich mit „jeder Romantik“ auseinandersetzt, der Unfähigkeit geziehen, das „Kulturproblem“ zu lösen. Romantik, das ist in Baecks Augen Selbstsucht und Genußsucht, eine ethisch unverantwortliche Haltung, die sich alleine der Hinwendung zum Fühlen der einzelnen Individuen, dem Selbstgenuß widmet und dabei das Arbeits- und Kulturleben, ja jeden Lebenszusammenhang entwertet. Der romantischen Religion, für Baeck am reinsten im paulinischen Typ der Frömmigkeit sowie in Luthers Glaubenserfahrung verkörpert, fehle jedes Motiv und jede Notwendigkeit, sich dem Staats- und Wirtschaftsleben zuzuwenden und damit sei sie aus internen, strukturellen Gründen unfähig, das „Kulturproblem“ zu lösen:

„Immer bleibt die lebendige Kultur ein Draußen, ob nun deshalb, weil sie, wie dort, bestritten wird, oder, wie hier, weil kein gerader gewiesener Weg zu ihr hinführt… Der eigentlich romantische, paulinische Glaube mit seiner Heteronomie des Lebens, mit der Passivität, auf die er sich gründet, kann einer Kultur, zumal der sozialen, die ihre Daseinskraft in dem Gebote der Verwirklichung hat, das an den Menschen ergeht, nur fremd gegenüberstehen. Er kann nicht prinzipiell, sondern nur nachträglich den Aufgaben gerecht sein, die die soziale Aufgabe dem Menschen stellt.“64

Die romantische Religion, die Baeck am reinsten im Christentum mit Ausnahme des Calvinismus verkörpert sieht, kulminiert im Glauben an den einzigartigen Tod Jesu, die Heiligung von Sakramenten, damit an Autorität und Dogmen wie Sentimentalität. Dogmen und Autorität fungieren mit all ihren freiheitseinschränkenden Elementen als notwendiges Gegengewicht wider eine religiöse Haltung, die jedes bestimmende innere Gesetz ablehnt. Daher rührt auch die Zentralität des Erlösungsbegriffs in der romantischen Religion, die freilich mit den „Mühen und Aufgaben des inneren Lebens“65 nichts zu tun habe und von innerem Ringen und Gewissenskämpfen nichts wisse, ebensowenig wie von menschlicher Freiheit. Indem die romantische Religiosität den Erlösungsgedanken in die Gottheit selbst hineintrage, verlängere sie die menschliche Selbstsucht und komme so zu einem Gott, der paradoxerweise in seinem Kreisen um sich selbst den Menschen nicht beistehen könne. Dabei weiß der Kritiker dieser Metaphysik, daß jedenfalls bei Paulus selbst erhebliche Bestandteile der alttestamentlichen Ethik vorhanden sind. Diese Analyse scheint mit dem missionarischen Auftrag der Kirche, sich um das Wohl nicht nur des Nächsten, sondern aller Menschen zu kümmern, auf den ersten Blick unvereinbar. Baeck zögert nicht, diesen Missionierungsdrang den jüdischen Wurzeln des Christentums und die Fortsetzung der Mission nach dem dritten Jahrhundert dann vor allem den Eigeninteressen dieser Institution, Zwang und Kontrolle auszuüben, zuzuschreiben. Der Umschlag von Empfinden in Zwang schließt nach Baeck notwendig einen Kreis:

„Daß das Empfinden alles bedeuten soll, darin liegt das Eigentümliche, das Wesentliche der Romantik. Es kann ihre Kraft sein, daß sie sich versenkt, daß sie aus starken Gefühlen schöpft, und es ist ihre Zartheit, daß sie das Schwebende, Webende erfährt.“66

Das ist nicht ohne Wärme gesprochen und Baeck, der als Schüler Wilhelm Diltheys mit dem Werk Schleiermachers aufs Beste vertraut war, weiß wovon er spricht. Als ob er jedoch schließlich merkte, daß er mit seiner Kritik der romantischen Gefühlswelt auch seinem eigenen wissenschaftlichen Werk den Boden unter den Füßen hinwegzieht, sieht er sich schließlich genötigt, den eigenen, selbst proklamierten Klassizismus so zu modifizieren, daß die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses irrationaler Kräfte möglich wird. Der Preis für diese Rettung aus einem selbst zu verantwortenden Dilemma besteht in einer nun wahrlich irrationalistischen Lebensphilosophie, die ihren Halt alleine in der Eindeutigkeit des Gesetzes findet: Für die klassische Religion offenbare sich das Seiende „aus dem Irrationalen hervor, dem Ich zurufend, dieses Wirkliche und Gebietende, das, worin alles, was ist und sein soll, verwurzelt ist, das, worin Geschöpf und Schöpfer sich treffen. In ihr ist das Irrationale die tiefe Wahrheit des Lebens, der tiefe Grund darum auch des Gesetzes, die tiefe Bürgschaft der Gewißheit, der ‚Arm der Ewigkeit‘, der alles umfaßt. In ihr bedeutet es das Heilige, diesen Bund zwischen dem Ewigen und dem Menschen.“67

Gerade im Unterschied zur romantischen Religion komme so die klassische Religion zu einer angemesseneren Auffassung des Irrationalen, insofern sie in ihm jene wahrhaft unableitbare Größe, nämlich das Leben selbst, identifiziere. Sich in diesem Leben, Gottes Gebote verwirklichend, zu sittlichen Zielen zu bestimmen, verweist auf eine Zukunftsorientierung, der es der romantischen Religion, die nur auf ihren göttlichen Ursprung zurück hin ziele, ermangele. Inwieweit diese Charakterisierung dem Werk Paulus’ und Luthers wirklich angemessen ist, sei hier dahingestellt; daß zumindest das frühe Christentum, nicht anders als Teile des gleichzeitigen Judentums, die Zukunft durchaus, wenn auch in apokalyptischer Hinsicht, in den Blick nahm, konnte Baeck kaum entgangen sein.

V.

In seiner 1938 erschienenen Studie über Das Evangelium als Urkunde der jüdischen Glaubensgeschichte, der wohl ersten von profunden Kenntnissen getragenen neutestamentlichen Studie eines gläubigen Juden, sieht sich Baeck vor der Aufgabe, Überlieferungsgeschichte und Überlieferungskritik so zu betreiben, daß der jüdische Charakter des Christentums unübersehbar wird. Das scheinbar paradoxe Entstehen der romantischen Religion par excellence, des Christentums, aus der klassischen Religion par excellence, dem Judentum, erklärt sich dieser jüdische Neutestamentler hier mit einer eigentümlichen Theorie der Tradition, in der sich das geisteswissenschaftliche Programm mitsamt seiner Feier der schöpferischen Individualität vollendet:

„Alle Tradition hat ihre Schicksale, und im Judentum jener Tage sind sie an ihr ganz eigentümlich aufgezeigt. Sie ist Menschen anvertraut, und sie geht damit durch menschlichen Geist, durch menschliche Individualität, an der sie sich bricht, hindurch. Ungewollt und unbewußt gibt der Überliefernde von dem Persönlichen, Eigenen, dem Kleinen oder Großen, das in ihm ist, von seinen Hoffnungen, seiner Sehnsucht und seinem Glauben das hinein, was er als Wort oder als Erlebnis des Meisters in seiner Erinnerung trägt.“68

Die menschliche Individualität also schafft die Tradition – es sind weniger die vorgegebenen Inhalte und Themen denn die Art und Weise, wie die Individuen sie, bewußt oder eben unbewußt, verändern. Indem an dieser Stelle der Tradierungsprozeß auf unbewußte, ja, ungewollte Modifikationen seitens der Empfänger der Botschaft umgestellt wird, erhält zugleich das von Baeck gezeichnete Bild dessen, was eine Persönlichkeit ist, neue Konturen. Ganz im Einklang mit seiner lebensphilosophischen Theorie des Irrationalen werden Menschen, werden Persönlichkeiten damit zu in ihren Strebungen mindestens partiell verständlichen Autoren ihres Werks, aus dem sie letztlich ihre Bedeutung erhalten. Dabei ist die Frage nach dem eigentümlichen Spannungsverhältnis von vorgegebener Überlieferung und individueller Weiterentwicklung Baeck bewußt: dort, wo die Überlieferung nicht in einen strengen Rahmen gestellt ist, „hat nur zu leicht die Seele des Überliefernden hinzugefügt und hinweggenommen und umgeformt.“69 Über Wahrheitsansprüche der je nachdem geschlossen überlieferten oder individuell modifizierten Texte ist damit nichts gesagt – in der Logik des Programms läge es, sie in eben diesen individuellen Einschüssen zu sehen. Die Quellen werden genau dann verändert und damit neu geschrieben, wenn die jeweilige Überlieferung sich auf die „letzten und endgültigen Fragen des Lebens und damit zu dem Entscheidenden und Persönlichsten des Überlieferten hinbewegt.“70 Entscheidungszwang der Lebensführung und fromme, dichtende Phantasie schießen so zu neuen Verbindungen von Gedanken und Bildern zusammen, „wie er sich in jedem Geiste regt, und wie er dem jüdischen Denken damals besonders eigen war.“71 Die Analyse der neutestamentlichen Schriften gibt Baeck so die Gelegenheit, seine eigene Variante des von Wilhelm Dilthey methodologisch eingeführten hermeneutischen Zirkels zu entfalten. Widerstreit und Zusammenspiel von Individuum und vorgebenem Text, der seinerseits als Korpus mythischer Erzählungen Handlungsmöglichkeiten vorgab, ermöglichen es den jeweiligen Lesern und Hörern, ihr eigenes Geschick in bereits vorgegebenen Mustern zu deuten, während die vorgegebenen Texte durch die aktualisierende Interpretation neues Leben erhalten:

„Im Heute formte sich die alte Kunde, in dem Tag, durch den man schritt, gewann das, was die Bibel erzählte oder was man durch frühere Geschlechter gehört hatte, seinen Sinn und seine Zeichnung. Vergangenheit wurde zur Gegenwart, Gegenwart zur Vergangenheit, die Jahrhunderte waren überbrückt.“72

Baeck bemüht diese Theorie, um das Entstehen der neutestamentlichen Überlieferung aus dem biblischen Judentum heraus zu plausibilisieren und es wird zu überprüfen sein, ob er die gleiche Gedankenfigur auch auf den Prozeß der innerjüdischen Überlieferung anwendet, oder ob er diese auf unbewußte Aktualisierung hin angelegte Hermeneutik nur dort aufbietet, wo es darum geht, einen deutlichen, konfessionellen Bruch in der Überlieferung zu erklären. Bedingung der Möglichkeit der Entstehung dieser Schriften aber war – und das spricht dafür, diese Theorie nicht nur auf die Entstehung des Christentums anzuwenden – das jüdische Volk. In ihm habe die Bibel ihr „Gebietendes“ gehabt, sie sei der „Gerichtsstand allen Verstehens und Wissens.“ Als Wort des lebendigen Gottes in seiner Gegenwärtigkeit hatte sie gegenüber dem Alltag der Menschen „etwas Zwingendes“, ihr Wort tat dar, was wirklich und wahrhaft war. Was kann es dann aber heißen, daß das jüdische Volk das „Gebietende“ des Bibelwortes war, das seinerseits dem Leben dieses Volkes sein Maß gab? Doch nur, daß der Geist des lebendigen Gottes, wenn irgendwo, in diesem Volk seine Heimstätte hatte.

VI.

Unter dieser durchaus biblisch begründeten und belegten Überzeugung gewinnt das Programm einer geisteswissenschaftlichen Hermeneutik eine überraschende, in keiner Weise willkürliche Plausibilität. Daß das jüdische Volk diesen Gottesgedanken hervorbrachte, zeichnet es vor allen anderen Völkern aus; freilich spielen – neben den schöpferischen Individuen – bei Baeck auch Völker, nun ganz im Sinne der von Dilthey verwandelten Idee des Hegelschen Volksgeistes, eine systematisch zentrale Rolle, sind sie doch die Träger dessen, was der geisteswissenschaftlichen Forschung ihr Thema gibt, nämlich der Geschichte, wie sie zu Beginn der 1940 unter den grauenvollen Bedingungen von Theresienstadt verfaßten, letzten großen Schrift Dieses Volk vorgestellt wird:

„Geschichte zu erwerben, Geschichte zu haben, ist die Aufgabe eines jeden Volkes. Und wenn ein Volk dann eine Idee, einen bestimmten, echten Gedanken in sich entdeckt und ihn festhält, dann hebt die Zeit einer großen Geschichte an – auch die kleinen Völker, ja meist sie, sie mehr als die großen Völker, haben große Geschichte zu eigen gewonnen, von ihnen ist Weltgeschichte ausgegangen.“73

In dieser Perspektive gerät das jüdische Volk mit seinem prophetischen Blick, der über das jeweilige Hier und Jetzt hinausweist, zum geschichtlichen Volk par excellence, das diesen Sinn für die Geschichte wiederum aus einem sittlichen Lebenswillen zieht.

Dem Begriff des Volkes widerfährt eine sorgfältige Analyse. Mehr als ein leerer Begriff zu sein, verweist es im konkreten Fall des jüdischen Volkes auf das Gebot Gottes, das an ausnahmslos jeden Einzelnen gerichtet ist. Daher – so deutet Baeck die prophetische Gerechtigkeitspredigt – spielen in diesem Volk soziale Rangordnungen grundsätzlich keine Rolle, da jeder, der dem Volk angehört, durch das Hören der Weisung gleichsam geadelt wird. Das Verhältnis des Gottes Israels zu seinem Volk ist daher grundsätzlich ein Verhältnis Gottes zu den erwählten Einzelnen, die wiederum für eine sittliche Lebensführung einstehen. Anders als der Individualismus der Griechen, den Baeck als einen Individualismus des kosmischen Maßes ansieht, ist der Individualismus Israels gemeinschaftsbildend und verleiht zudem dem Einzelnen besondere Bedeutung, Würde, Verantwortung und damit die Aufgabe des sittlichen Fortschritts. Monotheismus der Moral und „bisweilen trotziger Individualismus“ verbinden sich so zu einem unauflöslichen Ganzen. Individualität und Wille zur Gesamtheit ergänzen einander wiederum, gemäß dem Prinzip des hermeneutischen Zirkels. Am Beispiel der Ehe läßt sich zeigen, daß sich die im Alltag gelingende Offenbarung der Individualität zweier Menschen zu einer neuen, übergeordneten und weitertreibenden Offenbarung entwickelt. An diesem Modell soll die besondere Offenbarungsfähigkeit des jüdischen Volkes klar werden. Mit diesen Überlegungen sind Konsequenzen für das Volk als Ganzes, für seine kollektive Individualität angezielt. In der Geschichte des jüdischen Volkes nämlich, in den geschichtsprägenden Worten der Propheten zumal wird nun gerade der Mensch, ja, die Menschheit im Ganzen, von geschichtlicher Dynamik ergriffen; man könnte sagen, daß Baeck Geschichtlichkeit und jüdische Existenz beinahe einander gleichsetzt. Im Fall der Juden schießen Individualität und Existenz zusammen: es ist die Individualität des jüdischen Volkes, dessen Existenz Baeck an und für sich bereits als eine Leistung ansieht. Seine Existenz in der Zeit wiederum, seine vollzogene Geschichte, gerät daher folgerichtig zur Weltgeschichte:

„Durch seinen Auszug aus Ägypten ist es zum Volke der Geschichte, zu einem Volke der Menschheit geworden. Was war, spricht darum ihm von dem, was kommen wird. Es ist ein Volk der Geschichte und darum ein messianisches Volk. Es ist das eine, weil es das andere ist, weil es keine Geschichte anerkennt, die nicht Weltgeschichte ist.“74

Doch läßt sich das angestrebte hermeneutische Wechselverhältnis von Individuum und anderen Individuen nicht durchhalten – in letzter Instanz kann sich auch Baeck dem romantischen Kult des schöpferischen Genius, den er über Dilthey und Schleiermacher rezipierte, nicht entziehen, lasse sich doch die Geschichte des jüdischen Volkes nicht ohne den Geist, ohne die „Kraft eines Genialen“75 verstehen. Freilich bleibt aus gutem Grund unbestimmt, ob der Geist, die Individualität, die hier beschworen wird, die einer Person oder des Volkes als Ganzem ist:

„Man kann die Geschichte und die Existenz dieses Volkes, diese Geschichte eines Geistes und diese Existenz durch den Geist, nur dann ganz begreifen, wenn man erkannt hat, wie hier die Kraft eines Genialen durchgebrochen und sich durchgesetzt hat, wie hier eine Revolution am Werke war und am Werke blieb. Ein genialer, ein revolutionärer Geist begann seinen Weg… Es war der Einbruch einer anderen Welt, der sich hier die Bahn schuf, in Menschen und durch Menschen, dieses Volk sie schuf…“76

Leo Baecks geisteswissenschaftliche Theorie des Judentums gipfelt so in einem den Hermeneutikern seit Schleiermacher teuren Prinzip: dem Entstehen des Neuen im Prozeß des Verstehens. Nun hat Baeck keine Theorie divinatorischen Verstehens vorgelegt, sondern den Gedanken des hermeneutischen Zirkels aus seiner Verbannung in Methodologie wieder in die Bereiche sachhaltiger Geschichtsbetrachtung zurückgeholt, mehr noch, am Beispiel des jüdischen Volkes das einzigartige Ineinanderübergehen von Text und individueller Lektüre, von Einzelnem und Gemeinschaft, von überhistorischer Wahrheit und erfülltem Kairos, von Tradition und Einbruch des Neuen demonstriert. Daß er dieses geisteswissenschaftliche Programm, das in gewisser Weise hinter Dilthey auf Hegel zurückgeht, in einem einzigen Fall entfaltet und diesen einzigen Fall zugleich als beispielhaft für die Analyse aller anderen geschichtlichen Existenz angesetzt hat, mag ironisch erscheinen. Die Philosophie des Idealismus, namentlich Hegels, nämlich sah die Juden zunächst als ein der Geschichte verlorengegangenes Volk an, Dilthey als Leser Hegels wiederum versuchte, die reale Dialektik der Geschichte methodologisch zu zähmen und so für sachhaltige historische Forschung zu retten. Leo Baeck schließlich gelang es, wenn auch unter stark normativen Vorzeichen, die Realdialektik ausgerechnet in der Geschichte des jüdischen Volkes zu retten. Daß der systematische Kern dieser Realdialektik in einer Theorie der sittlichen Persönlichkeit wurzelte, sollte man dem prominentesten Vertreter einer im besten Sinne bürgerlichen, klassischen Religion nicht ankreiden. Ob die von ihm angestrebte Synthese eines Kantianismus der Moral mit einer hermeneutischen Lebensphilosophie – selbst genial an der Existenz des jüdischen Volkes entfaltet – in Theorie und Sache aufgeht, wird sich nur durch eine erneute Analyse der von Baeck bemühten und bewunderswert sicher verarbeiteten Quellen erweisen lassen.

Modernes Judentum und antitotalitärer Konsens
I.

Die politische Debatte im wiedervereinigten Deutschland hat zur Renaissance einer Theorie geführt, die in den fünfziger Jahren in aller Munde war, in den siebziger Jahren massiv kritisiert und in den frühen achtziger Jahren fast vergessen wurde. Heute gewinnt diese Theorie angesichts der Notwendigkeit, sich mit den Folgen zweier durchaus ungleichartiger Diktaturen in Deutschland, mit dem Nationalsozialismus und der Parteiherrschaft der Kommunisten, auseinanderzusetzen, neue Aktualität.

In Deutschland jedenfalls waren es zum Teil ehemalige DDR-Bürgerrechtler wie Wolfgang Templin, die – über den Mangel der Bereitschaft der westdeutschen Gesellschaft, die STASI-Vergangenheit der DDR und der heutigen PDS zu kritisieren, erschrocken – nach einem politischen Gleichgewichtsmodell im Sinne Aristoteles suchten und sich dabei aktiv mit der Neuen Rechten eingelassen haben. Die neurechte Intelligenz selbst – versammelt etwa im Sammelband Die selbstbewußte Nation – proklamiert diesen antitotalitären Konsens immer wieder, um sich damit ein Entreebillet zu schaffen und ihre Ausgrenzung zu überwinden. Dabei spielt der Kampf gegen die „Political Correctness“ eine bedeutende Rolle. Ansonsten war es fast ausnahmslos Jürgen Habermas, der in seinen Überlegungen zur „Nachgeholten Revolution“77 und in der Replik auf Anfragen vor allem ostdeutscher Bürgerrechtler im Rahmen einer Enquetekommission der Bundesregierung von einem „wahren antitotalitären Konsens“ sprach. Schon das Epitheton „wahr“ deutet darauf hin, daß Habermas seinen antitotalitären Konsens von dem herkömmlichen Antitotalitarismus des doktrinären Antikommunismus unterscheiden will. Worin könnte das Unterscheidungskriterium liegen – und vor allem: wäre auch ein solcher „wahrer“ Antitotalitarismus, der nicht auf Kosten einer Apologie des Faschismus vor allem den Kommunismus kritisiert, für die neue Rechte anschlußfähig? Damit erweist sich die Frage nach dem wahren antitotalitären Konsens zugleich als die Frage nach der Möglichkeit einer demokratischen Rechten. Ließe sich zeigen, daß das Konstrukt einer ebenso wahrhaft demokratischen wie wahrhaft rechten Partei widerspruchsfrei darstellbar ist, wäre der antitotalitäre Konsens herzustellen und auch eine von ihrer totalitären Vergangenheit befreite Linke in der Lage, zwar nicht Seit an Seit, aber doch im Prinzip mit politischen Kräften zusammenzuwirken, die für die Aufhebung rechtsstaatlicher Freiheitsgarantien, gegen jede Immigration, für eine rein ethnische Bestimmung der Staatsbürgerrolle und für eine plebiszitäre Stärkung der Exekutive in Gestalt charismatischer Einzelpersonen sind.

Neben Autoren wie Carl J. Friedrich, Raymond Aron, Karl Friedrich Bracher und Juan Linz bezieht sich die einschlägige Debatte vor allem auf Hannah Arendts politisches Hauptwerk Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, das, Ende der vierziger Jahre in den USA verfaßt, stark gekürzt zuerst 1955 in der Bundesrepublik erschien.78 Dieses Buch stellt ein Hauptwerk des Jahrhunderts dar, eine Arbeit, die neben Lukacs Geschichte und Klassenbewußtsein, Heideggers Sein und Zeit, Horkheimer/Adornos Dialektik der Aufklärung und Sartres Das Sein und das Nichts steht. Im Unterschied zu den vorgenannten Arbeiten trägt es jedoch eine zusätzliche Signatur. Mit Arendts Elementen und Ursprüngen liegt neben einem philosophischen Hauptwerk politischen Denkens nicht weniger vor als die bisher radikalste Form jüdischer Selbstvergewisserung in der Moderne.

So sehr Elemente und Ursprünge nämlich ein Resümee der ersten Hälfte dieses mörderischen Jahrhunderts darstellt, so sehr läßt es sich auch als eines der gewichtigsten Werke lesen, das das moderne Judentum in einer seiner säkularen Varianten, nämlich des Zionismus, hervorgebracht hat. Cum grano salis ließe sich sagen: Wenn der moderne Zionismus es überhaupt zu einer systematischen, philosophischen Begründung gebracht hat, dann liegt sie hier vor, und zwar dem Umstand zum Trotz, daß Hannah Arendt unmittelbar nach dem Kriege zu den schärfsten Kritikern des politischen Zionismus zählte. Daß Hannah Arendt dabei das Grundproblem jüdischer Existenz in der Moderne mit den theoretischen Mitteln eines Denkens angeht, das der klassischen Antike und der deutschen Existenzphilosophie ungleich stärker verpflichtet ist als der Überlieferung des Judentums, erweist sich weniger als Ausdruck einer historischen Ironie denn jener paradoxen Situation, in der sich alle Juden befanden, die seit der Emanzipation der Auffassung waren, das Judentum auf die Höhe ihrer Zeit bringen zu sollen. Daß Arendts Buch einen Januskopf trägt, liegt indes nicht allein an ihrem individuellen jüdischen Lebenslauf, sondern vor allem daran, daß sie selbst einem genau benennbaren und bestimmbaren Entwurf jüdischen Lebens in der Moderne folgte: dem deutschen Zionismus. Ich versuche, diese Überlegung zunächst in drei Schritten zu den Themen 1. Jüdische Selbstkritik in den Elementen und Ursprüngen; 2. Hannah Arendt und der deutsche Zionismus sowie 3. Die Grenzen des deutschen Zionismus und Hannah Arendts zu entfalten, um schließlich den Ertrag dieser Überlegungen für das, was heute in der Bundesrepublik Deutschland als „wahrer antitotalitärer Konsens“ gefordert wird, in Anschlag zu bringen.

II.

Als Anfang der sechziger Jahre – anläßlich des Erscheinens von Eichmann in Jerusalem – der Zorn der jüdischen Welt über Hannah Arendt ob ihrer These von der Kollaboration der Judenräte bei der Massenvernichtung zusammenbrach, konnte sie nur mit Unverständnis reagieren. Substantiell hatte sie nämlich nichts anderes getan, als die Konsequenz aus Argumenten zu ziehen, die spätestens in den Ursprüngen und Elementen theoretisch angelegt waren. Bekanntlich analysiert Arendt die Wurzeln des Totalitarismus, zu denen der Antisemitismus – im Unterschied zum Judenhaß – wesentlich gehört, am Problem der Ende des achtzehnten Jahrhunderts gegründeten und schon Mitte des neunzehnten Jahrhunderts niedergehenden Nationalstaaten. Der durch die Expansion des Kapitals verursachte Übergang vom Nationalismus zum Imperialismus führte in den afrikanischen und asiatischen Kolonien vor allem Englands und Frankreichs zu einer Form politischen Handelns, in der die zivile Kontrolle von Polizei und Bürokratie prinzipiell aufgegeben wurde, während sich in den Mutterländern das bisher privatistisch verstehende Bürgertum im Sinn des Imperialismus radikalisiert. Der Antisemitismus entsteht in diesem Zusammenhang als massenhafte Reaktion auf die zunehmende Intransparenz politischen Handelns, die Undurchsichtigkeit der Beziehungen zwischen Parlament, Kapital und Regierung. Als Massenbewegung entzündet sich der Antisemitismus an einer gesellschaftlichen Frage, die Hannah Arendt für ein objektives Problem hält: an der „Judenfrage“. Sie bestand nach Arendt darin, daß „die Juden fortfuhren, einen mehr oder minder geschlossenen Körper innerhalb der Nation zu bilden“, während „das gesellschaftliche Vorurteil in dem Maße wuchs, in welchem Juden aufgrund ihrer Assimiliertheit in die bürgerliche Gesellschaft einzudringen wünschten.“79

Nach Arendts Überzeugung waren jüdische Familien mit ihren internationalen Verbindungen erst die Geldgeber der fürstlichen Begründer des Territorialstaats, fungierten dann als Finanziers der kolonialen Ausdehnung, um im Zeitalter des Imperialismus ihrer Rolle verlustig zu gehen. Der so entstandene Reichtum und Einfluß ohne Macht stempelte sie zu Zielscheiben des Ressentiments der Massen. Daß die Juden sich der entsprechenden Angriffe nicht angemessen erwehrten, lag an ihrer Distanz zu jeder – auch ökonomischen – Macht, was sich nach Arendts wirtschaftshistorischer Überzeugung in der Tatsache niederschlug, daß die Juden sich nur selten bereit fanden, ihr Kapital in industrielle Unternehmungen zu investieren – eine Überzeugung, die als Tatsachenbehauptung durchaus bestreitbar ist. Nicht nur jüdische Unternehmer im russischen und rumänischen Eisenbahnbau (Poliakoff, Strausberg), in der polnischen Hüttenindustrie (Bliokh und Kronenberg) sowie in der böhmischen Waffenindustrie (die Petscheks) belasten Arendts These. Die vermeintliche Distanz der Juden zur Macht aber und die nach Arendts Meinung damit verbundene Unfähigkeit, den Antisemitismus zu verstehen, führte dazu, daß die Juden als Volk eine politische Anomalie darstellten. Diese Anomalie

„lag in der Tatsache, daß hier ein Volk in eine politische Rolle gedrängt wurde, das selbst keine Repräsentanz hatte […] Als Fremde und auf Grund ihrer politischen Traditionslosigkeit wußten die Juden weder etwas von dem Unterschied zwischen Volk und Regierung, noch von der nationalstaatlichen Spannung zwischen Staat und Gesellschaft.“80

Deshalb gehöre es zu den wesentlichen Bestandteilen jüdischer Geschichte im imperialistischen Zeitalter, „daß sie weder je wirklich wußten, was Macht war, auch nicht, als sie sie fast in den Händen hatten, noch je wirklich Interesse an Macht hatten.“81 Arendts Analyse des jüdischen Schicksals geht somit von zwei normativen Voraussetzungen aus: erstens davon, daß die Juden im ethnischen Sinne ein Volk darstellen, und zweitens davon, daß alleine die in sich paradoxe Konstruktion des homogenen Nationalstaats als Ausdruck des territorial und damit politisch begrenzten Willens demokratischer Rechtssetzung in der Lage ist, dem Individuum der Moderne nicht nur den Schutz des Rechts zu gewähren, sondern „sich in einer gemeinsam errichteten Welt sichtbar zu bewähren und so einzurichten, daß jede große Leistung und außerordentliche Handlung einer Nachwelt zuverlässig überliefert werden kann.“82

Mit Arendts Kritik an Assimilationismus, jüdischem Chauvinismus und einer Flucht des jüdischen Bildungsbürgertums ins Menschheitliche überhaupt korrespondiert in Elemente und Ursprünge der Hinweis, daß erst der „westeuropäische Zionismus“ die objektive Realität der Judenfrage nimmer verleugnet habe und es zudem der „postassimilatorische Zionismus gewesen sei, der mit seinem Einfluß auf die jüdische Intelligenz das deutsch-österreichische Ausnahmejudentum vor den schlimmsten Auswüchsen des Antisemitismus der dreißiger Jahre bewahrt habe.“83 Wenn sie schließlich in einer prinzipiellen Überlegung feststellt, daß der Verlust der nationalen Rechte im zwanzigsten Jahrhundert in allen Fällen den Verlust der Menschenrechte nach sich gezogen habe und diese „wie das Beispiel des Juden und des Staates Israel zeigt, bisher nur durch die Etablierung nationaler Rechte wiederhergestellt werden können“84, beglaubigt sie die Stimmigkeit zionistischer Politik sowohl im Hinblick auf die Rettung eines Teils der deutschen Juden seit 1933 als auch bezüglich jüdischer Fortexistenz nach der Massenvernichtung.

Arendts Bezug auf den postassimilatorischen Zionismus trägt in ihrem Buch einen Namen: Kurt Blumenfeld.

Geboren 1884 in Treuberg, Ostpreußen, gestorben 1963 in Jerusalem, studierte er in Berlin, Freiburg und Königsberg Jura. Seit 1904 im organisierten Zionismus aktiv, gehörte Blumenfeld zu den Gründern des Keren Hajesod, des zionistischen Bodenankauffonds. Blumenfeld präsidierte der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ununterbrochen seit 1923, um 1933 ins damalige Palästina zu emigrieren. Nicht zuletzt seiner Schwierigkeiten wegen, die hebräische Sprache zu erlernen, gelang es ihm nach seiner Immigration kaum noch, die zionistische Politik des Jischuw wesentlich zu beeinflussen. In den vierziger Jahren wurde er Mitglied des linkszionistischen, auf einen binationalen Staat setzenden „Brith Schalom“ des Gründungsrektors der Hebräischen Universität, Jehuda Magnes, und Martin Bubers, einer Gruppe, die er reumütig noch vor der Staatsgründung verließ. In seinem 1976 in Deutschland erschienenen Buch Im Kampf um den Zionismus ist der Brief vom Februar 1949 wiedergegeben, in dem Blumenfeld David Ben Gurion eingesteht, sich in seinem Einsatz gegen die Staatsgründung geirrt zu haben.85

Kurt Blumenfeld läßt sich mit gutem Recht als der Idealtyp eines politisch zwar aufgeklärten, aber gleichwohl auf dem Vorrang ethnischer Politik beharrenden deutschen Zionisten bezeichnen, eines Ideologen, der dem Westjudentum „Wurzellosigkeit“ und „Zwitterseelentum“ vorhielt, in den zwanziger Jahren die „Behaglichkeit der Juden in Deutschland“ angriff, sich aber zugleich wünschte, daß der Zionismus „die Kräfte des jüdischen Volkes in Palästina zur Weltweite entwickeln“ werde. Für diesen deutschen Zionismus war – wie Judith Klein im Jahr 1982 in ihrer Studie zu dieser politischen Bewegung gezeigt hat86 – eine eigentümliche Verbindung von Universalismus und Partikularismus, oder – in den Worten des deutschen Zionisten Salomon Bernstein – von „übernationalem Nationalismus“ beziehungsweise „Menschheitsnationalismus“ typisch. Kurt Blumenfeld sprach gar von der „Weltbürgermission der Juden“87.

Hannah Arendt lernte Blumenfeld gemeinsam mit ihrem Freund Hans Jonas anläßlich eines Vortrages im Zionistischen Studentenverein in Heidelberg 1926 kennen. Nach dem Vortrag – so berichtet die Biographin Arendts, Elisabeth Young-Bruehl in ihrer Biographie Hannah Arendt, Leben, Werk und Zeit – „verhielt sie sich Blumenfeld gegenüber sowohl kokett als auch töchterlich. Blumenfeld und Arendt sangen – Arm in Arm – Lieder, rezitierten Gedichte und lachten ungestüm – während Jonas hinterhertrottete.“88 Derlei anekdotische Mitteilungen wird nur gering schätzen, wer Arendts persönliche Gabe zur und die aus ihrer aristotelischen Philosophie gespeiste Hochschätzung der Freundschaft nicht berücksichtigt.

Der jüngst von Ingeborg Nordmann herausgegebene Briefwechsel zwischen Blumenfeld und Arendt89, der durch das immer wieder unterbrochene Werben des weitaus älteren, verheirateten Mannes um die ihm intellektuell überlegene Frau gekennzeichnet ist, zeugt immerhin davon, daß Arendt – wie an einem großen Geburtstagsgedicht für Blumenfeld deutlich wird – tatsächlich eine dankbare, wenn auch bisweilen herablassende Freundin war. Blumenfeld wurde nach der gegenwärtigen Quellenlage nicht nur – neben Karl Jaspers – zu einem von Arendts wichtigsten Briefpartnern, sondern auch – ihrem eigenen brieflichen Bekenntnis an Blumenfeld nach – zu ihrem Lehrer bezüglich des Judentums.90

Das in Elemente und Ursprünge scharfsinnig entfaltete Kategorienpaar von „Paria“ und „Parvenü“, mit dem sie ihre Analyse des deutschen Judentums betrieb, stammte tatsächlich von Blumenfeld, der den Pariabegriff seinerseits Max Weber entlehnt hatte. Endlich hatte Blumenfelds Einfluß Hannah Arendt dazu gebracht, als offizielle Nichtzionistin im Jahre 1933 illegal für die ZVfD tätig zu sein. Ihre Tätigkeit für die Jugendalyah, die sie dann als Emigrantin in Frankreich aufnahm, ist in diesem Kontext zu verstehen. Auch diese Freundschaft zerbrach wahrscheinlich – wie viele andere – an Arendts Buch über Eichmann. Ohne Arendts einschlägige Beiträge selbst gelesen zu haben, war der 1961 schon schwer erkrankte Blumenfeld über die ihm kolportierten Thesen empört. Wir wissen nicht, ob es schließlich noch zu einer Versöhnung gekommen ist – aus dem Briefwechsel läßt sie sich nicht belegen. Ein gemeinsamer Freund, Pinhas Rosen, vormals Felix Rosenblüth, israelischer Justizminister von 1948 bis 1961, ebenfalls ein deutscher Zionist, schrieb ihr nach dem Tode Blumenfelds: „Schade, daß Sie das jüdische Volk nicht lieben, sondern nur ihre Freunde.“91

Tatsächlich löst der Briefwechsel von Arendt und Blumenfeld Erwartungen, die an ihn geknüpft sein mochten und die auch noch Arendts Biographin, die oben erwähnte Elisabeth Young-Bruehl geweckt hatte, nicht ein. Während Arendts Briefwechsel mit Jaspers etwa von einer deutlichen Devotion und Bewunderung ihrerseits gekennzeichnet ist und sich fast in jedem Brief ernsthaften politischen und philosophischen Erwägungen mindestens ansatzweise zuwendet, erscheint der Briefwechsel zwischen Arendt und Blumenfeld als ein Ausdruck dessen, was Arendt jedenfalls ihrer Theorie nach immer verachtete, einer zwar bequemen, aber ebenso unverbindlichen wie sich zu keiner geistigen Höhe emporschwingenden Privatbeziehung, die – wenn überhaupt – nur ein zentrales Thema kannte, nämlich die gemeinsame Trauer über das untergegangene deutsche Judentum und seine Möglichkeiten. In diesem Briefwechsel wird schlußendlich deutlich, daß mindestens die späte Hannah Arendt die jüdische Herkunft, zu der sie sich immer bekannte und um die es ihr auch immer ging, letztlich doch als einen vorpolitischen Familienzusammenhang verstand.

Damit komme ich zu meiner dritten und letzten Bemerkung, in der es um die Angemessenheit und Adäquanz des deutschen Zionismus und vor allem von Arendts theoretischer Analyse gehen soll. Für Hannah Arendt war bei allem im Nachkriegsbriefwechsel mit Blumenfeld zutage getretenen jüdischen Privatismus klar, daß sie – so in einem Brief an Jaspers vom Dezember 1946 – politisch „immer nur im Namen der Juden sprechen“ könne.92 In diesem Zusammenhang war sie übrigens davon überzeugt, daß die Juden – ähnlich wie die Ungarn – ein europäisches Volk asiatischer Herkunft seien, weswegen sie schließlich – unmittelbar nach der Erfahrung der Massenvernichtung – den politischen Zionismus einer radikalen Kritik unterzog. Dabei hielt sie dem Zionismus nicht nur vor, mit dem Imperialismus paktieren zu müssen, sondern auch die Sinnlosigkeit einer Staatsgründung angesichts des Umstandes, daß „Rommels Armee die Juden in Palästina mit genau dem gleichen Schicksal bedroht wie in den europäischen Ländern“ – so in einem Aufsatz „Zionism reconsidered“ aus dem Herbst 1945, auf deutsch in dem 1975 erschienenen Band über die Verborgene Tradition abgedruckt.93 Die Konzentration der Zionisten auf Palästina erschien ihr damals als nichts anderes denn „die kritiklose Übernahme des Nationalismus in seiner deutschen Version.“94 In den Ursprüngen und Elementen räumte sie dem Zionismus immerhin ein, die Judenfrage gelöst zu haben, freilich unter der fatalen Bedingung „eines inzwischen erst kolonisierten und dann eroberten Territoriums…, daß wie nahezu alle Ereignisse unseres Jahrhunderts auch nur zur Folge gehabt hat, daß eine neue Kategorie, die arabischen Flüchtlinge, die Zahl der Staaten- und Rechtlosen um weitere 700 000 bis 800 000 Menschen vermehrte.“95 Mit Arendts nationaljüdischer Kritik am politischen Zionismus, die nüchtern den Umstand vermerkt, daß einerseits nur ein Nationalstaat Menschenrechte schützen kann, andererseits aber jeder Nationalstaat Menschenrechte verletzt, erweist sich ihr an einem republikanischen Freiheitsideal orientierter Nationalstaatsbegriff im übrigen als genaues Gegenteil jener Nationalstaatsidee, welche die neu aktualisierte Totalitarismustheorie heute bemüht.

Fragt man freilich, warum Arendt nun ausgerechnet dem jüdischen Volk, anders als allen anderen Völkern letztlich die Sinnhaftigkeit eines herkömmlichen Nationalstaats ausreden will, so gerät man wieder an die Tradition des deutschen Zionismus. Diese Tradition, die Tradition einer Minderheit in der Minderheit, zeugt von nichts anderem als der offen gehaltenen Wunde eines emanzipatorischen Ideals. Es ist kein Zufall, daß sie alle, Martin Buber, Robert Weltsch und Gerhard Scholem, Felix Rosenblüth, Kurt Blumenfeld und der aus Prag stammende Hans Kohn letzten Endes national-staatskritische Universalisten waren, die sich – wenn überhaupt – zur jüdischen Staatsbildung nur aus dem dürrsten aller Motive bereit fanden: dem unmittelbaren Schutz von Leib und Leben.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
391 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783863936020
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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