Kitabı oku: «Das Buch der Gaben»
Micha Rau
Das Buch der Gaben
Tommy Garcia
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Tommy
Mut und andere Angewohnheiten
Das Haus
Im Innern
Der See
Brachypelma Albopilosum
Abgründe
Das Buch der Gaben
Verwünscht
Probelesen
Lesen und Wünschen
Jessie
Für immer
Impressum neobooks
Tommy
Der Sommer lag endlos vor mir. Sechseinhalb Wochen, genau fünfundvierzig Tage, dehnten sich vor mir aus. An dem Tag, an dem ich Tommy kennen lernte, hatte ich ein ziemlich schlechtes Zeugnis bekommen und mich an meiner Mutter vorbei in mein Zimmer geschlichen.
Ich dachte, dass die Sommerferien unglaublich langweilig werden würden. Ich war zwölf Jahre alt und hatte, so sagte meine Mutter immer, nichts anderes als den blöden Computer im Kopf. Ich wäre kein normaler Junge und sie wüsste nicht, von wem ich das habe und so weiter. Na, da könne sie ganz beruhigt sein, meinte ich bei solchen Reden zu ihr, das hab ich von keinem, denn ihr habt ja damals noch mit Feder und Tinte geschrieben, und beim Surfen lerne ich sowieso viel mehr als bei Herrn Schulz. Und überhaupt, du weißt ja noch nicht mal, wie man reinkommt! Aber dann ging das Theater erst richtig los, und ich musste jedes Mal den Rückzug antreten, sonst hätte Mutter mir womöglich noch das Surfen verboten.
Ich heiße Joe Seefeld. Das heißt, eigentlich heiße ich Josef. Das verdanke ich meiner Oma, denn die war dafür zuständig, meinen Namen auf dem Standesamt anzumelden. Mein lieber Herr Vater war mal wieder auf einer seiner langen Dienstreisen. Handys gab es damals noch nicht (mein Gott!), und daher packte Mutter meine Oma ein und nahm sie mit ins Krankenhaus. Als ich dann auf der Welt war, war von meinem Vater immer noch weit und breit nichts zu sehen. Und so kam es, dass sich ein kleiner Streit um den Namen des Sohnes oder Enkels entwickelte, der sich dann darin entschied, dass meine Oma den Namen Josef anmeldete (schließlich konnte Mutter nicht aus dem Krankenhaus laufen). Oma meinte ganz einfach, Josef erinnere sie und damit den Rest der Familie so schön an ihren verblichenen Mann - also meinen schon nicht mehr vorhandenen Opa - und sei zudem ein heiliger Name. Also sagte sie dem Standesbeamten, Josef soll er heißen. Das war’s dann. Als ich das erfuhr, fing ich an zu schreien und hörte nicht mehr auf, obwohl ich da erst drei Tage alt war! Das erzählt mir meine Mutter heute noch lachend.
Ich war also mit dem Namen Josef gestraft und musste eine ganze Reihe von Jahren unter dem Gespött so mancher Kameraden leiden, bis wir das erste Mal Cowboy und Indianer spielten und ich meine Chance ergriff und zu Joe Cartwright wurde. Den Namen Joe habe ich nie wieder hergegeben.
Aber ich bin etwas abgeschweift. Kommen wir zurück zu dem Tag, der der Beginn einer endlosen Reihe langweiliger Tage zu werden versprach und der dann doch eine Wende einleitete, die mich hineinriss in einen Strudel wahnsinniger Abenteuer, von denen ich bis heute noch nicht richtig glauben kann, dass ich sie erlebt und vor allem überlebt habe.
Ich lehnte mit den Armen verschränkt auf dem Fensterbrett und starrte aus meinem Fenster im dritten Stock unseres Mietshauses nach unten. Neben mir lag mein Hund Lazy. Die beiden Schlappohren ruhten auf seinem Hundekissen, das eigentlich mal mir gehört hatte. Das ständige Sabbern hatte mich dann aber doch dazu bewogen, nachzugeben und Lazy mein Schmusekissen abzutreten. Ich hatte diesen Hund vor vier Jahren geschenkt bekommen, „ ... damit ich auch mal rausgehe ... “, wie Mutter mit fröhlichem Gesicht damals sagte.
Es hatte sich nur schnell herausgestellt, dass der süße Kerl (Lazy ist ein Basset) wohl der faulste Hund im ganzen Universum war, denn schon als Welpe blieb er nach dem ersten Pullern neben unserer Eingangstür sitzen und schaute mir nach. Und das merkte ich erst, als ich schon hundert Meter weitergelaufen war und mein neues Hundchen vermisste. Denn Laufen hasste Lazy genauso wie Kälte. Na, warm war es diesen Sommer wenigstens.
Soweit die Vorgeschichte zu meinem Hund.
Also, wir beide gammelten am Fenster und schauten nach unten. Unten, das hieß: direkt auf die Welfenallee. Wir wohnen, wie mein Vater zu sagen pflegt, in einer gutbürgerlichen Gegend. Ich muss zugeben, ich habe keine Ahnung, was das ist. Wenn gutbürgerlich stinklangweilig bedeutet, dann wohnen wir in einer gutbürgerlichen Gegend.
Da wir also nicht mitten in der Stadt wohnen, ist das Geschehen draußen auf der Straße nicht besonders aufregend. Aber was sollte ich machen? Mein bis dahin 1a-Freund Andi war mit seinen Eltern letzten Monat nach Bayern gezogen, und woher sollte man auf die Schnelle einen neuen 1a-Freund nehmen?
1a nannten wir den besten Freund, das war eben der, dem man alles anvertraute. So ein 1a-Freund ist ein Glücksfall, und wenn dieser nun nach Bayern zieht (ausgerechnet nach Bayern, ein Land, von dem ich mir wahrlich nicht vorstellen kann, dass es da auch nur einen einzigen 1a-tauglichen Freund geben könnte!), dann sitzt man dumm da.
Okay, 1b-Freunde gibt es haufenweise, aber alle, die ich dann so in Gedanken aufzählte und nacheinander anrief, fuhren bald in den Urlaub oder waren schon gleich am ersten Ferientag mit ihren Eltern sonst wohin abgezischt. Deswegen saß ich an diesem Tag stinksauer auf Andi, auf alle 1b-Typen, auf mein Zeugnis, eben sauer auf die ganze Welt, an meinem Fenster und starrte nach draußen. Das einzige, was mich jetzt noch aufrecht hielt, war die Musik, die aus meinen Boxen rieselte. Da ich schon ein ganzes Weilchen aus dem Fenster sah, fing ich wie so oft an zu träumen, sah mich als Superstar auf einer Bühne, die Arme in die Luft streckend einen Megahit singend, und die Welt (vor allem die Mädchen!) lag mir zu Füßen.
Leider reichte das Kabel meines Kopfhörers nicht vom Radio bis zum Fenster. Da Mutter nicht unbedingt die Bässe bis in die Küche hören sollte, denn dann kämen sie und das Thema Zeugnis auf mich zu, konnte ich also meinen Lieblingssender nur viel zu leise hören. Und das machte mich dann noch saurer.
Genau in dieser Stimmung erwischte mich Tommy. Das heißt, eigentlich erst einmal ein Lastwagen, der um die Ecke bog und die Straße entlangschlich. Ich las „Balleck-Umzüge“ auf der Seitenwand, und plötzlich wusste ich, wohin dieser Wagen wollte. Schließlich stand schon seit längerer Zeit die Wohnung über uns leer. Jeden Samstag kam dieser schleimige Hausverwalter mit einer Horde von Interessenten und hinterließ, wie meine Mutter zu sagen pflegte, eine Spur der Verwüstung in unserem Hausflur.
Anscheinend hatte der Fahrer die richtige Hausnummer entdeckt, denn er schaltete die Warnblinkanlage ein und parkte den Laster direkt vor unserer Hofeinfahrt. Na fein. Wenn der alte Tietzmann nach Hause kam – Tietzmann war unserer Hausmeister – würde der einen seiner Anfälle kriegen. Aber ich hoffte, dass die Möbelpacker auch eine entsprechende Packer-Figur hatten, dann würde Tietze endlich mal den Kürzeren ziehen. Jedenfalls, die Möbel-Leute sprangen aus ihrem Wagen, blickten beide wie auf Kommando zu mir nach oben, und ich winkte fröhlich. Sie guckten ein wenig nachdenklich, um nicht zu sagen, bedeppert, als ihnen aufging, dass dies ein Altbau ohne Fahrstuhl war.
Der eine verzog den Mund etwas säuerlich, dachte aber nicht daran, zurückzuwinken. Ich wusste auch, warum, denn die freie Wohnung lag im vierten Stock. Mir war es egal, ob der Mensch da unten unfreundlich war oder nicht. Er würde in den nächsten Stunden so einige Male zweiundneunzig Stufen nach oben und wieder nach unten stapfen müssen, während ich gemütlich weiter mit verschränkten Armen auf dem Fensterbrett hängen und ab und zu genüsslich die Hand zum Gruß heben würde.
Die beiden schienen noch auf jemanden zu warten, und ich wartete gespannt mit ihnen, denn schließlich wollte ich wissen, wer da wieder mal neu in unser Haus einziehen würde.
Eine Minute später kam ein Kombi um die Ecke gebogen. Ein Kombi, wie ihn vielleicht Columbo gefahren hätte. Dieses Auto musste in einer Zeit entworfen worden sein, als Henry Ford noch lebte. Ich dachte, der Wagen könnte auch durchaus aus Amerika sein, denn er war unglaublich breit und lang. Die Seitentüren schienen aus Holz gemacht, ehrlich, und als die Kiste an dem Möbellaster vorbei fuhr und der Fahrer ihn einige Meter weiter abstellte, konnte ich sehen, dass auch die Hecktür aus Holz war. Ja, es war eine Tür! Das Auto hatte hinten eine Tür, nicht etwa eine Klappe. Selbst von hier oben aus konnte man sehen, dass der Wagen hin- und herschaukelte. Als der Motor schon längst abgestellt war, spuckte der Vergaser noch sekundenlang nach.
Dann gingen die Wagentüren auf und zwei eigentlich ganz normal wirkende Leute stiegen aus. Die Frau sah recht hübsch aus, war aber ziemlich alt. So Mitte dreißig, würde ich sagen. Ihr Mann reckte seine wohl müden Glieder – die beiden mussten weit gefahren sein – und lachte seine Frau an. Er war mir sofort sympathisch, sah er doch ein bisschen so aus wie dieser Jessie aus der Serie „Full House“, und den fand ich immer am coolsten.
Er ging um den Wagen herum und öffnete die riesige Hecktür. Und da sprang etwas heraus, wovon ich zuerst dachte, es sei ein riesiger Flummi. Aber es war eindeutig ein Hund! Ein augenscheinlich völlig verrückter Kerl, denn er hopste und sprang auf die Straße, wieder zurück ins Auto und dann wieder auf die Straße. Und das Witzigste war, dass der kleine Kerl wohl überhaupt nicht richtig laufen konnte, sondern der sprang und hopste wie ein kleiner Springbock. Genau das völlige Gegenteil von Lazy.
Ich schubste meinen Hund.
„Sieh’ mal, da unten, mit dem müsstest du mal auf den Hundeplatz. Der könnte dir von seiner Energie noch einiges abgeben!“
Lazy starrte demonstrativ auf die gegenüberliegende Straßenseite, ignorierte diesen verrückt gewordenen Hampel-Hund da unten und bettete mit einer Art erhabener Überheblichkeit sein Haupt wieder aufs Schmusekissen.
Der Hund auf der Straße raste mit seinen Hüpfsprüngen in unsere Einfahrt, so dass ich ihn einen Moment lang nicht mehr sehen konnte. Zwei Sekunden später kam er wieder hervorgehopst und sprang zurück in den Kombi.
Ich fand das richtig spannend. Wann kriegt man schon mal neue Nachbarn, die aussehen wie Schauspieler, ein Auto fahren wie Columbo und einen Hund haben, der nicht ganz dicht ist.
Auf einmal bewegte sich der Wagen wieder und wippte bedenklich auf seinen uralten und vermutlich längst nutzlosen Stoßdämpfern. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie der komische kleine Hund das wohl hinkriegen sollte, als sich auf einmal zwei nackte Beine aus dem Kofferraum schwangen. Ein Junge erschien auf der Bildfläche. Während ich noch gespannt nach unten starrte, ob der vielleicht wie jemand aussah, mit dem man sich anfreunden könnte, sprang der kleine Hunde-Flummi raus aus dem Wagen, wieder rein in den Wagen, dann auf den Schoß des Jungen, dann wieder runter, flitzte in unsere Hofeinfahrt, kam zurück, flitzte in unser Haus - die Tür musste wohl offen stehen - und dann wieder ins Auto. Und das Ganze ging wieder von vorne los. Ich dachte, dieser Hund ist schwer gestört, mit dem würde meine Mutter niemals fertig werden. Ich warf noch mal einen Blick auf Lazy, aber da hatte sich nichts geändert. Lazy lag nach wie vor mit gelangweiltem Blick auf seinem Kissen, die Ohren rechts und links von seinem Kopf ausgebreitet und sagte mir auf seine Art „Siehst du, ist doch besser, man hat einen faulen Hund“.
Ich konnte von meinem Standort aus gar nicht richtig erkennen, um was für eine Rasse es sich überhaupt bei dem Kerlchen handelte, aber ich war sicher, dass ich das schon noch rausbekommen würde. Schließlich würden die neuen Nachbarn ja nicht morgen schon wieder ausziehen. Den Jungen konnte ich schon besser erkennen, und als er seine Beine über den Rand des Kofferraums baumeln ließ und sich dann schließlich schwungvoll mit den Händen abstieß und mit einem Satz auf die Straße sprang, genau in diesem Augenblick wusste ich, der hat genau meine Wellenlänge. Ich hätte noch nicht einmal sagen können, warum, aber die Art, wie er da erschien und überhaupt nicht ein bisschen zögerte oder vielleicht unsicher wirkte, zog er doch schließlich von seinem bisherigen Zuhause in ein neues, zeigte mir, dass da genau der Richtige über mir einzog.
Und dann noch dieser Hund! Als sein Herrchen endlich aus dem Wagen war, sprang das tobende Etwas in die Höhe, direkt in die Arme des Jungen. Die Eltern schienen das zu kennen, denn die Mutter lächelte nur, und der Vater ging rüber zu den Möbel-Fahrern und gab ihnen Anweisungen. Dann sahen alle drei (und der Hund!) zu mir nach oben und überraschten mich beim Zuschauen. Doch ehe ich wusste, was geschah, machte sich mein Arm selbständig und winkte den Vieren da unten ziemlich heftig zu. Lazy erschreckte sich richtig, hob den Kopf und bettete ihn einen Zentimeter weiter rechts von mir wieder nieder.
Ich weiß nicht, warum, aber ich wollte unbedingt, dass mich dieser Junge gut fand und er vielleicht gleich bei uns klingeln möge. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, mit einem Freund wie diesem könnte die sonst unweigerlich auf mich zukommende Langeweile dieser Ferien doch noch abgewendet werden. Die neuen Nachbarn winkten genauso heftig zurück und verschwanden dann aus meinem Blickfeld ins Haus, um ihre neue Bude in Beschlag zu nehmen.
Ich dachte, der Vater käme noch mal zurück, aber das tat er nicht, und so blieben die drei Türen des alten Columbo-Kombis sperrangelweit offen. Vielleicht sollte er lüften, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass diese Familie einfach anders war als alle, die ich bisher kannte. Und genau deswegen blieben die Türen offen.
Hätte der Wagen springen können, er wäre ums Haus gehopst.
*
„Josef!“
Meine Mutter stand mit funkelnden Augen und in die Hüften gestemmten Armen im Rahmen der Zimmertür. Ich hatte in meinem Eifer gar nicht bemerkt, dass die Tür aufgegangen war, und jetzt hatte ich den Salat. Lazy ließ sich vom Fensterbrett zurück auf den Boden fallen, was wie immer mit einem Geräusch verbunden war, das an einen herabfallenden nassen Wischlappen erinnerte. Schließlich war er ein fauler und zudem noch recht schwerer Hund und federte nicht sportlich nach. Dann trabte er in die für diesen Zweck von ihm auserkorene Ecke hinter meinem Bett und kringelte sich zusammen. Wenn irgendjemand in unserer Familie wütend und die Stimmung gereizt war, zog sich mein Hund immer in diese gemütliche Kuhle zurück und ließ mich allein. Hund müsste man sein.
„Mein lieber Sohn, ich habe überhaupt nicht bemerkt, dass du wieder da bist. Könnte das bedeuten, dass du mir etwas zu verheimlichen hast? Vielleicht ein kleines Stück Papier? So ein ähnliches, wie es heute ein paar tausend Leute in die Hand gedrückt bekommen haben? Und dann finde ich es sehr traurig, dass du nicht einmal mehr das Vertrauen in uns hast, auch schlechte Nachrichten mit uns zu besprechen.“
Mann, wenn sie mit dem „ ... ich finde es sehr traurig ... “ und „ ... kein Vertrauen ... “ anfing, dann vergrößerte sich mein sowieso schon vorhandenes schlechtes Gewissen noch um ein Vielfaches. Dabei hatte ich es ja nur gut gemeint.
„Ich wollte doch nicht, dass ihr euch aufregt“, versuchte ich es. „Es ist so ein schöner Tag.“
Mutter ließ die Arme herabfallen und schüttelte verzweifelt den Kopf.
„Du solltest eigentlich langsam wissen, dass wir uns nicht aufregen, sondern die Dinge gemeinsam besprechen.“
„Und was ist dann mit dem Fernseh- und Surfverbot, das Vati mir immer reinhaut?“
Sie wollte noch etwas erwidern, und ich konnte deutlich sehen, wie sie sich in Gedanken etwas zurechtbog, was meinen Vater entlasten und was gleichzeitig ihrer Argumentation nicht widersprechen durfte, als ich wie von göttlicher Fügung Hilfe von unerwarteter Seite bekam. Es klingelte an der Wohnungstür.
Meine Mutter holte tief Luft, aber an ihren Augen sah ich, dass sie mir doch nicht ernsthaft böse war. Sitzen geblieben war ich schließlich nicht, denn das hätte man meinen Eltern in einem extra Brief mitgeteilt. Allerdings, viel gefehlt hatte nicht. Und wie knapp es war, das konnte man schon an meinen Noten im Zeugnis ablesen. Tja, also fürs Sparbuch würde dieses Jahr garantiert nichts herausspringen. Es sei denn, ich würde Oma mal ohne meine Eltern besuchen. Da bräuchte ich nicht mal schwindeln, Oma war schon zufrieden, wenn ich jetzt in die Siebte ging, denn viel weiter hatte sie es selbst nicht geschafft. Sind doch gewaltige Unterschiede zwischen Eltern und Großeltern. Für den Augenblick jedoch war ich recht froh, dass ich die heikle Angelegenheit erst noch einmal verschieben konnte.
„Das sind die Neuen!“, rief ich und drängelte mich an meiner Mutter vorbei.
„Welche neuen?“, fragte sie verwundert.
„Na, die von oben, die mit dem durchgedrehten Hund!“
Ich wollte nicht noch länger mit Mutter diskutieren, denn wenn sie gemerkt hätte, wie lange ich eigentlich schon zu Hause gewesen sein musste, konnte die später folgende Diskussion doch noch recht unangenehm werden. Ich rannte förmlich zur Tür, um die höchst willkommenen Gäste begrüßen zu können.
Als ich öffnete, hatte ich genau eine Sekunde, um den Jungen, der da vor mir stand, als den zu registrieren, der mir von der Straße aus zugewinkt hatte, und dann dachte ich noch: Wo ist der Hund? Doch schon im selben Augenblick bemerkte ich aus den Augenwinkeln heraus eine Bewegung. Ich hörte einen merkwürdig quiekenden Laut, und ehe ich mich versah, sprang mir genau dieser verrückte Hund mitten ins Gesicht!
Mir blieb nichts anderes übrig, als dieses zappelnde und quirlige Etwas mit beiden Armen festzuhalten und mich so gut ich konnte, vor der schlabbernden Zunge zu schützen.
Nach der ersten wilden Begrüßung wurde der kleine Hund auf einmal ganz ruhig und schmiegte seinen Kopf an meinen Hals.
„Entschuldige, aber das macht Jever nur bei Leuten, die er mag“, sagte der Junge vor unserer Tür mit verschmitztem Lächeln. „Dann allerdings jedes Mal, wenn er dich trifft. Da wirst du wohl jetzt immer mit rechnen müssen.“
Während ich den kleinen Kerl auf meinem Arm streichelte, hatte ich endlich Zeit, mir sein Herrchen in Ruhe anzusehen. Er war ein kleines bisschen größer als ich, aber das ändert sich ja in unserem Alter von Monat zu Monat. Wenn er lachte, und das tat er ja gerade, als er sah, wie ich etwas ungeschickt mit seinem Hund umging, dann bildeten sich zwei kleine Grübchen neben seinen Mundwinkeln. Ich glaube, niemand auf der Welt hätte ihm dann böse sein können, ganz egal, was er vorher gerade angestellt haben mochte. Er stand vor mir mit einer Ausstrahlung wie einer aus den Fernsehserien, die für alles eine Lösung haben und immer die richtigen Worte finden. Ich selbst hätte niemals so selbstbewusst dagestanden, hätte ich mich bei neuen Nachbarn vorstellen müssen. Seine schwarzen Haare waren unglaublich dicht und kraus. Sie waren auch recht lang. So lang, dass ich, wären das meine gewesen, sicher Ärger mit meinen Eltern bekommen hätte. Aber der Vater von diesem Jungen hier (Jessie!) trug die Haare ja auch so lang. Allerdings meinte ich, dass er im Gegensatz zu seinem Sohn glattes Haar hatte. Jedenfalls, soweit ich das vom Fenster oben hatte sehen können.
Ich wollte ihn nicht zu lange anstarren, aber mir fiel nichts ein, was ich ihm sagen konnte. Doch das Problem löste sich von selbst.
„Ich wollte dich fragen, ob du uns vielleicht kurz helfen könntest, ein paar Sachen nach oben zu tragen. Natürlich nur, wenn du Zeit und Lust hast. Ich dachte, da du vorhin am Fenster so ausgesehen hast ...“
„Als hätte er nichts zu tun“, ergänzte meine Mutter. Meine Mutter hatte ich total vergessen. Und noch jemanden hatte ich völlig verdrängt. Aus einer Ecke unseres Flurs kamen merkwürdige und doch irgendwie beleidigt klingende Laute an mein Ohr. Lazy!
Ich drehte mich um und entdeckte meinen eigenen Hund vor meinem Zimmer sitzend, die Ohren herabhängend (das taten sie allerdings immer, aber jetzt sah er dadurch noch viel beleidigter aus!) und leise vor sich hin jammernd. Tja, da hatte ich wohl den unverzeihlichen Fehler begangen und einen anderen Hund auf den Arm genommen!
Meine Mutter nahm wie immer das Heft in die Hand.
„Wie ich merke, habt ihr euch ja schon bekannt gemacht. Es kann ja wohl nicht schaden, wenn du ein wenig hilfst, Josef. Vor allem in Anbetracht dessen, worüber wir vorhin gerade gesprochen haben und worüber wir heute Abend noch einmal in Ruhe mit Vati sprechen werden.“
Mann, sie blamierte mich hier vor meinem vielleicht neuen Freund, und ich hatte nicht den Mut, irgendetwas Cooles zu erwidern. Und sie war noch nicht fertig, doch Gott sei Dank vermied sie das Thema Zeugnis.
„Willst du nicht einen Moment reinkommen und etwas trinken? Ihr seid doch sicher ziemlich lange unterwegs gewesen und habt wahrscheinlich noch nicht mal einen Kühlschrank oben, stimmt’s? Und wenn ihr beide jetzt ordentlich schleppen wollt, solltet ihr vorher Energie tanken.“
„Das ist sehr nett von Ihnen, Frau Seefeld.“ Aha, er hatte sich vorher unseren Namen auf dem Türschild eingeprägt! „Ich muss mich entschuldigen, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, mein Name ist Thomas Garcia, aber alle nennen mich Tommy.“
Und dann sah er mich an und grinste.
„Und dich nennen sicher alle Joe, habe ich Recht, Josef?“
„Bingo!“, sagte ich und grinste ebenfalls. „Hast du auch eine Oma gehabt, die deinen Namen auf dem Standesamt eingetragen hat?“
„Nein, dafür war mein Vater zuständig. Aber das ist eine lange Geschichte.“
Während er dies sagte, bekamen seine Augen einen seltsamen Glanz, und ich konnte mir keinen rechten Reim darauf machen. Ich wurde etwas unsicher, aber da kam mir jemand zu Hilfe, der immer noch auf meinen Armen saß und schmuste. Jever wurde unruhig und fing an zu zappeln, also stellte ich ihn vorsichtig auf die Beine und wartete darauf, was für einen Anfall der Kleine jetzt wohl wieder bekam. Tommy kam inzwischen zur Tür rein und Mutter machte sich daran, uns etwas zu trinken zu holen.
„Was möchtet ihr denn?“ rief sie uns über die Schulter zu. „Cola, Apfelsaft oder Wasser?“
„Wenn es Ihnen nichts ausmacht, ich hätte gern ein Mineralwasser mit wenig Kohlensäure.“
Ich musste wohl ein ziemlich verblüfftes Gesicht machen, denn Tommy lachte.
„Wasser ist das Beste zum Trinken. Wusstest du nicht, dass Mineralwasser Calcium, Magnesium und Hydrogencarbonat enthält, alles Bausteine, die unser Körper zum Leben braucht?“
Ich lachte jetzt auch.
„Ich lebe auch mit Cola! Sag’ mal, redest du eigentlich immer so?“
„Klar“, sagte er völlig ernst, und ich dachte tatsächlich für einen Moment, au weia, ein Besserwisser! Doch dann grinste er von einem Ohr zum anderen, und ich kapierte, dass er mich reingelegt hatte.
„Nein, natürlich nicht. Ich mag halt nur Wasser. Das andere klebrige Zeugs macht nur noch mehr Durst. Aber keine Angst, ich habe auch Schwächen!“
„Nein!“, rief ich mit gespieltem Ernst.
„Doch! Ich esse Chips. Ich liebe Chips! Ich bin abhängig von Chips! Ich kann keinen Tag ohne sie sein. Das ist doch eine ziemliche Schwäche, findest du nicht?“
Ich nickte andächtig. Ja, in Chips konnte ich mich auch reinlegen.
„Welche magst du am liebsten?“, fragte ich.
„Nur die ganz dünnen ohne irgendwelche Spielereien. Kein Paprika, kein Käse, keine Sour Cream. Nur gesalzen müssen sie sein.“
Mann, genau die liebe ich auch! Ich bekam Hunger. Mutter kam aus der Küche mit zwei Gläsern zurück. Zweimal Mineralwasser!
„Möchte dein Hund auch ein bisschen Wasser?“
„Vielen Dank, Frau Seefeld, aber Jever trinkt jeden Abend eine halbe Flasche Bier. Das reicht ihm. Deswegen heißt er übrigens auch Jever.“
Meine Mutter guckte völlig entgeistert.
„Was? Bier? Aber ein Hund kann doch nicht ... “ Aber dann bemerkte sie Tommys lachende Augen und musste mitlachen.
„Das stimmt gar nicht!“
„Na ja“, meinte Tommy, „Gleich am ersten Tag, als wir ihn bekamen, hat er in der Küche Unsinn gemacht und eine Flasche Bier umgestoßen. Und dann hat er sich leider auch ein wenig betrunken. Seitdem heißt er Jever, und wehe, er sieht eine Flasche Bier! Sie müssen gut aufpassen, Frau Seefeld!“
„Du nimmst mich auf den Arm!“, lachte Mutter, aber ich konnte sehen, dass sie sich da ganz und gar nicht so sicher war. Dann reichte sie Tommy und mir die beiden Gläser mit dem Mineralwasser und schaute von Jever zu Lazy und wieder zurück.
„Ihr beiden scheint euch ja schon zu verstehen, und was ist mit euren Hunden?“
Seit ich Jever wieder abgesetzt hatte, saß der Kleine zu meiner Verblüffung seelenruhig auf den Dielen und sah sein Herrchen mit schiefem Kopf von unten her an. Lazy grummelte immer noch vor meiner Tür vor sich hin, machte aber keine Anstalten, seinen neuen Hundenachbarn zu begrüßen.
Tommy sagte nur: „Na, geh’ schon!“, und schon sprang Jever auf, raste auf Lazy zu und hüpfte in seiner zwar mir schon, aber Lazy noch nicht bekannten Manier um meinen Hund herum. Dabei stubste und leckte er den armen Lazy, dass der nicht mehr wusste, was er denn tun sollte: kläffen, knurren oder mit rumtollen. Er saß nur da, ließ es mit sich geschehen, und es schien, als sei ihm das Gehabe ein wenig peinlich. Doch endlich bequemte sich mein fauler Hund dann doch, seinen schweren Körper hoch zu hieven und ehe ich mich versah, waren die beiden in eine richtige tolle Rauferei übergegangen.
„Tja“, sagte ich zu Tommy, „Ich denke, mein Hund wird in nächster Zeit etwas abnehmen müssen!“
Tommy nickte völlig ernst.
„Da kann er ja gleich mit anfangen. Jever hilft nämlich unheimlich gern, irgendetwas zu tragen. Er wird deinem Hund, wie heißt er eigentlich ...?“
„Lazy“, erwiderte ich etwas peinlich berührt, wo ich doch den Unterschied zwischen den beiden so deutlich wahrnahm.
„Also wird er Lazy beibringen, beim Umzug zu helfen“, bekräftigte Tommy. Während er meiner Mutter sein leeres Glas zurückreichte, besah er sich unsere dekorativen Bilder neben der Garderobe und nickte dann anerkennend.
„Hm, das Haarlemer Meer von van Goyen und die Rhonebarken von van Gogh. Es sind zwar nur Kunstdrucke, aber Sie haben einen exzellenten Geschmack, Frau Seefeld.“
Meiner Mutter klappte die Kinnlade runter.
„Woher weißt du das denn?“, fragte sie verblüfft. „Ich hatte keine Ahnung, von wem die Bilder sind.“
Tommy wurde rot. „Ich ... ich wollte nicht ... ich weiß ein bisschen über Bilder Bescheid, weil Manfred malt.“
„Das braucht dir nicht peinlich sein“, beruhigte meine Mutter meinen neuen Freund. „Ich finde es gut, wenn ein Junge in deinem Alter so etwas weiß.“
Tommy war sichtlich verlegen. Dann wandte er sich an mich.
„Was ist, Joe, können wir loslegen?“
Ich nickte begeistert und wusste gar nicht, warum. Noch gestern hätte ich die Idee, bei einem Umzug helfen zu müssen, als völlig abwegig bezeichnet. Tommy schnalzte kurz mit der Zunge, und Jever ließ sofort von Lazy ab und stürmte aus der Tür. Mein Hund guckte genauso verblüfft wie meine Mutter und ich, aber oh Wunder, dieses eine Mal war er schneller als ich, raffte sich auf und rannte, na ja, lief hinterher.
Ich drückte meiner Mutter, die jetzt unsere Bilder unter ganz neuen Gesichtspunkten betrachtete, mein Glas in die Hand und folgte Tommy, der schon eine halbe Treppe tiefer war.
Dies war der erste Tag mit Tommy, der erste Tag der Sommerferien und der Beginn einer Reihe von unglaublichen Erlebnissen.
Ich hatte in diesem Moment begonnen, gefährlich zu leben. Aber noch wusste ich es nicht.
Mut und andere Angewohnheiten
Ich hatte eigentlich nicht vor, meine neue Bekanntschaft mit irgendjemandem zu teilen. Ich glaubte, mit Tommy wäre jeder gern zusammen gewesen, und ich hatte eben das Glück gehabt, ihn zuerst kennen zu lernen. Also freute ich mich unbändig darauf, mit diesem mir schon nach wenigen Stunden so vertrauten neuen Freund die Sommerferien zu verbringen. Doch dann machte mir meine Schwester einen Strich durch die Rechnung.
Tommy und seine Eltern waren an einem Donnerstag eingezogen, eben dem ersten Ferientag. Diesen und den darauf folgenden Freitag half ich mit, diverse Kartons auszupacken, Hunderte von Büchern in Regale einzusortieren, Geschirr aus Zeitungspapier zu wickeln und was man sonst so alles tun muss, wenn man sich bereit erklärt hat, beim Ausräumen zu helfen. In diesen beiden Tagen verstanden wir uns schon so gut, dass ich bald gar nicht mehr an Andi dachte. Ich hatte deswegen ganz kurz ein schlechtes Gewissen. Aber nur ganz kurz.
Auch Tommys Eltern verhielten sich so, als würden sie mich schon Ewigkeiten kennen. Seine Mutter machte einen Wahnsinns-Kartoffelsalat, den wir beide nach unserer anstrengenden Arbeit gierig verputzten, und Jessie ließ den ganzen Tag über die Musikanlage laufen und spielte die Jayhawks rauf und runter. Eigentlich ein bisschen Alte-Leute-Musik, aber nach dem zweiten Tag ertappte ich mich dabei, die Songs mitzusummen. Jessie hieß übrigens Manfred, und das passte überhaupt nicht zu ihm, so dass ich ihn einfach fragte, ob er was gegen Jessie hätte, und natürlich hatte er nichts dagegen. Solche Eltern sind einfach cool.
Dann hatten wir es endlich geschafft. Alles war eingeräumt und an seinem Platz und so vereinbarte ich mit Tommy, dass er am Samstag zu uns kommen sollte und wir uns gemütlich bei Chips und Cola, nein, Mineralwasser, einen Plan machen wollten, wie wir die Ferien angehen könnten. Eine Sache schweißte uns sowieso sofort zusammen, und das waren unsere Hunde. Wir wohnen nicht weit entfernt von einem Hundeauslaufgebiet, und so verschwanden wir immer mal zwischendurch mit Lazy und Jever im Wald und ließen die beiden herumtollen. Sie waren schon ein lustiges Pärchen. Lazy hatte im Vergleich zu Jever überhaupt keine Kondition, und wenn es ihm zuviel wurde, ließ er sich an der Stelle, wo er gerade stand, einfach fallen, plumpste zu Boden und ließ sich alles Stupsen und Rumhopsen von Jever in seiner Bierruhe gefallen. Doch ich hatte so meine Ahnung, dass er am Ende dieser Ferien wohl weitaus besser mithalten würde und seine Jagdhund-Gene vielleicht doch noch durchkommen würden.
Für den ersten Samstag nach Tommys Einzug hatten wir uns bei mir zu Hause verabredet. Ich hatte am Freitag jede Menge Chips eingekauft, natürlich nur die ohne irgendwelche Spielereien. Schöne dünne, nur gesalzene. Für mich einen Vorrat an ungesunder Cola. Für Tommy brauchte ich nichts zu trinken besorgen, denn meine Eltern hatten immer genügend Wasser zu Hause. Wir wollten es uns in meinem Zimmer gemütlich machen und in aller Ruhe miteinander quatschen.
Ich legte eine CD ein und Tommy nickte anerkennend. Auch in der Hinsicht verstanden wir uns. Lazy lag wie immer platt auf dem Teppich, die Ohren rechts und links ausgebreitet, und Jever kuschelte sich an ihn, wobei er seinen Kopf auf den Rücken meines faulen Hundes bettete und es sich so richtig bequem machte. Die beiden waren seit ihrer ersten Begegnung unzertrennlich und hatten in unserem Haus und natürlich auch in unserer Straße für einiges Aufsehen gesorgt. Tommy und ich sahen unsere Hunde an, wie sie da so lagen, und mussten beide gleichzeitig lachen.
„Stellt sich die Frage“, sagte ich, „wer von den beiden sich durchsetzen wird. Entweder wird mein Hund irgendwann zum Hopser oder deiner gewöhnt sich das Faulenzen an.“
„Tja“, meinte Tommy, „das sind Kumpels, die ergänzen sich.“
Wir lümmelten uns auf den Boden, jeder eine Tüte Chips vor sich und einen nicht zu kleinen Getränkevorrat in der Mitte, und dann stellte ich Tommy eine Frage, die mir gleich darauf Leid tun würde.
„Wieso steht bei euch auf dem Klingelschild eigentlich Garcia-Dressel? Wollte deine Mutter nicht wie dein Vater heißen?“
Tommy stockte mitten beim Kauen, und sein Blick wandte sich von mir ab und irrte im Zimmer umher. Ich merkte, wie ihm unwohl wurde und ahnte, dass ich eine dumme Frage gestellt hatte.
„Mein Vater lebt nicht mehr.“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Wie verdammt ungeschickt von mir! Da wollte ich einen richtig schönen Quatsch-Nachmittag mit Tommy veranstalten und versetzte der Stimmung einen absoluten Tiefschlag! Es tat mir unendlich Leid, so daneben getroffen zu haben. Ich mochte mir gar nicht vorstellen, wie ich mich gefühlt hätte, wenn mein eigener Vater nicht mehr am Leben gewesen wäre. Doch als Tommy anfing zu sprechen, wurde mir sofort wieder wohler, denn ich spürte, dass er den Verlust seines Vaters schon lange verarbeitet haben musste.
„Ich kann mich nicht mehr genau an meinen Vater erinnern. Ich war erst drei, als es passierte. Mein Vater war Tauchlehrer und hatte eine Tauchschule auf Teneriffa. Meine Mutter hat ihn während einer Reise kennen gelernt und bei ihm Tauchen gelernt.“
Er schwieg für einen Moment und lächelte.
„Na ja, sie sind wohl nicht nur zusammen getaucht, denn meine Mutter ist nach ihrem Urlaub einfach dageblieben. Sie hat mir erzählt, wie sehr sie sich verliebt haben und wie schön es war, in einem kleinen Bungalow am Strand zu leben. Sie haben fast sofort geheiratet. Und dann bin ich gekommen. Das war zwar nicht geplant, aber sie haben sich doch ganz doll gefreut. Meine Mutter meinte, dann lerne ich halt Spanisch und Deutsch gleichzeitig, und auf Teneriffa gibt es auch deutsche Lehrer.“
„Deine Mutter ist cool“, rutschte es mir heraus.
„Ja, das ist sie“, sagte Tommy und starrte aus dem Fenster. „Und mein Vater war es auch. Die beiden lebten von seinen Kursen, und meine Mutter hat dann noch so einen kleinen Kiosk aufgemacht. So was würde ich heute auch gern machen.“
Er schwieg für ein paar Sekunden und ich wollte nichts sagen, weil ich dachte, es würde sowieso nur wieder was Blödes dabei rauskommen. Aber dann blitzte es in seinen Augen und er blickte entschlossen. Jever spürte die Stimmung seines Herrchens und hob den Kopf.
„Mein Vater war unglaublich mutig. Er tauchte nicht nur oft allein zu irgendwelchen Schiffswracks hinunter, er konnte auch wahnsinnig gut surfen und traute sich als einziger auch bei ablandigem Wind aufs Meer.“
Ich wusste nicht, was ablandig bedeutete, aber ich traute mich nicht zu fragen, denn ich wollte Tommy nicht in der Erinnerung an seinen Vater unterbrechen.
„Und er war Klippenspringer.“
„Wahnsinn!“, entfuhr es mir.
Tommy nickte. „Ich glaube, er war der mutigste Mann, den man sich vorstellen kann. Meine Mutter hat mir erzählt, dass er sich vor nichts fürchtete, aber auch niemals unvorsichtig war. Ich war ja noch klein und ich weiß auch nicht mehr, wie er aussah, außer natürlich auf Fotos, aber ich kann mich daran erinnern, dass er mich oft an die Hand nahm und wir am Strand entlang spazierten und Muscheln suchten. Und oft brachte er mir etwas vom Tauchen mit. Ich habe nur noch eines von den Dingen von damals behalten und ich trage es immer bei mir.“
Während er erzählte, öffnete er ein kleines Goldkettchen, das er um seinen Hals trug und holte einen kleinen Anhänger unter seinem T-Shirt hervor.
„Hier“, sagte er und reichte mir die Kette herüber. „Das ist eine byzantinische Goldmünze. Mein Vater meinte, das Abbild darauf könnte Anastasios sein, aber es ist nicht mehr viel zu erkennen. Auf jeden Fall ist sie sehr alt, und noch viel mehr ist sie das einzige, was ich von meinem Vater noch habe.“
Ich betrachtete diese Münze andächtig und drehte sie hin und her. Sie glänzte nicht sonderlich und war längst nicht mehr rund, außerdem konnte man tatsächlich nicht mehr erkennen, was in ihr eingraviert gewesen sein mochte. Aber sie war ganz schön schwer und schien aus purem Gold. Mir kamen sofort Bilder von Piratenschiffen und wilden Seegefechten in den Kopf. Sie musste Hunderte von Jahren auf dem Meeresboden gelegen und darauf gewartet haben, dass irgendjemand sie zufällig aus dem Sand holte. Vorsichtig gab ich sie Tommy zurück.
„Er hat sie beim Tauchen gefunden?“
„Ja. Wohl nicht bei Teneriffa, aber wenn nicht so viel los war, reiste er in der Welt umher und tauchte in allen Meeren. Er war verrückt auf die Unterwasserwelt. Meine Mutter weiß nicht mehr, wo er diese Münze gefunden hat, und wenn er’s mir gesagt hat, dann kann ich mich natürlich nicht mehr erinnern. Nur eins ist klar. Sie war seine Wertvollste, und er hat sie mir geschenkt. Ich werde sie nie wieder abnehmen. Sie gibt mir irgendwie Kraft, und ich hab doch sonst nichts mehr von ihm.“
Als ich jetzt in seine Augen sah, dachte ich für einen Moment zu erkennen, wie sein Vater ausgesehen haben musste. Ich konnte sehen, wie Tommy einmal als Erwachsener sein würde und wusste, dass auch Tommy eines Tages tauchen würde.
„Es geschah beim Klippenspringen. Sie veranstalteten jeden Sonntag einen kleinen Wettbewerb an immer derselben Stelle. Sie kannten das Meer und die Felsen in ihm dort auswendig, und mein Vater hätte blind springen können. Doch ... “ Tommy stockte und holte tief Luft.
Jever stand langsam auf, trottete zu seinem Herrchen und legte ihm seinen Kopf auf das Knie. Tommy streichelte gedankenverloren seinen Hund, doch dann durchfuhr ihn deutlich sichtbar ein eiserner Wille, so deutlich, dass ich einen Schreck bekam, denn ich hatte gedacht, dass er es vielleicht nicht fertig bringen würde, darüber zu reden.
„Irgendjemand hatte genau an dieser Stelle über Nacht heimlich von den Felsen aus Schrott ins Meer gekippt. Es war von oben nicht zu sehen. Und mein Vater war der erste, der mit Springen dran war.“
Ich vermied es, ihn anzusehen und fühlte mich schrecklich. Ich dachte daran, wie schlimm das für Tommy und seine Mutter gewesen sein musste.
„Warst du ... ?“
„Dabei? Nein, ich durfte nie mit auf die Klippen. Es war eben so, mein Vater kam nicht mehr nach Hause, und ich habe es nicht verstanden. Meine Mutter hat mir auch erst viel später erzählt, was geschehen war. Wir konnten nicht mehr sehr lange auf Teneriffa bleiben, allein konnte meine Mutter nicht für mich sorgen, und wir sind dann noch im selben Jahr zurück nach Deutschland gekommen. Na ja, und jetzt bin ich hier bei euch gelandet.“
„Dein Vater hieß also Garcia“, sagte ich. So weit hatte ich inzwischen gedacht, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so gab es wahrlich nicht allzu viele Ähnlichkeiten im Aussehen zwischen Jessie und Tommy. Tommys borstige, widerspenstige und pechschwarze Haare waren nun wirklich das genaue Gegenteil von Jessies glatten dunkelblonden. Aber wenn man meint, das ist der Sohn von jemandem, dann ist es eben so, und man macht sich keine weiteren Gedanken darum.
„Ja, er hieß Garcia“, bestätigte Tommy und griff in Gedanken in seine Chipstüte, was mich wieder ein wenig wohler fühlen ließ, denn damit schien er das schwere Thema hinter sich zu lassen.
„Ist ja schließlich ein spanischer Name. Der ist in Spanien so häufig wie Müller, aber hier in Deutschland klingt das toll und geheimnisvoll. Meine Mutter wollte diesen Namen nie hergeben. Das würde sie wohl auch nicht, wenn sie Manfred ... “ er lachte, „nein, Jessie, irgendwann einmal heiraten sollte. Die beiden sind übrigens nicht verheiratet. Auf dem Schild stehen Garcia und Dressel nebeneinander.“
„Kommst du mit ihm klar?“, fragte ich und bereute schon wieder, eine solche Frage gestellt zu haben. Irgendwie trat ich heute von einem Fettnäpfchen ins andere. Aber Tommy hatte kein Problem damit.
„Ja, er ist voll in Ordnung. Ich kann mit ihm über alles reden. Aber er ist ein bisschen lahm. Er ist Maler. Du hast ja seine Staffelei und die vielen Bilder gesehen. Ich mag ihn sehr, aber tauchen und von einer Klippe springen, das würde er, glaube ich, nie.“
Jever spürte, dass sein Herrchen nicht mehr traurig war und sprang auf. Dann hopste er zur Tür und blickte sich fordernd zu uns um. Mein Hund schloss die Augen.
„Na, ich glaube, da will jemand nach draußen.“
Tommy war mit einem Mal wieder ein völlig anderer Mensch. Er sprang auf die Füße, kramte die letzten Krümel Chips aus der Tüte hervor und ließ sie sich aus der hohlen Hand in den Mund rieseln.
„Was meinst du“, meinte er kauend in meine Richtung, „sollten wir nicht noch was unternehmen? Hier gibt es doch in der Nähe so ein Einkaufszentrum, da soll heute Bungee-Jumping stattfinden. Wie wär’s? Das könnten wir uns doch ansehen.“
Ich war Feuer und Flamme. Da wollte ich schon immer mal zusehen.
„Ich bin dabei. Und wenn das nichts ist, können wir immer noch ins Kino oder ins Eiscafé gehen. Das ist da alles auf einem Haufen. Ich weiß, welches Einkaufszentrum du meinst. Warst du hier eigentlich überhaupt schon mal die Gegend erkunden?“
Tommy schüttelte den Kopf.
„Ich kenne nur dieses Haus, diese Straße und dich. Und Lazy natürlich!“
„Na, dann nichts wie los! Ich zeig dir mal was von unserer tollen Spießergegend. Es wird Zeit, dass du mal was anderes siehst als nur unser olles Haus.“
„Euer Haus stammt aus der Jahrhundertwende, hat im Krieg zwei Etagen verloren, und irgendein Nachkriegs-Architekt hat dann die beiden Stockwerke im Möchtegern-Bauhaus-Stil wieder drauf gesetzt, was übrigens ein totaler Stilbruch ist und heute nicht mehr genehmigt würde.“
Ich war völlig perplex.
„Woher um alles in der Welt weißt du denn das jetzt wieder? Und was ist ein Bauhaus-Stil?“
Tommy knüllte die beiden Chipstüten zusammen, hob die Gläser auf und zog dann Lazy an den Ohren, damit der auch mitbekam, dass wir raus wollten.
„Das ist nicht schwer. Du brauchst dich nur vors Haus zu stellen und nach oben schauen, dann siehst du den Unterschied zwischen den Etagen. Wahrscheinlich hat eine Brandbombe mit Phosphor den Dachstuhl getroffen und in Brand gesetzt. Und nach dem Krieg hat man nicht so darauf geschaut, dass die Häuser wieder genauso aussehen wie vorher. Es musste halt schnell gehen, da so viel kaputt war. Und das Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius gegründet, und der einfache, gerade und kantige Stil hat sich eben als Bauhaus-Stil durchgesetzt. Kannste aber vergessen. Ich mag’s nicht.“
„Ich auch nicht“, sagte ich wie nebenbei, hatte aber keine Ahnung, wie das Bauhaus denn überhaupt aussehen mochte. Ganz zu schweigen von der Sache mit dem Phosphor. Aber ich wollte nicht noch dümmer erscheinen, als ich wohl tatsächlich war.
„Willst du nicht mal zu Wer wird Millionär gehen?“, fragte ich.
„Warum das denn?“
„Na, weil du alles besser weißt!“, entfuhr es mir. Das Wort besser tat mir sofort Leid, aber da war es schon zu spät.
Tommy wurde rot.
„Ich nerv’ dich, stimmt’s?“
„Quatsch!“, sagte ich und versuchte, schnell abzulenken. „Lern ich auch mal was. Mein Zeugnis war schlecht genug. Und jetzt lass uns endlich gehen.“
Ich pfiff nach Lazy, der etwas mürrisch wirkte. Wahrscheinlich, weil er vorhin das Wort Einkaufszentrum gehört hatte und wusste, wie weit es bis dahin war.
Dann fiel mir ein, dass ich auch etwas besser wusste als Tommy, nämlich den Weg zum Einkaufszentrum! Na, das war doch wenigstens etwas.
*
Gerade als wir aufbrechen und uns im Wohnzimmer von meinen Eltern verabschieden wollten, platzte meine Schwester Sanne dazwischen. Ich hatte es in den letzten Tagen ganz gut hingekriegt, dass Sanne nicht auf Tommy traf. Ich wusste, dass sie wie eine Klette sein konnte und sich dann unweigerlich in unsere neu gewonnene schöne Freundschaft gedrängelt hätte. Sanne war einfach noch zu jung, und außerdem war sie ein Mädchen. Und noch mal außerdem war sie meine Schwester, und was das heißt, brauche ich niemandem zu erklären, der eine Schwester hat. Als diese meine Schwester nun in das Wohnzimmer platzte und uns erwartungsvoll anschaute, da bereute ich es erst einmal, dass ich noch unbedingt hatte Auf Wiedersehen sagen und, na ja, ich bin ehrlich, noch etwas Taschengeld für den Nachmittag hatte abstauben wollen.
„Hallo, ich bin Susanne“, sagte meine Schwester und gab Tommy artig die Hand. „Wollt ihr auch ins Kino?“
„Nein, wir wollen zum Bungee-Jumping im Einkaufszentrum“, erwiderte Tommy, und mir schien es, als sei er schon wieder ein wenig rot geworden. Was gab’s denn an meiner kleinen Schwester, das ihn hatte verlegen werden lassen? Das war doch noch kein Mädchen zum Angucken, das war doch nur ein dürres Gestell zum Streiten.
„Ach übrigens, ich heiße Tommy“, ergänzte er, „Tommy Garcia, und ich bin über euch eingezogen.“
Sanne schien mich völlig zu ignorieren. Daran war ich ja eigentlich gewöhnt, aber dass Tommy ausgerechnet auch auf meine Schwester Eindruck machen würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Das heißt, wenn ich so darüber nachdachte, dann hatte ich sehr wohl damit gerechnet und sicher genau deswegen Tommy bisher an ihr vorbei geschleust. Ich seufzte innerlich auf. Von jetzt an würde es Arbeit machen, die Klette immer wieder abschütteln zu müssen. Und Sanne bestätigte meine ärgsten Befürchtungen.
„Die Kinos sind doch auch im Einkaufszentrum. Da können wir doch zusammen hingehen. Nehmt ihr mich mit?“
Ich wollte nein sagen und das Kino fängt doch erst viel später an und außerdem du nervst und so einige andere Dinge, aber ich kam nicht dazu, denn Tommy war bereits in die Falle gegangen.
„Klar. Vielleicht können wir erst zum Bungee und danach noch ins Kino. Was meinst du, Joe?“
Was ich meinte, sagte ich ihm lieber nicht, aber ich nickte lahm.
„Warum nicht. Wenn Sanne nicht noch stundenlang braucht, um sich zu schminken.“
Meine Mutter machte ein besorgtes Gesicht.
„Sagt mal, ihr wollt doch nicht etwa selber springen? Das erlaube ich dir auf keinen Fall, Josef.“
Ich tat völlig entrüstet.
„Nein, Mutti. Mach’ dir keine Sorgen. Ich spring’ auf keinen Fall, aber wenn Sanne ... “
„Ich werd’s ausprobieren.“ Das kam von Tommy, und alle schauten ihn entgeistert an. Mein Vater ließ die Zeitung sinken, in die er sich vorher scheinbar vertieft hatte und blickte sichtlich verärgert auf. Meine Hoffnung auf einen schönen Zuschuss fürs Kino schwand dahin. Mein alter Herr war in letzter Zeit sowieso schon dauernd schlecht gelaunt und mürrisch, und wir alle wussten nicht so recht, was er hatte.
„Tommy, ich möchte nicht, dass meine Kinder durch dich leichtsinnig werden. Und ich glaube auch nicht, dass deine Eltern von der Idee begeistert wären.“
„Herr Seefeld, machen Sie sich keine Sorgen. Meine Eltern vertrauen mir. Mein Vater ist ... “, er korrigierte sich und nur ich wusste, was in ihm vorging, „ ... war ein mutiger Mann und niemals leichtsinnig, und das bin ich auch nicht. Das verspreche ich Ihnen.“
Was Tommy sagte, schien meinen Vater nicht sonderlich zu beeindrucken. Er blickte uns intensiv an.
„Ihr seid ja Gott sei Dank keine Draufgänger. Ich hoffe, ich kann mich auf euch verlassen.“
Mit einem vorwurfsvollen Blick auf meine Mutter, die schon ihr Portemonnaie herausgeholt hatte, verschanzte er sich wieder grummelnd hinter seiner Zeitung. Ich atmete auf, nahm den Zwanziger, den Mutter mir gutmütig lächelnd hinhielt und wir machten, dass wir aus dem Wohnzimmer kamen.
Als wir dann an der Bushaltestelle standen und Tommy unsere Straße rechts und links lang runterschaute, war es mir richtig peinlich, in so einer gutbürgerlichen Gegend zu wohnen. Hier tobte nicht der Bär, sondern höchstens mal ein Eichhörnchen.
Und dann stellte Tommy die Frage, die unser Leben verändern sollte. Doch an dieser Haltestelle an jenem Samstagnachmittag konnte ich ja wahrlich nicht wissen, was aus dieser Frage und aus allem anderen, was danach passierte, noch resultieren sollte.
„Was macht ihr denn sonst so am Wochenende? Ich meine, ohne dass man den Bus nehmen muss. Gibt’s denn hier nichts in der Umgebung, wo man was erleben kann?“
„Nein“, sagte Sanne, „Wenn du was machen willst, musst du in die Stadt fahren. Wir haben hier nur ein kleines Café am Platz und das Jugendhaus. Aber da sind zu viele Hirnis. Da geh’ ich nicht mehr hin.“
„Hirnis?“, fragte Tommy irritiert.
„Na Idioten“, erklärte ich und dachte, wieder mal was, was er nicht wusste. Es schien, als hätte er bisher nicht allzu viel Zeit mit Gleichaltrigen verbracht. Ich hatte ihn noch gar nicht gefragt, ob er da, wo er herkam, einen 1a Freund gehabt hatte. Bei dem, was Sanne erzählte, verzog ich das Gesicht. Das war Weiberkram. Im Café sitzen und endlos rumlabern. Ich dachte mir, Tommy wollte was Spannendes machen und überlegte fieberhaft, was ihn wohl reizen konnte. Und dann kam mir ein Einfall.
„Mit meinem Freund Andi habe ich mal ein Baumhaus im Wald gebaut. Wenn du unsere Straße bis zum Ende gehst, fängt der Wald an. Ach Mensch, das weißt du ja! Da, wo auch das Hundeauslaufgebiet ist. Und wenn wir genug davon hatten, die Leute zu beobachten, sind wir immer auf dieses riesige Grundstück gegangen. Da steht seit Jahren ein Abrisshaus drauf, das keinen Eingang hat. Manchmal haben wir da den ganzen Tag gespielt, bis uns die Nachbarn verjagt haben. Das ist absolut toll da, alles zugewuchert mit Brombeeren und Sträuchern und all so’n Zeug. Wie geschaffen für Indiana Jones.“
Tommy schaute mich an, und ich wusste, ich hatte einen Treffer gelandet.
„Seid ihr nie in das Haus gegangen?“
„Na klar wollten wir. Aber die Fenster sind ziemlich hoch und einschlagen wollten wir keins.“
„Keine Tür? Sie werden sie zugemauert haben, damit niemand einbricht.“
„Keine Tür“, bestätigte ich. Ich konnte mich auch nicht entsinnen, dass ich eine Stelle gesehen hatte, die an eine früher dort vorhandene Tür erinnert hätte. Aber merkwürdig, warum zum Teufel hatten wir keine Stelle gesucht, die zugemauert schien? Es musste eine geben. Aber ich konnte mich eigentlich nur daran erinnern, dass der Garten eine magische Anziehungskraft auf uns ausgeübt hatte.
„Es muss einen Eingang haben“, drängte Tommy. „Was ist mit Kellerfenstern oder Gittern?“
Ich dachte nach und versuchte, mir das Haus und jede seiner Seiten ins Gedächtnis zu rufen. Aber es gelang mir einfach nicht, das Bild vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen.
„Ich kann mich nicht erinnern, dass es Kellerfenster oder sonst was hat. Vielleicht waren sie aber auch alle zugewachsen von den Brombeeren. Da kommst du ohne dicke Handschuhe und lange Jeans nicht durch.“
„Dann sollten wir morgen Jeans und Handschuhe mitnehmen“, meinte Tommy völlig ernst. Ich dachte in diesem Moment ein letztes Mal an Andi. Was ich mit meinem alten Freund erlebt hatte, sollte gegenüber den Ereignissen der nächsten Tage verblassen und nur noch als nette Erinnerung an ein altes Leben in meinem Kopf verbleiben.
„Okay“, sagte ich. „Erkunden wir morgen das Haus. Außerdem wird das Lazy und Jever freuen. Das Gelände ist toll zum Herumstreunen für die beiden.“
Sanne berührte Tommy am Arm, was ich mit einem gewissen Befremden feststellte.
„Kann ich mitkommen?“
„Nein“, sagte ich.
„Ja“, sagte Tommy gleichzeitig, und wir schauten uns an. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als einzulenken. Tommy hatte also schon die Führung übernommen.
„Na gut. Aber du wirst mit uns keinen Spaß haben. Triff dich doch lieber mit deiner komischen Freundin“, machte ich einen letzten Versuch.
„Die nehm ich mit!“, meinte Sanne schnippisch, und ich hatte endgültig verloren.
Der Bus kam, und für diesen Tag trat das Haus in den Hintergrund. Aber es sollte sich sehr schnell wieder daraus lösen.
*
Als wir im Einkaufszentrum ankamen, standen bereits eine Menge Leute rund um die Absperrungen, die man vorsichtshalber weiträumig um den Platz gezogen hatte, auf dem der Kran stand. Schon von weitem winkte uns ein Mädchen zu, das mir irgendwie bekannt vorkam. Und als Sanne zurück winkte, fiel mir auch wieder ein, dass ich sie schon zwei, drei Mal bei uns zu Hause gesehen hatte, als sie zum Hausaufgaben machen zu meiner Schwester kam. Die beiden waren jedoch immer sofort in Sannes Zimmer verschwunden, ganz so, als würde es völlig unter ihrer Würde sein, mit einem ein Jahr älteren Jungen auch nur ein Wort zu wechseln. Auf der anderen Seite, wenn ich so darüber nachdenke, habe ich Andi auch nie meiner Schwester vorgestellt. Das wäre schließlich peinlich.
Also, dieses Mädchen winkte wie verrückt, und Tommy und mir blieb nichts anderes übrig, als uns von Sanne in ihre Richtung ziehen zu lassen. Lazy und Jever hatten wir an die Leine genommen, und das nahmen uns beide ziemlich übel. Lazy trabte im Tempo einer Schildkröte nebenher, was unser eigenes Vorankommen ziemlich einschränkte, und Jever würdigte uns keines Blickes, da es ihm an der Leine unmöglich war, ausgiebig rumzuhopsen und wiederum er der Meinung war, dass sein Vorankommen ziemlich eingeschränkt war.
Als wir an den Gittern, die die Absperrungen bildeten, angekommen waren, ging gerade ein Raunen durch die Zuschauer. Es machte sich soeben jemand bereit, in die Tiefe zu springen. Es war nicht gerade sehr einfallsreich, einen Kran aufzustellen, an dem oben eine Plattform angebracht war, von der man sich dann auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums hinunter stürzen sollte. Ich dachte bei Bungee-Jumping immer an andere Orte, wie zum Beispiel eine Hängebrücke über einem reißenden Urwaldfluss oder an den Eiffelturm.
Wenn ich jetzt so nach oben starrte, dann war mir schon recht komisch zumute, obwohl ich es doch gar nicht selbst war, der da mit einem dünnen Seil an den Füßen ins Nichts springen sollte. Ich entdeckte ein Schild am Fuße des Aufbaus, das die technischen Daten des Spektakels festhielt: Absprunghöhe achtzig Meter, TÜV-geprüft im Juni - das war erst letzten Monat - und maximal mögliche Sprungfrequenz zwölf Springer pro Stunde.
Ich dachte, wo ist denn die Statistik, wie viele Springer in der letzten Zeit zermatscht wurden? Ich suchte sozusagen nach den Kerben, die anzeigten, wie viele der Kran schon auf dem Gewissen hatte, aber darüber schwiegen sich die Veranstalter aus. Im nächsten Augenblick hörte ich schon einen langgezogenen Schrei, den der Springer da oben ausstieß, als er sich todesmutig fallen ließ, und gleich darauf kreischte die Meute um mich herum ebenfalls um die Wette. Mich überfiel ein seltsames, übles Gefühl, und ich duckte mich unwillkürlich, als ob ich dadurch den armen Kerl aufhalten könnte!
Mit angehaltenem Atem verfolgten wir, wie der Springer von dem Seil abgefangen wurde und etwa fünf Meter über dem Betonboden wieder nach oben schnellte. Was dann folgte, war naturgemäß weniger aufregend. Beim Auspendeln bestand keine weitere Gefahr mehr.
„Hallo, ich bin Janine“, sagte Sannes Freundin und streckte mir ihre Hand hin. Ich dachte, oh Mann, noch so eine, gab ihr dann aber doch die Hand und grinste.
„Ich bin Joe, und ich habe gehört, dass du als Nächste springen willst?“
Sie zuckte regelrecht zurück und schaute mich richtig entsetzt an.
„Wer hat dir denn das erzählt? Niemals würde ich da freiwillig raufgehen!“
Sanne boxte mich in die Seite und lachte.
„Lass dir nichts erzählen! Das ist mein Bruder, den brauchst du nicht ernst nehmen. Und das hier ... “, sie zeigte auf Tommy, „ ... ist Tommy. Er ist gerade bei uns eingezogen, und wir dachten, wir nehmen ihn mit, ein wenig von der großen Stadt zeigen.“
Tommy und ich schauten uns an. Wir verstanden uns blind. Toll, wie meine Schwester das so ausdrückte, wir nehmen ihn mit! Dabei war es ja wohl eher so, dass wir Sanne mitgenommen hatten. Aber so sind Frauen nun mal. Ich betrachtete Janine verstohlen, und ich muss zugeben, so ganz und gar unsympathisch war sie mir nicht. Ihre Haare gingen ihr bis auf die Schulter, sie hatte eine süße Nase und trug Delfin-Ohrringe.
„Und, was machen wir jetzt?“, fragte Sanne. „Erst ins Kino oder erst ein Eis?“
„Kino wär nicht schlecht“, sagte Tommy. „Doch zuerst will ich springen.“
Wir starrten ihn an und dachten, die Worte wären von jemand anderem gekommen. Mir wurde kalt, denn irgendwie kam mir der Gedanke, wenn er springt, dann käme er vielleicht auf die Idee, dass wir danach alle springen sollten oder, wenn Tommy das vielleicht auch nicht sagte, dass die Mädchen auf die Idee kämen, wenn Tommy springt, kann doch auch Joe ...
Doch schon einen Moment später wusste ich, dass meine Befürchtungen falsch waren. Tommy würde mich und uns niemals unter Druck setzen und ich glaube, auch Sanne würde mich nicht hänseln, wenn ich es nicht täte, obwohl sie manchmal ziemlich gemein sein konnte. Und von ihrer neuen Freundin konnte ich es mir auch nicht vorstellen, wenn ich auch nicht recht wusste, warum. Und dann fing Tommy an zu reden, und obwohl ich ja nun seine Art bereits kannte, haute es mich wieder mal um, was er da so von sich gab.
„Freunde“, sagte er, „das Bungee-Jumping ist eine uralte Sache. Erfunden wurde es von einem Volk auf Vanuatu, einem Inselstaat im Pazifik und es geht die Legende, dass eine Frau auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Mann auf einen hohen Baum geklettert war. Der Mann folgte ihr, und in ihrer Panik sprang sie hinunter. Der Mann dachte, was sie kann, kann ich auch und sprang hinterher. Doch sie hatte sich mit einer Liane gesichert und wurde kurz vor dem Boden abgefangen, während er zu Tode stürzte.“
Er lächelte und schaute von einem zum anderen.
„Dieser Legende huldigt man dort bis heute mit einem jährlich wiederkehrenden Fest. Die jungen Männer stürzen sich von einem hohen Gerüst bis zu dreißig Meter in die Tiefe. Dabei kommt es sogar darauf an, dass die Springer mit dem Kopf den Boden berühren, ohne sich zu verletzen!“
Wir sahen ihn vollkommen verblüfft an. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Erst recht nicht, dass Tommy all dies wusste.
„Und jetzt vergleicht das mal mit dem Hi-Tech-Zeug hier! Da wird alles genau berechnet, das Spezialseil wird genau für die Größe und das Gewicht des Springers ausgewählt, und die Sicherungen sind narrensicher. Wenn man das selbst kontrolliert, ist die Sache völlig ungefährlich! Wenn ein Springer auf Vanuatu da oben steht, vertraut er auf die Macht der Götter! Was ist also gefährlicher?“
Er sagte das so, als ob mein Lehrer Schulz mir was vom Brutverhalten des Stichlings erzählen wollte. Ich kam mir richtig klein vor im Vergleich zu Tommy. Er wusste so vieles und hatte dabei sogar die Gabe, es nicht so erscheinen zu lassen, dass man dachte, man wäre blöd.
Sanne und Janine sahen ihn halb ehrfurchtsvoll, halb bewundernd an. Das gab mir einen kleinen Stich ins Herz, aber dann sagte Sanne etwas, das mir wieder gut tat. Sie nahm meinen Arm und blickte Tommy fest an.
„Du kannst gerne springen, aber ich will nicht, dass Joe springt.“
Tommy lächelte sie an und beruhigte sie.
„Wenn du mich erst näher kennst, wirst du merken, dass ich es niemals zulassen würde, dass irgendeiner meiner Freunde etwas tut, was er nicht von sich aus tun möchte. Im Gegenteil, ich würde immer versuchen, ihn davon abzuhalten. Und bei euch ist das sowieso etwas ganz Besonderes, denn ich mag euch.“
Wir waren alle von seinen Worten getroffen, denn wir kannten ihn ja noch gar nicht richtig. Hätten wir uns schon jetzt getraut, ihm so etwas zu sagen? Keiner bekam ein Wort heraus. Schließlich drehte sich Tommy um, kletterte über die Absperrung und schlenderte zur Anmeldung. Völlig hilflos schauten wir zu, wie er bezahlte und als nächster auf die Plattform hinaufgezogen wurde.
Ich schaute nach oben. Da stand er, mit beiden Füßen sicher am Rand der Plattform, hob die Hand zu einem unmerklichen Gruß, der ausschließlich uns galt, und ehe wir die Luft anhalten konnten, ließ er sich fallen, den Kopf nach hinten, die Arme ausgebreitet, und kein Schrei noch sonst irgendein Laut kam über seine Lippen, als er stolz und mit durchgedrücktem Rücken nach unten flog.
Als das Seil nicht weit von uns mit Tommy ausschwang, sah ich einen glücklichen Ausdruck in seinem Gesicht. Die Augen geschlossen und beinahe schwerelos schien er zu träumen.
Und ich meinte zu wissen, wovon er träumte. War es nicht für einen Moment lang so, als würde er sein Vater sein, von einer hohen Klippe auf Teneriffa hinunter ins Meer stürzen, mutig und stolz, frei zu sein?
Das Haus
Für den nächsten Tag hatten wir verabredet, uns das verlassene Haus näher anzusehen. Tommy hatte den Mädchen einfach so davon erzählt.
Erst war ich stinksauer, hatte ich mich doch darauf gefreut, mit Tommy genau wie mit Andi früher allein durch dieses wilde Grundstück zu streunen und zu versuchen, das Haus zu erobern. Aber nach und nach freundete ich mich doch damit an, dass wir nun zu viert waren. Nicht etwa wegen meiner Schwester, nein, Sanne hätte von mir aus sechs Mal die Woche zum Ballett gehen können, die war sowieso nur im Weg. Ich dachte dabei eher an Janine, und ich wusste noch nicht einmal so genau, warum. Nicht, dass ich mich verliebt hätte, aber ich fühlte mich ziemlich wohl in ihrer Nähe. Das kann ich jetzt sagen, wo ich es aufschreibe, lange nach der Zeit mit uns Vieren, aber damals hätte ich natürlich alles vehement abgestritten.
Na, wie dem auch sei, ich traf zuerst bei Tommy ein, bei dem wir uns alle verabredet hatten. Das war ja auch nicht weiter schwierig, wohnte er doch nur eine Treppe über mir. Sanne wollte noch auf Janine warten.
Als ich geklingelt hatte und er die Tür öffnete, bekam ich große Augen. Tommy stand mir gegenüber, hatte einen großen Rucksack geschultert, eher die kleinere Ausgabe eines Seesacks, und in der Hand hielt er ein gebogenes Schwert.
Jever sprang mir wie immer in die Arme, und das lenkte mich erstmal ab. Kopfschüttelnd wehrte ich die nassen Leckattacken des kleinen Wirbelwindes ab und folgte Tommy in sein Zimmer. Allerdings erst, nachdem wir geduldig auf Lazy gewartet hatten, der sich sichtlich sauer die Treppe hinaufgeschleppt hatte.
„Woher hast du das denn?“, fragte ich, auf das Schwert oder den Säbel zeigend.
„Das ist eine Machete aus Madagaskar“, antwortete Tommy. „Die hat mir mal Man... , ich meine Jessie, mitgebracht. Du weißt, Jessie malt und verdient auch sein Geld damit. Er reist oft in die exotischsten Länder, um dort nach Motiven zu suchen. Die hier hat er von einer Familie aus Madagaskar als Bezahlung für ein Bild bekommen, das er von ihnen gemalt hat. Statt Geld. Es ist eine echte Machete, und man muss vorsichtig mit ihr umgehen, sie ist verdammt scharf.“
Er griff sich ein auf seinem Bett liegendes Futteral und steckte die Machete hinein.
„Hier ist sie sicher. Du hast gesagt, das Grundstück ist voller Brombeeren und Sträucher, da könnten wir das Ding vielleicht gut gebrauchen.“
Ich nickte, war aber skeptisch. Wenn ich so ein Ding hätte ...
„Und Jessie? Weiß er, dass du sie mitnimmst?“
„Ich habe ihn gefragt, und er hatte nichts dagegen. Ihr müsst nur weit genug von mir wegbleiben, wenn ich damit rumhacke.“
Ich dachte, toll, mein Vater hätte einen Anfall bekommen, wenn er gewusst hätte, dass wir so ein Ding mit uns rumschleppen wollten. Bei der schlechten Laune, die er dauernd hatte, durfte ich ihm auf keinen Fall was von dem Ding sagen. Ich zeigte auf Tommys Rucksack.
„Und was ist da alles drin?“
Er stellte das Ding auf den Boden, setzte sich aufs Bett und öffnete die Verschlüsse. Dazu machte er ein geheimnisvolles Gesicht und weidete sich an der Spannung, die mir wohl deutlich anzusehen war. Schließlich griff er ein halbes Dutzend Mal hinein und holte unglaublich viel Zeugs heraus.
Zuerst erschien ein Fernglas, danach ein dickes und klobiges Schweizer Taschenmesser, ein Kompass, eine Taschenlampe, eine kleine Wasserwaage, dann vier Halbe-Liter-Flaschen Mineralwasser - natürlich mit wenig Kohlensäure - und zum Schluss noch zwei große Tüten Chips, selbstverständlich die ohne Spielereien, die dünnen nur mit Salz.
„Die müssen wir uns teilen“, grinste Tommy. „Vier von den Tüten gingen da beim besten Willen nicht rein. Da sind nämlich auch noch zwei Handtücher drin. Aber ich bin ja nicht so, ich geb euch was ab“, meinte er gnädig.
„Handtücher?“
„Heute wird's heiß. Wir werden schwitzen.“
Ich griff mir das Fernglas und probierte es aus.
„Und wozu brauchst du das?“, fragte ich.
„Keine Ahnung“, gab Tommy zu. „Man kann nie wissen. Ich hab's halt gern dabei. Das Taschenmesser ist genial und hilft fast immer bei irgendwas, wenn man unterwegs ist. Na, und einen Kompass sollte man immer mitnehmen, für alle Fälle.“
„Ja, ja, das ist schon wichtig“, sagte ich mit gespieltem Ernst. „Wo doch das Grundstück am Ende unserer Straße liegt.“
„Ja, du kennst dich hier aus, aber wenn wir getrennt werden, was ist dann mit mir?“, fragte Tommy genauso ernst. Und dann mussten wir beide dermaßen lachen, dass unsere Hunde uns ganz verschreckt anschauten.
Als wir uns einigermaßen erholt hatten, packte Tommy den ganzen Kram wieder ein. Bei der Wasserwaage stockte er.
„Wie die hier reinkommt, weiß ich selber nicht. Die könnte ich eigentlich hier lassen.“
Als er noch unschlüssig darüber nachdachte, was man wohl auf einem zugewachsenen Grundstück mit einer Wasserwaage anfangen könnte, klopfte es an der Zimmertür, und gleich darauf steckte Tommys Mutter den Kopf herein.
„Hallo ihr beiden, Janine und deine Schwester sind da.“
Das nahm ihm die Entscheidung ab. Mit einem „Warum nicht?“ stopfte er die kleine Waage noch mit in den Rucksack, und wir konnten aufbrechen.
*
Wir standen vor dem Grundstück und versuchten, durch eine Lücke im dichten Gebüsch einen Blick auf das Haus zu erhaschen.
Es war das letzte in unserer Straße, danach begann der Wald. Der Abschnitt hier war eine Sackgasse, in die sich kaum ein Auto verirrte, und hier war nicht einmal asphaltiert worden. Es schien, als hätte man diesen Teil der Straße schlichtweg vergessen.
Gegenüber von diesem verlassenen Grundstück standen noch zwei, drei Einfamilienhäuser, aber es parkten keine Autos davor und man sah nie jemanden im Garten arbeiten. Ich wusste aber, dass es zumindest in der Richtung, in der unser eigenes Haus lag, einen Nachbarn geben musste, denn von dem waren Andi und ich doch das eine oder andere Mal verjagt worden, wenn wir irgendeinen Überfall zu laut nachgespielt hatten. Nur jetzt sah ich nichts von diesem Nachbarn. Weder sein Haus noch sonst was. Allerdings war unser Abenteuergrundstück ziemlich groß, ja sogar verdammt groß. Mein Vater hätte das wieder in Geld ausgedrückt: „Mein Sohn, so ein Grundstück in dieser Lage bringt zweihundert pro Quadratmeter, das wären bei zweitausend Quadratmetern ... , na?“ Aber das interessierte mich herzlich wenig bei meinem Taschengeld.
Tommy blickte links und rechts lang, sagte dann: „Wartet“ und schritt gleich darauf den Zaun an der Welfenallee ab, bog am Wald angekommen um die Ecke und verschwand aus unserem Blickfeld.
„Was macht er denn jetzt?“ fragte Sanne.
„Er misst aus“, murmelte Janine, die wie angewurzelt dastand und durch den Zaun und das Gestrüpp auf das Haus starrte. Es schien mir, als hätte sie Bedenken, sich auf die Sache heute mit uns Jungs und Sanne eingelassen zu haben. Ich gewann etwas Hoffnung, mich nachher vielleicht noch als starker Begleiter zu etablieren. Doch ehe ich mir das weiter ausmalen konnte, kam Tommy zurück.
„Etwa dreitausend Quadratmeter. Das ist riesig für unsere Wohngegend.“
„Und was sagt uns das?“, fragte Sanne herausfordernd.
„Das sagt uns, dass dieses Haus und dieses Grundstück hier schon sehr lange in diesem Zustand existieren müssen. Denn bei euch in der Gegend gibt es eigentlich nur kleine Grundstücke, vielleicht vierhundert, maximal sechshundert Quadratmeter groß. Allein schon deswegen, weil es hier am Stadtrand am teuersten ist. Man hat bestimmt fast alle diese großen Grundstücke verkauft und in kleinere aufgeteilt.“
„Aha“, machte Sanne. „Und?“
„Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Eigentümer hat genug Geld und Grundstücke und es ist ihm egal, was damit passiert.“
„Oder?“, drängte Janine, die sich jetzt von dem Haus losriss und Tommy anblickte.
„Oder der letzte Besitzer ist tot.“
„Tot?“, fragten die beiden Mädchen fast gleichzeitig und guckten Tommy entgeistert an. „Du meinst, da drinnen könnte ein Toter liegen? Vielleicht schon völlig verfault? Und da willst du rein?“
Tommy wandte sich an mich.
„Wie lange kennst du dieses Haus schon in dem Zustand?“
Ich überlegte.
„So lange, wie ich hier wohne. Es war nie anders. Wir sind hier rausgezogen, da war ich sechs. Also vor sechs Jahren.“
„Tja, Leute“, machte Tommy, „dann ist er nicht nur verfault, dann liegen höchstens noch ein paar Knochen rum. Aber ich denke eigentlich nicht, dass eine Leiche da drin liegt. Selbst wenn jemand keine Verwandten mehr hat, kommt doch irgendein Amt nach so langer Zeit dahinter, dass derjenige nicht mehr lebt und lässt Nachforschungen anstellen. Fast jeder hat doch ein Auto, Rechnungen, die er nicht mehr bezahlt und so weiter.“
„Vielleicht ist es auch ein Erbstreit. So was zieht sich manchmal über Jahre“, grübelte Janine.
„Das wäre dann die dritte Möglichkeit“, sagte Sanne und schaute mich triumphierend an. „Siehst du, Tommy weiß doch nicht alles!“
Tommy lachte. „Hat er das gesagt? Na, da kann ich euch beruhigen. Ich merk’ mir nur viel von dem, was ich mal gehört oder gelesen habe. So was wie ein fotografisches Gedächtnis. Aber ... “ sagte er und tippte sich dabei an den Kopf, „ ... ein bisschen Denken gehört immer noch dazu! Janine hat Recht. Das mit dem Erbstreit ist nicht schlecht. Aber wollen wir nun rein oder nicht? Joe war doch mit seinem Freund hier schon oft und es ist nie was passiert.“
Das leuchtete den Mädchen ein, und ihre Bedenken schwanden erst einmal. Endlich konnte auch ich mal was beitragen.
„Andi und ich sind immer vom Wald aus reingekommen. Da gibt es ein Loch im Zaun. Ich glaube, da sind auch ab und zu mal Wildschweine durch.“
„Na, dann man los“, sagte Tommy entschlossen, und ich ging voraus, um unserer Bande den Weg zu zeigen.
Ich fand das Loch auf Anhieb wieder und es war wider Erwarten nicht sonderlich schwer, die wild wuchernde Buchsbaum-Hecke zu durchdringen und ehe wir groß über die Konsequenzen nachdenken konnten, waren wir durch und fanden uns inmitten dieses unglaublich wilden und abenteuerlich anmutenden Gartens wieder.
Natürlich hatten unsere beiden Hunde längst nicht so viele Bedenken wie ihre zweibeinigen Besitzer. Jever tobte über die Wiese und Lazy erschnüffelte sich diese wilde Welt mit der ihm eigenen erhabenen Übersicht, sprich: Langsamkeit. Die beiden schienen sich richtig wohl zu fühlen, und so fiel das mulmige Gefühl, das uns vielleicht noch kurz vorher bei dem Gedanken an eine faulige Leiche überkommen war, recht schnell von uns ab.
Langsam gingen wir um das Haus herum. Ab und zu schlug Tommy uns den Weg mit der Machete frei. Aber im großen und ganzen schien es mir, als wären die Bereiche rund um das Haus weit weniger mit stacheligen Brombeerhecken oder sonstigem Unkraut zugewuchert, als ich das von früher her in Erinnerung hatte.
„Achtet auf einen Eingang!“, rief ich über die Schulter zurück zu den Mädchen. Ich war zwar sicher, dass es keinen gab, aber ich wollte, dass sie sich fühlten, als ob sie zu uns gehörten an diesem spannenden Nachmittag. Und ich fand, das taten sie bereits.
Das Haus war graubraun verputzt, so wie viele in der Gegend. Soweit ich von meinem Vater wusste, mussten diese Häuser in den dreißiger Jahren erbaut worden sein, kurz vor dem zweiten Weltkrieg. Es waren stabile Bauten mit Kellern, die man noch Keller nennen konnte. Allerdings, so mein Vater, waren sie nicht isoliert und wenn man so eins kaufte, musste man erst gegen den Schimmel und die Mäuse ankämpfen.
Eigentlich war es ein recht kleines Haus, es bestand nur aus dem Erdgeschoss und einer ersten Etage, die gleich auch das Dach trug. Die Fenster waren etwa anderthalb Meter über dem Erdboden, und die Dachfenster in den Gauben waren für uns sowieso unerreichbar. Stellenweise wuchs Wein und Efeu am Putz empor, und der eine oder andere kleine Vogel ließ sich aus dem Gestrüpp vernehmen.
Langsam umrundeten wir das Haus, und nichts, aber auch gar nichts, deutete auf einen Eingang hin. Als wir wieder an unserem Ausgangspunkt angelangt waren, fühlte ich eine Art Resignation in mir aufsteigen, obwohl es doch eigentlich keinen Grund für so ein Gefühl gab, schließlich konnte man auch so auf diesem Grundstück einiges anstellen.
Tommy verscheuchte meine Gedanken.
„Gut. Das wäre der erste Schritt. Machen wir den zweiten.“
Wir schauten ihn gespannt an.
„Jeder von uns nimmt sich in Ruhe eine Seite des Hauses vor, und wenn euch irgendetwas auffällt, egal was, ruft ihr. Alles klar?“
Sofort waren wir wieder Feuer und Flamme und verteilten uns. Ich nahm mir einen Stock, der von einem morschen Baum abgefallen war, um auf meiner Seite des Hauses die stacheligen Äste beiseite schieben und näher an die Wand herankommen zu können. Ich ging äußerst gründlich vor, trat Gestrüpp zur Seite, entfernte einigen Unrat, den vielleicht ein paar Landstreicher hier hinterlassen haben mochten, und suchte so genau wie möglich die Wand nach Anzeichen ab, ob hier nicht vielleicht doch irgendwann einmal eine Tür zugemauert worden war. Aber nichts. Nicht einmal die Spur einer abweichenden Färbung des Putzes oder einer vielleicht sich vorwölbenden Linie, die einen ehemaligen Eingang verraten hätte.
Ich war kurz davor, der Versuchung nachzugeben, hoch zu springen und mich auf eines der Fensterbretter zu ziehen, um wenigstens einen Blick hinein zu werfen, obwohl ich auch das früher schon probiert hatte, da gellte ein Schrei von der anderen Seite des Hauses zu mir herüber.
Ich fuhr herum und handelte mir dabei von den Dornen eines Brombeerstrauchs ordentliche Kratzer am Arm ein.
„Joe!“, schrie jemand, und ich glaubte, es war Janine. Mir fuhr es durchs Herz. Sie schrie Joe und nicht etwa Tommy! So schnell es ging, arbeitete ich mich durch das Dickicht nach draußen und rannte um das Haus herum. Jever und Lazy spürten sofort, dass etwas hier ganz und gar nicht normal war und rannten mir nach.
Als ich ankam, war Tommy schon dabei, die kleine Gasse, die Janine wohl frei getreten hatte, um an das Haus zu kommen, mit der Machete zu vergrößern. Schließlich standen wir alle schwer atmend und ziemlich aufgeregt bei Janine und schauten uns gehetzt nach irgendwas um, von dem wir nicht wussten, was es denn eigentlich war.
„Was hast du?“, fragte Tommy, „Was ist passiert? Hier ist doch gar nichts!“
Janine blickte uns mit einem triumphierenden Lächeln an und kostete ihre folgenden Worte so richtig aus. Schließlich passierte es nicht ständig, dass man mehr wusste als Tommy. Ich fand es richtig schade, dass sie nicht in Gefahr war, schwand schließlich die Möglichkeit, sie in den Arm nehmen zu können.
Janine weidete sich noch ein paar Sekunden an unseren fragenden Gesichtern. Schließlich nahm sie meine Hand, was mir einen Schlag versetzte und führte mich ein paar Meter weit an der Wand entlang. Dann blieb sie stehen, blickte zurück und zeigte auf eine Stelle an der Hauswand etwa einen halben Meter über unseren Köpfen.
„Schau dir diese Stelle an und geh dann langsam an der Wand entlang.“
Zuerst sah ich nichts, doch als ich die Stelle fixierte und langsam und mit möglichst gleichmäßigen Schritten am Haus entlang zurück zu den anderen lief, entdeckte ich es: Eine Zahlenreihe erschien an der Wand, und sie wirkte, als trete sie aus der Wand hervor. Als ob man hochspringen und sie greifen könnte. Ich war völlig verblüfft und blieb stehen. Doch genau in dem Moment, wo ich mich nicht mehr bewegte, verschwanden die Zahlen, als wären sie niemals an der Wand gewesen.
„Mann!“, sagte ich und ging langsam weiter.
„Was ist?“, drängten die anderen.
„Einen Moment“, sagte ich souverän und schritt mit so gut es ging gleichmäßigen Schritten weiter, wobei ich den Blick immer auf die geheimnisvolle Stelle halten musste und so langsam aber sicher den Kopf verdrehte.
Nach etwa zehn Metern traten die Zahlen zurück und waren schließlich gar nicht mehr zu sehen. Ich drehte mich um und versuchte das Ganze aus der anderen Richtung noch einmal. Und wieder erschien die Zahlenreihe, plastisch und zum Greifen realistisch vor meinen Augen.
Sanne und Tommy traten vor Ungeduld von einem Fuß auf den anderen. Ich fand es nicht schlecht, für einen Moment lang mehr zu wissen. Aber Janine hatte das zuerst entdeckt, und ich wollte nicht unfair sein.
„Janine hat tatsächlich etwas entdeckt. Man kann es ganz deutlich sehen. Probiert es aus!“
Tommy und Sanne schritten nun ihrerseits die Wand ab und starrten verblüfft nach oben. Das sah recht lustig aus, wenn man nur so dabei stand und ihnen zuguckte. Lazy und Jever saßen zu meinen Füßen und versuchten zu verstehen, was diese komischen Zweibeiner da anstellten.
Da wir alle es kaum glauben konnten, ging jeder von uns die Strecke noch zwei Mal ab. Doch die Erscheinung blieb, ja es schien, als verstärke sie sich bei jedem Abschreiten noch. Schließlich blieben wir in der Mitte stehen und beratschlagten.
„Es handelt sich um eine Holografie“, sagte Tommy.
„Was bedeutet das?“, fragte Janine.
„Der Begriff Holografie stammt aus dem Griechischen und bedeutet vollständige Aufzeichnung. Das darf man hier natürlich nur im übertragenen Sinn verstehen. Eigentlich versteht die Wissenschaft unter einer Holografie ein Bild dreidimensional wiederzugeben, also nicht etwa nur gemalt, das wäre dann zweidimensional.“
Tommy wartete einen Moment, ob jemand eine Frage hätte, aber so weit waren wir mitgekommen. Tommy übertraf sich wieder mal selbst.
„Ich denke, ihr alle kennt Hologramme von Geldscheinen, da sind Bilder berühmter Persönlichkeiten eingearbeitet, um das Fälschen schwerer zu machen. Bewegt man den Schein, scheint es, als käme das Gesicht heraus. Und genauso funktioniert es, wenn man an dem Schein vorbei geht.“
„So wie hier am Haus“, nickte Sanne.
„Genau. Hat jemand eine Idee, wozu das hier gut sein soll?“, fragte Tommy. „Ich weiß ja einiges, aber dazu fällt mir nichts ein.“
In diesem Moment fand ich ihn wieder mal richtig sympathisch, und ich glaube, da ging es mir nicht allein so. Tommy wusste zig Mal mehr als wir, aber er würde sich niemals etwas darauf einbilden. Einige Minuten standen wir an der Wand herum, die Hunde gingen derweil wieder auf Erkundung und nichts, aber auch gar nichts fiel uns ein. Dann kam ausgerechnet meiner Schwester die Erleuchtung.
„Es sind Zahlen, stimmt's?“
„Klar, Zahlen“, stimmte Tommy zu, „Alle irgendwo zwischen sechzig und neunzig, wenn ich mich recht erinnere.“
„Wie wär's, wenn wir sie aufschreiben?“
Wir schauten uns an und ich konnte sehen, wie es in Tommys Kopf arbeitete.
„Das ist eine richtig gute Idee, Sanne. Wenn wir sie ruhig vor uns sehen, könnten wir vielleicht mehr damit anfangen. Hat jemand was zum Schreiben dabei?“
Es stellte sich heraus, dass niemand an einen Stift gedacht hatte, wozu auch, in einem Garten? Selbst Tommy mit seinem unergründlichen Rucksack musste passen. Schließlich kam ich auf die Idee, ein Stück von dem frei gelegten Weg als Tafel zu benutzen und mit einem Stock die Zahlen in den Sand zu kratzen.
„Bingo!“, sagte Tommy und fing an, die Strecke nochmals abzugehen.
Während er hin und her stapfte, rief er mir die Zahlen zu und ich schrieb sie mit dem Ast auf den Weg. Schließlich war er fertig, und eine recht ansehnlich lange Zahlenkolonne verzierte den Sand. Wir scharten uns um die geheimnisvolle Botschaft und machten ratlose Gesichter. Für einige Minuten herrschte tiefes Schweigen und jeder von uns Vieren zermarterte sich das Gehirn, was diese merkwürdige Reihe wohl bedeuten mochte:
68 73 69 83 69 87 79 82 84 69 83 73 78 68 68 73 69 84 85 69 82
„Es muss einen Sinn geben“, murmelte Tommy. „Es muss!“
Janine hockte sich vor die Zahlenreihe in den Sand und murmelte etwas vor sich hin. Ich meinte, etwas verstanden zu haben, das eine Erinnerung in mir auslöste, und auf einmal wurde mir ganz kribbelig.
„Was hast du gesagt? Wiederhol' das noch mal!“, rief ich.
„Ich sagte, vielleicht ist das hier so was wie eine Geheimschrift. Vielleicht sind die Zahlen Buchstaben oder ganze Wörter. Man müsste einfach Papier haben, um das auszuprobieren.“
„Geheimschrift ... “, sinnierte Tommy, „Warum nicht? Nur welche? Damit, liebe Freunde, habe ich mich noch nie befasst. Vielleicht sollte einer von uns nach Hause gehen und was zum Schreiben organisieren?“
Noch während er dies sagte, durchzuckte mich ein Gedanke und mir wurde heiß.
„Halt!“, rief ich oder wohl besser, schrie ich, denn die anderen fuhren bei meinem Ausruf zusammen. „Ich glaube, ich weiß, was das bedeuten könnte!“
„Mensch, Joe! Erschreck mich nicht so! Wenn du so schreist, machen wir noch die Nachbarn auf uns aufmerksam!“ Sanne redete schon wie meine Mutter.
„Passt auf, ich habe doch ständig Ärger mit meiner Mutter, weil ich stundenlang vor dem Computer hocke. Aber wenn ich jetzt Recht habe, dann sollte mir Mutti stattdessen einen größeren Arbeitsspeicher spendieren!“
„Nun mach schon“, rief Sanne ungeduldig, „Von dem Haus hier dürfen wir unseren Eltern sowieso nichts erzählen.“
„Also, ich hatte mal den Ehrgeiz, mir Programmiersprachen beizubringen. Eine davon ist Java. Ich hab' das ganz schnell wieder bleiben lassen, denn das ist wahnsinnig umständlich und langweilig. Aber ich bin damals auf was gestoßen, das man ASCII-Code nennt.“
„Was bitte?“, fragte Tommy ungläubig, und meine Brust schwoll richtig an, denn es war eine der seltenen Gelegenheiten, in denen ich Tommy was beibringen konnte.
„Genau weiß ich das auch nicht mehr, aber Java kann mit diesem Code umgehen. Und schaut mich bitte nicht so an! Wie das funktioniert ... keine Ahnung! Aber ich bin bei diesem Kurs im Internet auf eine Anwendung gestoßen, die ganz und gar nicht langweilig war. Und Janine, du hast mich wieder darauf gebracht!“
Janine schaute mich erwartungsvoll an, und die folgenden Worte kostete ich so richtig aus, um ein klein wenig in ihrer Achtung zu steigen.
„Man kann diesen Code als Geheimschrift verwenden!“
Sechs Augen starrten mich ungläubig an. Ich spannte sie ein wenig auf die Folter, aber dann platzte es aus mir heraus.
„Und der Code besteht aus Zahlen zwischen sechzig und neunzig. Jedenfalls, soweit es Großbuchstaben angeht.“
„Mann!“, entfuhr es Tommy. „Kannst du das noch zusammenbringen?“
„Klar“, sagte ich souverän. „Das ist so einfach wie genial. Eine simple Formel belegt die Buchstaben mit Zahlen. Bei Großbuchstaben ist es zwei hoch sechs und dann plus die Stelle, an der der jeweilige Buchstabe im Alphabet steht. Also ... “, erklärte ich meinen staunenden Zuhörern, „brauchst du ein A, rechnest du zwei hoch sechs gleich vierundsechzig plus eins für das A als ersten Buchstaben im Alphabet und heraus kommt fünfundsechzig für die Geheimschrift. Das B ist dann die sechsundsechzig, und so weiter.“
Während die Mädchen noch über der Aufgabe brüteten, malte Tommy bereits das Alphabet in den Sand, schrieb die fünfundsechzig unter das A, die sechsundsechzig unter das B und so weiter. Schließlich verfügte jeder Buchstabe über sein Gegenüber als Zahl, und wir betrachteten das Ergebnis voller Spannung.
„Alles Zahlen zwischen achtundsechzig und neunzig. Dann wollen wir mal. Ach Joe ... “
Irgendetwas war ihm noch eingefallen.
„Wie ist es mit dem Ä oder dem Ü?“
„Die schreibt man als AE oder UE“, erwiderte ich.
„Gut“, sagte er nur und begann, die Zahlenreihe mit den nun vorhandenen Buchstaben zu unterlegen. Ich war unglaublich aufgeregt, und auch die anderen traten ungeduldig von einem Bein aufs andere. Und noch bevor Tommy fertig war, wusste ich, dass meine Eingebung richtig gewesen war. Die ersten Buchstaben formten sich zu einem Wort, und nach wenigen Minuten waren es fünf, die dort durch Tommy in den Sand gekratzt erschienen. Als Tommy fertig war, richtete er sich langsam wieder auf, und wir vier standen schweigend vor dem Ergebnis.
DIESE WORTE SIND DIE TUER
„Joe“, sagte Tommy plötzlich und schlug mir auf die Schulter. „Ab sofort nenne ich dich Einstein!“
Das ging runter wie Öl, und ich hoffte nur, dass ich nicht rot wurde, während Janine und Sanne mich bewundernd anguckten. Ich konnte mich allerdings nicht lange in meinem Erfolg sonnen, denn das Rätsel der Zahlen gelöst zu haben, war eine Sache, doch was hatten wir nun davon, dass sie da vor uns in den Sand geschrieben standen und uns das nächste Rätsel aufgaben?
„Wie können Worte eine Tür sein?“, fragte Sanne.
„Vielleicht als Codeworte, so wie beim Handy, wenn du die Sprachwahl programmiert hast?“, überlegte Tommy.
Ich schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Das ist doch blöd. Oder könnt ihr euch vorstellen, dass man sich hier vor die Wand stellen und „Diese Worte sind die Tür!“ rufen soll? Also, ich weiß nicht.“
Janine verlor die Geduld.
„Warum denn nicht? Wozu haben wir denn rausgekriegt, was die Botschaft bedeutet, wenn wir es jetzt nicht ausprobieren? Ich versuch’s jedenfalls!“
Es war zwar etwas albern, aber gespannt schauten wir zu, wie Janine sich vor der Hauswand aufbaute, die Hände in die Seiten stemmte und so laut „Diese Worte sind die Tür!“ rief, dass ich mich unwillkürlich umblickte und einen Blick über die Hecke warf, ob uns nicht jemand kopfschüttelnd zuschaute. Doch es war niemand zu sehen.
Einige Sekunden vergingen, in denen wir wie gebannt auf den graubraunen Rauputz starrten und darauf warteten, dass sich eine Öffnung auftat. Aber natürlich tat sich nichts.
Janine war sichtlich enttäuscht. Schließlich war sie es gewesen, die die Holografie entdeckt hatte und die sich obendrein getraut hatte, einen eigentlich dummen Satz gegen eine Wand zu rufen. Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf.
Und dann geschah etwas, das mir bis heute noch eine Gänsehaut den Rücken hinauf kriechen lässt, wenn ich nur daran denke. Als es geschah, erstarrte wohl jeder von uns anderen Dreien, die das mit ansehen mussten, zur grauenhaften Unbeweglichkeit, und das Blut gefror uns in den Adern.
Janine sprang in ihrer Enttäuschung vor und wollte mit den Fäusten gegen das Haus hämmern.
„Mach auf, du blödes ... “, rief sie, und noch während sie dies rief und auf das Haus einschlagen wollte, verschwanden ihre Arme in der Wand. Völlig überrascht davon, dass sie keinen Halt fand, verlor Janine das Gleichgewicht und fiel kopfüber in das Haus. Mit eisigem Schrecken und weit aufgerissenen Augen mussten wir mit ansehen, wie ihr Körper in der Mitte zweigeteilt wurde. Ihr Bauch schien wie mit einem Messer abgeschnitten zu sein, und der noch sichtbare Unterkörper fiel auf den Boden. Die Beine strampelten grauenhaft und wirbelten Staubwolken aus feinem Sand auf. Doch das Allerschlimmste war, dass nach dem ersten erstickten Schrei kein einziger Laut mehr von Janine zu uns nach draußen drang.
In diesem Moment war ich mir sicher, Janine müsste sterben.
*
Im Innern
Wir waren unfähig, uns zu bewegen. Ich wollte etwas rufen, aber ich hatte einen solch trockenen Mund, dass nicht mal ein heiseres Flüstern heraus kam. Ich konnte die Augen nicht von Janines Beinen wenden, die da so grausig zappelten. Doch dann geschah etwas, das unsere Erstarrung lösen sollte.
Jever kläffte wie verrückt. Er dachte wohl, Janine wollte mit ihm spielen. Ehe Tommy es verhindern konnte, raste Jever über den Weg und rannte mit seinen wohlbekannten Hopssprüngen auf Janine zu. Und wie er es immer tat, wenn er jemanden liebte, setzte er zum Schluss zu einem letzten großen Hüpfer an und ... sprang in etwa einem Meter Höhe durch die Hauswand!
Ich merkte jetzt, warum mein Mund so trocken war: Mir stand die Klappe offen! Das, was ich sah, konnte einfach nicht geschehen, es war eine Illusion, schien wie ein Trick in einem von George Lucas Filmen.
Dass sich unsere Erstarrung überhaupt löste, verdankten wir einzig und allein Jever. Was jetzt passierte, war eigentlich sogar richtig lustig, wenn man mal davon absah, dass der halbe Körper von Janine immer noch wie in einem Gruselkabinett vor sich hin zuckte.
Jever kam zurück!
Wie er hinein geraten war, kam er auch wieder heraus, mitten aus der Wand mit einem perfekten Hopser! Und er schien weder verletzt noch ängstlich, ganz im Gegenteil, mit seinem uns wohlbekannten fröhlichen Kläffen hüpfte er ein zweites Mal durch die Mauer, kam wieder raus und sprang wieder rein. Unwillkürlich dachte ich an den Moment, als ich Tommy und Jever das erste Mal gesehen hatte, damals von meinem Fenster aus, und wie Jever damals schon dieses Spiel spielte. Und das brachte mich wieder zurück ins Leben.
„Janine!“, schrie ich und rannte vorwärts. Ich bemerkte noch kurz aus den Augenwinkeln, wie auch die Beklemmung von Tommys und Sannes Gesichtern wich und sie hinter mir her stürzten.
Ich kniete mich in den Sand und begann, an Janines Füßen zu zerren. Dabei zappelte sie jedoch noch immer so stark, dass sie mir einen ordentlichen schmerzhaften Tritt versetzte. Aber schon kam Tommy mir zu Hilfe, und gemeinsam bändigten wir die Trampelei, wobei wir tunlichst vermieden, auf die Stelle zu gucken, an der ihr Körper aus der Wand ragte. Mit einem Ruck zogen wir gleichzeitig an den Beinen und zu unserer unbändigen Erleichterung kam Janine aus der Wand wieder zum Vorschein. Und nicht nur das, wir konnten sie auch wieder hören!
„Auuu! Hört auf zu ziehen, das tut weh!“
Unendlich erleichtert ließen wir ihre Beine auf den Weg plumpsen und kauerten uns neben sie. Ihr Gesicht war kreidebleich, und doch blitzte in ihren Augen der Triumph.
„Seht ihr, man muss sich nur trauen. Ich hab’ den Eingang gefunden! Ich!“
„Bist du verletzt?“, fragte ich und spürte kurz die Versuchung, sie vielleicht abzutasten, aber das traute ich mich dann doch nicht. Außerdem ging es hier auch um Wichtigeres.
„Nein ... , ich glaube nicht, ich ... “ Plötzlich drehte Janine sich um und starrte die Wand an.
„Mann, habe ich einen Schreck bekommen. Ich dachte, ich falle in einen Höllenschlund oder so was. Ich habe geglaubt, dass das Haus über mir zusammen fallen könnte oder hinter der Wand ist ein Abgrund oder ... “
Sie zitterte jetzt doch ein wenig. Sanne drängte sich zwischen Tommy und mich und bot Janine ihre Hand an, dass sie aufstehen könnte. Das tat sie dann auch und klopfte sich den Staub von den Jeans. Jever und Lazy saßen dabei und schauten uns fragend an. Jever war für mich ein Phänomen, der rannte einfach los und sprang durch die Wand. Was für ein Hund!
„Was hast du gesehen?“, drängte ich. Ich hielt die Spannung nicht mehr aus, was denn hinter dieser rätselhaften Wand war.
„Nichts“, antwortete Janine, „Es war völlig dunkel, und außerdem habe ich vor Angst die Augen zusammen gekniffen. Ich dachte, jeden Augenblick packt mich ein Werwolf.“
„Ein Werwolf?“, fragte Sanne mit aufgerissenen Augen.
„Na ja, ich weiß nicht, warum, aber ich dachte an einen Werwolf. Und als ihr mich an den Beinen gezogen habt ... niemals hatte ich solche Angst!“
„Ja, das kann ich verstehen“, sagte Tommy, „Aber es ist dir absolut nichts passiert. Ich glaube, da drin ist nichts, was uns gefährlich werden kann. Jedenfalls nicht wirklich.“
Janines Augen funkelten. „Wie kannst du da so sicher sein? Du hast nicht mit deinem halben Körper da drin gelegen!“
Tommy lachte. „Und auch nicht mit dem halben draußen! Du hättest mal sehen sollen, wie das aussah, nur dein Unterkörper und die zappelnden Beine! Ist schon gut ... “, beschwichtigte er Janine sofort, als diese aufbrausen wollte, „Ich kann mir verdammt gut vorstellen, wie dir da drin zumute gewesen sein muss. Die Frage ist nur, was können wir mit dem Erlebnis jetzt anfangen?“
Er schaute von einem zum anderen und hob die Brauen.
„Na?“
Ich wusste genau, was er als Nächstes von sich geben würde und holte schon mal tief Luft, um mich darauf vorzubereiten.
„Wir gehen rein.“
Sanne und Janine sahen absolut nicht glücklich aus, und auch ich fühlte mich ganz und gar nicht bereit, mich auf diesen Vorschlag einzulassen. Aber während wir uns gegenseitig anschauten und versuchten, in den Gedanken der anderen zu lesen, war ich mir ganz hinten in meinem Kopf trotz all der mahnenden Worte, die mein zweites Ich noch an mich richtete, völlig darüber im klaren, dass wir reingehen würden. Ich wollte ein Abenteuer haben, und ich hatte eines bekommen. Und was für eins.
„Nehmen wir die Fakten“, sagte Tommy völlig ernst. „Erstens, wenn jemand einen Eindringling ernsthaft davon abhalten wollte, das Haus zu betreten, hätte er andere Vorkehrungen getroffen. Eine ganz normale Wand zum Beispiel“, grinste er verschmitzt.
„Aber“, fuhr er fort, „das hat er nicht. Ich glaube, wir sind an einem ganz besonderen Ort. Ich hab das im Gefühl. Ich weiß nicht, was für ein Trick das mit der Tür ist, aber gefährlich war er nicht, oder?“
Wir nickten und versuchten, Tommy zu folgen.
„Zweitens, Janine und Jever kamen rein und wieder raus, und es ist ihnen nichts passiert. Und drittens ... “ Er machte eine kurze Pause und deutete auf den süßen Jever, der genau wusste, dass man über ihn sprach, denn er verfolgte jedes Wort seines Herrchens gebannt. Mein eigener Hund hingegen lag mal wieder platt auf dem Bauch und ließ es sich gut gehen. Der hatte Nerven!
„Und drittens hat Jever nicht die geringste Angst gezeigt und ich kann euch sagen, der wittert jede Gefahr!“
Das leuchtete uns ein. Tommys Augen blitzten auf einmal auf, als wäre ihm plötzlich ein Einfall gekommen.
„Machen wir einen Test“, sagte er, blickte suchend um sich und fand dann schließlich, wonach er gesucht hatte. Er hob einen kleinen handlichen Knüppel auf und schaute Jever herausfordernd an.
Sanne bekam große Augen.
„Das kannst du nicht machen!“, rief sie.
„Hab’ keine Angst“, sagte Tommy mit einer Sicherheit, die mich neidisch machte, „Ich würde meinen Hund niemals einer Gefahr aussetzen. Pass auf!“
Er hob den Arm mit dem Stock in die Höhe, deutete einen Wurf an, und Jever sprang sofort auf das Spiel an und hopste wie wild um sein Herrchen herum. Ehe wir Tommy noch in den Arm fallen und ihm Einhalt gebieten konnten, warf er den Stock in hohem Bogen Richtung Hauswand. Das Ding durchdrang das Haus ohne auch nur den geringsten Widerstand zu erfahren und ohne das geringste Geräusch. Jever raste los, und eine Sekunde später sprang er durch die Wand und sein Gebell wurde genau in dem Moment abgeschnitten, als sein kleiner Stummelschwanz als Letztes die Mauer durchschnitt und verschwand.
Zur Untätigkeit verbannt und mit bis zum Hals klopfenden Herzen warteten wir auf seine Rückkehr. Die Sekunden dehnten sich endlos, die Zeit schien still zu stehen und ich schaute verstohlen zu Tommy, ob ich irgendeine Spur von Besorgnis in seinem Gesicht erkennen konnte. Aber er blickte mich voller Entschlossenheit an und nickte nur.
„Janine hat gesagt, es ist dunkel da drin. Er wird seine Nase gebrauchen müssen, um den Stock zu finden.“
Und wirklich, kaum hatte Tommy ausgesprochen, kam Jever aus der Wand geflitzt, was uns alle, Tommy eingeschlossen, zusammenfahren ließ, und in der Schnauze trug der kleine Hund stolz den vollgesabberten Ast für sein Herrchen.
Tommy schaute lächelnd von einem zum anderen. Dann drehte er sich um und bahnte sich den Weg aus der Hecke hinaus. Wir anderen standen völlig verblüfft da. Was machte er denn jetzt?
„Ich hol’ nur meinen Rucksack“, rief er über die Schulter zurück. „Den hab’ ich vorhin fallen lassen, als Janine die Zahlen entdeckt hat. Ich bin sofort zurück. Aber geht ja nicht ohne mich rein!“
Ich sah Janine an, und Sanne sah mich an, und wir dachten alle das Gleiche: Niemals, aber auch wirklich niemals, wären wir ohne Tommy rein gegangen! Wir drehten uns um und schauten die Wand an. Sie wirkte normal und völlig ungefährlich. Nichts deutete darauf hin, dass wir einem unglaublichen Geheimnis auf die Spur gekommen waren.
Ich hatte einen Einfall. Langsam ging ich ein Stück zur Seite, schaute nach oben und kam wieder zurück. Nichts. Ich schüttelte ungläubig den Kopf und wiederholte das Ganze. Wieder nichts.
Die anderen sahen mich fragend an.
„Was hast du?“
„Die Zahlen sind verschwunden. Weg. Einfach nicht mehr da.“
Auch Sanne und Janine liefen nun am Haus entlang, aber das Ergebnis war das Gleiche. Die Holografie ließ sich nicht mehr zum Leben erwecken. Sie blieb verschwunden. Und ich hatte so das Gefühl, dass wir sie auch nicht mehr wiedersehen würden.
*
„Du zuerst“, sagte Tommy und sah dabei tatsächlich mich an. Ich schluckte. Ich war ganz sicher gewesen, dass Tommy, der doch nie Angst zeigte, vorangehen würde.
„Warum denn ich?“, entfuhr es mir.
„Na, weil du das Rätsel gelöst hast! Du hast die Bedeutung der Holografie entschlüsselt, und ich glaube, dass derjenige, der sie installiert hat, durchaus wollte, dass jemand das Rätsel löst und damit den Schlüssel zu diesem Haus in der Hand hält. Und dieser Jemand bist nun mal du.“
Ich wollte eigentlich nicht ängstlich aussehen, weil die beiden Mädchen mich ja auch erwartungsvoll ansahen, aber so ganz gelang mir das nicht. Außerdem dachte ich, das Haus war doch auch für Janine und Jever offen gewesen, also wartete es nicht unbedingt nur auf mich. Aber sagen wollte ich das nicht, denn das hätte bedeutet, ich wollte mich drücken.
Ich überwand mich.
„Gut, ich mach’s. Aber gib mir deine Taschenlampe, und ihr kommt sofort hinterher.“
Mit einem mehr als mulmigen Gefühl im Bauch sah ich zu, wie Tommy in seinem Rucksack nach der Taschenlampe kramte, und ich nahm die Sekunden, die er dafür brauchte, wie endlose Stunden wahr, die mir noch verblieben, bis ich dem Tod gegenübertreten würde. Selbst Janines bewundernder Blick konnte mich nicht entschädigen.
Schließlich war es soweit, und mit einem aufmunternden „Na denn“ überantwortete Tommy mir seine Lampe. Wenigstens Lazy wollte ich mitnehmen und pfiff nach ihm, was mir noch einmal ein paar Sekunden verschaffte. Ich kannte ja meinen Hund.
Doch schließlich fiel mir nichts mehr ein, was die Sache noch weiter verzögern könnte. Ich holte tief Luft und stellte mich dicht vor das Haus.
Ich überdachte noch einmal meine Chancen. Janine war nichts geschehen. Jever hatte keine Angst. Es hatte nicht wehgetan. Okay. Aber wenn es sich das Haus inzwischen anders überlegt hatte und den Eindringling nicht mehr als den erkannte, den es eigentlich hereinlassen wollte? Ich schimpfte mich einen Feigling, aber die Gedanken waren nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich beschloss, nicht gleich hindurch zu springen, sondern zuerst einen vorsichtigen Test zu machen. Ich kniff die Augen zusammen, streckte meine rechte Hand vor und berührte die doch so stabil scheinende Wand mit meiner Handfläche. Langsam durchdrang ich die Mauer. Meine Nackenhaare richteten sich auf, und ein kalter Hauch strich über meinen Rücken.
„Was ist? Spürst du was?“, drängte Sanne.
Ich versuchte, irgendein Gefühl zu erspüren, aber ich konnte beim besten Willen nicht behaupten, dass meine Hand etwas fühlte. Es wurde nicht kalt oder heiß, es gab keinen Druck und nichts zog mich hinein. Es war, als wäre da überhaupt nichts. Das nahm mir einiges von meiner Angst.
„Nein, ich spüre überhaupt nichts. Ich komme mir vor wie bei Stargate, wo die in diesen großen Ring eintauchen und in eine andere Welt gesogen werden.“
„Das ist nur ein Film“, wollte Janine mich beruhigen. „Außerdem bin ich nicht irgendwo reingesogen worden. Dahinter war Fußboden. Er war kühl und fühlte sich an wie Fliesen oder Stein. Wenn du willst, gehen wir zusammen rein.“
„Nein“, sagte ich, wild entschlossen, jetzt den ersten Schritt zu machen, denn ich wollte nun wirklich nicht von einem Mädchen an die Hand genommen werden. „Ich gehe jetzt.“
Ich schloss die Augen, holte ein letztes Mal tief Luft und machte einen entschlossenen Schritt vorwärts.
Als ich glaubte, durch zu sein, blieb ich stehen und stand einige Sekunden reglos. Wenn irgendetwas geschehen würde, dann jetzt. Sollte jemand auf mich lauern oder eine Falle zuschlagen, da war ich mir sicher, würde es jetzt passieren. Als sich nichts tat, ließ ich die Luft langsam wieder aus meinen Lungen heraus und atmete vorsichtig ein. Es roch unglaublich muffig, so ungefähr wie in einer alten Scheune, in der bereits angegorenes Obst lagerte. Zuerst war es fremd, doch die Luft schien mir ungefährlich, und ich tat ein paar weitere Atemzüge.
Plötzlich hörte ich neben mir ein grässliches Geräusch, und mir stockte das Blut in den Adern. Eine Sekunde später wiederholte sich das laute „Pischhhh ... “ und dann wusste ich, was es war, und unendliche Erleichterung durchflutete mich.
Lazy!
„Hör auf zu niesen, Lazy!“, flüsterte ich. Dann hörte ich ein leises Tapsen, und mir war klar, dass mein Hund auf dem besten Wege war, von meiner Seite zu weichen und anfing, das Haus zu erkunden.
„Bleib hier, Lazy!“, rief ich lauter, als ich wollte und machte jetzt endlich die Augen auf.
Ich konnte beinahe nichts erkennen. Eine Art violette Dunkelheit lag schwer um mich herum. Es gab keinerlei Lichtquelle in diesem Raum, wenn es denn ein Raum war, nicht einmal das konnte ich sehen. Ich riss die Augen weit auf und drehte meinen Kopf hin und her, um vielleicht irgendeine Kontur wahrzunehmen. Nichts. Es war unheimlich. Und doch ließen meine Ängste langsam nach. Aber nicht für lange.
Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter, und mein Herz rutschte mal wieder in die Hose.
„Hey Joe, wozu hab’ ich dir meine Taschenlampe mitgegeben?“
„Mann, Tommy, du hast mich beinahe umgebracht! Hau’ mir ja nicht noch mal auf die Schulter! Lazy hat mich mit seinem Niesen schon so erschreckt. Wo sind die anderen?“
„Wir sind hier“, hörte ich Sannes Stimme links von mir, und gleich darauf sagte Janine: „Wir sind alle drin. Mach doch endlich die blöde Lampe an.“
Noch während ich hektisch an der Lampe herumhantierte, um den Schalter zu finden, hatte ich das Gefühl, ich könnte etwas mehr wahrnehmen als eben noch. Ein rötlicher Schimmer kroch in den Raum, und ich bekam so eine Ahnung, dass uns gleich die nächste große Überraschung bevorstehen würde.
Endlich bekam ich die Lampe an, und der Strahl erwischte das ängstliche Gesicht meiner Schwester. Ich stellte den Lichtstrahl auf breit gefächert ein und ließ ihn dann langsam herumkreisen. Verblüfft stellten wir fest, dass sich der Strahl im Raum verlor. Er fand nirgends etwas, das ihn aufhielt, weder eine Wand, noch Möbel oder sonst was.
„Das kann nicht sein“, flüsterte Janine. „Das Haus ist doch niemals so groß!“
Schweigend versuchten wir das, was wir sahen, zu verarbeiten. Eigentlich sahen wir ja nichts als einen unendlich scheinenden Saal, und den auch nur im Ausschnittskegel des Lichtscheins unserer Taschenlampe. Plötzlich streifte der Strahl Lazy, der weit hinten dastand und sich umblickte, als das Licht ihn traf. Doch merkwürdigerweise schien er im Augenblick nicht sonderlich an uns zu hängen. Im Gegenteil, er drehte den Kopf wieder in die andere Richtung und trabte weiter einem unsichtbaren Ziel entgegen. Jever kläffte freudig, als er Lazy entdeckte und rannte los, seinem Hundefreund hinterher.
„Merkt ihr was?“, fragte Tommy.
Mir fiel auf, dass der Lichtschein der Taschenlampe mit einem Mal matter schien. Und dann wusste ich es. Es wurde heller!
„Das Haus glüht!“, flüsterte Janine und fasste meine Hand, was auch mich, selbst in diesem gruseligen Moment, zum Glühen brachte.
Und wirklich, es schien, als würde die Sonne in einem afrikanischen Land aufgehen. Ein dunkelrotes Glimmen erfüllte den Raum rings um uns. Es verstärkte sich Sekunde für Sekunde, und im gleichen Maße, wie dieses rote Leuchten zunahm, verblasste das Licht der Taschenlampe.
Sprachlos standen wir da und bestaunten das Schauspiel. Ich fühlte eine Spannung in mir aufsteigen, die man beinahe nicht mehr aushalten konnte. Was war, wenn wir eine Atombombe ausgelöst hatten? Was, wenn es brannte? Was, wenn sich dort hinten gerade die Erde auftat und glühendes Magma ausströmte?
„Es muss eine Energiequelle geben“, sagte Tommy in seiner coolen Art, und durch diesen von ihm hervorgebrachten ernsten Satz lösten sich all die Ängste in mir wie von selbst.
„Sollten wir nicht besser wieder rausgehen?“, fragte Sanne ängstlich.
„Nein“, antwortete Tommy entschieden. „Sieh dir die beiden Hunde an. Hunde spüren Feuer oder Rauch oder jede andere Gefahr. Außerdem ... es ist nur Licht. Wie mit einem Dimmer hochgefahren. Wisst ihr was? Ich glaube, dass wir mit unserem Eindringen irgendeine Energiequelle in Gang gesetzt haben.“
„So ähnlich wie eine Lichtschranke“, murmelte Sanne.
„Genau“, nickte Tommy. „Warten wir noch einen Moment.“
Zwei, drei Minuten vergingen, in denen rings um uns das Leuchten intensiver wurde, von einem dunklen Rot in ein helles überging und schließlich die Umgebung in eine Art ockerfarbenes Licht tauchte. Es war nach wie vor nicht gerade hell, aber das Licht reichte jetzt aus, um sich zu orientieren, und wir erkannten langsam die Dimensionen des Raumes, der sich hinter unserem unglaublichen Eingang aufgetan hatte.
Sprachlos starrten wir in eine Halle scheinbar unendlichen Ausmaßes. Ich blickte nach oben, um die Höhe abzuschätzen und riss die Augen auf. Mindestens fünfzig Meter über uns wölbte sich eine Decke, die wie aus Felsen herausgehauen schien. Ich sah weder Träger noch sonst irgendetwas, das die gewaltige Konstruktion zu halten schien. Ich stand da und kam mir klein und unbedeutend vor.
Tommy löste unsere Erstarrung.
„Leute, was ihr hier seht, ist der Beweis dafür, dass das Haus da draußen in unserer Welt sehr alt sein muss und ein Geheimnis birgt. Und ich glaube auch, dass es nicht das Haus ist, sondern der Ort, an dem es steht. Vielleicht verbirgt dieser Ort in Joes Straße eine Stelle, die tausend oder mehr Jahre ihr Geheimnis verborgen hat.“
„Mehr als tausend Jahre?“, flüsterte Janine.
„Vielleicht“, räumte Tommy ein. „Noch wissen wir ja nicht viel darüber. Außer eines.“
„Und das ist?“, fragte ich gespannt.
„Dass wir hier anscheinend nicht unerwünscht sind“, lächelte Tommy.
Wir dachten darüber nach, und während wir das taten, versuchten wir, die unendlich scheinende Weite dieses Gewölbes zu erfassen und zu erkennen, was sich hinten am Horizont verbergen mochte. Unsere Hunde waren nur noch kleine Schemen am anderen Ende, dort, wo die Decke sich nach unten zu wölben und auf den Boden zu treffen schien. Und das gab den Ausschlag.
„Kommt“, sagte Tommy. „Was unsere Hunde können, können wir auch. Und ich glaube, du kannst die Taschenlampe ausmachen. Vielleicht brauchen wir sie ein anderes Mal dringender.“
Mechanisch schaltete ich die Lampe aus, und das sandfarbene Licht dieser Kathedrale aus Weite und Fels umfing uns. Tommy nickte uns aufmunternd zu und wir gingen los.
In der Ferne hörte ich Jevers Bellen.
*
Langsam und zuerst vorsichtig machten wir uns auf den Weg. Wir traten behutsam auf, obwohl der Boden ganz und gar nicht zerbrechlich wirkte, sondern wie die Decke aus massivem Fels zu bestehen schien. Wer so viele Bücher gelesen und so viele Filme gesehen hatte wie ich, dem fielen sofort etliche Szenen wieder ein, wo es den Helden ähnlich erging wie uns jetzt: In unheimlichen Höhlen auf Schatzsuche warteten die tödlichsten unsichtbaren Fallen auf einen.
Ständig suchte ich den Boden nach irgendwelchen Vertiefungen, Erhebungen oder Rillen ab, die mir vielleicht verraten hätten, da lieber nicht drauf zu treten. Aber es war eine ebene, völlig fugenfreie Oberfläche, anscheinend ohne irgendeinen Belag. Fliesen, wie Janine vorhin gemeint hatte, waren es jedenfalls nicht. Die Ebene vor uns hatte die Farbe dunklen Graus, und je weiter wir vorankamen, desto mehr wichen die Seitenwände vor uns zurück. Mir wurde leicht mulmig, als ich daran dachte, dass wir vielleicht bald keinerlei Orientierung nach den Seiten mehr hatten, und wie sollten wir dann den Weg zurück finden? Ich bekam einen Schreck vor meinen Gedanken und blieb abrupt stehen. Die anderen fuhren herum.
„Was ist?“, fragte Sanne.
„Ich dachte gerade daran, wie wir wieder zurückkommen sollen, wenn wir zu weit abkommen. Seht ihr nicht, dass die Wände immer weiter zurückweichen?“
Langsam drehten wir uns um die eigene Achse und fixierten den Horizont. Die Seitenwände des riesigen Raumes waren nur noch als ferne Schemen zu erkennen, und ich war mir jetzt verdammt sicher, dass wir, würden wir nur noch wenige Meter weitergehen, das Ende und den Anfang gar nicht mehr erkennen würden. Und Tommy setzte noch einen drauf.
„Wisst ihr noch, woher wir gekommen sind?“
Eisiges Erkennen stieg in mir auf.
„Wir sind doch genau aus dieser Richtung gekommen“, sagte Janine und zeigte über meine Schulter nach hinten.
„Glaube ich auch“, sagte Tommy. „Aber wir sind erst zwei Minuten unterwegs, und die Wand, durch die wir gekommen sind, kann noch nicht am Horizont verschwunden sein. Aber in dieser Richtung ist das Ende des Raumes genauso weit weg wie in jeder anderen.“
Ich spürte einen Klumpen in meinem Magen. Wir hatten nicht ein einziges Mal nach hinten geschaut, nachdem wir in diese Welt eingetaucht waren. Verdammt, warum hatten wir uns nicht umgedreht? Wir waren gefangen! Janine und Sanne sahen furchtbar verängstigt aus und bekamen kein Wort heraus. Doch wieder einmal war es Tommy, der uns beruhigte.
„Ich meine, dies alles war geplant, und ich sage euch auch, warum ich das glaube. Erstens ... “, sagte er und zeigte auf mich, „Joe, du hast das Rätsel der Zahlen gelöst, und als es gelöst war, verschwanden die Zahlen von der Wand, als wären sie niemals da gewesen, stimmt’s?“
Wir nickten ergeben.
„Das heißt, so meine ich jedenfalls, dass der erste Schritt vollbracht war und wir den zweiten zu gehen hatten. Und das tun wir ja gerade. Und ich will euch nicht noch mal auf Jever und Lazy hinweisen, aber ich tu’s trotzdem: Die beiden sind da hinten, und wie es scheint, haben sie etwas gewittert. Aber sie haben keine Angst. Und noch was.“
Er blickte fest von einem zum anderen.
„Ich habe auch keine.“
„Gut“, sagte Sanne, und genau in diesem Augenblick bekam ich einen völlig anderen Eindruck von meiner Schwester. Die balletthopsende kleine Zicke war Vergangenheit, und ich sah meine Schwester plötzlich nicht mehr als Schwester, sondern als etwas ganz Besonderes, nämlich als Freundin.
„Wenn du keine Angst hast, hab ich auch keine“, sagte sie mit fester Stimme, und ich konnte sehen, wie es in den Köpfen der anderen arbeitete.
„Lassen wir uns nicht verrückt machen von dieser Umgebung“, sagte Tommy bedächtig. „Wenn das Haus Rätsel für uns bereithält, werden wir sie lösen müssen.“
Er nickte uns aufmunternd zu, drehte sich um und marschierte wieder los, genau in Richtung von Jevers Gebell, das jetzt sehr deutlich zu vernehmen war. Mit neuem Mut, aber dennoch mit einem zwar etwas kleineren, aber immer noch vorhandenen Klumpen im Magen folgte ich den anderen.
Weitere zehn Minuten vergingen, obwohl wir jetzt in einen leichten Trab verfallen waren. Wir konnten es nicht mehr aushalten, zu erfahren, was uns am Ende unseres Weges erwartete. Dann endlich sahen wir unsere Hunde wieder als kleine Punkte am Horizont. Der eine Punkt hüpfte in der Ferne auf und ab. Das konnte nur Jever sein. Der andere Punkt schien unbeweglich. Lazy!
Ich bekam langsam Durst und dachte an die Flaschen in Tommys Rucksack. Es war ganz schön warm hier, ich schätzte die Temperatur so auf achtundzwanzig Grad. Jedenfalls hatte ich das Gefühl, als gäbe es keinen großen Unterschied zu der Nachmittagssonne, die auf unsere nackten Beinen gebrannt hatte, als wir noch den Garten erkundeten. Mein Gott, das war doch erst eine halbe Stunde her! Mir kam es jetzt schon vor, als seien wir eine halbe Ewigkeit in dieser fremden Welt. Aber ich verkniff mir, Tommy nach dem Mineralwasser zu fragen, denn schon wenige Augenblicke später erkannten wir die Hunde deutlicher. Und mit jedem Schritt, mit dem wir ihnen näher kamen, schälten sich auch die Umrisse einer weiteren, gewaltigen Überraschung aus der Umgebung. Und die langsame Erkenntnis dessen, was da auf uns zukam, beflügelte unsere Schritte noch mehr.
Nach wie vor fühlten wir uns nicht sicher hier. Ich musste innerlich lachen! Wie konnte es auch anders sein, wir waren durch eine geheimnisvolle Energiewand in ein Haus eingedrungen, das ganz sicher keiner der üblichen Spießbürger erbaut hatte, wir hatten eine unterirdische Welt betreten, die vielleicht Ewigkeiten auf jemanden gewartet hatte, und wir waren mit ziemlicher Sicherheit in einer anderen Dimension oder so etwas gelandet, von der wir weiß Gott nicht sicher sein konnten, wie und ob überhaupt wir sie wieder verlassen konnten. Und da sollten wir uns sicher fühlen? Nein, das war ein mehr als lächerlicher Gedanke.
Während wir mechanisch einen Fuß vor den anderen setzten und in der Ferne ein seltsam bläulicher Schimmer auftauchte, sahen wir ständig in jede Richtung. Sicherheitshalber auch nach hinten, was wir am Anfang ja völlig vergessen hatten. Mir schien es, als würde sich die Decke über uns immer weiter entfernen. Ja, ich war ganz sicher, dass es nie und nimmer mehr nur fünfzig Meter waren, wie ich zuerst noch geschätzt hatte, als sich unsere Augen langsam an das diffuse Licht gewöhnt hatten. Ich konnte die Felsstruktur der Gewölbebegrenzung über uns nicht mehr erkennen.
„Schaut mal nach oben“, rief ich.
Während die anderen stumm vor Überraschung in den Himmel blickten, ja, man konnte jetzt wirklich fast Himmel dazu sagen, drehte ich mich noch einmal in die Richtung um, von der ich meinte, dass alles seinen Ausgang genommen haben musste. Doch niemand folgte uns, und auch sonst war nichts als Leere und Weite zu erkennen.
„Das glaub’ ich beinah’ nicht“, murmelte Tommy. „So etwas kann man nicht künstlich erzeugen, jedenfalls nicht mit den Mitteln, die uns heute zur Verfügung stehen.“
„Du meinst“, flüsterte Sanne, „dass jemand aus der Zukunft auf der Erde war und dies hier hinterlassen hat?“
„Vielleicht stammt es auch aus der Vergangenheit. Es gab Kulturen, von denen man heute noch nicht weiß, woher sie ihr Wissen hatten. Doch ich kann mich nicht erinnern, dass irgendeine davon über eine Energietür verfügt hätte.“
Er lachte laut auf. „Das hätte Erich von Däniken gefallen!“
„Wer ist das denn?“, fragte Janine.
„Das ist ein ziemlich berühmter Mann, der glaubt, Beweise gefunden zu haben, dass viele Rätsel unserer Erde durch Außerirdische hinterlassen worden sind.“
„Außerirdische?“ Janine blieb entsetzt stehen. „Was ist, wenn hier fürchterlich aussehende Monster aus dem Weltall auf uns lauern? Hast du mal Alien gesehen? Ich konnte nächtelang nicht schlafen nach diesem Film! Bitte sag’ mir nicht, dass diese Welt hier von Außerirdischen geschaffen wurde!“
Janine hatte es geschafft, auch Sanne Angst einzujagen. Sie stand mit weit aufgerissenen Augen da, und die Farbe wich aus ihrem Gesicht. Tommy spürte die Angst der Mädchen – und ich muss zugeben, vielleicht auch meine, denn ich musste plötzlich so dringend aufs Klo, dass es wie ein Alptraum war – und er reagierte so ruhig und umsichtig, dass wir ihn am liebsten alle angefasst hätten, nur um etwas von seiner Stärke abzubekommen.
„Freunde, ich möchte, dass ihr nachdenkt. Wenn uns jemand überfallen will, dann tut er es sofort. Warum sollte er warten? Und dann denkt doch mal an die Rätsel mit der Holografie und der Tür, das ist doch nun wirklich nicht dafür gemacht, nur um jemanden hineinzulocken und dann aufzufressen. Das hat mit Intelligenz zu tun. Und ich möchte nicht schon wieder damit anfangen ... “
„Ja, ja“, sagten wir alle ergeben, „Jever und Lazy ... !“
„So ist es. Wir gehen jetzt weiter und sehen, was uns dort vorne erwartet. Habt keine Angst. Wenn ihr wollt, gehe ich vor.“
„Tommy ... “, druckste ich herum.
„Ja?“
„Ich muss ganz nötig!“
„Und ich hab’ Durst!“, sagte Janine.
„Und ich Hunger“, ergänzte Sanne.
Tommy lachte. „Alles sehr menschliche Bedürfnisse! Ich denke, da vorne ändert sich die Landschaft, vielleicht kannst du da mal verschwinden, und außerdem könnten wir mal eine Rast einlegen. Da wird auch mein Rucksack ein bisschen leichter. Ich bin froh, wenn ich das ganze Zeugs nicht mehr schleppen muss, obwohl ... “ Er stockte und ich wusste, was er sagen wollte: Wir sollten uns das Wasser besser einteilen, weil wir ja nun wahrlich nicht wussten, wie lange wir hier drin stecken und wann wir wieder einen Ausgang finden würden. Aber als ich in meinen Gedanken so weit gekommen war, fiel mir ein, dass diese Äußerung den Mädchen sicher wieder Angst gemacht hätte, und genau denselben Gedanken hatte auch Tommy.
„ ... es macht mir nicht viel aus, und außerdem können wir uns ja abwechseln.“
Da hatte er ja gerade noch mal die Kurve gekriegt! Tommy und ich wechselten einen verschwörerischen Blick. Dann machten wir uns wieder auf den Weg.
*
Der See
Auf einmal ging alles sehr schnell. Mit jedem Meter, den wir vorankamen, wurde das fast schwarze Blau in der Ferne intensiver, wurde der Himmel über uns weiter. Doch noch etwas änderte sich: Auf einmal sahen wir rechts und links wieder ein Ende dieses unglaublich weiten Raumes. Ich stieß Tommy an und zeigte ihm das Phänomen.
„Schau mal, der Raum wird wieder kleiner!“
Zuerst war es nur an der abweichenden Färbung zu erkennen, dass der Horizont sich veränderte, doch dann schälten sich Umrisse aus der Ferne, die sich schnell zu gezackten Linien verdichteten.
„Was ist denn das?“, fragte Sanne.
„Sieht aus wie Berge“, antwortete Tommy.
Schweigend und unsere Blicke auf den seitlichen Horizont gerichtet, setzten wir weiter einen Fuß vor den anderen. Nur wenige Minuten später waren die Spitzen von Bergen zu erkennen, deren Ausläufer sich beinahe rasend schnell in unsere Laufrichtung hin zu verjüngen schienen. Verblüfft beobachteten wir, wie von beiden Seiten eine regelrechte Gebirgskette aus dem Nichts zu wachsen schien. Sie wirkte wie ein Trichter, der uns in sich aufsog, nur dass wir ja selbst in ihn hineinliefen. Es war unheimlich. Berge konnten nicht wachsen, doch es war niemals möglich, dass sie in den wenigen Minuten, die wir unterwegs waren, aus einer scheinbar unendlichen Weite auf uns zukommen konnten.
Die ganze Zeit über hatten wir diese Felsmassen beobachtet und dabei ganz und gar nicht mehr auf den Weg vor uns geachtet. Auf einmal schrie Janine überrascht auf.
„Hey, schaut doch mal! Ein See!“
Tatsächlich glänzte vor uns das Wasser eines Sees silbrig-rot im Widerschein des unirdischen Himmels. Ein feiner Schleier lag über der Oberfläche.
Wir konnten nicht glauben, was wir hier vor uns sahen. Je weiter wir vorankamen, desto mehr wandelte sich die Landschaft. Selbst die Luft um uns schien sich zu verändern. Sie roch auf einmal klarer, würziger. Ich beschloss, mich von nichts, aber auch von gar nichts mehr überraschen zu lassen.
Verblüfft erkannten wir, dass unsere Hunde an einem Strand aus realem Sand spielten. Lazy lag, wie sollte es anders sein, am Seeufer und ließ das Gehüpfe und Geknuffe von Jever über sich ergehen.
Langsam gingen wir vor bis zum Ufer. Fassungslos sahen wir, wie der See an vielen Stellen Blasen warf. Sogar ein Blubbern konnten wir hören. Der feine Schleier, den wir von weitem gesehen hatten, war Dampf, der von der Oberfläche aufstieg!
„Der See kocht ... “, flüsterte Sanne.
Es war einfach unglaublich. Wie in einem riesigen Kochtopf brodelte und sprudelte das Wasser. Manche Blasen sprangen regelrecht in die Höhe und zerplatzten über der Oberfläche mit einem hässlichen Geräusch.
„Das kannst du wohl sagen!“, meinte Tommy atemlos. „Und wie der kocht!“
„Wir scheinen am Ende angelangt zu sein“, murmelte Sanne bedrückt.
„Möglich“, sagte Tommy und stellte seinen Rucksack in den Sand. „Aber das werden wir erst noch herausfinden müssen.“
Tommys Blick wanderte über den See, und er kniff die Augen zusammen. Dann drehte er sich einmal um die eigene Achse und suchte die Felsen nach irgendwelchen Hinweisen ab, die uns vielleicht weiterhelfen könnten. Schließlich grinste er und nickte mir zu.
„Joe, du musstest doch vorhin so nötig, da hinten scheint eine kleine Höhle zu sein, vielleicht kannst du es da ja mal versuchen!“
Ich folgte seinem Blick und entdeckte sofort eine Art Einkerbung in den senkrecht nach oben aufragenden Felsen, die tatsächlich auf eine Höhle hindeutete. Ich war hin und her gerissen von der Aussicht, endlich Erleichterung zu finden oder aber von einem dort vielleicht lauernden grausamen Untier in die Höhle gezogen zu werden.
„Kommst du mit?“, wagte ich einen schwachen Versuch.
„Nein!“, lachte er. „Wird dir schon niemand was abbeißen!“
„Dann gib’ mir aber wenigstens deine Taschenlampe. Ich glaub’, dann ist mir ein bisschen wohler.“
Die anderen schauten mich mit verständnisvollen Augen an, etwa so, als erwarteten sie, dass sie mich vielleicht nie mehr wiedersehen könnten. Schöne Freunde.
Tommy suchte die Lampe aus seinem Rucksack und reichte sie mir.
„Hier. Aber bleib nicht so lange. Schau nur nach, ob die Höhle vielleicht noch weiter rein führt. Möglicherweise gibt es dort einen Weg für uns. Ach ja ... “, sagte er dann mit einem verschmitztem Lächeln, „Irgendwann werden wir alle mal müssen!“
Das gab mir allerdings wenig Trost, war ich ja schließlich der erste, den es traf. Während ich mich mit gemischten Gefühlen zur Höhle aufmachte, setzten sich die anderen am Ufer in den Sand und schauten auf den See hinaus.
Dann stand ich direkt unter den hoch aufragenden Felsmassen und betastete das Gestein. Es war völlig eben, fast wie glattpolierter schwarzer Marmor. Wir konnten nicht im Traum daran denken, hier vielleicht raufklettern zu können.
Ich knipste die Taschenlampe an, nahm all meinen Mut zusammen und machte vorsichtige Schritte in die Höhle hinein. Doch drinnen erwartete mich nicht die Spur einer Überraschung. Die Auskerbung im Fels, die wir als Höhle bezeichnet hatten, war vielleicht gerade mal zehn Quadratmeter groß. Langsam schritt ich die Wand ab. Der kleine Raum war fast kreisförmig, und in seinen Wänden fand sich nicht der geringste Hinweis auf eine Geheimtür oder sonst was, das mich vielleicht hätte aufmerken lassen.
Schließlich klemmte ich mir die Taschenlampe unter den Arm, stellte mich in eine Ecke und tat das, weshalb ich hier eigentlich reingekommen war. Als ich fertig war und die Hose wieder zumachte, kam mir auf einmal der Gedanke, dass der Raum hier genau für diesen Zweck aus dem Fels gehauen worden sein mochte. So eine Art Klo in der dritten Dimension! Ich musste lachen, und das hallte so schaurig hohl in diesem Raum wider, dass ich verstummte und machte, dass ich wieder rauskam und zu den anderen zurück rannte.
Während ich weg war, hatte Tommy den Rucksack ausgepackt, die beiden Handtücher ausgebreitet und die Mineralwasserflaschen und die Chipstüten draufgelegt. Meine drei Begleiter saßen bereits gemütlich in der Runde und warteten nur noch darauf, dass ich das Picknick vervollständigte. Ich musste den Kopf schütteln über so viel Gelassenheit in dieser Umgebung, setzte mich aber dazu.
„Die Höhle ist nichts als ein Loch zum Pipi machen“, sagte ich. „Ihr habt Nerven, setzt euch in den Sand, als wären wir im Urlaub. Wir sind doch nicht auf Mallorca!“
„Auch hier müssen wir was zu uns nehmen, und außerdem wird mir der blöde Sack doch langsam zu schwer“, sagte Tommy und riss eine Chipstüte auf. Dann reichte er Janine eine von den Flaschen.
„Teilt die gerecht. Ach ja, und hebt was für die Hunde auf. Das kochende Wasser aus dem See können sie ja leider nicht trinken.“
Wir teilten uns die Chips und das Wasser und schauten dabei schweigend auf den See hinaus. Nach einer Weile kramte Tommy das Fernglas aus seinem Rucksack heraus und stand auf. Dann ging er vor bis zum Ufer und suchte mit dem Glas vor den Augen den See ab. Er drehte sich langsam halb um seine Achse und fixierte dabei den Horizont. Plötzlich hielt er inne und stellte die Schärfe des Glases an dem in der Mitte befindlichen Rädchen neu ein. Dann pfiff er leise durch die Zähne.
„Was hast du entdeckt?“, fragte Janine und sprang auf die Füße. Auch Sanne und ich standen auf und stellten uns neben Tommy. Ich versuchte angestrengt, etwas am anderen Ende des Sees zu erkennen, aber durch den Nebelschleier war die Linie am Horizont nicht scharf, sondern waberte auf und ab.
„Da hinten stehen Bäume“, sagte Tommy. „Sieht aus wie ein richtiger Urwald.“
Ich fühlte eine unerklärliche Unruhe in mir aufsteigen.
„Gib doch mal her“, drängte Sanne und nahm ihm das Fernglas aus der Hand. Ungeduldig, dass sie es nicht gleich scharf bekam, stampfte sie mit einem Fuß in den Sand.
„Du hast Recht. Ein Wald.“
„Was nutzt uns dort drüben ein Wald?“, fragte Janine. „Was wir brauchen, ist ein Weg, der uns hier rausführt. Und wenn wir den nicht bald finden, werden sich unsere Eltern Sorgen machen.“
Sanne nickte, während sie das Glas immer noch angestrengt an die Augen presste.
„Ja, und wenn’s draußen dunkel wird, werden sie die Polizei anrufen.“
Das Wort draußen versetzte mir einen kleinen Schock. Was passierte während unserer Abwesenheit draußen? Wurde es bereits dunkel? Nein, solange waren wir nun auch noch nicht fort. Ich sah auf meine Armbanduhr. Sechs Minuten nach vier. Das konnte nicht sein. Wir waren gegen drei von zu Hause aufgebrochen, und dann hatten wir ja noch eine ganze Weile im Garten verbracht. Es musste mindestens sechs Uhr sein.
Ich schüttelte mein Handgelenk und hielt mein Ohr ans Zifferblatt. Na okay, sie war stehen geblieben.
„Weiß jemand, wie spät es ist?“, fragte ich in die Runde. „Denn wenn wir bis neun nicht zu Hause sind, wird’s brenzlig.“
Die einzige, die außer mir noch eine Uhr bei sich trug, war Janine. Sie warf einen Blick darauf, runzelte die Stirn und schüttelte dann ihr Handgelenk. Noch bevor sie den Mund aufmachte, wusste ich, was sie sagen würde.
„Kurz nach vier. Meine Uhr ist stehen geblieben.“
„Meine auch!“, rief ich lauter, als ich wollte.
„Hm“, machte Tommy. „Vielleicht befinden wir uns in einer Art Raum- und Zeitfalte. Nach Einstein hängen Raum und Zeit eng miteinander zusammen. Vielleicht vergeht die Zeit in dieser Welt viel langsamer als in unserer.“
„Oder gar nicht ... “, flüsterte Sanne.
„Keine Angst“, beruhigte sie Tommy. „Einen Stillstand der Zeit kann ich mir nicht vorstellen.“
Sanne reichte das Fernglas weiter an Janine, und auch sie konnte einen Wald am anderen Ufer des Sees erkennen.
„Ein richtiger dichter Urwald. Völlig undurchdringlich“, murmelte sie vor sich hin, und die anderen nickten zustimmend. Schließlich hielt auch ich es nicht mehr aus und nahm Janine das Glas ungeduldig aus der Hand.
Die Wipfel der Urwaldgiganten sprangen mir förmlich ins Auge. Es sah wunderschön aus. Das Ganze erinnerte an Afrika. Langsam wanderte mein Blick am anderen Ufer entlang. Vielleicht konnte ich Tiere entdecken. Doch dann sah ich etwas völlig anderes, etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte.
„Ein Weg!“, rief ich überrascht, und die anderen neben mir schraken zusammen.
„Ein Weg?“ Tommy runzelte die Stirn. „Dann siehst du mehr als ich. Einen Weg habe ich nirgends entdeckt. Außerdem kann man das bei der Entfernung doch gar nicht erkennen.“
„Das ist doch nicht weit“, sagte ich. „Die Bäume sind doch zum Greifen nah. Da ist ein Weg! So was wie ein breiter Pfad. Genau in der Mitte. Du brauchst nur geradeaus schauen.“
Mit diesen Worten reichte ich ihm das Glas, und nachdem ich es abgesetzt hatte, konnte ich plötzlich auch ohne das Ding eine grüne Linie am Horizont sehen. Verblüfft stellte ich fest, dass ich sogar einzelne Bäume unterscheiden konnte. Ich sagte nichts, beobachtete aber verstohlen die anderen, ob auch sie etwas bemerken würden.
Im nächsten Moment schrie Janine auf und zeigte mit dem Arm zum Horizont.
„Die Bäume! Sie kommen näher!“
Tommy senkte das Fernglas und kniff die Augen zusammen.
„Wie ist das möglich?“, flüsterte er.
Wie festgewurzelt standen wir nebeneinander im Sand und sahen zu, wie der jetzt dunkelgrüne Horizont auf uns zuwuchs. Gebannt starrten wir auf die grüne Linie, die sich Sekunde für Sekunde vergrößerte. Ich bekam ein unbändiges Verlangen, mich umzudrehen und zurück zu rennen. Nur weg von hier. Mir schoss der Gedanke durch den Kopf, dass dieser gewaltige Wald den See aufstauen musste und eine riesige Flutwelle kommen und uns alle zerschmettern oder verbrühen würde. Doch nur kleine dampfende Wellen schwappten ans Ufer. Ich schaute auf die Hunde. Jever und Lazy lagen im Sand. Müde vom Herumtoben und mit heraushängenden Zungen hechelten sie um die Wette. Die beiden hatten wahrlich keine Angst.
„Gut“, beschloss ich in Gedanken, „dann hast du auch keine.“
Inzwischen war die Front des Waldes bis auf wenige hundert Meter an uns herangekommen. Gigantische Bäume ragten in den Himmel. Sie verflochten ihr Blattwerk so ineinander, dass wir nicht einmal einzelne Stämme erkennen konnten. Nur die Wipfel waren nicht in einer Höhe. Der eine oder andere Baum überragte die anderen noch.
„Ich hab Angst!“, sagte Sanne zitternd und griff Tommys Hand.
Tommy schien ruhig wie immer. Ich dagegen hatte jetzt doch einen riesigen Kloß im Hals.
„Das gleiche Phänomen wie vorhin, als der Raum weit und dann wieder enger wurde und die Berge auf uns zukamen“, sagte er mit ruhiger Stimme. „Die Berge sind stehen geblieben, und das werden die Bäume auch. Du wirst sehen.“
Es war unglaublich. Die Oberfläche des Sees veränderte sich nicht im Geringsten, während der Wald auf uns zukam. Es war schon lange kein riesiger, wie ein Meer wirkender See mehr, der da vor uns lag. Inzwischen war sein Umfang vielleicht auf die Größe eine Badesees geschrumpft. Schon bekam ich die Hoffnung, dass das Wasser ganz verschwinden und der Wald uns einfach so in sich aufnehmen und den Weg zeigen würde. Doch ich wurde enttäuscht.
Als das andere Ufer vielleicht noch einhundert Meter von uns entfernt lag und wir schon zu den Bäumen aufschauen mussten, so riesig wuchsen sie in den Himmel, kam die Bewegung zum Stillstand. Ehrfurchtsvoll standen wir da und versuchten, dieses Wunder auf uns einwirken zu lassen.
„Sieht so aus, als sollen wir durch das Wasser“, sagte Tommy. „So wie ich das sehe, müssen wir uns was ausdenken. Das Haus führt uns einen bestimmten Weg. Wir sollen hier durch, und wir müssen hier durch. Ein Zurück gibt es nicht.“
„Ach ja?“, fragte Janine ironisch. „Du willst durch einen kochenden See schwimmen?“
„Ja, ich weiß, dass das Blödsinn ist“, meinte Tommy hilflos. „Aber die glatten Felsen können wir nicht hochklettern, und zurückgehen macht auch keinen Sinn. Vielleicht müssen wir nur eine Weile warten, bis sich das Wasser abgekühlt hat.“
Ein, zwei Minuten vergingen, in denen wir schweigend über das Gesagte nachdachten. Während wir noch unsicher dastanden und uns nicht rührten, passierte auf einmal etwas, was uns zu Tode erschreckte. Jever und Lazy hatten die ganze Zeit über platt im Sand gelegen und um die Wette gehechelt. Doch bei Tommys letzten Worten sprang Jever plötzlich auf und rannte zum Ufer hinunter. Tommy wirbelte herum und brüllte seinem Hund hinterher. Doch Jever hörte nicht auf sein Herrchen, und ehe wir uns aus unserer Erstarrung lösen konnten, sprang er mit allen vier Beinen voran in das dampfende Wasser und begann, mit seiner rosa Zunge gierig das kochend heiße Wasser aufzuschlabbern.
Stumm vor Schreck wartete ich darauf, dass der kleine Hund vor Schmerz aufjaulen musste. Doch nichts geschah! Er schlabberte einfach weiter vor sich hin. Vollkommen verblüfft schaute ich von Jever zu Tommy und wieder zurück.
Tommy haute mir auf die Schulter und grinste mich an. Dann wandte er sich zu den völlig verdutzten Mädchen.
„Na, Janine ... ? Wie sieht’s aus? Kommst du mit, ein bisschen baden?“
„Du meinst ... ?“ Janine bekam große Augen.
„Ich meine, der See sieht nur so aus, als würde er kochen. Vielleicht sind es nur Luftblasen, die vom Boden aufsteigen.“
„Aber der Dampf ... “, meinte ich hilflos.
Tommy zuckte die Schultern.
„Lasst es uns einfach mal testen. Jever scheint sich doch richtig wohl zu fühlen.“
Der Kleine stand jetzt bis zum Bauch im Wasser und schaute mit schiefgelegtem Kopf zu uns herüber. Tommy fackelte nicht lange und begann, seine Schuhe auszuziehen.
„Los, kommt mit!“
Ich bekam weiche Knie, als ich an das Wasser dachte und daran, dass Tommy da mit uns rein wollte. Nicht deswegen, weil es vielleicht heiß sein konnte. Nein. Ich konnte nicht schwimmen. Ich hatte eine unendlich große Angst vor dem Wasser. Keine zehn Pferde würden mich in diesen See bekommen. Mit einem mulmigen Gefühl sah ich zu, wie sich die anderen ihrer Schuhe, Strümpfe und Jeans entledigten.
Aber dann sagte ich mir es ist nur mit den Füßen, das kannst du! Also zog ich mir ebenfalls die Schuhe und die Jeans aus und folgte meinen Freunden zögernd zum Ufer.
Tommy tippte schon mit den Zehen aufs Wasser, und an seinem Gesichtsausdruck sah ich, dass es nicht heiß sein konnte. Schließlich machte er einen großen Schritt und stand bis zu den Knöcheln im See. Mit einem triumphierenden Lächeln drehte er sich um.
„Schön warm! Absolut keine Gefahr. Kommt rein!“
Sanne und Janine zögerten keine Sekunde, und ich bewunderte ihren Mut. Sie nahmen sich an der Hand und wateten bis zu den Knien ins Wasser. Jetzt war es sicher: Die brodelnde Hitze war nichts als Illusion gewesen!
Tommy blickte mich auffordernd an.
„Was ist mit dir? Nun komm schon!“
Vorsichtig tastete ich mich ins flache Wasser. Tiefer rein als mit den Füßen wollte ich auf keinen Fall. Das Wasser umspielte träge meine Knöchel. Es war wunderbar warm. Ich konnte es nicht glauben.
„Jever“, rief Tommy fröhlich, „du bist einfach klasse! Der See war nur ein Rätsel, und du hast es gelöst!“
Jever schien das Lob zu verstehen und patschte übermütig im flachen Wasser herum. Und dann sagte Tommy etwas, bei dem mir der Schrecken in alle Glieder fuhr.
„Wir ziehen die Klamotten aus und packen sie in den Rucksack. Der ist wasserdicht. Die Flaschen und die Tüten lassen wir hier. So müssten wir eigentlich durchkommen.“
Die Mädchen bekamen große Augen.
„Ich zieh’ mich auf keinen Fall aus! Ihr wollt nur schmulen!“, murrte Sanne.
„Ohne meinen Badeanzug gehe ich da nicht rein!“, ergänzte Janine.
Tommy lachte. „Keine Angst! Ich wollte auch nicht nackt da durchschwimmen! Außerdem kriege ich sowieso nicht alle Klamotten hier rein. Behalten wir eben unsere T-Shirts und die Unterwäsche an. Damit dürfte es auch gehen. Den Rest verpacke ich im Rucksack. Kalt ist es jedenfalls nicht. Wenn wir wieder raus sind, werden die Sachen bestimmt schnell trocknen. Und außerdem haben wir ja noch die Handtücher.“
Ich musste bei seinen Worten kreidebleich geworden sein, denn Tommy schaute mich erschrocken an.
„Was hast du, Joe?“
Ich fühlte mich auf einmal entsetzlich klein. Klein und feige. Ich schluckte ein paar Mal kräftig, um die Tränen zu bekämpfen, die in meine Augen schossen.
„Ich ... ich kann nicht schwimmen.“
Janine und Tommy schauten mich überrascht an, aber ehe sie etwas sagen konnten, kam mir meine Schwester zu Hilfe.
„Er wäre um ein Haar einmal ertrunken. Wir haben damals im Schwimmbad im Kinderbecken gespielt. Da konnte man nicht untergehen, es war ja ganz flach. Deshalb haben uns unsere Eltern auch einige Minuten nicht beobachtet. Doch dann kamen größere Jungs und wollten unseren Ball haben. Joe wollte ihn nicht herausrücken und da haben die ihn ... da haben die ihn ... “ Sanne stockte.
„Da haben sie mich unter Wasser gedrückt“, sagte ich. „Immer wieder. Ich hab Wasser geschluckt und gespuckt, und es tat unheimlich weh in der Lunge. Ich hab unter Wasser noch Sanne gesehen, wie sie auf einen der Kerle eingeschlagen hat, und irgendwann wurde mir schwarz vor Augen.“
Sanne nickte. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Da hab ich so laut geschrien, dass dann doch Erwachsene aufmerksam wurden. Der Bademeister hat Joe wiederbelebt.“
Sanne schwieg, und die anderen blickten mich betroffen an.
„Hast du überhaupt Schwimmen gelernt?“, fragte Janine mich mit großen Augen.
„Nein“, antwortete ich ehrlich. „Jedenfalls nicht richtig. Ich bekomme schon bei dem Wort Strandurlaub eine Gänsehaut, wenn meine Eltern mal davon anfangen.“
„Und wenn du hier wartest? Wir schwimmen rüber und erkunden das andere Ufer. Dort gibt es doch jede Menge Bäume, vielleicht können wir eine Art Floß bauen.“
Ein Schauer der Erleichterung durchflutete meinen Körper, und ich schaute Janine dankbar an.
„Hm, keine schlechte Idee“, meinte Tommy. „Was meinst du dazu, Joe?“
Ich war hin und her gerissen. Einerseits war ich heilfroh, nicht in dieses dunkle Wasser zu müssen, andererseits machte mir die Aussicht, allein hier zu bleiben, auch gewaltig Angst.
„Ich weiß nicht. Was ist, wenn der Wald sich wieder entfernt, wenn ihr auf der anderen Seite seid? Dann sehe ich euch vielleicht niemals mehr wieder!“
In den Gesichtern der anderen spiegelte sich Erschrecken. An diese Möglichkeit hatten sie wohl nicht gedacht. Ich war ja auch derjenige, der allein blieb!
„Du hast doch Lazy“, sagte Janine hilflos.
„Schöner Trost“, murmelte ich und betrachtete meinen platt im Sand liegenden Hund, der anscheinend mal wieder eingenickt war. So lieb ich ihn hatte, als Wachhund oder Beschützer taugte er rein gar nichts. Nein, allein mit Lazy wollte ich nicht in dieser Welt zurückbleiben. Flehend sah ich von einem zum anderen.
„Ich bleibe bei ihm!“, rief Sanne und watete neben mich. „Wir waren damals zusammen, und wir bleiben jetzt zusammen.“
Während ich meine Schwester dankbar anblickte, lächelte mir Tommy zu.
„Danke, Sanne. Ich hatte den gleichen Gedanken. Es wird am besten sein, wenn wir uns aufteilen. Janine kommt mit mir rüber. Ich hoffe nur, dass wir es auch allein schaffen, was zusammenzubasteln.“
Während er das noch sagte, bekam sein Gesicht auf einmal einen erstaunten Ausdruck.
„Was ist?“, entfuhr es mir.
„Seht doch!“, rief er und zeigte nach unten.
„Ich seh deine Beine!“, rief ich verblüfft. Ich traute meinen Augen kaum. Die Farbe des Sees war in ein helles Grün übergegangen. Als ich wieder auf den See hinaus schaute, wirkte das Wasser auf einmal wie sanft wogendes Glas.
„Und ich seh den Boden!“, sagte Sanne aufgeregt. „Alles ganz fein und weiß!“
Während wir anderen voll innerer Spannung auf das Wasser starrten, machte Tommy ein paar vorsichtige Schritte weiter in den See hinein. Meter für Meter ging er weiter, bis er schließlich bis zu den Oberschenkeln im Wasser stand und sich zu uns umdrehte.
„Total weicher Sandboden!“, rief er uns über die Schulter hinweg zu. „Außerdem ist es überhaupt nicht tief. Vielleicht kannst du doch mitkommen, Joe.“
Plötzlich tapste Tommy ohne die geringste Vorwarnung durch das Wasser zurück zum Strand und nestelte an seinem Rucksack herum. Vor lauter Ungeduld, dass er nicht sofort fand, was er suchte, stellte er schließlich den Sack auf den Kopf und schüttelte den Inhalt heraus. Als Letztes plumpste das Fernglas in den Sand. Leise fluchend hob Tommy es auf und befreite die Gläser von den feinen Sandkörnern. Ich dachte, er würde jetzt mit Hilfe des Glases nach irgendetwas suchen, doch zu meiner großen Überraschung winkte Tommy mir zu.
Ich stapfte ebenfalls aus dem Wasser, und Sanne und Janine folgten mir neugierig. Tommy reichte mir das Fernglas rüber.
„Du hast doch vorhin einen Weg auf der anderen Seite gesehen. Findest du ihn noch?“, fragte er voller Ungeduld.
Ich sah hinüber zum anderen Ufer und begann, an Tommys Geisteszustand zu zweifeln.
„Dazu brauch ich doch kein Glas. Den sieht doch jeder! Da, genau gegenüber ... in der Mitte!“
Tommy suchte angestrengt das andere Ufer ab. Seine Augen wanderten von einem Ende des Sees zum anderen. Dann nahm er mir das Glas wieder aus der Hand, hob es vor die Augen und suchte mit seiner Hilfe noch einmal das Gelände auf der anderen Seite ab. Schließlich wandte er sich wieder zu mir um, und ich las in seinen Augen so etwas wie Ungeduld.
„Einer von uns beiden muss Tomaten auf den Augen haben“, sagte er mit einem leicht ärgerlichen Unterton. „Wenn da ein Weg ist, darfst du mich Thomas nennen.“
„Na, lieber Thomas“ lachte ich, „das tut mir dann aber Leid, dass du deinen Namen wechseln willst. Aber wo ein Weg ist, ist ein Weg. Ich bin doch nicht blöd.“
Sanne und Janine sahen uns fragend an. Ich dachte, die beiden würden mich bestätigen. Aber ich hatte mich geirrt.
„Joe ... “, sagte Janine, „fühlst du dich nicht gut? Hast du Kopfschmerzen?“
Ich dachte, ich hör nicht richtig. Wollte sie mich auf den Arm nehmen? Ich fuhr ein wenig zu heftig zurück, und Janine erschrak vor meinem Ausbruch. Sofort tat es mir Leid, aber ich war inzwischen schon ganz schön sauer.
„Hör mal, was soll das? Ich brauche dir nicht Leid zu tun, ich gehe sowieso nicht durch den See! Sanne ... was ist mit dir? Siehst du etwa auch nichts?“
Ich sah Sanne ihren Zwiespalt an, ihren Bruder nicht verletzen zu wollen und doch bei der Wahrheit zu bleiben. Aber ihre Antwort war ganz und gar nicht in meinem Sinne.
„Joe ... es tut mir Leid, aber da ist nur Wald. Dichter, undurchdringlicher Wald von einem Ende zum anderen.“
Sprachlos starrte ich über den See auf den Urwald, die mitleidigen Blicke meiner Kameraden neben mir sehr wohl spürend. Ich war langsam am Verzweifeln. Konnte es sein, dass sie Recht hatten?
„Nehmen wir einmal an, nur Joe kann den Weg sehen. Was dann?“, fragte Sanne leise.
Drei Augenpaare richteten sich auf meine Schwester.
„Wie meinst du das?“, fragte Tommy, und in seinem Kopf arbeitete es. Ich sah hilflos von einem zum anderen.
„Ach nichts. Ich dachte nur gerade, dass Joe als einziger nicht durch das Wasser möchte, aber als einziger einen Weg sehen kann...“
Sie stockte, als Tommy bei ihren Worten die Arme vor der Brust verschränkte.
„Du meinst ... “, murmelte Tommy, „ ... er soll zuerst durchs Wasser?“
Ich bekam weiche Knie. Niemals! Mit ganz anderen Augen schaute ich jetzt wieder hinüber und hoffte auf ein Wunder.
Der Weg war noch da.
„Tja, Josef ... “, machte Tommy, „dieser Einfall von Sanne ist nicht von der Hand zu weisen.“
Fieberhaft überlegte ich, was ich alles für Argumente anbringen konnte, um die anderen von dieser Idee abzubringen. Wir könnten zurückgehen. Wir könnten versuchen, einen Weg über die Berge zu finden. Wir könnten ...
„Zurück können wir nicht“, sagte Janine, „wir würden nicht einmal annähernd die Richtung finden.“
„Und die Berge verstellen uns die anderen beiden Seiten. Außerdem sind ihre Wände so glatt, dass wir niemals Halt finden würden“, ergänzte Tommy.
Na toll. Einen Weg konnten sie nicht sehen, aber Gedankenlesen, das konnten sie!
„Ich habe Angst, da durch zu müssen“, murmelte ich.
„Hast du auch Angst davor, nur mit den Füßen ins Wasser zu gehen? So wie vorhin?“, fragte Tommy.
Was für eine harmlose Frage, und doch war es in diesem Moment die grausamste auf der Welt. Ich wusste nicht, was ich antworten sollte. Natürlich würde ich mit den Füßen reingehen.
„Pass auf“, sagte Tommy, „ich mach’ dir einen Vorschlag. Wir gehen wieder mit den Füßen ins Wasser und warten ab, was passiert. Wir bleiben dicht zusammen. Wenn du Panik kriegst, rennen wir mit dir zurück ans Ufer.“
„Nur mit den Füßen im Wasser kann ich ja wohl noch alleine raushüpfen“, antwortete ich und zwang mich zu einem Lächeln. Im gleichen Augenblick merkte ich, dass ich mich selbst reingelegt hatte. Schon hatte ich zugestimmt, wieder in den See zu gehen! Verdammt.
„Gut, egal. Trotzdem kann ich ja dicht bei dir bleiben.“
Ich dachte, das kann ich machen. Ich geh ein kleines Stück rein und wieder raus, und das war’s dann. Es ist nichts dabei. Es ist nichts dabei. Ich traf eine Entscheidung.
„Gut. Ich mach’s!“
Ich tat drei energische Schritte und stand mit beiden Füßen bis zu den Knöcheln im Wasser.
„Halt!“, rief Tommy lachend. „Wir müssen erst noch unsere Sachen packen!“
Sofort begann er, unsere Jeans schön sorgfältig zu falten und im Rucksack zu verstauen. Die Schuhe passten beim besten Willen nicht mehr rein, und nach ein paar Sekunden Nachdenken verknotete Tommy die Schnürsenkel, hängte sich sein Paar um den Hals und reichte uns unsere Schuhe.
„So kriegen wir sie vielleicht rüber, ohne dass sie nass werden.“
Als Letztes nahm Tommy die Machete auf. Dann blickte er mir in die Augen.
„Und? Bist du soweit?“
Ich hatte mich da reingerannt, was blieb mir jetzt noch anderes übrig? Ich fühlte mich so allein wie noch nie zuvor in meinem Leben. Doch meine Freunde blickten mich voller Erwartung an, und Janine hielt mir ihre gedrückten Daumen hin. Ein letztes Mal sah ich hinüber ans andere Ufer. Der Weg war noch da. Und vielleicht führte er uns hier hinaus.
Ich bekam einen trockenen Mund, aber ich nickte. Dann kamen die anderen zu mir ins Wasser, und wir nahmen uns alle an den Händen. Ich hielt die Luft an und schloss die Augen. Ich dachte, mit geschlossen Augen brauchte ich das Wasser wenigstens nicht sehen. Ich hörte, wie das Blut in meinen Adern an den Schläfen pulsierte, nahm Tommys Atemzüge neben mir wahr und das Hecheln von Jever und Lazy. Krampfhaft versuchte ich, mich auf meine Füße zu konzentrieren. Weitere Sekunden vergingen, und ich spürte, wie sich meine Zehen in den weichen Sand krallten. Dann gingen wir langsam los und setzten in Zeitlupe einen Fuß vor den anderen.
Ich machte langsame Schritte, das heißt, eigentlich schlurfte ich auf dem Sandboden entlang, um ja nicht den Halt zu verlieren. Fuß um Fuß setzte ich voraus, und immer weiter stieg mir das Wasser am Körper empor. Ich dachte nur an meine Freunde. Und an mich. An den Augenblick, bevor mich damals die Jungs unter Wasser gedrückt hatten. Sanne und ich hatten so viel Spaß gehabt in dem Becken. Nur daran wollte ich denken. Wasser ist gut. Wasser ist gut. Wasser ist gut...
Und dann tat ich etwas, das ich bis heute nicht verstehe. Ich machte die Augen auf, fixierte den drüben aus dem dichten Wald tretenden Pfad und ging Schritt für Schritt, Tommy an der einen, Janine an der anderen Hand, auf das gegenüberliegende Ufer zu. Das Wasser stieg an meinem Körper immer höher, aber ich bemerkte es nicht.
Ab und zu sah ich nach unten, und der Seeboden blieb immer gleich. Kleine Dünen aus Sand formten sich unter meinen Füßen, und ich erinnerte mich an die Zeit, als ich zum ersten Mal an einem Strand entlang gerannt war. Ich wollte nicht wieder aus dem Wasser raus, und Mutter konnte mich mit nichts locken. Wie schön war das damals! Ich erinnerte mich an die warme Sonne und den weichen Sand, die Burgen und die Schlammschlachten. Ich dachte, das müsste man mal wieder machen.
Und dann war ich plötzlich nur noch bis zum Bauchnabel im Wasser. Als ich das bemerkte, war es, als hätte mich jemand aus einem Traum erweckt. Ich starrte auf meinen Bauchnabel, den das Wasser umspielte und konnte es nicht glauben. Es wurde wieder flacher! Ich hob den Kopf und war überwältigt. Der Urwald war zum Greifen nah! Der Sandstrand lag nicht weit vor mir, und jetzt konnte ich den Weg, der in diese grüne Welt führte, genau vor mir sehen.
Ich fühlte eine Kraft in mir aufsteigen, wie ich sie noch niemals kennen gelernt hatte. Ich war frei! Die Angst war besiegt!
Mit einem Aufschrei riss ich mich von meinen Freunden los, stürmte durch das Wasser hin zum Strand, rannte den sanft ansteigenden Seeboden hinauf und spritzte dabei rechts und links übermütig das Wasser hoch. Ich war stark! Ich hatte es geschafft!
Oben angekommen, sprang ich in die Luft, machte eine halbe Drehung und winkte wie verrückt meinen Freunden zu, die lachend noch dabei waren, die letzten Meter aus diesem jetzt wunderschön glitzernden See zu rennen.
Brachypelma Albopilosum
Nachdem wir uns etwas beruhigt hatten, sahen wir uns neugierig um. Die bereits von der anderen Seite des Sees aus riesig wirkenden Bäume waren von Nahem einfach gigantisch. Die Entfernung vom Ufer bis zum Saum des Waldes betrug vielleicht dreißig bis vierzig Meter. Wie mit dem Lineal gezogen begann dort die undurchdringlich scheinende grüne Wand. Das Kronendach ragte etwa dreißig Meter in die Höhe, aber auch im unteren Bereich war es kaum möglich, einzelne Stämme zu erkennen, weil alles ineinander verwachsen schien. Ich sah unzählige verschiedene Pflanzenarten, die im Schutz der Riesen wucherten. Es schien ein einziges Durcheinander und völlig unbezwingbar, selbst mit unserer Machete. Doch genau vor uns war etwas, was es eigentlich nicht hätte geben dürfen.
„Der Weg!“, murmelte Tommy ungläubig.
„Da ist er!“, rief Janine, und Sanne stand der Mund offen.
Ich räusperte mich genüsslich und setzte an, um etwas zu sagen, da winkte Tommy schon gutmütig ab.
„Ja, ja, Josef, du kannst mich ab sofort Thomas nennen. Übrigens...“, Er legte mir eine Hand auf die Schulter. „Das war eine ganz große Leistung, Joe. Ich bin verdammt stolz auf dich.“
Ich glaube, ich wurde rot, denn die beiden Mädchen lächelten mich belustigt an. Aber es war mir wahrlich nicht peinlich.
„Freut mich“, sagte ich verlegen und boxte Tommy freundschaftlich gegen den Bauch, was ordentlich klatschte, denn unsere Klamotten waren durch und durch nass. Wir würden erst ein wenig trocknen müssen, bevor wir unsere Erkundung fortsetzten. Janine nahm ihre Schuhe vom Hals und warf sie in den Sand.
„Könntest du mal die Handtücher rausrücken?“, fragte sie Tommy, während sie ihr T-Shirt am Bauch zusammendrehte und auswrang.
„Klar, und die anderen Sachen könnt ihr auch gleich wieder nehmen. Dann kann ich endlich mal mit einem leichten Rucksack weitergehen.“
Es war immer noch wunderbar warm. Die Luft war feucht, aber nicht schwül. Wenn man tief einatmete, drangen die unterschiedlichsten Düfte in die Nase, doch keiner von ihnen war unangenehm. Es roch nach einem Gemisch aus vielen verschiedenen Blüten, nach Wald und auch etwas modrig, und entfernt erinnerte mich der Geruch auch an so etwas wie Harz. Ich betrachtete den Wald und dachte, das einzige, was fehlt, sind Geräusche. Wo waren die Tiere? Gab es überhaupt welche? Doch wollte ich es überhaupt so genau wissen?
Tommy leerte mal wieder seinen Rucksack aus, und die Hosen fanden zurück zu ihren Besitzern. Es würde noch eine Weile dauern, bis die Sachen an unseren Körpern trockneten, aber erkälten würden wir uns bei den tropischen Temperaturen wohl kaum.
Eine Weile standen wir unschlüssig herum. Die Anspannung, die uns während unseres Abenteuers mit dem See erfasst hatte, war um einiges abgeklungen. Doch entspannen konnten wir nicht so recht, denn die nächste Herausforderung stand uns ja direkt bevor, und wer begibt sich schon leichten Herzens auf einen unbekannten Pfad in einem Land, von dem man nicht einmal weiß, ob es sich auf unserer Erde befindet?
„Ich hab schon wieder Hunger!“, druckste Sanne, und auch ich fühlte ein deutliches Grummeln im Bauch.
Tommy lachte. „Tja, mit Chips kann ich euch leider nicht mehr dienen. Aber vielleicht finden wir Früchte oder irgendwas anderes Essbares. So ein Urwald müsste doch allerhand zu bieten haben. Also, was meint ihr, gehen wir los?“
Was blieb uns denn anderes übrig? Es war zwar schön, an einer relativ ungefährlichen Stelle auszuruhen und die Gefahren für diesen Augenblick in Gedanken beiseite zu schieben. Doch richtig entspannen konnten wir ja doch nicht, blieb schließlich immer die Gewissheit im Kopf, dass wir unweigerlich weiter mussten. Also dann.
„Okay, bringen wir’s hinter uns“, sagte Janine und fühlte ihr T-Shirt, wie weit es bereits getrocknet war. „Wer geht vor?“
Eine gute Frage. Wir schauten einander an und forschten in den Gesichtern der anderen, ob vielleicht jemand vorpreschen würde.
„Ich geh vor!“, sagte ich und überraschte mich selbst damit. Ich hatte noch einen Mutvorsprung von meinem Seeabenteuer. Doch kaum hatte ich ausgesprochen, bereute ich mein Vorpreschen schon wieder. Ich hatte meine Angst vor dem Wasser besiegt, aber jetzt bloß nicht übermütig werden! Aber auf der anderen Seite, im Wald hatte ich mich schon immer wohl gefühlt. Und der hier war halt nur ein bisschen größer als unserer.
„Ja, ich geh vor. Und vielleicht sollte Tommy hinten gehen.“
„Gut. Mach ich“, sagte er und deutete zum Wald. „Aber du solltest meine Machete nehmen. Vielleicht wird’s später noch enger oder der Pfad ist überwuchert.“
Mit einem gewissen Stolz nahm ich die Machete, die gesichert in ihrem Futteral steckte, entgegen und rief meinen Hund. Da Lazy zwar aufs Wort hört, aber leider nicht aufs erste, dauerte es noch ein Weilchen, bis wir uns in Bewegung setzten. Jever wollte wie immer vorrennen, aber diesmal rief Tommy ihn zurück. In einem unübersichtlichen Wald konnte der kleine Hund verloren gehen. Außerdem konnten wir nicht wissen, ob es größere Tiere gab, die vielleicht Appetit auf den Frechdachs hatten.
Jever blieb also dicht bei uns, und Lazy tappte versonnen neben mir her, als ich die ersten Schritte in den Urwald hinein tat.
Der Mut, den ich eben noch am Strand bewiesen hatte, schwand doch beträchtlich dahin, als wir einige Dutzend Meter weit in den Wald eingedrungen waren. Der Boden des Pfades bestand aus verfilztem alten Gestrüpp. Es schien mir, als wären die Reste des Grases, der abgestorbenen Blätter und der Pflanzen festgetreten worden. Als würde dieser Pfad benutzt werden. Unwillkürlich verlangsamte ich meine Schritte. Wer oder was hatte diesen Weg angelegt? Oder war er womöglich durch regelmäßigen Wildwechsel entstanden? Und wenn, durch was für eine Art Wild?
Vorsichtig spähte ich nach vorn und versuchte, den Verlauf des Pfades mit den Augen zu erkunden. Links und rechts neben uns waren undurchdringliche Wände aus Unterholz. In den wenigen Lücken, die aber nicht niedriger als vier, fünf Meter über dem Erdboden entstanden, konnten wir Baumstämme sehen. Der Umfang stellte alles in den Schatten, was ich jemals bei uns im Wald gesehen hatte. Ich hätte wetten können, dass mindestens zehn Mann nötig gewesen wären, einen dieser Bäume zu umfassen.
Staunend und auch mit einer gewissen Ehrfurcht vor diesem Wald ging ich voran. Ich hörte die aufgeregten Atemzüge meiner Schwester, die so dicht hinter mir blieb, dass sie mir bald in die Hacken treten würde. Doch sonst nahm ich kaum etwas an Geräuschen wahr. Fieberhaft suchte ich das Dickicht um uns herum ab, ob ich vielleicht ein Tier entdecken würde. Aber ich sah nicht einmal eine Bewegung aus den Augenwinkeln. Keine Vogelstimme war zu hören, kein erschrecktes Aufflattern oder die Warnschreie aller möglichen Tiere, die es doch in solch einem Wald geben musste. Zumal wir uns sicher wie die Trampel durch ihre Welt bewegten. Viele Tiere haben ein solch sensibles Gehör oder einen phänomenalen Geruchssinn, sie hätten uns bemerken müssen. Doch es blieb still.
Aber das mit den nicht vorhandenen Tieren sollte ich bald anders sehen. Denn auf einmal erblickte ich etwas vor uns auf dem Pfad, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Vor Schreck blieb ich wie angewurzelt stehen, und Sanne prallte auf mich drauf.
Mitten auf dem Weg saß eine gewaltige, einfach unglaublich riesige und behaarte Spinne!
„Hey, was ist denn los? Mensch, sagt doch Bescheid, wenn ihr stehen bleibt!“, kam es von hinten. Die anderen hatten noch eine Sekunde Gnadenfrist. Doch eben nur eine Sekunde. Dann hatten auch sie das Tier entdeckt.
„Eine Spinne!“, schrie Janine, machte einen Satz zurück und trat dabei Sanne auf den Fuß. Meine Schwester schien aber keinen Schmerz zu spüren, so groß war ihre Überraschung. Neugierig drängelte sie sich an uns vorbei und ging dann in sicherer Entfernung von der Spinne in die Hocke.
Die anderen sahen Sanne zu und dachten, sie sehen nicht richtig! Aber ich kannte ja meine Schwester. Sie liebt nämlich jedes Tier, und ich glaube, sie ist das einzige Mädchen, das beim Anblick einer Spinne nicht wegrennt oder schreit. Im Gegenteil, zu Hause ruft Mutter immer Sanne statt meinen Vater, wenn sie eine Spinne entdeckt hat. Trotzdem, dass sie zu dieser Spinne hier nach vorne ging, das haute mich um. Janine hingegen war kalkweiß geworden.
„Hast du Angst?“, fragte ich sie und sie nickte heftig.
„Dann warte besser hier. Wir schauen mal, ob wir sie vertreiben können“, meinte Tommy.
Sanne hatte sich in etwa zwei Metern Abstand von der Spinne hingehockt, und Tommy und ich gingen jetzt vorsichtig zu ihr, damit auch wir das Tier genauer unter die Lupe nehmen konnten.
„Schönes Exemplar“, sagte Tommy, und ich dachte mir mein Teil. Das schöne Exemplar besaß in etwa den Umfang einer großen Männerhand, hatte acht verdammt behaarte Beine und einen Hinterleib, so groß wie ein Tischtennisball. Wenn das schön war, dann hatte Tommy einen recht merkwürdigen Geschmack.
Das riesige Tier rührte sich nicht ein bisschen. Sie saß einfach nur da, mitten auf dem Weg.
„Sieht aus wie eine Vogelspinne“, murmelte Sanne.
„Du hast Recht“, sagte Tommy. „Und ich glaube, ich weiß, was das für eine Spinne ist.“
„Was?“, flüsterte ich, ehe ich merkte, dass das albern war. „Du kennst das Vieh?“
„Nein!“, lachte Tommy. „Natürlich kenne ich sie nicht. Aber mein Vater ... mein richtiger Vater, war doch überall auf der Welt auf seinen Tauchreisen. Und er hat alles Mögliche gelesen über die Länder, in die er reiste. Die Bücher hat meine Mutter behalten, und ich habe sie alle wieder und wieder gelesen.“
„Und da war ein Buch über Spinnen dabei?“, fragte ich ungläubig und fixierte dabei unablässig das schwarzbraune Tier. Das Gefühl ließ mich nicht los, dass sie vielleicht auf einmal losrennen oder sogar springen würde.
„Nicht direkt. Aber mein Vater hat auch Streifzüge gemacht und sich vorher immer gut vorbereitet. Er wollte wissen, welche Tiere und Pflanzen es in dem jeweiligen Land gibt. Also hat er Bücher über die Fauna und Flora gekauft. Und ich habe sie alle gelesen.“
„Und?“, fragten Sanne und ich gleichzeitig.
„Dies ... “, sagte Tommy und zeigte auf die Spinne, „ ... ist eine Vogelspinne aus Costa Rica. Soweit ich mich erinnern kann, ist ihr wissenschaftlicher Name Brachypelma albopilosum.“
Vollkommen baff starrte ich Tommy von der Seite an.
„Du weißt ihren lateinischen Namen?“ Ich konnte es nicht fassen. Ich sah meinen neuen Freund an und fragte mich wirklich, wie dessen Gehirn wohl funktionieren mochte. Da hockte ich auf diesem Trampelpfad mitten im Urwald in einer fremden Welt und war tatsächlich eifersüchtig. Für Tommy war das alles selbstverständlich. Sinnend schaute er die Spinne an und murmelte vor sich hin.
„Brachypelma albopilosum heißt auf Deutsch Kraushaarspinne. Und wie du siehst, passt der Name ja wirklich zu ihr.“
Tommy gab Jever einen kleinen Klaps, damit dieser sich setzen sollte, was er denn auch widerwillig tat. Er wäre sofort hingesprungen und hätte mit der Spinne gespielt. Ich warf einen kurzen Blick über meine Schulter, ob mit Janine alles okay war. Sie winkte, und ich winkte zurück. Gut, sie schien sich gefangen zu haben.
Eine Frage brannte mir auf der Zunge. Ich wollte es nicht zeigen, aber auch ich hatte Angst vor diesem großen, eklig aussehenden Tier.
„Tommy ... “, sagte ich, „ist sie giftig?“
„Aber nein“, sagte Sanne an seiner Stelle. „Solche wie die hier werden gerne im Fernsehen für Gruselfilme genommen, weil sie den Schauspielern nichts tun, aber trotzdem richtig gefährlich aussehen. Nur wenn du sie ganz doll ärgerst, sondert sie ein paar ihrer Härchen ab, und das juckt dann eine Weile.“
„Woher weißt du das denn?“, fragte ich meine Schwester vollkommen entgeistert.
„Von Steven Spielberg“, sagte sie völlig ernst. „Das hat er in einem Interview gesagt. In einem seiner Filme spielte genau so eine Spinne wie die hier mit.“
Tommy stand auf und reckte sich.
„Sanne hat Recht. Sie ist vollkommen harmlos. Wenn du Glück hast, kommt sie sogar auf die Hand.“
Na, so viel Glück wollte ich aber nun doch nicht haben. Ich stand ebenfalls auf. Ich beschloss, lieber keine Frage mehr zu stellen. Ich hatte das Gefühl, ich sei der Einzige, der überhaupt nichts wusste.
„Und was machen wir jetzt?“, fragte ich ratlos. „Sollte sie uns nur erschrecken?“
„Theoretisch bräuchten wir nur an ihr vorbei zu spazieren.“ Tommy atmete einmal tief ein und aus. „Aber ich glaube, so einfach geht das nicht.“
„Warum nicht?“, fragte ich ratlos.
„Weil wir ein Problem haben.“
Im selben Moment verstand ich. Janine! Tommy blickte mich an und lächelte.
„Du hast Recht“, sagte ich. „Es wird verdammt schwer, Janine dazu zu bringen, sich mit der Spinne anzufreunden. Und was machen wir jetzt?“
„Was ist, wenn wir um die Spinne herumgehen? Wir könnten einen Pfad durch das Gestrüpp schlagen und sie umgehen.“
Tommy zeigte auf die Machete, die ich immer noch in der Hand hielt. „Versuch’s doch mal damit.“
Also zog ich die Machete aus dem Futteral und machte mich ans Werk. Hieb um Hieb setzte ich dem Gestrüpp zu, doch jeder von ihnen schien ins Leere zu gehen. So kräftig ich auch schlug, die Schneide drang hinein in das verfilzte Unterholz und federte wieder heraus. Verblüfft hielt ich inne und drehte mich zu den anderen um.
„Das ist wie aus Gummi! Da komm ich nie durch!“
„Tja ... “, machte Tommy, „ein Wink mit dem Zaunpfahl.“ Er wandte sich um zu Janine und winkte sie heran.
„Janine, ich glaube, du musst die Spinne entfernen.“
Janine zuckte zusammen. „Niemals! Das kann ich nicht!““
„Du wirst es müssen. Joe hat es ausprobiert. Der Urwald ist undurchdringlich. Und wenn ich darüber nachdenke, wird es wieder eine Prüfung sein. Du musst deine Angst überwinden, genau wie Joe die Angst vor dem Wasser überwunden hat.“
Janine holte tief Luft und betrachtete das haarige kleine Ungeheuer. Ich sah, wie ein Schauder ihren Körper durchlief.
„Und wenn sie beißt? Und ihre Haare sind so eklig, und ... und ...“
Tommy schaute sie fest an. „Sie ist ungiftig. Und sie ist friedlich. Sanne hat sie im Fernsehen gesehen. Sie wird dir ganz bestimmt nichts tun. Denk an Joe! Er hatte solche Angst vor dem Wasser, und doch hat er sich überwunden!“
„Und wenn ihr es probiert?“, machte Janine einen letzten Versuch.
Wir blickten sie an. Ich war mir jetzt ganz sicher, dass Tommy Recht hatte. Wir anderen würden die Spinne ganz bestimmt nicht dazu bewegen können, den Pfad zu verlassen. Und Gewalt antun wollten wir ihr nicht. Ich sah, wie Janine in unseren Gedanken las.
„Ich muss es also tun ...“, murmelte sie. In diesem Moment tat sie mir unendlich Leid.
„Mach es“, sagte Sanne leise und legte ihre Hand auf Janines Arm. „Ich bleib neben dir und helfe dir, wenn es sein muss.“
Janine antwortete nicht. Deutlich waren der Ekel und der Widerwille in ihren Augen abzulesen. Es musste furchtbar für sie sein.
„Wir kommen hier sonst nicht raus?“, fragte sie und schaute verzweifelt Tommy an.
Der schüttelte den Kopf. „Das ist deine Prüfung. Da bin ich mir ganz sicher. Es gibt hier sonst keine Tiere oder hast du welche gesehen oder gehört?“
Das gab den Ausschlag. Janine wusste jetzt, dass es sein musste. Eine volle Minute lang stand sie da, fixierte die Spinne und atmete tief ein und aus. Und was sie dann tat, das hätte ich ihr niemals, wirklich niemals, zugetraut. Aber plötzlich sah Janine Tommy an und sagte einfach nur: „Okay!“
In diesem Moment bewunderte ich sie so sehr, dass mir mein eigener Mut ganz klein vorkam. Zentimeter für Zentimeter setzte sie einen Fuß vor den anderen. Dann war sie nur noch etwa eine Armlänge von der Spinne entfernt. Die rührte sich nicht einen Millimeter.
Eine Minute lang geschah nichts. Janine stand vor dem großen Tier und versuchte, die Situation einzuschätzen. Schließlich war sie sicher, dass die Spinne keine Reaktion zeigte.
„Sie ist harmlos, sie ist harmlos ... sie ist nicht eklig ...“, hörte ich sie murmeln. Dann blickte sie kurz zurück, und wir sahen, wie sehr sie immer noch mit sich kämpfte. „Was soll ich jetzt machen?“
„Keine Ahnung“, sagten Tommy und ich gleichzeitig.
„Danke für eure Hilfe“, grunzte sie verärgert und drehte sich wieder um. Wir hörten sie irgendetwas vor sich hin reden, doch sie sprach so leise, dass wir es nicht verstehen konnten. Lange stand sie so da, und ich hielt es beinahe nicht mehr aus. Doch plötzlich ging sie in die Hocke, und langsam kniete sie sich auf den Weg.
Janine und die Spinne saßen sich gegenüber. Dann begann unsere Freundin zu reden. Leise und ununterbrochen redete sie mit dem Tier.
„Wir tun dir ganz bestimmt nichts. Liebe Spinne, geh in den Wald und such dir eine Fliege. Ich hab nichts für dich.“
Und dann geschah es. Langsam, unendlich langsam, als wollte die Spinne Janine nicht erschrecken, hob das Tier seine zwei Vorderbeine in die Luft. Ich konnte nicht sehen, ob die Spinne Augen hatte, aber es schien ganz so, als schaute sie Janine an. Mir stockte der Atem. Was würde sie jetzt machen?
„Wenn sie ihre Beine hebt, kann man sie aufheben“, flüsterte Tommy. „Das hab ich auch in einem der Bücher meines Vaters gelesen ... “
„Muss man doch aber nicht“, sagte Janine mit Blick auf die behaarten Beine.
„Muss man nicht“, sagte ich etwas hilflos. „Aber ich glaube, wenn du’s nicht tust, kommen wir hier niemals vorbei.“
Janine starrte auf die Spinne, die ihre beiden Beine nach wie vor in die Luft hielt. Sie wollte nicht mehr zurück. Ich sah es ihr an. Dann schaute sie zurück über ihre Schulter und ihr Blick suchte Tommy.
„Wie hebt man sie auf? Und was soll ich mit ihr machen?“
„Du brauchst nur die flache Hand mit der Handfläche nach oben vorsichtig unter ihre Beine zu schieben. Wenn sie keine Angst hat und dich mag, kommt sie von allein auf deine Hand. Und ich denke, du brauchst nichts weiter zu tun, als sie in den Wald zu setzen.“
„Wenn sie keine Angst hat ... “, murmelte Janine. „Toll.“
Doch dann traf sie die Entscheidung ihres Lebens. Sie legte ihre rechte Hand mit der Handfläche nach oben auf den Weg und schob sie Zentimeter für Zentimeter nach vorn.
Dann war es soweit. Ihre Finger berührten ein Bein der Vogelspinne Brachypelma und Janine erstarrte. Ich dachte, jetzt würde sie aufspringen und schreiend davonlaufen. Ich konnte es nicht fassen, wie mutig sie war.
Unmerklich kam Leben in die Spinne. Vorsichtig und kaum wahrnehmbar setzte sich das Tier in Bewegung und kroch wie in Zeitlupe auf Janines Handteller. Ich schaute abwechselnd zu der Spinne und in Janines Gesicht. Einmal blickte ich kurz zu Tommy und Sanne, die neben uns wie Statuen dastanden und dem Ganzen atemlos zuschauten.
„Sie mag mich“, flüsterte Janine. „Schaut nur ... “
Ich hielt es nicht mehr aus.
„Wie fühlt sie sich an?“, fragte ich aufgeregt.
„Wie eine Raupe.“
„Wie eine Raupe? Igitt!“
Die Spinne war jetzt vollständig auf Janines Hand gekommen und ließ sich ruhig auf ihr nieder. Langsam und äußerst behutsam kam Janine von den Knien hoch und stand auf, die Spinne nicht aus den Augen lassend und ihre rechte Hand weit von sich gestreckt.
„Jetzt hast du bestimmt Hunger und willst in den Wald. Und ich bring dich in den Wald. Hab keine Angst. Gleich haben wir es geschafft.“
Janine brauchte nur zwei Schritte, dann stand sie am Rand des Pfades am dichten Unterholz. Ihre Augen suchten den Wald ab und fanden schließlich etwas, wovon sie dachte, das könnte der Spinne gefallen. Vorsichtig legte sie ihren Handrücken auf ein großes dunkelgrünes Blatt, das aus einer Pflanze wuchs, die mich an eine Bananenstaude erinnerte. Ein, zwei Sekunden schien die Spinne zu überlegen, doch dann bewegte sie sich behutsam wie zuvor und verließ Janines Hand. Sie krabbelte an dem Blatt empor und verschwand im Innern der Staude.
Janine stand immer noch da, die Hand auf dem Blatt, und ihr Gesicht glänzte vor Erleichterung. Wir fielen uns in die Arme.
„Ich hab’s geschafft!“, rief sie. „Hey, ich hab’s geschafft!“
Janine glänzte vor Glück und Stolz, und ich drückte sie so fest ich nur konnte. Tommy klopfte ihr anerkennend auf die Schulter, und auch Jever und Lazy zeigten uns auf ihre Art mit Kläffen und Schwanzwedeln, wie sehr sie sich freuten, dass wir glücklich waren. Hunde spüren eben so was.
Ich starrte auf die Stelle, an der die Spinne im Dickicht verschwunden war. Aber es war nicht das Geringste mehr von ihr zu entdecken.
„Da können wir mal wieder stolz auf jemanden sein“, sagte Tommy und sah Janine mit warmen Augen an. „Du bist das mutigste Mädchen, das mir je begegnet ist. Außer dir natürlich!“, ergänzte er und zwinkerte Sanne zu.
„Sie fühlte sich komisch an“, lachte Janine. „Wie eine Raupe. Und sie war warm!“
Wir redeten alle durcheinander, und es dauerte lange, bis wir das eben Erlebte einigermaßen verarbeitet hatten. Janine redete nur noch davon, wie sanft die Spinne war und dass sie sie gemocht hatte. Sie hörte gar nicht mehr auf. Doch irgendwann pochte Tommy darauf, dass wir uns daran erinnerten, wo wir eigentlich waren und was wir noch zu tun hatten.
„Leute, ich will ja nicht drängen. Wir werden diese Spinne in Ehren halten, aber wir müssen weiter!“
Natürlich. Wir mussten weiter. Aber das wollten wir eigentlich gar nicht hören. Die Begeisterung über das eben Erlebte war so groß, dass wir nicht schon wieder an die nächste Aufgabe denken wollten. Denn die kam bestimmt. Und Tommy drängte uns zur Eile.
„Lasst uns gehen. Ich glaube, dort hinten wird es heller. Vielleicht ist der Wald dort zu Ende.“
Der Pfad lag wieder vor uns. Der Weg war frei. Wir schauten uns an und dachten alle das Gleiche. Was würde jetzt auf uns warten?
Abgründe
Jever flitzte wieder voraus, aber Tommy achtete darauf, dass er in Sichtweite blieb. Und dann fanden wir etwas, womit wir hier nun gar nicht gerechnet hatten.
„Ein Apfelbaum!“, rief Janine fassungslos und zeigte auf einen Baum direkt vor uns am Wegesrand, der sich völlig von den anderen in diesem Urwald abhob. Sein Stamm wuchs halb aus dem Pfad, halb verschwand er im Dickicht zu unserer Rechten. Zuerst glaubten wir Janine nicht so recht, doch als wir näher kamen sahen wir, dass es tatsächlich Äpfel waren, die an seinen Ästen hingen. Dicke runde, grünrote und verdammt lecker aussehende Äpfel.
Neugierig und auch ziemlich hungrig betrachteten wir die Früchte, die so zahlreich in großen Trauben an den Ästen hingen, dass sie diese hinunterdrückten.
„Was meint ihr“, sagte Tommy, „ob die auch so zäh sind wie die anderen Pflanzen?“
„Probieren geht über studieren“, dozierte ich und zog die Machete hervor. „Ich hab richtig doll Hunger, vielleicht hat der Baum Mitleid.“
Mit der Hand kam ich nicht an die Früchte heran, aber in Reichweite der Machete hingen genügend Äpfel. Die anderen gingen ein Stück zurück, weil ich gewaltig ausholte. Ich dachte, ich probier’s gleich mit Gewalt, schließlich war mir der Versuch von vorhin, die Spinne zu umgehen, noch in guter Erinnerung. Da hatte Tommys Machete gar nichts genutzt. Mit Schwung schlug ich zu, und zu meiner größten Überraschung durchdrang die Machete den von mir ausgesuchten Ast wie ein Stück Butter, und etwa zwei Dutzend Äpfel purzelten von oben herab und mir auf den Kopf.
Meine Freunde schüttelten sich vor Lachen, während ich mir den schmerzenden Schädel rieb und verblüfft den glatten Schnitt betrachtete, den die Machete im Baum hinterlassen hatte. Jever rannte zu einem der davon kullernden Äpfel, schnappte ihn sich und machte sich darüber her. So faul mein Hund auch sonst war, die Gelegenheit ließ er sich nicht entgehen. Den schönsten Apfel zwischen den Zähnen watschelte er zum Wegesrand und machte es sich bequem.
„Hey, die sind lecker!“, rief Sanne. Schon hatte sie einen Apfel aufgehoben und biss herzhaft hinein. Wir hatten alle gewaltigen Hunger und auch Durst, schließlich war unsere erste Pause am See, als wir die Chipstüten und die beiden Mineralwasserflaschen geleert hatten, schon eine ganze Weile her.
„Meinst du wirklich, dass die nicht giftig sind?“, fragte Janine ängstlich.
Tommy nickte kauend. „Verlass dich drauf. Jever schmeckt’s, und außerdem glaube ich, dass der Baum hier nicht ganz aus Zufall steht. Vielleicht ... “, meinte er augenzwinkernd, „ ... möchte jemand, dass wir uns stärken.“
Ich drehte mich einmal um die eigene Achse. „Wo ist denn dann der Kühlschrank? Ich hätte gern ´ne Cola!“
„So weit kommt’s noch!“, grinste Tommy. „Wenn, dann bitte ein schönes kühles Wasser.“
Jeder von uns verdrückte zwei von den knackigen Äpfeln, die nebenbei auch den ärgsten Durst löschten. Dann packte Tommy noch mal zwei für jeden in seinen Rucksack.
„Für unterwegs“, sagte er stöhnend, als er den Sack aufhob und merkte, wie schwer er jetzt wieder war. Ich bot mich an, das Teil für eine Weile zu übernehmen, aber er winkte ab.
„Lass nur, wenn’s mir zu schwer wird, sage ich euch Bescheid, und wir essen den Inhalt einfach auf.“
Mit neuer Energie ging es weiter. Ich fühlte mich merkwürdig sicher. Der Wald machte mir keine Angst mehr, und die Gedanken an zu Hause hatte ich erfolgreich verdrängt. Ich übernahm die Spitze unserer kleinen Bande und ging entschlossen voran.
Etwa hundert Meter vor uns machte der Pfad einen scharfen Knick. Als wir an diese Stelle kamen und uns nach rechts wandten, erblickten wir eine unglaublich schöne Savannenlandschaft. Wenige Meter vor uns endete der Urwald und gab den Blick frei auf eine gelbgrüne Grasebene. Bis zum Horizont war es flach, und die Luft flimmerte in der Ferne über dem Boden. Unzählige Termitenhügel in den merkwürdigsten Formen wuchsen aus dem Boden. Hier und da fanden sich große, uralt scheinende Bäume, die ihre blattlosen, knochigen Äste wie Finger in den Himmel reckten. Ein leichter, warmer Wind kam uns entgegen. Schweigend standen wir da und versuchten, diesen Eindruck auf uns einwirken zu lassen.
Sanne brach als erste den Bann.
„Affenbrotbäume!“
„Richtig“, sagte Tommy anerkennend. „Die wachsen in Afrika. Es ist schon komisch, da kommen wir geradewegs aus Costa Rica und laufen direkt nach Afrika.“
„Und wo sollen wir jetzt langgehen?“, fragte Janine.
„Einen Weg, der uns zeigt, wo es weitergeht, scheint es hier ja nicht zu geben“, meinte Tommy. „Oder sieht wieder jemand was, was ich nicht sehe?“
Angestrengt suchten wir die Gegend ab, aber es gab nichts, was sich vielleicht nur für einen von uns erschlossen hätte. Auf einmal hatte ich eine Eingebung.
„Sag mal, Tommy, bei so einem weiten Gelände könnte uns doch vielleicht dein Kompass helfen, die Richtung zu halten.“
„Hey, nicht schlecht, Herr Seefeld!“, rief er. Doch dann grübelte er über die Idee nach. „Obwohl wir hier drin das Magnetfeld der Erde wahrscheinlich gar nicht messen können. Aber egal, einen Versuch ist es wert.“
Leise vor sich hin schimpfend räumte er wieder mal den Rucksack aus. Doch wir halfen ihm ein wenig und vertilgten jeder noch einen Apfel. Plötzlich schlug sich Tommy die Hand an die Stirn.
„Mann! Den hatte ich ja hier vorne rein gesteckt!“
Er öffnete die kleine aufgesetzte Tasche an der Vorderseite des Rucksacks, und schon hielt er den Kompass in der Hand.
„Ich werde alt“, murmelte er vor sich hin, während wir ihm lachend zusahen. „Das war das letzte Mal, dass ich diesen blöden Sack ausgeräumt habe. Halt mal ... “, sagte er und hielt mir den Kompass hin.
Ich dachte, es wäre irgend so ein billiges Ding aus dem Kaufhaus, aber der Kompass wog richtig schwer in der Hand. Ich drehte ihn um und sah, dass sogar ein Herstellername auf dem Boden eingraviert war.
„Er ist aus Messing und hat bruchfestes Glas“, sagte Tommy. „Er hat meinem Vater gehört. Meine Mutter hat ihn in seinen Sachen gefunden und mir geschenkt. Das sollte eigentlich ein richtig guter sein. Wenn der nicht geht, dann geht keiner.“
Ich nahm den Kompass zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt ihn vor mich.
„Muss ich irgendwas beachten?“, fragte ich Tommy. „Irgendeine Feststellschraube lösen oder so, wie bei einer Stoppuhr?“
„Nein“, antwortete Tommy, der inzwischen seinen Rucksack wieder auf den Rücken verfrachtet hatte. „Da gibt's nichts zum Einstellen. Einfach schauen, wo Norden ist.“
Ich dachte, Norden ist auf der Karte immer oben oder hier draußen eben vorne, also hielt ich das Gerät so vor mich, dass das große „N“ geradeaus zeigte. Aber bevor mir Tommy über die Schulter sehen und mich korrigieren konnte, fiel mir ein, dass die Idee ziemlich dumm von mir war. Schließlich zeigt die Nadel eines Kompasses immer nach Norden, egal, wo sich das „N“ auch gerade befindet. Ich versuchte, möglichst ruhig dazustehen und das Ding gerade zu halten. Und dann bescherte mir die Nadel eine Überraschung. Sie begann, sich langsam im Uhrzeigersinn zu drehen.
„Tommy!“, rief ich. „Sieh dir das an!“
Natürlich waren auch Janine und Sanne neugierig, was sich da tat und schauten mir ebenfalls über die Schulter. Erst war es eine langsame und zittrige Bewegung. Doch dann begann sich die an ihrem einen Ende zu einem Pfeil geformte Nadel immer schneller zu drehen. Sprachlos starrten wir auf den Kompass. Die Geschwindigkeit nahm zu, und nach wenigen Sekunden raste das Ding wie ein Propeller, dass ich schon dachte, es würde gleich seinen Geist aufgeben.
Dann, im Bruchteil einer Sekunde, blieb der Zeiger stehen und verharrte regungslos. Seine Spitze zeigte Richtung Nord-West, zumindest, wenn man davon ausging, dass Norden in der Richtung lag, in die ich den Kompass ausgerichtet hatte. Wie auch immer, die Pfeilspitze wies in die Richtung schräg links von uns und rührte sich nicht um einen Millimeter.
„Netter Hinweis“, murmelte Janine.
„Hm?“, machte ich.
„Also, wenn ihr mich fragt, dann heißt das nichts anderes, als dass uns jemand mitteilt: Da geht's lang!“
„Würde mich in dieser Welt absolut nicht mehr wundern“, stimmte Tommy zu. Sanne schaute in die uns anscheinend vorgegebene Richtung und zuckte die Schultern.
„Ist doch eh egal, wo wir lang gehen. Sieht doch überall gleich aus.“
Da hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Hinter uns lagen der Wald und der Pfad. Und der, da war ich mir ziemlich sicher, würde in nicht allzu langer Zeit hinter uns zugewachsen sein. Und voraus gab es nichts als Ebene ohne irgendeinen erkennbaren Trampelpfad oder Hinweis, wohin wir uns zu wenden hatten.
„Siehst du“, grinste Tommy mich an. „Ich wusste doch, warum ich ihn mitnehmen sollte.“
Da ich nun schon mal den Kompass in der Hand hatte, fiel mir auch die Aufgabe zu, die Vorhut zu machen. Wir diskutierten gar nicht mehr, ob wir nun diese Richtung einschlagen sollten oder nicht. Wir gingen los.
Die Luft roch nach trockenem Gras, und dann und wann mischte sich auch eine Art Wildgeruch darunter. Zumindest meinte ich das, aber ich sprach es nicht aus, denn ich wollte die anderen nicht beunruhigen. Wir gingen einfach querbeet, richteten uns nur nach der sturen Anzeige unseres Kompasses. Bei einem besonders schönen Exemplar von Termitenhügel blieben wir stehen und betasteten den grandiosen Bau der kleinen Insekten. Etwa vier Meter wuchs der Hügel aus der Savanne, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass solch kleine Tiere ein derartiges Bauwerk zustande brachten. Doch so sehr wir auch suchten und an der Außenseite klopften, eine Termite zeigte sich nicht. Diese Welt schien unbewohnt. Na, mit Ausnahme unserer kleinen Spinne!
Die Veränderung kam unmerklich. Das Gras wurde kürzer und die Termitenhügel spärlicher. Der leichte Wind frischte etwas auf, was uns nicht ungelegen kam, trocknete er doch den feinen Schweißfilm, der sich auf unserer Haut vom Wandern gebildet hatte. Nach weiteren fünf Minuten ließen wir auch den letzten Affenbrotbaum hinter uns, und das Gras verschwand bis auf wenige Büschel ganz und wurde ersetzt durch trockenen, harten Sandboden. Angestrengt suchten wir mit den Augen den Horizont nach Anzeichen ab, die uns einen Hinweis auf unser mögliches Schicksal geben konnten. Sanne entdeckte es als erste.
„Was ist das?“, rief sie und deutete voraus.
„Was meinst du?“, fragten wir beinahe gleichzeitig.
„Die dunkle Linie da vorn!“
Ich ließ die Hand mit dem Kompass sinken und schaute angestrengt zum Horizont. Sanne hatte Recht. Am Rand unseres Blickfeldes schien eine Linie gezogen. Die sandfarbene Ebene erstreckte sich bis zu diesem dunklen Rand ohne besondere Erhebungen.
„Nun denn“, meinte Tommy. „Sehen wir nach.“
Beinahe ungestüm setzten wir einen Fuß vor den anderen. Da es nicht mehr viel Abwechslung in der Landschaft gab, hielt ich den Blick auf meine Schuhe gerichtet. Der Boden wurde immer sandiger, und bei jedem Schritt stob eine kleine Staubwolke auf. Rings um uns war es wieder still, und ich hörte nichts außer den Schlurfgeräuschen meiner Freunde und das Hecheln unserer Hunde. Doch nach wenigen Minuten mischte sich ein fremdes Geräusch unter die mir vertrauten. Es war wie ein ständiges leises Rauschen in den Ohren. Eine Weile begleitete mich das Geräusch, ohne dass ich ihm besondere Beachtung schenkte. Ich musste mich förmlich zwingen, den Blick von den Füßen zu wenden, die so schön gleichmäßig vor sich hin tappten.
„Hört ihr das auch?“, fragte ich eine Spur zu laut.
„Und ob ich das höre!“, sagte Tommy. „Und nicht nur das. Seht mal da ... “
Wir trauten unseren Augen nicht. Das, was wir vorhin noch als Linie wahrgenommen hatten, war auf einmal förmlich auf uns zugesprungen und entpuppte sich als regelrechter Bruch in der Ebene. Dort hinten tat sich ein Spalt auf, der die Landschaft vor uns teilte. Jetzt war es auch keine gerade Linie mehr, sondern ein Graben zog sich wie willkürlich abgebrochen im Zick-Zackkurs von links nach rechts. Und zwar so weit der Horizont reichte.
Unwillkürlich verlangsamten wir unsere Schritte. Tommy rief Jever an seine Seite. Um Lazy brauchte ich mir dagegen keine Sorgen zu machen, denn der tappte etliche Meter hinter uns her. Schritt für Schritt kamen wir dem Einschnitt näher. Und je näher wir kamen, desto deutlicher wurde, dass es sich nicht um einen Graben handelte, sondern um einen Abgrund.
Das Geräusch, das sich bislang nur als leises, störendes Rauschen in unseren Ohren bemerkbar gemacht hatte, verstärkte sich. Mit jedem Meter, den wir der Schlucht näher kamen, und jetzt war ich mir ganz sicher, dass es sich um eine Schlucht handelte, nahm die Intensität des Rauschens zu. Was erwartete uns dort?
Dann bekamen wir Gewissheit. Ein Abgrund tat sich vor uns auf! Die sanft und friedlich scheinende Ebene wurde unterbrochen von einem etwa dreißig Meter breiten Riss im Erdboden. Jetzt, nur wenige Meter vom Rand entfernt, erschreckte uns der Anblick des zerrissenen Bodens gewaltig. Als wir nahe genug heran waren, sahen wir die schroffen Felswände auf der gegenüberliegenden Seite des Bruchs. Und mit jedem Schritt, den wir uns an den diesseitigen Rand vortasteten, erfassten wir mehr von der gähnenden Tiefe der Schlucht.
Ich folgte Tommy vorsichtig, der sich schon bis zum Rand herangewagt hatte. Jever und Lazy blieben bei den Mädchen, was Lazy sichtlich freute, Jever dagegen absolut nicht behagte. Aber bei ihm konnte man ja nie wissen, ob er nicht wieder einen seiner berühmten Hopser ansetzen würde.
Zwei Meter vor dem möglichen Schritt ins Nichts blieb ich neben Tommy stehen und starrte atemlos in die Tiefe. Augenblicklich erfasste mich ein Schwindelgefühl, obwohl ich weit genug vom Rand entfernt stand. Es war gigantisch. Es fiel mir schwer, die Tiefe zu schätzen, aber hundert Meter ging es bestimmt steil nach unten. Und dann entdeckte ich auch die Ursache für das laute Rauschen, das hier vorn beinahe wie ein Donnern an unsere Ohren drang. Am Boden dieser Schlucht schoss ein Fluss in wilden Stromschnellen dahin. Selbst aus dieser Entfernung konnte ich sehen, dass das Wasser große Felsbrocken umtoste, die vermutlich aus der Wand gefallen waren, als sich dieser Riss in der Landschaft gebildet hatte. Was auch immer hier passiert sein mochte, es mussten unglaubliche Kräfte am Werk gewesen sein.
Ich blickte wieder auf und nach links. Soweit das Auge reichte schlängelte sich die Schlucht und verlor sich dann am Horizont. Als hätten sich zwei Riesen um einen gewaltigen Keks gestritten und diesen dann in der Mitte zerbrochen. Tommy stieß mich an und ich erschrak.
„Sieh mal da!“, rief er mir durch das Rauschen zu.
Ich schaute nach rechts, und im selben Augenblick fühlte ich ein flaues Gefühl im Bauch. Vielleicht zwanzig Meter weiter rechts befanden sich drei, vier in den Fels gehauene Stufen auf unserer Seite. Sie führten an der Felswand hinunter zu einem kleinen Vorsprung, und von dort aus spannte sich eine Hängebrücke über den Canyon!
„Mann!“, rief ich, und gleichzeitig schoss mir das Adrenalin von den Waden aufwärts bis in meine Arme und Hände. Schon die Vorstellung, da rüber zu müssen, löste in meinem Körper eine Abwehrreaktion aus.
„Na, was denn!“, rief Tommy zurück. „Wo ein Weg ist, ist auch ein Wille!“
„Schönen Dank“, grinste ich und zeigte zurück Richtung Sanne und Janine. „Und wer bringt das den beiden da bei?“
Wir mussten unsere Stimmen ziemlich heben, da das Tosen des Stromes von unten laut zu uns nach oben drang. Tommy machte eine abwartende Geste mit der Hand und gab mir zu verstehen, dass er etwas ausprobieren wollte.
„Ich geh’ mal runter und seh mir das Ding an. Warte hier auf mich.“
Das wollte ich natürlich nicht, aber dann wurde mir klar, dass uns die Mädchen nicht sehen konnten, wenn wir beide die Stufen zur Brücke runtersteigen würden. Also entschied ich mich notgedrungen, oben zu warten. Ich beobachtete Tommy mit gemischten Gefühlen, wie er vorsichtig den Abstieg begann und winkte den Mädchen beruhigend zu, dass sie sich keine Sorgen machten, wenn Tommy auf einmal verschwand.
Wider Erwarten schien es Tommy nicht schwer zu fallen, die gefährlich aussehenden Felsstufen hinabzusteigen. Ohne Probleme erreichte er die Plattform und begutachtete die Aufhängung der Brücke. Er riss und schüttelte an den Seilen. Dann nahm er die beiden Führungsseile in die Hände und mir blieb das Herz stehen. Ich wollte „Hör auf!“ schreien, aber ich bekam es nicht heraus.
Und dann vertraute ich Tommys Instinkt. Wenn er keine Angst hatte, dann war es nicht wirklich gefährlich. Mit den Händen an den Seilen machte er erste vorsichtige Schritte auf die Hängebrücke hinaus. Soweit ich es von meinem Standpunkt aus sehen konnte, bestand der Boden der Brücke aus Holzbohlen. Ganz so, wie man es immer in den Abenteuerfilmen sehen konnte. Um den Seiten Halt zu geben, waren dicke Lianen zu einer Art Geländer geflochten, und den Abschluss machten die beiden Führungsseile, an denen man sich festhalten konnte. Die Brücke überspannte die Schlucht leicht nach unten gebogen. Sie schwankte etwas im Wind, der hier Gott sei Dank nur mäßig wehte. Tommy wagte sich etwa zehn Meter weit vor, löste dann eine Hand vom Seil und winkte mir zu. Also alles soweit in Ordnung. Ich schaute nach unten. Wieder ereilte mich das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Die Brücke hielt Tommy aus. Aber würde sie auch alle auf einmal tragen?
Tommy kam zurück.
„Wie sieht’s aus?“, fragte ich ihn gespannt.
„Die trägt eine ganze Fußballmannschaft“, sagte er, während er einen Blick zurück warf. „Nur runtergucken sollte man nicht. Da ist selbst mir schwindlig geworden.“
„Wie tröstlich“, meinte ich grinsend. „Da ist selbst dir schwindlig geworden! Und du machst sonst Bungee-Jumping!“
Tommy lachte.
„Hab ich dir schon gesagt, dass wir beide uns nur mit einer Hand festhalten können, wenn wir da rübergehen?“
Ich guckte ihn verblüfft an.
„Warum das denn?“
„Na, kannst du dir vorstellen, dass Jever und Lazy da sicher rüberkommen? Ein Fehltritt und sie fallen runter. Wir werden sie auf den Arm nehmen müssen.“
Mir wurde ganz anders.
„Mach nicht so ein ängstliches Gesicht!“, lachte Tommy. „Sonst musst du Sanne und Janine auch noch auf den Arm nehmen!“
Tommy hatte gut reden. Mach nicht so ein ängstliches Gesicht! Hundert Meter Nichts unter mir, nur eine Hand zum Festhalten, einen trägen Hund unter dem Arm und womöglich auf eine verfaulte Bohle tretend, da sollte ich kein ängstliches Gesicht machen? Ich folgte Tommy kopfschüttelnd zu den Mädchen.
„Es gibt einen Weg über die Schlucht“, eröffnete Tommy den beiden, die uns erwartungsvoll anblickten.
„Was für einen Weg?“ Janine horchte auf.
„Es gibt eine Hängebrücke, ein Stück unterhalb des Randes.“
„Oh Gott!“, rutschte es Sanne heraus. „Da kriegst du mich nie rüber! Mir wird schon schwindlig, wenn ich bei uns zu Hause aus dem Fenster sehe! Und das ist nur im dritten Stock!“
„Eine Hängebrücke, so stark und fest, dass dreißig Elefanten drüberrennen könnten.“ Tommy blieb unerschütterlich, nickte aber verständnisvoll.
„Meinst du, du hättest weniger Angst, wenn du nichts sehen könntest?“
Sanne überlegte zweifelnd, doch Tommy hakte sofort nach.
„Was ist, wenn du die Augen zumachst?“
„Ich weiß nicht“, druckste Sanne.
Auf Tommys Gesicht erschien ein Leuchten. Er hatte eine Idee.
„Hey, denk einfach daran, dass es vorhin bei Joe auch geklappt hat!“
„Wie meinst du das?“
„Na, am See! Joe hat die Augen zugemacht, und durch war er!“
Sanne sah nicht sehr begeistert aus.
„Aber dann hat er sie wieder aufgemacht! Ich schaffe das bestimmt nicht, meine Augen die ganze Zeit zusammenzukneifen.“
Tommy grinste.
„Kein Problem. Dann binden wir dir halt die Augen zu!“
Er nahm eines der Handtücher aus dem Rucksack und band es Sanne um den Kopf. Das sah zwar urkomisch aus, aber es erfüllte seinen Zweck. Durch das Ding konnte sie nun weiß Gott nichts mehr erkennen.
„Siehst du was?“
„Nein.“
„Gut. Dann nimm mal meine Hand, und wir gehen los.“
„Halt!“, rief ich. Mir war ein Gedanke gekommen.
„Wir könnten uns alle aneinander binden. An den Seiten der Brücke hängen genug lose Seile herum. Außerdem müssen Tommy und ich Jever und Lazy auf den Arm nehmen, da ist es sowieso besser, wir sichern uns ab.“
„Gute Idee“, meinte Tommy. „Was meinst du, Sanne? Ich gehe vor, und du kommst gleich hinter mir. Unsere Jeans können wir an den Gürtelschlaufen mit den Seilen zusammenbinden. Wie ein Bergsteigerteam. Dann kann ich auch den Rucksack auf den Rücken und Jever auf den Arm nehmen.“
Sanne zuckte hilflos mit den Schultern. „Macht, was ihr wollt. Hauptsache, ich sehe nichts!“
Die Entscheidung war gefallen. Tommy ging noch einmal vor zur Hängebrücke und entfernte mit der Machete ein paar überflüssige Seile, die bei der Verknüpfung der Seitenteile über geblieben waren. Als er zurück war, verbanden wir uns mit Hilfe der Seile an den Schlaufen unserer Jeans, dass zum Vordermann ein Abstand von ungefähr einem Meter blieb. Dann prüften wir die provisorischen Verbindungen noch einmal durch kräftiges Zerren.
Das sah schon komisch aus: Wir Vier aufgereiht an einer Schnur, zwischen uns ein Mädchen mit einem dicken Handtuch um den Kopf, und dann noch zwei Hunde auf den Armen, von denen der eine genüsslich faul seinen Kopf auf meine Schulter legte und der andere erbost kläffte, weil er nicht rumhopsen konnte!
„Seid ihr soweit?“, fragte Tommy.
„Wir sind soweit“, antwortete Sanne mit fester Stimme.
„Gut. Wir sollten aufpassen, dass wir gleichmäßig laufen mit den Seilen am Körper. Stolpern sollten wir nun nicht gerade.“
Vorsichtig setzten wir uns in Bewegung. Tommy ging voraus, Jever unter seinen linken Arm geklemmt. Der Kleine guckte etwas verwirrt und schien nicht zu verstehen, warum er denn nicht laufen durfte. Hinter Tommy kam Sanne, dann folgte Janine. Ich machte das Schlusslicht, und auch ich klemmte mir meinen Hund unter den linken Arm. Ich dachte, mein rechter ist stärker zum Festhalten. Aber ein Basset ist gar nicht so leicht wie man denkt, und ich wusste schon jetzt, dass mein Arm lahm werden würde, bevor wir drüben waren.
Sanne schien sich ganz in ihr Schicksal ergeben zu haben. Sie hatte Tommy die Hand auf die Schulter gelegt und ließ sich führen. Als wir die Stufen erreichten, erklärte ihr Tommy, dass sie kurz loslassen müsste, denn alle zugleich konnten wir nicht hinunter mit dem Seil um die Hüften. Tommy ging zuerst und reichte dann Sanne die Hand. Vorsichtig, um die anderen nicht mit hinunterzuziehen, überwanden wir die wenigen Stufen bis zur Plattform.
„Seid ihr immer noch bereit?“
Kopfnicken. Sanne legte beide Hände auf Tommys Schultern.
„Das geht so nicht, Sanne“, sagte er. „Es ist besser, du hältst dich rechts und links mit beiden Händen am Geländer fest. Das ist viel weniger wacklig. Glaubst du, du schaffst das?“
Sanne bekam kein Wort heraus, aber ihr Kopf hob und senkte sich hastig.
„Gut. Wir sind richtig stolz auf dich. Dann wollen wir mal. Ich war vorhin schon mal etwas weiter auf der Brücke. Sie schwankt nur wenig, und die Bohlen sind sicher. Und noch ein Tipp an alle ohne Handtuch vor den Augen: Seht nur geradeaus, genau auf das andere Ende der Brücke. Runtergucken können wir immer noch von drüben.“
Und dann gingen wir los. Ich war der Letzte, der die Brücke betrat. Ich hatte verdammte Angst, dass Sanne irgendwo mitten über der Schlucht einen Panikanfall kriegen würde. Ich versuchte zwar, Tommys Ratschlag zu beachten, auf jeden Fall nur die andere Seite zu fixieren, aber immer wieder starrte ich auf Sanne, ob sie vielleicht verkrampfen würde. Oder losschreien. Aber nach unten schaute ich nicht ein einziges Mal.
Meter um Meter schoben wir uns voran. Das Seil, das als Geländer diente, ließen wir bei jedem Schritt durch die Hand gleiten, um dann wieder fest zuzugreifen. Bloß nicht loslassen! Janine und Sanne konnten sich mit beiden Händen festhalten, doch für Tommy und mich war die Sache weit schwerer, hatten wir doch unsere Hunde. Wie ich befürchtet hatte, wurde Lazy mit jedem Schritt schwerer und schwerer. Ich bekam das Gefühl, dass der Kerl inzwischen so viel wog wie ein Sandsack. Und das Beste war, dass Lazy seine Schnauze auf meine linke Schulter gebettet hatte und vor sich hin sabberte.
Das Rauschen des Stromes drang donnernd zu uns herauf. Wider Erwarten schwankte die Brücke kaum. Sie war tatsächlich sehr stabil. Sanne setzte wie in Trance einen Fuß vor den anderen. Ich wollte nicht wissen, wie es in ihr aussah. Es reichte mir zu wissen, wie es in mir aussah.
Schließlich hatten wir die Mitte erreicht, und langsam ging es wieder leicht aufwärts. Ich spürte meinen Arm nicht mehr, und alles, woran ich denken konnte, drehte sich um Lazy. Ich durfte ihn nicht fallen lassen. Ich durfte ihn einfach nicht fallen lassen. Ich sagte mir innerlich vor, nur noch diesen Schritt und jetzt noch diesen Schritt, nur noch diesen einen Schritt ...
Und dann waren wir drüben.
Ich armer Kerl war der Letzte, der die andere Seite erreichte, und um ein Haar wäre mir mein Hund aus dem Arm gerutscht. Als meine Beine wieder festen Boden unter sich hatten, konnte ich das Seil endlich loslassen und im letzten Moment mit der rechten Hand zufassen und Lazy am Hals packen.
„Nicht stehen bleiben!“, rief Tommy. „Lasst uns erst noch ein paar Meter weitergehen!“
Auch auf dieser Seite gab es eine Plattform und ganz ähnliche Stufen wie auf der, von der wir kamen. Mit zittrigen Beinen stiegen wir die Treppe hoch und gingen dann noch einige Dutzend Meter tief in die diesseitige Ebene hinein. Schließlich sagte Tommy: „Okay, das reicht!“, und wir hielten erschöpft, aber überglücklich an.
Ungeduldig setzten wir die Hunde ab, knüpften die Seile auf und schüttelten die verkrampften Arme aus. Dann klopften wir Sanne auf die Schulter, die immer noch das Handtuch um den Kopf hatte und einfach nur dastand.
„Hey, Sanne! Du hast es geschafft! Wir haben es geschafft! Schau dich um, wir sind drüben!“
Tommy löste vorsichtig das Handtuch und warf es sich über die Schulter. Sanne stand da und hielt die Augen immer noch geschlossen.
Ich hielt es nicht mehr aus und berührte sie am Arm.
„Hey“, sagte ich leise. „Du bist drüben. Du stehst auf festem Boden. Mach die Augen auf!“
Das endlich löste ihre Spannung. Sie machte die Augen auf und lächelte mich an. Dann schaute sie sich um, drehte sich einmal um ihre Achse, sprang in die Luft, fing an zu lachen und schrie: „Jaaha! Geschafft!“
Wir konnten nicht anders, wir stimmten in ihr Lachen ein, und die Erleichterung löste all unsere Anspannung. Jever und Lazy spürten unsere Freude und sprangen an uns hoch. Eine volle Minute lang schlugen wir uns gegenseitig auf die Schultern und freuten uns für Sanne.
„Nur nicht übermütig werden“, lachte Tommy. „Na, was ist, Sanne? Willst du noch mal über die Brücke, weil’s so schön war oder gehen wir weiter?“
„Nein danke! Eine Schlucht reicht mir. Noch mehr Abgründe wird’s hier ja wohl nicht geben.“
Auf einmal wurde sie ernst.
„Tommy, kommen wir hier wieder raus?“
Tommy überlegte nicht eine Sekunde. „Sicher. Und ich habe das Gefühl, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird. Viel mehr kann uns eigentlich nicht erwarten. Vielleicht noch so eine Art Abschlusstest.“
„Und dann?“, fragte ich. „Was dann? Wenn wir hier heil durchgekommen sind, wo kommen wir dann wieder raus? Und wozu das alles?“
„Vielleicht ist der Weg das Ziel“, grummelte Tommy. „Frag mich nicht. Ich weiß genauso wenig wie du. Außer eins und das ist, dass wir jetzt einfach wieder losgehen.“
Und das taten wir. Vier Äpfel hatten wir noch, und die vertilgten wir jetzt, während wir uns wieder auf den Weg machten. Jeder von uns schnitt mit Hilfe von Tommys Taschenmesser ein Viertel aus seinem Apfel und gab es den Hunden. Lazy schaute mich mit seinen traurigen Basset-Augen an, ob ich vielleicht auf die Idee kommen würde, ihn noch mal zu tragen, aber den Gefallen tat ich ihm nicht.
Nach ein paar Dutzend Metern kam ich auf den Gedanken, mal auf den Kompass zu sehen. Und das war eine gute Idee. Der Pfeil zeigte jetzt direkt nach Norden, genau weg von der Schlucht. Ich sagte den anderen nichts davon, denn dies war genau die Richtung, in die wir sowieso schon gingen. Ich beschloss einfach, alle paar Minuten draufzugucken, ob sich irgendetwas veränderte.
Wir marschierten etwa eine Viertelstunde, ehe sich die trockene und auch recht staubige Ebene wieder spürbar veränderte.
„Es wird felsiger“, sagte Sanne, die mit ihrem frisch gestärkten Selbstbewusstsein vorausging. Sie hatte Recht, der Sandboden wurde jetzt immer häufiger von kleinen Felsbuckeln unterbrochen. Und noch einmal hundert Meter weiter bestand der Boden schließlich ganz aus Stein. Graues, mit feinen silbrigen Adern durchzogenes Felsgestein.
Auf einmal drang wieder ein Geräusch an unsere Ohren. Wieder war es ein Rauschen. Doch diesmal klang es nicht stetig, sondern wiederholte sich in rhythmischen Abständen. Verwundert blieben wir stehen und horchten.
„Was ist denn das jetzt wieder?“, fragte Sanne.
Tommys Gesicht verzog sich vor Anstrengung, das Geräusch zu deuten.
„Es hört sich an wie das Meer“, sagte er schließlich.
Konnte es das Meer sein? Jetzt, wo Tommy diesen Hinweis gegeben hatte, war auch ich mir ziemlich sicher, dass das an- und abschwellende Rauschen von Wellen verursacht wurde. Wenn das stimmte, dann hatten wir aber wirklich alles durchgemacht. Einen See, einen Urwald, eine afrikanische Savanne, einen kleinen Grand Canyon und nun noch der Ozean.
„Wenn es das Meer ist, sind wir am Ende“, sagte Janine, und wir starrten sie an. „Weil wir da nie weiterkommen. Oder wollt ihr auch noch im Meer rumschwimmen?“
„Lasst uns die Lösung nicht vor dem Rätsel suchen“, sagte ich und staunte über meine eigenen Worte.
Tommy hob die Brauen. „Ein Philosoph ist unter uns! Aber Joe hat Recht. Erstmal sehen, was da kommt. Uns ist noch immer eine Lösung eingefallen.“
Und nur eine Minute später sahen wir hinter dem Grau des Felsbodens das Blau eines Ozeans in der Ferne auftauchen. Schon roch es nach Salz und Tang, und wenn ich auch Angst vor dem Wasser hatte, einen Sandstrand liebte ich dennoch über alles. Aufgeregt beschleunigten wir unsere Schritte.
Janine erkannte es zuerst.
„Nicht schon wieder!“, stöhnte sie. Und dann sahen auch wir, was uns erwartete. Ein neuer Abgrund tat sich auf. Wir liefen geradewegs auf eine Klippe zu, die sich über das Meer erhob. Soweit das Auge reichte, schien eine Steilküste den Weg zu versperren. Den Sandstrand konnte ich wohl erstmal abhaken.
Bis auf fünfzig Meter näherten wir uns dem Klippenrand. Dann auf einmal stockte Tommy. Als wir sein Gesicht sahen, erschraken wir. Er war bleich geworden, und seine Augen zeigten Erschrecken. Nervös schauten wir nach vorne, um zu erforschen, was Tommy so mitgenommen hatte. Doch nichts deutete auf eine Gefahr hin.
„Was hast du?“, fragte Janine. „Sag doch, was siehst du?“
„Ich kenne diese Stelle“, flüsterte Tommy, und wir hatten Mühe, ihn bei dem Lärm, den die unter uns an die Felsen donnernden Wellen machten, zu verstehen.
„Was, du kennst diese Stelle?“ Sanne war sprachlos. „Aber woher? Hier ist doch alles fremd!“
Tommy antwortete nicht, und das machte uns jetzt richtig Sorgen. Was war nur mit ihm? Woher kannte er diesen Ort? Und warum machte er ihm Angst? Dann, mit einem merkwürdigen Glanz in den Augen, begann er, weiter auf den Rand der Klippe zuzugehen. Janine wollte ihn am Arm zurückhalten, aber ich schüttelte stumm den Kopf. Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass auch mir diese Stelle bekannt vorkam. Aber verflixt, ich konnte mich nicht erinnern, jemals auf einer Klippe wie dieser gestanden zu haben.
„Bleibt bitte hier“, sagte ich zu Janine. „Ich glaube, das geht nur Tommy und mich etwas an.“
Ich wusste nicht, warum ich das gesagt hatte. Aber Janine nickte und verständigte sich mit Sanne. Die beiden hielten Jever zurück, weil es wieder mal eine gefährliche Stelle für einen Wirbelwind war. Mein Hund würde sowieso nicht eher loslaufen, als unbedingt nötig.
Als ich Tommy folgte, rutschte mir das Herz in die Hose. Er stand direkt am Rand der Klippe und schaute hinunter. Nicht einmal einen halben Meter trennten seine Füße vom Abgrund. Langsam, um ihn nicht zu erschrecken, näherte ich mich ihm von der Seite. Ich wollte möglichst nahe bei ihm sein, um ihn notfalls zurückzureißen. Aber andererseits war es mir ganz und gar nicht geheuer, so dicht an den Rand zu gehen. Dann stand ich neben ihm und schaute vorsichtig nach unten. Und auf einmal schoss mir ein Bild in den Kopf. Ein Bild von diesem Ort!
Ja, ich kannte diese Stelle. Aber ich selbst war wirklich noch nie hier gewesen. Nein, ich hatte diese Klippe auf Fotos gesehen! Auf Fotos, die Tommy mir gezeigt hatte. Jetzt wusste ich, wo wir hier standen. Es war die Stelle, von der aus sein Vater immer von der Klippe gesprungen war. Die Stelle, an der Tommy bestimmt schon tausend Male in Gedanken gewesen war und die den Mut seines Vaters verkörperte.
Was sollte ich jetzt tun? Was konnte ich tun oder sagen, dass Tommy weitergeholfen hätte? Ich wusste es nicht. Doch ich musste irgendetwas sagen.
„Von hier aus ist dein Vater immer gesprungen, stimmt’s?“
Tommy nickte nur. Ich hatte das Gefühl, ich müsste unbedingt weiterreden.
„Hör’ mal, Tommy, das hier ist nicht Teneriffa. Dies ist eine fremde Welt! Tommy! Du brauchst uns gar nicht zu beweisen, wie mutig du bist! Das wissen wir doch alle! Bitte!“
Je mehr ich sagte, desto unsicherer wurde ich. Ich wollte unbedingt, dass Tommy vom Rand zurückging und redete mir dabei den Mund fusselig. Ich wusste ja noch nicht mal, ob ich nicht vielleicht genau das Gegenteil erreichte. Tommy sah mich nicht an. Ich war mir nicht mal sicher, ob er mich überhaupt hörte.
„Tommy, bitte spring nicht! Bitte!“, flehte ich.
Ich warf einen hilflosen Blick zurück zu den Mädchen. Sie konnten nicht verstehen, was hier vor sich ging. Als ich mich wieder umblickte, hatte Tommy die Augen geschlossen. Ich sah, wie es in seinem Gesicht arbeitete. Was mochte er jetzt denken? Seine Arme hingen schlaff an den Seiten herunter, und die Füße standen bereit wie zum Absprung. Ich hatte eiskalte Hände. Und ich war hilflos. Würde ich ihn jetzt wegreißen, wäre damit nichts gewonnen. Er ganz allein hatte dies hier zu bestehen.
Lange standen wir so da, und ich ließ Tommy in Ruhe. Doch dann endlich schlug er die Augen auf. Sein Blick war klar, und sein Mund verzog sich zu einem unsicheren Lächeln. Mir fiel ein unglaublich großer Stein vom Herzen.
„Ich werde nicht springen“, sagte er mit fester Stimme. „Nicht, bevor ich nicht weiß, was da unten im Wasser liegt. Ach Joe ... “
„Ja?“ Ich war gespannt, was jetzt kam.
„Hast du mal ’n Taschentuch?“
Wir brachen in ein befreiendes Gelächter aus, und dann machten wir erstmal ein paar Schritte vom Rand weg. Ich kramte mein letztes Papiertaschentuch raus und reichte es ihm.
„Ich hätte dich festgehalten!“, sagte ich.
„Ich weiß“, antwortete Tommy. Und als wir uns jetzt in die Augen sahen, wussten wir beide, dass unsere Freundschaft für immer dauern würde. Ich hatte keine Ahnung, was aus meinem Leben einmal werden würde, aber jetzt war ich mir sicher, dass ich immer einen Freund an meiner Seite hatte.
„Lass uns zu Janine und Sanne zurückgehen“, sagte Tommy. „Wenn der Weg für uns hier zu Ende ist, dann ist er es eben.“
„Wir werden schon noch einen Hinweis finden“, ermutigte ich ihn.
Die Mädchen warteten schon ungeduldig auf uns. Tommy schämte sich seiner Tränen nicht. Sanne und Janine nahmen ihn in den Arm und drückten ihn. Ich stand dabei und fühlte eine Woge der Erleichterung durch mich hindurchfließen. Wenn Tommy gesprungen wäre ...
Ich schaute hinaus aufs Meer. Was konnten wir jetzt noch tun? Es schien, als wäre diese Stelle eine Art Prüfung für Tommy gewesen. Sie war vorbei. Doch hatte er sie bestanden?
Das Buch der Gaben
Janine und Sanne hatten nicht das Geringste von dem Konflikt geahnt, der da in Tommy vor sich ging. Denn an dem Tag, an dem er mir von seinem Vater erzählt hatte, waren wir ja allein in meinem Zimmer gewesen. Ich hatte damals das Gefühl gehabt, dass Tommy all dies auch noch nicht vielen Menschen erzählt hatte, ja vielleicht sogar mir als Erstem. Als wir jetzt da über dem Meer standen und uns glücklich anschauten, kam mir dieser Nachmittag wieder in den Sinn. Ich hatte ihn nach seinem Nachnamen gefragt und nicht gewusst, was ich damit auslöste.
Jetzt brauchten wir ihn nicht zu fragen. Wir setzten uns in großem Abstand zu den Klippen auf den felsigen Boden und ließen ihn einfach reden. Keiner von uns unterbrach ihn, als er noch einmal die Dinge erzählte, die mir schon bekannt waren. Die Mädchen waren bestürzt von dem Schicksal seines Vaters, und mit jedem Satz, den Tommy mit leiser Stimme vortrug, wirkten sie betroffener. Schließlich verstummte er, und wir wussten nicht, wohin wir schauen sollten. Nach einer halben Ewigkeit brach Janine den Bann.
„Wenn du gesprungen wärst, wärst du vielleicht auch gestorben.“
Tommy blickte sie ernst an.
„Als ich da vorne stand, habe ich so stark an meinen Vater gedacht wie noch nie zuvor. Ich hatte das Gefühl, dass er neben mir steht. Und ich dachte, er hätte gewollt, dass ich aus seinem Fehler gelernt habe.“
„Würdest du springen, wenn ich runtergehe und nachschaue, ob das Meer tief genug ist?“, fragte ich.
„Na klar“, grinste Tommy. „Aber ich trau dir nicht, du gehst bestimmt nicht so weit rein!“
Da endlich löste sich die beklemmende Stimmung, und wir lachten ausgelassen. Ich war froh, dass ich es geschafft hatte, uns wieder fröhlich zu bekommen. Ich zog Lazy an den Ohren.
„Such!“, rief ich. „Such uns einen Weg hier raus, du Faulpelz!“
Zu unserer größten Überraschung machte sich Lazy von mir frei und begann, davonzutapsen. Völlig überrumpelt starrte ich auf das sich entfernende Hinterteil meines Hundes. Plötzlich traf mich ein Schrei.
„Da ist ein Hügel!“ Sanne schlug mir auf die Schulter. „Siehst du nicht? Da vorn! Lazy muss ihn entdeckt haben!“
„Das kann nicht sein“, grummelte ich. „Da war vorhin weit und breit kein Hügel, und selbst wenn, Lazy würde freiwillig nirgendwo hin gehen.“
Und doch erhob sich jetzt in gar nicht allzu weiter Entfernung ein grasbewachsener Hügel, der sich wie ein Buckel aus dem Felsboden wölbte.
„Bassets sind doch eigentlich Jagdhunde, oder?“, fragte Tommy.
Ich nickte. „Und verfressene noch dazu.“
„Na, dann hat er vielleicht was zum Futtern gewittert. Da fällt mir ein, ich hab so einen Kohldampf, ich könnte jetzt sogar Spinat essen!“
„Was hält uns hier noch?“, fragte Janine und sprang auf. „Wenn sogar Lazy das Jagdfieber packt!“
Mit neuem Mut und neugierig auf diesen Hügel, der aus dem Nichts entstanden zu sein schien, folgten wir Lazy. Wieder einmal erlebten wir das Phänomen, das wir schon kannten. Je näher wir kamen, desto mehr schien sich der Hügel zu verändern. Er nahm an Größe und Höhe zu, und als wir schließlich an seinem Fuß angelangt waren, war sein Gipfel sicher fünfzig Meter hoch. Er schien eine ovale Form zu besitzen, und seine Hänge waren tatsächlich mit Gras bewachsen, nur durchsetzt mit kleinen Büschen, die mich entfernt an Hagebutten erinnerten.
„Nicht besonders aufregend“, meinte Janine.
„Willst du wetten?“, fragte Sanne provozierend.
„Lieber nicht.“
Es dauerte nicht lange, da wussten wir, was auf uns zukam.
„Siehst du das?“, fragte Tommy.
Kurze Zeit später standen wir aufgeregt vor einem etwa drei Meter hohen und etwa gleich breiten Steintor und starrten in den dunklen Eingang.
„Sieht nicht gerade aus wie ein Ausgang nach zu Hause“, murmelte Janine. Und auch ich hätte mir einen einfacheren Weg gewünscht, diese Welt weiter zu erkunden.
„Die Steinblöcke sind mindestens zwei Meter dick“, sagte Tommy. Er hatte Recht. Die beiden seitlichen Pfeiler waren bestimmt mehrere Meter dick. Und auch der oben aufliegende Abschlussblock war solch ein schwerer Klotz. Es sah nicht aus, als hätte jemand dieses Tor in den Hügel gebaut, sondern als wäre der Berg auf das Tor gesetzt worden. Es gab keine Tür, sondern es war einfach nur ein Eingang. Doch wohin? Je länger wir in das schwarz vor uns gähnende Loch schauten, desto mehr gewöhnten sich unsere Augen an die Lichtverhältnisse.
„Ich kann in den Gang sehen!“, rief Tommy plötzlich. Tatsächlich waren jetzt bereits die Konturen der Wände und des Gangbodens zu erkennen.
„Er ist viereckig!“, sagte Sanne überrascht. Und das war tatsächlich ungewöhnlich. Denn alle Tunnels, die ich kannte, hatten eine runde Form. Mit Ausnahme des Bodens natürlich. Als ich noch darüber nachdachte, konnte ich bereits immer weiter in den Gang hineinsehen. Ein warmes Dämmerlicht in hellem Braun erfüllte den Eingangsbereich und die ersten Meter des dahinter sich anschließenden Ganges.
„Na, wenn das kein Wink mit dem Zaunpfahl ist!“, sagte Tommy und machte eine einladende Geste. „Nach euch!“
Keiner von uns hatte besondere Lust, als Erster da hineinzugehen. Aber das war auch gar nicht nötig, denn der Gang war fast drei Meter breit. Während wir noch einen Moment zögerten, schickte Tommy wieder mal Jever vor, das Terrain zu erkunden. Der hatte nur darauf gewartet und rannte mit einem fröhlichen Kläffen hinein in den Berg, als wenn es nirgendwo auf der Welt eine Gefahr geben könnte.
„Tja“, machte Tommy. „Ihr kennt ihn ja jetzt. Wenn er so bellt, lauert da niemand auf uns.“
Wir hatten zwar nicht ganz so großes Vertrauen in Jever wie in Tommy, aber allemal genug, um die letzten Zweifel abzuschütteln und unserem kleinen Freund in den Gang zu folgen.
Staunend tasteten wir uns langsam in den Bauch dieses Hügels hinein. Der Gang war tatsächlich beinahe perfekt viereckig aus dem Fels gehauen. Boden, Decke und Wände besaßen eine hellbraune Farbe und schienen leicht aufgeraut. Es ging direkt geradeaus. Ein Ende des Ganges war von hier aus nicht zu erkennen. Allerdings konnte man auch nicht allzu weit sehen bei dem schummrigen Licht. Ich konnte nirgends eine Lichtquelle entdecken. Das Licht entstand einfach aus dem Fels. Das Gestein schien zu glimmen. Trotzdem war ich froh, dass wir immer noch die Taschenlampe hatten, falls wir auf einmal im Dunkeln stehen würden.
Jever rannte voraus, und wir hörten an seinem Bellen, dass er schon ganz schön weit von uns entfernt sein musste. Lazy fühlte sich hier gar nicht so wohl, und ich musste ihn ab und zu aufmuntern, weiterzugehen.
„Wieso geht der Gang so weit rein?“, fragte Sanne. „Das ist doch nur ein Hügel.“
„Nicht viel ist hier so, wie es scheint“, sagte Tommy. „Das haben wir ja nun schon oft genug erlebt. Schade nur, dass es hier keinen Supermarkt gibt. Ich könnte jetzt drei Tüten Chips auf einmal aufessen!“
Wir mussten lachen, und das klang doch etwas schaurig in dem langen Gang.
„Wenn wir wieder raus sind, kaufe ich dir eine ganze Palette!“ Mir lief selbst schon das Wasser im Mund zusammen bei dem Gedanken an die knusprigen Dinger. Ich mochte gar nicht daran denken, wie weit es noch bis zu irgendeinem Ausgang war. Und sagen wollte ich das schon gar nicht. Angst machen wollte ich den anderen auf keinen Fall. Schließlich hatten wir davon schon genug gehabt.
Mit einem Mal meinte ich, dass Jevers Bellen wieder näher kam. Tommy kannte seinen Hund besser, und gleich darauf bestätigte er meine Gedanken.
„Ich glaube, Jever hat was gefunden“, sagte er. „Jedenfalls scheint er nicht mehr weiterzurennen.“
Immer noch klang das Bellen recht weit entfernt und je weiter wir gingen, desto mehr hatte ich das Gefühl, es geht aufwärts.
„Findet ihr nicht, dass wir bergauf gehen?“
Wir hielten kurz an und sahen zurück. Da wir keine Vergleichspunkte hatten, war es schwierig zu sagen, ob der Gang nach oben führte. Aber ich war mir ziemlich sicher, denn es war anstrengender geworden, die Füße voreinander zu setzen.
„Ja, das Gefühl hatte ich auch“, sagte Tommy. „Ich bin schon außer Puste. Es geht eindeutig nach oben. Obwohl ... man sieht ja hier drin nicht, ob’s schräg ist.“
Und dann kam ihm ein Einfall. Er hob den Zeigefinger wie ein Lehrer.
„Lieber Joe, wozu habe ich die Wasserwaage stundenlang mit mir rumgeschleppt? Hol sie doch mal raus!“
Er drehte mir den Rücken zu, und ich fummelte die kleine Waage aus den Tiefen des Rucksacks hervor. Dann legte ich sie einfach auf den Boden, und gespannt blickten wir auf die kleine Luftblase in der Mitte. Das Ergebnis war eindeutig.
„Holla, das ist ja noch steiler als ich dachte!“, entfuhr es Tommy. „Wir hätten längst aus dem Berg wieder oben rausgucken müssen!“
„Na, egal, wo’s rausgeht“, sagte ich und packte die Waage wieder zurück. „Hauptsache, es geht überhaupt raus.“
Nun wussten wir zwar, dass wir die ganze Zeit über bergauf gelaufen waren, aber das brachte uns auch nicht weiter. Wir beschleunigten unsere Schritte, um endlich zu sehen, was Jever da ankläffte. Doch es dauerte immer noch fünf Minuten, ehe wir ihn entdeckten.
Und dann stand es fest: Der Gang war zu Ende!
Jever stand vor einem massiven Felsblock, der den Gang fast hermetisch abschloss, und bellte den Klotz trotzig an. Tommy sagte nur „Ruhig!“ und Jever verstummte. Ratlos standen wir vor dem gigantischen Block aus Fels. Zwei schwarze, mit einem dunkelgrün schimmernden Überzug versehene Metallstücke ragten etwas oberhalb der Mitte aus ihm hervor.
Tommy machte einen Schritt nach vorn und berührte die Oberfläche.
„Der muss Tonnen wiegen“, murmelte er.
„Eine Holografie wäre nicht schlecht“, sagte Janine. „Die könnte uns den Weg frei machen.“
Ich musste an den Beginn unseres Abenteurers denken.
„Die Holografie hat uns nur einen Hinweis gegeben. Aber dass wir nur durch die Wand gehen brauchen, hat sie uns nicht gesagt. Du bist schließlich einfach reingefallen.“ Ich deutete auf den Felsblock. „Wie ist es, hau doch einfach mal dagegen, vielleicht klappt es ja nochmal!“
Tommy hatte die ganze Zeit schon dagegen gedrückt, aber nichts war geschehen.
„Nein“, sagte er, „selbst Janine mit ihrem Dickkopf kommt da nicht durch.“ Er lachte sie an, als sie aufbrausen wollte. „Nimm’s nicht so ernst, das war ein Kompliment! Du hast uns ja erst hier reingebracht.“
Er trat ein paar Schritte zurück und musterte den Block, der uns den Weg versperrte, nachdenklich.
„Irgendwie erinnert mich das Ding an ein Bild, das ich mal gesehen habe. Ich meine, so einen ähnlichen Stein schon mal beim Zahnarzt gesehen zu haben.“
„Beim Zahnarzt?“, fragte Sanne ungläubig.
„Ja. Da liegen doch immer so viele Zeitschriften rum. Und in einer habe ich so einen Stein gesehen. Aber verdammt, worum ging es da?“
Er schloss die Augen und konzentrierte sich.
Janine wollte ihn nicht stören, aber still sein konnte sie auch nicht.
„Vielleicht so ein Ratgeber oder ein Reiseführer“, murmelte sie. „So was hat mein Zahnarzt auch im Wartezimmer.“
„Das ist es!“, rief Tommy und riss die Augen auf. „Es war ein Reiseführer! Janine, du bist Gold wert! Da war ein Bericht über Ägypten drin. Ich konnte gar nicht mehr aufhören mit Lesen und war richtig sauer, als ich auf den Stuhl musste.“
„Nun sag schon, was stand drin?“, drängten wir.
„Es ging um die Cheops-Pyramide. Das ist die größte der Pyramiden von Gizeh bei Kairo. Hunderte von Wissenschaftlern haben über viele Jahre dieses Weltwunder erforscht, aber es ist noch keinem gelungen, all seine Geheimnisse zu lüften. Das Alter der Pyramiden schätzt man auf über viereinhalbtausend Jahre, und erst vor ein paar Jahren hat man ein neues Geheimnis entdeckt, das bis heute ungelöst ist.“
Atemlos lauschten wir Tommy Worten. Das war wieder der alte Tommy!
„Und? Was für ein Geheimnis? Nun sag schon!“ Ich zappelte beinahe vor Ungeduld.
„Man hat in der Königinkammer vier Gänge entdeckt, die schräg nach oben führten.“
„Schräg nach oben ... “, flüsterte Sanne.
Tommy nickte. „Genau wie hier. Erst hat man gedacht, es handelt sich um Lüftungsschächte, aber genau wusste man es nicht. Niemand konnte in diese Schächte hinein und sie erkunden, weil die Wände glatt waren und für einen Menschen zu eng.“
Tommy blickte noch einmal den Gang hinunter. „Der hier allerdings ist dagegen riesig. Aber wie auch immer, man baute einen kleinen Roboter und ließ ihn die Schächte hinauffahren. Und ratet mal, was sich am Ende des einen Schachtes befand!“
Verwirrt starrten wir ihn an.
„Ein Schatz?“, fragte Janine.
„Nein“, lachte Tommy. „Ein Verschlussstein! Wie eine Art Tür! Und jetzt ratet nochmal, wie der Verschlussstein wohl ausgesehen hat ... “
Ungläubig betrachteten wir den riesenhaften Klotz, der uns den Weg versperrte.
„Doch nicht wie der hier?“, fragte ich vorsichtig.
„Aber ganz genau wie der hier! Der Roboter hatte ein Foto gemacht, und da waren genau dieselben Metallbolzen drauf zu sehen wie auf diesem Felsstück hier. Seht ihr? Der eine ist noch ganz, aber bei dem anderen scheint ein Stück herausgebrochen. Das ist ganz genau der gleiche Stein, nur dass dieser hier größer ist.“
Tommy war fertig, und wir versuchten, das Gesagte zu verarbeiten. Lag dort hinten ein Geheimnis verborgen, dass viereinhalbtausend Jahre darauf gewartet hatte, entdeckt zu werden? Und wenn ja, warum hatte es auf uns gewartet? Mein Mund wurde trocken. Und das lag nicht nur an der Luft in diesem Gang.
„Man glaubt, dass die Metallbolzen aus Kupfer sind. Natürlich ist es im Laufe der vielen Jahre verrottet. Daher ist auch einer der Bolzen kürzer als der andere. Vermutlich ist ein Stück abgebrochen.“
„Und dann?“, fragte Janine, „Hat man herausbekommen, was hinter dem Stein ist?“
„Nein, jedenfalls nicht ganz. Man hat ihn durchbohrt, aber dahinter ging der Gang weiter und endete wieder an einem solchen Stein. Dann hat die ägyptische Regierung verboten, weiter zu forschen. Man will nicht, dass etwas zerstört wird. Bis heute ist der Raum hinter dem nächsten Stein ein Rätsel geblieben. Viele Forscher haben aber eine Vermutung, was sich dort hinter verbergen könnte.“
„Was denn? Nun sag schon!“
Tommy wartete einen Moment, um die Spannung zu erhöhen.
„Die Kammer des Wissens.“
„Die Kammer des Wissens ... “, flüsterte Sanne. „Wenigstens nicht die Kammer des Schreckens! Und was bedeutet das, die Kammer des Wissens?“
„Keine Ahnung“, gab Tommy ehrlich zu. „Und wie wir diesen Klotz da wegbekommen sollen, weiß ich auch nicht.“
Mir kam ein ganz spontaner Gedanke.
„Na, indem wir die Bolzen rausziehen!“
Tommy starrte mich an wie eine Erscheinung.
„Natürlich! Die Bolzen!“ Aber dann kamen ihm Bedenken. „Die Dinger sind uralt und vergammelt. Wenn wir sie rausziehen, brechen sie uns vielleicht ab.“
„Egal“, sagte ich, „Oder siehst du hier irgendwo noch was anderes, das wir ausprobieren könnten?“
Tommy schüttelte den Kopf. Es gab keine andere Möglichkeit. Der Gang bestand von oben bis unten aus mehr oder weniger glattem Felsgestein, und nichts, aber auch gar nichts war an den Wänden zu entdecken. Wenigstens hatten wir nicht die Qual der Wahl.
„Nimm du den rechten. Ich nehme den abgebrochenen“, sagte Tommy und wandte sich dann an die Mädchen. „Und ihr geht besser ein paar Schritte zurück, falls das Ding in unsere Richtung rutscht.“
Ganz geheuer war mir nicht, als ich mich dann an den Felsblock stellte und darauf wartete, dass Tommy soweit war. Schließlich konnte das schwere Ding tatsächlich ins Rutschen kommen. Dann hätten wir aber verdammt schlechte Karten gehabt, rechtzeitig wieder aus dem Gang zu rennen!
„Auf drei!“, sagte Tommy und gab mir ein Zeichen.
„Gut.“ Ich umfasste das uralte, mit Grünspan überzogene Metallstück und fühlte ein wenig Ehrfurcht vor der Vergangenheit. Und da war noch ein verdammt flaues Gefühl und nagte an mir.
Doch bei „drei!“ zögerte ich keine Sekunde und zog mit aller Kraft an dem schweren Bolzen. Der zeigte überhaupt keinen Widerstand, und völlig überrascht zog ich das Ding mit Schwung heraus und landete auf dem Hintern. Und einen Augenblick später landete Tommy neben mir, den anderen Bolzen in der Hand.
Während wir verblüfft die Metallstücke in unseren Händen anstarrten und den Schreck verdauten, hörten wir einen Atemzug später einen unterdrückten Aufschrei.
„Er bewegt sich!“, rief Janine. „Passt auf!“
Wie der Blitz waren wir wieder auf den Beinen, bereit, sofort loszurennen. Der Fels fing tatsächlich an, sich zu bewegen. Aber er bewegte sich aufwärts! Stumm vor Überraschung und Anspannung sahen wir, wie dieser tonnenschwere Klotz nach oben gezogen wurde, wodurch auch immer, und dabei deutliche Schleifspuren an den Wänden hinterließ. Zentimeter für Zentimeter kroch der Koloss den Gang hinauf. Das Geräusch aneinanderreibenden Gesteins verursachte mir eine Gänsehaut.
Dann hatte der Block etwa drei Meter zurückgelegt, und auf einmal zog ein Luftzug durch den Gang. Im gleichen Moment schwang der Stein langsam nach rechts und ein Spalt entstand.
„Eine Öffnung!“, rief Janine aufgeregt.
Unendlich vermodert riechende Luft strömte uns aus dem sich öffnenden Spalt entgegen, und ich hielt den Atem an. Immer weiter und völlig ohne zu rucken drehte sich der Steinblock nach rechts, bis er schließlich mit einem spürbaren Aufprall an der Wand des freigegebenen Raumes zum Stehen kam.
Dahinter herrschte völlige Dunkelheit. Jever sah sein Herrchen mit schiefem Kopf an, doch Tommy sagte „Bleib!“
Wir Vier standen vor dem schwarzen, viereckigen Loch und spürten trotz der gefährlichen Situation eine seltsame Verbundenheit. Für Sekunden hielten auch die anderen die Luft an, da der Geruch nicht gerade angenehm war.
Plötzlich erlebten wir eine Überraschung. Die Luftströmung hatte sich gedreht! Mit einem Mal kam sie aus der anderen Richtung vom Eingang des Hügels her und brachte angenehme Kühlung mit sich.
Tommy schaltete als Erster.
„Ein zweiter Ausgang muss sich geöffnet haben. Oder ein Lüftungsschacht, so wie in der Pyramide.“
Aus dem Innern des Raumes drang ein leises Zischen, das aber bald darauf wieder abebbte. Und dann ließ auch der Luftzug nach. Nur ein feiner, stetiger Strom frischer Luft wehte noch an uns vorbei.
Auf einmal flackerte es vor uns auf, und wir zuckten zusammen. Ein offenes Feuer entzündete sich im Innern des Raumes, und Schatten tanzten plötzlich über seine Wände. Und jetzt konnten wir auch sehen, was hinter dem Eingang lag.
„Die Kammer des Wissens ... “, flüsterte Janine.
Wie angewurzelt standen wir da und beobachteten, wie an der gegenüberliegenden Wand ein weiteres Feuer aufflammte. Unser erster Schrecken ließ jetzt nach, denn wir konnten sehen, dass der riesige Felsblock einen recht kleinen Raum verschlossen hatte. Eine Kammer des Wissens hatte ich mir wahrlich anders vorgestellt.
Jetzt brannten zwei kleine Feuer im Raum, und als sich unsere Augen an das Licht gewöhnt hatten, erkannten wir, dass es eine Fackel war, die das flackernde Licht in unseren Gang warf. Es musste noch eine zweite geben, und diese musste auf der uns nicht einsehbaren Seite rechts von uns sein, die die Tür aus Fels verbarg.
Vorsichtig gingen wir vor bis an die Schwelle und spähten hinein. Im gleichen Augenblick entzündeten sich zwei weitere Fackeln. Eine an der Wand links vom Eingang und eine genau über unseren Köpfen. Jetzt war dieser kleine Raum vollständig ausgeleuchtet.
„Wo ist denn das Wissen?“, fragte Sanne, und wir mussten lachen.
„Vielleicht wird es uns eingegeben, wenn wir drin sind!“, sagte Tommy. Aber man sah ihm an, dass er daran auch nicht so richtig glaubte.
„Gehen wir rein?“, fragte ich.
„Hm“, machte Tommy. Wir hatten ihm die ganze Zeit über, seit wir in diese Welt eingedrungen waren, unbewusst die Führung überlassen. Und niemand von uns zweifelte daran, dass er der Richtige für diese Aufgabe war. Also ging er voran.
Der Raum war etwa sechs mal sechs Meter groß. Sein Boden bestand aus dunkelrotem Felsgestein, ähnlich der Farbe von Ahornblättern im Herbst. Und als wir dann in der Mitte standen und staunend in die Runde schauten, bemerkten wir, dass die Wände rund um uns herum über und über mit Schriftzeichen und Zeichnungen bedeckt waren.
„Hieroglyphen!“, entfuhr es Tommy.
„Hieroglyphen?“, fragte Sanne. „Sind die nicht auch aus Ägypten?“
„Ganz genau. Und damit können wir eigentlich sicher sein, dass der Gang und der Verschlussstein tatsächlich Hinweise auf Ägypten waren.“
Fasziniert betrachteten wir die unzähligen Schriftzeichen und Bilder, die sich im Licht der flackernden Fackeln zu bewegen schienen. Es gab Federn, Vögel, Halbkreise, etwas, das aussah wie eine Tasse, und ich entdeckte auch einen Löwen. Manche Zeichen waren mir völlig unverständlich. Dann sah ich zur Decke und entdeckte eine Öffnung.
„Der Lüftungsschacht!“, rief ich. Die anderen folgten meinem Blick, und Tommy nickte.
„Das wird er sein. Er dürfte vorhin aufgegangen sein, als wir den Mechanismus der Tür in Gang gesetzt haben. Daher der Luftzug.“
Die Hieroglyphen schimmerten in den schönsten Farben. Rot, Orange, Gold und ein mattes Schwarz ließen die Zeichen beinahe plastisch hervortreten. Doch all dies blieb für mich völlig rätselhaft.
Dann passierte etwas, mit dem wir nicht gerechnet hatten. Ein kratzendes Geräusch ertönte, und wir fuhren herum. Der Verschlussstein fing an, sich zu bewegen!
„Er geht wieder zu!“, rief Sanne panikerfüllt. „Wir müssen raus!“
Schon wollte sie losstürzen, als Tommy sie am Arm festhielt.
„Nein. Wir bleiben. Wir müssen bleiben.“
„Aber wenn wir hier bleiben, kommen wir vielleicht nie wieder raus und ersticken!“ Sanne hatte jetzt wirklich Angst. Und der Stein rückte unaufhörlich weiter herum.
„Wenn wir zurückgehen, war alles umsonst.“ Tommy war wie immer ruhig, aber diesmal fiel es uns schwer, selbst diese Ruhe zu bewahren.
Mit einem knirschenden, endgültig klingenden Geräusch fügte sich der Klotz wieder in seinen Rahmen, und die Kammer war hermetisch verschlossen. Langsam atmete ich die Luft aus, die ich die ganze Zeit über angehalten hatte.
„Und was tun wir jetzt?“, fragte Janine.
„Das, was wir immer getan haben“, meinte Tommy ruhig. „All unsere Sinne gebrauchen. Seht euch um, ob euch irgendetwas auffällt. Vielleicht helfen uns die Hieroglyphen weiter.“
Mit allen Sinnen versuchten wir, den Raum und vor allem die Schriftzeichen zu erforschen. Jeder von uns nahm sich eine Wand vor. Ich stand vor diesen uralten Hieroglyphen und hatte nicht die geringste Ahnung, was sie wohl bedeuten konnten. Es waren Zeichnungen und Symbole. Für mich schienen sie völlig ungeordnet, und es gab unzählige Reihen von oben nach unten oder von rechts nach links. Nicht einmal da war ich sicher. Bild für Bild tastete ich mich an der Wand entlang, ob ich nicht vielleicht doch etwas bemerkte, das aus der Reihe fiel. Und dann entdeckte ich tatsächlich etwas.
„Hey!“, rief ich. „Hier ist ein Falke, der glimmt!“
Fast in der gleichen Sekunde kam Sannes Stimme von der anderen Seite der Kammer.
„Hier leuchtet auch einer! Seht nur!“
„Da! Und der auch!“, rief Janine. Tommy stand nur dabei und schaute von einem der Symbole zum anderen. Wir warteten noch eine Minute, dann stand es fest.
„Es sind fünf ... “, flüsterte ich. „Genau fünf.“
Fünf Stück stachen aus der Menge der Schriftzeichen in dunklem, glimmenden Rot hervor.
„Mann!“, entfuhr es Tommy. „Diese Zeichen kenne ich ganz genau!“
„Was?“ Ich war platt.
„Ja, die kenne ich. Ich will euch ja nicht langweilen, aber ihr müsst wissen, dass Hieroglyphen über viele Jahrhunderte nicht entziffert werden konnten. Erst ein Franzose namens Champollion hat das geschafft. Ich meine, es war im Jahr 1822.“
„Lieber Freund, bitte sag doch einfach nur, was die Dinger bedeuten!“, seufzte ich.
„Das tue ich ja gleich. Aber ihr solltet schon wissen, wieso ich gerade diese Zeichen kenne. Die Bedeutung der anderen hier alle kenne ich nämlich ganz und gar nicht.“
Jetzt wuchs unsere Spannung.
„Dieser Franzose hatte auch ein bisschen Glück. Denn man fand eine Namenskartusche mit den damals bereits bekannten Namen von Kleopatra und Ptolemaios. Und diese beiden Namen waren auch in Hieroglyphen geschrieben. Daher hatte er zumindest die Buchstaben, die in den beiden Namen vorkamen. Die restlichen Buchstaben hat er dann mühsam rekonstruiert.“
„Ja, und?“ Sanne wurde ungeduldig.
„In dem Artikel, den ich darüber gelesen habe, war die Übersetzung anhand des Namens Ptolemaios dargestellt. Und da habe ich entdeckt, dass die Buchstaben meines eigenen Namens da drin steckten.“
Es dauerte ein Weilchen, aber dann fiel bei mir der Groschen.
„T, O, M und I ... Tommy! Was ist mit dem Ypsilon?“, fragte ich voll unbändiger Spannung.
„Hatten die alten Ägypter nicht. Na, und das mit Ptolemaios war schon ein Ding. Dadurch konnte ich meinen Namen in Hieroglyphen schreiben. Das habe ich mir natürlich leicht gemerkt.“
„Du meinst ... “, Janine sah ihn fassungslos an. „ ... du meinst, dass diese fünf Zeichen Tommy heißen?“
„Das meine ich nicht nur, das weiß ich. Sieh hier: Dieser kleine Buckel ist das T, der Vogel, der wie eine Taube mit gestutzten Flügeln aussieht, ist das O, der Falke bedeutet M und die beiden Federn stehen für das I. Ich hab das früher oft geübt. Denn wer weiß das schon, wie sich sein Name auf Hieroglyphisch schreibt?“
Tommy lächelte. Ich wusste nichts mehr dazu zu sagen. Ich wusste es jedenfalls nicht.
„Wie kann jemand aus dieser Welt deinen Namen wissen?“ Sanne zweifelte immer noch. „Und was soll es bringen, dass die Zeichen leuchten?“
„Hey!“, schrie Janine. „Die Bilder treten hervor!“
Bei unserer Diskussion hatten wir gar nicht mehr auf die Hieroglyphen geachtet. Ungläubig schauten wir jetzt auf die fünf Zeichen und sahen, dass sie aus der Wand hervortraten. Nicht allzu viel, vielleicht zwei Zentimeter. Doch jetzt ragten sie plastisch aus den Wänden heraus.
„Was kann das bedeuten?“, fragte ich ratlos.
Niemand sagte etwas darauf. Für lange Sekunden zermarterten wir uns das Hirn nach einer Antwort. Dann schließlich kam Sanne ein Einfall.
„Vielleicht sind es Schalter? Und wenn wir sie in der richtigen Reihenfolge drücken, kommen wir hier heraus!“
Wir dachten darüber nach.
„Vielleicht gar keine so schlechte Idee“, meinte Tommy. „Willst du’s versuchen?“
„Nein, vielen, vielen Dank“, sagte Sanne entschieden. „Die Dinger bedeuten Tommy und nicht Sanne! Du drückst die Bilder in die Wand und wir dir die Daumen!“
Tommy lächelte. „Na, dann aber ganz fest!“ Er sah von einem zum anderen. „Was meint ihr?“
„Mach es!“, sagte ich, und Janine nickte nur heftig.
„Also gut.“ Und dann ging er nacheinander zu den immer noch rot glühenden Symbolen an den Wänden und drückte sie in der Reihenfolge der Buchstaben seines Namens wieder zurück. Als er damit fertig war, stellten wir uns alle wieder in die Mitte des Raumes und suchten die Kammer nach irgendwelchen Anzeichen einer Veränderung ab.
Sie kam schneller, als wir dachten. Genau unter unseren Füßen leuchtete auf einmal der Boden. Vor Schreck und Überraschung sprangen wir zurück. Die Erscheinung war kreisrund und das Leuchten in einer unbeschreiblichen Farbe. Dann, von einer Sekunde zur nächsten, bildete sich ein kleiner, rechteckiger Fleck inmitten dieses Kreises und formte sich zu einem Gegenstand. Zuerst sah es aus wie ein kleiner Kasten, doch dann schälten sich die Umrisse immer deutlicher vom Untergrund. Das Leuchten war jetzt fast unerträglich hell, und wir kniffen die Augen zusammen. Dann, von einer Sekunde zur anderen, war es vorüber.
Der Kreis war verschwunden. Doch was aus ihm hervorgekommen war, lag immer noch exakt in der Mitte der Kammer. Es wirkte unscheinbar und wie verloren. Wir starrten es an und glaubten, zu träumen. Unsere Erstarrung zog sich über endlose Sekunden.
„Ein Buch ... “, flüsterte Janine.
Ja. Dort lag ein Buch. Ein kleines Buch, nicht viel größer als ein gewöhnliches Notizbuch. Es war dunkelbraun und unscheinbar.
„Tommy, es ist deins!“, sagte Sanne aufgeregt. „Sieh nach, was drin steht!“
Wir hielten es nicht mehr aus. Meine Neugier war so groß, dass ich am liebsten selbst das Buch an mich gerissen und aufgeschlagen hätte. Aber es war Tommys Buch. Jeder von uns wusste das.
Vorsichtig ging Tommy in die Mitte der Kammer und hockte sich hin. Wir taten es ihm gleich und schauten ihm gespannt über die Schulter. Wie in Zeitlupe ging seine Hand nach vorn und berührte das kleine Buch. Nichts geschah.
„Es beißt jedenfalls nicht.“ Tommy wollte einen Witz machen, aber wir konnten seine Spannung genauso fühlen wie unsere eigene. Behutsam griff er das Buch mit zwei Fingern und nahm es an sich.
Da geschah es: Eine Schrift erschien auf dem Buchrücken! Auf einmal leuchtete das Buch in fahlem Orange in Tommys Hand auf. Für einen kurzen Moment bekam Tommy einen Schreck vor der Erscheinung. Doch es schien keine Gefahr von dem Leuchten auszugehen, und so behielt er das Buch in der Hand.
Wir drängten uns hinter ihn, um einen Blick auf den Buchrücken zu erhaschen.
„Das Buch der Gaben ... “, sagte Tommy leise, und wir alle lasen es im gleichen Moment. In reich verzierter feiner und altmodischer Schrift stand es auf dem Einband:
Das Buch der Gaben
Ich war noch niemals so aufgeregt gewesen. Dies war der Schatz, den man uns offenbarte. Und er bestand nicht aus Gold oder Edelsteinen.
Tommys Haltung in der Hocke war ihm zu anstrengend, und er setzte sich bequem in den Schneidersitz. Und das taten wir dann auch.
„Was meint ihr? Soll ich ...?“, fragte er in die Runde.
„Nun mach schon!“, sagte ich ungeduldig. „Ich hab Hunger! Vielleicht kannst du uns etwas zu essen herzaubern!“
„Na, das geht bestimmt nicht!“, lachte Tommy. „Zaubern ist viel zu einfach. Das, was man sich wünscht, muss man sich verdienen.“
„Das haben wir doch, oder etwa nicht?“, fragte Sanne.
„Hm ... “, machte Tommy. „Vielleicht. Wir werden sehen.“
Und dann öffnete er das Buch und betrachtete sich die Seiten. Er blätterte ein wenig, und seine Augen wurden immer größer.
„Was ist? Nun sag doch schon!“, rief Janine.
„Hier vorne kann ich es lesen, aber weiter hinten stehen nur unverständliche Sachen in einer mir fremden Sprache. Ich fürchte fast, diese Sprache gibt es nicht auf der Welt.“
„Was?“ Ich konnte es nicht glauben.
„Nicht, soweit ich weiß“, bekräftigte er. „Aber ich werde euch das vorlesen, was ich entziffern kann.“
Und dann begann er, das vorzulesen, was ich mein Leben lang nicht mehr vergessen werde.
Vier Herzen braucht es
das Buch zu lösen
für die Phase eines Mondes
wird beseelt der Auserwählte
mit der Gabe
die zuerst er erwählt
doch wähle mit Bedacht
dies Buch muss ruhen
an seinem Platz
bevor der Mond
seine Bahn beendet
sonst wird die Gabe
alle beseelen
„Was bedeutet das?“, flüsterte Sanne. „Wirst du eine Gabe bekommen? Ist das gefährlich?“
„Ich weiß es nicht“, gab Tommy zu. „Jedenfalls, vier Herzen, damit können nur wir gemeint sein. Diese Kammer hat sich für uns geöffnet.“
„Und dieses Buch ist für dich“, sagte Janine aufgeregt. „Du bist der Auserwählte.“ Sie betrachtete ihn wie einen Fremden. „Aber warum?“
„Tommy hat Mut. Er ist furchtlos, und er brachte uns zusammen“, sagte ich. „Auch wenn er es nicht bewusst getan hat. Aber ich glaube, dass das Haus auf Tommy gewartet hat. Schließlich war ich schon oft dort, und nichts hat sich getan.“
Wir dachten eine Weile darüber nach. Ich hatte keine Zweifel, dass Tommy etwas Besonderes war, aber konnte das ausreichen, um eine fremde Macht dazu zu bringen, ihr Jahrtausende altes Geheimnis zu offenbaren?
„Meinst du wirklich, dass du eine Gabe bekommen wirst?“ Janine war völlig fasziniert. „Und welche würdest du wählen?“
Tommy senkte den Kopf.
„Ich habe vorhin bereits an etwas gedacht“, gab er zu. „Als ich die Zeilen vorgelesen habe, habe ich mir gewünscht, Gedankenlesen zu können.“
„Gedankenlesen?“, entfuhr es mir. „Warum das denn?“
„Weil ... ich ... “ Tommy fiel es sichtlich schwer, darauf zu antworten. „Ich möchte so gern wissen, ob Jessie mich mag. Ich meine, so wie ...“
Er verstummte. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff.
„So wie seinen eigenen Sohn, stimmt's?“
Tommy nickte nur.
„Aber du brauchst ihn doch nur zu fragen!“, sagte Janine überzeugt.
„Ich habe mich nicht getraut. Und wenn ich ihn frage, was würde er sagen? Natürlich würde er sagen: Klar mag ich dich, Tommy! Was sollte er auch sonst sagen? Aber ich möchte es wirklich wissen, versteht ihr?“
„Trotzdem“, murmelte Sanne. „Wenn du Gedankenlesen könntest, wärst du vielleicht enttäuscht von ihm. Ich finde, du solltest ihn fragen. Er wird nicht lügen, wenn du ihn mit dieser Frage überraschst. Aber wenn er dich mag, wird er es dir ehrlich sagen.“
„Kannst du denn jetzt Gedankenlesen?“, fragte ich drängend. „Wenn du vorhin dran gedacht hast, ist es vielleicht schon zu spät, eine andere Gabe zu wählen.“
„Ja, genau!“, rief Sanne. „Was denke ich denn gerade?“
Tommy schloss die Augen und konzentrierte sich.
„Du denkst, ich bin ein Besserwisser!“, sagte er dann ernst.
Sanne wurde rot.
„Das ... das meine ich doch nicht so!“
„Es funktioniert!“, rief Janine.
„Keine Angst“, lachte Tommy. „Das wusste ich auch so! Ich kann nichts dafür, dass mir soviel einfällt. Seid mir nicht böse deswegen. Aber ich kann euch beruhigen, eure Gedanken kann ich jedenfalls nicht lesen.“
Ich blickte noch einmal auf die Zeilen des Buches.
„Vielleicht funktioniert es nur in der Außenwelt. Auf jeden Fall solltest du genau überlegen, welche Gabe du dir wünschst.“
„Ihr könnt mir ja dabei helfen. Aber hier steht noch mehr.“
Tommy hatte umgeblättert, und wieder senkten sich unsere Köpfe über das Buch:
Nur der Mut der vier Herzen
bringt die Gabe ins Lot
ihr anderen
nehmt eine Hand voll
Wunschkugeln
doch Vorsicht
vor falschen Wünschen
die Holografie
öffnet Tore
Feuer umgibt den
der sie missbraucht
„Ich verstehe überhaupt nichts mehr“, sagte Janine. „Was sind denn Wunschkugeln und welche Holografie?“
Ratlos starrten wir auf die reich verzierten Worte. War dies eine weitere Prüfung oder waren wir nur zu einfältig, diese Botschaft zu verstehen?
„Wunschkugeln? Das wäre toll, wenn's so was gäbe!“ Sannes Augen glänzten. „Ich brauch neue Klamotten!“
„Vorsicht vor falschen Wünschen!“, sagte Tommy nachsichtig. „Hat jemand eine Idee, wie uns das alles weiterhilft?“
„Lies doch weiter“, meinte ich. „Vielleicht findest du die Antwort im Buch.“
Tommy blätterte um und machte ein ratloses Gesicht. Dann schlug er wahllos hier und da eine Seite auf und schüttelte den Kopf.
„Alles, was danach kommt, kann ich nicht lesen. Es ist völlig unverständlich. Seht doch selbst.“
Er reichte mir das Buch, und ich blätterte es durch. Er hatte Recht. Außer den beiden Seiten, die er uns vorgelesen hatte, konnte man keine einzige weitere entziffern. Fremdartige Zeichen füllten das Buch bis zur letzten Seite. Es waren keine Hieroglyphen oder Symbole, sondern Schriftzeichen, die mich an nichts mir Bekanntes erinnerten. Das Buch hatte längst aufgehört zu glühen und wirkte nun wieder wie ein simples Notizbuch. Es machte die Runde, doch niemandem fiel etwas zu der rätselhaften Schrift ein.
„Wenn wir den Rest nicht entziffern können, wird nur das für uns bestimmt sein, was wir lesen können“, sagte Sanne.
„Richtig“, nickte Tommy. „Und deshalb sollten wir genau über das nachdenken, was dort geschrieben steht. Erstens, einer von uns bekommt eine Gabe, die mit Vorsicht zu genießen ist. Zweitens, sie dürfte nur in unserer Welt funktionieren.“
„Und drittens“, unterbrach ich ihn, „muss das Buch zu einer bestimmten Zeit wieder hier sein, sonst gibt's Ärger.“
„Richtig. Und dann soll es noch Wunschkugeln geben und eine Holografie. Joe, dafür bist du doch der Spezialist.“
Ich hatte schon die ganze Zeit darüber nachgegrübelt, was es wohl mit der Holografie auf sich haben konnte, aber die Lösung war mir noch nicht gekommen. Ich zuckte nur mit den Schultern.
„Gut.“ Tommy traf eine Entscheidung. „Hier rumsitzen bringt uns nicht weiter. Lasst uns noch mal den Raum absuchen. Wir haben jetzt dieses Buch. Wenn es tatsächlich das ist, was für uns bestimmt war, dann sollte der Weg hier für uns zu Ende sein. Es muss einen Ausgang geben.“
Er hatte Recht. Wir alle fühlten, dass wir am Ende unserer Prüfungen angelangt sein mussten. Doch ich konnte mir einfach nicht vorstellen, was uns in unsere eigene Welt zurückbringen konnte. Wir hatten doch vorhin jeden Winkel dieser Kammer abgesucht. Aber Tommys Worte gaben uns neuen Antrieb. Wir erhoben uns und nahmen uns jeder wieder eine Wand dieses Raumes vor.
Doch jetzt glühte keines der Bilder mehr oder machte sonst irgendwie auf sich aufmerksam. Ratlos glitten meine Hände über die Zeichnungen. Ich fragte mich, was wohl diese Hunderte von Symbolen bedeuten mochten und ob wir sie jemals entziffern würden. Gerade als sich der Gedanke in meinen Kopf schlich, dass wir hier für immer eingeschlossen bleiben konnten, schrie Janine auf.
„Die Kugeln!“
Wir fuhren herum. Triumphierend deutete Janine auf eine kleine Nische in der Wand. Ohne ein Wort darüber zu verlieren wussten wir, dass diese Nische vorhin noch nicht in der Wand gewesen war. Überrascht von Janines Entdeckung verzichteten wir erstmal auf die weitere Erkundung und stellten uns neugierig vor die kleine Öffnung.
Die Nische war vielleicht fünfzig Zentimeter breit und etwa genauso tief. Sie bestand aus glattem schwarzen Wänden, die wie Marmor glänzten. Etwa zwei Dutzend kleiner silberner Kugeln lagen in einer hellgrünen, mit feinen weißen Adern durchzogenen Schale.
„Die könnte aus Jade sein“, sagte Sanne. Neben der Schale mit den kleinen Kugeln, die etwa so groß waren wie Murmeln, lag noch eine wesentlich größere. Sie sah aus wie ein kleiner Ball, dunkelblau und matt.
„Spielt jemand Tennis?“, fragte Tommy. Aber so richtig lachen wollte niemand. Sanne murmelte etwas vor sich hin.
„Nehmt eine Handvoll Wunschkugeln ... “
„Du meinst ... “ Janines Augen wurden riesengroß.
„Könnte doch sein, oder nicht? Jede Wette, dass das die Wunschkugeln sind!“
Tommy nickte entschlossen. „Was soll es sonst sein? Nimm einfach eine Handvoll. Aber nicht mehr.“
Janine trat vor an die Nische. Erst zögerte sie einen Moment, aber dann griff sie zu. Sie nahm so viele, wie sie auf einmal mit ihrer rechten Hand greifen konnte. Vorsichtig öffnete sie dann die Faust.
„Ich habe sechs von den Dingern. Was soll ich jetzt damit machen?“
„Behalt sie erstmal in der Hand“, sagte ich. „Vielleicht können wir uns damit hier raus wünschen.“
Tommy machte Sanne ein Zeichen.
„Greif zu!“
„Meinst du wirklich?“
„Na klar. Da steht nichts davon, dass nur einer Wunschkugeln nehmen darf. Versuch's doch einfach.“
Sanne holte tief Luft und versuchte ihr Glück. Und tatsächlich boten auch ihr die Kugeln keinerlei Widerstand.
„Auch sechs!“, rief sie.
Ich schaute Tommy fragend an.
„Nimm ruhig“, sagte er. „Im Buch steht „Ihr anderen“, also werde ich wohl keine nehmen dürfen. Aber du bestimmt.“
Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, langte in die Nische und griff zu. Aber zu meiner größten Überraschung waren die Dinger wie festgeschweißt. Ich konnte die kleinen Kugeln noch nicht einmal ansatzweise bewegen.
Tommy lachte. „Du scheinst ja wunschlos glücklich zu sein! Aber versuch's doch mal mit dem Ball daneben!“
Der war ja auch noch da. Ich war etwas enttäuscht, keine Wunschkugeln zu bekommen. Ich hatte mir schon ausgemalt, was ich denn alles damit anstellen würde. Der kleine Ball neben der Schale wirkte dagegen langweilig. Er war unscheinbar und glänzte längst nicht so verheißungsvoll wie die silbernen Kugeln. Ich gebe zu, ich war etwas sauer und griff daher ziemlich doll zu.
Mit einem Ruck schnellte meine Hand mitsamt der großen Kugel nach oben, sodass ich mir den Handrücken schmerzhaft am Rand der Nische anstieß.
„Nun wissen wir es“, meinte Tommy ohne eine Miene zu verziehen, „Das Ding da ist für Joe gedacht. Ich sag's doch, du bist der Spezialist für Holografien! Sieht nur nicht gerade wie eine Holografie aus, eher wie ein Ball für Jever.“
Ich sah mir das Ding genauer an. Stahlblau und kühl. Und nicht gerade leicht. Eine Holografie hätte man nicht anfassen können. Wie ich es auch drehte und wendete, ich konnte beim besten Willen nichts damit anfangen.
„Tja“, machte Sanne, „nun haben wir alle was, aber was sollen wir damit jetzt anfangen?“
Gute Frage. Wir standen da, Tommy mit dem Buch, Sanne und Janine mit ihren Kugeln, die sie wie einen Schatz in ihren Händen hüteten, und ich mit einem komischen Ball. Jeder von uns fühlte sich stark, etwas erhalten zu haben und doch zugleich hilflos, nichts damit anfangen zu können. Dann kam mir eine Idee.
„Wozu haben wir Wunschkugeln? Probiert doch mal eine aus! Wünscht uns hier raus.“
Sanne öffnete ihre Hand, und die Kugeln klickten leise aneinander. Dann schaute sie fragend Tommy an. Mir traute sie wohl nicht.
„Soll ich?“
„Mach ruhig. Ein falscher Wunsch ist das bestimmt nicht. Einen Versuch ist's wert.“
„Wie soll ich's machen?“
„Wünsch einfach.“
„Okay.“ Sanne ballte die Faust wieder zusammen und sagte mit fester Stimme: „Ich wünsche, dass wir hier herauskommen und wieder zu Hause sind.“
Ich spannte alle meine Muskeln an, weil ich dachte, vielleicht fliegen wir durch eine fremde Dimension oder wir fallen draußen aus großer Höhe oder wir lösen uns auf. Ich dachte noch viele Oders, aber nichts geschah.
Langsam ließ die Spannung wieder nach.
Janine seufzte. „Ich sag euch, das funktioniert nur draußen. Nicht hier drin. Wir müssen uns was anderes einfallen lassen.“
„Aber was?“ Ich wurde langsam ungeduldig, und außerdem hatte ich Hunger. Und wenn ich Hunger habe, dann werde ich ungenießbar. Wütend warf ich meine Kugel in die Luft.
„Mir reicht's langsam!“, rief ich. „Ich will jetzt hier raus!“
In dem Augenblick, als ich das rief, verwandelte sich der kleine Ball. Mitten in der Luft glühte er plötzlich auf und veränderte seine Farbe. Aus dem kühlen Blau wurde ein helles, durchsichtiges Grün. Und noch etwas geschah: Die Kugel fiel nicht wieder zurück!
Vollkommen verblüfft hielt ich immer noch die Hand ausgesteckt. Doch jetzt wurde die Kugel auf einmal durchsichtig! Dann begann sie, mitten im Raum zu rotieren und setzte sich in Bewegung.
Mit offenen Mündern sahen wir zu, wie sie die Kammer abflog und dabei dicht an den Wänden blieb. Dann erreichte sie den Verschlussstein und verharrte. Jever fing wie verrückt an zu bellen und sprang in die Luft, um sich den Ball zu schnappen.
„Lass!“, rief Tommy, doch diesmal hörte Jever nicht.
Schnapp! hatte er die Kugel in seiner Schnauze. Doch seine Zähne gingen mitten durch sie hindurch! Wenn ein Hund überrascht sein konnte, dann war es Jever. Seine Zähne klackten aufeinander, und er platschte nach seinem Sprung ungelenk zu Boden. Während er sich noch schüttelte, kam wieder Bewegung in die Kugel. Sie rotierte noch schneller, fiel zu Boden und rollte direkt auf den Verschlussstein zu. Und dann durchdrang sie ihn, als wäre er Luft.
Und als wir noch starr vor Erstaunen auf die Erscheinung starrten, rappelte Jever sich wieder auf und raste der Kugel hinterher! Ehe auch nur ein Laut über unsere Lippen kommen konnte, um ihm Einhalt zu gebieten, sauste der kleine Hund gegen den Stein und ... durch ihn hindurch!
Atemlose Stille herrschte in der Kammer. Sekundenlang starrten wir den Stein an, bis Tommy den Bann löste.
„Joe“, sagte er und stieß mich in die Rippen, „ich wusste doch, dass du der Spezialist für Holografien bist!“
„Du meinst ... “, stotterte ich.
„Ja, ich meine. Diese Kugel war wohl eindeutig für dich bestimmt. Und ich nehme an, du weißt, was du jetzt zu tun hast?“
Oh nein. Ich wusste sofort, was er meinte. Ich war derjenige, der mit geschlossenen Augen in das Haus eingedrungen war. Und jetzt sollte ich auch derjenige sein, der durch diesen Felsklotz wieder hinausgehen sollte!
„Aber ... “, startete ich einen hilflosen Versuch, „ich weiß doch gar nicht, wo ich diesmal rauskomme!“
„Nein, das wissen wir nicht. Aber das wusstest du auch nicht, als du reingegangen bist. Aber Jever ist durch. Und du weißt ... “
„Ja“, sagte ich ergeben. „Was Jever kann, können wir auch.“
„Genau. Und wir kommen sofort hinter dir her, wenn es klappt. Und eins kann ich dir auch noch sagen ... “
„Und das wäre?“ Ich hatte resigniert.
„Das wird der einzige Weg sein, und du hattest den Schlüssel.“
„Hm“, machte ich. Toller Weg. Aber meine Freunde sahen mich erwartungsvoll an. Ich wusste, ich hatte keine Wahl. Und ich konnte sie nicht enttäuschen.
„Gut. Ich mache es.“
„Nimm besser Lazy auf den Arm“, sagte Janine. „Nachher bleibt er noch zurück.“
Das tat ich denn auch. Er wirkte schon etwas mitgenommen. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass seine Fütterungszeit längst überschritten war. Da war er ein bisschen wie ich.
Ich bückte mich, hob meinen Hund auf und trat vor den Felsen. Dann schaute ich zurück und blickte in die Augen meiner Freunde.
„Wenn ihr nicht nachkommt, werde ich sauer!“
Janine trat hinter mich und sagte etwas, das mir unendlich gut tat.
„Ich lass dich nicht allein. Wenn du durch bist, komme ich sofort nach!“
„Danke“, murmelte ich. Dann drehte ich mich wieder um, verlagerte Lazy auf meinen linken Arm und streckte die rechte Hand vorsichtig in Richtung Fels.
Meine Finger glitten einfach durch ihn hindurch.
„Na also!“, rief Tommy von hinten. „Geh einfach weiter!“
Und wie vor vielen Stunden zu Beginn unseres Abenteuers schloss ich die Augen. Ich dachte an den See und meine Ängste, die mir genommen waren. Dann machte ich einen Schritt vorwärts und verschwand.
Verwünscht
Das erste, was ich spürte, war die Veränderung der Temperatur. Als ich raus kam, war es deutlich kühler. Ich fing an zu frösteln, und meinen gesamten Körper erfasste eine Gänsehaut. Immer noch hielt ich die Augen geschlossen, alle Sinne bis zum Äußersten angespannt. Ich wartete darauf, dass die anderen endlich auftauchten. Die zwei, drei Sekunden, die es dauerte, dehnten sich qualvoll. Ein tapsendes Geräusch verriet mir, dass Jever irgendwo in meiner Nähe rumgeisterte.
„Es ist stockdunkel“, flüsterte jemand neben mir. Zu Tode erschrocken riss ich die Augen auf. Es musste Janine sein, die neben mich getreten war. Ich erkannte sie nur an ihrer Stimme, denn zuerst sah ich wirklich rein gar nichts.
„Das war das letzte Mal, dass ich vorgegangen bin“, sagte ich. „Wo sind die anderen?“
„Hier“, kam es links von mir von Tommy, und schon spürte ich auch Sanne neben mich treten. Vorsichtig setzte ich Lazy ab und merkte dabei, dass der Boden aus Sand bestehen musste. Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit, und ich konnte schemenhafte Umrisse in der Umgebung ausmachen. Wieder einmal spürte ich, wie sich mein Magen zusammenzog. Wo waren wir?
„Ist das wieder eine Prüfung?“
„Das glaube ich nicht, Sanne.“ Tommys Stimme klang ruhig wie immer. „Ich bin sicher, dass die Kammer der letzte Ort in dieser anderen Welt war. Wir sind wieder draußen. Das merkst du schon an der Temperatur. Außerdem ist es dunkel, und das war es die ganze Zeit über da drin nicht. Und es riecht anders.“
„Ja“, kam es von Janine. „Und wisst ihr was? Ich glaube, ich weiß, wonach es riecht!“
Angestrengt versuchten wir, die Gerüche um uns herum zu deuten. Und auch mir dämmerte es langsam.
„Es riecht nach Wiese und Wald. Und nach Sommer. Wie zu Hause!“
„Wir sind auf dem Grundstück!“, rief Tommy. „Dreht euch doch mal um! Hinter euch ist das Haus!“
Wir drehten uns nicht um, wir fuhren herum! Zwei Schritte entfernt sah ich im fahlen Licht der Nacht eine Wand vor mir, dunkel und furchteinflößend. Hastig blickte ich nach rechts und nach links. Obwohl es noch immer sehr dunkel war, erkannte ich das Ende der Hauswand deutlich. Kein Zweifel, das musste unser geheimnisvolles Haus in der Welfenallee sein!
„Du hast Recht, wir sind wieder draußen“, sagte ich langsam. „Und ich glaube, wir sind auf der Rückseite.“
„Wartet!“ An den Geräuschen, die Tommy jetzt verursachte, hörte ich, dass er seinen Rucksack von der Schulter nahm, ihn auf dem Boden absetzte und die Schnalle des Verschlusses öffnete. Dann wusste ich, wonach er suchte.
„Pass auf, wenn du die Taschenlampe anmachst! Am besten hältst du die Hand davor.“
Ob Tommy nickte, konnte ich nicht sehen, aber als das Klicken des Schalters ertönte, sahen wir nur einen gedämpften Lichtschimmer ein Gebüsch genau vor uns erleuchten. Jetzt hatten wir den endgültigen Beweis, dass wir wieder draußen waren.
„Nimm du mal den Rucksack“, sagte Tommy zu mir. „Ich geh vor. An der Wand lang können wir ja nicht wegen der Brombeeren.“
Einer nach dem anderen folgten wir Tommy und tasteten uns den schmalen Pfad entlang. Über die Wiese gingen wir langsam und vorsichtig, um nicht über irgendetwas zu stolpern. Als wir die andere Seite erreichten, tauchte auf einmal ein Licht auf.
„Eine Laterne!“, rief Sanne gedämpft. „Da ist die Straße!“
Tommy machte seine Lampe wieder aus, denn jetzt hatten wir genug Licht, um unsere Umgebung zu erkennen. Außerdem könnte es mehr als unangenehm werden, wenn uns ein Nachbar hier entdecken und für Einbrecher halten würde. Erleichterung durchflutete mich. Wir waren wieder zu Hause! Doch gleich bekam ich einen herben Dämpfer.
„Es ist mitten in der Nacht!“ Janine klang verzweifelt. „Wir werden fürchterlichen Ärger bekommen!“
Ich sah nach oben und erblickte einen Sternenhimmel. Es musste mehr als spät sein, denn im Juli war es manchmal bis elf Uhr hell. Unwillkürlich sah ich auf die Uhr. Ich konnte das Leuchtzifferblatt ganz deutlich ablesen und bekam große Augen.
„Nach Mitternacht!“, rief ich aufgeregt. „Meine Uhr geht wieder!“
„Meine auch!“, sagte Janine verblüfft. „Genau fünf nach zwölf!“
„Dann haben wir ein Problem“, sagte Tommy ernst. „Unsere Eltern werden sterben vor Angst. Und wenn sie schon die Polizei gerufen haben ... “
„Was machen wir denn jetzt?“ Ich merkte Sanne ihre Verzweiflung an, und auch ich mochte gar nicht daran denken, wie meine Mutter mich wohl ansehen und was unser Vater wohl sagen würde.
„Wir haben keine Wahl“, sagte Tommy ruhig. „Wenn wir hier stehen bleiben, wird es nur noch später. Wir müssen sofort nach Hause. Vielleicht fällt uns noch was ein, was wir unseren Eltern erzählen. Denn dass wir in einer anderen Dimension waren, glauben die uns niemals!“
Au verdammt! Für einen kurzen Moment überkam mich das unbändige Gefühl, doch lieber wieder in der Welt zu sein, aus der wir gerade gekommen waren. Meiner Mutter gegenübertreten zu müssen und ihr zu erklären, wo wir denn mitten in der Nacht herkamen, war noch schlimmer als in einen unheimlichen See zu steigen. Doch natürlich war mir klar, dass ich das damit nur aufschieben würde. Ich würde nicht darum herumkommen.
Ich hörte leise jemanden schluchzen. Janine! Wir anderen kannten ja ihre Eltern nicht, und vielleicht hatte sie einen noch viel strengeren Vater als ich.
„Wenn du willst, komme ich mit zu dir und nehme alle Schuld auf mich“, sagte Tommy leise.
„Nein, nein“, wehrte Janine ab. „Das schaffe ich schon. Ich will nur nicht lügen!“
„Vielleicht kannst du sagen, dass wir uns verlaufen haben“, murmelte Sanne. „Das stimmt ja auch irgendwie, und du brauchst nicht lügen. Der Wald hier ist doch ziemlich groß.“
„Das glauben sie bestimmt nicht.“
„Jetzt lasst uns erstmal hier raus gehen“, drängte ich.
Und das taten wir dann auch. Das Loch in der Hecke befand sich ja an der Seite zum Wald hin, und dort war es wieder stockfinster, da das Licht der Laterne nicht bis hierhin reichte. Tommy musste wieder die Taschenlampe einschalten, damit wir uns nicht halb blind an der Hecke entlang tasten mussten. Trotzdem holten wir uns den einen oder anderen Kratzer. Außerdem war ich mir sicher, dass unsere Klamotten und auch wir selbst reichlich schmuddelig sein mussten. Noch ein Problem mehr, wenn wir unseren Eltern gegenüberstehen würden.
Doch Jever und Lazy halfen uns, die Lücke zwischen den Buchsbäumen wiederzufinden. Vielleicht witterten sie noch unsere Spur vom Hinweg, auf jeden Fall hörten wir sie bald von der anderen Seite her hecheln und Jever kläffte einmal kurz auf. Ein paar Sekunden später fand Tommy den Durchgang und machte uns mit der Lampe ein Zeichen.
„Hier geht’s raus. Passt auf, hier liegt ein großer Stein!“
Es war nicht weiter schwierig, sich durch die Hecke zu schlängeln, und kurze Zeit später hatten wir auch die Straße erreicht. Die Welfenalle lag einsam und verlassen vor uns. An der ersten Kreuzung etwa hundert Meter von uns entfernt fuhr ein Taxi vorbei. Sonst rührte sich nichts.
„Morgen ist Montag“, entfuhr es Sanne. „Die schlafen alle schon!“
„Ihr habt’s gut“, schniefte Janine. „Ihr könnt alle zusammen bleiben. Aber ich muss alleine nach Hause.“
Betroffen standen wir um sie herum. Sie hatte Recht. Sanne und ich waren am besten dran. Schließlich waren wir zu zweit. Und Tommy wohnte gleich über uns. Außerdem dachte jeder von uns, dass Tommy es noch am ehesten durchstehen konnte. Sanne fasste einen Entschluss.
„Du wohnst doch nur zwei Straßen von hier. Wir bringen zuerst dich nach Hause, und wenn du willst, kommen wir mit rein.“
Janine nickte nur. Wir atmeten tief durch und machten uns auf den Weg. Nicht ein einziges Mal blickten wir zurück. Das Haus hatte uns wieder ausgespuckt. Krampfhaft hielt ich die Holografie in der Hand, und aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass auch Janine und Sanne ihre Kugeln noch fest umschlossen. Tommy hingegen hatte das Buch der Gaben zwischen Bauch und Hose gesteckt und sein T-Shirt drüber gezogen, um die Hände frei zu behalten.
Wir brauchten etwa zehn Minuten, um das Haus von Janines Eltern zu erreichen. Im Gegensatz zu uns anderen wohnten sie nicht in einer Mietwohnung, sondern hatten einen hübschen, kleinen Bungalow. Als wir ankamen, sahen wir sofort, dass im ganzen Erdgeschoss Licht brannte. Mich übermannte ein Schwächegefühl, als ich daran dachte, was Janine bevorstand.
Wir sahen uns an, und ich erkannte genau, wie es in Janine arbeitete.
„Sollen wir mit reinkommen?“, fragte Tommy leise.
„Nein“, sagte Janine und lächelte zaghaft. „Ich schaff das schon.“
„Ich will nicht, dass du Ärger kriegst! Ich will einfach nicht, dass du Ärger kriegst!“, wiederholte Sanne verzweifelt. „Ach, ich wünsch mir so doll, dass alles gut ausgeht!“
„Das wird’s schon“, sagte ich hilflos. „Heute in einem Jahr werden wir darüber lachen!“
Noch ehe ich ausgesprochen hatte, bekam Sanne auf einmal große Augen. Verwundert schauten wir sie an. Plötzlich schoss ihre Hand vor. Langsam öffnete sie die Faust, und was wir dann sahen, ließ uns den Atem anhalten. Eine von den Kugeln glühte in einem warmen Rot! Und nicht nur das: Rauch kräuselte sich von ihr auf und verlor sich ein paar Zentimeter über Sannes Handfläche.
„Pass auf! Du verbrennst dich!“, rief Tommy. Doch Sanne schüttelte den Kopf.
„Ich habe nur gemerkt, dass es warm wurde. Es tut nicht weh. Schaut doch nur, die Kugel löst sich auf!“
Immer mehr fahlroter Rauch bildete sich, und die Schale der kleinen Kugel wurde durchsichtig. Dann vernahmen wir ein kaum wahrnehmbares leises Zischen, und von einer Sekunde zur anderen fiel die Kugel in sich zusammen. Das Glühen war verloschen, und zurück blieb nur ein winziges Häufchen weißer Asche.
Völlig überwältigt von der Erscheinung starrten wir auf Sannes Hand. Die Zeit schien stillzustehen. Dann tat Tommy etwas, das die Starre löste. Er beugte sich über Sannes Hand und pustete die feine Asche davon.
„Was machst du?“, fragte ich verblüfft. „Du kannst das doch nicht einfach wegpusten! Wer weiß, was dann passiert!“
„Weg ist weg“, sagte Tommy ungerührt. „Jetzt haben wir eine weniger. Was auch immer jetzt passiert, an der Asche liegt’s nicht.“
„Und was passiert jetzt?“, fragte Sanne unsicher. Vorsichtig schloss sie ihre Faust wieder um die verbliebenen Kugeln.
„Keine Ahnung. Ich weiß nur eins: Wir müssen jetzt endlich nach Hause! Was ist jetzt, Janine, sollen wir mit reinkommen oder nicht?“
„Nein“, sagte Janine tapfer. „Ich geh schon. Aber wartet einen Moment, wenn ich drin bin. Wenn mein Vater anfängt zu schreien, wär’s vielleicht doch nicht schlecht, wenn ihr mir helft.“
Der Abschied fiel uns schwer. Die Erlebnisse hatten uns zusammengeschweißt. Wir fühlten uns, als wären wir bereits Jahre miteinander befreundet und nichts könnte uns trennen. Jeder nahm Janine kurz in den Arm und drückte sie. Dann sahen wir zu, wie sie sich umdrehte, die Gartentür öffnete und den kurzen Weg bis zur Haustür zurücklegte. Sie hatte einen Schlüssel dabei, fingerte ihn aus der Jeans hervor und schloss die Tür auf. Dann drehte sie sich noch einmal kurz zu uns um.
„Nur Mut!“, sagte Tommy. Janine lächelte gequält, doch dann betrat sie den Flur, und die Tür schloss sich leise hinter ihr.
Mindestens drei Minuten standen wir vor ihrem Haus und lauschten. Aber nicht das Geringste drang nach außen. Dann auf einmal erschienen im Wohnzimmerfenster die Silhouetten zweier Menschen.
„Da ist Janine!“, rief Sanne.
„Und ihr Vater!“ Es musste ihr Vater sein, denn von einem Bruder hatte sie nie erzählt. Und was wir dann sahen, sorgte dafür, dass wir einen Teil unserer Sorgen verloren. Janines Vater legte einen Arm um sie, und beide schienen sich angeregt zu unterhalten. Ein Stein fiel mir vom Herzen.
„Sieht nicht danach aus, als müssten wir ihr beistehen“, sagte Tommy, „Kommt, lasst uns gehen!“
Mit einem letzten Blick überzeugten wir uns davon, dass alles in Ordnung war. Dann machten wir uns endgültig auf den Weg zu unserem eigenen Zuhause.
Während wir wieder in die Welfenallee einbogen und die letzten zweihundert Meter bis zu unserem Haus zurücklegten, sagte niemand von uns ein Wort. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Ich spürte die Holografie in der Hand. Wenn sie nicht gewesen wäre und ich nicht dauernd ihr fremdartiges Material gefühlt hätte, ich hätte gar nicht mehr daran geglaubt, dass all die Abenteuer, die gerade erst hinter uns lagen, tatsächlich geschehen waren.
Doch dann standen wir vor unserer eigenen Haustür, und jetzt hatte mich die Realität endgültig eingeholt. Wir schauten uns an, aber jetzt zögerten wir nicht mehr. Gemeinsam stiegen wir die drei Etagen bis zu unserer Wohnung hoch. Vor unserer Wohnungstür blieben wir nochmal kurz stehen. Tommy musste ja noch eine Treppe höher.
„Okay“, sagte er nur kurz. „Wir sehen uns morgen.“
„Hoffentlich“, murmelte ich. „Wenn wir keinen Stubenarrest haben.“
Sanne drückte Tommy kurz an sich, und wir Jungs verständigten uns mit Blicken. Dann sahen wir zu, wie er entschlossen die Treppe hochstapfte. Als ich hörte, wie er oben an seiner Wohnungstür klingelte, drückte auch ich auf den Knopf. Einen Schlüssel hatten wir beide nicht mitgenommen. Angsterfüllt warteten wir darauf, dass die Tür aufgehen würde.
Es dauerte nicht lange, und unsere Mutter öffnete. Und was dann geschah, konnten wir nicht fassen. Mutter sah von Sanne zu mir und wieder zurück. Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht!
„Hey, da seid ihr ja! Und, wie war’s? Kommt doch rein!“
Wie vom Donner gerührt stand ich da und begriff einfach nicht, was los war. Was war in meine Mutter gefahren? Ich hatte das Strafgericht für mein Zeugnis noch gar nicht hinter mir, und dann kamen wir um halb eins in der Nacht nach Hause, und meine Mutter lachte mich an! Ich verstand die Welt nicht mehr.
Sanne stupste mich an. „Komm schon“, flüsterte sie. „Ehe sie sich’s anders überlegt.“
„Und was ist mit Vati?“, flüsterte ich zurück.
Sanne zuckte nur mit den Schultern. Sprachlos folgten wir unserer Mutter in die Küche. Egal, was hier vor sich ging, Durst hatte ich jedenfalls wie verrückt.
„Ich habe euch ein paar Brote gemacht. Sie stehen im Kühlschrank.“
Ich sah, wie Sanne bald die Augen zufallen würden und winkte ab. Ich war selber todmüde und konnte auf einmal kaum noch stehen. Jetzt fiel die ganze Anspannung mit aller Macht von uns ab. Endlich waren wir wieder zu Hause und in Sicherheit. Ich gähnte herzhaft.
„Lass mal, ich will nur was trinken und dann geh ich ins Bett.“
„Ich auch“, murmelte Sanne. „Wenn ich doch bloß schon Zähne geputzt hätte und im Bett liegen würde!“
„Na gut“, sagte Mutter. „Ich hol euch nur noch ein Glas Mineralwasser und dann ab mit euch ins Bett.“
Sie öffnete die kleine Speisekammer, die an unsere Küche angrenzte und suchte in der Kiste nach einer noch vollen Flasche. In diesem Augenblick hörte ich einen leisen Aufschrei von meiner Schwester. Überrascht wandte ich mich zu ihr um und erstarrte. Eben noch hatte sie hinter mir gestanden, und jetzt war sie weg! Ich zwinkerte ein paar Mal mit den Augen. War ich denn schon so müde, dass ich gar nichts mehr mitbekam? Dann entdeckte ich auf unserem dunkelbraunen Parkett einen kleinen Fleck. Ich bekam auf einmal eine ganz seltsame Ahnung, was das sein konnte und bückte mich, um es genauer anzusehen. Und ich sollte mich nicht irren. Dort unten lag ein kleines Häufchen weißer Asche!
„Wo ist Sanne denn hin?“, fragte meine Mutter hinter meinem Rücken. „Sie wollte doch auch noch was trinken! Und was ist mit dir? Hast du was verloren?“
Ich kam wieder hoch und versuchte, ein möglichst unbeteiligtes Gesicht zu machen.
„Sie war so müde, sie musste einfach ins Bett“, sagte ich und versuchte dabei unauffällig, das kleine weiße Häufchen mit dem Schuh zu verteilen. Meine Mutter nickte verständnisvoll und reichte mir ein Glas mit Wasser, das sie inzwischen eingegossen hatte.
„Na, dann mach dich mal auch fertig. Ihr habt ja Ferien und könnt euch morgen wieder treffen. Ich muss jetzt auch endlich schlafen. Papa liegt schon seit neun im Bett.“ Über Mutters Gesicht stahl sich ein Anflug von Traurigkeit. „Ihr wisst ja, wie er in letzter Zeit ist. Aber morgen muss er ja auch früh raus.“
Richtig nachdenken konnte ich schon nicht mehr. Ich nahm das Glas Wasser und trank es aus. Es schmeckte unvergleichlich gut. Jetzt erst merkte ich, wie durstig ich wirklich war. Dann murmelte ich „Gute Nacht!“ und verschwand so schnell wie möglich aus der Küche.
Eine Sache allerdings hatte ich noch zu erledigen. Ich war gespannt wie ein Flitzbogen, als ich die Tür zu Sannes Zimmer leise aufmachte und vorsichtig einen Blick hinein warf.
Sanne lag im Bett, hatte schon den Schlafanzug an und sah aus wie geschniegelt und gebügelt. Mit großen Augen schaute sie mich an.
„Ich wollte das nicht ... “, flüsterte sie mir zu, „ ... ich hab doch nur gesagt, dass ich am liebsten schon im Bett wäre, und dann war ich’s auf einmal!“
Ich nickte. Jetzt war es endgültig klar.
„Jetzt hast du nur noch vier“, sagte ich bedauernd. „Du solltest besser aufpassen, was du sagst!“
„Ich hab sie in den Nachttisch getan“, Sanne zog sich die Decke bis zum Kinn. „Heute Nacht passiert mir das nicht noch mal.“
„Wir werden morgen aufpassen müssen, dass wir uns nicht noch mal verwünschen. Ich geh jetzt auch schlafen. Wer weiß, wie lange Mutti so bleibt.“
„Ich hab mich verwünscht ... ich hab mich verwünscht ... “, murmelte Sanne immer wieder. Während ihr schon die Augen zufielen, hörte ich, wie meine Mutter aus dem Bad kam. Bevor ich leise Sannes Tür zumachte, raunte ich ihr noch etwas zu.
„Du hast dich nur einmal verwünscht! Der erste Wunsch war klasse!“
Und das war er ja auch wirklich. Hätte sich Sanne nicht vor Janines Haus gewünscht, dass alles gut ausgehen soll, hätte uns ganz bestimmt fürchterlicher Ärger erwartet. Stattdessen erwarteten uns fröhliche Eltern, und mein Vater war sogar sorglos ins Bett gegangen!
Ich schaffte es gerade noch bis ins Bad und fiel danach hundemüde ins Bett. Das war vielleicht ein Ding. Es hatte funktioniert! Was würden wir uns morgen alles zu erzählen haben! Ich legte die Holografie unter mein Kopfkissen. Da würde sie ja wohl nichts anstellen. Dann dachte ich noch kurz an den See, den Urwald und all die Dinge, die uns begegnet waren und die wir erlebt hatten. Aber schließlich konnte ich nicht mehr und tat es meinem alten Lazy nach, der neben meinem Bett lag und reichlich laut vor sich hin schnarchte. Ich machte die Augen zu und schlief diese Nacht durch wie ein Stein.
*
Als ich am nächsten Morgen aufwachte, schien mir die Sonne geradewegs ins Gesicht. Die richtige Sonne! Wir waren ja während unserer Abenteuer die ganze Zeit über von einem geheimnisvollen, aus dem Raum kommenden Leuchten begleitet worden. Aber wenn ich ehrlich bin, so ist mir die echte Sonne doch weitaus lieber. Ich brauchte nicht lange, um richtig wach zu werden, denn ich war verdammt aufgeregt. Schließlich besaßen wir jetzt Dinge, die kein Mensch außer uns hatte. Ich muss zugeben, ich war an diesem Morgen etwas übermütig, malte ich mir doch in allen Farben aus, was wir denn im Laufe unserer Ferien so alles anstellen würden mit den Wunschkugeln, dem Buch der Gaben und nicht zuletzt mit meiner Holografie.
Ich fühlte unter dem Kopfkissen nach der Kugel, nahm sie in die Hand und sprang aus dem Bett. Ich schwor mir, sie von jetzt an nicht mehr aus den Augen zu lassen. Ich ging ins Bad, schloss die Tür ab, damit mir ja niemand die Holografie klauen konnte, solange ich unter der Dusche stand und machte mich erstmal so richtig sauber. Ich sah aus wie ein Landstreicher mit dreckigen Knien, Kratzer an Armen und Beinen und verfilzten Haaren. Aber mehr als zehn Minuten brauchte ich nicht, und meine Mutter zufrieden zu stellen.
Als ich fertig war, fand ich in der Küche einen Zettel. Mutter war einkaufen gegangen und hatte unser Frühstück in den Kühlschrank gestellt. Mein Vater war sowieso zur Arbeit, also waren Sanne und ich allein. Ich machte sofort Pläne. Da konnten wir Tommy und Janine Bescheid sagen und uns in Ruhe bei uns treffen. Schließlich hatten wir ja noch eine ganze Menge zu verarbeiten. Und dann kam mir eine dumme Idee.
Ich ging den Flur runter und klopfte leise an Sannes Tür. Zur Antwort bekam ich undeutliches Gemurmel.
„Bist du schon wach?“, fragte ich.
„Hmmm“, kam es von drinnen. Also noch nicht so ganz wach.
„Bleib noch einen Moment im Bett“, rief ich etwas lauter. „Ich will noch was ausprobieren.“
Mit einem schelmischen Grinsen ging ich rüber ins Wohnzimmer, das direkt neben Sannes Zimmer lag und stellte mich vor die Zwischenwand. Dann holte ich die Holografie aus meiner Hosentasche. Die machte eine ganz schöne Beule in der Jeans, aber ich konnte sie nicht die ganze Zeit über in der Hand behalten. Ich warf sie ein paar Mal mit der rechten Hand in die Luft und sagte leise, aber energisch: „Ich will da durch, ich will da durch!“
Und dann geschah es. Wie in der Kammer des Wissens leuchtete die Kugel auf einmal hellgrün auf und wurde durchsichtig. Mitten in einem Wurf blieb sie in der Luft stehen und fing an zu rotieren. Gespannt sah ich zu, wie sie sich der Wand näherte und schließlich in ihr verschwand. Ich zögerte keine Sekunde, schließlich hatte ich ja bereits Übung, und trat beherzt auf die Wand zu. Als bestände die Mauer aus Luft, schritt ich durch sie hindurch und stand direkt vor Sannes Bett!
Meine Schwester bekam den Schreck ihres Lebens. Mit einem Aufschrei flog die Bettdecke hoch und dann wieder runter, und Sanne rollte sich unter ihrer Decke zusammen und machte sich so klein, dass ich nichts mehr von ihr sah.
Ich fing an zu lachen, und dann lachte ich mir die Seele aus dem Leib, dass ich mich auf einmal verschluckte und anfing zu husten. Mit hochrotem Gesicht lehnte ich mich an die Wand, die jetzt wieder so stabil wie immer war, und schnappte nach Luft.
Mit tränenverschleierten Augen sah ich, wie Sannes Kopf wieder aus der Bettdecke hervorlugte und meine Schwester mich total wütend ansah.
„Wie kannst du mich so erschrecken!“, fauchte sie. „Wenn du das noch mal machst, sag ich Mutti, dass du eine Holografie hast!“
„Dann sag ich ihr, dass du Wunschkugeln hast!“ So langsam beruhigte ich mich wieder. Das war vielleicht ein Spaß gewesen!
„Es hätte nicht viel gefehlt, und du wärst aus dem Bett gefallen!“, hustete ich.
„Tommy hätte das gar nicht gefallen, wie du mit der Holografie umgehst.“
Sanne war jetzt richtig böse, und das brachte mich langsam wieder zur Besinnung. Sie hatte ja Recht. Ich wollte nur einen Spaß machen, aber dafür waren die Sachen bestimmt nicht an uns vergeben worden. Ich schaute sie verlegen an.
„Entschuldige, Sanne. Aber es hat mich so gereizt, die Holografie auszuprobieren. Ich versprech dir, ich mach es nicht nochmal.“
Sanne grummelte noch etwas vor sich hin, aber ich sah an ihren Augen, dass sie mir verziehen hatte. Ich suchte nach der Holografie und entdeckte sie an Sannes Schreibtischstuhl auf dem Boden liegend. Sie wirkte wieder klein und unscheinbar, und ihr Glühen war erloschen. Ich ging hin und hob sie auf.
„Auuu!“ Mit einem Schmerzensschrei ließ ich sie wieder fallen. „Die ist total heiß!“, jammerte ich.
„Da brauchst du dich gar nicht drüber zu wundern“, sagte Sanne altklug und erinnerte mich wieder mal an meine Mutter. „Du hast sie für einen Scherz benutzt, und das war bestimmt nicht so gewollt.“
Plötzlich erinnerte ich mich an das Buch der Gaben. Was hatte dort am Schluss gestanden? Feuer umgibt den, der sie missbraucht ... Ich rieb meine schmerzende Hand und schaute verlegen zu Boden. Ich schämte mich richtig für meine Dummheit. Und das Schlimmste war, Tommy hätte solch einen Unfug sicher nicht getrieben.
Sanne schlug ihre Decke zurück und stand auf.
„Na komm schon“, munterte sie mich auf. „Der Blitz hat dich ja nicht erschlagen. Und ich hab gestern ja auch einfach so losgewünscht, ohne mir dabei etwas zu denken. Wir müssen einfach vorsichtiger sein.“
Dann warf sie einen Blick auf ihren Wecker.
„Halb elf!“, rief sie überrascht. „Los, ruf die anderen an! Vielleicht können wir gemeinsam frühstücken. Janines Nummer kann ich dir geben.“
Das war keine schlechte Idee. Ich hatte noch gar nicht auf die Uhr gesehen. Da hatten wir geschlagene zehn Stunden geschlafen! Kein Wunder, bei dem, was wir hinter uns hatten.
„Hoffentlich hat sie keinen Ärger bekommen und darf nicht raus“, wandte ich ein.
„Denk an die Wunschkugel!“, sagte Sanne lachend und holte ihr Notizbuch aus der Nachttischschublade, um mir Janines Nummer zu geben.
„Ach ja.“
Während Sanne ins Bad ging und sich fertig machte, bückte ich mich und berührte ganz vorsichtig die Holografie, die da immer noch so unscheinbar auf dem Fußboden lag. Doch jetzt war sie kühl und harmlos. Vorsichtig steckte ich sie zurück in meine Hose. Ich hoffte inbrünstig, dass Sanne den anderen nichts von meinem Unfug erzählte. Aber dann merkte ich, dass das feige von mir war und beschloss, Tommy den Streich gleich als erstes zu beichten.
Ich ging in den Flur, griff mir das Telefon und rief Janine an. Die war schon länger wach, stimmte aber sofort begeistert zu, als ich ihr den Vorschlag mit dem Frühstück machte. Zu Tommy nach oben konnte ich immer noch gehen. Also bereitete ich erstmal in aller Ruhe das Frühstück vor und deckte den Küchentisch. Meine Mutter schien heute Morgen sogar schon Brötchen besorgt zu haben. Fehlte eigentlich nur noch Tommy.
Als ich nach oben ging, um ihn abzuholen, war mir völlig klar, dass er schon auf mich wartete. Schließlich konnte er ja jetzt Gedankenlesen, oder nicht?
*
„Mann, ein Leberwurstbrötchen! Tut das gut!“, grummelte Tommy und biss herzhaft in seine Brötchenhälfte. Wir lümmelten uns alle um den Küchentisch, Lazy und Jever hockten mit bettelnden Augen neben uns und versuchten, etwas abzustauben, und ich fühlte mich so gut wie schon lange nicht mehr. Meine Mutter machte wohl einen Großeinkauf, denn sie war immer noch nicht zurück. Und so hatten wir Zeit, es uns gemütlich zu machen. Wir plapperten in einer Tour vor uns hin und erlebten all die Abenteuer noch einmal, während wir die Leckereien unseres Frühstücks genossen. Vor allem schüttelten wir immer wieder den Kopf über Sannes Wünsche, die in Erfüllung gegangen waren. Auch Tommy und Janine waren von ihren Eltern fröhlich begrüßt worden. Anstelle einer Standpauke hatte es nur liebevolles Schulterklopfen gegeben. Unglaublich!
„Eins ist klar“, sagte ich und nahm einen Schluck Vanilletee, „wir haben etwas durchgemacht, das noch niemand zuvor erlebt hat. Wenn wir die Sachen hier nicht hätten, würde ich es selber gar nicht glauben.“
Wir hatten all unsere Schätze auf dem Küchentisch ausgebreitet. Das Buch der Gaben, die verbliebenen Wunschkugeln und meine Holografie lagen mitten zwischen Brötchen und Marmeladegläsern.
„Und wir dürfen niemandem davon erzählen“, meinte Tommy ernst. „Man würde uns für verrückt halten. Ich glaube, man würde sogar versuchen, uns zu trennen, und das darf auf keinen Fall passieren.“
„Meinst du wirklich?“, fragte Janine ängstlich.
„Schon möglich“, bestätigte ich. „Was würdest du denn denken, wenn dein Vater zu dir käme und sagen würde: Hey, ich kann durch Wände laufen! Also ich weiß nicht. Ich glaube, ich würde ihn nur auslachen, und meine Mutter würde ihn zum Arzt schleifen.“
„Genau deshalb muss es unter uns bleiben.“ Tommy stopfte den letzten Bissen seines Brötchens in den Mund und wurde ernst. „Es muss unter uns bleiben, und wir müssen aufpassen, was wir sagen und vor allem, was wir mit den Sachen da tun.“
Wie auf Kommando schauten wir alle auf die wie verloren daliegenden Dinge aus der fremden Welt. Ich wusste, dass Tommy mich mit dem meinte, was er gerade gesagt hatte und schwor mir, immer daran zu denken, keinen unüberlegten Wunsch zu äußern oder durch Wände gehen zu wollen. Ich hatte ihm schon im Treppenflur von meinem Streich mit Sanne erzählt, und die darauf folgenden mahnenden Worte von Tommy waren mir noch schlimmer vorgekommen als die meines Vaters, wenn ich was angestellt hatte. Aber dann hatte er mir doch auf die Schulter geklopft und gelacht, als er sich das Gesicht von Sanne vorstellte, wie ich aus der Wand in ihr Zimmer gekommen war!
„Tommy“, sagte Janine beiläufig, „hast du dein Buch schon ausprobiert?“
Plötzlich wurde es still im Raum. Unsere Blicke hefteten sich auf das Buch der Gaben und seinen unscheinbaren Einband. Würde es in unserer Welt funktionieren? Ich überlegte krampfhaft, woran ich jetzt denken sollte, falls Tommy ausprobieren würde, ob er Gedankenlesen konnte. Aber dann fiel mir ein, dass es ja noch gar nicht sicher war, ob es nun genau diese Gabe war, die ihm gegeben wurde.
„Ich weiß nicht, ob das Buch meinen ersten Einfall aufgenommen hat“, bestätigte Tommy meine Gedanken. „Vielleicht sollten wir darüber nachdenken, was für eine Gabe ich wählen sollte.“
„Au ja!“ rief Sanne. „Vielleicht unsichtbar sein oder wahrsagen oder hellsehen oder ... “
„Halt, halt!“, sagte Tommy schmunzelnd. „Es sollte etwas sein, womit wir etwas Sinnvolles tun können. Zum Spielen hat man uns dieses Buch nicht mitgegeben.“
„Aber Hellsehen kann doch was Gutes sein“, wandte Sanne ein. „Zum Beispiel könnte man voraussagen, ob jemand morgen einen Unfall hat. Und dann könnten wir das verhindern!“
Janine schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Damit würden wir Schicksal spielen. Das dürfen wir nicht.“
„Aber ich könnte als Wahrsagerin beim Zirkus auftreten!“ Sanne war total begeistert von ihrer Idee.
„Aber du müsstest auch Schlechtes vorhersagen. Willst du das denn wirklich?“, fragte Tommy ernst.
Doch ehe wir darüber nachdenken konnten, ging der Schlüssel in der Wohnungstür, und meine Mutter kam vollbeladen mit Tüten vom Einkauf zurück. Wir halfen ihr, alles auszupacken, und ich stellte eine weitere Tasse auf den Tisch. Schließlich setzte sich meine Mutter mit zu uns und fragte uns aus.
„Na, wie war’s gestern? Was habt ihr denn so angestellt?“
Tommy antwortete als Erster. Und als ich in sein Gesicht sah, bemerkte ich seine vor Verblüffung weit aufgerissenen Augen. Was hatte er denn jetzt?
„Sie brauchen sich keine Sorgen machen, Frau Seefeld. Wir sind nicht noch mal zum Bungee-Jumping gegangen.“
Mutter sah Tommy erstaunt an.
„Das hatte ich schon befürchtet. Aber ich weiß ja, dass ich mich auf dich ... “, sie korrigierte sich, „ ... auf euch verlassen kann. Aber ich ... “
Sie wollte noch etwas sagen, überlegte es sich dann aber doch anders. Tommy hingegen lächelte auf einmal, und seine Augen glänzten.
„Ich weiß. Sie wollten sagen, Sie kennen mich ja noch nicht so lange, und es wäre besser, Sie wüssten, wo wir hingehen. Aber Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen machen. Joe, Sanne und Janine passen auf mich auf!“
Hinter der Stirn meiner Mutter arbeitete es sichtlich. Bei mir selbst fiel so langsam der Groschen. Unwillkürlich riskierte ich einen Blick auf das Buch der Gaben, das immer noch in der Mitte des Tisches lag. Und wirklich, es begann, leicht rötlich zu glimmen! Ich versuchte, Tommy unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein zu versetzen, aber ich kam nicht ran.
Meine Mutter runzelte die Stirn. „Tommy, ich hab das Gefühl, du kannst Gedankenlesen!“
Wir prusteten los. Gleichzeitig jedoch machte ich mir unheimlich Sorgen, dass sie das glühende Buch auf dem Tisch entdecken würde. Da endlich fiel Tommys Blick auf das Buch, und er reagierte sofort. Man sah ihm seine Überraschung nicht im Geringsten an, und wie er das Problem so ruhig umschiffte, das machte mich schon wieder ein bisschen neidisch.
„Aber nein“, sagte er lachend. „Ich kenne nur die Gedanken meiner eigenen Mutter. Das sind bestimmt genau die gleichen! Darf ich Ihnen noch eine Tasse Tee einschenken?“
Meine Mutter lachte kopfschüttelnd und stand selber auf.
„Nein, lass gut sein. Das kann ich schon selbst.“
Während sie aufstand und zur Anrichte ging, um die Kanne zu holen, griff Tommy blitzschnell zu und ließ das inzwischen dunkelrot glimmende Buch unter seinem T-Shirt verschwinden. Unauffällig nutzten auch wir anderen die Gelegenheit, um die Wunschkugeln und die Holografie aus dem Blickfeld meiner Mutter zu bringen.
Wir schafften es, ohne dass sie etwas bemerkte. Dann blieb sie aber noch eine geschlagene Viertelstunde bei uns sitzen und quatschte mit uns über die Schule und was wir in den Ferien so vorhatten und über was nicht sonst noch alles. Wir saßen wie auf Kohlen, wollten wir anderen doch endlich wissen, ob Tommy nun Gedankenlesen konnte oder nicht. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, stand auf und begann, den Tisch abzuräumen. Das war das Zeichen für die anderen, es mir gleich zu tun, und es dauerte nicht lange, dann war die Küche aufgeräumt, und wir konnten uns in mein Zimmer zurückziehen.
Wir setzten uns im Kreis in die Mitte auf den Teppich, die Hunde zwischen uns, und Janine konnte sich nicht mehr zurückhalten.
„Du kannst wirklich Gedankenlesen? Oder hast du nur geraten? Und was ist mit unseren Gedanken? Kannst du die auch lesen?“
„Langsam, langsam“, lachte Tommy. „Ich kann euch beruhigen. Eure Gedanken kann ich jedenfalls nicht lesen. Ich kann mich anstrengen, wie ich will, aber es geht nicht. Aber bei deiner Mutter ... “ Er sah mich entschuldigend an, „ ... da ging es ganz einfach. Ich brauchte sie nur anzusehen und es war, als würden ihre Gedanken in meinem eigenen Kopf entstehen.“
„Wahnsinn!“, entfuhr es Sanne. „Und warum geht es bei uns nicht?“
„Weil wir ein Team sind“, kam es ohne Zögern von Tommy.
„Vier Herzen ... “, flüsterte Janine.
„Ganz genau.“ Tommy schlug das Buch der Gaben auf. „Nur der Mut der vier Herzen bringt die Gabe ins Lot. Ich bin sicher, dass ich die Gabe deswegen nicht bei euch anwenden kann, weil sie im Grunde uns allen gegeben wurde.“
Sanne schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Aber wir können nicht Gedankenlesen. Du sollst etwas damit bewirken. Aber was?“
„Ich weiß es nicht. Aber ich bin sicher, dass wir noch darauf kommen werden. Joe, du bist doch Computer-Freak?“
Ich sah ihn erstaunt an. Was wollte er denn jetzt?
„Ja, allerdings. Aber seit ich dich kenne, war ich nicht einmal surfen! Was willst du denn wissen?“
„Du könntest mal versuchen, rauszukriegen, welche Mondphase wir gerade haben und wie lange sie noch dauert.“
Wir starrten ihn an. Natürlich! Die Mondphase!
„Für die Phase eines Mondes wird beseelt der Auserwählte ... “, flüsterte Sanne, die gleich nach Tommys Worten das Buch der Gaben an sich genommen und nach der Stelle gesucht hatte.
Ich sprang auf.
„Na klar!“, rief ich und ging rüber zu meinem Schreibtisch, auf dem der Computer stand. „Das müsste ich rauskriegen.“
Ich setzte mich vor den Monitor und spürte, wie die anderen gespannt hinter mich traten. Ich schaltete das Ding ein und wartete darauf, dass sich das Programm aufbaute. Ich hatte den alten Computer meines Vaters geerbt. Der war so schon ein bisschen langsam und mit dem Modem auch nicht gerade toll geeignet fürs Internet. Aber egal, ich hatte einen eigenen Computer. Sanne wollte inzwischen auch immer öfter rumsurfen, vor allem chatten. Da stritten wir uns schon manchmal, wer ran durfte. Würde wohl irgendwann ein zweiter Gebrauchter fällig werden.
Endlich konnte ich mich einwählen und wartete auf die Verbindung. Aber sie kam nicht zustande. Ich versuchte es ungefähr ein Dutzend Mal, dann gab ich auf.
„Ich glaub, wir haben gerade eine blöde Zeit erwischt. Sind zu viele im Netz. Ich komm nicht durch.“
„Macht nichts“, sagte Tommy, „so schnell wird die Phase ja auch nicht vorbei sein. Lass es uns nachher noch mal versuchen, wenn wir wiederkommen.“
„Wiederkommen?“, fragte Janine.
„Ja“, meinte Tommy augenzwinkernd. „Ich muss unbedingt noch ein paar Tüten Chips kaufen! Und bei der Gelegenheit können wir mal ausprobieren, ob das Gedankenlesen auch bei anderen funktioniert.“
„Au ja!“, rief Sanne und haute mir auf die Schulter. „Ich würde zu gern wissen, was die Leute so denken!“
„Aber mit Bedacht!“, sagte ich und fuhr den Computer herunter. Jetzt war ich es, der die anderen daran erinnerte, dass wir vorsichtig mit unseren Gaben umgehen mussten.
„Selbstverständlich, Herr Seefeld“, sagte Tommy ernst, was uns wieder mal zum Lachen brachte.
Wir alle vergewisserten uns, dass wir das Buch, die Wunschkugeln und die Holografie sicher an unseren Körpern verwahrt hatten. Dann machten wir uns auf den Weg ins Einkaufszentrum. Jever und Lazy ließen wir schweren Herzens zu Hause. In die meisten Geschäfte durften sie sowieso nicht mit rein, und die ganze Zeit draußen warten lassen wollten wir sie auch nicht. Wir gingen also los, um einen gigantischen Vorrat an Chips zu besorgen. Und um etwas auszuprobieren ...
*
Probelesen
Eigentlich hatten wir uns vorgenommen, einfach nur so durch die Einkaufspassage zu schlendern und Tommy versuchen zu lassen, bei irgendeinem zufällig vorübergehenden Passanten herauszufinden, was der denn gerade dachte. Aber als wir auf dem Weg ins Einkaufszentrum im Bus saßen und leise darüber diskutierten, war es einmal mehr Tommy, der uns auf den Boden zurückbrachte.
„Ich weiß nicht“, sagte er. „Stellt euch mal vor, jemand würde in euren Gedanken lesen. Und er würde alles herausbekommen. Auch Sachen, die ihr niemals einem anderen erzählen würdet. Was würdest du denn sagen, wenn ich wüsste, mit welchem Mädchen du gerne mal rumknutschen möchtest?“
Tommy guckte mich an, und ich spürte im selben Moment, dass ich rot wurde. Gott sei Dank funktionierte die Gabe bei uns nicht!
„Du brauchst gar nicht antworten“, lachte er mich an. „Aber du siehst, was ich meine. Und außerdem ist es auch für mich komisch. Als die Gedanken eurer Mutter vorhin in meinem Kopf erschienen, habe ich mich ganz und gar nicht wohl gefühlt. Es war ... es war ... “ Tommy schwieg und starrte auf seine Hände.
„Es war, als würdest du ihr Vertrauen missbrauchen, stimmt’s?“, fragte Janine.
„Ja. Ich hab gemerkt, dass sie mich mag, aber mir doch noch nicht so ganz traut. Aber diesen Gedanken wollte sie ja ganz für sich behalten. Versteht ihr? Sie will mir ja nicht wehtun.“
Wir dachten darüber nach. Ich überlegte, was wohl passierte, wenn man alle Gedanken eines anderen kennen würde. Das konnte ich mir gar nicht richtig vorstellen. Das würde Probleme über Probleme geben! Ich überlegte mir, was es denn in meinem Kopf so gab, was ich auf keinen Fall verraten wollte. Und dann bekam ich einen Schreck. Ich mochte Tommy. Da gab es gar keinen Zweifel. Und doch ertappte ich mich oft bei dem Gedanken, dass er ein ganz schöner Streber sei. Er wusste so viel, und wenn er wieder etwas zum Besten gab, bewunderten ihn die Mädchen. In diesen Momenten dachte ich schon mal nicht so besonders nette Sachen über Tommy. Ich war neidisch auf ihn. Gerade jetzt im Bus, als wir über die Gabe nachdachten, wurde mir das klar, und ich fühlte mich deswegen ganz schön schlecht. Doch was, wenn er alle diese Gedanken hätte lesen können? Wären wir dann noch solche Freunde geblieben wie vorher? Jetzt wusste ich, was Tommy meinte.
„Mann!“, rutschte es mir raus. „Ich will gar nicht wissen, was du von mir denkst!“
„Sei froh, dass ich es nicht kann!“, schmunzelte er.
„In zwei Stationen müssen wir raus“, sagte Sanne. „Wie ist das eigentlich, kommen die ganzen Gedanken der Leute hier nicht alle gleichzeitig in deinen Kopf? Das muss doch ein furchtbares Durcheinander sein!“
„Nein“, erwiderte Tommy. „Ich habe vorhin gemerkt, dass ich denjenigen ansehen muss, dessen Gedanken ich lesen will. Du hast Recht, das würde kein Mensch aushalten, wenn Millionen von Gedanken auf ihn einstürmen würden. Aber wir müssen jetzt raus!“
Bevor der Bus an unserer Haltestelle anhielt, musste ich aber doch noch was loswerden.
„Aber ausprobieren tun wir es doch noch mal, oder?“, drängte ich.
„Lass uns drei Leute raussuchen“, meinte Janine. „Und wenn die was Schlimmes denken, hörst du sofort auf und sagst uns nichts davon, okay?“
„Okay.“ Tommys Augen blitzten schelmisch. „Ich kann euch ja auch Märchen erzählen, was andere wohl denken mögen!“
„Das schaffst du nicht!“, lachte ich. „Das seh ich dir sofort an, wenn du schwindelst!“
„Na, dann haben wir ja noch einen unter uns, der eine seltene Gabe besitzt.“
Nachdem uns der Bus am Einkaufszentrum abgesetzt hatte, standen wir eine Weile ratlos auf dem Vorplatz herum. Hier war ein Test etwas schwierig, weil die Leute so an einem vorbeihasteten. Dann fiel mir ein, dass wir ja noch etwas besorgen mussten. Meine Mutter hatte uns einen Einkaufszettel mitgegeben. Ich zog ihn hervor. Wurst, Käse, Eier, Milch.
„Lasst uns erstmal in den Supermarkt gehen“, sagte ich. „Meine Mutter hat die ungarische Salami vergessen. Da hol ich noch was von. Die schmeckt am besten.“
Am Wurststand war einiges los, aber nur eine Verkäuferin bediente die Kunden, und die sah auch noch ziemlich mürrisch aus. Wir stellten uns an, und ich suchte schon mal nach der Salami. Auf einmal stieß mich Tommy an.
„Ich weiß, was sie denkt!“, raunte er mir zu.
„Probierst du’s bei der aus?“, fragte ich gespannt.
„Hm.“
Ich machte Sanne und Janine ein Zeichen. Aufgeregt blickten wir abwechselnd zu Tommy und zu der Verkäuferin. Was für Gedanken mochte diese unfreundlich aussehende Frau gerade haben? Tommy stand da und konzentrierte sich.
Auf einmal umzuckte ein Lächeln seine Mundwinkel. Er verschränkte die Arme vor der Brust und warf uns einen kurzen Blick zu. Und dann ging es los.
„Hallo Frau Sander!“
Die Verkäuferin wollte gerade einige Scheiben Wurst für die Kundin, die vor Tommy dran war, mit der Gabel aufnehmen. Als Tommy sie ansprach, blickte sie unwirsch auf.
„Frau Sander“, sagte Tommy tadelnd. „Das ist aber nicht nett, dass sie immer eine frische Scheibe Wurst auf die vergammelten legen und das den Leuten dann andrehen wollen!“
Sanne hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht loszuprusten. Bei Janine und mir dauerte es noch ein bisschen länger, bis wir kapierten. Die Verkäuferin richtete sich jetzt auf und wurde böse.
„Woher weißt du, wie ich heiße?“
„Sie sind eigentlich sauer auf den Namen, weil Sie sich scheiden lassen und dann lieber wieder Riemann heißen wollen! Aber das ist noch lange kein Grund, den Leuten vergammelte Wurst anzudrehen!“
Tommy stand da wie ein frecher Lausbub und lächelte die immer wütender werdende Verkäuferin seelenruhig an. Die Frau, die gerade bedient wurde, sah von Tommy zur Verkäuferin und dann zur Wurst.
„Würden Sie wohl bitte mal die erste Scheibe runtermachen? Ich möchte keine vergammelte Wurst kaufen.“
Sanne, Janine und ich hatten unglaubliche Mühe, unser Kichern zu unterdrücken. Die Augen der Verkäuferin blitzten Tommy an. Man sah ihr an, dass sie ihm am liebsten eine Ohrfeige versetzt hätte, aber da war ja die Wursttheke zwischen.
„Sie werden doch nicht so einem frechen Bengel glauben!“, zischte sie. „Soweit kommt’s noch!“
„Ich weiß nur“, sagte die Kundin energisch, „dass Sie die ganze Zeit über schon unfreundlich waren. Und außerdem hatte ich das letzte Mal schon alte Scheiben zwischen den frischen. Also bitte, nehmen Sie doch einfach mal die obere runter!“
Im Kopf von Frau Sander arbeitete es jetzt deutlich. Am liebsten hätte sie losgebrüllt, aber das traute sie sich denn doch nicht. Tommy nahm die Arme runter und flüsterte mir was ins Ohr.
„Jetzt überlegt sie, ob sie besser eine ganz neue Wurst holen soll!“
Kaum hatte er mir das gesagt, beugte sich Frau Sander wutentbrannt über die Auslage, griff sich den ganzen Stapel Wurst, von der die Kundin verlangt hatte und warf ihn in den Restekorb.
„Ich geh jetzt und hole eine völlig neue Wurst. Damit Sie auch ja keinen Grund mehr haben, zu meckern!“
Wutentbrannt verschwand sie in der Vorratskammer. Tommy und die nette Kundin blickten sich lachend an.
„Danke!“, sagte sie, „Die hätten wir kuriert. Ich glaube nicht, dass sie noch mal was untermogelt. Woher hast du denn das gewusst?“
Wir anderen hielten den Atem an.
„Das ist meiner Mutter auch schon passiert. Ich hab einfach geraten.“
In dem Moment kam die Verkäuferin zurück. Wir nickten der Kundin zu und verdrückten uns vom Stand.
Beim Getränkelager war niemand, und so konnten wir uns erstmal so richtig auslachen.
„Die verkauft dir bestimmt nie wieder was!“ Sanne schüttelte sich vor Lachen. „Mann, hat die dumm geguckt!“
„Und wo kriegen wir jetzt deine Salami her?“, fragte Tommy. „Die isst du doch so gern!“
„Macht nichts“, sagte ich und beruhigte mich langsam wieder. „Die gibt’s auch abgepackt. Aber das war mir der Spaß wert!“
„Es funktioniert, wenn ich es will“, sagte Tommy und wurde auf einmal wieder ernst. „Aber ich habe einiges in den Gedanken gelesen, das mir gar nicht gefallen hat.“
„Was denn?“, fragte Janine neugierig.
„Ich glaube, das möchte ich dir lieber nicht sagen.“ Tommy legte eine Hand auf das Buch der Gaben, das unter seinem T-Shirt steckte. „Ihr habt ja gehört, dass sie sich scheiden lassen will. Sie hatte ... sie hatte eine ziemlich schlimme Ehe. Vielleicht ist sie deswegen so geworden.“
Wir schwiegen betroffen. Tommy straffte sich.
„Ich weiß nicht, ob ich es so gut finde, Gedankenlesen gewählt zu haben. Es macht Spaß, aber auch traurig.“
„Wähle mit Bedacht!“, erinnerte Sanne.
„Ja, aber ich hatte ja gar keine Chance, darüber nachzudenken“, meinte Tommy.
„Vielleicht sollten wir uns noch einmal in Ruhe hinsetzen und überlegen, was wir mit den Gaben tun sollen. Ich meine, die Erbauer des Hauses hätten das von uns erwartet.“
Tommy lächelte mich an.
„Da wird der Herr Seefeld auf seine alten Tage noch weise! Aber du hast Recht. Rumlaufen und damit rumspielen, das sollten wir nicht. Jedenfalls nicht nur“, fügte er schmunzelnd hinzu.
„Und jetzt lasst uns erstmal ein Eis essen!“ rief Janine. „Ich will einen Familienbecher!“
Das war jetzt genau das richtige. Wir machten, dass wir die Sachen auf dem Einkaufszettel und natürlich Tommys Chips zusammen bekamen, und dann bestellten wir uns im Eiscafe jeder einen Berg Eis.
Natürlich konnten wir auch hier nicht vom Thema lassen. Während wir genüsslich mit unseren riesigen Bechern kämpften, sahen wir die Leute rings um uns an und stellten uns vor, was die wohl alle denken mochten. Mein Blick schweifte in die Runde und blieb an einer unglaublich dicken Frau hängen, die langsam und bedächtig einen Löffel nach dem anderen von ihrem Spaghetti-Eis in sich reinlöffelte. Ich sah, dass schon ein leerer Eisbecher auf ihrem Tisch stand und außerdem noch eine halb geleerte Tasse Eisschokolade. Es war mir vollkommen unbegreiflich, wie man so viel auf einmal essen konnte. Ich stieß Tommy an und zeigte ihm unauffällig die dicke Frau.
„Kannst du mal ausprobieren, was die gerade denkt?“
Tommy sah nachdenklich zu dem anderen Tisch hinüber und nickte dann langsam.
„Warum nicht. Sehr unglücklich sieht sie ja nicht gerade aus. Ich denke, das können wir riskieren.“
Dann griff er vorsichtig unter sein T-Shirt und berührte das Buch der Gaben. Sein Blick konzentrierte sich auf die dicke Frau, und fast gleichzeitig machte er ein verblüfftes Gesicht. Wir sahen ihn erwartungsvoll an.
„Und, was denkt sie?“, fragte Sanne gespannt.
„Sie denkt, ich muss sofort aufhören zu essen!“, sagte Tommy erstaunt. „Dabei ist die so dick, da ist es doch eh egal.“ Und dann bekam sein Gesicht einen nachdenklichen Ausdruck.
„Und sie denkt, wie oft wollte ich schon aufhören, aber ich schaff’ es ja doch nicht! Wozu auch und für wen? Wenn man allein ist, kann man ruhig dick sein.“
Janine ließ ihren Eislöffel sinken und sah die Frau dort drüben plötzlich mit ganz anderen Augen an.
„Vielleicht hat sie sich so dick gefuttert, weil sie überhaupt niemanden mehr hat“, sagte sie leise.
Auf einmal bekam Tommy einen Schreck.
„Seht besser in eine andere Richtung! Sie denkt gerade, was starren die Kinder da mich so an!“
Wir versuchten, so zu tun, als hätten wir nur zufällig rübergeschaut. Ich wusste mit einem Mal, wie jemand zumute sein musste, der so dick war und den alle Leute anstarrten.
Janine legte ihre Hand auf Tommys Arm.
„Ich möchte nicht, dass du weiter in anderer Leute Gedanken liest. Ich finde, dass es uns ganz und gar nichts angeht, wie jemand sich fühlt. Mir tut die Frau Leid. Ich wünschte, sie könnte alles essen, was sie wollte und würde trotzdem nicht dick werden! Dann würde sie vielleicht auch nicht mehr alleine bleiben.“
Tommy nickte verständnisvoll.
„Ich habe auch genug vom Gedankenlesen. Immer, wenn ich es bei jemandem versuche, sehe ich Dinge, die nicht für mich bestimmt sind. Ich finde, wir sollten jetzt gehen. Joe, du musst unbedingt rausfinden, wann die Mondphase endet, in der wir uns gerade befinden.“
Gerade wollte ich ihm antworten, als vom Nebentisch ein spitzer Schrei ertönte. Unsere Köpfe fuhren herum. Und was wir dann sahen, das konnten wir einfach nicht glauben. Was dort geschehen war, war unfassbar!
Die vorher so furchtbar dicke Frau saß immer noch da. Zumindest glaubte ich, dass sie es war, denn sie hatte zweifellos dieselben Klamotten an wie vorher. Doch jetzt schlabberte der Pullover fünf Nummern zu groß an ihr herum, und ihr Bauch steckte in einer Hose, die selbst für eine Übergröße noch unglaublich groß war. Völlig fassungslos hielt die Dame den Hosenbund fest, damit man ihre Unterwäsche nicht sah und stammelte ständig „Das glaub ich nicht ... das glaub ich nicht!“ vor sich hin. Wenn ich sie nicht eine Minute vorher noch in den aus den Nähten platzenden Sachen gesehen hätte, ich hätte gedacht, da sitzt ein Clown! Was ich sah, konnte einfach nicht sein. Hier saß auf einmal eine vollkommen schlanke und eigentlich recht hübsch aussehende Frau! So langsam kam mir ein Verdacht. Und ich war nicht der Einzige. Auch Sanne und Tommy starrten Janine an.
„Hast du etwa ... ?“, flüsterte Sanne.
„Ich hab doch nur gesagt ... ich meine ... “, stotterte Janine und schaute mit weit aufgerissenen Augen in Richtung Nachbartisch.
„ ... dass sie alles essen soll, was sie will und trotzdem nicht dick wird!“, ergänzte Tommy. „Na, das hast du ja fein hingekriegt! Schau doch mal nach deinen Wunschkugeln!“
Janine kramte in ihrer Jeans nach den Kugeln und holte sie schließlich hervor. Als wir sahen, was sich in ihrer Hand befand, war die Sache klar. Fünf Kugeln und ein wenig feiner, weißer Staub!
„Hah!“, machte Sanne. „Siehst du, jetzt hast du dich auch verwünscht!“
Janine schaute ganz unglücklich von den Kugeln zu der Frau und wieder zurück.
„Was soll ich denn jetzt machen?“, jammerte sie. „Soll ich sie wieder dick wünschen?“
Tommy sah nachdenklich zu der Frau hinüber, die jetzt nicht mehr herum stammelte, sondern still an sich hinunterblickte. Ich meinte, ein glückliches Lächeln in ihrem Gesicht zu entdecken.
Tommy beruhigte Janine.
„Ich werde ihre Gedanken nicht mehr lesen, aber ich glaube, dass sie ganz zufrieden ist mit dem, was sie sieht. Ich meine, du solltest es lassen, wie es ist. Aber ehe uns noch so was passiert, sollten wir hier ganz schnell verschwinden.“
Ich winkte der Kellnerin, und wir machten, dass wir bezahlten. Als wir aufstanden und rasch das Café verließen, sah ich noch einmal zurück und warf einen Blick auf die Frau, die plötzlich nur noch halb so viel wog. Sie wirkte immer noch reichlich verstört. Wahrscheinlich würde sie ihrer neuen Figur noch eine ganze Weile nicht trauen.
Ich fühlte nach meiner Holografie in der Tasche und war heilfroh, dass ich nicht auch diese Wunschkugeln erwischt hatte. Ich holte tief Luft und folgte den anderen.
*
Lesen und Wünschen
Im Eingangsbereich des Einkaufszentrums liegt die von uns so genannte Fressmeile. Mehrere kleine Restaurants, Imbissstände und ein Hamburgerladen. Als wir zum Ausgang schlenderten, sah ich plötzlich meinen Vater in einem dieser Selbstbedienungsläden sitzen. Was machte denn mein Vater hier? Eigentlich musste er doch arbeiten!
Ich konnte nicht glauben, dass er da saß, und während ich wie angewurzelt dastand, waren die anderen schon bis zur Drehtür weiter gegangen. Ich registrierte zwar, dass Janine mich rief und dann alle wieder zu mir zurückliefen, aber ich konnte einfach nicht reagieren. Schließlich war Tommy bei mir und haute mir auf die Schulter.
„Hey, was ist? Hast du dich verliebt?“
Als ich nicht antwortete, folgten die anderen meinem Blick, und fast im selben Moment rief Sanne: „Vati!“
Ich hatte mich nicht getäuscht. Es war wirklich unser Vater. Allein an einem Ecktisch im hintersten Winkel des Lokals, vor sich ein Glas Bier. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt und starrte gegen die Wand. Er konnte uns so nicht sehen, und ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass er auch gar nicht gewollt hätte, dass wir ihn entdeckten. Er saß einfach nur da und sah unsagbar niedergeschlagen aus. Heute war Montag. Es war Mittag, und er war nicht bei der Arbeit.
„Papa!“, rief Sanne und wollte ins Restaurant stürzen. Ich konnte sie gerade noch festhalten.
„Sei still!“, sagte ich leise, aber eindringlich. Sanne sah mich vollkommen verblüfft an.
„Was hast du denn? Er hat doch nichts angestellt, oder?“
Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte. Ich wusste nur, dass ich unseren Vater noch nie so gesehen hatte. Irgendetwas hielt mich zurück.
„Vielleicht hat er gerade Mittagspause“, sagte Janine.
„Niemals!“, murmelte ich. „Er nimmt immer was zum Essen mit. Außerdem ist seine Firma ganz woanders.“
„Und Bier sollte man auch nicht gerade trinken, wenn man danach noch arbeiten will“, meinte Tommy nachdenklich. „Vielleicht hat er ein Problem.“
„Was für ein Problem denn?“, fragte Sanne mit großen Augen.
„Lasst uns erstmal ein Stück beiseite gehen.“ Ich hatte mitbekommen, dass uns die Leute schon komisch anschauten, wie wir da so vor dem Lokal standen und den Eingang blockierten. „Wir stehen hier im Weg, und wenn er hochguckt, sieht er uns bestimmt.“
Wir gingen ein paar Meter zurück und setzten uns auf eine der Bänke, die hier überall für die Leute aufgestellt waren, die vom Bummeln mal eine Pause brauchten. Ich war völlig hin- und hergerissen von dem Gedanken, einfach rüberzulaufen und Vater zu fragen, was denn los war und der Angst, es dann herauszubekommen.
Sanne hatte Tränen in den Augen.
„Vielleicht ... vielleicht ... “, schluchzte sie, „will er sich von Mama trennen!“
Mir wurde heiß. An diese Möglichkeit hätte ich nicht im Traum gedacht.
„Ganz bestimmt nicht!“, sagte ich so energisch wie möglich und legte meinen Arm um Sannes Schultern.
„Aber ... er hatte doch dauernd schlechte Laune, und gestern war er schon lange im Bett, als wir nach Hause kamen!“
Ich musste ihr Recht geben. Unsere Mutter hatte Vaters Laune immer heruntergespielt, und durch die ganze Aufregung mit Tommy und unseren Abenteuern hatte ich gar keine Zeit gehabt, darüber nachzudenken. Wie hatte Mutter gestern noch gesagt? Ihr wisst ja, wie er in letzter Zeit ist ...
Ich fühlte mich auf einmal völlig hilflos. Waren unsere Eltern unglücklich? Und warum? Warum schwänzte unser Vater die Arbeit? Wollten sie sich trennen? Was würde dann aus uns?
Mir schwirrten auf einmal so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich nicht mehr wusste, was ich jetzt tun sollte. Tommy sagte die ganze Zeit über gar nichts, saß einfach nur da und wirkte nachdenklich. Und Janine blickte immer nur rüber zum Restaurant. Doch auf einmal stand sie auf und stellte sich vor uns hin.
„Geht rein und fragt ihn!“
„Das kann ich nicht“, sagte Sanne leise, und ich dachte dasselbe.
„Aber ... “, wollte Janine weiter drängen, doch sie merkte an unseren Blicken, dass sie uns nicht umstimmen konnte.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf. Ich wandte mich an Tommy. Er schien nur darauf gewartet zu haben, denn unsere Blicke trafen sich, und wir verstanden uns wortlos.
„Könntest du ... ?“, fragte ich ihn leise.
Janine verstand im selben Moment. „Du meinst ... du willst seine Gedanken lesen? Aber wenn etwas ganz Schlimmes passiert ist? Ich meine ... ich meine ... “ Janine blickte uns ganz unglücklich an.
Tommy sah von einem zum anderen.
„Ich mache es nur, wenn ihr es wirklich möchtet.“ Und dann kam er mit einem Vorschlag, der es uns leichter machte.
„Wenn es etwas ist, das uns wirklich nichts angeht, hör ich sofort wieder auf. Und ihr allein entscheidet, wieviel ich euch erzählen soll.“
Ich nahm den Arm von Sannes Schultern und sah ihr fest in die Augen.
„Na, was meinst du?“ Noch bevor sie etwas sagte, kannte ich ihre Antwort.
„Ich kann es nicht haben, wenn Vati traurig ist.“
„Ich weiß, wie das ist“, murmelte Janine. „Wenn bei uns zu Hause einer traurig ist, dann sind wir es gleich alle.“
„Mach es!“, sagte ich zu Tommy.
„Also gut. Aber ich muss ihn dabei ansehen.“
„In die Augen?“, fragte ich erschrocken. „Dann wird er dich erkennen.“
„Nein, es reicht, wenn ich ihn nur irgendwie sehen kann. Am besten, ich gehe rein und kaufe mir was zu trinken. Dann hab ich Zeit genug, und es fällt nicht auf. Außerdem hat er mich bis jetzt nur einmal kurz gesehen. Vorgestern bei euch im Wohnzimmer. Ich pass schon auf.“
Tommy sah uns noch einmal aufmunternd an, und ehe ich ihn vielleicht doch noch zurückhalten konnte, war er schon die wenigen Meter zum Restaurant gelaufen und verschwand aus unserem Blickfeld.
Bange Minuten des Wartens verstrichen, in denen mir unendlich viele Gedanken durch den Kopf schossen. Was war, wenn Vati und Mutti sich trennten? Bei wem würden wir wohnen? Würde Vati ausziehen? Oder Mutti? Nein, das konnte nicht sein! Vati und Mutti gehörten doch zusammen. Bei der Vorstellung bekam ich ein furchtbar flaues Gefühl im Bauch. Und Sanne ging es sicher genauso.
Als Tommy wieder rauskam, bemerkte ich, wie verkrampft ich dagesessen hatte. Als er uns mit ernstem Gesicht entgegenkam, hielt ich es beinahe nicht mehr aus, endlich zu wissen, was geschehen war. In dem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher, als dass ich Gedankenlesen könnte. Aber als er dann vor uns stand, stahl sich ein Lächeln in seine Mundwinkel, und Sanne und ich wussten sofort, dass es nicht ganz so schlimm stehen konnte. Wir bedrängten ihn mit Fragen und redeten so ungeduldig durcheinander, dass er dazwischenfahren musste.
„Halt, halt! Nun wartet doch mal! Ich erzähl euch gleich alles, aber lasst uns erstmal um die Ecke gehen. Euer Vater weiß nicht recht, ob er noch bleiben soll. Er hat Angst, dass eure Mutter ihn entdeckt. Ihm ist gerade eingefallen, dass sie ja hier einkaufen gehen könnte.“
„Was?“, rief Sanne. „Er hat Angst vor Mama? Aber warum denn?“
„Weil man ihn entlassen hat. Er hat keine Arbeit mehr.“
Sprachlos starrten wir Tommy an. Mir fiel ein unvorstellbar großer Stein vom Herzen. Sie wollten sich nicht trennen! Das war erst einmal das Wichtigste. Aber gleichzeitig konnte ich mir einfach nicht vorstellen, warum man Angst davor haben konnte zu erzählen, dass man keine Arbeit mehr hatte.
Tommy sah, wie es hinter meiner Stirn arbeitete und zog mich von der Bank hoch.
„Los, kommt mit! Er kann jeden Moment rauskommen!“
Wir vermieden es, am Restaurant vorbeizugehen, bogen in den nächsten Gang ein und fuhren dann mit der Rolltreppe eine Etage höher. Verstört folgte ich den anderen. Ich verstand es nicht. Es gab doch noch andere Arbeit!
Oben waren nur Geschäfte für Damenmoden, da konnten wir ziemlich sicher sein, dass unser Vater nicht zufällig vorbeikam. Wir verdrückten uns in eine Ecke und warteten gespannt darauf, was Tommy erzählen würde. Er spannte uns nicht lange auf die Folter.
„Also, seine Gedanken waren ganz schön durcheinander. Er ist vor einem Monat rausgeflogen.“
„Was?“, rief Sanne. „Vor einem Monat schon? Das kann nicht sein! Er ist doch jeden Morgen um sieben zur Arbeit gegangen. Heute auch!“
„Er ist aus dem Haus gegangen. Aber nicht zur Arbeit“, sagte Tommy ernst.
„Aber warum denn nur?“, fragte ich verständnislos. „Ich kenne drei aus meiner Klasse, deren Väter keine Arbeit haben. Das ist doch nicht schlimm.“
„Vielleicht ist es so wie wenn du eine Fünf geschrieben hast. Du willst es zwar sagen, traust dich aber nicht. Und dann sind auf einmal so viele Tage vergangen, dass es irgendwie nicht mehr geht“, meinte Janine.
„Da liegst du gar nicht mal so falsch“, sagte Tommy. „Euer Vater hatte das schon kommen sehen. Er hat wohl einen neuen Chef, der ihn nicht leiden kann. Der wollte euren Vater loswerden. Also hat er sich schon hier und da beworben. Und als man ihn wirklich rausgeworfen hat, dachte er, einer von den anderen Jobs würde klappen. Aber dort hat man ihn dann auch nicht genommen. Er wäre zu alt.“
„Zu alt?“ Ich war vollkommen baff. „Mein Vater ist erst achtundvierzig!“
„Ich weiß ja auch nicht“, sagte Tommy hilflos. „Aber das hat er gedacht. Und dann ist das passiert, was Janine vorhin gesagt hat. Er war erst zu stolz, es eurer Mutter zu sagen. Außerdem fühlt er sich jetzt nutzlos und ... “ Tommy zögerte und suchte nach Worten, „ ... eben wie weggeworfen.“
„Deswegen war er immer so furchtbar schlecht gelaunt“, murmelte Sanne. „Was machen wir denn jetzt?“
„Wir könnten doch zusammen mit ihm zu eurer Mama gehen, dann fällt es ihm nicht so schwer“, meinte Janine.
Ich sah sie dankbar an. „Das finde ich total nett von dir, Janine. Aber dann müssten wir ihm ja verraten, woher wir das wissen, und das können wir ja wohl schlecht, oder?“ Ich wurde jetzt richtig wütend. „Am besten gehen wir zu diesem blöden Chef und sagen ihm, er soll Vati wieder einstellen.“
Tommy lächelte. „Vergiss es! Was ich über den in den Gedanken eures Vaters gelesen habe ... das muss ein ganz übler Typ sein. Nein, wenn ihr ihm helfen wollt, müsst ihr mit ihm reden. Sonst wird es nur noch schlimmer.“
„Aber dann kriegt er raus, dass wir Gedankenlesen können“, sagte Sanne hilflos.
Auf einmal stieß Janine einen kleinen Freudenschrei aus. Sie griff in ihre Hosentasche, kramte darin herum, und dann hielt sie uns triumphierend die verbliebenen Wunschkugeln hin.
„Und was ist damit? Wir wünschen ihm einfach seine Arbeit zurück!“
„Au ja!“, rief Sanne freudestrahlend. „Und er soll noch mehr Geld verdienen als vorher!“
„Und nie mehr gekündigt werden können!“, stimmte ich begeistert zu. Aber als ich Tommys Gesicht sah, schwand meine Begeisterung wieder dahin.
„So leicht geht das nicht“, sagte er kopfschüttelnd. „Wir können nicht einfach so drauflos wünschen. Denkt an vorhin! Bloß keine falschen Wünsche mehr.“
„Aber das kann doch kein falscher Wunsch sein“, meinte Sanne mit Tränen in den Augen, „wenn Vati wieder Arbeit hat.“
„Nein, das glaube ich auch nicht“, beruhigte Tommy sie. „Aber es reicht nicht, wenn er wieder Arbeit hat. Nachher schmeißt ihn dieser Chef wieder raus oder er ärgert ihn dann dauernd. Ich fürchte, da wird mehr als ein Wunsch nötig sein.“
Ich sah die traurigen Augen meiner Schwester und konnte das nicht einsehen.
„Hör mal, Tommy, selbst wenn wir alle Kugeln verbrauchen, das können doch keine falschen Wünsche sein! Lass uns doch einen lieben Chef wünschen! Oder eine andere Arbeit! Wir können es doch probieren, oder nicht?“
„Bitte, Tommy!“, drängte jetzt auch Janine.
Für lange Sekunden arbeitete es in Tommys Kopf, dann endlich hellte sich seine Miene auf, und er lachte uns an.
„Ihr habt Recht! Was soll daran falsch sein, etwas Gutes für seinen Vater zu tun. Aber ... “ und er hob die Hände, als er unsere begeisterten Gesichter sah, „lasst uns trotzdem mit den Wünschen aufpassen. Steck die Kugeln lieber wieder in deine Tasche, Janine. Ehe du dir aus Versehen schon was wünschst.“
Janine stopfte die Wunschkugeln so hastig zurück, als wären sie heiß geworden. Tommy war noch nicht fertig.
„Außerdem glaube ich, dass wir in die Firma müssen.“
„Warum denn das?“
„Weil ich irgendwie das Gefühl habe, dass es nur dort funktionieren wird. Oder wisst ihr, wie wir den Chef ändern sollen, ohne ihn zu kennen? Oder welche Arbeit euer Vater genau hatte?“
„Meinst du wirklich?“ Sanne blickte ängstlich von einem zum anderen. „Aber ich trau mich nicht in die Firma zu diesem gemeinen Chef!“
Tommy lachte. „Da mach dir mal keine Sorgen! Erstens sind wir zu viert, und dann hast du ja schließlich deine Kugeln! Also, was meint ihr?“
Wir brauchten nichts zu sagen. Wir sahen uns an und waren uns einig.
„Aber ich weiß nicht genau, wo die Firma ist“, sagte ich etwas hilflos.
„Weißt du, wie sie heißt?“, fragte Tommy.
Das wusste ich, denn den Namen hatte mein Vater immer lustig gefunden. „Krauthahn und Sohn.“
Tommy grinste. „Na, mit dem Namen wird es nicht viele geben. Lasst uns einfach ins Telefonbuch schauen.“ Er sah mit schiefgelegtem Kopf auf meine Armbanduhr. „Kurz nach halb eins. Dann kommen wir gerade richtig, wenn die Mittagspause zu Ende ist.“
Sanne legte ihre Hand auf meinen Arm und schaute mich fragend an.
„Meinst du, dass das richtig ist?“
Ich nickte heftig. Ich war mir vollkommen sicher. Ohne ein weiteres Wort machten wir uns auf den Weg zur nächsten Telefonzelle und suchten die Adresse heraus. Die ganze Zeit über musste ich an meinen Vater denken. Ich hatte ihn noch nie so traurig gesehen und schwor mir, dass wir das ändern würden. Aber wie wir das dann taten, das hätte ich mir nie träumen lassen.
*
Es war nicht schwer, die richtige Adresse zu finden. Es gab nur fünf Einträge mit dem Namen Krauthahn, und von Krauthahn & Sohn nur einen einzigen. Es dauerte nicht mal eine halbe Stunde und wir standen vor der Einfahrt und lasen das Firmenschild: Krauthahn Gesellschaft für Gewürzimporte mit beschränkter Haftung.
„Wieso sind die beschränkt?“, fragte Janine.
Das wusste ich auch nicht, aber wozu hatten wir Tommy.
„Das bedeutet, dass die Firma nicht für alles haften muss, was sie angestellt hat. Eben nur beschränkt. Der Chef kann mit dem Geld abhauen, wenn er will. Jedenfalls, wenn er ein Gauner ist.“
„Warum hat man das denn erlaubt?“, fragte ich erstaunt.
„Das weiß ich auch nicht“, gab Tommy zu. Dann schaute er mich fragend an. „Hast du nicht gesagt, die Firma heißt Krauthahn und Sohn?“
„Ja. Stand auch so im Telefonbuch.“
„Na, dann hatte der Sohn vielleicht keine Lust mehr.“
„Und was machen wir jetzt?“, fragte Sanne ängstlich. „Sollen wir einfach so reingehen? Die schmeißen uns doch bestimmt gleich wieder raus!“
Tommy lächelte verschmitzt.
„Habt ihr eure Wunschkugeln?“
Ich musste lachen, als Sanne und Janine wie Zwillinge gleichzeitig in ihre Taschen fassten und uns die kleinen glänzenden Kugeln vor die Nase hielten.
„Aber seid vorsichtig! Wünscht euch nur etwas, wenn es gar nicht mehr anders geht. Wenn man uns zum Beispiel nicht zum Chef lassen will.“
„Ich pass schon auf“, sagte Sanne mit fester Stimme und Janine nickte bestätigend.
„Na, denn man los!“, sagte ich energisch und drückte den Klingelknopf. Ich muss zugeben, dass ich ein ganz schön flaues Gefühl im Bauch hatte. Ich musste ja schließlich sagen, dass ich der Sohn von Herrn Seefeld war und dass man meinen Vater sofort wieder einstellen sollte.
„Eins noch“, sagte Tommy. „Wartet erst ab, was ich in den Gedanken lese, ehe ihr irgendetwas macht. Ich gebe euch ein Zeichen oder ich sage Bescheid, okay?“
Wir nickten ergeben. Ich konnte ja sowieso nichts machen. Hätte ich doch bloß selber eine Wunschkugel gehabt! Plötzlich ertönte eine blecherne Sekretärinnenstimme aus der Gegensprechanlage.
„Ja? Sie wünschen?“
Tommy nickte mir aufmunternd zu, und so holte ich tief Luft und versuchte, erwachsener zu sprechen.
„Hier ist Josef Seefeld. Ich möchte zu Herrn Krauthahn.“
Eine Weile knisterte es nur in dem kleinen Lautsprecher. Wahrscheinlich überlegte die Sekretärin, was sie mit mir anfangen sollte. Ich hatte die Hand an der Tür, bereit, sie aufzustoßen, wenn der Summer ertönte. Aber daraus wurde nichts. Die gute Dame wollte uns nicht reinlassen.
„Dein Vater arbeitet hier nicht mehr. Ich wüsste also keinen Grund, warum ich dich reinlassen sollte.“
Ich nahm allen Mut zusammen und sagte mit fester Stimme: „Ich möchte Herrn Krauthahn sprechen, damit er meinen Vater wieder einstellt.“
Janine sagte leise: „Das wird die nicht interessieren“, und die Bestätigung folgte auf dem Fuß.
„Herr Krauthahn ist nicht da. Tut mir Leid.“
Sanne drängte mich beiseite und hielt ihren Mund dicht vor den Lautsprecher.
„Mein Papa ist traurig, und Ihr Chef ist schuld daran!“
Eine Weile gab die Gegensprechanlage noch ein leises Rauschen von sich, dann machte es klick, und nichts rührte sich mehr.
„Tolle Firma“, meinte Tommy. „Eigentlich überhaupt nicht schade, dass euer Vater hier nicht mehr arbeitet. Vielleicht sollten wir woanders was für ihn suchen.“
„Kommt gar nicht in Frage“, sagte ich entschieden. „Er hat immer gut von Herrn Krauthahn gesprochen.“
„Der ist nicht mehr sein Chef!“, erinnerte Janine.
„Dann wünschen wir ihn uns eben wieder zurück!“ Sanne war richtig wütend.
„Halt, halt! So geht das nicht!“ Tommy hob die Hand. „Vielleicht ist der alte Chef in Rente gegangen. Den können wir nicht einfach wieder jung wünschen. Bitte passt auf, was ihr sagt. Denkt an eure Kugeln!“
Er sah mich an und grinste.
„Ich würde sagen, wir gehen jetzt einfach rein!“
„Wie denn?“, rief Sanne. „Die lässt uns nie rein!“
„Na, Joe hat doch einen Schlüssel dabei!“
Mann, die Holografie! Ich war so angespannt gewesen, dass ich sie für den Moment ganz vergessen hatte. Ich fingerte sie aus meiner Jeans und spürte ihre geheimnisvolle Kühle. Dann sah ich in die Runde, und alle nickten. Janine blickte zweifelnd auf die Tür.
„Die werden uns sofort wieder rausschmeißen.“
„Werden sie nicht“, sagte Tommy lächelnd. „Am besten, ihr nehmt jetzt eure Wunschkugeln in die Hand.“
Ihm fiel noch was ein.
„Aber nicht beide auf einmal dasselbe wünschen! Wechselt euch besser ab. Sanne, du fängst an. Aber warte auf mein Zeichen! Ich will erstmal herausfinden, was die mit eurem Vater gemacht haben. Alles klar?“
Wir nickten entschlossen.
„Na, denn los!“
Gespannt sah ich auf meine Holografie. Noch wirkte sie leblos. Ich warf sie mit Schwung in die Luft und rief: „Ich will hier rein!“
Im Bruchteil einer Sekunde verharrte die Kugel in der Luft, und wie wir es nun schon oft gesehen hatten, verwandelte sich ihr Aussehen. Wieder leuchtete sie fahlgrün auf, wurde beinahe durchsichtig und fing an, sich zu drehen. Langsam durchdrang sie die schwere Eingangstür.
Ich vertraute diesem Wunderding inzwischen völlig, ging geradewegs mit zwei festen Schritten auf die Tür zu ... und hindurch!
Ich hatte nicht einmal die Augen geschlossen, und als ich auf der anderen Seite in der Eingangshalle herauskam, blickte ich mich schnell um. Es war niemand zu sehen. Rechts befand sich eine Tür mit der Aufschrift Garderobe, und links ging eine Wendeltreppe in den ersten Stock hinauf. Die Holografie lag mitten in der Halle. Schnell ging ich hin und hob sie auf. Ich hörte die anderen hinter mir und drehte mich um. Einer nach dem anderen kam durch, als bestände die Tür aus Luft.
Sanne zögerte nicht eine Sekunde, sondern ging zielstrebig an mir vorbei, den Raum erkunden. Sie war verdammt mutig. Und, na klar, auch verdammt wütend. Ich hoffte nur, dass sie sich nicht verwünschte!
Tommy legte den Finger an die Lippen, und wir folgten meiner Schwester. Am anderen Ende der Eingangshalle zweigte ein Gang ab. An der ersten Tür auf der linken Seite blieb Sanne stehen und drehte sich triumphierend um. Im selben Moment sahen wir das kleine Schild, das neben dem Türrahmen eingelassen war: Sekretariat.
Während ich noch überlegte, wie wir am besten vorgehen sollten, drückte Sanne schon die Klinke runter und stürmte durch die Tür. Tommy und Janine drängelten sich an mir vorbei. Als ich dann als Letzter das Vorzimmer des Chefs betrat, kam ich gerade recht, um eine ziemlich abgemagerte Sekretärin dabei zu beobachten, wie ihr der Unterkiefer runterklappte. Gleichzeitig schoss dieser aufgetakelten Dame vor Wut und Überraschung die Zornesröte ins Gesicht. Die Frau erinnerte mich an irgendeine Lehrerin aus einem alten Film. Schnell schaute ich mich um, ob vielleicht noch jemand im Raum war, aber sie war allein.
„Wie zum Teufel seid ihr reingekommen? Was glaubt ihr denn, wo ihr hier seid? Und wer von euch ist der Sohn von Herrn Seefeld? Ich werde sofort deinen Vater anrufen!“
Ich erblickte ein Namenskärtchen auf dem Empfangstresen: Sybille Erdmann. Dann sah ich, wie verkrampft Sanne ihre Wunschkugeln umklammert hielt und bekam einen Schreck. Wer weiß, was sie sich in ihrer Aufregung wünschte! Besser, ich kam ihr zuvor.
„Ich bin Joe Seefeld. Wir möchten nur zu Herrn Krauthahn. Dann gehen wir sofort wieder.“
„Ich hab euch doch schon gesagt, er ist nicht zu sprechen. Außerdem ist er sowieso nicht da.“
„Ich weiß“, sagte Tommy. „Er kommt erst um drei.“
Etwas verblüfft flog Frau Erdmanns Blick von mir zu Tommy. Wir hatten bemerkt, wie er das Buch der Gaben aus dem Hosenbund gezogen hatte und es nun fest in der Hand hielt. Durch seine Finger schimmerte ein rötlicher Schein. Ich hielt die Luft an.
„Woher weißt du das? Ich verwalte alle seine Termine.“
„Ja, das tun Sie“, nickte Tommy. „Soviel ich weiß, hat er so gut wie keinen einzigen Termin in dieser Woche. Er kommt nur jeden Tag um drei herein, um nach den Geldeingängen zu sehen. Faul und überflüssig! Das haben Sie doch gerade gedacht, stimmt's?“
Frau Erdmann wurde rot. In Ihren Augen las ich völlige Verwirrung. Ich schielte zur Seite und sah, dass Sanne sich entspannte. Ich hoffte, dass sie die Frau nicht zum Teufel wünschte! Wer wusste denn, was dann passieren würde?
Tommy kam jetzt in Fahrt. Wir wechselten kurze Blicke, und er grinste schelmisch.
„Sie fanden den alten Chef besser, stimmt's? Und mehr Gehalt hat er Ihnen auch gezahlt! Sagen Sie uns doch einfach, was hier passiert ist, seit der junge Schnösel den Laden übernommen hat!“
Frau Erdmann konnte nur noch stottern.
„Das ... das ... das geht euch doch überhaupt nichts an! Und wie kannst du meinen Chef einfach Schnösel nennen? Das ist unverschämt!“
„Genau das Gleiche haben Sie doch eben gerade gedacht, habe ich Recht? Herr Seefeld hat durch Ihren Schnösel seine Arbeit verloren und findet jetzt einfach keine neue mehr. Und Sie haben Angst, dass er Sie auch rauswirft und sind deswegen so unfreundlich zu uns.“
Die Frau bekam kein Wort mehr heraus und schaute hilflos von einem zum anderen. Ihre Lippen bebten, und ihre Gestalt sackte sichtlich in sich zusammen. Wir sahen, dass das Buch der Gaben in Tommys Hand dunkelrot glühte. Tommy konzentrierte sich jetzt vollkommen auf die Gedanken von Frau Erdmann. Doch dann kam alles anders. Sanne ging vor zum Empfangstresen und begann leise zu reden.
„Mein Vater hat sich nicht getraut, jemandem davon zu erzählen. Wir dachten, er arbeitet immer noch hier. Aber er sitzt traurig in Restaurants und trinkt Bier. Bitte, liebe Frau Erdmann, können Sie nicht versuchen, dass Herr Krauthahn ihn wieder einstellt?“
Ich konnte sehen, wie es hinter der Stirn der Sekretärin arbeitete. Ihr abweisendes Gesicht hatte sich gewandelt. Jetzt blickte sie eher nachdenklich und fast schon verständnisvoll. Sie schwieg eine Weile und schien über Sannes Worte nachzudenken. Ich blickte zu Tommy, und er machte eine abwartende Geste. Er wusste ja schließlich, was in Frau Erdmanns Kopf vorging.
Dann fasste die Frau einen Entschluss, kam hinter dem Tresen hervor und zeigte auf eine Sitzgruppe für Besucher.
„Kommt, setzt euch. Ich erzähl euch alles. Aber es wird euch nicht weiterhelfen.“
Wir setzten uns in die bequemen Ledersessel. Tommy steckte das Buch der Gaben zurück in den Hosenbund, und sofort erlosch das Glimmen. Durch das große Panoramafenster konnte ich auf das Werksgelände sehen. Gegenüber gab es eine riesige Halle mit mehreren Durchlässen, an die Lastwagen heranfahren und die Gewürze verladen konnten. Sogar hier drin roch es nach exotischen Düften.
Es sprudelte nur so aus Frau Erdmann heraus. Wir erfuhren, dass die Firma früher wirklich Krauthahn und Sohn hieß, dass der Senior in Rente gegangen war und nun dessen Sohn alleine die Firma leitete. Und der war ein stinkefauler Schnösel, wie Frau Erdmann immer wieder wütend hervorbrachte. Seit zwei Jahren führte der junge Dachs jetzt die Firma, und alles, was er im Kopf hatte, waren sein nagelneues Porsche-Cabrio und die blonde Angeber-Tussi, mit der er von einer Party zur anderen fuhr. Und die natürlich immer teure Klamotten brauchte und nicht mal aus dem Porsche ausstieg, wenn Herr Krauthahn in seiner Firma auftauchte, nur um nach dem Kontostand zu sehen, wie Frau Erdmann es ausdrückte.
„Nun wisst ihr also, warum man euren Vater entlassen hat“, schloss die Sekretärin ihren Vortrag. „Wir haben immer weniger Geld, weil unser Herr Schnösel alles nur für sich ausgibt. Euer Vater war nicht der erste, der gehen musste. Dabei war er unser bester Verkaufsleiter. Seitdem geht es noch mehr bergab.“
Wir schwiegen alle betroffen und mussten das erstmal verarbeiten. Doch dann gab mir Tommy einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und lachte.
„Ich glaube, wir können Herrn Krauthahn-Schnösel ein wenig umstimmen, was meint ihr?“
Mann, na klar! Deswegen waren wir ja hier! Janine hielt Frau Erdmann ihre Faust hin, die die Wunschkugeln umschlossen hielt. Ich dachte, hoffentlich verrät sie sich nicht.
„Ja, dem werden wir's zeigen!“, rief sie entschlossen.
Frau Erdmann schüttelte zweifelnd den Kopf.
„Der hört auf niemanden. Und auf Kinder schon gar nicht. Ich glaube, ihr solltet euch nicht allzu viele Hoffnungen machen. Leider hat auch sein Vater keinen Einfluss mehr auf ihn.“
Sie blickte zu der Uhr hinüber, die über ihrem Schreibtisch an der Wand hing.
„Ihr werdet euch noch eine Weile gedulden müssen, denn bis drei sind es noch zwei Stunden. Er kommt immer nach seinem Mittagsschläfchen.“
„Keine Sorge“, sagte Tommy. „Wir warten.“
„Ach, wenn es doch schon drei wäre!“, seufzte Janine.
Fast im selben Augenblick hörte ich einen aufheulenden Motor und quietschende Reifen. Unsere Köpfe fuhren herum. Durch das große Fenster sahen wir, wie ein tiefschwarzes Porsche-Cabrio in den Hof raste und mit einer Vollbremsung dicht vor dem Bürogebäude zum Stehen kam. Der Schnösel war gekommen! Und neben ihm eine grellblonde Tussi, die aussah wie Barbie und doof quiekte, als sie durch das Bremsen nach vorne flog. Angeber-Schnösel sprang mit den Füßen auf den Fahrersitz und von dort mit einem Hechtsprung über die Tür auf den Boden. Blondie klappte den Schminkspiegel runter und fing an, ihre so schon knallroten Lippen nachzufärben.
„Das gibt’s doch nicht ... das kann nicht sein!“, flüsterte Frau Erdmann. Ich verstand nicht recht, was sie meinte, sie kannte doch diesen Typ und seine Art. Doch dann rief Janine: „Oh nein!“
Sie streckte uns ihre Hand entgegen. Ein Häuflein feiner weißer Asche lag zwischen den vier Kugeln. Vier Kugeln! Wir wussten sofort, was passiert sein musste und fuhren herum zu Frau Erdmann. Die war aufgesprungen, stand mit weit aufgerissenen Augen da und starrte die Wanduhr an. Es war genau drei Uhr! Verflixt, Janine hatte sich verwünscht!
Wir wechselten schnelle Blicke und beruhigten Janine mit Handzeichen, dass sie sich keine Vorwürfe machen sollte. Was geschehen war, war geschehen. Die ganze Zeit über murmelte die gute Frau Erdmann vor sich hin. Sie verstand die Welt nicht mehr! Gerade eben war es doch erst kurz vor eins gewesen, und nun war es drei. Klar, dass sie da durcheinander kam!
Wir standen auch auf, weil Schnösel schon um die Ecke verschwunden war und sicher gleich hereinkommen würde. Und das schien jetzt auch der Sekretärin aufzugehen, denn hastig wandte sie den Blick von der Uhr und blickte nervös zur Tür.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ihr jetzt geht“, sagte sie. Aber erstens wollten wir das ja gar nicht, und zweitens gab es aus diesem Raum nur einen Weg hinaus, und durch diese Tür kam jetzt Herr Krauthahn junior gestürmt. Nach zwei, drei angeberisch federnden Schritten blieb er überrascht stehen, strich sich mit einer Hand die dünne Haartolle zurück und musterte uns mit säuerlicher Miene. Dann nahm er seine Sonnenbrille ab und tappte wütend mit einem seiner Lackschuhe auf den Boden.
„Was soll denn dieser Kindergarten hier? Sie haben wohl nicht genug Arbeit, Frau Erdmann. Ich glaube, wir sollten uns mal unterhalten!“
Während Frau Erdmann verängstigt hinter ihrem Tresen verschwand, hatte Tommy sich an uns vorbeigeschoben. Er fasste das Buch mit beiden Händen und ich hielt den Atem an.
„Hallo, Herr Krauthahn!“, sagte Tommy ruhig. „Nun holen Sie sich schon Ihren Scheck und fahren mit Ihrer Gabi ins Casino! Das wollten Sie doch gerade, oder? Ach nein, Sie müssen ja vorher noch den Termin bei der Bank absagen! Den bei diesem Herrn Sokowski, der Ihnen den Kredit nicht verlängern will. Hab ich Recht?“
Ich hörte ein mühsam unterdrücktes Kichern neben mir. Sanne konnte ihre Schadenfreude nicht verbergen. Es war einfach köstlich, was sich im Gesicht des lieben Herrn Krauthahn abspielte. Er schaute Tommy an wie einen Geist. Seine Augenlider zwinkerten in einer Tour, und sein Mund stand weit offen. Es dauerte eine Weile, bis er verarbeitet hatte, was Tommy da von sich gegeben hatte. Dann fuhr sein Kopf herum zu Frau Erdmann.
„Warum zum Teufel haben Sie diese Rotzlöffel reingelassen?“
Frau Erdmann wand sich sichtlich unbehaglich.
„Hab ich doch gar nicht. Sie sind einfach reingekommen. Der eine Junge da ist der Sohn von Herrn Seefeld. Sie möchten, dass Sie seinen Vater wieder einstellen.“
Tommy lachte. „Genau! Und außerdem können wir durch Wände gehen! Das ist ganz einfach, wenn man eine Holografie hat!“
„Häh?“, machte Schnösel.
„Ach, da ist noch etwas“, fuhr Tommy fort. „Wir können auch Gedankenlesen.“
Ich bekam einen Schreck. Niemand durfte doch wissen, dass wir eine solche Gabe besaßen! Was sagte Tommy da nur? Aber da stieß Janine mich an und flüsterte: „Der ist so doof, der glaubt das sowieso nicht!“ Damit hatte sie den Nagel auf den Kopf getroffen.
„So ein Schwachsinn!“, brüllte Schnösel aufgebracht. „Macht, dass ihr rauskommt! Aber dalli! Sonst rufe ich die Polizei!“
„Sanne? Bist du bereit?“, fragte Tommy leise und nickte ihr aufmunternd zu. Sanne ballte die Faust mit den Kugeln in Richtung Schnösel.
„Und ob! Was soll ich ... ?“
Tommy überlegte nicht lange und schaute aus dem Fenster. „Ich finde, der Porsche muss weg. Der ist zu teuer. Aber warte noch einen Moment. Vielleicht überlegt es sich Herr Krauthahn ja noch.“
Der angesprochene Angeber hatte gar nicht richtig zugehört, sondern tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn.
„Ich glaub, du tickst nicht mehr ganz richtig! Den Seefeld wieder einstellen? Der hat doch nur Fehler gemacht! Und faul war der auch! Und jetzt raus! Ich sage es zum letzten Mal: Ich rufe die Polizei!“
„Wollen Sie doch gar nicht“, sagte Tommy immer noch so ruhig wie vorher. „Dann käme vielleicht heraus, dass die Kündigung gar nicht rechtmäßig war und Herrn Seefeld eine große Abfindung zusteht, weil er schon so viele Jahre für die Firma gearbeitet hat.“
Jetzt war Tommy wohl zu weit gegangen. Herrn Krauthahns Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, und er machte wutentbrannt einen Schritt auf Tommy zu.
„Du ... ich schmeiß dich höchstpersönlich raus!“
Tommy wich zurück und sagte hastig zu Sanne: „Jetzt!“
Vorsichtshalber schirmten wir Sanne vor Herrn Krauthahn ab und meine Schwester zögerte keine Sekunde.
„Ich wünsche, dass der Porsche von Herrn Krauthahn eine alte Karre wird!“
Au Mann, was war ich gespannt! Es war höchste Zeit! Dieser blöde Chef hatte Tommy schon am Arm gepackt, als von draußen ein gedämpfter, aber deutlich vernehmbarer spitzer Schrei ertönte. Und dann ging es los wie eine Sirene: „Peeeeter ... !“
Mit Peter war ohne Zweifel Krauthahn junior gemeint. Der machte einen Schritt beiseite, um durch das Fenster sehen zu können. Ihm fielen fast die Augen aus dem Kopf. Tommy machte sich los und wir alle drängten uns vor die Schreibe. Selbst Frau Erdmann stellte sich hinter uns.
Draußen bot sich ein seltsames Bild. Ein uraltes Opa-Auto stand genau an der Stelle, an der eben noch das Porsche-Cabrio geglänzt hatte. Ein Opel in jägergrün! So ein olles Ding hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Und ein Cabrio war es auch nicht mehr. Die Beifahrertür stand offen und Blondie stand neben dem Wagen. In der Hand hielt sie ihren roten Lippenstift, und eine breite rote Spur verlief von ihrem Mund die Wange hinauf. Die musste vielleicht einen Schreck beim Schminken bekommen haben! Da stand sie nun, gaffte auf das Auto und schrie dauernd: „Peeeter!“
Peter rührte sich nicht. Er sagte nur einen Satz. Aber den immer wieder: „Wo ist mein Auto? Wo ist mein Auto ... ?“
Wir fingen an zu lachen. Wir lachten so doll, dass auch Frau Erdmann nicht anders konnte, als mitzulachen. Es hatte funktioniert! Und wie es funktioniert hatte!
Aber dann sah ich Herrn Krauthahns Gesicht, und mir blieb das Lachen im Halse stecken. Wutentbrannt und mit zusammengepressten Lippen starrte er uns an.
„Wer ist noch mit euch gekommen?“, presste er heraus. „Wer hat mein Auto gestohlen? Das werdet ihr mir büßen!“ Und dann fing er an zu brüllen. „Ich werde dafür sorgen, dass ihr alle in ein Heim kommt!“
Tommys Buch glühte dunkelrot, und er fuhr zurück.
„Passt auf“, rief er. „Er will uns verprügeln! Sanne! Mach schnell! Wünsch einen lieben Chef!“
Mit vor Wut knallrotem Gesicht hob Herr Krauthahn die Hand, um Tommy eine Ohrfeige zu verpassen, da fuhr Sanne dazwischen.
„Ich wünsche, dass Herr Krauthahn ein lieber und guter Chef wird“, rief sie laut. „Und dass es der Firma wieder gut geht!“, fügte sie schnell noch hinzu.
Ich konnte nur hoffen, dass das nicht zuviel des Guten war und Sanne nicht übertrieben hatte. Aber dann ...
Mitten in der Bewegung hielt Herr Krauthahn inne. Seine aufgebrachte Miene verwandelte sich in gutmütiges Erstaunen. Langsam ließ er die Hand sinken und blickte uns an, als hätte er uns noch nie zuvor gesehen.
Sanne öffnete ihre verkrampften Finger und feiner weißer Staub rieselte auf das teure Parkett. Jetzt hatte sie nur noch zwei Kugeln! Dann sagte sie etwas, das unsere Spannung endgültig löste.
„Herr Krauthahn, Sie sind jetzt lieb. Und das bleibt so. Basta!“
Der gute Mann stand da und lächelte. Ja, er lächelte! Von draußen hörte ich immer noch dieses penetrante Peeter!, aber niemand kümmerte sich darum. Frau Erdmann stand da und begriff das alles nicht.
„Natürlich bin ich lieb“, sagte ihr Chef und zuckte hilflos die Schultern. „War ich doch immer. Frau Erdmann, warum haben die Kinder nichts zu trinken? Möchtet ihr eine Cola?“
Wir nickten begeistert. Ich konnte es nicht glauben. Wir hatten es geschafft!
„Ich möchte lieber ein Wasser“, sagte Tommy. „Und ... Herr Krauthahn ... “
„Ja?“
„Denken Sie noch an Herrn Seefeld?“
Herr Krauthahn runzelte die Stirn. „Was ist mit ihm?“
„Sie haben ihn entlassen!“
„Ich ihn entlassen? Das kann nicht sein. Er war unser bester Mann. Frau Erdmann, das stimmt doch, oder?“
Frau Erdmann wand sich unbehaglich. Sie verstand die Welt nicht mehr und ich konnte es ihr nicht verdenken. Immer wieder wanderte ihr Blick nervös vom Fenster zu Herrn Krauthahn und zurück.
„Er war der Beste. Aber Sie haben ihn trotzdem entlassen“, sagte sie unsicher.
„Dann stellen wir ihn sofort wieder ein! Verbinden Sie mich mit ihm. Hoffentlich hat ihn uns nicht schon jemand anders weggeschnappt.“
Er wirkte jetzt ehrlich besorgt.
„Warten Sie bitte noch bis halb fünf“, sagte ich schnell. Mir war eingefallen, dass unser Vater ja dann erst nach Hause kam und es großen Ärger geben würde, wenn meine Mutter den Hörer abnahm. Sie wusste ja von nichts.
„Gern. Wenn ihr es so wollt. Kein Problem. Vielleicht sollte ich auch über einen Dienstwagen mit ihm reden, damit er wiederkommt“, fügte er dann noch hinzu.
Glücklich sahen wir uns an. Tommy steckte das Buch der Gaben zurück in seine Hose. Er brauchte es jetzt nicht mehr. Ich war sicher, dieser Herr Krauthahn würde niemals lügen.
Auf einmal klingelte jemand wie wild an der Eingangstür. Frau Erdmann ging hinter ihr Pult und betätigte den Türöffner. Mit einem Knall flog die Tür auf, und herein stürmte eine völlig aufgebrachte wutschnaubende Barbie. Die hatten wir ja völlig vergessen!
„Peter!“, rief sie und dann wieder: „Peter! Ich schreie mir da draußen die Seele aus dem Leib und du kümmerst dich überhaupt nicht um mich! Das kannst du nicht mit mir machen! Ich will jetzt ins Casino. Und danach wolltest du mich zum Kosmetikstudio fahren! Aber eins sag ich dir: Nicht mit dieser alten Karre! Was sollen die denn von mir denken!“
Herr Krauthahn sah äußerst unglücklich aus. Janine beugte sich zu mir rüber und flüsterte mir was ins Ohr: „Ich glaube, Peter könnte eine neue Freundin gebrauchen. Was meinst du?“
Ich nickte. „Wenn die hier bleibt, gibt’s nur Probleme. Mach ruhig!“
Tommy hatte unser Tuscheln bemerkt, schmunzelte und nickte dann aufmunternd. Und dann opferte auch Janine ihre nächste Kugel.
„Ich wünsche, dass Herr Krauthahn eine nette Freundin hat!“, sagte sie leise, aber eindringlich.
„Was hast du gesagt?“, fragte Frau Erdmann freundlich.
„Sie hat gesagt, dass sie sich eine nette Freundin wünscht“, kam es an ihrer Stelle von unserer Barbie. „Aber die hast du doch schon“, fügte sie lächelnd hinzu und schaute auf Sanne. „Ich glaube, dass die Kinder hier alle richtig in Ordnung sind. Bleiben Sie ruhig hier, Frau Erdmann. Ich werde den Kindern was zu trinken holen!“
„Drei Cola und ein Wasser“, murmelte Frau Erdmann.
Wir Vier nickten grinsend. Frau Erdmann war jetzt völlig verdattert. Wie gern hätte ich in diesem Moment Tommys Buch gehabt, um ihre Gedanken lesen zu können! Es würde sicher eine Weile dauern, bis Frau Erdmann diesem neuen Chef und der völlig veränderten Freundin trauen würde! Der lammfromme Herr Krauthahn sah seine neue Freundin glücklich an. So gefiel sie ihm!
Na, und uns gefiel die neue Ausgabe von Blondie natürlich auch viel besser. Aber viel wichtiger war ja, dass Schnösel nun ein ganz neuer Mensch war. Herr Krauthahn und seine Freundin und natürlich auch Frau Erdmann wollten uns jetzt richtig bemuttern und brachten jede Menge Getränke und sogar etwas zum Knabbern. Doch so langsam lief uns die Zeit davon. Wir wollten unbedingt vor halb fünf wieder zu Hause sein, um zu verhindern, dass Mutter ans Telefon ging, wenn der Anruf für meinen Vater kam. Wir saßen wie auf Kohlen, und so nett die drei jetzt auch waren, um zehn vor vier mussten wir uns losreißen, um rechtzeitig nach Hause zu kommen.
Als wir uns verabschiedeten, konnten wir uns gar nicht mehr vorstellen, wie gemein Herr Krauthahn noch vor einer Stunde gewesen war.
Vor der Tür sahen wir das klapprige Opa-Auto mit der Klo-Rolle auf der Hutablage auf dem Parkplatz stehen. Ganz unauffällig gingen wir daran vorbei und drehten uns nicht ein einziges Mal um. Ein ganz kleines schlechtes Gewissen hatten wir ja denn doch. Aber wirklich nur ein ganz, ganz kleines.
Jessie
Es war ganz schön knapp, als wir nach Hause kamen. Kurz nach halb fünf. Mein Vater war schon da und bastelte an einer Lampe im Wohnzimmer herum. Natürlich hatte er sicherheitshalber den Strom abgestellt, und so konnte ich immer noch nicht ins Internet, um nach der Mondphase zu suchen. Aber das hatte ja auch noch Zeit. Erstmal warteten wir auf den Anruf von Herrn Krauthahn. In der Zwischenzeit holte ich eine riesige Schüssel für die Chips, vier Gläser und genügend Mineralwasser aus der Küche. Dummerweise klingelte genau in dem Moment das Telefon, in dem wir die Sachen in meinem Zimmer abstellen wollten. Da mein Vater auf der Leiter stand, ging meine Mutter ans Telefon. Genau das hatten wir verhindern wollen!
„Ja bitte? Hier ist Seefeld.“ Wir erstarrten.
Meine Mutter sagte eine Zeit lang gar nichts, sondern lauschte nur der Stimme des Anrufers. Dann kam nur ein: „Helmut! Dein Chef! Komm mal bitte!“ Sie legte den Hörer auf die kleine Anrichte in der Diele. Gott sei Dank!
Aber die Spannung war noch nicht vorbei, denn Mutter blieb neugierig stehen, als unser Vater mit verlegenem Gesicht den Hörer aufnahm.
„Ja?“, fragte er leise und räusperte sich. „Herr Krauthahn? Sie sind es? Aber was ... ? Ich verstehe nicht ... “
Meine Mutter verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Vati. Wir hatten so eine Ahnung, dass er wohl nicht drum herumkommen würde, Mutti die Wahrheit zu gestehen. Tommy zog mich am Arm und ich verstand. Wenn sich die beiden gleich streiten würden, dann sollten wir uns besser zurückziehen. Leise gingen wir in mein Zimmer und zogen die Tür behutsam hinter uns zu.
Sanne guckte ganz unglücklich.
„Jetzt kommt alles raus“, sagte sie und schaute zur Tür.
„Na, besser, euer Vater beichtet jetzt alles, als wenn das Ganze dann hinterher rauskommt, wenn der Krauthahn zum Beispiel später nochmal anruft oder eure Mutter ihn auf der Straße trifft“, meinte Tommy. „Dann wäre sie nämlich erst recht sauer!“
Da hatte er wohl Recht. Wie sagte Vati immer: Lügen haben kurze Beine ...
Also machten wir es uns auf dem Teppich in meinem Zimmer bequem. Ich riss die erste extra große Chipstüte auf und schüttete ihren Inhalt in die Schüssel. Janine goss jedem von uns Wasser ein, und dann hatten wir endlich alles, was wir brauchten. Dachte ich jedenfalls, aber als ich die Augen von Jever und Lazy sah, musste ich doch noch mal hoch, schlich mich an meinen Eltern vorbei, die sich wohl inzwischen zur Aussprache in der Küche verschanzt hatten, und besorgte aus der Kammer zwei Kauknochen. Als wir alle sechs etwas zum Futtern hatten, konnten wir endlich mit unserer wichtigen Diskussion beginnen.
„Ich meine“, begann Tommy, „wir sollten jetzt sehr vorsichtig mit den restlichen Wunschkugeln umgehen, damit nicht noch was passiert. Lasst sie uns hier vor uns in die Mitte legen. Ich glaube, die Wunschkugeln gehen nur, wenn man sie bei sich trägt.“
Sanne schüttelte den Kopf.
„Du hast heute Morgen auch Gedankenlesen gekonnt, obwohl das Buch der Gaben auf dem Küchentisch lag.“
„Ja“, musste Tommy zugeben, „da hast du Recht. Trotzdem. Ich denke, wir sollten lieber vorsichtig sein.“
Also holten Sanne und Janine ihre Wunschkugeln hervor und legten sie neben das Buch, das Tommy gleich am Anfang zwischen uns abgelegt hatte. Meine Holografie drückte sowieso beim Sitzen. Ich nahm sie aus der Tasche und ließ sie langsam zu den anderen Sachen rollen. Wäre jetzt jemand hereingekommen, dann hätten diese eigentlich nach Nichts aussehenden Sachen garantiert kein Aufsehen erregt.
„Meint ihr, dass wir die Gaben bekommen haben, um unserem Vater zu helfen?“, fragte ich. Niemand wusste darauf eine Antwort.
„Vielleicht“, antwortete Sanne schließlich. „Ich weiß nur, dass wir die Sachen nur bis zum Ende einer Mondphase behalten dürfen“, „Wir müssen endlich wissen, wie lange die noch dauert.“
Sanne hatte Recht. Irgendwie hatte ich auch schon Hummeln im Bauch. Wenn wir wüssten, wie lange wir Zeit hätten, dann konnten wir sicher wesentlich ruhiger an die Sache herangehen. Oder auch nicht. Eine Weile hörte man nur die Geräusche, die die Chips beim Kauen machten und das Herumnagen unserer beiden Hunde, die genauso genüsslich an ihren Büffelhautknochen kauten.
„Die Grübelei bringt uns auch nicht weiter“, sagte ich und wollte die andern aufheitern. „Vielleicht sollten wir es einfach auf uns zukommen lassen, und bis dahin verwünscht sich Sanne noch ein paar Mal.“
Tommy lachte. „Bloß nicht, nachher zählt jemand nach, wenn wir das Buch zurücklegen müssen! Außerdem haben wir nicht mehr viele Wunschkugeln.“
Auf einmal leuchtete die Deckenlampe wie von Geisterhand auf, und wir sahen überrascht nach oben.
„Ah, mein Vater hat es doch endlich geschafft, die Lampe anzubringen. Dann haben sie sich ja nicht lange gestritten. Der Strom ist wieder da! Jetzt kann ich endlich an den Computer“, sagte ich und machte Anstalten, aufzustehen. Doch Janine hielt mich zurück.
„Warte noch einen Moment. Tommy ... “, sagte sie eindringlich, „ ... wenn du nicht gleich an Gedankenlesen gedacht hättest, welche Gabe hättest du dann gewählt?“
Tommy sah sie überrascht an. „Keine Ahnung. Darüber wollten wir doch gemeinsam nachdenken und entscheiden.“
„Trotzdem“, drängte Janine, „Sag schon. Welche?“
Wir sahen Tommy seinen Zwiespalt an. Er wich unseren Blicken aus und senkte schließlich die Augen.
„Du hättest gar keine andere gewählt, stimmt’s?“, sagte Janine leise.
Tommy nickte. Ein, zwei Minuten sagte niemand etwas. Tommy setzte ein paar Mal zum Reden an, stockte aber immer wieder. Und dann, ganz plötzlich, fiel mir der Augenblick in der Kammer des Wissens ein. Der Moment, in dem ich ihn gefragt hatte, warum er ausgerechnet Gedankenlesen gewählt hatte.
„Ist es wegen Jessie?“, fragte ich vorsichtig.
Tommy sah mich an, aber er schien durch mich hindurchzusehen.
„Ja“, sagte er, und auf einmal wurde es im Zimmer vollkommen still. Selbst Jever und Lazy hörten mit dem Kauen auf und schauten Tommy an. Sie spürten sofort, dass er traurig wurde. Doch jetzt straffte sich Jevers Herrchen und gab ihm einen Klaps.
„Ich habe letzte Nacht noch lange wach gelegen und genau über diese Frage nachgedacht. Was hätte ich sonst gewählt? Ich weiß es nicht. Aber jetzt konnten wir das Gedankenlesen ja gut gebrauchen.“
„Stimmt schon“, sagte Janine. „Aber eigentlich wolltest du sie für was anderes, stimmt’s?“
Tommy schaute sie fragend an.
„Du wolltest gar nicht darüber nachdenken. Du möchtest Gedankenlesen können und nichts anderes. Wegen Jessie.“
Ich sah, dass Tommy sichtlich mit sich kämpfte. Seine Augen schimmerten feucht. Ich dachte unwillkürlich an den Augenblick, als wir beide an der Klippe gestanden hatten und er sich das erste Mal ein Stück von seinem Vater gelöst hatte. Den zweiten Teil seines Problems hatte er noch vor sich.
„Geh hoch und frag ihn. Oder nimm das Buch mit und lies seine Gedanken“, sagte ich ungeduldig. „Hauptsache, du hast es hinter dir.“
„Und wenn ich dann überhaupt keinen Vater mehr habe?“, fragte Tommy traurig.
Wir brauchten einen Moment, bis wir verstanden, was Tommy damit sagen wollte. Sanne strich ihm zärtlich über den Arm.
„Dann hast du immer noch uns.“
Ich konnte die Stimmung irgendwie nicht mehr ertragen und sprang auf.
„Ich geh jetzt ins Internet und schau mir den Mond an!“
Das löste die traurige Atmosphäre, und voll Spannung rappelten sich auch die anderen auf, um mir über die Schulter zu blicken. Als ich den Computer anmachte, sah ich auf dem spiegelnden Monitor, dass Janine sich noch einmal bückte und etwas aufhob. Als ich mich umblickte, war sie schon bei der Tür.
„Wartet nicht auf mich, ich muss noch mal!“
Diesmal ging es völlig problemlos. Ich tippte mein Passwort ein, die Verbindung baute sich auf, und ich gab einfach den Suchbegriff „Mond“ ein.
„Hoppla!“, rief ich, als das Ergebnis erschien. „Das sind ja ein paar tausend Websites mit Mond!“
Sannes Zeigefinger zeigte gleich auf die erste Adresse, die in der Liste ganz oben stand.
„Nimm doch die hier: Mond.de.“
Ich klickte auf den Link, und die Seite baute sich auf. Ein wunderschönes Bild vom Weltraum mit dem Mond genau in der Mitte erschien. Auf der Seite waren jede Menge Verweise auf Dinge, die mit dem Mond zu tun hatten.
„Bingo!”, rief Tommy. „Da ist auch etwas zum Thema Mondphasen!“
Im selben Moment entdeckte ich die Zeile und klickte sie an. Staunend lasen wir die Erläuterungen. Sanne war so fasziniert, dass sie den Text leise vor sich hinmurmelte.
„Es gibt eine siderische Periode und eine synodische Periode. Die siderische ist die Zeit, die der Mond braucht, um bezüglich eines Fixsterns wieder die gleiche Position einzunehmen und dauert 27,3217 Tage. Die synodische Periode ist die Zeit zwischen zwei gleichen Mondphasen, zum Beispiel zwischen Neumond und wieder Neumond. Sie beträgt 29,53 Tage.“
„Aha“, machte ich. „Ist ja toll. Ich dachte immer, eine Mondphase dauert 28 Tage.“
„Hm“, machte Tommy. „Und so, wie das hier steht, ist eine Mondphase eigentlich kein Zeitraum, sondern ein Zustand, wie zum Beispiel Neumond.“ Er schüttelte zweifelnd den Kopf. „Aber das kann nicht sein. Das macht keinen Sinn. Dann hätten wir ja so gut wie gar keine Zeit für die Gabe.“
Das konnte ich mir auch nicht vorstellen.
„Lass uns noch ein paar andere Seiten ausprobieren“, sagte ich und begann damit, eine nach der anderen aufzurufen. Aber mit den Hinweisen, die wir auf den anderen Seiten fanden, kamen wir auch nicht weiter. Ich lehnte mich zurück und war ratlos.
„Joe“, sagte Sanne hinter meinem Rücken, „du hast doch vorhin auf Mondphase gedrückt, und dann erschienen die siderische und die synodische Periode. Meint ihr nicht, dass Periode und Phase das gleiche bedeuten?“
„Mensch, Sanne!“, rief Tommy. „Klasse! Natürlich! Du hast Recht. Ganz bestimmt sogar.“
„Aber es gibt zwei!“, wandte ich ein. „Und welche ist nun die richtige?“
Das war ein neues Problem. Angestrengt dachten wir darüber nach. Doch so sehr ich auch grübelte, ich konnte mich nicht entscheiden, welche die Phase sein sollte, von der das Buch gesprochen hatte. Aber wozu hatten wir Tommy!
„Ich glaube, ich weiß es“, sagte er bedächtig. „Wir sind hier auf der Erde, und seit Menschengedenken hat der Mensch den Mond in Phasen eingeteilt. Und zwar in Vollmond, Halbmond und Neumond. Warum sollte man für uns eine Phase wählen, die die Position eines Fixsterns zum Ausgangspunkt hat? Nein, ich wette, es ist die synodische Periode. Und zwar von Neumond zu Neumond.“
„Wieso nicht von Vollmond zu Vollmond?“, fragte ich neugierig.
„Weil man bei Neumond den Beginn setzt. Du weißt doch: Mit dem Z für zunehmenden Mond. Der Vollmond ist zwischen der Phase die Hälfte.“
Ich konnte nicht anders, ich musste Tommy bewundern. Er hatte sicher Recht. Alles andere machte entweder weniger oder gar keinen Sinn. Die Phase eines Mondes musste mit dem Neumond beginnen und wieder enden.
„Tommy“, sagte ich anerkennend, „du bist Spitze! Bleibt aber immer noch ein letztes Problem.“
„Ich weiß“, nickte er, „an welchem Punkt der Phase sind wir heute? Und wieviel Zeit haben wir noch mit unseren Gaben?“
„Genau.“ Ich lehnte mich zurück. „Und wie kriegen wir das jetzt raus?“
„Geh noch mal auf die Seite mit den Mondphasen!“, sagte Sanne. „Da waren noch mehr Links.“
Ich klickte mich zurück zu der Seite, und gespannt suchten wir den Bildschirm ab.
„Da!“, schrie Sanne mir ins Ohr, und ich zuckte zusammen. „Da steht Mondphase am ... , geh da mal drauf!“
Als sich die Seite aufbaute, wussten wir sofort, dass wir einen Treffer gelandet hatten. Hier gab es einen Kalender, und alles, was man tun musste, um den gewünschten Stand der Mondphase zu erfahren war, das Datum einzugeben.
„Welchen haben wir heute?“, fragte ich und ließ meine Hand über der Tastatur schweben.
„Den zwanzigsten“, sagte Tommy wie aus der Pistole geschossen.
„Okay“, murmelte ich und tippte das Datum ein: 20.07.01
Als das Ergebnis kam, trauten wir unseren Augen kaum.
„Neumond ... “, flüsterte Sanne, „ ... am zwanzigsten Juli um neunzehn Uhr vierundvierzig ... “
„Heute Abend!“, rief ich und konnte es nicht fassen.
„Heute Abend“, bestätigte Tommy ruhig. „Druck das mal aus, damit Janine uns auch glaubt.“
Ich klickte auf Drucken und klinkte mich dann aus dem Internet aus. Jetzt hatten wir alles, was wir brauchten. Doch was nun? Ich nahm das Blatt aus dem Drucker und schaltete den Computer ab. Dann stand ich vom Stuhl auf, und wir Drei setzten uns wieder auf den Teppich.
Tommy sah auf die Uhr.
„Gleich fünf. Wir haben nicht einmal mehr drei Stunden. Wenn wir mit der Phase Recht haben“, fügte er hinzu.
„Dann weiß ich absolut nicht, was wir in der kurzen Zeit noch damit anfangen sollen“, sagte Sanne ratlos.
„Vielleicht war es nur ein Test“, meinte ich nachdenklich.
„Auf jeden Fall sollten wir nicht zu spät losgehen“, sagte Tommy. „Denkt daran, was passiert, wenn wir zu spät kommen!“
„Dann wird die Gabe alle beseelen ... “ Sanne bekam es mit der Angst zu tun. „Und was würde dann passieren?“
Tommy nahm sich gedankenverloren ein paar Chips. „Dann würde jeder auf der Welt Gedankenlesen können. Das wäre furchtbar. Es gäbe keine Geheimnisse mehr. Jeder wüsste, was der andere denkt. So kann man eigentlich gar nicht zusammenleben. Vielleicht würde es sogar Kriege geben.“
Betroffen starrten wir ihn an. Niemals hätte ich gedacht, dass man mit Gedankenlesen so etwas anrichten konnte. Aber je mehr Tommys Worte auf mich einwirkten, desto klarer wurde mir, dass er Recht hatte.
Gerade als ich Tommy sagen wollte, dass wir besser sofort aufbrechen sollten, ging die Tür auf und Janine kam herein. Ohne ein Wort zu sagen, setzte sie sich zu uns.
„Du warst geschlagene zwanzig Minuten auf dem Klo!“, sagte Sanne und schüttelte den Kopf. „Wie kannst du jetzt ans Schminken denken?“
„Ich brauch halt ein bisschen länger ... “, druckste Janine und schaute zu Boden.
Irgendetwas an ihr war anders. Ich wusste einfach nicht, was. Aber irgendwie kam es mir so vor, als sähe sie anders aus als vorher. Außerdem schien sie ein schlechtes Gewissen zu haben. Und sie verhielt sich auch so. Auch Tommy und Sanne war das aufgefallen.
„Hast du was angestellt?“, fragte Tommy sie direkt.
Janine senkte den Kopf, sagte aber nichts. Tommy sah mich an, aber ich zuckte nur die Schultern. Ich hatte auch keine Ahnung, was mit ihr los war. Auf einmal blickte Janine trotzig auf, und dann gestand sie es uns.
„Ich hab mir was gewünscht!“
„Du hast was?“, entfuhr es uns allen fast gleichzeitig.
„Ich habe mir etwas gewünscht“, wiederholte sie leise. Und dann zeigte sie stumm auf die Wunschkugeln, die immer noch in unserer Mitte lagen. Ich konnte es nicht glauben. Es waren nur noch vier!
„Du hast einfach eine genommen und dir was gewünscht, ohne uns was zu sagen?“, fragte Sanne fassungslos.
„Ja“, gab sie zu. „Bitte seid mir nicht böse. Ich wollte doch nur diesen hässlichen Fleck weg haben.“
„Welchen Fleck?“, fragte ich verblüfft.
„Na, den blöden Leberfleck am Hals. Du hast doch selber immer da drauf gestarrt!“
Jetzt fiel bei mir der Groschen! Natürlich! Das war es also, was anders an Janine war! Der große Leberfleck war verschwunden! Ich starrte auf ihren Hals und konnte tatsächlich nicht mehr das Geringste von dem Fleck entdecken.
„Aber“, sagte ich zu Janine und konnte es nicht glauben, „der hat doch niemanden gestört. Ich mag dich doch nicht ohne Fleck mehr als mit!“
„Wirklich?“
„Nein“, sagte ich entschieden. „Und wenn du hundert solche Flecken gehabt hättest, du bist trotzdem unsere Janine.“
„Danke, dass du das sagst“, lächelte Janine, „aber ich wollte ihn weg haben. Ich habe ihn gehasst.“
„Na“, sagte Tommy, „jetzt hat jeder von euch vier Kugeln verbraucht. Ich meine aber, dass wir den Rest nachher mit zurücklegen sollten.“
„Nachher?“, fragte Janine erstaunt.
„Ja, nachher“, sagte ich und reichte ihr den Ausdruck. „Lies mal!“
Janine überflog die Zeilen und bekam große Augen.
„Ist heute Neumond? Und heißt das ... ?“
„Ja“, nickte Tommy. „Genau das. Wir haben herausgefunden, dass eine Mondphase von Neumond zu Neumond geht. Und Joe hat probiert, an welchem Punkt die Phase ist, in der wir uns heute gerade befinden. Genau in ... “ er legte den Kopf schief und schaute auf meine Armbanduhr, „ ... zweieinhalb Stunden ist die Mondphase vorbei.“
„Wir müssen schon zurück?“, fragte Janine sichtlich enttäuscht.
„Wenn du noch einen Leberfleck oder ´ne Warze hast, wünsch sie lieber schnell weg!“, lachte ich.
„Nein, wir machen jetzt gar nichts mehr“, sagte Tommy, und der Klang seiner Stimme ließ uns aufhorchen. „Ich habe so das Gefühl, dass man uns nur eine kurze Zeit gelassen hat, um zu sehen, wie wir mit den Dingen umgehen. Es könnte sein, dass man uns beobachtet.“
Sanne sah unwillkürlich zur Tür.
„Du meinst, man kann uns sehen?“, fragte sie unsicher.
„Nein.“ Tommy blieb ernst, „Natürlich nicht direkt. Aber vielleicht werden wir an dem gemessen, was wir mit den Gaben getan haben, wenn wir zurückkommen.“
Eine Weile herrschte unbehagliches Schweigen. Ich dachte an meinen Streich mit Sanne und daran, dass ich einfach so aus Spaß durch die Wand gegangen war. Ich blickte auf die Sachen, die vor uns lagen und hatte ein schlechtes Gewissen.
„Meinst du, wir kriegen eine Strafe?“, fragte Sanne ängstlich.
Zu unserer großen Erleichterung schüttelte Tommy den Kopf.
„Nein, das glaube ich nicht. Ich glaube, was wir getan haben, war nicht so schlimm. Ich habe so das Gefühl, wenn wir uns Gold oder Reichtum gewünscht hätten ... “
Tommy ließ das Ende offen, und ich überlegte, dass ich über so was noch gar nicht nachgedacht hatte. Was sollte ich auch mit Geld oder einem Schatz? Ich hatte doch alles. Wenn ich mir was wünschen könnte, dann würde ich mir wünschen, dass Lazy so lange leben sollte wie ich. Ich wollte gar nicht daran denken, wie es mir gehen würde, wenn ich meinen kleinen faulen Hund nicht mehr hätte.
„Du meinst, es waren alles richtige Wünsche? Keine falschen?“, fragte Janine mit großen Augen.
„Ja, ich denke schon. Nur bei Joe wurde der Übermut ein wenig bestraft.“
Ich dachte an die heiße Holografie und wurde rot.
„Aber lass man“, beruhigte mich Tommy, „du hast sie ja dann wieder nehmen dürfen. Das war wie ein kleiner Klaps auf den Hintern. Jedenfalls haben wir nur noch wenig Zeit. Und ich finde, wir sollten die Sachen in Ruhe lassen und alles nachher wieder zurücklegen.“
„Du hast etwas vergessen“, sagte Sanne und deutete auf das Buch der Gaben. Tommy folgte Sannes Blick und schwieg. Wir sahen ihm an, wie unwohl er sich fühlte und wie er mit sich kämpfte.
„Es ist dein Buch“, hakte Sanne nach. „Du solltest Gedankenlesen können, und nun kannst du’s. Wenn du diese Gabe noch nutzen willst, dann musst du es jetzt tun. Wir haben nicht mehr viel Zeit.“
Tommy antwortete nicht. Er nahm das Buch der Gaben aus unserer Mitte und schlug es auf. Dann las er leise die vielleicht vor Urzeiten geschriebenen Worte noch einmal vor. Als er geendet hatte, war es für lange Zeit still im Raum. Schließlich klappte Tommy das Buch wieder zu und legte es vorsichtig zurück. Wir anderen blickten ihn verständnislos an.
„Du willst es nicht mehr benutzen?“, fragte Janine leise.
„Nein.“ Tommy klang ruhig und bestimmt. „Ich glaube immer mehr, dass wir es nur auf Probe haben.“
„Auf Probe?“, entfuhr es mir. „Aber dann kriegen wir es vielleicht nie wieder!“
„Schon möglich“, sagte Tommy. „Dann haben wir die Probe eben nicht bestanden.“
„Wir sollen gar nichts mehr damit machen?“, fragte Janine enttäuscht und zeigte auf die auf dem Boden liegenden Sachen. Vielleicht hatte sie ja doch noch irgendeinen Leberfleck.
„Genau“, nickte Tommy. „Wir bringen sie zurück. Am besten gleich.“
Ich war nun auch etwas enttäuscht. Wir hatten so viele Gefahren überstanden und dafür so etwas Tolles erhalten. Und jetzt sollten wir es schon wieder zurückgeben? Das fand ich unfair.
„Aber eines musst du noch tun“. Janine nahm das Buch der Gaben auf und hielt es Tommy hin. „Nimm es und geh hoch zu deinem Vater ... ich meine, zu Jessie.“
Tommy rührte sich nicht. Seine Augen ruhten auf dem Buch, und wir saßen dabei und wussten vor Verlegenheit nicht, wohin wir gucken sollten. Dann endlich nahm er Janine das Buch aus der Hand. Doch zu unserer großen Verblüffung legte er es wieder zurück zu den anderen Sachen. Dann stand er langsam auf. Er machte uns ein Zeichen, dass wir sitzen bleiben sollten und ging zur Tür. Dort drehte er sich noch einmal um und hob in gespieltem Tadel den Zeigefinger.
„Wenn ich wiederkomme und es sind nur noch drei, dann gibt’s Ärger!“
Wir sahen auf die Wunschkugeln und lachten.
„Ich pass schon auf“, sagte ich. „Wenn sie sich was wünschen, greif ich mir die Dinger und geh durch die Wand.“
Als Tommy auf die Türklinke drückte, sagte Sanne leise „Viel Glück!“, und Tommy lächelte sie an. Dann verschwand er aus meinem Zimmer und ging nach oben.
Während er den vielleicht schwersten Gang seines Lebens antrat, blieben wir anderen drei auf meinem Teppich sitzen und redeten über dieses und jenes. Nur von Tommy sprach niemand. Aber ich wusste genau, dass wir alle in Gedanken bei ihm waren. Helfen konnten wir ihm nicht. Ich schwor mir, für immer sein Freund zu bleiben, egal, was jetzt auch immer da oben geschehen mochte.
Das Buch der Gaben lag klein und unbeachtet zwischen uns. Einen Vater konnte es nicht ersetzen.
Für immer
Um sieben Uhr war Tommy immer noch nicht zurück. Wir wurden langsam unruhig, und ich sah alle paar Sekunden auf die Uhr.
„Wir können nicht noch länger warten“, sagte Janine. „Wir haben nur noch gut vierzig Minuten. Einer von uns muss ihn holen.“
Ich klaubte die letzten Krümel Chips aus der Schüssel und spülte sie mit einem großen Schluck Wasser hinunter. Ich vertraute Tommy. Wenn man sich auf irgendjemanden verlassen konnte, dann auf ihn. Doch dann sagte Sanne etwas, das mir doch zu denken gab.
„Er wird sich verquatscht haben. Vielleicht ist es das erste Mal, dass sie über ihre Beziehung reden. Ich wette, die vergessen die Zeit.“
Sie hatte Recht. Und mir fiel mir noch was ein. Tommy hatte keine Uhr! Nur Janine und ich hatten den ganzen Tag über eine getragen. Ich wusste gar nicht, ob Tommy überhaupt eine Armbanduhr besaß. Ich stand auf und klopfte mir die Krümel von der Hose.
„Gut. Ich geh hoch und hol ihn. Wir brauchen zwar nur zehn Minuten bis zu dem Grundstück, aber ich möchte nicht auf den letzten Drücker los.“
Gerade hatte ich ausgesprochen, da ging die Tür auf und Tommy kam herein. Überrascht blickten wir ihm entgegen. Ich hatte die ganze Zeit darüber nachgedacht, was ich tun würde, wenn er vielleicht mit tränenüberströmtem Gesicht zurückkommen würde. Doch als ich ihn jetzt zur Tür hereinkommen sah, zerstoben alle diese Gedanken. Seine Augen strahlten, und seine ganze Haltung drückte Erleichterung aus. Ich hatte Tommy noch nie so glücklich gesehen. Wir wussten sofort, dass es gut gegangen war.
Tommy hatte etwas mitgebracht. Unter seinem Arm klemmte ein rahmenloses Bild. Ich konnte die überlappende Leinwand sehen, die auf der Rückseite mit Heftklammern festgetackert war. Tommy machte mit der anderen Hand die Tür zu und ging zu meinem Schreibtisch, um das Bild abzulegen. Jever begrüßte sein Herrchen überschwänglich und hopste im Zimmer herum. Sanne und Janine kamen auch vom Teppich hoch, und wir Drei standen etwas verlegen im Zimmer herum und wussten nicht genau, was wir jetzt tun sollten. Ich wollte ihn umarmen oder ihm auf die Schultern klopfen oder sonst irgendwas tun. Aber ich wusste nicht, ob es falsch oder richtig war. Tommy sah von einem zum anderen und lächelte.
„Was ist mit euch? Rieche ich schlecht?“
„Nein, nein“, sagte Sanne und druckste herum. „Hast du ... ich meine, bist du ... bist du okay?“
„Ja, ich bin okay“, erwiderte Tommy leise und warf einen Blick auf das Buch der Gaben. „Und ich habe es nicht gebraucht. Jessie ... mein Vater hat mir gesagt, was ich wissen wollte. Und noch viel mehr. Wisst ihr, was er mir geschenkt hat?“
Er hatte mein Vater gesagt! Janine, Sanne und ich sahen uns an. Wir verständigten uns wortlos. Ich trat verlegen von einem Fuß auf den anderen und dachte, ich müsste irgendetwas sagen.
„Das freut mich für dich, Tommy“, bekam ich heraus.
„Uns auch“, sagten die Mädchen gleichzeitig.
„Danke“, kam es leise von Tommy. Doch dann blitzte es in seinen Augen auf, und er zeigte auf das Bild, das er mitgebracht hatte.
„Schaut mal, was er mir geschenkt hat.“
Neugierig gingen wir hinüber und betrachteten das Bild auf meinem Schreibtisch. Es war ein Landschaftsbild. Es war wunderschön gemalt, seine Farben waren so natürlich, dass ich es kaum glauben konnte.
„Das sieht aus wie ein Foto!“, rutschte es mir heraus.
„Ja, er kann toll malen“, sagte Tommy stolz. „Das ist ein Bild von Teneriffa. Er war noch nicht einmal auf der Insel, aber ich habe so viel erzählt, wie es da aussieht, dass er sich Fotos meiner Mutter geliehen und alles abgemalt hat.“
„Wahnsinn ... “, sagte Sanne.
„So schön ist es da?“ Janine fuhr leicht mit den Fingern über die Landschaft. Jessie hatte ein Bild vom Landesinneren gewählt. Im Vordergrund standen merkwürdig geformte Bäume und unzählige Büsche mit großen, bunten Blüten. Es gab Pflanzen, die ich von Italien her kannte, aber auch Bäume, deren Laub wie vertrocknet schien. Im Hintergrund des Bildes erhob sich ein riesiger Berg, dessen schneebedeckter Gipfel an einen Vulkankegel erinnerte.
„Einen schöneren Ort kenne ich nicht“, sagte Tommy versonnen. „Du musst nur die Touristengegend meiden. Die meisten gehen sowieso nur bis zum Liegestuhl oder zum Hotelstrand. Aber das war nicht das, was mein Vater wollte. Er hat in unserer kleinen Bucht immer auf die gewartet, die anders waren.“
„Und das hat Jessie für dich gemalt?“, fragte ich bewundernd.
„Ja. Das hat er. Das Bild hatte er schon lange fertig. Aber er hat sich nicht getraut, es mir zu geben. Und wisst ihr was?“, fragte Tommy mit leuchtenden Augen. Wir schüttelten den Kopf.
„Er hat es mir die ganze Zeit nicht gegeben, weil er dachte, es wäre nicht richtig. Er wollte nicht, dass ich denke, er will sich als Vaterersatz aufspielen.“
Tommy betrachtete zärtlich das Bild.
„Dabei ist es das schönste Geschenk, das ich jemals bekommen habe.“
„Ihr mögt euch beide, und keiner hat es gesagt!“
Sanne hatte vollkommen Recht. Ich konnte das richtig gut nachempfinden. Man traut sich nicht, dem anderen die Wahrheit zu sagen, und dann wird die ganze Sache immer schlimmer. Tommy musste jetzt ein riesengroßer Stein vom Herzen gefallen sein. Dann, von einer Sekunde zur andern fiel mir siedendheiß ein, was wir heute noch tun mussten. Ich schaute auf die Uhr und bekam einen Heidenschreck.
„Zehn vor halb acht!“, rief ich. „Wir müssen los!“
Tommy riss sich von seinem Bild los und nickte entschlossen.
„Du hast Recht“, meinte er und ging in die Hocke, um das Buch der Gaben aufzuheben. „Wir müssen los. Was nutzt es auch, darüber nachzugrübeln. Hauptsache, wir sind rechtzeitig zurück.“
Sanne und Janine nahmen jede ihre verbliebenen beiden Wunschkugeln, ich steckte die Holografie in die Tasche, und Tommy schob sich das Buch der Gaben in den Hosenbund. Dann sahen wir uns an und fühlten, wie stark wir in der Gemeinschaft waren.
Ich ging noch kurz ins Wohnzimmer, um unseren Eltern Bescheid zu sagen, dass wir noch eine Runde mit den Hunden drehen wollten. Meine Mutter lächelte, und mein Vater wirkte richtig zufrieden. Ich freute mich, dass sie sich wegen Vatis Geheimnis nicht zu doll gestritten hatten. Dann rief ich nach Lazy und folgte den anderen auf die Straße.
*
Schon auf den letzten Metern spürten wir, dass etwas nicht stimmte. Ich kannte meine Straße so genau wie kaum ein anderer. Wie oft war ich mit Lazy schon hier entlanggegangen, um zum Hundeplatz im Wald zu kommen. Das Grundstück mit unserem verlassenen Haus war das Letzte auf der rechten Seite, und weil es weit größer war als die anderen, fiel es aus der Reihe. Das Abrisshaus hatte mich schon immer gereizt, und jedes Mal, wenn ich mit Lazy hier vorbeikam, schaute ich schon von weitem, ob vielleicht jemand eine Scheibe eingeworfen oder Graffiti gesprüht hatte. Doch niemals hatte sich jemand auf mein Grundstück gewagt. Aber jetzt war etwas geschehen.
„Es war doch da hinten, oder?“, fragte Janine, die zwar auch in der Gegend wohnte, aber sicher nicht so oft wie ich hier langgegangen war.
„Ja“, sagte ich. „Da hinten ist es. Aber es sieht anders aus.“ Ich wurde immer unsicherer. „Von hier habe ich das Haus immer schon sehen können. Und wo sind die Kastanien?“
Wir hatten es zwar eilig, aber gerannt waren wir nicht. Die Zeit hätte zweimal gereicht, bis zum Haus zu kommen. Ich hielt meine Holografie schon in der Hand. Tommy sagte nichts, und Sanne guckte immer abwechselnd nach vorn und zu mir. Wir kamen näher und näher, und das Grundstück wurde mir immer fremder. Ich fühlte, wie mir der Schweiß ausbrach.
„Vielleicht hat jemand das Haus gekauft und abgerissen“, meinte Janine.
„An einem Tag?“, fragte Tommy zweifelnd und schüttelte den Kopf. „Und dann die Bäume gleich noch mit gefällt? Nein, das schafft keine Firma der Welt.“
Jeder Schritt, den ich jetzt machte, fiel mir schwerer. Hatte sich das Haus womöglich aufgelöst? Und warum? Wieder dachte ich an meinen Streich mit der Holografie, und mir wurde ganz furchtbar schlecht. Hatten wir uns der Gaben unwürdig erwiesen?
„Das ist die Strafe!“, entfuhr es mir. „Wir kommen nie wieder rein!“
„Warte!“ Tommy ergriff meinen Arm. „Sieh doch nur!“
Jetzt waren wir ganz herangekommen, und was wir sahen, verschlug uns die Sprache. Wie in Zeitlupe gingen wir die letzten Meter und starrten stumm durch die Hecke. Mich überkam ein Gefühl der vollkommenen Hilflosigkeit. Das Haus war verschwunden! Wie sollten wir jetzt das Buch rechtzeitig an seinen Platz zurücklegen?
Doch es war noch mehr Unglaubliches geschehen. Das ganze Grundstück wirkte fremdartig. Irgendwie südländisch. Alles, was mir in den Jahren vertraut geworden war, gab es nicht mehr. Die großen Kastanienbäume, die wild wuchernden Brombeersträucher, all das Gestrüpp, das uns so behindert hatte, war weg. Gab es nicht mehr. Dafür standen dort jetzt riesige stachlige Pflanzen, die ich schon mal gesehen hatte. Der Name dieser graugrünen Gewächse lag mir auf der Zunge, wollte mir aber einfach nicht einfallen. Merkwürdige, ineinander verflochtene und reichlich krüpplige kurze Bäume wuchsen da, und ich sah noch etliche andere, die ich beim besten Willen nicht einordnen konnte. In der Mitte des Grundstücks wuchsen unzählige Büsche, die wunderschöne dicke und vielfarbene Blüten trugen. Ein fremdartiger Geruch wehte durch die Hecke zu uns herüber. Die Buchsbaumhecke, die das Grundstück eingrenzte, war das einzige, was noch so war wie vorher. Ich merkte, wie verkrampft ich die Holografie festhielt.
„Es ist weg!“ Ich konnte die Angst in Sannes Stimme hören. „Was machen wir denn jetzt? Joe, wie spät ist es? Joe! Wie spät ist es?“
Ich löste mich aus meiner Erstarrung und schaute auf die Uhr.
„Fünf nach halb acht.“
„Wir haben nur noch neun Minuten!“, rief Janine. „Tommy! Mach was! Sag doch was!”
Tommy stand bewegungslos da. Sein Blick wanderte über das Grundstück, und er schien alles, was er sah, in sich aufsaugen zu wollen. Er schien der einzige zu sein, der unendlich viel Zeit zu haben schien. Ich schaute in sein Gesicht und entdeckte nicht die Spur von Besorgnis. Ich konnte es nicht glauben und stieß ihn an.
„Tommy! Wach auf! Wir haben nicht einmal mehr neun Minuten! Wir müssen uns was einfallen lassen!“
Tommy sah mich kurz an und machte dann eine Geste in Richtung Garten.
„Fällt dir nichts auf?“
Und dann bedeutete er auch Sanne und Janine, sich das Grundstück noch einmal genauer anzusehen. Ich ließ die fremdartige Szene nochmal auf mich einwirken, war aber so ungeduldig, dass ich es nicht aushielt.
„Sieht aus wie in Italien“, sagte ich. „Aber was nützt uns das?“
Tommy sah mich glücklich an, und das warf mich um. Ich wurde wütend.
„Tommy, was zum Teufel ist mit dir los? Wir müssen in acht Minuten in der Kammer des Wissens sein, das Haus ist weg, hier sieht’s aus wie in Italien und da lachst du noch?“
„Ich weiß, wie spät es ist.“ Tommy war anscheinend durch nichts aus der Ruhe zu bringen. „Seht noch mal hin. Das sieht nicht nur aus wie in Italien, sondern auch wie in Spanien.“ Und dann lächelte er verschmitzt. „Und wie auf Teneriffa! Ihr scheint euch das Bild von Jess... meines Vaters nicht richtig angesehen zu haben.“
Völlig verdattert guckten wir wieder auf das Grundstück. Und dann war es vollkommen klar. Was wir hier sahen, war ein Ausschnitt der Landschaft, die Jessie gemalt hatte! Jetzt wusste ich, wo ich die Pflanzen schon gesehen hatte. Alles war genauso wie auf dem Bild! Nur der riesige Berg fehlte, und der ging ja nun wahrlich nicht auf dieses kleine Grundstück mit drauf. Mir fiel der Kiefer runter.
„So sieht es auf Teneriffa aus?“
„Nicht überall“, sagte Tommy. „Aber da, wo wir gewohnt haben. Die meisten Pflanzen kommen nur in der trockenen Zone vor. Ihr müsst wissen, dass die Inseln im Atlantik fast alle durch Berge in Nord- und Südbereiche geteilt werden. Im Süden regnet es fast nie, aber im Norden wächst so gut wie alles. Und die hier ... “, er deutete auf die Pflanzen, deren Namen mir nicht mehr einfallen wollte, „ ... das sind Agaven. Die lieben trockenes Wetter.“
Agaven! Natürlich! Das waren die Dinger, die ich meinte.
„Das da drüben sind Balos“, fuhr Tommy fort. „Die nimmt man als Ziegenfutter, jedenfalls die Blätter. Und die komischen kleinen Bäume da, die so knorrige Stämme haben, die ineinander wachsen, das sind Tabaiba. Und die mit den schönen Blüten sind Hibiscus.“
Wir starrten ihn an.
„Ich weiß alles über diese Pflanzen. Es ist so, als wäre ich hier zu Hause.“
Janine fasste einen Entschluss.
„Wenn das so ist, sollten wir nicht länger warten. Wir brauchen einen Eingang in die andere Welt. Vielleicht findest du ihn. Kommt endlich!“
Sie nahm Tommy bei der Hand und zerrte ihn in Richtung Wald. Wir zögerten jetzt keine Sekunde mehr. Ich traute mich gar nicht, auf die Uhr zu sehen, sondern hastete hinter den anderen her. Würde die Zeit noch reichen?
Ohne Mühe fanden wir das Loch in der Hecke und krochen hindurch. Jever und Lazy wollten sich schon aufmachen, die aufregende Gegend zu erkunden, aber Tommy und ich hielten sie nah bei uns, damit wir alle zusammenblieben.
„Wonach sollen wir suchen?“, fragte Sanne.
„Ich weiß nicht“, sagte Tommy. „Vielleicht ist es das beste, wenn wir an der Stelle suchen, an der das Haus gestanden hat. Aber diesmal bleiben wir zusammen. Wenn jemand was sieht, egal was ... “
„ ... dann schrei ich!“, sagte Janine, und wir nickten entschlossen. Während wir uns zu der Stelle aufmachten, an der das Haus gestanden haben musste, hielt ich angestrengt Ausschau nach irgendetwas Besonderem. Wenn ich nur gewusst hätte, was ich damit meinte! Verzweifelt bemühte ich mich, ruhig zu bleiben. Wir hatten noch vier Minuten. Ich hatte doch auf die Uhr gesehen.
In der Mitte des Grundstücks wuchsen sehr viele der Hibiscussträucher und sandten einen betäubenden Geruch aus. Ich versuchte, mir die Abmessungen des Hauses vorzustellen und grenzte das Areal, auf das ich kam, mit den Blicken ein. Und dann entdeckte ich etwas, das hier nicht hergehörte.
„Ein Brunnen!“, schrie ich.
Die anderen zuckten zusammen und folgten meinem ausgestreckten Arm. Wir rannten die wenigen Meter zwischen den Büschen hindurch und blieben mit wild klopfenden Herzen an einem Brunnen stehen. Zweifellos handelte es sich um einen Brunnen, und zwar um einen sehr alten. Die runde Öffnung, die aus zwei Lagen dicker Steine gemauert war, ragte nur sehr wenig aus der Erde heraus. Atemlos blickten wir hinein.
Vielleicht in zwei Metern Tiefe konnten wir mit merkwürdigen Pflanzen bedecktes Wasser erkennen.
„Brunnenkresse“, kam es von Tommy. „Die kann man essen.“
„Tommy!“, sagte ich verzweifelt. „Wie kannst du jetzt ans Essen denken! Es ist doch vollkommen egal, was das für ein Zeug da unten ist. Aber was sollen wir denn bloß mit diesem blöden Brunnen anfangen?“
Tommy sah mich an, und seinen Mund umspielte ein Lächeln. Auf einmal ahnte ich, was auf uns zukommen sollte.
„Oh nein!“, entfuhr es mir.
„Oh doch!“, grinste Tommy. „Sieh doch mal genau hin!“
Wir beugten uns noch mal nach vorn, und jetzt sahen wir, was Tommy meinte. An der Innenwand des Brunnens waren rostige alte Eisenkrampen eingelassen. Sanne sah erst Janine an und dann mich.
„Ihr wollt doch nicht ... ?“
Ihr Blick flehte mich an, eine andere Lösung zu suchen. Aber ich hatte keine. Ich sah auf die Uhr.
„Noch anderthalb Minuten.“ Ich schaute auf das trübe, dunkelgrüne Wasser auf dem Boden des Brunnens und dann zu Tommy.
„Da kann man nicht hinein. Unter Wasser in einem Brunnen ... da sterbe ich!“
„Ich auch!“, flüsterte Janine. Und Sanne stand nur mit weit aufgerissenen Augen da und schaute von einem zum anderen.
Tommy zeigte auf meine Hand.
„Wirf sie in die Luft!“
Ich starrte auf meine Holografie und war wie gelähmt.
„Nun mach schon!“, drängte Tommy. „Wir haben höchstens noch eine Minute!“
Und dann tat ich es. Ich warf sie hoch und fing sie wieder auf.
Nichts geschah.
Angsterfüllt und hilflos sah ich Tommy an.
„Du musst was sagen!“, rief er ungeduldig. „Ich will da rein oder sonst was! Nur sag was!“
Also warf ich die Kugel noch mal hoch und rief: „Ich will in das Haus! Ich will in das Haus!“
Mitten im Flug verharrte die Kugel. Vor Anspannung vergaß ich, meine Hand wieder zurückzuziehen und verfolgte wie die anderen die Holografie, die jetzt wieder hellgrün schimmerte und begann, sich zu drehen. Immer rasender wurde die Bewegung, und auf einmal flog die Kugel direkt über den Brunnen und senkte sich. Mit angehaltenem Atem verfolgten wir, wie sie durch die Öffnung hinabsank und dann kurz über der Wasseroberfläche verharrte.
„Das ist der Eingang!“, flüsterte Sanne. Unsere vier Köpfe hingen über dem Brunnenrand und beobachteten, was als nächstes geschehen würde. Dann, ohne Vorwarnung, senkte sich die Holografie mitten durch die Brunnenkresse und das Wasser und verschwand. Der Wasserspiegel kräuselte sich nicht im Geringsten.
Mein Herz setzte aus. Ich wusste, was jetzt kommen würde. Und ich wollte es nicht. Ich wollte das nicht um alles in der Welt. Doch Tommy sagte genau das, wovor ich mich so unendlich fürchtete.
„Joe, du musst hinterher! Los, mach schon!“
Ich bewegte mich nicht. Wir waren verloren. Die Zeit musste schon längst um sein. Wie von weiter Ferne hörte ich Janines Stimme.
„Noch vierzig Sekunden!“
Dann haute mir Tommy auf die Schulter und sagte etwas, das meine Erstarrung löste.
„Pass auf, das Wasser hat sich nicht ein bisschen bewegt. Der Brunnen ist nur eine Tür in die andere Welt. Wie die Hauswand oder der Verschlussstein. Du wirst sehen, du wirst nicht mal nass werden! Aber du musst da runter. Und zwar jetzt!“
Ich hatte keine Zeit mehr zum Überlegen oder Angst haben. Ich nahm Tommys Worte wahr und fand sie irgendwie logisch. Sie nahmen mir einen Teil meiner Angst, und dann dachte ich gar nichts mehr. Ich sah nur noch den Brunnen und seine Haltegriffe vor mir. Und ich wusste, ich musste jetzt gehen. Jetzt!
Wie in Trance schwang ich ein Bein über den Brunnenrand und setzte den rechten Fuß auf den obersten Griff. Dann war ich ganz im Brunnen und begann, Haltegriff für Haltegriff nach unten zu steigen. Im Unterbewusstsein vernahm ich Tommy, der den anderen irgendetwas zurief. Und ich merkte noch, wie der Nächste über mir in den Brunnen kletterte.
Ich blickte kurz nach unten, sah die mit Brunnenkresse übersäte Wasseroberfläche unter meinen Füßen und schloss die Augen. Ich durfte nicht mehr anhalten. Ich holte so tief Luft wie noch nie in meinem Leben und stieg weiter hinab. Ich dachte an nichts mehr und nahm einen Griff nach dem anderen. Irgendwann würde das Wasser über mir zusammenschlagen.
*
Mit einem Mal fühlte ich festen Boden unter den Füßen. Völlig verblüfft stellte ich beide Beine auf die Erde und testete die Festigkeit des Untergrunds. Ich hielt meine Augen nach wie vor krampfhaft geschlossen. Aber dann wurde mir klar, dass ich keinesfalls unter Wasser und nicht im Geringsten nass geworden war. Langsam ließ ich die Luft aus meinen Lungen. Meine Hände umklammerten immer noch einen der Haltegriffe, und plötzlich trat mir jemand auf die Finger.
„Auuu!“, schrie ich und ließ los. Vor Schreck hatte ich die Augen geöffnet und warmes, aber dunkles Glimmen umfing mich. Ich schaute nach oben und sah, wie ein Fuß in der Luft herumbaumelte. Das waren Sannes Schuhe!
„Komm weiter!“, rief ich. „Du bist gleich unten!“
Ich schaute zu, wie sich Sanne die letzten Stufen vorsichtig hinuntertastete. Wie mir schien, dauerte es unendlich lange, und als sie dann ganz unten war, sah ich auch, warum das so war. Sie trug Lazy unter dem rechten Arm!
Mir wurde ganz anders. Ich hatte meinen Hund da oben vergessen! Das war mir noch nie passiert! Schnell nahm ich ihr Lazy ab.
„Mann, mit einer Hand da runter“, sagte Sanne schnaufend. „Das mach mir erstmal nach!“
„Tut mir Leid“, meinte ich entschuldigend. „Ich konnte einfach an nichts anderes mehr denken.“
„Ist schon gut. Das haben wir gesehen. Aber du hast es geschafft!“
Dann erschienen Janines Beine, und kurz darauf kam auch Tommy die Stufen herabgeklettert, Jever unter dem Arm.
Kaum hatte er den Griff losgelassen, flackerten überall um uns herum Fackeln auf. Voller Ehrfurcht sahen wir zu, wie sich eine nach der anderen entzündete und einen uns wohlbekannten Raum erleuchteten.
„Die Kammer des Wissens!“, flüsterte Janine.
„Ja“, sagte Tommy. „Wir haben es geschafft. Tolle Leistung, Joe!“
Ich fühlte Stolz, aber ich fühlte ihn für uns alle.
„Leg es zurück!“, rief Sanne ängstlich. „Die Zeit muss um sein!“
Es war keine Zeit mehr zum Diskutieren. Tommy zögerte keine Sekunde. Er holte das Buch der Gaben aus dem Hosenbund hervor, machte die wenigen Schritte bis in die Mitte der Kammer und legte es auf den Boden. Dann trat er zurück und stellte sich wieder zu uns.
„Hoffentlich war es noch rechtzeitig“, murmelte Janine.
Zuerst geschah gar nichts. Mit bangem Herzen standen wir nah an der Wand der Kammer und warteten darauf, dass etwas mit dem Buch passieren würde. Ich betrachtete die Hieroglyphen und fragte mich unwillkürlich, ob vielleicht wieder einige von ihnen aufglühen würden. Doch sie bewegten sich nur scheinbar im Licht der Fackeln. Und dann passierte das, worauf wir gewartet hatten. Rings um das Buch der Gaben leuchtete der Boden auf und ein rotglühender Kreis entstand!
Gebannt verfolgten wir das Schauspiel. Sekundenlang verstärkte sich das Glühen und wurde immer intensiver, bis ich die Augen zusammenkneifen musste. Dann gab es einen kleinen Blitz, und die Erscheinung war vorüber.
Das Buch der Gaben lag immer noch in der Mitte der Kammer.
„Es ist aufgeschlagen!“, flüsterte Janine.
Und tatsächlich. Das kleine Buch war aufgeschlagen. Mich erfasste eine unheimliche Spannung, aber ich wollte nicht den ersten Schritt tun. Er blieb Tommy überlassen. Langsam ging er vor und setzte sich neben das Buch.
„Kommt!“, sagte er und winkte uns zu. „Ich glaube, hier steht etwas Neues für uns.“
Wir platzten fast vor Spannung. Aufgeregt setzten wir uns neben Tommy und schauten auf die aufgeschlagenen Seiten. Tommy langte nach vorn, um das Buch an sich zu nehmen. Aber zu unserer größten Überraschung konnte er es nicht um einen Millimeter anheben. Nicht einmal eine der Seiten ließ sich bewegen. Tommys Hand fuhr wieder zurück.
„Es soll wohl hier bleiben“, sagte er ruhig.
„Kannst du lesen, was dort steht?“, fragte Sanne ungeduldig.
Tommy nickte. Und dann las er uns den Text vor, der für immer in unseren Köpfen verankert bleiben würde.
Die letzte Prüfung
ist bestanden
wenn der Tag kommt
wirst du wissen
dass das Buch der Gaben
auf euch wartet
„Das ist alles?“, fragte Sanne.
„Das ist alles“, bestätigte Tommy. Einige Zeit verging in nachdenklichem Schweigen. Dann brach Janine den Bann.
„Du hast wohl eine Prüfung bestanden, von der wir gar nichts wussten“, sagte sie. „Doch was war das für eine Prüfung?“
Ich glaubte, zu wissen, was das Buch der Gaben meinte. Viele Bilder liefen jetzt vor meinem inneren Auge ab. Wie ich Tommy kennen gelernt hatte, wie wir in meinem Zimmer gesessen und über seinen Vater gesprochen hatten, wie er die Prüfung an der Klippe bestand, und dann der heutige Nachmittag, an dem Jessie zu seinem zweiten Vater geworden war. Das war die letzte Prüfung gewesen.
„Ich weiß es“, sagte ich leise. „Tommy hat die Gabe nicht angewendet, obwohl er es sich zuerst so gewünscht hat. Das Buch nicht zu nehmen, war die letzte Prüfung.“
Tommy blickte mich an und schien erst jetzt zu verstehen. Wir waren alle etwas verlegen. Unsere Umgebung nahmen wir in diesem Moment gar nicht mehr wahr. Tommy, Sanne, Janine und ich waren gerade jetzt die glücklichsten Menschen auf der Welt. Tommy schluckte. Dann stand er auf.
„Das war’s“, murmelte er, und ich sah, wie er Mühe hatte, die Tränen zu unterdrücken. „Lasst uns gehen.“
Wir standen ebenfalls auf. Das Buch der Gaben lag aufgeschlagen zwischen uns und wirkte wie ein Relikt aus der Ewigkeit.
„Werden wir es noch einmal brauchen?“, fragte Janine.
„Du hast es gehört“, sagte Tommy. „Wenn der Tag kommt, werden wir wissen, dass das Buch der Gaben auf uns wartet.“
Wann würden wir es wieder brauchen? Wofür würden wir es wieder brauchen? Doch das war mir jetzt egal. Glücklich sah ich meine Freunde an. Echte Freundschaft ist auch eine Gabe. Und was für eine. Und von ihr hatten wir jetzt unendlich viel.
„Die Griffe sind weg!“, rief Sanne. Wir folgten ihrem Blick und waren eigentlich gar nicht mehr überrascht. Die in die Wand eingelassenen Stufen, die uns hier heruntergeführt hatten, waren verschwunden. Dafür war etwas anderes wieder da.
„Die Nische!“, rief Janine.
An der Stelle, wo eben noch die Haltegriffe eingelassen waren, befand sich jetzt die kleine Nische, die die Wunschkugeln und meine Holografie aufbewahrt hatte.
„Wir werden sie zurücklegen müssen“, sagte Tommy. „Und schummelt nicht!“
Sanne und Janine suchten in ihren Hosentaschen nach den Wunschkugeln. Dann gingen sie hinüber zu der Nische und legten sie vorsichtig zurück in die Jadeschale. Ich wollte nach meiner Holografie greifen, als mir einfiel, dass sie ja vorhin durch den Brunnen verschwunden war!
„Ich hab sie nicht!“, sagte ich. „Helft mir mal suchen.“
Es gab nicht viele Möglichkeiten in dieser Kammer, wo sich eine Kugel verstecken konnte. Schließlich gab es keine Möbel oder sonst irgendetwas, das im Raum herumstand. Wir suchten die Kammer ab und schauten auch noch mal in die Nische. Aber die Holografie war nirgends zu entdecken. Hilflos sah ich die anderen an.
„Ich kann nichts dafür“, sagte ich entschuldigend.
„Natürlich nicht“, antwortete Tommy. „Aber was machen wir jetzt?“
Warum auch immer, ich wusste es hinterher nicht mehr zu sagen, aber mir kam ein Einfall, und ich schaute nach oben.
„Da ist sie!“, schrie ich und zeigte zur Decke. Und da war sie. Hellgrün und ruhig schwebte die Holografie knapp unter der Decke. Sie drehte sich recht schnell und schien auf etwas zu warten.
„Na also“, meinte Tommy, wie immer unnachahmlich ruhig. „Jetzt brauchst du nur noch was zu sagen, und wir können raus.“
„Meinst du?“, fragte ich ungläubig. Tommy nickte nur lächelnd.
„Na dann ... “ Ich holte Luft und überlegte, was ich sagen wollte. Dann dachte ich, ist ja sowieso egal, schaute zur Holografie und rief: „Ich will nach Hause!“
Gespannt sahen wir, wie sich die Drehung der Kugel verstärkte, wieder rasend schnell wurde und die Holografie durchsichtig schien. Dann senkte sie sich von der Decke herunter und schwebte genau auf die uns gegenüberliegende Wand zu. Für eine Sekunde verharrte sie vor ihr, als wollte sie uns ein Zeichen geben. Dann nahm sie Fahrt auf und durchdrang die Wand an einer Stelle, an der ein Falke auf sie gemalt war. Wir schauten uns an. Niemand von uns hatte jetzt noch Angst. Tommy verbeugte sich leicht vor mir und machte eine einladende Geste.
„Nach Ihnen, Herr Seefeld.“
Diesmal vergaß ich Lazy nicht. Ich nahm ihn auf und wartete, bis auch Tommy Jever auf dem Arm hatte. Dann schaute ich mich noch einmal in diesem geheimnisvollen Raum um. Ich prägte mir dieses Bild aus einer anderen Welt so sehr in meinem Kopf ein, dass ich wusste, es würde nie mehr aus meinem Gedächtnis verschwinden.
Ich sah meine Freunde an, und wir verständigten uns mit Blicken. Ich spürte in diesem Augenblick, zu welch vollkommenem Team wir geworden waren. Dann drehte ich mich um und ging durch die Wand.
Als ich im Garten herauskam, wusste ich sofort, dass er wieder so war wie vorher. Brombeersträucher wucherten um mich herum, und der vertraute Geruch des heimischen Sommers umfing mich. Ich setzte Lazy ab und wartete, bis meine Freunde neben mich traten.
Als wir alle in unsere eigene Welt zurückgekehrt waren, sahen wir uns wortlos in die Augen. Wir fühlten unsere Freundschaft wie ein festes Band, das uns zusammenhielt. Ich hatte einen Kloß im Hals und war einfach nur glücklich, Freunde zu haben.
Das Haus würde uns irgendwann wieder zu sich holen. Das wusste ich. Doch bis dahin hatten wir die Gabe der Freundschaft.
Der Sommer lag endlos vor uns.
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