Kitabı oku: «Shana»

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Micha Rau

Shana

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Impressum neobooks

Kapitel 1

Shana stand vor der Multifunktionswand in ihrem Zimmer und überlegte, was sie anziehen sollte. Sie war nur mit ihrer Unterwäsche bekleidet und musterte sich prüfend von oben bis unten. Der Modesimulator hätte zwar auch so funktioniert, aber manchmal bekam er eine Macke, wenn man komplett angezogen vor ihm stand. Unterwäsche allerdings ignorierte er.

„Hm“, murmelte Shana. „Was zieh ich an? Sportlich? Lässig? Schlabberig? Oder chic?“

Shana war dreizehneinhalb Jahre alt, besaß schulterlange, dunkle Haare, die kaum zu bändigen waren, und haselnussbraune Augen. Ihre Eltern meinten, dass sie ein wenig zu frech sei, aber das sagen wohl alle Eltern. Und sie war schlank. Da war sie allerdings eine Ausnahme, denn alle Leute, die sie kannte, schleppten reichlich Übergewicht mit sich herum.

„Kind, was soll nur aus dir werden?“, seufzte ihre Mutter des Öfteren. „Wenn du erstmal arbeiten musst, brauchst du Kraft. Und wenn du krank wirst, hast du keine Reserven.“

„Ich hab mehr Power als du!“, konterte Shana für gewöhnlich. „Und du bist viel öfter erkältet!“

Diese Diskussionen endeten meist damit, dass ihre Mutter durch den Beamer schwabbelte, um in der Küche den Menücomputer zu nerven.

Shana drehte sich vor dem Spiegel hin und her, stemmte die Arme in die Seiten und grinste,

„Ich werde niemals dick!“, sagte sie mit Nachdruck. Dann warf sie den Kopf in den Nacken und rief laut: „Multiwand, Modeprogramm einschalten!“

Ein leises Summen durchdrang den Raum, während gleichzeitig kleine Röhrchen neben dem Spiegel aus der Wand hervortraten. Ein kaum wahrnehmbares Flimmern umgab jedes von ihnen.

„Welchen Stil wünschen Sie?“, kam eine Stimme aus dem Nirgendwo.

„Mach das Mischprogramm“, antwortete Shana. „Von allem etwas. Und beeil dich. Ich muss in einer halben Stunde bei Krissa sein!“

„Sie stehen außerhalb der Fixpunkte“, dröhnte die Stimme ohne irgendwelche Emotionen. Shana zuckte mit den Schultern und stellte ihre Füße exakt auf die auf ihrem Teppichboden gekennzeichneten Stellen.

„Mach schon“, brummelte sie. „Ich muss mich noch schminken.“

Das Summen verstärkte sich. Augenblicke später schossen aus den Röhrchen scharf gebündelte Lichtstrahlen, so schnell, dass sie nur für den Bruchteil einer Sekunde wahrnehmbar waren. Von einem Moment auf den anderen war Shana eingekleidet. Natürlich nicht richtig, es war nur eine Simulation. Aber die perfekteste, die man sich vorstellen konnte. Obwohl … irgendetwas schien diesmal danebengegangen zu sein.

„Was ist das denn?“, entfuhr es Shana. Entgeistert starrte sie auf eine Hose, die ihr mindestens zehn Nummern zu groß war. Das Oberteil war so riesig, dass sie auch ein Zelt über den Kopf hätte ziehen können. Sie sah aus wie ein grotesker Clown.

„Mama!“ Shana stampfte wütend mit dem Fuß auf. „Multiwand!“, befahl sie. „Kommunikator einschalten! Mit Mutter verbinden!“

„Verbunden“, kam es zurück.

„Mama, warst du schon wieder an meiner Multiwand?“

„Ja, ich geb’s zu!“, lachte ihre Mutter. „Du weißt doch, dass die in unserem Schlafzimmer kaputt ist.“

„Aber du musst fragen, wenn du in mein Zimmer kommst!“, empörte sich Shana. „Und wenn du mein Modeprogramm benutzt, dann stell es wenigstens wieder auf mich ein, wenn du fertig bist! Wenn mich Krissa so sieht, bin ich das Gespött der ganzen Party!“

„Tschuldige!“, säuselte ihre Mutter fröhlich. „Kommt nicht wieder vor!“

„Wehe doch“, grummelte Shana. „Multiwand! Kommunikator ausschalten! Modeprogramm auf Shana wechseln!“

Diesmal unterließ es die Multiwand, etwas zu erwidern. Der nächste gebündelte Lichtstrahl blitzte durch den Raum, und Shana trug passende Klamotten. Eine schwarze, knallenge Jeans, ein weiß-rosa gestreiftes Top und pfirsichfarbene Sneakers.

„Na also, warum nicht gleich so!“, machte Shana zufrieden. „Multiwand! Auswahl auf die Merkliste! Und weiter!“

Als nächstes projizierte die Multiwand eine paillettenbesetzte Bluse mit weißer Hose und schwarzen Pumps.

„Zu affig!“, murrte Shana. „Das nächste!“

Ein kurzer Blitz, und Shana sah aus wie ein kleines Mädchen. Latzhose über Ringelshirt und lila Turnschuhe.

„Igitt!“, entfuhr es ihr. „Das ist ja grauenvoll! Mach das weg!“

Gerade, als der Projektor ein neues Outfit produzierte, ertönte ein Signalton.

„Anruf von Krissa“, sagte die Computerstimme monoton. „Soll ich verbinden?“

Shana zögerte einen Moment und sah kritisch an sich herab. Diesmal hatte das Modeprogramm ein enges T-Shirt mit einem Totenkopf drauf und dazu einen himmelblauen Minirock und Stöckelschuhe gewählt. Shana schüttelte ihren dunklen Schopf.

„Was baust du heute bloß für einen Mist?“, murmelte sie in gespielter Verzweiflung. „Multiwand! Modeprogramm aus! Auswahl von der Merkliste produzieren und in Ausgabe umleiten!“

Der Signalton piepte immer noch.

„Soll ich jetzt verbinden?“

„Ja, aber ohne Visualisierung.“

Die Röhrchen blitzten ein letztes Mal, dann zogen sie sich neben dem Spiegel in die Wand zurück. Shana stand wieder in ihrer Unterwäsche da.

„Krissa?“

„Ja, ich wollte dich fragen, ob du ein paar Zitronenröllchen mitbringen kannst. Unser Küchencomputer macht aus irgendeinem Grund keinen Nachtisch mehr.“

Shana sah auf ihre Armbanduhr. Um drei waren sie bei Krissa zu einer Animationsfilmparty verabredet.

„Kein Problem, das schaff ich noch. Sag mal, was hast du für Filme?“

„Keine Ahnung. Belly hat die Filme ausgesucht.“

„Mann, das wolltest du doch mit mir machen!“, entfuhr es Shana etwas theatralisch empört. „Ich hätte uns Martial Fights besorgen können! Da spielt Cross Layer mit!“

„Wenn du deine Karte für Martial Fights benutzt hättest, hättest du Ärger bekommen und die Karte wäre gesperrt worden“, meinte Krissa belehrend. Dann entfuhr ihr ein Kichern.

„Was lachst du?“ Shana war sauer. „Ich hab mir von Carl den Entsperrungscode besorgt. Jetzt krieg ich alle Filme, die ich will!“

Irgendwo im Raum entstand Krissas Stimme, und wenn Shana den Visulator eingeschaltet hätte, hätte sie ihre Freundin auch sehen können, aber sie wollte nicht unbedingt, dass man sie in Unterwäsche erblicken konnte, zumal sie ihr knappstes Höschen und den gewagtesten BH anhatte.

„Dafür … dafür …“, gluckste Krissa, und man merkte ihr an, wie sie ihr Lachen krampfhaft zu unterdrücken versuchte, „… dafür wirst du gewaltigen Ärger mit deinen Eltern kriegen!“

„Das merken die nie!“, sagte Shana selbstsicher. „Aber warum lachst du eigentlich so blöd? Das ist doch nicht lustig! Wenn Belly die Filme ausgesucht hat, bringt der einen alten Western und Liebe zwischen den Welten mit, das kannst du vergessen! Nach dem Western hauen die Jungs ab. Und mit dem blöden Liebesquatsch kannst du mich jagen!“

Krissa lachte schallend. „Du kennst den Film doch gar nicht! Nun hab dich nicht so! Und außerdem hat unser Essenmacher deine Lieblingsschokokugeln gespeichert.“

Krissa lachte jetzt aus vollem Hals, und plötzlich war es Shana, als würde da noch jemand im Hintergrund lachen.

„Du schwindelst!“, entfuhr es ihr. „Gerade hast du gesagt, dass euer Essenscomputer keinen Nachtisch mehr hinkriegen kann! Sag mal, ist da noch jemand bei dir?“

„Ja“, lachte die andere Stimme. „Ich bin’s, Belly!“

Shana wurde heiß. Belly! Er hatte alles mit angehört! Jetzt würde er ganz schön sauer auf sie sein. Aber sie schien sich getäuscht zu haben, denn Belly und Krissa lachten um die Wette.

„Was zum Teufel ist denn da bei euch los? Seid ihr übergeschnappt?“

„Nein“, sagte Krissa zuckersüß. „Der BH steht dir super! Belly kriegt schon Stielaugen ...“

Shana hörte, wie die Verbindung abbrach. Mit einem Satz war sie beim Generalbedienteil ihrer Anlage, wo ihr ein hämisches Visual Broadcast On entgegenblinkte.

„Verdammt, verdammt, verdammt! Du blöde Multiwand! Ich hatte gesagt ohne Visualisierung!“

Shana wurde rot. Na, das konnte ja heiter werden. Belly hatte sie in BH und Höschen gesehen! Wenn sich das rumsprach, war sie geliefert. Sie ballte die Fäuste. Krissa hätte ihr doch sagen können, was los war!

„Na warte!“, murmelte sie wutentbrannt und war drauf und dran, der Multiwand einen kräftigen Tritt zu geben, als ihr Blick auf die kleine Öffnung fiel, die sich in ebendem Moment in der Wand bildete. Keine zwei Sekunden später schob sich eine kleine Schublade hervor, und in ihr lagen die Klamotten, die Shana aus der Merkliste des Modeprogramms hatte produzieren lassen. Schwarze Jeans, weiß-rosa gestreiftes Top, pfirsichfarbene Sneakers.

Shana griff sich das Top und hielt es anerkennend von sich.

„Sei bloß froh, du blöde Multiwand“, grunzte sie. „Wenn du das auch noch verbockt hättest, hätte ich dir den Stecker rausgezogen!“

*

Zwanzig Minuten später stand Shana fertig herausgeputzt in ihren neuen Klamotten wieder vor der Multiwand, in den Händen ein Tablett mit zwanzig Zitronenröllchen, im Gesicht einen Schmollmund und im Kopf bange Gedanken, ob Belly sie wohl ständig anstarren würde. Noch schlimmer, wenn Krissa alles aufgezeichnet und den anderen vorgespielt hatte, wie Shana halbnackt vor der Kamera stand …

„Egal, da musst du durch!“, murmelte Shana. „Multiwand! Beamer an! Ziel: Krissa!“

„Beamer an“, tönte es zurück. „Ziel Krissa eingestellt.“

Wo eben noch der Spiegel an der Wand hing, bildete sich nun ein schimmernder Rahmen. Der Umriss schien zu fließen, als ob silberfarbenes Wasser die Seiten bilden würde. Im Rahmen selbst waberte Nebel umher, ohne jedoch aus ihm herauszutreten.

Shana holte tief Luft. „Na denn!“

Sie tat zwei entschlossene Schritte, mit dem dritten durchdrang sie den Rahmen und tauchte in den Nebel ein. Augenblicke später waren ihre Umrisse verschwunden. Für einige Sekunden summte es noch hinter der Multiwand, ehe ein leises klick ertönte, der Nebel sich auflöste und der Rahmen verschwand. Zurück blieb eine weiße Wand, auf der sich lediglich das manuelle Bedienteil befand. Das gab es eigentlich nur für den Fall, wenn die Sprachsteuerung einmal ausfallen sollte. Aber die war eigentlich idiotensicher.

Als Shana aus dem Gegenstück des Beamers in Krissas Zimmer auftauchte, waren alle anderen schon da. Sobald sie wieder klar sehen konnte und registrierte, dass sie die Letzte war, musste sie kurz schlucken. Sie kam sich vor wie eine Delinquentin, die vor ihre Richter treten musste. Aber dann streckte sie sich und beschloss, lieber als Erste in die Offensive zu gehen.

„Hey, Happy Birthday, Krissa!“

Ihre Freundin kam ihr entgegen und nahm ihr das Tablett mit den Zitronenröllchen ab.

„Hi, Shana! Mein Geburtstag war vor zwei Wochen!“

„Ja, aber da hast du nicht gefeiert!“

Krissa lachte fröhlich, und Shana war heilfroh, dass sie keine blöde Bemerkung über ihren BH machte. Belly kam auf sie zu und hob die Hand. Shana schlug ein.

„Alles klar?“

„Alles klar! Ging mir lange nicht so gut! Die letzte Woche mit dem Lerncomputer war ätzend, aber das weißt du ja.“

Er blickte ihr lächelnd in die Augen. So sehr sie auch in den seinen forschte, konnte sie nicht sagen, ob er an das Bild von ihr dachte, was sich ihm vorhin dargeboten hatte. Sie beschloss, das Thema abzuhaken und dankte den beiden im Stillen.

Die anderen Gäste lümmelten in bequemen Sitzkissen herum. Shana klatschte jeden von ihnen ab und ließ sich dann in das letzte freie Kissen fallen.

Ihre Blicke tasteten ihre Freunde ab. So oft sahen sie sich nicht, denn in der Regel quatschte man über Videokonferenzen oder man traf sich allenfalls bei McBeam. Schließlich konnte man sich über die Projektoren im Zimmer des anderen abbilden lassen. Dann stand da zwar ein Trugbild, das all das plapperte, was sein Original im eigenen Zimmer von sich gab, aber jeder fand das cool. Außer Shana, die es liebte, ohne die Multiwand mit ihrer Freundin zu quatschen. Krissa war eigentlich die einzige, die das auch wollte und ihre eigene von Zeit zu Zeit abschaltete. Aber auch Krissa war ziemlich faul, gestand sich Shana ein. Wenigstens war sie nicht ganz so dick wie die anderen. Mit ihren dreizehn Jahren wog sie nur siebzig Kilo, und damit war sie in ihrer Klasse die Zweitleichteste.

Shanas Blick fiel auf Belly. Sie mochte ihn irgendwie. Er war immer schlagfertig, aber nicht frech. Er war ein guter Schüler, aber sich bewegen war absolut nicht seine Sache. Belly war nicht dick, er war fett. Shana seufzte. Schade, fand sie. Sie mochte die Schwabbelbäuche der anderen nicht, aber es war schwer, einen schlanken Menschen zu treffen. Und wenn es denn einen gab, der das Sportprogramm der Multiwand tatsächlich auch benutzte, dann war es meistens ein Angeber. Und die konnte Shana nicht ausstehen.

Krissa hatte sieben Gäste eingeladen, und alle waren aus ihrer Klasse. Shana wusste, dass sie weit auseinander wohnten, aber das spielte keine Rolle. Man hatte ja die Beamer. Das Schulministerium hatte sie nach ihren Charaktereigenschaften ausgewählt und eine zwanzigköpfige Klasse zusammengestellt. Man dachte, der Computer würde das besser hinkriegen als lebendige Lehrer, aber na ja … die Harmonie in der Klasse hielt sich in Grenzen. Wenn die zwanzig Kinder tatsächlich zur Schule gegangen wären und in einem Raum zusammen hätten sitzen müssen, es hätte wahrscheinlich jeden Tag eine Menge Zoff gegeben. So aber bestand der Unterricht in täglichen sechs Stunden dauernden Videokonferenzen, während deren die Köpfe der zwanzig Kinder und der jeweiligen Lehrer auf die Multiwand projiziert wurden, man aber beim Unterricht bequem im Bett liegen konnte, wenn man wollte. Shana wusste, dass ihre Großeltern noch in richtige Schulen mit Klassenräumen gegangen waren. Irgendwie wünschte sie sich, das auch tun zu können, wenn sie auch nicht recht wusste, warum. Sie dachte, es wäre einfach besser, wenn man in echt dabei sein konnte. Na ja, sie wollte ja auch unbedingt schlank sein und nicht so dick wie die anderen.

Shana schüttelte die Gedanken ab. Heute jedenfalls waren ihre liebsten Freunde da. Neben ihr und Belly waren Jeronimo, Dali, Nora, Lasita und Biene gekommen. Biene hieß Biene, weil sie sich als kleines Kind einmal aus Versehen in die unerwünschte Zone gebeamt hatte und gleich von einer Biene gestochen worden war. Das hatte nicht nur sie, sondern die meisten anderen davon abgehalten, es ihr nachzutun.

Jeronimo und Dali waren Zwillinge. Die beiden Jungs traten immer gemeinsam aus dem Beamer, was bei manch älterem Modell bisweilen an die Energiereserven ging. Shana hatte immer Angst, dass sie nicht komplett zusammengesetzt wieder erscheinen würden, sozusagen ein Bein hier und ein Arm da. Aber bis jetzt war es immer gut gegangen. Nora ging erst ein Jahr in ihre Klasse. Sie war hängen geblieben und nicht sonderlich helle, aber dafür war sie das ehrlichste Mädchen auf der Welt. Und Lasita war die schönste in ihrer Klasse. Vermutlich sogar von allen registrierten Schülerinnen. Sie brauchte eigentlich keine Multiwand, die sie einkleidete. Alles, was sie je anziehen würde, hätte die Jungs umgehauen, gestand sich Shana ein wenig eifersüchtig ein. Allerdings war sie trotzdem zu dick.

„Belly hat die Clips ausgesucht“, rief Krissa fröhlich. „Ich kann nichts dafür!“

Shana wurde aus ihren Gedanken gerissen und griff sich eines der Zitronenröllchen, die ihre Freundin herumreichte.

„Wenn ihr was trinken wollt, sagt der Multiwand Bescheid. Ich hab euch freigeschaltet.“

„Okay, danke“, meinte Nora. „Multiwand! Eine Orazico, bitte!“

„Habe ich Sie richtig verstanden?“, kam es von der Wand. „Eine Oraziko?“

„Ja, eine Oraziko. Meine Wand weiß, was das ist“, meinte Nora schnippisch. „Eine Orangen-Zitronen-Cola!“

„Ich nehme an, ich mische Orangensaft mit Zitronensaft und Cola?“, meinte die Stimme unbeirrt.

„Korrekt“, grinste Nora.

Krissa schüttelte den Kopf. „Orazico! Du bringst noch das System meiner Multi mit deinen Wünschen durcheinander!“

„Egal“, sagte Belly ungerührt und hielt einen kleinen Chip hoch. „Hier, ich hab drei Stück besorgt. Das ist mein Geburtstagsgeschenk für Krissa. Mehr Geld hatte ich nicht“, grinste er. „Sucht euch einen aus.“

„Was hast du?“, fragte Dali. „Hoffentlich nicht nur Mädchenfilme!“

„Na ja …“, druckste Belly. „Schließlich hat Krissa Geburtstag. Aber keine Sorge, ich hab für alle was dabei. Duell im Staub der letzten Tage, Martial Fights und Liebe zwischen den Welten.“

„Du hast Martial Fights besorgt?“, fragte Shana ungläubig. „Der ist erst ab 21! Woher hast du den Entsperrungscode?“

„Von Carl.“

Shana verdrehte die Augen. „Der hat wohl allen den Code verkauft! Irgendwann wissen unsere Eltern, dass wir den Code haben, und dann gibt’s Ärger.“

„Ich darf Martial Fights nicht sehen“, kam es halblaut von Nora. Wie auf Kommando drehten sich alle Köpfe zu ihr.

„Nicht mal heimlich?“, fragte Jeronimo verblüfft. Er konnte anscheinend gar nicht glauben, wie jemand einen solchen Film ausschlagen konnte. „Das merkt doch keiner.“

„Doch“, sagte Nora mit fester Stimme. „Ich kann nicht schwindeln. Und wenn ich zurückkomme und meine Eltern mich fragen, was wir gesehen haben …“

„Also fällt Martial Fights aus“, stellte Krissa fest, was Shana und die Jungs zu einem enttäuschten Aufstöhnen veranlasste. „Bleiben noch Duell im Staub der letzten Tage und Liebe zwischen den Welten. Wer ist für welchen?“

Nach einigem Hin und Her endete die nicht zu umgehende Abstimmung mit einem Unentschieden.

„Losen wir“, entschied Krissa. „Multiwand! Zufallsgenerator für eine Wette einschalten! Kopf ist Liebe zwischen den Welten und Zahl ist Duell im Staub der letzten Tage!“

„Zufallsgenerator ist eingeschaltet“, tönte es monoton aus der Wand. „Dauer bis zum Abbruchbefehl, Umdrehungsgeschwindigkeit der virtuellen Münze vierhundert Kilometer pro Sekunde.“

Auf der Multiwand erschien ein Monitor, der eine fußballgroße Münze zeigte, die sich sofort in rasende Drehung versetzte, bis nur noch ein schwirrendes Etwas in der Mitte des Bildschirms flimmerte.

„Stopp!“, schrie Krissa. Im Bruchteil einer Sekunde verharrte die Münze und zeigte die Seite, auf der das Bildnis des letzten Regierungschefs eingraviert war.

„Entscheidung gefallen“, sagte die Wand. „Kopf. Liebe zwischen den Welten.“

„Okay“, sagte Krissa und kümmerte sich nicht um das enttäuschte Gestöhne derjenigen, die für den anderen Anifilm gewesen waren.

„Gib her das Ding!“

Belly reichte Krissa den Chip, die ihn in einen kleinen Schlitz im manuellen Bedienteil einführte. Augenblicklich verschwand der Monitor mit der Münze, und die Multiwand begann, erwartungsvoll zu summen.

„Drei Filme erkannt“, sagte die Stimme. „Liebe zwischen den Welten ausgewählt. Warten auf Startbefehl. Mit Werbung oder ohne?“

„Bloß keine Werbung“, meinte Krissa, ging zurück zu ihrem Kissen und ließ sich darauf nieder. „Fang an, aber nicht lauter als Stufe 8!“

Das leise Hintergrundsummen verstärkte sich, und überall im Zimmer schoben sich die Spitzen der Animationsprojektoren hervor. Zu jeder Animationsfilmanlage gehörten Hunderte dieser bleistiftdicken Nadeln. Eine Anifilmanlage in die Multiwand zu integrieren war sündhaft teuer. Krissa hatte sie von ihren Eltern zum Geburtstag bekommen, aber Shana wusste, dass Krissa damit nicht angeben würde. Ihre Eltern verdienten weit mehr Geld als die meisten anderen, aber ihrer Wohnwabe merkte man das nicht an. Jedenfalls war Krissa die einzige, die jetzt eine Anifilmanlage besaß. Da brauchten sie an den Wochenenden nicht mehr ins Kino zu gehen. Shanas Vater hatte gesagt, dass in der Zeitung gestanden hätte, dass das Kino sowieso bald schließen müsste, wenn jedermann in Zukunft eine Anifilmanlage besitzen würde.

Das Zimmer verdunkelte sich. Dann setzte eine dramatische Orchestermusik ein, die den Boden zum Beben brachte.

„Multiwand!“, brüllte Krissa. „Ich hab gesagt, nicht lauter als 8!“

Augenblicklich verringerte sich die Lautstärke auf ein erträgliches Maß. Fahles Licht durchdrang Krissas Zimmer, das jetzt kein Zimmer mehr war, sondern eine unwirkliche Landschaft. Die Projektoren schufen die fantastische Illusion einer weiten Prärielandschaft, die auf einem fernen Planeten zu finden sein musste, denn die Farben des Grases, des Himmels und des am Horizont im Dunst hervorragenden Gebirges waren vollkommen unirdisch. Die Landschaft erstreckte sich über Meilen und wirkte bedrohlich und faszinierend zugleich.

„Ich find Liebesschnulzen lahm“, grummelte einer der Jungs.

„Wart’s ab!“, entgegnete Belly, der den Film ja schließlich ausgesucht hatte.

Plötzlich erfüllte ein seltsames Pfeifen die Umgebung. Das Geräusch klang unangenehm in den Ohren und schwoll mit einemmal zu einem lauten Röhren an. Dann, wie aus dem Nichts kommend, schoss ein schwarzer Raumgleiter über die Köpfe der verblüfften Kinder hinweg und entfachte einen kleinen Wirbelsturm, der die Zuschauer aus den Sitzkissen riss.

„Ohhh Mann!“, entfuhr es Jeronimo. „Das war der Hammer!“

„Hab ich doch gesagt!“, grinste Belly, der sich wieder in sein Kissen hievte und im Leder festkrallte. „Pass auf, da kommen noch mehr!“

Kaum hatte Belly das gesagt, zischten drei, vier, fünf weitere kleine Kampfmaschinen dicht über dem Boden dahin, kaum ein paar Meter über den Köpfen der Zuschauer. Wieder wurden sie durcheinander gewirbelt. Staub und kleine Steinchen flogen durch die Gegend. Die fünf Raumgleiter folgten dem ersten, der jetzt in einem wahnwitzigen Manöver nach oben schoss. Offensichtlich wurde hier jemand verfolgt und versuchte zu flüchten.

„Jetzt knallt’s!“, brüllte Belly, der den Film schon kannte und sich vorsorglich die Ohren zuhielt. Kaum hatte er ausgesprochen, begannen die fünf Verfolger auf den Flüchtenden zu feuern.

Wuuuummm, wuuuuuummm, wuuuuummm! Die dumpfen Schallwellen wirkten wie Stöße gegen die Brust, die Detonationen setzten sich im Boden der Steppe fort und erfassten die Körper der Zuschauer, die gebannt und mit bangem Herzen der Szene zuschauten. Dann schien es, als würde sich die flüchtende Maschine einen Treffer eingefangen haben. In mehreren Kilometern Höhe begann sie zu trudeln und stürzte unkontrolliert ab.

„Oh nein!“, entfuhr es Shana. Doch der Pilot der scheinbar abstürzenden Maschine hatte seine Gegner genarrt. Nach ein paar Sekunden im freien Fall, während der die anderen Maschinen gefährlich nahe an ihn herangekommen waren, begannen plötzlich sämtliche Waffensysteme der abstürzenden Maschine gleichzeitig zu feuern. Weil sie im Fallen um ihre eigene Achse rotierte, wirkte das wie die Feuerkraft einer ganzen Armee. Die Angreifer hatten nicht den Hauch einer Chance. Bevor sie auch nur begriffen, dass ihr Gegner sie hereingelegt hatte, zerplatzten ihre Maschinen in der Luft, und ein Schauer aus Trümmerteilen regnete aus dem Himmel herab. Als sie auf den Boden trafen, warfen sich die Kinder flach auf den Bauch. Zischend und pfeifend schossen Querschläger durch die Gegend und verfehlten sie nur knapp. Mit rasendem Herzen schützte Shana ihren Kopf mit den Armen und traute sich kaum, aufzusehen.

Erst, als der Lärm des letzten Aufschlags schon mehrere Sekunden zurücklag, hob sie den Kopf und schaute sich um. Überall lagen die Überreste der fünf Kampfflieger herum. Hier und da qualmte ein größeres Wrackteil vor sich hin. Der Kampf war vorüber. Und es gab einen tollkühnen Sieger. In der Ferne hatte der Pilot seine Maschine abgefangen und war gerade dabei, in einem weiten Bogen zum Platz des Geschehens zurückzukehren.

Langsam setzte sich Shana auf.

„Und das soll Liebe zwischen den Welten sein?“, fragte Krissa entgeistert. „Wo ist denn da die Liebe?“

„Na ja …“, meinte Belly grinsend und versuchte, sein Sitzkissen wieder in die richtige Position zu bringen. „Eben zwischen den Welten! Da gibt’s Zoff zwischen den Einwohnern zweier Planeten. Ich sag euch, Jungs, die Kampfszenen sind super!“

Belly hob beschwichtigend die Arme, als die Mädchen wie wild protestierten. „Hey, ist ja auch Liebe dabei! Keine Sorge! Da verliebt sich nämlich der Pilot hier in ein Mädchen von dem anderen Planeten, und irgendwann geht alles gut aus. Aber vorher …“ Belly machte den Jungs ein Zeichen. „… geht die Post ab!“

„Ich hab’s nicht ausgesucht“, meinte Krissa entschuldigend und sah dabei zu, wie der Pilot der Siegermaschine mit seinem Fluggerät in den Tiefflug überging und langsamer wurde.

„Die ganzen Getränke sind umgefallen“, sagte Nora hilflos.

„Macht nix“, entgegnete Krissa. „Das kann die Wand nachher regeln. Wir haben ein brandneues Multifunktionscleaningelement.“

Stumm sahen die Kinder zu, wie der Raumgleiter immer näher kam, um dann schließlich keine zehn Meter von ihnen entfernt sanft auf dem Steppenboden aufsetzte. Ein leises Sirren ertönte, dann öffnete sich eine Luke und heraus kam …

„Cross Layer!“, rief Krissa überrascht. „Warum hast du mir nicht gesagt, dass Cross Layer mitspielt?“

„Na ja“, machte Belly verlegen. „Ich wollte was für Jungs und Mädchen, und ich wusste ja, dass du auf Cross Layer stehst …“

„Du bist ein Schatz!“, strahlte Krissa.

„Psssst!“, machte Shana. „Es geht weiter!“

Der Anifilm dauerte geschlagene zwei Stunden, aber alle fanden ihn nicht eine Minute langweilig. Am Ende bekam Cross Layer seine Geliebte vom gegnerischen Planeten und handelte einen Friedensvertrag aus. Als sich die beiden Hauptdarsteller in der letzten Szene liebten, wechselte die Multiwand die Perspektive und schwenkte zum Horizont, denn diese Einstellung war erst ab sechzehn. Der Entsperrungscode nutzte zwar beim Ausleihen, aber er trickste die eigene Multiwand nicht aus.

„Schade …“, meinte Krissa gedehnt.

„Sind auch Jungs da“, lachte Shana. „Die dürfen das noch nicht sehen!“

Als der Film zu Ende war, zogen sich die Projektoren zurück und Krissas Zimmer verwandelte sich in sein normales Aussehen.

„Multiwand!“, rief Krissa fröhlich. „Aufräumen! Saubermachen! Chip ausgeben!“

In der Wand entstand ein rechteckiges Loch, aus dem ein kleines Reinigungsgerät hervorsurrte, das sich sofort daran machte, die umgekippten Getränkebecher aufzusammeln, die Flecken zu entfernen und die Krümel der Zitronenröllchen zu entsorgen.

„Hat jemand Hunger?“, fragte Krissa in die Runde. „Wie wär’s mit McBeam?“

Ein begeistertes Ja! kam zur Antwort. McBeam gehörte einfach zu jedem Geburtstag. Krissa nahm den Chip aus dem Bedienteil heraus und reichte ihn Belly zurück.

„Danke. Der Film war klasse! Den seh ich mir garantiert noch mal an!“

„Ja, wenn du sechzehn bist!“, lachte Lasita. „Damit du die letzte Szene sehen kannst!“

Als sich die Freunde kichernd auf den Weg zu McBeam machten, wofür sie Krissas Beamer benutzten, ging Shana durch den Kopf, was sie dort wohl essen konnte. Denn so lecker es auch bei McBeam war, es gab dort kaum etwas, von dem man nicht zunahm.

„Na, egal“, dachte sie. „Heute mach ich mal eine Ausnahme. Dafür esse ich morgen nicht viel, wenn ich draußen bin.“

Für einen Moment dachte sie noch daran, wie es morgen wohl sein mochte, wenn sie wieder einmal heimlich in die unerwünschte Zone ging. Niemand ahnte, dass sie das tat. Es war zwar nicht verboten, aber alle Eltern impften ihren Kindern ein, es nicht zu tun. Es sei zu gefährlich. Shana lächelte. Gefährlich war es nicht. Das hatte sie inzwischen herausgefunden. Aber es war anders als jeder Anifilm. Ganz anders. Sie wünschte, sie könnte morgen jemanden mitnehmen. Aber sie wusste nicht, wen sie fragen sollte. Die anderen würden niemals mit nach draußen gehen. Sie würden ja auch nicht weit kommen, so dick wie sie waren.

Shana seufzte. Dann bemerkte sie, dass ihre Freunde schon längst durch Krissas Beamer durchgegangen waren und sie als Letzte im Zimmer ihrer Freundin stand. Entschlossen tat sie zwei Schritte und verschwand durch den flimmernden Rahmen zu McBeam.

*

Kapitel 2

Am nächsten Morgen begannen die Ferien. Das bedeutete jedoch nicht, dass Kinder nichts zu tun hatten. Es bedeutete lediglich, dass sie nicht sechs Stunden hintereinander in der Videokonferenz gemeinsam lernten, sondern dass sie ihre vielen Ferienhausaufgaben machen konnten, wann sie wollten. Hauptsache, sie waren fertig, wenn die Schule wieder losging.

Shana war eine gute Schülerin. Sie wusste, dass sie die Aufgaben, die ihr gestellt worden waren, locker in der letzten Ferienwoche bewältigen konnte. Wenn das auch hieß, dass sie dann einige Stunden pro Tag am Stück opfern musste. Aber jetzt wollte sie nicht daran denken, sondern einfach tun und lassen, was sie wollte. Und sie wusste ganz genau, was sie wollte. Aber das mussten ihre Eltern nicht unbedingt mitbekommen.

Im Moment saß sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder Marten in der Küche und wählte am Automaten ihr Frühstück aus.

„Hallo Automat! Frühstück für Shana bitte. Orangensaft, zwei weich gekochte Eier, eine Scheibe Toast, mittlere Stufe gebräunt, und einen Apfel der Marke Braeburn.“

Der Automat antwortete mit knisternder Stimme, wobei er ein paar Silben verschluckte.

„Shana registriert … kkrrzzz … zw … eich gekochte Eier … ei ... Sch … Toast … ei … Apfel Mark … Brrr .. brrnnn.“

„Wie oft habe ich Vati schon gesagt, dass er das Ding reparieren lassen soll!“, mokierte sich Shanas Mutter.

„Soll ich der Multiwand Bescheid sagen?“, fragte Shana fröhlich und wartete auf ihr Essen, das jeden Moment im Ausgabebereich auftauchen musste.

„Nein, kommt gar nicht infrage!“, sagte ihre Mutter entschieden. „Das ist Vatis Aufgabe. Irgendetwas kann er ja wohl auch zum Haushalt beitragen.“

Shana lächelte. Ihr Großvater hatte ihr erzählt, dass er als Kind noch beim Abtrocknen hatte helfen müssen. Das konnte sie sich gar nicht vorstellen. Aber dennoch fand Shana, dass ihr Vater noch fauler war als alle anderen Erwachsenen oder auch Kinder, die sie kannte. Er begründete das damit, dass er einen anstrengenden Job habe, der ihn voll und ganz beanspruchte. Shana wusste, dass er ein Regierungsbeamter war und sehr viele Berichte verfassen musste. Das war aber alles Kopfarbeit, und ihren Vater laufen zu sehen, grenzte schon an eine Sensation.

„Kind, damit kannst du doch den Tag nicht überstehen“, sagte ihre Mutter besorgt. „Du musst mehr essen!“

„Mama, ich habe gestern ein Maxi-Menü bei McBeam verdrückt!“, lachte Shana. „Das reicht bei mir für eine Woche. Und außerdem willst du doch immer, dass wir uns gesund ernähren, oder nicht? Du könntest übrigens auch mal wieder ein bisschen abnehmen.“

„Ich esse doch gar nicht so viel“, verteidigte sich ihre Mutter.

„Nein“, sagte Shana ungerührt. „Aber das falsche. Und du bewegst dich so gut wie gar nicht. Mach endlich das Sportprogramm der Multiwand mit.“

„Dann fall ich tot um.“

„Fang halt langsam an. Das Programm fragt dich ganz genau ab. Außerdem untersucht es dich, wie viel dein Körper aushält. Du kannst gar nicht tot umfallen.“

„Dein Essen“, sagte ihre Mutter und versuchte, vom Thema abzulenken. Die Bestellung war im Ausgabebereich erschienen, und Shana zog das kleine Tablett vorsichtig heraus. Dann setzte sie sich damit an den funktionalen Esstisch und ließ es sich schmecken.

„Wo bleibt eigentlich Vati?“

In diesem Moment summte es, der Küchenbeamer aktivierte sich, und Shanas Vater trat durch den flimmernden Rahmen. Jedes Mal, wenn ihr Vater auf diese Weise erschien oder wieder verschwand, wollte Shana mit sich selbst wetten, ob der Beamer dieser Masse an Molekülen standhalten würde. Ihr Vater wog an die einhundertundfünfzig Kilo. Und er hatte nicht die geringste Absicht, daran etwas ändern zu wollen. Er fand das ganz in Ordnung so.

„Papa!“ Shana verzog das Gesicht. „Musst du denn selbst zum Frühstück noch den Beamer benutzen? Das Badezimmer ist nur drei Meter entfernt!“

Ihr Vater stampfte die zwei Schritte auf den Esstisch zu und ließ sich schwerfällig an ihm nieder.

„Wozu haben wir denn das Ding“, fragte er grinsend. „Ich bezahle doch nicht für etwas, das ich nicht benutze. Hallo Automat! Frühstück für Vati! Sechs Spiegeleier, zehn Scheiben Speck, vier Scheiben gebutterten Toast, drei Pfannkuchen mit Sirup und fünf kleine Würstchen!“

„Und einen Orangensaft!“, rief Shana.

„Letzten Befehl streichen!“, befahl ihr Vater. „Ich hab schon meine Vitaminpillen genommen.“

„Papa, das ist künstliches chemisches Zeugs! Das kann nie so gut sein wie echter Saft!“

„Glaubst du wirklich, dass es noch echte Orangen gibt?“, fragte ihr Vater erstaunt. „Die werden genauso künstlich hergestellt wie die Pillen.“

„Nein“, sagte Shana energisch und stampfte mit dem Fuß auf. „Das stimmt nicht!“

„Woher willst du das denn wissen?“

Shana wurde heiß. Beinahe hätte sie sich verraten. Klar, sie hatte noch keine echten Orangen gesehen, aber echte Äpfel schon. In der unerwünschten Zone … aber sie hielt gerade noch rechtzeitig den Mund. Wenn ihr Vater erfahren hätte, dass sie in dieser Zone herumstromerte, hätte er ganz bestimmt ihre Multiwand angewiesen, dieses Ziel für Shana zu sperren.

Da Shana nicht antwortete, interpretierte ihr Vater das als Eingeständnis und nickte zufrieden.

„Ich weiß, dass du es gut mit mir meinst, aber du sollst nicht schwindeln. Wenn du eine echte Orange findest, dann bring sie mir. Eher glaub ich dir nicht.“

Marten hatte noch gar nichts gesagt. Jetzt stand er auf, ging zur Essensausgabe, holte die Speisen für seinen Vater hervor und stellte sie vor ihm ab.

„Danke, mein Sohn.“ Er betrachtete Marten wohlwollend und begann, einen Toast in die Spiegeleier zu tunken und genüsslich in den Mund zu schieben.

„Kann ich mit den Jungs zu McBeam, Vati?“

„Er hat doch gerade erst gefrühstückt!“, entfuhr es Shana.

„Lass den Jungen! Er kann es brauchen.“

Kopfschüttelnd sah Shana zu, wie ihr beleibter Bruder der Multiwand das Ziel bekanntgab und gleich darauf vom wabernden Nebel des Rahmens verschluckt wurde.

„Und was machst du heute?“, fragte ihre Mutter, die sich mittlerweile zu ihnen gesetzt hatte.

„Ich … ich weiß noch nicht. Ich werde ein bisschen lernen und dann zu Krissa, Mädchenzeug quatschen, du weißt schon.“

Ihre Mutter nickte. „Gut, mach das. Aber sei um sieben zurück. Du weißt, wir essen pünktlich.“

Shana schluckte eine Bemerkung herunter. Wie konnten ihre Eltern immer nur ans Essen denken!

„Ja, ja“, erwiderte sie widerwillig. Während sie ihren Orangensaft austrank, prüfte sie misstrauisch, ob er künstlich schmeckte. Sie fand, das tat er nicht, aber ihr Vater hatte ihr Misstrauen geweckt.

„Um sieben bin ich wieder da, versprochen!“

Fröhlich sprang sie auf und verschwand hopsend durch die offen stehende Tür durch den Flur in ihr Zimmer.

Ihre Mutter blickte nachdenklich hinter ihr her. Dann schaute sie Shanas Vater an und berührte ihn am Arm.

„Willst du nicht auch mal wieder so rumhopsen?“

„Muss nicht sein“, erwiderte er ungerührt.

*

Shana schloss die Zimmertür leise hinter sich und presste für einige Sekunden ein Ohr dagegen. Sie glaubte zwar nicht, dass ihre Mutter unangemeldet hereinplatzen würde, aber man konnte ja nie wissen. Wie erwartet tat sich nichts. Es hatte auch Vorteile, wenn jemand keine sonderliche Lust hatte, sich zu bewegen.

Shana atmete erleichtert aus. Für die nächsten paar Stunden konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Mit zwei Hopsern war sie an der Stelle, wo die Fixierpunkte im Boden markiert waren.

„Multiwand! Modeprogramm einschalten!“

„Welchen Stil wünschen Sie?“

„Hm … ich brauche wetterfeste Kleidung. Keinen Stil. Mach mir eine Jeans, ein rotes T-Shirt, ein weißes Sweatshirt mit einem Delfin drauf und eine dünne Regenjacke, die man zusammenfalten kann! Ach ja, und mach mir einen kleinen schwarzen Rucksack!“

„Produktion der Gegenstände läuft. Ausgabe in fünfzehn Sekunden.“

Während sie auf die Ausgabe der Sachen wartete, entledigte sich Shana ihrer anderen Klamotten und legte sie säuberlich gefaltet auf ihr Bett.

„Multiwand, ich hab was vergessen!“, rief sie fröhlich. „Mach mir noch ein paar wasserdichte Outdoorschuhe in hellbraun! Aber keinen Billigkram“

„Befehl verstanden. Ausgabe in zwei Minuten.“

„Warum dauert das so lange?“

„Billigkram dauert zehn Sekunden. Echte Sohlen aus Caterpillar-Traktorreifen dauern zwei Minuten.“

Shana lachte. „Okay. Ach ja, und Multiwand! Beamer einschalten!“

Shana achtete nicht darauf, wie sich der schimmernde Rahmen aufbaute, sondern zog sich hastig an. Nach exakt zwei Minuten erschienen die Schuhe im Ausgabebereich. Shana holte sie mit einem anerkennenden Pfiff heraus und schlüpfte hinein. Sie überlegte kurz, ob sie der Multiwand befehlen sollte, den Spiegel zu aktivieren, aber dazu hätte der Beamer abgeschaltet werden müssen, also verzichtete sie darauf. Sie blickte an sich herab und beschloss, dass sie gut aussah.

„Mich sieht sowieso keiner“, murmelte sie. Als letztes packte sie die dünne Regenjacke zu einem kleinen Knäuel zusammen, steckte sie in den Rucksack und streifte ihn über.

„Fertig!“ Langsam wurde sie nervös. Sie ging nicht oft hinaus, höchstens einmal im Monat, aber es war jedes Mal höllisch aufregend. Hibbelig trat sie von einem Bein aufs andere.

„Multiwand! Beamerziel: Planquadrat C4!“

„Planquadrat C4 liegt in der unerwünschten Zone. Bitte neues Ziel angeben.“

„Multiwand! Ich bestehe auf Planquadrat C4!“

Es war jedes Mal das gleiche. Die Multiwand konnte ihr kein Ziel verweigern, es sei denn, es war ein militärisches oder aber ihre Eltern hätten bestimmte Ziele gesperrt. Das hatten sie aber nicht. Die Rückfrage war im Sicherheitsprogramm der Multiwand einprogrammiert, damit sich nicht jemand versehentlich nach draußen beamte.

„Planquadrat C4 akzeptiert und eingestellt.“

„Na also, warum nicht gleich so!“, brummte Shana zufrieden. Sie vergewisserte sich, dass sie ihr Portable System am Handgelenk trug, ohne das sie nicht mehr nach Hause gekommen wäre. Dann gab sie der Wand einen letzten Befehl.

„Multiwand! Alle Nachrichten auf mein Portable weiterleiten!“

„Aktiviert.“

„Na, dann geh ich jetzt mal …“

Ohne ihrem Zimmer noch einen Blick zu gönnen, ging sie mit festen Schritten auf den Beamer zu und verschwand in dem flirrenden Rahmen.

*

Mit geschlossenen Augen stand sie da. Ihre Sinne waren bis zum Äußersten angespannt. Unter ihren neuen Schuhen spürte sie einen weichen Untergrund, und es knisterte leicht, als sie ihr Gewicht verlagerte. Vorsichtig atmete sie ein. Der Duft, der in ihre Nase strömte, war unvergleichlich. Überall, wo sie sich sonst aufhielt, herrschten das gleiche Klima und beinahe immer die gleichen Gerüche. Die Computer sorgten für eine konstante Temperatur von 21° Celsius, und die Klimaanlagen gaben weder Essensgeruch noch sonstigen Ausdünstungen eine Chance.

Wo Shana jetzt stand, gab es keine Klimaanlagen. Ein sanfter Wind umspielte ihr Gesicht, während sie versuchte, die Gerüche einzuordnen. Der Duft von Tannennadeln und Laub mischte sich mit dem von Pilzen, vermoderndem Holz, Erde und Harz. Shana meinte, auch die Spur eines Wildgeruchs zu bemerken, und ihre Nackenhaare sträubten sich. Wildschweine? Ein Fuchs?

Sie öffnete die Augen. Sie stand auf einem Pfad, der mitten durch einen Mischwald führte. Die Sonne sandte Ableger ihres Lichts durch die wenigen Lücken in den Wipfeln der Bäume herab und schuf eine geheimnisvolle Atmosphäre. Unzählige Spinnennetze hingen zwischen den Büschen im Unterholz. Millionen von Tautropfen verrieten ihre Anwesenheit. Shana musste lächeln. Die Spinnen mussten sauer sein, dass man ihre filigranen Fallen so gut sehen konnte. Sie drehte sich einmal um ihre eigene Achse. Der Pfad schlängelte sich durch die Bäume und verlor sich hinter einer Biegung.

„Hm, war es links oder rechts lang?“, überlegte sie laut. Eigentlich war es egal, wo lang sie ging, denn sie glaubte nicht, dass sie jemals weit genug kommen würde, um aus dem riesigen Wald herauszugelangen. Ihr Portable würde sie rechtzeitig warnen, wenn sie den Radius der optimalen Sendeleistung für den Beamer verlassen würde. Auf der anderen Seite hatte sie keine Ahnung, wie weit dieser Radius reichte, denn für gewöhnlich war man immer in Reichweite irgendeiner Empfangs- und Sendestation. Sie warf einen Blick auf ihr Handgelenk. Acht von zehn Balken. Das war mehr als genug. Sie holte Luft und wandte sich nach links.

Der Pfad war schmal, es passten kaum zwei Füße nebeneinander. Vermutlich hatten Rehe ihn ausgetreten. Shana wusste sehr viel über die Tiere und Pflanzen des Waldes. Es gab einen gigantischen Zoo und einen Botanischen Garten, in die man sich beamen lassen konnte und für viel Geld mit einem Elektrowagen durchgekarrt wurde. Das waren die üblichen Ausflüge, die man machte, wenn Oma und Opa zu Besuch kamen.

Zum großen Missfallen der Kinder hielt sich niemand ein Haustier, denn wer würde auch mit einem Hund Gassi gehen wollen und wo? Nein, den meisten Erwachsenen war es zu lästig, so etwas zu organisieren, also gab es mit der Zeit niemanden mehr, der ein Tier zu Hause hatte.

Shana setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Trockenes Laub knisterte unter ihren Füßen. Hier und da raschelte es im Unterholz, und einmal flitzte eine Maus über den Pfad. Shanas Herz klopfte heftig. Sie verspürte keine Angst, allein hier draußen zu sein, sie war einfach nur aufgeregt. Beim ersten Mal war das anders gewesen, da hatte sie sich nach fünf Minuten wieder zurückgebeamt. Aber kaum war sie in ihrem Zimmer materialisiert, wurde das Verlangen, wieder hierher zu kommen, unerträglich. Die Außenwelt war so vollkommen anders. Sie roch anders, sie war zu fühlen, zu schmecken, zu hören und zu sehen. Und sie war unglaublich schön. Seit sie das erste Mal in diesem Wald gewesen war, kam ihr ihre eigene sterile Welt hässlich vor. Das einzige, was sie schade fand, war, dass sie dies hier mit niemandem teilen konnte. Es war schon heikel genug, dass sie allein hier rausging, aber wenn sie jemanden eingeweiht hätte, hätte sich das Risiko verdoppelt. Alles durfte passieren, nur nicht, dass man ihr Geheimnis entdeckt hätte. Denn dann würden ihre Eltern ihr die Außenwelt sperren.

„Mist!“, murmelte sie vor sich hin. „Irgendwann sag ich Krissa Bescheid, und wenn es doch rauskommt, dann kann mir vielleicht Carl mit einem Entsperrungscode helfen.“

Ein Windstoß rauschte durch die Wipfel der Bäume. Morsche Äste knackten, und ein Stück weit neben ihr fiel etwas aus großer Höhe herab. Eine Gänsehaut strich über Shanas Rücken. Sie musste zugeben, dass es zwar zu Hause langweiliger, aber garantiert auch sicherer war. Langsamen Schrittes ging sie weiter. Beim Gehen betrachtete sie versonnen ihre Schuhe, die mit jedem Schritt ein wenig Staub aufwirbelten. Ihre Gedanken machten sich selbstständig. Warum konnte man nicht hier draußen wohnen? Nein, dann müsste man ja Bäume fällen, und bei so vielen Menschen wäre es bald um den Wald geschehen, wenn die alle hier wohnen wollten. Dann vielleicht Baumhäuser? Da könnten die Bäume stehen bleiben. Shana musste lächeln. Wenn man in einem Baumhaus wohnte, durfte man nur nicht nachts aufs Klo müssen und die falsche Tür aufmachen! Vor ihrem geistigen Auge erschienen in den Wipfeln der Bäume unzählige Baumhäuser. Aber was, wenn Sturm aufkäme? Shana seufzte. Sie hatte sich das so schön vorgestellt, aber so einfach war es eben nicht. Es blieb wohl ein Traum. Ihr Vater hätte gelacht und gesagt: Wozu brauche ich ein Baumhaus? Wir haben doch hier alles!

Mit einem Mal wurde es heller und Shana schrak aus ihren Gedanken. Eine Lichtung! Sie beschleunigte ihre Schritte. Beim letzten Mal hatte sie sich genau bis hierher vorgewagt, ehe sie umkehrte. Auf dieser Lichtung standen drei uralte Apfelbäume, die Äpfel trugen, deren Geschmack unvergleichlich war. Voller Vorfreude streifte sie den Rucksack von der Schulter, den sie extra mitgenommen hatte, um genügend Äpfel mit nach Hause nehmen zu können.

Als sie den Schutz der Bäume verließ und gleißendes Sonnenlicht sie empfing, erwartete sie eine Überraschung. Der Schreck fuhr ihr in alle Glieder, und sie stolperte, weil sie so schnell nicht abbremsen konnte. Als sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Mit zusammengekniffenen Augen starrte sie auf die Lichtung, auf der die drei Bäume nach wie vor ihre krüppeligen Äste in die Luft streckten. Doch die Äpfel waren es nicht, die Shana erschreckten. Es war das Haus, das mitten auf der Lichtung stand. Ein Blockhaus, gezimmert aus dicken, dunkel gebeizten Stämmen. Das Haus besaß eine Veranda, auf der sich drei Dinge befanden. Ein unbequem aussehender Holzschemel, eine Staffelei und ein Mann, der auf ebenjenem Schemel saß und an einem Bild arbeitete. Der Mann schaute überrascht auf, als Shana aus dem Wald stolperte, und ließ die Hand mit dem Pinsel langsam sinken.

Shanas Gedanken überschlugen sich. Woher kam dieses Haus? Woher kam dieser Mann? Wer war dieser Mann? Niemand ging freiwillig in die unerwünschte Zone. Oder gab es noch mehr, die hier draußen sein wollten, so wie Shana? Aber wie kam das Haus so schnell hierher? Shanas letzter Besuch auf der Lichtung war noch gar nicht so lange her. Mit einemmal meldete sich ein unangenehmes Gefühl in ihrem Bauch. Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Sie blickte sich gehetzt um. Zurück in den Wald? Nach Hause beamen? Nein, der Mann war schneller bei ihr, als sich der Beamer aufbauen konnte. Ins Unterholz flüchten und verstecken? Nein, das trockene Buschwerk machte einen Heidenlärm, das würde niemals klappen. Shanas Magen wurde zu einem Klumpen. Wohin? Was tun?

„Hallo! Komm ruhig näher! Ich beiße nicht!“

Der Impuls, wegzulaufen, war unglaublich groß, doch die Stimme des Mannes auf der Veranda klang tief und Vertrauen erweckend. Shana konnte ihren Vater hören, der ihr immer wieder eingebläut hatte: Gehe niemals zu einem Fremden, egal, wie nett er auch immer erscheint. Aber das war irgendwie Blödsinn, denn wo sollte man in ihrer Welt schon einen Fremden antreffen? Der Beamer war im Prinzip idiotensicher, das meiste machte man von zu Hause aus, und selbst in den Einkaufszentren wurde der Bewegungsradius durch das eigene System überwacht. Na ja, man konnte da schon ein wenig dran rumspielen, wenn man Carl kannte. Aber auf diesen Moment im Wald in der unerwünschten Zone war Shana nicht vorbereitet. Hier konnte sie sich nur auf ihr Gefühl verlassen.

„Ich bin harmlos!“, rief der Mann mit einem sympathischen Lachen. „Und ich freu mich, wenn mich jemand besucht. Das ist schon viele Jahre nicht mehr passiert.“

Shana kniff die Augen zusammen. Der sah nett aus. Seine Stimme klang auch nett. Sie beschloss, dass sie es wagen konnte. Aber nicht zu nah.

„Hallo“, sagte sie leise. „ich bin Shana. Ich beiße auch nicht.“

Der Mann brach in schallendes Gelächter aus und winkte sie zu sich.

„Okay, dann sind wir beide harmlos! Komm, schau dir an, was ich gemalt habe.“

Zögernd ging Shana näher. Ein paar Schritte vor der Veranda blieb sie stehen und verdrehte den Hals. Der Fremde drehte die Staffelei in ihre Richtung und lehnte sich zurück.

„Wie findest du’s?“

Das Bild, das Shana betrachtete, war auf grobe Leinwand gemalt. Es war etwa zur Hälfte fertig und zeigte eine Szene aus einem Hafen des Mittelalters. Es schien ihr, als handelte es sich um spanische Galeeren, die kurz vor der Abfahrt zu einer langen Reise standen, denn viele Männer waren dabei, die verschiedensten Waren an Bord zu schleppen. Ein tiefblauer Himmel stand im Kontrast zum dunklen Schwarzbraun der Schiffsrümpfe, und am Kai herrschte reges Treiben. Shana war sofort fasziniert von diesem Bild. Es fehlten noch viele Details, einige Stellen waren noch weiß, doch bereits jetzt wirkte es so naturgetreu, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Es schien so … echt.

„Es ist toll!“, entfuhr es ihr. „Ich könnte niemals so malen.“

„Es ist ganz einfach“, entgegnete der Mann. „Man muss es nur wollen. Die Bilder entstehen im Kopf. Du musst dir vorstellen, was du sehen möchtest und dabei den Pinsel führen.“

„Schön wär’s“, murmelte Shana.

Der Fremde lächelte und betrachtete sie neugierig. „Du bist nicht das erste Mal hier draußen, stimmt’s?“

Shana wand sich unbehaglich. Sie wusste nicht, wie viel sie dem Mann sagen durfte.

„Ich werd dir sagen, warum ich das glaube. Dein Name ist Shana. Das klingt geheimnisvoll, nach Mut und Tatendrang. Du wirst anders sein als die meisten deiner Freunde, und wenige werden deinen Gedanken folgen können. Du gehst gern deine eigenen Wege, möchtest aber gleichzeitig, dass andere dir folgen. Du warst schon einmal hier und hast einen Rucksack mitgenommen, um dir ein paar Äpfel mit nach Hause zu nehmen. Und du hast das Problem, das niemand auf dich hört.“

Shana fiel vor Verblüffung der Kiefer runter.

„Woher weißt … woher wissen Sie das?“

„Du kannst mich ruhig duzen. Ich heiße Rufus.“

Er kam vom Schemel hoch, stellte sich an den Rand der Veranda, bückte sich zu Shana hinunter und reichte ihr die Hand. Verdattert tat Shana die wenigen Schritte hinüber und schlug ein.

„Shana, aber das weißt du ja schon.“

Wieder lachte der Fremde, und jetzt nahm sich Shana die Zeit, ihn ein wenig näher zu begutachten. Er erschien ihr ungefähr so alt wie ihr Vater, aber ansonsten war er das genaue Gegenteil. Seine Figur war schlank, ja beinahe drahtig, seine Haare wie auch seinen wenige Tage alten Bart durchzogen silberne Fäden, und seine blaugrauen Augen strahlten Gutmütigkeit aus. Wenn der Fremde lächelte, erschienen an jedem Mundwinkel drei kleine Fältchen, die seine freundliche Ausstrahlung noch verstärkten. Shana entschied für sich, dass dieser Mann keine Gefahr für sie darstellte.

Rufus ließ ihre Hand wieder los und verschwand in seiner Blockhütte.

„Bin gleich wieder da!“, rief er über die Schulter zurück. Wenige Minuten später kehrte er zurück, in der einen Hand einen Kaffee, in der anderen eine Tasse mit dampfendem Kakao. Vorsichtig stellte er beides vor der Staffelei auf den Boden und ging noch einmal zurück ins Haus. Als er wieder auftauchte, hatte er einen zweiten Schemel dabei, den er neben den ersten stellte.

„Setz dich“, meinte er gutmütig, „und lass es dir schmecken.“

Shanas Misstrauen war komplett verflogen. Ohne zu zögern nahm sie auf dem zweiten Schemel Platz und die Tasse Kakao mit beiden Händen vom Boden auf. Vorsichtig kleine Schlucke nehmend vertiefte sie sich erneut in das Bild.

„Verkaufst du die Bilder?“

„Nein“, schmunzelte Rufus. „Niemand soll sie kaufen, niemand kann sie kaufen, und niemand darf sie kaufen. Sie sind nur für mich.“

„Warum darf sie niemand kaufen?“, fragte Shana naiv.

„Ich … ich möchte sie nicht verkaufen. Für mich sind sie etwas ganz Besonderes. Es sind Traumbilder. Ich brauche sie auch gar nicht verkaufen. Ich habe alles, was ich zum Leben brauche. Und wenn mir was fehlt, mal ich es mir halt.“

Shana schaute Rufus erstaunt an. „Du malst dir, was dir fehlt? Das geht doch gar nicht! Oder hast du eine Art Multiwand, die dir alles besorgt?“

Rufus runzelte die Brauen. „Multiwand? Was ist das denn? Ein Computer?“

Shana nickte.

„Nein, einen Computer habe ich nicht. Aber wenn ich will, habe ich einen Laden, in dem es alles gibt. Du brauchst dir keine Sorgen um mich machen, ich verhungere schon nicht.“

Einige Sekunden vergingen. Rufus nahm einen kleinen Tiegel mit einer undefinierbaren Farbe und den Pinsel von der Ablage der Staffelei, lehnte sich zurück und blickte einige Sekunden lang zum Waldrand. Dann begann er mit federleichten Bewegungen zu malen. Ein Lagerschuppen entstand wie aus dem Nichts. Sekunden später Mohnblumen, die an seinen Seiten wuchsen und eine Möwe, die vom First des Daches die Szenerie beobachtete. Shana hielt den Atem an. Das, was sie sah, war tatsächlich atemberaubend. Niemand konnte so malen. Das war unmöglich. Staunend sah sie zu, wie Rufus das Bild vollendete. Er benutzte dazu nur diesen einen Tiegel, in dem sich die verschiedensten Farben wie von selbst zu mischen schienen. Das leichte Unbehagen, das sie vorhin schon abgeschüttelt zu haben schien, war wieder da. War dieser Rufus ein bisschen verrückt? Oder spielten ihr ihre Augen einfach nur einen Streich?

„Rufus?“

„Hmm …?“

„Wie lange wohnst du schon hier?“

„Ich bin nur hier, wenn ich ein Bild malen will. Hier kann ich am besten träumen, und nur dann gelingen die Traumbilder.“

„Wo warst du denn dann vor …“ Sie überlegte einen Moment lang, wann sie das letzte Mal hier gewesen war. „… vor zehn Tagen?“

„Vor zehn Tagen? Hm … da war ich in der Karibik. Ich kann dir ein Bild von der Insel zeigen, wo ich war. Aber nach einer Woche hatte ich genug von der Hitze und bin wieder hierher gekommen. Ich hatte Lust, dieses Bild von Tarragona zu malen. Vielleicht steche ich morgen mit den Spaniern in See.“

Shana war sich plötzlich ganz und gar nicht mehr sicher, ob Rufus vollkommen normal und ungefährlich war. Eine Frage lag ihr noch auf der Zunge.

„Du hast das Haus hier in zehn Tagen gebaut?“

Rufus hielt beim Malen inne und lächelte. „Nein, für so ein Haus brauche ich höchstens zehn Minuten. Es muss nur genügend Farbe und Leinwand da sein.“

Shana überlegte fieberhaft, wie sie hier wegkommen sollte, ohne unhöflich zu sein. Dieser Rufus war zwar ganz nett, aber der hatte zweifellos eine Schraube locker. Sie hielt sich ihren Portable theatralisch vor die Augen, und als Rufus aufschaute, tippte sie auf das Schutzglas.

„Ich muss nach Hause. Meine Eltern werden sich schon Sorgen machen.“

„Na klar, das verstehe ich. Schade, dass du schon gehen musst. Es ist schon lange niemand mehr zu mir gekommen. Aber ich male mir meine alten Freunde, wenn ich sie sehen will.“

Shana stand auf und reichte dem Fremden die Hand. „Tja, ich muss jetzt wirklich gehen. War nett, sie kennen zu lernen.“

„Ganz meinerseits.“ Rufus erhob sich ebenfalls und verabschiedete sich von Shana. „Du kannst mich jederzeit besuchen. Ich lasse das Haus hier stehen. Kann sein, dass ich nicht da bin, aber du kannst dich hier wie zu Hause fühlen. Der Kühlschrank ist voll. Und wenn du malen willst, dann mal einfach.“

„Danke“, sagte Shana artig. „Das ist sehr nett von Ihnen. Auf Wiedersehen.“

Als sie von der Veranda heruntersprang und sich dem Saum des Waldes zuwandte, überkam sie ein seltsames Gefühl. Irgendetwas schien sie hier behalten zu wollen, obwohl sie doch schleunigst von hier verschwinden wollte. Der Mann war verrückt, schoss es ihr durch den Kopf. Und dennoch war er ihr sympathisch.

Sie hatte gerade den halben Weg zum Beginn des Pfades zurückgelegt, da hallte Rufus Stimme über die Lichtung. Shana erstarrte.

„Shana!“

„Ähhm … ja?“

„Wenn du malst, male nur bei Tageslicht, versprichst du mir das?“

„Ja, natürlich.“

„Und noch etwas, Shana.“

„Ja?“

„Du darfst niemals eines der Bilder nach Sonnenuntergang berühren, verstehst du, niemals!“

„Mach ich nicht, ich versprech’s!“

„Okay, ich verlasse mich auf dich! Komm gut nach Hause! Wir sehen uns sicher bald wieder!“

Shana drehte sich um und sah, wie Rufus seine Staffelei hoch hob und in sein Blockhaus trug. Jetzt war sie sich ganz sicher. Der Mann war nett, aber vollkommen durchgedreht. Wahrscheinlich hatte er zu lange allein gelebt. Achselzuckend machte sie sich auf den Rückweg und verschwand im Wald. Sie wollte weit genug weg sein, bevor sie den Beamer über das Portable aktivierte. Sie war sich irgendwie sicher, dass Rufus solch ein Gerät noch nie in seinem Leben gesehen hatte.

Kapitel 3

Shana saß mit ihren Eltern und ihrem Bruder beim Abendessen. Der Videorahmen brachte gerade die Nachrichten, die soeben mit dem Wetterbericht endeten. Eigentlich interessierte der nur diejenigen, die morgen in eines der Erholungsgebiete gehen wollten. Das war auch Außenwelt, aber eine völlig regulierte, künstliche. Das einzige, was Shana daran liebte, war der Sonnenschein, denn der war echt. Von der Familie am Tisch lauschte nur Shana der Vorhersage für den nächsten Tag, die ruhiges und sonniges Frühherbstwetter ankündigte.

Shana wollte zurück in die unerwünschte Zone. Schon morgen. Aber diesmal wollte sie jemanden mitnehmen.

„Wer war das?“ Shanas Mutter wies auf eine Spur kleiner Sandhäufchen, die sich von der Küchentür bis zum Tisch hinzog.

„Was ist das für ein Dreck?“

Schuldbewusst zog Shana ihre Füße zurück, aber es war zu spät.

„Und was sind das für Schuhe?“ Ihre Mutter bückte sich, was bei ihrer Leibesfülle recht schwierig war, und runzelte die Stirn.

„Da klebt ja jede Menge Dreck dran! Warst du in der unerwünschten Zone?“

Verdammt, sie hatte vergessen, die Schuhe von der Multiwand reinigen zu lassen! Den halben Wald hatte sie in dem tiefen Profil ihrer Sohlen mit nach Hause geschleppt! Ihr Vater hörte auf zu kauen und legte die Stirn in Falten.

Shana versuchte, cool zu bleiben und sich nichts anmerken zu lassen. Wenn jetzt herauskam, dass sie draußen gewesen war, würde sie auf lange Zeit zu Hause vergammeln.

„Ich hab mir echt authentische Outdoorschuhe von der Multiwand machen lassen. Ich hab gesagt, die sollen so richtig nach draußen aussehen. Muss die Wand wohl mit Dreck produziert haben. Tut mir leid, Mama.“

Ihr Vater schüttelte den Kopf, und ihre Mutter machte den Mund auf, um ihrer Tochter etwas zu entgegnen, überlegte es sich dann aber anders. Stattdessen sprach sie mit der Multiwand.

„Multiwand! Reinigungsprogramm! Fußboden säubern!“

Während die Wand einen kleinen Reinigungsroboter entließ, der sich sofort daran machte, die bröcklige Erde aufzusammeln, überlegte Shana fieberhaft, wie sie die Situation entschärfen konnte. Doch Marten, ihr unnützer Bruder, machte ihr erst einmal einen Strich durch die Rechnung.

„Die war gar nicht zu Hause. Ich hab keinen Mucks aus ihrem Zimmer gehört.“

„Ich hab mit Kopfhörern gelernt, weil du immer diese dämliche Musik hörst!“

Mann, so oft hatte sie noch nie geschwindelt! Hoffentlich brachte sie sich nicht selbst in Teufels Küche.

„Da hat sie allerdings recht“, antwortete ihr Vater, ehe Marten zurückschießen konnte. „Das hat mich vorhin auch genervt. Wie oft habe ich dir das schon gesagt! Wenn du noch einmal lauter als Stärke 6 einstellst, überlege ich mir eine schöne Strafe für dich. Du lebst nicht allein in dieser Wohnung!“

„War doch 6“, sagte Marten kleinlaut.

„Lüg nicht auch noch!“, brauste sein Vater auf.

„Papa“, lenkte Shana schnell ab, „kann ich morgen zu Krissa? Wir müssen nach den Ferien eine Präsentation machen und wollen uns ein bisschen vorbereiten.“

„Natürlich, macht nur. Nimm dir ein Beispiel an deiner Schwester, Marten!“

„Die schwindelt doch!“, brauste ihr Bruder auf.

„Marten!“ Shanas Mutter haute auf den Tisch. „Es reicht! Geh in dein Zimmer! Sofort! Und zwar zu Fuß“

Wutschnaubend und mit einem funkelnden Blick auf seine Schwester erhob sich Marten schwerfällig und watschelte zur Tür hinaus. Beinahe wäre er über den Reinigungsroboter gestolpert, der eben dabei war, in die Wand zurückzukehren.

Shana hatte ein ziemlich schlechtes Gewissen. Bis auf die Sache mit der Präsentation hatte sie gelogen, dass sich die Balken bogen, und Marten kriegte für die Wahrheit die Strafe. Sie beschloss, in Zukunft alle Lügen zu meiden. Na ja, nach Möglichkeit. Aber das, was in der Außenwelt auf sie wartete, war zu schön, als dass sie darauf hätte verzichten wollen.

Morgen nehme ich Krissa mit!, dachte sie aufgeregt, gab ihrer Mutter einen Kuss und hüpfte dann fröhlich in ihr Zimmer.

Als ihre Mutter ihr liebevoll hinterher blickte, entdeckte sie eine Spur aus kleinen Erdhäufchen.

*

Das Frühstück am nächsten Morgen ließ sich Shana von der Multiwand machen, denn ihre Eltern mussten beide früh arbeiten. Zwar arbeiteten sie wie beinahe jeder von zu Hause aus, aber dafür hatten sie zwei separate Zimmer, die die Kinder nicht betreten durften. Shana wusste nicht genau, was ihre Eltern in diesen Zimmern wirklich taten, aber sie wusste, dass sie für die IRA arbeiteten, die Internationale Raumerkundungsagentur, deren Aufgabe die Vorbereitung und Durchführung von Forschungsflügen ins Weltall und die Entwicklung von Raumstationen war. Eine ziemlich wichtige Arbeit, vermutete Shana, aber ihre Eltern sprachen kaum darüber.

Einen Vorteil brachte diese Arbeit jedenfalls mit sich. Die Kinder konnten in den Ferien tagsüber völlig unbeaufsichtigt machen, was sie wollten. Na ja, bestimmte Sachen durften sie nicht, das war ja klar. Aber man durfte sich eben nicht erwischen lassen. So wie Shana heute bei ihrem erneuten Ausflug in die unerwünschte Zone.

Während sie hastig die Sachen vom Vortag wieder anzog, biss sie immer wieder ein Stück von dem Brötchen ab, das der Essenscomputer produziert hatte. Sie konnte es gar nicht abwarten, loszuziehen, aber vor neun Uhr konnte sie nicht bei Krissa anrufen. Ihre Freundin wurde wild, wenn sie nicht ausschlafen konnte. Noch schlimmer, wenn sie nicht ausgeschlafen war, konnte man den ganzen Tag lang nichts mit ihr anfangen. Shana stopfte den Rest des Brötchens in den Mund und schlüpfte in die Outdoorschuhe, aus deren Sohlen mittlerweile auch der letzte Rest des Außenweltdrecks rausgerieselt war. Dann warf sie einen Blick auf die Digitaluhr, die rechts oben in die Multiwand integriert war. Punkt neun.

„Multiwand! Beamer einschalten! Und Kommunikator einschalten! Mit Visulator! Dann mit Krissa verbinden!“

„Beamer wird hochgefahren. Anschluss Krissa antwortet mit Mailbox: „Lieber Anrufer, die Familie Andy, Latoya und Krissa Beaufort ist heute in der Außenwelt im Zoologischen Garten. Wenn Sie wollen, können Sie uns auf dem Portable erreichen. Bye, bye. Verbindung getrennt.“

Shana stampfte mit dem Fuß auf. „Mist, ausgerechnet heute!“

Sie überlegte, wen sie stattdessen mitnehmen könnte. Nora, Lasita und Biene gehörten zu ihrer engsten Mädchenclique. Aber besaß eine von ihnen genügend Mut, um mitzukommen?

„Hm“, machte Shana. „Nora ist zu ehrlich. Die erzählt sofort zu Hause, wo wir waren. Außerdem ist sie, glaube ich, ein bisschen zu ängstlich. Biene … nein, Biene ist zu jung.“

Biene ging zwar in dieselbe Klasse wie Shana, aber sie war eine dieser superintelligenten Kinder, die Klassen überspringen. Biene war gerade einmal elfeinhalb. Shana fand, das war eindeutig zu jung. Ganz zu schweigen, was passiert wäre, wenn rauskäme, dass sie Biene angestiftet hatte.

„Also Lasita“, grummelte Shana. „Multiwand! Mit Lasita verbinden!“

„Verbunden.“

Es dauerte ein Weilchen, ehe Lasita ranging.

„Hallo Shana!“

„Was ist denn los? Du klingst ja so komisch.“

„Mir ist schlecht. Ich kotze seit heute Nacht und lieg im Bett. Hab wohl zu viele Zitronenröllchen gegessen.“

„Das tut mir leid“, sagte Shana ehrlich. Gleichzeitig war sie enttäuscht, dass auch die letzte ihrer Freundinnen nicht mehr für den Ausflug in Betracht kam.

„Beeil dich mit gesund werden! Wenn’s dir besser geht, ruf mich sofort an, okay?“

„Ja, mach ich“, antwortete Lasita mit müder Stimme. „Sag mal, wolltest du was Bestimmtes?“

„Nein, nein, ich wollte nur mit dir quatschen.“

„Lass uns das auf morgen verschieben.“

„Machen wir, gute Besserung! Frag die Multiwand, ich nehme immer Magofix,, wenn’s mir dreckig geht.“

„Danke, hab schon zwei davon drin. Ich meld mich. Mach’s gut.“

„Tschüss, Lasita, gute Besserung!“

Aus dem Kommunikator kam nur ein Grunzen, dann endete die Verbindung. Shana stand enttäuscht vor die Multiwand. Sollte sie allein zurück in die verbotene Zone zurückgehen? Sie fürchtete sich nicht vor einer erneuten Begegnung mit Rufus, aber irgendetwas in ihrem Innern sagte ihr, dass es besser war, nicht allein zu gehen. Außerdem platzte sie beinahe, ihr Geheimnis mit jemandem teilen zu können.

Wer kam noch infrage? Einer von den Jungs? Shana schüttelte den Kopf. Wenn rausgekommen wäre, dass sie mit einem Jungen im Wald gewesen war, dann hätte sie ein hämisches Spießrutenlaufen in ihrer Klasse über sich ergehen lassen müssen.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Belly. Belly war ihr sympathisch, obwohl er reichlich fett war. Er hatte die Situation gestern nicht ausgenutzt, als er sie halb nackt durch den Visulator gesehen hatte. Nicht einmal gegrinst hatte er, als sie bei Krissa ankam. Ja, sie war sich sicher. Belly war der einzige von den Jungs, den sie mitnehmen konnte.

„Multiwand! Mit Belly verbinden!“

„Verbunden!“

Schon nach dem ersten Signalton ging Belly ran. Auch er hatte seinen Visulator eingeschaltet und materialisierte direkt vor Shana.

„Hi, Shana! Schön, dass du anrufst! Hab mich gerade gelangweilt. Meine Eltern sind heute zu irgendeiner Fortbildung im Bildungszentrum. Was ist los? Willst du noch mal Liebe zwischen den Welten sehen?“

Shana musste lachen. „Nein, danke! Aber wenn du mal Martial Fights hast … nein, ich wollte dich fragen, ob du Lust auf ein Abenteuer hast.“

Belly, der als Projektion direkt vor ihr stand, verzog fragend das Gesicht.

„Ein Abenteuer? Wo kann man denn bei uns Abenteuer erleben? Das gibt’s doch nur in den Anifilmen!“

Shana grinste. „Ich versprech dir, mit mir kannst du ein echtes Abenteuer erleben! Es ist ungefährlich, keine Sorge. Aber ein bisschen verboten schon.“

Bellys Interesse war geweckt. „Wer macht noch mit?“

„Niemand. Nur du und ich. Und … du musst schweigen können wie ein Grab. Ich weiß, dass du das kannst. Das war gestern nett von dir, dass du mich nicht verraten hast. Du weißt schon … als ich so wenig anhatte.“

„Ist schon okay“, murmelte Belly verlegen und wurde rot. Dann lenkte er von dem heiklen Thema sofort wieder ab. „Was hast du denn nun für ein Geheimnis?“

Shana legte einen Finger auf die Lippen. „Kannst du zu mir kommen? Mir wäre es lieber, unser Gespräch wird nicht aufgezeichnet.“

Jedes Gespräch wurde vom Kommunikator aufgezeichnet. Shana hatte sowieso schon zuviel gesagt. Normalerweise würde sich niemand die Aufzeichnungen anhören, aber wenn sie zu lange wegblieb und ihre Eltern sich wunderten, wo sie steckte, könnten sie schon auf die Idee kommen, die Verbindungen aufzurufen.

„Klar, warte.“

Bellys Projektion löste sich auf, aber die Verbindung blieb bestehen, und sie konnte hören, wie Belly sich in seinem Zimmer bewegte.

„Belly …“

„Ja?“

„Zieh feste Schuhe an! Am besten Outdoorschuhe mit Caterpillarsohlen!“

Belly sagte nichts, aber Shana konnte förmlich sehen, wie es in Belly arbeitete. Dann hörte sie, wie ihr Freund der Multiwand den entsprechenden Befehl gab und auf die Ausgabe der Schuhe wartete. Schließlich schienen sie fertig zu sein, denn sie hörte Bellys anerkennenden Pfiff.

„Hey, die sehen ja scharf aus! Achtung, Shana, ich komm jetzt! Multiwand! Beamer einschalten! Ziel: Shana!“

Shana ging einen Schritt zurück, um nicht mit Belly zusammenzustoßen, der eine Sekunde später durch den Rahmen ihres Beamers stieg. Unwillkürlich musste Shana schmunzeln. Belly war gekleidet wie einer der Helden aus den alten Filmen, die auf Expedition in den Dschungel gehen. Khakifarbene Shorts mit mindesten zehn Taschen, in denen alles Mögliche zu stecken schien, dazu ein helles Baumwollhemd und eine Weste aus Leder. Dann noch die Schuhe, die wie Klötze an seinen Füßen steckten! Shana musste gewaltsam ein Lachen unterdrücken. Mit seiner Körperfülle und diesen Klamotten sah Belly aus wie ein Pfannkuchen auf Forschungsreise!

„Wo hast du denn die Sachen her? Ich hab gar nicht gehört, wie du sie bestellt hast.“

Belly blickte an sich herab. „Die hab ich schon ein Weilchen. Ich hab einen ganzen Schrank voller Sachen, die ich mir für jede mögliche Gelegenheit hab machen lassen. Nur gab’s noch nie eine Gelegenheit. Und als du gesagt hast, zieh feste Schuhe an, da dachte ich, die Sachen hier wären das richtige. Und, wie seh ich aus?“

„Perfekt. Besser geht’s nicht. Wir werden …“ Gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, dass sie immer noch abgehört wurden. „Multiwand! Kommunikator aus!“

„Ist aus.“

„Gut. Also, Belly, ich sag dir, was ich vorhabe. Du kannst mitmachen oder nicht, dann ist es auch nicht schlimm. Aber wenn du mitmachst, musst du alles für dich behalten, was du heute siehst. Kannst du das?“

Belly kniff die Augen zusammen. „Du willst raus, stimmt’s? In die unerwünschte Zone.“

Shana nickte und warf einen Blick auf die Multiwand.

„Ja, ich will in die unerwünschte Zone. Ich war gestern dort und hab was entdeckt, das ich dir zeigen will.“

„Was ist es?“

Shana machte eine Geste zur Multiwand hinüber. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich fühl mich mit dem Ding nicht wohl. Wer weiß, ob man nicht ständig von der Wand überwacht wird. Jedenfalls … ich sag dir alles, was ich weiß. Aber erst, wenn wir draußen sind. Kommst du nun mit oder nicht?“

Belly betrachtete die Multiwand, als sähe er sie zum ersten Mal. „Meinst du wirklich, die belauscht uns Tag und Nacht? Ich hab mich schon oft gewundert, was meine Mutter so alles rausfindet.“

„Ich weiß es nicht. Aber sicher ist sicher. Was ist nun? Machst du mit?“

Belly grinste. „Wie ich schon sagte, es gab noch nie eine Gelegenheit. Jetzt hab ich eine, und die lass ich mir nicht entgehen! Wann gehen wir los?“

„Wie wär’s mit jetzt?“

„Okay, dann jetzt. Ach … wie lange willst du draußen bleiben?“

„Vielleicht zwei, drei Stunden.“

„Hauptsache, ich bin bis zum Dunkelwerden wieder zu Hause.“

„Kein Problem.“

„Na, dann los.“

Shana blickte sich noch einmal in ihrem Zimmer um. Schmerzhaft wurde ihr bewusst, dass sie nicht an diesem Raum hing. Eine Blockhütte fand sie weitaus gemütlicher. Rufus Blockhütte. Obwohl … sie hatte ja noch nicht einmal einen Blick hinein geworfen.

„Multiwand! Beamerziel: Planquadrat C4!“

„Planquadrat C4 liegt in der unerwünschten Zone. Bitte neues Ziel eingeben.“

Shana seufzte ungeduldig. „Das hatten wir doch gestern schon! Multiwand! Ich bestehe auf Planquadrat C4!“

„Planquadrat C4 akzeptiert und eingestellt.“

„Na also. Energie für zwei Personen! Nach Durchtritt auf Standbymodus bleiben!“

„Verstanden.“

Shana grinste Belly an und machte eine einladende Handbewegung.

„Bitte nach Ihnen, Sir!“

Belly grinste zurück und winkte ab. „Nein, vielen Dank! Frauen und Kinder zuerst!“

Beide lachten lauthals. Dann lenkte Shana ein. Sie konnte verstehen, dass Belly lieber nicht vorging. Sie fand es schon toll, dass er sich überhaupt darauf einließ.

„Okay, ich geh dann mal. Aber warte nicht zu lange, bis du nachkommst. Sonst schaltet der Beamer automatisch ab.“

„Hm.“

„Also, bis gleich.“

Shana zögerte nicht, sondern fixierte den flimmernden Rahmen und marschierte los. Kaum hatte der Nebel sie verschluckt, folgte ihr Belly ohne eine Sekunde zu verlieren. Augenblicke später schaltete die Multiwand den Beamer auf Standby. Er würde so lange auf Empfang bleiben, bis sie zurückkehrten.

Wenn sie zurückkehrten.

*

Sprachlos stand Belly da. Mit großen Augen versuchte er das Bild in sich aufzunehmen, das sich ihm darbot. Die riesigen ineinander gewachsenen Bäume, die schräg einfallenden Lichtbahnen, in denen Insekten umherschwirrten, das Eichhörnchen, das in ebendem Moment in einem großen Satz weit über ihm von einem Wipfel auf den anderen sprang, und die unglaubliche Farbenvielfalt, die die Spätsommersonne in den Wald zauberte. Dazu die Geräuschkulisse aus dem Zirpen und Zwitschern der Vögel, dem Knacken von Geäst, dem Rauschen des Windes in den Bäumen und das Surren von Fliegen, Hummeln und sonstigen geflügelten Kleintieren.

„Das ist dein Geheimnis?“, entfuhr es ihm.

„Sag bloß, du warst noch nie in einem richtigen Wald?“, staunte Shana.

„Meine Eltern waren mit mir nur in dem Botanischen Garten und im Zoo. Da gibt es auch Bäume, aber nicht so viele. Und es riecht nicht so, und in dem Garten gibt es keine Tiere.“

Shana nickte. „Das ist langweilig. Alles künstlich angelegt, und die Tiere sind in Käfigen oder kleinen Gehegen. Die Erwachsenen finden das toll, aber die Tiere bestimmt nicht, und ich auch nicht. Außerdem fährt man mit diesen Wagen durch den Park, da kannst du nicht das Geringste erleben.“

„Ist es gefährlich hier?“, fragte Belly nervös.

„Nein, überhaupt nicht. Vielleicht gibt es Wildschweine, aber ich hab noch nie eins gesehen.“

„Und das wolltest du mir zeigen?“

„Nein, das wollte ich dir nicht zeigen. Ich möchte dir jemanden vorstellen, aber dazu müssen wir ein Stück laufen.“

„Jemanden vorstellen? Aber hier darf doch niemand leben!“

Shana runzelte die Stirn. „Man darf hier nicht leben? Das hat mir niemand gesagt. Man will nicht, dass wir Kinder hier spielen, weil wir verloren gehen könnten.“

„Mein Vater hat mir gesagt, dass niemand hier leben darf“, beharrte Belly. „Und wenn er rauskriegt, dass ich draußen war …“

„Dann sag ich, dass ich dran schuld war!“, lachte Shana. „Ich war schon oft hier, und es ist nicht gefährlich, sondern schön. Los, komm, wir müssen den Pfad hier lang gehen.“

Belly war anzusehen, dass er sich nicht sonderlich wohl in dieser Umgebung fühlte, vielleicht war es aber auch deshalb, weil er etwas Verbotenes tat. Aber die Neugier war größer, und als sich Shana entschlossen in Bewegung setzte, zögerte er nicht und folgte ihr auf dem Fuß.

Während er Shana hinterherstapfte, schaute er staunend nach rechts und links, nach oben und nach unten. Und mit jedem Schritt, den er in den Wald hinein tat, fühlte er sich ein Stück weit mutiger und größer. Das ist ein Abenteuer, dachte er, ein richtiges Abenteuer. Wozu habe ich mir die ganzen Sachen für eine Expedition machen lassen, wenn ich sie nicht wirklich gebrauchen kann? Die Schuhe drückten ein wenig, aber das ignorierte Belly für den Moment.

Nach zehn Minuten wurde das Abenteuer jedoch bereits anstrengend. Shana hörte Belly hinter sich schnaufen wie eine Lokomotive. Sie verlangsamte ihren Schritt, schließlich war Belly übergewichtig und überhaupt nicht gewohnt, mehr als zehn Schritte am Stück zu laufen.

„Wie lange noch?“, krächzte ihr Freund.

„Nicht mehr lange. Schau, da hinten wird es heller, da ist eine Lichtung, und da wollen wir hin.“

Belly grunzte, aber er wollte durchhalten. Seine Spannung stieg, als er hinter Shana die Lichtung betrat. Shana blinzelte in das grelle Sonnenlicht und hielt sich die Hand schützend vor die Augen. Das Haus war noch da. Auf der Veranda stand die Staffelei … nein, Shana korrigierte sich, da standen zwei Staffeleien und zwei Schemel! Hatte Rufus schon jemanden zu Besuch oder hatte er etwa geahnt, dass sie schon so bald wiederkommen würde? Von Rufus jedenfalls war keine Spur zu entdecken. Vielleicht war er im Haus. Shana gab Belly ein Zeichen.

„Komm mit!“

„Aber … wir können doch nicht einfach so …“

„Ich war gestern schon hier. Rufus ist total nett, und er kann malen … da fällt dir nichts mehr ein!“

Mit gemischten Gefühlen folgte Belly seiner Freundin, die schon die Veranda erreicht hatte und leichtfüßig auf die Holzplanken sprang. Als Belly sie erreicht hatte, gab sie ihm die Hand und half ihm hoch.

„Meine Schuhe drücken“, murmelte Belly, der nervös zu der einzigen Tür im Blockhaus schielte, die halb offen stand. „Lange kann ich damit nicht mehr laufen.“

„Vielleicht hat Rufus Verbandsspray“, meinte Shana. „Rufus! Bist du zu Hause?“

Keine Antwort.

Noch zweimal rief Shana nach dem Mann, aber es blieb still. Belly war schon wieder am Rand der Veranda und dabei, herunterzuspringen, was nicht unbedingt gut gegangen wäre.

„Warte!“, rief Shana. „Er hat mir erlaubt, hierherzukommen. Ich darf sogar etwas malen, wenn ich will! Das hat er extra gesagt! Du brauchst echt keine Angst zu haben, vielleicht ist er im Wald, Beeren sammeln.“

„Ich weiß nicht“, druckste Belly. „Würdest du es gut finden, wenn sich jemand einfach so in dein Zimmer beamt?“

„Wir haben uns doch gar nicht gebeamt“, erwiderte Shana trotzig. „Und außerdem hat er’s mir erlaubt! Ich geh mal ins Haus und seh nach.“

Mit gemischten Gefühlen blieb Belly zurück auf der Veranda. Seine Blicke huschten zum Waldrand, ob sich dort vielleicht jemand blicken lassen würde, aber es tat sich nichts.

Shana hatte mittlerweile die schwere Holztür weiter aufgestoßen und tastete sich vorsichtig in die Blockhütte hinein. Nach dem grellen Licht auf der Lichtung mussten sich ihre Augen erst einmal an die schummrige Umgebung gewöhnen. Nach ein paar Sekunden konnte sie Umrisse unterscheiden. Die Hütte war größer als es von außen erschien. Sie stand in einer Art Wohnzimmer, in das eine Küchenzeile integriert war. Staunend bemerkte sie einen uralten riesigen Kühlschrank, daneben eine Spüle, in der man wie früher altmodisch Geschirr abwaschen konnte, und daran anschließend einen Herd, der offensichtlich mit Holz befeuert werden musste, denn ein metallenes Rohr führte von ihm nach oben und verschwand in der Außenwand. Regale waren an den Wänden angebracht, und auf ihnen standen die verschiedensten Gefäße mit eingemachten Lebensmitteln. Neugierig wagte sich Shana weiter hinein. Rufus war nicht zu sehen. Sie war sich jetzt auch sicher, dass er nicht im Haus war. Der Wohnbereich war mit Ziegenfellen ausgelegt, zwei Sessel flankierten einen kleinen Tisch aus roh gezimmertem Holz, und an den Wänden hingen allerlei Gerätschaften. Auch hier gab es Regale, die Bücher und Geschirr trugen. Überall entdeckte Shana dicke Kerzen, die meisten von ihnen bereits ziemlich heruntergebrannt.

Als sie sich langsam einmal um die eigene Achse drehte und sich ihre Augen endgültig an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, bemerkte Shana eine Tür, die sich auf der gegenüberliegenden Seite befand. Mit zwei, drei Schritten war sie bei ihr und drückte die einfache Klinke behutsam runter. Dann zog und drückte sie an der Tür, aber sie ging nicht auf.

„Rufus?“, fragte sie noch einmal laut. „Bist du da drin?“

„Immer noch keine Antwort. Achselzuckend begab sich Shana wieder zu Belly auf die Veranda. Der stand immer noch am Rand und wartete auf sie.

„Können wir jetzt wieder gehen?“

„Du willst einfach wieder gehen?“ Shana schaute prüfend in die Runde. „Schade, dass er nicht da ist. Du hättest ihn bestimmt nett gefunden. Und wenn du gesehen hättest, wie er malen kann …“ Shana verdrehte die Augen. „Die Bilder erscheinen einfach so wie aus dem Nichts. Er denkt an etwas, und der Pinsel malt es, als würde er nur von seinen Gedanken geführt.“

„Quatsch!“, sagte Belly. „Du willst nur, dass ich noch länger hier bleibe!“

Shana reckte die rechte Hand hoch und streckte zwei Finger in die Höhe. „Ich schwöre! Es war wirklich so! Komm, da steht seine Staffelei, ich zeig dir das Bild, das er gestern gemalt hat!“

Mit ein, zwei Sätzen war sie bei den beiden Staffeleien, aber als Belly hinter sie trat und ebenfalls einen Blick werfen wollte, atmete sie hörbar enttäuscht aus. Die Staffeleien waren zwar mit je einer großen Leinwand bespannt, aber die waren weiß, und nicht der geringste Farbklecks befand sich auf ihnen.

„Hm“, machte Shana. „Bestimmt hat er das Bild gestern noch fertig gemalt und über Nacht reingebracht, damit es nicht feucht wird. Da waren spanische Galeeren drauf, die beladen wurden und gleich in See stechen wollten. Ich sag dir, da wär ich am liebsten mitgefahren! Ich hab noch nie das Meer gesehen.“

„Das Meer gibt’s gar nicht“, meinte Belly. „Ich träum immer davon, aber ich glaub nicht, dass es das Meer gibt.“

„Doch!“, rief Shana wütend. „Ich weiß, dass es das gibt!“

„Warst du schon mal da?“ Belly wollte eine der Leinwände berühren, ließ es aber dann doch sein.

„Nein, aber …“

„Dann gibt’s dein Meer genauso wie deinen Rufus?“, fragte Belly stichelnd.

„Du bist gemein!“ Shana stampfte mit dem Fuß auf. „Ich hab gedacht, ich nehm dich mit, weil du nett bist, aber ich hätte doch auf Krissa warten sollen!“

„Hey“, beschwichtigte Belly sie. „War nicht so gemeint. Ich glaub dir ja, dass hier jemand wohnt. Aber vielleicht hat man ihn erwischt und ins Gefängnis gesteckt.“

Shana erschrak. Wenn man nun wirklich nicht in der Außenwelt leben durfte und jemand Rufus tatsächlich erwischt hatte? Nein. Sie schüttelte den Gedanken gleich wieder ab. Irgendwie hatte sie das Gefühl, Rufus würde sich nicht erwischen lassen.

„Komm mit rein“, sagte sie zu Belly. „Vielleicht können wir ihm eine Nachricht schreiben und morgen wiederkommen.“

Belly ließ ihr den Vortritt. Während er sich noch nervös umblickte und die Einrichtung verblüfft betrachtete, suchte Shana nach irgendetwas, worauf sie Rufus eine Nachricht hinterlassen konnte. Aber sie suchte den Raum vergebens ab. Enttäuscht zuckte sie die Schultern.

„Schade. Hier gibt’s nichts zum Schreiben.“

„Versteh ich nicht“, meinte Belly. „Wenn er Maler ist, muss er doch jede Menge Pinsel und Farben haben.“

„Du hast recht!“, entfuhr es Shana. „Aber wo?“

Belly zeigte auf die hintere Tür. „Warst du schon in dem anderen Zimmer?“

„Ist abgeschlossen. Kannst ja probieren.“

Belly überlegte einen Moment, aber dann ging er hinüber, drückte die Klinke herunter und … die Tür öffnete sich mit einem durchdringenden Knarren!

„Das gibt’s doch nicht!“, flüsterte Shana. „Ich hab vorhin gezogen und gedrückt, die war ganz fest zu!“

„Na, jetzt nicht mehr!“, grinste Belly. Er öffnete die Tür bis zum Anschlag und starrte hinein. „Oh Mann!“, entfuhr es ihm. „Schau dir das an!“

Aufgeregt stellte sich Shana neben Belly in den Türrahmen und warf einen Blick in den angrenzenden Raum. Überrascht weiteten sich ihre Augen. Der Raum war riesig, viel größer als ihr Wohnzimmer zu Hause. Er war mit dunklen Dielen ausgelegt, besaß aber drei große Fenster an den drei Außenseiten, die ihn mit warmem Sonnenlicht durchfluteten. In der Mitte führten zwei kleine Stufen auf ein Podest, auf dem eine große Staffelei und ein weiterer Schemel standen. Das Podest war vielleicht zweimal zwei Meter groß und überragte den Rest des Raumes um vielleicht vierzig Zentimeter. Genug, um alles überblicken zu können, wenn man dort oben saß und malte. Denn nur dafür schien dieses Podest geschaffen worden zu sein. Und dass jemand dort malte, war unübersehbar. Denn der Rest des Raumes war übersät mit den erschaffenen Bildern. Sie hingen an den Wänden, standen auf weiteren Staffeleien und gerahmt oder ungerahmt an den Wänden, blickten einem entgegen oder versteckten ihre Motive scheinbar verschämt vor ungebetenen Besuchern.

„Wie kann man nur so viele Bilder malen?“, flüsterte Belly.

„Rufus lebt bestimmt schon sehr lange hier“, antwortete Shana ebenso leise.

„Aber wovon lebt er denn?“ Belly war fassungslos. „Er muss doch Essen und Trinken kaufen! Und er hat keine Multiwand, die alles macht!“

„Du hast recht“, nickte Shana langsam. „Vielleicht verkauft er ab und zu welche, wenn er in die Stadt kommt.“

„Hat er denn noch eine zweite Wohnung?“

„Weiß ich nicht. Wir können ihn ja fragen, wenn er wiederkommt.“

Shana machte ein, zwei Schritte in den Raum hinein und öffnete den Kühlschrank. Die Tür quietschte leicht, als sie sie öffnete. Shana kramte ein wenig in seinem Innern herum und schloss ihn wieder. Dann betrachtete sie suchend die Wände und öffnete schließlich den kleinen Schrank, der sich unter der Spüle befand. Sie warf einen Blick hinein und machte ihn unverrichteter Dinge wieder zu. Schließlich stand sie auf und lief langsamen Schrittes das Zimmer ab. Hier und da bückte sie sich, kam aber jedes Mal kopfschüttelnd wieder hoch. Schließlich war sie fertig und stemmte die Arme in die Seiten.

„Was hast du gesucht?“, fragte Belly mit unsicherer Stimme.

„Steckdosen“, erwiderte Shana. „Wenn es Strom gibt, muss es auch Steckdosen geben. Es gibt aber keine.“

„Der Kühlschrank läuft aber“, gab Belly zu bedenken.

„Hm. Das Haus ist magisch, ich sag’s dir! Komm, wir schauen uns die Bilder an!“

„Ich …“

„Nun komm schon! Hast du etwa Angst vor Bildern?“

„Nein, aber …“

„Belly, Rufus ist in Ordnung. Glaub mir. Ich schau mir jetzt jedenfalls die Bilder an. Du kannst ja hier warten.“

Das wollte Belly nun auch wieder nicht, denn die Aussicht, dass Shana in diesem Bilderzimmer verschwand und er dann hier allein warten müsste, gefiel ihm noch weniger, als mitzugehen. Seufzend folgte er ihr.

Langsam durchquerten sie das Zimmer, das beinahe schon ein kleiner Saal war, und betrachteten neugierig die Bilder, die in ihm ausgestellt waren. Sie vermieden es, eines davon zu berühren.

„Schau mal, hier“, meinte Belly. „Hier ist eine Burg! So eine wie in meinem Anifilm Die letzte Zugbrücke. Sieht ganz schön gruselig aus.“

„Das hier nicht“, meinte Shana und deutete auf ein farbenprächtiges Gemälde, das einen langen, palmengesäumten Sandstrand und türkisfarbenes Meer zeigte.

„Ist das schön!“, entfuhr es Belly, der seine Burg im Stich ließ und zu Shana herüberkam. Sprachlos stand er vor dem großen Bild und ging mit dem Gesicht ganz nahe heran. Tropische Hitze und der Geruch nach Salz und Tang schlugen ihm entgegen. Belly fuhr erschrocken zurück. Das Bild der Burg war ihm schon unglaublich real erschienen, aber das hier …

„Ich hab’s ja gesagt“, sagte Shana zufrieden. „Niemand kann so malen. Und er hat dafür nur einen kleinen Tiegel benutzt.“

Belly hörte gar nicht richtig zu. Es hatte ihn gepackt. Aufgeregt lief er von Bild zu Bild. Jedes war aufregender als das andere.

„Hier!“, rief er Shana über die Schulter hinweg zu. „Ein Zirkus! Und sieh mal, das hier! Ein Wagenrennen! Und da! Eisbären! Mann, die Bilder sind der Hammer! Hey, Shana, komm her und schau dir das an! Das ist völlig verrückt! So seltsame Tiere hast du noch nie gesehen! Richtige kleine Monster und süße Wesen, alles durcheinander! Und die Landschaft erst! Rote Berge, gelbe Straßen und eine grüne Sonne! Das musst du dir ansehen!“

Shana lächelte. Belly bewegte sich plötzlich gar nicht mehr schwerfällig, sondern eilte von einem Motiv zum nächsten, bückte sich und kam behände wieder hoch. Seine drückenden Schuhe schien er gar nicht mehr zu bemerken. Nachdenklich ließ Shana ihren Blick durch den Raum schweifen, bis er an dem Podest hängen blieb. Shana fixierte die dort stehende Staffelei. Von ihrem Standort aus konnte sie das Motiv nicht sehen, denn die Leinwand zeigte in die andere Richtung. Sie fasste einen Entschluss. Langsamen Schrittes ging sie in die Mitte des Raumes, bestieg das Podest und ging um die Staffelei herum. Als sie das Bild von vorne sah, klappte ihr der Kiefer runter.

„Belly!“

Ihr Freund zuckte zusammen und löste seinen Blick von einem Bild, das einen Rummelplatz mit lauter Buden, Karussells und einem Riesenrad zeigte.

„Was hast du?“

Stumm winkte Shana ihn zu sich heran. Als Belly neben ihr stand und einen Blick auf die Leinwand warf, weiteten sich seine Augen. Auf der Leinwand befand sich kein Bild. Sondern eine Nachricht.

Liebe Shana!

Ich hab mir schon gedacht, dass du wiederkommst!

Wen hast du mitgebracht?

Ihr könnt malen, wenn ihr wollt.

Nehmt die Leinwände auf der Veranda.

Ich weiß nicht, wann ich wiederkomme.

Essen und Trinken ist im Kühlschrank.

Aber geht bitte, bevor es dunkel wird.

Und berührt keines der Bilder!

NICHT BERÜHREN!

Viel Spaß beim Malen!

Liebe Grüße

Rufus

Belly und Shana wandten gleichzeitig den Blick von der Leinwand und schauten sich an. Shana zuckte die Schultern.

„Ich hab ihm nicht gesagt, dass ich dich mitnehme. Ich hab keine Ahnung, wieso er weiß, dass ich nicht allein zurückkomme. Eigentlich bin ich sogar abgehauen, weil ich dachte, er ist nicht ganz dicht.“

„Du hast gedacht, er ist nicht ganz dicht und hast mich trotzdem mitgenommen?“, fragte Belly wütend.

„Er ist harmlos“, beschwichtigte ihn Shana. „Ich glaube, dass er zu lange allein gelebt hat und ein bisschen … na ja, plemplem ist. Aber das sind Künstler doch alle, oder? Du siehst doch, wie er malt. Ein normaler Mensch kann das nicht. Und nett ist er doch, oder? Wir dürfen essen und trinken und … malen! Dass er uns malen lässt, finde ich toll! Ich will unbedingt wissen, ob ich ein Bild hinkriege. Meine Mutter hat gesagt, zu ihrer Zeit gab es noch Kunstunterricht, aber ich hab noch nie ein Bild gemalt. Du etwa?“

„Nein. Noch nie.“

„Was meinst du, wollen wir?“

Belly schaute auf die vielen Bilder rings um ihn herum. Sein mulmiges Gefühl, dass etwas an diesem Ort ganz und gar nicht stimmte, stritt mit dem unbändigen Verlangen, etwas aus Farbe zu erschaffen. Und wenn es nur Krikel-Krakel war.

„Okay“, meinte er schließlich. „Aber nicht so lange.“

„Kein Problem!“, rief Shana fröhlich und sprang vom Podest runter. „Bevor es dunkel wird, muss ich auch zu Hause sein. Los, komm!“

Shana war schon auf der Veranda, als Bellys Blick auf den großen Kühlschrank fiel. Er konnte nicht widerstehen. Als er die Tür öffnete, sprangen ihm die köstlichsten Dinge ins Auge.

„Okay“, murmelte er. „Erst essen, dann malen!“

In aller Seelenruhe bereitete er sich ein riesiges Sandwich mit Schinken, Käse, Thunfisch, Salat, Gurke und Mayonnaise zu. Von draußen drang Shanas ungeduldige Stimme zu ihm. Suchend öffnete er die Schubladen in der Küche, fand schließlich ein scharfes Messer und schnitt das Sandwich in zwei gleich große Teile. Fröhlich summend begab er sich damit nach draußen.

„Mann, wo bleibst du denn?“, fragte Shana und trat von einem Bein aufs andere. „Warst du auf’m Klo?“

„Nein, da drin gibt’s gar kein Klo. Müssen wir wohl in den Wald machen“, sagte Belly lachend und hielt ihr die eine Hälfte des Sandwichs hin. „Hier, schau! Ich hab uns was zum Essen gemacht!“

Shana wollte schon ablehnen, sie verspürte absolut keinen Hunger. Aber als sie Bellys leuchtende Augen sah, nahm sie ihm das Sandwich ab. Er hatte es schließlich nur gut gemeint.

„Danke. Ich ess es, wenn ich mit meinem Bild fertig bin, okay? Sieh mal, für jeden von uns ist ein Tiegel mit Farbe da! Ich möchte bloß wissen, warum er gewusst hat, dass ich dich mitbringe …“

„Er wusste, dass du neugierig bist“, sagte Belly und biss herzhaft von seinem Sandwich ab. „Aber er wusste auch, dass du Bammel hattest, allein wieder herzukommen.“

„Ich hatte keinen Bammel!“, fuhr Shana auf.

„Und warum bin ich dann mit?“

„Ich … ich konnte es nicht mehr aushalten. Allein so was zu entdecken ist doof.“

„Auch ´ne Erklärung!“, grinste Belly und genoss sein Brot. Shana legte ihr Sandwich vorsichtig auf den Holzbohlen der Veranda ab und nahm den Tiegel, der auf ihrem Schemel stand, in die Hand. Behutsam drehte sie den Deckel ab und schaute hinein. Verblüfft hielt sie ihn Belly hin.

„Sieh mal! Wie Farbe sieht das nicht aus, oder?“

Belly biss ein letztes Mal ab und warf einen Blick in den Tiegel. Was er erblickte, erinnerte wahrlich nicht an gewöhnliche Farbe. Es war eine Masse undefinierbarer Konsistenz und unscheinbarem Aussehen. Grau und zähflüssig wie Gel. Und dennoch schien es Belly, als würde diese Masse für einen winzigen Augenblick schillern wie ein Regenbogen.

„Mehr hat dieser Rufus nicht?“, fragte er enttäuscht. „Keinen Tuschkasten oder eine Palette?“

„Nein“, bekräftigte Shana. „Mehr hat er nicht benutzt. Das Bild mit den Galeeren entstand aus genau so einem Tiegel wie dem hier. Probieren wir es aus?“

Belly stopfte sich den letzten Bissen seines Sandwichs in den Mund und nickte. Dann nahm er sich den anderen, exakt gleich aussehenden Tiegel, der auf dem zweiten Schemel stand und drehte den Verschluss ab. Ein kurzer Blick hinein bestätigte ihm, dass es sich um den gleichen Inhalt handelte.

„Und womit malen wir?“, fragte er ratlos.

„Damit!“, sagte Shana und zeigte auf die Staffeleien, auf denen in kleinen Mulden je ein Pinsel lag. Belly nahm den seinen an sich und setzte sich umständlich auf den Schemel. Shana machte es ihm nach.

Wie auf Kommando sahen sie sich an.

„Was malst du?“, fragten beide gleichzeitig und lachten schallend.

„Ich weiß nicht“, sagte Belly, nachdem er sich beruhigt hatte. „Und du?“

Shana blickte nachdenklich zum Waldrand. „Ich weiß auch nicht … ich wollte immer ein Pferd haben. Ein wildes.“

„Ein wildes?“, fragte Belly erstaunt. „Aber das kannst du nicht reiten!“

„Ich will es auch gar nicht reiten. Wo soll ich denn reiten? Oder weißt du einen Ort, an dem ich das könnte? Wir dürfen doch nur in den Zoo oder den Botanischen Garten.“

„Du könntest hier reiten.“

Shana blickte ihn überrascht an. „Stimmt. Das könnte ich. Aber egal, ein Pferd krieg ich nie. Nein, dann mal ich ein wildes. Eine ganze Herde in einer weiten Landschaft. Und du?“

Belly überlegte nicht lange. „Ich male ein Schiff. Ein Segelschiff. Ein altes mit drei Masten. Ich wollte immer auf dem Meer um die Welt fahren, aber das geht ja nur in den Anifilmen.“

„Okay“, machte Shana und tauchte ihren Pinsel in den Tiegel. „Dann lass uns anfangen. Auf drei?“

Belly nickte heftig. Er war aufgeregt. Seine Befürchtungen und das mulmige Gefühl waren in diesem Moment völlig verflogen.

„Auf drei!“

Gleichzeitig tauchten die beiden Kinder ihre Pinsel in die Tiegel. Als Shana ihren wieder herauszog, bemerkte sie verblüfft, dass sie keine Farbe abstreichen oder auf einen Tropfen aufpassen musste. Der Pinsel war gleichmäßig umhüllt von diesem Gel, und die Masse blieb, wie sie war, egal, wie Shana den Pinsel hielt.

„Komisch, oder?“, fragte Belly, dem es genauso erging.

„Hm, wie man damit malen soll, möchte ich mal wissen.“

Shana führte ihren Pinsel zur Leinwand, und je näher sie kam, desto mehr meinte sie, wie ein Magnet von dieser angezogen zu werden. Im ersten Impuls wollte sie ihre Hand zurückziehen, aber dann ließ sie es geschehen. Mit einem leisen ffsssssttt saugte sich der Pinsel förmlich an der Leinwand fest. Fasziniert sah Shana, wie sich unzählige feinste Härchen in dem Gel in Bewegung setzten, in Wellenbewegungen unruhig hin und her wogten und den Pinsel zum Vibrieren brachten. Doch obwohl Pinsel und Leinwand miteinander verschmolzen schienen, erschien nicht der geringste Farbklecks. Shana versuchte, eine Linie zu ziehen, aber der Pinsel ließ sich von ihr nicht bewegen. Verblüfft versuchte sie es mit mehr Kraftaufwand, aber das änderte nichts. Der Pinsel blieb, wo er war, bewegte aber weiter seine hauchfeinen Borsten.

„Er will nicht!“, rief Belly herüber.

„Meiner auch nicht!“, antwortete Shana.

„Und was jetzt?“

„Weiß nicht. Vielleicht sind wir nicht auserwählt.“

Belly versuchte immer noch, seinen Pinsel zu irgendeinem Strich zu bewegen, aber vergeblich. Shana lehnte sich auf ihrem Schemel ein Stück zurück und überlegte. Dann kam ihr eine Idee und sie ließ den Pinsel los. Keine Sekunde später löste er sich von der Leinwand und fiel auf die Holzbohlen der Veranda.

„Hey!“, rief Shana überrascht. „Allein hält er nicht!“

Belly probierte das gleiche mit seinem Pinsel, und auch er fiel zu Boden.

„Hm“, machte Belly. „Die wollen schon, dass wir malen.“

„Und warum malen sie dann nichts?“

„Wie hat denn dieser Rufus gemalt?“

„Na ja … es ging einfach so. Ich weiß nicht genau.“

Shana versuchte, sich das Gespräch mit Rufus wieder in Erinnerung zu rufen. Wovon hatte er gesprochen? Hatte er ihr verraten, wie er den Pinsel zum Malen kriegte? Nein, aber er hatte etwas von Träumen erzählt … Plötzlich fiel es ihr wieder ein.

„Es sind Traumbilder!“

Belly zuckte zusammen. „Es sind was?“

„Traumbilder! Er hat gesagt, dass es Traumbilder sind. Und wenn er was braucht, malt er es sich einfach.“

„Entweder er spinnt oder du“, meinte Belly trocken.

„Wir müssen von dem, was wir malen wollen, träumen!“, sagte Shana langsam. Sie hob ihren Pinsel auf und führte ihn behutsam wieder an die Leinwand heran. Sofort verschmolzen seine Borsten mit ihr und nahmen ihre Bewegungen erneut auf. Shana holte tief Luft und ließ sie langsam wieder aus ihren Lungen heraus. Dann schloss sie die Augen. Belly sagte etwas, aber sie brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Sie stellte sich ein Pferd vor. Ein tiefschwarzes, großes stolzes, das auf einem Hügel stand und mit den Hufen scharrte. Der Hengst schaute auf eine weite grasbewachsene Ebene hinab. Von der Abendsonne beleuchtete Wolkenfetzen trieben am Himmel dahin. Unten im satten Grün graste die Herde. Seine Herde. Der Leithengst schnaubte und blies kleine Atemwölkchen in die Luft. Dies war sein Reich, und wenn ein Pferd glücklich sein konnte, dann hier, in diesem weiten Land. Mit einem lauten Wiehern stellte er sich auf die Hinterbeine und wirbelte mit den Vorderhufen durch die Luft. Dann hielt es ihn nicht mehr dort oben, und in rasendem Galopp fegte er den Hügel hinunter. Sandwolken stoben auf und hinterließen eine Fahne aus Staub. Das Pferd strotzte vor Kraft und Freiheitsdrang, und die Landschaft bildete den Rahmen für sein Leben.

Shana sah all dies so deutlich vor ihrem inneren Auge, als wäre sie dabei. Wie gern wäre sie in diesem Moment auf dem Rücken des Hengstes mit ihm in die Ebene galoppiert …

Plötzlich verspürte sie einen warmen Strom in ihrem Arm. Ihre Finger begannen zu kribbeln. Shana dachte nur an das Pferd. Sie spürte, dass etwas mit ihr geschah, aber sie ließ es geschehen. Dann, wie auf einen unsichtbaren Befehl hin, begann sich ihr Arm zu bewegen. Er führte ihre Hand nach links und nach rechts, setzte den Pinsel ab und wieder neu an, fuhr sanft und wieder kräftig über die Leinwand, brachte Shanas Finger dazu, ihn mal flach, dann wieder spitz zu halten, zu tupfen, zu schaben oder zu wischen. Das alles dauerte vielleicht zwei oder drei Minuten, dann war es vorbei. Das warme Gefühl verschwand aus ihrem Arm, und die Spannung in ihren Muskeln ließ nach. Shana spürte, wie sich der Pinsel von der Leinwand löste und ließ ihre Hand langsam sinken. Das Bild vor ihrem geistigen Auge verblasste und verschwand schließlich ganz. Sekundenlang saß sie in atemloser Spannung da, die Augen immer noch fest zusammengekniffen. Neben sich hörte sie Holz knarren und wusste, dass Belly dabei war, von seinem Schemel aufzustehen.

„Oh Mann“, entfuhr es ihrem Freund. „Das glaubst du nicht! Das ist der Hammer! Das hast du gemalt?“

Shana riss die Augen auf. Ungläubig starrte sie auf das, was auf der Leinwand entstanden war. Sie hatte den schwarzen Hengst in genau dem Moment gemalt, als er die Flanke des Hügels hinabgaloppierte. Shana saß so dicht vor der Staffelei, dass sie das Muskelspiel des dahinwirbelnden Tieres sehen konnte. Die Abendsonne malte ein rot-violettes Licht auf die Landschaft und tauchte sie in beinahe unirdische Schönheit. Die Staubwolke, die hinter dem Hengst aufstieg, schien so real, dass Shana meinte, sie wehte davon.

Abrupt stand sie auf und stieß dabei den Schemel um. Sie machte zwei Schritte rückwärts und ging dann in die Hocke. Jetzt konnte sie das Bild im Ganzen betrachten. Ihre Augen konnten sich nicht sattsehen. Alles war so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Es war, als hätte jemand einen Film angehalten.

„Ich glaub’s nicht“, murmelte Belly. „Wie hast du das hingekriegt?“

Shana kam aus der Hocke wieder hoch und lächelte Belly an. „Mach die Augen zu und steig auf dein Schiff“, meinte sie. „Du musst genauso davon träumen, wie du es sonst immer machst und dir alles ausmalst. Vergiss die Umgebung und segle los!“

„Aber …“

„Mach schon! Versuch’s!“

Man konnte Belly ansehen, dass ihn noch immer Zweifel plagten, obwohl er das Ergebnis auf Shanas Leinwand sehen konnte. Er betrachtete versonnen den Pinsel in seiner Hand und seufzte. Dann gab er sich einen Ruck, ging zurück zu seinem Schemel und ließ sich wieder darauf nieder. Shana stellte sich hinter ihn und legte ihm die Hände auf die Schultern.

„Mach die Augen zu“, befahl Shana. „Und jetzt erzähl mir von deinem Schiff. Du hast gesagt, es soll alt sein und ein Dreimaster. Was noch? Ist es spanisch oder portugiesisch oder englisch? Wo fährt es hin? Ist gerade Sturm oder segelt es auf eine Insel zu?“

„Nein, nein“, erwiderte Belly. Er schloss die Augen, und Shana spürte, wie ihr Freund entspannte.

„Es liegt noch im Hafen. Ich will ja mitfahren und anheuern. Ich sitze auf einem dicken zusammengerollten Schiffstau auf der Kaimauer und schau es mir an. Es ist riesig, und eine Menge Matrosen sind dabei, es zu beladen. Sie schleppen schwere Kisten an Bord. Ich höre, wie die Masten knarren und rieche die Farbe, mit der schadhafte Stellen ausgebessert werden. Am Rumpf sind Muscheln festgewachsen, und am Bug ist eine Galionsfigur, eine Frau, deren lange Haare so echt aussehen, als würden sie im Fahrtwind wehen.“

Belly sprach immer weiter und steigerte sich in eine Begeisterung hinein, die Shana von ihm noch nicht kannte. Dann, wie auf ein geheimes Kommando, setzte sich sein rechter Arm in Bewegung. Atemlos sah Shana zu, wie Belly sein Traumbild schuf. Ihr Freund war von seiner Erzählung so gefangen genommen, dass er gar nicht zu bemerken schien, dass er mittlerweile zu malen begonnen hatte. Strich um Strich entstand. Shana blinzelte ungläubig. Der Pinsel schien die Farben in sich zu mischen. Wo immer Belly auch ansetzte, erschien die richtige Farbe, sei es das dunkle Braun des Schiffleibs, das schmutzige Grau des Hafenwassers, das Azurblau des Himmels oder die bunten Farben der Waren der Händler, die im Hafen ihre Stände aufgebaut hatten. Shana musste lächeln. Bellys Bild erinnerte entfernt an das von Rufus mit den Galeeren. Männer schienen die gleichen Träume zu haben.

Mit einemmal verstummte Bellys Redefluss. Sein Bild war fertig. Langsam löste sich der Pinsel von der Leinwand und Bellys Arm sank herab. Fasziniert betrachtete Shana das Ergebnis. Das Bild war atemberaubend. Beinahe meinte Shana, das Wasser leise an die Kaimauer schwappen zu hören.

„Kannst die Augen aufmachen!“, sagte sie lachend zu ihrem Freund und löste ihre Hände von seinen Schultern. „An dir ist ein zweiter Rembrandt verloren gegangen!“

Vorsichtig öffnete Belly die Augen. Als er den ersten Blick riskiert hatte, riss er sie weit auf.

„Juiiihh!“, entfuhr es ihm. „Das gibt’s nicht!“

Er hob seinen Po etwas an und ruckelte mit dem Schemel ein Stück weiter nach hinten, um besser sehen zu können.

„Mensch, sieh mal!“, rief er begeistert. „Da steht sogar der Name dran, den ich mir ausgedacht hab: Adventure! Und hier … sieh doch! Da sitze ich! Auf dem Tau!“

Belly konnte es nicht fassen. „Wie kann das sein?“, flüsterte er und betrachtete seinen Pinsel wie einen Gegenstand vom Mars. „Das alles nur mit einem bisschen von diesem Zeug in dem Topf da?“

„Du hast mir ja nicht geglaubt, dass Rufus ein Magier ist!“, sagte Shana triumphierend.

„Das ist nicht magisch, das ist unheimlich“, murmelte Belly und legte den Pinsel hastig auf der Staffelei ab.

„Ich finde es nur aufregend, nicht unheimlich“, meinte Shana, legte ihren Pinsel aber auch zurück. „Dagegen kannst du jeden Anifilm vergessen.“

„Die Farbe sieht gar nicht feucht aus.“ Belly beugte sich vor und betrachtete das Bild von Nahem. „Müsste doch eigentlich erst noch trocknen. Das ist wirklich eine merkwürdige Farbe. Findest du nicht, dass das Bild wie ein Foto aussieht?“

Shana schüttelte den Kopf. „Nein, ich finde, es sieht eher aus wie ein Blick durch ein Fenster. Als wenn es echt wäre.“

Belly hob die Hand und berührte die Leinwand vorsichtig. Gleich darauf zuckte er erschrocken zurück. Verblüfft hielt er Shana seinen Finger vor die Nase.

„Ein Wassertropfen!“

Shana fiel etwas ein. „Nicht berühren! Rufus hat gesagt, dass wir die Bilder auf keinen Fall berühren dürfen!“

Belly beäugte den Wassertropfen auf seiner Fingerspitze. „Aber das ist doch nur Wasser …“

„Ziemlich schmutzig“, bemerkte Shana. „Du solltest dich mal wieder waschen!“

„Hey!“, brauste Belly auf. „Ich hab heute morgen geduscht! Das war das Bild!“

„Das Bild ist furztrocken“, stellte Shana fest und warf einen Blick in den Himmel. „Komisch, nach Regen sieht es aber nicht aus. Wo kommt dann das Wasser her?“

„Egal“, meinte Belly und streifte sich den Tropfen an seiner Hose ab. „Aber die Sonne steht schon ziemlich tief. Ich glaube, wir sollten die Bilder reinstellen und nach Hause gehen.“

Shana warf einen erschrockenen Blick auf ihr Portable, um nachzuschauen, wie spät es war. Im selben Moment weiteten sich ihre Augen in panischem Schreck.

„Es ist weg! Mein Portable ist weg!“

Belly fuhr herum. „Hast du es zum Malen abgelegt?“

„Nein … ich … ich muss es zu Hause vergessen haben.“

„Du hast was?“ Belly wurde blass. „Ohne sein Portable darf man nirgendwo hingehen! Wie konntest du es vergessen?“

Shana stampfte mit dem Fuß auf. „Ich hab’s nun mal vergessen! Vielleicht war ich vorhin zu aufgeregt. Ich weiß sogar noch, wo ich es hingelegt habe. Es muss auf dem Bett liegen.“

„Na toll, dann gute Nacht!“, meinte Belly grimmig. „Da hast du uns ja schön reingeritten!“

„Mann, so schlimm ist es auch wieder nicht. Nehmen wir halt deins.“

Belly starrte Shana schweigend an. Dann hob er langsam seinen rechten Arm bis dicht vor Shanas Nase. Sie blickte auf sein Handgelenk. Es war leer. Eisiger Schrecken fuhr ihr durch alle Glieder.

„Du hast deins auch nicht mit?“, flüsterte sie. Belly schüttelte den Kopf. „Wozu sollte ich? Du wolltest, dass ich gleich mitkomme. Da hab ich nicht dran gedacht.“

„Das kann doch nicht wahr sein!“, stöhnte Shana. „Ja, ja, ohne sein Portable darf man nirgendwo hingehen! Toller Spruch, Belly!“

„Das nutzt uns jetzt auch nichts.“ Belly ließ seinen Arm wieder sinken und schaute zur Sonne, die bereits hinter den Bäumen verschwunden war und recht tief stehen musste. „In ein, zwei Stunden ist es dunkel. Wir müssen vorher zurück sein, sonst gibt’s gewaltigen Ärger.“

„Weißt du, wie weit es bis in die Stadt ist? Und wir wissen doch gar nicht, ob wir überhaupt in unsere Zone reinkommen, selbst wenn wir sie finden. Das macht alles der Beamer.“

Belly sackte sichtlich in sich zusammen. „Und was machen wir jetzt?“

„Wir warten auf Rufus.“

„Aber du weißt doch gar nicht, wann er zurückkommt!“

„Nein, aber im Wald wird er auch nicht schlafen.“

„Wo denn dann?“, fragte Belly schnippisch.“ Hast du in der Hütte vielleicht ein Bett gesehen?“

„Nein“, musste Shana verblüfft zugeben. Da standen die beiden Sessel und ansonsten nur Bilder, nichts als Bilder. Ein Schlafzimmer gab es nicht.

„Hast du eine bessere Idee?“, fragte sie verärgert. „Er kommt bestimmt wieder, sonst hätte er uns keine Nachricht hinterlassen.“

„Klar kommt er wieder“, entgegnete Belly schnippisch. „Fragt sich nur, wann. Wenn man eine Nachricht hinterlässt, bleibt man länger weg.“

„Toll. Vielen Dank auch!“ Shana packte ihre Staffelei mit beiden Händen und hob sie hoch. „Ich bring mein Bild jedenfalls jetzt rein in die Galerie und dann mach ich mir was zu essen.“

Belly schaute ihr hilflos hinterher. Ihm taten die Füße weh, und er fühlte sich überhaupt nicht wohl. Dann fiel ihm ein, was Shana zuletzt gesagt hatte. Ein bisschen was essen könnte eigentlich nicht schaden. Dann fühlte man sich bestimmt gleich besser. Außerdem hatte er sich schon ewig nicht so viel bewegt wie heute. Er war gespannt, was sich noch alles im Kühlschrank finden würde. Und dieser Rufus würde schon wieder auftauchen. Seufzend packte er seine Staffelei und folgte Shana in die Blockhütte.

Drinnen mussten sich seine Augen erst wieder an die dunklere Umgebung gewöhnen. Belly sah, dass die Tür zur Galerie, wie Shana sie genannt hatte, offen stand und schleppte sein Bild hinüber in den anderen Raum. Shana war gerade dabei, auf das Podest zu steigen und ihre Staffelei oben abzustellen.

„Da oben?“ Belly hob fragend die Brauen. „Meinst du, Rufus würde das gut finden, wenn wir unsere Bilder auf seinem Lieblingsplatz abstellen?“

„Er hat bestimmt nichts dagegen“, erwiderte Shana, rückte die Staffelei zurecht und blickte zufrieden auf ihr Werk. „Komm, stell deins daneben. Dann sieht er sie sofort. Ich finde, er sollte sehen, dass wir es geschafft haben, uns auch ein Bild zu erträumen.“

Belly erklomm schnaufend das Podest und platzierte sein Bild neben das von Shana. Dann warf er einen Blick auf die dritte Staffelei, die von Rufus, die ja auch immer noch hier oben stand.

„Hey!“, rief er verblüfft. „Sieh dir das an! Da steht was Neues!“

Shana glaubte, ihren Augen nicht zu trauen. Auf der Staffelei von Rufus schien jemand eine neue Leinwand eingespannt zu haben. Wieder stand dort eine Nachricht geschrieben, eindeutig in derselben Schrift wie die erste. Shana begann, laut vorzulesen:

Liebe Shana!

Wenn ihr hier übernachten müsst,

bedient euch aus dem Kühlschrank.

Zum Schlafen nehmt die Kissen aus den Sesseln,

das mach ich auch so.

Ich bin morgen zurück.

Liebe Grüße

Rufus

Ach ja: NICHT BERÜHREN!!

Belly blickte Shana mit großen Augen an. „Der muss hier gewesen sein, als wir gemalt haben! Warum hat er uns nichts gesagt?“

„Bestimmt wollte er uns nicht stören, als wir unsere Traumbilder gemalt haben“, meinte Shana nachdenklich. „Ich würde trotzdem zu gerne wissen, wo er jetzt steckt. Vielleicht hat er ja einen Beamer oder wenigstens eine Karte. Er weiß bestimmt, wie wir zur Stadt kommen.“

„Ich versteh das nicht“, meinte Belly. „Er muss doch wissen, dass wir Ärger kriegen und unsere Eltern sich Sorgen machen. Warum hilft er uns dann nicht?“

„Das wird schon seinen Grund haben.“ Shana löste ihren Blick von der Staffelei und sprang vom Podest herunter. „Komm, schauen wir mal, was er im Kühlschrank hat!“

Das lenkte Belly von seinem mulmigen Gefühl ab. Für einen Moment betrachtete er noch versonnen sein Traumbild. Der Dreimaster lag vertäut am Kai. Beinahe schien es, als würde er sich jeden Moment losreißen und auf eigene Faust davonsegeln. Plötzlich meinte Belly, eine Bewegung wahrgenommen zu haben. Das Wasser im Hafen kräuselte sich leicht … Belly beugte sich vor und fixierte das Hafenwasser. Nein, er musste sich getäuscht haben. War ja auch Blödsinn.

„Belly, kommst du?“, hörte er Shanas Stimme aus dem anderen Zimmer. „Rufus muss eingekauft haben! Hier gibt’s einfach alles!“

Belly seufzte und löste sich von dem Anblick seines Bildes. Er hätte alles dafür gegeben, es mit nach Hause nehmen zu dürfen. Er beschloss, diesen Rufus zu fragen, wenn er wieder auftauchen sollte. Mit neuer Zuversicht trat er vom Podest herunter und ging zu Shana in die Küche. Auf dem Weg dahin schnüffelte er verblüfft. War das nicht der Geruch von Brackwasser, Fisch und Algen? Irgendwie spielten ihm seine Sinne dauernd Streiche. Erst dieser Tropfen, dann bewegte sich das Wasser auf dem Bild, und nun roch er auch noch seinen geliebten Hafen. Er riss sich zusammen. Das alles hier war mehr als merkwürdig, aber es gab bestimmt eine wissenschaftliche Erklärung für diese Farbe und die Traumbilder. Aber wie die auch immer aussah, Belly genoss es zu träumen, denn dann fuhr er mit seinem Schiff durch eine Außenwelt, die noch viel weiter weg war als die, in der sie sich jetzt befanden.

Er schüttelte alle Gedanken ab und stellte sich neben Shana, die dabei war, den Kühlschrank zu plündern und die Sachen auf der Arbeitsplatte auszubreiten.

„Sieh mal, alles da! Wurst, Käse, Schinken, Pfirsiche, Kirschen, Joghurt und Milch. Such du mal Brot, dann machen wir uns ein paar zurecht und futtern auf der Veranda!“

In einem der Unterschränke der Küchenzeile fand sich ein Laib knusprigen Brotes, so eines, das Shana nur aus Erzählungen ihres Großvaters her kannte. Belly und Shana schmierten sich einen ganzen Berg voller Brote, wuschen Obst ab und suchten sich zwei Pflaumenjoghurts aus. Dann luden sie alles auf ein Tablett, das in einer Nische gestanden hatte und verfrachteten das Ganze auf die Veranda, wo sie sich auf den Holzbohlen niederließen und ihr Abendbrot in den letzten Sonnenstrahlen des Tages verspeisten. Die Sonne schickte nur noch Ableger durch den Wald, und es war bereits merklich dunkler geworden. Aber Belly hatte recht gehabt. Die Gedanken an mögliche Gefahren verblassten merklich, wenn man etwas Gutes zum Essen hatte. Sie aßen langsam und genossen jeden Bissen. Doch als sie fertig waren, mussten sie sich ihrem Problem stellen. Es wurde dunkel.

„Mir ist kalt“, sagte Shana und fröstelte. An ihren Armen kribbelte die schönste Gänsehaut. „Oh Mann, und ich hab versprochen, um sieben zu Hause zu sein.“

„Meinst du, ich nicht?“, erwiderte Belly trocken. „Mir ist auch kalt. Lass uns reingehen. Glaubst du, Rufus kommt bald?“

„Hoffentlich“, seufzte Shana. „Ich hab keine Lust, hier zu schlafen.“

Sie räumten die Sachen ab und trugen sie ins Haus. Drinnen war es bereits so dunkel, dass es Shana schwer fiel, sich zu orientieren. Sie tastete nach einem Lichtschalter, fand aber keinen.

„Lass es!“, tönte Bellys Stimme durch den Raum. „Ich hab’s auch schon probiert.“

Sie hörte, wie Belly das Geschirr abstellte und dabei einen ziemlichen Lärm veranstaltete, weil er schlecht sehen konnte.

„Hast du’s akustisch probiert?“

„Er hat keine Multiwand!“

„Nein, aber vielleicht einen anderen Sensor.“

„Hast du die Kerzen gesehen? Kannst ja mal probieren zu sagen: Multiwand! Kerzen an!“

Shana war sauer, aber sie musste Belly Recht geben. Wer altmodische Kerzen in seiner Wohnung hatte, würde sie wohl kaum elektronisch anzünden. Sie wusste auch nicht, ob das überhaupt möglich war.

„Lass bitte die Tür offen!“, rief Belly. „Dann hab ich wenigstens ein bisschen mehr Licht. Ich such mal Streichhölzer.“

Eine Weile kramte er in den Schubladen herum, bis er fand, was er suchte.

„Wusste ich’s doch! Ich mach’s uns gemütlich.“

Belly ging durch den Raum und zündete jede Kerze an, die er finden konnte. Augenblicke später erfüllte ein warmes Licht das Wohnzimmer. Shana atmete auf. Jetzt konnte sie endlich die Tür schließen. Je dunkler es wurde, desto unheimlicher erschien ihr die gähnende Öffnung. Sie wollte abschließen, aber die Tür besaß nicht einmal ein Schloss. Dafür allerdings einen großen metallenen Riegel, den Shana mit einem Ruck vorschob.

„So kommt Rufus aber nicht mehr rein“, kam es von Belly.

„Egal, aber auch niemand sonst.“ Shana zuckte die Schultern. „Soll er klopfen.“

„Und was machen wir jetzt?“, meinte Belly. „Einen Anifilm wird’s hier nicht geben. Sag mal, hatte der andere Raum einen Ausgang?“

„Nein, aber schau mal nach, ob die Fenster zu sind.“

Belly griff sich eine der dicken Kerzen und wollte Shanas Aufforderung nachkommen, als er im Durchgang zur Galerie stehen blieb.

„Kommst du mit? Ist ziemlich dunkel da drin.“

„Hm“, kam es von Shana, der plötzlich das Herz bis zum Hals klopfte. Sie wollte ihre Angst abschütteln. Das Haus hier war bestimmt harmlos. Und Rufus war nett. Auf der anderen Seite befand sie sich weit von zu Hause entfernt mitten in einem Wald in einer einfachen Hütte, und der einzige, der sie beschützen konnte, war ein dicker Junge. Toll. Aber dann schimpfte sie mit sich selbst. Belly war zwar dick, aber seit er hier draußen war, ging eine seltsame Wandlung mit ihm vor. Er schien mit einemmal selbstbewusster, mutiger. Ja, sogar beweglicher. Als sie so darüber nachdachte, fand sie es eigentlich doch ganz gut, dass Belly bei ihr war.

Sie nahm ebenfalls eine Kerze in die Hand und stellte sich neben ihren Freund in den Türrahmen. Die Staffeleien und Bilder warfen unruhige Schatten an die Wände. Shana schluckte. Es waren nur Bilder!

„Na los!“, sagte sie mit bemüht forscher Stimme und ging vorsichtig in den Raum hinein. Belly folgte ihr auf dem Fuß.

„Nimm du das linke, ich das rechte.“

Sie mussten sich langsam bewegen, um keines der Bilder umzustoßen. Als Shana an ihrem Fenster angelangt war, prüfte sie, ob es fest verschlossen war. Es war alles in Ordnung.

„Meins ist zu!“, kam es von Belly.

„Meins auch!“, rief sie zurück. „Sehen wir hinten auch noch nach.“

Auch das Fenster auf der Rückseite war zu. Es besaß nicht einmal einen Riegel. Behutsam tasteten sie sich durch das Spalier aus Bildern zurück zum Wohnzimmer. Belly ging voraus und stellte seine Kerze auf dem kleinen Tisch ab, der zwischen den ausladenden Sesseln stand. Shana wollte eben die Verbindungstür schließen, als sie ein Pferd wiehern hörte. Wie erstarrt blieb sie stehen.

„Hast du das gehört?“, flüsterte sie.

„Was denn?“, fragte Belly, der sich auf einem der Sessel niedergelassen hatte.

„Na, das Pferd! Da hat ein Pferd gewiehert!“

Belly verdrehte die Augen. „Mann, du denkst echt zu viel an Pferde! Du bist ja noch schlimmer als ich! Mach die Tür zu, sonst kommt’s noch rausgaloppiert!“

„Du bist manchmal richtig blöd!“, erwiderte Shana wütend. Zwei, drei Sekunden lauschte sie noch in die Galerie hinein, aber es blieb still. Ehe Belly noch weiter sticheln konnte, zog sie die Tür hinter sich zu. Dann ging sie hinüber, stellte ihre Kerze neben der von Belly ab und ließ sich in den zweiten Sessel fallen.

„Also, was machen wir jetzt außer warten?“

„Was essen?“

Shana lachte lauthals. „Wir haben doch gerade gegessen! Massenweise! Der arme Rufus! Wenn wir hier noch länger bleiben, ist sein Kühlschrank leer! Ich mach mir was zu trinken. Willst du auch was?“

Belly nickte und erhob sich schwerfällig aus seinem Sessel. „Ich schau mal, was es hier sonst noch so gibt. Vielleicht finde ich eine Karte von der Umgebung.“

Während Shana einen Fruchtsaft aus dem Kühlschrank holte und in zwei Gläser einschenkte, hörte sie Belly im Raum umhergehen. Hier und da nahm er etwas heraus oder hob etwas an. Ab und zu kam ein unterdrückter Fluch. Dann setzte er sich wieder in seinen Sessel und nahm das Glas entgegen, das Shana ihm reichte.

„Nix. Der hat nur Bücher und Kerzen.“

„Und magische Farbe, Pinsel und Leinwände“, ergänzte Shana.

„Ich versteh das nicht“, meinte Belly. „Man kann doch nicht nur lesen und malen. Was macht der die ganze Zeit hier?“

„Ich glaube …“, sagte Shana gedehnt, „… dass er gar nicht oft hier ist. Vielleicht sogar nur, wenn er malt.“

„Und wo steckt er sonst?“

Shana zuckte die Schultern. „Frag ihn, wenn er zurück ist.“

„Und wenn er in diesem Jahr nicht mehr zurückkommt?“

„Dann müssen wir selbst einen Weg aus dem Wald suchen.“

„Ohne Beamer kommst du nicht weit. Du weißt ja noch nicht einmal, in welche Richtung wir gehen müssen.“

Shana lehnte sich zurück und grinste. „Doch, das weiß ich. Ich hab uns ins Planquadrat C4 beamen lassen. Und in der Übersicht auf der Umgebungskarte war das nicht weit von der Stadt. Im Plan auf dem Monitor war das Planquadrat C4 oben links. Und das ist nordwestlich zu unserer Wohnung. Wenn wir uns nach der Sonne richten, müssen wir also nach Südosten gehen.“

„Warum hast du das nicht gleich gesagt?“, fragte Belly verblüfft. „Dann hätten wir noch im Hellen zurückgehen können!“

„Es sind mehr als 40 Kilometer“, entgegnete Shana.

„40 Kilometer?“, rief Belly entsetzt. „Oh Gott! Wie weit war es heute bis hierher?“

„Vielleicht 300 Meter.“

„Jesus, 40 Kilometer! Das schaff ich nie!“

„Siehst du“, sagte Shana ironisch. „Deswegen hab ich das nicht gleich gesagt. Und dann wäre da noch das Problem, dass ich nicht weiß, wie wir überhaupt in unsere Zone reinkommen, sollten wir sie denn wieder finden. Mein Vater sagt, da ist so ein Energiefeld, um die Vegetation fernzuhalten. Keine Ahnung, ob sie auch Menschen fernhält.“

„Toll. Super. Einfach fantastisch!“, meinte Belly und hievte sich umständlich aus seinem Sessel.

„Was hast du denn jetzt vor?“, fragte Shana neugierig.

„Ich mach mir was zu essen“, grinste Belly. „Das einzige, was wir jetzt tun können. Willst du nun auch was oder nicht?“

Shana winkte lachend ab. „Nein, danke. Mir reicht mein Saft. Aber wenn wir dann doch die 40 Kilometer laufen müssen, solltest du ab sofort nur noch Obst essen. Tragen kann ich dich nicht.“

„Schlagt euch allein durch!“, rief Belly theatralisch. „Nehmt keine Rücksicht auf mich!“

Shana spürte, dass er mit seinen Scherzen nur seine Angst und Nervosität überspielte. Belly dezimierte Rufus Vorrat bedenklich, aber irgendwann war selbst er satt. Stundenlang saßen die beiden Kinder in den schweren Sesseln und redeten pausenlos. Ständig warteten sie darauf, dass jemand an die Tür klopfte. Bei jedem Knacken im Gebälk des Blockhauses zuckten sie zusammen. Die Kerzen brannten langsam, aber stetig herunter, aber wenigstens in der Hinsicht brauchten sie sich keine Gedanken zu machen, denn Belly hatte vorhin in einer Schublade einen großen Vorrat davon gefunden. Die Zeit verstrich, und je länger Belly und Shana miteinander redeten, desto mehr schlich sich die Müdigkeit ein. Sie bemühten sich, dagegen anzukämpfen, aber der Tag und all das, was sie erlebt hatten, forderten ihren Tribut. Es musste mittlerweile weit nach Mitternacht sein. Belly besaß weniger Durchhaltevermögen. Irgendwann sackte sein Kopf zur Seite und er begann zu schnarchen.

„Ich hätte doch lieber Krissa mitnehmen sollen“, murmelte Shana. Obwohl, so richtig ernst meinte sie das nicht. Verbissen kämpfte sie gegen die bleierne Müdigkeit an. Doch schließlich behielt der Schlaf die Oberhand. Ohne es zu wollen, glitt Shana in einen unruhigen Schlaf.

Kapitel 4

Irgendwann in der Nacht erwachte sie. Die Müdigkeit hing bleiern über ihren Lidern, und es fiel ihr schwer, die Augen zu öffnen. Augenblicke später spürte sie tausend beißende Ameisen in ihrem rechten Arm. Er war eingeschlafen, was bei der unmöglichen Haltung, die Shana in dem großen Sessel eingenommen hatte, kein Wunder war. Mühsam richtete sie sich auf und rieb ihren Arm. Im matten Licht der letzten drei Kerzen, die noch nicht heruntergebrannt waren, konnte sie Belly in seinem Sessel erkennen. Ihr Freund war im Sitzen eingeschlafen. Sein Kopf war zur Seite gekippt. Er würde fürchterliche Nackenschmerzen haben, wenn er aufwachte. Ab und zu grunzte er beim Einatmen. Shana musste lächeln, aber dann wurde ihr die fremde Umgebung bewusst. Siedendheiß fiel ihr ein, dass sie zu Hause außer sich vor Sorge sein mussten. Vielleicht hatten ihre Eltern längst die Polizei alarmiert. Vielleicht war das gar nicht so schlecht, denn die würde die Multiwand checken und rauskriegen, welches das letzte Ziel des Beamers gewesen war. Dann müssten sie sie eigentlich finden. Dieser Gedanke beruhigte Shana ein wenig. Sie lehnte sich wieder zurück und schloss die Augen. Vielleicht konnte sie ja doch wieder einschlafen.

Nach einigen Minuten musste sie feststellen, dass das unmöglich war. Das Haus machte Geräusche. Neben Bellys Grunzen und leisem Schnarchen knackte es im Gebälk. Außerdem schienen von draußen Laute hereinzudringen. Shana wollte auf ihr Handgelenk schauen und sehen, wie spät es war, musste aber feststellen, dass sie ihr Portable ja zu Hause vergessen hatte.

Was konnten das für Geräusche sein, die leise an ihr Ohr drangen? Vögel? Dämmerte es bereits? Shana stand leise auf und stellte sich an eines der beiden Fenster, die links und rechts neben der Eingangstür auf die Veranda hinausgingen. Stockdunkel. Die Vögel müssten eigentlich noch so fest schlummern wie Belly.

Da! Shana zuckte zusammen. Da war wieder etwas! Sie fuhr herum. Das Geräusch war nicht von draußen gekommen. Und es erinnerte sie an etwas. An ein Tier. An einen … Elefanten! In Shanas Magen bildete sich ein Klumpen. Sie spitzte die Ohren. Das hatte sich tatsächlich angehört wie ein leise trötender Elefant. Am Tage hätte sie den Laut vermutlich nicht wahrgenommen, aber abgesehen von Bellys Schnaufen und dem Knacken der Balken war es hier drin leise genug, um eine auf dem Boden trappelnde Maus hören zu können. Wo war das hergekommen? Sekundenlang stand Shana wie festgewurzelt da und lauschte. Gerade, als sie sich wieder entspannen und alles als Einbildung abtun wollte, wiederholte sich das leise Trompeten. Dann mischte sich ein weiteres Geräusch darunter. Der leise Ton eines Rennwagenmotors! Auf- und abschwellend, als würde der Wagen eine kurvige Strecke entlang fahren. Auf dem Rücken von Shana jagte eine Gänsehaut die andere. Zwei Dinge waren jetzt sicher: Sie hatte sich das nicht eingebildet und die Geräusche kamen nicht von draußen. Sie kamen aus der Galerie!

Shana fixierte die Tür zu dem Raum, in dem Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Bildern standen, hingen und lagen. Die Tür war verschlossen. Aber das war nicht sonderlich tröstlich. Denn sie war nicht abgeschlossen. Wenn dort drin etwas lebte, konnte es jederzeit rauskommen. Shanas Puls raste. Belly! Sie musste Belly wecken!

Mit ein paar Trippelschritten war sie bei ihm und rüttelte ihn an der Schulter. Belly schreckte wie von der Tarantel gestochen hoch. Er schrie auf und packte Shanas Unterarm so schmerzhaft, dass auch sie einen Schrei ausstieß.

„Lass los! Ich bin’s, Shana!“

„Sh … Sh … Shana? Was soll das? Bist du übergeschnappt? Ist Rufus zurück?“

„Nein, nein!“ Shanas Blicke irrten zwischen Belly und der Tür zur Galerie hin und her. „Da … da sind Geräusche! Ein Elefant! Ein Rennwagen! Aus der Galerie!“

Belly sank stöhnend zurück in den Sessel. „Mann! Hast du schlecht geträumt? Ein Elefant! Ein Rennwagen! Hey, ich bin’s, Belly! Leg dich wieder hin und schlaf weiter!“

Shanas Augen funkelten wütend. „Hey, ich bin’s, Shana! Und wenn du mal einen Moment ruhig bist und hinhören würdest, könntest du’s auch hören!“

Belly ließ Shanas Arm los, den er immer noch festgehalten hatte und setzte sich in seinem Sessel auf. Mit verdrehten Augen, die ausdrückten, was er von Shanas Worten hielt, hielt er den Kopf schräg, um zu lauschen.

„Da ist doch gar ni…“

„Pssssst! Da! Hör doch mal länger!“

Belly verzog säuerlich den Mund, tat aber Shana den Gefallen. Einige Sekunden verstrichen ohne dass ein fremder Laut zu vernehmen war. Schon wollte Belly eine dumme Bemerkung machen, da erklang aus dem Nebenraum ein merkwürdiges Geräusch. Diesmal jedoch kein Elefantengetröte oder das Brummen eines Motors.

„Das …“, sagte Belly mit einer Mischung aus Verblüffung und Unbehagen, „… hört sich an wie ein Karussell!“

Shanas Freund hing wie ein nasser Sack in seinem Sessel und horchte angestrengt.

„Ich hab’s dir ja gesagt!“ Obwohl ihr Herz bis zum Hals klopfte, konnte sich Shana die spitze Bemerkung nicht verkneifen.

„Pssssst!“, machte Belly.

„Ach ja, jetzt auf einmal!“

Belly wuchtete sich aus dem Sessel und ging langsam auf die Zwischentür zu. Den Kopf schräg haltend lauschte er angestrengt. Shana folgte ihm. Einen halben Meter vor der Tür zur Galerie blieben sie stehen. Ganz deutlich klang jetzt die blecherne Musik eines Kinderkarussells durch das Türblatt. Aber nicht nur das. Aus der Galerie kam eine ganze Geräuschkulisse unterschiedlichster Laute. Das Läuten von Kirchenglocken. Das Pfeifen von Wind. Ein rhythmisch an- und abschwellendes Geräusch ähnlich einer entfernten Brandung. Wieder der Elefant. Motorengeräusch, diesmal von mehreren Wagen, die um die Wette zu fahren schienen. Darunter mischte sich Rockmusik, und Shana meinte, das undeutliche Gemurmel sich miteinander unterhaltender Leute zu vernehmen.

Shana und Belly wandten nahezu gleichzeitig den Kopf und schauten sich an.

„Was zum Teufel geht da drin vor?“, flüsterte Belly.

„Ich bin also übergeschnappt, ja?“, funkelte Shana.

„Mann, das ist doch jetzt egal! Ich will wissen, was da los ist!“

„Hast du keine Angst?“

Belly schluckte und starrte die Maserung der schweren Holztür an. Dann schüttelte er den Kopf. „Vorhin schon. Aber das hört sich irgendwie nicht gefährlich an. Ich glaub, da drin läuft ein Fernseher.“

„Ach ja?“, machte Shana. „Und wer hat ihn eingeschaltet?“

„Vielleicht hat er ein Zeitprogramm, das sich automatisch einschaltet, wenn Rufus nach Hause kommt.“

„Mitten in der Nacht?“ Shana verzog den Mund. „Es muss mindestens drei Uhr sein. Außerdem hat Rufus keinen Strom.“

Belly straffte sich. „Egal. Gucken wir nach oder nicht?“

Shana lauschte der mittlerweile unglaublichen Geräuschkulisse hinter der Tür. Es war nicht sonderlich laut, aber es schien ihr beinahe, als würden da drin sämtliche Geräusche dieser Welt aufeinandertreffen. Sie blickte Belly von der Seite her an. Niemals hätte sie von ihm gedacht, dass er so wagemutig sein konnte. Ob Krissa sich das wohl getraut hätte? Nein. Und sie selbst, wenn sie ganz allein hier gestanden hätte? Auch nicht. Auf der einen Seite war sie froh, Belly bei sich zu haben, denn er beschützte sie auf seine Weise. Andererseits konnte er sie durch sein Handeln auch in Gefahr bringen. Wer wusste schon, was hinter der Tür auf sie wartete?

„Was ist nun?“, flüsterte Belly. „Ja oder nein?“

„Okay.“ Mehr als ein heiseres Krächzen kam nicht aus Shanas Kehle. Belly nickte grimmig.

„Dann mach ich mal.“

„Aber langsam!“

„Was dachtest du denn?“

Langsam führte Belly seine Hand an die Messingklinke heran. Noch einmal trafen sich Bellys und Shanas Blicke, dann berührten seine Finger das glänzende Metall. Shana kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum, als Belly die Klinke Millimeter für Millimeter herunterdrückte. Die Tür ging nach innen auf. Shana machte sich beinahe in ihre nagelneuen Hosen, als ein Spalt entstand. Sofort drangen all die merkwürdigen Geräusche lauter an ihr Ohr. Belly hielt atemlos inne.

„Da drin flimmert es!“, flüsterte Shana.

„Ich hab’s doch gesagt, da ist ein Fernseher an!“

Durch den zwei Zentimeter breiten Spalt sickerte flackerndes Licht hindurch. Shana musste zugeben, dass es so aussah, als würde sich jemand in einem dunklen Raum einen Film anschauen. So einen altmodischen. Keinen Anifilm, der flimmerte nicht.

„Weiter?“, fragte Belly.

„Hm.“

Behutsam drückte Belly die Tür so weit auf, dass man sich hätte hindurchquetschen können. Jetzt konnten sie in die Galerie hineinblicken. Und was sie sahen, überraschte sie derart, dass sie sprachlos dastanden und in den Raum hineinstarrten. Die Galerie war erfüllt von vielfarbenem Licht, das zuckende und flackernde Ableger an die Decke, die Wände und zu Belly und Shana ins Wohnzimmer sandte. Doch das Licht kam nicht aus einem Fernseher. Es kam … aus den Bildern!

„Uff!“, machte Belly. „Es sind nur die Bilder!“

„Nur die Bilder?“, murmelte Shana. „Aber die Bilder leben!“

„Quatsch!“ Belly gab der Tür einen Stoß, dass sie ganz zur Seite schwang und ging in die Galerie hinein. „Das sind alles digitale Bilderrahmen, die Filme zeigen! Mann, und davor haben wir uns erschreckt!“

Shana antwortete nicht. Solche Bilderrahmen gab es wirklich. Sie waren ein beliebtes Geburtstagsgeschenk. Aber die hier …

„Belly!“, flüsterte sie eindringlich. „Das sind Rufus Traumbilder! Die hat er gemalt! Die kann man nicht kaufen!“

Belly schien ihr gar nicht zuzuhören. Er lief vor bis zum Podest und drehte sich einmal im Kreis.

„Komm her und sieh dir das an! Das ist irre! Jeder Digirahmen zeigt einen anderen Film!“

„Es sind keine Digirahmen!“, murrte Shana, aber sie stellte sich neben Belly und nahm den fantastischen Anblick in sich auf. Ungläubig schaute sie sich um. Auf jedem der Bilder war Bewegung. Dazu die Geräuschkulisse, als würden hundert Filme gleichzeitig gezeigt. Wurden sie ja auch!, schoss es Shana durch den Kopf.

„Da!“, rief Belly und ging ein paar Schritte vor zur Wand, an der ein besonders großes Bild lehnte. „Da ist der Elefant! Ein ganzer Zirkus!“ Dann drehte er sich nach links und zeigte aufgeregt auf ein weiteres Bild. „Und da ist ein Bild mit einer Rennstrecke! Mann, ist das scharf! Wie so ein Rennspiel auf meinem Portable! Jetzt komm doch endlich!“

Shana löste sich aus ihrem Bann und ging zu Belly hinüber. Staunend ging sie in die Hocke und betrachtete das Bild, aus dem eben gerade das Trompeten des Elefanten klang. Das Gemälde zeigte einen Zirkus. Ein großes Zirkuszelt befand sich in der Mitte einer Wiese, die Wagen der fahrenden Leute standen links und rechts daneben. In manchen von ihnen befanden sich exotische Tiere. An der Kasse standen Leute, um Karten zu kaufen, und Shana entdeckte einen kleinen Jungen, der vordrängelte. Am Eingang des Zeltes stand ein großer Elefant, der jeden, der hinein wollte, mit einem Trompeten begrüßte.

„Cool!“, meinte Shana, bei der sich der Klumpen im Magen langsam auflöste.

„Sieh dir erstmal das hier an!“, rief Belly, der sich jetzt das Bild mit dem Autorennen anschaute. Shana gesellte sich zu ihm und sah, wie auf dem Bild ein Dutzend Fahrzeuge auf einer Rennstrecke ein Rennen austrugen. Das Motorengeräusch klang ein wenig nach Spielzeugautos, aber die Szene wirkte so echt, als würde es sich um eine Übertragung eines Rennens handeln. Gerade schien sich einer der winzigen Fahrer beim Ansteuern einer Kurve verschätzt zu haben, denn er geriet auf den Sandstreifen, schleuderte mit seinem Wagen einmal um die eigene Achse und wirbelte mächtig Sand auf, ehe er das Fahrzeug wieder unter Kontrolle bekam und zurück auf die Strecke steuern konnte.

„Da würde ich echt gern mal mitfahren!“, schwärmte Belly. „Mann, dein Rufus hat tolle Filme hier. Jetzt weiß ich, warum er sich nicht langweilt!“

Shana hatte keine Angst mehr, aber trotzdem war ihr nicht geheuer. Das waren Rufus Traumbilder. Er hatte sie gemalt. Das waren keine Digirahmen. Oder doch?

„Aber ich hab auch eins gemalt“, murmelte sie. „Und die Farbe war magisch …“ Sie schaute Belly dabei zu, wie er von einem Bild zum anderen hüpfte und dabei vor sich hin plapperte.

„Hey, Shana, hier ist das Karussell! Das ist ein Bild mit einem Rummel drauf, mit Schießbuden, Zuckerwatte und dem kleinen Kinderkarussell, das so ´ne Babymusik macht!“

Dann war er schon beim nächsten und entdeckte eine einsame Insel mit einem unglaublichen Sandstrand und Kokospalmen.

„Du kannst die Wellen hören, wie sie an den Strand schwappen!“, rief er begeistert.

Shana hörte nicht mehr richtig hin. Auch sie war fasziniert vom Anblick der lebendigen Bilder. Wenn es nur Digirahmen waren, war ja alles okay. Aber sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass Rufus so viele davon hatte. Er war Maler. Er malte seine Traumbilder, hatte er gesagt. Und Belly und sie hatten ihre eigenen Traumbilder malen dürfen. Das ging auf Digirahmen nicht. Belly schien das ganz vergessen zu haben. Shana schnupperte. Sie roch … Elefantenkacke! Sie fuhr herum. Sie stand noch immer vor dem Bild mit den Rennwagen. Langsam begab sie sich zurück zu dem mit dem Zirkus. Sie hockte sich dicht davor und sah, wie ein Mann gerade dabei war, einen gigantischen Haufen Kacke wegzuschaufeln, den das große Tier direkt vor den Eingang des Zeltes gemacht hatte. Der Mann schimpfte vor sich hin, aber Shana konnte heraushören, dass er es nicht böse meinte.

„Puuhhh!“, machte sie und rümpfte die Nase. Das roch wie im Elefantenhaus im Zoo. Es war zwar auf dem Bild nur ein kleiner Haufen, aber der Geruch war unverkennbar.

„Belly!“, rief sie über ihre Schulter. „Können Digirahmen Gerüche produzieren?“

„Weiß nicht“, kam es zurück. „Vielleicht die neuesten Modelle?“

„Der hier kann Elefantenkacke!“

„Und hier riecht´s nach Sonnenmilch! Da liegt einer am Strand und cremt sich ein!“

Shana schüttelte den Kopf. Das hier waren keine Digirahmen. Da konnte Belly noch so sehr drauf beharren. Das waren magische Bilder. Sie spürte es. Das Leben in ihnen wirkte einfach … echt. Mit einemmal durchzuckte Shana ein Gedanke. Sie erhob sich aus der Hocke und erklomm das Podest, wo die beiden Traumbilder, die Belly und sie am Nachmittag gemalt hatten, immer noch standen. Sie warf einen kurzen Blick auf die Nachricht von Rufus, aber da stand immer noch die alte. Dann schaute sie auf ihr Bild. Ihre Augen weiteten sich. Der Hengst, den sie sich erträumt hatte, stand inmitten seiner Herde und graste friedlich in der Sonne. Die Sonne stand mitten am Himmel! Aber sie hatte sich die Szene im Licht der untergehenden Sonne erträumt! Es schien ganz so, als wäre es auf dem Bild mittlerweile Tag geworden. Verblüfft betrachtete sie die Szene. Sie sah die Tiere grasen und auch, wie der Wind das Gras in Wellenbewegungen versetzte. Ihr Traumbild lebte!

„Belly! Unsere Traumbilder! Sie bewegen sich auch! Sie leben!“

Belly stand fasziniert vor einem weiteren sehr großen Bild und schüttelte fortwährend den Kopf.

„Ey, Shana, das glaubst du nicht! Hier sind die schärfsten Typen drauf! Lauter verrückte Wesen! Manche sind ganz nackt und flitzen dauernd durch die Gegend. Und dann gibt es kleine Monster, die aussehen wie Bälle! Eine ganze Stadt voller Außerirdischer! Das musst du sehen!“

„Belly!“, versuchte es Shana noch einmal, diesmal eindringlicher. „Das sind keine Digirahmen! Die Bilder sind magisch!“ Dann kam ihr ein Gedanke, der sie durchzuckte wie ein Blitz.

„Du darfst sie nicht anfassen! Hörst du, Belly, nicht anfassen!“

Aber Belly plapperte weiter vor sich hin. Er war so fasziniert von dem kuriosen Bild, dass er seine Umgebung völlig vergaß. Und was dann passierte, würde Shana ihr Lebtag nicht mehr vergessen. Belly hob die Hand, um eine der kleinen Wollkugeln in dem Bild zu berühren, als ein Lichtstrahl unglaublicher Intensität aus dem Bild schoss, seinen Arm wie eine Lichtschlange umschloss und dann seinen ganzen Körper erfasste. Es ging so schnell, dass Belly nicht mal schreien konnte. Dann schien er sich aufzulösen, zu einer formlosen Masse zu werden, die immer mehr schrumpfte und in den Lichtfinger gesogen wurde. Innerhalb von ein, zwei Sekunden war Belly eins mit dem zuckenden Lichtstrahl. Einen Wimpernschlag später machte es Schhhlllluurrrrpp, und das Licht floss samt Belly oder was von ihm übrig war, zurück ins Bild. Der dicke Junge war verschwunden.

„Neiiiin!“, schrie Shana und stürzte vom Podest herunter. Im Abstand von einem Meter kniete sie sich vor dem Traumbild nieder und starrte hinein. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter. Jetzt erblickte auch sie diese kuriosen, teils witzigen, teils gruselig aussehenden Wesen. Shana konnte es nicht glauben. Warum nur hatte sie ihren Freund nicht früher gewarnt? Sie hatte doch gewusst, wie sehr Rufus vor dem Berühren der Bilder gewarnt hatte. Völlig verzweifelt betrachtete sie das Bild, auf dem plötzlich viele dieser Wesen aufgeregt durcheinander liefen. Durch tränenverschleierte Augen bemerkte Shana, dass sie alle auf ein einzelnes Wesen zuliefen, das mitten auf einer Art Vorplatz lag. Kurz vor der zusammengekrümmten Gestalt blieben sie stehen und bildeten einen Halbkreis. Shana stockte das Blut in den Adern. Die Gestalt wirkte merkwürdig vertraut zwischen all den fremdartigen Wesen. Sie führte ihr Gesicht so nahe wie möglich an das Bild heran. Nur nicht berühren! Dann zwinkerte sie ein paar Mal, um klarer sehen zu können. Jetzt erkannte sie, was dort lag. Die Gestalt, die auf dem Platz ruhte, war gekleidet wie ein kleiner Forscher und trug eine Weste!

„Mein Gott! Belly!“, flüsterte Shana verzweifelt. Eine eiskalte Hand griff nach Shanas Herzen. Belly war bei diesen Monstern gelandet, und sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie sie ihn da wieder rausholen konnte. Würden ihn diese Wesen womöglich auffressen? Bellys Gestalt verschwamm vor ihren Augen, und in der Galerie der Träume mischte sich ein weiteres Geräusch unter die vielen aus den Traumbildern, nämlich das verzweifelte Weinen eines dreizehnjährigen Mädchens. Mit zuckenden Schultern und hängendem Kopf kniete sie vor dem Traumbild und fühlte sich schuldig und hilflos. Gedanken wirbelten durch ihren Kopf, und keinen von ihnen konnte sie richtig fassen. Was passierte in dem Bild? War es jetzt ein Traum oder waren da drin alle so lebendig wie Belly? Wie kam man da wieder raus? Rufus! Rufus müsste es doch wissen! Aber es war mitten in der Nacht, und um diese Zeit würde Rufus nicht nach Hause kommen. Mit tränenverschleierten Augen blickte sie auf. Sie traute sich kaum, hinzuschauen. Doch sie musste. Und was sie erblickte, erschreckte sie noch mehr. Die merkwürdigen Wesen waren dabei, Belly vom Boden aufzuheben und in eines ihrer Häuser zu tragen!

„Nein!“, schrie sie und griff mit ihrer Hand reflexartig nach vorn, um ihren Freund zu retten. Im Bruchteil einer Sekunde erkannte sie, dass das ein Fehler gewesen war. Ein Lichtstrahl schoss aus dem Bild, umwickelte ihren Arm, griff blitzschnell auf ihren Körper über und hüllte sie ein. Für einen winzigen Augenblick ging ihr auf, dass sie dabei war, Belly in das Traumbild zu folgen. Dann blendete sie das Licht in einer unglaublichen Intensität. Eine Millisekunde später fühlte sie, dass sie schwerelos wurde. Dann wurde es schwarz um sie herum.

Zurück blieb die Galerie der Träume mit ihren wispernden Stimmen, flackernden Lichtern und magischen Gemälden.

Kapitel 5

Bum … buuumm … bumm, bumm, bumm …

Shanas Bewusstsein war abgetaucht in tiefes Schwarz. Nur ganz langsam kam sie wieder zu sich. Das erste, was sie wahrnahm, waren Kopfschmerzen. Es pochte hinter ihren Schläfen, dumpf und unregelmäßig. Als ihr Geist sich wieder an die Oberfläche gekämpft hatte und sie die ersten klaren Gedanken fassen konnte, verkrampfte sie sich unwillkürlich. Die Erinnerung schoss wie ein Sturzbach durch den Nebel der Benommenheit. Sie war in das Traumbild hineingezogen worden! Sie schluckte. Schlieren tanzten vor ihren geschlossenen Augen, und sie kämpfte mit sich, sie zu öffnen. Aber noch war sie nicht soweit. Ihr Herz pochte rasend schnell. Und dann kam ihr eine Erkenntnis.

Bum … bumm … bumm … bumm …

Was da pochte, waren keine Kopfschmerzen! Was war das? Und … wo war sie?

Shana nahm all ihren Mut zusammen und schlug die Augen auf. Ungläubig starrte sie auf ein geflochtenes Muster aus Draht, durch das sich eine schmuddelige Matratze abzeichnete. Das Ganze befand sich nicht mehr als 20 Zentimeter von ihrer Nase entfernt. Shanas Gedanken überschlugen sich. Das war ein Bett! Zweifellos lag auch sie auf einer Matratze. Also musste sie sich in einer Art Doppelstockbett befinden. Die andere Matratze war unangenehm nah über ihr und erzeugte ein beengendes Gefühl. Das war aber nicht das Schlimmste. Shana war kurz davor, Panik zu bekommen. Rufus Bild hatte sie einfach eingesaugt, so wie Belly vorher. Sie musste sich zwingen, die aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. War sie noch Shana oder wie sah sie jetzt aus? Hatten sich alle ihre Moleküle wieder an die richtige Stelle gesetzt? Sie probierte, ihre Finger zu bewegen und stellte erleichtert fest, dass es ging. Sie konnte den Stoff der Matratze fühlen. Shana tat einen tiefen Atemzug und nahm einen merkwürdigen, aber nicht unangenehmen Geruch wahr. Ein wenig wie angegorenes Obst. Langsam, ganz langsam, drehte sie ihren Kopf nach rechts. Was sie erblickte, ließ sie verblüfft zusammenzucken. Das Doppelstockbett befand sich augenscheinlich in einem einfach gehaltenen Zimmer. Die Wände waren weiß getüncht, der Boden bestand aus Naturstein. Ein niedriger Tisch stand auf ihm, und um ihn herum drei Stühle. Auf dem Tisch stand eine Schale mit nicht mehr ganz frischem Obst, von dem offensichtlich der Geruch stammte, der den Raum beherrschte. Das alles war nicht außergewöhnlich, wenn man mal davon absah, dass alles irgendwie eine Nummer zu klein war. Aber es gab durchaus etwas Außergewöhnliches, und das saß in einem der drei Stühle und starrte Shana mit großen, neugierigen Augen an. Es war ein Tier. Es sah aus wie ein Schimpanse und war auch in etwa so groß wie einer. Nur … Shana musste unwillkürlich grinsen. Der Affe war nackt! Nicht ein Härchen bedeckte seinen Körper. Shanas Gedanken schwirrten. Sie lag in einem winzigen Bett in einem Haus, in dem ein nackter Affe hockte. Na toll. Vorsichtig und so langsam wie möglich hob Shana ihre Beine an und ließ sie über die Bettkante auf den Boden sinken. Unverwandt starrte der Affe sie an, und Shana schien es, als würde er schmunzeln. Als sie ihren Körper aus dem niedrigen Bett geschält hatte, ließ sie sich in die Hocke nieder und betrachtete das Tier. Sie musterte es von oben bis unten und entschied, dass keine Gefahr von ihm auszugehen schien. Plötzlich bemerkte sie, dass der Affe ein Männchen war und schaute schnell peinlich berührt weg. Es war zwar nur ein Tier, aber der guckte sie so komisch an, dass sie beinahe meinte, er könne Gedanken lesen.

„Ich finde das gar nicht lustig“, meinte der Affe. „Ich meine, ich hätte auch lieber was an, aber der große Schöpfer hat uns keine Klamotten gegeben. Und die Katongis fressen unsere Haare auf, sonst hätte ich ein Fell, und es müsste dir nicht peinlich sein, mich anzuschauen.“

Shana fuhr unwillkürlich zurück, verlor das Gleichgewicht und kippte aus der Hocke auf den Po.

„Du kannst sprechen …?, flüsterte sie fassungslos. „Du bist kein Affe?“

„Was ist ein Affe?“, fragte ihr Gegenüber, erhob sich aus dem kleinen Sessel, machte einen Satz und kam federnd vor Shana auf dem Boden auf. Dann setzte sich dieses Wesen Shana direkt gegenüber und hielt den Kopf schief.

„Was ist ein Affe?“, fragte es noch einmal. „Ich bin kein Affe. Ich bin ein Goshi. Der große Schöpfer hat uns Goshis genannt. Also bin ich ein Goshi.“

Shana merkte gar nicht, dass ihr der Mund offenstand. Da saß ein nackter Affe und unterhielt sich mit ihr! Nein, korrigierte sie sich schnell. Das war ganz bestimmt kein Affe. Dieses Wesen sah einem Affen nur ähnlich. Genau betrachtet, besaß der Goshi auch nicht so lange Arme wie ein Schimpanse, und Hände und Füße ähnelten mehr denen eines Menschen als denen eines Affen.

„Du bist kein Affe“, murmelte sie. „Aber du bist lebendig und kannst reden. Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll. Ich bin in ein Traumbild gezogen worden, und jetzt träume ich wahrscheinlich. Wieso kannst du meine Sprache? Und wer ist der große Schöpfer? Und die Katongis? Und wo bin ich hier? Wie heißt eure Welt eigentlich?“

Der Goshi verzog nachdenklich das Gesicht, was bei einem Wesen wie diesem komisch aussah. Aber Shana war nicht zum Lachen zumute.

„Was ist eine Welt? Nennt ihr das, wo ihr lebt, so?“ Der Goshi machte eine umfassende Geste. „Das hier ist mein Haus, in dem ich mit meiner Frau Goshi lebe, da draußen gibt es Felder, einen Wald und einen Berg, in dem die Katongis leben. Und wenn man weiter läuft, kommt das große Schwarz. Da ist alles zu Ende.“

Shana schüttelte den Kopf. „Das glaub ich einfach nicht. Warum kannst du meine Sprache?“, wiederholte sie.

„Warum kannst du meine Sprache?“, antwortete der Goshi.

Darauf wusste Shana keine Antwort.

„Vielleicht haben wir denselben Schöpfer?“, murmelte ihr neuer Freund. Doch ehe Shana darüber nachdenken konnte, durchfuhr sie ein Gedanke, der weit wichtiger war.

„Hast du einen Jungen gesehen?“, entfuhr es ihr. „Ungefähr so groß wie ich, nur ein wenig … nun ja …“

„Dicker?“, grinste der Goshi.

„Hm, genau.“

„Dreh dich mal um.“

Shana fuhr herum und sprang auf die Füße. Belly lag auf der oberen Matratze des Doppelstockbettes und machte in eben dem Moment die Augen auf, als Shana einen glücklichen Schrei ausstieß und mit einem Satz bei ihm stand.

„Wa … wa … was … wo …?“

„Wach auf, Belly! Ich bin´s, Shana! Ich bin dir hinterher gesprungen! Du lebst noch! Es ist alles gut! Du bist in Goshihausen bei den Goshis!“

„Was bin ich? Wo bin ich? Bist du noch ganz dicht?“ Belly richtete sich vorsichtig auf und versuchte, seine Benommenheit abzuschütteln. Er ließ die Füße vom Bett baumeln, und dann fiel sein Blick auf den nackten Goshi.

„Hey, das ist eins der Monster aus dem Bild!“, entfuhr es ihm.

Der Goshi richtete sich zu seiner vollen Höhe von gut einem Meter dreißig auf und stemmte die Arme in die Seiten.

„Ich bin kein Monster, ich bin ein Goshi! Und wenn du weiter so unfreundlich bist, mach ich die Tür auf, und du kannst rausgehen zu den Katongis! Nicht zu glauben, da schleppen wir dich rein, um dich vor den Haarfressern zu retten, und dann nennst du mich zum Dank ein Monster!“

„Tschuldige“, grunzte Belly, der sich erstaunlich schnell erholte und nicht so lange wie Shana brauchte, um mit der Situation klarzukommen. Er ließ sich vorsichtig vom Bett herunter, gesellte sich zu Shana und dem Goshi und reichte diesem die Hand.

„Ich heiße Belly. Ich wollte dich nicht ärgern. Du bist bestimmt kein Monster. Ich finde dich nett. Wahrscheinlich hab ich die anderen auf dem Bild gesehen, wie hast du sie noch genannt … Kotangis?“

„Katongis!“, grinste der Goshi und schlug ein, was ein wenig merkwürdig aussah, weil die kleine Hand vollkommen von Bellys fleischiger Pranke verschluckt wurde. „Sie heißen Katongis, und sie fressen Haare.“ Der Goshi blickte verlegen an sich herunter. „Deswegen sehe ich auch so aus.“

Belly bekam große Augen. „Die fressen Haare?“

„Hm.“

„Aber warum? Gibt es sonst nichts zu fressen?“

Das kleine, verletzlich aussehende Wesen schien mit einem Mal unsicher. Doch ehe es antworten konnte, ertönte dasselbe Geräusch, das Shana gehört hatte, als sie erwacht war.

Bumm … bumm, bumm … bumm …

Belly und Shana fuhren gleichzeitig herum. Shana hielt den Atem an. Eine Gänsehaut strich ihren Rücken hinunter. Das Geräusch kam von einer etwa einen Meter fünfzig hohen Tür, die die Eingangstür des Hauses der Goshis zu sein schien.

„Was ist das?“, krächzte Belly.

„Sie wollen rein“, meinte der Goshi trocken. „Sie haben Hunger. Sie haben eure Haare gerochen, und wenn sie euch nur eine Minute zu fassen kriegen, seht ihr genauso aus wie ich.“

Shana trat einen Schritt zurück und fuhr sich unwillkürlich durch ihre dichten Locken.

„Seid froh, dass ihr nur da oben Haare habt und kein Fell wie ich! Ihr habt wenigstens was zum Anziehen, aber wir haben ja nur unser Fell. Mir ist ständig kalt, und bis mein Fell nachwächst, dauert es Monate!“

„Das tut mir leid“, murmelte Belly. „Dann könnt ihr ja nie rausgehen! Gibt es überhaupt noch welche von euch, die ein Fell haben?“

„Ja, ein paar, aber die müssen solange drin bleiben, bis es vollkommen dunkel ist. Im Dunkeln können die Katongis nicht gut sehen und ziehen sich in ihren Berg zurück. Nachts können wir raus und nach unseren Feldern sehen.“

„Ich verstehe das nicht“, sagte Shana. „Warum fressen die nur Haare? Ich meine, die wachsen doch nicht auf Bäumen und man kann sie nicht anbauen. Das macht doch keinen Sinn. Und wenn sie euch allen das Fell abgefressen haben, müssen sie doch verhungern.“

Bumm … bumm …

„Deswegen sind sie ja auch so wild.“ Der Goshi drohte wütend mit der Faust in Richtung Tür. „Nachdem sie fast alle von uns kahlgefressen haben, gibt es nicht mehr viel für sie.“

„Leben hier denn keine anderen Tiere?“, fragte Belly. „Wildschweine, Rehe oder so? Denen können sie doch auch das Fell abfressen.“

„Was sind Tiere?“, fragte der Goshi.

„Na … Lebewesen“, meinte Shana. „So wie du und wie wir.“

„Ach so. Nein, hier gibt es nur uns Goshis und die Katongis. Der große Schöpfer wollte halt nur uns und die Haarfresser erschaffen.“

„Aber das verstehe ich immer noch nicht.“ Shana schüttelte den Kopf. „Wo sollen sie denn dann die Haare herbekommen, wenn nicht von euch? Das ist ja gemein von diesem Schöpfer! Und was esst ihr denn eigentlich?“ Shana zeigte auf die Obstschale. „Das Obst hier?“

Bumm … bumm …

Der Goshi ignorierte das Geräusch der an die Tür bummernden Katongis und deutete auf die Stühle.

„Kommt, setzt euch. Ich erzähle euch das, was ich weiß. Ihr seht dem großen Schöpfer sehr ähnlich. Er war noch größer als ihr, aber ich glaube, er hat euch nach seinem Abbild geschaffen. Ich meine, ihr habt ebensolche Arme und Beine und auch Köpfe. Und ihr kamt ebenso wie er einfach aus dem Himmel.“

Shana setzte sich in einen der Stühle und musste ein Grinsen unterdrücken, als sich Belly mühsam in den seinen quetschte. Goshistühle waren eben nicht für die Statur eines Bellys gebaut. Aber wenn der Goshi es bemerkte, so ließ er es sich nicht anmerken. In einer fließenden Bewegung nahm er Platz und fuhr fort zu erzählen.

„Der große Schöpfer war plötzlich mitten unter uns. Er versammelte uns draußen auf dem Platz und zeigte uns die Felder, auf denen wir Früchte anbauen können, und die Katongis, die er ebenso wie uns erschaffen hatte.“

„Haben sie euch nicht gleich die Haare abgefressen?“, unterbrach Belly ihn.

„Nein.“ Der Goshi schüttelte heftig den Kopf. „Da lag ein ganzer Haufen Haare. Der große Schöpfer hat sie damit gefüttert. Und dann hat er uns den heiligen Gral geschenkt, damit wir uns unser Essen und Haare für die Haarfresser machen konnten, wenn er wieder weg war.“

Shana durchzuckte ein Gedanke. „Rufus …“, flüsterte sie.

Belly wollte aufspringen, aber sein Po blieb zwischen den Armlehnen des kleinen Stuhls kleben, dass er wieder zurückplumpste.

„Mensch, ja!“, entfuhr es ihm. „Das alles hat Rufus gemalt!“

Der Goshi blickte ihn verständnislos an. „Wer sind die Rufus?“, fragte er mit großen Augen.

Shana beugte sich rüber zu Belly und drückte seinen Arm, damit er den Mund hielt. „Nicht die Rufus, sondern der Rufus. Rufus ist ein Mann, den wir kennen, und er malt gerne Bilder. Weißt du, was Bilder sind?“

Der Goshi nickte heftig, dann sprang er unvermittelt auf und verschwand durch eine Tür, die der Eingangstür direkt gegenüberlag. Offensichtlich grenzte ein weiteres Zimmer an das, in dem sie sich befanden. So sehr Shana auch ihren Hals verdrehte, sie konnte nicht erkennen, was sich in ihm verbarg. Schließlich kam der Goshi zurück, und was er in den Händen hielt, ließ Shana und Belly zusammenzucken.

„Traumbilder!“, rutschte es Shana heraus, ehe sie sich auf die Zunge beißen konnte. Doch gleich darauf folgte die nächste Überraschung.

„Ja, Traumbilder“, sagte der Goshi seelenruhig, als ob er noch nie etwas anderes gesehen hätte.

„Du weißt, was Traumbilder sind?“, fragte Belly fassungslos.

„Ja, der große Schöpfer hat es uns erklärt. Wir haben zwei Bilder von ihm erhalten.“

Während er sprach, reichte er Shana das eine und Belly das andere.

„Das ist ja kaputt!“, entfuhr es Belly enttäuscht. Er hielt das Bild hoch, und jetzt sah auch Shana, dass die Leinwand nur noch aus zerfetzten Teilen bestand. Belly versuchte, die Einzelteile so zu fügen, dass man erkennen konnte, welches Motiv sich einst auf dem Bild befunden hatte. Es gelang ihm nicht ganz, aber es genügte.

„Hey, auf dem Bild sind ja lauter Haare!“

„Hm“, nickte der Goshi. „Das war das Nahrungsbild für die Katongis.“

So langsam fügte sich für Shana eins zum anderen. Sie betrachtete das andere Bild, das ihr der Goshi in die Hand gedrückt hatte. Dann lächelte sie und hielt es Belly vor die Nase.

„Na, was sagst du zu dem hier?“

Belly bekam große Augen. „Das … das ist ja das Bild, durch das wir …“

Shana unterbrach ihn beinahe unwirsch. „Ja, das ist das Bild oder wohl eher ein zweites, das genauso aussieht. Sag mal, Goshi, ich habe ziemlichen Durst. Hättest du vielleicht etwas zu trinken für mich und meinen Freund?“

Der Goshi machte ein bestürztes Gesicht. „Natürlich, natürlich. Wie konnte ich so unhöflich sein! Ich hol euch was. Und wenn ihr hungrig seid, bedient euch am Obst!“

Wieselflink eilte er erneut durch die kleine Tür und verschwand. Belly hob an, etwas zu sagen, aber Shana kam ihm zuvor.

„Hör mal, Belly, wir dürfen ihm nicht die Wahrheit sagen. Wenn er erfährt, dass er nur gemalt ist, würde er das vielleicht nicht verkraften.“

„Aber … aber …“, stotterte Belly. „Er ist doch echt! Ich meine, er lebt, er kann reden und er ist doch einfach wirklich da! Das träumen wir doch nicht, oder?“

Shana wand sich sichtlich. „Ich weiß das alles nicht, Belly. Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Du hast doch selbst so ein Bild gemalt, und es war so … echt. Und wir sind hier drin, und wir sind doch auch echt, oder nicht?“

Belly klopfte sich grinsend auf den Bauch. „Der hier ist jedenfalls echt, und der Rest auch. Vielleicht hat es mit den Molekülen zu tun, die irgendwie auseinandergenommen und dann wieder zusammengesetzt werden, oder so. Wir sind doch in das Bild gerutscht und klein geworden. Vielleicht sind das die Goshis ja auch. Und warum haben sie noch so ein Bild wie das, durch das wir gerutscht sind?“

„Belly …“, seufzte Shana. „Rufus hat diese Goshis gemalt, das weißt du so gut wie ich. Wie dieses magische Gel funktioniert, weiß ich nicht, aber Rufus muss verrückt geworden sein, die Welt hier zu erschaffen. Die Goshis leben und können denken. Ich weiß nicht, ob er das bedacht hat. Und warum sie auch so ein Bild haben … ich glaube, ich weiß es, aber dazu muss ich den Goshi noch was fragen.“

„Rufus lebt so einsam und hat bestimmt oft Langeweile“, grübelte Belly. „Aber ich glaube nicht, dass er verrückt geworden ist. Er wollte bestimmt nur seinen Spaß haben.“

„Und die Goshis müssen jetzt darunter leiden!“, entrüstete sich Shana.

„Das hat er bestimmt nicht gewollt“, sagte Belly bestimmt. „Du warst es doch, die mir erzählt hat, er ist harmlos!“

„Ja, aber …“ Shana hörte ein Geräusch aus dem Nebenzimmer und legte den Finger an die Lippen. „Wir müssen vorsichtig sein, was wir sagen. Stell dir vor, du erfährst, dass du nur gemalt bist!“

„Okay“, flüsterte Belly. „Einverstanden. Aber wenn mir einer so was sagen würde, würde ich es niemals glauben.“

In diesem Moment kehrte der Goshi mit zwei kleinen Gläsern mit Wasser zurück und reichte den beiden die Getränke.

„Wenn ihr mehr wollt, sagt Bescheid“, sagte er mit einem Lächeln.

„Danke, das ist lieb von dir.“ Shana nahm ihr Glas und trank es aus. Das Wasser war kühl und schmeckte beinahe süß. „Sag mal, Goshi … kann ich dich Goshi nennen?“

„Ja, natürlich, wir heißen alle Goshi.“

„Ähh …“, machte Belly. „Ihr heißt alle Goshi? Habt ihr denn keine eigenen Namen? So wie ich Belly heiße und meine Freundin Shana?“

Der Goshi wiegte nachdenklich den Kopf, dann setzte er sich in einen der Stühle, kratzte sich gedankenverloren und schien über die Frage nachzugrübeln.

„Ich weiß, was ein Name ist. Unser Name ist Goshi. Ich wusste nicht, dass es mehrere Namen gibt.“

„Kein Problem“, lachte Belly. „Der große Schöpfer hat wohl nicht daran gedacht, jedem von euch einen zu geben oder zu verraten, dass man sich selbst welche geben kann. Hm, darf ich dir einen Namen geben? Du kannst ja außer Goshi noch einen zweiten haben!“

Der Goshi setzte sich kerzengerade hin. „Das geht? Ja, ich möchte einen zweiten Namen! Wie lautet er?“

Belly war nun doch von seiner eigenen Idee überrascht. „Hm, warte, lass mich überlegen …“

„Ich finde, Adam passt gut zu ihm, findest du nicht?“, kam Shana ihm zuvor. „Der erste Mensch hieß Adam, da kann doch auch der erste Goshi, den wir treffen, Adam heißen, oder?“

„Adam …“ Der Goshi sprach den Namen ganz langsam aus und horchte auf seinen Klang. „Adam … das gefällt mir.“

„Okay“, sagte Shana und reichte dem Goshi die Hand. „Dann heißt du ab jetzt Adam Goshi. Adam ist dein Vorname und Goshi dein Nachname. Denn ein Goshi willst du ja weiterhin sein, oder?“

„Adam Goshi, ja, so will ich heißen!“ Sichtlich stolz ergriff Adam Shanas Hand und schüttelte sie. Dann schien ihm etwas einzufallen. „Könnt ihr meiner Frau Goshi und den anderen auch Namen geben? Ich meine … ich weiß doch keinen, aber ihr kennt sicher ganz viele!“

„Das machen wir!“, bekräftigte Belly. „Aber vorher musst du uns noch den Rest erzählen. Du hast gesagt, der große Schöpfer hat euch den heiligen Gral geschenkt? Was ist das?“

„So hat er es genannt. Das ist eine kleine Dose, voll mit einer dickflüssigen Farbe. Dazu gehört ein Pinsel, so jedenfalls nannte der große Schöpfer das lange Ding, das die Traumbilder malt.“

Shana und Belly blickten sich an. „Das Gel“, murmelte Shana. „Ich hätte es mir denken können.“ Leise fügte sie hinzu: „Rufus muss wirklich verrückt geworden sein! Heiliger Gral …!“

„Als wir alle zusammensaßen, malte der große Schöpfer zwei Bilder.“ Adam deutete auf die beiden Bilder in Bellys und Shanas Händen. „Diese beiden. Zuerst malte er das Bild mit unserem Dorf, und dann das mit den vielen Haaren. Er sagte, dass wir sehr vorsichtig mit ihnen umgehen sollten, und dass sie nur nachts ihre Magie entfalten. Als es dunkel wurde, zeigte er uns, wie sie funktionieren.“

Shana nickte. „Ich kann mir denken, was er gemacht hat“, lächelte sie. „Er verschwand in dem Bild mit den vielen Haaren und brachte euch genügend Haare für die Katongis mit, als er wieder rauskam.“

Adam lächelte ebenfalls. „Genau so war es.“

Bumm …

Shana zuckte zusammen. Wieder war ein Haarfresser gegen die Tür gebummert.

„Macht euch keine Sorgen“, winkte Adam ab. „Es wird gleich dunkel. Die meisten sind schon auf dem Weg zu ihrem Berg.“

Belly hatte dem Geräusch kaum Bedeutung geschenkt. Ihm ging noch ein Gedanke durch den Kopf.

„Aber wie ist er wieder zurückgekommen? Ich meine, aus dem Bild mit den Haaren?“

„Ist doch logisch, Belly“, meinte Shana ungeduldig. „Mit dem anderen Bild natürlich! Er hat es einfach mitgenommen, um von dort wieder hierher zu gelangen.“

„Das weiß ich auch“, meinte Belly spitz. „Aber wenn man ein Traumbild anfasst, wird man hineingezogen. Wenn er das Bild mitnimmt, muss er es doch anfassen!“

„Stimmt“, musste Shana zugeben. Daran hatte sie nicht gedacht.

„Kann man auch“, sagte der Goshi und lächelte. „Das hat uns der große Schöpfer erklärt. Das andere Bild zeigt doch unser Dorf, in dem wir ja sind, wenn wir zu den Haaren gehen. Wenn wir es anfassen, können wir hier zu Hause nicht noch dahin gezogen werden, wo wir sowieso schon sind. Aber man muss ein Tuch drüberlegen, sonst wird man in der Haarwelt gleich wieder zurückgezogen.“

„Okay“, nickte Shana. „Dann seid ihr also immer, wenn es Zeit wurde, die Katongis zu füttern, in das Traumbild mit den Haaren gegangen, habt die Haare besorgt und die Haarfresser waren wieder friedlich.“

„So war es“, bestätigte Adam.

Shana ging nachdenklich die wenigen Schritte hinüber zu einem der Fenster, die immer weniger Tageslicht in den Raum ließen. Es war tatsächlich merklich dunkler geworden. Komisch, dachte Shana, dass sie noch nicht auf die Idee gekommen waren, nach draußen zu schauen. Aber andererseits wollte sie auch gar nicht unbedingt wissen, wie diese Haarfresser denn eigentlich aussahen …

Doch ihre Neugier überwog. Sie stellte sich ans Fenster und lugte hinaus. Im Dämmerlicht erkannte sie einen gepflegten, ungepflasterten Hof, mehrere Laubbäume, einen Brunnen, und im Hintergrund das dunkle Band eines Waldes. So sehr sie sich auch reckte, eine Gestalt konnte sie nicht ausmachen.

„Ich glaube, sie sind weg“, murmelte sie.

„Sei dir da nicht so sicher“, kam Adams Stimme hinter ihrem Rücken. „Sie sind recht klein. Du siehst sie erst, wenn es zu spät ist.“

„Eigentlich tun sie mir leid“, sagte Belly. „Sie haben doch nur Hunger. Und wenn ich Hunger hab, werde ich auch ungemütlich!“

Shana lachte und wandte sich um. Da hast du recht! Aber sag mal, Adam …“, sie wies auf das zerstörte Bild, das Belly immer noch in der Hand hielt, „… was ist dann passiert? Ist euch das Bild kaputt gegangen, und ihr habt keine Haare mehr holen können?“

Der Goshi schüttelte den Kopf.

„Ja und nein. Das Bild ist uns tatsächlich kaputt gegangen. Aber wir hatten ja den heiligen Gral. Der große Schöpfer hat uns verboten, je ein Bild mit dieser heiligen Farbe zu malen, es sei denn, eines der beiden Bilder wird einmal zerstört. Dieser Fall war nun eingetreten. Also habe ich auf dem Dorfplatz ein neues gemalt.“

Adam hielt inne.

„Und wo ist es?“, fragte Shana.

„Ich war zu unvorsichtig“, murmelte der Goshi betrübt. „Ich dachte, es geht nur draußen, auf dem Platz, so wie es der große Schöpfer gemacht hatte. Natürlich habe ich es nachts gemalt, als kein Haarfresser da sein konnte. Aber dann hab ich gedacht, es muss erst trocknen …“

„Muss es gar nicht“, entfuhr es Belly. Shana hob den Arm. „Lass ihn doch erzählen!“

„Das wusste ich nicht. Jedenfalls dämmerte es schon, als ich in das Bild ging, und als ich wieder rauskam, waren die Haarfresser schon da. Sie haben gesehen, wie ich mit den Haaren aus dem Bild kam. Und obwohl sie reichlich dumm sind, haben sie mitbekommen, dass das Bild sie mit Haaren versorgen kann.“

„Sie haben’s geklaut!“, meinte Belly trocken.

„So ist es“, nickte Adam. „Und den heiligen Gral dazu. Ich konnte nichts machen, denn ich war allein draußen, als ich zurück aus dem Bild kam. Obwohl sie so klein sind … es waren einfach zu viele.“

„Aber wenn sie’s geklaut haben“, überlegte Shana, „dann haben sie doch jetzt so viele Haare wie sie wollen! Warum fressen sie dann euch die Haare vom Körper?“

Der Goshi lächelte. Dann zeigte er auf das zweite Bild, das Shana vorhin an den Tisch gelehnt hatte, als sie zum Fenster gegangen war.

„Erstens haben sie das zweite Bild nicht, das sie zurückbringt. Und dann habe ich den Verdacht, dass die Haarfresser nachts nicht aktiv sind. Aber nur nachts funktionieren die Traumbilder. Sie werden vergebens versucht haben, hineinzugelangen. So haben sie immer mehr Hunger bekommen und uns angefallen.“

„Na toll“, grunzte Belly. „Und was machen wir jetzt?“

„Ohne das Gel kommen wir nicht nach Hause“, erwiderte Shana leise. „Wir müssen in den Berg und es zurückholen.“

* * *

Shana lugte noch ein letztes Mal aus dem Fenster und verdrehte den Hals. Von seinem Standort aus konnte Belly nichts mehr draußen erkennen, so dunkel war es mittlerweile.

„Ich glaube, wir können gehen“, meinte Shana. „Sag mal, Adam, wo ist eigentlich deine Frau? Und wo sind die anderen Goshis?“

„Sie schläft noch. Eigentlich schlafen wir alle tagsüber, weil wir ja nur nachts auf die Felder können. Aber wir Männer stellen Wachen auf und achten darauf, dass keine Tür und kein Fenster offen bleibt. Ihr habt Glück gehabt. Ich hatte Wache, als ihr aus dem Himmel gefallen seid. Ich hab nach den anderen Wächtern gepfiffen und euch reingeholt. Keine zehn Sekunden später wärt ihr kahl gewesen.“

„Oh, danke!“, sagte Belly. „Wenn ich das nächste Mal zu euch komme, bring ich dir eine Perücke mit!“

„Was ist eine Perücke?“

„Das sind künstliche Haare, die man aufsetzt, wenn man keine eigenen mehr hat oder wenn man anders aussehen will. Ich glaube, die schmecken den Haarfressern nicht. Die würden sie wieder ausspucken.“

Adam lachte lauthals. „Na, wenn das so ist, dann bring mir eine Perücke mit!“

Shana stellte sich vor die Eingangstür und nahm den Knauf in die Hand. Sie würde sich etwas ducken müssen, wenn sie hindurchging, denn die Tür war auf die Größe der Goshis bemessen.

„Was ist, Belly, wollen wir?“

Bevor Belly antworten konnte, sprang Adam vor ans Fenster und schaute hinaus.

„Hm, ich glaube, ihr könnt gehen. Es ist noch nicht ganz finster, aber sie werden längst alle im Berg sein und schlafen. Wartet, ich werde euch eine Lampe mitgeben.“

Der Goshi drehte sich um und verschwand im Nebenzimmer. Nach kurzer Zeit kehrte er zurück und reichte Belly eine kleine Taschenlampe. Shana und Belly starrten die Lampe verblüfft an.

„Die hat uns der große Schöpfer dagelassen. Er meinte, sie bekommt ihre Kraft von der Sonne und wird ewig halten. Wir haben noch mehr davon und nehmen sie nachts mit auf die Felder. Aber ich werde heute nicht mitgehen. Ich warte, bis ihr wiederkommt.“

„Was für Ideen der große Schöpfer so hat ...“ murmelte Belly. „Aber vielen Dank! Ich hatte auch eine mit in meinem Rucksack“, meinte er. „Aber der steht ja jetzt bei Rufus in der Hütte.“

Er bemerkte Adams fragenden Blick. „Das mit Rufus ist eine lange Geschichte. Wir erzählen sie dir bestimmt einmal, aber erst müssen wir den heiligen Gral zurückholen. Ihr braucht ihn, und wir brauchen ihn auch.“

„Ihr wollt ein Traumbild malen“, stellte Adam fest.

„Hm“, machte Belly nur.

„Hat der große Schöpfer euch das erlaubt?“

Bevor Belly den Mund aufmachen konnte, antwortete Shana. „Ja, er hat ebenso wie euch Belly und mir eigene kleine Töpfe geschenkt, damit wir welche malen können. Man muss sehr vorsichtig damit umgehen. Aber das weißt du ja.“

Sie wechselte einen Blick mit Belly, der sie zu verstehen schien. Was hatte sich Rufus nur dabei gedacht, diesen liebenswerten Wesen die Traumfarbe zu geben? Wenn sie nicht wussten, was alles geschehen konnte, wenn man die falschen Bilder malte und in sie eintauchte, konnten sie für immer verloren gehen. So wie wir beide …, dachte Shana mit einem Frösteln.

„Los jetzt, Belly“, sagte Shana ungeduldig. „Lass uns endlich gehen.“

Sie drehte am Knauf und öffnete die Tür einen Spalt weit.

„Warte!“ Belly hob die Hand. „Adam, wie sehen die Katongis aus?“

Der Goshi formte mit der Hand einen Ball, der in etwa die Größe eines Handballs besaß. „Sie sind kugelrund und ausgewachsen ungefähr so groß. Ihre Haut ist derb und kaum verletzbar. Sie besitzen acht Augen, die über die ganze Kugel verteilt sind. Damit können sie in jede Richtung sehen. Ihnen entgeht nichts. Außer nachts, da sind sie fast blind. Aber passt mit der Taschenlampe auf! Der Lichtstrahl reicht aus, dass sie genug sehen können, um euch anzugreifen. Haltet den Strahl immer von euch weg und leuchtet euch nie ins Gesicht.“

„Hm“, machte Belly, und seine Zuversicht schmolz dahin.

„Ach, noch was!“, sagte der Goshi. „Sie haben acht Arme oder Beine, je nachdem, wie man das betrachtet. Damit können sie blitzschnell klettern. Aber auf dem Boden ziehen sie sie ein und rollen lieber. Nur für Richtungswechsel nehmen sie die Arme zu Hilfe.“

Shana hatte die Tür wieder zugedrückt. „Und wie … ich meine, wie …?“

„Wie sie fressen?“ Der Goshi machte den Mund auf uns ließ seine Zähne aufeinander klacken. „So, nur hundertmal schneller. Ihr Mund ist ein Schlitz, und in ihm stecken zwei Reihen messerscharfer kleiner Zähne, die rasend schnell aufeinander hacken. Der große Schöpfer sprach von einem Rasierapparat, aber ich weiß nicht, was das ist. Jedenfalls machen sie Geräusche beim Fressen, so wie dddrrrrttttttttt ….““

„Oh Mann!“, stöhnte Belly. „Rollende Rasierapparate! Ein Berg voller Rasierapparate! Und ich soll da rein? Nein, danke!“

„Willst du lieber für immer hierbleiben?“, sagte Shana ernst. „Denk dran, hier gibt es nur Obst!“

„Also gut“, grummelte ihr Freund. „Ich hab Hunger. Und du sagst, die schlafen jetzt alle?“

„Das tun sie. Ich war selbst einmal dort und hab mich hineingeschlichen, um den heiligen Gral zu holen. Ach ja, das hab ich vergessen, euch zu sagen.“

In Shanas Bauch begann es, zu rumoren. „Was hast du vergessen? Dass du im Berg warst? Und warum hast du den heiligen Gral nicht rausgeholt?“

„Das war es ja, was ich vergessen hab, euch zu sagen. Es gibt eine Königin.“

„Eine Königin?“, entfuhr es Belly und Shana gleichzeitig.

„Ja, eine Königin. Ich hab nicht gesehen, ob sie Eier legt oder neue Katongis ausbrütet. Aber ich hab gesehen, dass sie den Gral bewacht.“

„Und sie hat nicht geschlafen?“ In Shanas Handfläche, die immer noch den Knauf fest umschlossen hielt, bildete sich ein feiner Schweißfilm.

„Ich war mir nicht sicher“, gab Adam zu. „Aber sie war mir zu groß.“

„Sie war dir zu groß?“ Belly schluckte. „Wie groß?“

„So groß wie … hm …“ Der Goshi blickte zur Decke. „So groß wie mein Haus. Ungefähr.“

„So groß wie dein Haus.“ Shana nickte grimmig. „Das ist tatsächlich groß. Und ihre Zähne sind demnach auch so groß.“

„Ich hab sie nicht sehen können“, beeilte sich Adam zu sagen. „Ihr Mund war geschlossen. Sie schlief ja.“

„Wie beruhigend“, seufzte Shana. Dann kam ihr ein Einfall. „Hast du eine Schere?“

Adam schaute sie fragend an. „Was ist eine Schere?“

„Oder ein Messer?“

„Was ist ein Messer?“

Shana gab es auf. „Macht nichts. Kann man nichts machen. Wir hätten uns ein paar Haare abschneiden und sie damit ablenken können. Belly, komm jetzt. Mehr als unsere Haare verlieren können wir nicht. Wird schon klappen.“

„Shana …“, wandte Belly zaghaft ein. „Sie ist so groß wie dieses Haus! Die rasiert uns nicht, die frisst uns ganz!“

Anstelle einer Antwort öffnete Shana die Tür. Belly hielt den Atem an. Aber aus der dunklen Öffnung schossen keine Haarfresser herein. Auch sonst war kein Laut zu vernehmen. Die Nacht lag wie ein schwerer Vorhang vor dem Durchgang.

„Du kannst ja hierbleiben“, sagte Shana mit fester Stimme, aus der aber doch ein klein wenig ihre Beklemmung herausklang. „Ich geh jetzt.“

„Ich komm schon“, sagte Belly und holte tief Luft. „Ach ja, Adam, wo müssen wir überhaupt lang?“

„Wenn ihr rauskommt, steht ihr auf dem Dorfplatz. Ihr wendet euch nach rechts, nehmt den breiten Weg aus dem Dorf hinaus und lauft etwa fünf Minuten. Dann seht ihr schon den Berg. Es gibt nur einen Eingang, der groß genug für euch ist. Ist nicht zu übersehen.“

„Danke“, grunzte Belly. „Drück uns die Daumen.“

Adam starrte Belly ratlos an. „Wie soll ich das machen? Soll ich mitkommen und euch die ganze Zeit die Daumen halten?“

Shana musste lachen. „Nein, nein, das sagt man bei uns so, wenn man jemandem Glück wünscht.“

„Ach so. Na klar wünsch ich euch Glück! Ich wäre so gern wieder einmal draußen, ohne Angst zu haben, kahl gefressen zu werden! Und mein Fell möchte ich auch wiederhaben. Und in der Sonne sitzen …“

„Das wirst du!“, sagte Shana bestimmt. Damit ging sie zurück, nahm Belly an der Hand und zog ihn mit sich durch die niedrige Tür hinaus auf den Dorfplatz.

* * *

„Ich drück euch die Daumen!“

Shana blickte zurück und sah Adam, wie er seinen linken Daumen in die Höhe streckte und ihn mit der rechten Hand umschloss. Sie musste lächeln. Sie hatte das kleine, affenähnliche Wesen in ihr Herz geschlossen. Und wenn er auch nur gemalt ist, dachte sie, ich mag ihn.

Doch dann verschwand der Goshi in seinem Haus, schloss die Tür hinter sich, und die Dunkelheit legte sich beklemmend über Belly und Shana. Sie lauschten in die Nacht.

„Hörst du was?“, fragte Belly leise.

„Nein“, antwortete Shana ebenso leise. „Vielleicht gibt es wirklich keine anderen Lebewesen hier. Rufus hat das Bild mit dem Dorfplatz gemalt, die Felder, den Wald und den Berg, dazu die Katongis und die Goshis, und das war’s.“

„Nichts sonst?“, entfuhr es Belly verblüfft. „Aber das ist ja total langweilig!“

Shana nickte, was Belly nur in Umrissen wahrnahm. Aber so langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Im Hintergrund erkannte er die dunkle Linie des Waldes. Zudem spendeten hier und da erleuchtete Fenster der Häuser der Goshis den einen oder anderen Lichtstreifen.

„Du hast recht“, sagte Shana entschieden. „Aber das hat auch Vorteile. Vor irgendwelchen wilden Tieren brauchen wir uns nicht zu fürchten. Komm, wir müssen da lang.“

Schon nach wenigen Schritten erreichten sie den Rand des Dorfplatzes. Der Weg, der aus dem Dorf hinausführte, hob sich deutlich von der dunklen Umgebung ab. Belly blickte sich noch einmal kurz um, blieb aber nicht stehen, als sie das scheinbar schützende Dorf verließen. Ausgerechnet jetzt spürte er, dass die tollen Schuhe, die er sich von der Multiwand hatte machen lassen, wieder zu drücken anfingen. Unwillkürlich dachte er an zu Hause. Was seine Eltern jetzt wohl machten? Hatten sie die Kontrollpolizei informiert? Oh Mann, dann würde es tierischen Ärger geben! Das Mindeste war ein Monat ohne Anifilme …, doch plötzlich ging ihm auf, wie unwichtig das war. Er befand sich in einer gemalten Traumwelt, musste ein magisches Gel von einer Rasierapparatekönigin klauen, um ein Bild zu malen, das ihn vielleicht wieder zurückbrachte, und das war wirklich ein weitaus größeres Problem, als einen Monat lang auf Anifilme zu verzichten.

„Da hinten ist der Berg!“, flüsterte Shana neben ihm. Belly zuckte zusammen und schaute auf. Schemenhaft schälten sich die Umrisse eines Hügels ab, der sich nicht allzu weit vor ihnen erhob.

„Das ist doch kein Berg“, murmelte Belly. „Höchstens ein Hügel.“

„Vergiss nicht, dass die Goshis viel kleiner sind als wir“, erinnerte ihn Shana. „Und außerdem haben sie keinen Vergleich. Sie wissen doch gar nicht, wie hoch Berge wirklich sein können.“

Inzwischen konnten Shana und Belly ganz gut sehen, und es dauerte nicht lange, bis sie vor der Flanke des Hügels standen, der sich vielleicht zwanzig Meter über dem an ihm endenden Weg in den Himmel reckte. Shana musterte die Erhebung eingehend. Nicht ein Baum oder Strauch wuchs auf dem Hügel. Das Ganze sah aus wie ein riesiger Ball, der zur Hälfte in der Erde versunken schien.

„Das Ding passt irgendwie zu den Katongis, findest du nicht?“

„Hm“, nickte Belly. „Genauso rund wie die Viecher selbst. Wahrscheinlich ist das ihr Bau, und sie haben ihn selbst errichtet. Sieht nicht so aus, als wäre das Ding ein normaler Hügel in der Landschaft.“

„Hier hat niemand etwas selbst gebaut“, warf Shana ein. „Alles, was du siehst, hat Rufus gemalt.“

„Das glaube ich irgendwie nicht.“ Belly hielt den Kopf in den Nacken, um hinaufschauen zu können. „Was auch immer dieses Gel bewirkt, die Goshis sind zu lebendig, als dass sie gemalte Wesen sein können. Vielleicht sind die Traumbilder nur Türen zu Welten, die irgendwo im Weltraum existieren.“

Shana warf Belly einen erstaunten Blick zu. Diese Gedanken hätte sie ihrem Freund gar nicht zugetraut. Obwohl sie hier vor einem unheimlichen Hügel stand, der merkwürdige und mit Sicherheit recht unfreundliche Wesen beherbergte, musste sie ihre Meinung über Belly ein weiteres Mal korrigieren. Er wurde nicht nur immer mutiger, er hatte auch gute Ideen. Sie wusste nicht recht, was sie darauf antworten sollte, also schwieg sie. Aber Belly nicht.

„Mir tun die Füße weh. Meine Schuhe drücken. Und ich hab Hunger.“

„Hast du die Taschenlampe?“

„Hm.“

„Mach sie nur im Notfall an. Noch können wir ja ganz gut sehen. Siehst du die Löcher da?“

Belly kniff die Lider zusammen. Jetzt nahm auch er die vielen kleinen Löcher wahr, die den Hügel durchzogen wie ein Sieb. Sie waren kreisrund und in etwa so groß, dass eine Bowlingkugel durchpassen würde.

„Das sind ihre Eingänge“, murmelte Shana.

„Aber da passen wir nie durch“, brummte Belly.

„Nein, aber Adam hat gesagt, es gibt ein großes Loch, das wir nehmen können.“

Belly hob den Arm und zeigte nach oben. „Meinst du das da?“

Shana folgte seinem Blick und entdeckte etwa auf halber Höhe des Hügels eine große dunkel gähnende Öffnung. Auch sie war kreisrund, besaß aber den Durchmesser einer Tunnelröhre.

Shana schluckte. „Das muss es sein. Bestimmt ist dieser Eingang für die Königin.“

„Vielleicht ist es auch ein Ausgang für die Königin“, krächzte Belly.

„Belly, die Katongis schlafen jetzt alle. Warum sollte ausgerechnet die Königin wach sein? Adam hat nur Angst gehabt, weil sie so groß ist. Los, komm! Wir können die kleinen Löcher als Leiter benutzen.“

Bevor Belly antworten konnte, dass auch er Angst hatte, weil die Königin so groß war, begann Shana bereits mit dem Aufstieg. Geschickt benutzte sie die kleinen Löcher, stellte ihren Fuß in das erste, testete, ob sie nicht wegrutschte, und stieg dann sicher von einem zum anderen. Belly seufzte und versuchte, es ihr nachzumachen. Es ging wesentlich einfacher, als er gedacht hatte. Das einzige, was ihn störte, war die wunde Stelle an seiner Ferse, die sich immer mehr aufscheuerte. Aber im Moment war seine Anspannung so groß, dass er nicht weiter darauf achtete. Zwei Minuten später hatte er die Hälfte des Hügels erklommen und hievte sich neben Shana in das große gähnende Loch. Ein leichter, milder Luftzug strich an ihm vorbei. Obwohl er von der für ihn ungewohnten Anspannung schwer atmete und schwitzte, überkam ihn ein Frösteln.

„Alles okay?“, fragte Shana leise.

„Ja, klar, was dachtest du denn?“, antwortete Belly viel mutiger, als er eigentlich wollte. „Soll ich die Lampe einschalten?“

„Warte noch. Versuchen wir’s erstmal so.“

Mit bis zum Hals klopfenden Herzen stellten sich Belly und Shana in diesen unheimlichen Tunnel und starrten hinein.

„Shana?“

„Hm?“

„Wenn diese Riesenkugel aufwacht und hier rausrollt, macht sie uns platt.“

Das Gleiche hatte Shana auch gerade gedacht, aber das wollte sie Belly nicht sagen.

„Hör mal, Belly, ich glaube, Rufus hat sich einen Spaß draus gemacht, die Goshis und die Katongis zu malen. Böse sind die Haarfresser ja nicht, nur hungrig. Er konnte ja nicht wissen, dass das Bild mit den Haaren kaputt geht.“

„Trotzdem `ne blöde Idee, sich lebendige Rasierapparate auszudenken“, murrte Belly.

„Ich glaube nicht, dass die Königin jemals aus ihrem Bau rauskommt. Sie ist wie eine Bienenkönigin, die bleibt auch für immer im Nest und legt die Eier.“

„Schon“, meinte Belly nervös. „Aber dann erklär mir mal, warum sie diesen Ausgang hier braucht?“

Darauf fiel Shana nichts Passendes mehr ein. „Egal, jetzt schlafen die alle. Lass uns reingehen.“

Als sich Belly die ersten Meter in den Tunnel hineingetastet hatte, wurden ihm seine Knie weich. Je mehr sie sich vom Eingang entfernten, desto dunkler wurde es, bis sie schließlich die Hand nicht mehr vor Augen sehen konnten. Belly blieb stehen, und auch Shana zögerte.

„Ich mach jetzt die Lampe an“, murmelte Belly. „Wenn wir nichts sehen, treten wir noch auf die drauf.“

„Okay, aber deck den Strahl erstmal mit deiner Hand ab.“

Belly legte seine linke Hand über die Lampe und schaltete sie ein. Das Licht der Lampe beleuchtete seine Finger in unheimlichem Rot. Belly passte auf, dass nicht zu viel Licht nach außen drang, aber es genügte, sich im Gang orientieren zu können. Der Hügel bestand im Innern aus seltsamem halbfesten Material. Der Boden federte bei jedem Schritt, und auch die Wände gaben nach, als Shana dagegen drückte. Voraus verlor sich der Gang im Dunkel, aber es war deutlich zu erkennen, dass er nach unten führte.

„Lass sie so“, flüsterte Shana. „Los, weiter!“

Einen Fuß langsam vor den anderen setzend schlichen Belly und Shana den Tunnel hinab. Da der Hügel nicht allzu groß war, war das Gefälle ziemlich stark, so dass sich die beiden immer mehr nach hinten lehnen mussten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Doch lange brauchten sie nicht zu gehen.

„Warte!“, zischte Shana und hob die Hand. „Der Gang ist zu Ende! Sei bloß leise! Ich glaube, da kommt eine Höhle …“

Behutsam und so sachte wie möglich machte Shana drei, vier Schritte, dann blieb sie erneut stehen und winkte Belly heftig.

„Sieh dir das an!“, flüsterte sie.

Atemlos trat Belly neben sie und versuchte, die Dunkelheit mit den Augen zu durchdringen. Seine Hand verkrampfte bald von dem Versuch, ständig das Licht zu dämpfen. Doch was er erblickte, ließ ihn alles vergessen. Der Tunnel hatte sich in eine große Höhle hinein geöffnet. Sie besaß etwa das Ausmaß einer Turnhalle, nur dass sie rund war. In den Wänden erkannte Belly viele kleine Löcher. Da müssen sie durchkommen!, durchzuckte es ihn. Und dann sah er sie. Es waren unglaublich viele. Sie bedeckten den Boden wie Bälle in einer Kinderspielkiste. Nur dass diese Bälle acht Augen und acht Beine hatten. Jetzt war davon nichts zu sehen, denn die Katongis lagen unbeweglich da. Hätte Belly nicht gewusst, dass es sich um Lebewesen handelte, er hätte diese Ansammlung von Kugeln für kreisrunde Steine gehalten. Aber das, was ihm wirklich den Magen zusammenzog, war die gigantische Kugel, die wie eine große Mutter auf einem wie ein kleiner Vulkan aussehenden aufgeschütteten Sandring ruhte. Unwillkürlich wollte Shana nach Bellys Hand greifen, aber der hielt ja die Lampe mit der einen, und mit der anderen deckte er das Licht ab.

„Die ist wirklich groß wie ein Haus …“, flüsterte sie ehrfürchtig.

„Wenn die sich auch von Haaren ernährt, wird sie verdammt hungrig sein“, meinte Belly kaum hörbar. „Sieh mal, da! Die Traumfarbe!“

Shana kniff die Augen zusammen, und dann entdeckte sie den kleinen Tiegel und auch das Bild, das Adam gemalt hatte. Am Fuße des aufgeschütteten Sandwalls, in dem die Königin wie eine in den Sand geplumpste gigantische Bocciakugel thronte, hatte sie wohl eine weitere kleine Vertiefung ausgehoben und den Tiegel und das Bild hineingelegt.

Shana schluckte. Sie stellte sich vor, wie dieses riesige Viech seine jetzt verborgenen Arme ausfuhr und damit eine solche Tunnelröhre buddelte wie die, durch sie gekommen waren. Ihre Nackenhaare richteten sich auf, als sie die Linie des Mauls erkannte, das beinahe von einem Ende der Kugel zur anderen reichte.

„Was machen wir denn jetzt?“, kam es so leise von Belly, dass sie ihn kaum verstand. „Wenn wir das Gel haben wollen, müssen wir mitten durch die Viecher durch!“

Shana legte langsam ihre Beklommenheit ab. Ihr Herz klopfte immer noch bis zum Hals, aber jetzt sah sie das Gel und beschloss, zu handeln. Sie betrachtete die vielen Kugeln, die in verschiedenen Größen in der gesamten Höhle herumlagen und schliefen. Manche erreichten die Größe eines Fußballs, andere die von Billardkugeln, und Shana entdeckte auch winzig kleine, nicht größer als Tischtennisbälle. Hier und da gab es Lücken in dem Meer aus Katongis. Das war ihre einzige Chance.

„Wenn du mir leuchtest, geh ich durch und hol die Sachen.“

Shana bereute ihre Worte schon, bevor sie ihren Mund verlassen hatten. Da durch? Aber einer musste es tun. Belly hatte die Lampe, aber man würde beide Hände brauchen, das Bild und den Tiegel zu holen. Shana seufzte innerlich. Sie fressen nur Haare!, sagte sie sich. Nur Haare! Dann straffte sie sich.

„Leuchte ein bisschen nach unten!“

Belly hielt die Taschenlampe etwas tiefer. Jetzt erkannte er, dass Adam recht gehabt hatte. Die Katongis sahen aus wie alte Fußbälle, ledrig und unansehnlich. Aber wenigstens schienen sie wirklich tief und fest zu schlafen. Mit einem mulmigen Gefühl leuchtete er Shana und sah zu, wie sie den ersten vorsichtigen Schritt zwischen die Leiber der Haarfresser tat. Shana machte das gar nicht schlecht, musste er feststellen. Lücke für Lücke nutzte sie geschickt, setzte ihre Füße genau in die Stellen, die die Katongis freigelassen hatten, und schaffte es tatsächlich, bis vor die Königin vorzudringen. Den massigen Körper direkt vor sich, fehlte ihr noch ein Schritt, um an das Bild und den Tiegel zu gelangen. Gerade als sie diesen letzten Schritt tun wollte und ihr rechtes Bein anhob, um einen volleyballgroßen Haarfresser zu übersteigen, erscholl ein Schreckensruf in ihrem Rücken. Belly!

Shanas Kopf fuhr herum. Bellys Hand schien sich endgültig verkrampft zu haben, denn in eben dem Moment, als Shana sich umblickte, wollte er die Lampe anders fassen, aber sie entglitt seinen Händen und knallte auf den Boden. Ein scharfer Lichtstrahl traf direkt auf einen kleinen Haarfresser, und was nicht hätte passieren dürfen, ließ sich nicht mehr abwenden. Der Katongi wachte auf! Nacheinander öffnete er seine acht Augen, was merkwürdigerweise mit einem Geräusch einherging. Klickklickklickklick …

Belly stand wie erstarrt mit ausgestrecktem Arm über dem plötzlich putzmunteren Haarfresser, der geblendet die Augen schloss, da der Strahl der Lampe direkt auf ihn traf.

„Heb sie auf!“, entfuhr es Shana panisch. „Heb sie auf und mach sie aus! Los, mach schon!“

Plötzlich schossen die acht Arme des Katongi aus seinem Körper hervor, und die Kugel hob sich von ihnen getragen in die Luft. Er sah aus wie eine Volleyballspinne, aber zum Lachen war dieser Anblick wahrlich nicht, denn für den Bruchteil einer Sekunde erblickte Belly das sich öffnende Maul dieser Kreatur und die unzähligen rasiermesserscharfen Zähne. Das löste seine Erstarrung. Blitzschnell bückte er sich, um die Lampe zu greifen. Doch seine Körperfülle behinderte ihn. Er schaffte es, die Taschenlampe zu packen, aber dann verlor er das Gleichgewicht und ruderte mit den Armen. Er wollte nicht nach vorne mitten in die anderen Katongis fallen, also kippte er nach hinten in den Gang und fiel auf den Po. Die Lampe glitt ihm wieder aus den Händen, aber Gott sei Dank leuchtete sie in den Tunnel und nicht in die Höhle.

Fassungslos musste Shana mit ansehen, dass der von Belly aufgeweckte Katongi hinter ihm herflitzte. Und er war schneller als jede Spinne. Kaum wahrzunehmen waren seine Bewegungen. Belly war eben dabei, die Taschenlampe wieder an sich zu nehmen, da sprang ihn der Haarfresser an! Belly schrie auf, und im selben Moment ging die Lampe aus.

„Belly!“ Shana ließ jede Vorsicht fallen. Aber das hätte sie lieber nicht tun sollen, denn hinter ihr ertönte ein tiefes, brummendes Geräusch. Die Königin wachte auf!

„Shana!“ Jetzt schrie Belly. „Er hat mich! Er hat mich! Hiillffe!“

Shana bekam Todesangst. Sie konnte nicht das Geringste mehr sehen. Sie wollte im ersten Impuls losrennen, aber dann wäre sie auf die Katongis getreten. Nicht auszudenken, was das ausgelöst hätte … und hinter ihr brummte die Königin! Shana saß in der Falle. Eiskalte Hände griffen nach ihr, und mit weit aufgerissenen Augen, die doch nicht das Geringste wahrnahmen, starrte sie in die Richtung, wo Belly mit dem Katongi kämpfte. Sie hörte, wie ihr Freund sich hin und her wälzte. Sein schnaufender, panischer Atem erfüllte die Höhle. Zur Hilflosigkeit verbannt, durchlebte Shana die schrecklichsten Sekunden ihres Lebens. Doch dann mit einem Mal herrschte Stille. Nur Bellys und ihre eigenen Atemzüge beherrschten noch die Höhle. Ansonsten kein Geräusch mehr. Stille. Selbst die Königin brummte nicht mehr. Shana hörte, wie Belly sich aufzurichten schien. Was hätte sie alles dafür gegeben, jetzt etwas sehen zu können! Sie atmete tief durch und zählte langsam bis sechzig. Dann beschloss sie, es zu wagen.

„Belly …“, hauchte sie in die Höhle. „Belly … was ist mit dir? Bist du in Ordnung?“

J … jja …“, kam es zurück. „Er ist weg.“

„Bist du verletzt?“

„N … nnnein. Ich glaub nicht.“

„Ich glaube, sie schlafen alle wieder!“, flüsterte Shana jetzt etwas lauter. „Wenn du die Lampe anmachst, leuchte gegen die Decke!“

„Ich mach die Lampe nie wieder an!“, krächzte Belly zurück. „Nie wieder!“

„Du musst!“, drängte Shana. „Oder willst du mich hierlassen? Im Dunkeln trete ich auf die Viecher drauf! Und außerdem sehe ich nicht, wo das Gel liegt! Nun mach schon! Die Haarfresser scheinen im Dunkeln zu erstarren, sonst wären sie längst alle über uns hergefallen! Halt die Hand wieder vor und leuchte gegen die Decke!“

Shana konnte sich genau vorstellen, was in Belly jetzt vorging. Sie konnte ihn verstehen. Wenn sie von einem Haarfresser angefallen worden wäre, würde es ihr genauso gehen. Aber es gab keine andere Möglichkeit. Er musste es tun, sonst war alles umsonst.

Plötzlich erschien das fahle Licht der Taschenlampe. Es war kaum mehr als die rot leuchtende Hand von Belly zu sehen, der sie krampfhaft gegen die Öffnung hielt. Aber es reichte aus, dass Shana sich orientieren konnte. Sie hielt sich nicht lange auf. Wer wusste schon, ob der vorhin von Belly aufgeweckte Haarfresser jetzt wieder fest schlummerte oder nicht. Suchend blickte Shana sich um. Da war es! Keinen Meter von ihr entfernt lagen der Tiegel und das Bild in einem Nest aus festem Sand. Seltsam, dachte Shana, dass diese Katongis das so hüteten. Genutzt hatte es ihnen schließlich nicht. Sie kniff die Augen zusammen. Noch ein Schritt, und sie stand vor dem Nest. Erleichtert erkannte sie, dass auch der Pinsel mit darin lag. Behutsam bückte sie sich, nahm ihn an sich und klemmte ihn in ihren Gürtel. Dann fiel ihr siedendheiß etwas ein. Das Bild mit den Haaren! Jetzt herrschte die Nacht, und wenn sie diesem Bild zu nahe kam, würde sie hineingezogen werden. Panisch überlegte sie, was sie tun sollte. Sie war sich nicht sicher, ob das, was ihr einfiel, funktionieren würde, aber sie hatte keine andere Wahl. Sie zog ihre Jacke aus und warf sie behutsam über das Bild. Dann bückte sie sich, nahm das in die Jacke gewickelte Traumbild in die linke und den Tiegel in die rechte Hand. Nichts passierte. Erleichtert atmete Shana aus. Es funktionierte! Vorsichtig richtete sie sich wieder auf und drehte sich um. Belly stand am Tunnelausgang und beobachtete sie voller Angst. Irgendetwas an ihm wirkte anders, dachte Shana, aber sie sah ihn nur als Schemen, und der Gedanke verflüchtigte sich sofort, als sie sich darauf konzentrierte, den Rückweg anzutreten. Ihre Augen tränten, als sie wie ein Storch wieder durch die schlafenden Katongis stakste. Sie traute sich nicht zu blinzeln, denn ein Fehltritt und …

Belly ließ vor lauter Angst, dass wieder eines der Biester aufwachen könnte, so wenig Licht durch seine Hand, dass es für Shana beinahe unmöglich war, nicht auf eins zu treten. Aber schließlich hatte sie es doch geschafft. Erleichtert blickte sie sich um und betrachtete die gewaltige Gestalt der Königin und die Ansammlung von Kugeln unter ihr. Sie wusste, dass ihr dieser Anblick niemals mehr aus dem Kopf gehen würde.

„Lass uns endlich verschwinden!“, flüsterte Belly eindringlich. „Ich mach mir gleich in die Hose!“

Shana kicherte leise, aber wenn sie ehrlich war, ging es ihr nicht viel besser. Nur raus hier. Sie warf noch einen letzten Blick auf die unheimliche Szene im Innern dieses Bruthügels. Dann drehte sie sich um und betrat den Tunnel.

„Ich geh vor“, flüsterte sie. „Jetzt kannst du mehr Licht geben.“

Belly ließ sie zwei Schritte voraus gehen und hielt die Lampe in Richtung Gang. Als sie ein paar Schritte im Innern waren, öffnete er die Finger einen Spalt breit, so dass ein feiner Lichtstrahl die Richtung wies. Shana warf lange unheimliche Schatten nach vorn, aber Belly fand, das war nichts im Vergleich zu dem, was er gerade erlebt hatte.

Keine zwei Minuten später standen sie an der Flanke des Hügels und schauten über das in Dunkelheit getauchte Gelände. Nicht allzu weit entfernt schimmerten ein paar Lichter herüber.

„Da ist das Dorf!“, flüsterte Shana.

„Hm.“

„Leuchte mir mal! Der Abstieg ist nicht gerade leicht.“

„Und wie willst du das Bild runterkriegen?“

Shana zögerte. Daran hatte sie nicht gedacht. Den Tiegel konnte man in der Hose verstauen, aber es war unmöglich, mit einer Hand das Bild zu halten und damit den Hang hinabzuklettern. Auf dem Po runterrutschen ging auch nicht, dazu war das Ganze viel zu steil. Shana starrte wütend nach unten und dachte nach. Dann kam ihr ein Einfall.

„Pass auf, ich geh runter und hole Adam. Der kann bestimmt klettern wie ein Affe. Für ihn ist es bestimmt kein Problem, das Bild zu halten und hier wieder runterzuturnen. Hier, nimm es, aber pass auf, dass die Jacke nicht verrutscht, sonst landest du im Land der Haare!“

Belly gefiel diese Idee ganz und gar nicht, aber etwas Besseres fiel auch ihm nicht ein. Mit einem Kloß im Hals nahm er das Bild von Shana entgegen.

„Aber beeil dich! „Wenn die Königin rauskommt …“

„Wird sie nicht, aber wenn doch, wirf das Bild runter und komm nach. Dann können wir es auch nicht ändern.“

Belly hielt die Lampe nach unten, und sah mit gemischten Gefühlen zu, wie Shana sich an den Abstieg machte, indem sie sich von einem Loch zum anderen tastete und Halt suchte. Schließlich gelangte sie sicher unten an und winkte Belly.

„Mach besser die Lampe aus, bis ich wieder da bin!“

Während Shana schon davoneilte, knipste Belly die Lampe aus, und sofort stand er in beinahe absoluter Dunkelheit. Ein Mond schien nicht, und nur wenige Sterne ließen sich blicken. Belly fühlte sich augenblicklich vollkommen allein. In diesem Moment verfluchte er diesen Rufus, der Schuld an allem war. Aber so ganz stimmte das ja auch nicht, schließlich hatte Belly in das Bild gegriffen, weil er Shanas Warnungen missachtet hatte. Mit allen Sinnen angespannt zog sich Belly an den Rand des Eingangs zurück. Er lauschte so angestrengt, dass er sein Blut in den Adern rauschen hörte. Mit aller Gewalt versuchte er an etwas anderes zu denken, als an die Vorstellung, dass diese Riesenkatongi hinter ihm aus dem Gang rollen könnte, aber es gelang ihm einfach nicht.

Minute um Minute verstrich. Belly wurde immer nervöser. Warum kam Shana nicht zurück? Sie müsste längst wieder da sein. War im Dorf etwas schiefgegangen? Hatte sie den Weg nicht gefunden? Aber nein, das war Quatsch, die Fenster leuchteten ihr den Weg. Und was, wenn …

Plötzlich packte ihn jemand am Arm, und Belly schrie in panischem Schreck auf.

„Pssst!“, zischte eine Stimme neben ihm. „Ich bin’s, Adam!“

„Mein Gott, Adam, hast du mich erschreckt! Um ein Haar hätte ich das Bild fallen gelassen! Wie bist du bloß raufgekommen?“

„Na, geklettert“, sagte der Goshi, und Belly wusste genau, dass der sympathische kleine Kerl neben ihm grinste. „Ich hab gehört, du hast das Bild?“

„Hm.“

„Dafür werden wir euch für immer dankbar sein. Aber jetzt lass uns besser von hier verschwinden. Es wird bald hell.“

„Wie bitte?“, entfuhr es Belly. „Es ist doch gerade erst dunkel geworden!“

„Aber unsere Nacht dauert drei Stunden, wie immer.“

„Und der Tag?“

„Der dauert vier Stunden.“

„Rufus, du bist bekloppt“, murmelte Belly.

„Was hast du gesagt?“

„Ach, nichts. Hier, nimm das Bild. Aber sei vorsichtig. Du musst es mit der Jacke festhalten, sonst verschwindest du im Bild!“

„Keine Sorge, ich pass schon auf. Jetzt können wir sie endlich wieder füttern!“

Kaum hatte Adam ausgesprochen, huschte er schon den Berg hinunter, um keine zwei Sekunden später von unten heraufzurufen.

„Ich bin unten! Jetzt du!“

Belly war kein Goshi und auch als Mensch schon nicht sonderlich flink auf den Beinen. Es dauerte also ein Weilchen, ehe auch er sicher am Fuße des Hügels ankam. Wieder ergriff ihn die kleine Hand von Adam und zog ihn mit sich.

„Los, beeilen wir uns! Es dämmert bereits!“

Belly fragte sich verwundert, warum in aller Welt er sich so beeilen sollte, denn so schnell würde es schon nicht hell werden. Aber er hatte sich gründlich getäuscht. Bei einem Tag, der nur sieben Stunden dauerte, gab es kaum eine nennenswerte Dämmerung. Es wurde beinahe umgehend hell, so schnell umkreiste diese merkwürdige Welt ihre Sonne. Sie hatten noch nicht einmal die Hälfte des Weges geschafft, als schon die ersten Sonnenstrahlen ihre Gesichter trafen.

„Laaufft!“, schrie Adam. „Sie kommen!“

Shana rannte davon, als würde ihr der Teufel auf den Fersen sein. Belly versuchte, mit ihr Schritt zu halten, aber das war bei seiner Körperfülle unmöglich, und er blieb hoffnungslos zurück. Als Adam, der noch schneller als Shana war, bemerkte, dass Belly nicht folgen konnte, kam er zurück, packte ihn am Arm und zog ihn mit sich. Das Bild hielt er immer noch unter seinen anderen Arm geklemmt. Wenn er es nicht hätte festhalten müssen, wäre er vermutlich dreimal so schnell gewesen. Aber er ließ Belly nicht im Stich. Der schnaufte und keuchte, dass es ihm schon in der Lunge brannte.

Das Dorf kam näher. Dann hatten sie Adams Haus erreicht. Adam brüllte irgendetwas, und die Eingangstür flog auf. Hinter sich hörte Belly ein unheimliches Grummeln, als würde eine Gerölllawine einen Berg hinabdonnern. Nie im Leben hätte er sich jetzt umgedreht. Mit weit aufgerissenen Augen sah er, wie Shana durch die Tür stürzte, dann taumelten auch Adam und er über die Schwelle, und sobald er im Haus des Goshis war, knallte schon jemand die Tür zu und verriegelte sie. Eine Sekunde später donnerten Dutzende kleiner Körper dagegen.

Bumm … bumm, bumm, bumm, bumm, bubumm … bubumm …

Mit rasendem Herzen und heftig keuchend sah Belly zu, wie Adam das wertvolle Traumbild, das immer noch von Shanas Jacke bedeckt war, seelenruhig an die Wand lehnte. Dann nahm der kleine Goshi einen weiteren Goshi, der im Haus gewartet haben musste, in die Arme und drückte ihn glücklich. Shana lehnte an der gegenüberliegenden Wand und keuchte beinahe genauso wie Belly, und das sollte was heißen. Überglücklich blickte sie ihren Freund an, doch dann änderte sich ihr Gesichtsausdruck plötzlich. Sie verzog den Mund und fing an zu lachen. Weil sie immer noch heftig atmete, verschluckte sie sich und begann zu husten. Adam löste sich von dem anderen Goshi, stellte sich neben Shana und grinste Belly an. Belly hatte das Gefühl, er sei verrückt geworden. Da hämmerten nur wenige Zentimeter von ihm entfernt Dutzende von Haarfressern gegen die Tür, sie waren gerade erst dem Maul der Königin entkommen und hatten das Bild und den Tiegel gerettet, und nun standen die beiden ihm gegenüber und lachten ihn aus.

„Was soll das?“, fragte er wütend zwischen zwei Atemstößen. „Habt ihr sie nicht mehr alle? Warum lacht ihr mich aus?“

„Also …“, gluckste Shana, „du siehst … ähhh … eben komisch aus! Richtig lustig! Ganz schön mutig, die Frisur!“

Belly erstarrte. So langsam formte sich ein Gedanke in seinem Kopf. Nein … das durfte nicht sein …

„Wart mal!“, lachte Adam und verschwand durch die Durchgangstür im Nebenzimmer. Kurz darauf kehrte er mit einem kleinen Spiegel in der Hand zurück und reichte ihn Belly beinahe feierlich.

„Hier, sieh selbst! Ich find’s toll!“

Mit einer bösen Vorahnung nahm Belly den Spiegel in die Hand und führte ihn langsam vor das Gesicht. Sein puterrotes Spiegelbild blickte ihm entgegen. Und dann sah er es. Sein Haarschopf war in der Mitte geteilt! Eine etwa fünf Zentimeter breite Bresche aus blanker Haut glänzte auf seinem Schädel. Rechts und links fielen die übriggebliebenen Haare herab. Das sah im Grunde unglaublich komisch aus, aber wenn man selbst so aussah, fand man das Ganze absolut furchtbar. Belly ließ den Spiegel sinken.

„Das darf doch nicht wahr sein …“, flüsterte er. „Diese gemeine Kugel muss mich erwischt haben!“

„Ja“, lachte Shana. „Aber so richtig satt kann sie nicht geworden sein. Der Nachtisch ist ja noch oben!“

Belly wollte wütend auffahren, aber Shana winkte beschwichtigend ab. „Hey, war nicht so gemeint! Das wächst schon wieder nach. Du kannst ja eine Mütze tragen bei den Videokonferenzen.“

„Mir gefällt’s“, meinte Adam noch einmal. „Sieh doch mich an! Ich bin ganz nackt. Und, hat’s dich gestört?“

„Nein“, gab Belly zu. „Nur am Anfang. Und nur ganz kurz.“

„Na also“, bekräftigte Adam und hakte das Thema damit ab. Dann wandte er sich an den anderen Goshi und stellte ihn Shana und Belly vor.

„Das ist meine Frau Goshi!“

„Freut mich“, sagte Shana und reichte ihr die Hand.

„Mich auch. Mein Mann hat mir alles erzählt, als ihr weg wart.“

Immer noch bummerten die Haarfresser gegen die Eingangstür, aber niemand nahm mehr sonderlich Notiz von ihnen. Während Belly sich immer wieder über die kahle Stelle auf seinem Kopf fuhr, dachte er, dass Adams Frau genauso aussah wie Adam selbst. Absolut identisch. Rufus hatte nicht viel Fantasie bewiesen, was die Gestaltung der Geschlechter anging. Was soll’s, dachte Belly, wenn sie sich mochten, war es egal.

Die Goshifrau trat zu Belly und reichte auch ihm die Hand. „Wir sind so dankbar, was ihr getan habt. Jetzt können wir die Katongis wieder füttern und endlich wieder hinaus in die Sonne gehen!“

„Ja, und ein Fell werdet ihr auch wieder tragen!“, sagte Belly unsicher.

„Du weißt gar nicht, was das für uns bedeutet.“ Dann wandte sich Adams Frau zu ihrem Mann um. „Meinst du … meinst du, ich kann sie das fragen?“

Adam nickte ihr aufmunternd zu. „Ganz bestimmt. Frag einfach!“

Shana und Belly wechselten einen fragenden Blick. Belly zuckte die Schultern. Er wusste auch nicht, was jetzt folgen würde.

„Ich … ich wollte euch fragen, ob … ob ihr mir auch einen Namen geben könnt!“

Shana lächelte. „Was ist, Belly, können wir doch, oder?“

„Klar!“

„Ich glaube, ich weiß auch schon, welchen“, meinte Shana und zwinkerte Belly zu. „Wie wäre es mit Eva?“

„Eva …“ Die Frau des Goshis ließ den Namen auf sich einwirken. Dann leuchteten ihre Augen fröhlich auf. „Eva! Das ist toll! Danke, vielen Dank! Ab jetzt will ich Eva heißen!“

Belly und Shana schmunzelten. Adam und Eva waren die ersten Namen für die Menschen gewesen, da passte es doch eigentlich gut, wenn dies auch die ersten Namen für das Volk der Goshis wurden. Shana trat vor und legte Eva die Hand auf die Schulter.

„Ich finde es toll, dass wir euch kennen gelernt haben. Aber … aber wir …“

„Ihr wollt wieder zurück in eure Welt, stimmt’s?“

„Ja, das wollen wir. Wir sind gar nicht mit Absicht hierher geraten, aber jetzt sind wir froh, dass es passiert ist.“

„Das sind wir auch“, lachte Adam. „Es ist schade, dass ihr so schnell wieder gehen wollt. Die anderen wollen euch alle kennen lernen, und wir könnten ein Fest feiern.“

Er winkte ab, als Shana etwas entgegnen wollte. „Ja, ja, ich weiß. Ich würde wohl auch zurück nach Hause wollen. Aber darf ich euch noch um etwas bitten?“

Belly hob fragend die Brauen. „Ja?“

„Es wäre schön, wenn ihr jedem von uns einen Namen geben würdet. Könnt ihr das?“

„Hm“, machte Belly. „Wie viele seid ihr denn?“

„Unser Volk besteht aus fünfzig Goshis“, erwiderte Adam stolz.

„Das kriegen wir hin“, lächelte Shana. „Was meinst du, Belly?“

„Klar kriegen wir das hin. Jeder von euch wird einen eigenen Namen bekommen, das versprechen wir euch. Aber erst füttern wir die Rasierapparate!“

Unter dem Gelächter der anderen wollte Belly vorsichtig die Jacke von dem Traumbild mit den Haaren nehmen, als ihm etwas einfiel.

„Hey, wir müssen wohl doch erst die Namen vergeben. Es ist jetzt mitten am Tag, da funktionieren die Traumbilder nicht!“

„Stimmt“, musste Shana zugeben. Sie würden noch mindestens drei weitere Stunden hierbleiben müssen. Aber dann dachte sie an die liebenswürdigen Goshis und fand, dass das wahrlich nicht das Schlimmste war. Und ein weiterer Gedanke kam ihr in den Sinn.

„Belly, wir müssen sowieso noch ein Traumbild malen.“

Ihr Freund schaute sie verständnislos an. „Wieso?“

„Na, willst du bei den Haaren leben oder wieder nach Hause?“

Belly lachte. “Stimmt! Wir müssen ein Bild von zu Hause malen. Nach Haarland will ich nicht! Vielleicht könnt ihr ja die Goshis alle in das Haarbild kriegen, dann seid ihr sie los!“

„Die Königin geht da bestimmt nicht durch!“, wandte Adam ein. „Nein, lasst man, die Haarfresser sind eigentlich ganz nett, wenn sie satt sind. Und jetzt können wir sie wieder füttern. Aber vielleicht könnt ihr uns ja mal besuchen.“

„Das machen wir ganz bestimmt, versprochen! Und Rufus kriegt was zu hören …“

„Wer ist denn dieser Rufus?“, fragte Eva neugierig.

„Ach, das ist eine lange Geschichte“, lächelte Shana. „Eines Tages werden wir sie euch vielleicht erzählen. Aber jetzt denken wir uns für euch Namen aus!“

Die folgenden drei Stunden verbrachten sie damit, sich die verschiedensten und schönsten Namen für die Goshis auszudenken. Nachdem sie erst einmal Gefallen daran gefunden hatten, eigene Namen zu besitzen, machten sich Adam und Eva einen Spaß daraus, sich an der Namenssuche für die anderen zu beteiligen. Schließlich hatten sie achtundvierzig beisammen, und Shana und Belly waren sich sicher, selbst wenn der eine oder andere einem Goshi nicht gefallen würde, würden sie sich schon einigen. Als sie fertig waren, hob Adam die Hand.

„In einer halben Stunde wird es wieder dunkel. Es ist besser, ihr malt euer Traumbild noch, wenn es hell ist, sonst wird es schwer, nicht gleich hineingezogen zu werden.“

„Stimmt“, meinte Shana und nahm den kleinen Tiegel mit der Traumfarbe in die Hand, den sie vorhin auf dem Tischchen abgestellt hatte.

„Darf ich es malen?“, fragte Belly und schaute seine Freundin bittend an.

„Hm, na klar.“ Shana überlegte nicht lange. „Schließlich bist du ja erst durch mich in den ganzen Schlamassel mit reingeraten. Glaubst du, du bekommst das hin?“

Belly nickte heftig. „Kein Problem. Ich stell mir einfach dein Zimmer vor, okay?“

„Okay, dann mach mal.“ Sie zog den Pinsel aus dem Gürtel, in dem er seit dem Abenteuer in dem Bruthügel immer noch steckte, und reichte ihn Belly. „Hier. Ach, Adam, habt ihr eigentlich eine Leinwand oder Papier? Sonst können wir nicht malen.“

„Haben wir“, nickte der Goshi fröhlich. „Der große Schöpfer hat uns genug davon dagelassen, aber ich habe es in der Kammer verschlossen. Wir dürfen es nur niemals benutzen. Nur, wenn ein großes Unglück geschieht, so wie damals, als uns das Haarbild kaputtgegangen ist.“

„Sonst dürft ihr es nicht benutzen?“, grübelte Belly.

„Ich glaube, ich weiß, warum nicht“, raunte Shana ihm ins Ohr. „Weil Rufus die Leinwand braucht, wenn er hierherkommt und wieder zurück will.“

„Na ja“, sagte Belly laut. „Der große Schöpfer weiß, wie gefährlich die Bilder sein können. Aber er vertraut euch anscheinend wirklich sehr.“

„Hm“, machte Adam. „Das kann er auch. Wir werden nur im Notfall eines malen. Ganz bestimmt. Warte, Belly, ich hole dir eine Leinwand.“

Shana schloss sich dem kleinen Goshi neugierig an. „Zeig mir doch mal den Rest eures Hauses, Adam!“

„Gerne, komm mit!“

Adam, seine Frau und Shana verschwanden im Nebenzimmer. Belly quetschte sich auf einen Stuhl und öffnete schon mal den Tiegel. Nachdenklich betrachtete er das dickflüssige Gel, das imstande war, eine unfassbare Magie zu entwickeln. Je länger er in den Topf starrte, desto mehr nahm ein Gedanke Form an. Er fasste sich an die blanke Stelle auf seinem Kopf und nickte entschlossen. Als Adam kurz hereinkam und ihm die Leinwand reichte, bedankte er sich abwesend. Er hatte einen Entschluss gefasst. Nachdenklich schaute er sich um. Eine Staffelei gab es hier nicht. Aber ein Fensterbrett! Belly zwängte sich wieder aus dem Stuhl heraus, begab sich zum Fenster und stellte die Leinwand auf dem Fensterbrett ab. So müsste es gehen. Dann ging er zurück, holte das Gel und den Pinsel.

Als er aus dem Fenster blickte, war ihm, als würde es schon leicht dämmern. Wenn er malen wollte, musste er es jetzt tun. Er schloss die Augen. Ein, zwei Minuten brauchte er, um sich zu konzentrieren, ruhig atmete er ein und aus. Vor seinem geistigen Auge entstand das Bild der Umgebung, die er haben wollte. Als er sich völlig fallen gelassen hatte, stieg sein Arm wie von selbst empor und führte den Pinsel zur Leinwand. Mit einem schmatzenden Geräusch verschmolzen die Borsten mit dem Tuch. Sekunden später setzte sich der Pinsel in Bewegung, gelenkt nur von den Gedanken des Jungen, der ihn hielt.

Kurze Zeit später war das Bild bereits vollendet. Sanft löste sich der Pinsel von ihm. Belly stand noch für Sekunden mit geschlossenen Augen davor. Auf seinem Gesicht erschien ein glückliches Lächeln. Dann öffnete er die Augen und nickte zufrieden. Das Bild war gelungen. Es konnte losgehen.

Er wandte sich von dem Bild ab und blickte durch das Fenster auf den Hof. Es war bereits fast dunkel! Vorsichtig verschloss er den Tiegel und stellte ihn auf dem Fensterbrett ab. Den Pinsel legte er daneben. Er lauschte. Aus dem Bild erklangen leise Geräusche! Er musste aufpassen, jetzt nicht zu nah heranzugehen. Aber andererseits wollte er nichts wie weg von hier. Wo blieb nur Shana?

Gerade als er schon darüber nachdachte, sie zu holen, ging die Tür auf, und die anderen kamen zurück. Belly drehte sich um und verdeckte das Bild mit seinem breiten Rücken.

„Hey, Belly“, sagte Shana strahlend. “Die beiden haben ein süßes Haus! So eins hätte ich auch gern und nicht so eine Wohnwabe wie wir.“

„Shana …“, sagte Belly drucksend. „Es ist schon dunkel. Lass uns gehen. Das Bild ist fertig.“

„Oh, toll, zeig mal!“

„Ja, gleich“, meinte Belly eilig. Dann machte er einen Satz auf die verblüfften Goshis zu und schüttelte beiden die Hand. „Es war toll, euch kennen gelernt zu haben! Wir kommen ganz bestimmt wieder! Passt auf euch auf! Auf Wiedersehen!“

Vollkommen baff verfolgte Shana, wie ihr Freund anscheinend jede Form von Höflichkeit verloren zu haben schien und nur noch weg wollte.

„Hey, Belly …“, begann sie, doch der ließ sie nicht zu Wort kommen. Er nahm sie bei der Hand und zerrte sie mit sich zum Fenster.

„Wir müssen uns beeilen!“, rief er entschuldigend zurück zu den beiden Goshis. „Sonst geht das Bild gleich nicht mehr!“

Shana sträubte sich. Was war denn bloß in Belly gefahren? Hatte er zu lange nichts mehr gegessen? Wirkte sich das so aus?

„Lass mich los! Was ist denn los mit dir? Wir können doch nicht einfach so gehen! Lass uns doch wenigstens noch richtig verabschieden! Du bist unhöflich! Belly, lass … mich … los!“

Belly überrumpelte sie. Ein Ruck, und sie standen am Fenster, an dem die Leinwand lehnte. Shana wollte zurückweichen, aber sie war bereits zu nah. Lichtfinger griffen nach ihr, umhüllten sie, und ehe sie auch nur reagieren konnte, lösten sich ihre Konturen auf, flossen in den Lichtstrahl, und als dieser sich mit einem Wuuuuschhhh wieder zurückzog, nahm er Shana mit sich.

Belly drehte sich noch einmal zu Adam und Eva um. „Entschuldigt, aber wir besuchen euch ganz bestimmt einmal! Ich wollte Shana überraschen, versteht ihr? Macht’s gut!“

Damit drehte er sich um, ließ sich von den Strahlen einfangen und auflösen, und folgte Shana hinein in das Traumbild.

Zurück blieben die beiden Goshis, die dem Ganzen recht verblüfft zugeschaut hatten. Nach ein paar Sekunden traten sie vorsichtig vor das Bild und blieben in gebührendem Abstand vor ihm stehen. Nachdenklich betrachteten sie das Motiv.

„Hm“, machte Eva. „Die Menschen haben aber ein merkwürdiges Zuhause, findest du nicht?“

„Ja, finde ich“, meinte Adam. „Aber Shana meinte, unser Haus sei süß, und sie würde auch lieber so eins haben statt der Wohnwabe, in der sie wohnt. Ich weiß nicht, aber wenn das die Wohnwabe ist … ich finde sie wunderschön.“

Seine Frau nickte. „Komm dem Bild lieber nicht zu nahe.“

„Keine Sorge, Eva“, lächelte der Goshi, der sichtlich stolz auf den Namen seiner Frau war. „Wenn es hell wird, schließe ich es in der Kammer ein.“

„Dann nimm aber auch die Traumfarbe und den Pinsel mit.“

„Mach ich.“

Glücklich nahmen sich die beiden an die Hand und betrachteten versonnen das Bild, das mit einem Mal so richtig zum Leben erwachte. Doch kurze Zeit später geschah etwas, das sie zu Tode erschrecken sollte …

Kapitel 6

Dieses Mal war es Belly, der zuerst das Bewusstsein wiedererlangte. Langsam lichtete sich der Nebel. Ihm war unwohl. Alles schwankte. Doch das waren vermutlich die Begleiterscheinungen dieser Traumbildfahrten. Das erste, was er bewusst wahrnahm, war der Geruch. Ein unglaublich intensiver Geruch nach Holz. Altem Holz. Er lächelte. Das hatte er erwartet. Aber es war nicht nur Holz. Ein säuerlicher Alkoholdunst und kalter Tabak drangen ebenfalls in seine Nase. Belly lauschte. Ein Knarzen ertönte. Er fühlte, wie sich der Boden unter ihm leicht nach rechts neigte, dann einen Moment lang in der Schräge verharrte, um dann wieder nach links zu driften. Wieder das Knarzen. Nur dicke Holzbalken konnten solche Geräusche hervorbringen. Der Untergrund, auf dem er lag, war hart. Eine Matratze war es jedenfalls nicht.

Belly holte Luft. Er war jetzt wieder soweit klar, dass er die Augen öffnen konnte. Was er erblickte, ließ sein Herz schneller schlagen. Ein kleiner Raum, ein kleines, in die Wand eingebautes Bett, mehr eine Lagerstatt, darüber Borde mit dicken Büchern und Karten, ein schwerer Tisch aus dunklem Holz, und an der Decke Haken, an denen Humpen hingen, die im Einklang mit den Bewegungen des Raumes hin und her schwangen. Belly registrierte, dass er auf blankgewienerten Bohlen lag, die diesen unglaublichen Geruch verströmten. Er verdrehte den Kopf und erblickte Shana, die dicht neben ihm lag und vor sich hin murmelte. Abrupt richtete er sich auf. Wie eine heiße Welle überkam ihn die Erkenntnis, was er angerichtet hatte. Aber dann siegte sein Trotz. Er hatte es geschafft. Endlich war er da, wo er immer schon hin wollte. Dies war eine Kajüte, soviel stand fest. Er suchte den Raum mit den Augen ab. Irgendwo müsste sich doch ein Hinweis finden …

„Belly …“, krächzte jemand neben ihm.

Shana! durchfuhr es Belly. Unwillkürlich rückte er ein Stück von ihr ab. Oh Mann, jetzt würde er was zu hören bekommen …

„Belly … wo sind wir? Was hast du getan? Warum …?“

Vorsichtig und nach Halt suchend, weil sich der Raum erneut von einer Seite zur anderen neigte, richtete auch sie sich auf. Belly schluckte. Jetzt ging’s los.

„Was ist das hier? Belly! Gib mir eine Antwort! Das … ist … nicht … mein … Zimmer!“

„Ich …“ Belly hatte eine rettende Idee. „Ich war noch nie in deinem Zimmer.“

Shana stieg die Zornesröte ins Gesicht. „Willst du mich veräppeln? Du warst noch nie in …“ Plötzlich ging ihr auf, dass er recht hatte. Sie hatte Belly tatsächlich noch nie eingeladen. Bisher waren immer nur Krissa und die anderen Mädchen bei ihr gewesen. Ihre Eltern fanden, dass es für Jungs noch zu früh war, und die Anifilmpartys gestatteten sie ihr zu Hause auch nicht.

„Du warst noch nie in meinem Zimmer und willst es dann als Traumbild malen? Ja, hast du sie nicht mehr alle?“

„Ich wollte dein Zimmer gar nicht malen …“, murmelte Belly.

„Was? Noch mal, bitte! Du wolltest mein Zimmer nicht malen?“

„Hm.“

„Was zum Teufel wolltest du dann?“

„Ich wollte auf das Schiff!“ Belly wurde jetzt auch laut. „Ich wollte auf das Schiff, von dem ich immer geträumt habe! Es war doch die letzte Gelegenheit! Nie wieder werden mich meine Eltern zu dir oder in die verbotene Zone lassen, wenn ich so lange nicht nach Hause komme! Ich hab immer davon geträumt, Shana. Du hast mich doch zu Rufus gebracht! Deinetwegen bin ich in das Bild mit den Haarfressern gezogen worden! Ich wollte noch nicht nach Hause. Da gibt’s so oder so Ärger. Also …“

„Also hast du gedacht, du könntest vorher noch einen Abstecher auf dein Schiff machen.“

„Ja.“

„Belly …“ Shanas Stimme klang gefährlich leise. Sie breitete die Arme aus und machte eine Geste in den Raum hinein. „ …dies ist ganz bestimmt ein Schiff. Toll. Du hast dein Ziel erreicht. Sieh es dir an. Du wirst bestimmt glücklich mit deinem Schiff. Vielleicht wirst du ja eines Tages sogar Kapitän!“

„Shana …“

„Belly …“ Shana zitterte vor Wut. Dann brach es aus ihr heraus. „Du blöder Idiot! Wir werden nie wieder zurückkommen! Wir werden auf diesem verdammten Schiff verrotten!“

„Hey, Shana, schrei mich nicht so an! Wir brauchen doch bloß …“ Plötzlich überkam ihn eine heiße Welle der Erkenntnis. Ihm wurde speiübel. Fassungslos starrte er in Shanas vor Wut blitzenden Augen.

„Du hast die Traumfarbe vergessen!“, brüllte Shana ihn an. „Eine super Idee, ein anderes Bild zu malen und die Farbe zu vergessen! Ganz klasse, Belly! Wir werden für immer in dieser Welt gefangen bleiben!“

Bellys Gedanken überschlugen sich. Alles wirbelte in seinem Kopf. Shana hatte recht. Vor lauter Egoismus hatte er einen unverzeihlichen Fehler begangen. Das Gel und der Pinsel lagen noch immer auf dem Fensterbrett bei den Goshis. Er spürte, wie ihm die Tränen in die Augen stiegen. Das hatte er nicht gewollt.

Plötzlich ging mit Schwung die Tür auf, die sich kaum merklich vom Holz der Kajüte abgezeichnet hatte und knallte neben Belly gegen die Wand. Im Rahmen stand ein bullig gebauter Mann und starrte auf Belly und Shana herab. Ungläubig und starr vor Schreck sahen die beiden zu der Erscheinung hinauf. Der Kerl war beinahe so breit wie groß. Er trug sandalenähnliche Schuhe, merkwürdige, schlabbernde Hosen und ein weites, vergilbtes Hemd, das keine Knöpfe besaß, aber oben weit offenstand und einen Urwald aus Brusthaaren freiließ. Auch im Gesicht des Mannes wucherte ein ungepflegter, tiefschwarzer Bart, in dem unzählige kleine Locken ein dichtes, verfilztes Gestrüpp bildeten. Die graublauen Augen, die in seltsamem Kontrast zu dem wilden Aussehen des Mannes umherblickten, verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Was zum Teufel macht ihr in der Kajüte des Käptns?“

Shana versuchte aufzustehen, was bei dem hin und her schlingernden Boden gar nicht so einfach war.

„Ich … wir …“

„Blinde Passagiere!“, brummte der Mann und kratzte sich am Ohr. „Das wird den Käptn aber gar nicht freuen. Ihr wisst, was man mit blinden Passagieren macht?“

„Wir sind keine blinden Passagiere!“, protestierte Shana und reichte Belly die Hand, der sich mühte, vom Boden hochzukommen. „Wir sind …“

„… auch noch Lügner!“, stellte der Bärtige fest. „Blinde Passagiere werden kielgeholt, dann in kleine Stücke geschnitten und den Haien zum Fraß vorgeworfen. Lügnern schneiden wir die Zunge raus. Aber vielleicht seid ihr ja auch noch Diebe? Zwei Rotznasen in der Kabine vom Käptn … wehe, ich finde etwas in euren Taschen! Ach ja, Dieben schlagen wir die Hände ab! Das hält sie nachweislich vom Klauen ab!“

Der Kerl lachte schallend über seine Worte und entblößte dabei seine Zahnlücken. Im Oberkiefer war nur noch jeder zweite Zahn an seinem Platz, und obwohl Shana vor Angst zitterte, musste sie daran denken, dass sie die weißen Zähne und die schwarzen Lücken dazwischen an die Tasten eines Klaviers erinnerten. Von einem Moment auf den anderen brach der Seemann sein Lachen ab, beugte sich zu Shana herab und beäugte sie misstrauisch.

„Merkwürdige Sachen habt ihr da an. Was ist das für ‘n Zeug? Und was soll die blöde Frisur von dir, Dickerchen? Na, mir soll’s egal sein. Der Käptn wird entscheiden, was wir mit euch machen. Aber ihr könnt ja vorher noch selbst von Bord springen, wenn euch das lieber ist. Ihr habt die Wahl.“

Ein gedämpftes Brüllen kam von irgendwo jenseits der Tür, und der Kerl horchte auf. Dann wiederholte sich das Brüllen, und mit einem Mal erklang Gepolter und Getrampel. Kurz darauf erfüllte wildes Geschrei von Männern das Schiff. Der Bärtige schlug mit der Faust gegen das Türblatt, dass Belly erschrocken zurückwich.

„Genießt euer letztes Stündlein“, grinste der Kerl. „Ich werde oben gebraucht. Leider müssen wir erst noch ein bisschen kämpfen, ehe wir uns um euch kümmern.“

Der riesige Mann, dessen Gestalt fast den gesamten Türrahmen ausfüllte, donnerte noch einmal mit der Faust gegen die Tür. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und polterte den Gang hinunter. Wie betäubt blieben Shana und Belly in der Kajüte zurück.

Belly fing sich als erster.

„Das versteh ich nicht … das verstehe ich einfach nicht …“

„Was verstehst du nicht?“, fauchte Shana. „Dass du uns in irgendein blödes Piratenschiff geträumt hast? Dass du die Traumfarbe vergessen hast? Dass wir nie wieder nach Hause kommen? Dass die da oben vielleicht Krieg führen? Und wenn sie verlieren, werden die Sieger uns wahrscheinlich töten! Und wenn sie gewinnen, wirft dieser haarige Typ uns über Bord! Toll, Belly, wirklich toll, dass du was nicht verstehst! Ich jedenfalls verstehe eins! Ich hätte lieber Krissa mitnehmen sollen!“

Belly hörte gar nicht zu. „Ich versteh das nicht. Ich hab genau an das Schiff gedacht, dass ich mir auf Rufus Veranda erträumt habe. Das war ein britisches Handelsschiff. Du hast doch selbst gesehen, dass es beladen wurde und friedlich im Hafen lag. Kein Piratenschiff ankert in einem englischen Hafen.“

„Piraten sind nicht so doof wie du!“, zischte Shana. „Die vergessen nicht, ihre Totenkopfflagge einzuholen, wenn sie in einen englischen Hafen einlaufen!“

„Da hast du recht“, sagte Belly ungerührt und lauschte auf die Geräusche, die vom Oberdeck zu ihnen klangen. „So blöd waren sie nicht. Ein guter Anführer wusste, dass er sein Schiff nicht verkleiden konnte. Früher kannte man die einzelnen Schiffe sehr genau, und wenn eines im Hafen einlief, war schnell bekannt, um welches es sich handelte. Nur fernab von der Heimat konnten Piraten es wagen, in einem größeren Hafen festzumachen.“

Shanas Wut verrauchte ein wenig. „Du meinst also, dies ist kein Piratenschiff?“

„Ja, das meine ich. Wenn das hier die Kajüte des Käptns ist, gehört sie jedenfalls keinem Piraten. Viel zu fein und ordentlich. Andererseits … der Kerl vorhin sah nicht aus wie einer von der englischen oder spanischen Marine.“

Von oben ertönte Getrampel und dann ein dumpfes Rollen. Shana sah Belly unsicher an.

„Was ist das?“

„Hm … wenn ich’s nicht besser wüsste, würde ich sagen, die rollen die Kanonen aus.“

„Was? Und warum weißt du’s nicht besser?“

„Weil das eigentlich ein Handelsschiff sein müsste. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Schiff Luken für Kanonen hatte. Du vielleicht?“

Shana schüttelte fassungslos den Kopf. „Belly, ich hab mir Pferde erträumt! Keine Kanonen! Ich hab mir zwar dein Bild angeschaut, aber auf so was hab ich nicht geachtet. Ich denke, du bist hier der große Schiffsexperte?“

Belly nickte abwesend und lauschte erneut. „Wir sollten raufgehen und nachsehen.“

Das Getöse auf Deck wurde lauter. Gedämpfte Schreie und Befehle drangen den beiden ans Ohr, aber sie waren nicht deutlich zu verstehen. Shana hätte Belly am liebsten gepackt und geschüttelt, so groß war ihre Wut auf die Dummheit, die ihr Freund begangen hatte. Aber tief im Innern realisierte sie, dass das an ihrer Lage nicht das Geringste ändern würde. Sie musste sich der Situation stellen, ob sie wollte oder nicht. Und irgendwie konnte sie Belly auch verstehen. Sie hatte ihre Träume verwirklicht, indem sie immer wieder in die verbotene Zone gegangen war. Sie hatte etwas entdeckt, was einmalig war, eben eine Traumwelt, die nur ihr gehörte. Na ja, und dann hatte sie Belly mitgenommen, und es war nur okay, dass auch er seinen Traum wahrmachen wollte. Wenn er nur nicht so dumm gewesen wäre, die Farbe zu vergessen! Sie seufzte. Zuerst mussten sie herausfinden, was da los war. Und dann, wo sie sich überhaupt befanden. Vielleicht waren sie ja nahe genug an einer Küste. Möglicherweise konnten sie die Leute überzeugen, sie unversehrt von Bord zu lassen.

„Okay, sehen wir nach“, grummelte sie. Immer noch das Gleichgewicht haltend ging sie die drei Schritte bis zum Türrahmen und schaute nach rechts und nach links. Niemand zu sehen.

„Komm! Die Luft ist rein!“

In dem Moment, in dem sie das sagte, hörten sie oben jemand einen Befehl brüllen.“

„… euer!“

Shana und Belly schauten sich an.

„Was hat der gerufen?“, fragte Belly. „Euer? Was soll das denn heißen?“

Belly sah, das Shana schluckte, bevor sie antwortete. „Ich glaube, der hat nicht euer gerufen, sondern …“

Shana konnte nicht aussprechen, denn in der gleichen Sekunde ging ein gewaltiger Ruck durch den Schiffsleib, dann noch einer, und dann ein ganzes Dutzend.

Buohhmm … buohhmm … bouhm, bouhm, bouhm, bouhhmm …

Das gesamte Schiff erzitterte, und Shana und Belly hielten sich schreckerfüllt am Türrahmen fest. Das Boot krängte ein wenig zur Seite, und noch bevor es sich wieder aufrichtete, drang der Geruch nach verbranntem Pulver in die Kajüte.

„Der hat Feuer gerufen!“, krächzte Shana. „Die schießen!“

„Ach du heiliges Kanonenrohr!“, rief Belly. „Los, lass uns raufgehen! Die ballern Piraten ab!“

„Wie kannst du dich darüber freuen, dass jemand schießt?“, empörte sich Shana.

Belly löste sich vom Türrahmen und begann, im Gang nach rechts zu verschwinden. „Ich weiß alles über die alten Schiffe und die Piraten!“, rief er über die Schulter zurück. „Das ist meine Welt! Das kann ich allen zu Hause erzählen! Und außerdem ist das doch nur eine Traumwelt! Da passiert schon nichts!“

Shana konnte nicht glauben, was Belly da von sich gab. Meinte er wirklich, dass das hier alles nur erträumt war? Was war dann mit den Haarfressern und den Goshis? Waren die auch nur geträumt? Für einen Moment war sich Shana nicht mehr sicher, was sie denken sollte, aber dann fiel ihr etwas ein.

„Was ist mit deiner Glatze?“, brüllte sie ihrem Freund hinterher. „Ist die auch nur geträumt?“

Aber Belly hörte sie nicht. Shana erblickte nur noch die Hacken seiner Schuhe, die gerade auf einer schmalen Stiege im nächsthöheren Deck verschwanden. Notgedrungen wollte sie ihm folgen, als eine zweite Salve das Schiff erschütterte.

Bouhhmm … bouhhmmm … bouhmm, bouhmm, bouhmm … bouhhmmm …

Shana wurde an die Wand geschleudert und hatte Mühe, nicht hinzufallen. Als es vorbei war, holte sie tief Luft und erklomm die Stufen. Sie landete in einem großen Raum, der von einem am Boden festgemachten Tisch beherrscht wurde, auf dem eine Seekarte und nautische Instrumente lagen. Hektisch blickte sie sich um. Rechts befand sich ein kleiner, nur aus drei Stufen gebauter Aufgang, darüber ein mit Holz verkleideter Ausstieg, der mit einer Luke verschlossen war. Von dort oben erklang das Geschrei und Fußgetrappel. Belly war hier drin nicht zu sehen, also musste er …

Mit einem Satz war sie an der Luke und wollte sie hoch drücken. Von dem Gewicht der Tür überrascht, ging sie in die Hocke und stemmte sie mit beiden Händen hoch. Mit einem Knall, der aber von der Geräuschkulisse an Deck verschluckt wurde, fiel das Ding nach hinten über und gab den Blick auf einen wunderbar blauen Himmel und einen Teil eines dicken Mastes frei. Shana hielt sich nicht lange auf. Behände erklomm sie das Deck. Und erstarrte. Belly stand direkt an dem dicken Mastbaum, von dem Shana unter Deck nur einen Teil hatte sehen können. Ihm stand der Mund offen, aber Shana erkannte, dass er seine Begeisterung verloren hatte, denn in seinen Augen blitzte nackte Angst. In Sekundenschnelle erfasste Shana, dass er auch allen Grund dazu hatte. Dies war kein Anifilm. Von ihrem Standort aus blickte Shana nach vorn in Richtung Bug. Sie erkannte einen zweiten Mast, etwas kleiner als der, an dem Belly lehnte. Viel wusste sie nicht über alte Schiffe, aber sie durchzuckte der Gedanke, dass dies ein Dreimaster sein musste. Auf Deck duckten sich ein Dutzend der seltsamsten Gestalten hinter die Reling auf der rechten Seite. Allesamt waren sie unterschiedlich gekleidet, teils mit Sachen, die absolut nicht zusammenpassten, teils zerlumpt und dreckig.

Das ist kein britisches Handelsschiff!, dachte Shana grimmig. Englische Seeleute wären niemals derart gekleidet gewesen. Sie hätten eine Uniform getragen. Die Kerle schauten alle vorsichtig über die Reling hinweg und drehten Shana den Rücken zu. Jeder von ihnen hielt einen Säbel in der Hand, und in ihren Gürteln steckten Messer und Pistolen. Das allein schon hätte genügt, Shana Todesangst einzuflößen. Aber das war noch nicht alles. Keine fünfzig Meter entfernt von ihnen driftete ein zweites Schiff vorüber, ebenso ein Dreimaster und ebenso schön und erhaben wirkend wie das, auf dessen Deck sie stand und wie gelähmt zuschauen musste, was sich hier abspielte. Und dann erkannte sie den Unterschied. Die Männer dort drüben trugen Uniformen! Shanas Blick flog am Mast des zweiten Schiffes nach oben und erkannte die englische Flagge.

Das sind die Guten! durchfuhr es Shana. Und wir sind auf einem Piratenschiff! Belly hatte sich geirrt! Und zwar gründlich! Kurz nahm Shana noch wahr, dass auf dem anderen Schiff einige Löcher klafften, ein Segel zerfetzt herunterhing und eine kleine Rauchfahne aus dem Innern in den Himmel stieg. Kaum hatte sie realisiert, dass das die zwei Salven angerichtet haben mussten, die sie vorhin unter Deck gespürt hatten, brach die Hölle los.

Verblüfft registrierte Shana, wie aus den Luken des zweiten Schiffes weißer Rauch quoll, als gleich darauf der Boden unter ihren Füßen einen gewaltigen Schlag bekam und beinahe gleichzeitig ein dumpfes Grollen erklang, das ihren gesamten Körper erfasste. Holz splitterte, Bruchstücke und zerfetzte Teile jeder Größe pfiffen durch die Luft, und zwischen alles mischten sich fürchterliche Schreie. Shana warf sich zu Boden. Belly!, schrie sie, aber sie merkte es nicht, denn jetzt ging es nur noch um das eigene Überleben. Die Luft war erfüllt vom Schreien und Rufen der Männer und von beißendem Pulverdampf, der herüberwehte. Keuchend und nach Luft ringend lag Shana auf den harten Bohlen und presste die Augen zusammen. Hoffentlich hören sie auf … hoffentlich hören sie auf …, dachte sie immer wieder. Sie wusste nicht, ob sie verletzt war, aber der Schock unterdrückte jede Wahrnehmung. Gerade als sie dachte, der Kampf wäre vorüber, hörte sie eine tiefe, Macht und unerschütterliches Selbstbewusstsein ausstrahlende Stimme, die von halbhoch hinter ihr zu kommen schien. Obwohl sie es nicht wollte, hob sie ihren Kopf vorsichtig an und schaute auf. An eine Balustrade auf dem oberen Deck gelehnt stand ein Riese von Mann und schaute furchtlos zu seinem Gegner hinüber. Auch er trug wie der Dicke vorhin einen Vollbart. Dieser aber war sorgfältig gestutzt. Die gesamte Erscheinung drückte Stolz und Autorität aus. Es gab keinen Zweifel. Das war der Anführer des Haufens an Bord hier. Aber Shana blieb keine Zeit zum Überlegen. Gerade wollte sie sich nach Belly umschauen, da schüttelte der Kerl über ihr die Faust in Richtung des zweiten Schiffes und brüllte einen Befehl.

„Jeeeeetz! Feuuuuuuerrrr!“

Nahezu gleichzeitig feuerten die beiden Schiffe die nächsten Salven ab. Und es sollten die letzten sein. Ein Inferno aus Donnerschlägen, zerberstendem Holz, kreischendem Metall und dem Schreien Verwundeter durchdrang die Luft. Das Schiff schien sich unter den Einschlägen der Kanonenkugeln zu winden. Shana war vollkommen klar, dass sie jetzt sterben würde. Sie rollte sich auf Deck zusammen und wartete darauf, dass sie eine Kugel zerfetzen oder ein Splitter aufschlitzen würde.

Wie durch ein Wunder geschah das nicht. Einige Sekunden verstrichen. Der Lärm ebbte ab, nur hier und da hörte Shana ein Rufen, das aber nur gedämpft in ihr Bewusstsein drang, da ihre Ohren durch den Geschützdonner beinahe taub waren. Dann, mit einem Mal, war es vollkommen still. Totenstill. Es war eine grausige Stille, denn Shana wusste, dass es nicht so bleiben würde.

Und so war es. Urplötzlich ertönte ein Knarren, das selbst durch Shanas taube Ohren so unheilverkündend klang, dass sie aus ihrer Starre erwachte und sich herumrollte. Jetzt war es kein Knarren mehr, jetzt ertönte ein Knirschen, das in ein nervenzerfetzendes Krachen überging. Shanas Kopf flog nach oben. Der Mast! Der Mast kam runter!

Wie gelähmt musste Shana zusehen, dass der Großmast in etwa fünf, sechs Metern Höhe einen Volltreffer abbekommen haben musste. Wie in Zeitlupe begann er, an der Bruchstelle abzuknicken und gab dabei furchtbare Geräusche von sich. Metergroße Splitter drängten nach außen, aber seltsamerweise fiel keiner auf Deck. Dann war es soweit. Mit einem letzten grausamen Knacken brach der Mast endgültig und rauschte mitsamt der Takelage und den vom Beschuss verbliebenen Segeln aufs Vordeck. Shana durchfuhr ein eisiger Schreck. Belly! Wo war Belly?

Ohne Nachzudenken kam sie auf die Füße und blickte gehetzt um sich. Überall herrschte das blanke Chaos. Das Deck war verwüstet, riesige Lücken klafften in der Reling. Mit Schaudern sah Shana zwei Männer reglos daliegen. Wo waren die anderen, die sie vorhin an der Bordwand hatte kauern sehen? Ein Schaudern durchfuhr sie. Vermutlich waren sie über Bord gegangen. Verzweifelt hielt sie Ausschau nach Belly, aber sie konnte ihn nirgends entdecken. Tränen überströmtem ihre Wangen. Belly durfte nicht tot sein. Er durfte einfach nicht tot sein! Shana biss sich auf die Lippen. Dann warf sie einen Blick über das Meer. Das zweite Schiff war ein gutes Stück entfernt dabei, ein Wendemanöver einzuleiten. Es würde eine Weile dauern, ehe es zurück war. Sie musste Belly finden! Nur das zählte. Das Deck war so mit Trümmern übersät, dass es Shana schwerfiel, voranzukommen. Verbissen kämpfte sie sich hin zu der Stelle, an der der Großmast gestanden hatte. Keine Spur von Belly. Aber sie hatte auch nicht gedacht, dass er bei dem Angriff am Mast stehen geblieben war. Sicher hatte er sich auch hingeworfen und irgendwo Schutz gesucht. Panisch suchten ihre Augen das Deck rings um sich ab. Keine Spur von Belly. Dafür registrierte sie etwas, das ihre Hoffnung endgültig zerrinnen ließ. Das Deck neigte sich zur Seite!

Oh nein!“, durchfuhr es sie eiskalt. Das Schiff war leckgeschlagen! Plötzlich nahm sie Rufe wahr. Panische Rufe. Sie fuhr herum. Aus der Luke, aus der sie vorhin gekommen war, drang dichter Rauch. Auch das noch! Unter Deck musste Feuer ausgebrochen sein! Die Luke spuckte einen fluchenden Mann nach dem anderen aus. Als der letzte heraussprang, zählte Shana zehn zerlumpte und rußgeschwärzte Halunkengesichter. Auch der Käptn und der Dicke waren darunter. Grimmig schauten sie sich um. Plötzlich trafen sich die Blicke des Dicken und Shanas.

„Hey! Die Göre da! Die hab ich vorhin unter Deck gesehen! Da war noch einer! So’n Dicker! Ich hab gewusst, dass die Unglück bringen! Los, hol’n wir sie uns!“

Shana hatte keine Kraft mehr, wegzurennen. Wohin auch? Und wozu? Wie sie starb, war eigentlich egal. Ob nun verbrennen, weil das Schiff abbrannte, ertrinken, weil sie über Bord springen musste oder ermordet durch diesen hasserfüllten Piraten, es war egal. Ihr Schicksal war besiegelt.

Der Dicke begann, sich durch die Trümmer einen Weg zu ihr zu bahnen, da hielt ihn eine herrische Stimme zurück.

„Halt!“

Keine zwei Meter mehr waren der Typ und Shana voneinander entfernt. Shana konnte sein Klaviergebiss sehen, als er sie bösartig angrinste. Aber der Ruf des Käptns hielt ihn zurück.

„Bleib, wo du bist! Das ist ein Kind! Und ihr seid selbst Schuld an eurem Untergang! Ihr habt zwei Salven verschossen, anstatt die verdammten Aristokraten zur Hölle zu schießen! Die Kleine da stirbt sowieso, also halt dein Maul und hilf, das Boot klarzumachen! Verstanden?“

Der Dicke brummelte etwas Unverständliches in seinen Bart, gehorchte aber. Er warf Shana einen wütenden Blick zu und kletterte dann zurück über die Trümmer zu seinen Kumpels. Während die Männer achtern verschwanden, vermutlich um ein dort vertäutes Beiboot loszumachen, musste Shana mit ansehen, wie das ehemals stolze Schiff immer mehr Schlagseite bekam. Dazu kam dichter, schwarzer Rauch aus der Luke. Mittlerweile war es unmöglich, zurück ins Innere zu gelangen.

Das Schiff war verloren.

Belly! Wo war Belly? Verzweifelt suchte Shana das Deck ab, zog Trümmerteile beiseite, grub mit den Händen im Schutt und schrie immer wieder seinen Namen, aber sie fand ihn nicht. Tränenüberströmt richtete sie sich auf. Ihre Schultern zuckten, und sie gab auf. Trotz der Erkenntnis, dass es nun zu Ende war, musste sie daran denken, dass ihre Eltern doch recht gehabt hatten, sie nicht in die verbotene Zone gehen zu lassen. Aber der Reiz war zu groß gewesen. Und nun musste sie dafür den Preis bezahlen.

Abwesend registrierte sie, wie das zweite Schiff langsam wieder näher kam, aber das würde ihr auch nicht mehr helfen. Sie wusste, dass das Piratenschiff dem Untergang geweiht war und dass es sinken würde, bevor die Engländer es erreichten. Und selbst wenn sie sich an einem Stück Holz festhalten konnte, der Strudel des untergehenden Schiffes würde sie mit in die Tiefe reißen. Belly hatte das Schicksal schon ereilt.

Shana kapitulierte. Wie in Trance nahm sie wahr, dass das Schiff immer mehr Schlagseite bekam. Und dann ging es schnell. Ohne Vorwarnung rollte der Dreimaster um die eigene Achse. Shana wurde herumgeschleudert, ruderte mit den Armen, versuchte panisch, irgendwo Halt zu finden, aber vergeblich. Während das Schiff sich auf den Kopf stellte, um seine letzten Minuten kieloben zu verbringen, stürzte Shana das kippende Deck hinab, knallte mit dem Hinterkopf gegen irgendein Hindernis und fiel ins Meer.

Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie den wunderschönen azurblauen Himmel. Dann wurde es schwarz um sie herum.

* * *

Der Geschmack war grauenvoll. Fisch, Tang, Dreck, Salz. Als Shana dieses Mal zu sich kam, geschah es ohne Übergang. Sie lebte! Aber diese Erkenntnis trat augenblicklich zurück, denn ein unglaublicher Hustenreiz überkam sie. Sie hustete und krampfte sich zusammen, als sie Seewasser hoch würgte, das derart in ihrem Hals brannte, dass es kaum auszuhalten war. Als es endlich vorbei war, hatte sie kaum noch genug Spucke, um den ganzen Sand, der in ihrem Mund war, auszuspucken. Keuchend lag sie da und spürte, dass ihr die Sonne auf den Rücken brannte. Gleichzeitig umspülten seichte Wellen ihre Beine. Sie riss die Augen auf. Sie lag im Sand! Sie war nicht tot! Was sie erblickte, war wunderschön. Blendend weißer Sand erstreckte sich vor ihr. Dahinter ein Palmenhain, und noch etwas weiter zurück dichtes Buschwerk. Ein leichter Wind ließ die Palmwedel aneinander reiben, und im Hintergrund lärmten unbekannte Vögel.

Shana stützte sich auf den Ellbogen und wischte sich mit dem Ärmel über den Mund. Sie blinzelte. Ihre Beine lagen halb im Meer, und die Wellen des türkisfarbenen Wassers spielten träge mit ihnen. Shana überkam ein furchtbares Gefühl. Sie hatte überlebt. Doch was war mit Belly? Was mit den anderen? Verzweifelt stemmte sie sich hoch und rutschte ein Stück den Strand hoch. Sie fühlte sich schwer, und sie überkam ein furchtbares Gefühl von Einsamkeit. Was nutzte es, wenn sie allein überlebt hatte und alle anderen waren tot? Sie kniff die Augen zusammen und suchte das glitzernde Meer ab. Am Horizont entdeckte sie die Segel eines Dreimasters. Im ersten Impuls wollte sie aufspringen und losschreien, aber dann erkannte sie, dass dieses Schiff nicht auf sie zuhielt, sondern stetig kleiner wurde. Tränen schossen ihr in die Augen. Bestimmt waren das die Männer, die die Piraten besiegt hatten. Die fuhren einfach weg! Shana machte sich nichts vor. Warum sollten die Engländer oder wer auch immer den Kampf gewonnen hatte, Piraten aus dem Meer fischen, die ihnen vorher nach dem Leben getrachtet hatten? Nein, das Piratenschiff war in tausend Stücke geschossen und versenkt worden. Nichts hielt die Sieger hier noch. Shana ließ die Hand sinken und begann hemmungslos zu schluchzen. Sie hatte überlebt, aber um welchen Preis? Belly war tot. Sie selbst gefangen auf einer Insel, auf der sie niemals allein überleben konnte, und das Allerschlimmste war, dass sie allein die Schuld daran trug.

Shana gab sich auf. Sie wollte auch sterben. Das alles war zuviel für sie.

Plötzlich vernahm sie ein Knirschen hinter sich, und ein Schatten fiel auf sie. Shana erstarrte. Der Schatten war groß. Und es war der eines Mannes. Sie fuhr herum und sah auf ein paar derbe Lederstiefel, auf denen getrocknetes Meerwasser hässliche Salzflecken hinterlassen hatte. Ungläubig hob sie den Kopf und blickte in das grinsende Gesicht des Käptns der Piraten. Der sah sie nachdenklich an und warf dann einen Blick zum Horizont.

„Da segeln sie dahin“, grunzte er grimmig. „Sie haben nicht einmal nachgesehen, ob einer von uns auf die Insel gespült wurde. Tja, selbst dran Schuld. Hätten sie ein bisschen mehr Anstand, hätten sie ein gutes Geschäft machen können.“ Er schaute auf Shana herab. „Vielleicht kannst du mir ein Schiff verkaufen?“

Shana wollte antworten, aber heraus kam nur ein heiseres Krächzen. Sie hustete und schluckte und probierte es dann noch einmal.

„Ich könnte eins malen, wenn ich Traumfarbe hätte, aber die hab ich nicht. Tut mir Leid.“

Die Augen des Piraten verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Willst du mich auf den Arm nehmen? Hm, ich weiß nicht, wozu du zu gebrauchen bist, aber man kann ja nie wissen. Tja, Mädel, willkommen auf Death Island!“

Er reichte ihr die Hand, und nach einem kurzen Moment des Zögerns schlug Shana ein und ließ sich hoch ziehen. Irgendwie verspürte sie keine Angst vor diesem Riesenkerl. Schon auf seinem Schiff hatte er sie gegen den Mann mit dem Klaviergebiss verteidigt. Ein so übler Kerl schien er nicht zu sein.

„Hast du … hast du meinen Freund gesehen? Den Dicken mit der komischen Frisur?“

Der Käptn schüttelte den Kopf. „Nein, hab ich nicht. Mit dir sind wir jetzt sieben Leute hier auf diesem verdammten Stück Land. Fünf meiner Jungs haben es auch geschafft. Na ja, und noch zwei, aber die wurden angeschwemmt, ohne wieder aufzustehen.“

Er brauchte nichts weiter zu erklären. Shana wusste auch so, was das bedeutete. Sie weinte lautlos. Belly war tot. Entweder ertrunken oder schon an Bord getötet.

„Hey, Mädel“, grummelte der riesige Mann. „So schlimm sind wir auch wieder nicht.“ Er blickte an sich herab. „Na ja, im Moment sehe ich nicht gerade aus wie ein feiner Pinkel, und … ja, okay, wir sind Piraten, aber wir verschonen die, die sich ergeben. Wer uns nicht bekämpft, den bekämpfen wir auch nicht. Wir rauben halt hier und da ein bisschen was. Aber keine Sorge, Kinder lassen wir in Ruhe. Und wenn der dicke Bennie dich ärgern sollte, dann bekommt er’s mit mir zu tun!“

Shana wusste nicht, wer der dicke Bennie war, aber das war ihr auch vollkommen egal.

„Ich möchte Belly wiederhaben …“, flüsterte sie.

Der Käptn legte ihr eine Hand auf die Schulter und wollte etwas sagen, besann sich dann aber. Stattdessen ließ er seine Hand eine Weile dort, wo sie war. Etwas hilflos stand er neben Shana und wusste nicht, wie er mit der Situation umgehen sollte.

„Willst du ’n Schluck Rum?“

Shana schüttelte heftig den Kopf.

„Hab auch keinen. Aber weißt du, was? Wenn man traurig ist und nicht weiß, wie es nun weitergeht, muss man handeln. Mädel … ähh … wie heißt du eigentlich?“

„Sh … Shana.“

„Gut, also Shana, wir müssen einiges tun. Holz sammeln für ein Feuer, Wasser holen, ein bisschen jagen und fischen, damit wir was zwischen die Kiemen kriegen, und dann brauchen wir einen Plan, wie wir von hier wegkommen. Also, was ist, willst du uns helfen?“

Shana zog geräuschvoll die Nase hoch. „Hmm.“

„Okay, dann los. Ich hab den Jungs Aufgaben gegeben. Weißt du, ganz so schlimm ist unsere Lage nicht. Hätte schlimmer kommen können. Diese verdammten Engländer haben uns ausgerechnet erwischt, als wir von hier wieder losfahren wollten.“

„Ihr kennt die Insel?“, schniefte Shana.

„Ja, die kennen wir“, grinste der Käptn. „Verrecken werden wir hier nicht. Bennie besorgt Wasser. Wenn du ein Stück zurücktreten könntest, würdest du sehen, dass die Insel ziemlich bergig ist. Da gibt es Quellen und Bachläufe. Viel Wild gibt es allerdings nicht, nur Echsen und ein paar Affen. Dafür Kokosnüsse und Früchte. Werden wir halt mehr fischen müssen.“

„Ihr habt keine Waffen mehr, kein Werkzeug und keine Netze“, sagte Shana leise.

„Sieh mal an, eine ganz Schlaue!“, grinste der Käptn. „Tja, da muss ich dich enttäuschen. Ich sagte doch, dass wir die Insel kennen. Und der hier …“ Er zeigte auf seinen Kopf. „… ist nicht blöd. Wo immer ich einen Unterschlupf finde, statte ich ihn mit dem Nötigsten aus. Man weiß nie, wozu das gut ist.“

„Was soll ich tun?“, fragte Shana und versuchte, sich zusammenzureißen.

„Erstmal einfach mit mir mitkommen. Ein Netz haben wir wirklich nicht. Vielleicht kannst du uns eines flechten. Das heißt, kein Netz, sondern eine Reuse. Die kann man nämlich aus den Palmblättern machen und Hummer fangen.“

Von Ferne drangen Rufe zu ihnen herüber. Der Käptn und Shana wandten die Köpfe in die Richtung, aus der sie erklangen. Ein gutes Stück entfernt standen zwei Männer am Strand und winkten heftig.

„Da liegt was“, brummte der Käptn, zog seine Hand von Shanas Schulter zurück und straffte sich. „Lass uns nachschauen!“

Shana hatte Mühe, mit dem riesigen Mann Schritt zu halten, zumal sie noch immer nicht ganz bei Kräften war und das Laufen im Sand schwerfiel. Als sie näher kamen, erkannten sie, weshalb die Männer winkten.

„Das Beiboot!“, entfuhr es dem Käptn. „Siehst du, Shana, manchmal meint es der liebe Gott genau dann gut mit dir, wenn es dir am schlechtesten geht!“

Die letzten Meter überbrückten sie im Laufschritt. Und als sie das ans Ufer gespülte Beiboot erreichten, sollte noch eine Überraschung auf sie warten. Für Shana war es die schönste ihres Lebens.

„Belly!“

Mitten im Boot lag Belly auf dem Rücken und starrte angstvoll in die auf ihn herunterschauenden bärtigen Männergesichter. Als er Shana erblickte, sah man richtig, wie ihm ein Felsen vom Herzen fiel.

„Shana! Shana! Gott sei Dank, du lebst!“

Shana lachte und weinte zugleich. „Ich lebe? Du lebst! Mann, bin ich froh! Du … du … Mistkerl! Warum bist du an Deck gegangen? Warum hast du dieses blöde Bild gemalt? Warum hast du mir nicht gesagt, dass du lebst? Du … du …“

Belly rappelte sich hoch, stützte sich mit den Händen auf einer der Ruderbänke ab und hievte sich schließlich mit dem Po hinauf.

„Shana, es tut mir Leid. Wirklich. Das hab ich alles nicht gewollt. Ich wollte nur auf mein Schiff.“

„Du hast ein eigenes Schiff?“ Der Käptn runzelte die Stirn.

„Nein, nein, ich meine, auf das Schiff, von dem ich immer geträumt habe. Die Adventure.“

„So, so, die Adventure.“ Der Käptn schien Belly nicht ernst zu nehmen. „Komm mal da raus, Junge. Dimitri, Bengale, zieht das Boot ein Stück den Strand rauf, und zwar ein gutes Stück! Ich will nicht, dass es über Nacht verschwindet und wir unsere einzige Chance verlieren.“

Die beiden angesprochenen Männer nickten und warteten, bis Belly aus dem Boot geklettert war. Dann zogen sie es einige Meter vom Meer weg, wo es sicher lag. Plötzlich raschelte es im Gebüsch, und heraus trat der Kerl mit dem Klaviergebiss. Über der Schulter trug er eine prall gefüllte Tierblase. Als er Shana und Belly erblickte, klappte ihm der Kiefer runter. Dann fing er sich wieder, stapfte die paar Meter zu den anderen herunter und warf die Tierblase in den Sand.

„Hier, Käptn. Frisches Wasser. Hey, wenn das nicht die Gören sind, die ich auf dem Schiff entdeckt hab!“

Der Kerl wies mit dem Finger auf Shana. „Das ist ein Mädchen! Käptn, die haben sich an Bord geschlichen und uns Unglück gebracht! Frauen dürfen niemals mit an Bord sein! Ich hab gleich gewusst, dass die uns ins Verderben ziehen!“

Er vollführte eine schnelle Bewegung mit zwei Fingern an seinem Hals entlang und stierte den Käptn an. „Soll ich?“

Belly wurde bleich. Aber der Käptn schüttelte unwirsch den Kopf.

„Du wirst die beiden nicht anrühren, hast du verstanden? Im Gegenteil, du bist verantwortlich dafür, dass ihnen nichts geschieht! Und weißt du auch, warum?“

So groß und breit der Kerl auch war, er schien bei den Worten seines Käptns förmlich zu schrumpfen.

„Nein“, murmelte er.

„Dann werd ich’s dir sagen!“, zischte der Anführer der Piraten. „Du warst für die erste Salve verantwortlich! Du hast die Ausrichtung der Geschütze vermasselt! Und demnach hast du die Adventure auf dem Gewissen. Eigentlich müsste ich dich an der nächsten Palme aufknüpfen. Aber ich brauche hier jeden Mann. Du bekommst also eine Chance von mir.“

Der Käptn schüttelte den Kopf. „Und die Kleine hier hat mehr Grips als du. Sieh sie dir an! Was fällt dir auf?“

Der Kerl musterte Shana ohne sonderliches Interesse. „Was soll mir auffallen? Is halt ’n Mädchen.“

Der Käptn schaute Shana belustigt an und zwinkerte ihr zu. „Siehst du, so einen brauch ich zum Wasserholen. Und dich zum Unterhalten. Aber es wird Zeit, ein Feuer zu machen. Wir haben noch zwei Stunden, dann wird es dunkel.“

Er wandte sich an Belly und grinste. „Du siehst so aus, als könntest du was zu essen vertragen! Mal sehen, was die Jungs so organisiert haben.“

„Ähh … Käptn …“ Der mit dem Klaviergebiss hob die Tierblase wieder auf und warf sie sich über die Schulter. „Was is ’n nun mit der anders?“

Der Käptn seufzte und schüttelte in gespielter Verzweiflung den Kopf. „Sie trägt Sachen, die ich noch nirgendwo auf der Welt gesehen habe. Und der lustige Dicke hier auch. Aber so was fällt einem Holzkopf wie dir nicht auf. Los, kommt, lasst uns zu unserer Bucht gehen. Ich glaube, das Boot können wir hier liegen lassen. So schnell wird hier keiner mehr vorbeikommen.“

Die seltsame Gesellschaft aus drei Piraten und zwei Kindern machte sich auf den Weg. Zielsicher wandte sich der Käptn nach rechts. Etwa zwanzig Minuten wanderten sie am Ufer entlang, bis sie eine Landzunge umrundeten und eine wunderschöne Bucht vor ihnen lag. Der Käptn wandte sich an die Kinder und breitete die Arme aus.

„Das ist unsere Bucht!“, sagte er stolz. „Sie liegt geschützt, man kann gut ankern, und von See aus ist sie erst im letzten Moment aus zu sehen. Und wie ihr seht, ist der Rest von uns nicht untätig geblieben.“

Shana und Belly erblickten die restlichen drei Piraten, die offensichtlich Holz gesammelt und auf einen großen Haufen geworfen hatten. Daneben lagen Kokosnüsse, und als sie näher kamen, entdeckten sie fünf erlegte Echsen. Sie waren so groß wie kleine Krokodile. Shana stieß Belly an.

„Unser Abendessen!“

Belly schüttelte sich. „Die da? Du glaubst doch nicht, dass wir die essen sollen? Ich hab Riesenhunger, aber das krieg ich nie im Leben runter! Lieber nehm ich ab!“

Shana musste lachen und blickte Belly von der Seite an. „Weißt du was? Du hast schon ganz schön abgenommen! Kann dir doch nicht schaden, oder?“

Belly schaute an sich herab. „Meinst du wirklich? Trotzdem hab ich Hunger!“

Shana zuckte die Schultern. „Hier gibt’s keine Multiwand. Weißt du was, Belly? Ich bin einfach nur froh, dass du lebst. Du hast uns dieses Schlamassel hier eingebrockt, aber ich wollte vorhin sterben, weil du nicht mehr da warst. Und wenn du jetzt nicht zu McBeam gehen kannst, ist das deine gerechte Strafe!“

Die kleine Gruppe hatte inzwischen die drei anderen Männer erreicht, die ihnen neugierig entgegengeschaut hatten.

Belly seufzte und zuckte die Schultern. „Du hast recht. Aber ich hab trotzdem Hunger!“

„Isst du halt eine Kokosnuss mit Schale! Aber erstmal müssen wir sehen, dass wir helfen können. Irgendwie mag uns der Anführer, aber drauf schwören würde ich nicht.“

Shana musste sich unterbrechen, denn der Käptn gab seinen Männern Anweisungen.

„Dimitri, Bengale, schnitzt ein paar Spieße und macht dann Feuer. Bennie, du gehst zu unserer … na, du weißt schon, und holst zwei Äxte und ein paar Decken. Nimm Alex mit. Und ihr beide nehmt die Echsen aus und köpft die Kokosnüsse. Aber verschüttet nicht die Hälfte! Der eine Weinschlauch fasst nicht gerade viel Wasser. Da kommt die Milch gerade recht.“

„Und was können wir machen?“, fragte Shana.

„Hm“, grunzte der Käptn. „Heute hab ich nichts mehr für euch. Aber morgen könnt ihr die Reusen machen. Setzt euch einfach irgendwo hin und ruht euch aus. Niemand soll sagen, ich wäre ein böser Pirat!“

Er lachte lauthals und stapfte dann den Strand hoch, um dem Klaviergebiss zu folgen. Kurze Zeit später verschluckte ihn das Dickicht.

„Was meinst du, wo er hingeht?“, fragte Belly leise.

„Ich weiß nicht“, grübelte Shana. „Die müssen hier ein Versteck haben, wo sie ein paar Sachen lagern. Das wär ihm vorhin beinahe rausgerutscht. Irgendwo muss der dicke Blödmann ja diesen Weinschlauch und die Äxte herhaben. Was soll’s, ist mir auch egal. Komm, lass uns hinsetzen. Ich bin total kaputt. Und Belly …“

„Ja?“

„Ich hab auch Hunger!“

Die beiden lachten und ließen sich etwas abseits der mit ihren Aufgaben beschäftigten Piraten im warmen Sand nieder. Shana schlang die Arme um ihre Knie und betrachtete das Treiben der Männer. Belly wollte etwas sagen, aber irgendwie hatte er das Gefühl, dass es wohl besser wäre, jetzt den Mund zu halten. Schließlich war er es gewesen, der sie in diese fatale Situation gebracht hatte. Obwohl er lang ausgestreckt im Sand lag, merkte er, wie seine Beine leicht zitterten. Aber er konnte nicht dagegen ankämpfen. Die Erschöpfung war zu groß. Shana und er hatten Todesangst ausgestanden. Nein, verbesserte er sich. Eigentlich waren sie schon tot gewesen. Nur hatte der Himmel wohl Mitleid gehabt und sie noch mal zurückgeschickt. Und das alles war seine Schuld. Niemals wieder würden sie nach Hause kommen. Vielleicht würden sie auf der Insel verrecken oder sie mussten als Piraten bis zu ihrem Tod mit diesem Käptn Schiffe überfallen und kämpfen. Belly sackte in sich zusammen. Seine Augen füllten sich mit Tränen. Teilnahmslos sah er zu, wie die Piraten am Strand einen Haufen Reisig auftürmten und dickere Äste darüber häuften. Einer der Männer griff sich ein paar zurechtgeschnitzte Holzspieße und begann, die Echsen aufzuspießen.

„Uhärrrgss!“, machte Shana und schüttelte sich.

„So machen’s halt Piraten“, schniefte Belly.

Shana wandte den Kopf und schaute Belly prüfend an. „Du zitterst ja! Alles okay?“

„Nein, ich bin nicht okay.“ Belly stützte sich auf den Ellenbogen und zog geräuschvoll die Nase hoch. „Ich bin Schuld, dass du beinahe gestorben wärst. Und ich habe die Traumfarbe vergessen. Ich bin ein Idiot. Ich hätte lieber im Meer ertrinken sollen.“

Shana löste ihre Arme von den Knien und gab Belly einen liebevollen Klaps. „Belly, du bist wirklich ein Idiot! Aber nicht, weil du die Traumfarbe vergessen hast, sondern weil du so einen Blödsinn redest! Ich war so froh, dich vorhin in dem Boot zu sehen, dass …“

Belly wischte sich verlegen mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. „Du warst echt froh, mich zu sehen?“

„Hm.“

„Aber ich bin trotzdem ein Idiot.“

„Bist du!“

Beide grinsten sich an. Dann zeigte Belly auf die Piraten, denen es mittlerweile gelungen war, ein Feuer zu entfachen. „Und was meinst du, was die mit uns machen?“

Shana zögerte. „Ich glaube nicht, dass sie uns etwas tun werden. Dieser Käptn ist in Ordnung.“

„Er ist `n Pirat“, brummte Belly.

„Aber er hat ein gutes Herz“, beharrte Shana.

„Leute, die andere überfallen und ausrauben, haben kein gutes Herz.“

„Und was ist mit Robin Hood?“

„Das ist was anderes.“

„Belly …“

„Schon gut. Ich weiß, ich bin ein Idiot!“

Shana lachte schallend. Doch gleich darauf wurde sie wieder ernst. „Belly, wir können es nicht mehr ändern, dass du die Traumfarbe vergessen hast. Aber wir leben. Ist doch immer noch besser, als tot zu sein, oder?“

Belly nickte heftig. Im gleichen Moment ertönten laute Rufe. Die Köpfe der beiden Kinder flogen herum. Die Piraten hatten sich rund um das Lagerfeuer niedergelassen, und der Käptn, der wieder zu seinen Männern gestoßen war, winkte sie zu sich.

„Los, kommt, Kinder! Hier gibt’s was zu futtern!“

Die beiden schauten sich kurz in die Augen. Dann stand Shana auf, klopfte sich den Sand aus den mitgenommenen Kleidern, und reichte Belly die Hand.

„Na, los, komm!“, grinste sie ihren Freund an. „Es geht zu McStrand! Keine Lust auf einen Piccolosaurierburger?“

Belly verzog den Mund zu einem säuerlichen Grinsen und hievte sich hoch. „Ohne Ketchup und Mayo?“

Der Käptn ließ Shana und Belly neben sich im warmen Sand Platz nehmen. Dann schlug er Belly freundschaftlich auf die Schulter, dass der erschrocken zusammenzuckte.

„Na, mein Junge, so richtig satt werden wirst du wohl heute nicht. Du stammst sicher von feinen Leuten ab, so wohlgenährt, wie du aussiehst, hab ich recht?“

Eine Antwort schien er nicht zu erwarten, denn noch während er sprach, griff er sich den Spieß, den Klaviergebiss ins Feuer gehalten hatte und betrachtete ihn prüfend.

„Gut durch“, brummte er. „Schade, wir haben leider kein Salz, aber wenn man Hunger hat, geht alles rein. Und ein Leguan am Spieß ist eine leckere Sache.“

Belly hatte soviel Hunger wie noch nie in seinem Leben, aber der Anblick des Monsters am Spieß ließ ihn schaudern. Trotzdem konnte er sich eine Bemerkung nicht verkneifen.

„Salz kann man aus Meerwasser gewinnen. Man braucht nur ein paar Liter in einen Topf zu geben und von der Sonne verdunsten zu lassen.“

Der Typ mit dem Klaviergebiss war sichtlich sauer, dass er seinen Braten hatte abgeben müssen und ließ seinen Ärger an Belly aus.

„Ach ja, du Schlaumeier? Siehst du hier vielleicht irgendwo einen Topf? Du feiner Pinkel hast doch noch nie in deinem Leben richtig geschuftet, hab ich recht? Du bist rundgefuttert wie ein Mastschwein, trägst Klamotten, die ich noch nie gesehen hab und eine dämliche Frisur, die sich nur Reiche einfallen lassen können. Wenn du so schlau bist, dann mach doch Salz!“

„Bennie, lass ihn in Ruhe“, sagte der Käptn gefährlich leise. „Du kriegst ja ein Stück ab, hier wird gerecht geteilt. Das tun wir doch immer. Oder, Männer?“

Die übrigen Männer murmelten zustimmend. Der Käptn grunzte zufrieden. Dann zog er einen Dolch aus seinem Gürtel und machte sich daran, den Leguan zu zerlegen. Mit großen Augen sahen Shana und Belly zu, wie er mit einem schnellen Schnitt den Kopf vom Rumpf abtrennte und weit hinter sich ins Meer warf. Dann löste er die Beine ab und legte sie nacheinander auf einen flachen Stein. Schließlich blieb nur der makabre Körper des Tieres übrig. Der Käptn stieß den Spieß hinein und gab den Rumpf Bennie zurück.

„Hier, bedien dich. Das ist mehr als gerecht, findest du nicht?“

Der Pirat grummelte ein paar Dankesworte, die er dem Käptn schuldig war, nahm den Spieß entgegen, schlug die Zähne in das Fleisch und riss ein Stück heraus. Shana schluckte, denn sie ahnte, was gleich kommen würde. Der Käptn beugte sich zu ihr herunter und flüsterte ihr ins Ohr.

„Der ist nun mal etwas einfältig, was soll ich machen? Aber er hat starke Arme. Ich brauche ihn. So, und jetzt kriegst du auch was!“

Ehe Shana sich versah, langte der Käptn hinüber und griff sich zwei der Leguanschenkel. Freudestrahlend hielt er sie den Kindern hin. „Los, langt zu! Morgen gibt es viel Arbeit, da müsst ihr Kraft haben!“

Shana schaute Belly mit großen Augen an. Der nickte unmerklich mit dem Kopf und formte mit den Lippen lautlos zwei Wörter.

„Du musst!“

Widerstrebend nahm Shana einen der Schenkel und roch vorsichtig daran. Der Käptn grinste von einem Ohr zum anderen.

„Keine Sorge, frischeres Fleisch hast du noch nie gegessen! Nur zu, du wirst sehen, du willst nie wieder was anderes haben!“

Shana fand, dass es gar nicht schlecht roch. Und wenn man das Bein ohne den Rest des Tieres in der Hand hatte, sah es beinahe so aus wie eine große Hühnerkeule. Sie gab sich einen Ruck und biss hinein. Verblüfft bemerkte sie, dass es beileibe kein zähes Fleisch war, sondern richtig zart und saftig schmeckte. Irgendwie tatsächlich wie Hühnchen. Jetzt war der Bann gebrochen, und hungrig machte sie sich über den Leguan her.

„Siehst du“, machte der Käptn zufrieden. „Es geht doch nichts über einen knusprigen Leguan!“ Mit diesen Worten reichte er Belly die zweite Keule. Seufzend nahm er sie entgegen.

Shana grinste Belly an und formte nun ihrerseits lautlos zwei Wörter.

„Du musst!“

Belly lächelte gezwungen, aber jetzt blieb ihm nichts anderes übrig. Und auch er stellte fest, dass das exotische Tier gar nicht so schlecht schmeckte. Der Käptn griff sich die letzten beiden Schenkel und begann, sie genussvoll abzunagen.

Als die fünf Echsen verputzt waren, ließen die Männer den Wasserschlauch herumgehen. Das Wasser schmeckte angenehm kühl und beinahe süß. Shana fand, dass es besser schmeckte als alles, was die Multiwand je produziert hatte.

Zum Schluss köpften die Piraten mit ihren Macheten Kokosnüsse, und die Milch in ihnen und das weiße Fruchtfleisch standen dem Wasser in nichts nach. Während die sechs Männer und die zwei Kinder dieses ungewöhnliche Mahl zu sich nahmen, senkte sich die Nacht über Death Island. Es ging blitzschnell. Gerade eben hatte Shana bemerkt, dass es dunkler wurde, und Minuten später war die Sonne bereits im Meer versunken und hatte einer stahlblauen Nacht Platz gemacht. Millionen Sterne wölbten sich über ihren Köpfen. Es war ein Anblick, den Shana und Belly noch nie erlebt hatten. Stumm vor Staunen starrten sie mit in den Nacken gelegten Köpfen in den Himmel.

„Die Sterne sind unser Schicksal“, sagte der Käptn leise. „Sie führen uns meistens auf den rechten Weg, manchmal aber auch ins Verderben. Wenn sie keine Lust haben, uns zu führen und sich Wolken überziehen, fahren wir in die Irre oder auf Grund. Aber trauen kann man ihnen.“ Er grinste. „Jedenfalls mehr als Bennie.“

Belly bemerkte, dass sich die anderen Männer vom Feuer zurückzogen und sich etwas abseits zum Schlafen hinlegten. Der Käptn folgte Bellys Blick.

„Lass sie schlafen. Morgen gibt es genug Arbeit. Wir müssen sehen, dass wir aus dem Beiboot ein kleines Segelboot machen. Und wenn das Wetter günstig ist, hauen wir von hier ab.“

„Und … und …“, stammelte Belly.

„Und euch nehmen wir mit!“, grinste der Käptn. „Ich bin kein Unmensch. Ihr denkt, weil ich ein Piratenkapitän bin, schneide ich jedem die Kehle durch? Da seid ihr auf dem Holzweg. Käptn Black Sam Bellamy hat noch niemanden einfach so ermordet.“

Belly fuhr hoch. „Black Sam Bellamy? Der feine Bellamy?“

Der Käptn zog die Brauen hoch. Im ersten Moment dachte Belly, der Mann würde wütend auffahren, aber dann grinste Bellamy von einem Ohr zum anderen.

„Der Feine? So nennen sie mich?“

„Na ja“, wand sich Belly. „In den alten Aufzeichnungen steht, dass Käptn Black Sam Bellamy anders war als andere Piraten. Er soll seine Leute gleichberechtigt behandelt haben, egal, welche Hautfarbe sie hatten. Und er hat nur Jagd auf Schiffe gemacht, die Gold aus dem Sklavenhandel transportierten. Es heißt, er hasste die Sklaverei, und auf seinem Schiff waren Schwarze genauso viel wert wie Weiße. Und …“ Belly grinste nun ebenfalls. „… na ja, er soll feine Klamotten getragen haben. Deswegen hieß er wohl der feine Bellamy.“

„Was heißt hier hieß?“, grunzte der Käptn. „Ich lebe noch! Und was meinst du mit alte Aufzeichnungen? Der Untergang meines Schiffes ist erst drei Monate her. Und woher weißt du soviel über mich? Kaum jemand kennt mich.“ Bellamy beugte sich vor und fixierte Belly, der dem Blick aber standhielt. „Sag mal, bist du ein Spion?“

„Ich bin kein Spion!“, entfuhr es Belly empört. „Ich weiß nur alles über Piraten und Schiffe. Ich wollte immer übers Meer fahren. Davon hab ich schon als kleiner Junge geträumt. Aber es gibt bei uns keine Schiffe, also hab ich alles über die Piraten und Entdecker gelesen, was ich kriegen konnte.“

„Hm“, machte Bellamy und kratzte sich gedankenverloren am Kopf. „Und wieso wart ihr auf der Adventure? Du siehst nicht aus wie ein Matrose. Und du schon gar nicht!“, meinte er zu Shana gewandt.

„Wir …“, wollte Belly beginnen, doch Shana fuhr ihm ins Wort, ehe er etwas Falsches sagen konnte.

„Wir waren so etwas wie blinde Passagiere. Wir … wir sind von zu Hause abgehauen. Wir dachten, wenn wir erst weit genug auf dem Meer sind, wird man uns nicht zurückbringen.“

„Und ihr habt geglaubt, wir würden euch schon durchfüttern?“, fragte Black Sam verblüfft. „Ausgerechnet auf einem Piratenschiff müsst ihr euch verstecken?“

„Die Adventure ist kein Piratenschiff“, sagte Belly mit fester Stimme. „Sie ist ein englisches Handelsschiff. Wir wussten doch gar nicht, dass ihr auf der Adventure seid.“

Der Käptn schüttelte belustigt den Kopf. „Du kannst besser lügen als Bennie! Mein lieber … wie war noch dein Name … Belly, du kannst mir doch nicht erzählen, dass ihr euch an Bord der Adventure geschlichen, mindestens zwei Wochen unter Deck ausgeharrt, und euch dann erst gezeigt habt, als wir untergingen! Junge, das glaubt dir keiner. Wir haben die Adventure vorgestern auf hoher See gekapert. Und zwar nachts.“ Er grinste. „Mit unserem uralten wurmstichigen Kahn aus Jamaika haben wir diese phlegmatischen Aristokraten überrascht. Es gab keine Gegenwehr. Unsere englischen Freunde waren ein bisschen … sagen wir … verschlafen. Dann haben wir den alten Kahn gegen die Adventure getauscht. Die Engländer werden sich bis an ihr Lebensende schämen, dass sie mit der alten Buddelkiste statt der Adventure zurückkommen. Und die Adventure war kein englisches Handelsschiff, mein Junge mit der komischen Frisur, sondern ein englisches Kriegsschiff. Also, was ist jetzt, erzählst du mir die wirkliche Geschichte?“

Shana sah, wie Belly sich wand und nicht wusste, was er sagen sollte. Sie beschloss, das Heft in die Hand zu nehmen.

„Käptn Bellamy“, sagte sie fest, „was er sagt, ist wahr. Es ist schwer zu glauben, aber von zu Hause fort sind wir wirklich. Wir wollten ja zurück, aber mit einem Mal ging es nicht mehr. Ich darf nicht alles erzählen, aber auf die Adventure sind wir wirklich heimlich gekommen. Wir gehören nicht zu den Engländern, ganz bestimmt nicht. Bitte glauben Sie mir, dass wir nicht lügen, aber manche Sachen darf man einfach nicht erzählen. Das ist so wie ein Piratenschwur.“

Der Käptn streckte die Beine im Sand aus, lehnte sich auf beide Ellenbogen und schaute hinauf in die Sterne. Das Feuer brannte langsam herunter, und je weniger Licht es verbreitete, desto mehr Sterne erschienen am Himmel. Shana hätte nie für möglich gehalten, dass es tatsächlich so viele gab. Eine Weile schwieg der Pirat. Im Dickicht am Saum des Ufers ertönten unheimliche Tierstimmen, die Shana und Belly eine Gänsehaut verursachten, aber Black Sam achtete nicht darauf.

„Ich glaube dir“, sagte er schließlich leise, und obwohl sie ihn nicht genau wahrnehmen konnte, meinte Shana, ihn lächeln zu sehen. „Jemandem, der mich den feinen Bellamy nennt, kann ich nicht böse sein. „Es klingt zwar alles unlogisch, aber irgendwie müsst ihr ja auf das Schiff gekommen sein. Und meine Feinde seid ihr wahrlich nicht. Ihr seid gute Kinder, das spürt man.“

Darauf wussten Shana und Belly nichts zu antworten. Shana gähnte herzhaft, und sofort fiel Belly ein.

„Zeit zum Krabben abhorchen!“, lachte der Käptn. „Lasst uns ein weiches Plätzchen suchen. Morgen müssen wir uns ranhalten. Ich will nicht ewig auf dieser Insel hocken.“

Bellamy erhob sich und begann, Sand auf das Feuer zu schütten, das in einer Rauchwolke erstarb. Shana und Belly standen ebenfalls auf, aber Belly hatte noch etwas auf dem Herzen.

„Sagen Sie, Käptn Bellamy …“

„Ja?“

„Was ist aus der Whyla geworden?“

Der Käptn schnaufte belustigt. „Du weißt doch alles über mich! Sag du es mir!“

Shana sah im Dunkeln irritiert von einem zum anderen. „Wer oder was ist die Whyla?“

„Das ist das Schiff, mit dem Black Sam Bellamy berühmt wurde.“ Belly war hörbar stolz zu erzählen, was er wusste. „Die Whyla war ein Dreimaster, der bis oben hin mit Gold aus dem Sklavenhandel gefüllt war. Und Black Sam hat sie gekapert. Das muss so 1716 gewesen sein. Aber dann soll die Whyla in einen schweren Hurrikane geraten und gesunken sein. Danach hat man nie mehr etwas von Bellamy gehört.“

„Na ja“, grinste der Käptn. „So lange ist das ja nun auch noch nicht her. Ich weiß zwar nicht, woher du das hast, aber es stimmt. Unser bestes Schiff, das wir je hatten, ist in dem Sturm untergegangen. Das war übrigens nicht weit von hier. Gott sei Dank, sonst wäre es mit dem feinen Bellamy tatsächlich zu Ende gegangen.“

Nach diesen Worten stapfte der Käptn den Sand hoch zu seinen Leuten, die schon längst tief und fest schliefen. Shana und Belly blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Sie ließen sich im weichen Sand nieder, der immer noch warm war. Shana hoffte, dass es nachts nicht kalt wurde, denn sie hatten nichts, womit sie sich hätten zudecken können. Der Käptn rollte sich in eine bequeme Lage, aber Belly hatte noch eine letzte Frage.

„Und was ist … was ist mit dem Gold passiert?“

„Doch ein Spion?“, grunzte der Käptn.

„Nein, ich bin kein Spion!“, rief Belly. „Aber alle Welt will wissen, ob es mit der Whyla untergegangen ist oder ob …“

„Oder ob ich’s noch habe?“

„Sie müssen’s ja nicht sagen“, meinte Belly und legte sich ebenfalls wohlig seufzend in den Sand. „Ich will ja gar nicht wissen, wo es ist, nur, ob es versunken ist oder nicht.“

Der Käptn antwortete nicht. Minuten verstrichen, und Belly hatte sich damit abgefunden, dass er keine Antwort bekam. Gerade, als er in den Schlaf hinüberdämmerte, sprach der Käptn doch noch.

„Keine Sorge, lieber Freund mit der komischen Frisur“, kam seine Stimme aus dem Dunkeln. „Black Sam Bellamy bringt seine Beute in Sicherheit, bevor er untergeht.“

*

Shana erwachte vom rhythmischen Rauschen der Wellen. Sie spürte die Sonne auf ihrem Rücken brennen, und als sie sich vorsichtig bewegte, registrierte sie, wie verkrustet ihre Kleidung war. Kein Wunder, hatte sie doch eine Seeschlacht und Meerwasser überstehen müssen. Sicher sahen ihre schönen Sachen jetzt nicht viel anders aus als die der übriggebliebenen Mannschaft von Käptn Bellamy.

Shana blinzelte durch die verschlafenen Lider und schaute direkt in ein paar glotzende Stielaugen. Mit einem Aufschrei fuhr sie hoch. Im Bruchteil einer Sekunde waren die Stielaugen mitsamt ihrem Besitzer in einem kleinen Sandloch verschwunden.

Neben sich hörte Shana jemanden kichern. „Das sind Winkerkrabben!“, lachte Belly. „Schau dich mal um, hier gibt’s Hunderte davon!“

Verblüfft sah Shana, dass Belly recht hatte. Neben ihr, hinter ihr, vor ihr, einfach überall guckten Stielaugen aus dem Sand. Da, wo keine Gefahr drohte, waren die Krabben aus ihren Löchern gekrabbelt und stolzierten umher. Viele von ihnen wedelten mit einer großen Schere in der Luft umher, dass es tatsächlich so aussah, als würden sie winken.

Shana musste nun auch lachen. „Das sieht ja lustig aus! Woher weißt du, dass sie Winkerkrabben heißen?“

„Hat mir Black Sam gesagt. Hier, schau, er hat uns ein paar Kokosnüsse gebracht. Die anderen Männer bauen Ausleger für das Beiboot und einen Mast. Und wenn wir fertig sind mit frühstücken, sollen wir die Reusen bauen.“

„Und womit?“

Belly deutete auf ein paar Palmwedel, die wenige Meter von ihnen entfernt im Sand lagen.

„Damit. Und wenn es nicht reicht oder wir noch Äste brauchen, können wir ein paar aus dem Busch schlagen. Der Käptn hat uns sogar zwei Buschmesser dagelassen.“

„Ich muss erstmal“, sagte Shana und stand auf. Sie wunderte sich, wie unternehmungslustig ihr dicker Freund war. Schließlich hatte er noch vor drei Tagen nahezu bewegungslos zu Hause oder bei McBeam rumgehangen. Aber vielleicht war das Abenteuer genau das, was Belly gebraucht hatte. Sie bemerkte, dass Belly barfuß lief und schaute an sich herunter. Ihre Schuhe hatten alle Farbe eingebüßt. Vollkommen zerkratzt, fleckig und unansehnlich passten sie zwar zum Rest ihres Outfits, aber hier auf dieser Insel waren sie so nutzlos wie Nagellack. Sie streifte sie von den Füßen und genoss das Gefühl des warmen Sands zwischen den Zehen. Dann begab sie sich zum Saum des Buschwerks, suchte sich eine Lücke und verschwand darin, um das zu machen, was man eben auch auf einer Insel machen muss.

Als sie fertig war, bemerkte sie einen Pfad, der ins Innere der Insel führte. Den musste gestern der Typ mit dem Klaviergebiss benutzt haben, als er den Wasserschlauch und Äxte besorgt hatte. Irgendwo hier mussten die Piraten ein Lager angelegt haben.

Sie beschloss, Belly von dem Pfad zu erzählen. Der hatte sich bereits in den Schatten einer Palme gesetzt und bearbeitete die Kokosnüsse mit einer Machete.

„Gar nicht so einfach“, murmelte er und versuchte, eine der harten Nüsse zu knacken ohne sich dabei einen Finger abzuhacken. Shana setzte sich neben ihn und warf einen Blick in den Wipfel der Palme, an der eine Menge Kokosnüsse hingen.

„Lass uns ein Stück beiseite rücken“, sagte sie und stieß ihren Freund an. „Sieh mal da hoch. Wenn uns eine von denen auf den Kopf fällt …“

Als Belly die Gefahr entdeckt hatte, rückte er hastig ein Stück zur Seite. Endlich schaffte er es, ein Stück der Kokosnuss abzuschlagen und hielt Shana die Nuss strahlend hin.

„Hier, für dich. Frühstück und Saft zugleich!“

„Danke. Belly. Da hinten führt übrigens ein Weg ins Innere der Insel.“

Bellys Augen blitzten auf. „Der führt bestimmt zu der Stelle, von der dieser Bennie gestern die Sachen geholt hat. Das muss ich mir ansehen!“

Kaum hatte er ausgesprochen, war er schon auf den Beinen und schickte sich an, seine Ankündigung in die Tat umzusetzen. Aber Shana hielt ihn zurück.

„Warte! Die Männer werden sauer, wenn du ihren Geheimweg benutzt! Ich glaube, das würde auch Bellamy nicht gefallen.“

„Da liegt doch kein Schatz“, brummte Belly. „Das ist doch nur ein Lager. Sieh mal, Shana, die sind alle total beschäftigt. Das merkt doch keiner, wenn ich mal weg bin. Ich bleibe nur zehn Minuten, okay? Wenn jemand fragt, bin ich halt auch auf dem Klo, so wie du.“

Shana sah hinüber zu den Männern, die kleinere Baumstämme aus dem Busch schleppten und am Strand ablegten. Es sah wirklich so aus, als würden sie die nächste Zeit alles andere zu tun haben, als sich um Kinder zu kümmern.

„Zehn Minuten, mehr nicht, okay?“

„Okay.“

Belly versicherte sich, dass niemand auf ihn achtete und schlenderte dann hinüber zu der Stelle, an der Shana vorhin verschwunden war. Als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, bog er das Buschwerk beiseite, schwenkte die Machete, die er mitgenommen hatte, und tauchte in das Dickicht ein.

Shana blickte ihm mit einem mulmigen Gefühl hinterher. Dann nahm sie die zweite Machete auf, die der Käptn ihnen dagelassen hatte und versuchte, noch eine Kokosnuss aufzukriegen. Sie hatte immer noch Hunger und vor allem Durst. Sie schüttelte den Kopf. Belly hatte nicht einmal von seiner Nuss gekostet. Dabei müsste er doch eigentlich vor Hunger umkommen. Anscheinend ging er völlig in seiner Piratenrolle auf. Zu ihrer Überraschung gelang es Shana, die Nuss mit dem ersten Hieb zu spalten, und gierig fing sie die Kokosmilch mit dem Mund auf. Dann betrachtete sie die Palmwedel und fragte sich, wie man daraus wohl Reusen herstellte. Aber als sie schließlich mit dieser Arbeit begann, war sie vollkommen gefangen davon. Sehne für Sehne trennte sie aus den Blättern und legte sie auf einen Haufen. Sie wusste, wie man einen Korb flocht, komischerweise brachten sie einem das immer noch im Unterricht bei. Das müsste doch bei einer Reuse so ähnlich gehen. Konzentriert arbeitete sie weiter und vergaß für den Moment Belly, der schon weit länger als zehn Minuten im Busch herumwanderte.

*

Belly lief, die Machete krampfhaft umklammert, den Pfad entlang. Konzentriert achtete er darauf, wo er hintrat. Er genoss es, barfuß zu laufen, da ihm seine wunden Stellen dann nicht mehr so wehtaten, aber andererseits war er das Laufen ja gar nicht gewohnt. Der Pfad war zwar gut ausgetreten, aber dennoch musste man scharf aufpassen, dass man nicht in Dornen oder etwas anderes Unangenehmes trat.

Der schmale Weg führte stetig bergan. Nach ein paar Minuten lichtete sich das Dickicht, und Belly hatte einen wunderbaren Ausblick aufs Meer und die Bucht, die unter ihm lag. Befriedigt stellte er fest, dass die Männer immer noch beschäftigt waren. Er musste kurz verschnaufen und schaute sich um. In der Richtung, in die der Pfad führte, erhob sich ein Felsmassiv drohend in die Höhe. Bei dem Anblick schwand sein Forscherdrang beträchtlich. Er wusste, dass er es nie schaffen würde, einen Berg zu erklimmen. Jetzt spürte er auch gewaltigen Hunger. In seinem Bauch rumorte es unablässig. Aber er wollte noch nicht aufgeben. Er gab sich einen Ruck und folgte dem Pfad zu den Felsen.

Nach wenigen Metern wurde der Untergrund fester, um schließlich Felsgestein Platz zu machen, das den Pfad verschluckte. Belly blieb stehen. Hier konnte man unmöglich sehen, wohin sich der Pirat mit dem Klaviergebiss gewendet hatte. Am Ende des kleinen felsigen Plateaus stieg eine Wand aus Gestein empor, die niemand ohne Ausrüstung ersteigen konnte. Mit zusammengekniffenen Augen ließ Belly seinen Blick von links nach rechts wandern. Nichts als Gestein. Nur am Fuße der Felsen dichtes Buschwerk, das wohl Nahrung in Ritzen fand und sich Wasser holte, das von oben heruntertropfte. Belly drehte sich einmal im Kreis. Nichts deutete darauf hin, dass die Piraten einen zweiten Pfad benutzt hatten, der vom Plateau wieder wegführte. Hinter ihm und zu den Seiten hin befand sich nur undurchdringliches Gestrüpp.

Mit einem Mal durchdrang ein Kreischen die Umgebung, und Belly zuckte zusammen. Das war kein Vogel. Das war etwas Größeres. Aber was? Wieder ertönte das Kreischen, dann setzte ein zweites ein, und schließlich schien eine ganze Gruppe von Tieren zu schreien, ehe der Lärm schlagartig aufhörte. Bellys Nackenhaare richteten sich auf. Was zum Teufel war das?

Er zählte bis dreißig, aber es blieb ruhig. Belly beschloss, von hier zu verschwinden. Er war bald eine halbe Stunde weg, und das war für einen Klobesuch bei weitem zu lange. Shana würde schon wütend sein. Gerade wollte er sich umdrehen, um den Pfad zurückzuwandern, als er aus dem Augenwinkel heraus etwas blinken sah. Sein Kopf fuhr herum. Aber die Bewegung war zu schnell. Langsam drehte er den Kopf wieder zurück, und dann sah er es. Nahe der Felsen, dicht vor dem dichten, beinahe mannshohen Gestrüpp lag etwas auf dem Boden, das das Sonnenlicht reflektierte. Neugierig ging Belly darauf zu und hob es auf.

„Oh Mann!“, entfuhr es ihm. Staunend hielt er eine kleine Goldmünze in die Luft und drehte sie nach allen Seiten. Das Portrait eines Mannes war auf der einen Seite zu sehen, während auf der Rückseite etwas eingraviert war. Die Sprache, in der die Schrift gehalten war, kannte Belly nicht. Aber eines war klar: diese Münze bestand aus massivem Gold.

Belly befiel auf einmal eine unglaubliche Anspannung. Er ließ die Münze in einer seiner Hosentaschen verschwinden und blickte sich mit neuer Aufmerksamkeit um. Dann kam ihm eine Idee. Mit Hilfe der Machete schob er die dornigen Büsche beiseite.

„Na, wer sagt’s denn?“, murmelte er zufrieden. „Hier kommt Käptn Black Sam Belly! Ich sollte echt Pirat werden!“

Ein schwarzes Loch gähnte hinter den Büschen im Felsen. Belly überlegte. Er hatte niemanden dabei, der ihm das Buschwerk beiseite biegen und festhalten konnte. Im ersten Moment wollte er die Büsche mit der Machete abschlagen, aber er besann sich eines Besseren. Dies war ein Versteck der Piraten, und sie würden ihn aufknüpfen, wenn sie herausbekämen, dass er die Höhle, die sich offensichtlich hinter den Büschen verbarg, freigelegt hatte. Er musste es anders versuchen.

Mit der flachen Seite der Machete bog er die Dornen soweit zur Seite, dass er sich vorsichtig seitwärts in die entstehende Lücke zwängen konnte. Er musste sich etwas ducken, um in die Öffnung einzutauchen und einen Fuß hineinzustellen. Ächzend beugte er seinen Rücken und schrammte am Felsen entlang. Mit einem Ruck holte er den anderen Fuß nach und zog die Machete zurück. Sofort schloss sich das Gestrüpp wieder hinter ihm.

Vorsichtig richtete er sich auf und starrte in die fahle Dunkelheit. Er atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen. Jetzt schlug ihm das Herz doch bis zum Hals, und der Klumpen im Magen nahm bedrohliche Ausmaße an. Aber er wollte nicht zurück. Niemals. Wie lange hatte er davon geträumt, ein Abenteurer zu sein, hatte sich von der Multiwand all die Ausrüstung machen lassen und im Schrank verstaut. Alles für einen Moment wie diesen. Allerdings hatte er nicht im Traum daran gedacht, was jetzt alles tatsächlich auf ihn zugekommen war.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an das wenige Licht, das durch das Buschwerk ins Innere drang. Er erkannte, dass die Höhle hoch genug war, dass er sich aufrichten konnte. Gleich darauf sah er, dass es eine große Höhle war. Und er entdeckte noch etwas. Rechts von ihm steckten zwei Fackeln in einer Halterung.

„Schade“, murmelte er. „Wenn ich ein Feuerzeug dabei hätte …“

Er überlegte nicht lange. Er war schon viel zu lange weg. Andererseits würde sich kaum noch einmal so eine Gelegenheit bieten. Entweder er schaute sich jetzt schnell um oder nie. Langsam die Luft aus den Lungen lassend setzte er einen Fuß vor den anderen und tastete sich in die Höhle hinein. Verblüfft ging ihm auf, dass die Wände bemalt waren. Er trat dichter heran und betrachtete staunend die einfachen Zeichnungen, die unbekannte Künstler vor langer Zeit hier hinterlassen hatten. Es waren Jagdszenen. Offensichtlich jagten Männer mit langen Speeren riesige Antilopen. Belly pfiff leise durch die Zähne. Diese Zeichnungen mussten Tausende von Jahren alt sein.

„Interessiert die Piraten sicher nicht“, murmelte er. „Okay“, fügte er halblaut hinzu. „Noch fünf Schritte in die Höhle rein, dann geh ich zurück.“

Leise zählend ging er weiter in die Höhle hinein. „Eins … zwei … drei … vier … auu!“

Mit dem letzten Schritt war er mit dem nackten Fuß gegen ein Hindernis gestoßen und hatte sich den großen Zeh geprellt. Fluchend bückte sich Belly und rieb gegen den Schmerz an. Gleichzeitig versuchte er zu ergründen, wogegen er gestoßen war. Ein rechteckiger Umriss schälte sich aus dem Dunkel. Dann noch einer. Und noch einer. Vorsichtig tatstete Belly die Umrisse des Gegenstandes ab, gegen den er gestoßen war.

„Eine Kiste!“, flüsterte er ungläubig. „Das sind alles Kisten!“ Er ließ sich auf die Knie nieder und befühlte die Kiste von allen Seiten. An der vorderen befanden sich zwei große Schnappverschlüsse. Belly zögerte nicht und ließ sie aufschnappen. Bei den hallenden Geräuschen zuckte er zusammen und lauschte einige Sekunden. Aber hier drin war niemand, und er war sich auch sicher, dass ihm niemand hierher gefolgt war. Bis jetzt nicht.

Behutsam hob Belly den schweren Holzdeckel an, der quietschend zurückschwang. Er unterdrückte einen Fluch, denn es war zu dunkel, dass er erkennen konnte, was die Kiste enthielt. Notgedrungen langte er mit der Hand hinein. Ein merkwürdiges metallisches Geräusch erklang. Im selben Moment, als seine Finger den Inhalt berührten und dieses Geräusch verursachten, wusste Belly, was sich in der Kiste befand.

„Dreimal gesegnete Affenkacke!“, flüsterte Belly vollkommen baff. „Das sind Münzen!“

Drei, vier Sekunden saß er da, hielt eine Handvoll Münzen in der Hand und dachte fieberhaft nach. Wenn diese Kiste voller Münzen war, dann barg die Höhle nicht nur ein Lager für Decken und Äxte, sondern …

„Der Schatz der Whyla!“

Belly fuhr elektrisiert zurück und ließ die Münzen zurück in die Kiste fallen. Wenn das wirklich das Gold der Whyla war, und die Piraten merken würden, dass er es entdeckt hatte, würden sie ihn von der nächsten Klippe werfen. Da half auch ein gutherziger Käptn namens Black Sam Bellamy nicht mehr. Einen Mitwisser würden die Piraten niemals dulden. Er musste zurück. Sofort.

Doch dann fiel ihm siedendheiß ein, dass er den Deckel der Kiste wieder schließen musste. Ein Gedanke zuckte durch seinen Kopf, und er konnte ihm nicht widerstehen. Noch einmal langte er in die Kiste, fingerte eine der Münzen heraus und ließ sie zu der anderen in seine Hosentasche gleiten. Erst danach schloss er den Deckel behutsam und ließ die Verschlüsse sorgfältig wieder einrasten.

„Nichts wie weg!“

Belly griff sich die Machete, die er vorhin auf dem Boden vor der Kiste abgelegt hatte, und machte sich auf den Rückweg. Am Ausgang lauschte er ein paar Sekunden, aber außer einigen Tierstimmen war nichts zu hören. Vorsichtig schob er mit der Machete das Gestrüpp zur Seite und lugte durch die entstehende Lücke. Niemand zu sehen. Als er sich etwas zu hastig durch das Gebüsch zwängte, rutschte die Machete ab und die dornigen Sträucher zerkratzten ihm die Beine.

„Verflucht, verflucht!“, entfuhr es Belly, aber er unterdrückte das Bedürfnis, laut aufzuschreien. Einige der Dornen steckten noch in seiner Haut. Sie besaßen gemeine Widerhaken, und Belly biss die Zähne zusammen, als er einen nach dem anderen rauszog.

Mit blutigen Schrammen übersät machte er sich auf den Rückweg. Er würde sich eine gute Ausrede ausdenken müssen, wenn Bellamy das auffiel. Am besten, er ginge gleich ins Meer baden, um sich das Blut abzuwaschen. Mit allen Sinnen angespannt folgte er dem Pfad zurück, bereit, jeden Moment an einer Biegung ein grimmiges Piratengesicht entgegenkommen zu sehen. Aber mit demjenigen, der dann erschien, hatte Belly zu allerletzt gerechnet.

Beinahe war er am Strand angelangt, da sprang ein braunbehaartes Wesen kreischend direkt vor seine Füße. Belly fuhr der Schrecken in alle Glieder. Aber in der gleichen Sekunde, in der er selbst schreiend davonlaufen wollte, erkannte er, was da vor ihm hockte.

„Ein Affe!“

Da war tatsächlich ein kleiner Affe vor ihm auf den Weg gesprungen. Neugierig hockte er vor ihm und schaute ihn mit wachen Augen an.

Belly lächelte. „Na, hast du dich genauso erschreckt wie ich?“

Als er Bellys Stimme hörte, schrak der kleine Kerl zusammen und schoss wie der Blitz wieder zurück ins Unterholz. Belly hörte es rascheln, und dann sah er, wie das Äffchen eine Art Gummibaum erklomm und flink in die Höhe kletterte.

„Schade“, sagte Belly bedauernd. „Das wär doch der Hammer gewesen, wenn ich einen Affen auf meiner Schulter mitgebracht hätte.“

Er warf noch einen letzten Blick in die Wipfel der Bäume, dann machte er, dass er zurück zu Shana kam. Als er den Saum des Buschwerks erreichte, hielt er einen Moment inne, um die Lage zu sondieren. Hatte man sein Verschwinden bemerkt? Und was war mit Shana? Oh Mann, die würde verdammt wütend sein. Doch Bellys Gedanken wurden jäh in eine andere Richtung gelenkt, als er sah, was sich am Strand abspielte.

Die Piraten und auch Shana standen laut diskutierend am Strand und betrachteten offensichtlich etwas, was ans Ufer gespült worden war. Es sah aus wie ein Bündel alter Sachen. Shana schien unbedingt zu dem Bündel zu wollen, aber zwei der Männer hielten sie zurück. Belly konnte erkennen, dass Black Sam Bellamy sich hinunterbeugte und versuchte, das Ding anzuheben. Es schien jedoch zu schwer. Klaviergebiss sprang hinzu und half seinem Käptn, den Sack vollends an Land zu ziehen.

Belly beschloss, dass das der beste Moment war, um unbemerkt aus dem Gebüsch zu treten und sich wieder unter die Leute zu mischen. Mit bemüht unbeteiligtem Gesicht kam er aus dem Dickicht hervor und schlenderte zum Ufer. An der Palme, unter der sie vorhin gesessen hatten, hielt er kurz an und warf die Machete in den Sand. Er registrierte, dass es Shana tatsächlich geschafft hatte, zwei ganz passable Reusen zu flechten, bevor er sich zu den heftig diskutierenden Männern ans Ufer begab. Weder Shana noch die Männer nahmen Notiz von ihm. Sie standen allesamt um den merkwürdigen Lumpensack herum, und zu Bellys Erstaunen redeten sie unentwegt auf ihn ein.

Und dann sah er, dass sich das Bündel bewegte. Das war kein Lumpensack. Das war ein Mensch! Jemand war ans Ufer gespült worden. Und er war ganz offensichtlich noch lebendig. Voller Neugier drängte sich Belly neben Shana, die ihn heftig am Handgelenk packte, als sie erkannte, wer da neben sie trat. Belly wollte zu einer Entschuldigung ansetzen, aber Shana schüttelte nur unwirsch den Kopf und deutete wortlos auf denjenigen, der da vor ihnen im Sand lag und mühsam versuchte, auf die Beine zu kommen. Belly betrachtete den Mann und konnte nichts Besonderes an ihm finden.

„Was ist denn?“, fragte er Shana. „Ist doch nur `n weiterer Pirat.“

„Nein“, zischte Shana, und Belly merkte, wie aufgeregt sie war. Sie zog Belly zu sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Das ist kein weiterer Pirat. Das ist Rufus. Der Maler der Traumbilder!“

*

Rufus lag mit dem Rücken an den Stamm einer Palme gelehnt im Sand und schlürfte begierig das Wasser aus der ausgehöhlten Kokosnuss, die Shana ihm hinhielt. Käptn Black Sam Bellamy, der Rest seiner Mannschaft und auch Belly standen im Halbkreis um ihn herum und musterten ihn neugierig. Rufus sah wahrhaft mitleiderregend aus. Seine eingefallenen Wangen waren mit Bartstoppeln übersät, Arme und Beine salzverkrustet, und seine Haare klebten im Gesicht. Sein Hemd und die halblange Hose hingen in Fetzen an ihm. Wenn man ein paar Schritte zurückging, konnte man ihn tatsächlich für ein lebloses Bündel halten. Aber je mehr Wasser er trank, desto mehr Farbe kehrte in sein Gesicht zurück. Seine Augen wurden klar, und schließlich richtete er sich auf und lehnte sich bequemer an den Stamm.

„Wie ein Halunke siehst du nicht aus“, brummte Black Sam. „Und wie ein Engländer oder ein Spanier auch nicht. Also, was bist du dann? Wo kommst du her?“

„Ich bin …“, krächzte Rufus und hustete. „Ich bin ein Weltenbummler. Mein Name ist Rufus. Ich wohne mal hier, mal dort und reise am liebsten umher. Ich will auch kein Engländer oder Spanier sein, sondern einfach nur Rufus.“

„Aha“, meinte der Käptn belustigt. „Du treibst am liebsten durchs Meer. Mal hierhin, mal dorthin. Und heute an den Strand von Death Island. Sehr interessant. Ich glaube eher, du hast zuviel Meerwasser geschluckt, und die Sonne hat dein Gehirn verdörrt. Soviel Blödsinn habe ich zuletzt von dem jungen Mann mit der komischen Frisur gehört.“

Er zwinkerte Belly zu. „Schon komisch, erst taucht ihr mit einer wirren Geschichte auf, und dann dieser lustige Vogel hier. Man könnte meinen, irgendwo da draußen auf dem Meer gibt es ein Nest von eurer Sorte.“

Rufus trank das Wasser aus und reichte Shana die Nuss zurück. „Mein Schiff ist untergegangen. Ich habe mich einen Tag und eine Nacht lang an einem Brett festgehalten, bis mich die Kräfte verließen. Und dann … habt ihr mich rausgezogen.“

Bellamy zog die Stirn in Falten. „Hm, dein Schiff ist also untergegangen. Wie hieß denn dein Schiff?“

„Ähh … das weiß ich nicht.“

„So, das weißt du nicht. Ich fürchte, du hast ganz schön was abgekriegt. Siehst ja auch ein bisschen aus wie ein Weichei. Aber ich bin kein Unmensch. Die beiden Kinder hier werden dir etwas zu essen und zu trinken besorgen und sich ein wenig um dich kümmern. Mehr kann ich nicht für dich tun. Wir müssen selbst sehen, wie wir überleben. Und, Männer, steht hier nicht so rum! Zurück an die Arbeit! In spätestens fünf Tagen will ich hier weg sein.“

„Käptn …“ Der Bengale ergriff das Wort. „Wir können nicht noch einen Esser mehr gebrauchen. Die beiden Gören sind schon eine Last. Aber der hier …“ Er blickte abschätzig auf Rufus hinab. „… wird außer essen nichts können. Der hat so feine Hände wie ´ne Frau. Der kann ja nicht mal ´ne Axt halten!“

Die anderen Männer lachten zustimmend. „Bengale hat recht“, sagte der Pirat mit dem Klaviergebiss. Sein Gesicht verwandelte sich in eine hinterlistige Fratze. „Wenn wir den durchfüttern, schwächen wir uns selbst. Und das Beiboot ist auch zu klein für uns alle.“

Shana und Belly spürten, dass die Stimmung feindselig wurde. Rufus saß da und schwieg. Er ahnte, dass alles, was er sagen würde, vielleicht das Falsche gewesen wäre. Der Käptn stemmte die Arme in die Seiten, die rechte Hand dicht an dem Vorderlader, der in seinem Hosenbund steckte.

„Männer, ihr wisst, wie ich mit meinen Freunden und meinen Feinden umgehe. Ich behandele sie mit Respekt. Aber wer mich verrät oder betrügt oder ärgert …“ Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Dann trat er einen Schritt auf den Bengalen zu und führte sein Gesicht bis auf wenige Zentimeter an das des aufsässigen Mannes heran.

„Was, lieber Bengale, hättest du getan, wenn du einen Tag später als wir anderen an diesen Strand gespült worden wärst? Wärst du zurück ins Meer gegangen, weil du ja ein weiterer Esser wärst, den niemand gebrauchen kann?“

Der Bengale wich zurück. „N … nein, nein. Ich kann ja arbeiten. Ich bin stark und hab keine Weiberhände wie der da!“

Der Käptn blieb hartnäckig. Bennie merkte, dass die Luft auch für ihn dünn wurde und trat unauffällig hinter die anderen Männer, die angespannt dem Wortwechsel ihres Anführers mit dem Bengalen zuhörten.

„Na, noch schlimmer!“, lachte Bellamy. „Ein starker Kerl mit einem Riesenhunger! So einer frisst doch den anderen die Haare vom Kopf! Wenn so einer hier angeschwemmt wird, würden die meisten Halunken ihn ins Meer zurückwerfen, meinst du nicht?“

Dem Angesprochenen blieb nichts anderes übrig, als zu nicken.

„Siehst du“, meinte Black Sam zufrieden und trat einen Schritt zurück, was den Bengalen sichtlich aufatmen ließ. „Ich werfe niemanden zurück ins Meer. Ich will, dass alle durchkommen. Freund wie Feind. Und wenn du dich recht erinnerst, warst auch du einmal ein Feind, als ich dich aus der Knechtschaft von diesem Samuel Hook befreit habe. Oder hast du das schon vergessen?“

Der Bengale schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Käptn, das werde ich nie vergessen!“

„Das will ich auch hoffen. Denn so wie du damals fühlt sich dieser Rufus jetzt. Und nur, weil einer feine Hände hat, heißt das noch lange nicht, dass er uns nicht nützlich sein kann. Vielleicht stammt er aus gutem Haus und gibt eine schöne Geisel ab, wer weiß?“

Der Bengale sackte sichtlich in sich zusammen. „Ich meinte ja nur …“

„Lassen wir es gut sein“, beendete der Käptn die Auseinandersetzung. „Ich mach euch einen Vorschlag. Ihr werdet nichts mit diesem Rufus zu tun haben. Die Kinder können sich um ihn kümmern. Und wenn er kräftig genug ist, kann er fischen gehen oder Holz sammeln. Seid ihr damit einverstanden?“

Zustimmendes Gemurmel.

„Gut. Dann zurück an die Arbeit. Ich will den Mast bis heute abend fertig haben. Bennie und Bengale, ihr könnt das Segeltuch und festen Zwirn aus dem Lager holen.“

Die Männer hatten die Autorität ihres Anführers anerkannt. Die feindselige Stimmung war gewichen. Bennie und der Bengale zogen los, um die Sachen zu holen, und die übrigen Männer begaben sich zu einem neben dem Beiboot liegenden Holzstamm, um einen Mast aus ihm zu fertigen.

Der Käptn schaute ihnen befriedigt nach. Dann wandte er sich an Rufus. „Das, was ich gesagt habe, meine ich auch so. Aber du wirst dich hier einbringen und arbeiten, was du eben kannst. Genau wie die Kinder, haben wir uns verstanden?“

Rufus nickte.

„Gut. Also, Kinder, päppelt den Kerl hier ein wenig auf. Und wenn er sich erholt hat, könnt ihr versuchen, ein paar Langusten zu fangen.“ Er warf einen anerkennenden Blick auf die zwei Reusen, die Shana geflochten hatte. „Gute Arbeit, junge Frau! Weißt du, wie man sie benutzt?“

Shana schüttelte den Kopf.

„Such dir die Reste von unserem Abendessen von gestern und leg sie in die Reusen. Am besten kratzt du das Fleisch von den Knochen oder legst die Knochen gleich ganz rein. Aber klemm das Zeug ein bisschen fest, sonst wird es wieder rausgeschwemmt. Du kannst dir von den Männern zwei Seile geben lassen, die du an den Reusen festmachst. Dann brauchst du sie nur noch ins Wasser legen. Am besten beschwerst du sie mit ein paar Steinen, sonst bleiben sie nicht unter Wasser. Oder du kannst sie auch am Riff zwischen die Korallen klemmen. Vielleicht brauchst du die Seile dann gar nicht. Die besten Stellen für Hummer und Krebse sind draußen am Riff. Die Lagune ist flach, du kannst bis dahin waten. Aber pass bei den Felsen auf, die sind scharfkantig. Alles klar?“

Shana wusste es nicht genau, aber sie nickte.

„Gut, dann lass ich euch jetzt allein. Wenn ein Käptn seinen Männern nicht hilft, kriegt er Ärger. Und damit hätte der Bengale tatsächlich einmal recht.“

Der Käptn grinste, drehte sich um und stapfte am Ufer entlang zu seinen Männern. Shana zappelte vor Ungeduld, aber sie wartete, bis sich der Käptn außer Hörweite befand.

„Rufus, bin ich froh, dich zu sehen! Was ist passiert? Wie kommst du auf diese Insel? Woher weißt du überhaupt, dass wir hier sind? Hast du ein Traumbild gemalt? Warst du bei den Goshis? Und warum …“

„Hey, halt, halt!“ Rufus hob in gespielter Verzweiflung die Hände. „Nun warte doch. Ich erzähl euch ja alles. Aber willst du mir nicht erstmal deinen Begleiter vorstellen?“ Er besah sich belustigt die Glatzenspur auf Bellys Kopf. „Ich glaube, ich weiß, wer du bist, denn ich hab deinen Rasierapparat getroffen!“

Belly verzog das Gesicht. „Es war nur ein kleiner Katongi, aber er hat mich voll erwischt.“

„Na ja“, lächelte Rufus, „nicht mal halb, würde ich sagen. Aber wer weiß, vielleicht wird das ja die neue angesagte Frisur bei den Jugendlichen. Du heißt Belly, nicht wahr?“

Belly nickte. Rufus setzte sich in den Schneidersitz und beobachtete nachdenklich das Treiben der Männer am Strand.

„Es tut mir leid, dass ihr soviel durchgemacht habt. Das ist alles meine Schuld. Ich hätte euch nicht erlauben sollen, ein Bild zu malen.“

Shana wurde wütend. „Das, lieber Rufus, war nicht das Problem. Unsere Bilder waren harmlos.“ Sie warf einen Seitenblick auf Belly. „Na ja, bis auf Bellys zweites Bild. Aber das hat er ja erst später gemalt. Das Bild mit den Goshis hat uns reingezogen. Du hättest mir doch sagen können, was wirklich passiert, wenn man den Bildern zu nahe kommt.“

Rufus wand sich sichtlich. „Ich hab euch doch gewarnt. Auf den Zetteln.“

Belly schaltete sich ein. „Mein Vater sagt immer, wenn man Kindern was verbietet, reizt es sie umso mehr.“

„Ich hab leider keine Kinder“, meinte Rufus leise. „Aber da ist wohl was dran. Jedenfalls tut es mir sehr, sehr leid. Aber das hier …“ Er machte eine ausladende Handbewegung in die Runde. „… hab ich nicht gemalt.“

„Nein, das ist ganz allein meine Schuld“, gab Belly betreten zu. „Ich wollte unbedingt auf ein Schiff.“

„Jetzt erzähl doch endlich, wie du uns gefunden hast!“, fuhr Shana dazwischen.

„Ich hab mir gedacht, dass du wiederkommst“, begann Rufus. „Und dass du einen Freund oder eine Freundin mitbringen würdest. Als ich zurück in meine Hütte kam, um nach euch zu schauen, wart ihr nicht da. Aber dein Rucksack stand einsam in meinem Wohnzimmer. Ich hab mir gedacht, was passiert war. Das Dumme war nur, dass ich nicht wusste, in welchem Bild ihr verschwunden wart. Es hat ewig gedauert, bis ich gemerkt habe, dass ihr zu den Goshis gegangen seid. Ich bin in einige Bilder eingetaucht und hab euch wie verrückt gesucht. Dann hab ich mir aber gedacht, dass die kleinen Kugelwesen und die Goshis euch sicher gereizt haben und hab es da versucht.“

„Dann hast du unsere beiden Freunde getroffen, und die haben dir alles erzählt“, ergänzte Shana.

„Richtig.“ Rufus grinste. „Adam und Eva. Das war ja eine verrückte Idee von euch, den Goshis Namen zu geben.“ Als er sah, dass Shana aufbrausen wollte, winkte er beschwichtigend ab. „Das war toll! Ich habe einiges falsch gemacht, und erst ihr habt mir die Augen geöffnet. Es war nicht richtig, meine Träume auf Kosten anderer auszuleben. Ich habe darüber nie richtig nachgedacht, und ausgerechnet die Goshis haben mich daran erinnert, dass es noch andere Wesen auf der Welt gibt, die Träume haben.“

„Das stimmt“, meinte Shana ernst. „Du hast die Goshis und die Katongis erschaffen, aber nicht damit gerechnet, dass sie klug sein konnten.“

„Na ja, die Katongis sind und bleiben doof“, lachte Rufus. „Adam hat mir die ganze Geschichte erzählt. Ich konnte ihm natürlich nicht sagen, dass ich ihn mir nur erträumt habe, aber ich habe ihm versprochen, dass ich sie viel öfter besuchen und höllisch aufpassen werde, dass die Katongis nicht wieder das Traumgel klauen.“

„Du hättest sie einfach Gras fressen lassen sollen“, murmelte Belly.

„Wieso denn das?“, fragte Rufus erstaunt.

„Na, sieh mich doch an!“ Belly zeigte auf die Schneise in seinen Haaren.

Rufus unterdrückte mit Mühe ein Lachen. „Entschuldige, aber ich konnte beim besten Willen nicht voraussehen, dass ein Junge namens Belly zu den Katongis reist.“

„Nein“, sagte Shana schärfer, als sie wollte. „Aber du hättest voraussehen können, dass das Gel oder das Haarbild verloren gehen können, und dass Wesen, die sich nur von Haaren ernähren, dann über die lieben Goshis herfallen. Was hast du dir dabei nur gedacht?“

Rufus nahm eine Handvoll Sand auf und ließ ihn durch die Finger rieseln. „Das weiß ich heute auch nicht mehr“, gab er zu. „Ich hab die Stadt gehasst. Ich bin im Childrens Garden aufgewachsen. Ihr wisst ja, was das ist. Da, wo man die Waisenkinder erzieht. Meine Eltern sind früh gestorben, und Freunde findest du dort nicht unbedingt. Das einzige, was ich hatte, waren die Ausflüge in den Wald. Ich bin heimlich durch die Multiwand der Erzieher abgehauen.“

„Und dann hast du dir Traumbilder gemalt?“, fragte Belly drängend.

„Ja.“

„Aber woher hast du das Traumgel? Das kannst du doch nicht erfunden haben.“

„Ich habe es genauso erhalten wie du“, antwortete Rufus und schaute in Shanas verblüfftes Gesicht. „Auf der Lichtung saß ein Mann und malte. Er hat mir seinen Namen nie verraten. Eines Tages entdeckten die Erzieher, dass ich ihren Beamer benutzte. Ich hab gelauscht, als sie darüber sprachen, was sie mit mir machen wollten. In jedem Fall wollten sie mir den Zugang zur Außenwelt für immer verwehren.“

„Und dann bist du abgehauen“, stellte Belly fest.

„Ja, noch am selben Tag. Bevor sie das Planquadrat sperren konnten.“

Eine Zeitlang sagte niemand ein Wort. Shana scharrte nachdenklich mit den Füßen im Sand. Dann ging ihr ein Gedanke durch den Kopf. „Ich glaube, ich weiß, was dann passiert ist. Du hast über Jahre allein gelebt und dir alles nur erträumt. Du hattest keine Eltern und keine Freunde mehr. Alles, was dich getröstet hat, waren die Bilder. Aber Rufus … man kann nicht ohne Freunde leben. Da wird man verrückt!“

Rufus sah sie nachdenklich an. „Vielleicht hast du recht. Ich hab immer gedacht, allein ist es viel besser. Und wenn ich Freunde brauchte, hab ich mir halt welche gemalt.“

„Man kann sich keine Freunde malen“, grunzte Belly. „Die muss man sich verdienen.“

Einen Moment lang war Rufus sprachlos. Irgendwo hinter ihnen fiel eine Kokosnuss zu Boden, aber niemand nahm Notiz davon. Schließlich brach Shana den Bann.

„Rufus, du hast jetzt zwei Freunde. Belly und mich. Wir werden dich ganz oft besuchen. Und wenn du uns brauchst, sind wir sofort bei dir.“

„Shana … was soll ich sagen … danke!“ Rufus war sichtlich verlegen und wusste nicht, wohin er schauen sollte, aber Belly half ihm aus der Patsche.

„Du hast noch nicht alles erzählt! Wie hast du uns denn dann gefunden?“

„Na, das Bild, das du von dem Schiff gemalt hattest, stand immer noch am Fensterbrett der Goshis. Die beiden haben mir ja erzählt, dass ihr da reingegangen seid. Ich musste nur warten, bis es wieder dunkel wurde. Dann bin ich euch gefolgt. Ich kam im Bauch dieses Piratenschiffes heraus, gerade, als der Kampf losging. Eine Kanonenkugel flog direkt an mir vorbei durch den Laderaum. Als das Schiff dann unterging, hab ich mich verzweifelt an irgendeine Holzplanke geklammert und bin einen Tag und eine Nacht auf dem Meer getrieben. Na, den Rest der Geschichte kennt ihr ja.“

Shana und Belly schwiegen. Irgendeine sehr wichtige Frage ging in Shanas Kopf herum, aber sie konnte sie nicht einfangen. Dann lenkte Rufus sie ab.

„Ich hab furchtbaren Hunger!“

Belly musste lachen. „Mensch, ich auch! Ich hab den ganzen Tag lang noch nichts gegessen und hab´s noch nicht mal gemerkt! Aber jetzt, wo du´s sagst, könnte ich ein Dutzend Gigantoburger auf einmal essen!

Jetzt musste auch Shana lachen. „Hey, Belly, ich bin stolz auf dich! Ich hätte nie gedacht, dass du so lange durchhältst. Und auch nicht, dass du so mutig bist.“

„Echt?“

„Echt. Tja, Rufus, viel zu essen gibt es hier nicht. Belly, hol mal die eine Machete, und ich besorg uns ein paar Kokosnüsse. Das muss fürs erste reichen. Und dann sollten wir zusehen, dass wir die Reusen auslegen, sonst kriegen wir mächtigen Ärger. Die Männer werden noch hungriger sein als wir.“

Belly zog los, um die Machete zu holen, und Shana und Rufus sammelten ein halbes Dutzend Kokosnüsse. Nachdem sie den ärgsten Hunger und Durst gestillt hatten, ging Shana rüber zu den Piraten und besorgte sich zwei Seile, wie der Käptn es ihr aufgegeben hatte. Damit kehrte sie zurück und befestigte sie an den Reusen. Belly bekam die Aufgabe, die Essensreste vom Vorabend zusammenzukratzen. Dann steckten sie die unansehnlichen Leguanknochen in die Reusen und versicherten sich, dass sie nicht wieder rausgeschwemmt werden konnten.

„Okay“, meinte Shana schließlich zufrieden. „Dann lasst uns mal sehen, ob wir was fangen.“

Das grüne Wasser der Lagune war relativ flach. Wie ein Halbkreis rahmte der Strand die kleine Bucht. Shana, Belly und Rufus wateten immer weiter ins Meer hinein, bis es nach etwa dreißig Metern tiefer wurde. Ein Stück weiter rollten die Wellen gegen das Riff, das der Bucht vorgelagert war.

„Passt auf!“, rief Rufus. „An den Korallen zerschneidet man sich ganz schnell die Füße!“

Belly ergriff Shana am Arm. „Sieh mal, da ist eine Lücke im Riff.“

Shana folgte Bellys Blick und erkannte, dass es eine etwa fünf Meter breite Stelle gab, die frei von Felsen war. Zumindest an dieser Bucht war es die einzige Stelle, an der man gefahrlos anlanden konnte.

„Rufus hat Riesenglück gehabt, dass er ausgerechnet durch diese Lücke getrieben wurde“, meinte Belly. Shana nickte und schaute sich suchend um.

„Wo soll ich denn die Reusen festmachen?“, rief sie rüber zu Rufus, der den Meeresboden nach einer geeigneten Stelle absuchte, wo man die Reusen ablegen konnte.

„Ich glaube, das Beste wird sein, wir klemmen sie einfach zwischen die Felsen. Hier gibt es ja nichts, woran wir sie festbinden könnten. Kommt mal hier rüber! Ich glaube, die Stelle hier ist gut!“

Ihre Hosen waren mittlerweile vollkommen durchnässt, aber das war völlig egal, so wie sie inzwischen aussahen. Außerdem gab es nun mal keine Sachen zum Wechseln. Das einzige, was Shana Sorgen machte, war die Tatsache, dass sie sich einen gehörigen Sonnenbrand einfangen würden, wenn sie nicht bald wieder im Schatten waren. Gemeinsam mit Belly kämpfte sie sich gegen die Strömung hin zu Rufus. Das Wasser war glasklar, dass man beinahe jede Einzelheit erkennen konnte, die sich unter der Oberfläche befand. Die Korallen streckten hier viele Ableger dicht am Boden aus. Rufus hatte recht. Hier müsste es möglich sein, die Reusen festzuklemmen.

„Wer kann tauchen?“, fragte Belly in die Runde. Als Rufus nichts sagte, traf Shana die Entscheidung.

„Ich. Ich bin die Beste in unserem Jahrgang, wie du weißt, Belly. Also mach ich es.“

„Stehen kannst du ja“, meinte Belly. „Also kannst du nicht ertrinken. Und ich pass auf Haie auf.“

Shana starrte Belly mit großen Augen an. Dann fuhr sie herum zu Rufus. „Gibt es hier Haie?“

„Was weiß ich?“ Rufus grinste. „Belly hat das Bild mit dem Piratenschiff gemalt.“

„Es war ein Handelsschiff“, sagte Belly lahm. Aber dann wollte er Shana doch die Angst nehmen. „Hier ist es doch viel zu flach für Haie.“

Shana war halbwegs beruhigt. Aber sie schaute doch noch eingehend in die Runde, bevor sie tief Luft holte, die erste Reuse fest packte und sich dann unter Wasser gleiten ließ. Dass Belly sagte: „Aber Barracudas gibt´s hier schon, oder, Rufus?“, hörte sie Gott sei Dank nicht mehr.

Shana machte ihre Sache gut. Es war nicht sonderlich schwer, die Reusen zwischen die Korallen zu klemmen. Da es an der Wasseroberfläche nichts gab, woran man die Seile fixieren konnte, kam Shana auf die Idee, sie unter Wasser um starke Korallenäste zu schlingen. Als sie auch die zweite Reuse sicher befestigt hatte, schüttelte sie sich die nassen Haare aus. Triefend stand sie neben Rufus und Belly und betrachtete befriedigt ihr Werk.

„Wenn ihr mich fragt, dann gehen wir in zwei Stunden wieder nachschauen. Wenn wir hierbleiben und warten, werden wir uns höllisch verbrennen.“

Rufus hob die Hand vor die Augen und schaute nach dem Sonnenstand.

„Du hast recht. Aber nicht länger als zwei Stunden. Die Sonne geht in der Nähe des Äquators verdammt schnell unter. Ich schätze, wir haben nicht viel mehr als drei Stunden, bis es dunkel wird. Im Dunkeln will ich mir nicht von einem Hummer den Zeh abbeißen lassen.“

„Okay, dann lasst uns zu Black Sam gehen und nachschauen, wie weit sie mit dem Mast sind.“

Sie überließen die Reusen ihrem Schicksal und wateten zurück zum Strand. Die Sonne brannte auf ihren Rücken. Als Shana auf den seltsamen feinen Bellamy zuging, kam ihr in den Sinn, was ihre Eltern und ihr Bruder jetzt wohl taten. Sie würden sich unendliche Sorgen machen, das wusste sie. Aber wenn sie ehrlich war, dann musste sie sich selbst gestehen, dass sie nicht mehr nach Hause wollte. Jedenfalls heute noch nicht.

*

Es stellte sich heraus, dass Shana tatsächlich gute Reusen gebaut hatte, denn es hatten sich sechs fette Langusten in ihnen angefunden. Zusammen mit weiteren drei Leguanen, die die Männer gefangen hatten, Kokosnüssen und sogar Bananen ergab das ein zwar kleines, aber sehr leckeres Abendbrot. Die Piraten waren an diesem zweiten Abend recht wortkarg, nur der Käptn berichtete begeistert von der Kaperung der Whyla und schmückte das Ereignis gestenreich aus. Shana nahm an, dass die Männer müde von ihrer schweren Arbeit waren. Es dauerte nicht lange, und einer nach dem anderen zog sich zum Schlafen zurück. Diesmal hielt es auch Bellamy nicht lange am Feuer.

„Kinder und Weltenbummler, ich geh Krabben abhorchen. Seid so gut und schüttet Sand über die Glut, wenn ihr fertig seid.“

„Machen wir“, meinte Belly. Auch Rufus gähnte bereits, aber Belly wollte unbedingt noch etwas loswerden.

„Leute, ich hab den Schatz der Whyla gefunden!“

Rufus wollte gerade den letzten Knochen eines Leguanbeins in hohem Bogen ins Meer werfen, als er Bellys Worte vernahm, und hielt mitten in der Bewegung inne.

„Du hast was?“

„Ich hab den Schatz der Whyla gefunden.“

„Red leiser“, zischte Shana. „Ich hab keine Lust, morgen als Leguan zu enden!“

„Ja, ist ja schon gut. Ich wollte es euch die ganze Zeit schon sagen. Ich war doch gestern den Pfad erkunden, den du gefunden hast.“

„Du wolltest zehn Minuten wegbleiben“, fauchte Shana. „Und du warst fast eine Stunde weg!“

„Nicht viel mehr als ´ne halbe“, grummelte Belly.

„Leute, könnten wir jetzt mal zur Sache kommen?“, seufzte Rufus. „Belly findet den Schatz der Whyla, und ihr fangt an zu streiten.“

Belly zuckte grinsend die Schultern. „Na ja, der Pfad ging eben weiter hoch, als ich dachte. Da oben gibt es eine Felswand, an der es nicht mehr weitergeht. Erst wollte ich zurückgehen, aber dann hab ich was gefunden.“

„Und was?“, drängte Shana.

Belly kramte in seiner Hosentasche und zog eine der Goldmünzen hervor.

„Das hier!“

Er ließ die Münze herumgehen. Shana konnte sich eine Bemerkung nicht verkneifen.

„Das ist der Schatz der Whyla?“

„Nein, liebe Shana, das ist nur eine Münze aus dem Schatz der Whyla.“ Belly setzte sich in den Schneidersitz und genoss den Moment seines Triumphes. „Ich hab die Höhle gefunden, die sich hinter Dornenbüschen versteckt. Da drin sind Wandmalereien und …“

„Und was?“, fragte Rufus und reichte Belly die Münze zurück.

„Kisten“, grinste Belly. „Kisten, Kisten und noch mehr Kisten. Und jede von ihnen ist randvoll gefüllt mit diesen Münzen hier. Jedenfalls hab ich eine aufgemacht und die war bis obenhin voll.“

Er langte nochmals in seine Tasche und fummelte die zweite Münze hervor. Sie besaß die gleiche Gravur und das gleiche Portrait wie die erste. Rufus warf einen wachsamen Blick zu den Piraten hinüber, von denen aber niemand mehr wach zu sein schien.

„Du sagst, du hast die eine Münze vor der Höhle gefunden?“

„Ja. Sie lag am Rand des Gestrüpps. Wenn sie nicht in der Sonne geblinkt hätte, hätte ich die Höhle nie gefunden.“

„Hm“, machte Rufus. „Das ist nicht gut.“

„Wieso nicht?“, fragte Shana verständnislos.

„Weil es Ärger bedeuten könnte. Käptn Black Sam Bellamy ist ein ehrenwerter Mann, soweit man das von einem Piraten sagen kann. Aber nicht jeder seiner Männer teilt seinen Charakter. Wenn es um Gold geht, hört jede Loyalität irgendwann auf. Seht ihr, die Whyla ist untergegangen. Und nun auch die Adventure. Der Käptn hat kein Schiff mehr. Und die meisten Männer sind tot. Der Rest ist keine Mannschaft mehr, wozu auch, ohne Schiff? Sie werden darüber nachdenken, wie es weitergeht, wenn sie hier tatsächlich wegkommen. Ohne Geld ist das beinahe unmöglich. Ich wette mit euch, dass der eine Kerl … wie heißt noch der mit den Zahnlücken?“

„Bennie“, sagte Shana.

„Also, dieser Bennie sollte Äxte und Wasser holen. Ich wette, dass er nicht widerstehen konnte und einige Münzen hat mitgehen lassen.“

„Und eine davon hat er auf dem Rückweg verloren“, sagte Belly leise.

„Hm.“

„Vielleicht hat ihn derselbe Affe erschreckt wie mich“, grinste Belly.

„Da war ein Affe?“, staunte Shana.

„Eine ganze Horde. Gesehen hab ich nur einen. Der sprang genau vor meine Füße.“

„Schade, dass ich nicht dabei war. Aber was ist daran so schlimm, wenn sie ein wenig von dem Schatz mitnehmen? Er gehört doch allen.“

„Schlimm ist, dass sie es heimlich tun.“ Rufus kratzte sich am Kopf. „Wahrscheinlich hätte Bellamy nicht mal etwas dagegen. Aber wenn er rauskriegt, dass einer oder mehrere klauen, dann gibt´s Probleme. Wir sollten zusehen, dass wir von hier verschwinden.“

„Wo willst du denn hin?“, fragte Belly und breitete die Arme aus. „Das Beiboot klauen und alleine aufs Meer raussegeln?“

„Nein“, lächelte Rufus. „Ihr wisst doch, wie ich mir aus so einer Welt heraushelfe.“

Shana lächelte spöttisch und musterte Rufus von oben bis unten. „Ja, du malst dich sonst immer einfach aus deinen Problemen raus, die du selbst geschaffen hast. Aber diesmal geht das nicht. Du trägst nur zerrissene Hosen und ein zerlumptes Hemd. Traumfarbe sehe ich jedenfalls nicht.“

„Ich hab das Gel mitgenommen“, lächelte Rufus und ergötzte sich an den verblüfften Gesichtern der Kinder. „Aber es ist bei dem Untergang der Whyla im Meer versunken.“

Sekundenlang starrten Shana und Belly Rufus an. Der saß da, grinste und zuckte die Schultern. „Nicht zu ändern. Vielleicht malt sich jetzt ein Tintenfisch eine Traumwelt. Die sollen ja sehr intelligent sein.“

Shana wurde fuchsteufelswild. „Wie kannst du da grinsen? Erst sagst du, du hast das Gel mitgenommen, damit wir uns freuen, hier wegzukommen, und dann sagst du, es ist im Meer versunken? Das ist nicht lustig! Das Gel liegt auf dem Grund des Meeres! Das findest du niemals wieder!“

Rufus lächelte verschmitzt. „Ja, das eine Gel ist verloren. Aber das andere hier nicht!“

Mit diesen Worten nestelte er unter seinem Hemd herum und zog eine Kette hervor, an der eine kleine Kapsel baumelte. Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ sie hin und her baumeln.

„Da ist Traumfarbe drin?“, flüsterte Belly. „Das ist doch viel zu wenig.“

„Von der Traumfarbe braucht man nicht viel. Es sind die Gedanken, die das Bild formen. Das Gel ist nur das Medium, das die Bilder auf Leinwand überträgt. Die Menge hier drin reicht für zwei bis drei Bilder.“

„Uff“, machte Shana. „Gott sei Dank. Wir können wieder nach Hause.“

„Na ja“, meinte Rufus. „Ganz so leicht wird es nicht gehen. Mein Pinsel ist auch verloren gegangen. Es muss einer aus Tierhaaren sein, künstliche Borsten übertragen die Gedanken nicht. Und außerdem haben wir keine Leinwand. Wir werden uns etwas einfallen lassen müssen.“

Belly warf wieder einen Blick zu den Piraten. „Die werden weder Pinsel noch Leinwand haben. Aber vielleicht Segeltuch.“

„Das werden sie hüten wie ihren Augapfel“, warf Rufus ein. „Aber lasst uns das morgen überlegen. Die Kapsel hier hat mich schon manches Mal aus einer schwierigen Situation gerettet. Ohne sie gehe ich niemals in die Traumwelten.“

„Siehst du“, meinte Shana schnippisch zu Belly. „Er denkt wenigstens nach, bevor er in ein Bild geht.“

„Ich hab gewusst, dass er nachkommt“, grinste Belly. „Ich mach jetzt das Feuer aus. Irgendwas zum Malen werden wir schon finden. Und wenn´s ein Leguanbauch ist.“

Rufus und Shana lachten und halfen Belly dabei, Sand auf die Glut zu schütten. Danach legten sie sich etwas abseits der Piraten in den Sand. Einige Minuten flüsterten sie noch miteinander, aber da jeder von ihnen todmüde war, kam ihnen keine zündende Idee mehr, woher man einen Pinsel und eine Leinwand bekommen konnte. Dann übermannte sie der Schlaf. Keiner von ihnen bemerkte, wie von Zeit zu Zeit ein nachtaktives Tier aus den Büschen schlich und an ihnen schnüffelte. Nur die kleinen Spuren am nächsten Morgen verrieten ihren Besuch. Aber darauf achtete niemand. Sie hatten andere Sorgen.

*

Das Frühstück war karg. Außer Nüssen und Bananen gab es nichts. Bellamy verteilte die Aufgaben für den Tag. Rufus, Belly und Shana sollten sich wieder ums Fischen kümmern, während die Truppe von Black Sam den Mast vollenden und im Beiboot fixieren wollte. Rufus fragte den Käptn wie beiläufig, ob er mit den Kindern nach dem Reusen legen in den Dschungel gehen und nach etwas Essbarem suchen dürfe.

„Warum nicht?“, knurrte Bellamy. „Wie kommt es, dass du dich damit auskennst?“

„Ich bin viel gereist und ich habe viel gelesen.“

„Siehst du“, meinte der Käptn und grinste Bennie an. „Wenn du belesen bist, brauchst du keine Muskeln.“

„Lesen macht noch nicht satt“, kam die brummige Antwort.

„Arbeiten allein auch nicht!“; lachte Bellamy. „Und je eher wir weitermachen, desto eher können wir Death Island den Rücken kehren. Also, los Jungs, an die Arbeit!“

Shana hatte beschlossen, zwei weitere Reusen zu flechten, damit sie noch größere Chancen hatten, satt zu werden. Bellamy hatte zugestimmt, und so saßen Rufus und Belly neben Shana im Schatten der größten Palme und schauten zu, wie Shana geschickt mit den Palmenfasern umging.

„Nicht schlecht für ein Mädchen, das alle Sachen nur von einem Bildschirm lernt“, lächelte Rufus.

„Ganz so ist es nicht“, meinte Shana ohne aufzusehen. „Die praktischen Dinge lernen wir gemeinsam bei echten Lehrern. Ich weiß zwar nicht, wozu man das noch braucht, wenn einem die Multiwand alles herstellen kann, aber Spaß macht es schon.“

Rufus hob eine der Reusen hoch, die am Vortag zum Einsatz gekommen waren und grinste.

„Also ich weiß schon, wozu man das braucht. Wenn du das nicht gekonnt hättest, hätte ich gestern keine köstliche Languste essen können.“

„Stimmt!“, strahlte Shana. „Vielleicht wissen unsere Lehrer, dass wir ab und zu in die verbotene Zone gehen.“

„Vielleicht machen sie es sogar ab und zu selbst“, überlegte Belly. Aber dann korrigierte er sich. „Nein, dazu sind sie viel zu dick.“

Shana musste lachen. „Na, du hast jedenfalls ganz schön abgenommen, seit wir unterwegs sind! Noch zwei Tage und deine Hose rutscht runter!“

Belly wurde rot. Er musste sie tatsächlich schon dauernd hochziehen. Und irgendwie fühlte er sich nicht nur leichter, sondern auch freier.

Als Shana fertig war und aufstehen wollte, hielt Rufus sie zurück.

„Warte noch einen Moment. Jetzt denken die Männer, wir sind noch am Arbeiten. Aber wenn wir die Reusen ausgelegt haben und in den Busch gehen, werden wir keine Wurzeln suchen, sondern abhauen.“

Shana griff sich eine der Reusen und tat so, als würde sie weiter daran arbeiten.

„Du hast einen Plan?“

„Hast du Segeltuch besorgt?“, fiel Belly ein. „Und was ist mit dem Pinsel?“

„Nein, das Segeltuch haben sie schon ins Beiboot gelegt. Ich kann wohl kaum etwas davon abschneiden. Aber ich hab heute früh nachgedacht. Belly hat doch von Wandmalereien erzählt, die sich in der Höhle befinden. Was haltet ihr davon, wenn wir eine weitere hinzufügen?“

Shana verstand sofort. „Du meinst …?“

„Wir könnten es versuchen. Wenn die damaligen Ureinwohner es geschafft haben, auf eine Wand zu malen, warum sollte es uns nicht auch gelingen? Zumal es ein natürlicher Untergrund ist. Aber er muss glatt sein.“

„War er“, warf Belly ein.

„Gut. Das müsste gehen.“

„Und was ist mit dem Pinsel?“, fragte Shana. „Hast du dafür auch eine Lösung?“

Mittlerweile brannte die Sonne vom Himmel, und Rufus musste sich den Schweiß von der Stirn wischen, obwohl sie im Schatten saßen.

„Na ja, eine richtige Lösung hab ich noch nicht, aber eine Idee. Belly, du hast doch gestern erzählt, dass dich ein Affe erschreckt hat.“

„Hm.“

„Wo war das?“

„Auf dem Pfad, nicht weit von hier. Der sprang mir genau vor die Füße, und in den Bäumen waren noch mehr von der Sorte. Sie waren ziemlich laut.“

„War er zutraulich?“

„Ich glaub nicht. Der hat sich genauso erschreckt wie ich.“

„Und wie groß war er?“

Belly hielt die flache Hand über den Boden. „Ungefähr halb so groß wie ich.“

„Schätze, das ist eine Lemurenart“, meinte Rufus zufrieden. „Die haben schönes Fell und die Schwanzspitze ist ein perfekter Pinsel.“

„Du willst ihm doch nicht den Schwanz abschneiden?“, fuhr Shana empört auf.

„Nein“, lachte Rufus. „Aber ein paar Haare abschaben. Das würde schon reichen.“

„Ich glaube, wir müssen langsam mal die Reusen auslegen“, sagte Belly leise. „Die Männer sehen immer öfter zu uns rüber.“

Shana erhob sich. „Ich glaub nicht, dass du einen Affen einfach so fangen kannst. Und wenn, dann kriegst du niemals seine Haare ab. Der kratzt und beißt, was das Zeug hält.“

Rufus stand ebenfalls auf und griff sich zwei Reusen. „Wir müssen ihn anlocken. Am besten mit Futter. Wenn wir uns gleich die Reste von gestern für die Reusen holen, steckt euch etwas davon in die Taschen. Ein, zwei Bananen wären auch nicht schlecht. Und ich hab da noch so eine Idee …“

„Was denn?“, fragten Shana und Belly gleichzeitig.

„Das verrate ich euch noch nicht. Aber ich muss Käptn Bellamy fragen, ob er etwas hat, was ich dazu brauche.“ Er lächelte verschmitzt. „Wenn sie richtige Piraten sind, dann haben sie in ihrem Lager nicht nur Decken und Segeltuch versteckt.“

„Und Gold“, entfuhr es Belly.

„Gold kann man nicht essen. Auf einer einsamen Insel ist Gold so viel wert wie Stein. Ganz andere Dinge bekommen mit einem Mal einen wichtigen Stellenwert. Zum Beispiel Wasser.“

Rufus ließ sich nichts mehr entlocken. Um nicht noch mehr aufzufallen, gingen sie hinüber zur Feuerstelle und sammelten die Knochenreste und Langustenschalen ein, die vom Vorabend überall herumlagen. Unauffällig griff sich Shana noch zwei Bananen von dem Vorratshaufen. Dann wateten sie zum Riff, um die Reusen auszulegen. Sie arbeiteten konzentriert und schafften es, alle vier sicher zu befestigen.

Als sie damit fertig waren, warteten Shana und Belly am Rand des Dschungels auf Rufus, der sich zum Käptn begab, um etwas zu besorgen. Aus der Entfernung sahen sie, dass eine Diskussion zwischen den Beiden entbrannte, aber sie konnten kein Wort davon verstehen. Merkwürdigerweise hielt sich Rufus öfters den Bauch und krümmte sich leicht. Schließlich nickte Bellamy und stapfte zu Bennie, der mit zwei weiteren Männern dabei war, den provisorischen Mast aufzurichten. Die zweite Diskussion, die daraufhin entbrannte, war weitaus heftiger, und einige Worte drangen bis zu Shana und Belly herüber. Bennie schien nicht erfreut darüber zu sein, was der Käptn von ihm verlangte. Schließlich jedoch langte er ins Beiboot und holte etwas hervor, das von weitem aussah wie eine Flasche. Bennie reichte sie dem Käptn, und der gab sie an Rufus weiter. Der bedankte sich überschwänglich. Dann sahen Shana und Belly, wie Rufus die Flasche anscheinend entkorkte. Gleich darauf führte er sie zum Mund und schien einen gehörigen Schluck zu nehmen. Mit einem letzten Gruß an den Käptn und den Mann mit dem Klaviergebiss zeigte Rufus auf die Kinder und deutete an, dass sie jetzt loszogen, um etwas Essbares zu besorgen. Der Käptn nickte und schickte Bennie zurück an die Arbeit, der sie sichtlich verärgert auch wieder aufnahm.

Rufus kam zu Shana und Belly zurück, zischte nur: lasst uns gehen, aber nehmt noch eine Machete mit!, und verschwand im Gestrüpp. Shana schnappte sich eins der Buschmesser, die von der Arbeit an den Reusen noch unter der Palme lagen und folgte dann den anderen. Erst, als sie ein gutes Stück auf dem Pfad entlanggegangen waren, rückte Rufus mit der Sprache raus.

„War gar nicht so einfach, dem dummen Bennie den Fusel abzuluchsen.“

Shana blieb stehen. „Da ist Schnaps drin? Wozu brauchst du den denn? Mir hat der Käptn vorgestern noch gesagt, er hätte keinen.“

Rufus hielt die unansehnliche Flasche hoch. „Du bist ein junges Mädchen. War schon in Ordnung, dass er dir keinen Schnaps gibt. Das ist echter Jamaika-Rum! Wusste ich doch, dass Piraten auf so was nicht verzichten. Ich hab Bellamy gesagt, ich hätte mir den Magen verdorben, und ob er nicht etwas Schnaps als Medizin hätte. Er hat’s mir glatt abgenommen!“ Rufus grinste von einem Ohr zum anderen. „Ich würde den ja gern selbst austrinken, aber ich glaube, unser Äffchen möchte auch was abhaben. Die Flasche ist leider nur noch halbvoll.“

„Du willst einen Affen besoffen machen?“, entrüstete sich Shana.

Rufus hob beschwichtigend die Hand. „Affen trinken gerne mal einen über den Durst. Wenn sie angegorenes Obst finden, schmeißen sie ´ne Party.“

Belly schüttelte den Kopf. „Wenn ich das meinem Vater erzähle …“

„Das nächste Mal nehmen wir ihn mit!“, grinste Rufus. „Aber jetzt sag mir mal, wo du den Affen getroffen hast.“

Belly überlegte kurz. „Ich war fast schon wieder am Strand. Es kann nicht weit von hier gewesen sein.“

„Gut. Dann haltet Augen und Ohren offen.“

Langsamen Schrittes gingen sie weiter. Vielfältige Geräusche drangen aus dem Urwald. Fiepen, Flattern, knisternde Äste und die abgehackten Rufe verschiedener Vögel. Aber ein Affe war nicht darunter. Einige Minuten liefen sie langsam den Pfad bergan, und genau in dem Moment, als Shana sagen wollte, die Horde wäre längst weitergezogen, ertönte das typische Gekreisch aus dem Buschwerk.

Rufus hob einen Arm. „Sie sind nicht weit. Ich wette, sie sehen uns ganz genau. Am besten, wir legen die Sachen vor uns auf den Weg, ziehen uns ein bisschen zurück und warten.“

Shana schälte die beiden Bananen, Belly nahm die Essensreste mit spitzen Fingern aus dem alten Tuch, in das er sie eingewickelt hatte und legte sie auf den Weg, und Rufus entkorkte die Flasche und stellte sie neben die anderen Sachen mitten auf den Pfad. Danach zogen sie sich zurück, blieben in gebührendem Abstand stehen und warteten.

Das Gekreisch kam näher. Es raschelte und knackte im Gebüsch, und Äste schwankten hin und her. Shana wusste, dass sich die Horde Affen jetzt ganz dicht am Pfad befinden musste. Sehen konnte sie aber immer noch keinen von ihnen. Urplötzlich teilte sich das Gestrüpp, und ein vorwitziges Exemplar sprang auf den Weg.

„Der sieht genauso aus wie der von gestern!“, flüsterte Belly.

„Vielleicht ist er es“, raunte Rufus. „Könnte der Anführer sein, der den anderen beweisen muss, wie mutig er ist. Bewegt euch nicht.“

Der Affe stützte sich auf die Fäuste und schaute intensiv zu den Zweibeinern hinüber. Irgendwie hatte es etwas Verschmitztes an sich, wie er seinen Kopf hin und her drehte und diese komischen großen Wesen vor ihm musterte. Nach einer Weile schien er zu dem Schluss gekommen zu sein, dass keine Gefahr von ihnen ausging. Vorsichtig und unter dem Gekreisch seiner Kollegen im Dschungel hüpfte er zu den Gaben, die da so verheißungsvoll vor ihm auf dem Pfad lagen. Zuerst griff er sich die beiden Bananen und klemmte sie sich unter den Arm. Dann versuchte er, auch die Knochen zusammenzuraffen, was ihm aber misslang, denn es waren einfach zu viele.

„Der Rum interessiert ihn nicht“, flüsterte Shana.

„Wart´s ab“, meinte Rufus. „Ein Affe kann nichts liegen lassen. Dafür ist er viel zu neugierig.“

Rufus hatte recht. Das Tier schien zu überlegen, wie man denn am besten alle Sachen tragen konnte. Dann sah Shana, dass der Affe die Nase in die Luft hielt und schnüffelte. Das Aroma des Rums lag in der Luft, und dem konnte der Kleine nicht widerstehen. Unvermittelt ließ er die Bananen und die Knochen fallen und griff sich die Flasche. Er lugte hinein und besah sich das Ding von allen Seiten. Dann roch er an der Öffnung, und schließlich leckte das Äffchen am Flaschenhals und verzog das Gesicht. Die drei Beobachter sahen genau, wie es überlegte, ob man das essen konnte oder nicht. Plötzlich schüttelte das Kerlchen die Flasche und spritzte ein wenig vom Inhalt heraus. Gierig leckte es die an der Flasche herabrinnenden Tropfen ab. Das Gesöff schien dem Lemuren sichtlich zu gefallen.

„Seht ihr“, sagte Rufus leise und schmunzelte. „So schnell wird man abhängig!“

Der Affe jedenfalls dachte nicht an die Folgen seines Tuns, wie auch, er besaß ja noch keine Erfahrung mit einer Buddel voll Rum. Es dauerte nicht lange, und er fand heraus, wie man die Flasche an den Mund setzte. Er nahm einen großen Schluck, und eine Sekunde später prustete er das Zeug in hohem Bogen wieder aus.

Die Kinder und Rufus pressten die Lippen aufeinander, um nicht laut loszulachen.

„Das kommt davon, wenn man zu gierig ist“, raunte Rufus. „Das Zeug hat mindestens fünfzig Prozent Alkohol, das brennt wie Feuer!“

Der Affe spuckte noch ein Weilchen, und wie es aussah, schienen sogar seine Augen zu tränen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, es erneut zu versuchen. Diesmal war er vorsichtiger. Mit spitzen Lippen setzte er die Flasche wieder an und nahm jetzt einen kleineren Schluck. Neben ihm kreischten seine Artgenossen um die Wette.

„Die wollen auch was haben“, grinste Belly.

„Noch zwei Schluck, dann ist er blau“, meinte Rufus.

Doch wie das mit dem ersten Mal Alkohol trinken so ist, man kann es nicht einschätzen. Der Kleine beließ es nicht bei den zwei Schlucken. Wieder und wieder setzte er die Flache an und schickte sich an, den Rum auszutrinken.

„Das ist zuviel!“, sagte Rufus laut. „Wenn er nicht aufhört, kriegt er eine Alkoholvergiftung. Hey, Affe, Schluss jetzt!“

Das Äffchen schaute hoch, interessierte sich aber überhaupt nicht dafür, dass da ein Riese stand. Rufus schritt ein. Langsam ging er auf den Affen zu. Doch als er nur noch einen Meter vor ihm war, kehrte Energie in das Kerlchen zurück. Mit einer Art Wutschrei warf es die Flasche weg und rannte vom Pfad ins Gebüsch. Das heißt, der Affe wollte rennen, aber er schwankte von rechts nach links und wieder nach rechts. Dabei musste er sich mit den Händen wie ein Eisschnellläufer in einer zu scharfen Kurve abstützen, um nicht hinzufallen.

„Oh je, der ist total blau!“, entfuhr es Shana.

„Kommt und helft mir!“, rief Rufus. „Wenn er erstmal auf einem Baum ist, kriegen wir ihn nie!“

Doch es war zu spät. Der besoffene kleine Affe schlüpfte in eben dem Moment durch eine Lücke im Gestrüpp, als Rufus ihn packen wollte. Mit einem Fluch zwängte Rufus sich hinterher, wobei er sich ein paar ordentliche Kratzer von den Dornen der Büsche einhandelte.

„Warte!“, rief Belly. „Ich hab die Machete!“

Rufus ließ Belly vor, und der schlug ihnen den Weg mit dem Buschmesser frei. Während sie nach dem Affen Ausschau hielten, machte die Horde ein ordentliches Geschrei. Vermutlich waren sie sauer, dass ihr Anführer betrunken und ohne Bananen zurückkam.

„Seht ihr ihn?“, fragte Rufus angespannt. „Wenn er abhaut, war alles umsonst. Noch mehr Rum kriege ich bestimmt nicht.“

„Da oben ist er!“, rief Belly und deutete mit der Machete in die Höhe. Der Affe saß auf einem gefährlich schwankenden Ast eines gigantischen Gummibaums und bemühte sich krampfhaft, nicht herunterzufallen. Die anderen Affen lärmten ein gutes Stück entfernt und machten nicht die geringsten Anstalten, ihrem sich so merkwürdig aufführenden Kumpel zu helfen.

„Das kann nicht gut gehen“, murmelte Shana. „Der fällt gleich runter!“

„Stimmt“, meinte Rufus. In der gleichen Sekunde, als er das sagte, verlor der Affe den Halt und stürzte in die Tiefe. Mit einem Satz sprang Rufus vor und breitete die Arme aus. Wie durch ein Wunder fing er das Tier sicher auf. Allerdings verzog er das Gesicht vor Schmerz.

„Au!“ Behutsam nahm Rufus das Äffchen fester in die Arme. „Morgen werden wir beide ein paar blaue Flecken haben.“

„Ist er okay?“, fragte Shana besorgt.

„Sieht ganz so aus“, meinte Rufus. „Nur sturzbesoffen. Er wird einen ziemlichen Kater bekommen.“

„Der ist echt süß“, sagte Belly und streichelte dem Tier über das Fell. Der Affe glotzte ihn mit großen Augen an. Er schielte ein bisschen, und Belly musste grinsen. „Wahrscheinlich sieht er doppelt!“

„Na ja, ein bisschen viel war es schon“, meinte Rufus, den sein schlechtes Gewissen plagte. „Tut mir leid, kleiner Kerl. Aber ich verspreche dir, das war der letzte Schnaps deines Lebens!“

„Und was machen wir jetzt mit ihm?“, fragte Shana, während der kleine betrunkene Kerl seine Hand hob und Rufus an der Nase zog. Der musste lachen.

„Na, ganz so schlecht scheint es ihm nicht zu gehen. Ihr haltet ihn fest, und ich klau ihm ein paar seiner Haare. Aber lasst uns auf den Pfad zurückgehen. Da haben wir mehr Platz.“

Zurück auf dem Weg legten sie den kleinen Kerl hin. Der wollte zwar aufstehen, aber er war so wacklig, dass es ihm nicht gelang.

„Haltet ihn bitte gut fest“, sagte Rufus. „Und Belly, gib mir bitte deine Machete.“

„Aber tu ihm nicht weh!“, rief Shana.

„Keine Sorge, ich schabe nur ein Büschel Haare von seinem Schwanz.“

Belly reichte Rufus die Machete und half dann Shana, den Affen festzuhalten. Der wehrte sich nicht im Geringsten und ließ alles mit sich geschehen. Das Schwanzende dieser Lemurenart besaß eine Art Quaste, die selbst wie ein dicker, puscheliger Pinsel aussah. Rufus fixierte den Schwanz auf dem Boden und schabte dann mit Hilfe der Machete ein Büschel Haare herunter.

„Schon fertig!“, rief er und hielt die Haare in die Höhe.

Shana nahm den Affen wie ein Baby in den Arm. Dann wandte sie angewidert das Gesicht ab. „Puuhh, hat der ´ne Fahne!“

Rufus lachte. „Kommt, lasst ihn uns in den Urwald legen, da, wo seine Freunde ihn sehen und finden können. Ich hoffe, dass er nicht allzu lange braucht, wieder nüchtern zu werden.“

„Gibt es hier Raubtiere?“, fragte Shana bang.

Rufus überlegte. „Nein, das glaube ich nicht. Ich kenne viele Inseln, aber Raubtiere, zumindest große, hab ich nie gesehen. Außerdem ist diese Insel hier zu klein, um sie zu ernähren. Nein, keine Angst, ein Tiger wird ihn nicht fressen.“

Plötzlich fielen Shana Bellamys Worte ein. „Ich glaube, du hast recht. Der Käptn hat mir gesagt, dass es hier nur Echsen und Affen gibt.“

Einigermaßen beruhigt trug Shana den Affen hinter Rufus und Belly her in den Dschungel zurück. Sie hörten die Horde immer noch in der Nähe lärmen, und Rufus meinte, dass sie ohne den Anführer nicht weiterziehen würden. Dann traten sie hohe Gräser nieder und legten das Kerlchen darauf ab. Der schaute von einem zum anderen und verzog das Gesicht. Dann hickste er.

„Hoppla!“, rief Shana. „Jetzt kriegt er auch noch Schluckauf!“

„Tja, mein Lieber“, sagte Rufus und tätschelte dem Äffchen den Kopf. „Wir müssen uns bei dir entschuldigen. Aber wenn du wieder nüchtern bist, kannst du deinen Freunden erzählen, was du alles erlebt hast! Damit kannst du angeben bis an dein Lebensende!“

„Wartet mal!“, rief Belly. „Ich hole noch die Bananen!“

Er zwängte sich durch die Büsche, kehrte kurz darauf mit den Bananen und Knochenresten zurück und legte sie neben dem Affen ins Gras.

„So“, sagte er befriedigt. „Dann kehrst du wenigstens nicht mit leeren Händen zurück!“

„Lasst uns den Pinsel gleich hier machen“, meinte Rufus. „Dann können wir noch ein bisschen auf den Kleinen achtgeben. Shana, kannst du mir bitte ein Blatt von dem Baum dort drüben bringen? Der hat feine und widerstandsfähige Adern, besser als jeder Faden. Und Belly, such du mir bitte einen kleinen Stock, den wir zum Pinsel umfunktionieren können.“

Shana nahm die Machete und schlug eines der großen fleischigen Blätter von dem Baum ab, auf den Rufus gedeutet hatte. Belly hatte es etwas schwerer, denn alle Pflanzen hier waren zu groß für seine Zwecke. Auch das Gestrüpp war so ineinander verwoben, dass kaum ein gerader Zeig zu finden war. Doch dann entdeckte er das Wurzelwerk einer Würgepflanze, die den Stamm eines zweiten Baumes als Wirt benutzte und ihre dicken Ableger tief in den Boden schickte. Doch manche der Wurzeln waren noch klein, manche höchstens bleistiftdick, und genau auf diese hatte Belly es abgesehen. Doch ohne Werkzeug ging es nicht. Er ließ sich von Shana die Machete geben und schnitt eine der dünnen Wurzeln ab. Damit ging er zurück zu Rufus, der sie neben dem Haarbüschel und dem Blatt ablegte. Dann setzte sich Rufus in den Schneidersitz und nahm Belly das Buschmesser ab. Während Rufus sich ans Werk machte und aus dam Blatt die Adern löste, setzten sich Shana und Belly neben den kleinen betrunkenen Affen und kraulten ihm das Fell. Der arme Kerl blickte mit glasigen Augen von einem zum anderen, genoss es aber sichtlich, so verwöhnt zu werden. Ab und zu musste er aufstoßen, was die beiden Kinder jedes Mal ein Stück von ihm abrücken ließ.

„Oh Mann“, sagte Belly angewidert. „Das riecht nicht nur nach Rum. Das ist ja ekelhaft! Was hat der vorher bloß gegessen?“

„Frag lieber nicht!“, lachte Shana. „Auf jeden Fall verträgt es sich nicht miteinander. Sag mal, Rufus, hast du dem Käptn gesagt, wie lange wir weg sind?“

„Nein“, meinte Rufus und wickelte den Zwirnersatz, den er aus den Adern des Blattes gewonnen hatte, sorgfältig um das Büschel Haare und das Stück Wurzel, so dass es langsam tatsächlich an einen Pinsel erinnerte. „Aber du hast recht, allzu lange sollten wir uns nicht aufhalten. Wenn er ein paar Männer schickt, um weitere Sachen aus der Höhle zu holen oder wenn dieser Bennie auf die Idee kommt, uns zu suchen, sollten wir längst verschwunden sein.“

„Hey!“, rief Shana mit einem Mal. „Seht mal, der Kleine will aufstehen!“

Tapsig und schwerfällig versuchte der immer noch reichlich angeschlagene Affe auf die Beine zu kommen. Aber jedes Mal, wenn er halbwegs auf den Füßen war, plumpste er zurück auf den Po.

„Oh je“, machte Belly. „Der wird gewaltigen Ärger mit seiner Frau kriegen, wenn er nach Hause kommt!“

„Woher weißt du, dass es ein Männchen ist?“, fragte Shana spitz. „Hast du nachgesehen?“

„Ähh … nein. Ich dachte halt …“

„Dass es ein Männchen sein muss, weil es sich sinnlos betrinkt!“, lachte Rufus.

„Nein, weil du gesagt hast, es sei der Anführer. Das sind doch immer Männchen, oder nicht?“

Rufus nickte zustimmend. „Stimmt. Anführer sind meist auch Angeber. Und Angeber sind meist auch Männchen. Aber … wie du noch merken wirst …“ Rufus grinste, „… hinter jedem Männchen steht ein Weibchen, das ihn führt.“

„Ach ja?“, machte Shana. „Dann führe ich euch jetzt hier raus. Lasst uns bitte gehen. Irgendwie hab ich das Gefühl, wir sollten uns beeilen.“

„Okay, du hast recht. Schaut mal her, der Pinsel ist doch gut geworden, oder nicht?“

Rufus hielt ihn in die Höhe, und wenn Shana und Belly nicht gewusst hätten, woraus das Ding bestand, hätten sie es für einen zwar etwas krummen und buschigen, aber ganz normalen Pinsel halten können.

„Super!“, entfuhr es Belly. „Und der funktioniert?“

„Werden wir ja sehen“, meinte Rufus zuversichtlich. „Es braucht auch glatten Untergrund. Dazu muss ich mir erstmal die Wände der Höhle anschauen.“

„Mach´s gut, kleiner Affe!“, sagte Shana und streichelte den Kleinen ein letztes Mal. Jetzt hielt er sich schon besser auf den Beinen. Im Hintergrund kreischte die Meute seiner Kumpane. Sie schienen mitzubekommen, dass es ihrem Boss wieder besser ging. Noch immer schwankend nahm sich das Kerlchen eine Banane in jede Hand und torkelte damit ins Unterholz. Die übrigen Essensreste ließ er liegen. Das wäre wohl auch zuviel für ihn geworden. An ein paar sich unnatürlich bewegenden Ästen erkannte Shana, wo der Affe langging. Kurz darauf wurde das Kreischen der Horde noch lauter.

„Jetzt haben sie ihn wieder“, meinte Rufus lakonisch. „Hoffentlich wählen sie keinen neuen Anführer!“

„Ich bin froh, dass es ihm wieder gut geht.“ Shana nahm Rufus die Machete aus der Hand und bog damit das Gestrüpp zur Seite. „Aber lasst uns jetzt gehen.“

Shana trat vorsichtig auf den Pfad hinaus und spähte nach links und rechts. „Alles okay, die Luft ist rein. Ihr könnt kommen.“

„Wenn die uns jetzt erwischen, haben wir nicht ein Futzelchen zu Essen gefunden“, meinte Belly.

„Stimmt“, ergänzte Rufus. „Aber das Risiko müssen wir eingehen. Und wir wollen nichts zu essen suchen, sondern nach Hause. Los, beeilen wir uns.“

Belly führte die anderen den Pfad entlang bis zum Felsplateau, wo sie sich staunend umsahen. Shana reckte den Kopf in die Höhe und schirmte die Augen vor der Sonne ab, um die hoch aufragende Felswand auf sich einwirken zu lassen. Rufus hingegen ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern suchte mit Blicken die dicht gewachsenen Sträucher ab, um den Höhleneingang zu finden. Belly stellte sich neben ihn und grinste.

„Glaubt man nicht, dass hier eine Höhle ist, stimmt´s?“

„Hm“, machte Rufus. „Verdammt schwer. Das Zeug ist so dicht … wie bist du da reingekommen?“

„Schau mal“, sagte Belly und deutete auf seine Beine, die jede Mange Kratzer zierten. „Das sind noch die Spuren von gestern!“

Shana trat ungeduldig neben die Beiden. „Belly, spann uns nicht auf die Folter. Zeig uns den Eingang.“

„Okay, aber helft mir bitte mit den Sträuchern. Hundert Kratzer reichen mir. Ich muss nicht noch mehr haben.“

Belly ging zielsicher auf die Felsen zu und platzierte sich vor eine Stelle, die für die anderen beiden so aussah wie jede andere.

„Hier.“

Shana packte die Machete und schob das Gestrüpp so weit zur Seite wie sie konnte. Ein dunkles Loch gähnte ihr entgegen.

Belly verbeugte sich. „Voilá, Madame. Der Eingang zum Schatz der Whyla!“

„Beeilt euch bitte“, drängte Shana. „Es strengt an, die Machete so lange zu halten.“

Belly schlüpfte hindurch. Rufus hatte etwas mehr Mühe, unbeschadet durch die Dornen zu kommen und musste sich zudem bücken, um durch den Eingang zu gelangen. Als er durch war, kam Shana an die Reihe, was für sie weit schwieriger war, denn sie musste sich beim Hindurchtasten gleichzeitig die Dornen vom Leib halten. Ganz ohne Kratzer ging es nicht ab, aber sie schaffte es.

„Puuhh“, machte sie, als sie neben den anderen im Dunkel der Höhle stand. „Wie haben das die Piraten nur gemacht, durch diesen Eingang die ganzen Sachen zu schleppen?“

„Vor allem die schweren Kisten“, nickte Rufus. „Wo stehen die eigentlich?“

„Ein gutes Stück weiter hinten“, sagte Belly. „Aber die Malereien sind gleich hier vorne. Wartet eine Minute, damit sich eure Augen an das Licht gewöhnen.“

Shana konnte es gar nicht abwarten, die Höhle zu erkunden, aber auch sie musste warten, bis sie mehr wahrnehmen konnte. Langsam schälten sich die Umrisse der Höhle aus dem Dunkel.

„Hey, hier hängen ja Fackeln!“, rief Rufus.

„Ja, die hab ich gestern auch schon gesehen. Aber ohne Feuerzeug nutzen sie uns gar nichts.“ Belly sah jetzt genug, um vorzugehen und den anderen die Malereien und die Kisten zu zeigen.

Sprachlos stand Rufus vor den uralten Wandbildern und staunte.

„Einfach unglaublich, wie früh auf der Welt es schon Künstler gegeben hat! Die Bilder sind bestimmt Jahrtausende alt, aber das sieht alles so aus, als wäre es eben gerade erst gemalt worden.“

„Rufus …“, drängte Shana. „Die Wand … ist sie in Ordnung? Ich meine … kannst du darauf mit der Traumfarbe malen?“

„Sieht gut aus“, meinte Rufus. „Wunderbar glatt und ohne Risse oder Vorsprünge. Sieht beinahe so aus, als hätten die Ureinwohner sie damals so bearbeitet, dass sie besser auf ihr malen konnten. Unglaublich.“

„Kannst du bitte anfangen?“, drängte Belly. „Irgendwie hab ich Hunger auf einen Hamburger.“

„Nichts da, Belly!“, rief Shana mit gespielter Strenge. „Ab sofort wirst du dich vernünftig ernähren! Darauf werde ich schon achten!“

„Gut, liebe Frau“, seufzte Belly. „Aber nur, wenn du mir den Entsperrungscode von Carl besorgst!“

Während Shana lachte, schaute Rufus verständnislos von einem zum anderen. „Was ist ein Entsperrungscode?“

„Völlig unwichtig“, sagte Shana ungerührt. „Aber Belly … zeigst du uns vorher noch den Schatz? Bitte …!“

„Den will ich auch noch sehen“, meinte Rufus. „Die eine Minute haben wir noch.“

„Okay, kommt.“

Belly führte die beiden tiefer in die Höhle hinein, bis er sich genau wie am Vortag die Zehen an der ersten Kiste stieß.

„Auu!“

„Mann, sind das viele!“, entfuhr es Shana.

„Mindestens dreißig“, schätzte Rufus. „Wenn in jeder von ihnen die gleichen Münzen stecken wie die, die du gefunden hast, Belly, dann liegt hier ein unschätzbares Vermögen.“

Belly rieb sich den Fuß. „Zwei hab ich schon. Ich finde, wir sollten jeder eine mitnehmen, dann haben wir alle ein Andenken an Bellamy. Werden sie schon nicht merken.“

Rufus nickte. „Ich glaube, dass sich die Kerle ganz sicher mit genügend Münzen eindecken werden, bevor sie die Insel verlassen. Sie werden es brauchen, wenn sie sich in eine besiedelte Gegend retten können. Ich darf doch, Käptn Belly?“

Der Angesprochene grinste und deutete auf eine Kiste. „Bitte sehr, bedient euch!“

Rufus ließ die Verschlüsse aufschnappen und langte vorsichtig hinein. Genau wie Belly genoss er das Geräusch der klimpernden Münzen und ließ sie durch die Hand rieseln. Aber dann besann er sich, nahm sich eine und ließ den Deckel wieder zufallen. Er verschloss die Kiste sorgfältig wieder und steckte die Münze in seine vollkommen zerschlissene Hose.

„Hoffentlich fällt sie nicht durch“, scherzte er und prüfte sicherheitshalber, ob die Hosentasche den Untergang der Adventure überlebt hatte.

„Kommt“, sagte er dann. „Malen wir ein Bild.“

Die drei gingen zurück in den vorderen Teil der Höhle und stellten sich vor die Wand mit den schönsten Malereien. Prüfend betrachtete Rufus die bemalte Fläche. „Hm. Wir brauchen eine unbemalte Stelle.“

Wir wär´s mit der?“, fragte Belly und deutete auf ein Stück der Wand etwas abseits.

„Perfekt“, meinte Rufus. „Dann wollen wir mal. Wenn ich male, dürft ihr mich nicht stören, okay?“

„Werden wir nicht“, versicherte Shana.

Rufus stellte sich vor die Wand und klemmte den Pinsel zwischen die Zähne. Dann streifte er sich die Kette mit der Kapsel über den Kopf und öffnete sie behutsam. Obwohl sie wenig sehen konnte, schien es Shana, als würden die Borsten, die aus den Haaren des Affen bestanden, zu pulsieren beginnen. Aber das konnte auch eine Täuschung sein. Jetzt nahm der Maler der Traumbilder die Kapsel mit dem Gel in die linke Hand und den Pinsel in die rechte. Dann verhaarte er und schloss die Augen.

„Rufus …“, flüsterte Shana.

„Du sollst ihn doch nicht stören!“, fauchte Belly.

„Ja, schon, aber wir müssen doch wissen, wohin wir gehen! Wir müssen doch alle drei woandershin! Du zu dir nach Hause, ich zu mir, und Rufus in den Wald. Aber er kann doch nicht drei verschiedene Bilder malen!“

Daran hatte Belly nicht gedacht. Rufus öffnete noch einmal die Augen und nickte.

„Sie hat recht. Drei Bilder wären zu riskant. Ich weiß ja noch nicht mal, ob das auf diesem Untergrund funktioniert. Ich werde meine Hütte malen. Dahin können wir alle drei gehen.“

„Aber von da kommen wir nicht nach Hause“, warf Belly ein. „Wir haben doch unsere Portables vergessen!“

„In meiner Hütte gibt es genügend Gel für Hunderte Bilder“, beruhigte Rufus. „Außerdem hab ich dort etwas, das euch sicher heimbringt.“

„Was denn?“, fragte Shana neugierig.

„Das sag ich euch, wenn wir da sind“, lächelte Rufus. „Und jetzt lasst mich malen, okay?“

Shana und Belly nickten. Gespannt sahen sie zu wie Rufus erneut die Augen schloss und sich entspannte. Minutenlang stand er da und atmete ruhig. Die beiden Kinder wussten, dass man sich in einen Traum fallen lassen musste, sonst würde es nicht gehen. Es war sicher schwer für Rufus, sich so von der Außenwelt und vor allem von der Anspannung abzuschotten, die ihn sicher gefangen hielt. Doch dann kam der Moment, auf den Belly und Shana gespannt gewartet hatten. Langsam führte Rufus den Pinsel zur Wand. Jetzt war es keine Einbildung mehr, denn Shana sah genau, dass sich die Haare am vorderen Ende des Pinsels bewegten. Sie schienen ungeduldig der Wand entgegenzustreben. Als sie sie endlich erreichten, saugten sie sich sofort fest und verharrten. Wie auf Rufus Staffelei sandten sie leichte Wellenbewegungen aus, doch noch entstand kein Bild. Rufus entspannte jetzt vollkommen. Er atmete ruhig ein und aus. Dann, ohne dass es vorher ein Anzeichen gegeben hätte, setzten sich die aus einem betrunkenen Affen gezupften Borsten in Bewegung. Atemlos sahen Shana und Belly zu, wie auf der Felswand eine Wiese entstand, dann ein sich anschließender Wald, und schließlich eine Blockhütte mit einer Veranda davor. Keine zwei Minuten später war das Bild fertig. Es besaß keinen Rahmen, aber das war egal. Wie ein Fenster in eine andere Welt wirkte das Bild in dieser Höhle, und es war in seiner Natürlichkeit unvergleichlich. Mit einem leisen fffftttt löste sich der Pinsel von der Wand und Rufus öffnete die Augen.

„Na, wer sagt´s denn?“, sagte Belly zufrieden. „Es hat funktioniert!“

„Sieht ganz so aus“, murmelte Rufus, verschloss die Kapsel sorgfältig und hängte sie sich wieder um den Hals. Dann trat er einen Schritt zurück und streckte sich.

„Dann lasst uns bitte gehen“, drängte Shana. „Mir wird langsam unheimlich in dieser Höhle.“

„Verstehe ich“, sagte Rufus und seufzte. „Aber ich fürchte, wir haben etwas vergessen.“

„Was denn?“

„Die Bilder entfalten nur nachts ihre Magie.“

„Verdammt!“, entfuhr es Belly.

„Es wird jetzt früher Abend sein“, meinte Rufus. „Wir werden noch etwa zwei Stunden warten müssen.“

„Aber dann lasst uns bitte draußen warten.“ Shana rieb sich die Arme. „Hier drin ist es unheimlich und mir ist kalt.“

Shana wollte schon zum Eingang gehen, aber Belly hielt sie am Arm zurück. „Warte. Wenn wir draußen sind, können uns die Piraten überraschen. Wir sehen sie doch erst, wenn sie aus dem Dschungel treten, und dann ist es zu spät.“

„Wir könnten auf dem Pfad warten“, wandte Shana ein.

„Das ist zu riskant“, meinte Rufus. „Belly hat recht. Es ist hier drin zwar ungemütlich, aber auf jeden Fall sicherer. Ich glaube zwar nicht, dass jetzt noch Männer hier raufkommen, aber wer weiß. Wenn wir bis zum Dunkelwerden nicht zurückkommen, werden sie Verdacht schöpfen.“

„Auf jeden Fall müssen wir in das Bild, sobald es lebendig wird“, sagte Belly entschlossen. „Kommt, lasst uns am Eingang warten, da ist es heller und wärmer.“

Shana murrte noch ein wenig, aber sie fügte sich. Die anderen hatten ja recht. Wenn sie an Bellamys Stelle gewesen wäre, hätte sie einen Suchtrupp losgeschickt. Der Käptn konnte zwar sicher sein, dass es ihnen nichts nutzte, wenn sie den Schatz der Whyla fänden, denn auf der Insel konnte man damit nichts anfangen. Aber das Wissen darum wollte er sicher nicht mit den Kindern und Rufus teilen. Womöglich würde er sie auf Death Island zurücklassen. Was aber wirklich gefährlich war, war die Tatsache, dass Typen wie Bennie unberechenbar waren. Wenn der rauskriegte, dass sie von dem Schatz wussten, hätte er vielleicht kurzen Prozess mit ihnen gemacht. Der handelte erst und dachte dann. Wenn überhaupt.

Sie ließen sich am Eingangsbereich der Höhle nieder. Bellys Bauch knurrte, aber er ignorierte es. Rufus nahm die Machete, bog die Büsche ein wenig beiseite und lugte hinaus.

„Nichts zu sehen. Noch ist die Luft rein.“

„Was machen wir, wenn wirklich jemand kommt?“, fragte Shana.

„Dann ziehen wir uns ans hintere Ende der Höhle zurück. Belly, weißt du, wieweit es da hinten noch weitergeht?“

„Nein, ich bin nur bis zu den Kisten gegangen. Außerdem wird es weiter hinten immer dunkler.“

„Die Männer werden die Fackeln anzünden, wenn sie reinkommen“, überlegte Shana. „Da können wir uns verstecken, wie wir wollen, es nutzt sowieso nichts.“

„Hm“, machte Rufus und stand auf. Er ging hinüber zu den Wandhalterungen, zog die beiden Fackeln heraus und warf sie in hohem Bogen in den hinteren Teil der Höhle.

„So“, meinte er zufrieden und setzte sich wieder hin. „Das erhöht die Chancengleichheit. Aber wenn erst jemand kommt, wenn es dunkel ist, haben wir sowieso verloren. Denn das Bild wird leuchten, sobald seine Magie erwacht. Das sieht dann hier in der Höhle aus wie eine Projektionswand.“

„Na toll.“ Belly rutschte unruhig auf dem Boden hin und her. „Rufus … das Bild bleibt doch hier für immer auf der Wand, oder nicht?“

„Hm.“

„Dann kann uns jeder hinterherkommen.“

„Ich wollte schon immer mal Piraten in meiner Hütte“, grinste Rufus. „Aber du hast recht. Das könnte passieren. Aber wir müssen das riskieren. Ich glaube nicht, dass jemand nachts hier reingeht. Warum sollten sie? Nur eine Handvoll Piraten kennt die Höhle. Ansonsten ist das hier eine einsame Insel weit ab von bewohntem Gebiet. Vermutlich steht sie sogar unter Naturschutz. Ihr wisst ja, es gibt nicht mehr viele unbesiedelte Gegenden auf der Welt. Der Rest ist streng geschützt, und hier raufbeamen darf man sich nicht. Durch Zufall wird man die Höhle nicht finden. Bleiben nur Bellamy und seine paar übriggebliebenen Männer. Aber wenn sie etwas von dem Schatz holen, dann sicher am Tag.“

„Ja, gut“, musste Shana zugeben. „Aber das Bild fällt auch am Tag auf wie ein betrunkener Affe.“

Rufus musste lachen. „Stimmt, da hast du recht. Sie werden sich wundern, wer sich hier neben den Ureinwohnern verewigt hat, doch das Bild ist tagsüber harmlos. Aber wir können solange reden, wie wir wollen, ein Restrisiko bleibt, das können wir nicht ändern.“

Die folgenden zwei Stunden zogen sich endlos dahin. In ständiger Anspannung, Piraten aus dem Pfad treten zu sehen, wechselten sich Rufus, Shana und Belly mit dem Wachehalten ab. Aber es tat sich nichts. Shana fragte sich, was Bellamy gerade dachte. Vielleicht führte er in diesem Augenblick eine erregte Diskussion mit seinen Männern, ob man sie suchen sollte oder nicht. Irgendwie fand sie es schade, diesen feinen Piraten zu verlassen. Sie fand, der war in Ordnung. Hoffentlich schaffte er es, von der Insel runterzukommen.

Schließlich wurde es merklich dunkler. Die Nacht brach herein.

„Los!“, rief Rufus und kam auf die Beine. „Zeit, zu verschwinden.“

Obwohl es draußen jede Minute dunkler wurde, schien es in der Höhle immer heller zu werden. Eine Lichtquelle der ganz besonderen Art war erwacht. Das Traumbild! Das Bild leuchtete in den beruhigenden Farben des Waldes und der Wiese, die auf ihm gemalt waren. Die Sonne in ihm war nicht direkt zu sehen, aber Rufus hatte sich die Hütte bei Tageslicht vorgestellt, und in der stockfinsteren Höhle wirkte das erwachende Bild wie ein Fenster zu einem Garten. Shana stand fasziniert davor und wartete darauf, dass Rufus ein Zeichen gab, wann sie losgehen würden.

Irgendetwas irritierte Shana an dem Bild. Sie konnte es nicht genau einordnen, aber ganz hinten in ihrem Unterbewusstsein entstand das Gefühl, dass etwas fehlte. Aber was? In dem Moment, als sie den anderen ihre Unsicherheit mitteilen wollte, gab Rufus den Befehl zum Aufbruch.

„Ich gehe voran. Shana, du als Zweite, und Belly zuletzt, okay?“

„Hm“, machte Belly, der nicht unbedingt als Letzter gehen wollte, aber einer musste es ja tun.

„Gut, dann gehe ich jetzt“, sagte Rufus und führte seine Hand dicht an das Bild heran. Sofort griffen Lichtfinger nach ihr und umspielten sie. Einen Sekundenbruchteil später umschloss der Strahl Rufus Arm, floss weiter über seinen ganzen Körper und schien ihn aufzulösen. Das Licht war derart intensiv, dass Belly und Shana die Augen schließen mussten. So hörten sie nur noch ein merkwürdiges schlürfendes Geräusch, und einen Augenblick später verdunkelte sich die Höhle wieder.

Shana öffnete die Augen. Rufus war verschwunden.

„Er ist durch. Jetzt ich.“ Sie wechselte einen kurzen Blick mit Belly und lächelte ihn an. „Sieh zu, dass du nachkommst. Und verlauf dich nicht!“

„Nein, Mama“, grinste Belly. „Ich bin ja schließlich als Erster in so ein Bild reingegangen, schon vergessen?“

Shana schüttelte belustigt den Kopf. „Wie kann ich das jemals vergessen? Jedes Mal, wenn ich deine Frisur anschaue, muss ich daran denken!“

Belly wollte aufbrausen, aber dazu ließ es Shana nicht mehr kommen. Mit einem „Bis gleich!“ stellte sie sich vor das Bild, hob die Hand und ließ sich von der Magie des Lichts einfangen. Belly kniff die Augen zusammen und sah dabei zu, wie seine Freundin von dem magischen Bild verschluckt wurde. Dann holte Belly tief Luft. Jetzt war er an der Reihe. Mit einem letzten Blick in Richtung Eingang straffte er sich und hob den Arm. Kurz ging ihm noch durch den Kopf, dass das das Beste war, was er je erlebt hatte, doch dann packte ihn der energiereiche Lichtstrahl und nahm ihm jede Orientierung. Einen Sekundenbruchteil später wurde es schwarz um ihn herum.

Zurück blieb die Höhle der Piraten der Whyla mit einem unvorstellbar wertvollen Schatz, für die Ewigkeit geschaffenen Wandmalereien und einem Bild, dessen Magie nicht von dieser Welt schien. Eine Maus kroch aus einem Winkel der Höhle hervor und hob witternd ihren Kopf in Richtung der leuchtenden Stelle auf der Höhlenwand. Doch schnell verlor sie das Interesse und verschwand nach draußen auf der Suche nach etwas Fressbarem.

Kapitel 7

Es war das dritte Mal, dass Shana in ein Traumbild eingetaucht war. Als sie bei den Goshis rauskamen, war sie noch einige Zeit bewusstlos gewesen, doch auf dem Piratenschiff hatte sie sich schon viel schneller von dem Vorgang erholt. Und diesmal war sie nur etwas benommen, als sich ihr Blick langsam klärte. Mit wackligen Knien suchte sie irgendwo nach Halt, berührte etwas an ihrer Seite und hielt sich daran fest. Sie blickte sich um. Das, woran sie sich festhielt, war ein alter, windschiefer Tisch, dessen Platte aus undefinierbarem Holz bestand und dermaßen zerkratzt war, dass sich seine ursprüngliche Maserung nicht mehr abzeichnete. An der gegenüberliegenden Seite stand Belly und hielt sich ebenso wie sie daran fest. Rufus befand sich an dem einzigen Fenster des Raumes und blickte nach draußen. Da er als Erster durch das Bild gegangen war, schien er bereits wieder klar zu sein.

Shana spürte, wie ihre Kräfte zurückkehrten. Doch sie realisierte noch etwas. Das war nicht Rufus Hütte! Ein Klumpen bildete sich in ihrem Magen. War etwas schiefgegangen? Rufus kannte doch seine Hütte am allerbesten. Wollte er sie anders haben als vorher oder …

„Hey, Rufus!“, rief Belly nervös. „Was hast du mit deiner Hütte gemacht?”

Rufus stand am Fenster und rührte sich nicht. „Alles sieht genauso aus wie bei mir, aber das ist nicht meine Hütte.“

„Das ist nicht deine Hütte?“, rief Shana entsetzt. „Aber wie kannst du dich verträumen? Das geht doch gar nicht!“

Statt einer Antwort winkte Rufus die beiden zu sich. „Kommt mal her!“

Belly und Shana stellten sich vor das reichlich trübe Fensterglas und warfen einen Blick nach draußen. Sie schauten auf eine Veranda, von der ein paar Holzstufen hinabführten und an die sich eine Lichtung mit einer saftigen Wiese anschloss. Im Hintergrund der Saum des Waldes.

„Das ist doch deine Lichtung!“, entfuhr es Belly.

„Fast“, murmelte Rufus. „Aber nicht ganz.“

Blitzartig erkannte Shana, was anders war. „Die Apfelbäume! Die Apfelbäume sind weg!“

Belly schluckte. Dann musste er trotz der ernsten Situation grinsen. „Tja, Rufus, ich will ja nichts sagen, aber da bin ich wohl nicht der einzige, der sich woandershin gewünscht hat!“

Shana drehte sich um und betrachtete das Innere der Hütte. Hier gab es weit mehr Unterschiede als nur fehlende Apfelbäume. Der Raum war in etwa so groß wie der der Hütte zu Hause und besaß auch eine Tür zu einem weiteren Zimmer an der gleichen Stelle. Aber Shana hätte wetten können, dass sich dahinter keine Traumbilder befanden. Und es schien hier nur alte Sachen zu geben. Gusseiserne Pfannen und Töpfe hingen von der Decke, am Tisch standen klapprige Holzschemel, in einer Ecke schwere Lederstiefel und etwas, das Shana nicht recht einordnen konnte. Die beiden Dinger sahen aus wie eine Mischung aus Tennisschläger und ihren selbstgebauten Reusen, nur breiter und flacher.

„Das sind Schneeschuhe“, sagte Rufus, der Shanas Blick bemerkt hatte. „Damit steht fest, dass das nicht meine Hütte ist.“

„Aber sie sieht genauso aus“, stellte Shana fest. „Selbst die Lichtung sieht aus wie deine. Rufus … was ist passiert? Wo sind wir?“

Rufus ging auf den Tisch zu, auf dem schmutziges Zinkgeschirr stand. Er hob einen Teller an und betrachtete die eingetrockneten Essensreste, die schon ewig an ihm zu kleben schienen. Dann warf er einen langen Blick auf einen Haufen Werkzeug, Hacken und Schaufeln, die in einer Ecke standen. Shana wartete auf eine Antwort, aber Rufus nickte nur nachdenklich. Belly löste sich vom Fenster und nahm eine von mehreren großen Pfannen auf, die an der Wand lehnten.

„Seht mal, komische Dinger. Die haben keinen Stiel. Wie willst du denn die vom Herd kriegen? Da verbrennst du dich ja total!“

Rufus holte tief Luft. „Ich glaube, so langsam weiß ich, was passiert ist. Belly, das sind Pfannen zum Goldwaschen. Die braucht man, um aus dem Sand eines Flusses Gold auszuwaschen. Ich hab so das Gefühl, wir sind in der Goldgräberhütte rausgekommen, die ich mir ganz am Anfang mal gewünscht hatte.“

„Dann ist dir das gleiche passiert wie mir mit meinem Schiff?“ Belly blickte Shana triumphierend an. Doch die konterte umgehend.

„Du hast das mit Absicht gemacht! Aber Rufus aus Versehen! Stimmt doch, oder, Rufus?“

Rufus seufzte. „Es war keine Absicht, glaubt mir. Aber ein bisschen ist es mir wohl so ergangen wie Belly. Als ich mir damals die Hütte auf der Lichtung erträumte, wollte ich so eine haben wie die von den Goldwäschern. Ich wollte in Kanada sein. Auf einer Wiese mitten im Wald sollte sie stehen, aus schönen dicken Baumstämmen gebaut und mit alten Sachen drin. Eben wie diese hier. Ich wollte auch mal Gold waschen gehen, aber ich hab schnell gemerkt, dass das kein Spaß ist. Ich habe es tagelang versucht, aber außer zerschundenen Händen und ein paar Goldsplittern hat es mir nichts eingebracht. Und lausig kalt war es auch. Schließlich bin ich wieder zurück und hab mir die Hütte neu erträumt, auf einer Lichtung im Sommer zu Hause und ein bisschen moderner. Da konnte ich auch viel besser malen ohne zu frieren.“

„Und mit Apfelbäumen“, fiel Shana ein.

„Richtig.“

„Na toll!“, entfuhr es Belly. „Und wieso sind wir dann jetzt hier gelandet?“

Rufus zuckte bedauernd die Schultern. „Das weiß ich nicht genau. Ich hab mir meine Hütte vorgestellt. Aber wenn man in einen Tagtraum verfällt, denkt man nicht mehr klar. Vielleicht ist meine Sehnsucht nach der alten Zeit zu groß, und ich habe mich im Unterbewusstsein nach der hier gesehnt.“

„Ist ja jetzt auch egal“, meinte Shana. „Rufus, wie viel Traumfarbe hast du noch?“

„Es reicht schon noch“, beruhigte Rufus sie. „Wir müssen nur etwas finden, worauf wir malen können. Vielleicht finden wir einen alten Block oder etwas Ähnliches. Lasst uns nachschauen, ob wir was finden.“

Während sich die drei auf die Suche nach irgendetwas machten, worauf sich malen ließ, brummte Belly vor sich hin.

„Mann, hab ich ´n Hunger! Ich würde mein letztes Hemd geben für einen Burger!“

„Tja“, lachte Shana, „schau dir dein letztes Hemd doch mal an! Meinst du, dafür kriegst du noch `n Burger? Außerdem hast du mir versprochen, dass du ab jetzt vernünftig isst.“

„Versprochen hab ich gar nichts. Ich hab nur gesagt, ich will´s versuchen.“

„Belly …“

„Ja, ja, ist ja schon gut, Mama. Ich versprech´s!“

„Hey, schaut mal hier!“, rief Rufus und hielt eine vergilbte Zeitung hoch. Neugierig traten Shana und Belly an den Tisch, auf dem Rufus die Zeitschrift vorsichtig ablegte.

„Darauf kann man nicht malen“, stellte Belly fest. „Die fällt ja gleich auseinander.“

„Stimmt schon“, meinte Rufus. „Aber seht mal, sie stammt aus dem Jahr 1897.“

„Oh Mann!“, entfuhr es Shana. „Dann ist sie aber echt alt!“

„Hm“, machte Rufus und überflog die Titelseite. Eine riesige Schlagzeile beherrschte sie.

„Gold! Gold! Gold!“, las Shana vor. “68 Goldsucher kehren als reiche Männer auf dem Dampfer Portland zurück!”

Rufus Blick glitt noch einmal zum Datum. „Die Zeitung stammt vom 17. Juli 1897. Leute, wir halten die Nachricht in den Händen, die damals den Beginn des wohl größten Goldrauschs der Geschichte auslöste!“

Belly hielt den Kopf schräg. „Die Zeitung heißt Seattle Post Intelligencer. Liegt Seattle nicht in den Vereinigten Staaten von Amerika?“

„Sehr gut, Herr Belly!“, grinste Rufus. „Da lernt man bei euch in der virtuellen Schule also doch einiges. Ja, Seattle liegt in den USA. Als damals in Seattle die Nachricht von den erfolgreichen Goldsuchern gedruckt wurde, löste das einen Rausch aus. Zehntausende machten sich auf, ihr Glück zu versuchen. Viele kamen dabei um, sehr viele. Und nur wenige wurden tatsächlich fündig und wohlhabend.“ Rufus lachte leise. „Die wirklich reich wurden, waren die, die gar nicht erst mit dem Goldsuchen anfingen, sondern die den Menschen all das verkauften, was sie in der Wildnis Kanadas brauchten. Es gab damals am Klondike, so hieß der Fluss, der das meiste Gold versprach, keine Läden, ja eigentlich gab es gar nichts. Da ließ sich das meiste Geld nicht mit Gold, sondern mit den Goldsuchern selbst verdienen.“

„Aber wie kommt diese Zeitung aus Amerika in eine kanadische Hütte?“, fragte Belly nachdenklich.

„Da kann man nur raten“, meinte Rufus. „Ich glaube, die meisten Menschen damals hatten einen Traum. So wie du, Belly. Du hast immer davon geträumt, auf einem alten Segelschiff zu fahren. Und die Menschen im Jahr 1897 wollten aus der Armut heraus. Sie waren nicht unbedingt gierig, na ja, einige vielleicht, aber vielen ging es einfach schlecht. Ihr Traum war es, Gold zu finden und ein besseres Leben zu führen. Derjenige, der diese Hütte bewohnt hat, stammt vielleicht aus Seattle, hat den Artikel gelesen und beschlossen, aufzubrechen. Und die Zeitung trug er immer bei sich, damit er das Ziel niemals aus den Augen verlor. Sie gab ihm Kraft, durchzuhalten.“

„Und wo ist er jetzt?“, fragte Shana trocken.

„Vielleicht hat er ja wirklich Gold gefunden“, überlegte Belly. „Die Hütte sieht ja nicht gerade nach der eines armen Mannes aus. Und wenn er welches gefunden hat, dann ist er wieder zurück nach Seattle gegangen.“

„Möglich“, nickte Rufus. „Das werden wir wohl nie rauskriegen. Jedenfalls ist die Hütte schon mindestens seit Wochen, wenn nicht Monaten nicht mehr bewohnt. Als ich mir damals das erste Mal eine Hütte gewünscht hab, wollte ich unbedingt eine echte, so mit allem Drum und Dran. Und ich wollte sie eben in Kanada haben. Aber … na ja, den Rest kennt ihr ja.“

„Worauf hast du denn früher gemalt, damit du wieder zurück kommst?“, fragte Shana.

„Ich hab immer zwei, drei kleine zusammengrollte Leinwände mitgenommen. Die hatte ich übrigens auch jetzt dabei, als ich euch zu den Goshis gefolgt bin. Aber die sind mit der Adventure untergegangen. Außerdem lege ich einen Vorrat an Leinwand an den Orten an, wo ich öfter bin.“

„Wie bei den Goshis“, fiel Belly ein. „Adam hat uns ja welche gegeben.“

„Hm.“

„Leute, ich will nach Hause!“ Shana stampfte mit dem Fuß auf. „Mein Vater bringt mich um, wenn ich drei Tage nicht nach Hause komme!“

„Wird er nicht.“ Rufus legte Shana eine Hand auf die Schulter. „Das versprech ich dir. Aber jetzt lasst uns weitersuchen.“

Sie durchsuchten die Hütte gründlich, aber es fand sich nichts, das sich als Leinwand geeignet hätte. Aber dafür gab es in dem zweiten Raum, neben allerlei Werkzeug und der üblichen Ausrüstung für Goldschürfer etwas, womit sie nicht gerechnet hatten.

„Was zu futtern!“, rief Belly. „Mensch, ich werd verrückt!“

Mehrere Regale an der rechten Wand waren gefüllt mit den unterschiedlichsten Konservendosen.

„Pökelfleisch, Bohnen, Reis, Bohnen, Bohnen, und noch mal Bohnen!“, las Belly vor.

„Sehr ausgewogene Ernährung!“, lachte Rufus. „Aber schaut mal, da oben!“

Shana und Belly folgten seinem Blick und entdeckten einen großen Schinken, der an einem Haken in der Ecke von der Decke hing.

„Das ist meiner!“, grinste Belly und ging hinüber, um sich das Prachtexemplar anzuschauen. „Sieht noch gut aus. Riecht auch noch gut. Was meint ihr, wollen wir ein paar Dosen aufmachen und den Schinken anschneiden? Ich sterbe vor Hunger! Endlich mal was anderes als Kokosnüsse und Leguanbeine!“

Rufus kam hinüber zu Belly und half ihm, den Schinken vom Haken zu nehmen. Aber dann musste er Belly einen kleinen Dämpfer verpassen.

„Ich denke, die Konserven lassen wir, wie sie sind. Ich habe gehört, dass man die seinerzeit mit bleihaltigem Blech hergestellt hat. Das hat zu schweren Erkrankungen geführt. Ich weiß nicht genau, ob die hier bleihaltig sind oder nicht. Ich denke, wir verzichten lieber auf die Konserven und halten uns an den Schinken. Komm, Belly, leg ihn in der Küche auf den Tisch, und ich such ein Messer.“

Shana grinste und hielt die Machete hoch. „Wie wär´s mit dem hier?“

„Natürlich, die hatte ich ganz vergessen.“

Rufus schnitt ein paar Scheiben ab und versuchte, sie so dünn wie möglich zu halten. „Wildschwein ist das nicht“, murmelte er. „Vielleicht ein Rehpopo.“

Shana lachte. Dann fiel ihr etwas ein. „Sagt mal, habt ihr etwas zu trinken gesehen? Der Schinken wird salzig sein, und ich hab so schon gewaltigen Durst.“

Rufus wies zur Tür. „Ich denke, wir essen draußen, was meint ihr? Wenn das die Hütte ist, die ich schon damals erträumt hatte, dann gibt es gleich hinter dem Saum des Waldes einen Bach. Belly, nimm bitte einen der Töpfe mit raus und versuch mal, rauszukriegen, ob ich recht habe. Und wenn, dann kannst du uns Wasser holen.“

Belly hangelte sich einen der Töpfe von den Haken und folgte Shana durch die Eingangstür auf die Veranda, wo ihn warmes Sonnenlicht empfing.

„Ist doch gar nicht so kalt“, meinte er und sah sich um. Die Wiese und der sich anschließende Wald sahen der Stelle, an der Rufus zu Hause seine Hütte erträumt hatte, verblüffend ähnlich. Fehlten wirklich nur die Obstbäume.

„Bringt die Schemel mit nach draußen!“, rief er über die Schulter zurück. „Ich schau nach Wasser.“

Rufus legte die nach würzigem Rauch riechenden Schinkenscheiben auf ein Holzbrett und trug sie nach draußen. Danach half er Shana, drei Schemel auf die Veranda zu tragen. Dann setzten sich die beiden und schauten Belly nach, der gerade im Wald verschwand. Er sah dabei mehr nach unten als nach vorne, da er ja immer noch barfuß war und aufpassen musste, nirgendwo reinzutreten.

Mit einem Mal bekam Shana ein mulmiges Gefühl. „Sag mal, Rufus, ist es hier gefährlich?“

„Nein. Ich denke nicht. Manchmal haben sich die Goldsucher gegenseitig umgebracht, aber wir sind hier weit weg von einer Siedlung.“

Shana war fürs erste beruhigt. Aber ein Gedanke ließ sie nicht ruhen. „Und worauf malen wir jetzt?“

„Keine Ahnung“, gab Rufus zu. „Aber uns wird schon was einfallen. Ich hab mich mal nach Afrika geträumt. Da haben mir Eingeborene die Leinwand weggenommen und bei einem fröhlichen Tanz verbrannt. Keine Ahnung, was sie sich dabei dachten, aber ihren Spaß hatten sie. Damals habe ich mir geholfen, indem ich ein gegerbtes Antilopenfell benutzt habe. Ging einwandfrei. Wir werden schon was finden.“

In dem Moment kam Belly aus dem Wald zurück, und daran, wie vorsichtig er den Topf trug, erkannten sie, dass er tatsächlich Wasser gefunden hatte.

„Na, hab ich doch gesagt!“, freute sich Rufus. Schnaufend näherte sich Belly und reichte Rufus das Wasser hoch. Schwer atmend ließ er sich auf dem dritten Schemel nieder.

„Mann, ich werde alt! Weißt du was, Shana?“

„Nein.“

„Das erste, was ich mache, wenn wir nach Hause kommen, ist, mir von der Multiwand neue Schuhe machen zu lassen! Auf der Wiese und im Sand ist barfuß laufen ja schön, aber da im Wald tut es verdammt weh!“

Shana lächelte. „Jetzt ruh dich aus und iss was! Hier, lecker Schinken vom Rehpopo!“

Das ließ sich Belly nicht zweimal sagen. Der Schinken schmeckte unvergleichlich. Obwohl Shana Fleisch nicht sehr mochte, genoss sie jeden Bissen. Das Wasser aus dem Bach schmeckte besser als jede Limonade, kalt und süß. Wenn sie nicht das Problem mit der fehlenden Leinwand und die Gedanken an die Eltern gehabt hätten, hätte Shana dieses Festmahl richtig genießen können. Nach zehn Minuten lag nur noch eine Scheibe Schinken auf dem Holzbrett.

„Na, wer will sie haben?“, fragte Rufus.

„Ich kann nicht mehr!“, stöhnte Belly.

„Ich auch nicht.“ Shana strich sich über den Bauch. „Und was machen wir jetzt? Hast du eine Idee, Rufus?“

„Nein“, gab Rufus zu. „Schauen wir noch einmal in der Hütte nach. Vielleicht ist uns etwas entgangen. Wir brauchen eine glatte Fläche. Eine getünchte Wand gibt es hier nicht, aber vielleicht etwas anderes in der Art. Und wenn wir gar nichts finden, müssen wir uns morgen die Umgebung ansehen. Möglicherweise finden wir eine Höhle oder eine Felswand, die geeignet ist.“

„Morgen?“, fragte Shana entsetzt. „Ich will auf keinen Fall noch eine Nacht von zu Hause weg sein!“

„Die Sonne steht schon tief. Und die Bilder gehen sowieso nur nachts, wie du weißt. Es ist nicht zu ändern, bevor wir das Problem nicht gelöst haben.“

Shana seufzte. Dann war ihr, als würde sie eine Bewegung am Waldrand entdeckt haben. Ihr Blick flog hinüber. Da! Da war es wieder! Ein großer Ast schwankte unnatürlich. Und dann weiteten sich ihre Augen vor Schreck. Aus dem Wald stapfte ein gewaltiger schwarzer Bär! Als er die Wiese betrat, stellte sich das riesige Tier auf seine Hinterbeine und witterte in ihre Richtung.

„Rufus! Belly!“, flüsterte Shana mit zittriger Stimme. „Seht doch! Da kommt ein Bär!“

„Du heilige Wapitikacke!“, entfuhr es Belly.

Rufus stand ruckartig auf, wobei er seinen Schemel umstieß, was einen Heidenlärm veranstaltete. Jetzt hatte der Bär sie entdeckt und starrte zu ihnen herüber.

„Kannst du nicht aufpassen!“, schimpfte Shana. „Jetzt hat er uns gehört!“

„Shana …“, sagte Rufus langsam. „Ich hab etwas vergessen, als du mich vorhin gefragt hast, ob es hier gefährlich ist. Das ist ein Grizzly. Ein verdammt großer Grizzly. Und ob ich hier Krach mache oder nicht, ist vollkommen egal. Ein Grizzly kann Nahrung bis auf dreißig Kilometer wittern. Wir hätten den Schinken nicht draußen essen dürfen.“

„Na, ganz große Klasse!“, rief Shana wütend. „Und du schickst Belly in den Wald!“

„Ich hab einfach nicht dran gedacht“, gab Rufus zu. In diesem Moment stieß der Bär eine Reihe tief brummender Laute aus, kam runter auf alle Viere und rannte los.

„Reeiiiin!“, brüllte Rufus und stieß Shana und Rufus durch die Eingangstür der Hütte. Dann bückte er sich mit einer hastigen Bewegung, nahm das letzte Schinkenstück von dem Holzbrett und schleuderte es dem Bären entgegen auf die Wiese. Befriedigt sah Rufus, wie das Tier abbremste und sich über den Schinken hermachte. Mit einem Satz folgte er den beiden Kindern in die Hütte, warf die Tür zu und legte den schweren Holzriegel vor.

„Puuhhh“, machte er. „Der ist wirklich groß. Der ist verdammt groß.“

„Wunderbar. Wirklich wunderbar!“ Shana war fuchsteufelswild. „Du schickst Belly in den Wald, obwohl es hier Grizzlys gibt! Und dann wartet dieses Viech sicher auch noch vor unserer Tür, bis wir verhungert sind! Wie sollen wir denn jetzt hier wieder rauskommen?“

„Beruhige dich erst einmal“, sagte Rufus und hob beschwichtigend die Hände. „Auch ein Bär verliert irgendwann einmal die Geduld. Zur Not werfen wir ihm den Schinken raus.“

Shana verdrehte die Augen. „Der Schinken ist für den eine Vorspeise! Der wird immer mehr wollen!“

„Nun warte doch erstmal ab. Belly, guck mal raus, was er macht.“

Belly schlich zum Fenster und lugte hinaus.

„Ich seh ihn nicht.“ Er drehte den Kopf und versuchte, seinen Blickwinkel nach rechts und links zu erweitern. Urplötzlich schob sich ein großer schwarzer Schatten vor das Fenster. Belly sprang zurück, und im gleichen Moment zerschlug eine riesige Pranke das Fensterglas und langte in die Hütte.

„Aahhhhhh!“, schrie Belly und stieß sich die Hüfte an der Tischkante.

„Er riecht den Schinken!“, schrie Shana mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen.

„Ich schmeiß ihn raus!“ Rufus packte den Schinken und wartete einen günstigen Moment ab. Der Bär schien sich offensichtlich leicht verletzt zu haben, als er die Scheibe einschlug. Blut tropfte auf den Holzboden und hinterließ ein gruseliges Muster. Der Grizzly zog für einen Moment die Tatze zurück, um sie abzulecken. Darauf hatte Rufus gewartet. Mit einem Satz war er beim Fenster und warf den Schinken hinaus. Dann trat er einen Meter zurück und beobachtete das Tier. Rufus hatte das Gefühl, dass der Grizzly mindestens drei Meter groß war, wenn er sich aufrichtete. Mit einem Kloß im Hals nahm er die scharfen Krallen war, die sich ihm darboten, während der Bär weiterhin seine Wunde leckte. Ein tiefes Grollen entfuhr seiner Kehle. Rufus schluckte.

„Was macht er?“, flüsterte Shana hinter ihm.

„Warte!“, zischte Rufus. „Jetzt hat er den Schinken bemerkt!“

Shana und Belly traten vorsichtig hinter Rufus. Da die milchige Scheibe zerbrochen war, hatten sie einen klaren Blick nach draußen. Der Grizzly brummte weiter vor sich hin, diesmal aber wohl eher vor Freude über den Braten, der da auf der Veranda lag. Mit einem Sprung, der die Hütte erbeben ließ, sprang das massige Tier darauf zu, ließ sich fallen und begann, den Schinken zu zerreißen.

„Los!“, rief Rufus gedämpft. „Sucht die Hütte ab! Wir haben nicht viel Zeit! Ich glaube nicht, dass das Viech von dem Häppchen satt wird! Sucht ihr den anderen Raum ab. Ich versuche es hier.“

Hastig und mit wild pochendem Herzen stürmten Shana und Belly in den hinteren Raum. Der stand voller Gerümpel, das für ihre Zwecke rein gar nicht zu gebrauchen war. Ein flacher Schlitten, Kisten mit Werkzeug, die Konserven, Tierfelle, die aber so grob waren, dass sie als Leinwand ausfielen, Petroleumlampen und sonstiger Krimskrams. Die Wände bestanden wie die ganze Hütte aus übereinandergelegten Baumstämmen. Verzweifelt stieß Shana die Luft aus.

„Hier gibt es einfach nichts, was wir benutzen können, oder siehst du was, Belly?“

Belly schüttelte stumm den Kopf. Das war aussichtslos. Er drehte sich um und ging zu Rufus zurück, der ihm enttäuscht entgegenblickte.

„Nichts?“

„Hm.“

Belly machte noch einen Schritt in den Raum hinein, als er aufhorchte. Unter ihm hatte eine Diele geknarrt, und ihm war, als hätte der Boden unter seinem Gewicht leicht nachgegeben. Überrascht schaute er nach unten. Genau unter seinem Fuß zeichnete sich ein Rechteck ab.

„Hey, kommt mal her! Ich glaube, hier ist so was wie eine Falltür.“

Rufus und Shana setzten sich zu ihm in die Hocke.

„Hm“, machte Rufus. „Für eine Falltür ist das zu klein. Aber natürlichen Ursprungs ist das auch nicht. Seht mal, hier. Da hat jemand öfters dran rumgespielt.“

Er deutete auf eine Stelle, die deutliche Spuren von Bearbeitung aufwies. Als hätte dort jemand mit einem spitzen Gegenstand gestochert. Plötzlich ertönte von draußen ein lautes Brummen. Angstvoll blickte Shana auf.

„Der hat den Schinken aufgegessen!“

„Los, gib mir die Machete“, rief Rufus. Shana sprang auf, holte das Buschmesser vom Tisch und reichte es Rufus. Der begann sofort, die Klinge in den Spalt zu schieben. Er nahm keine Rücksicht auf das Holz und hebelte das rechteckige Brett ohne Umschweife auf. In dem Moment bummerte ein schwerer Körper gegen die Tür, dass die ganz Hütte erbebte. Shana und Belly schrien auf, aber Rufus ließ sich nicht beirren. Er blickte kurz auf, als der Bär ein zweites Mal gegen die Tür krachte.

„Eine Weile wird sie noch halten“, knurrte er. „Sagt mir Bescheid, wenn´s brenzlig wird!“

„Es ist brenzlig!“, schrie Shana, als der Grizzly erneut dagegen krachte.

„Nur die Ruhe“, rief Rufus und entfernte das Brett, das offensichtlich einen Hohlraum verbarg, endgültig aus dem Boden. „Wenn er reinkommt, verschwinden wir im anderen Zimmer durch das Fenster!“

„Nur die Ruhe?“ Bellys Stimme zitterte. „Ich kann nicht ruhig bleiben! Der will uns fressen!“

Beim nächsten Ansturm des Bären knackte es gefährlich. Der hölzerne Riegel bekam einen Riss. Angsterfüllt starrten Shana und Belly zur Tür. Das konnte nicht mehr lange halten. Noch zwei oder drei Mal und dann …

„Dumm ist das Viech nicht“, brummte Rufus und holte etwas aus dem Loch heraus, das offensichtlich als Versteck gedient hatte. Was er triumphierend in der Hand hielt, sah aus wie ein großes Notizbuch. „Er meidet das Fenster, an dem er sich geschnitten hat, und probiert´s jetzt mit der Tür.“

„Rufus …“, stöhnte Shana. „Was hast du da?“

„Ein Notizbuch!“ Rufus klang vollkommen entspannt. Er blätterte das Buch einmal durch und atmete erleichtert auf. „Der Mann, der hier nach Gold gesucht hat, hat Tagebuch geführt. Hier, alles eng beschrieben!“

Wieder krachte der Bär gegen die Tür, und diesmal splitterte der Riegel, hielt aber noch gerade so. Ein nächster Anlauf, und der Grizzly würde in die Hütte stürmen.

Shana und Belly traten unwillkürlich zurück und blieben im Durchgang zum hinteren Raum stehen.

„Rufus!“ Belly brüllte ihn jetzt an. „Komm rüber! Die Tür ist schon kaputt!“

Rufus nickte. Dann hob er die Machete auf und schob die beiden Kinder in den zweiten Raum. Als sie drin waren, schloss er die Tür, die bei weitem nicht so stabil war wie die vordere und schob auch hier den Riegel vor.

„Die hält nicht mal, wenn der niest!“, schnaubte Belly nervös.

„Mach das Fenster auf“, sagte Rufus mit einer Seelenruhe, die Shana beinahe zur Weißglut brachte. „Dann können wir raus, wenn er kommt. Aber er wird ein Weilchen brauchen, ehe er drauf kommt, dass es noch einen Raum gibt. Erst wird er den Tisch untersuchen, wo wir den Schinken geschnitten haben. Das riecht am stärksten.“

„Warum gehen wir nicht gleich?“, drängte Shana.

„Weil ich hier malen kann. Es wird schon dunkel. Willst du rausgehen, obwohl da vielleicht seine ganze Familie wartet? Und im Dunkeln durch den Wald rennen?“

„Aber Rufus …“, drängte Belly. „Die Tür hier wird nicht so lange standhalten wie die andere! Und wie willst du dich konzentrieren? Und das Papier in dem Buch da ist doch auch so dünn wie das der Zeitung. Da hält das Gel doch auch nicht!“

„Auf dem Papier nicht“, bestätigte Rufus. „Aber auf dem Buchrücken!“

Er klappte das Buch auf. „Hier! Seht ihr? Unbeschrieben und stark genug!“

Die Innenseite des Buchrückens war ein wenig vergilbt, aber fest genug, um ein Bild darauf zu malen. Rufus warf einen Blick zu Belly, der sofort verstand. Er sprang zum Fenster, löste den Riegel und öffnete es so weit es ging.

Rufus zog sich die Kette über den Kopf und holte den Pinsel aus der Hosentasche.

Fassungslos sahen Shana und Belly zu, wie sich Rufus mitten im Raum in den Schneidersitz begab, das Notizbuch des Goldsuchers vor sich hinlegte und die Kapsel mit dem Gel öffnete.

Whuummm!

Im vorderen Raum zerbarst die Tür mit einem schrecklichen Geräusch. Schreckensbleich packte Shana Bellys Handgelenk.

„Wir müssen sofort hier aus!“, flüsterte sie.

Rufus schüttelte den Kopf. „Erst dann, wenn er an die Tür kommt. Haltet euch bereit. Aber ihr werdet sehen, es wird eine Weile dauern. Der Geruch von dem Schinken auf dem Tisch ist stärker als der hier drin. Drei Minuten reichen mir. Belly, komm her, halt mal das Buch fest, damit es nicht dauernd zuklappt.“

Belly hatte keine Zeit zum Überlegen. Während im Vorderzimmer krachende Geräusche und ein unheimliches Schnaufen zu hören waren, hockte er sich zitternd zu Rufus und hielt ihm das Bild. Shana tastete sich zum Fenster, den Blick unverwandt auf die Tür gerichtet, die nur eine trügerische Sicherheit bot. Rufus hingegen schloss die Augen und versetzte sich in Trance. Belly konnte nicht glauben, was geschah. Da rumorte keine zwei Meter von ihnen entfernt ein riesiger Grizzly im Nebenzimmer, der mit einem Tatzenhieb die Durchgangstür zerschmettern konnte, und dieser Rufus setzte sich auf den Boden und meditierte!

Der Maler der Traumbilder schottete seinen Geist vollkommen von der Außenwelt ab. Fast schien es, als hätte er aufgehört, zu atmen. Regungslos saß er da. Wenn der Bär jetzt hereingekommen wäre, hätten Shana und Belly allein flüchten müssen.

Auf der anderen Seite der Tür wurde es verdächtig ruhig. Die beiden Kinder hielten die Luft an. Der Bär schien zu lauschen. Aber genau diese Ruhe genügte Rufus offensichtlich, um in seinen Traum einzutauchen. Sein Arm streckte sich dem Notizbuch entgegen, und der Affenschwanzpinsel verschmolz mit dem Buchdeckel. Wie ein sich windender Wurm versetzten sich die Affenhaare in eine Wellenbewegung.

Shana hörte ein Schnüffeln und Schnaufen an der Tür. Es schien, als würde der Bär die Ritze unter der Tür abschnüffeln. Ihr Herz setzte aus.

Rufus begann zu malen. Ruhig glitt der Pinsel über das Buch und schuf wieder die gleiche Landschaft wie schon in der Höhle. Die Wiese, den Wald, die Hütte mit der Veranda. Shana konnte es nicht sehen, aber Belly nickte heftig, als sie ihn angstvoll fragend anblickte. Belly formte mit den Lippen einen Satz: Auch die Apfelbäume sind da!“

Mittlerweile war die Dämmerung so weit fortgeschritten, dass es schwerfiel, sich in der Hütte zu orientieren. Aber das Bild war bereits jetzt eine Lichtquelle, die einen sanften Schimmer in den Raum warf.

Das Schnaufen wurde heftiger. Fordernder. Shana warf einen nervösen Blick zur Tür. Da sah sie die Zunge des Grizzlys durch den großen Spalt unter der Tür hervorkommen. Sie presste sich eine Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Belly sah es auch, aber er beherrschte sich unglaublich und verrückte das Buch nicht um einen Millimeter.

Das Bild war vollendet. Der Pinsel löste sich mit einem leise schmatzenden Geräusch, und Rufus erwachte langsam aus seinem Traum.

Die Zunge schnellte wieder unter der Tür hervor. Dann folgte ein Kratzen, das dermaßen durch Mark und Bein ging, dass es Shana schüttelte. Rufus wich von dem Bild zurück und stand auf.

„Halte es weiter so!“, sagte er zu Belly. „Wenn du es nicht ansiehst, kann nichts passieren. Ich glaube, es scheint dunkel genug geworden zu sein. Ich kann die Wipfel der Bäume im Bild sich im Wind wiegen sehen. Wir können gehen.“

Belly kam ebenfalls hoch und hielt das Bild mit der Vorderseite von sich gestreckt. Shana löste sich vom Fenster und trat zu den Beiden. In diesem Moment nieste der Bär.

„Gesundheit!“, meinte Rufus ungerührt. „Los, Shana, du zuerst!“

Shana lag eine verdammt dringende Frage auf der Zunge, aber es blieb keine Zeit mehr, sie zu stellen. Der Bär untersuchte die Tür nicht mehr nur mit der Nase und seiner Zunge. Jetzt wusste er, dass man hier rein konnte. Diesmal warf er sich nicht gegen die Tür, sondern drückte einfach seinen massigen Körper dagegen, dass das Holz ächzte und knirschte.

„Mach!“, zischte Rufus. Shana machte einen Satz um Belly herum und stellte sich vor das Bild. Ohne noch einen Gedanken zu verschwenden führte sie ihre Hand vor das Bild. Noch bevor sie den Buchrücken berührte, ergriffen sie die ersten Lichtfinger, flossen über ihren Arm und hüllten eine Sekunde später ihren Körper ein. Dann schien sie zu zerfließen und sich aufzulösen, bis sie mitsamt dem zurückfließenden Licht in dem kleinen Bild verschwand.

„Belly, du bist dran!“

Belly schüttelte heftig den Kopf. „Nein, geh du! Ich halte das Bild doch schon!“

Rufus konnte jetzt keine Diskussion beginnen. Er entschied sich zu gehen. Aber einen Satz musste er noch von sich geben, bevor er durch das Bild ging.

„Leg es auf den Boden und stell dich einfach drauf!“

Belly nickte nur. Sein Mund war so trocken, dass sowieso kein Wort herausgekommen wäre. Rufus hob die Hand, und dieselbe Prozedur wie bei Shana wiederholte sich. Eine Sekunde später war Belly allein im Raum.

Aber nicht lange.

Mit einem furchtbar knirschenden Geräusch gab die Tür dem Gewicht des Bären nach und stürzte mit lautem Krachen in den Raum. Belly und der Grizzly standen sich einen Meter voneinander entfernt gegenüber.

Belly erstarrte. Er hielt das Bild immer noch verkehrt herum in den Händen. Um in ihm zu verschwinden, musste er es umdrehen. Aber würde es funktionieren, wenn er es festhielt? Oder musste man es loslassen, wenn man hindurch wollte? Aber das Bild jetzt hinlegen? Der Bär brauchte nur einen Satz zu machen, und er hatte Belly.

Der Grizzly sah Belly an. Auf die Vordertatzen auf die kaputte Tür gestützt stand er im Durchgang und nahm den Geruch des Menschen in diesem Raum auf. Belly hatte noch nie in seinem Leben eine solche Angst verspürt. Nicht einmal beim Untergang der Adventure. Er nahm den beißenden Atem des gewaltigen Tieres wahr. Wann würde der Bär ihn anfallen? Jetzt? Aber das Tier blieb im Türrahmen stehen. Vielleicht war es unsicher, wer oder was da im Zimmer stand.

Die Sekunden vergingen. Bellys Lähmung wich nur langsam. Sein Herz hämmerte gegen die Rippen. Dann tat er etwas, was er später nie mehr glauben wollte.

„Hallo Bär“, kam es leise über seine Lippen. Der Grizzly horchte bei Bellys Stimme auf. „Ich will dir nichts tun. Wir haben dir sogar den Schinken gegeben, und der war doch lecker, oder nicht? Ich bin nicht geräuchert, also lass mich bitte gehen. Ein Mensch schmeckt ganz furchtbar, und Belly … also ich bin Belly … schmeckt noch schlechter. Ich hab mich nie ausgewogen ernährt, wie meine Freundin Shana sagen würde. Das bekommt dir nicht, glaub mir.“

Belly sprach leise und mit immer dem gleichen Tonfall. Der Bär schien diese beruhigenden Worte zu mögen, denn er begann, den Kopf hin und her zu wiegen. Belly fasste einen Entschluss. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder der Bär fraß ihn, wenn er das Buch auf den Boden legte oder er fraß ihn nicht. Wenn er sich aber nicht traute, das Buch auf den Boden zu legen, wurde es sehr wahrscheinlich, dass er ein bisschen später gefressen wurde. Es war egal. Aus dem Fenster klettern konnte er jedenfalls nicht mehr, denn das hätte den Grizzly mit Sicherheit gereizt, ihn zu packen.

Belly traf die Entscheidung. Weiter ruhig auf das Tier einredend und Blickkontakt mit ihm haltend, ging er ganz behutsam in die Hocke und legte das Buch sachte auf dem Boden ab. Jetzt lag es zum Greifen nah. So nah, dass Belly nur noch den Arm auszustrecken brauchte, um seinen Freunden zu folgen. Belly löste kurz den Blick von dem Bären und schaute nach unten. Die Wiese und die Hütte lagen vor ihm. Und er erblickte zwei Gestalten auf der Veranda, die sich offensichtlich gerade aufrichteten. Shana und Rufus!

Der Bär grunzte.

„Soll ich weiter erzählen?“, fragte Belly und schaute den Grizzly wieder an. „Weißt du, ich glaube, dass du gar nicht böse bist. Nur hungrig. So wie ich. Ich hab eigentlich auch immer Hunger, aber Shana sagt, dass ich nicht mehr so viel essen und mich mehr bewegen soll. Ich finde, du bist auch ganz schön dick. Der Schinken reicht doch, meinst du nicht? Wenn du noch mehr Speck frisst, wirst du noch fetter. Geh raus und such dir ein paar Beeren oder Pilze. Iss was Gesundes, nicht so was Fettreiches wie mich, okay?“

Der Bär hob den Kopf und brüllte, wobei Belly sich beinahe in die Hosen machte. Aber dann geschah etwas, das Belly niemals für möglich gehalten hatte. Der Grizzly schnaufte noch drei Mal, dann drehte er seinen schweren Körper um und verschwand aus Bellys Blickfeld. Stumm vor Staunen hörte Belly, wie der Bär im Dunkeln an den Tisch stieß und ihn beiseite rückte. Dann noch ein paar schwere tapsende Geräusche und ein Scheppern. Danach war Ruhe.

Ungläubig wartete Belly einige Sekunden. Als es weiterhin ruhig blieb, erhob er sich vorsichtig aus der Hocke und schlich zum Durchgang. Er spähte durch den nun türlosen Rahmen und erkannte im fahlen Licht der Nacht die Umrisse des Tisches, den das Tier an die rechte Wand geschoben haben musste. Vom Grizzly keine Spur. Belly tat das Falsche, aber er musste es einfach tun. Vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzend, tastete er sich zu der zerstörten Eingangstür und lugte hinaus. Im Licht der Sterne sah er die dunkle Wiese und den noch dunkleren Saum des Waldes vor sich liegen. In der Mitte der Wiese erkannte er den Bären, der sich gemächlich von der Hütte entfernte.

Belly entspannte sich. Das würde ihm niemand glauben. Das würde er selbst in ein paar Jahren vermutlich nicht mehr glauben. Der Bär blieb stehen und drehte seinen Kopf in Richtung Belly. Schweigend blickten sie sich auf die große Entfernung und in der Dunkelheit an. Dann verschwand das Tier mit ein paar großen Sätzen im Wald.

Belly schluckte. Das alles konnte nicht wahr sein. Doch dann brach sich die Anspannung ihren Bann. Mit klappernden Zähnen und wackligen Beinen torkelte Belly in die Hütte zurück. Das Bild sandte ein mattgrünes Leuchten in das Heim des Goldsuchers aus. Er würde es jetzt wohl reparieren müssen, sollte er wieder hierher zurückkehren. Aber das war Belly in diesem Moment vollkommen egal. Er wollte zurück zu Shana und Rufus. Sofort. Er wollte in Sicherheit sein. Er wollte nach Hause. Entschlossen trat er auf den Buchdeckel. Sekundenbruchteile später verschmolz er mit dem gleißenden Lichtstrahl, wurde eins mit Raum und Zeit und übertrat Grenzen, von denen noch niemand auf dieser Welt wusste.

Als sich das Licht zurückzog, leuchtete das Bild weiterhin in mattem Glanz vor sich hin. Und erst, als der Tag anbrach, verwandelte es sich in eine scheinbar starre Zeichnung, die man umwerfend schön, aber niemals magisch nennen würde.

Der Bär trottete ein paar Stunden später aus dem Unterholz und machte sich über die Blaubeeren her, die am Rand des Waldes den Boden bedeckten. Ab und zu hob er den Kopf und warf einen Blick auf die alte Hütte.

*

Kapitel 8

Eine Hand packte Belly am Arm. Er spürte die Berührung, noch bevor er wieder ganz bei sich war.

„Hilfe!“

„Nein, Belly, ich bin´s, Shana! Beruhige dich, du bist wieder zu Hause, ich meine, bei Rufus!“

„Nun gib ihm doch noch einen Moment“, ertönte Rufus Stimme aus dem Hintergrund. „Er ist doch noch gar nicht wieder ganz bei sich.“

Belly merkte, wie Shana seine Hand wieder losließ, und in derselben Sekunde klärte sich sein Blick. Er lag auf den harten Bohlen der Veranda und schaute in die Augen seiner Freunde, die sich über ihn beugten.

„Na, geht´s wieder?“, fragte Shana.

„Hm, ich glaub schon.“

„Darf ich dir dann noch mal meine Hand geben?“

„Okay, aber langsam, mir ist noch ganz schwindlig.“

Vorsichtig half ihm Shana auf die Beine. Rufus lächelte ihn an.

„Diesmal hab ich die richtige Hütte gemalt. Eigentlich komisch, dass das mit dem kleinen Teddybären im Nacken geklappt hat und in der Höhle nicht.“

„Kleiner Teddybär!“, lachte Shana. „Aber du hattest eben keine Zeit, mit den Gedanken abzuschweifen.“

„Ich hatte überhaupt keine Zeit“, erwiderte Rufus. „Ich frage mich nur, wie ich das geschafft habe.“

„Du warst so ruhig“, bewunderte ihn Belly. „Das hätte ich niemals gekonnt.“ Sein Blick schweifte über die Umgebung. Die Hütte mit der Veranda, der Wald, die Wiese und …

„Die Apfelbäume!“

„Ja!“, lachte Rufus. „Ich war auch heilfroh, als ich sie gesehen habe. „Wir sind wieder zurück. Gott sei Dank.“

Urplötzlich fiel Shana die Frage ein, nach der sie in der Hütte verzweifelt gesucht hatte. Und sie jagte ihr einen eisigen Schrecken ein.

„Rufus! Der Grizzly! Er kann uns doch durch das Bild folgen!“

Rufus schüttelte den Kopf und beruhigte sie. „Nein, Shana. Tiere können uns nicht folgen. Ich weiß nicht, warum das so ist, aber vermutlich besitzen sie nicht dasselbe Traumvermögen wie wir Menschen oder vielleicht liegt es auch daran, dass sie keine Seele haben.“

„Das glaube ich nicht!“, erwiderte Shana heftig. „Ganz bestimmt haben Tiere eine Seele!“

„Das haben sie“, nickte Belly. „Darauf würde ich den Entsperrungscode von Carl verwetten, wenn ich ihn hätte. Und wisst ihr auch, warum ich das glaube? Ich hab mit dem Bären gesprochen, und er hat mich verstanden.“

Völlig verblüfft schauten Shana und Rufus Belly an.

„Du hast was?“, entfuhr es Shana.

Da sie sich in Sicherheit wussten, konnte Belly in aller Ruhe erzählen, was ihm in der Hütte widerfuhr, als seine Freunde bereits in dem Traumbild verschwunden waren. Rufus und Shana waren sprachlos. Voller Staunen und auch Bewunderung hing Shana an Bellys Lippen und fragte ihn wieder und wieder aus. Rufus begab sich zwischendurch in die Hütte und kam nach kurzer Zeit mit einem Tablett voll der besten Sachen, die sein wundersamer Kühlschrank zu bieten hatte, wieder heraus. Die drei ließen sich auf der Veranda nieder, genossen das Festmahl und redeten sich die Seele aus dem Leib. Das war der Anspannung geschuldet, die sie die ganzen Tage über begleitet hatte, und die nun abfiel wie eine schwere Kette. Als die Nacht endgültig hereinbrach, holte Rufus zwei Petroleumlampen, die die Veranda in ein geheimnisvolles Licht tauchten. Es war merkwürdig, dass es so lange dauerte, aber irgendwann schlichen sich Gedanken in Shanas Kopf, die sie nicht mehr länger verdrängen konnte.

„Rufus … wir müssen nach Hause. Ich darf gar nicht daran denken, welche Angst meine Eltern ausgestanden haben müssen. Die Polizei wird uns suchen. Sie werden denken, wir sind tot.“

Rufus nickte. „Natürlich müsst ihr nach Hause. Ich verstehe, dass du dir Gedanken machst. Aber ich kann dir deine Angst ein bisschen nehmen. Wenn man in ein Traumbild eintaucht, vergeht die Zeit nicht. Jedenfalls nicht in der Welt, aus der man ursprünglich gekommen ist.“

Shana und Belly waren baff. Rufus fuhr fort. „Ich hab das erst gar nicht bemerkt, aber als ich das erste Mal zwei Wochen lang auf einer tollen Südseeinsel war und zurückkam, lag das Obst, das ich in der Küche vergessen hatte, noch genauso frisch da wie an dem Tag, als ich losging. Ich hab das dann noch ein paar Mal probiert, und es war jedes Mal dasselbe.“

„Die Zeit ist nicht vergangen?“, fragte Belly ungläubig. „Aber das geht doch gar nicht. Man kann die Zeit nicht anhalten.“

„Nein.“ Rufus legte die Stirn in Falten. „Aber sie ist relativ. Du weißt ja selbst, dass es ewig dauert, wenn man beim Zahnarzt sitzt und dass die Ferien dagegen wie im Flug vergehen.“

„Ja“, nickte Belly. „Aber da ist sie trotzdem gleich schnell vergangen. Es kommt uns nur anders vor.“

„Richtig. Aber das alte Genie Einstein sagte, dass Raum und Zeit zusammenhängen. Da der Weltraum eine sich immer noch ausdehnende Kugel ist, ist er quasi rund.“

Rufus formte mit den Händen einen Ball. „Siehst du, so. Wenn Raum und Zeit also zusammenhängen, müsste die Zeit in einer Art Kurve dahingehen, so wie eine Fliege im Innern einer Kugel. Wenn man nun aber geradeaus gehen könnte, statt krumm, dann wäre man schneller als die Zeit. Jedenfalls als die, die wir sonst kennen.“

„Versteh ich nicht“, meinte Belly und zuckte die Schultern.

„Macht nichts. Wenn ich ehrlich bin, versteh ich es auch nicht. Ich glaube, dass die Zeit hier auf der Lichtung ganz normal vergeht, und die in den Traumwelten auch. Jede in ihrer Welt. Aber durch diesen Energiestrahl nehmen wir vielleicht eine Abkürzung im Universum, die uns fast genau zu dem Zeitpunkt wieder da abliefert, wo wir in das Bild eingetaucht sind.“

„Rufus“, lächelte Shana, „schöne Erklärung, aber wie viel Zeit ist denn jetzt vergangen, seit wir zu dir gekommen sind?“

„Genau kann ich das auch nicht sagen“, gab Rufus zu. „Die Hütte hab ich mir erträumt, aber die Umgebung nicht. Diese Lichtung habe ich genauso entdeckt wie ihr. Und genau hier wollte ich meine Hütte haben.“

„Es kann also sein, dass draußen auf der Wiese unsere Zuhausezeit vergeht und hier in der Hütte eine andere?“

Rufus seufzte. „Möglich. Ich weiß es aber nicht. Es ist dunkel geworden, und ich glaube, dass wir hier draußen die Zeit haben, die unsere normale Welt kennt. Demnach müsste es jetzt etwa zehn Uhr abends sein. War es etwa so spät, als ihr bei mir übernachtet habt?“

„Kommt hin“, meinte Belly.

„In der Hütte gilt eine andere Zeit. Wenn ich recht habe, müsste es also ungefähr zehn Uhr abends an dem Tag sein, an dem ihr weggegangen seid.“

Shana sog die Luft ein. „Na, selbst wenn das stimmt, kriegen wir gewaltigen Ärger. Ich sollte um sieben zu Hause sein. Ich fürchte, das ändert nicht viel an dem, was auf uns zukommt.“

„Ich mach euch einen Vorschlag“, sagte Rufus und begann, die Essensreste zusammenzuräumen. „Ich komme mit und erkläre euren Eltern, was geschehen ist.“

Belly fiel ein Stein vom Herzen. „Danke!“, sagte er aus vollem Herzen. „Vielleicht kriegen wir es ja hin, dass sie uns die Außenwelt nicht sperren.“

„Wir brauchen eine gute Erklärung“, meinte Shana. „Ich weiß nicht, ob wir wirklich von den Traumbildern erzählen sollen.“

„Ich verbiete es euch nicht.“ Rufus sah von einem zum anderen. „Wisst ihr, noch vor nicht allzu langer Zeit hätte ich alles versucht, dass niemand mein Geheimnis entdeckt. Aber jetzt weiß ich, dass ich viel zu lange ohne Freunde gelebt habe. Die Leute, die ich auf meinen Reisen kennen gelernt habe, wurden nie zu richtigen Freunden. Sie sind halt … Bekannte. Aber bei euch ist das anders.“

Shana lächelte. „Wir werden dich auf jeden Fall besuchen. Und du musst uns besuchen.“

„Na, das mache ich ja jetzt gleich. Ich hoffe nur, eure Eltern reißen mir nicht den Kopf ab, wenn sie hören, was ich mit euch angestellt habe.“

Rufus erhob sich, um die Sachen reinzubringen. In dem Moment fiel Shana etwas ein und sie wurde blass.

„Rufus …“

Rufus blieb auf der Schwelle stehen und drehte sich um.

„Ja?“

„Wir können gar nicht zurück. Wir haben doch unsere Portables vergessen. Und rings um die Stadt soll es ein Energiefeld geben, das Tiere und Pflanzen abhält. Selbst wenn wir die 40 Kilometer laufen, kommen wir vielleicht nicht durch diese Sperre.“

Rufus lächelte. Dann betrat er die Hütte, und als er Shana antwortete, hörte sie seine Stimme nur noch gedämpft. „Ich glaube, das kriegen wir schon hin. Ich hab dir doch schon auf Death Island gesagt, dass ich etwas für euch habe. Wartet einen Moment, ich bring es mit.“

Als Rufus wieder rauskam, und die Kinder sahen, was er in der Hand hielt, fiel den beiden der Kiefer runter.

„Ein Portable!“, entfuhr es Belly und Shana gleichzeitig.

„Ja, ein Portable“, nickte Rufus. „Genau wie ihr wäre ich ja damals nicht mehr zurückgekommen, wenn ich keins mitgenommen hätte. Ich bin ja nicht gleich abgehauen, sondern hab die Außenwelt erst ein paar Mal besucht, bevor ich den Maler der Traumbilder getroffen hatte.“

„Für uns bist du der Maler der Traumbilder“, lächelte Shana.

„Jedenfalls konnte ich ohne Portable nicht raus. Aber als die Erzieher entdeckten, dass ich heimlich draußen gewesen war, musste ich sofort verschwinden, und dann war es eh egal. Ich hab der Multiwand befohlen, dass letzte Beamerziel nach meinem Durchtritt zu löschen. So haben sie nie rausgefunden, wohin ich gegangen bin. Ich könnte mir denken, dass das ganz schönen Ärger mit den Behörden gegeben hat.“

Rufus schmunzelte. „Ist mir aber egal. Eltern habe ich ja nicht mehr, denen man das erzählen könnte.“

„Rufus ..“, sagte Shana leise. „Können wir jetzt gehen?“

„Natürlich.“

„Kann ich mal sehen?“, fragte Belly und zeigte auf das Portable.

„Hier.“

„Hm. Ganz schön altes Modell. Aber der Akku ist noch fast voll. Einfach unglaublich. Wie lange lag das Ding schon nicht mehr in der Sonne, Rufus?“

Rufus lachte. „Echtzeit oder Traumzeit? Du sagst, der Akku ist noch voll? Dann war er in der Hütte sicher längst leer, und hier draußen hat er wieder die alte Ladekapazität. Gott sei Dank, sonst müssten wir bis morgen warten.“

Belly fummelte an dem Gerät herum und gab auf der Tastatur mit spitzen Fingern etwas ein.

„Nehmen wir deinen Adresscode, Shana?“

„Hm.“

„Okay, ist eingestellt. Die Energie reicht für drei Personen. Hauptsache, deine Multiwand ist noch aktiviert.“

„Müsste sie, wenn Mutti sie nicht ausgestellt hat.“

„Das wird sie niemals tun, denn sie wartet ja auf dich.“

„Na gut“, meinte Rufus. „Dann lasst uns gehen.“ Er machte zwei Schritte und nahm die Machete in die Hand, die sie zu Beginn ihres Abendessens an die Wand gelehnt hatten. Mit einem Lächeln reichte er sie Belly.

„Nimm sie mit. Ein gutes Beweisstück.“

Belly nahm sie entgegen und wirkte gleich ein gutes Stück größer. Dann hob er seinen Arm, an dem er das Portable befestigt hatte.

„Soll ich?“

„Nein, warte bitte noch einen Moment.“

Unter den erstaunten Blicken der anderen lief Shana in die Hütte. Als sie wieder rauskam, hatte sie ihren Rucksack in der Hand und schwenkte ihn fröhlich hin und her.

„Den nehm ich wieder mit. Aber nicht so leer wie jetzt!“

„Was denn jetzt noch? Ich denke, du willst nach Hause?“, entfuhr es Belly.

„Ich bring dir einen mit!“, rief Shana, sprang die Treppe runter und verschwand im Halbdunkel auf der Wiese.

„Ich glaube, ich weiß, was sie holt“, meinte Rufus und sah zu, wie der dunkle Schatten Shanas auf eine bestimmte Stelle zustrebte.

Dann fiel auch bei Belly der Groschen.

„Äpfel!“

Zwei Minuten später kam Shana mit einem prall gefüllten Rucksack zurück und grinste.

„Sind zwar keine Orangen, aber mein Vater glaubt immer, dass es nur noch künstlich hergestelltes Zeug gibt!“

Rufus nickte. „Okay, na dann los.“

Belly drückte einen Knopf auf dem Portable, und zwei Sekunden später baute sich etwa zwei Meter von ihm entfernt ein flimmernder Rahmen auf.

„Durchgang steht. Ihr könnt gehen.“

Shana schaute von einem zum anderen. „Wer zuerst?“

Rufus machte eine einladende Geste. „Ladys first. Außerdem ist es dein Zuhause. Es ist besser, du erscheinst dort zuerst.“

„Okay“, nickte Belly. „Aber danach musst du gehen, Rufus, weil ich das Portable trage. Ich komm dann zuletzt.“

„Na dann.“ Shana seufzte und stellte sich vor den Energierahmen. „Ich geh dann mal. Steht mir bei, wenn meine Eltern mich umbringen!“

„Na klar!“, meinte Rufus. „Ich komme sofort nach.“

Shana holte tief Luft, dann setzte sie sich in Bewegung und ging ohne weiter zu zögern durch den Rahmen, der kurz aufleuchtete.

„Jetzt du!“, sagte Belly. Rufus nickte Belly zu und folgte Shana ohne Umschweife.

Belly war nun allein. Aber diesmal wollte er sich nicht länger als nötig aufhalten. Er warf nur einen kurzen Blick auf Rufus Hütte, deren Fenster das Licht der beiden Petroleumlampen auf die Veranda warfen, und schritt dann zügig als Letzter durch das Energiefeld. Eine Sekunde nach seinem Durchtritt erlosch es. Nichts auf dieser Lichtung deutete noch darauf hin, dass es ein magischer Ort war. Einer, an der eine Zeit mit der anderen spielte.

*

Sie materialisierten in Shanas Zimmer. Erst Shana, dann Rufus, und schließlich Belly. Der wunderte sich, dass ihn kein Schwindelgefühl überkam. Aber dann fiel ihm ein, dass sie ja nicht durch ein Traumbild, sondern durch den Beamer gegangen waren. Er blickte sich rasch um. Sie waren allein. Obwohl das ja die Standpauke nur um kurze Zeit hinauszögern würde, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Belly bemerkte, dass sich Rufus sichtlich unwohl in der für ihn ungewohnten Umgebung zu fühlen schien. Er stand etwas unsicher mitten im Zimmer herum und wusste nicht, wohin mit seinen Händen.

„Du brauchst nicht nervös zu sein“, meinte Shana. „Mein Vater wird dir schon nicht den Kopf abreißen.“

„Das ist es nicht“, sagte Rufus langsam. „Ich bin nur schon eine Ewigkeit nicht in einem richtigen Zimmer gewesen. Es ist … na ja … so eng.“

Shana lächelte. „Ich glaube, du wirst nie eine Wohnwabe haben. Und weißt du, was? Wenn ich erwachsen bin, werde ich auch wie du nur noch in der Außenwelt leben.“

„Shana …“ Rufus Stimme wurde ernst. „Du hast Eltern. Und Freunde. Alles das, was ich nie hatte. Ich glaube, es wäre falsch, einfach so zu verschwinden wie ich. Nur in Traumwelten zu leben, ist nicht so schön wie du denkst. Nur die Menschen, auf die man sich verlassen kann, erfüllen die Welten mit Leben, egal, in welcher man sich befindet.“

„Na, wenn das so ist“, sagte Shana verschmitzt, „dann müsstest du ab sofort hier bei uns leben!“

Rufus verzog das Gesicht. „Lassen wir es dabei, uns gegenseitig zu besuchen, okay?“

„Okay. Aber erstmal müssen wir unsere Eltern beruhigen. Sie werden im Wohnzimmer sein.“ Shana sah Belly an. „Was ist, bist du bereit?“

Belly lächelte säuerlich. „Sind ja deine Eltern. Meine stehen mir noch bevor.“

„Also gut, bringen wir es hinter uns. Multiwand, Beamer aus!“

Der flimmernde Rahmen löste sich auf, und Augenblicke später war nur noch das Bedienteil in der Wand zu sehen. Shana holte Luft und winkte den anderen. Dann nahm sie allen Mut zusammen und öffnete die Tür zum Flur. Sie spähte hinaus. Niemand zu sehen, aber sie vernahm gedämpftes Stimmengemurmel aus Richtung Wohnzimmer.

Belly nahm das Heft in die Hand. „Na, kommt. Hilft ja nichts.“

Erst wollte Shana anklopfen, aber dann gab sie sich einen Ruck und öffnete ohne Umschweife die Tür. Nacheinander betraten die drei zerlumpten Gestalten das Wohnzimmer.

Als Shana im Zimmer stand, wünschte sie sich ein Traumbild herbei, durch das sie sofort wieder verschwinden konnte. Aber das ging nicht. Im Wohnzimmer befanden sich nicht nur Shanas Eltern und ihr Bruder Marten, sondern auch Bellys Eltern und … Krissa!

„Hi Krissa!“

„Hi Shana! Ich wusste ja, du kommst wieder!“

Shana setzte ein bemüht gleichmütiges Gesicht auf und schaute von einem zum anderen.

„Entschuldigung, ist ein bisschen spät geworden.“

Shanas und Bellys Eltern saßen da wie vom Donner gerührt. Ungläubig starrten sie ihre Kinder an. Shana registrierte, dass Bellys Eltern noch dicker waren als ihre und schüttelte innerlich den Kopf. Aber das war jetzt ihr geringstes Problem. Noch hatte sie ein paar Sekunden, bis sich ihre Eltern fangen würden. Shanas Mutter schnappte nach Luft, und ihrem Vater stand der Mund offen. Und Bellys Eltern saßen da wie zu Stein gewordene Fleischklöpse. Nur Marten und Krissa schienen die Situation komisch zu finden.

„Du siehst echt heiß aus, Shana“, meinte ihr Bruder ironisch. „Wie hast du es angestellt, die Multiwand solche Klamotten herstellen zu lassen?“

„Belly …“, flüsterte seine Mutter. „Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“

Belly hatte die rasierte Stelle auf seinem Kopf beinahe vergessen. Fahrig fuhr er sich über den Schädel.

„Ach das. Das war ein Haarfresser.“

„Ein Haarfresser?“

„Hm, ein Haarfresser. Sei froh, dass ich die Taschenlampe wieder ausbekommen habe, sonst hätte ich jetzt gar keine Haare mehr.“

Bellys Mutter wollte etwas sagen, aber sein Vater fiel ihr ins Wort.

„Was ist mit euch passiert? Wieso seht ihr so … so abgerissen aus? Seid ihr überfallen worden? Wo seid ihr überhaupt gewesen?“ Er blickte Rufus an. „Und wer sind Sie?“

„Ich bin Rufus. Ich bin Maler. Die Kinder waren bei mir. Ich möchte Sie alle um Entschuldigung bitten, dass wir Ihnen so große Sorgen bereitet haben, aber es hat ein bisschen gedauert, von unseren Reisen zurückzukommen.“

„Reisen?“, fragte Shanas Vater entgeistert. „Was für Reisen?“

„Vati“, begann Shana, „wir waren in der Außenwelt und …“

„Das haben wir schon rausgekriegt.“ Ihr Vater war sichtlich wütend. „Deine Multiwand hatte das Beamerziel Planquadrat C4 noch gespeichert. Da warst du wohl nicht so clever wie Belly.“

„Ich hab ja gleich gesagt, die lernt nicht!“, höhnte Marten.

„Ruhe, Junge! Noch sind ihre Noten besser als deine.“ Marten schmollte, hielt aber lieber den Mund. Belly schaute schuldbewusst zu seinen Eltern, zog es aber ebenfalls vor, lieber nichts zu sagen. Shanas Vater war noch nicht fertig.

„Es ist jetzt …“ Er schaute auf die Uhr. „… 22:30 Uhr. Du solltest um sieben zu Hause sein. Deine Mutter und ich haben gedacht, dir ist etwas zugestoßen. Und du verschwindest einfach in der verbotenen Zone. Du hast uns erzählt, du bereitest mit Krissa eine Präsentation vor. Du hast gelogen, Shana. Warum? Als du um neun noch nicht zurück warst, haben wir deine Rufnummern überprüft und Krissa und Belly angerufen. Bellys Eltern waren ebenfalls außer sich vor Sorge. Und Krissa wusste von gar nichts. Vor einer halben Stunde haben wir uns deinetwegen hier getroffen und beratschlagt, was wir tun sollen. Und eben haben wir entschieden, die Polizei zu rufen. Und da schneist du herein, als sei nichts gewesen, du und Belly sehen aus wie alte Handfeger von Uroma, Belly trägt eine bekloppte Frisur, und dann bringst du auch noch einen zerlumpten Mann mit, der sagt, ihr wärt mit ihm verreist. Kannst du mir bitte erklären, was da in dir vorgegangen ist?“

„Ja“, sagte Shana leise. „Mach ich ja. Aber ich wünsche mir, dass ihr mir zuhört und mich nicht unterbrecht. Versprecht ihr mir das?“

Shanas Vater blickte seine Frau an. Die seufzte nur. Bellys Eltern zuckten die Schultern.

„Also gut. Versprochen. Da bin ich ja mal gespannt, was du mir zu erzählen hast.“

„Wir machen das gemeinsam“, warf Rufus ein. „Ich bin zu einem nicht geringen Teil mit Schuld daran, dass Ihre Kinder so spät nach Hause kommen. Es ist nur fair, wenn ich ihnen beistehe.“

„Wir hören“, brummte Bellys Vater.

Shana begann mit ihrer Beichte, und Belly und Rufus halfen ihr dabei. Die drei standen wie Delinquenten vor ihren Richtern, aber sie ließen nichts aus, und Rufus gab zu Shanas und Bellys Erstaunen ohne zu Zögern sein Geheimnis der Traumbilder preis. Ab und zu stellten die Eltern eine Frage, meistens jedoch schüttelten sie stumm den Kopf.

Dann waren sie fertig und Schweigen breitete sich aus. Shana trat von einem Fuß auf den anderen und wartete auf die Reaktion ihrer Eltern. Sie wollte sich auf die Machete stützen, besann sich aber eines Besseren, da sie sicher ein Loch in den Teppichboden geritzt hätte. Dann, nach endlosen Sekunden, sprach ihr Vater.

„Und das sollen wir glauben?“

Shana stieg die Zornesröte ins Gesicht. „Ja, natürlich sollt ihr das glauben! Es ist alles wahr! Du kannst ja mitkommen!“

„Das werde ich nicht. Und du wirst auch nicht mehr in die verbotene Zone gehen. Das ist vorbei. Ein für alle Mal.“

„Das kannst du mir nicht verbieten!“, rief Shana wutentbrannt.

„Das kann ich sehr wohl. Wenn meine Tochter mich anlügt und dann auch noch wilde Geschichten erzählt, um sich herauszureden, dann kann ich das.“

„Vati“, fiel Shanas Mutter ihrem Mann ins Wort. „Ich kann das alles auch nicht glauben, aber ich weiß, dass Shana uns nicht anlügt.“

„Und was ist mit der Präsentation?“, fuhr Shanas Vater auf.

„Das war falsch von mir“, sagte Shana leise. „Aber es war eine Notlüge. Alles andere ist wahr.“ Dann fiel ihr etwas ein. „Und was ist damit?“ Triumphierend hielt sie die Machete hoch.

„So etwas kann die Multiwand problemlos herstellen.“

„Vati!“, drängte Shana. „Ich wusste doch vorher gar nicht, was eine Machete ist.“

„Aber Belly wusste es“, erwiderte ihr Vater. „Oder Belly?“

Der nickte nur stumm. Shana stampfte mit dem Fuß auf. Dann ließ sie die Machete achtlos zu Boden fallen und griff sich den Rucksack, den sie neben sich stehen hatte. Sie öffnete den Reißverschluss und ließ die Äpfel herauskullern.

„Und was ist mit den hier? Solche Äpfel kriegt die Multiwand nie hin!“ Sie hob einen auf und drückte ihn ihrem widerstrebenden Vater in die Hand.

„Los, probier ihn!“

Shanas Vater mochte kein Obst, aber Shana drängte ihn solange, bis er hineinbiss. Gleich darauf schüttelte er sich.

„Brrrr … ist der sauer!“ Er grinste. „In dem Fall muss ich dir recht geben. So einen kriegt die Multiwand wirklich nicht hin.“

„Vati!“

Rufus sah, dass Shana drauf und dran war, in Tränen auszubrechen und schaltete sich ein.

„Belly, du hast doch noch die drei Münzen. Zeigst du sie Shanas Vater?“

Belly nickte begeistert und fingerte in seinen Hosentaschen herum. Mit einem Mal hielt er inne und schien sich zu wundern, aber dann fand er, wonach er gesucht hatte und holte die drei Goldmünzen aus dem Schatz der Whyla hervor. Er ging hinüber zu Shanas Vater und drückte sie ihm in die Hand. Der betrachtete sie von allen Seiten und nickte schließlich anerkennend.

„Die sehen wirklich echt aus. Aber mal ehrlich, wenn man weiß, was man herstellen soll, bekommt die Multiwand das auch noch hin. Ich glaube, ihr wollt nur, dass ich dir nicht verbiete, in die Außenwelt zu gehen. Es tut mir leid, aber ich kann einfach nicht glauben, was für Märchen ihr mir da erzählt.“

„Entschuldigen Sie“, kam Rufus Shana zuvor, die wütend aufbrausen wollte. „Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie kommen mit zu mir und überzeugen sich, dass ihre Tochter und Belly die Wahrheit gesagt haben. Wenn Sie möchten, können Sie auch ein Traumbild malen.“

Einen Moment lang sah es so aus, als würde Shanas Vater mit sich ringen, auf den Vorschlag von Rufus einzugehen. Aber dann winkte er ab.

„Nein, vielen Dank. Diese Welt da draußen reizt mich nicht.“

Rufus gab nicht auf, Shana beizustehen. „Dann erlauben Sie Shana bitte, mich weiterhin zu besuchen.“ Er wandte sich an Bellys Eltern, die der Diskussion stumm gefolgt waren. „Und Belly natürlich auch. Und wenn Sie Lust haben, können Sie mich ebenfalls gern besuchen.“

Shanas Vater erhob sich mühselig aus seinem Sessel, was einige Sekunden in Anspruch nahm. Dann stellte er seinen massigen Körper direkt vor Rufus und forderte ihn auf, zu gehen.

„Es ist spät. Ich denke, wir beenden jetzt das Gespräch. Shana, wir sprechen uns morgen früh.“

Bellys Eltern erhoben sich ebenfalls. Marten und Krissa hatten sich aus allem herausgehalten. Krissa warf Shana einen bedauernden Blick zu und zuckte die Schultern. Shana schaute wutentbrannt und hilflos um sich, bis ihr Blick auf Belly fiel. Der nestelte mit verblüfftem Gesichtsausdruck in seiner Hosentasche herum und holte schließlich etwas heraus. Als er das, was er in seiner Tasche gefunden hatte, in der ausgestreckten Hand von sich hielt und realisierte, was es war, bekam er tellergroße Augen.

„Ein Babyhaarfresser!“

Shana starrte auf die kleine, etwa kirschgroße ledrige Kugel, die beständig zu wachsen schien. Sie konnte nicht glauben, was sie da vor sich sah. Es war auch nicht zu glauben. Nein, es war unmöglich.

„Woher … woher hast du den?“, flüsterte sie.

„Ich … ich …“ stotterte Belly, „… ich hab den nirgendwo her. Ehrlich. Ich hab vorhin schon gemerkt, dass da was in meiner Hose war, als ich die Münzen rausgeholt hab. Aber da war das noch kleiner, so wie eine Erbse. Ich weiß wirklich nicht, wo der herkommt.“

„Vati!“, rief Shana fröhlich. „Komm her! Da hast du deinen Beweis!“

Ungläubig stampfte ihr Vater zu Belly und starrte die kleine Kugel an. Sie pulsierte leicht und schien dabei beständig zu wachsen. Jetzt war sie bereits so groß wie eine kleine Aprikose.

„Was soll das sein?“, grunzte ihr Vater.

„Das ist ein kleiner Haarfresser“, sagte Rufus ruhig. „Wenn Sie eine Weile warten, wird er besser zu erkennen sein. Er wächst noch.“

Belly hielt die Hand mit dem kleinen Wesen weit von sich gestreckt. „Das gibt´s doch nicht!“, krächzte er. „Wie kommt der in meine Tasche?“

„Ich hab euch noch nicht erzählt, wie sie sich vermehren, oder?“, fragte Rufus.

„Nein“, antwortete Belly abwesend und starrte fasziniert auf die kuriose Kugel, die in seiner Hand stetig wuchs. „Ich dachte, die große Mutter würde die Eier legen.“

„Na ja, die hab ich mir aus Quatsch ausgedacht, ich wollte so was wie einen Haarfressergott haben. Nein, einmal im Jahr legen sie ein winziges Ei an irgendeine Stelle, die warm genug ist. Sie brüten nicht selbst, sondern überlassen ihre Eier dem Schicksal. So wie Schildkröten. Das Ei schießen sie aus ihrem Legeschlauch ab. Das geht blitzschnell.“ Rufus grinste. „Tja … da hat dir dein Rasierapparat wohl ein Ei in die Tasche gelegt!“

„Na toll!“, machte Shana, während ihre und Bellys Eltern ungläubig neben ihnen standen und dieses merkwürdige Wesen beobachteten. „Wir müssen es zurückbringen. Es wird allein nicht überleben können. Aber glaubst du mir jetzt, Vati, dass wir nicht gelogen haben?“

Shanas Vater schaute nachdenklich drein. „Ich gebe zu, sich so ein Ding auszudenken und von der Multiwand herstellen zu lassen, ist schwer. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Aber so ganz kann ich es nicht glauben. Ist das ein Trick?“

„Nein, das ist kein Trick“, lächelte Rufus. „Warten Sie noch ein paar Minuten, dann werden Sie es sehen.“

Schweigend und voller neugieriger Spannung standen sie vor dem kleinen Ball, der zusehends anschwoll.

Als die Kugel die Größe eines dicken Apfels erreicht hatte, wurde sie Belly zu groß in der Hand. Er bückte sich und legte den kleinen Haarfresser auf dem Boden ab. Krissa ging in die Hocke, und Marten gesellte sich zu ihr. Er besah sich die offensichtlich lebendige Kugel von allen Seiten.

„Hat der keinen Mund?“

„Oh doch“, grinste Rufus. „Wirst du schon sehen. Und Beine oder vielleicht besser Arme hat er auch. Acht Stück sogar. Und genauso viele Augen.“

„Häh?“, machte Marten. „Acht Arme? Wo denn?“

„Er kann sie einziehen wie ein Fahrwerk, so dass sie nicht zu sehen sind. Dann kann er schneller rollen als laufen, solange es nicht bergauf geht.“

Marten tippte sich an die Stirn. „Das glaub ich nicht.“

Belly schaute Shana an und rollte mit den Augen. Shana nickte. Ihr Bruder war nicht der Hellste. Doch dass die Kugel einen Mund und eine Reihe von Armen hatte, sollte sie gleich darauf beweisen.

Mit einem Klickklickklickklick … öffneten sich urplötzlich die rund um den Körper verteilten acht Augen. Marten war so überrascht, dass er das Gleichgewicht verlor und aus der Hocke nach hinten auf den Po kippte.

„Hey, das …“ Mehr sagte Shanas Vater nicht. Der Haarfresser glotzte aus seinen Augen in die Gegend. Da er in einem 360°-Winkel sehen konnte, entging ihm praktisch nichts. Belly ging durch den Kopf, dass man bei so vielen Augen gar nicht mitbekam, ob das Viech einen ansah oder nicht.

Ohne jedes Geräusch schossen mit einem Mal die acht Arme des Katongi aus seinem Körper und hoben den Körper in die Luft.

„Oh Mann!“, kam es von Marten. Die Erwachsenen kamen nicht mehr dazu, etwas zu sagen, denn jetzt ging alles blitzschnell. Wo vorher nicht einmal eine schmale Linie zu erkennen gewesen war, öffnete sich jetzt das Maul des Haarfressers und offenbarte seine vielen kleinen rasiermesserscharfen Zähne. Rrrrrrtttttrrrrrtttttrrrrrtttt … schlugen sie irrwitzig schnell aufeinander. Dann raste die apfelgroße Spinne los, ohne dass es im Ansatz zu erkennen gewesen wäre.

Ihr Ziel war Shanas Vater.

Selbst wenn er ein durchtrainierter junger Mann gewesen wäre, er hätte gegen dieses unglaublich schnelle Tier keine Chance gehabt. Wie ein Kugelblitz schnellte der Haarfresser am rechten Bein empor, flitzte über den Bauch, und einen Sekundenbruchteil später war er schon auf dem Kopf von Shanas Vater, der erst dann anfing zu brüllen, als der Katongi begann, seine Haare abzuscheren.

„Hiilfe! Shaaana, nimm das weg! Nimm … das … weg!“

Aber es war zu spät. Es dauerte nicht einmal drei Sekunden, und das Werk des kleinen Monsters war getan. Shanas Vater besaß eine perfekt rasierte und im Licht der Wohnzimmerleuchte glänzende Glatze. Der Haarfresser flitzte an seinem Opfer wieder herab, was die meisten Umstehenden erschreckt aufkreischen ließ. Doch anscheinend war er zufrieden mit seinem Mahl, denn er rollte in eine Ecke des Zimmers, fuhr die Arme ein und schloss die Augen. Dann lag er da wie ein vergessener Tennisball.

Eine Weile war es still im Zimmer. Dann hörte man ein Flüstern.

„Was hat er gemacht?“

„Ähh … Vati …“ Shana stand vor ihrem Vater und kniff sich in den Arm. Nur jetzt nicht lachen. „Hm … also … wie soll ich es sagen … er hatte halt Hunger.“

Marten hatte nicht so viel Respekt wie seine Schwester. „Er hat dir ´ne Glatze gefressen, Papa!“

Jeder starrte Shanas Vater an. Die Mundwinkel der meisten begannen verdächtig zu zucken. Der Anblick war auch einfach umwerfend komisch. Ein dicker Mensch mit einer Glatze sieht lustig aus. Ein besonders dicker Mensch, der kaum noch einen Hals zu besitzen scheint, sieht mit einer Glatze aus wie ein Sumoringer mit einer Bowlingkugel auf dem Körper.

Shanas Vater fuhr mit beiden Händen zum Kopf und tastete über den kahlen Schädel.

„Nein …“, flüsterte er. „Das darf doch nicht wahr sein!“

„Willst du einen Spiegel haben?“, fragte Marten boshaft.

„Halt den Mund!“, fuhr ihn seine Mutter an. Dann berührte sie ihren Mann am Arm. „Ich finde das gar nicht so schlimm. Das wächst doch nach.“

Shana konnte es nicht mehr aushalten und prustete los. Als der Bann gebrochen war, konnten sich die anderen auch nicht mehr zurückhalten. Während Shanas Vater wie ein begossener und rasierter Pudel mitten im Raum stand, lachten sie, bis sie sich die Seite halten mussten.

Als sie wieder einigermaßen Luft bekam, ging Shana zu ihrem Vater und nahm ihn bei der Hand.

„Tut mir leid, Vati, aber du siehst einfach komisch aus. Und Mama hat doch recht, es wächst wieder nach.“

„Schöner Trost“, brummte ihr Vater. Aber da ihm niemand beistand, blieb ihm nichts anderes übrig, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

„Einen Trost habe ich wirklich für Sie“, meinte Rufus. „Wenn er das nächste Mal Hunger hat, wird er sich jemand anderen suchen müssen.“

Bellys Vater bekam große Augen. „Wie oft frisst er denn?“

„Einmal am Tag. Sieben Tage lang. Danach ist er ausgewachsen und frisst nur noch einmal die Woche.“

„Ups!“, machte Belly. „Dann müssen wir morgen irgendwo Haare herbekommen!“

„Nein“, sagte Shana entschieden. „Ich bringe ihn morgen nach Hause.“ Sie schaute ihren Vater flehend an. „Ich darf doch, Vati, oder?“

Ihr Vater sagte nichts. Er blickte hinüber zu dem Katongi und schaute die jetzt ziemlich unscheinbar wirkende Kugel nachdenklich an. Dann ging er langsam hinüber zu dem Haarfresser und blickte auf ihn hinab.

„Shana“, sagte er langsam, „ich glaube, ich muss mich bei dir entschuldigen. Du hast nicht gelogen. So einen Haarfresser kann eine Multiwand nicht herstellen. Aber wenn er wirklich aus einem Traum stammt, dann ist er verdammt echt geträumt.“

Shana blickte Rufus an, der sie anlächelte. Aber ihr Vater war noch nicht fertig.

„Meinst du, dass die Multiwand mir Sachen machen kann, die ich in der Außenwelt tragen kann?“

Shana glaubte, sich verhört zu haben. „Ähh … ja, klar doch.“

„Dann lass sie morgen welche machen. Und für Mutter und Marten auch. Wir kommen mit dir mit. Ich will diese Lichtung sehen. Und ich möchte diesen Haarfresser mit dir gemeinsam nach Hause bringen. Aber vor allem möchte ich die Traumbilder sehen. Das heißt … wenn es Ihnen recht ist, Rufus.“

„Natürlich. Ich freue mich sehr, wenn Sie mitkommen. Es wird auch für mich Zeit, wieder mehr unter Menschen zu sein. Außerdem habe ich den Goshis versprochen, öfter nach ihnen zu sehen.“

Shana machte einen Luftsprung. „Juchuhh!“

„Aber Shana …“, dämpfte ihre Mutter ihre Euphorie. „… nicht alles auf einmal, okay? Denk daran, dass wir nicht solche Hüpfer sind wie ihr.“

„Mach ich, versprochen. Wir werden uns gleich auf die Lichtung beamen, dann braucht ihr nicht so weit zu laufen.“

„Aber diesmal vergiss dein Portable nicht!“, rief Belly grinsend.

Ohne auf die sich anschließende aufgeregte Diskussion der anderen zu achten, bückte sich Shanas Vater mühsam und nahm den Katongi mit beiden Händen auf. Kopfschüttelnd betrachtete er das Wesen von allen Seiten, aber es war nicht im Geringsten zu erkennen, wo sich die Arme und Augen oder der Mund des kleinen Haarfressers befanden.

„Wenn er morgen aufwacht, wird er Hunger haben“, grinste er. „Wer stellt sich freiwillig zur Verfügung?“

„Ich hab eine Idee“, meinte Belly. „Wir schneiden uns jeder ein paar Strähnen ab und füttern ihn damit. Das müsste reichen.“

„Ich hab eine noch bessere Idee!“, lachte Shana. „Du hast doch seine Mutter schon von deinem Kopf kosten lassen, da kannst du doch ihrem Sohn noch den Rest spendieren!“

Unter lautem Gelächter beschlossen sie, den Katongi über Nacht in der Gästetoilette einzusperren und ihn am nächsten Morgen mit den von allen gesammelten Haaren zu füttern.

Als Belly, seine Eltern und Krissa weit nach Mitternacht durch den Beamer nach Hause verschwanden und Shana endlich in ihrem Bett lag, schwirrte ihr Kopf dermaßen, dass sie noch lange nicht einschlafen konnte. Aber sie war glücklich. Ihre Eltern würden ihr die Außenwelt nicht verbieten. Und sie würden mit nach draußen kommen. Auch ihr Vater, ihre Mutter und selbst Marten hatten noch Träume.

Kurz bevor sie in den Schlaf hinüberdämmerte, musste sie lächeln. Ihr Vater würde abnehmen. Das ließ sich gar nicht mehr vermeiden.

*

Epilog

Am nächsten Morgen materialisierten fünf Menschen auf einer Lichtung im Wald. Es war eine merkwürdige Gesellschaft. Ein großer Mann ging voraus in Richtung der Hütte, die mitten auf der Wiese stand. Ihm folgten ein dicker Junge mit einer seltsam zweigeteilten Frisur und ein schlankes junges Mädchen. Eine füllige Frau und ein nicht minder beleibter glatzköpfiger Mann liefen sichtlich schwerfällig hinterher. Ihnen folgte ein seltsames Wesen, etwa handballgroß. Manchmal lief es auf acht Armen, manchmal rollte es. Mit einem Mal wurde es schneller und stupste den dicken Glatzkopf von hinten in die Wade.

„Hey, was hast du?“

Der große Mann drehte sich um und lachte. „Er denkt, Sie sind seine Mutter! Damit werden Sie die nächsten sechs Tage leben müssen!“

* * *

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