Kitabı oku: «Nirvana»

Yazı tipi:

Aus dem Amerikanischen übersetzt

von Thomas Pöll


www.hannibal-verlag.de

Impressum

11. Auflage 2013

Titel der Originalausgabe: „Come As You Are – The Story of Nirvana“

Copyright © 1993, 1994 by Michael Azerrad

Published by Doubleday, New York

Lyrics to songs by Nirvana courtesy of Hal Leonard Publishing Corporation.

Lyrics to „Damaged II“ by Greg Ginn courtesy of SST Records.

Lyrics to „Left of Centre“ courtesy of Sloan.

„The Motorcycle Song“ by Arlo Guthrie © 1967, 1969 by Appleseed Music Inc.

All rights reserved. Used by permission.

All photographs by Michael Lavine by permission of Outline Press.

All photographs by Kristin Callahan by permission of London Features.

© der deutschen Ausgabe

Koch International GmbH/Hannibal

www.hannibal-verlag.de

E-Book: www.buchsatz.com

Umschlaggestaltung: bw-works.com

Coverfoto: mit freundlicher Genehmigung der MCA, Hamburg

ISBN 978-3-85445-428-1

Auch als Hardcover erhältlich: ISBN 978-3-85445-099-3

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Inhalt

Kapitel null

Kapitel eins

Ein kleiner aufmüpfiger Junge mit fettigen Haaren.

Kapitel zwei

Uns interessierte nur das Herumgammeln.

Kapitel drei

Das ist mein Bruder Chris. Er steht auf Punkrock.

Kapitel vier

Diese Burschen waren ja aus Aberdeen.

Kapitel fünf

Langsam wird das alles sehr radikal.

Kapitel sechs

Diese Jungs werden größer sein als die Beatles!

Kapitel sieben

„Bist du hungrig?“ – „Ja.“

Kapitel acht

Strophe, Refrain, Strophe, Refrain, Solo, schlechtes Solo.

Kapitel achteinhalb

Wir hatten das Gefühl, nichts könnte uns aufhalten.

Kapitel neun

Es ist Zeit, Unklarheit zu schaffen.

Kapitel zehn

Ein Phänomen quer durch alle Programme.

Kapitel elf

Slam-Dancing mit Mr. Brownstone.

Kapitel zwölf

Wir heulten nur mehr.

Kapitel dreizehn

Drei nette, freundliche, anständige junge Männer.

Kapitel X

Zorn, Tod und totale Glückseligkeit.

Kapitel vierzehn

Alles, was mich anstinkt.

Kapitel fünfzehn

Den Erwachsenen gefällt es nicht.

Kapitel sechzehn

Bestätigungen

Diskografie

Danksagung

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Kurt kurz vor seinem zweiten Geburtstag

Kapitel null

Wir schreiben den 9. April 1993 im Cow Palace in San Francisco. Elftausend Menschen – Grunge Kids, Sporttypen, Metalheads, Mainstream-Fans, Punks, kleine Kinder mit ihren Eltern, Hippie-Typen – sind gekommen, um den ersten US-Live-Auftritt von Nirvana seit sieben Monaten zu sehen. Manche sind dafür sogar eigens aus Los Angeles und Seattle angereist. Der Auftritt ist eine Benefizveranstaltung für die Vergewaltigungsopfer in Bosnien. Wenn man von einer siebenwöchigen Tour durch verschiedene Clubs Ende 1991 absieht, waren die meisten amerikanischen Fans nicht viel näher an ein Live-Konzert von Nirvana herangekommen als an ihren Fernsehauftritt in „Saturday Night Live“ vor über einem Jahr. In der Zwischenzeit ist eine ganze Menge passiert: Es gab Drogengerüchte, Trennungsgerüchte und Gerichtsverfahren. Gleichzeitig wurden weltweit ungefähr fünf Millionen Exemplare des Albums Nevermind verkauft. Und eine ganze Menge ist nicht passiert: eine Tour durch Konzertarenen in den Vereinigten Staaten, ein neues Album. Der Show kommt große Bedeutung zu.

Die Band kommt auf die Bühne, Kurt Cobain trägt eine wasserblaue Strickjacke, ein mit der Innenseite nach außen getragenes „Captain America“-T-Shirt und in Auflösung begriffene Blue Jeans. Er winkt kurz und nervös in die Menge. Er hat sich für den Anlass die Haare blond gefärbt. Ein Wust davon verdeckt seine Augen, ja sogar die gesamte obere Hälfte seines Gesichts.

Von den ersten Akkorden von „Rape Me“ an spielt die Band voller explosiver Kraft. Der Sound wird in Salven von der Bühne in die Menge katapultiert – „Breed“, „Blew“, „Sliver“, „Milk It“, „Heart Shaped Box“. Gegen Ende spielen sie ihren Hit, und obwohl Kurt die Anfangsakkorde fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, werden die Moshers im Publikum zu Berserkern. Als schließlich zu den Klängen von „Lithium“ Feuerzeuge und Streichhölzer hochgehalten werden, weiß jeder Einzelne in diesem höhlenartigen Schuppen ganz genau, warum er Nirvana liebt.

Obwohl Chris Novoselic und Kurt mindestens zehn Meter voneinander entfernt stehen, bewegen sie sich und reagieren sie aufeinander, als wären sie viel näher beisammen; ihre Kommunikation ist mühelos. Irgendwann in der Mitte des Auftritts ruft Kurt zu Chris hinüber: „Ich fühl’ mich großartig! Ich könnte noch eine Stunde lang spielen!“ Und genau das passiert. Sie verdichten vierundzwanzig Songs in eineinhalb Stunden, darunter acht aus dem neuen, noch nicht erschienenen Album. Die Menge beklatscht die neuen Songs enthusiastisch, vor allem die wilde Attacke „Scentless Apprentice“ und das majestätische „All Apologies“, das sich in einem Nebel aus Mantra-Gesängen und Feedback auflöst.

Eddie Vedder von Pearl Jam beobachtet alles von der Seite der Bühne aus; unweit von ihm Dale Crover von den Melvins. Frances Bean Cobain ist bei ihrem Kindermädchen oben in der Garderobe ihres Vaters; Courtney kommt herunter und muss gleich einer Mineralwasserflasche aus Plastik ausweichen, die Kurt gerade achtlos wegwirft. Sie winkt ihm spöttisch zu.

Am Ende des Sets verschwinden Kurt, Chris und Dave Grohl hinter dem Schlagzeug und rauchen gemeinsam eine Zigarette. Sie diskutieren, welche Songs sie noch spielen sollen. Dann kommen sie zurück und geben eine halbstündige Zugabe aus sieben Songs, die ihren Höhepunkt in „Endless, Nameless“, der geheimnisvollen Schlussnummer von Nevermind, findet. Die Band beschleunigt den Gitarrenriff, über dem die Nummer liegt. Sie spielen wie in Trance. Kurt springt auf den Verstärkerturm und marschiert darauf herum. Er ist zwar nicht sehr hoch, aber trotzdem zieht er alle Aufmerksamkeit auf sich – wie ein Selbstmordkandidat, der auf einem Fenstersims balanciert. Die Musik wird noch schneller. Die Gitarren kreischen, Chris hat seinen Bass abgeschnallt und schwenkt ihn wild vor dem Verstärker; Dave Grohl drischt präzise und hemmungslos auf seine Trommeln ein. Als die Musik ihren Höhepunkt erreicht, wirft sich Kurt krachend in die Drums, Trommeln und Beckenständer fallen herunter. Das Schlagzeug sieht aus wie eine fleischfressende Pflanze, die sich öffnet, um ihr Opfer zu verschlingen. Ende der Show.

Die Leute fragen sich, ob Kurt in Ordnung ist. Das ist keine Show-Einlage, denn dann wäre die Bühne gepolstert gewesen. Vielleicht zieht Kurt eine Nummer ab wie ein Grundschulkind, das seine Nase zum Bluten bringt und sich das Blut dann ins Gesicht schmiert, um von einem älteren Schläger verschont zu bleiben – so eine Art „Ich verletzte mich lieber selber, bevor du es tust“ –, und das von dem Kerl, der das Konzert mit einem Lied namens „Rape Me“ („Vergewaltige mich“) eröffnet hat. Vielleicht ist es auch eine Hommage an zwei der Lieblingsstuntmänner Kurts: Evel Knievel und Iggy Pop. Oder ist er so aufgewühlt von der Musik, dass er unempfindlich für jeden körperlichen Schmerz ist wie ein aufgeputschter Swami, der über heiße Kohlen gehen kann? – Nach dem atemlosen und vor Begeisterung strahlenden Publikum zu urteilen, scheint Letzteres am ehesten zuzutreffen.

Nachher feiert der ganze Tross den triumphalen Auftritt im Innenhof des schicken Phoenix-Motels – alle außer Kurt und Courtney, die sich in ein elegantes Hotel auf der anderen Seite der Stadt zurückgezogen haben. Das Phoenix ist mit einigen bösen Erinnerungen für sie verknüpft, sagt Courtney. Außerdem sind die Badetücher zu klein. Aber auch ohne die beiden hat sich der Ort in ein kleines Nirvana-Dorf verwandelt. Dave und seine Mutter und seine Schwester sind da, Chris und Shelli, außerdem der immer lächelnde Gitarrentechniker Ernie Bailey mit seiner Frau Brenda, Tourmanager Alex Macleod, Licht-Designerin Suzanne Sasic, Leute vom Gold Mountain Management, Mark Kates von Geffen/DGC, sogar zufällig in der Stadt weilende Mitglieder von Love Battery aus Seattle. Chris besorgt aus dem nächsten Supermarkt eine Menge Bier, und die Party dauert bis in die frühen Morgenstunden.

Am nächsten Tag pilgert Chris zum City Lights Bookstore, dem sagenumwobenen Denkmal aus der Beat-Ära. Er geht zu einem Bankomaten. Dort steht ein Obdachloser und verkündet: „Gute Neuigkeiten, Leute! Wir freuen uns mitteilen zu können, dass wir zu Ostern auch 20-Dollar-Noten annehmen!“ Chris gibt ihm eine.

Die Show im Cow Palace war ein Triumph. Sie war ein weiterer Beweis dafür, dass eine Punkrock-Band, die den Mainstream-Jackpot geknackt hatte, nicht nur einen Zufallstreffer gelandet hatte. Dieser Erfolg würde Auswirkungen haben, nicht nur für die Band selbst, sondern für alle Bands, die so wie sie waren, vielleicht sogar für das kulturelle Leben ganz allgemein. So sagte etwa Kim Gordon von Sonic Youth: „Wenn eine Band wie Nirvana aus dem Underground ganz nach oben kommt, dann drückt das eine echte Bewegung in der Kultur aus. Das ist nicht nur eine kommerzielle Angelegenheit.“

Was sich da in der Kultur bewegte, spiegelte sich nicht nur im Klang der Musik wider. Mindestens genauso wichtig war die Geschichte, wie diese Art Musik populär werden konnte. Das Phänomen Punkrock hat praktisch in dem Moment begonnen, als Johnny Ramone die erste Gitarrensaite anschlug. Er hat damit eineinhalb Jahrzehnte harter Arbeit von zahllosen Bands, unabhängigen Plattenfirmen, Radiosendern, Magazinen und Fanzines inspiriert. Kleine Schallplattenläden hatten sich in der Folge bemüht, eine Alternative zu dem unverbindlichen, herablassenden Mainstream-Rock zu schaffen, der der Öffentlichkeit von den großen Labels, den Mega-Plattenläden, den Radio-Stationen und den vom Starruhm geblendeten landesweiten Rock-Magazinen aufgehalst wurde.

Der von der Revolution des Punkrock aufgeputschte musikalische Underground baute ein weltweites Netzwerk auf, eine Art Schatten-Musikindustrie. Sie wuchs so lange, bis nicht einmal mehr die größten Anstrengungen der von den Baby Boomern kontrollierten Musikindustrie sie aufhalten konnte. R.E.M. waren die erste Explosion gewesen, später Jane’s Addiction, und dann kam der große Knall: Nevermind wurde über acht Millionen mal verkauft, setzte sich gegen Michael Jackson, U2 und Guns n’ Roses durch und erreichte die Nummer eins der Billboard Charts.

Damit begann eine neue Zeitrechnung: Alles war ab nun entweder prä- oder post-Nirvana. Radio und Presse begannen, das „Alternative“-Ding ernstzunehmen. Plötzlich änderten die Plattenfirmen ihre Strategien. Anstelle leichtgewichtiger, aber mit großem Aufwand beworbener Pop Acts, die sich zwar zu Beginn schnell verkauften, dann aber in die Bedeutungslosigkeit versanken, waren sie nun auf der Suche nach Verträgen mit Bands mit längerfristigem Potential. Auch die Promotion-Aktivitäten wurden bodenständiger – Schluss mit dem So-lange-Geld-hineinstopfen-bis-sich-etwas-verkauft. Gefragt war nun eine genaue Kopie davon, wie Nirvana ihren Weg gemacht hatten: eine kleine Kerngruppe bodenständiger Medien und Musikfans, deren unbezahlbare Mundpropaganda die Basis der Gruppe zunächst in kleinen Schritten, später dann sprunghaft verbreitert hatte. Ein Minimum an Werbung, einfach gute Musik.

Der Forscherdrang, den man entwickeln musste, um den Weg durch den Wust der Independent-Musik zu finden, war die Gegenbewegung zum passiven Herdenkonsum. Das war eine ziemlich vertrackte Entwicklung für die großen Plattenfirmen. Diese hatten sich nämlich mit der Zeit angewöhnt, sich bei der Bildung des Publikumsgeschmacks lediglich auf die Macht ihrer Werbedollars zu verlassen. Independent-Musik erforderte unabhängiges Denken, vom Künstler angefangen über den Vertrieb bis hin zu den Käufern. Es ist immerhin um einiges schwieriger, eine neue Single von Calamity Jane aufzuspüren, als auf dem Heimweg schnell die neueste C+C-Music-Factory-CD mitzunehmen.

1990 war es keinem Rock-Album gelungen, die Nummer eins der allgemeinen Album-Charts zu werden. Das veranlasste einige Experten in der Industrie sogar dazu, das Ende der Rockmusik vorherzusagen. Das Musikpublikum war von den Radio-Programmachern so sehr in einzelne Gruppen zergliedert worden, dass es immer unwahrscheinlicher schien, dass sich genügend Rock-Fans um ein einziges Album scharen würden, um es zur Nummer eins zu machen. Und während Rock immer mehr zu einer luftgetrockneten, zerkochten Pseudo-Rebellion verkam, trafen Strömungen wie Country oder Rap die Stimmungen und Anliegen der Massen viel genauer. Und dann gelang es plötzlich Nevermind, ein Publikum zu vereinigen, das noch nie einig gewesen war – diejenigen zwischen zwanzig und dreißig.

Diese „Twentysomethings“ wollten eine eigene Musik. Sie hatten genug von alten Knochen wie Genesis und Eric Clapton und wollten auch keine künstlichen Schöpfungen wie Paula Abdul oder Milli Vanilli in den Rachen geschoben bekommen. Sie brauchten etwas, das ausdrückte, was sie empfanden. Eine große Anzahl von ihnen waren Scheidungskindler. Sie lebten in dem Bewusstsein, die erste Generation in Amerika zu sein, die wenig Hoffnung darauf hatte, dass es ihr besser gehen würde als ihren Eltern. Sie waren die Generation, die die Steuerexzesse der Reagan-Ära ausbaden musste, die Generation, die ihre sexuelle Blütezeit im Schatten von AIDS verbringen musste, und die während ihrer gesamten Kindheit Albträume von Atomkriegen hatte. Sie fühlten sich machtlos bei der Rettung der gefährdeten Umwelt, und während ihres ganzen Lebens saßen entweder Reagan oder Bush – die Schöpfer eines repressiven sexuellen und kulturellen Klimas – im weißen Haus. Sie fühlten sich hilf- und wortlos.

In den Achtzigern hatten zwar viele Musiker die verschiedensten politischen und gesellschaftlichen Missstände angeklagt, aber die meisten von ihnen gehörten der Baby Boomer-Generation an – etwa Don Henley, Bruce Springsteen und Sting. Viele Fans erkannten diesen Protest als das, was er war: reine Pose, selbstgerecht, einem allgemeinen Trend folgend. Warum traten Duran Duran eigentlich bei Live Aid auf? Kurt Cobains Antwort auf harte Zeiten war so direkt wie nur möglich und eine ganze Menge ehrlicher. Er schrie seinen Zorn hinaus.

Es wäre falsch, Kurt Cobain als Vertreter und Sprachrohr einer Generation zu bezeichnen. Bob Dylan wäre so etwas. Doch Kurt Cobain lieferte keine Antworten, er stellte nicht einmal wirklich Fragen. Er brach in Wehklagen aus und verstummte in negativer Ekstase. Und wenn das der Sound der heutigen Jugend, der Teen Spirit, war, dann war das eben so.

Die Songs auf Nevermind hatten vielleicht auch Entfremdung und Apathie zum Thema. Aber es war Entfremdung und Apathie gegenüber Dingen, die ohnehin nicht viel zu bedeuten hatten. Im Gegensatz dazu legte die Band großen Wert auf Themen wie Feminismus, Rassismus, Zensur und vor allem Menschenfeindlichkeit. Jeder Gedanke an Passivität und Selbstmitleid wurde von der furchteinflößenden Kraft der Musik (vor allem vom explosiven Schlagzeugspiel von Dave Grohl) und dem unbestreitbar kunstvollen Aufbau der Songs hinweggefegt. Das war gefühlsbetonte Musik, die nicht aufgesetzt war. Der Erfolg von Nirvana war gleichzeitig die Ermächtigung einer machtlosen Generation.

Die Lebensgeschichten der Bandmitglieder waren ein Spiegelbild jener ihrer Generation. Alle drei stammten aus zerrütteten Familien. Alle drei (sogar ihr früherer Schlagzeuger) hatten eine schmerzliche Kindheit zu erdulden gehabt; zwei haben nicht einmal die Highschool abgeschlossen.

Obwohl man sie dem „Seattle Sound“ zurechnet, waren sie keine Band aus Seattle. Kurt Cobain und Chris Novoselic stammten aus Aberdeen, einer abgelegenen Holzfällerstadt an der Küste des Staates Washington. Die Band entstand dort und im nahegelegenen Olympia, der Heimstatt von K Records und der „Naiv Pop“-Band Beat Happening. Beides waren große philosophische, teils sogar musikalische Einflüsse für Nirvana. Wenn Kurt über Punkrock sprach, meinte er damit nicht grüne Haare und mit Sicherheitsnadeln durchstochene Nasenflügel. Er meinte das grundehrliche Do-it-yourself- und Lo-Tech-Ethos von K, Touch & Go, SST und anderen ungezügelten Indie-Labels. Punkrock ist ein Versuch, sich die Musik wieder aus dem vereinigten Reich der Konzerne zurückzuholen und sie den Menschen zurückzugeben, eine Art elektronische Volksmusik.

Die Mitglieder von Nirvana waren nie Handlanger der Industrie – sie haben das Hauptquartier ihrer Plattenfirma in L.A. genau ein Mal besucht. Nirvana definierten sich mit großer Sorgfalt als außerhalb des von Madison Avenue, den Fernsehbonzen, den großen Plattenfirmen und Hollywood ausgeheckten Mainstreams stehend. Um einen mittlerweile allgemein anerkannten Ausdruck zu gebrauchen: Nirvana verkörperten eine Alternative. Und wenn acht Millionen Menschen zum Ausdruck brachten, dass sie das auch so sahen, musste man eben den Mainstream neu definieren.

Viele Bands in den Charts machten ganz gute Musik, aber es blieb reine Unterhaltung. Nirvanas Musik zeitigte Wirkung. Sie war nicht glatt, nicht berechnend. Sie war erfrischend, angstmachend, schön, bösartig, vage und jubelnd. Und sie hatte nicht nur einen starken Rhythmus, sondern man konnte sogar mitsummen.

Die Band war nie auf der Suche nach Ruhm und noch weniger in der Lage, damit fertigzuwerden. Der Ruhm war eine Überraschung. Er erschreckte sie. Es war zu viel auf einmal. Es war schon für Chris und Dave schlimm genug, am schlimmsten aber war es für Kurt. Sie verbrachten einen Großteil des Jahres 1992 zurückgezogen, und erst am Anfang des darauffolgenden Frühjahrs waren sie fähig, alles mit etwas Distanz zu betrachten.

Dave erzählte seine Version der Geschichte im Laundry Room, einem bescheidenen Aufnahmestudio in Seattle, das er gemeinsam mit seinem alten Freund und Schlagzeugtechniker Barrett Jones besitzt. Er trug ein Button-Down-Shirt mit einem K-Records-Ansteckknopf am Revers und saß am Boden mitten unter Instrumenten, Verstärkern und Kabeln. Dabei verschlang er irgendein ungesundes Essen aus dem nahegelegenen Seven-Eleven-Supermarkt. Er wirkte weit abgeklärter, als man es ihm mit seinen vierundzwanzig Jahren zugetraut hätte. Er war sehr beherrscht; zeigte keine Anzeichen von Größenwahn, stellte aber auch sein Licht nicht unter den Scheffel. „Er ist der ausgeglichenste Bursche, den ich kenne”, sagte Kurt ganz stolz über ihn.

Dave ist der Unauffälligste der drei – schon alleine, weil er weder zwei Meter groß ist wie Chris noch der Frontman wie Kurt. Genau wie Chris besucht er regelmäßig Konzerte in Seattle und steht dabei mitten in der Menge – einfach wie jedermann. Er befand sich in einer idealen Situation, und das wusste er auch ganz genau. Er war Mitglied einer der erfolgreichsten Rockbands der Welt und konnte gleichzeitig die Leute, die ihn auf der Straße erkannten, an den Fingern einer Hand abzählen.

„Chris hat ein goldenes Herz“, sagte ein Freund der Familie. „Er ist eine gute Seele.“ Chris sprach langsam und behutsam. Obwohl er kein Intellektueller und Bücherwurm ist, hat er einen sehr tiefgehenden gesunden Menschenverstand. Er hat in jeder noch so vertrackten Situation eine ganz klare Aussage parat. Er sieht sich selber als Nachrichten-Junkie, ist sehr gut über die Zustände im früheren Jugoslawien, dem Herkunftsland seiner Familie, informiert und davon zutiefst betroffen.

Zusammen mit seiner schönen und klugen Frau Shelli besaß er ein bescheidenes Haus im eher stillen Universitätsbezirk in den Vororten von Seattle. Dort wohnten auch seine Schwester Diana und der Tourmanager Alex Macleod. Macleod war ein aufgeweckter Schotte mit Pferdeschwanzfrisur. Er war so loyal, dass er sich für jedes Mitglied der Band in die Schusslinie geworfen hätte. Robert, der Bruder von Chris, kam öfters vorbei. Es war Anfang März, und Kim Gordon und Thurston Moore von Sonic Youth waren gerade auf Besuch – sie waren in der Stadt, um ihre Welttournee zu beenden. Die beiden und Mark Ami von Mudhoney waren soeben vom Platteneinkauf zurückgekommen und hatten unter anderem alte 78er-Platten von Benny Goodman erstanden. „Royal Garden Blues“ krachte und grammelte aus der alten Victrola-Anlage, und Chris sagte scherzhaft zu Moore: „Super, Low Fidelity! Genauso klingt unsere neue Platte!“

Das Wohnzimmer war mit legeren Secondhand-Möbeln ausgestattet und wurde von einer riesigen Jukebox beherrscht. Aber es hielten sich ohnehin immer fast alle in der Küche auf – die Katzen Einstein und Doris mit eingeschlossen. Im Kühlschrank waren jede Menge Gemüse und Lebensmittel ohne Konservierungsstoffe. Soweit es möglich ist, verwendeten sie ausschließlich Recycling-Papier. Im Keller standen eine altmodische Bar aus den 50er Jahren und drei Flipperautomaten – Kiss, die Addams Family und Evel Knievel. Dort hatte Chris am Vorabend des Beginns der Aufnahmen zu ln Utero eine Party geschmissen. Die Party dauerte bis zum Morgengrauen. Mit von der Partie waren alte Freunde wie Matt Lukin von Mudhoney, Tad Doyle von TAD und Dee Plakas von L7, aber auch neue wie Eddie Vedder und Mitglieder der erweiterten Nirvana-Familie: Ernie Bailey oder Gary Gersh, der A&R-Manager von Geffen. Zu essen gab es vegetarische Hors d’Œeuvres, die Shelli selbst gemacht hatte.

Chris führte ein sehr bodenständiges Leben und ging sorgsam mit seinem Geld um – keine Spur von einem High-Life-Pop-Star. Von seinem Tape-Deck fiel dauernd die Verschlussklappe herunter.

Nach einem kurzen Vorbereitungsgespräch kurz vor Weihnachten 1992 fand Anfang Februar 1993 der erste Teil der mehr als fünfundzwanzig Interviewstunden statt. Wir begannen immer ziemlich spät am Abend, nach Kurts Rückkehr von den Proben für In Utero, und redeten bis vier oder fünf Uhr morgens. Kurt war gerade dabei, in eine Mietwohnung in Seattle zu übersiedeln, und latschte in seiner und Courtneys Hotelsuite auf und ab. Er trug einen Pyjama, bei dem das Oberteil nicht zur Hose passte, lind rauchte eine Zigarette nach der anderen. Seine Erzählungen waren mit trockenem und sarkastischem Humor gepfeffert. Einmal setzte er mitten drin eine Mind-Machine auf – ein Mittelding zwischen Walkman und privater psychedelischer Lichtshow. Er experimentierte damit, um seine chronischen Magenschmerzen zu bekämpfen. Verschiedene Einstellungen dieser Maschine sollten angeblich Gedächtnis, Kreativität, Energie und Entspannung stimulieren.

Für international gefeierte Stars lebten Kurt und Courtney ein ziemlich schlichtes Leben. Es gab weder Wachposten noch muskulöse Fleischberge als Leibwächter. Kurt nahm ein normales Taxi in die Stadt, kaufte sich einen Burger bei McDonald’s und trug dabei als Tarnung nur einen tief ins Gesicht gezogenen ziemlich lachhaften Elmer-Fudd-Hut. Einem Besucher gelang es sogar einmal, sie in ihrem Hotelzimmer aufzuspüren: Er betrat das Hotel, nahm den Aufzug in ihr Stockwerk und spazierte einfach ins Zimmer. Kurt und Courtney saßen gemeinsam im Bett und schauten sich einen sinnlosen Leif-Garrett-Film im Fernsehen an. „Oh Hi“, sagte Courtney einfach, ohne mit der Wimper zu zucken.

Kurt wirkte zerbrechlich, wie ein Kleiderständer. Seine Sprache war eine Art monotoner Singsang. Die vielen Zigaretten und die Proben hatten seine Stimmbänder bis auf ein dumpfes Brummen abgenutzt. Dadurch wirkte er traurig und verbraucht, als hätte er gerade einen Heulkrampf gehabt. Aber so war das eben. „Alle glauben, dass ich nichts als ein emotionales Wrack bin, ein absolut negativer schwarzer Stern – und dass das immer so ist“, sagte Kurt. „Und ich werde immer gefragt, was mit mir los ist. Dabei ist doch alles in Ordnung. Ich bin überhaupt nicht traurig. Ich bin schon so weit, dass ich mich selbst betrachte und mir versuche vorzustellen, was die Leute in mir sehen. Vielleicht sollte ich mir die Augenbrauen abrasieren. Das wäre eine gute Idee.“

Obwohl Kurts Charisma fast mit den Händen greifbar war, war er extrem zurückhaltend. Man tat sich leichter, wenn man beim Versuch der Einordnung seiner Reaktionen übersteigerte: ein zerstreutes „Hmph“ war in Wirklichkeit ein „Wow!“; ein kurzer Gluckser ein Lachanfall; ein böser Blick ein Mordanschlag.

Kurt hatte viele unterschiedliche Gesichter, wie auf seinen Fotos. Manchmal sah er aus wie ein engelsgleicher Knabe, manchmal wie ein verlorener Herumtreiber, manchmal wie einer, der Autogetriebe reparieren kann. Und manchmal, bei ganz bestimmten Lichtverhältnissen, wies er eine unheimliche Ähnlichkeit mit Axl Rose auf. Sein blasser Teint wurde zum Teil von schmutzigen Bartstoppeln verdeckt. Unter den ungewaschenen Haaren – seinem Markenzeichen – konnte man eine zornig rote Stelle auf seiner Kopfhaut sehen. Zum Zeitpunkt des Interviews hatte er die Haare erdbeerblond gefärbt. Meistens trug er Pyjamas und war ständig unfrisiert. Obwohl die Tageszeit mit seinen Plänen nicht viel zu tun hatte, hatte er auf dem Handgelenk ständig eine Uhr mit einem Porträt von Tom Peterson, dem Besitzer einer Haushaltswarenkette in Oregon.

Kurts Augen waren so extrem blau, dass er fast immer ein wenig erschrocken wirkte. Das und seine Pyjamas ließen ihn wie einen neurotischen Burschen aussehen, der orientierungslos im Haus eines Vietnam-Veteranen herumtappt. Dabei entging ihm aber nicht das Geringste.

Anfang März, nach den Aufnahmen zur neuen Nirvana-Platte In Utero, waren Kurt, Courtney und ihr Baby Frances in ein ziemlich großes Miethaus mit Blick auf den Lake Washington gezogen. Kurt saß am Küchentisch und spielte mit einem Plastikmodell eines Menschen. Es sah aus, als würde er es ausweiden, dazu rauchte er eine Zigarette nach der anderen. „Mir gefällt, dass man es auseinandernehmen kann, bis man die Eingeweide sieht“, sagte er. „Organe faszinieren mich. Sie funktionieren fast immer. Man kann sich kaum vorstellen, dass man so giftige Sachen wie Alkohol oder Drogen in das System schütten kann, und das Zusammenspiel klappt trotzdem – zumindest eine Zeit lang. Es verblüfft mich schon, dass sie es überhaupt vertragen.“

Das Haus war nur sehr sparsam möbliert, überall lag beigefarbener Teppichboden, die Wände waren kahl. Es sollte nur eine vorübergehende Bleibe sein. Kurt und Courtney wollten noch in diesem Jahr in ein umgebautes Haus in einer Kleinstadt wenige Meilen außerhalb von Seattle ziehen, außerdem waren sie auf der Suche nach einem Grundstück auf dem Capitol Hill, dem Hip-Viertel von Seattle. Im ersten Stock waren das Schlafzimmer, das Kinderzimmer und das Malzimmer von Kurt. Auf einer Staffelei befand sich das Porträt einer vertrockneten, elend aussehenden Kreatur mit skelettartigen Armen und leblosen schwarzen Augen. Im Badezimmer im Erdgeschoss stand der MTV-Award für die besten Newcomer, ein kleiner silberner Astronaut, und hielt die Toilette immer genau unter Beobachtung. Das Kindermädchen von Frances, Jackie, hatte sein Zimmer ebenfalls im Erdgeschoss. Im Esszimmer war eine Spielzeugautobahn aufgebaut.

Ein Zimmer im Haus war eine große Rumpelkammer. Auf dem Boden häuften sich alte Briefe, Notizen, Demobänder, Platten, Fotos und Posters aus Kurts musikalischen Anfangszeiten. An einer Wand lehnte Courtneys buddhistischer Gebetsschrein. Sie benutzte ihn nicht oft – wahrscheinlich, weil sie in dem ganzen Durcheinander gar nicht bis zu ihm durchkam. Aus einem umgestürzten braunen Papiersack kullerten ein paar Colonel-Sanders- und Pillsbury-Doughboy-Puppen aus Plastik.

Überall gab es Gitarren, sogar im Badezimmer. Eine klangvolle alte Martin lag im Wohnzimmer direkt neben einem bescheidenen rotlackierten Instrument mit Blumenmuster.

Die sieben Monate alte Frances Bean Cobain war ein schönes Baby. Sie hatte die durchdringenden blauen Augen ihres Vaters und die Züge ihrer Mutter. Ihre Eltern schenkten ihr angesichts des Besuchers fast übertrieben viel Aufmerksamkeit, aber man sah deutlich, dass sie sie wirklich liebten. Kurt schien etwas lockerer im Umgang mit Kindern als Courtney, aber beide beherrschten die üblichen „Goo-Goo“-Geräusche ziemlich gut.

Frances wirkte Wunder für Kurt. „Er schaut sie immer an und sagt: ,Genau so war ich! Genau so war ich!’“, sagte Courtney. „Man kann einen Menschen nicht von Grund auf verändern, aber ich habe das Ziel, Kurt wieder so glücklich wie damals zu machen. Aber es ist sehr schwer, weil er andauernd mit irgendetwas unzufrieden ist.“

Eines Abends klimperte Courtney im Wohnzimmer im ersten Stock auf einer akustischen Gitarre. Kurt war währenddessen in der Garage und schlug neben dem gebrauchten Volvo auf ein klappriges Schlagzeug ein, das von einer Tour in grauer Vorzeit übriggeblieben war. Die Garage war vollgestopft mit einer Unmenge Schachteln voller Papier, Bilder, Gitarrensaiten und jeder Menge Ramsch von jahrelangen Secondhand-Shop-Einkaufstouren. Zwei Schachteln platzten schier vor durchsichtigen Plastikfiguren – Männer, Frauen, sogar Pferde. Gleich daneben waren ein Verstärker, eine Bassgitarre und das einzige Stück im Haus, das als Luxus gelten konnte: ein Space-Invader-Videospiel, für das Kurt ein paar Hundert Dollar gezahlt hatte. Seine besten Ergebnisse speichert er mit Kürzeln wie „COK“, „POO“ oder „FUK“ ab.

Unsere Gespräche waren sehr offen. Kurt hatte eine einfache Erklärung für seine Offenherzigkeit. Jeder hat es gelesen“, sagte er über seine oft publizierten Heroinprobleme,„also kann ich es gleich zugeben und versuchen, dem ganzen etwas Perspektive zu geben. Die Leute glauben, dass ich seit Jahren ein Junkie bin. In Wahrheit war ich nur sehr kurz drogenabhängig.“

Darüber hinaus hatte er keine Angst, den gewaltigen Mythos um die Band oder sich selbst zu zerstören. Ganz im Gegenteil. „Ich wollte nie, dass wir mystifiziert werden“, sagte er einmal zu mir. „Es gab nur am Anfang einfach nichts über uns zu sagen. Jetzt, nachdem einige Zeit vergangen ist, haben wir eine Geschichte. Trotzdem denke ich jedesmal nach unseren Gesprächen: ,Gott, mein Leben ist so verdammt öde im Vergleich zu so vielen Menschen, die ich kenne.‘“

Kurt wollte vieles richtigstellen. Es gab so viele Gerüchte über ihn, seine Frau und ihr Baby, dass er es für angebracht hielt, alles genauso zu erzählen, wie es war. Seine Erzählungen wirkten zwar manchmal selbstgerecht und gespickt mit krampfhaften Erklärungen und Widersprüchen, aber selbst diese verzerrte Darstellung enthüllte vieles über sein Leben, seine Kunst und die Zusammenhänge zwischen beidem.

Kapitel eins

Ein kleiner aufmüpfiger Junge mit fettigen Haaren

Aberdeen, Washington (16.660 Einwohner), liegt hundertacht lange Meilen südwestlich von Seattle weit draußen an der äußersten Küste des Staates Washington. In Seattle regnet es schon häufig, aber in Aberdeen noch mehr, bis zu 200 cm pro Jahr. Das sorgt für eine andauernde Dunstglocke über der Stadt. Der nächste Freeway ist weit, daher dringt nichts herein und kaum etwas hinaus.

Kunst und Kultur überläßt man hier lieber den hochnäsigen und großkotzigen Typen drüben in Seattle – zu den „faszinierenden Aktivitäten“, die in einer Broschüre der Grays Harbour County Chamber of Commerce aufgelistet sind, zählen Bowling, Motorsägen-Wettkämpfe und Spielhallen.

An der Route 12, die nach Aberdeen führt, reihen sich die Wohnwagenparks endlos aneinander, dahinter liegen Hunderte Hektar Waldland, die an vielen Stellen dort, wo die Holzfäller Kahlschlag betrieben haben, durch große stoppelige Narben verunstaltet sind. Von Osten kommend, fällt einem am Wishkah River zuallererst der langgestreckte hässliche Weyerhauser-Holzlagerplatz ins Auge, auf dem die entasteten Leichen einstmals stolzer Bäume wie Opfer eines Massenmordes übereinandergestapelt sind. Von der anderen Seite des Flusses aus überblickt eine lange Reihe von Imbiss-Buden die Szene.

Das Holzfällergewerbe bestimmt die Stadt; besser gesagt, es bestimmte sie einmal. Das Geschäft ist über die Jahre immer schlechter geworden, eine Kündigungswelle macht Aberdeen immer mehr zu einer Geisterstadt. In Zeiten wie diesen gibt es in den Straßen der Stadt immer mehr leere oder mit Brettern vernagelte Geschäftslokale. Lediglich Kneipen wie das Silver Dollar oder eine mit dem passenden Namen Pourhouse und der von Schusswaffen, Motorsägen und elektrischen Gitarren überquellende örtliche Pfandleiher florieren. Die Selbstmordrate im Grays Harbour County ist eine der höchsten in den ganzen Vereinigten Staaten; die Trunksucht greift um sich, und Crack gibt es hier auch schon seit Jahren.

Die Menschen konzentrieren ihren Hass auf die Schleiereule – Kochrezepte für diese bedrohte Art findet man hier auf vielen Autoaufklebern –, obwohl die Dezentralisierung der Holzindustrie, die steigenden Arbeitskosten und die Automation die wahren Ursachen der Arbeitslosigkeit sind. Eine der größten Sägemühlen der Stadt beschäftigte früher jede Menge Arbeiter, jetzt gibt es dort nur mehr fünf: vier Menschen und eine computerisierte Schneidemaschine mit Lasertechnik.

Eine der schnellstwachsenden Industrien in der Gegend ist der Anbau von Marihuana und psychedelischen Pilzen. Die Leute tun das, um ihre mageren oder gar nicht vorhandenen Einkommen aufzubessern.

Die Verhältnisse waren nicht immer so hart. Früher einmal war Aberdeen ein geschäftiger Hafen gewesen, in dem die Seeleute gerne Rast, Essen und gemietete weibliche Begleitung suchten. Tatsächlich war die Stadt ein riesiges Bordell, dessen Mittelpunkt auf der berüchtigten Hume Street lag (die Stadtväter benannten sie in den fünfziger Jahren in State Street um, um die Erinnerungen zu tilgen). Später wurde die Stadt ein Eisenbahn-Endbahnhof und Stützpunkt für Dutzende von Sägemühlen und Holzfällerfirmen. Aberdeen wimmelte nur so von alleinstehenden jungen Männern, die mit der Holzindustrie eine Menge Geld machten, und die Prostitution florierte. Es gab teilweise bis zu fünfzig Bordelle (sogenannte „Frauenpensionen“) gleichzeitig. Die Prostitution währte bis in die späten fünfziger Jahre, als ein hartes Durchgreifen der Polizei der Sache ein Ende machte. Manche sagen, dass die rühmlose Vergangenheit der Stadt ihren Bewohnern einen Minderwertigkeitskomplex beschert hat.

Genau dort wurde Kurt Donald Cobain am 20. Februar 1967 geboren, seine Eltern waren die Heimarbeiterin Wendy Cobain und ihr Mann Donald, Mechaniker beim Chevron-Stützpunkt der Stadt. Die junge Familie verbrachte die erste Zeit in einem Miethaus im nahegelegenen Hoquiam. Als Kurt sechs Monate alt war, zogen sie nach Aberdeen.

Kurt wusste während seiner gesamten Kindheit und Jugend nicht, woher sein Familienname kam. Seine Großmutter mütterlicherseits stammte aus Deutschland, aber das war auch schon alles. Erst kürzlich hatte er entdeckt, dass der väterliche Zweig seiner Familie von Vollblut-Iren abstammt und dass Cobain eine Verballhornung des Namens Coburn ist.

Obwohl die Cobains nur über bescheidene Mittel verfügten, ließ sich das Leben für ihren goldlockigen Sohn gut an. „Meine Mutter war mir körperlich immer sehr zugetan“, sagte Kurt. „Wir küssten uns zum Abschied und umarmten uns. Das war wirklich cool. Es überrascht mich immer wieder, dass es das in vielen Familien nicht gibt. Das waren damals glückliche Zeiten.“

Kurts Schwester Kim wurde drei Jahre nach ihm geboren, aber Kurt und seine Mutter hatten schon ein festes Band geknüpft. „Das Erstgeborene ist besonders“, sagte Wendy, die jetzt zum zweiten Mal verheiratet ist und mit ihrem Mann und der acht Jahre alten Tochter noch immer im selben Haus in Aberdeen lebt. „Kein Kind kann auch nur annähernd an das herankommen. Ich war total auf ihn fixiert. Jede wache Stunde meines Lebens gehörte ihm.“

Kurt war offensichtlich ein sehr aufgewecktes Kind. „Ich habe einmal sogar meine Mutter angerufen“, erinnerte sich Wendy, „und ihr erzählt, fast etwas beunruhigt zu sein, weil er Dinge wahrnahm, die sonst kein Kind in seinem Alter bemerkte.“

Kurt zeigte sein Interesse für Musik schon mit zwei Jahren, was an sich nicht überrascht, da der mütterliche Zweig der Familie sehr musikalisch ist – Wendys Bruder Chuck war in einer Rock’n’Roll-Band, ihre Schwester Mary spielte Gitarre, und auch alle anderen hatten die eine oder andere musikalische Begabung. Zu Weihnachten wurde immer gemeinsam gesungen oder parodiert.

Ein Onkel von Wendy war nach Kalifornien gezogen, hatte seinen Namen von Delbert Fradenburg in Dale Arden geändert, dort opernhafte Balladen gesungen und in den späten Vierzigern und frühen Fünfzigern ein paar Platten aufgenommen. Er schloss Freundschaft mit dem Schauspieler Brian Keith (der später Star der Sechziger-Situationskomödie „Family Affair“ wurde) und mit Jay Silverheels, dem Tonto in der Femsehserie „Lone Ranger“. „Es gab also schon vorher Berühmtheiten in der Familie“, scherzte Wendy.

Tante Mary gab Kurt Platten von den Beatles und den Monkees, als er ungefähr sieben war. Sie lud ihn immer wieder in ihr Haus zu den Proben ihrer Band ein. Mary – eine Country-Musikerin, die immerhin auch schon eine Single aufgenommen hatte – spielte jahrelang in verschiedenen Bar-Bands in der Gegend, manchmal trat sie allein im Riviera Steak House auf, und einmal belegte sie bei einem lokalen Femsehwettbewerb namens „You Can Be a Star“ den zweiten Platz.

Mary versuchte, Kurt das Gitarrespiel beizubringen, aber er hatte nicht die Geduld dazu – Tatsache ist, dass er überhaupt kaum zum Stillsitzen zu bewegen war. Die Ärzte stellten sogar die Diagnose „Hyperaktivität“.

Wie viele Kinder aus seiner Generation wurde Kurt mit dem Medikament Ritalin behandelt, einer Art Speed, das gegen die Hyperaktivität wirkt. Das Ritalin hielt ihn bis vier Uhr morgens wach, und Beruhigungsmittel bewirkten nur, dass er in der Schule einschlief. Schließlich strich man Zucker und den berüchtigten „roten Farbstoff Nummer zwei“ aus seiner Ernährung, und es half. Für ein hyperaktives Kind war es allerdings sehr schwer, ohne Zucker auszukommen, berichtete Wendy: „Sie sind mehr oder weniger süchtig nach Zucker.“

Aber nicht einmal das Süßigkeitsverbot dämpfte Kurts aufgewecktes Wesen merklich. „Er erwachte jeden Morgen mit einer Riesenfreude auf den neuen Tag“, sagte Wendy. „Er war so enthusiastisch. Er stürmte aus dem Schlafzimmer und war total aufgeregt und begierig auf das, was ihm der neue Tag bringen würde.“

„Ich war ein extrem glückliches Kind“, sagte Kurt. „Ich brüllte und sang die ganze Zeit über. Ich wusste nie, wann es genug war. Manchmal machten sich die anderen Kids lustig über mich, weil ich gar so wild aufs Spielen war. Ich nahm das Spielen sehr ernst. Ich war einfach wirklich glücklich.“ Da Kurt das erste Kind seiner Generation war, stritten sich sieben Tanten und Onkeln, wer den Babysitter spielen durfte. Da er es gewohnt war, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen, unterhielt er jedermann, der ihm nur zusehen wollte. „Er war sehr schauspielerisch veranlagt“, sagte Wendy. „Er warf sich sogar mitten in einem Geschäft auf den Boden, um einem alten Mann, der ihn so gerne singen hörte, einen Gefallen zu tun.“ Eine von Kurts Lieblingsplatten war Alice’s Restaurant von Arlo Guthrie. Er sang vor allem Guthries „Motorcycle Song“ sehr häufig. „Ich möchte keine Schwierigkeiten/ Ich möchte nur auf meinem Motorrad fahren/ Und ich will nicht sterben!“

Als er sieben war, schenkte ihm seine Tante Mary eine Basstrommel. Kurt hängte sie sich um und marschierte in der ganzen Gegend auf und ab. Dabei trug er eine Jagdkappe und die Tennisschuhe seines Vaters, schlug die Trommel und sang Beatles-Lieder wie „Hey Jude“ und „Revolution“.

Kurt mochte es gar nicht, wenn Männer ihre Blicke auf Wendy warfen – sie war eine sehr attraktive Frau mit blondem Haar und hübschen blauen Augen. Don schien das nie viel auszumachen, aber Kurt wurde immer zornig und eifersüchtig – „Mama, dieser Mann starrt dich an!“, rief er dann. Einmal sagte er sogar einem Polizisten deutlich seine Meinung.

Schon mit drei Jahren mochte Kurt Polizisten nicht besonders. Immer wenn er einen sah, sang er ein kleines Lied: „Nehmt euch die Cops vor! Die Cops kommen! Sie werden euch umbringen!“ – „Immer wenn ich Polizisten sah, begann ich das Lied zu singen, zeigte mit dem Finger auf sie und sagte ihnen, dass sie böse wären“, erzählte Kurt grinsend. „Das war ziemlich wichtig für mich. Ich mochte sie überhaupt nicht.“ Als er einige Jahre älter war, füllte er „Seven-Up“-Dosen mit Kieselsteinen und warf damit nach Polizeiautos – er traf aber nie wirklich eines.

Etwa um diese Zeit lernte Kurt auch irgendwie, wie man den Mittelfinger auf die vielgerühmte Art ausstreckt. Während seine Mutter in der Stadt herumfuhr, um Besorgungen zu machen, saß er auf der Rückbank und zeigte jedem, den sie überholten, den „Finger“.

In der zweiten Schulklasse fiel allen auf, wie gut Kurt zeichnen konnte. „Nach einer Weile hing es ihm zum Hals heraus“, sagte Wendy. „Er bekam immer nur Pinsel oder Staffeleien geschenkt. Wir ruinierten die Sache für ihn beinahe.“

Jedermann meinte, dass Kurts Zeichnungen und Gemälde großartig wären – außer ihm selbst. „Er war nie glücklich mit seinen Werken“, sagte Wendy. „Er war nie zufrieden damit, typisch für einen Künstler.“ Einmal – es war rund um Halloween – kam Kurt mit der Schulzeitung heim. Auf der Vorderseite war eine von seinen Zeichnungen abgedruckt, eine Ehre, die normalerweise erst Kindern ab der fünften Klasse zuteilwurde. Kurt aber war richtig erbost darüber, weil er sein Bild nicht für so gut hielt. „Seine Verhältnis zu den Erwachsenen änderte sich dadurch grundlegend“, sagte Wendy. „Alle beteuerten, wie sehr sie seine Werke liebten, aber er selbst war nie zufrieden.“

Bis zur dritten Klasse wollte Kurt Rockstar werden – er spielte Platten der Beatles und ahmte die Bewegungen dazu auf seiner kleinen Plastikgitarre nach. Dann wollte er ziemlich lange Stuntman werden. „Ich spielte gerne draußen, fing Schlangen, sprang mit meinem Fahrrad vom Dach“, erinnerte er sich. „Evel Knievel war mein großes Idol.“ Einmal holte er die gesamte Bettwäsche samt Polster und Matratzen aus dem Haus, legte sie auf und sprang vom Dach aus hinein; ein anderes Mal nahm er ein Stück Metall, befestigte es an seiner Brust, legte einige Knallkörper darauf und zündete sie an.

Manchmal besuchte Kurt Wendys Bruder Chuck, der in einer Band spielte. Chuck hatte Lautsprecher für sein Kellerstudio gebaut, die so groß waren, dass er sie nicht einmal aus dem Raum herausschaffen konnte. Er gab Kurt ein Mikrophon und ließ ein Band mitlaufen. Wendy besitzt noch eine Aufnahme, als Kurt etwa vier Jahre alt war. Zuerst singt er, und dann, als er glaubte, dass niemand zuhört, beginnt er schmutzige Worte zu sagen. „Poo-doo“, sagt er. „Poo-doo!“

Don und Wendy schenkten Kurt ein kleines Mickymaus-Schlagzeug. „Ich trieb ihn irgendwie zum Schlagzeug, weil ich selbst eigentlich Schlagzeugerin hatte werden wollen“, gestand Wendy ein. „Aber meine Mutter hielt es für außerordentlich unweiblich, also ließ sie mich nie spielen.“ Kurt musste man nicht treiben – sobald er aufrecht sitzen und Dinge halten konnte, schlug er auf Töpfe und Pfannen ein. Er drosch jeden Tag nach der Schule auf sein Mickymaus-Schlagzeug, bis es irgendwann kaputtging.

Obwohl es nicht gerade im besten Teil Aberdeens lag – in Wahrheit ist die Gegend ziemlich heruntergekommen –, war das Haus der Cobains immer das schönste des gesamten Blocks. Don hielt es in Top-Zustand, verlegte Spannteppiche, installierte einen Kamin mit Feuerimitation und montierte eine Decke mit Paneelen aus Holzimitation. Kurt über seine Erziehung: „Es war weiße Armut, die auf Mittelklasse machte.“

Wendy kam aus einer Familie, die man schwer als wohlhabend bezeichnen konnte, aber ihre Mutter hatte immer alles unternommen, um ihre Kinder so herzurichten, als besäßen sie mehr, als sie in Wahrheit hatten. Wendy war genauso. Jeden Tag kämmte sie Kurts Haar so sorgfältig, dass er aussah wie Shaun Cassidy, kümmerte sich darum, dass seine Zähne geputzt waren, und zog ihm die schönsten Sachen an, die sie sich nur leisten konnten. Dann machte sich Kurt mit seinen grobstolligen Wanderschuhen auf den Weg zur Schule. Sie zwang Kurt sogar dazu, einen Pullover anzuziehen, auf den er allergisch war – nur weil er ihm so gut stand. „Meine beiden Kinder waren wahrscheinlich die bestangezogenen in ganz Aberdeen“, sagte Wendy. „Dafür habe ich gesorgt.“

Wendy versuchte, ihre Kinder von dem fernzuhalten, was sie „gewisse Freunde mit gewissen Arten von Hintergrund, die in gewissen Situationen lebten“ nannte. Kurt meinte, dass sie ihm damit hauptsächlich vermitteln wollte, sich von armen Kindern fernzuhalten. „Meine Mutter war der Meinung, dass ich besser war als diese Kinder, also legte ich mich immer wieder mit ihnen an – diesen schäbigen, schmutzigen Kindern“, sagt Kurt. „Ich erinnere mich zum Beispiel, dass es einige gab, die andauernd nach Pisse stanken, und die tyrannisierte ich und schlug mich mit ihnen. Als ich in der vierten Klasse war, bemerkte ich, dass diese Kinder wohl cooler waren als die aus einer höheren Schicht, irgendwie ursprünglicher, mit beiden Füßen auf der Erde, näher beim Schmutz.“ Später wurden Kurts ungewaschene Haare, die ewigen Bartstoppeln und seine abgerissene Kleidung zu weltberühmten Markenzeichen.

Während der dritten Klasse begann Kurt, Schlagzeugstunden zu nehmen. „Solange ich denken kann, sogar schon als kleines Kind“, sagte Kurt, „wollte ich Ringo Starr sein. Aber eigentlich wollte ich John Lennon am Schlagzeug sein.“ Kurt spielte in der Schul-Band, obwohl er nie Notenlesen gelernt hatte – er wartete einfach, bis das Kind, das vor ihm saß, das Lied gelernt hatte, und machte ihm dann alles nach.

Um die Weihnachtszeit des Jahres 1974 – Kurt war sieben – schien es ihm, als würde ihn seine Mutter für ein Problemkind halten. „Das Einzige, was ich mir in diesem Jahr wirklich wünschte, war eine Starsky-and-Hutch-Pistole um fünf Dollar“, erzählte Kurt. „Statt dessen bekam ich nur einen Haufen Kohle.“

Kurt sagte, dass er von Natur aus beidhändig gewesen war, aber sein Vater hätte versucht, ihn zum Rechtshänder zu erziehen, aus Angst, dass Kurt in seinem späteren Leben als Linkshänder Probleme bekommen könnte. Wie auch immer, er wurde zum Linkshänder.

Während seines ganzen Lebens wurde Kurt andauernd von den verschiedensten gesundheitlichen Problemen verfolgt. Außer an seiner Hyperaktivität litt er an chronischer Bronchitis. In der achten Klasse wurde bei ihm eine leichte Skoliose – eine Verkrümmung der Wirbelsäule – diagnostiziert. Mit fortschreitender Zeit verschlimmerte sich diese Sache durch das Gewicht der Gitarre. Wäre er Rechtshänder gewesen, hätte sich das Problem von selbst behoben.

1975, als Kurt acht Jahre alt war, ließen sich seine Eltern scheiden. Wendy gibt als Grund von ihrer Seite an, dass Don einfach nicht genug da gewesen wäre – er war immer irgendwo, um Baseball oder Basketball zu spielen, Teams zu betreuen oder zu schiedsrichtern. Im Rückblick ist sie sich nicht sicher, ob sie ihn jemals wirklich geliebt hatte. Don kämpfte lange gegen die Scheidung. Sowohl Wendy als auch Don geben zu, dass die Kinder später in den Krieg zwischen ihren Eltern hineingezogen wurden. Für Kurt waren die Scheidung und ihre Nachwehen sehr schlimm. „Sein Leben wurde zerstört“, sagte Wendy. „Er änderte sich total. Ich glaube, er schämte sich. Und er wurde sehr introvertiert – er behielt alles für sich. Er wurde richtig scheu.“

„Ich glaube, er leidet noch immer“ fügte sie hinzu. Das früher sonnige, offenherzige Kind wurde „richtiggehend mürrisch, irgendwie verrückt, andauernd finster und sehr spöttisch.“ An die Wand seines Schlafzimmers schrieb Kurt: „Ich hasse Mom, ich hasse Dad, Dad hasst Mom, Mom hasst Dad – das muss einen einfach traurig machen.“ Ein Stück oberhalb zeichnete er Karikaturen von Wendy und Don und schrieb dazu die Worte „Dad sucks“ und „Mom sucks“. Damnter malte er ein Gehirn mit einem großen Fragezeichen. Die Zeichnungen sind noch immer auf der Wand, genauso wie einige raffinierte Led-Zeppelin- und Iron-Maiden-Logos, die auch von Kurt stammen (er bestritt, sie gemacht zu haben, aber Schwestern lügen nicht).

Kurt erging es wie vielen Kindern seiner Generation – Tatsache ist, dass jeder, der irgendwann einmal bei Nirvana spielte (mit einer Ausnahme) aus einer zerrütteten Familie kam. Die Scheidungsrate schoss Mitte der Siebziger Jahre in die Höhe, sie war mehr als doppelt so hoch wie zehn Jahre zuvor. Die Kinder aus diesen zerbrochenen Ehen hatten weder einen Weltkrieg noch eine Depression, in denen sie sich behaupten hätten müssen. Sie hatten keine Familie. Folgerichtig waren ihre Kriege privater Natur.

Kurt beschrieb die Situation, als wäre in ihm ein Licht ausgegangen, ein Licht, das er noch immer wiederzufinden versuchte. „Ganz plötzlich war ich nicht mehr derselbe Mensch, als wäre mir meine Ehre genommen worden“, sagte er. „Ich glaube, ich hatte das Gefühl, die Gesellschaft der anderen Kinder nicht mehr zu verdienen, denn sie hatten Eltern, und ich hatte keine mehr.“

„Ich war einfach ungeheuer satt auf meine Eltern, weil sie nicht in der Lage waren, mit ihren Problemen fertigzuwerden“, setzte er fort. „Während des größten Teils meiner Kindheit, nach der Scheidung, schämte ich mich für meine Eltern.“

Allerdings hatte Kurt schon vor der Scheidung begonnen, sich als Außenseiter zu fühlen. „Vor allem mit meinem Vater hatte ich keinerlei Gemeinsamkeiten. Er wollte, dass ich Sport betreibe, aber ich mochte keinen Sport. Ich war künstlerisch, und er hielt einfach nichts davon, also schämte ich mich immer. Ich konnte einfach nicht verstehen, wie ich ein Produkt meiner Eltern sein sollte, weil sie überhaupt nicht künstlerisch waren, ich aber schon. Ich mochte Musik, sie mochten sie nicht. Im Unterbewusstsein glaubte ich vielleicht, dass ich adoptiert war – seit dieser Folge der Partridge Family; in der Danny glaubte, er wäre nur adoptiert. Das ging mir nicht aus dem Kopf.“

Kurts Kreativität und Intelligenz – und die frühe Einsicht, dass er zum Künstler geboren war – verschlimmerten das Problem. „Bis ins Alter von zehn oder elf hatte ich nicht mitbekommen, dass ich anders war als meine Schulkameraden“, sagte er. „Dann merkte ich langsam, dass mich Zeichnen und Musikhören viel mehr interessierte als die anderen Kinder. Das entwickelte sich langsam, aber stetig, und ich spürte es immer mehr. Als ich zwölf war, war ich komplett abgehoben.“ Als er überzeugt war, dass er niemanden, der ihm ähnlich war, finden würde, bemühte er sich gar nicht mehr um Freundschaften.

„Es war diese Stadt – wäre er irgendwo anders aufgewachsen, wäre alles kein Problem gewesen“, sagte Wendy. „Aber diese Stadt ist ziemlich genau wie Peyton Place. Alle beobachten einander, richten einander aus und haben ein System mit kleinen Schubladen, in die jeder passen und in denen jeder bleiben sollte – und da passte er nicht hinein.“

Kurt lebte noch ein Jahr nach der Scheidung bei seiner Mutter. Aber er mochte ihren neuen Freund nicht, für ihn war er ein „gemeiner Riese, der Frauen schlägt.“ Zunächst führte Wendy die Abneigung von Kurt gegen ihren Freund auf pure Eifersucht zurück. Fünf Jahre später merkte sie selbst, dass ihr Freund „ein wenig verrückt“ war – in Wahrheit litt er an paranoider Schizophrenie. Kurt war sehr unglücklich und richtete seinen Zorn gegen jedermann – von Wendy bis zu seinen Babysittern, die er am liebsten aus dem Haus sperrte. Wendy konnte ihn nicht mehr unter Kontrolle halten, also schickte sie ihn zu Don in dessen Wohnwagen in Montesano, einer winzigen Holzfällersiedlung etwa 20 Meilen östlich von Aberdeen.

Dons Wohnwagen war kein richtiger Trailer, sondern ein Fertigteilhaus, das in zerlegtem Zustand transportiert und auf einem Wohnwagenparkplatz zusammengesetzt wird. „Es war keines von den luxuriösen – die waren doppelt so groß und für den reichen weißen Abschaum“, sagte Kurt.

Am Anfang war es großartig. Don kaufte Kurt einen kleinen Motorroller, und sie unternahmen viel gemeinsam, zum Beispiel Wochenenden am Meer oder Camping. „Er hatte alles“, sagte Don. „Er hatte völlig freie Hand im ganzen Haus, er hatte ein Motorrad, er konnte tun, was immer er wollte, immer war etwas los. Aber dann, als zwei andere Kinder und eine neue Mutter auf den Plan traten ...“

Don hatte Kurt einmal unvorsichtigerweise versprochen, dass er nie wieder heiraten würde. Dieser Schwur hielt nur kurz, bis zum Februar 1978. Seine neue Frau brachte ihre zwei Kinder mit in die Ehe, und alle zogen in ein hübsches Haus in Montesano. Kurt kam mit seiner neuen Familie überhaupt nicht aus, am wenigsten mit seiner neuen Stiefmutter. „Bis heute kenne ich keine verlogenere Person“, sagte er. „Man kann sich kaum einen netteren Menschen vorstellen“, protestierte Don. „Sie war einfach perfekt zu ihm, machte alles mit, besorgte ihm kleine Jobs und versuchte, sich um alles zu kümmern, aber seine Art und Weise, und was er tat und nicht tat, zerstörten einfach die ganze Familie.“

Kurt schwänzte die Schule und weigerte sich, im Haushalt mitzuhelfen. Don sagte, dass er zu dem Job als Aushilfskellner, den er ihm besorgt hatte, nicht einmal aufgekreuzt war. Er begann, auf seinem jüngeren Stiefbrüder herumzuhacken, und auch seine Stiefschwester mochte er nicht besonders – obwohl sie vier Jahre jünger war als Kurt, sollte sie immer seine Babysitterin spielen, wenn die Eltern ausgingen.

Dann merkte er, dass sein Vater für seine Stiefgeschwister Unmengen von Spielzeug zu kaufen begann. Während er in seinem Kellerzimmer herumhing, fuhren sie ins Einkaufszentrum und kamen mit Starhorse- oder Tonka-Lastautos zurück.

„Ich versuchte alles, um ihm das Gefühl zu vermitteln, dass wir ihn mochten und dass er Teil der Familie war“, sagte Don und behauptete, dass er sich um die Vormundschaft für Kurt bemüht hatte, um ihn besser in die Familie zu integrieren. „Aber er wollte einfach nicht hier bleiben, sondern zurück zu seiner Mutter, und die wollte ihn nicht. Und jetzt ist sie die Gute und ich bin der große Bösewicht.“

Aber vielleicht steckte mehr dahinter. „Manchmal bin ich sehr emotionell, manchmal weiß ich aber auch einfach nicht, wie ich meine Gefühle ausdrücken soll“, gestand Don. „Manchmal verletze ich mit meiner Art die Gefühle der anderen. Ich möchte niemanden verletzen, aber ich merke es wahrscheinlich einfach nicht.“ Vielleicht passierte so etwas mit Kurt. „Vielleicht“, sagte Don. „Bestimmt.“

Seltsamerweise scheint Don unter totalem Gedächtnisschwund zu leiden, was seine Jahre mit Kurt betrifft. Obwohl er heute ein netter und einfacher Mann zu sein scheint, könnte die Belastung der Scheidung die dunklere Seite seiner Persönlichkeit ans Licht gebracht haben. „Ob ich mit starker Hand regiert habe?“, sagte er. „Gut, meine Frau sagt ja. Ich gehe wahrscheinlich schneller in die Luft, als ich wahrhaben will. Und ich verletze die Gefühle meiner Mitmenschen. Ich komme darüber hinweg, ich vergesse es einfach, aber die anderen vergessen nicht. Mein Vater, er schlug mich mit einem Gürtel und so, er verpasste mir sogar blaue Augen, aber ich weiß nicht, ja, ich schlug ihn auch mit einem Gürtel, ja.“

„Alles, was Kurt tat, war eine Reaktion auf Dons Verhalten“, sagte Wendy. „Wenn Don bei einem Baseballspiel schlecht gewesen war, war er so aufgebracht, dass er seinen Zorn an Kurt ausließ. Er erlaubte ihm nie, einfach ein Kind zu sein. Er wollte aus ihm einen kleinen Erwachsenen machen, der sich perfekt benahm und nie einen Fehler beging. Er schlug Kurt auf die Knöchel und nannte ihn einen Dummkopf. Er war einfach sehr leicht aus der Fassung zu bringen und dann – zack, eins auf den Kopf. Meine Mutter sagt, sie weiß noch, dass er Kurt einmal quer durchs ganze Zimmer geschleudert hat – damals war er ungefähr sechs.“ Don sagte, dass er sich an nichts Derartiges erinnern könne.

„Das nennt man Leugnen“, gab Wendy zurück.

Nach der Scheidung hatte Don begonnen, bei Mayer Brothers, einer Holzfällerfirma, als Kontrolleur zu arbeiten. „In der Hauptsache“, sagte Kurt, „ging er den ganzen Tag herum und zählte Baumstämme.“

„Seine Vorstellung eines Vater-und-Sohn-Tages war, mich am Samstag oder Sonntag zur Arbeit mitzunehmen. Ich saß dann in seinem Büro, während er herumspazierte und Baumstämme zählte. Wirklich ein sehr aufregendes Wochenende.“ Während er im Büro seines Vaters war, zeichnete Kurt meistens oder machte Scherzanrufe am Telefon. Manchmal ging er ins Lager und spielte auf den Holzstapeln. Nach all dieser „Aufregung“ setzte er sich in den Kombi seines Vaters und hörte sich News of the World von Queen andauernd hintereinander auf dem Kassettengerät an. Manchmal so lange, bis die Autobatterie leer wurde und sie jemanden suchen mussten, der ihnen beim Anstarten half.

Don war während seiner Highschool-Zeit immer bei den Sportlern gewesen, aber er hatte es im Sport nie wirklich zu etwas gebracht, wahrscheinlich weil er zu klein für sein Alter war. Dons Vater hatte große Erwartungen in ihn gesetzt, aber er konnte einfach nicht mithalten. Einige sehen darin den Grund, warum Don Kurt zum Sport zwang.

Don sorgte dafür, dass Kurt in der Junior-Highschool der Ringermannschaft beitrat. Kurt hasste die aufreibenden Trainings, und noch mehr hasste er es, sich mit den Sportlern herumtreiben zu müssen. „Ich hasste es – jede einzelne Sekunde davon“, sagte Kurt. „Ich hasste es einfach unheimlich.“ Und am Abend, wenn er vom Training heimkam, „wartete immer dieses abstoßende, verschrumpelte, trockene Essen, das meine Stiefmutter mit einer Menge Liebe und Vorbereitung gekocht hatte, und es stand seit der Essenszeit auf kleiner Flamme am Ofen und war einfach komplett vertrocknet und furchtbar. Sie war die schlechteste Köchin, die man sich vorstellen kann.“

Nichtsdestotrotz war er im Ringen ganz gut gewesen, hauptsächlich, weil er seinem Zorn auf der Matte freien Lauf lassen konnte. Aber eines Tages, bei einem großen Meisterschaftskampf, fasste Kurt den Entschluss, es seinem Vater heimzuzahlen. Er und sein Gegner betraten die Matte und gingen in Position, während Don auf der Tribüne saß, um seinen Sohn anzufeuern. „Ich war auf meinen Händen und Knien und schaute zu meinem Vater hinüber, lächelte und wartete auf den Anpfiff“, sagte Kurt. „Ich starrte ihm ins Gesicht und tat dann gar nichts mehr. Ich verschränkte meine Arme und ließ mich einfach auf die Schultern legen. Du hättest seinen Gesichtsausdruck sehen sollen. Er ging nach der Hälfte sogar raus, weil ich das ganze vier Mal hintereinander machte.“ Don erinnerte sich auch daran nicht, aber Kurt meinte, dass das einer der Anlässe gewesen wäre, nach denen er für ein paar Tage zu einer Tante und einem Onkel hatte ziehen müssen.

Don nahm Kurt auch einmal mit auf die Jagd, aber sobald sie im Wald waren, weigerte sich Kurt, mit der Jagdpartie mitzuziehen. Er verbrachte den ganzen Tag im Jeep, von der Morgen- bis zur Abenddämmerung. „Wenn ich daran zurückdenke“, sagte Kurt, „wird mir klar, dass ich damals schon instinktiv wusste, dass es falsch ist, Tiere zu töten, überhaupt, wenn es nur zum Spaß geschieht. Damals habe ich das noch nicht genau verstanden. Ich wusste nur, dass ich nicht dabei sein wollte.“

Inzwischen begann Kurt, neben den Beatles und den Monkees auch andere Formen der Rockmusik zu entdecken. Don war dem Columbia House Record and Tape Club beigetreten und hatte mit der Zeit eine ziemlich ernsthafte Plattensammlung aufgebaut. Monat für Monat kamen Platten von Bands wie Aerosmith, Led Zeppelin, Black Sabbath oder Kiss mit der Post. Don kam nie dazu, all die Pakete zu öffnen, und nach einigen Monaten kümmerte sich Kurt darum.

Kurt hatte begonnen, sich mit einigen Typen herumzutreiben, die erstklassig gekleidet waren, die Haare in langen Federn hatten und Kiss-T-Shirts trugen. „Sie waren um einiges älter als ich – wahrscheinlich schon Junior-Highschool“, sagte Kurt. „Sie rauchten Pot, und ich hielt sie einfach für cooler als meine idiotischen Freunde aus dem vierten Jahrgang, die sich Happy Days anschauten. Ich lud sie zu mir nach Hause ein und ließ sie mein Essen futtern, einfach um Freunde zu haben.“ Die Kiffer nahmen sehr bald Notiz von Dons ansehnlicher Plattensammlung und bestürmten Kurt, die Platten aufzulegen. „Nachdem sie mich auf diese Musik verrückt gemacht hatten“, sagt Kurt, „wurde ich langsam selbst so ein kleiner Kiffer.“

„Er kam nie von selbst und erzählte, was ihn wirklich berührte oder was er wirklich wollte, nicht einmal, als er sehr jung war“, sagte Don. „Er war so wie ich – bleib einfach ruhig, und es wird schon verschwinden oder so. Und versuch keine Erklärungen. Du staust alles auf, und irgendwann einmal bricht es aus dir heraus.“

„Er heiratete, und danach war ich eines der unwichtigsten Dinge auf seiner Liste“, erzählte Kurt. „Er warf einfach alles hin, weil er überzeugt war, dass meine Mutter mich einer Gehirnwäsche unterzogen hatte. Das ist eine ziemlich schwache Basis, um das Leben seines Sohnes darauf zu errichten.“

„Ich halte meinen Vater nicht wirklich für ein Macho-Schwein“, sagte Kurt weiter. „Er ist nicht einmal halb so extrem wie eine Menge anderer Väter, die ich kennengelernt habe.“ Was genau also war das Hauptproblem zwischen Kurt und seinem Vater? „Ich weiß es nicht einmal“, gab er zu. „Ich wünschte, ich könnte mich an mehr erinnern. Ich hatte nie das Gefühl, wirklich einen Vater zu haben. Ich hatte nie eine Vaterfigur, mit der ich Dinge teilen konnte.“

Letztlich wusste auch Don mit seinem Sohn nichts anzufangen, also wurde Kurt innerhalb der Familie wahllos hin- und hergeschickt, er wohnte bei mindestens drei verschiedenen Paaren von Tanten und Onkeln, einmal auch bei seinen Großeltern väterlicherseits. Mindestens zwei Mal pro Jahr zog er zwischen Montesano und Aberdeen hin und her und wechselte dabei natürlich auch die Schule.

Wendy wusste, dass sie Kurt zu sich nehmen sollte, aber sie war selbst eben erst aus einem Albtraum erwacht – sie war endlich den paranoiden Schizophrenen losgeworden, der sie geistig und körperlich so sehr misshandelt hatte, dass sie einmal sogar in der Notaufnahme gelandet war. Sie hatte ihren Job verloren und bat ihren Bruder Chuck, den Musiker, sich um Kurt zu kümmern.

Zu seinem vierzehnten Geburtstag stellte Chuck Kurt vor die Wahl zwischen einem Fahrrad und einer Gitarre. Kurt nahm die Gitarre, eine übertragene E-Gitarre, die selten funktionierte, und einen ebenso kaputten kleinen Zehn-Watt-Verstärker. „Ich glaube, es war nicht einmal eine Harmony“, sagte Kurt über die Gitarre. „Ich glaube, sie war von Sears.“ Er gab das Schlagzeug auf und nahm etwa eine Woche lang Gitarrestunden, gerade so lange, bis er AC/DCs „Back in Black“ spielen konnte. „Das sind ziemlich genau dieselben Akkorde wie in ,Louie, Louie“‘, sagte Kurt, „und mehr braucht man nicht zu kennen.“ Danach begann er, seine eigenen Lieder zu schreiben. Sein Gitarrelehrer Warren Mason (der mit Chuck in einer Band war), erinnert sich an Kurt als einen „stillen, kleinen und netten Jungen.“ Kurt stritt es vehement ab, aber Mason sagte, dass er unbedingt lernen wollte, wie man „Stairway to Heaven“ spielt.

Kurt fand Aberdeen einschüchternd. Verglichen mit Montesano war Aberdeen eine Großstadt. „Ich glaubte, dass die Kinder von dort einer höheren Kaste angehörten und ich es gar nicht wert war, mit ihnen zusammen zu sein“, sagte er.

In der Schule las er Bücher von S.E. Hinton wie Rumblefish und The Outsiders und vermied jede Unterhaltung. Er sagte, dass er in diesem Jahr keine einzige Freundschaft geschlossen hatte. Stattdessen spielte er jeden Tag nach dem Heimkommen so lange Gitarre, bis es Zeit war, ins Bett zu gehen. Er wusste schon, wie „Back in Black“ ging, und setzte sich selbst noch ein paar Coverversionen zusammen – „My Best Friend’s Girl“ von den Cars, „Louie, Louie“, und „Another One Bites the Dust“ von Queen.

Anfang 1980 – im Alter von zwölf Jahren – sahen er und sein Freund Brendan die B-52s in der „Saturday Night Live“-Show. Der New-Wave-Stachel erwischte sie voll, und Brendan brachte seine Eltern dazu, ihm karierte Schuhe zu kaufen. Kurts Vater konnte sich das nicht leisten, also zeichnete sich Kurt eben ein Schachbrettmuster auf seine normalen Schuhe.

Irgendwann um die Sommerzeit vor dem zehnten Jahrgang begann Kurt, in der Zeitschrift Creem die Großtaten der Sex Pistols zu verfolgen. Die Idee des Punkrock faszinierte ihn. Unglücklicherweise führte das Plattengeschäft in Aberdeen keinen Punkrock, er wusste also nicht, wie das überhaupt klang. Alleine in seinem Zimmer spielte er dann so, wie er dachte, dass es klingen müsste – „drei Akkorde und viel Geschrei“, sagte Kurt. Gar nicht so weit daneben, wie sich herausstellte.

Einige Jahre später erstand er endlich eine „Punk“-Platte, das ausladende und eklektische Drei-LP-Set Sandinista von den Clash, und er war sehr enttäuscht, als das gar nicht so klang, wie er sich Punk vorgestellt hatte.

Kurt beschrieb seine frühe Musik als „wirklich ungehobelten Gitarren-Rock.“ „Sie war so ähnlich wie Led Zeppelin, aber wirklich rau und ungehobelt, ich wollte sie so aggressiv und gemein machen, wie ich nur konnte“, sagte er. „Ich dachte: Wie ist Punkrock wirklich? Was ist er? Wie widerlich ist er? – Und ich versuchte, so widerlich zu spielen, wie ich nur konnte. Ich drehte den Verstärker voll auf. Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, was ich machte.“

„Auf jeden Fall war es ein guter Anstoß“, sagte Kurt. „Ich fasste es als Berufung auf. Es war meine Mission. Ich wusste, dass ich üben musste. Sobald ich meine Gitarre hatte, war ich besessen davon. Ich hatte dieses Gefühl die ganze Zeit über – ich wusste immer, dass ich etwas Besonderes machte. Ich wusste, es war besser, obwohl ich das damals nicht beweisen konnte. Ich wusste, dass ich etwas anzubieten hatte und schließlich und endlich die Möglichkeit haben würde, den Leuten zu zeigen, dass ich gute Songs schreiben konnte – dass ich etwas zum Rock’n’Roll beitragen würde können.“

Kurt war wild darauf, den nächsten logischen Schritt zu unternehmen und eine Band zu gründen. „Ich wollte das Gefühl erleben, einen Song zu schreiben und ihn von allen Instrumenten gemeinsam gespielt zu hören. Ich wollte das. Zumindest zur Probe. Das war mein einziges Ziel.“ Bis dahin sollte es noch vier Jahre dauern, aber man kann ihm nicht vorwerfen, dass er sich nicht bemüht hätte.

In der Schule lernte er zwei Jungs namens Scott und Andy kennen, sie spielten Bass und Gitarre und machten in einem verlassenen Fleischlager tief im Wald Jam-Sessions. Kurt spielte einmal mit, und die drei beschlossen, eine Band zu gründen. Kurt ließ sich breitschlagen, seine Gitarre draußenzulassen – er würde sowieso am nächsten Tag wieder zur Probe kommen. Aber Scott und Andy schoben das Üben immer wieder hinaus, und Tage wurden zu Wochen, Wochen zu Monaten. Kurt konnte sein Instrument nicht zurückholen, denn er hatte kein Auto, und seine Mutter weigerte sich, ihn hinauszufahren. Er behalf sich mit der rechtshändigen Gitarre eines Jungen, dessen Mutter gestorben war und der nun bei ihnen im Haus wohnte. „Er war andauernd bedröhnt, ein echter Kiffer“, sagte Kurt. „Ich mochte ihn, weil er ein richtig depressiver Mensch war.“ Endlich bekam Kurt dann einen Freund so weit, mit ihm in den Wald zu fahren, um seine Gitarre zu holen, doch sie fanden nur mehr Bruchstücke – den Hals und ein paar elektronische Innereien. Kurt bastelte sorgfältig an einem neuen Korpus, aber er fand einfach nicht die richtigen Proportionen, damit sich die Gitarre stimmen ließ.

„Als ich viel jünger war, so etwa mit sieben, war ich besessen davon, ein Rockstar zu werden“, erzählte Kurt. „Es gab überhaupt kein Problem, denn ich war hyperaktiv und die Welt lag mir zu Füßen – ich konnte alles tun. Ich wusste, ich könnte Präsident werden, wenn ich nur wollte, aber das wäre dumm gewesen – ich wollte Rockstar werden. Es gab keinen Zweifel. Ich stand auf die Beatles, aber ich begriff weder meine Umwelt, noch was vor mir lag und welche Entfremdungen ich als Teenager erleben würde.“ „Aberdeen war für mich eine amerikanische Stadt wie alle anderen“, setzte Kurt fort. „Ich dachte, dass sie alle gleich wären – jeder lebte so vor sich hin, und es gäbe bei weitem nicht so viel Gewalt wie man sagte und alles wäre in Wahrheit ganz einfach. Ich dachte, die Vereinigten Staaten wären ungefähr so groß wie unser Hinterhof, also wäre es kein Problem, überall herumzufahren, in einer Rockband zu spielen und auf die Titelseiten der Magazine zu kommen.“

„Aber mit neun, als ich manisch depressiv wurde, sah plötzlich alles ganz anders aus. Alles wurde unwirklich.“

Im zehnten Jahrgang hatte Kurt alle Vorstellungen von Ruhm aufgegeben. „Ich war damals sehr eigenbrötlerisch und unsicher“, sagte er. „Ich hatte so wenig Selbstvertrauen, dass ich mir nichts mehr vorstellen konnte, was mit dem Leben eines Rockstars zusammenhing. Ich konnte mir keine Femsehshows, Interviews oder so vorstellen. Das kam mir nicht einmal in den Sinn.“

Kurts Vater hatte ihn in das Babe-Ruth-Baseballteam gesteckt. Kurt wärmte hauptsächlich die Bank, und immer, wenn er drankam, schied er mit Absicht aus, damit er mit dem Spiel nur ja nichts zu tun bekam. Auf der Bank unterhielt er sich mit einem Kerl namens Matt Lukin, vornehmlich über Kiss und Cheap Trick. Die beiden waren einander schon in Elektronik-Stunden in der Montesano Highschool begegnet. Lukin erinnert sich an Kurt als „den kleinen aufmüpfigen Jungen mit fettigen Haaren.“

Lukin spielte Bass bei einer lokalen Band namens Melvins, die Kurt schon einmal im Sommer vor dem neunten Jahrgang proben gesehen hatte. Kurts Freund Brendan kannte damals jemanden, der wiederum den Schlagzeuger der Melvins kannte, und so besorgten sie sich eine Einladung zu einer Probe der Melvins, die damals auf einem Dachboden stattfand. Die Melvins waren zu diesem Zeitpunkt noch keine Punkband, sondern spielten Coverversionen von Jimi Hendrix und den Who.

Kurt sah zum ersten Mal eine wirkliche Rockband aus der Nähe und war unheimlich begeistert. „Ich trank den ganzen Abend lang Wein und war stockbesoffen und abstoßend, und ich erinnere mich noch, dass ich den Melvins ungefähr eine Million Mal gratuliert hatte“, sagte Kurt. „Ich war so begeistert, dass Leute meines Alters in einer Band spielten. Es war großartig. Ich dachte: ,Wow, diese Jungs haben so ein Glück.’“ Die Melvins fanden den schmierigen kleinen Scheißer abstoßend und warfen ihn raus. Weil er so betrunken war, fiel er auch noch von der Dachbodenleiter.

Im Kunstunterricht der Montesano Highschool traf Kurt den Leader der Melvins, Buzz Osborne, wieder, er war stämmig und sah ziemlich wild und alt aus. Zu dieser Zeit war Osborne ein großer Fan der Who, aber er kratzte bald die Kurve zum Punkrock. Er besaß ein bebildertes Buch über die Sex Pistols, das er Kurt sogar lieh – und Kurt war fasziniert davon. Zum ersten Mal sah er mehr vom Punk als nur die kleinen Blitzer in Creem. „Da waren die Sex Pistols in ihrer ganzen Wildheit“, sagte Kurt, „und ich konnte alles über sie lesen. Das war wirklich cool.“ Sehr schnell begann er, das Logo der Pistols auf alle Schreibtische und seine Tasche zu zeichnen. Dann begann er jedem, der es hören wollte, zu erzählen, dass er eine Punkband gründen wollte und dass sie sehr bekannt werden würde – dabei hatte er immer noch keine Vorstellung davon, wie Punkrock wirklich klang.

„Mich beeindruckte, dass er so ein Freak war“, meinte Kurt über Osborne. „Ich wollte ihn unbedingt näher kennenlernen.“ Kurt bewunderte Osborne, weil er eine Punkband hatte, die manchmal sogar in Seattle und Olympia auftrat. „Und ich wollte zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur genau das erreichen“, sagte Kurt. „Ich verband keine großen Erwartungen mit meiner Musik. Ich wollte einfach in Seattle vor einigen Leuten spielen. Der Gedanke an eine Band, die so erfolgreich war, dass sie auf Tour ging, war noch ziemlich weit weg.“

Bei den Melvins spielte noch ihr ursprünglicher Schlagzeuger Mike Dillard, der später durch Dale Crover ersetzt wurde. In ihrer ersten Punk-Phase spielten sie Hardcore mit Überlichtgeschwindigkeit. Später, als das jeder machte, spielten sie, so langsam es nur ging. Und um sich endgültig unmöglich zu machen, gaben sie noch einen Schuss Heavy Metal in die Mischung. Mit ihrem richtungweisenden Album Gluey Porch Treatments von 1987 legten die Melvins den Grundstein für das, was dann unter dem Namen „Grunge“ bekannt werden sollte – eine neue Mutation von Punkrock, in der sowohl Heavy Metal als auch der Proletarier-Hardrock der Siebziger von Bands wie Kiss und Aerosmith steckte. Dieser Sound revolutionierte die Musikszene von Seattle, die bis dahin von Art-Rock-Bands dominiert worden war.

Die Melvins hatten ihr erstes Konzert in Seattle schon hinter sich, als Kurt sie das erste Mal sah, und sie waren zusammen mit den U-Men, Soundgarden, Green River, Malfunkshun und Skin Yard auf der wild gemischten Deep Six Collection vertreten. Mit Ausnahme der Art-Rock-Band U-Men vermengten sie alle unterschiedliche Anteile von Punk, Siebziger-Hardrock und Heavy Metal zu einem ziemlich rohen, aber sehr wirkungsvollen Sound.

Manchmal half Kurt den Melvins, ihre Anlage zu einem Gig nach Seattle zu befördern. Aberdeen selbst hatte keine große musikalische Geschichte, obwohl die halbe Besetzung von Metal Church, der platingekrönten Speed-Metal-Band, aus der Stadt stammte. Eine Band, die in Seattle auftrat, war schon eine Menge wert.

Kurt war sehr unglücklich, weil er im Verwandtenkreis herumgeschubst wurde. Im Mai 1984 heiratete Wendy den Hafenarbeiter Pat O’Connor. Pat trank Unmengen, und Wendy hatte damit alle Hände voll zu tun – sie fühlte sich nicht in der Lage, es auch noch mit Kurt aufzunehmen, aber am Ende brachte er sie doch dazu, ihn zu sich zurückzunehmen. „Ich rief sie monatelang jeden Abend an und versuchte sie zu überreden, mich bei ihr wohnen zu lassen.“

Eines Abends ging Pat allein aus und kam erst um sieben Uhr morgens zurück, besoffen und, wie Wendy sagte: „Er stank nach einem Mädchen.“ Sie war vor Zorn außer sich, ging aber trotzdem zur Arbeit ins Kaufhaus. Dort machten sich einige Leute aus der Stadt lustig: „Hey, wo war Pat letzte Nacht?“, kicherten sie. Wendy wurde daraufhin so zornig, dass sie sich mit einer Freundin betrank, heimging und Pat eine Riesenszene machte. Beide Kinder sahen zu, als sie eine der Pistolen aus dem Schrank nahm und damit drohte, ihn zu erschießen – aber sie wusste nicht, wie man die Pistole lud. Dann nahm sie alle vorhandenen Schußwaffen und schleppte sie zusammen mit Kurts Schwester Kirn, die eine Tasche voller Munition zerrte, zum Wishkah River, wo sie alles versenkte.

Kurt beobachtete die Szene von seinem Schlafzimmerfenster aus. Noch am selben Tag heuerte ein paar Kinder an, damit sie so viel Waffen wie möglich aus dem Fluß holten, und verkaufte sie dann. Von dem Geld kaufte Kurt seinen ersten Verstärker. Dann fuhr er den Kerl, der ihm den Verstärker verkauft hatte, zu einem Pot-Dealer, wo dieser wiederum das ganze Geld für Pot ausgab.

Kurt drehte die Gitarre voll auf. Die Nachbarn beschwerten sich, und Wendy hinterließ auf der Decke einige Spuren mit dem Besenstiel. Das Schönste für Kurt war, wenn die Familie zum Einkaufen ging, denn das hieß, dass er loslegen konnte. „Wenn wir heimkamen, hofften wir immer, dass noch ein paar Fenster ganz waren“, sagte Wendy. Kurt versuchte seine Freunde dazu zu bringen, mit ihm zu spielen, aber keiner hatte auch nur im entferntesten musikalische Begabung. Er kehrte den Chef heraus und war sehr direkt in seiner Kritik. Er wusste genau, was er wollte.

Niemand bekam mit, dass er oben in seinem Zimmer auch sang. „Eines Tages“, sagt Wendy,„hörten wir ihn. Er sang sehr leise. Er wollte nicht, dass wir ihn hörten. Pat und ich hielten unsere Ohren an die Tür, schauten uns an, rümpften die Nase und sagten: „Es ist besser, wenn er bei der Gitarre bleibt.“


Kurt kurz vor seinem zweiten Geburtstag


Don Cobain.


Nirvana im Crocodile (© Charles Peterson)

Kapitel zwei

Uns interessierte nur das Herumgammeln.

Um diese Zeit herum nahm Kurt in der Schule erstmals Notiz von Chris Novoselic. „Ich wollte ihn unbedingt näher kennenlernen“, erzählte Kurt. „Aber wir kamen nie zusammen.“ Sie hatten keine gemeinsamen Schulstunden – Kurt sah Chris nur manchmal bei Versammlungen, wo Chris bei kleinen Satiren mitspielte – meist nur zu dem Zweck, sie zu sabotieren, etwa wenn er plötzlich „Star-Spangled Banner“ zu singen begann.

„Er war ein lustiger Typ mit einem ganz eigenen Humor“, sagte Kurt. Jedermann lachte über ihn, aber ich lachte mit ihm, weil er einfach alle zum Narren hielt. Er war ein wirklich cleveres und lustiges Großmaul. Er war größer als alle anderen in der Schule. Er war riesig. Leider war ich nie mit ihm unterwegs, ich hätte in der Highschool-Zeit wirklich einen Freund gebraucht.“

Kurt kam sich vor wie ein Ausgestoßener, aber auch Ausgestoßene können andere Ausgestoßene finden und sich mit ihnen anfreunden. Außer natürlich in Aberdeen. „Ich wollte irgendwo dazugehören, aber nicht zum Durchschnitt, nicht zu den üblichen Schulkindern. Ich wollte zu den Ausgeflippten gehören, aber die Ausgeflippten in Aberdeen waren bloß Narren. Sie waren nicht wirklich auf meinem Trip – sie hörten zum Beispiel keine Musik von Devo. Sie waren einfach ganz normal geschädigt.“

Kurt erzählte, dass es ganze zwei Typen in der Schule gegeben hatte, mit denen er sich eine Freundschaft auch nur vorstellen hätte können. Die beiden waren zumindest so cool, dass sie sich für Oingo Boingo, die verrückte New Wave Band aus Los Angeles, interessierten. „Aber sonst waren sie totale Idioten“, sagte Kurt. „Typen, die sich beim Footballspielen das Gesicht anschmierten,“

Die Highschool war für Kurt eine einzige Einöde, die aus drei Klassen bestand: den Angepassten, den Mathematiktrotteln und den Kiffern. Kurt war den Mädchen in der Aberdeen High wegen seiner neckischen Grübchen und blauen Augen aufgefallen, sie hielten ihn für süß. „Irgendwie mochten sie mich“, sagte Kurt, „aber ich mochte keine Einzige – sie waren einfach dumm.“ Und weil die Mädels Kurt mochten, versuchten sich auch noch deren sportliche Freunde bei ihm beliebt zu machen, aber Kurt ließ auch sie abblitzen.

Blieben nur mehr die Kiffer. „Ich hasste sie zwar, aber zumindest interessierten sie sich für Rock’n’Roll.“ Also zog sich Kurt ihre typische Uniform an – die Jeansjacke mit Vliesfutter, die sich unter den jungen Drogenfreaks auch heute noch großer Beliebtheit erfreut – und begann sich beim örtlichen Raucher-Treffpunkt in einem Schuppen herumzutreiben. Er sprach kaum mit jemandem; er war so verschlossen, dass man ihn manchmal sogar für einen Drogenfahnder hielt.

Nachdem er wieder nach Aberdeen gezogen war, hatte Kurt den Kontakt zu den Melvins verloren. Aber im Raucherschuppen lernte er einen Musikfan namens Dale Crover kennen. Auch Chris kannte Crover, von dessen Jam Sessions mit Robert, seinem jüngeren Bruder. Als die Melvins einen Schlagzeuger benötigten, schlug Chris Crover vor, und er wurde es auch. Und weil Kurt Crover kannte, kam er wieder in den Kreis rund um die Melvins.

Die Melvins hatten ihr Probenquartier in einem Extrazimmer im Haus von Crovers Eltern. Wie jeder Standort zuvor wurde auch dieser Anziehungspunkt für eine Runde von Kiffern aus Aberdeen, die „Cling-Ons“ (Wortspiel: to cling on – anhaften, aber auch die Klingonen aus der TV-Serie StarTreck) genannt wurden. Sie trugen Glockenhosen und gesteppte Jacken mit Zipptaschen, damit ihnen niemand ihren Stoff stehlen konnte. „Sie waren die klassischen Comic-Kiffer-Metalheads“, erinnerte sich Kurt. „Einfach witzig – sie hatten Pickel, keine Zähne und stanken nach Dope.“

Für die Cling-Ons waren die Proben der Melvins die einzige Unterhaltung, die es gab. „In Aberdeen konnte man nichts tun außer Bier trinken, Gras rauchen und den Teufel anbeten“, kicherte Crover. „Es gibt dort einfach nichts. Außer viel Fernsehen.“

Der Probenraum selbst war vollgepflastert mit Postern von Kiss, Mötley Crue und Ted Nugent, herausgerissenen Seiten aus der Zeitschrift Circus und Bildern von nackten Frauen, denen sie andere Köpfe aufgeklebt hatten (ein Motiv, das später auch auf einem Nirvana-T-Shirt auftauchen sollte). Besucher mussten das Haus durch den Hintereingang betreten, dann ging es durch ein winziges Zimmer in den Probenraum. Bei den Proben selbst wollte Buzz nicht viel Publikum, die Cling-Ons begnügten sich daher damit, im Hinterhaus herumzuhängen. Die Melvins probten drei oder mehr Stunden am Tag, aber sie machten ungefähr alle 20 Minuten eine Pause, weil ein Bandmitglied mit einem der Cling-Ons Geschäfte machen musste.

Kurt spielte einmal bei den Melvins vor, aber das war ein Reinfall. „Ich habe es total verpatzt“, sagte Kurt. „Ich war so nervös, dass ich alle Songs vergaß. Ich konnte buchstäblich keine einzige Note spielen. Ich stand nur da mit meiner Gitarre und hatte einen hochroten Kopf.“

Das war jedoch nicht weiter schlimm, denn Kurt schrieb schon seine eigenen Songs und nahm sie auch auf. Matt Lukin erinnerte sich an ein Tonband mit Kurts Eigenkompositionen – nur Gitarre und Gesang. „Sie waren wirklich recht gut, erzählte Lukin. „vor allem für einen in Aberdeen in seinem Alter – die meisten anderen wollten nur Judas Priest spielen. Wir fanden es auf jeden Fall ungewöhnlich, dass da einer seine eigenen Songs schrieb und diese lieber spielte als Mötley Crue.“

Buzz Osborne brachte dann Kurt Cobain endgültig zum Punkrock. Er stellte ein paar Bänder zusammen, hauptsächlich mit Bands aus Südkalifornien wie Black Flag, Flipper und MDC. Das erste Lied auf dem ersten Band war „Damaged 11“ von Black Flag, eine einzige Attacke von schreienden Gitarren und schepperndem, mörderischem Schlagzeug. Die Nummer quoll über vor Hass. „Damaged by you, damaged by me/ I’m confused, I’m confused/ Don’t want to be confused“, brüllte der Sänger Henry Rollins.

Kurt war elektrisiert. „Es war, als hätte ich Musik von einem anderen Planeten gehört. Ich brauchte ein paar Tage, um damit fertigzuwerden.“ Am Ende dieser Woche war er ein überzeugter und selbsternannter Punkrocker. „Ich spürte, dass diese Sachen klarer und wirklichkeitsnaher waren als die durchschnittlichen Rock’n’Roll-Texte.“

Kurze Zeit später, im August 1984, fuhren Kurt, Lukin, Osborne und noch ein paar andere nach Seattle, um sich im Mountaineer Club ein Black-Flag-Konzert im Rahmen der Slip It/w-Tour anzuschauen. Um genug Geld für ein Ticket aufzutreiben, verscherbelte Kurt seine Plattensammlung – sie bestand damals aus Platten von Joumey, Foreigner oder Pat Benatar – um zwölf Dollar. „Es war wirklich toll“, sagte Kurt über die Show. „Ich war auf der Stelle bekehrt.“

„Es war gut für mein schwach ausgebildetes Selbstbewusstsein, dass ich ein Punkrocker wurde, denn es half mir, von der Zielvorstellung des Rockstars wegzukommen. Ich wollte gar kein Rockstar mehr werden“, erzählte Kurt. „Es war ein ewiger Balanceakt zwischen Wollen und Nicht-Können auf der einen und gleichzeitiger Gleichgültigkeit auf der anderen Seite. Dennoch wollte ich mich beweisen. Ziemlich verwirrend. Ich bin sehr froh, dass ich mich damals dem Punkrock verpflichtet habe, das gab mir einfach die paar Jahre, die ich benötigte, um mein Weltbild in Ordnung zu bringen. Dass ich Punk entdeckt habe, das war wirklich ein Gottesgeschenk.“

Osborne zeigte ihm auch einen Weg, wie er mit seiner Umwelt fertigwerden konnte. „Er hatte eine Art, mit den Rednecks umzugehen, die mir unheimlich imponierte“, sagte Kurt. „Seine Einstellung inspirierte mich sehr, sie lautete ungefähr: Geh ihnen auf die Nerven, so viel du nur kannst. Wir gingen auf die Parties der Sportstypen, hängten uns dort an die Fersen der großen Muskelmänner und spuckten ihnen auf den Rücken. Wir schrieben dreckige Sprüche auf die Wände, nahmen die Eier aus dem Kühlschrank und legten sie ins Bett des Gastgebers. Wir versuchten, so viel Schaden wie möglich anzurichten.“

Dann lernte Kurt Jesse Reed kennen. Er bezeichnete ihn als „den einzigen netten Freund, den ich in Aberdeen finden konnte“, außer einem weiteren sympathischen Jungen namens Myer Loftin.

Kurt begegnete Loftin im Kunstunterricht. Sie taten sich zusammen, nachdem sie entdeckt hatten, dass sie sich für dieselbe Art Musik interessierten – alles von AC/DC über Aerosmith und Led Zeppelin bis zu Punkrock. Auf Loftin wirkte Kurt „wie ein gewöhnlicher netter Junge mit Blue Jeans und ordentlichem Haarschnitt.“ Es überraschte ihn sehr, dass Kurt Musik machte. „Er war so sanftmütig und still“, sagte Loftin. „Sehr angenehm, sehr ernsthaft.“ Sie wurden gute Freunde.

Kurt fiel zunächst nicht auf, dass Loftin homosexuell war. Loftin eröffnete es ihm sehr bald. „Er sagte: Ist schon gut, du bist noch immer mein Freund, ich liebe dich noch immer, kein Problem“, erinnerte sich Loftin. „Und wir umarmten uns.“

Loft in übernachtete manchmal bei Kurt, und Wendy, ganz die „coole Mutter“, ließ ihnen im Haus freien Lauf, solange sie bis zum nächsten Morgen nicht wegfuhren. Einmal kam Wendy heim und erwischte sie beim Haschischrauchen. In einem sinnlosen Anfall, Kurt davon abzubringen, stopfte sie sich seinen ganzen Vorrat in den Mund, schluckte ihn und wurde davon völlig stoned. Außerdem wurde ihr sterbensübel. An ruhigeren Abenden blieben sie einfach in Kurts Zimmer, und Kurt brachte Loftin Led-Zeppelin-Riffs auf der Gitarre bei.

Aber es war schwieriger, sich mit jemandem sehen zu lassen, der seine Homosexualität offen zugab, als Kurt geglaubt hatte. „Die Leute starrten mich noch seltsamer an als gewöhnlich.“ Man begann, ihn zu schikanieren. Fast immer passierte es in der Turnstunde. Wenn alle umgezogen waren, war es unausweichlich, dass irgendwer Kurt einen Schwulen nannte und ihn gegen einen Garderobekasten stieß. „Sie fühlten sich wohl bedroht, weil sie nackt waren und mich für homosexuell hielten“, sagte Kurt. „Sie hatten also zwei Möglichkeiten: ihre Schwänze zu verstecken oder mich zu prügeln. Oder beides.“

Das Leben in der Highschool wurde immer härter für Kurt. Die Sportsknaben verfolgten ihn oft am Heimweg und rannten hinter ihm her. Manchmal erwischten sie ihn. Jeden Tag nach der Schule“, sagte Kurt, „drückte mich ein bestimmter Kerl in den Schnee und setzte sich auf meinen Kopf.“ „Als Folge davon wurde ich langsam stolz darauf, homosexuell zu sein, obwohl ich es gar nicht war. Der Konflikt machte mir wirklich Spaß. Es war sehr aufregend, weil ich ganz nah an mein wirkliches Selbst herankam. Ich war ein besonderer Ausgeflippter. Ich war nicht ganz der Punkrocker, der ich sein wollte, aber ich war immerhin besser als der Durchschnitts-Freak.“

Letztlich wurde der Druck aber doch zu groß, und eines Tages kam Kurt sichtlich niedergeschlagen zu Loftin und teilte ihm mit, dass er die Freundschaft beenden müsste. Es hatte einfach zu viele Erniedrigungen verursacht, der „Freund eines Schwulen“ zu sein. Loftin verstand, und ihre Wege trennten sich.

Kurt hatte im neunten Jahrgang begonnen, Haschisch zu rauchen, und rauchte bis zum Abschlussjahr täglich. Im letzten Jahr wartete er damit immer bis zur Dunkelheit. „Ich wollte meine ohnehin vorhandene Paranoia nicht noch durch Pot verstärken“, sagte er darüber.

Er wurde in der Schule immer schlechter und begann mit dem Schwänzen einzelner Fächer. Der dauernde Schulwechsel war nur ein Teil des Problems. „Der Hauptgrund war, dass ich die Lehrer so sehr hasste. Es gab diesen religiösen Fanatiker, ein apokalyptischer Rassist. Er unterrichtete Sozialkunde und tat nichts, außer unsere Zeit damit zu verschwenden, seine Offenbarungen in die Geschichte hineinzuschmuggeln. Er war ein Verfechter des kalten Kriegs der Achtziger – die Russen kommen, so ein Verbreiter der Reagan-Mentalität. Ein Hurensohn. Ich wollte ihn andauernd nur umbringen. Ich stellte mir vor, wie ich ihn vor der versammelten Schulklasse umbringen würde. Der Rest der Klasse kaufte seine ganzen Redensarten, sie schluckten den ganzen Mist. Es war unglaublich, dass so viele das einfach hinnahmen.“

Kurt probte auch daheim den Aufstand. „Er wollte zwar im Haus wohnen, aber nicht Teil der Familie sein“, sagte Wendy. „Er nörgelte über alles, was ich von ihm wollte, dabei war das gar nicht viel.“ Gleichzeitig räumte Wendy ein, dass ihre Geduld mit Kurt nicht sehr lang anhielt, weil sie auch mit Pats Trunksucht zu kämpfen hatte. Sie übertrug einen Teil ihrer Wut auf ihre Kinder.

Einige Monate lang ging Kurt mit „einer Kifferin“, einer sehr hübschen jungen Frau namens Jackie. Nach Kurts Worten „hat sie mich nur gebraucht, bis ihr Freund wieder aus dem Gefängnis kam.“

Eines Abends nahm Kurt Jackie mit hinauf in sein Zimmer. Er war knapp davor, seine Jungfräulichkeit zu verlieren. Sie hatten sich gerade ausgezogen, als plötzlich Wendy hereinplatzte, das Licht andrehte und zischte: „Raus mit der Schlampe!“ Kurt flüchtete zu einem Freund und blieb dort so lange, bis dessen Mutter anrief und sagte: „Wendy, ich habe das Gefühl, dein Sohn wohnt bei mir.“

Kurt hörte mit dem Kiffen auf, „als Versuch, meinem Leben eine Wende zu geben“. Dann meldete sich Kurts Stiefmutter und wollte Kurt wieder zu sich holen. Don stellte die Bedingung, dass Kurt mit der Musik aufhören und aus seinem Leben etwas Sinnvolles machen musste, wenn er bei ihnen wohnen wollte. Irgendwie überredete er ihn, seine Gitarre zu versetzen und die Aufnahmsprüfung bei der Navy zu machen. Kurt erzielte beim Test eine hohe Punktezahl, und ein begeisterter örtlicher Rekrutierungsbeamter besuchte sie an zwei Abenden hintereinander. Am zweiten Abend, als sie kurz vor der Unterschrift standen, ging Kurt in sein Kellerzimmer, fand etwas Gras, rauchte es, ging wieder nach oben und sagte: „Nein danke.“ Dann packte er seine Sachen und verschwand. Er war insgesamt nur eine Woche dort gewesen. Die nächsten acht Jahre sollte er seinen Vater nicht sehen.

Don sammelt alle greifbaren Zeitschriftenartikel über Kurt. Er hat ein großes Klebealbum und einen Schrank voller Andenken. „Alles, was ich über Kurt weiß“, sagte Don Cobain, „weiß ich aus Zeitungen und Zeitschriften. Ich habe ihn so erst kennengelernt.“

Wendy schickte Kurt zu dessen Freund Jesse Reed. Er sollte bei dessen Eltern, die Anhänger einer christlichen Sekte waren, wohnen. Kurt war pleite und bot einem örtlichen Dealer seine Gitarre zum Kauf an. Er ließ sie auf Vertrauensbasis in dessen Haus. Eine Woche darauf überlegte er es sich anders, aber der Dealer rückte sie nicht mehr heraus, also musste er monatelang ohne Gitarre auskommen, bis Reed und er sie dem Dealer wieder entwenden konnten.

Kurt war nicht gerade der ideale Gast im Haus der Reeds. „Ich war ein schlechter Einfluß für Jesse“, sagte er. „Ich rauchte Pot und wollte nicht zur Schule gehen.“ Einmal sagte Kurt in einem langen Telefongespräch eine Menge beleidigender Dinge über Jesses Mutter und kam erst beim Aufhängen darauf, dass sie die ganze Zeit auf einem anderen Apparat mitgehört hatte. Das Fass lief über, als sie Kurt eines Tages aus dem Haus gesperrt hatte und er darauf das für ihn einzig Logische tat: Er trat die Tür ein. Kurt erzählte, dass Reeds Vater an die Decke gegangen war: „Kurt, wir haben uns wirklich bemüht, aus dir einen guten Staatsbürger zu machen, aber es funktioniert einfach nicht. Du bist für die Gesellschaft verloren. Also pack lieber deine Sachen zusammen und verschwinde.“ Mrs. Reed erklärte Wendy, Kurt würde Jesse auf den falschen Weg führen“.

Ein spezielles Notprogramm für die Schule funktionierte ebenso wenig. Sechs Monate vor Schulabschluss wurde klar, dass Kurt zwei Jahre Versäumtes nachzuholen gehabt hätte. Sein Kunstlehrer Mr. Hunter hätte ihm sogar die Möglichkeit für ein Kunststipendium am College verschafft, trotzdem entschied er sich im Mai 1985, nur wenige Wochen vor Schulende, zum Ausstieg.

Kurt hatte beschlossen, Musik zu seiner Lebensaufgabe zu machen, doch Wendy hielt das für Zeitverschwendung. „Ich sagte ihm, er sollte lieber ein vernünftiges Leben beginnen“, erzählte Wendy. „Wenn du die Schule schon abbrichst, kümmere dich um einen Job – von uns wirst du nicht ausgehalten.“

Aber Kurt lebte weiterhin von seiner Mutter, bis Wendy eines Tages der Kragen platzte. „Ich sagte ihm: Wenn das nicht besser wird und du nicht bald Arbeit findest, werfe ich dich hinaus. Eines Tages wirst du heimkommen und dein ganzes Zeug in einer Schachtel verpackt finden!“ Und so war es auch. Eines Tages kam Kurt von einer Probe der Melvins heim und fand seine ganze Habe in Kartonschachteln im Speisezimmer. „Ich versuchte es mit Liebe durch Härte“, sagte Wendy. „Das kam damals gerade auf, und ich wollte es an ihm ausprobieren.“

Kurt zog zusammen mit Jesse Reed in eine Wohnung in Aberdeen. Für die Kaution verwendete er einen Teil der Alimente von Don, für die Miete arbeitete er in einem Restaurant in einem der Erholungsgebiete an der Küste Washingtons. Er versuchte, Reed zum gemeinsamen Musikmachen zu bringen. Bei ihrer allerersten Begegnung war es schließlich um Gitarren gegangen, und Reeds Vater hatte in einer Surfband gespielt, die sogar einige Singles herausgebracht hatte. Als Reed erzählte, dass er eben eine Bassgitarre bekommen hatte, war Kurt begeistert. „Wir spielten einmal zusammen, dabei stellte sich heraus, dass er absolut keine musikalische Begabung hatte“, schwang immer noch die Enttäuschung in Kurts Stimme. „Er konnte nicht einmal ,Louie, Louie‘ spielen.“

Kurt bekam bald einen Job als Hausmeister an der Aberdeen Highschool. Die meiste Zeit verbrachte er mit dem Abkratzen von Kaugummis von der Unterseite der Tische. Es war das Letzte. Eines Tages schmuggelte er einen Karton mit Rasierschaum nach Hause und verzierte damit eine Puppe, bis sie aussah, als wäre sie dem Film Der Exorzist entstiegen. Er ließ die Puppe am Hals aus dem Fenster baumeln, das auf den Gehsteig hinausging, um die Passanten zu erschrecken.

„Die Wohnung war in typischer Punk-Manier dekoriert, mit blutüberströmten erhängten Baby-Puppen an den Wänden und Bier, Erbrochenem und Blut auf dem Teppich. Der Mist stapelte sich monatelang, und ich wusch nie ab. Jesse und ich kochten ungefähr eine Woche lang und setzten dann das fettige Geschirr unter Wasser, und dort blieb es die ganzen fünf Monate.“ Außerdem gab es andauernd Partys, die immer in Rasierschaumschlachten gipfelten.

Am Rande der Proben der Melvins hatte sich Kurt mit Chris Novoselic angefreundet. Chris hatte erwähnt, dass er Gitarre spielte, sie hörten Musik, tranken und machten kleine Super-8-Filme mit Chris’ Kamera. Manchmal kam auch die Freundin von Chris, Shelli, in die Wohnung. Sie waren Ausgestoßene, aber sie waren es wenigstens miteinander. „Wir hatten so viel gemeinsam“, sagte Shelli. „Das Motto war: Wir gegen den Rest der Welt. Es war toll, wir bildeten eine verschworene Gemeinschaft, und nichts konnte uns etwas anhaben. Wir waren viel offener und toleranter als die anderen. Es war wirklich schön.“

Nach drei Monaten zog Jesse Reed aus und ging zur Navy.

Eines Tages hatte Kurt zusammen mit einem Freund, der mit einem Motorroller gekommen war, Acid genommen. Als der Freund etwas von seinem Roller holen wollte, fiel Kurts spießiger Nachbar über ihn her und schlug auf ihn ein, weil der Roller auf seinem Grund abgestellt war. Kurt hörte die Aufregung, lief hinunter und sah seinen Freund flüchten. Der Nachbar schnappte sich Kurt und stieß ihn zurück in die Wohnung, wo er ihn zwei Stunden lang prügelte und misshandelte wie in einem Katz-und-Maus-Spiel. Als er endlich damit aufhörte, sah er erst die verstümmelten Barbie-Puppen, die Zeichnungen der dreiköpfigen Babys, die Graffiti und den ganzen Schmutz und Abfall. Ein Schatten von Angst und Verwirrung kam über sein Gesicht. „Er begann mich auszufragen“, sagte Kurt, „warum ich das alles in meinem Zimmer hätte.“ Wieder malträtierte er Kurt, und der schrie, bis die Vermieterin aus dem unteren Stockwerk lauthals mit der Polizei drohte. Der Kerl verschwand. Die Polizei riet Kurt, es sich nicht gerichtlich mit ihm anzulegen.

Kurt bekam seine Rache. Den ganzen nächsten Monat lang terrorisierten er und seine Freunde den Nachbarn. Sie hämmerten gegen seine Wände, bedrohten ihn mit dem Tod, und der Kerl verkroch sich in seiner Wohnung. Kurt erzählte, dass sie kleine Geschenke an seiner Eingangstür hinterließen, wie eine Sechserpackung Bier mit LSD versetzt oder die Zeichnung eines erhängten Rednecks.

Kurt blieb noch ein paar Monate, nachdem Jesse ausgezogen war. Es gelang ihm zunächst, die Vermieterin dazu zu bringen, ihm die Miete zu stunden, doch bald bemerkte sie, in welchem Zustand sich das Appartement befand. Das ganze Stiegenhaus war voll mit den Graffiti seiner Freunde, die Wohnung selbst war ein Schlachtfeld.

Kurt konnte die Miete nicht mehr zahlen und zog letztendlich mit einigen Monaten Rückstand im Herbst 1985 aus. Er war arbeitslos, besaß praktisch keinen Pfennig und verbrachte den Winter in der öffentlichen Bibliothek, wo er las und Gedichte schrieb. Am Abend kaufte er eine Packung Bier und ging zu einem Freund, wo sie sich betranken und er dann auf der Couch übernachtete. Manchmal schlief er auch in einem Karton an Dale Crovers Hintereingang, manchmal im Kombi von Chris und Shelli, oder er schlich sich ins Haus seiner Mutter, während sie bei der Arbeit war, und versteckte sich am Dachboden, um dort zu schlafen. Manchmal übernachtete er sogar unter der North Aberdeen Bridge, die in der Nähe von Wendys Haus über den Wishkah River führte.

Als Alleinstehendem standen Kurt Essensmarken im Wert von 40 Dollar pro Monat zu, aber er verwendete sie nur selten für den Kauf von Lebensmitteln. Er und seine Freunde schwärmten in der Stadt aus, kauften überall ein paar Süßigkeiten, und verwendeten das Restgeld für Bier. So eine Operation war die Arbeit eines ganzen Tages.

Er war ziemlich stolz darauf, ohne Arbeit und ohne Zuhause überleben zu können. Seine einzige Beschäftigung war es, Lebensmittel zu stehlen, Fische aus dem Fluß zu fangen, sich Essensmarken zu besorgen und von Zeit zu Zeit von seinen Freunden Makkaroni und Käse zu schnorren. „Ich lebte die Aberdeen-Version eines Punkrockers aus“, sagte Kurt. „Es war ganz einfach. Es war gar nichts im Vergleich dazu, was auf die Kids zukam, die in die Großstadt flüchteten. Es gab auch nie eine bedrohliche Situation, niemals.“ Kurt hätte es gereizt, nach Seattle zu ziehen, aber er traute sich nicht alleine in die große Stadt (schließlich war er bisher kaum über die Gegend Aberdeen-Montesano hinausgekommen), und niemand außer ihm war mutig genug mitzutun.

Manchmal besuchte er Wendy, sie machte ihm dann ein Essen. Sie sagte: „Wegen meiner Schuldgefühle – dass ich ihn verstoßen und zu seinem Vater geschickt habe – habe ich ihn immer verwöhnt. Er kam, und ich kochte schon. Weil ich mich schuldig fühlte, schrecklich schuldig.“

Wendy wurde wieder schwanger und war sehr verzweifelt, weil sie sah, was aus Kurt geworden war. „Ich habe mein erstes Kind komplett verpfuscht, was soll ich also mit einem zweiten?“, erinnerte sie sich an ihre Gedanken. „Und eines Tages, als ich schon hochschwanger war und gerade weinte, kam er und fragte mich, was los wäre, und ich erzählte ihm von dem fürchterlichen Gefühl, ein Kind in mir drinnen und eines draußen auf der Straße zu haben, und er kniete sich einfach hin, umarmte mich und sagte, dass es ihm gut ginge und ich mir keine Sorgen machen müsste und alles gut werden würde.“

In diesem Winter tat sich Kurt mit Dale Crover am Bass und Greg Hokanson am Schlagzeug zusammen, und sie probten ein paar seiner Sachen. Einmal trat das Trio, das Kurt Fecal Matter getauft hatte, im Vorprogramm der Melvins auf in der Spot Tavern von Moclips, einer abgelegenen Kleinstadt an der Küste. Nach einer Weile trennten sie sich von Hokanson, den sie ohnedies nicht sehr gemocht hatten. Die beiden begannen intensiv zu proben, sie wollten ein Demoband aufnehmen. Matt Luk in saß am Steuer des blauen Impala, mit dem sie nach Seattle zu Kurts Tante Mary – der Musikerin – fuhren, denn die hatte schließlich ein Vierspur-Tonbandgerät.

Mary war verblüfft über die Aggressivität in Kurts Gesang. „Sie hatte nie geahnt, dass ich so ein zorniger Mensch war“, sagte Kurt. Er nahm die Gitarren direkt in das Vierspur-Gerät auf – eine klassische Low-Budget-Technik des Punkrock, die er Jahre später bei „Territorial Pissings“ auf Nevermincl wiederverwendete. Sie nahmen sieben Nummern auf mit Titeln wie „Sound of Dentage“, „Bambi Slaughter“ oder „Laminated Effect“ (klanglich ein Mittelding zwischen Neverminds „Stay Away“ und dem MTV-Thema), aber auch eine verlangsamte Instrumentalversion von „Downer“, einer Nummer, die sich später auf dem Album Bleach fand. Das Fecal-Matter-Band enthielt einige der Zutaten, die Kurts spätere Musik auszeichneten – vor allem die ultraharten Gitarrenriffs, aber auch die atemberaubenden Tempi und die eigenartig knorrige und griesgrämige Art, einen Song aufzubauen – mit Anleihen sowohl bei den Melvins als auch bei Metallica. Man konnte noch nicht gerade von starken Melodien sprechen, und Kurts Gesang wechselte zwischen einem rauen Bellen und einem Gekreische, das einem das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Später probte Kurt das Fecal-Matter-Material mit Buzz Osborne am Bass und dem früheren Melvins-Schlagzeuger Mike Dillard, doch dann verlor Dillard das Interesse, und das endgültige Aus für das Projekt kam, als, so Osborne, „Kurt nicht mehr wollte, weil ich mich weigerte, eine Bassverstärkeranlage zu kaufen, und er mir daraufhin vorwarf, dass es mir nicht wichtig genug wäre.“

Kurt hatte in der Aberdeen Highschool einen Hardcore-Partygänger namens Steve Shillinger kennengelernt, dessen Vater dort Englischlehrer war. Shillinger war Kurt erstmals aufgefallen, weil er „Motorhead“ auf seine Mappe geschrieben hatte. Shillinger erinnerte sich an die Aufnahmen von Kurt mit Titeln wie „Suicide Samurai“ als „wirklich miese Heavy-Metal-Songs“. Bei ihrer ersten gemeinsamen Unternehmung – einem Metal-Church-Konzert – ließ ihn Shillinger sitzen, weil „es nicht genug zu saufen gab und ich ihn nicht so gut kannte.“

Steve Shillingers Freunde hatten die Gastfreundschaft seiner Eltern bereits überstrapaziert, also machte sich Kurt an seinen Bruder Eric heran. Die Shillingers hatten fünf Söhne und eine Tochter, und so war es keine Schwierigkeit, noch jemanden durchzufüttern. Im Endeffekt blieb Kurt ab dem Spätwinter 1985 acht Monate dort und verrichtete wie alle anderen seinen Teil der Hausarbeit.

Eric spielte auch Gitarre, und Steve Shillinger schwor, dass Eric und Kurt mit ihren Gitarren gemeinsam eine besonders markante Stelle von Iron Maidens „Rhyme of the Ancient Mariner“ über die Stereoanlage gespielt hätten. Sowohl Eric als auch Kurt bestritten das entschieden, aber Shillinger meinte: „Leute verleugnen oft ihre Vergangenheit.“

Die Shillingers hatten schon öfters „Herumstreuner“ aufgenommen, und normalerweise tauchte einen oder zwei Tage später ein besorgter Elternteil auf und fragte nach, ob ihr Kind da wäre. Diesmal nicht. Lamont Shillinger sagt: „Wir hörten nicht ein Wort von Kurts Mutter, solange er hier war.“

Im darauffolgenden Sommer intensivierte Kurt seine Laufbahn als Graffiti-Macher. Er war ein Vandale, seit er im siebten Jahrgang zu saufen begonnen hatte, aber das Werk dieses Sommers war, wie Kurt sagt, „das ultimative Statement“. Er zog sich tagsüber das Rock for Light-Album von den Bad Brains hinein, und am Abend betrank er sich und warf Acid-Trips – so ging das den ganzen Sommer lang. Er, Osborne, Steve Shillinger und andere begannen, mit Markerstiften bewaffnet, die Seitenstraßen von Aberdeen zu durchstreifen. Dabei schrieben sie Provokationen wie ABORT CHRIST oder GOD IS GAY auf die Wände oder besprühten Allrad-Jeeps (vor allem die mit Gewehrhalterungen) mit dem Wort QUEER (Schwuler), um die Rednecks zur Weißglut zu bringen. Oder sie schmierten, einfach um die Leute zum Narren zu halten, absichtlichen Nonsens irgendwohin.

Eines Abends entdeckten sie ein riesiges, reich verziertes Pink-Floyd-Graffito, das jemand mit großer Hingabe verfertigt haben musste. Dessen Minuten waren gezählt. „Wir waren überzeugte Punks“, erklärte Shillinger, „und wir hatten Spraydosen.“

Kurt hatte eine in Silber und Shillinger eine in Schwarz. Shillinger sprayte „Black“ über „Pink“, und Kurt sprayte „Flag“ über „Floyd“. „Die Hippies waren den ganzen restlichen Sommer hinter uns her“, sagte Shillinger voller Schadenfreude. „Wir waren wie gejagte Untergrund-Helden.“

Einmal war Kurt mit Osborne und Chris, der gerade HOMO SEX RULES auf die Wand einer Bank geschrieben hatte, auf einer Spraytour, als plötzlich aus dem Nichts heraus ein Polizeiauto auftauchte und Kurt im Scheinwerferkegel hatte. Chris und Osborne liefen weg und versteckten sich in einer Mülltonne, aber Kurt wurde erwischt und auf der Polizeistation verhört. Das Protokoll zählte den Inhalt seiner Taschen auf: ein Gitarrenplektrum, ein Schlüssel, eine Dose Bier, ein Ring und eine Kassette der militanten Punk-Band Millions of Dead Cops. Er bekam eine Geldstrafe von 180 Dollar und dreißig Tage auf Bewährung.

Vandalismus war nichts Neues für Kurt. Schon in der Highschool waren Kurt und seine Freunde hinter leerstehenden oder halbbewohnten Häusern her, brachen dort ein und zerstörten alles, was sie finden konnten. Kurt hatte schon lange ein bestimmtes Haus mieten wollen, das ihm als idealer Probenraum erschienen war, weil es abgeschieden mitten in einem Feld stand, aber der Besitzer hatte sich stets geweigert und an jemand anders vermietet. Eines Abends ging Kurt mit einem Freund von einer Party nach Hause, und sie bemerkten, dass das Haus wieder einmal leerstand. Sie brachen ein und wurden zu Berserkern, rissen alles heraus, zerbrachen jedes einzelne Fenster und zertrümmerten alles, was es sonst noch gab, mit herumliegenden Hantelscheiben. „Ich habe meine Revanche bekommen“, sagte Kurt.

Schließlich nahm Kurt eine Stelle als Hausarbeiter beim YMCA an, nur etwa einen Block entfernt von Shillingers Haus – vor allem, weil er sich einiges an Musikausrüstung kaufen wollte, falls er doch eine Band finden würde. Morgens spazierte er zur Arbeit, meldete sich bei seinem Boss und ging dann wieder nach Hause, um den ganzen Tag herumzusitzen, fernzusehen und zu trinken, bis die Arbeitszeit vorbei war. Manchmal musste er die Graffiti entfernen, die er selbst in der vorhergehenden Nacht angebracht hatte. Kurze Zeit später bekam Kurt den einzigen Job, den er wirklich geliebt hat: als Schwimmlehrer für Kinder im Alter zwischen drei und sieben.

Kurts erster Live-Auftritt fand zusammen mit Dale Crover am Schlagzeug und Buzz Osborne am Bass in der GESCCO Hall statt, einer schuppenartigen Auftrittsmöglichkeit in Olympia, die auf dem Gelände des Evergreen State College steht. Der Auftritt bestand im Grund darin, dass Kurt seine Texte zu improvisiertem Heavy Rock brüllte. Das Trio nannte sich eigentlich Brown Towel, aber ein Druckfehler machte daraus auf dem Plakat Brown Cow. Kurt war extrem nervös. „Ich musste mich betrinken. Ich schüttete mich mit Wein voll.“

Es gab nur wenige Zuschauer, und die Reaktionen waren matt, aber zwei Leute im Publikum waren hingerissen: Slim Moon – ein Szenemacher im Olympia – und sein Kumpel Dylan Carlson, ein selbsternannter Intellektueller und Gitarrist in den verschiedensten Bands der Gegend. Die beiden kannten Kurt als Begleiter des Melvins-Trosses, aber jetzt war er plötzlich mehr. „Unser Eindruck von Kurt änderte sich damals völlig – vom New Waver aus dem Melvins-Clan zu einem, der wirkliches Talent hatte“, meinte Slim Moon. Carlson, der jetzt die eine Hälfte des Ultra-Heavy-Gitarrenlärm-Duos Earth ist, ging nachher zu Kurt und sagte ihm, die Show wäre eine der besten gewesen, die er jemals gesehen hätte. Sie trafen einander daraufhin immer wieder bei Shows in Olympia und wurden bald enge Freunde.

In der Zwischenzeit hatte Kurt begonnen, mit einem Dealer namens Grunt herumzuhängen. „Er war so etwas wie Drogenteufel und -gott zugleich.“ Grunt war ein widerlicher Typ, aber die Leute suchten seine Gesellschaft, weil er fähig war, praktisch jede Art von Drogen zu besorgen. Damals wusste es niemand, aber er organisierte einen Großteil seiner Ware durch Apothekeneinbrüche mit seinem Liebhaber, einem homosexuellen Strichjungen. Grunt versorgte Kurt mit Percodan, einem Stück für Stück in Folie verpackten Schmerzmittel auf Opiatbasis, und verlangte von ihm nur einen Dollar pro Tag. Kurt mochte Percodan, weil es ihn „entspannte“. „Es war der schönste euphorische Zustand, in dem ich jemals war. Es war wie schlafen. Ich war so nahe am Schlaf, wie ich nur sein konnte, ohne tatsächlich schlafen zu müssen.“

Kurt war so naiv, dass er nicht wusste, dass Percodan süchtig machte, und wurde abhängig, ohne es zu bemerken. Am Ende nahm er bis zu zehn Percodan am Tag und wurde „richtig gierig“. Nach etwa zwei Monaten versiegte Grunts Quelle, und Kurt hatte einen Entzug. „Es war nicht so schlimm“, sagte er. „Ich hatte Durchfall und lag ein paar Tage schwitzend in Erics Bett.“

Eines Abends nahmen Grunt und Kurt zusammen Heroin. Grunt gab ihm die Spritze. „Es machte mir Angst“, sagte Kurt. „Aber ich hatte es immer schon tun wollen, ich wusste, dass ich es einmal tun würde.“ Er war sich nicht sicher, warum er davon so überzeugt war. „Ich weiß nicht. Ich wusste es einfach.“

Außerdem hatte er bis dahin schon so ziemlich jede Droge mit Ausnahme von PCP genommen („Ich hatte von Leuten gehört, die darauf völlig durchdrehten und von Häusern heruntersprangen“). Heroin war die endgültige Sache. Ein weiterer Grund für seine Anziehungskraft lag im dekadenten Glanz, den die Droge durch ihre Verbindung mit Rockstars wie Keith Richards und Iggy Pop erhalten hatte. „Iggy Pop war mein absolutes Idol“, sagte Kurt. „Ich wollte es einfach probieren, weil ich wusste, dass ich Opiate mochte. Und Heroin war in Aberdeen so selten am Markt, dass ich die Gelegenheit sofort ergriff.“ Kurt wusste, dass er kaum abhängig werden würde, da es in Aberdeen keine ständige Quelle gab.

Die mit Heroin verbundene Illusion von Euphorie war vielleicht auch ein Punkt, jede Euphorie war in Kurts Leben eine Seltenheit. Schon in der Highschool hatte ihn seine Umwelt so aus der Fassung gebracht, dass er mit nervösen Ticks reagierte – mit den Knöcheln knacken, im Gesicht herumkratzen, die Haare wild schütteln. Seine Augen zuckten. Er hatte schon gefürchtet, schizophren zu werden.

„Es war eine Mischung aus Hass, weil die Leute meinen Erwartungen nicht gerecht wurden, und dem Überdruss, es immer mit den selben Idioten zu tun zu haben“, sagte er. „Meine Feindseligkeit gegenüber allen stand mir buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Ich hatte diese Rachegefühle, weil sie alle so machomäßig und dumm waren. Es begann mir langsam selbst aufzufallen, dass die Leute diese Ausstrahlung bemerkten.“.

Kurt war überzeugt, dass jeder von seiner Einstellung wusste, und das machte ihn nur noch mehr neurotisch. Er wurde immer paranoider, weil er überzeugt war, dass jeder wusste, dass er jeden Moment durchdrehen konnte. „Sie dachten, dass ich wohl der Einzige wäre, der es wirklich fertigbrächte, ein AK-47-Gewehr in die Schule zu bringen und alle wegzupusten“, sagte Kurt. „Ich hatte die Aura, dass ich eines Tages explodieren könnte, also blieben mir die Leute vom Leib.“

Opiate wie Percodan verschafften Kurt Linderung; wenn er Opiate nahm, hasste er die Menschheit nicht mehr so sehr. „Ich bekam ein bisschen Gefühl für sie und konnte zumindest ein Stück hinter ihre Fassaden blicken und sie als wirkliche Menschen betrachten“, sagte er. „Vielleicht hatten sie eine verpfuschte Kindheit, oder ihre Umwelt hatte sie so gemacht. Die Opiate nahmen einen Teil der Feindseligkeit weg. Das war nötig, weil ich davon müde war, andauernd nur zu hassen. Sie erlaubten mir einige Tage Seelenfrieden.“

In der Zwischenzeit hatte Kurts und Erics Freundschaft zu bröckeln begonnen, vermutlich wegen ihrer musikalischen Rivalität. Die Gegensätze bauten sich immer mehr auf, bis Kurt, Eric und Steve Shillinger eines Abends – acht Monate, nachdem Kurt eingezogen war – von drei verschiedenen Partys heimkamen – alle waren ziemlich betrunken. Steve meinte, es wäre um ein Stück Pizza gegangen, Kurt glaubte, es wäre passiert, weil er schlafen und Eric fernsehen hatte wollen – egal, aus irgendeinem Grund brach ein Kampf zwischen Kurt und Eric aus. Kurt rief zwar mittendrin eine Zigarettenpause aus, aber die Schlägerei wurde dann im Hinterhof fortgesetzt. „Es war sogar Blut an den Wänden“, sagte Steve. „Ich möchte mich nicht festlegen, wer gewonnen hat – ich weiß nur, dass es sehr blutig und schlimm war.“

Als es vorbei war, zog Kurt überstürzt aus. Schon am nächsten Tag zahlte er Steve Shillinger zehn Dollar dafür, dass er seine Sachen in Müllsäcke stopfte und sie zu Dale Crovers Haus brachte. Kurt blieb einige Tage bei Buzz Osborne und zog dann für kurze Zeit wieder zu Wendy.

Mr. Shillinger bot Kurt an zurückzu kommen, aber Kurt lehnte ab und ging wieder unter die Brücke, wo er von Zeit zu Zeit Fische fing und sie verzehrte, bis ihm eines Tages jemand erklärte, dass sie giftig wären. Manchmal schliefer auch in einer Wohnung über dem Schönheitssalon von Chris’ Mutter. Er musste dort allerdings um sieben Uhr aufstehen und verschwinden, ehe sie zur Arbeit kam.

Im Herbst 1986 brachte Kurt Wendy dazu, Geld für eine klapprige Hütte auszulegen, die nur einige hundert Meter von ihrem Haus entfernt stand. Sie war für nur hundert Dollar im Monat zu mieten, wahrscheinlich, weil vorne schon die Veranda abbröckelte. „Es war so ziemlich die unterste Kategorie von Haus“, erinnerte sich Kurt, aber es war zumindest seines. Es hatte zwei kleine Schlafzimmer und zwei kleine Wohnzimmer. Sein Mitbewohner wurde der Bassist der Melvins, Matt Lukin, ein gelernter Tischler. Lukin musste eine Menge tischlern, damit der Schuppen überhaupt bewohnbar wurde.

Wie üblich spielte Hygiene keine große Rolle. Wer ein Bier trank, warf die Dose einfach auf den Boden. Und nachdem ziemlich viel gefeiert wurde, war der Boden bald mit Party-Abfällen bedeckt. Sie hatten keinen Kühlschrank, also verstauten sie das ganze Essen in einer ausgesteckten alten Gefriertruhe auf der hinteren Veranda. Sie kochten mit einem Toaster. Manchmal kam Wendy vorbei und brachte Essenspakete.

Eines Tages kaufte Kurt sechs Schildkröten und brachte sie in einer Badewanne mitten im Wohnzimmer unter. Ein Terrarium, das mit der Wanne verbunden war, nahm fast den gesamten Rest des Raums ein. Lukin sorgte für die nötige Entwässerung, indem er ein Loch in den Boden bohrte, durch den das gesamte Hamburger-Fett-faulige-Schildkröten-Scheiße-Abwasser einfach abfließen konnte. Aber das Fundament war schon so verrottet, dass das Wasser sich bald wieder in den Fußboden sog. „Man muss wohl nicht eigens erwähnen, dass es ziemlich stank“, sagte Kurt.

Kurt hatte eine besondere Vorliebe für Schildkröten. „Sie haben eine Anziehungskraft, die ich nur schwer beschreiben kann“, sagte er. „Schildkröten haben diese ,Scheiß-drauf-Einstellung – ,Ich bin eingesperrt, mir geht’s dreckig, ich hasse euch, und ich werde euch nicht unterhalten.‘“

Außerdem gibt es noch den schützenden Panzer. „In Wahrheit hilft dieser Panzer nicht viel“, betonte Kurt. „Er ist Teil des Rückgrats und sehr empfindlich – wenn man auf den Panzer schlägt, tut es ihnen weh, er ist nicht die schützende Hülle, die jedermann darin sieht. Wenn sie auf den Rücken fallen, zerbricht er, und sie sterben. Es ist, als würde man sein Rückgrat außen am Körper tragen.“

Kurt bekam einen Job als Hausmeister und Hilfskraft im Polynesian Hotel in Ocean Shores, einem knapp zwanzig Meilen von Aberdeen entfernten Erholungsgebiet. Wiederum bemühte er sich nicht gerade, seine Arbeit gut zu machen. Anstatt zu reinigen oder Reparaturen durchzuführen, ging er einfach in ein freies Zimmer, drehte den Fernseher an und machte ein Nickerchen.

Kurt war immerauf der Suche nach einem billigen neuen High. „Damals hatte keiner von uns genug Geld für Kokain oder ähnliches Zeug“, erinnerte sich Lukin. „Viele waren auf Hustensirup und holten sich so ihren Rausch. Und ich erinnere mich an einen, der Aspirin in rauen Mengen aß und davon high wurde.“

Viele der Kids in Aberdeen nahmen damals Acid, ganz zu schweigen vom ziemlich starken selbst angebauten Marijuana – es hatte den unerklärlichen Spitznamen „Affy Bud“. Lukin, Jesse Reed, Kurt und ein paar andere Kiffer saßen eines Abends herum und beklagten sich, wie öde die üblichen Highs langsam wurden. Plötzlich fielen Reed die Rasierschaumdosen ein, die Kurt begleiteten, seit die beiden zusammengewohnt hatten. Am Boden jeder Dose war ein kleines Ventil mit Treibgas. Wenn man das einatmete, hatte es eine ganz gute Wirkung. Die Hersteller änderten diese Konstruktion übrigens später, um den Missbrauch zu stoppen.

Das Problem war, dass meistens der größte Teil des Gases verlorenging, also zeigte ihnen Reed eine Konstruktion mit einer leeren Toilettenpapierrolle, bei der man mit einem Schraubenzieher die Dichtung aufbrach und so das ganze Zeug wie mit einer Pfeife inhalieren konnte. Sie stürmten sofort den 7-Eleven-Supermarkt und kauften so viel Rasierschaum, wie sie nur bekommen konnten. Es gab kurz Panik, als alle davon plötzlich tiefere Stirnmen bekamen, aber das verflog bald wieder, und das High war sehr anständig. „Wir schimpften Kurt, dass er so viel Rasierschaum für seine Puppendekoration im Sommer verbraucht hatte – wir wären ordentlich high davon geworden!“, sagte Lukin.

Und dann kam Kurt eines frühen Wintermorgens zu Wendys Haus. „Mom“, sagte er mit ängstlicher Stimme, „Ich habe meine Hand verloren. Ich habe mich verbrannt, sie ist einfach weg.“ Er brach in Tränen aus. Er hatte Pommes frites – sein Standardessen – gemacht und sich dabei mit dem heißen Fett schwer verbrannt. „Es war furchtbar“, sagte sie. „Die Hand war komplett verbrannt – es machte mich völlig krank, und ich musste zwei Mal täglich die Bandagen wechseln, und die verbrannte Haut – es war schrecklich.“

Kurt war schon im Krankenhaus bei einem Arzt gewesen. Der hatte die Hand verbunden und ihm gesagt, dass er nie wieder Gitarre spielen würde. Aber Wendy brachte ihn zu einem Spezialisten, den sie von der Arbeit im Grays-Harbor-College-Betreuungsprogramm kannte. Ein paar Jahre später war nicht einmal mehr eine Narbe zu sehen.

Während der Genesung blieb Kurt daheim und versuchte vergeblich, Gitarre zu spielen. Weil er keinerlei Arbeitseinkünfte hatte, musste er monatelang großteils von Reis leben. Manchmal leistete er sich ein gefrorenes Salisbury-Steak als Luxus. „Ich verhungerte fast in diesem Schweinestall“, sagte Kurt, „ich konnte nicht Gitarre spielen, und die Vermieterin kam jeden Tag und verlangte ihr Geld. Es war eine wirklich komische Szene.“ Bald wusste Kurt nicht mehr, wo er wohnen sollte.

Er wollte unbedingt zusammen mit Chris eine Band aufmachen, aber Chris schien nicht sehr interessiert. „Ich sagte immer ganz deutlich, dass ich jemanden suchte, mit dem ich in einer Band spielen konnte“, sagte Kurt, „aber Chris antwortete nie etwas darauf.“ Kurt borgte Chris sogar eine Woche lang seinen Verstärker. Aber Chris reagierte nicht darauf und bat Kurt bald, den Verstärker wieder abzuholen. „Er klang wirklich gut“, sagte Chris, „aber ich gab ihn ihm trotzdem zurück.“

Als Nächstes gab Kurt als deutlichen Wink mit dem Zaunpfahl Chris eine Kopie des Fecal-Matter-Demobandes, aber auch darauf reagierte Chris nicht. Erst ein ganzes Jahr, nachdem die Aufnahme entstanden war, und drei Jahre nach ihrer ersten Begegnung sagte Chris zu Kurt: „Ich habe mir gerade deine Kassette angehört. Sie ist ziemlich gut. Wir sollten eine Band machen.“

Kurt besaß eine Gitarre und einen Peavey-Verstärker. Chris hatte früher selbst einen Verstärker gehabt, aber er hatte ihn Matt Lukin dafür geben müssen, dass er ihn nach einer Rauferei mit ein paar Rednecks auf dem Parkplatz des 7-Eleven von Aberdeen aus dem Gefängnis geholt hatte. Als P.A. verwendeten sie ebenfalls einen Gitarren-Verstärker und ein billiges Mikrophon mit aufgeklebter Membran. Es war ein ziemliches Wrack, aber es funktionierte. Über Mrs. Novoselics Schönheitssalon stand eine Wohnung leer. Dort spielten sie stundenlang – Chris am Bass, Kurt an der Gitarre und ein Junge namens Bob McFadden, der ein Schlagzeug besaß. Unglücklicherweise wurde der Ort, ähnlich wie die Proben der Melvins, bald zu einem Treffpunkt für alle Herumstreuner, bis Chris endlich ein Schild anbrachte: „Das ist kein Schlafsaal. Also raus – wir wollen proben!“

Die Underground-Szene in Aberdeen war so klein, dass sogar Cure-Fans mit ihren Modeklamotten und ins Gesicht hängenden Haaren dabei waren. Chris und Shelli nannten sie den Haircut 100 Club. „Wir hatten kein sehr enges Verhältnis zu ihnen, denn sie waren mehr am modischen Aspekt der Sache interessiert“, sagte Shelli. „Uns interessierte nur das Herumgammeln.“

Aus irgendeinem Grund zerfiel das Projekt nach knapp einem Monat, und die drei gingen getrennte Wege. Chris und Shelli zogen nach Arizona, um dort Arbeit zu suchen.

Kurt mochte die Leute nicht, die bei ihm zu Hause herumhingen. Es waren vor allem minderjährige Trinker, die sich nur vollaufen lassen wollten. Lukins Arbeit als Tischler war alles andere als regelmäßig, also kam es sehr häufig vor, dass er mit seinen Freunden bis in die frühen Morgenstunden feierte, während Kurt morgens aufstehen musste, um zur Arbeit zu gehen. Nach fünf Monaten war Lukin klar, dass er ausziehen musste.

Dylan Carlson erwähnte Kurt gegenüber, dass er arbeitslos war, und Kurt erzählte ihm, dass sie als Teppichleger in einem Hotel in Ocean Shores eine Menge Geld verdienen könnten. Carlson zog in Lukins Zimmer ein, aber er blieb nur zwei Wochen, weil der Teppichlegerjob nie wirklich zustande kam. Am ersten Morgen, an dem sie zeitig nach Ocean Shores aufgebrochen waren, fanden sie den Boss so betrunken, dass er ihnen nicht einmal die Tür öffnen konnte. Beim zweiten Mal war die Tür offen, aber der Boss lag ohnmächtig vor dem Eingang. Carlson gab auf, doch Kurt versuchte es ein drittes Mal. Diesmal kam er zwar hinein, aber der Boss war in einer Bar umgekippt. Aus dem großartigen Job wurde nichts.

Kurt fuhr immer öfter mit den Melvins nach Olympia – ungefähr 50 Meilen östlich von Aberdeen. Als Hauptstadt des Staates war Olympia Standort des Evergreen State College, Auffangbecken für Bohemiens und Außenseiter aller Art und eine Brutstätte abenteuerlicher Independent-Musik. Kurt war fast jedes Wochenende dort, um sich Bands anzusehen. Olympia war zwar nur eine kleine Stadt, aber es gab über die College-Radiostation KAOS, das Op-Magazin (das mittlerweile Option heißt), den Fanzine-Macher Bruce Pavitt und Calvin Johnsons K Records gute Verbindungen zur landesweiten Independent-Szene.

Die Jugendkultur dort konnte nicht viel mit Hardrock anfangen, sie bevorzugte statt dessen eine ziemlich naive Art Musik, die als „Love Rock“ abgestempelt wurde. Sie kam von Jad Fair und Calvin Johnsons Gruppe Beat Happening. Johnson bestimmte die Szene und inspirierte eine wahre Legion an Clones – Kurt nannte sie „die Calvinisten“ –, die sich genauso anzogen und gaben wie er und einen Zustand kindlicher Unschuld anstrebten.

Sie waren eine Gemeinschaft von Außenseitern und wurden sogar von den Punks abgelehnt. Die Calvinisten nahmen keine Drogen – zumindest behaupteten sie das – und trugen das Haar kurz geschoren. Jeder spielte in der Band des anderen, und jeder schlief mit jedem. Sie hatten ihr eigenes Café, ihr eigenes Plattengeschäft, und in Wirklichkeit war KA OS ihre eigene Radiostation. „Sie hatten ihren eigenen kleinen Planeten“, sagte Kurt.

Sie hatten auch ihr eigenes Plattenlabel. Johnson betrieb zusammen mit Candace Peterson K Records, ein kleines Indie-Label, das aber gute Verbindungen hatte und auch fremde Bands mit ähnlicher Gesinnung vertrieb, etwa die Young Marble Giants, Kleenex und die Vaselines.

Kurt war nicht überzeugt vom K-Ethos. Er wollte seine Haare lang tragen und er nahm gerne Drogen. Aber er mochte die Musik und ihre Botschaft. „Sie öffnete neue musikalische Türen für mich, es war Musik, die ich noch nie gehört hatte“, sagte Kurt. „Sie machte mir klar, dass ich jahrelang den Bezug zu meiner Kindheit verloren hatte. Ich hatte versucht, sie zu vergessen. Ich hatte sie vergessen. Die Musik brachte mich dazu, in meine Kindheit zurückzusehen und Erinnerungen daran wiederzuentdecken. Es war eine schöne Erinnerung an unschuldige Tage.“ Kurt ließ sich „als Versuch, mich daran zu erinnern, ein Kind zu bleiben“ das K-Logo, ein K auf einem einfachen Schild, auf seinen linken Unterarm tätowieren.

Kurt blieb noch zwei Monate nach Lukins Auszug in der Hütte und die Miete schuldig.

Zwischenzeitlich traf sich Kurt öfters mit einer jungen Frau namens Tracy Marander. Sie war anders als alle anderen Mädchen, die er kannte. Sie trug einen Mantel mit Zebrastreifen, ihre Haare waren feuerrot gefärbt, und sie lebte in Olympia. Tracy hatte nichts gegen Feten einzuwenden und war auch sonst nicht allzu normal, aber sie war auch sanft und hatte eine mütterliche Natur. Nach einigen Wochen wurde sie Kurts erste ernsthafte Freundin.

Tracy und Kurt waren einander ein Jahr zuvor vor dem Gorilla Gardens, einem mittlerweile aufgelassenen Punkschuppen in der Chinatown von Seattle, erstmals begegnet. Sie hatten einander durch ihren gemeinsamen Freund Buzz Osborne kennengelernt. Sie und ihr Freund waren im Auto gesessen, hatten Bier getrunken und sich mit Buzz und Kurt, die ebenfalls Bier tranken, unterhalten. Das Treffen fand ein abruptes Ende, als Tracy ein paar auf sie zukommende Polizisten bemerkte und sie mit dem Auto verschwanden. Kurt und Buzz blieben übrig und wurden festgenommen.

Tracy hielt Kurt für nett, wenn er auch etwas jung aussah. Er war abgemagert und hatte kurze Haare. „Ich war hingerissen von seinen blauen Augen“, erinnerte sie sich. „Ich hatte noch nie derartig blaue Augen gesehen.“

Nachdem sie sich auch mit Chris und Shelli angefreundet hatte, wurde sie ein Cling-On und traf Kurt ein Jahr später im Haus von Buzz Osbornes Eltern wieder, wo sie dabei waren, als Buzz und Chris Mad Dog tranken. Nachdem Kurt gegangen war, erzählte ihr Buzz, dass es Kurt gewesen sei, der das tolle Kiss-Graffiti mit Magic Markers auf die Seitenfläche des Tourbusses der Melvins – genannt Mel-Van – gemalt hatte. Und immer, wenn ihm ein Stift ausgegangen war, hätte er im Shop-Rite von Montesano einen neuen gestohlen. „Ich fand das ziemlich cool“, sagte Tracy.


Kapitel drei

Das ist mein Bruder Chris. Er steht auf Punkrock.

Krist Anthony Novoselic wurde am 16. Mai 1965 in Compton, California, geboren. Seine Eltern Krist und Maria waren kroatische Einwanderer; Krist Novoselic (der Name heißt auf Kroatisch so viel wie „neuer Siedler“) zog 1963 in die Vereinigten Staaten, seine zukünftige Frau kam ein Jahr später nach. Sie siedelten sich in Gardena, California, an, und Novoselic wurde Ausfahrer für Sparklets-Trinkwasser.

Sie wechselten mit Chris und dessen jüngerem Bruder Robert mehrmals die Wohnung, ehe sie zunächst ein bescheidenes Haus und 1973, als Chris’ Schwester Diana geboren wurde, ein größeres kauften.

Obwohl es in Kalifornien bereits gemeinsame Schulbusse gab, blieben die verschiedenen Rassen in Gardena unter sich – außer in einem Fall. „Es gab eine gemeinsame Szene aus allen, die im Mathematik-Förderkurs waren,“ sagte Novoselic. „Wir waren total integriert. Alle, die sonst nirgends hineinpassten, kamen dort zusammen, und es gab keine Rassenschranken. Die Integration funktionierte.“

„Robert und ich waren ziemlich großgewachsene Kinder, und wir trieben viel Unsinn,“ erzählte Chris über seine Kindheit unter zehn Jahren. „Reifen aufstechen und so. Mein Vater verprügelte uns, weil er nicht anders konnte. Wir hatten Angst vor ihm. Aber er war kein richtiger Kindesmisshandler – ich glaube, er hat uns nie richtig misshandelt. Er hat uns nicht wegen jeder Kleinigkeit verdroschen. Es war immer ein Wechselspiel von Aktion und Reaktion.“

„Robert zum Beispiel – er bekam eine Brille, und gleich am ersten Tag hat er sie zertrümmert,“ setzte Chris fort. „Typisch Robert. Wir machten einfach solches Zeug. Steine auf Häuser werfen, Steine hinter Autos herwerfen. Es gab eine Zeit, in der galt das als cool. Wir haben uns ziemlich hineingesteigert – Eier werfen und so ...“

Chris meint, dass er und sein Bruder sich gebessert hätten, als die Familie nach Aberdeen zog – Chris war damals vierzehn. Die Grundstückspreise in Südkalifornien waren einfach zu teuer für die Familie Novoselic geworden, und in Aberdeen konnte man für wenig Geld ein schönes Haus erwerben. Außerdem gab es in der Gegend eine Menge andere kroatische Familien. Novoselic bekam Arbeit als Maschinist in einem der zahlreichen Sägewerke der Stadt.

Im Vergleich zum sonnigen Kalifornien mochte Chris Aberdeen überhaupt nicht. „Alles sprach dagegen,“ sagte er. „Dauernd Wolken und Regen, und die Straßen sind voller Dreck von den LKWs. Die Häuser sind alle schmutzig. Es ähnelt irgendwie einer ostdeutschen Stadt. Alles ist so feucht, dass sogar das Holz weich und morsch wird und alles auseinanderfällt.“

Wie Kurt hatte es auch Chris in der Schule nicht leicht, denn auch er passte nicht dazu. Das Klischee, das man mit Kalifornien verbindet, erwies sich als richtig – dort war wirklich alles lockerer gewesen. „Ich war verblüfft über diese unheimlich verdrehte Gesellschaft in Aberdeen“, sagte Novoselic. „Alle kamen mir viel verschlossener und strenger vor.“

Die Aberdonians trugen lederne Tennisschuhe und Glockenhosen, aber Chris trug geschlossene Schuhe und gerade geschnittene Levi’s. Wer gerade geschnittene Hosen trug, galt als Idiot. „Drei Jahre später trugen sie dann alle gerade Hosen, und ich hatte unnötig dafür gelitten“, sagte Chris.

Außerdem war er sehr groß – als er aus der Highschool kam, schon knapp über zwei Meter. Seine Eltern hofften, dass aus ihm ein Basketballspieler werden würde, aber seine Größe machte ihn nur linkisch. „Ich war einfach daneben, mehr als alles andere“, sagte Chris. „Ich war wirklich deprimiert, als ich nach Aberdeen kam. Ich kam mit niemandem aus. Ich verschlief den ganzen Nachmittag oder hörte alleine Musik, weil ich mit den anderen Kids nicht klarkam. Sie waren Arschlöcher. Sie behandelten mich wirklich mies. Ich verstand es nicht. Aber sie waren einfach nicht cool.“

Während Chris auf Bands wie Led Zeppelin, Devo, Black Sabbath oder Aerosmith stand, hörten die Gleichaltrigen nur Top Forty – wahrscheinlich, weil die örtliche Radiostation sonst nichts anderes sendete. Chris musste sich im Schulbus immer Top Forty anhören, zum Beispiel Kenny Rogers, der „Coward of the County“ trällerte. Immer und immer wieder.

Zum Glück war wenigstens die Geographie gnädig zu Chris Novoselic. Das Haus der Famile stand auf dem Think-of-Me-Hill (der Hügel hieß so, weil es um die Jahrhundertwende dort ein großes Werbeschild für Think-of-Me-Tabak gegeben hatte). Er war die höchste Erhebung in Aberdeen, daher war der Radioempfang außerordentlich gut – an klaren Tagen konnte er sogar Portland, Oregon, hereinbekommen. So lag er in seiner Depression in seinem Zimmer und hörte sich stundenlang die Rock-Sender aus Seattle an.

Im Juni 1980 machten sich seine Eltern wegen seiner Depressionen so große Sorgen, dass sie ihn zu Verwandten nach Kroatien schickten. Chris hatte schon vorher ein bisschen Kroatisch aufgeschnappt und spricht immer noch fließend. Er liebte das Leben dort – er schloss viele Freundschaften, die Schule war ausgezeichnet. Und er bekam etwas zu Ohren, das sich „Punkrock“ nannte: Er entdeckte die Sex Pistols, die Ramones und sogar ein paar jugoslawische Punk-Bands. Aber es prägte sich nicht allzu stark ein. „Für mich war es einfach Musik“, erinnerte sich Chris. „Es hatte keine tiefere Bedeutung – es war einfach Musik, die ich mochte.“ Nach einem Jahr holten ihn seine Eltern wieder zurück.

„Es war die Hölle“, sagte Chris. Er begann, stark zu trinken und Unmengen von Pot zu rauchen. „Ich war immer schon ein großer Säufer,“ sagte er. „Wenn ich einmal anfange, höre ich nicht mehr auf. Ich mag es deshalb so gerne, weil man in so eine Art Comic-Land kommt, in dem alles möglich ist. Du nimmst alles wie durch einen Nebel wahr, und gleichzeitig macht alles und nichts einen Sinn. Es ist verrückt. Es ist eine andere Wirklichkeit und eine andere Bewusstseinsstufe.“

Chris wurde ein berühmter Partygänger. „Auf den Parties begrüßten sie ihn immer mit ,Hey, Novie!‘“ sagte Matt Lukin. „Er war bekannt als der große durchgeknallte Kerl, der immer für eine ausgeflippte Aktion gut war. Sie hielten ihn einfach für ulkig. Er ging auf die Partys und führte sich auf.“

Er hatte zwar einige Bekannte, mit denen er meistens zusammensteckte, aber man konnte sie nicht wirklich Freunde nennen. „Ich war mit ihnen zusammen, weil ich keine andere Möglichkeit hatte“, sagte Chris. „Die Atmosphäre war eigenartig und ungemütlich.“ Später bekam er einen Job bei Taco Bell in der Stadt und stürzte sich in die Arbeit. Er arbeitete jeden Tag, ging nie aus und legte das gesamte Geld auf die Seite. Im letzten Jahr auf der Highschool besaß er ein Auto, Stereolautsprecher und eine Gitarre. Zusammen mit seinem Bruder Robert nahm er Gitarreunterricht und erzählte seinem Lehrer Warren Mason (der auch Kurts Lehrer gewesen war), dass er den echten Blues spielen wollte. Nach ein paar Monaten hörte er mit dem Unterricht auf und übte stundenlang in seinem Zimmer — er und sein Bruder versuchten, alte B. B. King-Platten Ton für Ton nachzuspielen.

Dann lernte er Buzz Osborne kennen.

Chris hatte bei Taco Bell einen Arbeitskollegen namens Bill Hull, dessen Ruhm sich vor allem darauf gründete, aus der Aberdeen Highschool hinausgeworfen worden zu sein, weil er im Glashaus eine Rohrbombe gelegt hatte. Als Hull auf die Montesano High kam, machte er dort die Bekanntschaft von Buzz und Matt Lukin. Eines Tages besuchten die beiden Hull bei Taco Bell. „Und dieser lange, dämliche Kerl sang dort laut zu den Weihnachtsliedern, die als Hintergrundmusik liefen“, erinnerte sich Lukin. Chris erwähnte beiläufig, dass er Gitarre spielte, und kurz darauf lud ihn Osborne nach Montesano ein.

Sie sprachen über Weltanschauungen, und Osborne begeisterte ihn für die neue Musik – von den Vibrators, Sex Pistols, Flipper, Black Flag und den Circle Jerks. „Es war wie ein Wunder: Wow, Punkrock!“, sagte Novoselic mit noch immer glänzenden Augen. „Ich vergaß sofort die ganze stupide Metallmusik – Ozzy Osbourne, Judas Priest, Def Leppard, alles Mist. Ich konnte es einfach nicht mehr hören. Es war Scheiße, es hatte jede Anziehungskraft verloren. Sammy Hagar, Iran Maiden, ich mochte das Zeug nicht mehr. Das Einzige, was überblieb, waren Sachen wie Led Zeppelin oder Aerosmith.“ – Es hatte übrigens auch eine Prog-Rock-Phase in seinem Leben gegeben – ja, Emerson, Lake and Palmer und anderes von der Sorte –, aber, um Chris’ Lieblingsworte zu verwenden: „Ich sprang nie darauf an.“

Wie bei Kurt kam auch bei Chris die Reaktion auf Punkrock mit Verzögerung. „Es erwischte mich nicht gleich, weil es so live klang,“ sagt Chris. „Es dauerte ungefähr eine Woche, bis es mich voll traf. Ich hörte mir Generic Flipper an, und das Album bewegte mich. Es war so etwas wie Kunst. Es war ein Kunstwerk. Es war so echt. Viele bewundern Led Zeppelin IV oder das Weiße Album, aber das da stand auf der gleichen Stufe. Es hat mein Leben umgekrempelt.“

Er begann, Punkfanzines wie Maximumrocknroll zu verschlingen, entdeckte politische Hardcore-Bands wie MDC und las alles, was er in die Finger kriegen konnte, über Themen von Anarchismus bis zu den Rechten der Tiere. Er entdeckte Bands wie die Butthole Surfers, Minor Threat und Hüsker Dü. Er quetschte sich mit einem Haufen Freunde in Matt Lukins riesigen blauen Impala, um zu Punkrock-Konzerten nach Seattle zu fahren – zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Aus Scheu vor der Großstadt blieben sie immer unter sich. Etwa um diese Zeit brachte Chris’ Bruder Robert seinen Freund Kurt Cobain in das Haus der Novoselics. Als Kurt sich nach dem Lärm erkundigte, der von oben zu hören war, antwortete Robert: „Oh, das ist mein Bruder Chris. Er steht auf Punkrock.“ Kurt hielt das für sehr cool und speicherte die Information.

1983 wurde Chris mit der Schule fertig. Bald darauf ließen sich seine Ekern scheiden. Das war an sich schon schlimm genug, aber dazu kam noch, dass Chris eine Gesichtsoperation über sich ergehen lassen musste – die Ärzte schnitten ein Stück Knochen aus seinem Kiefer und rückten ein paar Zähne nach vorne, um seinen schweren Unterbiss zu korrigieren („Ich sah aus wie Jay Leno“, sagt er).

Lukin erinnerte sich, dass er ihn mit Osborne am Tag der Operation besucht hatte. Sie läuteten und läuteten, aber niemand machte auf Dann warfen sie Kieselsteine gegen sein Fenster. „Als wir gerade aufgeben wollten, öffnete sich das Fenster, und wir sahen seinen riesigen, total verschwollenen Kopf – er sah aus wie ein fettes orientalisches Kind, wie ein Elefantenmensch, der aus dem Fenster schaut.“ Chris war zornig, weil sie ihn aus dem Narkoseschlaf geweckt hatten. Seine Kiefer wurden mit Drähten zusammengehalten, aber irgendwie schaffte er es, seinen Freunden etwas mitzuteilen: „Ihr Ärsche!“ schrie er.

Die Drähte blieben sechs Wochen lang in Chris’ Kiefer. Trotzdem ging er auf Partys wie immer, mit dem einzigen Unterschied, dass er eine Drahtschere bei sich hatte, falls ihm etwas im Hals steckenbleiben würde oder er kotzen musste. „Er machte sich komplett nieder,“ erinnerte sich Lukin, „dann kotzte er, und alles rann durch die Drähte. Er musste sie aber nie durchschneiden, denn er ernährte sich praktisch nur von Milkshakes und nahm keine feste Nahrung zu sich. Irgendwie war es trotzdem ziemlich leichtsinnig.“ „Dann ging die Schwellung zurück“, sagte Chris, „und ich hatte ein neues Gesicht.“

Eines Tages, in seinem letzten Jahr auf der Highschool, ging er hinter zwei jüngeren Mädchen her, die von der Platte Never Mind the Bollocks, Here’s the Sex Pistols schwärmten. „Die sind wirklich Spitze!“, mischte er sich ein. Eine der beiden war Shelli. Damals wirkte er auf sie wie ein „Clown, der immer einen Scherz auf Lager hatte“. Sie unterhielten sich ein bisschen und wurden Freunde.

Shelli hatte auch zu Kurt ein gutes Verhältnis. Er war für sie der Typ, dem es am meisten Spaß machte, seinen spießigen Sitznachbarn im Kunstunterricht zu ärgern. Kurts Mutter beherbergte eine Zeit lang einen seiner Freunde, und Shelli kannte wiederum dessen Schwester, die alt genug war, dass sie Bier kaufen durfte. Sie ging manchmal zu Kurt und fand ihn und seine Freunde meist dabei, wie sie sich zu Musik von Led Zeppelin bekifften.

Shelli verließ die Schule kurz vor dem Abschluss, nahm einen Job bei McDonald’s an und mietete auf der Market Street direkt gegenüber der Feuerwehr ein Appartment für hundert Dollar pro Monat.

Der Weg zur Arbeit führte sie bei der Foster Painting Company vorbei, wo Chris arbeitete, und sie kamen ins Gespräch. Er gab ihr seine Telefonnummer, und sie rief ihn regelmäßig an. Sie hatten vieles gemeinsam – Shelli war in der Schule auch ein Außenseiter gewesen –, und ab März 1985 verbrachten sie ihre Freizeit gemeinsam in Shellis Wohnung, hörten sich Punkrock-Platten an und gingen zu Konzerten. Bald waren sie ein festes Paar.

Chris und Osborne hatten für kurze Zeit eine Band mit dem ersten Drummer der Melvins Mike Dillard, Chris spielte Gitarre und Osborne Bass. Chris spielte im Vorprogramm eines Melvins/Metal Church-Konzerts im D&R-Theater von Aberdeen mit Mitgliedern der Melvins eine Punk-Version von „Sunshine of Your Love“. Er wurde Lead-Sänger der Stiff Woodies, eines Ablegers der Melvins. Die Besetzung änderte sich immer wieder, in der Band spielten unter anderem Osborne, Crover, Lukin, ein Bursche namens Gary Cole und einige andere – zum Beispiel auch Kurt Cobain am Schlagzeug. (Kurt behauptete: „Wir klangen wie die Butthole Surfers.“)

Chris war ein sehr auffälliger Frontman, wie sich Dale Crover erinnerte: „Er trug eine purpurrote Fransenjacke und machte eine Riesenshow. Er war sehr unterhaltsam.“ Die Stiff Woodies spielten auf einigen Partys, ehe sie den Weg aller Ableger-Bands gingen – vielleicht auch, weil das Gesangstalent von Chris sich in etwa so anhörte wie in seinem kurzen Auftritt am Anfang von „Territorial Pissings“ auf Nevermind.

In einem anderen Ablegerprojekt der Melvins spielte Chris Bass, die Band spielte Coverversionen der Mentors. Sein Bühnenname war Phil Atio.

Inzwischen hatte er seinen Job als Anstreicher verloren und bekam 55 Dollar Arbeitslosengeld in der Woche. Üblicherweise verschlief er den gesamten Vormittag und hielt sich dann im Probenraum der Melvins auf, wo jeden Nachmittag Sessions stattfanden. Langsam zog er immer mehr zu Shelli und verbrachte nicht mehr so viel Zeit mit den Cling-Ons bei den Melvins, sondern widmete sich lieber seiner Freundin.

Sie hatten weder ein Fernsehgerät noch ein Telefon, und die gesamte Einrichtung stammte aus Trödelläden. Sie hatten gebatikte Vorhänge und hörten sich Platten von den Cream und den frühen Rolling Stones an. „Es war eine der schönsten Zeiten in unserem Leben“, sagte Shelli. „Alles war so neu. Alles schien wunderbar. Zum ersten Mal waren wir weg von unseren Eltern, und die Welt gehörte uns. Es war wirklich cool.“

Im Dezember zogen Chris und Shelli in ein größeres, aber sehr baufälliges Haus in Aberdeen. Es war ziemlich zugig, vor allem in den feuchten Wintern des Nordwestens – man konnte die Sonnenstrahlen durch die Risse der Wände leuchten sehen.

Als sie mitbekamen, dass die Melvins für die Arbeit eines einzigen Abends die fürstliche Summe von 80 Dollar bekamen, starteten Chris und Kurt gemeinsam eine Band, die Creedence Clearwater Revival-Coverversionen spielte – sie hatte den bezeichnenden Namen The Sellouts. Sie spekulierten damit, dass CCR eine Country-Rock-Band waren und die Sache im ländlichen Aberdeen gut gehen müsste. Die Band bestand aus Kurt am Schlagzeug, Chris an der Gitarre und einem Kerl namens Steve Newman am Bass (dieser verlor später bei der Holzarbeit seine Finger). Sie probten im Haus von Chris und Shelli, aber es kam nur zu fünf oder sechs Sessions. Sie gingen auseinander, nachdem Kurt einmal einen Riesenstreit mit Newman hatte. Sie saßen bei Chris und Shelli und tranken, als Newman plötzlich Kurt mit dem Staubsauger angriff. Kurt schnappte sich einen Holzprügel und knallte ihn seinem Gegner, der ein gutes Stück größer war als er, auf den Schädel.

Obwohl sie nicht mehr zur Schule gingen, waren sie Aberdeen und ihren provinziellen Kameraden noch immer nicht entkommen. „Es war die klassische Kleinstadt, absolut uninteressant – und alle hielten sie für den Mittelpunkt des Universums“, sagte Matt Lukin. „Es gab einige Wichtigtuer, die in der Highschool beliebt gewesen waren, und ihre Cliquen hielten sich auch noch nachher, weil die Leute nach wie vor zusammensteckten. Kleinstadt-Mentalität – engstirnige Menschen, die alles, was für sie ungewöhnlich war, für schlecht und böse hielten.“

„Kurt war wirklich ein Opfer“, sagte Shelli. „Sie wollten ihn fertigmachen. Er war anders als sie. Er war kein Redneck, und er mochte seine eigene Art von Musik — in einer Kleinstadt fürchtet man sich davor; kaum bis du anders, bist du schon der Freak. Es lief jede Menge Scheiße in Aberdeen. Chris sprach einmal auf einer Party über Sozialismus, und die Rednecks wollten ihm gleich die Kehle aufschlitzen, weil sie ihn für einen Kommunisten hielten. Es war eine Atmosphäre voller Angst, vor allem um 1985 herum.“

Im März 1986 zogen Chris und Shelli nach Phoenix, Arizona, um Arbeit zu finden. Aber sie hatten bald genug von der gnadenlosen, alles erstickenden Hitze und den Republikanern und kamen wieder zurück in ihr Hundert-Dollar-pro-Monat-Appartement. Dort blieben sie sechs Monate und zogen dann in eine Wohnung über einer Garage im nahegelegenen Hoquiam (Quinault-Indianisch für „Gierig auf Holz“).

Sie wurden Vegetarier. Chris war von einem befreundeten Arbeitskollegen namens Dwight Covey für diese Idee begeistert worden – er war ein älterer Freak, der sich selbst im Wald eine Hütte gebaut hatte und dort ohne Elektrizität und fließendes Wasser lebte. Chris hörte auf, rotes Fleisch zu essen, später auch mit Geflügel und Fisch. „Ich glaube, ich suchte einfach einen Weg, um besser zu leben“, sagte er. „Ich begann, über all die geschlachteten Kühe nachzudenken – ich hielt es für eine gute Sache.“


Kapitel vier

Diese Burschen waren ja aus Aberdeen.

Im Winter 1987 fanden Chris und Kurt mit dem schnauzbärtigen Aaron Burckhard einen neuen Schlagzeuger. Burckhard wohnte in Kurts Nähe, war ein Kiffer und Cling-On und bekam manchmal die Gelegenheit, auf Dale Crovers Schlagzeug spielen zu dürfen. „Er ist sehr aufgeweckt und fröhlich“, sagte Kurt. „Laut, aber nicht so laut, dass man ihn dafür hassen müsste. Und er ist ein Anziehungspunkt für Schwierigkeiten aller Art.“ Burckhard hatte die Rolle eines Stadtbösewichts, er war zum Beispiel in dem Auto, das in die Auslage der Shop-Rite-Filiale von Aberdeen gekracht war und dadurch fünfzehntausend Dollar Schaden verursacht hatte. Wenig später fand sich sein Gesicht auf der Titelseite der Daily World von Aberdeen – das Auto, in dem er diesmal gewesen war, hatte sich auf dem Mittelstreifen überschlagen und war in Flammen aufgegangen, der Fahrer wurde getötet.

Burckhard hatte seine Nachteile, aber er war der einzige Schlagzeuger, den Kurt und Chris in Aberdeen kannten, also war er dabei. Er hatte einen fixen Job bei Burger King, aber irgendwie bekam er trotzdem nicht genug Geld für ein anständiges Schlagzeug zusammen, also bastelten sie sich eines aus ein paar Trommeln von Burckhard und einem Teil von Dale Crovers ausgeleiertem Sears-Schlagzeug – als Halterung für eines der Becken wurde ein Notenständer verwendet.

Nach ihrer Scheidung war Maria Novoselic in die Wohnung oberhalb ihres Schönheitssalons gezogen, die dort probende Band musste von da an in Kurts kleines Haus übersiedeln. Kurt besaß inzwischen einen Fender-Verstärker, und Chris hatte einen Markenverstärker von PMS und einen klobigen alten Hohner-Bass, den er sich von Greg Hokanson geliehen hatte. Sie begannen ernsthaft zu proben und nahmen sich die hart arbeitenden Melvins zum Vorbild.

Anfangs sang Kurt mit englischem Akzent. „Als ich zum ersten Mal amerikanischen Punkrock hörte“, sagte er, „klang es für mich nicht genug nach Punk, weil der Akzent fehlte.“ Zuerst übten sie hauptsächlich das Fecal Matter-Material ein, aber schon sehr bald begannen sie, neue Sachen zu schreiben. Innerhalb von drei Monaten entstand ungefähr ein Dutzend neuer Songs.

Zu der Zeit stand Chris auf Perlen, Räucherstäbchen und Psychedelic Rock aus den sechziger Jahren – „ein echter Hippie“, sagte Kurt. Chris schwärmte von einer Platte von Shocking Blue (der holländischen Band, die durch ihren klassischen Pop-Hit „Venus“ aus dem Jahr 1970 bekannt wurde). Kurt mochte sie nicht, aber um Chris bei Laune zu halten, erklärte er sich zu einer Coverversion eines der Songs bereit. Er hieß „Love Buzz“ und war ein pseudo-psychedelischer Bubblegum-Song. Kurt machte ihn um einiges rockiger und ließ den ganzen Text mit Ausnahme der ersten Zeile weg – hauptsächlich, weil er sich den Rest nicht merken wollte.

Ziemlich schnell traten die Unterschiede zwischen Burckhard und dem Rest der Band zutage. Burckhard fuhr mehr auf Metall ab als auf das, was er „Punk Shit“ nannte. Er begriff Kurts Musik nicht ganz, die sich auf Bands wie die frühen Gang of Four, Scratch Acid und die Butthole Surfers bezog – alles Bands mit vielen Dissonanzen und dem Anspruch, Kunst zu machen. „Ich hörte mehr Mainstream und Kurt fuhr auf die Underground-Szene ab“, sagte Burckhard. „Aber ich arbeitete mich hinein.“ Rückblickend war das ein früher Beweis für Kurts breitgefächerten Stil – er hat starke Punk- und Underground-Einflüsse und läßt sich dennoch irgendwie in den Mainstream übersetzen.

Burckhard zu den Proben zu bringen, war ein ständiger Kampf. Er wohnte bei einer sechs Jahre älteren, geschiedenen Frau und ihren zwei Kindern. Sie lebte von der Sozialhilfe, und immer, wenn der Scheck kam, verschleuderte sie ihn zusammen mit Burckhard und allen anderen Arbeitslosen von Aberdeen. „Am Monatsersten geht es wild zu in dieser Stadt“, sagte Burckhard.

„Wenn der Scheck von der Sozialhilfe kam“, sagte Kurt, „konnte man ihn unmöglich zu einer Probe bewegen.“

Anfänglich fiel es sogar Chris schwer, bei Kurts Feuereifer mitzuhalten – manchmal ließ er eine Probe sausen oder erklärte, dass er etwas anderes zu tun hatte, vielleicht auch, weil seine Mutter, eine stolze und geschäftstüchtige Frau, Kurt nicht mochte. „Verdammt, sie hasste mich von Grund auf“, sagte Kurt. „Sie bezeichnete mich als Abfall. Sie hasste mich. Ich hörte sie immer zu Chris sagen, er sollte sich andere Freunde suchen, er wäre ein Verlierer, alle seine Freunde wären Verlierer.“

Kurt brachte Chris ein paar Mal mit nach Hause. Wendy erinnerte sich, dass sich Chris ständig den Kopf an den Querbalken des Hauses anschlug. „Oh, das macht nichts“, stellte er trocken fest, „das passiert mir andauernd.“ Chris war sehr scheu und versuchte mit allen Mitteln, dem Klatschmaul Wendy aus dem Weg zu gehen.

Burckhard erinnerte sich, dass sich Kurt durch seine zerrissenen Jeans und seine künstlerhafte Art von den üblichen Kiffern in Aberdeen unterschied. „Es war einfach die Art, wie er sich gab – als wäre ihm alles egal“, sagte er. „Es war ihm einerlei, was andere über ihn dachten.“

Kurt war nicht zu stoppen. „Ich wollte eine Platte herausbringen oder ein paar Auftritte machen und verhindern, dass das Projekt genauso den Bach hinunterging wie alle anderen in den vergangenen sechs Jahren“, sagte Kurt. „Wir spielten unser Programm einmal durch, und wenn wir fertig waren, fing ich gleich wieder von vorne an – ohne zu schauen, ob die anderen überhaupt noch wollten. Ich prügelte sie einfach in Form.“

Mit der Zeit sprang Kurts Eifer auf Chris über, und die beiden wurden so fanatisch, dass sie schon eine einzige schlechte Probe zutiefst verärgerte. „Wir wurden richtig böse“, sagte Kurt. „Wir nahmen es sehr ernst.“ Sehr bald sahen sie sich nach einer Auftrittsmöglichkeit um. „Wir mussten einfach eine Show spielen“, sagte Kurt. „Endlich eine Show zu spielen, das war das Größte.“

Und dann bekamen sie ihren Gig – bei einer Party in Olympia. Sie stopften Chris’ VW-Käfer mit ihrer Anlage voll und fuhren aufgeregt und in Hochstimmung zu ihrem ersten Auftritt. Doch als sie angekommen waren, stellte sich heraus, dass die Polizei die Party schon beendet hatte. Sie mussten umkehren und wieder eine Stunde zurück nach Aberdeen fahren.

Ihr erster tatsächlicher Auftritt fand bei einer privaten Party im nahegelegenen Raymond statt, einer Stadt, die noch isolierter war als Aberdeen. Sie bestritten dort das Vorprogramm für eine Metal-Band, deren Attraktion der damalige Gitarrenheld Aberdeens war („Dieser Kerl konnte alle Solos von Eddie Van Halen“, sagte Chris, noch immer ein bisschen beeindruckt). Burckhard erinnert sich an die Gastgeber: Sie waren „Oberschicht-Yuppies und hatten einen Karton voll Michelob – gutes Bier –, schließlich sprang Chris aus dem Fenster, lief zum Eingang, kam wieder herein, sprang wieder hinaus und so fort. Er hatte sich mit falschem Blut als Vampir geschminkt und machte praktisch einen Narren aus sich, aber es war witzig.“

„Wir verschreckten alle derart, dass sie sich in der Küche vor uns versteckten“, sagte Kurt, „und wir hatten das ganze Wohnzimmer und den Rest des Hauses für uns.“ Um ihre konservativen Gastgeber zu schockieren, machten Shelli und Tracy das Maß voll: Kurt sprang während eines Solos auf den Tisch, und sie begannen seine Beine zu streicheln. „Natürlich hatten die Mädchen am Ende des Abends ihre Freunde so weit, dass sie uns verdreschen wollten“, sagte Kurt. „Sie verprügelten uns zwar nicht, aber sie machten uns deutlich, dass wir nicht willkommen waren. ,Es ist Zeit zu packen und zu verschwinden, Jungs.‘“

Die Band löste unter den Zuhörern auch deshalb Verwirrung aus, weil sie kaum Coverversionen spielten. „Sie wussten nicht, was sie von uns denken sollten“, sagte Chris und erinnerte sich an einige wenige, die nach dem Auftritt begeistert zu ihnen gekommen waren. „Wer weiß, was mit den Leuten passiert ist, die uns für gut hielten“,, fügte er mit bedauerndem Kopfschütteln hinzu.

Zu diesem Zeitpunkt bestand ihr Repertoire aus Original-Versionen wie „Hairspray Queen“, „Spank Thru“, „Anorexorcist“, „Raunchola“, „Aero Zeppelin“, „Beeswax“ und „Floyd the Barber“, aber auch Covers wie „Love Buzz“, „White Lace and Strange“ von der obskuren Sixties-Band Thunder and Roses, das epische „Sex Bomb“ von Flipper und „Gypsies, Tramps and Thieves“ von Cher, einer Nummer, bei der Chris sang.

Bald spielten sie ihr erstes richtiges Konzert – bei der Abschlussfeier in der GESCCO Hall in Olympia. Sie bauten wieder den Rücksitz aus Chris’ VW-Käferaus und vernichteten auf dem Weg von Aberdeen dorthin eine Vier-Liter-Flasche Rotwein. Es gab vielleicht zehn Zuschauer, aber die rissen die Plastikdekoration von den Wänden und rollten sie herum, während die Band spielte. Es war ein guter Anfang.

Dann bekam die Band eine Show im Community World Theater, einem umfunktionierten Pornokino in Tacoma. Tracy war mit dem Besitzer, Jim May, befreundet und arrangierte den Gig. May verlangte als Eintritt nur ein paar Dollar, außerdem war es ihm egal, dass Minderjährige Bier tranken.

Im Community spielten Bands mit Namen wie Dicks und Jack Shit, aber auch die Melvins und Punkbands auf Tour wie die Circle Jerks.

Die Band hatte noch keinen Namen, aber May brauchte unbedingt etwas, das er auf die Ankündigungstafel schreiben konnte. Kurt schlug Skid Row vor. Niemand erwartete viel von ihnen, aber es kam doch ein ganzer Haufen Freunde. Und zur Überraschung aller war die Band gut, sie hatten richtige Songs, und Kurt konnte tatsächlich singen. Und sie waren auch für ein bisschen Show zu haben – Kurt zog für „Love Buzz“ unbeschreibliche silberne Plateauschuhe an, sprang eineinhalb Meter hoch und landete im Spagat. Skid Row sammelten bald ihre eigenen Cling-Ons um sich.

Im April 1987 spielten sie eine Radio-Show bei KAOS, der Station des Evergreen State College in Olympia. Kurt hatte sich bei den Melvins-Konzerten mit ein paar Leuten in Olympia angefreundet, und einer von ihnen war Discjockey bei KAOS. Die Aufnahme von diesem Live-Auftritt – in der Midnight-Show – wurde ihr erstes Demo. Sie spielten bemerkenswert ausgereifte Versionen von „Love Buzz“, „Floyd the Barber“, „Downer“, „Mexican Seafood“, „Spank Thru“, „Hairspray Queen“ und drei weitere Songs, an deren Titel sich nicht einmal Kurt erinnerte. Burckhard envies sich als solider, harter Schlagzeuger im Stil von John Bonham – er verkörperte in gewisser Weise das Hardrock-Erbe der Band (interessanterweise sollte später ein Bonham-Fanatiker ihr bester Schlagzeuger werden). Kurt sang zwar in verschiedenen Stimmlagen – man hört zum Beispiel ein verzweifeltes Death-Metal-Geknurre oder das Gejaule einer läufigen Katze, aber ohne Anklänge an seinen späteren Stil.

In der Folge legten sie sich die verschiedensten Namen zu: Ted Ed Fred, Bliss („Da war ich auf Acid“, erklärte Kurt), Throat Oyster, Pen Cap Chew und Windowpane. Zuletzt einigten sie sich auf Nirvana, einen Begriff aus dem Hinduismus und Buddhismus, den Webster’s Dictionary so definiert: „Die Aufgabe von Verlangen, Leidenschaft, Vorstellungskraft und irdischem Selbst und das Erlangen von Friede, Wahrheit und ewigem Sein.“ Diese Vorstellung vom Himmel – einem Ort, wo mit den Worten von David Byrne „nothing ever happens“, also nie etwas passiert – klingt sehr nach dem Zustand, den Kurt fühlte, wenn er Heroin nahm, doch er sagte, dass es dabei nicht darum gegangen war. „Ich wollte einen Namen, der irgendwie schön, nett und hübsch war, nicht so einen ekelhaften Punkrock-Namen wie Angry Samoans“, sagte er. „Ich wollte einmal etwas anderes.“ Später gefiel ihm der Name nicht mehr so sehr. „Er ist zu esoterisch und ernst“, meinte er. Obendrein sollte er einer anderen Band für den gar nicht so sehr geliebten Namen auch noch 50.000 Dollar zahlen müssen.

Kurt hatte schon monatelang keine Miete für seine winzige Hütte bezahlt und flog hinaus. Tracy bot ihm an, zu ihr nach Olympia zu ziehen, und Kurt war einverstanden. Das war recht günstig, weil Chris und Shelli sich für Tacoma entschieden hatten, und es war einfacher, die Band zusammenzuhalten, wenn Kurt auch umzog. Tacoma kam für Kurt nicht in Frage, es war für ihn „ein gewalttätigeres Aberdeen“. Außerdem war Olympia eine coole College-Stadt.

Im Herbst 1987 übersiedelte Kurt in Tracys winziges Appartement in der 114 North Pear Street von Olympia („ein Schuhkarton“), die Miete betrug 137 Dollar pro Monat einschließlich Strom, Warmwasser und Müllabfuhr. Dort blieben sie etwas länger als ein Jahr und wechselten dann im selben Haus in eine kleine Wohnung mit einem Schlafzimmer.

Kurt war aus Aberdeen entkommen. Tracy erzählte, dass er sich kurz nach seinem Einzug, während sie bei der Arbeit war, ein Festmahl aus Krabben und Cream Cheese zu bereitet und sich in Olympia, auf einem echten Holzboden sitzend, mit so einem ausgefallenen Essen, sehr kultiviert gefühlt hätte.

In diesem Sommer wohnten auch Chris und Shelli unter der Woche dort, um sich die zweistündige Pendelfahrt zu ihren Jobs zu ersparen, das bedeutete, dass vier Menschen in der kleinen Wohnung aufeinanderklebten. Shelli und Tracy arbeiteten beide die zweite Nachtschicht in der Cafeteria von Boeing, und Chris verdiente in Tacoma als Anstreicher sechs Dollar die Stunde. Kurt schlief in der Nacht und blieb tagsüber zu Hause. Chris und Shelli verbrachten die Wochenenden in ihrer Wohnung in Hoquiam.

Die vier verbrachten jede Menge Zeit miteinander, sie feierten oder lungerten einfach vor dem Fernseher herum oder nahmen Trips. „Das Acid war von anderer Sorte als das, das die Beatles nahmen“, erinnerte sich Chris. „Es war schmutziger, speediger ... wir drehten einfach durch und tobten die ganze Nacht.“

Kurt beschrieb die Wohnung als „Kuriositätenkabinett“. Tracy unternahm mit Kurt an jedem Wochenende Streifzüge durch Secondhand-Läden, und jedes Mal kamen sie mit Wagenladungen voller Kitsch zurück. „Man konnte sich nicht einmal mehr bewegen“, sagte er. Die Wohnung war vollgestopft mit allen möglichen Dingen, es gab etwa ein riesiges Aerosmith-Poster an der Wohnzimmerwand und ein paar Anatomiemodelle aus durchsichtigem Plastik. Die Wände waren voll mit Kurts Gemälden, ausgeschnittenen Artikeln aus Weekly World News und dem National Enquirer und eigenwillig verfälschten religiösen Bildern. Und irgendwo lauerte immer eines der wertvollsten Dinge, die Kurt besaß – Chim Chim, sein Plastikäffchen. Überall waren Tiere – drei Katzen, zwei Kaninchen, ein paar Hausratten und Schildkröten. Es war genauso „wohlriechend“ wie der Schuppen in Aberdeen.

„Eine Rattenpissehölle“, lautete Kurts treffende Beschreibung. Eines Tages kam Bruce Pavitt, Mitglied der lokalen Punkszene, vorbei, und eine der Hausratten biss ihn in den Finger („Er kreischte wie eine Frau“, kichert Tracy). Pavitt gründete später Sub Pop Records, das erste Label von Nirvana.

Wie gewöhnlich blieb Kurt die meiste Zeit drinnen, manchmal verließ er die Wohnung wochenlang überhaupt nicht und schwelgte in den Fantasien seiner „kleinen Kunst-Welt“. Er machte sich nicht viel aus der kulturellen Szene von Olympia, aber es war immerhin gut zu wissen, dass es sie gab. Und er musste sich nicht mehr mit drögen Kiffern und spießigen Rednecks abgeben. Er ließ sich die Haare wachsen und konzentrierte sich auf seine Kunst.

Kurt begann, Puppen zu sammeln und selbst welche zu gestalten. Es war der Anfang einer langen Leidenschaft und Ausdruck seines kreativen Potentials. Er entdeckte eine Lehmsorte , die sich eigenartig verfärbte, wenn man sie brannte, und formte daraus Puppen – wie die auf dem Cover von Incesticide, aber auch noch viel verworrener und bizarrer. Er nahm Kinderpuppen, überzog sie mit Lehm und brannte sie im Ofen, bis sie wie uralte Kunstgegenstände aussahen. Er sammelte auch antike Babypuppen, vor allem solche, die beängstigend lebensnah wirkten.

Als Kurt im Hotel an der Küste arbeitete, hatte er aus dem Zimmer eines Gynäkologen ein Buch mit Bildern von erkrankten und missgebildeten Vaginas gestohlen. Er schnitt sie aus und fertigte aus ihnen zusammen mit Bildern von Fleischstücken und einem Foto der Gruppe Kiss eine Collage und klebte sie an die Kühlschranktür.

Kurt ging durch eine kurze Death Rock-Phase (Black Sabbath – nicht Bauhaus) und bastelte Modellwelten voller verrotteter Körper, Skelette und Dämonen.

Er nahm psychedelische Tonbänder auf, mit Kirchenliedern, Politikeransprachen, Werbung und Musik, die entweder zu schnell oder zu langsam abgespielt wurde. Er machte zwar auch Collagen, aber hauptsächlich malte er. Auf seinen Bildern waren massenhaft unheimliche und verzerrte Figuren oder Föten in domenreichen Landschaften. Es fällt einem schwer, diese Bilder nicht autobiografisch zu deuten – hilflose Kinder, die in einer feindseligen Welt ausgesetzt sind.

Kurt machte auch kleine Skulpturen. „Er machte unglaublich schöne und verschlungene Skulpturen aus lauter seltsamem Zeug aus Second Hand-Läden“, sagte Slim Moon. „Es war eine schräge Mischung aus Popkultur-Sammelstücken und wirklichen Tonstatuen. Er machte ein riesiges Schaubild, einen Meter breit und ebenso hoch, oder er entfremdete ein Aquarium. Er beschäftigte sich wochenlang mit einem Ding, und alle Besucher waren begeistert von den Objekten. Wir wollten ihn dazu überreden, sie im Smithfield Cafe auszustellen, aber er lehnte ab und zerstörte sie wieder. Oft schon am nächsten Tag war alles kaputt, und er begann von vorne.“

Not macht erfinderisch, so entstand eine von Kurts Lieblingsdekorationen. „Ich habe eine magische Anziehungskraft auf Fliegen“, sagte Kurt. „Vielleicht ist es auch umgekehrt. Die Fliegen belästigen mich jeden Tag – ich wache auf, und ihr Summen hält mich stundenlang wach, und sie springen auf meinem Gesicht herum. Sie greifen mich an – so geht das die ganze Zeit.“ Kurt hing die ganze Wohnung mit Dutzenden Fliegenbändern voll, und bald sammelten sich darauf tote Insekten aller Art.“

Wenn man Kurt glaubte, reichte sein Einkommen aus der Band für die Miete, aber Tracy sah das anders. Sie forderte ihn von Zeit zu Zeit auf, sich einen Job zu besorgen, was Kurt lediglich zu der Ankündigung veranlasste, auszuziehen und im Auto zu wohnen. Das wiederum genügte, sie für einige Zeit ruhig zu halten. Sie war anscheinend sowohl seine Geliebte als auch sein Unterhalt.

Kurt leistete seiner Auffassung nach genug, überhaupt nachdem in Seattle etwas Ungewöhnliches passierte. In den Jahren vor der Gründung von Nirvana hatten sich die nicht kommerziell eingestellten Punkbands aus Seattle von den örtlichen Veranstaltern schröpfen lassen. Aber jetzt hatten sie sich zusammengetan und machten klar, dass sie nicht mehr für ein lächerliches Auftrittsgeld spielen würden. Einen guten Teil zu dieser Entwicklung trug das junge Sub-Pop-Label aus Seattle bei, sie sorgten dafür, dass ihre Künstler für ihre Auftritte gutes Geld bekamen. Für einen ihrer ersten Auftritte im Vogue vor 300 Zuschauern kassierten Nirvana die auch heute noch ansehnliche Summe von 600 Dollar.

Trotzdem musste er Geld verdienen, damit sie sich die Aufnahme eines ordentlichen Demo-Bands leisten konnten, und er nahm im Herbst einen Job bei einer Bewachungsfirma an – für vier Dollar in der Stunde. Er fuhr in einem abgewrackten Kombi zusammen mit zwei „Kumpels aus der Hölle, die noch schlimmer waren als die typischen Gehirntoten aus Aberdeen“ quer durch die Stadt. Meistens soffen seine Kollegen zwei Sechserpackungen Bier pro Nacht, nannten Kurt einen Schwulen und stießen ihn im Kombi hemm. Einige der Auftraggeber waren Ärzte und Zahnärzte, dort zeigten sie ihm, wie leicht man Tabletten stehlen und eine Portion Lachgas kriegen konnte, ohne dass es auffiel.

Dann zogen Dylan Carlson und Slim Moon ins Nachbarhaus, und nachdem Kurt nachts arbeitete und Carlson arbeitslos war, verbrachten sie viel Zeit zusammen und machten sich über die Calvinisten lustig („Kurt und ich waren wohl die einzigen, die in diesem Sommer nicht Yo-Yo spielten“, amüsierte sich Carlson). Sie hängten Lampions aus den 50er Jahren auf (wie immer aus dem Secondhand-Laden) und grillten im Hinterhof. Wenn Chris vorbeischaute, wurde sofort eine Flasche Rotwein geöffnet, und es ging ab. Einmal musste sogar die Polizei einschreiten, weil sie mit Gartensesseln einen schrottreifen Cadillac traktierten.

Kurt blieb trotzdem eher ein Einzelgänger, und das sollte sich die gesamten vier Jahre in Olympia nicht ändern. „Er lebte wie ein Eremit in der Höhle“, sagte Slim Moon. „So wirkte er auf uns – wie er verrückte Einsiedler, der zwölf Stunden am Tag Gitarre spielte und nie das Haus verließ, außer um auf Tour zu gehen.“

Obwohl Kurt kaum ausging, war er ziemlich bekannt in der Stadt. Auf Partys setzte er sich einfach irgendwohin und lächelte still in sich hinein. Für die meisten in der Szene von Olympia war er ein unbeschriebenes Blatt, und jeder ordnete ihn seinem Geschmack zu. Sie mochten ihn, obwohl sie nicht wussten warum – und dieses Geheimnis schien sich auf seine Musik zu übertragen.

Nach einiger Zeit bekam Kurt in der Firma eine eigene Route, aber von einem vorbildlichen Arbeiter war er weit entfernt. Er fuhr mit dem Kombi zum ersten Haus, tat ein bisschen herum und fuhr dann nach Hause schlafen. Wenn das Ende der Schicht nahte, besuchte er noch ein paar Adressen, und das wars. Nachdem das acht Monate so gegangen war, wurde er gefeuert.

Kurt gab zu, dass er immer schon faul gewesen war. Aber seine andauernden Probleme bei den Jobs wären nicht nur das Resultat seiner Faulheit gewesen. „Ich hatte immer Schwierigkeiten mit meinen Arbeitskollegen. Ich kann Durchschnittsmenschen einfach nicht ertragen. Sie gehen mir zu sehr auf die Nerven, als dass ich sie einfach ignorieren könnte. Ich beschimpfe sie und werde ausfällig.“

Eine Sache hatte Kurt immerhin von ihnen gelernt: wie man Drogen stahl. Am liebsten nahm er – wenn er es kriegen konnte – Code in und Vicodin (ein Schmerzmittel auf Opiumbasis). Er rauchte Pot und nahm ein paar Mal Heroin. Er versuchte Kokain und Speed, aber das war nichts für ihn. „Ich wurde zu selbstsicher“, sagte er. „Einfach zu gesellig.“

Um diese Zeit spürte er erstmals einen schrecklichen stechenden Schmerz in der Magengegend. „Es brennt so, dass du fast ohnmächtig wirst, wie die schlimmste Magengrippe“, sagte Kurt. „Es pocht, als hätte man sein Herz verschluckt, einfach entsetzlich. Ich kann spüren, wie alles rot und wund ist. Am schlimmsten ist es beim Essen. Nach ungefähr der halben Portion kommt das Essen irgendwie in die Gegend, wo die Entzündung ist, und dort brennt es dann ganz entsetzlich. Es ist der schlimmste Schmerz, den ich kenne.“ Dieser Zustand hatte von da an Kurts Leben beherrscht, und kein noch so großer Spezialist wusste Rat.

Aaron Burckhard besorgte sich in der Zwischenzeit weder ein neues Schlagzeug noch kam er regelmäßig zu den Proben, er ging stattdessen lieber mit seinen Freunden auf Partys. „Sie wollten jeden Tag proben“, sagte er. Jeden Tag. Ein bisschen viel. Ich blieb ein paar Mal weg, und sie waren ernstlich böse.“ Für Burckhard war die Band nur ein Spaß. „Nichts, womit wir Geld verdienen würden oder so.“

Außerdem gab es einen grundsätzlichen Unterschied. Burckhard erklärt zwar heute, ein Punk-Fan zu sein, aber er ging nicht so weit wie Kurt und Chris, „die Haare in allen möglichen Farben zu haben und was nicht noch alles“.

Chris und Shelli waren in Tacoma, Kurt in Olympia, und Burckhard noch immer in Aberdeen – er hatte dort eine Freundin und machte sich außerdem Hoffnung auf einen Posten in der Geschäftsleitung bei Burger King. Ironischerweise heiratete sein Cousin die Tochter des Lizenznehmers, aber Burckhard brachte es nie weiter als bis zum Abteilungsleiter. Mit der Zeit verlor sich der Kontakt zu ihm.

Kurt und Chris entschieden sich dafür, mit Dale Crover zu proben und ein Demoband aufzunehmen. So hielten sie die Band am Leben, probten mit Crover drei Wochenenden und fuhren zu Reciprocal Recording nach Seattle, um dort am 23. Januar 1988 das Demo aufzunehmen. „Nachdem wir fertig waren, fiel uns erst richtig auf, wie gut die Musik war – und dass sie etwas Bestimmtes hatte. Von da an nahmen wir die Sache viel ernster.“

Kurt begründete die Auswahl dieses Studios in Seattle damit, dass er die Anzeigen im Seattle Rocket, dem kostenlosen Haus-und-Hof-Blatt der Musikszene, durchgeblättert hatte. Es war eines der billigsten, deshalb gingen auch die meisten hin. Manche behaupten, dass er Reciprocal genommen hätte, weil dort die EP Screaming Life von Soundgarden (seine aktuelle Lieblingsplatte) für Sub Pop eingespielt worden war. „In Wahrheit wollte Kurt dort aufnehmen, weil ihm der Soundgarden-Klang so gut gefiel“, meinte Crover, der die Studiozeit reserviert hatte. „Er stand damals ziemlich auf Soundgarden.“ Kurt stellte das vehement in Abrede. Wie auch immer: eigentlich hätten sie einen anderen Toningenieur haben sollen, aber in letzter Minute trat Jack Endino auf den Plan, vielleicht weil er mit dem als ausgezeichneten Schlagzeuger bekannten Crover arbeiten wollte.

Der ehemalige Navy-Techniker Endino war so etwas wie der Pate der Szene von Seattle. Er nahm unzählige Bands für sehr wenig Geld auf (er sagte nie „produzieren“ – das passte nicht zu Punk), förderte damit die wachsende Szene und machte Sub Pop auf diese Weise lebensfähig. Seine lässige Art und der aufregende Sound machten ihn zum Liebling der jungen und unerfahrenen Bands der Gegend. Er war gemeinsam mit Chris Hanszek (dem Produzenten des Deep Six-Samplers) der Gründer des im Stadtteil Ballard gelegenen Reciprocal Recording-Studios.

Bei Reciprocal sah es genauso aus wie in einem Probenraum – die Farbe blätterte von den Wänden, auf jeder geraden Fläche waren Spuren ausgedämpfter Zigaretten, und es war egal, ob man das Bier auf dem Teppich verschüttete. In Seattle gibt es nur wenige Bands, die Recprocal (oder dessen letzte Inkarnation Word of Mouth) noch nie von innen gesehen haben.

Dwight Covey, ein Freund von Chris, brachte die Band mitsamt der Ausrüstung in seinem klapprigen Chevy-Campingbus nach Seattle.

Als Chris seinen Part aufgenommen hatte, vergnügte er sich mit Dwight und dessen Sohn Guy. „Wir rauchten im Klo einen Riesenjoint, und ich wurde so stoned, dass ich rausgehen musste“, sagte Chris. Sie saßen zusammen im Campingbus, während Kurt den Gesang aufnahm. In nur sechs Stunden nahmen sie zehn Songs auf und mischten sie fertig. Im Prinzip war alles live in ein oder zwei Takes aufgenommen worden, Kurt brauchte für den ganzen Gesang immer nur einen Take. Um drei Uhr nachmittags waren sie fertig. „Floyd the Barber“, „Paper Cuts“ und „Downer“ fanden sich später auf Bleach. Zwei Songs wurden nie veröffentlicht: „If You Must“ und „Pen Cap Chew“ (die Nummer wurde ausgeblendet, weil das Band zu Ende war). Eine Version von „Spank Thru“ wurde später mit Chad Channing am Schlagzeug noch einmal aufgenommen und auf Sub Pop 200 veröffentlicht. Die restlichen vier – „Beeswax“, „Mexican Seafood“, „Hairspray Queen“ und „Aero Zeppelin“ – finden sich auf Incesticide. Da Chris arbeitslos war, zahlte Kurt die 152,44 Dollar Aufnahmekosten von seinem Einkommen bei der Bewachungsfirma.

Crover hatte für den selben Abend einen Auftritt im Community World Theatre in Tacoma organisiert. Sie hatten wieder einmal keinen Bandnamen, und Crover schlug Ted Ed Fred vor – seinen Spitznamen für den damaligen Freund von Greg Hokansons Mutter. Chris erholte sich gerade noch rechtzeitig vor der Show von den Folgen des Riesenjoints.

Kurt war sehr zufrieden mit dem Demo. Tracy erinnerte sich, dass er mit einem breiten Grinsen im Auto saß und das Band fest an sich drückte. Endino gefiel es auch, und er machte am selben Abend noch eine Kopie für sich selbst und eine für Jonathan Poneman. Poneman hatte gerade die Soundgarden-EP auf Sub Pop herausgebracht. Das Label existierte erst ein paar Monate und war von seinem Partner Bruce Pavitt gegründet worden. Es gab nicht viele Bands aus Seattle, die der frühere Club-Programmacher Poneman nicht kannte, aber, um mit Endino zu sprechen: „Diese Burschen waren ja aus Aberdeen.“

Poneman war gerade auf der Suche nach neuen Bands, um Sub Pops Katalog zu vergrößern, und so fragte er Endino, ob er etwas Bemerkenswertes gehört hätte. Endino antwortete: „Na ja, da gibt es einen Burschen um ehrlich zu sein, ich weiß nicht recht, was ich von ihm halten soll. Er hat eine unglaubliche Stimme, er kam mit Dale Crover. Ich weiß nicht, aber in seiner Stimme steckt viel Kraft. Er sieht aus wie ein Automechaniker.“

Poneman war von der Aufnahme begeistert. „Ich war einfach fasziniert von der Stimme“, sagte er. „Es gab keinen bestimmten Song, der mich fasziniert hätte – die Songs waren zweitrangig hinter dem Gefühl, das darinsteckte. Die Band hatte offensichtlich eine Menge unverbrauchte Kraft. Ich weiß noch genau, wie ich das Band hörte und dachte: ,Oh, mein Gott!‘“

Poneman nahm das Demo mit zu Muzak, einer Produktionsfirma für Hintergrundmusik, bei der so ziemlich jeder, der irgendwie zur Szene gehörte, irgendwann einen Job gehabt hatte — zum Beispiel Regale putzen oder Bänder kopieren: Mark Arm (damals Green River, jetzt Mudhoney), Ron Rudzitis (damals Room Nine, jetzt Love Battery), Tad Doyle (er stammte aus Idaho und war kurz vor der Gründung der Band TAD), Chris Pugh von Swallow, Grant Eck man von den Walkabouts und Bruce Pavitt – sie alle arbeiteten dort und machten den Ort zu einem Forum, wo neue Strömungen des Rock and Roll entstanden und diskutiert wurden. Poneman verkündete: „Sollte irgendjemand reich werden wollen – diese Band ist auf der Suche nach einem Schlagzeuger.“

Aber die Muzak-Jury war nicht begeistert. Die Musik war zu komplex und zerstückelt, sie standen mehr auf schnörkellosen Rock wie von den frühen Wipers, Cosmic Psychos und den Stooges. Der Sänger war toll, doch wahrscheinlich hätten sie die Band in keinem Fall gemocht. Jeder wollte, dass seine engsten Freunde die größten Stars würden“, sagte Pavitt, „und Nirvana waren nicht aus der Stadt, also hielten sich alle zurück.“ Mark Arm beurteilte die Band laut Poneham als im Klang ähnlich wie Skin Yarcl, aber nicht so gut“. „Die Leute waren eben sehr auf ihre Clique und ihre Musik fixiert.“

Für Pavitt war die Sache zu sehr „Rock“, zu viel Heavy Metal und zu wenig Underground. Poneman und Pavitt gingen zu einem spärlich besuchten Auftritt in der Central Tavern – an einem Sonntag abend um acht (heute behaupten Hunderte, sie wären dort gewesen). Die Musik war ungeschliffen, aber manche Sachen waren außergewöhnlich gut. Pavitt stimmte zu, dass sie ein großes Potential hatten. Poneman erinnerte sich noch, dass sich Kurt vor dem Auftritt hinter der Bühne übergeben hatte.

„Die Band riss mich nicht gleich vom Hocker“, gab Pavitt jetzt zu. „Für mich eröffneten Nirvana keine neuen musikalischen Perspektiven.“ Aber Poneman war begeistert, und der ehemalige Journalist Pavitt begann nach Argumenten zu suchen, mit denen er der Musikpresse die Band schmackhaft machen konnte – denn die kleinen unabhängigen Labels mussten sich für die Promotion ihrer Projekte auf die Medien verlassen. Dann fiel bei Pavitt der Groschen.

,Je mehr ich über sie und das, was sonst noch in Seatle passierte, nachdachte“, sagt er, „desto mehr passte es mit der Sache von Tad – diesem Fleischer aus Idaho – zusammen. Echte Arbeiterklasse – ich mag den Ausdruck ,White Trash‘ nicht – nichts Konstruiertes, sondern etwas Urwüchsiges.“ Bis zu diesem Zeitpunkt (und zum Großteil immer noch) wurde die Independent-Szene von der Ostküste aus beherrscht – dort gab es Tip Sheets, Fanzines, eigene Radiostationen und Clubs. „Wir versuchten, mit intelligenten und kreativen Leuten zu arbeiten, die deshalb nicht unbedingt ins College gehen mussten“, grenzte sich Pavitt von der collegefixierten Ostküstenszene ab. „Und je mehr ich über Kurt erfuhr, desto besser passten er und Tad in dieses Bild.“

Als Kurt zu Tracy nach Olympia gezogen war, hatte er sich noch darüber beklagt, dass er in Seattle geschnitten wurde, weil er nicht zur Clique gehörte. Ein Jahr später schon wollte er keine Konzerte mehr besuchen, weil ihn gar so viele Leute anquatschten. Alle hatten das Demo gehört, denn Endino hatte Kopien an seine Freunde verteilt, und diese wiederum an ihre Freunde.

Auch Kurt zog einen Haufen Kassetten und schickte sie an jedes Indie-Label, das er kannte – inklusive SST in Lawndale, California, und Alternative Tentacles in San Francisco. Am liebsten wollte er zu Touch & Go in Chicago, dem Label einiger seiner Lieblingsgruppen: Scratch Acid, Big Black und der Butthole Surfers. Dorthin schickte er insgesamt zwanzig Stück, immer begleitet von einem Brief und „kleinen Geschenken“, angefangen von kleinen Spielsachen über eine Handvoll Konfetti bis zu einem mit Plastikameisen gefüllten Präservativ und einem mit Nasendreck verkrusteten Blatt Papier (verdächtig ähnlich dem, was Big Black für ihre EP Lungs machten). Niemand meldete sich, schon gar nicht Touch & Go.

An Sub Pop schickte er keine Kassette – er wusste nicht einmal, dass es das Label gab. Keinen Augenblick zu früh rief Poneman an und erklärte, dass ihm die Aufnahme gefiele. Kurt hielt Poneman für cool, weil er mit seiner damaligen Lieblingsband Soundgarden zu tun hatte. Sie vereinbarten ein Treffen im Café Roma am Broadway in Seattle.

Kurt kam zusammen mit Tracy und war als erster da. Tracy war der ganzen Sache gegenüber ein wenig misstrauisch – ihr gefiel Poneman nicht; die Art, wie er seine Hände fest in den Taschen seines Trenchcoats vergraben hielt, und dass er sich ständig suchend umblickte. „Man hatte den Eindruck, die Polizei wäre hinter ihm her“, erinnerte sie sich.

Poneman empfand Kurt als „sehr schüchtern und respektvoll“ und als „angenehmen, sanften Burschen“. Chris, der kurz nach Kurt und Tracy ankam, war ein anderes Kapitel. Er war vor dem Treffen so nervös, dass er sich schon am Weg nach Seattle betrunken hatte. Von Zeit zu Zeit nahm er auch im Café noch einen Schluck aus einer Flasche, die er unter dem Tisch verborgen hielt. Während des ganzen Treffens starrte er Poneman an, beleidigte ihn, rülpste laut und brüllte die anderen Gäste an: „Was zum Teufel gibt’s hier zu sehen? Hey! Hey!“ Für Kurt war es „eine der lustigsten Szenen, die ich je erlebt habe.“

Poneman ignorierte Chris, so gut er konnte, und brachte seine Idee zum Ausdruck, dass er in naher Zukunft eine Single von Nirvana herausbringen wollte.

1988 begann nicht gerade vielversprechend für die Szene in Seattle. Schlüsselbands wie die Melvins, Green River und Feast waren entweder in einem Zwischenstadium oder hatten sich getrennt. Bands wie Tad, Mudhoney oder Mother Love Bone waren gerade erst am Anfang – und das galt auch für Sub Pop Records.

Sub Pop war ursprünglich ein Fanzine von Bruce Pavitt, einem Zuwanderer aus Chicago, der am freigeistigen Evergreen State College von Olympia Punkrock studierte. Bald begann er mit Sammelkassetten von regionalen Musikszenen in den ganzen Vereinigten Staaten, und seine erste Vinylproduktion Sub Pop 100 war der Szene von Seattle gewidmet.

1987 brachte Pavitt Dry as a Bone von Green River heraus, einer Band aus Seattle, die den Mut hatte, die gegensätzlichen Sounds von Metal und Punk zu mischen (Green River spaltete sich später in Mudhoney und Pearl Jam). Ihr gemeinsamer Freund Kim Thayil von Soundgarden machte ihn mit Jonathan Poneman bekannt, einem Radio-DJ und Rockkonzert-Promoter in Seattle. 1988 brachten sie das Soundgarden-Album Screaming Life heraus.

Pavitt und Poneman waren gerissen, konnten gut reden und hatten ein ausgezeichnetes Gehör. Sie verstanden sich hervorragend auf Vermarktung, und da sie die Erfolge und Misserfolge früherer Independent-Labels genau beobachtet hatten, gelang es ihnen in Windeseile, Sub Pop und die Szene von Seattle zum aufregendsten Ding im Independent Rock zu machen. Es gab in Seattle zwar auch andere Labels (etwa Popllama mit den Young Fresh Fellows), aber nur Sub Pop wusste sich zu verkaufen. Die meisten Covers waren künstlerische und professionelle Studiofotos von Pavitts Freund Michael Lavine, dadurch entstand der Eindruck, es wäre viel Geld für einen exklusiven Fotografen ausgegeben worden. Auf den Innenhüllen und auf der Rückseite dominierte das von Charles Peterson geschaffene Sub Pop-Image: grobkörnige und verschwommene Schwarzweißbilder, auf denen man mehr vom Publikum als von der Band sah. Peterson mischte sich hemmungslos ins Volk und fing das ganze gewalttätige Treiben ein – jede Menge Schweiß, Haare und nackte männliche Oberkörper.

Eine interessante neue Band wie Nirvana war eine große Sache. Kurts Art, Gitarre zu spielen, war zwar zerhackt, hatte aber einen unüberhörbaren Metal-Einschlag. Die Riffs waren clever. Die Tatsache, dass Nirvana in so kurzer Zeit so gut klingen konnten, erstaunte Endino, der schon viele Bands aufgenommen hatte. Schon damals setzte Kurt seine Melodien auf sehr ungewöhnliche Weise gegen die Rhythmen und Akkorde. Anstatt einfach den Gitarren zu folgen, erfand er fast kontrapunktische Melodieführungen. Aber was die Band endgültig heraushob, war sein Gesang – er konnte sowohl sehr hoch kreischen als auch mit angenehm zugänglicher Stimme singen.

Sie hatten eine beschissene Anlage und fürchterlich klingende Verstärker. Ziemlich lange mussten sie jedes Mal ein Holzbrett unter Chris’ Bassverstärker schieben, weil ein Rad fehlte (das Problem wurde erst kürzlich gelöst).

Crover übersiedelte zu dieser Zeit – Frühjahr 1988 – mit Osborne nach San Francisco und empfahl Dave Foster aus Aberdeen als seinen Ersatz. Poster spielte Bass zusammen mit Crover in einer Satellitenband der Melvins, war aber auch ein guter Schlagzeuger. Kurt und Chris waren sich einig, dass sie Foster nicht auf Dauer in der Band haben wollten – er war mit seinem Schnurrbart und seinem aufgemotzten Allrad-Jeep zu macho und gewöhnlich. Trotzdem spielten sie ihm das Demo vor, und es schien Foster zu gefallen.

„Ich lernte eine Menge, was das Spielen betrifft“, sagte Foster, der in der Highschool Jazz-Schlagzeug gelernt hatte. „Sie sagten: ,Vergiss den Mist und hau einfach rein.‘“ Außerdem verkleinerten sie mein Schlagzeug um die Hälfte: Zu Beginn hatte ich noch zwölf Teile, nachher nur mehr sechs.“

Sie probten im Vorzimmer des neuen Hauses von Chris und Shelli auf der Pearl Avenue in Tacoma, nahe beim Tiergarten.

Auf der ersten Party, bei der sie auftraten, waren jede Menge Grüne, Hippies und Punks. Kurt trug seine übliche ärmellose Jeansjacke, hatte sein Plastikäffchen Chim-Chim auf die Schulter geklebt und am Rücken einen Ausschnitt aus einem Woolworth-Webbild vom letzten Abendmahl. Foster trug seine übliche Metal-Kluft. Während des Auftritts schnappte sich einmal ein Punker das Mikro und rief: „Schlagzeuger aus Aberdeen sind echt komisch!“

„Ich kam mir ziemlich fehl am Platz vor“, sagte Foster. „Aber mir gefiel das, was sie machten. Ich liebte ihre Musik.“

Poneman verschaffte ihnen im Frühjahr 1988 ihren ersten Seattle-Auftritt im Vogue. Es war der Sub Pop-Sunday. Einer der Trendsetter von Seattle, Charles Peterson, erinnerte sich, dass nur ungefähr zwanzig Leute gekommen waren – obwohl KCMU in regelmäßigen Abständen „Floyd the Barber“ gespielt hatte. Trotzdem hatte es viel Gerede über die Band gegeben sie klangen angeblich wie Blue Cheer. Leute wie Mark Arm unterzogen die Band einer sehr kritischen Betrachtung. Kurt erzählte später, dass nur noch das Hochhalten von Wertungstafeln nach jedem Song gefehlt hätte.

Die Band spielte ziemlich schlaff, und die schlechte Anlage tat ein Übriges. Peterson war nicht übermäßig beeindruckt, die Gruppe hatte auf der Bühne wenig Ausstrahlung. „Sie bemühten sich nicht sehr“, stimmte Poneman zu. Außerdem klangen die Songs zu sehr nach den Melvins. Peterson nahm Poneman beiseite und fragte ihn: Jonathan, bist du sicher, dass du die Jungs unter Vertrag nehmen willst?“

„Wir waren total daneben“, sagte Kurt. „Wir bauten Mist.“

Foster hielt es nur wenige Monate bei Nirvana aus. „Er war zu normal, und unsere seltsame Art hat ihn zu sehr eingeschüchtert“, sagte Chris. „So was wie uns hatte er noch nie gesehen. Wir waren einfach absolute Gegenkultur.“

Foster meinte dazu: „Ich glaube, sie fühlten sich unwohl, sie hielten mich wahrscheinlich für so etwas wie einen Redneck, was weiß ich. Wenn meine Freunde auftauchten, wurden sie nervös. Sie waren einfach nicht ihre Sorte Menschen. Jeder hat wohl seine eigene kleine Clique.“

„Außerdem hatte er ein Problem“, sagte Chris. „Er war wegen seiner Aggressionen in Therapie. Immer wieder fing er Streit an und prügelte furchtbar um sich. Einmal sahen wir ihn einen Freund gegen den Kopf treten, nur weil der auf seinen Wagen gespuckt hatte.“

Das endgültige Aus für Dave Foster kam, als dieser herausfand, dass ihn seine Freundin betrog. Er reagierte „wie ein Mann“ und verdrosch seinen Nebenbuhler. Zu seinem großen Pech stellte sich heraus, dass dieser der Sohn des Bürgermeisters aus dem nahegelegenen Cosmopolis war. Foster wurde zu einem Jahr Gefängnisstrafe verurteilt, kam aber letztlich nach zwei Wochen wieder frei. Allerdings wurde ihm der Führerschein entzogen – das bedeutete, dass er nicht mehr von Aberdeen zu den Proben nach Tacoma fahren konnte.

Sobald er wieder aus dem Gefängnis entlassen war, rief Foster Kurt an und fragte ihn, wann er zur nächsten Probe kommen sollte. Kurt erklärte ihm, dass sie gerade ein paar neue Songs schrieben und sich bei ihm melden würden. Was er ihm verschwieg, war, dass sie wieder mit Aaron Burckhard zu proben begonnen hatten – und dabei Fosters Schlagzeug verwendeten.

Doch auch Burckhards Tage waren gezählt. Eines Abends saßen Burckhard und Kurt nach den Proben im Trailer von Burckhards Vater in Spanaway zusammen und betranken sich. Burckhard lieh sich Kurts Wagen, um mehr Bier zu holen. Doch statt zum Supermarkt fuhr er in die nächste Kneipe. Nachdem er dort zwei Stunden mit Freunden gezecht hatte, wollte er zurückfahren und wurde dabei von einem schwarzen Polizisten mit Namen Springsteen wegen Trunkenheit am Steuer aufgehalten. Burckhard gröhlte in seinem Suff: „Hey Bruce! Was gibt’s, Bruce?“ und sonst noch „ein paar Nettigkeiten“. Officer Springsteen nahm ihn fest und beschlagnahmte Kurts Auto.

In Burckhards Wohnwagen gab es kein Telefon, und so wurde Chris verständigt, um ihn aus dem Gefängnis zu holen. Chris erzählte im Gespräch, dass Burckhard den Polizisten „fucking nigger“ genannt hätte – das wäre der wahre Grund der Festnahme gewesen. „Es war mir sehr peinlich, ihn auszulösen.“

„Vielleicht habe ich so etwas Ähnliches gesagt“, gab Burckhard zu. „Aber ich habe das Recht, zu schweigen.“

Kurt erzählte, er hätte Burckhard am nächsten Tag angerufen und ihn aufgefordert, zur Probe zu kommen. Burckhard hätte daraufhin gemeint, er wäre noch zu verkatert, und Kurt hätte einfach aufgelegt. Damit wäre Burckhard endgültig draußen gewesen.

„Ich spielte echt gerne mit den beiden“, sagte Burckhard. „Aber ich war jung und dumm und verlor irgendwie den Überblick.“

Wäre Burckhard an diesem Abend nicht in die Kneipe gegangen, wäre er jetzt wahrscheinlich Millionär. „Stimmt“, sagte er. „Aber es ist wie beim Lotto – du kannst fünf richtige haben und kriegst die sechste nicht und denkst dir dann: ,Himmel, nur eine Zahl hat gefehlt!‘ Ich bereue nichts. Ich bin wie – wie hieß doch der von den Beatles?“

Heute lebt der Pete Best von Nirvana, nachdem er seinen Job als Bauarbeiter verloren hat, von der Arbeitslosenunterstützung. Er spielt mit einer Speed-Metal-Band namens Attica Songs mit großkotzigen Titeln wie „Fuck Blister“ oder „Drunken Hell Trash“. Kürzlich war er wieder drei Tage im Gefängnis, weil er eine Geldstrafe wegen Fahrens ohne Führerschein nicht bezahlt hatte – er hat seinen Führerschein nach der Episode mit Officer Springsteen noch immer nicht zurück.

Dave Foster hielt sich noch lange für ein Mitglied der Band, bis er eines Tages im Frühsommer den Seattle Rocket auf der Suche nach einem guten Konzert durch blätterte. Dort waren Nirvana für diesen Abend im Squid Row in Seattle angekündigt. Er rief bei Kurt an, und Tracy erzählte ihm irgend ein Märchen. Darauf rief er bei Chris an, und dessen Mitbewohner eröffnete ihm irrtümlich die ganze Wahrheit: Nirvana hatten einen neuen Schlagzeuger.

„Ich war absolut sauer“, sagte Foster. „So ähnlich fühlt man sich, wenn man seine Freundin mit einem Anderen im Bett findet.“ Was in so einem Fall passiert, ist ja bekannt.

Foster war lange verstimmt, vor allem nachdem er erfuhr, dass Nirvana im Vorprogramm der Butthole Surfers aufgetreten waren. „Inzwischen finde ich es noch schlimmer“, sagte er. Aber er nimmt es philosophisch: „Sie taten, was sie für das Beste hielten. Ich wollte, es wäre anders gekommen – mein Traum war immer, vom Schlagzeugspiel leben zu können!“

„Er war ein Durchschnittstyp“, sagte Chris. „Wir haben ihn verunsichert. Wir machten ihn so nervös, dass er aus dem Takt fiel.“ „Ich war nicht unsicher“, sagte Foster. „Sie waren unsicher. Ich hatte keine Probleme.“

„Noch dazu stammte er aus einer intakten Familie“, fügte Chris halb im Scherz dazu.

An diesem Abend im Squid Row saß Chad Channing am Schlagzeug, ein kleiner Wicht, der eine Ähnlichkeit mit Elroy aus „The Jetsons“ hatte. „Er ist ein kleiner Kobold“, beschrieb ihn Kurt. „Aber auch einer der nettesten Menschen, die ich je kennengelernt habe.“ Channing wohnte in Bainbridge Island, einem mit Seattle durch eine Fähre verbundenen Vorort. Genau wie Kurt war auch Chad während seiner Kindheit hyperaktiv gewesen und hatte Ritalin bekommen. Und wie bei Kurt und Chris lebten auch seine Eltern getrennt, wenn sie auch nicht geschieden waren.

Der Sohn von Burnyce und Wayne Channing wurde am 31. Januar 1967 in Santa Rosa, Kalifornien, geboren. Wayne war Radio-DJ und andauernd im ganzen Land auf Jobsuche – von Kalifornien über Minnesota nach Hawaii, Alaska und Idaho und wieder zurück. „Unser Motto war: Jedes halbe Jahr ein Umzug“, sagte Chad. „So bekam ich natürlich nie richtige Freunde. Alles war immer nur auf Zeit. Das war ziemlich seltsam. Man geht nicht sehr viel in die Öffentlichkeit, wenn man weiß, dass man ohnehin bald wieder weg ist.“

Chad wäre gerne Fußballer geworden, aber mit dreizehn Jahren erlitt er bei einem Unfall im Turnsaal eine Hüftzertrümmerung. Es dauerte fast sieben Jahre, bis er völlig wiederhergestellt war. In dieser Zeit entdeckte er die Musik für sich und begann, Schlagzeug, Gitarre und noch ein paar Instrumente zu spielen.

Wie Kurt hatte auch Chad in seinem letzten Jahr die Highschool ohne Abschluss verlassen. Durch seine ständigen Krankenhausaufenthalte hatte er so viel versäumt, dass er die ganzen Sommer- und Abendkurse hätte besuchen müssen, um seine Abschlüsse zu bekommen. Er sah darin keinen Sinn, denn er wollte ja Musiker werden. Als er Kurt und Chris kennenlernte, hatte er gerade einen Job als Fischkoch auf Bainbridge Island. Jeden Abend feierte er mit seinen Freunden, sie rauchten Pot, tranken Bier und warfen höllisch starkes LSD ein (viele schwören, dass es die Gehirne einer ganzen Generation von Bainbridge Island-Kids durchgeknallt hat).

Als Chad erstmals von Kurts und Chris’ Band hörte, hießen sie gerade Bliss und spielten in einem gemeinsamem Konzert mit Chads Band Tick-Dolly-Row (ein Seemannsausdaick für „völlig heruntergekommen“). Deren Leadsänger war Ben Shepherd, der spätere Gitarrist von Soundgarden.

Kurt und Chris fiel Chads North-Schlagzeug auf – es war aus Fiberglas und hatte ungewöhnliche glitzernde Becken. „Sie sahen mein Schlagzeug“, sagte Chad. „Es war unheimlich laut, und das hat sie beeindruckt. Kurt erzählte mir viel später von seinen ersten Gedanken: .Himmel, ich wünschte, wir könnten diesen Typen kriegen! Sieh dir nur das Schlagzeug an! Verdammt, so etwas hab’ ich noch nie gesehen!‘“

Kurt und Chris hatten kurz erwogen, Tad Doyle zu fagen, ob er ihr Schlagzeuger werden wollte, dann aber eine Anzeige im Rocket aufgegeben: „Heavy, light Punkrock Band: Aerosmith, Led Zeppelin, Black Sabbath, Black Flag, Scratch Acid, Butthole Surfers. Sucht Schlagzeuger.“ Kurt bekam ein paar halbherzige Zuschriften, aber inzwischen hatte ihr gemeinsamer Freund Dämon Romero sie beim Abschiedskonzert von Malfunkshun im Community World Theatre mit Chad zusammengebracht. Sie plauderten eine Weile und verabredeten dann eine Jam Session bei Chris. Chad gefiel die Band, aber er war unsicher. Dann sah er sie bei einem Konzert im Evergreen wieder, und sie vereinbarten einen neuen Session-Termin. „Das ging ziemlich lange so weiter“, sagte Chad. „Sie sagten nie wirklich: ,Okay, du bist dabei!‘“

Kurt und Chris bauten aus alten Matratzen, Teppichen aus dem Trödelladen, Eierkartons, die Tracy und Shelli aus der Kantine mitbrachten, und Bruchholz von Baustellen bei Chris im Keller einen Probenraum. Es war trotz der Schalldämmung ziemlich laut, und die Nachbarn beschwerten sich. Sie konnten daher nicht bis spät in die Nacht proben. Einmal flüchtete Chris’ und Shellis Hauskaninchen aus dem Käfig und biss das in den Keller führende Verlängerungskabel durch. Sie mussten eine Woche lang ohne Proben leben, bis sie das Geld für ein neues Kabel beisammenhatten.

Nachdem auch Chads überkomplettes Schlagzeug auf die wesentlichsten Bestandteile reduziert worden war, probten sie sowohl die Stücke, die sie schon mit Crover eingespielt hatten, als auch neues Material wie „Big Cheese“ und „School“. Sie komponierten zusammen — Kurt spielte einen Riff, die anderen stiegen ein. Geprobt wurde mindestens zwei bis drei Mal pro Woche, auf diese Weise entstand schnell eine Menge neuer Songs. Anfang Mai spielten sie im Vogue ihr erstes Konzert mit Chad. Chris hatte enorme Koteletten, Kurts und Chads Haare hingen in langen fettigen Strähnen ins Gesicht.

Poneman verschaffte ihnen einen Auftritt bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung an einem Samstag im Central Tavern von Seattle. Als sie beginnen sollten, war der Club leer. Sie packten ihre Sachen zusammen und fuhren zurück nach Tacoma. Bald gab es dann doch einen Auftritt im Central, und zwar im Vorprogramm von Chemistry Set und den Leaving Trains, aber auch da gab es nicht viel Publikum.

Im ersten Artikel über Nirvana – geschrieben von Dawn Anderson (dem Herausgeber der Gratismusikzeitschrift Backlash in Seattle) – stand, dass die Band auf der Bühne einen nervösen Eindruck machte. Kurt dazu: „Unsere größte Angst am Anfang war, dass die Leute uns für eine schlechte Kopie der Melvins halten könnten.“ Aber Anderson wagte auch eine tapfere Behauptung: „Mit genug Übung könnten Nirvana ... besser als die Melvins werden!“

Die Szene von Seattle war gerade im Aufblühen. Bands wie Skin Yard, The Fluid, Blood Circus, Swallow, TAD und Mudhoney spielten im Vogue, im Underground, im Central und im Alamo. Mother Love Bone legten auch mächtig zu, aber die unbestrittenen Könige waren Soundgarden, die wundersamerweise einen Vertrag beim Major-Label A&M bekommen hatten.

Am 11. Juni 1988 – nur ein oder zwei Monate nach Chads Einstieg – nahmen Nirvana ihre erste Single auf, „Love Buzz“.

Dieser gecoverte Song war nicht Kurts eigentliche Wahl für die erste Single gewesen, aber er konnte damit leben. Es war ein sehr einprägsamer, leicht zugänglicher Popsong, einer ihrer Live-Höhepunkte sowohl für Kurt als auch für die Zuhörer – Kurt lief während des langen Gitarrensolos ständig auf der ganzen Bühne hin und her. Die Idee, anstatt eines Stückes vom Crover-Demo etwas Neues aufzunehmen, gefiel ihnen. Dazu kam, dass Kurt immer mehr auf den einfachen, vom Garagensound beeinflußten Stil von Bands wie den Sonics (eine legendäre 60er Band aus dem Nordwesten) und Mudhoney abfuhr und sich vom überladenen Sound des Crover-Demos verabschiedete. Obwohl es nicht aus seiner Feder stammte, passte „Love Buzz“ als aufs Wesentliche reduzierter Popsong zu der Richtung, die Kurt einschlagen wollte.

Etwa um diese Zeit verfasste Kurt handschriftlich eine Art Lebenslauf der Band, der sich an mögliche Plattenfirmen richtete. Ein paar Fakten erschienen etwas verändert, um die Band etablierter aussehen zu lassen, als sie wirklich war. „NIRVANA ist ein Trio aus der Gegend von Seattle/WA. Kurdt – Gitarre, Stimme – und Chris – Bass – haben sich während der letzten drei Jahre (sic) mit zu vielen zu wenig engagierten Schlagzeugern herumgeschlagen ... seit neun (sic) Monaten haben wir das Vergnügen, Chad – Schlagzeug – unter unseren Fittichen zu haben und nun das zu sein, was wir jetzt und immer sein werden NIRVANA. Änderungen im Programm sind möglich (einiges von dem Scheiß ist ziemlich alt), jederzeit zu einer endlosen Tour bereit. Hoffentlich spricht die Musik für sich.“

Als sie merkten, dass Sub Pop geradlinigen Rock im Stil der Stooges und Aerosmith bevorzugte, machten sie Aufnahmen von dem Teil ihrer Stücke, der auf dieser Linie lag, und ließen die Scratch Acid-mäßigen Songs weg. Kurt bereute diese Entscheidung später. „Wir hätten ,Hairspray Queen* oder so etwas aufnehmen sollen“, sagte er. „Aber es war eine größere Herausforderung, noch einmal ins Studio zu gehen, als das zu verwenden, was wir schon hatten.“

Sie waren begeistert, ihre erste Platte aufzunehmen. Aber schon damals begann sich etwas abzuzeichnen: „Für mich waren die Plattenaufnahmen sehr seltsam“, sagte Chad. „Ich war da, erledigte meinen Job, und das wars. Ich hatte nichts zu sagen. Ich hätte genausogut reingehen, meinen Job tun, wieder rausgehen und einen Schokoriegel essen können. Nachdem ich die Drums fertig hatte, konnte ich nur mehr warten und zuschauen. Kurt und Chris nahmen ihre Instrumente auf und feilten dann herum: ,Tun wir dies, oder tun wir jenes.‘ Mir wäre auch einiges eingefallen, aber irgendwie passte es nie. Ich hatte einfach nichts mitzureden.“

Sub Pop schloss damals keine Verträge mit den Bands ab. Das gab es nicht. Poneman hatte nur zu Nirvana gesagt, ihm gefiele ihr Shocking Blue-Cover, und sie gefragt, ob sie daraus eine Single machen wollten? Ursprünglich wollten Nirvana auf einem selbstgeschriebenen Song bestehen, lenkten dann aber ein. Sie nahmen fünf Stunden lang auf und hatten am Ende mehrere Songs fertig: „Love Buzz“, „Big Cheese“, eine neue Version von „Spank Thru“ und „Blandest“. Für Chad waren es seine ersten Aufnahmen. Er spielte nicht besonders dynamisch, aber es reichte.

„Blandest“ sollte auf die Rückseite kommen. Der Song ist – bis auf einen Robert Plant-ähnlichen Falsettgesang von Kurt gegen Ende der Nummer – nicht erwähnenswert. Endino meinte, dass der Titel allzu passend gewesen wäre (bland = fad, langweilig;). Also hätte er Kurt dazu überredet, „Big Cheese“ zu nehmen. Am 30. Juni nahmen sie noch einmal auf und mischten alles am 16. Juli. Poneman gefiel der Gesang bei der ersten Mischung nicht, also machte Kurt alles noch einmal – aber, sogar Endino sagte, dass er kaum einen Unterschied hören konnte.

Für Kurt klang „Love Buzz“ zu leichtgewichtig. Sie gaben die Schuld dafür Chad – er wäre nicht so dynamisch und hart wie Dale Crover. „Wir konnten einfach keinen guten Sound rauskriegen“, sagte Kurt. „Es klang einfach zu sauber und hatte keinen Tiefgang. Ich glaube, es war unsere schwächste Aufnahme überhaupt.“

Das Intro zu „Love Buzz“ war ursprünglich eine fünfundvierzig Sekunden lange Collage aus Kinderliedern und wurde auf Baice Pavitts Verlangen auf zehn Sekunden gekürzt. Man kann es nur auf der ursprünglichen 7“-Single hören. „Sie kontrollierten uns einfach vom Anfang bis zum Ende“, sagte Kurt. „Sie taten wie ein Independent-Label, handelten aber wie ein Major-Label.“

Im September machte Shelli Schluss mit Chris. Ihre Arbeit in der schlimmsten Schicht in der Boeing-Cafeteria und Chris’ Arbeit mit der Band waren zu viel Belastung für ihre Beziehung. Sie war eben erst einundzwanzig geworden und noch nie in ihrem Leben allein gewesen. Sie beschlossen, getrennt zu wohnen. Sie waren zwar nicht mehr beisammen, sahen einander aber häufig. Sie vermissten einander und waren deprimiert.

Als aufmerksamen Beobachtern der Independent-Szene war Pavitt und Poneman nicht entgangen, dass amerikanische Künstler von Jimi Hendrix bis Blondie Erfolge in England gehabt hatten, ehe sie in ihrer Heimat bekannt wurden. Sie gingen daher das große finanzielle Risiko ein, den Musikjournalisten Everett True vom Melody Maker aus England einzufliegen, um ihm ein paar der Bands von Sub Pop vorzustellen. True schrieb einige enthusiastische Artikel über die Szene von Seattle, und bald sprangen auch die amerikanische Presse und die Plattenfirmen an.

Die EP SuperfuzzBigmuff von Mudhoney war über ein Jahr lang in den englischen Independent-Charts, ohne dass sie in Amerika überhaupt veröffentlicht worden wäre. Drei Monate später schwärmte der einflussreiche DJ John Peel von Radio One vom Sub Pop 200-Album und behauptete mehr oder weniger, dass es so ein Denkmal regionaler Musik seit dem Siegeszug des Motown-Labels in Detroit Mitte der 60er Jahre nicht mehr gegeben hätte.

Die Briten waren total verrückt nach der Szene von Seattle. „Der Grund dafür war, dass unsere Sachen regionale Identität hatten und regionalen Geschmack verkörperten“, sagte Pavitt. „Die Geschichte der Rockmusik besteht aus Einzelteilen – Labels und regionalen Szenen. Wir haben das von Anfang an verstanden. Schau dir die Besetzungsliste an – genau so funktioniert eine erfolgreiche Seifenoper. Plötzlich kannten die Leute Mark Arm, Kurt, Tad, mich, Jon, Jack Endino und Peterson – sie wussten, wer wir waren. Wir spielten unsere Rolle als Berühmtheiten. Auf unseren Singles stand zum Beispiel auf der Rückseite nur ,Recorded by Jack Endino“ und ,Photo by Charles Peterson‘. Und wenn du einmal zehn solche Singles hast, auf denen nichts anderes draufsteht, beginnst du dich zu fragen: ,Wer ist Charles Peterson? Wer ist Jack Endino?‘“

Am 27. September mischten Nirvana mit Endino „Spank Thru“ für das Sub Pop 200-Album ab. Die Sammlung war ein zukunftsweisendes akustisches Dokument, vertreten waren außerdem auch noch Soundgarden, TAD, Mudhoney, Beat Happening und die Screaming Trees. Die Nummern hätten leicht auf eine Doppel-LP gepasst, aber Pavitt und Poneman, die immer für etwas Außergewöhnliches gut waren, entschieden sich für ein Set von drei EPs mit einem umfassenden 16-seitigen Beihefter mit Fotos von Charles Peterson in einer limitierten Auflage von 5.000 Stück.

Währenddessen telefonierten Kurt und Poneman unzählige Male miteinander wegen der Details ihrer Single. Seit Poneman der Single zugestimmt hatte, war so viel Zeit vergangen, dass Kurt und Chris schon misstrauisch geworden waren. Immer wenn Kurt anrief, wurde er von Poneman auf bald vertröstet. Fünf Monate später rief Pavitt an und fragte, ob sie ihnen 200 Dollar für die Pressung der Single leihen könnten, Kurt legte auf und schickte eine neuerliche Ladung von Demo-Bändern an verschiedene Labels. Kurze Zeit später, im November 1988, erschien die Single dann doch.

ln einem frühen Katalog von Sub Pop wurde die „Love Buzz“/„Big Cheese“ Single so beworben: „Schwerer Pop-Schlamm von den ungezähmten Drop-Ins aus Olympia.“ Sie war die erste „Sub Pop-Single des Monats“ – ein cleveres Konzept, bei dem die Abonnenten exorbitante Summen im Voraus zahlten, um limitierte Auflagen exklusiv zu erwerben. „Wir nehmen euch ganz schön aus“, prahlte der Sub Pop-Katalog. Von der „Love Buzz“-Single wurden nur tausend handnummerierte Exemplare aufgelegt. „Das tat uns wirklich weh“, sagte Chris. „Wir brachten eine Single heraus, und niemand konnte sie kaufen.“

Nur tausend Stück herzustellen, war natürlich ziemlich geschäftstüchtig – wie viele andere Produktionen war auch diese im Nu ausverkauft und wurde zu einem begehrten Sammelobjekt (1993 kostete sie bereits an die fünfzig Dollar). „Es war eine sehr wirksame Werbung“, sagte Pavitt. „Ich bereue nichts davon.“ Die Mundpropaganda für die Single verbreitete sich im ganzen Land.

Bezeichnenderweise wurden sogar die ungläubigen Thomasse bei „Muzak“ bekehrt. Pavitt war sicher, dass etwas losging, als Charles Peterson ihm erzählte, er hätte die Single bei einer Party andauernd gespielt.

„Love Buzz“ vereinte – ohne von Kurt geschrieben zu sein – schon alle klassischen Nirvana-Bestandteile: die Mischung von Passivität und Aggression, die sich in einer Entwicklung von einer fast hypnotischen Feierlichkeit zu einem sich überschlagenden und gebrüllten Wahnsinn niederschlug; das schleppende, pochende Schlagzeug; den schmierigen Pop; und den markerschütternden Schrei.

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Serideki Birinci kitap "Rockbiographien"
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