Kitabı oku: «Mein Freund Sisyphos»
Michael Böhm
Mein Freund SisyphoS
Roman
Bookspot
EDITION 211
Impressum
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Alle Akteure des Romans sind fiktiv, Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig und sind vom Autor nicht beabsichtigt.
Copyright © 2020 bei Edition 211, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH
1. Auflage
Lektorat: Sarah-Janina Hannemann
Korrektorat: Andreas März
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Covergestaltung: Martina Stolzmann
Titelmotiv: © Pixabay
E-Book: Mirjam Hecht
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Made in Germany
ISBN 978-3-95669-155-3
www.bookspot.de
Inhalt
Impressum
Widmung
Zitat
Der Traum
Im weißen Raum
Erinnerungen
Das gelbe Haus
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Monika
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Fußball
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Einladung zu einem Abenteuer
Hausmusik
Die Suche nach mir
Die Bereinigung
Mit dem Zug durch Europa
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Die Bundeswehr
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Die Musik der Beatles
Fotoausstellung
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Studium
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Eine ungewöhnliche Begegnung
Colloquium und Morgenrasur
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Indisches Sabbatjahr_1
Außensicht
Indisches Sabbatjahr_2
Blick in den Rücksiegel der Zeit:
Nachdenken über meinen Weg
Statistikanalyst
Anleitung zum Zaubern
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Unter den Teppich kehren
MHW
Warten auf Tina
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Die Wahl zum Oberbürgermeister
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Das Färber-Quartier
Weg und Wollen
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Eustachius
Gespräch auf dem Golfplatz
Das Grab auf der Felseninsel
Beichte auf Amrum
Klangraum
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Zurück als graue Figur
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Ein Journalist
Rituale
Das latente ungute Gefühl
Der entscheidende Tag
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Der Mann vom Balkan
Das kalte Gefühl
Hinter welcher Wolfshecke?
Besuch am Chiemsee
Ein dreistes Angebot
Morgen kommt Tina
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Epilog
Was noch zu sagen wäre …
Über den Autor
Weitere Titel im Bookspot Verlag
Die preisgekrönte Petermann-Trilogie von Michael Böhm
Leseprobe: Michael Böhm – Die zornigen Augen der Wahrheit
1 Bis zum Ende aller Tage
Der Skribent
Der Arzt
Widmung
Meinen Dank an Christel
und unseren Manuel, dem Indienfahrer.
Immer wieder.
Zitat
Wir müssen uns Sisyphos
als einen glücklichen
Menschen vorstellen.
Albert Camus
Die Menschen sind nicht immer,
was sie scheinen.
Lessing
Der Traum
In der vergangenen Nacht hatte ich wieder diesen Traum, der mir, als ich schweißgebadet erwachte, wirklicher erschien als die momentan entschwundene Realität. Fabian von Fernau war zum Ministerpräsidenten unseres Landes gewählt. Die Menschen glaubten an ihn, glaubten, er erfülle ihren stillen Wunsch nach einer festen und entschlossenen Führung, und sie vertrauten seinem Versprechen, ein offenes Ohr für sie zu haben. Dabei war das alles Lüge, ein Albtraum, der reine Humbug.
Psychologisch gesehen war mein Traum eine Projektion. Die Wirklichkeit sah nämlich ganz anders aus. Auf FvF war geschossen worden. Die Kugel war seitlich in seinen Kopf eingedrungen und er war auf der Stelle tot.
So hatte ich es mir vorgestellt, so geplant und so sollte es passieren.
Doch Fabian hatte sich gerade in diesem winzigen Moment nach vorn gebeugt und als sein Kopf auf den Tresen schlug, lebte er noch.
Noch nicht ganz wach, springe ich aus dem Bett, stelle mich ans Fenster, starre in die Nacht. Mein Shirt ist schweißnass. Warum fällt mir gerade jetzt einer der Fragebogen von Max Frisch ein? Haben Sie Angst vor dem Tod? Wenn ja, warum? Und ich denke auch: Was dir in der Nacht träumt, sollst du nach dem Erwachen nicht mehr zu ernst nehmen. Ist es so?
Der Augenblick des Attentats, dieser spitze Punkt in der Zeit, der in meinem Kopf wie ein Film in Endlosschleife läuft, verfolgt mich bis in den Schlaf hinein. Diese schreckliche Szene wird für immer ein Eckpfeiler meiner Erinnerung sein, davor gibt es bestimmt kein Entrinnen. Indolenz ist bei Schuld kein Ausweg.
Die Fassung meines Traumthemas sieht so aus: Bei dem, was ich dort auf dem Bildschirm sehe, seltsam braun unterlegt, ist es auch für mich mühsam, ja fast nicht möglich, meine Zweifel weiter bestehen zu lassen. Keine Frage, FvF hat die Wahl gewonnen. Der ersten Prognose zufolge, die gerade der Moderator mit kühler, neutraler Miene erläutert, wird es ein Erdrutschsieg werden. Der Souverän hat ganz bewusst, wie seit Wochen in fast allen Umfragen unisono vorhergesagt, ein politisches Großreinemachen mit seinem Wahlzettel bewirkt. Ergo ist unser Plan voll aufgegangen. Nein, ich bin gewiss nicht versucht, mir selbst auf die Schulter zu klopfen, wurde mir doch schon zu bald klar, wohin der Hase laufen würde. Mein Vorteil war allein das Privileg, das Ohr des Kandidaten, das von Fabian von Fernau, vor jeder anderen Einflüsterung für mich zu haben.
Ich stehe einen guten Schritt hinter FvF in einem Nebenraum der Zentrale der Bewegung Helles Morgen im Marsstall des Stadtschlosses. Meine Augen fixieren seinen Hinterkopf, während meine Gedanken ganz woandershin entschweben. Neben ihm wartet seine Frau Sibil, die ihn strahlend anlächelt. Für mich fehlt nur der weiße Pudel auf ihrem Arm. Ja, die beiden sind ein schönes Paar, wie für die Medien gemacht, schlank, groß, jung, er dunkel, sie blond. Wie viele Wähler werden dieses Bild vor Augen gehabt haben, diese Symbiose von Schönheit und Erfolg, als sie in der Stille der Wahlkabine ihr Kreuz machten? FvF und Sibil genießen ihren Sieg und ich gönne ihnen mit einem sauren Geschmack im Mund dieses überwältigende Gefühl. Auch, und vor allem, weil ich sicher weiß, dass in jeden Triumph versteckt auch schon der Beginn des Niedergangs lauert. Nur nebenbei gesagt, auch auf diesem Weg ins Tal hinunter werde ich in ihrer Nähe bleiben, wenn sie es denn wollen. Fabian nämlich hat mir dieses Abenteuer, von dem wir träumten, das wir mit heißem Herzen herbeisehnten, für das wir schufteten wie Galeerensklaven, wenn es wohl auch ein Pyrrhussieg sein wird, überhaupt erst ermöglicht, wahrlich ein Geschenk, das ich ihm bestimmt nicht vergessen werde. FvF hat mich aus den Niederungen einer ungeliebten Tätigkeit, einem ziellosen, langweiligen Alltag befreit, mich mit einer faszinierenden Aufgabe als Köder zu sich gelockt und nicht mehr gehen lassen.
FvF und Sibil halten sich an den Händen. Ich kann es nicht sehen, denke mir aber, dass Sibil in eine helle Zukunft lächelt, der sie selbst mit viel Kraft und Fantasie sowie gebündeltem Willen akribisch mit den Weg bereitet hat. Sie hat das Absolute gewollt und jetzt liegt der Zielstrich direkt vor ihr, mit den Spitzen ihrer modischen Schuhe berührt sie ihn bereits.
Auf einmal wendet FvF seinen Kopf, schaut mich fragend an, und ich weiß, er erwartet von mir das Zeichen, will mich den genau richtigen Moment bestimmen lassen, um durch die Tür hinaus auf die Bühne zu treten. Ich verneine mit den Augen, noch ist der Augenblick nämlich nicht erreicht, die Kulisse zu verlassen. Draußen müssen sie mit noch mehr Spannung auf ihn warten, ihn regelrecht ersehnen, ihn, Fabian von Fernau, ihren politischen Heiland, ihr Versprechen auf eine neue Zeit.
Im weißen Raum
Wir befanden uns in einem Warteraum der Klinik. Jeder war mit sich selbst beschäftigt, in sich versunken.
Irgendetwas, ich weiß nicht, was, beendete meine Versunkenheit abrupt. Da stand jemand mitten im Raum. Ich schaute zu ihm hoch, meine Augen blieben für eine Winzigkeit an dem Button hängen, den er an der Jacke trug, wie jeder von uns. Dieser Button war auch eine Idee von mir gewesen. Bei einem Cartoonisten hatten wir uns die Rechte an einer Strichzeichnung besorgt, die FvF zeigt. Die Buttons mit dem Zeichen wurden an alle abgegeben, die mit der Bewegung Helles Morgen sympathisierten. Auch für Fabians unmittelbare Umgebung war der Anstecker Pflicht.
Es brauchte eine kleine Weile, bis ich fähig war, meine Trägheit im Kopf abzuschütteln und zu mir zu kommen. In der Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit war der Grund zu suchen, warum ich mich so schwertat, ohne zu viel Emotion klar zu denken.
Nicht willentlich, vielmehr unbewusst, suchte ich die wirren Bruchstücke der Erinnerung zusammen, um mir selbst sagen zu können, wo ich mich überhaupt befand. Genau: Ich hatte mich auf ein altes Sofa gesetzt, neben mir saß Sibil, deren eiskalte Hand ich hielt. Zwei in Eis verwandelte Menschen. Eine junge Ärztin hatte unsere Gruppe – wir waren, glaube ich, sieben – in einen unwirklichen weißen Raum gebracht, scheinbar in eine andere Welt, wo wir vor der Medienmeute sicher auf Nachricht aus dem OP warten sollten. Alle, wie auf eine stille Verabredung, schwiegen wir, niemand wollte oder konnte etwas sagen. Was hätten das auch für Worte sein können? Wir standen unter Schock, wie es so schön heißt, wie unter eine von der übrigen Welt abgeschottete Käseglocke gestellt, das gerade vor kurzer Zeit Geschehene konnte sich doch nicht anders als erst einmal traumatisch auf uns auswirken.
Auf dem Sofa sitzend gelang es mir einfach nicht, das wirre Chaos in meinem Kopf zu ordnen. Alle Versuche in diese Richtung wurden von den unglaublichen Bildern, die ich mir so nicht vorgestellt hatte, die direkt neben mir passierten, und sich darum tief in meine Erinnerung brannten, überlagert.
Sibil hatte meine Hand losgelassen, so, als wäre sie plötzlich nicht mehr kalt, sondern ein heißes Eisen, war aufgestanden und zum Fenster gegangen. Gedankenverloren sah ich mir ihren geraden Rücken an, erhob mich ebenfalls vom Sofa, ging zu jedem Einzelnen unseres Teams, außer Sibil und mir drei Männer und zwei Frauen, legte meine Hand kurz an den Oberarm, suchte mit Aufbietung meiner ganzen Kraft Augenkontakt, den mir nur zwei von ihnen gestatteten. Nein, so redete ich mir ein, es war nicht dieser Schrecken, den wir gemeinsam erlebt hatten, der uns lähmte, es war vielmehr dieses Gefühl des freien Falls aus der rauschenden, abundanten Euphorie in eine bodenlose dunkle Traurigkeit, das uns jetzt zu leblosen Puppen machte.
Als wir am frühen Abend aus den weißen Kleinbussen gestiegen waren, die beide an den Seiten Fabians lächelndes Konterfei zeigten, und über den Augustiner-Platz auf die Stadthalle zugingen, spannte sich der Himmel in einem kristallenen Blau, geschmückt mit einigen leichten hohen Federwolken, über die Stadt.
Doch jetzt stecken wir in diesem finsteren undurchdringlich scheinenden Nebel fest, wie gefangen in einer babylonischen Verwirrung. Wer von uns kann denn sagen, wie es weitergehen soll, wer hat den Kopf für solche Gedanken überhaupt frei? Kann man in solch einer Situation überhaupt vorausdenken? Die zähe Spannung ist mit Händen zu greifen. Wann wird die Tür aufgehen, eine weiß gekleidete Gestalt hereinkommen und uns die Nachricht kundtun, auf die wir so dringend warten und die wir noch mehr fürchten?
Ich gehe auf die Tür zu, noch ohne tatsächliche Absicht, den Raum zu verlassen, bleibe stehen, entscheide mich endlich, doch nach draußen zu gehen. Um dort was zu machen? Auf dem Gang auf und ab zu spazieren? Eine zufällige Begegnung zu suchen? Mit wem denn? In der schon geöffneten Tür stehend blicke ich zurück. Stumme Gesichter, fast wie leblose Masken, starren irgendwohin, keiner beachtet mich. Sibil steht noch immer abgewandt am Fenster.
Draußen auf dem Flur steht einer der Bodyguards, Eddy, vor mir. Ich nicke ihm zu. Wir kennen uns seit einer kleinen Ewigkeit, seit der Zeit bei der Bundeswehr. Der leere Klinikflur ist lang. Meine Augen nehmen die modernen, bunten Gemälde an der weißen Wand wahr. Sie hängen in ungleichmäßigem Abstand. Ich betrachte jedes einzelne, kann im Moment nichts mit ihnen anfangen, aber es ist eine kleine Ablenkung, immerhin. Der Flur endet weit vorn an einem Fenster, dahinter die Nacht. Wie davon angezogen, wende ich mich von den Bildern ab und steuere auf das dunkle Rechteck vor mir zu. Ich fühle mich allein, und das ist im Augenblick auch gut so. Mein Denkapparat ist wieder angesprungen. Mein erster Entschluss ist, alles auszublenden, um zur unbedingt notwendigen Vernunft zurückzufinden. Einer von uns, also ich, muss den Kokon des Entsetzens, der Panik durchbrechen, und klare Strukturen vorgeben, wie es zumindest für den aufdämmernden Tag weitergehen soll. Habe ich denn nicht alles im Voraus längst bedacht, muss doch nur meinem Plan folgen?
Meine Augen haben sich an dem Fenster festgesaugt, sodass ich die Person im grünen Bademantel, die aus dem Gang von links in meinen Weg tritt, erst wahrnehme, als wir uns schon gegenüberstehen. Es ist ein untersetzter Mann undefinierbaren Alters, mit rundem Gesicht, dessen helle grüne Augen mich freundlich anlächeln. Er hat das Down-Syndrom, das heute Trisomie 21 genannt wird, wie ich mich erinnere. Wir stellen uns nebeneinander ans Fenster, sehen die unzähligen blinkenden Lichter der Stadt und unterhalten uns. Er spricht langsam, bedächtig, ist ohne Weiteres fähig zu vernünftigen Gedankenverbindungen und vermag sie klar in Worte zu fassen. Zusammen hier am Fenster zu stehen findet er richtig gemütlich. Unsere Plauderei lenkt mich ab, nimmt mir den dumpfen Druck einer unbestimmten, konturlosen Angst, in der im Hintergrund die Panik lauert. Als wir uns nach einer ziemlichen Weile trennen, geben wir uns die Hand, wünschen uns gegenseitig eine gute Zeit.
Eddy steht an die Wand gelehnt, nur wenige Schritte hinter mir.
Ich kehre in unseren Warteraum zurück und nichts scheint sich verändert zu haben, alle stehen wie lebende Statuen herum. Die Abwesenheit und auch meine Rückkehr sind wohl keinem wirklich bewusst geworden. Ich setze mich wieder in die Sofaecke und spekuliere erneut mit der Frage, wohin dieser Mensch, der für mich nicht gesichtslose Schütze, verschwunden ist, Ich denke nicht, dass, wer auch immer die Frage stellen wird, wie der Attentäter den genau richtigen Moment am richtigen Ort hat finden können, um auf FvF zu schießen, den wahren Adressaten dafür ermitteln wird. Hatten wir doch nach dem erfolgreichen Wahlkampfauftritt offenbar spontan beschlossen, in der nahen kleinen Privatbrauerei, die einer der Fahrer entdeckt hatte, noch zusammen ein Bier zu trinken. Wer hatte das vorgeschlagen? War ich es gewesen? Der Schütze hatte, als ich den letzten Anruf mit dem Prepaid-Handy machte, das ich gleich darauf in den Fluss neben der Stadthalle warf, irgendwo als Passant in der Nähe, jedenfalls in Sichtweite, gestanden. Später war er uns von der Stadthalle aus gefolgt. Hatten die Bodyguards von ihm nichts bemerkt? Ich sah uns entspannt an der Theke, hatten ein Glas Bier gerade mal angetrunken, als der Schatten herantrat und das für alle Ungeheuerliche geschah.
Wieder mit dieser Szene vor Augen, die erst einmal für alle voller Rätsel bleiben wird, die ich approximativ wahrgenommen hatte, bin ich plötzlich auf dem Sofa eingeschlafen, weggesackt wie ein Stein im Wasser.
Erinnerungen
Was sind denn eigentlich Erinnerungen? Für mich sind das aus der Zeit herausgehobene Momente, die wir in und mit uns tragen, die uns unser Leben lang begleiten, die den Alltag zu erhellen oder zu verdunkeln vermögen, je nach dem Empfinden und dem Zustand unseres Gemütes. Viele dieser Blitzlichter, die ich gespeichert habe, ich glaube sogar die Mehrzahl, sind irgendwie durch unsichtbare Fäden mit Fabian von Fernau verbunden, bilden den wichtigsten Wegweiser zur Rückschau auf meine Vergangenheit. Immer wieder belästigen mich meine Erinnerungen, obwohl ich sie nicht sehen will, jedenfalls nicht bestimmte Kapitel davon.
Wie jeden Tag laufe ich in der Früh mehrere Kilometer, stets die gleiche Strecke. Am Anfang fiel es mir schwer, heute ist es Routine. Es ist schon so wie lockeres Auslaufen nach dem Aufstehen. Danach unter die Dusche und dann spaziere ich zum Frühstück hinunter in den Ort.
Ich habe Zeit, vor allem viel Zeit zum Denken, sitze auf der Terrasse meines Hauses auf der Insel, im Schatten unter einer orangen Markise, sehe in die Weite der Ebene unter mir, ein pelagischer Blick. Eigentlich fühle ich mich wohl in meiner Haut, eigentlich. Da mir die Vergangenheit im Moment wenig behagt, bewege ich meine Gedanken in die Zukunft hinein. Mir wurde ein erstaunliches Angebot unterbreitet, das mir allerdings zunehmend heftiges Kopfzerbrechen macht. Die Versuchung, es vielleicht doch anzunehmen, weil es einer gewissen Genugtuung gleichkäme, hält mich fest. Um vielleicht Klarheit zu gewinnen, will ich eine Analyse meiner Erinnerungen wagen, mich auf den langen Weg durch meine Vergangenheit machen, über meinen Lebenslauf nachdenken. Noch einmal will ich zugeben, es fällt mir nicht leicht, in diesem so besonderen Fotoalbum zu blättern, sind doch nicht nur farbige Bilder, sondern auch schwarz-weiße, sogar ziemlich dunkle und auch völlig missratene Aufnahmen darunter. Beim Betrachten mancher Szenen wollen nicht wenige wieder Wirklichkeit werden, bedrohen ernsthaft mein Jetzt, versuchen, mich in Düsternis zu manövrieren. Nur der schnelle Blick in die Schönheit der Natur um mich herum vermag mich temporär vor depressiven Angriffen bewahren. Oder aber die andere Möglichkeit der Abwehr, nämlich die unbedingte Wahrheit zu suchen, der ich mich stellen sollte? Mein Bauchgefühl sagt mir, Letzteres sei meine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Ich muss mir ja nur selbst in die Augen sehen.
Wie lange liegt denn die Szene zurück, die mir gerade in den Sinn kommt?
Das gelbe Haus
Nicht mit den Gedanken ganz in der Gegenwart, mehr mit dem Gefühl im Damals, war ich unterwegs auf der schmalen Straße am Fluss entlang, der hier eilig eine enge Stelle passiert, auf dem Weg zu einem Haus, das ich so gut kannte, das mir genau vor Augen stand. Gleich nach der leichten Biegung würde ich es sehen. Fabians Elternhaus. Es war in einem warmen Gelbton gestrichen und sah wirklich noch heute genauso aus, wie es mir seit frühen Jugendjahren vertraut war. Fenster und die Haustür waren mit einem weißen handbreiten Rahmen eingefasst, wie auch die Läden in einem leicht getönten Weiß gehalten waren. Auch der Holzzaun war weiß. Alles sehr gepflegt, wie gerade eben frisch geputzt. Im Vorgarten standen Büsche wie Wachsoldaten und wenn sie blühten, ich wusste es, dann sah das wunderschön aus. Die Bilder des großen Gartens hinter dem Haus mit den alten Obstbäumen sowie die weiße Holzveranda, auf der wir so oft saßen und die Köpfe zusammensteckten, waren mir so vertraut, als wäre ich erst gestern hier gewesen.
Wann habe ich das letzte Mal an der Vorgartentür gestanden, nach oben zu dem Fenster geschaut, an dem das Gesicht Fabians erscheinen würde, nachdem ich die Klingel in unserem vereinbarten Takt gedrückt hatte? Nein, ich weigere mich, den Jahren nachzurechnen und schon gar nicht in diesem Text festzuschreiben. Sentimentalität liegt mir so gar nicht, bin ich doch alles andere als ein Gefühlstyp.
Auf mein Klingeln, das ich schwach im Haus hallen hörte, ging mein Kopf hoch zu dem Fenster, von wo aus mir sehr wahrscheinlich nicht Fabian entgegenfeixen würde.
Wer stattdessen am Fenster zu mir herunterlächelte, war jemand ganz anderes. Eine Frau, an die ich, sogar zu dieser Zeit noch, mit leiser Melancholie, einer schon schnurrigen Sehnsucht dachte.
Monika.
Ungefähr zwölf muss ich gewesen sein, als ich Monika zum ersten Mal gesehen habe. Es ist die Zeit, in der die Fußball- und Klassenkameradschaft mit ihrem Bruder langsam zu einer Freundschaft heranwächst. Sie ist ein Mädchen mit dunklen wuscheligen Haaren, das mit seinen acht Jahren irgendwie zum Hintergrund gehört, wenn ich bei Fabian zu Hause bin.
Ich möchte mich an wenige wichtige Momentaufnahmen aus den Jahren erinnern, als ich blind an unsere Freundschaft glaubte und Monika zu mir zu gehören schien. Fabian und Monika waren mir zu geschenkten Geschwistern geworden, die ich nicht hatte. Monika würde immer meine Schwester bleiben, dachte ich damals. Natürlich bin ich, nachdem mein Interesse an Mädchen bei mir erwacht ist, in das schöne Mädchen verliebt. Und sie in mich, wie sie mir Jahre später beteuerte.
Wir haben uns verabredet, wollen ins Kino gehen und ich hole sie ab. Monikas warme Hand in der meinen, steigen wir die hundert Stufen der Hubertreppe hinauf, die für mich an diesem frühen Abend eine Leiter in den Himmel ist. Auch im Kino halte ich ihre Hand, sie legt ihren Kopf an meine Schulter. Nach dem Film spazieren wir durch den dunklen Stadtpark, ich darf ihr Gesicht streicheln, sie aber nicht küssen, meine Hände auf ihren Brüsten gestattet sie, unter den leichten Pullover vorzudringen nicht, sie zu umarmen ist mir erlaubt, mich an sie zu pressen bleibt verboten. Es ist dennoch aufregend schön mit ihr in der ummantelnden leicht flüsternden Düsternis des Parks.
Ich treffe mich mit Fabian beim Griechen. Wir trinken roten Wein, reden kaum. Natürlich fällt mir das auf und ich bin gespannt, wann Fabian sagt, was er mir sagen will. Dann lässt er die Bombe platzen: Monika ist schwanger! Er schaut mir in die Augen. Seine blauen sind sehr dunkel, was nur vorkommt, wenn er innerlich sehr erregt ist. Ich hebe beide Arme, zeige meine Handflächen, schüttle den Kopf. Ich bin nicht der Vater dieses Kindes, will ich ihm damit signalisieren. Wir müssen noch ein Glas trinken, viel reden, bis er mir glaubt und wissen will, was ich nun zu tun gedenke? Ich, Fabian? Wer sonst soll diese Unordnung zur falschen Zeit zurück in den Alltag lotsen? Mir fällt tatsächlich über Nacht eine mögliche Lösung ein. Ich lasse Fabian einen Termin mit seinem Großvater ausmachen und fahre dann mit dem Zug hinaus ins Wittelsbacher Land, wo der alte Baron Hubert von Fernau seine stattliche Villa hat. Er kennt mich, empfängt mich so freudig wie einen seiner Enkel. Wir setzen uns in den Wintergarten mit Blick in den weiten Garten mit den alten Bäumen. Als ich nach zwei Stunden die Villa verlasse, bleibt mir die Aufgabe, Monika von dem zu überzeugen, was der Baron und ich besprochen haben. Es ist nicht leicht, aber sie hat sich gedanklich bereits mit den Alternativen, die ihr bleiben, befasst. In zwei Wochen werden die Sommerferien beginnen. Für Monika wird danach das Schuljahr anfangen, das mit ihrem Abitur enden soll. Niemand wundert sich, dass Monika und ich der Einladung des Großvaters folgen. Er hat einen Arzt einer Privatklinik am Chiemsee verpflichtet, der Enkelin zu helfen, die Geburt eines Urenkels für einige Jahre zu verschieben. Ich begleite Monika zum Chiemsee, bin der Letzte, den sie sieht, bevor sie in der Narkose versinkt, und bin auch der Erste, den sie sieht, der ihre Hand hält, als sie erwacht.
Ab da ist alles anders, und ich will es nicht wahrhaben.
In der Brasserie suche ich die schönsten Pralinen aus dem Angebot heraus, lasse sie von der Verkäuferin hübsch in eine Schachtel einpacken. Voll gesteigerter Vorfreude erscheine ich zu Monikas 18. Geburtstag, um ihr meine Glückwünsche mit süßen Grüßen ins kleine Ohr zu flüstern. Leider ist sie eben auf dem Sprung, um mit zwei Freundinnen zu feiern. Ein Abend nur für Mädels, mein Lieber, lacht sie. Die Pralinen nimmt Monika mit dem wunderbaren Lächeln einer Prinzessin gleich und selbstverständlich in Empfang.
Noch immer bin ich taub und blind, der reine Träumer.
Monika und ich sind auf einem unserer selten gewordenen Spaziergänge. Regelrecht belagert hatte ich sie, bis sie schließlich wieder einmal Ja sagt. Mein Kopf behauptet, ziemlich deutlich, sie weiche mir aus. Es schneit schon leicht, als wir aufbrechen. Eine gute Stunde später müssen wir uns vor der Wut eines Schneesturms in Sicherheit bringen. In der wohligen Wärme des Kachelofens in der guten Stube ihres Elternhauses kuscheln wir uns eng zusammen. Und wider jeder Vernunft überkommt mich der Wunsch nach Zärtlichkeit, aber der Versuch wird von ihr abgewiesen, kein Kuscheln mehr. Ich nehme ihren Korb so wahr, als hätte sie mir einen Kübel Eiswasser über den Kopf gegossen. Einige Momente habe ich erwogen, aufzustehen und das Haus zu verlassen. Dann bleibe ich doch sitzen, bin wie gelähmt. Monika lächelt süß, sagt, sie will einfach nicht, dass ich sie anfasse. Sie schaut mich mit ihren dunklen Augen an und sagt, ich strahle Kälte aus, in meiner Nähe friere sie. Und sie habe Angst vor mir. Ich verstehe sie nicht. Was sollen diese Worte? Was soll diese Zurückweisung? Wieso bin ich kalt? Als ich wenig später doch gehe, bittet sie, sei mir ein Freund, lieber Martin, mehr geht einfach nicht, nicht böse sein.
Was lange wie Liebe zwischen uns aussieht, ist für mich zu einem Fluch geworden, der wie ein dunkles Tattoo auf meiner Seele liegt. Dabei hat Monika mein Herz in der Hand, wie es so schön in einem Schlager heißt, und sie wird es nicht mehr freigeben. Das für mich wirklich Schlimme daran ist, außer Monika interessiert mich keine Frau.
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Mit dem Inkrafttreten des Maastrichter Vertrages schließt sich ein Staatenbund mit mehr als einer halben Milliarde Menschen zusammen, die EU. In Den Haag wird bedingt durch schlimme Vorkommnisse im ehemaligen Jugoslawien das UN-Kriegsverbrechertribunal gegründet.
Monika
Monika lächelte aus dem Fenster auf mich herunter. Ihr leise lächelndes Gesicht versetzte mich für kurze Momente in einen euphorischen Taumel, in dem ich meinte zu schweben, es fehlte nur der goldene Glorienschein, um das schöne ebenmäßige Antlitz und ich würde sofort an eine Vision glauben.
Monika, meine verlorene Liebe.
Von ihr verschmäht, war ich zu einem überzeugten Single, zu einem im Zölibat lebenden Mönch im selbstbestimmten Kloster meines einsamen Inneren geworden. Was mir aber in Augenblicken wie diesem zu Bewusstsein kommt, ist, ich leide nicht wirklich daran.
Die Haustür ging auf und Monika stand vor mir, sah mich mit einem Mona-Lisa-Lächeln an, unergründlich eben. War sie zufällig im Haus, lebte sie hier? Was wusste ich denn noch von ihr?
Sie reichte mir die Hand, ich ergriff sie, hielt sie nicht länger als zu einem leichten Druck fest. Ich schüttelte verneinend den Kopf, als sie mich ins Haus bat, ich wäre nur gekommen, um mich zu erkundigen, wie ich Fabian erreichen könne, hätte ihn weder im Adressbuch noch im Telefonbuch gefunden.
Er schotte sich privat so gut wie möglich ab, sagte Monika, Kontakt wäre jederzeit über das Parteibüro möglich.
Ich hob fragend die Augenbrauen.
Fabian ist Stadtrat, erklärte Monika.
Sieh an, dachte ich, gab keinen Kommentar ab, fragte nach Anschrift und Rufnummer.
Dafür müsse ich allerdings doch kurz eintreten.
Im Flur stand die Chippendale-Kommode wie damals, als ich von diesem Möbelstil noch keinen Schimmer hatte, und auf der einen Seite zur Tür hin der geflochtene runde Korb, in dem Visitenkarten gesammelt wurden. Daneben auf dem Bild meiner Erinnerung das Telefon, heute lag nur noch das Deckchen dort, auf dem es einst stand, darauf eine kleine leere grüne Vase. Monika zog eine Schublade auf, legte eine Karte auf die Kommode, schrieb mit feinen Buchstaben, gab mir die Karte, legte mit der anderen Hand den Stift zurück in die Schublade, die sie mit der Hüfte zuschob, eine laszive Bewegung, die mir durch und durch ging.
Ohne einen Blick auf die Karte, dankte ich ihr, fragte, wie es ihr gehe.
Gut, lautete die lakonische Antwort. Mehr nicht.
Monika war sehr höflich, sehr distanziert, an einer Unterhaltung mit mir offenbar wenig interessiert, gestattete sich auch keine Reaktion, als ich mich gleich darauf verabschiedete.
Auf der Straße, gegenüber dem Haus, knapp an der Flussböschung, nahm ich die Karte in Augenschein, zunächst die Schrift, danach erst Kenntnis von dem, was sie geschrieben hatte.
Auf der anderen, der bedruckten Seite der Karte, las ich Monique von Faber, Faber Fashion Style, Brienner Straße, München.
Erstaunt hob ich die Augen, betrachtete versonnen eine Weile das gelbe Haus mit dem roten Dach, nahm dabei in Kauf, dass sie mich vielleicht im Blick hatte, was ein amüsanter, im Augenblick auch wärmender Gedanke war.
Dann erst ging ich.
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Tsunami nach einem Erdbeben im Indischen Ozean. Durch die Flutwelle kommen mehr als 230.000 Menschen ums Leben. Der britische Künstler Peter Ustinov stirbt. Der Literaturnobelpreis wird der österreichischen Schriftstellerin Elfriede Jelinek verliehen.
Fabian wohnte in einem verwunschenen Bauwerk, dem Wasserschloss, das ich natürlich aus meiner Kindheit her kannte. Ich erinnere mich, dass ich mich als kleiner Kerl über den Namen wunderte, denn in der Nähe des mit Efeu überwucherten Gebäudes mit Erkern und Türmchen war von Wasser, geschweige einem Graben nichts zu sehen.
Ich näherte mich auf der stillen Straße und was ich sah, war allein nur mit einer blühenden Fantasie als Schloss zu beschreiben. Nichts mehr zu sehen von den Erkern, den Türmchen, vom Efeu entkleidet, war auch von der Mächtigkeit, dem steinernen Klotz, der Trutzburg nicht mehr viel übrig geblieben. Beim Näherkommen wirkte das Gebäude fast elegant, hell und freundlich, nicht mehr abweisend wie ehemals, vielleicht in den Proportionen etwas zu hoch zur Breite. Ich verminderte unbewusst meinen Schritt, um mir Zeit zum Staunen über die frappante Veränderung, einer regelrechten Verwandlung zu verschaffen. War es möglich, dass mich mein früheres, mein erinnertes Bild täuschte?
Der erfreuliche Eindruck wurde nach wenigen Schritten auf dem Fußweg Zum Wasserschloss wieder weggewischt. Ein sportlich gekleideter Mann in Begleitung von zwei Windhunden kam mir entgegen, runzelte bereits auf Abstand seine Stirn, stellte sich mir mit den Hunden entgegen, verweigerte mit strenger Freundlichkeit den Weiterweg. Erst der Name Fabian von Fernau bedeutete mein Passierschein. Mit verblasenem Gehabe trat er zur Seite, dieser selbst ernannte Cerberus. Später einmal würde ich ihn nicht mehr kennen, als ich häufiger Besucher des Wasserschlosses war.
Dem Klingeltableau zufolge hatte Fabian seine Wohnung in der vierten Etage. Eine Frauenstimme – war es Sibils Stimme, die ich hörte? – meldete sich auf mein Klingeln über die Gegensprechanlage. Nein, ich könne Fabian nicht sprechen, da er nicht zu Hause sei. Ob er sich bei mir melden könne? Ja, bitte. Ich nannte noch einmal meinen Namen, auf den sie nicht reagierte, und meine Handynummer.
Gerade einmal war der Stundenzeiger um das Ziffernblatt gelaufen, da meldete Fabian sich, war also noch immer verlässlich, wenn er das wollte. Wir wechselten einige Begrüßungsworte, bevor ich ihm kurz zusammengefasst schilderte, weshalb ich mich bei ihm meldete. Die alte Frau Bruch, die Witwe unseres ehemaligen Fußballtrainers, war von städtischen Ämtern in den Schwitzkasten genommen worden. Unsere Fußballmutter Frieda hatte hinter ihrem kleinen Häuschen gleich neben der Jugendsportanlage einen großen Streuobstgarten, und auf ungefähr die Hälfte des Grundstücks hatte der Verein ein Auge geworfen. Die alte Frau wehrte sich, wollte ihn nicht hergeben. Zufällig hatte ich davon erfahren, als ich vor zwei Tagen von einer Auslandsreise zurückgekehrt war. Wer konnte in diesem Fall helfen? Fabian würde sicher eine Idee haben. Und als Stadtrat, wie ich gehört hätte, böten sich ihm vielleicht noch weitergehende Möglichkeiten.
Er ging auf meine Erzählung mit keinem Wort ein, schlug vor, uns nachher, sagen wir in zwei Stunden, in der Taverne Costa zu treffen – so wie früher.
Fußball
Unser Spielfeld war damals die Hälfte eines normalen Fußballplatzes. Mit unseren acht oder neun Jahren war auch dieses Kleinfeld ein ziemlich weites Feld, auf dem wir herumrannten wie die Wilden. Von einer Raumaufteilung und anderen Fußballweisheiten hatte unser Trainer Sepp Bruch bereits erzählt, viel anfangen konnten wir mit solchen Feinheiten kaum etwas, es interessierte uns auch nicht wirklich. Wir wollten dem Ball hinterher, und da die gegnerische Mannschaft das ebenso machte, ballten sich die Spieler in unmittelbarer Nähe der Lederkugel und Sepp Bruch tanzte gemeinsam mit dem anderen Trainer am Spielfeldrand wie Rumpelstilzchen.
War das Spiel beendet, ob Sieg oder Niederlage, sammelten wir uns im Garten hinter dem Haus des Trainers, stürzten uns auf den Kuchen, den seine Frau, Tante Frieda, für uns gebacken hatte, und schlugen uns den Bauch voll.
In den ersten zwei oder drei Jahren war das Spiel für uns wirklich noch ein Spiel, von der Ernsthaftigkeit des Sports hatten wir noch keine Ahnung, zum Glück. In dieser Zeit gehörte Fabian ebenfalls zur Mannschaft, was mir Fotos beweisen. Allerdings ist er mir nicht mehr als einige andere in Erinnerung geblieben. Ich beachtete ihn nicht, er mich ebenso wenig.
Es kam dann dieses Spiel, in dem ein Ball Fabian so unglücklich am Kopf traf, dass er einfach umkippte und reglos liegen blieb. Da nur wenige Schritte entfernt, war ich gleich bei ihm, beugte mich über ihn, und sah, dass er bereits wieder blinzelte. Ich legte meine Hände an seine Oberarme, schüttelte ihn sanft. Er schlug die Augen auf, unsere Blicke trafen sich, er lächelte, ich lächelte zurück.
Diese kleine Szene markierte im wahrsten Sinne des Wortes den bestimmten Augenblick, in dem Fabian durch eine imaginäre Tür den Raum meiner Erinnerung betrat. Er bedeutet den Anfang, denn noch im gleichen Jahr wurden wir im Ignaz-Taschner-Gymnasium Klassenkameraden.
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Sowjetische Soldaten greifen in Afghanistan ein. Prinzessin Beatrix wird Königin der Niederlande. Bei einem Attentat auf dem Oktoberfest in München sterben dreizehn Menschen. Der »Zauberwürfel« wird erfunden. Helmut Kohl wird Bundeskanzler. Die Schauspielerin Romy Schneider stirbt. Der aus Kolumbien stammende Schriftsteller Gabriel García Márquez erhält den Literaturnobelpreis.
Einladung zu einem Abenteuer
Ich saß bereits bei Costa, dem kleinen griechischen Lokal, hatte einen Tisch in unserer Ecke belegt, als Fabian durch die Tür trat, regelrecht erschien, war er doch niemand, den keiner beachtete. Alle Köpfe hoben sich, die Gesichter gingen in seine Richtung wie von einem unsichtbaren Regisseur angewiesen, ein leises, irgendwie ironisches Lächeln, ich beobachtete es genau, spielte um seine Lippen. Seit ich ihn kannte, betrat er jeden Raum wie ein Schauspieler die Bühne, genoss stolz diese Aufmerksamkeit. Er war ein Narziss, dem die Blicke der anderen sein Spiegel waren.
Fabian ist groß, ich schätze mal Mitte eins achtzig, nicht zu breite Schultern, schmale Hüften, ein lebhaftes, fast klassisches Gesicht, Augen, die blau sind, ein Blau, das sich den Lichtverhältnissen anzupassen scheint, Augenbrauen und Haare schwarz, nicht gefärbt, die hatten immer diese metallisch blau glänzende Farbe, das kann ich bestätigen. Er sieht wirklich verdammt gut aus, hätte auch als Filmstar gut gewirkt, obwohl er nicht als Schauspieler hätte auftreten können, denn er spielte immer nur eine Rolle, sich selbst, Fabian von Fernau.
Ich überlege nur einen kurzen Augenblick, ob ich mich, die Gelegenheit erscheint günstig, auch beschreiben soll? Nein, ich schreibe für mich, und wo ist da der Grund, dass ich mein Por-trät in diese Seiten einfüge?
Ich registrierte diese eigenartige Art von Fabians Magie. Später sollten wir sie bewusst nutzen, fast bin ich versucht zu sagen: schamlos auszunutzen. Dabei konnte er gar nichts dafür, es war einfach so, ganz natürlich, ohne jedes Getue. Zudem war er noch nicht FvF, denn diese drei Buchstaben machte erst ich zu einem bekannten Logo, zu einem Markenzeichen, seinem Markenzeichen, durch das beinahe jedermann, der es sah oder hörte, unmittelbar die richtige Verbindung parat hatte.
Wer denkt da heute noch wirklich daran, will an FvF erinnert werden?
Wie immer war Fabian elegant und doch salopp gekleidet. Mit Sicherheit wirkt er sogar im Schlafanzug elegant, dachte ich. Nur keinen Neid, sagte ich mir und erhob mich von meinem Stuhl, trat neben den Tisch, überließ ihm die Initiative, wollte nicht spekulieren, inwieweit unser alter Bund noch intakt war. Er klärte den fragilen Punkt mit einer festen Umarmung und Schulterklopfen.
Heute frage ich mich, ob dies nicht ein falsches Wiedererkennen war, ein falsches Zeichen von beiden Seiten? Gegen jeden Zweifel, dieses Treffen in der Taverne bezeichnete auf jeden Fall einen Wendepunkt in meinem Leben und letztendlich auch in seinem.
Mit einem Blick zu Costa, dem älteren grauhaarigen Wirt, und einem Handzeichen, orderte Fabian zwei Gläser Rotwein, französischen, wie er mir sagte. Die Idee, ich könnte vielleicht ein Bier trinken wollen, kam ihm gar nicht.
Ich wäre ja wie vom Erdboden verschluckt gewesen, sagte Fabian, nachdem er sich mir gegenüber niedergelassen hatte, wo ich auf einmal so aus dem Nichts herkäme, einfach so auftauche?
Nach einem Interregnum als Führer in den Bergen von Mallorca sei ich in den ungeliebten Käfig der Firma zurückgekehrt, und erst vor einigen Tagen aus den Staaten gekommen, wo ich Gespräche mit Banken führte. Das nahm er mit blitzenden Augen auf. Amerika war einer seiner mit Glut geliebten Fetische.
Also schlage ich mich immer noch mit Zahlen herum? Er lachte, als sei das ein gelungener Scherz.
Nichts gegen Zahlen, ganz im Gegenteil, sie faszinieren mich, es komme auf die Art der Zahlen an und was damit angestellt würde. Für mich wären Zahlen schon immer ein anziehendes Mysterium gewesen.
Darum bist du auch der kleine Einstein unserer Klasse gewesen, nicht wahr, Martin?
Er griff nach einem der Zahnstocher, die auf dem Tisch standen, riss das Papier ab, steckte sich das Hölzchen in den Mundwinkel. Wenn das eine Gewohnheit von ihm war, dann kannte ich sie noch nicht, speicherte sie quasi automatisch ab, obwohl ich noch gar nicht wusste, was ich damit anfangen könnte. Wie sich zeigte, war es tatsächlich eine Marotte, durch Zufall kreiert oder vielleicht auch ganz bewusst ausgesucht, auf den Stäbchen herumzukauen, die er aus Lokalen mitnahm. Später stellte ich fest, Fabian machte das in Situationen, wenn er sich etwas überlegte und nicht sicher war, auf dem richtigen Pfad zu sein.
Zumindest für die freie Zeit, die mir meine Zahlen lassen würden, biete er mir eine spannende Aufgabe, verspreche mir ein richtiges Abenteuer.
Ich sah ihn überrascht, aber auch recht gespannt an.
Still, doch mit Inbrunst, habe er zum Himmel gebetet, gestand er augenzwinkernd ein, dass ich mich noch rechtzeitig blicken lasse.
Was für ein überzeugender Lügner er doch war.
Rechtzeitig? Für was, Fabian?
Zur OB-Wahl, mein Lieber. Uns als Team würde es nicht schwerfallen, als Erste ins Ziel zu kommen. Oder zweifle ich vielleicht daran?
Ich überlegte, trank einen Schluck, spürte die Gefahr, von ihm überrumpelt zu werden, da hatte sich also bei meinem Freund nichts geändert.
Ich wolle erst mal, was er ein Abenteuer nenne, sagte ich, weniger optimistisch sehen als er, hätte da so meine Bedenken. Wir seien längst nicht mehr so locker, ja so frech wie früher. Solch ein Amt wäre mit unseren dreisten Streichen kaum zu erobern und wenn doch, auf Dauer wohl kaum zu halten.
Dann würden wir es eben anders machen, gab er nicht nach. Mir würden schon die richtigen Wege einfallen, da sei er schon tatsächlich sehr optimistisch.
Ich ließ mich nach längerer, von beiden Seiten nicht über Gebühr ernst genommener Diskussion schließlich auf den Kompromiss ein, uns zeitnah zusammenzusetzen, um zu überlegen, ob wir ein paar nicht ausgetretene Wege finden könnten, um in dieses Spiel mit hohem Einsatz einzusteigen.
Mit Sibil?
Das war ohne Frage seine Bedingung, wenn auch seine einzige.
Mit Sibil.
Fabian hielt sein Rotweinglas mit zwei Fingern und sagte:
Wir schütten das Gewesene in den Orkus, wenden das beschriebene Blatt um, beginnen ein weißes Blatt neu zu beschreiben. Bist du einverstanden, Freund Martin?
Fabian war der geborene Menschenfischer, hatte es einfach im Blut, mit seiner magischen Anziehung den anderen zu sich zu holen und festzubinden.
Eine letzte Prüfung setzte ich allerdings vor den neuen Bund.
Stichwort Tante Frieda, Fabian?
Er beugte sich mir entgegen, flüsterte, erklärte mir, wie der alten Frau zu helfen sei, wie wir ihr helfen würden. Und er half unserer Tante Frieda. Er hatte wohl gespürt, dass er das machen musste, wenn er mich wirklich im Boot haben wollte.
Natürlich hatte sich einiges zwischen uns verändert. Aber nach zwei, drei Treffen mit Bier bei mir und Rotwein bei Fabian, erschien mir alles wieder so wie damals, wir waren wieder die Brüder, die wir einmal waren.
Fabian hatte gewonnen, mich in seinem Netz gefangen. So war das. Ein neuer, ein abenteuerlicher Weg sollte für mich seinen Anfang nehmen.
Bis hin zum bitteren Ende.
Hausmusik
Am frühen Sonntagvormittag spazierten Fabian und ich am Fluss entlang. Er war ohne Sibil gekommen, was mich erstaunte, wusste ich doch inzwischen, dass Fabian ohne Sibil nichts machte, sie lebten eine Symbiose. Wusste sie vielleicht nichts von unserer Begegnung? Glaubte er erst einmal abklären zu müssen, ob wir tatsächlich wieder zueinanderfinden, auf einem Gleis in die gleiche Richtung fahren konnten? Darum war mir zunächst nicht ganz wohl. Spielte er ein Spiel? Konnte ich mich doch zu gut erinnern, dass ihn eine Inszenierung, und sei sie noch so unbedeutend, immer verlockte? Hatten wir noch die gleiche Wellenlänge wie früher? Mochte er noch meine schwarzen Ideen, die rücksichtslos auf das angestrebte Ziel losgingen? Ich ermahnte mich zur Vorsicht.
Auf dem Dammweg waren nur vereinzelt Jogger unterwegs, für Spaziergänger mit ihren Hunden war es noch zu zeitig. Silberne Birken, Mohn- und Kornblumen, eine farbige Sonne, wie von van Gogh gemalt, begleiteten uns. So konnten wir ungestört reden, Gedanken austauschen, in der Diskussion sogar mal laut werden, niemand war in der Nähe, keine Ohren waren irgendwo neugierig gespitzt.
Fabian machte den Anfang, zeichnete mir noch einmal in groben Zügen seine Vorstellungen, wie er sich seinen Wahlkampf für den OB-Sessel dachte, was er den Bürgern anbieten, ihnen versprechen konnte, ohne zu viel zu wagen, wie er auf seine Art den Gaukler geben wollte.
Schon bei seinen vielen Worten, die immer malerischer, also unwirklicher wurden, merkte ich, dass da etwas fehlte. Fehlte da mein Anteil, meine klare Deutlichkeit, die kein verschwommenes Wischiwaschi duldet? Der Mix zwischen Fantasie und Realität hatte uns in der Schulzeit nicht im Stich gelassen, hatte immer funktioniert.
Ich hatte die Stunden am Vorabend nicht in Kontemplation verbummelt, faul die Füße hochgelegt, sondern fleißig über Grundzüge eines Konzepts nachgedacht, in mich hineingehört, Ideen verknüpft. Vorstellungen puzzelten sich bald zu bunten Collagen. Sogar ein kurzes Memo hatte ich verfasst; es steckte zusammengefaltet in meiner Hosentasche.
Nachdem er mit seinem Vortrag zu Ende war, redete ich, bis wir den Kaskaden näher kamen, trat dabei nicht so sehr als ratgebender Freund, sondern vielmehr als selbstsicherer Dozent auf. Fabian hörte tatsächlich geduldig und aufmerksam zu.
Zurück am Parkplatz, er war mit dem Wagen da, ich mit dem Rad, stand unser vorläufiger Plan auf recht stabilen Füßen. Aber es war eben nur ein Plan, mehr noch nicht. Fabian versprach, mit Sibil zu reden, denke jedoch, dass sie zustimme, das Konzept sei einfach zu verlockend, zu gut, zudem für unsere Stadt so völlig neu, nehme andere, nicht ausgetretene Wege. Er umarmte mich, stieg in seinen dicken Wagen und rauschte davon.
In meinen vier Wänden, zur Musik von Elvis, beschäftigte ich mich mit dem Ausarbeiten, den wichtigen Feinheiten, unseres Wahlfeldzuges. Ich widerlegte dabei sogar die alte Regel, was du dir in der Nacht ausdenkst, tauge im Morgenlicht nicht mehr viel. Ich folgte der im Halbschlaf geborenen Idee, die Geschichte unserer Stadt näher zu studieren, pickte aus ihr die Rosinen heraus, die mir ins gedachte Konzept passten, ließ mich selbst von der Lyrik des bekannten Dichters unserer Stadt inspirieren. Aus meinem Datenspeicher im Kopf holte ich Schnipsel von damaligem Wissen, das jetzt gut zu gebrauchen war, schrieb sie auf. Jedenfalls: Die gelben Notizzettel an der Wand neben meinem Tisch wurden immer mehr, waren erst einmal ein Chaos, mussten sich erst zu einem runden Ganzen zusammenfügen.
Wir machten es, wie wir es zu Schulzeiten erfolgreich praktizierten, Fabian im Spot, ich als Nebelfigur nahebei, genauso wie von Anbeginn an. Wie früher auch war ich zufrieden mit meinem Platz im Hintergrund, wollte die Figur im Halblicht sein, am besten kaum oder gar nicht beachtet. Von dort waren die Möglichkeiten des Einflusses am wirkungsvollsten. Von diesem Platz konnte ich beobachten und sehen, wo die schwachen Stellen der anderen waren. Von dort aus sammelte ich die Munition, mit der wir in den Krieg zogen. Um das durchzuziehen, brauchte es einen blendenden Frontmann, und der war Fabian allemal.
Einmal im Monat, am zweiten Sonntag, wurde traditionell im feinen gelben Haus Musik gemacht, ein unbedingter Termin nicht nur für mich. Ich hatte nichts einzuwenden, war es doch eine entspannende Auszeit im hektischen Trubel. Dieser Event, wie ich die Stunde ironisch bei mir nannte, schenkte mir als Zugabe den anregenden optischen Genuss der Flöte spielenden Monika, daneben Sibil mit Geige, Fabian am Klavier, die Baronin am Cello, der Baron spielte die Gitarre. Das Publikum, der einzige Zuhörer und Zuschauer, war ich.
An einem dieser frühen Abende, nach der Musik, wollten Fabian und ich gerade zu einem Wahlkampfauftritt aufbrechen. Ich wartete im Flur, da trat Vater von Fernau, der Baron, aus dem Salon, blieb bei mir stehen, lächelte jovial, warf einen schnellen Blick nach oben, von wo Fabian jeden Moment kommen musste.
Ihm gefalle, was wir so treiben würden, sagte er, und ich hörte regelrecht das Schmunzeln heraus. Vor allem wenn wir das bunte Aquarium von Fabians Freunden als Helfer einsetzten, hätte das für einen wissenden Beobachter sogar etwas Witziges. Er wünsche uns viel Erfolg, zweifle aber daran, dass Fabian der Richtige für unsere Stadt sei. Wie er seinen Sohn einschätze, strebe er nach Höherem, da sei er sicher, Oberbürgermeister, was wäre das schon, das Endziel jedenfalls nicht.
Ich nahm seine Worte als einen Scherz, als eine elitäre, fast schon anmaßende Meinung des Barons. Ansonsten hätte ich mich fragen müssen, weshalb er so zu mir sprach. Für mich bedeutete es eine unwichtige Marginalie. Seine Worte nicht als das zu nehmen, nämlich als die Wahrheit, sollte sich als ein fataler Fehler erweisen. Schon damals hätte ich wissen können, wohin der Hase lief. Mir kamen aber keine Zweifel, vor mir lag ein Ziel, das mich lockte.
Meine Vorstellungen gingen in eine Richtung, zu der die Worte des Barons nicht passten. Ich hatte die Moral als ein wichtiges Thema auserkoren, nicht aus Prinzip, was sogar mich zum Lachen gereizt hätte, sondern darum, weil der Gegenkandidat einige dunkle Flecke auf der behaupteten weißen Weste hatte. Wie für Cato Karthago, so war die Moral das Mantra für Fabian als ein wichtiger Baustein in seinen Reden. Ich wusste nur zu gut, dass steter Tropfen den Stein höhlt, und das Wissen darum erweist sich im Verlauf einer Kampagne als ziemlich wirksam.
Auch die sozialen Medien werden wir ganz gezielt nutzen, versuchen, Kettenreaktionen in Gang zu setzen, Anhänger als Multiplikator zu gewinnen. Jedenfalls war unser Ziel, alle unsere Aktivitäten wie nebenbei, locker, unaufgeregt, glaubhaft ernsthaft, jung und verlockend für die Wähler erscheinen zu lassen. Verkrampfen im Laufe des Wahlkampfs durften sich die anderen, wir aber auf keinen Fall.
Nach dem Spaziergang am Fluss war bei unseren nächsten Treffen jedes Mal Sibil dabei. Fabians Frau unterstützte mit aller Macht die Ambitionen ihres Mannes, fügte wie mit leichter Hand interessante kompatible Einfälle in unser sich entwickelndes Konzept ein.
So folgten wir ihrer Idee, in der Weilachmühle draußen auf dem Land zu einem Fototermin einzuladen. Der Kandidat inmitten einer Herde friedlicher und munterer Alpakas. Die Tiere schienen Freude zu haben an dem vergnüglichen Spiel mit dem lachenden Mann. Tatsächlich: Die Bilder machten sich gut und Fabian wurde immer wieder darauf angesprochen und sammelte damit unschätzbare Punkte bei Menschen, die ihn ansonsten bestimmt nie gewählt hätten.
In den folgenden Wochen wurde ich wieder voll in den Rahmen der Familie von Fernau eingegliedert. In der knappen Zeit während des Endspurts des Wahlkampfes war ich mehr im gelben Haus als in meiner Wohnung.
Auf der Veranda lobte mich der Baron einmal in einem Nebensatz, meinte, ich sei offen und ehrlich, erscheine jedoch nicht naiv, was gute Charaktereigenschaften wären. Ich versuchte nicht einmal einzuschätzen, wie der Herr Anwalt sein Bonmot verstanden wissen wollte. Doch sie gefiel mir, diese angesprochene Spannung zwischen ehrlich und naiv. Aber er zeigte mir durch seine Bemerkung auch deutlich, dass er mich wohl lange kannte, aber in Wirklichkeit überhaupt nicht wusste, wer ich war. Gut zu wissen und zudem amüsierte es mich.
Die Suche nach mir
Auf dem schmalen Wanderweg in den Bergen der Insel bin ich seit der Ewigkeit einer gefühlten Stunde keinem Menschen mehr begegnet. An einem flachen Abschnitt bleibe ich für ein kurzes Verschnaufen stehen, blicke versonnen in die Weite. Noch ein Stück bergauf, am Gipfel, ich weiß es, wird das Panorama über die Insel und das Meer grandios sein. Schon hier geht mir das Herz weit auf. Die dunklen Wolken in meinem Inneren lösen sich wie in einem tiefen Seufzer auf.
Ein breiter Felsvorsprung, ein Daumensprung seitlich im Bild, versperrt die Sicht auf den kleinen Bergort, an dessen Rand mein Haus steht. Ich befinde mich auf der Suche nach mir selbst, nicht nur auf dieser Wanderung, nein, seit ich wieder auf der Insel bin.
Vorgestern, am Nachmittag, die Sonne durchflutete das Zimmer mit strahlender Helle, fiel mir dieses bestimmte, in unserem Zirkel damals auf dem Index stehende Buch in die Hand. Ich zögerte, und das Zögern war eine Mischung aus einem Hauch schlechten Gewissens und aufsteigender Vorfreude auf den Text. Schlage ich das Buch auf, wird es mich auch heute noch in Schwingungen versetzen mit seiner Sprache und dem hohen Niveau?, fragte ich mich. Ein Grinsen beendete die temporäre Sperre, ich folgte meinem Gefühl, sagte mir, ein Sonnenstrahl sei es gewesen, deren goldener Finger Die Bereinigung aus der Regalwand pickte.
Erst am Abend, auf dem kleinen Tisch neben mir ein Glas Rotwein – auf der Insel war ich ein Rotweintrinker! – nahm ich Eustachius’ Buch, das es seinerzeit über Nacht zum Bestseller brachte, schlug es auf und begann nach schnellem, fast aufgeregtem Blättern zu lesen.
Ich las den Text, der gerade mal knapp über zweihundert Seiten umfasste, nicht zum ersten Mal, war also vorbereitet auf die harte Kost, die bedrückenden Szenen und Bilder, die einem sofort unter die Haut schlüpften. Die Bereinigung war das erste Buch von Eustachius, den FvF persönlich als MH Wagatha, ich beim Erscheinen des Romans nur vom Hörensagen kannte. Eustachius, der nicht nur mit diesem Buch, sondern auch mit seinen nachfolgenden Büchern für Furore sorgte, mit ihnen ein neues Genre begründete, das bald Future Fiction benannt wurde. Obwohl wir davon ausgingen, dass MHW aus Zorn schrieb, wir seine plötzliche, wie aus dem Nichts kommende Popularität überhaupt nicht gern sahen, sogar richtig fürchteten, seine Texte als vage, aber gleichwohl deutliche Anspielungen, sie darum als Fehdehandschuh betrachten durften, wurde das glücklicherweise allein nur in unserer Wagenburg so gesehen. Es war uns alles andere als eine Freude, dass MHW für beinahe jedes seiner Bücher mit irgendeinem Preis ausgezeichnet wurde.
Was haben die, die den Text eines fiktiven Romans besser zu verstehen glauben als der Autor selbst, alles über Die Bereinigung geschrieben? Die wichtigsten Kritiken, die seriösen Besprechungen in den großen Zeitungen, habe ich alle gelesen, nur wenige, die unverfänglichen, an Fabian weitergegeben. Wer, so wie ich, das Buch mit dem richtigen Hintergrundwissen las, meinte trotz des Nebels der vielen Worte das eigentliche Wollen zu erkennen. Und ich konnte nachvollziehen, weshalb FvF die latente Beunruhigung durch den ehemaligen Kollegen und Freund fürchtete. Seine nächsten Bücher kamen für uns jedes Mal als ein Beweis dieser bösen Ahnung.
In der unmittelbaren Folge der Bereinigung ließ ich mir von einem IT-Mitarbeiter bei FinCon, einem Inder, einen anonymen Blog einrichten, das heißt, ich wollte möglichst verhindern, dass ich erkannt wurde. Fabian wusste davon und ließ mich gewähren. Ich weiß, meine kurzen Aphorismen im Stil eines niveauvollen Colloquiums zu genau ausgewählten Textstellen der Bereinigung amüsierten Fabian. Sibil hat es mir erzählt.
Wenn ich am späteren Abend im gedämpften Licht am Laptop saß, ein Glas Whisky auf dem Tisch, dann machte mir das Schreiben richtig viel Spaß. Der Whisky beruhigte meine Dämonen und regte mich zu geistigen Sprüngen an. Ein zweites Glas war aber schon zu viel, fand ich heraus. Übrigens, dieser Blog sollte uns später noch von gutem Nutzen sein.
Ebenfalls nicht auf ein Wort von FvF hin, aber mit seiner Zustimmung, vor allem aus dem ernsten Bewusstsein heraus, der unterschwelligen Gegnerschaft von MHW entgegenzutreten, schrieb ich das erste Buch im Namen von Fabian. Es hatte den kaum erhofften Erfolg, Fabian auch in den intellektuellen Kreisen zu einem ernsthaften Thema werden zu lassen.
Die Bereinigung
Eustachius und sein Buch: Er hielt sich nicht erst lange mit Vorgeplänkel auf. Er zeigt unverblümt, wohin der auf leisen Sohlen sich anschleichende Populismus und nach Erringung der Macht deren Missbrauch führen können. Noch ärgerten mich diese Anspielungen, die wir auf Fabians politische Ziele gerichtet annahmen.
Nach nur kurzer Einführung in den Zustand der Gesellschaft stieg er gleich mit einem Paukenschlag in Die Bereinigung ein. Ein älterer Mann kommt in die Klinik, um seine Frau zu besuchen. Das Zimmer ist leer. Seine Nachfrage läuft ins Leere, seine Frau war nie Patientin in der Klinik, bekommt er als Auskunft. Diese Worte machen seinen Albtraum real, was ihn völlig verstört. Im Park gegenüber versucht er mühsam, seine innere Ordnung zurückzugewinnen. Er lässt sich auf einer Bank nieder, als ihm der Atem ausgeht. Die blanke Angst hat ihn gepackt, weiß er doch, dass er bei Nachforschungen auf einem Hochseil balancieren wird. Macht er einen falschen Schritt, wird auch er im Nichts verschwinden. Aber er kann nicht anders, beschließt, den gefahrvollen Weg zu versuchen, unbedingt seine Frau zu finden. Notfalls wird er sie auch aus der Unterwelt zurückholen, seiner Eurydike der Orpheus sein. Bei seinen Nachforschungen kommen ihm seine Verbindungen zugute. Er war leitender Ingenieur bei einem Rüstungskonzern, hat in alle Richtungen Kontakte, die er glaubt anzapfen zu können. Mit Geschick und viel Glück fragt er sich voran. Seine lange verdrängte Vermutung, jedoch längst innere Gewissheit, erweist sich mit jedem Schritt als richtig, allerdings als zu harmlos. Was im Lande geschieht, ist verdammt noch mal ein Horror. Die Demokratie ist längst sanft beerdigt, führt allein durch schöne Worte der Politiker ein vordergründiges Scheindasein. Die Politiker dienen dem eigenen Wohl, agieren Marionetten gleich an den unsichtbaren Fäden finsterer, gesichtsloser Mächte aus der Wirtschaft und dubioser Stiftungen. Die Begleitmusik des Geschwätzes spielen die bunten Bilder und leeren Wortkaskaden der Medien. Eustachius’ kauziger Held schleicht auf Samtpfötchen um alle Fallstricke herum. Die nicht sichtbaren Hände, Ohren, Augen der Geheimdienste überwachen die Menschen mit allen denkbaren Möglichkeiten der digitalen Technik auf Schritt und Tritt. Die elektronischen Medien sind längst für jeden Einzelnen zu einer gefährlichen Falle geworden. Wer sich im Internet aufhält, Mails versendet, Bestellungen mit Karte zahlt, die ganze Palette eben, wird sofort von den tausend heimlichen Augen erfasst und gespeichert. In diese bedrückende, freudlose Welt seines Helden blendet Eustachius perfide scheinbar originale Agenturmeldungen ein, die den Zustand des Landes zusätzlich beschreiben, eigentlich erst auf den Punkt bringen: Das Bargeld ist längst abgeschafft. Firmen entlassen alle Mitarbeiter, die über fünfzig Jahre sind, außer die an der Spitze. Die Regierung erhöht das Renteneintrittsalter. Scharfe Kampagnen laufen gegen Rentner und Arbeitslose. Betriebsrenten werden ersatzlos gestrichen. Starke Rentenkürzungen machen ein normales Leben fast unmöglich. Die Politiker verharmlosen die nicht mehr zu übersehenden Folgen dieser Maßnahmen, kleistern sie sorglos mit Gesülze zu. Eustachius’ immer verzweifelter werdender Held irrt durch eine sich in Einzelteile auflösende Gesellschaft. Er kommt in Kontakt mit Gruppen, die in der Masse Solidarität zu wecken versuchen, allerdings ein vergebliches Unterfangen. Die Organisatoren werden schnell gefunden, von der Straße weg verhaftet und verschwinden spurlos. Auch in Kirchenkreisen ist keine Unterstützung, nicht einmal Hoffnung zu finden. Die Amtskirche ist auf Linie gebracht, hat sich mit der Macht verbündet. Alle humanistischen Werte sind keinen Pfifferling mehr wert. Im Land geht die Angst um. Mittellose werden in Gettos verfrachtet, die aus allen Nähten platzen. Unzählige Schwerkranke werden still und schnell mit Spritzen getötet. Langzeitarbeitslose, auch die ärmsten Rentner, scheinen sich einfach in Luft aufzulösen, sind über Nacht nicht mehr da. Eustachius’ armer Mann hat es aufgegeben, nach der Wahrheit, ein Wort ohne Inhalt, des Verschwindens seiner Frau zu suchen, weiß, dass er gegen Windmühlenflügel kämpft. Er schließt sich einer Gruppe an, einer politischen Sekte, deren junger charismatischer Führer Auswege aus dem Chaos zu versprechen weiß. Doch schon bald bekommt der neue Mitläufer doch so seine Zweifel, ob er nicht einem Blender, einem wortgewandten Scharlatan folgt. Aller inneren und äußeren Stützen ledig, steht der Mann an einem nebligen Morgen auf der Brücke über dem Fluss, starrt hinunter in das dunkle Wasser.
So endet das Buch, das, offenbar gewollt, in vielen Gedanken kafkaesk, in seiner Bösartigkeit monströs ist, aber furios mit möglichen Möglichkeiten spielt.
Wohl gerade weil Eustachius das Ende offenlässt, die vielen Fäden der Erzählung nicht zu einem Knoten verbindet, keine Lösungen beschreibt, das Dunkel konsequent nicht heller werden lässt, macht das den Erfolg seines Erstlings aus.
Allein mit Himmel, Meer und den Bergen, bleibe ich auf dem Pfad stehen, könnte sie zählen, die Gipfel der Serra de Tramuntana, oft Felsen von über eintausend Metern hoch über dem Mittelmeer aufsteigend. Vor mir, fast schon erreicht, der Puig de Massanella. Ich genieße die Ruhe, den leichten Wind, der meine heiße Stirn sanft kühlt, lasse die Weitsicht meine strapazierte Seele beruhigen. Das ist für mich Müßiggang, ein wichtiges Schlüsselwort des Lebens, wie ich es für mich erkannt habe.
Dann erreiche ich die mir unvergessene Stelle, einem unsichtbaren Merkstein gleich, kurz vor dem Gipfel, an der mir, es ist Jahre her, mitten in einem Schritt plötzlich ein Gesicht vor Augen stand. Dieses Gesicht, das ich sah, war dunkel, die Augen Kohlen. Nick Bush. Warum meldete er sich aus meinen Tiefen gerade hier oben auf dem Berg? War er die Antwort auf meine Grübeleien, wer mir, wer uns, mit dem Problem Walt Schumann helfen könnte? Nick war tatsächlich die Antwort. Damals war ich mit einem schweren Rucksack von Fragen nach oben gestiegen und mit leerem Rucksack und einer Antwort, die alles bündelte, wieder abgestiegen.
Mit dem Zug durch Europa
Wir hatten Abitur gemacht, Fabian und ich. Schon wenige Tage später starteten wir unsere Reise. Unser Sponsor war der Baron, nicht Fabians Vater, nein, dessen Vater, der alte Baron.
Unterwegs blieb uns gar keine Zeit zum Besinnen, darüber nachzudenken, was morgen sein würde, geschweige denn was in der gerade eben vorübergeflogenen Vergangenheit geschehen war. Für Fabian und mich zählte zu dieser Zeit allein der Augenblick, im Heute nur diese Stunde, sogar der nächste Abend kam uns am Morgen vor wie ferne Zukunft. Wir waren frei wie die Vögel, verstanden und nahmen das wörtlich.
Beide hatten wir schon unsere Einberufungsschreiben bekommen. In zwei Monaten mussten wir zur Bundeswehr, ich zur Grundausbildung bei der Luftwaffe nach Holland, Fabian beim Heer nach Hessen. Doch erfolgreich schoben wir diesen Termin aus unserem Kopf hinaus, wir dachten einfach nicht mehr daran.
Jetzt waren wir mit dem Zug in Europa unterwegs, kreuz und quer. Amsterdam, London, Paris, Rom, Athen, Barcelona, Madrid. Nach einer Ankunft suchten wir zunächst unsere einfache Unterkunft auf, die wir aus einem Verzeichnis hatten, das Fabians Mutter uns besorgt hatte. Nachdem wir unser nächstes Ziel ausgemacht hatten, meldeten wir uns dort über Telefon an. Erst nachdem wir unser Bett sicher hatten, stromerten wir ohne jegliches Limit durch die jeweilige Stadt, schauten uns satt, saugten das Leben ein, bis ein Atemholen anstand, wir uns wieder in den Zug setzten und der nächsten Metropole entgegenfuhren. Während der Fahrt nutzte ich die kleine Freiheit, um eine Art Schnelltagebuch zu schreiben.
Es war in Lissabon, am Ufer des Tejo, als wir innehielten, den ersten Versuch unternahmen, uns für eine kurze Zeit einzufangen. Es war schon späterer Abend, wir saßen vor einem winzigen Lokal in der Altstadt, hatten einfach, aber gut gegessen, tranken roten Wein, rauchten von den billigen dunklen Zigarillos, da erzählte mir Fabian zum ersten Mal von Sibil. Und es kam mir so vor, als schütte er mit einem Stoß einen bis zum Rand vollen Wassereimer aus. Ich brauchte nur meine Ohren aufzumachen, um seine sprudelnden Wortkaskaden zu empfangen.
Wie eine strahlende Göttin oder hinreißende Märchenfee war die schöne Frau, die fast acht Jahre älter war als er, in seinem Leben erschienen, hatte alles völlig auf den Kopf gestellt. Sein Vater war es gewesen, der durch Vermittlung der Universität die Studentin auf Lehramt verpflichtete, um Fabian doch noch auf Kurs zu bringen, damit das fest eingeplante Abitur nicht wirklich ernsthaft in Gefahr geriet.
Mit zwölf Jahren war Fabian Klassensprecher, mit sechszehn Jahren Schulsprecher geworden. Mit Sicherheit war er der faulste Schülersprecher, den unsere Schule je gehabt hatte oder haben wird. Mit nur etwas weniger Intelligenz, einer weniger schnellen Auffassungsgabe wäre der Schüler Fabian von Fernau längst gescheitert. So bekam er jedes Jahr, wenn auch mit Unterstützung, zum Beispiel auch von mir, gerade noch so die Kurve.
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Die Computerfirma Apple bringt den Macintosh heraus. Die Anschnallpflicht wird Gesetz. Der DDR wird ein Milliardenkredit gewährt.
Die Wahlen zum Klassen- oder Schulsprecher, von der Schulleitung zu Übungsplätzen in praktischer Demokratie erhoben, entwickelten sich zu regelrechten Wettbewerben bereits bei der Kandidatenauswahl. Die eigentlichen Wahlkämpfe wurden mit den Jahren zu einem richtigen, den Schulalltag weit überlagernden Spektakel. Da wir uns vom Fußball kannten, nahm Fabian meine Einflüsterungen beim wilden Wettkampf, bei dem die Worte die Waffen waren, als ganz selbstverständlich.
Damals hatte ich schon das Grundraster meiner geheimen Sammlung entwickelt. In der Siedlung, in der Schule, überall, wo ich mit anderen zusammenkam, erweiterte ich diese Sammlung. Was sammelte ich? Fehler und Schwächen der anderen, vor allem aber Verfehlungen, kleine wie größere. Bei passender Gelegenheit war dieses Wissen von Vorteil, zunächst einmal für mich selbst. Ich war manchmal erstaunt, welch eine große Menge Wissen in diesen Kasten passte, der Gehirn hieß, wie ausgedehnt, weitgefächert meine Sammlung allmählich wurde. Und dass es mir nicht schwerfiel, diese wunden Punkte der anderen zielgenau aus dem Datenspeicher herauszupicken und damit mein Erinnerungsvermögen zu trainieren und zu steuern.
Im zweiten Jahr akzeptierte Fabian meine Einflussnahme so weit, dass er meinen Vorschlägen quasi blind folgte. Das war nicht nur, weil Fabian erkannt hatte, dass ich ihn gut beriet, keiner war, der sich in den Vordergrund schob, also kein möglicher Konkurrent, sondern vor allem, weil ich ihm Arbeit, insbesondere Denkarbeit, abnahm. Er pickte sich die Ideen aus meinem Fundus heraus, die ihm genehm erschienen, machte sie sich zu eigen, und damit waren sie sein Ding. Die Folge: Der größte Faulpelz der Klasse wurde Jahr für Jahr ihr Sprecher, und seit er sechzehn war bis zum Abitur, das er dank Sibil glänzend bestand, auch der Schulsprecher.
Zurück zu Sibil: Sie machte aus dem notorisch faulen Kerl binnen kürzester Zeit einen Musterschüler. Wie, auf welche Art und Weise sie das vollbrachte, hat er nur zart angedeutet. Meiner Fantasie gab das reichlich Zucker. Also: Sibil bestimmte immer mehr sein Leben. Sie gingen zusammen ins Kino, machten Ausflüge mit dem Rad, lagen im Gras an kleinen Seen und schwammen, wanderten in den Bergen. Im Winter gingen sie zum Skifahren. Bald wurde die Berghütte seiner Eltern ihr Refugium für so manches Wochenende. Die Hütte lag lawinensicher unterhalb eines Schutzwaldes, darüber steile Felswände. Von der Terrasse flog der Blick fantastisch weit bis ins Inntal und hinüber zum Wilden und Zahmen Kaiser.
Sibil war Mentorin, Coach, Geliebte und sie nahm die Stelle seiner Mutter ein, die kaum je Zeit für ihre Kinder hatte. Die beiden waren sich gegenseitig völlig verfallen, nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Keiner konnte mehr ohne den anderen. Sibil hat mir einmal gesagt, in einem der wenigen wirklich vertraulichen Augenblicke zwischen uns, dass sie vom ersten Blick an wusste: Das ist er! Mit ihm zusammen würde sie einen besonderen Weg gehen können. Wie sich zeigte, hatte sie damit recht, war es richtig gewesen, dem ersten Gefühl zu folgen.
Blick in den Rückspiegel der Zeit:
Die Sowjetunion verlässt Afghanistan. Der Krieg zwischen Iran und Irak endet. Die Tennisspielerin Steffi Graf gewinnt den Golden Slam. Die Niederlande werden Fußball-Europameister. Der Ägypter Nagib Mahfuz erhält den Literaturnobelpreis.
Keine Frage, ihre Vertrautheit und enge Zuneigung musste natürlich nicht nur diskret, zudem auch unbedingt geheim bleiben. Und die beiden brachten das perfekt hin. Sogar ich, einer der wenigen nahen Freunde Fabians, ahnte nur, geschweige denn wusste von ihrer wirklichen Beziehung. Klar war, dass ich natürlich einer von denen war, denen die eigentümliche, kaum nachzuvollziehende Wandlung von Fabian als ein Wunder vorkam, obwohl ich den Grund kannte. Wie gesagt, erst auf unserer Rail-Tour ließ mich Fabian ein wenig hinter den dichten Vorhang blicken. Fabian gehörte zu Sibil, eine Beziehung als Symbiose der Liebe, die bis zum Schluss, bis zum Tod halten sollte.
Die Bundeswehr
Diese drei Monate Grundausbildung in Holland, in einer kleinen Stadt gleich hinter der Grenze, nahm ich beinahe so locker wie unsere Tour durch Europa. Nur zweimal nutzte ich die freie Fahrt mit der Bahn, um Tante und Onkel zu besuchen. Sonst blieb ich in der Kaserne, bereitete mich auf mein Studium vor und streifte durch das Städtchen. An den Wochenenden sah ich mir die Heimspiele von einem oder dem anderen der beiden Fußballvereine an. Durch die Disziplin, die ich mir während der Schulzeit selbst beigebracht hatte, und da ich auch körperlich fit war, hatte ich bei der Truppe keinerlei Schwierigkeiten.
In dieser kleinen Stadt lernte ich Nick Bush kennen. In unserer Kaserne gab es einen Bereich der Amerikaner. Die US-Army hatte hier eine kleine Nachrichteneinheit stationiert. Was sie im hinteren Eck der Kaserne, nahe dem lichten Birkenwald, genau taten, interessierte keinen von uns wirklich. Nur dass sie im Keller einer der komfortablen Baracken eine Bar hatten, das interessierte uns schon weit mehr. Doch da hinein Zutritt zu bekommen, war fast unmöglich.
Mir gelang es. Und das kam so: Ich war, eine Ausnahme, nicht allein in der Stadt unterwegs, war in Begleitung zweier Kameraden aus meiner Stube. Es war bereits duster, wir waren auf dem Rückweg, nahmen den kürzeren Weg, der uns durch eine zwielichtige Gegend führte, die ich aus Vorsicht allein umgangen hätte. Wir kamen um eine Ecke, als wir sofort sahen, dass vor einem der verrufenen Lokale, wahrscheinlich ein Bordell und Drogenmarktplatz, drei finstere Gestalten auf einen, der schon am Boden lag, heftig einprügelten und traten. Nur ein kurzer Blick zu meinen Kameraden und wir spurteten los. Vertrauten vor allem auf Eduard, der damals noch nicht Eddy hieß, einem Koloss mit der Kraft eines Bären. Ich mit meinen Anfangskenntnissen von Karate, das ich in der Kaserne einmal die Woche gerade lernte, hätte allein als Gegner den Schlägern nicht Paroli bieten können. Was unser dritter als Kämpfer taugte, war in dem Moment keine Frage. Aber er schlug sich tapfer. Wir, in der Hauptsache Eduard, räumten erfolgreich auf. Wir kamen wie der Heilige Geist über die Typen, die nun ihrerseits heftige Prügel bezogen und auf dem Schlachtfeld zurückblieben. Wir brachten den schwarzen Soldaten, den wir vom Sehen kannten, zurück in die Kaserne und sofort in unseren Sanitätsbereich. Nick hatte viel Glück gehabt, dass wir eingegriffen hatten.
Nach einigen Tagen war Nick für uns drei die Eintrittskarte in die Kellerbar. Übrigens habe ich ihn nie gefragt, warum er so heftig in die Mangel genommen worden war in dieser Nacht. Von diesem Wissen versprach ich mir nichts.
Als die Grundausbildung überstanden war, kurz bevor ich nach Bad Tölz versetzt wurde, bekam ich von Nick eine Telefonnummer, mit der ich ihn immer erreichen würde, wie er versprach. Diese Nummer kam in meine Datenkiste. Erst Jahre später sollte ich mich daran erinnern und Kontakt mit Nick aufnehmen.
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