Kitabı oku: «Orangen für Dostojewskij»

Yazı tipi:

MICHAEL DANGL

Orangen für
Dostojewskij

ROMAN


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1. Auflage 2021

© 2021 by Braumüller GmbH

Servitengasse 5, A-1090 Wien

www.braumueller.at

Cover Montage: © Shutterstock/Nick Tempest, © Shutterstock/Steve Bruckmann

Druck: EuroPB, Dělostřelecká 344, CZ 261 01 Příbram

ISBN 978-3-99200-297-9

eISBN 978-3-99200-298-6

Für Lia, Maria und Anfisa

Ich habe Venedig noch mehr geliebt als Russland

Fjodor M. Dostojewskij

Inhalt

TEIL I

Kapitel 1

Kapitel 2

TEIL II

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

TEIL III

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

TEIL IV

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

TEIL V

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Epilog

Dichtung und Wahrheit

I

1

Anfang August, gegen Mittag, bei großer Hitze, fuhr ein Zug der lombardisch-venezianischen Eisenbahn mit hoher Geschwindigkeit auf Venedig zu. Am Fensterplatz eines vollbesetzten Sechserabteils saß in Fahrtrichtung ein Mann mit bleichem, unausgeschlafenem Gesicht, ein Schriftsteller, der einmal als literarische Hoffnung seines Heimatlandes Russland gegolten hatte und manchen noch galt, wiewohl seine ersten Erfolge nun schon einige Zeit zurücklagen, er im Westen völlig unbekannt und nicht mehr ganz jung war. Er war vierzig und hieß Fjodor Michailowitsch Dostojewskij.

Den Alleinreisenden mit ordentlich frisierten, an der Stirn sich lichtenden und an den Ohren widerspenstig abstehenden Haaren und krausem Vollbart plagte schon seit Längerem ein Hustenreiz, dem er durch wiederholtes Hüsteln in die Faust Herr zu werden suchte, und er lechzte danach, auszusteigen und etwas zu trinken. Der Tee am Mailänder Bahnhof war so heiß gewesen, dass er ihn aus Angst, den Anschlusszug zu versäumen, stehen gelassen hatte. Bahnreisen waren ihm langweilig, und am liebsten wäre er hinausgesprungen und seitwärts neben dem Waggon einhergelaufen. Die Fahrt von Florenz bis Mailand und nun hierher war umständlich gewesen, doch trotzdem und trotz der stickigen Hitze war sein weißer Kragen hochgeschlossen, saß die halstuchartige kurze Krawatte, wo sie zu sitzen hatte, waren graue Weste und schwarzer Gehrock zugeknöpft und wirkte die helle Hose an den korrekt übereinandergeschlagenen Beinen wie frisch gebügelt.

„In Omsk die Sonne geht auf um vier Uhr.“ Überflüssige Bemerkungen seiner Reisegefährten über die Fülle der Sonnenstunden in Italien hatten ihn zu diesem Satz veranlasst, seinem ersten auf der mehrstündigen Fahrt, den er, um besonders dem Berliner Ehepaar ihm gegenüber eins auszuwischen, auf Deutsch formulierte. Trotz langen vorhergehenden Nachdenkens und des Durchspielens verschiedener Varianten wusste er, dass irgendetwas an der Wortstellung falsch war, wie immer, wenn er sich zu einem Satz im Deutschen, das er nur schlecht beherrschte, aufschwang. Im Russischen war alles möglich: „In Omsk um vier Uhr geht die Sonne auf“, „Um vier Uhr in Omsk die Sonne geht auf“, sogar „Aufgeht die Sonne um vier Uhr in Omsk“ war möglich, doch das Deutsche verlangte wie alles in Deutschland Pünktlichkeit und Genauigkeit, und es gab nur eine Lösung, und wer die nicht traf, war blamiert und hatte verloren.

Er wusste nicht, ob die Stille, die dem Satz folgte, dem Inhalt oder der Grammatik galt, und zum Glück wurde sie durch einen lauten Pfiff des Zuges beendet. „Venezia-Mestre“ stand draußen; „Mestre“ bedeutete sicher so etwas wie „Zentrum“, dachte Dostojewskij, sprang als Erster auf, nahm seinen Koffer aus dem Gepäcknetz und verließ das Abteil, wobei er einem Engländer, der an der Tür saß, auf den Fuß trat. Auf dem Perron musste er feststellen, dass niemand außer ihm aus-, vielmehr einige in den schon vollen Zug einstiegen, und er wandte sich an einen neben ihm stehenden Uniformierten.

„Venezia?“, fragte er heiser und zu leise, denn der Beamte musterte ihn argwöhnisch und antwortete mit einer Gegenfrage, überraschenderweise auf Deutsch und noch dazu mit einer seltsamen Vokalfärbung:

„Wos?“

„Venezia?“

„Venezia-Mestre.“

„A Venezia?“

Der Uniformierte, der, wie er jetzt sah, kein Bahnbeamter, sondern ein Polizist war, da er einen Säbel an der Seite trug, zeigte in die Richtung, in die der Zug weiterzufahren sich eben anschickte, und stieß dazu ein „Do!“ aus. Dostojewskij sprang im letzten Moment wieder auf. Die neu Eingestiegenen, allesamt Herren in dunklen Anzügen, entpuppten sich als Polizisten in Zivil und forderten von den Reisenden Einsicht in deren Pässe. Auch der leise vor sich hin schimpfend in den Zug zurückgekehrte Russe musste seinen vorweisen, ehe er das Abteil wiederfand, den Koffer schwer atmend ins Netz hob und etwas Unverständliches in sich hineinbrummend Platz nahm. Beim Betreten des Coupés war er dem Engländer erneut auf den Fuß gestiegen, und nun konnte man nicht ausschließen, dass es ihm nicht nur nicht entgangen, sondern – und schon beim ersten Mal – Absicht gewesen war.

Mürrisch blinzelte er auf die sonnenfunkelnden Wasserflächen, die sich bald rings um den Zug auftaten. Während die Anderen sich die Hälse verdrehten, in Begeisterungslauten ergingen und die zwei Deutschen sich mit dem Wissen großtaten, dass es in Venedig seit drei Wochen nicht geregnet hätte und das Wasser knapp würde, blieb er die ganze Fahrt über den Damm regungslos und dachte an die vergangenen zwei Monate seiner Reise, seiner allerersten nach Westeuropa, die mit Venedig ihre letzte Station erreichte. Am siebten Juni von Petersburg nach Berlin gekommen, war er erst wie besessen durch Deutschland gerast, jeden Tag in eine andere Stadt, bis sich seine Aufenthalte in Paris, London und Genf verlängerten und er erst vor eineinhalb Wochen Italien betreten hatte. Dabei war die ganze Zeit, verstand er beim Schauen auf die Sandbänke der seine Augen blendenden Lagune, Venedig als geheimes Ziel vor ihm gestanden, und jetzt, da es immer näher kam, schien es, als habe er der Sehnsucht nach diesem Ort, die von frühester Jugend, ja seit seiner Kindheit in ihm gewesen war, einen Verweis erteilen wollen mit den neun Wochen des Kreuz-und-Quer durch Europa, um ihr nicht die Macht zuzugestehen, die sie vielleicht in ihm hatte, und um bei sich selbst nur ja den Verdacht nicht aufkommen zu lassen, sie, die Sehnsucht nach Venedig, sei der eigentliche Antrieb, der heimliche Grund dieser ersten Auslandsreise seines Lebens. Die Hinauszögerung hatte ihm sogar einen gewissen Kitzel bereitet, eine kleine wollüstige Selbstbestrafung war es gewesen, als er nach dem Grenzübertritt aus der Schweiz den Umweg über Florenz genommen hatte, statt geradewegs auf Venedig zuzurasen. Nun bereute er fast, sie – da die Stadt auch im Russischen „Venezia“ hieß, hatte er seit je wie an etwas Weibliches an sie gedacht – für den Schluss aufgehoben zu haben, denn es war gut möglich, dass die vielen schlechten Eindrücke und Enttäuschungen aus vier Ländern und mehr als einem Dutzend Städten, in denen noch dazu fast ständig schlechtes Wetter gewesen war, wie eine dicke Schicht Staub zwischen ihm und dem heimlichen Höhepunkt der Reise seinen Blick trübten, ja verunmöglichten.

Zudem war jede letzte Station einer Reise von den Bekümmernissen um die Heimkehr beschwert. Privat und beruflich hing der streng wirkende zugeknöpfte Herr mit dem sacht ausufernden Bart nämlich völlig in der Luft. Sein sogenannter literarischer Durchbruch, der Roman „Arme Leute“, lag sechzehn Jahre zurück, und nach dem Veröffentlichungsverbot, Teil der zehnjährigen Haftstrafe in Sibirien, war es schwer gewesen, an diesen Erfolg wieder anzuschließen. Immer wenn er daran dachte, verschlimmerte sich das Stechen in seiner Seite, das von der Leber kam und ihn daran erinnerte, dass es gesundheitlich mit ihm in mehrfacher Hinsicht im Argen stand. Abrupt und mit einer Energie, dass alle fünf Augenpaare im Abteil zu ihm sprangen, zog er ein dünnes Heft aus der Rocktasche und schlug es auf. Vor einem guten Jahr hatte er begonnen, über seine epileptischen Anfälle Buch zu führen. Dauer und Heftigkeit waren verzeichnet (leicht/mittel/schwer) sowie die Abstände zwischen ihnen, die von einem halben Tag bis zu einem halben Jahr reichen konnten. Jedem Anfall ging eine längere Phase der Niedergeschlagenheit voraus, den schweren folgte tagelange Arbeitsunfähigkeit. Der letzte Eintrag („mittel“) nannte den einunddreißigsten Mai, eine Woche vor der Abreise. Schon vor Jahren, noch in Sibirien, hatte ihn der Arzt, der die Erkrankung zum ersten Mal diagnostizierte, gewarnt, bei einem der Anfälle werde er an dem Schaum, der ihm aus dem Mund stieg, am Rücken liegend ersticken. Inzwischen hatte er eine gewisse Übung darin bekommen, das Aufsteigen einer neuen Eruption in sich zu verspüren und sich, vor allem wenn er alleine war, wie immer möglich darauf vorzubereiten.

Der Zug hatte die Lagune überquert und fuhr in den Bahnhof ein. Unter großem Rascheln und Poltern rafften die Reisenden ihre während der Fahrt um sich verstreuten Gegenstände zusammen, und Dostojewskij dachte daran, wie ihm der Schaffner in Mailand dieses Coupé, in dem nur ein junges, sehr hübsches Mädchen gesessen war, zugewiesen und sich dafür Trinkgeld erhofft hatte. Da hatte er sich getäuscht. Und das Mädchen war an der nächsten Station ausgestiegen. Diesmal ließ er den Anderen den Vortritt, nickte zu ihren Verabschiedungen und blieb in Gedanken verfangen sitzen, als ginge die Fahrt für ihn allein weiter. Sein Reisegeld, Vorschuss auf einen ungeschriebenen Roman, war längst aufgebraucht, und als Erstes, dachte er, würde er nachsehen müssen, ob auf der Post schon der nächste Wechsel seines Bruders Michail lag. Der deutsche Ehemann kam noch einmal zurück, vom Korridor aus krähte er durch die offene Tür: „Ich weiß, warum die Sonne dort so früh aufgeht.“ Er machte eine kleine Kunstpause und sagte belehrend: „Weil es so weit östlich liegt.“

„Ja“, gab der Russe zur Antwort und schaute ernst zu Boden. Womit der einzige Dialog seiner Bahnfahrt zu Ende war.

Italien kannte er bislang nur aus Zügen und Equipagen heraus. In Florenz hatte er sich schlecht gefühlt und war wenig ausgegangen, außerdem war es regnerisch und seltsam kühl gewesen. Sodass ihm nun, als er aus dem Bahnhof Santa Lucia auf den Vorplatz trat, zum ersten Mal in seinem Leben die volle Glut eines mediterranen Sommertags entgegenschlug. Und die war anders als jede andere bisher, ein weiches, freundliches Meer, in das man eintauchte, ein alle Sinne vereinnahmendes Spektakel aus Farben und Licht, Stimmen und Bewegung, als wäre man in ein zum Leben erwecktes Gemälde getreten und zum ersten Mal nicht mehr dessen Betrachter, sondern Akteur. Und wie es den Augen war, als hätte man ihnen einen Schleier abgenommen, schienen die Ohren von Pelzklappen befreit und wunderten sich über die Symphonie von Rufen, Reden, Singen und Schreien in einem Dutzend von Sprachen, aus denen das Italienische herausklang und -schmetterte wie eine fröhliche Trompetenmelodie aus aufgeregtem Orchesteraccompagnement.

Noch hatte der Angekommene keinen Faden der Anknüpfung an dieses bunte Gewebe gefunden und stand starr in der um ihn wehenden, ihn schubsenden Menge von Händlern, Wasserträgern, Reisenden und spielenden, herumlaufenden Kindern, hielt den Griff seines Koffers fest umklammert, schaute mit schmalem Blick auf den breiten Kanal, der sich um den Bahnhofsvorplatz schlängelte und Boote mit roten und schwarzen Segeln auf seinem unverschämt leuchtenden Blau trug, und fühlte sich so schwach, dass er am liebsten umgekehrt und in irgendeinen Zug gestiegen wäre, Hauptsache weg. Richtungslos, nur, um einen Anfang zu machen, bewegte er sich ein paar Schritte nach links, wo ihm ein Lokal in den Blick kam, das scharenweise Menschen ausspuckte und einsog und ihm seinen dringenden Wunsch nach etwas zu trinken erfüllen würde. An einen Laternenmast vor dem Lokal gelehnt, stand ein kleiner Mann mit kugeligem Bauch, in dem zwei Arme und Beine steckten, und kugelrundem kahlen Kopf, aus dem zwei lebendige, feurige Augen blitzten.

„Ciao!“, rief er, und der auf ihn Zugehende drehte sich halb um, um den Freund hinter sich zu sehen, der offenbar mit diesem Ruf begrüßt wurde, doch da war niemand, „Ciao!“ kam es dafür noch einmal und nun ganz unzweifelhaft auf ihn hin und schon sprang der Fremde mit einem „Benvenuto a Venezia!“ auf ihn zu und griff nach seinem Koffer. Vor Diebstählen in Italien mehrfach gewarnt, legte Dostojewskij auch die zweite Hand um den Griff und sah den Angreifer finster an, als wollte er ihn kraft seines Blicks in die Flucht schlagen. Doch der hob beide Arme weit über die Schultern und gab mit dieser Gebärde und einem lauten Ausbruch von Vokalen, die aus seinem Mund quollen, seiner guten Absicht Ausdruck. Die Suada kam offensichtlich mit einer Frage zu Ende, der ein Schulterzucken folgte. „Indirizzo“, wollte der Kugelmensch wissen und „Albergo“, und der Russe, der sicher war, dass der Andere Geld forderte, sah sich betreten um. „Address“, verstand er nun endlich, und zugleich, dass der Kleine ihm den Koffer tragen und ihn führen wollte. Er zeigte ihm einen Zettel, auf dem Name und Anschrift des Hotels geschrieben standen. Das ermutigte den Fremden zu einer neuen Koloraturarie von Vokalen, mit der er den Reisenden so verblüffte, dass er ihm geschwind den Koffer aus den Händen nehmen konnte und schon, heftig mit dem freien Arm bedeutend, ihm nachzukommen, davonlief. Der vielleicht nicht Ältere, aber ungleich Schwerfälligere, der zudem von der Reise ganz steife Beine hatte, protestierte und sah doch keine andere Möglichkeit, als dem flinken neuen Besitzer seines Koffers nachzugehen. Da blieb der unvermittelt stehen und drehte sich um.

„Scusate, Signore“, sagte er und verneigte sich leicht, „sono Pepi.“

„Pepi?“ Da erhellte sich das blasse, bis dahin ausdruckslose Gesicht, auf dem die Sonne zuvor unsichtbare Sommersprossen aufblühen hatte lassen, und die grauen, tief liegenden Augen bekamen einen seltsamen weichen Glanz.

„Beppo!“, rief er nun fast, und der Andere, wie um nicht kleinlich zu sein und seine gute Laune nicht zu verlieren, stieß lachend und schulterwerfend aus „Pepi … Beppo …“ – und erklärte sich mit der Namensveränderung einverstanden.

„E lei?“, zeigte er auf den Herrn.

„Je m’appelle Dostojewskij.“

Beppo/Pepi schickte mit den Augen ein Stoßgebet zum Himmel und sagte etwas, das wahrscheinlich „Das merke ich mir nie“ hieß, lachte wieder herzlich und setzte seinen Weg fort.

Dostojewskij warf einen Blick auf das Lokal, in dem er Menschen mit Getränken sitzen sah, doch da lief sein Kofferträger schon über die ersten Stufen der Steinbrücke über den Kanal. – Beppo! Dostojewskij schüttelte den Kopf. Dieses Sinnbild seiner venezianischen Sehnsucht, der Name des Byron’schen Gedichts, das ihm die ersten Phantasiebilder seiner jugendlichen Schwärmerei eingegeben hatte, hier war es Fleisch und Blut, sprang ihm auf den ersten Metern vor die Füße, trug sein Gepäck, wurde sein Cicerone … die „Steine aus ‚Beppo‘“ hatte er, so lange er denken konnte, zu sehen, zu berühren begehrt, und folgte nun einem leibhaftigen Nachfahren dieser literarischen Erfindung auf Stufen aus Stein, die sicher auch Byron betreten hatte.

Auf der Anhöhe der Brücke hielt er kurzatmig an und ließ Beppo aus den Augen. Sein Name – und sein Lachen – hatten ihm Vertrauen gegeben. Die Brise, die hier oben in sein Haar fuhr, war um nichts kühler als die stehende Luft und dennoch oder deswegen wohltuend, als streichle jemand mit zärtlicher Hand sein Haupt. Er schaute auf den Kanal. Bunter waren die ihn säumenden Häuser als in Petersburg, vielfarbiger, mit rötlichen Dächern. Die Pfähle im Wasser waren rot-weiß oder blau-weiß bemalt wie in einer italienischen Theaterkomödie, von den Balkonen wehten Fahnen, alles ergab ein heiteres Bild, als wäre irgendein Festtag.

Ein Hustenanfall schüttelte ihn, und er hielt sich an der Steinbrüstung fest, weil ihn schwindelte, und er kurz befürchtete, vornüber in den Kanal zu stürzen. Wahrscheinlich wäre er auf einem Bootsdeck zerschellt oder ein Segelmast hätte ihn aufgespießt, und das wäre dann das Ende gewesen. Dostojewskij starrte auf das munter bewegte Wasser wie auf den Eingang zur Unterwelt, bis Beppo ihn vom Fuß der Brücke her anrief: „Signore!“ Und als dieser zu ihm sah, machte er eine wiegende Geste mit dem Kopf, die unmissverständlich „weitergehen“ hieß.

Sie gingen eine lange, gerade Gasse entlang, in die, ausgerechnet, senkrecht die Sonne fiel. Dostojewskij sah nach oben und schimpfte. Beppo lief fünf Meter vor ihm, er war so klein, dass der Koffer fast am Boden streifte, und so rund, dass der Koffer vielleicht das Einzige war, das ihn daran hinderte, zu kugeln statt zu gehen. Dabei drehte er unentwegt den Kopf zurück und rief Italienisches über die Schulter zu seinem neuen Herrn, der aber dadurch wirkte, als wäre er der Knecht und nähme Befehle zur Eile entgegen. Rechts und links waren Läden und Geschäfte, Handwerker saßen davor und arbeiteten, aus allen Türen, die durchwegs offen standen, drangen Lärm und verschiedenartigste Gerüche. An einer Ecke, wo es penetrant nach Katzenurin stank, bog Beppo überraschend nach links in eine noch schmalere Gasse ab, noch länger als die erste, und nun schien die Sonne den beiden auf den Hinterkopf. Eine Bettlerin hielt Dostojewskij eine offene Blechdose hin. Er blieb stehen und griff in seine Hosentasche, aber da kam Beppo sogleich angelaufen, rief etwas offenbar Unanständiges zur Bettlerin – denn die wurde rot –, hielt den ausgestreckten Arm zwischen sie und den verhinderten Wohltäter und machte mit der Zunge einen schnalzenden Laut wie ein Kutscher zu seinem Pferd. Weitergehend hauchte der Zurechtgewiesene ein „Pardonnez-moi!“ zurück, mehr durfte er der Armen nicht geben. Sie gingen über eine kleine Brücke und einen sehr langen Kanal entlang, an dem ein Gondoliere auf Kundschaft wartete. Schon von Weitem krakeelte Beppo ihm entgegen, sodass dieser seinen Versuch, den Reisenden zu einer Fahrt einzuladen, schnell aufgab und dafür aus vollem Hals auf den mit dem Koffer Dahinstrebenden losfluchte. Kennen die einander?, dachte Dostojewskij. Die anderen Fußgänger achteten weder auf den Streit noch darauf, dass der Kleine im Weitergehen seinen Monolog über die Schulter nach hinten fortsetzte, ohne im mindesten verstanden zu werden. Immer liefen sie in praller Sonne. Auf menschenleeren Balkonen wehten Markisen. Wieder querte Beppo den Kanal über eine kleine Brücke. Ob er etwas essen wolle, fragte er den zusehends Erschöpften hinter sich mit einer Geste. Auf die Pantomime einsteigend, antwortete er mit einer Trinkbewegung, worauf Beppo zum Himmel jauchzte, als hätte er in der Lotterie gewonnen. Und den Marsch im Laufschritt fortsetzte. Durch enge, verwinkelte Gassen, der von ihm Geführte konnte ihm kaum folgen, verlor ihn immer öfter aus den Augen, und schließlich tat sich hinter einer Ecke eine menschenleere Sackgasse auf, die an einem Kanal endete. Oben wehte Wäsche im Wind, es war vollkommen still.

Der Friede des Orts ergriff Dostojewskij mehr als der Schreck, möglicherweise gerade sein Hab und Gut verloren zu haben. Da schnellte eine glänzende Kugel von unten aus einer Hauswand, Beppos schweißnasser Glatzkopf lugte aus einem niedrigen Durchgang, der nicht zu sehen war, bis man direkt davorstand. Der Dichter bückte sich und ging dem Wiedergefundenen nach, der wie zum Hohn über seinen eigenen Kleinwuchs in die Höhe sprang und, trotz Koffer, die Hacken seiner Pantoffel in der Luft aneinanderschlug. Genau an einer Lokaltür kamen sie in eine breitere Gasse. Doch der fragende Blick des Einen bekam nur ein „No, no, no!“ mit erhobenem Zeigefinger zur Antwort, denn der Andere schien ein bestimmtes Ziel zu haben.

Sieben Gassenecken und drei Brücken weiter standen sie vor einer großen Kirche auf der anderen Seite eines Kanals. „Santa Maria Assunta“, stieß Beppo aus und bekreuzigte sich, aber nicht ohne Ironie, denn er ermunterte Dostojewskij feixend, dasselbe zu tun – wenn er jedoch dessen Gesicht bis dahin als ernst empfunden haben mochte, wurde er eines Besseren belehrt, denn nun verfinsterte es sich sprichwörtlich, und was ihn anblickte, war kein ernstes Gesicht, sondern die Personifikation des Ernstes, wenn auch, wie ihm schien, ohne Vorwurf. Mit einem Lachen erlöste Beppo die Situation und wies mit großer Geste auf eine offene Tür hinter ihnen.

Es war eine Gaststätte, von außen kaum als solche erkennbar und innen nachtdunkel. Es roch stark nach Wein und Schnaps. Der Italiener wurde von zwei Männern hinter der Theke, Hünen mit zerfurchten, zerschnittenen Gesichtern, laut begrüßt wie nach Jahren der Abwesenheit, dabei war er vielleicht nur ein paar Tage weg gewesen, gar nur Stunden, dachte der Ortsfremde und ließ sich dankbar auf einem harten Stuhl nieder. Die Gesellschaft von Männern wie diesen, Lokale wie dieses waren ihm vertraut. Das Spasskij-Viertel in Petersburg rund um die größte Geschäftsstraße, die Sadowaja, wo er in verschiedenen Wohnungen gelebt hatte, war die Gegend der Märkte, der Fuhrknechte, Bauern und Kaufleute. Die wilden Jaroslawler lebten dort, Nachfahren der tatarischen Steppenvölker. Es wimmelte von Taschendieben, zwielichtigem Gesindel, billigen Prostituierten. Die Gassen waren voll Betrunkener und Obdachloser, die Häuser schmutzig und überfüllt. Menschen aus allen Teilen Russlands und jeder Nationalität Europas konnte man dort finden. Einer der Riesen stellte sich vor ihm auf, er reichte fast bis zur Decke. Beppo, am Tresen stehend, hatte schon ein Glas Weißwein in der Hand, klein und bauchig, als wäre es seiner Figur zugeschnitten. Dostojewskij bestellte auf Französisch ein Bier. Keine Minute später stand es vor ihm.

Als sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, erkannte er, dass die Wände zur Gänze mit Darstellungen von Rokoko-Idyllen bemalt waren. Ausgelassene Gesellschaften junger Menschen in leichten, sommerlichen Kleidern tanzten auf Wiesen, lagen, spielten und musizierten an Bachufern, neckten sich, scherzten, gaben sich verschwiegene Stelldicheins in Gondeln und Gärten … sie erinnerten ihn an Szenen aus Stücken von Goldoni und Büchern von Goethe und de Laclos, in denen er als Kind in Moskau zum ersten Mal eine Ahnung von Venedig bekommen hatte, und einen Auslöser seiner Sehnsucht. Vorrevolutionäre Szenen, wie ihm jetzt auffiel – die in seiner eigenen revolutionären Jugend in Sankt Petersburg von den Freiheitsgedanken in den Stücken Schillers, der mitreißenden Aufbruchsenergie in den Opern Rossinis abgelöst oder transformiert wurden und zusammen mit den Werken von Hugo, Flaubert, Balzac einen so zauberischen Eindruck in ihm hinterließen, dass es war, als rufe dieses Westeuropa nach ihm, dem Russen, dem die Heimat alles war und dem doch schien, als wäre alles, was es in Russland an Entwicklung, Kunst, Bürgersinn und Menschlichkeit gab, von eben dort hergekommen, aus Westeuropa, aus Europa eigentlich, denn Russland war nicht Europa, Russland war Russland, aus Europa also, diesem „Land der heiligen Wunder“, wie er es früher gerne genannt hatte. Früher, und definitiv vor seiner ersten Reise dorthin.

Im Sitzen, im Dunkeln, im Kühleren war es in ihm friedlicher geworden. Und bei den ersten Schlucken Bier. Das musste er sich für seinen Roman – dessen Pläne er schon lange in sich trug und für die er auf seiner Reise nichts zustande gebracht hatte als Skizzen –, für den Roman „Die Trinker“ merken: Im ersten Schluck lag’s. Bis dahin hatte jeder, auch der gewohnheitsmäßigste Trinker, immer wieder eine Chance. Danach nicht mehr. Der erste Schluck Bier, Wein, Wodka verwandelte dich und zog dich in seine Macht. Als das Glas leer war, befiel ihn bleierne Müdigkeit und eine unangenehme Mischung aus Hunger und schlechter Laune. Was hatte diese Herumreiserei für einen Sinn? Was tat er in dieser lauten, unübersichtlichen Stadt? Die Woche in Florenz war er die ganze Zeit in einer Lesehalle gesessen und hatte russische Zeitungen studiert. War die Lesehalle zu, hatte er sich in seine Pension, eine muffige Absteige mit dem prätentiösen Namen „Suisse“, gesetzt und „Les Misérables“ gelesen. Eine literarische Neuerscheinung, die ihm gefiel, weil sie ihn an seine eigenen „Erniedrigten und Beleidigten“ erinnerte. Dessen Honorar längst aufgezehrt war. Strachow, ein Freund, den er in Genf getroffen und der ihn nach Florenz begleitet hatte, war im Duomo gewesen, auf dem Ponte Vecchio, in den Boboli-Gärten, beim Abendtee hatte er davon erzählt und nur einmal Dostojewskij in die Uffizien geschleppt, ein in dessen Augen unfassbar hässliches Gebäude, mehr Amt als Museum, er war davongelaufen, noch bevor sie zur Venus von Medici gekommen waren. Danach hatten sie auf der Piazza della Signoria Eis gegessen und gestritten.

„Du bist ein schlechter Reiser“, (Strachow) „dich interessieren weder die Natur – als wir an den Schweizer Seen vorbeigefahren sind, hast du nicht einmal aus dem Zugfenster geschaut –, noch historische Sehenswürdigkeiten, noch Kunstwerke.“

„Vielleicht.“ (Dostojewskij.) „Mein Interesse geht im Wesentlichen auf den Menschen. Was gibt es Faszinierenderes? Was Widersprüchlicheres?“

Im selben Moment war ein Buckliger an ihrem Tisch vorbeigegangen, und Strachow hatte gelacht, und Dostojewskij war böse geworden und hatte Strachow angeschrien, dass er ihn nicht ernst nähme, außerdem sei das Eis ihm zu kalt und er ziehe es vor, ins Hotel zu gehen und „Les Misérables“ zu lesen. Jetzt war er froh, wieder allein zu sein. Strachow war wohl schon in Russland. Der hatte es gut.

Beppo und die zwei Hünen hielten in ihrem „Gespräch“ – das daraus bestand, dass sie einander in bester Laune anschrien – inne und prosteten vom Tresen her dem stummen Gast zu, der aber betreten zu Boden sah. Schon immer, selbst in seinen ausgelassensten Stunden, war es ihm unangenehm gewesen, wenn Gläser gegen ihn gehalten wurden, und auch er selbst führte die Bewegung ungern aus. Welche Gottheit wurde da hochgehalten und hofiert? Und auch in der katholischen Kirche, wenn der Priester den Kelch hob, um das „Blut Christi“ zu preisen – und damit sozusagen seiner Gemeinde zuprostete –, empfand Dostojewskij das als verunglücktes Ritual, eine peinliche Äußerlichkeit eines im Wesen tieferen Gedankens.

Am Kirchenvorplatz schoss ihm das Bier aus allen Poren. Zum Glück bogen sie jetzt in schattige und gleich erfrischend kühlere Gassen ein. Aus den Häusern hörte man das Klappern von Geschirr, Fetzen von Tischgesprächen, Babyweinen, Lieder, gesungen von Frauen aus wer weiß welcher Freude, wer weiß welcher Not. Auf der Anhöhe einer der unzähligen Brücken war es dann, dass ihm auf einmal Salzluft in die Nase stieg, vom Wind hergetragen aus der Lagune oder vom Meer. Das Meer hatte er in Europa zweimal, auf der Überfahrt nach und von England kennengelernt. Doch wie hier der Salz- und Tanggeruch in die Stadt wehte, das kannte er nur von einem Ort: von Sankt Petersburg. Je näher sie nun ihrem Ziel und damit dem Wasser kamen, desto mehr stieg ihm dieser Duft nicht nur in die Nase, sondern ins Gemüt und schürte, zugleich mit dem tieferen Eintauchen ins Venezianische, Fremde, mehr als je zuvor in den zwei Monaten seiner Reise die Sehnsucht nach Zuhause.

Das Hotel Belle Arti war ein eleganter Palazzo mit Garten, und sofort ärgerte sich Dostojewskij, dass ihn seine Pariser Bekannten, die er um Empfehlung für ein „günstiges Quartier“ in Venedig gebeten hatte, hierher schickten. Doch der Rezeptionist erklärte ihm in schlechtem Französisch, dass sich seine Reservierung auf das „andere Gebäude“ beziehe, und das hieß auf ein schlichtes Wohnhaus auf der anderen Straßenseite, wo das Hotel einfachere Zimmer vermietete. Den Schlüssel händigte er ihm mit den Worten aus: „Benvenuto, Signor Dostojewitsch!“ Dieser korrigierte sachlich und fragte nach dem Postamt, der Beschreibung hörte er nach dem sechsten à gauche und à droite zu folgen auf, außerdem winkte Beppo, der mit dem Koffer an der Tür zwischen Garten und Foyer wartete, heftig fuchtelnd ab, was heißen sollte, er würde ihn hinführen. Die Frage nach einer „Lesehalle“ fiel auf Unverständnis, die Umschreibung „wo man hier Zeitungen lesen“ könne, beantwortete der Portier mit einem verlegenen Deuten auf ein Fauteuil. Beppo ließ es sich nicht nehmen, den Koffer auch über die Straße und in den ersten Stock zu tragen. Als er ihn abgestellt hatte, sich den Schweiß von der Stirn wischte und anfing, sich im schlichten, doch praktikabel eingerichteten Zimmer umzusehen, fand Dostojewskij, dass es Zeit zum Abschied wäre. Mit der Bezahlung des Weins vorhin war es nicht getan, aber mit der venezianischen Währung, die er in Mailand eingetauscht hatte, kannte er sich nicht aus, sodass er ihm nur zu wenig oder zu viel geben konnte, und Protest gäbe es wahrscheinlich nur im ersten Fall. Er zog die erstbeste Münze aus der Tasche und hielt sie ihm hin. Beppos Gesicht lief rot an, er streckte beide Arme von sich und stieß aus: „Ma no!“ – Natürlich, zu wenig. „Ma è uno Svanzica!“, rief Beppo und zeigte auf Dostojewskijs Hosentasche. Der holte alle Münzen heraus und präsentierte sie in der flachen Hand. Beppo stocherte darin herum und pickte sich die zwei, drei heraus, die ihm für seine Dienste angemessen schienen, wies noch einmal auf die erste Münze und sagte lachend und mit drohendem Finger: „Ma non uno Svanzica!“ Ging zur Tür und statt hinauszugehen, hielt er sie mit einer leichten Verbeugung auf: „Alla Posta?“

Der Gedanke, dem unermüdlichen Spaßvogel, der ohne Koffer sicher noch schneller wäre, gleich wieder hinterherzulaufen, war dem erschöpften Reisenden unerträglich und er schickte ihn mit einem „plus tard“ eilig weg. „Plus tard“, wiederholte Beppo, „va ben.“ Und bevor die Tür hinter ihm im Schloss war, machte er sie noch einmal einen Spalt weit auf, steckte seinen Kopf durch und sang: „Ah che più tardi ancor?“, opernhaft klang es, als wäre er ein ganzer Chor, und fügte hinzu: „In Italiano: più tardi. Plus tard – più tardi.“ Und mit einem breiten Lachen beendete er seinen Auftritt, doch hörte man ihn noch lange singen, „Ah che più tardi ancor“ – am Korridor, die Stiegen hinab, bis er aus der Haustür war.

Dostojewskij ging zum einzigen Fenster an der Längsseite des Bettes. Es stand halb offen, und als er es ganz öffnete, überflutete ihn eine Welle heißer Luft. Er sah in einen begrünten Innenhof mit Palmen, Olivenbäumen und einem kleinen Gemüse- und Kräutergarten. Nach der Hektik der letzten Stunden tat die Stille gut. Nur zwei Tauben scharrten auf einem Fensterbrett und gurrten ihr internationales Lied. Die Fenster der anderen den Hof umfassenden Häuser trugen die Zeichen gewöhnlicher Wohnungen: Blumen, an einem eine Katze, Wäscheleinen. In Petersburg hatte der Dichter stets in Eckhäusern gewohnt. Warum, wusste er nicht. Auf jeden Fall waren sie an Straßenkreuzungen und mehr oder weniger laut. Auf der Reise hatte er mit blindem Geschick sowieso die lautesten Zimmer bezogen. In Paris ausgerechnet über einer Schmiede. Um vier Uhr früh, als er sich nach qualvollen Stunden über seinen Skizzen ins Bett legte, fingen sie unten gerade an, an einem Rad zu hämmern. In Dresden wurde die ganze Zeit die Fahrbahn gepflastert, ab fünf war an Schlaf nicht mehr zu denken gewesen. Ein wenig verunsichert sah sich Dostojewskij um, von wo hier Störungen zu erwarten waren. Er fand nichts. Seufzend ging er zu seinem Koffer. Das Schloss war verbogen, und erst nach langem Hantieren brachte er ihn auf. Ordentlich verteilte er seine Sachen im Raum: Das frische Tageshemd und den zweiten Rock hängte er in den Schrank, die Zugstiefel stellte er daneben, Wäsche, Handschuhe und Halstücher kamen in die Schubladen, das Nachthemd legte er aufs Bett, Papiere, Federn, Tinte, Aschenbecher und sein Zigarettenetui hatten ihren Platz auf dem Schreibtisch, die Bibel legte er auf die Kommode, die Flasche Emserwasser stellte er daneben. Dann entnahm er dem Koffer die Kleiderbürste, zog den Rock aus, entstaubte ihn gründlich und hängte ihn auf. Drehte den Schlüssel zweimal in der Tür und stellte sich wieder ans Fenster. In den wenigen Minuten war die Sonne so über das Dach gewandert, dass sie jetzt einen Teil des Kräutergartens beschien. Der Ausblick erinnerte ihn an die Kindheitswohnung in Moskau. Vom Vorraum weg hatte es da einen Korridor mit Fenster zum Hinterhof gegeben. Im hinteren Teil des Ganges, abgetrennt durch eine Bretterwand, lag das finstere Kinderzimmer. Eng und arm hatten sie gelebt in der Dienstwohnung des Marienspitals, wo der Vater als Arzt angestellt gewesen war. Der niedere Adel, der Familie seit dreihundert Jahren von Vaterseite inne, hatte nur mehr auf dem Papier existiert. Und in den Genen vielleicht. Ihn schwindelte und er gab dem leichten Druck, den er vom Bett in den Kniekehlen spürte, nach und setzte sich. Nun musste er sich strecken, um über das Fensterbrett hinunter in den Hof zu sehen. Eng sollte der Held seines neuen Romans leben, eng und dunkel, wie in einem Sarg, dachte er. Er sah zum Schreibtisch und überlegte, sich an die Arbeit zu setzen. Doch da überkam ihn die Müdigkeit erst recht, und in einer wie ihn selbst überrumpelnden schnellen Bewegung legte er die Beine auf das Bett und den Kopf auf das Kissen. Er wollte nicht schlafen, nur ruhen und nachdenken. Sommer musste sein, am Beginn des Romans, ein schwüler, drückender Sommerabend, an dem der Student, um den es ginge, ziellos durch die Gassen und über die Brücken Petersburgs wandert. Oder die Venedigs? Warum nicht. Den „venezianischen Roman“ zu schreiben, hatte er schon mit fünfzehn vorgehabt.

Er schloss kurz die Augen. Nicht um zu schlafen, nur um besser nachzudenken. Ah che più tardi ancor. Nun hatte er Beppos Melodie im Kopf. Immer wieder klang sie in seinem Inneren, wuchs und schwoll an zu dem Chor, den er die Arie wirklich schon einmal auf einer Bühne hatte singen hören. Ihm fiel nicht ein, aus welcher Oper sie war noch von welchem Komponisten. Wahrscheinlich Rossini, dachte Dostojewskij und schlief ein.

Im Traum lief er wieder durch Venedig. Aber er selbst trug den Koffer, und Beppo war hinter ihm und trieb ihn an, immer schneller, brückauf, brückab, bis die Stadt sich in eine ländliche Gegend verwandelte, die Brücken zu Hügeln wurden, die Plätze zu grünen Wiesen, über die Dostojewskij, auf einmal nicht mehr mit Koffer, sondern mit einem Birkenzweig als Speer bewaffnet rannte, der kleine Fjodor, ein zehnjähriger untersetzter Junge mit hellem blonden Haar, rundem Gesicht, hoher Stirn und vorstehender Nase, denn irgendwo, wusste er, hielt sich der Feind versteckt, der weiße Mann, der ihn Indianer töten wollte. Da sprang er aus einem Gebüsch, sein zwölfjähriger Bruder Michail, und hielt den Haselnussstecken als Gewehr auf ihn. Geschickt ließ sich der kleine Fjodor fallen und rollte eine Böschung hinab, wo ein Kanu, bestehend aus zwei aneinandergebundenen Holzlatten, ihn aufnahm. Er stieß sich vom Ufer ab, und als Michail nachkam, war er schon in die Mitte des Teichs gerudert. Trotzdem legte der andere das Gewehr an, markierte einen Schuss, und Fjodor ließ sich in einer großen theatralischen Bewegung rücklings ins Wasser fallen. Da trieb er dann reglos als „toter Mann“, und die Sonne schien auf sein blasses Gesicht mit den vielen Sommersprossen und auf seine geschlossenen Augen. Als er sie aufschlug, blinzelte er ins Licht, aber er lag dreißig Jahre später in einem Zimmer weit von seiner Heimat in einem Hotelbett und die Sonne schien ihm mitten ins Gesicht. Sie war während seines Schlummers über die Kante des gegenüberliegenden Dachs gerückt und schaute nun direkt durch sein offenes Fenster auf ihn.

Dostojewskij dachte an Darowoje. So arm die Familie am nördlichen Stadtrand von Moskau gelebt hatte, war es dem Vater nach einer Beförderung und Nobilitierung – mit der die Familie ihren angestammten Adelsstatus wiederbekam – gelungen, zwei ganze Dörfer südlich der Stadt zu kaufen, wo sie fortan die Sommermonate auf einem Gut verbracht hatten, die einzigen wirklich unbeschwerten Perioden seines Lebens bisher. Wie zur akustischen Untermalung dieser Erinnerung drängten sich nun russische Laute in die Nachmittagsstille, Stimmen vom Hof her. Dostojewskij setzte sich auf. Langsam bewegte er den Kopf nach vorne, streckte ihn ins Freie, drehte ihn nach rechts und blickte in die Gesichter von zwei Frauen, Mutter und Tochter offenbar, die an einem halb offenen Fenster an der Querseite des Hauses – in dem das Hotel vielleicht auch Zimmer hielt – standen und verstummten, als sie den bärtigen Mann sahen, der nur über das Fensterbrett zu reichen schien und für sie, da sie nicht wussten, dass er saß, wie ein Zwerg wirken musste. Schnell zog der den Kopf zurück. Direkt nach dem Aufwachen angeschaut zu werden, war ihm immer schon peinlich gewesen, als ob sein Gesicht vom Schlaf noch irgendwie „offen“ wäre und die Leute in ihn hinein- oder ihm gar alles „wegschauen“ könnten. Nach ein paar Sekunden nahmen die Russinnen ihr Gespräch (es drehte sich um die Frage, welche von beiden vergessen hatte, zu Hause die Marmelade in den Koffer zu packen) wieder auf. Und er erhob sich, wusch sich, kleidete sich an, diagnostizierte Herzflimmern und Kopfschmerzen und ging aus.

2

Draußen bereute er, seinen wärmeren Abendrock angezogen zu haben, denn die Hitze hatte um nichts nachgelassen. Er musste als Erstes etwas trinken gehen. An einem Baumstamm gegenüber saß Beppo, sprang auf, als er seinen neuen Herrn sah, klopfte sich den Staub von der Hose und lief los, mit groß einladenden Gesten nach hinten wie ein Fischer, der sein Netz einholt. Automatisch ging Dostojewskij in die andere Richtung. Beppo rief ihn an: „Signore!“ Der Signore erschrak und ging weiter. Beppo rief lauter. Dostojewskij ging schneller.

„Si – gno – re!“

Er blieb stehen und drehte sich um, nur um dem Rufen ein Ende zu machen, die Leute schauten schon.

„La Posta!“, schrie Beppo aus der Ferne und bewegte die Arme wie ein Albatros seine Flügel. Mit einer kleinen eckigen Handbewegung verneinte Dostojewskij. Es musste auch noch etwas anderes in Venedig geben, als hinter dieser Kugel herzulaufen. Er kannte die Anhänglichkeit solcher Dienerseelen, wie er sie bei sich nannte, gut. Wenn er jetzt nicht hart blieb, hätte er ihn die nächsten zwei Tage am Hals. Zerhackte noch zweimal verneinend mit der Hand die Luft und ging weiter. Doch da hatte ihn Beppo schon eingeholt und redete auf ihn ein, etwas von der Uhrzeit und chiusura, da blieb Dostojewskij stehen, schaute ihn so streng wie möglich an und sagte in seinem besten Italienisch: „No.“

Beppo duckte sich weg, als wiche er einem Hieb aus und fragte, die Hände ineinander verschränkend wie zum Gebet: „Più tardi?“

„Demain“, brummte Dostojewskij und ließ ihn stehen.

„Deh, pensa che domani!“, sang Beppo in seinem Rücken im Falsett und winkte, als der Weitergehende kurz zurückschaute, wehmütig wie eine zurückgelassene Geliebte.

Dostojewskij bog die nächste Straße links ab, um aus seinem Blick zu sein. Nach fünfzig Metern kam er an einen Kanal, an dessen noch sonnenbeschienenen Ufer Männer vor einem Lokal in Gruppen Schlange standen. Sie hatten alle Gläser in der Hand. Doch sie standen nicht an, sah er nun, sie waren der aus dem Lokal sozusagen herausquellende Teil einer darin noch viel größeren Menge, und sie taten nichts als debattieren, trinken und rauchen. Einige lachten auch, doch die Stimmung war gespannt, geladen wie bei einer politischen Versammlung oder gar dem Treffen von Aufwieglern, wie er sie gut kannte. Aber auf der Straße? Es waren allesamt Italiener. Als er näher kam, verstummten die ersten, als er fast an der Türe war, über der Schiavi stand, schwiegen die meisten und sahen ihn prüfend an. Er fand es besser, sie nicht herauszufordern und seinen Durst zu unterdrücken, brummte eine Entschuldigung und ging den langen Kanal hinunter in die Richtung, aus der er Segel in der Sonne blitzen sah. Am anderen Kanalufer lagen Gondeln im Trockenen wie gestrandete schwarze Wale, und er staunte, wie groß sie außerhalb des Wassers waren. Es mochte ein Dock oder eine Werkstatt sein, ein Mann stand im Unterhemd und trug Farbe auf. Das Haus daneben wirkte eher wie eines in den Schweizer Bergen.

Der Kanal mündete in einen ungleich größeren, der eine Hauptwasserstraße Venedigs sein musste. Das Ufer war eine breite Promenade, auf der es zuging wie in einer deutschen Kleinstadt am Sonntag: Offiziere saßen in langen weißen Mänteln an Tischchen im Freien, aßen Kuchen und Eis und tranken Likör, andere Uniformierte patrouillierten steif Freizeit spielend auf und ab. Die meisten sprachen Deutsch in langgezogenen, irgendwie gepressten oder geknautschten Vokalen und mehr durch die Nase als durch den Mund. Das waren wohl die Österreicher. Dostojewskij wusste, dass Venedig seit Längerem zu deren Monarchie gehörte und staunte, welch andere Welt sich hier behauptete als einen Kanal weiter vor dem Lokal der Italiener. Aber gespannt war die Atmosphäre auch hier, obgleich sie von der selbstgefälligen Sicherheit einer generationenalten Herrscherdynastie überdeckt war. Wie lange schon war Venedig nicht mehr frei? Und war nicht das übrige Italien seit einem Jahr geeint? Tatsache war, dass Russland den Österreichern gegen die Aufständischen geholfen hatte. Dafür hatte sich dann Österreich im Krimkrieg gegen Russland gestellt. Und aus der Freundschaft der beiden Staaten war etwas Feindseliges geworden. Er hatte keine Lust, in dieser Gesellschaft, die ihn an eine der von ihm verabscheuten Operetten erinnerte, etwas zu trinken und ging auf die Sonne zu.

Die brannte, wenn auch tiefer stehend, unvermindert auf die Boote und Gondeln der breiten Wasserstraße zwischen Venedig und einer großen Insel, von der nicht klar war, ob sie noch dazugehörte. Schutz suchend, bog Dostojewskij in eine Gasse und ging, wieder weg vom Wasser, stadteinwärts. Aber gab es hier überhaupt ein Zentrum? Irgendwo musste der berühmte Markusplatz sein. Einmal abgebogen, war man sofort allein mit den „Steinen von Venedig“, über die er bei Ruskin so viel gelesen hatte. Für dessen Satz, dass die schönsten Dinge auf der Welt die nutzlosesten seien, würde er ihm ewig dankbar sein. Passend dazu schickte eine Lilienhecke ihren betörenden Duft voraus, noch bevor er sie sah. Vor einem Haus saßen alte Frauen und schnitten Gemüse. Dostojewskij grüßte sie stumm. Sie erwiderten mit verhaltenem Staunen. Dann wieder stille Kanäle, fragile Brücken, Wäsche, Lichtreflexe in Fensterscheiben. Eine Kirchenglocke von weither. In einem winzigen Geschäft, in dem es nach Schokolade roch, kaufte er Kerzen, Streichhölzer, Zucker und Tee. Und, dem Geruch nachgebend, eine kleine Tafel Schokolade. Ein Trupp Soldaten kündigte ihm den Eintritt in eine belebtere Gegend an. Vielleicht würde er hier etwas zu trinken bekommen. Ein weiter Platz öffnete sich vor ihm, doch konnte das nicht der Markusplatz sein, den kannte er von Darstellungen, auch fehlte der Dom. Der „Campo Santa Margherita“ – diesen Namen las er nun auf einer Tafel – war weniger repräsentativ als volkstümlich und schien eher den Italienern zu gehören. Es gab weniger Uniformierte, dafür viele Kinder, die mit zu Bällen gebundenen Lederfetzen spielten oder Scharen von Tauben nachliefen, sie fütternd und verjagend in einem. Die Menschen hatten alle Stimmen wie Sänger, mit dem Zwerchfell gestützt und selbst auf Abstände von zwei, drei Metern so „gesendet“, als müssten sie damit den vierten Rang eines Opernhauses erreichen. Da sie das von klein auf taten – die Kinder schrien ihre Eltern so an, dass sie in Russland dafür Ohrfeigen bekommen hätten –, waren ihre Stimmen offen und sangesrein und zugleich rau, rau wie es die Stimmen der Russen vom ungestützten, im Rachen sitzenden Reden und, manchmal, vom Wodka wurden.

Obgleich sein Durst inzwischen schwer erträglich war, ging Dostojewskij an den nicht wenigen Lokalen vorbei, über den Platz hinaus und über eine Brücke und stand auf einmal vor dem Portal einer vollkommen schmucklosen Kirche. Vergeblich drückte und zog er an der Tür, sie war verschlossen. Und würde es wohl zumindest für heute bleiben. Außer, es gäbe später noch eine Messe. Er beschloss, sich den „Campo San Pantalon“ einzuprägen und wiederzukommen. Von einem Heiligen dieses Namens hatte er noch nie gehört, Pantalone kannte er bloß als eine Figur aus der italienischen Komödie. Und es war das französische Wort für „Hose“. Er ging zurück auf den großen Platz. Ein herrenloser Fußball kam ihm entgegengerollt. Als er sich bereits freute, ihn zu den spielenden Kindern in zwanzig Meter Entfernung, die ihn verschossen hatten, zurückzubefördern, ja schon stehen blieb und sein Gewicht auf das linke, das Standbein verlegte, rannte ein Junge schnell auf ihn zu, als liefe er um sein Leben, um den Ball nur ja nicht der Berührung durch den fremden Mann preiszugeben, und im allerletzten Moment stoppte er die Kugel mit der Schuhspitze und versetzte ihr gleich darauf, als Dostojewskij schon den rechten Fuß zum Schuss gehoben hatte, einen Stoß mit dem Absatz und brachte ihn so zu den Mitspielern zurück und Dostojewskij, der durch die fehlende Schussbewegung das Gleichgewicht verlor, ins Taumeln und fast zu Fall. Eine Gruppe junger Mädchen ging vorbei, alle schwarzhaarig und hübsch, eine sagte etwas auf Italienisch und alle lachten. Nun war es genug. Er musste einkehren. Da er in Florenz ein einziges Mal gut gegessen hatte und das in einer Osteria gewesen war, trat er in ein Lokal dieser Bezeichnung auf der Schattenseite des Platzes.

Es war noch früh, und das Gasthaus fast leer. An der Schank stand ein alter Mann mit Klappe über einem Auge. Mit dem anderen schaute er den Gast neugierig an. Der fragte, ob er Tee bekommen könne. „Tè“, wiederholte der Alte ohne Ausdruck. Und wies mit einem Spültuch auf die langen ungeschmückten Holztische, die parallel zueinander, von lehnenlosen Bänken getrennt, vom Fenster neben dem Eingang bis in die Tiefe des Lokals aufgestellt waren wie zu einem Volksfest. Dem Fenster zugewandt saß ein Mann alleine mit einer Flasche und einem Glas. Ein Zopf geflochtener Haare fiel ihm über den Rücken. Dostojewskij setzte sich drei Tische dahinter und schaute an dem Mann vorbei auf die milchige Scheibe, die keinen Blick durchließ und wenig Licht. Das kleine Päckchen aus dem Geschäft legte er neben sich. Er fühlte sich schwach und fürchtete, seine Schlaffheit könne einen neuen Anfall ankündigen. Morgen musste er zur Post. Den Markusplatz besuchen und übermorgen nach Hause abreisen. „Ich eile aus den Alpen in die Ebenen Italiens“, hatte er vor ein paar Wochen Strachow geschrieben. „Ach! Ich werde Neapel sehen, nach Rom gehen, eine junge Venezianerin in der Gondel liebkosen …“ Diese von Puschkin gestohlenen Aussichten hatten den Freund wohl veranlasst, sich der Reise anzuschließen. Von der Euphorie war wenig übriggeblieben. Herrgott, dachte er, und wie viel ich mir von dieser Reise versprochen habe. Auf den Tee wartend, trommelte er leise mit den Fingern auf der Tischplatte.

„Die Kirche bleibt heute geschlossen“, hörte er eine Stimme auf Russisch sagen. Er erstarrte. Sie konnte nur von dem Mann vor ihm kommen, der regungslos mit dem Rücken zu ihm saß. „Trinker haben Augen nach hinten“, hatte er vor Wochen in London notiert (wo es mehr als genug Anschauungsmaterial gegeben hatte). Der Mann drehte sich abrupt um. Das längliche Gesicht war vollkommen weiß mit roten, glühenden Backen und schwarzen, glasigen Augen. Der wie zu einer Fratze verzerrte grinsende Mund trug kaum Zähne, und die waren beinahe schwarz, einer golden. Die zum Zopf geflochtenen Haare entsprangen den letzten bewachsenen Stellen über den Ohren, ansonsten war der Schädel kahl.

„Woher wissen Sie …?“

„Man kennt sich doch“, sagte der Mann nur. Der Tee kam. Dostojewskij hatte längst gelernt, dass in Europa keine Samoware benutzt wurden. Der Tee, das merkte er gleich, war dünn und lauwarm, die Kanne nur wenig über halbvoll. Dafür konnte er den schlimmsten Durst sofort stillen. Der Mann hatte sich wieder seiner Flasche zugewandt.

„Die Verpflegung in Gefängnissen ist nicht besser“, sagte er jetzt zum Fenster hin, doch wieder so, dass es für den hinter ihm gemeint war. Sein Russisch war gut, nur die zu deutliche Artikulation verriet den Italiener.

„Vor allem, wenn die Herrscher keine Kultur haben.“ Er schenkte sein Glas voll. „Haben sie Kultur? Nein. Die Deutschen haben die Kartoffel, sonst nichts.“ Er kicherte und trank einen kleinen Schluck Wein. Dostojewskij schaute ernst, was bei ihm vieles heißen konnte, viel Gegensätzliches, manchmal, dass er etwas zum Lachen fand. Auch in Russland war die Kartoffel Synonym für deutsche Küche und deutsches Wesen. „Fad wie eine Kartoffel“ war eine beliebte Redewendung.

„I tedeschi“, deklamierte der Mann. „Ein Trauerspiel in keinem Akt.“ Und kicherte wieder. „Die Totengräber Venedigs“, sagte er auf einmal sehr ernst. „Die Schergen Napoleons. Napoleon hat Venedig umgebracht, die Deutschen begraben es. Noch nie haben sie eine so schöne Kulisse für ihre schrecklichen Pompes funèbres gehabt. Haben Sie gewusst, dass sie Venedig beschossen haben?“, damit drehte er sich wieder um. „Venedig beschossen“, wiederholte er mit der italienischen Geste, die drei Finger jeder Hand wie zu einer Blüte formt, um das Gesagte hervorzuheben. „Auch aus der Luft!“ Eine Hand fuhr in die Höhe. „Natürlich erst von der terraferma aus, von Mestre, dreiundzwanzigtausend Geschosse, drei Wochen lang. Bumm – bumm! Auch die Rialto-Brücke: bumm – getroffen. Aber dann kamen sie aus der Luft. Das hat es noch nie in der Geschichte gegeben. In der Weltgeschichte! Ein Luft-Angriff! Auf einmal zogen am Himmel, am heitersten venezianischen Himmel wie von Canaletto gemalt, Ballone auf mit Flammen, sichtbaren Flammen, hundert Heißluftballone, die Brandbomben mit Zeitzündern über die Stadt trugen, Bomben für die Kirchen von Palladio, für die Bilder von Tintoretto, Bomben! Was für Barbaren! Und rechnen können sie auch nicht. Sie haben die Explosionszeit falsch eingestellt. Keine einzige der hundert Bomben wollte über der Stadt zerplatzen. Sie flogen über unsere Köpfe dahin ins Meer, und einige nach Osten aufs Festland und da fielen sie auf ihre eigenen Leute. Che farsa!“ Er klatschte in die Hände wie zu einem gelungenen Schauspiel. „Werr andern aina Gruba gräbt“, sagte er in gespreiztem Deutsch und lachte. „Trotzdem haben sie Venedig erobert. Und wie?“

Dostojewskij schaute verloren in die verlebte Gesichtslandschaft.

„Sie haben uns ausgehungert. Belagert und ausgehungert. Alte Frauen haben angefangen, ihre Katzen zu essen. Im Arsenale hat man von Menschen angefressene Leichen gefunden. Was sollten wir tun? Der Hunger und die Seuchen hätten uns alle getötet. Also haben wir uns der ‚Kulturnation‘ ergeben. Die schöne Utopie von achtundvierzig war vorbei, der Aufstand niedergeschlagen und Venedig wieder in Ketten.“

Er kehrte sich zu seinem Wein, hob das Glas und rief ein deutsches „Prost“ mit rollendem „r“ und durch die Nase gepresstem langen „o“ dem Fenster zu und trank sein Glas leer.

Dostojewskij hätte gerne noch Tee bestellt, aber der Einäugige war in einem Nebenraum verschwunden und er allein mit dem zornigen Mann, der sich nun wieder ganz seinem Wein hinzugeben schien. Während seiner Erzählung hatte er ihn an Petraschewskij erinnert, den Anführer jenes Petersburger Zirkels, mit dem er wegen „antizaristischer Umtriebe“ verhaftet und verurteilt worden war. Zar Nikolaj hatte Angst gehabt, dass die revolutionären Strömungen Europas von achtzehnhundertachtundvierzig auf Russland übergreifen könnten und war mit aller Härte gegen Gruppierungen wie die Petraschewskijs vorgegangen, wo man verbotene Bücher und Zeitungen las und Ideen einer sozialeren, humaneren Gesellschaft diskutierte. Manchmal war Dostojewskij einer der hitzigsten gewesen. Als er gefragt worden war, was geschehen solle, wenn etwa die Bauern nicht anders als durch einen Aufstand befreit werden könnten, hatte er gerufen: „Dann eben durch einen Aufstand!“ Und war dabei so erregt gewesen, dass er mit einer roten Fahne hätte auf die Straße rennen können. Später erfuhren sie, dass ein Spion ein Jahr lang alles mitgeschrieben hatte, Wort für Wort, in langen Berichten, auch die harmlosesten Schülerscherze. Aber natürlich waren ihre Zusammenkünfte nicht harmlos gewesen. Die Abneigung der russischen Intellektuellen jener Zeit gegen die bestehende Ordnung war radikal gewesen. In den Theatern sahen sie „Die Räuber“ und „Wilhelm Tell“ und trugen den Freiheitsruf auf die Straßen und in die Paläste und an die Ohren des um seine Macht fürchtenden Zaren. Und aus dem Kadetten der Pionieroffiziersschule Fjodor Michailowitsch Dostojewskij war erst ein bummelnder Student, dann ein freier Schriftsteller und revolutionärer Freidenker und schließlich ein Gefangener in der Peter-und-Paul-Festung geworden, der acht Monate auf seine Verurteilung wartete.

„Tausend Jahre!“ Der Zopfträger vor ihm war wieder so weit, dass sein offenbar fortwährender innerer Monolog nach außen schwappte. „Tausend Jahre Glanz und Glorie. Beherrscherin des Mittelmeers. Weltmacht. Dabei hat Venedig Politik im Grunde nie interessiert. Ja, unsere Flotte war stark, aber im Wesentlichen dachten wir: Sollen die anderen sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, die Waren, die wir aus der Welt holten und umverteilten, brauchen diese und jene. Venedig handelte mit allen, die zahlen konnten, immer schon, und es war ihr völlig egal, ob es um Pfeffer, Safran, Baumwolle, Perlen, Käse, Stockfisch oder Sklaven ging, das Geschäft blühte, und die Gesellschaft blühte mit. Alle hatten Arbeit, alle hatten zu wohnen, zu essen, zu trinken, Venedig war der reichste und zugleich humanste Staat der Welt! Und regiert wurde sie … von uns!“

Damit drehte er sich wieder zu Dostojewskij – der überlegte, gegen die Bezeichnung „human“ für eine Gesellschaft, die mit Sklaven handelte, Einspruch zu erheben – und zeigte zum ersten Mal eine reine Schönwetterphase seines Gesichts, das dadurch ohne Falten war, glatt, strahlend und heiter wie die Geschichte der „Heitersten“, der „Serenissima“, von der er erzählte. „Wir waren Venedig. Die Nobili. Eine Handvoll adeliger Familien. Unsere palazzi prägten die Stadt, wir holten die besten Baumeister für unsere Kirchen, die größten Künstler, sie auszuschmücken. Und eigentlich gab es etwas, das uns wichtiger war als der Handel mit Indien, China und der uns immer weit entfernten, fremden ‚Neuen Welt‘, wichtiger selbst als das enorme Geld, das aus unseren Geschäften floss: das Vergnügen! Wofür arbeitest du, außer um dich mit dem Verdienten zu vergnügen. Etwas, das die Deutschen nie verstehen werden. Sie werden, je reicher sie sind, umso noch griesgrämiger. Wir hatten die ersten Kaffeehäuser – sie waren die ganze Nacht offen –, mehr Theater als in Paris, Karneval von Oktober bis zur Fastenzeit, und mehr Spieltische als in jeder anderen Stadt. Il banco und Il casino – beide in Venedig entstanden. Aus dem Tisch zum Geldwechseln wurden die großen Bankhäuser, aus dem „kleinen Haus“ der Adeligen für private Plaisirs die prächtigen Spielhallen. Und die schönsten und gelehrtesten Frauen wurden als Kurtisanen geachtet und verehrt – und bezahlt. Oh, es war so, wie es mein Großonkel Charles aus Vincennes einmal betont hat: Wer nicht vor der Französischen Revolution gelebt hat, weiß nicht, was Glück ist.“

Dabei hielt er beide Handflächen offen vor sich, als habe er nicht mehr zu bieten als diese schlichte Weisheit – oder als wolle er seinen Zuhörer zum Tanzen einladen.

„Im Karneval war alles erlaubt“, fiel er auf einmal in ein verschwörerisches Wispern, „Männer in Frauenkleidern, Frauen in Männerkleidern … samt den dazugehörigen Konsequenzen …“

Dostojewskij sah betreten in seine leere Teetasse und dachte wieder an Petraschewskij, der einen Gottesdienst in der Isaakskathedrale in Frauenkleidern besucht und kichernd Kerzen entzündet hatte – er selbst konnte bei aller revolutionären Gestimmtheit solchen Spott nicht dulden und hatte sich sehr darüber geärgert.

„Fünfzig Jahre haben gereicht, um alles zu zerstören. Erst kam Napoleon und hat den Karneval verboten. Die Aristokraten entmachtet, den Dogen vor Gericht gestellt und das prächtige Staatsschiff, auf dem dieser sich symbolisch mit dem Meer vermählt hatte, verbrannt. Als die Österreicher anrückten, atmeten viele auf, aber es kam noch schlimmer. Sie schlugen die Menschen mit der Wehrpflicht und rigiden Steuern. Und da der Karneval schon abgeschafft war, verboten sie das Glücksspiel. Anders als Napoleon brachten sie ihre Gegner einfach um. Venezianische Intellektuelle waren verdächtig und wurden reihenweise zum Tod verurteilt. Und wie sich Folterknechte abwechseln, um dem Delinquenten keine Ruhe zu geben, schritt daraufhin wieder Napoleon ans Werk. Kastrierte den Adel noch mehr, machte aus Kirchen Exerzierplätze und schloss die scuole, die wohltätigen Häuser der Bruderschaften. Damals konnten die Venezianer ihre Stadt noch ohne österreichischen Pass verlassen, Häuser und Paläste verfielen, die meisten Geschäfte wurden geschlossen, dafür stand die Statue des kleinen Korsen groß auf dem Markusplatz. Er selbst überließ uns, nachdem er alles vernichtet hatte, wieder den Deutschen. Er hatte Wichtigeres zu tun. Er ging Russland abschlachten.“

Mit einer dramatischen Pause ließ er das auf seinen russischen Zuhörer wirken. Der nickte. Der Feldzug, zehn Jahre vor Dostojewskijs Geburt, der rund eine Million Russen das Leben gekostet hatte, saß tief im Bewusstsein. Die Familie seiner Mutter war durch den Brand von Moskau völlig verarmt. Dennoch hatte der Name Napoleon für ihn, wie für jeden Russen, einen unerklärlichen Nimbus.

„Dritter Akt, Rückkehr der Kartoffelgesichter. Die Deutschen räumten die Statue weg und gaben uns die Jesuiten zurück. Nun ja.“

„Die Deutschen?“

„Deutsche … Österreicher … allesamt tedeschi. Die Deutschen haben nur die Kartoffel, die Österreicher haben noch den Walzer dazu. Und sie lächeln mehr.“ Er schenkte sich Wein nach und schüttelte den Kopf. „Ihr Lächeln ist nur eine Maske. Mit Masken kennen wir uns aus. Hinter den lachenden steckt oft Angst, hinter den freundlichen Brutalität. Ja, sie haben auch Goethe und Mozart. Aber dem gewöhnlichen Frankfurter oder Salzburger merkt man das nicht an. Genies sind kein Maßstab für eine Nation. Die Österreicher tun ihr Bestes, um Europa mit ähnlichem Schrecken zu überziehen wie Napoleon. Eines Tages wird es ihnen vielleicht gelingen. – Hat man Sie kontrolliert?“

„In Mestre.“

„Würde mich nicht wundern, wenn Sie schon einen Spitzel auf den Fersen hätten.“ Er sah sich im Lokal um, aber da war nur der Wirt, der gerade ein Weinfass hereinrollte. „Die Ordnung“ – das Wort kam auf Deutsch – übersieht keinen. Venedig ist ein Überwachungsstaat geworden. Viele kleine Teufel liefern ihre täglichen Berichte an den Beelzebub in Wien. Und wieder wandern ein paar ‚subversive Objekte‘ in die Bleikammern. Es heißt, dass sich der Polizeidirektor schon einmal gezwungen sah, sich selbst zu denunzieren.“ Er trank, und der Finger, den er zum zuletzt Gesagten an die Stirn gelegt hielt, wurde so zu einem grotesken Trinkgruß.

„Achtzehnachtundvierzig. Der Aufstand. Österreichische Soldaten wurden auf dem Markusplatz mit Steinen beworfen. Im Arsenale revoltierten die Arbeiter, verschafften sich Waffen und Munition. Tapfere Männer. Giaccopo!“, rief er zum Wirt, der aufschaute, und prostete ihm zu: „Viva San Marco!“ Der antwortete leise, fast mechanisch: „Viva San Marco!“ und arbeitete weiter. „Die tedeschi kapitulierten, und auf der Piazza wehte die tricolore. Aber dann kamen die Belagerung, der Luftangriff, das Aushungern. Dreizehn Jahre ist es nun her, es war ein Augusttag, heiß wie dieser, dass zwei Vertreter der neuen ‚Repubblica di San Marco‘ in einer Gondel nach Mestre fuhren und die nun ihrerseitige Kapitulation unterschrieben. Doch die Belagerung hielt an bis vor sieben Jahren. Wissen Sie, was es für einen Gefangenen bedeutet, wenn er kurz die Freiheit gesehen, die Freiheit gekostet hat – und dann wieder eingesperrt wird?“

Dostojewskij reagierte nicht. Er wusste es. Der Andere redete weiter. „Es ist schlimmer als vorher. Du weißt: Jetzt haben sie dich wirklich.“

Plötzlich stand er auf, wodurch zum ersten Mal seine altertümliche, geradezu höfische und erbarmungswürdig abgerissene Kleidung sichtbar war, setzte sich aber sofort wieder und sprach leise auf sein Glas hinunter, das er in den feinen, langfingrigen Händen hielt wie eine Kerze im Gebet: „Meine Familie reicht weit zurück und über den ganzen Kontinent, von den Pyrenäen bis an den Ural. Unsere palazzi waren die festlichsten am Canale. Heute siehst du meinesgleichen als Gondolieri arbeiten. Gräfinnen verdingen sich als Putzfrauen. Um uns irgendwie bei Laune zu halten, schenkt uns der Kaiser in Wien täglich zwei ‚Svanzica‘, diese neue Habsburger Währung in Venedig. Gnadenbrot für die Nobili! Eine Schande!“

Dostojewskij verstand nun Beppos Reaktion auf die Münze. Sie war nicht zu wenig, sondern zu viel gewesen. Und vor allem: ein falsches Symbol.

„Wir hassen die Österreicher aus vollem Herzen.“ Nun schaute der Redende gerade vor sich hin, weniger eine Mitteilung als ein Bekenntnis formulierend. „Sie sprechen kein Italienisch. Wir kaum Deutsch. Es gibt keinen Austausch zwischen uns und den Kroaten, Ungarn, Böhmen, aus denen ihre Garnisonen bestehen. Keine Berührung. Sie leben in derselben Stadt, aber als unsere Herrscher. Jeden Tag, jeden Moment begegnen wir ihnen auf den Plätzen und streifen an sie in den engen Gassen, aber wir sind getrennt von ihnen wie der Sträfling von seinem Kerkermeister. Wir hassen sie. Kein Venezianer, der nicht den Tag ersehnt, an dem Venedig wieder frei wird. Eine italienische Stadt.“

Nun drehte er sich um, seiner Flasche zu, dem milchigen undurchsichtigen Fenster, seinem Alleinsein. Dostojewskij nahm an, dass er ihn wahrscheinlich jetzt schon vergessen hatte. Doch da schickte er ihm noch einen Satz über die Schulter: „Schafe und Wölfe sollen nicht aus einem Fluss trinken“, sagen wir in Italien. Und kichernd wie zu Beginn schenkte er den Rest aus der Flasche in sein Glas, roch daran, als wäre es sein erstes und nippte wie ein Mann, der Maß zu halten gewöhnt ist.

Als Dostojewskij in die Hitze des Abends trat, befielen ihn Übelkeit und Magenschmerzen. Im nächstbesten Restaurant, in das ihn ein draußen paradierender Kellner nötigte, aß er ein Stück Fleisch mit goldbrauner Ummantelung, das aussah wie eine unter Wagenräder gekommene Kiewer Hühnerbrust ohne Füllung, einen ungenießbaren Pudding und ein Stück schimmeligen Käses und trank ein Glas zu warmen Weißwein. Zudem unterhielten sich die Gäste an den Nebentischen derart laut, dass er sich fortwährend ärgerte und die ganze Zeit nur darauf wartete, wieder wegzukommen. Die Rechnung war unverschämt hoch. Schimpfend verließ er das Lokal.

Am Platz, der noch immer voll Menschen war, sah er sich automatisch nach einem Wagen um, der ihn hätte nach Hause bringen können. Natürlich gab es keinen. Also ging er los in die Richtung, aus der er gekommen war. Dostojewskij ging nicht gerne zu Fuß. Was ist hier nur los?, dachte er. Es ist zehn Uhr, und das Leben tobt in den Straßen so ausgelassen wie in Petersburg in den weißesten Nächten nicht. Als keine Ausnahme nämlich, sondern als etwas Grundsätzliches, das keinen Widerspruch und keine Infragestellung duldet. Auf einmal fand er sich auf der anderen Seite des Kanals, an dem sein Abend begonnen hatte, gegenüber dem Lokal Schiavi, das jetzt mit Holzklappläden verschlossen recht abweisend aussah. In einiger Entfernung erkannte er das Haus der Gondelwerkstatt, hinter sich im Dunkeln die Fassade einer Kirche. Erst jetzt fiel ihm der Campo San Pantalon ein, nun war er zu weit. Auch die Kirche hier war versperrt. Auf dem grasbewachsenen Vorplatz setzte er sich auf eine Bank. Büsche von Oleander verströmten ihren süßen Duft und mischten sich mit dem Geruch der Algen aus dem Kanal. Ihn irritierte, dass es so spät noch so warm und dabei schon so dunkel war. Nächtliche Wärme war für ihn automatisch mit Helligkeit verbunden. War es wirklich Sehnsucht nach Sankt Petersburg gewesen, was er heute Mittag im Schwall der Salzluft empfunden hatte? Er war Russe, da war der Verdacht auf Heimweh schnell bei der Hand. Aber nach Sankt Petersburg? Für ihn war es – wie oft hatte er es sich gesagt, seit er dort lebte – die finsterste, mürrischste, grämlichste Stadt der Welt. Ihr Klima gebar Halbverrückte. Selten wo fand man so viel schwermütigen Einfluss auf die menschliche Seele wie dort. Auf Sumpf gebaut war sie, und der Sumpf quoll im Winter durch die Straßenpflaster und holte sich, als harmlose tauende Eispfütze getarnt, seine Opfer und zog sie unrettbar in die Tiefe. Die Architektur der größten russischen Stadt drückte für Dostojewskij ihre ganze Charakterlosigkeit und Unpersönlichkeit aus. Kein Drittel der halben Million Einwohner war von dort gebürtig. Und es starben jedes Jahr mehr, als geboren wurden. Von Oktober bis April herrschte Winter, der nicht bloß kalt war wie in Sibirien, sondern feucht und beißend. Der ewige Wind trieb heimtückische, aggressive Luft in jede Fenster- und Mantelritze, vom zu leicht bekleideten Betreten eines frisch gelüfteten Zimmers konntest du dir den Tod holen. Dieses klamme Verließ des Winters zeugte skeptische, verschlossene, griesgrämige Naturen; an einem halben Tag in Venedig hatte er mehr offenes Lachen in den Gassen gehört als zu Hause in einem halben Jahr. Und dorthin sollte er sich sehnen? Wegen seiner Frau etwa?

Er seufzte, öffnete sein Päckchen und zog die kleine Schokoladentafel heraus. Sie war vollkommen aufgeweicht. Trotzdem gelüstete ihn danach, und er schälte das Papier von der cremigen Masse. Seine Frau konnte, des Klimas wegen, den Großteil der Zeit nicht in Petersburg leben. Sie war krank, die Tuberkulose war kurz nach ihrer Hochzeit ausgebrochen, bald nach ihrer grauenvollen Hochzeitsnacht, in der er sie mit einem gewaltigen epileptischen Anfall zu Tode erschreckt und für immer von ihm entzweit hatte. Seit fünf Jahren lebten sie nun als sich zusehends entfremdendes Paar mit Pascha, ihrem Sohn aus erster Ehe mit einem Mann, der sich in Sibirien zu Tode getrunken hatte. War ihre Ehe nun ein Irrtum? Marija Dmitrijewna, ein wenig jünger als er, extravagant und launenhaft, war zweifellos dieser Ansicht. Mit Mühe hatte er sich gegen einen Rivalen durchgesetzt, den sie in der ersten Zeit nach der Heirat als Geliebten behalten hatte. Der Ehe hatte sie erst zugestimmt, als sicher war, dass Dostojewskij aus der sibirischen Verbannung nach Petersburg zurückkehren und sie durch ihn in die Hauptstadt ziehen dürfe. Dort war sie dann enttäuscht gewesen, dass sie wie neben einem Geist spazieren ging, den keiner kannte. Nach zehn Jahren Abwesenheit musste er sich selbst erst wieder einleben und in Erinnerung bringen. Wie hatte er diese Frau geliebt und begehrt. Doch bald war ihm klar geworden, dass für ihn als Dichter das Familienleben eine Last war. Und heute, während er unter südlichem Himmel auf einer Bank saß und die schmelzende Schokolade aus ihrer Papierhülle leckte, musste er sich zum ersten Mal eingestehen, dass er die falsche Frau geheiratet hatte. Und wie um sich zu trösten, lenkte er, als er mit spitzer Zunge gierig die letzten Ritzen der Verpackung auf Schokoladenreste untersuchte, die Gedanken auf die erst zweiundzwanzigjährige Dichterin Apollinaria Suslowa, Kämpferin in Frauenfragen und für viele der Inbegriff einer femme fatale, die seit zwei Jahren, seit sie ihm bei einer Lesung zugehört hatte, seine Geliebte war.

Dostojewskij hätte gerne noch Tee getrunken, aber im Hotel war alles finster und in seiner Dependance schien es kein eigenes Personal zu geben. Er musste morgen um eine Kanne mit Spirituslampe fragen. In seinem Zimmer fühlte er sich äußerst niedergeschlagen und fürchtete einen Anfall für die Nacht. Am liebsten hätte er sich so, wie er war, aufs Bett geworfen. Aber gewohnheitsmäßig hatte er noch ein paar Dinge zu erledigen. Er zog den Rock aus und bürstete ihn gründlich durch, ehe er ihn mit der übrigen Kleidung in den Schrank hängte. Er machte seine jeweils dreimal fünf Kniebeugen und Liegestütze. Er wusch sich und putzte die Zähne. Er zog das Nachthemd an. Er prüfte, ob die Türe gut verschlossen war, schob ächzend die schwere Kommode in kleinen Rucken davor und stellte den Koffer darauf. Er setzte sich aufs Bett und betete. Er öffnete das Fenster weit und schaute in die Nacht, die auch hier ein wenig nach Salz und sehr nach Oleander roch. Alles schien zu schlafen. Er zündete die Kerze an und setzte sich an den Schreibtisch, wählte die härteste, schärfste seiner Schreibfedern, legte sich ein dickes Blatt Papier mit Linien vor, öffnete das Tintenfass, tauchte die Feder ein und schrieb in kleinen, wohlgesetzten Lettern: „Heute kann ich in einen lethargischen Schlaf fallen, deshalb soll man mich nicht vor drei Tagen beerdigen.“

Nachdem er noch etwa eine halbe Stunde in seinen Skizzen geblättert und gelesen hatte, stellte er die Kerze auf den Nachttisch und legte das beschriebene Blatt daneben. Da er es gewohnt war, auf dem Sofa hinter seinem Schreibtisch mit dem Kopf auf der Armlehne zu schlafen, türmte er so viele Kissen, wie er finden konnte, auf, legte sich hin, wickelte sich zweimal in die freie Hälfte des Leintuchs, bedeckte seine Füße mit der zusammengelegten Tagesdecke und zog das Leintuch zuletzt über den Kopf wie eine Kapuze. Dann lehnte er die Fensterflügel aneinander und blies die Kerze aus.

II

1

Der Weg zur Post war kürzer, als Dostojewskij befürchtet hatte, zog sich aber dadurch in die Länge, dass Beppo wesentlich langsamer ging. Hatte er am Vortag zur Eile getrieben, schien er heute die Ankunft eher hinauszögern zu wollen, verweilte gar auf mancher Brücke und schaute nachdenklich in den Kanal, während der Geführte vorwärtsstrebte, eine Umkehrung der gestrigen Rollenverteilung. Beppo trug einen dunklen Anzug, dabei war nicht Sonntag. Aber warum hatte er den Koffer mitgenommen? Dostojewskij wusste, dass er träumte, aber was er träumte, empfand er als vollkommen realistisch. Vor dem Postgebäude standen Männer, alle in Schwarz, ernst und mit kleinen Gläsern in der Hand. Sie verneigten sich vor dem Näherkommenden, einer hielt ihm die Tür auf. Das Innere war marmorn und kalt wie eine Gruft. Ein alter Herr in weißer Offiziersuniform schritt ihm gemessen entgegen und überreichte ihm feierlich ein zusammengerolltes Dokument. Als er es öffnete, sah er aus den Augenwinkeln, wie die Männer von draußen hereindrängten und, zu viele waren es, die einen Blick auf ihn erhaschen wollten, in der Tür stecken blieben. Er beugte seinen Kopf über die Schriftrolle und entzifferte die in großen, altdeutschen Lettern verfasste Mitteilung, dass sein Bruder Michail im Sterben liege. „Und nun“, stand am Schluss, „da Sie das gelesen haben, ist er gestorben.“ Im nächsten Moment waren die Männer hinter ihm schon daran, sich über den Inhalt seines Koffers, dessen Schloss sie erbrochen hatten, herzumachen, drei hielten Beppo, der sich mit Händen und Füßen wehrte, am Boden fest.

Dostojewskij wachte auf und dachte, ehe er die Augen öffnete, seine alte Angst, lebendig begraben zu werden, habe sich erfüllt. Die Stille um ihn war lückenlos. Nur sein Herz schlug ihm bis in den Kopf, und er wagte nicht, sich einen Millimeter zu bewegen, aus Furcht, sich nicht rühren zu können und dadurch zu begreifen, dass er körperlich tot war. So lag er minutenlang regungslos und dachte, dass er wirklich aufrichtige Beziehungen im Leben bisher nur zu seinem Bruder gehabt hatte. Er musste ihm sofort schreiben: dass er ihn liebe und brauche und baldigst eilen werde, ihn zu Hause – wo auch Michail und seine Familie wohnten und die Redaktion des Wochenblattes „Die Zeit“, das die zwei Brüder zusammen gegründet hatten, untergebracht war – zu umarmen. Als hätte dieser Vorsatz ihm Mut gemacht, schlug er die Augen auf.

Und schaute in tiefe Nacht. Es war die Nacht seines Zimmers. An der Tür stand jemand und schaute ihn an, aber es war sein Koffer auf der Kommode. Dostojewskij lag in einem fremden Zimmer in einem fremden Land und war völlig allein in der Welt. Daran würde sich auch nach den in Gang gekommenen Gewöhnlichkeiten des Tags nichts ändern. Überleben konnte er nur aus sich heraus. Hilfe war von nirgendwo zu erwarten. Überleben konnte er nur durch das, was er schrieb, nur durch das, was er davon verkaufte. Dafür würde es nie eine Garantie geben. Wenn er es nicht lernte, mit dieser Unsicherheit zu leben, wäre es besser, er käme gleich unter die Räder eines Fuhrwerks und verendete an den Rändern eines zufrierenden Kanals. Seltsam, dass er sich seinen Tod nur in Sankt Petersburg vorstellen konnte.

Als er zwei Stunden später wieder erwachte, war es schon hell, aber noch immer still. Er konnte sich nicht erinnern, es jemals in einem Zimmer so ruhig gehabt zu haben. Bestimmt nicht in den vier Jahren seiner Kerkerhaft im sibirischen Omsk. Von vierzig Männern in Ketten in einem Raum ist keine Ruhe zu erwarten. Später, in seiner zur Strafe gehörenden Zeit als beschäftigungsloser Soldat in Semipalatinsk, hatte es, an Wintertagen, Stunden der Lautlosigkeit gegeben, aber die kam eher aus einer Ausgestorbenheit und hatte etwas Zuschnürendes, Angstmachendes. Die Stille hier war einfach friedlich und weniger gestört als getragen von nun vereinzelt hörbaren Schlägen einer Nachtigall, die klangen, als ob sie noch aus dem Schlaf des Vogels kämen, verhaltene Stimmübungen späterer Platzkonzerte. Die seinem Namen Hohn sprachen. Aber im Juni in Paris war er auch tagsüber zu hören gewesen. Nein, wenn, dann fühlte er sich in seine Kindheit zurückversetzt, und weniger in die Stadtwohnung als auf das sommerliche Landgut, wo der größte Frieden für ihn allerdings darin bestanden hatte, dass er der Obhut der Mutter anvertraut gewesen war. Und wie von diesem Gedanken geweckt, fingen zwei kleine Kinder über ihm zu schreien an, gefolgt von einer Männerstimme und trippelnden Schritten auf Parkett. Das Haus kam in Schwung. Nebenan hörte er Wasserplätschern, eine Tür fiel ins Schloss und jemand rannte die Treppe hinab. Der Vater hatte seinen Kindern Spiele verboten, ob mit Karten, Bällen oder am Brett. Aber er schlug sie nicht, und da in den Gymnasien noch die Prügelstrafe üblich gewesen war – eine Praxis, deren Sinnhaftigkeit in Russland erst seit ein, zwei Jahren diskutiert wurde –, ließ er die Geschwister zu Hause unterrichten. Fjodors Russischlehrer war ein Schulkollege Gogols gewesen und erzählte gern, dieser sei schon als Knabe zu den wildesten Späßen aufgelegt gewesen – einem Kameraden hatte er so lange eingeredet, die „Augen eines Stiers“ zu haben, bis man jenen in die Psychiatrie einweisen musste. Seine Mutter hatte Fedjuscha, wie er von ihr genannt wurde, geliebt. Sie starb an Schwindsucht, als er fünfzehn war, und seltsamerweise mischte sich in die Trauer, die er und Michail trugen, auch die um den größten russischen Dichter, Alexander Puschkin, der wenige Tage vorher im Duell gestorben war. Schon im nächsten Frühjahr sollten sie dann die Reise nach Petersburg antreten, wo ihr Vater, der sie im Adelsregister eintragen hatte lassen, für sie Stipendien an der gerade gegründeten Pionieroffiziersschule bekommen hatte.

Er setzte sich auf und öffnete die Fensterflügel. Warme Luft streichelte sein bleiches Gesicht. Im Kopf hämmerte es. Er zündete sich eine Zigarette an und schaute vorgebeugt zum Fenster der Russinnen. Die Jüngere nähte gerade einen Knopf an eine Bluse und sah kurz auf, als sie den Blick des kleinen Herrn, wie sie ihn für sich nennen musste, spürte. Beide schauten rasch wieder weg. Dostojewskij stand auf, machte Gymnastik, wusch sich und putzte die Zähne. Da klopfte es an der Tür. Er zog die Kommode zurück, langsam, ruckweise, es klopfte wieder, „Un moment“, knurrte er und zog weiter, wobei der Koffer zu Boden fiel. Endlich war die Tür frei und er entsperrte und öffnete sie. Draußen stand Beppo und grüßte lächelnd den zerzausten russischen Gast, der, wie es aussah, vom Türöffnen rot im Gesicht und außer Atem war. Er hielt ein Tablett mit einem Teeservice in Händen und trat, ohne zu fragen, ein. Stellte das Tablett auf die Kommode, hob den Deckel der großen Kanne und zeigte, dass sie randvoll war. Dazu sprach er natürlich ununterbrochen, aber Dostojewskij hatte unbewusst beschlossen, ihm nicht mehr zuzuhören. Über den Hinweis auf die volle Kanne war er erstaunt. War der Kleine gestern heimlich im Lokal gewesen? Gestisch gab Beppo – indem er in eine Faust blasend ein Posthorn simulierte und mit dem freien Daumen über die Schulter zeigte – seine Instruktionen, wandte sich zur Tür, stellte kommentarlos den Koffer auf, wobei sein Blick das defekte Schloss registrierte, und ging ab. Dostojewskij gab zwei Stück Zucker in den dampfenden Tee, kämmte die Haare und zog sich bis auf den Rock fertig an. Dazu sang er gar nicht leise: „Na sarje ti jejo ne budi, na sarje ona sladka tak spit …“*, ein zartes Liebeslied aus seiner Jugend vor zwanzig Jahren. Dann setzte er sich an den Schreibtisch, um Gedanken für seine Romane, die ihm in der Nacht gekommen waren, aufzuschreiben. Nach fünf Minuten stand er auf, weil sein Bart vom Waschen noch feucht war und ihn das so ärgerte, dass er nicht denken konnte. Mit trockenem Bart nahm er wieder Platz und schrieb etwa eine Stunde, während er den Tee trank. Dazu rauchte er Zigaretten und hüstelte.

Dann bürstete er das leichte Sakko aus, schlüpfte hinein und stellte sich vor den Spiegel. Ein Fremder blickte ihn an, wie ihm das in Hotelzimmern öfter geschah. Und zeigte ihm plötzlich die Zunge. Sie war belegt, ein böses Zeichen. Konnte der Mensch, die Krone der Schöpfung, so von seiner eigenen Leber abhängen? Vielleicht, dachte er, kommt die belegte Zunge auch vom schwarzen Tee. Einem Übermut folgend, entnahm er dem Koffer seine uralten hellvioletten Handschuhe, hielt sie vornehm in der linken Hand und sah sich das Ergebnis im Spiegel an. Es gefiel ihm nicht. Er legte die Handschuhe in eine Schublade, lehnte die Fensterflügel an und verließ, leise vor sich hinsingend, das Zimmer.

Die Post war wirklich nicht weit, und Beppo wirklich weniger in Hast. Fast konnte Dostojewskij den Gang genießen, über die noch menschenleeren Brücken, durch die engen Gassen, in denen noch etwas von Morgenfrische war, auch wenn auf den Plätzen jetzt, am Vormittag, schon die Hitze buk wie gestern bei seiner mittäglichen Ankunft. Es würde also heute noch heißer werden. Fast konnte er den Gang genießen, aber ihn plagte das Rheuma in den Füßen, das er sich in Sibirien zugezogen hatte, und jeder Anstieg verursachte ihm Hustenreiz. Beppo machte sich einen Spaß daraus, die Brücken, die sie überstiegen, rückwärts abzuzählen, bei „sieben“ fing er an, und als sie die letzte hinabstiegen und schon den Eingang zur Post sahen, drehte er sich um und fragte in schlingerndem Französisch, ob sein Gast wisse, wie viele Brücken Venedig habe. Da keine Antwort kam, gab er sie selbst: „Plus des quattrocento!“

„Saint-Pétersbourg en a plus“, knurrte Dostojewskij zurück, als hätte man ihn persönlich beleidigt, obwohl es ihm egal war, aber er hatte gelesen, dass jemand sich die Mühe gemacht hatte, die Brücken beider Städte abzuzählen und bei der nördlichen auf mehr gekommen war.

Erst als er den Brief seines Bruders Michail öffnete, fiel ihm ein, dass er ihm ja heute früh hatte schreiben wollen, aber Dostojewskij schrieb nicht gern Briefe. Käme er in die Hölle, so scherzte er oft für sich, bestünde seine Strafe darin, täglich zehn Briefe schreiben zu müssen. Bettelbriefe waren die einzige Motivation, die er finden konnte, und dann fand er auch die schönsten, romantischsten Formulierungen. Die Briefe aus seiner Anfangszeit in Petersburg an den Vater in Moskau waren voll davon gewesen: Herzensergüsse gegen Geldfluss. Rührung für Rubel. Sprache als Rechnung. Ein Tauschgeschäft. Ein Leben ohne Schulden kannte er nicht. Immer hatte er Furcht, jemandem zu begegnen oder von jemandem aufgesucht zu werden, dem er Geld schuldete. Immer schrieb er um längst ausgegebene Vorschüsse. Er kämpfte mit den Gläubigern wie Laokoon mit den Schlangen. Manche Weitschweifigkeit in seinen Romanen schoben Bösmeinende darauf, dass sein Honorar von der Zahl der Druckseiten abhing.

Der Wechsel war geringer, als er gehofft hatte, und die Botschaft seines Bruders eindeutig: Er möge bitte raschestmöglich zurückkommen, dies sei das absolut Letzte, was er ihm schicken könne, „Die Zeit“ stecke in ernsten Schwierigkeiten, ein Geldgeber sei abgesprungen und überhaupt wäre es schön, wenn er nach über zwei Monaten seinen Kompagnon wieder an der Seite hätte. Für Michails Verhältnisse waren das ernste Vorwürfe. Aber Dostojewskij dachte an die langen Jahre in Sibirien, in denen er vergeblich auf ein paar Zeilen seines Bruders gehofft hatte, und sein schlechtes Gewissen beruhigte sich, ohne wirklich erwacht zu sein. Dass er „über seine Verhältnisse“ lebe, musste er sich seit jeher anhören, nicht von Michail, aber immer von denen, die selbst um Wahrung eines gewissen Status notdürftig bemüht waren: den Bürgern. Dass er mehr Aufwand treibe, als es ihm Verstand und Vernunft, wie er sie doch ausreichend besäße, eingeben müssten. Das war so, als gäbe es nichts anderes und als müsste nach nichts anderem gestrebt werden als „finanzieller Sicherheit“, und all die vielen anderen Absicherungen und Sicherheiten, durch die sich das bürgerliche Leben definierte, schienen auf diese eine große Weltsicherheit gegründet, die, dadurch zur existenziellen Sicherheit gemacht, in Wahrheit das Unhaltbarste, Kleinste, Ungesichertste und alleine aus sich heraus nichts Verheißende und nie und in nichts Seligmachende war: der Mammon, das Geld. Dostojewskij hatte kein „Verhältnis“ zum Geld, und er ärgerte sich, dass die Menschheit die gleiche Bezeichnung dafür verwendete, mit der sie über Liebesdinge sprach.

In der Bank gleich daneben machte er den Wechsel zu Geld und bat Beppo, ihn zurück zum Hotel zu bringen. Während dieser ihn rechts und links auf Gebäude aufmerksam machte und selbsterheiternde Geschichten dazu erzählte, dachte er über sein Leben nach. Angenommen, ich hätte zwanzigtausend Rubel, sagte er sich. Viertausend wären für Schulden, dreitausend für Schulden, noch mal viertausend für Schulden. Seine Frau und Pascha erhielten dreitausend, Apollinaria zweitausend, dann blieben viertausend zum Leben für ein ganzes Jahr. In Venedig? Beinahe hätte er geschmunzelt über diesen verwegenen Gedanken.

Als er in ein Café treten wollte, weil ihm einfiel, dass er auf das Frühstück vergessen hatte, drängte Beppo ihn weiter – es war voll österreichischer Soldaten. Dafür führte er ihn in eines, wo er wieder mit lautem Hallo begrüßt wurde, und hielt, als Dostojewskij Platz genommen hatte, an der Schank stehend schon ein kleines Weinglas in der Hand.

Die gekochten Eier waren angenehm weich, die Aprikosenmarmelade gut und mit ganzen Fruchtstücken durchsetzt, der Kaffee aber zu wenig heiß und das mondsichelförmige Gebäck, das er in Paris geschätzt hatte, kam hier in einer traurigen, glatten, unknusprigen venezianischen oder vielleicht auch Wiener Version, zudem kleiner, was dadurch nicht besser gemacht wurde, dass es im Mund mehr zu werden schien. Da im hinteren Teil des leeren Cafés eine Tür und vorne ein Fenster offen standen, zog es genau zu seinem Tisch hin, und er war froh, nach fünfzehn Minuten wieder draußen zu sein, ohne sich erkältet zu haben. Eine französische Zeitung von gestern nahm er vom Nebentisch mit.

Auf einem Platz, zu dem sich die Straße kurz vor seinem Hotel vergrößerte, standen vier Bänke jeweils am Fuß einer alten Platane, zu dieser Stunde drei in deren Schatten, eine in der Sonne. In der Mitte des Platzes ein großer Brunnen. Dostojewskij entließ Beppo, der ihn gern noch zu einer „Galleria dell’Accademia“ mitgeschleppt hätte, die seinem Fuchteln zufolge am Ende der Straße lag, mit einer ähnlichen Münze wie beim letzten Mal und ließ sich müde auf eine der schattigen Bänke fallen. Wie kann man in einer derartigen Hitze leben und arbeiten, dachte er. Er schlug die Zeitung wie üblich aufs Geratewohl auf, und sein Blick fiel auf den Namen Pierre-François Lacenaire. Er hatte schon in Paris von diesem spektakulären Fall der jüngeren französischen Kriminalgeschichte gelesen, in dem ein Sohn aus bürgerlich gut situierter Familie, der früh Zurücksetzung und Lieblosigkeit erfahren hatte, zu einem gewaltigen Schlag gegen die Gesellschaft ausholte und mit zweiunddreißig unter der Guillotine starb. Die ersten Raubüberfälle beging er anscheinend nur, um ins Gefängnis zu kommen, das er die „Hochschule der Kriminalität“ nannte, und dort das Handwerk des Schwerverbrechers zu lernen. In Freiheit beging er mehrere Raubmorde, unter anderem an seiner Mutter, später im Gefängnis schrieb er Gedichte und empfing Journalisten, im Warten auf die Hinrichtung verfasste er seine Autobiographie. Er erklärte seine Verbrechen zu einem „Duell mit der Gesellschaft“, deren Ungleichheit und Ungerechtigkeit, Egoismus und Verlogenheit ihn dazu gezwungen hätten.

Dostojewskij wollte sich eben in den Artikel vertiefen, als der eruptive Schrei eines Mannes, dem ein Ziegelstein auf den Kopf gefallen sein musste, ihn herumfahren ließ. Doch es war nichts geschehen, als dass der Mann im Gehen einen Freund erkannt hatte, der ihm entgegenkam, und diese Freude lautstark kundtat. Der Andere echote ähnlich euphorisch und schon fanden sich die beiden im lebhaftesten Gespräch und direkt hinter seiner Bank. Zwar verstand er kein Wort, aber die Heftigkeit des Wortwechsels machte konzentriertes Lesen unmöglich. Auch, dass er sich mehrmals mahnend umdrehte, half nichts, einer von den beiden sah sogar im Reden auf ihn hinunter und lächelte ihn an, es gab nicht den Funken einer Ahnung, dass sie stören könnten. Da sie weit auseinander-liegende Stimmlagen hatten – einer im rauen, gequetschten Falsett, der zweite im sonoren und beinahe noch durchdringenderen Bass –, deckten sie alle Frequenzen ab und hackten gleichsam von zwei Seiten auf den armen Kopf des vor ihnen Sitzenden, der keine andere Hilfe sah, als auf die andere schattige Bank auf derselben Seite des Platzes zu flüchten, wo er, ein paar Meter entfernt, wenigstens sein Trommelfell in Sicherheit wusste. Doch kaum hatte er den ersten Absatz des Artikels gelesen – neue Schriften des Verbrechers waren gefunden worden –, kamen die beiden Schreihälse, deren einer offenbar beschlossen hatte, den anderen, der in größerer Eile war, ein Stück seines Wegs zu begleiten, an seine neue Bank heran und blieben exakt hinter ihr stehen. Als sich der verzweifelt an seine Zeitung Klammernde nun sehr energisch umdrehte, hielt der Bass gerade im Reden inne, weil er einen Namen suchte, der ihm entfallen war, und in diesem Innehalten schaute er auf den Fremden, und im Suchen des Namens suchte sein Blick die Bank, auf der er den Zeitungsleser doch eben noch hatte sitzen gesehen, aber bevor noch eine Verwunderung darüber aufkommen konnte, fand sein Blick den entfallenen Namen auf der leeren Bank, und beides, Gespräch und Aufmerksamkeit, kehrten aus noch vollerem Hals zum Partner zurück, der über der Brisanz des Themas seine Eile vergessen hatte und mit verschränkten Armen und offenem Mund dastand.

Das darf nicht wahr sein, dachte Dostojewskij und sah auf die zwei Bänke der gegenüberliegenden Seite. Hatte er es nicht geschafft, im Lärm Dutzender Männer, die an den langen Winterabenden in der sibirischen Katorga einander ihre Verbrechergeschichten erzählten, sich, wenn er deren müde war, auf seine Bibel zu konzentrieren, das einzige Buch, das ihm in der Haft erlaubt war? Er zwang seine Augen auf die Zeilen über den französischen Gesellschaftsfeind, der, das hatte er schon früher dunkel geahnt, Züge seiner neuen Romanhauptfigur trug, wie sie sich in ihm seit Jahren des mehr oder weniger bewussten Konzipierens gestaltete und zusehends konkretisierte. Oder war Raskolnikow – dieser Name hatte sich ihm aufgedrängt – stärker von Lacenaire beeinflusst, als es sich der Autor zugestand?

Ein zweistimmiges donnerndes Lachen fuhr wie eine Axt in seine Gedanken und hieb sie auseinander. Die zwei Männer hinter ihm lachten wie seit Jahren nicht und schmückten schreiend das was immer Komische aus und lachten noch mehr, einander an Ausschmückungen überbietend, sie grölten wie Betrunkene auf hoher See und standen doch nur in einer Plauderei auf einem Platz. Was sind das für Menschen, dachte Dostojewskij, ging geradewegs am Brunnen vorbei auf die dritte schattige Bank zu und setzte sich, nunmehr mit Blick auf seine Peiniger und in wohltuender Distanz.

Lacenaire hatte acht Wochen vom Todesurteil bis zur Hinrichtung gehabt, dachte er. Bei ihm waren es fünf gewesen. Er nahm sein Notizbuch aus der Tasche, da wurde er wieder von den zwei Freunden abgelenkt, diesmal aber, weil sie sich nun doch zur Trennung entschieden und begonnen hatten, sich in kleinen Etappen voneinander zu entfernen, immer wieder stehen bleibend und aufgehalten durch einen neuen Gedanken, etwas noch dem Gespräch Hinzuzufügendes und wiederum eine Replik darauf und so fort. Natürlich wurden sie dadurch, wenn das möglich war, noch lauter, und da man nun dauernd die Hoffnung hatte, jetzt und jetzt ginge die Sache zu Ende, geradezu flehend an den Lippen der sich Verabschiedenden hing und gar nichts anderes mehr denken konnte, war es, als hätte die Störung erst so richtig begonnen. Dostojewskij blätterte die Zeitung durch. Die Südstaaten hatten eine Schlacht im amerikanischen Krieg gewonnen. Der rumänische Ministerpräsident war ermordet worden. Der Waffenerfinder Samuel Colt gestorben. Die Männer standen nun an je einem Eck des Platzes und setzten ihre Unterhaltung über gute vierzig Meter rufend und dabei mühelos fort. Passanten störten sich daran nicht im Geringsten. Die Stimmen hallten von den Hauswänden wider und füllten das Geviert wie ein Theater mit guter Akustik. In der Zeitung stand weiter, dass Saigon jetzt Hauptstadt der französischen Kolonie Cochinchina war. In diesen Tagen wurde in Italien die Lira endgültig zum einzigen Zahlungsmittel in allen zum Königreich vereinten Gebieten gemacht, in allen also außer Venedig, dachte Dostojewskij und schaute auf, weil eine neue Irritation eingetreten war: völlige Stille. Die Männer waren verschwunden und hatten den Platz in tiefsten Frieden entlassen.

Eine Minute lang hörte man gar nichts außer den Flügeln und Krallen der am Boden nach Nahrung scharrenden Tauben. Es war heiß und windstill. Dostojewskij atmete durch. Und streckte die Beine aus. Ausgestreckte Beine ergaben ganz andere Gedanken als angewinkelte. Mit der Stille war eine Spur Traurigkeit in ihn gekommen, und mit ihr ein Hauch Glück. Alleingelassen, brauchte er keine Rechtfertigung mehr für sein Sitzen und Sein. Etwa zehn Minuten saß er so. Oder waren es dreißig? In Stille und Alleinsein verging die Zeit auf eigene Art. Er erinnerte das ungläubige Gesicht Michails, als dieser ihn während seiner Festungshaft – den langen acht Monaten vor seiner Hinrichtung, die im letzten Moment in Zwangsarbeit umgewandelt wurde – besuchte und seinen Bruder nicht niedergeschlagen vorfand, sondern bester Laune: Das Eingesperrtsein erlaube ihm endlich, sich auf sein Schreiben zu konzentrieren, nichts in der Einzelzelle lenke ihn von sich ab. Auch wenn er sich zu Unrecht eingesperrt fühlte, schlecht schlief und Angst vor einer Verurteilung zum Tod hatte. Für den „Homme isolé“, wie ein Schullehrer ihn genannt hatte, war die Isolationshaft eine Art Zuhause. Eigentlich mehr als jedes andere zuvor.

Eine Gruppe Halbwüchsiger in Matrosenuniform ging an ihm vorbei und über den Platz in Richtung des großen Kanals, an dem er gestern Abend die österreichischen Offiziere gesehen hatte und an dem österreichische Kriegsschiffe lagen und der doch nicht, hatte er inzwischen von Beppo erfahren, der Canal Grande war, sondern einer mit einem Namen, der wie „Zudecke“ klang. Hatten selbst die Kanäle schon einen österreichischen Pass bekommen? Da der Kaiser Venedig zum ersten Marinestützpunkt der Monarchie erklärt hatte, war alles möglich. Die uniformierten Knaben bogen ums Eck, einer büxte kurz aus, um eine kleine Gruppe Tauben aufzuschrecken, was ein kurzes Ausbüxen in eine verbotene Kindheit sein mochte, wurde aber schnell von seinen Kameraden in den Ernst des Lebens zurückgemahnt. Ein Kanonenschuss vom jenseitigen Ufer ließ die Tauben auffliegen und, wie es schien, die alten Mauern erzittern. Dostojewskij erschrak nicht, er kannte den mittäglichen Salut von der Petersburger Peter-und-Paul-Festung. An der Pionieroffiziersschule von Zar Nikolaj vor fünfundzwanzig Jahren herrschte ein strengeres Regiment, dachte er. Derart freier, unbeaufsichtigter Ausgang in Uniform wäre nicht denkbar gewesen. Und bei schlechten Noten gab es sogar am Sonntag Ausgangsverbot. Verstöße gegen die Anstaltsordnung wurden mit Karzer bestraft. Die Hauptübungen neben dem Lernen waren Gymnastik, Fechten, Schießen und Marschieren: allesamt Schwachstellen des sehr dünnen, krankhaft blassen Fünfzehnjährigen mit den hellen, dünnen Haaren, den eingesunkenen Augen und dem Blick, der durchdringend und tief war, wiewohl er nicht wirklich zu schauen, sondern eher, während er sah und registrierte, mit etwas Anderem beschäftigt zu sein schien. Die untersten Klassen wurden „Sibirien“ genannt. Die Freizeitvergnügungen der Mitschüler – Ballspiele, in den folgenden Jahren Zechgelage –, ihre obszönen Witze und Lieder stießen ihn ab, ihre Mut- und Kraftproben fand er dumm und mied sie wie das gemeinsame Baden am Newa-Strand. Der junge Fjodor verkroch sich lieber in einer Dachnische mit Blick auf die Fontanka, einen das Zentrum Petersburgs umlaufenden Kanal, und las. Die Literatur befreite ihn. Schiller und Byron verzauberten sein bedrücktes Dasein. Bücher waren die Rettung. Die einzige. Und der Literaturzirkel, den der Einundzwanzigjährige gründete, nachdem er die Schule – der Vater war seit vier Jahren tot – hingeschmissen hatte, war ein freier Fluss von Ideen und Utopien, ein Ort für Gefühle statt Gewehre, für Menschlichkeit statt Menschenverachtung. Und der Blick ging nach Westeuropa, wohin sonst? Dort war der Schriftsteller seit dem achtzehnten Jahrhundert ein anerkannter Beruf, während der Dichter in Russland heute noch in erster Linie Staatsdiener zu sein hatte, um leben zu können. Der Blick, die Sehnsucht: nach Europa!

Die Sonne fiel durch die hohen Platanenblätter auf sein blasses gedankenverschlossenes Gesicht. Er schnellte, die Beine noch immer ausgestreckt und die Füße überkreuzt, die Arme nach oben wie in einer Sitzturnübung oder zum Sieg und streckte dabei den Rücken durch, dass es knackte, wobei ihm das Blut in den Kopf schoss und er sich schnell mit beiden Händen an der Bankkante festhalten musste, um nicht vor Schwindel umzukippen. Und vielleicht auch ein bisschen vor Euphorie. Nach zwei Monaten in Europa schien es ihm auf diesem friedlichen, mittäglich heißen Platz so, als wäre er endlich auf dem ersehnten Kontinent angekommen.

Eine weitere Zeitungsmeldung besagte, dass Frankreich etliche bedeutende Kunstschätze, die Napoleon geraubt hatte, an Venedig zurückgegeben habe und diese nun in der Kunstschule für Malerei und Skulptur, der „Galleria dell’Accademia“, ausgestellt seien. Sie war durch die Sammlung von Kunst aus den von Frankreich säkularisierten Kirchen und Klöstern entstanden. Und da einige Frauen sich mühten, mit Eimern Wasser aus den Tiefen des Brunnens zu ziehen, und das ganz und gar nicht lautlos taten, was ihn nicht mehr wunderte, ließ er die Zeitung liegen und ging in die Richtung, die Beppo ihm gewiesen hatte.

Amüsiert dachte er an eine Begebenheit, über die er sich geärgert hatte, als er in Dresden einen Mann auf der Straße gefragt hatte, wo die Gemäldegalerie sei.

„Was?“, war dessen Nachfrage gewesen.

„Wo ist die Gemäldegalerie?“

„Gemäldegalerie?“

„Ja, Gemäldegalerie.“

„Die Königliche Gemäldegalerie?“

„Ja, die Königliche Gemäldegalerie.“

„Ich weiß nicht, ich bin hier fremd.“

Die Straße säumte ein Spalier von Bäumen ungewöhnlich roten Oleanders, und er ging gerade in der Mitte durch wie ein General, der solche Ehrenbezeugungen gewohnt ist, ernst und mit gesenktem Kopf, und sog den Duft heimlich durch die Nase ein. Das Gebäude erinnerte ihn in der Eingangshalle noch unglücklich an die Florenzer Uffizien, doch schon nach den Treppen zum ersten Stock konnte er den Blick nicht von der Decke des prächtigen Saales wenden, aus deren Vertäfelung Hunderte Köpfe auf ihn herniedersahen, und er stellte sich vor, dass sie lebendig wären und die dazugehörigen Menschenkörper flach am Bauch lägen und ihre Gesichter durch die ovalen Öffnungen nach unten steckten. Wurden sie alle paar Stunden von anderen abgelöst?

Im Saal selbst waren Ikonen ausgestellt, italienische von vor zwei- bis fünfhundert Jahren, und er blieb lange vor jeder stehen. Die Gesichter der Heiligen hatten einen ganz anderen Ausdruck, als er es von den altrussischen Ikonen kannte, weniger streng, offener, man konnte sagen: vermenschlichter. Und er wusste nicht, ob ihm das so gefiel. Die Madonna von da Bologna sah lächelnd, geradezu keck auf den Betrachter, während sie Gottes Sohn stillte, und der Heilige Markus von Veneziano erinnerte ihn mit seiner routinierten Freundlichkeit an den Rezeptionisten im Hotel. Als er die weiteren Säle durchschritt, merkte er, dass er wahrscheinlich zu viel Zeit und Energie für den ersten verbraucht hatte, denn schon war er, wie rasch in Museen, müde. Der Heilige Hieronymus von della Francesca schaute skeptisch und eigentlich recht hochmütig auf den ihn anbetenden devoto, wie ein alter Krämer, der die Kaufkraft einer um Ware heischenden Kundschaft anzweifelt. Doch drei sehr unterschiedliche Madonnen von Bellini und deren Knaben ließen ihn lange nicht aus ihrem Bann. Wiewohl – oder weil – sie recht hoch hingen und er sie nicht gut sehen konnte. Als er einen in der Ecke des Raums stehenden Stuhl nahm und sich darauf einer Madonna in Augenhöhe stellte, kam ein Saaldiener und sagte, das sei verboten. Kaum war der Saaldiener draußen, stieg er vor einer anderen Madonna auf den Stuhl, der Saaldiener kam wieder und wies ihn nun schärfer zurecht. Dostojewskij schimpfte auf Russisch: „Lakaienseele!“ und verließ erzürnt den Raum.

In einem Saal mit einer langen Bank in der Mitte setzte er sich dankbar auf deren Rand und verschränkte die Beine. Die „Ankunft der englischen Gesandten am Hof des Königs der Bretagne“, wie sie Carpaccio in einem großen Gemälde vor ihm schilderte, schien ihm eine Veranstaltung, bei der er nicht so gerne dabeigewesen wäre, von hohem politischen Ernst und Angst vor der falschen Geste, dem falschen Gesicht. Eine Figur zu seiner Rechten zog seine Aufmerksamkeit auf sich, es war seine eigene, reflektiert von einem in eine Tür eingelassenen Spiegel. Dostojewskij staunte. Er fand es seltsam, dass sein Inneres noch immer so wenig Einfluss auf sein Äußeres genommen hatte. Nach außen schien er nach wie vor ein sittsamer Bürger, ein aufgeräumter, biederer, pflichtbewusster Beamter zu sein, und war doch ein verurteilter Revolutionär, ein entlassener Sträfling, ein Spieler, Freigeist und Lebemann – zumindest war er das alles phasenweise gewesen. Nichts davon manifestierte sich in seinen Zügen und in seiner Haltung. Selbst in Uniform, er wusste es, verlor sich das Beamtische seiner Positur nicht, nur weitete das Militärische die leichte Entrüstung, die – worüber auch immer – für gewöhnlich in seinem Gesicht saß, auf seinen Oberkörper aus, als würde die Uniform dem Kriegerischen in ihm irgendwie Mut machen. Seine im Sitzen übereinandergeschlagenen Beine aber, fiel ihm auf, schienen von all den vermeintlichen oder echten Entrüstungen der höheren Körperpartien nichts zu wissen, sie wirkten frei und unabhängig, ein selbstständiges, selbstbewusstes, im Leben stehendes Beinpaar, das den offensichtlichen Verunsicherungen der Menschenhälfte über ihnen eine verlässliche Stütze bot. So zerfiel seine Erscheinung, dachte er, an seinem eigenen Bild eine Art Kunstkritik übend, zumal im Sitzen in zwei, wenn nicht drei Teile: einen gedrungenen, schutzlosen, sich vergeblich stark gebenden Torso mit einem wie halslos daraufgesteckten mürrisch in die Welt gereckten Kopf einerseits – und zwei unaufgeregten, geradezu eleganten und, vergaß man den Rest, eigentlich aristokratisch unbekümmerten schlanken Beinen, die in fast schon kokett schmalen Schuhen und also Füßen ausliefen. Er fand, er sah aus wie eine Zeichnung in diesem Kinderbuch, in dem man die Körperdrittel unterschiedlichster Figuren zueinanderklappen und die groteskesten Erscheinungen kreieren konnte. Wobei in seinem Fall der Kopf durchaus zu den Beinen zu passen schien und nur ein in der Relation zu klein geratener Oberkörper eingeschoben war, die Arme eng angelegt, dessen große, beinahe fleischigen Arbeiterhände wie unterbeschäftigt auf dem feiertäglich ruhenden Oberschenkel lagen. Im Ganzen war er sehr unzufrieden mit seinem Anblick.

Auf der Suche nach dem Ausgang hielt ihn noch ein Bild fest, auf dem ein Geistlicher in einem Kanal schwamm; der Titel des Bildes von Bellini erklärte, dass nicht der Priester von der Brücke San Lorenzo – auf der, wie an den Ufern, Hunderte Schaulustige standen – gefallen war, sondern eine Reliquie des Heiligen Kreuzes, und das titelgebende „Wunder“ bestand wohl darin, dass sie nicht untergegangen, sondern auf der Wasseroberfläche geblieben war, da der sie jetzt stolz zur Schau stellende, schwimmende Geistliche am Oberkörper trocken und also nicht nach ihr getaucht war.

Vor der Galerie stand Dostojewskij am Fuß einer steil nach oben führenden eisernen Brücke über einen breiten Kanal. Sie lag in praller Sonne, und da er die Anstrengung des Aufstiegs fürchtete, bog er im Schatten des Gebäudes nach rechts und ließ sich von seinen Beinen mehr oder weniger von selbst durch das Spalier der Oleanderbäume in sein Quartier führen, wo er sich, seiner Schwäche nachgebend, ohne Rock und Weste auf sein Bett warf und etwa zwei Stunden versuchte, sein heftig heraufschlagendes Herz mit ruhigem Denken und schlummerähnlichen Zuständen gewissermaßen zuzudecken, hinunterzudrücken. Dabei hüpfte ihm der Affe im roten Kapuzenmantel, der ihm vom unteren Bildrand Carpaccios vorhin bei seiner Selbstbespiegelung zugesehen hatte, kreuz und quer durch seine Halbschlafbilder, die von leisen elegischen Melodien einer Ziehharmonika unterlegt waren.

Er saß schon länger über seinen Skizzen am Schreibtisch, als es an der Tür klopfte. Statt des erwarteten Beppo stand ein kleiner dunkelhäutiger Junge da, barfuß, mit kurzen Hosen und nacktem Oberkörper, und zuerst dachte Dostojewskij, der Affe sei aus dem Bild gesprungen und zu ihm gekommen. Der Junge, bei dem nicht klar war, was Sonnenbräune, Naturfarbe oder Schmutz war, hatte einen Hammer in der Hand und rief aus einem Mund, der aus mehr Lücken als Zähnen bestand:

„Validsa!“

Durch die Ähnlichkeit mit dem französischen Wort verstand Dostojewskij, dass Beppo ihn geschickt haben musste, um seinen Koffer zu reparieren, und ließ ihn ein. Der Kleine erspähte das Gepäckstück, begutachtete das verbogene Schloss und schlug dreimal mit dem Hammer so fest darauf, dass es vollends in Stücke brach. Dann stellte er sich daneben, hielt die Hand auf und sagte:

„Zwanzig, s’il vous plaît.“

Dostojewskij hob die Hand zu einer gestischen Ohrfeige und jagte den Kerl hinaus.

* „Am Morgen, da wecke sie nicht, am Morgen, da schläft sie so süß …“

2

Es war Samstagabend, und wenn sich die Venezianer in einem untragbaren Belagerungszustand befanden, wie es der Aristokrat gestern Abend eindrücklich geschildert hatte, dann wussten sie mit dieser Not gut umzugehen. Die Luft war voll Oleander und guter Laune. Paare flanierten lachend in alle Richtungen, grüßten einander, hielten zu kurzen Plaudereien, alle schienen alle zu kennen und sich ihrer zu freuen, der Ziehharmonikaspieler aus seinem Schlummer stand wirklich mitten auf der Straße, wünschte jedem Herankommenden höflich einen Guten Abend und spielte seine süßen, wehmütigen Lieder nahe an die Vorbeigehenden heran, um ihr Gemüt nur ja zu einer Gabe in die am Boden aufgelegte Kappe zu bewegen. Es hatte Abende und vor allem Feiertage gegeben, am Newskij-Prospekt, wenn sich die Petersburger zu ihrem Vergnügen ergingen, fein gekleidet und festlich gestimmt, Stunden in den Weißen Nächten, wenn die Menschen halb verrückt vor Frühling und Liebe die Straßen an den Ufern der Kanäle durchschwärmten, doch nie war die Stimmung so ungezwungen, von jeder Bedenklichkeit frei gewesen wie hier, nie zuvor hatte Dostojewskij erlebt, dass eine menschliche Gemeinschaft so – nur widerwillig gestand er sich dieses Wort ein, aber es war das einzige, das wirklich zutraf – leicht war.

Von der eisernen Brücke vor der Accademia, die er nun mühelos erklomm, schaute er auf eine prächtige in der Sonne leuchtende Kirchenkuppel und den Canal Grande, den er unschwer als solchen erkannte und der nicht anders zu benennen war als „groß“, nicht wegen seiner messbaren Ausdehnung, sondern wegen seiner unfassbaren Lebendigkeit aus Farben, Bewegung, Licht, Lachen, Stimmen … ihm war auf einmal, als riefen sie alle zu ihm herauf und wollten ihn mitreißen, der er da an der Brüstung gesenkten Hauptes stand, ein Pfahl im strömenden Fluss des venezianischen Abends … er spürte auf einmal eine solche Sehnsucht … wenn jemand es ihm befohlen hätte, er hätte mit Freude sein Herz in den Kanal hinabgeworfen. Wahrscheinlich würde es gleich untergehen, schwer, wie es war. Aber der Flug wäre schön gewesen, dachte er, die zwei Sekunden freien Falls.

In Venedig nach dem Markusplatz zu fragen, war ein leichtes Unterfangen. Die Hände flogen schon nach dem Wort „Piazza“ in die gesuchte Richtung, das „San Marco“ wollten die meisten gar nicht mehr hören. Einmal brauchte Dostojewskij nur den Mund zur Frage zu öffnen, und der Entgegenkommende warf seinen Daumen, ohne aufzusehen, über die Schulter. Schließlich brauchte es kein Fragen mehr. Aus den Häusern und Gassen kamen die Menschen und gliederten sich der Menge ein, die nur ein Ziel hatte, und sie nahm ihn mit und spülte ihn zuletzt über die Marmorstufen einer Arkade hinab und entließ ihn nur, um von etwas viel Größerem empfangen zu werden, von dem er bislang keinen Begriff gehabt hatte und das sein Herz einen langen Augenblick stillstehen ließ, ehe es wild losschlug wie nach einem heftigen Schreck oder unvermittelter Freude. Ein wenig fühlte er sich daran erinnert, wie er zum ersten Mal einen Ballsaal im Winterpalast des Zaren betreten hatte, auch das ein Ort, von dem man von klein auf geträumt, den man lange ersehnt hatte, und nun war man da, und der Ort war so aufgeladen mit Traumbildern und Sehnsüchten, dass man Wirklichkeit und Vorstellung nicht unterscheiden konnte und nur wusste, spürte, dass man angekommen und der Weg, wie steinig und mühsam immer, es wert gewesen war, mehr: im selben Moment schon vergessen. Nur war der „Ballsaal“ hier so viel größer, weiter, nach oben offen, und die Ballgesellschaft war das Volk, alle waren geladen, und ihre tausendfachen Stimmen waren die Musik, und ihre hunderttausendfachen Schritte und Bewegungen und Drehungen der Tanz, und das Fest, das gefeiert wurde, geschah nicht zu Ehren eines herrschaftlichen Geburtstags oder eines militärischen Sieges, sondern du selbst fühltest dich deines Daseins gefeiert, dein Sieg, am Leben zu sein trotz allem und allem, war der Anlass. Das Fest, beleuchtet und angeheizt von der kräftigen, widerspruchslosen südlichen Sonne, galt, und das war es, was Dostojewskij in vierzig Jahren noch nie erfahren hatte, dem Leben selbst. Dieser auf drei Seiten von identischen Arkaden und Fassaden eingefasste Festsaal mündete auf der vierten in die verschnörkelten, verspielten Formen der Basilika, deren goldene Kuppeln im Blau des Himmels wogten und den auf der entgegengesetzten Seite des Platzes Stehenden an die menschentragenden Ballone erinnerte, die er in London aufsteigen gesehen hatte. Sehr prosaisch riss ihn die Stimme eines Mannes hinter ihm aus dem Staunen.

„Very famous place“, sagte dieser mit einer Aussprache, als kaue er an den Worten im Mund herum und so, als offenbare er ein Geheimnis. Dostojewskij drehte sich um und sah, dass der Mann zu seiner Frau gesprochen hatte und dass es keine Ironie gewesen war, denn die Frau riss tatsächlich die Augen auf und fragte ungläubig: „Yes?“

Er bewegte sich vorwärts, geradewegs durch die Menge, wobei er sehr bemüht war, niemanden zu berühren und von niemandem angestoßen zu werden, denn Kontakt mit fremden Körpern, und sei es durch noch so viele Schichten Stoffs, war ihm unangenehm und peinlich. Als sich zu seiner Rechten eine Lücke auftat, nützte er sie, um einige Meter zu gewinnen, doch da sah er, dass die Lücke das Ende einer regelrechten Gasse war, die sich im Gedränge gebildet hatte, und dass die Ursache zwei Polizisten waren, die sich keinen Weg zu bahnen brauchten, weil der Weg durch die vor ihnen zurückweichenden, ausweichenden Menschen von selbst entstand, niemand wollte mit ihnen zu tun haben und hielt sie auf möglichst weitem Abstand wie Aussätzige, und da er diesen Raum, diese Respekts- oder Verabscheuungsblase, die die zwei Uniformierten um sich trugen, betreten hatte und sie in seine Richtung gingen, stand er auf einmal vor ihnen. Sie waren sehr jung, trugen beide Schnurrbart und sahen aus, als wären sie theatermäßig als Zwillinge geschminkt. Die vier Augen bohrten sich in ihn wie Bajonette.

„Haben Sie einen Pass?“, fragte der eine in lautem, schmetterndem Deutsch. Seine Stimme war aus Eisen, und die Frage fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen.

„Natürlich“, gab Dostojewskij auf Deutsch zurück. Und weil Zorn in ihm hochstieg, setzte er hinzu: „Ich bin ja kein Passloser.“ Es war ein Reflex, der ihm bei Kontrollen in Deutschland häufig widerfahren war. Niemand von den Fragenden konnte wissen, dass in Russland ein „Passloser“ ein Sträfling war. Doch die Frage löste bei ihm Scham und Bitterkeit aus.

„Vorweisen!“, bellte der andere. Es war auffällig, dass sie sich nicht die geringste Mühe gaben, freundlich zu sein. Man fühlte sich sofort verhaftet, und ihr erstes Wort war schon ein Verhör. Dostojewskij wies seinen Pass vor. Der eine Beamte blätterte ihn langsam durch, während der andere die Augen nicht eine Sekunde vom Objekt ihrer Examinierung ließ.

„Russkie“, kam nun mit schauerlichem Akzent und Hohn in der Stimme. Doch da schrie jemand in der Menge, und die Köpfe der Diensttuenden schnellten hin, und aus dem Schrei des Einzelnen wurden die Rufe vieler, vielleicht war ein Taschendieb ertappt worden, und schon waren die beiden dabei, sich durch die Menge zum Ort des Geschehens zu drängen, denn die Leute blickten in die Richtung, aus der der Lärm kam, und sahen die Polizisten nicht und konnten ihnen keine Gasse bilden und wurden sehr grob, beinahe brutal zur Seite gedrängt und gestoßen, einer, ein alter Mann, fiel dadurch sogar hin und wurde von den Umstehenden aufgehoben, und Dostojewskij stand da mit dem Pass in der Hand, die zitterte, und weißen Lippen und schien in einer Minute um einen Kopf kleiner geworden zu sein. Mechanisch ging er mit kleinen Schritten über den Platz und fühlte auf einmal wieder die Ketten an den Füßen, die er in Sibirien getragen hatte, und die ganze Schwere der Schuld, die eine um nichts als sich selbst besorgte Staatsmacht ihm umgehängt hatte, drückte ihn wieder und warf ihn um dreizehn Jahre zurück, als er von der menschlichen zivilen Gesellschaft entfernt und zum Antritt seiner Strafe expediert worden war, nach deren Verbüßung er vor drei Jahren äußerlich zu dieser Gesellschaft zurückgekehrt war, doch jetzt fühlte er, wie wenig er diese Rückkehr innerlich vollzogen hatte. Eine harmlose Passkontrolle schmiss ihn aus jeder vermeintlichen Sicherheit und wies ihm seinen Platz zu, der der eines Verurteilten, eines Schuldigen, eines Rechtlosen war. Die Macht hatte auf ihre verachtende, perfide Art Guten Tag gesagt und den Glanz des Orts, den Anflug von Freude, den er in seiner Brust gespürt hatte, weggewischt, als müsste er wieder und wieder vor Gericht stehen, verurteilt, gebrandmarkt für alle Zeit. Als er um den Campanile nach rechts bog, wo der große Platz in einen kleineren, nicht weniger belebten überging, der am Hafenbecken endete, läuteten gerade die Glocken oben im Turm, wie sie von der Peter-und-Paul-Kirche zur neunten Abendstunde geläutet hatten an jenem vierundzwanzigsten Dezember, als er in einem von vier offenen Pferdeschlitten durchs Festungstor gefahren wurde, über den Newskij-Prospekt, vorbei an hell erleuchteten Wohnungen mit festlich geschmückten Christbäumen. Am Ural blieben Pferde und Schlitten in den Schneewehen stecken, die Häftlinge mussten aussteigen und bei minus vierzig Grad im Schneesturm stehend stundenlang warten, bis die Schlitten wieder freigemacht waren. Es war die Grenze Europas. Vor ihm Sibirien und ein ungewisses Schicksal, hinter ihm die Vergangenheit und sein bisheriges Leben, das abgeschnitten, abgerissen war. Wieder, wie damals, schnürte es ihm den Hals zu, als er sich in diesen Moment zurückversetzt fühlte, und wieder, während er bei plus vierzig Grad durch die quirligste, heiterste Menschenmenge in schweißtreibendster südlicher Glut schritt, fror er, wie damals, bis ans Herz. Die wochenlange Fahrt nach Omsk war nur ein Anfang gewesen: der vier Jahre Zuchthaus, der Zwangsarbeit, des Hungers, der Krankheiten und Demütigungen und der ständigen Konfrontation mit den Abgründen menschlichen Seins, ein Anfang der weiteren sechs Jahre als gemeiner Soldat, bleierne Jahre in einer Provinzstadt am Ende der Welt, ein Anfang von insgesamt zehn Jahren Entrechtung, des Entzugs von jeglichem zivilisierten Umgang, Jahre des Schreib- und Publikationsverbots. Dieses eintönige Leben hat mich gebrochen, dachte Dostojewskij, als er am Hafen mit den Frachtschiffen, den Gondeln und all den kleinen Barken und Barkassen stand und auf das Meer schaute, das hier aber noch von allen möglichen Inselchen und Inseln, von denen er keine Ahnung hatte, bestimmt und begrenzt wurde, wie das makellose Blau des Himmels eingerahmt war von feinen wattebauschartigen Wölkchen am fernen Horizont.

Er ging die Uferzeile weiter, bis die Häuser immer einfacher wurden. Er ging nicht gern zu Fuß, aber er tat es auch zu Hause jeden Tag, wie hier über Brücken und Kanäle, weil er im Gehen allein war und denken konnte und weil es ihn müde machte und Müdigkeit ihm guttat. Er hatte wieder zu lange nichts gegessen und kehrte um, zurück bis nahe an den Markusplatz, wo die Lokale häufiger waren. Von den vielen Restaurantterrassen wählte er, einem unerklärlichen Sehnsuchtsschub beim Lesen des Namens folgend – obwohl er an London alles andere als gute Erinnerungen hatte –, die des Londra Palace.

Am Anfang der Reise hatte er sich angewöhnt, wenn möglich auf den Terrassen der Restaurants zu essen, weil die Tische in den Sälen zu eng standen und die Deutschen immer so neugierig schauten, was er bestellt hatte. Da nun auch hier die tedeschi regierten, nahm er lieber in einem der eleganten beschatteten Fauteuils im Freien Platz. Die Speisekarte verkündete auf Italienisch, Deutsch und Französisch, dass man sich freue, den Gästen jeden Wunsch zu erfüllen. Das Bier kam zu seiner Enttäuschung nicht offen, sondern in einer kleinen Flasche und war kälter, als es Bier zusteht. Als er den Löffel in die appetitlich aussehende Suppe tauchte, erschien ein Kellner mit einem schweren Stück Käse und hobelte ihn mit einer Reibe über den Teller, deckte die Suppe völlig damit zu, und der Geruch verdarb ihm den Appetit. Missmutig fischte er ein paar Brocken Gemüse unter dem Käse hervor, und obwohl er sich im Gefängnis an Suppen voll Küchenschaben hatte gewöhnen müssen, schickte er den Teller zurück und bat erneut um die Karte. Als er nach längerem Studium aufschaute, bekamen Gäste drei Tische weiter gerade ihr Essen, und Dostojewskij machte, um seinen Blick zu schärfen, die Augen schmal, denn was er sah, war zu schön, um wahr zu sein, es war sein geliebtes Gericht, das er in Sibirien kennengelernt hatte: gefüllte Teigtaschen – Pelmeni! Er schlug die Karte zu und rief den Kellner. Um seine Euphorie zu überspielen, murmelte er eher undeutlich und mit dem Gestus weltmännischer Gelassenheit: „Pelmeni“, und machte eine kleine Bewegung mit dem Kopf zum Tisch, wo die Gäste mit großem Genuss ihre Teigtaschen verzehrten. Der Kellner, der seine Augen am Schreibblock hatte, sah die Kopfbewegung nicht, stockte aber, als er das Wort hörte, aus irgendeinem Grund, ehe er es aufschrieb. Dostojewskij lehnte sich befriedigt zurück und wartete. Sibirische Pelmeni in Venedig. Was es alles gab. Nach einiger Zeit steckte der Kellner den Kopf aus der Tür, zeigte auf ihn und sagte etwas zu einem anderen Kellner, der feiner angezogen war. Beide verschwanden. Kurz darauf kam der andere, der wohl ein Vorgesetzter war, und fragte sehr höflich:

„Scusi, Signore, lei desidera pelle di mele?“

Dostojewskij kam die italianisierte Form des Namens seltsam vor, aber er hatte keine Lust auf Komplikation und sagte, aus Scham, kein Italienisch zu können, das beabsichtigte „Oui“ verwechselnd, laut „Da“. Der feine Herr verneigte sich und ging. Nach fünf Minuten öffnete sich ein kleines Fenster am Eck des Restaurants und ein Koch schaute verwundert auf den Gast, der die Suppe hatte zurückgehen lassen, schnalzte mit der Zunge und machte das Fenster zu. Nach weiteren fünf Minuten brachte ein Kellner einen Teller mit etwas, das aussah wie grüne Apfelschalen. Sehr sorgsam vom Apfel oder von den Äpfeln gelöst, geradezu kunstvoll geringelt und drapiert und mit roten Tropfen besprengt, die nach Erdbeere rochen, liebevoll angerichtet, aber eben doch – Schalen. Als der erste Kellner heraustrat, winkte er ihn zu sich.

„Qu’est ce que c’est?“

„Come?“

„What is this?“

„Cosa lei ha desiderato …“

„Schto?“, entfuhr es ihm auf Russisch.

„Cio?“, echote der Kellner ratlos. „Un attimo, per favore.“

Der Vorgesetzte kam und fragte auf Französisch, was der Herr bestellt hätte, nun, Pelmeni, sagte der und wies zum Nebentisch, wo die Gäste aber inzwischen Eis löffelten. Beide schwiegen einige Sekunden. Dann klärte sich die Sache auf. Das Wort „Pelmeni“ war hier völlig unbekannt. Der erste Kellner hatte sich Pelle di meli zusammengereimt, die falsche Pluralform meli statt mele für „Äpfel“ verwendeten viele Ausländer, pelle war auch nicht ganz korrekt, das hieß „Haut“, aber gut. Und ihnen sei eingetrichtert, den Gästen wirklich jeden Wunsch zu erfüllen, und da auch Essig aus Apfelschalen gemacht wurde, dachte man sich, warum nicht.

„Und was haben die Herrschaften vorhin dort gegessen?“

„Gefüllte Teigtaschen.“ Dostojewskij schaute verständnislos.

„Tortellini.“

„Nun gut.“ Er legte die Hände auf den Tisch und atmete durch. „Dann bringen Sie mir das, bitte.“

„Es tut mir leid, die Küche hat bereits geschlossen.“

„Dann die Rechnung bitte.“

Diese Untugend zog sich durch Europa: das frühe Schließen der Lokale. In Russland bekam man die ganze Nacht etwas. Drei Löffel Gemüse und ein kleines Bier – die Apfelschalen wurden nicht in Rechnung gestellt – kosteten mehr, als er je auf der Reise für ein Hauptgericht bezahlt hatte.

Es war immer noch heiß, doch waren die fernen Wolkenfronten inzwischen näher gerückt und bevölkerten den dämmernden Himmel wie eine riesige Herde kleiner Schafe. Die ins Meer tauchende Sonne beleuchtete sie blutrot. Über den Inseln verfärbten sie sich grau. Am Markusplatz war inzwischen Struktur in das bunte Treiben gekommen. Eine Militärkapelle hatte sich vor den nun gasbeleuchteten Arkaden hinter den Tischen eines Cafés postiert, an denen vornehme Damen und Herren, darunter viele österreichische Offiziere, bei Kaffee, Eiswasser, Likören und Zigarren saßen, plauderten und der Musik lauschten, während über den weitaus größeren Teil des Platzes hin eine dichte Menge von Männern und Frauen aus dem Volk stand oder auf- und abging, venezianische Familien mit Kindern, bizarre Gestalten in griechischer und türkischer Tracht, Bettler, Verkäufer von Süßigkeiten, Nonnen und Seemänner. Die Kapelle, gut sechzig Mann, spielte österreichische beschwingte Musik, wahrscheinlich aus Operetten, etwa die Hälfte der über den Platz ziehenden Venezianer hatte sich in gemessenem Abstand vor die Kaffeehaustische gestellt und lauschte ebenfalls der Musik, wobei es aber den Eindruck machte, als gehörte die feine Gesellschaft zur Darbietung und als betrachtete ein Publikum von einem gigantischen Stehparkett aus ein Schauspiel, dessen Akteure saßen und von Musik begleitet wurden. Die Heiterkeit der Klänge stand in befremdlichem Kontrast zu der gespannten Situation. Denn so manche der in hellen, leichten Kleidern und Anzügen Dasitzenden fühlten sich mit ihren Kuchengabeln und Porzellantassen sichtlich unwohl unter den ernsten Blicken der dunklen, schwarz gekleideten Menge, der vielen hohlwangigen, großäugigen Kinder, und wären gerne unter sich gewesen. Diese still und bedrohlich dastehende Menge, die in einer geradezu grotesken Überzahl war, hörte gebannt auf die Musik. Doch war ein Stück zu Ende, rührte sich keine Hand zum Applaus. Es war klar, dass das als Verrat gegolten hätte – an ihrem Land, an ihrer Stadt, die besetzt und beherrscht war von einer fremden, gefürchteten, verhassten Macht. Ihr Schweigen hatte etwas von einem stummen Schrei.

Dostojewskij schaute und hörte vom Vorplatz der Kirche aus zu. Er mochte das Gescheppere und Gedudel nicht. Die letzte musikalische Darbietung, die ihn zutiefst berührt hatte, war in Wiesbaden das Stabat Mater von Rossini gewesen. Außerdem beklemmte ihn die geladene Atmosphäre auf dem Platz, und er fragte sich, welche seine Rolle in dem traurigen Stück wäre, das hier gespielt wurde. Sicher nicht unter denen, die sich als die Herren großtaten. Viel eher sah er sich beim Volk hinter dieser unsichtbaren Glasscheibe stehen, die seit je und für immer Arm von Reich, unten von oben zu trennen schien, beim Volk, für das sein Herz schlug, seit er dem russischen in der Verbannung so nahe gekommen war wie nie zuvor. Er wollte gerade weitergehen – die Kapelle spielte einen Militärmarsch und hielt einen langen Trommelwirbel –, als ein gewaltiger Donner das Szenarium erschütterte und die Blicke aller auffahren ließ, die der Sitzenden wie der Stehenden, der Flanierenden wie der Musizierenden, zu einem trotz der zarten Bewölkung heiteren Himmel, der diesen Kanonenschlag von wer weiß wo geschickt hatte, nur einen, ohne das Nachspiel eines Gewitters, ohne einen Hauch Wind, an einem heißen, ruhigen, friedlichen Abend, ein Donner nur, ein furchtbares, alles durchdringendes Krachen, das tausend Tauben auffliegen ließ zu den schützenden Fensterbögen über dem Platz und das gut eine halbe Minute nachgrollte. Es war ein unheimlicher Moment, und es fiel schwer, ihn nicht als einen Kommentar zu der Zerrissenheit des Orts, der Stadt, der Völker zu verstehen.

Die Kapelle fiel danach wieder in das Marschmotiv, aber irritiert und gedämpfter und bemüht, einen gemeinsamen Takt zu finden, die Damen und Herren an den Tischen retteten sich in lustige Bemerkungen zueinander, und die Menge schwieg weiter. Dostojewskij nützte die erstbeste Gasse und verließ den Platz.

Im Gewirr der Wege versuchte er, sich links zu halten und so, den Platz umgehend, Richtung Hotel zu kommen. Er wollte eine Kleinigkeit zu essen kaufen und den Rest des Abends in seinem Zimmer verbringen. Doch der innere Kompass, den er in Petersburg benutzte, funktionierte hier nicht, und bald musste er sich eingestehen, überhaupt keine Orientierung zu haben. In einer langen, engen Gasse kamen ihm drei Polizisten entgegen. Schon von Ferne nahmen sie ihn ins Visier, und es gab keine Möglichkeit, abzubiegen und der Begegnung zu entgehen. Als sie fünf Schritte vor ihm waren und einer bereits Anstalten machte, ihn anzusprechen, zog Lärm aus einem winzigen Lokal ihre Aufmerksamkeit ab und sie duckten sich alle drei durch die niedere Tür und waren verschwunden. Dostojewskij warf im Vorbeigehen einen vorsichtigen Blick hinein und sah eine Gruppe Männer mit Schnapsgläsern, die, in einer hitzigen Debatte unterbrochen, verdutzt den Uniformierten gegenüberstanden. Erleichtert ging er weiter.

Raskolnikow sollte im Roman die Polizei selbst auf seine Fährte bringen, dachte er. Da sein Verbrechen ihn auch äußerlich aus der Gesellschaft katapultierte, zu der er innerlich nie gehört hatte, konnte seine Rettung nur im Bekenntnis seiner Schuld und in der Verhaftung bestehen. Die Geschichte über Lacenaire mussten er und Michail in der „Zeit“ in ihrer Rubrik „Verbrechen und Strafen“ bringen. Und während er in Gedanken einen Handlungsstrang des Romans bis zum möglichen Ende weiter verfolgte, gingen seine Beine lange ziellos über Treppen und Wege, kleine Plätze und schmale Brücken, bis er sich auf einmal vor der breiten Wasserstraße fand, die der Canal Grande sein musste. Im ersten Moment glaubte er sogar, die Brücke zur Galerie und zu seinem Hotel auszumachen, und lobte seinen Instinkt, doch zu früh, die Brücke war aus Stein und hatte Aufbauten in der Mitte und war, jetzt erinnerte er sich an Darstellungen, keine geringere als die von Shakespeare verewigte, berühmte von Rialto.

Händler packten ihre Stände zusammen, an der Brüstung oben in der Mitte der Brücke war Dostojewskij allein. Hier hat alles begonnen, dachte er. Auf einer Insel im Sumpf der Lagune lag das Fundament eines Weltreichs. Auch Peter der Große hatte seiner neuen Hauptstadt ein viel verzweigteres Netzwerk von Kanälen geben wollen, als es dann die Gefahren durch Stürme und Fluten zugelassen hatten. Aber die Anordnung der Straßen auf der Wassiljewskij-Insel im Sumpf des Newa-Deltas, des neuen Zentrums des russischen Imperiums, erzählte noch davon, dass sie in Wahrheit nie ausgehobene Wasserwege waren. Der Blick von der Rialto-Brücke war ein lebendes Gemälde. Nur wenige Fenster der alten Paläste waren erhellt. Feierten hier österreichische Besatzer in den Sälen und Betten der vertriebenen Aristokraten wilde Feste? Oder waren auch die Österreicher im Feiern so, wie die Deutschen in ihren Gasthäusern saßen, verkniffen und steif? Dazwischen lachten sie manchmal laut auf und schlugen mit der Faust auf den Tisch, das war dann ihre gute Laune. Weit konnte man die Augen den Kanal hinunter treiben lassen, bis er hinter einer Kurve verschwand. Weite Ausblicke schienen in Venedig, bewegte man sich von seinen Rändern weg, selten zu sein. In Petersburg waren sie die Regel, da die Häuser mehr auseinanderstanden und niedrig waren. Das machte den Himmel so vorherrschend. Petersburg war eigentlich ein großer Himmel, mit etwas Bebauung darunter. Aus der heraus man immer wieder in die Ferne sehen konnte. Die langen Prospekte führten vom Zentrum sichtlich hinaus ins russische Riesenreich. Sie kündeten vom ersten Schritt an davon, dass der Weg weit sein würde. Und kam man über sie von auswärts an die Stadt heran, sah man viele Meilen voraus Zeichen des Zentrums, auch wenn sie, wie die goldene Nadel der Admiralität, fein und schlank und nicht allzu hoch waren.

Und doch dachte Dostojewskij daran, wie er am Vorabend der Abreise an der Brüstung einer Newa-Brücke gestanden und Sankt Petersburg betrachtet hatte. Irgendeine Eigenschaft lag in diesem Panorama, hatte er gedacht, die alles auslöschte, alles tötete, gleichsam auf Null stellte. Eine ganz unerklärliche Kälte ging von ihm aus, ein seltsamer Geist der Stummheit, des Schweigens, ein irgendwie stummer und tauber Geist lag ausgegossen darin. Er konnte es nicht ausdrücken … es war nicht einmal Leblosigkeit, denn gestorben war doch nur, was einmal lebendig war, aber das wusste er, seine Empfindung war nicht abstrakt gewesen, ausgedacht, sondern eine ganz natürliche, unmittelbare. Er hatte Venedig nicht gesehen, aber dort wäre es wahrscheinlich anders, war seine Vermutung gewesen. Und nun stand er hier, und seine Handflächen fühlten am Stein der Brüstung die Wärme des Tags, und mit ihr die Glut der Jahrhunderte, die diese Stadt erbaut und belebt hatten. Und ein seltsames Gefühl erfasste ihn, eine Ahnung von etwas, das er sich nicht erklären konnte. Er glaubte nicht, dass sein Eindruck von Petersburg nur seiner Erschöpfung zuzuschreiben war, auch wenn die Ärzte ihm dringend zu einem Erholungsurlaub geraten hatten. Zweieinhalb Jahre nach seiner Rückkehr aus Sibirien war er durch umfangreiche Verpflichtungen im Dienst der „Zeit“ – dem Lesen und Lektorieren von Manuskripten, Übersetzungen, öffentlichen Lesungen –, die er neben seiner eigentlichen Schreibarbeit zu erledigen hatte, am Ende seiner Kräfte gewesen. Die epileptischen Anfälle waren stärker geworden. Gegen seine chronischen Atemwegsbeschwerden wurden ihm die Wasser von Bad Gastein und Seebäder in Biarritz empfohlen. Doch ihn zog es an die Orte seiner so lange gehegten Sehnsüchte und Erwartungen, in das Land, in dem Schiller den Traum von der humanisierenden Macht des Schönen und der unersetzbaren Rolle der Kunst in der Menschheitsentwicklung geträumt hatte, in die Stadt Hugos, bei dem er zum ersten Mal realisiert sah, was er als den Hauptgedanken aller Kunst im neunzehnten Jahrhundert bezeichnete: die Wiederherstellung des untergegangenen Menschen, der zu Unrecht unter der Last der gesellschaftlichen Umstände und Vorurteile erdrückt wurde. Ein christlicher und moralischer Gedanke, wie er ihn vor Kurzem im Vorwort zur russischen Ausgabe des Romans „Notre-Dame de Paris“ formuliert hatte. Schon früh war Dostojewskij die Ordnung der Außenwelt als ein schöner Schein der Oberfläche erschienen, der etwas anderes verdeckte, das unbekannt war und furchtbar sein konnte. Daher hatte die Kunst die Aufgabe, das Verdeckte sichtbar zu machen, unter die Haut zu schauen, die Knochen aufzuzeigen, die den Menschen aufrecht hielten und bewegten, der Wahrheit näherzukommen. Die Kunst hatte die Verpflichtung dazu. Und so war er nach Europa aufgebrochen, hatte das Resthonorar der Verdichtung seiner Eindrücke im sibirischen Gefängnis Frau und Stiefsohn überlassen und raste nun schon über zwei Monate durch diesen Kontinent seines hartnäckigen Glaubens und hatte Angst, sich das Ausmaß seiner Enttäuschung und Verbitterung darüber einzugestehen. In diesem Moment befiel ihn eine solche Sehnsucht nach seiner Frau, dass er glaubte, in der Sekunde verrückt zu werden. Wie konnte er sie so lange mit ihrer Krankheit allein lassen. Hatte er nicht vor Gott geschworen, immer für sie da zu sein? Und sosehr er sich auch im Klaren war, dass die Sehnsucht nach ihr die Sehnsucht nach der Anfangszeit ihrer Verliebtheit war, und sosehr er spätestens seit gestern Abend wusste, dass sie mit ihrer Ehe an einem toten Punkt angekommen waren, wusste er im selben Moment, dass er nicht aufhören konnte, sie zu lieben, ja je unglücklicher sie miteinander waren, desto mehr würde er sich an sie schließen, bis zum Ende. Und da war es ihm schlagartig klar, dass er sofort abreisen musste, morgen früh. Sein Geld war aufgebraucht, seine Reiseenergie verpufft, da das Glücksspiel von den Österreichern verboten war, sah er keine Chance, beides wieder zu vermehren, und Venedig selbst, ihre Schönheit, ihren Reiz, er sah sie wohl, an sein Herz drangen sie nicht.

Die letzten Händler waren abgezogen. Es war dunkel geworden. Und still. Ein beinahe voller Mond stand am Himmel. Dostojewskij nahm Abschied. Von Venedig, von West-Europa. Und das war zugleich ein Abschied von Träumen, die aus der Kindheit kamen und den jungen Mann in ihm beflügelt hatten. Es war ein Abschied von seiner Jugend. Er stützte die Ellbogen auf und legte die Hände an die Wangen und die Fingerspitzen an die Schläfen. Er kannte den Zustand, der sich seiner bemächtigte. Er hatte ihn beschrieben. Er hatte es ein „mystisches Entsetzen“ genannt, „die Furcht vor etwas, das er selbst nicht angeben konnte, etwas Unfassbares, gar nicht Existierendes in der Ordnung der Dinge, das im Begriff war, wirklich zu werden, wie zum Hohn auf alle Beweise der Vernunft …“. Lange stand er so. Und da er den Kopf schwerer werden fühlte, löste er die Arme von der Brüstung und legte die Stirn auf den warmen Stein, wie man sie sonst zur Kühlung auf etwas legt, jedenfalls zur Linderung, oder auch zum Gebet … als er hinter sich ein Geräusch hörte.

3

Zuerst dachte er an eine Maus oder Ratte. Nächtlich verlassene Märkte und deren Bewohner waren ihm vertraut. Doch das Knacken oder Klopfen wiederholte sich, und als er sich umdrehte, sah er einen Schatten zwischen zwei Läden. Es konnte ein Dieb sein, und seine Kräfte zur Abwehr im Fall eines Angriffs wären gering gewesen. Doch er hatte keine Furcht und ging einen Schritt näher. Hörte er es hinter dem Verschlag einen Meter vor ihm atmen? Auch war es, als würde ihn etwas durch die Zwischenräume der Bretter anschauen. Ein Plumpsen im Kanal ließ ihn herumfahren, ein Mann stand am Ufer und sah etwas Hineingeworfenem oder -gefallenem nach, vielleicht einer Flasche, denn er wankte. Als Dostojewskij wieder zurückschaute, huschte seine Erscheinung die Stufen hinunter zur anderen Seite als der, von welcher er gekommen war, immer so an den Läden entlang, dass die schattenwerfende Figur selbst unsichtbar blieb. Er ging ihr nach. Am Fuß der breiten Steintreppe gluckste Wasser vom Kanal, kurz davor, auf die Gasse zu steigen, was hinsichtlich der langen Trockenheit doch erstaunlich war. Die Ladenreihe setzte sich in einer Geraden fort und führte zu einem Platz, dessen Geruch keinen Zweifel darüber aufkommen ließ, was tags auf ihm verkauft wurde: Fisch. Ein Mann in abgerissener Kleidung durchsuchte eine Mülltonne, und Dostojewskij dachte an die Frauen und Männer, die jeden Morgen zum Sennoi-Markt kamen, um Fleisch, Fisch und Gemüse für die Obdachlosenheime zu erbetteln. Die meisten Händler gaben ihnen von ihren Waren. Ein kleines Geschäft war eben daran, zuzusperren, die alte Verkäuferin kam aber dem Wunsch des ausländischen Kunden nach einem Stück Käse und einem Viertel Laib Brot nach und richtete ihm beides sehr umständlich in einem Päckchen zusammen. Von den Münzen, die er ihr hinhielt, wählte sie die kleinste und beschenkte ihn zudem mit einem, wie er es empfand, zutiefst mädchenhaften Lächeln von ihrem greisenhaften Mund. Draußen riss Dostojewskij das sorgfältig Verschnürte auf und biss gierig ins harte Brot, wobei ein Zahn heftig schmerzte und wackelte. Ein schlechtes Zeichen, dachte er, und überlegte, in welche Richtung er sich auf die Suche nach seinem Zimmer machen sollte, wo er Käse und Brot – Tee würde er wohl noch bekommen – verzehren, zwei bis drei Stunden arbeiten und sich nicht zu spät schlafen legen wollte, um den frühestmöglichen Zug nach Triest und dann über Wien, Dresden und Berlin nach Hause zu nehmen. Da sah er an einer Ecke des Marktes wieder eine Bewegung, diesmal die einer kleinen rundlichen Figur, die ihn an Beppo erinnerte, den er ganz vergessen hatte. Winkte sie, ehe sie um die Ecke bog? Er ging ihr gesenkten Hauptes nach und kaute kleine Bissen Brots und mochte sich selbst überhaupt nicht in dieser Situation und auf dieser Reise, deren Niederlage er sich eben auf der Brücke eingestanden hatte und die er sein weiteres Leben mittragen würde als fehlgeschossene Utopie seiner Jugend, deren stationsweise Demontage er rekonstruieren und den russischen Lesern in einem Reisebericht seiner Zeitschrift übermitteln müsse.

Musik drang zu ihm aus nicht weiter Ferne. Er hob den Kopf und sah nun ziemlich sicher, dass es Beppo war, der in eine Gasse tauchte. Je näher er kam, desto deutlicher klang die Musik aus ihr, ein lebhafter italienischer Gesang einer Gruppe Feiernder, von einer sehr kräftigen Männerstimme angeführt und von den Trommel- und Schellenschlägen eines Tamburins begleitet. Er blieb stehen und las „Calle de la Madonna“. Keine zwanzig Schritt weiter kündeten eine Laterne und durch eine offen stehende Tür fallendes Licht von Leben in der sonst dunklen und in die Tiefe völliger Finsternis gehende schmale Gasse. Als er einen Fuß in sie setzte, umfing ihn kühle Feuchtigkeit, die er als wohltuend empfand. Der Gesang wurde mit jedem Schritt lauter und schwoll, als er unter der Laterne an einem zur Gänze abgedunkelten Fenster stand, zu solcher Wucht an, dass er seine Energie in den Haarspitzen und die geballte Lust der vielfältigen, männlichen wie weiblichen, alten wie jungen, Stimmen in seiner Brust zu spüren meinte, als wollte sein müdes Herz mithüpfen zu dem stampfenden, zuversichtlichen Rhythmus dieses heiteren, volkstümlichen Liedes, dieser hymnischen und dabei zutiefst eingängigen, einfachen Melodie, deren Vortrag den Charakter einer professionellen Aufführung hatte und doch vom Lachen, den Übertreibungen und kleinen Unsauberkeiten, wie sie einer ausgelassenen Schar lebhaft Feiernder zu eigen ist, durchsetzt war. Über der Tür stand in fast nicht mehr lesbaren Lettern Acquasanta.

Der Gastraum war leer. Und wenig beleuchtet. Einzig die Schank im Hintergrund war hell und in Betrieb. Flaschen, Becher, Gläser türmten sich auf ihr. Alles Leben spielte sich hinter einer angelehnten Flügeltüre ab, durch die der Gesang gedämpfter drang als vorhin durch das Fenster auf die Gasse. Die ging auf und ein gebückter Mann mit Schürze, der zu sich selbst sprach, brachte zwei leere Weinkrüge. Im Vorbeigehen sah er kurz hoch, und Dostojewskij wusste nicht, ob eine seiner vor sich hin gemurmelten Äußerungen ein Grußwort war. Der Wirt – um den musste es sich handeln – stellte die Krüge unter den Hahn eines Fasses und nützte die Zeit ihres Volllaufens dazu, sich aufstützend zu verschnaufen. Er blieb weiter im intensivsten Dialog mit sich, stellte sich Fragen, gab sich Antworten, zuckte die Schultern, lachte, schaute nun aber den Unbekannten vor sich so intensiv an, als spräche er zu ihm. Kein Befremden über seine Anwesenheit. Als die Krüge voll waren, machte er sich mit einer lauteren Suada Kraft und trug sie durch die Flügeltüre, die er nun einen Spalt weiter offen ließ und so einen Blick hinein gewährte. Eine bereits in beträchtliche Unordnung gebrachte gedeckte Tafel stand über die ganze Länge des nicht großen Raumes, an der sich die meisten der Feiernden wie in Darstellungen des letzten Abendmahles an einer Seite zusammendrängten, in deren Zentrum ein stattlicher Mann mit beträchtlicher Leibesfülle, breitem Kopf und kunstvoll gewellten schwarzen Haaren saß, der wie ein Familienvater aus voller, breiter, kräftiger Brust singend den Ton angab und mit einer riesigen Schöpfkelle dirigierend den Takt schlug. Die Gesichter der um ihn Sitzenden waren markant und charaktervoll, als wären die Typen einer italienischen Komödie, von Jung bis Alt, an einem Tisch versammelt, was auch die gewisse Brillanz ihres Gesangs erklären mochte. Die Kerzenbeleuchtung verstärkte das Gemäldehafte der volkstümlichen Szene, zu der nur die feinen Kristallgläser, in die der Wirt aus seinen derben Krügen perlenden Wein schenkte, in Kontrast standen. Die Augen des Familienvaters fielen durch den Türspalt auf die Gestalt des draußen stehenden einsamen Herrn und blitzten auf, der breite, sinnliche Mund ging noch ein wenig mehr in die Breite und ein Teil der taktgebenden Kopf- und Schöpfkellenbewegungen wurde zu einem freundlichen Gruß, den ein geselligeres Gemüt als das Dostojewskijs erwidert hätte. Er aber stand regungslos mit seinem Päckchen Brot und Käse und wusste nicht, was ihn abhielt, in die Nacht zu schlüpfen und nach Hause zu gehen. Da sah er, wie der Sangesvorstand sich zum einschenkenden Wirt neigte und ihm etwas ins Ohr flüsterte, worauf dieser mit seinem gebeugten Rücken, der jeder seiner Handlungen etwas Geflissenes gab, um den Tisch und durch die Tür eilte, sich vor Dostojewskij aufstellte und in Italienisch gefärbtem Französisch sagte: „Der Maestro lädt Sie ein, hineinzukommen.“

Dreifach überrascht – über die französische Anrede, die Einladung und das „Maestro“ – schaute er über den Wirt auf den fülligen Mann, der aber eben im Begriff war, im Singen mit einem neben ihm sitzenden, auffällig hübschen jungen Mann zu scherzen und seine Taktschläge mit der Schöpfkelle auf dessen imaginäre Brüste anzudeuten, was diesen veranlasste, seinen Kopf mit den langen, brünetten Haaren in den Nacken zu werfen und im heftigen Auflachen zwei blendend weiße Zahnreihen und einen kräftigen, wenngleich mädchenhaft blassen Hals zu entblößen, eine einfache Reaktion und zugleich eine Demonstration, ein Ausbruch jugendlicher Vitalität, die Dostojewskij sofort ergriff.

Zurück auf den Wirt schauend, fragte er: „Der Maestro?“

„Nun“, hob der Gebeugte die Arme und sagte, als gäbe es nichts Selbstverständlicheres: „Maestro Rossini.“ Lachte, ging weg, drehte sich noch einmal um und sagte mitten in den versteinertsten und doch fragendsten Blick: „Gioachino Rossini. Er lädt Sie herzlich ein.“

Dostojewskij musste sich einen Augenblick an der Schank festhalten. Träumte er? Zweifelnd schaute er auf den vitalen, singenden, kraftstrotzenden Mann. Es konnte sich natürlich nur um einen Namensvetter handeln oder um irgendeinen Musiker, der sich so nannte, denn Rossini … kam doch tief aus dem achtzehnten Jahrhundert … wohl hatte er nie von dessen Tod gehört oder gelesen, aber er konnte sich nicht recht vorstellen, dass er jetzt, achtzehnhundertzwei- undsechzig, noch lebte. Der Uraufführung des „Barbier von Sevilla“ in Sankt Petersburg hatte Dostojewskijs Großvater beigewohnt. Und seit wahrscheinlich dreißig Jahren hatte es keine neue Rossini-Oper mehr gegeben. Rossini war eine Legende, ein Klassiker, den man sich im elysischen Kreise Bachs und Mozarts dachte, nicht im Hinterzimmer einer venezianischen Weinstube.

„Bitte! Zögern Sie nicht!“, schob ihn da der Wirt, der einen neuen Krug gefüllt hatte, mit der freien Hand zur Türe, durch sie hindurch, und schon stand Dostojewskij an der Tafel, die fast den ganzen Raum ausfüllte, und weil das Lied in diesem Moment zu Ende war und die Darbietenden sich selbst akklamierten, schien der Eingetretene eine Art Auftrittsapplaus zu bekommen. Der Rossini genannte Mann stand auf und sagte: „Buona sera. Siate mio ospite, per favore. Sono Gioachino Rossini e questi sono i miei amici.“

Dostojewskij dankte, sagte seinen Namen und setzte sich auf den ihm angebotenen Platz auf der Bank gegenüber. Die anderen waren vom Singen in die lebhafteste Unterhaltung geglitten, tranken, riefen durcheinander und lachten, der vollhalsige Gesang war dagegen leise gewesen. Auch die Aufmerksamkeit des Gastgebers auf ihn schien fürs Erste beendet und wieder auf den Jungen neben sich gelenkt, was ihn nicht daran hinderte, die eine oder andere Bemerkung zu irgendeinem entfernter Sitzenden zu machen, dem Wirt, der nun an einer weiteren Türe, die vielleicht zur Küche führte, stand, Anweisungen zu geben und zwischendurch die ganze Runde mit einer scherzhaft gesungenen Phrase zum Lachen zu bringen. Es schien, als wären seine Augen und Ohren überall, und alle aus seiner Freundesschar, sosehr sie miteinander beschäftigt waren, hatten immer wenigstens ein Ohr und ein Auge bei ihm, um nichts von seinen Äußerungen zu verpassen und sofort zu reagieren, sollte er sie in die Unterhaltung einbeziehen. Der stattliche Mann mit dem berühmten Namen war der natürliche Mittelpunkt der Tafel, ihre Sonne, und stand mit jedem der ihn umkreisenden mitfeiernden Gestirne in energetischer, sympathetischer Verbindung. Dostojewskij trank aus dem Kristallglas, das man ihm hingestellt hatte, der schäumende Wein rann kühl und erfrischend über seine Kehle und belebte, wärmte und erregte sein Inneres wie ein Zaubertrank. Zugleich sah er die Augen des jungen Mannes auf sich, sie waren blau wie Veilchen mit übergroßen pechschwarzen Pupillen, die vollen, geschwungenen Lippen lächelten, was die starken Backenknochen über den schmalen Wangen des spitz zulaufenden Gesichts betonte, das Gesicht war schön, engelhaft, und beinahe kindlich jung, aber die Formung der Mundwinkel, der Ausdruck des Lächelns und besonders ein irgendwie lauerndes Wissen in den Pupillen konterkarierten den Engel und das Kind, und als er aufstand und zum Wirt ging, um ihm etwas zu sagen und dann durch die Tür hinauszuschlüpfen, sah man auf einmal ziemlich deutlich, dass der junge Mann mit den schulterlangen Haaren und der tänzerhaft schlanken Figur in Wirklichkeit ein junges Mädchen war.

Dostojewskij fühlte sich an etwas erinnert, doch hatte er keine Zeit, nachzudenken, weil er angesprochen wurde. „Victoria kommt zurück“, sagte der Mann ihm gegenüber und zwinkerte ihm freundlich und ohne Anzüglichkeit zu. „Ich nehme an, Sie bevorzugen die französische Sprache? Sie kommen aus Russland, nicht wahr?“

Dostojewskij nickte – im Französischen war er sicher – und betrachtete das fremde Gesicht. Alles an diesem Mann schien in die Breite zu zielen. Und doch hätte man ihn nicht dick nennen wollen. Die Schultern waren mächtig, der Kopf grandios, nur die Haare lagen gescheitelt und zur Seite frisiert seltsam flach, wie angeklebt, auf ihm und fielen in sich leicht wellenden Büschen über die Ohren hinab. Die scharfe, raubvogelhafte Nase akzentuierte das flächige, großwangige Gesicht, die schwarzen, kleinen Augen über den ausgeprägten Tränensäcken waren müde und wach zugleich. Die dunklen Augenringe erzählten von durchwachten Nächten und reicher Lebenserfahrung. Der Mund wusste um Leid und Sinnlichkeit.

„Sie wundern sich, dass ich noch am Leben bin“, kam aus ihm, und die Lippen schürzten sich neckisch. „Nach allen Gesetzen der Logik dürfte ich das auch nicht mehr sein. Vielleicht werde ich so alt, weil ich nur alle vier Jahre Geburtstag habe. Am neunundzwanzigsten Februar dieses Jahres wurde ich siebzig. Ich bezweifle, dass ich den nächsten neunundzwanzigsten Februar erleben werde.“

Heftiger Widerspruch kam von den Umsitzenden, und von zwei Seiten wurde ihm eingeschenkt, wie um damit sein Leben zu verlängern. Dostojewskij rechnete angestrengt nach. Etwas passte nicht zusammen.

„Die Uraufführung Ihres ‚Barbier von Sevilla‘ war in Sankt Petersburg“, sagte er zögernd, „das war …“

„Siebzehnhundertzweiundachtzig. Zehn Jahre vor meiner Geburt“, fiel ihm der andere lachend ins Wort. Nun, damit hat er sich selbst entlarvt, dachte Dostojewskij und wunderte sich, wie leichtfertig er einem Schwindler aufgesessen war. Doch da nahm der sein Glas und stellte es, seine Worte unterstreichend, in die Tischmitte: „Siebzehnhundertzweiundachtzig schrieb Giovanni Paisiello seinen ‚Barbiere di Siviglia‘ für Sankt Petersburg. Er war dort Hofkomponist. Ein Süditaliener! Die Oper war lange erfolgreich. Ich habe den sterbenden Paisiello in Neapel besucht und ihn gebeten, den Stoff neu vertonen zu dürfen.“ Damit stellte er ein zweites Glas in die Mitte und nahm das erste weg. „Das ist nun auch bald ein halbes Jahrhundert her. Ich habe den Nerv der damaligen Zeit getroffen. Der Erste, der Beste zu sein, war das Ziel der neuen bürgerlichen Welt. Mein Figaro war ihr Herold. Und ich der gefeiertste Komponist Europas. Zum Wohl“, hob er sein Glas. „Sie sind Musiker?“

Dostojewskij brauchte einige Zeit, um das Gehörte in sich aufzunehmen. Der Mann war kein Schwindler. Der Mann war tatsächlich der, den Stendhal den „Napoleon der Musik“ genannt hatte, der geniale Erfinder des „Wilhelm Tell“, der „Cenerentola“, der geschichten- und sagenumwobene, der beinahe schon mythologische Gioachino Rossini.

„Schriftsteller“, entfuhr es ihm automatisch.

„Ah!“, riss ihn der andere aus seinen Gedanken. „Ein russischer Schriftsteller. Ich kenne Turgenjew aus Paris. Kennen Sie Turgenjew?“

Dostojewskij nickte. Er kannte Turgenjew. Und wurde nicht gern an ihn erinnert. Erstens schuldete er ihm noch Geld, und dann konnte er es dem nur drei Jahre Älteren, doch um so viel Berühmteren nicht vergessen, dass er ihn in seiner Anfangszeit in Petersburg einen „aufgeblasenen Provinzdichter mit Genie-Attitüde“ genannt hatte.

„Wir warten hier in Europa schon lange auf den neuen Puschkin. Sind Sie es?“

Bevor Dostojewskij rot werden konnte, legte ihm Rossini die Hand auf den Arm und lachte gewinnend. „Entschuldigen Sie. Wir Italiener sind schrecklich direkt. Sie haben eine erstaunliche Physiognomie. Ich habe im ersten Moment geglaubt, ich kenne Sie. Sie sehen aus wie jemand, den man kennen sollte. Sie sind noch jung?“

„Vierzig.“

„Mit vierzig habe ich aufgehört, Opern zu schreiben. Und mich dem Genuss des Lebens hingegeben. In meinem Landhaus bei Paris koche ich für Freunde. Auf Reisen lasse ich kochen. Aber nach meinen Angaben und Bestellungen.“ Er zeigte auf den Wirt und drei Küchenhilfen, die große Platten mit Wurst, Käse, Tomaten, Trauben und Brot brachten. „Oliven aus Kalabrien, Gorgonzola aus der Lombardei, Schinken aus Sevilla. Und unser Hauptstück.“ Mit der Andeutung einer großen Operngeste zeigte er auf eine gut zwei Meter lange Wurstrolle mit dem Durchmesser eines Wagenrades, die am Ende der Tafel auf einem hölzernen Gestell stand. Der Wirt zog sich gerade weiße Handschuhe über und fing an, mit einem langen, feinen Messer dünne Scheiben des rosafarbenen Kolosses abzuschneiden. „Mortadella aus Bologna. Aber in ihrer ursprünglichen Form als Myrtatella, mit Myrtenbeeren statt mit Pfeffer gespickt.“

Damit bekam er die erste Scheibe direkt vom Messer des Wirts, hob sie mit den Fingern hoch und sog tief ihren Geruch ein. „Im Mittelalter war ein Viertel der Bevölkerung Bolognas ausschließlich damit beschäftigt, Mortadella zu machen.“ Er öffnete den Mund und ließ die gefaltete Scheibe sehr langsam von oben hineingleiten, was die Runde mit einem gedehnten „Aaah!“ untermalte. Er kaute und beschrieb den Genuss gestisch mit kreisenden Bewegungen der rechten Hand, während die linke zum Glas griff. „Der Papst erließ ein Gesetz, in dem die Zubereitung festgeschrieben war. Wer noch vor hundert Jahren ohne Befugnis Mortadella herstellte, musste dreimal auf die Streckbank. Heute zahlt er eine enorme Strafe.“ Dies sagte er mit erhobenem Zeigefinger zu Dostojewskij, wie um diesen, sollte er je auf die Idee kommen, unerlaubt Wurst zu produzieren, vor den Folgen zu warnen. Dessen Gesichtsausdruck verriet in seinem gleichbleibenden staunenden Ernst, dass dies nicht in seiner Absicht gelegen hatte, erhellte sich aber, weil das Mädchen zurückkam, Rossini einen Kuss auf den Hinterkopf drückte, sich neben ihn setzte und dem russischen Gast das strahlendste Lächeln schenkte.

„Victoria ist der Glanz der hiesigen commedia“, erklärte der Komponist. „Ich möchte sie gerne zur comédie nach Paris entführen, aber sie hängt schrecklich an ihrem Venedig. Ich verstehe sie.“ Er nahm einen tiefen Schluck Wein. „Ich hatte die glücklichsten Zeiten meiner Jugend hier. Mit achtzehn komponierte ich meine erste Oper für das Teatro San Moisè. Mit achtzehn ein Opernauftrag für Venedig! Ich habe damals gar nicht verstanden, was das heißt. Ich schrieb eine farsa in einem Akt. Einige weitere Opern folgten. Der Erfolg war nicht riesig, aber das Honorar war gut. Meine Musik hat viele irritiert, die Lieblicheres gewohnt waren. Noch war ja die Oper die Königin der Musik. Aber sie war für den Augenblick gedacht, nicht für die Ewigkeit. Ich bin mein Leben lang beim Success ruhig geblieben … wie beim Fiasko. Ein fiasco“, deutete er ans untere Ende der Tafel, „ist im Italienischen auch die ‚Weinflasche‘. Schrieb ich meinen Eltern nach einer Premiere, deutete ich auf dem Couvert bereits das Ausmaß des Fiaskos an, indem ich eine mehr oder weniger große Weinflasche darauf zeichnete.“

Da lachte Dostojewskij zum ersten Mal, abgehackt und kurz, aber ehrlich. Rossini freute sich darüber und hob sein Glas, doch ohne ihm, was er befürchtet hatte, zuzuprosten. „Der ‚Tancredi‘ hier im Fenice war dann, was man meinen Durchbruch nennt. Ein Siegeszug der Oper folgte durch ganz Italien. Dann München, Wien, Dresden, Berlin, London, Paris, New York. Jetzt spielen sie mich gerade wieder im Fenice. Aber deswegen bin ich nicht hier.“ Er schaute seinem Gegenüber direkt in die Augen und sagte ohne eine Spur von Sentimentalität, eher heiter und wie nebenbei: „Ich wollte Venedig noch einmal sehen, bevor ich sterbe.“ Darauf tranken die beiden fremden Herren aus ihren Kristallgläsern und behielten einander im Blick.

Dostojewskij hatte sich von der Art Schock, plötzlich einem der größten Genies der Musikgeschichte, einem Helden seiner Jugend, gegenüberzusitzen, noch nicht erholt. Er musste seinen Schnitzer von der falschen ‚Barbiere‘-Oper wettmachen und sagte heiser: „Ich habe eben Ihr Stabat Mater in Wiesbaden gehört.“ Er hatte das Gefühl, im Lärm der Tischgesellschaft unhörbar zu sein, aber Rossini schien ihn anstrengungslos zu verstehen, denn er nickte lächelnd. Doch das war nicht genug, er musste etwas von seiner Begeisterung, von seiner tiefen Ergriffenheit zum Ausdruck bringen. „Ich glaube, dass …“ Er machte eine Geste mit der Hand und schämte sich sofort dafür, im Kreise dieser sich so geschmeidig und ungezwungen bewegenden Menschen wirkte sie hölzern und steif, und Rossini und das schöne Kind hingen an seinen Lippen und warteten darauf, zu hören, was er denn nun „glaube“, außerdem hatte er einen belegten Hals und trockene Lippen und kam sich unmöglich vor, doch ein Blick in die Augen der beiden gegenüber zeigte ihm, dass sie ihm das, auch wenn sie es natürlich empfinden mussten, nicht übel nahmen, und er raffte seinen Mut zusammen und sagte schließlich: „Ich weiß nicht, ob es in der Musik so viele schöne Stücke gibt.“ Und schämte sich schlagartig auch dafür. Aus lauter Angst, etwas Laienhaftes zu sagen, hatte sein Ton etwas Nüchternes, Besserwisserisches gehabt, als spräche irgendein trockener Musikologe; von einem Schriftsteller wäre wohl eine weniger plumpe Formulierung zu erwarten gewesen. Rossini lachte leise auf, aber nicht, um ihn auszulachen – dafür hatte Dostojewskij ein feines Gespür –, sondern mit wiegendem Kopf und, ja tatsächlich, aus aufrichtiger Bescheidenheit.

„Danke“, sagte er, und es klang wie von einem, der zum ersten Mal Lob über sein Werk hört, nicht wie von einem, der seit Jahrzehnten daran gewöhnt ist. „Das war vor dreißig Jahren. Meine Stücke liefen überall. Ich brachte gerade den ‚Barbiere‘ nach Madrid. Ein Triumph. Am Tag der Premiere kam ein Geistlicher und gab mir den Auftrag zu einem Stabat Mater. Ich komponierte, wurde krank, es dauerte lang. Von da an …“, er hob die Schultern und wischte auf dem Tisch ein paar Brotkrümel herum, als suche er zwischen ihnen die Erklärung für etwas, das er selbst nicht verstand, „… habe ich nie wieder einen Opernauftrag angenommen. Ich zog in eine einfache Mansardenwohnung im Théâtre-Italien in Paris, obwohl ich gut situiert war. Ich wollte unter meinesgleichen sein, unter Musikern, Theaterleuten.“ Er zeigte in die Runde, deren Gesichter jetzt alle auf ihn gerichtet waren. „Der fünfte Stock war gut für mich, denn ich fing an, dick zu werden.“ Er lachte und wischte wieder die Brotkrümel umher. „Ich hatte seit jeher die Passion der Faulheit. Meine zweite Lebenshälfte begann. Ich brauchte Ruhe … später zog ich mich nach Bologna zurück, und … così finita la comedia …“

Das Letzte sagte er schon mit Blick auf eine weitere Wurstplatte, die der Wirt an seiner massigen Schulter vorbei auf den Tisch hievte. „È arrivata la nuova mortadella“, dozierte er mit gespieltem Ernst, als käme mit der neuen Wurst das Eigentliche des Lebens ins Spiel. Er zeigte auf verschiedene Sorten. „Hier haben Sie Mortadella aus Schweineleber, hier die besonders zarte Mortadellina, die Österreicher würden sie ‚Fräulein Mortadella‘ nennen …“ Und in das Lachen der Gesellschaft erhob zum ersten Mal Victoria ihre Stimme: „È la mia amata mousse!“ Sie nahm einen Tontopf, fuhr mit dem Mittelfinger in die rotbraune cremige Masse, hob eine kräftige Portion in die Höhe, roch daran, steckte sie sich mit dem Finger tief in den Mund, sog und zog ihn völlig sauber wieder heraus. „Mmh“, stöhnte sie laut, und wieder lachten alle.

„Unartiges Kind“, schmunzelte Rossini zu seinem Gast, der vor einem noch unberührten Teller mit Mortadellavariationen saß und das junge Mädchen fassungslos und irgendwie eigenartig ansah. Wie alt mag sie sein, dachte er. Neunzehn? Zwanzig?

„Einundzwanzig“, sagte Rossini, als hätte er die stumme Frage gehört, und verschlang zwei Scheiben Schweinelebermortadella auf einmal. „Mein Magen wird morgen wieder beleidigt sein, aber morgen ist morgen. Essen Sie. Der Magen ist der Kapellmeister, der das große Orchester unserer Leidenschaften regiert und in Tätigkeit versetzt.“

Da merkte Dostojewskij auf einmal, wie hungrig er war. Und als er das erste Stück gekostet hatte, konnte er, wiewohl er sich sonst aus Wurstwaren nicht viel machte, schon nicht mehr aufhören. Zudem ermunterte ihn Victoria, die nur wenig Französisch sprach, mit Blicken, von allem ausreichend zu probieren, und schenkte ihm nach, sobald sein Glas leer war.

„Bologna ist meine eigentliche Heimat“, sagte Rossini wurstkauend, es war nicht klar, zu wem. „Dort herrscht ein gemütliches, ungezwungenes Treiben. Florenz ist schon mehr ein Hofstaat.“

Dostojewskij nickte, obwohl seine Abneigung gegen Florenz ganz andere Gründe und er von der Stadt keine Ahnung hatte. Aber der compositore freute sich, dass der Fremde seine Meinung teilte, und feierte das mit einem herzhaften Schluck. „Das ist ein Sauvignon frizzante aus Lugo bei Ravenna. Mein Vater war dort als Stadttrompeter angestellt. Und als Aufseher eines Schlachthauses.“ Er zeigte lachend auf die Wurstplatten. „Und ich bekam meine ersten Unterweisungen in Spiel und Gesang. Mit vierzehn wurde ich Mitglied der Akademie in Bologna.“

„Wie Mozart!“, rief ein älterer Mann, der mit seinem spitzen Bart und seiner markanten Nase im Halbdunkel aussah wie der leibhaftige Pantalone.

„Nun ja“, sagte Rossini milde.

Pantalone insistierte: „Mit zwölf haben Sie schon Ihre sechs Streichquartette komponiert. In drei Tagen!“

„Die schrecklichen Sonaten“, konterte der Maestro leise. „Meine Mutter war Sängerin“, sagte er zu Dostojewskij, „auf der Suche nach Engagements waren sie und Papa – er war Orchesterhornist – viel auf Reisen, ich war viel allein.“

„Er war schon als Kind eine Berühmtheit“, sprang Victoria auf Französisch ein. Ihre Stimme war kräftig und rau wie nach heftigem Schreien oder unmäßigem Zigarettengenuss, etwas Verletztes, Verletzliches lag darin, eine große Zartheit und zugleich eine rüde Widerborstigkeit, eine Art gebrochener Unschuld, die aber den Ton angab und sich behaupten wollte. Kind und Kurtisane klangen aus ihr, Erziehung und Ungehorsam, Salon und Gosse. Dostojewskij horchte intensiv auf diese Stimme, sie bewegte ihn mehr als das, was sie sagte, weshalb sein Blick auch auf Victoria blieb, obgleich sie von Rossinis Berühmtheit als Kind geredet hatte.

„Wegen meiner Stimme“, sagte der nun, „sie war sehr schön, und ich war stolz darauf. Die Mousse ist übrigens aus Parmesan und …? Raten Sie!“

Dostojewskij, zweifach überrascht ob der direkten Ansprache und des abrupten Themenwechsels, riss die Augen von dem Mädchen und murmelte: „Morta – – –?“

„Mortadella! Bravo! Ooooh …“ Unvermittelt sang er einen langen Ton, tief aus dem Bauch, seine Schultern waren im Einatmen völlig ruhig geblieben und blieben es im Verlauf des kurzen Liedes, das er angestimmt hatte und in das alle wie auf Kommando einfielen. Das Lied begann mit „Amore“, bald wurde aber klar, was das Objekt der Liebe war: die „Ooooh … La mortadella!“ Ein Gassenhauer, eine geschunkelte Liebeserklärung an eine Wurstsorte. „Sempre buona“, sang Victoria, „co’ il panino“, rief Pantalone, „con un buon bicchier’ di vino“, krächzte eine komische Alte, „la mortadella sempre vincerà!“, schlossen alle und hoben zum letzten langen Ton sämtliche Platten vom Tisch triumphierend in die Höhe.

Dostojewskij wunderte sich sehr, wo hinein er da geraten war, und mehr, dass er sich darin nicht unwohl fühlte. Der Wein, die Speise, die hartnäckig immer wieder die seinen suchenden Blicke des Mädchens, sie heizten ihn an. Doch am meisten beseelte ihn die Anwesenheit des grandiosen Musikers, der auch ein grandioser Mann war und dabei so schlicht, so natürlich mit ihm sprach, als kennten sie einander schon lang.

„Wir haben zu Hause auch viel gesungen“, sagte er lauter als vorhin und beugte sich dabei etwas über den Tisch. Rossinis Augen funkelten ihn an. „Nach dem Essen … mit den Eltern. Auf der Gitarre gespielt, gesungen, ernste Lieder von Noten, am Schluss lustige Schnurren … wir kannten alle Volkslieder auswendig … es ging sehr fröhlich zu.“ Er merkte, wie warm ihm bei dieser Erinnerung wurde, über die er selten gesprochen hatte.

„In San Pietroburgo?“, fragte der Maestro.

Er schüttelte den Kopf und zwirbelte seinen Bart, wie immer, wenn er aufgeregt war. „Das war noch in Moskau. Manchmal gingen wir ins Theater. Am Nachmittag, auf Stehplätzen.“ Er musste kurz lachen, Rossini lachte aufmunternd mit, obwohl er den Grund nicht kannte, das Mädchen hatte den Kopf schief gelegt und sah ihn schmunzelnd an. „Mein Lieblingsstück … ich war sieben … war ‚Schoko, der brasilianische Affe‘.“

„Schoko!“, rief Pantalone, der den Namen im Gespräch mit seinem Tischnachbarn aufgeschnappt hatte. Auf einmal waren wieder alle Augen auf dem anfangs so schweigsamen, langsam in Fahrt kommenden Gast.

Auch Rossini kannte das Stück. „Es wurde in Paris uraufgeführt und ging dann auf Tournee“, sagte er.

„Im Bolschoj-Theater. Ich war hingerissen“, rief Dostojewskij beinahe über die Tafel hin, sofern das seine heisere, vom langen Alleinsein und Schweigen wie verschlossene, ungeübte Stimme zuließ. „Der Hauptdarsteller sah wirklich täuschend wie ein Affe aus, er war ein perfekter Equilibrist … ich habe noch Monate von ihm geschwärmt, habe ihn sogar nachgemacht …“

In diesem Moment sprang Pantalone auf die Bank und begann eine ziemlich perfekte Affenkopie, die wohl ein kurzes Gelächter hervorrief, aber rasch zum Aufhören gebracht wurde, weil man den fabulierenden Russen nicht aus dem Mittelpunkt des Geschehens verlieren wollte und ihn drängte, nun seine eigene Affennummer vorzuführen. Die neben ihm rückten sogar zur Seite, um auch ihn auf die Bank steigen zu lassen, aber Dostojewskij winkte ab und ließ sich nur zu einem minimalistischen äffischen Grunzen, Zähneblecken und Unter-den-Achseln-Kratzen hinreißen, worüber er selbst so lachen musste, dass er sich an Brotkrümeln, die er im Mund hatte, verschluckte und hustete und keine Luft mehr bekam und die neben ihm ihn mit Schlägen auf den Rücken traktierten und er dabei immer weiter lachte und ganz rot wurde und Tränen aus den Augen rannen und alle mitlachten und ihn damit vollends in ihrer Runde und, das schien das Gleiche zu sein, in ihren Herzen aufgenommen hatten. Und Rossini betrachtete ihn mit den Augen eines liebevollen, stolzen und gerührten Vaters und Freunds.

„Alle Effekte“, röchelte der wieder zu Luft Gekommene, „das Springen von Baum zu Baum, die Elster … Schokos Tod … waren von Musik … illustriert!“ Hier lächelte der Musiker und schwieg. Da fiel Dostojewskij ein, dass es vielleicht ein Fehler war, ihm zu lange von einem fremden Stück vorzuschwärmen, und erzählte: „Als ich dann mit zwanzig in Petersburg anfing, ins Theater zu gehen, liefen die Vorstellungen der italienischen Operntruppen. Ihren ‚Karl der Kühne‘ habe ich mehrmals gesehen.“

„Ich habe keine Oper dieses Titels geschrieben“, korrigierte der Maestro, blieb aber auch bei dieser zweiten Verwechslung nachsichtig.

„So hieß Ihr ‚Wilhelm Tell‘ bei uns wegen der Zensur“, sagte Dostojewskij und hüstelte kichernd, stolz, auch eine kleine Pointe angebracht zu haben.

„Das wusste ich nicht“, sagte der Maestro, und Victoria lachte auf.

Die Küchengehilfen stellten vier große, dampfende Schüsseln auf den Tisch. Sie waren, der Russe schluckte, bis oben voll mit Pelmeni.

„Vorsicht“, scherzte Victoria und schüttelte eine Schüssel, wodurch die Nudeltaschen auf und ab sprangen, „die leben noch!“

„Ich kenne das“, erwiderte der Gast wie einer, der mit den Feinheiten der inländischen Küche vertraut ist, „das sind … Tortelli.“

„Tortellini?“, verbesserte das Mädchen, und der Komponist sprang ein: „Ravioli. Mit viererlei Füllung: Fleisch, Ricotta, Trüffeln, und hier: Ravioli tirolesi – eines der wenigen bemerkenswerten Dinge, die uns die Österreicher gebracht haben, gefüllt mit Käse und Spinat, die sogenannten Schlutzkrapfen. Sagen Sie Schlutzkrapfen, Dostojewskij.“

„Schltzkrpfn“, wiederholte er, alle lachten, aber die Aussprache fiel ihm aufgrund der überwältigenden Mehrheit der Konsonanten weniger schwer, als man gehofft hatte. Frische Gläser wurden gebracht und neuer Wein, diesmal in Flaschen.

„Ein Frascati aus Lazio.“ Rossini hielt seine Nase tief ins Glas. „Einmal habe ich – es war der sechsundzwanzigste November achtzehnhundertsiebenunddreißig – bei einem Baron in Umbrien zu Ravioli einen Rosé aus Apulien bekommen.“ Dies sagte er zu Pantalone hin, den es angewidert beutelte. „Es war ein schrecklicher Abend.“

Dostojewskij ließ sich von allen vier Sorten auf seinen Teller geben. Die Nudeln waren flacher und an den Rändern gezackt, aber wenn er die Augen schloss, konnte er dabei an Pelmeni denken.

Nach den Nudeln kamen große Fleischteile, die sich als ganze gebratene und geköchelte Gänselebern herausstellten. Der Maestro ging selbst von Teller zu Teller und überhobelte sie mit schwarzen Sommertrüffeln aus dem Périgord, die er, wie er stolz verkündete, am Pariser Markt gekauft hatte. „Der Trüffel ist der Mozart der Pilze“, sagte er, als er zu seinem Platz zurückkehrte. Dazu gab es Gavi di Gavi aus dem Piemont. Dostojewskij konnte sich nicht erinnern, je so viel gegessen zu haben, aber die verschiedenartigen Geschmackskapriolen, die die Gerichte auf seiner Zunge schlugen, überstrahlten ihren Sättigungswert, und die anregende Gesellschaft mit ihrer niemals stagnierenden Lebendigkeit nivellierte ihn geradezu. Als die Männer überraschend in die Küche gerufen wurden und Dostojewskij aufstehen wollte, legte ihm Rossini wieder eine Hand auf den Unterarm und befreite ihn von der Pflicht. Wie beim ersten Mal empfand der sonst Berührungsängstliche die Geste nicht als unangenehm. Und das kam nicht bloß, weil es Rossini war, der sie ausführte – dessen Hände übrigens auffallend schön, weiß, aristokratisch waren –, nicht bloß, weil Rossini für ihn Teil des großen, von klein auf erträumten und lebenslang idealisierten Mysteriums Europa und damit der Vervollkommnung von Kunst und Kultur und es ein wenig so war, als legten Schiller, Hoffmann, Bach und Balzac mit ihre Hand auf, sondern weil in der leichten, fast nur angedeuteten Berührung so viel Takt, Vorsicht, Respekt lagen, dass sie sich in der Ausführung beinahe selbst verneinte und für den Berührten alles andere als Besitzergreifung, Befehl, Maßregelung, vielmehr eine Bewusstmachung der eigenen Willenskraft und vielleicht – in der vermeintlichen Geste von Überlegenheit – ein tastendes Suchen nach der Stärke des Anderen, ein kurzes Ausruhen in dessen Energie war.

Die Männer schleppten eine riesige Schüssel – eher eine kleine Badewanne – heran, die sehr schwer zu sein schien. Sie war bis oben mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt, aus der Gliedmaßen ragten, in der schwachen Beleuchtung war es schwer auszumachen, von was oder wem. „Hier kommt unser Kastrat“, sagte Rossini und hieß die Anderen mit einem „Sch!“ ruhig zu sein. Einer hob eine Art Schenkel aus der Wanne und ließ ihn wieder hineinfallen, wodurch diese ins Ungleichgewicht kam und fast umgekippt wäre, aber die Männer, allesamt athletisch, stemmten die Beine in den Boden und tarierten geschickt aus. Die Flüssigkeit gluckste unheimlich in der plötzlichen Stille des Raums. „Keine Sorge“, flüsterte Rossini. „Seit heute Morgen badet er zerteilt in mehreren Litern Zitronensaft. Ein sizilianisches Rezept: castrato marinato.“

Und auf Dostojewskijs erschrockenen Blick: „Ein castrato heißt castrato, ob es sich um einen Sänger oder, wie in diesem Fall, um einen Hammel handelt – ein kastriertes Schaf. Gleich wird er abgegossen, in gehacktem Knoblauch gewälzt – Letzteres traditionell von den Frauen – und am Grill gegart. Al lavoro, amici!“

Und die starken Männer, um die sich nun auch die Frauen scharten, schleppten das vorgeführte Tier zurück in die Küche, nahmen ihr Geplauder und Geschnatter wieder auf und machten sich an die Arbeit, und der Dichter und der Musiker saßen auf einmal allein an der langen Tafel mit den Kerzen und abgegessenen Tellern, schwiegen und schauten einander in die Augen, was man im Halbdunkel tun konnte, ohne aufdringlich zu sein oder sich belästigt zu fühlen. Zurückgelehnt ahnte man die Augen des Anderen mehr, als man sie sah.

4

„Sie sind zum ersten Mal in Venedig?“

„Ich bin zum ersten Mal in Europa. Ich meine im Westen. Ich habe immer davon geträumt.“

„Ich war nie in Russland. Ich bin wenig aus Italien und Frankreich herausgekommen. Aus Europa nie.“

„Sie waren damit beschäftigt, Europa zu … verzaubern.“

„Zu berauschen. Europa war besoffen von mir.“ Rossini lachte wie ein Mann, der einem anderen von einer Jugendtorheit erzählt. Und Dostojewskij mochte dieses Lachen. Wenn er jemandes Lachen mochte, war das für ihn ein Zeichen, dass dieser ein guter Mensch war. Hinter der angelehnten Küchentür hörte man Stimmen und Arbeitsgeräusche, die aber die Stille im Raum nicht störten.

„Sie haben eine große Sehnsucht in sich. Es war eigentlich mehr Egoismus, dass ich Sie eingeladen habe. Ich bin immer noch schrecklich neugierig. Und ich glaube wie an nichts sonst an die Intuition des Moments … Was schreiben Sie?“

„Romane.“

Rossini wartete. Dostojewskij konnte nicht gut über seine Arbeit reden. Er konnte nicht gut über sich reden. „‚Arme Leute‘ war … ist ein Roman in Briefen.“ Er schwieg und dachte, er sollte erzählen, dass er damit schlagartig bekannt geworden war, dass viele ihn nach dem Tod Puschkins und dem Verstummen Gogols als neue literarische Stimme Russlands gesehen hatten, aber er sagte nur: „‚Der Doppelgänger‘. Ein Mann spaltet sich in zwei Personen auf.“

„Interessant.“

„‚Herr Prochartschin‘. Ein Mann schläft auf seinem Geld.“

„Und beschläft es?“

„Sozusagen.“

„Köstlich.“

„‚Die fremde Frau und der Mann unterm Bett‘, eine Humoreske.“ Er merkte, dass er versucht war, die heiteren oder effektvollen Aspekte in seinem Werk zu betonen, und sagte rasch: ‚Erniedrigte und Beleidigte‘. Eine verzweifelte … Liebesgeschichte.“ Wie platt das klang. „‚Weiße Nächte‘. Ebenfalls eine … Ein Mann … ein Außenseiter … ein Träumer … verliebt sich in ein Mädchen, hilft ihr aber dann, sich einem anderen Mann, den sie liebt, zu erklären, indem er einen Brief für sie schreibt.“

Rossini sah ihn ernst an und sagte nichts. War er enttäuscht? Dostojewskij hüstelte. „Ihr Barbier von Sevilla spielt auch eine gewisse Rolle.“

„Wirklich?“ Er lachte und schüttelte den Kopf.

„Ja. Der andere Mann hat das Mädchen in eine Vorstellung des ‚Barbier‘ eingeladen. Unter dem Eindruck dieser Oper … Ihrer Musik … verliebt sie sich in ihn. Nachdem sie dann den Brief abgeschrieben hat, übergibt sie ihn bei einem ihrer nächtlichen Treffen auf der stillen Brücke über dem Kanal dem Mann, der sie liebt und der den Brief für sie verfasst hat, und bittet ihn, ihn selbst hinzutragen – verstehen Sie, zu dem Mann, den sie liebt … und was macht er, der Verliebte? Er nimmt ihre frühere Erzählung vom Opernbesuch auf, denn er hat selbst die lebhafteste, zärtlichste Erinnerung an den ‚Barbier‘ … wer in Petersburg hat sie nicht? – Und er singt: ‚R – o –, Ro – s – i – si – n – a – na! … Ro …‘“

„Rosina!“, fiel Rossini ein, „Rosina“, sang auch Dostojewskij und sagte: „Genau, sie singen dieses eine Wort gemeinsam!“, und so sangen auch sie dieses eine Wort gemeinsam, der Komponist der weltberühmten Oper und der Dichter, dessen Werk die Grenzen seiner Heimat noch nicht überschritten hatte, und der sagte weiter: „Sie singen, und er möchte sie vor Entzücken am liebsten umarmen – aber natürlich traut er sich nicht –, und sie errötet und weint und lacht unter ihren Tränen.“

Und da hielt er inne, weil er das Gefühl hatte, dass auch sein Gegenüber rot geworden war, und ob das Funkeln der Augen in dessen lachendem Gesicht einzig vom Flackern der Kerzen kam, konnte er nicht erkennen.

„Sie treffen einander jede Nacht zur gleichen Zeit am gleichen Ort. Vier Nächte lang.“

„Weiße Nächte?“

„Weiße Nächte. Im Mai, Juni wird es in Sankt Petersburg fast nicht dunkel.“

„Es ist nicht übersetzt?“

„Nichts ist übersetzt. Und jetzt bin ich vierzig.“ Dostojewskij wollte nicht klagen. Aber er hatte auf einmal das Bedürfnis, sich diesem Mann zu öffnen, der dreißig Jahre älter war und dessen Lieder alle Welt auf den Lippen hatte, wem, wenn nicht diesem Mann, der so angenehm taktvoll zuhören konnte und solche Geduld mit seinem guten, aber doch nicht perfekten Französisch hatte, der nicht richtete und urteilte, sondern einfach nur offen und … da war.

„Vierzig Jahre, sagt mein Erzähler in ‚Weiße Nächte‘, das ist ja das ganze Leben. Länger als vierzig Jahre zu leben, ist unanständig, gemein, unmoralisch …“

„Na, na …“, lachte Rossini und wackelte mit dem Kopf.

„‚Länger leben, das tun nur Dummköpfe und Taugenichtse‘“, fuhr Dostojewskij, in Rage gekommen, fort. „‚Das sage ich all diesen respektablen, silberhaarigen, wohlparfümierten Herren ins Gesicht!‘“

„Bitte, sagen Sie es nur“, lachte der auf einmal beinahe Angeschriene und hob die Arme.

„Entschuldigung!“, hob auch der Jüngere die Arme. „Meine Figur sagt das.“

„Natürlich“, nickte Rossini. „Und sie hat recht. Auch ich hatte mit vierzig das Gefühl, dem bisher Gesagten nichts mehr hinzufügen zu wollen … oder zu können … ich wollte zudem der modernen Kunstverwilderung nicht frönen. Die italienischen Theater waren im vollen Niedergang. Die Gesangskunst war zugrunde gegangen. Als Gilbert-Louis Duprez vor fünfundzwanzig Jahren als Erster das hohe C mit voller Bruststimme sang, klang das für mich wie der Schrei eines Kapauns, dem gerade die Kehle durchgeschnitten wird. Wie sich der alte tenore di grazia zum tenore di forza entwickelte, diese endgültige, unwiderrufliche Abkehr vom Belcanto – ich mochte das nicht. Natürlich … gab es auch persönliche Gründe.“ Er schaute kurz zu den Brotkrümeln hinab und sagte dann rasch: „Haben Sie auch fürs Theater geschrieben?“

„Ja, aber … es ist nicht gespielt worden. ‚Maria Stuart‘.“

Rossini hob fragend den Kopf.

Dostojewskij senkte seinen und nickte. „Schiller war mir zuvorgekommen.“ Nach einer kurzen Pause sagte er leise von unten herauf: „Ein Stück war hier angesiedelt. ‚Der Jude Jankel‘. Sehr beeinflusst vom ‚Kaufmann von Venedig‘“, erklärte er mit schiefem Lächeln.

„Mich wollte man zu einem heiteren Schluss für meinen ‚Otello‘ zwingen. Stellen Sie sich das vor!“

„‚Otello‘!“ Dostojewskij kannte nur das berühmte Theaterstück.

„In Neapel. Vor mehr als einem halben Jahrhundert. Byron schrieb, Shakespeares Geniestreich sei zu einer Oper verunstaltet worden. Meine Musik nannte er ‚gut, aber unheilvoll‘.“

„Byron! Ich habe ‚Beppo‘ gelesen!“, entfuhr es dem Dichter mehr, als er es sagen wollte, und sofort schämte er sich dafür. Doch der Musiker lachte zustimmend: „‚Beppo‘! Natürlich!“

Und eine Minute verharrten beide im Denken an das lange Gedicht über die Venezianerin, der das Meer ihren Mann raubt und die sich, nach venezianischem Brauch, einen „Kavalier“ nimmt, mit dem sie dann einmal am Karneval teilnimmt und von einem Türken beobachtet wird, der sich als ihr seit drei Jahren vermisster Mann entpuppt, Giuseppe, kurz Beppo; er war entführt und verkauft und schließlich von Piraten befreit worden. Die Eheleute wurden wieder ein Paar, und der „Kavalier“ seiner Frau – sein Freund.

„Die italienische Moral ist eine lockerere als in England“, scherzte Rossini.

„Vielleicht weniger scheinheilig“, gab der andere streng zurück.

„Mag sein.“ Und im erneuten Schweigen verhalf der Theatermann dem Gespräch dazu, wieder zum früheren Thema zurückzukehren.

„Als ich jung war“, begann der Jüngere, und als der Ältere ihn pfiffig anblitzte, hob er die Hände: „Ich meine wirklich jung. Mit fünfzehn reisten mein Bruder und ich mit unserem Vater von Moskau, wo wir aufgewachsen waren, nach Sankt Petersburg, um dort die Ingenieurschule zu beginnen. Es war im Mai, es war heiß. Es gab noch keine Eisenbahn, wir fuhren mit der Kutsche. Das Tauwetter hatte die Straßen in Schlamm verwandelt, wir fuhren fast im Schritttempo und standen an jeder Station zwei bis drei Stunden. Ich weiß noch, wie ich das Ende dieser Reise herbeisehnte – sie dauerte fast eine Woche. Mein Bruder und ich strebten damals nach einem neuen Leben, träumten von allem ‚Hohen und Schönen‘ – damals, wissen Sie, vor fünfundzwanzig Jahren, waren diese Begriffe bei uns noch neu und wurden ohne Ironie gebraucht. Wir glaubten leidenschaftlich daran, und obwohl wir alles wussten, was beim Mathematik-Examen gefragt werden würde, träumten wir nur von Poesie und von den Poeten. Mein Bruder schrieb Gedichte, jeden Tag drei … und gute … und ich arbeitete in Gedanken ununterbrochen an einem Roman …“

Er hielt inne, unterbrach sich mitten im Fluss, wie jemand, der mit geschlossenen Augen gegangen ist und auf einmal merkt, dass ihn die Schritte in ein unbekanntes Tal geführt haben … oder an einen Abgrund. Doch vor ihm saß nur ein lächelnder Rossini, der fragte: „Was war das Thema des Romans?“

Dostojewskij zögerte weiter, denn er hatte wie jeden Romanplan auch diesen verschlossen in sich getragen und niemandem offenbart. Doch nun öffnete er seine Hände, die vorher in Fäusten am Tisch geruht hatten, wie um etwas auszustreuen und sagte: „‚Aus dem venezianischen Leben‘.“ Und das klang nun, in Venedig ausgesprochen, so belanglos, und war doch einmal sein großer Traum, sein bestgehütetes Geheimnis gewesen. Der Musiker schien das zu spüren und sagte nichts darauf. Was nun Dostojewskij bewog, sich ihm ganz zu öffnen: „Nach Venedig zu eilen, war das unerfüllte Projekt meiner Jugend. Überhaupt nach Europa. Aber vor allem nach Italien …“

„Dafür kamen dann die italienischen Opern … zu Ihnen“, sagte Rossini, ein bisschen, als würde er sagen, dass es für alles im Leben eine Lösung gebe. Und der Erzählende griff den Faden dankbar auf.

„Ich ging oft ins Theater, auch ins Ballett … Ballett interessiert mich jetzt nicht mehr … aber wenn ich heute zwei Wochen nicht in ein Schauspiel oder eine Oper komme, ist es die Hölle für mich.“

Rossini ließ das auf sich wirken, weil hörbar war, dass sein Gegenüber diesen starken Ausdruck nicht leichtfertig zu gebrauchen gewohnt war.

„Und im Theater sind Sie … im Himmel?“, fragte er freundlich und ohne Ironie.

„In meiner Jugend, ja“, betonte der Jüngere nun. „Wir hielten damals die Achtzig-Kopeken-Karten für den höchsten Genuss, die Stehplätze auf der obersten Galerie. In der Oper vergaßen wir die Welt. Wir tranken geradezu …“, er zeigte auf das Glas, das der andere eben zum Mund hob, „… die Töne der Musik und des Gesangs … und nicht nur beneideten wir die Leute im Parkett nicht, wir blickten sogar mit einer gewissen Verachtung auf sie hinab. Und noch tagelang schwärmten wir davon … die ganze Stadt schwärmte … es war eine regelrechte … ich weiß nicht, wie man das sagt …“

„Italomania?“

„Ja“, strahlte der Russe mit seinem blassen, von Wein und Erregung geröteten ernsten Gesicht.

„Warum schreiben Sie keine Oper?“

Dostojewskijs Blick verfinsterte sich im Bruchteil einer Sekunde, er verharrte lange reglos wie ein Insekt, das man berührt hat und das sich bedroht fühlt. Der eben noch so lebendige Gesprächspartner schien wie ausgelöscht. Rossini, der seine Frage als harmlos empfunden hatte, wartete eine gute halbe Minute. Schon wollte er etwas anderes sagen, da beugte er sich vor, weil er sah, dass sich die Lippen des rätselhaft Versteinerten bewegten.

„Würde ich eine Oper schreiben“, kam es aus ihnen fast lautlos, „ich würde als Sujet den ‚Faust‘ nehmen.“

Rossini getraute sich fast nicht zu atmen, um jedes Wort zu verstehen, und verharrte angestrengt über den Tisch gebeugt. Nach einer weiteren langen Pause hörte er: „Ich liebe dieses Thema.“ Das Gesicht des Schriftstellers hatte sich bei dieser Erklärung keinen Millimeter bewegt, und auch die Lippen taten das nur im allernötigsten Maß. Im Weiteren rührten sie sich gar nicht mehr, denn die Stimme sprach, wenn das möglich war, noch leiser weiter. „Bei Gounod ist es gut …“ – die Langsamkeit der Rede machte etwas von ihrer beinahen Unhörbarkeit wett – „… aber, wissen Sie, ich würde die Szene in der Kirche ganz neu machen. Eine gotische Kathedrale, wissen Sie, mittelalterliche Chöre. Aus dem zehnten Jahrhundert.“ Der Blick Dostojewskijs war starr auf den Zuhörer gerichtet, und doch noch auf etwas anderes knapp neben oder hinter dessen linker Schläfe, das nur er sah, die Augen waren gläsern und undurchdringlich und entrückt wie in einer Vision. „Das Ganze riecht … es riecht …“, sagte er nun so langsam und ausdruckslos, dass es wirklich an niemanden mehr gerichtet war, und auch irgendwie nicht mehr von dieser Welt schien, und was da sprach, schien auch nicht mehr zu der fahlen eingesunkenen Figur zu gehören, die ins vermeintliche Nichts schaute, sondern es sprach durch ihn hindurch, als versetzte es den Sprecher selbst ins Staunen, „… es riecht … nach zehntem Jahrhundert“, schloss er. Und diese Aussage stand eine Zeit wie von allein im stillen, kerzenbeleuchteten Raum.

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