Kitabı oku: «Atomfieber»

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Atomfieber

Der Verlag Hier und Jetzt wird vom Bundesamt für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre 2016–2020 unterstützt.

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Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.

Umschlagbild: Kühlturm des AKW Leibstadt, 1984. Fotografie von Gertrud Vogler.

Lektorat: Rachel Camina, Hier und Jetzt

Gestaltung und Satz: Simone Farner, Naima Schalcher, Zürich

Bildbearbeitung: Benjamin Roffler, Hier und Jetzt

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Ulm

2. überarbeitete und ergänzte Auflage 2019

ISBN Druckausgabe 978-3-03919-472-8

ISBN E-Book 978-3-03919-952-5

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

© 2019 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte

GmbH, Baden, Schweiz

www.hierundjetzt.ch

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

«Mit Atombomben bis nach Moskau fliegen!» Das Atomwaffenprogramm der Schweizer Armee 1945–1988

Der Traum vom eigenen Reaktor Die Schweizer Atomindustrie 1955–1969

Widerstand gegen Atomkraft Die Anti-AKW-Bewegung ab Anfang der 1970er-Jahre

Tschernobyl 1986 Die Katastrophe und ihre Folgen

Fukushima 2011 Der Ausstieg aus der Atomenergie

Strahlendes Erbe Die Entsorgung der radioaktiven Abfälle

Ausblick

Bilddokumente 1945–2017

Chronologie 1938–2018

Anhang

Einleitung

Kaum ein Thema hat die Schweiz während der letzten Jahrzehnte so bewegt, so tief gespalten und so viele emotionale Debatten ausgelöst wie die Atomenergie. Dem unerschütterlichen Glauben an Technologie und wirtschaftlichen Fortschritt standen zuerst pazifistische, dann regionalpolitische und schliesslich ökologische Bewegungen entgegen. Die anfängliche Euphorie, mit der das Atomzeitalter nach 1945 in der Schweiz begonnen hatte, ist nach vielen politischen Kämpfen und den Katastrophen in Tschernobyl und Fukushima einem politischen Pragmatismus gewichen. Nach dem Super-GAU in Fukushima beschloss der Bundesrat 2011 den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie und leitete damit einen historischen Wendepunkt in der Schweizer Energiepolitik ein.

Die Atompolitik der Schweiz war in den ersten Jahrzehnten geprägt vom Kalten Krieg. Die Angst vor einem atomaren Angriff der Sowjetunion war der Auslöser des Schweizer Atombombenprogramms, das unmittelbar nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki 1945 seinen Anfang nahm und erst kurz vor dem Ende des Kalten Kriegs 1988 beendet wurde. In den 1950er-Jahren schossen die Atompilze nicht nur auf den atomaren Testgeländen in Ost und West in den Himmel, sondern auch in den Köpfen der Schweizer Armeeführung. Einige hochrangige Armeeangehörige waren davon überzeugt, dass sie ihr geliebtes Vaterland nur mit diesen verheerenden Waffen würden verteidigen können. Der Rüstungswettlauf in Ost und West und das durch den grassierenden Antikommunismus geschürte politische Klima der ständigen Angst vor einer sowjetischen Invasion begünstigten die massive staatliche Subventionierung der Atomindustrie.

Die Schweiz als eine «Insel der Seligen», wo die Demokratie und der Wohlstand blühen wie an keinem anderen Ort der Welt, diese idealisierte Vorstellung verdeckt den Blick darauf, dass die Schweiz ebenfalls einige dunkle Kapitel in ihrer Vergangenheit hat, die bis heute weitgehend im Verborgenen liegen. Die Atompolitik ist ein Beispiel dafür. Politische Interessen, militärisches Machtgebaren und die Nutzbarmachung technologischer Entwicklungen brachten während des Kalten Kriegs auch in der Schweiz die Atomindustrie hervor. Sie löste sich erst allmählich aus ihrer ursprünglichen Abhängigkeit von militärischen Interessen. Die enge Verflechtung von Staat, Wissenschaft und Industrie blieb jedoch weiter bestehen und entfaltete ihre Wirkung oft unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Die Schweiz ist seit längerer Zeit von Kriegen und Katastrophen verschont geblieben. Auch in der Atomindustrie sind grössere «Zwischenfälle» bisher ausgeblieben, wenn auch die Schweiz bei der Kernschmelze in Lucens 1969 nur haarscharf an einer atomaren Katastrophe vorbeischrammte. Der Mythos, dass in der Schweiz alles viel sicherer und zuverlässiger abläuft als anderswo, ist bis heute intakt. Ab Mitte der 1970er-Jahre wurde die Atomenergie zu einem Spaltpilz, der einen tiefen Riss durch die Gesellschaft zog. Befürworter und Gegner bekämpften sich in den folgenden Jahrzehnten in zahlreichen politischen Schlachten. Die Besetzung von Kaiseraugst wurde 1975 für die Anti-AKW-Bewegung zum Symbol des Widerstands, für die Atomindustrie hingegen zum Stolperstein, der den weiteren Ausbau ihres AKW-Parks verhinderte.

Die Kühltürme der AKWs, die mit ihrer massiven Architektur wie monumentale Kathedralen des technischen Fortschritts in die Landschaft hineinragen, wurden nun zu Mahnmalen für das gefährliche und unberechenbare Zerstörungspotenzial der Atomtechnologie, das vom Menschen offenbar niemals vollständig kontrolliert werden kann. Der Super-GAU in Tschernobyl 1986 rüttelte die Bevölkerung in der Schweiz auf, denn die radioaktive Wolke verbreitete auch hier Angst und Schrecken. Die Katastrophe wurde jedoch bald wieder vergessen. Die Halbwertszeit eines Super-GAUs im kollektiven Gedächtnis der Menschheit dauert weit weniger lang als diejenige der radioaktiven Strahlung, die durch eine Reaktorkatastrophe freigesetzt wird.

Mit dem Super-GAU in Fukushima ereignete sich das Undenkbare 2011 zwar ein weiteres Mal, doch die Reaktionen der Empörung und des Vergessens, die offenbar zu einem Muster im Umgang mit Katastrophen geworden sind, begannen sich erneut zu wiederholen. So schnell, wie die Katastrophe da war, so schnell war sie auch wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Der «Fukushima-Effekt» verpuffte innerhalb weniger Jahre. Der Entscheid des Bundesrates, langfristig aus der Atomenergie auszusteigen, bedeutete allerdings eine historische Weichenstellung in der Energiepolitik. Nach den beiden Abstimmungen zur Atomausstiegsinitiative 2016 und zur neuen Energiestrategie 2017 ist es um das Thema wieder seltsam ruhig geworden. Es stellt sich daher unweigerlich die Frage, wie nachhaltig dieser politische Entscheid tatsächlich gewesen ist.

Die politische Sprengkraft der Atomenergie weckte mein Bedürfnis, historisch etwas tiefer zu bohren und gegen das allgemeine Vergessen anzuschreiben. Dieses Buch bietet erstmals einen umfassenden Überblick über die hoch spannende und wechselvolle Geschichte der Atomenergie in der Schweiz, von der ersten Atombombe bis zum Super-GAU in Fukushima und bis zur darauf folgenden politischen Debatte zum Atomausstieg. Bei meinen Recherchen konnte ich auf die Forschungen und Publikationen zahlreicher Historikerinnen und Historiker, Journalistinnen und Journalisten zurückgreifen, von denen ich zumindest einige namentlich erwähnen möchte: Thomas Angeli, Martin Arnold, Jost Auf der Maur, Silvia Berger Ziauddin, Susan Boos, Peter Braun, Thomas Buomberger, Marcos Buser, Dölf Duttweiler, Urs Fitze, Stefan Füglister, Monika Gisler, Bernd Greiner, Fredy Gsteiger, Stefan Häne, David Häni, Edgar Hagen, Urs Hochstrasser, Peter Hug, Peter Jaeggi, Patrick Kupper, Benedikt Loderer, Otto Lüscher, Sibylle Marti, Alexander Mazzara, Dominique Benjamin Metzler, Felix Münger, Roland Naegelin, Bruno Pellaud, Jean-Michel Pictet, Paul Ribaux, Roman Schürmann, Damir Skenderovic, Helmut Stalder, Helen Stehli Pfister, Bernd Stöver, Jürg Stüssi-Lauterburg, Jakob Tanner, Simon Thönen, Marc Tribelhorn, Tobias Wildi, Reto Wollenmann und Hansjürg Zumstein.

«Mit Atombomben bis nach Moskau fliegen!»
Das Atomwaffenprogramm der Schweizer Armee 1945–1988

Nach dem Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki träumten führende Köpfe des Schweizer Militärs davon, die Armee mit Atomwaffen auszurüsten. Pazifisten protestierten gegen den atomaren Wahnsinn, doch das Schweizer Stimmvolk lehnte 1962 – mitten im Kalten Krieg – ein Verbot von Atomwaffen ab. Die sogenannte Mirage-Affäre von 1964 stutzte den hochfliegenden Plänen für eine Schweizer Atombombe erstmals die Flügel. Auf Druck der beiden Supermächte musste die Schweiz 1969 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnen. Das geheime Atomwaffenprogramm wurde dennoch weitergeführt und erst 1988 endgültig beendet.

Der englische Schriftsteller H. G. Wells hat in seinem Science-Fiction-Roman The World Set Free («Befreite Welt») bereits 1914 die Erfindung der Atombombe vorweggenommen. Drei Jahrzehnte bevor seine düstere Vision Realität wurde, prägte er den Begriff der «Atombombe». Im Roman lässt Wells den Physikprofessor Rufus das Bild von der durch die Atomenergie beglückten Menschheit zeichnen, das teilweise bis heute nachwirkt:1 «Ich habe nicht die Rednergabe, meine Damen und Herren, um der Vision des zukünftigen Wohlstandes der Menschheit Ausdruck zu verleihen. Ich sehe, wie die Wüsten fruchtbar werden, wie das Eis der Pole schwindet, wie sich die Macht des Menschen bis zu den Sternen erstreckt.»2 Im Roman bricht im Jahr 1958 ein weltweiter Atomkrieg («The Last War») aus, der die Menschheit fast vollständig zerstört. Wells sah bereits 1914 die Bedrohung der Menschheit durch einen apokalyptischen Atomkrieg voraus, ohne jedoch das ganze Ausmass der nuklearen Zerstörung und die Folgen einer radioaktiven Verstrahlung zu erahnen. Die Hoffnung, dass die Atomkraft die Welt von Elend, Armut und Gewalt befreien könnte, erweist sich im Roman als eine trügerische Illusion. Aus der Einsicht, dass ein Krieg im Atomzeitalter zur Selbstvernichtung der Menschheit führen muss, leitet er die Notwendigkeit ab, den Krieg durch andere Formen der Konfliktlösung zu ersetzen. Nach dem Krieg tritt daher im schweizerischen Brissago am Lago Maggiore ein globaler Friedenskongress zusammen, an dem die neue Weltregierung als erstes Dekret ein internationales Verbot atomarer Waffen erlässt.3

Die Erfindung der Bombe

Seit den 1890er-Jahren erforschten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Wilhelm Röntgen, Henri Becquerel, Marie und Pierre Curie sowie Ernest Rutherford die Strahlenaktivität von Stoffen, die Radioaktivität. Am 17. Dezember 1938 entdeckte dann der deutsche Chemiker Otto Hahn – nach Vorarbeiten mit Lise Meitner – in Zusammenarbeit mit seinem Assistenten Fritz Strassmann am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin, dass sich Urankerne unter Neutronenbestrahlung spalten lassen. Am 11. Februar 1939 veröffentlichten Lise Meitner und Otto Frisch in der Zeitschrift Nature erstmals ihre kernphysikalische Deutung der Resultate. Die Kernspaltung wurde zu einer der folgenreichsten Entdeckungen der Physik des 20. Jahrhunderts, die eine neue Energiequelle bisher unbekannten Ausmasses erschloss.

Seit dem Frühjahr 1939 war den Physikern die Möglichkeit einer technischen Nutzung der Kernspaltung als Energiequelle oder auch als Waffe bekannt. Im September 1939, unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, wurden Deutschlands führende Atomphysiker, so Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, nach Berlin in das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik zitiert, um für das nationalsozialistische Regime eine Atombombe zu bauen. Damit wurde die Gefahr real, dass die Nationalsozialisten in Deutschland während des Kriegs in den Besitz der zerstörerischen Waffe gelangen könnten.4 In einem vom ungarisch-deutschen Physiker Leó Szilárd verfassten Brief warnte Albert Einstein den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt bereits am 2. August 1939 davor, dass eine «Bombe neuen Typs» in die Hände Adolf Hitlers gelangen könnte, und gab damit den Anstoss zum Bau der ersten amerikanischen Atombombe.

Nachdem Werner Heisenberg dem dänischen Physiker Niels Bohr im September 1941 in Kopenhagen in einem Gespräch sagte, er habe erkannt, wie eine Atombombe gebaut werden könne, gab US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 6. Dezember 1941 den Befehl, alles zu tun, um eine solche zu entwickeln – der Wettlauf begann. 1942 startete unter der Leitung von General Leslie R. Groves und J. Robert Oppenheimer, dem amerikanischen Physiker deutsch-jüdischer Abstammung, das «Manhattan-Projekt» in Los Alamos, New Mexico. Angetrieben von der Angst vor einer deutschen Atombombe arbeiteten bis Ende 1945 mehr als 150 000 Menschen unter Hochdruck und unter grösster Geheimhaltung an diesem militärischen Grossprojekt der Konstruktion der ersten amerikanischen Atombombe. Am 2. Dezember 1942 gelang dem italienischen Physiker Enrico Fermi an der Universität Chicago erstmals eine nukleare Kettenreaktion. Die Alliierten versetzten dem deutschen «Uranprojekt» einen schweren Schlag, als sie am 27. Februar 1943 die norwegische Produktionsanlage Norsk Hydro für schweres Wasser durch Sabotage zerstörten.

Während des Zweiten Weltkriegs lieferte der Schweizer Physiker Paul Scherrer, der Leiter des Physikalischen Instituts der ETH Zürich, aufgrund seiner engen Kontakte zu Werner Heisenberg Informationen zum Stand der Entwicklung der Atombombe in Nazideutschland an den damals in Bern stationierten Allan W. Dulles vom US-Geheimdienst Office of Strategic Services (OSS). Am 18. Dezember 1944 hielt Werner Heisenberg, der seit 1942 das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin-Dahlem leitete, auf Einladung Paul Scherrers eine Vorlesung an der ETH Zürich. Der US-Geheimdienst schickte daraufhin einen Spion, den früheren Baseballspieler Moe Berg, nach Zürich, um den Stand des deutschen Atomprogramms in Erfahrung zu bringen. Moe Berg hatte die klare Anweisung, Werner Heisenberg auf der Stelle zu erschiessen, sollte er zum Schluss kommen, die Deutschen stünden kurz vor dem Bau der Bombe.5

Adolf Hitler schwadronierte im letzten Kriegsjahr immer wieder von «Wunderwaffen», streng geheimen Waffen mit enormer Wirkung, mit denen er die sich abzeichnende Niederlage doch noch abwenden wollte. Nachdem die alliierten Truppen im März 1945 in Deutschland einmarschiert waren, wurden die am «Uranprojekt» beteiligten deutschen Atomphysiker Ende April, Anfang Mai 1945 im Rahmen der Alsos-Mission des US-Geheimdiensts verhaftet, zunächst nach Frankreich gebracht und dann auf dem englischen Landsitz Farm Hall nahe Cambridge verhört. Die abgehörten Gespräche der deutschen Atomphysiker machten deutlich, dass diese entgegen allen Befürchtungen bis zum Ende des Kriegs nicht in der Lage gewesen waren, eine einsatzfähige Atombombe zu bauen. Der Forschungsreaktor des «Uranprojekts» im schwäbischen Haigerloch wurde zwar Ende Februar 1945 in Betrieb genommen, eine nukleare Kettenreaktion konnte aber vor Ende des Kriegs nicht mehr herbeigeführt werden. Allerdings soll am 3. März 1945 unter der Leitung von SS-General und Geheimwaffenchef Hans Kammler im Konzentrationslager Ohrdruf in Thüringen ein letzter verzweifelter Test mit einer sogenannt schmutzigen Bombe stattgefunden haben, bei dem es grosse Zerstörungen und Hunderte von Toten unter den KZ-Häftlingen gab und durch die Explosion von konventionellem Sprengstoff Radioaktivität in der Umgebung freigesetzt wurde.6

Hiroshima und Nagasaki

Die erste amerikanische Atombombe wurde am 16. Juli 1945 im Rahmen des Trinity-Tests auf dem Testgelände White Sands im Süden des US-Bundesstaats New Mexico gezündet. Der Physiker Kenneth Bainbridge, der Leiter des Trinity-Tests, soll danach zu J. Robert Oppenheimer gesagt haben: «Jetzt sind wir alle Hundesöhne.»7 Drei Wochen später, am 6. und 9. August 1945, folgte der Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Die beiden Atombomben zerstörten die japanischen Grossstädte beinahe vollständig und töteten um die 100 000 Menschen sofort. Bis Dezember 1945 starben in Hiroshima rund 140 000 und in Nagasaki 70 000 bis 80 000 Menschen. Die genaue Anzahl der Menschen, die an den Spätfolgen der radioaktiven Verstrahlung starben, wird sich nie genau ermitteln lassen.8

Der gleissende Blitz der Explosion brannte die Schattenrisse von Personen in die verbliebenen Hauswände. Die Menschen wurden mit der Druckwelle fortgerissen und zerfetzt oder durch die Hitze zu Asche verbrannt. Eine glühende Feuersbrunst zerstörte die beiden japanischen Städte in einem brennenden Inferno fast vollständig. In Hiroshima flohen viele Überlebende vor der unerträglichen Hitze an den Fluss, wo sie vom radioaktiv verseuchten Wasser tranken. Nach den Explosionen ging ein schwarzer, schmieriger Regen über den beiden Städten nieder. Die schwer verletzten Menschen, viele mit Brandwunden, waren auf sich allein gestellt. Viele von ihnen starben in den folgenden Stunden und Tagen einen qualvollen Tod. Den Überlebenden, welche eine tödliche Strahlendosis abbekommen hatten, fielen zuerst die Haare aus, dann bekamen sie purpurrote Flecken am ganzen Körper, die Haut begann sich in Fetzen von den Knochen zu lösen, und schliesslich verbluteten sie schmerzhaft an inneren Verletzungen. Zehntausende Überlebende, die sogenannten Hibakusha, starben in den darauffolgenden Monaten und Jahren an den Spätfolgen der radioaktiven Verstrahlung und erlitten Krebs, Leukämie, Tumore, Wachstums- und Entwicklungsstörungen, Tot- und Fehlgeburten, Erbkrankheiten, Blut- oder Hautkrankheiten, psychische Störungen, Angstzustände, Depressionen; sie wurden von Schuldgefühlen geplagt oder alterten frühzeitig.

Seit Hiroshima und Nagasaki ist die Atombombe zum Symbol für die Bedrohung der Menschheit durch sich selbst geworden. Der Einsatz der beiden Atombomben führte zwar zur sofortigen, bedingungslosen Kapitulation Japans und beendete den Zweiten Weltkrieg, militärisch gesehen war der Einsatz jedoch überflüssig, da die Japaner schon geschlagen waren. Der Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war vor allem eine Machtdemonstration der USA gegenüber der Sowjetunion vor dem Hintergrund der bevorstehenden Neuordnung der Welt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Angst vor einem apokalyptischen Atomkrieg prägte in der Folge das Zeitalter des Kalten Kriegs.

Unmittelbar nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki übergab ein japanischer Gesandter am 10. August 1945 im Auftrag seiner Regierung dem Schweizerischen Bundesrat in Bern die Erklärung der bedingungslosen Kapitulation, damit diese von der Schweizer Regierung an die USA und an China übermittelt würde. Gleichzeitig wurde die Erklärung über Schweden an Grossbritannien und an die Sowjetunion weitergeleitet. Am 15. August 1945 verkündete Kaiser Hirohito offiziell die bedingungslose Kapitulation Japans, womit der Zweite Weltkrieg endgültig beendet wurde.

Die Nachricht vom Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki wurde in der internationalen Presse sofort in dessen historischer Bedeutung erfasst, die Auswirkungen für die betroffene Bevölkerung allerdings weitgehend ausgeblendet. Ab dem 12. September 1945 verhinderte die Zensur der amerikanischen Besatzungsbehörden alle Berichte über die Zerstörung der beiden japanischen Städte und die Auswirkungen der Atombomben. Sämtliche Fotografien und Filmaufnahmen der zerstörten Städte mit ihren Ruinen, Trümmern und den verkohlten Leichenbergen sowie den verletzten und verstrahlten Menschen wurden konfisziert und durften nicht veröffentlicht werden. Gleichzeitig reisten Hunderte amerikanische Wissenschaftler, Ärzte und Soldaten nach Japan, um die Wirkung der neuen Waffen zu erforschen. Viele Überlebende wurden von den amerikanischen Militärärzten wie menschliche Versuchskaninchen akribisch genau untersucht, aber nicht behandelt.9

Der Schweizer Physiker Fritz Zwicky, der 1925 bei Paul Scherrer an der ETH Zürich promoviert hatte und seit 1942 als Professor für Astrophysik am California Institute of Technology (Caltech) tätig war, reiste 1945 im Auftrag der amerikanischen Luftwaffe zunächst nach Deutschland, wo er deutsche Wissenschaftler und Techniker – darunter etwa den Raketeningenieur Wernher von Braun – verhörte, und anschliessend nach Japan, wo er für den Oberbefehlshaber der amerikanischen Besatzungsbehörde, General Douglas MacArthur, einen geheimen Bericht über die durch die Atombombe verursachten Schäden und über mögliche militärische Abwehrmittel verfasste.10

«[…] die Börse wittert ein goldenes Zeitalter und lässt die Uranaktien steigen, doch vom Leichenfeld der getöteten 300 000 Einwohner von Hiroshima aus verbreitet sich böse Ahnung über die weite Welt.» National-Zeitung, 11./12.8.1945

Unmittelbar nach Abwurf der Atombomben entfaltete sich auch in der Schweizer Presse eine intensiv geführte Debatte über die Atomenergie. Fast alle Zeitungsartikel waren sich darin einig, dass mit dem Abwurf der beiden amerikanischen Atombomben der Anbruch eines neuen Zeitalters – des Atomzeitalters – begonnen hatte. Nebst dem Schrecken über die atomare Zerstörung stand die Faszination über die Möglichkeit einer technischen Nutzung der neuen Energieform.11 Am 11. August 1945 schrieb die Basler National-Zeitung unter dem Titel «Wunder und Wahnsinn»: «Amerikaner träumen von benzintankfreiem Autofahren und Fliegen, die Börse wittert ein goldenes Zeitalter und lässt die Uranaktien steigen, doch vom Leichenfeld der getöteten 300 000 Einwohner von Hiroshima aus verbreitet sich böse Ahnung über die weite Welt.»12

Die Berichterstattung der Schweizer Presse basierte weitgehend auf den offiziellen Stellungnahmen der USA und war geprägt von Vermutungen, Gerüchten und Halbwissen. Der Schweizer Physiker Ernst Carl Gerlach Stückelberg von der Universität Genf gestand am 15. August 1945 in der Neuen Zürcher Zeitung, dass die Schweizer Physiker von der Nachricht der Atombombe überrascht worden seien.13 Otto Huber und Peter Preiswerk von der ETH Zürich erklärten daraufhin in einem weiteren Zeitungsartikel vom 19. August 1945 in der Neuen Zürcher Zeitung, die nukleare Kettenreaktion der Atombomben sei nur durch eine Isotopentrennung des Urans im industriellen Massstab möglich geworden.14

Die Nachricht vom Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki führte dazu, dass sich die Schweizer Armee umgehend mit der Frage einer Atombewaffnung zu beschäftigen begann. «In den führenden Kreisen unserer Armee hat man mit sehr lebhaftem Interesse von der Verwendung von Atombomben durch die Amerikaner […] Kenntnis genommen», hiess es in der Basler Arbeiter-Zeitung vom 9. August 1945.15 Für die Armeeführung war klar, dass die Schweiz ebenfalls nach der Bombe streben musste. In einem Brief vom 15. August 1945 wandte sich Oberstkorpskommandant Hans Frick, der Chef der Ausbildung der Schweizer Armee, an FDP-Bundesrat Karl Kobelt, den Chef des Eidgenössischen Militärdepartements (EMD), und empfahl ihm, zu diesem Zweck eine «Studienkommission» zu gründen, der nebst dem Generalstabschef und dem Chef der Kriegstechnischen Abteilung (KTA) einige prominente Schweizer Atomphysiker angehören sollten. Diese «Studienkommission» sollte die theoretischen Grundlagen für eine Bewaffnung der Schweizer Armee mit Atombomben erarbeiten. Am 20. August 1945 wandte sich auch Otto Zipfel, der Delegierte für Arbeitsbeschaffung, an Bundesrat Karl Kobelt, um diesen über den Stand der Forschungen im Bereich der Atomphysik in der Schweiz zu informieren. Gleichzeitig schlug er Kobelt eine Besprechung mit dem Generalstabschef Louis de Montmollin und dem Chef der KTA, René von Wattenwyl, vor.

Am 3. September 1945 befasste sich die Landesverteidigungskommission (LVK) erstmals mit der Atombewaffnung. Am darauffolgenden Tag schrieb René von Wattenwyl in einem geheimen Schreiben an Bundesrat Kobelt: «Unsere Informationen über die Eigenschaften, Wirkungen und Produktionsmöglichkeiten der Atombomben müssen erweitert werden. Dafür empfiehlt es sich, eine leitende wissenschaftliche Kommission einzusetzen, welche alle Aspekte des Problems bearbeitet, also nicht nur die Uranbombe als Kriegsmaterial, sondern auch die Möglichkeit der Verwendung von Atomenergie für andere Zwecke.»16 Nebst dem Bau einer eigenen Atombombe sollte insbesondere der Schutz vor atomaren Angriffen, aber auch die zivile Nutzung der Atomenergie erforscht werden.

Im September und Oktober 1945 schrieb Bundesrat Kobelt allen Vorstehern der physikalischen und chemischen Forschungsinstitute, die sich in der Schweiz mit der Atomphysik beschäftigten. In seinem Schreiben bat er die Schweizer Physik- und Chemieprofessoren, sich an einer «Studienkommission» des Militärdepartements zu beteiligen, die sich mit der Atomenergie beschäftigen sollte. Am 5. November 1945 berief Kobelt im Bundeshaus eine Konferenz ein, an der die Studienkommission für Atomenergie (SKA) gegründet werden sollte. Professor Paul Scherrer informierte in einem Vortrag die anwesenden Wissenschaftler und Vertreter der Armee über den aktuellen Stand der Atomphysik, die vermutete Funktionsweise der amerikanischen Atombomben und weitere Anwendungen der Atomenergie. In seinem Vortrag machte Paul Scherrer darauf aufmerksam, dass die Entwicklung eines Atomreaktors oder einer Atombombe in der Schweiz grosse finanzielle Mittel und die Koordination aller Forschungen auf diesem Gebiet erfordern würde.

Paul Scherrer und die Schweizer Bombe

Paul Scherrer hatte während des Ersten Weltkriegs in Göttingen Physik studiert und war 1920 mit 30 Jahren Professor für Physik an der ETH Zürich geworden. Ab 1927 leitete er dort das Physikalische Institut, das er in der Folge zusammen mit Wolfgang Pauli zu einem internationalen Forschungszentrum für Atomphysik machte. Ab 1937 beschäftigte er sich mit dem Bau von Teilchenbeschleunigern. In Zusammenarbeit mit der Brown, Boveri & Cie. (BBC) und der Maschinenfabrik Oerlikon entstanden ab 1939 an der ETH Zürich unter seiner Leitung mit dem «Zyklotron» und dem «Tensator» zwei der ersten Teilchenbeschleuniger Europas.

Als eine Koryphäe im Bereich der Atomphysik wurde Paul Scherrer nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur zentralen Schlüsselfigur des Schweizer Atombombenprogramms. Er schien wie kein anderer dafür prädestiniert zu sein, die Schweiz ins Atomzeitalter zu katapultieren.17 Aufgrund seiner engen Kontakte zu Werner Heisenberg war er während des Kriegs aus erster Hand über das deutsche «Uranprojekt» infor miert gewesen. Als Agent des US-Geheimdiensts OSS verfügte er zudem über einen direkten Draht zu Allan W. Dulles, dem späteren CIA-Direktor. Acht seiner ehemaligen Studenten waren während des Kriegs direkt am «Manhattan-Projekt» beteiligt gewesen und hatten im Oak Ridge National Laboratory im US-Bundesstaat Tennessee gearbeitet, wo für den Bau der amerikanischen Atombombe «Little Boy» Uran angereichert worden war.

Nach Angaben seiner beiden Assistenten Werner Zünti und Otto Huber an der ETH Zürich machte Paul Scherrer im Spätsommer 1945 eine dreimonatige Studienreise in die USA, wo er sich unter anderem mit seinem ehemaligen Schüler Chauncey Guy Suits traf, dem damaligen Forschungsleiter bei General Electric, der ebenfalls am «Manhattan-Projekt» beteiligt gewesen war. Anschliessend traf er sich persönlich mit General Leslie R. Groves, dem Leiter des «Manhattan-Projekts», und besuchte das Laboratorium Hanford Site im US-Bundesstaat Washington, das während des Kriegs für die Produktion von Plutonium zuständig gewesen war.18

Nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki beschäftigten sich die amerikanischen Wissenschaftler und Militärs des «Manhattan-Projekts» mit der Frage, wie lange wohl die Sowjetunion noch brauchen würde, um ebenfalls Atombomben zu bauen. Der Schweizer Physiker Fritz Zwicky war im Frühling und Herbst 1945 als Militärberater für die US-Army in Deutschland und Japan. Auf Anfrage des Geheimdiensts der US-Marine (US Navy Intelligence) empfahl er Paul Scherrer als unabhängigen Experten zur Beurteilung dieser Frage: «Ich schlug Prof. Paul Scherrer vor, der dann auch prompt eingeladen und zu seinem Unbehagen als amerikanischer Bürger, namens ‹Shearer›, durch die Installationen des Manhattan-Projektes in Los Alamos, Oak Ridge usw. geführt wurde. Am Schluss seiner Rundreise gab er das gleiche Urteil ab wie Langmuir und ich – die Russen würden es sicher in drei Jahren schmeissen.»19 Mit seiner Einschätzung lag Paul Scherrer nicht weit daneben: Die erste sowjetische Atombombe wurde am 29. August 1949 auf dem Testgelände Semipalatinsk in Kasachstan gezündet.

Von seiner Reise in die USA brachte Paul Scherrer den Smyth-Report in die Schweiz mit. Der Bericht des US-amerikanischen Physikers Henry De Wolf Smyth von der Universität Princeton, der nach dem Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki am 12. August 1945 als offizieller Bericht der US-amerikanischen Regierung veröffentlicht wurde, fasste erstmals das frei verfügbare Wissen über die technischen Grundlagen der Atombombe und der Atomenergie zusammen. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz hielt Paul Scherrer im Herbst 1945 am Physikalischen Institut der ETH Zürich mehrere Vorträge über den Smyth-Report.

Am 28. November 1945 veröffentlichte Paul Scherrer in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel mit dem Titel Atomenergie – Die physikalischen und technischen Grundlagen, der das physikalische Wissen über die Atombombe erstmals in allgemeinverständlicher Form für die Schweizer Öffentlichkeit zugänglich machte.20 Er beschrieb den Aufbau der Atome und der Atomkerne, die Kernspaltung, die nukleare Kettenreaktion, die Entstehung von Plutonium und anderer radioaktiver Spaltprodukte sowie den Aufbau und die Funktionsweise einer Atombombe und eines Atomreaktors.

An der von Bundesrat Karl Kobelt einberufenen Atomkonferenz vom 5. November 1945 wurde die Gründung der SKA beschlossen, die dem EMD unterstellt wurde und deren Präsident Paul Scherrer werden sollte. Zu den Mitgliedern der Kommission zählten Physiker und Chemiker der Universitäten Zürich, Basel, Bern, Neuenburg und Genf, 21 Oberstbrigadier René von Wattenwyl, Chef der KTA, und der Delegierte für Arbeitsbeschaffung, Otto Zipfel. Als Sekretär fungierte Alfred Krethlow, der Chef der Sektion für technische Physik der KTA.

«Die SKA soll überdies die Schaffung einer schweizerischen Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie beruhen, anstreben.» Bundesrat Karl Kobelt, 5.2.1946

Mit der Zusammensetzung der SKA versuchte Bundesrat Karl Kobelt, das physikalische und technische Wissen über die Atomenergie beim Militärdepartement zu monopolisieren. Nur widerwillig räumte er auch seinem Amtskollegen, FDP-Bundesrat Walther Stampfli, dem Vorsteher des Volkswirtschaftsdepartements, einen Sitz ein.22 Weder die Schweizer Elektrizitätsgesellschaften noch die Maschinen- und die Chemieindustrie waren in der SKA vertreten. Die atomphysikalischen Forschungen und die technischen Entwicklungen der SKA verfolgten entsprechend einen militärischen und nicht einen wirtschaftlichen Zweck.23Als Aufgaben der SKA wurden offiziell die Förderung und Koordination von Forschungen im Bereich der Atomphysik, die Erteilung von Forschungsaufträgen, die Beratung von Behörden und die Schulung von Wissenschaftlern genannt. Die Forschungen wurden zivil getarnt, verfolgten aber hauptsächlich militärische Absichten. In den geheim gehaltenen Richtlinien für die Arbeiten der SKA auf militärischem Gebiet beauftragte Bundesrat Kobelt die SKA am 5. Februar 1946 ausdrücklich mit der Entwicklung einer Schweizer Atombombe: «Die SKA soll überdies die Schaffung einer schweizerischen Bombe oder anderer geeigneter Kriegsmittel, die auf dem Prinzip der Atomenergie beruhen, anstreben. Es ist zu versuchen, ein Kriegsmittel zu entwickeln, das aus einheimischen Rohstoffquellen erzeugt werden kann. Der Einsatz dieser Kriegsmittel auf verschiedene Art zu prüfen, namentlich: a) Uranbomben als Zerstörungsmittel ähnlicher Art wie Minen für Zwecke der Defensive und aktiver Sabotage. b) Uranbomben als Artilleriegeschosse. c) Uranbomben als Flugzeugbomben.»24

Die Mitglieder der SKA wurden vertraglich zur Geheimhaltung verpflichtet. Die Wissenschaftler erhofften sich durch ihre Beteiligung an der SKA den Zugang zu umfangreichen, durch das Militärdepartement subventionierten Forschungsgeldern. Dafür stellten sie ihre wissenschaftliche Arbeit, die in erster Linie dem Bau einer Atombombe dienen sollte, in den Dienst der Schweizer Armee. Die Wissenschaftler forderten hohe Forschungskredite. Rasch ging es dabei um so gewaltige Summen, dass das Finanzdepartement gegen den Willen des Militärdepartements auf einer Parlamentsvorlage beharrte. Paul Scherrer musste für die SKA einen Bundesbeschluss über die Förderung der Forschung auf dem Gebiet der Atomenergie ausarbeiten. Am 17. Juli 1946 beantragte Bundesrat Kobelt beim National- und Ständerat für die Atomforschung einen Kredit von 18 Millionen Franken für die Jahre 1947 bis 1951. Weitere zehn Millionen Franken wurden reserviert für den Fall, dass mit dem Bau eines Atomreaktors begonnen würde. Der Bundesrat begründete die für die damaligen Verhältnisse enorm hohe Summe mit der «ausserordentlich grossen Bedeutung, die der Atomenergie für unsere Landesverteidigung und unserer Wirtschaft zukommen kann».25 Das Budget der ETH Zürich betrug damals zum Vergleich gerade einmal vier Millionen Franken pro Jahr.26

Eine dreiste Lüge

Der Ständerat befasste sich am 8. Oktober 1946 mit der Vorlage und lehnte diese mit 17 zu 14 Stimmen ab. Die undurchsichtige Verknüpfung von wirtschaftlichen und militärischen Interessen hatte insbesondere Friedrich Traugott Wahlen von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) zu heftiger Kritik bewogen: «Ich bin nun der festen Überzeugung, dass sich die in der Schweiz durchgeführten wissenschaftlichen Arbeiten strikte auf die Grundlagenforschung und die Auswertungen auf wirtschaftlichem Gebiet beschränken sollten, selbstverständlich unter Einbezug rein militärischer Defensivvorkehrungen, aber unter bewusstem und ausgesprochenem Verzicht auf die Entwicklung und Herstellung von Atombomben.»27 Er forderte mit einem Hinweis auf das humanitäre Völkerrecht eine Ächtung der Atomwaffen. Ein Schweizer Atombombenprogramm würde zudem den angestrebten Beitritt zur UNO erschweren. Er forderte eine Ergänzung der Vorlage «durch eine eindeutige Willenserklärung von Parlament und Bundesrat, grundsätzlich und ohne Rücksicht auf die von den Grossmächten zu treffenden Entschlüsse auf die Verwendung der Atombombe zu verzichten».28 Bundesrat Karl Kobelt versuchte zu beschwichtigen, indem er betonte, die Nutzung der Atomenergie komme vor allem der Wirtschaft und nicht der Armee zugute.29 Am 18. Dezember 1946 kam die Vorlage in fast unveränderter Form erneut vor den Ständerat. Bundesrat Kobelt beteuerte wiederum, «dass kein Mensch daran denke, dass in der Schweiz das grauenhafte Kriegsinstrument der Atombombe gebaut werden soll».30 Und er versicherte: «Wir haben weder die Absicht noch wären wir in der Lage, Atombomben herzustellen.»31 Gestützt auf diese dreiste Lüge nahm der Ständerat die Vorlage mit 35 Ja-Stimmen und einer Enthaltung an. Mit dem gleichen Täuschungsmanöver gelang es Karl Kobelt am 18. Dezember 1946, auch den Nationalrat zu überzeugen.32

Im September 1946 fand ein Treffen von Bundesrat Kobelt, Paul Scherrer, René von Wattenwyl und Fritz Zwicky statt; Zwicky entwickelte ab Juni 1947 als Militärberater der Schweizer Armee aus der Doktrin des totalen Kriegs das Konzept einer totalen Landesverteidigung. Der Schweizer Physiker, Astronom und Raketeningenieur wirkte von 1943 bis 1949 auch als Berater der Aerojet Engineering Corporation an der Entwicklung von Interkontinentalraketen mit. Nach eigenen Aussagen erkannte er bereits 1939 die Möglichkeit von Atombomben und entdeckte bei seinen Beobachtungen von Supernovae die Existenz nuklearer Kettenreaktionen. Daraus leitete er seine Strategie des totalen Kriegs ab.33 Für die Schweizer Armee sollte er nun Vorschläge für deren technische Aufrüstung erarbeiten. Am 30. September 1947 legte er der KTA seinen Bericht Vorschläge zur Gesamtbereitschaft der Schweiz gegen kriegerische Angriffe vor. In einem Brief an Paul Scherrer vom August 1949 fasste er seine damaligen Empfehlungen folgendermassen zusammen: «Hochwertige Treibstoffe für Raketenantriebe; Konstruktion von Düsen- und Staustrahltriebwerken; Beschäftigung mit Kernfusion; Ultraschnelle Geschosse für die Panzerabwehr; Neue Artillerie mit flüssigem Triebstoff (lagerbar in zwei nicht entzündbaren Komponenten); Vorbereitung auf den Bakterien- und Virenkrieg; Auffindungsgeräte für schnell fliegende Projektile und Flugzeuge.»34

Der Begriff des «totalen Kriegs» war durch die berüchtigte Rede von Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast («Wollt ihr den totalen Krieg?») verbreitet worden. Der nationalsozialistische Vernichtungskrieg sollte alle verfügbaren Ressourcen mobilisieren und zur vollständigen Vernichtung des Feindes und zur massenhaften Ermordung von dessen Bevölkerung führen.35 Gemäss der Formel «Totaler Krieg macht totale Abwehr nötig» ging das Konzept einer totalen Landesverteidigung davon aus, dass der moderne Krieg sämtliche Gesellschaftsbereiche tangieren würde und deshalb die ganze Gesellschaft in die Planung der nationalen Verteidigung einbezogen werden müsste.36 Die Schweizer Armee befand sich im Kalten Krieg und befürchtete eine kommunistische Invasion beziehungsweise einen atomaren Angriff der Sowjetunion. Bundesrat Karl Kobelt und Generalstabschef Louis de Montmollin liessen deshalb nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der «Truppenordnung 51» eine neue Verteidigungsstrategie ausarbeiten, die eine umfassende Verteidigung im Falle eines totalen Kriegs ermöglichen sollte. In Abkehr von der Réduit-Strategie sollte eine mobile Defensivarmee entwickelt werden, die mit möglichst wenigen Panzern das gesamte Staatsgebiet verteidigen könnte. Dieses Konzept einer totalen Landesverteidigung wurde in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre durch den geplanten Einsatz taktischer Atomwaffen und den Aufbau eines Zivilschutzes ergänzt.37 Der totale Verteidigungskrieg bildete das militärische Pendant zum nationalen Mythos des Schweizer Sonderfalls. Die Schweiz sollte auch dann noch mit allen Mitteln verteidigt werden, wenn sie bereits von Feinden umzingelt und Europa von den Kommunisten überrannt worden wäre.38

Die fieberhafte Suche nach Uran

Nebst dem physikalisch-technischen Wissen war Anfang 1947 das nötige Geld vorhanden, um mit der Entwicklung eines Atomreaktors und dem Bau einer Atombombe zu beginnen. Was fehlte, war das spaltbare Material, das Uran. Die USA versuchten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs jedoch, mit allen Mitteln zu verhindern, dass andere Länder eine eigene Atomindustrie aufbauen und damit in den Besitz einer Atombombe gelangen konnten. Bereits an der Quadrant-Konferenz in Québec 1943 hatten die USA mit ihren Bündnispartnern Grossbritannien und Kanada vereinbart, sämtliches Uran in der westlichen Hemisphäre für sich zu behalten.39 Um ihr Monopol zu sichern, verhängten sie ein Ausfuhrverbot für Uran, was zur Folge hatte, dass der radioaktive Rohstoff auf dem freien Markt nicht mehr gekauft werden konnte.

In den geheimen Richtlinien für die Arbeiten der SKA auf militärischem Gebiet vom 5. Februar 1946 hiess es, dass eine schweizerische Uranbombe «aus einheimischen Rohstoffquellen» produziert werden sollte.40 Die SKA begann daher ab 1946 umgehend mit der Suche nach Uran, da die Entwicklung eines Atomreaktors und einer Atombombe ohne den radioaktiven Rohstoff nicht möglich war. Man war damals wie besessen davon, möglichst bald in den Besitz von Uran zu gelangen, um mit den geplanten Entwicklungen beginnen zu können. Solange die Beschaffung des Urans nicht gesichert war, schwebten sämtliche Projekte zur militärischen oder friedlichen Nutzung der Atomenergie in der Luft. Die ersten Jahre der SKA waren daher hauptsächlich von dieser fieberhaften Suche nach Uran geprägt.41

Einerseits begann man in der Schweiz nach Uranvorkommen zu suchen, andererseits versuchte man, das Uran legal im Ausland zu kaufen oder illegal über den Schwarzmarkt zu besorgen. Man war in dieser aussichtslosen Situation sogar bereit, mit der Sowjetunion zu verhandeln. Anfang August 1946 berichtete Paul Scherrer an Bundesrat Karl Kobelt: «Die Amerikaner kaufen alle Uran-Vorkommen auf. […] Es ist völlig ausgeschlossen, auch nur die geringsten Quantitäten von Uran aus dem amerikanischen Einflussgebiet zu erhalten, eventuell aber aus dem russischen.»42 Im November 1946 berichtete der schweizerische Gesandte in Prag, Alexandre Girardet, dass die Tschechoslowakei der Schweiz gegen Informationen neun Tonnen Uran anbiete.43 Paul Scherrer reagierte allerdings skeptisch auf das tschechische Angebot. Das Uranerz in der Tschechoslowakei würde bereits von der Sowjetunion ausgebeutet, die kein Interesse daran haben könnten, grössere Mengen der beinahe erschöpften Erzlager an die Schweiz abzugeben. «Ausserdem würden die Russen als Gegenleistung sicher einen Austausch von Erfahrungen verlangen, welchem ich nicht gerne zustimmen würde.»44

1947 vereinbarte Bundesrat Kobelt mit Chiang Kaischek, dem chinesischen Führer der Kuomintang, die Entsendung von Schweizer Geologen nach China, um dort den Abbau von Uran zu fördern und als Gegenleistung eine Lieferung Uranerz zu erhalten.45 Die USA verhinderten die Zusammenarbeit jedoch im entscheidenden Moment, indem sie China selbst ihre Hilfe bei der Uranprospektion anboten, woraufhin die Chinesen ihr Interesse an einer Zusammenarbeit mit der Schweiz verloren.46 1949 erhielt die Schweiz zudem 125 Kilogramm Uran angeboten, die nach dem Krieg aus den unterirdischen Gewölben unterhalb des Hauses von Adolf Hitlers engem Vertrauten Martin Bormann in Berchtesgaden entwendet worden waren.47

Im Sommer 1950 handelte René von Wattenwyl mit der portugiesischen Firma Calmor einen Vertrag über Rechte an Uranminen aus. 1951 verhandelte die Schweiz zudem mit Indien über eine Lieferung von Uran und knüpfte gleichzeitig Kontakte zu Südafrika. Im August 1951 bot Francis Perrin, der Präsident des französischen Kommissariats für Atomenergie (Commissariat à l’énergie atomique, CEA), Paul Scherrer an, der Schweiz genügend Uran für den Bau eines Forschungsreaktors zu liefern, sofern die Schweiz den Atomreaktor selbst entwickeln und die französischen Behörden über ihre Erfahrungen informieren würde. Die Schweiz müsste zudem das beim Betrieb des Atomreaktors entstandene Plutonium an Frankreich abgeben.48

Grossbritannien durchbrach schliesslich 1953 das Ausfuhrverbot und stellte der Schweiz mittels eines Dreiecksgeschäfts mit Belgien zehn Tonnen metallisches Natururan aus Katanga in Belgisch-Kongo zur Verfügung. Die Schweizer Delegation unter der Leitung Paul Scherrers handelte das Dreiecksgeschäft aus. Der Bundesrat bewilligte dafür 3,3 Millionen Franken. Die zehn Tonnen Uranmetall trafen 1954 und 1955 in der Schweiz ein, circa fünf Tonnen Uranmetall in Aluminiumumhüllung und fünf Tonnen in Form von Uranoxid. Rund fünf Tonnen wurden der 1955 in Würenlingen gegründeten Reaktor AG zur Verfügung gestellt, die damit den geplanten Natururan-Forschungsreaktor Diorit betreiben wollte. Die restlichen fünf Tonnen Uran wurden als Kriegsreserve in einem Réduit-Stollen der KTA in der Pulverfabrik Wimmis bei Spiez eingelagert. Nachdem sich die britischen Uranbrennstäbe für den Betrieb des Forschungsreaktors Diorit als unbrauchbar erwiesen hatten, wurden die fünf Tonnen der Reaktor AG ebenfalls in der Pulverfabrik in Wimmis eingelagert.49

Am 14. Januar 1960 fand ein Treffen des Generalstabs und der KTA mit Jakob Karl Burckhardt, dem Delegierten des Bundesrates für Fragen der Atomenergie, sowie dem Vizedirektor der Reaktor AG statt, um über die weitere Verwendung der Uranreserve zu beraten. Oberdivisionär Peter Burkhardt stellte dabei die Frage, «ob das dem Bunde ohne spezielle Auflage gehörende U[ran] verwendet werden kann, Vorstudien für die Herstellung von A-Waffen durchzuführen oder ob es sogar für die Herstellung einiger A-Bomben genügen würde».50 «Rein theoretisch» sei es möglich, aus den zehn Tonnen Uran eine einzige Uranbombe oder eineinhalb Plutoniumbomben herzustellen, allerdings sei dies aufgrund der «unvernünftig hohen Kosten» praktisch unmöglich, lautete die Antwort.51 In den 1960er- und 1970er-Jahren geriet die Uranreserve in Wimmis zunehmend in Vergessenheit. In einem Brief vom 20. Juni 1978 erkundigte sich Peter Grossenbacher, der Direktor der Pulverfabrik Wimmis, bei Eduard Kiener, dem Direktor des Bundesamts für Energiewirtschaft (BFE), nach der zuständigen Amtsstelle. Man hatte in der Zwischenzeit also bereits vergessen, welche Bundesstelle für die Uranreserve verantwortlich war. Darauf beschloss der Bundesrat am 12. August 1981, das Uran dem BFE zu übertragen.52 Schliesslich wurde das Uran 1991 nach Frankreich in die Wiederaufbereitungsanlage La Hague geschickt, wo es angereichert wurde, damit es anschliessend als gewöhnliches Brennmaterial im AKW Beznau eingesetzt werden konnte.53

Die Suche nach Uran in den Schweizer Bergen begann bereits 1943. Die ersten Geländeuntersuchungen in den Alpen waren jedoch amateurhafte Exkursionen einzelner Geologieprofessoren mit deren Studenten.54 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die geologischen Exkursionen intensiviert. Die Bemühungen wurden insbesondere nach der Gründung der Reaktor AG 1955 zusätzlich verstärkt, um den dringend benötigten Brennstoff für den Forschungsreaktor Diorit zu beschaffen, der 1957 gebaut wurde. Nebst den Industriefirmen Aluminium Industrie AG, Grande Dixence SA, Lonza AG und den Eisenbergwerken Gonzen AG suchte vor allem der von der SKA 1956 gegründete «Arbeitsausschuss zur Untersuchung schweizerischer Mineralien und Gesteine auf Atombrennstoff und seltene Elemente» vorwiegend im Wallis nach Uran. Man fand zwar auf der Mürtschenalp im Kanton Glarus, im Gestein aus dem Gotthard- und dem Lötschbergtunnel und im Aare- und im Bergeller Granitmassiv Uranerz, doch waren die Vorkommen zu gering, als dass sich ein Abbau gelohnt hätte.55

Im März 1960 legte Jakob Karl Burckhardt als Delegierter des Bundesrates für Fragen der Atomenergie dem Generalstabschef Jakob Annasohn einen Tätigkeitsbericht über die Uranprospektion vor. Der Bericht hielt fest, dass im Wallis bei Le Fou, Alou und Naters Uranerz gefunden worden sei und ein Abbau der Uranvorkommen für militärische Zwecke möglich sei, dieser aber mit einem enorm hohen finanziellen Aufwand verbunden wäre.56 Das EMD kam daher zum Schluss, dass «eine summarische Untersuchung der Erzgewinnungs- und Fabrikationskosten zur Herstellung des Atomsprengkopfes Uran 235 durch Isotopentrennung aus dem natürlichen Uran zeigt, dass die Kosten unsere Volkswirtschaft gegenwärtig noch überlasten würden. […] Beim heutigen Stand der Ausbeutung von Uran-Vorkommen im Inland, der Lage unserer Reaktorindustrie, dem verfügbaren wissenschaftlichen Personal und dessen Kenntnissen sowie den finanziellen Anforderungen kommt voraussichtlich eine Eigenfabrikation von Atomwaffen für das nächste Jahrzehnt nicht in Frage.»57

Das Fehlen des radioaktiven Rohstoffs Uran wurde entscheidend für das Schweizer Atombombenprogramm: Als rohstoffarmes Binnenland musste die Schweiz ihren Traum, eine eigene Atombombe aus einheimischem Uran zu bauen, bald aufgeben. Zum Mangel an Rohstoffen kamen die Rückständigkeit in der Reaktortechnologie, das Fehlen geeigneter wissenschaftlicher Fachleute und die begrenzten finanziellen Ressourcen, was die Schweiz schliesslich zur Zusammenarbeit mit verschiedenen europäischen Ländern und den USA zwang und zu einem Verlust der Unabhängigkeit führte.58 Der Aufbau eines eigenen Atomwaffenarsenals hätte immense Kosten verursacht, was damals nicht nur Abstriche bei der konventionellen Verteidigung zur Folge gehabt, sondern vermutlich auch andere wichtige Anliegen wie beispielsweise die Finanzierung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) gefährdet hätte. Die Beschaffung von Uran im Ausland war ebenfalls mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden, da auf dem internationalen Markt kein Uran gekauft werden konnte, das nicht der Kontrolle der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) unterlag und damit ausschliesslich für zivile Zwecke verwendet werden durfte.

Der Forschungsreaktor Diorit produzierte während seines Betriebs von 1960 bis 1977 rund 20 Kilogramm Plutonium, das für den Bau einer Atombombe hätte genutzt werden können. Plutonium kann, wenn es nach einem aufwendigen chemischen Verfahren von anderen radioaktiven Isotopen getrennt wird, als Spaltstoff für Atomwaffen verwendet werden.59 Der Direktor der Reaktor AG, Rudolf Sontheim, hielt deshalb auch die Herstellung von Atomwaffen mit Plutonium für möglich: «Die Produktionsmethoden für Pu 239 sind am besten bekannt. Deren autarke technische Realisation dürfte mit dem relativ geringsten Forschungsaufwand möglich sein.»60 Die Herstellung eigener Atomwaffen hätte allerdings das bilaterale Abkommen der Schweiz mit den USA über die friedliche Verwendung der Atomenergie verletzt. Seit den 1950er-Jahren wurde zudem in den USA und in Grossbritannien mit dem sogenannten Schnellen Brüter ein neuer Reaktortyp entwickelt, der grosse Mengen von Plutonium produzierte. Im Oktober 1965 beauftragte der Bundesrat Urs Hochstrasser, den Delegierten für Fragen der Atomenergie, folgende Abklärungen zu treffen: «Suche nach Uranvorkommen, Urananreicherung, Physik des schnellen Brüters. Gleichzeitig sollen Fachleute für die Probleme der A-Waffentechnik ausgebildet werden.»61 Solche Fachleute wurden auch für die Realisierung eines Schutzes gegen die Auswirkung einer Bombardierung der Schweiz mit Atomwaffen benötigt. Aus den abgebrannten Brennstäben des Reaktors Diorit wurde zwischen 1966 und 1973 in der Wiederaufbereitungsanlage der Eurochemic im belgischen Mol Plutonium gewonnen und anschliessend wieder in die Schweiz zurückgeschickt. Das Plutonium des Diorit lagerte bis 2014 im Paul Scherrer Institut (PSI) in Würenlingen. Die 20 Kilogramm Plutonium hätten für den Bau von rund vier Atombomben ausgereicht. 2014 beschloss der Bundesrat schliesslich, das Plutonium an die USA zu übergeben.62

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verfügte nur die USA über die Technologie zur Anreicherung von Uran. Alle Staaten, die mit angereichertem Uran arbeiten wollten, waren daher von den USA abhängig. Die Schweiz wollte aber in ihrem Atomprogramm von den USA unabhängig sein. Deshalb entschied man sich, einen Atomreaktor zu entwickeln, der mit Natururan betrieben werden konnte. Dieses Uran verlangt einen speziellen Reaktortyp, der mit schwerem Wasser oder Graphit betrieben wird. Der Betrieb eines solchen Schwerwasserreaktors brauchte also nebst dem Uranerz als Brennstoff auch schweres Wasser oder Graphit als Moderator. Der Moderator bremst die Neutronen ab, die bei der Spaltung des Urans entstehen. Schweres Wasser (D2O) kommt als Isotop im herkömmlichen Wasser (H2O) in einer Konzentration von etwa 0,15 Promille vor. Genauso wie das Uran waren jedoch auch das schwere Wasser und hochreines Graphit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufgrund der US-amerikanischen Handelsbeschränkungen auf dem internationalen Markt nicht erhältlich. Aus diesem Grund versuchte man nach dem Zweiten Weltkrieg, das schwere Wasser ebenfalls in der Schweiz herzustellen.

Professor Werner Kuhn vom Physikalisch-Chemischen Institut der Universität Basel forschte bereits seit den 1940er-Jahren an der Herstellung von schwerem Wasser. Sie ist ein Spezialfall einer Isotopentrennung, bei dem das schwere Wasser aus gewöhnlichem Wasser in einem aufwendigen Destillationsverfahren angereichert wird. In Zusammenarbeit mit der Firma Hovag in Domat-Ems (heute: Ems-Chemie) und der Lonza AG in Visp entwickelte Werner Kuhn während des Kriegs ein Verfahren zur Destillation von schwerem Wasser, zu einer Zeit, als das deutsche «Uranprojekt» aufgrund des fehlenden schweren Wassers lahmgelegt war.63 Die beiden Firmen Hovag und Lonza AG erhielten von der 1955 gegründeten Reaktor AG den Auftrag, zwölf Tonnen schweres Wasser herzustellen. Die USA wollten jedoch die Herstellung von schwerem Wasser in der Schweiz verhindern und boten der Reaktor AG deshalb über ihre Atomic Energy Commission schweres Wasser zu einem Dumpingpreis an, mit dem die beiden Schweizer Firmen nicht konkurrieren konnten. Walter Boveri jun., der Direktor der BBC, und Rudolf Sontheim, der damalige Direktor der Reaktor AG, entschieden sich aufgrund der tiefen Preise dafür, das schwere Wasser aus den USA zu importieren.64

Schutz vor Strahlenschäden

Die Strahlenforschung wurde nach dem Krieg als eine Schlüsseltechnologie betrachtet und dementsprechend mit Bundesgeldern in bis dahin unerreichtem Ausmass gefördert. Die SKA förderte Forschungen im Bereich der Atomphysik, die für den Bau von Atomwaffen und Atomreaktoren wichtig waren, und im Bereich der Strahlenmedizin und -biologie, die dem Schutz vor Strahlenschäden in einem künftigen Atomkrieg dienen sollten.65 Dabei kam es zu einer engen Verschränkung von Militär, Wissenschaft, Medizin und Industrie. Bereits während der konstituierenden Sitzung der SKA wollte Generalstabschef Louis de Montmollin von Paul Scherrer wissen, welche Schutzvorkehrungen die Armee «im Hinblick auf einen Angriffskrieg mit Atombomben» treffen müsse. Hans Frick, der Chef der Ausbildung der Schweizer Armee, beschäftigte demgegenüber die Frage, ob ein Gelände nach einer Atombombenexplosion «wegen einer allfälligen radioaktiven Strahlung» noch betretbar sei.66 Der Strahlenschutz war für die Schweizer Armee von zentraler Bedeutung, um einen künftigen Atomkrieg führen zu können. Auf Initiative von Alexander von Muralt, Professor für Physiologie an der Universität Bern und späterer Initiant und erster Präsident des Schweizerischen Nationalfonds, begann die SKA 1947 mit der Erforschung der biologischen Wirkungen von Strahlen. So schlug er vor, «dass nun auch die Probleme der durch die Uranmaschine und Atombombe hervorgerufenen Strahlenschädigungen vom medizinischen und biologischen Standpunkt aus in Angriff genommen werden sollten».67 Der Zweck der Strahlenforschung liege darin, «therapeutische Massnahmen gegen die durch die Bestrahlung durch eine A-Bombe auftretenden Körperschäden treffen zu können und wenn möglich, Vorräte von Heilmitteln zu schaffen».68 Der Bericht Wirkung der Atombombe auf den Menschen vom 2. Juni 1948 fasste das damals vorhandene Wissen zur Strahlenbiologie erstmals zusammen.69

An den Forschungen im Bereich der Strahlenmedizin und -biologie waren damals insbesondere die beiden Röntgeninstitute von Hans Rudolf Schinz am Kantonsspital Zürich und von Adolf Zuppinger am Inselspital Bern beteiligt. Letzteres konnte Ende Juli 1953 mit Geldern der SKA für ihre experimentelle Forschung einen Teilchenbeschleuniger kaufen, den von der BBC in Baden konstruierten «Betatron». Bis Ende der 1960er-Jahre verkaufte die BBC über 50 Betatron-Anlagen in zahlreiche Länder Europas, Amerikas und Asiens. Adolf Zuppinger schlug vor, Tierversuche durchzuführen, um die durch die radioaktive Strahlung verursachten biologischen Schäden genauer zu erforschen. Das US-Verteidigungsministerium unterstützte während des Kalten Kriegs bis in die 1960er-Jahre auch Menschenversuche. «Für die Schweiz finden sich bislang keinerlei Hinweise darauf, dass während des Kalten Kriegs wie in den USA aus militärischen Interessen gezielte Versuchsreihen mit Strahlen oder radioaktiven Substanzen stattfanden», schrieb die Historikerin Sibylle Marti, die sich eingehend mit der militärischen und zivilen Strahlenforschung in der Schweiz während des Kalten Kriegs beschäftigt hat.70

Ein weiteres wichtiges Forschungsinstitut war das 1949 gegründete Strahlenbiologische Laboratorium der Universität Zürich, das von 1950 bis 1989 von Hedi Fritz-Niggli geleitet wurde.71 Das Labor erforschte ebenfalls die Strahlengefährdung des Menschen. Anhand von Bestrahlungsversuchen mit Drosophila-Fliegen wurde die Entstehung von Mutationen bei Keimzellen untersucht. Wie Hedi Fritz-Niggli schrieb, war «es von grossem theoretischem und praktischem Interesse, die Wirkungen der kurzwelligen Strahlung auf die Zelle und das Erbmaterial abzuklären. Dies, um Richtlinien für eine Toleranzdosis zu geben, resp. die genetische Strahlengefährdung zu erkennen, damit prophylaktische Massnahmen getroffen werden können.»72 Die ursprünglichen militärischen Forschungsziele führten auch zu neuen diagnostischen und therapeutischen Anwendungen etwa im Bereich der Strahlenbehandlung von Krebskrankheiten. Die Radioisotope, die in der Krebsforschung zur Anwendung kamen, dienten in den 1950er-Jahren wiederum der Propaganda vom «friedlichen Atom» und förderten die gesellschaftliche Akzeptanz der zivilen Nutzung der Atomenergie.73

1956 wurde die Eidgenössische Kommission zur Überwachung der Radioaktivität (KUeR) geschaffen, um den durch die Atombombentests verursachten radioaktiven Fallout zu überwachen. Fortan war die KUeR für die Überwachung der Radioaktivität in der Luft, im Boden, in Lebensmitteln und im menschlichen Körper zuständig. Seit den späten 1950er-Jahren wurden dazu landesweit Messstationen aufgebaut. Ausgehend von den Empfehlungen der International Commission on Radiological Protection (ICRP) legte die KUeR zudem die Grenzwerte für die Abgabe radioaktiver Stoffe für AKWs und Spitäler in der Schweiz fest. 1963 trat die Strahlenschutzverordnung in Kraft. Zum Schutz der Bevölkerung schuf der Bundesrat mit einer Verordnung vom 9. September 1966 einen Alarmausschuss, der sich mit dem AC-Schutzdienst der Armee und dem Zivilschutz koordinierte. Mitte der 1960er-Jahre bewilligte das Parlament zudem die Errichtung einer neuen physikalischen Versuchsanstalt, des Schweizerischen Instituts für Nuklearforschung in Villigen an der Aare, das 1988 mit dem Eidgenössischen Institut für Reaktorforschung (EIR) zum PSI fusionierte.

Kalter Krieg und Rüstungswettlauf

Der Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki markierte 1945 zugleich das Ende des Zweiten Weltkriegs und den Beginn des Kalten Kriegs. Ganze Generationen haben seither mit der Angst vor einem apokalyptischen Atomkrieg gelebt, der jederzeit ausbrechen könnte und innerhalb weniger Stunden einen Grossteil der Menschheit vernichten würde.74 Der ausser Kontrolle geratene Rüstungswettlauf zwischen den USA und der Sowjetunion schuf schliesslich die Möglichkeit, die gesamte Menschheit zu vernichten und den Planeten Erde für den Menschen für Zehntausende von Jahren unbewohnbar zu machen.

Ab Mitte des Zweiten Weltkriegs befürchtete Stalin, der Westen werde ihn mit «der Bombe» erpressen. 1942 ernannte er deshalb den russischen Atomphysiker Igor Kurtschatow zum wissenschaftlichen Leiter des sowjetischen Atombombenprogramms. Ab 1943 war Stalin durch sowjetische Spione, zu denen unter anderen der deutsche Atomphysiker Klaus Fuchs gehörte, über den Stand des «Manhattan-Projekts» informiert. Am 20. August 1945 ernannte Stalin zudem den gefürchteten Geheimdienstchef Lawrenti Beria zum Leiter des Atomprogramms. Unter seinem Kommando wurden ab 1946 durch Gulag-Häftlinge riesige «geheime Städte» und Atomlaboratorien wie Arsamas-16 (Sarow) und Tscheljabinsk-40 (später -65) bei Kyschtym aus dem Boden gestampft.

Ab dem Frühjahr 1945 fahndeten die Sowjets zudem im von ihnen besetzten Deutschland verstärkt nach Atomtechnik. Nach 1945 wurden Tausende deutsche Techniker und Wissenschaftler aus dem Bereich der Atomphysik, aber auch der Flugzeug- und Raketentechnik in die USA und in die Sowjetunion gebracht. Nachdem Igor Kurtschatow 1947 in einem Gutachten festgestellt hatte, dass es möglich sei, in zwei Jahren eine eigene Atombombe herzustellen, begann die Rote Armee im September 1947, in Kasachstan das neue Testgelände Semipalatinsk einzurichten, wo schliesslich am 29. August 1949 die erste sowjetische Atombombe gezündet wurde.

Der Koreakrieg von 1950 bis 1953 war der erste heisse Konflikt des Kalten Kriegs, bei dem es beinahe zu einem atomaren Schlagabtausch zwischen den USA und der Sowjetunion gekommen wäre. General Douglas MacArthur, der Oberbefehlshaber der UN-Truppen, setzte sich wiederholt vehement für eine atomare Bombardierung chinesischer Städte ein, bis schliesslich Präsident Harry S. Truman eine weitere militärische Eskalation des Konflikts stoppte. 1954 planten die USA während des Indochinakriegs erneut den Einsatz von Atomwaffen, um die Franzosen gegen die vietnamesische Unabhängigkeitsbewegung zu verteidigen.

Mit der Gründung der Nato 1949 und dem Warschauer Pakt 1955 formierten sich die Blöcke in Ost und West. Gleichzeitig begann auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs ein massiver Rüstungswettlauf, der eine gefährliche Eigendynamik entwickelte. Die finstere Absurdität des atomaren Wettrüstens führte dazu, dass vorerst nur die gegenseitige Abschreckung – das «Gleichgewicht des Schreckens» – den Ausbruch eines Dritten Weltkriegs, der zu einem globalen Atomkrieg geworden wäre, verhindern konnte. Die militärische Strategie der beiden Supermächte sah jeweils den massiven Einsatz von Atomwaffen vor.

Vor 1949 – noch bevor die Sowjetunion über Atombomben verfügte – gab es in den USA sogar Überlegungen, einen atomaren Präventivkrieg gegen sie zu führen. Ab 1951 liess auch Stalin die Strategie eines Atomkriegs entwickeln, bei der ein Präventivkrieg eine Option war. 1954 verkündeten die USA ihre ominöse Nuklearstrategie der «massiven Vergeltung» («massive retaliation»), die besagte, dass sogar ein begrenzter Angriff eines potenziellen Angreifers mit konventionellen Waffen mit Atombomben vergolten werden sollte. Umgekehrt war während des Kalten Kriegs auch für die Sowjetunion ein globaler Atomkrieg stets eine strategische Option.

Im atomaren Rüstungswettlauf erhöhte sich nicht nur die Anzahl der Bomben, sondern auch die Zerstörungskraft der Sprengköpfe. In den USA gelang unter der Leitung von Edward Teller am 1. November 1952 die Zündung der ersten amerikanischen Wasserstoffbombe, deren Sprengkraft tausendmal stärker war als die der Hiroshima-Bombe. Am 12. August 1953 folgte die Sowjetunion unter der Leitung von Igor Kurtschatow und Andrei Sacharow mit der Zündung ihrer ersten Wasserstoffbombe. Grossbritannien hatte am 3. Oktober 1952 ebenfalls seine erste Atombombe gezündet, und am 8. November 1957 folgte die erste Wasserstoffbombe.

Ab den 1950er-Jahren fanden in den USA und in der Sowjetunion Tausende Atombombentests statt. Die Tests waren vor allem eine Machtdemonstration der beiden Supermächte, die der gegenseitigen Abschreckung dienen sollte; gleichzeitig wurden die Tests aber auch zur Messung der Wirkung und damit zur Weiterentwicklung und Perfektionierung der Atomwaffen genutzt. Die USA testeten ihre Atombomben hauptsächlich in der Wüste von Nevada sowie im Pazifischen Ozean. Der grösste amerikanische Atombombentest, «Bravo», fand am 1. März 1954 auf dem Bikini-Atoll statt. Die radioaktive Verstrahlung eines japanischen Fischkutters sorgte weltweit, vor allem aber in Japan, für Empörung. Der grösste jemals durchgeführte Atombombentest war die Zündung der durch ein Team um Andrei Sacharow entwickelten sowjetischen Wasserstoffbombe «Zar», die am 30. Oktober 1961 auf dem Testgelände Nowaja Semlja im Arktischen Ozean explodierte. Deren Sprengkraft war mit rund 50 bis 60 Millionen Tonnen TNT rund 4000-mal so stark wie jene von «Little Boy», der Bombe, die über Hiroshima abgeworfen wurde.

Die Atombombentests hatten schwerwiegende Folgen für Mensch und Umwelt. Der radioaktive Fallout fiel direkt auf die bewohnten Gebiete rund um die Testgelände und verteilte sich über die Atmosphäre auf dem ganzen Globus, sodass die Strahlenbelastung in den 1950er-Jahren weltweit stark zunahm. Die Bedürfnisse der Bevölkerung in den meist spärlich besiedelten Regionen am Rande der Testorte wurden bewusst ignoriert. Gleichzeitig wurden die beteiligten Wissenschaftler und Soldaten oft fahrlässig und teilweise sogar vorsätzlich der radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Ganze Bevölkerungsgruppen wurden umgesiedelt, vertrieben und als medizinische Versuchsobjekte missbraucht.75 Man geht heute davon aus, dass an den Spätfolgen der weltweit über 2100 Atombombentests über 200 000 Menschen gestorben sind.76 Die Strahlenopfer starben an Leukämie, Gehirntumoren und Schilddrüsenkrebs, die Fehlgeburten häuften sich, und die zur Welt gekommenen Kinder und Enkel wiesen vermehrt Missbildungen auf.

In der sowjetischen Atombombenfabrik Tscheljabinsk bei Kyschtym im Ural explodierte am 29. September 1957 in der kerntechnischen Anlage Majak ein Lager für hochaktive Abfälle aus der Plutoniumproduktion. Majak war die erste Anlage zur industriellen Herstellung von spaltbarem Material in der Sowjetunion. Bei dem bisher grössten jemals bekannt gewordenen militärischen Atomunfall wurden rund 250 000 Menschen radioaktiv verstrahlt. Der Wind verteilte die Strahlung bis 400 Kilometer nördlich von Majak. Aufgrund der Wetterverhältnisse konzentrierte sich die Verseuchung hauptsächlich auf den Südural, Europa blieb verschont. Die Sowjetunion konnte den Vorfall während 30 Jahren geheim halten. Majak ist heute der radioaktiv am stärksten verstrahlte Ort der Erde. Die dortige marode gewordene kerntechnische Anlage ist immer noch in Betrieb und wird weiterhin streng militärisch abgeschottet. Es werden dort weiterhin Radioisotope für die russische Atomwaffenproduktion produziert und abgebrannte Brennelemente, die teilweise auch aus dem Westen kommen, wieder aufbereitet.77

Die gigantische nukleare Aufrüstung erzeugte auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs eine permanente atomare Bedrohung. Der ständige Ausbau von immer stärkeren Atomwaffen schuf kein Gefühl der Sicherheit, sondern steigerte die Gefahr eines Atomkriegs und potenzierte damit die Angst vor der atomaren Katastrophe. Mit der ideologischen Teilung der Welt in Ost und West wurden die Fronten klar abgesteckt und die gegenseitigen Feindbilder zementiert. Sie wurden im Westen wie im Osten durch intensive Propaganda gepflegt und weiter verstärkt. Die angenommene Bedrohung durch die Gegenseite prägte dabei die rasante Dynamik der ideologischen, politischen, wirtschaftlichen und militärischen Auseinandersetzung.

Der Kalte Krieg war eine ideologische und machtpolitische Konfrontation der Weltanschauungen, die auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs als ein Kampf zwischen Gut und Böse angesehen wurde. In den USA machte sich insbesondere in der McCarthy-Ära von 1947 bis 1956 ein rabiater Antikommunismus breit. Der republikanische Senator Joseph McCarthy stand stellvertretend für die weitverbreitete antikommunistische Hysterie in der amerikanischen Gesellschaft, die überall und jederzeit eine kommunistische Unterwanderung befürchtete. McCarthy heizte die Stimmung kontinuierlich mit Beschuldigungen und Verschwörungstheorien weiter an. Die «Hexenjagd» gegen tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten betraf zunehmend auch Bibliothekare, Lehrer, Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler. Einer der bekanntesten Wissenschaftler, der Ende 1953 in die Mühlen des von McCarthy geleiteten House Committee on Un-American Activities geriet, war der Atomphysiker J. Robert Oppenheimer, der nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs die Entwicklung einer amerikanischen Wasserstoffbombe kritisiert hatte und deshalb nun als ein Sicherheitsrisiko angesehen wurde.

Im ideologischen Kampf zwischen Ost und West stand die Schweiz während des Kalten Kriegs trotz der ständigen Beteuerung ihrer «Neutralität» ideologisch, politisch, wirtschaftlich und militärisch klar auf der Seite des Westens. Mit dem Hotz-Linder-Agreement vom Juli 1951 beugte sie sich dem Diktat der USA, das auf ein Verbot des Osthandels hinauslief.78 Der Antikommunismus wurde in der Schweiz während des Kalten Kriegs zur bürgerlichen Staatsideologie und damit zum festen Bestandteil der nationalen Kultur. Die USA wussten, dass der kommunistische Einfluss in der Schweiz vernachlässigbar war; die Sowjetunion ihrerseits wertete den Schweizer Antikommunismus als ein deutliches Zeichen der Zugehörigkeit zum Westen und zählte die Schweiz ab 1963 daher zum Kampfgebiet der Nato.79

Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 erreichte der Antikommunismus in der Schweiz seinen Höhepunkt. Die sowjetische Niederschlagung des Freiheitskampfs löste damals in der Schweizer Bevölkerung eine Welle der Solidarität für Ungarn aus. Wie der Historiker Thomas Buomberger in seinem Buch Die Schweiz im Kalten Krieg 1945–1990 zeigte, war der Antikommunismus geprägt von der Vorstellung einer akuten oder schleichenden Gefahr aus dem Osten.80 Er schürte die Angst vor der «roten Gefahr» und vermittelte den Eindruck, dass sich die Schweiz zusammen mit dem Westen und den «unterdrückten» Völkern des Ostens in einem permanenten Abwehrkampf gegenüber dem aggressiven, expansiven und gottlosen Sowjetkommunismus befinden würde, der danach strebe, die Weltherrschaft zu erobern und alle freien Völker dieser Erde zu versklaven. In diesem in Schwarz-Weiss gemalten Weltbild des Kalten Kriegs war das eigene System gut, das der anderen Seite böse. Im Westen konnte das Gute im Menschen zu seiner vollen Entfaltung kommen. Der Kommunismus dagegen war die Inkarnation des Bösen.81 Das Feindbild des Kommunismus wurde auch gezielt zur Diskreditierung der politischen Gegner eingesetzt.82 Die Bedrohung aus dem Osten wurde zum Lebenselixier der Schweizer Innenpolitik.83 Mit dem Vorwurf des Kommunismus konnte jede Kritik im Keim erstickt werden. Die massive militärische Aufrüstung der Schweizer Armee wurde ebenso wie die Ausweitung des Staatsschutzes mit der kommunistischen Gefahr legitimiert.84

Die Doppelkrise Ungarn/Suez löste im Herbst 1956 in der Schweiz Hamsterkäufe von Nahrungsmitteln aus, die den vom Bundesrat ernannten Delegierten für wirtschaftliche Kriegsvorsorge dazu veranlassten, eine Propagandakampagne zur Anschaffung eines Notvorrats zu lancieren.85 Der Notvorrat wurde damit zu einem Teil der totalen Landesverteidigung. Wer keinen Notvorrat hatte, galt als suspekt und als unschweizerisch.86 Die Behörden schufen ein Klima ständiger Angst und Unsicherheit, indem sie unablässig auf die potenzielle Versorgungsknappheit hinwiesen. Die Ideologie der geistigen Landesverteidigung, die dieser Notvorratskampagne zugrunde lag, propagierte die Armee im Kalten Krieg als den «Kristallisationskern der ‹nationalen Identität› der Schweiz».87 Die Freiheit und Unabhängigkeit durch ständige Wehrbereitschaft und eigenständige Vorsorge prägten diese idealisierte Vorstellung der schweizerischen Identität.88

Nach der Suezkrise und dem Ungarn-Aufstand 1956 folgte ein Jahr später, 1957, der sogenannte Sputnikschock. In den 1950er-Jahren fand zwischen den USA und der Sowjetunion nicht nur ein nuklearer Rüstungswettlauf, sondern parallel dazu auch ein Wettlauf ins All statt. Beide Supermächte wollten dabei ihre technologische Überlegenheit beweisen. Als am 4. Oktober 1957 der sowjetische Satellit Sputnik erstmals eine Erdumlaufbahn erreichte, löste das im Westen einen Schock aus, da die Sowjetunion nun offenbar in der Lage war, die USA mit nuklearen Interkontinentalraketen zu erreichen. Der Weltraum wurde zum neuen Schlachtfeld des Kalten Kriegs. Am 3. November 1957 wurde die Hündin Laika als erstes Lebewesen und am 12. April 1961 Juri Gagarin als erster Mensch mit einer sowjetischen Rakete in den Weltraum geschickt. Die USA mussten erkennen, dass sie der Sowjetunion im Bereich der Raumfahrt unterlegen waren. Am 25. Mai 1961, nur eineinhalb Monate nach dem Start von Juri Gagarin, hielt der US-Präsident John F. Kennedy eine Rede, in der er das Ziel vorgab, noch im selben Jahrzehnt einen Menschen zum Mond und wieder zurück zu bringen. Im Zuge der NASA-Mission Apollo 11 fand dann am 21. Juli 1969 die erste Landung von Menschen auf dem Mond statt.

Die wissenschaftlich-technologische Konkurrenz wurde zur Überlebensfrage im Kalten Krieg.89 Für beide Supermächte gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder die Hegemonie oder den Untergang. Die technische Überlegenheit bedeutete mehr militärische Macht und entschied damit über Leben oder Tod. Nebst dem Bau von Atom- und Wasserstoffbomben gehörten Flugzeuge und Raketen sowie die Raumfahrt zu den militärischen Technologien, bei denen die beiden Supermächte miteinander konkurrierten. Daneben wurden auch Teile der konventionellen Waffensysteme atomar aufgerüstet: Bomberflotten, U-Boote, Minen, Artillerie, tragbare Raketenwerfer, Kurz- und Mittelstreckenraketen. Der Entwicklung der Interkontinentalraketen kam eine besondere Bedeutung zu, da ein zukünftiger Atomkrieg mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Raketenkrieg sein würde.

Die geheimen Pläne der Militärführung

1954 gaben die USA erstmals ihre Strategie der «massiven Vergeltung» bekannt. Jeder sowjetische Angriff auf Nato-Staaten in Europa, ob mit Atomwaffen oder ohne, sollte mit einem vernichtenden atomaren Gegenschlag beantwortet werden. Durch die Androhung massiver Vergeltung versuchten die USA eine weitere Expansion der Sowjetunion zu verhindern. Diese nukleare Strategie der Nato nahm enorm hohe Verluste der Zivilbevölkerung in Kauf. Europa hätte sich in einem Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion in ein atomares Schlachtfeld verwandelt und wäre infolge der radioaktiven Verstrahlung zu einer nuklearen Wüste geworden.

Nebst den Atom- und Wasserstoffbomben, mit denen im Kriegsfall die amerikanischen und sowjetischen Städte bombardiert worden wären, wurden in den frühen 1950er-Jahren auch kleinere Atomwaffen (sogenannte baby bombs) für Artilleriegeschosse, Raketen und Lenkwaffen entwickelt. Der Einbezug dieser taktischen Atomwaffen in die Verteidigungspläne der Nato liess Mitte der 1950er-Jahre auch bei den Schweizer Offizieren den Ruf nach eigenen Atomwaffen lauter werden.90 Man ging davon aus, dass taktische Atomwaffen bald weltweit zum Standardrepertoire der Armeen gehören würden und die Verbreitung der Atombombe unaufhaltsam geworden war. Oberstdivisionär Ernst Uhlmann beispielsweise vertrat die Ansicht, dass sich «das Atomgeschoss […] zu einer normalen Waffe auf dem künftigen Schlachtfeld» entwickle.91 Ausserdem hatte man damals die illusionäre Vorstellung, dass ein begrenzter Atomkrieg mit taktischen Atomwaffen möglich sei. Durch diesen Glauben an die Kontrollierbarkeit verlor die Atombombe ihren schlechten Ruf als schreckliche Waffe von unfassbarer Zerstörungskraft.92

In den USA setzte ab 1946 eine Verherrlichung und Trivialisierung der Atombombe ein, in einer Mischung aus Banalität und Glorifizierung, wie sie dem American Way of Life inhärent zu sein scheint.93 Die Atombombe wurde zu einer Ikone der Popkultur und zu einem Symbol für die Grenzenlosigkeit der eigenen Macht. Friseure boten «Atom-Haarschnitte» an, Fast-Food-Ketten den «Uran-Burger», es fanden «Miss Atomic Bomb»-Wettbewerbe statt, und es entstand eine ganze Reihe bizarrer Atombombensongs.94 Ob in Werbesongs, Comics oder auf Kaugummipackungen, der Atompilz wurde zum Synonym für eine explosive Erotik und symbolisierte die eigene Potenz. Der Atombombentest des amerikanischen Militärs im Bikini-Atoll im Pazifischen Ozean wurde als exotisches Medienspektakel inszeniert. Der französische Modeschöpfer Louis Réard wurde von den atomaren Explosionen derart angeregt, dass er seinen Entwurf für einen neuartigen Badeanzug «Bikini» nannte. Die Bombe, die kurz zuvor in Hiroshima und Nagasaki Hunderttausende Menschen getötet hatte, wurde nun zum Inbegriff des Sex-Appeal und damit zum neuesten Schrei am Badestrand.95 Die Schweiz stand nach dem Ende des Kriegs ebenfalls im Bann des American Way of Life, und die US-Propaganda begünstigte damals auch hier die Verharmlosung der Atombombe.

Die neue bipolare Weltordnung des Kalten Kriegs mit den beiden sich feindlich gegenüberstehenden Militärbündnissen erforderte von der Schweizer Armee eine neue Verteidigungsstrategie. Innerhalb des Schweizer Offizierskorps gab es damals zwei rivalisierende Gruppierungen. Auf der einen Seite standen die Anhänger der US-Doktrin der «Mobile Defence», die eine bewegliche, offensive und technologisch hochgerüstete Armee mit möglichst vielen Panzern, Flugzeugen und Atomwaffen wollten, und auf der anderen Seite die Anhänger einer defensiven, statischen Verteidigungsstrategie, der Doktrin der «Area Defence», die sich aufgrund der beschränkten militärischen und finanziellen Möglichkeiten der Schweiz als Kleinstaat für einen defensiven Abwehrkampf und für die statische Verteidigung von strategischen Stützpunkten und Stellungen aussprachen.

Die Anhänger der «Mobile Defence» standen in der Tradition von General Ulrich Wille, der im Ersten Weltkrieg den Feind nach preussischem Vorbild in einigen grossen Entscheidungsschlachten vernichtend schlagen wollte.96 Seine Schüler der zweiten und dritten Generation orientierten sich nun nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs am Vorbild der USA. Ihre Militärstrategie zielte ebenfalls auf eine möglichst vollständige Vernichtung des Gegners. Die Unabhängigkeit der Schweiz konnte ihrer Ansicht nach nur durch eine technisch hochgerüstete, bewegliche Armee garantiert werden. Die Verwendung von Atomwaffen betrachteten sie dabei als eine notwendige Voraussetzung für die Verteidigung der Schweizer Neutralität. Die bewaffnete Neutralität wurde zum nationalen Mythos erklärt. Im Bericht des Eidgenössischen Militärdepartementes an den Bundesrat betreffend die Beschaffung von Atomwaffen für unsere Armee vom 31. Mai 1958 steht: «Die Neutralität kann sogar verlangen, dass unser Land sich Nuklearwaffen zulegt, wenn dies die einzige Möglichkeit darstellt, die Unversehrtheit unseres Gebietes wirkungsvoll zu verteidigen.»97

Zu den Verfechtern dieser Militärstrategie gehörten unter anderen Oberstkorpskommandant Hans Frick, der Chef der Ausbildung, Oberstdivisionär Ernst Uhlmann, der Chefredaktor der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift, Oberstdivisionär Georg Züblin, der Kommandant der 9. Gebirgsdivision, und Oberstdivisionär Etienne Primault, der Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen. Die Anhänger der «Mobile Defence» träumten von einer «Grossmachtsarmee im Taschenformat», um sich im Kriegsfall auf Augenhöhe mit der Sowjetunion duellieren zu können. Bei einem Angriff der Sowjetunion wollte man es dem ideologischen Erzfeind «mit gleicher Münze» heimzahlen. Der Eintrittspreis sollte für die Sowjets so hoch sein, dass sie es gar nicht erst versuchten.98 In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre gehörte dieses kleine, aber einflussreiche Grüppchen zu den Hardlinern innerhalb des Generalstabs der Schweizer Armee.

Mit der Gründung des Vereins zur Förderung des Wehrwillens und der Wehrwissenschaften Ende Februar 1956 wurde die Propagierung dieser Ideen dem Zürcher Pressebüro Dr. Rudolf Farner, das einen eigenen Mitarbeiter, Gustav Däniker jun., dafür engagierte, übertragen.99 Rudolf Farner führte ab 1950 eine eigene Werbe- und Public-Relations-Agentur in Zürich. In der Schweiz popularisierte er in den 1950er-Jahren mit neuen Marketing- und Werbemethoden den American Way of Life. Er machte Werbung für Coca-Cola, Philipp Morris, Nestlé, Maggi, Marlboro oder die Barbie-Puppen. Er war aber nicht nur ein gradliniger Verfechter der freien Marktwirtschaft, sondern auch ein senkrechter Schweizer Patriot und Antikommunist. Der Journalist und Historiker Marc Tribelhorn schrieb über ihn: «Rudolf Farners Weltbild ist wie das seiner Gegner: schwarz-weiss. Grautöne mag er nicht, schliesslich droht der Kalte Krieg beständig zu einem heissen zu werden. Die Angst, von der Freiheit in die Knechtschaft zu geraten, treibt ihn an.»100 Und weiter: «Dennoch gleicht der mächtige Meinungsmacher einem Chamäleon: Er ist zugleich Pionier und Konservativer, Betonkopf und Visionär, weltgewandter Turbokapitalist und Heimatschützer, Feingeist und Haudrauf.»101 Ab Mitte der 1950er-Jahre stellte Farner sein innovatives Propagandainstrumentarium in den Dienst der Rüstungsindustrie und betrieb politische Lobbyarbeit für die Anhänger der «Mobile Defence» in der Schweizer Armee.

Der prominenteste Wortführer der defensiven Verteidigungsstrategie war Oberstkorpskommandant Alfred Ernst. Nachdem sein publizistisches Sprachrohr, die Monatszeitung Volk und Armee, Anfang der 1950er-Jahre eingegangen war, stand ihm und seinen Anhängern für die Propagierung ihrer Ideen nur noch die politische Tagespresse zur Verfügung.102 Die Verfechter einer defensiven Verteidigungsstrategie gingen von der technologischen und zahlenmässigen Überlegenheit eines potenziellen Gegners aus und beschränkten sich in ihrem defensiven Abwehrkampf auf einen lang andauernden, hartnäckigen und zähen Widerstand. Im Rüstungswettlauf mit den Grossmächten mitzuhalten, erwies sich für die Schweiz als Kleinstaat aufgrund ihrer begrenzten finanziellen Ressourcen schon früh als ein realitätsferner Wunsch.

Mitte der 1950er-Jahre setzten sich die Anhänger der «Mobile Defence» in diesem militärstrategischen Richtungsstreit vorerst durch. Unterstützung bekamen sie vom Waadtländer FDP-Bundesrat Paul Chaudet, der seit 1955 Chef des EMD war. Nach der Suezkrise und dem Ungarn-Aufstand 1956 wurde Bundesrat Paul Chaudet zum energischen Fürsprecher der atomaren Bewaffnung. Bereits 1956 machte das EMD eine erste Schätzung, was Atombomben kosten würden. Für zwölf Bomben des Typs «Hiroshima», die innerhalb von sechs Jahren erhältlich wären, wurde mit 600 Millionen Franken gerechnet.

1956 fand in der Schweiz eine Übung zur Landesverteidigung statt, an der neben Armeeangehörigen erstmals auch Zivilisten, Verwaltungsbeamte, Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler teilnahmen. Sie war ein taktisches «Kriegsspiel», das von einem «realen» Bedrohungsszenario ausging. 1956 wurde ein globaler Atomkrieg zwischen Ost und West als hauptsächliche Bedrohung wahrgenommen, wobei die kriegerische Aggression gegenüber der Schweiz selbstverständlich vom Ostblock ausging. In der Übung wurde der ideologische Kampf zwischen den Anhängern der «Area Defence» und der «Mobile Defence» ausgetragen, indem das Bedrohungsszenario darauf abzielte, die Anhänger der Doktrin der «Mobile Defence» zu stärken. In einem Szenario verfolgte die Armee eine defensive Strategie der statischen Verteidigung mit Panzern und Flugzeugen, im anderen konnte sie auf eine voll motorisierte Feldarmee, eine beweglichere, stärkere Panzerabwehr und eine grössere Anzahl von Flugzeugen zurückgreifen und war damit insgesamt viel schlagkräftiger. Die Übung diente offiziell der Landesverteidigung, war aber auch politische Propaganda, um die Kosten der militärischen Aufrüstung mit Panzern, Flugzeugen und Atomwaffen zu legitimieren.103

Generalstabschef Louis de Montmollin schuf im März 1957 eine Studienkommission für die allfällige Beschaffung eigener Atomwaffen, die bis im Spätsommer 1957 die geheime Studie Möglichkeiten der Fabrikation von Atomwaffen in der Schweiz erarbeitete. In der Sitzung der LVK vom 29. November 1957 kamen die geheimen Pläne des Militärs über den Einsatz von Atomwaffen dann offen zur Sprache. Oberstdivisionär Etienne Primault, der Kommandant der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen, sagte an der Sitzung: «Wenn man ein Flz. [Flugzeug] hätte wie beispielsweise den Mirage, der fähig sei, mit Atombomben bis nach Moskau zu fliegen, so könnte man sich einen Einsatz auch im Feindesland vorstellen. Der Gegner würde dann genau wissen, dass er nicht erst bombardiert werde, wenn er den Rhein überschreite, sondern dass auch Bomben in seinem eigenen Land abgeworfen würden.»104 Diese hochfliegenden «Atombombenträume» einiger führender Köpfe im Generalstab der Schweizer Armee waren ein Ausdruck der antikommunistischen Hysterie, die in der Schweiz nach der Suezkrise und dem Ungarn-Aufstand 1956 ihren Höhepunkt erreichte.

«Es gebe aber Fälle, in denen wir unbedingt Atomwaffen einsetzen müssten, selbst auf die Gefahr hin, dass die Zivilbevölkerung einen grossen Schaden erleiden würde. […] Man könnte unmöglich darauf verzichten, nur aus Rücksichtnahme auf die Bevölkerung.» Generalstabschef Louis de Montmollin, 1957

Einer der heikelsten Punkte in diesen militärstrategischen Planspielen war das Problem eines Einsatzes von Atomwaffen auf dem eigenen Territorium. In der Diskussion vom 29. November 1957 sagte Generalstabschef Louis de Montmollin dazu: «Es gebe aber Fälle, in denen wir unbedingt Atomwaffen einsetzen müssten, selbst auf die Gefahr hin, dass die Zivilbevölkerung einen grossen Schaden erleiden würde. […] Man könnte unmöglich darauf verzichten, nur aus Rücksichtnahme auf die Bevölkerung.»105 Sein Nachfolger, Oberstdivisionär Jakob Annasohn, der 1958 Generalstabschef wurde, pflichtete den haarsträubenden Ansichten seines damaligen Vorgesetzten bei. Er meinte sogar, es werde «Sache des Führers sein zu entscheiden, ob er in eigene bewohnte Gebiete schiessen lassen wolle oder nicht».106 In diesen militärischen Allmachtsfantasien der Schweizer Offiziere paarten sich Zynismus und Wahnsinn.107

Die Atombombe wurde damals zum Nonplusultra der modernen Landesverteidigung emporstilisiert.108 Ein Militärpublizist namens P. Brunner forderte daher am 5. März 1958 in der Gazette de Lausanne auch Bergsilos für Interkontinentalraketen: «Das einzige Mittel, um unserem Land einen Krieg zu ersparen, besteht darin, selbst Atombomben, ja sogar Interkontinentalraketen zu besitzen. […] Ziehen wir also Vorteile aus unserer geographischen Lage: bewaffnen wir unsere Berge mit den modernsten und mörderischsten Kriegsgeräten, um unsere Gegner zu entmutigen; das ist im übrigen nichts anderes als die modernisierte Formel von Morgarten.»109 In diesem völlig anachronistischen Vergleich, mit dem auf den Heldenmythos der nationalen Befreiungstradition zurückgegriffen wurde, war die Atombombe quasi die Steigerung der Hellebarde.110

Der rabiate Antikommunismus, der die Schweiz nach dem Ungarn-Aufstand 1956 ergriffen hatte, löste bei einigen Mitgliedern der Schweizer Armeeführung einen gefährlichen Grössenwahn aus. Nach dem antikommunistischen Schlagwort «Lieber tot als rot» hätten sie einen irrationalen, kollektiven Suizid in Kauf genommen, um im Kriegsfall einen atomaren Gegenschlag gegen die Sowjetunion führen zu können. Der Einsatz von Atomwaffen auf eigenem Territorium hätte in der kleinräumigen und dicht besiedelten Schweiz für die eigene Bevölkerung verheerende Folgen gehabt. Einige ranghohe Angehörige der Schweizer Armee waren bereit, im Kriegsfall die eigene Bevölkerung zu opfern, um die Sowjetunion mit Atomwaffen zu vernichten. Sie hatten ihre atomaren Hirngespinste aber nicht alleine im stillen Kämmerlein in einem fieberhaften, dunklen Wahn zusammenfantasiert, sondern vertraten ihre abstrusen, grössenwahnsinnigen Pläne ganz unverblümt in der Öffentlichkeit und bekamen in der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre dafür auch noch Rückendeckung vom Bundesrat.

Am 11. Juli 1958 veröffentlichte der Bundesrat eine Erklärung, in der er erstmals eine eigene Bewaffnung mit Atombomben in aller Deutlichkeit befürwortete. Die Erklärung war eine Reaktion auf die Anti-Atom-Bewegung, die sich im Frühjahr 1958 in der Schweiz in Opposition zu den immer lauter werdenden Forderungen der Offiziere nach eigenen Atomwaffen zu formieren begann. Bundesrat Philipp Etter, Chef des Eidgenössischen Departements des Innern (EDI), wollte dieser «defätistischen Propaganda» nicht mehr länger tatenlos zusehen. Daraufhin verfasste Bundesrat Paul Chaudet die besagte Pressemitteilung, die am 11. Juli 1958 in allen Schweizer Zeitungen veröffentlicht wurde. Darin heisst es: «In Übereinstimmung mit unserer jahrhundertealten Tradition der Wehrhaftigkeit ist der Bundesrat deshalb der Ansicht, dass der Armee zur Bewahrung unserer Unabhängigkeit und zum Schutze unserer Neutralität die wirksamsten Waffen gegeben werden müssen. Dazu gehören die Atomwaffen.»111

Die Erklärung löste heftige internationale Reaktionen aus. Die USA machten darauf aufmerksam, dass es der Schweiz kaum gelingen werde, Atomwaffen im Ausland zu kaufen. Der britische Botschafter William H. Montagu-Pollock hingegen wertete die Erklärung als ein offenes Bekenntnis zum Westen.112 Der Schweizer Botschafter in Moskau, Alfred Zehnder, berichtete von einem Zusammentreffen mit dem stellvertretenden sowjetischen Ministerpräsidenten Anastas Mikojan, der zornig die Ansicht vertreten habe, die vom Bundesrat beschlossene Ausrüstung der Schweizer Armee mit Atomwaffen richte sich allein gegen die Sowjetunion.113 Ungefähr zwei Wochen später verbreitete die sowjetische Nachrichtenagentur TASS über Radio Moskau einen Kommentar, der die Schweizer Neutralitätspolitik infrage stellte und die nukleare Aufrüstung als eine Gefahr für das friedliebende Schweizer Volk wertete. Am 24. September kam es in New York zu einem Treffen des Schweizer Diplomaten Felix Schnyder mit dem sowjetischen Aussenminister Andrej Gromyko, der dabei die Auffassung vertrat, die Schweiz verdanke die Anerkennung ihrer Sicherheit und Neutralität nur ihrer Politik und nicht ihrer schwachen Armee. Mit einer atomaren Aufrüstung würde sie sich hingegen selbst in Gefahr bringen.114 Die Sowjetunion betrachtete die Neutralität seither als ein Deckmantel für die geheime militärische Zusammenarbeit der Schweiz mit der Nato. Dass die Schweiz nach dem diplomatischen Eklat stärker in den Fokus sowjetischer Angriffspläne geriet, ist durch keine historischen Quellen belegt, scheint aber durchaus plausibel zu sein. Ab 1963 rechnete die Sowjetunion die Schweiz jedenfalls zum Kampfgebiet der Nato. Der grassierende Antikommunismus in der Schweiz in den 1950er-Jahren machte deutlich, dass die Neutralität nur eine politische Taktik war. In sämtlichen militärischen Plänen, Übungen und Manövern der Schweizer Armee wurde der Feind während des Kalten Kriegs stets mit der Sowjetunion identifiziert.115

Die Erklärung vom 11. Juli 1958 war durchaus ernst gemeint. Ohne jegliche Diskussion erteilte der Bundesrat am 23. Dezember 1958 in einem geheimen Beschluss dem EMD den Auftrag, die Abklärungen zur Beschaffung von Atomwaffen einzuleiten. Obwohl die Armeeführung nun freie Hand hatte, ihre Atombombenpläne weiterzuverfolgen, kam die konkrete Umsetzung in den folgenden Jahren nur sehr schleppend voran. Nachdem Frankreich am 13. Februar 1960 seine erste Atombombe erfolgreich getestet hatte, wandte sich Generalstabschef Jakob Annasohn an Bundesrat Paul Chaudet, um die Beschaffung von Atomwaffen im Ausland abzuklären. Am 14. März 1960 schlug er vor, den Kauf von Atomwaffen aus den USA, der Sowjetunion, Grossbritannien und Frankreich zu prüfen und eine mögliche Teilnahme am schwedischen Atomwaffenprogramm abzuklären.116 Bundesrat Paul Chaudet wandte sich in einem geheimen Schreiben am 21. März 1960 an Bundesrat Max Petitpierre, den Vorsteher des Eidgenössischen Politischen Departements (EPD). In seinem Schreiben meinte er, nachdem nun auch Frankreich zur Atommacht geworden sei und das kommunistische China voraussichtlich in zwei bis drei Jahren ebenfalls eigene Atombomben besitzen würde, sei es an der Zeit, nun endlich mit den Abklärungen im Ausland zu beginnen. Bundesrat Petitpierre hielt den Zeitpunkt allerdings für denkbar ungeeignet, da die Schweiz damit die geplanten Abrüstungskonferenzen in Genf sabotieren würde.

Der Gesamtbundesrat beschloss am 5. April 1960, dass die vorgesehenen Abklärungen im Ausland auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden sollten. Die «zur Beschaffung von Atomwaffen vorgesehenen Abklärungen bei ausländischen Stellen dürfen erst auf Grund eines späteren Bundesbeschlusses vorgenommen werden».117 Mit diesem Verbot von Auslandskontakten zur Beschaffung von Atomwaffen hatte der Bundesrat die atomaren Ambitionen gewisser Offiziere des Generalstabs erstmals gebremst.118 Nachdem die Absichtserklärung vom 11. Juli 1958 vonseiten der Sowjetunion dermassen heftige Reaktionen ausgelöst hatte, nahm der Bundesrat im Verlauf der 1960er-Jahre immer mehr eine zögerliche Haltung ein. Die Armeeführung führte derweil ihre Studien weiter und hielt unbeirrt an ihren Atombombenplänen fest.

Im April 1963 wurde eine Studiengruppe damit beauftragt, die Möglichkeit einer eigenen Atomwaffenproduktion zu untersuchen. Die Physiker Paul Schmid, Walter Winkler und Urs Hochstrasser, der Delegierte des Bundesrates für Atomenergie, legten der LVK am 15. November 1963 den Bericht Möglichkeiten einer eigenen Atomwaffen-Produktion vor. Sie hielten eine Produktion von Atomwaffen durch hoch angereichertes Uran oder Plutonium für möglich, wobei die Herstellung auf der Basis von hoch angereichertem Uran als günstiger angesehen wurde. Dafür rechneten sie mit 750 Millionen Franken für 50 Fliegerbomben zu 60 bis 100 Kilotonnen und 50 Artilleriegeschosse zu 5 Kilotonnen innerhalb von 13 Jahren. Der Bericht schlug eine intensivere Suche nach Uran, die Entwicklung von Uranzentrifugen, Extraktionsverfahren für Plutonium, eine verstärkte Zusammenarbeit mit dem Ausland und weitere waffentechnische Grundlagenforschungen vor. Am 26. Februar 1964 forderte der Bundesrat vom EMD eine Studie an, die klären sollte, ob in der Schweiz Atombombentests ohne «eine Gefährdung des menschlichen, tierischen oder pflanzlichen Lebens» möglich wären. Unterirdische Atombombentests, die unbemerkt vom Ausland im Innern der Schweizer Alpen durchgeführt werden sollten, hielt die Armeeführung damals für möglich.

Seit Mitte der 1950er-Jahre bemühte sich die Schweizer Armee zudem um eine Zusammenarbeit mit Schweden bei der Produktion von Atombomben. Gegenüber der Schweiz hatte Schweden jedoch den Vorteil, dass es eigenes Uranerz besass. In der zweiten Hälfte der 1950er-Jahre verliefen die Bemühungen für eine Zusammenarbeit deshalb im Sand. Schweden verlor an einer Zusammenarbeit mit der Schweiz schnell das Interesse, da die Schweiz sowohl in der Reaktortechnologie als auch bei der Entwicklung von Atomwaffen hinterherhinkte. Die Kooperation fiel endgültig dahin, als Schweden 1966 sein eigenes Atombombenprogramm aufgab und 1968 den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnete.119

Proteste gegen den atomaren Wahnsinn

Nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki entstanden weltweit Friedensbewegungen, die eine atomare Abrüstung und die Ächtung von Atomwaffen verlangten. Am 2. Dezember 1945 wurde der Schweizerische Friedensrat gegründet. Als Koordinationsorgan der verschiedenen Friedensgruppen setzte er sich für den Beitritt der Schweiz zur UNO, für die Einführung des Zivildiensts, ein Waffenausfuhrverbot sowie den Kampf gegen die atomare Aufrüstung ein. Nachdem der Bundesrat für die Jahre 1951 bis 1956 ein massives Rüstungsprogramm für die Armee durchgesetzt hatte, lancierte der ehemalige Stadtschreiber von Lausanne, der Journalist und Satiriker Samuel Chevallier, der ein Mitglied der Freisinnigen Partei war, 1954 eine Volksinitiative, die eine Reduktion der Armeeausgaben um 50 Prozent auf 500 Millionen Franken forderte. Die Initiative wurde von rund 85 000 Personen unterstützt.120 Der Bundesrat erklärte die Initiative jedoch für ungültig, da die Beratungen des Budgets für die Militärausgaben bereits abgeschlossen gewesen seien, als der Vorstoss eingereicht wurde. Das Parlament stimmte diesem Entscheid im Dezember 1955 zu: der Ständerat mit 29 zu 5 Stimmen und der Nationalrat äusserst knapp mit 83 zu 82 Stimmen.

Bereits vor der Parlamentsdebatte wurde mit der Sammlung von Unterschriften für eine zweite Initiative begonnen. Die zweite Initiative forderte, dass ein Betrag in der Höhe von rund zehn Prozent der Militärausgaben für soziale und kulturelle Vorhaben im In- und Ausland aufgewendet werden sollte. Die zweite Initiative unterzeichneten 84 000 Personen, wobei der Hauptteil der Unterschriften aus der Romandie kam. Doch auch die zweite Chevallier-Initiative kam nicht zur Abstimmung. Ein prominent besetztes Gegenkomitee mit General Henri Guisan an der Spitze hatte sich formiert und unterstellte den Initianten, sie seien im Abstimmungskampf von Moskau gesteuert gewesen. Samuel Chevallier und seine Mitinitianten, der Zürcher Pfarrer Willi Kobe und der Neuenburger SP-Politiker Jules Humbert-Droz, wurden als «nützliche Idioten» der Sowjetunion diffamiert. Nach dem Ungarn-Aufstand 1956 erreichte die antikommunistische Hysterie in der Schweiz ihren Höhepunkt. Das Initiativkomitee sah in dieser emotional aufgeladenen Atmosphäre keine Möglichkeit mehr, einen fairen Abstimmungskampf zu führen, und zog deshalb auch die zweite Initiative wieder zurück.

1954 hatte die Sowjetunion ein atomares Patt bei den gegen die USA einsetzbaren Atom- und Wasserstoffbomben erreicht. Die nukleare Erpressung beruhte damit auf Gegenseitigkeit. Daraufhin begannen die USA, taktische Atomwaffen, Atombomber und atomar bestückte Kurz- und Mittelstreckenraketen in verschiedenen Staaten Westeuropas aufzustellen. Seit 1953 drängten zudem auch Frankreich und Grossbritannien darauf, ihre Armeen mit taktischen Atomwaffen aufzurüsten. In Grossbritannien und in Westdeutschland entstand Mitte der 1950er-Jahre eine Anti-Atom-Bewegung, die das atomare Wettrüsten zu stoppen versuchte.

Kurz vor seinem Tod rief Albert Einstein zusammen mit dem englischen Philosophen und Mathematiker Bertrand Russell am 9. Juli 1955 zur Ächtung von Atomwaffen auf. Albert Einstein hatte sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als überzeugter Pazifist für eine atomare Abrüstung eingesetzt. Bereits 1947 hatte er in einem Zeitungsinterview seinen Brief an Präsident Franklin D. Roosevelt bereut: «Wenn ich gewusst hätte, dass es den Deutschen nicht gelingen würde, die Atombombe zu konstruieren, hätte ich mich von allem ferngehalten.»121 Auf die Frage, wie er sich den Dritten Weltkrieg vorstelle, soll er geantwortet haben, er wisse zwar nicht, wie der Dritte Weltkrieg geführt, wohl aber, wie der Vierte ausgetragen werde: mit Stöcken und Steinen.122 Das Russell-Einstein-Manifest war eine Reaktion auf den Atombombentest «Bravo» der USA auf dem Bikini-Atoll vom Frühjahr 1954, der zur Verseuchung der Inselbewohner auf den Marshallinseln und eines japanischen Fischerboots geführt hatte.

In Deutschland wurde Mitte der 1950er-Jahre der Philosoph und Schriftsteller Günther Anders zu einem wichtigen Vordenker der Anti-Atom-Bewegung. 1956 erschien der erste Band seines philosophischen Hauptwerks Die Antiquiertheit des Menschen, in dem er den Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki als eine historische Zäsur und als den Beginn einer neuen Zeitrechnung deutete.123 Die Menschheit habe damit den Beweis erbracht, dass sie in der Lage sei, sich selbst zu zerstören. Der Mensch sei seinen technischen Erfindungen nicht mehr gewachsen, da sein Herstellungsvermögen sein Vorstellungsvermögen übersteige. Der Mensch könne zwar die Vernichtung einer Grossstadt planen und durchführen, er sei aber unfähig, sich deren Folgen für die betroffenen Menschen vorzustellen. Auschwitz und Hiroshima waren für Anders «Zwillingsereignisse»: Die «fabrikmässige Liquidierung von Menschenmassen» in den Konzentrationslagern sei vergleichbar mit dem nicht minder sadistischen Verdampfen, Verstrahlen, Verstümmeln Hunderttausender japanischer Zivilisten durch die Atombombe. Beides seien Beispiele für eine «Leichenherstellung» im Grossmassstab. Die Massenvernichtung gleiche sich immer mehr der arbeitsteiligen industriellen Produktion an: Keiner tut etwas Böses, jeder nur seine überschaubare Arbeit. 1958 reiste er in die zerstörten Städte Hiroshima und Nagasaki und führte anschliessend einen viel beachteten Briefwechsel mit dem Hiroshima-Piloten Claude Eatherly.124 Als engagierter Aktivist der Anti-Atom-Bewegung hielt Günther Anders auch die friedliche Nutzung der Atomenergie für eine Illusion, denn bei den AKWs handle es sich lediglich um «Zeitbomben mit unfestgelegtem Explosionstermin».125

Nachdem die Bundesrepublik Deutschland am 9. Mai 1955 in die Nato aufgenommen worden war, verlangten Bundeskanzler Konrad Adenauer und sein Atom- und späterer Verteidigungsminister Franz-Josef Strauss ebenfalls eigene Atomwaffen. Am 15. Juli 1955 forderten daraufhin auch die beiden deutschen Physiker Otto Hahn und Max Born in ihrer Mainauer Kundgebung ein Verbot von Atomwaffen. Im März 1957 gab die USA bekannt, dass ihre in Westdeutschland stationierten Truppen mit Atomwaffen ausgerüstet worden seien. Dabei wurden auch Teile der Bundeswehr mit nuklearen Sprengköpfen ausgestattet, wobei die Kontrolle der Atomwaffen jedoch immer in den Händen der US-Militärs blieb. Konrad Adenauer erklärte am 5. April 1957 an einer Pressekonferenz: «Die taktischen Atomwaffen sind im Grunde nichts als eine Weiterentwicklung der Artillerie.»126 Die Bundeswehr könne nicht auf die taktischen Atomwaffen verzichten. Ende 1957 fanden geheime Verhandlungen der Bundesrepublik Deutschland mit Frankreich und Italien über eine gemeinsame Entwicklung von Atomwaffen statt. Der Plan zerschlug sich, als Mitte 1958 Charles de Gaulle in Paris die Regierung übernahm und fortan eine eigene Atombombe ohne deutsche Hilfe bauen liess. Schliesslich akzeptierte die Regierung Konrad Adenauers die Bedingungen der USA, wonach die Bundeswehr Atomwaffen benutzen, aber nicht selbstständig kontrollieren durfte.

Bereits am 12. April 1957 hatten 18 renommierte deutsche Atomphysiker, darunter Otto Hahn, Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie sich gegen die Aufrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen wandten. Jede taktische Atomwaffe habe «eine ähnliche Wirkung wie die Atombombe, die Hiroshima zerstört hat». Die Gruppe Göttinger Achtzehn, hoch angesehene Wissenschaftler und Atomforscher, kündigte zudem an, dass keiner von ihnen bereit sei, «sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen».127 Verteidigungsminister Franz-Josef Strauss bezeichnete daraufhin Otto Hahn während einer Pressekonferenz als «alten Trottel, der die Tränen nicht halten und nachts nicht schlafen kann, wenn er an Hiroshima denkt».128 Am 23. April 1957 richtete auch der evangelische Theologe und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer über den Sender Radio Oslo einen Appell an die Menschheit. Aus der Erklärung der «Göttinger Achtzehn» entstand in Westdeutschland die pazifistische Bewegung «Kampf dem Atomtod!», woraus sich im Frühjahr 1958 in mehreren deutschen Städten Massendemonstrationen mit insgesamt 1,5 Millionen Teilnehmenden entwickelten. Am 7. April 1958 fand in London gleichzeitig der erste Ostermarsch statt, bei dem rund 10 000 Menschen aus Protest gegen die atomare Aufrüstung vom Trafalgar Square über 80 Kilometer zum Atomforschungszentrum Aldermaston marschierten. In den folgenden Jahren fanden in mehreren westeuropäischen Ländern jährlich Ostermärsche statt.

Inspiriert von diesen Friedensbewegungen in Westdeutschland und in Grossbritannien war im Frühjahr 1958 auch in der Schweiz eine Anti-Atom-Bewegung entstanden. Am 18. Mai 1958 trafen sich rund 140 Personen in Bern und gründeten die Schweizerische Bewegung gegen atomare Aufrüstung (SBgaA). Dabei wurde eine Volksinitiative zum Verbot der Atomwaffen angekündigt. Diese verlangte ein Verbot der Herstellung, Einfuhr, Durchfuhr, Lagerung und Anwendung von Atomwaffen. Zum Präsidenten der SBgaA wurde der Berner SP-Nationalrat Fritz Giovanoli gewählt. Daneben gehörten der Zürcher Pfarrer Willi Kobe und der SP-Politiker Heinrich Buchbinder zu den führenden Köpfen. Ab 1959 gab die SBgaA das Atombulletin heraus. Auf ihrem Höhepunkt zählte sie etwa 15 000 Mitglieder. In der Bewegung waren nebst kirchlich-pazifistischen Kreisen und den Anhängern der «Chevallier-Initiativen» vor allem Mitglieder des linken Flügels der Sozialdemokratischen Partei (SP) vertreten.

Die Anti-Atom-Initiative spaltete jedoch die Schweizer Sozialdemokratie. Der Parteivorstand der SP diskutierte die Initiative am 21. Juni 1958. Der Parteipräsident, Walther Bringolf, war gegen eine Beteiligung der SP, und der Parteivorstand lehnte die Initiative mit 44 zu 5 Stimmen ab. Am 11. Juni 1958 veröffentlichten 35 prominente Sozialdemokraten und Gewerkschafter, darunter auch die späteren Bundesräte Hans-Peter Tschudi und Willi Ritschard, eine Erklärung in der Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiter-Zeitung, die sich gegen die Bewegung gegen Atomwaffen wandte. In ihrem Wortlaut kann die Erklärung durchaus mit den öffentlichen Stellungnahmen hoher Schweizer Offiziere und ihren entsprechenden Äusserungen in der Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift verglichen werden: «Mit grosser Sorge nehmen wir zur Kenntnis, dass sich in unserem Land eine Richtung abzeichnet, welche in Verkennung der Realitäten und in leider nur allzu deutlicher Imitation der innenpolitisch bedingten Kampagne in der Deutschen Bundesrepublik eine ‹Bewegung gegen den Atomtod› einleitet, die, wenn sicher ungewollt, in ihrem Wirklichkeitsgehalt nichts anderes ist und sein kann als ein Versuch der Wehrlosmachung der freien Völker.»129 An einem ausserordentlichen Parteitag der SP vom 4. Oktober 1958 in Luzern stimmten die Delegierten mit 381 zu 294 Stimmen gegen ein Atomwaffenverbot und für die Lancierung einer eigenen Initiative, die wie folgt lautete: «Der Beschluss über die Ausrüstung der schweizerischen Armee mit Atomwaffen irgendwelcher Art ist obligatorisch dem Volk zur Entscheidung vorzulegen.» Gegenüber der «Atominitiative 1» der SBgaA lehnte die «Atominitiative 2» der SP eine Bewaffnung der Schweizer Armee nicht grundsätzlich ab, sondern unterstellte sie lediglich einem obligatorischen Referendum.

Für Juli 1958 luden Fritz Giovanoli und die SBgaA zu einem «Europäischen Kongress gegen die atomare Bewaffnung» nach Basel ein. Als Referenten waren unter anderem vorgesehen: der englische Philosoph und Mathematiker Bertrand Russell, der evangelische Theologe Karl Barth, der deutsche Physiker Max Born, der Wissenschaftsjournalist Robert Jungk, die Schriftsteller Julian Huxley und Erich Kästner sowie der Komponist Benjamin Britten. Da der Bundesrat befürchtete, der Kongress könnte die öffentliche Meinung in der Schweiz in unerwünschter Weise beeinflussen, wurde er kurzerhand verboten. Bertrand Russell schrieb daraufhin am 7. Juli 1958 einen offenen Brief an den Bundesrat und protestierte im Namen «der liberal Denkenden der ganzen Welt».130 Robert Jungk, der deutsche Wissenschaftsjournalist jüdischer Abstammung, der während des Zweiten Weltkriegs für verschiedene Schweizer Zeitungen geschrieben hatte, veröffentlichte 1956 sein Buch Heller als tausend Sonnen über das Verhalten der Physiker beim Bau der Atom- und Wasserstoffbombe. Es wurde zum Standardwerk und Klassiker der Anti-Atom-Bewegung.131 Für den Basler Kongress vom 5. und 6. Juli 1958 hatte er eine «Charta der Atomgegner» geplant. Wegen seines Engagements für die Bewegung «Kampf dem Atomtod!» wurde er daraufhin bei der Zeitung Weltwoche entlassen.

Trotz der Einschüchterungen, Drohungen, Diffamierungen und Bespitzelungen kamen die beiden Atominitiativen 1959 zustande. Die «Atominitiative 1» der SBgaA wurde am 29. April 1959 mit 72 795 gültigen Unterschriften eingereicht. Knapp zwei Monate später, am 24. Juli 1959, reichte auch die SP ihre «Atominitiative 2» mit 63 565 gültigen Unterschriften ein. Die Befürworter der Initiativen hatten namhafte Experten auf ihrer Seite, zum Beispiel Gerhart Wagner, den Experten für Strahlenschutz des Eidgenössischen Gesundheitsamts, den Physikprofessor Jean Rossel von der Universität Neuenburg, ehemaliges Mitglied der SKA und gleichzeitig ein Atomwaffengegner der ersten Stunde, sowie den kroatisch-schweizerischen Chemiker und Nobelpreisträger Leopold Ružička, der an der ETH Zürich lehrte. Zu den Befürwortern der beiden Anti-Atom-Initiativen zählten aber auch bekannte Schweizer Kulturschaffende und Intellektuelle wie der evangelische Theologe Karl Barth, der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, der Künstler Max Bill oder der Philosoph Arnold Künzli. Auch Max Frisch war gegen die atomare Bewaffnung der Schweizer Armee, unterschrieb aber keine Aufrufe. In seiner Fiche fand sich am 13. Mai 1958 der Eintrag: «Die von Buchbinder Heinrich 19 lancierte Bewegung gegen die Anwendung der Atomwaffe findet u. a. auch die Unterstützung des F.» Max Frisch kommentierte den Eintrag später mit der lakonischen Bemerkung: «Das ist korrekt.»132

Ein besonderes Merkmal des Abstimmungskampfes war das starke, wenn auch gespaltene Engagement kirchlicher Kreise. Einer der prominentesten Befürworter der «Atominitiative 1» war Willi Kobe, der langjährige Pfarrer von Oerlikon. Er war Präsident des Kirchlichen Friedensbundes, der Zentralstelle für Friedensarbeit und Herausgeber des Atombulletins der SBgaA. Als Friedensaktivist geriet er daher ins Visier des Staatschutzes. In seiner Fiche wurde vermerkt: «Fanatischer Pazifist und unbelehrbarer Antimilitarist, politisch eine fertige Null.»133 Demgegenüber war der Zürcher Grossmünster-Pfarrer Peter Vogelsanger einer der erbittertsten Gegner der Atominitiativen. Der evangelische Theologe und Feldprediger war ein eifriger Befürworter von Atomwaffen. Als vehementer Antikommunist schrieb er: «Ich will lieber zusammen mit meinen Kindern in der Atomexplosion untergehen, als unter stalinistischem Druck leben. Ich will lieber, meine Kinder erleiden dieses Schicksal, als dass sie in einer kommunistischen Tyrannei physisch langsam zu Tode gequält, moralisch in ihrer Menschenwürde versklavt und in ihren Seelen atheistisch vergiftet werden.»134

Von der bürgerlichen Presse wurden die beiden Anti-Atom-Initiativen als eine kommunistische Unterwanderung der Schweiz dargestellt. Die Initianten wurden als Fanatiker, Sektierer, Unruhestifter und Landesverräter diffamiert. Die Kommunisten seien die «Drahtzieher der Atomkampagne». Diese sei aus dem Ausland in die Schweiz importiert worden, um die Schweizer Armee zu schwächen und im Volk Panik zu verbreiten. Die Anti-Atom-Initiative sei der perfide Versuch der Wehrlosmachung des freien Schweizervolkes. Damit wurde die Abstimmung über die Atombombe zu einer Stellungnahme für oder gegen den Kommunismus.135 Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) war eine der vehementesten Stimmen gegen die Initiative und schreckte auch vor drastischen Vergleichen nicht zurück: «Bei der beträchtlichen Mehrheit des Schweizervolkes sträuben sich Stolz und Gewissen, von Staatsfeinden zu einem Akt der Selbstentmannung getrieben zu werden.»136

«Wer heute unter dem Deckmantel der Religion oder höherer Ideale unserem Lande den Gebrauch der Verteidigungswaffen des Atomzeitalters verwehren will, treibt das Spiel des Kommunismus.» General Henri Guisan, 1959

Die Schweizer Offiziere versuchten in ihren verbalen Attacken die Befürworter der Atominitiativen sogar als Kriegstreiber zu verunglimpfen. Stellvertretend dafür steht Oberstkorpskommandant Hans Frick, der am 26. März 1962 in der NZZ schrieb: «Die Anhänger eines dauernden Verbotes von Atomwaffen für die Schweiz, soweit sie ehrlich sind und nicht im Interesse östlicher Aufweichungsversuche arbeiten, gehören zu jener Art der Illusionisten, die in Wirklichkeit eine Kriegsgefahr bedeuten.»137 Die beiden Mitglieder der LVK, Ernst Uhlmann und Georg Züblin, versuchten über die Allgemeine Schweizerische Militärzeitschrift und über den Verein zur Förderung des Wehrwillens und der Wehrwissenschaften in die öffentliche Diskussion einzugreifen. Das Pressebüro Dr. Rudolf Farner startete Ende Dezember 1957 eine Propagandakampagne gegen die beiden Atominitiativen. Selbst General Henri Guisan, die Ikone des Aktivdienstes, schrieb 1959, ein Jahr vor seinem Tod, in einer Broschüre einer Konferenz zur «Moralischen Aufrüstung» in Caux: «Wer heute unter dem Deckmantel der Religion oder höherer Ideale unserem Lande den Gebrauch der Verteidigungswaffen des Atomzeitalters verwehren will, treibt das Spiel des Kommunismus.»138

Am 7. Juli 1961 erschien der Bericht des Bundesrates zur «Atominitiative 1». Wie nicht anders zu erwarten, empfahl er der Stimmbevölkerung eine Ablehnung der Initiative. Am 1. April 1962 wurde die «Atominitiative 1» schliesslich mit 65,5 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. 18 Kantone lehnten die Initiative ab, 4 nahmen sie an, darunter die Kantone Tessin, Genf, Waadt und Neuenburg. Die «Atominitiative 2» der SP wurde am 26. Mai 1963 mit 62,2 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Wiederum befürworteten die Kantone Tessin, Genf, Waadt, Neuenburg und diesmal auch Basel-Stadt die Initiative. Die Befürworter einer atomaren Aufrüstung sahen im Volksentscheid eine Bestätigung ihrer Position. Der NZZ-Redakteur, Theologe und Generalstabsoberst Ernst Bieri forderte bereits einen Tag nach der Abstimmung: «Die politische Seite, die sich energisch und auch erfolgreich gegen eine freiwillige Fesselung der Landesverteidigung auf dem Gebiete der atomaren Bewaffnung gewehrt hat, erhebt nun den legitimen Anspruch, dass wenigstens die Prüfung des Problems ernsthaft an die Hand genommen wird.»139 Bei einem jährlichen Aufwand von 140 Millionen Franken, rechnete Ernst Bieri vor, sei es möglich, innerhalb von zehn Jahren 30 bis 40 kleine «Atomgeschosse» herzustellen.

Trotz der beiden verlorenen Atominitiativen organisierte die Anti-Atom-Bewegung unter dem Motto «Nein zur Bombe – Ja zur Demokratie» ab 1963 alljährlich einen Ostermarsch. Die ersten beiden Märsche fanden 1963 und 1964 auf der Strecke zwischen Lausanne und Genf, ein dritter 1965 im Raum Basel und ein vierter 1966 im Zürcher Weinland statt. Der friedliche Protest der Atomgegner wurde seit einiger Zeit vom 1947 gegründeten und streng antikommunistisch eingestellten Schweizerischen Aufklärungsdienst (SAD) überwacht. Im Vorfeld des vierten Ostermarsches bereitete der SAD 1966 in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Pressebüro Dr. Rudolf Farner eine «Anti-Ostermarschkampagne» vor.140 Oberst i. Gst. Rudolf Farner unterstütze die «Gegenpropaganda, will jedoch nicht namentlich erwähnt werden», stand in einem SAD-Protokoll.141 Im März 1966 wurde vom Hauptmann Theodor Siegrist dann die Vereinigung für eine starke Landesverteidigung gegründet, die den Marsch der pazifistischen Wandertruppe auf dem Weg von Andelfingen nach Zürich unentwegt mit Scharmützeln, Provokationen und Gehässigkeiten störte. Die Teilnehmenden des Ostermarsches wurden als manipuliert, als Mitläufer verunglimpft.142 Ein «grosser Teil der Oster-Marschierer» setze sich zusammen aus «an und für sich wohlmeinenden Idealisten […], die nicht ahnen, wie sehr sie die Pläne des Ostens fördern helfen».143 In Wirklichkeit seien sie «Gegner einer starken Landesverteidigung» und erhielten «massive Unterstützung» durch die «kommunistische Propaganda».144

Kubakrise: die Welt am Rande eines Atomkriegs

Mit der Kubakrise im Oktober 1962 wurde einer breiten Öffentlichkeit die Gefahr eines möglichen Atomkriegs erstmals bewusst. Nachdem die USA 1959 in Apulien in Südostitalien und bei Izmir in der Türkei atomar bestückte Jupiter-Mittelstreckenraketen aufgestellt hatten, begann die Sowjetunion am 10. Juli 1962 unter dem Decknamen «Operation Anadyr» ihrerseits mit der Stationierung eigener atomarer Mittelstreckenraketen auf Kuba. Die Sowjetunion wollte damit das «Gleichgewicht der Macht» wiederherstellen, umso mehr, als sie mit ihrem Arsenal an Atomwaffen, an Interkontinentalraketen, Atomsprengköpfen und Langstreckenbombern den USA unterlegen war. Die USA befürchteten ihrerseits, dass die Sowjetunion nach der kubanischen Revolution 1959 und der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht vom April 1961 ihren kommunistischen Machtbereich in Lateinamerika ausweiten könnte. Der neue amerikanische Präsident, John F. Kennedy, hatte zudem Angst, nach dem Fiasko in der Schweinebucht in der amerikanischen Öffentlichkeit als Schwächling zu gelten, und war daher fest entschlossen, notfalls auch einen atomaren Erstschlag gegen die Sowjetunion zu führen.

Nachdem ein amerikanisches U-2-Spionageflugzeug im September 1962 die sowjetischen Raketen auf Kuba entdeckt hatte, eskalierte der Konflikt, und John F. Kennedy forderte den sowjetischen Staatschef, Nikita Chruschtschow, am 22. Oktober 1962 in einer Fernsehansprache ultimativ auf, die Raketen abzubauen. Er verhängte eine Seeblockade über Kuba und drohte mit einem Atomkrieg. «Wir werden nicht verfrüht oder unnötigerweise einen weltweiten Atomkrieg riskieren, […] aber wir werden vor diesem Risiko auch nicht zurückschrecken, wenn wir ihm gegenüberstehen.»145 Die Hardliner im Militär setzten John F. Kennedy unter Druck. Curtis LeMay, der Stabschef der Luftwaffe, und Thomas Power, der Chef der Strategischen Bomberflotte, befürworteten einen atomaren Erstschlag. Im Kriegsfall hätten die USA 3500 Atomwaffen gegen 1077 Ziele in der Sowjetunion und in der Volksrepublik China eingesetzt.146

Nikita Chruschtschow, der mit der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba ebenfalls mit dem Feuer gespielt hatte, befürchtete einen weltweiten Atomkrieg und zog daher aus Angst vor einer unkontrollierbaren Eskalation des Konflikts die Notbremse. «Wir sehen uns unmittelbar der Gefahr eines Kriegs und einer nuklearen Katastrophe ausgesetzt. […] Um die Welt zu retten, müssen wir den Rückzug antreten.»147 Am 28. Oktober 1962 wurde der Abzug der sowjetischen Raketen auf Kuba gemeldet. Im Gegenzug erklärten sich die USA bereit, keine weitere militärische Invasion Kubas zu planen und ihrerseits die atomaren Mittelstreckenraketen aus der Türkei abzuziehen. Dieser Rückzug ging, von der internationalen Öffentlichkeit fast unbemerkt, im April 1963 über die Bühne. Gegenüber den amerikanischen Journalisten verkündete John F. Kennedy derweil seine persönliche Lesart der überstandenen atomaren Krise: «Ich habe ihm [Nikita Chruschtschow] die Eier abgeschnitten.»148

Der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro war der Verlierer im Machtpoker zwischen den beiden Supermächten. Er wäre bereit gewesen, das kubanische Volk zu opfern, um seinen Erzfeind, die USA, zu zerstören. In einer Mischung aus Hybris, Verblendung und Fanatismus hatte er Nikita Chruschtschow in einem bizarren Brief zu einem atomaren Erstschlag gegen die USA aufgefordert. Dieser gab ihm die nüchterne Antwort, dass Kuba den Preis eines weltweiten Atomkriegs nicht wert sei. «Wir kämpfen nicht gegen den Imperialismus, um zu sterben.»149 Nach dem Rückzug der Sowjets erlitt der kubanische Revolutionär einen Tobsuchtsanfall, da er die verhassten Yankees vernichten wollte und dafür auch bereit gewesen wäre, selbst als «Märtyrer» zu sterben.

Die Kubakrise ist als der heisseste Moment des Kalten Kriegs in die Geschichte eingegangen, bei dem die Welt an den Rand eines Atomkriegs geriet und nur um Haaresbreite ein neuer Weltkrieg vermieden werden konnte. In der angespannten Situation hätte auch ein läppischer Zufall, ein Versehen, ein Missverständnis oder schlicht ein Nervenzusammenbruch eines Einzelnen einen weltweiten Atomkrieg auslösen können. Chaos, Stress und Kommunikationsprobleme waren in dieser Situation unvermeidlich. Die Konfrontation zwischen den sowjetischen U-Booten, die mit atomaren Torpedos bestückt waren, und der US-Navy hätte auf hoher See sehr schnell eskalieren können. Dass die Situation damals glimpflich ausging, war das Verdienst der sowjetischen U-Boot-Kapitäne, die im entscheidenden Moment einen kühlen Kopf bewahrten.150 Der sowjetische Marineoffizier Wassili Alexandrowitsch Archipow des U-Boots B-59 hat damals durch seine Weigerung, einen atomaren Torpedo abzuschiessen, den Ausbruch des Atomkriegs verhindert.

Während der Kubakrise kam auch der Nachrichtendienst der Schweizer Armee zum Schluss, dass die «Risiken eines ‹Kriegs durch Zufall› spürbar erhöht» worden seien, 151 so die Lagebeurteilung von Oberst Pierre Musy, früherer Bobfahrer und späterer Chef des Schweizer Nachrichtendiensts. Der US-Aussenminister Dean Rusk soll dem Schweizer Botschafter in Washington August R. Lindt mitgeteilt haben: «Die Lage ist so ernst, dass auch ihr Land in Mitleidenschaft gezogen werden könnte.»152 Seit 1961 vertrat die Schweizer Botschaft in Havanna die Interessen der USA gegenüber Kuba. Die Schweizer Diplomatie spielte also während der Kubakrise ebenfalls eine Rolle. Der Schweizer Botschafter in Havanna, Emil Stadelhofer, wurde von US-Aussenminister Dean Rusk auch direkt um diplomatische Vermittlung beim kubanischen Staatschef Fidel Castro gebeten. Nach dem Rückzug der sowjetischen Raketen von Kuba am 28. Oktober 1962 organisierte der Schweizer Botschafter Emil Stadelhofer am 5. November 1962 die Rückführung der Leiche Rudolf Andersons, des Piloten eines amerikanischen Aufklärungsflugzeugs, das über Kuba abgeschossen worden war.153

Die Überwindung der Kubakrise führte ab 1963 zu einer Entspannungspolitik zwischen den beiden Supermächten. Am 20. Juni 1963 wurde ein «heisser Draht», eine direkte Telefonverbindung zwischen dem Weissen Haus und dem Kreml, eingerichtet, der einer Lösung zukünftiger Konflikte zwischen den Supermächten dienen sollte. Am 5. August 1963 wurde in Moskau ein Vertrag über das Verbot von Atomwaffentests in der Atmosphäre, im Weltraum und unter Wasser unterzeichnet. Die USA gaben unter John F. Kennedy die Strategie der «massiven Vergeltung» auf und gingen zu einer Strategie der «flexible response» über, bei der ein militärischer Konflikt mit der Sowjetunion nicht mehr zwangsläufig zu einem weltweiten Atomkrieg führen musste. Auf der Gegenseite proklamierte Nikita Chruschtschow seine Doktrin einer «friedlichen Koexistenz», die den Krieg als Mittel zur Lösung eines Konflikts ebenfalls ablehnte. Gleichzeitig trafen beide Seiten technische Vorkehrungen, die einen unautorisierten Einsatz von Atomwaffen in Zukunft verhindern sollten. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und der Sowjetunion wurden in der Folge als Stellvertreterkriege in der Dritten Welt ausgetragen, beispielsweise in Vietnam oder in Afghanistan.154

Für den Rüstungswettlauf erwies sich die Entspannungspolitik aber als erstaunlich folgenlos. Die Rüstungsspirale zwischen den beiden Supermächten drehte sich weiter. Ende der 1960er-Jahre wurde das mehrfache gegenseitige Zerstörungspotenzial erreicht. Die Atomwaffenarsenale waren nun gross genug, um die Erde innerhalb weniger Stunden in eine unbewohnbare Hölle zu verwandeln.155 Mit dem atomaren Overkill war die Möglichkeit entstanden, dass die beiden Seiten sich gegenseitig und die ganze Welt mehrfach vernichten konnten. Die immensen Atomwaffenlager schufen die Fähigkeit, einen atomaren Erstschlag zu überstehen und anschliessend noch über genügend Atomwaffen zu verfügen, um einen vernichtenden Gegenschlag ausführen zu können. «Wer zuerst schiesst, stirbt als Zweiter», so lautete die Devise. Der atomare Overkill wäre dabei für beide Seiten tödlich gewesen.

Die Abschreckungstheorie ging von der Annahme aus, dass die Atombombe der Garant für den Frieden sei. Das «Gleichgewicht des Schreckens» sollte verhindern, dass es zu einem direkten Zusammenstoss zwischen den beiden Supermächten käme. Mit der Anhäufung riesiger Arsenale von Atomwaffen auf beiden Seiten stieg aber das Risiko, dass versehentlich oder aus Wahnsinn ein Atomkrieg ausgelöst würde. Der amerikanische Ingenieur Edward A. Murphy jr. hatte im Jahr 1947 bei einer Untersuchung zu militärischen Unfällen mit Raketen das nach ihm benannte Gesetz «Murphy’s law» abgeleitet: «Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.» Während des Kalten Kriegs ereigneten sich etwa 1200 schwere Atomunfälle, darunter Havarien jeglicher Art, Atomsprengköpfe gingen verloren, katastrophale Unfälle ereigneten sich in Atomanlagen, mit Flugzeugen, Raketen, Satelliten, Schiffen und U-Booten. Bei der grossen Anzahl von Atomwaffen weltweit waren Unfälle unvermeidlich. Haarsträubende Schlamperei und krasses menschliches Versagen, verursacht durch Stress, private Probleme oder schlicht Langeweile, lösten in zahlreichen Fällen beinahe einen Atomkrieg aus. Die Kombination von menschlicher Fehlbarkeit und Atomwaffen erzeugte eine explosive Mischung.

Die USA verloren während des Kalten Kriegs rund 30 Atomsprengköpfe. Zerbrochene Pfeile («broken arrows») wurden die verlorenen Atombomben genannt. Besonders anfällig für Unfälle war die amerikanische B-52-Bomberflotte, die bis 1968 mit ihren Wasserstoffbomben im 24-Stunden-Dauereinsatz kontinuierlich in der Luft war und beim entsprechenden Einsatzbefehl mit ihrer tödlichen Fracht strategische Ziele in der Sowjetunion angegriffen hätte. In den 1980er-Jahren bereiteten nebst fehlerhaften Computersystemen auch Hackerangriffe ernsthafte Probleme. Am 26. September 1983 verhinderte beispielsweise der Oberstleutnant der sowjetischen Luftverteidigungsstreitkräfte, Stanislaw Petrow, einen Atomkrieg, indem er im entscheidenden Moment einen kühlen Kopf bewahrte. In der geheimen Kommandozentrale der sowjetischen Satellitenüberwachung im Serpuchow-15-Bunker rund 50 Kilometer südlich von Moskau kam es aufgrund einer fehlerhaften Software bei einem sowjetischen Spionagesatelliten zu einem Fehlalarm, der einen amerikanischen Atomangriff auf die Sowjetunion meldete. Im Fall eines Angriffs auf die Sowjetunion sah die Strategie dabei einen sofortigen atomaren Gegenschlag vor. Stanislaw Petrow verschwieg jedoch den Alarm und verhinderte damit, dass die zuständigen Stellen den atomaren Gegenschlag auslösten.

Die Mirage-Affäre

Wenige Wochen nach der Erklärung des Bundesrates vom 11. Juli 1958, die Schweizer Armee gegebenenfalls mit Atomwaffen auszurüsten, erteilte Bundesrat Paul Chaudet dem Generalstabschef Jakob Annasohn im August 1958 den Auftrag, sich nach einem neuen Kampfflugzeug umzusehen. Dieser übergab die Aufgabe, den neuen Kampfjet zu evaluieren, der neu gebildeten Arbeitsgruppe für militärische Flugzeugbeschaffung (AGF). Die AGF bestand aus zwei hohen Offizieren und einem Flugzeugingenieur. 1958/59 begutachtete die AGF insgesamt fünf ausländische Flugzeuge, den italienischen Fiat G-91, den französischen Mirage III, den schwedischen Saab Draken sowie die amerikanischen Grumman Supertiger und Lockheed Starfighter.156

Im Oktober 1959 empfahl die AGF, 100 Jagdflugzeuge vom Typ Mirage III C der französischen Firma Avions Marcel Dassault zu kaufen. Das neue Kampfflugzeug sollte insbesondere als Transportmittel für Atomwaffen einsetzbar sein. Wie der Kommandant der Flieger- und Flugabwehrtruppen, Etienne Primault, bereits in der Sitzung der LVK vom 29. November 1957 sagte, sollte der Mirage fähig sein, mit Atombomben bis nach Moskau zu fliegen. Die Luftwaffe sollte mit atomar bewaffneten Überschall-Jagdbombern ausgestattet werden, um offensive Angriffe im Feindesland zu fliegen und dort die feindlichen Abschussrampen für Atomwaffen und andere strategische Ziele zu bombardieren. Zusammen mit dem Mirage sollten in Frankreich auch gleich Atomwaffen gekauft werden. Der Fliegerkommandant Etienne Primault forderte in einer Studie vom 25. Mai 1959, dass bei einer «allfälligen Bestellung von Flugzeugen Typ Mirage [sondiert werden sollte], ob Frankreich bereit wäre, uns Spaltmaterial zu Zwecken der Ausrüstung unserer Armee mit Atomwaffen zu liefern».157

Der Bundesrat beantragte am 28. Dezember 1960, 100 Flugzeuge des Typs Mirage III C zu kaufen, die in Lizenz in der Schweiz herzustellen seien. Dabei argumentierte der Bundesrat folgendermassen: «Die bedeutsamste Erhöhung der Schlagkraft der Flugwaffe würde mit der Verwendung von Atomgeschossen erreicht.»158 Mit dem Mirage wollte die Schweizer Armee im Kriegsfall der Sowjetunion den Garaus machen. Der Fliegeroffizier Othmar Bloetzer, ebenfalls ein Mitglied der AGF, meinte 1964, es sei notwendig, «die Gefahr primär an der Wurzel zu fassen. Ein oft angeführtes Beispiel ist jenes der ‹lästigen Wespen›. Wenn man eine Wespenplage meistern will, so nützt es relativ wenig, die am Objekt tätigen Insekten totzuschlagen oder das angegriffene Objekt unter einem Deckel zu verstecken. Ruhe hat man erst, wenn man das Nest ausräuchert.»159

Am 25. April 1961 erschien die Botschaft des Bundesrates zur Mirage-Beschaffung. Der Kredit für die 100 Flugzeuge betrug 871 Millionen Franken. Das Parlament stimmte dem Kauf am 21. Juni 1961 zu. Im Juli 1961 unterzeichnete Bundesrat Paul Chaudet die Verträge mit der Firma Avions Marcel Dessault. Die Schweizer Armee bestellte jedoch nicht die Standardausführung des Mirage vom Typ III C, sondern eine helvetische Sonderanfertigung. Der Schweizer Mirage musste in enge Kavernen passen und auf kurzen Pisten starten und landen können. Zudem sollte er mit der Bordelektronik «Taran» der US-amerikanischen Hughes Aircraft Company ausgerüstet werden, einem Hightech-Navigations- und Feuerleitsystem.160

Die Schweizer Armee wollte das beste Kampfflugzeug beschaffen, koste es, was es wolle. Im Militärdepartement war schnell klar, dass der bewilligte Kredit dafür niemals ausreichen würde. Schliesslich liess sich die gewaltige Kostenexplosion nicht mehr verheimlichen. Es handle sich «um eine sehr peinliche Angelegenheit, die ihm schon lange viele Sorgen mache», berichtete Paul Chaudet seinen Bundesratskollegen in der Sitzung vom 28. Februar 1964.161 Bei der Beschaffung der neuen Mirage-Kampfflugzeuge sei es zu einer massiven Überschreitung des vom Parlament genehmigten Budgets gekommen. Auch der Generalstabschef Jakob Annasohn sei über die Angelegenheit «äusserst deprimiert».162

Der Bundesrat forderte am 24. April 1964 einen ersten Zusatzkredit von 576 Millionen Franken (356 Millionen für technische Mehrkosten, 220 Millionen für die Teuerung bis 1968). Die Empörung in der Bevölkerung war gross. Ein Sturm der Entrüstung fegte durchs Land. In den Zeitungen hagelte es Leserbriefe, im ganzen Land wurde über die Kostenüberschreitung diskutiert. Bundesrat Paul Chaudet liess sich nicht beirren. In der NZZ vom 27. Mai 1964 träumte er in völliger Verkennung der brenzligen Situation bereits davon, dereinst über «300 Maschinen eines so modernen Typs wie den Mirage» zu verfügen.163 Der Skandal war perfekt. Die Mirage-Affäre erschütterte das Vertrauen der Öffentlichkeit und des Parlaments in die Armeespitze.164

Das Parlament fühlte sich hintergangen und weigerte sich prompt, den Zusatzkredit zu bewilligen. Unter der Leitung des St. Galler CVP-Nationalrats Kurt Furgler bildete es am 10. Juni 1964 die erste Parlamentarische Untersuchungskommission (PUK) seiner Geschichte. Die PUK sollte untersuchen, wie es zur Kostenexplosion kommen konnte. Zwanzig National- und zwölf Ständeräte wühlten sich durch Tausende Seiten von Verwaltungsakten und befragten insgesamt 51 involvierte Personen. Das PR-Büro Rudolf Farners, das für die «Hardliner» im Generalstab lobbyierte, versuchte gleichzeitig, die PUK mit einer Kampagne zu diskreditieren. Am 2. September 1964 präsentierte die PUK ihren Schlussbericht.165

Der Bericht der PUK fiel vernichtend aus. Das Militärdepartement wurde beschuldigt, die Regierung, das Parlament und die Öffentlichkeit absichtlich getäuscht zu haben. Die Botschaft zur Mirage-Bestellung von 1961 sei tendenziös, unsorgfältig und stellenweise geradezu irreführend gewesen. Eine undurchsichtige Projektplanung sowie diverse Sonderwünsche, insbesondere der Einbau einer amerikanischen Bordelektronik, habe zur «erschreckenden Höhe des verlangten Zusatzkredits» geführt, die «alles bisher Gewohnte mehrfach übertrifft», schrieb das Finanzdepartement.166 Das Parlament beschloss am 23. September 1964 eine Reduktion von 100 auf 57 Flugzeuge. Der Kauf der Mirage-Flugzeuge kostete am Ende insgesamt 1,18 Milliarden Franken.

Man verlangte, dass Köpfe rollen. Die Verantwortlichen wurden hart bestraft: Fliegerchef Etienne Primault wurde am 5. Oktober 1964 per sofort entlassen, Generalstabschef Jakob Annasohn trat im November 1964 zurück, und Bundesrat Paul Chaudet, der Chef des Militärdepartements, verzichtete am 28. November 1966 erzürnt auf eine weitere Amtszeit, nachdem er von mehreren Parlamentariern wiederholt zum Rücktritt aufgefordert und schliesslich auch von der eigenen Partei fallen gelassen worden war. CVP-Nationalrat Kurt Furgler ging hingegen aus der Mirage-Affäre als siegreicher Held hervor. Für ihn wurde der Skandal zum Karriere-Sprungbrett. 1971 wurde er in den Bundesrat gewählt.167

Der Mirage-Skandal hatte schwerwiegende Folgen für die Konzeption der Landesverteidigung. Auf Antrag des Schaffhauser SP-Nationalrats Walther Bringolf verlangte das Parlament im Sommer 1964 eine Überprüfung der Konzeption der Landesverteidigung. Hinter den Kulissen lobbyierte die SP zudem erfolgreich für eine Wahl von Alfred Ernst zum Korpskommandanten und damit für eine Einsitznahme des prominenten Wortführers einer statischen Verteidigungsstrategie in die LVK. Seine Wahl zum Generalstabschef konnten seine Gegner gerade noch verhindern, doch setzten sich Alfred Ernst und seine Anhänger in den folgenden Jahren in nahezu allen wichtigen militärstrategischen Fragen durch.168

Die Anhänger der Doktrin einer «Mobile Defence» erlitten durch den Mirage-Skandal einen herben Rückschlag. Mit Bundesrat Paul Chaudet, Generalstabschef Jakob Annasohn und Fliegerchef Etienne Primault traten gleich drei vehemente Befürworter der «Mobile Defence» und damit auch die Speerspitze der Befürworter der Atombomben zurück.169 Das Konzept der «Mobile Defence» liess sich mit nur 57 Mirage-Flugzeugen nicht mehr verwirklichen. Zudem verzichtete der Bundesrat nun auch auf den Kauf von Panzern. Der Mirage-Skandal hatte die Militärpolitik insgesamt gelähmt und die Frage nach Atomwaffen zum Tabu gemacht.170 Die neu erarbeitete Konzeption zur Landesverteidigung vom 6. Juni 1966 setzte nun wieder auf einen defensiven Abwehrkampf. Eine hauptsächlich auf Infanterie basierende Schweizer Armee sollte den feindlichen Invasoren flächendeckend einen zermürbenden Abnützungskampf liefern, während mechanisierte Verbände vereinzelt offensive Gegenschläge ausüben konnten. Die «Konzeption 66» blieb danach über 20 Jahre bis zum Ende des Kalten Kriegs gültig.171

Für die «Atombombenträume» der Schweizer Armeeführung bedeutete der Mirage-Skandal einen schweren Rückschlag. Generalstabschef Jakob Annasohn hatte 20 Millionen Franken beantragt, um die Suche nach Uran wieder aufzunehmen, um Uranzentrifugen zu entwickeln und um abzuklären, wo in der Schweiz die geplanten unterirdischen Atombombentests gemacht werden könnten. Unglücklicherweise kam der Antrag im Bundesrat just am Tag zur Sprache, als dieser über den Zusatzkredit von 576 Millionen Franken für den Mirage beraten musste. Als sich der Skandal öffentlich immer mehr zuspitzte, bewirkte das eine Kehrtwende des Bundesrates im Hinblick auf die atomare Bewaffnung der Armee. Der Mirage-Skandal hatte den hochfliegenden «Träumen von Atomwaffen» der Armee endgültig die Flügel gestutzt.172

Der Bundesrat genehmigte am 5. Juni 1964 zwar den Antrag von Generalstabschef Jakob Annasohn, verlangte aber, dass für die waffentechnischen Forschungsarbeiten nicht wie vorgeschlagen ein der ETH Zürich anzugliederndes Institut mit etwa 20 Fachleuten geschaffen werde, sondern dass sich fortan nur ein einziger Experte in der Generalstabsabteilung weiter mit den Atombombenplänen beschäftigen dürfe. Damit waren diese Pläne vorläufig auf Eis gelegt. In der Folge verweigerte der Bundesrat immer wieder Kredite und Personaletats, welche die Durchführung notwendiger Vorarbeiten und Studien für eine atomare Bewaffnung der Schweizer Armee vorgesehen hätten. Trotzdem wollte man sich die nukleare Option weiterhin offenhalten.173

Die Schweiz bunkert sich ein

Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich im Juni 1940 verkündete General Henri Guisan am 25. Juli 1940 bei seinem legendären Rütli-Rapport den Rückzug in die Alpen. Die Réduit-Strategie führte zu einer igelartigen Konzentration der Schweizer Armee rund um das Gotthardmassiv und sah einen langwierigen Gebirgskampf sowie die Zerstörung der Alpentransversale vor. Die abschreckende Wirkung des Réduits bestand darin, dass den Achsenmächten eine unabhängige Schweiz mit einem funktionierenden Gütertransport durch die Alpen mehr dienen würde als ein erobertes Land mit einer zerstörten Industrie. Die Sprengung der Tunnels und Fabriken hätte die Schweiz für die Besatzungsmächte unrentabel gemacht.174 Da General Henri Guisan kaum Panzer und Flugzeuge hatte, musste er die Landesverteidigung auf die Verteidigung der Armee beschränken.175 Die Schweiz blieb vom Krieg verschont, und damit wurde auch der Schweizer Armee die Feuerprobe erspart. Nach dem Krieg wurde das Réduit zum nationalen Symbol des Widerstands und des patriotischen Heldentums. Die Schweizer Armee berief sich auf einen Heldenkampf, der gar nie stattgefunden hatte. Das Réduit wurde in der Erinnerungskultur der Aktivdienstgeneration als Vermächtnis von General Henri Guisan zum Inbegriff des Wehrwillens. Es verfestigte sich im Kalten Krieg zum Mythos von der uneinnehmbaren Alpenfestung Schweiz und verstärkte den Glauben an die angebliche Unbesiegbarkeit der Schweizer Armee. Der Réduit-Mythos zeigte sich etwa in der grossflächigen Verbunkerung der Schweiz aus Angst vor einem drohenden Atomkrieg und einer möglichen kommunistischen Invasion. Die Bunker des Kalten Kriegs stellten dabei alles in den Schatten, was der Zweite Weltkrieg bisher an Befestigungsanlagen hervorgebracht hatte.

Der Aufbau eines Zivilschutzes in den 1950er- und 1960er-Jahren war in der Schweiz eine Reaktion auf die atomare Bedrohung durch die Sowjetunion. Die Debatte über das Überleben im Atomkrieg bestimmte die Mentalität des Kalten Kriegs. Die Angst vor der Atombombe wurde in den unterirdischen Bunkern in Beton gegossen. Ab Beginn der 1950er-Jahre baute man in den USA und in der Sowjetunion, aber auch in zahlreichen anderen west- und osteuropäischen Ländern Atombunker. In den USA legte man einen atomsicheren Bunker unter dem Weissen Haus und auf dem Gelände des US-Präsidenten in Camp David nördlich der Hauptstadt Washington an. In der Sowjetunion wurden in den 1950er-Jahren unter der Moskauer Metro und später unter der Lomonossow-Universität ebenfalls riesige Atombunker gebaut.176

In der Diskussion um den Zivilschutz und das Überleben eines Atomkriegs spielte im Westen insbesondere der US-Militärstratege Herman Kahn eine einflussreiche Rolle. In seinen Büchern On Thermonuclear War (1960) und Thinking About the Unthinkable (1962) meinte er, es sei sehr wahrscheinlich, dass es zu einem Atomkrieg mit der Sowjetunion kommen werde, ein solcher Atomkrieg werde aber nicht das Ende der USA oder gar der Menschheit bedeuten. Ein Angriff mit Atom- und Wasserstoffbomben auf 157 grosse Städte der USA koste nach seinen Berechnungen zwischen 85 und 160 Millionen Tote, durch den Aufbau eines Zivilschutzes könne diese Zahl aber womöglich noch etwas verringert werden. Trotz der radioaktiven Verseuchung glaubte er, dass sowohl der Westen als auch die Sowjetunion nach einem weltweiten Atomkrieg in «relativ kurzer Zeit» wieder zu einem normalen Lebensstandard zurückkehren würden. Auch wenn Hunderte Millionen Menschen stürben, ginge das Leben weiter – so lautete sein Kalkül.

In der Schweiz war der Einbau von Schutzräumen in bestehende Häuser 1952 von der Stimmbevölkerung zunächst abgelehnt worden. 1959 wurde der Zivilschutz jedoch in die Verfassung aufgenommen, 1962 folgte ein Gesetz über den Zivilschutz, 1963 ein Gesetz über den baulichen Zivilschutz und 1966 ein Reglement für den Atomschutzbau. Der Zivilschutz wurde zur «Überlebensversicherung» eines «freien Volkes» erklärt. Vom 5. Mai bis am 2. Juni 1968 fand in Interlaken ein internationales Symposium über den «Strahlenschutz der Bevölkerung» statt, an dem die Auswirkungen eines Atomkriegs erstmals breit diskutiert wurden.177 Bisher hätten sich die Bestrebungen auf «kleine Katastrophen oder Unfälle» konzentriert, das Problem sei jedoch «vom andern Ende her anzupacken: von der Grosskatastrophe, die einige hunderttausend Menschenleben gefährden kann».178 Eine Studie aus dem Jahr 1970 sprach von einem «dichtbesiedelten Land ohne Ausweichmöglichkeiten für die Zivilbevölkerung», sodass das Überleben der Bevölkerung nur noch im Untergrund vorstellbar war.179

«Unter der Erde im Schutzraum muss die Bevölkerung überleben, wenn an der Erdoberfläche gekämpft wird oder wenn das Gelände verstrahlt oder vergiftet ist.» Zivilverteidigungsbüchlein, 1969

Im Zivilverteidigungsbüchlein, das 1969 vom Bundesrat in einer Auflage von über zwei Millionen Exemplaren als amtliche Publikation an alle Haushalte in der Schweiz verschickt und später an alle Brautpaare nach der Heiratszeremonie auf dem Zivilstandsamt abgegeben wurde, hiess es: «Unter der Erde im Schutzraum muss die Bevölkerung überleben, wenn an der Erdoberfläche gekämpft wird oder wenn das Gelände verstrahlt oder vergiftet ist.»180 Der erste Teil des Zivilverteidigungsbüchleins war ein Plädoyer für einen gut ausgebauten Zivilschutz, der sich auch bei einem Atombombenabwurf bewähre. Nebst der gefährlichen Verharmlosung eines Atomkriegs beinhaltete das Büchlein zudem eine tölpelhafte Anleitung für den Guerillakrieg und eine systematische Verdächtigung und Diffamierung von Andersdenkenden, kritischen Intellektuellen, linken Politikern, Gewerkschaftern, Atomgegnern und Pazifisten.181 Wer irgendwie daran zweifelte, dass das Schweizervolk nicht dazu in der Lage sei, einen Atomkrieg zu überleben, wurde des Defätismus, der Subversion und der Feindpropaganda bezichtigt.182

Das Zivilschutzkonzept von 1971 sah erstmals ein flächendeckendes Netz von Schutzräumen vor. Damit begann die Betonierung des Schweizer Untergrunds. Die Verordnung verlangte, dass jedes neue Wohn- oder Ferienhaus pro Zimmer einen solchen Schutzplatz besitzen sollte. Unter der Maxime «Jedem Bewohner ein Schutzraum» setzte in den 1970er-Jahren ein gewaltiger Bauboom ein. Zwischen 1974 und 1976 wurde eine Zuwachsrate von jährlich über 400 000 Schutzplätzen erzielt. Alle «überlebenswichtigen» Systeme wie Spitäler, Kommunikationssysteme oder Wohnräume wurden für den «Ernstfall» unter der Erde nachgebaut und erfuhren dadurch in der unterirdischen Schattenwelt der Schutzbauten eine seltsame Verdoppelung.183 Die Schweiz schuf ein weltweit einzigartiges System unterirdischer Betonzellen. Im Falle eines Atomkriegs hätten die Bunker die gesamte Bevölkerung aufnehmen können. Ein enormes Bauprojekt, das zu einem immensen Verschleiss von Beton und Geld führte und zu einer Goldgrube für die Schweizer Bauwirtschaft wurde. Im Jahr 2006 gab es in der Schweiz rund 300 000 Schutzräume in privaten Häusern, Instituten und Spitälern sowie 5100 öffentliche Schutzanlagen. Insgesamt hatten etwa 8,6 Millionen Personen einen Schutzraum. In Bezug auf die gesamte Bevölkerung betrug der Deckungsgrad zu diesem Zeitpunkt 114 Prozent.

Der grösste zivile Bunker der Schweiz wurde 1976 im Autobahntunnel Sonnenberg in Luzern eingeweiht. Die Zivilschutzanlage war eine unterirdische «Bunkerstadt», die im Falle eines Atomkriegs 20 000 Menschen Schutz bieten sollte. Die Baukosten für die einst grösste Zivilschutzanlage der Welt beliefen sich auf 38,6 Millionen Franken. Das siebengeschossige Gebäude aus Stahlbeton war mit allem Nötigen ausgestattet, mit einem Operationssaal, einem Radiostudio, zahlreichen Verwaltungsbüros, einem Postschalter, einem Büro für den Seelsorger, einem Geburtssaal und einer Leichenkammer. Der Schutzraum wies jedoch einige gravierende Mängel auf und entpuppte sich als Fehlkonstruktion. Die Hauptprobe im Jahr 1987, die den kuriosen Namen «Ameise» trug, endete im Fiasko, da eine der 1,5 Meter dicken Panzertüren mit einem Gewicht von 350 000 Kilogramm nicht geschlossen werden konnte. Die «Bunkerstadt» im Sonnenberg erwies sich als ein hohles Versprechen, da die verheissene Sicherheit nicht einmal ansatzweise garantiert werden konnte. In seinem Buch Die Schweizer unter Tag schrieb der Journalist Jost Auf der Maur: «Wie konnte diese gigantische Fehlkonstruktion entstehen? Dazu brauchte es die Ingredienzen des Kalten Kriegs: Unter dem Damoklesschwert der Atombombe konnten Menschen zu irrwitzigen Anstrengungen und Verhaltensweisen angehalten werden. Ganz besonders in der Schweiz. Paten standen der jederzeit beschworene Selbstbehauptungswille, der Glaube an die Machbarkeit grosser Ingenieurlösungen, die Abwesenheit politisch handelnder Frauen (sie waren immer noch ohne Stimm- und Wahlrecht), die Furcht vor dem 3. Weltkrieg durch eine verteufelte Sowjetunion und schliesslich die Annahme, der paternalistische Staat könne 20 000 Menschen unter die Erde befehlen.»184 Der zurzeit grösste noch funktionierende zivile Atombunker der Schweiz befindet sich mitten in der Stadt Zürich. Die riesige Zivilschutzanlage im 1974 gebauten Parkhaus Urania bietet während zweier Wochen für rund 10 000 Personen Schutz. Sie verfügt über Panzertüren aus Stahlbeton, die 30 Tonnen Druck pro Quadratmeter standhalten, über zwei Trinkwasserspeicher, zwei Notstromgeneratoren, 45 Gasfilter für die Luftzufuhr und eine Schaltzentrale, die in einen faradayschen Käfig gebaut wurde, um immun gegen elektromagnetische Störungen zu sein, die bei der Explosion einer Atombombe eintreten könnten.185

Während des Kalten Kriegs wäre die Schweizer Regierung im Falle eines Atomkriegs in einen geheimen Bunker namens «K10» bei Brienz geflüchtet, der im Volksmund «Alpenrösli» genannt wurde und bis 1990 in Betrieb war. 1986 entschied der Bundesrat, einen neuen geheimen Bunker namens «K20» bei Kandersteg zu bauen, der bis zu 1000 Personen ein halbes Jahr vor der atomaren Verseuchung geschützt hätte. In den Berner Alpen, im Felsmassiv unterhalb der majestätischen Blüemlisalp, kilometerweit tief drinnen im Berg hätten sich die Bundesräte im Kriegsfall zusammen mit ihren Frauen und Kindern sowie einigen hochrangigen Beamten, militärischen Beratern und rund 40 National- und Ständeräten verkriechen können. Das Parlament stimmte in den 1990er-Jahren dem Ausbau des Bunkers zu, obwohl nicht klar war, für welche 40 Parlamentarier ein Platz im Regierungsbunker reserviert worden war. Die Sitzung im Nationalrat wurde als geheim erklärt, alle Journalisten mussten den Saal verlassen, und die Vorhänge wurden gezogen. 1992 gab der Bundesrat die Kosten bekannt: 230 Millionen Franken für den Rohbau und 38 Millionen für Mobiliar und Technik. Damit die Schweizer Regierung weiterhin mit der Bevölkerung kommunizieren könnte, wurde der Bunker mit einem kompletten Radio- und Fernsehstudio ausgestattet. Der genaue Standort galt lange Zeit als so geheim, dass Journalisten in der Schweiz nicht darüber schreiben durften. Wenn sie es trotzdem taten, wurden sie vom Militärgericht ermahnt oder mit symbolischen Strafen gebüsst. Nebst dem geheimnisumwitterten Bundesratsbunker «K20» gab es in der Schweiz auf kantonaler Ebene noch weitere 18 Regierungsbunker. Der Unterhalt der 19 Bunker kostete jährlich insgesamt rund eine Million Franken.

Heile Welt im Untergrund

Der Bunker wurde zum Symbol einer Schweiz, die als Nation den Atomkrieg überleben wollte. Er versprach der Bevölkerung Schutz vor der Gefahr einer alles zerstörenden atomaren Katastrophe. Der Bunker wurde damit zur «Überlebensinsel» der Schweiz im Kalten Krieg. «Das kleine saubere Schweizerhaus auf der umbrandeten Insel im Weltmeer, von einer liebenswürdigen Familie bewohnt, die konfliktfrei zusammenlebt […], solcherart waren die Vorstellungen, die man als die farbenfrohe Wahrheit über sich selbst freudig verinnerlichte», schrieb der Germanist Peter von Matt über die helvetische Imagination von der Schweiz als einer «Insel» im Zweiten Weltkrieg.186 Die Historikerin Silvia Berger Ziauddin hat die symbolische Bedeutung des Bunkers in der Schweiz während des Kalten Kriegs erforscht und dabei herausgearbeitet, welche Träume und Fantasien mit den Atombunkern verbunden waren. Der Vergleich des Bunkers mit einer «Überlebensinsel», wie ihn der Bauingenieur Werner Heierli gezogen hatte, machte aus dem Schutzraum eine kleinbürgerliche Idylle, in welcher die bürgerlichen Werte der Schweiz gerettet werden sollten.187 In den Broschüren des Zivilschutzes der 1960er- und 1970er-Jahre wurde das Leben im Bunker oft mit einer traditionellen Kleinfamilie dargestellt, mit Vater und Mutter sowie ein oder zwei Kindern. Der Vater übernahm als patriarchales Familienoberhaupt das Kommando im Schutzraum und gab im Notfall die Befehle, während sich die Hausfrau als Mutter fürsorglich um die Kinder kümmerte und sich um den Notvorrat sorgte. Die Familie stilisierte man zur zivilen Zelle des nationalen Widerstands hoch. Der Atombunker wurde mit dem Bild eines Igels dargestellt, der sich zusammenrollt und mit seinen spitzigen Stacheln die Bedrohung von aussen abwehrt, oder er wurde mit der Höhle eines Murmeltiers verglichen: Das putzige Alpentier verschwindet bei drohender Gefahr aus der Luft blitzschnell in seinem unterirdischen Bau.188 Wie Murmeltiere hatten sich die Eidgenossen während des Kalten Kriegs durch ihr Erdreich gewühlt, um in der Geborgenheit des Erdinnern das drohende nukleare Inferno zu überleben.

Der grosse Architekt des Schweizer Bunkerbaus war der Bauingenieur Werner Heierli, der während 40 Jahren als Experte des Bundes für Schutzbauten tätig war. Er war der Dädalus der unterirdischen Bunkerarchitektur der Schweiz während des Kalten Kriegs. Von 1966 bis 2003 war er Mitglied der Studienkommission für Zivilschutz des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements. 1966 war er massgeblich an der Ausarbeitung der technischen Richtlinien für Schutzbauten beteiligt. 1967 wurde ihm von der Studienkommission der Auftrag erteilt, die physiologischen Grenzwerte auszuloten, die für ein Überleben im Bunker gegeben sein müssen. Er war der Architekt der «Bunkerstadt» im Autobahntunnel Sonnenberg in Luzern. Ausserdem beteiligte er sich an der Ausarbeitung des Schutzraumhandbuchs, das 1978 vom Bundesamt für Zivilschutz herausgegeben wurde, und veröffentlichte 1982 die Studie Überleben im Ernstfall. Schliesslich plante er auch den geheimen Bundesratsbunker «K20» und den Generalstabsbunker im Gotthardmassiv.

Werner Heierli studierte die Bombardements des Zweiten Weltkriegs, aber auch Berichte über räumliche Beengtheit in Konzentrationslagern und auf Sklavenschiffen. Die Folgen eines Atomkriegs waren für ihn vergleichbar mit der Katastrophe eines konventionellen Kriegs. Ein Überleben im Bunker während Wochen und Monaten hielt er für möglich, weil er davon ausging, dass der Mensch in Extremsituationen zu Aussergewöhnlichem fähig ist. Die Temperatur im Schutzraum sollte maximal 29 Grad Celsius betragen, pro Person rechnete er mit drei Litern Trinkwasser und einem Kalorienverbrauch von 2100 Kilokalorien pro Tag. Der Schlafplatz mass 70 auf 190 Zentimeter, und 30 Personen mussten sich eine Toilette teilen. Die Fäkalien sollten ausserhalb des Bunkers in nahe gelegenen Gruben vergraben werden, was ohne eine radioaktive Verstrahlung kaum möglich gewesen wäre. Die Hygiene könne extrem stark eingeschränkt werden, meinte Heierli, und die sexuellen Bedürfnisse würden bei knapper Ernährung ohnehin zurückgehen, ansonsten müssten die Lebensmittelrationen weiter gekürzt werden.

Ein besonderes Augenmerk sei auf die Wahl des Bunkerchefs zu legen. Nach Werner Heierli kamen dafür keine «leicht debilen oder psychopathischen Personen» infrage. Der Bunkerchef sollte eine «autoritäre» Führungsperson sein, strenge Befehlshierarchien installieren und eine «scharfe» Disziplin einfordern. Bei der Erregtheit oder Panik einzelner Individuen sollte der Schlaf «erzwungen» werden, indem der Bunkerchef «gezielt» Schlaftabletten einsetzte. Angst, Apathie, Panik, Pessimismus oder gar der Verlust des Selbsterhaltungstriebs müssten unter allen Umständen vermieden werden. Unkontrollierbare Aggressionen würden den Bunker für die zusammengepferchten Menschen definitiv zur Hölle machen. Ansonsten sollte der Bunkerchef die Bewohner mit praktischen Arbeiten beschäftigen und immer wieder an das kollektive Ziel appellieren: die Verteidigung der Unabhängigkeit der Schweiz. Die Angst vor dem Irrationalen und Chaotischen, die in den Verhaltensregeln für den Bunkerchef subtil zum Ausdruck kam, stand dem rationalen Menschenbild diametral entgegen, das Werner Heierli ansonsten in seinen Anweisungen und Ratschlägen für das Leben im Untergrund zu vermitteln versuchte.

Seit dem Ende der 1960er-Jahre suchten die Behörden in der Schweiz auch nach einem geeigneten Notvorrat, der in den Schutzräumen als eiserne Reserve für die Überlebenswilligen angelegt werden könnte. Die «Überlebensnahrung» sollte schmackhaft, nahrhaft und vor allem lange konservierbar sein. Der Lebensmittelkonzern Nestlé produzierte Anfang der 1980er-Jahre 7000 Tonnen eines leicht löslichen, granularen Pulvers, das von den Behörden das technokratische Kürzel «ULN» erhielt. Man könne das Pulver, das sowohl gezuckert und gesalzen verzehrt werden konnte, «mit warmem oder kaltem Wasser geniessen, als Suppe oder Brei, es könne mit Gemüse und Gewürzen angereichert oder auch ‹roh› gegessen werden», schrieb das Bundesamt für Zivilschutz.189 Die «Überlebensnahrung» kostete rund 40 Millionen Franken und wurde von 1981 bis 1984 in der ganzen Schweiz in den Atombunkern der Gemeinden eingelagert. Der Schweizerische Friedensrat hielt die Beschaffung der Überlebensnahrung für «völligen Mumpitz» und meinte, die Schweiz hätte das dafür ausgegebene Geld besser in die Friedenspolitik anstatt in dieses «krampfhafte Aufmöbeln eines überkommenen Sicherheitswahnes» investiert.190 Als das Ablaufdatum der Überlebensnahrung nach zehn Jahren 1991 erreicht war, landete das ULN in den Futtertrögen des Mastviehs und in Ex-Jugoslawien, wohin in einer humanitären Hilfsaktion Hunderte von Tonnen der abgelaufenen Dosen gekarrt wurden, die dann unentgeltlich an die dortigen Spitäler, Kinder- und Altersheime sowie Notküchen abgegeben wurden.

Während des Kalten Kriegs gab es sowohl im Osten wie im Westen eine unglaubliche Verharmlosung der tatsächlichen Gefahr eines Atomkriegs. Legendär ist der US-Propagandafilm Duck and Cover von 1951, in dem Bert, die Schildkröte, den ahnungslosen Kindern erklärt, dass die Schulbank einen hinreichenden Schutz bei einem atomaren Angriff biete. In der Schweiz hat der Zivilschutz im Kalten Krieg zahlreiche Broschüren, Merkblätter und Propagandafilme veröffentlicht, die mit ihren gut gemeinten Ratschlägen der Bevölkerung ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln versuchten. Die beschwichtigenden und beschönigenden Anweisungen erzeugten die Illusion, dass ein Weiterleben nach dem Atomkrieg möglich sei. In den Broschüren ging man davon aus, dass der atomare Angriff nicht aus heiterem Himmel erfolgen würde und die Bevölkerung genug Zeit hätte, um sich in Sicherheit zu bringen. Die 14 Tage, die man im Atombunker verbringen müsste, schienen einer magischen Zahl entsprochen zu haben; sie wurden in beinahe allen Broschüren als fixe Zeitdauer für den notwendigen Aufenthalt im Bunker genannt.191 In der Zeitschrift Zivilschutz schrieb 1966 beispielsweise Dr. med. A. Steiner: «Im Laufe von 1 bis 2 Wochen klingt jede Strahlung so weit ab, dass der Schutzraum verlassen werden kann. Gelingt bis dahin das Überleben eines grösseren Bevölkerungsteils, so wird keine Stadt und so wird kein Volk untergehen.»192 Da sich niemand vorstellen konnte, dass Menschen länger als zwei Wochen unter der Erde ausharren könnten, durfte der radioaktive Fallout nicht länger strahlen.193 Die Katastrophe wurde so konzipiert, dass sie bewältigt werden konnte, ansonsten wäre der Zivilschutz nutzlos gewesen.194 Alle Broschüren verbreiteten einen grossen Optimismus im Hinblick auf die Zukunftsaussichten der Bevölkerung nach dem Atomkrieg. Wie das Weiterleben danach aussehen sollte, wenn weite Teile des Landes vollständig zerstört und radioaktiv verstrahlt, die Produktion in der Landwirtschaft und in der Industrie ebenso wie die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen wären, darüber wurde die Bevölkerung nicht informiert.195 Die Tatsache, dass diese Vorstellungen von der Bevölkerung während des Kalten Kriegs als vertrauenswürdige Informationen aufgefasst wurden, erklärte der Historiker Thomas Buomberger mit einer Mischung aus blindem Vertrauen in die Behörden und einer naiven Technikgläubigkeit.196

Nach den Zürcher Globus-Krawallen vom 29. Juni 1968 erklärte sich der Zürcher Stadtrat nach langem Hin und Her schliesslich bereit, den «Lindenhof-Bunker» im Zentrum der Stadt Zürich vorübergehend in ein autonomes Jugendzentrum umzufunktionieren. Am 31. Oktober 1969 riefen die rebellischen Jugendlichen dort ihre «Autonome Republik Bunker» aus und nisteten sich im chaotischen Gewimmel der unterirdischen Betonzellen ein. Sie gründeten eine Diskothek und richteten sich Diskussions- und Schlafräume sowie Büros ein. Nach 68 Tagen Anarchie im Untergrund musste das «Experiment» allerdings wieder abgebrochen werden, da es zu Drogenexzessen, Randalen und antikapitalistischer Agitation gekommen war. Der Luftschutzraum wurde zu Beginn des Jahres 1970 auf Anweisung des Zürcher Stadtrats niedergewalzt. An der gleichen Stelle entstand vier Jahre später das Parkhaus Urania.

Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre geriet der Zivilschutz in der Schweiz durch die Anti-AKW-Bewegung und die Proteste gegen die Entwicklung der Neutronenbombe und den Nato-Doppelbeschluss zunehmend in die Kritik. In der Bundesrepublik Deutschland trafen sich 1000 Pazifisten Mitte November 1980 unter dem Motto «Der Atomtod bedroht uns alle. Keine Atomraketen in Europa» in Krefeld. Am 10. Oktober 1981 demonstrierten dann in der Bundeshauptstadt Bonn 300 000 Menschen. In der Schweiz fand daraufhin im Dezember 1981 unter dem Motto «Für Frieden und sofortige Abrüstung» eine Demonstration auf dem Bundesplatz in Bern statt, an der über 30 000 Männer, Frauen und Kinder teilnahmen. Christine Perren, Mitglied des Schweizerischen Friedensrats, stellte in ihrer Rede die Frage, was sie «eingepfercht» in diesen «Betonlöchern» denn solle. «Was ist, wenn wir kein Wasser und keine Luft mehr haben, und wie lange halten wir das aus, ohne verrückt zu werden?»197

«Ist der ‹Denner› wieder offen, fährt das Tram, wenn wir aus den Löchern steigen? Ist das Wasser trinkbar, das wir finden?» Konradin Kreuzer, Chemieingenieur, 1981

Der Zürcher Chemieingenieur Konradin Kreuzer war damals ein heftig angefeindeter Kritiker des Zivilschutzes. 1973 gründete er das Forum für verantwortbare Anwendung der Wissenschaft und gab von 1977 bis 2000 die Zeitschrift nux heraus. Der Atombunker war für ihn ein «Betonverlies», in das sich die Gesellschaft «einkerkere».198 Der Bunker ermögliche zwar für wenige Tage oder Wochen ein von Chaos, Angst und Panik geprägtes Dahinvegetieren, das sei aber sinnlos, da die Welt ausserhalb des Bunkers radioaktiv verseucht und damit unbewohnbar geworden sei: «Ist der ‹Denner› [das Lebensmittelgeschäft] wieder offen, fährt das Tram, wenn wir aus den Löchern steigen? Ist das Wasser trinkbar, das wir finden? […] Lernen [wir], mit der Radioaktivität zu leben? […] In den Fragen bleiben wir hängen.»199 Später schilderte Konradin Kreuzer das postapokalyptische Szenario einer langfristig radioaktiv verstrahlten Schweiz nach der Explosion einer Wasserstoffbombe im grenznahen Frankreich.200 In den frühen 1980er-Jahren wurden die Atombunker dann von den Friedensaktivisten und Armeegegnern auch als «Betonlöcher», «Sardinenbüchsen» oder «Begräbnisstätten» bezeichnet.201

Im Jahr 1980 gründeten der US-amerikanische Kardiologe Bernard Lown und der sowjetische Kardiologe Jewgeni Tschasow die Organisation International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW), die sich für die weltweite atomare Abrüstung zur Verhinderung eines Atomkriegs einsetzte. Die Schweizerische Sektion der IPPNW wurde am 10. April 1981 von Martin Vosseler gegründet. Im Jahr 1983 publizierte dann eine US-amerikanische Forschergruppe um den bekannten Astronomen, Astrophysiker und Exobiologen Carl Sagan die Theorie des nuklearen Winters als ultimatives Horrorszenario eines globalen Atomkriegs.202 Sie ging davon aus, dass ein weltweiter Atomkrieg zu einer Verdunkelung und Abkühlung der Erdatmosphäre führen und es als Folge dieser klimatischen Veränderung zu Hungersnöten und Massensterben kommen würde. Das einprägsame Bild vom nuklearen Winter – als Parallele zum Aussterben der Dinosaurier nach einer gewaltigen Kollision eines Asteroiden mit der Erde skizziert – zweifelte das Überleben eines Atomkriegs grundsätzlich an und hinterfragte damit auch die Fiktion eines begrenzbaren Atomkriegs und das Vertrauen in den Zivilschutz.203

Die Schweiz hatte zwar keine Kolonien, doch sie durchlöcherte ihren Untergrund wie einen Emmentaler Käse. Seit dem 19. Jahrhundert betrieb sie eine Erweiterung ihres Territoriums in Richtung Erdmittelpunkt, eine Expansion in die Tiefe. Daraus entstanden ist ein einzigartiges, schier endloses subterranes Geäder und Genist aus unterirdischen Stollen, Tunnels, Röhren, Bunkern und Kavernen, ein riesenhafter, sich über das ganze Land ausdehnender Maulwurfsbau. Während des Kalten Kriegs wurde der Bunkerbau zum integralen Bestandteil der totalen Landesverteidigung. Wäre es tatsächlich zu einem weltweiten Atomkrieg gekommen, hätte sich die Schweizer Bevölkerung womöglich zusammen mit der US-Regierung im Weissen Haus und dem Politbüro des Kremls als einzige Exemplare der menschlichen Spezies in Schutzräume flüchten können. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die Bunker obsolet und blieben als Relikte und Überbleibsel einer vergangenen Epoche zurück. Die Atombunker waren die «Katakomben des atomaren Zeitalters», anders als in Rom, Neapel oder Palermo wären in diesen Gruften jedoch nicht die Toten, sondern die Lebenden begraben worden.204 Nach dem Kalten Krieg wurden die ausgemusterten Bunkeranlagen dann als Lager für Computerdaten, Wein, Käse oder Trockenfleisch, als Wellnessoasen oder Kunsträume genutzt. Die Neuausrichtung der Verteidigungs- und Sicherheitspolitik führte in den 1990er-Jahren zudem zur Neuorientierung des Zivilschutzes, der sich mit dem «Leitbild 95» verstärkt auf die Katastrophen- und Nothilfe konzentrierte.205

Der unfreiwillige Verzicht auf Atomwaffen

Der amerikanische UNO-Delegierte Bernard Baruch legte bereits im Juni 1946 einen Plan vor, um die Verbreitung von Atomwaffen weltweit zu verhindern. Der nach ihm benannte Baruch-Plan («The Baruch Plan») sah eine Unterstellung der Atomwaffen unter eine internationale Kontrolle vor. Obwohl der Baruch-Plan damals scheiterte, war er der erste Schritt auf dem Weg zum Atomwaffensperrvertrag, der ein Verbot der Verbreitung von Atomwaffen beinhaltete und am 1. Juli 1968 von den USA, Grossbritannien und der Sowjetunion unterzeichnet wurde. Durch den zunehmenden Druck der Atommächte zur Unterzeichnung des Vertrags wurde von 1967 bis 1969 auch in der Schweiz nochmals eine intensive politische Debatte über die Möglichkeit einer Aufrüstung der Schweizer Armee mit Atomwaffen geführt. Die Kritiker des Atomwaffensperrvertrags betonten, dass dieser die Vormachtstellung der Supermächte noch weiter verstärke. Der Vertrag wurde von all jenen Staaten akzeptiert, die über Atomwaffen verfügten, und von jenen, die nicht erwarteten, jemals solche zu besitzen. China, Frankreich und Israel hingegen, die gerade dabei waren, eigene Atombomben zu entwickeln, boykottierten ihn.206

Die ungleiche Behandlung der beiden Staatengruppen schuf ein Zweiklassensystem: auf der einen Seite die Atommächte, eine kleine Gruppe übermächtiger Giganten, die ihre Vormachtstellung weiter ausbauten, und auf der anderen Seite die atomaren Habenichtse, die grosse Schar der hilflosen Kleinstaaten, die von den Atommächten erpresst und zum Verzicht gezwungen wurden. Die Kritiker des Vertrags bezeichneten diesen als eine «Enteignung der Habenichtse» oder gar als eine «Kastration der Impotenten».207 Der Vertrag wurde auch in der Schweiz als ein Diktat der Supermächte empfunden und löste ein Gefühl der Machtlosigkeit aus. Die Unterzeichnung war nicht Folge eines freiwilligen Verzichts, sondern einer Erpressung. Die Sicherung des weltweiten Friedens wurde mittels einer völkerrechtlichen Diskriminierung erreicht.208

Die offiziellen Stellen der Schweiz verhielten sich lange Zeit abwartend und zögerlich. Erst als der Druck der beiden Supermächte gegen Ende der 1960er-Jahre stark zunahm, unterzeichnete die Schweiz den Atomwaffensperrvertrag schliesslich am 27. November 1969. Die Ratifikation erfolgte erst 1977, und zwar nach heftigem Widerstand im Ständerat. Die Supermächte liessen in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre immer wieder durchblicken, dass sie diejenigen Staaten, die ihre Unterschrift verweigerten, nicht mehr mit Uran beliefern und ihnen keine AKWs mehr verkaufen würden. Bereits 1964 hatten sich in der Schweiz jedoch die Nordostschweizerischen Kraftwerke AG (NOK) sowie die Bernischen Kraftwerke AG (BKW) für den Bau von AKWs mit amerikanischen Reaktoren entschieden. Die NOK baute in Beznau ab 1965 einen Druckwasserreaktor der Firma Westinghouse, der dort am 1. September 1969 in Betrieb genommen wurde, und die BKW baute ab 1966 in Mühleberg einen Siedewasserreaktor der Firma General Electric, der schliesslich am 6. November 1972 in Betrieb ging. Die Atomindustrie in der Schweiz war damit ab Mitte der 1960er-Jahre von den USA abhängig. So gab es für die Schweiz zwei Möglichkeiten: Unterzeichnete sie den Atomsperrvertrag, verzichtete sie damit auf ihre nuklearen Ambitionen. Verweigerte sie ihre Unterschrift, und verfolgte sie den Bau einer Schweizer Atombombe weiter, gefährdete sie damit ihre sich im Aufbau befindende zivile Atomindustrie, die auf die Lieferung von Uran und den Import der amerikanischen Atomtechnologie angewiesen war.209

Die Verhandlungen über den Vertrag machten den Konflikt zwischen dem EMD und dem EPD sichtbar. Während das EMD unter der Leitung von FDP-Bundesrat Nello Celio weiterhin an der Option einer atomaren Aufrüstung festhielt, preschte das EPD unter der Leitung von SP-Bundesrat Willy Spühler vor und forderte schon früh eine Unterzeichnung des Vertrags als einzig gangbaren Weg. Nach der Mirage-Affäre 1964 war bereits absehbar, dass der Bau einer Schweizer Atombombe de facto gescheitert war, trotzdem führte die politische Debatte über den Vertrag nochmals zu einem «letzten Aufbäumen» der Befürworter von Schweizer Atomwaffen.210 Einer ihrer vehementesten Vertreter war der Zürcher Militärstratege Gustav Däniker jun., der als «das inoffizielle Gehirn der Armee» galt.211 1966 mischte er sich mit seinem Buch Strategie des Kleinstaats in die politische Debatte ein. Nach dem lateinischen Sprichwort «Si vis pacem para bellum» («Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg vor») plädierte er für eine Strategie der massiven Abschreckung. Nebst der Einführung taktischer Atomwaffen forderte Gustav Däniker jun. strategische Atombomben, die mit Flugzeugen und Mittelstreckenraketen gegen die Sowjetunion eingesetzt werden könnten. Als Chefstratege des Kalten Kriegs beim Pressebüro Dr. Rudolf Farner und beim Verein zur Förderung des Wehrwillens und der Wehrwissenschaften wollte er die Unabhängigkeit der Schweiz durch die Drohung mit taktischen und strategischen Atomwaffen garantieren. Für den Zeitraum der nächsten 20 Jahre rechnete Gustav Däniker jun. mit einigen Hundert Millionen Franken pro Jahr für die Herstellung von 300 bis 400 Atomsprengköpfen kleineren und mittleren Kalibers.212

Im September 1969 gründeten die Befürworter von Atomwaffen ein Aktionskomitee, welches das Ziel verfolgte, eine Unterschrift des Atomsperrvertrags der Schweiz zu verhindern. Die Mitglieder des «Zürcher Anti-Klubs» waren Sympathisanten der politischen Rechten sowie Angehörige der Zürcher Offiziersgesellschaft. Das Aktionskomitee konnte die Unterschrift der Schweiz allerdings nicht mehr verhindern und hatte keinen nennenswerten Einfluss auf die Verhandlungen zur Unterzeichnung des Vertrags. Für einiges Aufsehen sorgte die Mitgliedschaft von Generalstabschef Paul Gygli, der sich öffentlich gegen die Politik des Bundesrates stellte.213 Die Befürworter der Atomwaffen beriefen sich in ihrer Argumentation immer wieder auf die beiden gewonnenen Abstimmungen zu den Atominitiativen von 1962 und 1963, die ihren Rückhalt in der Schweizer Bevölkerung klar aufgezeigt hätten.

1967 hatte Generalstabschef Paul Gygli die Studienkommission für strategische Fragen (SSF) eingesetzt, die vom Oberst im Generalstab und ETH-Germanistikprofessor Karl Schmid geleitet wurde. Die SSF erhielt vom Generalstabschef den Auftrag, die Frage einer Bewaffnung der Schweizer Armee mit Atomwaffen aus einer militärischen Perspektive zu beurteilen und eine Stellungnahme des Vertrags vorzubereiten. Karl Schmid hatte im Tages-Anzeiger vom 29. Oktober 1966 bereits eine Besprechung des Buchs Strategie des Kleinstaats von Gustav Däniker jun. veröffentlicht. Er hielt dessen «Versuchsanordnung» einer isolierten Schweiz, die von einer atomaren Grossmacht wie der Sowjetunion nuklear erpresst werde, für unwahrscheinlich und die atomare Drohung der Schweiz als Kleinstaat für unglaubwürdig. Aus finanziellen Gründen gehe eine Bewaffnung der Schweizer Armee mit Atomwaffen auf Kosten der konventionellen Verteidigung und beschädige das Bild der friedliebenden Schweiz. Der Einsatz von Atomwaffen auf dem eigenen Territorium kam in seinen Augen einem irrationalen, kollektiven Suizid gleich. Ausserdem berge auch ein angeblich begrenzter Atomkrieg mit taktischen Atomwaffen jederzeit die Gefahr einer Eskalation. Aus diesen Gründen lehnte Karl Schmid die Forderung einer Bewaffnung der Schweizer Armee mit taktischen und strategischen Atomwaffen ab. Innerhalb der SSF wurde dennoch ein Arbeitsausschuss (AA) I Nuklearpolitik gebildet, der unter der Leitung von Professor Urs Schwarz und unter Beteiligung des Strategieexperten Gustav Däniker jun. und des Oberst im Generalstab Hans Senn den Nutzen eigener Atomwaffen beurteilen sollte. Die Beurteilung fiel zwiespältig aus: Während strategische Atombomben abgelehnt wurden, befürwortete man taktische Atomwaffen. Schliesslich konnte sich der Arbeitsausschuss zu einer zustimmenden Empfehlung für die Unterzeichnung des Vertrags durchringen.

Das EPD unter der Leitung von SP-Bundesrat Willy Spühler vertrat bereits früh die Auffassung, dass eine Unterzeichnung des Vertrags der einzig gangbare Weg sei, auch wenn damit eine völkerrechtliche Diskriminierung verbunden war. Vor 1967 herrschte die Meinung, dass die Atomindustrie durch die Unterzeichnung des Vertrags Nachteile erfahren würde, da die zivile Nutzung der Atomenergie von Anfang an sehr eng mit der militärischen Forschung für eine eigene Atomwaffenproduktion verbunden war. Ab Frühjahr 1967 wurde unter der Leitung von ETH-Professor Urs Hochstrasser, Delegierter des Bundesrates für Fragen der Atomenergie, eine Arbeitsgruppe von schweizerischen Fachleuten der Atomtechnik gebildet, die aus der Perspektive der Schweizer Atomindustrie eine Stellungnahme zum Vertrag vorbereitete. In ihrem Bericht kam die «Gruppe Hochstrasser» zum Schluss, dass bei einer Nichtunterzeichnung des Vertrags für die Schweizer Atomindustrie mit Nachteilen zu rechnen sei und dass ein Abseitsstehen dem Forschungs- und Wirtschaftsstandort Schweiz schaden würde. Die «Gruppe Hochstrasser» befürwortete eine Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags und stützte damit gegenüber dem EMD die Position des EPD unter der Leitung von Willy Spühler.214

Auch das EMD empfahl schliesslich eine Unterzeichnung des Vertrags, sprach sich gleichzeitig aber dafür aus, die Option von eigenen Atomwaffen offenzuhalten. Der Handlungsspielraum sollte beibehalten werden, indem die Schweiz den Status einer atomaren Schwellenmacht anstrebte. Zumindest die theoretische Möglichkeit einer Produktion eigener Atomwaffen sollte damit erhalten werden, insbesondere für den Fall eines Scheiterns des Vertrags. Es bestand die Furcht, dass die Bundesrepublik Deutschland die Entwicklung eigener Atomwaffen anstreben könnte. Die Schweiz machte ihre Unterschrift von der Teilnahme der Bundesrepublik Deutschland abhängig. Schliesslich unterzeichnete die Schweiz den Vertrag als 92. Staat, genau einen Tag vor der Bundesrepublik Deutschland.

Damit die Schweiz den Status einer atomaren Schwellenmacht behalten konnte, hatte das EMD 1969 einen Arbeitsausschuss für Atomfragen (AAA) gebildet, der bis zu seiner Auflösung 1988 den Auftrag hatte, sich auf kleinster Sparflamme mit der defensiven Verwendung der Atomenergie für militärische Zwecke zu beschäftigen. Im Dezember 1987 wollte SP-Nationalrat Paul Rechsteiner vom CVP-Bundesrat und damaligen EMD-Vorsteher Arnold Koller wissen, «ob es die vom EMD geleitete verwaltungsinterne Arbeitsgruppe für Atomfragen heute noch gibt».215 Bundesrat Arnold Koller verschwieg damals in seiner Antwort, dass der AAA immer noch existierte und er behauptete, das Atomwaffenprogramm der Schweiz gehöre längst der Vergangenheit an. Doch auch im Jahr 1987 beschäftigte sich der AAA noch mit der Beschaffung von Atomwaffen. In einem Sitzungsprotokoll des AAA von 1987 stand: «Einmal mehr wurde vorgeschlagen, diesmal von der GRD [Gruppe für Rüstungsdienste] Nuklearwaffen ‹schlüsselfertig› im Ausland zu kaufen, weil so der lange und grosse Entwicklungsaufwand vermieden werden könnte.»216 Am 1. November 1988 zog Bundesrat Arnold Koller einen endgültigen Schlussstrich unter das Thema und löste den AAA auf; damit verabschiedete sich die Schweiz kurz vor dem Ende des Kalten Kriegs offiziell vom Status als atomare Schwellenmacht.

Die Schweizer Atombombe war bis zum Ende des Kalten Kriegs nichts anderes als ein Papiertiger, der nur in den Köpfen einiger weniger Militärs existierte. Die zahlreichen Studien und Vorarbeiten, die über all die Jahre und Jahrzehnte des Kalten Kriegs betrieben wurden, waren nie über das Stadium der «theoretischen Möglichkeit» hinausgekommen. Das fehlende Uran, die technologische Rückständigkeit, der Mangel an geeigneten Wissenschaftlern und die begrenzten finanziellen Ressourcen verunmöglichten den Traum einer eigenen Atombombe. Die USA hatten das Schweizer Atombombenprogramm früh unterlaufen, indem sie die Lieferung von Uran auf die zivile Nutzung beschränkten und die Entwicklung eines eigenen Schweizer Natururanreaktors, der für die Produktion von Plutonium hätte genutzt werden können, erfolgreich verhinderten. Dies gelang ihnen durch den Verkauf eigener Leichtwasserreaktoren zu Dumpingpreisen, die für die Schweizer Elektrizitätswirtschaft lukrativ waren, weshalb die Schweiz früh auf die teure, unrentable und risikobehaftete Eigenentwicklung eines Schwerwasserreaktors verzichtete.

Apokalyptische Visionen in Literatur und Kunst

Die Angst vor der Atombombe brachte während des Kalten Kriegs in der Literatur und Kunst, aber auch in Comics und Filmen weltweit zahlreiche apokalyptische Visionen hervor. Der Horror des nuklearen Infernos inspirierte insbesondere die Science-Fiction-Literatur und den Horrorfilm, in denen jeweils durch radioaktive Strahlen veränderte Menschen mit gigantischen Mutationen oder monströse Tiere die Hauptrolle spielten.217 Der Abwurf der Atombomben in Hiroshima und Nagasaki war ein enormer Schock, der nach 1945 eine ganze Epoche prägte. Die künstlerische Auseinandersetzung mit den kollektiven Ängsten vor einem Atomkrieg führte während des Kalten Kriegs auch in der Schweizer Literatur und Kunst zu einer ganzen Reihe visionärer Kunstwerke und aussergewöhnlicher literarischer Fantasien.

Der Schriftsteller Franz Fassbind schrieb unmittelbar nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki unter dem Titel Atom Bombe ein «gesprochenes Oratorium», das am 27. Oktober 1945 in der Tonhalle Zürich uraufgeführt wurde. Die Atombombe tritt darin als entfesselte Materie auf. Sie erscheint als ein schwarz gekleideter, eleganter Mann, während der Geist «schwach, schmal, hager, kränklich, arm und zerlaust» ist. In einem Fussballspiel ohne Schiedsrichter soll die Auseinandersetzung zwischen der Materie und dem Geist entschieden werden. Dazu kommt es allerdings nicht, stattdessen beschwört eine Stimme aus dem Hintergrund der Bühne die Materie, sich im Namen Jesus Christus in den Dienst der Menschheit zu stellen. Beim Lobpreis Gottes, mit dem das Oratorium schliesst, werden die Atome, die Atomkerne und die Kettenreaktionen dazu aufgerufen, Gott den Herrn zu loben und zu preisen.

Denis de Rougemont, der Neuenburger Philosoph und Vorkämpfer der europäischen Integration, schrieb unmittelbar nach dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im Herbst 1945 während eines Aufenthalts in der US-amerikanischen Universitätsstadt Princeton seine Lettres sur la bombe atomique. In seinen Briefen beschrieb er die Erschütterungen in der US-amerikanischen Gesellschaft als Folge der beiden Atombombenexplosionen unmittelbar nach dem Ende des Kriegs. Mit der Atombombe sei ein neues Zeitalter angebrochen, das die herkömmliche Kriegsführung obsolet gemacht habe. Ein Schlag genüge, um den Gegner vollständig zu zerstören. Eine Verteidigung gegen die Atombombe sei unmöglich. Die Verbreitung der Atomwaffen könne nicht verhindert werden, in wenigen Monaten würden auch die Russen, die Engländer und womöglich auch andere Länder über das Geheimnis der Atombombe verfügen. Ein weltweiter Atomkrieg würde jedoch das Ende der Menschheit bedeuten. Am 16. Oktober 1945 schrieb er: «Nehmen wir an, ein kleines Land – sagen wir die Schweiz – stelle ein Dutzend Atombomben her. Das ist nicht etwa eine Geldfrage, wie man allgemein annimmt – die grossen Ausgaben hat Amerika in der Forschungsperiode getragen –, sondern lediglich eine Frage der technischen Ausrüstung und der Findigkeit, und Sie wissen, dass die Schweiz beides besitzt. Tatsächlich sind ja auch die Arbeiten von Einstein an dem Polytechnikum von Zürich entstanden. Nehmen wir nun an, dieses kleine Land schickt, um sich aus irgendeiner Klemme zu ziehen, zwei oder drei Atombomben nach New York. (Ich nehme absichtlich den unwahrscheinlichsten Fall als Beispiel, damit man darin nicht ich weiss nicht was für eine Anspielung auf allzu wirkliche Verhältnisse erblicke.) Amerika zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass die Geschosse aus Russland kommen. Es ist zu spät, diplomatische Noten auszutauschen und voreinander die Zylinderhüte zu ziehen. Und Moskau und Kiew liegen innerhalb drei Stunden in Trümmern. Die Russen antworten mit einem Angriff auf Detroit und Saint Louis und zerstören London als reine Vorsichtsmassregel. Und so weiter! Der wissenschaftliche Ausdruck hiefür ist: Kettenreaktion. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden ist das Abendland gewesen.»218 Ein apokalyptischer Atomkrieg könne letztlich nur verhindert werden, indem eine Weltregierung gebildet werde. «Ich behaupte, dass uns die Atombombe auf zweierlei Art und Weise von ihr erlösen kann: entweder, indem sie alles in die Luft sprengt, oder indem sie die Menschen binnen kurzem zwingt, sich über die Grenzen der Nationen hinaus zusammenzuschliessen.»219

Unter dem Eindruck der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki schrieb Max Frisch das Theaterstück Die Chinesische Mauer, das am 10. Oktober 1946 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt wurde. Das Stück spielt zur Zeit des Baus der Chinesischen Mauer. Im Zentrum steht jedoch der «Heutige», ein Intellektueller des 20. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit historischen und literarischen Figuren aus verschiedenen Epochen. Der Mensch aus der Gegenwart lehnt die damalige Art, Geschichte durch Kriege zu machen, ab. Die Epoche der Feldherren sei vorbei, wenn die Menschheit überleben wolle. «Die Sintflut ist herstellbar. Sie brauchen nur noch den Befehl zu geben, Exzellenz. Das heisst: Wir stehen vor der Wahl, ob es eine Menschheit geben soll oder nicht. Wer aber, Exzellenz, hat diese Wahl zu treffen? die Menschheit selbst oder – Sie? […] Wir können uns das Abenteuer der Alleinherrschaft nicht mehr leisten, Exzellenz, und zwar nirgends auf dieser Erde; das Risiko ist zu gross. Wer heutzutag auf einem Thron sitzt, hat die Menschheit in der Hand, ihre ganze Geschichte, angefangen bei Moses oder Buddha, inbegriffen die Akropolis, die Tempel der Maya, die Dome der Gotik, inbegriffen die ganze abendländische Philosophie, die Malerei der Spanier und Franzosen, die Musik der Deutschen, Shakespeare, inbegriffen dieses jugendliche Paar: Romeo und Julia. Und inbegriffen uns alle, unsere Kinder, unsere Kindeskinder. Eine einzige Laune von Ihm, der heutzutag auf einem Thron sitzt, ein Nervenzusammenbruch, eine Neurose, eine Stichflamme seines Grössenwahns, eine Ungeduld wegen schlechter Verdauung: Und alles ist hin.»220 Max Frisch war davon überzeugt, dass die nächste Katastrophe aufgrund der Bedrohung durch die Atombombe für die Menschheit nicht mehr zu überleben sei. 1951 schrieb er in sein Notizheft: «Der menschheitliche Selbstmord ist in Fabrikation gegeben; die lange bekannte Fratze des Fortschrittes […]. Staatsmänner preisen es als furchtbares Mittel, um den Weltfrieden zu erhalten. Man meint, kaum haben wir das Grauen des Kriegs erkannt, eine Satire zu lesen –.»221

In seiner Dankesrede Wir hoffen anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels kam Max Frisch 1976 nochmals auf die Bedrohung der Menschheit durch die Atombombe zu sprechen und legte dabei dar, dass es vor allem die ideologischen Feindbilder des Kalten Kriegs seien, die den Weltfrieden bedrohen würden: «Unser Wunschdenken nach Hiroshima, die Meinung nämlich, dass die Atombombe nur noch die Wahl lasse zwischen Frieden oder Selbstmord der Menschheit und infolgedessen den Ewigen Frieden herbeigeführt habe, hat nicht lang gehalten: Krieg in Korea, Krieg im Nahen Osten. Begnügen wir uns mit der Hoffnung, dass es ohne Atombombe geht? Der Krieg in Vietnam, geführt und verloren von unsrer Schutzmacht, hat im Einsatz von Vernichtungswaffen den letzten Weltkrieg übertroffen – ohne Atombombe – und zudem wiederholt, was seit Nürnberg als Kriegsverbrechen definiert ist. Die neueste Hoffnung, man weiss, geht dahin, dass ein nuklearer Schlagabtausch (Krieg wird da ein romantisches Wort) zwar keineswegs auszuschliessen ist, dass er aber nicht das ganze Menschengeschlecht vernichte, sondern nur die Hälfte etwa, vielleicht sogar nur ein Drittel. Wer heute von Frieden redet und unter Frieden etwas anderes versteht als eine temporäre Waffenruhe bei unentwegter Pflege der Feindbilder wechselseitig, sodass die Abschreckungs-Strategie die einzig denkbare bleibt, spricht von einer Utopie, und dasselbe gilt für die Freiheit, ohne die (wie es an dieser Stelle schon dargelegt worden ist) kein Friede ist.»222

Die apokalyptische Angst vor einer alles zerstörenden Katastrophe durch die Atombombe regte auch Friedrich Dürrenmatt zu einer Vielzahl literarischer Texte und Bilder an. In seinem ersten, unveröffentlichten Theaterstück, Der Knopf, an dem er von 1941 bis 1943 schrieb, erfindet ein General eine Höllenmaschine, mit der sich per Knopfdruck die ganze Welt in die Luft sprengen lässt. Es ist eine furchterregende Teufelsmaschine von unermesslicher Zerstörungskraft, eine Vision der Atombombe, die zwei Jahre später, im August 1945, über Hiroshima und Nagasaki explodieren sollte. Der Erfinder der Maschine ist ein wirr gewordener General, der bereits alle seine Soldaten in den Tod geschickt hat und nun mit seiner Maschine selbst in die Hölle fahren will. Das Drama dreht sich um den Knopf, der die Bombe zur Explosion bringen wird. Die Auseinandersetzung darum nimmt gespenstische Formen an. Am Schluss setzt sich jemand aus Versehen auf den Knopf, die Maschine beginnt zu heulen, und alles fliegt in die Luft.

Als Reaktion auf den Koreakrieg, bei dem es Anfang der 1950er-Jahre beinahe zu einem atomaren Schlagabtausch zwischen den USA und der Sowjetunion gekommen wäre, schrieb Dürrenmatt 1954 das Hörspiel Das Unternehmen der Wega. Das Science-Fiction-Hörspiel spielt im Jahr 2255 unmittelbar vor dem Ausbruch des Dritten Weltkriegs. Eine Delegation der «freien verbündeten Staaten Europas und Amerikas» fliegt im Raumschiff Wega zum Planeten Venus. Hierher hat der Westen, aber auch Russland mit den Verbündeten Asien, Afrika und Australien, Dissidenten entsorgt. Die Delegation der Vereinigten Staaten will nun in der Strafkolonie die Armee für einen Wasserstoff- und Kobaltbombenangriff auf Asien und Russland rekrutieren. Als Aussenminister Wood verhandeln will, findet er jedoch keine Regierung vor, sondern nur in den Überlebenskampf verstrickte Einzelne, welche sich beharrlich weigern, wieder auf die Erde zurückzukehren. Am Ende lässt Wood die Bomben auf den Planeten Venus fallen, aus der Befürchtung heraus, die von der Erde verbannten Venus-Bewohner könnten sich mit den Russen verbünden.

Am 21. Februar 1962, wenige Wochen vor der Abstimmung am 1. April 1962 über die «Atominitiative 1» zum Verbot von Atomwaffen, wurde im Schauspielhaus Zürich Dürrenmatts Theaterstück Die Physiker uraufgeführt, in dem er die Frage nach der Verantwortung der Physiker bei der Erfindung der Atombombe thematisiert. Im Stück ist der geniale Physiker Johann Wilhelm Möbius, der als erster Mensch die einheitliche Feldtheorie entdeckt und damit die Weltformel gefunden hat, freiwillig ins Irrenhaus geflüchtet, da er sich vor den Folgen seiner Entdeckung fürchtet. «Neue, unvorstellbare Energien würden freigesetzt und eine Technik ermöglicht, die jeder Phantasie spottet, falls meine Untersuchung in die Hände der Menschen fiele.»223 Im Verwirrspiel um drei Physiker in einem Irrenhaus stellt sich am Ende heraus, dass die Irrenärztin tatsächlich verrückt geworden ist, da sie mit dem Wissen der Physiker die Weltherrschaft an sich reissen und so die Welt endgültig in ein Irrenhaus verwandeln will. In einer Anmerkung zum Stück schrieb der Autor: «Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen. Was alle angeht, können nur alle lösen.»224 1962, als der Kalte Krieg mit der Kubakrise seinen Höhepunkt erreichte, traf Dürrenmatt mit Die Physiker den Nerv der Zeit, und das Werk wurde zu einem der meistgespielten Theaterstücke weltweit.

Anfang der 1960er-Jahre drückte Dürrenmatt seine Skepsis gegenüber einer Bewaffnung der Schweizer Armee mit Atombomben in einer Reihe sarkastischer Karikaturen aus. In der Karikatur Zorniger Schweizer Atombombe werfend (siehe Seite 343) droht ein grimmiger Schweizer, dessen Kopf sich in der Strichzeichnung zu spitzigen Bergen formt, wutschnaubend mit einer Bombe. In einer Collage zur Mirage-Affäre zeichnete er 1973 einen Wilhelm Tell auf eine Schweizer Landkarte, der eine Armbrust und eine Atombombe unter dem Arm hält und von einem Mirage-Flugzeug begleitet wird; sein Kopf ist mit einer Banknote collagiert, und in seinem Rucksack führt er das Konterfei des Nationaldichters Gottfried Keller mit (siehe Seite 346). In einem Gespräch mit dem Journalisten Alfred A. Häsler verglich Friedrich Dürrenmatt 1966 die Haltung der Armeeführung mit einem Wolf im Schafspelz und fügte hinzu: «Eine Abschreckungsstrategie, die, wenn es misslingt, den physischen Untergang des Schweizervolkes nach sich ziehen kann, halte ich für ein Verbrechen.»225 Im Essay Zur Dramaturgie der Schweiz, entstanden 1968 bis 1970, schrieb er: «In einem Atomkrieg liefe die Schweiz als Atommacht Gefahr, als potentieller Gegner en passant vernichtet zu werden, trotz ihrer Neutralitätserklärung, sicher ist sicher, ein Zwerg in der Rüstung eines Riesen wird als Riese behandelt, auch wenn er hundertmal beteuert, er sei ein friedlicher Zwerg geblieben; und in einem konventionellen Kriege könnte sie ihre Atomwaffen nicht anwenden, um nicht eine atomare Antwort zu provozieren.»226

«Eine Abschreckungsstrategie, die, wenn es misslingt, den physischen Untergang des Schweizervolkes nach sich ziehen kann, halte ich für ein Verbrechen.» Friedrich Dürrenmatt, 1966

In der Erzählung Der Winterkrieg in Tibet (1978/79) beschrieb Dürrenmatt einen absurden apokalyptischen Kampf aller gegen alle in einem unterirdischen Labyrinth im Himalajagebirge. Ein verkrüppelter Schweizer Offizier berichtet von seinem Irrweg durch sein im Dritten Weltkrieg zerstörtes und atomar verseuchtes Land. Vom Unterengadin aus wandert er quer durch die Schweiz nach Bern, wo er, nach verschiedenen Gängen durch die Ruinen seiner Heimatstadt, seinen Geheimauftrag ausführt und den Anführer der pazifistischen Verwaltung erschiesst. Der Bundesrat hält sich in grotesker Übersteigerung der Réduit-Strategie des Zweiten Weltkriegs in einem geheimen Bunker unter dem Bergmassiv der Blümlisalp verschanzt und gibt – von der Aussenwelt durch eine Atomexplosion abgeschnitten und offensichtlich nicht informiert über die Situation in der Aussenwelt – über den Rundfunk absurde Durchhalteparolen von sich. Die Kontrolle über seine Armee hat er längst verloren, seine Soldaten kämpfen selbstständig in wirr wechselnden Bündnissen auf der ganzen Welt, sogar in den Bergen Tibets. Nach dem Auftragsmord begibt sich der Schweizer Offizier freiwillig als Söldner in den Himalaja, wo er am Ende des apokalyptischen Endzeitkampfes, bei dem Freund und Feind nicht mehr unterschieden werden können, in einem selbstzerstörerischen Amoklauf nur noch sich selbst als sein eigener Feind bekämpft. Dürrenmatts alptraumhafte Erzählung ist eine bitterböse Satire auf die «Atombomben-Träume» der Schweizer Armee und auf die Bunkermentalität des Kalten Kriegs, sie ist aber auch eine groteske Parabel über die Absurdität, die Aussichtlosigkeit und die Unkontrollierbarkeit eines weltweiten Atomkriegs.

Inspiriert von der neuen Friedensbewegung Anfang der 1980er-Jahre zeichnete Dürrenmatt die Karikatur Neue Denkweise gegen Atombombe, auf der es auf dem Planeten Erde von kleinen Menschen wimmelt, die mit den Transparenten «Neue Denkweise» und «Gegen Atombombe» protestieren, während eine riesige, grinsende Atombombe wie ein Damoklesschwert von oben auf sie herunterschaut. In einer zweiten Karikatur von 1985 steht eine überdimensional grosse, kugelförmige Atombombe auf einer Bergspitze über einer Stadt und droht auf die winzigen Menschen herunterzufallen, während ein Demonstrationszug die Bombe mühsam nach oben stemmt. Am 27. August 1985 nahm Dürrenmatt im Österreichischen Fernsehen an einer Diskussion über das «Star-Wars-Programm» teil, der Strategic Defense Initiative (SDI) des US-Präsidenten Ronald Reagan, mit der die Amerikaner der Bedrohung durch die Interkontinentalraketen der Sowjetunion entgegenwirken wollten. An der Diskussion beteiligte sich auch Edward Teller, der «Vater der amerikanischen Wasserstoffbombe», der als Berater von US-Präsident Ronald Reagan das amerikanische Raketenabwehrsystem verteidigte. Dürrenmatt erklärte in der Diskussion, seiner Meinung nach sei die Wasserstoffbombe aus einem Wahnsinn heraus entstanden, und er bezweifle – im Widerspruch zu Edward Teller – die rationale Beherrschbarkeit der Technik. In seinem Theaterstück Die Physiker seien die drei Physiker in ein Irrenhaus geflüchtet, heute käme ihm die Welt selbst wie ein Irrenhaus vor, da der atomare Wahnsinn mittlerweile zur Normalität geworden sei. Die Welt sei wie eine Pulverfabrik, in der das Rauchen nicht verboten sei. Ein kleiner Funke genüge, und alles fliege in die Luft. Zusammen mit Max Frisch nahm Dürrenmatt vom 14. bis 16. Februar 1987 am Moskauer Friedensforum «für eine atomfreie Welt, für ein Überleben der Menschheit» teil. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz sagte er am 26. Februar 1987 in einem Interview in der Weltwoche: «Der Atomkrieg ist ein Menschheits-Auschwitz, das ist nicht mehr Krieg.»227 Kurz vor seinem Tod, am 25. November 1990, hielt er noch eine Laudatio anlässlich der Verleihung der Otto-Hahn-Friedensmedaille der Deutschen Gesellschaft der Vereinten Nationen an Michail Gorbatschow. In seiner Rede würdigte er dessen historisches Verdienst, das atomare Wettrüsten des Kalten Kriegs beendet und damit den Westen von der Angst vor einer atomaren Katastrophe befreit zu haben.228

Der Zürcher Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann veröffentlichte 1962 den Roman Das Verhör des Harry Wind, in dem er seine Erfahrungen als Werbetexter beim Pressebüro Dr. Rudolf Farner verarbeitete. Mit der Hauptfigur Harry Wind, einem gerissenen PR-Unternehmer, Major in der Armee und Generalsekretär der Schweizer Wehrgesellschaft, setzte er dem mächtigen Werbekönig Rudolf Farner ein literarisches Denkmal. Nachdem Wind dem US-amerikanischen Rüstungskonzern Freedom eine Denkschrift über die Schweizer Armee mit Hinweisen auf die streng geheimen Pläne für den Bau einer Schweizer Atombombe zugespielt hat, erscheinen die Hinweise in der Prawda, dem zentralen Propagandaorgan der Sowjetunion. Harry Wind wird daraufhin von der Bundespolizei aufgrund des Verdachts auf Landesverrat verhaftet. In der Gefängniszelle wird er aufgefordert, seinen Lebenslauf aufzuschreiben. In den Geschichten des Harry Wind beschreibt Walter Matthias Diggelmann dabei auch, wie die öffentliche Meinung durch manipulierte Fakten und erfundene Feindbilder beeinflusst werden kann. Die Manipulation der Öffentlichkeit durch den geschickten Einsatz von Werbemitteln verbindet er mit den geheimen Plänen der Schweizer Armee zum Bau einer Atombombe. So sagt Harry Wind: «Wenn Oberstkorpskommandant Sturzenegger zum Beispiel sagt: ‹Die Atomwaffen bringen wir beim Volk nie durch. Denken Sie an die radioaktive Verseuchung, denken Sie an die kirchlichen und an die pazifistischen Kreise …› Wenn Sturzenegger so etwas zu mir sagt, dann antworte ich: ‹Geben Sie mir Zeit, ich will es versuchen.› Ich könnte aber auch sagen: ‹Die Atomwaffen, die bringen wir genauso gut herein wie Bananen.›»229 Harry Wind ist davon überzeugt, dass sich mit genug Geld auch die gewünschten politischen Meinungen fabrizieren lassen. Diggelmann nahm damit die berüchtigten Werbepraktiken von Rudolf Farner, der mit seinem Verein zur Förderung des Wehrwillens und der Wehrwissenschaft, von der Rüstungsindustrie finanziert, ab Ende 1956 die Propagandakampagne gegen die Atominitiativen dirigierte, kritisch unter die Lupe.

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