Kitabı oku: «Mord am Viktualienmarkt»

Yazı tipi:

Michael Gerwien

Mord am Viktualienmarkt

Ein Fall für Exkommissar Max Raintaler


Zum Buch

Biergartenkrimi Freitagnachmittag in der bayerischen Landeshauptstadt. Seit Tagen herrscht eine extreme Föhnlage. Die Stimmung der Menschen in München ist deshalb reichlich aggressiv und aufgekratzt. Exkommissar Max Raintaler und sein Freund und Exkollege Franz Wurmdobler feiern im lauschigen Biergarten auf dem Viktualienmarkt die Lösung ihres letzten Falles. Kurz nachdem sie ihr erstes Bier geholt haben, gesellen sich zwei sympathische Urlauberinnen zu ihnen, die brünette Mathilde Maier und die blonde Dagmar Siebert aus Dortmund. Dagmar bleibt wenig später verschwunden, nachdem sie sich von allen wegen eines kurzen Treffens mit einem Bekannten am Marienplatz verabschiedet hatte. Da sie am Abend immer noch nicht zurück ist, machen sich Mathilde und Max auf die Suche nach ihr. Dabei wird Max von hinten niedergeschlagen. Als er wieder aufwacht, ist Mathilde ebenfalls nicht mehr auffindbar. Max und Franz befürchten, dass ein Verbrechen dahinter stecken könnte und machen sich auf die Suche nach den beiden Frauen.

Michael Gerwien lebt in München. Er arbeitet dort als Autor von Kriminalromanen, Thrillern, Kurzgeschichten und Romanen. Seine Lesungen begleitet er selbst mit Musik.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © EdLantis / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6938-1

1

Freitagnachmittag, München, Viktualienmarkt. Der Föhn dauerte jetzt schon drei Tage an. Es war deshalb viel zu warm für die Jahreszeit. Die trotz des Sonnenscheins teils übellaunigen und unnatürlich aufgekratzt wirkenden Gesichter der hin und her eilenden Leute bereiteten dem sportlich kurzgeschorenen Ex-Kommissar Max Raintaler keine rechte Freude.

Herrschaftszeiten, sollten sie sich doch lieber zusammenreißen und ihn ein wenig aufheitern. Mit einem netten Lächeln zum Beispiel. Föhngrantig war er schließlich selber.

»Ich hol uns noch eine Halbe«, meinte der kleine, aber dafür sehr rundliche glatzköpfige Hauptkommissar Franz Wurmdobler, sein früherer Kollege bei der Kripo.

Max saß seit einer Stunde mit ihm an einem schattigen Tisch in einem gemütlichen kleinen Biergarten inmitten der Obst- und Gemüsestände. Es roch überall nach einer wilden Mischung aus Knoblauch, Kräutern, Blumen, Käse, Bier, Schweinsbraten, Sauerkraut und Schweinswürschteln. Vor einer guten halben Stunde hatten sich zwei sympathisch wirkende, gut gekleidete Frauen im mittleren Alter zu ihnen gesetzt. Sie hatten sich ihnen als Dagmar und Mathilde vorgestellt.

»Die Damen auch noch ein Bier?« Franz zeigte auf ihre fast leeren Gläser.

»Danke, Herr Franz. Sehr lieb. Aber wir holen uns später selbst noch etwas.« Die auf seiner Seite des Tisches sitzende blonde Dagmar lächelte kurz.

»Ist in Ordnung. Man will sich auf keinen Fall aufdrängen.« Er nickte mit zurückhaltendem Gesichtsausdruck.

»Also, von mir aus gern«, erwiderte Max. Seine stahlblauen Augen strahlten fröhlich. »Bei dem trockenen Wind kriegt man ja Risse im Gesicht.«

Franz trollte sich lachend Richtung Ausschank.

Der Föhn, ein warmer Fallwind von der Alpennordseite, war in erster Linie angenehm trocken und mild auf der Haut zu spüren. Aber er wirkte auch auf das Gemüt und konnte so die Menschen im ganzen Voralpenland und speziell in München förmlich in den Wahnsinn treiben. So mancher sollte deswegen bereits aus dem Fenster gesprungen sein oder jemanden in rasender Wut erschlagen haben.

»Soll ich uns doch lieber gleich noch ein schönes Bierchen holen, Mathilde?« Dagmar bedachte ihre dunkelhaarige Begleiterin mit einem fragenden Blick.

Alle zwei waren vom Typ Naturschönheit ohne viel Schminke im Gesicht, wie Max gleich zu Beginn erfreut registriert hatte.

»Gerne, meine Liebe.« Sie schaute Max von der Seite an, während sie mit Dagmar sprach, und er bekam prompt das Lächeln geschenkt, das er sich gerade eben noch gewünscht hatte.

»Selbst ist die Frau, stimmt’s?«, sagte er und sah abwechselnd von einer zur anderen.

»Wir wollen nur niemandem zur Last fallen, Max.« Dagmar räusperte sich umständlich.

»Verstehe.«

Die zwei hatten vorhin erzählt, dass sie aus Dortmund kamen und einen kurzen Wochenendtrip zusammen unternahmen. Sie seien absichtlich ohne Anhang am Vormittag mit dem Flieger angereist. Damit sie mal richtig schön ausspannen und shoppen gehen könnten.

Max und Franz hatten die offenherzigen Geständnisse mit einem interessierten und erfreuten Kopfnicken quittiert.

Möglicherweise hatten die beiden das aber missverstanden und nun befürchtet, sich mit einem angenommenen Angebot zum Biermitbringen zu etwas zu verpflichten, das sie am Ende gar nicht wollten. Vielleicht waren sie aber auch einfach nur schüchtern oder eigen.

»Ganz schön heiß hier bei Ihnen«, richtete sich die sehr schlanke Mathilde an Max, als ihre groß gewachsene Freundin Dagmar, wie zuvor bereits Franz, in Richtung Schenke verschwunden war. »Und das sogar Ende April und am späten Nachmittag.«

»Das dürfen Sie laut sagen«, erwiderte er lächelnd. Schüchtern fand er sie eigentlich nicht. Eher zurückhaltend. Was aber auf gar keinen Fall unsympathisch wirkte. »Man nennt uns Münchner auch die Sizilianer Deutschlands.« Er zog vielsagend die Brauen hoch.

»Das habe ich schon mal gehört.« Sie lachte glockenhell. »Die Männer hier sehen auch fast so gut aus wie die Italiener.«

»Fast so gut?« Er runzelte mit gespieltem Entsetzen die Stirn.

»Besser«, korrigierte sie sich. »Weil größer.« Sie lachte erneut. »Ich persönlich mag dunkle Haare sehr gern bei Männern.« Ihr Blick war direkt.

»Blonde nicht?«

»Blonde erst recht.« Sie lachte erneut.

»Auch wenn sie kurz sind und graue Strähnen haben, wie bei mir?«

»Unbedingt.«

»Jetzt sind wir beieinander. Mir gefallen dunkle und blonde Haare auch sehr gut.« Er lachte ebenfalls.

»Hauptsache Haare.« Sie lachte noch lauter als zuvor.

»Ja, genau. Prost.«

Sie stießen mit den Resten in ihren Biergläsern an und tranken sie unverzüglich leer.

»Bei uns in Bayern duzt man sich übrigens am Biertisch, Mathilde.«

»Geht in Ordnung, Max.« Sie lachte wieder. »Bei uns in Dortmund trinkt man übrigens Pils.« Sie zeigte auf die leeren Gläser.

»Nichts für mich.« Max schüttelte sich mit gespieltem Ekel. »Viel zu bitter, und dann diese winzigen Gläschen. Da ist mir unser Münchner Helles schon lieber.«

»Hast du denn schon einmal ein Pils probiert?« Wenn sie ihren Kopf schräg legte, schien ihr die Sonne seitlich in die bernsteinfarbenen Augen und brachte sie somit auf wunderschöne Art zum Leuchten.

»Ich hab mir von einem guten Bekannten erzählen lassen, wie es schmeckt. Das reicht.« Max winkte ab.

»Aber hier in München gibt es doch sicher auch Pils.«

»Mein Durst ist viel zu groß für kleine Gläser.« Er schüttelte den Kopf. Lachte aber dabei. Natürlich hatte er bereits des Öfteren Pils getrunken, und natürlich war das hier ein reichlich inhaltsloses Gespräch. Aber das harmlose Geplänkel machte ihm gerade einfach Spaß. Schließlich konnte man sich nicht immer über Kriminalfälle, Politik, Fußball und andere wirklich wichtige Themen unterhalten.

»Flunkerst du mich etwa an?« Sie grinste breit.

»Weiß man’s?« Er machte ein geheimnisvolles Gesicht.

»Warst du denn schon einmal in Dortmund?«, fragte sie.

»Warst du schon mal auf der Zugspitze?«

»Nein. Wieso?« Sie schüttelte den Kopf.

»Na siehst du.«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.« Mathilde wirkte irritiert.

»Macht nichts, alles gut.« Er winkte mit einem erneuten Lachen ab.

»Wenn du meinst.« Sie hörte auf zu lächeln.

»Nur ein alberner Spaß«, fuhr Max fort, der bemerkte, dass sie auf dem inneren Rückzug war. Möglicherweise fühlte sie sich von ihm auf den Arm genommen. Das wollte er aber auf keinen Fall. »Aber wenn du Bayern richtig kennenlernen willst, musst du unbedingt auf die Zugspitze«, fügte er erklärend hinzu.

»Warum?«

»Weil du von da aus alles von oben sehen kannst.« Max zeigte in den weiß-blauen Himmel der bayerischen Landeshauptstadt hinauf.

»Aha, ein Romantiker.«

»Nein, Skifahrer.«

»Was hat das damit zu tun?«

»Auf der Zugspitze kann man Skifahren.«

Hast du das gerade wirklich so gesagt, Max Raintaler? Anscheinend hast du bereits zu viel Sonne abbekommen. Sie kommt doch gar nicht mehr mit bei deinem Schmarrn.

»Tatsächlich?«

»Tatsächlich. Deshalb war ich auch schon so oft dort oben.« Max fragte sich, wann er wohl zuletzt ein solch umständliches Gespräch geführt hatte. Blieb nur die Frage offen, ob es an ihr, an ihm, an allen beiden oder am Föhn lag.

»Dann muss ich irgendwann wohl auch mal hinauf.«

»Unbedingt. Aber heute ganz bestimmt nicht.«

»Warum?«

»Wir haben Föhn und wenn Föhn ist, tobt dort oben ein regelrechter Sturm. Zwar warm, aber heftig.«

»Was ist das mit diesem Föhn? Ich kenne das Teil nur zum Haare föhnen.« Sie lachte.

»Der Föhn ist ein warmer Fallwind aus den Alpen, der auf die Psyche geht. Die Leute drehen durch, wenn er weht.«

2

Eine blonde Frau ging direkt auf Franz zu, der in der Reihe vor der Schänke stand und ungeduldig darauf wartete, dass es weiterging. Schließlich war er nicht zum Vergnügen hier. Er hatte Durst. Als sie näher kam, identifizierte er sie schnell als Dagmar, die größere der beiden Urlauberinnen, die neben ihm und Max am selben Tisch saßen.

»Hallo, Herr Franz«, sagte sie.

»Franz genügt.« Er lächelte freundlich.

»Gut, Franz. Darf ich Sie nun doch um einen Gefallen bitten?«

»Wenn ich ihn erfüllen kann, gerne.« Er lächelte breiter.

»Könnten Sie Mathilde bitte ein Bier mitnehmen? Ich habe gerade einen Anruf von einem guten Bekannten bekommen und muss unbedingt persönlich ein paar Worte mit ihm wechseln.«

»Kein Problem«, erwiderte er. »Das hätten Sie aber auch gerne vorhin am Tisch sagen können.«

»Ich wollte nicht unverschämt wirken. Hier.« Sie hielt ihm einen Zehneuroschein hin.

»Lassen Sie nur.« Er winkte ab. »Das können Sie mir später geben. Ich leg es derweil für Sie aus.«

»Aber nehmen Sie doch.« Sie wedelte mit dem Geld.

»Passt schon.«

»Wirklich?«

»Ja.«

»Dann danke vielmals. Das ist wirklich sehr nett von Ihnen.« Sie schenkte ihm einen kurzen, offenen Blick, verstaute das Geld in ihrer Handtasche, verabschiedete sich von ihm und schickte sich an, Richtung Marienplatz davonzugehen.

Nach zwei Schritten drehte sie sich noch einmal zu ihm um.

»Ich bin in einer guten halben Stunde zurück«, sagte sie. »Gehe nur vor zum Rathaus. Kann ich Mathilde solange beruhigt Ihrer Obhut überlassen?«

»Selbstverständlich. Sie können meinem Freund Max und mir blind vertrauen.« Franz nickte.

»Das hört man gerne. Bis dann.« Sie winkte ihm zu und entfernte sich.

Franz blickte ihr immer noch breit lächelnd nach. Gut, dass ihn seine bessere Hälfte Sandra gerade nicht sah. Sie hätte bestimmt gleich wieder einen Grund für ihre fast schon sprichwörtliche Eifersucht entdeckt.

»Der Nächste!«, machte sich der schnauzbärtige Schankkellner mit laut schallendem Bariton bemerkbar.

»Drei Halbe, bitte. Aber gut eingeschenkt.« Franz wusste, dass sie es hier mit dem Eichstrich auf dem Glas nicht so genau nahmen. Für ihn ging so etwas gar nicht. Es kam einer Todsünde gleich, beim Bierausschank nicht korrekt vorzugehen. Da hörte jeglicher Spaß auf. Das hier war schließlich nicht Timbuktu, sondern die bayerische Landeshauptstadt. Ein Ort der altehrwürdigen Biertradition und der dazugehörigen Ernsthaftigkeit.

»Bei uns wird immer gut eingeschenkt«, erwiderte der riesige, knorrige Bursche mit den leuchtend blauen Augen.

»Da habe ich aber etwas anderes gehört.« Franz sah ihn unbeeindruckt an.

»Dann haben Sie etwas Falsches gehört.«

Der auf einmal reichlich pampige Tonfall des Bierverkäufers legte die Vermutung nahe, dass er, wie so viele andere, den starken Föhn am heutigen Tag nicht vertrug. Kunden, die ihm Widerworte gaben, offenbar erst recht nicht.

»Das glaube ich weniger.« Franz konnte es nicht leiden, wenn man ihm unfreundlich kam. Wer konnte das schon. Gleichzeitig machte er sich Vorwürfe, dass er im Moment wohl selbst nicht unbedingt der zuvorkommendste Zeitgenosse unter der Sonne war. Schließlich hatte er schon herumgemotzt, bevor der Mann überhaupt einschenken konnte. Auch nicht gerade die feine bayerische Art.

Jetzt lass ihn halt in Ruhe seine Arbeit machen. Er hat es auch nicht leicht bei dem heißen Wetter und dieser Masse an Leuten.

»Dann glauben Sie halt das Falsche.«

»Bekomme ich jetzt mein Bier, oder ist das hier neuerdings ein Debattierklub?« Franz lachte kurz über den seiner Meinung nach gelungenen Scherz, den man allerdings auch als ernst gemeint auffassen konnte.

»Wenn Sie sich weiter so aufspielen, kriegen Sie gar nichts von mir.« Der Schankkellner stemmte seine Hände in die Hüften. Er schien den Spruch von Franz nicht witzig zu finden und blickte ihn herausfordernd an.

»Da schau her. Sie wollen der Münchner Kripo also ihr wohlverdientes Feierabendbier vorenthalten«, scherzte Franz weiter.

Eines ist sicher. Der geht zum Lachen in den Keller.

»Wenn du Gartenzwerg von der Kripo bist, bin ich der Kaiser von China.« Der Schankkellner grinste höhnisch, während er mit einem abschätzigen Blick auf Franz hinunterblickte.

Der zückte nur lässig seinen Dienstausweis und hielt ihn seinem Gegenüber mit ausgestrecktem Arm unter die Nase.

»Und jetzt hätte ich gern mein Bier, Eure Majestät«, sagte er. »Gut eingeschenkt, wie gesagt. Bitte schön.« Er lächelte übertrieben liebenswürdig. Dann steckte er seinen Ausweis wieder ein.

»Äh, selbstverständlich, Herr Hauptkommissar. Das konnte ich ja nicht wissen.« Der Schankkellner deutete eine kleine Verbeugung an. Er errötete. Von einer Sekunde auf die andere standen kleine Schweißperlen auf seiner Stirn.

Franz grinste innerlich. »Jaja«, sagte er abwinkend, »schon recht.«

Schon merkwürdig, wie viele Zeitgenossen im Angesicht der Polizeimarke ein schlechtes Gewissen zur Schau tragen. Es muss mehr Leichen in den verschiedenen Kellern dieser Welt geben, als wir jemals finden können. War ich gerade ein Arschloch? Ich glaube schon. Egal.

Dann nahm er seine drei gut eingeschenkten Halben entgegen, bezahlte und ging zu Max und Mathilde zurück an den Tisch.

3

Dagmar kam nicht nach einer guten halben Stunde zurück in den Biergarten. Auch nicht nach einer Stunde. Mathilde war die Sorge um ihre Freundin deutlich anzusehen.

»Normalerweise ist sie absolut zuverlässig«, sagte sie aufgeregt zu Max und Franz. »An ihr Handy geht sie auch nicht. Sehr merkwürdig.«

»Bestimmt hat sie es leise gestellt, weil sie bei ihrem Treffen nicht gestört werden will«, vermutete Max, der längst von Franz von dessen Gespräch mit Dagmar erfahren hatte.

»Glaub ich auch.« Franz nickte.

»Ich weiß nicht.« Mathilde, die direkt neben ihm saß, knetete unruhig ihre Finger. »Hoffentlich ist ihr nichts passiert.«

»Hier in der Innenstadt?« Max schüttelte den Kopf. »Viel zu viele Leute.« Er bemühte sich, so ruhig wie möglich zu klingen.

Natürlich wusste er als Ex-Kriminaler, dass immer und überall etwas Schlimmes passieren konnte. Aber er wollte nicht, dass sich die ohnehin schon besorgte Mathilde noch mehr beunruhigte. Zumal es ihm als unwahrscheinlich erschien, dass ihrer Freundin tatsächlich etwas zugestoßen war. Es war doch oft so: Ein kurzes Treffen zog sich in die Länge, weil es auf einmal doch viel mehr zu sagen gab, als ursprünglich gedacht.

»Wenn du das sagst.« Sie lächelte flüchtig. »Mit wem mag sie sich nur getroffen haben?«

»Wenn du das nicht weißt, weiß ich es erst recht nicht.« Max sah sie mit großen Augen an.

»Stimmt.« Sie zuckte nur die Achseln.

»Sie kommt bestimmt bald wieder.« Er klang zuversichtlich. »Hast du Hunger?«

»Ich glaube schon. Weiß nicht …« Sie sah ihn unentschlossen an.

»Dann hole ich uns jetzt original bayerische Schweinswürschtel mit Kraut. Schon mal gegessen?« Er blickte sie erwartungsvoll an.

»Das letzte Mal, als ich in München war.« Sie nickte. »Schmecken sehr gut.«

»Ich bin sofort zurück.« Max erhob sich, noch während er sprach, von seinem Platz und eilte davon.

Während er sich an der Essensausgabe des kleinen Biergartens in die Reihe der Wartenden stellte, geisterten ungute Gedanken in seinem Kopf umher.

Hoffentlich ist Dagmar wirklich nichts passiert. Das wäre nicht lustig, und es hieße Arbeit.

Franz und er hatten zufälligerweise gerade gestern einen Entführungsfall abgeschlossen. Franz als Leiter des Kommissariats in der Hansastraße, in dem unter anderem Entführungsfälle und Mord bearbeitet wurden. Er als externer Berater und ehemaliger Hauptkommissar mit viel Erfahrung und einer großen Anzahl an erfolgreich gelösten Fällen.

Das wollten sie eigentlich heute feiern. Nur deshalb waren sie hier. Gott sei Dank konnten sie das Opfer, zufällig eine Frau wie Dagmar, retten und den Kerl, der sie gefesselt in einem Heizungskeller fast verhungern und verdursten ließ, fassen. Es hatte nicht lange gedauert, bis er gestand.

Er kam mit einem Teller voller Würschtel und einem Extrateller Sauerkraut sowie einer großen Brezen an den Tisch zurück.

»Das sieht aber wirklich gut aus«, freute sich Mathilde.

»Bayern von seiner besten Seite.« Franz grinste zufrieden, während er Max den Teller mit den Würsteln abnahm und ihn direkt vor sich auf dem Tisch abstellte.

»Die sind für uns alle«, ermahnte ihn Max. Schließlich kannte er seinen besten Freund aus Kindertagen in- und auswendig. »Auch für Dagmar, wenn sie gleich wieder da ist.«

»Natürlich. Was denkst du denn?« Franz zog mit gespielter Empörung die Stirn kraus. »So viele schaffe ich doch gar nicht alleine.«

»Kein Wort wahr.« Max grinste breit.

Mathildes Handy klingelte.

»Dagmar?« Max sah sie neugierig an.

»Leider nicht.« Mathilde schüttelte den Kopf. »Nur eine Freundin aus Dortmund.«

»Vielleicht weiß die ja was.« Max nickte ihr aufmunternd zu.

Sie ging ran.

»Sabine, hallo … Ja, es ist sehr schön hier. Aber stell dir vor, Dagmar ist verschwunden. Ja, hier in München. Ich sitze auf dem Viktualienmarkt und warte auf sie. Sie geht nicht an ihr Handy.« Mathilde klang nach wie vor verunsichert und nervös.

»Schon merkwürdig«, raunte Max derweil Franz zu, der gerade gierig kauend sein drittes Schweinswürschtel in die Hand nahm.

»Hmm.« Er nickte nur und aß weiter.

»Nein, sag ihm nichts. Sonst macht er sich nur Sorgen.« Mathilde sprach nun lauter. »Ach, er ist sowieso nicht zu Hause? Wo denn dann? … Aha. Na gut. Ja, ich melde mich, sobald ich etwas Neues weiß.«

Sie legte auf.

»Jörg ist nicht zu Hause«, erklärte sie Max und Franz.

»Wer ist Jörg?« Max sah sie neugierig an.

»Hmm.« Franz dagegen ließ sich auch jetzt nicht beim Essen stören.

»Ach so. Könnt ihr ja nicht wissen.« Mathilde schüttelte flüchtig lächelnd den Kopf. »Jörg Krieger ist Dagmars junger Freund daheim in Dortmund.« Sie verstaute ihr Smartphone wieder in ihrer Handtasche. »Dagmar ist der Meinung, dass er in seiner eigenen Wohnung wäre. Ist er aber nicht, meint Sabine.«

»Wo ist er denn jetzt, wenn er nicht zu Hause ist?« Max konnte nicht anders, als weiterzufragen. Die Macht der Gewohnheit des Kriminalers in ihm.

»Das wusste Sabine auch nicht genau. Sie wollte ihn etwas wegen Dagmars Geburtstag nächste Woche fragen, hat ihn aber nicht erreicht. Auch auf dem Handy nicht. Jetzt vermutet sie, dass er zum Angeln gefahren ist und sein Telefon ausgeschaltet hat.«

»Für länger?«

»Keine Ahnung. Wieso?« Mathilde zuckte die Schultern.

»Nur so.« Max blickte ausdruckslos drein.

»Er fährt immer nach Holland und verkriecht sich dort irgendwo für ein paar Tage. Vor allem, wenn er und Dagmar Streit hatten.«

»Hatten sie?«

»Kurz bevor wir losfuhren. Sie zanken sich oft.« Sie zuckte erneut die Schultern. »Er hat da wohl einen Platz am Meer, wo man vom Ufer aus Fische erwischen kann. Wo genau das ist, verrät er niemandem.«

»Aha.« Max nickte. »Vielleicht ist er ja hier in München, weil er sich versöhnen wollte.«

»Zuzutrauen wäre es ihm.« Sie sah ihn nachdenklich an.

»Du musst unbedingt auch ein paar Würschtel essen«, meinte Max. Er zeigte auf den halbleeren Teller vor Franz. »Sonst sind sie weg.«

»Ich habe eigentlich gar keinen Hunger.« Sie blickte nachdenklich durch ihn hindurch.

»Der kommt beim Essen. Mach dir nicht so viele Sorgen. Dagmar ist bestimmt bald zurück.« Er zog Franz den Teller unter der Nase weg und schob ihn vor Mathilde.

»Hey, Moment mal«, protestierte Franz, »ich bin noch nicht fertig.«

»Schon recht, Franzi. Jetzt ist aber erst mal unser Gast an der Reihe. Wir sind doch höflich, oder?«

Während Mathilde zaghaft in eines der Würschtel biss, schickte Max seiner Teilzeitlebensabschnittsgefährtin Monika Schindler eine Nachricht aufs Handy, dass es später werden würde, bis er ihr heute in ihrer kleinen Kneipe in der Nähe des Tierparks beim Ausschenken helfen könne. Er und Franz hätten leider noch kriminalistisch zu tun. Da könne er im Moment nichts dagegen tun.

Das würde sie ihm bestimmt eher nachsehen als die Tatsache, dass sie in netter Gesellschaft am Viktualienmarkt saßen und Bier tranken. Vorausgesetzt, sie glaubte ihm überhaupt, was sie oft genug nicht tat, wie er wusste.

4

»Max wollte pünktlich zum Abendessen hier sein und mir danach hinter dem Tresen helfen«, sagte Monika zu ihrer Freundin Anneliese, während sie die Tür zu ihrer kleinen Kneipe aufsperrte. Sie waren in den Isarauen spazieren gewesen, und um 18 Uhr ging, wie an jedem Wochentag, das Geschäft los. »Und jetzt klebt er sicher wieder mit Franzi an irgendeinem Bierausschank in der Stadt fest. Immer dasselbe.«

»Und wenn schon«, erwiderte Anneliese. »Du kennst doch die Männer. Sobald sie zwei Halbe zu viel haben, kommen sie ins Ratschen und Herumblödeln, und alles andere ist vergessen.«

Die platinblonde Anneliese Rothmüller war Monikas älteste und beste Freundin. Blond und schwarz passt immer gut, scherzten die zwei gerne, wenn sie zusammen ausgingen oder gemeinsam eine Urlaubsreise unternahmen.

»Aber die Arbeit hier macht sich nicht von selbst. Bei dem heftigen Föhn ist der Biergarten heute bestimmt rappelvoll.« Obwohl sie ihr Lokal über alles liebte, graute Monika fast schon vor dem abendlichen Ansturm der Gäste, der bei dem heutigen warmen Wetter von ihr allein wohl kaum zu bewältigen war. Morgen und am Sonntag würde sich das besser verteilen, weil sie da schon mittags aufmachte. Aber heute war ihr voller Einsatz gefragt.

»Und wie immer bei Föhn wird die Hälfte deiner Gäste total grantig und daneben sein«, meinte Anneliese. »Das wird ein Spaß.«

»Das darfst du annehmen.« Monika nickte.

»Ich helfe dir.« Anneliese holte sich eine der weißen Schürzen, die hinter dem dunklen Holztresen hingen, vom Haken.

»Musst du aber nicht, Annie. Genieß doch lieber deinen wohlverdienten Eheruhestand.«

»Wer rastet, der rostet.«

Annelieses Mann hatte sie wegen einer Jüngeren verlassen, ihr aber dank ihres hervorragenden Anwalts ein riesiges Haus in bester Lage sowie jede Menge Bargeld überlassen müssen. Arbeiten musste sie in den nächsten 100 Jahren garantiert nicht mehr, um ihren Lebensstandard zu halten. Aber nur alleine zu Hause zu sitzen war einfach nicht ihr Ding, wie sie Monika bereits mehrmals anvertraut hatte. Sie würde dabei irgendwann ganz bestimmt an Langeweile sterben.

Also träfe sie sich lieber mit ihrer besten Freundin. Auch wenn diese etwas für sie zu tun hätte. Arbeit schadete schließlich nicht. Noch dazu in einer netten Kneipe, in der regelmäßig jede Menge interessante Männer auf der Bildfläche erschienen. Natürlich auch uninteressante. Doch die könnte man geflissentlich übersehen. Schließlich wäre sie, genau wie Monika, eine gestandene Frau und kein leicht zu beeindruckendes Mädchen mehr wie zum Beispiel ihre Tochter Sabine. Die schien regelrecht darauf programmiert zu sein, an die falschen Typen zu geraten. Anders könne man sich ihre diesbezüglichen Missgriffe nicht erklären.

»Du bist wieder mal meine Rettung.« Monika, die selbst keine Kinder hatte – Max reichte ihr auch völlig –, atmete erleichtert auf.

»Mach ich doch gerne, Schnucki. Geh du in aller Ruhe in deine Küche und bereite alles vor. Ich kümmere mich solange um den Tresen und den Biergarten.« Anneliese warf ihr eine Kusshand zu. Dann klatschte sie entschlossen in die Hände.

»Angeblich haben sie noch kriminalistisch zu tun«, meinte Monika auf dem Weg in die Küche.

»Max und Franzi?«

»Ja.« Monika blieb stehen und drehte sich um. »Das hat er zumindest so in seiner Nachricht geschrieben.« Ihr Tonfall verriet, dass sie ihre Zweifel daran hatte.

»Vielleicht stimmt es ja.«

»Vielleicht aber auch nicht.« Monika zuckte die Achseln. »Irgendwie traue ich ihm nach all den Jahren immer noch nicht so recht über den Weg.«

»Weil er das eine oder andere Mal fremdgegangen ist?«

»Das meine ich nicht.« Monika schüttelte vehement den Kopf. »Ich sehe das auch nicht so eng. Wollte ja selbst nichts Festes.«

»Das behauptest du immer. Aber ist es auch wirklich so?«

»Es ist so, Annie.« Monika blickte entschlossen drein. »Ich habe schließlich auch nie seine Heiratsanträge angenommen.«

»Aber warum traust du ihm dann nicht über den Weg?«

»Kann ich nicht sagen.« Monika zuckte die Achseln. »Müsste ich mal drüber nachdenken.«

»Klingt irgendwie zickig.«

»Ja?«

»Ja.«

»Dann ist es halt so.«

»Sie sprechen in Rätseln, schöne Frau.« Anneliese schüttelte langsam den Kopf.

»Lass uns arbeiten.«

»Magst du vorher einen kleinen Prosecco?«

»Immer.«

5

Max, Franz und Mathilde setzten gleichzeitig ihre Gläser auf dem Tisch ab.

»Zum Bruderschafttrinken gehört aber auch ein Küsschen links und rechts«, meinte Mathilde.

»Gerne.« Franz, der direkt neben ihr saß, hielt ihr schnell seine rechte Wange hin.

Dann hauchten sie jeweils zwei Bussis neben ihren Ohren in die Luft. Anschließend kam Max an die Reihe. Er und Mathilde beugten sich dazu weit über den länglichen Biergartentisch.

»Aber wir zwei küssen uns nicht schon wieder«, fuhr er danach, an Franz gewandt, fort.

Der nickte nur mit einem breiten Grinsen.

»Das wäre geschafft.« Mathilde lächelte zufrieden. »Duzen tun wir uns ja sowieso längst. Dann bin ich wohl jetzt mit Bierholen an der Reihe.«

»Auf gar keinen Fall. Du bist unser Gast«, wehrte Franz ab. »Max hat zuletzt das Essen geholt. Jetzt bin ich wieder mit Bier dran.«

»Wirklich?« Sie war bereits aufgestanden und blieb unschlüssig stehen.

»Setz dich wieder.« Franz entfernte sich schnell Richtung Schenke. Seinem breiten Grinsen nach freute er sich offensichtlich schon auf das Wiedersehen mit seinem neuen Freund, dem Schankkellner.

»Vielleicht sollten wir uns bald mal auf die Suche nach Dagmar machen«, meinte Max. Er hatte die ganze Zeit über immer wieder an Mathildes verschwundene Freundin gedacht und machte ein ernstes Gesicht.

»Mir wäre es auch lieb. Sie ist jetzt wirklich zu lange fort, ohne erreichbar zu sein. Ist sonst gar nicht ihre Art.« Sie schüttelte langsam den Kopf. »Dabei hatten wir vor der Abreise extra abgemacht, immer die Handys anzulassen, falls wir uns verlieren sollten.«

»Wir könnten hier und da ein paar Leute nach ihr fragen. Vielleicht ist sie jemandem aufgefallen.«

»Den Leuten auf der Straße?« Mathilde sah ihn ungläubig an.

»Nein.« Max schüttelte nun ebenfalls den Kopf. Nur etwas schneller und entschiedener, als sie es zuvor getan hatte. »Wir fragen die Straßenkünstler, die Besitzer der Obststände und Metzgereien und so weiter, die auf dem Weg zum Marienplatz und drum herum liegen.«

»Das könnte Sinn machen.« Sie nickte jetzt nachdenklich. »Dann wissen wir vielleicht auch, mit wem sie unterwegs ist.«

»Eben.« Max nickte ebenfalls.

Franz kam zurück.

»Wir trinken zügig aus und suchen dann nach Dagmar«, empfing ihn Max. »Was meinst du?«

»Gute Idee«, erwiderte er. »Ich muss bloß um 20 Uhr daheim sein. Wir sind bei den Nachbarn zum Essen eingeladen.«

»Schon wieder essen?« Max runzelte die Stirn.

Franz war einfach ein Unikat. Dieser Mensch musste in einer Tour rauchen, essen oder trinken, wenn er sich nicht gerade kopfüber in die Arbeit stürzte. Max machte sich seit längerem Sorgen um Franz’ Gesundheit. Aber wie brachte man einem Kamel bei, durch ein Nadelöhr zu gehen?

»Was glaubst du denn? Ich hab schließlich nur ganz wenige von den Würschteln abbekommen.« Franz untermauerte seine Aussage mit einem unschuldigen Augenaufschlag.

»Geht’s noch?« Max sah ihn höchst verwundert an. »Du hast zehn von 15 Würsteln gegessen. Mathilde fünf. Ich hatte gar keins.«

»Zehn winzige Schweinswürschtel reichen gerade mal für den hohlen Zahn.« Franz blickte unverwandt zurück. »Außerdem, seit wann bist du zusätzlich zu deiner üblichen Erbsenzählerei jetzt auch noch ein Würschtelzähler?«

»Das sagt der Richtige. Wer zählt denn jedes Bier, das ich trinke, wenn Moni nicht dabei ist? Unglaublich.« Max lachte laut und künstlich.

Einige der Umsitzenden drehten sich neugierig zu ihnen um.

»Alles gut, Leute.« Max winkte ihnen weiterlachend zu. »Genießt euer Bier. Hier gibt es nur eine kleine föhnlastige Diskussion unter Freunden.«

Die Angesprochenen wandten sich murmelnd wieder ab.

»Ich wüsste nicht, was an hungrigen Menschen so besonders lustig ist«, meinte Franz zu Max. Er sah ihn ein wenig vorwurfsvoll und neugierig zugleich an.

»Nichts, was du nicht selbst wüsstest, Franzi.« Max lachte erneut. Diesmal allerdings nicht mehr aufgesetzt, sondern ehrlich amüsiert. »Herrschaftszeiten, wenn es dich nicht gäbe, müsste man dich glatt erfinden.«

Mathilde, die ihnen zugehört hatte, blickte nur lächelnd von einem zum anderen. Kindische Männer schienen ihr nicht fremd zu sein.

6

Es war 19.15 Uhr. Monikas kleiner Biergarten war bereits fast bis auf den letzten Platz besetzt. Sie und Anneliese hetzten im Affenzahn zwischen Tresen, Küche und den Gästen hin und her.

»Max kriegt was zu hören!«, sagte Monika zu ihrer besten Freundin während einer kurzen Verschnaufpause hinter der Bar. »Das ist ja jetzt schon kaum zu schaffen. Was wird das erst nachher, wenn die ganzen Stammgäste dazukommen?«

»Vielleicht kann er wirklich nicht kommen«, räumte Anneliese ein.

»Verteidigst du ihn etwa?«

»Du bist manchmal einfach zu misstrauisch.«

»Kriegen wir das alleine hin?« Monika ignorierte die Kritik an ihrer Person. Sie zeigte durch ein offenes Fenster auf den dicht bevölkerten Biergarten.

»Aber sicher.« Anneliese nickte. Sie begann damit, ihre nächste Bestellung selbst am Zapfhahn abzufüllen.

Monika ging derweil in die winzige Küche gleich hinter dem Tresen, um zu kochen. Ihre selbstgemachten Fleischpflanzerl gingen heute weg wie warme Semmeln.

Als sie wenig später zurück in den Schankraum kam, hörte sie durch die offen stehenden Fenster aufgeregtes Schreien und Schimpfen.

Sie eilte vor die Tür, um nachzusehen, was dort vor sich ging.

Als sie im Biergarten ankam, sah sie zwei Männer in Jeans und Lederjacke, die sich an einem Tisch gegenüberstanden und sich gegenseitig Bier in die vor Wut geröteten Gesichter schütteten.

Dabei trafen sie mit der wertvollen bernsteinfarbenen Flüssigkeit auch unschuldige Umsitzende an den Nebentischen, die sich darüber lautstark mit einfallsreichen bayerischen Beleidigungen beschwerten.

Drei von ihnen erhoben sich gerade und machten Anstalten, die durchgedrehten, dem Dialekt nach offenkundig norddeutschen Bierspritzer persönlich zur Räson zu bringen. So wie sie aussahen, würden sie dabei wohl auch nicht vor der Anwendung roher Gewalt zurückschrecken.

Bayern gegen Preißn. Das konnte schnell eskalieren.

Monika eilte zum Tisch der Streithähne.

»Hey, ihr zwei. Streiten könnt ihr euch woanders!«, rief sie ihnen zu. »Hört endlich auf damit, oder sollen wir die Polizei rufen?«

»Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten«, erwiderte der kleinere Schnauzbärtige, während er sich blitzschnell das Glas seines Tischnachbarn zur Linken griff und damit seinem Gegenüber erneut eine satte Dusche verpasste. Das karierte Hemd seines Kontrahenten wurde dabei komplett nass.

»Das hier ist meine Angelegenheit, weil mein Biergarten.« Monika deutete mit ihrem Zeigefinger auf sich selbst.

»Papperlapapp. Verschwinde in deine Küche!«, kam es unverschämt vom kleinen Schnauzbart zurück.

»Wollen Sie mir etwa sagen, was ich in meinem Lokal zu tun oder zu lassen habe?« Monika wurde laut. Wenn sie etwas auf den Tod nicht ausstehen konnte, waren es Anmaßung, Unhöflichkeit und grobe Unverschämtheiten, auch wenn heute noch so starker Föhn war. Das war keine Entschuldigung.

»Hau schon ab.« Der Mann schnappte sich das nächste Bier an seinem Tisch und schüttete es seinem größeren, aber dünneren Widersacher mitten ins Gesicht.

Der kam jetzt kaum noch zum Luftholen.

»Hör endlich auf, Joschi. Ich hatte nichts mit deiner Frau!«, rief der mit ausgestreckten abwehrenden Armen, sobald er wieder reden konnte.

»Na klar, der schöne Helmut Weiser hatte nichts mit meiner Marianne.« Joschi lachte unecht. »Und warum habt ihr euch dann letzte Woche im Swingerklub getroffen?«

»Reiner Zufall. Ich war mit meiner eigenen Frau dort.«

»Das heißt gar nichts in einem Swingerklub.«

»Stimmt, aber ich hatte wirklich nichts mit Marianne. Frauen von Freunden sind für mich tabu. Ich schwöre es dir bei allen Heiligen.«

»Ich glaube dir kein Wort.«

»Kannst du aber.« Helmut schüttelte den patschnassen Kopf wie ein Hund, der nach dem Baden aus dem See gestiegen war.

»Ich war noch nie in einem Swingerklub. Hab alles darüber gelesen. Das ist Schweinkram. Da bumsen sie durcheinander und sie gucken den anderen dabei zu. Pfui Teufel.« Joschi schüttelte sich mit deutlich erkennbarer Abscheu.

»Bitte, meine Herren«, mischte sich Monika ein. »Nehmen Sie wieder Platz und besprechen Sie Ihre Beziehungsprobleme in einer Lautstärke, die meine anderen Gäste nicht stört«, sagte sie. »Oder Sie sitzen ganz schnell draußen auf der Straße. Vor allem hören Sie mit diesem unappetitlichen Herumspritzen von unserem guten Bier auf.«

»Genau. Das ist eine Sünde in Bayern, ihr hirnlosen Kaschperlköpfe«, sagte der größte und breiteste der drei Bayern, die immer noch kampfbereit vor ihren Stühlen standen.

»Ihr sollt alle eure Schnauze halten!«, brüllte der kleine und nach wie vor komplett rabiate Joschi, den im Moment nichts auf dieser Welt zu beeindrucken schien. Er zuckte mit seinem Kopf hin und her wie ein Eichhörnchen auf Ecstasy.

»Komm schon, Joschi. Reg dich endlich wieder ab.« Helmuts Stimme klang wie die eines Krankenpflegers während der morgendlichen Medikamentenverteilung.

»Schnauze, Helmut.« Offensichtlich wollte sich Joschi nicht so schnell abregen.

»Das wird mir jetzt zu dumm«, raunte Monika der neben ihr stehenden Anneliese zu. »Ich rufe die Polizei.« Sie zog ihr Handy aus der Schürzentasche. »An dem Vollpfosten mache ich mir garantiert nicht selbst die Hände schmutzig.«

»Recht hast du. Aber dass der Föhn jetzt auch schon die Zugereisten verrückt macht, wundert mich, ehrlich gesagt.« Anneliese schüttelte den Kopf. »Ich dachte immer, das betrifft nur uns Einheimische.«

»Der Föhn ist für alle da.«

»Schaut ganz so aus.« Anneliese betrachtete noch einmal staunend und weiterhin ihren Kopf schüttelnd die Szenerie vor ihnen. »Männer«, murmelte sie. Vor allem der aufgebrachte Kläffer Joschi schien ein tiefergehendes Aggressionsproblem zu haben.

Monika wählte derweil die Nummer des nächstgelegenen Polizeireviers. Sie sollten ihr, so schnell es ging, einen Streifenwagen vorbeischicken. Bei Max und Franz brauchte sie es erst gar nicht zu versuchen. Die waren bestimmt längst jenseits von Gut und Böse und spritzten möglicherweise selbst mit Bier herum. Dabei hätte sie die beiden gerade wirklich dringend brauchen können, verflixt noch mal.

7

19.25 Uhr. Die Sonne stand bereits sehr niedrig am Himmel. Trotzdem wehte immer noch ein heißer Wind durch die belebte Münchner Innenstadt. Franz standen die Schweißperlen auf der Stirn. Max und Mathilde ging es nicht viel besser.

»Bin ich eigentlich in Afrika oder in Bayern?«, fragte Mathilde in die Runde.

»Das ist eine berechtigte Frage. Der Föhn war schon lang nicht mehr so heftig wie heute«, erwiderte Franz.

»Brutal«, meinte Max.

»Ich verstehe wirklich nicht, wo sie bleibt.« Mathilde hatte bisher mindestens zehnmal, aufs Äußerste beunruhigt, Dagmars Nummer gewählt und ihr immer wieder Nachrichten aufs Handy geschickt.

»Das wird in der Tat langsam etwas seltsam«, meinte Franz.

»Ich denke, wir sollten uns sofort auf die Suche nach ihr machen«, meinte Max. »Solange sich noch jemand an sie erinnert.«

»Ich muss, wie schon gesagt, heim zu dem Essen bei den Hubers. Gleich 19.30 Uhr.« Franz zeigte auf seine Armbanduhr. »Schafft ihr das auch ohne mich mit der Suche?«

»Sicher«, erwiderte Max. »Wenn nicht, rufen wir deine Kollegen auf dem Revier an.«

»Die melden sich aber dann sofort bei mir.« Franz klang beunruhigt. »Kann man das nicht anders lösen?«

»Vielleicht finden wir sie ja auch selbst.« Max schüttelte ungläubig den Kopf. »Dann musst du nicht deinen wertvollen freien Abend opfern.«

Manchmal war Franz wirklich kaum auszuhalten. Genau betrachtet, grenzte es nahezu an ein Wunder, wie er es mit seiner arbeitsscheuen Einstellung zum Leiter des K11, vorsätzliche Tötungsdelikte, Geiselnahme, Menschenraub, gebracht hatte.

»Das klingt gut.« Franz blickte zufrieden drein. »Es ist ja vor allem wegen meiner Sandra, weißt du?«

»Ich weiß.« Max nickte.

Natürlich ist es nicht wegen Sandra, sondern vor allem wegen dem Essen, dem Bier und dem Schnaps. Wieso glaubt er eigentlich, mich nach all den Jahren, die wir uns kennen, immer noch anschwindeln zu können?

»Aber wenn es gar nicht anders geht, dann kannst du mich gerne anrufen«, räumte Franz großzügig ein. »Nach dem Essen natürlich. Es gibt Schweinsbraten mit Semmelknödeln und Kraut. Das kann ich mir einfach nicht entgehen lassen.«

»Um wie viel Uhr wäre das dann ungefähr mit dem Anruf, Herr Hauptkommissar?« Max versuchte die Ironie in seiner Stimme gar nicht erst zu verbergen.

»So um 21.30 Uhr herum müssten sie die Nachspeise serviert haben. Du brauchst außerdem gar nicht so spitz daherreden.« Franz bedachte ihn mit einem strafenden Blick.

»Also dann kurz nach 21.30 Uhr?«

»Lieber 22 Uhr.« Franz machte ein ernstes Gesicht. »Am Schluss gibt es immer noch Espresso.«

»Ein genauer Stundenplan, Respekt.«

»Der Josef Huber war Oberstleutnant bei der Bundeswehr. Jetzt ist er pensioniert wie du.« Franz hob vielsagend die Brauen.

»Die Menschen sind, wie sie sind. Aber wie gesagt, vielleicht finden wir Dagmar bis dahin selbst.« Max hoffte inständig, dass es so wäre. Am Ende hätten sie alle beide sonst möglicherweise noch heute Nacht einen weiteren Entführungsfall oder Schlimmeres an der Backe.

»Ruf mich aber trotzdem gegen 22 Uhr an«, meinte Franz.

»Also doch. Warum?«

»Das Essen ist wirklich in Ordnung. Aber die Unterhaltungen mit den Hubers sind stinkfad. Ihre Kinder, ihr letzter und ihr kommender Urlaub, ihre neue Wohnungseinrichtung, vor allem die seit zwei Jahren neue Küche. Immer dasselbe. Langweilerthemen ohne Ende. Bei starkem Föhn wie heute ist es immer besonders schlimm. Da jammern die beiden auch noch in einer Tour über ihre Wehwehchen. Der blanke Horror.«

»Da reden wir zwei natürlich über interessantere Dinge miteinander, wie zum Beispiel Mord und Totschlag oder die Bierpreise, stimmt’s?«

»Genau.« Franz nickte begeistert.

»Und deswegen soll ich dich anrufen? Nur damit du einen Grund hast, dort zu verschwinden, sobald du dir den Bauch vollgeschlagen hast?« Max schüttelte den Kopf.

»Was geht über eine überzeugende Erklärung, um sich vom Acker zu machen?« Franz grinste.

»Gehen wir dann mal?«, wandte sich Mathilde an Max. »Oder gibt es noch mehr zu klären? Vielleicht, welcher Schnaps bei den Hubers zum Espresso gereicht wird?«

»Dort gibt es meistens billigen Weinbrand«, winkte Franz ab. Ob er schlicht und ergreifend nicht mitbekam, dass sie ihn auf den Arm nahm, oder ob er es überging, war seinem Gesichtsausdruck nicht anzusehen. »Ein ekelhaftes Zeug. Dabei habe ich ihnen schon hundertmal aufgetragen, einen anständigen Enzian zu besorgen.«

»Enzian ist doch eine Blume.« Mathilde machte große Augen. »Die kenne ich aus den Heidi-Filmen.«

»Enzian ist nicht nur eine Blume, sondern auch ein Schnaps«, erklärte ihr Max mit erhobenem Zeigefinger.

»Tatsächlich?«

»Ja, ein guter sogar«, fuhr der Herr Oberlehrer Raintaler mit erhobenem Zeigefinger fort. »Mir persönlich schmeckt er jedenfalls. Natürlich darf man nicht zu viel davon trinken, sondern nur gelegentlich ein kleines Stamperl.«

»Ein ganz kleines«, meinte Franz mit ernster Stimme.

Dass er und Max bei ihren Aussagen nicht rot anliefen und ihnen dabei keine langen Nasen wuchsen, sprach für ihre jahrelange Verhörerfahrung mit Kriminellen. Von denen lernte offenkundig jeder irgendwann das Schwindeln. Zwei erfolgreiche Ermittler wie sie erst recht.

»Sachen gibt’s.« Mathilde schüttelte den Kopf.

»Dann mach’s gut, Franzi.« Max erhob sich.

Sie tat es ihm gleich.

»Bis später.« Franz stand ebenfalls auf.

Er gab Mathilde links und rechts ein Küsschen auf die Wangen. Dann nickte er Max kurz zu und entfernte sich leicht wankend Richtung Sendlinger Tor, wo er für den letzten Rest seines Heimwegs die Trambahn nehmen wollte.

Max und Mathilde sahen ihm eine Weile nach.

»Ich muss kurz noch jemandem Bescheid sagen, bevor wir losgehen«, meinte Max, sobald Franz nicht mehr zu sehen war.

Er holte sein Smartphone heraus, trat zwei Schritte beiseite, drehte sich um und schrieb Monika eine Nachricht, dass es auf jeden Fall später werden würde. Er habe es gerade möglicherweise mit einer Entführung zu tun. Da werde er dringend gebraucht. Es ginge dabei um Leben und Tod, wenn es ganz übel herging. Er käme aber trotzdem noch heute Abend zu ihr, sobald es möglich war. Sie solle sich keine Sorgen machen und ihm den Abwasch aufheben. Egal wie spät es wurde.

»Wartet deine Frau auf dich?«, fragte Mathilde, als er sich ihr wieder zuwandte.

»Ich habe keine Frau.« Er schüttelte den Kopf.

»Entschuldige, ich wollte nicht neugierig sein.«

»Kein Problem.«

Ich muss ihr ja nicht gleich auf die Nase binden, dass ich etwas locker Festes mit Monika habe. Geht niemanden außer Moni und mich etwas an.

»Dann gehen wir jetzt?«

»Du könntest mir übrigens ein Bild von Dagmar auf mein Handy schicken. Hast du eins dabei?«

8

19.30 Uhr, Monikas kleine Kneipe.

»Gott sei Dank, ihr seid gleich gekommen.« Monika führte die beiden breitschultrigen Polizisten, die am Straßenrand vor dem Lokal ihrem Streifenwagen entstiegen waren, geradewegs zu den Streithanseln im Biergarten. Noch immer war dort keine Ruhe eingekehrt.

»Wir waren gerade um die Ecke«, erklärte ihr der Fahrer, während sie sich dem Ort des Geschehens näherten.

»Zum letzten Mal. Hör endlich auf, mit dem bescheuerten Bier herumzuspritzen, Joschi!«, rief Helmut gerade. Seine patschnassen dunklen Haare hingen ihm in kleinen Strähnen ins Gesicht, als wäre er gerade aus der Dusche gekommen.

»Genau, hör endlich auf«, meinte der größte der drei Bayern, die nach wie vor bei ihrem Tisch standen. »Ja, so ein hirnamputierter Depp.« Er schüttelte bestimmt zum zehnten Mal in den letzten Minuten missbilligend den Kopf. Seine beiden Freunde neben ihm taten es ihm gleich. Es sah ganz so aus, als würden sie jeden Moment auf die Norddeutschen losgehen. Kräftig genug, um diese Schlacht für sich zu entscheiden, sahen sie auf jeden Fall aus.

»Grüß Gott, die Herrschaften. Ich bin Polizeiobermeister Alois Schmied. Mein Kollege ist Polizeimeister Holger Brauchitsch. Um was geht es hier?« Der blonde und größere der beiden Streifenbeamten, der den Wagen gefahren hatte, trat einen Schritt vor und bekam prompt einen Schwall Weißbier von Joschi ins Gesicht geschüttet, der sich dafür blitzschnell ein Glas vom Nebentisch geschnappt hatte.

Verblüfft schüttelte er sich. Dann zog er hastig seine Dienstwaffe.

»Angriff auf einen Vollzugsbeamten, Holger!«, rief er seinem kleineren dunkelhaarigen Kollegen zu.

Holger zog daraufhin ebenfalls seine Waffe und entsicherte sie.

Anschließend stellten sie sich mit nervösen Gesichtern Rücken an Rücken und zielten wild in der Gegend umher.

»Ja, spinnen denn hier alle!« Monika konnte nicht fassen, was sie gerade sah. Der Föhn trieb die Leute offenbar wirklich zum Äußersten. »Wegen einem Schluck Weißbier im Gesicht wird hier keiner erschossen«, wandte sie sich in strengem Tonfall an die Polizisten. »Steckt auf der Stelle eure Waffen wieder ein, oder ich ruf den Leiter des Dezernats für Gewaltdelikte an. Der ist ein guter Freund von mir.«

Alois und Holger zögerten. Sie blickten eine ganze Weile lang unschlüssig in die Runde. Dann beruhigten sie sich langsam wieder und steckten ihre Waffen ein. Offenbar erachteten sie die aufgeladene Gesamtsituation jetzt doch nicht mehr als unmittelbar lebensbedrohlich.

Es war inzwischen totenstill geworden. Keiner der Anwesenden traute sich, auch nur einen Muskel im Gesicht zu bewegen. Jeder wartete offensichtlich gespannt darauf, wie es weiterging.

»Das glaube ich nicht«, sagte Alois schließlich.

»Was glauben Sie nicht?« Monikas Gesichtsausdruck war hart vor Empörung.

»Dass Sie den Herrn Wurmdobler kennen. Ich kenne ihn nämlich auch. Hab ihm schon mal bei einem Mordfall geholfen.«

»Wir können es gerne drauf ankommen lassen.« Sie stemmte entschlossen ihre Hände in die Hüften und warf dabei herausfordernd den Kopf zurück.

»Sie kennen ein hohes Tier bei der Polizei persönlich?« Sogar der betrunkene Wüterich Joschi schien beeindruckt. Er schielte Monika, hin und her schwankend wie ein Halm im Wind, mit großen Augen an.

»So ist es.« Monikas Stimme klang fest und selbstbewusst.

»Dann gebe ich auf.« Joschi setzte sich. »Tut mir leid. Ich bezahle alle Schäden und eine Lokalrunde.«

Monika schaute ihn verblüfft an. Da schau her. So schnell konnte sich das Blatt wenden. Szenenapplaus der Umsitzenden. Anfangs noch zögerlich, dann immer lauter.

9

20.15 Uhr. Max und Mathilde arbeiteten sich immer weiter Richtung Marienplatz vor. Sie fragten auf dem Weg, wie er es vorgeschlagen hatte, die Verkäuferinnen und Verkäufer der Obststände und Metzgereien, die noch offen hatten oder gerade schlossen, nach Dagmar. Das dauerte seine Zeit. Sie schwitzten alle beide.

Natürlich hatte Mathilde ein Bild der Freundin auf ihrem Smartphone gehabt und es ihm auf seins geschickt.

Max zeigte es den möglichen Zeugen. Doch niemand wollte Dagmar gesehen haben. Es sah ganz so aus, als wäre sie spurlos verschwunden.

»Vielleicht hat sie tatsächlich diesen Jörg getroffen«, mutmaßte Max. »So heißt doch ihr Freund?«

»Das ist, wie gesagt, möglich. Aber eigentlich sollte er doch beim Angeln in Holland sein.« Mathilde schüttelte langsam den Kopf. »Sagt zumindest Sabine.«

»Und was, wenn er niemandem, auch ihr nicht, verraten hat, dass er stattdessen euch beiden hierher gefolgt ist?«

»Aber Sabine …«

»Weiß sie denn wirklich so genau, wo er ist«, unterbrach er sie, »oder vermutet sie es nur?«

»Du hast recht.« Mathilde nickte langsam. »Du meinst also, Dagmar und Jörg könnten durchaus irgendwo hier in München zusammen unterwegs sein, und deswegen meldet sie sich nicht?«

»Ja.« Er nickte ebenfalls. »Vielleicht wollte er den Streit, den sie vor eurer Abfahrt miteinander hatten, mit ihr klären.«

»Aber warum sagt sie dann nicht kurz Bescheid und ist darüber hinaus nicht zu erreichen?«

»Tja, gute Frage.« Max kratzte sich ausgiebig am unrasierten Kinn. »Weil die Leidenschaft sie übermannt hat?«

»Dazu ist Dagmar nicht der Typ.« Sie schüttelte den Kopf. »Sie leitet eine große Softwarefirma, die ihrem Vater gehörte. Das schaffst du nur, wenn du ein kon­trollierter Mensch bist.«

»Ist sie das?«

»Sie ist ein wahrer Kontrollfreak.«

»Aber gerade die sind doch besonders für unkon­trollierte Ausbrüche bekannt. Weil sie sich sonst immer total zusammenreißen.« Max sann kurz über sich selbst nach. Er hatte bereits des Öfteren gedacht, dass er womöglich auch so einer war, der ewig lange alles in sich hineinfraß und dann auf einmal explodierte, wenn man am wenigsten damit rechnete. Möglich wäre es schon. Monika würde es ihm sicher genau sagen können.

»Moment mal, Max.«

Mathildes Smartphone surrte. Da sie es in der Hand hielt, um wie Max Dagmars Bild reihum zu zeigen, bemerkten sie es beide sofort.

»Eine Nachricht von Dagmar?« Max sah sie neugierig an.

»Ja.« Mathilde nickte. »Sie schreibt, sie wäre in zwei Stunden, also gegen 22.30 Uhr, am Karl-Valentin-Brunnen. Dann könnten wir noch gemütlich irgendwo etwas trinken. Alles andere später.«

»Keine Erklärung oder Entschuldigung?«

»Nein. Nichts dergleichen. Nur das, was sie geschrieben hat.« Sie zeigte ihm die Nachricht.

Er las sie mit der stets brennenden Neugier des Ermittlers.

»Ist das normal bei ihr?«, wollte er danach wissen.

»Eigentlich nicht.«

»Seltsam.«

»Hauptsache, sie hat sich gemeldet.« Sie steckte das Handy erleichtert in ihre Handtasche. »Und ich befürchtete schon, sie wäre wegen ihrer andauernden Streitereien mit Jörg mit einem Wildfremden mitgegangen.«

»Wozu sollte sie das tun?«

»Um sich an ihm zu rächen.«

»Würde Jörg das denn treffen?«

»Unbedingt.« Sie nickte heftig. »Er ist eifersüchtig wie ein Sizilianer.«

»Aber es kann doch trotzdem so sein.« Max hob den Zeigefinger. Eine alte Gewohnheit aus seiner Dienstzeit als Hauptkommissar. Er hatte dabei überdurchschnittlich viele Fälle gelöst und oft mit seinen Vermutungen und Behauptungen recht behalten, was ihm irgendwann im Kollegenkreis den Spitznamen »Herr Oberlehrer« eingebracht hatte.

»Was?«

»Dass sie sich mit einem Fremden getroffen hat. Woher willst du wissen, dass sie die Nachricht selbst geschrieben hat?« Ein Kriminaler oder Privatdetektiv war nur dann erfolgreich, wenn er bei seinen Ermittlungen nichts außer Acht ließ. Natürlich wusste das Max aus eigener Erfahrung.

»Du hast recht. Oh Gott, hoffentlich kommt sie nachher wirklich zu diesem Brunnen.« Ihre Stimme hörte sich gleich wieder alarmiert an.

»Karl Valentin.«

»Wie bitte?« Mathilde wurde, während sie sprach, von einem vorbeieilenden mittelalten Geschäftsmann im dunklen Anzug angerempelt. Sie stolperte ein Stückweit nach vorn.

»Hey, pass auf, wo du hinrennst!«, rief ihm Max nach.

»Fick dich, Arschloch«, kam es unfreundlich mit erhobenem Mittelfinger zurück.

»Kein Benehmen mehr auf den Straßen«, echauffierte sich Max lauthals und kopfschüttelnd. »Und bei Föhn drehen alle voll am Rad. Die ehrgeizigen Anzugtypen sind oft die Schlimmsten. Geht es dir gut? Hat er dir wehgetan? Wenn ja, renn ich ihm nach und schmier ihm eine.« Er straffte, bereit, für sie in die Schlacht zu ziehen, seinen Oberkörper.

»Alles gut. Nichts passiert.« Sie winkte lächelnd ab. »Er ist den Aufwand nicht wert. Aber danke. Sehr lieb.« Sie bedachte ihn mit einem tiefen Blick, der definitiv länger war als ihre bisherigen Blicke.

»Karl-Valentin-Brunnen«, fuhr Max fort, während er sich wieder entspannte.

»Karl-Valentin-Brunnen?« Sie sah ihn fragend an.

»Karl Valentin war ein berühmter bayerischer Humorist. Ein echter Wortakrobat und Satzverdreher mit viel Sinn fürs Abseitige und Schräge.« Max grinste unwillkürlich. Er war bei einem seiner Lieblingsthemen angelangt. Bayern und seine Charakterköpfe von gestern und heute.

»Klingt nach Kabarett.«

»So was in der Art, ja.« Er nickte. »Manchmal wäre ich auch lieber Humorist als Polizist geworden.«

»Wieso das?«

»Bestimmt zeigt sich das Leben einem Humoristen von einer witzigeren Seite.«

»Wer weiß.« Sie machte eine abwägende Handbewegung.

»Stimmt.« Er nickte erneut. »Wer weiß.«

Die hereinbrechende Dunkelheit ließ das Geschehen rundumher unwirklich erscheinen. Nach wie vor war es warm. Tatsächlich eher ein lauer Sommerabend als ein zu Ende gehender Frühlingstag im April. Die Passanten liefen zum großen Teil leicht bekleidet herum. Manche trugen sogar kurze Hosen und nur ein T-Shirt darüber wie im Hochsommer.

»Sollen wir noch irgendwo etwas trinken, bis du Dagmar triffst?«, fragte Max.

»Hast du denn noch Zeit?« Sie sah ihn neugierig an.

»Die kann ich mir nehmen.«

Wenn er ehrlich war, wollte er einfach nur allzu gerne wissen, was hinter der seltsamen Abwesenheit von Dagmar steckte. Immerhin war ihr Verhalten laut Mathilde mehr als ungewöhnlich gewesen, und solche Dinge interessierten ihn schon rein berufsmäßig.

Außerdem konnte es tatsächlich ebenso gut sein, dass ein Unbekannter ihr Smartphone an sich genommen hatte und Mathilde mit der gerade gesendeten Nachricht zum Karl-Valentin-Brunnen locken wollte, warum auch immer.

Auf jeden Fall war Vorsicht geboten.

»Gehen wir.« Mathilde hakte sich bei ihm unter.

Den bärtigen Riesen, der 20 Meter hinter ihnen seine Zeitung zusammenklappte und sich daranmachte, ihnen zu folgen, bemerkten sie nicht.

10

»Fast 23 Uhr und er ruft einfach nicht mehr an, Annie.« Monika wischte ihre vom Putzen des Tresens feuchten Hände an ihrer Schürze ab. Sie hatte das Lokal wie immer im Frühjahr um 22 Uhr geschlossen und richtete nun zusammen mit Annie alles für den nächsten Tag her.

»Wer? Max?«

»Hoffentlich ist ihm nichts passiert.« Monika blickte besorgt drein.

»Was soll ihm denn passieren?«

»Keine Ahnung. Ein Autounfall?«

»Auf dem Viktualienmarkt, wo keine Autos fahren?«

»Dann halt ein Herzinfarkt wegen dem starken Föhn oder ein durchgedrehter Heckenschütze. Gab es doch alles schon.« Monika zuckte die Achseln. »Er hat mir nur vorhin noch einmal eine Nachricht geschrieben. Es ginge um eine aktuelle Entführung, und ich solle ihm den Abwasch aufheben. Das ist aber auch schon wieder eine Zeitlang her. Ich würde wirklich zu gerne wissen, wie die entführte Person aussieht, nach der er sucht.«

»Du meinst, blond und blauäugig und mit einer Bombenfigur?« Anneliese grinste anzüglich.

»Warum nicht. Könnte doch sein.« Monika starrte nachdenklich an die Wand.

»Doch eifersüchtig?«

»Nein, Schmarrn. Wirklich nicht. Er gehört mir schließlich nicht alleine.« Sie winkte errötend ab. »Na ja, vielleicht ein bisschen«, gab sie zu.

»Und wenn er tatsächlich arbeitet?«

»Dann bin ich ein egoistisches Ekel, weil ich mich ohne Grund über ihn beschwere.« Sie zuckte die Achseln. Natürlich konnte Anneliese recht haben. Es war nicht das erste Mal, dass Max sie wegen seiner Arbeit versetzte. Oft genug war das auch nicht grundlos der Fall. Dabei lag es eindeutig an ihr, Verständnis aufzubringen. Sie konnte ihn ja nicht hier im Lokal anbinden.

»Kein Ekel, dazu bist du viel zu nett.« Anneliese schüttelte lächelnd den Kopf. »Aber auf dem falschen Dampfer könntest du wohl sein. Zumindest mit anderen Frauen. Heute Abend, meine ich.«

»Möglich.« Monika nickte.

»Sehr gut möglich.« Annie zog die Gummihandschuhe aus, die sie sich zuvor zum Putzen übergestreift hatte. Sie legte sie auf den Tresen und kramte eine Schachtel Zigaretten aus ihrer Schürzentasche. »Du auch eine?« Sie sah Monika fragend an.

»Okay, ausnahmsweise. Ich hab zwar eigentlich aufgehört, aber ich glaub, ich fang wieder an. Kann ja nächste Woche wieder aufhören.« Monika grinste.

»Das ist meine alte Moni.« Anneliese grinste ebenfalls. Sie gab Monika und sich selbst Feuer.

»Ich mach uns einen Prosecco auf. Was meinst du?« Monika eilte hinter den Tresen.

»Prosecco ist Lebenselixier. Wie könnte ich da Nein sagen.«

Beide lachten.

»Weißt du, was heute mit Abstand das Beste war?«, fragte Monika, nachdem sie ihnen eingeschenkt hatte.

»Sag’s mir.« Anneliese machte ein gespanntes Gesicht.

»Als die zwei Streifenpolizisten wie in einem Actionfilm aus Hollywood ihre Knarren gezogen haben und …« Monika konnte nicht weiterreden. Sie musste laut lachen.

»… und?«

»… und sich fast in die Hosen gemacht haben wegen den zwei depperten Preißn. Dabei konnten die vor lauter Rausch doch schon gar nicht mehr richtig stehen.« Monika prustete laut los.

Anneliese schloss sich ihr umgehend an. Sie versprühte dabei den Schluck Prosecco, den sie bereits im Mund hatte, in einer riesigen Fontäne über den gesamten Tresen.

Das brachte Monika noch mehr zum Lachen. Sie hielt sich den Bauch, hatte Tränen in den Augen.

»Und dann dieser Polizeiobermeister Alois. Wie bedeppert der dreingeschaut hat mit seinem gewaschenen Weißbiergesicht.« Anneliese brüllte vor Lachen.

»Jaaaa!« Monika legte keuchend ihren Oberkörper auf den Tresen. Sie bekam kaum noch Luft.

Die Erleichterung nach der Anspannung des schwierigen Föhntages hatte alle beide erfasst. Gott sei Dank war vorhin im Biergarten niemand wirklich zu Schaden gekommen.

»Hoffentlich ist Max nichts passiert bei seinem neuen Entführungsfall«, meinte Monika, nachdem sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

»Er ist Profi, Monika.« Anneliese trank immer noch grinsend ihr Glas leer.

»Das heißt gar nichts.«

11

Max schlug die Augen auf. Er sah sich um. Stellte fest, dass er irgendwo auf dem Boden liegen musste, da er in erster Linie nur Schuhe und Beine stehen und gehen sah. Er entdeckte eine graue Brunnenmauer neben sich. Der Karl-Valentin-Brunnen. Da wollten sie vorhin doch hin, oder? Na klar. So musste es sein.

Herrschaftszeiten, am schlimmsten waren die Schmerzen an seinem Hinterkopf. Jemand musste ihn von hinten niedergeschlagen haben oder er war wegen der Kombination aus Föhn und Alkohol einfach umgekippt und anschließend mit dem Hinterkopf gegen den Brunnen geknallt. Beides war möglich.

Zwei junge Männer in Jeans und T-Shirts kamen direkt an ihm vorbei. Sie hielten an, schauten zu ihm hinunter und fragten ihn, ob sie ihm helfen könnten.

»Nein, danke«, erwiderte er, während er, mit einer Hand am Brunnenrand, vor Schmerzen stöhnend aufstand. »Ich komme klar.«

»Ein Bierchen zu viel erwischt, was?«, erkundigte sich der größere von beiden in astreinem Berliner Dialekt.

»Ich komme klar«, wiederholte Max eine Spur bestimmter und deutlich unfreundlicher als zuvor.

»Man darf das bayerische Bier nicht unterschätzen«, stichelte der Tourist unbeeindruckt weiter. Er grinste breit dabei.

»Schleicht’s euch, aber schnell.«

Zwei oberschlaue Jungpreißndeppen haben mir gerade noch zu meinem Glück gefehlt.

»Mein Gott, man wird ja noch helfen dürfen«, erwiderte jetzt der kleinere. »Sie sind schließlich auch nicht mehr der Jüngste.«

»Ach, habt’s mich doch gern.« Max winkte ab. Er beachtete die beiden nicht mehr, sondern drehte sich lieber einmal um die eigene Achse, um dabei zu realisieren, dass Mathilde nicht mehr da war. Hätte ihm auch gleich auffallen können. Aber da waren schon beim Aufwachen diese mörderischen Kopfschmerzen gewesen, die ihn immer noch nicht klar denken ließen.

»Das ist gar nicht gut, Max Raintaler«, murmelte er mehr zu sich selbst, während er immer noch dabei war, sich vollends in der Senkrechten auszurichten. »Hoffentlich ist ihr nichts Schlimmeres zugestoßen. Mann, was ist bloß passiert?«

»Du hast das Bier bei der Hitze nicht vertragen«, meinte der größere der beiden Burschen, die immer noch neben ihm standen. »Das ist passiert. Sonst nichts.«

Sie lachten albern und zeigten dabei mit den Fingern auf ihn.

Max lachte nicht.

»Wenn ihr nicht in einer Sekunde verschwunden seid«, sagte er laut, »kriegt ihr eine Tracht Prügel, die sich gewaschen hat. Hamma uns, ihr Kaschperlköpfe?« Er holte demonstrativ mit der rechten Faust zum Schlag aus.

»Ist ja schon gut. Meine Güte, was für ein unhöflicher bayerischer Waldschrat«, empörte sich der größere. »Da will man helfen und dann das. So viel zum Thema ›Weltstadt mit Herz‹.«

Dann sahen sie zu, dass sie Land gewannen. Anscheinend befürchteten sie, dass sie sich tatsächlich gleich eine Tracht Prügel einfingen.

»Was mach ich jetzt nur?«, fragte sich Max währenddessen wieder halblaut. »Mathilde ist doch sicher nicht einfach verschwunden und hat mich hier auf dem Boden liegen gelassen.«

Vielleicht holte sie sich aber auch nur irgendwo etwas zu trinken oder zu essen. Er wollte solange kurz hier auf sie warten, und dann hatte ihm jemand überraschend von hinten einen Scheitel gezogen. Wenn es so war, konnte sie gar nicht wissen, was geschehen war, und müsste jeden Moment wiederkommen. Aber warum hatte er eins draufgekriegt? Wenn er sich doch nur daran erinnern könnte, was geschehen war. In seinem Kopf herrschte diesbezüglich nichts als Dunkelheit.

Er sah auf seine Armbanduhr. 23.15 Uhr. Das letzte Mal hatte er, kurz bevor er und Mathilde den Brunnen erreichten, drauf gesehen. Da war es 22.55 Uhr gewesen. Dagmar war noch nicht hier gewesen. Mathilde hatte sich ängstlich darüber beschwert. Das wusste er noch. Aber an mehr konnte er sich nicht mehr erinnern. Also war er wohl locker eine Viertelstunde lang ohnmächtig gewesen. Den Schmerzen in seinem Kopf nach konnte dies sehr gut so gewesen sein.

Moment mal. Er wurde um kurz vor 23 Uhr nachts mitten auf dem Viktualienmarkt niedergeschlagen, und niemand hatte es beobachtet oder die Polizei gerufen?

Sehr seltsam. Oder war er doch nur umgekippt?

Obwohl, allzu viel war nicht mehr los in dieser eher etwas abgelegenen Ecke des großen Platzes, und dunkel war es obendrein.

Vielleicht sollte er noch ein paar Minuten warten, bis sie eventuell wieder zurückkam.

Nicht lang herumraten. Entscheidungen treffen, Raintaler.

Zum Glück hatte er Mathildes Handynummer, da sie ihm vorhin das Bild von Dagmar aufs Display geschickt hatte. Er rief sogleich bei ihr an.

Sie ging nicht ran, obwohl er wusste, dass sie ihr Handy bisher die ganze Zeit über wegen Dagmar eingeschaltet hatte.

»Das ist gar nicht gut, Max«, murmelte er. »Das ist sogar eher ziemlich schlecht.«

Er legte wieder auf.

Denk nach, Mann. Was ist passiert, bevor du ohnmächtig wurdest? Hast du, außer Mathilde, noch jemanden gesehen? Was tat sie in dem Moment, ab dem du dich nicht mehr erinnern kannst?

In Ermangelung einer Antwort rief er erst mal Monika an.

»Ich komme später, Moni. Ich wurde, glaube ich, niedergeschlagen, und die zweite Frau ist auch verschwunden.«

»Welche zweite Frau?«

»Erst ist Dagmar verschwunden, dann Mathilde.«

»Ach wirklich?« Die Ironie in ihrer Stimme war nicht zu überhören.

»Jetzt tu nicht so blöd gespreizt.« Er schnaubte genervt. »Franzi und ich hatten zwei Touristinnen aus Dortmund am Tisch. Hier im kleinen Biergarten am Viktualienmarkt. Alles ganz harmlos. Doch jetzt sind beide weg, und ich hab eins auf den Kopf bekommen. Denke ich zumindest.«

»Von Mathilde oder Dagmar?«

»Ich weiß nicht, wer es war. Vielleicht bin ich auch nur unglücklich gestürzt.« Er schüttelte verwirrt den Kopf, ließ es aber wegen der stechenden Schmerzen gleich wieder bleiben. »Auf jeden Fall tut es verdammt weh. Ich war ohnmächtig.«

»Was? Wirklich?« Sie hörte sich auf einmal gar nicht mehr so forsch an wie zuvor. Eher erschrocken und ernsthaft besorgt.

»Ja.«

»Und wo ist Franzi?«

»Beim Essen.«

»Wo sonst.«

»Stimmt.« Max konnte sie förmlich grinsen sehen. Er grinste ebenfalls schwach, obwohl ihm überhaupt nicht danach zumute war. »Aber er müsste längst fertig sein bei den Hubers. Ich ruf ihn gleich mal an.«

»Tu das, und lass jemanden deine Verletzung anschauen. Mit einer Gehirnerschütterung ist nicht zu spaßen. Das weißt du selbst.«

»Mach ich.«

12

Max kam gegen 2 Uhr bei Monika an. Er klopfte laut an die Tür ihrer Kneipe, über der sie ihre kleine, aber feine Wohnung hatte. Klingel gab es keine. Normalerweise schlief er drüben in Thalkirchen in seiner eigenen Zweizimmerwohnung, weil Monika es nicht mochte, wenn sie so eng aneinanderklebten. Es würde ihrer Beziehung nur schaden, meinte sie.

Außerdem behauptete sie, dass er sehr laut schnarche. Das bezweifelte er allerdings. Es war bestimmt nur eine Ausrede von ihr, damit er ihr nicht zu nahe kam. Sie hatte ein echtes Problem mit dauerhafter Nähe. Bereits zwei Heiratsanträge hatte er ihr gemacht, aber sie hatte alle beide nicht angenommen. Eine Verletzung am Hinterkopf war jedoch ein guter Grund, die heutige Nacht bei ihr zu verbringen, meinte er.

»Wenn ich den Kerl erwische, der mich umgehauen hat, darf er sich auf was gefasst machen«, sagte er undeutlich zu ihr, als er mit ihr am Küchentisch der Kneipe saß. Er verzog dabei leidend das blutverkrustete Gesicht.

»Weißt du das jetzt?«

»Was?«

»Dass du niedergeschlagen wurdest?«

»Ja.« Max nickte. »Die von der Spurensicherung meinten, dass nirgends am Brunnen Blut von mir zu finden war, was eindeutig für einen Gegenstand spräche, mit dem ich niedergestreckt wurde.«

»Jetzt beruhig dich erst mal. Wie viel hast du denn getrunken?«

»So gut wie nichts.« Er sah sie verständnislos an. »Was denkst du denn von mir? Ich bin schließlich Sportler.«

»Sportler? Seit wann?«

»Tennis, Fußball, Skifahren. Ist das etwa nichts?«

»Doch, doch. Sehr sportlich.« Sie nickte. »Und warum lallst du dann?«

»Ich lalle nicht«, nuschelte er.

»Manche werden halt nie gescheit.« Sie nickte nicht mehr, sondern schüttelte missbilligend den Kopf.

»Na gut, es war heut ein bisserl mehr als normal«, gab er zu. »Aber es war wahnsinnig heiß mit dem ganzen Föhn und so. Da kriegt man Durst. Und wenn dann nichts anderes als Bier in der Nähe ist …« Er machte eine unbestimmte Geste. »Aber das ist schon etliche Stunden her.«

»Und warum lallst du dann?«

»Lalle ich wirklich?« Er sah sie ungläubig an.

»Ja.« Sie nickte entschieden.

»Vielleicht kommt’s von dem Schlag auf den Kopf?«

»Davon kriegt man Kopfweh, aber man lallt nicht.«

»Dann halt doch vom Schnaps«, räumte er nachdenklich ein.

»Ach geh. Wer wird denn vom Schnaps lallen?« Sie lachte höhnisch. »So was hat die Welt noch nicht gehört. Herrgott noch mal, Max. Warum trinkst du bei der Affenhitze denn kein Wasser?«

»Du weißt genau, dass ich kein Wasser vertrage.« Sein Gesichtsausdruck war ein einziger großer Vorwurf. »Davon krieg ich jedes Mal dieses mörderische Sodbrennen, und von dem bekommt man auf Dauer ein Magengeschwür, hat mein Arzt gesagt, wie du sehr wohl weißt. Außerdem wollten Franzi und ich die Lösung unseres letzten Falls feiern.«

»Ich höre immerzu feiern. Ich feiere doch auch nicht jedes Fleischpflanzerl, das ich in den Biergarten trage.«

»Das ist auch etwas ganz anderes. Wir hatten eine Feier nach wochenlangen anstrengenden Ermittlungen. Da trinkt man dann eben kein Wasser, sondern Bier. Niemand trinkt bei einer wichtigen Feier Wasser. Kein Mensch. Schon gar nicht, wenn ihn sein ältester Freund und Kollege einlädt.«

»Tatsächlich? Und was war das mit dem Schnaps?«

Er bemerkte, dass sie sich ein Grinsen verbeißen musste.

»Also, Franzi hat vorhin gemeint, ein Schnaps wäre das Beste nach einer Ohnmacht. Damit die Körpersäfte wieder in Schwung kämen. Da dachte ich, drei Doppelte davon wären sicher noch besser. Von wegen Heilungsprozess beschleunigen und so. War wohl falsch gedacht.« Er blickte ein wenig hilflos drein.

»Hast du ihn also erreicht?«

»Sicher. Er war längst mit Essen fertig. Hab ich das nicht gesagt?« Max zögerte, bevor er weitersprach. Sein Gedächtnis schien von dem Schlag auf den Hinterkopf tatsächlich einige Lücken zu haben. Hoffentlich kam da nicht noch etwas Schlimmeres nach. Eine Hirnblutung oder Ähnliches. Ein Koma zum Beispiel stellte sich schneller ein, als man dachte. Dann hing man dann womöglich jahrelang, ohne aufzuwachen, an den Maschinen im Krankenhaus. »Er kam mit mehreren Kollegen zu mir auf den Viktualienmarkt, nachdem ich ihn angerufen hatte. Wir suchten alle gemeinsam die Gegend nach Mathilde und Dagmar ab. Aber nix. Alle beide sind wie vom Erdboden verschluckt.«

»Wie du niedergeschlagen wurdest, hat auch keiner gesehen?«

»Zumindest niemand, den wir gefragt haben.« Er schüttelte mit schmerzverzerrtem Gesicht langsam den Kopf.

»Und jetzt?«

»Franz lässt gerade weiterhin in der ganzen Umgebung des Viktualienmarktes nach Mathilde und Dagmar suchen. Sogar mit Hunden.« Max hoffte, dass Franz mit seiner Suche Erfolg hatte. Er fühlte sich von dem ganzen Theater im Moment schlicht überfordert.

»Es wird eine große Suchaktion eingeleitet, nur weil zwei Touristinnen in der Nacht verschwunden sind? Vielleicht amüsieren sie sich ja einfach irgendwo.« Monika schüttelte ungläubig den Kopf.

»Nein, weil ihr Verschwinden mit der Körperverletzung eines Ex-Kommissars in Verbindung gebracht wird, weil beide nicht der Typ Frau waren, der unverantwortlich handelt, und weil alles zusammen mehr als mysteriös ist.«

»Mit der Platzwunde am Kopf musst du auf jeden Fall ins Krankenhaus«, fuhr sie, milder gestimmt, fort. »Aber zieh dich vorher um. Deine Jacke und dein Hemd sind voller Blut.«

»Kein Krankenhaus.« Er winkte rigoros ab.

»Warum nicht?«

»Schon mal was von Krankenhauskeimen gehört?«

»Was ist das?« Sie sah ihn neugierig an.

»Die holst du dir nur im Krankenhaus, und sie sind tödlich. Hunderttausende sterben pro Jahr daran. Ohne mich. Ich bin zu jung zum Sterben.«

»Und was soll ich jetzt tun?« Sie legte ihre Hände in den Schoß und sah ihn erwartungsvoll an.

»Die Wunde reinigen und ein Pflaster draufkleben.« Er senkte seinen Kopf, damit sie die verletzte Stelle besser sehen konnte.

»Auf die Haare?«

»Natürlich nicht.«

»Soll ich sie etwa wegrasieren? Dabei reiß ich doch bloß alles wieder auf. Mein Gott, hättest du dir denn keinen ungefährlicheren Beruf aussuchen können?«

»Drum herum.« Er kreiste mit dem rechten Zeigefinger über seinem Hinterkopf.

»Was, drum herum?« Sie hörte sich zunehmend ungeduldig an.

»Um die Wunde drum herum rasieren.«

»Was soll das bringen?« Sie schüttelte den Kopf.

»Dort, wo du rasiert hast, kannst du dann das Pflaster festkleben.«

»Und das soll auf den Stoppeln halten?«

»Dann musst du halt gründlich rasieren, Herrschaftszeiten noch mal.« Er klang nun ebenfalls ungeduldig. Obwohl sie kein altes Ehepaar waren, benahmen sie sich oft wie eines.

»Und die Haare, die auf der Wunde bleiben? Die wachsen sich doch ein.« Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Dann rasier sie halt in Gottes Namen auch weg.« Er stöhnte genervt. »Ich werde es hoffentlich überleben.«

»Ich hole Pflaster und dein Rasierzeug von oben.« Monika drehte sich um.

»Ich gieße mir solange noch einen Schnaps ein.«

»Hast du nicht schon genug Alkohol intus?«

»Betäubung vor der Operation.«

»Aha.« Sie stieg kopfschüttelnd die knarrende Holztreppe hinter dem Tresen zu ihrer Wohnung hinauf. »Wie hat sie denn ausgesehen, deine Begleiterin, die zuletzt verschwunden ist?«, wollte sie noch wissen und blieb stehen.

»Normal.« Er blickte verständnislos drein.

»Was heißt das, normal?«

»Normal heißt normal. Kopf, Bauch, Beine, Arme. Was eine Frau halt so hat.«

»Sehr interessant.« Sie ging, ohne noch einmal zurückzublicken, weiter die Stufen hinauf.

Das Gespräch war für sie beendet. So wie ihre Gespräche jedes Mal dann beendet waren, wenn sie es für richtig hielt.

»Bist du etwa eifersüchtig?«, rief er ihr nach.

Keine Reaktion. Logisch. Er wusste, dass sie es, selbst wenn es so wäre, nicht zugeben würde.

»Okay, Max. Du brauchst jetzt wirklich dringend einen Schnaps«, sagte er zu sich selbst, stand schwankend auf, schlurfte in den Schankraum hinüber hinter den Tresen, nahm ein Flasche Grappa aus dem Regal dahinter und schenkte sich einen Dreifachen ein.

Bei einer Narkose, die wirken sollte, durfte man auf keinen Fall mit dem medizinischen Wirkstoff sparen. Das hatte er einmal in so einer Arztserie im TV gehört. Die Drehbuchautoren dort mussten es schließlich wissen.

Vielleicht hatte Monika recht und er sollte den Beruf wechseln. Zu oft war er in den letzten Jahren entweder angeschossen oder anderweitig verletzt worden. Aber was sollte er stattdessen tun? Ermitteln konnte er nun mal am besten, und außerdem hatte er erwiesenermaßen Erfolg damit.

13

»Max!«

»Ja.«

»Dein Handy.«

»Was?«

»Dein Handy!«, wiederholte Monika eine Spur lauter und eine Spur gereizter als zuvor. Sie schlug dreimal mit der flachen Hand auf seine Bettdecke, damit er endlich aufwachte.

»Wie spät ist es?«, fragte er, verschlafen stöhnend.

»Keine Ahnung. Geh endlich ran, dann weißt du es.«

»Okay, okay. Kein Grund, so herumzuschreien. Ich hab brutale Kopfschmerzen.«

»Ich schreie nicht. Ich rede laut, damit du mich hörst.«

»Ist ja gut.« Er schlug seine Augen auf, erkannte, dass er in Monikas Wohnung war, nahm sein Handy vom Nachtkästchen, wo er es beim Schlafengehen zum Aufladen hingelegt hatte. »Wer stört?«

»Franz hier.«

»Wie spät ist es?«

»8.30 Uhr. Hast du keine Uhrzeit auf deinem Smartphone?«

»Bin zu schnell rangegangen.«

»Sie wurde wahrscheinlich gefunden.«

»Wer?«

»Mathilde.«

»Und? Wo ist sie?«

»So wie es aussieht, wurde sie erschlagen.«

»Was?« Max richtete sich geschockt auf. Das hätte Franz auch etwas einfühlsamer sagen können. Manchmal war der Kerl ein echter Haudrauf.

»Ein Mitarbeiter der Müllabfuhr rief vorhin hier auf dem Revier an. Er hat sie in einer Seitengasse in der Nähe vom Viktualienmarkt entdeckt.«

»Du bist nicht dort?«

»Nein, ich sitze im Büro.«

»Woher weißt du dann, dass sie es wirklich ist?«

»Sie haben zwar keine Handtasche oder Papiere bei ihr entdeckt, der genauen Beschreibung des Müllmannes nach könnte sie es aber gut sein.«

»Okay, und jetzt?« Max rieb sich mit der freien Hand den nach wie vor schmerzenden Hinterkopf.

»Ich brauche deine Hilfe in dem Fall. Wir sind wieder mal total unterbesetzt auf dem Revier. Bedingungen als Berater wie gehabt.«

»Ist gut. In einer halben Stunde am Tatort?« Max überlegte kurz, ob er das tatsächlich zeitlich schaffen würde. Dann gab er sich selber grünes Licht.

»Komm einfach zum Karl-Valentin-Brunnen. Dann gehen wir zusammen dorthin.«

»Alles klar.«

Sie legten auf.

»Haben sie deine vermissten Touristinnen gefunden?«, erkundigte sich Monika, die sich inzwischen ebenfalls aufgesetzt hatte.

»Sieht so aus.« Er nickte.

»Ist doch super.« Sie gähnte lang und laut. »Und was war das mit diesem Tatort?«

»Sie ist tot. Anscheinend wurde sie ermordet.«

»Ach du Schande!« Monika schlug erschrocken die Hand vor den Mund. »Und jetzt?«

»Franzi und ich untersuchen den Fall.«

»Schnelles Frühstück?«

»Danke, Moni. Keine Zeit.« Noch während er sprach, eilte er ins Bad. »Rufst du mir bitte ein Taxi?«

Nach einer oberflächlichen Katzenwäsche, weil es eilte, zog er frische Sachen an. Für den Fall der Fälle hatte er immer ein paar T-Shirts, Unterwäsche, Hemden, Socken und Jeans bei Monika gelagert. Die blutigen Sachen legte er auf ihr Geheiß vor ihre Waschmaschine.

»Was macht der Kopf?«, fragte sie ihn, während er in die schwarze Lederjacke schlüpfte, die er bei seinen anderen Kleidungsstücken im Schlafzimmerschrank deponiert hatte.

»Tut weh. Wie kommen wir hier rauf in dein Schlafzimmer?«

»Ich hab dich nach deiner Grappanarkose hochgeschleppt.«

»Ich weiß nur noch, dass du Pflaster und mein Rasierzeug holen wolltest.«

»Immerhin. Hier.« Sie reichte ihm eine Kopfschmerztablette und ein Glas Wasser.

»Danke.« Er schluckte sie ohne Wasser hinunter.

»Die anderen nimmst du mit.« Monika drückte ihm die Packung in die Hand. »Wenn es nicht besser wird, gehst du zum Arzt, versprochen?« Sie legte ihre Stirn in Sorgenfalten.

»Jaja«, erwiderte er. »Mach dir nicht immer so viele Sorgen.«

»›Jaja‹ heißt, dass du es nicht tust.«

»Doch, doch.«

»Sturkopf.« Sie stöhnte leicht genervt.

»Ciao, Moni. Es eilt.«

Er ließ die Wohnungstür hinter sich ins Schloss fallen und eilte die Treppen hinunter.

Unten angekommen, stand das Taxi, das ihm Monika gerufen hatte, bereits vor dem Lokal.

Max stieg ein.

»Zum Viktualienmarkt«, sagte er zu der jungen Fahrerin. »So schnell es geht.«

»Wird gemacht, Chef.« Sie stieg aufs Gaspedal.

14

Franz wartete bereits am Karl-Valentin-Brunnen. Obwohl Max keine 20 Minuten von Thalkirchen aus her gebraucht hatte, und das bei durchaus munterem Samstagvormittagsverkehr. Er hatte es der Taxifahrerin mit einem großzügigen Trinkgeld gedankt.

»Guten Morgen. Was macht der Kopf?« Franz sah ihn abwartend an.

»Geht so.« Max verzog, Schmerzen andeutend, das Gesicht. »Wo ist sie?«

»Ein Stück die Reichenbachstraße runter. Dann gleich rechts in die Utzschneiderstraße. Dort liegt sie in einem Hinterhof. Keine zwei Minuten von hier.«

»Also los. Der Föhn wird nicht besser, verflixt noch mal.«

»Stimmt. Ich spüre es an meinem Kopf. Es ist ein Doppelsyndrom.«

»Föhn und Knüppel?«

»Du sagst es.«

Wenig später erreichten sie den Tatort, einen Innenhof, in dem sich Müll, Paletten und Kisten stapelten. Der Hausbesitzer schien nichts von einem gepflegten Ambiente für seine Mieter zu halten, wie das andere Vermieter taten, die ihre Höfe zu gemütlichen Aufenthaltsorten gestalteten. Aber bestimmt kassierte er dafür trotzdem ordentlich ab, wie es längst überall in der Stadt üblich war.

»Verdammt, es ist wirklich Mathilde.« Max schüttelte betroffen den Kopf. Das durfte doch alles gar nicht wahr sein. Noch vor wenigen Stunden hatte er fröhlich mit ihr geplaudert. Jetzt lag sie mit seltsam verdrehtem Kopf vor ihnen im Schmutz. Die Welt um ihn herum bekam von einer Sekunde auf die andere einen grauen Schleier. »Den Kerl erwischen wir, Franzi. Wenn du nicht mitmachst, suche ich ihn alleine.«

»Wieso sollte ich nicht mitmachen?« Franz sah ihn verständnislos an. »Genau genommen ist es meine Aufgabe, den Mörder zu finden. Ich bin von der Kripo, schon vergessen?«

»Logisch. Ich mein ja bloß. Die Sache geht mir wirklich an die Nieren.« Max blickte finster drein. »Sieht aus, als hätte ihr jemand das Genick gebrochen.«

»Ja.«

»Muss ein kräftiger Täter gewesen sein. Vielleicht jemand, der Ahnung von Kampfsport hat.«

»Das ist wohl richtig.« Franz nickte.

Max fragte Jan Reiter von der Spurensicherung, der direkt neben ihnen stand, was er über den Tathergang berichten könne.

»Ihr wurde eindeutig das Genick gebrochen«, erwiderte er. »Das kann ich bestätigen.«

»Hast du eine Tatzeit für uns?«

»Ungefähr zwischen Mitternacht und 1 Uhr. So viel kann ich jetzt schon sagen.«

»Irgendwelche Spuren? Hinweise auf den Täter?« Max kniff vor Schmerzen die Augen zusammen. Vielleicht sollte er doch auf Monika hören und einen Arzt aufsuchen.

»Wir nehmen wie immer Proben von allem, was uns notwendig erscheint. Das hier haben wir zum Beispiel unter ihren Fingernägeln gefunden.« Jan zeigte einen kleinen Stofffetzen in einer Plastiktüte. »Aber genaue Hinweise gibt es erst, wenn sie auf dem Tisch in der Gerichtsmedizin liegt und wir mit unseren Fundstücken im Labor waren. Auch zur Tatzeit. Wisst ihr doch, Leute.«

»Trotzdem, Jan. Was könnte geschehen sein? Gib uns irgendwas.« Max wusste, dass man nicht nachgeben durfte, wenn man von den Jungs in den weißen Kitteln etwas erfahren wollte.

»Es sieht irgendwie nach Raubmord aus. Sie hat weder Papiere noch Geld, Handy oder eine Handtasche bei sich.« Der große, übergewichtige Jan wischte sich den Schweiß von der Stirn. Obwohl es früh am Tag war, sorgte der Föhn bereits wieder für ungewöhnlich hohe Temperaturen.

»Das mit der Handtasche ist mir auch schon aufgefallen«, sagte Max nachdenklich. »Sie hatte gestern so einen hellgrauen Lederbeutel bei sich.«

»Stimmt.« Franz nickte.

»Aber es muss nicht zwingend ein Raubmord gewesen sein, oder?« Max richtete sich erneut an Jan.

»Nein.« Jan schüttelte den Kopf. »Der Täter kann mit dem Diebstahl ihrer Sachen genauso gut versucht haben, ihre Identität zu verschleiern. Wisst ihr ja selbst.«

»Um Zeit zu gewinnen«, meinte Franz.

»Zum Beispiel. Aber ich will mich da noch auf nichts festlegen.« Jan steckte sorgfältig das Plastiktütchen mit dem Stofffetzen darin in die Tasche. »Wir suchen in der näheren Umgebung weiter. Vielleicht finden wir ihre Handtasche irgendwo.«

»Danke, Jan.« Max nickte ihm mit zusammengekniffenen Lippen zu. Er musste sich schwer zusammenreißen, nicht laut über das Schicksal loszufluchen. Mathilde war viel zu jung zum Sterben gewesen und viel zu nett.

»Wir müssen ihre Familie benachrichtigen«, meinte Franz.

»Sie hat mir gestern erzählt, dass sie nicht verheiratet ist«, erinnerte sich Max. »Ihre Eltern starben vor einigen Jahren. Nur ihr Bruder ist noch am Leben. Aber zu ihm hatte sie in der letzten Zeit kaum Kontakt.«

»Das weißt du alles noch?« Franz runzelte ungläubig die Stirn.

»Es war gleich nachdem du zu deinem Essen gegangen bist. Da ging es mir noch gut.« Max wich einem der Männer von der Spusi aus, der gerade mit einer großen Schaufel an ihnen vorbeiwollte.

»Gab es noch andere Personen, die ihr nahestanden?«, fragte Franz. »Vielleicht hatte sie einen Freund.«

»Davon hat sie leider nichts erzählt.« Max schüttelte langsam den Kopf. Die ganze Sache machte ihm wirklich zu schaffen. »Ruf doch mal die Kollegen in Dortmund an. Die sind näher an ihren Lebensumständen dran und finden sicher schneller etwas raus, als wenn ich zum Beispiel da hochfahre, um mich umzuhören.«

»Mach ich.« Franz nickte.

»Gehen wir uns irgendwo besprechen?«

»Ums Eck ist ein italienisches Café. Die müssten schon aufhaben.«

»Gute Idee.«

»Ein Hörnchen wäre gut. Ich hab Hunger«, warf Franz noch ein.

»Du musst doch noch satt von gestern sein.«

»Warum?«

»Nix. Nur so.« Max winkte ab.

Er machte noch mit seinem Handy ein Foto von Mathilde, um sich bei der Befragung eventueller Zeugen leichter zu tun. Dann verabschiedeten sie sich von Jan und gingen los.

Herrschaftszeiten. Das alles ausgerechnet so kurz vor seinem 55. Geburtstag. Eigentlich wollte Max diese einmalige Schnapszahl am nächsten Samstag gebührend feiern. Mit selbstgespielter Livemusik und einem großen Büffet in seinem alten Schwabinger Lieblingslokal, dem früheren »Musiktresor«. Dort hatte er damals auch seinen 40. gefeiert. Seine Gäste damals waren begeistert gewesen, als er selbst eine halbstündige Musikeinlage mit Stücken von Johnny Cash gebracht hatte.

Die Planung des diesjährigen Jubiläums stand bereits. 55 Gäste. Eine tolle Band, und Hartmut, der Besitzer des »Musiktresors«, hatte ein grandioses Büffet bei seinem Lieblingsmetzger bestellt. Doch jetzt schaute es erst mal eher nach Arbeit und einer gehörigen Portion Wut auf den Täter aus.

15

Franz hatte sich nach ihrer kurzen Lagebesprechung ins Revier verabschiedet, um die nächsten Schritte der Ermittlungen von dort aus mit seinem Team zu koordinieren. Max machte sich derweil auf die Suche nach Zeugen am Viktualienmarkt. Er begann dort, wo er niedergeschlagen worden war und Mathilde zum letzten Mal lebend gesehen hatte. In der Nähe des Karl-Valentin-Brunnens. Natürlich hatten die Kollegen gestern Nacht auch schon hier herumgefragt. Aber oft genug wurde etwas dabei übersehen oder überhört. Deshalb wollte er sich der Sache noch einmal höchstpersönlich annehmen.

Überall herrschte rege Betriebsamkeit. Lieferanten fuhren hin und her. Die Verkäufer begannen damit, ihre Stände für das Publikum zu öffnen. Obst und Gemüse, Fisch, Blumen, Fleisch und Wurstwaren, Kaffee, frisch gepresste Fruchtsäfte – das vielfältige Angebot aus aller Welt war schier unbegrenzt.

Max blieb vor einer Kneipe stehen, die bekanntermaßen rund um die Uhr geöffnet hatte. Ein hagerer Mann in seinem Alter mit grauen Haaren und Vollbart stand in Jeans und T-Shirt davor. Er genoss sichtlich seine Zigarette in der warmen Vormittagssonne. Seine Arme waren mit bunten Tattoos übersät.

»Haben Sie kurz Zeit für mich?«, fragte ihn Max.

»Kommt darauf an.« Der Mann lächelte nicht unsympathisch.

»Max Raintaler mein Name. Ich arbeite für die Münchner Kripo.«

»Ein Schnüffler, da schau her. Ich bin der Lucky. Mir gehört das Stüberl hinter mir.« Er zeigte lässig mit dem Daumen auf die Eingangstür zu seinem Lokal. »Was gibt es?«

»Haben Sie eine dieser Frauen gestern Abend zufällig gesehen?« Max hielt ihm die Bilder von Dagmar und Mathilde auf seinem Handy hin.

»Die eine schaut nicht so gut aus«, meinte Lucky.

»Sie ist tot.«

»Das ist schlecht.« In Luckys hellblauen Augen spiegelte sich Betroffenheit.

»Sehe ich genauso. Sehr schlecht.« Max nickte mit zusammengepressten Lippen. Man sah ihm an, dass er das, was er sagte, auf keinen Fall witzig fand. »Ich kannte sie flüchtig. Sie war ein sehr netter Mensch.«

»Ich bin mir sicher, dass ich sie gestern noch lebendig gesehen habe«, meinte Lucky nach einer Weile des Nachdenkens. »Sie ging mit der anderen und einem jungen Mann Richtung Reichenbachplatz.«

»Sind Sie sich wirklich ganz sicher?« Max war sichtlich erfreut darüber, möglicherweise gleich beim ersten Zeugen einen kleinen Erfolg verbuchen zu können.

»95 Prozent.« Lucky blickte ihm fest in die Augen.

»Haben Sie mich auch irgendwo gesehen?«

»Nein«, sagte Lucky. Er schüttelte den Kopf, nachdem er Max gründlich betrachtet hatte.

»Wann war das mit den Frauen und dem Mann?«

»Müsste genau um 23.30 Uhr gewesen sein. Die Glocken vom Alten Peter haben gerade zweimal geschlagen. Ich war draußen eine rauchen und hab zur Turmuhr hochgeschaut. Mach ich immer so.«

»Wenn es zur nächsten Viertelstunde schlägt?«

»Ja.« Lucky nickte. »Ist so ein Tick von mir.«

»Wie sah der Mann aus?«

»Mittelgroß, wie gesagt, relativ jung, braune Haare und Drei-Tage-Bart. Er hatte Bluejeans und ein grünes Hawaiihemd an. Sie blickten alle drei nicht gerade glücklich drein.«

»Eher so, als würden sie streiten?«

»Könnte man sagen.« Lucky nickte nachdenklich. »Die Hand würde ich aber nicht dafür ins Feuer legen.«

»Sie schauen sich die Leute wohl ganz genau an.« Max lächelte freundlich.

»Was glauben Sie denn? Ich bin seit über 30 Jahren Kneipenwirt. Da kennt man seine Pappenheimer und vergisst sie nicht. Auch die bisher Fremden.«

»Verstehe. Wie lang arbeiten Sie eigentlich hinter Ihrem Tresen?« Max sah ihn neugierig an. Lucky war ein Wirt vom alten Schlag. Eine gestandene Persönlichkeit und schon rein vom Äußeren her sympathisch. Vielleicht besuchte er ihn demnächst einmal nach Feierabend an seiner Theke.

»In der Nacht bis ungefähr um 2 Uhr, dann übernimmt mein Partner.«

»Und da sind Sie um 10 Uhr schon wieder fit?«

»Um 10 Uhr? Nix da. Ich bin seit 7 Uhr wach. War bereits im Großmarkt einkaufen. Geht nicht anders.« Lucky zuckte mit den Schultern. »Alte Schule«, fügte er noch hinzu.

»So schauen Sie auch aus. Nicht despektierlich gemeint.« Max hob die Hände wie ein gestikulierender Italiener. »Ich finde es eher gut so. Würden Sie Ihre Aussage schriftlich auf dem Revier bestätigen?«

»Was ist denn passiert mit den dreien?« Lucky lächelte.

»Die dunkelhaarige Frau ist, wie bereits gesagt, tot. Sie wurde ermordet.«

»Oha. Und die Blonde?«

»Sie und ihr Begleiter sind spurlos verschwunden.«

»Verstehe.« Lucky nahm seinen dünnen Kinnbart zwischen Daumen und Zeigefinger und zwirbelte daran herum. »Klar komm ich aufs Revier und unterschreibe, was ich gesehen habe.«

»Danke, Lucky.« Max schüttelte seinem Gegenüber die Hand.

Inzwischen waren seine Kopfschmerzen nahezu unerträglich geworden. Er schluckte eine von den Ta­bletten, die ihm Monika vorhin mitgegeben hatte, und hoffte, dass es bald besser würde. Sonst musste er tatsächlich noch einen Arzt aufsuchen.

»Kater?«, erkundigte sich Lucky mit ernsthaft besorgtem Gesichtsausdruck. »Das kann die Hölle sein. Niemand weiß das besser als ich.«

»Alles gut.« Max winkte ab. Er notierte sich Luckys genauen Namen und seine Telefonnummer.

»Könnten Sie heute oder morgen noch aufs Revier schauen?«

»Sicher. Wo?«

»Sie können Ihre Aussage gleich hier ums Eck bei den Kollegen von der Inspektion elf machen. Die leiten sie dann weiter an meinen Chef Franz Wurmdobler.«

»Die Inspektion elf kenn ich. Kein Problem.«

Max ließ Lucky wieder an die Arbeit gehen. Er selbst machte sich auf den Weg zum nächsten Obststand in Richtung Reichenbachplatz. Möglicherweise konnte er so Mathildes Weg zum Tatort nachvollziehen. Vorher versuchte er es in Richtung Marienplatz. Die Stände dort hatte er gestern bereits wegen Dagmar abgegrast. Jetzt würde er noch einmal wegen Mathilde nachfragen. Manchmal war Polizeiarbeit banaler als gedacht.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
243 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839269381
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