Kitabı oku: «Peru»

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Der Autor

Dr. Michael Hahn ist ein Historiker und Autor zweier kulturhistorischer Reiseführer und eines dreibändigen Handbuchs zur Geschichte Perus.

Michael Hahn

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Umschlagabbildung: Grenzübergang nach Peru bei der bolivianischen Ortschaft Desaguadero am Titicacasee (Foto: Michael Hahn)

1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-040946-0

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Inhaltsverzeichnis

1  Einleitung

2  Das Ende der spanischen Kolonialherrschaft (1808–1826)

3  Caudillos und Guano (1826–1879)

4  Der Pazifikkrieg und das Aufleben des militärischen Caudillismus (1879–1894)

5  Die Aristokratische Republik (1895–1919)

6  Leguías Elfjahres-Herrschaft (1919–1930)

7  Zwischen Diktatur und Demokratie (1930–1968)

8  Militärischer Reformismus (1968–1980)

9  Ein verlorenes Entwicklungsjahrzehnt (1980–1990)

10  Neopopulismus und neoliberale Wende (1990–2001)

11  Peru im 21. Jahrhundert (2001–2020)

12  Neueste Entwicklungen (ab 2016)

13  Glossar

14  Bibliografie

15  Abbildungsnachweis

16  Register

Einleitung

»Peru ist von diesem Augenblick an frei und unabhängig durch den Volkswillen und durch die Rechtmäßigkeit seiner Forderungen, die Gott schütze. Es lebe das Vaterland! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Unabhängigkeit!« (Hall 1824, 193–194; vgl. Ortemberg 2009, 86)

Mit diesen erhabenen Worten verkündete General José de San Martín am 28. Juli 1821 auf dem Hauptplatz von Lima die Unabhängigkeit Perus von Spanien. Trotz der feierlichen Proklamation vor Tausenden von Zuschauern sollte es noch Jahre dauern, bis die letzten spanientreuen Truppen das Land verließen. Erst die Niederlage in der Entscheidungsschlacht von Ayacucho besiegelte das Ende der spanisch-monarchischen Herrschaft in Südamerika. Tatsächlich endete die spanische Herrschaft in Peru mit der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde durch Vizekönig José de la Serna e Hinojosa nach der Niederlage seiner Truppen gegen Simón Bolívars Befreiungsheer unmittelbar nach der Schlacht von Ayacucho am 9. Dezember 1824. Bis im April 1825 war auch Hochperu (das heutige Bolivien) von spanischen Truppen befreit. Am 22. Juni 1826 kapitulierten die letzten spanischen Truppen, die sich 14 Monate lang in der uneinnehmbaren Hafenfestung Real Felipe in der Nähe Limas verschanzt hatten.

Alljährlich gedenkt Peru der Proklamation der Unabhängigkeit, die das Ende der spanisch-monarchischen Herrschaft und den Beginn als souveräner, republikanischer Staat symbolisiert. Die Nationalfeiertage erstrecken sich jeweils über drei Tage (28.–30. Juli) und werden mit großem Aufwand – inklusive einer Militärparade – gefeiert. Im Jahr 2021 begeht Peru den zweihundertsten Jahrestag der Unabhängigkeit. Wie beim 100-jährigen- bzw. 150-jährigen Jubiläum wird das Andenland weder Mühe noch Kosten scheuen, um den Feiern einen würdigen Rahmen zu verleihen und sie zu einem denkwürdigen Großanlass internationalen Zuschnitts zu machen. Für Nichtperuaner ist das eine gute Gelegenheit, sich mit der neuzeitlichen Geschichte des Andenlandes näher vertraut zu machen.

Das vorliegende Buch beschreibt die Geschichte Perus der letzten zwei Jahrhunderte, angefangen bei den Wirren der Unabhängigkeitskämpfe bis hin zur Gegenwart. Es basiert auf meinem umfangreichen Handbuch zur Geschichte Perus (2016, Bd. 3), ergänzt durch die Erkenntnisse der neuesten internationalen Fachliteratur. Auf eine landeskundliche Einführung folgt der historische Hauptteil. Kastentexte machen auf Besonderheiten und Charakteristiken des Andenlandes aufmerksam oder ermöglichen es, gewisse Sachverhalte über einen längeren Zeitraum hinweg zu verfolgen. Den Schluss bildet ein Glossar, das die wichtigsten Fachausdrücke und fremdsprachigen Begriffe erläutert. Am Ende eines jeden Kapitels finden sich Hinweise auf Standardwerke, empfehlenswerte Neupublikationen und deutschsprachige Bücher. Für detaillierte Quellen- und Literaturangaben sei auf das erwähnte Handbuch verwiesen. Wer aktualisiertes statistisches Material zu Themen wie Demografie, Sprachenvielfalt, Gesundheit, Bildung, Wohnen, Regierung oder Wirtschaft sucht, wird im Online-Anhang fündig (Link siehe Impressum).

Noch ein Wort zur Rechtschreibung. Für zahlreiche peruanische Namen, Orte und Begriffe besteht eine verwirrende Vielfalt von Schreibweisen. Als Beispiel sei die ehemalige Hauptstadt des inkaischen Reichs genannt, die bald als Cusco oder Cuzco, bald als Qosqo oder Q’osqo geschrieben wird. Der Verständlichkeit halber wird im Folgenden die gebräuchlichste Schreibung verwendet, wobei Einheitlichkeit als das Leitprinzip gilt.

Geografie

Mit einer Fläche von 1 285 216 km2 und einer Bevölkerung von etwas über 30 Millionen ist das Andenland fast dreimal so groß wie Deutschland und Österreich zusammen, zählt dabei aber nur knapp ein Drittel so viele Einwohner. Von West nach Ost setzt sich Peru aus einem flachen Küstenstreifen (Costa), dem andinen Hochland (Sierra), den Ostabhängen der Anden und dem Amazonas-Tiefland (Selva) zusammen. Flächenmäßig am kleinsten ist der Küstenstreifen, der rund 12 % des nationalen Territoriums einnimmt, jedoch die meisten Bewohner umfasst (58 % der Bevölkerung). Im Hochland, das 28 % der Landesfläche ausmacht, leben 28 % der Bevölkerung, während die größte Region – die Dschungelgebiete mit 60 % der Landesfläche – nur 14 % der Bevölkerung beherbergt. Zur Sierra gehören die mächtigen Bergketten der Anden, fruchtbare Täler und zwei riesige Hochebenen, in denen die beiden größten Seen des Landes liegen (Titicaca- und Junínsee). Im Hochland liegen die meisten der 12 000 Seen des Landes, und hier haben die großen Flüsse ihren Ursprung. Ein Teil strebt dem Pazifik zu, die restlichen fließen ostwärts in Richtung Amazonas-Tiefland und Atlantik. In den zwischen 2000 und 3500 Metern gelegenen Hochtälern gibt es zahlreiche größere Siedlungen und Städte. Kleinere Dörfer und Einzelgehöfte finden sich bis auf 5000 Meter Höhe. Hier lebt die Mehrzahl der indianischen Bauern, die dem beschränkten Ackerland eine Vielzahl von Knollengewächsen, Getreidearten, Hülsenfrüchten und Gemüsesorten abringt. Die dünn besiedelte Dschungelregion (Selva) zeichnet sich durch ihre biologische und sprachliche Vielfalt aus. Kulturell und ökologisch unterscheidet sie sich stark vom Rest des Landes.


Abb. 1: Karte Perus mit den Departements, den wichtigsten Städten, Flüssen und Bergen.

Zieht man auch noch das Meer mit ein, so eröffnen sich folgende Naturräume:

1) Der Pazifische Ozean mit dem kalten Humboldtstrom, der im Norden Perus von warmen tropischen Meeresströmungen in westliche Richtung abgedrängt wird. Von der Antarktis kommend, fließt der nährstoffreiche Humboldtstrom an der südamerikanischen Westküste entlang. Der kalten Strömung verdanken Chile und Peru ihre außerordentlich reichhaltige Meeresfauna. Die gewaltigen Sardinen- und Sardellenschwärme machten Peru jahrelang zum weltgrößten Produzenten von Fischmehl. Zudem ernährten sie riesige Kolonien von Meeresvögeln, deren Exkremente als nitratreiches Düngemittel (Guano) im 19. Jahrhundert ein Exportschlager waren. Der Humboldtstrom beeinflusst die Witterung an der Küste entscheidend, indem er das an und für sich heiße äquatoriale in ein gemäßigtes Klima verwandelt.

2) Die Küstenzone, die, abgesehen vom äußersten Norden und den Flussoasen, eine Wüstenlandschaft bildet. Sie umfasst die vorgelagerten kahlen Inseln und den Küstenstreifen landeinwärts bis zu einer Höhe von rund 500 Metern. Von den über 50 Flüssen, die aus den Anden kommend in den Pazifik münden, führen nur etwa ein Dutzend das ganze Jahr hindurch substanzielle Wassermengen. Sie lassen fruchtbare Oasen entstehen, die mit ihrem saftigen Grün die Eintönigkeit der Sand- und Geröllwüsten durchbrechen. Von Mai bis Oktober (während des südlichen Winters) liegt über vielen Küstenorten ein feiner Nebel, den die Peruaner Garúa nennen. Aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit werden dann Wüstenzonen grün, Pflanzenteppiche schießen aus dem Boden und kahle Hügel blühen auf.

3) An den Küstenstreifen schließt sich die Yunga-Zone an (Quechua für »trockenes oder heißes Tal«). Tiefe Schluchten und enge Quertäler mit Steinwüsten und Sukkulenten prägen die Landschaft. Mehr als neun Monate lang bestimmt die brennende Sonne das Klima. Nur in den Hochsommermonaten, von Januar bis März, nimmt die Bewölkung etwas zu. Dennoch kommt es nur selten zu Niederschlägen. Wo Talböden und Hänge bewässert werden, sind sie bestens für den Anbau tropischer und subtropischer Nutzpflanzen geeignet.

4) Die vierte Zone, Kichwa genannt, liegt zwischen 2300 und 3500 Metern Höhe. Dank einem gemäßigten Klima, reichlich kultivierbarem Land und genügend Wasser kann sie für einen ertragreichen Ackerbau genutzt werden. Die ergiebigsten Äcker befinden sich auf den Talböden und den talnahen, benachbarten Hängen, wo insbesondere Mais gut gedeiht.

5) Die sanft ansteigende Kichwa-Region geht über in eine stark akzentuierte Landschaft mit steilem, kantigem und schroffem Relief. Diese Suni genannte Landschaft liegt zwischen 3500 und 4000 Metern in der kalten Klimazone, mit durchschnittlichen jährlichen Temperaturen zwischen 7° und 10 °C. Das Sommermaximum liegt bei 20 °C, das Winterminimum zwischen −1° und −16 °C. Auf den kargen Böden gedeihen Knollenfrüchte wie Kartoffeln, Oca, Olluco und Mashua, die proteinreiche Lupinie Tarhui sowie die widerstandsfähigen Getreidearten Quinua, Cañihua und Amarant.

6) Auf die Suni-Zone folgt die Puna in Höhenlagen zwischen 4000 und 4800 Metern. In den unteren Lagen (bis ca. 4200 Meter) wachsen noch die vorhin genannten Getreidearten und Knollengewächse. Oberhalb der landwirtschaftlichen Anbaugrenze erstreckt sich eine Hartgrassteppe – die Nahrungsgrundlage für die Lama- und Alpakaherden. Das weite Hochplateau im Süden, das sich zwischen der westlichen und der östlichen Andenkette ausdehnt, ist unter dem Namen Altiplano bekannt, was so viel wie »Hochebene« heißt. Es herrscht ein kaltes Klima mit Temperaturen, die nachts in der regenlosen Zeit von Mai bis September bis weit unter 0 °C fallen können. Zwischen Tag und Nacht bzw. Sonnen- und Schattenseiten bestehen markante Temperaturunterschiede. Abgesehen von einigen wenigen kleinen Oasen mit Gras und Polstergewächsen, die bis auf eine Höhe von 5200 Metern auftreten, dominieren Schnee, Firn, Eis und Gletscher die über der Puna gelegene Hochgebirgslandschaft. Die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht sind extrem, wobei das Thermometer bis auf −30 °C fallen kann. Permanente Schneefelder bedecken die Gebirgslandschaft von etwa 5300 Metern an aufwärts.

7) An der Ostflanke der Anden geht das Hochgebirge ebenfalls in die Puna über. Je tiefer man kommt, desto dichter wird die schüttere Grassteppe. Ananasgewächse und niedrige moosbehangene Bäume zeigen den nahen tropischen Regenwald an. Weiter unten geht der Niederwald in den immergrünen tropischen Bergwald über. Die Höhe dieser Übergangszone zwischen Puna und Wald schwankt gemäß der jeweiligen Topografie. Sie kann auf bis zu 3800 Metern liegen, der Obergrenze der vom Amazonas-Becken aufsteigenden feuchten Luftmassen. Der hoch gelegene tropische Regenwald (Selva Alta) bedeckt die zerklüfteten Gebirgsausläufer und die breiten Täler. Dazwischen gibt es auf Höhen zwischen 1000 und 2300 Metern inselartiges Siedlungs- und Ackerland, das sich zum Anbau von tropischen Pflanzen hervorragend eignet. Diese hügelige, von den Quellflüssen des Amazonas durchzogene Übergangszone zwischen der Sierra und dem Tiefland wird Montaña genannt.

8) Wo die äußersten Hügel der Montaña in das riesige Amazonas-Becken auslaufen, nimmt der tief gelegene tropische Regenwald (Selva Baja) seinen Anfang. Die fruchtbarsten Gebiete des Tieflanddschungels liegen entlang des Amazonas-Stroms und dessen Zuflüssen, die ihrerseits eine reiche aquatische Fauna bergen. Alljährlich treten die Flüsse über die Ufer und überschwemmen weite Ebenen, wobei sich nährstoffreiches Material ablagert. Dagegen sind die Urwaldböden zwischen den großen Flüssen im Allgemeinen weitaus karger, nährstoffärmer und besitzen nur eine dünne Humusschicht. Da die dichte Vegetation, aber auch die Überschwemmungen, Sümpfe und Seen ein Durchkommen auf dem Landweg stark erschweren, wickelt sich der Personen- und Warenverkehr hauptsächlich auf dem weit verzweigten Flusssystem ab. Ausgiebige Niederschläge – im Jahresdurchschnitt 2,9 Meter – und eine ganzjährig ziemlich konstante Temperatur sind für das feucht-heiße Klima verantwortlich. Die Durchschnittstemperatur beträgt 26 °C, wobei der Oktober mit Werten zwischen 34° und 37 °C wärmster Monat ist.

Abb. 2: Die Straßen in den Anden führen über steile, gefährliche Strecken. Hier eine der Passstraßen, die den Callejón de Huaylas mit dem Callejón de Conchuco (Dep. Áncash) verbinden. Die Passhöhe, die Punta Olímpica, liegt auf 4890 Metern über dem Meeresspiegel.

Naturgewalten

Seit Urzeiten haben Naturkatastrophen die Andenländer schwer getroffen. Vor der Westküste Perus liegt die sogenannte Nazca-Platte – eine ozeanische Platte, aus der die Erdkruste und der oberste Teil des Erdmantels aufgebaut sind. Sie bewegt sich ostwärts, wo sie mit der Südamerikanischen Platte kollidiert und wo ein Vulkangürtel entstanden ist. Von den über 400 peruanischen Vulkanen gelten zwölf als Sicherheitsrisiko. Bei einem etwaigen Ausbruch bedrohen Gase, Asche, Staub und Lavaströme Großstädte wie Arequipa oder ländliche Siedlungen. Den jüngsten Vulkanausbruch registrierte das Geophysikalische Institut Perus im Juli 2019. Es handelte sich um den 5672 Meter hohen Ubinas, den aktivsten Vulkan des Landes. 30 000 Personen mussten aus der Gefahrenzone evakuiert werden. Die bislang verheerendste Eruption ereignete sich im Jahr 1600, als der Vulkan Huayna Putina explosionsartig ausbrach. Ein Regen aus Lava und Asche ging über Felder und mehrere Indianerdörfer nieder. Im Umkreis von etwa 90 Kilometern bedeckte eine bis zu einem halben Meter dicke Ascheschicht Äcker, Weiden und Weingärten. Die austretende Lava versperrte dem Río Tambo den Weg, sodass sich der Fluss zu einem fast 40 Kilometer langen See staute. Als der natürliche Staudamm brach, schossen die Wassermassen durch das Tal in Richtung Meer. Auf einer Strecke von über 100 Kilometern verwüstete die Flut sämtliche Gärten und Äcker, sie entwurzelte die Fruchtbäume, fegte die Zuckerrohrfelder hinweg und riss das weidende Vieh mit in den Tod. Im Gefolge der Katastrophe verhungerte drei Viertel des Viehs, fast sämtliche Reben sowie die Frucht- und Olivenbäume starben ab. Die Aschewolke verdunkelte das Sonnenlicht und ließ weltweit die Temperaturen sinken. Während der nächsten zweieinhalb Jahre setzten kühle Sommer und bitterkalte Winter Mensch und Tier schwer zu. Es kam zu Hungersnöten, die unzählige Tote forderten.

Seit dem Jahre 1568 haben über 70 schwere Erd- oder Seebeben Peru erschüttert. Lima, Arequipa und Cusco, um nur die wichtigsten Städte zu nennen, sind im Verlauf ihrer Geschichte mehrmals zerstört oder schwer beschädigt worden. Immer wieder lösten Seebeben auch gefährliche Flutwellen (Tsunamis) aus. Am 28. Oktober 1746 brandeten mehrere Flutwellen über Limas Hafen Callao. Ein mit 34 Kanonen ausgerüstetes Kriegsschiff wurde über die Hafenstadt hinweggespült und blieb eineinhalb Kilometer von der Küste entfernt auf dem Festland liegen. Im Hafen Callao selbst blieben nur mehr Reste des Schutzwalles und einzelne Gebäudemauern stehen. Von der auf 5000 bis 6000 Personen geschätzten Einwohnerschaft überlebten keine 200 Menschen. Von 1970 bis heute suchten sieben schwere Erdbeben Teile Perus heim. Sie erreichten Stärken von 6,7 bis 8,4 auf der Richterskala. Das letzte schwere Erdbeben, gefolgt von einem Tsunami, fand im August 2007 statt.

Im Verbund mit den Erdbeben stellen überhängende Felsen und Gletscher eine unberechenbare Gefahrenquelle dar. Ein schweres Beben verursachte am 31. Mai 1970 einen fatalen Gletscherabbruch. Vom höchsten Berg des Landes stürzten gewaltige Eismassen in zwei Seen. Sie lösten eine Flutwelle und in ihrem Gefolge eine 800 Meter breite Schlamm- und Gerölllawine aus, welche die Provinzhauptstadt Yungay vollständig begrub. Insgesamt starben 70 000 Menschen und 500 000 wurden obdachlos.

Neben dem Vulkanismus und den Erdbeben drohen weitere Naturgefahren. Insbesondere in der Landwirtschaft richten Starkregen, Dürren, Hagel, Kälteeinbrüche und Nachtfrost sowie Knollenfäule, Schädlingsbefall, Ratten- und Mäuseplagen große Schäden an. Während der Regenzeit können sich sintflutartige Regenfälle im Hochland und im Dschungel ergießen. Sie lösen Erdrutsche und Muren aus, die Bewässerungskanäle, Straßen und Bahnlinien verschütten, Weiler, Dörfer oder Stadtteile zerstören und Gemeinden von ihrer Verbindung zur Außenwelt abschneiden. Im Amazonasgebiet schwellen die Flüsse alljährlich stark an und setzen riesige Waldgebiete unter Wasser.

Alle paar Jahre tritt im tropischen Pazifikraum eine Störung der ozeanischen und atmosphärischen Zirkulationsverhältnisse auf mit Auswirkungen auf weite Teile der Welt. Das Zirkulationsphänomen ist unter der Bezeichnung El Niño Southern Oscillation (kurz: ENSO) bekannt, wobei El Niño im Pazifischen Ozean, die Southern Oscillation in der Atmosphäre abläuft. An Perus Küste treten die Auswirkungen üblicherweise im Dezember auf, weshalb die Fischer das Phänomen als El Niño (das Christkind) bezeichneten. In Zyklen von früher fünf bis acht, in neuerer Zeit von drei bis fünf Jahren dringen Warmwasserströmun-

Abb. 3: Zur Zeit des Hochwassers werden Teile des Quartiers Puerto Belén in Iquitos überflutet.

gen bis an Perus nördliche oder sogar zentrale Küstenregion vor. Im kühlen Humboldtstrom steigt weniger kaltes, nährstoffreiches Wasser an die Oberfläche. Der Anstieg der Wassertemperaturen in Kombination mit dem Rückgang des Sauerstoff- und Kohlenstoffgehalts im Meereswasser wirken sich negativ auf die Reproduktionsfähigkeit der Mikroorganismen aus und stören die maritimen Nahrungsketten massiv. Die Kaltwasserfische sterben oder wandern ab, was für die riesigen Vogelkolonien, die Meeressäuger (Robben, Wale, Otter) und die Fischindustrie verheerende Auswirkungen hat.

Die wärmeren Wassertemperaturen wirken sich auch auf das Wettergeschehen aus: Wasser kann leichter verdunsten, die Luft wird feuchter und es bilden sich Wolken. Heftige Regenfälle und Überschwemmungen ziehen die ansonsten trockene Küstenregion in Mitleidenschaft, verwüsten Felder und Plantagen, zerstören Häuser, Brücken, Straßen und Trinkwasseranlagen. Die Überschwemmungen führen zur Verseuchung des Trinkwassers, sodass in den El-Niño-Jahren 1972–1973, 1982–1983 und 1997–1998 in den Flussoasen von Nordperu Typhus, Ruhr, Hepatitis sowie Magen- und Darminfektionen grassierten. Zugleich entstehen in El-Niño-Jahren im Wüstengebiet Sümpfe und Seen. Ödland verwandelt sich dann in grüne Weiden, die für einige wenige Wochen Tausenden von Ziegen zusätzliche Nahrung geben. Während Starkregen und Überschwemmungen die Küstenregionen heimsuchen, treten im zentralen und im südandinen Hochland Dürren auf.

Abb. 4: Das imposante Huayhuash-Gebirge im nördlichen Zentralperu.

Literaturhinweise

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Denevan, William M. 2001, Cultivated Landscapes of Native Amazonia and the Andes, Oxford

Deutsch Lynch, Barbara 2019, Water and Power in the Peruvian Andes, in: Seligmann, Linda J./Fine-Dare, Kathleen S. (Hg.), The Andean World, Abingdon und New York, 44–59

Hall, Basil 1824, A Journal, Written on the Coasts of Chili, Peru, and Mexico, in the Years 1820, 1821, 1822, Bd. 1, London und Philadelphia

Hahn, Michael 2010, Handbuch zur Geschichte Perus, Bd. 1 (Teilband 1): Peru vor den Inkas, Zürich, 5–34

Mächtle, Bertil 2016, Umwelt und Mensch im Naturraum, in: Paap, Iken/Schmidt-Welle, Friedhelm (Hg.), Peru heute: Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt am Main, 17–38

Ortemberg, Pablo 2009, La entrada de José San Martín en Lima y la proclamación del 28 de julio: la negociación simbólica de la transición, in: Histórica XXXIII.2

Vidal Pulgar, Javier 1982, Landschaft und Menschen, in: Kauffmann-Doig, Federico, Peru, Innsbruck und Frankfurt am Main, 29–39

Das Ende der spanischen Kolonialherrschaft (1808–1826)

Aus den Unabhängigkeitskämpfen ging in den 1820er-Jahren die Republik Peru hervor. Für fast drei Jahrhunderte bildete das Andenland das Kerngebiet des riesigen Vizekönigreichs Peru, das zum überseeischen Erbbesitz der spanischen Monarchie gehörte. Für die Loslösung der amerikanischen Kolonien war letztlich die wirtschaftliche und militärische Schwäche Spaniens ausschlaggebend. Im 18. Jahrhundert waren Großbritannien und Frankreich die führenden europäischen Großmächte, die eine Reihe von Kriegen um die weltweite Vorherrschaft ausfochten. Wieder und wieder wurde Spanien im Soge Frankreichs in langwierige, kostspielige Kriege hineingezogen.

Seit dem Dynastiewechsel im Jahr 1700 lösten sich Könige aus dem französischen Adelsgeschlecht der Bourbonen auf dem spanischen Thron ab. Dem Vorbild des absolutistischen Frankreichs nacheifernd, bemühten sie sich, Spanien wieder zu altem Glanz und zu alter Größe zurückzuführen. Eine Reihe einschneidender Neuerungen – bekannt unter der Bezeichnung Bourbonische Reformen – sollte die Autorität der spanischen Zentralregierung stärken, die Wirksamkeit des staatlichen Verwaltungssystems erhöhen und die Wirtschaft ankurbeln. Unter König Philipp V. (Felipe V.; 1700–1746) wurde vom riesigen Vizekönigreich Peru, das eine Fläche von rund zehn Millionen km2 einnahm, das Vizekönigreich Nueva Granada (Neu-Granada) mit der Hauptstadt Santa Fe de Bogatá abgetrennt. Aufgrund dieser territorialen Neuordnung büßte Peru seine nördlichsten Gebiete ein mit den heutigen Ländern Kolumbien, Ecuador, Panama und Teilen Venezuelas.

1759 übernahm mit Karl III. (Carlos III.) ein ausgeprägt reformorientierter König für fast drei Jahrzehnte den spanischen Thron. Weit stärker als seine bourbonischen Vorgänger war er gewillt, die mit dem monarchischen Absolutismus verbundene Machtfülle zu nutzen, neue Institutionen zu etablieren und an der französischen Verwaltung orientierte Arbeitsmethoden einzuführen. Unter Karl III. kam es 1776/1777 zur Etablierung des Vizekönigreiches Río de la Plata mit der Hauptstadt Buenos Aires. Damit wurden Buenos Aires, Tucumán, Paraguay, Santa Cruz de la Sierra, Hochperu (Bolivien) mit der sagenhaften Silberstadt Potosí und ein Teil Westargentiniens (Cuyo) dem politischen und ökonomischen Einfluss von Lima entzogen. Das Vizekönigreich Peru bestand somit nur noch aus dem heutigen Peru und aus Chile.

Trotz breiten Widerstandes konnten die Bourbonen viele ihrer Reformen durchsetzen, wobei die Steuereinnahmen substanziell erhöht, die administrative Effizienz gesteigert und die grassierende Korruption reduziert wurden. Der Preis dafür war allerdings unverhältnismäßig hoch. Zum einen führten die revidierte Steuerpraxis sowie das Schließen zahlreicher Schlupflöcher in der Verwaltung zu erheblichen Animositäten zwischen der einheimischen Elite und frisch aus Spanien eingereisten Funktionären. Zum anderen machte sich die allgemeine Empörung in Gewaltausbrüchen und Meutereien Luft, die ihren Kulminationspunkt im Großen Aufstand von 1779 bis 1782 erreichten. In dieser Zeit erschütterten Massenerhebungen ein riesiges Gebiet, das von Cusco über La Paz bis ins heutige Nordwestargentinien und Nordchile reichte. Im Verlauf des Großen Aufstands verloren Zehntausende ihr Leben und es spielten sich unfassbare Gräueltaten ab. Nach der blutigen Zerschlagung der Aufstandsbewegung dauerte es fast drei Jahrzehnte, bis sich erneut Widerstandsherde bildeten, die eine ernsthafte Gefahr für die spanische Herrschaft darstellten.

Auf Karl III. folgte Karl IV. (Carlos IV.), der von 1788 bis 1808 herrschte, das Werk seines Vaters jedoch nur unvollkommen weiterverfolgte. Nach seiner Inthronisation sah sich Karl IV. mit dem Ausbruch der Französischen Revolution (1789) konfrontiert, die zur Hinrichtung des französischen Königs Ludwig XVI. führte. Die Enthauptung seines bourbonischen Verwandten beeinträchtige zwar das traditionell enge Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern, Hauptfeind Spaniens blieb aber auch weiterhin England. Seit 1796 bekriegten die beiden rivalisierenden Seemächte einander fast ständig. Die dreijährige Blockade des spanischen Haupthafens Cádiz unterbrach die Versorgungslinie zwischen Spanien und seinen überseeischen Gebieten, noch bevor die vernichtende Niederlage des spanisch-französischen Flottenverbandes in der Schlacht von Trafalgar (21. Oktober 1805) den Engländern endgültig die Vorherrschaft zur See verschaffte. Spanien verlor einen Großteil seiner Flotte und büßte damit weitgehend seine Fähigkeit ein, Truppen aus dem Mutterland über den Atlantik zu verschiffen.

Die bourbonische Reformpolitik, welche die überseeischen Provinzen deutlicher denn je als abhängige Kolonien behandelte, stieß bei den Betroffenen auf entschiedene Ablehnung. Indianer und Angehörige der Unterschichten rebellierten gegen die erhöhte finanzielle Belastung, die das verschärfte Steuerregime und die Einführung neuer Staatsmonopole nach sich zog. Unter den einheimischen Eliten trug der Abbau angestammter Privilegien zusammen mit der Bevorzugung von Europaspaniern bei der Ämtervergabe zur Entfremdung vom Mutterland bei. Ebenfalls Anlass zur Unzufriedenheit gab das merkantilistische Außenhandelssystem: Die Lockerungen bestehender Handelsbeschränkungen gingen den einen nicht weit genug, für die Profiteure des alten Handelssystems gefährdeten die Neuregelungen die wirtschaftliche Existenz.

Als 1808 napoleonische Truppen in Spanien einmarschierten und weite Teile der iberischen Halbinsel besetzten, eröffnete sich für die überseeischen Gebiete die Möglichkeit, ihre Beziehungen zum Mutterland neu auszuhandeln. Auf Forderungen nach mehr Rechten folgte bald der Ruf nach einer vollständigen Lösung von der spanischen Monarchie – wenn nötig auch mit Waffengewalt. Bei den frühen militärischen Konflikten bekämpften spanientreue Truppen – Royalisten oder Loyalisten genannt – Aufständische, die sich selbst als Patrioten bezeichneten. Anfänglich nahmen beide Seiten für sich in Anspruch, für den spanischen König Ferdinand VII. zu kämpfen, der in Frankreich unter Hausarrest stand. Bald jedoch stellte sich heraus, dass der Hauptantrieb für viele Kämpfer kein übergeordnetes »höheres« Ziel war, sondern dass sie ihre eigenen Partikularinteressen verfolgten. Dazu gehörten das Streben nach lokaler oder regionaler Dominanz gleichermaßen wie das Beutemachen, Rachefeldzüge oder die Verbesserung der eigenen sozioökonomischen Position. Seitenwechsel aus Opportunitätsgründen, wechselnde Gefolgschaft, hohe Desertationsraten und häufige Amnestien waren die Folge.

Während mehrere Regionen Spanisch-Amerikas aus eigener Kraft die Unabhängigkeit erkämpften, blieb Peru lange Zeit fest in spanischer Hand. Als letztes Bollwerk Spaniens erreichten Peru und Hochperu (Bolivien) die Unabhängigkeit nicht ohne auswärtige Hilfe. Heere aus den befreiten südamerikanischen Gebieten übernahmen diese Aufgabe.

Die Geschehnisse in Europa

Im März 1808 zwangen die Anhänger des spanischen Kronprinzen Ferdinand (Fernando) dessen Vater – König Karl IV. – zur Abdankung. Der Streit innerhalb der königlichen Familie lieferte Napoleon Bonaparte, dem Kaiser der Franzosen, den willkommenen Vorwand zum Eingreifen: Die Bourbonen mussten abdanken, und Ferdinand) wurde zusammen mit seiner Familie in Frankreich faktisch unter Hausarrest gestellt. Am 6. Juni ernannte Napoleon seinen älteren Bruder Joseph zum neuen spanischen König, womit er Spanien zum Satelliten des französischen Imperiums degradierte.

Gegen die französische Machtübernahme formierte sich in Spanien breiter Widerstand, der in einen erbitterten Kleinkrieg mündete. In den einzelnen Landesteilen organisierten regionale Juntas (Regierungsausschüsse, Komitees) den Widerstand gegen die französischen Besatzungstruppen. Im September 1808 schlossen sich die zahlreichen autonomen Juntas zu einem Zentralkomitee (Junta Suprema Central) zusammen, das im Namen Ferdinands VII. die Regierung und das militärische Oberkommando übernahm. Von der Isla de León vor Cádiz aus organisierte die Zentraljunta den Widerstand. Dank des Flottenschutzes durch die verbündeten Engländer blieb Cádiz für die französischen Truppen uneinnehmbar. Zu Beginn des Jahres 1810 trat die Zentraljunta die provisorische Regierungsgewalt an eine Nachfolgeinstitution – den Regentschaftsrat – ab. Im Einklang mit der spanischen Rechtstradition sollte eine auf den September angesetzte Ständeversammlung (Cortes) eine politische Neuordnung ausarbeiten. Die amerikanischen Gebiete wurden eingeladen, eigene Abgeordnete für die Ständeversammlung zu wählen und diese nach Cádiz zu entsenden. Allerdings blieben die überseeischen Territorien mit ihren 15 bis 17 Millionen Einwohnern gegenüber den rund 10,5 Millionen Einwohnern Spaniens deutlich unterrepräsentiert.

Das deklarierte Ziel der Ständeversammlung war die Ausarbeitung einer Verfassung. Nach eineinhalb Jahren war das Werk vollbracht. Am 19. März 1812 unterzeichneten 183 Deputierte, davon 47 aus Amerika, die Constitución Política de la Monarquía Española. An der Ausarbeitung der Konstitution war der peruanische Jurist Vicente Morales Duárez (1757–1812) beteiligt. Kurz nach der Unterzeichnung der Verfassung wurde er zum Präsidenten der Cortes gewählt. Der Verfassungstext traf am 20. September in Lima ein.

Das liberale Tauwetter in Spanien war nur von kurzer Dauer. Napoleons Niederlage in Russland besiegelte das Ende der französischen Besetzung. Im März 1814 kehrte König Ferdinand aus seinem Exil nach Spanien zurück, um schon im Mai die neue Verfassung und die damit verbundene Ordnung wieder aufzuheben. Der Monarch ließ die Cortes auflösen und die liberalen Führer, die in seinem Namen den Widerstand gegen Frankreich mitorganisiert hatten, verfolgen und inhaftieren. Mit der Wiedererrichtung des absolutistischen Regimes lebte auch die Inquisition wieder auf, während liberale Rechte wie die Meinungs- und Pressefreiheit zurückgenommen wurden.

Um die abgefallenen Gebiete in den Kolonien wieder fest in sein Reich einzubinden und die separatistischen Unruheherde ein für alle Mal zu ersticken, sandte Ferdinand das stärkste militärische Truppenkontingent seit Beginn der überseeischen Eroberungen über den Atlantik. Zwischen 1811 und 1818 überquerten über 40 000 spanische Soldaten und Offiziere das Meer. Nur wenige überlebten und kehrten in ihre Heimat zurück. Viele, vielleicht sogar die meisten, starben nicht bei Kampfeinsätzen, sondern aufgrund von Krankheiten wie Ruhr, Pocken, Skorbut und verschiedenen tropischen »Fiebern«, insbesondere Gelbfieber.

Während sechs Jahren regierte Ferdinand persönlich in »absoluter« Form, eisern am dynastischen Prinzip und am Gottesgnadentum des Absolutismus festhaltend. Mit der absolutistischen Restauration zerschlugen sich die letzten Hoffnungen, den Abfall der überseeischen Territorien mittels Reformen auf friedlichem Wege aufzuhalten. Am 1. Januar 1820 meuterten in Cádiz Teile eines spanischen Expeditionskorps, das für einen Militäreinsatz in Südamerika aufgeboten worden war. Unter dem Druck der Ereignisse sah sich Ferdinand gezwungen, die Verfassung von Cádiz wieder in Kraft treten zu lassen. Widerwillig musste er eine aus Liberalen bestehende provisorische Junta einsetzen, Neuwahlen zu den Cortes anordnen und die Kämpfe gegen die Unabhängigkeitsbewegungen vorübergehend einstellen. Bereits im Frühjahr 1823 machte er diese liberalen Schritte wieder rückgängig, indem er verkündete, dass man ihn seit März 1820 zur Bestätigung von Gesetzen und zur Ausfertigung von Erlassen gezwungen habe. Folglich seien alle Akte der sogenannten konstitutionellen Regierung null und nichtig.

Juntas in Spanisch-Amerika

Die napoleonischen Kriege banden die militärischen Kräfte der Großmächte Spanien, Frankreich und England, sodass die spanischen Überseegebiete vorübergehend sich selbst überlassen blieben. Für die einheimische Oberschicht weitete sich der politische Spielraum stark aus, emanzipatorische und separatistische Bestrebungen erhielten starken Auftrieb. In Anlehnung an die Junta-Bewegung im Mutterland bildeten Angehörige der lokalen Elite in den Regionalzentren La Plata (auch: Chuquisaca), La Paz und Quito Regierungsausschüsse (Juntas de Gobierno), die vorgaben, die Regierungsgewalt im Namen Ferdinands VII. auszuüben. Tatsächlich ging es diesen Juntas in erster Linie um die regionale Unabhängigkeit von den vizeköniglichen Hauptstädten Lima, Buenos Aires und Bogotá.

Die ersten Juntas hatten nur kurzen Bestand. In Hochperu marschierten royalistische Truppen aus den Vizekönigreichen Peru und Río-de-La-Plata ein, welche die Junta-Bewegung im Oktober 1809 in einer kombinierten Aktion gewaltsam zerschlugen. Am 13. Juli 1810 verkündete der peruanische Vizekönig Abascal den erneuten Anschluss der hochperuanischen Provinzen an das Vizekönigreich Peru. Im Falle der Stadt Quito brach die Junta infolge interner Streitigkeiten auseinander, noch bevor die von den Vizekönigen in Peru und Neu-Granada entsandten Streitkräfte in der Stadt eintrafen. Trotz dieser Rückschläge bildeten sich andernorts neue Juntas, die für mehr Autonomie und nun sogar für die Unabhängigkeit von Spanien kämpften. Im Mai 1810 verweigerte die kreolische Oberschicht von Buenos Aires dem Regentschaftsrat im spanischen Cádiz die Gefolgschaft. Der Vizekönig wurde mitsamt der vizeköniglichen Gerichts- und Verwaltungsbehörde (Audienz) auf die Kanaren verfrachtet und durch eine Regierungsjunta ersetzt. Damit vollzog sich am Río de la Plata bereits 1810 die Loslösung vom Mutterland. Bis Ende des Jahres fielen große Teile Hochperus (Boliviens) unter die Kontrolle der Regierung von Buenos Aires (Bonaerenser Junta). Nach der Niederlage gegen königstreue peruanische Truppen bei Guaqui (auch: Huaqui; am südlichen Ende des Titicacasees, nahe der Grenze zum Vizekönigreich Peru) mussten sich die bonaerensischen »Patrioten« im Juni 1811 fluchtartig aus Hochperu zurückziehen. Zwei weitere Militärexpeditionen zur Eroberung der hochperuanischen Gebiete scheiterten. Obschon lokale Freischärler dort einige ländliche Zonen kontrollierten, blieb Hochperu nominell unter der Herrschaft des Vizekönigs in Lima.

Am 19. April 1810 verkündete in Caracas eine Junta, der sich der spätere Nationalheld Simón Bolívar angeschlossen hatte, die Selbstverwaltung Venezuelas. Nach jahrelangen Kämpfen und wechselndem Kriegsglück musste Bolívar ins Exil nach Jamaika flüchten. In der Zwischenzeit eroberten royalistische Truppen auch Chile zurück, wo seit September 1810 verschiedene Regierungsjuntas das Sagen hatten. Ein Teil der in der Entscheidungsschlacht von Rancagua (1./2. Oktober 1814) geschlagenen »patriotischen« Armee floh über die Anden ins argentinische Mendoza. Abgesehen von der Río-de-la-Plata-Region hatte die spanische Monarchie damit die Herrschaft über sämtliche Gebiete zwischen dem Río Grande im nördlichsten Mexiko und Feuerland wieder zurückgewonnen.

Lima – Bollwerk der Loyalisten

Dank der frühen Allianz zwischen staatlicher Gewalt und privaten Machtgruppen blieb die Hauptstadt des Vizekönigreichs Peru fest in königstreuer Hand. Von der revolutionären Begeisterung, die 1809 La Plata, La Paz und Quito erfasst hatte, ließen sich in Lima nur eine Handvoll Männer um das Brüderpaar Silva anstecken. Ihre Umsturzpläne flogen aber auf und die Verschwörer wurden vor Gericht gestellt und anschließend in die Verbannung geschickt. Ungeachtet aller Klagen über die Bourbonischen Reformen genoss der monarchische Absolutismus unter den konservativen Eliten Limas lange Zeit einen starken Rückhalt. Dieser machtvolle Kreis aus aristokratischen Großgrundbesitzern, in der Kaufmannsgilde (Consulado) versammelten Monopolisten, Wirtschaftsprotektionisten und Manufakturbetreibern gehörte zu den Nutznießern des herrschenden Systems, der sich bis zum bitteren Ende gegen die Loslösung von Spanien stemmte. Der Große Aufstand von 1779 bis 1782 und zahllose lokale Rebellionen hatten ihnen die Gefahren eines Kasten- und Klassenkriegs vor Augen geführt und Forderungen nach mehr Autonomie oder gar Unabhängigkeit gedämpft. Außer den konservativen Eliten hatten natürlich auch die königlichen Spitzenbeamten und der hohe Klerus ein vitales Interesse an der Erhaltung des Status quo. Gemeinhin profitierte die Hauptstadt von ehrgeizigen Entwicklungs- und Modernisierungsprogrammen, welche die letzten Vizekönige in Angriff genommen hatten. Besonders aktiv und gewandt erwies sich Vizekönig Abascal, der im kritischen Jahrzehnt von 1806 bis 1816 die Regierung führte. Mit verschiedenen Maßnahmen steigerte Abascal die militärische Schlagkraft der königstreuen Truppen. Unter Einbezug der Kader und Truppen aus dem Mutterland gelang ihm die Formierung eines regulären Heeres, das bald gegen die Autonomiebewegungen eingesetzt werden sollte.

Die allgemeine Aufrüstung, die Militäreinsätze gegen die Junta-Hochburgen sowie die finanzielle Unterstützung des besetzten Mutterlandes verursachten hohe Kosten. Zur Überbrückung finanzieller Engpässe mussten die Vizekönige auf die Hilfe von Privatpersonen und Körperschaften zurückgreifen. Dabei erwiesen sich die vermögenden Großhändler der Kaufmannsgilde (Consulado) als besonders dienlich. Ab 1810 ließ sich die Kaufmannsgilde in eine Spirale von Darlehen und Abgaben hineinziehen, mit deren Hilfe die separatistischen Bewegungen bekämpft wurden. Damit rückte die Korporation zur wichtigsten Kapitalgeberin und Verbündeten des Vizekönigs Abascal in dessen Kampf gegen die Unabhängigkeitsbestrebungen auf. Als gewiefter Politiker nutzte Abascal eigenmächtig den Freiraum, den das weitgehend paralysierte Mutterland ihm bot. Nach eigenem Ermessen setzte er Reformdekrete um. Er verhinderte oder behinderte die Implementierung von Maßnahmen, die er für den Fortbestand des Vizekönigreichs als gefährlich erachtete. So ließ er fünf Monate nach der Verkündung der Pressefreiheit in Cádiz (10. November 1810) diese formell zu, ging aber dennoch energisch gegen missliebige Publikationen und deren Herausgeber vor. Ohne Erfolg bekämpfte er dagegen die Abschaffung des im März 1811 verordneten Indianertributs, eine Steuerabgabe, die ausschließlich die Indianer bezahlen mussten. Er konnte nicht verhindern, dass dem Schatzamt bis zur Wiedereinführung des Indianertributs im Jahr 1815 etwa ein Drittel der gesamten jährlichen Steuereinnahmen entgingen.

Wenn dem Vizekönig gewisse liberale Reformen auch zu weit gingen, so ließ er dennoch Wahlen durchführen. Nach dem ersten Wahlaufruf der Zentraljunta in Spanien trat 1809 Limas Stadtrat (Cabildo) zusammen und bestimmte José de Silva y Olave zum Abgeordneten für die Cortes. Der angesehene Rektor der Universität von San Marcos erhielt unter anderem die Weisung, in Cádiz für die Einführung eines uneingeschränkten Freihandels zu plädieren und Chancengleichheit zwischen Kreolen und Europaspaniern bei der Ämterbesetzung zu verlangen. Nachdem Abascal und die vizeköniglichen Funktionäre den Schwur auf die neue Verfassung im Oktober 1812 geleistet hatten, organisierten sie, wie von der Konstitution verlangt, Wahlen für die Stadt- und die Provinzräte im Vizekönigreich sowie für die Parlamentsabgeordneten in Spanien. Erstmals durften Europaspanier, Kreolen, Mestizen und Indianer gemeinsam wählen. Das Resultat der Limeñer Stadtratswahl behagte dem Vizekönig überhaupt nicht, denn von den 16 Gewählten waren nur vier Europaspanier. Die intensiven Aktivitäten, die das Gremium entfaltete – 81 Sitzungen im Jahr 1813 und 92 im Folgejahr – bildeten für Abascal Anlass zu konstanter Sorge. Auch in anderen Städten gingen die Kreolen als Sieger aus den Wahlen hervor.

Durch die Gewährung politischer Rechte und größerer Freiheiten bezweckten die Cortes letztlich, eine Abspaltung der überseeischen Gebiete auf friedlichem Wege zu verhindern. In Lima hatten sie mit ihrer Politik insofern Erfolg, als es zu keinen offenen antispanischen Kundgebungen kam. Außerhalb der Hauptstadt flackerten jedoch immer wieder separatistische Unruheherde auf, die ein militärisches Eingreifen provozierten. Mit der Bekämpfung der Separatisten wurden Truppen beauftragt, die sich fast ausschließlich aus Einheimischen zusammensetzten.

Aufstände im Vizekönigreich Peru

Kleinere Erhebungen – im Juni 1811 und im September 1813 in Tacna oder zwischen Februar und April 1812 im Gebiet von Huánuco – brachen schnell in sich zusammen. Ganz andere Dimensionen nahm 1814 der Aufstand von Cusco an, der den Bestand der spanischen Herrschaft im Vizekönigreich Peru ernsthaft gefährdete. Der Aufstand hatte eine lange Vorgeschichte, die bis auf das Jahr 1809 zurückging. Damals versuchte Vizekönig Abascal die Position der Royalisten durch die Ernennung von Europaspaniern in der Gerichts- und Verwaltungsbehörde (Audienz) von Cusco zu stärken. Tatsächlich wurde die Audienz die wichtigste Stütze der spanischen Herrschaft im Hochland. Das ging so weit, dass sie die Veröffentlichung der liberalen Verfassung von Cádiz hinauszögerte und deren Anwendung in Bezug auf die Wahl der Repräsentanten für die Cortes wie auch der Stadträte zu vereiteln suchte. Dennoch fanden im November 1812 Wahlen zur Bestimmung der Parlamentsabgeordneten in Spanien statt. Dabei offenbarten sich erneut Spannungen zwischen Anhängern der von Europaspaniern dominierten Audienz und deren Gegenspielern, den sogenannten Constitucionalistas. Letztere wollten die Verfassung von Cádiz wortgetreu und ohne Abstriche umgesetzt haben. Bei den Wahlen zum neuen Stadtrat im Februar 1813 gingen die Constitucionalistas als Sieger hervor. Kaum im Amt setzten auch schon die ersten Polemiken und Kompetenzstreitigkeiten zwischen den neu gewählten Räten und den Audienz-Funktionären ein. Diese befolgten die Anweisungen des Vizekönigs Abascal und verhinderten, dass die Constitucionalistas ihre verfassungsmäßigen Funktionen in vollem Umfang ausüben konnten. Inmitten des scharfen institutionellen Konflikts brach die Revolution im August 1814 aus. Unter Führung des Kreolen José Angulo besetzten 200 Aufständische das Militärhauptquartier in Cusco. Sie befreiten die gefangenen Gesinnungsgenossen und inhaftierten ihrerseits Exponenten des vizeköniglichen Regimes. Nach dem unblutigen Putsch setzten die Rebellen eine dreiköpfige Übergangsregierung ein, der auch der indianische Curaca (Anführer; Häuptling) Mateo García Pumacahua beitrat. Am 5. Oktober übernahm José Angulo das Amt eines Gobernador-Presidente und leistete einen Eid auf die Verfassung von Cádiz. Dabei bekräftigte er, dass er keine vizeköniglichen Befehle umsetzen würde, die nicht gerechtfertigt seien. Cuscos Stadtrat verhielt sich opportunistisch und unterstützte halbherzig die Aufständischen.

Nach dem erfolgreichen Putsch schwärmten Rebellenverbände aus der Gegend von Cusco Richtung Hochperu, Arequipa und Ayacucho aus. Kampflos nahmen die Aufständischen Puno ein. Sie stießen gegen La Paz vor, das sie nach kurzer Belagerung am 24. September 1814 besetzten. Auch Ayacucho und Arequipa fielen für kurze Zeit in ihre Hände. Trotz dieser Anfangserfolge konnten die gut ausgerüsteten und ausgebildeten royalistischen Truppen das Ruder noch herumreißen. Sie schlugen die Rebellen bei La Paz und in Ayacucho. Zur Entscheidungsschlacht kam es am 11. März 1815 in Umachiri (in der Nähe von Ayavirí, heutiges Dep. Puno), wo 1200 Königstreue 12 000 Aufständischen gegenüberstanden. Bei Letzteren handelte es sich überwiegend um schlecht gerüstete Bauernsoldaten, die mit ihren traditionellen Waffen kämpften. Das ungleiche Gefecht endete mit dem überwältigenden Sieg der disziplinierten und taktisch überlegenen Truppen aus Lima, wobei über 1000 Rebellen und nur 13 ihrer Gegner gefallen sein sollen. Einer der prominentesten Rebellen, der in spanische Gefangenschaft geriet, war der junge arequipeñische Poet und Feldrichter Mariano Melgar. Einen Tag nach seiner Gefangennahme richteten ihn die Spanier hin. Wenig später hängten sie auch den von Melgar besungenen 75-jährigen Curaca Pumacahua. Dessen Leichnam wurde zerstückelt und der Kopf zur öffentlichen Zurschaustellung nach Cusco gebracht. Am 25. März marschierten die royalistischen Truppen in Cusco ein. Die Sieger lösten den Stadtrat auf, setzten die entlassenen Audienzbeamten wieder ein und machten den Rädelsführern den Prozess. José Angulo und seine Brüder Vicente und Mariano wurden zusammen mit dem Priester und Militärkommandanten José Gabriel Béjar am 29. Mai erschossen. Nachdem die Stadt Cusco wieder fest unter vizeköniglicher Kontrolle stand, brach eine Militärexpedition auf, um die letzten Aufstandsherde südlich von Cusco gewaltsam zu ersticken. Im Verlauf des Feldzugs verloren Hunderte von Rebellen bei Kämpfen und Strafaktionen ihr Leben.

Zu Beginn des Aufstandes konnten die Verfassungsbefürworter auf breite Unterstützung aus fast allen städtischen Gesellschaftsschichten zählen – der niedere Klerus, der Bischof und der Stadtrat mit inbegriffen. Anfänglich versicherten sie, dass die Verfassung von Cádiz die einzige Richtschnur ihres Handelns sei. Mit der Ausweitung und Radikalisierung der Bewegung rückten jedoch neue Optionen ins Blickfeld: die Etablierung einer von der spanischen Krone unabhängigen Regierung mit Cusco als neuer Hauptstadt. Im selben Maß, wie die Aufstandsbewegung einen dezidiert antispanischen Charakter annahm, schwand die Unterstützung seitens der vermögenden Kreolen und Mestizen, die zudem über den wiederholten Einzug von »freiwilligen« Spenden zur Finanzierung der Erhebung verärgert waren. Besetzungen von landwirtschaftlichen Gütern (Haciendas), Überfälle, Plünderungen und Gewaltexzesse sowie die Exekution hoher vizeköniglicher Funktionäre taten ein Übriges. Schließlich entzog auch der Cusqueñer Stadtrat den Aufständischen seine Unterstützung.

Neue Angriffsstrategie

Drei Mal waren »patriotische« Truppen aus der Río-de-la-Plata-Region in Hochperu eingedrungen, um vom heutigen Bolivien aus das Vizekönigreich Peru anzugreifen. Und drei Mal hatten royalistische Verbände die Vorstöße zurückgeschlagen. Die Misserfolge bewogen den »patriotischen« General José de San Martín zu einer fundamentalen Änderung der Angriffsstrategie: Peru sollte nicht mehr über den langwierigen Landweg attackiert werden, sondern von seiner südlichen Flanke in Chile aus, und zwar auf dem Seeweg. Voraussetzung zur Verwirklichung dieses kühnen Planes waren die riskante Überquerung der Anden, die Eroberung des Generalkapitanats Chile sowie die Übernahme der Seeherrschaft im südlichen Pazifik.

Gegen Ende des Jahres 1816 stand San Martíns Armee bereit, um von Mendoza aus über die Anden in Chile einzumarschieren. Über mehrere Einfallsachsen rückten die Truppen ins Generalkapitanat vor. Während der Überquerung der Berge, die ungefähr 20 Tage beanspruchte, mussten die einzelnen Heeresteile Passhöhen von bis zu 5000 m bewältigen. Unter den 5000 Soldaten befand sich ein großes Kontingent ehemaliger Sklaven und eine Handvoll Europäer – Veteranen der Napoleonischen Kriege. Nach verschiedenen blutigen Zusammenstößen fiel die definitive Entscheidung in der Schlacht von Maipú (auch: Maipó) am 5. April 1818. Die 3000 Mann starken royalistischen Verstärkungstruppen aus Peru – die Hälfte davon Peruaner, die andere Hälfte Europaspanier, die frisch aus Panama eingetroffen waren – wurden vernichtend geschlagen. Dank diesem Sieg war die Unabhängigkeit Chiles erkämpft, auch wenn im Süden noch einige Jahre royalistische Guerillas operierten und die letzte spanische Festung auf Chiloé sich erst im Jahr 1826 ergab. Mit der Niederlage von Maipú verlor Peru einen Teil seiner Pazifikflotte und büßte eine seiner dynamischsten Handelszonen ein. Dem königlichen Schatzamt in Lima entgingen die substanziellen Abgaben auf Getreide- und Talgimporte beziehungsweise Zucker- und Melasse-Exporte, während der legale Überseehandel mit Spanien über die Kap-Hoorn-Route praktisch zum Erliegen kam. Bislang waren jährlich rund 180 000 Fanegas (ca. 10 Million Liter) chilenisches Getreide nach Lima verschifft worden. Mit der Unterbrechung des Handels schlitterte die Hauptstadt in eine lange Versorgungskrise, in der Getreidemangel, Lebensmittelspekulation und Hunger eine verheerende Rolle spielen sollten.

Nicht nur im südlichen, auch im nördlichen Südamerika mussten die Royalisten herbe Niederlagen einstecken. Im Juli 1818 nahmen Simón Bolívars Truppen im nordöstlichen Venezuela die Stadt Angostura (heute Ciudad Bolívar) ein. Damit verfügten auch Venezuelas »Patrioten« über einen festen Stützpunkt, der ihnen als Aufmarschgebiet gegen die Spanier diente. Selbst innerhalb Perus flackerten wieder Unruhen auf, so im Juli in der Provinz Andahuaylas und im Oktober in der Provinz Aymaraes.

Unterdessen erstanden die »Patrioten« Zentralchiles in London Schiffe und Ausrüstungsmaterial. Als Kommandanten für ihre neu geschaffene Flotte mit sieben Kriegsschiffen gewannen sie den schottischen Lord Thomas Cochrane, einen der bekanntesten Marineoffiziere Großbritanniens. Im Januar 1819 stieß Cochranes Flottenverband, dem auch ein Kontingent von 100 Schwarzen aus der La-Plata-Region angehörte, in peruanische Gewässer vor. Die Kriegsschiffe nahmen Limas Hafen Callao unter Beschuss. Während ein Teil der Flotte den Hafen abriegelte, griff Cochrane mit den restlichen Schiffen Häfen entlang der Nordküste an. »Patriotische« Emissäre gingen an Land, verteilten Propagandamaterial und nahmen Kontakte zu peruanischen Unabhängigkeitskämpfern und Rebellenführern auf. Gleichzeitig verschlechterte sich die Sicherheitslage im peruanischen Küstengebiet merklich: Sklaven flohen aus den Plantagen, subversive Aktivitäten hatten Hochkonjunktur, das Banditentum wucherte und Raubüberfälle auf den Straßen häuften sich.

Angefangen mit Supe am 5. April proklamierten mehrere peruanische Küstenorte die Unabhängigkeit. Lord Cochrane gelang es aber nicht, Lima in die Knie zu zwingen. Im Mai hob er die Blockade des Hafen Callao auf und segelten nach Chile zurück. Im September des gleichen Jahres fuhren Cochranes Schiffe abermals Richtung Norden los. Sie sperrten erneut die Zufahrt zu Limas Hafen und stießen anschließend bis nach Guayaquil vor. Ohne vorgängige Absprache mit der chilenischen Regierung nahm Cochranes Flottenverband Anfang Februar 1820 in einem Husarenstreich den stark befestigten Hafen von Valdivia in Südchile ein. Außerdem gelang es dem Schotten, royalistische Verstärkung aus Spanien abzufangen, den spanischen Handel im Südpazifik zu unterbinden und die peruanische Küste weiterhin unsicher zu machen. Dem nicht genug: Mit der tollkühnen Kaperung der gut gesicherten Fregatte Esmeralda im Hafen Callao im November erwies der schottische Marineveteran der Unabhängigkeitsbewegung einen unschätzbaren Dienst. Denn mit der Esmeralda, die über 44 Kanonen verfügte, verloren die Königstreuen das Flaggschiff ihrer Pazifikflotte.

Die Ausrufung der Unabhängigkeit

Der Hafen von Valparaíso bildete das Aufmarschgebiet für die »patriotischen« Invasionstruppen. Chiles Oberster Staatsführer Bernardo O’Higgins (1817–1823) übertrug dem befreundeten San Martín das Chefkommando mit weitgehenden politischen und militärischen Vollmachten. Die Seestreitkräfte befehligte, im Range eines Vizeadmirals, Lord Cochrane. Am 21. August 1820 lichteten 18 Transport- und sieben Kriegsschiffe ihre Anker. Neben 1600 Seeleuten waren die Division der Anden und die Division von Chile mit einer Truppenstärke von rund 4500 Mann sowie 35 Feldgeschütze an Bord. Bei rund 2000 Männern, die als Infanteristen, Kavalleristen, Artilleristen oder Seeleute dienten, handelte es sich um freigelassene Sklaven. Unter den Hauptleuten befanden sich Briten und US-Amerikaner. Buenos Aires beteiligte sich nicht an der Finanzierung der Militärexpedition, sodass der chilenische Staat die hohen Kosten allein zu schultern hatte. Am 7. September 1820 erreichte der Flottenverband die Bucht von Paracas, 250 Kilometer südlich von Lima. Tags darauf besetzten die Truppen die benachbarte Stadt Pisco. Angelockt vom Versprechen auf Freiheit, reihten sich viele geflohene Sklaven als Soldaten ins Invasionsheer ein.

San Martíns Offensive fiel in eine Zeit, in der politische Auseinandersetzungen und Bürgerkriege das spanische Mutterland und die Royalisten in Amerika erheblich schwächten. Die Rebellion der liberalen Kräfte in Spanien verhinderte das Auslaufen von Truppen und löste eine Welle von Desertionen in den spanischen Garnisonen in Übersee aus. Mit Truppen- und Materialnachschub aus Europa war nun nicht mehr zu rechnen. Kurz vor San Martíns Landung verkündete Vizekönig Pezuela das neuerliche Inkrafttreten der Verfassung von Cádiz. Verfassungskonform setzte er Wahlen für die Stadt- und Gemeinderäte, für die Abgeordneten der Cortes und diejenigen der Provinz an. Aus Madrid erhielt er den Befehl, mit San Martín Verhandlungen über einen Waffenstillstand aufzunehmen. Zugleich versprach die neue spanische Regierung, eine Verhandlungsdelegation nach Peru zu entsenden.

San Martín willigte tatsächlich in Verhandlungen ein, die am 25. September in Miraflores in der Nähe von Lima begannen. Schnell wurde klar, dass keine gütliche Einigung möglich war. Als Repräsentant des spanischen Monarchen konnte und wollte Pezuela in keine Form von Unabhängigkeit einwilligen, zumal er davon überzeugt war, dass sich mithilfe der liberalen Verfassung die kreolischen Forderungen nach Gleichstellung und mehr Autonomie auch ohne Abspaltung vom Mutterland verwirklichen ließen. Nach ergebnislosen Verhandlungen und dem Auslaufen des Waffenstillstands am 4. Oktober setzte San Martín seine Streitkräfte wieder in Bewegung. Eine Truppeneinheit marschierte über Ica ins zentrale Hochland ein. Die »Patrioten« stießen bis ins Bergbaugebiet von Cerro de Pasco vor, wo sie den königstreuen Truppen am 6. Dezember 1820 eine empfindliche Niederlage bereiteten. Sie besetzten für kurze Zeit den Minendistrikt und beschlagnahmten das Silber. Außerdem beschädigten sie die englischen Dampfmaschinen, die man vier Jahre zuvor neu installiert hatte. Im Zuge dieser Militärexpedition erklärten sich neben Ica auch Tarma, Pasco und Huánuco für unabhängig.

In der Zwischenzeit schiffte sich das Gros des »patriotischen« Heeres wieder ein mit dem Ziel, einen Belagerungsring um Lima aufzuziehen. Die Hauptstreitkraft ging bei Ancón nördlich der Hauptstadt an Land. Sie richtete etwas später im nahen Huaura-Tal ihr Hauptquartier für sechs Monate ein. San Martín vermied es, seine zahlenmäßig unterlegenen Truppen in eine alles entscheidende Schlacht zu führen. Er konzentrierte seine Anstrengungen auf die Verbreitung antispanischer Propaganda und die logistische Unterstützung aufständischer Einheimischer. Durch die Blockade Limas beabsichtigte er, die Royalisten auszuhungern und sie durch Nadelstichoperationen zu zermürben. Obwohl Vizeadmiral Cochrane und manche Offiziere eine solche Strategie ablehnten, konnte San Martín erste Erfolge verbuchen. Eine wachsende Zahl peruanischer Gemeinden und Ortschaften erklärte sich für unabhängig. Angeführt vom Aristokraten José Bernardo de Tagle y Portocarrero, proklamierte der Stadtrat von Trujillo am 29. Dezember 1820 die Unabhängigkeit und unterstützte die Aufständischen mit Rekruten und Nachschub. Dem Beispiel Trujillos folgten alsbald Piura und weitere nördliche Orte. Bis im Mai 1821 sprach sich der gesamte Norden für die Loslösung von Spanien aus. Zahlreiche royalistische Soldaten und Offiziere liefen zu San Martín über. Im zentralen Hochland verstärkten sich währenddessen die antispanischen Guerillaaktivitäten.

Für die eingeschlossenen royalistischen Truppen in Lima, die unter Versorgungsengpässen und epidemischen Krankheiten litten, wurde die Lage immer schwieriger. Zugleich wuchs von ziviler Seite der Druck auf Vizekönig Pezuela, denn die neu gewählten Limeñer Stadträte forderten Verhandlungen mit San Martín. Auch die spanischen Offiziere haderten mit dem Vizekönig, dem sie Passivität und Tatenlosigkeit vorwarfen. In einer beispiellosen Aktion zwang das Offizierskorps am 29. Januar 1821 Pezuela zum Rücktritt. An seine Stelle trat General José de La Serna, ein in den napoleonischen Kriegen erprobter Kommandant und treibende Kraft unter den meuternden Offizieren. La Serna versicherte, die Verfassung von Cádiz respektieren zu wollen. Der Putsch zog keinerlei disziplinarische Maßnahmen seitens der spanischen Regierung nach sich. Im Gegenteil: La Serna wurde nachträglich offiziell zum Generalkapitän Perus ernannt.

Wie angekündigt traf im April eine Abordnung des spanischen Parlaments in Lima ein, um Verhandlungen mit San Martín aufzunehmen. Die Verhandlungsdelegationen einigten sich auf die Erneuerung des Waffenstillstands und die Einberufung eines Friedensrats. San Martín warb für sein politisches Projekt, das die Etablierung einer konstitutionellen Monarchie unter Beibehaltung der althergebrachten Privilegien vorsah. Spanien sollte die Unabhängigkeit der Río-de-la-Plata-Region, Chiles und Perus anerkennen und einen spanischen Prinzen für den Thron in Lima benennen. Für La Serna waren diese Vorschläge inakzeptabel, ganz gleich was die spanischen Parlamentsabgeordneten davon halten mochten. La Serna hatte schon früh eingesehen, dass ein Ausharren in Lima aussichtslos war. Vizeadmiral Cochrane blockierte den Hafen Callao und damit die Zufahrt von der Seeseite, während die »patriotischen« Truppen eine adäquate Versorgung der Hauptstadt auf dem Landweg unterbanden. Das Brot wurde knapp und unerschwinglich teuer. Pferdefutter war Mangelware; Epidemien und Desertionen dezimierten den Truppenbestand. Darüber hinaus erwiesen sich der Consulado und Limas Elite außerstande, dringend benötigte Gelder für die Fortsetzung der Kämpfe aufzutreiben. Angesichts dieser Schwierigkeiten leitete La Serna den Abzug der royalistischen Truppen aus der Hauptstadt in die Wege. Am 25. Juni verließ die Hälfte der Infanterie und Kavallerie Lima. Der 4000 Mann starke Heeresteil zog via Cañete-Tal ins zentralperuanische Hochland. Anfang Juli 1821 rückten auch die restlichen Truppen unter dem Befehl von La Serna ab. Nur mehr ein kleines Kontingent blieb in der uneinnehmbaren Festungsanlage Real Felipe im Hafen Callao zurück. Eine Spur der Verwüstung nach sich ziehend und die Hälfte seiner Truppen einbüßend, gelangte La Serna ins Mantaro-Tal, wo sich die beiden royalistischen Heeresteile am 4. August erneut vereinigten. Durch die Aufgabe Limas entledigte sich La Serna auf einen Schlag aller Probleme, die bei der Belagerung einer Großstadt anfielen und bürdete die Verteidigung der Stadt seinen Gegnern auf. Im fruchtbaren Mantaro-Tal hingegen waren die Versorgungslage und die Möglichkeiten zur Aushebung neuer Rekruten ungleich viel günstiger als in Lima.

Ohne militärischen Schutz und den unmittelbar bevorstehenden Einmarsch von San Martíns Armee vor Augen, traten am 15. Juli in aller Eile 340 Notabeln im Stadtrat von Lima zusammen. Im Namen sämtlicher Stadtbewohner unterschrieben sie eine Deklaration, die sich für die Unabhängigkeit von Spanien aussprach. Die formelle Proklamation der Unabhängigkeit beziehungsweise der Schwur auf die neue Ordnung wurden auf den 28. und den 29. Juli angesetzt. Unter den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung befanden sich viele, die der »patriotischen« Bewegung skeptisch gegenüberstanden. Sie schlossen sich notgedrungen oder aus Opportunitätsgründen, ohne tiefere innere Überzeugung, den »Befreiern« an. Ein ansehnlicher Teil der Limeñer Elite zog die Flucht einem Arrangement mit den neuen Machthabern vor. Mindestens die Hälfte der Adligen, zwei Drittel des Stadtrats, ein Fünftel des Kirchenrats und die Hälfte der Audienz-Mitglieder flohen aus der Stadt.

San Martíns Protektorat

Am 28. Juli 1821 rief San Martín auf dem Hauptplatz von Lima die Unabhängigkeit aus. Er organisierte eine Übergangsregierung, deren politische und militärische Führung er selbst unter dem Ehrentitel Protector de la Libertad del Perú (Beschützer der Freiheit Perus) übernahm. Seine Führungsrolle gedachte er bald wieder zugunsten eines europäischen Prinzen abzugeben, entsprechend seines politischen Konzepts, das vorsah, die unabhängig gewordenen amerikanischen Länder in einem Verbund monarchisch regierter Staaten zusammenzufassen.

Zu Beginn des Protektorats befanden sich nur die nördlichen Küstengebiete und die Gegend um Lima unter Kontrolle der »Patrioten«. Über das Hochland, von Quito bis Potosí, geboten nach wie vor die Royalisten. Diese hatten in Hochperu ein starkes Heer stationiert und kontrollierten den Süden des Landes. Die spanischen Truppen im Mantaro-Tal stellten eine unmittelbare Gefahr für die Hauptstadt dar. Direkter Gegenspieler von San Martín blieb La Serna, den die spanische Regierung am 15. August 1821 zum höchsten politischen Kommandanten Perus ernannte. Damit vereinigte sich die politische und militärische Führung der Royalisten auch offiziell in seiner Person. Im Dezember verlegte La Serna den Regierungssitz, das militärische Hauptquartier, die Münzprägeanstalt und die amtliche Druckerei nach Cusco. Das Hauptkontingent seiner Truppen blieb im Mantaro-Tal. Für drei Jahre sollte Cusco die Hauptstadt des schrumpfenden spanischen Imperiums in Südamerika sein. Weit von der Küste entfernt bot die ehemalige Hauptstadt der Inkas Sicherheit vor maritimen Überraschungsangriffen. Zudem verfügte Cusco über die nötigen Einnahmequellen – in erster Linie die indianische Kopfsteuer, Verkaufssteuern und Staatsmonopole –, um sowohl die royalistische Regierungsadministration als auch die Armee zu unterhalten. Den Anordnungen der spanischen Cortes Folge leistend, ließ La Serna Wahlen zu und etablierte Provinzräte in den Zentren Cusco, Huamanga, Arequipa, Puno und La Paz. Die Royalisten kontrollierten ein bevölkerungsreiches Gebiet mit zahlreichen indianischen Bauerngemeinschaften. Diese stellten auch den Großteil der neu rekrutierten Soldaten, was den indianischen Führern die Möglichkeit bot, mehr Machtbefugnisse im Austausch gegen militärische Hilfe auszuhandeln. Zudem wussten viele indianische Gemeinschaften das Wahlrecht zu schätzen, das ihnen die Verfassung von Cádiz garantierte und das ihnen die Selbstbestimmung ihrer Gemeinderäte sowie die Mitbestimmung bei den Provinzräten und den Abgeordneten für die Cortes in Spanien gewährte.

Während La Serna seine Position im Hochland konsolidierte, hatte sein Kontrahent in Lima mit zunehmenden Schwierigkeiten zu kämpfen. In den ersten fünf Monaten seiner Herrschaft unterzeichnete San Martín eine Fülle von Dekreten und drohte sich im administrativen Gewirr zu verlieren. Bezüglich seines Hauptauftrags, den Feind zu stellen und den Krieg siegreich zu beenden, machte er keinerlei Fortschritte. Im Gegenteil: Mitte September schlugen sich royalistische Streitkräfte vom Mantaro-Tal bis zum Hafen Callao durch. Sie evakuierten die Festung Real Felipe, plünderten Limas Stadtkasse und kehrten unbehelligt ins Hochland zurück. Dass San Martín eine offene Konfrontation vermied, trug ihm bei der hauptstädtischen Bevölkerung wenige Sympathien ein. Mit einer Reihe von unpopulären Maßnahmen brachte er breite Sektoren zusätzlich gegen sich auf. Am schwerwiegendsten erwies sich die gegen Europaspanier und spanientreue Kreolen gerichtete Verfolgungskampagne unter Leitung seines Sekretärs, des neu ernannten Kriegs- und Marineministers Bernardo Monteagudo (1790–1825). Monteagudo, der einen schwarzen und einen weißen Elternteil hatte und aus dem argentinischen Tucumán stammte, war ein gewiefter Ideologe, der die politischen Vorstellungen des Protektors teilte. Nicht zuletzt wegen seiner Hautfarbe schlug ihm der offene Hass mancher Limeñer Kreolen entgegen, die ihn als »mulattischen Priapos und Entjungferer weißer Mädchen« verspotteten. San Martín und Monteagudo drängten auf der Schließung der kirchlichen Bußhäuser, in denen adlige Spanier und mutmaßliche Gegner aufgrund des kirchlichen Asylschutzes Zuflucht gefunden hatten. Ihr Druck wurde so stark, dass der Erzbischof von Lima, Bartolomé de Las Heras, der die Unabhängigkeits-

Abb. 5: Cusco, einstige Hauptstadt des inkaischen Großreiches.

urkunde mitunterzeichnet hatte, die Stadt mit dem Ziel Spanien verließ. Gegen Jahresende verschärfte Monteagudo die Ausweisungs- und Konfiszierungskampagnen. Die Schiffe im Hafen Callao füllten sich mit Flüchtlingen und Vertriebenen. Wer emigrierte, verlor zwangsläufig mindestens die Hälfte seiner Güter. Hatten sich die Repressalien anfänglich gegen unverheiratete Europaspanier gerichtet, so wurden sie bald auf alle Personen ausgeweitet, die nicht beweisen konnten, dass sie die Unabhängigkeitsbewegung unterstützt hatten. Selbst bewährte »Patrioten«, deren republikanischer Liberalismus dem monarchistischen Konzept der Machthaber zuwiderlief, wurden bestraft und verbannt. Laut dem Reisetagebuch des schottischen Geschäftsmanns und Pflanzensammlers Alexander Caldcleugh lebten vor Monteagudos Amtsübernahme 10 000 Spanier in Lima. Als dieser am 25. Juli 1822 aus dem Amt gejagt wurde, sollen es kaum mehr 600 gewesen sein. Unter den Exilierten befanden sich nebst dem Erzbischof auch der Bischof von Ayacucho, fünf hohe Audienz-Funktionäre und prominente Mitglieder des Consulado. Die Vertreibung der kommerziellen und finanziellen Elite schädigte die Wirtschaft in starkem Maße. Fachwissen und Investitionskapital gingen unwiederbringlich verloren. Die entstandene Lücke füllten britische Importeure und Exporteure, womit sich neue wirtschaftliche Abhängigkeiten abzeichneten. Die Zwangsmaßnahmen empörten überdies viele Angehörige der kreolischen Mittel- und Oberschichten, die mit den Deportierten durch familiäre, geschäftliche und freundschaftliche Beziehungen verbunden waren.

Gegen Jahresende befand sich das Protektorat in einer kritischen Lage. San Martín reagierte auf die zunehmenden Schwierigkeiten, indem er im Dezember 1821 ein Dekret zur Einberufung des ersten peruanischen Kongresses – eines Verfassungskongresses – unterzeichnete. Nichtsdestotrotz nahmen die allgemeine Unzufriedenheit und die Enttäuschung über seine Regierungsführung weiter zu. Bei der Limeñer Elite stieß die Wirtschafts- und Sozialpolitik auf offene Ablehnung. Die Bevorzugung auswärtiger Vertrauensleute bei der Ämterbesetzung schürte zusätzliche Ressentiments. Verschlimmernd wirkte sich die prekäre Finanzlage aus. San Martíns Regierung sah sich außerstande, die Truppen angemessen zu entlohnen, weshalb viele Soldaten desertierten. Nur mehr 600 Chilenen und eine noch geringere Anzahl an Soldaten aus der La-Plata-Region harrten in Peru aus. Angesichts des drohenden Staatsbankrotts richtete die Regierung eine Bank ein, die Papiergeld herausgab, was die finanzielle Situation aber nur mehr verschärfte. Um den ökonomischen Verpflichtungen nachzukommen, vergab das Protektorat Monopole, prägte Münzen und requirierte die Reichtümer der Kirche. Bald zirkulierten gefälschte Geldscheine, während Zwangseintreibungen und Monopolvergaben die Vermögenden empörten. Weil es trotz aller Bemühungen nach wie vor an finanziellen Mitteln fehlte, entsandte San Martín zwei Vertraute nach Großbritannien, um den ersten Auslandskredit in der Geschichte Perus aufzunehmen. Offiziell hatten die beiden Gesandten den Auftrag, in Europa ein Darlehen von 1,5 Millionen Pfund Sterling (6 Mio. Pesos) aufzunehmen, für die diplomatische Anerkennung Perus zu werben sowie Handels-, Freundschafts- und Bündnisverträge auszuhandeln. Insgeheim sollten sie außerdem eruieren, ob sich ein europäischer Prinz – wenn möglich katholischen Glaubens – bereitfände, als Monarch die Herrschaft in Peru zu übernehmen. Nach ihrer Ankunft in London im September 1822 handelten San Martíns Abgeordnete ein Darlehen über 1,2 Millionen £ mit einem britischen Kaufmann aus.

Das Ende des Protektorats

Zu Beginn des Jahres 1822 kam es zum Bruch zwischen dem Protektor und Vizeadmiral Cochrane. Weil die Zahlungen für seine Mannschaft ausblieben und er Meutereien befürchtete, beschlagnahmte Cochrane kurzerhand Gelder, die der peruanischen Regierung und Privatpersonen gehörten, und bezahlte damit seine Seeleute. San Martín erzwang darauf den Abzug des Schotten aus dem Hafen von Callao. Während Cochrane seine Kampagne gegen spanische Schiffe auf eigene Faust weiterführte, musste sich der Protektor um den Aufbau einer gesonderten peruanischen Flotte kümmern. Tatsächlich gelang es ihm, zunächst einige kleine Schiffe und später zwei spanische Fregatten zu erwerben. Unter widrigen Umständen entschloss sich San Martín zur Entsendung eines Befreiungsheeres, das die südlich von Lima gelegene Stadt Ica den Royalisten wieder entreißen sollte. Der Feldzug endete bereits im April 1822 in einem Debakel und beeinträchtigte den ohnehin schon angekratzten Ruf des Protektors weiter. Jedoch hielt sich der militärische Schaden in Grenzen. Denn am 24. Mai 1822 triumphierten »patriotische« Truppen in der Schlacht von Pichincha in der Nähe von Quito, womit sich ganz Ecuador der spanischen Herrschaft entledigte. Den Oberbefehl über die siegreichen Truppen hatte Antonio José de Sucre inne, einer der engsten Vertrauten Simón Bolívars. Am 16. Juni 1822 hielt Bolívar seinen Einzug in Quito, wo er die Eingliederung Ecuadors in die Republik Großkolumbien verkündete. Zugleich forderte der »Libertador« (»Befreier«) den Anschluss von Guayaquil, dem einzigen größeren Hafen für das Hochland von Quito. Die peruanischen Ansprüche auf das südecuadorianische Küstengebiet negierend, dekretierte er am 13. Juli 1822 die formelle Inkorporation Guayaquils in das großkolumbianische Territorium.

Während Bolívars Renommee ständig wuchs, wurde die Lage für San Martín immer prekärer. Seine Armee setzte sich hauptsächlich aus Sklaven und frisch rekrutierten Kräften zusammen. Weil die Soldaten nur unregelmäßig ihren mageren Sold erhielten, verkauften oder verpfändeten manche ihre Uniformen. Die undisziplinierte Soldateska, die sich an Überfällen und kleinkriminellen Delikten beteiligte, stellte eine ernsthafte Bedrohung der öffentlichen Ordnung dar. Mitte 1822 musste Limas Stadtrat die Zahlungen seiner wichtigsten Verpflichtungen einstellen. Im September erhielten die Truppen nur noch zwei Drittel des ihnen zustehenden Soldes. Nicht besser erging es den Beamten, die schon seit Monaten nur die Hälfte ihrer Saläre bezogen. Obschon das Londoner Darlehen kurzfristige Linderung versprach, verblieb ein Schuldenberg. Denn das Protektorat hatte Schulden in der Höhe von 6,5 Millionen Pesos anerkannt, die es von den vizeköniglichen Vorgängerregierungen geerbt hatte. Die Hauptstadt litt unter Lebensmittelknappheit und dem Mangel an Hartgeld. Anfänglich kooperationswillige Adlige und Angehörige des Mittelstandes, die auf eine Karriere im Dienst des Protektorats gehofft hatten, wandten sich enttäuscht von San Martín ab. Da dieser weder von Chile noch von Buenos Aires Truppenverstärkung, Waffenlieferungen oder Finanzhilfe erwarten konnte, wandte er sich Hilfe suchend an Simón Bolívar.

Kurz nach der faktischen Annexion Guayaquils trafen sich die beiden Helden der Unabhängigkeitskämpfe in der südecuadorianischen Hafenstadt. Die Zusammenkünfte vom 26. und 27. Juli fanden im privaten Rahmen und hinter geschlossenen Türen statt. San Martín musste widerwillig akzeptieren, dass Guayaquil nun zu Großkolumbien gehörte. Kein Gehör fand er mit seinem monarchischen Projekt, denn Bolívar strebte eine Föderation zwischen den befreiten Republiken an. Zwar sicherte der »Libertador« San Martín militärische Hilfe zu, allerdings bei weitem nicht genug, um die royalistischen Truppen vernichtend schlagen zu können. Entmutigt reiste San Martín nach Lima zurück, wo ihn neue Schwierigkeiten erwarteten. Während seiner Abwesenheit war der verhasste Kriegs- und Außenminister Monteagudo abgesetzt und aus Lima deportiert worden. Weitgehend isoliert trat der Protektor am 20. September 1822 von seinen Ämtern zurück und übertrug seine Autoritätsbefugnisse dem ersten Kongress des Landes. Unverzüglich reiste er nach Chile und von dort aus weiter ins europäische Exil, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1850 bleiben sollte.

San Martíns 14-monatige Herrschaft trug sowohl konservative als auch fortschrittliche Züge. Im Einklang mit seinem monarchistischen Konzept erkannte er die Adelstitel aus der Kolonialzeit an. Das Protektorat setzte ein neues Handelsreglement und – anstelle einer Verfassung – ein »provisorisches Statut« (Estatuto provisional) in Kraft. Letzteres sah die peruanische Nationalität für alle freien Personen vor. Das bedeutete, dass Sklaven ausgeschlossen blieben, während Europaspanier, die sich dem neuen Regime unterstellten, einbezogen wurden. Trotz der Kriegssituation bemühte sich das Protektorat, die Grundlagen für ein öffentliches Erziehungs- und Bildungssystem zu schaffen. Am 19. September 1822, zwei Tage vor San Martíns Ausreise aus Peru und in dessen Anwesenheit, wurde in Limas Colegio San Tomás die erste peruanische Schule eingeweiht, die nach der Methode Lancaster unterrichtete. Für die Einführung dieser Unterrichtsmethode, benannt nach dem englischen Pädagogen Joseph Lancaster (1778–1838), war der schottische Baptistenpfarrer James (Diego) Thomson in den Jahren 1822 bis 1824 verantwortlich. Neben der ersten Lehrerbildungsanstalt wurden die Nationalbibliothek, die Patriotische Gesellschaft und die Literarische Gesellschaft gegründet. San Martín war persönlich für die Schaffung der Nationalbibliothek (28. August 1821) verantwortlich, der er 600 Bücher aus der eigenen Sammlung vermachte und die sämtlichen Interessierten offenstand. Andererseits stellten Zensurmaßnahmen sicher, dass Schauspieltruppen nur mehr »moralische« und »patriotische« Theaterstücke zur Aufführung brachten. Mit Verboten und harten Strafen gingen die Behörden auch gegen Praktiken der Volkskultur, gegen die ruinöse Wettleidenschaft und gegen die grassierenden Glücksspiele vor. Sie untersagten die ausgelassenen Spiele und Exzesse der Karnevalszeit sowie die beliebten Hahnenkämpfe unter Androhung einer einmonatigen Haftstrafe. Sklaven, die Zusammenkünfte für verbotene Glücksspiele in den Häusern ihrer Herren denunzierten, erhielten die Freiheit geschenkt.

Die Vertreibungen, Konfiskationen und Zwangsabgaben während des Protektorats bedeuteten die faktische Liquidierung der traditionellen kommerziellen und finanziellen Elite. Konfiszierte Gebäude und Liegenschaften gingen an Kommandanten des »Befreiungsheeres« über oder bildeten als Belohnung einen Anreiz für gegnerische Offiziere, die Seite zu wechseln. Solche Umverteilungen zogen eine gewisse Neuordnung innerhalb der Oberschicht nach sich, besonders dann, wenn sich nicht-weiße Militärführer beschlagnahmte Ländereien sicherten. Zu den wichtigsten integrativen Maßnahmen des Protektorats zählten die schrittweise Verbesserung der Situation der Sklaven sowie die Beseitigung sowohl des Indianertributs als auch jeglicher Form von indianischer Zwangsarbeit. Zukünftig sollten Indianer gleichberechtigte Staatsbürger sein und als Peruaner bezeichnet werden, weshalb man die Bezeichnung Indios oder Naturales aus dem offiziellen Sprachgebrauch verbannte. Freilich vermochten diese Dekrete nicht die gewünschte Wirkung zu entfalten und wurden von den peruanischen Eliten konterkariert. Trotz einer Reihe von Verfügungen, die das Los der Unterprivilegierten verbessern sollten, fand San Martín auch in diesen Schichten keine uneingeschränkte Unterstützung. Aus unterschiedlichen Gründen schlossen sich Indianer und Schwarze gleichermaßen den »patriotischen« wie den royalistischen Heeren an.

Sklaven, schwarze Soldaten und Sklavengesetze

Dem Zensus von 1812 ist zu entnehmen, dass in Peru rund 1,37 Millionen Personen lebten. Davon waren etwas mehr als 40 000 Sklaven. Knapp drei Viertel konzentrierte sich an der Zentralküste. Allein die Hauptstadt Lima zählte fast 18 000 Sklaven. Für die Sklaven in den ländlichen Gebieten waren die Lebensbedingungen zumeist bedeutend härter als für ihre städtischen Schicksalsgenossen, die nicht selten als Dienstpersonal in einem Privathaushalt unterkamen. Auf den weitläufigen Zuckerrohrplantagen oder in den Weinbaugebieten begann der Arbeitstag um 7 Uhr und dauerte mit einer zweistündigen Unterbrechung am Mittag bis 16 Uhr. Nach der Arbeit und an Sonntagen war es den Sklaven erlaubt, auf zugewiesenen Parzellen Nahrungs- und Nutzpflanzen anzubauen. Jeden Abend wurden sie von den Aufsehern in barackenartigen Unterkünften eingeschlossen. Körperstrafen wie Auspeitschungen waren gang und gäbe. Vom Sklavenhalter angeordnet und vor versammelter Menge durchgeführt, dienten die Züchtigungen der Abschreckung. Aufgegriffene Sklaven mussten genauso viele Tage in Ketten arbeiten, wie sie gefehlt hatten. Dennoch suchten Sklaven immer wieder ihr Glück in der Flucht. Sie rotteten sich in Räuberbanden zusammen und machten die Überlandstraßen und die ländlichen Gebiete unsicher. Andererseits erwiesen sich viele Schwarze als treue Gefolgsleute des spanischen Königs und verlässliche Verteidiger der herrschenden Ordnung. Sie dienten in den vizeköniglichen Milizen und zogen gegen Juntas ins Feld, die für mehr Autonomie kämpften. Einem Bericht des Vizekönigs Pezuela von 1818 zufolge waren fünf Sechstel der in Lima stationierten Soldaten Schwarze beziehungsweise Personen gemischter Abstammung.

Während der Unabhängigkeitskriege setzten »Patrioten« wie Royalisten Schwarze in großer Zahl ein. Beide Seiten forderten die Sklavenbesitzer auf, ihnen Sklaven als Soldaten und Hilfskräfte zu überlassen. Sklaven kämpften aktiv als Soldaten oder leisteten Hilfsdienste als Zimmerleute, Kalfaterer, Schmiede, Köche, Waffenschmiede oder als Transporteure von Proviant, Feuerholz, Kohle, Munition und so weiter Schwarze Knaben marschierten trommelnd und Pfeife spielend im Musikkorps mit. Neben der Freiheit bot der Kriegsdienst die Aussicht auf einen sozialen Aufstieg dank Beförderung in einen höheren Dienstgrad.

Bereits vor der Ausrufung der Unabhängigkeit zeichnete sich das absehbare Ende einer auf Sklavenarbeit basierenden Wirtschaft ab. Einerseits waren die Anschaffungskosten verhältnisweise hoch, andererseits drängte Großbritannien auf eine internationale Ächtung und ein Verbot des Sklavenhandels. Im September 1817 einigten sich Spanien und Großbritannien vertraglich auf die vollständige Abschaffung des Sklavenhandels. Eine Verfügung des spanischen Königs vom 1. Dezember 1820 diktierte die Rahmenbedingungen zur Beendigung des Menschenhandels. Mit verschiedenen Dekreten versuchte auch San Martín, die Situation der Sklaven zu verbessern. Beispielsweise erließ er im August 1821 das Gesetz der freien Geburt, das besagte, dass alle neu geborenen Sklavenkinder frei seien. San Martíns Gesetze wie auch spätere Verordnungen schufen lange Übergangszeiten, die es sämtlichen Betroffenen ermöglichen sollten, sich frühzeitig auf das mittel- bis langfristige Ende der Sklaverei einzustellen. Sie waren als Belohnung gedacht für die Tausenden von Sklaven, die ihr Leben für die Unabhängigkeit aufs Spiel gesetzt hatten.

Die Unabhängigkeitskämpfe zogen die Verwüstung vieler Plantagen, den Zusammenbruch der herrschenden Ordnung und damit die Schwächung und Verarmung mancher Grundbesitzer nach sich. Dadurch öffneten sich für die Sklaven Freiräume, und es boten sich mannigfaltige Fluchtmöglichkeiten. Jedoch blieb die durch Flucht erlangte Freiheit prekär. Denn die Sklavenhalter setzten alle Hebel in Bewegung, um Flüchtige aufzuspüren und die Einberufung ihrer Sklaven zum Wehrdienst zu verhindern. Ihr Widerstand war so stark, dass San Martín mit scharfen Gesetzen drohte. Wer die Rekrutierung seiner Sklaven verweigerte, musste mit der Konfiskation seiner Güter und im Wiederholungsfall mit der Exilierung rechnen. Unter den Sklaven selbst war die Einstellung zum Militärdienst ambivalent. Einige ergriffen begeistert die sich bietende Gelegenheit zur Selbstbefreiung. Sklavenmütter sprachen aus eigenem Antrieb bei den Rekrutierungsagenten vor und baten diese, ihre Söhne einzuberufen. Indessen teilten nicht alle diesen Enthusiasmus. Auf einigen Landgütern erklärte sich nur eine verschwindende Minderheit zum Militärdienst bereit. Diejenigen, die sich der Aushebung widersetzten, begründeten ihren Entscheid mitunter damit, dass sie ihren Patron nicht im Stich lassen wollten.

Ob solche Loyalitätsbekundungen echt waren oder nur gespielt, sei dahingestellt. Sicherlich war allen Sklaven bewusst, dass die Freiheit via Kriegsdienst einen hohen Preis forderte. Nur wer den langen Militärdienst vollständig absolvierte, war ein freier Mann. In der Río-de-la-Plata-Region betrug die Dienstdauer fünf Jahre – falls sich der Soldat disziplinarischer oder sonstiger Vergehen schuldig machte, sogar noch länger. Zudem war das Risiko sehr hoch, bei Gefechten und Kämpfen schwer verletzt oder getötet zu werden. Von den 2000 bis 3000 Schwarzen, die 1817 in San Martíns Andenarmee die Gebirgskette überquert hatten, kehrten nach sechs Jahren der Kämpfe in Chile, Peru und Ecuador keine 150 in ihre Heimat zurück. Bis in die 1840er- und 1850er-Jahre begegnete man in Städten wie Lima, Buenos Aires oder Caracas verkrüppelten schwarzen Kriegsveteranen, die sich um Almosen bettelnd durch ein elendes Leben schlugen.

Regierungskrisen und militärische Rückschläge

Nach San Martíns Abgang übernahm im September 1822 der verfassunggebende Kongress die Regierungsgeschäfte. Der Kongress – mit dem die eigentliche Geschichte des republikanischen Perus begann – setzte sich aus den gewählten Vertretern der befreiten Gebiete sowie Ersatzleuten aus denjenigen Provinzen zusammen, die noch immer unter royalistischer Kontrolle standen. Ihm gehörten hauptsächlich Rechtsanwälte, Geistliche, Kaufleute, Ärzte und hohe Militärs an. Darunter waren auch zwei Abkömmlinge des inkaischen Hochadels: der Priester Justo Sahuaraura Ramos Tito Atauchi, Domherr der Kathedrale von Cusco, und José Domingo Choquehuanca, Anwalt aus dem Departement Puno. Die Abgeordneten setzten ein Triumvirat ein, das bis zum Inkrafttreten der Verfassung die Exekutive bilden sollte. Bestimmende Gewalt blieb die Legislative, die jedoch unter lähmenden Fraktionskämpfen litt.

Wie schon dem Protektorat machten auch der neuen Regierung Geldsorgen und die prekäre Sicherheitslage schwer zu schaffen. Darlehen konnten nur unter Zwang und unter Androhung von Konfiskation und Exil eingetrieben werden. Trotzdem kamen nicht genügend Gelder zusammen, um den Sold und die Löhne für die Streitkräfte und die Regierungsbeamten zu bezahlen. Räuberbanden machten die Umgebung Limas und selbst die Hauptstadt unsicher. Bei den Landstreitkräften häuften sich Desertionen, und in der Marine brachen Meutereien aus. Dem nicht genug mussten die »patriotischen« Truppen im Januar in den Schlachten von Torata und Moquegua innerhalb weniger Tage zwei schwere Niederlagen in Südperu einstecken. Infolgedessen verlangten führende Militärs vom Kongress, das schwache Triumvirat durch einen Regierungschef zu ersetzen. Dem Ruf nach einem starken Führer verliehen sie Nachdruck, indem sie Zivilisten mobilisierten und Truppen auf Lima zumarschieren ließen. Der Kongress gab dem Druck nach und ernannte den Limeñer Aristokraten José Mariano de la Riva Agüero y Sánchez Boquete am 28. Februar 1823 zum ersten Präsidenten der Republik, und zwar im Range eines Großmarschalls – ein Vorgang, den verschiedene Historiker als ersten Militärputsch in der noch jungen Geschichte des republikanischen Perus bezeichnet haben.

Riva Agüeros kurze Regierungszeit war geprägt durch endlose Auseinandersetzungen und Streitigkeiten mit dem Kongress. Als höchster Militärführer ließ er die Marine neu ordnen. Im Mai kommandierte er ein 5000 Mann starkes Heer unter Führung des Generals Andrés de Santa Cruz in den Süden ab. Trotz Bedenken und Vorbehalten vonseiten des Kongresses ersuchte er Simón Bolívar um Waffenhilfe und lud den »Libertador« nach Peru ein. Bolívar entsandte eine Heeresabteilung unter dem Befehl seines bewährten Generals Sucre. Das Eintreffen der großkolumbianischen Streitkräfte im April 1823 in Lima fiel mit einem neuerlichen Vorstoß der royalistischen Truppen zusammen. Vom Mantaro-Tal aus griffen diese erneut die Hauptstadt an. Die »patriotischen« Autoritäten, die führenden Notabeln und General Sucre mitsamt seinen rund 4000 Großkolumbianern verschanzten sich im Hafen Callao, die Hauptstadt den Feinden zur Plünderung überlassend. Die Besetzung Limas, die vom 13. Juni bis zum 16. Juli dauerte, trieb Tausende von Zivilisten in die Flucht. Die Royalisten pressten den wohlhabenden Limeñern Geld und Wertsachen ab. Sie plünderten die Nationalbibliothek, raubten die Kirchenschätze und transportierten Geräte aus der Münzanstalt ins Hochland ab.

Selbst in dieser kritischen Phase gingen die Streitigkeiten zwischen Riva Agüero und dem Kongress unvermindert weiter. Die Kongressabgeordneten votierten für die Absetzung des Präsidenten und übertrugen das höchste militärische Kommando General Sucre. Riva Agüero seinerseits weigerte sich, das Oberkommando abzugeben und erklärte stattdessen den Kongress für aufgelöst. Er ernannte einen 10-köpfigen »Senat« und zog sich mit einigen wenigen Kongressabgeordneten und einer Gruppe von Funktionären nach Trujillo zurück.

Auf Vorschlag von General Sucre wählte der restliche Kongress am 16. Juli 1823 den Marquis von Torre Tagle zum zweiten Präsidenten der Republik. Derweil drangen Santa Cruz’ Truppen bis zum Titicacasee vor, wo sie am 25. August in Zepita einen Sieg errangen. Als die »Patrioten« weiter nach Hochperu vorstießen, drohten sie umzingelt zu werden und mussten sich überstürzt an die Küste zurückziehen. Dabei büßte Santa Cruz die meisten seiner Männer und fast sämtliche Waffen ein.

Simón Bolívar

Als Simón Bolívar am 1. September 1823 im Callao peruanischen Boden betrat, fand er ein bankrottes Land und eine verworrene Situation vor. Zwei »patriotische« Staatspräsidenten, der eine in Lima, der andere in Trujillo, befehdeten sich gegenseitig. Den entzweiten »patriotischen« Streitkräften und der von Meutereien geplagten Flotte stand ein zahlenmäßig starker Gegner unter dem Oberbefehl des Vizekönigs La Serna gegenüber. Die royalistische Armee zählte um die 20 000 Mann, überwiegend indianische Bauernsoldaten, die von rund 500 spanischen Offizieren und Unteroffizieren befehligt wurden. Ein Teil der peruanischen »Patrioten« begegnete dem »Libertador« mit Misstrauen. Präsident Torre Tagle war voller Ressentiments, weil er gravierende Einschränkungen seiner Macht befürchten musste. In Trujillo widersetzte sich der abgesetzte Präsident Riva Agüero einer Unterordnung und nahm Verhandlungen mit den Royalisten auf. Deutlich hatte sich die militärische Schwäche der peruanischen »Patrioten« gezeigt: Santa Cruz’ Heer war zerschlagen. Und die Freischärler in Zentralperu, hin- und hergerissen zwischen Riva Agüero und Bolívar, waren zu einigen wenigen unbeständigen Banden zusammengeschmolzen.

Zwei Monate nach Bolívars Eintreffen waren die Arbeiten zur ersten Verfassung des Landes abgeschlossen. Die neue Konstitution definierte Peru als eine auf der nationalen Souveränität gegründete Republik. Sie schuf die Adelstitel ab und verankerte die Gewaltenteilung sowie die Unterordnung der Exekutive unter die (aus einer Kammer bestehende) Legislative. Wegen der Kriegssituation blieb die neue Verfassung weitgehend Papierwerk. Denn die Kongressabgeordneten vertrauten die oberste militärische Befehlsgewalt und oberste politische Autorität Bolívar an. Damit beschnitten sie die verfassungsmäßigen Kompetenzen des Präsidenten Torre Tagle sehr stark. Sämtliche Verfassungsartikel, die unvereinbar mit der Autorität und den Vollmachten des »Libertador« waren, blieben suspendiert.

Ende November setzten in Trujillo abtrünnige Gefolgsleute Riva Agüero gefangen, weil sie dessen Verhandlungen mit den Royalisten als offenen Verrat deuteten. Sie schafften ihn nach Guayaquil aus und unterstellten sich Bolívar. Auf dem Rückweg von Trujillo nach Lima erkrankte der »Libertador« lebensgefährlich und musste am 1. Januar 1824 im Hafen von Pativilca notfallmäßig an Land gebracht werden. Während zweier Monate hielt ihn die schwere Erkrankung in Pativilca fest. Vom Krankenbett aus diktierte er Briefe mit Instruktionen und gab Befehle an die Truppen aus.

Aus Bolívars kritischem Gesundheitszustand konnten die Royalisten keinen Gewinn ziehen. Die Wiederherstellung der absoluten Monarchie in Spanien, in deren Verlauf die Verfassung von Cádiz zum zweiten Mal außer Kraft gesetzt wurde, verschärfte die Spannungen innerhalb der spanientreuen Streitkräfte. General Pedro Antonio Olañeta, Sympathisant des Absolutismus und Kommandant der royalistischen Armee in Hochperu, rebellierte gegen Vizekönig La Serna. Der Konflikt, der in einen Bruderkrieg zu münden drohte, absorbierte die Streitkräfte des Südens zu einem Zeitpunkt, an dem ihre Gegner stark geschwächt und verwundbar waren.

Anfang Februar, als Bolívar ans Krankenbett in Pativilca gefesselt war, meuterten die in der Festungsanlage Real Felipe verbliebene Truppen aus Chile und der La-Plata-Region. Da die »patriotische« Regierung nicht in der Lage war, den ausstehenden Sold zu bezahlen, händigten die Rebellen die Festungsanlage den Royalisten aus. Nach diesem neuerlichen Rückschlag übertrug der Kongress Bolívar diktatorische Vollmachten und erklärte sich selbst für aufgelöst. Damit war die Verfassung vollends aufgehoben.

Ende Februar besetzten royalistische Truppen abermals Lima. Erbittert über Bolívars Regime, das sie als Sklaverei, Tyrannei und Despotismus titulierten, nahmen Ex-Präsident Torre Tagle, die wichtigsten Offiziellen und über 300 Offiziere der »patriotischen« Armee ein Amnestieangebot an und liefen zu den Royalisten über. Bis März 1824 eroberten die spanientreuen Verbände weite Teile Perus zurück. Bolívar blieb praktisch nur mehr die Intendanz von Trujillo, wo er aber seine Armee intakt halten und Verstärkung aus Kolumbien abwarten konnte.

Erst von Pativilca, dann von der Stadt Trujillo aus organisierte Bolívar den Widerstand. Zivile Angelegenheiten übertrug er einem einzigen Minister, dem peruanischen Intellektuellen José Faustino Sánchez Carrión. Dieser war zuständig für die Etablierung ziviler Institutionen, die Sozialpolitik und die Rechtsprechung in den unabhängigen Gebieten. Demgegenüber kümmerte sich der »Libertador« um die militärischen Angelegenheiten wie den Truppennachschub aus Großkolumbien, die Rekrutierung neuer Kämpfer oder die Finanzierung der Kosten für Ausrüstung und Verpflegung. Bolívar setzte Quoten für Rekruten fest, welche die befreiten Provinzen des Nordens stellen mussten. Er nötigte die Kirche zu Spenden, ließ Kirchenschmuck, royalistisches Eigentum und Vermögen beschlagnahmen und Steuern eintreiben. Dringend benötigtes Eisen gewann man dadurch, dass man die schmiedeeisernen Ziergitter vornehmer Häuser aus der Verankerung riss und zusammen mit Häuserschlüsseln und sonstigen Gerätschaften in Kriegsmaterial umschmolz. Mittlerweile sorgte Großkolumbien für Nachschub an Soldaten, Waffen, Pferden und Maultieren. Auf dem Seeweg traf Verstärkung aus Panama und aus Guayaquil ein, darunter auch ein irisches Kontingent. Bis April 1824 zählte Bolívars Armee 8000 Mann – hauptsächlich Großkolumbianer, ergänzt durch peruanische Soldaten unter dem Kommando von Marschall José de la Mar. Die schlagkräftige Kavallerie setzte sich aus Gauchos der La-Plata-Region, chilenischen Huasos, Llaneros aus Großkolumbien und peruanischen Reitertruppen unter dem Kommando des englischen Generals William Miller zusammen. Die Soldaten erhielten einen regelmäßig ausbezahlten Sold in Höhe von einem halben Dollar (0,5 Peso) die Woche.

Mitte Juni verließ Bolívar zusammen mit einer Heeresabteilung Trujillo und zog über die Anden ins Gebiet von Cerro de Pasco. Dort vereinigte sich seine Einheit mit dem Rest der »patriotischen« Truppen. Am 6. August prallte Bolívars Heer in der Schlacht von Junín auf die royalistischen Truppen, die von General José de Canterac befehligt wurden. Wegen der Rebellion von General Olañeta in Hochperu konnten die Königstreuen nicht in ihrer vollen Stärke antreten. Mit einem riskanten Frontalangriff durchstieß die vom deutschen Major Otto Philipp Braun befehligte Schwadron Kolumbianer die Reihen der royalistischen Reitertruppen und sicherte sich unterstützt von der nachrückenden »patriotischen« Kavallerie den Sieg über die zahlenmäßig weit überlegene feindliche Kavallerie. Zwar gelang es Canterac, sich mit dem Großteil seiner Armee nach Cusco zurückzuziehen, doch waren die nördlichen Versorgungslinien durchtrennt. Nach dem Triumph überließ Bolívar den Oberbefehl Sucre und zog mit einem Truppenkontingent wieder zur Küste hinab. Im Dezember rückte er in Lima ein. Circa 4000 Zivilisten, darunter Ex-Präsident Torre Tagle, ehemalige Kongressabgeordnete, Adlige, Großkaufleute und deren Familien, flohen in die Festung im Callao. Sie fürchteten um ihr Leben, hatte doch Bolívar gedroht, die übergelaufenen »Verräter« hart zu bestrafen.

Kurz nachdem der »Befreier« Lima wieder unter seine Kontrolle gebracht hatte, bahnte sich im Hochland die Entscheidungsschlacht an. Vizekönig La Serna hatte im November von Cusco aus die Gegenoffensive lanciert. Auf Waffenhilfe seitens des abtrünnigen Generals Olañeta musste er nach wie vor verzichten. La Serna trieb seine Männer bis zur Erschöpfung vorwärts, während Sucre zurückwich. Am 9. Dezember standen sich die beiden Heere in Ayacucho gegenüber. Rein numerisch waren die Royalisten ihren Gegnern überlegen. La Sernas Truppen setzten sich aus schätzungsweise 6000 Peruanern, maximal 3000 Hochperuanern und 500 Europäern zusammen, wobei die Mehrheit der Einheimischen zwangsrekrutiert worden war. Unter Sucres Befehl standen – neben Minderheiten aus Chile, der Río-de-la-Plata-Region und Europa – 4000 Großkolumbianer und 1500 Peruaner. Unter Letzteren befanden sich mehrere Personen, die, zum Teil für nur kurze Zeit, Präsidenten werden sollten: Agustín Gamarra aus Cusco; Miguel San Román aus Puno sowie die Limeñer Manuel Ignacio Vivanco, Felipe Santiago Salaverry und Juan Crisóstomo Torrico.

Trotz der zahlenmäßigen Unterlegenheit trugen Sucres Truppen den Sieg davon. Während die »Patrioten« zwischen 300 und 370 Mann verloren, kamen auf der gegnerischen Seite schätzungsweise 1400–1800 Kämpfer ums Leben. Der verletzte Vizekönig geriet zusammen mit über 1000 Mitstreitern (darunter der gesamte spanische Generalstab und zahlreiche Offiziere) in Gefangenschaft. Un-

Abb. 6: Heldendenkmal in der Ebene von Quinua.

verzüglich wurden Verhandlungen über die Kapitulationsbedingungen aufgenommen. General Canterac unterzeichnete die Kapitulationsurkunde im Namen der spanischen Heeresführung; Sucre firmierte als ranghöchster Offizier des Siegerheers. Die Gefangenen konnten selbst entscheiden, ob sie in Peru bleiben und sich den »Patrioten« unterstellen oder aber nach Spanien ausreisen wollten. La Serna und weitere hochrangige Spanier traten unverzüglich die Heimreise (via Quilca und Rio de Janeiro) an. Alles in allem machten fast 400 Offiziere und eine ähnlich hohe Zahl an Soldaten vom Recht auf Repatriierung Gebrauch. Die Mehrheit der Männer, die sich in Ayacucho ergeben hatten oder unmittelbar nach der Schlacht in Gefangenschaft geraten waren, entschied sich für einen Verbleib in Südamerika.

Mit Sucres Sieg in der Entscheidungsschlacht von Ayacucho hatte Bolívar seinen militärischen Auftrag erfüllt. Einem ordnungsgemäßen Verzicht auf seine Sondervollmachten stand damit faktisch nichts im Wege. Jedoch hatte der »Libertador« andere Pläne. Er ließ in Lima einen Rumpfkongress zusammentreten, um diesem pro forma seinen Rücktritt als Diktator anzubieten. Angesichts der Militärpräsenz blieb den Abgeordneten nichts anderes übrig, als die diktatorischen Vollmachten des »Befreiers« am 10. Februar 1825 einstimmig um ein weiteres Jahr zu verlängern. Bevor er die Hauptstadt mit dem Ziel Süd- und Hochperu verließ, delegierte Bolívar sein politisches und militärisches Mandat an ein Triumvirat (Consejo de Gobierno) unter dem Präsidium von Marschall José de la Mar.

»Patriotinnen«

Die Unabhängigkeitsbewegung konnte auf die aktive Unterstützung zahlreicher Frauen aus allen Schichten zählen. Bald unterstützten oder begleiteten die »Patriotinnen« ihre kämpfenden Männer und Söhne, bald spionierten sie den Feind aus und leiteten als Botinnen geheime militärische Informationen weiter. Sie halfen bei der Rekrutierung mit, sorgten für die Verletzten und organisierten oder spendeten Geldmittel. Eine Minderheit gebildeter Frauen nahm an den lebhaften Debatten teil, welche die Zukunft ihrer Region bestimmten, oder widmete sich der Propagandaarbeit. Vor dem Einmarsch San Martíns anfangs Juli 1821 versteckten Limeñerinnen Deserteure und Kranke aus den Reihen der abziehenden royalistischen Truppen, wodurch sich deren Mannschaftsbestand deutlich minderte. Selbst Damen der Oberschicht ergriffen Partei für die Unabhängigkeit, sei es im Rahmen von konspirativen Treffen hinter verschlossenen Türen oder in Abendgesellschaften, sei es beim Verfassen und Verbreiten von Proklamationen und Berichten. Doña Petronila Fernández de Paredes versteckte im Keller ihres Wohnhauses eine konspirative Druckerei, während Carmen Larriva de Gonzales als Redakteurin für die »patriotische« Zeitschrift El Satélite Artikel schrieb.

Am untersten Ende der sozialen Skala standen Schwarze und Sklavinnen, die sich ebenfalls in den Unabhängigkeitskriegen engagierten. In der Hoffnung auf Freilassung und Verdienst arbeiteten schwarze Frauen in den Heeren als Köchinnen, Dienstmägde, Krankenschwestern und Marketenderinnen. Sie betätigten sich als Spioninnen, manchmal sogar als Soldatinnen oder treue Begleiterinnen ihrer kämpfenden Männer. Andere setzten sich dafür ein, dass ihren Männern und Söhnen der Sold ausbezahlt wurde, oder sie forderten die Ausmusterungsdokumente ein, welche im Falle ehemaliger Sklaven deren Diensterfüllung und damit das Recht auf Freiheit bestätigten. Ein Beispiel für eine Truppenführerin ist die Mestizin Juana Azurduy aus La Plata. Zusammen mit ihrem Ehemann warb sie Soldaten für die Sache der Unabhängigkeit in Hochperu an. Sie besorgte nicht nur Waffen und kümmerte sich um die Verwundeten, sondern sie führte selbst auch Truppen in die Kämpfe. Manuela Sáenz, Bolívars Geliebte, kämpfte in den Entscheidungsschlachten von Junín und Ayacucho mit. Der Einsatz in Junín trug ihr die Beförderung zum Hauptmann beziehungsweise zur Hauptfrau ein.

Dass die Unterstützung der »patriotischen« Seite lebensgefährlich war, musste María Andrea Parado de Bellido aus Ayacucho erfahren. Ihr Ehemann und ihre zwei Söhne bekämpften im Hochland als Freischärler die Loyalisten. In einem Brief, den die Analphabetin einem Vertrauten diktiert hatte, warnte sie ihren Gatten vor den anrückenden gegnerischen Truppen. Ihr Mann konnte sich rechtzeitig in Sicherheit bringen, doch fiel der Brief in Feindeshände. Doña María wurde verhaftet. Weil sie sich standhaft weigerte, den Namen des Briefeschreibers und weitere Informationen preiszugeben, wurde sie am 1. Mai 1822 vor ein Exekutionskommando gestellt und erschossen.

Die Kriege um die Unabhängigkeit brachten unermessliches Leid und trieben viele Frauen in bittere Armut. Manche retteten ihr Leben, verloren aber Väter, Ehemänner oder Söhne. Ein Teil der Frauen verließ ihre Heime, andere wurden von Soldaten ausgeraubt und vergewaltigt. In Abwesenheit der kämpfenden Männer mussten die Frauen allein den Betrieb, das Geschäft oder den Hof führen – zusätzlich zu den herkömmlichen Aufgaben wie dem Führen des Haushalts und der Erziehung der Kinder.

Hochperu (Bolivien)

Nach dem Sieg von Ayacucho fiel dem zum Marschall beförderten Sucre die Aufgabe zu, den letzten spanischen Widerstandsherd unter General Olañeta in Hochperu zu brechen. Von Puno aus eröffnete er im Februar 1825 mit einem vorwiegend aus Großkolumbianern bestehenden Heer die Offensive. Nach ersten militärischen Erfolgen des Befreiungsheeres riefen zahlreiche hochperuanische Orte die Unabhängigkeit aus. Während Olañeta am 1. April bei einem Scharmützel unter seinen eigenen Leuten einen gewaltsamen Tod fand, nahmen seine Soldaten Sucres Amnestieangebot an und streckten kampflos die Waffen.

Einem Aufruf von Marschall Sucre folgend, trafen im Juli 48 Abgeordnete aus allen hochperuanischen Provinzen in Chuquisaca zusammen, wo sie sich für die Selbstbestimmung und einen eigenen Staat aussprachen. Die offizielle Verkündigung der Unabhängigkeit – zugleich die Geburtsstunde der neuen Republik – fiel auf den 6. August 1825. Das einstige Hochperu nahm zu Ehren Bolívars den Namen Bolívar an, eine Bezeichnung, die später in Bolivia (Bolivien) umgewandelt wurde. Dem »Libertador« wurde die höchste Exekutivgewalt übertragen. Zudem sollte er eine Konstitution für Bolivien verfassen. Bolívar seinerseits verpflichtete sich, Perus Zustimmung zum Unabhängigkeitsentscheid zu erwirken und versprach, eigenhändig eine Verfassung auszuarbeiten. Während Sucre mit seinen Truppen in Bolivien blieb, reiste der »Libertador« nach Lima zurück, wo er am 10. Februar 1826 eintraf. Nach neun Monaten waren die Arbeiten an der neuen Verfassung, die auch für Peru und Großkolumbien gelten sollte, vollendet (25. Mai 1826). Kurz zuvor hatte der »Befreier« auch die Anerkennung der Unabhängigkeit Boliviens durch Peru durchgesetzt. Bolívars Verfassung erhielt die Bezeichnung »La Vitalicia« (die Lebenslange), weil sie dem auf Lebenszeit ernannten Präsidenten eine enorme Machtfülle zugestand. Der bolivianische Kongress nahm den Verfassungsentwurf bis auf wenige Änderungen im November 1826 an. Bolívars Vorschlag Folge leistend, bestimmten die Abgeordneten Marschall Sucre zum Präsidenten auf Lebenszeit.

In Peru stieß Bolívars Projekt einer Andenkonföderation aus Großkolumbien, Peru und Bolivien auf wenig Gegenliebe. Repräsentanten der peruanischen Oberschicht fürchteten um ihre privilegierte Stellung. Wegen despotischer Entscheide und wegen der kostspieligen kolumbianischen Truppenpräsenz machten sich zunehmend Unmut und Widerstand gegen den »Befreier« breit. Öffentliche Hinrichtungen von angesehenen Regimegegnern und die Verbannung prominenter Oppositioneller schürten den Hass gegen die Großkolumbianer. Unpopulär waren überdies die Zwangsrekrutierungen junger Peruaner, von denen schätzungsweise 5000 ihren Wehrdienst im fernen Kolumbien ableisten mussten. Spätestens mit der Kapitulation der letzten spanischen Truppen im Hafen Callao anfangs Januar 1826 war der militärische Auftrag des »Befreiers« endgültig vollendet, und einem ehrenhaften Abzug stand nichts mehr entgegen. Dennoch zog es Bolívar vor auszuharren und weiter die Fäden aus dem Hintergrund zu ziehen. Infolgedessen kam es in Ica zu einem Aufstand, im zentralen Hochland formierten sich Freischärlertruppen und Putschisten schmiedeten Umsturzpläne. Zwar konnten die Verschwörungen aufgedeckt und der Kongress gefügig gemacht werden – auf Drängen Bolívars nahm eine verfassunggebende Versammlung am 16. August die Vitalicia an und bot dem »Libertador« die damit verbundene Präsidentschaft auf Lebenszeit an – aber eine Wirtschaftskrise und Spannungen in Großkolumbien bewogen den »Befreier« schließlich doch noch zum Verlassen des Landes. Am 4. September 1826 schiffte er sich mit Ziel Guayaquil ein, wobei er ein stattliches Kontingent großkolumbianischer Truppen in Lima zurückließ. An Perus Staatsspitze stand nun Großmarschall Andrés de Santa Cruz, den Bolívar im Juni 1826 zum Präsidenten eines Regierungskomitees und Chefkommandanten von Armee und Marine berufen hatte. Nach einer Rebellion der großkolumbianischen Truppen in Lima, die wegen ausstehender Soldzahlungen meuterten, organisierte Santa Cruz deren Abzug. Am 18. März schifften sich die Großkolumbianer für ihre Heimreise ein. In Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzesbestimmungen berief Santa Cruz eine außerordentliche verfassunggebende Versammlung ein, die den Marschall José de la Mar im Juni zum neuen Präsidenten der Republik wählte.

Genau wie in Peru wünschte auch in Bolivien eine Mehrheit der Bevölkerung einen raschen Abzug der großkolumbianischen Truppen. Bolívars Vertrauter und Präsident auf Lebenszeit Sucre hatte mit zunehmenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Aufgrund der finanziellen Belastungen, die Verpflegung und Besoldung seiner Truppen nach sich zogen, nahmen Anfeindungen stark zu. Einst euphorisch als Befreier begrüßt, wünschten die Bolivianer nach zahlreichen Übergriffen und Konflikten den unverzüglichen Abzug der als Besatzer empfundenen Streitkräfte. Zudem ließen Kontrahenten Bolívars wie der peruanische General Gamarra (siehe unten) nichts unversucht, um den Abzug der Großkolumbianer zu erzwingen. Bei einer Kasernenmeuterei wurde Präsident Sucre von eigenen Soldaten verletzt. Peruanische Truppen marschierten im zerstrittenen Nachbarland ein und erzwangen den Abzug aller ausländischen Truppen. Im August 1828 verließ Sucre für immer Bolivien. Die letzten seiner Soldaten schifften sich am 29. September in Arica Richtung Großkolumbien ein. Im folgenden Jahr kürte der bolivianische Kongress mit Andrés de Santa Cruz einen Präsidenten, der zuvor höchste militärische und politische Ämter in Peru ausgeübt hatte.

Die letzte spanische Festung

Nach den militärischen Niederlagen im Hochland blieb die Festungsanlage Real Felipe im Hafen Callao die letzte royalistische Fluchtburg in Peru. Unter dem Kommando von General José Ramón Rodil verschanzte sich eine rund 2500 Mann starke Truppe in der Festung. In den Schutz ihrer Mauern flüchteten sich außerdem mehrere Tausend Zivilisten – hauptsächlich Angehörige der Oberschicht – mit ihrem Hab und Gut. In der belagerten Festung wurden bald die Lebensmittel knapp; Typhus und Skorbut brachen aus. Hunger und Krankheiten forderten mehr Menschenleben als die Schlachten von Junín und Ayacucho zusammen. Zahlreiche Adlige mit klingenden Namen starben eines elenden Todes. Prominentestes Opfer war der zweite Präsident der Republik, der Marquis von Torre Tagle, der zusammen mit Frau und Sohn umkam.

Nach 14 qualvollen Monaten des sinnlosen Ausharrens kapitulierte Rodil am 22. Januar 1826. Während dieser Zeit verlor er schätzungsweise 2000 seiner Soldaten, wobei Hunger und Seuchen etwa doppelt so viele Todesopfer wie die Kampfeinsätze forderten. 200 Uniformierte wurden wegen konspirativen Handlungen oder wegen Desertionsversuchen verurteilt und hingerichtet. Vor die Wahl gestellt, in Peru zu bleiben oder nach Spanien auszureisen, entschieden sich weniger als 100 der 400 überlebenden Militärs für die Ausreise. Über die zivilen Opferzahlen gehen die zeitgenössischen Angaben stark auseinander. Insgesamt sollen zwischen 2700 und 4000 Zivilisten jämmerlich gestorben sein.

Bilanz von Bolívars Diktatur

Mithilfe fähiger Mitarbeiter schuf Bolívar die organisatorischen Grundlagen für das peruanische Staatswesen. Persönlich arbeitete er eine Verfassung aus, die allerdings nur 50 Tage in Kraft war. Bolívars Regierung war verantwortlich für die erste republikanische Verwaltungsgliederung, die Etablierung des obersten Gerichtshofs in Lima sowie die Einrichtung von Gesundheitskomitees in der Hauptstadt und in den Provinzen. San Martíns Anstrengungen zum Aufbau eines öffentlichen Erziehungs- und Bildungssystems wurden fortgesetzt, wobei man nun der höheren Bildung ein besonderes Augenmerk schenkte.

Was die Indianerpolitik betrifft, folgte Bolívar weitgehend den Prinzipien des zeitgenössischen Liberalismus: Indianer sollten hispanisiert, Rangordnungen abgebaut und Gemeinschaftsland privatisiert werden. Mit seinen ersten Dekreten schuf der »Libertador« ein für alle Mal das Curaca-Amt und sämtliche adlige Privilegien ab. Er hob den Indianertribut auf, wiederholte die Verbote bezüglich indianischer Zwangsarbeiten und erklärte die Indianer zu Eigentümern des von ihnen bewohnten und bebauten Bodens. Ländereien, die sich im Kollektivbesitz der Dorfgemeinschaften befanden, sollten als privates, veräußerliches Eigentum an die Lokalbevölkerung verteilt und dadurch ein Stand unabhängiger Kleinbauern geschaffen werden. Freilich wurde die Bestimmung über den Weiterverkauf bald widerrufen, weil die Landempfänger Gefahr liefen, ihren eben erst erhaltenen Privatbesitz an benachbarte Hacienda-Besitzer zu verlieren. Aufgrund der chronischen staatlichen Finanznöte revidierten die Behörden auch die Anordnungen zur Abschaffung des Indianertributs. Sie führten 1826 den Tribut im Rahmen der ersten bedeutenden Steuerreform der Republikzeit unter der Bezeichnung Contribución de Indígenas y Castas wieder ein. Zugleich eliminierten sie die Binnenzölle und erhöhten als protektionistische Maßnahme die Außenhandelszölle. Allerdings führte der Versuch, die heimische Produktion durch hohe Schutzzölle zu fördern, nicht zum gewünschten Resultat und förderte nur den Schmuggel.

Insgesamt bewirkte Bolívars Diktatur kaum eine Änderung der weit auseinanderklaffenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten. Durch die Aufhebung kolonialzeitlicher Schutzgesetze verschärfte sich in manchen Fällen sogar die Lage. Vielen Indianern – nun offiziell als Indígenas (Indigene) bezeichnet – drohte der Verlust ihrer Äcker und Weiden und damit ihrer Existenzgrundlage. Zu der Abschaffung der Sklaverei konnte sich der »Befreier« nicht durchringen. Wegen des starken Drucks der Sklavenhalter wurden unter San Martín erlassene Gesetze gelockert oder sogar rückgängig gemacht. Am 14. Oktober 1825 ließ Bolívar eine neue Sklavenverordnung veröffentlichen, die unter anderem die Arbeitszeiten, die Versorgung und Verpflegung sowie die Körperstrafen regelte. Endgültig verboten wurden Einkerkerungen in vollständiger Isolation und der sogenannte Rabo de Zorra (»Füchsinnenschwanz«), eine Peitsche, die lebensgefährliche Verletzungen verursachen konnte. Obwohl sich die Sklavenhalter nicht immer an die gesetzlichen Auflagen hielten, so war doch eine Verbesserung gegenüber der Kolonialzeit feststellbar. Andererseits kam Bolívar den Sklavenbesitzern bei den Bestimmungen über etwaige Freilassungen entgegen. Ein Anrecht auf Freilassung hatten nur Sklaven, die über einen längeren Zeitraum Militärdienst geleistet hatten. Auf dem Lande lebende Schwarze, die über keine militärischen Ausmusterungsdokumente verfügten, sollten verhaftet werden. Zudem wurde den Sklaven der Besitz von Waffen, Macheten, Äxten oder Messern verboten. Ein Gesetz vom November 1825 besagte, dass nur Sklaven, die vor dem 5. November 1824 rekrutiert worden waren und noch immer Dienst leisteten sowie Kriegsinvalide ein Recht auf Freiheit hatten. Alle anderen sollten an ihre Herren zurückgeschickt werden.

Die Wirtschaft der Übergangszeit

Die langen Kriegsjahre forderten nicht nur einen hohen Blutzoll, sondern sie wirkten sich auch katastrophal auf die Wirtschaft aus. Als letztes Bollwerk des spanischen Imperiums hatte Peru seit 1810 die Kriege gegen die separatistischen Kräfte in Südamerika mitfinanziert. Von 1820 bis1824 musste das Land für zwei große Armeen aufkommen und die Kosten für deren Ausrüstung, Unterbringung, Verproviantierung und Besoldung bestreiten. Lima wurde mehrmals angegriffen, besetzt und geplündert. Belagerungen und Blockaden führten zu Versorgungsengpässen, Hunger und Epidemien. In diesen 15 Kriegsjahren trieb die Inflation die Preise in die Höhe, während das Land finanziell ausblutete.

Die Unabhängigkeitskämpfe beeinträchtigten die allgemeine Sicherheits- wie die Versorgungslage. Sie zogen sowohl den Binnenhandel als auch den Bergbau schwer in Mitleidenschaft. Tragtiere, Eisengeräte, Quecksilber und Schießpulver – in den Minen häufig zum Sprengen verwendet – wurden zur Mangelware. Zudem entzogen die massiven Truppenaushebungen dem ohnehin unter chronischem Arbeitermangel leidenden Bergbau die Arbeitskräfte. Im zentralen Hochland, das sechs militärische Kampagnen, zwei manövrierende Heere und zahlreiche Freischärlertruppen zu ertragen hatte, kamen der Bergbau sowie die land- und viehwirtschaftliche Produktion zum Erliegen. Perus Silberproduktion fiel von 109 597 kg im Jahr 1820 auf ein Tief von 8696 kg im Jahr 1823 – das ist ein Rückgang um fast das Dreizehnfache.

Unter den direkten Kriegsfolgen (Zerstörungen, Verwüstungen, Zwangsabgaben, Repressalien) und den indirekten (Arbeitskräftemangel, Unterbrechungen der Transportwege) litten sowohl die Kleinbauern als auch die landwirtschaftlichen Großbetriebe. Royalistische wie »patriotische« Truppen beraubten wahllos die Dörfer und rekrutierten zugleich unter Drohungen Hilfskräfte und Träger. Wenn die gegnerischen Truppen in solch ausgeplünderte Gebiete vordrangen, warfen sie den Dorfbewohnern Kollaboration mit dem Feind vor und ergriffen Retorsionsmaßnahmen. Haciendas wurden zerstört, die Pflanzungen und Viehbestände vernichtet. An der Küste flohen viele Plantagen-Sklaven oder schlossen sich den kämpfenden Truppen an. Ihrer Arbeitskräfte beraubt, fielen die exportorientierten Großbetriebe auf das Subsistenzniveau zurück. Gegen Kriegsende musste Peru sogar Zucker, seinen einstigen Exportschlager, importieren.

Für die Großkaufleute in Lima hatte die Unterstützung der royalistischen Seite nicht nur ruinöse Geldüberweisungen zur Folge. Die Handelsschiffe des Consulado, welche die spanische Kriegsflotte aktiv unterstützten, wurden entweder zerstört oder von den »Patrioten« geentert und übernommen. Dies wiederum ermöglichte die Formierung einer chilenischen Handelsflotte, womit Lima, dessen Hafen zu einem großen Teil zerstört war, auch die Hegemonie im südlichen Pazifik einbüßte. Der Consulado selbst wurde durch eine Handelskammer ersetzt. Diese versorgte alsbald – wie ihr kolonialzeitlicher Vorgänger – die republikanischen Regierungen bei Liquiditätsproblemen mit Geld.

Im Übersee- und Fernhandel lösten ausländische Händler die Spanier ab. Insbesondere die Briten wussten Perus Notlage geschickt auszunutzen und versorgten die »patriotischen« Regierungen mit dringend benötigten Gütern. Gemäß den Abrechnungen der britischen Konsuln verfrachtete man zwischen 1819 und 1822 Edelmetall im Wert von 26,9 Millionen Pfund Sterling (107,6 Millionen Pesos) auf britische Kriegsschiffe. Ein Teil davon diente zur Bezahlung der importierten Konsumgüter und von Kriegsmaterial; der Rest floss als Fluchtkapital in sichere Länder ab. Um 1824 unterhielt Großbritannien 36 Handelshäuser in Peru – mit Abstand am meisten in Lima, gefolgt von Arequipa. Peru importierte Mitte der 1820er-Jahre ausländische Waren im Wert von 4 bis 5 Millionen Pesos. Britische Kaufleute lieferten Feintextilien, Haushalts- und Eisenwaren im Wert von geschätzten 1,5 Millionen Pesos aus. Kaufleute aus den USA führten Mehl, Baumwolle und Sonstiges im Wert von 1,2 bis 2 Millionen Pesos aus und Franzosen setzten für etwa 800 000 Pesos Luxuskleider, Weine, handwerkliche und gewerbliche Produkte ab. Die Öffnung des peruanischen Marktes für neue Handelspartner zog einen radikalen Fall der Importkosten nach sich, brachte die Preise ins Wanken und stürzte die lokalen Produzenten in die Krise. Durch notwendige Zugeständnisse an die internationalen Handelspartner ergaben sich neue Abhängigkeitsverhältnisse. Peru wurde dadurch zwar nicht unmittelbar politisch, sehr wohl aber wirtschaftlich von ausländischen Großmächten abhängig. Die Handlungsfreiheit, die das Land während der Kolonialzeit immer vermisst hatte, stellte sich damit freilich nicht ein.

Das kontinuierlich wachsende Handelsbilanzdefizit und die Kapitalflucht verschärften den Mangel an Investitionskapital, das zum Wiederaufbau dringend notwendig gewesen wäre. Zwar gelang der peruanischen Regierung im Januar 1825 die Aufnahme eines zweiten englischen Darlehens in Höhe von 616 000 £. Doch musste sie die beiden Darlehen hauptsächlich zur Begleichung ausstehender Verpflichtungen gegenüber britischen Händlern sowie zur Finanzierung von Militär und Flotte aufwenden. Für Investitionen in Entwicklungsprojekte blieb kaum mehr etwas übrig. Fieberhaft suchte Bolívar nach neuen Einnahmequellen und Investoren. In einem Brief vom Oktober 1825 gab er den Verkauf von peruanischen Minen im Wert von 2,5 Millionen Pesos an ausländische Interessenten bekannt. Zudem habe er vorgeschlagen, dass die peruanische Regierung sämtliche Minen sowie staatliche Ländereien, Besitztümer und sonstige Vermögenswerte an England verkaufen solle. Damit könnten die Schulden, die mindestens 20 Millionen Pesos betrügen, beglichen werden.

Offenbar war dieser Vorschlag inakzeptabel, denn im gleichen Monat suspendierte Peru die Zahlungen zur Begleichung seiner Außenschulden. Weil das Land weder Rückzahlungen leistete, noch die fälligen Zinsen bezahlte, blieb es bis 1847 von den internationalen Geldmärkten ausgeschlossen.

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Caudillos und Guano (1826–1879)

Aus den südamerikanischen Unabhängigkeitskämpfen gingen hochgradig fragmentierte und instabile Staaten hervor, die weder in einem subjektiven noch in einem objektiven Sinne Nationen waren. Allgemein waren die ethnischen und regionalen Gegensätze zu groß, die gesellschaftlichen und kulturellen Gräben zu tief, als dass sich ein Nationalbewusstsein – das Gefühl der gemeinsamen Zugehörigkeit zu einem politisch handlungswilligen Volk – hätte ausbilden können. Mit der kolonialen Bürokratie und dem kolonialen Regierungsapparat verschwand auch eine geordnete Finanzverwaltung. Der unabhängige peruanische Staat war weder in der Lage, in effizienter Weise die Bevölkerung zu besteuern und direkte Steuern einzutreiben noch gewaltsame interne Konflikte, Banditentum und Gewalt zu verhindern und Sicherheit für Leib und Leben zu garantieren. Ebenso wenig vermochte er für die allgemeine Bildung zu sorgen. Es fehlte eine genügend legitimierte, allgemein anerkannte Regierungsmannschaft, um den Prozess der Staatsbildung zu definieren und durchzuführen. Diese Defizite eröffneten entschlossenen militärischen Führern Möglichkeiten, zu politischer Macht, zu Reichtum und zu Prestige zu kommen. Um solche Caudillos scharten sich Soldaten und Offiziere, die sich in den handverlesenen Truppenverbänden mit willkürlichen Dienstgraden und ohne offizielle Beförderungsmechanismen eine schnelle und lukrative Karriere versprachen.

Mit dem Zusammenbruch der kolonialen Ordnung entfalteten sich mit aller Wucht die auseinanderstrebenden regionalen Kräfte, die zuvor durch Lima im Zaun gehalten worden waren. Die Schwäche des Limeñer Zentralismus förderte lokale und regionale Partikularismen und die Herausbildung abgesonderter regionaler Gesellschaften. Während Limas Elite einen wirtschaftsprotektionistischen Kurs verfolgte, befürwortete die südliche Handelsmetropole Arequipa mehrheitlich den Freihandel und trat für die Integration mit Bolivien ein. Auf dem Lande hatten einflussreiche Grundherren das Sagen, die lose verbundene, oftmals konfliktträchtige Netzwerke unterhielten. Häufig besetzten sie öffentliche Ämter und übten faktisch die politische Kontrolle über weite Gebiete aus. Ihre wirtschaftlichen Machtgrundlagen bildeten der Landbesitz und die Kontrolle über eine abhängige Schicht billiger Arbeitskräfte. Damit präsentierte sich das ländliche Peru zu Beginn der republikanischen Ära als ein Mosaik regionaler agrarischer Gesellschaften, die feudalistische Züge trugen. Zur Fragmentierung des schwachen Staates trugen überdies die ethnische Vielfalt und die kolonialzeitlichen Rassenschranken bei. Auch nach der Erlangung der Unabhängigkeit änderte sich nur wenig an den traditionellen sozialen und wirtschaftlichen Strukturen.

Nach dem Ende von Bolívars Diktatur etablierte Peru ein präsidentielles Regierungssystem mit Gewaltenteilung (Exekutive, Legislative und Judikative). An der Spitze des Staates stand ein mit weitreichenden konstitutionellen Befugnissen ausgestatteter Präsident, der zugleich Staatsoberhaupt, Regierungschef und militärischer Befehlshaber war. Der Staatspräsident bestimmte oder entließ nach eigenem Gutdünken den Ministerpräsidenten. Dass sich das republikanische Peru formell zu den Prinzipien der Gewaltenteilung, Volkssouveränität und der politischen Repräsentation bekannte, bedeutet nicht, dass nun tatsächlich eine Nation gleichberechtigter Staatsbürger entstanden wäre. De facto konzentrierte sich die politische wie auch die wirtschaftliche Macht in den Händen der traditionellen Eliten aus Grundbesitzern, Kaufleuten, Bergwerksbetreibern und Beamten. Zu dieser oligarchischen Gruppe stießen Aufsteiger hinzu, die im Militärapparat Karriere gemacht hatten – seien es Kreolen oder Mestizen.

In den verschiedenen vom Ausland übernommenen Verfassungen wurde das Wahlrecht an bestimmte wirtschaftliche und soziale Voraussetzungen wie Besitz, Einkommen, Steuerleistung oder Beruf gebunden. In der Praxis war das Gewicht der Wählerstimmen auch in dieser selektiven Form gering. Sofern die verfassungsmäßig vorgesehenen Wahlen überhaupt stattfanden, dienten sie einzig der Bestätigung bestehender Verhältnisse. Machtwechsel erfolgten durch Putsch und Staatsstreich, nicht durch die Stimme der Wähler. Regionale Konflikte, sezessionistische Bewegungen und die endlosen Machtkämpfe zwischen rivalisierenden Caudillos und Eliten stellten das nachkoloniale Peru konstant auf die Zerreißprobe. Komplotte, Verschwörungen, Staatsstreiche, Wahlfarcen, Putschversuche und Rebellionen waren an der Tagesordnung. Grenzkriege, wirtschaftlicher Niedergang und Abhängigkeit vom Ausland verschlimmerten zusätzlich die Situation und beeinträchtigten Perus Entwicklung zu einem funktionsfähigen Nationalstaat aufs Stärkste.

Caudillismo oder Caudillismus

Der Caudillo, ein autoritärer Gewaltmensch, war im Wesentlichen ein Produkt der Unabhängigkeitskämpfe. Er ging aus einer Krisenzeit hervor, in welcher der Kolonialstaat und dessen Institutionen zerfielen und verschiedene Akteure gewaltsam darum stritten, das Machtvakuum zu füllen. Militärische Führer, die über politische Macht und ökonomische Ressourcen verfügten, drängten an die Staatsspitze. Ihren Führungsanspruch begründeten sie damit, dass sie kraft ihres Einsatzes und ihrer militärischen Verdienste während des Unabhängigkeitskrieges zu den Gründervätern des neuen republikanischen Vaterlandes zählten. Einige Caudillos übernahmen als formell gewählte Präsidenten die Staatsführung, andere putschten sich an die Macht. Auf regionaler Ebene sorgten Caudillos für einen gewissen Grad an Ordnung und Stabilität, wobei sie sich gelegentlich einer breiten Unterstützung der Bevölkerung erfreuten. In anderen Regionen dagegen verhinderten die Rivalitäten verfeindeter Caudillos Frieden und Stabilität.

Im klassischen Caudillismus befehligte der Caudillo Truppenverbände oder bewaffnete Banden, die durch Patron-Klient-Beziehungen zusammengehalten wurden. Dabei bestimmten die persönliche Ausstrahlungskraft des Anführers, die Hoffnung auf Belohnung oder Abhängigkeitsverhältnisse die gegenseitigen Beziehungen. Um sich auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene die Macht zu sichern, schlossen die Caudillos Allianzen sowohl mit Großgrundbesitzern als auch mit indianischen Gemeinschaften und schufen klassenübergreifende Bewegungen. Die erfolgreichsten Caudillos mobilisierten eine große Gefolgschaft, die als Gegenleistung auf finanzielle und materielle Belohnungen oder auf einen lukrativen Posten hoffen durfte. Untereinander bekämpften sich die Caudillos oder sie gingen Bündnisse auf Zeit ein, je nachdem, wie sich die politische Konjunktur präsentierte. In erster Linie setzten sie auf Gewalt oder Drohungen. Über die Verfassungsbestimmungen setzten sie sich konstant hinweg, wobei ihre gewaltsamen Machtübernahmen nur den offensichtlichen Verfassungsbruch darstellten. Die zahlreichen regionalen Caudillos verhinderten mit ihren Truppen, dass der Staat das Gewaltmonopol durchzusetzen vermochte. Sie waren Unruheherde, die ständig Konflikte hervorriefen. Zwischen 1829 und 1833 gingen von ihnen mindestens 17 Revolten oder Komplotte aus. Sowohl der Staat als auch die regionalen Caudillos setzten Bauerntruppen ein, die manchmal unter Einsatz von Gewalt rekrutiert wurden. Diese Truppen, kaum ausgebildet und schlecht bewaffnet, waren unzuverlässig, undiszipliniert und anfällig für Desertionen.

Zum Auswuchern des Caudillismus trug das Verhalten der zerstrittenen zivilen Eliten wesentlich bei. Diese heckten Verschwörungen aus und planten im Hintergrund Umstürze mit dem Ziel, ihnen genehme und günstig gesinnte Militärführer an die Macht zu bringen. Die Eliten benötigten die Caudillos aus mehreren Gründen: Nur sie vermochten, die Unterschichten zu kontrollieren und einigermaßen für die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung zu sorgen. Und nur sie waren in der Lage, Gesetze aufzuheben, die unter dem Druck der Bevölkerungsmehrheit zustande gekommen waren.

Kontinuitäten

Obschon die Unabhängigkeit eine wichtige Zäsur darstellte, lassen sich zahlreiche Kontinuitäten zwischen der kolonialen und der republikanischen Zeit feststellen. Das beginnt bereits beim Hoheitsgebiet der neuen Staaten, das weitgehend mit den vizeköniglichen Audienz-Bezirken oder Gobernaciones (Hoheitsgebiete eines Gouverneurs) übereinstimmte. Grundsätzlich bildeten die territorialen Grenzen von 1810 den Bezugspunkt. Nach der Abspaltung von Spanien gliederte sich Peru in acht Departements oder Präfekturen, hervorgegangen aus den acht spätkolonialen Intendanzen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren die Präfekten die höchsten Repräsentanten der Zentralregierung und die Vorsteher des Finanzamtes in ihrem jeweiligen Departement. Sie waren für die Organisation der Polizei und für die Etablierung von ländlichen Schulen zuständig; sie beaufsichtigten den Klerus und boten Fronarbeiter für den Bau von Gefängnissen und Straßen auf. Ihnen unterstellt waren die Subpräfekten, die ihrerseits den Provinzen vorstanden. Den Subpräfekten untergeordnet waren die Gouverneure, zuständig für Angelegenheiten auf Distriktebene. Am Fuß der Verwaltungspyramide standen die stellvertretenden Gouverneure, welche die höchsten Autoritäten in Ortschaften und Weilern bildeten. Die genannten Autoritäten wurden von der Zentralregierung bestimmt, ohne dass die Amtsdauer gesetzlich festgelegt war. Sie mussten abtreten, sobald es die übergeordneten Instanzen befahlen. Im Gegensatz zu den Gouverneuren und stellvertretenden Gouverneuren erhielten die Präfekten und Subpräfekten ein festes Gehalt. Bis in die frühen 1880er-Jahre entstammten Letztere üblicherweise den Reihen der höheren Armeeoffiziere. Das bedeutete, dass sie selbst in den meisten Fällen nicht aus der ihnen zugewiesenen Präfektur stammten. Dagegen handelte es sich bei den Gouverneuren um lokal gut verankerte Persönlichkeiten, die in ihrer Region über einen großen Einfluss verfügten und aufgrund ihrer mutmaßlichen Treue zur gerade herrschenden Regierung bestimmt worden waren.

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit dauerte es sehr lange, bis Peru die tiefverwurzelten Charakteristiken abstreifte, die das koloniale Erbe mit seiner fast dreihundertjährigen Geschichte hinterlassen hatte. Ob im alltäglichen, im wirtschaftlichen oder im institutionellen Leben, ob hinsichtlich der Religion, der Weltanschauung oder der Geisteshaltung, ob in den gesellschaftlichen Beziehungen – überall zeigten sich die tiefen Spuren der Vergangenheit. Autoritätsfixierung, hierarchisches Denken, Rassismus, Korruption und Vetternwirtschaft bestanden fort. Die katholische Kirche wahrte ihre enorm starke gesellschaftliche und politische Rolle; religiöse Organisationen wie die Bruderschaften (Cofradías) behielten ihre zentrale Bedeutung. Nur sehr langsam änderten sich die traditionellen moralischen Prinzipien, Tugenden, Ehr- und Wertvorstellungen. Nach wie vor neigten patriarchalische Führer, die an der Spitze weitverzweigter Großfamilien standen und Klientelverbände dirigierten, zu informeller Einflussnahme und Machtausübung. Bestehen blieb die zentralistische politische Tradition, mit einer schwerfälligen, an Eigennutz orientierten Bürokratie. Im Bildungsbereich setzten sich die sehr hohe Analphabetenrate sowie die Vernachlässigung der intellektuellen Förderung von Mädchen und Frauen fort. Das von Spanien übernommene Privatrecht (auch: Bürgerliches Recht bzw. Zivilrecht) blieb – abgesehen von einer kurzen Unterbrechung – bis 1852 in Kraft, das spanische Strafrecht sogar ununterbrochen bis 1862. Kolonialzeitliche Verordnungen bezüglich Bergbau und Wassernutzung, Militär und Seefahrt behielten ihre Gültigkeit bis Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts. Wie bisher organisierten und reglementierten die Zünfte das Gewerbe. In den landwirtschaftlichen Betrieben und in den Städten der Küstenregion bestand die Sklaverei fort. Nach kurzen Unterbrechungen wurde selbst der Indianertribut wieder eingezogen.

Dass sich Änderungen nur langsam durchsetzten, hing auch mit der starken monarchistischen Prägung zahlreicher Entscheidungsträger zusammen. So waren die beiden kreolischen Aristokraten José de la Riva Agüero und José Bernardo de Tagle y Portocarrero, die sich 1823 die Präsidentschaft streitig machten, in Spanien erzogen worden. Beide übernahmen nach ihrer Rückkehr Vertrauensposten innerhalb der vizeköniglichen Bürokratie. Und beide hatten spanische Verwandte und Freunde, weshalb sie gegen die Europaspanier gerichteten Vertreibungskampagnen ablehnten. Bei den Präsidenten La Mar, Gamarra, Santa Cruz und Castilla handelte es sich um ehemalige Offiziere der royalistischen Armee, die im opportunen Moment die Seiten gewechselt hatten. La Mar, um nur ein Beispiel zu nennen, kam 1817 als königlicher Truppeninspektor und Gouverneur des Callao nach Peru. Innerhalb von drei Jahren stieg er zum General auf. In der Festung Real Felipe isoliert, ergab er sich im September 1821 San Martín und wurde im gleichen Rang in die patriotische Armee übernommen.

Instabile Regierungen

Bis zur Mitte der 1840er-Jahre tobten in Peru zahlreiche Bürgerkriege. Außerdem führte das Andenland drei Kriege gegen Nachbarstaaten. In rascher Folge erzwangen Caudillos Regierungswechsel. Zwischen 1823 und 1826 lösten sich fünf Staatschefs ab (inklusive des großkolumbianischen Befreiungshelden Bolívar); von 1826 bis 1845 waren es nicht weniger als 15 Staatschefs. Kulminationspunkt des Präsidentenreigens war das Jahr 1844, in dem sich innerhalb weniger Monate vier Caudillos im Regierungspalast abwechselten. Nicht mitgerechnet ist dabei Ramón Castilla, der in diesem Jahr zum Staatsoberhaupt gewählt wurde. Das extreme Ausmaß der politischen Unbeständigkeit zeigt sich auch daran, dass zwischen 1823 und 1861 sieben Verfassungen veröffentlicht wurden, nebst einer noch höheren Anzahl an Wahlreglements und -gesetzen. Somit verwundert es nicht, dass der frühe peruanische Staat außerstande war, Pläne für mittel-, geschweige denn langfristige Projekte auszuarbeiten.

Die Caudillos Gamarra und Santa Cruz

In den politischen Turbulenzen der republikanischen Anfänge ragten zwei Mestizen hervor, die sich seit ihrer Jugend kannten: der Cusqueñer General Agustín Gamarra und dessen späterer Erzfeind Großmarschall Andrés de Santa Cruz. Die zwei entstammten dem royalistischen militärischen Establishment und wechselten erst spät – nach San Martíns Invasion – die Seite. Gamarra und Santa Cruz dienten unter Bolívar in hohen Kommandopositionen und beide waren in die zahllosen Intrigen involviert, welche die Politik der Nachunabhängigkeitszeit charakterisierten.

Nach dem Sieg der »Patrioten« in der Entscheidungsschlacht von Ayacucho rückte General Gamarra mit seinen Truppen am 25. Dezember 1824 in Cusco ein, wo er als Präfekt und Oberkommandant der südperuanischen Streitkräfte zwei Schlüsselämter besetzte. Während der Meuterei großkolumbianischer Truppen in Bolivien ließ Gamarra 1828 – offenbar eigenmächtig – 5000 peruanische Soldaten ins Nachbarland einmarschieren. Er erzwang den Rücktritt des schwer verletzten Staatspräsidenten Sucre und den Abzug der großkolumbianischen Truppen aus Bolivien. Im Juni 1829 veranlasste Gamarra die Deportation des regulär gewählten Präsidenten La Mar aus Peru. Ein neues Parlament ernannte den Putschisten am 31. August zum Übergangspräsidenten. Mittels einer fragwürdigen »Volkswahl« ließ sich Gamarra noch im gleichen Jahr zum neuen Präsidenten küren. In seiner vierjährigen Amtszeit überstand Gamarra über ein Dutzend Umsturzversuche. Er hielt sich an der Macht durch Repressionen auf der einen und einem Belohnungssystem auf der anderen Seite. Politische Widersacher, kritische Abgeordnete oder aufrührerische Offiziere wurden verhaftet und zum Teil auch deportiert. Durch Beförderungen und Vergünstigungen schuf er eine fügsame Militärclique. Er setzte ihm ergebene Offiziere als Präfekten ein, galt Gefälligkeiten mit Gehaltserhöhungen und Posten ab und manipulierte sowohl militärische Promotionen als auch Pensionierungen. Ein Resultat dieses willkürlichen Beförderungssystems war die Aufblähung des Offizierskorps, sodass das knapp 4000 Mann starke peruanische Heer 1000 Offiziere zählte. Während Gamarras erster Amtszeit bildeten liberale Oppositionelle und Santa Cruz die gewichtigsten politischen Gegner.

Vor seiner Wahl zum Präsidenten durch den bolivianischen Kongress am 31. Januar 1829 hatte Santa Cruz als enger Vertrauter Bolívars höchste militärische und politische Ämter in Peru innegehabt. Als Präsident Boliviens regierte Santa Cruz zehn Jahre lang diktatorisch, gestützt auf eine auf ihn zugeschnittene Verfassung, die zahlreiche Ähnlichkeiten mit Bolívars Konstitution (La Vitalicia) aufwies. Es gelang ihm, das zerrüttete Bolivien politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren und das Land als Regionalmacht zu positionieren.

Im Jahr 1835 existierten in Peru nebeneinander ein provisorischer Präsident (Luis José de Orbegoso), ein Caudillo-Regime, das de facto einen großen Teil des Territoriums kontrollierte (Felipe Santiago Salaverry), und der Ex-Präsident Gamarra, der im Süden unter eigener Flagge autonom handelte. Von Orbegoso um Hilfe gebeten, marschierte Santa Cruz im Juni mit 5000 bolivianischen Soldaten in Peru ein. Die Bolivianer bereiteten Gamarras Truppen in der Schlacht von Yanacocha am 13. August eine vernichtende Niederlage. Am 7. Februar 1836 schlugen sie auch Salaverrys Truppen, wobei dieser und dessen wichtigste Offiziere gefangen genommen, vor Gericht gestellt und exekutiert wurden. Salaverry ausgeschaltet und der flüchtige Gamarra außer Landes, dekretierte Santa Cruz im Oktober 1836 in Lima die kurzlebige Peruanisch-Bolivianische Konföderation, bestehend aus Nordperu, Südperu und Bolivien. Im Folgejahr wurde Santa Cruz zum übermächtigen Protektor dieser drei Staaten. Seine Amtszeit betrug zehn Jahre und durfte beliebig oft verlängert werden. Dem nicht genug bestimmte der Protektor die Präsidenten der drei Staaten und auch gleich noch die Senatoren für die Bundesversammlung.

Was die Wirtschafts- und Handelspolitik betrifft, beabsichtigte Santa Cruz eine Neuorganisation des alten Handelsnetzes, dessen Zentrum die Silberstadt Potosí gewesen war und das während eines Großteils der Kolonialzeit Peru mit Hochperu verbunden hatte. Gleichzeitig strebte er Freihandelsabkommen mit dem nördlichen Atlantikgebiet und den USA an. Großbritannien, der wichtigste Handelspartner Perus, unterstützte Santa Cruz’ Projekt, nicht zuletzt deshalb, weil es den Briten gelang, einen vorteilhaften Handelsvertrag mit der Konföderation auszuhandeln. Vehement dagegen waren Chile sowie diejenigen Eliten Limas und Nordperus, die geschäftlich mit dem südlichen Nachbarland verbunden waren und ihre wirtschaftliche Vormachtstellung bedroht sahen. Chile war nicht gewillt, die erst seit kurzem errungene Handelshegemonie im südlichen Pazifik widerstandslos aufzugeben, zumal die Beziehungen zur Konföderation vorbelastet waren: Verbannte chilenische Oppositionelle hatten von Peru aus einen (kläglich gescheiterten) Umsturzversuch organisiert, Peru hatte Schulden aus der Zeit der Unabhängigkeitskämpfe immer noch nicht beglichen und die Erhebung von Einfuhrzöllen in Lima benachteiligte die Exporte aus Valparaíso.

Nach einem gescheiterten Einfall in Südperu im Dezember 1836 verließ am 19. Juli 1838 ein zweiter chilenischer Truppenverband den Hafen Coquimbo. Unter den 5400 Mann befand sich auch General Gamarra. Am 20. Januar 1839 kam es bei Yungay im Callejón de Huaylas (Hochland des Dep. Áncash) zur Entscheidungsschlacht. Gegenüber standen sich die Konföderations-Armee mit Soldaten aus Bolivien, Nord- und Südperu und die chilenischen Invasoren, die von oppositionellen peruanischen Truppen unterstützt wurden. Mit 1400 Gefallenen und 1600 Gefangenen, die fast alle verwundet waren, erlitt Santa Cruz’ Heer eine verheerende Niederlage. Der Protektor floh nach Guayaquil, geriet später in chilenische Gefangenschaft und wurde schließlich nach Europa abgeschoben.

Dank der chilenischen Waffenhilfe übernahm Gamarra erneut die Macht in Peru, vorerst als provisorischer (15. August 1839), dann als in allgemeinen Wahlen erkorener Präsident (Januar 1840). Freilich hielt er sich nicht bis zum regulären Ende seiner Amtszeit an der Macht. Während der abermaligen Invasion Boliviens fiel der Caudillo am 18. November 1841 in der Schlacht bei Ingavi.

Die Marschallin und Soldatenbräute (Rabonas)

Einen starken Einfluss auf die politischen Entscheide des Caudillos und Präsidenten Gamarra hatte dessen ehrgeizige Ehefrau Doña Francisca Zubiaga y Bernales. Bekannt und berüchtigt unter dem Namen La Mariscala (Die Marschallin), scheute sich Doña Francisca nicht, ihren Teil zu den zeittypischen politischen Intrigen beizusteuern. Die aus dem Dorf Huarcaray stammende Cusqueñerin, die einen Teil ihrer Jugend in einem hauptstädtischen Nonnenkloster verbracht hatte, bildete einen Kontrapunkt zu den verschleierten, koketten Limeñerinnen. Als reitende und waffenerprobte Kämpferin verkörperte sie einen neuen Typus von Frau: die Caudilla.

Im Alter von 22 Jahren ehelichte Doña Francisca 1825 den 18 Jahre älteren General, der damals Präfekt von Cusco war. Sie begleitete ihren Gatten auf zwei Feldzügen, die bis nach Bolivien führten. Dabei erwarb sie sich den Ruf einer unbändigen Frau, die problemlos mit dem rauen militärischen Leben zurechtkam und sogar gelegentlich die Befehlsgewalt übernahm. Während der kriegsbedingten Abwesenheit ihres Präsidenten-Gatten trug ihr persönlicher Einsatz maßgeblich zur Niederschlagung eines Staatsstreichversuchs durch den Vizepräsidenten La Fuente bei. Der US-amerikanische Marineoffizier William S. W. Ruschenberger bezeichnete sie in seinem Reisebericht als treffsichere Pistolenschützin, geschmeidige Fechterin und unerschrockene Reiterin, die kein Risiko scheute. Zu ihren Charakterzügen gehörten offenbar auch Skrupellosigkeit, Jähzorn und Rachsucht. So ließ sie im November 1832 den Herausgeber der oppositionellen Zeitung El Telégrafo de Lima von einem Soldatentrupp verprügeln. Anlässlich eines Tanzabends im Regierungspalast züchtigte sie vor versammelter Gästeschar einen Adjutanten mit der Peitsche, weil sich dieser mit einer Affäre mit ihr gebrüstet hatte. Als Regierungstruppen im Januar 1834 Gamarra im Regierungspalast von Lima umstellten, schlug sich die Marschallin mit ihr ergebenen Streitkräften zu ihrem Gatten durch und befreite ihn aus der Umzingelung. Doña Francisca starb verarmt und an Tuberkulose erkrankt am 8. Mai 1835 im Exil in Valparaíso, noch bevor sie ihr 32. Lebensjahr vollendet hatte.

Von feindlich gesinnten Zeitgenossen wurde Doña Francisca despektierlich als Mannweib gescholten, das sich mehr um öffentliche als um private Angelegenheiten kümmerte. Andere bezeichneten sie wegen ihrer angeblich zahlreichen Liebhaber als »Kleopatra« oder »Lebedame«. Allgemein galt sie als Herrin, die zu allem fähig war und auch nicht vor machiavellistischen Mitteln zurückschreckte, um ihre Ziele zu verwirklichen. Wie dem auch sei, sicherlich forderte die Marschallin die gängigen Vorstellungen über die Rolle der Frau und das Verhältnis zwischen den Geschlechtern heraus.

Wenn die Marschallin eine Ausnahmeerscheinung der Bürgerkriegsjahre darstellte, waren die Rabonas (Soldatenbräute) ein allgemeines Phänomen. Europäische Militärs und Zeitzeugen hielten mit Erstaunen fest, dass indianische Soldaten nicht ohne ihre Frauen ins Feld zogen. In seinen Memoiren schrieb der spanische General (und spätere Vizekönig) Pezuela, dass die Indianerinnen, welche die loyalistischen Truppen auf ihren strapaziösen Märschen durch Hochperu begleiteten, nicht weggewiesen werden konnten, ohne dass man Desertionen provoziert hätte. Darüber hinaus spielten diese Frauen als Köchinnen eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Truppen. Der französische Vizekonsul Adolphe de Botmiliau, der von 1841 bis 1848 in Peru lebte, verglich einen peruanischen Heereszug mit einer indianischen Völkerwanderung. In einem Artikel für eine Pariser Zeitschrift notierte er:

»Es gibt nichts Seltsameres als den Aufbruch eines peruanischen Heeres zu einem Feldzug. Frauen und Kinder marschieren inmitten einer langen Soldatenkolonne mit, die sich verworren in die von den Führern angezeigte Richtung verschiebt. Dem Zug folgen schwer beladene Esel und Maultiere. Mit jedem Schritt drängen sie in die Marschreihen hinein. Für rein gar nichts ist vorgesorgt. Es fehlt an allem: an Verpflegung, der Versorgung und sogar dem Sold. Daher lebt man fast immer auf Kosten des Gebietes, durch das man zieht. Und die gewöhnlichen Soldatenbräute, bekannt unter dem Namen Rabonas, ersetzen die Militärverwaltung. Die Sitte, mit den Frauen in den Krieg zu ziehen, ist indianischen Ursprungs. Wenn man sie nicht erlaubte, wäre es unmöglich, auch nur einen einzigen Mann unter der Heeresfahne zu halten. Ob Ehefrau oder Konkubine, die Rabona begleitet ihren Mann überallhin und folgt ihm selbst auf den beschwerlichsten Märschen. Manchmal trägt sie ein Kind auf den Schultern, während ein zweites in ihrem Rückentuch ruht. Es gibt Berichte von Gewaltmärschen durch die Berge unter Führung des Generals Santa Cruz, bei denen täglich 20 Leguas zurückgelegt wurden. Immer dabei diese unermüdlichen Frauen, deren Ausdauer und Beharrlichkeit wirklich bemerkenswert sind. Freilich ist die Rabona eher die Sklavin als die Frau des Soldaten. Geschlagen und häufig misshandelt, rührt sie die von ihr zubereiteten Speisen erst an, wenn ihr roher Gefährte diese mit ihr zu teilen bereit ist. So beschwerlich und mühsam ein solches Leben auch ist, die Rabona scheint es zu mögen. Wenn der Soldat in die Kaserne einzieht, folgt sie ihm und kümmert sich dort um sämtliche Haushaltsangelegenheiten. Erfolgt ein neuerlicher Aufbruchsbefehl, macht sie sich frohgemut wieder auf den Weg.« (de Botmiliau, Adolphe 1850, La République Péruvienne, in: Revue des deux mondes, Paris, 1. April, 16–17)

Gesellschaft und Demografie

Auch nach der Verkündigung der Unabhängigkeit dominierten in Peru ein ausgeprägtes Kastendenken und ein markanter Rassismus. Ebenfalls bestehen blieb die extreme Ungleichheit zwischen einer kleinen, privilegierten Elite und der in äußerster Armut lebenden Bevölkerungsmehrheit. 90 % der Peruaner waren vom kommerziellen Konsum ausgeschlossen – sei es wegen des abgeschiedenen Wohnorts auf dem Lande, sei es, weil sie als Selbstversorger oder in leibeigenschaftsartigen Abhängigkeitsverhältnissen lebten. Auch an der Situation der Frau änderte sich kaum etwas. Das weibliche Geschlecht übte im Allgemeinen seine traditionelle Rolle im Dienste des Mannes aus. Ungeachtet ihrer wichtigen Beiträge während der Unabhängigkeitskriege schlossen die verschiedenen Verfassungen die Frauen vom Stimmrecht und von politischen Ämtern aus. Innerhalb der Familie blieb der Mann die maßgebende Autorität. Die Gesetzgebung definierte verheiratete Frauen als Minderjährige und zwang sie unter die Vormundschaft ihres Ehemannes. Einzig Witwen verfügten gesetzlich über eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit. Sie durften Verträge unterschreiben und ihr Eigentum kontrollieren. Unter Elitefamilien bildete die Heirat nach wie vor Vertrag und Mittel, um die Ehre und den sozialen Status zu bewahren. Bei den Unter- und Mittelschichtspaaren blieb das Zusammenleben ohne formelle Heirat verbreitet.

Die langen Kriegsjahre wirkten sich verheerend auf ganze Landstriche, Dörfer und Städte aus. Weite Gebiete litten unter chronischen Unruhen und Gewalttätigkeiten. Versprengte Heerestruppen, Freischärler, Banditen und entlaufene Sklaven trieben vielerorts ihr Unwesen. Entlang der Küste, insbesondere in der Umgebung von Lima und Trujillo, waren Räuberbanden eine endemische Plage. Sie machten die Reiserouten unsicher und fielen gelegentlich auch brandschatzend in Dörfer und Weiler ein. Wohl am unverfrorensten und tolldreistesten ging die Bande des Schwarzen León Escobar vor. Seine Reiterhorde drang bis ins Zentrum von Lima vor, wo die Übeltäter prunkvolle Wohnhäuser plünderten und selbst den Erzbischofs- und den Präsidentenpalast nicht verschonten. Solchen Räuberbanden schlossen sich mitunter schwarze Frauen an, die sogar als Anführerinnen in Erscheinung traten.

Trotz der langen Kriegsjahre nahm die Bevölkerung langfristig zu. Zählte Peru um 1792 rund 1,15 Millionen Einwohner, so ergab der erste Zensus der Republikzeit im Jahre 1836 eine Bevölkerungszahl von rund 1,4 Millionen. Der zweite Zensus im Jahre 1850 wies zwei Millionen aus. Gebremst wurde das Bevölkerungswachstum durch die Grenz- und die Bürgerkriege, durch Unterernährung, prekäre hygienische Bedingungen und Krankheiten. Zwar minderten die gegen Ende der vizeköniglichen Ära eingeführten Impfungen die Pockengefahr, aber Malaria und Tuberkulose waren nach wie vor stark verbreitet. Im Hochland suchte das Oroya-Fieber die Bevölkerung heim. Wie fast überall auf der Welt forderten Typhus, Pest und Cholera zahlreiche Opfer.

Von 1827 bis 1850 nahm der Anteil der Hochlandbewohner an der Gesamtbevölkerung von 77 % auf 80 % zu. Größte und bedeutendste Stadt blieb Lima, obschon deren Einwohnerzahl von 64 000 im Jahr 1820 auf knapp 56 000 im Jahr 1836 zurückging. Die Städte waren verhältnismäßig klein, wobei Arequipa, Cusco und Trujillo ungefähr halb so viele Einwohner wie Lima zählten. Innerhalb der hauptstädtischen Bevölkerung bildeten die Handwerker, die häufig lesen und schreiben konnten, ein unruhiges Element. So beteiligten sie sich Mitte der 1830er-Jahre an den verschiedenen Protestaktionen gegen ausländische Handelshäuser, die durch ihre Importe mit der lokalen Produktion konkurrierten. Limas Indianer arbeiteten als Krämer, Handwerker und Dienstboten und waren auch unter den Sattlern, Silberschmieden und Posamentern prominent vertreten. Die freien Schwarzen übten oftmals dieselben Tätigkeiten aus wie ihre versklavten Brüder. Zur großen Masse der ungelernten Arbeitskräfte zählten Tagelöhner, Wander- und Gelegenheitsarbeiter. Frauen verdienten sich ihren Lebensunterhalt als Kleinhändlerinnen, Dienstpersonal, Wäscherinnen, Näherinnen, Hausmädchen oder Hebammen.

Die Mehrheit der peruanischen Bevölkerung bildeten Indianer beziehungsweise Personen, die als solche klassifiziert wurden. 1827 betrug ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung 61,6 %, verglichen mit 58 % im Jahr 1795 beziehungsweise knapp 58 % im Jahr 1876. Bis zur Jahrhundertmitte verzeichnete das südliche Hochland – die Departements Puno, Cusco, Ayacucho und Arequipa, wo die Hälfte aller Peruaner lebte – ein nachhaltiges Bevölkerungswachstum. Während die Gesamtwirtschaft darniederlag, erholte sich der bäuerlich-indianische Sektor sichtbar, wie etwa das Aufblühen der andinen Märkte zeigt. Wie bereits zur kolonialen Zeit waren die Grenzen zwischen Indianern und anderen Bevölkerungsgruppen fließend. Der Begriff »Indio« hatte sich mehr und mehr von seiner ethnischen Bedeutung zu einer negativ besetzten soziokulturellen Kategorie gewandelt. Kulturelle Kennzeichen waren das Sprechen einer indianischen Sprache – Quechua, Aymara oder eine amazonische Sprache – Kleidung, Essgewohnheiten, notdürftige Behausungen und einfache Produktionsformen. Für den Staat bildete der Begriff letztlich eine fiskalische Kategorie: Indianer war, wer die Kopfsteuer bezahlte und wer – wie unter spanischer Herrschaft – zu unbezahlten Zwangsarbeiten herangezogen werden konnte.

Indianer

Bolívar erließ mehrere Dekrete, die auf eine rechtliche Gleichstellung der Indianer und deren Integration in die Marktwirtschaft zielten. Nachdem er San Martíns Verbot des Indianertributs bekräftigt hatte, unterzeichnete er 1825 drei weitere Verordnungen. Mit der ersten schaffte er das Amt eines Curacas (Häuptling) wie auch sämtliche Adelstitel definitiv ab. Mit der zweiten hob er die Institution des kollektiven indianischen Gemeindelandes auf. Und mit dem dritten betätigte er die Annullierung der persönlichen indianischen Dienstpflichten bzw. Fronarbeiten. Durch die Aufhebung des Curaca-Amts und sämtlicher adliger Privilegien verschwand der indianische Erbadel endgültig. Die vermögendsten und machtvollsten unter den ehemaligen Curacas gingen in der republikanischen Elite auf. Andere bildeten als erfolgreiche Gewerbetreibende oder Händler Teil der städtischen, bürgerlichen Mittelschichten. Wieder andere wurden von der Masse der ländlichen indianischen Bevölkerung absorbiert. An die Stelle der Curacas traten die indianischen Dorfvorsteher (Alcaldes de Indios). Aus diesem Amt gingen die bis heute existierenden Alcaldes-Vara oder Varayoqs hervor, benannt nach ihrem Herrschaftszeichen (einem silberbeschlagenen, zepterartigen Stab aus dem Hartholz der Chonta-Palme). Die Alcaldes nahmen eine Mittlerfunktion ein zwischen den Funktionären des Zentralstaates (Gouverneur; stellvertretender Gouverneur) und der ländlichen Bevölkerung. Sie zogen die Steuern ein, regelten gemeindeinterne Angelegenheiten beziehungsweise solche von öffentlichem Interesse wie die Abfallbeseitigung, die Nachrichtenübermittlung oder die Aufsicht über das Gefängnis.

Im Gegensatz zur Abschaffung des Curaca-Amts erwiesen sich Bolívars andere Dekrete als nicht praktikabel. Bereits 1826 führte der finanzschwache Staat den Indianertribut unter der neuen Bezeichnung Contribución indígena (Eingeborenenabgabe) wieder ein. Begründet wurde dieser Schritt einerseits damit, dass die Mehrheit der Indianer nach wie vor in ländlichen Gemeinschaften mit kommunalem Bodenbesitz lebte, weshalb der Landbesitz nicht individuell besteuert werden könne. Andererseits kauften die meisten Indianer als weitgehende Selbstversorger kaum Importgüter oder sonstigen Produkte, sodass der Fiskus von dieser Seite keine namhaften Zoll- oder Konsumentenabgaben erwarten durfte. Die rasche Wiedereinführung des Tributs lag durchaus im Interesse der begüterten Kreolen, die sich weigerten, direkte Steuern zu zahlen oder Anleihen zur Finanzierung des Staatshaushaltes zu zeichnen. Durch die Privatisierung des kollektiven Landbesitzes wollte Bolívar eine Klasse von prosperierenden, in die Marktwirtschaft integrierten Kleinbauern schaffen. Da sich nach dem Inkrafttreten der Verordnung der Zugriff von Nichtindianern auf privatisiertes Gemeinschaftsland massiv verstärkte, ratifizierte der Kongress 1828 ein neues Gesetz, das den Verkauf solcher Ackerlose stark einschränkte. Selbst die kolonialen Fronarbeiten und persönlichen Dienstpflichten wurden unter neuem Namen durch die Hintertür wieder eingeschmuggelt. Unter der Bezeichnung Servicio a la República (Republiksdienst) mussten die Indianer für eine gewisse Zeit unentgeltlich für den Staat arbeiten, zum Beispiel beim Straßenbau oder bei sonstigen Projekten zur Verbesserung der Infrastruktur. Häufig eigneten sich lokale Machthaber im Landesinnern diese dem Staat geschuldeten Arbeitsleistungen zu ihrem persönlichen Vorteil an. Überdies sorgten die Mechanismen der Schuldknechtschaft und Gesetze zur Bekämpfung des Vagabundentums dafür, dass die kolonialen Arbeitszwänge in neuem Gewand weiterexistierten.

Um ihrer Steuerpflicht nachzukommen, mussten die Indianer wie bis anhin ihre Arbeitskraft außerhalb des Dorfes anbieten oder ihre landwirtschaftlichen Erzeugnisse vertreiben, wovon Grundbesitzer, Unternehmer im Bergbau und Händler gleichermaßen profitierten. Für viele ländliche Indianer blieb das Leben auch in republikanischen Zeiten prekär. Zwar blieb die koloniale Mita im Bergbau – insbesondere in den gefährlichen Minen von Potosí und Huancavelica – definitiv verboten. Aber sonstige Formen von Fronarbeiten, Ausbeutungsmechanismen und Druckmittel hielten sich hartnäckig: Die Armee rekrutierte unter Zwang indianische Soldaten, die Kirche verlangte Sonderabgaben und Händler manipulierten Gewichte und Preise. Innerhalb der Haciendas herrschten nach wie vor quasi-feudalistische Abhängigkeitsverhältnisse, während die Bestrebungen zur Privatisierung von Gemeinschaftsland im schlimmsten Fall zum Verlust von Grund und Boden führten. Ohne besonderen Schutz und ohne Zugang zu Investitionskapital oder staatlicher Hilfe verschuldeten sich manche indianische Kleinbauern bei mächtigen Landbesitzern. Zur Begleichung ihrer Schulden mussten sie Landparzellen abtreten, und nicht selten endeten sie in Schuldknechtschaft gefangen als billige, hörige Arbeitskräfte innerhalb einer Hacienda.

Der Aufstand von Huanta

Während der Unabhängigkeitskriege kämpften Indianer sowohl auf »patriotischer« wie auch auf royalistischer Seite. Indianisch geprägte Hochlandgebiete wie Huanta, Castrovirreina oder Abancay blieben weitgehend königstreu. Ihre Bewohner sahen im spanischen Monarchen den Garanten herkömmlicher Rechte und bekämpften die »patriotischen Befreier«, die von ihnen Abgaben und Soldaten forderten. Im Gegensatz zu den übrigen royalistischen Hochburgen setzte die Landbevölkerung im Gebiet von Huanta den Widerstand auch nach der Niederlage in der Entscheidungsschlacht von Ayacucho fort. Ein Teil der Geistlichen und der Hacienda-Besitzer sowie Landarbeiter, Maultiertreiber und Coca-Händler unterstützten die Aufständischen, die in den von ihnen kontrollierten Gebieten ein eigenständiges Regime etablierten. Die Rebellen hatten ihre eigenen Autoritäten, darunter »Subdelegierte«, die Recht sprachen, für Ordnung sorgten, den moralischen Lebenswandel überwachten und Arbeitskräfte für den Unterhalt von Straßen und Brücken mobilisierten. Sie erhoben Steuern, die sie für militärische Zwecke (Sold, Verpflegung, Waffenkäufe) verwendeten. Damit waren sie in der Lage, den Aufstand ohne jegliche fremde Hilfe zu finanzieren. Oberkommandant der bunt zusammengewürfelten Truppen aus indianischen Kleinbauern, Hacienda-Arbeitern, ehemaligen Offizieren des königlichen spanischen Heeres und Deserteuren der republikanischen Armee war Antonio Abad Huachaca. Von diesem ehemaligen Maultiertreiber hieß es, Vizekönig La Serna habe ihn persönlich in den Rang eines Generals erhoben.

Mit Versprechungen, Amnestieangeboten, aber auch mit Strafexpeditionen versuchten die verschiedenen Führer der jungen peruanischen Republik, den Widerstand zu brechen. Ohne Erfolg: Am 12. November 1827 fielen Aufständische in Huanta ein und besetzten die Stadt. Gut zwei Wochen später setzten 1500 Rebellen zum Sturm auf die Departementshauptstadt Ayacucho an. Die Verteidiger wehrten die Attacke ab, wobei sie rund 300 Angreifer töteten. Verfolgt von republikanischen Truppen, floh der Rest in die schwer zugänglichen Berggebiete. Die anschließende Repressionskampagne dauerte sieben Monate und kostete Hunderte von Menschenleben. Orte wurden gebrandschatzt und zahlreiche Aufständische gefangen genommen und vor Gericht gestellt. Mehrere flüchtige Rebellenführer nahmen Amnestieangebote an und legten die Waffen nieder. Vom Aufgeben wollte dagegen der Oberkommandant Huachaca nichts wissen, der sich einer Verhaftung entziehen konnte. In den 1830er-Jahren griff er erneut zu den Waffen und mobilisierte seine Freischärler; jetzt, um auf Betreiben des Präsidenten Orbegoso gegen die Truppen des Caudillos Gamarra zu kämpfen.

Die Rebellion von Huanta war der einzige große Aufstand der Landbevölkerung in den ersten vier Jahrzehnten der Republikzeit. Sie zeigt den Aufstieg eines neuen Typus vom indianischen oder mestizischen Bauernführer, dessen Autorität weder durch adlige Abstammung noch durch ein Gemeindeamt legitimiert war. Für die meisten dieser Campesino-Führer war der Monarchismus mehr nützliches Instrument als tiefgründige Überzeugung. Die Berufung auf den spanischen König Ferdinand hatte primär eine symbolische Bedeutung, war eine Quelle des Prestiges und der Legitimation. Tatsächlich ging es um die Durchsetzung von Partikularinteressen, wie das Militärbündnis zwischen Oberkommandant Huachaca und Präsident Orbegoso zeigt. Als Gegenleistung für die Waffenhilfe erhielten Campesino-Führer Posten in den unteren Rängen der staatlichen Administration. Auch Huantas Dorfgemeinschaften profitierten. Denn Orbegoso erfüllte mehrere ihrer Forderungen, angefangen bei der Festlegung der Distriktgrenzen über die Befreiung von Tributzahlungen bis zum Recht, eigene Kandidaten zu Distriktsautoritäten (Gouverneure, Friedensrichter) zu ernennen, selbst wenn diese Analphabeten waren.

Huanta zeigt beispielshaft, wie die Landbevölkerung aktiv ins politisch-militärische Geschehen eingriff und sich Freiräume schuf. Die konfliktreichen Jahre zwischen 1820 und 1850 eröffneten indianischen Gemeinschaften im Hochland Möglichkeiten zum Eingehen neuer Bündnisse, bestenfalls auch zur Rückgewinnung verlorener Ländereien oder zur Übernahme von politischen Ämtern durch selbst bestimmte Kandidaten.

Dschungelindianer

In der ersten Dekade der Nachunabhängigkeitszeit kamen die Missionstätigkeit und die Kolonisation in den peruanischen Dschungelgebieten praktisch zum Stillstand. Viele Missionare kehrten nach Europa zurück. Nur mehr vier Franziskanermönche blieben im riesigen Territorium von Maynas, während lediglich einer am Río Ucayali die Stellung hielt. 1824 verfügte Bolívar das Ende der franziskanischen Missionsarbeiten. Er ließ den Hauptsitz Santa Rosa de Ocopa konfiszieren und in eine weltliche Schule umwandeln. Zwölf Jahre später wurde diese Verfügung wieder aufgehoben und die Wiedereröffnung des Klosters als Missionszentrum verordnet. Im Februar 1838 trafen annähernd 20 Franziskanermönche aus Europa in Ocopa ein – eine Zahl, die 1878 auf 46 anwuchs.

Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verließ ein Großteil der Dschungelindianer die Missionsdörfer. Sie verstreuten sich in den Wäldern oder gründeten selbständig neue unabhängige Ortschaften. Andere, wie die Aguarunas und Huambisas, griffen zu den Waffen und versuchten mit Gewalt, die Siedler aus ihren Territorien zu vertreiben. 1841 gründeten Kolonisten, die den Überfall der Huambisas auf den Hauptort Borja überlebt hatten, die heutige Dschungelmetropole Iquitos. Zehn Jahre später traf der US-amerikanische Marine-Leutnant Wm. Lewis Herndon dort rund 200 Einwohner an, die in äußerst primitiven Verhältnissen lebten.

Nach wie vor scheuten viele Dschungelindianer keine Mühe, um sich westliche Produkte, insbesondere Waffen und Gerätschaften aus Eisen, zu beschaffen. Der Kleinhandel mit Gummi und Harzen, Pflanzenfasern, Kakao, Vanille, Tabak und Gold nahm beträchtlich zu. Zusätzlich zu diesen Produkten tauschten die Indianer gesalzenen Fisch, Wachs, Seekuhschmalz, Schildkröteneier und -fett gegen Werkzeuge, Waffen, Baumwollgewebe oder auch billige Perlen. Zwischenhändler verkauften die eingehandelte Ware an der brasilianischen Grenze mit satten Gewinnen, während die Indianer ihr Arbeitspensum ständig erhöhen mussten, um an die begehrte westliche Ware zu kommen.

Wo sich der Würgegriff von Siedlern, Patrons und Missionaren lockerte, erlebten die Dschungelvölker eine Renaissance. Die Anzahl an unabhängigen Lokal-

Abb. 7: Pfahlbauten am Río Ucayali (Dep. Loreto und Dep. Ucayali).

gruppen und Dörfern stieg an, besonders unter den Quechua sprechenden Gemeinschaften nördlich des Río Marañón. Vom Verfall der kolonialen Strukturen profitierten allerdings nicht alle Dschungelindianer. Bewohner von langjährigen Missionsstationen in der Nähe von Mestizo-Ortschaften wie die Lamistas, die Cocamilla oder Chayavita wurden sogar noch stärker ausgebeutet als zuvor. Skrupellose republikanische Funktionäre verschärften das von den Missionaren eingeführte Regime der Zwangsarbeiten und bereicherten sich durch illegale Zwangsverkäufe. Die langen Dienstpflichten (etwa zur Abwehr portugiesischer Vorstöße) oder die willkürlich befohlenen Fronarbeiten (beispielsweise für den Bau von Schiffen und Kanus) führten mehrfach zu lokalen Aufständen.

Sklaven

Im Jahr 1818 trafen die letzten Bozales – Sklaven, die direkt aus Afrika kamen und nicht an die hispanische Kultur assimiliert waren – in Peru ein. Wie ihre Vorgänger vermischten sie sich allmählich mit Angehörigen anderer Ethnien. Dies führte zu einer Verkümmerung oder den Verlust von Sprachen, Religionen, Sitten und weiteren Ausdrucksformen der afrikanischen Kulturen. In Stadt und Land verrichteten schwarze Sklaven die harten und verschmähten manuellen Arbeiten. In den Küstenstädten arbeiteten sie als Bauarbeiter, Wasserträger, Maultiertreiber, Handwerker, Kunsthandwerker und Hausknechte. In Lima betätigten sie sich hauptsächlich als Lastträger und Wasserverkäufer, daneben auch als Schuhmacher, Maurer, Maler oder Nachtwächter. Andere transportierten auf Eseln Pferdefutter von den Haciendas in die Stadt. In der Umgebung der größeren Küstenstädte bestellten Sklaven die Gemüsegärten, die die Städte belieferten. Derweilen waren Sklavinnen als Hausgesinde, Ammen, Wäscherinnen, Näherinnen oder Straßenverkäuferinnen tätig.

In der Hauptstadt ging die Anzahl unfreier Schwarzer kontinuierlich zurück: von 8589 Menschen im Jahr 1818 auf 5791 im Jahr 1836 und geschätzte 4500 Personen im Jahr 1845. Bis zur Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1854 kauften sich etwa 40 bis 60 % der Limeñer Sklaven durch eigene Anstrengungen frei. Vom Rest erhielt ungefähr ein Drittel die Freiheit geschenkt. Von dieser Form der Belohnung profitierten in erster Linie Sklavinnen, die in den Privathaushalten Vertrauensposten innegehabt hatten. Ein Teil der Freigelassenen fand als Selbständige im Gastgewerbe oder im Kleinverkauf ein Auskommen. 1846 befanden sich 45 % der in Lima registrierten Spelunken (Chinganas) und 20 % der Kramläden mit Alkoholausschank im Besitz von Schwarzen.

Inventarlisten verschiedener Landwirtschaftsbetriebe zeigen, dass die Anzahl ihrer Sklaven zwischen 1836 und 1845 durchschnittlich um 60 % abnahm. Einzig die größten und finanzkräftigsten Zuckerrohr-Haciendas konnten ihren Sklavenbestand mehr oder weniger wahren. Kleinere Betriebe dagegen waren außerstande, geflohene Sklaven zurückzugewinnen, geschweige denn neue zu erstehen. Außerdem stieg die Anzahl derjenigen, die sich aus eigener Kraft freikauften. Um Geld für die Verpflegung zu sparen und um die Sklaven an die Hacienda zu binden, überließen Plantagenbesitzer ihren Sklaven Landparzellen zur Selbstversorgung. Sie erlaubten ihnen die Bewirtschaftung an bestimmten Tagen oder zu vorgegebenen Zeiten. Fleißige Sklaven verkauften ihre Überschüsse und sparten so lange, bis sie genügend Geld für den Freikauf zusammen hatten. Verglichen mit den ländlichen Sklaven gab es für die städtischen mehr und bessere Verdienstmöglichkeiten, sei es durch den Verkauf von selbst zubereiteten Esswaren, sei es durch Extraleistungen im Handwerk, im Gewerbe oder im Hausdienst. Auch war die Bewegungsfreiheit in der Stadt größer. Gang und gäbe waren zeitlich befristete Arrangements, bei denen ein Sklave im Auftrag seines Herrn für eine Drittperson arbeitete. Den Lohn musste der Sklave zum größten Teil dem Herrn oder der Herrin abliefern, doch blieb ihm zumeist ein bescheidener Restbetrag. Nicht alle Sklaven lebten im Haushalt ihres Herrn. Einige wohnten in abgesonderten Unterkünften, andere führten einen eigenen Hausstand mit Frau und Kindern. Renitenten Sklaven drohte die Platzierung in einer der zahlreichen Bäckereien, die wegen der harten Arbeitsbedingungen und der strengen Körperstrafen gefürchtet waren. Die Strafarbeit in den verhassten Bäckereien – wahre Gefängnisse, in denen die Sklaven außer der Bruthitze der Öfen und den langen Arbeitstagen auch den Halsstock (Cepo), Fußeisen, Ketten und Peitschen erdulden mussten – wurde erst gegen Ende der 1850er-Jahre abgeschafft.

Personen unterschiedlicher Abkunft

Mestizen – Menschen mit einem weißen und einem indianischen Elternteil – waren im regionalen Handel und Transportwesen tätig. Sie besetzten die niedrigen Verwaltungsämter, arbeiteten im Bergbau oder als unabhängige Kleinbauern in der Landwirtschaft. Letztere unterschieden sich durch privaten Landbesitz, individuelle Produktionsweise und durch eine stärkere kulturelle Assimilation von den Bauern der Dorfgemeinschaften. Als Mestize war man von der Eingeborenenabgabe (Contribución indígena) befreit. In den isolierten binnenländischen Gebieten stuften jedoch die Steuerbeamten viele verarmte Mestizen als »Indianer« ein, wodurch sie den Eingeborenentribut bezahlen mussten. In den zahlreichen Dorfgemeinschaften der Region Cusco lebten Mestizen und Indianer Seite an Seite. Oftmals gelang es Mestizen, Gemeinderatsämter zu monopolisieren und das Amt des Tributeintreibers zu besetzen. Damit schufen sie die Voraussetzungen zur Ausweitung ihrer privaten Ländereien auf Kosten des kommunalen Landbesitzes. Durch die Übernahme staatlicher Ämter wie durch die Kontrolle des regionalen Handels und Transports nahmen zweisprachige Mestizen eine gesellschaftliche Vermittlerposition zwischen den Eliten und den nicht-weißen Unterschichten ein. Die geschäftstüchtigsten Mestizen erstanden Landparzellen an zukunftsträchtigen Lagen wie an Stadträndern oder in den unteren Flusstälern der Küste.

Die Unabhängigkeitszeit eröffnete Schwarzen bzw. Schwarzen mit gemischter Abstammung neue Karrierechancen. Auf den politischen Publizisten Bernardo Monteagudo, der unter San Martín zum mächtigen Innenminister Perus aufstieg, ist bereits hingewiesen worden. Erfolge als Künstler konnten die beiden Maler Gil de Castro und Pancho Fierro verbuchen. Gil kam 1785 in Lima als Sohn eines Hauptmanns einer Mulattenmiliz und einer freigelassenen Sklavin zur Welt. Mit seinen Porträts, die einige der führenden Köpfe der Unabhängigkeitskriege abbilden, brachte er es zu flüchtiger Berühmtheit. Francisco (auch: Pancho) Fierro (1809–1879) – unehelicher Sohn eines Limeñer Aristokraten und Prälaten sowie der Sklavin Carmen Palas – war ein Autodidakt, der in Hunderten von humorvollen Aquarellen ein Potpourri volkstümlicher Figuren und Gestalten auferstehen ließ.

Einen eindrucksvollen Werdegang verzeichnete José Manuel Valdés (auch: Valdez). Mittels einer Spezialgenehmigung legte der hochbegabte Sohn eines Indianers und einer freien »Mulata« noch in der Kolonialzeit die Prüfungen zum Doktor der Medizin ab (1806). Zehn Jahre später wurde er zum Mitglied der Königlichen Medizinischen Akademie von Madrid ernannt. Valdés gehörte zu den Unterzeichnern der Unabhängigkeitsakte (15. Juli 1821), und er stand dem Protektor San Martín als Arzt mit Rat und Tat zur Seite. Vielfach talentiert schuf er sich nicht nur als Mediziner und Chirurg einen Namen, sondern auch als Artikelschreiber, Literat und Dichter, als Verfasser theologischer und historischer Werke sowie als Parlamentarier. Höhepunkte seiner akademischen Laufbahn war der Aufstieg zum Oberarzt der Republik (Protomédico general) im Jahr 1836 und die Beförderung zum Direktor des Kollegiums für Medizin und Chirurgie vier Jahre später.

Die Kirche

Im Verlauf des 18. und 19. Jahrhunderts büßte die Institution Kirche viel von ihrem sagenhaften Vermögen und Reichtum ein. Bereits die Bourbonen hatten mit der Säkularisierung von kirchlichem Eigentum begonnen, indem sie ab 1767 die jesuitischen Besitztümer konfiszieren ließen. In den Turbulenzen der Unabhängigkeitskämpfe verlor die Kirche einen weiteren Teil ihrer Reichtümer. Außerdem leiteten die republikanischen Regierungen Schritte ein, um Besitztümer der Diözesen und der religiösen Orden in staatliche Hände überzuführen. Ein Regierungsdekret vom 28. September 1826 befahl die Auflösung von Ordensgemeinschaften, die weniger als acht Mitglieder zählten. Innerhalb von drei Jahren wurden 56 Männer- und drei Frauenklöster aufgehoben und deren Besitztümer dem Staat übertragen. Weil auch noch viele steuerrechtliche Privilegien im Lauf der Jahre wegfielen, stammten die Einkommen von Bischöfen, Priestern und religiösen Organisationen immer seltener aus unabhängigen kirchlichen Ressourcen. Mehr und mehr hingen sie von den Spenden der Gläubigen, von Donationen, dem Zehnten und von staatlichen Zahlungen ab.


Abb. 8: Arequipa (»die weiße Stadt«): Kathedrale und Hauptplatz während eines Streiks von Minenarbeitern.

Auch nach der Unabhängigkeit blieb Peru strikt römisch-katholisch, ohne Religionsfreiheit zu gewähren. Die Verfassung von 1823 legte unmissverständlich fest, dass die peruanische Republik katholisch, apostolisch und römisch sei. Ungeachtet dieses klaren Glaubensbekenntnisses dauerten die Spannungen mit dem Vatikan fort. Abgesehen vom Arequipeñer Bischof José Sebastián Goyeneche y Barreda verließen sämtliche Bischöfe Peru. In Lima blieb der Bischofssitz von 1821 bis 1835 unbesetzt, in Trujillo von 1820 bis1836, in Ayacucho von 1821 bis 1843 und in Cusco von 1826 bis 1844. Die langen Vakanzen führten zu Führungs- und disziplinarischen Problemen. Priesterweihen fielen aus, Pfarreien blieben unbesetzt, und allgemein mangelte es an Priestern und Ordensgeistlichen. Erst nach langwierigen Verhandlungen akzeptierte der Heilige Stuhl 1834/35, dass die kirchliche Schirmherrschaft (Patronat) von der spanischen Krone auf die peruanische Republik übergegangen war. Erneut reisten europäische Missionare und Priester ins Andenland ein. Mehrheitlich waren sie streng päpstlich und erzkonservativ. Der Pluralismus, der die Kirche zuvor gekennzeichnet hatte, machte einer Uniformität Platz mit einheitlichen Vorstellungen bezüglich Religion, Politik und Gesellschaft. Liberale Kleriker, die die Unabhängigkeit aktiv unterstützt und eine wichtige Rolle bei der Formierung des neuen republikanischen Staates gespielt hatten, machten einen Gesinnungswandel durch oder wurden marginalisiert. Beispielsweise wandelte sich Francisco Javier de Luna Pizarro vom liberalen Ideologen zum konservativen Kirchenverteidiger. Seinen liberalen Überzeugungen treu blieb dagegen Francisco de Paula González Vigil, ein Kongressabgeordneter, standhafter Verteidiger demokratischer Rechte und langjähriger Direktor der Nationalbibliothek (1836–1838; 1845–1875). Die konsequente Verteidigung der Unabhängigkeit der peruanischen Staatskirche gegenüber den Einmischungsversuchen des römischen Zentralismus, die in seinem umfangreichen Schrifttum ihren beredten Niederschlag fand, trug ihm die päpstliche Exkommunikation ein. Luna Pizarro stieg dagegen zum Erzbischof von Lima auf. Unter ihm öffnete das konservative Priesterseminar Santo Toribio 1847 erneut seine Tore, während liberale Kleriker mehr und mehr ins Abseits gedrängt wurden. Zwanzig Jahre nach der Verkündigung der Unabhängigkeit hatte die Kirche viel von ihrer früheren Stärke und Geschlossenheit zurückgewonnen. Obwohl sie rein formell einen Modus Vivendi mit der Republik eingehen musste, übte sie ähnlich wie zu Kolonialzeiten einen starken Einfluss auf alle sozialen Schichten der peruanischen Gesellschaft aus.

Wirtschaft und Handel

Die langen Jahre der Kriege, der internen Machtkämpfe und der politischen Instabilität waren Gift für die wirtschaftliche Entwicklung. Die Produktion, die Exporte und die Steuereinnahmen stagnierten oder gingen zurück. Von einer Geldwirtschaft konnte nicht die Rede sein, denn nur etwa ein Viertel der Bevölkerung nutzte täglich Geld als Zahlungsmittel. Sowohl die schwierige Topografie wie der schlechte Zustand der Verbindungswege als auch die geringe Bevölkerungszahl, der Arbeitskräftemangel sowie das Fehlen eines adäquaten Geld- und Steuersystems erschwerten die Entwicklung eines nationalen Binnenmarktes. Die meisten Gütertransporte wickelten sich auf prekären Wegen auf den Rücken von Lamas und Maultieren ab. Etwas einfacher gestaltete sich der Transport entlang der Küste, wo Segelschiffe bereitstanden.

Kriegsbedingt brach in den 1820er-Jahren die Produktion im Bergbau und in der Landwirtschaft sowie im Handwerk und im Gewerbe ein. Textilmanufakturen, große Haciendas oder Bergwerke stellten ihren Betrieb ein. Der Außenhandel sowie der interregionale Handel gingen empfindlich zurück. Die Wirtschaft splitterte sich in ein Mosaik regionaler Ökonomien auf, in denen die Landwirtschaft dominierte und die, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum Außenverbindungen aufwiesen. In Bedrängnis gerieten auch ehedem prosperierende Küstenregionen wie das Cañete- oder das Pisco-Tal. Von den Zuckerrohr-Haciendas des Cañete-Tals konnte nur eine den Ruin abwenden. Im nahen Pisco-Tal fiel die Produktion von Zucker und Wein auf einen Viertel der Vorkriegsjahre. Im Jahr 1830 exportierte Peru nur noch rund 400 Tonnen Zucker, gegenüber geschätzten 1725 Tonnen im Jahr 1793. Die starken Schwankungen des Zuckerpreises, der zwischen 1829 und 1839 eine langwierige Flaute erlebte, machten den Produzenten stark zu schaffen. In dieser Zeit verlor Peru auch noch den traditionellen Hauptabnehmer für Zucker, da Chile eine diskriminierende Steuer auf peruanischen Zucker erhob und damit Lieferanten aus Brasilien, Kuba und den Antillen begünstigte. Besser als der schwer gebeutelten Zentralküste erging es der nördlichen Küstenzone und gewissen Gebieten im Hochland. An der Nordküste behauptete sich die auf britisches Kapital gestützte und mit schwarzen Sklaven betriebene Latifundienwirtschaft. Im Hochland konnten sich Latifundien mit einer abhängigen indianischen Arbeiterschaft nicht nur halten, sondern in gewissen Fällen sogar ihre Flächen weiter ausdehnen. So ging in der zentralen Sierra der Wiederaufbau der Landwirtschaft von Haciendas aus, die ihre Produkte selbst vermarkteten und auf Kosten von Gemeinden und Kleinbetrieben expandierten.

Von der desolaten wirtschaftlichen Lage war auch das Zugpferd der peruanischen Ökonomie, der Silberbergbau, betroffen. Die verschiedenen Caudillos der Republikzeit hoben Kleinbauern (Campesinos) aus und beschlagnahmten Transporttiere, die damit nicht mehr im Bergbau eingesetzt werden konnten. Zudem requirierten sie Kapital, zerstörten Maschinen, Gruben und Werkplätze. Staatlicherseits konnte der Minensektor nur mehr auf geringe Unterstützung zählen. Vom Protektionismus der Kolonialzeit ging die Entwicklung zu Liberalisierungen über, die den Bergbau den freien Marktkräften auslieferten. Das bedeutete, dass der Sektor weit stärker als bisher altbekannte Probleme wie den Arbeitskräfte- und den Kapitalmangel oder die Versorgung mit unentbehrlichen Hilfsmitteln (Quecksilber, Sprengstoff, Salz, Stahlwerkzeuge) selbst bewältigen musste. Während Jahrzehnten beschränkten die republikanischen Behörden ihre Hilfe auf administrative Maßnahmen, um den Bau von Entwässerungsstollen und die Installation von dampfbetriebenen Entwässerungspumpen voranzutreiben. Erst in den 1870er-Jahren ließen sie dem Sektor auch substanzielle Finanzhilfen zukommen.

Seit Ende des 18. Jahrhunderts war Cerro de Pasco das wichtigste Bergbauzentrum Perus. Im 19. Jahrhundert produzierten seine Gruben rund 60 % des gesamten peruanischen Silbers. Auf 4338 Meter über dem Meeresspiegel in einer unwirtlichen Gegend gelegen, bildete Cerro de Pasco mit einer durchschnittlichen Einwohnerzahl von 10 000 Personen die größte Stadt der zentralen Sierra. Aufgrund der Höhenlage mussten fast sämtliche Konsumgüter aus den tieferliegenden Regionen herbeigeschafft werden, wodurch die Stadt das Zentrum eines dynamischen Handelsnetzes bildete. In einem gewöhnlichen Jahr beschäftigten die Gruben und Gesteinsmühlen rund 3000 Arbeiter. Etwa ein Drittel davon war fest angestellt. Bei der Mehrheit der ca. 2000 temporär Beschäftigten handelte es sich um unqualifizierte Campesinos, die Geld brauchten und die, wenn es der Agrarkalender zuließ, zwischen einem und drei Monaten zu einem Tageslohn von vier Reales arbeiteten. Zusätzlich erhielten sie vom Minenbesitzer das Recht, auf eigene Rechnung erzhaltiges Gestein abzubauen. Zur Aussortierung des erzhaltigen Gesteins wurden auch Frauen und Kinder eingesetzt. Gegenüber der Kolonialzeit gab es nur zwei nennenswerte Neuerungen: Zum einen lösten Pferde die Menschen beim Stampfen des Gemenges aus zermahlenem Erz, Quecksilber, Salz, Kupfersulfat und Wasser ab. Zum andern setzte man nun auch Güterzüge beim Transport des silberhaltigen Gesteins von der Mine zur Silbermühle ein. Ohne grundlegende Innovationen fiel Perus Bergbau technologisch weit hinter das europäische oder nordamerikanische Niveau zurück. Aus Spargründen wickelte sich die Arbeit in den Minen fast ohne Sicherheitsvorkehrungen ab, weshalb Unglücksfälle häufig waren.

Die Unabhängigkeitskämpfe brachten den Bergbau nahezu zum Erliegen. Nachdem die jährliche Silberproduktion 1823 auf ihren niedrigsten Wert gefallen war, erholte sie sich anfangs der 30er-Jahre wieder, um 1842 den republikanischen Höchststand im 19. Jahrhundert zu erreichen. Betrug der Jahreswert des geförderten Silbers zu Beginn der 30er-Jahre drei bis vier Millionen Pesos, war ein Jahrzehnt später das koloniale Niveau von fünf bis sechs Millionen Pesos wieder erreicht. Silberbarren und -münzen bildeten während der ersten beiden Jahrzehnte der Republikzeit die mit Abstand wichtigsten Exportgüter. Ihr Anteil an den Gesamtausfuhren überstieg 80 %. Nicht mitgerechnet ist dabei das geschmuggelte, unversteuerte Silber, dessen Wert Zeitgenossen auf mindestens 25 % des legal ausgeführten Silbers schätzten.

Von 1830 bis 1840 nahmen Perus Exporte durchschnittlich um 8,7 % pro Jahr zu. Im Jahr 1837 legten in Limas Hafen Callao um die 400 Handelsschiffe an. Die meisten davon segelten unter englischer Flagge, gefolgt von kolumbianischen, nordamerikanischen, zentralamerikanischen, französischen und peruanischen Schiffen. Zu den wichtigsten Exportgütern zählten Edelmetalle (Silber, Gold), Baumwolle, Robbenfelle, Kuhhäute, Honig, Rohrzuckermasse (Chancaca) und archäologische Objekte. Ab 1839 beteiligten sich auch südperuanische Häfen am internationalen Großhandel. Sie exportierten Tierwolle und Nitrate nebst Chinarinde, Kupfer und Baumwolle. Die Importe, die Mitte der 1820er-Jahre einen Wert von vier bis fünf Millionen Pesos aufwiesen, erreichten 1834 mit acht Millionen Pesos das Niveau der späten Kolonialzeit. Dabei stammte die Hälfte von britischen Firmen, die in Südperu stark expandierten.

In der Außenhandelspolitik wechselten sich liberalere, am Freihandel orientierte Phasen mit einem zum Teil markanten Protektionismus ab (hohe Schutzzölle, Einfuhrbeschränkungen oder -verbote). Während San Martíns Protektorat wurden die Zölle für die meisten Güter auf 20 % reduziert, was praktisch einer Liberalisierung des Handels gleichkam. Der peruanische Markt öffnete sich für Erzeugnisse aus aller Welt, und nur wenige Handelsverbote blieben bestehen. Demgegenüber versuchten die folgenden Regierungen durch Einfuhrverbote und hohe Tarife, die einheimische Produktion vor der Flut billiger Importe zu schützen. 1826 wurden die Tarife bei Erzeugnissen wie Speiseöl, Schnaps, Leder, Möbel, Butter, Kleider, groben Stoffen (Tocuyos), Tabak und Kerzen um bis zu 80 % des Warenwertes angehoben. Bis 1828 folgten ein vollständiges Importverbot auf Tocuyos und Mehl, eine 90-prozentige Luxussteuer auf handwerkliche Erzeugnisse und bis 200 % betragende Einfuhrzölle auf Landwirtschaftsprodukte. In den 1830er-Jahren traten erneut reduzierte Tarife (20 bis 40 % des Warenwertes) in Kraft. Sie behielten ihre Gültigkeit jedoch nur kurz, denn die nationalistisch-protektionistische Handelspolitik erreichte ihren Höhepunkt zwischen 1839 und 1841 mit den Autarkieträumen des Präsidenten Gamarra.

Steuern und Notkredite

Während der späten Kolonialzeit, von 1780 bis 1800, nahm das vizekönigliche Finanzamt im Jahresdurchschnitt fünf bis sechs Millionen Pesos ein. Um 1830 konnten die republikanischen Finanzbeamten nur mehr mit rund drei Millionen Pesos rechnen, obschon die Bevölkerungszahl angestiegen war. Weil die junge Republik den Verbindlichkeiten gegenüber ihren ausländischen Gläubigern nicht nachkam, waren die Zugangsmöglichkeiten zu weiteren internationalen Krediten verbaut.

Verglichen mit der Kolonialzeit gab es im Steuerwesen zwischen 1825 und 1855 keine fundamentalen Änderungen. Während die ländliche Bevölkerung den Hauptteil der direkten Steuern aufbrachte, zahlten die Städter über Zölle das Gros der indirekten Steuern. Die einfache Landbevölkerung – rund drei Viertel der Gesamtpopulation – lieferte dem Staat via Kopfsteuern jährlich 1,3 Millionen Pesos ab. Dagegen brachte der städtische Sektor via Export- und Importzölle knapp 0,3 Millionen Pesos auf. Neben der Kopfsteuer und den Zöllen bildeten die Gewinne aus der Prägung von Silbermünzen die wichtigste fiskalische Einnahmequelle. Für das Einziehen der Kopfsteuern waren die Präfekten, Subpräfekten und Gouverneure verantwortlich. Wie zu kolonialen Zeiten finanzierten sie mit einem Teil der Erträge ihre Löhne. Mit den Einnahmen aus der Kopfsteuer mussten zudem die öffentlichen Ausgaben innerhalb der Departements bestritten werden, sodass die Zentralregierung nichts von diesen Steuergeldern sah. Zur Festigung der staatlichen Präsenz im Landesinnern oder für größere regionale Entwicklungsprojekte (Bau von Straßen, Häfen, Bewässerungsanlagen usw.) fehlte Lima das Geld.

Den Einnahmen standen die festen Staatsausgaben gegenüber, die sich 1826 wie folgt zusammensetzten: 58 % der Ausgaben beanspruchte das Militär; 26 % machten die Lohnzahlungen für die Beamten (Finanzministerium, Schatzamt, Münze, Zoll, Oberste Steuerbehörde) sowie für die Richter im Tribunal des Consulado beziehungsweise im Bergbau-Tribunal aus; 15 % entfielen auf die Regierung (Exekutive, Legislative, Gerichtshöfe und Richter, Provinzialdeputationen, Präfekturen, Bildung und Gesundheitswesen). Wegen der häufigen Kriege und Rebellionen verschlang das Militär mit bis zu 70 % den Großteil der Staatsausgaben. Budgetdefizite waren chronisch, und die massive Kapitalflucht führte zu beträchtlichen externen Defiziten.

Um die brennendsten finanziellen Probleme zu bewältigen und um kurzfristig an dringend benötigte Gelder zu kommen, waren die Caudillos auf Notkredite angewiesen. Anfänglich waren die Kreditgeber fast durchgängig ausländische Handelshäuser, deren Einflussmöglichkeiten erheblich gestärkt wurden. Nach 1825 entwickelte sich Limas Münzprägeanstalt zur verlässlichsten Quelle, um kurzfristig Kredite von einheimischen Großhändlern zu erhalten. Vorschüsse wurden durch zinsbringende Wertpapiere der Münze gedeckt, wobei den Kreditgebern Vergünstigungen oder zukünftige Exportrechte zugesichert wurden. Im Jahr 1834 institutionalisierten Finanziers und Großkaufleute eine halbstaatliche Kreditbank (Ramo de Arbitrios). Diese war für ein Jahrzehnt die bedeutendste Kreditquelle, die finanzschwache Caudillos anzapften. Die Kredite besiegelten die Symbiose zwischen konservativen Großkaufleuten und machthungrigen Militärs und halfen mit, militaristische Regimes und den Zentralstaat am Leben zu erhalten. Wie zu Zeiten der spanischen Vizekönige handelten die Großkaufleute als Geldgeber in Notfällen für sich eine Reihe von Sonderrechten (Steuer- und Handelsprivilegien) aus. Freilich war der Preis dafür hoch. Bis 1845 türmte der Ramo-de-Arbitrios Schulden in Höhe von einer Million Pesos auf, womit seine Zahlungsfähigkeit erschöpft war und auch kein Caudillo mehr finanziert werden konnte.

Der Guano-Boom (1842–1879)

Während Präsident Gamarras zweiter Amtszeit (1839 bis 1841) fungierte General Ramón Castilla als Finanzminister. Castilla handelte unter anderem ein Abkommen mit der englischen Pacific Steam Navigation Company aus, sodass 1840 die ersten kommerziellen Dampfschiffe entlang der peruanisch-chilenischen Küste ihren Betrieb aufnahmen. Im gleichen Jahr schloss er den ersten Vertrag für den Export von Guano – einem natürlichen Düngemittel – nach England ab. Handelte die peruanische Regierung anfänglich Guano-Verträge mit Einheimischen aus, die mit ausländischen Handelshäusern assoziiert waren, so ging sie ab 1847 dazu über, direkt mit ausländischen Handelshäusern Geschäfte abzuschließen. Als alleinige Besitzerin des Guanos übertrug die peruanische Regierung die Exklusivrechte für den Verkauf des Naturdüngers finanzkräftigen Konsignatären. Diese waren für den Abbau, die Verladung, den Transport und den Vertrieb in den verschiedenen internationalen Zielmärkten zuständig. In den Kommissionsverträgen stand die peruanische Regierung den Konsignatären üblicherweise folgende Entschädigungen zu: 4 % des Bruttopreises für Verkauf und Garantien, 1 % Maklergebühr plus eine Provision von 2,5 % auf Frachten und sonstige Spesen. Bei Vorauszahlungen konnten die Konsignatäre mit Zinsen in der Höhe von 5 bis 6 % rechnen.

Bereits in den 1840er-Jahren trug der Naturdünger wesentlich zur hohen Wachstumsrate der peruanischen Exporte von jährlich 9,2 % bei. Von 1846 bis 1849 betrugen die Staatseinnahmen durchschnittlich 5,6 Millionen Pesos pro Jahr, um in den folgenden beiden Dekaden auf 13,7 beziehungsweise 28,2 Millionen Pesos zu steigen. Dank des Vogeldüngers gelang es Peru, seine Schulden zu konsolidieren und damit die Kreditwürdigkeit in Europa wiederherzustellen. Bis 1856 regelte Peru auch die Schulden aus der Zeit der Unabhängigkeitskämpfe gegenüber Venezuela, Neu-Granada und Chile. Zur Mitte der 1850er-Jahre setzte die einträglichste Phase des Guano-Handels ein. Der Boom endete in den 1870er-Jahren, als die ergiebigsten Lagerstätten erschöpft waren und Qualität wie Preisniveau sanken. Insgesamt exportierte Peru zwischen 1840 und 1880 schätzungsweise elf bis zwölf Millionen Tonnen Guano im Wert von 80 bis 100 Millionen Pfund Sterling (400 bis 500 Millionen Pesos).


Abb. 9 Chile-Pelikane produzieren große Mengen von Guano – nicht unbedingt zur Freude der Fischer.

Die reichlich sprudelnden Einnahmen aus dem Guano-Handel erleichterten die politisch-administrative und wirtschaftliche Modernisierung des Landes. Sie finanzierten eine zivile und militärische Bürokratie, die in der Lage war, die staatliche Präsenz im Landesinneren zu stärken und auszuweiten. Andererseits führte der neue Reichtum – hauptsächlich in Lima und der Küstenregion – zur Bildung einer neuen Elite, die mit ausländischen Finanziers und Geschäftspartnern verbunden war. Zugleich wuchs eine neue Generation von Führungskräften heran, die ihre Ausbildung in der Nachunabhängigkeitszeit erhalten hatte und die sich aufgeschlossen gegenüber den Ideen der bürgerlichen europäischen Revolutionen des Jahres 1848 zeigte.

Guano und Guano-Abbau

Entlang der peruanischen Küste und auf den vorgelagerten Inseln lagerte sich seit Urzeiten der Kot von Millionen von Meeresvögeln ab, der sich zu regelrechten Hügeln auftürmte. Bis heute ernährt der unermessliche Fischreichtum des Humboldtstroms riesige Kolonien von Guanokormoranen, Guanotölpeln und Chilepelikanen – um nur die wichtigsten Guano-Produzenten zu nennen. Lange vor der spanischen Eroberung düngten die Indianer mit den stickstoff- und phosphatreichen Vogelexkrementen ihre Felder nicht nur an der Küste, sondern auch im Hochland. Die Spanier übernahmen das einheimische Wissen und setzten ebenfalls reichlich Guano-Dünger ein. In den Jahren 1804/1805 analysierten europäische Chemiker peruanische Guano-Proben – unter anderem auch solche, die Alexander von Humboldt während seiner fünfjährigen Amerikareise gesammelt hatte. Die Wissenschaftler bestätigten die exzellenten Düngerqualitäten unter anderem dank hoher Konzentrationen von ammoniakreicher Harnsäure, von Phosphorsäure, von Calciumoxid und von Kalisalz.

Im 19. Jahrhundert erforderten die Auslaugung der Ackerböden sowie die Einführung neuer landwirtschaftlicher Technologien einen massiven Einsatz von Dünger und trieben die Nachfrage nach Düngemitteln in die Höhe. Für Jahre war der peruanische Guano der beste Dünger, der auf dem Weltmarkt erhältlich war. Britische Bauern bezogen den Großteil der Exporte, gefolgt von niederländischen, deutschen und US-amerikanischen Bauern. Peruanischer Guano düngte selbst Felder auf Karibikinseln, in China und in Australien. In Europa wurde Guano in erster Linie als Universaldünger hauptsächlich für Hackfrüchte (Rüben, Kartoffeln, Kohl) gebraucht; im Süden der USA verwendeten ihn Plantagenbesitzer – etwa Tabakpflanzer –, um den erschöpften Böden neue Nährstoffe zuzuführen.

Dank der günstigen Küstenlage und der einfachen Gewinnung bot der Naturdünger ideale Voraussetzungen für die Vermarktung. Der Abtransport erfolgte entweder unter Einsatz großer Kähne, die den Guano zu den ankernden Meeresschiffen brachten. Oder, wenn sich die Meeresschiffe ohne Gefahr an Anlegeplätze oder hölzerne Gerüste in Ufernähe manövrieren ließen, leitete man den Dünger durch Schläuche aus Segeltuch auch direkt in den Schiffsbauch. Ab 1862 änderte man diese verschwenderische Abfüllmethode, bei der zwischen 16 und 20 % der Fördermenge verloren ging, und ersetzte sie durch die Verschiffung in großen Säcken. Bei der Förderung wurden anfangs Sklaven und Strafarbeiter, später chinesische Kulis eingesetzt. Lohn und Unterhalt dieser Billigarbeiter machten nur 4 % der gesamten Abbaukosten aus.

Die größten Guano-Ablagerungen befanden sich auf den drei felsig-kahlen Chincha-Inseln, gut 20 Kilometer vom Festland entfernt, ungefähr auf der Höhe der südperuanischen Ortschaft Pisco. Im Jahre 1853 arbeiteten auf der nördlichen und der zentralen Chincha-Insel 966 Männer: 39 schwarze Sklaven, 209 Sträflinge, 130 »freie« Arbeiter und 588 Chinesen. Jeder Arbeiter musste eine tägliche Förderquote von vier Tonnen bewältigen. Chinesen und Häftlinge erhielten dafür einen Tageslohn von drei oder vier Reales – halb so viel wie ein »freier« Arbeiter. Der Abbau unter brennender Tropensonne war ekelerregend, gesundheitsschädigend und zermürbend. Gemäß einer Anekdote aus England war der Gestank so bestialisch, dass bei der Ankunft der ersten Schiffsladung im Hafen von Southampton die Stadtbevölkerung in die nahen Hügel floh. In den peruanischen Abbaustätten verätzten die Ammoniakdämpfe die Augen, was im schlimmsten Fall zur Erblindung führte. Starke Seewinde wirbelten periodisch große Staubwolken mit frisch abgebautem Guano durch die Luft. Zum Schutz ihrer Lungen trugen die Arbeiter behelfsmäßige Masken aus Stahlwolle. Am Gefährlichsten war die bestbezahlte Arbeit, die darin bestand, den Vogelkot via Schläuche auf die Schiffe zu leiten. Ständig drohte dabei die Gefahr, über die Klippen ins Meer zu stürzen oder unter tonnenschweren Exkrementen lebendig begraben zu werden. In den 1860er-Jahren lebten auf den kahlen Chincha-Inseln über 3000 Personen. Alkohol- und Opiummissbrauch waren so verbreitet wie die Glücksspiele und die Prostitution. Immer wieder kam es zu Schlägereien, Raubüberfällen, Morden und Selbstmorden.

Der Caudillo Ramón Castilla

Mit Ramón Castilla hievte sich ein weiterer Mestize aus der Provinz und Held der Unabhängigkeitskriege an die Staatsspitze. Zur Zeit der Peruanisch-Bolivianischen Konföderation kämpfte Castilla zusammen mit Gamarra und den chilenischen Invasionstruppen gegen Santa Cruz’ Streitkräfte aus Bolivien, Nord- und Südperu. Bei der Entscheidungsschlacht von Yungay (20. Januar 1839) tat sich Castilla als Kommandant der Kavallerie hervor. Danach amtete er als Minister. 1845, im Alter von 48 Jahren, übernahm er für sechs Jahre das Präsidentschaftsamt. General Castilla war der erste gewählte Präsident Perus, der bis zum regulären Ende der Amtszeit auf seinem Posten verblieb. Während seiner Präsidentschaft von 1845 bis 1851 konnte der Kongress unbehindert tagen. Gegen Ende seiner Amtszeit liefen die Vorbereitungen für den ersten wirklichen Wahlkampf in Peru an. Mehrere Kandidaten, die kostspielige Wahlkampagnen führten, stritten um die Nachfolge. Als Sieger ging General José Rufino Echenique hervor, der unter Castilla erst Kriegs- und danach Premierminister gewesen war. Allerdings konnte Echenique die reguläre Amtszeit nicht beendigen. Ein Aufstand fegte ihn 1854 aus dem Amt.

An der Spitze der Aufstandsbewegung stand sein ehemaliger Förderer Castilla. Nach der verlorenen Schlacht von La Palma (in der Nähe von Lima) vom 5. Januar 1855 – Castillas improvisierte Truppen siegten, obschon sie mit ca. 1000 Gefallenen doppelt so viele Todesopfer wie das reguläre Heer verzeichneten – musste Echenique das Land verlassen. Der Aufstand forderte rund 4000 Tote und verursachte Gesamtkosten in der Höhe von über 40 Millionen Pesos. Castilla übernahm erneut die Regierungsgeschäfte, zuerst als provisorischer und anschließend, vom 24. Oktober 1858 bis zum 24. Oktober 1862, als gewählter Präsident. Seine zweite Amtsperiode wurde überschattet von erbitterten Kämpfen gegen General Vivanco sowie einem Grenzkonflikt mit Ecuador. Beim Bürgerkrieg, der nach achtmonatiger Belagerung im Mai 1858 mit der Erstürmung Arequipas endete, gab es um die 5000 Opfer zu beklagen. Der Grenzkonflikt mit Ecuador zog sich vom Oktober 1858 bis Februar 1860 in die Länge und kostete Peru 50 Millionen Pesos. So unpopulär wie kostspielig erbrachte er keine dauerhafte Einigung über den umstrittenen Grenzverlauf.

Innenpolitisch verfolgte Castilla beharrlich das Ziel, eine neue, ihm genehme Verfassung durchzusetzen. Die radikalen liberalen Führer, die beim Aufstand gegen Präsident Echenique mit Castilla paktiert hatten, mussten bald zur Kenntnis nehmen, dass dieser sie benutzt hatte, um die Macht zu übernehmen, ansonsten aber eine eigene politische Agenda verfolgte. Tatsächlich brachte Castilla mit rigorosen Mitteln eine Verfassung durch, die einen gangbaren Kompromiss zwischen konservativen und liberalen Grundsätzen darstellte. Er ließ zahlreiche Opponenten exilieren, brachte kritische Zeitungen zum Schweigen und löste rechtswidrig den aufsässigen Kongress auf. Wahlmanipulationen sicherten ihm 1859 eine fügsamere Versammlung, deren Mitglieder die langlebige Verfassung von 1860 ausarbeiteten. Abgesehen von einem kurzen Unterbruch in den Jahren 1867 bis 1868 war die neue Verfassung vom 13. November 1860 bis zum 18. Januar 1920 in Kraft. Zwar weigerte sich der Senatspräsident, Bischof Bartolomé Herrera, die Verfassung zu unterzeichnen, weil sie ihm zu liberal war. Nichtsdestotrotz durfte die katholische Kirche zufrieden sein. Denn sie behielt ihren exklusiven Status als einzige vom Staat geschützte Religion, während die öffentliche Ausübung nichtkatholischer Kulte verboten blieb.

Obschon Castillas Regime patrimoniale, konservativ-katholische und korporatistische Züge trug, trieb der Caudillo die Modernisierung des Landes zügig voran. Das erste wirkliche Staatsbudget wurde erstellt, ein Diplomatenkorps organisiert, das Heer reorganisiert, die Marine modernisiert und der Postdienst reformiert. Man baute Telegrafenleitungen und die erste Eisenbahnlinie, die Lima mit dem 14 Kilometer entfernten Hafen Callao verband (1851). In der Hauptstadt entstanden eine neue Gasbeleuchtung, ein Telegrafenservice und ein neues Nationalarchiv. Für den Bau des neuen zentralen Marktes mussten die Nonnen von La Concepción einen Teil ihres Klosters räumen. Außerhalb des Zentrums wurde ein neuer, hygienischerer Schlachthof errichtet, der ein modernes Betriebsreglement erhielt. Die Eisenbahnlinie von Lima bis Chorrillos war 1858 vollendet, und vier Jahre später stand auch der neue Limeñer Gefängniskomplex. Für Jahre bildete das Gefängnis das größte, solideste und bestgebaute Gebäude der Hauptstadt. Derweil erhielt der Hafen Callao eiserne Leitungsrohre, die die Wasserversorgung der Privathäuser und der Schiffe sicherstellten. Dank staatlicher Gelder und Privatinvestitionen neureicher Unternehmerfamilien verwandelte sich die Hauptstadt in eine mondäne Metropole. Üppige Herrschaftshäuser säumten breite Boulevards. Gepflegte Parkanlagen und imposante öffentliche Gebäude gereichten Lima zur Zierde. In Pisco, Paita und Chorrillos wurden großzügige Hafenanlagen gebaut. Zwischen Tacna und Arica nahm der Zugverkehr im Januar 1856 den Betrieb auf. Vielerorts entstanden neue Brücken, Wasserleitungen, Gotteshäuser (besondere Erwähnung verdient der Neubau der Kathedrale in Arequipa), Präfekturen, Spitäler, Kollegien und Schulen, Garnisonen, Gefängnisse, Boulevards und Brunnen. Während die Technifizierung der Armee Fortschritte machte, wurde die Pazifik- bzw. die Amazonasflotte um je ein Dampfschiff erweitert. Durch die Etablierung des Departements Loreto – kombiniert mit der Projektierung eines Militärhafens, einer nautischen Schule, einer Schiffswerft und einer Handelsniederlassung – wurden die Grundlagen gelegt für die rasante Entwicklung der Dschungelortschaft Iquitos.

In jeder Provinzhauptstadt führte medizinisches Personal ambulant Pockenimpfungen durch. Trotz der Verbesserungen im Gesundheitswesen brach 1856 Gelbfieber und 1859 eine Pockenepidemie aus. Während Castillas zweiter Amtszeit trat das 1846 ausgearbeitete Bildungsgesetz (Ley orgánica de Educación) in Kraft. Es hielt fest, dass für die Etablierung von öffentlichen Schulen sowie für die Entlohnung der Lehrerschaft der Staat – und nicht die Gemeinden – zuständig war. Die nationalen Kollegien wurden neu organisiert, die Hochschulbildung verbessert. Für die Angestellten im öffentlichen Dienst, die nun pünktlich und regelmäßig ihre Löhne erhielten, schuf man eine Altersvorsorge. Mit der Organisation einer Statistiksektion im Regierungsministerium und Außenstellen in den Departements nahm eine offizielle nationale Statistikbehörde 1848 ihre Arbeit auf. Sie hatte die Aufgabe, akkurate Informationen zur Demografie, zur Landwirtschaft, zur Industrie, zum Handel sowie zu den Ressourcen des Landes zusammenzutragen. Zu Beginn des Jahres 1861 fand denn auch eine Volkszählung statt. Außenpolitisch setzte sich eine Linie lateinamerikanischer Solidarität gegen die letzten kolonialen Ansprüche Spaniens und gegen europäische Einmischungsbestrebungen durch.

Blindlings auf den Guano-Reichtum vertrauend, trieb Castilla seine ambitiösen Entwicklungsprojekte ohne zusätzliche finanzielle Absicherungen voran. Obschon die Auslandsschulden rasant stiegen, kam für ihn eine Erhöhung der Steuern nicht in Frage. Im Gegenteil: Gewisse Steuern wurden sogar abgeschafft. Anstatt dem Rat fähiger Ökonomen zu folgen und ein umfassendes Steuersystem einzuführen, das Grundbesitz oder Gewinne angemessen besteuert hätte, blieb Castilla bei einer ökonomischen Laissez-faire-Politik, die bereits seine erste Regierungszeit gekennzeichnet hatte.

Krieg mit Spanien und Aufstieg der Civilistas (1862–1872)

Nach Ablauf der regulären Präsidentschaftszeit gab Castilla 1862 das höchste Amt verfassungskonform wieder ab. Erneut folgten politisch instabile Jahre. Bis 1868 lösten sich fünf verschiedene Regierungen ab. In dieser Zeit ereignete sich ein bewaffneter Konflikt mit dem ehemaligen Mutterland Spanien. Unter einer neuen spanischen Regierung, die außenpolitisch forsch auftrat und auch vor militärischen Abenteuern nicht zurückschreckte, intervenierten iberische Marinetruppen Anfang der 1860er-Jahre in Santo Domingo und im Südwesten Mexikos. Auch vor der chilenischen und der peruanischen Küste tauchten spanische Kriegsschiffe auf, vorgeblich um in offizieller Mission eine wissenschaftliche Forschungsexpedition zu begleiteten. Tatsächlich ging es Spanien um eine Machtdemonstration. Das spanische Geschwader sollte an der Westküste Südamerikas Flagge zeigen, Entschädigungsansprüche durchsetzen und Landsleute schützen, die in den ehemaligen Kolonien lebten.

Seit Jahren warb die peruanische Migrationspolitik aktiv um europäische Immigranten. Im Bestreben, die eigene Bevölkerung »aufzuweißen« (siehe unten), erlaubte Peru die Einreise von Landarbeiterfamilien aus dem spanischen Baskenland. Am 1. August 1860 trafen rund 230 Basken – Männer, Frauen und Kinder – auf der Hacienda Talambo (Provinz Chiclayo) an der Nordküste ein. Die Basken hatten sich vertraglich für eine Dauer von acht Jahren verpflichtet, auf Basis einer Gewinnbeteiligung primär Baumwolle anzubauen. Schnell sahen sie sich in ihren Erwartungen schwer getäuscht, denn sie wurden als billige, rechtlose Arbeitskräfte missbraucht. Nachdem ein Schlägertrupp des Hacienda-Besitzers Anfang August 1863 einen aufmüpfigen Basken getötet und vier seiner Kollegen verletzt hatte, forderte die spanische Regierung eine offizielle Entschuldigung und die Bezahlung einer hohen Opferentschädigung. Zudem verlangte sie die Begleichung von Schulden aus der Zeit vor der Unabhängigkeit. Weil sich Peru aus spanischer Sicht nicht kooperativ und reuig genug zeigte, besetzte das spanische Geschwader vom 14. April 1864 bis zum 3. Februar 1865 die Chincha-Inseln mit ihren reichen Guano-Vorkommen. Angesichts der überlegenen spanischen Seestreitkräfte willigte der peruanische Präsident – General Juan Antonio Pezet – in die Unterzeichnung eines Friedens- und Freundschaftsvertrags (Vivanco-Pareja-Vertrag) ein, der fast sämtliche spanische Forderungen akzeptierte. Für breite Kreise der peruanischen Öffentlichkeit stellte dieser Schritt ein inakzeptables, schmähliches Nachgeben dar. Auch der Kongress weigerte sich, das Abkommen zu ratifizieren. Es kam zu landesweiten Unruhen.

Den Unmut der Bevölkerung ausnutzend, ließ sich am 26. November 1865 ein vehementer Gegner des Vertrags, Oberst Mariano Ignacio Prado, zum Diktator ausrufen. Kurz darauf unterzeichnete seine neue Regierung einen Allianzvertrag mit Chile, das bereits im September Spanien den Krieg erklärt hatte. Am 14. Januar 1866 erfolgte auch Perus Kriegserklärung. Am 7. Februar stießen spanische Kriegsschiffe bei der Insel Abtao auf einen chilenisch-peruanischen Marineverband. Wegen der starken Gegenwehr mussten sich die Spanier zurückziehen. Als Vergeltungsmaßnahme bombardierte ihr Geschwader am 31. März die chilenische Hafenstadt Valparaíso und griff am 2. Mai den Hafen Callao an. Dabei gerieten die Kriegsschiffe ins Feuer der Küstengeschütze. Sie erlitten beträchtliche Schäden und mussten abziehen. Damit war die unmittelbare Gefahr gebannt. Ein dauerhafter Friedensvertrag zwischen Peru und Spanien, der auch die diplomatischen und konsularischen Beziehungen normalisierte, wurde Jahre später – am 15. November 1879 – ratifiziert.

Lange Zeit konnte sich Prado nicht an der Staatsspitze halten. Eine zunehmend feindlichere Öffentlichkeit sowie Niederlagen der Regierungstruppen gegen Aufständische in Arequipa und Chiclayo bewogen ihn zu Beginn des Jahres 1868, das Präsidentschaftsamt niederzulegen. An seine Stelle trat am 2. August Oberst José Balta. Gleich zu Beginn seiner Regierungszeit musste Balta die Folgen einer verheerenden Gelbfieberepidemie und eines schweren Erdbebens bewältigen, das den Süden Perus verwüstet hatte. Die Gelbfieberepidemie von 1868 war die schlimmste in der republikanischen Geschichte des Landes. Über ein Zehntel der Einwohnerschaft in Lima und Callao steckte sich an. Offiziellen Angaben zufolge starben 4445 Personen. Das Erdbeben vom 13. August 1868, das sein Epizentrum vor der Küste von Arica hatte, erreichte eine Stärke von 9.0 auf der Richterskala und verursachte einen katastrophalen Tsunami.

Auf Anraten des ehemaligen Präsidenten Echenique ernannte Balta den jungen Geschäftsmann und politischen Journalisten Nicolás de Piérola 1869 zum Finanzminister. Piérolas Vater war bereits Finanzminister gewesen, und zwar in der hochkorrupten Regierung des Generals Echenique (1851–1855). Der junge Piérola hatte von 1853 bis 1860 im Priesterseminar Santo Toribio in Lima studiert, was sicherlich mit ein Grund für seine spätere streng katholische Haltung und bedingungslose Kirchentreue war. Piérola hatte ein unerschütterliches Vertrauen in den unerschöpflichen Reichtum der natürlichen Ressourcen Perus. Die ergiebigen Guano-Inseln sowie neuentdeckte Nitrat- und Kupfervorkommen nährten seine Hoffnung auf die schnelle und mühelose Modernisierung des Landes. Indem er die europäischen Vermarktungsrechte für zwei Millionen Tonnen Guano einer französischen Firma um den Finanzier Auguste Dreyfus übertrug, wagte der Finanzminister einen innenpolitisch brisanten Schritt. Denn die mächtigen einheimischen Konsignatäre gingen leer aus. Zwar erzürnte Piérola einen Teil der peruanischen Wirtschaftselite, andererseits stärkte der Vertragsabschluss international das Vertrauen in die peruanische Regierung und öffnete die Tore für neue Kredite. Zwischen 1869 und 1872 nahm Peru auf den europäischen Finanzmärkten drei Darlehen in der exorbitanten Höhe von insgesamt 36 Millionen £ auf. Damit finanzierte das Land öffentliche Bauvorhaben und ein kostspieliges, schlecht konzipiertes Eisenbahnprojekt mit zehn unverbundenen Bahnlinien.

Die Antwort der peruanischen Guano-Unternehmer auf die Verletzung ihrer ökonomischen Interessen war die Gründung des Partido Civil (Zivilistische Partei), der unter Ausnutzung der verbreiteten Unzufriedenheit die Stimmung gegen die Regierung Balta schürte. Neben den ausgebooteten Konsignatären unterstützten namhafte Repräsentanten von Banken und des Großhandels die neue Partei. Zuspruch erhielt der Partido Civil auch von Vertretern der aufstrebenden städtischen Mittelschichten, von Intellektuellen – insbesondere Professoren und Studenten der Universität San Marcos – sowie all jener, die unzufrieden mit der jahrzehntelangen Caudillo-Herrschaft und einer protektionistischen Wirtschaftspolitik waren. Ausgeschlossen vom Partido Civil, wie überhaupt vom Wahlrecht, blieben die Unterschichten, also die große Masse der Bevölkerung. Als wichtigste mediale Sprachrohre dienten die Zeitungen El Comercio und El Nacional. Der Partido Civil war die erste moderne Partei Perus. Sie verfügte über eine Organisation, eine klar formulierte Ideologie, ein Aktionsprogramm und einen fähigen Kandidaten. Der Name verwies auf den Gegensatz zwischen ihrer Anhängerschaft – den Civilistas (Zivilrechtler) – und den Anhängern des Militarismus beziehungsweise des traditionellen Caudillismus. Leitmotive bildeten die Respektierung von Verfassung und Gesetz sowie das Streben nach Ordnung, Frieden und wirtschaftlichem Fortschritt; kurz: die Etablierung eines funktionsfähigen Nationalstaates. Geprägt von westeuropäischen Prinzipien und Lehren wie Utilitarismus oder wirtschaftlichem Liberalismus, warben die Civilistas um europäisches Kapital, europäische Immigranten und europäische Technologie.

Chefideologe und Baumeister des Partido Civil war Manuel Pardo, ehemaliger Geschäftsleiter der Sociedad Consignataria del Guano in Großbritannien. Während der Diktatur von Mariano Ignacio Prado (1865/1866) fungierte Manuel Pardo als Sekretär im Finanzministerium. Ferner war er Redakteur der Zeitschrift La Revista de Lima, Direktor der Öffentlichen Wohlfahrt von Lima, Bankengründer, Gründer des Club Nacional, Präsident der Lebensversicherungsgesellschaft La Paternal und der Compañía Sud-Americana de Seguros (Versicherung gegen Brand- und Seefahrtsrisiken). Auf ihrer ersten Parteiversammlung am 24. Juni 1871 ernannten die Civilistas den umtriebigen Pardo zum Präsidentschaftskandidaten für die Wahlen von 1872.

Den unmittelbar bevorstehenden Triumph des Partido Civil versuchten Baltas Kriegsminister General Tomás Gutiérrez, dessen Brüder Marceliano und Silvestre sowie weitere Offiziere mit einem Staatsstreich zu verhindern. Dabei wurde der amtierende Präsident José Balta gefangengesetzt und in seiner Zelle erschossen. Die Untat provozierte Proteste und Tumulte. Ein randalierender Mob lynchte in Lima die drei Brüder Gutiérrez und schändete deren Leichen. Am 2. August 1872 übernahm Pardo als gewählter Präsident sein Amt, womit erstmals seit fast fünf Jahrzehnten ein Zivilist an der Spitze des peruanischen Staates stand.

Eisenbahnen

1860 besaß Peru nur zwei Eisenbahnlinien an der Küste. Die eine verband die Städte Tacna und Arica im Süden; die andere reichte vom Hafen Callao über Lima zum Badeort der Limeñer Oberschicht Chorrillos. Zwischen 1868 und 1875 flossen von staatlicher und privater Seite 120 bis 140 Millionen Soles in den Bau weiterer Eisenbahnlinien. Die staatlichen Großprojekte bezweckten letztlich, Transportverbindungen zu schaffen, die den südamerikanischen Kontinent durchqueren und vom Pazifik bis zum Atlantik reichen sollten. Im Gegensatz zu diesen äußerst ehrgeizigen Staatsprojekten beschränkten sich die privat finanzierten Linien – beispielsweise von Lima nach Chancay oder von Pisco nach Ica – auf die flache Küstenregion. Während die staatlichen Projekte mit größten Schwierigkeiten zu kämpfen hatten und nur teilweise realisiert wurden, kam der private Eisenbahnbau zügig voran. Insgesamt entstanden elf private Eisenbahnlinien, die zusammen 590 Kilometer lang waren – darunter Pisagua nach Sal de Obispo in Iquique (175 Kilometer), Iquique nach La Noria (113 Kilometer), Eten nach Ferreñafe (85 Kilometer) und Pimentel nach Chiclayo (72 Kilometer). Die ersten zwei gehörten zu Nitratunternehmen im äußersten Süden, die letzten beiden zu Zuckerrohrplantagen an der Nordküste.

Kraft großzügiger Schmiergeldzahlungen erwarb der US-amerikanische Eisenbahnkonstrukteur und Spekulant Henry Meiggs die Aufträge zum Bau von sieben staatlichen Eisenbahnlinien in der Höhe von 120 Millionen Soles. Schätzungen gehen davon aus, dass Meiggs über elf Millionen Soles an Bestechungsgeldern an peruanische Autoritäten verteilte. Meiggs rekrutierte ein 25 000-köpfiges Arbeitsheer aus Chilenen und Chinesen sowie peruanischen und bolivianischen Indianern. Trotz verhältnismäßig guter Behandlung und Bezahlung starben Tausende an Krankheiten wie dem Oroya-Fieber sowie den höhen- und klimabedingten Strapazen. Allein während der Konstruktion der Strecke von Mollendo nach Arequipa sollen 2000 Arbeiter gestorben sein. Fast alles, was man zum Eisenbahnbau benötigte, stammte aus dem Ausland. Die kostspieligen Importe reichten von Maschinen, Bahnschwellen, Roll- und Konstruktionsmaterial über Werkzeuge und Sprengstoff bis zu Arbeitskleidern und Arzneimitteln.

Größte Schwierigkeiten bereitete der anspruchsvolle Bau der Bergstrecke von Lima nach La Oroya, der im August 1875 aufgrund finanzieller Probleme eingestellt werden musste. Bis zu diesem Zeitpunkt war ein 142 Kilometer langes Teilstück gebaut, das vom Hafen Callao bis zum Ort Chicla reichte. Die Strecke führte über 61 Brücken mit einer Gesamtlänge von 1832 m und durch 65 Tunnel mit einer Gesamtlänge von 9140 m. Die steilsten und engsten Bergpassagen überwand man mittels einer Zick-Zack-Linienführung. Die vorfabrizierten Brücken, die Maschinen und das technische Gerät wurden in England, in Frankreich und in den USA hergestellt. Ebenfalls aus Nordamerika kam das Holz; Eisen und Kohle stammten aus England. Ein Teil der Lebensmittel wurde aus den USA oder aus Chile importiert. Von den 10 000 Bauarbeitern war die Hälfte Chinesen, der Rest Peruaner oder Chilenen. Extraschiffe brachten die chinesischen Kulis von Macao nach Lima. Unter den chinesischen Arbeitern war die Mortalitätsrate besonders hoch, bedingt durch Krankheiten und die schlechten hygienischen Bedingungen in den Camps. Die Zusammenballung des heterogenen, riesigen Arbeiterheeres führte zu Spannungen, die sich manchmal in blutigen Zusammenstößen entluden. Gewalttätige Auseinandersetzungen, in die chilenische Arbeiter verwickelt waren, riefen diplomatische Zwischenfälle und politische Skandale hervor. Zwei Jahre nach Einstellung der Bauarbeiten verstarb Meiggs 1877, als Erbe ein Durcheinander von Erbverfügungen, unleserlichen Plänen und unbezahlten Rechnungen hinterlassend.

Die Civilistas an der Macht (1872–1876)

Frisch im Amt bemühte sich Pardo um eine Eindämmung des militärischen Einflusses auf die Politik. Er setzte eine Beschränkung des Heeresbestandes auf unter 3000 Mann durch und übertrug die Kontrolle über die militärischen Beförderungen dem Kongress. Zur Aufrechterhaltung der Ordnung diente die Nationalgarde mit 20 in Lima stationierten Bataillonen. Ihre Offiziere rekrutierten sich vollständig aus dem Bürgertum.

Die Civilista-Regierung führte eine administrative Dezentralisierung durch, sodass die Gemeinden mehr Machtbefugnisse erhielten. Andererseits brachte sie provinzielle Machthaber gegen sich auf, indem sie Straßen-, Brücken- und Binnenzölle abschaffte und damit den Provinzen wichtige Einnahmequellen entzog. Dem Amt für Statistik wurde die Organisation des nationalen Zensus von 1876 anvertraut. Der Behörde fiel die Aufgabe zu, die Einwohnerstatistiken der Gemeinden, Kirchsprengel und Distrikte dem Einfluss und der Willkür lokaler Notabeln zu entziehen. Sie sollte aufzeigen, dass der Zentralstaat willens und fähig war, die Kontrolle über sein gesamtes Territorium auszuüben. Der Zensus von 1876 lieferte nicht nur Aufschlüsse über Wohnort, Ethnie, Alter und Zivilstand der Bevölkerung, sondern auch über Berufe, Sprache und Bildung. Nützliches statistisches und landeskundliches Material veröffentlichte überdies die Staatsdruckerei. Unter ihrer Ägide erschienen der Diccionario geográfico y estadístico del Perú von Mariano Paz Soldán (Geografisches und statistisches Lexikon; 1877), die Estadística comercial de la República del Perú en 1877 (Handelsstatistik der Republik Peru von 1877; 1878) und das monumentale Werk El Perú (Peru; 1874–1913) des italienischstämmigen Naturwissenschaftlers Antonio Raimondi. Was die Kirche betrifft, billigte Papst Pius IX. in einer Bulle vom 5. März 1875 dem peruanischen Staat die Ausübung des Patronats zu. Peru verpflichtete sich zum Schutz der katholischen Kirche und deren Eigentums, während der Heilige Stuhl das staatliche Vorschlagsrecht bei der Besetzung geistlicher Ämter akzeptierte.

Während seiner vierjährigen Regierungszeit musste Pardo mit zahlreichen Verschwörungen und Rebellionen fertig werden. Einen fehlgeschlagenen Mordanschlag vergalt er mit Repressionsmaßnahmen, die in der Ermordung von Regierungskritikern gipfelten. In dem innenpolitisch vergifteten Klima kristallisierte sich der ehemalige Finanzminister Nicolás de Piérola zum gefährlichsten Gegenspieler des Präsidenten heraus. Zu Piérolas Unterstützern zählten Anhänger der beiden Ex-Präsidenten Echenique und Balta, konservative kirchliche und provinzielle Kreise, Besitzer mittelgroßer Landwirtschaftsbetriebe, Kleinhändler sowie Teile der Unterschichten. Finanziell dürfte Piérola vom französischen Hause Dreyfus und dem chilenischen Geldgeber Barahona unterstützt worden sein.

Neben der politischen Gewalt bereitete die enorme Staatsverschuldung Kopfzerbrechen. Zwischen 1873 und 1876 musste etwa die Hälfte des Staatsbudgets für die Bezahlung der Auslandschulden verwendet werden. Die Weltwirtschaftskrise von 1873, die einen starken Rückgang der Exporte zur Folge hatte, verstärkte zusätzlich Perus ökonomische Schwierigkeiten. Die Regierung sah sich im folgenden Jahr genötigt, Papiergeld herauszugeben, das nur ungenügend durch Edelmetall gedeckt war. Im gleichen Jahr lief der Dreyfus-Kontrakt aus, was den Weg für neue Vertragspartner im Guano-Geschäft freimachte. Allerdings waren die Preise für den Dünger am Fallen und die Guano-Reserven bedenklich geschwunden. Außerdem hatte der Guano auf den Weltmärkten mit der Konkurrenz durch Nitrate zu kämpfen. Peru verfügte zwar auch über gewaltige Nitratvorkommen im wüstenhaften Gebiet an der Südküste. Im Gegensatz zum Guano befanden sich diese jedoch im privaten Besitz. Durch die Etablierung eines Staatsmonopols auf Nitratexporte versuchte die Regierung 1873, das Angebot von peruanischen Nitraten auf dem Weltmarkt zu verknappen und damit die Preise für Dünger zu stabilisieren. Als sich die Krise aufgrund der Depression in Europa und der zunehmenden Nitratlieferungen durch die Konkurrenz im bolivianischen Antofagasta weiter zuspitzte, strebte die peruanische Regierung die Nationalisierung der Nitratindustrie an. Dabei sollten die privaten Besitzer durch festverzinsliche Wertpapiere (Nitrat-Zertifikate) kompensiert werden. Nach der Verabschiedung des Gesetzes zur Verstaatlichung der Nitratvorkommen (28. Mai 1875) kaufte der peruanische Staat etwa 70 % der Betriebe auf. Die übriggebliebenen privaten Unternehmen mussten eine Exportabgabe bezahlen.

Nitrate oder Salpeter

Natriumnitrat – auch: Natron- oder Chilesalpeter (NaNo3) – ist das Natriumsalz der Salpetersäure. Bei den wichtigsten Vorkommen in der Atacama-Wüste handelt es sich um eine dicke Kruste aus Salzgestein, die Caliche genannt wird. Das hellgraue bis weiße Salz bildete für Peru ein vielversprechendes Exportprodukt. Führte das Andenland 1833 Salpeter im Wert von 16 000 Pfund Sterling nach Großbritannien und Frankreich aus, stiegen die Exporte bis gegen Ende der 1840er-Jahre auf 300 000 £. In diesem Jahrzehnt führte Peru jährlich etwas über 10 000 Tonnen aus. In den 1860er-Jahren überschritt die Exportmenge erstmals die 100 000-Tonnen-Marke. Sie erreichte 1875 den Allzeitrekord von über 330 000 Tonnen.

Die Nitrate wurden zur Herstellung von stickstoffreichem Dünger, von Schießpulver oder von Jod gebraucht. Nach Ende des Guano-Booms, ab den 1880er-Jahren, deckten Nitrate die große Nachfrage nach natürlichen Düngern. Vielleicht noch wichtiger war, dass man aus den Nitraten Salpetersäure (HNO3) gewann, einen der wichtigsten Grundstoffe der chemischen Industrie. Natriumnitrate waren damit für die Entwicklung der chemischen Industrie so bedeutend wie der Guano als Naturdünger für die Landwirtschaft. Die bedeutendsten Lagerstätten lagen etwa einen Meter unter der Oberfläche in den wüstenhaften Küstengebieten Südperus, Boliviens und Nordchiles. Das Nitrat gewann man durch Auslaugung mit heißen Solen vor Ort in Betrieben, die im letzten Viertel des Jahrhunderts über eine aufwändige Infrastruktur verfügten und die vielfach von europäischen Geldgebern installiert, finanziert und geführt wurden. Über die Häfen von Iquique und Pisagua (beide in der südperuanischen Provinz Tarapacá) und den bolivianischen Hafen Mejillones wurden die Nitrate ausgeführt. Zwei Eisenbahnlinien – von Peña über Nueva Noria nach Iquique bzw. von Sal de Obispo nach Pisagua – stellten die Verbindung zu wichtigen Produktionszentren sicher.

Machtübergabe an General Prado (1876–1879)

Die zahlreichen Reformen, teure Bauwerke und aufwändige Prestigeprojekte kosteten Geld, das nun nicht mehr so leicht aufzutreiben war. Pardo sah sich mit einer exorbitanten Auslandschuld und sinkenden Einnahmen aus dem Guano-Geschäft konfrontiert. Die Löhne für den aufgeblähten Regierungsapparat konnten nicht mehr ausbezahlt und der Bau der staatlichen Eisenbahnlinien musste im August 1875 eingestellt werden. Während sich die Regierung um eine Neufinanzierung der Auslandschuld bemühte, explodierten die Arbeitslosenzahlen. Aus Spargründen verzichtete die Regierung auf den Erwerb zweier Kriegsschiffe, die sie bei einer englischen Werft bestellt hatte. Die beiden Schiffe wurden daraufhin an Chile verkauft.

Die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme kombiniert mit der Austeritätspolitik und Steuererhöhungen verliehen der kirchlichen und militärischen Opposition Aufwind. Gegen Ende von Pardos Amtsperiode drohte der Staatsbankrott. Mittlerweile summierten sich die Auslandschulden auf 35 Millionen Pfund Sterling. Zu deren Amortisierung hätten jährlich 2,5 Millionen £ aufgewendet werden müssen – gleich viel wie der gesamte Staatshaushalt betrug. Als die Umschuldungsverhandlungen mit den ausländischen Gläubigern scheiterten, stellte Peru Anfang 1876 den Schuldendienst vorübergehend ein. Drei Jahre später war das Andenland erneut nicht in der Lage, seinen internationalen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen.

Mit wachsender ziviler und militärischer Unrast konfrontiert, sah der scheidende Präsident paradoxerweise keine Alternative, als seiner Zivilistischen Partei einen General als Nachfolger vorzuschlagen. Dank der Unterstützung durch die Civilistas wurde Mariano Ignacio Prado abermals zum Präsidenten gewählt. Jedoch gelang es auch der neuen Regierung nicht, die Lage zu beruhigen, zumal sie noch mit dem katastrophalen El Niño von 1877 bis 1879 fertig werden musste. Bei diesem Jahrhundertunwetter verheerten Starkregen und Überschwemmungen Küstengebiete in Peru und Ecuador, während Dürren das Hochland in Peru und Bolivien heimsuchten. Ein neues Guano-Abkommen mit der Londoner Gesellschaft Raphael and Sons, die zusammen mit peruanischen Investoren die Peruvian Guano Company gegründet hatte, brachte nur eine kurze Atempause. Nach 1877 nahm die Prado-Regierung zu ungedecktem Papiergeld Zuflucht. Am 16. November 1878 wurde Ex-Präsident Manuel Pardo, der mittlerweile das Amt des Senatspräsidenten bekleidete, kurz nach Betreten des Senatsgebäudes von einem Unteroffizier des Wachbataillons erschossen. Nach diesem Mordanschlag verschärften sich die Feindseligkeiten zwischen den Anhängern Piérolas und den Civilistas weiter. Peru stand am Rande des Staatsbankrotts, und zu allem Übel drohte noch ein Bürgerkrieg.

Guano: Fluch und Segen

Der Guano diente als Sicherheitsgarantie für eine lange Kette stetig erneuerter Darlehen. Indem die peruanische Regierung ihre Schulden in immer neue Staatsanleihen umwandelte, zögerte sie die fälligen Rückzahlungen ständig hinaus. Die Gläubiger ihrerseits tauschten in Erwartung saftiger Zusatzgewinne jeweils alte Schuldscheine in neue um. Nachdem die peruanische Regierung 1849 mit Großbritannien eine vertragliche Regelung für Schulden aus den 1820er-Jahren vereinbart hatte, kam sie 1850 den einheimischen Gläubigern und Geschädigten entgegen. Sie verpflichtete sich zur Begleichung sämtlicher Inlandschulden, die sich seit der Unabhängigkeit von 1821 angesammelt hatten. Entschädigt werden sollten Staatsangestellte, die seit Jahren auf einbehaltene Löhne warteten, Unternehmer, die unentgeltlich Staatsaufträge erfüllt hatten oder Opfer von Zwangsabgaben und Beschlagnahmungen. Ein Ausschuss hatte die Rechtmäßigkeit der Eingaben zu prüfen, wobei die staatlich anerkannten Verbindlichkeiten 1851 knapp fünf Millionen Pesos betrugen. Durch Schiebungen, Betrügereien, Bestechungen und Unterschriftenfälschungen – selbst die Namenszüge San Martíns oder Bolívars wurden gefälscht – wurden bis zum Ablauf der Eingabefrist im Oktober 1852 aus den fünf Millionen beinahe 24 Millionen. Von der Schuldenkonsolidierung profitierten rund 2000 Personen. Hauptnutznießer waren gut 100 Individuen (Händler, Hacendados, Rentiers und Staatsfunktionäre), die überwiegend an der Küste residierten.

Zu weiteren Fälschungen und Betrügereien kam es nach der Abschaffung der Sklaverei im Jahre 1854. Die peruanische Regierung erklärte sich zu Entschädigungszahlungen an die ehemaligen Sklavenhalter bereit. Obschon gemäß den letzten Volkszählungen kaum 15 000 Sklaven übrig waren, wurden bis Ende des Jahres 1860 Abfindungen für 25 505 Sklaven bezahlt. Ehemalige Sklavenhalter erhielten ca. 2,8 Millionen Pesos in Bargeld und 5,2 Millionen Pesos in Schuldscheinen (Vales de manumisión), die 6 % Zinsen einbrachten. Unter den drei Hauptprofiteuren befand sich Finanzminister Domingo Elías, der für seine 370 freigelassenen Sklaven 111 000 Pesos in Schuldscheinen kassierte. Die Begünstigten reinvestierten die staatlichen Kompensationszahlungen – vorwiegend für die Erweiterung ihrer Zucker- und Baumwollplantagen.

Bei der Abwicklung der Guano-Geschäfte war anfänglich das englische Handelshaus Anthony Gibbs and Company wichtigster Partner der peruanischen Regierung. Zwischen 1849 und 1861 realisierte diese Firma Bruttoverkäufe im Gesamtwert von 89 055 Millionen Soles. Der Kostenaufwand betrug 20 665 Millionen (23 %), die Kommission, die sie als Gewinn behielt 10 687 Millionen (12 %). Dem peruanischen Staat verblieben damit 57 703 Millionen Soles oder 65 %. Unberücksichtigt bleiben bei dieser Rechnung die Zinsen für die Vorschüsse. Üblicherweise mussten die Konsignatäre der peruanischen Regierung bedeutende Geldsummen – die verzinst werden mussten – im Voraus überweisen. 1850 begann Präsident Castilla damit, Verkaufsrechte auch peruanischen Konsignatären gegen die üblichen Vorschüsse zu übertragen. Nach dem Regierungswechsel im Jahr 1862 löste die einheimische Sociedad Consignataria del Guano das englische Handelshaus Gibbs ab. Peruanische Unternehmer – darunter viele, die von den staatlichen Entschädigungszahlungen profitiert hatten – ersteigerten sich das Monopol für den Guano-Verkauf nach Großbritannien, dem wichtigsten europäischen Markt. Die Gewinne investierten sie in verschiedene Geschäftszweige, so in Versicherungs-, in Gas- und später in Nitratgesellschaften, in private Eisenbahnen oder in Einwanderungsprojekte. Vielleicht die wichtigsten Investitionen betrafen die Schaffung der ersten Banken Perus in den 60er-Jahren. Diese nahmen kommerzielle Transaktionen vor, vergaben Kredite und emittierten Banknoten. Die Geldscheine waren zwar durch Silber gedeckt; eine Regulierung oder Kontrolle durch den Staat existierte jedoch nicht.

1869 beendete Finanzminister Nicolás de Piérola die sieben fetten Jahre der Limeñer Konsignatäre, indem er den Kommissionsgeschäftsvertrag auf das französische Haus Dreyfus übertrug. In der Folgezeit schloss er weitere Exklusivverträge mit der französischen Gesellschaft ab, mit dem Resultat, dass sich Peru maßlos verschuldete. Nach einer persönlichen Auseinandersetzung mit Präsident Balta trat Piérola im Juli 1871 von seinem Kabinettsposten zurück, ohne dass dieser Schritt einen Wechsel in der schuldenbasierten Finanzpolitik bewirkt hätte. Von 1869 bis 1872 verdoppelte sich Perus Auslandschuld von 90 Millionen Soles auf 185 Millionen, während die Inlandschuld Ende 1871 noch knapp 13 Millionen Soles betrug. Den folgenden Regierungen gelang es nicht, den Schuldenberg in den Griff zu bekommen und den drohenden Staatsbankrott abzuwenden.

Während der Guano-Ära verschlangen der aufgeblähte zivile Verwaltungsapparat mit 29 % und das Militär mit 24,5 % über die Hälfte der Staatseinkünfte. Den Rest brauchte der Eisenbahnbau auf, die Konsolidierung der Innen- und der Außenschulden sowie die Ersatzzahlungen für die Aufhebung des Kopftributs (Contribución de Indígenas y Castas) und die Freilassung der Sklaven. Durch die Aufnahme europäischer Anleihen war Peru in der Lage, Entwicklungsprojekte zu finanzieren, ohne auf Steuermittel zurückgreifen zu müssen und konnte sogar unpopuläre direkte Steuern streichen. Zwar wurden eine funktionierende zivile und militärische Bürokratie geschaffen und wichtige Infrastrukturprojekte in Angriff genommen. Die Streitkräfte konnten institutionalisiert werden, und Peru wandelte sich in eine ernstzunehmende Regionalmacht, deren Marine über gepanzerte Dampfschiffe verfügte. Andererseits trug der trügerische Wohlstand der Guano-Ära nicht zur industriellen Entwicklung des Landes bei. Stattdessen blühte der Importhandel, der, von tiefen Einfuhrsteuern profitierend, das einheimische Gewerbe ruinierte. Der kleine Personenkreis, der von der Schuldenkonsolidierung oder anderweitig von staatlichen Geldern profitierte, zog Finanzgeschäfte oder Investitionen in die Exportlandwirtschaft den Investitionen in Industrieanlagen oder Gewerbebetrieben vor.

Außenhandel, Inflation und Ende des Zunftwesens

Ab 1845 setzte eine Aufweichung der langjährigen Abschottungs- und Hochzollpolitik ein. Gegen den erbitterten Widerstand protektionistischer Kreise gelang es 1851 den Anhängern des Freihandels, die Einfuhrzölle um 15 bis 25 % zu reduzieren. Eine Reihe von Handelsverträgen, die Peru mit Großbritannien, Frankreich und den USA schloss, bekräftigte die Hinwendung zu einer Politik der vorsichtigen Öffnung. Verlierer bei dieser wirtschaftspolitischen Neuausrichtung waren Kleinhändler und Handwerker. Für viele von ihnen wirkte es sich ruinös aus, dass die allgemeinen Löhne und die Preise während der Guano-Epoche anstiegen, die Preise für Importprodukte jedoch konstant blieben oder sogar fielen. Detailhändler und Kleinbetriebe gerieten vollends unter die Räder, als rund 100 Großfirmen – die Hälfte davon in ausländischem Besitz – die Handelsgeschäfte der Hauptstadt zu dominieren begannen. Ein Strom von Importgütern ergoss sich ins Land, in erster Linie britische Erzeugnisse (z. B. Textilien aus Baum- oder Schafwolle) und französische Produkte (Seidenstoffe, Parfüme, Weine). Im Jahre 1860 importierte Peru Waren im Wert von 15,4 Millionen Pesos – hauptsächlich aus Großbritannien, Frankreich, Chile und den USA. Im gleichen Jahr erreichten die Exporte eine Höhe von 35,1 Millionen Pesos, wozu der Guano allein 27,5 Millionen beisteuerte. 18 Jahre später hatte Guano seine unangefochtene Spitzenposition eingebüßt. Wichtigstes Exportgut war 1878 Zucker, gefolgt von Nitraten, Guano, Silber und Alpakawolle.

Hatte Peru bis zur Jahrhundertmitte eine Deflation erlebt – von 1815 bis 1846 waren die Preise durchschnittlich um 1 % pro Jahr gesunken – setzte Mitte der 1850er-Jahre eine langwierige Inflationsphase ein, die ihren Höchstwert im Jahre 1869 erreichte. In dieser Periode stiegen die Kosten für inländische Lebensmittel um 76 %, während der Preis für importierten Weizen aus Chile unverändert blieb. Insgesamt erhöhten sich die Lebenskosten um 32 % – und dies bei fallenden Löhnen. Mitverantwortlich für die hohe Inflation waren die Verteuerung der Produktionsmittel und die große Menge minderwertiger bolivianischer Münzen, die in Peru zirkulierten.

Perus Importstatistiken belegen die Vorlieben des neureichen Bevölkerungsteils für europäische Kleidung, Schuhe, Klaviere, Möbel und Luxusgüter. Leidtragende waren die lokalen Handwerker, die mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen hatten. Während die Anzahl der hauptstädtischen Werkstätten stagnierte, fielen die Einkommen der Limeñer Handwerker auf das Niveau der 1830er-Jahre. Die Arbeitslosigkeit nahm zu. 1857, auf dem Höhepunkt des Guano-Booms, betrug Limas Arbeitslosenquote 17 %. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten fachten soziale Unruhen und Krawalle an. Bereits 1851 zerstörten Maschinenstürmer die Markierungen für Limas erste Eisenbahnlinie. Beim Sturz des Präsidenten Echenique plünderte ein Mob die Häuser und Geschäfte der reichsten und prominentesten Guano-Händler. Auch Ausländer wurden Zielscheibe des Volkszorns. Einen dreitägigen Aufruhr, während dem mehrere französische Luxusgeschäfte ausgeräumt und der Zug nach Chorrillos in Brand gesetzt wurden, schlug die Armee nieder. Zwölf Protestierende fielen den berittenen Truppen zum Opfer, die Präsident Castilla persönlich befehligte. 1858 ereigneten sich in Lima und im Hafen Callao erneut Straßenkrawalle. Angeführt von Zimmerleuten und Schmieden, schlossen sich Angehörige weiterer Zünfte den Demonstrationszügen an. Den unmittelbaren Protestanlass bildete ein Regierungsdekret, das den Import von hölzernen Türen, Fensterrahmen und Formstücken gestattete und die Existenz der lokalen Zimmerleute bedrohte. Zu diesem Zeitpunkt war die politische Marginalisierung der Zünfte bereits eine Tatsache. Das Ende der traditionellen Zunftordnung besiegelte die Verfassung von 1860, die die Gewerbefreiheit garantierte. Mit der definitiven Abschaffung des Gewerbemonopols verloren die alten Zünfte ihre Existenzgrundlage.

Landwirtschaft, Wollproduktion und Bergbau

Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert stagnierte die Landwirtschaft an Perus Küste. Erst gegen die Jahrhundertmitte hellte sich das Panorama auf, wofür verschiedene Gründe verantwortlich waren. Einerseits wurde 1849, während Präsident Castillas erster Amtszeit, sämtlicher Landbesitz als veräußerlich deklariert. Damit war die gesetzliche Grundlage für die allmähliche Abschaffung kolonialer Besitzverhältnisse und Nutzungsrechte geschaffen, die Landverkäufe be- oder verhinderten. Andererseits kam durch den Guano-Geldsegen das nötige Kapital für die Gründung von Banken und für die landwirtschaftliche Modernisierung zusammen. Bis 1881 verlieh der 1866 eröffnete Banco de Crédito Hipotecario 12 Millionen Soles zumeist an mittlere und große Landwirtschaftsbetriebe an der nördlichen beziehungsweise der zentralen Küste, die sich auf die Baumwoll- und die Zuckerproduktion spezialisiert hatten. Auch ausländische Profiteure des Guano-Booms, wie der Eisenbahnkonstrukteur Henry Meiggs oder der französische Finanzier Auguste Dreyfus, erkannten die einträglichen Möglichkeiten einer fortschrittlichen Exportlandwirtschaft und erwarben große Ländereien in der nördlichen Küstenprovinz Pacasmayo. Neue Bewässerungskanäle entstanden in Tacna, im Azapa-Tal (bei Arica), im Majes-Tal (bei Camaná), in Lambayequeund andernorts. Sie trugen wesentlich zur Ausweitung der Anbauflächen und zur Produktionssteigerung an der Küste bei.

In den 1870er-Jahren dehnte sich der Zuckerrohranbau gewaltig aus. Die Landwirtschaftsbetriebe nördlich der Hauptstadt, die bislang Lima mit Nahrungsmitteln versorgt hatten, stellten auf den Zucker- oder den Baumwollanbau um. Infolgedessen musste die Hauptstadt ihre Lebensmittel aus weit größerer Entfernung aus dem Hochland oder von der Südküste beziehen, was die Transportkosten und damit die Endpreise in die Höhe trieb. Eigentliches Zentrum der Zuckerproduktion bildeten die Flussoasen zwischen Trujillo und Chiclayo. Im Jahr 1878 stammten 68 % des exportierten Zuckers aus dieser Gegend. Von 1860 bis 1879 steigerte sich die Gesamtproduktion um das 137-Fache – von 610 auf 83 497 Tonnen. Im gleichen Zeitraum nahm die Menge an Baumwolle, die weniger kapitalintensiv und auch auf kleinen Äckern rentabel war, von 291 auf 3609 Tonnen zu.

Im südlichen Peru erfuhr die Produktion von Schaf- und Kamelidenwolle einen beachtlichen Aufschwung dank der steigenden Nachfrage durch britische Textilfabriken und den staatlichen Maßnahmen zur Liberalisierung des Außenhandels. Die Wollexporte setzten ab 1834 ein und wurden durch ausländische Handelshäuser in Arequipa kanalisiert. In den 1840er-Jahren gab es bereits vier solcher Handelshäuser – zwei englische, ein deutsches und ein französisches –, die Arequipa in einen Stapelplatz für die Wolle aus Puno und Cusco verwandelten und zugleich für die Einfuhr europäischer Waren (hauptsächlich Textilien) sorgten. Die »weiße Stadt« eignete sich als Umschlagplatz dank ihrer Nähe zum Hafen Islay, der 1829 seinen Betrieb aufgenommen hatte. Anfänglich exportierten Arequipas Handelshäuser vorwiegend Schafwolle. Erst in den 1860er-Jahren übertraf die von Alpakas und Lamas stammende Kamelidenwolle jene an Wichtigkeit. Den Großteil der feinen Alpakawolle produzierten indianische Dorfgemeinschaften. Auf jährlich stattfindenden Märkten, wie demjenigen von Vilque in der Nähe von Puno, der zwischen 10 000 und 12 000 indianische Produzenten versammelte, erstanden Agenten der Handelshäuser das begehrte Rohmaterial. Kleinhändler erwarben überdies im Auftrag der arequipeñischen Handelshäuser die Wolle direkt in den indianischen Dorfgemeinschaften. Der Wert der exportierten Wolle wuchs kontinuierlich: Betrug er für die Fünfjahresperiode von 1845 bis 1849 noch 122 000 Pfund Sterling, so waren es für die Periode von 1870 bis 74 viermal mehr, nämlich 489 000 £.

Die eindrücklichen Wachstumsraten in der Exportlandwirtschaft und im Wollhandel können nicht darüber hinwegtäuschen, dass vielerorts noch immer vorkapitalistische Produktionsverhältnisse dominierten. Neben der traditionellen Hacienda, wo quasi feudalistische Abhängigkeitsverhältnisse, ein hoher Grad an Selbstversorgung und ein niedriger technischer Entwicklungsstand vorherrschten, existierten modernste Zuckerrohrplantagen. Diesbezüglich vertiefte der Guano-Boom die Kluft zwischen den modernisierten Großbetrieben an der Küste und den traditionellen Landgütern in der Sierra. Nichtsdestotrotz bildeten sich auch in den Hochland-Departements Huancavelica, Apurímac und Ayacucho prosperierende Wirtschaftszonen heraus. Selbst das östlich der Anden gelegene Dschungelgebiet von Chanchamayo blühte unter den Kolonisten auf, die Kaffee, Fruchtbäume und Zuckerrohr – für die Schnapsherstellung im industriellen Maßstab – anpflanzten. In der zentralen Sierra kauften erfolgreiche Unternehmer Ländereien auf. Sie importierten hochwertiges Zuchtvieh und auserlesene Futtergräser, sodass die regionale Viehwirtschaft zur fortschrittlichsten des Landes avancierte. Ortschaften wie Cerro de Pasco, Tarma, Jauja, Concepción, Huancayo, Pampas und Acobamba waren Markt-, Produktions- und Dienstleistungszentren mit einem reichen Angebot an Handwerksbetrieben und einem beachtlichen Dienstleistungsangebot. Ein reger Handel verband das nordperuanische Cajamarca und die Minenregion von Hualgayoc mit der Küste, wobei Mehl, Salz, Reis und Importtextilien gegen Vieh und Handwerksprodukte eingetauscht wurden. Zudem versorgten sich die Bergwerke mit beträchtlichen Mengen an Lebensmitteln, Bauholz, Schnaps und Coca, ungeachtet dessen, dass der Silberbergbau einen langen Zyklus der Depression und der Stagnation durchlief. Förderte Peru in der Fünfjahresperiode 1846–1850 im Jahresdurchschnitt 91 Tonnen Silber, so fiel dieser Wert von 1876–1880 auf ein Tief von 58 Tonnen. Erst in der Schlussperiode des Jahrhunderts, von 1895–1899, übertraf er mit 136 Tonnen die Resultate aus der späten Kolonialzeit (120 Tonnen von 1800–1805).


Abb. 10: Seit der Kolonialzeit ist Peru einer der größten Silberproduzenten der Welt. Aus dem Rohstoff fertigen die Silberschmiede von Catacaos (Dep. Piura) ihre kunstvollen Ohrgehänge.

Für die Krise im Silberbergbau gab es verschiedene Gründe. Zum einen führte der Preisverfall auf dem Weltmarkt zur Jahrhundertmitte zu einer massiven Verlagerung privater Investitionen weg vom Minensektor hin zur Exportlandwirtschaft und Viehzucht. Zum anderen hielt sich die staatliche Unterstützung lange Zeit in engen Grenzen. Erst im Jahre 1876 erfolgte die Gründung der Escuela de Ingenieros Civiles y de Minas. Für die Leitung dieser Ingenieursschule wurden europäische Experten verpflichtet, die neue technische Verfahren bekannt machten. Ein Gesetz von 1877 legte steuerliche Anreize für den Bergbau fest. Da der bankrotte Staat nicht in der Lage und die einheimische Wirtschaftselite nicht willens war, größere Investitionen zu tätigen, dauerte es lange Jahre, bis der Bergbau wieder auflebte. Allerdings waren die wichtigsten Kapitalgeber nun ausländische Unternehmen, die damit die Kontrolle dieses wirtschaftlichen Schlüsselsektors übernahmen.

Technologischer Fortschritt und Industrialisierung

Wie überall auf der Welt revolutionierten auch in Peru Dampfmaschinen – dampfgetriebene Schiffe und Lokomotiven – das Transport- und Verkehrswesen. Die Gründung der Pacific Steam Navigation Company (PSN) im Jahr 1840 führte zu erheblichen Kostensenkungen im Küstentransport. Zwischen 1849 und 1853 entstand eine Eisenbahnlinie durch die Landenge von Panama, die die Pazifik- mit der Atlantikküste verband und zu einem starken Aufschwung des internationalen Personen- und des Gütertransportes beitrug. Schiffsrümpfe aus Metall und die Einführung von Schiffsschrauben vervollkommneten die Dampfschifffahrt und sorgten dafür, dass Überseetransporte schneller und billiger wurden. Zwar brachten Segelschiffe nach wie vor Guano und Nitrate über die Ozeane, dennoch waren die Tage der Großsegler gezählt. In den 1870er-Jahren nahmen die ersten Dampfschiffe auf dem Titicacasee ihren Betrieb auf. Im Gegensatz zu Chile versäumte es Peru aber, eine effiziente nationale Dampfschifffahrtsgesellschaft an seiner Meeresküste aufzubauen.

Dampfmaschinen wurden nicht nur im Transportgewerbe eingesetzt, sondern auch im Bergbau, in der Landwirtschaft, im Druckwesen und in der Industrie. Um 1837 ging die erste Dampfmaschine auf einer peruanischen Zuckerrohrplantage in Betrieb. Seit den 1840er-Jahren trieb Dampfkraft moderne Zuckermühlen an. Ebenfalls mit Dampf betrieben wurden Maschinen, die die Baumwollsamen von den -fasern trennten. Zwischen 1839 und 1847 kamen dampfbetriebene Druckmaschinen bei der Herstellung der Zeitung El Comercio in Lima zum Einsatz.

Perus industrielle Anfänge liegen in der Hauptstadt Lima, wo die Möglichkeiten, an Geld und Kredite heranzukommen am günstigsten waren. Nachdem 1841 bereits eine Glasfabrik entstanden war, setzte ab 1848 – dank Gesetzesbestimmungen, welche die Industrie zu schützen und zu fördern versprachen – ein eigentlicher Gründungsboom ein. Der Großgrundbesitzer und Seidenfabrikant José de Sarratea importierte neue Spinnmaschinen und erweiterte sein Warenlager. Derweil gründeten die Unternehmer Alejandro Villota und Manuel Amunátegui eine Papierfabrik, die hauptsächlich für die Zeitung El Comercio produzierte, und Eugenio Rosell eröffnete eine Kerzenfabrik. Die staatliche Eisen- und Kupferschmelzerei von Bellavista, die von Ende 1849 bis zu ihrer (kriegsbedingten) Zerstörung im Jahr 1881 in Betrieb war, diente in erster Linie militärischen Zwecken, stellte aber auch Nutzgeräte wie Pumpen für den Bergbau her. Eine nur kurze Existenz war der Textilfabrik Los Tres Amigos beschieden, die ihre mechanischen Webstühle aus dem US-amerikanischen Paterson (New Jersey) bezog. Das baumwollverarbeitende Unternehmen, das 160 Arbeitskräfte beschäftigte – hauptsächlich Frauen und Kinder – musste 1852 bereits wieder schließen. Wegen der Liberalisierung des Außenhandels überschwemmten billige ausländische Baumwollgewebe den Limeñer Markt. Knapp 20 Jahre später kaufte der Textilfabrikant Carlos López Aldana die stillgelegte Fabrik, die er später nach Vitarte verlegte, einem Vorort Limas, der durch eine Bahnlinie mit der Hauptstadt verbunden war. In Lima existierten außerdem mehrere typografische Betriebe, beispielsweise die staatliche Druckerei, die im Regierungspalast untergebracht war.

Im Druckwesen entstand im April 1855 die erste proletarische Organisation: Die Sociedad Tipográfica de Auxilios Mutuos. Es handelte sich dabei um einen Zusammenschluss von Druckereiarbeitern, die einen Hilfsfonds für kranke oder verunfallte Mitarbeiter unterhielten. Unter dem Namen Sociedad Filantrópica Democrática etablierte sich im Mai 1858 eine weitere Gesellschaft gegenseitiger Hilfe, und zwar unter den Hafenarbeitern im Hafen Callao. 1860 schlossen sich Handwerker in Lima ebenfalls zu einer Sociedad de Auxilios Mutuos zusammen. Zu den größten Arbeitgebern zählten in diesem Jahr neun Wäschereien, die 3147 Frauen beschäftigten, sowie Schreinereien und Schneidereien mit je 2000 Angestellten. Weitere Großunternehmen waren Brauereien, Wachs- und Kerzenfabriken, Zigarettendrehereien, Silberschmiedewerkstätten, Hutflechtereien, Schokoladefabriken und Bäckereien.

Im peruanischen Hochland gab es seit der frühen Kolonialzeit im 16. Jahrhundert Manufakturen, die aus Schaf- und Kamelidenwolle Gewebe herstellten. 1861 installierte die Familie Terry in Ucrón (Provinz Pallasca; Dep. Áncash) eine Textilfabrik, die Stoffe für den lokalen Markt produzierte. Im gleichen Jahr modernisierte das Unternehmerpaar Garmendia-Nadal im Lucre-Becken (in der Nähe der Stadt Cusco) ihren aus der Kolonialzeit stammenden Webbetrieb durch importierte Webmaschinen. Die Maschinenteile aus Frankreich mussten auf dem Rücken von Maultieren in mühseliger Arbeit vom südperuanischen Hafen Islay ins Hochland transportiert werden. Trotz der modernen, mit Wasserkraft betriebenen Webmaschinen beschäftigte das Unternehmen keine Lohnarbeiter, sondern es nutzte die Arbeitskräfte der fabrikeigenen Hacienda. 1872 etablierte der deutsche Hacienda-Besitzer Gustavo A. Mangelsdorff eine Brauerei in der Stadt Cusco. Wie sein Beispiel zeigt, entstanden zahlreiche industrielle Anlagen auf Initiative ausländischer Immigranten. Stellvertretend für viele seien an dieser Stelle genannt: die italienischen Teigwarenfabrikanten Luis Suito (1860) und Juan Falco (1867) in Lima, der deutsche Bierbrauer Federico Bindels (1863) im Hafen Callao, der britische Kekshersteller Arturo Field (1864) und der Zigarrenfabrikant Antonio Pouchan (1869), der nach einer Vergrößerung seiner Fabrik im Jahre 1873 über 400 Angestellte beiderlei Geschlechts beschäftigte.

Gegenüber der ausländischen Konkurrenz hatten die frühen industriellen Betriebe einen schweren Stand. Nur selten konnten sie sich langfristig behaupten. Nachteilig wirkten sich insbesondere die schwierige Landestopografie und das völlig unzulängliche Verkehrsnetz aus. Den Überlandtransport bewältigten Maultiere mit Karren an der Küste beziehungsweise Lamas und Maultiere im Hochland. Die traditionellen Transportmethoden beschäftigten eine große Zahl an Treibern, waren arbeitsintensiv und zogen hohe Kosten nach sich.

Demografie, europäische Immigration und hauptstädtische Lebenswelt

Der nationale Zensus von 1876 ergab eine Gesamtbevölkerung von 2,7 Millionen. Damit hatte sich Perus Bevölkerung seit dem kolonialzeitlichen Zensus der 1790er-Jahre (1,2 Millionen) mehr als verdoppelt. Die Volkszählung von 1876 verzeichnete einen deutlichen Geburtenüberschuss: auf 1000 Einwohner gab es 45 Geburten und 33 Todesfälle. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 30 Jahre. Die Mehrheit der Bevölkerung wurde als Analphabeten (70 %) und als Indianer (58 %) klassifiziert. Der hohe indigene Anteil überrascht, weil in den 1850er-Jahren eine verheerende Seuche (wahrscheinlich Typhus) im peruanisch-bolivianischen Hochland angeblich 300 000 Indianer dahinraffte. Über ein Viertel der ländlichen Bevölkerung lebte auf einer der insgesamt 4404 Haciendas, die entweder religiösen und zivilen Institutionen oder privaten weißen und mestizischen Eigentümern gehörten. Peru zählte 6928 Dörfer oder Weiler mit weniger als 1000 sowie 291 Zentren oder Städte mit über 1000 Einwohnern. In den Dörfern und Weilern konzentrierten sich 60 % der Bevölkerung. Wirtschaftlich aktiv waren 1,3 Millionen Personen. Mehr als die Hälfte davon fand ein Auskommen in der Landwirtschaft, sei es als Bauern (612 000), Tagelöhner (100 000) oder Hirten (58 000). Mit einer Gesamtzahl von 40 664 Personen machten die Schwarzen nur 1,5 % der peruanischen Bevölkerung aus. Am meisten Schwarze wies das Küstengebiet mit über 37 000 Personen auf, angeführt vom Departement Lima (15 404 Personen).

Zahlenmäßig wurden die Afroperuaner von den 107 000 Ausländern überflügelt. 47 % stammten aus Asien und 23 % aus Europa. Durch eine gezielte Förderung der europäischen Einwanderung erhofften sich Perus Regierungen Impulse für die Modernisierung und »Zivilisierung« des Landes. Denn die weißen Europäer galten – laut Präsident Echeniques Ausspruch während seiner Rede zum Nationalfeiertag vom 28. Juli 1853 – als »Menschen von guter Rasse, die sich für sämtliche Arten von Arbeiten eigneten und sittlich gefestigt waren« (Basadre 1983, 277). Von 1873 bis 1875 war die Sociedad de Inmigración Europea für die Einwanderung von 3000 Kolonisten – überwiegend Italiener, außerdem einige wenige Schweizer und Franzosen – verantwortlich. Der Großteil dieser Immigranten zog ins Dschungelgebiet von Chanchamayo. Insgesamt bildeten die Italiener, die zu 80 % aus der Region Ligurien stammten, die größte europäische Einwanderergruppe. 1840 lebten um die 1000 Italiener in Peru, zu Beginn der 1860er-Jahre waren es ungefähr 4000, und 1880 war der Höchststand mit rund 10 000 Personen erreicht. Mehrere Südeuropäer machten in der Lebensmittelbranche Karriere. Sie produzierten Teigwaren, Brot, Schokolade und Speiseeis. Von den 650 Krämerläden mit Alkoholausschank (Pulperías), die die Hauptstadt 1863 zählte, gehörten vier Fünftel Italienern. Die europäischen Einwanderer verdrängten nicht nur zahlreiche einheimische Frauen aus dem Ladengeschäft, sondern führten auch neue Ess- und Trinkgewohnheiten ein. Neben italienischen Gerichten verbreitete sich in der zweiten Jahrhunderthälfte in Lima und weiteren Städten auch der Bierkonsum.

Anders als in Argentinien oder Brasilien vermochten in Peru weder die forcierte Immigrationspolitik noch die zahlreichen staatlichen Kolonisationsprojekte eine hohe Zahl an Europäern anzulocken. Die meisten Europäer reisten auf eigene Initiative ins Land ein, kaum berührt von den Regierungsprojekten, die eine kontrollierte Immigration vorsahen. Angezogen von der boomenden Wirtschaft, fanden sie primär als Kleinhändler und Kleinunternehmer, daneben auch als Köche, Kunsthandwerker oder Künstler ein Auskommen. Zumeist ließen sich die (überwiegend männlichen) Einwanderer in Lima oder in der Umgebung der Hauptstadt nieder. Gemäß der Estadística general de Lima, die Manuel Atanasio Fuentes 1858 publizierte, waren 23 % der Limeñer Bevölkerung ausländischer Herkunft.

Vor der Jahrhundertmitte lebten in Lima Arme wie Reiche, Hell- wie Dunkelhäutige Seite an Seite. Wenn auch die Art und die Ausstattung der Behausungen höchst unterschiedlich waren, so teilten alle doch denselben Raum. Während des Guano-Booms, zwischen 1850 und 1870, zeichneten sich Veränderungen ab. Italienische und französische Architekten gestalteten neue Promenaden, Plätze und öffentliche Anlagen gemäß europäischen Vorbildern. Es entstanden neue Quartiere, deren Bewohner räumliche Exklusivität und Abschottung für sich beanspruchen. Während die Reichen in neu erstellte Residenzen im Südwesten Limas – beispielsweise in Miraflores und Chorrillos – abzogen, blieben die Angehörigen der Unterschichten in der Nähe des Zentrums. Schlecht bezahlte Arbeiter und verarmte Handwerker mieteten sich mit ihren Familien in schmutzigen, engen Zimmern in überfüllten Wohnhäusern ein. Prekär waren die Lebensbedingungen auch für viele unabhängige Handwerker – Meister, Gesellen, Lehrlinge – die in winzigen Werkstätten arbeiteten. Sie litten besonders unter der ausländischen Konkurrenz, der Absatzkrise und den staatlichen Abgaben. In Limas Zentrum grassierten Armut, Unterbeschäftigung und Arbeitslosigkeit. Ausländischen Besuchern wie einheimischen Beobachtern fiel gleichermaßen die große Zahl an Müßiggängern aus den Unterschichten auf, die ihre Zeit mit Glücksspielen, Trinkgelagen und »lasterhaften Unsitten« totschlugen.

Koloniale Relikte

Der kolonialen Rechtstradition folgend, teilte das Bürgerliche Gesetzbuch von 1852 Personen in verschiedene Kategorien ein – beispielsweise in Mündige und Unmündige, Erwachsene und Minderjährige, Männer und Frauen – und regelte den jeweiligen gesetzlichen Status. Wie bisher galt die Eheschließung als Sakrament und die Ehe als unauflösliche Lebensgemeinschaft. Für die Rechtsprechung bei Ehefragen waren katholische Geistliche und die zivile Gesetzgebung zuständig. Prinzipiell war die Frau dem Mann untergeordnet. Frauen durften nicht als Zeuginnen bei Einträgen ins Standesregister oder bei Testamenten firmieren. Bei einem Gerichtsfall durfte eine Frau nicht ohne die Autorisation ihres Ehemannes aussagen, außer wenn sie selbst angeklagt war. Ohne Einbezug des Ehemannes oder sein schriftliches Einverständnis war es ihr untersagt, Dinge zu verschenken, zu veräußern, zu verpfänden oder zu erwerben.

Während der Guano-Boom zu markanten sozialen Änderungen an der Küste führte, blieb im Hochland vieles beim Alten. Hier nahmen die mächtigsten Gamonales die Spitze der regionalen Gesellschaftshierarchie ein. Dabei handelte es sich zumeist um einflussreiche Großgrundbesitzer, die das lokale wirtschaftliche und politische Geschehen kontrollierten. Die Bezeichnung findet sich bereits in kolonialen Dokumenten des 18. Jahrhunderts. Sie leitet sich von »Gamonito« ab, einer parasitären Pflanze, die auf Baumwurzeln wächst. Die republikanischen Gamonales nutzten die institutionelle Schwäche des Zentralstaates aus, um eine auf Dominanz und Unterwürfigkeit basierende, quasi feudalistische Sozialordnung durchzusetzen. Wenn ein Bergwerksbetreiber, ein Hacendado oder ein Bauunternehmer dringend Arbeitskräfte benötigte, wandte er sich an einen Gamonal. Dieser mobilisierte die von ihm abhängige Landbevölkerung. Die Gamonales sprachen Quechua und waren mit der ländlichen indianischen Kultur bestens vertraut. Sie vereinten widersprüchliche Züge, in denen sich Despotismus und Habgier auf der einen Seite, Paternalismus und Respekt vor der andinen Volkskultur auf der anderen Seite nicht ausschlossen. Insgesamt bildeten sie eine heterogene Gruppe, deren Angehörige unterschiedlich vermögend und oft untereinander zerstritten waren. Die zahlenmäßig größte Gruppe stellten die Besitzer kleiner und mittelgroßer Gehöfte. Unter ihnen finden sich sowohl geachtete Personen als auch berüchtigte Viehdiebe, seien es Mestizen oder Indianer. Sie wohnten auf ihrem eigenen Grund und Boden, nicht in der Stadt. In ihrem Dienst standen, abgeschottet vom Rest der peruanischen Gesellschaft, vier bis 15 abhängige Familien. Neben den indianischen Großgrundbesitzern und denjenigen gemischter Abkunft, die keinen oder nur einen bescheidenen formellen Bildungsgrad aufwiesen, existierten gebildete Großgrundbesitzer, die Senatoren- und Abgeordnetensitze innehatten. Als unrühmliches Beispiel sei der reiche, weiße Großgrundbesitzer Ignacio Figueroa Fernández aus Yungay (Dep. Áncash) genannt. Im Verlauf seiner politischen Karriere übte er das Amt eines Departements-Präfekten, eines Provinzabgeordneten und eines Senators aus. Von der Landbevölkerung wurde Figueroa gehasst und gefürchtet. Mitleidlos trieb er ausstehende Schulden ein. Unter Androhung der Peitsche mussten zehn Witwen auf einem seiner Landgüter die Schulden ihrer verstorbenen Männer abarbeiten. Auf seinem Land unterhielt er einen privaten Kerker, in dem er fehlbare Landarbeiter in Fußfesseln, den Kopf und die Arme im Halsstock fixiert, schmoren ließ.

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Litres'teki yayın tarihi:
18 aralık 2025
Hacim:
709 s. 33 illüstrasyon
ISBN:
9783170409484
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