Kitabı oku: «Ein Leben für die Freiheit»
Ein Leben für die Freiheit
Leonard Peltier und der indianische Widerstand
Michael Koch und Michael Schiffmann

Impressum
Ein Leben für die Freiheit, Leonard Peltier und der indianische
Widerstand
TraumFänger Verlag Hohenthann, 2016
2. Auflage Oktober 2017
1. Auflage eBook Juli 2021
Herausgeber: Tokata - LPSG RheinMain e.V.
Autoren: Michael Koch/Michael Schiffmann
eBook ISBN 978-3-941485-95-2
Lektorat: Michael Krämer und Monika Seiller
Satz und Layout: Janis Sonnberger, merkMal Verlag
Textlayout: Kerstin Schmäling
Datenkonvertierung: Bookwire
Titelbild: Leonard Peltier
Copyright by TraumFänger Verlag GmbH & Co. Buchhandels KG,
Hohenthann/Tokata - LPSG RheinMain e.V.
Printed in Germany
Inhaltsverzeichnis
Grußwort Leonard Peltiers an die deutschen Unterstützer und Leser dieses Buches (Leonard Peltier)
Grußwort der Nichte Leonard Peltiers zur zweiten Auflage des Buches
Vorwort zur 2. Auflage
Einleitung: Leonard Peltier, AIM und die Geschichte von Völkermord und indianischem Widerstand (Michael Koch)
1. „Indian Wars Aren‘t Over“ – die vielen Gesichter des Völkermords (Michael Koch)
2. Von Red Power zu AIM – eine kurze Chronologie indianischen Widerstands (Michael Koch)
3. Leonard Peltier – Kindheit, Jugend und Politisierung (Michael Koch)
4. Pine Ridge Reservation (Michael Koch)
5. AIMs längster Tag – der „Zwischenfall in Oglala“ am 26. Juni 1975 (Michael Schiffmann)
6. Leonard Peltier – Verfahren und Haftsituation Die Mühen der Ebene: Ein halbes Jahrhundert Kampf um Freiheit_(Michael Schiffmann)
Zur aktuellen Situation Leonard Peltiers seit 2009 (Michael Koch)
7. Reservationblues Vom Alltag des Lebens und Überlebens in Reservationen heute (Michael Koch)
8. Kein Schlusswort: Indian Wars Still Are Not Over – The Struggle Goes On (Michael Koch)
Anhang
Erklärung von Leonard Peltier vor dem Urteilserlass
Schreiben Leonard Peltiers an seine europäischen Unterstützer (Januar 1980)
Erklärung zum Todesfasten von Robert H. Wilson aka Standing Deer (Dezember 1983)
Erklärung zum Todesfasten von Leonard Peltier
Interview mit Delaney Bruce (LPDOC)
Ein guter Tag zum Reden Interview mit Dennis Banks
Mr. X: Statements von Dino Butler und Dennis Banks
Solidaritätsarbeit für Leonard Peltier
Zeittafel Leonard Peltier: Leben und Fall Leonard Peltiers in Daten
Brief von Leonard Peltier am 6. Februar 2016
Leonard Peltiers Statement anlässlich des Heidelberger Symposiums Oktober 2016
Statement von Leonard Peltier zum Oglala Commemoration Day 2017
Literaturverzeichnis
Dokument: Proklamation 26.6.2013 zum Leonard Peltier Tag
Dokument: Vergleichsübersicht zu den Verfahren „Butler/Robideu“ und „Peltier“
Danksagung
Kurze Erklärung des Verlages
Zu den Autoren
Übersetzungen
Bildseiten
Grußwort Leonard Peltiers an die deutschen Unterstützer und Leser dieses Buches (Leonard Peltier)
An all meine deutschsprachigen Brüder und Schwestern in Europa und anderswo:
Während ich hier in meiner Zelle sitze – „meinem Zuhause“, wie wir es in diesem unseligen amerikanischen Gulag nennen, in dem so viele meiner indigenen Schwestern und Brüder ein zerstörtes Leben fristen müssen –, wirbeln mir die neuesten Nachrichten durch den Kopf … Europa ist in Aufruhr, zig Millionen Flüchtlinge auf der Welt, gerade erst haben Menschen in Paris, Mali, über dem Sinai und so vielen, vielen Teilen der Welt Hunderte von Unschuldigen getötet… Aberwitzige Bombenangriffe von US-amerikanischen, russischen, französischen Kampffliegern, auch sie vorwiegend auf unschuldige Menschen. Ja, bombardieren wir die Unschuldigen! Das wird ihnen eine Lehre sein!
Meine lieben Mitmenschen – welchen Weg werden wir gehen?
Ich sitze hier auf meinem Gefängnisbett in diesem kalten Sarkophag aus Stahl, gewärmt von dem Wissen, dass dieses neue Buch in deutscher Sprache seinen Weg in viele seelenverwandte Herzen in vielen Ländern finden wird. So werden die Leser ein persönliches Gefühl dafür bekommen, wer ich bin und wer die Menschen meines Volkes sind… Aber in Wirklichkeit geht es nicht um mich, Leonard Peltier, oder auch nur um mein notleidendes Volk – es geht um uns, die Angehörigen der gesamten Menschheit, die wir einander aus welchen Gründen auch immer Angst und Schrecken und Hass und Tod leiden lassen. Ob wir im Recht sind oder nicht, wir sind ALLE schuldig. Schuldig, uns zu weigern, das EINSSEIN in uns ALLEN zu sehen.
Mitakuye Oyasin: Meine Sioux-Vorfahren haben uns gelehrt: Wir sind mit allen und allem verwandt.
Lassen wir diese Worte für alle Menschen überall erklingen. Machen wir sie zu einer Hymne für die Menschheit, die die sinnlosen Gefühle des Hasses in unseren Herzen auslöscht. Im Lauf der vier Jahrzehnte meiner Gefangenschaft ist mir die Unterstützung und Freundschaft – und ja, sogar die Liebe – von vielen, vielen deutschsprechenden Menschen zuteil geworden. Diese Liebe wandert von ihren Herzen in mein Herz und wieder zurück. Sie fühlen sie, ich fühle sie, sie ist real – und sie ist mächtig. Lasst jeden von uns senden und empfangen – diese gegenseitige Liebe, diesen Respekt und diese spirituelle Kraft an die gesamte Menschheit, an jede einzelne Seele auf unserer Mutter Erde. Und möge dieses neue Buch dazu beitragen, dass dies geschieht.
Doksha (Auf bald)
Leonard Peltier
(USP Coleman, Florida – Samstag, 28. November 2015)
Übersetzung: Michael Schiffmann
Email Leonard Peltiers an Michael Koch:
..9/22/2016 9:24 PM
hey Doc :) I just received the book it looks good and of excellent quality, thank you Bro, its lock up for the nite . doksha L.P.
„…wir waren im Krieg, und im Krieg sagst du nicht, wer schießt, wer auf wen schießt …
Dies war ein Krieg, ein Krieg der vor Jahrhunderten begann und immer noch anhält. Wir sind das Ziel des längsten unerklärten Krieges in der Geschichte der US-Regierungen …
Leonard Peltier ist ein großer Krieger. Er ist wie all die anderen, die im Camp lebten.
… Sie hörten den Ruf der Bevölkerung. Sie kamen, um den Menschen beizustehen. Und so ist dies auch zu erinnern. Dies ist die einzige Art dies zu erinnern. Da war ein Krieg am Laufen, ja, und wir haben hierauf entsprechend geantwortet. Es waren nicht wir, die diesen Krieg begannen, es war das FBI!“
Dennis Banks am 4.10.2013 vor dem „International Peoples Tribunal on Leonard Peltier“ in Green Bay/Wisconsin
Grußwort der Nichte Leonard Peltiers zur zweiten Auflage des Buches
Als mein Onkel, Leonard Peltier, November 2016 seine Grußworte an die deutschen Leserinnen und Leser der Erstauflage dieses Buches schrieb, war er noch voll der Hoffnung, dass die Tage seiner Haftentlassung kurz bevorstehen würden. Er und wir alle dachten dabei, dass das große Interesse und die Unterstützung im deutschsprechenden Teil Europas hier sicherlich auch eine große Hilfe sein würden, um für ihn endgültig die Türen zur Freiheit zu öffnen. Und so wie Ihr haben sich weltweit so viele andere Menschen für Leonards Freiheit eingesetzt und für alle schien es so, dass sich die Tore zur Freiheit öffnen würden. Wie Ihr alle wisst, haben sich die Dinge jedoch anders entwickelt. Mein Onkel ist immer noch gefangen in dem, wie er es nennt, Iron House. Und nach wie vor sind auch all seine indigenen Brüder und Schwestern überall in Amerika mit der fortgesetzten Geschichte von Unterdrückung, Menschenrechtsverletzung und Umweltzerstörung konfrontiert. In dieser schweren Zeit erhielten wir, auch mein Onkel Leonard, die Nachricht, dass dieses Buch nun in einer zweiten Auflage erscheinen wird. Wir haben mitbekommen, dass zu den Buchpräsentationen viele hundert Menschen bislang kamen und diese Veranstaltungen auch weitergehen, in den verschiedensten Städten Deutschlands. Mein Onkel und ich wissen, dass dies ein Beweis für Euer immer noch bestehendes Interesse und die anhaltende Unterstützung ist. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, das weit weg, auf der anderen Seite des Ozeans mehr und mehr Menschen sich im Falle Leonard Peltiers aber auch allgemein im Zusammenhang mit dem Schicksal der Native Americans für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Freiheit einsetzen.
Für all das, liebe Leserinnen und Leser, liebe Unterstützerinnen und Unterstützer, möchte ich mich im Namen meines Onkels Leonard Peltier, im Namen der amerikanischen Ureinwohner, im Namen aller ehrlichen Menschen auf dieser Welt und in meinem Namen bei Euch bedanken.
Kari Ann Boushee, Nichte Leonard Peltiers (Fargo/North Dakota, 25.8.2017)
Leonard Peltier sitzt seit Frühjahr 2017 fast permanent im Lock Down des USP Coleman, Florida. Aufgrund dieser Tatsache erhält er weder seine Emails noch kann er per Email kommunizieren. Daher war es ihm auch nicht möglich, rechtzeitig vor Druckbeginn der zweiten Auflage dieses Buches selbst ein Grußwort zu schreiben. Das Grußwort seiner Nichte ist jedoch mit ihm telefonisch abgestimmt. M. Koch, 25.8.2017
Vorwort zur 2. Auflage
Als wir, also der Verlag, die Lektoren und Autoren sowie der Herausgeber Anfang 2016 im Wettlauf gegen die Zeit die erste Auflage des vorliegenden Buches gerade noch rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse gestellt hatten, machten wir uns nur wenige Gedanken über Dinge wie Verkauf, Lesereisen, Kundeninteresse oder gar Werbung. Das Buch und die damit verbundene Arbeit sahen wir gemeinsam vor allem als Beitrag im weltweiten Bemühen, den indianischen politischen Langzeitgefangenen Leonard Peltier nach 40-jähriger Haft endlich zu Freiheit und Recht zu verhelfen. Gleichzeitig wollten wir auf das historische und leider nach wie vor anhaltende Unrecht hinweisen, das den amerikanischen Ureinwohnern widerfahren ist und weiterhin widerfährt. Die Zeit zwischen Februar 2016 und Januar 2017 erschien uns als im doppelten Sinne relevantes Jahr. Zum einen war der mittlerweile 72-jährige Peltier nun seit 40 Jahren in Haft. Zum anderen stand im Kontext mit der Präsidentschaftswahl wieder eine präsidiale Begnadigung von Häftlingen an. Und hier lagen nun alle Hoffnungen, dass auch Leonard Peltier durch den scheidenden 44. Präsidenten Barak Obama begnadigt würde. In diesem besagten Jahr wurde im deutschsprachigen Raum das vorliegende Buch neben dem dreitägigen Symposium in Heidelberg (Free Peltier – Leonard Peltier und der Kampf der Native Americans), der Initiative „Musiker für Peltier“ und der Herausgabe der CD „One Life for Freedom“ zum wichtigen Baustein der europaweiten Solidaritätskampagnen. Buchvorstellungen und Lesereisen, Zeitungsartikel und Radioberichte, Werbeplakate und Veranstaltungsflyer erreichten viele tausend Menschen allein in Deutschland und trugen somit zur Verbreitung des Schicksals Peltiers bei. Über tausend Besucher kamen allein zu den knapp dreißig Buchvorstellungen. Doch unsere Hoffnung, dass sich für Leonard Peltier Anfang 2017 endlich die Tore des „Iron House“ zur Freiheit öffnen würden, wurde enttäuscht. Obama entschied sich dafür, alle juristischen Zweifel an Peltiers Schuld, alle humanitären Aspekte im Falle Peltiers und alle menschenrechtlichen Kritiken zu ignorieren. Und so wie es derzeit aussieht, wird es der jämmerliche Verdienst Obamas sein, Peltiers endloses Leiden und dessen Tod im Knast zu verantworten.
Für uns als Herausgeber, Autoren und engagierte Menschenrechtler war dies eine maßlose Enttäuschung. Und immer wieder stellte sich die Frage, woher die Kraft nehmen, um mit der Solidaritäts- und Aufklärungsarbeit für Peltier sowie für indigene Anliegen und Rechte weiterzumachen. Das anhaltende Interesse an Lesungen auch nach der Begnadigungsablehnung und der Ausverkauf der ersten Auflage des vorliegenden Buches haben uns hierfür die notwendige Kraft gegeben. Wir freuen uns über das ungebrochene Interesse an diesem Thema. Der Fall und das Schicksal Peltiers dürfte einer der größten Justizskandale des 20. und 21. Jahrhunderts in den USA sein. Peltiers anhaltende Tortur steht für eine beispiellose Missachtung seiner persönlichen Rechte, indigener Rechte und Menschenrechte im Allgemeinen. Unsere Antwort haben Sie in Form der zweiten Auflage des Buches in der Hand. Wir haben Texte korrigiert und aktualisiert. Es wurden neue Inhalte und Themen, neue Texte und Dokumente hinzugenommen sowie bestehende erweitert. Für uns geht somit der Kampf für Peltiers Freiheit und für die Rechte und Belange der Native Americans weiter. In diesem Sinne danken wir Ihnen für Ihr Interesse und heißen Sie im weltweiten Kreis der Unterstützerinnen und Unterstützer willkommen.
In the spririt of resistance, freedom and justice
Michael Koch, 1. September 2017
(Möchten Sie mehr über unsere Arbeit erfahren und uns in unserer Arbeit unterstützen, dann finden Sie weitere Informationen unter www.leonardpeltier.de sowie unter https://www.facebook.com/LPSGRheinMain
Einleitung:
Leonard Peltier, AIM und die Geschichte von Völkermord und indianischem Widerstand (Michael Koch)
Auf den ersten Blick scheint in Europa und somit auch in Deutschland das Interesse sowohl am Schicksal der indigenen Völker vor allem Nordamerikas als auch am indigenen Widerstand seit geraumer Zeit weitestgehend erloschen. Solidarisches Engagement für die Belange der Indigenen Mittel- und Südamerikas blieb ohnehin einer kleinen Gruppe von Menschenrechts- und Dritte-Welt-Aktivisten vorbehalten. Weit über eine Generation ist es her, als sich in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in einigen europäischen Staaten Teile der libertär-spontaneistischen Linken gerne als Stadtindianer bezeichneten, Plakate mit militanten indianischen Posen oder Sprüchen die Wohngemeinschaften vieler undogmatischer Linker schmückten und ein „Mescalero“ sich in „Buback – ein Nachruf“ öffentlich mit dem Attentat auf Generalbundesanwalt Buback auseinandersetzte. Erst der bewaffnete Konflikt in Oka, Kanada, im Jahre 1990, der über 25-jährige Widerstand gegen die Vertreibung der Navajo in Arizona aus einem Teil der gemeinsamen Hopi-Navajo-Reservation und der bewaffnete Auf- und Widerstand der Zapatisten (EZLN) seit 1994 in Chiapas, Süd-Mexiko, rückten Leben und Kampf der amerikanischen Indigenen mehr oder minder kurz in den Fokus öffentlichen Interesses. Und 2016/ 2017 sorgten die Aktionen der Protectors of Water gegen den Bau der Dakota Access Oil Pipeline weltweit für Beachtung und Solidarität. Doch nach wie vor bleibt es meist kleinen Gruppen überlassen, hier anhaltende Solidaritätsarbeit zu leisten.
Ähnlich könnte man die Entwicklung des öffentlichen Interesses an dem Schicksal des indianischen politischen Gefangenen, Mitglied des American Indian Movement (AIM)- und Menschenrechtsaktivisten Leonard Peltier beschreiben, der aufgrund seiner niemals nachgewiesenen Schuld an dem Tod von zwei FBI-Agenten seit 1976 inhaftiert ist. Immer mal wieder flammt in den USA und weltweit der Kampf um Peltiers Freiheit auf. Die Glut und Wut, gegen seine „Geiselhaft“ massiven Widerstand zu organisieren, mögen zwar nicht erloschen sein, doch reichen sie kaum zu spektakulären Aktionen und erfolgversprechenden Strategien. Dazu kommt, dass das Wissen um die Person und den Fall Peltier im Bewusstsein vieler politisch engagierter Menschen sowohl in den USA als auch in Europa erheblich weniger präsent ist als das Wissen um den lange Jahre durch den Vollzug der Todesstrafe bedrohten ehemaligen Black-Panther-Aktivisten und engagierten Journalisten Mumia Abu-Jamal. Ins Deutsche übersetzte Kolumnen Abu-Jamals oder auch telefonische Statements anlässlich politischer Konferenzen in Europa sind seit vielen Jahren selbstverständlich. Eine gezielte Ansprache an die deutschen Unterstützer durch Leonard Peltier beschränkte sich in den letzten Jahren vorwiegend auf einige Telefonate mit dem Autor dieser Zeilen und wird erst mit Erscheinen dieses Buches auf eine neue Basis gestellt. Umso mehr freuen wir uns über Peltiers eigens für seine deutschen Unterstützer, die Autoren, Herausgeber und Leser dieses Buches geschriebene Grußwort.
In Deutschland zeichnet sich also seit einigen Jahren eine neue Entwicklung ab. Das Schicksal des seit über vier Jahrzehnten inhaftierten AIM-Aktivisten und mit ihm auch Geschichte und Schicksal der nordamerikanischen Native Americans und deren Kampf um Freiheit, Selbstbestimmungsrechte und Würde rückt wieder mehr in den Blick sowohl einer liberalen Öffentlichkeit als auch sozialrevolutionärer Personen und Gruppen. Die Motive hierfür mögen vielschichtig sein, doch zwei Gründe tragen hierzu sicherlich entscheidend mit bei.
Erstens: In den vergangenen sechs Jahren hat sich einerseits die Haft- und Gesundheitssituation Leonard Peltiers kontinuierlich erheblich verschlechtert. Andererseits zerschlugen sich immer wieder aufkommende Hoffnungen auf eine mögliche Begnadigung.
Zweitens: Die Solidaritätsarbeit gerade der deutschen Unterstützungsgruppen war von Anfang an eingebunden in die weltweiten Bemühungen um Peltiers Freiheit und Unterstützung des indigenen Widerstands. Sie war aber ebenso von Anfang an assoziiert mit dem Kampf für die Freiheit Mumia Abu-Jamals; dem weltweiten Kampf gegen Todesstrafe, Folter und unmenschliche Haftbedingungen; dem Kampf gegen Atomwirtschaft und atomare Rüstung; dem Kampf gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur durch internationale Konzerne und nationale Wirtschaftsinteressen und letztlich mit dem Kampf gegen Rassismus, Nationalismus, Sexismus und autoritäre Strukturen in der Gesellschaft und bei uns selbst. Gerade diese Einbindung in unterschiedlichste soziale Kämpfe führt nun dazu, dass auch in anderen Bewegungen sich der Blick auf das Schicksal indigener Völker, deren Widerstandsaktionen und deren Aktivisten wieder öffnet.
Das vorliegende Buch versucht eine Verbindungslinie herzustellen zwischen dem Fall von Leonard Peltier, der Entwicklung indianischen Protests und Widerstands sowie der Geschichte der versuchten Ausrottung und Unterdrückung der indigenen Völker Nordamerikas bis hin zu deren heutigen Lebensbedingungen.
Im ersten Kapitel „Indian Wars Aren‘t Over …“ soll anhand einiger Ereignisse die Geschichte eines der längsten Genozide der Menschheit beschrieben werden. Ohne hierbei dem Anspruch auf Vollständigkeit auch nur annähernd nachkommen zu wollen, so soll dieses Kapitel dazu beitragen zu verstehen, weshalb indianischer Widerstand des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts gegenüber unseren europäisch tradierten bürgerlichen und vor allem sozialrevolutionären Vorstellungen z. B. von Sozialismus, Kommunismus oder Anarchismus sperrig war, ist und wohl auch bleiben wird.
Im zweiten Kapitel „Von Red Power zu AIM“ wird neben der Darstellung einiger wichtiger Stationen des erwachenden Kampfes für indianische Rechte und Souveränität dieser Aspekt nochmals aufgegriffen. Außerdem befasst sich ein Unterkapitel mit der vorherrschenden männlichkeits- und männerdominierten Geschichtsschreibung des indianischen Widerstands. In einem kurzen Beitrag soll auf die wichtige Rolle der Frauen im indianischen Widerstand, aber auch in den Kämpfen um die Organisation des Überlebens im Reservationsalltag näher eingegangen werden.
Kapitel 3 zeichnet Kindheit, Jugend und die Politisierung des jungen Peltier bis zu jenem Zwischenfall bei Oglala nach, für den er seit 1976 inhaftiert ist.
Kapitel 4 und 5 befassen sich mit der Situation rund um die Pine Ridge Reservation im Zeitraum zwischen 1973 und 1975, einschließlich des tödlichen Schusswechsels zwischen FBI-Agenten, BIA-Polizei und anderen Polizeigruppen einerseits und Anwesenden eines AIM-Camps andererseits. Auch hier gilt wieder: Wer nicht wenigstens eine Ahnung von dem hat, was in den Jahren vor und nach der Besetzung von Wounded Knee in und um die Reservation herum geschah, der/die wird sich kaum ein richtiges Bild über die Gründe bewaffneter Gegenwehr bei dem plötzlichen überfallartigen Auftauchen der FBI- Agenten in dem AIM-Camp machen können.
Kapitel 6 beschreibt dann den Prozess, die Rechts- und die Haftsituation Peltiers, wobei der zentrale Fokus auf der Entwicklung der vergangenen Jahre seit 2009 und aktuell auch auf der Begnadigungsablehnung durch Barak Obama 2017 liegen wird.
Kapitel 7 nimmt anhand ausgewählter Aspekte eine schlaglichthafte Beschreibung des „Reservationsalltags“ in der Pine Ridge Reservation und anderen Armutsreservationen vor, eines Alltags, der einerseits Native Americans motiviert und mobilisiert, sich für ihre Rechte und Belange einzusetzen, andererseits ein Elend perpetuiert, dass viele Menschen in Resignation, Apathie, Selbstzerstörung und Gleichgültigkeit gefangen hält und entpolitisiert. Zum Ende des Buches macht ein kurzer Ausblick auf aktuelle Konflikte und Kämpfe deutlich, dass die „Indian Wars“ tatsächlich noch längst nicht Vergangenheit sind, weder in den USA und Kanada, noch in Mittel- und Südamerika. (Kap. 8)
Die genannten Kapitel werden im Anhang durch weitere Interviews und Dokumente, Zeittafeln und eine ausführliche Literaturliste ergänzt. Die Interviews und Übersetzungen geben einen zum Teil erschütternden Einblick in den Haftalltag Peltiers, zeigen aber auch seine Fähigkeit zur politischen Analyse. Dies gilt auch für Dennis Banks. Dennoch ist den Autoren bewusst, dass der vorliegende Band auf wichtige Teilaspekte des Falls Peltier, des indigenen Widerstands oder der Völkermordgeschichte an den nordamerikanischen Indianern an manchen Stellen nur unzureichend, zu kurz oder manchmal auch gar nicht eingeht. Völlig unberücksichtigt im vorliegenden Band ist Peltiers künstlerisches Schaffen als Maler und als Autor von Gedichten. Umso mehr freut es uns, dass uns Peltier eines seiner Bilder für den Bucheinband zur Verfügung gestellt hat.
Es fehlt weiterhin eine ausführlichere Auseinandersetzung mit der Person Bill Janklows, jenem Gouverneur Süd-Dakotas, der u. a. für seinen Satz bekannt wurde, „die beste Methode, mit Dennis Banks und anderen AIM-Sympathisanten aufzuräumen, wäre, ihnen eine Kugel in den Kopf zu jagen“.
Im Januar 2000 brüstete sich der Ex-Gouverneur sogar damit, Bill Clinton von einer Begnadigung Peltiers abgehalten zu haben. Janklow, der von 1966 bis 1973 im Auftrag des Staates Süd-Dakota als Anwalt für die Rosebud Reservation tätig war und in dieser Zeit sich auch oftmals für die Belange der Reservatsbewohner engagierte, geriet später nicht nur aufgrund seiner AIM-feindlichen Politik ins Visier von AIM, sondern auch, weil er im Verdacht stand, die fünfzehnjährige Babysitterin seiner Familie, Jancita Eagle Deer, vergewaltigt zu haben. Kurz nach Janklows Wahl als Gouverneur verstarb die junge Lakota bei einem angeblichen Autounfall. Die Autopsie ergab jedoch, dass sie bereits zuvor erheblicher Gewalteinwirkung ausgesetzt war.
Es fehlt ebenso eine ausführliche Würdigung der AIM-Aktivistin Anna Mae Aquash Pictou, einschließlich der Betrachtung der Umstände ihrer Ermordung im Dezember 1975 und der juristischen Aufarbeitung des Falles. Im Zusammenhang mit den Prozessen gegen die Tatverdächtigen Arlo Looking Cloud und John Graham wurden unter anderem Dennis Banks und Leonard Peltier erheblich als mögliche Auftraggeber, zumindest aber Profiteure von Aquash Pictous Ermordung, belastet. Dabei ist die Entführung und Ermordung der Mi‘kmaq Indianerin nicht nur im Kontext der Verdächtigung, sie sei ein möglicher FBI-Spitzel gewesen, zu sehen, sondern auch im Kontext des Todes der beiden FBI-Agenten, die im Juni 1975 in der Pine Ridge Reservation getötet wurden. Aquash Pictou hätte gewusst, dass Peltier der wahre Mörder der beiden FBI-Agenten sei, da dieser in Gegenwart von ihr sowie von Dennis Banks Frau, Darlene Kamook Nichols, und deren Schwester, Bernie Nichols-Lafferty, gesagt habe, der „Hurensohn bettelte um sein Leben, aber ich habe ihn trotzdem erschossen“ („but I shot him anyway“). In die Entführung Anna Mae Aquash Pictous sei auch Peltiers späterer Anwalt Bruce Ellison verwickelt gewesen, der Aquash Pictou im Auftrag des AIM bezüglich ihrer angeblichen Verbindungen zur Polizei verhört habe. Ebenfalls belastet wird Peltier durch Aussagen, dass er Anna Mae in einer Situation seine Pistole in den Mund schob und dabei aufforderte, etwas zu den Vorwürfen zu sagen. Eine AIM-Aktivistin aus dieser Zeit äußerte in einem Gespräch mit dem Autor, dass dies wohl stimme, aber Peltier weder Täter, Auftraggeber noch Mitwisser der Hinrichtung Anna Mae Aquashs war. Peltier und Aquash standen sich freundschaftlich sehr nahe. Und auch in der Situation bei der Schießerei in Oglala sei er sehr verantwortungsvoll gewesen.
Dies spricht einen weiteren Bereich an, den wir in diesem Buch zwar immer wieder erwähnen, nämlich die Infiltrationstaktik des FBI (Counter-Intelligence Programm; COINTELPRO) und deren Folgen, bezogen auf das American Indian Movement und andere indigene Aktivisten. Gerade im Fall von Anna Mae Aquash Pictou wird dies besonders deutlich. Da beschuldigen sich über Jahrzehnte einzelne AIM-Führer gegenseitig der Mitwisser- und Mittäterschaft an dem Tod Aquashs. Sie beschuldigen sich in unterschiedlichen Zusammenhängen auch als Spitzel amerikanischer Geheimdienste, als egomane Verbrecher oder Verräter am gemeinsamen Kampf. Einzelne Aktivisten belasten andere und stehen gleichzeitig selbst im Verdacht, für das FBI zu arbeiten – mit bestem Gewissen oder wider besseren Wissens. Da belasten Zeugenaussagen Peltier und andere Personen erheblich, und gleichzeitig werden immer neue Fälle aufgedeckt, wie das FBI mal plump, mal äußerst geschickt Zeugen manipuliert, Aussagen erpresst oder verfälscht. Wir verzichten hier auf weitere Details und Nennung von Namen, da dies nur zu einer sinnlosen Verunsicherung beitragen würde. Wir wollen und werden uns an diesem Desinformationsprozess, der meines Erachtens sehr wohl auch als Resultat der COINTELPRO-Strategie zu werten ist, nicht beteiligen. Die langjährige Auseinandersetzung mit der COINTELPRO-Strategie des FBI, mit dem American Indian Movement und auch mit dem Fall Leonard Peltier hat den Autor dieser Zeilen selbst oftmals in Situationen gebracht, in denen er sich fragte, was er wem denn noch glauben solle. Umso wichtiger war es, dass den immer wiederkehrenden Konjunkturen aufkommender Zweifel immer neue Gespräche mit Zeit- und Augenzeugen, anderen AIM-AktivistInnen und auch ReservatsbewohnerInnen folgten, die ausreichend Anlass waren, die kritische Solidaritätsarbeit für Peltier und für die indianischen Kämpfe weiterzuführen.
Bob Robideau fasste dies 2003 bei einem gemeinsamen Treffen in seinem AIM-Museum in Barcelona so zusammen: „Ich will und werde mit dir nicht über das reden, was an dem Tag in Oglala geschehen ist. Für dich ist es lediglich wichtig zu wissen, dass Leonard kein kaltblütiger Mörder ist.“
Ein anderes AIM-Mitglied ergänzte 2011 bei meinem Besuch in der Reservation: „Mehr kann ich hierzu nicht sagen. Folge deinem Herzen, du bist auf dem richtigen Weg.“
Aus diesem Grunde findet auch keine vertiefende Auseinandersetzung mit der Mr. X-Theorie im Hauptteil dieses Buches statt. Das Auftauchen eines vermummten Aktivisten, eben des mysteriösen Mr. X, der sich im Dokumentarfilm „Incident at Oglala“ als eigentlicher Täter outet, wird bis heute von führenden AIM-Aktivisten kontrovers bewertet. (Siehe hierzu Kapitel 6 und Anhang)
Vielleicht reicht es, in diesem Kontext zusammenfassend zu sagen, dass Leonard Peltier in all den Jahrzehnten der Haft aufgrund der schier aussichtslosen Situation und des langen Leidens immer wieder auf unterschiedliche Ratgeber und deren strategische Empfehlungen mit großer Hoffnung hörte, dabei aber nicht immer wirklich gut beraten war.
Im vorliegenden Buch werden die Begriffe „Native Americans“, „Indianer“, „First Nations“, „Indigene“ als Synonyme benutzt. Dem Hinweis, dass der Begriff „Indianer“ politisch und auch ansonsten nicht korrekt sei, möchte ich dabei nicht widersprechen. Doch meine lange Zusammenarbeit mit indigenen Künstlern, Sozialarbeitern und Lehrern, politischen Aktivisten, aber auch Jugendlichen und Reservatsbewohnern hat mich dazu gebracht, es so zu halten, wie meine indigenen Freunde auch, die sich mal so oder so oder einfach nur als „skins“1 bezeichnen, denn in ihrer Sprache und Tradition verbindet sie stammesübergreifend eins: die Selbstbezeichnung als Menschenwesen. Analog halte ich es mit den Begriffen wie „Nations, Nationen, Völker oder Stämme. Dem Begriff „Stamm“ haftet zweifelsohne eine Herabstufung indigener Kulturen als zivilisationsferne Gruppe an, während Weiße sich den „Volksbegriff“ wählen, der eine irreführende und problematische „völkische“ Begrifflichkeit anklingen lässt. Native Americans nutzen ihn seit den 60er Jahren bewusst wieder und laden ihn inhaltlich neu auf. Beispiele: Vine Deloria jr. sprach von „new tribes“, die Besetzer von Alcatraz nannten sich „indians of all tribes“, AIM verstand sich als ein „intertribal movemnent“. Dem Kampf dieser Menschen um Selbstbestimmung, um physisches und kulturelles Überleben, um Freiheit, Menschenrechte und Menschenwürde widme ich in kritischer Solidarität vorliegendes Buch. Dabei möchte ich nicht vergessen, mich bei all meinen indianischen Gesprächspartnern, Freunden, Kooperationspartnern für ihre Unterstützung dieses Projektes zu bedanken. Aufgrund sicherheitsbedingter Bitten einiger wird bei der Danksagung im Anhang auf die vollständige namentliche Nennung einiger Unterstützer verzichtet.
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1 Rothäute
1. „Indian Wars Aren‘t Over“ – die vielen Gesichter des Völkermords (Michael Koch)
Wer Geschichte und Formen, Themen und Artikulation des indianischen Widerstandes des ausgehenden 20. Jahrhunderts und des beginnenden 21. Jahrhunderts verstehen will, wird nicht umhinkommen, sich mit der Ausrottungs- und Vernichtungspolitik der europäischen Eroberer und Einwanderer gegen die Ureinwohner Amerikas auseinanderzusetzen. Einerseits bleiben ansonsten Gedanken, Intentionen und Aktionen indigenen Widerstands für uns nur schwer verständlich und auch sperrig bezüglich einer interpretatorischen Einvernahme anhand revolutionär-emanzipatorischer Kriterien unseres „europäischen Denkens“ – selbst wenn dies solidarisch gemeint sein sollte.2
Andererseits bleiben die Dimensionen dieses Völkermordes samt seiner Begleiterscheinungen im wahrsten Sinne des Wortes „unvorstellbar“, wenn nicht doch in einem Kapitel einige Aspekte in aller Kürze benannt und beleuchtet werden.
„Indian Wars Aren´t Over“, so lautet die Überschrift eines Solidaritätsplakats für den indianischen politischen Gefangenen Leonard Peltier.3
Kleingedruckt am Rand stehen die Namen von ca. 60 Opfern tödlicher Angriffe auf traditionelle Lakota und AIM-Sympathisanten bzw. -Aktivisten, die vor allen in den Jahren zwischen 1973 und 1976 in der Pine Ridge Reservation stattfanden. Damit soll auf die Kontinuität des Tötens nordamerikanischer Indianer seit den sogenannten „Indianerkriegen“ in der Zeit vom 17. bis zum 19. Jahrhundert hingewiesen werden. Wer sich jedoch mit der Geschichte der amerikanischen Ureinwohner seit der „Entdeckung“ durch Christoph Columbus 1492 befasst, wird den zahlreichen Autoren indianischer, aber auch nicht-indianischer Herkunft zustimmen müssen, dass es sich bei der Bekämpfung der Indianer um den wohl längsten, anhaltenden Völkermord der Geschichte handelt. Dabei verbinden sich über die Jahrhunderte Aspekte von Genozid (Völkermord), Ethnozid (Kulturzerstörung) und Ökozid (irreversible Zerstörung intakter Ökosysteme) zu einer vielgesichtigen und vielschichtigen Geschichte von Ausrottung und Unterdrückung.
Die Stationen dieser Geschichte reichen von der Vertreibung, Umsiedlung, militärischen Bekämpfung und Ausrottung indianischer Völker über deren Dezimierung durch Krankheiten und andere sogenannte „Zivilisationsfolgen“, den Entzug ihrer Lebensgrundlagen bis hin zur Zwangsumerziehung in Internatsschulen, Zwangssterilisation indianischer Frauen und nuklearen Kontaminierung ganzer Regionen. Was an dieser Stelle über das Schicksal der nordamerikanischen Indianer ausgeführt wird, kann mit etwas veränderter Beschreibung auch für das Sterben, Leben und Überleben der Indigenen in Mittel- und Südamerika ausgeführt werden.
Auf all das, was an Entwicklungen in der sogenannten Paläo-Indianischen Periode Nordamerikas und in der Zeit von 7.000 v. Chr. (sogenannte archaische Periode) bis zum 15. Jahrhundert (im Südwesten die sogenannte Pithouse-Pueblo-Periode) stattfand, soll hier nicht näher eingegangen werden. Nur so viel sei gesagt: dass im Südwesten Nordamerikas die ersten nennenswerten Besiedlungen bereits zwischen 12.000 und 10.000 v. Chr. erfolgten. Zwischen 7.000 v. Chr. und der Zeitenwende entwickelten sich Ackerbau und Siedlungen, beides prägte die Lebensweise der indianischen Völker des Südwestens. Keramikherstellung, Baumwollnutzung und Webtechnik kamen in dieser Region zwischen 700 und 1.000 n. Chr. hinzu. Und Charles C. Mann wies in seinem Buch „Amerika vor Kolumbus“ darauf hin, dass im Gegensatz zu unseren Klischeevorstellungen von den Indianern als nomadische, ökologische Ureinwohner tatsächlich sich zur Zeit von Kolumbus die große Mehrheit der alteingesessenen Indigenen südlich des Rio Grande aufhielten. „Sie waren keine Nomaden, sondern erbauten und bevölkerten einige der größten und reichsten Städte der Welt……,lebten …auf Farmen…,ernährten sich von Fisch und Schalentieren…..Mit anderen Worten, Amerika war unermesslich geschäftiger, mannigfaltiger und dichter bevölkert, als es sich die Forscher vorgestellt hatten. Und älter war es auch.“4
Unterschiedliche Studien gehen davon aus, dass in der vorkolumbianischen Zeit, also noch im 15. Jahrhundert, an die 800 unterschiedliche Stämme im Gebiet der heutigen USA lebten, heute sind dies noch etwa 300. Dabei unterschieden sich Lebensformen, Lebensräume und Kulturen oftmals nicht unerheblich zwischen Nomadentum und Sesshaftigkeit, zwischen Pflanzenanbau, Fischerei und Jagd, zwischen dem Leben an Küsten, in Wäldern, Gebirgen, Wüsten oder in den Weiten der Plains und Prärien.
Diesen unterschiedlichen indianischen Völkern standen seinerzeit, berücksichtigt man mal lediglich die Fläche der heutigen USA, knapp zehn Mio. Quadratkilometer zur Verfügung.5 1887, nach der Umsiedlung der Indianer in Reservationen und nach dem Invasionsende des Westens durch die weißen Siedler, waren dies in den USA 558.472 km2 (knapp 5 %), 1900 ca. 300.000 km2 und gegen Ende des 20. Jahrhunderts gar nur noch 215.549 km2 (ca. 2,3 %) der Gesamtfläche der USA.
In dieser Zeit nahm die Anzahl der nördlich des heutigen Mexiko lebenden Indianer drastisch von acht bis zehn Millionen auf nur noch 360.000 (1892) ab. Und wenn wir heute wieder von ca. 2,5 Mio. indianischen und indianisch-stämmigen Amerikanern in den USA reden, dann meint dies Menschen indianischer Herkunft, Fullbloods (Vollblut) und Mixedbloods (also teilweise indianischer Abstammung), Reservationsbewohner, indianische Wanderarbeiter und Stadtindianer. Sicherlich waren nicht all die 7,5 - 9,5 Mio. gestorbenen Indianer Opfer militärischer Aktionen und Vertreibungen durch die Europäer. Viele von ihnen starben mittel- oder unmittelbar an den unterschiedlichsten Folgen der Invasion aus Europa.
Ein oftmals vernachlässigter Aspekt ist dabei, dass Kriege zwischen indianischen Völkern aufgrund deren Einbeziehung in kriegerische Konflikte zwischen den weißen Eroberern (Kriege zwischen Engländern und Franzosen, Spaniern und Engländern, Unabhängigkeitskrieg), durch die Einführung neuer Waffen und von Pferden, aber auch aufgrund der territorialen Vertreibungen vom Osten immer tiefer in den Mittleren Westen und Westen ebenfalls zunahmen. Vor allem Krankheiten, Hunger und Alkohol waren im großen Maße für das Massensterben bei den Indianern verantwortlich und waren erheblich mörderischer als die Gewehre der Eroberer. „Den Indianern fehlten die Abwehrkräfte gegen Malaria, Masern, Tuberkulose und Pocken. Ganze Dörfer wurden oft in wenigen Wochen dahingerafft; die Überlebenden waren zum Widerstand zu schwach. Bereits vor der Gründung der USA ging die indigene Bevölkerung Nordamerikas … um knapp 80 % zurück.“6
Kaum verwunderlich, dass so auch Pläne entstanden, alle Indianer über die Verteilung infizierter Decken und Bekleidung mit Masern zu infizieren, denn im 18. und 19. Jahrhundert galten sie den einwandernden Europäern und nach Gründung der USA auch den neuen Machthabern Nordamerikas als eine Art „menschliches Ungeziefer“, das es zu dezimieren galt.7 So schrieb der britische General Jeffrey Amherst bereits 1752: „Sie täten gut daran, die Indianer mit Laken zu infizieren, auf denen Blatternkranke lagen, oder sich aller sonstigen Mittel zu bedienen, die dazu beitragen können, diese verfluchte Rasse auszurotten.“8
Mit der Besiedlung Nordamerikas durch die Spanier im 16. Jahrhundert und durch die Engländer und Franzosen (und im geringeren Ausmaß auch durch die Niederländer) ab dem 17. Jahrhundert ging nach der Anfangsphase einer freundlichen Aufnahme durch die Indianer der Ostküstenregion und, zumindest bei den Engländern und Franzosen, auch nach anfänglich friedlicher Koexistenz die Vertreibung der Urbevölkerung bei gleichzeitiger Annexion des Landes einher.
Im Zuge der spanischen Besatzung wurden die hochentwickelten Städte und Kulturen der Indigenen zerstört. Nuñez Cabeza de Vaca, der tausende von Meilen durch Mexiko zurücklegte, berichtete bei seiner Ankunft im heutigen Mexico City von ummauerten Städten mit mehrgeschossigen Häusern und Indianern, die in ihrem Verhalten weit kultivierter als die Spanier seien.9 Trotzdem wurde die indianische Bevölkerung im großen Stile versklavt oder massakriert. Alleine auf den Inseln des heutigen Haiti und der Dominikanischen Republik lebten 50 Jahre nach der Landung von Kolumbus nur noch 10 % der dortigen indianischen Bevölkerung.
In den von Engländern besiedelten Ostküstengebieten des heutigen Virginia (ab 1607) und Massachusetts (1620) begann die Vertreibungspolitik erheblich subtiler. Den ersten Winter nach ihrer Ankunft überlebten die Engländer nur mit Hilfe der lokalen Stämme der Powhatan, Massachusetts und Wampanoag, die den Engländern Lebensmittel und Feuerholz brachten und diesen zeigten, wo sie Fisch fangen und wie sie Mais pflanzen konnten. Um sich die Gunst der Indianer so lange zu sichern, bis die Engländer über befestigte und sichere Ansiedlungen verfügten, krönten die englischen Siedler gar einen der Häuptlinge zum König, dessen Tochter, Pocahontas, später von einem Briten geheiratet wurde.
Nach dem Tod dieses Königs endete jedoch dieser (be)trügerische Frieden. Die indianischen Stämme sahen, dass in den 15 Jahren seit Ankunft der Engländer große Teile ihrer bewaldeten Jagdgebiete gerodet und somit viele jener Tiere, die sie als Lebensgrundlage jagten, verschwunden waren. 1622 erhoben sich 30 Stämme, um die Engländer wieder ins Meer zu treiben, hatten jedoch gegen die Waffen der Eroberer keinerlei Chance. Von einzelnen Stämmen, wie z. B. den Powhatan, überlebten gerade noch 10 % der Stammesbevölkerung – und auch diese sollten vertrieben werden. Im nördlicheren Ostküstenbereich, wo 1620 die Pilgrim Fathers landeten, waren 20 Jahre später bereits ganze Stämme ausgerottet worden: „Die Wälder waren fast gänzlich gereinigt von diesen schädlichen Kreaturen“, formulierte der Puritaner Cotton Mather die Vernichtung der Pequot-Indianer.10 Um dem Hunger zu entkommen, gerieten viele der Ostküstenstämme bei der Suche nach neuen, westlicher gelegenen Jagdgründen in Konflikte mit den dortigen Stämmen – die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen indianischen Völkern nahmen in Folge zu.
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erreichte der Machtkampf zwischen Franzosen, Engländern und Spaniern um die Vorherrschaft in der „Neuen Welt“ seinen Höhepunkt, wobei jede dieser drei Kolonialmächte ihre indianischen Verbündeten samt deren Stammesfehden für sich geschickt auszunutzen wusste, um letztendlich dabei auch die indianischen Stämme gegeneinander auszuspielen. Zu dieser Zeit (1675) begannen sich die Stämme der nördlichen Ostküste zu einer Konföderation zu vereinigen, um gegen die immer weiter ins Land vordringenden weißen Siedler vorzugehen, doch bei Rhode Island wurden 1676 die indianischen Krieger vernichtend geschlagen.
Knapp 90 Jahre später wiederholte sich Ähnliches, allerdings bereits erheblich weiter westlich, in der Gegend der großen Seen (Huron, Ottawa, Michigan, Erie). Hier vereinte der Ottawa-Häuptling Pontiac mehrere Stämme zum panindianischen Gegenangriff, um die vorrückenden Briten nach Osten zurückzutreiben. Nach anfänglichen Erfolgen musste Pontiac 1766 seinen Widerstandskrieg jedoch aufgeben und widerwillig mit den Engländern Frieden schließen. Auch weitere panindianische Bündnisaktionen, wie zum Beispiel um den Shawnee Tecumseh, konnten der immer größer werdenden Invasion europäischer Einwanderer nichts mehr entgegensetzen. Und die letzten rechtlichen Restriktionen der britischen Krone, wie zum Beispiel das Siedlungsverbot für Einwanderer westlich der Appalachen, fielen mit der Unabhängigkeitserklärung 1776 und dem darauf folgenden Unabhängigkeitskrieg der 13 Ostkolonien gegen das englische Mutterland, der 1783 mit der Anerkennung der Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten endete.
Die Landnahme durch weiße Siedler und die Vertreibung der indianischen Bevölkerung waren unaufhaltsam und fanden im 19. Jahrhundert ihren traurigen Höhepunkt. Die politische Legitimation erhielten die Siedler direkt von den ersten Präsidenten der USA, wie z. B. durch Thomas Jefferson, von 1801 bis 1809 dritter Präsident der USA: „Wir tauschen Land, das sie im Überfluss haben und wir besitzen möchten, gegen Lebensnotwendigkeiten, die wir im Überfluss besitzen und sie haben möchten. Wir gründen Handelsposten und werden zufrieden sein, wenn sie sich verschulden, denn wir werden erleben, dass sie sich willig zeigen, ihr Land herauszugeben, wenn die Schulden ihre Zahlungsfähigkeit übersteigen. … Was ihre Furcht angeht, so nehmen wir an, unsere Stärke und ihre Schwäche sind jetzt dermaßen sichtbar, dass wir nur unsere Hand schließen brauchen, um sie zu zerbrechen.“ „Und wer sich dem Interesse des neuen Staates widersetze, und in die Barbarei zurückfalle, werde wie wilde Tiere in die Wälder der Rocky Mountains getrieben.“11
Und der spätere Präsident Andrew Jackson (1829 - 1837) setzte da noch eins drauf: „Sie (die Indianer, der Verf.) haben weder die Intelligenz, den Fleiß, die moralische Struktur noch das Verlangen nach einer Entwicklung, die so wichtig für die günstige Wende ihrer Lebensbedingungen ist. … So müssen sie notwendig der Gewalt der Umstände weichen.“12 Der US-Historiker George Bancroft behauptete 1834, dass Nordamerika vor dem Eintreffen der Europäer „eine unproduktive Wüste“ gewesen sei. Und weiter: „Seine einzigen Bewohner waren ein paar verstreute Stämme schwächlicher Barbaren“13. Durch solche Äußerungen ermutigt, wurden die Indianer immer mehr zum Hassobjekt der amerikanischen Siedler, die den Indianern jegliches Recht auf Land absprachen, so wie sie Indianerfrauen auch das Recht auf sich selbst absprachen und diese in Folge massenhaft durch Weiße vergewaltigt wurden.
Ein Instrument zur Interessensdurchsetzung der Siedler, deren Zahl von 1812 bis 1852 von sieben auf 23 Millionen anwuchs, war das 1824 als Abteilung des Kriegsministeriums gegründete und ab 1849 dem Innenministerium unterstellte Bureau of Indian Affairs (Büro für indianische Angelegenheiten, BIA). In der ersten Phase seines Bestehens war es vornehmliche Aufgabe des BIA, mit den als souverän erachteten Indianerstämmen Verträge auszuhandeln, um den aus dem Osten kommenden Siedlern Zugänge zur Westküste (sogenannte Durchgangskorridore) zu sichern. Allerdings wurde keiner der im Zeitraum von 1778 bis 1868 zwischen der Regierung der USA und den souveränen indianischen Nationen geschlossenen 394 Verträgen seitens der US-Regierung eingehalten.14 So wurde diese Aufgabe des BIA mit der Zunahme militärischer Siege der US-Armee über die Indianer und mit dem Einstellen weiterer Vertragsabkommen im Jahre 1871 obsolet.
Längst wurde ein groß angelegter Vertreibungsplan für einzelne indianische Völker umgesetzt. Gesetzliche Grundlage war der 1830 unter Präsident Andrew Jackson vorgelegte „Indian Removal Act“. Allerdings sah dieser Plan vor, dass alle Gebiete östlich des Mississippi den Weißen und das gesamte Land der Vereinigten Staaten westlich des Flusses mit Ausnahme der Staaten Missouri und Louisiana sowie des Territoriums von Arkansas den Indianern vorbehalten sein solle.
Diese „Ewige Grenze“, wie sie 1834 im „Gesetz zur Regelung des Handels und der Beziehungen mit den Indianerstämmen und zur Einhaltung des Friedens in den neuen Siedlungsgebieten“ genannt wurde, sollte durch die militärischen Streitkräfte der Vereinigten Staaten geschützt werden. Die Siedler stoppte dies allerdings kaum. Und so wurde die „Ewige Grenze“ kurzerhand nach Westen verschoben. Und nachdem Kalifornien zum 31. Bundesstaat wurde und der Weg der Siedler bis zur Pazifikküste geöffnet werden sollte, wurde die „Ewige Grenze“ der „Manifest Destiny“ geopfert, jener Doktrin, nach der Europäer als überlegene Rasse auserkoren seien, in Amerika das Land und seine Ureinwohner zu beherrschen.
Die Mitte des 19. Jahrhunderts beginnende Gegenwehr der indianischen Völker und vor allem der Prärieindianer konnte diese Entwicklung nicht mehr aufhalten. Die Vertreibung der Indianer in Reservate und die permanente Verkleinerung ihres Lebensraumes waren die Folgen. Manche Reservate waren nahe der ursprünglichen Lebensgebiete der jeweiligen indigenen Nationen, andere lagen viele hundert Meilen entfernt. Viele Stämme wurden nach Inkrafttreten des „Indian Removal Acts“ in weit entfernte Gegenden zwangsumgesiedelt. Besonders bekannt wurden dabei vor allem die Vertreibung der Apachenstämme im Südwesten der USA und der „Lange Marsch“ der Navajo sowie der „Pfad der Tränen“ der im Südosten lebenden indianischen Stämme nach Oklahoma.
Allein bei diesem „Trail of Tears“, dem Marsch in das über 2.000 km entfernt gelegene neue Territorium, starben seit 1838 mindestens 4.000 Cherokee, mindestens 500 Chickasaw. Von den Muskogee starben schätztungsweise etwa 10.000, d.h. 50 % des Volkes sowie rund 2.500 Choctaw an den direkten oder indirekten Folgen der Vertreibung.
Bei dem „Langen Marsch“ der Diné (Navajo) aus dem heutigen Arizona in das Bosque Redondo Reservat in Neu Mexiko starben bereits beim ersten Konvoi 1864 von 2.500 Navajo 323 Personen an Kälte, Hunger, Krankheit und Erschöpfung. Vor allem Kinder, Schwangere, Alte und Kranke, die bei dem fast 500 km langen Marsch nicht mithalten konnten, wurden durch die Soldaten der US-Armee gnadenlos getötet. Beim folgenden Konvoi erreichten von 946 Navajos gerade noch 836 Bosque Redondo. Am Ende lebten 9.000 Navajo und 400 Mescalero-Apachen in einem Reservat, dessen Boden unfruchtbar war, dessen Bäume fast alle für den Bau des in der Nähe gelegenen Fort Sumner gefällt wurden und dessen alkalihaltiges Flusswasser ungenießbar war. Um unter diesen Bedingungen überhaupt überleben zu können und Schutz vor der Sonnenhitze zu finden, lebten die internierten Diné und Mescalero in Erdlöchern, die ein wenig Schatten und Kühle gewährten. Nach drei Jahren waren bereits 10 % der Navajo und Mescalero an diesen Lebensbedingungen gestorben.
Die amerikanische Regierung, die zehn Millionen Dollar in das Unternehmen gesteckt hatte, beauftragte General Tecumseh Sherman mit der Untersuchung der Zustände – nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit, sondern auch, um Geld zu sparen. Sherman war erschüttert über die Lage der Diné und schickte einen Bericht an General Ulysses S. Grant, der bald Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte. Am 1. Juni 1868 unterzeichneten Navajo-Häuptlinge in Fort Sumner einen Vertrag, worin die US-Regierung dem Diné-Volk ein Reservat in seinem alten Land zuteilte und den Überlebenden die Rückkehr bewilligte. Im Gegenzug verpflichteten sie sich, von nun an in Frieden mit den amerikanischen Siedlern zu leben.15
Als die Diné in ihre Heimat zurückkehrten, fanden sie ihre Hogans zerstört und ausgebrannt, ihre Pfirsichplantagen mit über 5.000 Obstbäumen gefällt und ihre Maisfelder verwüstet vor. Ihr Vieh war verschwunden oder sinnlos abgeschlachtet worden, und ihre Trinkwasserbrunnen waren teilweise vergiftet.
Diese Liste der Vertreibungen und deren Folgen lässt sich weiter ausführen. Viele der Reservationen lagen in Gegenden, in denen das Überleben für die nun dort angesiedelten Natives schwer war: kaum Wasser, wenig Vegetation, extreme Temperaturen, kaum mehr Wild zum Jagen. Allerdings zeigte sich im Laufe der Jahrzehnte, dass ein Großteil der nordamerikanischen Bodenschätze, wie z. B. Gold, Kohle, Kupfer, Uran usw., genau in diesen Territorien lag.
Die Gebiete der Lakota, Dakota, Nakota, denen im Vertrag von Fort Laramie 1868 ein Territorium von Wyoming bis Minnesota, der kanadischen Grenze bis Nebraska zugesichert wurde, wurden nach dem Fund von Gold in den Black Hills zunehmend verkleinert, was zu immer neuen Konflikten führte. Nachdem in den USA die Regierung 1871 dazu überging, mit den Indianern keine Verträge mehr abzuschließen, wurde den Indianern jegliches Mitspracherecht entzogen. Nun bestimmte die US-Regierung die Neuschaffung, Verkleinerung oder Vergrößerung von Reservaten („Erlass-Reservate“).
In den 60er und 70er Jahren des 19. Jahrhunderts bäumten sich gegen diese Vertragsbrüche und gegen die anhaltende Besiedlung der ihnen vertraglich zugesicherten Territorien vor allem die Stämme der Plains- und Prärieindianer ein letztes Mal auf. Die Schlacht am Little Big Horn River am 25. Juni 1876 mag hierfür als Symbol stehen. Doch so spektakulär und geschichtsträchtig diese Schlacht und der Sieg der indianischen Verbündeten über die 7. US-Kavallerie von Lieutenant Colonel Custer auch gewesen sein mag, so sieht die blutige Bilanz der militärischen Auseinandersetzungen zwischen US-Soldaten und den indianischen Verteidigern ihres Landes in der Zeit der sogenannten Indianerkriege zwischen 1790 und 1891 eindeutig anders aus. Den hierbei gefallenen 2.283 Soldaten stehen ca. 400.000 indianische Tote gegenüber.16 Dabei starben viele bei grausamen Gemetzeln und Massakern der US-Kavallerie. Hundert Jahre später rüttelten Bücher wie Dee Browns „Begrabt mein Herz an der Biegung des Flusses” (1970) und Kinofilme wie Arthur Penns „Little Big Man“ oder Ralph Nelsons „Soldier Blue – Das Wiegenlied vom Totschlag“ (beide ebenfalls aus dem Jahr 1970) viele junge 68er auf. Durch die zeitlicher Nähe zu den Vietnam-Kriegs-Massakern der US-Army in My Lai aber auch zum neu entstehenden indianischen Widerstand brachten sie das Thema des Völkermords an den nordamerikanischen Indianern wieder in die politische Öffentlichkeit. Dabei war die reale Dimension dieser Gemetzel erheblich brutaler und barbarischer als die schon teilweise schwer erträglichen filmischen Darstellungen:
Nach Sonnenuntergang, am 28. November 1864, verließ Colonel J. M. Chivington mit seiner Truppe „Fort Lyon“ im Bundesstaat Colorado. In der Dunkelheit ließ der Oberst ein Camp umstellen, in dem sich 500 Indianer zur Nacht rüsteten. … Als Indianer den Aufzug der weißen Soldaten bemerkten, informierten sie erschrocken ihren Führer, der die weiße Fahne und die Fahne der Weißen zum Zeichen seiner Friedfertigkeit aufziehen ließ. … Ohne jede Ankündigung … und Pardon wurde das Camp gestürmt. Zuerst machten sie sich über die Männer her … Dann waren die entsetzten Frauen an der Reihe, deren Schreie nach und nach verstummten. Nun waren nur noch die Schreie der Kinder zu hören, dann verstummten auch sie … Als sich nichts mehr regte, was indianisch war, schnitten die weißen Soldaten die reglosen Körper auf. Sie trennten den Frauen die Brüste ab, und dann, Höhepunkt der gespenstischen Nacht, skalpierten sie die Opfer. Am Ende lagen 450 grausam zugerichtete Menschen, wo noch wenige Stunden zuvor die Idylle des Nachtlagers geherrscht hatte.17
Bei der Rückkehr nach Denver wurden Chivingtons Truppen, die an ihren Hüten abgeschnittene Brüste und Genitalien, Skalpe von Kindern und große abgezogene Hautfetzen der massakrierten Cheyenne befestigt hatten, von der Bevölkerung begeistert begrüßt und gefeiert.
Ähnlich wie das Sand-Creek Massaker verliefen zahlreiche weitere Gemetzel, wie z. B. das Massaker am Washita River, ebenfalls an Cheyenne-Indianern:
Die im Winter 1868 in einem Lager am Washita River lagernden Cheyenne unter ihrem Häuptling Black Kettle litten Hunger, da die von der Regierung versprochenen Lebensmittellieferungen ausblieben. Zahlreiche junge Krieger wollten diesen Zustand nicht länger hinnehmen und machten sich auf in die ehemaligen Jagdgründe am Smoky Hill. Der Indianeragent Wynkoop eilte zu Black Kettle und bat ihn, die jungen Krieger zurückzuhalten.
„Unsere weißen Brüder entziehen uns die Hand, die sie uns am Medicine Lodge gereicht haben, aber wir werden versuchen sie festzuhalten“, sagte Black Kettle. Doch immer wieder brachen junge Krieger auf, um Nahrung zu beschaffen und sich für die gebrochenen Versprechen zu rächen. General Sheridan wollte das unterbinden und ein abschreckendes Beispiel geben, was den Indianern bevorstand, wenn sie aufbegehrten.
Anfang November 1868 wurde Black Kettle bekannt, dass Truppen unter George Armstrong Custer auf dem Weg waren, und er bat, seinen Stamm in der Nähe von Fort Cobb lagern zu lassen. Der Kommandant des Forts lehnte ab, er gab jedoch die Zusicherung, Black Kettle würde nicht angegriffen, wenn er und seine Krieger ruhig blieben. Aber die Vernichtung seines Dorfes war bereits beschlossen.
Im Morgengrauen des 27. November 1868 kamen Custers Truppen. In der Nacht hatte es geschneit, und Nebel lag über dem Lager. Die Indianer hatten nicht bemerkt, dass Custers Truppen vor dem Lager ausschwärmten. Custer hatte klare Weisungen erhalten und gedachte diese mitleidlos auszuführen, um sich nach seiner einjährigen Zwangspause erneut zu profilieren. Mit dem Angriffssignal des Hornisten und unter den Klängen der Regimentskapelle, die den Militärmarsch der 7. Kavallerie spielte, stürmten die Truppen in das schlafende Dorf, ohne auf Widerstand zu stoßen, und das Massaker begann. Die fast nackt aus ihren Zelten in den Schnee flüchtenden Indianer wurden niedergemacht. 103 Indianer wurden binnen Minuten getötet, 53 Frauen und Kinder gefangengenommen. Über 800 Indianer-Ponys wurden auf Befehl von Custer erschossen.18
Es mag ein trauriges Zeugnis über den Zivilisationsgrad des weißen Amerika sein, dass gerade in Nähe dieser Stätten übelster Massaker an den Cheyenne Ortschaften die Namen der beiden Kriegsverbrecher „Chivington“ und „Custer“ tragen und beide über 150 Jahre später immer noch als Helden von Teilen der weißen Bevölkerung ver- und geehrt werden.
Die sogenannten Indianerkriege endeten mit dem Massaker von Wounded Knee im Jahr 1890, 16 Tage, nachdem der Lakota-Medizinmann Sitting Bull bei seiner Festnahme durch indianische Polizisten in Kanada erschossen wurde. 300 meist unbewaffnete Indianer, darunter viele Frauen, Kinder und Alte, waren unter Führung ihres an einer schweren Lungenentzündung erkrankten Häuptlings Spotted Elk (Big Foot) auf dem Weg zur Pine Ridge Agency, um dort bei Häuptling Red Cloud in Sicherheit den harten Winter überstehen und Schutz vor den sie verfolgenden Soldaten finden zu können. Keinen Tagesritt von Pine Ridge entfernt trafen die Minneconjou-Lakota nahe des Flüsschens Wounded Knee, in der Nähe jenes geheimen Ortes, an dem die Lakota das Herz des in Fort Robinson, Nebraska, ermordeten Häuptlings Crazy Horse bestattet haben sollen, auf Soldaten und wurden durch diese zu einem Lagerplatz der Kavallerie gebracht. Dort wurden sie von dem zu diesem Zeitpunkt noch die Operation leitenden Major Samuel Whiteside recht fair behandelt. Den entkräfteten Indianern wurden Zelte und Proviant übergeben, und der Regimentsarzt kümmerte sich um den erkrankten Häuptling, vor dessen Zelt sogar ein Ofen aufgebaut wurde. Die Situation änderte sich am späten Abend, als Colonel J. W. Forsyth mit dem Rest der 7. US-Kavallerie eintraf und die Leitung der Gesamtoperation übernahm. Forsyth feierte mit seinen Soldaten die Festnahme Big Foots – es wurde massenhaft Whiskey getrunken. Ein indianischer Zeuge, der sich von den Soldaten unbemerkt angeschlichen hatte, hörte bereits in der Nacht, dass die alkoholisierten Soldaten immer wieder in Rachegedanken aufgrund der Niederlage am Little Big Horn und des Todes von George Armstrong Custer verfielen und warnte daraufhin seine Leute. Als am kommenden Tag die Indianer entwaffnet werden sollten und sich dabei ein Krieger, der nach Aussagen eines Nachfahren von Big Foot schwerhörig gewesen ist, weigerte sein Gewehr abzugeben und bei der Rangelei bei seiner Entwaffnung sich ein Schuss aus seinem Gewehr löste, eröffneten die Soldaten sofort mit Gewehren und später auch mit Hotchkiss-Kanonen das Feuer auf das indianische Camp.
Laut Zählung starben bei diesem Massaker 153 Minneconjou-Lakota, viele waren verwundet und einige konnten auch schwerverletzt in die umliegenden kleinen Rinnen und Schluchten (Ravines), in denen auch einige Frauen und Kinder Zuflucht gefunden hatten, entkommen. Die Soldaten forderten die sich dort versteckenden Lakota auf, aus den Ravines hochzukommen, dann würden sie medizinisch versorgt werden. Für diejenigen, die diesen Worten glaubten, und dies war die Mehrzahl der sich dort verbergenden Lakota, sollte ihr Vertrauen tödliche Folgen haben. Sobald sie den oberen Rand der kleinen Senken erreicht hatten, wurden sie durch die Soldaten erschossen.
Die Bilder des im Schnee liegenden steif gefrorenen Leichnams von Big Foot und der in Massengräber geworfenen Leichen der getöteten Lakota zählen bis heute zu den meistverbreiteten Aufnahmen jener Zeit und sind damit Zeugnisse jenes grausamen Mordens und Tötens der US-Kavallerie, das noch am 30.12.1975 offiziell durch das US-Verteidigungsministerium als legitime Schlacht bezeichnet wurde.
Eine weitere zentrale Todesursache für viele Native Americans lag in den Folgen von Unterernährung und Hunger. Diese wiederum korrespondierten mit drei Entwicklungen.
Erstens starben viele Indianer an Unterernährung verbunden mit Erschöpfung im Rahmen ihrer territorialen Vertreibung und Zwangsumsiedlung – entweder direkt im Verlauf dieser ethnischen Säuberungsaktionen oder aber, da es in den zugewiesenen Reservationsgebieten kaum ausreichende Jagd-, Fischerei- oder Anbaumöglichkeiten gab.
Zweitens wurden einige Reservate permanent so verkleinert bzw. nach dem „General Allotment Act“ von 1887, auch „Dawes Act“ genannt, so parzelliert, dass die zugewiesenen Parzellen auf die Dauer für die Ernährung der Familien kaum ausreichend waren.
Drittens wurden mit der gezielten Ausrottung der Bisons den nordamerikanischen Indianern eine ihrer wesentlichsten Lebensgrundlagen entzogen.
„Der Bison war alles für die Indianer. Er war ihr Leben. Er war Tag und Nacht. Was sie sahen, rochen, aßen oder anfassten, bestand aus Bison. Er war das Zentrum ihrer Kultur.“ Bisons lieferten nicht nur ausreichend Fleisch für die Ernährung. Bisonmägen dienten lange Zeit als Koch- und die Blase als Aufbewahrungsbehälter. Hirn, Niere und Leber wurden als Gerbmaterial eingesetzt. Gegerbtes Fell mit und ohne Haare wurde zur Herstellung von Decken, Winterkleidung, Material für Sättel, Zeltplanen, Satteltaschen und Bekleidung genutzt. Ungegerbte Rohhaut diente der Herstellung von Aufbewahrungsboxen, Trommeln, Messerscheiden usw. Seile und Schnüre wurden aus Bisonhaar gedreht, und aus Haut- und Hufresten wurde Leim gekocht. Hörner wurden als Löffel, Trink- und Pulverhörner verwendet, Zähne und Knochen dienten der Schmuckherstellung und Bisonschädel als Altarbestandteile bei indianischen Zeremonien. Die Sehnen konnten als Nähmaterial oder Bogensehnen genutzt werden, und der getrocknete Büffeldung ersetzte oftmals Holz als Feuerungsmaterial.19
Somit wird deutlich, dass die Beziehung zum Bison gerade für die Plains- und Prärieindianer auch erheblich deren Kultur als nomadische Jäger determinierte. Die systematische Ausrottung der Büffel in den USA betraf die indianischen Völker daher sowohl existentiell als auch kulturell und war eindeutig Bestandteil geplanter Ausrottungspolitik. „(Büffeljäger) haben in den vergangenen zwei Jahren mehr zur Lösung der ärgerlichen Indianerfrage beigetragen als die gesamte Armee in den vergangenen 30 Jahren. Sie zerstören damit den Proviant der Indianer … Sendet ihnen (den Büffeljägern, MK) Pulver und Blei …, lasst, um einen dauerhaften Frieden zu sichern, sie töten, häuten und handeln, bis alle Büffel ausgerottet sind.20
Und General William Tecumseh Sherman wurde zitiert mit seiner Aussage „Es wird klug sein, all jene Sportsmänner aus England und Amerika zu einer großen Büffeljagd einzuladen, um richtig Tabula rasa zu machen.“21 Tausende Jäger strömten in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts in die Great Plains, wobei jeden Tag ca. 5000 Bisons abgeschlachtet wurden. 1875 war die südliche und 1882 die nördliche Bisonherde der USA ausgelöscht. Mit ursächlich hierfür war auch, dass 1870 in Deutschland ein neuartiges Gerbverfahren entwickelt wurde, dass Bisonhaut zu hochwertigem Leder werden ließ. Allein in diesem Jahr wurden über 2 Millionen Bisons getötet. Lag die Zahl der Bisons in Nordamerika bis zum 16. Jahrhundert bei über 50 Mio. Tieren (manche Wissenschaftler gehen sogar von einer Zahl von über 80 Millionen Tieren aus), so lebten nach der systematischen Ausrottung 1889 in den USA gerade noch ca. 542 Exemplare und in Kanada ca. 250 Exemplare.22 Andere Zählungen ergaben, dass es in den USA 1884 gerade noch 325 und 1902 gar nur noch 23 frei lebende Bisons (Pelican Valley) in den USA und in Kanada nur 8 frei lebende Büffel gab.
Mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nahm der Genozid an den Indianern ein neues Gesicht an. Die militärische Bekämpfung und Massaker wurden nun vor allem durch Strategien der „Pazifizierung“ und der kulturellen Entwurzelung und Entfremdung (Ethnozid) abgelöst. Die Indianer sollten aus ihren bisherigen gemeinschaftlichen Lebensformen herausgelöst und im Sinne der europäischen Ideologie individuellen Grundbesitzes „zivilisiert“ werden. Ich will dies anhand einiger Beispiele kurz aufzeigen.
Am 8. Februar 1887 unterzeichnete Präsident Grover Cleveland den „General Allotment Act“, der die Aufteilung indianischer Ländereien an einzelne Familien vorsah. Eine solche Denkweise widersprach völlig der indianischen Tradition, dass Land niemals in Privatbesitz übergehen könne. Territorien würden zwar von den jeweiligen Völkern für Jagd, Fischerei, Sammeln von Wildpflanzen (Kräuter, Wurzeln, Rinden, Wildreis, wilde Rüben usw.) und Ernte angebauter Pflanzen (Mais, Kürbis, Bohnen usw.) genutzt und als Lebensraum definiert und auch gegenüber anderen indianischen Völkern entweder verteidigt oder aber erobert. Doch prinzipiell gilt für traditionelle Indianer bis heute „Mother Earth is not for sale“, denn sie verstehen sich in symbiotischer Einheit mit allen sie umgebenden Dingen, Pflanzen und Tieren ihrer Territorien.
Nun sollten also die Reservationsländereien nach einem ausgeklügelten System privatisiert werden, wobei der damit verbundene weitere Landraub erst einmal verdeckt blieb. Nach dem Gesetz sollte jedes Familienoberhaupt 160 acres (ca. 480 km2), jeder unverheiratete Mann 80 acres und jedes Kind 16 acres erhalten. Dies klingt zwar nach großen Flächen, ist jedoch in Anbetracht der Größe der eigentlichen indianischen Gebiete, selbst der Reservationsgebiete, nur ein Bruchteil des Landes. Das nicht verteilte Land sollte dann an weiße Siedler durch das BIA langfristig verpachtet werden.
1888 sollte ein Folgegesetz vor allem die Zerschlagung der „Great Sioux Reservation“ regeln. Statt einem gemeinsamen großen Reservat sollten in diesem Gebiet sechs kleine Reservationen entstehen und dann das restliche Land zur Besiedlung durch Weiße freigegeben werden (über 36.000 km2). Allerdings lehnten die Lakota mehrheitlich bei einer Befragung (traditionell müssen 75 % der befragten männlichen Lakota bzw. der auf dem Reservat lebenden Indianer solche Gesetze unterzeichnen) dieses Gesetz ab. Langfristig konnten sie aber diese Zersiedelungspolitik nicht verhindern.
Ein weiteres Folgegesetz aus den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts erlaubte dann den indianischen Eigentümern den Verkauf dieser zugewiesenen Ländereien, zunächst bis zu maximal 120 acres und später die gesamten 160 acres.
Dabei wurden Verkauf oder aber auch Verpachtung ebenfalls durch das Bureau of Indian Affairs vorgenommen, das dann die Transaktionen managte, die Einnahmen kassierte, verwaltete und den verkaufenden oder verpachtenden Familien ihr Geld irgendwann auszahlte.
Dies ist bis heute noch so. Die Pachtgebühr kassiert das gesamte Jahr über das BIA und zahlt dann die wenigen Centbeträge pro acre zum Jahresende/-anfang an die indianischen Eigentümer aus. Solche Verpachtungen laufen dann noch über sehr lange Zeiträume.
1914 war von den US-Reservationen 1 % im Besitz des Staates, 19 % im Privatbesitz indianischer Familien und 80 % im Besitz des Stammes, der diese Ländereien wiederum bis heute an weiße Farmer und Rancher, Firmen und Industrien verpachten kann.
Bei den Lakota der Pine Ridge Reservation sind z. B. ca. 25 % des Gebiets für einen Zeitraum von 50 Jahren an Weiße verpachtet. Wohin die Einnahmen dann tatsächlich gehen, ob damit das Wohl der jeweiligen Stämme und Gemeinden gemehrt wird und ob die Investition dieser Gelder im Interesse der Mehrheit der jeweiligen Reservationsbewohner ist, mag an dieser Stelle dahingestellt bleiben.
Deutlich werden die Folgen des Dawes Act, wenn man sich vorstellt, wie über Generationen die Ländereien aufgrund der Anzahl der Erben immer kleiner werden:

Der Muskogee-Creek Medizinmann und Bürgerrechtler Philip Deere beschreibt die Auswirkungen und neuen Konflikte, die durch den „General Allotement Act“ für sein Volk bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstanden sind, sehr deutlich in dem von Daniel C. Rohr herausgegebenen Buch „Das entzündete Feuer - Botschaften und Reden“(1986, S. 73 f).
Diese Fraktionalisierung des Landes führte dazu, dass in Wisconsin sich 2.300 Natives das Eigentum an 0,3 Quadratkilometern Land teilen oder in der Pine Ridge Reservation 6.000 Parzellen im Besitz von ca. 200.000 Eigentümern sind, die über jede Nutzung dann mehrheitlich entscheiden müssen.
Derzeit verwaltet das Innenministerium (DOI) treuhänderisch ca. 226.000 Quadratkilometer indianischen Landes, davon ca. 43.370 Quadratkilometer für einzelne Indianer, aufgeteilt in 493.909 Parzellen bei nahezu 3 Mio. Anteilseignern. Die restliche Fläche ist Stammesland. Für die Eigentümer bringt diese treuhänderische Verwaltung kaum Ertrag: fast 50 % des Landes erzielt keinen Gewinn, und 2013 erhielten 60 % der indianischen Eigentümer lediglich 25 Dollar oder weniger für die Fremdnutzung ihres Landes.23
Drei weitere Gesetze sollen an dieser Stelle noch kurz erwähnt werden. Bereits drei Jahre vor Erlassen des „General Allotment Act“ wurde 1884 ein Verbot der Ausübung indianischer Religion erlassen. 1924 erhielten alle Indianer der USA den Status US-amerikanischer Staatsbürger. In manchen Reservationen wurden erst vier Jahre zuvor die letzten bewaffneten Reservationswachen der Armee abgezogen. Das Gesetz räumte der indianischen Bevölkerung zwar mehr Rechte ein, doch eine mögliche weitere Bedeutung dieses Gesetzes sollte erst drei Jahrzehnte später im Rahmen der Umsiedlungs- (relocation) und Termination-Politik der US-Regierung deutlich werden. 1934 wurde unter Präsident Franklin D. Roosevelt der „Indian Reorganisation Act“ verabschiedet. Dieses Gesetz sollte dazu beitragen, „die kulturelle und kommunale Identität der Stämme wieder aufzubauen. Die Indianer konnten Stammesräte wählen und erhielten nicht verteiltes Land zurück sowie deutlich mehr finanzielle Unterstützung für Landwirtschaft, Bildung, Kunsthandwerk und Gesundheit.“24
Traditionelle Indianer sahen hierin allerdings einen weiteren Versuch der Zerstörung ihrer Kultur und Selbstbestimmung. Für die Traditionellen war immer noch das Häuptlingssystem Leitbild der Stammesorganisation. Manche Stämme wie die Diné kannten nicht einmal ein hierarchisches Häuptlingssystem. Konkreter Anlass für die Schaffung der Stammesräte war tatsächlich das Bestreben, die reichen Kohlevorräte auf dem Land der Diné und Hopi abzubauen, doch für Verträge bedurfte es eines Vertragspartners. Also wurden mit den Stammesräten eben solche neu geschaffen. An dem Modell der sogenannten Stammesregierungen (Tribal Council) kritisierten und kritisieren auch heute noch viele Natives, dass mit der Übernahme des Regierungsmodells der westlichen Demokratien Machtmissbrauch, Korruption, Interessenspolitik und die Spaltung der Community Einzug gehalten haben. (In diesem Zusammenhang sei an dieser Stelle auf die Junta de Buen Gobierno, den Rat der guten Regierung, in den zapatistischen Gemeinden in Süd-Mexiko verwiesen. Dieses Modell versucht in den indigenen Gemeinden der Zapatisten mit einem Modell horizontaler, rotierender und kollektiver Instanzen die Entstehung personen- oder gruppenbezogener Macht aufgrund von Regierungsverantwortung zu verhindern.25
Die 50er Jahre des 20. Jahrhunderts markierten eine erneute Wende. Der zunehmende Energie-, Wasser- und sonstige Ressourcenbedarf des Nachkriegsamerikas führte dazu, zur Deckung dieses Bedarfs neue Talsperren zu bauen, Grundwasservorkommen für die Versorgung fern gelegener Städte zu nutzen und zwecks Uran-, Kohle-und Kupferabbau ganze Landschaften zu verwüsten. Die Regierung bezeichnete diese Gegenden als „nationale Opfergebiete“ (national sacrifice areas), die den Interessen des „amerikanischen Gemeinwohls“ zu opfern seien. Und wieder wurden Indianer umgesiedelt, deren heilige Orte entweder geflutet oder zu Abbaugebieten erklärt. Längst war den Regierenden und Herrschenden klar geworden, dass über 60 % aller relevanten Bodenschätze auf indianischem Gebiet lagen. Was lag also näher als einen erneuten Versuch der Vertreibung zu unternehmen? Schließlich waren die Indianer doch nun Bürger der USA. Für was also Sonderrechte und Staatsausgaben für Bildungs- und Gesundheitswesen, Sozialprogramme und Lebensmittelhilfen in indianischen Reservationen? Wäre es nicht endlich Zeit für die Reservationsbewohner, diese Orte der Armut und Ausgrenzung zu verlassen und in die Großstädte zu ziehen und endlich die Reservationen aufzulösen? So könnten auch alle Garantien aus den Verträgen zwischen den indianischen Völkern und den USA hinfällig werden, die bislang regelten, dass Grund und Boden in Reservationen einen besonderen Gemeinschaftsstatus haben und daher nicht einfach individuell genutzt bzw. weiterverkauft werden können.
Die unter Präsident Eisenhower gestartete Terminations- und Umsiedlungs-Politik wurde bereits um 1943 entwickelt und zwischen 1953 und 1958 zwangsweise umgesetzt. Der „Indian Relocation Act“ trug dazu bei, dass tausende indianischer Familien in die Großstädte zogen und dort in kürzester Zeit in den ethnischen Ghettos der Stadtindianer in den klassischen Deklassierungskreislauf von Arbeitslosigkeit, Armut, Verelendung, Alkohol und Sucht, Gewalt und Apathie gerieten. Zwar verpflichtete sich die Regierung, die in die Städte wechselnden Indianer finanziell zu unterstützen, „jedoch nur, bis sie ihre ersten Arbeitsverhältnisse gefunden hatten. Nach Auflösung dieses ersten Arbeitsverhältnisses, aus welchem Grund auch immer, gab es für sie keine Hilfen mehr, und auch der Weg zurück in die Reservation blieb ihnen nun versperrt.“26
Zwischen 1953 und 1967 wurden ca. 61.600 Natives durch dieses Umsiedlungsprogramm in die Städte vertrieben, bis 1972 ca. 78.000, von denen ca. ein Drittel arbeitslos blieb. Um diese Umsiedlung zu erreichen, stoppte die US-Regierung sämtliche Unterstützungsleistungen des Bundes an die Reservationen. „Es wurde eine Liste mit sämtlichen Stämmen erstellt, die genügend fortgeschritten waren, um sofort terminiert, also aufgelöst, zu werden. Bis 1962 wurden 120 meist kleinere Stämme, jedoch auch einige größere wie die Menominee in Wisconsin oder die Klamath in Oregon, kurzerhand aufgelöst. Davon betroffen waren rund drei Prozent aller Indianer, die meisten an der Westküste wohnhaft. Die Indianer verloren ihren autonomen Sonderstatus. Sie mussten Steuern zahlen, was sie meist nicht konnten, und erhielten keine staatliche Unterstützung mehr. Die in der Vergangenheit vertraglich zugesicherten regelmäßigen Entschädigungszahlungen, als Gegenleistung für die Besiedelung indianischen Landes durch die Weißen, liefen aus. So waren die Indianer bald von Sozialhilfe abhängig. Sie verloren die Kontrolle über ihr Reservat und über ihr Land. Alleine zwischen 1953 und 1957, also in den ersten vier Jahren der Terminationspolitik verloren die Indianer 1,8 Millionen acres (7.300 km2). Bis zum Ende der Terminationspolitik sollten es über 2,4 Millionen acres (9.700 km2) sein.“27
Diese Politik wurde von Dillon Myer beaufsichtigt und vorangetrieben, jenem Mann, der während des Zweiten Weltkrieges für die Internierung japanisch-stämmiger US-Bürger verantwortlich war. Für diejenigen, die sich weigerten, ihre Reservationen zu verlassen, brachen harte Zeiten an. Viele Menschen, vor allem Alte, Kranke und Kleinkinder, starben an den Folgen von Hunger, Unterernährung, Kälte oder mangelnder medizinischer Versorgung. Leonard Peltier, indianischer politischer Gefangener und AIM-Aktivist, beschrieb diese Zeit wie folgt:
Hunger war das Einzige, von dem wir genügend hatten: Oh ja, davon hatten wir ausreichend, genug für jeden. Wenn verzweifelte Mütter ihre Kinder mit aufgequollenen Bäuchen ins Krankenhaus brachten, lächelten die Schwestern und sagten ihnen, die Kinder hätten nur „Blähungen“. Ein kleines Mädchen, das ganz in der Nähe von uns im Reservat wohnte, starb an Unterernährung. Für mich wurde sie „aufgelöst“.28
Ein weiteres Instrument, die indianische Bevölkerung in das System des weißen Amerika zu assimilieren, war die groß angelegte Umerziehung indianischer Kinder. Das Motto lautete „Kill the Indian – save the man“, zu Deutsch „Töte den Indianer, rette den Menschen“. Diese Zurichtung und Umerziehung erfolgte zum einen in den nordamerikanischen Internatsschulen (USA: Boardingschools, Kanada: Residential Schools), die entweder durch christliche Kirchen oder das Bureau of Indian Affairs (USA) bzw. das Department of Indian Affairs and Northern Development (Ministerium für indianische Angelegenheiten und Entwicklung des Nordens, Kanada) betrieben wurden, zum anderen durch die Freigabe indianischer Kinder zur Adoption und Pflege.
Der kanadische Spielfilm „Wo ich zuhause bin“ (Where The Spirit Lives) von Bruce Pittman aus dem Jahr 1989 zeigt sehr eindringlich die unmenschliche Praxis der Kindesentführung, Umerziehung und systematischen kulturellen Entwurzelung junger Natives in den Residential- oder Boarding Schools. Gegen den Willen der Eltern, Großeltern oder sonstigen Verwandten wurden die indianischen Kinder von Regierungsbeamten aus ihren Familien herausgeholt und in die Umerziehungsschulen gebracht. Hier mussten sie zuallererst ihre Haare abschneiden lassen, wurden mit DDT „von Ungeziefer befreit“ und anschließend in Anstaltskleidung gesteckt. Das Reden in ihrer eigenen Sprache, das Wahrnehmen eigener religiöser Zeremonien war den Kindern strengstens untersagt. Bei Regelverstößen wurden die Kinder geschlagen und angekettet oder durch Essensentzug bestraft. Auch das Reinigen des Mundes mit Seife war bei solchen Anlässen eine der üblichen Sanktionen. Aus dem Sanktionskatalog der US-Indian Boardingschools des BIA wurden Strafen wie Kahlrasur oder das Anlegen von Handschellen erst 1970 verboten.
Diese Form der Boardingschools, die in den USA erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts und in Kanada 1988 (andere Quellen sagen 1996) geschlossen wurden, waren häufig nicht nur Orte von Misshandlungen, sondern auch des massenhaften Missbrauchs indianischer Kinder. Wenn nach einigen Jahren die Kinder diese Umerziehungsschulen und Folterstätten weißer, christlicher „Zivilisation“ verließen, waren sie meist völlig von ihrer indianischen Herkunft entfremdet. Weder waren sie ihrer Stammessprache mächtig, noch kannten sie die Geschichte ihrer Kultur und ihrer Unterwerfung. Ihnen waren die Zeremonien ihrer Religion genauso fremd wie ihre engsten Familienangehörigen. Der indianische Aktivist, Singer/Songwriter und Schauspieler Floyd Crow Westerman (u. a. „Der mit dem Wolf tanzt“) schrieb in dem Song „Wounded Knee“ aus dem Album „The Land Is Your Mother“29 über seine Zeit an der Wahpeton Indian Boarding School in Nord-Dakota, „You put me in your boarding school, made me learn your white man rule, be a fool“30.
Doch nicht nur die gezielte Zurichtung indianischer Kinder für das Leben in der weißen „Gewinnergesellschaft“ beschrieb er, sondern den persönlichen Schmerz der Trennung, den tausende indianischer Kinder, Eltern und Familien durchmachten: „Zuerst dachte ich, ich sei in dem Bus, weil meine Mutter mich nicht mehr mochte, doch dann sah ich sie weinen. Es tat ihr weh. Und mir tat es weh, dies zu sehen. Ich werde das niemals vergessen.“
Dennis Banks, Mitgründer des American Indian Movement, beschrieb die Folgen seiner Boardingschool-Zeit und der dortigen Akkulturationsbemühungen u. a. durch die dort zur Verfügung stehenden Geschichtsbücher, die Indianer als „mörderische, blindwütige Wilde“ darstellten, wie folgt:
In einem dieser Bücher war ein Bild eines grinsenden Indianers, der ein kleines, blondes, weißes Mädchen skalpierte … Ich begann mich selbst dafür zu hassen, Indianer zu sein, und ich bildete mir immer mehr ein, ein echter weißer Junge zu sein. Meine weißen Lehrer und deren Bücher lehrten mich, meine eigenen Leute zu verachten. Weiße Geschichte wurde so zu meiner Geschichte, denn es gab auch keine andere. Wenn sie mit uns einmal in der Woche ins Kino gingen – in die 12-Cent-Matinee, jubelte ich für Davy Crockett, Daniel Boone und General Custer. Ich war auf der Seite der Kavallerie-Massaker an den Indianern. In meinen Fantasien war ich John Wayne, der Siedler vor den roten Feinden rettete. Ich träumte, ich sei ein Cowboy. Meine Lehrer waren sehr erfolgreich bei meiner Gehirnwäsche. Sie hatten mich zu einem „Apfel“ gemacht – außen Rot innen Weiß.31
Zu dem Genozid des 18. und 19. Jahrhunderts ist somit also der Ethnozid hinzugekommen. Allerdings überlebten viele Schüler diese Internierung nicht. In Kanada, wo in der Zeit zwischen 1870 und 1996 ca. 150.000 indigene Kinder aus ihren Familien herausgerissen wurden, lag die Sterblichkeitsrate der Schüler nach fünfjährigem Aufenthalt in einer indianischen Residential School bei ca. 35 - 60 %, vor allem, da viele der Schülerinnen und Schüler hier an Tuberkulose und Unterernährung litten. Oftmals erfuhren die Angehörigen nichts über Verbleib, Leben oder Tod, Todeszeitpunkt und -ursache oder Bestattungsort ihrer Kinder. Und wäre dies nicht schon schlimm genug, so wurde in den 40er und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts die mörderische Internatsschul-Praxis in Kanada zusätzlich noch für medizinische Versuche an erkrankten und unterernährten Kindern genutzt.32
Weniger öffentliche Aufmerksamkeit wurde einer anderen, bis in die heutigen Tage anhaltenden Praxis der Kindesentnahme zuteil, nämlich der massenhaften Unterbringung indianischer Kinder bei Pflegefamilien und der Freigabe indianischer Kinder zur Adoption. Ende der 60er und Mitte der 70er Jahre stellte die „Association on American Indian Affairs“ (AAIA) fest, dass 25 - 35 % der indianischen Kinder nicht bei ihren Familien lebten. Mehrheitlich wurden die Kinder bei nichtindianischen Pflegeeltern untergebracht. So lebten zu dieser Zeit zum Beispiel in Minnesota laut der AAIA-Untersuchungen nur eines von 100 indianischen Pflegekindern und in Wisconsin gar nur eines von 1.158 Kindern bei indianischen Pflegeeltern. Als Gründe für die Fremdunterbringungen mussten immer wieder Aussagen herhalten, dass es für die Kinder und ihre Entwicklung doch viel besser wäre, nicht von ihren Eltern oder ihrem Volk erzogen zu werden. Die Familien seien zu arm, die Wohnmöglichkeiten wären zu primitiv oder es fehle an sanitären Einrichtungen. Mary Crow Dog schrieb, dass eine Toilette mit Wasserspülung für weiße Sozialarbeiter wohl wichtiger sei als eine gute, fürsorgliche Großmutter und dies allemal ein Grund wäre, die Kinder an weiße Fremde zu geben. Hierbei zeigt sich auch in ganz besonders perfider Weise die Kumpanei nichtindianischer Missionare und Sozialarbeiter, die selbst regelrechte Entführungen unterstützen, wie folgender Fall dokumentiert:
Zwei Frauen aus Wisconsin, die während der Weihnachtsferien 1971 die Pine Ridge Reservation besuchten, um ein Kind zur Adoption zu finden, baten die Mutter der dreijährigen Benita Rowland um Erlaubnis, das Kind auf eine mehrwöchige Reise mitnehmen zu dürfen. Auf Drängen eines örtlichen Missionars … unterschrieb Benitas Mutter ein Papier, das angeblich den zwei Frauen gestatte, mit dem Kind diese Reise zu machen. Sie nahmen prompt Benita nach Wisconsin mit und weigerten sich, sie den Eltern zurückzugeben. Es stellte sich heraus … dass das Papier … in Wirklichkeit eine Vereinbarung war, wonach sie alle Rechte aufgab und der Adoption von Benita zustimmte. Monatelang bemühten sich die Eltern erfolglos um die Rückkehr ihres Kindes. Der Schriftverkehr zeigt, dass die zwei Frauen – eine davon eine Geschichtsprofessorin an der University of Wisconsin – bereit waren, Benita käuflich zu erwerben. In einem Brief an Benitas Mutter rechtfertigten sie ihre Handlung mit dem Grund, dass ‚Gott es so gewollt habe. … Wir nahmen Ihnen Benita nicht weg; Sie gaben die physische Geburt, die wir nicht geben konnten, und wir können ihr die Möglichkeiten bieten, die Sie ihr nicht bieten können … so gehört sie uns beiden: Doch vor allem gehört sie dem Herrn.33
Ein Bericht des National Council of Juvenile and Family Court Judges aus dem Jahr 2011 zeigt auf, dass nach wie vor eine unverhältnismäßig hohe Zahl indianischer Kinder in Pflegefamilien und -einrichtungen zwangsuntergebracht ist. In einigen Reservationen sei sogar wieder eine zunehmende Tendenz solcher Kindsentnahmen zu verzeichnen, wobei keines dieser Kinder in eine indianische Pflegefamilie käme, auch wenn es diese gäbe. Die Wahrscheinlichkeit für ein indianisches Kind, aus der eigenen Familie herausgenommen und dann fremdplatziert zu werden, ist zwölf Mal höher als für weiße Kinder.
Brennpunkt dieser Entwicklung und Situation ist weiterhin Süd-Dakota. Hier werden jährlich ca. 600 Kinder aus den Familien genommen. 63 % der indianischen Kinder in diesem Bundesstaat sind nach Angaben der National Indian Child Welfare Association in Pflegeverhältnissen untergebracht.34
Dieses traurige Kapitel indianischer Geschichte kann allerdings nicht beendet werden, ohne auf zwei weitere Phänomene, nämlich die langjährige Praxis der Zwangssterilisation von indianischen Mädchen und Frauen und den Ökozid in den Abbauregionen von Uran, hinzuweisen.
Die massenhafte Zwangssterilisation indianischer Mädchen und Frauen vor allem in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts war ein weiterer Versuch, Amerika zu de-indianisieren. Diese Form des Völkermordes blieb lange Zeit der öffentlichen Wahrnehmung des weißen Amerika verschlossen und war auch hier in Europa unbekannt. Jedes Jahr wurden tausende, vor allem junge Frauen im gebärfähigen Alter, ohne deren Wissen und Einwilligung während Zahn-, Blinddarm- oder ähnlichen Operationen sterilisiert. Einzelne Berechnungen gehen davon aus, dass ca. 25 % der indianischen Frauen in dieser Zeit sterilisiert wurden. Im gleichen Zeitraum nahm die Geburtenrate der indianischen Bevölkerung um 25 % ab. Ähnliche Sterilisierungsprogramme wurden in den USA an afroamerikanischen und puertoricanischen Frauen und Mädchen sowie mit US-Unterstützung auch in lateinamerikanischen Ländern (Bolivien und Brasilien, später auch Peru) vor allem an Indigenen durchgeführt.
Anderen jungen Indianerinnen wurde gleich die Gebärmutter entfernt, und im Falle von Schwangerschaften wurden indianische Mädchen zur Abtreibung „beraten“. Erst mit dem Erwachen der Red Power-Bewegung und dem weltweit größer werdenden Interesse am Schicksal der nordamerikanischen Indianer, das sich auch im IV. Russell-Tribunal von 1984 niederschlug, wurde diese Genozidpraxis gegen die amerikanischen Ureinwohner einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Das „American Indian Journal“ schrieb über diese Praxis: „Sie nahmen unsere Vergangenheit mit dem Schwert und unser Land mit der Feder. Jetzt versuchen sie, unsere Zukunft mit dem Skalpell zu nehmen.“35
Zu der bisher beschrieben Genozid- und Ethnozidpraxis kam seit Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts noch der Ökozid aufgrund der Zerstörung intakter Ökosysteme hinzu. Wie in Australien, Nigeria und einigen GUS-Staaten beginnen Anfang und Ende des nuklearen Kreislaufs, Uranabbau und Endlagerung, auch in den USA und Kanada vor allem in den Gebieten der indigenen Völker. Die Folgen sind Verstrahlung von Luft und Wasser, Vergiftung der Nahrungskette, Kontaminierung von Minenarbeitern aufgrund gesundheits- und lebensgefährdender Arbeitsbedingungen beim Uranabbau, toxische Umweltbelastung durch Chemikalien als Folge der Uranverarbeitung.
In den Uranabbauregionen Arizonas, Süd-Dakotas (beide USA) und Saskatchewans (Kanada) leben Teile der Hopi, Navajo (Dineh), Lakota/Dakota (Sioux), Cree, Chippewa und Dene in partiell radioaktiv verseuchten Reservationsgebieten. International tätige Konzerne hinterlassen in den genannten Regionen radioaktiv strahlende Abfälle, offene Probebohrlöcher und stillgelegte oder noch genutzte Abbaugebiete, die Wasser und Luft, Pflanzen, Wild und Vieh vergiften und Leben und Gesundheit der dort lebenden Menschen bedrohen.
So gab es 1986 in der Navajo-Reservation über 650 aufgelassene Bohrlöcher, Minen und Stollen und sechs stillgelegte Uranmühlen. Vor allem männliche Reservationsbewohner sahen in der Minenarbeit eine Chance, der vorherrschenden Armut zu entkommen. Über mögliche Gefahren erfuhren die indianischen Minenarbeiter nichts. 90 Cent Stundenlohn als Anfangseinkommen boten die Uran-Minen ihren Minenarbeitern. Nach den Sprengungen unter Tage durften diese dann in die unbelüfteten staubigen Stollen, um dort das Uranerz abzubauen. Ein Großteil des Uranerz-Gesteins blieb nach dessen Zerkleinerung durch die Gesteinsmühlen in von Wind und Wasser ungeschützten Tailings liegen und kontaminiert somit seit über 50 Jahren die gesamte Umgebung. In einigen Regionen wurde hieraus sogar Baumaterial für den Haus- und Straßenbau hergestellt.
Längst sind diese Siedlungen verlassen und gleichen abgeriegelten Geisterstädten. Erst nachdem die Bewohner dieser Wohnsiedlungen, meist Native Americans oder Angehörige der verarmten weißen Arbeiterklasse, über unerklärliche Symptome klagten und viele Bewohner schwer erkrankten, wurde dieser Skandal aufgedeckt.
Weitere seit langem bekannte und nachweisbare Folgen der Uranwirtschaft für Native Americans:
– in der Pine Ridge Reservation/Süd-Dakota liegen die gemessenen Radioaktivitätswerte des Grund- und Oberflächenwassers an mehreren Stellen um ein Mehrfaches über dem erlaubten Grenzwert;
– auffällig hohe Zahlen von Fehl- und Totgeburten sowie Missbildungen in Süd-Dakota und Nord-Saskatchewan.
– das Jobwunder endete für viele Navajo- und Dene-Uranminenarbeiter aufgrund fehlender bzw. unzureichender Arbeitsschutzmaßnahmen und mangels Risikoaufklärung tödlich;
– Western-Schoshone-Indianer leben in den kontaminierten Atomtestgebieten Nevadas, zudem drohte ihnen bis zum Amtsantritt von US-Präsident B. Obamas ein gigantisches Endlager hochradioaktiver Abfälle.
Die Gesundheitsstudie der Women of All Red Nations (WARN) aus dem Jahr 1980 beschreibt ausführlich die hohe Rate an Knochenkrebserkrankungen, problematischen Schwangerschaften oder genetischen Defekten als mögliche Folgen der nuklearen Kontaminierung des Trinkwassers in Teilen der Pine Ridge Reservation aufgrund von Uranvorkommen, -abbau und -verarbeitung sowie Einsatz uranhaltiger Munition in militärischen Versuchsgeländen (bombing ranges) in den Badlands. Und für die Navajo gilt fast vierzig Jahre später, also Ende der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, dass Lungen- und Knochenkrebs sowie Nierenerkrankungen häufiger vorkommen als in der Gesamtbevölkerung, denn nicht nur die Minenarbeiter sondern auch deren Familien waren und sind radioaktivem Staub, Trinkwasser und kontaminierten Lebensmitteln ausgesetzt. (D.Hahn, 2017).
Und wenn dieses Kapitel überschrieben ist mit „Indian Wars Aren‘t over“, so sollten abschließend noch zwei weitere Aspekte erwähnt werden.
Erstens ist hier auf das Schicksal zahlreicher indigener Mädchen und Frauen hinzuweisen, die immer wieder Opfer von Entführungs-, Sexual- und Tötungsdelikten werden, die eben nicht von Familien- oder Stammesangehörigen begangen wurden. Anlässlich der Ermordung der 22-jährigen, im achten Monat schwangeren Lakota Savannah LaFontaine-Greywind schrieb Leonard Peltier: „Unsere indigenen Frauen sind zehnmal häufiger Opfer von Gewalttaten als jede andere Gruppe von Frauen. Und dies ist Gewalt von Non – Natives, das ist nun mal statistisch erwiesen. Unsere Frauen werden mehr als andere Frauen entführt, ermordet oder werden vermisst.“ (Statement from Leonard Peltier regarding Murdered Native Women, 30. August 2017).
Zweitens bezieht sich dies auch auf die Reaktionen des weißen Amerika auf die erwachende Gegenwehr vieler Indianer seit den 60iger Jahren gegen weitere Landvertreibung und Uranabbau, gegen die Zerstörung intakter Landschaften und spiritueller Orte, gegen rassistische Polizeiübergriffe und Justiz sowie die anhaltenden Versuche, die Forderung nach Selbstbestimmung und Einhaltung der Verträge aus dem 19. Jahrhundert zu unterdrücken. Die Bedeutung von Land ist dabei nach wie vor wichtiges Element indianischer Spiritualität und Philosophie. „Mother Earth“ oder „Pacha Mama“ ist untrennbar mit dem Leben und Denken traditioneller Indianer und Indios verbunden. Dabei ist der Mensch ein Bestandteil eines großen Kreislaufs und somit lediglich ein Element der Dinge und (Lebe)Wesen eines Territoriums, die ihn umgeben. Aktuell hat dies in Mexiko Subcommandante Marcos beschrieben, in dem er ausführte:
Ein indianisches Volk ohne eigenes Territorium ist kein indianisches Volk mehr. Die Sprache und diese Dinge zerfallen allmählich, aber wenn das Land zerstört wird, dann haben wir keine Wurzeln mehr. Es ist so, als würden sie unsere ganze Familie töten … Es ist, als würden sie dir die Seele herausreißen.36
Oder wie es die Anishinabe-Aktivistin Winona LaDuke formulierte: „Wenn ein Volk keine Kontrolle über sein Land hat, hat es auch keine Kontrolle über sein Schicksal.“
Es war der Black Power- und Black Panther-Aktivist und -Theoretiker Kwame Turé alias Stokely Carmichael, der dies in seiner Konsequenz so ausdrückte: „Wenn von Befreiung gesprochen wird, von wahrer Befreiung, dann ist vom Land die Rede. Und wenn vom Land in dieser Hemisphäre die Rede ist, dann ist auch von den amerikanischen Indianern die Rede.“37 Am Ende des vorliegenden Buches wird dieser Aspekt indianischen Widerstands anhand anhaltender Konflikte und Kämpfe um die Zerstörung und profitorientierte Nutzung von Land nochmals deutlich. Und auch hier wird sich wieder zeigen, dass vor allem Indigene ins Fadenkreuz beauftragter Killer geraten, sobald sie sich für Umweltschutz und Menschenrechte engagieren (Kap. 8).
______________
2 Zum Problem der Kolonialisierung indianischen Widerstands z. B. durch die Kategorien materialistischen Denkens s. a. Kap. 3: Von Red Power zu AIM …
3 hierzu ausführlicher Kap. 4 ff.
4 Charles C. Mann: Amerika vor Kolumbus, S. 38 f, 2016
5 unterschiedliche Quellen benennen 9.629.091 km2 bzw. 9.809.000 km2
6 E. Frey: Schwarzbuch USA, 2008, S. 25
7 L. L. Mathias: Die Kehrseite der USA, 1971, S. 287
8 Claus Biegert: 200 Jahre ohne Verfassung. 1976. S. 21
9 V. Hopkins: USA Der Südwesten, 1998, S. 34
10 Claus Biegert: a.a.O., S. 19
11 R. Winter: Ami Go Home. 1989. S. 138
12 ebd., S. 140
13 zitiert nach Charles C. Mann, Amerika vor Kolumbus, S. 36
14 siehe Kapitel 3 „Treaty Council“
15 http://de.wikipedia.org/wiki/Langer_Marsch
16 C. Biegert: a. a. O., S.23
17 R. Winter: a. a. O., S. 140 f
18 http://de.wikipedia.org/wiki/Angriff_am_Washita
19 W. Haberland: 2014, S.21; 1986, S. 17 f und H.& H. Koch: 2014
20 General Philip Sheridan, zitiert nach Michael S. Sample: Bison. Symbol of the American West, 1987, S. 32
21 zit. nach Fotowand im „Museum of American Bison“, Rapid City 2014
22 Michael S. Sample, a. a. O.; Sample, H. & H. Koch: 2014, S.,90, 127; Jörg Michel TAZ 4.5.2017, S. 9.
23 M. Seiller: COYOTE, 100/2013-14
24 E. Frey. a. a. O. S. 36
25 S. a. Subcomandante Marcus: Kassensturz. 2009
26 American Indian Movement Support Group Hamburg, 1975, S. 8
27 http://de.wikipedia.org/wiki/Termination_(Indianerpolitik
28 L. Peltier: Mein Leben ist mein Sonnentanz. 2000. S. 113
29 in Deutschland erschienen bei Trikont „Unsere Stimme“ Schallplatten GmbH, München
30 „Ihr habt mich in euer Internat gebracht, mir eure Regeln beigebracht, einen Idioten aus mir gemacht“
31 D. Banks: a.a.O., S. 28
32 u. a. M. Seiller: COYOTE 100/2013-14
33 zit. nach: U. Wolf: Mein Name ist Ich Lebe. 1980, S. 161 f
34 Quelle: u. a. M. Seiller, COYOTE 92/2011
35 ebd. S. 154
36 Subcomandante Marcos, a. a. O., S. 45
37 zit. nach W. LaDuke: Vom Natürlichen zum Synthetischen und wieder zum Natürlichen zurück, in: W. Churchill (Hrsg.) Das indigene Amerika und die marxistische Tradition, 1993, S. 36
2. Von Red Power zu AIM – eine kurze Chronologie indianischen Widerstands (Michael Koch)
Prolog zu einer fortlaufenden Kontroverse
Wer diese hier nur rudimentär dargestellte Geschichte des Genozids, Ethnozids und Ökozids an der indigenen Bevölkerung Nordamerikas nicht nur zur faktisch zur Kenntnis genommen hat, sondern auch ansatzweise in all ihren Implikationen versteht und emotional in sie hineinversetzt, der wird auch erahnen, weshalb der indigene Widerstand des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts sich gegenüber unseren Diskussionen und Diskursen zu Revolution, Emanzipation, dialektischem Materialismus und europäisch geprägten Spielformen linksrevolutionärer Ideen und Theorien sperrt.
Zwar boten sich Bilder von mit Gewehren und Schnellfeuer-Waffen ausgerüsteten Indianern in Wounded Knee, Chiapas und Oka oder indianischer Hausbesetzer als revolutionäre Projektionsfläche für viele 1968 sozialisierte Politaktivisten in den Metropolen dies- und jenseits des Atlantiks an. Auch adaptierten spontaneistische Straßenkämpfer in europäischen Großstädten für sich den Begriff „Stadtindianer“ und unterzeichneten mit „Mescalero“ eine kritisch-distanzierte Erklärung zum Attentat auf Generalbundesanwalt Buback.
Und Stirnband, Fransenjacke sowie indianischer Schmuck zählten immer mehr zum Outfit der Hippie- und Rockgeneration. Doch viele von uns reagierten dann aber umso irritierter, verstörter und verständnisloser auf die Angriffe einzelner AIM-Aktivisten auf die Politik der nicaraguanischen Sandinisten. Für viele von uns bekam die Solidarität und Sympathie mit den indianischen Widerständlern Nordamerikas Sprünge und Risse. Wie konnte Russell Means, einer der bekanntesten AIM-Führungsfiguren, sich gegen die Revolutionäre Nicaraguas stellen und damit drohen, die Truppen der durch die CIA finanzierten Contras zu unterstützen? Wie konnten Means und andere indianische Widerstandsaktivisten marxistische und anarchistische Gruppen und deren revolutionäre Strategie massiv kritisieren? Ging es dem indianischen Widerstand eher um Rassen- denn um Klassenkampf? War der indianische Widerstand überhaupt bündnisfähig? (eine Frage, die einige mexikanische und andere Linke in den letzten Jahren auch bezüglich der indigenen zapatistischen Befreiungsbewegung in Süd-Mexiko stellten).
Ohne eine annähernde Kenntnis von der schier unvorstellbaren Dimension der Vertreibung, Unterwerfung, Erniedrigung und letztlich auch versuchten Ausrottung der nordamerikanischen Indianer durch die europäischen Siedler; ohne eine annähernde Kenntnis über die Kontinuität der längsten Völkermordgeschichte der Welt bis in die heutige Zeit und ohne eine Kenntnis der Folgen der Unterjochung indianischer Philosophie und Spiritualität durch die christliche Religion und durch materialistisches Denken europäischer Prägung bleiben uns die Grundlagen indigenen Widerstands verschlossen. Bemessen wir AIM und andere Gruppen und deren Aktionen und Aussagen an den Kriterien und der Logik sozialer und sozialrevolutionärer Bewegungen europäisch-(dialektisch) materialistischer Prägung, dann drohen wir den seit knapp 50 Jahren wieder erwachten indianischen Kampf für indigene Rechte, Wiedererlangung von Würde und Souveränität erneut zu kolonialisieren.
Um nicht falsch verstanden zu werden: Dies ist kein Plädoyer gegen eine konstruktiv-kritische und solidarische Auseinandersetzung über unterschiedliche Fragen und Formen widerständigen Denkens und widerständiger Praxis. Doch es gilt sich dabei klar zu machen, dass dies ein sehr sensibler Bereich ist, der zur Wiederholung seit Jahrhunderten gemachter Erfahrung mit der europäisch-weißen Besserwisserei und Bevormundung führen kann. Unverständnis, Arroganz oder verächtliche Kritik manch „weißer Linker“ hat hier in der Vergangenheit neue Gräben entstehen lassen und den Versuch auf beiden Seiten erschwert, unterschiedliche Befreiungsdiskurse miteinander zu verbinden. Die für den indianischen Widerstand zentralen Elemente wie „Spiritualität“, „Heimat“ und „Land“ wurden oftmals vorschnell in Denkklischees von „New Age“ sowie „Blut und Boden“ einsortiert. Ohne die Gefahr herunterspielen zu wollen, dass es auch im indigenen Widerstand vereinzelt faschistoid-nationalistische, rassistisch-antisemitische Tendenzen und Organisationen gibt (siehe hierzu die Website der „Mexican Jaguars“ oder die rassistisch konnotierte Ausgrenzungspolitik der Cherokee gegenüber schwarzen Stammesangehörigen, Nachfahren ehemaliger Sklaven der Cherokee, die nach fast 170 Jahren Stammeszugehörigkeit nun ausgeschlossen werden sollen), so sind solche Meinungen, Ideologien und Gruppen nicht nur minoritär, sondern stehen klar im Gegensatz zu anti-rassistischen, -sexistischen, -nationalistischen, -homophoben Positionen innerhalb des indigenen Widerstands (vgl. hierzu Statements der Zapatisten, der politisch engagierten indianischen Punkrock-Band „Blackfire“ u. v. a.).
Unbestritten jedoch hat die lange Geschichte der Kolonisation durch die Europäer bis heute bei vielen Natives tiefgreifende emotionale Spuren hinterlassen. Der indianische Sänger und Songwriter Mitch Walking Elk formulierte dies kürzlich in einem Gespräch mit deutschen Jugendlichen, die an einer Reise in die Pine Ridge Reservation teilnehmen wollen, wie folgt: „Ja, ihr werdet vielleicht nicht bei allen Menschen dort wirklich willkommen sein. Manche mögen einfach keine Weißen, die haben uns zu viel angetan.“
Und im politischen Diskurs beschreibt dies Frank Black Elk, Oglala Lakota und früherer Leiter des AIM Colorado, den ich an dieser Stelle etwas ausführlicher zitieren möchte:
Christen, Kapitalisten, Marxisten – alles, was sie letztlich von mir wollen, ist meine Identität als Lakota, die eine „andere“ ist: Alles, was sie letztlich von den Lakota wollen, ist ihre Identität als Volk, die eine „andere“ ist als das Verständnis (oder Missverständnis) von Volk in Europa. Ich und mein Volk, wir sind nur noch mehr Material, das es anzuhäufen und in etwas umzuwandeln gilt, was wir nie waren und nie sein wollten … Mag sein, dass ich letztendlich doch als Futter für eine andere europäische Machtgruppe herhalten muss, die nach weiteren Dingen Ausschau hält, mit denen sie spielen kann, aber nicht freiwillig, nein danke. Und was das „Unrealistische“ an meiner Entscheidung angeht, zu versuchen, an der Fortsetzung der Traditionen der Lakota teilzuhaben, an ihren Werten und der nichtmaterialistischen Spiritualität, will ich einen der Marxisten zitieren, der mich fasziniert hat (und es auf eine Art noch immer tut): „Sei realistisch, fordere das Unmögliche.“ Ich glaube, das hat Dany Cohn-Bendit einmal gesagt. Das Unmögliche ist jedenfalls nicht unmöglich.38
Nach der Geschichte der christlichen Missionierung und deren Folgen brauchen die Native Americans am allerwenigsten nun noch die Missionierung durch besserwisserische, mehrheitlich weiße Revolutionsspezialisten, seien diese auch noch so wohlwollend oder in ihren Analysen stellenweise richtig. Das AIM und aktuell gerade die indigenen zapatistischen Revolutionäre in Chiapas machen seit vielen Jahren immer wieder deutlich, dass indigener Widerstand untrennbar verbunden ist mit der Frage, Suche und Wiederentdeckung der jeweils eigenen Identität, Kultur, Philosophie und auch Spiritualität.
Dennis Banks, Mitbegründer des AIM, formulierte dies einmal wie folgt: „Wir gingen nicht nach Wounded Knee, nur um vom Hunger befreit zu werden, sondern um uns von allen Mächten zu befreien, die unsere natürliche, wirtschaftliche, soziale und politische Lebensordnung unterdrücken.“39
Das Recht auf Selbstbestimmung ist dabei nicht nur ein zentrales Ziel indianischer Forderungen. Selbstbestimmung und das Wiedererlangen von Würde sind wesentliche dialektische Voraussetzungen für eine selbstreflexive und selbstbestimmte Transformation indigener Kultur und Politik in das 21. Jahrhundert, eine selbstkritische Hinterfragung des kulturellen sowie individuellen Identitätsbegriffes und eine Auseinandersetzung mit anderen Befreiungsideen auf gleicher Augenhöhe.
Winona LaDuke, Anashinabe-Aktivistin, formulierte hierzu: „Dieser Austausch kann dazu beitragen, eine Strategie zu entwickeln, eine Utopie, durch die natürliche Ordnung zurückzugewinnen ist: vom Natürlichen zum Synthetischen und wieder zum Natürlichen zurück.“40 Und gerade vor dem Hintergrund einer ungebremsten globalen Ausbeutungs- und Ausplünderungspolitik von Mensch und Natur könnten wir hieraus wichtige Hinweise für unsere Frage nach der „Gesellschaft von morgen“ erhalten.
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In den folgenden Unterkapiteln kann es in diesem Buch lediglich einen skizzenhaften Anriss zur Entwicklung des indianischen Widerstands geben. Einzelne Aktionen, wie z. B. die Besetzung der ehemaligen Gefängnisinsel Alcatraz oder die Besetzung und Belagerung Wounded Knees böten ausreichend Material, um selbst jeweils ein eigenes Buch zu füllen. An dieser Stelle können sie nur in Kürze beschrieben werden (ausführlichere Beschreibungen zu Wounded Knee 1973 finden sich u. a. in Claus Biegerts Buch „Seit 200 Jahren ohne Verfassung“, Mary Crow Dogs „Lakota Woman“, Peter Matthiessens „In the Spirit Of Crazy Horse“, Russell Means „Where White Men Fear to Tread“, Dennis Banks „Ojibwa Warrior“ oder dem Band „Voices from Wounded Knee“, herausgegeben von der Redaktion der Zeitung Akwesasne Notes).
Andere Aktionen, wie z. B. die Besetzungen von Fort Lawton, des Mount Rushmore Monuments und einer Abtei in Gresham, Wisconsin, durch die Menominee Warrior Society in den 70er Jahren sowie der zweieinhalbmonatige Konflikt in Oka zwischen kanadischer Polizei und Armee einerseits und Mohawk-Aktivisten andererseits werden in diesem Buch lediglich erwähnt oder kurz beschrieben. Und unzählige, vielleicht weniger spektakuläre, aber nicht minder bedeutsame Aktionen indianischen Widerstands bleiben an dieser Stelle gar unerwähnt. Es sei hier daran erinnert, dass im Verlauf all dieser Konflikte viele indianische Aktivistinnen und Aktivisten sowie deren nicht-indianische Bündnispartner und Mitkämpfer verletzt, festgenommen, verurteilt und in Haft genommen, gefoltert oder getötet wurden oder in den Untergrund gehen mussten.
So wurde Leonard Crow Dog, spiritueller Führer des AIM, im Rahmen der Fahndung nach Leonard Peltier im September 1975 festgenommen, wegen diverser Delikte verurteilt und für fast zwei Jahre inhaftiert. John Trudell verlor bei einem Brandanschlag auf das Haus seiner Familie fast sämtliche Familienangehörigen. Dennis Banks musste Mitte der 70er Jahre für lange Zeit untertauchen und seine Familie alleine lassen. Leonard Peltier ist seit der gleichen Zeit inhaftiert und wird seit über 40 Jahren dem alltäglichen Haftterror ausgesetzt. Dies sind nur einige Namen, die hier stellvertretend genannt seien. All diesen Menschen gelten an dieser Stelle unser Gedenken und unsere Solidarität. Ebenfalls all den indigenen Kämpfern und deren Unterstützern, die seit den 80er Jahren von Alaska bis Feuerland gegen Landraub, Waldrodungen, Kohle-, Teersand- und Uranabbau, nukleare Endlager, überdimensionierte Tourismusprojekte, Ausbeutung oder für die Freiheit ihrer politischen Gefangenen kämpfen, sich für ihre Kultur und zahlreiche Grassroots-Projekte in den Bereichen Frauen-, Kinder- und allgemeine Menschenrechte, Gesundheit, Soziales, Bildung, Umweltschutz oder indigene Selbstbestimmung engagieren.
Red Power Dawn – Die frühen Jahre
Die Souveränität indianischer Völker war im Bewusstsein vieler nordamerikanischer Indianer auch im 20. Jahrhundert erhalten geblieben. Als unabhängige Nationen hatten sie zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert Verträge mit Engländern, Franzosen und den Vereinigten Staaten von Amerika oder Kanada unterzeichnet, deren Gültigkeit sie heute noch einfordern. Dieses Verständnis drückt sich häufig auch in der Nutzung von Stammesausweisen bei der Ein- und Ausreise aus den USA und Kanada aus, bietet dies doch die symbolische Möglichkeit darauf hinzuweisen, sich zu allererst als Angehöriger einer indianischen Nation zu definieren. Nachdem sie sich bereits in den 1920er Jahren vergeblich um Anerkennung als souveräne Nation beim damaligen Völkerbund, dem „Vorläufer“ der Vereinten Nationen in Genf bemüht hatten, baten die Six Nations des Irokesen-Völkerbundes41 Ende der 50er Jahre den neuen kubanischen Staatschef Fidel Castro in einer auf Hirschhaut niedergeschrieben Botschaft, sie bei ihrem Versuch zu unterstützen, als unabhängige Nation bei der UNO anerkannt zu werden. Castro lud daraufhin im Sommer 1959 eine Delegation unter Führung des Tuscarora Wallace „Mad Bear“ Anderson, der bereits in früheren Jahren Protestaktionen der Six Nations organisierte, nach Kuba ein und empfing diese in Havanna als Vertreter einer eigenständigen Nation.
„Mad Bear“ Anderson, der bis zu seinem Tod 1985 ein engagierter Kämpfer für indianische Angelegenheiten blieb, gründete 1967 den „North American Indian Unity Caravan“, der über sechs Jahre lang durch die USA fuhr, um die aufbrechenden Kämpfe für indianische Rechte und Belange zu unterstützen. Auch bei der Besetzung der Gefängnisinsel Alcatraz war Anderson mitbeteiligt.
Wie aktuell die Problematik der Nutzung von Stammesausweisen und somit der Hinweis auf die Zugehörigkeit zu einer souveränen indianischen Nation heute noch ist, musste das Nationalteam der Irokesen (Haudenosaunee) 2010 anlässlich der Lacrosse-Weltmeisterschaft in Manchester, England, erfahren. Lacrosse ist eine dem Hockey verwandte Sportart, die vor über 1.000 Jahren von den Irokesen erfunden wurde und sich derzeit in Kanada und den USA, aber auch weltweit zunehmender Beliebtheit erfreut. Zuerst scheiterte das Lacrosse-Team der Irokesen bereits bei der Ausreise, da man sie aufgrund ihrer Haudenossaunee-Ausweise nicht ausreisen lassen wollte. Erst nach Intervention durch Außenministerin Hillary Clinton erhielt das Team eine Ausnahmeregelung, um dann allerdings bei der Einreise in England aufgrund dieser Ausweise abgewiesen zu werden.
Anfang der 60er gründete der Ponca-Aktivist Clyde Warrior (1939 - 1968) gemeinsam mit indianischen Studenten in Gallup, Neu-Mexiko, das National Indian Youth Council (NIYC) als Alternative zu dem 1944 gegründeten, seinerzeit gerade von jungen Natives eher als zu konservativ erachteten National Congress of American Indians (NCAI). Warrior und das NIYC kritisierten den „Ausverkauf” von Bürgerrechten und Selbstbestimmungsinteressen der nordamerikanischen Indianer durch den NCAI und das Bureau of Indian Affairs (BIA) und problematisierten die Diskriminierung sowie die Lebensbedingungen der indianischen Bevölkerung.
Das NIYC, somit zweitälteste nationale indianische Organisation, setzte und setzt sich vor allem für die unterschiedlichsten Rechtsansprüche der Native Americans ein, wie z. B. für die aus den früheren Verträgen resultierenden Rechtsansprüche (treaty rights; s. a. auch treaty councils), Stammesrechte (tribal rights) auf Selbstbestimmung, Verzicht auf die Ausbeutung von Ressourcen in indianischen Reservationen und überhaupt sämtlicher indianischer Ressourcen (indianische Symbole, Namen, Kultur …) und Zugang zu den durch die Bundesregierung vertraglich garantierten Gesundheits-, Berufsbildungs- und Bildungsprogrammen. War das NIYC in den 60er Jahren vorwiegend eine sich zunehmend radikalisierende Bürgerrechtsorganisation, die sich z. B. lange vor der Gründung des AIM für die vertraglich garantierten Fischereirechte der indianischen Völker und gegen die Verarmung der indianischen Bevölkerung (Poor People‘s Campaign, 1968) einsetzte, war es in den 70er Jahren vor allem in Kampf um Umweltbelange im Kontext mit indianischen Angelegenheiten involviert (Kohle- und Uranabbau, Atommülllagerung). Dabei verstand sich das NIYC nicht nur als Organisation, die sich für die Belange der indigenen Bevölkerung Nordamerikas einsetzte, sondern engagierte sich in seiner 50-jährigen Geschichte zunehmend für die Rechte der Indigenen in der gesamten westlichen Hemisphäre.
Der Kampf um die Fischereirechte
Der Kampf um die Fischereirechte der indianischen Völker wirft bis heute immer wieder juristische und politische Konflikte auf und mündet seit über 50 Jahren in direkte Aktionen indianischen Protests und Widerstands. Dabei sind die Jagd- und Fischereirechte mit die letzten Reste der ehemals wirtschaftlichen Autarkie der indianischen Bevölkerung, die diese bis heute gegen die Lobby weißer Fischer und Sportfischer sowie gegen weiße (Pseudo-)Umwelt- und Tierschützer verteidigen muss. Dabei lenken deren Argumente medienwirksam von den Tatsachen ab, dass die eigentliche Überfischung durch weiße Fischer erfolgt, dass die Dezimierung der Fischbestände der industriellen Vergiftung der Flüsse und der Denaturierung der Flussläufe geschuldet ist (so kann in Wisconsin der Stör aufgrund von Staustufen am Wolf River nicht mehr in sein ursprüngliches Laichgebiet in der Menominee-Reservationzurückkehren) und dass Eingriffe wie z. B. Staudamm-Projekte entweder zur Austrocknung indianischer Reservate oder auch zu deren Überflutung beitragen – beides mit verheerenden Folgen für die Wasserversorgung und den Fischfang für die dort lebenden Natives. Anhand der Auseinandersetzungen im Bundesstaat Washington vor allem in den 50er bis 70er Jahren des 20. Jahrhunderts soll die Bedeutung dieses Konfliktes für das Erstarken des indianischen Widerstands in den USA aufgezeigt werden.
Entgegen den Verträgen von Medicine Creek (1854) und Point Elliot (1855), die der Gouverneur des Territoriums „Washington“ für die Bundesregierung abschloss und die in ihren Artikeln zwar einerseits besagten, dass die Stämme der Nisqually und Puyallup und somit der Vorfahren der Muckleshoot zwar ihre Länder an die Regierung der Vereinigten Staaten abzugeben haben, anderseits den Angehörigen dieser Stämme aber wiederum das Recht, inner- sowie außerhalb ihrer Reservationen zu fischen, zusprach, begann 1955 der Staat Washington, den Fischfang der Indianer am Puyallup River zu kontrollieren. Hintergrund waren insbesondere die Interessen weißer Sportfischer und deren Lobby in Wirtschaft, Verbänden (z. B. National Wildlife Federation und Trout Unlimited), Medien, Staat und Ministerien. Ausgelöst wurde dies vor allem durch Medienberichte über illegale Netzfischerei von zwei indianischen Fischern am Skagit River. Den indianischen Fischern wurden dabei unerlaubte und tierquälerische Fangmethoden und eine völlig unkontrollierte Überfischung der Flüsse unterstellt, wobei sie sich auch noch auf Rechte berufen würden, die aufgrund der veränderten Bedingungen längst hinfällig wären.
In den kommenden Jahren musste dann sogar der Tier- und Umweltschutz als propagandistisches Argument der Gegner der indianischen Fischereirechte herhalten. Dabei waren die Argumente, z. B. der Sportfischer-Lobby und der National Wildlife Federation, kaum an Absurdität zu überbieten. Sid Mills, Yakama-Indianer und Vietnam-Veteran, der seinen weiteren Militärdienst mit dem Hinweis verweigerte, nun „zuerst dem Kampf des indianischen Volkes um die vertraglich gesicherten Fischrechte … des Nordwestens verpflichtet“ zu sein, brachte es in einer Erklärung des Informationsdienstes der Survival American Indian Association (SAIA) auf den Punkt: Die meisten Lachse, nämlich 11 Millionen, also 80 % der Gesamtmenge der Lachse, würden von nicht-indianischen Fischern gefangen, davon knapp eine Million durch Sportfischer. Dem gegenüber ständen ein paar hunderttausend Lachse, die von den Indianern gefangen würden.42
Nach den ersten indianischen Protesten bestätigten allerdings „weiße Gerichte“ die vertraglichen Fangrechte der Indianer, auch außerhalb der Reservationen. Obwohl 1963 das Appellationsgericht der Vereinigten Staaten von Amerika (United States Court of Appeals) diese richterlichen Entscheidungen bestätigte, erließ im gleichen Jahr die Regierung des Staates Washington ein Fischverbot für die Indianer. Das Fischen im Green River und ab 1964 auch im Nisqually River wurde vor allem für den Netzfischfang der Indianer verboten. Daraufhin gründete sich 1964 die SAIA, um die Fischrechte vor allem außerhalb der Reservationen offensiv zu verteidigen. Dabei bemängelte die SAIA die fehlende Unterstützung durch die offiziellen Stammesregierungen und positionierte sich öffentlich als „fighting Indians“ und als „the most militant Indian organization in America today“.43
Es folgten als spektakuläre Protestaktionen erste „Fish-Ins“ am Nisqually River an einem Ort namens „Frank‘s Landing“, in deren Verlauf indianische Fischer durch die Polizei misshandelt und festgenommen wurden. Diese Proteste stellten für viele Native Americans eine Art Wendepunkt ihrer Strategien und Auseinandersetzungsformen für die Durchsetzung ihrer Rechte dar. Parallel zum juristischen Kampf trat nun die direkte Aktion. An Popularität gewannen diese Aktionen nicht zuletzt aufgrund der Festnahme des Oskar-prämierten Hollywood-Stars Marlon Brando am 2. März 1964, der bei einer Fish-In-Aktion des SAIA am Puyallup River beteiligt war. Zwar wurde Brando nach zwei Stunden wieder entlassen, obwohl er auf seine Überführung in ein Gefängnis bestand, doch viele indianische Aktivisten wurden tatsächlich inhaftiert.
Gemeinsam mit dem National Indian Youth Council (NIYC), dem National Congress of American Indians (NCAI), der Civil Rights Union (CRU) und der 1909 in Folge von anhaltender Lynchjustiz gegründeten National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) organisierte die SAIA nun im Staat Washington einen Tag später eine Großdemonstration für die Anerkennung der indianischen Fischereirechte und als Protest gegen das polizeiliche Vorgehen, an der über 1.000 Native Americans und deren Unterstützer teilnahmen. Auch Marlon Brando, der sich in den kommenden Jahren immer stärker für die aufkommende Bürgerrechtsbewegung des „schwarzen und roten Amerikas“ einsetzen sollte, war wieder dabei.
Die Situation verschärfte sich noch dadurch, dass laut einem Gerichtsentscheid aus dem Jahre 1965 die Stämme der Puyallup, Nisqually und Muckleshoot nicht mehr existieren würden und das Fischereiverbot nun auch auf den Puyallup River ausgedehnt wurde. Es folgte eine Jahrzehnte andauernde juristische und auch politische Auseinandersetzung, die bis heute nicht endgültig beigelegt wurde und immer wieder aufbricht. Dabei wurde Frank‘s Landing am Nisqually River zum symbolträchtigen Ort der anhaltenden Auseinandersetzungen zwischen indianischen Fischern und deren Sympathisanten einerseits und Sportfischern sowie staatlichen und örtlichen Polizisten andererseits. Am 5. Oktober 1965 zerstörten Regierungsbeamte das Kanu zweier indianischer Fischer und warfen diese anschließend ins kalte Wasser des Nisqually River.
Vier Tage später wurden nachts zwei indianische Kinder durch Regierungsbeamte verhaftet, weil sie auf dem Fluss waren. Als Erwachsene zur Hilfe kommen wollten, wurden Polizeieinheiten aus den umliegenden Orten angefordert. Weitere vier Tage später eskalierte die Situation bei einem angekündigten Fish-In von 27 Indianern (davon 19 Frauen und Kinder) vollends. Örtliche Polizei und an die 100 Bundesmarshals zerstörten Boote und Netze, prügelten mit Schlagstöcken und Stahlrohren auf die Protestierenden ein und nahmen die acht beteiligten Männer fest. Es waren unter anderem gerade diese Ereignisse der Jahre 1964/1965, die zur Politisierung vieler Natives beitrugen. Einer von ihnen war der damals zwanzigjährige Leonard Peltier.
Unterstützung erhielten die indianischen Fischer nun verstärkt auch von außen. Hank Adams, in früheren Jahren beim NIYC und seit 1968 Führungsfigur des SAIA, gelang es 1968, nichtindianische Unterstützer u. a. aus der Washington Peace and Freedom Party, der Students for a Democratic Society, der Socialist Workers Party und den Black Panthers zu den Aktionen am Nisqually River zu holen, auch um eine breitere Öffentlichkeit herzustellen.
Am 4. September setzten einige indianische Fischer und ihre 55 nicht-indianischen Unterstützer vier Fischernetze in den Nisqually River. In den folgenden Tagen kam es immer wieder zu Festnahmen. Vor allem die Anwesenheit eines einzigen Black-Panther-Aktivisten löste bei der Polizei erhöhte Alarmbereitschaft aus. Die wiederholten Festnahmen von Adams machte die Auseinandersetzungen bei den Natives in den USA noch bekannter, handelte es sich bei Adams doch nicht um einen Angehörigen der lokalen Stämme, sondern um einen Sioux-Assiniboine-Aktivisten, der ursprünglich aus Montana stammte. Lokale indianische Proteste wurden mehr und mehr zur stammesübergreifenden (intertribal) indianischen Angelegenheit.
1969 gestattete das Washingtoner Fischereigericht den Nisqually dann doch das Fischen auch außerhalb ihrer Reservation, untersagte dabei aber deren traditionelle Form des Fischfangs. Die Konflikte waren somit aber längst noch nicht beendet. Ein Jahr später, 1970, kam es am Puyallup River zu Konfrontationen, als Mitglieder des Puyallup-Stammes Fischernetze in den Fluss setzten. Die anrückende Polizei stieß auf massiven Widerstand. Einige der Indianer waren laut Angaben von Polizei und Medien mit Gewehren und Messern bewaffnet und versuchten die mit Tränengas und Schlagstöcken bewaffneten Polizeikräfte aufzuhalten, indem sie die Eisenbahnbrücke, über die die Polizei gelangen musste, mit einer Brandbombe zerstörten. Es seien seitens der indianischen Demonstranten auch vier Warnschüsse gegen anrückende Polizeiboote abgegeben worden, ohne die Absicht, dabei jemanden zu verletzen.44 60 Personen, darunter drei Jugendliche, wurden verhaftet.
Ein weiteres Jahr später wurde Hank Adams bei einer Aktion durch einen Schuss in den Bauch schwer verletzt. Als Täter zeigte Adams zwei weiße Sportfischer an. Ein anwesender indianischer Polizist bestätigte diese Darstellung. Die Polizei von Tacoma jedoch stellte die Untersuchung mit der Bemerkung ein, möglicherweise habe sich Adams ja selbst in den Unterleib geschossen. Adams selbst sollte bei den späteren Aktionen des AIM in Washington D. C. (March of Broken Treaties) und Wounded Knee einer der entscheidenden Verhandlungsführer auf indianischer Seite werden. Unter seiner Führung baute die Survival of All Indian Asssociation Kontakte zu den wichtigsten amerikanischen Civil Rights-Bewegungen auf, was für alle Bewegungen in ihren jeweiligen Kämpfen für Freiheit und Gleichberechtigung eine wichtige Unterstützung darstellte.
Red Power Rising – Alcatraz
Alcatraz, Alcatraz, Alcatraz, Alcatraz
Few have seen your beauty like the Indian has.
Few have seen your beauty like the Indian has.
When many have spent their time in day
The Indian brings his easyful ways
Because he cares, because he cares.
Alcatraz, Alcatraz, Alcatraz, Alcatraz
Few have seen your beauty like the Indian has.
Few have seen your beauty like the Indian has.
To many you‘ve been a nightmare
To the Indian our dream come true
Because he cares, because he cares.
Alcatraz, Alcatraz, Alcatraz, Alcatraz
Few have seen your beauty like the Indian has.
Few have seen your beauty like the Indian has.45
(Redbone, 1970)
Wer heute nach San Francisco fährt und zwischen der San Francisco Oakland Bridge und der Golden Gate Bridge am Fishermen‘s Wharf stoppt, der kann von dort aus die ehemalige Gefängnisinsel Alcatraz erblicken. 1964, ein Jahr nachdem der damalige US-Justizminister Robert F. Kennedy am 21. März 1963 die Schließung des Gefängnisses verkündete, waren etwa 40 Indianer, darunter der 26-jährige Oglala Lakota und spätere AIM-Führer Russell Means sowie dessen Vater Walter Means, nach Alcatraz gefahren und hatten dort ein Angebot verlesen, die Insel für 47 Cent pro Acre zu kaufen, also zu dem Preis, den Kalifornien zu dieser Zeit Indianern als Ausgleich für unrechtmäßige Landnahme im vorhergehenden Jahrhundert bot. Dabei beriefen die Indianer sich auf den Vertrag von Fort Laramie aus dem Jahre 1868, der jedem Indianer aus den Stämmen, die diesen Vertrag unterzeichneten, die Nutzung von ehemaligem Bundesgebiet zusagte, falls dieses nicht mehr gebraucht würde. Allerdings verlief diese Aktion erst einmal erfolglos.
Viele der Aktivisten kamen aus der jungen Generation der ‚urban Indians‘, die im Zuge des staatlichen Umsiedlungsprogrammes (Relocation) in den kalifornischen Großstädten wie Los Angeles und San Francisco lebten und sich im Umfeld des San Francisco Indian Center zum „United Bay Council of American Indian Affairs“ zusammengeschlossen hatten. Hier fanden sie ein Forum, um Probleme wie Landfragen, mangelnde staatliche Fürsorge und Souveränitätsrechte der indigenen Völker zu diskutieren.
Nachdem ein Brand am 10. Oktober 1969 das San Francisco Indian Center vernichtet hatte, trafen sich darauf am 9. November knapp einhundert Indianer aus der Bay Area am Pier 39 des Fishermen‘s Wharf, um von dort per Boot auf die Insel überzusetzen. Allerdings fehlten erst einmal die hierfür erforderlichen Boote. Dem Chippewa Adam „Fortunate Eagle“ Nordwall, der auch an der Gründung des United Bay Area Council of American Indian Affairs beteiligt war, gelang es dann doch noch, ein kanadisches Segelboot aufzutreiben, dessen Besitzer bereit war, 75 Natives zu einer symbolischen Protestumrundung der Insel mitzunehmen. Auf halber Strecke sprang der Aktivist Richard Oakes, der später in der Anfangszeit als Hauptsprecher der Besetzter auftrat und den Leonard Peltier 1970 bei der Besetzung von Fort Lawton kennenlernen sollte, über Bord, um zur Insel zu schwimmen. Bevor der Besitzer des Segelskippers abdrehen konnte, um andere Mitfahrende daran zu hindern, dem Beispiel Oakes‘ zu folgen, sprangen dennoch einige von ihnen hinterher. Aufgrund der Strömung und Gezeiten erreichten sie die Insel allerdings nicht und mussten von der Küstenwache aus dem eiskalten Wasser geholt werden. Einer anderen kleinen Gruppe gelang es nach Rückkehr an Land, einige Fischer dazu zu überreden, sie für eine Nacht auf die Insel zu bringen. Doch die eigentliche Besetzung erfolgte erst am 20. November 1969, allerdings ohne „Fortunate Eagle“, dem viele junge Aktivisten aufgrund seines Alters und seines bürgerlichen Lebensstils nicht trauten. „Fortunate Eagle“, der selbst nie zu den Besetzern der Insel zählte, sollte aber in der folgenden Zeit von Land aus zu den wichtigsten Unterstützern werden, wenn es darum ging, die Besetzer mit Lebensmitteln, Geld und auch politisch zu unterstützen.46
Knapp 80 Indianer aus etwa 20 Stämmen setzten mit drei Booten am 20. November auf die Insel über. Bereits zehn Tage später lebten knapp 600 indianische Besetzer aus über 50 Stämmen auf Alcatraz. Die friedliche Besetzung sollte über anderthalb Jahre bis zum 11. Juni 1971 dauern und sorgte für weltweites, mehrheitlich positives Medienecho, nicht zuletzt aufgrund der ironisch-humorvollen Proklamation der Besetzergruppe, die sich unter dem Namen „Indianer aller Stämme“ (Indians of All Tribes), konstituierte:
An den großen Weißen Vater und alle seine Kinder!
Wir, die eingeborenen Amerikaner, fordern im Namen aller amerikanischen Indianer das Land, das als Insel Alcatraz bekannt ist, zurück. Es steht uns rechtens zu, da wir seine Entdecker sind. Wir wollen gerecht und ehrenhaft mit den kaukasischen (Anm. d. Verf.: im englischen Sprachraum synonym für „europäische“ und „hellhäutige Menschen“) Bewohnern dieses Landes umgehen, und wir bieten hiermit den folgenden Vertrag an:
Wir wollen besagte Insel Alcatraz für 24 Dollar in Glasperlen und rotem Tuch erwerben. Der weiße Mann hat uns mit dem Kauf einer ähnlichen Insel vor 300 Jahren ein Beispiel gegeben. Wir wissen, dass 24 Dollar in Handelsgütern für diese 16 Morgen Land mehr sind, als beim Verkauf der Insel Manhattan gezahlt wurde, aber wir wissen, dass der Boden seither im Wert gestiegen ist. Unser Angebot von 1,24 Dollar pro Morgen liegt über den 47 Cent pro Morgen, die die weißen Männer jetzt den Indianern Kaliforniens für ihr Land zahlen.
Wir werden allen Bewohnern dieser Insel ein eigenes Stück Land geben, das sie auf ewig – solange die Sonne aufgeht und die Flüsse sich ins Meer ergießen – behalten sollen und für das die Behörde für die Angelegenheiten der amerikanischen Indianer und das Büro für kaukasische Angelegenheiten als Treuhänder eingesetzt werden sollen. Wir werden die Bewohner außerdem in der richtigen Art zu leben unterweisen. Wir werden ihnen unsere Religion, unsere Erziehung, unsere Lebensform anbieten, um ihnen zu helfen, auf den Stand unserer Zivilisation zu kommen und auch all ihre weißen Brüder aus ihrem barbarischen und unglücklichen Zustand zu befreien. Wir unterbreiten diesen Vertrag in gutem Glauben, und wir wollen gerecht und ehrenhaft mit allen weißen Menschen umgehen.
Wir sind der Ansicht, dass die sogenannte Alcatraz-Insel nach den Maßstäben des weißen Mannes überaus geeignet für eine Indianerreservation ist. Damit meinen wir, dass dieser Ort mit den meisten Indianerreservationen Folgendes gemeinsam hat: Er ist von allen modernen Einrichtungen abgeschnitten und besitzt keine angemessenen Transportmittel.
Es gibt kein frisches und fließendes Wasser.
Die sanitären Anlagen sind unzureichend.
Öl und andere Bodenschätze sind nicht vorhanden47
Es gibt keine Industrie. Die Arbeitslosigkeit ist also sehr groß.
Es gibt keinen Gesundheitsdienst.
Der Boden ist felsig und unfruchtbar. Es gibt kein Wild.
Es gibt keine Schulen.
Die Bevölkerungszahl war im Verhältnis zu den Erwerbsmöglichkeiten des Landes immer zu groß.
Die Bevölkerung ist immer in Gefangenschaft und in Abhängigkeit gehalten worden.48
Nach dieser eher ironischen Einleitung folgte eine Aufzählung, welche indianischen Einrichtungen auf der Insel gegründet werden sollten, darunter ein indianisches Zentrum für Ökologie, ein Zentrum für amerikanische Eingeborenenstudien mit angeschlossenen Wanderuniversitäten, ein geistig-kulturelles Zentrum und eine Ausbildungsstätte inklusive Zentrum für indianische Kunst und indianisches Handwerk. Zusätzlich sollte in einem Gefängniskomplex ein umfassendes Museum mit Zeugnissen aus der indianischen Geschichte entstehen.
Die materielle und ideelle Unterstützung der Besetzer riss nicht ab. Rockbands wie Creedence Clearwater Revival, The Grateful Dead und auch die Dubliners, Schauspieler wie Jane Fonda und Marlon Brando und tausende amerikanische Bürger unterstützten die Aktion. Die Band Creedence Clearwater Revival gab auf einem Boot vor der Insel ein Benefizkonzert und spendete dann den Besetzern das Boot sowie Geld für Lebensmittel. Die CLEARWATER, so der Name des Bootes, diente dazu, dass die Besetzer mit Lebensmitteln und sonstigen Waren beliefert werden konnten. Ein Bombenanschlag machte das Boot allerdings später unbrauchbar. Ortszeugen bekundeten gegenüber dem Autor, dass hinter dieser Aktion zweifelsohne Polizeikräfte standen.
Die Besetzung von Alcatraz hatte einen Doppeleffekt inner- und außerhalb der indianischen Communities. Außerhalb der indianischen Bevölkerung machte die Aktion auf Lage und Geschichte der amerikanischen Ureinwohner aufmerksam und führte auch außerhalb der USA zu einer breiten Solidarisierung mit den Anliegen der indianischen Besetzer.
„Für die Native Americans, vor allem in den USA und Kanada, war Alcatraz ein deutliches Symbol, dass zum ersten Male im 20. Jahrhundert die indianische Bevölkerung samt deren Interessen ernst genommen wurde“49
„Die Bewegung gab mir meine Würde zurück und gab den indianischen Völkern ihre Würde zurück. Es startete mit Alcatraz, wir erhielten unseren Stolz, unsere Würde und Menschlichkeit zurück.“50
Und Leonard Peltier formulierte die Bedeutung von Alcatraz wie folgt: „Ich spürte die Begeisterung darüber –, die guten Gefühle, die Freude, unsere Leute mit erhobenem Haupt zu sehen und zu beobachten. Davor hattest du das nicht. Du hattest Vollblut-Indianer, die behaupteten Halbblut, Halbblut-Indianer, die behaupteten Viertelblut und Viertelblut-Indianer, die behaupteten Weiße zu sein.“ 51
In einer ersten Reaktion verkündete die amerikanische Regierung die Absicht, die Insel polizeilich zu räumen. Doch die Besetzer ließen durch ihren Sprecher, den 27-jährigen Mohawk Richard Oakes, verkünden, dass sie die Insel verteidigen würden. Vielmehr bestand Oakes auf Verhandlungen mit dem damaligen amerikanischen Innenminister, der dann allerdings lediglich seine Vertreter als Unterhändler schickte. Es begann ein zähes Tauziehen zwischen beiden Seiten über die anhaltende Besetzung, die sich nun in den Winter hineinzog. Doch in dieser Zeit wurde die Besetzung mehr und mehr ausgebaut und Alcatraz zum Zentrum der Red Power-Bewegung. Der Tuscarora-Häuptling „Mad Bear“ Anderson, der bereits 1959 mit seiner Reise zu Fidel Castro nach Kuba für Furore gesorgt hatte, begann mit seinem Unterricht für die auf Alcatraz lebenden Kinder und Jugendlichen über indianische Geschichte und Kultur. Mitglieder des 1968 gegründeten American Indian Movement kamen aus den verschiedensten Teilen der USA angereist, ebenso Vertreter der 1969 gegründeten indianischen Zeitschrift „Akwesasne Notes“, um an der ersten „Nationalen Konferenz der Indianer aller Stämme“ teilzunehmen. Im Zentrum des Treffens stand auch die Frage, wie auf der Insel eine möglichst dauerhafte Besetzung und funktionierende Organisationssruktur entstehen und aufrechterhalten werden könnte. Im März 1970 schlug die US-Regierung vor, dass ein Teil der Besetzer dort weiter bleiben könnte, die Insel jedoch in eine Art indianischen Nationalpark umgewandelt werden sollte (… und somit automatisch unter US-Aufsicht käme).
Die Antwort der Besetzer, zu denen längst auch der spätere AIM-Sprecher, Musiker und Schauspieler John Trudell (u. a. zu sehen in dem Film „Halbblut“; verstorben 8.12.2015) zählte, war ein deutliches Nein. „Wir wollen keinen Besucherpark mit niedlichen Indianerstatuen … wir wollen ein Alcatraz für Indianer, nicht für lüsterne Touristen.“52
Daraufhin sperrte die Regierung die Strom- und Trinkwasserversorgung für die zeitweise bis zu 1.000 anwesenden Indianer und deren Unterstützer. Derweil trafen am Pier 40 von Fishermen´s Wharf immer mehr Lebensmittel-, Gebrauchsgegenstände- und Geldspenden für die Besetzer ein.
„Im Frühsommer 1971 beschloss die US-amerikanische Regierung, die Insel gewaltsam zu räumen. Der Zeitpunkt schien günstig, weil laut Berichten zur Zeit nur elf bis 15 Indianer auf der Insel ausharrten, aber vermutlich mit dem Einsetzen der Ferien wieder Zulauf von Studenten bekommen würden. (Viele der Besetzer waren in den USA unterwegs, um die indianische Bevölkerung über Alcatraz zu informieren und bei ähnlichen Aktionen zu beraten; der Verf.) Regierungsbeamte machten außerdem geltend, dass der Zeitraum von jetzt bis zur nächsten Wahl lang sei, so dass die Öffentlichkeit die Angelegenheit wieder vergessen würde, selbst wenn es dabei zu unschönen Szenen käme. Am 11. Juni 1971 riegelte die Küstenwache die Insel ab, und etwa 30 FBI-Agenten brachten die verbliebenen indianischen Aktivisten, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, aufs Festland.“53
American Indian Movement
It was like in the days of the ghost dance. There was a whispering in the air, a faint drumbeat, a hoof beat. It became a roar carried by the four winds: “A nation is coming, the eagle brought the message.” What was coming called itself AIM, the American Indian Movement.54
(Leonard Crow Dog)
Bereits ein Jahr vor der Besetzung von Alcatraz fand in Minneapolis, der Hauptstadt Minnesotas, eine Versammlung von 200 Indianern mit dem Ziel statt, der indianischen Bürgerrechtsbewegung mit einer neuen Gruppe mehr Gewicht zu geben. Es war das Jahr 1968, das Jahr internationaler Studentenrevolten (Paris, Mexiko-City, Berlin, Frankfurt am Main, Berkeley), weltweiter Demonstrationen gegen den Krieg in Vietnam, des durch die Truppen des Warschauer Paktes zerschlagenen Versuchs, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz in der CSSR zu entwickeln und zu etablieren, der Schüsse auf den deutschen Studentenführer Rudi Dutschke, der Morde an dem schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King und dem US-Senator Robert F. Kennedy. 1968 steht als Synonym für weltweite politische und kulturelle Aufbruchsstimmung, Jugendrebellion, Manifestation außerparlamentarischer Opposition und zunehmende Solidarität mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt sowie ethnischer Minderheiten in den Industrienationen der westlichen Welt (z. B. Black & Red Power).
Im Juli 1968 gründeten die beiden Chippewa-Indianer Dennis Banks und Clyde Bellecourt, gemeinsam mit George Mitchell und Eddie Benton Banai das American Indian Movement (AIM), wobei das Akronym gleichzeitig ein Apronym für das Wort Ziel (aim) ist. Dabei sollte die Gruppe zuerst Concerned Indians of America (so viel wie: Besorgte Indianer Amerikas) heißen, nachdem man jedoch bemerkte, dass die Abkürzung CIA lauten würde (die ins Deutsche übersetzte Abkürzung BIA wäre da wohl auch kaum besser gewesen), einigten sich die Anwesenden nach einer Intervention von vier Frauen auf „American Indian Movement“.
In der Foto-Ausstellung „I´m Not Your Indian Anymore“, die Mai/Juni 2013 in der All My Relations-Gallery, Minneapolis, zu sehen war, fand ich hierzu folgendes Exponat. „Clyde H. Bellecourt, gewählter Vorsitzender des Büros der vor kurzem gegründeten ‚Concerned Indians America Coalition (CIA)‘ … wurde mit vier wunderbaren Müttern der Red Lake Nations, die in Minneapolis lebten, konfrontiert. Diese Frauen waren Alberta Downwind, Frannie Robertson, Caroline Dickenson und Joanna Strong. Alberta äußerte ihr Anliegen außerhalb des Büros in der East Franklin Ave. Das nun folgende Gespräch verlief in etwa so:
Alberta: Clyde, wir möchten, dass du/ihr unsere Organisation AIM nennt.
Clyde: Wieso AIM?
Alberta: Okay, ihr zielt darauf ab, etwas gegen die ärmlichen Wohnbedingungen der indianischen Leute zu unternehmen; ihr zielt darauf ab, etwas gegen den täglichen Rassismus, den unsere Leute erfahren, zu unternehmen; ihr zielt darauf ab, etwas den Lügen entgegenzusetzen, mit denen unsere Kinder in dem öffentlichen und religiös-öffentlichen Schulsystem unterrichtet werden; ihr zielt darauf ab, etwas gegen die Polizeibrutalität, die schlechten Gesundheitsbedingungen …
Clyde: Aber was soll AIM bedeuten?
Alberta: American Indian Movement.
Clyde: Aber wir wollen nicht mehr Indianer genannt werden, nur weil ein Pirat wie Kolumbus einige tausend Meilen von seinem Kurs abkam.
Alberta: Hör zu, Clyde, Indianer ist das Wort, das sie nutzen, um uns zu unterdrücken, und Indianer ist das Wort, das wir nutzen,um unsere Freiheit zu erlangen.
Unser Vorstand stimmte in dieser Nacht zu, AIM zu werden.
Die meisten, die heute in Deutschland oder Europa an AIM denken, erinnern sich an spektakuläre Widerstandsaktionen wie an den „March of Broken Treaties“ 1972 in Washington, die Besetzung und Belagerung von Wounded Knee 1973, den Angriff auf das Gerichtsgebäude in Custer oder Aktionen auf dem Mount Rushmore Monument in den Black Hills. In unseren Vorstellungen dominieren Bilder von bewaffneten Indianern und militanten Aktionen. Doch tatsächlich war AIM erheblich mehr.
Die Wurzeln von AIM lagen in den Diskussionen, die Clyde Bellecourt und Dennis Banks während ihrer Haft wegen Diebstahls im Gefängnis von Stillwater, Minnesota, über das Abgleiten der indianischen Bevölkerung in den Teufelskreis von Kriminalität, Rassismus, Justiz und Gewalt führten. Viele Natives lebten damals von ihrer Herkunft entwurzelt in den Metropolen oder als nomadische Wanderarbeiter einer mehr und mehr industriellen Landwirtschaft. Beobachtet wurde, dass in den Städten überproportional viele Native Americans durch die Polizei kontrolliert, schikaniert und inhaftiert wurden. In den Bundes- und Staatsgefängnissen der USA waren Native Americans enorm überrepräsentiert.
So waren in Montana zwar lediglich 6 % der Bevölkerung indianischer Herkunft, doch machten indianische Häftlinge 17,3 % der Insassen aus. Und in Minnesotas Hauptstadt Minneapolis waren gar 70 % der Insassen Native Americans, obwohl diese lediglich 10 % der Stadtbevölkerung ausmachten.55
Vor allem in den Frühlingsmonaten verstärkten sich die polizeilichen Kontrollaktionen gegenüber der indianischen Bevölkerung in den großen Städten, denn für die Arbeit in den verschiedensten Kommunalprojekten oder Arbeitshäusern wurden unbezahlte Arbeitskräfte benötigt. Die Polizei konzentrierte sich vor allem auf die Bars, wo sich vorwiegend indianische Gäste trafen, und vollzogen dort über das Wochenende Massenfestnahmen wegen Trunkenheit und anderer Ordnungswidrigkeiten. Nach dem Wochenende, wenn Stadien, Parks oder Tagungszentren gereinigt waren, wurden die Inhaftierten wieder freigelassen, damit sie an ihre Arbeitsstellen zurückkehren konnten.
Analog der zwei Jahre zuvor in Oakland, Kalifornien, durch Huey P. Newton und Bobby Seale gegründeten Black Panther Party for Self-Defense sollte eine indianische Bewegung entstehen, die Schutz vor rassistischer Justiz und polizeilicher Schikane bieten sollte. Aufgrund eigener Erfahrungen mit Polizei und Justiz, alle vier Führungspersönlichkeiten der AIM-Gründungsversammlung waren Ex-Häftlinge und immer wieder auch Opfer willkürlicher Polizeigewalt gewesen, gründeten Bellecourt, Banks, Mitchell und Banai die Minneapolis Patrol, aus der dann später AIM hervorging.
Diese Straßenpatrouillen beobachteten, ausgerüstet mit Motorrädern, Kameras und drei rotlackierten Autos, die Kontrollaktionen der Polizei gegen indianische Jugendliche, folgten nach Festnahmen bis in die Polizeireviere, um dort etwaigen polizeilichen Misshandlungen entgegenzuwirken und anwaltliche Vertretungen zu organisieren. Begleitet wurden diese Patrouillen teilweise durch den Fotografen Roger Woo, der immer wieder die Opfer polizeilicher Brutalität fotografierte, um somit Beweise gegen die Polizei vorlegen zu können. Nach vier Monaten war die Anzahl der Straßenkontrollen und Festnahmen von Indianern fast auf null zurückgegangen. Nun waren aber umso häufiger die indianischen Straßenpatrouillen Angriffsziel brutalster polizeilicher Übergriffe. Bei einer solchen Polizeiattacke wurde Clyde Bellecourt so erheblich verletzt, dass er anschließend noch lange an den Folgen eines Kieferbruches litt.
AIM bot juristische Beratung jedoch nicht nur bei Fällen institutioneller Willkür und Rassismus von Seiten der Polizei an, sondern auch in allen anderen lebensrelevanten Belangen. Als Reaktion auf das Leben vieler Stadtindianer in den Armutsregionen der Großstädte wurden zusätzlich Sozial-, Gesundheits- und Bildungsprojekte initiiert, Ausbildungs- und Arbeitsplätze in Kleinbetrieben geschaffen, indianische Volksküchen organisiert und Programme für alkohol- und drogengefährdete Natives entwickelt und angeboten. „Einer Menge indianischer Jugendlicher, die suchtgefährdet waren oder Gefahr liefen, auf die schiefe Bahne zu geraten, bot AIM die Chance zu Neubesinnung und Identitätsfindung.“56
Auch auf die Bedeutung der Indian Survival Schools muss an dieser Stelle hingewiesen werden. Diese Schulen, die mit der Absicht gegründet wurden, jungen Natives alternative Lernerfahrungen zur „weißen Durchschnittsschule“ oder schlecht ausgestatteten Reservationsschule zu ermöglichen, unter anderem um sich so wieder der eigenen Kultur anzunähern, tragen in sich viele Elemente der heutigen bildungspolitischen Debatte um Formen „anderen Lernens“, wie sie seitens neurowissenschaftlicher und pädagogischer Sicht aktuell auch in Deutschland geführt wird.57 Allein in Minneapolis war das AIM Motor für die Gründung des Minneapolis American Indian Centers, des Legal Right Centers, des Minneapolis Indian Health Boards und für zwei Schulprojekte, die junge Menschen vom Vorschulalter bis zur 12. Klasse aufnahmen.
Doch das American Indian Movement leistete auch Solidaritätsund Sozialarbeit in Krisen- und Katastrophensituationen. Als im Juni 1972 in Rapid City, Süd-Dakota, der Rapid Creek sowie dessen Stausee nach heftigen Regenfällen und dem Anschwellen der Zuflüsse über die Ufer trat, Teile von Rapid City überschwemmt wurden und 238 Menschen in Folge der „Black Hills Flood“ starben, war AIM eine der ersten Gruppen, die sofort mit aktiver Hilfe zur Stelle waren.
„Wir arbeiteten, um die Leichen zu bergen, Unterkunft für die plötzlich obdachlos gewordenen Menschen zu finden und verteilten Lebensmittel und Decken, gewährten allen, die es benötigte, Hilfe – gleich ob Indianer oder Weiße.“58
Mit zunehmender Popularität wurde das AIM immer häufiger auch im Kontext anderer politischer Auseinandersetzungen um Unterstützung angefragt, so zum Beispiel in Fällen betrügerischer Unregelmäßigkeiten bei Stammesratswahlen oder gegen die Unterdrückung von Minderheiten in Europa (z. B. der Basken in Spanien).
AIM war also von Anfang an nicht nur eine Selbstverteidigungsbewegung, sondern eine sich sozial engagierende Organisation mit vielen konstruktiven Elementen, wobei der Begriff „Organisation“ hier näher zu definieren wäre. Zwar gab und gibt es im AIM Funktions- (z. B. Sicherheitsverantwortliche) und Führungsverantwortliche (Board of National Directors, National General Council, später Grand Governing Council-AIMGGC, Bureau of Speakers). Doch generell gilt: AIM ist eine Bewegung, und zu dieser gehört, wer mitmacht, ohne bürokratisches Aufnahmeverfahren und Mitgliedsausweis. AIM als Sammlungsbewegung war sehr schnell in lokale und regionale Chapters (1973 gab es bereits 79 Chapter) organisiert, die wiederum ihre eigenen Funktions- und Führungspersönlichkeiten hatten. Ab den 70er Jahren entwickelten sich dann auch außerhalb der USA AIM-Chapter (Südamerika, Kanada) und AIM-Supportgroups (Europa).
„Papa, wo waren denn eigentlich die Indianer, bevor Kolumbus Amerika entdeckte?“ Diese Frage, die Michele Means ihrem Vater, dem späteren AIM-Aktivisten, Russell Means 1969 einen Tag vor den Kolumbustag-Feierlichkeiten stellte, weist auf eine weitere wichtige Bedeutung von AIM hin.59
Mit dem AIM entstand und entwickelte sich nämlich verstärkt auch eine breite Suche nach den eigenen kulturellen Wurzeln, nach indianischer Geschichte und Identität. Und so kamen viele der politisierten Stadtindianer erstmals wieder in Kontakt mit traditionellen Natives in den Reservationen. Erst nach über einem Jahr wurde die neue Bewegung in den Reservaten überhaupt wahrgenommen.
AIM war sehr schnell mehr als nur eine weitere ethnische Widerstandsbewegung Ende der 60er Jahre. „AIM war zuallererst eine spirituelle Bewegung, eine religiöse Wiedergeburt und dann erst die Wiedergeburt von Würde und Stolz der indianischen Völker“60, wobei Begriffe wie „Spiritualität“ und „Wiedergeburt des Religiösen“ nicht mit Esoterik und New Age gleichgesetzt werden dürfen. Die Umschreibung „zuallererst“ verweist dabei nicht auf die chronologische Entwicklung, sondern eher auf eine sich entwickelnde Prioritätensetzung im Laufe der Zeit.
„Am Anfang ging es noch nicht um Spiritualität, darüber wussten wir auch zu wenig. Anfangs waren wir eine Selbstverteidigungsgruppe. Und wir schauten auch bei den Black Panthers, was die an Sozialprogrammen hatten, und begannen eigene Sozialprogramme aufzubauen. Doch mit der Zeit entdeckten wir mehr und mehr unsere Kultur, unsere Traditionen und damit auch die Bedeutung von Spiritualität“, so Dennis Banks in einem Gespräch mit dem Autor 2012 in Rapid City. Zwar gehörten auch Auseinandersetzungen zur Verbesserung der sozioökonomischen Situation der indianischen Bevölkerung zu den Anknüpfungspunkten von AIM-Aktionen, zentral im Fokus jedoch standen sie nicht. Hier stand die Thematisierung und Bekämpfung der anhaltenden Kolonialisierung der Native Americans durch die US-Regierung.
Das American Indian Movement verstand und versteht sich als ein in der Tradition der Warriors oder Kriegergesellschaften stehendes Intertribal Movement, also als eine stammesübergreifende Bewegung, die sich und andere indianische Aktivisten und Bewegungen bei den unterschiedlichsten Konflikten gegenseitig unterstützt. Bis zum spektakulären „March of Broken Treaties“ im November 1972 nahm AIM an über 150 indianischen Demonstrationen und anderen Protestaktionen nicht nur teil, sondern organisierte diese oftmals auch entscheidend mit. Ein weiterer wichtiger, aber nur wenig bekannter Schwerpunkt bestand in der Akquise von Geldern für indianische Belange.
Vor allem christliche Kirchen, die weltweit im Namen indianischer Kinder und Reservationsbewohner um Geldspenden warben, diese jedoch selten dem angegebenen Zwecke zuführten, wurden 1969 beim Treffen des National Council of Churches mit einer Reihe von Forderungen konfrontiert: Spenden, die für die Unterstützung von Indianern gesammelt wurden, seien ausschließlich hierfür einzusetzen; das Gremium, das die Spenden kontrolliere, solle zukünftig auch eine indianische Mehrheit und einen indianischen Vorsitzenden haben; jede Kirche solle hierfür eine eigene verantwortliche Struktur aufbauen. Mit dieser Aktion von AIM gelang es, dass christliche indianische Gruppen in den Folgejahren mehrere Millionen Dollar für ihre Arbeit in Reservationen erhielten.
Es waren dann jedoch eher Aktionen wie in Washington, Fort Lawton, Wounded Knee, Custer oder später auch in der Menominee-Reservation, die AIM zur Projektionsfläche für viele nichtindianische „Jungrebellen“ in den USA und Europa machte. Aber gerade die aufkommende skeptische Ablehnung westlich-europäischer Denkstrukturen bei dem gleichzeitigen Versuch, wieder an traditionelle Denk- und Lebenshaltungen anzuknüpfen, führten eher zur Ablehnung solcher Projektionen, hinter denen manche AIM-Aktivisten die Gefahr einer drohenden Funktionalisierung als „revolutionäres Potential für höhere, von außen definierte Revolutionsziele“ aufziehen sahen.
Claus Biegert beschrieb diese Situation AIMs, einen eigenen „roten Weg“ zu finden, bereits Mitte der 70er Jahre sehr deutlich:
Gemeinsamkeiten des Kampfes sehen die Indianer eher bei den vietnamesischen Bauern, die ebenfalls von einer Landbasis aus um kulturelle und nationale Identität kämpfen, als etwa bei der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen, die häufig kritisiert wird als der Versuch, über systemimmanente Reformen sich den Status der dominanten weißen Mittelklasse zu erkämpfen … Aktionseinheit wird daher nur mit solchen Minoritätengruppen gesucht, die reformistische Bestrebungen dieser Art als anti-emanzipatorische Strategien durchschaut haben, wie die Black Panthers, die Chicanos und die puertoricanische Minderheitenorganisation Young Lords. Genauso entschieden grenzen sich die neuen Indianer gegen Versuche ab, sie in eine dogmatisch marxistisch-leninistische Bewegung westlicher Provenienz einzuordnen.61
Weiter zitiert Biegert die Winnebago-Indianerin Shirley Keith:
Wenn ich hier eine marxistische Ideologie für die Indianer entwickeln würde, dann würde ich Lügen erzählen. Ich würde erzählen, was viele von euch hören wollen, aber ich will die Wahrheit sagen und die politische Entwicklung so darstellen, wie sie ist. Wir sahen in Alcatraz keinen von den weißen Linksradikalen – sie blieben wohl hinter den Felsen von San Francisco versteckt. Es waren die Minoritätsgruppen, die Arbeiter und Gewerkschaften, die uns halfen; nicht die Weißen und Radikalen und die weißen Liberalen.
Ich möchte dies zum Sozialismus sagen: Ich glaube, dass wir Indianer die ersten amerikanischen Sozialisten waren, und wir hatten einen Sozialismus der reinsten und freiesten Art, nicht repressiv wie in Osteuropa. Wenn nun aber weiße Radikale, die nicht erscheinen, wenn sie gebraucht werden, einem Indianer etwas über Sozialismus erzählen und behaupten, das wäre die Lösung unserer Probleme, dann erinnern sie mich sehr stark an die Missionare, die auch behaupten, die Lösung für alle Probleme zu kennen.62
Seit den Besetzungsaktionen in Fort Lawton und am Mount Rushmore 1970 sowie einer ehemaligen Raketenbasis in Richmond, Kalifornien 1971, des BIA-Gebäudes in Washington 1972 und der Ortschaft Wounded Knee in der Pine Ridge Reservation 1973 geriet das AIM zunehmend in den Fokus der amerikanischen Polizei und Geheimdienste. Führten die oben genannten Aktionen bei vielen jungen Europäern eher zu einer Verklärung des indianischen Widerstandes, so wurde AIM durch die amerikanischen Polizei- und Geheimdienstbehörden als extremistische, kommunistische Guerillatruppe eingestuft, die zu jeder Art von Terror bereit war. Es waren vor allem konservativ-reaktionäre Politiker und Medien, die in der Öffentlichkeit von AIM das Bild einer Horde von kriminellen Wilden gesteuerter Terroristen zeichneten, die planten, das Land mit Bombenabwürfen, Sprengstoffanschlägen und Massenmorden mittels vergiftetem Trinkwasser destabilisieren zu wollen.
In dieser Tradition ist auch das geschickt manipulative Buch „AIM - American Indian Mafia“ des ehemaligen FBI-Spezialagenten Joseph Trimbach geschrieben, eben jenes FBI-Agenten, der maßgeblich für den FBI-Einsatz bei der Besetzung Wounded Knees mitverantwortlich war und der 2009 im Vorfeld der Begnadigungsanhörung Leonard Peltiers Präsident Obama immer wieder aufforderte, Peltier niemals freizulassen.63
Unzweifelhaft waren einzelne AIM-Aktivisten bewaffnet und auch bereit, bei ihren Aktionen die Grenzen zur Legalität zu überschreiten und dabei ihr eigenes Leben einzusetzen. Und wie in allen sozialen Bewegungen gab es Kontroversen über Militanz und deren Grenzen. So waren für Vernon Bellecourt (1931 - 2007), älterer Bruder des AIM-Mitgründers Clyde Bellecourt und langjähriger AIM-Leader, einige AIM-Aktivisten, die ihm in Washington oder auch in Custer auffielen, als diese Feuer legen wollten und Brandsätze warfen, suspekt. Solche Aktionen fanden nicht bei allen AIM-Führern Zustimmung. Erst später stellte sich die Frage, ob es sich hierbei einfach um militante Aktivisten oder um eingeschleuste Provokateure handelte. Solche Fragen nahmen nach den Zwischenfällen von Oglala 1975 eine noch größere Bedeutung ein64; denn längst war AIM in den Fokus des FBI und anderer polizeilicher Geheimdienste geraten, um analog den Black Panthers nun auch den indianischen Widerstand zu zerschlagen. Die Methoden blieben gleich. Diese waren: die Unterwanderung der Bewegung durch Provokateure, das gegenseitige Ausspielen zentraler AIM-Aktivisten, aber auch Kriminalisierung, Strafverfolgung und Mord.
Der Tod der beiden FBI-Agenten Coler und Williams nach dem Schusswechsel auf dem Jumping Bull Gelände bei Oglala diente zur weiteren Kriminalisierung des indianischen Widerstandes und Kampfes um Souveränität, zur Verfolgung von AIM-Aktivisten und zu einer öffentlichen Stimmungsmache, in der AIM als gefährlichste Terrorgruppe der USA gebrandmarkt wurde. Im Laufe dieser Zeit zeigte die Unterwanderungsstrategie der Geheimdienste, die sogenannte COINTELPRO-Strategie, bereits ihre fortgeschrittene Wirkung. Einzelne Aktivisten misstrauten sich gegenseitig, diffamierten sich wechselseitig als FBI-Agenten oder liquidierten sich sogar gegenseitig. Das Misstrauen innerhalb der Bewegung wurde immer größer und nahm in einzelnen Fällen paranoide Züge an, doch wie sich anhand des FBI-Informanten Douglas „Doug“ Durham zeigte, nicht ohne konkreten Anlass.
Auf Empfehlung von Ron Petite (AIM Office, Des Moines, Iowa) stellte Douglas Durham sich 1973 Dennis Banks, Russell und Ted Means, Clyde und Vernon Bellecourt und einigen weiteren Anwesenden als ehemaliger Polizist vor, der vom Dienst entlassen worden sei und bereits seit längerem mit AIM sympathisiere, so dass er sich mit seinen Kompetenzen gerne auch für AIM engagieren würde. Er könnte sich vorstellen, als Bürokraft und auch als Fotograf für AIM zu arbeiten, und hätte außerdem eine Pilotenlizenz. Obwohl acht von zehn AIM-Leadern misstrauisch blieben und Vernon Bellecourt Durhams Einstieg bei AIM, auf die frühere Polizeitätigkeit Durhams hinweisend, mit den Worten „Einmal Schwein, immer Schwein“ ablehnte, bekam Durham seine Chance.
Dennis Banks sagte hierzu später:
… AIM hatte nichts zu verbergen … Er kann uns nicht schaden, lasst ihn für uns arbeiten, mal sehen ob er uns helfen kann. Und er konnte. Doug hatte viele Fähigkeiten; ich konnte mich auf ihn verlassen. Nach Wounded Knee wurde mir eine ständige Security angeraten, und als mein Bodyguard war er bewaffnet und ich war dies nicht, und er hatte einige Möglichkeiten mich an abgelegene Stellen zu bringen, die er jedoch nicht nutzte … Egal, einige trauten ihm von Anfang an nicht, und nach einem Jahr misstrautem ihm auch viele andere.65
In den folgenden zwei Jahren gelang es Durham als Bodyguard von Dennis Banks immer mehr, in die unmittelbare Nähe der AIM-Führung zu gelangen und an den Schaltstellen des Informationsflusses zu sitzen. Immer wieder fiel er dabei durch seine Vorschläge zu besonders militanten Aktionen auf. So regte er an, beim Konflikt in Gresham, Wisconsin, wo die Menominee Warrior Society eine längst leerstehende Abtei besetzte und wo Dennis Banks zwischen den 25 Besetzern und einer zehnfachen Übermacht von Polizei und später National Guard für AIM zu vermitteln versuchte, entgegen dieser deeskalierenden AIM-Strategie den zuständigen Gouverneur zu entführen und bei den Aktionen auch schwere Waffen einzusetzen. Ein anderes Mal schlug er vor, bei einem Flug eine Bombe auf das Haus des damaligen Oberstaatsanwalts und späteren Gouverneur von Süd-Dakota, Bill Jancklow, abzuwerfen. Auch Peltier wurde zunehmend misstrauisch.
Ich mochte ihn nicht, denn unsere Alten trautem ihm nicht. 1974 sahen ihn einige von ihnen Fotos beim Sonnentanz bei Crow Dogs Sonnentanz-Camp machen und wurden misstrauisch. Ich bemerkte auch …, dass er mich von Dennis (Banks; der Verf.) fernhielt, der begann mir die kalte Schulter zu zeigen. Aber zu diesem Zeitpunkt konnte darüber niemand mit Dennis reden …66
Zum Kreise derer, die Banks immer wieder vor Durham warnten, zählte auch Anna Mae Aquash. Die kanadische Mi‘kmaq und AIM-Aktivistin Anna Mae Aquash sollte ein Jahr später, im Dezember 1975, selbst zum prominentesten Opfer einer Diffamierungskampagne werden, in der sie ebenfalls als FBI-Informantin denunziert, gekidnappt und erschossen wurde. Die Täter stammten nach Indizienlage aus dem Umkreis von AIM. Bestimmte Kreise, z. B. um Russell Means, beschuldigten zeitweise u. a. Vernon Bellecourt oder Leonard Peltier, für die Ermordung Aquashs mitverantwortlich gewesen zu sein. Zwar gab es nach der Enttarnung Durhams seitens einiger AIM-Leader auch wütende Statements im Sinne von „Wir sollten mit ihm hinausfahren und ihn erschießen und irgendwo vergraben“, und Anna Mae, die genau auf diese Weise sterben sollte, war angeblich selbst bereit, Durham so zu beseitigen, doch Vernon Bellecourt und Dennis Banks konnten laut eigenem Bekunden die restlichen Anwesenden von solchen Rache- und Vergeltungsgedanken abhalten.67
Letztendlich ist aber die an anderer Stelle dieses Buches ausführlicher beschriebene FBI-Strategie des COINTELPRO bestens aufgegangen, ohne dass sich ein polizeilicher oder polizeilich gedungener Killer dabei die Finger schmutzig machen musste. Anna Mae Aquash wurde 1975 ermordet. Douglas Durham reiste nach seiner öffentlichen Enttarnung durch das AIM im gleichen Jahr völlig unbehelligt durch die USA und hielt Anti-AIM-Vorträge, u. a. für die John Birch Society und andere rechte Organisationen und beschuldigte dabei AIM mit den absurdesten Vorwürfen.
Aufgrund dieser Entwicklung einerseits, aber auch, da nicht alle Natives mit den Strategien und zum Teil militanten Aktionen von AIM einverstanden waren, verlor AIM teilweise an Bedeutung. Auch einige Traditionelle wandten sich von AIM-Aktionen wieder ab, ohne jedoch die Verdienste von AIM zu negieren. „Frank Fools Crow68 hat die emotionale Ambivalenz der Bewahrer überlieferter Werte den Erneuerern gegenüber wie folgt ausgedrückt:
Wir Indianer sind so arm, so enttäuscht und so in unserer Situation gefangen, dass wir glauben, wir hätten nur wenig zu verlieren. Selbst die fragwürdige Beachtung, die AIM findet, brachte da einen dringend nötigen Schub, um unsere Würde und unser Selbstbewusstsein wieder etwas aufzurichten. Wir traditionellen Führer mögen keine Gewalt, deshalb unterstützen wir AIM nicht länger69. Aber sie bewerkstelligten Dinge, die wir mit unseren Methoden nie erreicht hätten.70
Und heute? AIM is still alive. Es gibt nach wie vor Chapters in vielen US-Staaten, Städten und Regionen, aber leider auch anhaltende gegenseitige Beschuldigungen, Verdächtigungen und Angriffe. Und es gibt leider auch immer noch viele Egotrips vor allem ehemaliger männlicher AIM-Galionsfiguren, die verhindern, dass neue Generationen nachwachsen bzw. auch AIM durch mehr Frauen repräsentiert wird. Doch es gibt auch neue Koalitionen. Themen gehen AIM sicherlich nicht aus: da ist nach wie vor der Kampf gegen Rassismus und die Nutzung stereotypischer Darstellungen von Indianern in der Werbung oder als Maskottchen im Sport, gegen die sich die National Coalition On Racism in Sports and Media zur Wehr setzt. Und es gibt weiterhin das Klischee vom ungebildeten faulen oder gewalttätigen „Wilden“. Da ist nach wie vor der Kampf für verbesserte Bildung, die Wiederaneignung der eigenen Sprachen, den Aufbau alternativer Schulen (the Federation of Survival Schools) und die Wiederentdeckung der eigenen kulturellen Wurzeln der jeweiligen Stämme. Da ist und bleibt der Kampf für die Freiheit des indianischen politischen Gefangenen Leonard Peltier, aber auch die Solidarität mit anderen indigenen Widerstands-, Protest- und Selbstbestimmungsbewegungen – in Kanada, den USA, Lateinamerika aber auch in Asien, Australien und Afrika oder im Nahen Osten (z.B. International Treaty Council). Es gibt nach wie vor den Kampf um die juristische Anerkennung der Verträge von Fort Laramie 1868 und die Rückgabe der Black Hills.
Involviert sind AIM-Aktivistinnen und -Aktivisten aber auch in vielen Umwelt- und Menschenrechtskämpfen, sei es gegen den Kohleabbau in der Navajo-Reservation, die Zerstörung der San Francisco Peaks für Skipisten in Arizona, gegen größenwahnsinnige Bauprojekte, gegen Uranabbau und nukleare Endlager oder gegen die Keystone XL-Pipeline. Auch im Sozial-, Gesundheits- und Ernährungs- sowie Rechtsberatungsbereich sind einzelne AIM-Chapter weiterhin aktiv. In Süd-Dakota entstanden neue Gruppen wie AIM Grassroots oder das Native Youth Movement (NYM), in denen sich vor allem traditionell orientierte Lakota organisieren.
Sicherlich, es gibt neben AIM noch viele weitere soziale Bewegungen und politische Gruppen des indianischen Amerika. Zu manchen ist die Grenze fließend, mit manchen wird kooperiert. Prinzipiell gilt, nicht alles ist AIM, was indianischen Widerstand ausmacht. Die Formen des Protests und auch von AIM-Aktionen haben sich verändert.
Wie sagte Dennis Banks, einer der AIM-Gründer Ende Januar 2012 in Stuttgart, sinngemäß:
Wir waren die blutige Generation von Kriegern, zu allem bereit. Wir waren bereit, für unseren Kampf unser Leben zu geben. Heute sind die Politikformen anders. Wir haben indianische Juristen und Ärzte, Professoren und Lehrer, Künstler und Medienspezialisten, die sich für die Rechte der Indigenen einsetzen und auf eine andere Form weiter kämpfen und agieren.
Bei der gleichen Veranstaltung bedankte sich Dennis Banks‘ Tochter bei ihrem Vater für sein Engagement, obwohl er häufig wegen Morddrohungenwegen, Flucht oder bez. und Inhaftierung nicht bei seiner Familie sein konnte. Er habe mit der Gründung von AIM wesentlich dazu beigetragen, dass viele Natives ihre Würde wiedergewonnen haben und sich nun für indianische Belange einsetzen. AIM ist kein Mythos, keine Projektionsfläche für junge Militante, AIM heute ist anders. Nicht alle Natives waren mit AIM einverstanden, und AIM hat auch niemals für sich beansprucht, für alle zu sprechen. AIM war und ist eine soziale Bewegung, eine spirituelle Bewegung, vielleicht hier und da auch immer noch militant – auf alle Fälle aber radikal.
Und natürlich gibt es sicherlich auch über manche AIM-Positionen und auch AIM-Aktionen Kritisches anzumerken. Zu den AIM-internen Auseinandersetzungen, die auf die Zerschlagungsstrategie amerikanischer Geheimdienste, allen voran des FBI, zurückzuführen sind, werden wir hier nicht näher im Detail eingehen. Doch bieten sie sich als Lehrbeispiele dafür an, wie soziale Bewegungen – vor allem militante Gruppen – durch Infiltration, Denunziation und Liquidierungen gespalten und letztendlich zerstört werden können.
Ein Verdienst ist AIM nicht abzusprechen: Mit AIM fanden viele Native Americans wieder ihre Würde, ihre Wurzeln zurück, um sich mit Mut und Wut auf den eigenen Weg zu machen – auch gegen den Mainstream der materialistischen Welt und der kapitalistischen Verwertungslogik von Mensch und Natur. Oder um es mit den Worten von Birgil Kills Straight und Richard La Course zu sagen:
Dinge werden niemals so sein, wie sie waren, und das ist es, was AIM ausmacht … Sie werden respektiert von vielen, gehasst von manchen, aber sie werden niemals ignoriert. Sie sind der Katalysator für die indianische Unabhängigkeit … Das American Indian Movement ist folglich die Warrior Class des Jahrhunderts, … die mit ihren Körpern wählt statt mit dem Mund … Ihr Geschäft ist die Hoffnung.71
Leonard Peltier formulierte dies wie folgt:
Man darf das AIM nicht mit einer Einzelperson oder mehreren Einzelpersonen verwechseln, die sich AIM auf ihr Banner schreiben – egal, wie würdig oder unwürdig sie dessen sind. … Ich habe im Laufe der Jahre eine Menge Kritik an den oft im Widerspruch zueinander stehenden Führern und Sprechern vom AIM gehört … An Männern wie Dennis Banks und Leonard Crow Dog und Eddie Benton-Banai und den Means-Brüdern und den Bellecourts und John Trudell und vielen anderen. Keiner von ihnen war – oder ist vollkommen, genauso wenig wie ich. Aber dies waren die Männer, die für ihr Volk aufgestanden sind, als die Zeit dafür gekommen war … Jeder von ihnen stellte sich allein allem Widerstand entgegen und steckte die Schläge ein, die gegen ihr Volk gerichtet waren. Welche Fehler diese Männer auch hatten oder haben, wir sollten sie ehren. Sie haben in den Lauf der Geschichte eingegriffen. Sie haben uns den Stolz und den Glauben an uns selbst gegeben, den wir so verzweifelt brauchten und ersehnten. Sie haben uns gezeigt, dass wir existieren.72
Und sie haben dafür teilweise einen sehr hohen Preis gezahlt. Dennis Banks musste zwischenzeitlich Zuflucht in anderen Bundesstaaten nehmen und wurde wiederholt mit dem Tod bedroht. Russell Means wurde mehrfach schwer verletzt. Leonard Crow Dog, der spirituelle AIM-Leader und Medizinmann, war lange Zeit inhaftiert. John Trudell, AIM-Aktivist und später engagierter Musiker, verlor seine gesamte Familie. Nachdem er am 11. Februar 1979 vor dem FBI-Gebäude in Washington D.C. bei einer Aktion für Leonard Peltier und gegen die Kriegsführung des FBI gegen die Indianer eine US-Flagge verbrannte, ging noch in derselben Nacht das Haus seines Schwiegervaters Arthur Manning im Shoshone-Paiute-Reservat von Duck Valley an der Grenze von Idaho, Nevada, in Flammen auf. Dabei kamen Trudells schwangere Frau Tina, seine drei Kinder und seine Schwiegermutter ums Leben. Für John Trudell und viele andere steht immer noch das FBI im Verdacht, für diesen mörderischen Brandanschlag verantwortlich zu sein.
Mount Rushmore Monument
Im Herbst 1970 und dann nochmals im Frühjahr 1971 besetzten Sioux verschiedener Reservationen das Mount Rushmore Monument und richteten am Fels ein Camp ein. Dabei beriefen sich die Besetzerinnen und Besetzer vor allem auf den Vertrag, der 1868 in Fort Laramie geschlossen wurde und die Black Hills für ewig den Indianern zusprach. Diese Besetzung wurde anfänglich nicht vom AIM geplant und durchgeführt, sondern von drei Lakotafrauen, die in Rapid City lebten. Richard Erdoes, dessen Frau später selbst an der Besetzung teilnahm, interviewte oben in den Bergen Lizzy Fast Horse und Muriel Waukazoo:
Es war unsere Idee, hier heraufzukommen. Wir druckten einige Handzettel über die Bewegung, um die Reservationsbewohner in Pine Ridge darüber zu informieren, was geschehen würde. Wir brachten diese Handzettel von Haus zu Haus und baten die Leute, darüber internes Stillschweigen zu halten und nichts nach außen dringen zu lassen. So wussten die Leute von der indianischen Community in Rapid City sowie in der Reservation bereits einen Monat vor der Besetzung Mount Rushmores über die Aktion Bescheid, während die Weißen ahnungslos waren.
Lizzy Fast Horse fuhr fort: „Da waren nur wir drei Frauen. Wir dachten, noch andere Leute kämen dazu, aber die kamen nicht. Ich denke, sie hatten Angst. Da war heftiges Gewitter bei unserem ganzen Aufstieg, aber wir dachten an Crazy Horse und wussten, er war mit uns. Wir hatten wirklich Angst, dass die Ranger uns festnehmen würden. Für einige Tage verteilten wir Flugblätter an die Touristen unten am Parkplatz. Doch dann kamen Lee Brightman und eine Gruppe seiner Leute, um uns zu unterstützen. Wir wurden mutiger und mutiger, und nun haben wir vor nichts mehr Angst.“73
Lee Brightman (28.4.1930 - 18.6.2017), dessen Urgroßvater bei der Schlacht am Little Big Horn getötet wurde, hatte Ende der 60er die United Native Americans gegründet, war Herausgeber der Zeitschrift „Warpath“ und galt als einer der „jungen Löwen in der indianischen Welt.“74 Aufgrund seiner militanten Aktionen und Argumentationen verlor der Doktorant allerdings seinen Lehrposten an der kalifornischen Universität von Berkeley. Lee, der zuvor nochmals die Lakota mit den Worten agitierte „Nobody gives a **** about us. Let‘s do something. Let‘s make them some news. Let‘s take over this whole **** in mountain,“75 übernahm die Führung der nun auf über 23 Personen angewachsenen BesetzerInnengruppe am Berg, während John Fire Lame Deer, ein traditioneller Lakota-Medizinmann, der spirituelle Führer der Gruppe wurde. In einer Zeremonie benannte er den Mount Rushmore in „Crazy Horse Mountain“ um.
Die Besetzung, an der nun auch mehr und mehr Lakota-Frauen teilnahmen, dauerte annähernd drei Wochen, wurde allerdings nur in einigen amerikanischen Medien publik. Auch Russell Means und John Trudell, einer der Besetzer von Alcatraz, nahmen an der Aktion teil. Es war Trudell, der noch während der agitatorischen Rede Brightman‘s ausrief: „Screw it, let´s take over the mountain.“76
Im Juni 1971, also im selben Monat, in dem Alcatraz polizeilich geräumt wurde und in New York eine Gruppe von Aktivisten die Freiheitsstatue besetzte, um damit auf die Behandlung und Situation der Native Americans in den USA aufmerksam zu machen, besetzten in Süd-Dakota indianische Aktivisten am 6. Juni erneut das Mount Rushmore Monument, unter ihnen Russell Means, Vernon, Clyde und Charlie Bellecourt, der älteste der Bellecourt-Brüder. Die Park-Ranger versuchten die Besetzer zu überreden, das Monument zu verlassen, ansonsten würde die Nationalgarde eingreifen und den Konflikt notfalls mit Waffen beenden. Doch die Besetzer antworteten lediglich: „Wir werden solange hier bleiben, bis ihr den 1868er Vertrag von Fort Laramie anerkennt und einhaltet.“77
Es dauerte nicht mehr lange, bis die Besetzer das Anrücken von Polizei und Nationalgarde-Soldaten hörten. Während Vernon Bellecourt mit einem Teil der Leute entschied, sich auf den Abstieg vorzubereiten, beschlossen seine Brüder mit Russell Means auf dem Monument zu bleiben.
Gegen die Überzahl der Uniformierten hatten die Besetzer keinerlei Chance. Sie wurden geschlagen, getreten, auf den Boden geworfen und anschließend mit Handschellen gefesselt. Ein spiritueller Altar wurde zerstört. Die zweite Besetzung des Mount Rushmore Monument endete erheblich gewalttätiger seitens der Staatsmacht, erregte in den Medien allerdings auch wesentlich mehr Aufmerksamkeit.
Trail of Broken Treaties
Der Mord an Richard Oakes, dem führenden Sprecher der Alcatraz-Besetzung, am 20. September 1972 forcierte die Vereinigung verschiedenster indianischer Protestgruppen und gab letztendlich einen zusätzlichen Anstoß für die Aktion, die als „Trail/ March of Broken Treaties“ in die Geschichte des indianischen Widerstandes eingehen sollte.
Eigentlich sollte die Sternfahrt, die Autokonvois aus verschiedenen Städten der USA nach Washington führte, friedlich verlaufen. Der Zeitpunkt, kurz vor der Präsidentschaftswahl, war bewusst gewählt, wollte man doch für das Thema der „gebrochenen Verträge“ (u. a. die Verträge von Fort Laramie) und des Unrechts, das man der indianischen Bevölkerung angetan hatte und immer noch antat, die Öffentlichkeit während des Wahlkampfes gewinnen und zugleich „ein neues indianisches Selbstbewusstsein wecken“, so Clyde Bellecourt.78
Um mögliche Eskalationen gerade auch durch jüngere Teilnehmer zu vermeiden, war Alkohol- und Drogenkonsum während der Sternfahrt durch die Organisatoren untersagt worden. Bob Burnette, der die ausschlaggebende Ideen für die Aktion hatte: „Wir müssen uns von unserer besten Seite zeigen. Keine Drogen oder Alkohol. Und keine Gewalttätigkeiten. Jeder, der diese Regeln verletzt, wird ausgeschlossen. Die Alten, die Kranken, die Kinder, die Ärmsten und Schwächsten, die alle nicht mitlaufen konnten, sind in ihren Gedanken mit uns. Dies muss einer der wichtigsten Momente unserer Geschichte werden.“79
Ziel war ein Treffen mit Regierungsvertretern, um mit ihnen über ein 20-Punkte-Programm zu verhandeln, das Vorschläge für die Erneuerung der Verträge enthielt und als Grundlage zur Verbesserung der Lebensbedingungen und der Rechtslage für die indianische Bevölkerung dienen sollte.
Am 30. September, zehn Tage nach dem Mord an Oakes, kamen insgesamt zwölf indianische Organisationen zusammen, um sich an der Vorbereitung der Aktion zu beteiligen. Neben dem AIM waren dies das National Indian Youth Council, das National American Indian Council, das National Council on Indian Work, der Native American Rights Fund, das National Indian Leadership Training, die American Indian Commission on Alcohol and Drugs Abuse, die United Native Americans, das Native American Women‘s Action Council, die National Indian Brotherhood aus Kanada, das National Indian Lutheran Board und die Coalition of Indian Controlled School Boards.
Die Palette dieser zwölf Gruppen sowie die Anwesenheit vieler Stammesältester signalisierten, dass keine militanten Aktionen beabsichtigt waren. Und damit sich die Regierungsvertreter besser auf das Treffen vorbereiten konnten, schickte man diesen bereits zwei Wochen vor Ankunft der Konvois ein in Minneapolis verfasstes Verhandlungspapier einschließlich des bereits erwähnten „20-Punkte-Plans“ zu.
AIM-Gründungsmitglied Eddie Benton Banai erklärte später, dass es sogar Zusicherungen gegeben habe, dass eine Delegation der indianischen Vertreter Zugang zum Innenministerium und zum Weißen Haus erhalten würden. Dementsprechend positiv eingestimmt brachen am 6. Oktober die ersten Autokarawanen aus den unterschiedlichsten Staaten und Städten der USA zu ihrer zum Teil einmonatigen Fahrt nach Washington auf. Dennis Banks und „Mad Bear“ Anderson führten den Konvoi aus San Francisco an, Peltiers Cousin Steve Robideau leitete die Delegation von Seattle, Leonard Peltier den Konvoi aus Milwaukee.
Als die verschiedenen Konvois Anfang November zusammentrafen und in Washington D. C. einfuhren, hatten sie eine Gesamtlänge von über 6 km erreicht. Als am 2. November 1972 diese eindrucksvolle Karawane in das Regierungsviertel einfuhr, war ob dieses Erfolges die Stimmung unter den über 2.000 Teilnehmern optimistisch und euphorisch.
Dies sollte sich rasch ändern. „Wir hatten unsere Häuptlinge dabei – Frank Fools Crow und Charlie Red Cloud und viele andere“, sagte Leonard Peltier. „Für diese Stammesältesten war Unterkunft versprochen worden, aber die Kirche, wo sie untergebracht werden sollten, war voller Ratten … Dies waren die Häuptlinge unserer indianischen Nation, und wir fühlten, dass sie mit Respekt behandelt werden sollten. So entschlossen wir uns, zum BIA-Gebäude zu ziehen und mit Louis Bruce zu reden80, und als uns eine angemessene Unterkunft für unsere Häuptlinge verweigert wurde, war der Plan, mit einem Sit-in innerhalb des Gebäudes so lange zu bleiben, bis wir entsprechende Resultate erreicht hätten. Wir planten sicherlich keine Besetzung.“81
Mary Crow Dog berichtet in ihrem Buch „Lakota Woman“ von nicht funktionierenden Toiletten und fehlender Heizung in der Unterkunft. „Ein älterer kanadischer Indianer schleppte sich an seinen Krücken durch das Gebäude. Seine Beine waren verkrüppelt, und er konnte keinen gepolsterten Platz zum Rasten finden. Und ein junges Mädchen schrie, dass da nicht nur Ratten, sondern auch Millionen von Kakerlaken wären. Ein junger Ojibway-Mann sagte, dass er nicht die Slums von St. Paul für eine solche Unterkunft verlassen hätte.“82
Zur Eskalation trug weiterhin bei, dass keines der erwarteten Treffen mit Regierungsvertretern im Innenministerium oder Weißen Haus stattfinden sollte. Präsident Nixon, der sich auf dem Höhepunkt seines Wahlkampfes befand, lehnte es ab, sich Zeit für ein Treffen mit den indianischen Delegierten zu nehmen. Und als eine andere Gruppe des „Trail of Broken Treaties“ auf dem Heldenfriedhof Arlington den Pima-Indianer Ira Hayes ehren wollte (Hayes wurde weltweit durch das Foto bekannt, das eine Gruppe US-Soldaten zeigte, die nach der Schlacht um Iwojima auf dem Berg Suribachi die Flagge der Vereinigten Staaten hisste) und durch Ordnungskräfte daran gehindert wurde, da diese die religiöse Zeremonie als politische Aktion bezeichneten und daraufhin verboten, war die Wut vieler Teilnehmer nicht mehr zu stoppen. Auch der Versuch, das Sit-in im BIA-Gebäude durch Spezialkräfte zur Aufstandsbekämpfung brutal zu beenden, fachte vor allem bei jüngeren Aktionsteilnehmern die Wut an. Nach der versuchten Räumung ließen die Protestierenden alle Büro-Angestellten noch das Gebäude verlassen, bevor sie es von innen verbarrikadierten, sich aus Tischbeinen und anderen Gegenständen Waffen herstellten und die Versuche, in das Gebäude einzudringen, abwehrten, indem sie Gegenstände aus dem ersten Stock auf die schwer bewaffneten Polizeitruppen hinunterwarfen.
Von da ab war das BIA-Gebäude für eine Woche besetzt. Gleichzeitig kam es auch immer wieder vor dem Gebäude und in den angrenzenden Straßen Washingtons zu Auseinandersetzungen zwischen indianischen Aktivisten und der Polizei. Kamerateams übertrugen diese Bilder in die Wohnzimmer überall in den USA und zeichneten dabei oftmals ein Bild von „wilden, gewalttätigen, kriminellen und politisch subversiven Indianern“. Unterstützung erhielten die Besetzer vor allem durch Organisationen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung, die Lebensmittel zum besetzten BIA-Gebäude brachten. Später folgten kirchliche Gruppen und andere Sympathisanten, die an Aktionen vor dem Haus teilnahmen oder Lebensmittel und Geld spendeten.
Dennis Banks sagte, dass AIM zwar gegen Gewalt sei, aber es schiene so, als müsse es ein weiteres Watts83 geben, um der Öffentlichkeit die Notlage der Native Americans klarzumachen. Russell Means merkte gegenüber einigen Reportern an, dass die Medien sie ignorierten: „Was müssen wir tun, um Aufmerksamkeit zu bekommen? Jemanden skalpieren?“84
Längst waren nun Russell Means, Dennis Banks, Clyde und Vernon Bellecourt zu den Sprechern der Besetzung geworden und hatten Bob Burnette mehr und mehr abgelöst. Es folgten zahlreiche Verhandlungen, und dabei erwiesen sich gerade auch die Frauen unter den Besetzern als starke Rednerinnen. „Eine unserer besten Sprecher war eine ältere Frau namens Martha Grass. Sie reckte ihre Faust vor dem Gesicht des stellvertretenden Sekretärs des Innenministeriums. In einer Rede sagte sie: „Wenn ich nicht das bekomme, weswegen ich hier bin, dann wird dieses Gebäude als Ruine enden. Warum haben sie alle diese wunderschönen Büros und sitzen hinter ihren polierten Schreibtischen und haben es bequem, aber sie haben nicht das Geringste für uns? In diesem Innenministerium gibt es doch nichts außer Betrüger und Lügner. Von hier aus stehlen sie dich blind. Das tun sie wirklich. Sie stahlen das gesamte Land. Sie stahlen die Luft, das Gras, alles was sie in die Hände bekamen. Wir holen uns das zurück, so gut wir können. Wir sind die Basis (Grassroot). Wir haben all dies so satt.“85
Letztendlich wurde auf eine gewaltsame Räumung des Gebäudes verzichtet. Der Kompromiss sah vor, dass den Besetzern alle Auslagen für die Heimfahrt bezahlt würden (66.650,-- $) und dass niemand für die Besetzung angeklagt werden würde. Auf den Zwanzig-Punkte-Katalog wurde allerdings auch nicht mehr eingegangen. Lediglich die Senatoren Edward Kennedy und Wayne Aspinall versprachen, das Papier in Extra-Anhörungen zu beraten.
Dennoch buchten die Besetzer die Aktion als Erfolg ab, denn sie hatten kollektiv und stammesübergreifend dem weißen Amerika getrotzt. Außerdem hatten sie zwei LKW-Ladungen mit dreißig Tonnen an Dokumenten mitgenommen, die jede Menge Beweismaterial zu Korruption und Unterschlagungen offenbarten. Leonard Peltier jedoch geriet mit dieser Aktion, nachdem er bereits 1970 bei der Besetzung von Fort Lawton verhaftet worden war, erneut in den Fokus des FBI. „Das war der Zeitpunkt, als mein Name als Sicherheitschef bei der BIA-Besetzung ganz oben auf ihren86 geheimen Abschusslisten landete, als ‚AIM-Agitator‘ und ‚Schlüsselfigur der Extremisten.‘… Jetzt war ich gebrandmarkt.“87
„Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“ – Proteste gegen anhaltende Morde an Indianern
Rassistische Angriffe auf Native Americans waren gerade in Gegenden, die an Reservationen grenzten, gang und gäbe. Dabei galten Süd-Dakota und die Stadt Rapid City als Hochburgen des indianerfeindlichen Rassismus. Oder wie es Mary Crow Dog ausdrückte: „In Süd-Dakota lernen weiße Kinder, Rassist zu sein, beinahe vor dem Laufenlernen.“88 Und auch heute noch ist Rapid City einer der konservativsten Orte der USA, in dem indianerfeindliche Exzesse stattfinden. (Beispiel 1: Urkunde in einem Hotel in Rapid City 2012: Rapid City wählte am meisten konservativ. Glückwunsch. Beispiel 2: Dem 68-jährigen blinden Lakota Vern Traversie wurden 2012 nach einem Herzeingriff die Buchstaben „KKK” für Ku Klux Klan in den Bauch geritzt. Die Operation fand im Rapid City Regional Hospital statt. Ob die Täter aus dem Bereich der Klinikbeschäftigten stammen, ist bislang ungeklärt, wird aber selbst von einigen Natives eher bezweifelt).
Im Februar 1972 wurde in Gordon, Nebraska, Raymond Thunder Heart, ein 51-jähriger Oglala-Lakota aus Pine Ridge, durch zwei weiße Brüder misshandelt und geschlagen. Leonard Crow Dog, Lakota-Medizinmann und spiritueller AIM-Unterweiser, kannte Thunder Heart bereits seit 1959 aus der Zeit, als beide in Nebraska als Landarbeiter auf einer Farm arbeiteten. Er beschrieb den Lakota wie folgt: „Er war ein zuvorkommender und liebenswürdiger Mann. Er trank nicht. Er arbeitete hart für gerade mal achtzig Cent pro Stunde. Er hatte keine Feinde, nur Freunde.“89
Die Gebrüder Melvin und Leslie Hare zwangen Thunder Heart in einer Kneipe, sich auszuziehen und auf einem Tisch nackt zu tanzen. Dann brachten sie den gedemütigten und durch Schläge verletzten Oglala auf die Straße. Raymond Thunder Heart wurde kurz darauf tot aufgefunden. Knapp ein Jahr später erstach ein Weißer in Buffalo Gap den jungen Lakota Wesley Bad Heart Bull. In beiden Fällen sollten die Täter wegen Totschlags zweiten Grades gegen eine lachhaft geringe Kaution auf freien Fuß gesetzt werden.90 Im Fall Raymond Yellow Thunders wendeten sich die Familienangehörigen zuerst an das FBI und das BIA sowie später an die Stammespolizei, um eine Verurteilung wegen Mordes zu erreichen und eine Freilassung der beiden Brüder zu verhindern, allerdings ohne Erfolg. In ihrer Verzweiflung riefen sie daraufhin das AIM zur Hilfe.
Mit einem Konvoi aus 200 Autos kamen 1.300 AIM-Aktivisten aus 51 Stämmen in einer kämpferischen Kolonne nach Gordon, um dort für Gerechtigkeit zu kämpfen. Russell Means, Dennis Banks und Leonard Crow Dog führten die Gruppe an. Als der Konvoi Gordon erreichte, wurden sie bereits durch schwerbewaffnete Sheriffs, Staatspolizei und FBI erwartet, allerdings ohne jegliche Reaktion. Die Läden waren zum größten Teil geschlossen und verbarrikadiert. Niemand stellte sich den Demonstranten auf ihrem Marsch ins Rathaus in den Weg. Nahezu eine Woche hielten die wütenden Natives den Ort unter ihrer Kontrolle und forderten, dass die Täter entsprechend ihrer Tat auch verurteilt und bestraft werden sollten, dass der lokale Polizeichef zu suspendieren sei und dass es in Gordon öffentliche Diskussionen über rassistische, indianerfeindliche Übergriffe geben sollte. Nach längeren Verhandlungen ging die Stadtverwaltung auf diese Forderungen ein. Die protestierenden Indianer zogen sich mit diesem Erfolg aus Gordon zurück. Raymond Thunder Heart wurde zurück nach Porcupine in die Pine Ridge Reservation überführt und traditionell beerdigt.
Anders verlief es im Fall Wesley Bad Heart Bulls. Der Mörder des 20-jährigen Oglala Lakota, ein betrunkener weißer Tankwart namens Darld Schmitz, wurde gegen eine Kaution in Höhe von 2.500,- Dollar freigelassen, während etwa zur gleichen Zeit ein Indianer, der in der Nähe von Wounded Knee einen Weißen umgebracht hatte, sofort zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Wesleys Mutter, Sarah Bad Heart Bull, die bereits eines ihrer Kinder aufgrund eines Tötungsdeliktes durch einen Weißen verloren hatte, protestierte gegen diese Ungleichbehandlung gemeinsam mit vier Augenzeugen der Tat beim Bezirksrichter in Custer, einem kleinen Ort in den Black Hills. Am Vormittag hatten sich in Rapid City, beim Mother Buttlers Center, einem von AIM-Aktivisten und Mitgliedern der lokalen Bürgerrechtsbewegung, der Oglala Sioux Civil Rights Organisation (OSCRO) häufig gewählten Treffpunkt, an die zweihundert Demonstranten eingefunden, die sich nun in einer beeindruckenden Autokarawane durch den aufkommenden Schneesturm auf den Weg nach Custer machten. Mit Sicherheit wäre die Anzahl der Aktivisten erheblich größer gewesen, hätte es nicht Gerüchte gegeben, dass die Aktion aufgrund der Witterungsverhältnisse abgesagt sei.
Da nun die AIM-Karawane mit Russell Means und Dennis Banks, Jim Robideau und vielen anderen AIM-Aktivisten und aufgebrachten Natives aufgrund des Schneesturmes erst mit erheblicher Verspätung in Custer eintraf, verlief das Gespräch mit dem County-Staatsanwalt Hobart Gates mehr oder minder erfolglos. Verärgert über die späte Ankunft verweigerte er auch der Mutter des Ermordeten, Sarah Bad Heart Bull, den Zutritt zum Gericht und ließ sie vor dem Gerichtsgebäude im Schnee stehen. Deren Anwalt, Ramon Roubideaux, bat darum, doch wenigstens die Frauen und Kinder ins Gericht zu lassen. Gates lehnte dies ab und forderte Polizei zur Bewachung der Eingangstüre an.
Dennis Banks sprach zu dem Staatsanwalt, er wüsste ja wohl, dass die Tat ein eindeutiger Mord gewesen sei. Nein, das wisse er nicht, war Gates knappe Antwort, und als ihm Roubideaux Beweismaterial und die Aussagen anwesender Zeugen übermitteln wollte, war der einzige Kommentar: „Ich habe alle Beweise, die ich benötige. Es war lediglich eine Kneipenauseinandersetzung.“91 Banks und Means widersprachen Gates, doch ohne Erfolg. Die im Schneesturm stehenden indianischen Demonstranten wurden zunehmend verärgerter und wütender, als sie die Gesprächsergebnisse erfuhren. Es begann ein heftiges Gerangel zwischen den über 50 in Kampfmontur gekleideten und mit Gewehren und langen Schlagstöcken bewaffneten Polizisten und den empörten Natives.
Als die Mutter des Mordopfers weiterhin insistierte, Zugang zur Verhandlung zu bekommen und mit Russell Means, Dennis Banks und einigen anderen in das Gerichtsgebäude drängte, wurde sie durch Polizisten die Treppe hinuntergestoßen. Ein Polizist griff sie von hinten an, presste seinen hölzernen Schlagstock gegen ihre Kehle, so dass sie keine Luft mehr bekam. Die Situation in und vor dem Gericht eskalierte. Es gab überall Prügeleien zwischen Polizei und Demonstranten, Stuhlbeine dienten den Indianern als Waffen gegen die Schlagstöcke, und als erste Tränengas-Kartuschen inner- und außerhalb des Gebäudes alles einnebelten, flogen von der Gegenseite Steine und erste Molotow-Cocktails, die in aller Eile an der gegenüberliegenden Tankstelle hergestellt worden waren.
Wer sich Foto- und Filmaufnahmen dieser Aktion ansieht, wird wieder einmal feststellen, dass sehr viele Frauen an den Auseinandersetzungen beteiligt waren. Diese wurden genauso brutal niedergeknüppelt und dann verletzt entweder im Schnee liegen gelassen oder halb entkleidet durch den Schnee zu Polizeiwagen gezogen, wie männliche Demonstranten auch. Ein junger Native warf eine Kerosin-Warnleuchte, die wohl zur Sicherung einer Straßenbaustelle diente, in Richtung des Gerichtsgebäudes. Treppen, Eingangstür und Frontseite des Gebäudes begannen sofort zu brennen.
Wütende Schreie drangen durch den Schneesturm und das Kampfgetümmel: „AIM, AIM, AIM, AIM, do it!“
Dann gingen auch ein Begrüßungsschild am Ortsrand mit der Aufschrift “WELCOME TO CUSTER, THE TOWN WITH THE GUNSMOKE FLAVOUR” und das gegenüberliegende Gebäude des „Chambers of Commerce“, der örtlichen Handelskammer, in Flammen auf. Die anrückende Feuerwehr wurde mit einem Hagel von Getränkedosen und Steinen gestoppt.
Als Folge der Auseinandersetzungen wurden 22 Personen festgenommen, darunter auch weiße und schwarze Sympathisanten, ebenso Russell Means, Dennis Banks und auch die Mutter des Mordopfers. Ein Hilfssheriff sagte zu Russell Means: „Wir haben auf euch Hurensöhne bereits gewartet. Ihr suchtet Ärger, und ihr habt ihn bekommen.“
Means antwortete knapp: „Wenn wir wirklich Krawalle gewollt hätten, dann hätten wir keine Frauen und Kinder mitgebracht.“92
Dennis Banks wurde später zu drei Jahren Haft verurteilt und tauchte danach unter. Sarah Bad Heart Bull wurde wegen Landfriedensbruchs in Verbindung mit Brandstiftung zu einer Strafe von einem bis zu fünf Jahren Haft verurteilt, von denen sie fünf Monate im Gefängnis verbrachte. Der Mörder ihres Sohnes wurde von der weißen Jury freigesprochen und verbrachte keinen einzigen Tag in Haft.
Drei Tage später kam es in Rapid City ebenfalls zu heftigen Auseinandersetzungen. Nach einer Rauferei zwischen einem weißen Bürger von Rapid City und einem Lakota, wurde lediglich der Lakota von der Polizei festgenommen und arrestiert. Daraufhin zogen mehr als fünfzig Natives durch die Innenstadt und zertrümmerten dabei zahlreiche Kneipenfenster, denn viele Kneipen waren die bevorzugten Treffpunkte rassistischer Rednecks93. Im Verlauf der Aktion wurden nahezu alle Demonstranten festgenommen, darunter auch Russell Means‘ Brüder, Bill und Ted Means, die ebenfalls als AIM-Aktivisten galten.
Wounded Knee 1973
We Were All Wounded At Wounded Knee
We were all wounded at Wounded Knee – you and me
We were all wounded at Wounded Knee – you and me
In the name of manifest destiny
You and me – you and me – you and me
They made us many promises but always broke their word
They penned us in like buffalo, drove us like a herd
And finally on the reservation
We were going for our preservation
We were all wiped out by the seventh cavalry
You and me – you and me
We were all wounded at Wounded Knee – you and me
We were all wounded at Wounded Knee – you and me
In the name of manifest destiny
You and me – you and me – you and me
Now we make our promises, we won‘t break our word
We‘ll sing, sing, sing out our story till the truth is heard
There‘s a whole new generation
Which will dream of veneration
Who were not wiped out by the seventh cavalry
You and me – you and me
We were all wounded at Wounded Knee – you and me
We were all wounded at Wounded Knee – you and me
We were all wounded – by Wounded Knee
(Redbone) 94
Mit diesem Song brachte die indianische Rockband REDBONE, deren Songs eher Mainstream-Music mit Mainstream-Lyrics verbanden, die Geschichte von Wounded Knee 1890 und Wounded Knee 1973 ins Bewusstsein vieler junger Discogänger und Radiohörer, sowohl in den USA als auch in Europa.
Wer von Pine Ridge auf der Bundesstraße 18 ostwärts in Richtung Rosebud-Reservation fährt, wird nach zehn Minuten Autofahrt linker Hand auf die Abfahrt nach Wounded Knee und Porcupine stoßen. Nach knapp zehn weiteren Minuten erblickt man bereits von der Höhe jenseits der Senke den Friedhof mit dem markanten Torbogen auf einer kleinen Anhöhe liegend. Davor befindet sich das runde Gebäude des Wounded Knee Memorial Center.
Name und Ort „Wounded Knee“ sind gleich im doppelten Sinne für viele Native Americans und speziell für die Lakota-, Dakotaund Nakota-Stämme von historischer Bedeutung.
Hier im Talkessel, nahe dem heutigen Ort Wounded Knee, fand am 29.12.1890 das letzte große militärische Massaker an den Prärieindianern statt, bei dem nahezu dreihundert Indianer, vorwiegend Alte, Frauen und Kinder, von der nach der Schlacht am Little Big Horn reorganisierten 7. Kavallerie abgeschlachtet wurden.
Die Schwarzweißaufnahmen des in bizarrer Pose eingefrorenen Häuptlings „Big Foot“, der mit gefrorenen Körpern gefüllten Massengräber und der dabei gutgelaunt blickenden Soldaten sind weltbekannte und beschämende Dokumente eines gnadenlosen Völkermordes an den amerikanischen Ureinwohnern. Auf dem Friedhof selbst erinnert heute ein Mahnmal an jene Ereignisse95, die in der amerikanischen Geschichtsschreibung lange als „Schlacht von Wounded Knee“ anstatt dem „Schlachten von Wounded Knee“ umgelogen wurden.
Erneut machte der Ort „Wounded Knee“ 1973 weltweit Schlagzeilen, als er aufgrund der polizeilichen Einkesselung einer indianischen Protestaktion kurzerhand besetzt wurde. Dabei war die folgende 71tägige Besetzung ebenso wenig geplant und beabsichtigt wie die Besetzung des BIA-Gebäudes in Washington D.C. knapp vier Monate zuvor. Nach den Ereignissen von Custer spitzte sich die Auseinandersetzung zwischen AIM-Anhängern und AIM-Gegnern, zwischen traditionellen Lakota und an den „American way of life“ angepassten Stammesangehörigen weiterhin zu. Immer häufiger kam es zu gewaltsamen Konfrontationen, und immer mehr traditionelle Lakota und AIM- oder OSCRO-Sympathisanten wurden Opfer von Attacken und Mordanschlägen.96
Am 16. Februar 1973 erklärte Vernon Bellecourt bei einer Pressekonferenz, dass das AIM dem Terror des Stammesrates in der Pine Ridge Reservation nicht mehr lange zusehen werde, man warte nur auf ein Zeichen aus der Reservation. Und dieses sollte sehr schnell kommen. Die Oglala Sioux Civil Rights Organization (OSCRO) wendete sich noch im gleichen Monat um Hilfe suchend an das AIM, und so rollte kurz darauf eine Karawane mit AIM-Aktivisten in die Pine Ridge-Reservation.
Ursprünglich wollten sie vor dem BIA-Stammesratsgebäude gegen Korruption, Machtmissbrauch und Terror durch die „Guardians of the Oglala Nation“, wie sich die Handlanger des autokratischen Stammespräsidenten zynisch selbst nannten, demonstrieren. Doch dort wurden die AIM-Leute bereits von Stammesratspräsident Dick Wilson und seiner indianischen Todesschwadron, den GOONs, erwartet. Diese waren mit modernen Winchester- und Remingtongewehren bestens ausgestattet und wurden durch Dutzende von FBI- und US-Polizeimarshals unterstützt.
An die dreißig mit Maschinengewehren und Raketenwerfern aufgerüstete Panzerwagen fuhren auf. Und das Stammesratsgebäude, von vielen Bewohnern mittlerweile „Fort Wilson“ genannt, war mit einem Schutzwall aus Sandsäcken und auf dem Dach mit zwei Maschinengewehren gegen etwaige Angriffe oder Besetzungsversuche gesichert. Im Gebäudeinneren standen massenhaft aufgereihte Gewehre und in jedem freien Winkel Kanister mit Tränengas. Dick Wilson hatte offiziell AIM-Aktivisten den Zugang zur Reservation verboten, selbst Russell Means, der Stammesmitglied war und dessen Familie in der Reservation lebte. „Wenn Russell Means meint, nach Pine Ridge kommen zu müssen, dann schneide ich ihm eigenhändig die Zöpfe ab“, dies war eine der harmloseren Drohungen Wilsons, die er immer wieder öffentlich aussprach.
Also fuhr die AIM-Karawane nicht in die gestellte Falle von Pine Ridge, sondern weiter nach Calico. Im Gemeinschaftshaus des nicht weit von Pine Ridge entfernt liegenden Ortes, in dem Dick Wilson noch kurz zuvor einen Filmabend organisiert hatte, um gegen schwarze Militante, Bürgerrechtler und auch das AIM als „kommunistische Terroristen“ Stimmung zu machen, trafen sich am 26. Februar 1973 Mitglieder der von Pedro Bissonette (durch BIA-Polizisten am 17.10.1973 in der Pine Ridge Reservation ermordet) gegründeten OSCRO (Oglala Sioux Civil Rights Organization), traditionelle Häuptlinge, Reservationsbewohner und auch einige Stammesrichter.
Innerhalb des Gebäudes waren für das AIM bei der Versammlung lediglich Russell Means, der einen Tag später in Pine Ridge durch fünf Unerkannte zusammengeschlagen werden sollte, und Dennis Banks anwesend. Vor dem Gebäude, das für die Versammlung viel zu klein war, harrten viele weitere Lakota und Mitglieder anderer Stämme, darunter auch führende AIM-Aktivisten wie Carter Camp und Clyde Bellecourt aus. Häuptling Frank Fools Crow, ältester und höchst respektierter Medizinmann der Lakota im Reservat, sprach in Lakota und führte dabei aus, dass er immer dem Weg der heiligen Pfeife gefolgt sei – im Frieden –, doch es käme die Zeit, da müsse man um das Überleben der Oglala-Nation kämpfen. Es wäre die Zeit für die jungen Stammesangehörigen, sich aufzumachen und um die Dinge zu kümmern, … und es wäre jetzt die richtige Zeit dafür. Einer der anwesenden Stammesrichter wendete sich an die AIM- und OSCRO-Vertreter und sagte: „In meinem Beruf habe ich prinzipiell gegen jede Form von Zerstörung privaten Eigentums zu sein, aber persönlich hat mich das, was ihr in Custer gemacht habt, erfreut. Ihr hättet bloß diesen ganzen gottverdammten Ort niederbrennen sollen.“97
Der Terror der GOONs, die Korruptions- und Machtpolitik Wilsons, der in Zeiten großer Armut das 15fache Jahreseinkommen seiner Stammesmitglieder hatte, die Wut auf BIA und FBI, Stammespolizei, US-Marshals und weiße rassistische Rednecks, die das mörderische Treiben Wilsons noch mit unterstützten und vorantrieben, all dies brachte an diesem Tag das Fass sinnbildlich zum Überlaufen. Es war klar, das militärisch befestigte Pine Ridge konnte nicht der Ort für weitere Aktionen sein, hier wurden sie bereits von hochbewaffneten Polizisten und GOONs erwartet. Aber etwas musste geschehen. Es waren in Calico dann vor allem Frauen wie Ellen Moves Camp, Gladys Bissonette, Lou Bean und Hildegard Catches, die die Diskussion dominierten und dabei Wounded Knee ins Gespräch brachten.
Ellen Moves Camp, die u. a. auch in Gordon und Custer bei den Aktionen gegen die Freilassung der Mörder von Raymond Yellow Thunder und Wesley Bad Heart Bull dabei war, zeigte auf Dennis Banks und fragte diesen:
Dennis Banks, was gedenkst du nun zu tun?… Immer wenn wir hier herkommen, sind wir umgeben von Marshals, GOONs und Spionen. Sie beobachten uns jede Minute. Sie berichten über jeden Schritt, den wir unternehmen. Sie können uns hier jederzeit festnehmen, nur weil wir unsere verfassungsmäßigen Rechte wahrnehmen. Dick Wilson hat alle Versammlungen, Diskussionen oder auch traditionellen Tänze in der Reservation verboten. Aber dies ist unser Land, Lakota-Land. Es gehört zu uns und nicht ihm und seinen GOONs. Diese GOONs sind nur Minuten von hier entfernt, bis an die Zähne bewaffnet, versuchen uns einzuschüchtern. Sie kommen hier sturzbetrunken an, beschimpfen uns aufs Übelste und bedrohen uns, indem sie ihre Fäuste vor unseren Gesichtern schütteln. Dennis Banks, was gedenkst du in Anbetracht all dessen zu tun?98
Petro Bissonettes Tante, Gladys Bissonette, fuhr fort: „Ihr AIM-Leute, was gedenkt ihr zu tun? Ihr denkt, ihr seid Krieger. Was macht ihr nun? Wenn ihr es nicht machen wollt, dann bleibt hier und redet bis zur Unendlichkeit, aber wir Frauen werden handeln.“99
Lou Bean sprach dann die zentrale Botschaft aus: „Lasst uns nicht nach Pine Ridge gehen. Wir tricksen sie aus. Anstelle dessen, lasst uns nach Wounded Knee gehen und dort unsere Aktion machen.“
Fools Crow beendete die Debatte: „Dann werden wir nach Wounded Knee gehen! Die AIM-Krieger führen uns an.“100
Am gleichen Abend machte sich in Calico ein Konvoi aus 54 vollbesetzten Wagen auf den Weg nach Wounded Knee, um den Ort symbolisch zu besetzen. Dass diese Aktion 71 Tage andauern sollte, war weder geplant noch vorher bedacht worden. Für eine solche Aktion hätten sich die Beteiligten auch ganz anders ausgerüstet. So führten sie lediglich begrenzte Lebensmittelvorräte, kaum Decken und Medikamente und auch kaum Munition mit sich.
Als die Karawane den Ort erreichte, wurden die weißen Bewohner, darunter die Familie Gildersleeve, welche einen kleinen Handelsposten betrieb, aufgefordert, ihre Häuser nicht zu verlassen. Sie seien „Kriegsgefangene“, doch das Verbot solle sie vor allem gegen Angriffe von außen (Polizei, Armee, GOONs) schützen, von den Besetzern hätten sie nichts zu befürchten. Lebensmittel und Munition wurden aus der Gildersleeve-Tradingpost in die nahe gelegene Kirche gebracht. Einige Besetzer waren bewaffnet. Doch wer sich die Bilder aus der damaligen Aktion genauer anschaut, z. B. in dem Buch „Voices From Wounded Knee 1973“, der wird sehr schnell erkennen, dass diese Waffen gegen die Remington- und Winchestergewehre der GOONs und vor allem die Waffen der anrückenden Polizeitruppen keinerlei Chance hatten. „Wir hatten lediglich eine automatische Waffe, eine AK-47, die ein junger Mann aus Oklahoma als Souvenir aus Vietnam mitbrachte. Alles zusammen hatten wir 26 Schusswaffen – nicht viel im Vergleich, was die andere Seite gegen uns aufbringen würde.“101 Und für viele dieser Schusswaffen, deren Läufe zum Teil mit Klebeband am Schaft fixiert waren, gab es kaum die passende Munition.
Die Aktion wurde von außen schnell bemerkt, und in der gleichen Nacht umstellten 90 Polizisten den besetzten Ort und verwandelten somit die Besetzung um in eine militärische Belagerung. Personen, die Wounded Knee verlassen wollten, wurden sofort festgenommen. AIM-Sprecher Carter Camp gab am gleichen Abend folgende Forderungen bekannt:
1. Ein Senatsausschuss unter Ted Kennedy solle die Akten von BIA und Innenministerium überprüfen, die sich mit den Oglalas und deren Land befassen.
2. Senator Fulbright102 solle alle 371 gebrochenen Verträge zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und den indianischen Nationen untersuchen, um zu zeigen, wie die USA das Recht für sich auslegen.
3. Der BIA-Stammesvorstand auf der Pine Ridge Reservation solle aufgelöst und der Stamm zur Wahl seiner eigenen Vertreter ermächtigt werden. Das American Indian Movement unterstützt lediglich das Unternehmen, die Idee kommt vom Volk der Oglalas. Seit zwei Wochen versuchen die Leute, hier beim BIA ihre Beschwerden anzubringen, hauptsächlich über Wilson, aber umsonst. Schließlich gründeten sie die Bürgerrechtsbewegung „New Civil Rights Task Force“ und riefen uns um Hilfe. Wir werden sie, so gut wir können, unterstützen.103
Am zweiten Tag der Besetzung zog sich der Belagerungsring um das besetzte Dorf enger. Mittlerweile waren 250 FBI-Agenten postiert, verstärkt durch Bundesmarshals und BIA-Polizei. Immer wieder tauchten auch bewaffnete weiße Rancher auf. Ein erstes Treffen zwischen Oglala- und AIM-Vertretern einerseits und dem vor Ort befehlshabenden FBI-Verantwortlichen Joseph Trimbach, der später in seinem Buch „American Indian Mafia“ die Geschichte des indigenen Protests und Widerstands in mehr als dubioser aber sehr geschickter Weise – sozusagen in Form literarischer COINTELPRO (näher hierzu im gleichen Kapitel im Unterkapitel zum „American Indian Movement) umdichtete, wurde anberaumt und ohne Ergebnisse abgebrochen. Um sich vor etwaigen Angriffen durch die Belagerungskräfte zu schützen, hoben die Besetzer Schutzgräben aus und errichteten aus ausgebrannten Fahrzeugwracks Barrikaden.
In einem Telefoninterview mit dem CBS richtete sich Russell Means an die amerikanische Öffentlichkeit: „Entweder ihr verhandelt mit uns, bis wir zu einem positiven Ergebnis kommen, oder ihr müsst uns töten. Hier in Wounded Knee wird es sich entscheiden.“104
Und mit den Medien tauchte für beide Seiten ein weiterer Bündnispartner innerhalb des Konfliktes auf. Ein Teil der Medien versuchte schnell, ein sehr einseitiges Bild von der Besetzung zu vermitteln und unterstützte damit vor allem die Politik Wilsons und der Polizei. Die gesamte Aktion sei lediglich von einigen AIM-Leuten angezettelt und gesteuert, wobei das AIM ohnehin kaum Unterstützung innerhalb der Reservation finden würde. Die meisten Oglala seien gegen diese Aktion, und Wilson verkündete gar, dass er mit einigen hundert GOONs dem Spuk schnell ein Ende bereiten würde. Sie würden bewaffnet in Wounded Knee eindringen und die Besetzer erledigen, wenn man sie denn nur ließe.
Auch das Pentagon schickte Armeeberater und -beobachter nach Wounded Knee, um eine Beendigung der Besetzung zu erreichen. Im Rahmen des streng geheim gehaltenen Plans „Garden Plot“ wurde am 29.2.1973 Colonel Volney Warner, Chef der 82sten Luftwaffen-Division, in ziviler Kleidung nach Wounded Knee abgeordnet.
Das FBI fragte sofort an, ob er mit einer 2.000 Mann starken regulären Armeeeinheit den Ort stürmen könne. Das FBI würde dann den Truppen folgen und die Überlebenden festnehmen. Doch Warner lehnte diese Idee einer Wiederholung des Massakers von 1890 strikt ab, womit er sich in Washington nicht gerade beliebt machte. Präsident Richard Nixon war durchaus bereit, einen massiven militärischen Einsatz zu tragen, wollte aber vorher wissen, wie teuer diese Operation wäre und wie viele Indianer und Soldaten dabei sterben könnten. Daraufhin unterbreiteten Nixons Berater diesem zwei Auswahlmöglichkeiten: entweder eine militärische Erstürmung des besetzten Ortes ohne Rücksicht auf eventuelle Folgen oder aber den Abzug aller Bundestruppen, dann sollten AIM und GOONs den Konflikt untereinander ausschießen.
Am 1. März kam es dann gegen Abend zu Verhandlungen mit den US-Senatoren George McGovern und James Abourezk, die sich im Laufe des Tages gegen das FBI durchsetzen konnten, das aus Sicherheitsgründen versuchte, ein Treffen zwischen Senatoren und Besetzern zu verhindern. Allerdings verlief das Gespräch, an dem für die Besetzer Russell Means und Dennis Banks beteiligt waren, weitestgehend erfolglos. Hauptgegenstand waren erneut die bereits zuvor von Carter Camp gestellten Forderungen. Zwar brachten die Senatoren für diese Forderungen Verständnis auf und versprachen auch, dass die genannten Missstände Gegenstand einer Anhörung im US-Kongress würden, vorausgesetzt, die Besetzer würden Wounded Knee verlassen. Außerdem konnten McGovern und Abourezk sich davon ein Bild machen, dass es den sogenannten Geiseln gut ginge, diese sich frei bewegen konnten und teilweise Wounded Knee auch überhaupt nicht verlassen wollten.
Überschattet wurden die Verhandlungen jedoch, als bekannt wurde, dass am gleichen Tag in Pine Ridge Unbekannte Brandbomben in das Haus des AIM-Öffentlichkeitschefs Byron warfen und dabei dessen Frau verletzt wurde.
Am 2. März trafen sich im nahegelegenen Nebraska einige hundert Rancher und beschlossen, dass diese „fucking indians“ genug Radau gemacht hätten und sie eine Kompanie aufstellen würden, um diesen Unfug zu beenden. Gleichzeitig begann das FBI damit, Lebensmittelspenden an die Besetzer (oder mittlerweile Belagerten) zu unterbinden. Es wurden die ersten Engpässe bei der Versorgung der Besetzer deutlich.
Clyde Bellecourt kommentierte diese Situation jedoch mit dem Hinweis, sie würden eher all ihre Pferde, Hunde, Katzen, Ratten und auch den Straßenstaub essen, bevor sie sich deshalb fügen würden. Und immer wieder stellte die Regierung den Besetzern das Ultimatum, den Ort bis 6 Uhr abends zu verlassen. „Die Vereinigten Staaten böten an, dass die Indianer Wounded Knee frei verlassen könnten, ohne Massenfestnahmen. Aber die Indianer hätten ihre Waffen abzugeben, und alle Männer müssten sich ausweisen. Das sei keine Absicht, Personen zu bestrafen, die unwissentlich in die Situation hineingeraten wären, … aber man könne nicht die Augen vor den kriminellen Straftaten schließen, die stattgefunden hätten.“105
Einen Tag später kündigte Dick Wilson an, den Ort mit 900 GOONs zu stürmen. Reportern wurde der Zugang zum besetzten Ort von nun an vorerst verwehrt, und am 4. März wurden auch die Telefonverbindungen zur Außenwelt gekappt. An diesem Tag hatten die Besetzer zuvor zugesagt, Wounded Knee zu verlassen, jedoch nur unter der Bedingung, dass die Regierung alle bewaffneten Kräfte aus der Pine Ridge Reservation abziehen würde. Auf diese zusätzliche Forderung ließ sich die Regierung jedoch nicht ein. Die Situation in dem nunmehr fast eine Woche besetzten und durch die Staatsmacht sowie GOONs und Vigilanten (Bürgerwehren) belagerten Ort begann sich zu verschärfen.
Doch auch die Solidaritätsbewegung organisierte sich zunehmend. Bill Kunstler, ein engagierter Menschenrechtsaktivist und -anwalt, der zuvor bereits die Chicago Seven106 und zahlreiche Black-Panther-Aktivisten verteidigte, schloss sich mit den Verteidigern von Banks, Means und anderen AIM-Aktivisten am 5. März zum Wounded Knee Legal Defense-Offense Committee (WKLDOC) zusammen, das in Rapid City sein Hauptquartier beziehen sollte. Spektakulär verlief eine andere Solidaritätsaktion, als zwei Tage später innerhalb des besetzten Gebiets ein Privatflugzeug unbemerkt landete und dabei Lebensmittel für die Besetzer und eingeschlossenen Bewohner des Ortes brachte. Gleichzeitig lief langsam das erneute Ultimatum ab, Wounded Knee bis zum 8. März zu verlassen. Eine Fristverlängerung solle es nicht geben, verkündete Regierungsvertreter Ralph Erickson. Gleichzeitig sickerten Informationen über einen Dreistufenplan der Regierung durch. Demnach sollte zuerst über Lautsprecher zum Verlassen des Ortes aufgefordert werden, bevor aus der Luft Tränengasbomben abgeworfen werden sollten und im weiteren Verlauf dann das Feuer auf die Besetzer eröffnet würde.
Am Vorabend besuchte der Nachfolger Martin Luther Kings, Pastor Ralph D. Abernathy, den besetzten Ort und sicherte Solidarität und Unterstützung durch die schwarze Bürgerrechtsbewegung zu. Immer wieder kam es abends und nachts zu sporadischen Schusswechseln, während nach einem Hilferuf von Dennis Banks an alle indianischen und nicht-indianischen Unterstützer vierzig, zum Teil auch bewaffnete Supporter auf verdeckten Wegen, AIM´s „Ho Chi Minh-Pfad“, durch die Wounded Knee umgebenden kleinen Schluchten und Rinnen Zugang zu dem Ort fanden. Viele der weißen „Geiseln“ befürchteten, bei dem bevorstehenden Angriff durch die Belagerer verletzt oder getötet zu werden, und beschlossen daher nun doch, den Ort zu verlassen.
Senator Edward Kennedy appellierte an das Justizministerium, die bewaffnete Blockade Wounded Knees aufzugeben und, wie es von den Indianern gefordert wurde, selbst die Waffen niederzulegen. Nur so könne eine friedliche Lösung erreicht werden. Kennedy wörtlich: „Wounded Knee sind die Blasen auf der Oberfläche einer 100 Jahre brodelnden Masse aus verborgener Unterdrückung, Unzufriedenheit und Widerstand gegen gewaltsame Assimilation.“107
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