Kitabı oku: «Quer Beet aufs Treppchen»

Yazı tipi:

Michael Kothe

Quer Beet aufs Treppchen

Anthologie 2019/2020

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Impressum

Zweiter Frühling

Die Babysitterin

Abserviert

Szenen einer Ehe – eher eine Szene!

Nikolaus

Boah ey! oder Münchhausens Schreckensfahrt

Retourkutsche

Wenn die Katze …

Kosten Sie!

Major Tom

Generation Hope

Rorre

Pädophil

Ich bin.

Parkour

Kanonenfutter

Großeltern

Rudolf

Ba-Ba-Banküberfall

Tod am Frühstückstisch

Der Tote am Wasserturm

Ein seltsames Duell

Ein letzter Monolog

Die Höhle

»Mehr Licht!« (ein Nachwort)

Über den Autor:

Vom selben Autor: Schmunzelmord

Vom selben Autor: Siebenreich

Impressum neobooks

Impressum

Verantwortlich: Michael Kothe

Copyright:

Inhalt, Text, Lektorat, Layout, Fotos,

Umschlaggestaltung: © 2020 Michael Kothe,

fremde Buchcover: © Verlag/Hrsg./Illustrator

Kontakt:

Deutschland: 85716 Unterschleißheim, Friedhofstr. 4

Spanien: 36980 O Grove/Pontevedra

Telefon mobil: 0034 744 480 080

eMail: autor.michael-kothe@gmx.de

Internet: https://autor-michael-kothe.jimdofree.com

Gefällt mir! facebook @autormichaelkothe


Autor Michael Kothe


Michael Kothe

Quer Beet aufs Treppchen

Anthologie 2019/2020

https://das-buch-quer-beet.jimdosite.com

Auch als Taschenbuch. ISBN 9783752972672

Wie liefere ich einen Mörder aus - ohne Beweise und ohne mich zu erkennen zu geben? Was führt die düstere Baby­sitterin im Schilde? Hat der Gast immer Recht? Rettet der tollpatschige Raumfahrer die Menschheit? Warum kann ein Todesurteil erst in 19 Jahren vollstreckt werden und warum ist sich der Verurteilte dessen so sicher? Und war da nicht noch ein vergnüglicher Mord am Frühstückstisch? u.v.m.

Der Titel ist Programm.

Schreibwettbewerbe legen die Messlatte hoch für Kreativität und schriftstellerische Qualität. Alle Kurzgeschichten stellten sich im Wettbewerb dem Urteil einer kritischen Jury. Nicht wenige schafften es aufs schmale Siegertreppchen, bei oft mehreren hundert Beiträgen ein großartiger Erfolg. Viele Genres und Themen laden ein zur Reise durch die Fantasie von der bestplatzierten bayrischen Provinzposse über Mystisch-Romantisches bis zum preisgekrönten Horror.

Vom Autor von »Schmunzelmord – 25 kriminelle Kurzgeschichten aus dem Münchner Norden …« und von »Siebenreich – Die letzten Scherben«.

»Best Of.« FORUM München Nord

»Garantiert beste Unterhaltung.« Schongauer Nachrichten

»Gut gefüllte Wundertüte.« 5-Sterne-Rezension

Bewertungen sind wichtig für den Autor und helfen ihm, sein Buch bekannter zu machen. Über eure Rezension im Internet oder als Mail an mich würde ich mich daher freuen. Anfragen von BloggerInnen und Verlagen sind herzlich willkommen!

Die im Buch beschriebenen Handlungen und die genannten Personen sind fiktiv. Ähnlichkeiten und Namensgleichheiten sind zufällig und unbeabsichtigt. Produkt- und Marken­namen sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber.

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Zweiter Frühling

Susanne verließ mich im letzten Jahr. Nach 45 Jahren harmonischen Ehelebens hatten wir auch unseren Ruhestand in trauter Zweisamkeit verbringen wollen. Nun ist sie fort.

Unsere Wohnung bewohne ich noch immer, habe mich seit der Trennung regelrecht darin verkrochen. In letzter Zeit überkommt mich häufig eine Unruhe, etwas zieht mich wieder nach draußen. So nehme ich die Spaziergänge wieder auf, die ich früher mit Susanne unternommen hatte. Ich dehne sie aus, komme in unbekannte Viertel. Meine Aufgewühltheit lässt mich schließlich von Schusters Rappen auf unseren alten VW Golf umsteigen.

So bin ich in Neuwied gelandet. Freilich kenne ich es ein wenig, aber in dieser Gegend war ich noch nie, noch viel weniger im Frühjahr. In einer Wohnstraße mit villenähnlichen Doppelhäusern aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fahre ich in einen rosa Tunnel ein. Die japanische Zierkirsche steht in voller Blüte, hat die Fahrbahn in einen Teppich aus Blütenblättern verwandelt. Ich schaue mich um. Eine Allee, jeweils zwei Parkplätze zwischen zwei Bäumen auf einem breiten Bürgersteig vor den Fassaden altehrwürdiger Stadthäuser.

In einem Fenster entdecke ich eine Anzeige. »Zu verkaufen«. Ich finde einen Parkplatz, stelle den VW ab und marschiere zurück zu dem Haus, das oder in dem etwas zu verkaufen ist. Auf mein Klingeln hin öffnet eine Dame in schwarzem Kleid und Rüschenbluse, nach einem Gruß und wenigen Augenblicken des gegenseitigen Taxierens beginnt die Schlossbesichtigung. Eine Wohnung mit hohen Decken, umlaufenden Stuckbordüren, weiß lackierten Zimmertüren und hohen Fenstern, deren Kunststoffrahmen Sprossen imitieren.

Es muss noch das übliche Prozedere stattfinden. Bedenkzeit, Finanzierungsgespräche, Verkauf unserer, nein, jetzt meiner Wohnung und so weiter. Die Nocheigentümerin und ich plaudern auf der Sitzgruppe miteinander, ich frage nach Besonderheiten des Hauses.

»Naja, hier spukt´s.« Sie lacht. »Der Garten grenzt an den Friedhof Elisabethstraße, für die Geister ist der Zaun kein Hindernis.« Sie zwinkert mir zu und schenkt mir Kaffee nach.

»Oh, damit kann ich leben.« Ich grinse selbstbewusst.

Ich verabschiede mich. Bevor ich zusage, will ich die Gegend kennenlernen. Das Auto lasse ich stehen und gehe durch den rosa Tunnel zurück zum Anfang der Straße, biege durch einen gemauerten Torbogen mit schmiedeeisernem Tor in den Friedhof ein. Hohe Bäume, Kiesweg, sehr alte Gräber, ein paar an Denkmäler erinnernde Mausoleen.

Irgendwann erreiche ich den Ausgang gegenüber. Ich atme auf, die Sonne hat mich wieder, eine Bank lädt zum Verweilen ein. Ich lasse den Blick nach rechts und links über die autofreie, unbebaute Bogenstraße gleiten, genieße die Ruhe an dem idyllischen Spazierweg.

»Verzeihung, ist hier noch frei?«

Eine sympathische Stimme unterbricht meine Gedanken, ich schaue auf.

»Aber sicher. Nehmen Sie bitte Platz!«

Ich erhebe mich ein bisschen, deute eine Verbeugung an und setze mich wieder. Mein schlechtes Gewissen lässt mich an die Seite rutschen. Ohne nachzudenken hatte ich mich bei meiner Ankunft in die Mitte gesetzt und beide Arme auf der Rückenlehne ausgestreckt. Unauffällig betrachte ich meine Banknachbarin. Offenbar eine Endfünfzigerin, zierlich, das graue Haar ehrlich zur Schau getragen, ein farbenfrohes Sommerkleid aus einem dünnen, locker fallenden Stoff. Ihr Spitz ist nicht angeleint, er dreht sich zweimal im Kreis und streckt sich aus, legt den Kopf auf die Vorderpfoten. Die beiden sehen keck aus, passen zusammen. Sie gefällt mir.

»Ich habe mir gerade eine Wohnung angeschaut. In der Kinzingstraße steht eine zum Verkauf. Hochparterre, der Garten grenzt an den Friedhof.«

»Oh ja, das kenne ich. Ich wohne dort.«

»In der Kinzingstraße?«

»Nein, aber in der Nähe. Sozusagen dahinter, auf der Rückseite.«

Sie verwirrt mich. Hinter dem Haus der Garten, der Zaun, dann der … Ich habe ihren Scherz verstanden, grinse dümmlich, weil ich so lange gebraucht habe.

»Leider müssen Hunde da an die Leine. Also musste ich Lisa an Bekannte abgeben.«

Liebevoll blickt sie zu ihr herab, Lisa wiederum hebt den Kopf, schaut mit leuchtenden Augen zu ihrem Frauchen auf.

»Gehen Sie öfter hier mit Lisa spazieren?« Ich gestehe mir ein, dass ich sie gerne wiedersehen würde.

»Ab und zu«, antwortet sie, »und das hier ist unsere Bank. Wenn Sie die Wohnung kaufen, sehen wir uns wohl häufiger. Und jetzt müssen wir weiter. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Diesmal erhebe ich mich ganz, mache einen Diener und grüße zurück. Nachdenklich bleibe ich noch einige Zeit, kann die Idylle aber nicht mehr uneingeschränkt genießen. Irgendetwas an meiner Zufallsbekanntschaft lässt mich grübeln. Es ist nicht nur ihre Bemerkung darüber, wo sie wohne, es ist ihre ganze Erscheinung. Nicht nur grazil und zerbrechlich. Sie schien mir mystisch, unnatürlich leicht, beinah transparent.

Zum Kauf bin ich entschlossen.

Ich stehe in der Kinzingstraße neben meinem Auto. Die Dame von der Bank und Lisa habe ich längst vergessen. Ein Paar mit Hund kommt auf mich zu, grüßt im Vorübergehen. Zwei, drei Schritte sind sie an mir vorbei, als ich einer plötzlichen Eingebung folge.

»Lisa!«

Der Spitz verharrt, zieht an der Leine in meine Richtung. Verwirrt lässt sein Herrchen mehr Leine von der Rolle, Lisa läuft zu mir, springt an mir hoch. Ich bücke mich zu ihr, ignoriere das »Verzeihen Sie, das macht sie sonst nie bei Fremden« und gehe in die Hocke.

»Lisa, wir haben uns ja lange nicht gesehen! Wo ist dein Frauchen?«

»Verzeihung, Sie kennen den Hund? Und sein Frauchen, das bin ich.«

Verdutzt schaue ich zu der Frau hoch, einer geschätzten Mittvierzigerin mit brünetter Mähne.

»Nein, äh, ja, ich kenne Lisa. Und die Dame, mit der ich sie gesehen habe, ist wohl Ihre Mutter?«

»Nein. Die Dame gibt es nicht. Ihr Frauchen war eine Nachbarin, sie starb vor zwei Jahren. Gegen Ende ihrer Krankheit hat sie uns Lisa übergeben. Nun haben wir nur Ärger. Sie büxt ständig aus und läuft zum Grab ihres früheren Frauchens. Frei laufende Hunde sind auf dem Friedhof verboten. Wir müssen. Guten Tag!«

»Auf Wiedersehen«, erwidere ich und sehe entsetzt, wie die Brünette ihrem Mann die Leine aus der Hand nimmt, sie aufspult und Lisa brüsk von mir wegzerrt.

»Wie heißt ihr früheres Frauchen?« rufe ich dem Paar nach.

»Ladenberg. Lena Ladenberg.« Er nickt mir zu, bevor er zu seiner Frau aufschließt.

Der Kauf ist vollzogen. Ich habe mich in der Kinzingstraße eingelebt. Vom Wohnzimmerfenster aus blicke ich oft über den Garten hinweg zum Friedhof. Ich schlüpfe in meine Schuhe und mache mich aus dem Haus. Ob ich wieder dem Paar mit Lisa begegne? Einige Male noch hatten wir uns gesehen. Ich gehe zum Ende der Straße und wieder auf den Friedhof. Bei der Verwaltung habe ich gefragt und weiß ungefähr, wo das Grab liegt. In dem bezeichneten Areal schaue ich mir die Augen wund, endlich habe ich es gefunden! Ein seltsames Gefühl überkommt mich, dass das Grab leer sei. Ein paar Minuten verweile ich, dann wende ich mich ab.

Kurze Zeit später stehe ich vor ihrer Bank in der Bogenstraße.

»Guten Tag, Frau Ladenberg!«

Ich frage, ob ich Platz nehmen darf. Sie nickt wortlos, deutet neben sich.

»Sie wissen, wer ich bin?«

»Ich habe gefragt. Und Sie besucht. Sie waren nicht zu Hause.«

Ich zögere, bin nervös, aber ihre Leichtigkeit, die ich von unserem ersten Treffen in Erinnerung habe, gibt mir Mut.

»Darf ich Sie Lena nennen?«

Sie nickt.

»Ich bin Wolfgang.«

Sie drückt meine hingestreckte Hand. Ihre ist kalt und leicht.

»Sie sehen traurig aus, Lena.«

»Ich bin traurig, Wolfgang. Seit einer Ewigkeit sehe ich Lisa nicht mehr.«

»Ihre Herrchen lassen sie nicht mehr von der Leine, seit sie Ärger mit der Friedhofsverwaltung hatten. Und auf ihre letzten Tage hier wollen sie nicht nochmal riskieren, dass Lisa ausreißt. Sie ziehen weg.«

Mit schreckgeweiteten Augen sieht sie mich an.

»Arme Lisa, wie kann man ihr das antun? Wenn ich das geahnt hätte!«

Tränen steigen ihr in die Augen.

Die folgenden Tage halte ich mich kaum im Wohnzimmer auf. Ich habe mir einen Lehnstuhl vors Schlafzimmerfenster gezogen und verbringe darin die hellen Stunden. Meine Wache verspricht sich zu lohnen! Das Paar zerrt Lisa wieder die Straße entlang. Wie der Blitz bin ich draußen, hetze den dreien nach.

»Verzeihen Sie! Ich habe gehört, Sie ziehen fort. Was ist mit Lisa? Nehmen Sie sie mit?«

»Das geht leider nicht, wir ziehen in eine …«

»Sie kommt ins Tierheim, basta.« Mit kalter Stimme schneidet sie ihrem Mann das Wort ab, wendet sich mir zu. »Und was, bitte, geht Sie das an?«

»Wenn Sie Lisa nicht mitnehmen dürfen … ich würde gern, also, ich wäre bereit…«

»Nun stottern Sie nicht rum! Sie würden sie nehmen?«

Ich habe einen Kloß im Hals, nicke nur.

»Dann kommen Sie heute Abend in die Sonnenstraße 42. Um 18 Uhr. Sie holen Lisa, ihr Körbchen, Futter und noch ein paar Sachen. Seien Sie pünktlich, ich warte nicht gern! Guten Tag!«

Ich schlucke. Der Kloß ist weg, aber reden kann ich immer noch nicht. Sie sind außer Hörweite, als ich ihnen ein »Auf Wiedersehen, bis heute Abend, und danke!« nachrufe.

Am nächsten Tag gehe ich mit Lisa an der Leine zum Ende der Kinzingstraße und noch ein Stück weiter. Ich lasse Lisa frei, sie läuft neben mir, wir biegen in die Bogenstraße ein, ich setze mich auf unsere Bank, und wir warten. Schritte kommen auf uns zu, werden schneller. Eine einzelne Person. Sie beginnt zu rennen.

»Lena! Hallo!« begrüße ich sie. Ich fühle mich ignoriert, bin in meinem Innern aber voller Freude, kichere lautlos in mich hinein vor Rührung.

»Lisa!« Sie kniet sich zu ihrem Spitz, streichelt, tätschelt den weißen Vierbeiner, erhebt sich und gibt mir einen Kuss auf die Wange.

»Danke, Wolfgang! Kommt ihr nun öfter? Ich habe gesehen, dass du eingezogen bist und oft vom Wohnzimmer aus herüberschaust.«

»Ich habe vielleicht eine bessere Idee.« Ich zwinkere ihr zu.

Zu dritt steigen wir aus dem Golf. Ich knipse den Karabinerhaken an Lisas Halsband. Auch in diesem Park sind Hunde nur an der Leine geduldet. Auf den Neuwieder Friedhof hinter unserem Garten müssen wir nicht mehr. Lena wohnt jetzt bei mir und Lisa.

***


Die Kinzingstraße und das Haus gibt es wirklich. In Neuwied am Rhein. Der Garten grenzt an den Friedhof. Die Gründe, die mich in den 90er Jahren vom Kauf abgehalten hatten, waren aber andere als der Spuk, der von dort ausgehen könnte.

»Zweiter Frühling« belegte beim Schreibwettbewerb des Schreiblustverlags im November 2019 den 2. Platz und wurde ins Jahrbuch 2019 aufgenommen. In diesen Jahrbüchern versammeln sich seit 2001 die jeweils drei monatsbesten Kurzgeschichten. Diese Aufgabe lautete: »Geister«.



© Cover: Schreiblustverlag

»Zweiter Frühling« in: Der Kreis der Zeit

Veröffentlichung in Anthologie, Schreiblust-Verlag, Dortmund, 15.01.2020

Andreas Schröter (Hrsg.): »Schon seit Februar 2001 stellen wir jeden Monat eine Schreibaufgabe. ... Die drei Sieger-Storys eines jeden Monats sind in diesem Buch versammelt.«

***


Die Babysitterin

Das Reihenhaus im Ahornweg strahlte den Charme der 60er Jahre aus. Mit acht Metern wies es eine deutlich größere Fassadenbreite auf als die heutzutage gebauten Reihenhäuser, von denen manche mit viereinhalb auskommen müssen.

Britta verschaffte sich einen ersten Eindruck, ließ ihren Blick an der Fassade entlang gleiten. Im Erdgeschoss wich neben der Küche – sie war sich der Nutzung dieses Vorbaus wegen des Lüftungsgitters in der Wand sicher – die Garage zurück, wodurch sich am Ende der mit sandfarbenen Verbundsteinen gepflasterten Einfahrt eine Art Loggia ergab.

Sie würde hier gleich Zuflucht nehmen vor dem Nieselregen, aber vorher wollte sie ihre Erkundung abschließen.

Der Hauseingang in dieser Loggia war wie auch alle Fenster neu. Weißer Kunststoff, Isolierglas. Über die ganze Hausbreite spannte sich das Wohnzimmer, wie Britta mit einem Blick auf das Nachbarhaus feststellte. Bei ‚ihrem‘ Haus war davor der Balkon auf dem Küchendach zum Wintergarten ausgebaut.

Sie drehte sich um, schaute die Straße hinunter. Auf der Hauptstraße könnte sie in jede der beiden Richtungen schnell verschwinden, wenn sie nach Beendigung ihres Jobs das Haus verlassen würde. Der Blick war nicht atemberaubend, aber der sanft ansteigende Hang hinter der Talsohle vermittelte trotz des schmuddeligen Herbstwetters mit seinem noch anhaltenden Grün ein Gefühl der Geborgenheit.

»Keine Weite, in der man sich verloren vorkommt«, überlegte Britta, »sondern ein Horizont, der einem Orientierung gibt.«

Mit ihren vierzehn Jahren hatte sie sich noch nicht selbst gefunden, ihr Leben noch nicht geplant. Ihr Äußeres erweckte zwar den Anschein einer eher dunklen Zukunft, aber das war nicht endgültig. Sie experimentierte noch.

Britta gab sich einen Ruck und schob ihr Fahrrad die Einfahrt hinauf und lehnte es an die Außenwand der Küche. Sie klingelte.

Das Kleid sah gut an ihr aus. Das knöchellange Schwarz ließ die Hausfrau schlanker erscheinen, als sie wohl war. Der natürliche Graustich, der sich mit der Brauntönung ihres Haares mischte, stand ihr gut, verlieh ihr aber ein übertrieben strenges Aussehen.

»Guten Abend, du bist wohl Britta? Komm rein!«

Britta schenkte ihrer Arbeitgeberin für diesen Abend ein Lächeln und streckte ihr die Hand hin. Sie fühlte sich gleich darauf ins Haus gezogen.

Ihr mit gesenktem Kopf vorgebrachtes »Guten Abend, Frau Häusler« kam zögerlich, klang schüchtern. Doch war es das auch? Britta hatte sich angewöhnt, zurückhaltend zu wirken, wenn sie sich davon einen Vorteil versprach. Sie hatte sich auch jetzt nicht verrechnet, Frau Häusler schien verunsichert. Brittas Lächeln und ihre gespielte Kindlichkeit kontrastierten mit ihrer Aufmachung.

Ihr kurzes, schwarzes Haar war durchzogen von blutroten Strähnen, sie hatte einen Lippenstift im gleichen Rot aufgetragen. Das stahlmatte Augenbrauenpiercing gab ihrem schmalen Gesicht einen düsteren Anschein, der durch die nietenbesetzte Lederjacke über dem Top verstärkt wurde. Ihre Jeans mit den aufgeschnittenen Knien und ihre Segeltuchschuhe setzten das Schwarz bis zum Boden fort. Einzig ihre viereckige Umhängetasche in beiger Leinenoptik stand der Erwartung entgegen, Britta sei zu einer schwarzen Messe unterwegs.

Ein verhaltener Pfiff durch die Zähne ließ sie herumfahren. Der Hausherr war aus der Küche in die kleine Diele getreten, betrachtete das Mädchen von oben bis unten mit unverhohlener Neugierde. Erst, als seine Frau ihn mit zusammengekniffenen Brauen anfunkelte, sah er Britta in die Augen und reichte ihr die Hand.

Die restlichen Minuten bis zur Abfahrt der Häuslers waren angefüllt mit der Vorstellung der Zwillinge und des Zweijährigen. Frau Häusler hatte auf dem ersten Treppenabsatz die Tür zum Zimmer der beiden schlafenden Säuglinge einen Spaltbreit geöffnet, streckte über Britta ihren Kopf ins Zimmer. Thomas, der Zweijährige, begleitete seine Mutter und Britta die zweite Treppe des Splitlevelhauses hinauf ins Wohnzimmer. Nach zwei, drei Stufen strahlte er seine Babysitterin von unten herauf an, legte seine Hand in ihre und hielt sie fest. Britta schluckte, als sie seinen seltsamen Gang bemerkte. Brauchte er sie als Stütze, ihre Hand als Gehhilfe? Er tat ihr Leid.

Im Wohnzimmer stand ein Reisekinderbett.

»Thomas schläft nur ein, wenn jemand bei ihm ist und wenn Licht brennt. Er hat verstanden, dass du heute auf ihn aufpasst, er hat den ganzen Nachmittag neugierig gewartet. Wenn du ihm eine Geschichte vorliest, ist er eingeschlafen, bevor du ans Ende kommst.«

Sie drückte Britta ein Märchenbuch in die Hand. Der papierne Einband zeigte in Braun- und Grautönen orientalische Motive.

Na prima, Hauffs Märchen! Davor hatte ich mich noch als Zehnjährige gefürchtet. Dunkel erinnerte sie sich. Das hier musste der erste der drei Bände sein, der düsterste.

Laut sagte sie: »Da werden Kindheitserinnerungen wach. Ich hab´ das früher selbst gelesen. Da war ich aber schon älter.« Sie lachte Frau Häusler an.

»Wir müssen los«, tönte es von unten. Herrn Häuslers Stimme vibrierte vor Ungeduld.

»Bin schon unten!«

Frau Häusler war aus dem Wohnzimmer getreten, hatte sich über das Treppengeländer gebeugt. Gleich darauf stand sie wieder vor Britta.

»Also, wenn dir die Limonade hier nicht reicht …« Ihre Hand zeigte auf den Teewagen mit der Flasche und dem Glas neben der vollen Gebäckschale. »… dann geh runter in die Küche. Im Kühlschrank ist mehr. Die Fläschchen der Kleinen stehen neben den Flaschenwärmern auf der Arbeitsplatte vorm Fenster. Wenn du die Zwerge wickeln musst, findest du alles im Wickeltisch in den Kinderzimmern.«

Britta fand, ihr Blick läge etwas zu lange auf ihr. Stand hier Misstrauen Pate? Oder doch nur Sorge?

»Meinst du, du kommst zurecht?«

»Na klar, Frau Häusler. Es ist ja nicht das erste Mal.«

»Ach, fast hätte ich es vergessen. Unten im Haus wohnt mein Vater. Aber dem wirst du kaum begegnen.«

Kurz bevor die Haustür ins Schloss fiel, verstand Britta noch ein paar Brocken aus dem Gespräch der Häuslers. Der letzte Satz gab ihr zu denken.

»Ich hab´ so ein ungutes Gefühl.«

Thomas hörte die Geschichte von der abgehauenen Hand ohne Gefühlsregung. Stumm lauschte er Brittas lebhafter Stimme, die dem in Konstantinopel geborenen Zaleukos neues Leben einhauchte, indem sie zu den ihm angedichteten Episoden einschließlich des ihm aufgezwungenen Mordes und der als Strafe folgenden Amputation stets den angemessenen Tonfall fand. Wie von Frau Häusler vorhergesagt, schlief er ein, bevor die Erzählung endete.

Britta las den finsteren Schluss der vielschichtigen Geschichte um Liebe, Untreue und Rache leise für sich. Das dauerte lange, immer wieder fielen ihr die Augen zu, immer wieder nickte sie ein.

Britta beugte sich zur Seite, zog den MP3-Player aus ihrer Umhängetasche, wickelte das Kabel der Ohrhörer ab und stopfte sich die weißen Silikonpolster in die Ohren. Als sie ersten Takte der Puppe von Rammstein hörte, erhob sie sich zu ihrem Erkundungszug durchs Haus.

Sie begann mit dem Bücherregal, das eine Schmalseite des Wohnzimmers füllte. Bram Stokers »Drakula« und Mary Shelleys »Frankenstein or The Modern Prometheus«, letzterer wohl in der englischen Originalfassung, ließen sie kalt, aber die scheinbar komplette Sammlung der Werke Stephen Kings begeisterte sie. Sie griff nach dem »Friedhof der Kuscheltiere«, ihrem Lieblingsroman, las wahllos drei, vier Absätze und schob das Buch zurück. Auf dem Regalbrett darunter suchte sie, ob sie mit den zahlreichen Anatomiebänden etwas anfangen könnte. Eine morbide Faszination ging besonders von den detaillierten Zeichnungen aus.

Die beiden Kinderzimmer – Thomas hatte seines neben dem Wohnzimmer – untersuchte sie nur kurz. Der Überblick diente der Orientierung, falls sie von hier später wirklich etwas benötigen sollte.

Das Schlafzimmer war interessanter. Die Herrenbekleidung war für die Vierzehnjährige nicht wichtig. Aber der Schrank von Frau Häusler faszinierte sie, besonders die Spitzenwäsche hatte es ihr angetan.

Sie ging die Treppen ganz hinab, erreichte am Ende zwei Blechtüren, die zu Waschküche und Heizraum führten. Die Tür nach rechts war verschlossen. Um ihre Neugierde wenigstens im Ansatz zu befriedigen, klappte Britta den kleinen Wandspiegel daneben zur Seite, der zwei Fingerbreit von der Tapete abstand. Dahinter zeigte sich ihr eine Kunststoffklappe, an der sie aber kein weiteres Interesse fand. Sie kehrte um.

In der Küche entdeckte sie auf den ersten Blick die Fläschchen, aber die sollte sie den Zwillingen und Thomas ja nur geben, wenn sie aufwachten und Hunger hatten. Sie schaute in den Kühlschrank. Auf die Cola hatte sie mehr Appetit als auf die Zitronenlimonade, die oben auf dem Teewagen stand. Sie nahm die Flasche und ging wieder hoch.

Auf halber Höhe betrat sie nochmals das Schlafzimmer. Sie zog sich aus und legte ihre Kleidung auf das Ehebett. Aus Frau Häuslers Schrank griff sie mehrere von deren Spitzendessous, stellte sich vor die mittlere Spiegeltüre und hielt die Teile vor sich. Sie entschied sich für die schwarze Garnitur mit den Strapsen, nachdem ein weiterer Blick in den Schrank ihr auch die Strümpfe gezeigt hatte, die ihr bis über die Knie reichten. Derart in schwarze Spitze gekleidet, schlüpfte Britta in ihre Schuhe, drehte sich vor dem Spiegel und betrachtete sich zufrieden von allen Seiten.

Danach wollte sie wieder ins Wohnzimmer und auf ihrem Tablet-PC YouTube-Videos schauen. Besonders begeisterten sie die von Überwachungskameras, vor allem jene, in denen Angestellte oder Babysitter vorgeführt wurden, wie sie ihre Arbeitgeber beklauten oder Kleinkinder misshandelten. Sie wusste, dass sie dafür beinahe ewig Zeit hatte, bevor die Häuslers zurückkehrten, und möglichst lange so angezogen zu sein, erregte sie.

Sie beschleunigte ihren Schritt, als sie Thomas´ unruhiges Quengeln hörte. Auf der zweiten Stufe machte sie kehrt. Mit dem Fläschchen aus der Küche rannte sie die Treppen wieder hinauf. Ans Warmmachen hatte sie zwar gedacht, aber dann jammerte der Junge noch länger, und sie wollte das Balg doch schnellstmöglich beruhigt haben.

Britta fluchte. Verfluchte den Zweijährigen. Zwar konnte er nichts für das Ungemach, das auf Britta wartete, aber sie hatte es auszubaden und hatte wirklich keine Lust dazu. Schließlich war es nicht ihre Brut! Oder doch, für diesen einen Abend? Mit einem Fauchen betrat sie die Wohnstube ganz. Schon beim Öffnen der Türe hatte sie gerochen, dass Thomas nicht schrie, weil er Hunger hatte.

Britta hatte sich beruhigt. Mit festem Griff unter beide Achseln trug sie den Jungen aus dem Klappbettchen in sein Zimmer nebenan. Auch hier stand eine Wickelkommode. Sie legte ihn auf die abwaschbare Matratze, kramte hinter den beiden Türen darunter nach Einwegwindel, Puder und Babyöl und legte alles griffbereit neben den Schreihals.

Panisch warf sie die Strampelhose zur Seite. Sie hatte Thomas gewickelt, die alte Windel im Windeleimer entsorgt, ihn feucht abgewischt, eingeölt und gepudert. Seinen Strampler hatte sie ihm bis zu den Knien herabgezogen gehabt und erst beim Anziehen festgestellt, dass auch der gewechselt werden musste. Frische Kleidung hatte sie in der Wickelkommode genug gefunden. Nun stand sie vor dem Kleinkind und hyperventilierte. Ihr Herz schlug bis zum Hals, ihren Herzschlag spürte sie nicht, so raste ihr Puls. Sie biss sich fest auf die Lippe, konnte ihren Schrei auf die Weise gerade noch unterdrücken.

Thomas hatte keine Füße! Seine Beinchen endeten in zwei haarigen Auswüchsen, die sich ihrerseits in schwarze Hufe gabelten. Der Satyr prallte in ihr Gedächtnis, der Flöte spielende Waldgeist mit Bocksfüßen.

Irgendwann hatte sich Britta wieder gefasst, die Missbildung des Kleinen erregte ihr Mitleid. Sie stieß sich von der Wand ab, die ihr die Schrecksekunden lang Halt geboten hatte. Sie zog ihn fertig an, nahm ihn auf den Arm, streichelte ihn und trug ihn zum Kinderbettchen. Behutsam legte sie ihn hinein, reichte ihm seinen Schnuller, den er sofort in den Mund steckte. Er strahlte Britta an. Nach mehrmaligem Schmatzen war er eingeschlafen.

Britta wischte sich mit beiden Handrücken die Tränen ab. Es reichte nicht, erst ein Papiertaschentuch aus ihrer Tasche trocknete sie ganz. Während sie rieb, wuchs in ihr ein furchtbarer Verdacht. Waren die Zwillinge mit der gleichen Missbildung gezeichnet?

Sie pirschte die Treppe hinab, öffnete die Türe ein wenig. Das Licht aus dem Treppenhaus schien über sie hinweg, erhellte das Kinderzimmer gerade so, dass sie die beiden Säuglinge in ihren Bettchen liegen sah. Sie schlich hin, beugte sich nacheinander bei beiden über die seitlichen Gitter. Sie nahm allen Mut zusammen und tastete die Beinchen bis zu den Füßen ab. Sie redete sich ein, dass sie die Missgestaltung ja nicht sehen musste. Das Befühlen barg etwas Anonymisierendes, Beruhigendes. Und Britta war beruhigt, in den Strampelhöschen ertastete sie kleine, normal geformte Füßchen mit je einer großen und mehreren kleinen Zehen, deren Zahl sie nur vermuten konnte, aber ihr stellten sich die Härchen an den Armen und im Nacken auf, wenn sie daran dachte, die Vermutung überprüfen zu wollen.

Sie richtete sich ruckartig auf, als sie ihr auffielen. Warum trugen die Säuglinge Handschuhe? Gestrickt, farblich abgestimmt auf ihre Strampelanzüge. Deshalb hatte sie sie vorher nicht bemerkt. Britta beugte sich nochmals in das erste Bettchen, ergriff das kleine Händchen – und hätte beinahe aufgeschrien vor Schreck und Schmerz. Etwas Spitzes hatte sie durch den kleinen Strickhandschuh gestochen oder gekratzt. Unwillkürlich steckte sie den Finger in den Mund. Er schmeckte salzig und nach Eisen. Blut! Sie fasste nach, tastete vom Ellbogen zum Ende, hielt den Atem an, tastete weiter, fühlte, wie das Ärmchen dünner wurde – und wie ein Hühnerfuß in drei nach vorn gerichteten Krallen und einer rückwärts wachsenden auslief. Die anderen Händchen zu erforschen, fehlte ihr der Mut.

Britta setzte sich auf die Treppe, stützte die Ellbogen auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen, ließ ihren Tränen freien Lauf. Die armen kleinen, missgestalteten Geschöpfe! Die arme Familie! Womit hatten sie das verdient? Wofür hatte Gott sie so hart bestraft? Gab es ihn wirklich, wenn er so etwas zuließ?

Britta wusste nicht, wie lange sie so gesessen hatte. Sie hatte ein Klicken oder Knacken vernommen, aber dass das Geräusch mit einem Kurzschluss einhergegangen war, der auch im Treppenhaus das Licht gelöscht hatte, bemerkte sie erst nach einer Weile. Im Haus herrschte Dunkelheit. Sie stand auf, stolperte über die Stufe, an die sie nicht mehr gedacht hatte. Der Griff ans Treppengeländer verhinderte ihren Sturz. Als sie sich nach oben tastete, schlich ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie schüttelte sich, fröstelte. Ihr fiel wieder ein, dass sie so gut wie nichts anhatte. Aber Licht war wichtiger. Sie schlang die Arme um ihre Schultern, vertrieb die Kälte durch leichte Schläge.

Schemenhaft erkannte sie das Kinderbettchen, die Couchgarnitur an der Wand. Sie setzte sich. Aus ihrer Tasche fingerte sie ihr Smartphone, schaltete es an und startete die Taschenlampen-App. Licht!

Aber ein schwacher Akku. Anstatt nach dem Netzteil und dem Ladekabel zu kramen, zog sie es vor, für Licht im Haus zu sorgen. Im Kellergeschoss hatte sie ja die Klappe hinter dem Spiegel entdeckt. Dahinter verbarg sich wahrscheinlich der Sicherungskasten.

Die Tür neben dem Kasten stand einen Spalt breit offen. Als Britta die Hauptsicherung eingeschaltet hatte, war im Treppenhaus, gleichzeitig auch hinter der Türe, das Licht angegangen. Sie schaltete ihr Smartphone aus, sie brauchte dessen Licht nicht mehr, und linste durch den Spalt. Eine holzvertäfelte Wand, dunkelroter Teppichboden, eine rustikale Deckenlampe. Was Britta sehen konnte, erinnerte an ein Hauswirtschafts- oder Bügelzimmer. Es herrschte Stille.

Sie hätte selbst nicht sagen können, was sie bewegte, die Tür aufzudrücken und den Raum zu betreten. Sie fühlte sich magisch angezogen. So, wie jemand mit Höhenangst nicht vermeiden kann, sich über die Kante zu lehnen und in die Tiefe zu spähen.

Der Raum war unspektakulär eingerichtet. Ein Hobbyraum der 60ger Jahre. Ein Schrank, Stühle, ein Tisch, auf dem zwei Päckchen mit Spielkarten lagen. An einer Wand eine Fototapete, die einen Wald zeigte, aus dessen Rand die Mauern einer Burgruine wuchsen. Am Ende der Tapete war nur noch Mauer, und so dauerte es eine Weile, bis Britta es entdeckte – das Loch in der wirklichen Wand. Eher ein Durchgang. Mit glatten Seiten und oben einem gemauerten Rundbogen.

Sie fühlte sich wie Alice im Wunderland, als sie gebückt den Torbogen durchschritt und im Halbdunkel dem Gang folgte. Irgendwann versperrte ihr Körper dem Licht aus dem Hobbyraum den Weg nach vorn. Ganz dunkel wurde es dennoch nicht, ein schwacher Schein blinkte ihr entgegen, füllte den Gang stroboskopartig mit einem diffusen Hellgrau.

»Jetzt muss nur noch das Kaninchen kommen!«

Brittas stummer Scherz war ein Ausdruck von Galgenhumor. Sie kam sich gewiss nicht vor wie eine Figur in Disneys sympathisch animierten Zeichentrickfilm, sondern eher wie in dem düsteren Film aus 2010 von Tim Burton. Irgendetwas ließ sie entgegen ihrem eigenen Streben nicht umkehren, zog sie immer weiter vorwärts. Das Licht wurde nicht heller.

Unerwartet weitete sich der Tunnel zu einer kleinen Halle. In der Mitte hing von der Decke eine flackernde Neonröhre unter einem blinden Reflektor. Die Röhre selbst war von einer Dreckschicht umhüllt, der Schein erlaubte gerade einmal, Umrisse zu erkennen. Als Britta zu dem hohen, langen Tisch in der Mitte trat, stieß sie an einen kleineren, der zur Seite auswich. Sie fasste nach. Es war eine Art Servierwagen, nur größer und aus Blech oder Edelstahl. Etwas darauf hatte bei dem Stoß geschabt. Offenbar Werkzeug. Sie fasste hin, tastete. Und schrie auf. Sie hatte sich geschnitten.

Ihr fiel das Smartphone wieder ein. Sie schaltete es ein, verzichtete auf die Taschenlampenfunktion. Für den Raum reichte die normale Displaybeleuchtung, auch wenn sie einen Rotstich aufwies, ein Tribut an den blutigen Bildausschnitt der zeitgenössischen Darstellung einer Hinrichtung mit dem Fallbeil.

Britta zuckte zusammen. In ihrem Zeigefinger klaffte ein Schnitt über die gesamte Länge des vorderen Gliedes, hervorgerufen durch den Griff in ein Skalpell, wie sie nun erkannte. Es war Teil eines Operationsbestecks, das auf dem nackten Blech des Wagens ausgebreitet lag. Sie entdeckte noch zwei Wagen, einen davon mit weiterem Operationswerkzeug, angefangen mit Skalpellen, über Zangen, Klistiere bis hin zu Knochensägen. Der letzte Wagen trug Flaschen mit Betäubungsmitteln, wie sie aus den Wattebäuschen daneben schloss, steril verpacktes Verbands- und Nähzeug und ein Knäuel blauer Operationshandschuhe.

Ihr wurde richtig kalt. Sie trat von den Blechwagen zurück, fuhr zusammen, brach in Tränen aus. Etwas hatte sie von hinten berührt. Hart, kantig. Sie schaute über ihre Schulter und stieß erleichtert die angehaltene Luft aus, sie war an die Tischkante gestoßen. Nach einem zweiten Blick schlug sie die Hände vors Gesicht. Für die unregelmäßigen, im roten Licht schwarz erscheinenden Flecken auf der Tischplatte gab es in diesem Ambiente nur eine Erklärung: Blut. Sie stand in einem Operationssaal, in Frankensteins Schreckenskammer.

Sie schluckte trocken, nahm den Rest ihres Mutes zusammen und hob die Augen. An den Wänden gaben die Lücken zwischen den wahrscheinlich blechernen Medizinschränken, wie aus den runden Kanten und Ecken zu schließen war, den Blick frei auf fünf angrenzende Räume. Nur einer hatte eine Türe.

Britta pirschte sich an den nächstliegenden heran, schlich über die Schwelle, stets darauf bedacht, möglichst kein Geräusch zu verursachen. Das fiel schwer, der Boden war übersät mit Scherben, medizinischem Besteck, Spritzen und einigem mehr. Ihr stockte der Atem, als sie vor dem Durchgang auf einem Haufen Unrat einen Finger liegen sah. Sie beugte sich zur Seite, würgte.

Sie kam sich plötzlich winzig vor, bereute, Frau Häuslers Reizwäsche angezogen zu haben. Die machte sie verletzlich, klein. In ihrer Jeans und der Lederjacke wäre sie nicht so schutzlos gewesen! Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Als ob das helfen könnte! Es funktionierte auch nicht, das Smartphone leuchtete die Umgebung nicht mehr aus. In Brittas Schluchzen lag Verzweiflung.

Sie zwang sich weiter.

Sie hielt das Licht auf den Boden. Der sah aus wie in der Halle, Unrat auf ehemals weißen Fliesen. Ein Lichtreflex ließ sie aufblicken, in Augenhöhe. Sie hob das Smartphone, presste vor Schreck die freie Hand auf den Mund. Vor ihr stand eine fast unbekleidete junge Frau, die sie mit einem Licht blendete. Britta erstarrte und beruhigte sich erst, als auch ihr Gegenüber sich nicht bewegte. Aus den Augenwinkeln betrachtete sie die Frau und brach in ein befreiendes Lachen aus. Ihr Spiegelbild sah ihr aus einem halbblinden deckenhohen Wandspiegel entgegen.

Sie leuchtete den Raum ringsum ab, hielt angewidert inne. Sie hob den freien Arm, stützte sich an einer Wand ab und beugte sich vornüber. Sie erbrach sich auf die Fliesen, entdeckte erst jetzt den Kinderarm, der dort auf einem Haufen Kehricht lag, und hetzte orientierungslos aus dem Raum. Der Anblick eines metallenen Tisches mit abgetrennten menschlichen und tierischen Gliedmaßen war für sie zu viel gewesen.

Als sie die Augen aufschlug, fand sich Britta ein einem leeren, fahl und flackernd ausgeleuchteten Zimmer wieder. Sie kauerte auf dem Boden, fror. Die Kälte kam von innen. Langsam stieg die Erinnerung in ihr hoch. Sie rief sich die Stationen des Abends ins Gedächtnis. Babysitting, die missgebildeten Gliedmaßen der Häusler-Kinder, der Hobbyraum, der Gang, die Operationsbestecke, amputierte, teils skelettierte Gliedmaßen. Und das alles in und unter einem Reihenhaus von gerade mal acht Metern Breite! Absurd!

Reiß dich zusammen! Du träumst. Wenn du willst, kannst du jederzeit aufwachen.

Aber wollte sie das überhaupt? Dieser Traum hatte ihr jetzt schon so viel Horror beschert wie all die Filme zusammen, für die sie im vergangenen Monat ihr Taschengeld und ihr kleines Einkommen aus dem Babysitten in die Kinos und Videotheken getragen hatte. Manche Nacht hatte sie die Horrorfilme unmittelbar vor dem Einschlafen geschaut, um sie in ihren Träumen fortzusetzen oder, wenn ihr das Ende nicht gefallen hatte, mit einem anderen Ausgang zu versehen.

Das hier war das Nonplusultra!

Britta stand auf, ballte ihre Hände zu Fäusten und stieß sie forsch mit einem wenn auch gehauchten, so dennoch kampfesmutigen »Ja!« vor ihrem Körper nach vorn. Sollten die Zombies doch kommen!

Sie beugte sich zum Boden, hob ihr Smartphone auf und schickte sich zur Erkundung der restlichen Räume an. Zwei blieben noch.

Mutig beugte sie sich durch den Eingang in den ersten. Wieder metallene Tische, beladen mit menschlichen und tierischen Torsi und Gliedmaßen. Innereien auf dem Boden. All das und auch der Kopf eines Jugendlichen konnten sie nun nicht mehr aus der Fassung bringen. Sie richtete sich auf und schritt zum letzten Raum.

Sie stieß die Tür auf und trat ein, den Blick dem Lichtschein ihres Smartphones auf den Bodenfliesen folgend. Im Raum erst blieb sie stehen, hob Smartphone und Blick, verharrte stocksteif. Eine Gestalt, groß wie ein Kind, starrte sie von der gegenüberliegenden Wand an. Beide schrien in gegenseitigem Erschrecken auf, Britta fiel das Smartphone aus der Hand, es landete mit dem Display nach unten. Dunkelheit, Schreie von allen Seiten. Flucht! Aber wohin? Den Ausgang hinter sich konnte Britta nicht sehen, sie stand sich selbst im Licht.

Sie griff nach dem rot umrandeten Rechteck auf dem Boden, leuchtete rundum in den Raum, hielt den Schreien stand. Missgestaltete Körper, angekettet an die Wände, allesamt durch Körperteile anderer Spezies entstellt, angenäht, angesetzt wie Prothesen.

Todesangst griff nach Brittas Herzen, hielt es in ihren Klauen eng umklammert, presste es zusammen.

Britta rannte, rannte auf das helle Viereck vor ihr zu, den rettenden Ausgang, den Weg aus diesem Albtraum, diesem Horrormärchen, das sie nun doch nicht mehr durchstehen wollte.

Ein Mann trat in das Viereck, kaum, dass sie zwei Schritte getan hatte. Er hatte die Tür von einem Nachbarzimmer aus aufgestoßen und eilte auf Britta zu. In einer Hand hielt er einen faustgroßen Wattebausch, in der anderen eine braune Flasche, deren Glasstöpsel fehlte. Britta flog ein Hauch von Chloroform entgegen. Sie prallten zusammen, der Wattebausch schnellte auf ihr Gesicht zu, verdeckte Nase und Mund. Britta versank in einer wohltuenden Schwärze.

Der Morgen graute, als Häuslers heimkehrten. Ein schlechtes Gewissen brauchten sie nicht zu haben, ihre Babysitterin hatte gewusst, dass es sehr spät werden könnte, und sie war einverstanden gewesen. Die Couch war bequem, und Frau Häusler hatte ihr zwei Wolldecken und ein frisch bezogenes Kopfkissen hingelegt gehabt.

Britta erhob sich von der Treppenstufe, auf der sie gewartet hatte, bis sie die Diele betraten.

»Na«, grüßte Frau Häusler, »war etwas Besonderes?«

Britta konnte nicht antworten. Damit es besser anheilen konnte, war ihr Wolfsmaul noch zugenäht.

***

»Die Babysitterin« war 2019 mein Beitrag zur Ausschreibung »Schubladengeschichten« und schaffte es aus 123 Einsendungen unter die 13 in Band 1 abgedruckten Preisträger.


© Cover: Verlag Textgemeinschaft, 2019

»Die Babysitterin« in: Schubladengeschichten, Anthologie. Verlag Textgemeinschaft, 07.12.2019

Carola Käpernick (Hrsg.): »Dieses Buch entstand durch einen Schreibwettbewerb. Diese Beiträge haben sich … als die besten herauskristallisiert.«

***


Abserviert

Ich könnte von früh bis spät heulen.

Gestern Morgen habe ich ihn gefunden, Julias Zettel mit den knappen Worten »I´m sorry!«.

Ihr Versuch, mit ihrem wenigen Englisch die Tatsache ins Lächerliche zu ziehen, dass sie mir ihren Verlobungsring auf einem abgerissenen Stück Papier liegenlässt, gibt mir den Rest. Stillos, einfach so auf dem Küchentisch. Eiskalt serviert sie mich ab, verdrückt sich klammheimlich, hält nicht einmal eine Erklärung für nötig.

Wenn ich den Ring und den Zettel nur ansehe, schnürt sich mir die Brust zusammen, und ich drehe mich weg.

Der Abend vorgestern hatte sich in die Länge gezogen, er war sehr nett gewesen. Mit keiner Silbe hat sie auch nur angedeutet, dass sie mich verlassen wollte. Freilich musste sie gestern recht früh nach Koblenz zurück, als ich noch schlief. Sie arbeitet dort, und dort haben wir auch ihre Wohnung geteilt. Wir hatten uns spontan ineinander verliebt, und einen Monat später zog ich mit meinen wenigen Sachen bei ihr ein. Die Schmetterlinge im Bauch kamen nicht zur Ruhe. Von einer gemeinsamen Zukunft träumten wir, schmiedeten Hochzeitspläne. Hat sie das überfordert? Nie hat sie den Anschein erweckt, nicht vollkommen in der Vorfreude auf ein Leben zu zweit und später als Familie aufzugehen.

Der gestrige Tag kam mir vor wie das Fegefeuer: Ich bin benommen, kann mich nicht konzentrieren, will mich niemandem anvertrauen, obwohl alle merken, dass mit mir etwas nicht stimmt. Gefühlte fünf Minuten nur halte ich es aus ohne einen weiteren Versuch, Julia anzurufen. Ein paar Abschiedsworte wenigstens, eine Begründung! Das ist doch das Mindeste, das ich verlangen darf. Womit verdiene ich diese rüde Behandlung, diese Missachtung? Keine Antwort, ihr Handy ist ausgeschaltet, ihr Telefon nimmt sie weder im Büro noch abends zu Hause ab.

Die Nacht über bekomme ich kein Auge zu. Ich grüble, bin irgendwann überzeugt, die Erklärung für Julias schnödes Verhalten gefunden zu haben.

»Das machst du nur, damit du näher bei deiner Mutter bist.«

»Stimmt doch gar nicht, ich tu´s für uns.«

»Muttersöhnchen!«

Ich hielt ihre Bemerkung für einen Scherz, sie hatte schließlich dazu gelacht.

Freudestrahlend hatte ich ihr vor zwei Wochen die Zusage auf meine Bewerbung gezeigt, sie strahlte. Ich dachte, sie freut sich mit mir. Schließlich tue ich es für uns beide. Es fällt mir nicht leicht, aus dem beschaulichen Städtchen am Deutschen Eck, dem Zusammenfluss von Rhein und Mosel, wegzuziehen. Ich bin dort aufgewachsen, zur Schule und in die Lehre gegangen, habe mit meiner Mutter zusammen gewohnt, bis ich erwachsen war und sie in Bayern einen neuen Lebensgefährten fand. Sie hat meine Pläne stets unterstützt, sich nie in mein Leben eingemischt. Ich bin kein Muttersöhnchen, Julia weiß das! Und in München verdiene ich beinahe das Doppelte, wir hätten uns ein gemeinsames Leben aufbauen können.

Das Schmerzliche war nicht nur die Trennung, die ich auf mich nehmen musste, bis Julia mir nachkäme, sondern auch, dass ich Hals über Kopf umziehen musste. Meine neue Firma macht es mir leichter, indem sie mir ein möbliertes Appartement überlässt, bis ich eine Wohnung gefunden habe. Julia hatte versprochen, mir dabei helfen zu wollen.

Sie hat mich am Wochenende besucht, wir waren auch bei meiner Mutter. Aus Julias Verhalten konnte ich nur schließen, dass ihr die neue Umgebung gefiele, und mit meiner Mutter kam sie offensichtlich gut zurecht. Harmonie pur! Woher der grußlose Aufbruch, woher nur der unverständliche Sinneswandel?

Nun sitze ich seit einer Stunde am Küchentisch, vor mir die dritte Flasche dunkles Hefeweizen und Julias Zettel mit dem verschmähten schlichten Goldring. Alles hat sich gegen mich verschworen, sogar das Weißbier mag mich nicht und ist zu schnell alle. Eine letzte Flasche wartet noch im Kühlschrank. Mein Gang und meine Bewegungen sind unsicher, meiner Verfassung angemessen. Beim Einschenken stoße ich mit dem Flaschenboden Ring und Zettel vom Tisch. Ein Malheur mehr, aber nur ein kleines.

Den Ring hebe ich schnell auf, an den Zettel komme ich nicht so leicht heran. Er ist halb unter meinen Stuhl geflattert und liegt mit dem »I´m sorry!« nach unten.

Als ich mich danach recke, lacht mich ein Smiley an, und ich lese:

»Schatz, Du schläfst so fest, da will ich Dich nicht wecken. Aber ich muss los.

Den Ring gib bitte Deiner Mutter zurück. Als ich gestern bei ihr im Bad war, habe ich ganz in Gedanken ihren Ehering von der Konsole über dem Waschbecken genommen und angesteckt.

Ich liebe Dich.

Julia«.

***


»Abserviert«, mein allererster Beitrag zum Schreibwettbewerb des Schreiblustverlags. Das folgende Foto sollte zur Geschichte inspirieren.


© Foto: Schreiblustverlag

***


Szenen einer Ehe – eher eine Szene!

»Ich liebe dich nicht mehr.«

»Warum sollte es dir besser gehen als mir?« entgegnete ich. Ich legte eine Menge Emotion in meine Stimme. Auf dieses Gespräch mit ihr hatte ich mich vorbereitet, ich wusste, dass es kommen würde. Kommen musste.

»Du hast mich nie ernst genommen, hast meine Bedürfnisse ignoriert! Für dich war ich nur gut genug zum Putzen und Waschen.«

»Naja, da war noch ´was anderes«, warf ich ein. Kaum war die Entgegnung über meine Lippen geflossen, bereute ich sie. Ich hatte sie anders gemeint! Innerlich zuckte ich zusammen, sah die moralische Gewitterwolke meinen ganzen Horizont ausfüllen. Prompt erntete ich den Kommentar, den - so schien es mir – jede sexuell frustrierte Ehefrau loswerden musste.

»Der Spruch musste ja kommen, du Pascha. Ihr denkt auch immer nur an das Eine! Und? Was kommt dann? Nur heiße Luft!«

»Stimmt doch gar nicht! Es war echte Liebe, aber im Lauf der Zeit …«

»Etwas Besseres fällt dir auch nicht ein. Wenn du mir wenigstens nur ab und zu geholfen hättest. Aber nein, du hattest nur deine Arbeit im Sinn, deine Geschäftsreisen, hast mich und die Kinder vernachlässigt …«

Die Pause war nur kurz, dann wusste ich, was ich zu antworten hatte.

»Ich hab´s für uns getan. Von nichts kommt nichts.«

»Ach, und meine Arbeit zählt wieder nicht! Ich rackere mich im Haushalt ab von früh bis spät, habe kein Wochenende, keinen Feiertag, keinen Urlaub. Wenn du heimkommest, legst du nur die Füße hoch, erwartest, dass ich dich frage, wie dein Tag war. Wer zum Teufel fragt mich, wie mein Tag war?« Ihre Stimme schwoll ein paar Dezibel an. »Du meinst auch, bloß weil du das Geld heimbringst, …«

»So ist das nicht«, fiel ich ihr ins Wort, »auch wenn ich meine Arbeit nicht gegen deine tauschen möchte, so erkenne ich deine doch an.«

»Und was habe ich davon, tagein, tagaus? Höre ich von dir nur ein einziges Wort der Anerkennung?«

Sie hatte die Fäuste geballt, sie zitterte, ihre Stimme vibrierte. Es war nicht das angenehme Timbre, das ich so lieben gelernt hatte vom ersten Tag an, als wir uns trafen. Aber darauf reagierte ich nicht, es war einfach ihre Stimme, die mich noch immer erregte. Mein Fehler! Als ich meine Gedanken und Sehnsüchte wieder von ihrem Tonfall löste, wusste ich nicht mehr, wie das Gespräch begonnen hatte, das schlechte Gewissen aber blieb. Wie schon so oft. Ich musste mich mehr zusammenreißen! Diesmal ging der Punkt an sie.

Das nächste Streitgespräch ließ nicht lange auf sich warten. Gerade hatten wir noch nebeneinander Hand in Hand auf der Couch gesessen. Nun standen wir uns gegenüber, nach vorn gebeugt, nur der Couchtisch zwischen uns bemühte sich als stummer Schiedsrichter darum, dass der Disput wenigstens einigen Regeln der Vernunft und des Anstands zu gehorchen hatte. Das leidige Thema war der Urlaub im Tessin, im Ferienhäuschen mit dem kleinen Garten, einem Handtuch von Grundstück.

»Nicht einen Finger hast du gerührt! Wenn wir ankommen, räumst du gerade noch das Auto aus. Ist klar, wenn der Wagen erst mal in der Garage steht, kommst du nicht mehr an den Kofferraum. Aber danach …? Ich darf zuerst eine Grundreinigung durchführen, weil das Haus ein halbes Jahr leer stand, während du auf der Terrasse beim Bier eine rauchst und dann im Bett verschwindest. Ja, du hattest ja auch fahren müssen. Aber am nächsten Morgen verlangst du frische Brötchen vom Bäcker, ein geputztes Bad und sämtliche Gartenmöbel auf der Terrasse.«

»Ich habe nie gefordert, dass du das alles in der ersten Nacht herrichtest. Schließlich haben wir fast vier Wochen Urlaub da verbracht.«

»Du hättest ja auch mal zugreifen können! Du weißt auch, wie schwer es mir fällt mit dem alten Rasenmäher.«

»Ja, und am zweiten Tag sollte ich die Hecke schneiden. Das hätte auch Zeit gehabt in den vier Wochen.«

»Wenn´s zu Beginn gemacht wird, haben wir es halt die ganze Zeit schön.«

»Du weißt, wie dringend ich Entspannung gebraucht habe! Immerhin bin ich zehn Monate im Jahr fünf Tage die Woche zwischen zehn und zwölf Stunden von zu Hause fort, während du dir deinen Tag einteilen kannst und deinen Arbeitsplatz gestaltest, wie du ihn möchtest. Während ich fremdgesteuert bin!«

» …?«

Dieser Punkt ging eindeutig an mich.

Das nächste Mal hatte sie mich mundtot gemacht nach nur zwölf Sekunden: »Du hast keine Argumente, du hast nur Ausreden!«

K.O. in der ersten Runde.

Noch einige solche Dispute folgten in der nächsten Zeit. Anfangs mit wechselndem Ergebnis. Dann wurde sie immer stärker, fuhr Themen und Argumente auf, denen ich immer weniger entgegenzusetzen hatte. Sie wurde ruhiger, rationaler, während mich ihre zunehmende Sachlichkeit jedes Mal mehr zur Weißglut brachte. Manchmal wiederholten wir uns. Szenen einer Ehe eben. Dort wird auch nicht alles nur ein einziges Mal aufgetischt, dieselbe schmutzige Wäsche wird mehrmals gewaschen. Sie wurde immer sicherer. Bald hatte sie mich eingeholt. Überflügelt will ich nicht sagen. Oder nicht zugeben.

Und dann:

»Du, danke für deinen Rhetorikunterricht! Du bist ein wirklicher Freund.«

Hannelores Kuss war mehr als gehaucht, er war leidenschaftlich. Genauso leidenschaftlich gab ich ihn zurück. Ich hatte mich lange danach gesehnt.

Mit Hilfe unserer Rollenspiele und ihrem daran gewachsenen Selbstbewusstsein hat sie es geschafft, nicht nur die Scheidung einzureichen und, dem Zerrüttungsprinzip folgend, durchzustehen, sondern sich auch ein übergroßes Stück vom Kuchen der Zugewinngemeinschaft abzuschneiden.

Hannelore und Herbert kannte ich schon lange. Obwohl ich mitgeholfen hatte, ihn zu übervorteilen, tat Herbert mir aus tiefster Seele Leid.

Die Scheidung der beiden erinnerte mich an die alte Geschichte »Ich trug Jeans und lange Haare«, in der ein Typ seiner Flamme zuliebe nicht nur zum Friseur geht, sondern sein T-Shirt gegen den Rollkragenpulli, die Lederweste gegen ein Sakko und die Jeans gegen eine Stoffhose mit Bügelfalten tauscht. Seine Harley Low Rider mit Chopper-Gabel und Sissibar weicht dem konservativen VW Golf. Und nach dem Abschluss seiner Metamorphose beendet sie die Beziehung. Er sei so spießig geworden, nicht mehr der taffe Typ, in den sie sich vormals verliebt hatte. Als er dann mit seinem Köfferchen auf der Straße steht, sieht er sie aus dem Haus kommen und sich hinter einem Kerl aufs Motorrad schwingen. Der trug Jeans und lange Haare.

Der Typ aus der Geschichte war ich.

Seit ihrer Scheidung sahen wir uns regelmäßig. Nach einem Vierteljahr verkaufte Hannelore die Wohnung, die ihr zugesprochen worden war, und zog zu mir. Wir heirateten. Nun habe ich sie am Hals und weiß nicht, wie ich sie wieder losbekomme. Im Tessin habe ich die Hecke geschnitten und den Rasen gemäht. Gleich, nachdem ich den Kofferraum ausgeräumt hatte. Sie lag auf der Terrasse im Liegestuhl in der Sonne. Sie wollte für mich hübsch braun werden. Die Brötchen mag sie übrigens warm und mit Kruste, und die Gartenabfälle lasse ich höchstens ein halbe Stunde liegen.

Manchmal trifft man im Leben eine falsche Entscheidung, und manche Fehler macht man mehrmals. Mit Herbert verstehe ich mich übrigens wieder prima. Im Grunde meines Herzens beneide ich ihn.

***


Die Aufgabenstellung hieß »Manchmal trifft man im Leben eine falsche Entscheidung – vielleicht auch mehrmals«.

Im Forum des Schreiblustverlages bewerten die Einsender der bis 40 Beiträge am Monatsende ihre Werke gegenseitig. Der eigene Beitrag erhält dabei keine Punkte. Aussagekräftiger als die oftmals vom Geschmack beeinflusste Punktevergabe sind die Kommentare zur Umsetzung der Monatsaufgabe, zu Idee und Schreibstil.

***


Nikolaus

Ich bin Nikolaus. Der Nikolaus.

Es ist Advent, die Vorweihnachtszeit.

Ich lebe in einer Wohngemeinschaft. Wir sind ein bunter Haufen, jeder sieht anders aus, jeder hat eine andere Geschichte, eine andere Meinung. Jeder hat sein Zimmer, seine eigene Tür nach draußen. Da ist der Tannenbaum, der von früh bis spät seine Spitze mit dem goldenen Stern wiegt, da sind Stars und ein paar Sternchen, die sich dafür halten. Da sind unter anderem das Schaukelpferd und der Junge, der nichts tut außer sich in seiner Wiege zu schaukeln, die mit goldfarbenen Fasern ausgelegt ist – Stroh nennt er es –, und vor sich hin zu summen. Auf ihn bin ich etwas neidisch. Ausgerechnet der Jüngste hat das größte Zimmer, die breiteste Tür. Verzaubert bin ich von der Blonden im weißen Kleid, sie ist wirklich hübsch mit ihren Flügeln, die sie hier nicht richtig ausbreiten kann. Altersmäßig passen wir trotz all meiner Sehnsucht nach ihr nicht zusammen: Ich könnte ihr Großvater sein.

So sehe ich auch aus. Mein Haar ist lang und weiß, ich sollte mal wieder zum Friseur gehen, finde aber keinen, und mein Bart überwuchert mein Gesicht. Zugenommen habe ich, fühle mich mit meinem Übergewicht besonders in Gegenwart meines Rauschgoldengels unwohl. Aber wir haben wenig Bewegung, und die Weihnachtsvorbereitungen bauen nicht wirklich Kalorien ab. Meistens sitzen wir zusammen und philosophieren.

Stammtischpolitik hat es neulich einer aus unserer Runde genannt.

»Wir ändern ja sowieso nichts.«

Das ist es, was mich stört. Früher war alles besser! Da ging ich auf die Straße, habe brave Kinder beschenkt, hin und wieder auch Erwachsene, und unartige bestraft. Heute schert sich kaum jemand um mich und um das, was ich tue oder auch nicht. Die richtigen Geschenke überbringe ich auch nicht mehr, höchstens ein paar Süßigkeiten, und wenn jemand verantwortungsvoll ist, auch etwas Obst nach Marktlage.

Zwar habe ich noch meinen Tag wie beinahe vier Wochen vorher ein anderer Heiliger aus meiner Epoche. Martin. Sein Namenstag wird begangen mit Gänsebraten, abends ziehen Eltern mit ihren Sprösslingen durch die Straßen, erhellen sie mit Laternenumzügen. Sogar besungen wird Martin, zumindest in einigen Gegenden, etwa im Rheinland, dessen Dialekt ich nur bruchstückhaft verstehe. »D´r hillije Zinter Mätes, dat wor ne jode Mann. Dä jof der Kinder Kääzcher un stoch se selver an.« Ja, Martin ist ein guter Mann, aber dass er Kerzen verschenkt und Spaß am Zündeln hat, wusste ich vorher nicht. Die Kinder werden auch ihn verdrängen, wenn sie älter sind. Erst, wenn sie selbst Kinder haben, werden sie sich erinnern und ihren Kindern Bastelmaterial für Papierlaternen in den Kindergarten mitgeben.

Und wer besingt mich? Ich meine das nicht wörtlich, aber heutzutage, halbwegs vergessen, gibt es gerade noch am Vorabend meines Namenstages kurzzeitig Vorbereitungen in manchen Haushalten, mein Namenstag ist ein normaler Tag. Gefeiert wird höchstens, wenn er auf ein Wochenende fällt, indem man ausschläft und sich darüber freut, dass man nicht zur Arbeit muss – Busfahrer und Krankenschwestern ausgenommen. Das ist so, seit mir der andere den Rang abgelaufen hat. Auch er heißt Claus, wenigstens mit »C«, er lässt sich Santa nennen. Zwar eine Werbeerfindung des amerikanischen Herstellers koffeinhaltiger Limonade, aber sehr rege. Er hetzt in seinem roten Kapuzenmantel durch Großstadtstraßen, und wenn er müde ist, setzt er sich auf das Sims eines Schaufensters. Oder, wenn man ihn lässt, geht er in das Kaufhaus hinein und lässt sich mitten in der Weihnachtsdekoration nieder, wippt Kinder auf seinen Knien und lässt sie an seinem Bart ziehen. Und die Kaufhäuser belohnen ihn, wenn die Eltern der Kinder, die auf seinen Knien sitzen, im Geschäft teure Geschenke kaufen. Im Gegensatz zu mir ist er nicht authentisch, er ist nur ein Abziehbild, die Gallionsfigur des Konsums!

Aber meine Gedanken schweifen ab. Das Problem ist der Umgang der Menschen mit dem bevorstehenden Fest. Ich frage mich: Wann habe ich den Anschluss verpasst? Wir leben recht zurückgezogen, haben vielleicht von unseren alten Identitäten zu großen Abstand genommen. Uns gibt es ja nur einmal im Jahr.

Wir sitzen mal wieder zusammen.

»Es gibt eine Parallelwelt. Hauptsächlich Menschen leben dort. Zumindest prägen sie ihr ihren Stempel auf.« Der Tannenbaum sagt es, er ist der älteste in unserer Gemeinschaft, hat die meiste Lebenserfahrung.

»Ich erinnere mich wieder. Menschen. Ganz früher hat sich abends die Familie versammelt«, sinniere ich, »um einen Weihnachtsbaum herum mit Wachskerzen und Lebkuchenanhängern. Oder, wer …«

»Das war ich.« Die Stimme des Tannenbaums zittert leicht, er seufzt. Dann verbarrikadiert er sich in seiner Erinnerung.

»Oder, wer noch keinen zu Hause hatte«, fahre ich fort – mit erhobener Stimme, um nicht nochmals unterbrochen zu werden – »um den Adventskranz. Gesungen hat man. Und vorgelesen. Später, als hätte man die Stimme verloren, kamen die Weihnachtslieder von Schallplatten, Tonbändern oder CDs. Heute? Nichts mehr. Außer Kommerz. Im allerschlimmsten Fall werden noch am Heiligen Abend ein paar Verlegenheitsgeschenke besorgt, man lässt sie im Geschäft verpacken und ist enttäuscht, wenn sie nicht gefallen.«

Diesmal seufze ich.

»Man müsste den Menschen mal die Leviten lesen«, beendet mein Rauschgoldengel die peinliche Pause. »Nikolaus, du könntest doch …« Sie verstummt, als ich die Augenbrauen zusammenkneife.

Aber sie hat etwas in mir berührt. Eine vergessene Saite beginnt zu schwingen. Erst ganz zart, dann stärker, am Ende heftig. Ich hatte doch früher … und warum nicht heutzutage wieder? Ein kurzes Nicken in die Runde, dann verlasse ich die Gemeinschaft, ziehe mich in mein Zimmer zurück. Ich muss nachdenken.

Es ist wieder soweit, wie jedes Jahr in der Adventszeit. Wie in Big Brother oder dem Dschungelcamp verschwindet jeden Tag einer von uns. Da ihre Zimmer nicht nebeneinander liegen, wird die Reihenfolge wohl durch die Nummer an ihrer Tür bestimmt. Sie werden in die Parallelwelt geholt, zu den Menschen. Was die mit ihnen machen? Ich weiß es nicht, keiner kann es mir sagen.

Ich zähle eins und eins zusammen.

»Ich gehe«, stelle ich in unserer abendlichen Runde fest. »Zwei Dinge treiben mich. Erstens weil, wie unser Engel hier gesagt hat, …« Ich strahle sie an, sie strahlt zurück. »… ich die Menschen wieder zur Besinnung ober besser gesagt, zur Besinnlichkeit, zurückführen will. Und zweitens will ich nicht fremdbestimmt sein und warten, bis sie mich holen.«

Ein Raunen geht durch unsere Gemeinschaft. Der Stern auf der Tannenspitze verliert beinahe den Halt, so stark schüttelt sie sich, das Schaukelpferd nickt zustimmend, mein Engel drückt mir einen Kuss auf die Wange, und der Junge summt weiter, als habe er nicht zugehört.

Gestern habe ich an einer Seite meiner Türe einen Schlitz entdeckt, aber ich bekam sie nicht aufgestemmt. Ich habe kein Werkzeug, nur meine Rute. Sie ist kein Zweig, eher ein Reisigbesen ohne Stiel. Einzelne Reiser kann ich herausziehen, mit ihnen stochere ich in dem Schlitz, er wird breiter und länger, das Türblatt wellt sich dort, wo ich gearbeitet habe. Dann entdecke ich weitere Schlitze, darüber und darunter, auf drei Seiten. Ich muss also nur die Stege durchtrennen. Das macht es mir leichter, in die Freiheit der Parallelwelt zu kommen, meine Mission auszuführen.

Was ich zu tun habe, ist nebulös. Ich werde improvisieren müssen. Leicht wird es nicht werden, darüber sind wir uns hier alle einig. Traue ich es mir zu? Will ich überhaupt?

Schon wieder wird uns heute einer entrissen, ein kleiner Stern. Wir sind schockiert, verkriechen uns in die hintersten Winkel unserer Kammern und verhalten uns ganz still. Wann sind wir dran? Als nichts mehr passiert, treffen wir uns, lamentieren aufgeregt. Mein Engel wiederholt seinen Vorschlag, diesmal mit deutlich mehr Vehemenz.

»Wir werden zwar für uns nichts ändern, aber die Menschen werden mehr auf uns achten.«

»Uns achten! Nicht auf uns!« verbessert der Weihnachtsbaum. Die alte Tanne hat irgendwoher Lametta aufgetrieben und sich in Schale geworfen. »Uns wieder achten!«

»Ich weiß nicht recht.« Ich äußere meine Zweifel.

»Du schaffst das schon!« Rundum ertönt Zuspruch.

Aber …

»Ich weiß nicht recht.«

»Karl, hast du …? Kaaarl, hast du die Haken etwa in den Türrahmen geschraubt?« schallt es spätabends aus der Parallelwelt in mein Stübchen. Ich unterbreche meine Arbeit.

»Nein, Schatz, zwischen Wand und Rahmen ist ein Spalt, da habe ich sie eingeklemmt. Morgen nehme ich sie wieder heraus. Siehst du, so! Oder willst du wieder Stiefel hinstellen?«

»Kommt gar nicht in Frage! Wozu hätte ich denn dann ein halbes Dutzend rote Strümpfe gestrickt?«

»Naja, mal eben vier!«

Ich höre ein Kichern, ein gehauchtes »Lass das!«, dann ein zärtliches Schmatzen. Es erinnert mich an den Kuss meines Engels.

Ich setze mich erst einmal hin, muss meine Gedanken sammeln, mir über meine Absicht klarwerden. Will ich überhaupt hinaus? Was ist mir beschieden? Bleibt die Adventszeit geprägt von Hektik, Ärger über Schmuddelwetter und Vorweihnachtsstress? Oder bin ich in der Lage, den Menschen ihre Beschaulichkeit, ihre innere Ruhe und Ausgeglichenheit, ja Freude, zurückzubringen? Ich bin der Nikolaus, der Nikolaus, aber schaffe ich es? Und wenn ich bei meiner Familie, bei Karl und Schatz und den Strümpfen anfange?

Ich bohre unentschlossen weiter.

Irgendwann habe ich es erreicht. Alle Stege sind durchtrennt, die verbliebene Seite der Tür ist durchgehend von oben bis unten geschlossen, aber das Türblatt lässt sich aufbiegen. Ich lausche, zuerst in mich hinein, dann nach draußen.

Es ist still im Raum. Ich treffe die längst fällige Entscheidung und öffne die Tür.

***

Diese besinnliche Geschichte entstand in der Vorweihnachtszeit 2019 als Antwort auf die Ausschreibung des Schreiblustverlags »Ich traf die längst fällige Entscheidung und öffnete die Tür«.

Wie bei allen Schreibwettbewerben dieses Verlags war die Länge des Textes auf 10.000 Zeichen einschließlich Leerzeichen begrenzt.

***

Boah ey! oder Münchhausens Schreckensfahrt

»Scharfe Sache! Was hast du dafür gelöhnt?«

»Ach, das willst du gar nicht wissen!«

»Komm, nun sag schon!«

»Gut zweimal dein Jahresgehalt.«

»Seit ich in die Teppichetage eingezogen bin oder vorher?«

»Seit. Und mit Prämie.«

»Boah ey!« Dieser Spruch, den Hans-Peter aus der Ära der Manta-Filme und Manta-Witze ins Erwachsenenalter herübergerettet hat, drückt alles aus. Anerkennung, ein bisschen Neid, aber noch mehr Freude für Heinz und eine Portion Stolz darauf, mit dem Besitzer dieses Boliden befreundet zu sein. Ein »Wir wär´s mit ´ner Probefahrt?« reißt ihn aus seinem kurzen Tagtraum.

»Klar, aber wie komm´ ich da rein und nachher wieder raus?»

»Der Schuhlöffel liegt im Fußraum. Und raus? Da gab es mal einen, der hat sich an den Haaren aus dem Sumpf gezogen, da wirst du das wohl aus ´nem Auto schaffen!«

Amüsiert über ihre eigenen platten Bemerkungen grinsen beide sich gegenseitig an.

»Wollen wir?«

»Klar, ich leg´ nur schnell noch mein Jackett in den Jaguar.«

Mit sonorem Schnurren rollt der italienische Sportwagen die breite Einfahrt vor dem Luxusbungalow hinunter und rauscht keine 10 Minuten später durch die scharfe Kurve des Zubringers auf die Autobahn. Heinz wirkt locker, Hans-Peter aber weiß, wie konzentriert er in Wirklichkeit ist. Zwar lässt der Verkehr hier noch kein Freilassen der unbändigen Pferdchen zu, aber die linke Spur muss einfach sein. Einige Kilometer später – eine Strecke, die die Geduld der beiden reichlich strapaziert – sind sie fast allein auf der Piste. Eine dritte Spur öffnet sich, die Geschwindigkeitsbeschränkung endet, der Motor hat seine Betriebstemperatur erreicht.

»Nu´ lass laufen! Freie Fahrt für freie Bürger!«

»Hast Recht! Solange die Regierung einen noch lässt.«

»Eben. Es kann nur schlimmer kommen.«

Das »Ach so« von Heinz klingt lässig, wird aber Lügen gestraft durch das ironische Lachen, das er nicht unterdrücken kann.

Hans-Peter ist neugierig, was das neue Spielzeug seines Freundes hergibt. Angst hat er nicht. Er ist hohe Geschwindigkeiten gewohnt, als Beifahrer genießt er das exponentielle Ansteigen der Adrenalinkurve. Nervenkitzel wie in der Achterbahn! In seinem Sitz versteift registriert er mit einem Seitenblick auf die traditionellen Rundinstrumente die zunehmende Geschwindigkeit.

»Gleich biegt sich die Tachonadel um den kleinen Stift da unten. Da, wo hinter der 320 die Zahlen aufhören.«

Heinz grinst, dreht das Gesicht seinem Freund zu.

»Noch nicht ganz, das kommt aber noch. Wozu habe ich denn ´nen Biturbo, Resonanzauspuff, zwei polierte Nockenwellen und ausgefräste Stirnräder? Übrigens alles eingetragen. Sch…« Ruckartig korrigiert er den Lenkradausschlag, um den Augenblick seiner Unaufmerksamkeit auszugleichen.

»Hape, kannst du bitte mal das Autoradio ausschalten? Es nervt. Die Lautstärke wird geschwindigkeitsabhängig hochgeregelt. Muss ich noch einstellen.«

Mit einem breiten Grinsen beugt sich Hans-Peter in seinem Sitz nach vorn und drückt die »Off«-Taste.

»So ein Armleuchter! Der sieht doch auch, dass der Laster da vorn überholt. Und hier fahr´ ich nicht mehr rechts ´rüber.«

Hans-Peter hört zu, dreht sich in dem Sportsitz so weit nach hinten, wie es geht, schaut durch das schmale Heckfenster.

»Porsche 997«, kommentiert er. Das Modell erkennt er an den ovalen, schräg liegenden Scheinwerfern, denen die markanten »Tränensäcke« seines Vorgängers fehlen. »Du, der Spoiler! Das muss ´was Besonderes sein. Der normale is´ das nich´.«

»Na und? Deswegen muss er mir nicht am Auspuff nuckeln.«

Die LKW sind überholt, Heinz weicht auf die rechte Spur aus, der Porsche beschleunigt, überholt und zieht vor ihm nach rechts, schneidet ihn.

Heinz fühlt sich provoziert. Das Manöver weckt seinen Jagdtrieb. Er greift das Lenkrad fester, spannt Arm- und Nackenmuskeln an, rutscht mit Rücken und Hinterteil hin- und her, bis er mit dem Schalensitz verschmilzt. Dann tritt er das Gaspedal durch.

Der Italiener macht einen Satz, presst nun auch Hans-Peter an die Rückenlehne. Der winzige Heckspoiler reckt sich ins Freie, der cw-Beiwert duckt sich. Der Motor fühlt sich wohl mit seiner neu gewonnenen Freiheit, endlich darf er zeigen, was in ihm steckt. Die Hufe von 500 Pferden hämmern auf den Asphalt. Das Dröhnen des Mittelmotors erstickt alle anderen Geräusche im Fahrgastraum.

Heinz und Hans-Peter erfasst der Geschwindigkeitsrausch. Der Porsche hat keine Chance, Heinz holt auf, setzt zum Überholen an.

Nur der Tatsache, dass Heinz sein neues Auto noch nicht richtig kennt, verdankt es der Porsche, dass er mithalten kann. Kilometer um Kilometer rasen beide Fahrzeuge nebeneinander her über die autofreie Piste. Fahrer und Beifahrer des 997 schauen nach links zum Italiener hinüber. Grinsend erwidert Hans-Peter ihren Blick.

Heinz hält seinen auf die Fahrbahn geheftet – hunderte Meter voraus. So erkennt er vor dem Porschefahrer das potenzielle Hindernis, einen Lastzug, der immer wieder auf die Mittelspur gerät. Heinz tritt das Gaspedal aufs Bodenblech.

»Nur weg von dem Porsche! Wenn wir an dem Lastwagen vorbei sind, hört das Spiel auf. Dann soll der Idiot machen, was er will.«

Der Porschepilot sieht den Ruck nach vorn, erkennt die Gefahr und hat den gleichen Gedanken: vor seinem Konkurrenten an dem LKW vorbei! Er beschleunigt, ist wieder gleichauf.

Seite an Seite preschen beide Sportwagen über die Autobahn. Der Lastzug ist erreicht. Einen halben Meter ragt er in den mittleren Fahrstreifen, in die Fahrspur des Porsche!

Der Fahrer bekommt Panik, weicht nach links aus, touchiert Heinz´ Italiener, prallt nach rechts ab. Zum Glück ist der Lastwagen nun hinter ihm. Aber sein Fahrzeug hat er nicht mehr im Griff. Der Porsche driftet über die rechte Spur auf den Standstreifen und schmirgelt funkensprühend an der Leitplanke entlang, bis er zum Stehen kommt.

»Hast du das gesehen? Das Arschloch hat mir den Außenspiegel abgefahren! Den Kerl krall´ ich mir.« Seine Stimme klingt eine Oktave zu hoch. Im Innenspiegel sieht Heinz, wie der Porsche an Tempo verliert. Er steuert nach rechts, sein Bremsmanöver reibt ein Viertelpfund Gummi in den Seitenstreifen.

Mit der sturen Beharrlichkeit eines Ozeandampfers zieht der Lastzug auf seinem Kurs an Heinz und Hans-Peter vorbei. Seine Hupe dröhnt wie ein Nebelhorn.

Langsam zählt Heinz bis zwanzig, und als er sicher ist, dass die Turbos stillstehen, dreht er den Zündschlüssel auf Stellung »null«. Ein weiterer Blick in den Spiegel zeigt Blaulichter, die sich vom Horizont her unendlich langsam nähern. Ein Polizeihubschrauber landet hinter dem Porsche auf der Standspur.

»Scheibenhonig! Jetzt haben sie uns erwischt. Illegales Straßenrennen.«

Hans-Peter sitzt starr, einzig sein Adamsapfel bewegt sich, hüpft auf und ab, soweit er Bewegungsfreiheit hat. Er selbst berührt das Auto nur an drei Punkten. Seine Fersen haben sich mit einem Fußbreit Abstand in den Veloursboden gegraben, sein Hinterkopf liegt hart an die Nackenstütze gepresst. Stocksteif schwebt sein Körper über dem Sitz, seine Hände hält er, da er in der ersten Schrecksekunde nichts zum Festhalten gefunden hat, immer noch wie zum Gebet gefaltet über der Brust. Er schluckt und würgt. Plötzlich kommt wieder Leben in ihn. Gerade noch rechtzeitig drückt er die Beifahrertür auf und stemmt sich aus dem Sportsitz. Sekunden später übergibt er sich über die Leitplanke.

Heinz spürt sein Herz bis zum Hals pochen. Langsam schält er sich aus dem Auto, verliert beinah das Gleichgewicht. Als er seine Schnappatmung einstellt, wird ihm bewusst, dass er sich mit dem ganzen Gewicht seines Oberkörpers auf dem Fahrzeugdach abstützt. Das hat nichts damit zu tun, dass er mit dem Hintern fast auf der Fahrbahn gesessen hat und seine Füße auf gleicher Höhe waren. Er hat schlicht weiche Knie.

Nun erst hört er das dröhnende Geräusch über sich. Ein zweiter Helikopter bleibt in der Luft und kreist über der Autobahn.

Am Abend folgt im Fernsehen auf die Nachrichtensendung eine Sonderberichterstattung. Ein Fernsehteam im Hubschrauber verfolgt zwei Sportwagen, die sich offenbar ein Rennen liefern, das nach einem Rempler abgebrochen wird. Für den Porsche endet es an der Leitplanke, der italienische Renner verlangsamt seine Fahrt und hält weiter vorn auf dem Seitenstreifen. Ein Helikopter landet in unmittelbarer Nähe des Porsches.

Heinz und Hans-Peter sitzen nebeneinander auf der Couch. Die Hand von Hans-Peter scheint in der Chips-Tüte eingeklemmt, jedenfalls zieht er sie nicht heraus. Heinz beugt sich vor, stellt wie in Zeitlupe sein Bierglas auf den Couchtisch, nimmt den Blick nicht vom Bildschirm. Dass ihre Ehefrauen ins Wohnzimmer treten, nehmen beide solange nicht wahr, bis Corinna erstaunt ausruft: »Guck mal, der sieht ja aus wie deiner!«

Das »Schschscht!« kommt unisono.

Gerade rechtzeitig verstummt Corinna, sodass alle vier nun dem Bericht auch zuhören können. Irgendwo auf einer Autobahn steht eine hübsche Enddreißigerin vor einem Polizeihubschrauber, sie hebt gerade den Blick in die Kamera und bläst sich eine Strähne aus dem Gesicht. Dann beginnt ihr Interview.

»Scharfe Sache, wie Sie die Bankräuber ausgebremst haben! Ein oskarverdächtiges Manöver! Wieso waren Sie sich eigentlich so sicher, dass in dem Porsche die Bankräuber saßen?«

Erwartungsfroh schwenkt die Kamera zu Heinz und Hans-Peter.

»Naja …« Hans-Peter klingt ganz anders, viel selbstbewusster, als er sich beim Aussteigen noch gefühlt hat. Die gesprenkelten Flecken auf seinem teuren Leinenhemd sehen aus, als gehörten sie dahin. Batik? Sein Flunkern wird von einem spitzbübischen Grinsen begleitet. »Schließlich flogen Sie und der Polizeihubschrauber die ganze Zeit über uns. Dazu lief im Autoradio Ihre Live-Reportage.«

»Gleich erzählt er noch ´was vom Ritt auf der Kanonenkugel. Aber an den Haaren hat er sich nicht aus dem Auto gezogen!« Aussprechen will Heinz seine Gedanken nicht. Aber als er albern kichert, nimmt der Kameramann ihn ins Visier.

»Und da ja …« Heinz lächelt verschmitzt. »… die schmalbrüstigen Polizeiautos nichts ausrichten konnten, war mir klar: Hier musst du ´was unternehmen!«

***

Frühlingsgefühle. Die weckte der Schreiblustverlag im April 2019 mit der Aufgabe »Scharfe Sache«. Messer, Sex und Paprika waren die meistverwendeten Zutaten zu den übrigen Einsendungen.

***

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
208 s. 15 illüstrasyon
ISBN:
9783752916522
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar