Kitabı oku: «Schmunzelmord»

Yazı tipi:

Michael Kothe, Rudolf Georg, Sabine Reifenstahl

Schmunzelmord

25 kriminelle Kurzgeschichten aus dem Münchner Norden ...

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kriminell. Kurzweilig. Sympathisch.

Schmunzelmord

Impressum

Vorstadtmord

Apfelstecher

Bauernschläue

»Vergiss die 5.000 nicht!«

Autohandel

Fahrzeugpanne

Die Drei von der Tankstelle

Süßer Wein

Invasion der Ladendiebe

Fenstersturz

Grabräuber

Entlaufen

Handtaschenraub

Dieb, du hast die Gans gestohlen, gib sie wieder her

Weihnachtsfeier

Handgepäck

Tod im Weiher

Polierte Platte

Häusliche Gewalt

Mordswanderlust

Porsche, aus Freude am Sterben

Ba-Ba-Banküberfall

»Zum schmutzigen Löffel«

Zwei Blüten vom gleichen Stamm

Begegnung

Über die Autoren

Michael Kothe

Schubladengeschichten

In Vorbereitung:

Sabine Reifenstahl

Feierabend

Rudolf Georg

Sünde des Schweigens

Impressum neobooks

Kriminell. Kurzweilig. Sympathisch.


Verbrechen wollen unterhalten. Dafür wird schon einmal ein Mord am malerischen Schleißheimer Schloss begangen oder erfährt der Koffer-Klau am Franz-Josef-Strauß-Flughafen eine unerwartete Wendung. Vor allem im Münchner Norden tobt das Verbrechen! Vom Handtaschenraub über Versicherungsbetrug reicht die Palette bis zum Totschlag. In 25 kurzen Kriminalgeschichten verüben liebenswerte Figuren Straftaten, werden Opfer derselben oder klären auf. Jeder Fall ist anders, er lässt den Leser schmunzeln oder treibt ihm Tränen des Mitgefühls in die Augen. Die Kürze bietet Lesevergnügen auch für zwischendurch, …

»… aber es wird selten bei nur einer der prickelnden Geschichten bleiben.» FORUM München Nord, 20.12.2019

»Kothe lässt einen nicht mehr los.« FORUM München Nord, 27.12.2019

»Der Leser soll denken: Hier ist es passiert.« Münchner Merkur, 10.1.2020

Schmunzelmord

25 kriminelle Kurzgeschichten

aus dem Münchner Norden …

… und von anderswo:

je einmal

aus dem Brandenburgischen

und aus dem Schwabenland

Impressum

Verantwortlich: Michael Kothe

Copyright:

Inhalt, Text, Lektorat, Layout, Fotos, Umschlaggestaltung: © 2020 Michael Kothe,

bezüglich der Gastbeiträge:

© Sabine Reifenstahl, © Rudolf Georg.

Autorenfotos:

© Kothe, © S. Reifenstahl, © A. Jurcec

Buchcover der Veröffentlichungen:

© Verlag/Hrsg./Illustrator

Kontakt:

Deutschland: 85716 Unterschleißheim, Friedhofstr. 4

Spanien: 36980 O Grove/Pontevedra

Telefon: 0034 744 480 080

eMail: autor.michael-kothe@gmx.de

Internet: https://autor-michael-kothe.jimdofree.com

Die im Buch beschriebenen Handlungen und die genannten Personen sind fiktiv. Ähnlichkeiten und Namensgleichheiten sind zufällig und unbeabsichtigt. Orte, Straßennamen und Hausnummern wurden auf Grund ihrer Umgebung und Lage gewählt und stehen in keinem realen Zusammenhang mit den geschilderten Fällen. Produkt- und Markennamen sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber.

Schreibt eure Bewertung im Internet und bei facebook & Co oder schickt sie mir als Mail mit Leserfoto zu Posten auf meiner Homepage und im Internet. Ich freu´ mich drauf.

Vorstadtmord


Es war wohl kurz vor Mitternacht. Seit einer gefühlten halben Stunde hockte er auf dem oberen Treppenabsatz vor der Schlafzimmertüre, bevor er sich nun hinunter traute. Irgendwann musste er ja das Haus verlassen.

Hannes war ein Kleinkrimineller, war geschickt im Taschendiebstahl und vorsichtig bei seinen Wohnungseinbrüchen. Er war ein Weichei, ein Dünnbrettbohrer. Deshalb hatte er sich nie an einem großen Coup versucht. Immer hatte er gründlich auskundschaftet, Schaden vermieden und Beute von so geringem Wert mitgehen heißen, dass die Besitzer sie, wenn überhaupt, erst nach einiger Zeit vermissten. Dann wussten sie schon nicht mehr, wann sie ihre Sachen zum letzten Mal gesehen hatten. Nie hatte er in der Regionalzeitung auch nur eine Zeile über seine Einbrüche gelesen.

Und nun war er in einen Mord verwickelt!

Die Doppelhaushälfte in der Dachauer Karl-Riemer-Straße an der Würm hatte er längere Zeit beobachtet. Die Nachbarn waren für Wochen fortgefahren, sein Wohnungsinhaber, ein älterer Herr, saß regelmäßig bis in die Morgenstunden im unten gelegenen Wohnzimmer vor dem Fernseher, oft genug war er dort eingeschlafen.

Hannes hatte sich durch den von außen nicht einsehbaren Garten geschlichen, der an die Südseite der KZ-Gedenkstätte grenzte, durch den auf Spalt herabgelassenen Rollladen gespäht und sich gefreut, dass alles so war wie erwartet. Den Balkon über dem Wohnzimmer erreichte er nach einem Tritt auf die Regentonne und zwei Griffen ins Geländer schnell, die Balkontür stand wie gewöhnlich zum Lüften spaltbreit offen. In seiner dunklen Kleidung hätte ihn auch dann niemand sehen können, wenn Spaziergänger sich in der kühlfeuchten Herbstnacht noch auf der Straße befunden hätten.

Gerade hatte er lautlos die Schubladen der Schlafzimmerkommode geöffnet und durchsucht. Den Pfiff durch die Zähne verkniff er sich gerade noch. Von den fünf Armbanduhren steckte er nur zwei ein, Markenuhren, aber nicht die teuersten aus der Sammlung. Der Alte würde sie wohl vermissen, aber glauben, er habe sie verlegt.

Es klingelte an der Haustür. Hannes hörte den Sessel des Seniors ächzen, als der sich erhob, und hörte ihn mit einem leisen Fluch zur Tür schlurfen. Das Klingeln wiederholte sich, die Tür wurde geöffnet, der Hausherr stellte eine Frage, und die Tür fiel wieder ins Schloss, wohl recht heftig zugestoßen. Hannes spähte durch die Lochbleche des modernen Edelstahlgeländers und sah, wie der Hausherr rückwärts durch die Diele ins Wohnzimmer gedrängt wurde. Seine Proteste konnte er nicht verstehen.

Sein Herz setzte ein paar Schläge aus, als der Eindringling in seine Richtung nach oben blickte: Er glaubte, sich selbst ins Gesicht zu sehen! Zum Glück widerstand er der Versuchung, sich hastig zurückzuziehen, die Bewegung hätte man von unten aus gesehen. Reglos klebte er am Geländer, überlegte fieberhaft, woher er den Kerl mit der Baseballmütze kannte. Eine Mütze mit dem eingestickten Namen Michael Jordan und einem stilisierten Basketball, sogar den runden silbernen Aufkleber mit dem Hologramm erkannte Hannes. Ein Zeichen, dass der Träger sie offenbar in einem Fanshop erstanden hatte.

Im Wohnzimmer entspann sich außerhalb seines Blickfeldes ein erregter Disput, aus dessen Bruchstücken sich Hannes zusammenreimte, es ginge um etwas Persönliches. Dann ein dumpfer Schlag, Rascheln und Schaben, und er sah den Eindringling durch die Diele in Richtung Haustür hasten, die geöffnet und gleich darauf wieder zugezogen wurde.

Endlich raffte sich Hannes auf, schlich die Treppe hinunter, betrat die hölzernen Stufen nur am Rand, weil sie dann weniger knarrten, und stand im Wohnzimmer. Der alte Herr lag seitlich gekrümmt auf dem Teppich, die Blutlache unter seinem Hinterkopf hatte aufgehört, sich weiter auszubreiten. Hannes würgte, seine Blicke streiften hektisch umher, Panik verwirrte seine Gedanken. Nur fort! Rückwärts ging er in die Diele, drehte sich um und wollte durch die Haustür auf die Straße. Nur fort! Die Hand hatte er schon fast auf der Klinke, als ihm das Licht der Straßenlaterne auffiel, das durch den Türspion hereinschien. Er machte kehrt und hatte beinahe die Treppe erreicht, als sein Fuß etwas zur Seite stieß. Instinktiv bückte er sich, hob die dicke Geldbörse auf und ließ sie in die weite Tasche seiner Jacke gleiten.

Ungesehen verließ er das Haus auf demselben Weg, auf dem er sich hineingeschlichen hatte.

Angst packte ihn, hielt ihn den ganzen Heimweg im Griff. Wer war der Mörder, sein Doppelgänger? Hatte der ihn nicht doch bemerkt? Was hatte er von ihm zu befürchten?

Er durchquerte die Arbeitersiedlung, durch die er zu seiner Wohnung musste. Einst schmucklose Reihenhäuser aus den dreißiger Jahren, hatten sie heute durch den Geschmack und die Mühen ihrer Eigentümer eine morbide anmutende Schönheit angenommen. Gepflegte Vorgärten, immer nur ein Handtuch von Grundstück, mit akkurat geschnittener Hecke. Blumenkästen mit Geranien auf den Fensterbänken. Es wurde Zeit, dass die verblühten Pflanzen durch winterharte Heide ersetzt würden.

Der Weg des Erinnerns führte hier hindurch, eine im Jahr 2007 eingeweihte Route zum Gedenken an die Opfer der NS-Zeit. Auf einem Dutzend Schildern wurden die Stationen beschrieben, an denen die KZ-Häftlinge auf ihrem drei Kilometer langen Marsch vom Bahnhof zum Lager vorbeikamen.

Hannes blieb überrascht stehen. Den ganzen Weg lang hatte er gegrübelt, woher ihm der Mörder bekannt vorkam. Als er jetzt den Blick hob, fand er sich vor dem fünf Schritt langen Plattenweg zu einem dieser gleich aussehenden Häuser stehen. Er schlug sich mit der Hand an die Stirn. Natürlich! Vor diesem Haus hatte er ihn öfter gesehen, hatte sich über die Ähnlichkeit mit ihm gewundert. Bisher hatte es ihn belustigt. Sein Blick wanderte ziellos über die Fassade, die weißen Fensterrahmen aus Holz, die Kachel mit der Hausnummer 29, den Briefkastenschlitz in der Türe und die Klingel mit dem Namensschild.

Der Mörder wohnte hier, ein grober Kerl, wie Hannes selbst Ende zwanzig, aber ein Draufgänger, der ihn schon öfter angepöbelt hatte. Er erschrak und machte, dass er heimkam.

Die folgende Woche war der lokale Blätterwald voll von Berichten über den Mord. Die Polizei tappte im Dunklen, Spuren gab es nicht, die Reporter ergingen sich in Spekulationen.

Viel Geld war nicht in der Börse gewesen, dafür der Personalausweis und mehrere Kreditkarten des Toten. Konnte Hannes damit etwas anfangen? Geld hätte er gut gebrauchen können, sein 450-Euro-Job in der Lagerhalle reichte gerade, die eineinhalb Zimmer in dem heruntergekommenen Anbau zu bezahlen, den er sein Zuhause nannte. Deshalb unternahm er die kleinen Diebestouren. Mit seinen 29 Jahren hatte er nichts erreicht, was er gerne auf seine schwere Kindheit zurückführte. Das gab ihm die angenehme moralische Überzeugung, die Welt sei ungerecht und er der einzig Gute darin. So wunderte er sich auch nicht, als er in sich den Entschluss reifen spürte, den Mörder zur Strecke zu bringen. Dumm nur, dass er nicht als Zeuge auftreten durfte, er hätte sich selbst ans Messer geliefert! Und Beweise hatte er auch nicht.

Ohne recht zu wissen, was er davon zu erwarten hatte, sah er sich in den folgenden Tagen nach der Erfüllung seiner Teilzeitarbeit immer häufiger in der Arbeitersiedlung herumstreunen. Er lungerte in der kleinen Grünanlage an deren Ende herum. Oder er saß mit Schal und hochgeschlagenem Kragen länger, als dafür nötig gewesen wäre, vor seiner Pilstulpe an dem Klapptisch, der zu dem Kiosk in einer Lücke zwischen den Häuserzeilen gehörte. Immer hatte er die Tür des Hauses Nummer 29 im Blick. Seinem Doppelgänger schlich er regelmäßig nach, wenn der ins Freie trat.

Die Baseballkappe schien eine Art Markenzeichen zu sein, sein gesamtes Auftreten war darauf ausgerichtet. Der Mörder trug eine dieser aus der Mode gekommenen mehrfarbigen Collegejacken, rote Jeans und elegante Sneakers. Sein ausladender Gang sollte ihn sportlich scheinen lassen. Er sah ungepflegter als Hannes aus.

Nach zwei Wochen kannte Hannes seine Gewohnheiten. Und er hatte eine Idee!

Die Baseballkappe hatte ihn im Fanshop fast sein ganzes Bargeld gekostet, die Collegejacke hatte er am Wochenende auf dem Flohmarkt für einen schmalen Taler erworben. Jeans und Turnschuhe hatte er selbst. Darauf, dass die Hose nicht rot, die Turnschuhe dafür knallbunt waren, würde niemand achten.

»Bitte, was kann ich für Sie tun?«

Hannes schreckte aus seinen Gedanken, als er die freundliche Stimme von der anderen Seite des Tresens her hörte. Mit der hübschen Bankangestellten hätte er gern etwas angefangen, aber erstens war er kein Frauenheld, und zweitens hatte er eine Aufgabe zu erledigen.

Auf die konzentrierte er sich.

»Tobias Hachenberger ist mein Name«, stellte er sich vor. Den Nachnamen hatte er auf dem Klingelschild der Nummer 29 gelesen, den Vornamen im Telefonbuch als den des einzigen Hachenbergers in der Stadt. »Ich soll für meinen Onkel Geld abheben, habe aber am Geldautomaten dreimal wohl die falsche PIN eingetippt. Jetzt hat der die Karte geschluckt, und ich stehe ohne Geld und Karte da. Können Sie mir helfen?«

Immer wieder hob er nervös den Kopf, schaute mit unstetem Blick in die Überwachungskamera, wartete auf die Reaktion der Angestellten.

»Aber natürlich, gern. Können Sie sich ausweisen?«

»Äh, ja sicher. Mein Onkel hat mir seinen Ausweis mitgegeben.«

Er zog die Sporttasche von seiner Schulter, fingerte aus der Börse darin die Plastikkarte und legte sie auf den Schaltertisch. Es war etwas umständlich mit der linken Hand, an der er immer noch den dünnen Handschuh trug. Aber so hinterließ er keine Fingerabdrücke, und bei dem Schmuddelwetter war es auch nicht auffällig. Den rechten Handschuh hatte er beim Eintreten abgestreift, er hielt ihn in der Hand. Offensichtlich interessierte sich die junge Frau für das Tattoo auf seinem Handrücken.

»Einen Moment, bitte.«

Die Frau nahm den Ausweis an sich und trat einige Schritte vom Schalter zurück. Hannes sah, wie sie sich, halb verdeckt von der fast deckenhohen Zimmerpflanze, die dem Schalterraum etwas von seiner nüchternen Atmosphäre nehmen sollte, mit einem jungen Mann beriet. Ab und zu beugte sie sich zurück und lächelte Hannes zu, bat ihn so um Verständnis für die Verzögerung.

Als sie in Begleitung des Kollegen auf den Schalter zutrat, drehte sich Hannes abrupt um und verließ schnellen Schrittes die Schalterhalle, hastete durch den Vorraum, in dem der Automat die Kreditkarte erwartungsgemäß nicht mehr hergegeben hatte, und trat nach einem letzten Blick in die Überwachungskamera über dem Automaten durch die Schiebetür gegenüber dem Dachauer Bahnhof ins Freie.

Bevor die Bankangestellten auf der Straße waren und sich suchend umblickten, war Hannes in den Eingang des benachbarten Haushaltswarengeschäftes geschlüpft. Den Laden hatte er für das Ablegen seiner Verkleidung ausgesucht, weil die Tür zum Geschäft weiter innen lag und die Schaufenster davor ihn gegen die Straße abschirmten. Er nahm die Schildmütze ab, zog seine Jacke aus und stopfte beides in die Sporttasche, die er sich wieder über die Schulter warf. Aus der Vortasche des Sportbeutels zog er nun einen Einmalrasierer und schabte sich den Dreitagebart aus dem Gesicht. Mit seinem Taschentuch wischte er anschließend die nachgemalten dunklen Augenbrauen wieder auf ihre natürliche helle Farbe und rieb sich mit Spucke die schwarze Filzstiftzeichnung vom Handrücken. Dann zog er die Handschuhe an und war wieder er selbst. Wenige Minuten später nahm er Aufstellung neben dem Eingang zur Bank, hielt sich außerhalb des Überwachungsbereichs der Kamera.

Wie jeden Freitag um viertel nach elf war Tobias Hachenberger auch diese Woche pünktlich. Hannes stieß sich von der Hauswand ab und provozierte eine kleine Rempelei. Tobias pöbelte zwar, aber diesmal machte sich Hannes nichts daraus. Vielmehr nutzte er die Ablenkung, um ihm die Geldbörse des Mordopfers in die Sporttasche gleiten zu lassen. Er schmunzelte, schließlich hatte der sie nach dem Mord bestimmt nicht absichtlich auf den Boden fallen lassen, nun hatte er sie wieder. Er murmelte eine Entschuldigung und lehnte sich wieder an die Wand, als der Mörder sich in die kurze Schlange am Geldautomaten einreihte.

Der unauffällige Opel fuhr mit zwei Rädern auf den Bürgersteig und hielt direkt vor der Bankfiliale. Zwei Männer sprangen auf der Beifahrerseite heraus, der Fahrer stellte den Motor ab, stieg aus und schickte sich an, ihnen nachzugehen. In diesem Moment sah Hannes die Bankangestellte ihnen aus der Tür entgegeneilen.

»Er ist wieder da. Wie jeden Freitag um die Zeit. Er ist jetzt am Geldautomaten.«

Alle vier betraten den Vorraum zur Schalterhalle. Ihre Bewegungen in dem kleinen Raum hielten den Bewegungssensor beschäftigt, sodass die Schiebetür offen blieb und sich Hannes ein kleines Hörspiel bot, das ein Unbeteiligter kaum verstanden hätte.

»Herr Hachenberger?«

»Ja, was ist?«

»Kriminalpolizei. Sie sind vorläufig festgenommen wegen des Verdachts, Herrn Heinrich Wagner ermordet zu haben. Folgen Sie uns bitte zum Wagen!«

»Wagner? Kenn´ ich gar nicht!«

»Sie haben doch seinen Ausweis und seine Kreditkarte gehabt. Vorhin« – Hannes erkannte die Stimme der Angestellten – »haben Sie das Portemonnaie wieder in Ihre Sporttasche gesteckt.«

»Dürfen wir mal sehen?« Eine ungeduldige Männerstimme. »Ach, sieh an! Und Sie kennen Herrn Wagner nicht? Jetzt lassen Sie den Automaten in Ruhe, Sie brauchen heute wirklich kein Geld mehr. Und nun kommen Sie endlich mit!«

Hannes hörte ein metallisches Klicken. Befriedigt drehte er sich um und ging die Einkaufsstraße entlang zu dem Café an der Ecke Bahnhofstraße und Gröbmühlstraße, in das er sich der Preise wegen nie getraut hatte. Heute aber hatte er sich eine heiße Schokolade wirklich verdient.

Apfelstecher

Das zweite Opfer innerhalb einer Woche!

Christine schaute vom Schleißheimer Anzeiger auf, einer kostenlosen Regionalzeitung des Münchner Nordens, die sich durch Werbung und Kleinanzeigen finanzierte. Ihre Mundwinkel zuckten, als sie hochrechnete, wann bei dieser Rate die Bevölkerung von Unterschleißheim ausgelöscht sei. Bei 31.000 würde das ganz schön lange dauern! Etwas erschrocken über ihre makabren Gedanken widmete sie sich wieder dem Bericht in dem dünnen Blatt.

Am Freitag war ein Fünfzehnjähriger erstickt. Mit geschwollenem Rachen genau wie davor am Mittwoch diese Rentnerin. Wespengift. Kamen die asiatischen Wespen jetzt schon bis nach Oberbayern? Christine war erschüttert. Der Reporter hatte sie sensationslüstern als „Killerbienen“ bezeichnet und damit den drei Zentimeter langen schwarzen Insekten mit dem besonders harten Chitinpanzer Unrecht getan. Bei den Obduktionen waren keine Einstiche im Mund oder sonstwo gefunden worden. Auch hatten andere Bewohner der kleinen Stadt im Norden des Dreiecks zwischen den Autobahnen A9, A92 und A99 unter Erstickungsanfällen oder zumindest einem geschwollenen Rachen gelitten, aber nichts davon berichtet, sie hätten mit Insekten zu tun gehabt.

Christine beugte sich vor, griff blind in die Obstschale in der Tischmitte und lehnte sich mit dem Apfel in der Hand wieder zurück, wollte weiterlesen. Ein herzhafter Biss in das frische Obst würde ihre Müdigkeit vertreiben, der Saft sie erfrischen. Bei der schwülwarmen Sommerluft, die sich durch die Balkontüre in ihr Wohnzimmer drängte, eine Wohltat. Kaum jedoch durchdrangen ihre Zähne die knackige Schale des rotgelben Fuji, setzte sie sich ruckartig wieder auf, riss die Arme hoch und warf Zeitung und Apfel in entgegengesetzte Richtungen von sich. Urplötzlich hatte sie dieses pelzige Gefühl am Gaumen, das sich rasend schnell im Mund bis hinter den Rachen verbreitete und ihr die Kehle zuschnürte.

Sie sprang von ihrem Stuhl in der Essecke auf, hastete in die Küche und hielt den Mund unter den Wasserhahn. Der erste Schluck war lauwarm, aber schnell war das abgestandene Wasser aus der Leitung abgelaufen, frisches, kaltes floss nach. Christine hangelte das Geschirrtuch vom Griff des Backofens, auf dem es hatte trocknen sollen, hielt es unter den kühlen Strahl und schlang es sich um den Hals, zwang die Schwellung zurück. Obwohl alles keine halbe Minute dauerte, kam es ihr wie Ewigkeiten vor, bis sie wieder atmen konnte.

»Geronimo«, rief Christine schon, bevor sie den Obst- und Gemüseladen ganz betreten hatte, »was ist mit deinem …« Sie brach mitten im Satz ab, als sie in das verstörte Gesicht des Inhabers schaute.

»Guillermo, Wilhelm«, hatte er sie verbessern wollen, einem eingespielten Ritual zufolge.

Guillermo war nicht nur Christines Obsthändler ihres Vertrauens, sie waren auch Vertraute. Nach dem Tod seiner Frau vor sechs Jahren hatte er mit seiner Tochter den kleinen galizischen Küstenort San Vicente auf der hundekopfförmigen Halbinsel O Grove im Atlantik zwischen La Coruña und der portugiesischen Grenze verlassen, um sich in Oberbayern, wo er einen ebenfalls spanischen Freund hatte, niederzulassen. Pepe aus Valencia führte im Unterschleißheimer Industriegebiet einen gutgehenden Obst- und Gemüseimport. Trotzdem kaufte Guillermo alles, was auch Süddeutschland hergab, lieber auf dem Münchner Großmarkt. Er wollte der Umwelt etwas Gutes tun, Transportwege vermeiden und Produkte der Region verkaufen.

Geronimo war zwischen den beiden sein Spitzname geworden, da Christine bei ihrem ersten Treffen seinen Namen nicht behalten hatte und ihn beim zweiten Rendezvous wie den vor über hundert Jahren verstorbenen Kriegshäuptlings der Apachen angesprochen hatte.

Heute aber war ihm die Lust auf das Ritual gründlich vergangen. Es war Dienstag, der einzige Arbeitstag der Woche, an dem Christine nicht zu arbeiten brauchte. »Nicht in die Schule zu gehen«, wie sie sich immer ausdrückte. Seit letztem Dienstag hatten sie sich nicht mehr gesehen, eigentlich freute er sich über ihr Erscheinen, aber etwas lag ihm an diesem Vormittag schwer im Magen.

Noch früher war die Polizei in seinem Laden erschienen, nicht die uniformierten Gesetzeshüter aus dem Kommissariat im benachbarten Oberschleißheim, sondern die Kriminalpolizei aus dem Polizeipräsidium München, und das in Begleitung zweier Herren des Kreisverwaltungsreferats der Landeshauptstadt, Abteilung Lebensmittelüberwachung. Eine halbe Stunde hatte die Befragung gedauert, Guillermo war schweißgebadet, als sie den Laden wieder verließen. Sieben Kisten Äpfel hatten sie abgefahren, seinen gesamten Vorrat.

Christines Anrede konnte ihn nicht ansatzweise aufheitern.

»Irgendetwas ist mit deinen Äpfeln«, hörte er Christine sagen. Sie beschrieb ihm das pelzige Gefühl an Gaumen und im Rachen, lebte ihm ihren Erstickungsanfall in Gesten noch einmal vor. Auf diese Symptome hatten ihn auch die Kriminalbeamten angesprochen, und die Herren von der Lebensmittelkontrolle vermuteten einen Pilz. Dem widersprachen die Kriminologen im Hinblick auf die vorliegenden forensischen Erkenntnisse vehement, und man war erst wieder einer Meinung, nachdem sie die Obstkisten in dem kleinen Kombi verstaut hatten.

Christine hing an seinen Lippen, als er ihr von den Klagen einiger Kunden erzählte, denen die Äpfel zugesetzt hatten. Er wusste, dass es ein hartnäckiges Gerücht war, Allergiker würden grüne Äpfel nicht vertragen. Und Fuji – grüne Äpfel? Er hatte ihnen nicht widersprochen, weil ihm das Wespengift als Ursache aus der Presse schon bekannt gewesen war, er aber seine Kunden nicht dadurch vergraulen wollte.

»Jemand hat meine Äpfel vergiftet!« Guillermo war den Tränen nahe, seine Rede kam stockend, manchmal versagte ihm für einige Augenblicke die Stimme. »Zuerst hatte ich den neuen Inhaber des kleinen Supermarktes am Ende der Bezirksstraße im Verdacht, dachte, dass er seine Konkurrenz aus dem Geschäft drängen wollte. Dann aber fiel mir der Junge auf, der immer wieder nach der Schule vor meinem Laden herumlungerte, mal direkt neben dem Eingang, mal auf der anderen Straßenseite genau gegenüber. Der hatte mit Sofía Magdalena anbandeln wollen. Mein Gott, sie ist erst zwölf! Ich hatte ihn zur Rede gestellt und hab´ ihm den Kopf gewaschen. Das war vor zwei Wochen, und letzte Woche erwisch´ ich ihn, wie er mir in der Auslage draußen faule Äpfel in die Kisten schmuggelt!«

Was Guillermo Christine nicht erzählte, war, dass er den Halbwüchsigen am Freitag gestellt hatte, als der die Hand in einer der Obstkisten hatte. Er hatte ihn in den Laden gezerrt, ausgeschimpft und anschließend gezwungen, drei Äpfel zu essen. Fuji. Als der Junge sich an den Hals fasste und nach Luft zu schnappen begann, hatte er ihn auf die Straße geschoben. Schwankend hatte er noch die Fassaden dreier Geschäfte passiert, dann war er zusammengebrochen. Guillermo war hinzugesprungen, nachdem er bis zum letzten Augenblick in seiner Ladentür gewartet hatte. Er hatte die verdrehten Augen des Jungen gesehen, das blau anlaufende Gesicht, und spät genug den Notarzt gerufen. Der Junge wurde das zweite Opfer seiner Fuji. Das, fand Guillermo, war eine gerechte Strafe, denn immerhin, davon war er überzeugt, hatte der Junge die Äpfel vergiftet, um ihm eins auszuwischen, weil er ihm den Umgang mit seiner Tochter verboten hatte.

Seine Tochter … Guillermos Gedanken schweiften zu der Zwölfjährigen. Sofía Magdalena. Ein schöner Name. Damals war er nicht nur glücklich gewesen über die Geburt seiner Tochter, sondern auch stolz darauf, sich seiner Frau gegenüber durchgesetzt zu haben, die die Neugeborene Maria Irgendetwas taufen lassen wollte. Guillermo war entsetzt, denn schließlich hieß jede zweite Spanierin Maria Irgendetwas, was regelmäßig, der Unterscheidbarkeit zuliebe, in etlichen Namenszusammenziehungen verballhornt wurde. Sofía Magdalena war etwas Besonderes, die diesen Standard nicht verdiente, wie sie später und auch heute noch täglich bewies. Intelligent, Klassenbeste, interessiert besonders am Schwierigen, hatte sie ausgerechnet Biochemie zu ihrem Lieblingsfach erkoren. Es machte ihn stolz, wenngleich auch ein wenig hilflos. Wenn sie davon schwärmte, was man mit einfachen Mitteln alles bewerkstelligen konnte, war er nicht in der Lage, ihr zu folgen.

Seine Gedanken wurden abrupt unterbrochen.

»Herr Fernandez García?« Der Mann druckste herum, beugte sich mal vor und mal zurück und wiegte den Oberkörper hin und her. Die Unsicherheit in Person.

»Ja, bitte.«

Nun erst bemerkte Guillermo auch die Frau mittleren Alters, die sich mit gedämpfter Stimme mit Christine unterhielt. Er kannte sie vom Sehen, eine ihrer Kolleginnen, ebenfalls Lehrerin am Carl-Orff-Gymnasium.

Der Mann stellte sich als Leiter der Schule vor, die Dame sei in seinem Lehrerkollegium, sein weiterer Begleiter der Seelsorger der St. Ulrich-Kirche hinter der Le-Cres-Brücke. Guillermo blickte ratlos zwischen den drei Besuchern hin und her.

»Können wir reingehen?« Beinahe panisch schaute der Oberstudiendirektor in die Runde.

Mit einer Handbewegung drängte Guillermo die kleine Gruppe in den Laden, er folgte und zwängte sich an ihnen vorbei. Der Ladentisch sollte ihm als Bollwerk dienen, denn für heute hatte er genug von unerwartetem Besuch. Diesen konnte er aber nun nicht mehr abwehren. Der Seelsorger schloss die Ladentür und dreht das kleine Plastikschild an der Kette von Geöffnet auf Geschlossen. Dann wandte er sich Guillermo zu.

»Herr Fernandez García«, begann er, »es ist wegen ihrer Tochter.« Er schaute hilflos zur Lehrerin neben sich, rieb fahrig eine Hand in der anderen.

»Sie hatte eine Freistunde und war allein in einem Klassenzimmer«, nahm Christines Kollegin das Wort. »Als wir sie gefunden haben, war sie schon, war sie schon … tot. Der Notarzt sagt erstickt. Neben ihrem Rucksack, dem Pausenbrot und dem angebissenen Apfel lag ihr Block.« Ihre Stimme bebte. Sie reichte ihm mit unsicherer Hand das kleine Ringbuch.

Auf der aufgeschlagenen Seite erkannte er die Schrift seiner Tochter. Ihre letzten Gedanken, niedergeschrieben in ungewohnt zittriger Handschrift:

Papa,

ich hab nicht gewollt, dass jemandem was passiert. Ich wollte nur, dass du deinen Laden schließt und mit mir wieder nach San Vicente ziehst.

Ich hab dich lieb.

Sofía Magd

Sein Herz setzte aus. Sofía Magdalena aß nie Fuji. Aber als er ihr heute Morgen das Pausenbrot zubereitete, hatte er in diese Kiste gegriffen, weil er von ihren Lieblingsäpfeln keine mehr hatte.

Bauernschläue

In Gedanken winkte er dem Autotransporter nach, der gerade vom Hof fuhr. Die beiden Traktoren auf der Ladefläche hatten ihm jahrelang zuverlässig gedient, jedoch hielt der Anflug von Nostalgie nicht lange an. Schon nachdem er sich umgedreht hatte, stapfte er zufrieden die matschige Einfahrt zu seinem Wohnhaus zurück. Er rieb sich die Hände. Ein gutes Geschäft! Für seine beiden Ackerschlepper, die nun nach Norddeutschland unterwegs waren, hatte er einen Preis erzielt, der seine Erwartung überstieg. Der John Deere 6300 und der Fendt aus der 700er-Reihe, beide um die Jahrtausendwende gebaut, hatten sein finanzielles Polster um über 80.000 Euro erhöht.

Der Beifahrer war der Käufer, er hatte den Betrag in bar beglichen.

Dem gegenüber nahm sich der Kaufpreis für seinen neu erworbenen John Deere 6300 und den in der letzten Woche gekauften Fendt aus der 700er-Reihe, beide um die Jahrtausendwende gebaut, bescheiden aus. Zusammen nicht einmal 20.000 Euro. Dass die Fahrzeuge unter schweren Motor- und Getriebeschäden litten, deren Reparaturkosten ein Mehrfaches der Kaufpreise betragen würden, fiel nicht ins Gewicht. Sie sollten in der kommenden Woche geliefert werden. Er wollte sie in seine Scheune schleppen, er hatte ja noch seinen kleinen funktionstüchtigen Deutz, mit dem er sie rangieren konnte. Die beiden Neuen würden ohnehin nie auf dem Acker zum Einsatz kommen.

Er hatte an alles gedacht, alles bis ins Kleinste ausgetüftelt.

Dachseder bewirtschaftete einen abgelegenen Bauernhof in Westerndorf, einem Ortsteil von Haimhausen, das sich nördlich von Unterschleißheim an die B13 anschmiegte. Man erreichte ihn, indem man von der Kirche St. Peter und Paul dem Biberbach nach Westen folgte und ihn nach einiger Zeit überquerte. Gegen die Weiler Westendorf und Ostendorf auf der einen Seite und das Dörfchen Biberbach auf der anderen Seite lag der Hof sichtgeschützt hinter Waldstücken.

Seine beiden Traktoren wurden im Abstand zweier Tage geliefert, Dachseder bugsierte sie in die Scheune, ohne dass ihn jemand dabei beobachtet hätte. Mit einem Schraubendreher bewaffnet beschäftigte er sich danach damit, die Nummernschilder anzuschrauben. Er hatte sie von seinen verkauften Traktoren vor deren Abmeldung entfernt. Als er nach getaner Arbeit das Werkzeug hinlegte, schwoll seine Brust vor Stolz.

Er hatte an alles gedacht.

Seine alten Schlepper hatte er nach Norden verkauft, auf eine Suchanzeige hin, die er in einem Online-Portal für gebrauchte Landmaschinen fand. Seine neuen entdeckte er in zwei voneinander unabhängigen Angeboten eines anderen Portals. Er hatte sie vor dem Kauf in Niederbayern besichtigt, war eigens mit dem Auto dorthin gefahren und hatte sie persönlich begutachtet. Er bezahlte sie bar.

Dachseder richtete sich auf, verließ die Scheune nicht durch das schwere zweiflügelige Holztor, durch das er die Traktoren hereingebracht hatte, sondern durch die metallene Feuerschutztür in der einzigen gemauerten Wand. Ein Anflug von Ärger bemächtigte sich seiner, als er sich mit der Schulter dagegen stemmte. Er musste dringend die Türangeln fetten und in die Klinke eine neue Schraube eindrehen, das Gewinde der alten war ausgeleiert.

Im Wohnhaus angekommen, zog er in der Diele seine Stiefel aus, begab sich ins Wohnzimmer und schrieb an dem Entwurf seines Briefes an die Versicherungsgesellschaft weiter.

Nun musste er nur noch auf gutes Wetter warten.

Der Frühsommer in Deutschland war außerordentlich heiß gewesen. Weiter im Norden war es zu zahlreichen Waldbränden gekommen, oft genug durch ein unglückliches Zusammentreffen der Trockenheit und eines Gewitters. Auf die Bekämpfung von Waldbränden oder Flächenbränden auf Feldern war man nicht eingerichtet, die Schäden waren beträchtlich.

Dachseder hoffte zudem auf ein noch aufzulegendes Hilfsprogramm des bayrischen Landwirtschaftsministeriums für Landwirte, die auf Grund der Trockenheit Ernteausfälle erlitten hatten. Er zählte sich im Geiste schon zu dem Empfängerkreis. Es würde ein gutes Jahr werden.

Die Tage waren heiß und trocken. Zwei Wochen gleißende Sonne tagsüber, nachts kaum Abkühlung, stehende Schwüle 24 Stunden täglich. Seinen kleinen Gemüsegarten hatte er ausreichend bewässert. Seit seine Frau gestorben war, lebte er auf dem Hof allein. Das Handtuch von Beet genügte ihm, seine Äcker ließ er darben.

Donner riss ihn aus dem Schlaf, er fuhr auf, saß senkrecht im Bett. Normalerweise hätte er Minuten gebraucht, sich zu sammeln und zu orientieren. Nun aber benötigte er nur Sekunden, um sich an die Arbeit zu machen.

Er hatte schließlich an alles gedacht und sich bestens vorbereitet.

In der Diele schlüpfte er in seine Stiefel, zog den Mantel vom Garderobenhaken neben der Haustür, warf ihn sich über, als er den Hof schon halb überquert hatte. Der Boden war knochentrocken, er hinterließ keine Spuren, die ihm zum Verhängnis werden könnten.

An einer Seite des Scheunentores hatte er schon vor Tagen einen Strohballen angelehnt, Stroh auch vor der Toröffnung ausgestreut. Der Blitz würde in die Scheune eingeschlagen und das Stroh entzündet haben, wäre später die Vermutung der Brandexperten, die er sich im Geiste zurechtgelegt hatte. Er fingerte in seiner Manteltasche, zog das Feuerzeug heraus und schaute sich zur Vorsicht nach allen Seiten um. Kein Mensch weit und breit, keine Zeugen. Nun konnte er beginnen, es würde das perfekte Verbrechen! Er wartete auf den nächsten Blitz und drehte das Reibrad des Feuerzeugs. Wieder und wieder. Ohne Erfolg, der Gewitterwind wehte von der Scheune weg aufs freie Feld. Keine Flamme konnte sich erheben, kein Fünkchen länger als einen Atemzug lang glimmen. Das Stroh war einfach nicht in Brand zu setzen, das Verbrechen des Jahrhunderts wollte nicht gelingen. Es war zum Verzweifeln!

»Scheißg´lump!« Dachseder fluchte. Da er ja an alles gedacht hatte, war das Einweggasfeuerzeug neu gekauft – in der Anonymität eines Unterschleißheimer Lebensmitteldiscounters, denn in seiner Umgebung wusste jeder, dass er nicht rauchte. Die Funktionstüchtigkeit hatte er mehrfach geprüft und nachgewiesen. Im Haus funktionierte es ausnahmslos.

»Im Haus? Ja.« Er lächelte.

Er ging halb um die Scheune herum und zog die Feuerschutztür auf. Die Klinke wackelte, und er musste sie leicht verkanten. Licht machte er nicht. Erstens herrschte auch im Innern ein Halbdunkel, zweitens leuchteten in nunmehr schneller Folge Blitze durch die Ritzen im Holztor und in der Holzwand darum herum in die Scheune. Er musste sich beeilen, sie musste brennen, bevor der letzte Blitz erloschen war. Andernfalls würden die Ermittler von Polizei und Versicherung unbequeme Fragen stellen.

Wenn nun alles glattging, brauchte er seine Schadensmeldung nur noch um Datum und Uhrzeit zu ergänzen und abzuschicken. Der adressierte und ausreichend frankierte Umschlag lag neben dem Schreiben auf dem Sideboard im Wohnzimmer. Nur der beschriebene Schadensfall musste noch herbeigeführt werden.

Seine Hände zitterten. Doch … in der Scheune funktionierte das Feuerzeug. Mit einem zweimaligen Reiben setzte er das lose Stroh innen am Tor in Brand, wenige Sekunden nur brauchten die kleinen Flammen, sich durch den Spalt in das Stroh und den Strohballen an der Außenseite zu fressen.

Dachseder blieb noch eine Weile. Er wollte sichergehen, sah gleich darauf seinen Plan aufgehen. Zudem war er fasziniert vom Flammenspiel, das sich nun ausweitete. Jungenhaft ausgelassen kickte er mit dem Fuß noch ein paar dünne Äste in die Flammen. Tor und Holzwand fingen Feuer, die innen angelehnten Holzplanken kohlten an, er hatte sie gut ausbalanciert, sie kippten auf die beiden defekten Traktoren, von denen niemand wusste, dass sie seine wertvollen Geräte ersetzt hatten. Die Tanks waren halbvoll, und es lag genügend Gerümpel herum, um die ganze Scheune schnell in Flammen zu setzen. Die Holzwand mit dem Tor brannte bereits lichterloh.

Dachseder war hochzufrieden. Das Geld, das die Feuerversicherung zahlen würde, reichte zusammen mit dem Überschuss aus seinem Traktorentausch aus, ihm einen nicht nur sorgenfreien, sondern bequemen oder regelrecht luxuriösen Lebensabend zu sichern. Auch daran hatte er gedacht.

Und das Ganze ohne Brandbeschleuniger! Das war ihm wichtig. Er hatte zwar nie verstanden, wie die Ermittler in Fällen von Brandstiftung letzte Spuren von Benzin oder anderen Flüssigkeiten nachweisen konnten, aber er wollte sichergehen.

Er hatte an alles gedacht.

Als der Lack des zweiten Traktors Blasen warf, drehte sich Dachseder um. Es wurde Zeit, ins Wohnhaus zurückzukehren, im Bett aufzuwachen, den Feuerschein aus der Scheune zu bemerken und die Feuerwehr oder die Notrufzentrale anzurufen. Außerdem dürften in wenigen Minuten die ersten Schaulustigen im Hof stehen.

Er drückte die Klinke der Blechtür, nichts passierte. Er drückte ein zweites Mal – und hielt sie in der Hand. Den Vierkant hatte er nach außen geschoben, denn die Madenschraube hatte sich endgültig aus ihrem Gewinde gelöst und war auf dem Boden in einer dünnen Schicht Unrat verschwunden. Das Halbdunkel der Scheune verhinderte ohnehin, sie zu finden, auch wenn der Boden sauber gewesen wäre. Und selbst wenn … ohne den Vierkant war sie sowieso nutzlos.

Der Landwirt rutschte dennoch auf Knien vor der Tür herum, seine Fingerspitzen fuhren tastend über den Boden. Die Sinnlosigkeit seines Tuns erkannte er nicht. Holzsplitter, Steinchen, Stroh, Erde, aber keine Schraube. Mittlerweile hatte der Rauch die Scheune so weit gefüllt, dass er sich auch auf dem Boden ausbreitete und jede Sicht nahm. Als sich Dachseder einmal umdrehte, verlor er die Orientierung, kroch immer weiter in die Scheune hinein. Er hustete. Immer kräftiger und in immer kürzeren Abständen. Der Rauch verätzte ihm die Lungen, das Feuer hatte die Kunststoffkanister mit dem Flüssigdünger erreicht.

Bevor er das Bewusstsein verlor, ging ihm sein Plan nochmals durch den Kopf. »Ich hab´ doch an alles gedacht!« Auch an die Madenschraube. Aber denken allein genügt nicht immer.

»Vergiss die 5.000 nicht!«

»Ich halt´ das nicht mehr aus! Er schlägt mich jetzt fast jeden Tag, er steht unter Druck und trinkt. Gestern hat er mir im Suff gebeichtet, er werde erpresst.«

Tröstend legte Silvia Chantal den Arm um die Schulter, wollte sie an sich ziehen, doch die drückte sie von sich fort. Ihr war nicht nach körperlicher Nähe. Chantal und Silvia waren nicht ihre wirklichen Namen, aber so stellten sie sich ihren Freiern auf dem Parkplatz stadteinwärts rechts der Ingolstädter Straße vor. Ihrem Gewerbe gingen sie dort seit ein paar Jahren nach, wenige hundert Meter südlich der Ausfahrt München-Neuherberg der Autobahn A99 und mitten zwischen Oberschleißheim und dem nördlichsten Teil Münchens, dem Hasenbergl. Mit diesen Namen redeten sie sich an, seit sie sich kannten und Freundschaft geschlossen hatten. Herzlich musste die Freundschaft nicht sein, sie beruhte auf dem beiderseitigen Interesse, sich gegenseitig Trost zu spenden, wenn mal wieder die Heizung kaputt war bei ihren SUV oder Kombis mit den Gardinchen an den hinteren Scheiben und sie sich in ihrem knappen Outfit den A… abfroren. Oder, wenn ihre Lebensgefährten wieder handgreiflich geworden waren, weil ihnen die Tageseinnahmen nicht ausreichend erschienen.

So war es auch heute, als sie sich an die hohe Seitenwand von Silvias betagtem Toyota Land Cruiser lehnten, die Gesichter der noch schwachen Frühlingssonne entgegengestreckt. Silvia bot Chantal eine Zigarette an, ihre Freundin lehnte entgegen ihrer Gewohnheit ab. Sie hätte beim besten Willen nicht gewusst, wie sie mit ihrer geschwollenen Lippe daran hätte ziehen sollen.

»Zeig Dieter doch an! Dann verschwindet er eine Zeitlang von der Bildfläche und atmet gesiebte Luft, der Erpresser schaut in die Röhre. Und du hast endlich Ruhe.«

»Spinnst du? Soll ich mich selbst ans Messer liefern? Schließlich hab´ ich bei der Hälfte seiner Automatenaufbrüche Schmiere gestanden.«

»Naja, aber doch sicher nicht freiwillig. Das gibt mildernde Umstände. Hast du eine Ahnung, wer ihn erpresst?«

»Ich weiß nur, dass es mit den Automatenaufbrüchen zu tun hat, dass der Erpresser ab und zu hierherkommt, und dass er Dieter hier wiedererkannt hat.« Chantal hob die Schultern und zuckte zusammen, als die Stelle, die seit gestern Abend ein großer blauer Fleck zierte, dabei den Außenspiegel traf. Obwohl die Stoßzeit seit Stunden vorbei war, blieb sie auf dem Straßenstrich, bis Kälte, Dunkelheit und Hunger sie doch heimzwangen.

»Also morgen um 16 Uhr im Biergarten der Schleißheimer Schlosswirtschaft. Und vergiss die 5.000 nicht!«

»Und wie erkenn ich dich?«

»Gar nicht. Ich erkenne dich. Schließlich habe ich ja die Fotos.«

Das Gespräch war beendet. Dieter hatte den Lautsprecher seines Smartphones angeschaltet, so dass Chantal von der Küche aus das Telefonat mit anhören musste, ob sie wollte oder nicht.

Ihr kam ein Gedanke. Morgen war Samstag, schönes Frühlingswetter war angesagt, die Leute würden den Biergarten nur so stürmen. Vielleicht hatte sie ja eine Chance, Dieter zu helfen. Dann wäre alles wieder gut, er würde sie nicht mehr schlagen! Sie lächelte still. Aber wie würde sie es anstellen? Sie rief sich den Biergarten ins Gedächtnis, es half. So spielte sie mehrere Szenarien durch, bis sie sich für eine Taktik entschloss. In der Überzeugung, eine Lösung für alle Fälle gefunden zu haben, stellte sie die Teller vom Abendessen in die Spüle und stopfte die Einwegflasche von ihrem Bier in die Plastiktüte, in der sie beide die Pfandflaschen sammelten. Ein entspanntes Lächeln, das ihre Zufriedenheit widerspiegelte, spielte um ihre Lippen, als sie danach zu Bett ging. Der Schlaf jedoch ließ auf sich warten. Würde ihr Plan aufgehen?

Ihren ausgeleierten Volvo Kombi mit dem heutzutage verpönten Dieselmotor parkte sie auf dem Kiesplatz vor dem linken Seitenflügel des neuen Schleißheimer Schlosses, dem nördlichen Teil des Max-Emanuel-Platzes mit der direkten Ausfahrt auf die B471. Von hier aus hatte sie nur noch fünf Minuten Fahrt bis zu ihrem Arbeitsplatz. Niemand würde ihre kurze Abwesenheit zur Kenntnis nehmen. Zögernd stieg sie aus ihrem Fahrzeug.

Am Automaten zog sie den Parkschein und legte ihn gut sichtbar auf das Armaturenbrett in die Windschutzscheibe. Sie wollte auf keinen Fall, dass das Fahrzeug wegen unerlaubten Parkens auffiele und sie deswegen eine Anzeige riskierte, einen Beweis für ihr kurzes Hiersein. Die gebührenpflichtige Parkzeit erstreckte sich über 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche.

Sie reckte sich, sprach sich selbst Mut zu. Was hatte sie zu verlieren? Auch, wenn es nicht klappte? Mit einem Seufzer drückte sie ihr Kreuz durch und machte sich auf den Weg. Auf dem Kiesweg marschierte sie durch die Grünanlage zielstrebig auf die Schlosswirtschaft zu. Als sie sich am Ende des Weges nach links abbog, hatte sie das alte Schloss zu ihrer Rechten. Nun musste sie sich zwischen den ungezählten Fahrrädern durchschlängeln, und schon hatte sie den Rand des Biergartens erreicht. Hinter der Blockhütte, in der die Wirtschaft wieder anfing, Veranstaltungen mit kulinarischer Untermalung anzubieten, blieb sie stehen, beobachtete, wollte sich ein Bild machen. Sie war die Erste, beschloss, hier Deckung zu beziehen. Die Bänke bis zu der Speisen- und Getränkeausgabe am gegenüberliegenden Rand hatte sie von hier aus gut im Blick. Die großen Kastanien mit ihren ausladenden, den gesamten Biergarten überdachenden Kronen gewährten ihr mit ihrem Schatten zusätzlichen Sichtschutz. Es war Viertel vor vier.

Nochmals überdachte sie ihr geplantes Vorgehen. Reichte ihre Verkleidung? Von Silvia hatte sie sich deren »Zivilkleidung« ausgeliehen. Sportschuhe aus weißem Stoff mit Strassbesatz, normale, eng anliegende Jeans, die auffallend rote Bluse unter einer kurzen Jeansjacke fast verdeckt. Ihr Haar schaute als Pferdeschwanz durch die rückwärtige Lücke der schwarzen Schirmmütze. Die spiegelnde Sonnenbrille hatte Ausmaße, die ihr halbes Gesicht dahinter verschwinden ließen. Sie setzte ein trotziges Lächeln auf. Ihre Vorbereitungen hatte sie getroffen, so gut es ihr möglich war. Nicht einmal Dieter würde sie erkennen, auch wenn sie direkt vor ihm stünde.

Dieter kam pünktlich. Mit der halben Radlermaß, die er an der Ausgabe abgeholt und dann am Kassenhäuschen bezahlt hatte, schob er sich auf eine halbleere Bank und setzte den Glaskrug mit Schwung auf den Tisch. Unauffällig, zumindest glaubte er das, schaute er sich um, hatte die durch nichts genährte Hoffnung, seinem Erpresser mit dem Erkennen zuvorzukommen. Er zog ein Taschentuch hervor, wischte sich den Angstschweiß von der Stirn. Auch seinen nervösen Blick konnte er vor Chantal nicht verbergen.

Das zynische Grinsen verkniff sie sich nicht. Ihr Lude hatte es verdient, im eigenen Saft zu schmoren. Sie drückte sich etwas weiter hinter die Wand der Blockhütte, beobachtete, wie ein Typ mit schlurfenden Schritten zielstrebig auf Dieters Bank zuschlenderte. Ungefähr 30 Jahre alt, schlank, blonde, strähnige Haare, die über den Kragen gereicht hätten. Wenn seine Kleidung einen hätte aufweisen können. Er aber trug zu Turnschuhen und Jeans einen Kapuzenpulli mit einem übergroßen, schwungvoll ausgeführten Haken auf der Brustfläche, dem Logo eines bekannten Sportartikelherstellers.

Offensichtlich ohne ein Wort des Grußes nahm er gegenüber von Dieter Platz, hatte sich mit dem Rücken zum Tisch hingesetzt und dann die Beine über die Bank nach innen geschwungen. Seine kleine Tasche, die Chantal an die Schutzhülle für einen Tablett-PC oder ein Netbook erinnerte, stellte er auf die Bank und lehnte sie an seine Hüfte. Die beiden Männer nahmen das Gespräch auf, wobei schnell deutlich wurde, wer das Wort führte. Dieter war überraschend kleinlaut.

Hören konnte Chantal nichts, bis sie sich eilig bis auf wenige Schritte genähert hatte. »Automaten … Dienstag und Mittwoch Nacht … Fotos …« waren die Gesprächsfetzen, die sich ihr nun aufdrängten. Der Kapuzenpulli klopfte beim letzten Wort mit zwei Fingern vielsagend auf die kleine, flache Tasche. Sein keckerndes Lachen empfand Chantal abstoßend. Sie zuckte zusammen, war sie sich doch nun sicher, einen gelegentlichen Freier wiedererkannt zu haben!

Die Tasche! Ihr Blick klebte förmlich daran. Sie musste sie haben, und alles war gut! Zwischen ihr und Dieter. Und auch sonst, denn er hatte die 5.000 ja schon abgeschrieben. So hatte Chantal Oberwasser, konnte sich bei ihrer Arbeit eine gewisse Zurückhaltung leisten und den fehlenden Liebeslohn aufrechnen. Dieter würde dafür Verständnis haben.

Sie passierte die Bank so nah, dass sie mit dem Widerling gerade nicht auf Tuchfühlung kam. Ihr rechter Arm hing locker herab, streifte ihn fast. Über dem linken Handgelenk hing ihr Einkaufsbeutel auf beiden Seiten herab. Flugs verschwand die flache Neoprentasche unter dem Stoffbeutel. Chantal schaute sich um, sicherte aus den Augenwinkeln und bemühte sich, dabei den Kopf nicht zu weit zu drehen. Hatte jemand den schnellen Wechsel in die linke Hand gesehen, hatte der Typ gespürt, dass das geringe Gewicht nicht mehr an seiner Seite lehnte? Sie konnte keine Anzeichen dafür feststellen. Hastig suchte sie das Weite, brauchte sich nun um das Knirschen des Kiesbodens keine Gedanken mehr zu machen. Auch Dieter sah sie nur noch von hinten, als er aufschaute und ihr, ohne sie zu erkennen, kurz nachblickte. Sein Pfeifen hörte sie nur noch gedämpft. Sie ballte die Rechte zur Faust, welchen Frauen pfiff der Kerl sonst noch nach?

Chantal umrundete den Biergarten auf der Zufahrtstraße zum Parkplatz am anderen Ende der Max-Emanuel-Straße und dem mit Fahrrädern gesäumten Kiesweg, der nach links davon abzweigte. Die Tasche war in dem Jutebeutel verschwunden, der schlenkerte an ihrem Handgelenk. Mit mehreren Tüchern aus ihrer Jackentasche hatte sie ihn ausgepolstert, die Konturen der Neoprentasche waren nicht einmal mehr zu erahnen. Neugierig kehrte sie an den Rand des Biergartens zurück und hielt sich in sicherer Entfernung. Sie lehnte sich an die Blockhütte, tat, als stöbere sie in ihrem Beutel, und beobachtete.

Zwischen den beiden Männern wurde das Gespräch schlagartig heftiger. Und schlug in einen aggressiven Disput um, als der Erpresser den Verlust seiner Tasche feststellte. Mit beiden Händen stemmte er sich an der Tischkante hoch und fuchtelte Dieter mit der Faust vor der Nase herum. Dieter sprang auf. Am liebsten hätten sie sich wohl angebrüllt, wollten jedoch nicht auffallen. Beide schoben sich aus der Bank und entfernten sich erregt in Richtung des kleinen Parkplatzes. Autofahrer fanden hier, durch eine Hecke von der Durchfahrt abgeschirmt, in zwei Doppelreihen reichlich Stellfläche. Der Parkplatz war den Gästen der Schlosswirtschaft vorbehalten, obwohl sich selten jemand daran hielt. Dieter hatte seinen halbvollen Krug auf der Tischplatte stehengelassen, obwohl er dafür 2 Euro Pfand hatte abdrücken müssen, wie Chantal von früheren Besuchen wusste.

In ihrer Deckung blieb Chantal nicht länger stehen, erhöhte nach einigen Schritten ihr Tempo und eilte ihrem Volvo zu.

Bis zum Parkplatz neben der Ingolstädter Straße fuhr sie nicht sofort, sondern hielt in der Zufahrt am Straßenrand. In ihrer Euphorie über den gelungenen Diebstahl entging ihr, dass der Motor noch lief, und dass auch der Blinker noch eingeschaltet war. Bei ihrer Abfahrt hatte sie spontan die dünnen Handschuhe angezogen, die noch vom Winter her auf der Mittelkonsole lagen. Im Schatten des Biergartens war ihr doch kalt geworden. Nun saß sie hinter dem Steuer und fingerte aus ihrem Beutel die Netbooktasche. Sie kramte darin und fördert zuerst ein Smartphone zutage. Sie drückte den winzigen Schalter an der Seite und schob auf dem Display das kleine, weiße Schloss in dem Kreis nach oben, das Mobiltelefon zeigte sich betriebsbereit, weiterzutippen getraute sie sich trotzdem nicht. Sie klappte das Etui wieder zu. Es folgte ein DIN-A-5-Umschlag ans Licht, dem sie einen Stapel Farbfotos entnahm.

Sie blätterte die Aufnahmen durch und atmete erleichtert auf. Auf keinem Foto war sie selbst zu sehen. Etwas unterbelichtet, aber dennoch deutlich zeigte das erste Dieter, wie er im abendlichen Halbdunkel ein Brecheisen am Gehäuse eines Zigarettenautomaten ansetzte. Auf dem zweiten hatte er die Vorderfront aufgestemmt und zog den Behälter mit Münzen und Banknoten heraus. Andere Fotos belegten weitere Automatenaufbrüche, nicht nur von Zigarettenautomaten. Der Erpresser hatte ihn über eine längere Zeit beschattet.

Sie versenkte alles wieder in der Tasche. Wenn sie Dieter ihre Beute präsentierte, würde er sie wieder richtig mögen, der Erpresser hatte ja keine Beweise mehr. Sie hatte sich für längere Zeit die Schläge erspart. „»Und ihm die 5.000«, wie sie zufrieden in Gedanken hinzusetzte.

Chantal nahm die Tasche mit in die Wohnung. Dieter saß am Küchentisch. Als er sie sah, riss er sie ihr fast aus der Hand, zog den Reißverschluss auf und fingerte in der Tasche herum. Einen Kugelschreiber und den Umschlag zog er heraus, zum Schluss das Smartphone. Sein anerkennender Pfiff wurde begleitet von einem zufriedenen Nicken. »Gute Beute.« Heute würde Chantal keine Schläge beziehen.

»Wo hast du die Tasche her? Einem Kunden geklaut? Prima! Das Handy allein bringt bestimmt 200 Euro.« Er strahlte sie an. Ihre Antworten wartete er gar nicht ab.

Unvermittelt verschwand seine Euphorie. Er schaute nachdenklich zu Chantal, die Tasche war ihm gleichgültig geworden. Er ließ das Mobiltelefon wieder hineingleiten und stopfte die anderen Sachen hinterher. In den Umschlag hatte er zwar hineingegriffen, die Fotos aber nicht herausgezogen.

Chantal blickte ratlos. Dieser Stimmungsumschwung war für Dieter nicht typisch. Fragend sah sie ihm direkt in die Augen.

»Also …« Dieter klang auf einmal kleinlaut. »Ich habe mich mit dem Erpresser getroffen. Natürlich wollte er mir die Fotos nicht übergeben, behauptete, sie seien ihm gestohlen worden. Aber auf den 5.000 hat er bestanden. Es hat Streit gegeben.« Nervös blickte er zu seiner Lebensgefährtin, scheinbar Hilfe suchend.

Es strengte sie an, sich zu beherrschen, ihn nicht merken zu lassen, dass sie das alles schon wusste. Immer noch war sie versucht, ihm zu erklären, dass er die Tasche des Erpressers auf seinen Schoß gedrückt hielt, den Beweis für seine Straftaten in Händen hielt, und dass sie, seine Chantal, ihm das alles ermöglicht hatte.

Er kam ihr zuvor. »Ich hab´ ihn umgebracht. Wehe, du sagst auch nur ein Sterbenswörtchen!«

Chantal wurde kreidebleich. Sie hetzte ins Bad, übergab sich in die Toilettenschüssel.

Dieter schob den Stuhl zurück, stand auf und legte die Tasche oben auf den Küchenschrank. Mit unsicheren Schritten kehrte er auf einem Umweg zum Kühlschrank zurück zum Küchentisch und schenkte sich einen weiteren Schnaps ein.

In der Nordrundschau, einer Gemeindezeitung, die im nördlichen Umland Münchens von Werbung und Kleinanzeigen lebte, las Chantal den Artikel über den Leichenfund nahe der Schlosswirtschaft. Neugierig geworden, aktivierte sie den Internetbrowser in Dieters Notebook und surfte durch die Polizeiberichte Münchens und der Polizeiinspektion 48 in der Oberschleißheimer Hofkurat-Diehl-Straße, nur wenige Gehminuten vom Biergarten am Schloss und von ihrer Wohnung entfernt.

Ein paar Mausklicks belohnten ihre Neugier. Ein ausführlicher Bericht schilderte anonymisiert den Fund einer männlichen Leiche im Gebüsch des Parkplatzes. Hautfarbe weiß, Alter etwa 30, Tod durch Erdrosseln. Es folgten ein Foto, eine Beschreibung der Kleidung des Toten und die Aufforderung, sachdienliche Hinweise zu geben. Eine Belohnung von 1.000 Euro war ausgelobt. Chantal vergaß die 5.000, die ihr ein harmonisches Zusammensein mit Dieter versprochen hatten und war versucht, spontan zum Telefon zu greifen. 1.000 Euro wären ein erster Schritt in die Unabhängigkeit von ihm. Sie fasste sich und las weiter. Besonders waren die Ermittler am Verbleib des Mobiltelefons interessiert, das genauer beschrieben wurde. Es sei der Hinweis auf den Täter, der am ehesten Erfolg versprach.

Sie fuhr den Laptop herunter, schminkte sich fertig und ging mit dem wippenden Gang, den sie ihren High Heels verdankte, die Treppe hinunter zu ihrem Volvo. Auf dem Straßenstrich sprudelte es aus Chantal heraus. Sie musste es loswerden, musste wissen, wie andere darüber dachten. Und aufpassen, dass sie Dieter nicht verriet. Das hätte sie sich nie verziehen! Also erzählte sie Silvia von dem Polizeibericht, auf den sie zufällig gestoßen sei.

»Einer meiner Kunden ist erwürgt aufgefunden worden, die heißeste Spur ist sein teures Handy.«

»Na, das ist doch schon was!« Silvia zeigte sich optimistisch. »Wenn der Mörder es behält und nicht ausschaltet – denn dann nützt es ihm nichts, weil er ja die PIN nicht kennt –, kann die Polizei es über GPS orten.«

Chantal schluckte, ihr Gesicht verlor alle Farbe. Sie hatte Dieter schützen wollen, und jetzt? Mit einer Ausrede verabschiedete sie sich überstürzt. Sie raste nach Hause, ignorierte bis zur Waldemar-Bonsels-Villa, in der der geistige Vater der Biene Maja vor langer Zeit gewohnt hatte, alle Geschwindigkeitsbeschränkungen. Kurz hinter dem Ortsschild von Oberschleißheim trat sie die Bremse durch, bis sie das erlaubte Tempo einhielt. Sie musste Dieter warnen!

Gegenüber der rückwärtigen Einfahrt zur Schlossanlage bog sie in die Mittenheimer Straße ab und von dort an der zweiten Abzweigung nach links in die Blumenstraße, die ihr kleines Wohnviertel umschloss. Unterwegs hatte sie wieder Zuversicht geschöpft, aber als sie jetzt den Parkplatz vor dem Haus befuhr, beobachtete sie gerade noch, wie ihr Dieter in Handschellen abgeführt und von einem Uniformierten auf den Rücksitz eines zivilen Fahrzeugs gedrückt wurde.

Sie kam zu spät! Tränen verschmierten ihr Makeup, sie hatte Dieter helfen wollen und ihn dennoch verraten. Sie stieg nicht aus. Das Weinen nahm ihr die klare Sicht, aber soviel konnte sie erkennen: Die Polizisten waren fündig geworden. Einer trug durchsichtige Plastikbeutel mit Zippverschluss. Chantal erkannte die schlanke Netbooktasche, den Umschlag und im letzten das teure Smartphone.

Autohandel

Schorsch Siebensohn trat den glimmenden Zigarettenstummel aus. Nervös drehte er die Fußspitze kräftig und lang darauf herum, bis die Fasern des Filters unter seiner Sohle hervorquollen. Wird alles laufen wie geplant? Was kann schiefgehen? Sein Freund war nicht so aufgeregt, er lehnte lässig am Kotflügel des schwarzen, auf Hochglanz polierten Audi A6, der zumindest optisch das Potenzial zum Dienstfahrzeug einer Konzernleitung hatte.

Sie warteten auf dem Parkplatz des Möbeldiscounters im Echinger Industriegebiet im Norden Münchens, ein gutes Stück hinter dem schwedischen Möbelgiganten an der Liebigstraße und seiner Konkurrenz auf der anderen Straßenseite. Von dort musste man links in den letzten Abschnitt der Dieselstraße abbiegen und an dessen Ende rechts die Hälfte der Ohmstraße entlangfahren, sonst landete man auf dem Ring der Heisenbergstraße, die um den ausladenden Flachbau des Bekleidungsgeschäfts führte. Für die bekannte Kette von Modemärkten hatte Birgit Schrowange jahrelang Werbung betrieben. Der Wind trug den Verkehrslärm von der westlich vorbeiführenden A9 bis zu ihnen herüber. Freitagnachmittag. Die Pendler verließen die Landeshauptstadt und schoben sich im Stau nordwärts.

Den Gebrauchtwagenmarkt auf dem Gelände des Aschheimer Autokinos wollten sie nicht für den Verkauf nutzen. Erstens fand der nur samstags statt, und das auch nicht an jedem Wochenende, und zweitens war ihnen das Publikum dort nicht geheuer. Zu viele dunkle Gestalten, die Fahrzeuge sonstwohin verschieben wollen, zu viele Nörgler, die auch am besten Auto trotz Topzustands noch etwas auszusetzen hatten. Auch wurde dort zu aggressiv nach unten verhandelt. Zu viele billige Autos. Der Ort hier versprach eine ungestörte Abwicklung. Sie waren auch nicht der Gefahr ausgesetzt, sich einer plötzlich zusammengerotteten Gruppe erwehren zu müssen, die ihre Sympathie für den potenziellen Käufer, einen der Ihren, vehement ausdrückte – und manchmal auch nicht nur verbal. Sie hatten ihre Erfahrung.

A6, 3-Liter Diesel, Quattro, 130.000km, unfallfrei, sieben Jahre alt, scheckheftgepflegt. Beim Händler gut und gerne seine 24.000 Euro wert.

Auf diesen Text hatten sie sich geeinigt, danach wollten sie, damit das Verkaufsgespräch lebendiger würde, mit verteilten Rollen noch die Extras und die weiteren Vorzüge aufzählen. Schorsch schlenderte um den Audi herum, es war seine vierte Runde nacheinander. In immer kürzeren Abständen drehte er das Handgelenk, schaute auf seine Armbanduhr. Er hatte sich entschieden, die Breitling-Replika zu tragen, sie passte am besten zu dem Fahrzeug. Sie sollte beeindrucken. Sein Freund nahm das nicht so genau, sein Outfit war Schorsch zu leger, aber Bastian hatte nur die Schultern gezuckt.

Dass der Käufer schon zwanzig Minuten überfällig war, zerrte an den Nerven. Wollte er sie weichkochen, mürbe machen?

Jedes Fahrzeug, das auf den Parkplatz fuhr, beäugte Schorsch intensiv. Meistens waren es kleinere oder ältere Autos, aus denen Leute stiegen, die ihrer Kleidung oder ihrem Auftreten nach durchaus die angemessene Klientel des preiswerten Möbelgeschäfts darstellten, in dem sie dann auch konsequenterweise verschwanden. Er kam sich in dieser Umgebung overdressed vor, wenn man diesen Begriff auch auf ein Fahrzeug der Oberklasse anwenden durfte. Das steigerte seine Nervosität, er fühlte sich auf dem Präsentierteller für alle Neugierigen, obwohl kaum einer Notiz von ihm nahm. Schließlich hätte er ja auch ein Kunde des riesigen Baumarkts oder des Dekorationsgeschäfts auf dem Nachbargrundstück sein können, der diesen Parkplatz hier nur nutzte, weil drüben die Parkbuchten für sein Schlachtschiff zu eng waren.

Den mattroten Mercedes Kombi, ein wirklich älteres Baujahr, beachtete Schorsch kaum. Der hielt, kaum, dass er die Zufahrt zum Parkplatz hinter sich gelassen hatte, etwas abseits der übrigen Fahrzeuge. »Wieder ein Familienvater, der einen billigen Schrankbausatz oder ein Jugendzimmer kaufen will.« Er schaute auf die Uhr. 25 Minuten. Hatte der Kunde sie versetzt? Dann wäre es immerhin ein Gebot der Höflichkeit gewesen, sich telefonisch zu melden, schließlich hatten sie die Handynummern ausgetauscht.

Bastian stemmte die Fahrertür auf, drehte sich zu Schorsch um, winkte ihn zu sich.

»Sie kommen. Haben eben angerufen, von der Zufahrt zum Industriegebiet aus. Waren an der Kreuzung beim Schotten.«

Schorsch seufzte. Wann konnte Bastian endlich mit dem Blödsinn aufhören, den Schnellimbiss amerikanischer Provenienz als schottisches Restaurant zu bezeichnen?

Der rote Mercedes hatte wieder Fahrt aufgenommen, langsam kam er dem Audi näher. Mit zwei Wagenlängen Abstand hielt er an, drei Personen stiegen aus.

Der flotte Mittdreißiger in beiger Hose und im Sommerhemd, dessen Qualität und Preis Schorsch sofort auffielen, kam auf ihn zu, ein kurzes Taxieren, dann gab er ihm die Hand.

»Hallo. Herr Siebensohn?«

Schorsch nickte.

»Herr Döbler? Grüß Gott.«

»Genau der. Die Verspätung tut mir leid, aber Sie kennen ja die A9. Die Abgase aus dem Stau riecht man bis hierher.«

Jetzt fielen sie Schorsch auch auf.

Die beiden anderen aus dem Benz kamen auf ihn zu. In einem ungünstigen Augenblick, denn er schnupperte gerade geräuschvoll mit nach oben gereckter Nase und hatte keinen Blick für die Neuankömmlinge.

Ein kurzer gegenseitiger Händedruck, keine weitere Begrüßung. Das Ritual wiederholte sich bei Bastian, der hinter dem Lenkrad hervorgeklettert kam.

Der Beifahrer von Döbler gab sich wortkarg, Schorsch und Bastian hatten bei seinem Anblick geschluckt. Seine Zurückhaltung war ihnen recht, sie hatten seinen starken Akzent nicht einordnen können, und verstanden hatten sie ihn auch kaum. Außerdem wollten sie mit dem stiernackigen Mann, aus dessen Muscleshirt voluminöse Schulterkugeln und mächtige Bizeps herauswuchsen, nicht allzu viel zu tun bekommen. Er musste reichlich Zeit für Bodybuilding aufgewandt haben.

Die brünette Begleiterin Döblers schien desinteressiert, sie schenkte ihren lila lackierten Fingernägeln mehr Aufmerksamkeit als den beiden Männern, denen Döbler das Auto abkaufen wollte. Ihre High Heels, die knappe Kleidung und ihr Gang passten zu diesem Verhalten.

Schorsch drehte sich höflich um, damit keiner sein Grinsen bemerkte. Ihm hatte sich beim Anblick der Brünetten der Bilderwitz mit dem betenden Jungen aufgedrängt: »Bitte, lieber Gott, gib den armen Frauen auf Papas Computer was Warmes zum Anziehen!«

Das Verkaufsgespräch entwickelte sich zu Schorschs und Bastians voller Zufriedenheit. Sie hatten ihre eingeübten Sprüche aufgesagt, Döbler mehrfach darauf hingewiesen, wie gut ihm dieses Nobelfahrzeug stünde, und seine Fragen bezüglich des Zustands detailliert beantwortet. Über die Technik wollte Döbler nichts wissen. Der Wagen sei nicht für ihn, er sei nur der Beauftragte von jemandem, der wisse, was er wolle. Und er wollte diesen Wagen.

Die Probefahrt verlief problemlos, Schorsch und Bastian tauschten immer wieder verstohlen vielseitige Blicke, ihre Augen strahlten. Döbler fuhr, Bastian hatte auf dem linken Rücksitz Platz genommen, Schorsch saß auf dem Beifahrersitz. Das stand ihm zu, er war der Aktivere bei dem Geschäft. Und bei der Brünetten wollte keiner der beiden zurückbleiben, hauptsächlich des Stiernackens im Tanktop wegen.

Für 24.000 Euro wurden sie den Audi dann doch nicht los. Zwar hatte Döbler nicht herumgemeckert, aber er baute einen Tablet-PC auf der Motorhaube seines Mercedes auf und zeigte den beiden einige Vergleichsangebote aus den einschlägigen Verkaufsportalen. Außerdem hätte sein Auftraggeber ihm eine finanzielle Obergrenze gesetzt. Schluckend schlug Schorsch bei 21.000 Euro ein. Das Unterschreiben des vorgefertigten Kaufvertrags war nach dem Handschlag kein Thema mehr.

Die Übergabe Zug um Zug gestaltete sich für Schorsch und seinen Kumpel spannend. Der Stiernacken öffnete die Heckklappe des Daimlers, zog einen an der Rückenlehne angegurteten Alukoffer an die Ladekante, nachdem er den Gummiriemen gelöst hatte.

Schorsch hielt den Atem an. »Wie im Krimi, jetzt dürfen wir kurz in den Koffer schauen, die Scheine zählen, und dann bekommen wir den Koffer im Austausch für Wagenschlüssel und KFZ-Brief, ach nein, Zulassungsbescheinigung heißt der Lappen ja seit Ende 2005.«

Er sollte beinahe recht behalten, nur rückte der Stiernacken nicht den ganzen Koffer zu Schorsch herüber, sondern entnahm ihm eine Kunststofftasche, die sehr an einen einfachen Kulturbeutel erinnerte. Schorsch griff hinein, ließ die eng gestopften Fünfziger durch seine Finger gleiten, fuhr mit dem Daumen über den freien Rand der Geldbündel, zählte die Banderolen. Überschlagsweise stimmte der Betrag von 20.000 Euro. Zwanzig 50-Euro-Scheine zog der Bodybuilder aus einem kleinen Abteil im Innern des Kofferdeckels und drückte sie Schorsch lose in die Hand.

Ein paar freundliche Floskeln zum Abschied, dann stieg der Stiernacken hinters Steuer des Kombis, Döbler führte seine Begleitung zum Audi und hielt ihr die Beifahrertüre auf. Ganz Kavalier der alten Schule. Nachdem sie sich in den Ledersitz fallengelassen und die sittsam aneinandergepressten Beine im Fußraum verstaut hatte, lief er hinten um den Wagen herum, stieg hinters Lenkrad. Nach einer halben Minute befanden sich beide Fahrzeuge in der Ausfahrt.

Schorsch und Bastian grinsten sich an. So einfach hatten sie sich das Geschäft doch nicht vorgestellt. Nun war der Wagen weg. Dass er gestohlen war, würde Döbler erst merken, wenn er irgendwann eine Grenze überquerte oder in eine Verkehrskontrolle geriet. Der Kaufvertrag mit den Namen aus den gefälschten Ausweisen würde auch nicht auf ihre Spur führen. Oder könnte Döbler von sich aus gleich zurückkehren, um den Vertrag aus seiner Sicht nachzubessern? Seinem schlagenden Argument im Muscleshirt wären sie nicht gewachsen. Aber das würde wohl nicht passieren.

Euphorisch schritten die beiden auf den Imbisswagen neben dem Eingang zum Möbeldiscounter zu. Sie hatten den Erfolg ihres Geschäfts in einem gehobenen Ambiente feiern wollen, aber das konnten sie jederzeit nachholen. Momentan hatten sie einfach Hunger.

»Zweimal das Nackensteak in der Semmel«, bestellte Schorsch bei dem Mann mit der senfbekleckerten Schürze, »und haben Sie Pikkolos?« Obwohl dessen Gehilfe sie bediente, ignorierten sie den und betrieben Smalltalk mit dem Budeninhaber, bis sie das Bestellte in Händen hielten.

Minuten später lehnten Schorsch und Bastian mit vollem Mund an einem der drei Stehtische. Den Imbisswirt hatte Schorsch mit einem der Scheine aus dem Täschchen bezahlt.

Sie standen mit dem Rücken zum Parkplatz. Sie hatten sich nicht mehr umgedreht, seit sie Döbler bei seiner Abfahrt zum Gruß kurz zugewinkt hatten. So entging ihnen, dass der Audi und der Benz undmittelbar nach dem Verlassen des Parkplatzes von zwei Streifenwagen gestoppt wurden. Sie kamen aus einem Firmengelände auf die Straße geschnellt, die die einzige Ausfahrt von diesem Teil des Industriegebiets darstellte. Den Rückweg schnitt Döbler & Co gerade ein drittes Polizeifahrzeug ab.

»Prost!« meinte Bastian.

Sie stießen mit den kleinen Sektflaschen an. Richtig kalt war der Sekt nicht, aber für den Abend war der Besuch einer Party angesagt. Dort konnte man den Handel angemessen begießen, und das auf Kosten anderer.

Noch auf dem letzten Bissen kauend – Bastian stocherte mit einem Zahnstocher zwischen Zähnen und Fleischstückchen herum - strebten die beiden gut gelaunt dem schmalen Durchgang im Zaun zwischen den zwei Parkplätzen entgegen. Mit Absicht hatten sie Schorschs alten Honda vor dem Baumarkt geparkt, dessen Vorgänger bis vor einigen Jahren mit dem Biber seine Werbung betrieben hatte.

»Würden Sie bitte stehenbleiben. Polizei.«

Zu dem Gehilfen der Imbissbude, der ihnen nachgegangen war, hatten sich zwei Arbeiter gesellt, die vorher neben einem unauffälligen Lieferwagen gestanden hatten. Sie versperrten ihnen den Rückweg, nickten den drei Zivilbeamten zu, die vor Schorsch und Bastian aufgetaucht waren und deren Sprecher denen gerade seinen Dienstausweis vorhielt. Die drei hatten neben dem Durchgang an einem Blumenkübel gestanden und sich unterhalten.

»Bitte, was haben wir getan?«

»Sie wissen doch, wer Banknoten fälscht oder nachmacht oder gefälschte oder nachgemachte Banknoten in Umlauf bringt …« Der Gehilfe von der Imbissbude wedelte lachend mit dem 50-Euro-Schein, mit dem Schorsch bezahlt hatte. »Und Sie haben eine ganze Tasche davon.«

Fahrzeugpanne

»Andreas, bist du´s wirklich? Ich hab´ ja Ewigkeiten nichts mehr von dir gehört. Wo steckst du gerade?« Wilhelmine Bertram presste sich das Mobilteil ihres Telefons fester ans Ohr. An seinen Namen erinnerte sie sich, sich jedoch sein Gesicht vorzustellen, wollte ihr nicht gelingen.

»Ich komme von Koblenz, bin auf dem Weg nach Rosenheim zu einer Weiterbildung. Die ganze Woche lang …«

Frau Bertram überlegte. Es war früher Nachmittag am … am Montag, fiel es ihr wieder ein.

»… und ich hatte gedacht, du freust dich, wenn ich am Wochenende bei dir ´reinschaue. Wir können ´was unternehmen, und ich lad´ dich zum Essen ein.«

»Kind, warum hast du nicht früher angerufen? Das kommt mir alles so plötzlich.«

»Ich wollte ja früher anrufen, aber deine Telefonnummer habe ich erst heute Morgen wiedergefunden. Außerdem habe ich gerade ein Problem, ich, äh, …« Andreas druckste herum. »Also, ich bin mit dem Auto bei Freising liegengeblieben. 20 Kilometer von dir weg. Ein elektronisches Steuergerät ist kaputt. Die Werkstatt sagt, das kostet wohl um die 2.000 Euro.«

»Und so viel Geld hast du natürlich nicht dabei?« Die alte Dame hatte Recht, wer trug schon so viel Bargeld mit sich herum, wenn er gerade einmal eine Woche von zu Hause weg war? An den Gebrauch von Kreditkarten, ec-Karten und Geldautomaten dachte sie gar nicht, die zu benutzen, war sie auch nicht gewohnt.

»Stimmt«, kam es aus dem Hörer, »und mein Konto ist so gut wie blank, deshalb will ich meine Karte nicht einsetzen.«

Die Oma kam wie gewünscht von alleine auf den Gedanken. »Kind, wie kann ich dir helfen? Wieviel, hast du gesagt, brauchst du?«

»2.000, aber zweieinhalb wären mir lieber, da fühlte ich mich sicherer. Kannst du mir so viel leihen? Bis nächsten Monat.«

„Ich hab´ ungern Bargeld im Haus, nur so 100 Euro.“

»Dann warte mal bitte.«

Das Telefon blieb eine Weile stumm, Frau Bertram befürchtete schon, dass das Gespräch abgebrochen worden sei. Nach einer Weile hörte sie wieder Andreas´ Stimme.

»Du, es ist geklärt. Ich schicke dir meine Freundin vorbei, sie kann mit dir zur Bank. Stefanie heißt sie. Ich will beim Auto bleiben, weil ich Firmenunterlagen und meinen Laptop dabei habe, und der Pilotenkoffer ist etwas schwer und sperrig.«

»Ach, du hast einer Freundin? Wie schön! Wie heißt sie?«

»Äh, ja, habe ich. Stefanie. Wir arbeiten in derselben Abteilung.«

Das Gespräch zog sich noch etwas. Frau Bertram wurde nervös vor Vorfreude. Ihren Enkel hatte sie das letzte Mal gesehen, als … ja, wann eigentlich? Und auf seine Freundin war sie gespannt. Würden die beiden bei ihr übernachten wollen? Sie hatte nicht gefragt, und jetzt war es zu spät, sie hatte nicht nach seiner Telefonnummer gefragt, und wenn …, besser gesagt falls ihr Telefon sie gespeichert hätte, wüsste sie immer noch nicht, wie sie sie aufrufen könnte.

Natürlich wollte sie ihrem Enkel helfen. Aber so viel Geld bei sich zu haben, war ihr wirklich unangenehm, außerdem hatte die Bank schon zu. Der Geldautomat fiel ihr wieder ein, ihre Bankkarte hatte sie im Portemonnaie. Wie sie den Automaten zu bedienen hatte, wusste sie nicht, aber Andreas´ Freundin war wohl schon auf dem Weg, die würde ihr helfen. Frau Bertram war beruhigt.

Es klingelte am Hauseingang am Unterschleißheimer Margaretenanger, einem Wohngebäude mit, so hatte Frau Bertram früher einmal geschätzt, mindestens 100 Wohnparteien. Ein Betonbau, in dem sie sie seit ihrem Einzug vor Ewigkeiten wohlfühlte. Der Tod ihres Mannes hatte daran nichts geändert, die Wohnung war voller Erinnerungen. Die Wohnungen auf ihrer Seite waren über der darunterliegenden zwei Schritt weit zurückgesetzt, so dass ihr Balkon jetzt im Sommer halbtags in der Sonne lag. Das Gemeinschaftschwimmbad im Keller hatte sie so gut wie nie benutzt, aber aufgehört, sich über die deswegen so hohen Nebenkosten sich zu ärgern. Sie ärgerte sich nur noch über die Zusammensetzung der Hausgemeinschaft, immer mehr Mieter wohnten hier. Die ursprünglichen Eigentümer waren verstorben, die Erben wohnten weit weg, und so zogen Leute ein, die die Anlage weniger schonten. Außerdem hatten einige Geschäfte im Erdgeschoss geschlossen, immer mehr Ladenlokale standen leer. Wenigstens das kleine Chinarestaurant war geblieben, ab und zu traf sie sich dort mit ihren Bekannten, älteren Damen wie sie selbst, sonntags zum Mittagessen. Es gab das Phantasiebuffet, bei dem der Gast aus einer bebilderten Karte seine Gänge aussuchte, und er so oft bestellen konnte, wie er wollte und wonach ihm gerade der Sinn stand. Serviert wurde am Tisch.

Erst das dritte Klingeln riss sie aus ihren Gedanken.

Sie stand auf und betätigte im Flur den elektrischen Türöffner, ohne sich vergewissert zu haben, wer geklingelt hatte. Die Gegensprechanlage war seit einem Vierteljahr defekt.

»Ich bin Stefanie. Guten Tag, Frau Bertram«, stellte sich die junge Frau vor, streckte der alten Dame die Hand entgegen, »ich bin die Freundin von …«

Frau Bertram war von der Endzwanzigerin angetan. Sie war schlank, hübsch und ordentlich angezogen. Das jugendlich leichte Sommerkleid war chic, fand sie, obwohl sie selbst in ihrem Alter so etwas nicht mehr tragen konnte.

»… Andreas«, ergänzte Frau Bertram, »Kommen Sie doch bitte herein. Wie war ihre Fahrt?“«

»Ganz bequem, Von der Werkstatt aus zur S-Bahn sind´s nur ein paar Minuten, und von dort fährt ja die S1 direkt bis Unterschleißheim und noch weiter. Hier waren´s noch mal 15 Minuten Fußweg.«

Sie waren in die Küche getreten, Frau Bertram schob ihrer Besucherin gerade einen Stuhl am Küchentisch zurück, als sie den Blick hob und über Stefanie hinwegsah.

Stefanie hörte ein Scharren hinter sich, sie drehte sich nach dem Geräusch um und erstarrte. Ein uniformierter Polizist und eine Polizistin hatten sich aus dem Dreieck zwischen Küchentür, Wand und Küchenzeile gelöst, der Polizist drückte gerade die Tür ins Schloss.

Sie bekam Gelegenheit, die beiden Dienstausweise zu betrachten, war aber zu verblüfft, um genau hinzuschauen. Sie nickte nur.

»Würden Sie sich bitte ausweisen.«

Stefanie fingerte auf ihrer kleinen Handtasche ihre Geldbörse und zog ihren Personalausweis heraus. Fast ungeduldig, zumindest kam ihr das so vor, nahm die Polizistin ihr die Plastikkarte ab. Ihr Kollege hatte sich breitbeinig vor der Küchentür aufgebaut, hielt die Arme vor der Brust verschränkt. Stefanie schluckte, sie fand die Situation bedrohlich. Sie fühlte die Küche immer kleiner werden, Platzangst ergriff sie. Sie war eingesperrt!

»So, Frau Hasselbach, nun erklären Sie Frau Bertram doch bitte mal Ihre Rolle bei dem Enkeltrick, sie hatte da noch ein paar Unklarheiten.«

»Enkel was? Das ist alles ganz anders. Es gibt keinen Enkeltrick!«

»Das sagen alle. Nur sind die Täter schwer zu fassen, weil die Anzeigen regelmäßig erst nach dem Betrug bei der Polizei eingehen. Frau Bertram war so clever, uns rechtzeitig zu informieren.«

»Sie irren sich!«

»Dann beschreiben Sie uns doch bitte, was Sie von Frau Bertram wollen.«

»Gut, ich bin mit Andreas, äh, mit meinem Freund – wir arbeiten in derselben Koblenzer Firma – auf dem Weg zu einem Seminar in Rosenheim. Bei Freising ist sein Auto kaputtgegangen, und die Werkstatt will Bares sehen, sonst rückt sie das Auto nicht ´raus. Und da hatte Andreas die Idee, seine Oma anzurufen, denn schließlich wollten wir sie auf dem Rückweg ohnehin besuchen.«

»Aha, und ec-Karten gibt es Koblenz nicht?«

»Doch, aber sein Konto ist fast leer, das reicht nicht mehr für die Reparatur.«

»Gut, aber bevor er seine Oma anpumpen muss, hätten Sie ihm doch unter die Arme greifen können.«

»Auf meinem Konto ist genauso viel, besser gesagt genauso wenig drauf. Wir haben eine Anzahlung für eine gemeinsame Wohnung geleistet.«

»Warum ist dann Ihr Freund nicht gekommen, wenn er wirklich der Enkel ist? Seine Großmutter hätte ihn doch wohl erkannt.«

»Er ist …, er wollte in der Werkstatt bleiben und aufpassen, dass ihm keine überflüssigen Reparaturen aufgeschwatzt werden.«

»Dann nennen Sie uns doch bitte den Namen und die Anschrift der Werkstatt in Freising. In ein paar Minuten sind dann die Kollegen vor Ort und können Ihre Angaben überprüfen. Dann ist alles geregelt, und Sie können wieder gehen.«

»Ich kenne aber die Werkstatt nicht, und in Freising war ich auch noch nie. Ein Mechaniker war so nett gewesen, mich zur S-Bahnstation zu fahren.«

Die Polizeibeamten lachten sich an. Die Vernehmung begann, Spaß zu machen. Es war eine Abwechslung im Einerlei der Anzeigen und Unfallaufnahmen in und um ihre Polizeiinspektion 48 im rund vier Kilometer entfernten Oberschleißheim. Mal sehen, wann der Trickbetrügerin die Antworten ausgehen!

»Eine Markenwerkstatt?«

Stefanie rieb die Hände aneinander. »Ich sagte doch, ich habe nicht darauf geachtet, und mit Autos kenne ich mich nicht aus.«

»Was fährt denn Ihr Freund Andreas? Dann hat er wohl eine Fachwerkstatt seiner Marke aufgesucht.«

»Ich habe kein Schild einer Automarke entdeckt. Auf dem blauen Firmenschild war ein weißes Auto von vorn, darunter ein Schraubenschlüssel.« Stefanie fühlte sich immer unbehaglicher. Sie hatte sich gesetzt und rutschte nervös auf dem Küchenstuhl hin und her. Nun tuschelten die Beamten auch noch miteinander!

Die Polizistin wandte sich Stefanie zu, baute sich vor ihr auf, eine kräftige Frau. Mitte vierzig, schätzte Stefanie. Wenn sie aufstehen wollte, hätte sie sicher keine Chance gegen die Stärkere.

»Dann rufen Sie Ihren Komplizen doch einfach einmal an. Aber wehe, Sie sagen etwas Falsches! Behaupten Sie, das Geld bekommen zu haben, und Sie bräuchten die Werkstattadresse für Ihren Rückweg. Noch mal: Wehe, Sie verplappern sich!«

»Aber ich …«

»Anrufen! Sie haben doch wohl ein Handy?«

Stefanie nickte stumm, hatte keine Kraft mehr zu widersprechen. Elend fühlte sie sich und eingeschüchtert. Mit fahrigen Bewegungen fischte Sie ihr Smartphone aus der Handtasche, entsperrte es mit ihrer Geheimnummer und tippte auf das Profilfoto ihres Freundes.

Die Polizisten schauten mit ihr auf das Display, Frau Bertram hatte die Vernehmung wortlos beobachtet, sah die drei Personen gespannt an. Sie freute sich, der Polizei bei der Festnahme von Trickbetrügern geholfen zu haben. Nun war sie neugierig mitzuerleben, wie eine Vernehmung vor sich ging. Selbst erlebt war das besser als Aktenzeichen XY! Und gab genügend Gesprächsstoff für das nächste Damenkränzchen beim Chinesen.

Stefanie brauchte drei Versuche, das Profilfoto zu treffen. Die Verbindung wurde aufgebaut. Eine Melodie erklang, Stefanie atmete erleichtert auf. Es war das Rufsignal von Andreas´ Smartphone. Sie stutzte. Schön, das Signal zu hören, aber wieso kam es aus ihrer Handtasche?

»Sch…ande!«

Sie beeilte sich, den Reißverschluss der Innentasche zu öffnen, rupfte zu stark, er verklemmte sich, sie bekam ihn nur nach und nach auf. Endlich hielt sie das schwarze Gerät in der Hand.

Die Polizisten grinsten, Stefanie war sich sicher, Häme und Schadenfreude zu erkennen.

»Äh, ich hatte ein Gespräch zu Ende geführt, das er mit einem Bekannten begonnen hatte und vergessen, ihm das Handy zurückzugeben.«

»Den Trick hat uns bisher noch niemand vorgeführt. Was versprechen Sie sich eigentlich davon?«

Stefanie wusste sich nicht mehr zu helfen. Die ersten Tränen drückten sich aus den Augenwinkeln und rollten ihre Nasenflügel entlang.

Der Rest war für die Beamten Routine. Sie hatten sich schon von Frau Bertram verabschiedet und waren mit Stefanie auf dem Weg zur Wohnungstür. Das Handy der Polizistin meldete sich. Sie zog es aus dem Etui, sah ihren Kollegen und Frau Bertram verlegen an, hob die Schultern, Stefanie ignorierte sie.

»Entschuldigung, das kann länger dauern. Aber es ist wichtig.«

Das Telefonat der Beamtin dauerte eine Viertelstunde, sie hatte die Welt um sich herum ausgeblendet. »Jetzt habe ich in die Fliesen rund um Frau Bertrams Küchentisch wohl eine Furche gelaufen.« Halblaut sprach sie im Scherz zu sich selbst, als sie endlich auf dem Display auf den roten Balken mit dem Hörersymbol drückte. Sie öffnete die Küchentür, trat in die menschenleere Diele und wandte sich nach links den Stimmen zu, schaute ins Wohnzimmer.

»Ich bin fertig.« Sie strahlte. »Es ging um meine Beförderung. Nächsten Monat ist es soweit.«

»Na, dann meinen Glückwunsch!« Ihr Kollege lachte ihr zu, als er sich mit beiden Händen an den Eichenarmlehnen aus dem schweren Plüschsessel hochstemmte.

»Da gratuliere ich aber«, fiel auch Frau Bertram in die Glückwünsche ein.

Stefanie sagte nichts, sie blickte demonstrativ unbeteiligt aus dem Fenster.

»Ich habe mittlerweile die Personalien aufgenommen«, brachte der Polizeibeamte seine Kollegin beiläufig auf den neuesten Wissensstand und griff an seinen Gürtel.

Die Handschellen klickten um Stefanies Handgelenke. Sie weinte. Die Polizisten blieben ungerührt, schoben sie in die Diele. Der Polizist hatte schon die Hand auf die Klinke der Wohnungstür gelegt. Er drehte sich nochmal um.

»Das haben Sie prima gemacht, Frau Bertram. Wenn nur alle Senioren so aufgeweckt wären, uns anzurufen, sobald sich jemand mit dem Enkeltrick bei ihnen meldet. Bevor der Betrüger in die Wohnung kommt! Wir kommen morgen nochmal vorbei, dann können Sie das Protokoll unterschreiben. Und nun auf Wieder…«

Die schrille Klingel über der Wohnungstür übertönte den Rest seines Grußes. Der Uniformierte brauchte eine Sekunde, um sich zu sammeln. Er riss die Tür auf und blickte einem jungen Mann direkt in die Augen. Sein Blick glitt an ihm herunter. Legere Geschäftskleidung. Ein Pilotenkoffer stand neben ihm.

Der junge Mann schaute von einem zum anderen. Seine Brauen hoben sich. Stefanie hielt ihm ihre Handgelenke hin.

»Was soll das? Kann mir bitte einer erklären, was die Polizei mit meiner Freundin vorhat? Hallo, Oma!« Er bückte sich, schob die Verlängerung seines Rollenkoffers ein und hob ihn am Griff hoch. In der Diele beugte er sich zu der alten Dame herab und umarmte sie. Er drückte sie herzlich. »Du hast dich gar nicht verändert.«

Er richtete sich wieder auf, schaute die beiden Polizisten an. Herausfordernd hob er das Kinn, hatte sich schon auf eine heftige Diskussion vorbereitet. Plötzlich zogen sich seine Mundwinkel auseinander, seine Gesichtszüge entspannten sich.

»Ist gut, ich verstehe. Es sieht wirklich nach Enkeltrick aus! Naja, war schon blöd. Als Stefanie so lange weg war, wollte ich sie anrufen, hab´ aber mein Handy nicht gefunden. Der Mechaniker hat mir zwar sein Telefon angeboten, ich habe aber Stefanies Nummer und die von meiner Oma eben nur auf meinem Handy gespeichert. Da bin ich halt losgefahren. Mein Auto ist repariert, die Werkstatt hat mir bis morgen ein Ersatzfahrzeug gegeben. Wenn wir uns jetzt beeilen, sind wir wieder in Freising, bevor die Werkstatt zumacht.«

»Hallo, Andreas, es ist schön, dass du gekommen bist.« Oma Bertram hatte ihn endlich wiedererkannt. Sie schob sich an den Polizisten vorbei und drückte ihn.

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