Kitabı oku: «Star-Liner»

Yazı tipi:

Michael Schenk

Star-Liner

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1 Was bisher geschah

Kapitel 2 Beurlaubung

Kapitel 3 Freunde und mehr

Kapitel 4 Die I.T.T. Star-Liner

Kapitel 5 Auf Kreuzfahrt

Kapitel 6 Zwischenlandung

Kapitel 7 Die Botschaft

Kapitel 8 Der Erste des ersten Kreises

Kapitel 9 Ein interessanter Programmpunkt

Kapitel 10 Der Angriff

Kapitel 11 Neue Order

Kapitel 12 Ein erneuter Überfall

Kapitel 13 Herr des Schiffes

Kapitel 14 Hinterrücks

Kapitel 15 Ein ganz natürlicher Tod

Kapitel 16 Rendezvous im Weltraum

Kapitel 17 Unter „Touristen“

Kapitel 18 Besorgnis

Kapitel 19 Mörder an Bord

Kapitel 20 In der Falle

Kapitel 21 Nachdrückliche Befragung

Kapitel 22 Feder und Schwert

Kapitel 23 Volle Bereitschaft

Kapitel 24 Katz und Maus

Kapitel 25 Von Auge zu Auge

Kapitel 26 Das Ziel vor Augen

Kapitel 27 Prioritäten

Kapitel 28 Nur das Ziel zählt

Kapitel 29 In hoffnungsloser Lage

Kapitel 30 Ein ideenreicher Captain

Kapitel 31 Ankündigung

Kapitel 32 Homepage www.sky-navy.de

Kapitel 33 „Sky-Troopers“ - Als e-Book oder Print

Impressum neobooks

Kapitel 1 Was bisher geschah

Sky-Navy 22

Star-Liner

Military Science Fiction

von

Michael H. Schenk

© M. Schenk 2021

Gegen ihren Willen war die geeinte Menschheit in den tausendjährigen Krieg zwischen den insektoiden Norsun und den menschenähnlichen Negaruyen der verborgenen Welt hineingezogen worden. Nun endete dieser Konflikt mit der scheinbaren Vernichtung der Negaruyen. Nur wenige Menschen wissen, dass die verborgene Welt weiterhin existiert und Hoch-Admiral John Redfeather eine geheime Übereinkunft mit deren oberster Matriarchin getroffen hat.

Noch immer sind die Norsun ein unsicherer Bündnispartner und so setzt das Direktorat der Menschheit alle Kräfte ein, um die erlittenen Schäden zu beheben und die Verluste zu ersetzen. Der Wiederaufbau und die Verstärkung der Streitkräfte, hauptsächlich der angeschlagenen Sky-Navy, genießen dabei die höchste Priorität. Doch für die Nullzeit-Kommunikation und den Nullzeit-Antrieb, von denen Letzterer die Reise zwischen den Sternen ohne Zeitverlust ermöglicht, wird der so genannte Hiromata-Kristall benötigt. Sein Vorkommen ist selten und meist kann man nur geringe Mengen abbauen, weswegen die Zuteilung dem hohen Rat des Direktorats obliegt. So scheint es nicht verwunderlich, dass es auf Hinweise für geheime Abbauanlagen und einen gewinnbringenden Schwarzmarkt gibt.

Durch Zufall stößt der Raumpatrouillen-Kreuzer D.S. Aberdeen auf das Wrack eines Transportschiffes der Bluelight-Corporation. Das Schiff wurde gewaltsam aufgebracht und geplündert und Spuren deuten auf eine geheime Fracht von Hiromata-Kristall hin. Es gelingt der Aberdeen den Ursprungsplaneten ausfindig zu machen. Auf der Eiswelt Honcrest-3 existiert eine große Abbauanlage, Mining-Facility 17, in der Bluelight auf große Vorkommen des begehrten Kristalls gestoßen ist. Doch die Belegschaft der Mine wurde ermordet und die Besatzung der Aberdeen wird in mörderische Kämpfe mit den Angreifern verwickelt.

Es gelingt, die Abbauanlage zu sichern. Schon bald gehört Honcrest-3 zu den am besten beschützten Welten, wo die Bluelight-Corporation die Kristalle nun im Auftrag des Direktorats abbaut.

Endlich hat man Zugriff auf große Vorkommen des kostbaren Hiromata, doch den Verantwortlichen des Direktorats und dem High-Command der Streitkräfte ist bewusst, dass eine geheime Organisation hinter ihrem Rücken agiert. Eine Organisation, die über eine eigene Flotte und Truppen verfügt. Ihre Ziele und Herkunft sind unbekannt, aber es ist sicher, dass man es mit einem neuen und unbarmherzigen Feind zu tun hat.

Kapitel 2 Beurlaubung

Sky-Base Arcturus, High-Command der Sky-Navy des Direktorats

„Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich werde hier gebraucht.“

Die Stimme von Joana Redfeather klang ebenso ruhig wie entschlossen. Ihr Vater, Hoch-Admiral John Redfeather, Oberkommandierender der Streitkräfte des Direktorats der Menschheit, kannte diesen Tonfall zu Genüge und wusste, dass sich seine „Kleine“ niemals freiwillig von ihrer Meinung abbringen lassen würde.

Sie beide standen vor der großen Panoramascheibe im Dienstraum des Admirals und ihre Ähnlichkeit war ebenso wenig zu leugnen wie ihre Abstammung vom indianischen Volk der Sioux. Der kupferfarbene dunkle Teint und die beiden geflochtenen dicken Haarzöpfe, welche sie beide aus traditionellen Gründen trugen, passten eigentlich nicht zu dem sonst üblichen „Haarschnitt“ kämpfender Soldaten. Selbst wer den Helm eines Kampfanzuges nur gelegentlich trug, bevorzugte eine Haarlänge von Millimetern, damit die Kontaktsensoren des Helms fehlerlos funktionierten. Joana und John hatten sich zusätzliche Verstärker unter die Kopfhaut einpflanzen lassen, damit sie ihre langen und seidig schimmernden schwarzen Haare nicht kürzen mussten.

Beide trugen die Dienstuniform der Streitkräfte. Lange himmelblaue Hosen, lange dunkelgrüne Jacken und das himmelblaue Barett. Nur die Rangabzeichen und der farbige Besatz der Uniformteile unterschieden sich. Das Gelb der Raumkavallerie, der Sky-Troopers, bei Joana und das „UNO-Blau“ der Sky-Navy bei ihrem Vater.

„Ja, du wirst gebraucht, Joana, doch niemand ist unersetzlich“, erwiderte er mit ruhiger Stimme. „Selbst ich nicht.“

„Unsinn, Dad. Wir sind in einer kritischen Phase. Du weißt, wir arbeiten mit allen Kräften daran, die Streitkräfte nicht nur auf ihre alte Stärke zu bringen, sondern auch zusätzliche Truppen und Schiffe in Dienst zu stellen. Und jetzt, wo wir durch die Hiromata-Förderung auf Honcrest-3 endlich in der Lage sind, unsere Schiffsbaukapazitäten voll auszuschöpfen, da willst du mich in Urlaub schicken? Vergiss es.“

Er hätte es ihr einfach befehlen können, doch hier handelte es sich um ein Gespräch zwischen Vater und Tochter. Privat, wie es nur selten die Gelegenheit dazu gab. „Joana, die vergangenen Jahre und Monate haben an unseren Kräften gezehrt. Ich habe in den letzten Tagen schon eine ganze Reihe guter Leute in den Urlaub geschickt. Ich brauche sie fit und ausgeruht und das gilt auch für dich. Vor allem für dich. Du gehörst zu der Gruppe jener Menschen, denen ich blindlings vertraue und Vertrauen ist derzeit ein kostbares Gut.“

Ihr Blick wurde nachdenklich. „Du spielst auf die Ereignisse auf Honcrest-3 an? Auf die Mordbande, welche die alte Minenbesatzung massakrierte?“

„Es wäre schön, wenn es sich nur um eine Mordbande handeln würde. Gangster, die aus reiner Geldgier rauben und morden. Doch du weißt selber, dass da weitaus mehr dahinter steckt. Denk an die Ereignisse auf der Wirbelwelt und an andere Vorfälle … Wir haben es mit einem gut ausgerüsteten und organisierten Feind zu tun. Ein Feind, der aus den Reihen der Menschheit kommt. Wir kennen weder seine genauen Absichten noch seine genauen Möglichkeiten. Doch er muss stark sein, wenn er sich ganz offen mit uns anlegt.“

„Ein Grund mehr, dass ich im Dienst bleiben muss“, meinte sie mit halbherzigem Lächeln.

„Ein Grund mehr, dass ich dich ausgeruht brauche. Kleines, es braut sich etwas zusammen. Im hohen Rat des Mars gibt es wieder Vertreter von Siedlungswelten, die nach Autarkie streben. Die einst von den Piraten der schwarzen Bruderschaft erbeuteten Walzenschiffe wurden modernisiert und nicht, wie ursprünglich vereinbart, der Navy unterstellt, sondern bilden nun wieder etwas, das ich als ‚koloniale Flotte‘ bezeichnen würde. Was weißt du über CoBRA?“

„Die Veteranenorganisation?“

„Eben die.“

„Kurz- oder Langfassung?“

„Ein gesundes Mittelmaß“, antwortete er und ging zum Getränkespender, um ihnen beiden einen Fruchtsaft zu holen. „Und du darfst gerne spekulieren. Sag, was du weißt und was du vermutest.“

Joana warf einen kurzen Blick auf ein Langstrecken-Shuttle, welches gerade in ihr Gesichtsfeld kam und Kurs auf einen der Andock-Pylone und das dort liegende Träger-Schlachtschiff nahm. Die D.C.S. Trafalgar war in den letzten Kämpfen beschädigt worden, doch nun gingen die Instandsetzungen dem Ende entgegen. Joana war Major der Sky-Cavalry und befehligte das erste Bataillon der fünften Raumkavallerie. Ihre Truppe sollte sich in der kommenden Woche auf dem Träger einschiffen.

„CoBRA …“ Sie sprach das Wort sehr nachdenklich aus, denn mit dem Begriff waren angenehme und unangenehme Erinnerungen verbunden. In letzter Zeit überwogen eindeutig die negativen. „Erlaubst du, dass ich etwas weiter aushole?“

„Ich weiß, dass dir das hilft, deine Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken.“ Er reichte ihr das Glas mit Saft und sah zu, wie sie daran nippte. Ihre Gedanken befassten sich längst mit jener Organisation, die ihnen beiden in der näheren Vergangenheit immer zweifelhafter erschienen war. „Also, Kleines, was denkst du?“

Bilder aus der Vergangenheit drängten sich ihr auf. An jenen Einsatz, bei dem sie als Lieutenant an der Rettungsmission für das Volk der Hanari teilgenommen hatte. Deren Sonne drohte damals zur Nova zu werden und die Menschheit hatte sich entschlossen, die Hanari zu evakuieren und auf eine andere Welt umzusiedeln. Nicht jeder war mit der aufwändigen und extrem kostspieligen Mission einverstanden gewesen, es hatte Versuche gegeben, sie zu sabotieren. Man hatte die Sprachdateien vernichtet, so dass die geplante Verständigung mit den Hanari unmöglich wurde. So war aus der Rettungsmission zugleich ein Kampfeinsatz geworden, bei dem sich die Hanari nach Kräften gegen die scheinbare Invasion der Menschen wehrten. Joanas Captain war damals gefallen und sie unerwartet in dessen Position aufgerückt. Das lag nun viele Jahre zurück. Inzwischen war sie Major und die Hanari zu Freunden der Menschen geworden. (Anmerkung: Sky-Troopers (Folge 1.)

„Als wir auf der alten Welt der Hanari landeten“, begann sie zögernd, „da benötigten wir weitaus mehr Truppen, als dem Direktorat zur Verfügung standen. Damals hob man Dutzende von Freiwilligen-Regimentern aus, die nach erfolgreichem Abschluss der Evakuierung nicht mehr benötigt wurden. Einige der Veteranen gründeten eine Organisation, um ehemaligen Kameraden Hilfe leisten zu können. Sie halfen bei der Suche nach einer Arbeitsstelle, einer Aufgabe oder Wohnung oder auch nur als Anlaufstelle, wo die Veteranen über das sprechen konnten, was sie im Innersten bewegte. Dieser Veteranenverband nennt sich CoBRA, wobei dies für Corporated Brotherhood of Retired Members of Arms steht. Im Grunde eine gemeinnützige Organisation, deren Mitglieder einander in den verschiedensten Notlagen beistehen.”

„Im Grunde?“ Er lächelte sanft. „Es gibt also Ausnahmen?“

Joana zuckte mit den Schultern. „Die Begegnung mit dieser CoBRA-Rettungsgruppe auf der Wirbelwelt ist für mich der Beweis, dass zumindest einige Angehörige dieses Veteranenverbandes zu kriminellen Handlungen fähig sind. Man versuchte, mich und meine Truppe zu töten, um den illegalen Abbau auf jener Welt geheim zu halten.“ (Anmerkung: Siehe Sky-Troopers 5 – Die Wirbelwelt.)

„CoBRA behauptet, dass man damit nichts zu tun habe. Zwar schickte man dieses so genannte ‚Rettungs-Team‘, aber angeblich wusste man nichts von deren verbrecherischen Absichten.“

Joanas Lachen klang spöttisch. „Es fällt mir schwer, das zu glauben. Diese CoBRA-Einheit brachte schwere Waffen und Kampffahrzeuge mit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Führung dieser Organisation davon nichts mitbekommen hat.“

„Während der Rettungsmission für die Hanari kam es, aufgrund der fehlenden Verständigung, zu Kampfhandlungen und zu Verlusten auf beiden Seiten“, überlegte John. „Krieg ist etwas Schreckliches und wir achten sehr genau darauf, dass unsere Männer und Frauen daran keinen zu großen Gefallen finden, denn jedes Leben ist kostbar. Trotzdem gibt es immer wieder Trooper, die den Nervenkitzel von Kampfhandlungen vermissen. Wenn wir das bei unseren Leuten bemerken, dann gibt es psychologische Nachschulungen, aber ich vermute, das gilt nicht für CoBRA.“

„Wohl eher nicht“, stimmte die junge Frau zu. „CoBRA bietet ganz offiziell seine Dienste im Werkschutz und für Sicherheitsdienste an. Ein breites Feld, in dem es sogar zu größeren Kämpfen kommen kann, denn die großen Wirtschaftskonzerne stehen in erbitterter Konkurrenz zueinander. Zwar hört man in den Medien nichts davon, da sich die Beteiligten darin einig sind, solche unschönen Ereignisse unter den sprichwörtlichen Teppich zu kehren, aber man kämpft mit harten Bandagen. Wirtschaftsspionage, Bestechung, sogar Mord und Überfälle sind keine Seltenheit. Meint zumindest unser Freund Krueger, der Leiter vom Sky-Marshal-Service“, schränkte sie ein. „Doch Beweise gibt es nur selten, denn die halten alle, wie schon gesagt, dicht und hängen ihre Differenzen nicht an die große Glocke. Ein schöner Tummelplatz für Söldner, die es mit Recht und Gesetz nicht so genau nehmen.“ Sie sah ihren Vater ernst an. „Warum verbietet der hohe Rat des Direktorats diese Organisation nicht einfach?“

„Keine ausreichenden Beweise“, erwiderte er trocken. „Übrigens ist Krueger gegen ein Verbot. Er meint, wenn diese Söldnertruppen in den Untergrund gehen, dann wird es noch schwieriger, sie im Auge zu behalten. Andererseits weiß CoBRA natürlich, dass der S.M.S und dessen Marshals sie auf der Liste haben.“

„Nach außen ist CoBRA eine Art von gemeinnütziger Organisation“, seufzte Joana, „und sie genießt einige Unterstützung im hohen Rat.“

„Bedauerlicherweise“, knurrte er und die Frustration in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Diese ‚koloniale Flotte‘ aus ehemaligen Piratenschiffen verfügt zum großen Teil über Besatzungen, die von CoBRA gestellt werden.“

Sie erbleichte ein wenig. „Das wusste ich nicht. Grundgütiger, Dad, befürchtest du nicht, dass …“

Er hob die Hand und würgte ihre Worte ab. „Spekulieren wir nicht über einen zweiten kolonialen Krieg, Liebes. Wir beobachten die Aktivitäten in den Kolonien, so gut es eben geht. Der Sky-Marshal-Service hat ein paar Agenten dort und wir haben die Routen unserer Raumpatrouillen umgestellt. Sollte es zu einer ungesetzlichen Aktion kommen, dann sind wir hoffentlich vorbereitet.“

„Und ausgerechnet jetzt willst du mich in Urlaub schicken? Vergiss es!“, wiederholte sie entschlossen. „Außerdem gehöre ich ja wohl zu den Wenigen, die eine gewisse Erfahrung mit den Söldnertruppen der CoBRA haben. Du brauchst mich, Dad.“

„Vor allem brauche ich dich frisch und ausgeruht und notfalls werde ich dir doch befehlen, ein paar Wochen auszuspannen.“ Sein Blick war eindringlich. „Muss ich zu diesem unschönen Mittel greifen oder begreifst du in deinem Dickkopf, dass ich Recht habe?“

„Kann ich mir wenigstens aussuchen, wo ich Urlaub mache?“

Er strich sich nachdenklich über einen seiner Zöpfe und schüttelte dann lächelnd den Kopf. „Ich kann mir schon denken, dass du unsere Basis wählen würdest, mit netten kleinen Ausflügen auf die Trafalgar … Nein, Liebes, ich möchte dich möglichst weit entfernt von allen dienstlichen Dingen wissen. Mein persönlicher Adjutant, Commodore Faso, hat etwas Passendes für dich gefunden.“

Joana kannte und schätzte den Commodore sehr, doch sie mochte es absolut nicht, wenn man ihr, außerhalb des Dienstes, Vorschriften machte. „So, so, Faso hat etwas Passendes gefunden …“

„Du wirst eine nette kleine Kreuzfahrt machen, Liebes. An Bord des Touristenschiffes Star-Liner für vier Wochen die Sehenswürdigkeiten im Gebiet des Direktorats bestaunen. Ich bin mir sicher, dass du dich prächtig erholen wirst.“

„Ich könnte auch zur Erde fliegen“, wandte sie ein. „Wir Indianer haben ja die Erlaubnis des hohen Rates, unsere alten Traditionen zu pflegen und eine Büffeljagd im Gebiet der Black Hills …“

Erneut wurde sie von ihm unterbrochen. „Die Kreuzfahrt ist bereits gebucht. Wenn du hinausgehst, dann hält Faso schon alle Broschüren und das Ticket in tetronischer Form für dich bereit.“

Vier Wochen Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff. Im Grunde freute sich Joana darüber, wäre da nicht das schlechte Gefühl gewesen, ihre Truppe und, vor allem, ihren Vater im Stich zu lassen. Andererseits hatte er sicherlich nicht unrecht. Sie und viele andere fühlten sich erschöpft und ausgebrannt, nach den Monaten der gefährlichen Auseinandersetzungen im Krieg zwischen Norsun und Negaruyen.

Die Anspannung aufgrund dieses Konfliktes fiel nun von ihnen allen ab, doch zugleich taten sich andere Unsicherheiten auf.

Würden sich die Negaruyen der verborgenen Welt an die Übereinkunft halten? Würden die Norsun an deren Vernichtung glauben und ihre Präsenz im Direktoratsgebiet der Menschheit künftig auf Handelsbeziehungen beschränken? Gab es eine erneute Separatistenbewegung in den Kolonien und bedrohte diese das Direktorat? Wie ging es mit dem Wiederaufbau und Erstarken der Streitkräfte weiter? Welche noch unbekannten Gefahren lauerten im Weltraum auf die sich ausdehnende Menschheit?

Joana stieß einen vernehmlichen Seufzer aus. Es war ihr nicht möglich, diese Fragen zu beantworten und, genau genommen, gab es wohl keinen Menschen, der dazu in der Lage wäre. Ihr Vater hatte recht. Es würde keinen großen Unterschied machen, ob sie in den kommenden Wochen ihren Dienst versah oder ihren Urlaub nahm. Vielleicht war die Entspannung im Urlaub auch nützlich, brachte sie auf andere und neue Gedanken. Manche Probleme ließen sich leichter lösen, wenn man sie mit einem gewissen Abstand sah.

„Also gut, Dad, ich nehme den Urlaub und mache die Kreuzfahrt. Kann ich mir meine Begleitung selbst aussuchen?“

Er lachte erleichtert. „Kein Personal der Streitkräfte, Joana. Du sollst dich erholen, Neues entdecken und nicht mit Offizierskameraden fachsimpeln. Keine Sorge, Liebes, die Reise wird dir gefallen. Und nun wünsche ich, dass du zu Faso gehst, deine Unterlagen holst und mit dem nächsten Langstrecken-Shuttle zum Mars fliegst. Übermorgen startet die Star-Liner zu deiner Kreuzfahrt.“

Sie umarmten sich und waren dankbar für die tiefe Liebe, die Vater und Tochter füreinander empfanden.

Dann verließ Joana den Raum und wandte sich lächelnd Commodore Faso zu, der sie bereits zu erwarten schien. „Hallo, Faso, Dad sagt, du hättest ein Ticket für mich.“

Kapitel 3 Freunde und mehr

Unterkunft von Joana Redfeather, Sky-Base Arcturus

Captain Jerome Kelly trug den schlichten Einteiler der Borduniform, der sich mit wenigen Handgriffen und dank der im Kragen zusammengelegten Transparentfolie in einen leichten Raumanzug umwandeln ließ. Vor wenigen Minuten war er in die Unterkunft von Joana gekommen und sah ihr ein paar Momente schweigend zu, wie sie zwei kleine Koffer für ihren Urlaub packte.

Jerome befehligte den „C“-Troop der fünften Raumkavallerie und fungierte zugleich als Joanas stellvertretender Bataillonsführer. Wegen seines gelegentlich breiten Slangs konnte er seine texanischen Vorfahren nicht leugnen und er war ein ebenso erstklassiger Kamerad und Offizier wie zugleich ein treuer Freund.

Jerome lag so einiges auf der Zunge, doch er wusste nicht recht, wie er dies formulieren sollte. So brachten seine ersten Worte eher seine Verlegenheit zum Ausdruck. „Ich wusste gar nicht, dass du so viele zivile Klamotten zum Einpacken hast.“

Sie faltete ein modisches Kleid, welches kaum mehr als aus einem Hauch von Stoff bestand. „Das meiste habe ich vorhin in unseren Boutiquen in der Einkaufspassage erworben. Angeblich der neueste Schrei auf dem Mars.“

„Ich würde auch schreien, wenn du das Ding trägst“, murmelte er.

„So hässlich?“

„Gosh, nein. Du siehst sicher fabelhaft darin aus“, entgegnete er hastig. „Aber wenn man dich nur in Dienstkleidung kennt, dann ist dieser Hauch von Nichts einfach atemberaubend.“

Joana lächelte ihn an. „Eine Mischung aus organischen Pflanzenfasern und so genanntem Trans-Flex-Stoff.“

„Kenne ich nicht“, gab er zu.

„Das Zeug wechselt, je nach Lichteinfall, die Farbe und unter bestimmten Voraussetzungen wird es sogar für ein paar Augenblicke vollkommen transparent.“

„Nett“, meinte er leicht errötend. „Überall?“

„Nun, da wo es interessant ist“, wich sie der direkten Antwort aus. „Aber keine Sorge, ich habe auch ganz konventionelle Kleidung dabei.“

„Auch deine Uniform?“

Sie nickte lächelnd. „Ja. Die Paradeuniform. Für das Captain´s Dinner. Die einzige Gelegenheit, bei der ich im Urlaub ein wenig mit meinen Verdienst- und Kampfspangen angeben kann.“

Er räusperte sich. „Waffen?“

„Dann würde Dad mich kielholen.“ Ihr Lächeln vertiefte sich. „Nicht einmal eine kleine Nadelpistole. Aber es ist eine Urlaubsreise, Jerome, keine Kampfmission.“

„Dennoch gefällt mir nicht, dass du alleine unterwegs bist.“

„He, Captain Kelly, ich bin schon ein großes Mädchen, okay?“

„Trotzdem mache ich mir Sorgen“, gab er verlegen zu. „Ich könnte ein paar gute Leute für dich abstellen. Galley, Riordan, Basari und Bear könnten ebenfalls etwas Urlaub gebrauchen.“

„Und du sicher auch.“

„Jetzt, wo du es sagst …“

Joana schloss eine der Reisetaschen und musterte Kelly nachdenklich. Der „Texaner“ war nur mittelgroß, hatte tiefschwarzes Haar und braune Augen. Er trug einen sauber gestutzten Bart, der seinen Mund umrahmte. Er war nicht unbedingt eine Schönheit, aber durchaus attraktiv. Kelly hatte keine feste Beziehung, wenn man von seiner Leidenschaft zur Truppe absah. Für Joana war Jerome ein Freund und so etwas wie ihr Bruder. Manchmal spürte sie, dass er weitaus mehr für sie empfand. Die Statuten der Streitkräfte des Direktorats duldeten durchaus Beziehungen innerhalb der Truppe, auch wenn man sie nicht unbedingt begrüßte. Eine Liebesbeziehung konnte zu leicht Einfluss auf das Verhalten im Einsatz nehmen. Dies war vielleicht auch der Grund, warum Joana bislang kein Mehr an Gefühlen zu Jerome zugelassen hatte.

„Tut mir leid, Jerome, aber Dad hat seine Trumpfkarte ausgespielt.“

Er tippte auf eine seiner Schultern, auf der das Rangabzeichen zu sehen war. „Die da?“

Sie zuckte lächelnd mit den Achseln. „Kein Kontakt mit Militärpersonal irgendwelcher Art auf meiner Reise.“

Sein missbilligendes Schnauben verriet zu Genüge, was er davon hielt. „Es gibt Leute die dem Direktorat und seinen Streitkräften nicht unbedingt wohlgesonnen sind. Leute, denen du aus den Medien sehr gut bekannt bist.“

„Keine Sorge, Commodore Faso hat dafür gesorgt, dass ich unter anderem Namen reise.“

„Deinen Namen magst du ändern, aber nicht deine biometrischen Daten“, gab er zu bedenken. „Es braucht nur zufällig der Falsche dein hübsches Gesicht erkennen und dann kann niemand sagen, wie es noch um deine Sicherheit bestellt ist.“

Sie trat zu ihm und strich ihm sanft über eine Wange. „Ich weiß, dass du dich sorgst, alter Freund, und dafür danke ich dir, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass ich diese Kreuzfahrt antreten werde.“

Er erwiderte ihren Blick und legte seine Hand sanft über die ihre. „Ich könnte es schaffen, dass Bear heimlich an Bord geht. Du weißt, Bear ist ein lebender Kampfpanzer und …“

„Jerome!“ Ihre Stimme nahm einen leicht verärgerten Klang an. „Fang nicht an zu fantasieren und mach uns den Abschied nicht so schwer. Verdammt, Captain Kelly, es ist doch nur für ein paar Wochen und ich erwarte, dass du mir bei meiner Rückkehr das Bataillon in erstklassiger Verfassung übergibst. Haben wir uns da verstanden, Mister Kelly?“

„Gosh“, fluchte er leise, „ist es wirklich nötig, dass du jetzt den Major heraushängst?“

„Natürlich nicht.“ Sie klang nun wieder versöhnlich und zog den Verschluss der zweiten Tasche zu. „Grundgütiger, Jerome, ich bliebe auch lieber bei der Truppe.“

„Ich weiß“, lenkte er ein. „Verdammt, Lady, gib auf dich acht. Ich und unsere Trooper erwarten, dich gesund und munter wiederzusehen.“

„So soll es sein.“

Sie reichten sich die Hände, doch dann nahm Joana ihn kurz in die Arme, bevor sie sich wieder von ihm löste. „In ein paar Wochen sehen wir uns wieder.“

„Sicher“, brummte er. „Äh, wenn es möglich ist, dann lass ab und an von dir hören, damit wir wissen, dass es dir gut geht.“

Sie nickte ihm zu, nahm ihre Taschen auf und begab sich zur Tür. Jerome war ganz Kavalier, drückte den Öffner und nahm ihr das Gepäck ab. „Wenn ich schon nicht mitreisen kann, so bringe ich dich wenigstens zum Shuttle.“

Eine knappe Stunde später legte das Langstrecken-FLV von der Sky-Base ab und beschleunigte auf Lichtgeschwindigkeit, um in den Nullzeit-Sturz zum Mars zu gehen.

Kapitel 4 Die I.T.T. Star-Liner

Central Star-Port, Mars, solares System

Das Langstrecken-FLV gehörte zu jenen Fast Landing Vehicles, welche die Sky-Navy nach der Rettungsmission für die Hanari nicht mehr benötigt und an Privat zum Kauf angeboten hatte. Die ehemaligen Landungsboote waren eine willkommene Gelegenheit, um kostengünstig in die interstellare Raumfahrt einzusteigen. Man schnitt die fünfundfünfzig Meter langen Boote in der Mitte auseinander, fügte dort eine Verlängerung ein, die den Hiromata-Nullzeit-Antrieb und dessen Energieversorgung enthielt, und baute die im Heck befindliche Ladebucht nach eigenen Bedürfnissen um. So dienten nun Hunderte modifizierter FLVs dem interstellaren Personen- oder Frachttransport.

Joana Redfeather war oft an Bord militärischer FLVs gewesen und der Flug in dem zivilen Langstrecken-Shuttle gab ihr einen Vorgeschmack, was sie in ihrem Urlaub erwartete. Hier gab es keine Hartschalensitze mit Ankerpunkten für die Kampfanzüge, sondern bequeme Polster mit Massagefunktion. Auf einem Holo-Vid-Schirm wurden Werbeclips für Kreuzfahrten gezeigt und zwei aufmerksame Flugbegleiter sorgten sich um das Wohl der Passagiere.

Der für Joanas Empfinden luxuriöse Flug währte jedoch nur vierundzwanzig Stunden. Beschleunigen auf Lichtgeschwindigkeit, die Ausführung des Nullzeit-Sturzes ins solare System, dort abbremsen von Lichtgeschwindigkeit und Anpassung an die Umlaufbahn des Mars, wo sich das Ziel befand.

Der Mars war nach der Evakuierung der Erde zum Hauptplaneten des Direktorats geworden. Noch immer zeigten sich die Narben des Großangriffs der Negaruyen der verborgenen Welt. Mars Central City und andere Städte hatten gelitten, Industrieanlagen und die Akademie der Sky-Navy waren zerstört und hastig wieder errichtet worden. Zwei der orbitalen Werften waren vernichtet worden und die verbliebenen drei Anlagen arbeiteten unter Hochdruck.

Die anderen von Menschen besiedelten Welten hatten nur wenig vom Krieg erlebt. Sie waren fast alle von Angriffen verschont geblieben und kannten Not und Leid nur aus den Berichten der interstellaren Medien.

Die Menschen versuchten die grausamen Erlebnisse zu vergessen und stürzten sich nicht nur in den Wiederaufbau, sondern auch alle Arten von verfügbaren Vergnügungen. Der Tourismus boomte. Im Orbit um den Mars schwebte einer der größten Star-Ports der Menschheit. Er hatte Ähnlichkeit mit der Sky-Base Arcturus, auch wenn die wenigen Verteidigungsanlagen hier besser verborgen waren und fast ausschließlich zivile Schiffe verkehrten. Hierzu gehörten die kleinen FLVs ebenso wie Modul-Frachter, verschiedenste Zivilschiffe oder die großen Kreuzfahrer.

Allein das Unternehmen „My Starship“ verfügte über ein Dutzend Interstellarschiffe, von denen jedes Tausende von Menschen an Bord nehmen konnte. Joana war erleichtert, dass sie ihre Reise auf einem deutlich kleineren Schiff antreten würde.

Während ihr Shuttle dem Andocken am Star-Port entgegenflog, bekam sie die I.T.T. Star-Liner erstmals zu Gesicht.

Im Gegensatz zu den großen Kreuzfahrtschiffen, die nicht auf einem Planeten landen konnten und daher auf Beiboote angewiesen waren, war die Star-Liner für Landungen konstruiert worden. Ihr schlanker und aerodynamischer Rumpf schien relativ breit und flach und fungierte zugleich als Tragfläche. Stummelflügelartige Ausleger unterstützten die Flugeigenschaften und dienten zugleich der Steuerung. Ein starkes All-Atmosphären-Triebwerk, die überdimensionierte Ausgabe jener der FLVs, sorgte dafür, dass eine Lufthülle beim Flug der Star-Liner keinen Schaden nahm.

Das knapp vierhundertdreißig Meter lange Schiff schimmerte in den intensiven Farben der „Interstellar Travel Tours“, einem kleineren Kreuzfahrtunternehmen, welches vornehmlich auf Routen flog, die von der Konkurrenz nicht bedient wurden. Die Firma besaß einen ausgezeichneten Ruf, was Service und das Preis-Leistungs-Verhältnis betraf. Auf der Star-Liner würden insgesamt einhundertfünfunddreißig Besatzungsmitglieder für das Wohl des Schiffes und seiner knapp dreihundert Passagiere sorgen.

Nachdem das Langstrecken-Shuttle an einem der Andock-Pylone festgemacht hatte, betrat Joana den Star-Port. Den Vorschriften entsprechend meldete sie sich bei der Port-Authority, der Raumhafenbehörde. Sie war angekündigt worden und ein Zivilbeamter führte sie zum Verbindungsoffizier der Sky-Navy. Der Lieutenant war ebenfalls informiert und händigte ihr eine neue Identitätskarte aus. Sie war echt und entsprach eigentlich jener, die sie seit Geburt besaß, doch hier fehlte die Eintragung, dass sie zum Personal der Navy gehörte. Eine Vorsichtsmaßnahme, auf der ihr Vater bestanden hatte und die durch seine Verbindungen ermöglicht worden war.

Wie alles Militärpersonal und viele Zivilisten trug Joana ein so genanntes Implant. Ein winziges tetronisches Gerät, welches der Identifikation und Kommunikation diente und hinter ihrem rechten Ohr eingepflanzt worden war. Seine Reichweite betrug nur wenige Dutzend Meter, weswegen ein dichtes Netz von Transmittern erforderlich war, um das System zu nutzen. Der Star-Port verfügte über ein solches Netz und so tippte Joana leicht gegen ihre Schläfe. „Joana Redfeather an Community-Center Star-Port: Ich bitte um Weisung zum Liegeplatz der I.T.T. Star-Liner.“

Nur Augenblicke später vernahm sie eine weibliche Stimme, die vom Implant an ihr Ohr geleitet wurde. „Community-Center Star-Port an Joana Redfeather: Wegweiser ist auf Ihre Individualkennung geschaltet. Er wird automatisch deaktiviert, wenn Sie Ihr Ziel erreicht haben.“

Die Stimme verstummte und zugleich erschien am Boden vor Joana eine farbige Linie, der sie jetzt nur noch zu folgen brauchte. Diese Linie war nicht real, sondern wurde mit Hilfe des Implants über die Sehnerven an die Netzhäute der Augen projiziert und daher von anderen Personen nicht wahrgenommen. Eine eingeblendete Zahl zeigte Joana die Entfernung auf und sie überlegte kurz, ob sie eines der Transportbänder oder ein Fahrzeug in Anspruch nehmen sollte, entschied sich dann jedoch dagegen. Bewegung konnte einem Sky-Trooper niemals schaden.

Während ihres Weges nahm sie die Eindrücke in sich auf. Hier herrschte wesentlich mehr Betrieb als in der Sky-Base Arcturus. Scharen von Zivilisten drängten sich in den breiten Korridoren. Nahezu jede Stilrichtung der Kleidung verriet, von wie vielen unterschiedlichen Welten die Menschen stammten. Immer wieder waren die Uniformen von Firmen und Konzernen zu sehen. Alles wirkte geschäftig, ja geradezu hektisch und machte auf Joana einen ungeordneten Eindruck. Die Gänge wurden von Läden gesäumt, auf angelegten Plätzen standen gemütliche Sitzgruppen zwischen angelegten Blumenbeeten, über die mancherorts Bäume aufragten. Sie dienten nicht alleine der Erholung, da sie ein Bestandteil der natürlichen Luftversorgung waren. Geräusche erfüllten die Luft und die Vielzahl der Dialekte war ein erneuter Hinweis auf die Herkunft von vielen Welten.

Joana registrierte dies mit gemischten Gefühlen. Der Nullzeit-Antrieb erschloss der Menschheit das Universum und ermöglichte vielen Gruppen, das eigene individuelle Glück zwischen den Sternen zu suchen. Viele entzogen sich zunehmend der Aufsicht des Direktorats. Sie verzichteten bewusst auf die Aufbauhilfen, welche ihnen die geeinte Menschheit ermöglichte, um aus eigenen Kräften und nach eigenen Vorstellungen zu bestehen. Für das Direktorat entstand so zunehmend das Problem, das manche dieser Welten unbekannt blieben. Das Direktorat empfand sich jedoch als verantwortlich für alle menschlichen Siedlungen. Katastrophen konnten eine junge Kolonie zugrunderichten, ohne dass man in der Lage war, ihr Hilfe zu schicken.

Inzwischen war man auf mehrere intelligente Fremdrassen gestoßen. Manche, wie die Hanari, die Shanyar oder Negaruyen der Sandwelt, waren friedlich. Andere, wie die Negaruyen der verborgenen Welt, eher feindselig. Darüber, wie es sich mit den insektoiden Norsun verhielt, konnte man sich nicht sicher sein. Die Gefahr, dass ferne Kolonisten, absichtlich oder unabsichtlich, einen Konflikt auslösten, war nicht von der Hand zu weisen. Wie sollte die Sky-Navy das verhindern oder alle die fernen Welten schützen?

Nein, Joana gefiel die rasch zunehmende Ausbreitung der Menschheit nicht, denn die Raumkavallerie hatte zu wenige Sky-Trooper und die Sky-Navy zu wenige Schiffe, um das größer werdende Gebiet zu patrouillieren und zu schützen.

In ihrem Ohr war eine leise synthetische Stimme. „Joana Redfeather, Sie haben Ihr Ziel erreicht. Pylon Sieben, Ankerplatz 7-D. Liegeplatz von I.T.T. Star-Liner, Registernummer CIT57-23A1. Achtung, mit Betreten des Pylons verlassen Sie den Übertragungsbereich Ihres Implants. Ende der Verbindung zum Community-Center Star-Port Mars Central.“

Star-Port und Andock-Pylon waren durch eine geräumige Schleuse miteinander verbunden. Joana trat in den Pylon hinaus, der im Grundriss dem der Sky-Base entsprach. Fast einen Kilometer breit und sieben Kilometer lang bot er an seinen Seiten genug Platz, um mehrere Großraumschiffe ankern zu lassen.

Die Seitenwände bestanden aus transparentem Klarstahl und ermöglichten den ungehinderten Blick nach außen. Joana erkannte einen Teil des Mars und davor die Rümpfe mehrerer Schiffe. Shuttles und Fluggeräte mit Arbeitern bewegten sich um die Raumfahrzeuge. An einigen wurde gearbeitet. Vor allem die Säuberung der Rümpfe vom interstellaren Staub war eine zeitintensive Tätigkeit. Fracht und Versorgungsgüter wurden zwischen den Schiffen und dem Pylon bewegt. Auch hier waren Hunderte von Menschen zu beobachten, dazwischen einige der neuartigen Arbeitsroboter, die vollkommen mobil waren und ihre Aufgaben eigenständig wahrnahmen. Große Schläuche und dicke Kabel verbanden Pylon und Raumfahrzeuge, die am Liegeplatz durch den Star-Port versorgt wurden.

Rechts von Joana lag die Star-Liner. Neben einem der Konkurrenten ankernd, wirkte das Kreuzfahrtschiff unscheinbar und klein. Im Vergleich zu dem Riesen würden seine rund dreihundert Passagiere eher wie eine intime Gemeinschaft wirken. Joana war das nur recht. Sie glaubte nicht, dass sie sich unter Tausenden von undisziplinierten Zivilisten wohlfühlen konnte.

Gemächlich schlenderte sie auf die Star-Liner zu, wich automatisch einem hoch beladenen Lastentransporter aus und näherte sich der Zugangsschleuse des Schiffes, die man hier traditionell als Gangway bezeichnete.

An der Gangway flimmerte ein Hologramm, welches die Passagiere willkommen hieß. Neben dem Aufgang standen zwei Besatzungsmitglieder in ihren schmucken Bordoveralls und eine rundliche Frau in der Offiziersuniform der Gesellschaft. Joana kannte sich nicht mit den verschiedenen Funktionsabzeichen der Privaten aus, doch die Frau lächelte sie mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit an und stellte sich vor.

„Catherine DeVille. Ich bin die Kreuzfahrtdirektorin an Bord und heiße Sie im Namen von Interstellar Travel Tours von Herzen willkommen. Darf ich um Ihren Namen und die Bordkarte bitten?“

Joana nannte ihren Namen und reichte ihre Identitätskarte und den Bordausweis der Star-Liner weiter. Ein wenig angespannt musterte sie das Gesicht ihres Gegenübers, doch diese ließ nicht erkennen, ob sie Joana erkannte, die immerhin einige Male in den Medien aufgetaucht war. Andererseits war der indianische Name Redfeather selten genug. Es war höchst unwahrscheinlich, dass Catherine DeVille ihn nicht mit dem Oberkommandierenden der Streitkräfte in Verbindung brachte.

„Verzeihung, Miss, aber Sie kommen mir bekannt vor.“

Joana unterdrückte einen Seufzer und wandte sich dem Besitzer der männlichen Stimme zu, die hinter ihr erklungen war. Er war ein durchaus erfreulicher Anblick. Obwohl Joana, gemessen an der durchschnittlichen Größe des weiblichen Geschlechts, recht groß war, überragte der Mann sie fast um Haupteslänge. Der Körper war trainiert, aber nicht übertrieben muskulös, und das markante Gesicht wurde von tiefblauen Augen dominiert. Die langen Haare waren, entsprechend der jüngsten marsianischen Mode, im Nacken zu einem dicken Zopf geflochten, dessen Ende eine Schleife mit großem Schmuckstein zierte. Es sah nach einem Diamanten mit wenigstens dreißig Karat aus. Kein wertvoller Stein, denn Diamanten fand man in Massen in den Asteroidengürteln, aber er zeigte ein hübsches Funkeln.

„Verzeihung, Lady, ich habe mich nicht vorgestellt … William Southron, ebenfalls Passagier auf der Star-Liner.“

Das Lächeln wirkte echt und einnehmend, doch Joana blieb instinktiv vorsichtig. „Joana Redfeather, wie Sie sicherlich schon hörten. Leider ist der berühmte Hoch-Admiral der Navy nicht der Grund, warum ich gelegentlich in den Medien zu sehen bin. Ich werde gelegentlich für den einen oder anderen Werbe-Clip engagiert.“

„Ah, daher …“ Sein Lachen wirkte ansteckend. „Es freut mich, diese Kreuzfahrt in so angenehmer Gesellschaft antreten zu können.“

Joana hatte keine große Erfahrung im Umgang mit Männern. Zumindest nicht mit solchen, die nicht zum Militär gehörten. Dort gehörte es zum normalen Ton, höflich, jedoch durchaus direkt, auf den Punkt zu kommen, wenn es um körperliche Freizeitgestaltung ging. Bei William störte es sie jedoch, dass er sie so offensichtlich umgarnte.

„Nun, Mister Southron, wir werden uns sicherlich gelegentlich begegnen“, gab sie ihm zu verstehen, dass er sich auf Distanz halten solle. „Misses DeVille?“

Die Kreuzfahrtdirektorin hatte Joanas Bordkarte kurz in ihren tragbaren Mini-Comp eingeführt und reichte sie nun zurück. „Alles in Ordnung, Miss Redfeather. Die Kabinennummer ist eingespeist und die Karte gewährt Ihnen Zutritt zu allen Bereichen der Erste-Klasse-Passagiere. Möchten Sie Hilfe bei Ihrem Gepäck?“

Noch bevor Joana antworten konnte, langte Southron schon nach ihren Taschen.

Lächelnd, jedoch entschlossen, nahm sie ihm die Gepäckstücke wieder aus den Händen. „Besten Dank, Mister, aber ich komme hervorragend alleine klar.“

„Äh, sicher, ich wollte mich nicht aufdrängen“, murmelte er errötend.

Scheinbar war die DeVille durchaus über Joanas volle Identität informiert, denn sie richtete ihre folgenden Worte direkt an diese. „Man hat mich gebeten, Sie darüber zu informieren, dass bei unserem ersten Halt ein Team der Galactic News an Bord kommt.“

„Galactic News?“, sinnierte Joana. „Diese ‚Geben Sie uns fünf Minuten und wir geben Ihnen die Galaxis‘-Leute?“

„Eben die“, bestätigte DeVille. „Allerdings ohne diesen aufdringlichen Zoineman. Das Team soll wohl im Auftrag unserer Gesellschaft I.T.T. einen Werbe-Clip über unsere Star-Liner drehen. Wir werden darauf achten, dass unsere Passagiere durch die Dreharbeiten nicht gestört werden. Sie werden drei unvergleichliche Wochen erleben, Miss Redfeather.“

„Dessen bin ich mir sicher, Misses DeVille“, versicherte Joana und ging nun die Gangway mit ihren Taschen entlang, um das Schiff zu betreten.

Southron schien ihr sofort folgen zu wollen und Joana war erleichtert, als DeVille sich ausgiebig mit seiner Bordkarte beschäftigte.

Schon die Zugangsschleuse der Star-Liner war beeindruckend. Sie war, abgesehen von den Bedienelementen und Schotteinfassungen, vollkommen transparent gehalten. Joana sah direkt in einen der breiten Korridore, die sich auf dem mittleren Promenadendeck an beiden Seiten des Schiffes entlangzogen. So erkannte sie nun auch, dass die solide wirkende Wandung der Außenhülle aus einseitig durchsichtigem Klarstahl bestand. Vom Inneren aus besaß man ungehinderten Ausblick nach draußen.

Der Promenadengang war breit und lud zum Verweilen ein. Der Boden bestand aus einem Material, welches an natürlichen Rasen erinnerte. Pflanzenkübel und Sitzgruppen säumten die Außenseite. Die ins Schiffsinnere Zeigende wurde von kleinen Geschäften und gemütlichen Restaurants gesäumt. Joana sah wenigstens fünf davon und jedes war in einem anderen Stil gehalten. Die holografischen Schilder über den Eingängen wiesen auf einen Western-Saloon, ein englisches Pub, eine spanische Bodega und zwei Varianten hin, die sie noch nicht identifizieren konnte.

Ein paar Dutzend Passagiere und etliche Besatzungsmitglieder waren zu sehen. Während die Passagiere sich offensichtlich einen ersten Eindruck vom Schiff verschaffen wollten, lag über der Mannschaft jene geordnete Hektik, die typisch für die Vorbereitungen auf das Ablegen waren.

Joana blickte auf ihre Bordkarte. Jetzt, innerhalb des Schiffes, leuchtete plötzlich ein kleines Sensorfeld auf. Als sie es berührte, erschien vor ihr in der Luft ein holografisches Auswahlmenü. Intensiv blinkend wurde der Begriff „Kabine“ hervorgehoben. Sie tippte ihn an und sah nun die Projektion eines holografischen Wegweisers.

„Praktisch“, murmelte sie. „Hat man sich wohl von den Implants abgesehen … Na schön, werden wir erst einmal das Gepäck los.“

Sie blieb kurz an einer Tafel stehen, welche die Grundrisse der Decks des Schiffes zeigte und Hinweise auf Besonderheiten enthielt. Wo sich die Restaurants, Fitnessräume, Casinos und sonstigen Vergnügungsstätten befanden, war auch einer Informationsbroschüre zu entnehmen, die es wahlweise in tetronischer oder gedruckter Form gab. Diese enthielt jedoch keinen Hinweis auf die zahlreichen „Aussichtspunkte“ des Kreuzers. Einseitig transparente Rumpfsegmente befanden sich nicht nur auf dem mittleren Promenadendeck, sondern auch auf der untersten und der obersten Ebene. Die Karte wies auch auf zwei Sektionen hin, in denen das künstliche Schwerkraftsystem abgeschaltet war. Die Star-Liner ermöglichte Schwimmen und Tanzen in Schwerelosigkeit.

Den Passagieren wurde eine Menge geboten, wenn man bedachte, dass das Kreuzfahrtschiff, gemessen an der Gesamtreisedauer, nur wenige Tage im Raum verbrachte. Den Schwerpunkt bildeten die Landungen auf den verschiedenen Welten und Ausflüge zu deren Sehenswürdigkeiten.

„Es wird wohl doch interessanter, als ich zunächst dachte“, murmelte Joana.

Ein melodischer Gong ertönte. An mehreren Stellen im Korridor bildete sich das Hologramm eines Gesichts. Im Grunde benötigte man nur einen kurzen Blick auf dessen väterlichen Ausdruck und die gütig blickenden Augen, um in ihm den Captain zu erkennen. Der von weißen Strähnen durchzogene Bart sollte vielleicht den Eindruck vermitteln, man habe es mit einem erfahrenen Mann, vom Typ „alter Seebär“ zu tun.

Eine angenehme Bass-Bariton-Stimme war zu hören. „Verehrte Gäste, ich bin Piet van Bekker und habe die Ehre, der Captain der Star-Liner zu sein. Ich heiße Sie im Namen der gesamten Besatzung und Interstellar Travel Tours an Bord willkommen. In einer halben Stunde werden wir vom Star-Port Anker lichten und auf große Fahrt zwischen den Sternen gehen. Sie können sich auf unvergleichliche Wochen und Erlebnisse freuen. Meine Besatzung und ich werden alles tun, um Ihnen die Reise so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich selbst bin nun mit den Vorbereitungen zum Ablegen beschäftigt, doch um 19:00 Uhr haben Sie alle die Gelegenheit, mich persönlich im Speisesaal ‚Marco Polo‘ kennenzulernen. Ich freue mich auf Sie und wünsche Ihnen eine gute Reise.“

Erneut klang der Gong und das Hologramm verschwand.

Joana nahm ihre Taschen wieder auf.

Sie würde Piet van Bekker sicher noch begegnen. Als Captain des Schiffes war er mit Sicherheit über ihre volle Identität informiert. Im Grunde galt Joana nicht als Raumfahrerin, da sie zur Raumkavallerie gehörte und nicht zum Navy-Personal, aber ihr Arbeitsplatz befand sich nun einmal zwischen den Sternen und so würde es für sie beide sicherlich interessant sein, ein paar Dinge vom jeweils anderen zu erfahren.

Als der Zeitpunkt des Ablegens kam, stand Joana am Fenster ihrer Kabine. Es gab eine kurze Durchsage, dann löste die Star-Liner die Halteklammern des Dock-Pylons.

Nochmals verglich Joana „ihr“ Schiff mit einem am Nachbarpylon liegenden großen Kreuzfahrtschiff. Während die vierhundertfünfzig Meter lange Star-Liner das schimmernde Rot und Blau von I.T.T. zeigte, glänzte das andere Schiff in strahlendem Weiß. Die Hülle der Star-Liner wirkte glatt und nahezu fugenlos, an der anderen waren Reihen erleuchteter Sichtluken und großer Panoramascheiben sichtbar. Das fremde Kreuzfahrtschiff hatte ungefähr die doppelten Abmessungen von Joanas Schiff, fasste aber die zehnfache Zahl an Passagieren. Eine fliegende Stadt, auf der sie sich nicht wohl gefühlt hätte.

Nachdenklich sah sie zu, wie die gewaltige Konstruktion des orbitalen Raumhafens rasch kleiner wurde.

Die Broschüre versprach aufregende Erlebnisse zwischen den Sternen. Joana musste sich eingestehen, dass sie sich tatsächlich auf die Reise zu freuen begann.

Kapitel 5 Auf Kreuzfahrt

An Bord der I.T.T. Star-Liner

Joana war froh, nicht in der Haut von Captain Piet van Bekker zu stecken. Dem sympathischen Mann mussten Hand und Arm schmerzen, von dem endlosen Händeschütteln mit den dreihundertsechsundzwanzig Passagieren. Für jeden Gast gab es dann noch ein Erinnerungshologramm mit dem lächelnden „Seebären“, den Joana insgeheim bereits als „Raumbären“ bezeichnete.

Am ersten Abend waren alle Passagiere und die Offiziere des Schiffes im großen Speisesaal „Marco Polo“ zusammengetroffen. Van Bekker hatte sich und seine Begleitung vorgestellt und ein paar humorvolle Anekdoten aus seinem Raumfahrerleben zum Besten gegeben. Die Stimmung war entsprechend gut und Joana nahm die Gelegenheit wahr, ihre Mitreisenden näher in Augenschein zu nehmen.

Es war ein buntes Gemisch von verschiedenen Welten. Einige waren aus großer Entfernung mit Langstrecken-Shuttles angereist, um an der Kreuzfahrt teilzunehmen. Die Menschen stammten von unterschiedlichen Planeten und aus unterschiedlichen Kulturkreisen. So verschieden wie die Herkunft, waren auch Kleidung und Mundarten, denn die gemeinsame Sprache wurde durch individuelle Dialekte beeinflusst. Bei einigen Passagieren so deutlich, dass es Joana nicht leichtfiel, sie alle zu verstehen. Da die Einheitssprache Terran jedoch von ihnen allen beherrscht wurde, waren keine Verständigungsprobleme zu befürchten.

Ab dem zweiten Tag speisten die Passagiere in jenen Restaurants, die ihren Vorstellungen entsprachen. So verteilten sich ihre Gruppen rasch über das Schiff. Captain van Bekker hatte allerdings die „Nachbarschaften“ festgelegt. Wer am ersten Abend eine Tischgemeinschaft bildete, würde dies auch bis zum Ende der Kreuzfahrt tun.

Diese Vorschrift machte durchaus Sinn, denn die Nachbarschaften bildeten für sich auch die jeweiligen Rettungsgemeinschaften. Schon am ersten Abend war eine Notfallübung durchgeführt worden, bei der das Schiff „evakuiert“ wurde. Alle Passagiere und Mannschaftsmitglieder mussten sich zum Hangardeck, direkt unterhalb des mittleren Promenadendecks, begeben und waren dort in die Rettungsboote gestiegen. Als alle ihren Platz eingenommen hatten und die Vollzähligkeit festgestellt worden war, beendete van Bekker die Übung.

Joana war ein wenig irritiert, da die Besatzung über die Bordoveralls verfügte, die man als leichte Raumanzüge verwenden konnte, doch für die Passagiere schienen keine vorgesehen zu sein. Sie empfand das als Sicherheitsmangel und sprach Harriet Beacher, die erste Offizierin, nach der Übung darauf an.

Beacher nickte verständnisvoll und schüttelte dann den Kopf. „Misses Redfeather, haben Sie eine ungefähre Vorstellung davon, wie kompliziert das Anlegen eines leichten Raumanzuges für Menschen ist, die der Panik nahe sind? Zudem würde wertvolle Zeit verloren gehen. Zeit, die wir lieber in das Erreichen der Beiboote investieren.“

Joana musste das akzeptieren und verdrängte den Gedanken an einen Meteoriteneinschlag und spontanen Druckverlust.

Vielleicht war es Zufall, aber in jedem Fall war es William Southron gelungen, zu ihrer Nachbarschaft zu gehören. Weiter teilte sie ihren Tisch mit Denise Harder und Ken Miller. Denise war jung, schön und sichtlich selbstverliebt. Das Kind einer reichen Familie, die ihr Glück in den Kolonien gemacht hatte. Ken Miller war hager, das Gesicht von Wind und Wetter gegerbt und sein Haar hatte sich weiß gefärbt. Er war einer jener Farmer, auf denen das Schicksal ihrer Siedlung aufbaute. Er war erfolgreich, verfügte über ein bescheidenes Vermögen und hatte einen Teil davon in den ersten Urlaub seit zwanzig Jahren investiert.

Naturgemäß erzählte man in der kleinen Gemeinschaft voneinander.

Denise konnte kaum etwas Interessantes beitragen, doch Ken steuerte Erlebnisse bei, die Joanas künftigen Blickwinkel auf das Leben in den Kolonien beeinflussen würden.

William Southron wiederum erzählte Anekdoten aus seinem Leben, die den Eindruck vermittelten, dass er kein sesshafter Mensch, sondern wohl eher ein Abenteurer war. Joana war sich nicht sicher, wie weit man seinen Schilderungen glauben konnte, doch es machte Spaß, ihm zuzuhören.

Sie selbst blieb ihrer Legende als Schauspielerin mit Gelegenheitsjobs in der Werbebranche treu. Sie erzählte von kleinen Rollen als Statistin, damit niemand misstrauisch wurde, da man sie nicht aus den großen Holo-Vid-Produktionen kannte.

Schon am zweiten Tag der Reise trat die Star-Liner in den Orbit um „Jackson´s Hole“ ein. Eine kleine und menschenfeindliche Welt, auf der man nur in Raumanzügen und in Druckkuppeln überleben konnte. United Mining unterhielt hier eine Abbauanlage, die sicher nicht zu den Sehenswürdigkeiten der Kreuzfahrt zählte. Dass das Schiff hier dennoch kurz in einen geostationären Orbit ging, hatte seinen Grund in der Aufnahme weiterer Passagiere. Es waren keine typischen Reisenden, sondern das angekündigte Team der Galactic News, welches mit einem FLV an der Star-Liner andockte.

Die meisten Passagiere suchten das untere Promenadendeck auf, um das Anlegemanöver zu beobachten. Dank der großartigen Aussicht war jede Einzelheit zu verfolgen und als der Verbindungsgang zwischen beiden Raumfahrzeugen unter Druck stand, warteten alle gespannt auf das Erscheinen des Reporterteams.

Als Erste betrat eine asiatische Schönheit den Gang. Selbst Joana, die sich selten Zeit für die Betrachtung von Medienreportagen nahm, kannte diese Frau. Yoko Sakakura war, neben Zoineman, sicher die bekannteste Reporterin in den Medien. Sie war schön und intelligent und Joana wusste, dass Yoko über drei Doktortitel verfügte.

In ihrem Gefolge waren zwei Männer und eine weitere Frau. Als Yoko die Star-Liner betrat und sich und ihre Gruppe kurz vorstellte, erfuhr Joana auch deren Identitäten. Ted Johnson war der Kameramann, Horst Remmers Tontechniker und die hübsche Patty Morrow für das technische Equipment zuständig. Abgesehen von der schlanken Yoko waren die anderen drei gut trainiert. Ted Johnson hantierte mit der schweren Multiflex-Holo-Vid-Kamera, als besäße sie kein Eigengewicht.

„Liebe Mitreisende, meine verehrten Damen, Herren und sonstigen Geschlechter“, fuhr Yoko in ihrer kurzen Ansprache fort, „lassen Sie sich durch unsere Anwesenheit bitte nicht stören. Die Kreuzfahrtgesellschaft Interstellar Travel Tours hat mit unseren Galactic News vereinbart, dass wir eine Reportage über die wieder erstarkende Kreuzfahrtindustrie fertigen. Sie wird unter dem Titel ‚The Passenger’s Observer‘ als Mehrteiler ausgestrahlt werden. Im gesamten Gebiet des Direktorats, versteht sich. Wir werden den einen oder anderen sicher um ein Interview bitten, doch seien Sie versichert, dass dies ausschließlich auf freiwilliger Basis geschieht. Wir werden Sie um Ihr Einverständnis für Filmaufnahmen bitten und wenn Ihnen das nicht recht ist, so werden wir ihre Identität unkenntlich machen. Ich bin mir jedoch sicher, dass Sie selbst viel Freude an unserer Arbeit haben werden. Wenn Sie uns nun entschuldigen … Wir werden das Verlassen des Orbits aufnehmen und danach zunächst unsere Kabinen aufsuchen.“

Joana wusste, dass Freundlichkeit und das strahlende Lächeln von Yoko einfach zu deren Berufsbild gehörten, dennoch wirkte es überzeugend. Ihr war bewusst, dass mit dem Erscheinen des Galactic-News-Teams eine gewisse Gefahr verbunden war. Yoko würde sich sicherlich nicht so leicht von Joanas Tarnidentität überzeugen lassen. Es war besser, ihr und ihrem Team aus dem Weg zu gehen.

Während sich die meisten Passagiere verstreuten und nur eine Handvoll zurückblieb, um bei den Aufnahmen zuzusehen, entschloss sich Joana eine der Vergnügungen des Schiffes in Anspruch zu nehmen. An Bord gab es eine Anlage für Schwimmen in der Schwerelosigkeit und sie hatte vor, diese nun auszuprobieren.

Inzwischen hatte sie sich die Grundrisse der Decks eingeprägt und war nicht mehr auf die Bordkarte mit ihrem tetronischen Wegweiser angewiesen. Kaum eine halbe Stunde später stand sie vor dem Eingang zum Schwimmbereich. Zwei Pfeile wiesen in die Bereiche „Schwerkraft“ und „Schwerelosigkeit“. Es gab Menschen, denen es in der Schwerelosigkeit übel wurde, doch Joana betrat ohne Zögern den Bereich, der ihr ein vollkommen neuartiges Vergnügen verhieß.

Sie suchte zunächst den Umkleideraum auf und legte ihre Kleidung ab. Bei den Streitkräften war es durchaus normal, unbekleidet gemeinsam zu schwimmen. So dachte sie sich nichts dabei, nackt, wie der Schöpfer aller Dinge sie erschaffen hatte, in den kurzen Verbindungsgang zum Entspannungsraum zu treten. Während der wenigen Schritte wurde sie keimfrei gemacht und betrat blitzsauber den Ruhe- oder Entspannungsraum, in dem sich zwei männliche Passagiere und ein ebenfalls männlicher Barkeeper aufhielten.

Die Blicke der beiden männlichen Passagiere waren, vorsichtig formuliert, durchaus anerkennend, doch der Barkeeper räusperte sich vernehmlich. Als Joana ihn ansah, wirkte sein Blick fast entschuldigend. „Lady, ich muss Sie bitten, Ihre Blößen zu bedecken. Wir haben Gäste an Bord, für die Nacktheit aus religiösen Gründen als anstößig gilt.“

Daran hatte sie nicht gedacht und so machte sie kehrt, um in ihre Unterwäsche zu schlüpfen. Der Einteiler konnte problemlos als Badebekleidung durchgehen.

Als sie erneut in die Cafeteria trat, schienen die männlichen Passagiere sichtlich enttäuscht, während der Barkeeper anerkennend nickte.

Die Seite zum Schwimmbereich war transparent und Joana sah fasziniert die wohl dreißig Meter durchmessende Wasserkugel, die dort in der Luft schwebte.

Als sie die transparente Tür zur „Schwimmhalle“ öffnen wollte, hielt sie die freundliche Stimme des Barkeepers erneut zurück. „Lady, wenn Sie die Tür öffnen, dann geraten Sie direkt in den Bereich der Schwerelosigkeit. Halten Sie sich bitte an den Haltepunkten fest, damit Sie nicht unabsichtlich abheben. Am besten gehen Sie ein wenig in die Knie, richten sich auf die Kugel aus und stoßen sich dann kräftig ab. Keine Sorge, das Wasser bietet Ihrem Körper Widerstand und wird Sie abbremsen.“

„Danke, Mister, ich kenne mich mit Schwerelosigkeit aus“, entgegnete Joana.

„Äh, Misses, sind Sie auch schon einmal in Schwerelosigkeit geschwommen?“, erkundigte sich einer der Passagiere besorgt. „Lassen Sie sich vom Barkeeper lieber ein Atemgerät geben.“

Joana sah den Mann hinter dem Tresen fragend an.

Der langte lächelnd in ein Fach und hielt ein daumengroßes Gerät mit Mundstück hoch. „Ist nur für den Notfall“, meinte er freundlich. „Im Grunde können Sie auch in Schwerelosigkeit ganz einfach schwimmen. Sie wiegen zwar nichts, aber Ihr Körper behält natürlich seine Masse und das Wasser seinen Widerstand. Eigentlich ist es sogar leichter, als das Schwimmen unter normaler Schwere. Falls Sie sich unsicher sind, können Sie aber dieses Gerät verwenden. Es spaltet den Sauerstoff aus dem Wasser, Sie verstehen? Und keine Sorge, Lady, ich bin ausgebildeter Rettungsschwimmer und hole Sie notfalls da heraus.“

„Ich denke, ich werde zurechtkommen“, erwiderte sie. Dennoch nahm sie das kleine Gerät sicherheitshalber an sich. Auch wenn sie eigentlich keine Probleme sah, so berücksichtigte sie dennoch, dass man rasch durch Selbstüberschätzung und Leichtsinn in tödliche Gefahr geraten konnte.

Erneut ging es durch eine kleine Schleuse und als diese sich öffnete, wurde Joana sofort von einem Schwall feuchtwarmer Luft empfangen, die ihr den Schweiß aus den Poren trieb. Zugleich wurde ihr Körper schwerelos, da hier das Shriever-System deaktiviert war.

Zu einer der wichtigsten Entdeckungen der Raumfahrt gehörte die Erzeugung künstlicher Schwerkraft. Dies gelang durch die so genannten Shriever-Platten, die in Wände, Böden und Decken integriert wurden und, je nach Einstellung, ein Schwerefeld erzeugten, welches der natürlichen Gravitation entsprach. Man konnte die Intensität und Ausrichtung steuern, wodurch es möglich geworden war, die Beharrungskräfte, die beim Beschleunigen, Abbremsen oder Manövrieren eines Raumschiffes auftraten, zu neutralisieren. In einer Notsituation oder im Kampf konnte es geschehen, dass die Shriever-Platten die auftretenden Kräfte nicht vollständig ausglichen, weswegen es auf allen Navy-Schiffen wieder die antiquarisch anmutenden Sicherheitsgurte und Haltebügel gab.

Für einen Sky-Trooper war Schwerelosigkeit nichts Ungewöhnliches. Kämpfen ohne Schwerkraft wurde regelmäßig trainiert und so ging Joana leicht in die Knie, nahm Maß und stieß sich ab. Nur Augenblicke später tauchte sie in die schimmernde Wasserkugel ein.

Innerhalb kurzer Zeit hatte sie sich daran gewöhnt, wie sie die Masse ihres Körpers durch Schwimmen bewegen konnte, und während sie es genoss, durch das erfrischende Nass zu gleiten, sahen die drei Männer in der Cafeteria ihr bewundernd zu. Die junge Indianerin schien einem Delphin gleich und vermittelte den Zuschauern den Eindruck, als befände sie sich in ihrem ureigensten Element.

Kapitel 6 Zwischenlandung

An den Feuerfällen von Vulkan, Temeros-System

Eine Planetenlandung galt inzwischen als so sicher, dass man den Gästen an Bord gestattete, sie vom mittleren Promenadendeck aus mitzuerleben.

Joana war die umfangreichen Sicherheitsmaßnahmen an Bord von Militärschiffen gewohnt und fand es merkwürdig dekadent, mit einem Drink in der Hand gemütlich in einer der Sitzgruppen zu ruhen und durch die einseitig durchsichtige Außenhülle der Star-Liner zuzusehen, wie der große Kreuzer in die obersten Schichten der Lufthülle des Planeten Vulkan eintrat.

Im Gegensatz zu vielen anderen Touristen kannte sie die Vorgänge des Abbremsens innerhalb einer Atmosphäre und so lächelte sie ein wenig schadenfroh, als sie entsetzte Schreie entlang des Decks vernahm. Das Schiff flog schnell, Luft staute sich vor seinem Bug und erhitzte sich, und schon nach wenigen Augenblicken glich die Star-Liner einem glühenden Stück Metall, welches von Flammen und Rauch umwabert wurde und eine lange Schleppe hinter sich herzog.

Die ruhige und sachliche Stimme von Yoko Sakakura übte einen beruhigenden Einfluss aus. Die berühmte Moderatorin und Reporterin der Galactic News nutzte die Gelegenheit, die Vorgänge der Landung zu kommentieren, während ihr Team eifrig filmte.

„Was auf uns gefährlich wirkt, ist inzwischen längst Routine“, kommentierte Yoko. Sie trug einen figurbetonten golden und silbern schimmernden Einteiler und manche der männlichen Passagiere wussten nicht recht, ob sie sich auf die feurige Lohe oder die hübsche Asiatin konzentrieren sollten. Yoko zeigte ihr professionelles Lächeln, doch jeder, der sie nicht kannte, war fest davon überzeugt, dass es aus tiefstem Herzen kam. „Die Lower Area Control von Vulkan, das ist die Überwachungsstelle für alle Bewegungen innerhalb der Lufthülle, hat uns einen so genannten Lande-Korridor übermittelt. Sie können sich das so vorstellen, dass auf dem großen Hauptschirm der Brücke eine Art Schlauch zu sehen ist, der aus zahlreichen viereckigen Rahmen besteht. Der Rudergänger muss nur darauf achten, innerhalb dieser Rahmen zu fliegen. Solange das der Fall ist, leuchten diese Rahmen in kräftigem Grün. Dann sind wir auf ungefährlichem Kurs und werden genau zu unserem Ziel geleitet. Verlässt die Star-Liner den Korridor, so blinken die Rahmen in warnendem Rot. Doch keine Sorge, liebe Mitreisenden, diese Besatzung gehört zu den besten der Galaxis. Zudem steht Captain van Bekker auf der Brücke und hält beständigen Kontakt zur Area Control.“

Erneut waren einige wenige schockierte Schreie zu vernehmen, als Flammen gierig nach dem Rumpf zu greifen schienen.

Yoko fuhr ungerührt fort. „Unser Schiff wurde für planetare Landungen konstruiert. Aufgrund seiner hohen Geschwindigkeit beim Eintritt in die Atmosphäre muss es den Planeten dreimal umrunden, bis die Fahrt weit genug abgesunken ist, dass … Ah, ich glaube, Sie können es nun selber hören. Das laute Pfeifen stammt von den starken Atmosphäretriebwerken, die nun die Luft ansaugen und komprimiert ausstoßen. Das bremst unser Schiff ab und hält es zugleich in der Luft. In den tieferen Luftschichten wird der Ton dumpf und erheblich lauter.“

„Und wenn so ein Lärmtriebwerk ausfällt?“, kam es von der besorgten Denise.

William Southron, der neben Joana saß, konnte sich eine spöttische Bemerkung nicht verkneifen. „Dann schmieren wir ab, junge Lady. Aber keine Sorge, das geht schnell.“

„Grundgütiger.“ Denise schlug die Hände vor die vollen Lippen.

Yoko sah William ein wenig verärgert an. „Seien Sie ganz beruhigt, Miss, die überstarken Triebwerke sind auf Sicherheit ausgelegt. Es besteht genug Schubreserve, um uns selbst bei Ausfall von zwei Aggregaten sicher auf den Boden zu bringen.“

„Aha.“ Denise bedachte Southron mit einem ausgesprochen giftigen Blick und zeigte ihm einen Finger, dessen unfeine Bedeutung nun schon seit vielen Generationen bekannt war.

Die Monitore schalteten von den Außenkameras zur Brücke um. Van Bekker wurde sichtbar, der die Passagiere anlächelte. „Verehrte Gäste, die Star-Liner wird in zwanzig Minuten auf dem Raumhafen von Vulkan aufsetzen. Haben Sie bitte Verständnis, dass wir die Außenschotts erst nach einer halben Stunde öffnen können, da der Rumpf erst ausreichend abkühlen muss. Nutzen Sie die Zeit bitte, um sich endgültig zu entschieden, an welcher unserer Touren Sie teilhaben wollen.“

Das Bild schaltete wieder zurück. Das Lodern am Rumpf war inzwischen zu einem schwachen Flackern geworden und erlosch schließlich ganz. Nur wenn man genauer hinsah, bemerkte man das unmerkliche Glühen der Hitzeschutzbeschichtung, die sich am Unterschiff vom Bug bis zum Heck zog.

„Verehrte Mitreisende, wir befinden uns in der letzten Umkreisung und die Geschwindigkeit unserer Star-Liner liegt nun im Bereich von Kilometern per Stunde. Derzeit sind es, wie mir die Brücke gerade mitteilt, noch 870 km/h und die Fahrt sinkt jetzt rapide. Alles ist exakt berechnet und wenn wir über Karrigos, der Hauptstadt von Vulkan stehen, wird unsere Bewegung nahe Null liegen. Wir werden sanft wie die sprichwörtliche Feder aufsetzen. Ah, dort vorne, am Horizont, sehen Sie ein sanftes Glühen. Da wir gerade die Nachtzone durchfliegen, sind das die Lichter der Hauptstadt und des nahen Raumhafens.“

„Fisch oder Feuer?“

Joana wandte sich irritiert William zu. „Wie bitte?“

Er lächelte einnehmend. „Ist Ihnen Fisch lieber oder Feuer? Ich meine die Touren, Miss Redfeather. Die Touren.“

„Ach ja … Lassen Sie mich kurz überlegen, Will.“

Vulkan war der zweite Planet im Temeros-System und bot zwei Sehenswürdigkeiten: einerseits ein Binnenmeer mit großem Fischreichtum, wobei die Wassertiefe kaum zehn Meter betrug. Es gab keine Tide, also keine Ebbe und Flut und die Bewohner von Vulkan boten Touristen eine Fischfangtour auf den schnellen Elektrobooten an. Die andere Sehenswürdigkeit war der Feuerring der Vulkane, den man als Feuerfall bezeichnete.

Joana war Büffelfleisch lieber als Fisch und so entschied sie sich für den Feuerfall.

William nickte. „Habe ich ebenfalls gewählt. Dieser Feuerring soll beeindruckend sein. Noch mehr als die berühmten Feuerfälle von Istwagh bei den Norsun.“

Joana lächelte. „Die bislang kein Mensch zu Gesicht bekam. Da kann man leicht behaupten, die auf Vulkan seien noch beeindruckender.“

Wenn man vom lauten Röhren ihrer Triebwerke absah, wirkte die Star-Liner nahezu elegant, als sie über dem zugewiesenen Landefeld einschwebte. Zwölf Landestützen fuhren aus ihren Schächten und die hydraulischen Stempel vergrößerten die Auflagefläche, um sie der Schwerkraft und der Dichte des Bodens anzupassen.

Mit einem unmerklichen Federn sank das enorme Gewicht der Star-Liner in die Stützen. Ein letztes Grollen der Triebwerke, dann verstummten diese. Die abschirmende Hülle des Rumpfes verbarg das Knistern erhitzten Materials, welches nun abkühlte.

„Verehrte Gäste“, meldete sich erneut der Captain, „wir sind soeben auf Vulkan gelandet. Bitte sammeln Sie sich auf dem unteren Deck in den entsprechenden Gruppen für die einzelnen Sehenswürdigkeiten. Die Tour-Guides für die ‚schwärmenden Wasser‘ tragen Blau, die für den ‚Feuerfall‘ Rot. Schutzanzüge sind bei unseren Ausflügen nicht erforderlich. Sie werden vor dem Schiff von Bussen abgeholt, die Sie zum Ziel bringen. Interstellar Travel Tours wünscht Ihnen einen unvergesslichen Tag.“

Joana, William und die anderen erhoben sich und begaben sich zu den Aufzügen oder Treppenhäusern, um das unterste Deck der Star-Liner aufzusuchen, wo die Bodenschleusen lagen.

Ein halbes Dutzend Tour-Guides erwartete sie, jeweils in den angekündigten Farben gekleidet. Zu Joanas Überraschung gehörten Kreuzfahrtdirektorin Catherine DeVille und das Team von Galactic News zu ihrer Tour.

Beide Gruppen waren mit rund hundertzwanzig Personen etwa gleich stark. Die übrigen Passagiere schienen lieber an Bord bleiben zu wollen.

Jedes Mitglied einer Gruppe bekam ein entsprechend farbiges Plastikband ums Handgelenk, in das ein winziger Peilsender mit geringer Reichweite eingebaut war.

„Wir wollen ja nicht, dass sich jemand verläuft und verloren geht“, erklärte DeVille.

Die Außenschotts öffneten sich und ein Schwall heißer Luft traf die Gruppen.

„Keine Sorge“, meinte einer der Tour-Guides. „Der Rumpf ist schon weit genug abgekühlt. Das ist Vulkan. Die Durchschnittstemperatur beträgt tagsüber sechsunddreißig Grad Celsius bei einer Luftfeuchtigkeit von zweiundsechzig Prozent.“

„Vorhin wurde behauptet, wir benötigten keine Schutzanzüge“, sagte Denise. „Wieso Schutzanzüge?“

„Auf Vulkan sind sie nicht erforderlich“, erklärte die DeVille geduldig. „Diese Welt wurde sehr früh besiedelt und damals machte man sich noch keine Gedanken um das Einschleppen fremder Pflanzen oder Tiere. Leider haben sich die marsianischen Fichten hier enorm ausgebreitet und die einheimischen Bäume in weiten Gebieten verdrängt. Nur ein Beispiel von vielen. Inzwischen gibt es entsprechende Direktiven des Direktorats. Auf anderen Welten achtet man nun sehr darauf, dass man keine invasiven Lebensformen einschleppt.“

„Die Busse sind da!“

Es waren moderne Schwebebusse, die jeweils zwanzig Personen fassten. Zwei Einheimische fuhren das Fahrzeug oder moderierten die Fahrt. Jedem Fahrzeug schien ein Paar zugeteilt zu sein. Während der Mann das Steuer übernahm, gab die Frau den Fahrgästen ein paar allgemeine Informationen über den Planeten und dessen menschliche Bewohner. Beide trugen identische Bekleidung. Weite Pluderhosen, Sandalen und an Stelle eines Oberteils eine reich bestickte Schärpe, die beim Mann von der rechten Schulter zur linken Hüfte führte und bei der Frau in umgekehrter Richtung.

„Die sehen aus wie unsere Sky-Trooper“, flüsterte Denise spöttisch. Offensichtlich spielte sie auf den Umstand an, dass die Einheimischen keinerlei Haupthaar besaßen, wenn man vom Kinnbart des Mannes absah. Selbst die Wimpern und Brauen der Augen fehlten.

„Nun, unsere Trooper sind nicht ganz so, äh, nackt“, wandte William ein. „Außerdem haben unsere Raumkavalleristen so kurze Haare, weil sich in den Kampfhelmen eine Menge Sensoren befinden.“

Denise zuckte mit den Schultern, zog einen Champagner-Riegel aus der Umhängetasche und begann die Flüssigkeit genussvoll zu saugen.

Als die Busse anfuhren, bildeten sie zwei Kolonnen und nahmen verschiedene Richtungen.

William war neugierig. Er und Joana saßen direkt hinter dem Fahrerbereich und so beugte er sich vor und tippte dem Mann auf die Schulter. „Gehört die Stadt nicht zu den Sehenswürdigkeiten?“

Der Fahrer schwieg, aber seine Begleiterin übernahm die Beantwortung. „Wir Vulkaner schätzen unsere Ruhe. Sehen Sie, der Tourismus ist für uns eine angenehme Einnahmequelle, doch wir wollen uns in unserem Leben so wenig wie möglich von außen stören lassen. Sie werden bei unserer Rückkehr zum Schiff aber einigen so genannten fliegenden Händlern begegnen, die Souvenirs und regionale Kunst anbieten.“

„Hm, danke“, brummte William und sah Joana an. „Ich habe gelesen, dass so etwas gar nicht selten ist. Manche aufstrebende Kolonie versucht, ihre Sehenswürdigkeiten zu Geld zu machen, obwohl die Menschen eigentlich nichts mit Touristen zu tun haben wollen.“

Catherine DeVille hatte die Bemerkung gehört und beugte sich zu den beiden. „Im Grunde ist das verständlich. Wir kennen einige traurige Fälle von der alten Erde, in denen der Tourismus seine hässliche Fratze zeigte. Städte wie Rom, Venedig, Berlin und andere litten unter Massentourismus. Das nahm gravierende Formen an, denn Spekulanten erwarben privaten Wohnraum und wandelten diesen in Ferienwohnungen für Urlauber um. Die eigentlich heimischen Bewohner mussten immer höhere Mieten zahlen und fanden immer weniger geeignete Wohnungen. In einer Stadt, sie hieß, glaube ich, Venedig, gab es nur wenige befestigte Straßen, da die Stadt auf unzähligen Pfählen ins Meer hinein gebaut worden war. So fuhren Schiffe der ‚nassen‘ Kreuzfahrt einfach direkt in die Stadt hinein und verursachten Wellen, welche die Fundamente immer mehr beschädigten.“ DeVille lächelte. „Heutzutage ist das anders. Da nehmen wir Rücksicht auf die Befindlichkeiten der planetaren Bewohner, verhindern das Einschleppen oder Mitnehmen invasiver Lebensformen und achten strikt auf den Erhalt der jeweiligen Umwelt.“

„Und das zu vernünftigen Preisen“, fügte William hinzu.

Catherine nickte. „Wir müssen allerdings hart kalkulieren. Kreuzfahrten werden wieder zu einem lohnenden Geschäft, dank des Hiromata-Nullzeit-Antriebs. Zu Zeiten des Cherkov-Überlicht-Antriebs wäre das undenkbar gewesen. Selbst mit dreißigfacher Lichtgeschwindigkeit liegen die Sterne einfach zu weit auseinander.“

Die „Schwebefahrt“ führte durch eine urtümlich wirkende Landschaft. Rings um die Stadt gab es große Anbauflächen, doch der Rest des Planeten schien aus Wald, Wasserflächen und Bergen zu bestehen. Viele Pflanzen und Tiere erschienen den Passagieren bekannt und das nicht von ungefähr, denn die von Menschen mitgebrachten Lebensformen begannen die einheimischen zu dominieren. Eine verhängnisvolle Entwicklung, der man inzwischen bei Neubesiedlungen entgegenzuwirken suchte. Der Mensch sollte sich seine Welten nicht mehr untertan machen, sondern als ihr Bestandteil leben.

Nach gut einer Stunde Fahrt tauchten am Horizont dunkle Wolken auf, die gelegentlich von einem rötlichen Schein erhellt wurden.

„Verehrte Gäste, wir nähern uns nun allmählich dem Feuerring. Er besteht aus zwölf sehr dicht beieinander liegenden Vulkanen. Ursprünglich voneinander getrennt, gab es vor einigen 10.000 Jahren eine Supereruption, die letztlich dazu führte, dass die meisten Calderas, das sind die Krater, in sich zusammenfielen und zu einem gemeinsamen verschmolzen. Gleichzeitig hoben sich die einzelnen Vulkane an. Heute bilden sie den großen Krater, der aus zehn Magmaquellen gespeist wird, die alle gemeinsam nach Westen strömen. Dort ergießt sich die Magma dann über den niedrigsten Punkt des Kraterrandes. Sie werden feststellen, dass das ein unvergesslicher Anblick ist. Mehr will ich nicht verraten“, sagte die Einheimische. „Lassen Sie sich einfach überraschen.“

Die Frau hatte nicht zu viel versprochen. Eine weitere Stunde später hielten die Busse der roten Gruppe auf der Kuppe eines großen Hügels, der über die Baumkronen des Waldes aufragte und freien Blick auf den Feuerring der Vulkane bot.

Viele der Touristen blieben auf ihren Sitzplätzen, denn schon der Anblick durch die Panoramascheiben der Fahrzeuge war atemberaubend.

Der zusammengewachsene Vulkankegel ragte rund viertausend Meter in die Höhe und dort, wo die Magma über den Rand floss, gab es einen Vorsprung, so dass die zähe und glühende Masse wenigstens zweitausend Meter im freien Fall zurücklegte, bevor sie auf die Schräge des Hangs traf und von dort in breitem Strom nach Westen floss. Einige hundert Meter vom Fuß des Vulkans entfernt schob sie sich in einen großen See, von dessen Ufer dichte Dampfschwaden aufstiegen.

Joana und William stiegen mit den Tour-Guides und Catherine DeVille aus. Dann folgten immer mehr der anderen. Holo-Vid-Kameras wurden gezückt, andere machten Stereoaufnahmen mit ihren Fotoapparaten.

Direkt neben Joana und Will baute sich das Team von Galactic News auf und Yoko Sakakura schien regelrecht verzückt, als sie ihre Eindrücke ins Mikrofon sprach. „Hier ist Yoko Sakakura für den Passenger´s Observer. Ich stehe hier einige Kilometer vom so genannten Feuerfall entfernt und ich muss sagen, der Anblick übertrifft alle Beschreibungen, die ich bislang von diesem herrlichen Wunder erhalten habe. Wie Sie sehen können, verehrte Zuschauer, hat man tatsächlich den Eindruck, das Feuer falle aus dem Himmel. Dazu ein unbeschreibliches fernes Donnern und ein ungeheuerliches Zischen, wenn die feurige Glut auf die nasse Flut trifft.“ Yoko wandte sich der Einheimischen zu, die ebenfalls ausgestiegen war. „Eine Frage an unsere charmante Begleiterin … Die Magma erkaltet doch sicherlich in diesem See. Wird da das Ufer nicht immer breiter und die Wasserfläche schrumpfen?“

„Normalerweise wäre das der Fall, doch dieser See ist eigentlich kein See, sondern die Verbreiterung des Noabatsa-River. Seine Strömung ist unglaublich stark und packt die abkühlende Glut und reißt sie mit sich. Natürlich lagert sich viel davon ab, doch der Noabatsa fräst sich förmlich sein neues Flussbett hindurch. Um Ihnen eine Zahl zu nennen … In den vergangenen dreißig Jahren ist das östliche Ufer um keine zehn Meter breiter geworden.“

„Ich danke Ihnen für diese Information“, sagte Yoko artig und wandte sich wieder der Kamera zu. „Liebe Zuschauer, der Feuerfall von Vulkan gehört ganz sicher zu den Wundern der Galaxis und wir können gespannt sein, welche Sehenswürdigkeiten uns auf dieser Kreuzfahrt noch erwarten. Sie hörten Yoko Sakakura von Galactic News mit einer Sendung für den Passenger´s Observer von Interstellar Travel Tours.“

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