Kitabı oku: «Die Schuhleiche»

Yazı tipi:

Michael Schlinck

DIE SCHUHLEICHE

Kommissar Schlempert nimmt den Dienst auf

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016


Michael Schlinck, Baujahr 69, lebt heute wieder mit seiner Familie in der Südpfalz, in der er auch geboren wurde und aufgewachsen ist. Neben seiner Liebe zum Schreiben entspannt er sich beim gemeinsamen Musikmachen mit seiner Band und natürlich auch mit seinen Kindern beim Kartfahren.

Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

www.engelsdorfer-verlag.de

INHALT

Cover

Titel

Zum Autor

Impressum

Adrenalin!

Der Tote zwischen Schuhen

Mein neuer Freund der Handwerker

Wiedersehen mit meinem Ex-Kollegen

Ich mag den nicht!

Ach du grüne Neune!

Captain Futures Stuhl

Darf ich vorstellen: Herr Heuler

Was hat denn da geknallt?

Heilig’s Blechle

Alles von Reiner Buttermilch

Schon wieder Schuhe

Was nun?

Nun gehen wir Pilze sammeln

Fisch?

Wieder ein Auto kaputt

Eine Naturbegräbnisstätte

Nächtliche Aktivitäten

Ich nichts wissen!

Endlich wieder ins Büro!

Nun wird es heiß!

Wu sinnen mei Glampfe?

Familie Schlemperts neues Domizil

Nun kommt Licht ins Dunkel

Stimme im Jenseits

Epilog

Ein herzliches Dankeschön geht an


Übersichtskarte

ADRENALIN!

„Was mache ich hier nur?“, frage ich mich, während ich auf meinen Fingernägel kaue. Ich stehe an einem Abhang und schaue hinunter. Hinunter auf ein verschlungenes Asphaltband, das sich wirr auf kleinstmöglicher Fläche zu einem Rundkurs windet. Auf das Asphaltband zu starren, macht nur deshalb Sinn, weil sich dort unten 22 Rennkarts in einer Doppelreihe, Stoßstange an Stoßstange, unaufhaltsam in Richtung Startlinie bewegen. Wie eine Schlange, die sich an ihr Opfer anschleicht, so fahren die Karts im gemäßigten Tempo die Windungen der Strecke entlang, um dann nach der Startfreigabe loszuschnellen. Ebenso wie es eine Schlange macht, wenn sie zuschlägt.

Ich stehe hier, weil im Kart auf Startplatz 11, also in dem sechsten Fahrzeug der linken Reihe, mein Sohn Maik sitzt. Meiner Meinung nach sticht er sogar etwas hervor, in seinem giftgrün-schwarzen Kart. Selbst der hohe Sicherheitssitz, der deutlich über seinen Helm herausragt, hat das auffallende Grün seines Unterstützers „Radikal-Bords“.

So stehe ich hier oben und die Anspannung ist inzwischen unerträglich. Vier meiner Fingernägel haben schon ihren Widerstand aufgegeben und liegen ausgespuckt im Gras vor mir. Zwei Kurven trennen die Meute noch von der Startlinie, an der sie der Rennleiter Tom Ferrero mit der Deutschlandflagge erwartet. Sobald Tom die Formation als ordentlich eingehalten beurteilt, wird er das Rennen freigeben, indem er die Flagge schwenkt. In diesem Moment wird die Adrenalinausschüttung in meinem Körper sämtliche Limits sprengen.

Ich hab ja schon mal darüber nachgedacht, mir im Moment des Starts eine Blutprobe entnehmen zu lassen, um eine Blaupause für die Gewinnung einer Wunderdroge zu haben. Aber zum einen habe ich als Polizeibeamter keine Motivation, die Drogenszene zu unterstützen, obwohl mir dieser Weg eventuell so manche Ermittlung erleichtern könnte. Zum anderen bin ich mir zu tausend Prozent sicher, dass ich in diesem Moment der Anspannung nicht einen Tropfen Blut geben würde.

Wer ich bin? Entschuldigen Sie, ich vergaß, mich vorzustellen. Mein Name ist Dieter Schlempert, Kripohauptkommissar, der, tja, eigentlich der Regionalleitung in Neustadt an der Weinstraße zugehört, aber als Gruppenleiter habe ich mein Büro in Landau in der Pfalz. Eine Rationalisierungsmaßnahme der Landesregierung hat die gesamte Abteilung nach Neustadt verlegt. Als man feststellte, dass wegen der Reaktionszeit und der erforderlichen Ortskenntnisse doch ein Minimalteam in Landau vonnöten ist, wurde ich kurzerhand mit meinem Kollegen Timo Gebauer in ein Büro unterm Dach der Polizeiinspektion Landau befördert.

Zur Verstärkung wurde mir noch eine Kollegin vom Morddezernat in Karlsruhe zur Seite gestellt. Dass ich Gruppenleiter und nicht Abteilungsleiter bin, hat wohl den Hintergrund, dass Abteilungsleiter besser bezahlt sind, was mir eigentlich weniger ausmacht, aber meiner Frau Natalie ein ordentlicher Dorn im Auge ist. Ich versichere ihr auch fortwährend, dass ich mich darum kümmere, wenn es sich ergibt. So etwas an zusätzlichem Barvermögen würde ja auch mich nicht stören, wenn da das Gespräch mit dem Vorgesetzten nicht wäre. Da jedoch diese Abteilung erst seit wenigen Wochen besteht, konnte ich ihr bisher auch glaubhaft zusichern, dass sich eben noch keine Gelegenheit ergeben hat.

Höchste Zeit, wieder nach meinem Sohn zu schauen … Das Feld biegt in die letzte Kurve vor der Startlinie ein und der schnellste vom Zeittraining, der Poolsetter, zieht das Tempo an. Was ist mit Maik? Er hat anscheinend nicht mitbekommen, dass das Feld am Beschleunigen ist, und verliert den Kontakt zum Vordermann. In diesem Moment schwenkt Tom Ferrero die Flagge und gibt das Rennen frei.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als zuzuschauen, wie mein Sohn drei, nein, sogar vier Plätze verliert. Na, das kann ja heiter werden! Da haben wir geglaubt, durch Veränderungen am Kart, insbesondere durch die Anpassung der Spurweite der Hinterachse, noch etwas Speed herauszuholen. Maik sagte noch, als er in die Startaufstellung fuhr, er sei sich sicher, dass heute ein Platz unter den ersten fünf möglich sei, jetzt aber muss er schauen, dass er vom fünfzehnten Platz einen Weg nach vorne findet.

In solch einer Anspannung hab ich schon ab und an Angst, die Kontrolle über meine Körperfunktionen zu verlieren. Auch nun habe ich plötzlich das Gefühl, dass irgendwas in meinem Schritt nicht stimmt. Also, ich meine, dass ich mich seit meiner Kindheit nicht mehr eingenässt habe. Aber neulich konnte ich in einem medizinischen Magazin, das bei uns zu Hause herumlag, schon auf der Titelseite lesen, dass Inkontinenz bei Männern in meinem Alter ein gängiges Problem sei. Wenn ich mich recht erinnere, war in diesem Zusammenhang eine Werbeanzeige mit der möglichen Abhilfe gleich mit auf der Seite. Eine – wie soll ich sagen? – Hülle für den besten Freund des Mannes aus demselben Material, aus dem auch Babywindeln hergestellt werden. Ich habe mir vorgestellt, als ich das gelesen hab, dass ich damit sicher aussehen würde wie Mick Jagger in seinen besten Jahren, als er nur mit einer Banane in der Hose auf die Bühne ging.

Und nun habe ich das Gefühl, dass da was nicht stimmt! Da ist es wieder, das komische Gefühl. Aber es fühlt sich weder feucht noch warm an. Eher wie ein Kitzeln oder ein Vibrieren. Sicherheitshalber beuge ich mich nach vorn, um doch mal meine Hose zu kontrollieren, bevor ich mich zum Gespött der Rennstrecke mache.

Jetzt, wo ich kopfüber so dastehe und sicher reichlich albern aussehe, höre ich auch noch Geräusche. Nichts Unharmonisches oder gar Erschreckendes. Eher eine Melodie wie der Klingelton meines Handys.

Okay! Jetzt hab ich das Gefühl, mich reichlich albern verhalten zu haben. Erst deute ich den Vibrationsalarm von meinem Telefon als Inkontinenz und dann halte ich den Klingelton für Stimmen aus dem Jenseits.

Jetzt aber erst mal schnell das moderne Telekommunikationsgerät aus der Hosentasche, es macht sich ja schon ne Weile bemerkbar. Im Display sehe ich, dass es mein Kollege Timo ist. Ausgerechnet Timo, der doch weiß, dass ich das Wochenende mit Maik auf der Kartrennstrecke im hessischen Schaafheim bin.

Unfreundlich begrüße ich den jungen Polizisten: „Mensch Timo, du weißt doch, dass ich an der Strecke bin und Maik ist gerade am Fahren.“

„Klar weiß ich das“, entgegnet er mir, „aber was ich dir zu sagen habe, ist äußerst wichtig und duldet leider keinen Aufschub.“

„Na toll!“, fällt mir da nur ein. „Ist auf der Dienststelle die Toilette verstopft? Oder habt ihr keinen Kaffee mehr? Ihr solltet doch auch mal einen Tag ohne mich zurechtkommen.“ Jetzt, wo ich Dampf abgelassen hab, überlasse ich Timo das Wort.

„Bei deinem Freund Mayer wurde eine Leiche gefunden.“

„Wie – beim Gusti? Wie? Wo?“

„Wie? Mausetot natürlich. Und wo? Im Zentrallager in Hauenstein in der Industriestraße …“

„Die Adresse weiß ich, Timo!“ Hält der mich denn für blöd? „Ich kümmere mich hier um alles und melde mich so schnell es geht bei dir. Fahr bitte gleich hin und pass auf, dass keiner Scheiße baut. Vor allem, dass der Spurensicherung nichts durch die Lappen geht. Tschüss.“

Schon hab ich aufgelegt. Genau im richtigen Moment, denn schon kommt Maik mit seinem waidwunden Kart die Boxengasse entlanggerollt. Schnell renn ich den Hang hinunter zu meinem Sohn.

„Was ist passiert?“, will ich wissen.

„Sag mal, Baba, hast du Tomaten auf den Augen?“ Es muss wohl mein entgeisterter Blick sein, der ihn zum Weitersprechen bringt. „Nachdem ich den Start verpennt hatte, bin ich auf Angriff gefahren und konnte in der ersten Runde gleich wieder einen Platz gutmachen. Beim Angriff auf den Nächsten hat der mich, als ich auf gleicher Höhe war, abgedrängt und mich in die Reifen geschickt. Wie sieht es aus? Kann ich weiterfahren? Du weißt, dass ich erst ab der siebten Runde gewertet werde und wir sind gerade mal in der dritten.“

Langsam bekomm ich die ganzen Informationen der letzten Minuten auf die Reihe und beginne, den Schaden am Rennfahrzeug meines Sohnes zu begutachten. Und der ist leider verheerend.

„Vergiss es. Deine Heckstoßstange ist zur Hälfte abgerissen, dein rechtes Hinterrad ist aufgeschlitzt und dein Radstern ist so weit nach innen verschoben, dass der Reifen am Tank schleift. Das heißt, wir können zusammenpacken. Das schaffen wir auch zum zweiten Lauf in einer Stunde nicht.“

Enttäuscht steigt Maik aus und knallt seine Handschuhe und seinen vorgeschriebenen Rippenschutz in den Sitz. Während er den Schaden an seinem Kart begutachtet, klingelt erneut mein Handy. Dieses Mal ist es mein Freund Gustav.

„Hallo, Gusti!“ Zum Weiterreden komm ich gar nicht.

„Dieter, du musst kommen. Bei uns im Lager liegt ein Toter. Ich fahr auch schon hin. Ich weiß ja gar nicht, was ich tun soll. Kommst du, Dieter? Wo steckst du?“ So aufgelöst hab ich meinen Freund ja noch nie erlebt.

„Ich bin noch mit deinem Schützling in Schaafheim auf der Kartstrecke, aber mein Kollege ist auf dem Weg zu dir. Er heißt Timo Gebauer und kümmert sich um alles, bis ich da bin.“

„Okay“, höre ich aus meinem Handy, „aber komm bitte so schnell du kannst, Dieter.“

„Klar mach ich das“, und mit diesen Worten ist das Gespräch beendet.

Obwohl Maik sehr niedergeschlagen ist, hilft er mir tatkräftig. Zwei Tage lang hat er im Schweiße seines Angesichts Runde für Runde gekämpft, die Abstimmung seines Renngerätes verbessert. Nun steht er mit leeren Händen da.

Und doch schaffen wir es innerhalb einer Stunde, unser Fahrerlager abzubauen und alles zu verpacken. Das Wohnmobil haben wir schon am Morgen reisefertig gemacht, damit wir am Abend nicht zu viel zu tun haben. Aus Erfahrung wissen wir nämlich, dass wir am Ende eines Renntages so erledigt sind, dass wir uns über alles freuen, was wir nicht mehr tun müssen.

Auf der Rückfahrt habe ich nun Zeit, mir ein paar Gedanken zu machen. Auch über Gusti. Er betreibt die Firma Schuhqualität in zweiter Generation, die sich im Laufe der Jahre zu einer ansehnlichen Kette entwickelt hat. Es sollten inzwischen so um die zwanzig Verkaufshäuser sein, die Gusti betreibt. Selbst in Belgien und Luxemburg. Des Weiteren hat Gusti noch eine kleine, aber feine Skateboardmanufaktur, in der in Handarbeit edle Skateboards entstehen. Und genau der Name dieser Firma ziert auch das Renngerät meines Sohnes, weshalb ich Maik auch gerne als seinen Schützling bezeichne.

Wie doch die Zeit vergeht, wenn man in Gedanken versunken ist. Beinahe hätte ich die Abfahrt Landau Süd verpasst. Hier verlasse ich die Autobahn 65, die Ludwigshafen oder besser gesagt die Metropolregion Rhein-Neckar in einem Bogen durch die Südpfalz mit dem badischen Karlsruhe verbindet. Mein Weg führt mich über die B38, vorbei am Segelflugplatz auf dem Ebenberg, in die Stadt Landau. Noch vor dem Bahnübergang in Höhe des Vinzentiuskrankenhauses biege ich links ab, um über die L509 Landau in Richtung Wollmesheim zu verlassen.

Beim Ortsschild, aufgestellt in Höhe einer Großbäckerei, kann ich vor mir das Panorama des Wasgaus sehen. Eigentlich ein unscheinbares Mittelgebirge im Südwesten Deutschlands, aber durch seine Ruinen und Felslandschaften unverwechselbar schön. Auch die Madenburg ist schon deutlich zu sehen. Der Anblick der auf 458 Meter Höhe liegenden Burgruine dient mir stets als Orientierungspunkt, da am Fuße der Burg die B48 zwischen den Bergen verschwindet. Genau da muss ich hin. Dort liegt das verschlafene Dörfchen Waldrohrbach, in dem ich mit meiner Familie lebe.

Fünfzehn Minuten nachdem wir die Stadtgrenzen von Landau verlassen haben, parke ich das Wohnmobil mit Maiks Rennanhänger im Hof unseres alten Bauernhäuschens. Kaum habe ich den Motor abgestellt, sehe ich Natalie, meine Frau, aufgeregt aus der Haustür kommen. „Was ist passiert? Warum seid ihr schon zurück? Ist was mit Maik?“ Bei diesen Worten meiner Frau fällt mir ein, dass ich vor lauter Gedanken an Gusti und den auf mich zukommenden Fall total vergessen habe, sie über den Rennverlauf zu informieren. Klar, dass unsere viel zu frühe Ankunft sie in Angst und Schrecken versetzt.

„Mach dir keine Gedanken, Natsch“, versuche ich sie zu beruhigen. „Maik sitzt im Wohnmobil und wird dir alles vom Rennen erzählen. Nur ich muss leider gleich wieder los. Es gibt eine Leiche.“

Während ich in meinen Dienstwagen steige, sehe ich, dass meine Frau immer noch mit offenem Mund auf der gleichen Stelle steht. In der Gewissheit, dass Maik sie schon aufklären wird, fahre ich hastig vom Hof. Statt meiner Frau ist in meinem Rückspiegel nur noch eine Staubwolke zu erkennen.

DER TOTE ZWISCHEN SCHUHEN

Kurz darauf biege ich in die Industriestraße in Hauenstein ein. Jetzt heißt es, Geduld zu bewahren. Überall sind Fahrzeuge mit den unterschiedlichsten Kennzeichen bemüht, einen Parkplatz zu finden. Auf den Gehsteigen sind Menschenmassen mit Tüten bepackt unterwegs. Ja, die Industriestraße ist unter dem Namen „Schuhmeile“ weit über die Grenzen Hauensteins bekannt. Ein Gesetz, bei dem es um in alter Tradition hergestellte Ware geht, erlaubt den ansässigen Händlern, ihre Schuhe auch sonntags zu verkaufen.

Nachdem ich mich durch den Trubel im vorderen Teil der Straße gekämpft habe, kann ich im hinteren Bereich die Einsatzfahrzeuge der Schutzpolizei erkennen. Einen Parkplatz zu suchen, hab ich nun echt keine Lust, also stell ich meinen Dienstwagen direkt am Absperrband vor dem Haupteingang ab. Schon kommt ein uniformierter Schutzpolizist energisch auf mich zu. Mich wundert sehr, dass mir der Kollege in keinster Weise bekannt vorkommt. „Hier ist und bleibt heute geschlossen“, bekomm ich zu hören. „Nehmen Sie Ihre Schleuder und fahren Sie weiter.“

Schleuder? Hat der Kollege eben meine Dienstwagen wirklich Schleuder genannt? Ich meine, dass ich lange für meinen Mini gekämpft habe. Er ist ja auch kein gewöhnlicher Mini. Es handelt sich um das limitierte GP Modell, mit 218 PS bei 1.235 Kilogramm Leergewicht, das ist doch eher ein Wolf im Schafspelz als eine Schleuder. Was ich allerdings dem Schutzpolizisten zugutehalten muss, ist, dass in unserer technischen Abteilung mein Wagen auf schäbig getrimmt wurde. Zudem hat er noch ein paar Raffinessen eingebaut bekommen. So ist er einfach wie geschaffen für verdeckte Ermittlungen.

Ich halte, um mir unnötige Erklärungen zu sparen, einfach meinen Dienstausweis in die Luft.

„Entschuldigen Sie, Hauptkommissar Schlempert. Ich wusste nicht …“

„Schon gut.“ Ich habe keine Lust, mir das peinliche Gestottere weiter anzuhören. Allerdings ist mir schon aufgefallen, dass er schnell lesen kann. „Sind Sie neu bei der Schutzpolizei? Sie sind mir nicht bekannt.“ Nun hat doch meine Neugier gesiegt.

„Nein“, bekomme ich postwendend Auskunft, „ich bin schon seit achtzehn Jahren im Dahner Revier tätig.“

Da habe ich meine Antwort. Klar, der Kollege kommt nicht aus Landau. In Dahn gibt es ja auch noch, ähnlich wie in Annweiler, eine kleine Polizeiinspektion, die nur tagsüber besetzt ist.

Endlich kann ich das Gebäude betreten, in dessen großzügigem Eingangsbereich sich zwei hochlehnige Sofas befinden, die als Wartebereich dienen. In einem sitzt mein Freund Gusti. Wie ein Häufchen Elend sieht er aus. In sich zusammengesunken und kreidebleich.

„Mensch, Dieter! Gott sei dank, dass du da bist.“ Na, das ist doch mal eine Begrüßung. „Ich weiß gar nicht, was ich tun soll. Da will man auf ehrlichem Wege Schuhe verkaufen und dann hab ich ne Leiche im Lager.“

„Hallo, Gusti. Beruhige dich erst einmal. Jetzt bin ich ja da. Hol dir einen Kaffee und ich spreche derzeit mit den Kollegen. Okay?“

„Nichts ist okay. Du weißt doch, dass ich die topmoderne Maschine nicht bedienen kann und Personal hab ich ja am Wochenende keins da, somit kann ich die Aufgabe auch nicht delegieren.“ So viel zu den armen reichen Leuten. „Ach ja, deinen Kollegen hab ich mein Büro zur Verfügung gestellt.“

Da das Büro von Gusti gleich das erste auf der linken Seite ist, brauch ich mich quasi nur auf dem Absatz umzudrehen und die Tür zu öffnen, um bei meinen Kollegen Timo und Laura zu sein. An dem großen Besprechungstisch im vorderen Bereich des großzügigen Büros haben sie ihre Unterlagen ausgebreitet, die bis dato hauptsächlich aus Notizen und ein paar Lieferscheinen bestehen.

„Hallo, ihr zwei“, begrüße ich sie kurz. „Bringt ihr mich bitte mit ein paar Worten auf den aktuellen Stand?“

Laura Schmitt, die wir auf der Dienststelle immer Lara nennen, tritt auf mich zu. Lara nennen wir sie deshalb, weil sie eigentlich die zu Fleisch gewordene Lara Croft aus dem bekannten Computerspiel Tomb Raider ist. Genau so kommt sie jetzt geradewegs auf mich zu. Die khakifarbenen Hosen mit dem superbreiten Gürtel, an dem sie ihre überdimensionale Gürteltasche trägt, betonen ihre athletische Figur noch zusätzlich. Unter ihrer offen stehenden Jacke kann man deutlich das Halfter ihrer Dienstwaffe erkennen und ihre blonden, glatten und halblangen Haare, die sie wie immer zu einem Pferdeschwanz gebunden hat, lassen sie sportlich und zugleich streng erscheinen.

„Viel haben wir noch nicht. Der Wachmann, der heute Vormittag seine Runde drehte, hat die Leiche entdeckt und den Lagerleiter und uns verständigt. Die Leiche ist männlich und etwa Anfang fünfzig.“

„Schon identifiziert?“, will ich wissen.

„Nein, noch nicht. Würgemale am Hals deuten auf ein Kapitalverbrechen. Gefunden wurde er in einer Kiste zwischen Schuhkartons, in Folie verpackt auf einer Europalette.“

Da Lara nun ihre Ausführungen beendet hat, beginne ich mit meinen Ermittlungen. „Was sagt der Arzt?“

Nun wird Timo aktiv: „Wie gesagt, Tod durch Ersticken ist naheliegend, was die Hämatome im Halsbereich bestätigen. Die fortgeschrittene Leichenstarre deutet darauf hin, dass unser Opfer schon vor mehr als 36 Stunden von uns gegangen ist. Alles Weitere will er bei der Obduktion feststellen.“

„Okay, und was sagen die Jungs der Spusi?“ Spusi ist unser gängiges Kosewort für die Spurensicherung.

„Also, ein gewaltsames Eindringen in das Lager konnte nicht festgestellt werden. Auch Fingerabdrücke konnten sie nirgends nachweisen.“

„Habt ihr die Anwesenden schon vernommen?“

„Nein, Dieter, damit wollten wir auf dich warten.“

„Okay, dann lassen wir die Leute nicht zu lange warten. Ich werde die Befragung durchführen. Timo, wenn du das Protokoll führst, kann Laura aus der zweiten Reihe das Verhalten der Befragten beobachten.“ Beide nicken zustimmend. Zufrieden mit der Arbeitsteilung frage ich, um die beiden mit einzubeziehen: „Mit wem fangen wir an?“ Einstimmig sind wir der Meinung, zuerst mit dem Wachmann zu sprechen, der die Leiche gefunden hat.

Nachdem ich mich und meine Kollegen kurz vorgestellt habe, beginnt der ältere Mann mit leiser, fast schon piepsiger Stimme zu reden: „Mein Name ist Georg Mayer und ich bin bei der Wach- und Schließgesellschaft Müller in Pirmasens beschäftigt. Gegen 10 : 00 Uhr heute Vormittag kam ich hier in der Firma an, um meinen Routinerundgang durchzuführen.“ Herr Mayer scheint viel Erfahrung beim Berichten zu haben, also werde ich ihn einfach mal reden lassen. „Nachdem ich in den Verwaltungsräumen sämtliche Kontrollpunkte abgescannt hatte, kontrollierte ich den Auszeichnungsbereich und das Lager.“

„War irgendetwas auffällig?“ Jetzt wollte ich doch mal einhaken, damit ich nicht teilnahmslos wirke.

„Nein. Bis dahin war alles wie immer. Beinahe wäre ich auch schon gegangen, wenn ich nicht plötzlich ein leises Piepen aus dem Bereich des Wareneingangs gehört hätte. Ich dachte, dass ein Mitarbeiter sein Handy vergessen hätte und nun der Akku zur Neige ginge. Doch auf dem Schreibtisch beim Wareneingang war keins zu sehen. Aber das Piepen war wieder zu hören, und zwar aus einer der Paletten mit Waren darauf, die gleich hinter dem Wareneingangstor abgestellt sind. Da mir das nun doch sehr ungewöhnlich vorkam, hab ich Herrn Jost verständigt.“

„Wer ist Jost?“, will ich wissen.

Timo hakt gleich ein: „Jochen Jost ist hier der Lagerleiter. Er hat die Schlüsselgewalt und ist auch noch im Haus.“

Diese Antwort von Timo stellt mich vollends zufrieden. „Und wie ging es weiter?“, wende ich mich wieder an Mayer.

„Ich habe dann auf Herrn Jost gewartet und derzeit die Palette identifiziert, aus der das Geräusch gekommen war. Als er dann eingetroffen ist, haben wir entschieden, die Ware auszupacken, um nachzusehen. In einem großen Karton unter den vielen kleinen Schuhkartons machten wir dann die grausige Entdeckung.“

Die Information reicht mir vorerst. Nachdem ich den Wachmann für Montagfrüh in mein Büro bestellt habe, um das Protokoll aufzunehmen, entlasse ich ihn ins Wochenende.

Nun ist Jochen Jost an der Reihe. Er bestätigt die Geschichte von Mayer in jedem Punkt, ich habe aber noch weitere Fragen an ihn: „Wie wurde die Palette angeliefert und woher stammt sie?“

„Die zwölf Paletten beim Wareneingang kamen gestern noch kurz vor Feierabend herein. Ich hatte den Fahrer schon abgewiesen, da wir eigentlich nur bis eine halbe Stunde vor Feierabend annehmen.“

„Wieso haben Sie dennoch die Lieferung angenommen?“

„Ja, das lag daran, dass mir der Fahrer erklärte, er müsse noch bis spät in die Nacht arbeiten, da in ihrer Firma eingebrochen wurde und die Paletten wegen der polizeilichen Ermittlung erst am Nachmittag verladen werden konnten. Also hab ich mich dazu bereit erklärt, die Ware noch schnell in die Halle zu ziehen.“

„Wie ging es dann weiter?“ Dieses Mal ist es Lara, die Jost zum Weitersprechen ermutigt.

„Nichts weiter. Es war schon kurz nach fünf und da ich auch ins Wochenende wollte, hab ich schnell die Alarmanlage aktiviert und fluchtartig das Gelände verlassen.“

Ich muss noch mal nachbohren: „Welche Spedition lieferte die Ware? Und von wo kam sie?“

Jost meint dazu, das sollte ja auf den Frachtpapieren vermerkt sein, die hinten im Lager liegen. „Wenn Sie es wünschen, kann ich sie schnell holen.“

Auf mein Bitten hin läuft Jost gleich los, was mir einen Moment zum Reden mit meinen Mitarbeitern gibt: „Was meint ihr?“

Lara sagt gleich, dass ihr alles absolut glaubwürdig vorkomme und auch in Timos Augen gibt es keinen Anhaltspunkt, der ihn zweifeln lässt. Somit waren wir also alle drei einer Meinung.

Herr Jost kommt mit ein paar losen Blättern zur Tür herein. „Laut Papieren hat uns die Spedition Bock aus Godramstein beliefert und laut Papieren sind die Paletten die letzten Tage in ihrem Lager gewesen.“

Das waren jetzt aber Informationen, die uns auf eine heiße Spur bringen könnten. Schnell bedanke ich mich bei Jost und informiere ihn, dass ich ihn Montagfrüh gerne zur Protokollaufnahme in meinem Büro begrüßen würde. Somit kann er nun auch nach Hause fahren.

Jetzt, wo wir unter uns sind, kann ich meine Mitarbeiter instruieren. Lara beauftrage ich damit, mir schnellstmöglich einen Termin bei der Spedition zu verschaffen, und mit Timo gehe ich in Richtung Lager, um mir selbst ein Bild vom Fundort zu machen.

„Auf, Gusti, machen wir mal ne Betriebsbesichtigung“, fordere ich ihn auf mitzukommen, da er immer noch kaffeefrei auf dem Sofa sitzt.

Wortlos trottet er uns hinterher. Auf unserem Weg kommen wir an weiteren Büros vorbei, die mit Warensteuerung, Buchhaltung und dergleichen beschriftet sind. Nachdem wir durch die große stählerne Brandschutztür gegangen sind, komme ich mir vor, als wäre ich in eine andere Welt getaucht. Nach den angenehm freundlichen Verwaltungsräumen stehen wir nun in einer Riesenhalle mit Hochregalen, die gefühlt bis zum Himmel reichen. Überall Schuhe, Schuhe und noch mal Schuhe. Zielstrebig führt uns Timo quer durch die Halle zu einem Tor, vor dem zwölf Paletten stehen. Elf davon sind noch in Folie eingepackt. Bei der zwölften jedoch ist die Folie zerrissen und um sie stehen lose Schuhkartons.

„Ich denke, dass ich dir den Bereich bis Montagfrüh wieder freigeben kann, damit dein Betriebsablauf nicht weiter gestört wird“, informiere ich den Inhaber.

„Kannst du mir wenigstens sagen, wie ich zu der Leiche gekommen bin, Dieter?“

„Tja, Gusti, wie ich die Sache einschätze, hast du sie frei Haus geliefert bekommen. Was der Grund ist und ob sie überhaupt für dich bestimmt war, heißt es nun herauszufinden. Wir sind hier in ein paar Minuten fertig, dann kannst du auch nach Hause fahren. Allerdings muss ich dich leider bitten, für uns erreichbar zu bleiben für den Fall, dass wir noch einmal in das Gebäude müssen.“

„Komm, Dieter, ich find eh keine Ruhe, ich lade dich zum Essen ein.“

Eigentlich eine gute Idee von ihm, denn erst jetzt fällt mir auf, dass ich seit dem Frühstück nichts mehr in meinen Magen bekommen habe. Normalerweise verschlägt mir der Anblick einer Leiche für mehrere Tage den Appetit, aber heute blieb mir der Anblick durch mein spätes Eintreffen ja erspart. Der bebilderte Obduktionsbericht würde mir frühestens am Montagnachmittag meinen Hunger rauben. Allerdings hat Natalie sicher auch was vorbereitet und ich würde mich freuen, den Samstagabend mit meiner Familie zu verbringen.

Andererseits weiß Gusti auch immer sehr gute Adressen und scheut keine Kosten, seine Gäste kulinarisch zu verwöhnen.

„Natalie wartet, aber komm doch einfach mit zu uns“, versuche ich meinen Konflikt zu lösen.

„Damit deine Kinder Alpträume bekommen, weil wir beim Essen über ein Mordopfer reden? Nee, Dieter, lass mal. Ich will ja nicht bei deiner Familie in Ungnade fallen.“

Da ist auch was Wahres dran. Also gebe ich mich geschlagen. „Okay, aber wir bleiben in der Nähe, damit ich nicht noch später nach Hause komm.“

„Dann gehen wir doch zum Mario nach Waldrohrbach“, sagt Gusti spontan.

Diese Idee sitzt. Mario mit seiner Familie hat durch sein La Rusticana Waldrohrbach deutlich bekannter gemacht, als es für eine 375-Seelengemeinde üblich ist. Im XXL-Wahn hat Mario der Welt gezeigt, was italienischer Gigantismus ist. Eine normale Pizza wird auf zwei Tellern serviert und ein Beilagensalat reicht als Mahlzeit für meine ganze Familie. Mit einem deutlich vernehmbaren Knurren nimmt mein Magen Gustavs Einladung dankend an.

Beim Verlassen des Gebäudes sehe ich Lara noch telefonierend auf dem Gehweg stehen. Ich gehe auf sie zu, um letzte Informationen mit auf den Weg zu nehmen, kann aber nur noch mithören, wie sich Lara verabschiedet.

Unaufgefordert sprudeln die Informationen aus ihr heraus: „Die Geschäftsleitung der Spedition Bock konnte ich nicht erreichen. Allerdings sprach ich mit der Seniorchefin, die mir sagte, dass spätestens ab Montagfrüh um 7 : 30 Uhr das Büro in Godramstein besetzt ist.“

Auch nicht schlecht. So kann ich vielleicht wenigstens einen freien Sonntag mit meiner Familie verbringen.

„Schau bitte noch, ob der Einbruch, von dem der Fahrer sprach, polizeilich aufgenommen wurde und aktenkundig ist. Wenn ja, dann wäre es schön, wenn du es mir nach Hause an meine private E-Mail-Adresse schicken könntest.“ Lara nickt zustimmend und ich verabschiede meine Kollegen ins Wochenende.

Was nun kommt, hat absoluten Seltenheitswert. Gusti, mit dem ich in unserer Freizeit als Rallyeteam unterwegs bin, fährt in seinem Porsche vor mir her über die ländliche Route nach Waldrohrbach, ganz ohne Geschwindigkeitsübertretungen, ohne Überholmanöver, eben wie ein ganz gewöhnlicher Verkehrsteilnehmer, was mir zeigt, wie ihn die ganze Geschichte mitgenommen hat. Gut, dass ich mir nun doch etwas Zeit für ihn nehme.

MEIN NEUER FREUND DER HANDWERKER

Nach einem ereignisarmen Sonntag im Schoße meiner Familie bin ich auf dem Weg ins Büro nach Landau. Es ist Montagfrüh kurz vor sieben. Die einzige Neuigkeit im aktuellen Fall ist die E-Mail von Lara mit der Akte zum Einbruch bei der Godramsteiner Spedition. Nichts Spektakuläres. Diebstahl der Mannschaftskasse und allerhand Sachbeschädigung. Wohl eher jugendliche Rabauken als professionelle Einbrecher. Umso wichtiger ist es, dass ich schnell dort hinkomme, um mir selbst ein Bild zu machen.

Schön ist, dass Laras Auto schon auf dem Hof des Präsidiums parkt. Nicht so schön ist, dass es mal wieder wie so oft mindestens zwei Parkplätze belegt. Zur Entschuldigung muss aber auch erwähnt sein, dass sie oft auch für zwei arbeitet.

Auf dem Weg nach oben ins Büro überhole ich sie dann auch schon im ersten Stock, was an ihrem äußerst attraktiven Erscheinen liegt. Der Weg in unser Büro ist für Lara so beschwerlich, weil sämtliche männlichen Kollegen der Schutz- und Verkehrspolizei sie dermaßen mit verbalen Blumensträußen überhäufen, dass es mich regelmäßig wundert, dass sie überhaupt oben ankommt. Zum Glück sind Timo und ich in festen Händen. Somit können wir uns wenigstens auf unsere Arbeit konzentrieren.

Oben angekommen, trifft mich fast der Schlag. In unserem kleinen Großraumbüro sieht es aus wie auf einer Baustelle. Auf den Möbeln sind Plastikplanen ausgelegt und am Boden entlang ist in schön gleichmäßigen Abständen ein Dreckhäufchen. Am Ende der Spur hinter dem Schreibtisch, an dem in der Regel Timo sitzt, kniet ein Arbeiter in einer Latzhose, die den Namen nicht mehr verdient. Zwischen den weit aufklaffenden Löchern ist so viel Gips und Schmutz, dass die Hose sicher auch ohne Inhalt aufrecht stehen bleiben würde.

„Was machen Sie denn hier?“, ist das Einzige, was ich zur Begrüßung meines Gastes über die Lippen bekomme.

„Jesses, bin ich awwer jetzard verschrogge (Gütiger Gott, welch ein Schreck)“, kommt mir in tiefster Eingeborenensprache entgegen. Da ich ja auch im Pfälzerwald aufgewachsen bin, macht mir der Dialekt keine Mühe.

„Ja, was esch dann do los? Ich misst dohin was schaffe (Was ist denn hier im Gange? In diesem Raum müsste ich mein Tagwerk verrichten).“ Damit hoffe ich, ihn zu vertreiben.

„Do sieht’s awwer schlechd aus. Ich muss noch ä Dos setze, schunnschd häb ich Ärcher mit meim Scheff. Kannschd nid noch ä bissel wu annerschd hie geh (Auf die Gefahr hin, dich zu enttäuschen, muss ich sagen, dass mein Anliegen ist, hier noch eine Anschlussdose anzubringen, denn ich scheue die Auseinandersetzung mit meinem Arbeitgeber. Würde es dir denn etwas ausmachen, noch in einer anderen Räumlichkeit die Wartezeit zu überbrücken)?“

Aha, beim Du sind wir inzwischen auch schon?! Das kann ich auch! „Wann du nid drunne in de Zell lande willschd, dann mach, dass du Land gewinnschd! Awwer plödzlich (Wenn du nicht im Arrest zu verweilen wünschst, dann breche deine Tätigkeit ab und dabei würde ich dir Eile empfehlen).“ Das sollte doch jetzt mal Wirkung zeigen.

„Dann schberr mich hald ei. Ich geh nid zu meim Scheff un sach ehm, dass mei Ärwid nid ferdich esch. Un ehr brauchen eich ach nimmi zu beschwere, dass des Internet nid richdich geht (Ich bevorzuge den Arrest anstatt der Möglichkeit, meinen Arbeitgeber darüber ins Bild zu setzen, dass ich meinen Auftrag nicht beendet habe. Zudem werde ich unsere Beschwerdestelle informieren, dass Reklamationen über eine unzureichend funktionierende Internetverbindung aus Ihrem Hause künftig zu ignorieren sind)!“

Deshalb ist der da! Endlich schnelles Internet. Der WLAN-Empfang hier unterm Dach ist mehr als dürftig und deshalb hab ich vor Wochen schon einen Direktanschluss beantragt. Unter diesen Umständen will ich den Dreckspatz natürlich gewähren lassen. „Wann beschd dann verdich (Wann darf ich den Abschluss der Arbeiten erwarten)?“, will ich noch wissen.

„Och, so ä gudes Schdinnel wärds noch dauere (Meiner Erfahrung nach zu urteilen, wäre ein Zeitrahmen von circa sechzig Minuten angemessen).“

Ohne Verabschiedung verlasse ich den Raum. Im Flur vor dem Büro begegnet mir Lara, die es inzwischen geschafft hat, sämtlichen männlichen Personen im Haus, die nicht der gleichgeschlechtlichen Liebe verfallen sind, einen Korb zu erteilen.

„Hallo, Laura, lass uns nach unten gehen. Hier oben haben wir Handwerker.“

„Du wirst, nachdem ich mich an dem ganzen sabbernden Volk vorbeigekämpft habe, nicht von mir erwarten, dass ich mich schon wieder nach unten begebe?!“ Kaum ist der Satz beendet, kommt der ohrenbetäubende Lärm einer Schlagbohrmaschine, die sich in Stahlbeton quält, aus unserem Arbeitsraum. „Gut, lass uns abhauen“, schreit Lara gegen den Lärm an. Fluchtartig wie beim Feueralarm stürzen wir gemeinsam die Treppe nach unten.

Im Erdgeschoss angekommen, bitte ich den Leiter der Schutzpolizei um ein Notquartier, der uns seiner Aussage nach aber nur die Ausnüchterungszelle anbieten kann. Ein schwarzer Montag, wie er im Buche steht.

„Bleib ganz ruhig, Dieter, ich mach das.“ Das ist wohl Laras Auftritt. Ich bin wirklich verblüfft, wie einfach so etwas gehen kann. Nur auf die Frage hin, ob er das wirklich ernst meine, und weil er sich wohl vorstellen kann, wie unangenehm es sein könnte, bei meiner Lieblingskollegin in Ungnade zu fallen, räumt er sein Büro und lädt uns auf unbegrenzte Zeit ein, seine Gäste zu sein.

Kaum habe ich Platz genommen, klingelt mein Handy. Noch während ich mich melde, reiße ich mein Mobiltelefon auf die komplette Armlänge von meinem Ohr weg. Was ich zu hören bekomme, muss wohl das Geräusch eines Presslufthammers sein. Ganz dünn ist auch Timos Stimme zu erkennen. Auf die komplette Armdistanz schreie ich: „Unten im Leiterbüro der Schutzpolizei“, und drücke sofort wieder auf den roten Knopf. Belustigt lächelt Lara zu mir herüber.

Da meine Laune inzwischen ihren Tiefpunkt erreicht hat, lasse ich mich wortlos an dem mir fremden Besprechungstisch nieder und versuche mit geschlossenen Augen, mich auf meine Aufgabe zu konzentrieren.

„Was ist denn da oben los?“ Mit diesen Worten reißt mich Timo aus meinen Gedanken, in denen ich noch nicht mal begonnen habe, meine To-do-Liste zusammenzustellen.

„Dir auch einen wunderschönen guten Morgen, lieber Kollege.“ In meiner Stimme liegt jetzt der unfreundlichste Unterton, den ich zu bieten habe.

„Entschuldigt, ihr beiden. Ich wünsche euch auch einen guten Morgen! Ich bin nur etwas aus der Spur geraten, als ich das Chaos in unserem Büro gesehen hab!“

„Ach das“, kann ich ihn beruhigen. „Das ist in einer Stunde Vergangenheit. Wir bekommen nur unseren Anschluss fürs High-Speed-Internet.“

„In einer Stunde?“ Warum klingt Timo so aufgeregt? „Das kann ich kaum glauben. Der nette Arbeiter stemmt gerade die halbe Wand auf, da er, wie er sagt, nur ein klein wenig eine elektrische Leitung angebohrt hat.“

Ich hab nun ernste Atembeschwerden. Da hab ich nun in meiner neu gegründeten Abteilung den ersten Fall und werde meiner Arbeitsräume beraubt. Kurz überlege ich, dem freundlichen Herrn einen Besuch abzustatten, verwerfe aber die Idee gleich wieder, um ihm die Möglichkeit zu gewähren, seinen Affront schnell aus der Welt zu schaffen.

So ein Morgen wirft mich total aus dem Konzept. Jetzt ist es längst überfällig, mal was Produktives zu tun! „Timo, wie beginnst du den Arbeitstag?“, versuche ich den ersten meiner Mitarbeiter in die richtigen Bahnen zu lenken.

„Sag was, Dieter. Ach, jetzt hätte ich fast vergessen, dich darüber zu informieren, dass der Wachmann auf dem Flur wartet, um seine Aussage zu Protokoll zu bringen.“

„Gut – das könntest du auch gleich übernehmen, Timo.“ Somit ist der Erste beschäftigt. „Auch der Lagerleiter sollte noch erscheinen, dessen Protokoll könntest du dann auch zu Papier bringen. Ich erwarte von den beiden keine neuen Erkenntnisse, aber bohre sicherheitshalber noch mal nach, ob ihnen noch was auf- oder eingefallen ist.“

Nun wende ich mich an meine Kollegin: „Laura, melde du uns bitte bei der Spedition an. Dann fahren wir beide nach Godramstein und versuchen herauszufinden, wie die Leiche in die Kiste auf der Palette kam.“

„Schau mal da“, meldet sich Timo, der damit beschäftigt ist, einen Computer auf das Protokoll vorzubereiten.

„Was hast du denn? Haben die Kollegen der Schutzpolizei den Bundesinnenminister als Hintergrundbild auf ihrem Bildschirm?“, versuche ich einen Witz zu machen.

„Nee, aber ich sehe, dass die Kollegen in Annweiler heute Früh schon eine Vermisstenanzeige aufgenommen haben.“

Jetzt ist meine Neugier geweckt. Schon stehe ich hinter Timo und überfliege die Anzeige, die er auf dem Bildschirm hat. Peter Wagner, männlich, 52 Jahre, römisch-katholisch, verheiratet, ohne Kinder, im Ruhestand, Ortsvorstand von Annweiler-Gräfenhausen, steht in der Kurzbeschreibung.

„Das könnte unser Mann sein“, meine ich. Das Alter würde ja passen.

Lara, die gerade ein Telefonat beendet hat, kommt auch zu uns zum Monitor. „Die Geschäftsführer der Spedition Bock können uns leider erst nach 10 : 00 Uhr empfangen, da sie noch auf einem Außerhaustermin sind“, informiert sie uns.

„Kein Problem“, sag ich. „Wir fahren trotzdem gleich los und schauen in der Annweilerer Inspektion vorbei. Mit etwas Glück können wir dort unsere Leiche identifizieren.“

Ich schnappe mir meine Jacke und Lara, wie soll es auch anders sein, kontrolliert das Magazin ihrer Dienstwaffe. Eigentlich ist in unserem Job das Tragen einer Waffe und einer geschossabweisenden Weste Vorschrift. Aber ich mag das Zeug nicht mit mir herumtragen. Zudem ist meine Waffe oben in Schrank eingeschlossen und da will ich wirklich jetzt nicht mehr hochlaufen.

Im Hof fällt mir erst jetzt der alte, verbeulte Kombi mit der Aufschrift „Willi Schnutz Hausmeisterei aller Art“ auf. Und just in dem Moment schüttet ein mir bekannter Arbeiter zwei Eimer Bauschutt, die sicher aus meinem Büro stammen, in den offenen Kofferraum.

„Isch des alles aus meim Büro (Mag es den Tatsachen entsprechen, dass der Inhalt der beiden Eimer bisher Bestandteile meiner Arbeitsstätte waren)?“, rede ich ihn an.

„Hä??? (Entschuldigen Sie, Ihre Ansprache hat mich dermaßen überrascht, dass ich den Inhalt Ihrer Frage gar nicht wahrgenommen habe)“, entgegnet er.

„Kumm loss (Ich bin leider etwas unter Zeitdruck. Deshalb werde ich mich später nach den Fortschritten Ihrer Arbeit erkundigen)!“

Ohne weitere Konversation wende ich mich ab und gehe zu meinem Dienstwagen.

Um diese Zeit ist es ein Leichtes, Landau zu verlassen. Reinzukommen ist deutlich schwerer, da der ganze Berufsverkehr in Richtung Innenstadt rollt.

Wir haben von der Wache aus innerhalb von fünf Minuten die B10 erreicht und stellen weitere zehn Minuten später den Mini in Annweiler vor der dortigen Wache ab.

WIEDERSEHEN MIT MEINEM EX-KOLLEGEN

Am Infoschalter beim Eingang sitzt Karlheinz Müller. Mit ihm war ich früher, als ich noch als Schutzpolizist eingesetzt war, regelmäßig auf Streife. Unzählige Nachtdienste haben wir zusammen verbracht. Mit unseren gemeinsamen Erlebnissen könnten wir Bücher füllen.

„Servus, Kalle, wie geht es dir?“, begrüße ich meinen Kollegen aus alten Tagen.

„Ach nee, der Didi. Was treibt dich denn zu uns in die Provinz?“, lacht er mich an.

„Dienstlich, Kalle. Dienstlich. Wir haben gestern in Hauenstein eine männliche Leiche gefunden. Jetzt hab ich heute Morgen gesehen, dass ihr eine männliche Person vermisst. Wenn ich eins und eins zusammenzähle, könnte das doch zusammenpassen.“

„Kommt erst einmal rein“, sagt Karlheinz und drückt auf den Türöffner. Nachdem wir die Eingangstür passiert haben, trennt uns nur noch ein hoher Tresen von ihm.

„Nur herein in die gute Stube“, lädt uns der große, vollbärtige Mann ein und zeigt dabei auf die Schwingtür, die in den Tresen integriert ist. Gerne nehmen wir das Angebot an und sitzen wenig später in dem geräumigen, hellen und freundlichen Büro.

„Lass mich noch schnell Kaffee holen, dann können wir in Ruhe reden“, sagt Karlheinz und verschwindet hinter einer Tür.

Jetzt scheint dieser Morgen nun doch eine Wende zum Guten zu nehmen. Ein gemütlicher Plausch mit einem ehemaligen Kollegen. Dazu eine schöne Tasse Kaffee. Ach, wie wohl ich mich doch fühle. Karlheinz hat an alles gedacht. Auf seinem Tablett ist alles, was mein Herz begehrt: dampfender Kaffee, Milch, Zucker und sogar eine ganze Schüssel Gebäck.

„Sag mal, Didi, liest du eigentlich deine E-Mails?“, fragt er zu meiner Verwunderung.

„Heute noch nicht. Du musst wissen, dass ich einen Handwerker im Büro habe, um mein Internet zu richten“, sag ich, während ich mir einen Kaffee eingieße.

„Deshalb weißt du nicht, dass deine Leiche unsere vermisste Person ist? Er wurde auf der Pathologie identifiziert.“

Haben die wirklich schneller gearbeitet als ich? „Wie haben die das herausgefunden?“ Jetzt bin ich schon neugierig.

„Na, sagen wir mal, dass sie eins und eins zusammengezählt haben. Als sie heute Morgen die Leiche obduzieren wollten, haben sie in der Kleidung sein Handy gefunden. Also hat der Arzt einfach ein Ladegerät angeschlossen und sich selbst angerufen. Mit der Rückwärtssuche im Internet kam er auf Peter Wagner.“

Schei … Das Telefon. Jetzt ist wieder so ein Moment, in dem ich sämtliche Kontrolle über meinen Körper verloren habe. Meine Kinnlade hängt so tief, dass mein Gegenüber ohne Anstrengung die gesamte Arbeit meines Zahnarztes in Ruhe begutachten kann. Kann man so blöd sein wie ich? Da erzählt mir noch der Wachmann, dass der Warnton des schwachen Akkus ihn erst auf die Leiche aufmerksam gemacht hat, und ich komm nicht auf so eine simple Idee, den Akku zu laden. Jetzt bin ich mir ganz sicher, dass es nicht mehr schlimmer kommen kann! Erst der Chaot in meinem Büro, der sich Handwerker schimpft, und nun bin ich noch blamiert bis auf die Knochen. Insgeheim wünsche ich mir, dass sich eine Grube auftut, in der ich versinken kann.

„Mach dir nichts daraus“, tröstet mich mein ehemaliger Kollege, „wir haben doch alle schon mal was übersehen.“

„Ist die Identität schon bestätigt?“, versuche ich leise meine Sprache wiederzufinden.

„Meine Kollegen sind gerade mit Frau Wagner auf dem Weg in die Pathologie“, sagt Karlheinz.

„Wann kann ich mit ihr reden?“ So langsam erholt sich meine Stimme.

„Ich denke, dass sie am Nachmittag wieder zu Hause sein wird. Ich habe heute Morgen die Vermisstenanzeige aufgenommen. Ich hab sie hier, wenn du sie lesen willst.“

Klar will ich das. Viel steht nicht drin, aber was drinsteht, macht mich neugierig. „Hier steht, dass Frau Wagner ihren Mann vor über einer Woche zum letzten Mal gesehen hat. Warum meldet sie ihn dann jetzt erst vermisst?“

„Weil sie mal wieder die ganze Woche bei ihrer Mutter war. Es ist, nein besser, es war so, dass es Peter Wagner mit der Treue nicht so genau nahm. Und jedes Mal, wenn er nachts nicht nach Hause kam, packte seine Frau ihren Koffer und ging zu ihrer Mutter. Spätestens zwei bis drei Tage später stand er dann vor ihrer Tür und bekniete sie, wieder nach Hause zu kommen. Dieses Mal war es anders. Er kam nicht. Dann ist sie eben in das gemeinsame Haus, um nachzuschauen. Als sie dann sah, dass seit letztem Montag weder der Briefkasten geleert noch der Anrufbeantworter abgehört wurde, bekam sie es mit der Angst zu tun und hat bei uns eine Anzeige erstattet. Den Rest kennst du ja.“

„Was muss ich über Peter Wagner wissen?“, interessiert mich als Nächstes, während Laras Handy einen Gong von sich gibt. Sie drückt darauf herum und liest dann angestrengt etwas auf dem Display.

„Also, er war Ortsvorsteher von Gräfenhausen. Da Gräfenhausen eigentlich ein Stadtteil von Annweiler ist, nannte sich sein Amt eben nicht Ortsbürgermeister, aber seine Aufgaben waren vergleichbar. Er hatte das Amt inzwischen seit mehr als elf Jahren inne, was bedeutet, dass er trotz heftigem Widerstand seiner Gegner schon zum dritten Mal wiedergewählt wurde.“

„Gegner?“ Hier muss ich nachhaken. „Wie kann ich mir das vorstellen?“

Kalle nimmt einen großen Schluck aus seiner Tasse. Der Kaffee hat inzwischen eine angenehm trinkbare Temperatur erreicht, allerdings ist mir immer noch der Appetit vergangen.

„Wie es eben überall in der Kommunalpolitik üblich ist“, fährt er fort. „Wie du dich vielleicht erinnerst, war ich bei uns in Spirkelbach ja auch mal im Gemeinderat. Sicher weißt du auch noch, warum ich damals zurückgetreten bin.“

„Ach, du meinst die Sache mit deinem Schwager damals. Hat sich das wieder eingerenkt mit euch?“, kann ich mich entsinnen.

„Nein, er hat seitdem kein Wort mehr mit mir und seiner Schwester geredet. Selbst seinen Kindern hat er Prügel angedroht, falls sie sich mit uns abgeben“, sagt Kalle verärgert.

Die Sache verhielt sich damals folgendermaßen: Der Schwager erstand von einer verwitweten Bäuerin ein Sumpfgebiet für einen Apfel und ein Ei. Dann wollte er die Fläche als Industriegebiet verkaufen. Da das Sumpfgebiet allerdings Wasser- und Naturschutzgebiet war und sicher auch noch ist, musste er seine Pläne begraben. Die Schuld schob er natürlich Karlheinz in die Schuhe. Wozu hat man denn einen Schwager im Gemeinderat, wenn er einem noch nicht einmal ein Industriegebiet auf dem kurzen Dienstweg durchdrückt.

Nachdem Karlheinz sich noch einen Kaffee eingeschenkt hat, redet er weiter: „In Gräfenhausen gibt es auch zwei Lager. Zum einen das von Peter Wagner, das auf Tourismus setzt und auf einem großen Gemeindegrundstück am Waldrand gerne ein Wellnesshotel errichten würde, und dann die Opposition, die das Gemeindeheil in Ökostrom sieht und auf dem Gelände einen Solarpark plant. Brisant ist die Sache auch dadurch, dass Peters Bruder, der auch im Ortsrat sitzt, Inhaber eines Reiseunternehmens ist und reichlich von einem Hotel profitieren würde. Der Erste Beigeordnete und Oppositionsführer Gerhart Jung ist allerdings Produzent von Solarpaneelen. Der könnte sich an einem Solarpark eine goldene Nase verdienen.“

Das sind schon reichliche Informationen, die ich hier zu hören bekomme. Fast hab ich meine schlechte Laune schon vergessen. Aber verzeihen kann ich mir den Fehler mit dem Handy noch nicht.

„Kalle, eins würde mich schon noch interessieren. Du sagtest, dass es Wagner wohl mit der Treue nicht sehr genau nahm. Käme die Frau als Täter infrage?“

„Ausgeschlossen!“, sagt der Mann in Uniform energisch. „Mathilde, äh, ich meine Frau Wagner ist ein sehr zartes Wesen und ganz sicher nicht zu so einer Tat fähig.“

„Was macht dich so sicher? Kennst du Frau Wagner näher?“ Das will ich jetzt aber genauer wissen.

„Nein, natürlich nicht!“ Ist da mein Ex-Kollege etwas nervös? „Peter war schon in der Kommunalpolitik, als ich auch noch aktiv war, und da habe ich das Paar kennengelernt. Und heute Morgen hab ich noch die Vermisstenanzeige aufgenommen.“

Da ich nun genug Informationen und Eindrücke gesammelt habe, verabschiede ich mich von Karlheinz Müller. Lara tut das ebenfalls und erst jetzt fällt mir auf, dass sie während unseres gesamten Aufenthalts nur „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ gesagt hat.

Noch auffälliger ist, dass Kalle kein Auge auf Lara hatte. Auch wenn er schon etwas älter ist, ich hab nur selten einen Mann erlebt, der Lara dermaßen ignoriert.

Jetzt, wo wir wieder im Auto sitzen, findet sie auch ihre Sprache wieder: „Der Timo hat mir ne SMS geschickt, dass er deine E-Mail-Adresse auf den Rechner unseres provisorischen Büros umgeleitet hat. Und er hat geschrieben, dass du eine Mail bekommen hast, dass unsere Leiche voraussichtlich identifiziert ist. Du, Dieter, das mit dem Handy tut mir leid. Die Spur hätten Timo und ich als Erstes prüfen sollen. Ich hoffe, dass du deshalb keinen Ärger bekommst.“

„Papperlapapp. Ich bin euer Chef und hab somit die Verantwortung. Ich hab das verbockt und werde notfalls auch die Konsequenzen tragen. Aber bis dahin wollen wir mit guter Arbeit glänzen!“

Lara legt den Arm um mich und drückt mich. Eine Geste, die mich sehr freut, obwohl das Halfter ihrer Dienstwaffe mir dabei heftig in die Rippen kneift.

„Was hältst du von den ganzen Infos?“, will ich von ihr wissen.

„Gut, den Solarpaneelen-Jung sollten wir mal durchleuchten. Der scheint ja ein Motiv zu haben“, ist ihr erster Tipp.

„Das ist richtig. Aber auch etwas dünn. Anschauen werden wir ihn auf jeden Fall“, ist meine Meinung. „Und weiter?“

„Das Liebesleben des Opfers könnte uns auf eine Spur bringen.“ Ihr Tipp Nummer zwei.

„Sehr gut! Eine eifersüchtige Geliebte oder sogar ein gehörnter Ehemann hätten auch ein gutes Motiv. Nur scheint keine seiner Konkubinen bekannt zu sein, sonst hätte es Karlheinz sicher erwähnt“, gebe ich zu Protokoll und schaue meine Kollegin fragend an.

Sie zuckt mit den Schultern. „Sonst fällt mir nichts ein.“

Mir fällt da schon noch was ein, das ich überprüfen will, aber ich spreche es nicht aus. Ich will ja nicht einen ehemaligen Kollegen in die Pfanne hauen.

Inzwischen sind wir längst wieder auf der B10, dieses Mal in Richtung Landau, und nehmen dann die Abfahrt Godramstein. Übrigens dieselbe Abfahrt, die ich auch nehmen würde, um in die Wache zu kommen.

Die Spedition Bock liegt sehr verkehrsgünstig zwischen der B10 und Godramstein und ist somit auch nur einen Steinwurf von der A65 entfernt.

Auf der straßenzugewandten Seite gibt es eine Laderampe, die sich am ganzen Gebäude entlangzieht. Auf der Rampe sind Tore, die von 1 bis 24 durchnummeriert sind. Bei der Anzahl der Tore werde ich unweigerlich an die Adventszeit erinnert. Hinter jedem Tor könnte man eine schöne Überraschung verstecken.

Ich entscheide mich, rechts an der Halle vorbeizufahren. Für mich als Autofan eine gute Entscheidung. Etwas versteckt in einer Nische des Gebäudes steht ein McLaren F1. Eine ultraflache Flunder mit einem Zwölfzylindermotor von BMW, der 627 Pferdestärken auf die Kurbelwelle stemmt. Aber das Schönste an dem Auto ist die Sitzposition. Der McLaren ist als Dreisitzer ausgelegt, wobei der Fahrer in der Mitte des Fahrzeuges sitzt und die beiden Mitfahrer rechts und links etwas nach hinten versetzt Platz nehmen können.

„Ich dachte, dass die Speditionen alle am Rande des Ruins sind. Und dann stehen bei denen trotz hoher Spritpreise und Mautgebühren solche Autos herum.“

Ist Lara etwa neidisch? Mir ist das eigentlich egal. Ich parke meinen Mini direkt neben dem F1 und zücke gleich nach dem Aussteigen mein Handy und mache ein paar Bilder. Das schönste davon schicke ich gleich an Gusti mit dem Text: „Endlich ist mein Neuer da. Mini geht in Zahlung.“

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22 aralık 2023
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