Kitabı oku: «Kommissar Schlemperts zweiter Fall: Recht & Unrecht»

Michael Schlinck, Baujahr 69, lebt heute wieder mit seiner Familie in der Südpfalz, in der er auch geboren wurde und aufgewachsen ist. Neben seiner Liebe zum Schreiben entspannt er sich beim gemeinsamen Musikmachen mit seiner Band und natürlich auch mit seinen Kindern beim Kartfahren.
Michael Schlinck
RECHT & UNRECHT
Kommissar Schlemperts zweiter Fall
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Ja, kleine Veroschka, du wirst meine Nächste sein. Ich habe dich aufgenommen, geködert, damit du bald die Meine bist. Auch du wirst mir nicht widerstehen können. Alle, wirklich alle habe ich bekommen, auf dem einen oder dem anderen Weg, aber keine hat mir widerstanden. Auch du wirst bald die Meine sein. Die Zeit, ja, die Zeit wird deinen Widerstand schon brechen und dann kommt sie, meine Stunde. Dann wirst du die Meine sein. Nie in meinem ganzen Leben konnte eine sich zur Wehr setzen. Nie. Und nie ist eine dann wieder von mir gegangen. Alle sind sie noch bei mir. Alle. Entweder gewinnbringend in dem großen Haus oder sie verschwanden. Sie verschwanden so, dass sie kein anderer mehr haben konnte. Immer bei mir. Mit mir vereint auf ewig.
Und nun muss ich erfahren, dass du dich mit ihm triffst, mit einem Vagabund, einem Bastard. Einem, der dir nichts zu bieten hat. Er soll deinen Körper nicht haben, den du mir noch verwehrst. Ich werde dir eine Lektion erteilen. Ich werde dich lehren, was mit denen passiert, die dich ohne meine Erlaubnis, gegen meinen Willen und ohne mich dafür zu bezahlen berühren.
Ich werde ihn dir nehmen, deinen Bastard. Es wird dir eine Lehre sein, kleine Veroschka.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Die Tage danach
Danksagung
Vorausgegangene Pfalzkrimis von Michael Schlinck
Sonntag
Früher, als Teenager, liebte ich es, im Zelt zu liegen und dem Trommeln des Regens auf der Zeltplane zu lauschen, ein Comic in der Hand und zum Nichtstun verbannt. Ganz die Idylle eines Zeltlagers hat das Prasseln des Regens auf dem Dach unseres Wohnmobils nicht, eher hat es mich aus dem Schlaf geholt. Kurz vor sieben und nun muss ich auch noch feststellen, dass meine Blase bis zum Zerbersten gefüllt ist. Doch wer mag schon das kuschelige Bett verlassen, um auf einem Campingplatz durch strömenden Regen das Sanitärgebäude aufzusuchen? Aber es hilft alles nichts. Das Plätschern des Regens hat meinen Harndrang so verstärkt, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, die Austrittsöffnung mit dem Daumen zuzuhalten.
Nun geht es raus aus den Federn und rein in die Pantoffeln. Die Regenjacke über die Schultern, Tür auf und schon peitscht mir der Kölner Wind die Wassertropfen ins Gesicht. Reflexartig schließe ich die Augen und springe somit blind mitten in eine Megapfütze, die sich im Laufe der Nacht vor der Eingangstür gebildet hat. Na super! Meine eigentlich beigefarbenen Pantoffeln haben nun ein homogenes Braun angenommen, meine Pyjamahose bis in Kniehöhe auch. Um mich darüber zu ärgern, bleibt mir keine Zeit, da meine klatschnassen Füße mein dringendes Bedürfnis nun schier unerträglich werden lassen. Also geht es nun xbeinig in kleinen, aber sehr, sehr schnellen Schritten dem Sanitärgebäude entgegen. Als ich endlich die Treppen zur Toilette nach oben eile, kommt ein Lkw mit dem Werbeschriftzug einer hiesigen Brauerei auf den Hof gerollt.
Wesentlich erleichtert stehe ich kurz darauf auf der Empore vor den Toiletten. Unten auf dem Rhein schippert ein Frachtschiff vorbei und die beiden Fahrer des Bierlasters klopfen vergeblich an die Glastür der Rezeption. Nun nimmt einer der beiden sein Handy aus der Tasche und wählt anscheinend die Nummer, die dort für Notfälle hinterlegt ist. Das Szenario verwundert mich allerdings schon etwas. Nicht, dass ich noch nie jemandem beim Telefonieren zugeschaut hätte, allerdings ist es hier der Fall, dass der Telefonierende ein großer, stattlicher und stark pigmentierter Zeitgenosse ist. In mir erweckt er den Eindruck, dass er frisch in Deutschland eingetroffen ist.
Der andere, der mit seinen grauen Haaren, den blauen Augen und der hellen Hautfarbe nach meiner Ansicht höchstens mal im Urlaub das Land verlassen hat, steht daneben. Eigentlich finde ich es schon mehr als ärgerlich, dass mein offensichtlicher Landsmann den armen Immigranten hier zu schikanieren versucht. Nur mein unvorteilhaftes Äußeres hindert mich daran, dem Genossen mal ordentlich Bescheid zu geben.
„Mer sin de Bierkutscher un han ne Leeverung“, sagt der schwarze Mann in astreinem Kölsch. „Is joot, mer wahde an de Rezepzion“, sagt er noch und legt auf.
Daraufhin lässt der andere verlauten: „Kommen? Ich nix verstande.“ Damit redet er mir aus der Seele.
Nun antwortet der Große auch noch in perfektem Hochdeutsch: „Der Rezeptionist wird in wenigen Minuten hier sein.“
Scheißvorurteile! Und tolle matschige Füße! Immerhin haben sie mich vor einer Mordsblamage bewahrt.
Jetzt aber nichts wie zurück ins Wohnmobil, bevor nun jemand von der Rezeption kommt und die Schlammspur zur Herrentoilette entdeckt.
Wie ich so durchnässt ins fahrbare Eigenheim steige, sitzt Natalie, meine wesentlich bessere Hälfte, aufrecht im Bett, begrüßt mich mit den Worten: „Sollst Timo zurückrufen“, und fügt noch hinzu: „Ist wichtig.“
„Na toll, was will der denn?“, fährt es, ohne nachzudenken, aus mir heraus. Aber auch ohne Antwort ist mir klar, dass es Natalie nicht weiß. Bei der Kripo herrscht eben Schweigepflicht und somit sind auch meine beiden Kollegen Timo und Laura, von uns liebevoll Lara genannt, nach Lara Croft von Tomb Raider, daran gebunden.
Um meine beiden Kinder Quendoline und Mike, die oben im Alkoven schlafen, nicht zu wecken, verlasse ich erneut das Wohnmobil, lande wieder in der Pfütze. Glücklicherweise quält mich nicht erneut Harndrang. Wo allerdings soll ich mich unterstellen? Der Blick zur Toilette sagt mir, dass dort der Rezeptionist genervt damit beschäftigt ist, die Treppe zu reinigen. Das kommt als Unterstellmöglichkeit nicht infrage. Also verlasse ich das Gelände und setze mich relativ komfortabel in ein Buswartehäuschen. Was man eben so für komfortabel hält, im schlammigen Pyjama und mit patschnassen Pantoffeln. Aus der Anrufliste wähle ich die Nummer von Timos Diensthandy.
„Kripo Neustadt an der Weinstraße, Außenstelle Landau, mein Name ist Timo Gebauer, einen wunderschönen guten Morgen“, trällert mir mein putzmunterer Kollege entgegen.
„Meine Güte, Timo, könnte ja meinen, dass du bei einer Hotline beschäftigt bist“, bin ich erstaunt.
„Ach Dieter, du kennst doch unseren Chef. Der hat uns eine Memo geschickt, wie wir uns ab sofort und auch rückwirkend am Telefon zu melden haben.“
„Okay, ich werde es berücksichtigen. Aber ich werde dich sicher nicht mehr sonntags in der Früh kurz nach sieben zurückrufen, um mir dann Heulers Memoquatsch anzuhören.“ Jetzt bin ich echt angepisst, sitze im durchnässten Schlafanzug in einer Kölner Bushaltestelle, presse den Schlamm durch die Zehen und kann mir den Memoscheiß meines Vorgesetzten anhören.
„Halt, Dieter, nicht auflegen“, höre ich Timo noch am anderen Ende rufen, während ich auf den roten Hörer auf dem Display tippe. Also wähle ich neu und schreie beim ersten Knacken in der Leitung gleich los: „Timo! Wenn du nun nicht den Memoscheiß sein lässt, dann komme ich in die Pfalz und würge dir eine rein.“
Erst dann merke ich, dass mir Timos Stimme von der Mobilbox entgegenträllert: „Kripo Neustadt an der Weinstraße, Außenstelle Landau, Anschluss Timo Gebauer, sprechen Sie bitte nach dem Tonsignal.“
So langsam schwillt mir der Kamm. Beim Auflegen sehe ich noch ein „Eingehender Anruf“ auf dem Display blinken. Also schnellstmöglich wieder ans Ohr mit dem Teil, was sich wie eine Ohrfeige anfühlt. Das „Hallo, hallo“ fällt dementsprechend viel zu laut aus.
Tatsächlich bekomm ich auch ein „Hallo, hallo“ zur Antwort.
„Timo, bist du das?“, rufe ich wieder zu laut.
„Nein“, bekomme ich zur Antwort, „ein genervter Nachbar, der am Sonntag gerne ausgeschlafen hätte.“
Nun entdecke ich den Herren, der oberhalb des Bushäuschens, ebenfalls im Schlafanzug, auf einem Balkon steht. Mit einem Wink entschuldige ich mich, während ich nun wieder ein Gespräch annehme. Dieses Mal drücke ich den richtigen virtuellen Knopf auf meinem Smartphone, um die vertraute Stimme Timos zu vernehmen.
„Wir haben einen Toten“, sagt er dieses Mal ohne Einleitung.
„Wie, einen Toten?“ Nun bin ich etwas perplex. Ich meine, dass ich der Leiter der Arbeitsgruppe Kapitalverbrechen in Landau bin. Doch so ein Kapitalverbrechen kommt bei uns an der Südlichen Weinstraße sehr selten vor. Um genau zu sein, ist unser letzter Mord fast ein Jahr her. Damals wurde meinem Freund Gusti per Spedition die Leiche des Gräfenhausener Ortsvorstandes geliefert. Und seitdem? Seitdem haben wir einige natürliche Tode auf ihre Natürlichkeit geprüft. Auch zwei Suizide haben wir auf ihre Echtheit geprüft. Aber so ein Kapitalverbrechen, das gab es in unserer Arbeitsgruppe nur das eine Mal. Und das konnten wir lückenlos aufklären. Quote einhundert Prozent. Besser geht es nicht!
„Ein Toter eben“, reißt mich Timo aus meinen Gedanken.
„Wie, tot?“, bin ich nach wie vor perplex.
„Na, mausetot.“ Nun ist mein Kollege offensichtlich genervt. „Eine männliche Wasserleiche, Mitte zwanzig, unnatürliche Todesursache, im Auto, Suizid ausgeschlossen.“
Ich verstehe nur Bahnhof: „Eine Wasserleiche im Auto? Wie geht denn das?“
„Na, ein junger Mann, der in einem Fahrzeug im Silzer See versenkt wurde.“
Nun kommt Licht ins Dunkel. Aber warum das kein Suizid sein soll, verstehe ich nicht. „Timo, weshalb schließt du einen Suizid aus?“, frage ich deshalb. „Es ist doch nicht unwahrscheinlich, dass der Fahrzeuglenker als Freitod den Weg ins Wasser gewählt hat. Theoretisch könnte es ja sogar ein Unfall gewesen sein und wäre somit ein Fall für die Verkehrspolizei.“
„Theoretisch ist alles möglich, aber mit ans Lenkrad gefesselten Händen und ans Sitzgestell gefesselten Füßen ist das höchst unwahrscheinlich.“ Und damit hat mich mein Kollege nun auch restlos überzeugt.
Bei der Entdeckung der letzten Leiche war ich mit meinem Sohn Mike beim Kartrennen und dieses Mal sitze ich hier in Köln. Ganz toll. Sicher beobachten mich die Kapitalverbrecher, um genau dann zuzuschlagen, wenn ich außer Landes bin. Ich werde ab sofort aus Sicherheitsgründen den Landkreis nicht mehr verlassen.
Nun beende ich das Gespräch umgehend und denke darüber nach, wie ich meiner Familie beibringe, dass eine sofortige Heimreise unabdingbar ist.
So in Gedanken habe ich die Wandergruppe nicht bemerkt, die inzwischen den Campingplatz verlassen hat und nun von der gegenüberliegenden Straßenseite sichtlich amüsiert mein Outfit bestaunt. Dieser Sonntag geht wohl als mein ganz persönlicher Freitag der Dreizehnte in die Geschichte ein.
Die letzten beiden Stunden im Schoße meiner Familie spotten jeder Beschreibung. Von wegen Familienidylle und so. Aber ein Mordfall ist eben ein Mordfall und basta.
Fakt ist, dass ich nun im ICE Köln-Mannheim sitze und aus dem Fenster des Bordbistros schaue. Bei einer so kurzfristigen Buchung ist eine Sitzplatzreservierung nicht mehr drin, hat es am Schalter geheißen. Und so sitze ich hier und rase mit zweihundertfünfzig Sachen meiner Leiche entgegen. Das Leben kann auch schön sein. Zumindest so lange, wie das Handy nicht klingelt. Meins klingelt. Meins klingelt und vibriert wie ein wild gewordener Rasierapparat. In einer Fortbildung habe ich einmal gelernt, dass man sich auf ein Telefonat erst mental vorbereiten sollte. Das innere Gleichgewicht finden und entscheiden, ob man nun in der Lage ist, ein solches Gespräch souverän zu bewältigen. Schließlich möchte man ja die Kontrolle über so ein Telefonat haben. Der Psychologe von damals hat wohl vergessen, dass wir von der Kripo jedes Gespräch ohne Verzögerung annehmen müssen. Es könnte ein wichtiger Zeuge sein, dem jeden Moment der Mut schwindet. Oder gar ein Opfer, das noch im letzten Atemzug den Namen seines Mörders nennen will.
Also ran, ohne nachzudenken: „Schlempert.“
„Schleeeeempeeeeert“, röhrt die Stimme meines Vorgesetzten Rüdiger Heuler aus dem Telefon. Und der Name Heuler ist bei dem Mann Programm.
„Wie melden Sie sich denn am Telefon? Haben Sie mein Memo nicht bekommen? Kripo Neustadt an der Weinstraße, Außenstelle Landau in der Pfalz, mein Name lautet Dieter Schlempert und ich wünsche einen wunderschönen guten Morgen, heißt das. Und überhaupt. Wo stecken Sie denn eigentlich? In ihrem Revier schwimmt eine Leiche und wer glänzt mit Abwesenheit? Der leitende Beamte.“
„Ja, aber …“, versuche ich mich zur Wehr zu setzen, aber ich höre dann nur: „Wagen Sie es bloß nicht, mich zu unterbrechen. Ich habe diese Ansprache so schön als Solo geprobt. Also, Sie können sich doch bei einem Mordfall nicht …“
Soll er doch sein Solo aufsagen, immerhin kann er mich nicht dazu zwingen, ihm zuzuhören. Mit einem freundlichen Nicken bitte ich meinen Tischnachbarn darum, mein Smartphone im Auge zu behalten, während ich zum Tresen gehe, um mir ein Mineralwasser und ein Käsebrötchen zu beschaffen. Neun Euro achtzig. Sicher bin ich nun stolzer Mitbesitzer der Deutschen Bahn AG. Sonst kann ich mir die Höhe des Preises nicht erklären. Nichts dergleichen. Nur die üblichen Standardpreise im ICE, erklärt mir die freundliche Servicekraft.
Wie ich dann so zum Tisch zurückgehe, muss ich feststellen, dass sich darum eine Menschentraube gebildet hat, aus deren Mitte ich eine mir wohlbekannte Stimme wahrnehme. Es ist die Stimme von Rüdiger Heuler. Langsam wird mir klar, was da los ist. Mein Tischnachbar hat bei meinem Handy den Lautsprecher aktiviert, was eine größere Menschengruppe unterhält. Ich drücke mich durch die amüsierte Menge und greife mein Telefon, während Heuler gerade erklärt, dass ich mein Eigenheim künftig mit Dienstaufsichtsbeschwerden tapezieren könne. Na Mahlzeit, das sind ja tolle Aussichten.
Mit meinem Zeige- und Mittelfinger beginne ich auf das Mikrofon zu trommeln und rufe mit abgewendetem Kopf: „Der Empfang wird furchtbar schlecht. Ich bin ja bald vor Ort“, und lege auf. Geschafft. So schlecht hab ich mich doch gar nicht aus der Affäre gezogen. Auch das unerwünschte Publikum quittiert meine Spontanaktion mit tosendem Beifall.
Mit dem „bald vor Ort“ wird es erst mal nichts. Zehn Minuten später stehen wir wegen auf den Gleisen grasender Weidetiere auf freier Strecke. Kurz darauf gibt es einen Oberleitungsschaden und wieder etwas später müssen wir den Zugführer wechseln, da es dem bisherigen nun endgültig schlecht geworden ist. So kommen wir mit zweieinhalb Stunden Verspätung und vollgekotztem Führerhaus in Mannheim an. Da mein Reiseplan dadurch komplett aus dem Ruder gelaufen ist, bummle ich nun mit der Regionalbahn über Ludwigshafen, Schifferstadt, Haßloch, Neustadt an der Weinstraße Landau entgegen.
Als ich dort ankomme, bräuchte ich erst einmal eine Rasur, doch ich nehme ein Taxi zum Revier. Von dort aus starte ich mit einem alten Opel Kadett E Caravan Streifenwagen, der als Reservefahrzeug für Notfälle hier steht, in Richtung Silzer See. Eins muss man dem betagten Automobil lassen. Die serienmäßige Uhr geht nach wie vor präzise. Und die zeigt sechzehn Uhr achtundzwanzig an, als ich in Silz zum See abbiege. Wenn ich daran denke, dass ich für den Weg nach Köln im Wohnmobil gerade mal dreieinhalb Stunden gebraucht habe, muss ich schon sagen: „Vielen Dank, Deutsche Bahn AG.“
Kaum bin ich abgebogen, stehe ich auch schon an der Absperrung, die vom Kollegen Maier der Schutzpolizei bewacht wird. Er öffnet mir auch umgehend die Barken und deutet mir an, dass ich gleich vorne bei den restlichen Einsatzfahrzeugen parken kann. Nach dem Aussteigen orientiere ich mich zuerst mal.
Beim Abfluss sind Schwimmbarrieren angebracht, hinter denen die Feuerwehr auf Schlauchbooten beschäftigt ist, die Oberfläche abzusaugen. Weiter hinten sind auch noch einige Spurensicherer in ihren weißen Papieranzügen unterwegs. Bei ihnen ist auch eine Fahrzeugspur im Gras zu erkennen. Sie führt über eine abfallende Wiese quer über den geteerten Wirtschaftsweg die Böschung hinunter in den See. Von Laura und Timo ist allerdings nichts zu sehen. Von Rüdiger Heuler glücklicherweise auch nichts. Wen ich nun entdecke, ist mein guter Freund Martin Schneider, der hier sicher der leitende Spurensicherer ist. Somit setze ich mich direkt zu ihm in Bewegung.
Eigentlich kenne ich ihn nicht einmal ein Jahr lang. Beim letzten Mordfall, der ja bekanntlich bisher mein einziger war, haben sich unsere Wege zum ersten Mal gekreuzt. Damals haben wir uns schnell angefreundet, was darin gipfelte, dass meine Familie nach einer Brandstiftung an unserem alten Bauernhaus eine Weile in seinem Ferienhaus gewohnt hat. Dementsprechend herzlich begrüßen wir uns. Leider bleibt uns keine Zeit für private Plaudereien, weshalb ich ihn gleich auffordere, mich auf den aktuellen Stand zu bringen.
Martin berichtet mir also Folgendes: Entdeckt wurde die ganze Sache heut Früh von Oberförster Phillip Hubertus, der uns auch aus dem letzten Fall wohlbekannt ist. Als er bei Sonnenaufgang nach der Pirsch ohne Beute mit seinem Hund den Wald verlassen hat, fiel ihm ein Ölfilm auf dem See auf. Als umweltbewusster Naturmensch hat er sofort die Feuerwehr alarmiert. Die wiederum hat gleich das Wrack des alten Fiat Pandas entdeckt und an Land geholt. Als sie den Inhalt erkannten, alarmierten sie sofort unsere Abteilung und Timo informierte mich. Der Tote war mittels handelsüblicher Kabelbinder mit den Handgelenken ans Lenkrad gefesselt, das wiederum mit Kabelbindern zum Türgriff hin fixiert war. Die Fußgelenke waren auf die gleiche Art mit dem Sitzgestell verbunden. Das Gasgestänge war im Motorraum in Vollgasstellung blockiert. Mit einem Kabelbinder, versteht sich. Beim Getriebe war der erste Gang eingelegt. Die Entfernung der Fundstelle zum Ufer deutet auf eine Geschwindigkeit von ungefähr fünfundvierzig Kilometern pro Stunde hin, was etwa der Geschwindigkeit bei Enddrehzahl im ersten Gang entspricht.
Die Rekonstruktion ergib also folgendes Szenario: Der Fahrzeuglenker wurde bei vollem Bewusstsein im Auto gefesselt, Lenkrad und Gasgestänge wurden blockiert. Anschließend wurde vermutlich das Kupplungspedal mit einer Stange oder etwas Ähnlichem fixiert, welche nach dem Starten des Motors mit einer Schnur durchs offene Fenster gezogen wurde. Und schon ging sie ab, die Post. Holla die Waldfee.
Nun gönnt sich Martin eine Atempause und mir geht das eben Gehörte noch einmal mit geschlossenen Augen bildlich durch den Kopf. Bis hierher ist die Geschichte stimmig, das bin ich aber auch von Martins Analysen gewohnt.
„Weiß man schon, wer unser Toter ist?“, versuche ich den Redeschwall des Spurensicherers wieder in Gang zu bekommen.
„Die Leiche wurde bisher nicht identifiziert. Allerdings hatte sie Papiere einstecken, die auf einen Charles van de House ausgestellt sind. Auch das Fahrzeug hat den gleichen Halter. Es ist im südfranzösischen Toulon zugelassen.“ Nun sprudeln die Informationen wieder aus ihm heraus: „Das Fahrzeug wurde inzwischen zur genaueren Untersuchung nach Neustadt gebracht. Klaus Reuter wird sich in seiner Werkstatt darum kümmern.“
Nun saugt Martin wieder Luft in seine Lungen, die er zischend entweichen lässt. Im Gegensatz zu Rüdiger Heuler mag Martin Schneider die langen Monologe nicht.
Aber das hilft alles nichts und so kann ich ihm noch entlocken, dass meine Kollegen ebenfalls nach Neustadt gefahren sind, um Heuler Bericht zu erstatten. Was ich als eine gute Nachricht empfinde, weil ich es nun nicht tun muss.
Es konnten bisher einige Fuß-, Reifen- und Textilspuren gesichert werden. Die Auswertung wird allerdings noch einige Tage in Anspruch nehmen. Auf jeden Fall wird er mich auf dem Laufenden halten.
So mache ich mich auf den Weg nach Hause. Zwischen meinen Zehen krümelt immer noch der getrocknete Schlamm von heute Morgen, da zum Duschen keine Zeit mehr gewesen war.
Als ich in Waldrohrbach die Haustür meines alten Bauernhäuschens aufschließe, rufe ich in alter Gewohnheit ein „Papa ist daheim“ die Treppe nach oben. Doch da die Antwort ausbleibt, wird mir klar, dass meine Familie noch in Köln auf dem Campingplatz verweilt. Meiner Klamotten entledige ich mich im Keller vor der Waschmaschine, stapfe nach oben und lasse mir ein Bad ein. Während das Wasser plätschert, rasiere ich mich noch geschwind.
Heute Morgen war es früh und der Tag war anstrengend. So kommt es, dass ich in meinem herrlich warmen Badewasser einschlafe. Ach, wie ist das schön, wenn man in der Wanne so vor sich hin schlummert. Traumhaft!
Mitten in meinem Traum klingelt es an der Haustür! Es klingelt sogar Sturm. So laut, dass ich davon wach werde. Und was soll ich sagen? Es klingelt tatsächlich Sturm an meiner Haustür. Also das Handtuch um die Hüften und kleine Schaumhäufchen zum Fenster hin verteilen, um dann „Hallo, wer da?“ nach unten zu rufen.
„Pizzaservice“, schallt es zurück. Die Stimme kenn ich. Die habe ich doch erst vor Kurzem gehört. Obwohl ich noch reichlich verschlafen bin, erkenne ich dann doch, dass es Martin Schneider ist.
Nur Minuten später sitze ich im Bademantel mit meinem Freund am Küchentisch.
„Na, wenn ich schon einmal hier in der Nähe bin, kann ich doch auf eine Pizza von Mario nicht verzichten“, sagt Martin und packt zwei Kartons und eine Salatschüssel auf den Tisch, der damit sofort reichlich überladen wirkt. Wer schon einmal im La Rusticana gegessen hat, weiß, was ich meine.
Martin verputzt seine große Pizza restlos und tränkt zum Abschluss sogar noch ein paar Pizzabrötchen im Salatdressing. Ich habe derweil meine kleine Pizza zu einem Drittel gegessen und packe den Rest als Wochenvorrat in den Kühlschrank.
So sitzen wir noch bis spätabends zusammen und plaudern über dies und das, hetzen über den Heuler und erzählen uns Polizeigeschichten. Alles in allem ein schöner und gemütlicher Abend.
Ich habe es getan. Klar, habe ich es getan. Ich würde es immer tun, nur brauchte ich es nie tun. Keine war bisher so widerspenstig wie du. Es war aber auch keine so süß wie du. Dir gehört der Platz an meiner Seite. Eine lange Zeit wirst du ihn einnehmen, den Platz an meiner Seite. Auf dich werden die Kunden noch warten müssen, denn erst einmal wirst du mir gehören.
Und dann musste ich sehen, wie du dich zu ihm geschlichen hast. Wie ihr es im Auto getrieben habt, das musste ich sehen. Wie er deinen jungen Körper berühren durfte, den du mir vorenthältst. Doch damit ist es nun vorbei. Ich habe ihn entsorgt. Fachmännisch. Er hat nun den Weg frei gemacht. Frei für uns, kleine Veroschka. Jetzt steht nichts mehr im Weg. Glücklich wirst du sein, an meiner Seite zu stehen. Jeden Wunsch wirst du mir erfüllen. Jeden!
Montag
Als ich in der Früh ins Revier komme, wundert sich niemand. In so einem Fall scheint es üblich zu sein, dass der Urlaub und die Familie zurückstehen müssen.
Es ist kurz nach sieben und unser Büro ist noch verwaist, also Rechner hochfahren, die Post durchsehen, Kaffee holen und Mails abrufen, das übliche morgendliche Ritual eben. Die französische Polizei bestätigt, dass in Toulon ein Charles van de House gemeldet ist. Im Laufe des Tages wollen sie eine Streife bei ihm vorbeischicken, um zu sehen, ob er am Leben ist.
So oder so ähnlich soll der Wortlaut der E-Mail sein, meint zumindest der Onlineübersetzer. Die Mail ist auf Französisch, weshalb ich mir mit dem Übersetzer helfen musste, denn Französisch verstehe ich gar nicht. Portugiesisch, Arabisch, Türkisch und Andalusisch auch nicht. A little bit english vielleicht, aber null Komma gar nix Französisch. In einem Schuhgeschäft in der Champs-Elysées begrüßte mich einst ein freundlicher Verkäufer mit „Bonjour“, worauf ich ihm ebenso freundlich mit „Ja, ein Paar braune bitte“ antwortete. Meine Familie konnte darüber herzlich lachen. Ich nicht!
„Kommissar Timo Gebauer wünscht dem Außenstellenleiter Dieter Schlempert einen wunderschönen guten Morgen.“ So begrüßt mich nun mein Kollege und fühlt sich auch noch spaßig dabei.
Dass ich Timo nach meinem Urlaub mit den Worten „Halt die Fresse, Idiot“ begrüße, hätte ich mir zuvor nicht träumen lassen.
Aber er reagiert relativ gelassen: „Hab dich auch lieb.“
Nun kommt auch Laura zur Tür herein und sieht wieder zum Dahinschmelzen aus, zumindest wenn man auf Terminator steht, mit khakifarbener Hose und einem hautengen Top. Darüber trägt sie eine kurze offene Lederjacke, sodass man die beiden Pistolenhalfter sieht.
Da wir nun komplett sind, setzen wir uns an den Besprechungstisch. Davor stellen wir unsere Tafel, auf der wir in bunten Lettern die Namen unserer Beteiligten eintragen. Viel zu schreiben gibt es nicht. In der Mitte steht in Rot geschrieben „Charles van de House“, von dem wir noch nicht viel wissen, außer dass er vermutlich bei der Gerichtsmedizin auf dem Seziertisch liegt. In Grün steht noch „Phillip Hubertus“ an der Tafel, was bedeutet, dass er nicht unter Mordverdacht steht. Damit ist nicht viel anzufangen. Wir müssen dringend Indizien, Fakten und alle möglichen Hinweise sammeln.
„Timo, recherchiere du mal im Internet nach dem Namen van de House, ob da was zu finden ist“, beginne ich mal Aufgaben zu verteilen. „Und Laura, da du etwas Französisch sprichst, könntest mit Toulon telefonieren. Behörden und so weiter. Schaut mal, was ihr so rausfindet.“
„Ach ja, da wäre noch was“, beginnt nun Timo herumzustottern.
„Was ist? Heraus mit der Sprache“, sage ich ungeduldig.
„Der Heuler möchte die Ermittlungen leiten und eins zu eins, also quasi just in time, über jeden unserer Schritte informiert sein.“
„Der kann mich, quasi just in time, dort, wo die Sonne nicht hinscheint.“ Nun bin ich ja fast schon cholerisch, aber der Mann treibt mich noch in den Wahnsinn. Also der Heuler, nicht Timo.
Der arme Kerl sitzt nun da wie ein geläutertes Kind und jammert vor sich hin: „Wenn du den Feind nicht hast, dann steinige den Boten.“
„Kommt, Leute, wir fangen an, und lasst Herrn Heuler meine Sorge sein“, bringe ich nun wieder Ruhe in die Situation.
Timo hämmert fleißig in die Tastatur und was Laura treibt, kann ich nicht sagen, denn ich verstehe kein Wort. Sie telefoniert reichlich auf Französisch und verwendet in jedem zweiten Satz den Namen Charles van de House, was mich glauben lässt, dass die Telefonate tatsächlich dienstlich sind. Mich selbst stört nur das ausländische Geplapper bei meinem Brainstorming. Jetzt beginne ich auch noch mit dem eingedeutschten Gelaber. Also, keinen klaren Gedanken bekomm ich auf die Reihe bei dem unverständlichen Gerede.
So beschließe ich, nun nach Neustadt zu fahren und mir das Autowrack anzuschauen. Eine Entscheidung, die ich Minuten später auch schon wieder bereue. Auf dem Hof der Landauer Polizeiwache steht nämlich nur der alte Opel Kadett Diesel, mit dem ich heute Morgen zur Arbeit gekommen bin. Klar, mein eigentlicher Dienstwagen, ein Mini GP mit vielen Gimmicks und über dreihundert Pferdestärken, steht zu Hause in der Scheune. Na gut, so eiere ich mit fünfundachtzig über die Autobahn und bete, dass das Ding nicht schlappmacht.
Auch die schönste Fahrt hat einmal ein Ende und so parke auch ich irgendwann auf dem Hinterhof des Neustädter Präsidiums ein. Die Kapuze ins Gesicht gezogen, dass der Heuler mich nicht durchs Fenster entdeckt, schleiche ich mich in Klaus Reuters Werkstatt, die im Keller untergebracht ist.
„Ja, der Dieter, welch seltener Glanz in meiner bescheidenen Hütte“, begrüßt er mich auch gleich überschwänglich. Er ist der beste Mechaniker, der mir je begegnet ist. Unter Kollegen nennen wir ihn „Daniel Düsentrieb“ der Neustadter Wache.
„Hallo, Klaus, wie geht’s?“, begrüße auch ich ihn freundlich.
„Ach, du weißt ja: Schaffe, schaffe, schaffe. Der Tag hat vierundzwanzig Stunden und wenn die nicht reichen, soll ich eben die Nacht durcharbeiten. So meint es zumindest der Heuler.“
Ich weiß schon, was er meint. Bei jeder erdenklichen Gelegenheit prahlt unser gemeinsamer Vorgesetzter mit den Fähigkeiten von Klaus und so kommt es, dass er sämtliche Sonderumbauten an polizeilichen Fahrzeugen machen muss. Nebelwerfer oder Lachgaseinspritzungen wie bei meinem Mini sind da die leichteren Übungen. Es kommt schon mal vor, dass ein schwimmender Porsche oder ein BMW mit Düsentriebwerk seine Werkstatt verlässt. Und so ganz nebenbei hilft er auch noch der Spurensicherung wie im aktuellen Fall, weshalb ich gleich mal nach dem Fiat frage.
„Viel kann ich dir noch nicht sagen“, meint er erwartungsgemäß. Immerhin haben wir es erst kurz nach zehn. „Die Blockade am Gasgestänge kann jeder Laie ausgeführt haben und auch sonst gibt es außen keine Auffälligkeiten. Den Innenraum schauen wir uns erst heute Mittag an. Bis dahin ist dann auch der Martin mit seinem Team hier.“
Okay, das bringt uns wirklich nicht weiter, also bitte ich ihn, mir das Fahrzeug zu zeigen.
Ja. Tatsächlich ein Fiat. Um genau zu sein, ein roter Panda mit französischem Kennzeichen. Modell anno dazumal. Und ihm sieht man auch sein Alter an. Tellergroße Rostflecken, zum Teil sogar mit Löchern, zieren sein Äußeres, bepflastert mit jeder Menge vergilbter Aufkleber, die anzeigen, dass dieses Fahrzeug anscheinend einen großen Teil der Welt gesehen hat. Die Algen und die anderen Wasserpflanzen, die an Wischern und den Außenspiegeln getrocknet herunterhängen, runden das traurige Bild ab. Dass die Rückbank mit Decken, Konservendosen, einem Campingkocher und sonstigem Krimskrams belagert ist, deutet an, dass es sich bei unserem Opfer um einen Globetrotter handelt.
Das hat mir gerade noch gefehlt. Ein Weltenbummler ohne feste Wurzeln. Gemeldet in Frankreich, mit holländischem Namen, auf der ganzen Welt zu Hause. Ermordet, ausgerechnet in meinem Revier. Wo soll ich da nur ansetzen? Mensch, wäre ich doch nur zu Hause geblieben. Dann hätten wir den Panda einfach in Lingenfeld oder so in den See geschmissen und somit hätte sich jemand anderes damit rumärgern müssen. Mich macht das verrückt, so im Dunkeln zu tappen.
Da ich mir das Leichenschauhaus nicht antun will, fahre ich zurück nach Landau. Leichen sind nicht so meins. Manche Kollegen sagen, dass der Gesichtsausdruck oder die Körperhaltung so viel über den Fall aussagen würden. Ich brauche das nicht. Immerhin hab ich eine Aufklärungsquote von einhundert Prozent. Und das, obwohl ich die Opfer nie gesehen habe, also zumindest nicht nach ihrem Ableben. So soll es auch bleiben.
Als ich zurück in unser Büro komme, telefonieren alle. Laura auf Französisch, Timo auf Deutsch. Logischerweise versuche ich Timos Gespräch zu folgen.
„Wird erledigt“, sagt er. „Ja, selbstverständlich werden wir alle Presseanfragen an Sie verweisen. Natürlich überprüfen wir stündlich unseren Maileingang, um Ihre Memos sofort umzusetzen. Ja, Herr Heuler, mir ist es eine außerordentliche Ehre, unter Ihren fähigen Händen arbeiten zu dürfen. Auf Wiederhören.“
Mit „du alte Schleimbacke“ mache ich mich bei Timo sicher nicht gerade beliebt, aber ich konnte eben nicht anders.
Jetzt setzt auch Timo an: „Hör mal zu, Dieter. Wenn du dich weiter so mit dem Heuler anlegst, musst du damit rechnen, dass er dich austauschen wird. Dann will ich gerüstet sein. Ich brauche den Job hier. Außerdem rechne ich mir eben Chancen aus, deine Position zu übernehmen, wenn du es dir komplett verschissen hast.“
So, das hat gesessen. Schlagartig wird mir klar, dass ich den Fall lösen sollte, um meinem Vorgesetzten und meinem Kollegen die Grundlage für irgendwelche Intrigen zu entziehen. Nur, wie soll das gehen? Auf der Tafel stehen nach wie vor nur zwei Namen und ich habe keinerlei Anhaltspunkte. Ich muss dringend nachdenken. Aber umso mehr ich mir das Hirn zermartere, umso weniger kommt dabei raus. Vielleicht wäre es ja auch das Beste, wenn Timo die Abteilung leiten würde. Gut, er ist noch sehr jung, aber immer motiviert und zuverlässig. Alles Dinge, die man von mir nicht gerade behaupten kann. Polizist bin ich eigentlich nur geworden, weil mir ein Sandkastenfreund immer davon vorgeschwärmt hat. Dementsprechend oft haben wir damals Räuber und Gendarm gespielt. Das war ja auch cool, so im Wald herumzurennen und den anderen zu jagen. Schnell musste ich aber feststellen, dass man in dem Job die meiste Zeit am Schreibtisch verbringt. Endlos Berichte tippen und so ein Scheiß. Dann wurde in Landau die Arbeitsgruppe Kapitalverbrechen gegründet. Das war meine Chance, aus den grünen Klamotten herauszukommen und einen coolen Dienstwagen zu fahren. Zudem hab ich noch zwei Mitarbeiter bekommen, die die ungeliebten Sachen übernehmen, wie den Schreibkram eben. Was ich dabei allerdings vergessen hatte, war, dass ich weder Leichen noch Blut sehen kann, ohne dass es mir elend wird.
Ich glaube, ich sollte erst mal wieder mit Timo Frieden schließen. Ich meine, dass es sehr unproduktiv wäre, wenn wir nun auch im Team gegen- anstatt miteinander ermittelten.
„Komm, Timo, lass uns reden“, winke ich deshalb mit der weißen Flagge.
Gemeinsam gehen wir nach draußen und ich ziehe am Automaten noch zwei Kaffee. Unten auf der Terrasse setzen wir uns an einen kleinen Tisch, auf dem ein Aschenbecher überquillt.
„Sorry, Timo“, beginne ich das Gespräch, „das alles ist jetzt ein wenig blöd gelaufen. Meine Familie ist nicht gerade begeistert, dass ich den Urlaub abgebrochen habe. Das kannst du dir ja denken. Und ganz ehrlich, der Heuler geht mir so was von auf die Nerven, dass ich schon mit Widerwillen zur Arbeit komme. Das wird mir einfach alles zu viel. Vielleicht hast du recht und unsere Arbeitsgruppe wäre besser in deinen Händen.“
„Komm, Dieter, auch du weißt, dass ich große Stücke auf dich halte.“ Will er sich nun auch bei mir einschleimen? „Aber ich will weiter von dir lernen und nicht sehen, wie du in einer Depression versinkst. Komm, geh doch wieder joggen, das hat dir immer geholfen. Bekomme deinen Kopf in den Griff, dann knacken wir auch den Fall.“
Nun glaub ich doch, dass er es ehrlich meint und nicht nur schleimen will. So gehen wir wieder nach oben und nehmen erneut am Besprechungstisch Platz.
Zuerst berichte ich von meinem Besuch bei Klaus Reuter. Viel Interessantes habe ich ja nicht zu erzählen. Laura hat halb Südfrankreich angerufen. Anscheinend hat Charles van de House seine Wohnung nur als Unterstellort für seine Habseligkeiten genutzt und äußerst selten dort übernachtet. Selbst direkte Nachbarn können ihn nur vage beschreiben. Was sie allerdings beschrieben haben, würde zu der Wasserleiche passen, die Laura gestern gesehen hat.
Timo hat auch nicht viel im Internet gefunden. Eigentlich nur, dass van de House ein in Frankreich nicht gerade geläufiger Name ist, während es in Holland Tausende Einträge gibt. Ich hoffe, dass das Meldeamt von Toulon uns bald das Meldeblatt zukommen lässt, damit wir endlich mal irgendwo anfangen können.
„Gibt es das denn“, lass ich nun meinen Frust heraus, „können wir denn nichts tun als warten?“
Und so ist es. Genau so ist es. Warten, dass etwas von Frankreich kommt. Warten, bis der Obduktionsbericht kommt. Warten, bis jemand eine Vermisstenanzeige aufgibt und unser Opfer identifiziert. Warten auf den Bericht der Spurensicherung. Es ist einfach zum Mäusemelken. Da es eh schon auf siebzehn Uhr zugeht, beschließen wir, Feierabend zu machen und uns zum Ausgleich morgen eine halbe Stunde früher zu treffen. Laura erklärt sich noch spontan dazu bereit, mich nach Hause zu fahren, damit ich den ungeliebten Kadett loswerde und wieder in meinem Mini herumdüsen kann.
Zu Hause angekommen, nehme ich mir Timos Rat zu Herzen und krame meine Laufsachen hervor.
Wie ich so losjogge, muss ich schon sagen, dass mein Kollege absolut recht hatte. Bei so einer sportlichen Betätigung ändert sich schlagartig das Stimmungsbild. Inzwischen stehen schon zweihundertfünf Meter auf meiner Fitness-App und ich habe das Gefühl, Berge versetzen zu können. Bei dreihundertzwanzig Metern öffnen sich die Poren und bei dreihundertfünfundfünfzig Metern bade ich im eigenen Schweiß. Bei dreihundertneunzig Metern passiere ich endlich das Ortsschild und bereue, mich auf die Körperertüchtigung eingelassen zu haben. Schlagartig drossele ich die Geschwindigkeit um zwei Drittel mit dem Vorsatz, wenigstens das Stück Radweg, das an der B48 entlangführt, im Laufschritt zu schaffen.
Ich schaffe es. Auch wenn ich dabei sicher wie ein Gehbehinderter auf der Flucht ausgesehen habe. Zwischendurch hat auch mal ein Autofahrer gehupt. Warum weiß ich nicht. Der Schweiß lässt meine Augen dermaßen brennen und tränen, dass ich im Blindflug dem heiß ersehnten Vollochweg entgegentaumle. Das Hupen war sicher nur der Gruß eines Bekannten, könnte aber auch eine Warnung gewesen sein, weil ich nichts sehend den Radweg verlassen habe und der Fahrbahn gefährlich nahe gekommen bin. Wieder so eine Sache, die ich nie erfahren werde.
Jetzt stehe ich am Anfang des Vollochwegs und habe eine ausgeprägte Schnappatmung. Anstatt meiner Beine fühle ich nur ein Brennen. Das Höllenfeuer fühlt sich sicher identisch an. Ein Wunder, dass sie mich noch tragen, meine Beine. Dabei war ich noch vor nur einem Jahr topfit. Urplötzlich ist alles aus dem Ruder gelaufen. Ganz schnell war der Spaß am Laufen einfach weg. In der gleichen Zeit haben Axel und Stan die Dashwings verlassen. Ja, die Deutschrockband, in der ich die Leadgitarre gespielt habe, war somit auch Geschichte. Wie ich so am Anliegerfreischild lehne, hab ich schon das Gefühl, dass es schwarze Katzen von links auf mich herabregnet.
Glücklicherweise geht der Nachhauseweg bergab, was dazu führt, dass ich ihn im Trab bewältige. Meine App interessiert mich schon längst nicht mehr. Als ich in unsere Straße einbiege, sehe ich mitten auf der Fahrbahn meinen Nachbarn stehen.
Der Reiner ist ja schon ein seltsamer Kauz. Ich würde wetten, dass er ursprünglich Rainer hieß, sich aber, wegen einer aus seiner Sicht genialen Geschäftsidee, den Vornamen auf Reiner umschreiben ließ. So vertreibt er nun sehr fragwürdige Produkte von Reiner Buttermilch.
Da steht er nun, der Nachbar, und grinst und winkt mich zu ihm her. Wer kann da schon Nein sagen. Ich könnte schon, doch das gute Benehmen verbietet es mir. So kommt es, dass ich trotz meines erbärmlichen Zustands bei ihm stehen bleibe.
„Hey, Dieter, ich muss dir unbedingt von meiner neuen Geschäftsidee erzählen“, sprudelt es aus ihm heraus und das ohne Begrüßung. Bin mal gespannt, was nun kommt. Sicher macht er nun Pudding aus Kuhdung oder so. Seine Buttermilch holt er auch als Abfallprodukt aus einer Butterfabrik und das mit einem alten Güllefass. Wenn man das sieht, vergeht einem die Lust auf Bio. Wobei erwähnt werden muss, dass er menschlich echt okay ist, der Reiner. Als letztes Jahr unser Haus brannte, hat er meine Musikinstrumente aus dem Keller vor einem Wasserschaden gerettet, während meine Familie und ich mit Rauchvergiftung im Krankenhaus verweilten.
„Wir haben jetzt auch Gästezimmer mit Wellness-Kur“, erzählt er voller Stolz. „Schönheit von innen mit Reiner Buttermilch.“
Hab ich es mir doch gedacht. Seine Ideen werden immer abstruser.
„Toll. Hast du das Gewerbe denn schon beim Fremdenverkehrsamt angemeldet?“, sag ich, weil mir gerade nichts anderes einfällt.
„Woher denn. Ich melde doch nichts an. Das spart Steuern, weißt du?“
Ja, das weiß ich. Aber dass ich nun offizieller Mitwisser bin, stört mich ungemein. „Steuerhinterziehung nennt man das!“, warne ich ihn.
Doch er sagt trocken und allen Ernstes: „Nicht meine, deine!“ Hä? „Schau doch, da der Staat nichts von meinem landwirtschaftlichen Betrieb weiß, braucht er mich auch nicht zu subventionieren. Das spart Steuern.“
Nun sag ich nichts mehr, weil mir einfach nichts mehr einfällt.
Dafür ist mein Nachbar umso gesprächiger: „Heute ist auch schon unser erster Kurgast eingetroffen. Ich kann dir sagen, ein ganz heißes Gerät! Eine Dame der besseren Gesellschaft von Frankfurt. Irgendeine Kaufhauserbin. Schau doch nur mal zur Wäscheleine! Solche Teile sollte sich Kordula auch mal zulegen. Dann wäre mal wieder was los auf der heimatlichen Pritsche, wenn du verstehst, was ich damit sagen will.“
Und ob ich verstehe. Sofort verbiete ich meinem Gehirn, die dazugehörenden Bilder zu liefern. Es verweigert mir den Gehorsam. Nun bin ich nicht nur deprimiert, jetzt ist mir auch noch übel.
Durch den Blick zur Wäscheleine wird dieses Gefühl noch verstärkt, was nicht an den schwarzen Teilen aus Spitze und Nylon liegt, die dort hängen, sondern an den selbst gehäkelten Schafswolleunterhosen, die Kordula gehören und gleich daneben hängen. Reiners Lebensgefährtin ist eben der Inbegriff von Öko.
Ohne ein weiteres Wort gehe ich nun nach Hause. Ob zum Kotzen oder zum Duschen, weiß ich noch nicht. Das entscheide ich dann spontan.
Papa. Mein Gebet richtet sich an meinen geliebten Papa. Lieber Papa im Himmel, der mich immer beschützt hat, mich großgezogen hat nach Mutters Tod. Der für mich gesorgt hat. Dann im Kampf für ein freies Land gefallen ist. Papa, ich habe die Ukraine verlassen. Anstatt für die Freiheit zu sterben, bin ich in die Freiheit geflüchtet. Ich weiß, dass du es sicher als feige empfindest, einfach bei Nacht und Nebel abzuhauen, um dann illegal in einem fremden Land zu sein. Aber mir ist es das wert. Keine Schüsse. Keine Leichen auf offener Straße. Kein Rauch in der Luft und keine Einschlagkrater.
Das ist es mir wert, mich zu verstecken. Ich wurde aufgenommen und kann ein wenig arbeiten. Und lerne Sprachen. In jeder freien Minute lerne ich. So kann ich schon etwas Deutsch, Englisch und Französisch. Das sei wichtig, wenn ich dann mal voll arbeite, wurde mir gesagt.
Außerdem gibt es einen Mann. Er hat mich auf der Flucht gefunden und über die Grenzen gebracht. Er ist anders als die anderen. Er ist einzigartig und trotzdem wie du, Papa. Ich liebe ihn und er liebt mich. Ich weiß das. Er ist der Mann meines Lebens. Endlich weiß ich, warum ich lebe. Endlich weiß ich, für wen ich lebe.
In Liebe, deine Veroschka.
Dienstag
Der Weg zur Arbeit macht heute deutlich mehr Freude, was daran liegt, dass ich nach den Tagen im Wohnmobil und in dem alten Streifenkadett endlich wieder in meinem Mini sitze. Das Teil ist schon der Hammer. Der ist es doch wert, meinen ungeliebten Job zu machen. Das Fahren macht mir so viel Freude, dass ich nun einen Umweg über Annweiler in Kauf nehme, um eines meiner Lieblingsteile der B48, die Ebersbach, zu fahren. Und das gleich dreimal, zweimal runter und dazwischen einmal hoch.
So kommt’s, dass ich als Letzter im Büro erscheine. Laura und Timo sitzen schon fleißig an ihren Bildschirmen.
„Moin, Dieter“, begrüßen mich die beiden und Laura fügt hinzu: „Heut ist richtig was zu tun. Es gibt E-Mails aus Frankreich, von der Gerichtsmedizin und von der Spurensicherung.“
Obwohl ich es hasse, am Schreibtisch zu sitzen, fahre ich meinen Rechner hoch und hoffe darauf, den alles entscheidenden Hinweis in den Schriftstücken zu finden.
Meine erste Mail bremst gleich wieder meinen Enthusiasmus. Klar, jedes Wort ist französisch. Zum Glück hab ich ja Laura und durch ihre Hilfe erfahre ich dann, dass unser mutmaßliches Opfer am 07.04.1986 in Venlo, Holland geboren wurde. Mutter Charlotte van de House, geborene Bouchet, französische Staatsbürgerin, verstorben 2002. Vater Jan van de House, verstorben 1989. Da werden uns die Eltern wohl nicht mehr bei der Identifizierung helfen können. Ich beauftrage Lara damit, in Holland zu recherchieren, ob es irgendwo Verwandte gibt, die uns wenigstens bei der Identifizierung helfen können.
Als Nächstes nehme ich mir den Obduktionsbericht vor. Widerwillig schaue ich mir die Fotos vom Leichnam an. Man muss zugestehen, es war ein junger, gut aussehender Bursche, langes, blondes Haar, braun gebrannte Haut. Einzig der ungepflegte Bart passt nicht so zu seinem Gesicht. Sieht eigentlich gar nicht nach Bart aus, eher als würde der Träger eben nur alle paar Monate dazu kommen, sich zu rasieren. Das alles passt ja prima zu meiner Globetrotter-Theorie.
Wieso wird so ein Weltenbummler ausgerechnet in meinem Gebiet ermordet? Zum Mäusemelken ist das.
Auf der nächsten Seite ist dann eine Großaufnahme seines Halses zu sehen, auf dem deutlich ein Hämatom zu erkennen ist, ein Knutschfleck, um es beim Namen zu nennen. Auf den nächsten Seiten ist detailliert sein Intimbereich abgelichtet. Bilder, die ich im Normalfall schnell überblättern würde, wenn da nicht die ganzen Blutergüsse wären, zudem jede Menge Verletzungen und Risse in der Haut. Entweder hat der Mann an einem absolut bizarren Liebesspiel teilgenommen oder es wollte ihm jemand im wahrsten Sinne des Wortes die Eier herausreißen.
Nun lese ich doch gespannt den Text. Im Großen und Ganzen werden meine Eindrücke von den Bildern darin bestätigt. Durch UV-Strahlung gebräunt, Hämatom am Hals durch Saugeinwirkung, Genitalverletzung durch Zugeinwirkung einer Hand. Jetzt wird es aber interessant. In seiner Harnröhre befanden sich noch Spermarückstände. Auch der Hormoncocktail in seinem Blut hat es in sich. Zum einen das Übliche, was jemand im Blut hat, wenn man so dem sicheren Tod entgegenrast, also Adrenalin und so, zum anderen hatte er aber auch Testosteron und Östrogen im Blut und das in hohem Maße, alles eindeutige Anzeichen dafür, dass er noch kurz vor seinem Tod sehr erregenden Verkehr hatte. DNA-Spuren im Intimbereich zeigen an, dass es sich um eine Sexpartnerin gehandelt hat.
Eine Frau kommt wiederum für die Verletzungen kaum infrage. Die Größe der Hand und die Kraft, mit der sie zugefügt wurden, deuten eindeutig auf einen Mann.
Was suchen wir nun? Eine Frau mit dem Oberkörper und den Händen von Arnold Schwarzenegger oder doch einen Mann nach Geschlechtsumwandlung? Sind es am Ende zwei verschiedene Personen? Wenn dem so ist, sind sie dann unabhängig voneinander oder arbeiten sie zusammen? Fragen über Fragen. Mir platzt gleich der Schädel. Am liebsten würde ich Urlaub beantragen.
Jetzt nehme ich mir den Bericht von meinem Freund Martin Schneider zur Brust. Er hat eigentlich zwei Berichte angefertigt, den vom Tatort und den vom Fahrzeug.
Am Tatort war nicht viel zu finden, ein paar Fasern, eine Motorrollerspur, die aber nicht mit dem Fall zusammenhängen muss, und Fußspuren am Startpunkt des Fahrzeugs. Die sind interessant. Einmal Frauenschuhe Größe 37, vermutlich Ballerinas, viele Spuren von unserem Opfer, aber auch welche von Herrensportschuhen, die wesentlich größer sind als die des Opfers. Also handelt es sich tatsächlich um zwei weitere Personen.
Reichlich Urinspuren an einem benachbarten Baum, die vom Opfer stammen, weisen darauf hin, dass er sich dort am See etwas häuslich eingerichtet hatte. Inklusive Freilufttoilette. Luxus pur!
Die Inventarliste des Autos beinhaltet mehr Positionen als die meines Wohnmobils. Wieder ein deutliches Anzeichen für ein Globetrotter-Dasein. Wird uns das weiterbringen? Fehlanzeige! Da wird meine Stimmung auch nicht besser.
Nun rufe ich erst mal den Förster an, weil ich wissen will, ob er den Panda schon mal gesehen hat, was er bejaht, allerdings nicht in den letzten beiden Tagen, an denen er auch nicht am See war. Nein, das war etwa vor einem Vierteljahr, als ihm der Panda mit französischer Nummer schon einmal aufgefallen war.
Aha. Dann muss doch ein Bezug zu unserem Landkreis da gewesen sein. Ich glaube ja nicht, dass er sich nur wegen der Schönheit des Sees des Öfteren zu uns verlaufen hat.
Ich bedanke mich bei Phillip Hubertus und in mir keimt endlich etwas Hoffnung. Wenn es uns gelingt, herauszufinden, was Charles wiederholt hierhergelockt hat, dann haben wir endlich eine Spur. Nun beauftrage ich Timo, sich mit dem am See ansässigen Angelverein und dem Sportverein in Verbindung zu setzen. Irgendwer muss doch den Panda und seinen Insassen gesehen haben.
Sofort setzt sich mein Kollege an seinen Monitor und sucht nach Vorstandsmitgliedern und Telefonnummern.
Zur gleichen Zeit unterbricht Laura ein Telefonat auf Niederländisch, um „Bingo“ auszurufen. Sofort eile ich zur ihr rüber.
Nachdem sie aufgelegt hat, berichtet sie: „Die Großmutter väterlicherseits lebt nach einem Schlaganfall in einem Pflegeheim in Venlo und ist linksseitig gelähmt, aber bei klarem Verstand. Sie kann unser Opfer also identifizieren.“
Richtig! Bingo!
Nach der Hoffnung entwickelt sich sogar so etwas wie Dynamik. Nun ruft auch der Dritte im Bunde „Bingo“.
„Was gibt es, Timo?“, will ich sofort wissen.
„Ich habe den Vorstand des Angelvereins am Telefon“, klärt er uns auf, „und ihm seien der Wagen und sein Insasse nicht unbekannt.“
„Her mit dem Mann“, nun werde ich sogar etwas euphorisch, „ich brauch ihn umgehend hier.“
Timo regelt das direkt und kann den Mann dazu überreden, dass er sich im Laufe der nächsten Stunde hier einfindet.
Nach so vielen guten Nachrichten muss ja doch was Blödes passieren. Etwas, das den in mir aufkommenden Tatendrang wieder bremst. Aber er wird nicht gebremst. Nein, nicht gebremst. Er wird zunichtegemacht, denn es klingelt. Ganz unschuldig ist’s, das Klingeln. Das Display meines Diensttelefons auf meinem Schreibtisch zeigt ein freundliches, neutrales „Nummer unbekannt“.
„Kripo Neustadt an der Weinstraße in Landau, Schlempert!“, sag ich. Keine Ahnung, ob das einen Sinn ergibt. Ist mir auch völlig egal.
„Klappt doch schon viel besser“, vernehme ich meinen Chef aus dem Hörer. „Wir werden das nun noch einmal üben. Tun Sie doch einmal, als würden Sie mich anrufen.“
„Herr Heuler, ich bitte Sie. Wir haben hier einen Arsch voll Arbeit. Da bleibt keine Zeit für Rollenspiele.“
„Papperlapapp“, kommt da von ihm, „da müssen Prioritäten gesetzt werden. Wenn die Basis stimmt, dann lernen wir den Rest. Los, tun Sie, als würden Sie anrufen.“
Einen Moment denke ich daran, einfach aufzulegen, um dann die Leitung zu blockieren. Doch ich muss an Timos Worte denken. Gut, spiele ich eben mit. „Palim palim“, trällere ich in den Hörer.
„Kripo Neustadt an der Weinstraße, Kommissariatsleiter Rüdiger Heuler, Ehrendoktor GGB, einen wunderschönen guten Tag wünsche ich Ihnen, was darf ich für Sie tun?“, meint er allen Ernstes.
Und überhaupt? Was ist ein Ehrendoktor GGB? Bei seiner Intelligenz kann es nur Gegen GeBühr heißen.
Ich antworte dann mal ganz zuckersüß: „Das haben Sie aber schön gesagt. Ich werde es mir zum Beispiel nehmen. Was darf ich denn für Sie tun?“
„Tja, Herr Schlempert, da ich von Ihrer Abteilung erwartungsgemäß noch keinen Bericht erhalten habe, bin ich nun gezwungen, mich selbst um den Informationsfluss zu kümmern.“
Was werfe ich ihm denn nun vor die Füße? Den Mailverkehr hat er selbst auf dem Schirm. Damit kann ich schon mal keinen Eindruck schinden. Ich hab’s: „Wir haben die Großmutter des mutmaßlichen Opfers gefunden und auch noch einen Zeugen ausfindig gemacht, der ihn sogar lebend am See gesehen hat. Der Zeuge wird in den nächsten Minuten hier in der Wache vorstellig werden.“
„Ja prima“, ist der Heuler nun von unserer Arbeit begeistert. „Sofort in die Gerichtsmedizin mit dem Mann.“
„Mit dem Zeugen?“, frage ich verwundert. „Was soll er denn dort?“
„Ja, Schlempert, machen Sie Ihren Job zum ersten Mal? Identifizieren soll er den Toten. Identifizieren, wissen Sie, was das ist?“
Klar weiß ich das. „Und was bitte schön soll er identifizieren? Dass der Tote sich am See aufgehalten hat? Das wissen wir schon. Nur zur Identität wird er uns wohl keine rechtlich verwertbare Aussage machen können. Er hat ihn ja nur gesehen und ist nicht mit ihm aufgewachsen.“
„Gut“, sagt mein Chef dann unverdrossen, „dann schaffen Sie eben die Großmutter bei.“
So langsam kommt er auf die richtige Fährte, doch leider muss ich ihn wieder enttäuschen: „Geht leider nicht. Sie lebt im Heim und ist ein Pflegefall.“
„Ja, haben Sie denn auch einmal eine eigene Idee?“, wird er nun aufbrausend. „Dann müssen Sie eben hinfahren. Mein Gott, Schlempert, ist das denn so schwer?“
Schwer ist das nicht, aber ich hab absolut keine Lust, einen ganzen Tag im Auto zu sitzen, um eine Omi zu besuchen, die ich nicht einmal kenne. „Nein, da mailen wir ein paar Fotos zu den Kollegen in Venlo“, sag ich deshalb, „dann können die das machen.“
„Das kommt überhaupt nicht infrage“, überschlägt sich Heulers Stimme, „dass die am Ende noch die Lorbeeren einheimsen? Das machen schön Sie! Sie persönlich.“
„Aber hier wäre ich doch nützlicher.“
„Hören Sie, das ist doch eine Kleinigkeit für Sie. Sie fahren da morgen hin. Die paar hundert Kilometer sitzen Sie doch auf einer Pobacke ab. Ist doch nur eine Fahrzeit von gut drei Stunden.“
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