Kitabı oku: «Jenseits der Zeit - Historischer Mystery-Thriller»
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Jenseits der Zeit
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Impressum neobooks
Jenseits der Zeit
Von Michael Vahlenkamp
Buchbeschreibung:
Editha zieht nach Oldenburg, der Stadt ihrer Vorfahren. Kurz nach ihrer Ankunft wird sie von Visionen heimgesucht, in denen sie eine mentale Verbindung mit Jacob erlebt, ihrem Ahn aus dem 18. Jahrhundert. Gemeinsam entlarven sie einen Serienmörder und kämpfen gegen ein Unrecht, das ihrer Familie zugefügt wurde und aus dem sich sogar eine Bedrohung für die gesamte Menschheit entwickeln könnte ...
Die Geschichte spielt in zwei Epochen, die erzählerisch gekonnt miteinander verwoben sind.
Über den Autor:
Michael Vahlenkamp, Jahrgang 1967, ist in Oldenburg geboren und aufgewachsen. Nach Schule und Ausbildung hat er Maschinenbau studiert und arbeitet bis heute als selbstständiger Technischer Redakteur. In seiner Freizeit schreibt er Geschichten, woraus vor einigen Jahren bereits sein erster Roman "Blutfieber" hervorgegangen ist und nun mit "Jenseits der Zeit" sein zweites Buch veröffentlicht wurde.
Jenseits der Zeit
Historischer Mystery-Thriller
Von Michael Vahlenkamp
Michael Vahlenkamp
Bürgerbuschweg 192a
26127 Oldenburg
michael.vahlenkamp@gmx.de
michaelvahlenkamp.de
1. Auflage, 2020
© 7. November Michael Vahlenkamp – alle Rechte vorbehalten.
Michael Vahlenkamp
Bürgerbuschweg 192a
26127 Oldenburg
tredition (Hamburg)
michael.vahlenkamp@gmx.de
michaelvahlenkamp.de
Morgen
Und dann wurde es schlagartig dunkel.
Von einer Sekunde auf die nächste wich der strahlende Sonnenschein des Vormittags einer dunklen Nacht, gerade so, als wäre das Licht ausgeknipst worden.
Zugleich verstummten die Geräusche. Das Menschengeplapper, das Kinderlachen, der Autolärm von der nahen Straße, nichts davon war noch zu hören.
Auch die Leute waren verschwunden. Dort, wo sich gerade noch Passanten in der Fußgängerzone aneinander vorbei drängten, sah sie keine Menschenseele mehr, soweit ihre Augen die Dunkelheit durchdringen konnten.
Doch das Schlimmste bemerkte sie erst jetzt: Timo war nicht mehr an ihrer Hand. Wo war ihr Sohn geblieben? Sie hatte ihn doch festgehalten, um ihn in der Menge nicht zu verlieren.
Was passierte hier mit ihnen?
Panik befiel sie. Ihr Herzschlag wollte sich beschleunigen – doch er tat es nicht. Sie musste stehen bleiben, vor Angst erstarren – doch sie konnte es nicht. Sie ging weiter, gegen ihren Willen. Und dazu noch in eine andere Richtung als gerade noch. Wie war das möglich?
Durch Pfützen bewegte sie sich auf den Lappan zu. Sein Glockenturm zeichnete sich wie ein Scherenschnitt vor dem Nachthimmel ab. Trotz der Dunkelheit konnte sie erkennen, dass er anders aussah als vor wenigen Sekunden, auch wenn sie nicht wusste, was sich genau unterschied.
Inzwischen war sie ohne ihr Dazutun einen weiteren Schritt gegangen. Das musste ein Traum sein, ein Albtraum. Aber solch einen Traum hatte sie noch nie gehabt. Normalerweise waren ihre Träume irgendwie diffus, dieser hier dagegen war völlig klar, real wie das wirkliche Leben. Dennoch musste es ein Traum sein. Denn was sollte es sonst sein?
Dieser Gedanke beruhigte sie, denn in einem Traum konnten Timo und ihr nichts passieren. Die Angst ließ nach und als hätte diese es vorher blockiert, nahm Editha jäh ein zweites Bewusstsein wahr. Wie eine Seele, die nicht in ihren Körper gehörte. Sie empfand eine Verärgerung, die nicht ihre eigene war, fühlte eine Verunsicherung, die nicht zu ihr gehörte. Sie hatte fremde Gedanken, die durch ihren Kopf kreisten. Und sie spürte Schmerzen, überall am Körper, als wäre sie arg gestürzt oder geschlagen worden.
Dann hatte sie für solcherlei Betrachtungen keine Gelegenheit mehr, weil sich im nächsten Moment die Ereignisse überstürzten. Denn eine Gestalt kam aus der Seitengasse rechts vor dem Lappan herausgeschossen und stürmte auf sie zu. Sie erschrak sich wieder, und sie spürte, dass das andere Bewusstsein es ebenfalls tat, stärker noch als sie.
Gerne hätte sie eine Verteidigungshaltung eingenommen und so ihren Angreifer erwartet. Doch da ihr Körper ihrem Willen nicht gehorchte, musste sie nun ertragen, wie ihre Knie weich wurden und zitterten. Sie wich zurück, stolperte über ihre eigenen Füße und plumpste rücklings auf ihren Hintern, dass es nur so schmerzte. Der Angreifer hatte damit nicht gerechnet und war schon so nahe, dass er in der Dunkelheit ebenfalls über ihre Füße stolperte und auf die Straße fiel, die Hände voraus. Aber das wusste sie schon und auch, was nun weiter passieren würde. Denn mittlerweile hatte sie gemerkt, dass dieser Traum die Geschehnisse wiedergab, von denen sie vor kurzer Zeit erst gelesen hatte.
Derjenige, der ihren Körper lenkte, nutzte den Moment, in dem der Angreifer außer Gefecht war, und rappelte sie auf. Er rutschte mit ihr im Schlamm einer Pfütze aus und fing sie sofort wieder. Er lief mit ihr, von seiner Angst getrieben, mit einer irrsinnigen Geschwindigkeit weiter in die Richtung, in die er auch vorher mit ihr unterwegs war. Ihr kam es viel zu schnell und unbeholfen vor. Sie fühlte sich gnadenlos ausgeliefert.
Ihr Angreifer musste sofort reagiert haben. Er folgte ihr auf dichtem Fuße, wie sie an den Schritten hören konnte. Sie brachte ihre ganze Willenskraft auf, um anzuhalten und sich umzudrehen. Sie wollte nicht weglaufen, sondern kämpfen, aber sie hatte keine Chance: Ihr Körper gehorchte ihr weiterhin nicht.
Doch dann entfernten sich die Schritte hinter ihr auf einmal, und Editha erkannte, woran das lag. Sie näherten sich einem Tor. Links und rechts davon befanden sich je zwei Steinpfeiler mit kleineren Gittertoren dazwischen. Vor dem Haupttor standen zwei Männer. Sie waren in schwarze Umhänge gekleidet und trugen jeder einen Dreispitz auf dem Kopf. Beide hatten ein Signalhorn umgehängt und hielten eine lange Waffe mit einer Klinge am Ende in der Hand. Editha glaubte, dass es Hellebarden waren. Die Männer sahen aus, wie Wachleute in früheren Zeiten ausgesehen haben mussten. Sie kam sich vor, wie in einem Film, der vor ein paar hundert Jahren spielte.
Als sie sich weiter näherte, richteten sich die Wachen zu ihrer vollen Größe auf und nahmen ihre Hellebarden in beide Hände. Sie riefen etwas, das zwar wie Deutsch klang, aber doch irgendwie ungewohnt. Der Fremde in ihrem Körper stoppte ihren Lauf. Er antwortete in der gleichen Sprache, aber nicht mit ihrer Stimme, sondern mit einer Männerstimme.
In dem Moment wurde ihr klar, dass nicht in ihrem Körper ein fremdes Bewusstsein war.
Sie war die Fremde.
Heute
Diese verflixten Rechnungen!
Als Editha in ihr frisch geerbtes Haus eingezogen war, hatte sie geglaubt, sie wüsste, was auf sie zukommen würde. Schließlich hatte sie in ihrer Studienzeit zusammen mit den beiden Mitbewohnern der damaligen Wohngemeinschaft ebenso eine eigene Wohnung unterhalten. Dort hatte sie, neben ihrem Anteil an den Kosten für Telefon, Strom, Heizung und Müll, auch noch ihren Teil der Miete gezahlt. Dieser Posten entfiel dank der schuldenfreien Immobilie immerhin jetzt, aber trotzdem war die Mahagoniplatte von Opas altem Schreibtisch unter den ausgebreiteten Rechnungen und Mahnungen kaum zu sehen.
Sie zog ihre Beine unter ihr Gesäß und erzeugte dabei auf dem Leder des antiken Stuhls ein knarzendes Geräusch. Dem Schreiben der Telefongesellschaft, in dem der Betrag für den Telefon- und Internetanschluss angemahnt wurde, würdigte sie keines Blickes mehr. Sie legte es zu den anderen Papieren, in denen es um Versicherungen, Steuern und diverse Reparaturen ging.
Wie sollte sie das alles bezahlen? Leider hatte Opa ihr kein Geld vermacht, das hatten Papa und Tante Gerda bekommen, was ja nur gerecht war. Sie konnte sich schon nicht erklären, womit sie das Haus verdient hatte. Von den 26 Jahren, die sie auf Erden weilte, hatte sie Opa maximal die ersten 15 Jahre zusammen mit Papa und Mutter dann und wann besucht. Sie konnte sich kaum erinnern, wann sie das letzte Mal von Hamburg nach Oldenburg gekommen war. Und dann hatte sie als Einzige der vier Enkel etwas von dem Kuchen abbekommen. Nur halt keine Barschaften.
Sie schaute sich im Arbeitszimmer um. Die antiken Möbel, die im ganzen Haus herumstanden, würden sicher einiges einbringen, wenn sie die verkaufte. Das hatte sie schon erwogen, brachte es aber nicht übers Herz. Es wäre ihr wie Verrat vorgekommen. Opa hatte ihr das alles anvertraut, warum auch immer, dann konnte sie das doch nicht einfach verkaufen.
Wenn sie sich also nicht auf Prostitution einlassen oder einen reichen Mann heiraten wollte, um Geld zu beschaffen - beides schloss sie aus - oder sich von Papa etwas leihen wollte - das schloss sie noch mehr aus - musste sie sich auf die Dinge besinnen, die sie konnte. Ihr Beruf als Journalistin brachte ihr allerdings zurzeit noch nicht genug ein, geschweige denn ihre Ambitionen als Schriftstellerin. Die Nebenbeschäftigung als Karatetrainerin, die sie überraschend schnell in Oldenburg gefunden hatte, verschaffte ihr allenfalls ein Zubrot.
Gut, dass das Haus so groß war und sich ihr damit die Möglichkeit bot, einen Teil davon zu vermieten. Zu dumm nur, dass sich das alles so lange hinzog, bis sie die erste Miete kassieren konnte. Das Wohnungsangebot war am nächsten Tag in der Nordwest-Zeitung, im Samstagsteil. Und die Renovierungsarbeiten hatten noch nicht mal begonnen.
»Oh Gott«, sagte sie, als ihr einfiel, dass ihr auch dafür wieder Rechnungen ins Haus flattern würden. Die erste Miete konnte sie wahrscheinlich komplett für diese Dinge aufwenden. Wenn das so weiter ging, hatte sie bald den Gerichtsvollzieher am Hals. Aber noch mussten ihre Gläubiger warten. Sie hoffte, dass sie das auch taten.
Ein Knacken aus dem Babyfone riss sie aus ihren Gedanken. Offenbar hatte Timo ein Geräusch gemacht. Mit seinen drei Jahren schlief ihr Sohn schon längst durch, und das Babyfone war nur zur Sicherheit.
Editha stand auf, raffte das Papier zusammen und legte es in die Schublade, die am meisten Platz bot. Überall waren noch Opas Sachen drin. Mit dem Babyfone in der Hand verließ sie das Arbeitszimmer und begab sich ins obere Stockwerk, wo noch Arbeit auf sie wartete. Bevor die Zimmer oben für die Vermietung renoviert werden konnten, mussten sie leer geräumt werden, und das konnte sie am besten machen, wenn Timo schlief.
Im größten Raum, der am ehesten als Wohnzimmer für den Mieter geeignet war, herrschte das meiste Chaos. Die Sachen, die sie schon aus Schränken und Regalen herausgeholt hatte, waren größtenteils in Kartons verstaut, aber zum Teil lagen sie noch auf dem Fußboden herum. Editha blieb im Türrahmen zwischen dem Zimmer und dem oberen Flur stehen und seufzte bei dem Anblick des Schlachtfeldes. Hier hatte sie sich am Vortag festgearbeitet, weil sie keinen Schritt mehr gehen konnte, ohne irgendwo drauf zu treten, und dann hatte sie die Lust verloren.
Zuerst mussten die Kartons verschwinden, damit sie wieder Platz hatte. Die konnte sie bestimmt auf dem Dachboden verstauen. Sie wandte den Blick zur Flurdecke, in der sich der herunterklappbare Zugang befand. In diesem Teil des Hauses war sie noch nicht gewesen. Dann wurde es ja mal Zeit. Bevor sie gleich einen Karton mitschleppte, war es sinnvoll, sich dort erst umzuschauen.
Nachdem sie Luke und Leiter heruntergeklappt hatte, machte sie sich ans Hochsteigen. Jede einzelne Stufe knarrte unter ihrem Gewicht. Als sie halb durch die Öffnung der Bodenluke gestiegen war, blieb sie auf der Klappleiter stehen, damit sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnen konnten. Es wurde jetzt, Mitte September, schon recht früh dunkel, sodass durch die vereinzelten gläsernen Dachschindeln wenig Licht von außen hereindrang. Aber genug, um zu erkennen, dass der Dachboden sehr groß und mit allerlei Gegenständen vollgestellt war. Rechts vom Aufgang erkannte sie einen Lichtschalter. Sie erklomm die Leiter vollends und schaltete die Beleuchtung ein. Zwei einfache Lampen, die an den Dachbalken befestigt waren, leuchteten auf und spendeten zwar nicht viel aber ausreichend Licht, um sich auf dem Dachboden zu bewegen.
Als Editha sich zur anderen Seite der Bodenluke wandte, wäre sie vor Schreck beinahe zurück in die Öffnung gefallen, denn eine große, schlanke Frau sah ihr mit aufgerissenen Augen und Mund entgegen. Dann musste sie lachen und den verzierten Holzrahmen des antiken Standspiegels bewundern. Welche Schätze hier oben wohl noch unbeachtet herumlagen?
Sie begab sich zu der großen Seite des Dachbodens. Hier war alles vollgestellt, nur in der Mitte befand sich ein schmaler Gang. Dort ging Editha hinein und an den vielen Dingen vorbei. Sie sah noch mehr alte Möbelstücke, die mit weißen Laken überdeckt waren, ausgestopfte Tiere, einige Koffer und Kartons, einen Christbaumständer, Schachteln mit Christbaumkugeln und weitere unzählige Kleinigkeiten. Das übliche Bild eines Dachbodens: Die anfangs vorhanden gewesene Ordnung verlor sich nach und nach durch mehrfaches Umräumen.
Wo konnte sie in diesem Gewühl ihre Kartons unterbringen? Musste sie hier etwa erst aufräumen und die Sperrmüllabfuhr bestellen? Sie ging weiter in den Gang und sah sich suchend um.
Ganz hinten stand eine alte, massive Truhe. Dort konnte sie die Kartons vielleicht draufstellen. Editha bückte sich und pustete einen Teil des Staubes von der Truhe, einen weiteren Teil wischte sie mit der Hand weg. Kunstvolle Holzschnitzereien kamen zum Vorschein. Lächelnd fuhr Editha mit den Fingern daran entlang. Dann befreite sie die Truhe weiter vom Staub und musste dabei mehrmals husten, weil die Luft inzwischen kaum noch atembar war. Mit der Hand vor dem Gesicht wedelnd zog sie sich ein Stück zurück und wartete, bis sich das Gewusel in der Luft wieder einigermaßen gelegt hatte.
Was sich ihr dann offenbarte, erinnerte sie ein wenig an die Schatztruhen, die sie aus Filmen kannte. Rundherum war sie mit Schnitzereien bedeckt, die verschiedene Szenen darstellten. In einer saß ein König auf seinem Thron und zu seinen Füßen knieten seine Untertanen, in einer anderen Szene wurde von zwei Männern Korn gedroschen und eine weitere zeigte, wie Krieger mit Schwertern kämpften. Die Truhe war viel zu schade, um hier zu verstauben, sie gehörte nach unten in die Wohnung.
Editha klappte den eisernen Riegel hoch und öffnete den Deckel. Ein muffiger Geruch schlug ihr entgegen, sodass sie erneut husten musste. Zuoberst lagen in der Truhe Unmengen an Briefumschlägen. Sie nahm ein paar in die Hand: Sie enthielten alle Briefe. Das war vielleicht auch mal interessant, die alten Briefe zu lesen, aber das würde jetzt zu lange dauern. Sie schob die Umschläge beiseite und entdeckte mehrere Bücher, außerdem noch eine Tasche aus Fell, ein Fläschchen mit schwarzem Inhalt, der früher wohl Tinte war, ein kleines Säckchen und eine Feder. Die Bücher sahen sehr alt aus, es waren Klassiker aus dem 18. und 19. Jahrhundert; da sie Sprache und Medien studiert hatte und sich für Literatur interessierte, kannte sie sich ein wenig damit aus. Nur eines der Bücher fiel aus dem Rahmen. Es war ein schlichter, hellbrauner Einband, auf dessen Deckel sich zwei verschnörkelte Buchstaben befanden. Sie war keine Expertin für Schriften, aber scheinbar handelte es sich dabei um ein »J« und ein »R«, in altdeutscher Druckschrift geschrieben. Als sie das Buch aufschlug, war es mit dem Lesen allerdings vorbei, denn im Inneren war es handschriftlich in altdeutscher Schreibschrift beschrieben. Einige der leicht verblassten Buchstaben konnte sie erahnen, aber viel zu wenige, um irgendeinen Zusammenhang erfassen zu können. Was sie erkennen konnte, war, dass jeder Abschnitt chronologisch aufsteigend mit einem Datum des 18. Jahrhunderts versehen war, denn die Zahlen waren lesbar. Ein Tagebuch vielleicht?
Interessant, dachte sie. Damit musste sie sich mal beschäftigen.
Sie klemmte das Buch unter ihren Arm und klappte den Deckel der Truhe wieder zu. Wenn sie die hier wegzog, hatte sie Platz, um dort ein paar Kartons zu stapeln. Sie fasste die Truhe an einen ihrer Griffe, zog sie in den Gang und hinter sich her bis zur Luke.
Jetzt kam der schwierige Teil.
Drei Stunden später ließ sich Editha erschöpft auf das Sofa fallen. Für heute reichte es wirklich. Nachdem sie die Truhe endlich vom Boden herunterbekommen hatte - sie musste sie dazu erst ausräumen - und die schweren Kartons auf den Boden hinauf - gut, dass sie für ihr Karate-Training auch ein wenig mit Gewichten trainierte - hatte sie alle Sachen vom Fußboden und aus den Schränken in weitere Kartons verpackt und diese ebenfalls nach oben gewuchtet. Es grenzte an ein Wunder, dass Timo bei dem Krach, den sie damit gemacht hatte, nicht aufgewacht war. Aber die Anstrengungen hatten sich gelohnt: Der große Raum war fast bereit, renoviert zu werden, nur die Schränke mussten noch abgebaut oder in die Raummitte geschoben werden.
Vor ihr auf dem Tisch lag das Buch, das sie gefunden hatte. Die geprägten Buchstaben glänzten in dem Licht der Stehlampe.
»J. R.«, murmelte sie vor sich hin.
Das waren bestimmt Initialen. Für welchen Namen sie wohl standen?
Sie nahm das Buch vom Tisch und schlug es an verschiedenen Stellen auf, aber es zu lesen, war für sie unmöglich. Auf der ersten Seite befand sich das Datum »17.5.1785«. Sie durchblätterte die Seiten wie ein Daumenkino, um zu sehen, welche Daten folgten. Dabei fiel ihr auf, dass vor dem ersten Viertel ein loses Blatt in dem Buch steckte. Sie zog es heraus. Auch hierauf war ein Datum vermerkt. Es stimmte mit dem Datum überein, das sich auf der Buchseite befand, vor dem das Blatt gesteckt hatte. Unter dem Datum auf dem losen Blatt stand ein längerer, lesbarer Text, denn er war mit Schreibmaschine geschrieben. Sie verglich den Text mit dem im Buch und erkannte, dass es sich um die gleichen Wörter handeln musste. Irgendjemand hatte sich scheinbar die Mühe gemacht, einen Abschnitt des Buches in die moderne Schrift zu übertragen. Warum er sich gerade diesen Abschnitt ausgesucht und nicht vorne angefangen hatte, würde wahrscheinlich das Geheimnis des Verfassers bleiben.
Editha begann zu lesen. Bei dem Text handelte es sich um ein nächtliches Erlebnis eines Mannes, dem am sogenannten Lappan aufgelauert wurde. Eigentlich hatte sie ja erwartet, dass sie einen Tagebucheintrag in der Ich-Form vorfinden würde. Der Text war aber geschrieben wie ein Roman, in der dritten Person. Handelte es sich hierbei nur um eine Geschichte, die im Jahre 1788 spielte?
Von diesem Lappan hatte sie nun schon öfter gehört, seit sie in Oldenburg wohnte. Er schien sowohl Wahrzeichen als auch zentrale Anlaufstelle zu sein. Gleich, als sie aus Hamburg mit dem Zug ankam, fiel er ihr das erste Mal auf, weil scheinbar alle Busse eine Haltestelle »Lappan« hatten. Vielleicht sollte sie sich ihn mal ansehen. Da am folgenden Tag Samstag war, beschloss sie, dann mit Timo einen Bummel durch die Innenstadt zu unternehmen.
Der Bus fuhr auf seine nächste Haltestelle zu, an einigen hübschen Häusern vorbei. Davon hatte das Stadtviertel, in dem ihr Haus lag, wirklich viel zu bieten. Editha sah auf den Stadtplan, damit sie nicht aus den Augen verlor, wo sie entlangfuhren.
»Haarenufer ... Ofener Straße ...«, murmelte sie vor sich hin.
Sie wollte sich die Straßen einprägen. Sich hier in Oldenburg bald auszukennen, konnte nicht so schwierig sein. Von Hamburg war sie da schließlich wesentlich Schlimmeres gewohnt. Oldenburg war vergleichsweise klein und überschaubar.
»Wofür sind die?«
Timo deutete mit seinem winzigen Zeigefinger auf einen der roten mit »STOP« beschrifteten Taster, der an der senkrechten Haltestange vor seinem Sitz angebracht war.
»Wenn man die drückt, weiß der Fahrer, dass man bei der nächsten Haltestelle aussteigen möchte.«
Editha zog die Ärmel von Timos Jacke wieder nach unten. Ständig schoben die sich durch seine Bewegungen von selbst hoch. Eine Fehlanschaffung diese Jacke, dabei war sie ausnahmsweise nicht einmal gebraucht gekauft.
»Warum weiß er das denn, wenn man da drückt?«
Ihr Sohn war gerade in einer Phase, in der er unzählige Fragen hintereinander stellen konnte. Auch, wenn es ja gut war, dass er neugierig war, ging ihr das manchmal ziemlich auf die Nerven.
»Hm, wahrscheinlich leuchtet dann bei ihm ein Lämpchen auf.«
Sie ahnte seine mögliche nächste Frage: »Wieso leuchtet ein Lämpchen auf, wenn man da drückt?« Aber offenbar musste Timo darüber erst mal nachdenken. Er betrachtete weiterhin mit einer beachtlichen Menge an Runzelfalten auf seiner kleinen Stirn den Taster.
Links glitt eine Kirche vorbei und geradeaus fuhren sie auf einen halbrunden Platz zu. Editha warf wieder einen Kontrollblick auf ihren Stadtplan.
»Julius-Mosen-Platz. Sieht ja ganz nett aus«, flüsterte sie.
Sie entdeckte ein Eiscafé, in das sie sich vielleicht mal setzen und das Geschehen beobachten könnte.
Der Bus fuhr links ab und folgte anschließend einer seichten Rechtskurve. Die automatische Frauenstimme erklang betonungslos aus den Lautsprechern und sagte den Lappan als nächste Haltestelle an. Das ging ja schnell. So kurze Fahrten war sie von Hamburg gar nicht gewohnt. Ohne Timo wäre sie das kleine Stück zu Fuß gegangen. Zusammen hätten sie das Fahrrad nehmen können. Aber so hatte sie zugleich das Busfahren in ihrer neuen Heimat kennengelernt.
»Jetzt kannst du den Knopf mal drücken«, sagte sie zu ihrem Sohn, der sich gleich danach reckte. Bevor er ihn erreichte, erklang ein Gong, und die Anzeigetafel zeigte »Wagen hält« und »Lappan« an. Timo, der davon nichts mitbekommen hatte, streckte sich noch ein Stück, drückte die Stopptaste und ließ sich zufrieden lächelnd wieder in den Sitz plumpsen. Editha lächelte zurück.
Ruppig bremste der Fahrer an der Haltestelle den Bus ab und die Türen öffneten sich mit einem Zischen. Die meisten Fahrgäste drängten zusammen mit Editha und Timo zum Ausgang. Dieses Gewühl war genauso wie in Hamburg. Erst als sich der Menschenstrom in die Breite verteilte, stellte sie fest, dass sie sich auf einem großen Platz befanden.
Das war also die viel genannte Haltestelle Lappan. Sie gingen ein paar Schritte, bis sie in der Mitte des Platzes ankamen. Hier standen sie direkt vor der Fußgängerzone der Innenstadt in einer Ecke einer großen Straßenkreuzung. Auf der anderen Straßenseite konnte sie das Gebäude einer Versicherung und weitere Geschäftsgebäude erkennen. Von einem Komplex die Straße weiter runter wusste sie, dass es ein Museum war. Sie drehte sich um und sah vor sich eine schmale Gasse, die schon zur Fußgängerzone gehörte, wie sie am Schild erkannte. Rechts der Gasse stand ein altes, weißes Haus, in dem sich eine Gaststätte befand.
»Krieg ich ein Eis?«
Timo zog an ihrem Arm.
»Wenn wir an einem Eisladen vorbei kommen, kannst du eine Kugel kriegen, okay?« Sein Gesicht strahlte und er zerrte stärker, damit sie sich beeilte. »Aber vorher musst du Mama in Ruhe gucken lassen.«
Schon wieder die kleine Runzelstirn. Kaum zu glauben, dass man mit drei Jahren so viele Falten aufbringen konnte.
»Was willst du hier denn gucken?«
»Ich will mir nur diesen Platz und diese Gasse ansehen. Das dauert ein paar Minuten.«
Er gab Ruhe und folgte ihr, als sie in die Gasse ging. Sie war nicht lang, schnell hatten sie das Ende erreicht. Das musste der Ort sein, der in dem Buch geschildert wurde. Sie sah nach rechts und nach oben, wo der alte Turm stand, der Namensgeber für die Haltestelle war, der Lappan. Was für ein eigenartiger Name für einen Glockenturm, fand Editha.
Auf der linken Seite der Gasse ragte die Hauswand ein wenig weiter vor. Sie versuchte, sich vorzustellen, wie es hier vor ein paar hundert Jahren ausgesehen haben mochte. Der Halunke aus der Erzählung, ob es nun Tagebuch oder Fiktion war, musste sich an dieser Stelle versteckt und darauf gelauert haben, dass der Mann, aus dessen Perspektive alles geschildert wurde, aus der größeren Straße von links kam. Das war die Lange Straße, was sie dem Schild an dem Haus gegenüber entnehmen konnte. Sie hoffte, dass Timo nicht den Burger King sah, der dort untergebracht war, denn obwohl sie nur sehr selten in Fast-Food-Läden aßen, hatte er schon eine Vorliebe für dieses Essen entwickelt. Wenn er es sah, war die nächste Quengelei so gut wie sicher.
Sie drehte sich mit ihrem Sohn zur anderen Seite und ging Schritt für Schritt in die Lange Straße hinein, in die Richtung, aus der der Mann in der Erzählung gekommen sein musste. Denn er kam von der Innenstadt und lief auf den Lappan zu. Sie malte sich aus, wie die alten Häuser damals ausgesehen haben mochten, welcher Geruch hier geherrscht haben musste - wahrscheinlich kein guter, wegen der Verschmutzungen in den Straßen.
Sie gingen wieder ein paar Schritte und näherten sich gleichzeitig der Straßenmitte. Dort blieben sie kurz stehen, um eine junge Mutter vorbei zu lassen, die einen Kinderwagen in beinahe gefährlichem Tempo vor sich herschob, und bummelten dann weiter.
Welche Geräusche man wohl damals gehört hatte? Da es keine Autos gab, war es vermutlich völlig still, vor allem, da es ja Abend war. Genau: Es war natürlich dunkel, als der Erzähler das Erlebnis hier hatte.
Und dann wurde es schlagartig dunkel.
1788
Ein lautes Knurren seines Magens holte Jacob in die reale Welt zurück. In seiner Leibesmitte rumpelte es so sehr, dass er es nicht länger ignorieren konnte. Er blinzelte, richtete sich auf und spürte einen Schmerz zwischen den Schulterblättern. Sein Körper verlangte Genugtuung für das lange vornübergebeugte Sitzen. Er kreiste mit den Schultern und ließ die Feder aus seiner linken Hand auf den Tisch gleiten. In den Fingern, mit denen er sie gehalten hatte, hinterließ sie tiefe Einkerbungen. Wie er wusste, waren diese erst nach mehreren Stunden ganz wieder verschwunden.
Jacob streckte sich und sah durch das kleine Fenster, dass es draußen dunkel wurde. Wie sehr oft hatte er beim Schreiben die Zeit vergessen, war so tief in seine Geschichte eingetaucht, dass die Wirklichkeit um ihn herum in den Hintergrund getreten war. Er steckte den Holzstopfen ins Tintenfässchen und erhob sich, um sich etwas Essbares zu suchen.
In der Küche fand er einen Kanten Brot und ein Stück Schinken. Herold, der wahrscheinlich noch in der Mühle arbeitete, hatte ihm wie immer etwas übrig gelassen. Mit dem zwar scharfen aber viel zu kleinen Messer schnitt er umständlich ein paar Scheiben von dem Fleisch ab. Dabei fiel ihm ein, dass es heute, trotz des Verbots, eine Tanzveranstaltung in der Stadt geben sollte. Vermutlich war die bereits in vollem Gange.
Er schlang das Brot und den Schinken herunter, holte seinen guten Rock und eilte aus dem Haus. Hoffentlich hatte er nicht schon zu viel verpasst.
Im Halbdunkel rannte er durch die Wiesen, den Weg konnte er noch gut erkennen. Am Himmel erschienen die ersten Sterne. Es war klar und musste fast Vollmond sein. Für den Rückweg konnte er auf eine helle Nacht hoffen. Schon lief er an den nördlichsten Häusern vom Bürgerfelde vorbei. Er musste sich beeilen: Wenn es beim Eintreffen ganz dunkel sein sollte, würde er für den Durchgang durch das Stadttor bezahlen müssen.
Kurze Zeit später kam das Heiligengeisttor in Sicht. Zum Glück waren die Gitter noch geöffnet. Doch bevor er die letzten Schritte hindurch machen konnte, fiel Jacob eine Menschenansammlung in Richtung Haarentor unmittelbar vor dem Knick des Stadtgrabens auf. Er blieb stehen und versuchte zu erkennen, was da vor sich ging. Mindestens zwanzig Menschen standen dort zusammen, viele von ihnen hielten eine Laterne hoch. Ein Mann schritt an ihm vorbei, auf die Menge zu.
»Was ist denn da los?«, rief Jacob ihm nach.
Der Mann drehte sich im Gehen kurz um.
»Schon wieder eine Leiche im Graben«, antwortete er knapp und eilte weiter.
Jacob wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Schon wieder! Das musste der Dritte innerhalb weniger Wochen sein, der auf diese Weise um sein Leben kam. Ein Schauer prickelte seinen Rücken entlang.
Unschlüssig schaute er zum Stadttor. Jeden Moment würden die Wachen es schließen, ungewöhnlich, dass sie es noch nicht getan hatten. Das war die letzte Gelegenheit, ohne Bezahlung in die Stadt zu gelangen. Doch die Möglichkeit einen Toten zu sehen, übte eine gruselige Anziehungskraft auf ihn aus. Man erzählte sich, dass die anderen Leichen grauenhaft und widerlich ausgesehen hatten, dass sie seit mehreren Tagen im Stadtgraben gelegen haben mussten. Einigen sollte von ihrem Anblick übel geworden sein, und es sollte sich sogar jemand übergeben haben.
Aber ihm würde schon nicht schlecht werden. Dazu gehörte ganz sicher mehr als eine Wasserleiche. Und wer wusste, wann er solch ein Erlebnis noch mal würde haben können. Als echter Schriftsteller musste er so viele Erfahrungen sammeln, wie er konnte. Er straffte seinen Körper und marschierte auf die Menschenmenge zu.
Bei ihr angekommen, drängelte er sich mithilfe der Ellenbogen durch die überwiegend größeren Männer nach vorne. Einige Beschimpfungen handelte er sich damit ein, aber so etwas konnte er gut ignorieren.
Als er endlich freien Blick auf das Geschehen hatte, sah er, dass man noch dabei war, die Leiche aus dem Graben herauszuziehen. Die drei Kerle, die sich damit abmühten, kannte Jacob vom Sehen: Sie waren Männer des Vogts. Der Vogt selbst stand einige Meter vor den Schaulustigen am oberen Grabenrand, hochgewachsen und mit vorgestreckter Brust, und beobachtete das Geschehen genauso wortlos wie alle anderen Anwesenden. Direkt neben ihm beugte sich ein weiterer Mann so weit über die Grabenkante, dass Jacob befürchtete, er würde jeden Moment die Böschung herunterkugeln und der Leiche im Wasser Gesellschaft leisten. Er war enorm dick, hatte eine Vollglatze und einen langen Bart, den im unteren Drittel ein Bindfaden zusammenhielt. Jacob wusste, dass das der Bader war. Auf halber Höhe zum Graben stand noch ein Mann, der mit einer Laterne die Bergungsaktion beleuchtete.
Die Kerle im Graben hatten wahrlich keine leichte Aufgabe. Einer von ihnen war klitschnass, die Haare klebten ihm am Kopf. Die Kleidung der anderen beiden war mit Matsch beschmutzt. Immer wieder sanken sie mit ihren Stiefeln in das durchweichte Ufer ein, während sie keuchend und stöhnend versuchten, das dunkle, unförmige Etwas aus dem Wasser zu ziehen. Einen Schritt machten sie hoch und zwei zurück nach unten.
Erst jetzt fielen Jacob zwei weitere Männer auf, die offiziell aussahen. Sie standen neben der Menge, nur ein Schritt trennte sie davon. Dennoch war offensichtlich, dass sie nicht zu ihr gehörten.
»Wer sind die denn?«, fragte Jacob den Mann an seiner Seite, mit dem Kopf zu den beiden weisend.
»Die sind vom Magistrat zur Beobachtung herbeordert. Wenn der Magistrat schon nicht direkt tätig werden darf, so will er wohl wenigstens über alles gut informiert sein«, gab der Mann zur Antwort und lachte dabei glucksend auf.
Der Kerl schien gut Bescheid zu wissen.
»Wieso darf der Magistrat nicht tätig werden? Wie kam es denn zu dieser Entscheidung?«
Der Mann sah Jacob kurz an, als würde er sich bei der Beobachtung des Schauspiels gestört fühlen, ließ sich aber doch zu einer Antwort herab.
»Als die erste Leiche von einem Knaben entdeckt wurde, verständigte dieser zuerst den Vogt. Da der Junge außerhalb der Stadtmauern wohnte, war es für ihn wahrscheinlich auch selbstverständlich. Der Vogt begann also mit seiner Arbeit. Aber dann bekamen die Amtsmänner der Stadt Wind von der Sache. Daraus entwickelte sich ein Streit über die Zuständigkeiten.«
»Hm, aber wenn sich die Leiche nicht innerhalb der Stadtmauern befand, sondern in der Hausvogtei, dann war doch der Vogt dafür zuständig.«
»Dieser Meinung war der Vogt auch. Doch der Magistrat behauptete, dass der Stadtgraben - ob er nun außerhalb oder innerhalb der Stadtmauern liegt - zur Stadt gehöre. Das sei schon am Namen erkennbar, da er ja nicht Hausvogteigraben heiße.«
Der Mann zwinkerte Jacob zu. Jener musste grinsen, dieses Wortspiel gefiel ihm natürlich und nahm ihn fast für die Position des Magistrats ein.
»Schließlich wurde im Schloss entschieden, an höchster Stelle«, fuhr der Mann fort. »Aus praktischen Gründen beließ man die Angelegenheit beim Vogt, da er bereits damit begonnen hatte.«
Der Mann zuckte mit den Schultern und Jacob nickte verstehend.
Unten im Graben war von einem Fortschritt nichts zu erkennen.
»Versucht es weiter dort«, rief der Vogt hinunter und deutete in die Richtung des Stadttors.
Die Männer zerrten den Klumpen, der eine Leiche sein sollte, einige Meter in die gewiesene Richtung, wo der Boden noch nicht so zertrampelt, aber zweifellos genauso weich war. Dort zählte der Durchnässte bis drei und sie zogen alle auf einmal. Auf diese Weise gelang es ihnen, das nass-triefende Ding auf die Böschung zu hieven. Jacob machte einen Schritt nach vorne, um besser sehen zu können.
»Warum nehmt ihr nicht ein Seil?«, rief einer aus der Menge.
Der Vogt sah sich zornig zu den Leuten um. Dann zeigte er auf Jacob, der ja ganz vorne stand.
»Du, nimm ihm die Laterne ab und leuchte.« Er deutete auf den Mann, der auf der Böschung stand. Jacob wollte protestieren, aber die anderen Männer, denen er zuvor seine Ellenbogen in die Rippen gestoßen hatte, lachten und schubsten ihn zum Laternenträger. Der hatte sich auf Jacob zubewegt und drückte ihm die Laterne kurzum in die Hand. »Geh und hol ein Seil, schnell«, wies der Vogt den Mann an, der sich sofort umdrehte und losrannte.
Jacob stand mit der Laterne in der Hand unschlüssig herum. Der Vogt wandte sich wieder Jacob zu, und als er ihn nun im Laternenlicht sah, schien es, als würde er Jacob von irgendwoher erkennen. In der nächsten Sekunde widmete er sich aber wieder der Leichenbergung.
»Du musst ihnen leuchten. Geh ein wenig die Uferböschung hinab«, befahl er Jacob. Sein strenger Ton duldete keine Widerrede.
Unter dem Tuscheln und Lachen der Menge - »Geschieht ihm recht«, sagte jemand - tapste Jacob vorsichtig zwei Schritte den schrägen Teil des Ufers hinab. Das hatte er davon, dass er immer so vorwitzig sein musste. Warum hatte er sich auch ganz nach vorne gedrängelt? Hoffentlich beschmutzte er sich nicht seinen guten Rock oder purzelte gar hinunter.
»Noch weiter«, rief der Vogt.
Jacob machte einen weiteren Schritt die Böschung hinab.
Die drei Männer bei der Leiche hatten alles mitbekommen und unternahmen deshalb keine weiteren Bemühungen. Die Hände in die Hüften gestemmt standen sie um den dunklen Haufen herum und sahen auf ihn hinunter. Ihre sich hebenden und senkenden Brustkörbe zeugten von den Anstrengungen, die sie bereits hinter sich hatten. Mit ihnen wollte Jacob schon gar nicht tauschen.
»Er kommt schon zurück«, hörte er eine weibliche Stimme aus der Menge sagen.
Einen Augenblick später traf der Mann mit dem Seil atemlos wieder ein.
»Die Wächter hatten ein Seil im Wächterhaus«, sagte er zum Vogt.
Jacob wähnte sich von seiner Aufgabe erlöst und machte Anstalten, die Böschung hinaufzugehen.
»Du bleibst schön dort, wo du bist«, kommandierte sogleich der Vogt, der seine Absicht wohl erkannte. »Und du wirfst ein Ende des Seils hinunter«, sagte er zu dem Mann, der das Seil geholt hatte. Dann etwas lauter zu den Männern unten am Graben: »Ihr schlingt der Leiche jetzt das Seil unter den Achseln hindurch und über die Brust und macht auf dem Rücken einen festen Knoten.«
»Sie sollen vorsichtig sein, damit der Leiche nichts geschieht. Diese Wasserleichen sind äußerst empfindsam«, ließ sich der Bader vernehmen.
»Hört ihr? Ihr sollt vorsichtig mit der Leiche umgehen«, gab der Vogt weiter.
Seine Männer führten die Anordnungen sofort aus und kurze Zeit später erhielt der Vogt von unten eine Fertigmeldung. Er drehte sich um, musterte kurz die Menge und zeigte nacheinander auf einige Männer.
»Du, du ... und du: herkommen und ans Seil treten.«
Die ausgesuchten Kerle, von denen wahrscheinlich jeder alleine ausgereicht hätte - alle drei recht groß und kräftig - traten mit bedröppelten Mienen hervor und nahmen das obere Seilende in die Hände.
Der Vogt gab noch einige Anweisungen - wie unten die Leiche zu drehen war, damit sie möglichst wenig durch den Matsch gezogen wurde, wie die Männer sie führen sollten, wann die Männer oben wieder ein Stück ziehen sollten - und schließlich lag das Bündel, in dem Jacob nun eher einen Menschen erkannte, am oberen Grabenrand.
»Komm her, Bursche.« Der Vogt winkte Jacob, der mit hoch gegangen war, näherzukommen. »Wir brauchen mehr Licht.«
Jacob stellte sich mit der Laterne so hin, dass möglichst viel von ihrem Schein auf das Bündel fiel. Die Menge bildete im gebührenden Abstand einen Halbkreis um das Geschehen. Zwei der Männer vom Vogt zerrten an der Kleidung der Leiche herum. Im Wasser hatte sich diese wohl um den Kopf gewickelt.
Dann endlich war das Gesicht der Leiche zu sehen und ein Aufstöhnen ging durch die Menge. Jacob, der ja mit seiner Laterne wieder ganz vorne stand, hatte den besten Blick. Der Tote war ein Mann, der vielleicht 40 Jahre alt sein mochte, genau konnte er es nicht schätzen, weil das Gesicht ziemlich aufgeschwemmt war. So schrecklich sah die Leiche aber gar nicht aus. Die Haut wirkte unnatürlich wächsern, doch ansonsten hätte man meinen können, er schliefe. Es war überhaupt nicht verständlich, warum jemandem bei diesem Anblick schlecht werden sollte. Einzig das Wissen, dass es sich um einen Toten handelte, machte Jacob ein mulmiges Gefühl.
Die Männer hatten inzwischen mit Messern den Rock der Leiche entfernt. Dieser hatte sich auch um dessen Hände geschlungen. Sie sahen ebenfalls aufgedunsen und wächsern aus.
Nun drängelte sich der Bader vor, wobei er sich mehrfach bei den Männern in der Menge entschuldigte. Als er ganz vorne stand, betrachtete er die Leiche zunächst genauso, wie alle anderen.
»Zieht ihn gänzlich rauf«, sagte der Vogt.
Ein Bein hing noch über der Böschung.
Als sie den Toten aus dem Wasser gezogen hatten, hatten sie ihn an der Kleidung angefasst. Nun griff einer der Männer, sicherlich ohne darüber nachzudenken, nach dem Unterarm, um daran zu ziehen.
»Halt, nicht ...!«, rief der Bader.
Doch die Warnung kam zu spät. Im nächsten Moment gab es ein knucksendes Geräusch, gefolgt von einem Schmatzen, und der Mann hielt den gesamten Unterarm losgelöst von der Leiche in der Hand. Mit vor Ekel verzerrtem Gesicht warf er ihn sofort von sich. Eine Woge fauliger Luft schlug Jacob entgegen.
Nach einer Schrecksekunde merkte er, dass das nun doch zu viel für ihn war. Ein unaufhaltsamer, säuerlicher Schwall stieg in seinem Hals empor. Er musste hier weg. Die Laterne ließ er fallen, wodurch sie sofort erlosch, und er drängelte sich noch rücksichtsloser als zuvor durch die gaffende Menge. Nachdem er hindurch war, kam er keine drei Meter mehr weit, bevor er sich krampfartig übergeben musste. Während er vornübergebeugt halb verdaute Schinkenstücke im Schein der Laternen erkennen konnte, musste er erneut das Gelächter der Menge über sich ergehen lassen.
Er musste hier weg.
Die ersten Schritte stolperte er fast, im Bemühen nicht in sein Erbrochenes zu treten. Dann lief er ein Stück und nach kurzer Zeit hatte die klare Nachtluft die Übelkeit größtenteils beseitigt. Den Rest des Weges zum Tor ging er so, als wäre nichts geschehen.
Die Gitter waren nun natürlich geschlossen.
Normalerweise hätte Jacob sich darüber geärgert, dass er an die Torwachen zwei Schwaren zahlen musste und deshalb ein Bier weniger trinken konnte, aber er war gedanklich viel zu sehr mit dem gerade Erlebten beschäftigt. Während er im kümmerlichen Licht der tranbefeuerten Straßenlaternen die Langestraße entlangmarschierte, schwirrten ihm ständig Bilder der aufgequollenen Leiche durch den Kopf, die ihm im Rückblick weitaus schrecklicher schienen. Ein Schauer überlief ihn bei der Erinnerung an die Geräusche und Gerüche, als der Arm abgetrennt wurde.
Er bog zweimal ab, während er versuchte, diese Gedanken zu verdrängen. Dass er sich jetzt der Tanzveranstaltung näherte, half dabei, denn die lauter werdende Musik weckte die Vorfreude. Und als er dann die fröhlichen Stimmen hörte, war sein Kopf wieder klar.
Nur sein Hals war es nicht: Der säuerliche Geschmack des Erbrochenen steckte ihm noch immer im Rachen. Den wollte er jetzt schnell hinunterspülen. Er bog um die letzte Ecke und kam in eine kleine Seitengasse, wo sich die Leute zum Feiern getroffen hatten. In der Mitte tanzten mehrere Paare und drum herum standen viele weitere Männer und Frauen und unterhielten sich. An der Seite hatte ein geschäftstüchtiger Gastwirt, den Jacob aus einer Wirtschaft in der Nähe des Haarentors kannte, ein großes Fass aufgestellt. Er war eifrig dabei, Bier zu zapfen. Zu ihm ging Jacob als erstes.
»Ein Bier, bitte«, sagte er zu dem Gastwirt, ein dicker Kerl mit fettigem Haar.
Der sah ihn durch die Schlitze seiner zusammengekniffenen Augen an.
»Du bist doch der Müller Riekhen.«
Was sollte das denn nun? Wenn das eine Frage sein sollte, hörte es sich aber nicht so an. Warum gab der ihm nicht einfach das Bier, damit er den schlechten Geschmack loswerden konnte?
»Um genau zu sein, ist mein Bruder Herold der Müller. Ich bin nur sein Gehilfe,« antwortete Jacob. »Was ist nun mit meinem Bier?«
Ein anderer Mann erschien beim Fass und wollte ebenfalls etwas von dessen Inhalt. Der Wirt überließ ihm den gerade gefüllten Krug und nahm sich einen neuen, um weiter zu zapfen.
»Gehilfe, was?« Er sah Jacob so an, wie zuvor. »Das macht es nicht besser. Der Gehilfe vom Gauner ist ein ebensolcher Gauner.«
»Was soll das heißen?«, fuhr Jacob ihn an. »Du nennst meinen Bruder und mich Gauner?«
»Das seid ihr Müller doch alle, wie man hört. Mehlverschlechterer, die sich von den Bauern ihren Wohlstand zusammengaunern.«
Wohlstand! Wenn Jacob nicht so wütend geworden wäre, hätte er darüber lachen können. Das mochte vielleicht für andere Müller gelten, sein Bruder und er spürten von diesem Wohlstand jedenfalls nichts. Ihre Einnahmen reichten gerade so aus, um die Mühlenpacht und ihren Lebensunterhalt davon zu bezahlen. Arm waren sie sicherlich nicht, von Wohlstand konnte jedoch keineswegs die Rede sein. Aber Jacob war an solche Verleumdungen von klein auf gewöhnt. Alle glaubten, dass Müller Betrüger waren, sich von ihrem Lohnanteil am Mahlgut durch Zusätze oder falsche Gewichte mehr ergaunerten, als ihnen zustand, und es gab sogar noch einige, die die Mühlentechnik für Teufelswerk hielten. Schon als Kind konnte er keine Freunde finden, weil er der Müllersohn war und daran hatte sich bis heute nicht viel geändert.
Doch es war eine Sache, hinter vorgehaltener Hand über ihn zu tuscheln, und eine andere, ihn direkt als Gauner zu beschimpfen. Jacob hatte große Lust, dem Wirt in sein feistes Gesicht zu schlagen. Der Gast, der soeben sein Bier bekommen hatte, mischte sich rechtzeitig ein.
»Nun gib ihm doch eines, Fritz. Wir wollen hier heute Abend nur gute Laune haben und keinen Streit.«
»Wer sagt mir denn, dass er auch bezahlen kann?«, fragte der Wirt.
Der Gast wandte sich an Jacob.
»Hast du auch Geld?«
Jacob zog zur Antwort seinen Geldbeutel hervor und ließ ihn klimpern. Als der Wirt das sah, gewann sein Geschäftssinn die Oberhand.
»Also gut.« Er stellte Jacob das neu gezapfte Bier auf das Fass. »Das macht dann ... drei Schwaren.«
»Fritz!«, ermahnte der andere Gast. »Du kannst ihm doch nicht mehr abknöpfen als allen anderen.«
Der Wirt wand sich, schien mit sich zu kämpfen.
»Na schön, also zwei Schwaren. Aber im Voraus.«
Jacob legte das geforderte Geld neben das Bier, nahm den Krug an sich und drehte dem Wirt den Rücken zu. Dann trank er mehrere tiefe Züge, nach denen es ihm viel besser ging.
Mit dem Krug in der Hand schlenderte er zu den Tanzenden. Die drei Musikanten, die auf der anderen Seite der Gasse spielten, machten ihre Sache wirklich gut. Mit einem Kribbeln in den Beinen sah Jacob sich nach einer Tanzpartnerin um. Und er wurde schnell fündig: Direkt neben den Musikanten stand mit ihren Freundinnen ein Mädchen, das ihm vor kurzem in der Kirche aufgefallen war. Im Takt der Musik schaukelte sie leicht ihren Rock hin und her. Sie war ein paar Jahre jünger als er, ungefähr siebzehn musste sie wohl sein. Ganz gewiss hatte sie sich aus ihrem Elternhaus gestohlen und würde eine Menge Ärger bekommen, wenn dies auffallen sollte. Ihre Schönheit war umwerfend: Langes, rotblondes Haar umspielte ihr ebenmäßiges Gesicht und fiel ihr anschließend auf den Rücken, ihre Haut war rosig zart und ihre Wimpern waren so lang, wie er es bisher bei keinem anderen Menschen gesehen hatte. Doch am meisten reizte ihn der kecke Ausdruck in ihren Augen: Sie sah sich um, als suchte sie nach Gelegenheiten, so ausgiebig wie möglich gegen möglichst viele Regeln zu verstoßen. Offenbar reichte es ihr nicht, dass sie zu Hause ausgebüxt und auf eine verbotene Tanzveranstaltung gegangen war.
Jacob kippte die zweite Hälfte seines Bieres in einem Zug herunter und wand sich durch die Leute, um zu dem Mädchen zu gelangen. Unterwegs stellte er den Krug auf einer Fensterbank ab. Bei jedem Schritt, den er sich dem Mädchen näherte, nahm das aufregende Gefühl in seinem Bauch zu. Er liebte das. Sie bemerkte seine Annäherung, lächelte und senkte in gespielter Verlegenheit den Blick. Doch allzu gut war sie nicht in dem Spiel, denn Jacob entging nicht der kesse Zug um ihren Mund.
Als er bei ihr ankam, merkten ihre Freundinnen, was vor sich ging, und traten kichernd beiseite. Für ein paar Sekunden stand er grinsend vor ihr und wusste nicht, was er sagen sollte. Der einzige Gedanke in seinem Kopf war die Verwunderung darüber, dass jemandem, der mit Worten sein Geld verdienen wollte, einfach keine einfielen. Dann sah sie auf, wahrscheinlich weil sie langsam ungeduldig wurde.
»Lass uns tanzen«, sagte er, um ihr zuvorzukommen, griff ihre Hand und zog sie mit sich zur Mitte der Gasse, die als Tanzfläche diente.
Dort schmiegte sie sich schon nach zwei, drei Tanzschritten dichter an ihn, als er zu hoffen gewagt hatte. Sie fühlte sich unbeschreiblich gut an und ihr Duft erinnerte ihn an frische Blüten. Eine Weile war er wie in einem Rausch, während sie wild tanzten.
Dann wurde die Musik langsamer.
»Wie heißt du?«, fragte er sie.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie sich fortwährend in die Augen gesehen hatten. Ihre waren genauso blau wie seine eigenen, nur unendlich viel schöner.
»Rosa.« Ihre Stimme war so zart wie ihre Haut. »Und du?«
»Jacob.«
Sie lächelten sich an und tanzten weiterhin in die Runde. Jacob nahm sie nun fester in den Arm und wie aus Versehen rutschte seine Hand auf ihrem Rücken immer tiefer, bis er den Beginn der Rundung ihres Gesäßes spüren konnte. Es fühlte sich fest und aufregend an. Sie sahen sich noch immer in die Augen, und die ihren verengten sich leicht, als wollte sie ihn einen Schelm nennen. Er konnte nur bübisch grinsen.
Nach einigen Minuten des Tanzens zog er sie wieder an der Hand mit sich.
»Lass uns ein Bier trinken«, sagte er, ohne auf den Weg zu achten, den er nahm, denn er konnte nicht den Blick von ihr wenden.
Trotzdem kamen sie ohne einen Zusammenstoß mit den anderen Tänzern beim Gastwirt an. Sogleich ließ er vier Schwaren auf das Fass kullern und verlangte nach zwei Bieren. Der Wirt sah ihn zwar wieder böse an, doch Jacob erhielt ohne Murren seine Bestellung. Er und Rosa prosteten sich lächelnd zu und nahmen jeder einen ordentlichen Zug.
»Ahh«, machte Jacob und wischte sich den Schaum vom Mund. »Das ist mal was anderes als das Dünnbier, das man sonst bekommt.«
Während sie tranken, sah er sich ein wenig um und bemerkte jenseits der tanzenden Leute zwei Männer, die ständig zu ihnen herüberstarrten. Sie waren beide groß und breitschultrig und machten finstere Gesichter, während sie miteinander sprachen. Jacob tat so, als merkte er es nicht. Bösen Hunden soll man nicht in die Augen sehen.
Er unterhielt sich lieber weiter mit Rosa. Sie behauptete, dass sie bereits 24 Jahre alt wäre, was er ihr nicht eine Sekunde glaubte. Dass sie in einer feineren Straße innerhalb der Stadtmauern Oldenburgs wohnte, glaubte er ihr allerdings sofort.
Zwischendurch sah er immer wieder unauffällig zu den Männern. Er hatte das Gefühl, je länger er sich mit Rosa unterhielt, desto wütender wurden sie. Der größere der beiden ballte unentwegt die Fäuste und trat von einem Bein auf das andere.
»Hast du eine Ahnung, was das da drüben für Kerle sind?« Er wies mit seinem Bierkrug zu den Männern. »Die starren uns schon die ganze Zeit an.«
Rosa trank gerade von ihrem Bier und schielte währenddessen in die angezeigte Richtung. Im nächsten Moment prustete sie den Inhalt ihres Mundes auf Jacobs Rock. Sie sah aus, als hätte sie ein Gespenst gesehen.
»Igitt!« Jacob wich vor Schreck einen Schritt zurück. »Was ist denn in dich gefahren?«
»Der kleinere der beiden ist mein Bruder und der andere ist sein Freund, der schon länger ein Auge auf mich geworfen hat.« Sie sah ängstlich zu ihnen hin. Jegliche Keckheit war aus ihrem Blick gewichen. »Mein Bruder wird mich bestimmt bei meinen Eltern verraten. Du musst wissen, dass ich eigentlich nicht hier sein darf.«
Jacob konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, während er versuchte, mit seinem Ärmel den Rock zu trocknen.
»Aber du bist doch schon 24 Jahre alt. Dann kannst du doch tun und lassen, was du willst.«
Rosa senkte den Blick.
»Ja, aber ...«, setzte sie an.
»Ach, sei’s drum.« Gerne hätte er sich noch ein wenig in ihrer Verlegenheit gebadet, aber ebenso sehr wollte er ihre Laune nicht verderben. »Von denen lassen wir uns doch nicht die Stimmung kaputtmachen.«
Er grinste die beiden Männer demonstrativ an und hob zum Gruß seinen Bierkrug. Fast glaubte er, sehen zu können, wie ihnen vor Wut Dampfwolken aus den Ohren stoben. Dann drehte er ihnen den Rücken zu und beschloss, ihnen keine weitere Beachtung zu schenken.
»Komm, lass uns wieder tanzen.«
Er kippte den Rest seines Biers in einem Zug herunter. Rosa sah nicht glücklich aus und schielte weiterhin zu den Männern. Doch dann setzte sie eine trotzige Miene auf und tat es ihm mit dem Bier gleich. Was ganz beachtlich war, denn ihr Krug war noch halb voll.
Einen Moment später drehten sie sich wieder wild in die Runde. Sogar mehr als vorher schmiegte sie sich immer wieder an ihn und gewiss mehr, als es sich geziemte. Die Wirkung des Biers sorgte dafür, dass Jacob mutiger wurde. Die eine Hand hatte längst ihre alte Position oberhalb des Gesäßes eingenommen, vielleicht ein wenig tiefer als vorher, und die andere Hand wanderte langsam die Hüfte hoch, bis sie sich seitlich kurz unterhalb ihres Busens befand. Er konnte die Fülle spüren, das Auf und Ab, verursacht durch die Tanzbewegungen. Auch meinte er zu spüren, dass sich ihre Atmung weiter beschleunigte. Ihr Blütenduft vermischte sich mit dem Geruch ihres Schweißes. Jacob fühlte sich wie benommen. Alles um Rosa und ihn schien zu verschwimmen. Es gab nur sie und ihn, wie in einem Rausch.
Doch plötzlich wurden sie in die Wirklichkeit zurückgerissen. Die beiden Männer, Rosas Bruder und sein Freund, standen auf einmal mitten unter den Tanzenden und Jacob wäre fast mit ihnen zusammengeprallt. Er reagierte impulsiv, ohne darüber nachzudenken, vor allem über die körperliche Überlegenheit der beiden viel größeren Männer.
»Was fällt euch ein, euch hier einfach in den Weg zu stellen?«, schnauzte er sie an. »Seht zu, dass ihr euch davon macht.«
Er zog Rosa zu sich, bis sie dicht an seiner Seite war, und legte den Arm um ihre Taille. Dabei merkte er, dass sie etwas unsicher auf den Beinen stand, sei es wegen der Drehungen beim Tanz oder wegen des zu schnellen Genusses von zu viel Bier.
Der Größere der beiden, der vorher schon wütend aussah, verengte seine Augen noch mehr.
»Nimm deine unegalen Arbeiterfinger von ihr. Rosa ist mein Mädchen«, zischte er Jacob an.
Wenn Jacob etwas hasste, dann war es, wenn man ihn seine gesellschaftliche Stellung spüren ließ. Er musterte sein Gegenüber. War er Soldat in Zivil oder Beamter? Gerade wollte er zu einer passenden Entgegnung ansetzen, als Rosa ihm zuvorkam.
»Ich bin niemandess Mädjen«, fuhr sie den Mann an.
Aha, da war wohl doch das Bier für ihre Gleichgewichtsstörungen verantwortlich. Fast musste er wieder lachen wegen ihrer lallenden Aussprache.
»Halt du dich da raus«, entgegnete der Kerl, ohne sie anzusehen, aber in einem milden Tonfall.
»Warum tanzt sie dann mit mir und nicht mit dir, wenn sie doch angeblich dein Mädchen ist?«, fragte Jacob.
»Das tut nichts zur Sache. Ich werbe schon länger um sie.«
Jacob schnaubte verächtlich durch die Nase.
»Seit wann spielt es eine Rolle, wie lange jemand um ein Mädchen wirbt? Ist sie dir versprochen?«
Der Kerl zögerte. Sein Blick senkte sich, er wurde merklich unsicher.
»Nein, das nicht.« Er sah wieder auf. »Aber dir auch nicht.«
»Das stimmt. Ich kann also gleichwohl nicht verlangen, dass sie mit mir tanzt.« Jacob beobachtete, wie sein Gegenüber Zuversicht schöpfte. »Jedoch kann ich sie genauso gut wie du fragen, ob sie lieber mit mir tanzen möchte.« Der Kerl machte ein belämmertes Gesicht und Jacob wurde klar, dass er bei der Intelligenz kein Beamter sein konnte. An Rosa gewandt fragte er: »Mit wem willst du tanzen und den weiteren Abend verbringen?«
Rosa zögerte nicht eine Sekunde.
»Middir nnnatürlich«, lallte sie.
»Da siehst du es. Und nun lass uns gefälligst in Ruhe.«
Er ließ die beiden Männer stehen und bewegte sich mit Rosa tanzenderweise auf die andere Seite der Gasse. Doch auch dieses Mal wurde der Spaß nach kurzer Zeit unterbrochen.
»Die Polizei kommt!«, rief jemand, der Schmiere gestanden haben musste, um die Feiernden rechtzeitig warnen zu können.
Die Wirkung dieser Worte war enorm. Die Musik verstummte sofort und die Musiker verstauten ihre Instrumente hastig in Säcken. Die Leute strömten eilig davon. Jacob hörte einige entsetzte Schreie aus der Menge. Diejenigen, die einen Bierkrug in der Hand hielten, stellten ihn auf den Boden und rannten los. Unzählige umgekippte Krüge lagen bereits herum.
Eigentlich gar nicht so übel, dachte Jacob. Jetzt brauchte er sich keinen Vorwand auszudenken, weshalb Rosa mit ihm alleine die Feier verlassen sollte, damit er sich an sie ranmachen konnte.
Soweit er wusste, führten Anzeigen wegen des Lärms und die Vermutung der Behörden, dass die Tanzveranstaltungen Ursache der vielen unehelichen Kinder waren, im vergangenen Jahr zu dem Verbot. Er hatte noch niemanden gesprochen, der erwischt wurde, aber man erzählte sich, dass man zuerst verhaftet wurde und dann eine empfindliche Geldstrafe zahlen musste. Na, das wollte natürlich niemand, er auch nicht.
Er ergriff Rosas Hand und zog sie mit sich. Sie rannten los, umrundeten den Gastwirt, der sein Bierfass auf einer Sackkarre vor sich herschob, und folgten zunächst der wegströmenden Menge. Nach einigen Straßenecken nahm Jacob dann andere Wege, immer Rosa im Schlepptau, der die Flucht offenbar ziemlich zu schaffen machte. Und endlich erreichten sie eine einsame Straße, mit der er zufrieden war. Hier waren sie ungestört.
Rosa sah reichlich mitgenommen aus. Sie musste sich wohl erst von der Flucht erholen. Er lehnte sie an eine Hauswand und betrachtete sie. Selbst jetzt, wo sie so erschöpft wirkte, war sie wunderschön. Ihr Atem verlangsamte sich. Gerade als Jacob sie küssen wollte, atmete sie wieder zunehmend schneller. Sie drehte sich von ihm weg und erbrach sich vor die Hauswand.
Na prima, dachte Jacob. So hatte er sich den Ausgang des Abends nun wirklich nicht vorgestellt.
Jacob öffnete die Eingangstür zur Schenke und ein muffiger, abgestandener Geruch schlug ihm entgegen. Dabei waren gerade mal eine Handvoll Männer anwesend. Wie würde es hier erst in ein paar Stunden riechen, wenn literweise Bier geflossen war und die Trinkenden ihre Ausdünstungen verbreitet hatten?
Er sah sich kurz um, entdeckte seinen Bruder nirgendwo und setzte sich auf einen der Hocker an der Theke. Der Wirt nickte ihm grüßend zu und kam einen Moment später herbei. Jacob bestellte ein Bier. Schon wieder ein Starkbier, dachte er. Das letzte hatte er vor nur einer Woche, auf dieser missglückten Tanzveranstaltung. Kurz überlegte er, wie es um den Inhalt seines Geldbeutels stand. Musste er aufpassen, dass er nicht über seine Verhältnisse lebte? Nein, er hatte vor zwei Wochen erst seinen Lohn von Herold erhalten und seitdem nicht viel davon ausgegeben. Vielleicht sollte er für Herold auch ein Bier bestellen. Dann konnten sie sofort anstoßen, wenn er gleich eintraf. Doch wer wusste schon, wann sein Bruder kam? Sie waren zwar in dieser Minute verabredet, aber er war so in die Arbeit in und an der Mühle vernarrt, dass er mitunter dabei die Zeit vergaß. Es konnte also sein, dass Jacob länger warten musste, und dann wäre es zu schade, wenn das Gebräu schal würde.
Seine Gedanken versanken in die Geschichte, die er gerade schrieb. Die Umgebung nahm er kaum noch wahr, während er sich den Fortgang der Handlung überlegte, verschiedene Wendungen erwog und darüber nachdachte, wohin sie führen würden. Ab und zu nippte er an dem Bier, das er aber kaum schmeckte.
Nach einer Weile ließ ein Gast die Eingangstür zuknallen, was Jacob aus seine Gedanken wieder herausriss. Er hob den Krug zum Mund, doch der war mittlerweile leer getrunken. Auf dem Hocker drehte er sich zum Gastraum und stellte fest, dass der sich inzwischen gefüllt hatte. Er sollte einen Tisch für sich und Herold besetzen, bevor es zu spät dafür war. In der hintersten Ecke war noch einer frei.
Gerade als er aufstehen und sich dorthin begeben wollte, merkte er, dass die zwei Männer vom Nebentisch direkt zu ihm herüberstarrten. Jacob musste kurz überlegen, dann fiel ihm ein, woher er sie kannte: Es waren die beiden Kerle, die auf dieser Tanzveranstaltung so wütend auf ihn waren, Rosas Bruder und dessen Freund. Heute sahen sie genauso wütend aus, wie vor einer Woche. Was musste das für ein bemitleidenswertes Leben sein, in dem sie ständig schlecht gelaunt waren.
Jacob grinste sie an und nickte zum Gruß mit dem Kopf. Das schien ihre Launen nicht zu verbessern, denn sie wirkten noch wütender. Sie sahen sich kurz an, erhoben sich und kamen mit finsteren Mienen zu Jacob an die Theke.
Was wollen die denn nun schon wieder von mir, dachte er, grinste ihnen aber weiterhin entgegen.
Sie bauten sich vor ihm auf, doch obwohl Jacob oftmals allen Grund dazu hatte, war er niemand, der sich leicht einschüchtern ließ.
»Seid gegrüßt«, sagte er fröhlich. »Wie ich sehe, habt ihr heute wieder die beste Laune. Wie schmeckt euch das Bier?«
Sie sahen sich erneut kurz an.
»Lass Rosa in Ruhe«, knurrte dann ihr Bruder.
Der tat ja gerade so, als würde Jacob jeden Abend unter ihrem Fenster stehen und ihr ein Ständchen bringen. Dabei hatte er sie seit der Tanzveranstaltung nicht wieder gesehen.
»Ja, lass die Finger von ihr«, stimmte der Freund des Bruders ein.
Jacob hatte zwar nicht mehr an sie gedacht, seit er die betrunkene Schönheit an jenem Abend sicher vor ihrem Haus zurückgelassen hatte. Trotzdem ließ er sich nicht gerne etwas vorschreiben, egal von wem. Er schob sein Kinn vor.
»Und wenn ich es nicht tue?«
Rosas Bruder kam so nahe an Jacob heran, dass sich ihre Nasen fast berührten.
»Dann brechen wir dir jeden Knochen, den du im Leibe hast«, zischte er durch zusammengebissene Zähne.
Ganz weit hinten in Jacobs Kopf flüsterte eine Stimme, dass er klein beigeben sollte. Sie sprach ihm zu, dass diese Angelegenheit keine besondere Bedeutung für ihn hatte, und er einfach sagen könnte, dass er Rosa fortan in Ruhe lassen würde. Die beiden großen und viel stärkeren Männer würden dann von ihm lassen und die Sache wäre erledigt. Jacob war geneigt auf diese Stimme zu hören. Aber da war noch eine andere Stimme. Diese schrie, dass er sich das nicht bieten lassen konnte, dass die Männer ihm gar nichts zu sagen hatten.
»Genau«, sagte da der andere Mann. »Wir werden dir deinen Verstand aus deinem hübschen Köpfchen herausprügeln, du dämlicher Müllerjunge.«
Dieser Hornochse nannte ihn Müllerjunge? Die laute Stimme in Jacobs Kopf gewann.
»Oh, nein«, entgegnete er in übertriebenem Tonfall. »Dann werde ich ja ein so hässlicher Strohkopf wie du.«
Dem Mann war förmlich anzusehen, wie die Wut ihn übermannte. Sein ohnehin nicht freundliches Gesicht verwandelte sich in eine Hassfratze. Er packte Jacob am Kragen, hob ihn wie einen Jungen vom Hocker und schleuderte ihn gegen einen Pfeiler, der sich wenige Schritte von der Theke befand. Der Schmerz explodierte in Jacobs Rücken und er bekam für einen Moment keine Luft. Rosas Bruder setzte sogleich hinterher, dicht gefolgt von seinem Freund, und packte Jacob erneut am Kragen. Jacob wollte um Hilfe rufen, doch gerade als er dachte, er hätte wieder den Atem dafür, rammte ihm der andere die Faust in den Magen. Wiederum blieb Jacob so sehr die Luft weg, dass er dachte, er müsste sterben.
Nun drängte sich der Freund nach vorne. Offenbar wollte auch er seinen Anteil beitragen. Jacob sah noch, dass er weit ausholte, während Rosas Bruder ihn festhielt, dann schloss er die Augen und wartete auf sein Ende.
Doch es kam anders. Er hörte ein Ächzen und als er die Augen wieder öffnete, kniete der Freund von Rosas Bruder vor seinem Bruder. Herold hielt die Faust, mit der der andere gerade noch ausgeholt hatte, in seiner Hand und quetschte sie dermaßen zusammen, dass dem anderen Tränen über das schmerzverzerrte Gesicht liefen. Dann schlug Herold mit seiner freien Faust zu, woraufhin der Mann sofort in sich zusammensackte.
Rosas Bruder hielt Jacob immer noch am Kragen, aber jetzt kam Herold auf ihn zu. Er ließ Jacob los, richtete sich auf und nun war ersichtlich, dass Herold ihn um Haupteslänge überragte. Er ging auf Jacobs Peiniger zu und gab ihm eine schallende Ohrfeige.
»Scher dich weg«, fuhr er ihn an.
Er machte rückwärts einige Schritte zum Ausgang, drehte sich dann um und rannte los. Aber kurz vor der Tür blieb er stehen und wandte sich zu Jacob und Herold.
»Das werdet ihr noch bereuen«, schrie er. »Das wenige, was euch geblieben ist, werden wir euch auch noch nehmen.«
Dann machte er kehrt und floh aus der Tür.
Herold rieb sich die Faust und sah ihm hinterher. Jacob rappelte sich hoch. Sein Rücken fühlte sich an, als wäre er gebrochen, und sein Magen, als hätten sie ihm alle Eingeweide zerquetscht.
Herold drehte sich zu ihm um und packte ihn am Kragen, so wie es der Andere gerade gemacht hatte.
»Was hatte das zu bedeuten?«, fuhr er ihn an. »Das hatte doch bestimmt wieder mit Weibern und deiner vorlauten Klappe zu tun.«
Jacob ging nicht darauf ein, denn die Worte des Geflohenen kamen ihm eigenartig vor.
»Wie hat er das gerade gemeint? Was ist uns wovon geblieben?«
Herold sah eben noch wütend aus, doch jetzt änderte sich sein Gesichtsausdruck unvermittelt. Es schien Jacob, als wäre er verlegen. Und dann wurde er wieder ärgerlich, schüttelte den Kopf und machte eine abweisende Handbewegung.
»Ach, woher soll ich wissen, wie dieser Dummkopf das gemeint hat?«
Er dreht sich um und verließ die Schenke, wobei er einen Mann, der nicht schnell genug ausweichen konnte, unsanft zur Seite stieß.
Jacob blickte mit gefurchten Brauen die Tür an, die Herold hinter sich zugeschlagen hatte. Erst die eigenartige Bemerkung von Rosas Bruder und dann diese merkwürdige Reaktion seines Bruders. Er wusste nicht, was er davon halten sollte.
Als er schließlich den Blick von der Tür abwandte, bemerkte er, dass die eine Hälfte der Gäste ihn anstarrte und die andere den Bewusstlosen.
Vielleicht sollte er sich lieber davon machen, bevor der aufwachte.
Im schwachen Schein der Straßenlaternen musste Jacob aufpassen, dass er nicht in eine der Pfützen oder Schlammansammlungen trat. So gut das löchrige Straßenpflaster es zuließ, umkreiste er die betreffenden Stellen. In den letzten zwei Tagen hatte es häufig geregnet und durch die Außenwälle flutete in solchen Zeiten immer viel Wasser in das Innere der Stadt und brachte Schmutz und Schlamm mit sich.
Mittlerweile war er bei einem der beiden Stadtbrunnen angelangt, bei der Einmündung der Achternstraße in die Langestraße. Das Heiligengeisttor lag nicht mehr weit vor ihm. Er glaubte, schon den Schein der Wachlaternen erkennen zu können. Bei jedem Schritt schmerzte sein Rücken. Die Prügel, die er gerade bezogen hatte, würden ihm noch ein paar Tage zu schaffen machen.
Er dachte an die Situation in der Schenke vorhin. Was hatte das zu bedeuten? Wenn Herold glaubte, dass er ihm einfach so davonlaufen und eine Antwort schuldig bleiben konnte, dann hatte er sich gewaltig getäuscht. Gleich morgen wollte Jacob ihn wieder darauf ansprechen.
Die charakteristische Form des Lappans zeichnete sich vor dem Nachthimmel ab. Jacob machte einen großen Schritt über eine Pfütze und im nächsten Moment spürte er dieses eigenartige Kribbeln auf der Kopfhaut.
»Nein, nicht jetzt«, seufzte er.
Dann wurde es plötzlich hell um ihn herum und die Schmerzen in Rücken und Magen waren verschwunden.
Er war wieder in dieser unglaublichen Welt, von der er nach unzähligen Besuchen seit seiner Kindheit glaubte, dass es die Zukunft war. Irgendwann hatte er herausgefunden, dass er sich dabei immer im Körper einer Frau befand. Aber er war dort nur Beobachter: Auch wenn er alle Sinneseindrücke der Frau wahrnahm, einschließlich ihrem Denken, konnte er selbst nicht aktiv werden. Dieser Zustand dauerte ein paar Minuten an, doch wenn er in seine eigene Welt zurückkehrte, war dort nicht einmal die Zeit eines Wimpernschlags vergangen.
Dieses Mal wimmelte es von Menschen. Generell gab es sehr viele Menschen in dieser Welt, viel mehr als er es aus seiner kannte. Nun waren es aber besonders viele, die um ihn herum, auf ihn zu und von ihm weg liefen. Einige von ihnen trugen diese bunten, glatten Taschen mit sich herum. Die meisten hatten es eilig durch die Straßen zu gelangen, die die gleichen waren, wie zu seiner Zeit, wenngleich sie anders aussahen. Zum Glück war keine der lauten, pferdelosen Kutschen in der Nähe. Zwar hatte er inzwischen keine Angst mehr vor ihnen, ein mulmiges Gefühl befiel ihn aber immer noch, wenn er sie sah. Außerdem war die Luft besser, wenn sie nicht da waren, innerhalb der Stadt sogar besser als zu seiner Zeit.
Er spürte ihr flaues Gefühl im Magen, aber nur ziemlich schwach. Da war er Schlimmeres nach der Rückkehr gewohnt. An ihrer Hand war ihr Sohn und er stellte fest, wie erleichtert sie deswegen war. Auch war sie äußerst verwirrt. Sie fragte sich, was mit ihr geschehen war, wie sie in einen anderen Körper geraten konnte, oder, ob sie nur einen Traum gehabt hatte. Jacob wurde klar, dass es ihr erstes Mal gewesen war. Er versuchte, sich an sein erstes Mal zu erinnern, es lag jedoch zu lange zurück.
In dem Versuch, eine Erklärung für das Geschehene zu finden, dachte sie ständig an ein Buch, und dass es alles genauso passiert war, wie darin beschrieben war. Was für ein Buch konnte es geben, in dem geschrieben stand, was er erlebte? Doch nur sein Tagebuch.
Während er darüber nachdachte, sagte sie etwas zu ihrem Sohn und ging zu einem Kaffeehaus, das draußen Tische aufgestellt hatte. Er hatte nun Gelegenheit, sich ein wenig in der Zukunft umzusehen.
Wie er es schon kannte, hielten sich einige Menschen diese kleinen Dinger aus schwarzem Glas an ein Ohr und hatten Gesprächspartner, die er nicht sehen konnte. Andere hielten die Dinger vor sich und berührten sie mit ihrem Zeigefinger oder Daumen. Vor allem die Jüngeren sahen kaum von diesen Dingern hoch.
An einem Nebentisch hielt eine Frau einen kleinen weißen Stängel zwischen den Fingern. Jacob hielt ihn für eine Art Zigarre, denn von ihm stieg ein dünner Rauchfaden empor und er roch nach Tabak. Mit der freien Hand zog die Frau ein Kleidungsstück aus einer dieser glatten Taschen, die dabei so ähnlich knisterte wie ein Lagerfeuer. Jacob glaubte zumindest, dass es ein Kleidungsstück sein konnte, weil es aus Stoff war. Für dessen Farbe kannte er nicht mal einen Namen.
Jetzt bemerkte Jacob, dass die Frau, in deren Bewusstsein er sich befand - er wusste, dass sie Editha hieß - nicht nur an ihr neuestes Erlebnis dachte. Sie hatte überdies noch Sorgen. Sie hatte Angst, dass sie nicht genug Geld verdiente, um ihren Sohn zu versorgen. Sie machte sich Gedanken darüber, wie sie Rechnungen bezahlen sollte.
In diesem Moment kam der Wirt des Kaffeehauses. Jacob hörte gerade noch, wie er fragte, was Editha wünschte, als das Licht flackerte und es wieder dunkel wurde.
Er war auf dem Heimweg, von der Schenke kommend, und die plötzlich einsetzenden Schmerzen in Rücken und Magen erinnerten ihn daran, was dort passiert war.
Zusätzlich setzte die Übelkeit ein, die ihn immer nach einer Reise in den anderen Körper überfiel. Er wusste, dass Editha in diesem Moment das erste Mal in ihm drin war und dass auch ihr übel war. Er wollte anhalten und sich irgendwo abstützen, doch dazu kam er nicht mehr.
Aus der Gasse vor dem Lappan kam ein großer Mann herausgestürmt und hielt auf ihn zu. Jacob erkannte an den Bewegungen sofort, dass es sich um Rosas Bruder handelte. Offenbar hatte Herold ihm nicht genug Respekt eingeflößt. Jacob wäre am liebsten weggelaufen, aber er war immer noch zu sehr geschwächt von allem. Er wich zurück, stolperte und plumpste auf seine ohnehin schon geschundene Rückseite. Rosas Bruder fiel über ihn und landete auf der Straße. Diesen Moment musste er ausnutzen. Seine Schmerzen missachtend und unter Aufbringung seiner ganzen Willenskraft rappelte er sich hoch und begann zu laufen. Wenn er es bis zu den Torwachen schaffte, war er in Sicherheit, dort würde Rosas Bruder ihn bestimmt nicht anfassen. So schnell er konnte, rannte er, alles tat ihm dabei weh, aber der Angreifer war ihm auf den Fersen. Dann kam das Tor in Sicht und einen Augenblick später die Wachen. Und wie er es erwartete, ließ Rosas Bruder sich zurückfallen.
»Wer kommt da?«, riefen die Wachen ihn an. »Gib dich zu erkennen.«
Jacob verlangsamte auf normale Gehgeschwindigkeit und nannte den Wachen seinen Namen.
Heute Abend war er gleich zwei Mal einer Tracht Prügel entkommen. Das Glück war halt auf seiner Seite.
Heute
Genauso plötzlich, wie es dunkel geworden war, wurde es wieder hell. Die Helligkeit blendete sie nicht, obwohl sie mehrere Minuten in der Dunkelheit verbracht hatte. Sie blinzelte nur, wie gerade erwacht, und sie taumelte ein wenig hin und her. Ein flaues Gefühl hatte sie im Magen, als hätte sie etwas gegessen, das ihr nicht bekommen war. Immerhin konnte sie sich ein wenig festhalten, denn Timo war wieder an ihrer Hand.
Was war mit ihr geschehen? Das, was sie gerade erlebt hatte, entsprach genau dem, was sie in dem Buch gelesen hatte. Wie konnte das sein?
Lange konnte sie nicht abwesend gewesen sein, vielleicht eine Sekunde. Die Mutter mit dem Kinderwagen hatte nur wenige Schritte zurückgelegt und auch die anderen Passanten hatten sich kaum von der Stelle bewegt.
Das flaue Gefühl nahm zu, sie musste sich dringend setzen. Sie taumelte auf das Café an der Ecke gegenüber des Lappans zu und zog Timo mit sich.
»Wo wollen wir denn hin? Ich will jetzt ein Eis.« Ruckartig zog er an ihrem Arm. Er hatte wahrscheinlich nicht mal bemerkt, dass sie für einen Moment geistig nicht anwesend war.
»Dort in dem Café gibt es bestimmt Eis.«
Jetzt kam er bereitwillig mit.
Sie überlegte, ob sie sich reinsetzen sollte. Aber dieser Septembertag war verhältnismäßig warm, sodass sie am ersten freien Tisch, an den sie kam, Platz nahm, damit sie nicht mehr Schritte als notwendig tun musste.
Sitzend ging es ihrem Magen schon etwas besser. Sie sollte einen Tee trinken, während Timo sein Eis aß. Ein Kellner kam und sie bestellte eine Kugel Schokoladeneis und grünen Tee. Timo blätterte in der Eiskarte und sah sich die Bilder der Eiskreationen an.
Noch immer versuchte sie zu verstehen, was gerade mit ihr geschehen war. Ein Traum war das nicht. Sie würde kaum stehend und im wachen Zustand einen Tagtraum erleben und eine Sekunde später an derselben Stelle wieder zu sich kommen. Wahrscheinlich war es eine Art Vision. Nur, dass sie in dieser Vision das gesehen hatte, was sie zuvor in einem Buch gelesen hatte. Und zwar so, als wäre sie im Körper des Erzählers gewesen. Das ging sogar so weit, dass sie die Gefühle und Gedanken des Erzählers erlebt hatte. Sie wusste nun, dass er über eine Situation nachgedacht hatte, in der er kurz vorher gewesen war. Und sie konnte sich nicht daran erinnern, von diesen Gedanken in dem Buch gelesen zu haben.
Das Eis und der Tee wurden gebracht. Timo klatschte erfreut in die Hände. Der Tee war so heiß, dass sie nur schlürfend davon trinken konnte. Die Frau vom Nachbartisch sah missbilligend zu ihr herüber. Editha kümmerte sich nicht darum. Sie dachte weiter über die Vision nach. Wie aus einem dichten Nebel kam eine Erinnerung hervor. Ihr wurde vage bewusst, dass das nicht ihre erste Vision gewesen war. Als kleines Mädchen hatte sie so etwas schon mal erlebt. Das war lange her, und sie hatte nicht mehr daran gedacht. Doch jetzt fiel es ihr wieder ein. Zwei oder drei Mal hatte sie solche Erlebnisse, aber sie hatte diese Erinnerungen als Tagträume abgetan und irgendwann ganz vergessen. In einem dieser Träume, oder auch Visionen, war es, als wäre sie ein alter Mann, der auf einen Stock gestützt über einen Platz humpelte. Aber mehr wusste sie nicht und an die anderen Visionen hatte sie nicht die geringste Erinnerung. Und schon gar nicht daran, ob sie über deren Inhalt zuvor gelesen oder davon gehört hatte.
Editha beschloss, sich das Buch noch mal vorzunehmen, wenn sie wieder zu Hause war. Sie wollte nachsehen, ob die Gedanken des Erzählers wirklich nicht beschrieben waren. Und außerdem wollte sie wissen, was weiter in dem Buch geschildert war. Wahrscheinlich hatte das unmittelbar mit dem gerade Erlebten zu tun.
Sie hatte einige Minuten vor sich hingestarrt, während sie nachdachte und ihren Tee austrank, und Timo nicht beachtet. Als sie sich ihm jetzt wieder zuwandte, musste sie feststellen, dass er seine neue Jacke vollständig mit Schokoladeneis eingekleckert hatte.
»Oje, Timo, was machst du denn?«
Ihr Sohn, dessen halbes Gesicht ebenfalls braun verschmiert war, sah fast gelangweilt auf seine Jacke hinunter.
Sie hatte nur eine Serviette am Tisch, mit der sie versuchte, den größten Schlamassel zu beseitigen. Der Rest musste auf der Toilette erledigt werden. Sie fasste Timo an seiner klebrigen Hand und zog ihn mit sich.
Zum Glück war das flaue Gefühl im Magen wieder verschwunden.
Editha schaltete die Schreibtischlampe ein, um das Entziffern der Schrift zu vereinfachen. Doch nach weiteren fünf Minuten pustete sie die Luft mit dicken Backen aus und ließ sich in die Lehne des Stuhls zurückfallen. Frustriert klappte sie das Buch zu, sodass es knallte.
Der braune Einband glänzte im Licht. Die beiden Buchstaben darauf waren eindeutig die, wofür sie sie hielt: J. R. Zur Vergewisserung hatte sie sich aus dem Internet eine Entsprechungstafel für altdeutsche Druckschrift heruntergeladen und die Buchstaben verglichen. Es bestand kein Zweifel. Doch die altdeutsche Schreibschrift im Inneren machte ihr zu schaffen. Zwar hatte sie auch dafür etwas im Internet gefunden, allerdings keine Entsprechungstafel, sondern verschiedene Schriftbeispiele, in denen die Buchstaben leicht variierten. Und ihr schien es, als ob die Handschrift im Buch eine weitere Möglichkeit zur Ausführung der Schriftzeichen darstellte. Deshalb war sie sich bei vielen Buchstaben nicht sicher, ob sie sie richtig deutete. Hinzu kam, dass manche Seiten derart verblasst waren, dass sie mehr raten als lesen musste.
Sie nahm das Buch auf. Vielleicht sollte sie erst einmal herausfinden, was die mutmaßlichen Initialen bedeuteten. Könnte sein, dass das bereits mit einem Anruf bei ihrem Vater erledigt war.
Dass es möglich war, den Text im Innern zu entziffern, bewies das lose Blatt. Dafür würde sie aber möglicherweise einen Experten hinzuziehen müssen.
Sie hatte sich die Schilderung noch einmal durchgelesen. Darin wurden zwar auch Gefühle und Gedanken des Erzählers beschrieben. Doch von denen, die sie empfangen hatte, worin es um eine Situation in einem Gasthaus ging, war kein Wort zu finden.
Okay, genug für heute. Sie wollte noch einmal nach Timo sehen und dann ins Bett gehen. Der morgige Sonntag war ein guter Tag, um ihren Vater anzurufen.
Am nächsten Morgen holte Timo sie früh aus dem Schlaf. Nach dem Frühstück war für ihn mal wieder ein Bad fällig. Während er in der Badewanne planschte, kümmerte sich Editha um die Wäsche. Auf diese Weise war ein großer Teil des Vormittags verstrichen, als sie Timo zu seinen Spielfiguren auf den Boden setzte und aus dem Augenwinkel sah, dass die rote LED ihres Telefons blinkte.
Siedendheiß fiel ihr ein, dass sie die Anzeige zur Mietersuche vergessen hatte. Durch die Ereignisse vom Vortag war sie völlig darüber hinweg gekommen. Mit Zettel und Stift bewaffnet hörte sie den Anrufbeantworter ab und notierte sich die Namen und Telefonnummern der Wohnungssuchenden. Insgesamt waren es vier, alles Männer. Anschließend rief sie die Interessenten an, führte kurze Gespräche über Miethöhe und andere Konditionen und vereinbarte für die kommenden Tage Besichtigungstermine.
Dann war es höchste Zeit für das Mittagessen und als sie Timo für seinen Mittagsschlaf im Bett hatte, kam der nächste Schock: Sie musste sich für den folgenden Tag noch überlegen, was sie mit der Karategruppe machen wollte und für den Artikel, den sie für die Zeitung schrieb, musste sie zumindest noch recherchieren. Das wollte sie eigentlich alles am Samstag erledigt haben.
So kam es, dass für das Telefonat mit ihrem Vater keine Zeit mehr blieb.
Am Donnerstag waren die letzten beiden Besichtigungstermine der Einliegerwohnung relativ kurz hintereinander. Als sie den einen Mietinteressenten gerade an der Haustür verabschiedete - ein älterer Herr, der sich nach 49 Ehejahren von seiner Frau getrennt hatte und nun eine neue Unterkunft brauchte - bückte sich schon der nächste zu der niedrigen Vorgartentür.
Die beiden Männer begegneten sich auf halber Strecke. Während der ältere Herr den anderen höflich grüßte, sah dieser sich nur geistesabwesend im Vorgarten um und schob dabei seine Brille die Nase hoch. Der Mann sah ein wenig kauzig aus: Er mochte wohl Anfang 40 sein, soweit man das erkennen konnte. Denn sein Gesicht war größtenteils durch langes, wirres Haar und einem ebenfalls langen, ungepflegten Bart verdeckt, beides leicht ergraut. Weit in die Stirn hatte er eine verblichene grüne Stoffmütze gezogen, auf der in gelben Buchstaben »Nix darunter!« stand.
»Wäre die Nutzung des Vorgartens mit inbegriffen?«, fragte er, als er bei Editha angekommen war, ohne sie anzusehen. Dabei zog er ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche seiner zerbeulten Cordhose und schnäuzte hinein. Er steckte das Taschentuch wieder weg und wischte sich die Hände an der beige-farbenen Regenjacke ab.
»Darüber könnte man sich sicherlich einigen«, antwortete Editha. Sie bot ihm die Hand zum Gruß und nahm sich vor, diese nachher gründlich zu waschen. Glücklicherweise schien der Mann von normalen Gebräuchen der Höflichkeit nichts zu halten. Ihre Hand ignorierend sah er sich weiterhin um und nickte dabei, als fühlte er sich in etwas bestätigt.
Editha räusperte sich verunsichert.
»Äh ... mein Name ist Editha Riekmüller. Ich bin die Vermieterin der Wohnung.«
Nun sah er sie flüchtig an und fuhr dann gleich mit der Betrachtung des Hauses fort.
»Schön, schön. Kann ich mir die Wohnung jetzt mal ansehen?«
»Äh ... ja, folgen Sie mir bitte.«
Sie führte den komischen Kauz durch den Hausflur und die Treppe hinauf in den großen Raum, dessen Zustand nicht verändert war, seit sie hier aufgeräumt hatte. Die Möbel warteten immer noch darauf, in die Mitte gerückt zu werden, damit das Zimmer renoviert werden konnte. Dafür brauchte sie Hilfe, die sie bisher nicht hatte. Mit der Renovierung wollte sie ohnehin erst beginnen, wenn sie einen Mieter hatte: Je später sie das Geld investierte, desto besser.
Der Kauz lief durch den Raum, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, betrachtete die Wand, sah aus dem Fenster und nickte fortwährend vor sich hin.
»Das soll das Wohnzimmer werden«, begann Editha. »Das wird selbstverständlich noch reno...«
»Wo ist das Bad?«, unterbrach er sie.
Vielleicht sollte sie einfach gar nichts mehr sagen, dachte Editha.
Sie drehte sich um und schritt Richtung Badezimmer voran, der Kauz kam hinterher. Dort angekommen wiederholte sich die Prozedur von vorher, ebenso im Schlafzimmer und in dem Raum, der die Küche werden sollte. Editha verzichtete auf irgendwelche Erklärungen und hoffte, dass das bald vorbei war. Diesen komischen Typen wollte sie als Untermieter eigentlich gar nicht haben.
»Wie hoch soll die Miete sein?«, fragte er schließlich.
Editha nannte ihm einen Betrag, der weit über das hinausging, was sie den anderen Interessenten gesagt hatte. Er nickte wieder, dieses Mal mit geschlossenen Augen. Eine ganze Weile.
»In Ordnung, ich nehme sie.«
Editha war verdutzt. Damit hatte sie jetzt nicht gerechnet.
»Äh ... ja, aber«, stotterte sie. »Ich ... äh ... muss mir in Ruhe überlegen, für welchen Interessenten ich mich entscheide.«
Der Kauz kehrte ihr den Rücken zu und ging die Treppe hinunter.
»Ich melde mich Anfang nächster Woche bei Ihnen«, sagte er. »Bis dahin werden Sie sich ja wohl entschieden haben.«
Er verließ das Haus. Die Haustür ließ er offenstehen.
»Von diesen Bedingungen, von denen ich gehört habe, haben Sie mir vorher aber nichts gesagt! Das ist eine Ungeheuerlichkeit, ja, eine Unverschämtheit.«
Im nächsten Moment hörte Editha den Freiton. Verwundert sah sie das Telefon an, als hätte dieses sich merkwürdig benommen und nicht der Mietinteressent, den sie gerade angerufen hatte. Was war denn in den gefahren? Was meinte der mit »Bedingungen«? Und wo hatte er davon gehört?
Na ja, jedenfalls konnte sie diese Reaktion getrost als Absage interpretieren. Und damit hatten, bis auf den komischen Kauz, alle Interessenten abgesagt. So wütend war dabei allerdings nur der letzte gewesen. Die anderen hatten einigermaßen plausible Begründungen parat: Die Lage gefiel nicht, die Zimmeraufteilung erschien ungünstig oder die Wohnung sagte allgemein nicht zu. Als wahren Grund vermutete Editha, dass sie mit dem Preis vielleicht zu hoch rangegangen war.
Die Zeit lief ihr davon. Sie würde halt den Kauz als Mieter annehmen. Schließlich sollte er ja nicht mit ihr in den gleichen Räumen leben. Die Miete, die er bereit war zu zahlen, würde sie für manches entschädigen. Sie hoffte, dass er sich allmählich meldete, damit alles unter Dach und Fach gebracht werden konnte. Dann musste sie die Renovierung wohl doch bald starten.
1788
Den ganzen Vormittag über hatte Jacob bei der Arbeit in der Mühle die Zähne zusammengebissen. Die Schmerzen durch die Blessuren vom Vorabend machten ihm ziemlich zu schaffen, aber er wollte sich nicht vorwerfen lassen, dass er nicht ordentlich arbeitete. Besonders der Rücken tat ihm höllisch weh, dort wo er in der Schenke gegen den Pfeiler geprallt war. Zum Glück war heute Friedhelm da, um sich seinen Tagelohn zu verdienen. Dann fiel es wahrscheinlich nicht auf, wenn er sich zwischendurch eine Pause gönnte.
Die Mittagspause verbrachten sie draußen. Es war ein warmer Märztag, der die Hoffnung auf den Frühling stärkte. Sie setzten sich auf größere Steine am See und aßen ihre Brote.
Jacob bemerkte irgendwann, dass Herold ihn betrachtete, und sah ihn deshalb fragend an.
»Du hast Schmerzen durch diesen Vorfall gestern Abend?«, fragte Herold.
Er hatte es also doch mitbekommen. Jacob erwog, ihm von dem Überfall beim Lappan zu erzählen, es fiel ihm dafür aber kein Grund ein.
»Viel mehr Kopfschmerzen bereitet mir eigentlich immer noch das, was dieser Kerl gesagt hat. Was sollte das bedeuten?«
Herold wandte den Blick ab und kaute weiter sein Brot.
»Was meinst du?«, brachte er endlich zwischen zwei Bissen hervor.
»Du weißt doch genau, was ich meine.« Das Thema regte Jacob auf. Er musste aufstehen. »Er sagte, uns wäre irgendwas geblieben, das er uns auch wegnehmen will. Was sollte das heißen?«
Herold kaute wieder eine Weile, bevor er antwortete, den Blick auf einen Punkt auf dem See gerichtet.
»Gar nichts.«
Jacob fehlten die Worte. Hier stimmte etwas nicht. Herold sah ihn sonst immer an, wenn er mit ihm sprach und nun sah er geradezu angestrengt weg. Jacob wusste nicht, warum ihn dieses Thema so aufregte. Vielleicht, weil Herold für gewöhnlich so ehrlich war und man ihm an der Nasenspitze ansah, dass er gerade etwas verschwieg.
»Gar nichts? Und wieso bist du dann so merkwürdig?« Jacobs Stimme wurde lauter.
Jetzt sah Herold ihn grimmig an.
»Dieser Kerl hat Unsinn geredet. Er wurde von mir gedemütigt, und er wollte es mir heimzahlen, mehr nicht.«
Jacob musterte ihn. Stimmte das? Oder wich Herold ihm nur aus?
Friedhelm begriff mit seinem begrenzten Verstand nicht, was los war. Einen großen Bissen Brot in der Backe sah er staunend vom einen zum anderen.
»Mit deinen Schmerzen musst du heute nicht weiter in der Mühle arbeiten«, sagte Herold. »Wir brauchen noch einige Lebensmittel. Heute ist Markttag. Geh‘ du hin und mache unsere Besorgungen.«
Friedhelm fing an zu grinsen.
»Oh ja, darf ich mit?«
»Dich brauche ich hier.«
Herold steckte den letzten Bissen in den Mund, stand auf und ging wieder zur Mühle rüber. Friedhelm machte ein muffeliges Gesicht und folgte ihm. Jacob blieb noch kurz sitzen und sah ihnen nach.
Wahrscheinlich hatte Herold recht: Rosas Bruder war einfach nur in seinem Stolz verletzt gewesen und hatte irgendeinen Unfug dahergeredet.
Als Jacob mit dem Sack voller Lebensmittel vom Markt kam, ging er nicht in die kürzere Achternstraße, um direkt nach Hause zurückzukehren, sondern in die Langestraße, und bog hinter dem Rathaus gleich wieder ab. Er wollte noch zur Nikolai-Kirche, um Pastor Gabriel zu besuchen. In seiner Hasenfelltasche befand sich neben den Schreibutensilien die Arbeit der letzten Tage. Dazu wollte er gerne die Meinung des Pastors hören.
Wenn man es genau nahm, war der Pastor sein einziger Freund. Friedhelm war zwar auch so etwas wie ein Freund, aber ihn konnte er nicht richtig zählen, denn er war geistig zurückgeblieben. Der Pastor jedoch war ein Mann mit Verstand. Und vor allem jemand, dessen Meinung für sein Schreiben sehr wertvoll war, denn er war schließlich Mitglied der Literarischen Gesellschaft Oldenburgs. Zu diesem erlauchten Kreis würde Jacob wohl nie gehören.
Er trat durch die stets geöffnete hölzerne Tür in die Kirche ein und ging in der Mitte durch die Reihen der Bänke hindurch. Er musste kurz an Rosa denken, weil er sie hier das erste Mal gesehen hatte. Bei der Tür zur Schreibkammer klopfte er an und betrat nach der Aufforderung das kleine Zimmer.
»Ach, du bist es«, sagte der Pastor, der an seinem Schreibtisch saß. »Ich bin gleich für dich da.«
Er wandte sich seinen Papieren zu und schrieb etwas auf.
Jacob setzte sich auf einen Stuhl und holte seine eigenen Papiere hervor. Er hatte sie mit einem Bindfaden fein säuberlich zusammengebunden. Diesen kleinen Stapel legte er auf eine freie Stelle des Schreibtischs.
Inzwischen war der Pastor mit seiner Arbeit soweit fertig, dass er Zeit für Jacob hatte.
»Hast du mir wieder etwas zum Lesen gebracht?«, fragte er.
»Ja, Pastor. Sie werden staunen, wie die Geschichte weitergeht.«
Jacob war stolz auf sein Werk. Aber er hatte auch ein wenig Angst vor dem Urteil des Pastors. Er war immer sehr ehrlich und Jacob hatte so manches Mal heftige Kritik über sich ergehen lassen müssen.
»Ich freue mich schon darauf, sie zu lesen.«
Sie unterhielten sich noch ein wenig über den bisherigen Verlauf der Geschichte und dann über ein paar andere Dinge, bevor es so spät war, dass Jacob sich verabschieden musste. Schließlich wollte er nicht schon wieder die Passage durch das Stadttor bezahlen müssen.
Dieses Mal ging er ohne Umwege direkt nach Hause.
Was ...?
»Hier nimm. Da ist jemand in der Mühle. Komm schnell.«
Schlaftrunken griff er nach dem Knüppel, den Herold ihm hinhielt. Jacob saß bereits im Bett, begriff aber nicht, was los war. Es musste mitten in der Nacht sein. Herold hatte ebenfalls einen Knüppel in der Hand.
»Was ...? In der Mühle? Wer ist ...?«
»Das weiß ich nicht. Ich habe Lärm gehört. Nun beeil dich.«
Herold zog ihm die Decke weg und war schon auf dem Weg nach draußen. Jetzt dämmerte es allmählich bei Jacob. Er sprang aus dem Bett, stieg in seine Schuhe und stürzte, ansonsten nur mit seinem Nachthemd bekleidet, hinterher.
Herold war nur wenige Schritte vor ihm. Er eilte ihm nach, konnte aber nicht aufschließen, fiel sogar noch weiter zurück. Langsam verlor sich die Silhouette in der Dunkelheit. Jacob geriet aus der Puste und verwünschte innerlich den Müller, der vor langer Zeit sein Haus nicht direkt an der Mühle, deren Bauplatz ja wahrscheinlich windgünstig ausgewählt worden war, sondern am See haben wollte.
Kurz bevor er bei der Mühle ankam, hörte er Rufe. Zuerst Herolds Stimme, dann riefen sich zwei fremde Männerstimmen etwas zu. Anschließend erklangen Schritte in verschiedene Richtungen.
Er erreichte die Mühle, stolperte über einen am Boden liegenden Gegenstand, fing sich wieder und ging vorsichtig hinein. Es war niemand mehr dort.
Stattdessen fiel ihm, neben einem strengen Geruch, sofort auf, dass der Mahlstein nicht dort war, wo er hingehörte, sondern auf dem Boden lag. Er nahm eine Laterne und entzündete sie. Als er nacheinander alles ausleuchtete, erkannte er das ganze Ausmaß der Beschädigungen.
Die Ursache des Geruchs befand sich gleich neben dem Mahlstein auf dem Boden: Der Übeltäter hatte dort seine Notdurft verrichtet. Nach der Größe des Haufens zu urteilen, musste er lange damit zurückgehalten haben.
Neben dem Haufen wiederum lag ein längliches Stück Holz. Jacob brauchte eine Weile, bis er begriff, dass es sich dabei um den Hebel der Bremse handelte. Das Mehlrohr lag dort herum und viele Holzsplitter, die offenbar von den Getrieberädern stammten, denn die lagen ebenfalls auf dem Boden. Die Namen der Räder bekam Jacob ständig durcheinander: Eines war das Stockrad und eines das Stirnrad. Und dann gab es noch das Kammrad. Welche auch immer das waren, sie waren kaputt. Den Namen des riesigen, senkrechten Bauteils kannte Jacob: Das war die Königswelle. Auch dort hatten sich die Rabauken zu schaffen gemacht. Aber mehr als ein paar Macken, die wohl von Äxten stammten, hatten sie der Königswelle nicht beifügen können.
Als Jacob den Umfang des Schadens realisierte, wurde sogar ihm klar, dass die Mühle nicht mehr funktionieren konnte. Somit hatten sie jetzt keine Möglichkeit mehr, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Er ging hinaus und fand einen Mühlenflügel auf dem Boden liegend. Darüber war er also gestolpert.
In einiger Entfernung sah er Herold auf einem größeren Stein sitzen, das Gesicht in die Hände gestützt. Ihm wurde klar, dass es für seinen Bruder noch viel schlimmer sein musste als für ihn. Beiden war die Mühle ein Mittel, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Müllerei hatten sie von ihren Eltern gelernt. Etwas anderes konnten sie nicht. Aber für Herold war die Mühle wesentlich mehr: Sie war sein Ein und Alles. Das war eine Sache, die Jacob nie verstanden hatte. Herold hatte immer für die Mühle gelebt. Wenn sie ihre normale Arbeit verrichtet hatten, arbeitete und flickte er noch an der Mühle herum. Und danach dachte er darüber nach, wie er sie weiter verbessern konnte. Er konnte sich beim besten Willen nicht ausmalen, wie sich sein Bruder jetzt fühlen mochte.
»Wer war das?«, fragte Jacob.
Es dauerte einen Moment, bis Herold antwortete, ohne seine Körperhaltung zu verändern.
»Ich weiß es nicht. Sie sind in verschiedene Richtungen geflohen. Ich musste mich für einen entscheiden und der ist mir entkommen. In der Dunkelheit konnte ich ihn nicht erkennen.«
Aber Jacob konnte sich denken, wer es war. Gestern war er zwei Mal Männern entkommen, die ihm nichts Gutes wollten. Und heute Nacht passierte das hier. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das ein Zufall sein sollte.
Herold erhob sich ruckartig. Er machte ein grimmiges Gesicht.
»Irgendwann muss ich mir den Schaden ja ansehen«, sagte er.
Mit großen Schritten ging er an Jacob vorbei, nahm ihm dabei die Laterne aus der Hand und betrat die Mühle. Nach kurzem Zögern folgte Jacob ihm.
Jacob schritt neben seinem Bruder daher, über den Marktplatz auf das große, weiße Gebäude zu, und ihm war zugleich freudig und mulmig zumute. Einerseits war es das erste Mal in seinem Leben, dass er das Rathaus betreten würde. Von außen hatte er es ebenso oft gesehen, wie er den Marktplatz überquerte, und deshalb war er gespannt darauf, wie es von innen aussah. Ob es so prunkvoll war, wie er es sich vorstellte? Andererseits war der Anlass für diesen Besuch wenig erfreulich. Schließlich mussten sie melden, dass die Mühle zerstört war.
Herold wollte ihn dabei haben, falls es etwas aufzuschreiben gab. So gut sein Bruder in technischen Dingen auch war, wenn es um den Umgang mit der Feder ging, stellte er sich äußerst unbeholfen an. Also hatte Jacob Papier, Löschpapier, Tintenfass, einen Federkiel und noch einen als Ersatz in die Tasche gepackt, um Herold zu begleiten.
Kurz bevor sie bei den beiden Männern der Rathauswache ankamen, schaute Jacob an der Fassade des Rathauses hoch. Über dem Eingang zierte es auf halber Höhe das Oldenburger Wappen, direkt zwischen den zwei Fensterreihen. Und ganz oben zeichneten sich die drei dreieckigen, verzierten Dachausbauten vor dem mit Schleierwölkchen bedeckten Himmel ab.
Die Wachmänner sahen ihnen grimmig entgegen. Das gehörte bestimmt zu ihrer Aufgabe dazu. Ihre Röcke waren so weit zurückgeschlagen, dass die Griffe ihrer Degen zu sehen waren. Na, die würden sie bei Herold und ihm nicht brauchen.
»Guten Tag«, sprach Herold die beiden an. »Wir müssen in einer dringenden Angelegenheit jemanden sprechen, der entscheidungsbefugt ist. Am besten den Bürgermeister oder einen Ratsherren.«
Der linke Wachmann, dessen Antlitz eine enorm große Hakennase zierte, sah Herold geringschätzig an.
»Habt ihr einen Termin vereinbart?«, fragte er.
»Nein.«
Der Wachmann sah kurz seinen Kollegen an, der ziemlich stark schielte, sie lachten, wurden dann aber sofort wieder ernst.
»Ohne Termin werdet ihr nicht vorgelassen, oder glaubst du, jeder Dahergelaufene könne so einfach hier reinspazieren«, fuhr er Herold an. »Scher dich hier weg und nimm diesen Hänfling gleich mit.«
Jacob setzte zu einer frechen Erwiderung an, ein warnender Seitenblick seines Bruders hielt ihn jedoch davon ab. Herold war einen Kopf größer als die beiden Dummköpfe und wesentlich breiter gebaut. Doch dank seiner besonnenen Art, die ihnen in dieser Angelegenheit wahrscheinlich nützlicher war als Jacobs Temperament, antwortete er ruhig und gelassen.
»Wie ich schon sagte, ist es wichtig«, wandte sich Herold an die Hakennase. »Das Eigentum des Herzogtums Oldenburg ist zerstört worden.«
Nun wurden die Wachmänner hellhörig.
»Was meinst du damit?«
»Ich meine die Nordmühle. Jemand hat sie zerstört und wir sind hier, um über das Ausmaß des Schadens zu berichten.«
Hakennase fasste sich ans Kinn.
»Hm, ohne Termin kann ich euch auf keinen Fall vorlassen. Aber etwas so Schwerwiegendes muss natürlich berichtet werden. Ich werde einen Rathausdiener losschicken. Der soll zusehen, dass irgendein Amtsmann euch anhört. Wartet hier.«
Er drehte sich um, lehnte sich gegen die solide Tür bis diese aufschwang und betrat das Rathaus.
Ratsherr von Zölder saß an seinem Schreibtisch und ging die Liste der städtischen Einnahmen vom letzten Monat durch. Er verglich sie mit den Listen der Vormonate. Vielleicht ließ sich an der einen oder anderen Stelle zukünftig noch mehr herausschlagen. Seite um Seite blätterte er um, fuhr mit dem Zeigefinger an den aufgelisteten Fällen entlang und schaute sich die dazugehörigen Beträge an. Aber ihm fiel einfach keine Möglichkeit ein, seine persönlichen Einnahmen, die neben einigen Privilegien 45 Reichstaler jährlich betrugen, noch weiter zu erhöhen. Die Stirn voller Konzentrationsfalten flog der Blick fortwährend von einem Blatt zum anderen.
Als er nach etwa zehn Minuten das Ende einer Seite erreichte, hielt er inne. Er raufte sich die restlichen grauen Haare, die sich links und rechts von seiner Glatze befanden. Warum eigentlich musste er sich über solche Dinge noch Gedanken machen? Wollte er nicht schon längst so weit sein, dass er sich in einen Sessel zurücklehnen und bedienen lassen konnte? So weit, dass er das Sagen hatte und alle auf ihn hören mussten? Dass er nicht ganz nach oben kommen konnte, war ihm klar. Schließlich konnte er ja nicht Herzog werden. Doch zumindest zum Bürgermeister hätte es für ihn, Barthel von Zölder, ja wohl schon reichen können. Aber so lange er es noch nicht war, musste er nach Wegen suchen, dorthin zu kommen, und dafür konnte es nicht schaden, so viel Geld anzuhäufen, wie es nur ging. Nicht zuletzt weil die Zuwendung von Barschaften an die richtigen Stellen seinem bisherigen Karriereweg nicht geschadet hatte.
Gerade wollte er mit dem verdrießlichen Schaffen fortfahren, als es an der Tür klopfte. Zum Glück, jede Ablenkung war ihm jetzt recht. Er klappte die Mappe mit den Listen zu, setzte sich aufrecht hin und machte ein Gesicht wie jemand, der ungern gestört wurde.
»Ja, bitte«, rief er in einem ebensolchen Tonfall.
Einer der Rathausdiener trat ein. Wie hieß er noch: Hans, Hannes, Johannes? Sei’s drum, warum sollte er sich die Namen dieser Leute merken? Wichtig war, dass sie den seinen wussten.
»Bitte verzeihen Sie die Störung, Herr von Zölder«, sagte er kleinlaut.
»Ja, ich hoffe für dich, dass du einen gewichtigen Grund dafür hast.«
Dem Rathausdiener war anzusehen, dass ihm nicht wohl war in seiner Haut. Von Zölder musste innerlich grinsen. Es war ja so einfach, diese Leute einzuschüchtern.
»Der liegt vor, denke ich.« Der Rathausdiener klang, als hätte er einen Kloß im Hals. »Draußen stehen zwei Männer, die einen Amtsmann sprechen möchten.«
»Wenn sie keinen Termin haben, bring sie zu irgendeinem Schreiber. Das ist doch wohl kein Grund, mich bei der Arbeit zu stören.«
»Das wollte ich ja. Aber die Schreiber sind nicht zugegen.«
»Nicht zugegen? Ja, und was soll ich dann daran ändern?«
Der Rathausdiener betrachtete ausgiebig die Spitzen seiner Schuhe.
»Nun ja, ich dachte, dass Sie vielleicht ...«
»Was erlaubst du dir? Ich habe viel zu tun und kann nicht einfach irgendwelche Trottel empfangen, die keinen Termin haben.«
»Das hat der Wachmann ihnen auch schon erklärt«, beeilte sich der Rathausdiener zu erwidern. »Aber dann erzählten sie von einer Zerstörung der Nordmühle und, dass sie von dem Schaden berichten wollen.«
»Die Details interessieren mich nicht«, schnauzte von Zölder. »Scher dich aus meiner Amtsstube hinaus.«
»Jawohl, Herr von Zölder. Ich bitte um Entschuldigung für die Störung.«
Der Rathausdiener drehte sich um und bewegte sich in Richtung der Tür.
Die Nordmühle. Irgendetwas assoziierte von Zölder mit der Nordmühle. Was war noch damit? Ach, stimmt ja!
»Die Nordmühle sagst du?«, rief er dem Rathausdiener hinterher, der gerade die Tür schließen wollte. Er öffnete sie wieder und kam zurück in die Amtsstube.
»Ganz recht.«
»Wird die nicht von der Familie Riekhen bewirtschaftet? Und die wurde zerstört?« Ein Grinsen legte sich auf von Zölders Gesicht. »Nun, die Zerstörung vom Eigentum des Herzogtums ist natürlich eine wichtige Angelegenheit. Schicke sie zu mir rein.«
Der Rathausdiener guckte irritiert, wandte sich aber der Tür zu, um den Befehl auszuführen, als von Zölder etwas ergänzte. »Aber lass sie erst eine Stunde warten.«
Noch eine ganze Weile nachdem der Rathausdiener gegangen war, grinste von Zölder vor sich hin. Weiterhin grinsend legte er dann die Mappe mit den Listen der Einnahmen in die oberste Schublade des Schreibtisches und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
Von Zölder schreckte vom Klopfen an der Tür hoch. Er musste kurz eingedöst sein. Mit weit aufgerissenen Augen schüttelte er den Kopf. Jetzt wäre kaltes Wasser nicht schlecht, um munter zu werden. Es klopfte ein zweites Mal.
»Ja doch, herein bitte«, rief von Zölder ungehalten.
Bevor die Tür aufschwang, ergriff er hastig den Federkiel und legte vor sich auf den Schreibtisch ein Blatt Papier mit Notizen. Keine Sekunde zu früh, denn im nächsten Moment trat ein hakennasiger Wachmann ein, gefolgt von zwei jungen Männern und einem weiteren Wachmann, der so stark schielte, dass einem vom Anblick schwindelig werden konnte.
Das waren also Riekhens Söhne. Der Ältere hatte eine wahrlich hünenhafte Gestalt. Bestimmt zwei Meter groß, breit wie ein Schrank, Arme wie Baumstämme mit bratpfannengroßen Händen, doch der Gesichtsausdruck war sanft und besonnen. Er sah seinem Vater ganz und gar nicht ähnlich. Anders der jüngere Sohn, der ein Abbild seines alten Herrn war: klein, eher schmächtig und mit einem wilden, temperamentvollen Blick. Sogar die Haare ragten ihm lang und lockig ins Gesicht, ebenso wie es die seines Vaters früher taten.
Na, dachte von Zölder, dann kann der Spaß ja beginnen.
Er bemühte sich, so streng zu gucken, wie es ihm nur möglich war.
Eine und eine halbe Stunde hatten Jacob und Herold gewartet. Davon hatten sie eine Stunde in einer muffigen, kleinen Kammer ohne Fenster gestanden, bis Hakennase sie schließlich wieder abholte. Jacobs Kehle war ausgedörrt und seine Geduld längst aufgebraucht. Langes Warten war nichts für ihn.
Als sie ihnen durch die Flure folgten, konnte er das Gespräch der Wachmänner hören, obwohl sie nur flüsterten.
»Dieses Mal gehst du zuerst zu diesem Ekelpaket in die Amtsstube«, raunte Hakennase.
»Das könnte dir wohl gefallen«, erwiderte der Schielende ebenso leise. »Aber das kannst du gleich wieder vergessen.«
»Warum soll ich immer derjenige sein, der sich von ihm zusammenscheißen lassen muss?«
»Von ‚immer‘ kann gar nicht die Rede sein. Als wir die Nachricht über den Fund der dritten Leiche überbringen sollten, war ich es, der sich von ihm ausschimpfen lassen musste, weil er angeblich erst so spät davon erfuhr. Nein, nein, du hast in dieser Angelegenheit angefangen und du führst es auch zu Ende.«
Hakennase schimpfte leise vor sich hin.
»Was ist eigentlich mit dieser Leiche? Weiß man darüber schon etwas Neues?«, fragte Schielauge.
Hakennase unterbrach sein Schimpfen.
»Woher soll ich das wissen?«, gab er muffelig zurück.
»Dein Schwager ist doch bei den Polizei-Dragonern. Hat der noch nichts davon mitbekommen?«
»Ja, doch. Er sagt, dass man völlig im Dunkeln tappt. Genau wie bei den ersten beiden Leichen. Man weiß nur, dass es keine Unfälle waren.«
»Woher?«
»Das kann man wohl feststellen. Die ersten beiden wurden erschlagen und der letzte erwürgt, bevor sie in den Graben geworfen wurden. Das soll der Bader jedenfalls gesagt haben.«
Interessant, dachte Jacob. Wie man das wohl feststellen konnte? Wahrscheinlich hinterließ das Erwürgen Verletzungen am Hals. Wenn das so war, dann mussten sie kaum sichtbar sein, denn Jacob konnte sich nicht an irgendetwas Auffälliges am Hals des Toten erinnern.
Die Wachmänner blieben vor einer Tür stehen. Hakennase atmete einmal tief durch und klopfte an. Als nach einer Weile immer noch keine Antwort kam, klopfte er erneut an, woraufhin eine unwirsche Stimme von drinnen die Erlaubnis zum Eintreten erteilte.
Als sie die Amtsstube betraten, war der Ratsherr dabei, etwas zu schreiben. Er hob den Blick und musterte sie. Gewiss arbeitete er bereits seit Stunden, so müde und verquollen wie seine Augen aussahen. Trotzdem wirkte sein Blick herrisch, als er zuerst auf Herold und dann auf Jacob ruhte. Jacob wandte den seinen nicht ab. Der Ratsherr sollte nicht glauben, dass er sich ihm unterlegen fühlte, nur weil er ein einfacher Müllergehilfe war.
Hakennase stellte sich an die rechte Seite und starrte die gegenüberliegende Wand an, der andere Wachmann blieb hinter ihnen stehen.
»Was höre ich da?«, sagte der Ratsherr, sich wieder an Herold wendend. »Ihr habt die Nordmühle zerstört, die euch vom Herzogtum und insbesondere der Stadt Oldenburg zur Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt wurde?«
Jacobs Puls beschleunigte sich sofort. Welche Anschuldigung! Sie sollten sie zerstört haben? Was hatte dieser Esel von Rathausdiener dem Ratsherrn denn erzählt? Er hatte schon den Mund geöffnet, um ihm klar zu machen, welchen Unsinn er da von sich gab, als ihn ein neuer kurzer Seitenblick von Herold wieder davon abhielt.
»Guten Tag, Herr von Zölder«, sagte Herold. Woher kannte er den Namen des Ratsherren? Vielleicht stand der draußen an der Tür und Jacob hatte ihn nur nicht bemerkt. »Sie sind, was die Mühle betrifft, womöglich falsch informiert worden. Nicht wir haben sie zerstört. Das wäre auch nicht in unserem Interesse gewesen, weil sie uns schließlich ernährt. Nein, es waren andere Männer«, erklärte Herold ruhig.
»So, so! Und woher soll ich wissen, ob du mir auch die Wahrheit sagst?« Darüber hätte Jacob wohl lachen können: Herold sollte lügen? Nie und nimmer. Der war stets absolut ehrlich, sogar wenn es zu seinem eigenen Nachteil gereichte. Da war Jacob eher jemand, der es mit der Wahrheit nicht immer ganz genau nahm. »Vielleicht habt ihr die Mühle ja durch ein Missgeschick zerstört«, fuhr von Zölder fort, während er um seinen Schreibtisch herum auf sie zukam, »und wollt euch jetzt mit diesen Lügen aus der Verantwortung herauswinden.«
Das war nun wirklich zu viel. Jacob machte zwei Schritte auf den Ratsherren zu, sodass die beiden sich unmittelbar gegenüber standen.
»Wie reden Sie eigentlich mit meinem Bruder?«, schimpfte er. »Wissen Sie nicht, dass ...?«
Weiter kam er nicht. Der Ratsherr hatte Hakennase ein Zeichen gegeben und im nächsten Moment war dieser bei ihm, drehte seine Arme auf den Rücken und hielt ihn fest. Jacob spürte eine Bewegung seines Bruders, doch im gleichen Augenblick hörte er am metallischen Klang, dass der andere Wachmann seinen Degen aus der Scheide zog, was Herold sofort innehalten ließ. Auch Jacob unterließ seine Befreiungsversuche.
Auf dem Gesicht des Ratsherren bildete sich ein hämisches Lächeln. Mit den Händen hinter dem Rücken stolzierte er auf Jacob zu und blieb dicht vor ihm stehen.
»Wie ich mit deinem Bruder rede?«, sagte er. »Ich rede mit ihm so, wie es mir beliebt.« Er sah Jacob in die Augen. »Ts, ts, ganz der Vater. Immer gleich so aufbrausend.«
Ganz der Vater? Der Ratsherr kannte seinen Vater? Jacob selbst hatte ihn nie kennengelernt, weil seine richtigen Eltern beide kurz nach seiner Geburt bei einem Unfall gestorben waren.
»Auch ansonsten siehst du Diether Riekhen sehr ähnlich. Er war vor 20 Jahren ein genauso kleines, mageres Bürschchen«, fügte von Zölder hinzu.
Er meinte also tatsächlich seinen Vater. Jacob war so überrascht, dass er sogar die Schmerzen in seinen Armen nicht mehr spürte, die der Wachmann ihm zufügte. Er hatte noch nie jemanden getroffen, der seinen Vater kannte.
»Zu dumm, dass es so ein Ende mit ihm genommen hat«, raunte er Jacob zu und hatte dabei ein hässliches Grinsen im Gesicht.
»Uns ist aber kein Missgeschick passiert«, versuchte es Herold weiterhin mit Vernunft. Jacob sah ihm an, dass selbst er sich dazu enorm zusammenreißen musste. »Es waren andere Männer, die letzte Nacht in die unbewachte Mühle einbrachen und sie zu einem großen Teil zerstörten.«
Von Zölder wandte sich wieder Herold zu.
»Und welche anderen Männer sollen das gewesen sein?«
Herold sah zu Boden.
»Das wissen wir nicht. Wir haben zwar eine Vermutung, aber beweisen können wir es nicht.«
»Unterlasse es ja, aufgrund von Vermutungen, irgendwelche Männer zu beschuldigen. Das würde euch ohnehin nichts nützen. Selbst, wenn ich euch eure Geschichte glauben würde, was ich nicht tue, hättet ihr es versäumt, die Mühle ausreichend gegen einen Einbruch zu sichern und zu bewachen. So oder so, ich laste euch die Zerstörung der Mühle an.« Von Zölder schritt hinter seinen Schreibtisch zurück. »Deshalb bestimme ich hiermit, dass ihr die Mühle wieder zum Funktionieren bringen müsst. Wie, ist mir egal. Lasst euch etwas einfallen. Alles geht auf eure Kosten und den Pachtzins müsst ihr trotzdem weiter bezahlen. Und nun seht zu, dass ihr hier rauskommt.«
Nach diesen Worten schubste Hakennase Jacob in Richtung Tür und ließ ihn dabei los. Jacob rieb sich die schmerzenden Arme.
»Aber wie sollen wir das denn bezahlen?« Herold klang verzweifelt. »Nicht nur, dass wir mit der Mühle keine Einnahmen erzielen können, wir müssen auch noch Material für den Wiederaufbau kaufen und die Gebühren aufbringen.«
»Das ist ganz allein euer Problem. Nehmt halt eine weitere Arbeit an, damit ihr das finanzieren könnt. Mir ist nur daran gelegen, dass das Herzogtum und die Stadt durch eure Schuld keinen Nachteil erfahren.«
Von Zölder sah die Wachmänner an und machte eine nickende Kopfbewegung zur Tür. Hakennase fasste nun ebenfalls seinen Degen am Griff, ohne ihn herauszuziehen, und drängte sie zusammen mit dem anderen Wachmann zum Ausgang.
So kann man sich täuschen, dachte Jacob. Vor einer Stunde war er noch in dem Glauben, dass die Wachmänner ihre Waffen bei ihnen nicht brauchen würden. Nun hatten beide ihre Degen angefasst. Und von Prunk hatte er gar nichts gesehen in den Gängen, die zu der Amtsstube führten.
Heute
Der Zeitungsartikel für die Sonderausgabe war fast fertig, der Mietvertrag unterschrieben, die Handwerker bestellt. Timo war satt und machte seinen Mittagsschlaf. Sie hatte sich einen Tee bereitet und saß mal wieder am Schreibtisch.
In den letzten Tagen fiel ihr immer wieder ein, dass sie ihren Vater wegen des Buches noch nicht angerufen hatte. Sie hatte sogar schon überlegt, ob sie dieses Telefonat aus einem bestimmten Grund unbewusst ständig verschob, weil sie es vielleicht nicht führen wollte. Aber der einzige Grund, der ihr einfiel, war, dass sie womöglich ihre Mutter am Apparat haben könnte, mit der sie ganz und gar nicht sprechen wollte. Und das ließ sich leicht umgehen, indem sie ihren Vater auf seinem Handy anrief.
Also nahm sie das Telefon und wählte seine Mobil-Nummer. So wie sie ihn kannte, drückte er sich gerade vor der Gartenarbeit, indem er vorgab, noch etwas für das Büro tun zu müssen, und saß ebenfalls an seinem Schreibtisch.
»Hallo, meine Kleine«, vernahm sie nach zwei Klingeltönen seine warme Stimme. »Wir haben uns schon gefragt, wann du mal anrufst.«
Typisch: Ihre Eltern erwarteten immer, dass sie sich bei ihnen meldete. Umgekehrt kam es nicht in Frage.
»Hallo Papa. Ich hatte viel zu tun. Aber du hast ja auch meine Nummer für den Fall, das etwas anlag.«
»Okay, okay, ich habe schon verstanden. Erzähl schon, wie geht es euch alleine im großen Haus.«
Eine Weile brachten sie sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Dann kam Editha zum eigentlichen Grund ihres Anrufs und sie berichtete dafür zunächst vom Fund des Buches. Sie beschrieb es ihm, so ausführlich wie möglich.
»Ich könnte dir auch ein Foto senden.« Sie hatte ihr Handy schon in der Hand und rückte das Buch auf dem Schreibtisch zurecht. Im nächsten Moment war das Foto unterwegs.
»Kannst du machen, aber ich glaube, dass ich dieses Buch noch nie gesehen habe,« meinte ihr Vater. »Ah, da ist das Bild ja. Nein, nie gesehen. Und auch die Initialen sagen mir nichts. Das ‚R‘ könnte natürlich für unseren Nachnamen stehen, aber ich kenne keinen aus unserer Familie, dessen Vorname mit ‚J‘ begann.«
Editha seufzte enttäuscht.
»So ein Mist. Ich hatte so gehofft, dass du darüber etwas weißt.«
»Na ja, ein wenig weiß ich schon. Die Truhe, die du gerade beschrieben hast, die kenne ich. Die hat dein Opa gehütet, wie seinen Augapfel, wir Kinder durften dort nie ran. Sie ist ein altes Familienerbstück und ich weiß, dass er darin andere Erbstücke aufbewahrte.«
»Das Buch ist also von einem unserer Vorfahren?«
»Darauf deutet alles hin.«
»Hm, hast du nicht irgendwelche Unterlagen? In Familienbüchern, oder so?«
»Nein, so weit reicht das nicht zurück. Ich kann dir Unterlagen über Oma und Opa schicken, aber von deinen Urgroßeltern habe ich schon nichts mehr. Die Namen weiß ich natürlich, die sende ich dir am besten mit. Die weitere Recherche müsste für dich als Journalistin ja ein Leichtes sein.«
Sie verabredeten, dass er die Unterlagen scannen und per Mail senden würde, und verabschiedeten sich.
Als ob er nichts anderes zu tun gehabt hätte, fand Editha eine halbe Stunde später seine Nachricht im Postfach ihres Mailprogrammes. Sie umfasste sämtliche Familienbucheinträge bis hin zu ihren Großeltern.
In der Zwischenzeit hatte sie mit einer Suchmaschine im Internet herausgefunden, wie sie ihre Urgroßeltern ermitteln konnte. Es gab einige Seiten über Ahnenforschung, die darüber umfassend informierten. Sie musste sich dazu an das Standesamt wenden, weil dort seit Ende des 19. Jahrhunderts alle Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle registriert wurden. Bevor Timo wieder aufwachte, schaffte sie es noch gerade, einen Brief an das Standesamt zu schreiben, in dem sie um die Daten ihrer Urgroßeltern bat. Dafür konnte sie sich von einer Internetseite ein Musterschreiben herunterladen. Zur Identifizierung gab sie die Namen an, die ihr Vater ihr gesendet hatte, und die Daten ihrer Großeltern aus dem Familienbuch. Zur Sicherheit sendete sie noch einige der gescannten Seiten mit.
Zwei Tage später erhielt sie eine Mail vom Standesamt, in der um die Überweisung der Gebühr gebeten wurde. Das erledigte sie umgehend. Ein paar weitere Tage danach kam dann die Post mit den gewünschten Auszügen aus den Akten. Sie enthielten die Daten ihrer Urgroßeltern und den Hinweis, dass die Aufzeichnungen nur bis in das Jahr 1876 zurückreichten und man ihr deshalb über frühere Vorfahren keine Auskunft geben könnte. Dafür riet man ihr, sich an die zuständige Kirchengemeinde zu wenden. Ihr fiel ein, dass sie auf den Internetseiten, die von der Ahnenforschung handelten, auch davon gelesen hatte, dass man sich in bestimmten Fällen an die Kirchengemeinde wenden solle.
Doch das musste warten, denn im nächsten Moment klingelte das Telefon.
»Gruning hier, vom Antiquariat Gruning«, meldete sich eine fremde Stimme. »Sie haben auf meinem AB um Rückruf gebeten?«
Editha hatte ebenfalls über das Internet und mit ein paar Telefonaten versucht herauszufinden, wer ihr bei der Übertragung der altdeutschen Schrift aus dem Buch in lateinische Buchstaben helfen könnte. Das Antiquariat Gruning fiel ihr dabei an mehreren Stellen auf. Leider war keiner da, als sie dort anrief, also hatte sie auf den Anrufbeantworter gesprochen.
»Ja, vielen Dank dafür. Mein Name ist Riekmüller. Ich habe hier ein altes Buch. Das ist in einer Schrift verfasst, die ich nicht lesen kann, vermutlich altdeutsch. Ich habe im Internet gelesen, dass Sie sich damit auskennen. Ist das richtig?«
»Das ist mein Spezialgebiet, ja.«
»Wäre es möglich, dass Sie sich das Buch mal ansehen?«
Sie vereinbarten für den Nachmittag einen Termin und verabschiedeten sich wieder.
Editha sah kurz nach Timo, der auf dem Wohnzimmerfußboden mit seinen Autos spielte, und ging dann ins obere Stockwerk, um sich über den Fortschritt der Renovierungsarbeiten zu informieren. Der Maler und sein Auszubildender waren dabei, die Unebenheiten in den Wänden mit Spachtelmasse auszugleichen. Irgendwie hatte sie den Eindruck, dass die Arbeiten noch ewig dauern würden. Hier konnte sie jedenfalls nichts ausrichten, also begab sie sich wieder in ihr Arbeitszimmer, um den Artikel zu Ende zu schreiben.
Das Antiquariat hatte eine Schaufensterscheibe, hinter der einige alte Bücher ausgestellt waren. Alles sah ein wenig altmodisch aus, als wäre die Zeit hier vor drei Jahrzehnten stehengeblieben. So auch die Eingangstür: Der Holzrahmen sah verblichen aus, die Scheibe war teilweise blind und dort, wo man hindurchsehen konnte, erblickte man dahinter einen Vorhang, der wohl früher einmal weiß gewesen war und jetzt schmuddelig grau aussah.
Als Editha die Tür öffnete, betätigte sie mit ihr eine kleine Ladenglocke, die ihre Ankunft ankündigte.
»Eine Glocke«, sagte Timo, der ihr an ihrer Hand folgte.
Sie traten ein und ihnen schlug ein muffiger Geruch entgegen, so wie sie es in einem Geschäft mit alten Büchern erwartet hatte. Ringsherum waren Regale, in denen von oben bis unten Buchrücken zu sehen waren. Dazwischen standen mehrere Ausstellungstische mit Stapeln von weiteren Exemplaren.
Editha schloss die Tür, wodurch sie die Glocke erneut zum Klingen brachte. Timo sah zu der Quelle des Geräuschs hoch und war sichtlich über den hellen Klang erfreut.
Von dem Läuten angelockt, betrat ein Mann den Verkaufsraum. Editha ging davon aus, dass das Herr Gruning war. Das erste, was ihr an ihm auffiel, war, dass er offenbar ziemlich alt war, bestimmt über siebzig, aber dafür einen sehr fitten Eindruck machte. Mit einem dynamischen Gang kam er auf sie zu und bewegte sich dabei, als wären ihm orthopädische Probleme fremd. Aus seinen kurzen Hemdsärmeln ragten muskulöse Unterarme, wie sie sie von ihren männlichen Karate-Kollegen kannte, und der Rest seines Oberkörpers sah ebenfalls breit und muskelbepackt aus. Sein akkurat gestutzter grauer Vollbart war etwa genauso lang wie die grauen Haare, die allerdings nicht mehr ganz so flächendeckend vorhanden waren. Er hatte eine Halbbrille auf der Nasenspitze sitzen und die Lachfalten seiner Augenpartie, die Editha darüber sehen konnte, machten ihn gleich sympathisch.
»Moin, wie kann ich helfen?«, fragte er.
»Wir hatten telefoniert. Sie wollen sich mein Buch ansehen.«
Sie holte den braunen Einband aus der Tasche und hielt ihn hoch.
»Ach, die altdeutsche Schrift.« Er nahm ihr das Buch aus der Hand und betrachtete die Buchstaben auf dem Deckel. »J. R.? Initialen? Wissen Sie, was die bedeuten?«
»Noch nicht, aber ich bin dabei, es herauszufinden.«
»Hm, und du weißt wohl auch nicht, was das heißen soll, oder?«
Er bückte sich zu Timo herunter, der sich schnell zur Hälfte hinter ihrem Rücken versteckte und nur ein scheues »Nein« hervorbrachte.
Gruning erhob sich schmunzelnd.
»Na, dann kommen Sie mal mit nach hinten durch, damit ich mir das Buch genauer ansehen kann.«
Er drehte ihr den Rücken zu, wieder ganz in der Betrachtung des Einbandes vertieft, und ging durch einen Vorhang voran ins Hinterzimmer. Editha folgte ihm mit Timo.
Als sie durch den Vorhang traten, saß der Mann bereits an einem Schreibtisch und zog ein Vergrößerungsglas heran, das mit einer verstellbaren Halterung, wie bei einer alten Schreibtischlampe, an den Tisch angebracht war. Damit betrachtete er eine ganze Weile das Äußere des Einbandes. Falls er etwas dabei feststellte, ließ er es sich nicht anmerken, und er äußerte sich auch nicht dazu.
Dann schlug er das Buch auf, blätterte auf die erste beschriebene Seite und betrachtete sie.
»Oh, nein«, sagte er und blätterte weiter, überblätterte ein paar verblasstere Seiten und sagte wieder »oh, nein«.
Editha verließ ihre ganze Hoffnung. Dann würde sie wohl nicht erfahren, was in dem Buch stand. Vielleicht war deshalb nur der eine Abschnitt übertragen worden, weil der Rest nicht leserlich war.
»Dann ist demnach also nichts zu machen? Sie können die Schrift nicht in lateinische Buchstaben übertragen?«
Gruning sah sie überrascht an.
»Wie bitte? Nein. Doch. Natürlich kann ich die Schrift übertragen. Ich kann nur gar nicht glauben, was Sie mir hier für ein Schmuckstück gebracht haben. Das ist ja eine ganz hervorragende, alte Schrift.«
Edithas Hoffnung kehrte zurück, ihr Herz machte einen Hüpfer.
»Dann können Sie sie lesen?«
»Aber ja doch. Das ist Kurrentschrift, eine Laufschrift, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland verwendet wurde. Der Verfasser dieser Zeilen hat zwar eine - sagen wir mal - etwas eigenwillige Schrift und manche Buchstaben werden auch noch unterschiedlich ausgeführt, aber sie ist absolut lesbar.«
»Und die verblichenen Seiten? Die kann man wohl vergessen, oder?«
»Nein, überhaupt nicht. Da gibt es Methoden, den Kontrast wieder zu vergrößern. Das kriege ich hin.« Er klappte das Buch zu und besah es sich von der Seite. »Allerdings dauert das eine Weile und dementsprechend wird das auch kein billiger Spaß. Dieser Schinken hat bestimmt 500 Seiten. Wenn ich die alle übertrage, wird der Preis so um die 1.000 Euro betragen, vielleicht etwas weniger.«
Die gerade aufgekeimte Freude verpuffte wieder.
»Oh, nein! Unmöglich, das kann ich mir nicht leisten.«
Sie dachte an die ganzen Rechnungen auf ihrem Schreibtisch. Auf keinen Fall konnte sie sich weitere Schulden aufladen. Dabei hätte sie so gerne gewusst, was in dem Buch stand. Was es mit diesen Visionen auf sich hatte.
Gruning musste ihr die Enttäuschung angesehen haben. Fast mitleidig schaute er zu ihr hoch.
»Pass auf, Mädchen, ich mach´ dir einen Vorschlag: Ich übertrage erst mal ein paar Seiten, sagen wir mal die ersten zehn. Danach kannst du es dir immer noch überlegen, ob ich weiter machen soll. Was hältst du davon?«
Dieser Vorschlag war vielleicht gar nicht so schlecht. Ein paar Seiten würde sie sich leisten können.
»In Ordnung. Wann haben Sie das fertig?«
»Hm, das muss ich nebenbei machen. Zwei, drei Tage werde ich wohl brauchen. Ich melde mich, wenn ich fertig bin.«
1788
Das Aufräumen der kaputten Mühle dauerte länger, als Jacob gedacht hatte. Er hatte das gesamte Ausmaß des Schadens nicht ansatzweise erkannt, als er ihn das erste Mal gesehen hatte. Im Nachhinein fanden sie noch unzählige Beschädigungen und herumliegende Bauteile. Und nicht alles ließ sich so einfach beseitigen, wie der Haufen Scheiße. Sie brachten einige Tage damit zu, verkeilte Holzstücke aus den Getrieben zu entfernen, immer vorsichtig, um die noch brauchbaren Bauteile dabei nicht zu beschädigen. Die kaputten Teile sammelten sie hinter der Mühle. Die wollten sie zunächst behalten, falls sie teilweise bei der Reparatur zum Ausbessern verwendbar waren.
Heute Morgen hatte ein Bote der Stadt ein Schreiben überbracht. Darin wurde ihnen noch einmal mitgeteilt, was der Ratsherr von Zölder im Rathaus bereits gesagt hatte: Sie sollten die Mühle wieder aufbauen, auf ihre eigenen Kosten und bei weiter laufendem Pachtzins. Es wurde erneut ausdrücklich betont, dass es für die Stadt Oldenburg unerheblich war, wie sie das anstellten. Der amtliche Stempel unter dem Schreiben grinste Jacob höhnisch an, nachdem er Herold vorgelesen hatte.
In einer Pause – sie hatten gerade die Aufräumarbeiten abgeschlossen und wollten mit dem Wiederaufbau anfangen – begann Herold wieder von dem Brief zu sprechen.
»Dieser verdammte Ratsherr«, sagte er, bestimmt bereits zum zehnten Mal. »Ich bin mir nicht sicher, ob der das überhaupt so einfach bestimmen darf.« Und nach einer kurzen Pause. »Aber was wollen wir dagegen tun?«
Jacob kaute weiter auf seinem Brot und antwortete nicht. Die Frage hatte Herold schon mehrfach gestellt. Sie war nicht an Jacob gerichtet.
»Wir werden uns nach Arbeit umsehen müssen.«
Jacob horchte auf. Das war seit der Zerstörung der Mühle das erste Zukunftsweisende, das Herold von sich gab. Aber Jacob erkannte sogleich einige Probleme, die dieses Vorhaben mit sich brachte.
»Nach was für Arbeit? Wir können doch nichts anderes außer der Arbeit des Müllers.«
»Oh, das glaube nicht. Ein Müller kann so manches. Ich habe erfahren, dass die Gerber noch Leute suchen. Notfalls müssen wir uns halt als Tagelöhner verdingen.«
Als Gerber! Jacob hatte schon viel von dieser Arbeit gehört. Schwere Tierhäute musste man dabei schleppen, ständig panschte man im Wasser herum und war ätzenden Dämpfen und Gasen ausgesetzt. Darauf konnte er gut verzichten.
»Aber als Tagelöhner wird man schlecht bezahlt. Wenn wir davon leben wollten, müssten wir viele Stunden dort arbeiten. Wer repariert dann die Mühle?«
Herold, dessen Gesichtsausdruck seit Tagen verdrießlich war, schaute tatsächlich noch verdrießlicher drein.
»Ich weiß, dass das ein Problem ist und dafür habe ich bisher keine Lösung. Doch fest steht, dass wir Geld brauchen. Wir haben zwar ein paar Reserven, doch die reichen nur, um uns ein paar Tage über Wasser zu halten. Wir müssen eine Arbeit annehmen. Vielleicht nimmst auch nur du eine an und wir leben dann beide davon, während ich mich mit Friedhelms Hilfe um die Mühle kümmere.«
»Das reicht doch niemals. Als Tagelöhner könnte ich doch nicht so viel verdienen, dass wir beide davon leben und auch noch Friedhelm bezahlen könnten.«
»Dann müssen wir uns eben einschränken.« Herold wurde lauter, bis er fast schrie. »Verdammt, ich weiß es doch auch nicht.«
Er sprang auf und schleuderte seinen Blechteller zu Boden. Die paar Krumen, die sich noch darauf befunden hatten, kullerten in alle Richtungen. Mit geballten Fäusten ging er ein Stück auf den See zu.
Jacob hatte vor Schreck aufgehört zu kauen. Wenn Herold, der sonst immer die Ruhe und Besonnenheit selbst war, so aus der Haut fuhr, musste es in seinem Inneren schlimm zugehen. Er stellte seinen Teller ebenfalls auf den Boden und ging Herold nach.
»Wir kriegen das schon irgendwie hin«, sagte er, obwohl er nicht daran glaubte. »Du wirst sehen, alles kommt wieder in Ordnung.«
Herolds Fäuste entspannten sich. Nach einer Weile drehte er sich langsam zu Jacob um. Sein Gesichtsausdruck war jetzt weder wütend noch verdrießlich. Er schaute Jacob prüfend an.
»Entschuldige«, sagte er. »Du musst auch einiges durchmachen und dann benehme ich mich derart.« Er fasste Jacob bei den Schultern. »Ich verspreche dir, dass das jetzt anders wird. Und noch eins: Mache dir keine Sorgen, ich gebe dir nicht die Schuld an dem, was passiert ist.«
Er sah zur Mühle, ließ Jacob los und schritt mit entschlossener Miene die Anhöhe hoch.
»Los, komm her«, rief er Jacob zu. »Wir wollen die Mühle wieder aufbauen.«
Jacob war verwirrt. Was sollte das heißen: Er gab ihm nicht die Schuld? Warum sollte er ihm auch die Schuld geben? Was konnte er dafür, dass diese Kerle, Rosas Bruder und ihr Verehrer, die Mühle kaputt gemacht hatten?
Jacob zog einen Stapel Papiere aus seiner Hasenfelltasche und eilte mit einem Stück Brot in der Hand aus der Mühle hinaus. Schon im Gehen biss er eine große Ecke ab. Auf der Rückseite des Gebäudes ließ er sich mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf den Boden nieder und fummelte sein hölzernes Tintenfass und den Federkiel aus seiner Tasche hervor. Nebenbei verschlang er das Brot so hastig, als würde es ihm sonst jemand wegnehmen. Nachdem er den letzten Krümel auf diese Weise hinuntergeschluckt hatte, stürzte er sich auf den Text, der sich bereits auf einigen Seiten befand, indem er die Blätter auf seinen Oberschenkel legte und mit dem Kiel in der linken Hand Geschriebenes durchstrich oder Notizen an den Rand hinzufügte. Seine Haare, die ihm aufgrund seines vorgeneigten Kopfes ständig ins Gesicht fielen, strich er mit einer unbewussten Geste immer wieder hinter die Ohren. Als er die Überarbeitung des vorhandenen Textes beendet hatte, sah er eine Weile auf den See. Er spürte dabei einen absoluten inneren Frieden.
Und plötzlich wusste er, wie es weiterging in der Geschichte. Aufgeregt wendete er sich den leeren Blättern zu und schrieb eilig auf, was ihm eingefallen war.
Dieser Vorgang – auf den See blicken, anschließend schreiben – wiederholte sich einige Male, mindestens eine Viertelstunde lang. Dann zuckte er vor Schreck zusammen, als Herold, den er nicht hatte kommen hören, ihn unvermittelt ansprach.
»Tut mir leid, Jacob, aber du musst mir jetzt weiter helfen.«
Jacob sah zu seinem Bruder auf. Er stand keine zwei Meter von ihm entfernt und machte ein Gesicht, als wollte er sich für die Unterbrechung entschuldigen. Dann wandte er sich ab und verschwand hinter der Rundung der Mühlenwand.
Seit diesem Wutausbruch vor zwei Tagen war er wieder ganz der Alte. Er war voller Tatendrang, wobei sich alles nur um die Mühle drehte. Von der Tagelöhnerarbeit war keine Rede mehr gewesen, aber es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis das Thema erneut aufkam. Schließlich hatten sie bald kein Geld mehr. Jacob hatte jetzt kaum noch Gelegenheiten zu schreiben. Wenn er erst mal von morgens bis abends als Tagelöhner schuften würde, hätte er gar keine Zeit mehr dafür.
Mit zusammengepressten Lippen raffte er die Blätter zusammen und verstaute sie wieder in der Tasche. Wenn er am Abend nicht zu kaputt war, hatte er vielleicht noch einmal Gelegenheit zu schreiben. Er erhob sich und folgte Herold in die Mühle, im Gedanken weiterhin bei seiner Geschichte. Herold stand dort an einem großen, hölzernen Zahnrad. Doch das bemerkte Jacob nur nebenbei, während er über den Fortgang der Handlung nachdachte.
»Willst du mir jetzt vielleicht mal helfen?«, hörte er Herold schließlich sagen. Jacob sah ihn an. Sein Bruder lächelte und schüttelte leicht den Kopf. »Aha, bist du jetzt wieder in dieser Welt?« Er klopfte auf das Zahnrad. »Nun pack endlich mit an.«
Das Zahnrad sah aus, als wäre eine Herde Rinder darüber hinweg gelaufen.
»Na, das hat wohl auch schon bessere Tage erlebt«, sagte Jacob.
»Ja, das ist das alte Zahnrad, das zerstört war. Ich habe es einigermaßen repariert, um Geld zu sparen, weil wir noch genug andere Ersatzteile kaufen müssen. Hoffentlich hält es eine Weile durch.«
Jacob hatte sich dem Zahnrad genähert, begriff aber nicht, was er machen sollte. Herold lächelte weiterhin mild. Er wusste, wie unbeholfen Jacob sich anstellte, wenn es um technische Dinge ging.
»Du musst es dort anfassen und mit anheben«, erklärte er. »Wir stecken es dann auf diese Welle, die ich schon dafür vorbereitet habe.«
Er deutete auf ein zylindrisches Bauteil, das in Jacobs Brusthöhe aus dem Durcheinander der anderen Bauteile hervorstand. Oben auf diesem Bauteil saß etwas Rechteckiges drauf. Jacob fragte sich gerade, was es wohl damit auf sich hatte, da erläuterte es Herold schon für ihn.
»Diese Einkerbung in der Nabe«, er deutete auf eine eckige Aussparung, die oberhalb des runden Lochs in der Mitte des Zahnrads war, »müssen wir auf dieses rechteckige Teil schieben. Dann haben die beiden Bauteile eine Verbindung, mit der die Kraft des Windes übertragen werden kann.«
»Aha«, sagte Jacob. Da sein technisch begabter Bruder es sagte, musste es wohl stimmen, auch wenn ihm nicht klar war, wie das funktionieren sollte.
Zusammen wuchteten sie das Zahnrad hoch. Während Herold es scheinbar mühelos anheben konnte, musste Jacob sich enorm anstrengen. Sie schoben es, wie Herold vorher beschrieben hatte, auf diese sogenannte Welle. Für Jacob waren Wellen etwas ganz anderes. Er musste an den See denken und wie ihm beim Beobachten der Wellen immer gute Ideen für seine Geschichte kamen.
»So, jetzt musst du von außen gegendrücken. Dann kann ich es befestigen.«
Jacob tat, wie ihm geheißen und stemmte sich gegen das Zahnrad. Herold holte eine große Holzscheibe und schob sie ebenfalls über die Welle. Anschließend nahm er einen Bolzen und schlug ihn mit einem Hammer genau vor der Scheibe in ein Loch, das Jacob erst jetzt bemerkte, quer durch die Welle.
»Du kannst loslassen«, sagte Herold und grinste über das ganze Gesicht. »Gut gemacht. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel Kraft doch in deinem kleinen Körper steckt.«
Jacob trat von dem Zahnrad zurück.
»Findest du?« Er war noch gedanklich bei seinem See. »Sag mal, warum heißt das Ding eigentlich Welle? Wir haben doch eine Windmühle und keine Wassermühle. Was haben wir also mit Wellen zu tun?«
Herold lachte auf.
»Das Bauteil wird nunmal so genannt, auch wenn wir mit Wasser nichts zu tun haben. Wenn gerade mal wieder Flaute ist, wünsche ich mir allerdings manchmal schon, wir hätten eine Wassermühle.«
»Ja, das ist schon zu dumm. Wir haben einen ganzen See voller Wasser mit richtigen Wellen vor der Haustür und können ihn nicht nutzen«, lachte Jacob, denn er konnte sich über solche Wortspielereien köstlich amüsieren. »Vielleicht sollten wir, statt zu hoffen, dass dem lieben Gott nicht die Puste ausgeht, lieber das Wasser mit Eimern auf die Flügel schütten.«
Mit einem Schlag wurde Herold ganz ernst.
»Was ist?«, gluckste Jacob weiter. »Kannst du solche Scherze über deine geliebte Mühle nicht ertragen?«
Herolds Augen verengten sich. Er sah aus, als hätte er gerade auf den See geschaut und einen Einfall gehabt.
»Mit Eimern sagst du? ... hmm.« Er sah zu Boden und machte einige Schritte durch die Mühle, als suchte er etwas, das ihm runtergefallen war. Dann wandte er sich wieder Jacob zu. »Wer sagt, dass wir das Wasser im See nicht nutzen können?«
Endlich saß Jacob mal wieder an dem kleinen Tisch in seiner Kammer und schrieb an seiner Geschichte. Seitdem Herold ihn am Vortag zum Helfen in die Mühle geholt hatte, war es das erste Mal, denn abends war er so müde, dass er es gerade noch so ins Bett geschafft hatte. Er hoffte, dass er heute ein wenig durchhalten würde, bevor die Konzentration nachließ. Eine Seite hatte er immerhin schon geschrieben und die Ideen sprudelten momentan nur so aus ihm heraus, auch ohne die Wellen des Sees.
Mit seiner Bemerkung über die Nutzung des Wassers hatte er sich schön was eingebrockt. Permanent redete Herold seitdem von seinem Einfall. Woraus der genau bestand, wusste Jacob immer noch nicht. Er wurde aus Herolds Geschwafel über künstliche Becken und Becherwerke einfach nicht schlau. Es war nur zu hoffen, dass dieses Hirngespinst bald wieder der Vergangenheit angehörte und Herold zur Normalität zurückkehrte. Dann würde das unverständliche Gerede endlich ein Ende haben.
Nur kurz ließ Jacob sich von diesen Gedanken unterbrechen. Die Ideen für den Handlungsfortgang flogen ihm nur so zu und die Formulierungen flossen wie von selbst aus der Feder. Als Jacob alles um ihn herum ausgeblendet hatte und mit Geist und Seele in seinem kreativen Schöpfungsprozess abgetaucht war, holte ihn plötzlich ein Klopfen an der Tür an die Oberfläche zurück. Schlagartig befand er sich wieder in der Realität. Er musste ein paar mal blinzeln, bevor er das bemerkte und sogleich die Augenbrauen zusammenzog.
»Ja, was ist denn?«, rief er dann ärgerlich.
Herold trat herein. Als Jacob sah, dass es ihm unangenehm war, ihn beim Schreiben zu stören, konnte er ihm nicht mehr so richtig böse sein.
Das erinnerte ihn an eine Situation vor einigen Jahren, als er noch nicht mit in der Mühle gearbeitet hatte, er hatte etwa ein Jahr davor die Schule beendet. Damals hatte Herold ihn auch unterbrochen und ihm danach mitgeteilt, dass er nicht mehr länger nur schreiben durfte und stattdessen in der Mühle mithelfen musste. Für Jacob war eine Welt zusammengebrochen. Zu der Zeit glaubte er noch, dass er nur als Schriftsteller arbeiten könnte, so wie Goethe, und damit sein Geld verdienen. Heute, nach mehreren Werken, die er trotz der Mühlenarbeit nebenbei fertigstellen konnte, wusste er, dass das nicht so einfach war.
Na, hoffentlich war der heutige Anlass für die Störung nicht ein solch aufrührender.
»Wir müssen etwas besprechen«, sagte Herold. »Es geht um die Mühle.«
Oh nein, nicht schon wieder die Mühle. Jacob seufzte. Dann und wann musste er doch mal Ruhe vor der verdammten Mühle haben können.
»Und bring bitte deine Feder, Tintenfass und ein paar Blatt Papier mit«, ergänzte Herold.
»Na gut.« Er stand auf, griff nach den genannten Utensilien und folgte Herold in den Raum, den sie Esszimmer nannten, der aber auch für alle sonstigen Zwecke herhalten musste. Er setzte sich an den alten Tisch aus Kiefernholz, an dem Herold bereits saß.
»Gut«, begann Herold. »Du weißt ja bereits, dass du mich gestern auf eine Idee gebracht hat.«
»Wieso sollte ich das wissen?«, lachte Jacob. »Vielleicht, weil du seitdem von nichts anderem mehr sprichst?«
»Ja, ja, schon gut. Aber du wirst gleich verstehen, warum ich so begeistert bin. Diese Idee könnte für uns ein Ausweg aus der Situation sein, in der wir uns gerade befinden.«
Jacob konnte sich nicht vorstellen, wie das Wasser im See ihre Situation verbessern sollte.
»Jetzt bin ich aber gespannt«, sagte er und lehnte sich zurück.
Herold ignorierte seine vorlaute Art und begann zu erklären.
»Als du gestern meintest, dass man das Wasser aus dem See nutzen müsste und es mit Eimern auf die Flügel der Mühle schütten sollte, hatte ich eine Idee.«
»Ja, ja, ich weiß. Nun erzähl schon, welcher Art deine Idee ist. Aber möglichst so, dass man es auch verstehen kann.«
»Also: Wir werden das Wasser aus dem See schöpfen. Dazu bauen wir ein Becherwerk. Das sind viele Becher hintereinander, die mit einem Band verbunden sind. An diesem Band laufen sie über Räder. Auf der Oberseite sind sie mit dem geschöpften Wasser aus dem See gefüllt und auf der Unterseite kehren sie leer zum See zurück.«
Herold zog ein Blatt Papier heran, tunkte die Feder in die Tinte und malte versetzt zueinander zwei Kreise.
»Das sind die Räder.«
Die Kreise verband er mit geraden Linien.
»Das ist das Band, das um die Räder läuft.«
Oben und unten auf den Linien malte er viele kleine Halbkreise, die mit der runden Seite dem »Band« zugewandt waren.
»Hier haben wir die Becher ... und das ist das Wasser darin.«
In die Becher oberhalb des »Bandes« malte er kleine Wellenlinien.
Selbst Jacob konnte erkennen, dass es eine Art Riementrieb von der Seite darstellen sollte, auf dem rundherum diese Becher befestigt waren. Er konnte sich vorstellen, dass oben das Wasser in den Bechern blieb, während es unten rausfallen musste.
»Hm, ... aber wie wird das Wasser geschöpft? Muss sich das Ganze nicht irgendwie bewegen, damit es funktioniert?«
»Genau«, fuhr Herold fort. Er malte eine weitere, größere Wellenlinie oberhalb des unteren Rades. »Die untere Seite des Becherwerks muss im Wasser vom See eingetaucht sein. Die beiden Räder drehen sich. Dadurch werden die Becher vorwärts bewegt, schöpfen unten das Wasser aus dem See und schütten es oben wieder aus.«
»Aber wodurch drehen sich die Räder? Müssen wir dort kurbeln?«
»Natürlich nicht. Wir lassen die Räder von der Mühle drehen.«
»Von der Mühle?«
»Ja. Wenn wir Wind haben, hat die Mühle doch genug Kraft. Da macht es ihr nichts aus, dieses Becherwerk noch mit anzutreiben.«
Jacob kratzte sich am Kopf.
»Das verstehe ich nicht. Wie soll die Mühle die Räder drehen?«
Herold nahm ein neues Blatt Papier und malte die Mühle von der Seite.
»Bisher endete die Hauptantriebswelle, die man Königswelle nennt, direkt beim Mahlstein.« Er malte die Königswelle mit zwei senkrechten Strichen in die Mitte der Mühle und darunter den Mahlstein als liegendes Rechteck. »Wir werden den Mahlstein versetzen«, er malte ein Rechteck neben dem vorherigen, »verlängern die Königswelle weiter nach unten durch, sodass wir über Zahnräder den Mahlstein und beliebige andere Dinge antreiben können. Also auch das Becherwerk.« Unten an die verlängerte Königswelle malte er ein flaches, waagerechtes Rechteck und daran ein flaches, senkrechtes Rechteck, die wohl die Zahnräder darstellen sollten. An das senkrechte Rechteck ergänzte er zwei parallele Linien, die nach außerhalb der Mühle führten.
Herold schwieg, während Jacob eine ganze Weile auf die Zeichnung starren musste, bis er glaubte, alles verstanden zu haben. Die Königswelle reichte bis nach unten, dort wandelten Zahnräder die senkrechte in eine waagerechte Drehbewegung um, die wiederum das Rad vom Becherwerk antrieb.
»In Ordnung. Soweit habe ich begriffen. Jetzt musst du mir aber noch verraten, wozu es gut sein soll, das Wasser da oben auszuschütten. Willst du einen Gemüsegarten bewässern und zukünftig Kartoffeln und Wurzeln auf dem Markt verkaufen?«
Herold lachte.
»Wir haben doch den Hügel bei der Mühle. Dort hinauf bringen wir das Wasser«, sagte er.
»Willst du dort oben dein Gemüse anbauen?«
»Nein, dort oben bauen wir ein Becken, in dem wir das Wasser sammeln, wenn wir Wind haben.«
Jacob sah Herold mit offenem Mund an.
»Und wozu soll das wieder gut sein? Wenn du schwimmen willst, kannst du es doch auch direkt im See tun, ohne diesen Aufwand zu betreiben.«
Wieder lachte Herold.
»Weißt du denn immer noch nicht, was ich vorhabe? Wir hatten doch bisher oft Zeiten, in denen kein Wind wehte und die Mühle still stand. Das ist in Zukunft vorbei, zumindest so lange wir Wasser in dem Becken haben. Denn wenn wir nicht genug Wind haben, lassen wir einfach das gesammelte Wasser wieder den Hügel herunterlaufen und treiben damit die Mühle an.«
»Mit dem Wasser? Aber wir haben doch eine Windmühle.«
»Ja, das wird der schwierigste Teil. Dazu brauchen wir zusätzlich ein Wasserrad. Auf der einen Seite der Mühle holen wir das Wasser mit dem Becherwerk aus dem See und auf der anderen Seite führen wir es dem See wieder zu und treiben damit das Wasserrad an, welches den Mühlstein bewegt.«
Einen Moment herrschte Schweigen. Jacob brauchte wieder eine Weile, bis er alles begriffen hatte.
»Verstehst du denn nicht?« Herold wurde langsam ungeduldig. »In Zukunft können wir bei Flaute mahlen, was bedeutet, dass wir unseren Ertrag erhöhen können.«
Jetzt war es Jacob, der lachen musste, als er den gesamten Umfang von Herolds Idee endlich verstand.
»Das ist ja grandios«, überschlug er sich. »Herold, du bist ein Genie.«
»Na ja, mal langsam. Diese Umbauten dauern leider viel länger als die einfache Reparatur. Wenn wir nebenbei noch einer Tagelöhnerarbeit nachgehen müssen, haben wir keine Kunden mehr, wenn wir damit fertig sind. Die sind dann zu anderen Mühlen abgewandert.«
Jacob musterte Herold. Er war noch nicht fertig mit seinen Ideen, das sah man ihm an. Irgendetwas hatte er noch auf Lager.
»In Ordnung, raus damit. Wie können wir dieses Problem lösen.«
»Also gut«, fuhr Herold fort. »Ich sagte eingangs, dass diese Idee der Ausweg aus unserer momentanen Situation sein könnte. Es sieht doch so aus, dass wir gerade keine Einnahmen durch die Mühle haben. Ein paar Tage halten wir es noch aus, aber dann müssen wir uns eine andere Arbeit suchen. Und wir müssen nicht nur unseren Lebensunterhalt bestreiten, sondern zusätzlich die Mühlenpacht zahlen und Ersatzteile zur Reparatur kaufen. Das bedeutet, dass wir sehr viel bezahlt arbeiten müssen und nur wenig Zeit für die Reparatur haben. Also wird das alles sehr lange dauern, sodass uns wohl tatsächlich irgendwann die Kunden abwandern.«
Herold machte eine Pause, damit Jacob das Gesagte verarbeiten konnte.
»Na gut«, meinte Jacob. »Wie kommen wir nun aus dieser Situation heraus?«
»Wenn wir die Mühle auf die Art umbauen, wie ich gerade beschrieben habe, werden wir danach mehr Einnahmen haben als bisher. Und diese Mehreinnahmen müssen wir beleihen. Wir müssen jemanden finden, der uns einen Kredit gibt, den wir später mit Zinsen zurückzahlen. Der Kredit muss so hoch sein, dass wir nicht gezwungen sind, eine andere Arbeit anzunehmen und zugleich noch zwei oder drei Hilfskräfte bezahlen können, die uns bei den Umbauten helfen. Auf diese Weise, denke ich, werden wir schneller fertig sein, als ohne Umbauten.«
»Das hört sich doch prima an«, begeisterte sich Jacob, der erleichtert war, keine Knochenarbeit bei den Gerbern verrichten zu müssen. Dann fiel ihm jedoch etwas ein. »Aber, die Mühle gehört uns doch nicht. Wir dürfen sie nicht einfach umbauen.«
»Auch darüber habe ich schon nachgedacht«, erwiderte Herold. »Jacob, was genau hat der Ratsherr von Zölder gesagt und geschrieben, wie wir die Mühle wieder aufbauen sollen?«
»Was meinst du?«
»Hier, das Schreiben.« Herold reichte ihm den Brief der Stadt über den Tisch. »Sieh es dir noch mal an. Was steht dort?«
Jacob las sich den Text erneut durch und dann ging ihm ein Licht auf.
»Dort steht, dass es egal ist, wie wir es machen.«
»Genau, der Stadt Oldenburg ist es egal, wie die Mühle aufgebaut wird. Und da nehmen wir den Ratsherrn beim Wort und bauen die Mühle nach unserem Ermessen wieder auf.« Nun zog Herold die Augenbrauen zusammen. »Ich sehe da eher ein anderes Problem: Woher bekommen wir das Geld?«
Jacob fiel ein, dass sie in Oldenburg für solche Zwecke seit zwei Jahren eine Einrichtung besaßen.
»Warum gehen wir nicht einfach zu unserer Ersparungscasse? Wenn ich es richtig verstanden habe, wurde sie für solche Zwecke gegründet.«
»Hmm, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Eine gute Idee.« Herold kniff die Augen zusammen und kratzte sich am Kopf. »Wir müssen uns allerdings eine ziemlich große Summe leihen, und das, ohne irgendeine Sicherheit bieten zu können. Ich könnte mir vorstellen, dass ein privater Investor einfacher von unseren Plänen zu überzeugen wäre.«
»Wie viel Geld brauchen wir denn?« Jacob hatte nicht den geringsten Hauch einer Vorstellung, was die Umbauarbeiten kosten könnten.
»Na ja, allein das Wasser-Mühlenrad kostet 18 bis 20 Reichstaler. Dann ist es noch nicht mal zur Mühle transportiert und eingebaut. Die Anschaffung eines Mahlsteins, was ich für einen zweiten Mahlgang erwäge, wird bei etwa 3 Reichstalern liegen.« Während Herold aufzählte, welche Kosten entstehen würden, schrieb er die Zahlen untereinander auf das Papier. »Hinzu kommen die Arbeitslöhne für 2 bis 3 Gehilfen mit etwa 12 Grote je Mann und Tag, deren Verpflegung, unsere Verpflegung und sonstige Bedürfnisse, das alles für einen Zeitraum von schätzungsweise 4 Wochen. Dann brauchen wir noch Material für die Erweiterungen, Ersatzteile und den Pachtzins dürfen wir auch nicht vergessen. Vielleicht sollten wir auch einen kleinen Betrag für unerwartete Ausgaben einplanen.«
Herold hatte nun viele Zahlen untereinander auf dem Papier notiert. Er zog einen Strich darunter und ermittelte die Summe. Obwohl das Rechnen nicht gerade Jacobs bevorzugte Disziplin war, schwante ihm schon bei den Einzelbeträgen Böses, und er erwartete mit Spannung das Ergebnis. Als er es sah, pustete er mit aufgeblähten Wangen die Luft aus.
»90 Reichstaler!«, platzte er heraus, und er merkte selber, dass ihm der Schreck anzuhören war. »Das ist ja der Lohn von einem ganzen Jahr!«
»Wie ich schon erwähnte: Wir brauchen eine große Summe«, sagte Herold.
»Wer käme denn außer dieser Ersparungscasse in Frage, uns einen solchen Betrag zu leihen?«
Herold kratzte sich am Kopf und stand auf.
»Darüber habe ich mindestens genauso lange nachgedacht, wie über die Umbauten der Mühle. Und mir ist jemand eingefallen. Ein früherer Freund unseres Vaters.«
»Ein Freund von Bernhard?«
»Nein, ich meine nicht unseren Stiefvater, sondern unseren leiblichen Vater. Ich war damals noch ziemlich klein, aber wenn ich mich recht erinnere, beteiligte sich dieser Herr an allerlei Geschäften. Ein Versuch wäre es wert.«
Jacob sah seinen Bruder ungläubig an. Er hatte noch nie davon erzählt, dass er frühere Freunde ihres Vaters kannte. Und nun wollten sie einen solchen sogar um Geld bitten. Er war gespannt, wie das enden würde.
Heute
Marko steckte den Putter in die Golfbag, fasste sie am Griff und zog sie über den Rasen hinter sich her. Auf dem Grün hatte er nur noch einen Versuch gebraucht, wodurch er bei dem letzten Loch einen Schlag unter Par geblieben war. So hatte er insgesamt heute 81 Schläge gemacht, also 9 über Par. Damit war er einigermaßen zufrieden.
Endlich bei seinem Porsche angekommen, verstaute er die Golfbag auf dem Rücksitz und zündete sich erst noch eine Zigarette an, bevor er losfuhr. Man kaufte sich keinen Panamera für über zweihunderttausend, um darin zu rauchen.
Er polierte gerade einen Fleck mit dem Ärmel seiner Golfjacke von der Motorhaube, als ein Golfkollege auf ihn zu marschierte. Auch das noch: Der hatte seinen Audi TT direkt neben ihm abgestellt. So war ein Gespräch mit diesem Schwachkopf wohl unvermeidbar. Marko überlegte, ob er schnell ins Auto schlüpfen sollte, bevor er bemerkt wurde, aber dann hätte er die halb aufgerauchte Zigarette wegwerfen müssen. Das kam nicht in Frage.
Also musste er da jetzt durch. Dieser spezielle Blödmann unterschied sich von den anderen Blödmännern im Golfclub dadurch, dass er Marko immer vollschwafelte. Er ließ sich nicht einmal davon abschrecken, dass Marko zu ihm besonders unfreundlich und herablassend war. Wie hieß er noch gleich: Jens, Hans ... na ja, wen interessierte das?
»Oh, hallo Marko.«
Allein wie der schon sprach, mit seiner nasalen Stimme.
»Hallo Jens.«
»Dass du dir meinen Namen auch nie merken kannst.« Er kicherte dümmlich. »Ich heiße doch Werner.«
»Ach ja, Jens ist ja der andere Kleinwagen-Fahrer.«
Werner lachte laut los.
»Immer am Scherzen, was?«
»Wie kommst du darauf?«
Wieder dieses dämliche Lachen. Marko sah ihn an, als wäre er ein Studienobjekt. Interessant, wie dieser Armleuchter reagierte, wenn man ihn verarschte.
»Wo ich dich gerade treffe ...« Oh nein, jetzt ging die Schwafelei erst richtig los. Er warf einen Blick auf seine Zigarette. Noch etwa ein Viertel übrig, nicht einzusehen, sie schon wegzuwerfen. Er nahm einen weiteren Zug. »Wir wollen doch abstimmen, welche Investition als Nächstes im Club getätigt wird: das neue Clubhaus oder ein neues Driving Range. Wofür wirst du stimmen?«
Mein Gott, die sollten ihn mit dieser Kacke in Ruhe lassen, er wollte einfach nur Golf spielen. Er musste ein Gähnen unterdrücken.
»Ich habe mich noch nicht entschieden.« Weil es ihm völlig egal war.
»Nein?« Werner kam näher und beugte seinen Kopf vor, als müsste er ihm etwas Vertrauliches erzählen. Seine Golfbag hatte er hinter seinem Audi gelassen. Sie standen jetzt zwischen den beiden Autos. »Nicht, dass ich dich beeinflussen will, aber soll ich dir verraten, wofür ich bin?«
Eigentlich nicht, dachte Marko.
»Das lässt sich wohl nicht vermeiden«, sagte er stattdessen.
»Ich bin für die neue Driving Range. Die alte ist nicht etwa schlecht, aber wir könnten gut eine zweite gebrauchen, dann hätten wir eine für die Anfänger und eine für die alten Hasen. Und die Kosten dafür lägen voll im Budget und wir bräuchten nichts dazu zahlen, wie bei einem neuen Clubhaus. Was meinst du? Wir könnten endlich ungestört lange Schläge üben.«
Marko nahm den letzten Zug von seiner Zigarette, warf den Stummel auf den Boden und zertrat ihn.
»Was ich meine?« Er öffnete die Fahrertür seines Porsches. »Nun, ich bin dir wirklich dankbar, dass du mir bei meiner Entscheidung geholfen hast.« Auf Werners Gesicht machte sich ein zufriedenes Grinsen breit. »Ich werde für das neue Clubhaus stimmen.«
Das Grinsen verschwand schlagartig und wurde von einem irritierten Stirnrunzeln ersetzt.
»Aber du weißt doch, dass wir ein paar Tausend Euro dazu zahlen müssten.«
Marko setzte sich auf seinen Fahrersitz. Jetzt war es an ihm, zu grinsen. Werners verdattertes Glotzen war zu köstlich.
»Was soll’s. Die sollen mir einfach die Rechnung schicken.«
Er rückte die Ray-Ban zurecht, zog die Tür heran und drückte den Start-Knopf. Der satte Sound des Panamera erzeugte ein wohliges Kitzeln in seinem Magen. Als er losfuhr, hatte er den Schwachkopf schon fast wieder vergessen.
Vor Markos Haus auf dem Parkplatz an der Straße stand ein silber-metallic-farbener S-Klasse-Mercedes. Das konnte nur der Anwalt seines Vaters sein, der zwar immer ein neues Auto fuhr, aber seit einer Ewigkeit das gleiche Modell. Wenn der ihm hier auflauerte, war das Jahr wohl wieder rum. Das fehlte ihm heute noch.
Marko wartete, bis das elektrische Tor die Auffahrt freigab, und fuhr dann hinein. Im Rückspiegel sah er, wie der Alte aus seinem Wagen ausstieg und unbeholfen durch das Tor eilte, bevor es wieder geschlossen war.
»Moin Marko«, rief er ihm schon von Weitem zu, sobald Marko die Fahrzeugtür geöffnet hatte.
»Moin Gerhard. Willst du deine jährliche Pflicht erfüllen?«
Als er näher kam, fiel Marko auf, dass er seit dem letzten Jahr stark gealtert war. Sein weißes Haar war zwar immer noch voll, aber sein Gesicht schien Tausende von Falten dazubekommen zu haben und es machte insgesamt einen müderen Eindruck. Auch die Körperhaltung schien gebückter als früher zu sein. Dabei konnte der langjährige Advokat seiner Familie eigentlich erst Mitte sechzig sein. Er trug immer noch die bunten Fliegen zum grauen Anzug, wie Marko feststellte. Heute war sie grün-pink getupft.
»So lange ich noch praktiziere, werde ich dich und deinen Bruder einmal im Jahr aufsuchen. Und ich habe noch nicht so bald vor, in den Ruhestand zu gehen.«
Er taxierte Marko. In seinem Blick lag die gleiche Scharfsinnigkeit wie eh und je. Rechtsanwalt und Notar Gerhard Breimer, wie Marko ihn von klein auf kannte.
»Du siehst ein wenig matt aus«, sagte Gerhard schließlich. »Hängst du noch an der Flasche?«
Marko wusste nicht, was ihn das anging. Er drehte sich von ihm weg und ging zur Haustür, wohin Gerhard ihm folgte.
»Nein, neuerdings benutze ich Gläser.« Er schloss auf, beide gingen hinein und, nachdem er die Alarmanlage deaktiviert hatte, begaben sie sich ins Wohnzimmer. »Darf ich dir etwas zu trinken anbieten?«
Gerhard reagierte nicht auf sein Angebot.
»Ich muss dir die gleiche Frage stellen, wie jedes Jahr wieder, auch wenn du dich im gegebenen Fall eigentlich von dir aus melden sollst«, begann er unvermittelt, wie es seine Art war. »Ist irgendetwas Außergewöhnliches vorgefallen?«
Marko lachte kurz auf und schüttelte den Kopf. Er drehte eines der Whiskygläser mit der Öffnung nach oben und füllte es zu einem Drittel mit dem unvergleichlichen Connemara Bog Oak. Davon nahm er einen großen Zug und ließ ihn eine Weile auf der Zunge ruhen, bevor er ihn hinunterschluckte. Dann machte er ein ernstes Gesicht und furchte die Stirn.
»Halt, warte mal, da fällt mir doch etwas ein.« Gerhard sah ihn betont gelangweilt an und legte den Kopf schief, sodass die Hängebäckchen und das Doppelkinn stärker zur Geltung kamen. »Wie konnte ich das nur vergessen: Der Golfclub bekommt eine neue Driving Range. Na, wenn das nichts Außergewöhnliches ist, dann weiß ich auch nicht ...«
»Ja, ja, wirklich komisch.« Gerhard setzte sich in einen Sessel. »Ich weiß ja, dass du diese jährliche Befragung nicht ernst nimmst. Ich muss aber wie immer betonen, dass es sehr wichtig ist. Darf ich also deinem Vater berichten, dass du darüber nachgedacht hast und dir nichts eingefallen ist, das im Verlaufe des letzten Jahres irgendwie ungewöhnlich war?«
»Du kannst meinem Vater erzählen, was du willst. Das interessiert mich nicht sonderlich.« Er nahm einen weiteren Schluck und genoss das Brennen in der Kehle.
»Marko, bitte, ich muss es aus deinem Munde hören.«
Marko musterte den Anwalt. Der war zwar seit jeher ein Korinthen-Kacker, aber heute nahm er es noch genauer als sonst. Er gab sich normalerweise mit Markos flapsigen Antworten zufrieden und deutete sie als ein Nein.
»Was ist denn los? Warum so ernst?«
Gerhard schaute erst auf das Bild an der gegenüberliegenden Wand, dann auf eine Stelle des Fußbodens kurz vor seinen Füßen. Schließlich sah er wieder Marko an.
»In deinem Elternhaus sind momentan alle ein wenig nervös. Es ist jemand von dieser Sippschaft aufgetaucht, jemand Neues. Und dieser Jemand wühlt in alten Geschichten rum.«
»Oh, mein Gott, jemand wühlt in alten Geschichten rum«, sagte Marko übertrieben betont. Noch nie hatte er verstanden, warum es um seine Familie eine solche Geheimniskrämerei gab. Er ging zum anderen Sessel und setzte sich hinein. »Jetzt geht das wieder los. Dieses Thema geht mir immer wieder auf die Nerven. Entweder erzählt Vater mir diese Geschichten, oder auch du, oder ihr lasst mich damit in Ruhe. Aber dieses Getue darum ist einfach unerträglich. Was sollen das schon für besondere Dinge sein, die man über uns in Erfahrung bringen könnte?«
»Du weißt ganz genau, dass dein Vater es für besser hält, wenn möglichst wenige Menschen davon wissen. Zu gegebener Zeit wirst du alles erfahren.«
»Zu gegebener Zeit ...« Marko schüttelte den Kopf. »Immer dieselbe Leier. Klemens weiß wahrscheinlich schon längst alles.« Er sah Gerhard prüfend an.
»Dein Bruder wird zum gleichen Zeitpunkt davon erfahren wie du. Seine Nähe zu eurem Vater macht diesbezüglich keinen Unterschied.«
Marko war recht gut darin, einzuschätzen, ob jemand die Wahrheit sagte, und bei Gerhard Breimer war er sich gerade sicher, dass er es tat.
»Ist bei Klemens denn etwas Ungewöhnliches passiert?«
»Nein. Ihn habe ich schon besucht, auch wenn ich bei ihm die Befragung nicht unbedingt durchführen müsste, da seine Bürotür direkt neben der eures Vaters liegt und die beiden sich allein im Geschäftsleben täglich begegnen. Bei dir muss ich es aber schon. Also noch mal: Ist im Verlaufe des letzten Jahres irgendetwas Ungewöhnliches passiert? Und rede jetzt keinen Unsinn, du weißt genau, wie ich das meine.«
»Nein, zum Teufel. Und wenn, wüsste Klemens ja davon. Schließlich sehen wir uns regelmäßig.«
»Nun gut, wenn das so ist.« Gerhard erhob sich aus dem Sessel. »Damit habe ich meine Schuldigkeit getan und kann für heute Feierabend machen. So viel muss man in meinem Alter nicht mehr Arbeiten.«
»Moment mal. Was für eine Person ist das denn, die da in den alten Geschichten herumwühlt?«
»Ich denke, es ist besser, wenn ich dir auch davon nichts erzähle. Könnte sein, dass deinem alten Herrn das nicht recht wäre. Wenn du etwas darüber wissen willst, fragst du am besten ihn.«
»Pff, eher gefriert die Hölle.«
Marko überlegte, wie viele Jahre er mit seinem Vater schon kein Wort mehr gewechselt hatte. Es mussten mindestens fünf sein.
Gerhard war bereits bei der Wohnzimmertür angekommen.
»Bemühe dich nicht«, sagte er und hob die rechte Hand zum Abschied.
Ganz sicher nicht, dachte Marko und nippte an seinem Whisky. Einen Moment später hörte er, wie die Haustür ins Schloss fiel.
Sein Vater machte sich also Sorgen, wegen eines Schnüfflers. Von dieser Sippschaft.
Seit jeher wurde diese andere Familie, von der Marko nicht wusste, welche es war, von seiner Familie nur »Sippschaft« genannt. Der Alte von der Sippschaft machte dieses oder jenes, hieß es dann. Als Kind fand Marko es faszinierend, dass diese Sippschaft existierte: Es gab eine gegnerische Familie, wie zwei verfeindete Indianerstämme. Er stellte sich damals vor, wie sie gegeneinander in den Krieg zogen. Als er erwachsen wurde, fand er das alles ziemlich albern. Er hielt es für ein Hirngespinst seines überdrehten Vaters.
Zuletzt hieß es, der Alte von der Sippschaft sei gestorben, wie Marko von seinem Bruder erfahren hatte. Aber das interessierte ihn, wie so vieles aus seiner Familie, so gut wie gar nicht. Die einzigen Dinge, die ihn noch mit ihr verbanden, waren sein Bruder und der Nachname von Zölder.
Marko nahm den letzten Schluck aus dem Whiskyglas und erhob sich, um duschen zu gehen.
1788
Sie durchschritten durch das Heiligengeisttor die Stadtmauer, so wie sie es meistens taten, da sie von Norden in die Stadt kamen. Auf diese Weise gelangten sie von der Hausvogtei Oldenburg, also dem zu Oldenburg gehörenden Teil außerhalb der Stadtmauern, in die Stadt Oldenburg. Sie folgten dem Verlauf der Langen Straße und dann dem der Achternstraße. Kurz bevor diese endete, bogen sie in die Ritterstraße ein. In die feine Gegend, wie Herold immer sagte. Ritter gab es hier allerdings schon lange nicht mehr, eher gut betuchte als gut beschmiedete Bürger. Hier sollte der Herr von Elmendorff wohnen, der Mann, den sie um das Geld zum Aufbau und Umbau der Mühle bitten wollten.
Da standen sie nun zwischen den vornehmen Häusern und schauten sich um. Die Fassaden sahen sich alle sehr ähnlich und es waren nicht wenige. Bei welchem Haus sollten sie anfangen?
Ein Mann mit einem Handwagen kam aus der Richtung des Marktes die Ritterstraße herunter. Als er näherkam, erkannte Jacob, dass er noch einige Äpfel und Pflaumen auf dem Wagen hatte. Den Großteil konnte er wohl auf dem Markt verkaufen.
»Weißt du, in welchem Haus Herr von Elmendorff wohnt?«, fragte Jacob ihn.
Der Mann deutete, ohne ein Wort zu sagen, auf das Haus neben dem, vor dem sie standen, und schlurrte mit seinem Wagen weiter Richtung Stautor. Welch ein Glück, dass gleich der erste Passant den Namen kannte.
Herold schritt zu der Eingangstür und schlug den gusseisernen Türklopfer drei Mal gegen die Platte. Nach kurzem Warten öffnete sich die Tür, und eine ältere Frau mit Kittelschürze und hochgesteckten, grauen Haaren stand darin, die Haushälterin, wie Jacob vermutete. Sie musterte Herold und Jacob von oben bis unten, vermittelte dabei aber nicht den Eindruck, als würde sie sie gering schätzen.
»Ja, bitte?«, fragte sie und wandte sich gleich an Herold.
»Guten Tag«, sagte Herold. »Wir würden gerne den Herrn von Elmendorff sprechen.«
Die Haushälterin sah noch mal zu Jacob, dann wieder zu Herold.
»Herr von Elmendorff hält seine Mittagsruhe. Wer seid ihr denn und was wollt ihr von ihm?«
»Entschuldigen Sie bitte mein Versäumnis.« Herold deutete eine leichte Verbeugung an. »Mein Name ist Herold Riekhen und das ist mein Bruder Jacob. Unser Vater war ein alter Bekannter des Herrn von Elmendorff. Wir wussten nicht, dass der Herr noch schläft. Um welche Uhrzeit kommen wir denn gelegen?«
In dem Moment als Herold ihre Namen nannte, bemerkte Jacob eine leichte Veränderung im Gesicht der Haushälterin. Ihm entging zudem nicht, dass Herold die Angabe des Grundes ihres Besuches geschickt umgangen hatte. Es wäre wahrscheinlich auch nicht sonderlich klug gewesen, schon vor dem Einlass davon zu sprechen, dass sie Geld haben wollten.
»Nun, es ist nicht so, dass er schläft. Zu dieser Zeit pflegt der Herr zu lesen.« Sie zögerte, blickte kurz ins Hausinnere und wirkte, als müsste sie eine Entscheidung treffen. »Also gut, ich denke, dass ich bei euch eine Ausnahme machen kann.«
Sie zog die Eingangstür weiter auf und machte eine einladende Geste. Herold folgte dieser und Jacob sofort hinterdrein. Er war ganz gespannt, denn er würde gleich jemanden kennenlernen, der jeden Tag eine längere Zeit las. Außer seinem Freund, dem Pastor, war er so jemandem noch nie begegnet. Zudem war dieser Jemand früher ein Freund seines Vaters. Offenbar kannte sogar die Haushälterin ihre Namen. Wie sonst ließ sich dieser Wandel ihrer Haltung erklären, der eintrat, als Herold sie vorstellte?
Die Frau führte sie durch einige Flure in den hinteren Teil des Hauses. An den Wänden hingen kostbar wirkende, riesige Wandteppiche, auf denen Landkarten aus verschiedenen Gebieten der Welt abgebildet waren. Jacob kannte sich in Geografie nicht gut aus, aber er erkannte eine Darstellung Italiens und eine Spaniens. Vielleicht war Herr von Elmendorff ein Mann, der viel reiste.
Dann durchquerten sie einen Flur, an dessen Seiten edle Kommoden standen und auf ihnen die schönsten Vasen, die Jacob je zu Gesicht bekommen hatte. Oberhalb der Kommoden hingen Ölgemälde an den Wänden, welche sehr unterschiedliche Motive zeigten, von Landschaften über Gebäuden, von denen Jacob einige aus Oldenburg kannte, bis hin zu Porträts.
»Ich führe euch zur Bibliothek«, informierte die Haushälterin sie, ohne den Schritt zu verlangsamen. »Aber bevor ihr mit reinkommen könnt, muss ich den Herrn fragen, ob ihm euer Besuch recht ist.«
Jacobs Bauch kribbelte vor Aufregung. Eine Bibliothek. Das wurde ja immer besser. Erstaunlich, dass es private Personen gab, die sich so etwas einrichteten. Er war ganz gespannt, welche Bücher sich in von Elmendorffs Sammlung befanden.
Als der Flur um eine Ecke verlief, drehte sich die Haushälterin plötzlich um und erhob die Hand mit der Handfläche voran in seine und Herolds Richtung.
»Wartet kurz hier«, sagte sie und verschwand um die Ecke.
Jacob ging zwei Schritte vor und spähte in den nächsten Gang, der sich hinter der Ecke erstreckte. Dort stand die Frau vor einer zweiflügeligen Tür mit Glasfenstern, die durch Vorhänge verdeckt waren, und klopfte an. Jacob hörte eine Stimme aus dem Zimmer. Er konnte zwar nicht verstehen, was sie sagte, aber dass die Person, der sie gehörte, von der Störung nicht erfreut war, konnte er am Tonfall ausmachen. Die Haushälterin trat daraufhin ein und lehnte die Tür hinter sich an.
Von dem Gespräch war dann hauptsächlich die höhere Stimme der Frau zu vernehmen, doch leider war kein einziges Wort zu verstehen. Gerade wollte Jacob näher an die Tür herangehen, er fing sich schon einen missbilligenden Blick von Herold ein, da kam die Haushälterin wieder heraus. Sie zog die Augenbrauen hoch, als hätte sie ihn beim Lauschen erwischt, dabei hatte er ja noch gar nicht damit angefangen.
»Bitte tretet ein, der Herr möchte euch empfangen«, sagte sie und machte die gleiche einladende Geste wie kurz zuvor.
Das erste, was Jacob in der Bibliothek wahrnahm, war der muffige Geruch. Aber der war für ihn nicht unangenehm, denn er wusste, dass er von den Büchern herrührte. Und davon gab es hier Hunderte, wie er feststellte, bevor er den Herrn von Elmendorff auch nur ansah. Herold dagegen war bereits dabei sie vorzustellen.
»Guten Tag Herr von Elmendorff«, vernahm Jacob nebenbei, während seine Augen hin und her schnellten, in dem Bemühen möglichst alles zu erfassen. Die Bücher reihten sich in Regalen, die sich an drei Zimmerwänden vom Fußboden bis zur Decke erstreckten. Für die oberen Reihen stand eine rollbare Leiter bereit. »Das ist mein Bruder Jacob und ich bin Herold Riekhen, Söhne von Diether Riekhen. Ich dachte mir, dass Sie uns vielleicht anhören würden, wenn wir Ihnen seinen Namen nennen.«
»Ja, das habt ihr richtig vermutet. Schon lange habe ich nicht mehr den Namen meines alten Freundes gehört.«
Als Jacob nun die gutmütige Stimme des Mannes hörte, der seinen Vater einen »Freund« nannte, sah er ihn das erste Mal an. Von Elmendorff war ein mittelgroßer, dicklicher Mann, dessen Arme zu kurz für seinen Körper schienen. Dem schlechten Sitz der weiß gepuderten Perücke nach zu urteilen, hatte er sie sich unmittelbar vor ihrem Eintreten hastig wieder auf dem Kopf platziert. Unter diesem Ungetüm einer Frisur befand sich ein pausbackiges Gesicht, das dafür, dass dessen Besitzer wohl bis vor zwei Minuten in dem wuchtigen Polstersessel hinter ihm gesessen hatte, recht rot war. Auch sein himmelblaues Justeaucorps hatte er sich offenbar schnell übergeworfen, denn nicht nur, dass es nicht zugeknöpft war, der Hemdkragen wurde zudem vom Revers zusammengeknautscht. Die Knöpfe der ebenfalls himmelblauen Weste waren zwar geschlossen, wurden jedoch aus eben diesem Grunde einer harten Probe unterzogen, da der darunter befindliche Bauch kurz davor war, sie zu sprengen. Der Blick von Elmendorffs war ebenso gutmütig und freundlich wie seine Stimme. Er war permanent auf Jacob gerichtet und der Glanz seiner Augen verriet, dass er ebenfalls in Jacob seinen Vater sah und sich in frühere Zeiten zurückwünschte.
Neben dem Sessel stand ein Tischchen, auf dem ein dickes Buch abgelegt war. Den Titel konnte Jacob nicht erkennen. Als gehörte der Wälzer zu einem Gedeck, waren drum herum eine leere Teetasse, eine Teekanne sowie ein kleiner Teller mit Krümeln darauf angeordnet.
»Räume bitte das Geschirr ab«, wies von Elmendorff seine Haushälterin an, als hätte er Jacobs Gedanken gelesen und falsch gedeutet. Sein Tonfall war bestimmend, aber trotzdem freundlich und gar nicht gebieterisch. »Und bring uns bitte Kaffee.«
Kaffee, dachte Jacob. Wann bekam er den schon mal zu trinken? Vielleicht in Zukunft öfter, falls sie mit der neuen Mühlentechnik wohlhabender werden sollten, doch bisher war der für sie zu teuer.
Die Haushälterin sammelte das Geschirr vom Tisch und verließ das Zimmer. Jacob konnte seine Aufmerksamkeit nicht mehr länger von den Büchern fernhalten. Ein ganzer Raum voller Bücher ging eigentlich über sein Fassungsvermögen.
»Die Bücher scheinen dich zu interessieren. Das ist schon mal ein sympathischer Wesenszug«, meinte von Elmendorff.
Jacob machte einen Schritt auf die rechte Regalwand zu.
»Haben Sie die alle gelesen?«
Er konnte sich nicht vorstellen, dass ein Mensch in seinem Leben so viele Bücher lesen konnte.
»Die meisten.«
Etliche der Titel, die er beim Näherkommen entziffern konnte, interessierten Jacob nicht, denn es gab beispielsweise reihenweise Gedichtbände und Reiseberichte. Seine Vorliebe galt den Geschichten. So wurde er eher aufmerksam, als er die »Geschichte des Agathon« von Christoph Martin Wieland entdeckte. Dann sah er ein Buch, von dem er schon gehört hatte und das er gerne einmal lesen würde: »Gullivers Reisen« von Jonathan Swift. Ohne nachzudenken, griff er zu und zog es aus dem Regal.
»Halt, halt, bitte nicht!«, sagte von Elmendorff und bewegte seine Leibesfülle erstaunlich schnell zu ihm herüber. »Lass mich das bitte machen.«
Doch Jacob blätterte bereits in dem Buch und erfreute sich an einigen Formulierungen, die er beim Überfliegen aufschnappte.
»Du magst Abenteuer, ja? Wie wäre es dann hiermit?« Von Elmendorff zog ein Buch heraus, das ein paar Plätze neben der Lücke stand, die »Gulliver« hinterlassen hatte. »Miguel de Cervantes Saavedras amüsante Geschichte eines Möchtegernritters.«
Jacob las »Don Kichote de la Mantzscha« auf dem Buchdeckel. Das berühmte Werk, das es bereits so lange gab. Doch von Elmendorff stellte es schon wieder zurück.
»Oder das hier?« Jetzt zog er ganz vorsichtig ein kunstvoll verziertes Buch heraus, und als er es aufschlug, sah Jacob detaillierte Kupferdrucke zwischen dem Text. »‚Robinson Crusoe‘ von Daniel Defoe, eines meiner Lieblingswerke. Aber wir wollen unsere deutschen Meister nicht vergessen.« Er stellte »Defoe« ins Regal zurück und ging zu der Stelle, wo Jacob den ersten Titel gelesen hatte. »Unser Friedrich Schiller hat uns schließlich ‚Kabale und Liebe‘ geschenkt. Das hier ist die Erstausgabe von 1784.« Stolz schwang in seiner Stimme mit. Doch das Buch stellte er schon wieder zurück und entnahm ein weiteres. »Aber allem voran natürlich ‚Die Leiden des jungen Werther‘«
»Goethe«, rief Jacob. Sein Vorbild! Er steckte schnell »Gulliver« an seinen Platz und eilte zu von Elmendorff, der ihm schmunzelnd das Meisterwerk überließ.
Herold, dessen Anwesenheit gar nicht mehr zu bemerken gewesen war, räusperte sich.
»Herr von Elmendorff, darf ich zu dem Anlass unseres Besuches kommen?«, fragte er.
»Aber natürlich, erzählt mir, wie ich zu der Ehre komme, die erwachsenen Söhne meines alten Freundes kennenzulernen.«
Von Elmendorff ging wieder zu seinem Sessel zurück und ließ sich hineinplumpsen. Mit einer Handbewegung bot er Herold einen Platz auf einem Stuhl an. Herold setzte sich.
Jacob stellte fest, dass der »Werther« drei Mal im Regal stand. Warum kaufte sich jemand das gleiche Buch mehrfach?
»Wir betreiben die Nordmühle«, fing Herold an zu erzählen und von Elmendorff nickte, als wusste er das bereits. »Vor einigen Tagen wurde sie zerstört, ohne unser Verschulden. Wir verdächtigen zwei Männer, mit denen wir einen Streit hatten, können aber nichts beweisen. Die Stadt Oldenburg, der die Mühle gehört, hat uns auferlegt, sie zu reparieren, aber weiterhin müssen wir den Pachtzins zahlen. Deshalb suchen wir einen Geldgeber. Ich erinnerte mich an Sie und dachte, dass Sie vielleicht interessiert wären.«
Ein Klopfen ließ, obwohl es leise war, die Glasscheiben in der Tür erzittern. Von Elmendorff bat einzutreten und die Haushälterin kam mit einem gefüllten Tablett in die Bibliothek.
»Warum glaubst du, dass ich daran interessiert sein könnte?«, fragte von Elmendorff.
»Es wäre ein gutes Geschäft für Sie. Das Geld erhalten Sie mit Zinsen zurück. Und wir können auch noch über eine Gewinnbeteiligung reden«, antwortete Herold.
Die Haushälterin deckte das Tischchen mit einer Kaffeekanne, drei Porzellantassen, Behältern mit Milch und Zucker, kleinen Löffeln sowie einem Teller mit Gebäck.
»Hm, ein gutes Geschäft, sagst du.« Von Elmendorff linste zu dem Gebäckteller. »Aber gute Geschäfte mache ich zu Hunderten und fast alle sind weniger riskant, als dieses wäre. Wie ist denn sichergestellt, dass ich mein Geld überhaupt zurückbekomme, geschweige denn die Zinsen oder eine Gewinnbeteiligung?«
Jacob stellte den »Werther« ins Regal zurück und setzte sich an den Tisch, um sich dem Kaffee zu widmen, den die Haushälterin in die Tassen goss. Anschließend ließ sie die Männer wieder allein.
Herold schilderte von Elmendorff seinen Plan, so wie er ihn schon Jacob geschildert hatte. Nur die Zeichnungen konnte er nicht anfertigen, da er Papier und Tinte nicht zur Verfügung hatte. Aber Jacob hatte den Eindruck, dass von Elmendorff, der sich außerordentlich an dem Gebäck gütlich tat, trotzdem gut verstand, worum es ging. Die Kekse fand Jacob auch sehr köstlich, vom Kaffee war er enttäuscht - er hatte ihn weitaus leckerer in Erinnerung, vielleicht gab es da aber Unterschiede.
Nachdem Herold seine Pläne erläutert hatte, trat ein kurzes Schweigen ein.
»Euer Vorhaben leuchtet mir ein.« Der Herr des Hauses nahm einen Schluck Kaffee und griff zum nächsten Keks, der einseitig mit Schokolade überzogen war. »Das ist ein wirklich guter Plan. Geradezu genial. Ich verstehe ein wenig von diesen technischen Dingen. Und ich teile deine Einschätzung, dass ihr in Zukunft eure Einnahmen mit der Erweiterung der Mühle vergrößern werdet.« Er biss von dem Keks ab und betrachtete ausgiebig die Bissstelle. »Doch es gibt da ein paar Sachen, die ich noch nicht so richtig verstanden habe. Zum einen: Warum müsst ihr den Aufbau einer Mühle finanzieren, die doch nicht euer Eigentum, sondern das der Stadt Oldenburg ist?« Den Rest des Kekses steckte er sich als Ganzes in den Mund.
»Wir waren beim Ratsherrn von Zölder ...«, setzte Herold an.
»Ach, bei dem Zölder wart ihr!« Von Elmendorff lehnte sich im Sessel nach vorn, wodurch die Belastungsprobe der Westenknöpfe auf ein Maximum erhöht wurde. Noch hielten sie, aber Jacob konnte sie fast stöhnen hören.
»Ja«, fuhr Herold offenkundig leicht irritiert fort. »Der Ratsherr macht uns für die Zerstörung verantwortlich und sieht uns in der Pflicht die Mühle wieder aufzubauen.«
Herold gab eine kurze Zusammenfassung der Unterredung mit von Zölder. Währenddessen wurde die Miene von Elmendorffs immer grimmiger und er vergaß sogar die Kekse.
»Aber das braucht ihr so nicht stehen zu lassen«, schimpfte er dann. »Wendet euch an Peter Friedrich Ludwig. Das ist ein gerechter Mann. Oder zumindest an den Bürgermeister. Ich würde euch dabei unterstützen.«
Herold zog die Stirn in Falten und sah zu Boden. Seine unverkennbare Grüblergeste. Jacob wusste, was in ihm vorging.
»Wenn Sie uns diesen Vorschlag vor sechs Tagen gemacht hätten, wäre mein Bruder sicherlich sofort darauf eingegangen. Doch jetzt möchte er seinen genialen Einfall in die Tat umsetzen. Die Mühle ist sein Ein und Alles, auch wenn sie ihm nicht gehört.«
Herold sah wieder auf.
»Ja, aber es ist nicht nur deswegen«, sagte er. »Die Mühle wird durch den Umbau schließlich zukünftig einen höheren Ertrag einbringen. Das haben Sie selber gerade gesagt.«
»Hmm, ... in Ordnung, kommen wir damit zu meiner nächsten Frage: Warum glaubst du, dass man dir den Ertrag lassen wird? Dadurch, dass du die Mühle umbaust, gehört sie immer noch nicht dir.«
»Der Ratsherr hat gesagt, wir sollen die Mühle wieder aufbauen, wie es uns beliebt. Es sei ihm egal, wie wir das anstellen. Wir nehmen ihn beim Wort, handeln also nach seinen Anweisungen. Dafür kann er uns doch nicht die Pacht erhöhen.«
»Oh, er kann so einiges. Nehmt euch vor diesem Mann in acht. Er ist so verschlagen, dass er sicherlich einen Weg finden wird, euch das Geld abzunehmen.«
Von Elmendorff nahm sich wieder einen Keks und lehnte sich im Sessel zurück. Anders als vorher biss er immer nur ein kleines Stück ab, mümmelte darauf herum und starrte ins Leere. Das war dann wohl seine Art, über etwas nachzudenken.
Schließlich sah er Jacob und Herold abwechselnd an.
»In Ordnung. An welche Summe habt ihr denn gedacht?«
Herold machte einen verlegenen Eindruck, da er nun den Betrag nennen sollte.
»Nun, ja, wir haben ausgerechnet, dass wir etwa 90 Reichstaler bräuchten, um uns und die Arbeitskräfte zu versorgen und Ersatzteile und Material zu kaufen.«
Jacob beobachtete von Elmendorff mit angehaltener Luft, doch der zuckte mit keiner Wimper, als er den Betrag hörte. Er wirkte, als würde er im Kopf rechnen.
»Also gut«, sagte er nach einem Augenblick. »Ich leihe euch 60 Reichstaler und nicht einen Schwaren mehr. Der Zinssatz soll 10 Prozent aufs Jahr betragen, aber dafür verzichte ich auf eine Gewinnbeteiligung.«
Jacob glaubte, seinen Ohren nicht trauen zu können. Das waren ja nur zwei Drittel von dem, was sie brauchten.
»Aber wir brauchen doch 90 Reichstaler. Wie sollen wir das denn mit 60 Reichstalern schaffen?«, platzte er heraus.
»Jacob!«, schalt Herold ihn.
Von Elmendorff begann zu lachen, dass sein Bauch wippte und sein Doppelkinn nur so schwabbelte.
»Junge, du bist ja ganz wie dein Vater vor 30 Jahren. Und ihm habt ihr es zu verdanken, dass ich euch das Geld überhaupt leihe, jeden anderen hätte ich zum Teufel gejagt.« Er wurde wieder ernst. »Versteht mich nicht falsch. Ich glaube, dass euer Vorhaben gut ist, und ich besitze genug Menschenkenntnis, um zu wissen, dass ihr das hinbekommt und durchsteht. Die neue Mühle wird funktionieren und ihr werdet letztendlich mehr Einnahmen haben, davon bin ich überzeugt. Wovon ich aber nicht überzeugt bin, ist, ob man euch das Geld lassen wird. Denn ich kenne auch von Zölder. Bisher hat er immer Mittel und Wege gefunden, seinen Willen durchzusetzen. Deshalb bin ich nicht bereit, mehr zu riskieren, und ihr solltet es auch nicht sein. Seht zu, dass ihr es mit 60 Reichstalern schafft.«
Jacob war verwirrt. Was sollte das bedeuten? Dass er ihnen zu ihrem eigenen Besten weniger Geld leihen wollte? Und was hatte es immer mit diesem Gefallen auf sich, den ihr Vater ihm getan hatte?
»Warum reden Sie immer von diesem Gefallen? Was hat er Ihnen denn für einen Gefallen getan?«, brauste er weiter auf.
Erneut musste sich von Elmendorff den Bauch halten vor Lachen, bevor er antwortete, was Jacob noch mehr in Aufruhr versetzte, weil er sich ausgelacht fühlte.
»Die alten Geschichten sollte man nicht wieder aufwärmen. Vielleicht erzähle ich euch irgendwann einmal davon, aber im Moment soll es mal gut sein.« Er wischte sich Tränen aus den Augenwinkeln. »Es ist nur so, dass ich immer sehr bedauert habe, was damals geschehen ist und welches Ende Diether nahm, und ich freue mich, dass ich jetzt auf diese Weise seinen Söhnen helfen kann. Vorausgesetzt, ihr wollt meine Hilfe annehmen.«
Er sah Herold an.
»Ja, sehr gerne, vielen Dank«, entgegnete dieser auf der Stelle.
»Dann lasse ich bis morgen von meinem Advokaten einen Vertrag aufsetzen und das Geld besorgen. Kommt am besten morgen um die gleiche Zeit wieder her, damit wir den Rest regeln können.«
Anschließend ging alles sehr schnell. Herold gab von Elmendorff die Hand und verabschiedete sich, und als hätte sie auf ein Stichwort gewartet, stand die Haushälterin im Raum, um sie hinauszubegleiten. Dabei hätte Jacob noch so viele Fragen gehabt. Sehnsüchtig warf er einen letzten Blick auf die Bücher, als sie die Bibliothek verließen. Und kurze Zeit später waren sie wieder vor dem Haus auf der Straße.
Herold marschierte strammen Schrittes in Richtung Norden. Jacob hatte Mühe, hinterherzukommen. Wollte sein Bruder ihm etwa ausweichen? Ahnte er vielleicht, dass Jacob nicht nur verwirrt, sondern auch verärgert war? Alle Welt sprach von Dingen, die ihn etwas angingen, aber niemand wollte ihm diese Dinge näher ausführen. Jeder Dahergelaufene schien mehr über Jacobs Familie und deren Vergangenheit zu wissen, als er selbst. Das konnte er nicht länger auf sich beruhen lassen.
»Nun warte doch mal«, keuchte er Herold hinterher, doch der dachte gar nicht daran. »Was meinte von Elmendorff gerade damit? Von welchen Ereignissen hat er gesprochen? Was soll Vater geschehen sein? Und was für einen Gefallen hat Vater ihm getan?«
Herold hob sein Tempo eher noch an, als er von der Ritterstraße in die Achternstraße rechts einbog. Warum musste er immer so stur sein? Diese Halsstarrigkeit brachte Jacob zur Raserei. Und dieses Hinterhergehetze! Davon hatte er jetzt genug. Er blieb stehen.
»Verdammt noch mal, nun erzähle mir endlich, was mit unserer Familie los ist!«, brüllte er Herold hinterher, so laut, dass sich diverse Passanten zu ihm umdrehten.
Herold hielt ebenfalls an und schaute sich verlegen nach den Passanten um, die anfingen, miteinander zu tuscheln. Er ging die Schritte zurück, die ihn von Jacob trennten, packte ihn am Handgelenk und zog ihn mit sich, nun nicht ganz so eilig wie vorher.
»Musst du hier so rumschreien? Es muss ja nicht jeder unsere Angelegenheiten mitbekommen.« Sein Griff war so stark, dass Jacobs Handgelenk schmerzte. Er riss sich los und blieb wieder stehen.
»Dann erzähl mir endlich, was mit unserer Familie los ist«, giftete er Herold an.
»Ja, in Ordnung, aber komm mit. Die Leute zeigen ja schon auf uns.« Er ging voraus, wesentlich langsamer, und Jacob folgte ihm. »Was diesen Gefallen angeht, weiß ich genauso wenig wie du. Ich habe keine Ahnung, welchen Gefallen Vater ihm getan hat.«
»Und was ist mit den anderen Dingen?«
»Welchen anderen Dingen?«
»Nun stell dich nicht dumm. Diese Häufung von Andeutungen über unsere Familie ist ja wohl äußerst merkwürdig. Zuerst die Bemerkung dieser Raufbolde in der Gastwirtschaft: Der Rest würde uns auch noch genommen werden. Der Rest wovon? Heißt das, uns wurde schon mal etwas genommen?« Herold sagte nichts. Sie überschritten jetzt den Marktplatz, die Silhouette der Gebäude glitt an ihnen vorüber: die Lambertikirche, das Rathaus. Normalerweise genoss Jacob das, doch heute hatte er andere Dinge im Kopf. »Dann von Zölder, ich wäre genauso wie Vater vor 20 Jahren. Kannte er ihn damals?«
Herold räusperte sich.
»Naja, 20 Jahre ist eine lange Zeit ...«, antwortete er ausweichend.
Jacob schüttelte den Kopf. Sein Bruder wollte ihm schon wieder keine Antworten liefern.
»Und jetzt spricht von Elmendorff von irgendwelchen Ereignissen und sagt, dass er bedauere, was damals geschehen ist.« Erneut blieb er stehen und wurde wieder lauter. »Verdammt, nun rücke schon raus mit der Sprache.«
Herold packte ihn abermals am Handgelenk und zog ihn mit.
»Ja, es stimmt«, raunte er. »Es ist damals etwas geschehen, wodurch sich unser Leben verändert hat. Ich war damals jedoch noch ein Kind und habe daher auch nicht alles mitbekommen. Das, was ich weiß, werde ich dir erzählen. Aber nicht jetzt.«
»Warum nicht?«
»Weil wir jetzt da sind, wo wir hinwollen.«
Herold wies auf das Gebäude, vor dem sie standen.
»Was willst du denn hier?«
»Na, was will man schon bei der Post«, sagte Herold und stieg die Stufen zum Eingang hoch. »Einen Brief versenden.«
»Einen Brief? Wem willst du denn einen Brief schicken?«
Herold drehte sich auf der obersten Stufe zu ihm um.
»Nachdem ich diesen Einfall für den Umbau der Mühle hatte, habe ich mich daran erinnert, dass bei uns vor einiger Zeit ein Müller auf der Durchreise übernachtet hatte. Der hatte mir damals von einer Wassermühle in Hamburg erzählt, die wohl die modernste und beste Wassermühle ist, die er kennt. Den Bauherrn dieser Wassermühle will ich einstellen. Deshalb brauche ich seinen Namen und seine Adresse, und um die zu erfragen, sende ich dem Müller von damals diesen Brief.«
Herold drehte sich um und betrat das Postgebäude.
Jacob unten an der Treppe schüttelte lächelnd den Kopf. Sein Bruder! Wahrscheinlich hatte er schon den ganzen Mühlenumbau komplett durchgeplant.
Die nächste Gelegenheit, Herold zu den Ereignissen in ihrer beider Kindheit zu befragen, ergab sich am folgenden Tag in der Frühstückspause. Herold machte gerade ein grüblerisches Gesicht und schaffte es, dabei glückselig zu lächeln. Als Jacob ihn wieder drängte, von den Geschehnissen zu erzählen, verschwand das Lächeln.
»Na gut«, brummte Herold. »Du gibst sonst ja doch keine Ruhe.«
Er sah zum See, dachte kurz nach und begann dann.
»Ich erinnere mich an unsere Eltern so, wie man sich als dreißigjähriger Mann an Geschehnisse erinnern kann, bei denen man zehn Jahr alt war oder sogar jünger. An Geschehnisse, die 20 Jahre zurückliegen.« Er räusperte sich. »Unsere Mutter habe ich als unnahbar in Erinnerung. Sie war wenig herzlich, eher kühl und abweisend. Ich weiß nicht, ob sie mich überhaupt jemals in den Arm genommen hat. Als weibliche Bezugsperson hatte ich vielmehr unsere Zugehfrau.«
Jacob traute seinen Ohren nicht.
»Wir hatten eine Zugehfrau? Eine Haushälterin?«
»Ja, aber unterbrich mich nicht. Es fällt mir schwer genug, aus dieser Zeit zu erzählen. Unterbrechungen kann ich nicht gebrauchen. Hinterher kannst du mich fragen, was du willst.«
Herold hatte auf seinem Teller noch einen Bissen Brot. Den steckte er sich jetzt in den Mund. Nachdem er ihn hinuntergeschluckt hatte, fuhr er fort.
»Unser Vater war da ganz anders. Es stimmt, dass er ähnlich war, wie du heute bist, nicht nur äußerlich. Er war immer fröhlich, lustig, herzlich. Er war es, der mich in den Arm nahm und mir zeigte, dass er mich liebte. Wir haben viel zusammen gemacht. Als ich zehn wurde, sagte er mir, dass ich langsam ein Mann werde und bald mitkommen könnte zur Jagd. Aber dazu kam es nicht mehr.«
Herold machte eine kurze Pause, in der er wieder auf den See schaute.
»Dann kam der Tag, an dem er schwermütig wurde. Er hatte irgendwelche Sorgen, aber ich wusste nicht, was für welche. Als ich unsere Zugehfrau danach fragte, sie hieß übrigens Duretta, meinte sie, dass das schon vorbeigehen würde und ich mir keine Sorgen machen sollte. Aber so kam es nicht, es wurde sogar schlimmer. Unser Vater lachte kaum noch und hatte tiefe Ringe unter den Augen, als würde er kaum noch schlafen. Dann kam alles ganz schnell hintereinander. Zuerst starb unsere Mutter bei einem Unfall. Unseren Vater habe ich danach nur noch einmal gesehen, wie er das Haus verlassen hatte. Er war so aufgelöst, dass er mich nicht einmal bemerkt hatte, obwohl er mich umgerannt hätte, wenn ich nicht schnell zur Seite gesprungen wäre. Das war das letzte Mal, dass ich ihn sah. Meine Fragen nach seinem Verbleib wurden mir nicht beantwortet und kurze Zeit später sagte man mir, dass auch er tot sei.«
Herolds Stimme brach bei den letzten Worten. Jacob sah ihn an und bemerkte, dass er Tränen in den Augen hatte. Auch Jacob wurde ganz beklommen und er musste schlucken, um den Kloß im Hals loszuwerden.
Nach einer Weile fuhr Herold fort, die Stimme immer noch brüchig.
»Wie es zum Tod unserer Eltern kam, hat man mir nie erzählt. Es dauerte auch nicht lange und wir mussten unser Haus verlassen. Wir sind zu unseren Stiefeltern gekommen, dem alten Müllerehepaar Bernhard und Martha. Sie zog dich auf und ich musste Bernhard in der Mühle mithelfen. Den Rest kennst du.«
Beide schwiegen eine Weile. Der eine musste sich erholen, so wie es Jacob schien, und er selber musste das Gehörte verarbeiten. Eigentlich hätte er Herold jetzt gerne in Ruhe gelassen, aber ein paar Dinge musste er unbedingt wissen.
»Du sagst, wir hatten ein Haus?«
»Oh, ja, und was für eines. Ein großes, schönes Haus. Ich hatte ein eigenes Zimmer. Alles war prunkvoll eingerichtet. Und wir hatten Stallungen und Pferde. Soweit ich weiß, hatten wir auch viele Ländereien. Aber das wurde uns alles weggenommen. Ich weiß nicht, warum. Mir als Zehnjährigen hatte man das nicht erzählt und Bernhard wusste es auch nicht. Heute weiß ich nicht mal mehr, wo sich unser Haus befand und ob ich es heute wiedererkennen würde, wenn ich es sähe.« Er kniff die Augen zu Schlitzen zusammen. »Woran ich mich erinnern kann, ist eine weiße Pferdeskulptur, ein aufbäumendes Pferd aus Stein. Darauf hat Vater mich manchmal gesetzt.«
»Und wir hatten eine Zugehfrau?«
»Nicht nur das. Wir hatten noch mehr Personal. Jemanden, der sich um die Stallungen kümmerte, einen Gärtner, ich hatte einen privaten Lehrer. Die habe ich alle später nie wieder gesehen.«
»Das heißt, wir hatten einmal viel Geld?«
»Ja, Geld und Ansehen. Die anderen Menschen begegneten unserem Vater immer mit viel Respekt. ‚Herr von Riekhen dieses‘ und ‚Herr von Riekhen jenes‘ ...«
»Was? Wieso ‚Herr von Riekhen‘?«
»Weil wir früher einen Adelstitel führten. Unser Vater war Freiherr von Riekhen.«
1768
Das Pferd preschte über die Wiesen. Das Wasser aus den Pfützen, die sie durchritten, spritzte auf, selbst Diethers Gesicht war bereits nass. Doch es machte ihm nichts, er genoss es. Sie galoppierten am Rande eines Waldes entlang, setzten über einen liegenden Baumstamm. Er rang schon ebenso nach Luft wie sein Hengst. Am Ende des Waldes zog er die Zügel straff und brachte ihn zum Stehen. Lobend tätschelte er den Hals des stolzen Tieres, während beide wieder zu Atem kamen.
Es würde gleich beginnen, dunkel zu werden. Er sollte sich auf den Heimweg machen. Dafür wollte er eine andere Route einschlagen. Er zog am linken Zügel und wendete sein Pferd, um gemäßigter zurück zu reiten.
Etwa eine Stunde später ritt er in seine Stallungen und übergab den Hengst zum Abzäumen und zur Pflege an Klatti, seinem Stallknecht. Er selbst begab sich ins Haus, um sich frisch zu machen. Bald würde das Abendessen gereicht werden. Sicherlich würde es wieder Braten geben, von dem Fleisch des Hirsches, den er vor einigen Tagen erlegt hatte.
Als er kurze Zeit später den Speiseraum betrat, kam ihm der köstliche Duft der Speisen entgegen. Im Kamin loderte ein schönes Feuer, was bei dem recht fortgeschrittenen Herbst wohl angebracht war. Alheyt und Herold saßen bereits an der langen Tafel und erwarteten schweigend seine Ankunft.
»Ah, ihr wartet schon auf mich«, sagte Diether gut gelaunt zur Begrüßung.
Sein Sohn lächelte ihm zu, aber seine Frau zeigte keine Regung.
Diether ging an der Tafel entlang und strich dabei mit den Fingern über die weiße Tischdecke. In der Mitte standen dampfend große Porzellanplatten mit verschiedenen Gemüsen und Kartoffeln. Als er an Herold vorbeikam, strubbelte er ihm über das Haar. Zu Alheyt bückte er sich zum Kusse und sie hielt ihm ihre blasse Wange entgegen. Sie saß nicht sehr dicht am Tisch, weil ihr dicker Bauch es unmöglich machte. Nicht mehr lange bis Diether das zweite Mal Vater werden würde.
Er schritt an der anderen Seite der Tafel entlang, zurück zu seinem Platz, und kaum hatte er sich niedergelassen, betrat Duretta mit der Bratenplatte den Raum. Sie begrüßte ihn, stellte die Platte ab und begann damit, die Speisen und den Wein zu servieren.
Der Hirschbraten schmeckte vorzüglich. Diether ließ sich zwei Mal nachgeben. Die Nachspeise war eine Kombination aus geschlagener Sahne und Äpfeln. Eine sehr süße Angelegenheit, die er kaum anrührte, dem Rest seiner Familie aber zu schmecken schien. Sollte Herold doch seine Schale bekommen.
»Wie war der Unterricht heute?«, fragte er seinen Sohn, den stummen Teil des Abends beendend.
»Hervorragend!« Herold strahlte über das ganze Gesicht. »Jedenfalls nachdem wir mit dem leidigen Lesen fertig waren und uns der Mathematik zugewandt hatten.«
Ja, dachte Diether, ein Dichter würde sein Sohn wohl nicht werden, dann schon eher ein Wissenschaftler. Aber er musste nichts von beidem. Irgendwann würde er das Vermögen erben, von dem seine Familie seit Generationen lebte. Nichtsdestotrotz war Bildung wichtig, weshalb Diether den besten Privatlehrer beschäftigte, den er finden konnte.
Herold berichtete weiter vom Unterricht und davon, was er am Nachmittag draußen unternommen hatte, was er geschnitzt hatte, dass er in den Stallungen geholfen hatte und was ein Zehnjähriger sonst alles erlebte. Diether hörte ihm wohl zu, aber seine halbe Aufmerksamkeit galt Alheyt. In ihrer Schwangerschaft war sie sogar schöner als ohnehin schon. Er musste sie fortwährend anschauen, doch sie erwiderte seinen Blick nicht ein einziges Mal. Die ganze Zeit waren ihre Lider gesenkt und die Augen auf den Teppich gerichtet, als hätte sie dessen Muster zuvor nie gesehen. So verhielt sie sich nicht erst seit heute, sondern bereits eine geraume Weile. Das tat Diether weh. Sicher, sie wurden sehr früh verheiratet, Alheyt war sechzehn und er zwanzig Jahre alt. Aber er hatte sie damals schon geliebt und er liebte sie immer noch, wenn auch auf eine andere Weise. Heute war die Liebe nicht mehr leidenschaftlich, sie war zur Gewohnheit geworden. Seit vielen Wochen hatten sie nicht das Bett geteilt. Er nahm sich vor, das heute Abend zu ändern. Die Schwangerschaft machte ihm dabei nichts aus.
Kurz vor der Schlafenszeit schlüpfte er zu ihr ins Schlafzimmer. Sie saß an der Frisierkommode und bürstete ihr langes blondes Haar. Überrascht sah sie auf, als sie die Tür hörte, und unterbrach das Bürsten. Sie sah ihn erst verwirrt an, doch schnell dämmerte ihr sein Anliegen.
»Was willst du denn noch hier?«, fragte sie trotzdem.
Diether hatte sich vorher nicht überlegt, wie er vorgehen wollte. Er hatte einfach den Entschluss gefasst, dass er mal wieder mit seiner Frau zusammensein wollte, und wollte diesen jetzt in die Tat umsetzen. Deshalb war er ein wenig verlegen darum, wie er antworten sollte, ohne sofort auf den Punkt zu kommen.
»Was für eine Frage. Man darf doch wohl noch seine Ehefrau besuchen.«
»Ts!«, machte sie und setzte das Bürsten fort.
Na ja, dachte Diether, leicht hatte er es noch nie bei ihr gehabt. Ein wenig sanftes Drängen war schon immer nötig gewesen.
Er ging zu ihr und umfasste von hinten ihre Schultern. Sie hatte bereits ihr Nachthemd an, ein dünner Hauch von Stoff, der sich an ihren Körper schmiegte. Mächtig trat der Bauch darin hervor. Er betrachtete sie in dem zweiten Spiegel mit dem verzierten Holzrahmen, der seitlich von ihr stand. Wie sie dort saß mit ihren offenen Haaren, zum Bürsten seitlich nach vorne geholt, war sie einfach wunderschön. Er begann, ihre Schultern zu streicheln. Ihr zarter Nacken bot sich ihm dar, sodass er nicht widerstehen konnte: Er bückte sich und hauchte einen Kuss auf ihre Haut. Alheyt wich dem nach vorne aus.
»Bitte lass mich meine Haare bürsten«, sagte sie und arbeitete sich weiter mit der Bürste vor.
Diether umrundete den Stuhl, auf dem sie saß, nahm ihr die Bürste aus der Hand und legte sie auf die Kommode. Er fasste sie unter Beine und Rücken, hob sie hoch, was aufgrund ihres Zusatzgewichts nicht einfach war, und brachte sie zum Bett. Dort legte er sie ab und schmiegte sich sogleich an ihre Seite. Er öffnete die Schleife ihres Nachthemds und küsste sie seitlich auf Hals und Schultern.
Doch dann merkte er, wie sie dalag: stocksteif, mit geöffneten Augen und zusammengepressten Lippen. Ihre Hände hielten die offenen Seiten des Nachthemds, damit sie nicht wegrutschten und ihre Brust entblößten.
»Was ist mit dir?«, fragte er.
Sie raffte das Nachthemd noch weiter zusammen.
»Glaubst du wirklich, dass das eine so gute Idee ist?«
Ihre Stimme klang schneidend.
»Was meinst du?«
»Denkst du wirklich, dass das, was du vorhast, in meinem Zustand ratsam ist?«
»Aber warum denn nicht? Wir haben es schon so lange nicht mehr gemacht. Und ich werde wirklich vorsichtig sein.« Er gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Weißt du, ich liebe dich doch, und wir waren uns in letzter Zeit nicht besonders nahe.«
»Das liegt vielleicht daran, dass ich dein Kind austragen muss«, sagte sie kalt.
Er stützte sich auf seinen Ellenbogen, um ihr ins Gesicht sehen zu können, doch sie drehte den Kopf zur anderen Seite.
»Aber was sagst du denn da? Mein Kind? Es ist doch unser Kind.« Darauf gab sie keine Erwiderung. »Unser Kind, das aus Liebe entstanden ist. Wir haben es doch gezeugt, weil wir uns lieben.«
»Du hast es gezeugt. Ich war nur dabei.«
Diether bekam einen Kloß im Hals. Er konnte nicht verhindern, dass ihm Tränen in die Augen stiegen. Er wartete einen Moment, denn er wusste, dass seine Stimme brechen würde, wenn er jetzt sprechen würde. Doch als er dachte, es ging wieder, tat sie es trotzdem.
»Liebst du mich denn gar nicht mehr?«
Er wartete ein paar Minuten vergeblich auf eine Antwort. Sie lag weiterhin steif und mit abgewandtem Gesicht da und schwieg.
Inzwischen rannen Diether die Tränen über das Gesicht. Er löste sich von ihr und verließ leise ihr Schlafzimmer. Auf dem Korridor lehnte er sich an ihre Tür und wischte sich mit den Fingern die Wangen trocken. Er dachte an frühere Zeiten, in denen sie sich noch geliebt hatten. Sie waren jung gewesen, äußerst jung. Sie waren leidenschaftlich. Ja, damals hatte er sie sehr geliebt. Aber hatte sie ihn auch geliebt? Oder war sie nur jung und schüchtern und ihm deshalb ergeben?
Er wusste es nicht.
In Diethers Schlafzimmer war es einsam. Und langweilig. Er ging deshalb bald zu Bett, doch er konnte nicht einschlafen. Immer wieder musste er darüber nachdenken, was denn in seiner Ehe fehlgelaufen war. Er fragte sich, was er falsch gemacht haben könnte, dass es so gekommen war, und wälzte sich von einer Seite auf die andere.
Irgendwann hatte er davon genug: Er stand wieder auf. Vielleicht ließ sich in der Küche noch etwas von dem Braten ergattern. Danach war es mit dem Schlafen bestimmt einfacher. Mit bloßen Füßen stieg er die Treppe hinunter. Er versuchte, möglichst wenig Geräusche zu machen, da der Rest der Hausbewohner vermutlich schlief. Auf dem Weg zur Küche ging er an den Räumen der Bediensteten vorbei. Die Türen waren alle verschlossen, und es war kein Lichtschein mehr in den Spalten zu sehen. Doch dann kam er bei dem letzten Raum vor der Küche an, Durettas Zimmer. Diese Tür stand ein Stück offen und drinnen brannte Licht. Diether trat heran und öffnete die Tür weiter. Auf einem Schemel sah er Durettas Arbeitskleidung liegen, aber sie selbst war nicht anwesend.
Diether setzte seinen Weg zur Küche fort und hörte bald scheppernde und klappernde Geräusche. Nanu, war sie noch am Arbeiten? Und tatsächlich: Er betrat leise die Küche und sah Duretta, wie sie Töpfe und andere Kochgegenstände wegräumte. Ihre Haare hatte sie offen. Sie war barfuß, wie er, und trug nur ein leichtes Nachthemd. Das war nicht so hübsch und fein wie das seiner Frau, aber der ansehnliche Körper, der darin steckte, machte diesen Nachteil mehr als wett. Durch den dünnen Stoff konnte er sehen, wie die Brüste bei ihren Bewegungen hin und her schaukelten.
»Du räumst noch auf?«
Duretta hatte ihn nicht reinkommen gehört, und als er sie nun ansprach, erschrak sie dermaßen, dass sie am ganzen Körper zusammenzuckte. Sie fasste sich ans Herz, wodurch die Rundung unter dem Nachthemd noch entzückender aussah. Ihr Haar war durch die plötzliche Bewegung so stark durcheinandergeraten, dass es ihr halb ins Gesicht hing. Was für ein hinreißend süßer Anblick das war! Diether musste schmunzeln.
»Haben Sie mich erschreckt«, keuchte sie. Der Schreck hatte ihr den Atem genommen. »Ja, mir fiel noch ein, dass ich vergessen habe, das hier wegzuräumen. Bitte entschuldigen Sie, aber ich dachte, dass alle schon schlafen würden.«
Diether ging ein paar Schritte auf sie zu. Ihre Hände presste sie immer noch unter ihren Busen, und er musste sich bemühen, nicht dorthin zu starren.
»Ja, das wollte ich auch, aber ich konnte nicht. Und dann fiel mir der Braten ein ...«
»Soll ich Ihnen noch etwas davon holen?«
Sie nahm ihre Arme nach vorne und deutete auf die Speisekammer. Wie schade, dass das Nachthemd nun nicht mehr über ihrer Brust gestrafft war.
»Nein, nein, das ist nicht nötig.« Er ging weiter auf sie zu. »Ich habe jetzt doch keinen Hunger mehr.«
Je näher er ihr kam, desto größer wurde seine Erregung. Als er nun direkt vor ihr stand, konnte er sich nicht länger beherrschen. Doch immerhin noch so weit, dass er nur ihre Wange streichelte.
»Aber, Herr«, flüsterte sie und lächelte dennoch.
Er fasste sie ans Kinn und küsste sie auf den Mund. Sie erwiderte den Kuss. Ihre vollen Lippen fühlten sich fest und weich zugleich an. Sein ganzer Körper war inzwischen am Kribbeln und insbesondere in der Körpermitte war seine Erregung nicht mehr zu verheimlichen. Doch gerade jetzt musste er an Alheyt denken. Er löste seinen Mund von Durettas und drehte den Kopf zum Kücheneingang.
»Keine Sorge«, sagte Duretta, seine Bewegung missdeutend. »Die schlafen alle tief und fest.«
Sie zog sich das Nachthemd über den Kopf und ließ es zu Boden gleiten. Ihre Arme schlang sie um seinen Nacken, und sie setzte sich auf seine Hüfte, indem sie die Beine hinter seinem Rücken verschränkte. Er konnte nicht anders, als sie mit den Händen unter ihrem nackten Gesäß zu halten. So küssten sie sich erneut, bis sie ihm zu schwer wurde und er sie auf der Tischkante absetzte. Nun hatte sie die Arme frei, mit denen sie begann, an seinem Nachtgewand herumzunesteln, bis er davon befreit war. Anschließend umschloss sie ihn sofort wieder mit einer Kraft und Hingabe, als hätte sie diesen Augenblick schon lange erwartet und als wollte sie ihn, Diether, nun nicht wieder hergeben.
In den darauf folgenden zwei Stunden, in denen sie sich drei Mal liebten, dachte Diether nicht ein einziges Mal an Alheyt. Später sollten ihn deswegen große Gewissensbisse plagen.
Heute
Wie, zum Teufel, sollte sie so ihren neuen Auftrag der Nordwest-Zeitung rechtzeitig fertig bekommen? Dieser Krach machte sie wahnsinnig. Den ganzen Tag ging das schon so. Am Vormittag hatten die Handwerker unzählige Löcher in die Wände gebohrt. Das damit verbundene Dröhnen ging ihr durch Mark und Bein. Und im Moment stemmten sie mit Bohrhammern die Wände für die Wasser-, Strom- und Abflussleitungen der neuen Küche auf. Gegen diesen Lärm war das Löcherbohren ein Flüstern gewesen. Zu allem Überfluss war Timo nun auch noch quengelig. In seinem Mittagsstündchen hatte er wahrscheinlich keine Minute geschlafen, was ihm jetzt natürlich fehlte. Ständig hing er ihr am Rockzipfel und wollte dieses oder jenes. Inzwischen war sie mit ihren Nerven am Ende. Sämtliche Konzentrationsfähigkeit war dahin.
Sie klappte ihr Notebook zu.
»Komm Timo.« Ihr Sohn spielte auf dem Fußboden ihres Arbeitszimmers. Die Fahrgeräusche der Spielzeugautos, die er mit seiner Stimme imitierte, fielen bei dem Lärm in ihrem Haus kaum auf. »Wir gehen an die frische Luft.«
Sie machten eine halbe Runde um die Dobbenwiese und quer darüber hinweg zurück. Die Luft war herrlich. Es war noch ein schöner Sommertag. Der kleine Spaziergang hatte sie spürbar entspannt.
Im Haus war es bei ihrer Rückkehr tatsächlich ruhiger als vorher. Der Bohrhammer hatte Pause. Stattdessen war jemand nur mit einem normalen Hammer zu Gange, was verglichen mit der vorherigen Geräuschkulisse wie ein leises Klacken war.
Sie begaben sich wieder ins Arbeitszimmer, wo Timo sich erneut seinen Autos widmete. Edithas Blick fiel auf das Schreiben vom Standesamt. An Telefonieren war bei der Geräuschkulisse bisher heute nicht zu denken gewesen, aber jetzt konnte sie den Moment nutzen.
Im Internet hatte sie auf der Homepage der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Oldenburg ein paar Durchwahl-Nummern des Archivs herausgefunden. Davon rief sie aufs Geratewohl eine an. Es meldete sich eine freundliche Dame, mit der sie einen Termin vereinbarte, an dem sie Einsicht in die Mikrofiches nehmen konnte. Wie sie im Internet gelesen hatte, waren in diesen Mikrofiches die Kirchenbücher gespeichert, bis ins Jahr 1640 zurückgehend.
Kaum hatte sie das Gespräch beendet, stand plötzlich einer der Handwerker in der Tür des Arbeitszimmers und klopfte an den Türrahmen. Er sah aus wie ein Bäcker kurz vor Feierabend, überall mit weißem Staub bedeckt.
»Entschuldigen Sie, Frau Riekmüller«, sagte er. »Es gibt da ein Problem. Das sollten Sie sich vielleicht mal ansehen.«
Er führte sie nach oben in die werdende Küche. Editha erschrak: Dort herrschte das reinste Chaos. Überall lag Schutt, in der Wand klaffte ein riesiges Loch.
»Oh, mein Gott«, konnte sie nur sagen, bevor sie sich die Hand vor den Mund hielt.
Der Handwerker räusperte sich.
»Das sieht schlimmer aus, als es ist«, meinte er mit einer abwinkenden Handbewegung. »Das Problem ist ein anderes.« Er deutete in das Loch. »Wir wollten die neuen Leitungen ja hier entlang legen.« Er zeigte Editha, wie der Verlauf sein sollte. »Aber jetzt sind wir auf einen alten Kaminschacht gestoßen. Der war vorher nicht zu sehen. Und das Problem ist, dass der undicht ist.«
Der Handwerker erzählte davon, dass es reinregnete und es an dieser Stelle immer wieder feucht werden würde, dass sie den Schacht ganz entfernen und die Stelle neu wieder zumauern müssten, dass sie nach oben hin abdichten müssten, dass dies mit Mehrkosten verbunden wäre, und dass er aber dringend dazu raten würde, weil sie sonst immer wieder Ärger damit bekäme. Schon in der Mitte seiner Rede resignierte Editha. Es würde also noch teurer werden und sie konnte nichts dagegen tun.
»Sollen wir diese Arbeiten durchführen?«, schloss der Handwerker seinen Wortschwall ab.
Editha seufzte.
»Wie hoch wären denn die Mehrkosten?«
»Schwer zu sagen. Man weiß bei einem solch alten Haus nie, was noch dazu kommt, wenn man erst mal anfängt.«
Dann klingelte es an der Haustür.
Sie musste es ja sowieso machen lassen. Ansonsten würde sie wahrscheinlich tatsächlich später Ärger kriegen. Ihr Mieter, Mads Burges, war bereits mehrmals hier, um sich über den Fortschritt der Renovierungsarbeiten zu informieren. Er hatte in manchen Punkten extrem genaue Vorstellungen und stellte immer wieder Forderungen. Irgendwie schien er zu ahnen, dass er der einzige übrig gebliebene Interessent war. Und leider war er sehr kleinlich.
»Na gut«, seufzte sie noch mal. »Führen Sie die Arbeiten durch.«
Sie ging nach unten und öffnete. Wenn man an den Teufel dachte: Es war Mads Burges. Was wollte der denn schon wieder? Na ja, was wohl: Mal wieder nach dem Rechten sehen. Angesichts des Zustands der Küche passte ihr das ganz und gar nicht.
»Guten Tag, Herr Burges. Sie schon wieder?«
»Dürfte ich noch mal einen Blick auf die Wohnung werfen?«
Er drückte bereits die Haustür auf und drängelte sich an ihr vorbei. Abermals musste Editha seufzen. Sie folgte ihm nach oben.
Vor der Küche blieb er stehen. Sie hatte mit einem Aufschrei oder mit irgendeiner anderen erschrockenen Reaktion gerechnet, aber Burges sah sich das Geschehen in aller Ruhe an.
»Da drin sieht es schlimmer aus, als es ist«, wollte Editha den Zustand so erklären, wie er ihr gerade erklärt worden war.
Sein kurzer Seitenblick wirkte überrascht.
»Das ist ja wohl normal, wenn eine Küche in einem Raum eingerichtet wird, der ursprünglich nicht dafür vorgesehen war.«
Was war das für ein komischer Kerl, auch wenn er wahrscheinlich recht hatte.
Er sah sich noch die anderen Räume an, ging dann ohne ein weiteres Wort die Treppe hinunter und verließ ihr Haus. Editha sah ihm kopfschüttelnd hinterher.
Die Handwerker packten ihr Werkzeug zusammen.
»Feierabend«, sagte der Lehrling, und ging grinsend an ihr vorbei.
Zum Glück, dachte Editha, dann hatte sie endlich Ruhe für heute.
Unten im Arbeitszimmer fing Timo an zu schreien.
Das Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche war nicht weit von ihrem Haus entfernt. Deshalb beschloss sie, zu Fuß dorthin zu gehen. Timo durfte sein Gokart benutzen, das er über alles liebte, seit er es von seinen Großeltern geschenkt bekommen hatte. Es war zwar nicht so sonnig wie gestern, aber trotzdem ziemlich warm. Editha spazierte und Timo fuhr durch die ruhigen Straßen des Dobbenviertels. Sie überquerten die Hauptverkehrsstraße, die Ofener Straße, wenn sie sich recht entsann, und kamen nach ein paar Querstraßen, die wieder relativ ruhig waren, bei ihrem Ziel an.
Das Gebäude, zu dem sie mussten, sah sehr schön aus. Es war mit einem hellbraunen Stein geklinkert und helleren, beigen Steinen abgesetzt. Das und der kleine Turmausbau an der Vorderseite gaben ihm ein fast schloss-ähnliches Aussehen. Der Eingang befand sich an der Seite. Timo ließ sein Gefährt vor der Treppe stehen und sie gingen hinein.
Drinnen nannte sie ihren Namen und verwies auf ihren Termin. Ihr wurde ein Platz mit Mikrofiche-Gerät zugewiesen. Hier breitete sie ihre Unterlagen aus, ließ aber ein kleines Plätzchen frei, wo sie Timos Malsachen hinlegte. Er machte sich sofort eifrig ans Werk. Und sie ebenfalls.
Das Kirchenbuch hatte ein Personenregister. Also suchte sie zunächst nach dem Namen »Riekmüller«. Sie fand auch einige, die ihr allerdings schon bekannt waren. Die weiteren Eintragungen hatten eine leicht abgewandelte Schreibweise: »Riekhmüller« mit »h«. Das musste sie sich genauer ansehen. Sie wählte also die im Register genannten Seiten. Dort waren die Daten von Taufen, Konfirmationen, Trauungen und Beerdigungen vermerkt sowie die Geburts- und Sterbedaten der jeweiligen Personen. Vom Standesamt hatte sie ja bereits die Daten ihrer Urgroßeltern erhalten. Diese verglich sie mit den Daten im Kirchenbuch und fand schließlich ihre Ururgroßeltern, bei denen sich der Nachname also noch anders schrieb. Das »h« ist dann wohl nach dieser Generation unter den Tisch gefallen, warum auch immer. Von den Seiten fertigte sie sich eine Kopie an.
Auf diese Weise ging sie weiter vor, und sie fand die Daten ihrer Vorfahren bis ins Jahr 1835 zu ihren vier Mal Ur-Großeltern. Dort endeten die Einträge im Personenregister, die Kirchenbücher reichten aber noch weiter zurück. Die Suche wurde also mühseliger, denn sie musste alle Seiten durchblättern. Irgendwann entdeckte sie ihre fünf Mal Ur-Großeltern. Und nach langer Suche, als sie fast aufgeben wollte, fand sie zwar nicht den Namen »Riekhmüller«, aber »Riekhen«. Sollte es vorher schon einmal eine Änderung des Namens gegeben haben? Warum nicht? Vielleicht war einer ihrer Vorfahren ein Müller und deshalb wurde aus »Riekhen« irgendwann »Riekhmüller«. Auch von dieser Seite machte sie eine Kopie.
Ihre sechs Mal Ur-Großeltern hießen demnach vermutlich Herold und Cecilie Riekhen. Das war enttäuschend. Denn die Jahreszahlen in dem Buch vom Dachboden lagen zeitlich zwischen den Jahresdaten von Geburt und Tod des Ehepaars Riekhen, das passte also. Die Initialen stimmten aber nicht.
Deshalb forschte sie eine weitere Generation zurück und fand, nach erneuter langer Suche, noch mal den Namen Riekhen. Jedoch passten die Initialen wieder nicht, denn ihre sieben Mal Ur-Großeltern hießen Diether und Alheyt. Außerdem waren die beiden schon viele Jahre, bevor das Buch verfasst wurde, gestorben. Der Sohn, Herold, war noch ein Kind.
Timo wurde langsam maulig. Er hatte keine Lust mehr, zu malen. Ständig fragte er, wann er denn wieder Gokart fahren könnte und ob er es nicht ein wenig auf dem Flur tun könnte.
Sie machte schnell Kopien von den letzten gefundenen Seiten und verließ den Platz.
Mit Timo im Schlepptau suchte sie noch einmal die Dame an der Information auf.
»Entschuldigen Sie bitte, ich hätte eine Frage«, sagte Editha. Die Frau lächelte sie an. »Ist es möglich, dass in den Kirchenbüchern Einträge fehlen?«
»Theoretisch schon«, antwortete die Frau, eine graue Maus in den Vierzigern. »Die Kirchenbücher sind nur so vollständig, wie die Pastoren, die sie führten, gewissenhaft waren.
»Also könnte es sein, dass eine Person komplett fehlt?«
»Das ist eher unwahrscheinlich. Wahrscheinlicher ist in dem Fall, dass von einer Person ein kirchliches Ereignis nicht eingetragen ist, dass zum Beispiel die Trauung fehlt.«
Editha war enttäuscht. Was sollte sie nun tun?
»Wissen Sie, ich bin mir ziemlich sicher, dass einer meiner Vorfahren, der Ende des 18. Jahrhunderts gelebt hat, die Initialen ‚J‘ und ‚R‘ hatte. In den Kirchenbüchern ist aber niemand mit diesen Initialen zu finden.«
Die Dame lächelte geduldig weiter.
»Sie könnten es mal im Staatsarchiv probieren. Dort gibt es über die kirchlichen Daten hinausgehend noch andere Daten für die Ahnenforschung.«
»Staatsarchiv? Und wo finde es das?«
Die Dame griff nach einem Notizzettel, gab etwas in ihren Computer ein und schrieb die Adresse auf. Editha nahm den Zettel entgegen.
»Am Damm«, las sie laut. »Können Sie mir sagen, wo das ist?«
»Im Innenstadtbereich. Dort müssen Sie sich aber auch einen Termin holen.«
»Mist! Dann kann ich ja wieder ein paar Tage warten.«
»Die Zeit können Sie aber nutzen: Sie können bereits online recherchieren, welche Dokumente für Sie interessant sein könnten.«
Am nächsten Vormittag kam sie mit ihrem Artikel für die Zeitung gut voran. Die Handwerker waren heute vergleichsweise ruhig. Die schlimmsten Arbeiten hatten sie am Vortag erledigt, weil sie da den alten Kaminschacht abgerissen hatten. Nun hatten sie anscheinend leisere Aufgaben zu erledigen. Auch Timo hatte sie weitgehend in Ruhe arbeiten lassen, sodass sie mit dem, was sie geschafft hatte, sehr zufrieden war.
Nun wollte sie die Zeit nutzen, in der Timo seinen Mittagsschlaf hielt, und sich wieder ein wenig ihrer privaten Ahnenforschung widmen. Im Internet fand sie die Homepage des Oldenburgischen Staatsarchivs und dessen Telefonnummer. Sie rief an und vereinbarte einen Besuchstermin, der leider erst am Ende der folgenden Woche war. Aber sie konnte ja schon in der Online-Recherche suchen, was sie auch sofort begann.
Als erstes stellte sie einen Benutzungsantrag, den sie für ihren Vor-Ort-Termin benötigen würde, wie ihr der Herr am Telefon sagte. Dann rief sie die Recherche-Funktion auf und fand eine Gliederung der im Archiv vorhandenen Dokumente vor mit einer enormen Anzahl von Untergliederungspunkten. Wenn sie sich dort überall durchklicken wollte, würde sie am Sonntagabend noch hier sitzen. In der Titelleiste entdeckte sie den Begriff »Suche«. Also klickte sie darauf. Es erschien ein Fenster, in das sie einen Suchbegriff eingeben konnte. Sie tippte »Riekhen« ein. Insgesamt gab es 94 Treffer, allerdings für ganz Niedersachsen. In der Navigationsleiste bestand die Möglichkeit, die Suche nach Regionen weiter einzugrenzen. Neben »Oldenburg« stand in Klammern eine 39. Also klickte sie hierauf. Und wieder erschienen viele Untergliederungspunkte, jeweils mit der Anzahl der Treffer dahinter.
Da sie nicht genau wusste, wonach sie hier eigentlich suchte, klickte sie diese der Reihe nach an. Das meiste von dem, was daraufhin auf der rechten Seite erschien, überflog sie nur kurz, bevor sie es als uninteressant einstufte und sich dem nächsten Dokument widmete. Dabei waren Dinge wie Militärsachen und Kirchensachen, ein Dokument sollte von einer Jagdverletzung eines Riekhen handeln, ein anderes von einer Zollstrafsache. Die meisten dieser Dokumente konnte sie aufgrund der nicht zutreffenden Jahreszahlen von vorneherein ausschließen.
Als sie dann bei den Untergliederungspunkten auf »Oldenburgische Vogteien« klickte, wurde rechts endlich ein Dokumenttitel angezeigt, der interessant klang. Es handelte sich um einen Übertragungskontrakt zwischen Diether von Riekhen und der Grafschaft Oldenburg aus dem Jahre 1768. Sie konnte sich dazu noch eine Detailseite aufrufen, die sie ausdruckte. Dieses Dokument wollte sie sich auf jeden Fall ansehen, wenn sie das Staatsarchiv aufsuchte.
Sie dachte über den Titel des Dokuments nach. Zum einen fiel natürlich das »von« im Namen auf. Sie holte die Kopie aus dem Kirchenbuch hervor. Tatsächlich, das hatte sie vorher übersehen: Auch hier stand »Diether von Riekhen«. Sein Sohn Herold hieß aber nur Riekhen, ohne »von«. Ungeheuerlich, welche Wandlung der Name durchgemacht hatte: Aus »von Riekhen« wurde »Riekhen und danach kamen »Riekhmüller« mit »h« und »Riekmüller« ohne »h«. Aber wie es wohl zu dem Wegfall des Adelsprädikats kam?
Doch in dem Zusammenhang fiel noch etwas anderes auf: Zur gleichen Zeit wurde ein Besitz Diether von Riekhens an das Herzogtum Oldenburg übertragen. Dort stand zwar nicht, um welche Art von Besitz es sich dabei handelte, aber wenn es extra eine Urkunde dafür gab, musste es einen gewissen Wert gehabt haben, wie beispielsweise Grundbesitz.
Sie rief die Suchfunktion erneut auf und gab »Herzogtum« ein, doch bereits bei der Eingabe merkte sie, dass sie damit nicht weiterkommen würde. Denn allein »Herzogtum« hatte über 13.000 Treffer, und dann gab es noch weitere Varianten, wie zum Beispiel »Herzogtums«, »Herzogthum« und »Herzogtume«. Deshalb versuchte sie es mit der Kombination aus »Herzogtum« und »Übertragungskontrakt«. Dafür gab es 12 Treffer. Danach probierte sie die anderen Varianten und kam auf insgesamt 33 Treffer, von denen 27 zeitlich nach dem Kontrakt Diether von Riekhens ausgestellt wurden. Von allen druckte sie sich die Detailseiten aus.
Sie sah auf die Uhr. Es war Zeit, Timo aus dem Bett zu holen, sonst würde er am Abend nicht müde werden.
Die Handwerker waren schon lange ins Wochenende gegangen und Editha musste langsam das Abendbrot fertig machen. Sie hatte sich von Timo dazu breitschlagen lassen, ihm Pfannkuchen zu backen. Also suchte sie die Zutaten dafür zusammen.
Das Telefon klingelte in einem ungünstigen Moment. Sie hatte Teig an den Fingern und auch von der Rührmaschine tropfte er in großen Flatschen herunter. Hastig wischte sie sich die Hände am Küchenhandtuch ab und griff zum Telefon.
»Gruning hier«, meldete sich die andere Seite.
»Oh, hallo Herr Gruning.«
Sie stellte fest, dass doch noch Teig an ihren Fingern war und sie damit das Telefon eingeschmiert hatte. Verdammter Klehkram!
»So, mein Mädchen. Die ersten 30 Seiten sind fertig und können abgeholt werden«, meinte Gruning fröhlich.
Editha riss mit der freien Hand ein Küchenkrepp ab und versuchte, den Teig vom Telefon zu wischen und gleichzeitig zu telefonieren, was sich als schwer machbar herausstellte.
»Oh, das ist schön.« Fast fiel ihr der Apparat herunter. »Äh ... was? Wir hatten doch gesagt, dass Sie erst mal nur 10 Seiten übertragen.«
Vor Schreck vergaß sie die Schmiererei und hielt sich das Telefon direkt ans Ohr.
»Ja, ja, keine Sorge. Ich werde nur 10 Seiten in Rechnung stellen. Es war einfach so interessant, dass ich nicht aufhören konnte. Ich musste zumindest die Ereignisse des aktuellen Datums komplett übertragen.«
Zum Glück, dachte Editha. Sie hatte ein klebriges Gefühl am Ohr. Mit dem Krepp von vorher wischte sie einmal zwischen Telefon und Ohr entlang.
»Weißt du«, fuhr Gruning fort, »ich liebe diese Berichte aus früheren Zeiten. Daran kann ich mich gar nicht sattlesen. Wann möchtest du denn herkommen?«
Editha ging im Geiste schnell den weiteren Tagesablauf durch. Das war zwar alles ein wenig knapp, aber er hatte sie neugierig gemacht und sie brannte darauf, den Text zu lesen.
»Würde es heute noch gehen?«
Sie vereinbarten einen Abholtermin für den Abend und beendeten das Gespräch.
Das Telefon war immer noch voller Pfannkuchenteig. Sie nahm ein neues Küchenkrepp und wischte zuerst ihre Finger und dann das Telefon sauber. Ihr Ohr fühlte sich auch noch klebrig an. Sie ging mit frischem Krepp bewaffnet auf den Hausflur, doch als sie dort ihre Haare im Spiegel sah, merkte sie, dass hier nur eine Dusche half.
Die 30 Blätter Papier, ausgedruckt mit einem Tintenstrahldrucker, der einen Patronenwechsel nötig hatte, und mit einem hellblauen Heftstreifen zusammengeheftet, lag am Samstagmorgen zuerst auf dem Küchentisch, falls Editha beim Frühstück nebenbei einen Blick hätte hineinwerfen wollen. Zwei oder drei Male hätte sie auch die Gelegenheit dazu gehabt. Doch bevor sie dazu kam, wollte Timo wieder irgendetwas.
Dann lag der Papierstapel eine ganze Weile auf ihrem Schreibtisch. Immer wieder sah sie ihn sekundenlang an, war im Begriff, darin zu lesen, aber stets fielen ihr andere Dinge ein, die sie zuerst machen wollte.
Zur Mittagszeit lag er wieder auf dem Küchentisch und nachmittags erneut auf dem Schreibtisch und das Spiel vom Vormittag wiederholte sich.
Am Abend saß Editha auf ihrem Sofa. Timo war schon eine Weile im Bett. Die Blätter mit der in lateinische Buchstaben übertragenen Version der ersten 30 Buchseiten befand sich vor ihr auf dem Couchtisch. Jetzt hatte sie Zeit, in Ruhe darin zu lesen. Sie atmete tief durch und genoss die Ungestörtheit. Gleich würde sie anfangen, nur einen Moment die Augen schließen.
Nach diesem Moment sah sie das Heftchen wieder an und sie begriff, warum sie den ganzen Tag noch kein Wort davon gelesen hatte. Nicht etwa, weil sie keine Zeit oder keine Ruhe dazu hatte. Nein, da hatte sie schon weitaus stressigere Tage hinter sich. Der eigentliche Grund war, dass sie Angst hatte.
Was wäre, wenn es so wie letztes Mal sein würde? Wenn sich der Ablauf der Dinge wiederholte? Wenn sie von einem Geschehnis läse, und sie hinterher abermals eine Vision davon hätte? Beim ersten Mal fand sie es erschreckend. Und anschließend wäre ihr womöglich wieder so schlecht. Der Gedanke daran machte ihr eine Gänsehaut.
Aber andererseits wollte sie genau das. Sie wollte nochmal durch die Augen dieses Mannes aus längst vergangener Zeit sehen, wollte seine Gefühle fühlen, wollte das erleben, was er erlebte. Diese Möglichkeit übte eine gewaltige Anziehungskraft auf sie aus, als wäre sie einer Sucht bereits nach dem ersten Anfixen verfallen.
Sie starrte die Blätter an. Das war doch Unsinn. Wer sagte, dass es wieder so kommen würde? Wahrscheinlich war das sowieso ein einmaliges Erlebnis.
Mit einem Ruck beugte sie sich nach vorn und griff sich die Blätter. Sie lehnte sich ins Sofa zurück und begann, auf der ersten Seite zu lesen.
Wie sie bereits in der Originalfassung anhand der Jahreszahlen festgestellt hatte, hatte J. R. etwa drei Jahre vor diesem Überfall am Lappan damit begonnen, das Buch zu schreiben. Im Gegensatz zu der Szene, die sie schon kannte und die in einer Art Romanstil verfasst war, wurden die ersten Seiten im typischen Tagebuchstil geschrieben. Dabei waren die Einträge eher sporadisch, alle paar Wochen oder Monate wurden nur besondere Erlebnisse ergänzt. Die Beschreibungen waren sehr kurz und knapp gehalten, sodass die ersten 30 Seiten bereits mehr als zwei Jahre überspannten. Neben der Schilderung der Erlebnisse hatte J. R. das beschrieben, was sie Visionen nannte. Er nannte sie »Gesichte«. Diese hatte er seit frühester Kindheit. Er lebte im 18. Jahrhundert und schrieb von Dingen, die er eigentlich noch nicht kennen konnte, wie Autos und Smartphones. Die Begriffe kannte er natürlich nicht, sodass er die Dinge umschrieb. So bezeichnete er Autos als pferdelose Kutschen.
Die Geschehnisse, die er schilderte, hatte er durch die Augen einer Frau gesehen, wie man an den Formulierungen merkte, aber ihr kamen sie gänzlich unbekannt vor. Vielleicht hatte er diesen Austausch mit verschiedenen Frauen in ihrer Zeit.
Andererseits kamen ihr die Gefühle und Sinneswahrnehmungen seltsam vertraut vor, so als würde er von ihr sprechen. War es möglich, dass diese Ereignisse ihr noch bevorstanden, also in ihrer Zukunft lagen?
Aber das würde ja bedeuten, dass dieser Mann regelmäßig in ihrem Körper steckte. Er bekam mit, was sie fühlte, was sie dachte und tat. Jederzeit könnte er erscheinen und sie beobachten.
Editha lief ein Schauder über den Rücken. Wenn ein Fremder Kameras in ihrer Wohnung installiert hätte und sie ständig beobachten würde, hätte sie sich nicht anders gefühlt.
Unheimlich berührt warf sie die Blätter zurück auf den Tisch, als wären sie mit ekligem Schleim bedeckt.
Plötzlich war sie völlig erschöpft. Sie beschloss, heute sehr früh ins Bett zu gehen.
Zu ärgerlich: Editha knurrte jetzt schon der Magen, weil sie heute früh in der Eile noch nicht zum Essen gekommen war und sich nur etwas eingepackt hatte mit dem Hintergedanken, es während der Recherche zu essen. Doch auf der Glastür, durch die sie in den großen Hauptraum des Staatsarchivs gehen wollte, prangte ein Schild, das sogar die Mitnahme ihres Rucksackes untersagte. Eigentlich hätte sie sich das aber auch denken können, dass man hier die Dokumente vor schmierigen Fingern und Kaffeeflecken bewahren wollte. Da sie jetzt keine wertvolle Zeit verlieren wollte, musste sie wohl eine Weile Kohldampf schieben.
Zu ihrer Linken sah sie einen Bereich mit Schließfächern für die Dinge, die im Rechercheraum unerwünscht waren oder von den Besuchern aus eigenem Interesse nicht mitgenommen werden sollten. Sie ging zum ersten Schrank, fütterte ihn mit einem Euro, schloss ihre Sachen ein und war dann bereit den Hauptraum zu betreten.
Die Dokumente, die sie für die Einsichtnahme angemeldet hatte, lagen schon für sie parat. Ein recht freundlicher Mann mittleren Alters gab ihr dazu noch ein paar Hinweise und bat sie dann an einem der Tische für ihre Recherche Platz zu nehmen.
Editha breitete die Unterlagen, so gut es ging, auf der vorhandenen Fläche aus. Sie hatte nun alle 28 Übertragungskontrakte, die sie vorab online entdeckt hatte, vor sich liegen: den einen zwischen Diether von Riekhen und dem Herzogtum Oldenburg und die 27 zwischen dem Herzogtum Oldenburg und verschiedenen anderen Personen.
Zuerst nahm sie sich Diether von Riekhens Kontrakt vor und las ihn sorgfältig durch. Er war zwar auch in altdeutscher Schrift verfasst, aber es handelte sich um Druckschrift, die sie einigermaßen entziffern konnte. In dem Dokument stand, dass das gesamte Grundeigentum inklusive aller Gewerke an das Herzogtum Oldenburg übergegangen war, und zwar ohne Gegenleistung. Unter Zuhilfenahme natürlicher Begrenzungen wie Bäche und Erhebungen war angegeben, wo sich die Ländereien befanden.
Editha runzelte die Stirn. Sehr eigenartig: Warum wurde der gesamte Landbesitz Diether von Riekhens, mit allem, was sich darauf befand, einfach an das Herzogtum übergeben? Das war ja quasi eine Enteignung.
Ob so etwas öfter vorkam? Sie nahm sich die 27 weiteren Kontrakte und ging sie einen nach dem anderen durch. Tatsächlich kam es noch mehrmals vor, dass Grundeigentum in den Besitz des Herzogtums überging. Aber es wurde auch Grundeigentum vom Herzogtum an Bürger übereignet. In einem Fall behandelten zwei zeitlich aufeinander folgende Kontrakte das gleiche Landstück, das zuerst von einem Bürger auf das Herzogtum überging und einige Tage später auf einen anderen Bürger.
Das brachte Editha auf eine Idee: Vielleicht wurde Diether von Riekhens Grundbesitz ja ebenfalls später einem anderen Bürger übereignet. Sie verglich die Daten der Ländereien mit denen der anderen Kontrakte. Beim neunten Dokument wurde sie fündig. Hierbei handelte es sich, bis auf ein kleineres Landstück, das nicht mit aufgeführt war, um die gleichen Ländereien, die früher Diether von Riekhen gehörten. Diese wurden drei Jahre später an einen Barthel von Zölder übertragen für die Gegenleistung von einem Reichstaler.
Editha wusste nicht, wie hoch der Wert eines Reichstalers gewesen war, doch sie war sich ziemlich sicher, dass er als Bezahlung für einen größeren Landbesitz niemals ausreichend gewesen war.
Aber was war damals mit dem kleineren Landstück passiert, das nicht an diesen Barthel von Zölder gegangen war? Sie nahm den Übertragungskontrakt mit den Daten des Landstücks, ging damit an einen der Recherche-Computer und gab die Daten in die Suchmaske ein. Mehrere Dokumente wurden angezeigt: Zum einen natürlich die beiden Übertragungskontrakte und außerdem noch drei Pachtverträge für dieses Landstück. Sie notierte sich die Bezeichnungen der Dokumente und ging zu dem Herrn von vorhin, der die Dokumente – ausnahmsweise, wie er betonte – für sie heraussuchen wollte. Während der damit verbundenen Wartezeit begab sie sich kurz in den Vorraum und holte ihr Essen aus dem Schrank, um sich zu stärken. Danach galt es, schnell zurück an die Arbeit zu gehen.
Die Pachtverträge für das Land lagen schon für sie bereit. Sie nahm sie mit zu ihrem Platz und sah sich den ersten an. Er wurde genau an dem Tag ausgestellt, als auch der Grundbesitz Diether von Riekhens an das Herzogtum übereignet wurde. Der Pächter des Landes war ein Bernhard Stuhrke. In einer Bemerkung war ausgeführt, dass er mit seiner Frau Martha in gleicher Weise wie bisher fortfahren soll, die auf dem Landstück befindliche Mühle zu bewirtschaften. Dann war noch der Pachtzins angegeben, mit dem Hinweis, dass dessen Höhe ebenfalls unverändert war.
Editha nahm sich den zweiten Pachtvertrag vor, der 14 Jahre später abgeschlossen worden war. Sie las den Namen des Pächters und näherte sich mit ihrem Gesicht unwillkürlich dem Papier, weil sie nicht glauben konnte, was dort geschrieben stand: Herold Riekhen. Ihr Mehrfach-Urgroßvater war der spätere Pächter des Landstücks, das seinem Vater einmal gehörte. Warum war ihr das Dokument nicht schon bei ihrer Online-Recherche vom heimischen Computer aus aufgefallen? Ja, richtig, nachdem sie das Übertragungsprotokoll gefunden hatte, hatte sie sich so auf diese Spur fokussiert, dass sie die anderen Treffer gar nicht weiter durchgegangen war.
In dem Pachtvertrag mit Herold Riekhen war, neben der Angabe des Pachtzinses und sonstiger Konditionen, wieder eine Bemerkung vorhanden: Er sollte mit seinem Bruder Jacob in gleicher Weise wie bisher sein Stiefvater fortfahren, die auf dem Landstück befindliche Mühle zu bewirtschaften.
Und wieder starrte Editha überrascht auf das Papier. Jacob? Herolds Bruder? Also Jacob Riekhen? Da waren sie, die Initialen: J. R. stand für Jacob Riekhen. Das Buch war demnach vom Bruder ihres Soundsoviel-Urgroßvaters geschrieben worden.
Merkwürdig nur, dass es in den Kirchenbüchern keinen Eintrag zu Jacob Riekhen gab, als wäre er nie geboren worden und auch nicht gestorben, zumindest nicht in Oldenburg.
Sie warf noch einen Blick auf den dritten Pachtvertrag und wie sie schon vorher vermutete, war dieser mit dem Nachkommen Herold Riekhens abgeschlossen worden, von dem sie ja die Daten in den Kirchenbüchern gefunden hatte.
Nun hatte sie alles, was sie wollte. Sie machte von den für sie interessanten Dokumenten Kopien und sortierte sie wieder an die richtigen Plätze.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihr, dass es soweit war, nach Hause zu gehen. Sie hatte ein älteres Mädchen aus dem Karatekurs zum Babysitten gewinnen können und die vereinbarte Zeit war bald herum.
1788
»Komme so bald wie möglich wieder zurück«, mahnte Herold. »Eigentlich brauche ich dich auch hier.«
»Ja, ja.«
Jacob war schon fast weg, froh mal fortzukommen. Bei der normalen Mühlenarbeit konnte er zwischendurch wenigstens mit Friedhelm herumulken, aber da der für die Reparaturarbeiten nicht zu gebrauchen war, hatte Herold ihn vorerst nach Hause geschickt.
Jacob sollte wieder eine Besorgung in der Stadt machen. Herold hatte ihm etwas von dem Geld mitgegeben, das sie sich von Herrn von Elmendorff geliehen hatten und ihm aufgetragen, was er kaufen sollte. Also schmiss sich Jacob seine Hasenfelltasche über die Schulter und machte sich auf den Weg.
Doch keine hundert Schritte von der Mühle entfernt kamen ihm ein Mann in den Vierzigern und zwei jüngere Kerle, die diesem sehr ähnlich sahen, entgegen. Was wollten die hier? Sie alle guckten grimmig, und sie sprachen miteinander, als sie ihn erblickten.
Schließlich standen sie sich gegenüber.
»Ist er das?«, fragte der Ältere. Er war nicht viel größer als Jacob, aber sehr kräftig gebaut.
Der Kerl zu seiner Linken nickte. Er und der andere waren wohl ein paar Jahre jünger als Jacob. Sie hatten die typische schmächtige Statur von Heranwachsenden.
»Wer soll ich sein?«, fragte Jacob. Er kannte weder den Älteren noch seine Söhne. Was sollte er mit ihnen zu tun haben?
Anstatt zu antworten, stellte der Ältere ihm eine Frage.
»Kennst du meine Tochter Clara? Ungefähr so groß,« er zeigte eine Höhe mit der flachen Hand, »braunes, langes Haar.«
An Clara konnte Jacob sich allzu gut erinnern. Aber er hatte das Gefühl, dass es besser war, sie erst mal nicht zu kennen.
»Hm, sagt mir nichts. Wieso?«
»Meine Söhne hier sagen aber, dass du es bist, den sie meint. Vor einigen Wochen hast du mit ihr auf dem Markt angebändelt.«
Jacob zuckte mit den Schultern. Er hatte zwar mit Clara ein paar äußerst süße Stunden verbracht, doch das war nicht gerade etwas, das man ihrem Vater und ihren Brüdern anvertraute.
»Tut mir leid, dass ich euch da nicht weiterhelfen kann.«
Er wollte weitergehen und die drei einfach stehenlassen, aber der Alte packte ihn am Ärmel und hielt ihn fest.
»Wir sind noch nicht fertig, Jungchen. Clara ist schwanger.«
Ach, du Scheiße, das fehlte ihm noch.
»Äh - das war ich nicht.« Er merkte selber, wie dumm das klingen musste. »Kann sein, dass ich ihr auf dem Markt begegnet bin, aber wir haben nur kurz miteinander gesprochen.«
»Clara sagt aber, dass du der Einzige bist, mit dem sie je zusammengewesen ist. Du musst dazu stehen, sie heiraten und sie und das Kind versorgen.«
»Nie und nimmer! Ich bin nicht der Vater des Kindes.«
Jacob erinnerte sich, dass er Clara entjungfert hatte. Doch das hieß ja nicht, dass sie nicht hinterher etwas mit anderen Männern gehabt hatte.
»Clara behauptet es aber.«
Verdammt noch mal, wie kam er hier bloß wieder heraus?
»Vielleicht lügt sie ja. Kann doch sein, dass sie sich an mich vom Markt her erinnert und dass sie mit jemanden zusammen war, den sie nicht kennt, oder der nicht von hier ...«
Weiter kam er nicht. Claras Vater packte ihn erneut an der Jacke und schüttelte ihn so, dass seine Tasche herunterfiel und der Inhalt auf dem Boden verteilt wurde.
»Willst du damit sagen, dass meine Tochter eine Hure ist?«, schrie er Jacob an. »Du verdammter Weiberheld. Du bist genau so ein Halunke, wie dein Vater früher war.«
Er holte weit aus und verpasste Jacob eine schallende Ohrfeige, sodass er zu Boden ging. Der Mann packte ihn erneut und zog ihn wieder hoch.
»Was ist hier los?«, hörte Jacob unvermittelt hinter sich Herolds Stimme.
Einmal mehr kam sein Bruder im rechten Moment.
Claras Vater lockerte den Griff und sah zu Herold.
»Was geht dich das an?«, fragte er.
Herold nickte in Jacobs Richtung und kam näher.
»Ich bin sein Bruder, und wenn du ihn angreifst, geht mich das sehr viel an. Lass ihn los.«
Die beiden Jungen wichen ängstlich vor Herolds hünenhafter Gestalt zurück und der Vater ließ Jacob los. Es schien, als wollte er etwas zu Herold sagen, tat es dann aber doch nicht. Offenbar hielt er momentan alle Mühe für vergebens.
»Für heute lass ich es darauf beruhen. Aber so lange du nicht zu deinen Taten stehst, solltest du dich gut umsehen, wenn du alleine unterwegs bist«, sagte er zu Jacob.
Er winkte seinen Söhnen und sie gingen fort.
»Was sollte das bedeuten?«, fragte Herold.
Jacob bückte sich und suchte seine Schreibutensilien zusammen, die auf dem Boden verteilt waren.
»Keine Ahnung, die müssen mich verwechseln.«
Mit der Wahrheit nahm er es ja nie so genau, aber er fühlte sich nicht gerade wohl dabei, seinen Bruder anzulügen. Es war halt eine Notlüge.
Herold sah ihn scharf an.
»Fang nicht mit allen Leuten, die dir begegnen, Streit an. Als Müller haben wir es auch so schon nicht leicht. Da muss man sich nicht noch zusätzliche Feinde machen.« Er dreht sich um und ging zur Mühle zurück.
Jacob legte seine Sachen in seine Tasche und machte sich auf den Weg zur Stadt, in der Hoffnung, den Kerlen nicht nochmal zu begegnen.
Auf dem Markt herrschte ein reges Treiben. Viele Oldenburger Bürger waren unterwegs, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Die meisten sahen gut gelaunt aus, wozu das schöne Wetter sicherlich seinen Teil beitrug. Jacob ging an ein paar Kindern vorbei, die eine tote Maus an einen Faden gebunden hatten und nun versuchten, eine Katze zum Spielen zu bewegen. Die Katze, die offenbar wusste, dass kein Leben mehr in der Maus war, hatte daran nicht das geringste Interesse, sie sah den Anstrengungen der Kinder mit halb geschlossenen Lidern zu.
Am Gemüsestand reihte sich Jacob in die wartenden Kunden ein, meistenteils Frauen. Wie sein Bruder ihm eingebläut hatte, schloss er seine Hand um das gefüllte Geldsäckchen, um nicht im Gedränge bestohlen zu werden.
Das allgegenwärtige Gesprächsthema waren die Morde. Wohin man auch hörte, wurde darüber gesprochen. Und so sprachen die Frauen vor ihm in der Schlange ebenso darüber.
»Drei Tote sind es jetzt schon. Und wer weiß, wie viele noch dazu kommen«, sagte eine dünne Frau mit heruntergezogenen Mundwinkeln wichtigtuerisch.
»Ja, man traut sich abends ja schon gar nicht mehr auf die Straße«, meinte eine andere, die sich fortwährend die Nase in einem Tuch schnäuzte.
»Wahrscheinlich wird man nie herausfinden, wer die Leute umgebracht hat.« Die Dünne nickte bedeutungsvoll.
»Ach, was heißt hier ‚wer‘? Es müsste ‚was‘ heißen. Ein Fluch ist es, was die Leute umbringt, nichts anderes. Es ist genauso wie damals.«
»Ja, genauso wie damals«, echote die Dünne.
Jacob wurde hellhörig. Wie damals? Gab es so etwas denn schon mal in Oldenburg?
»Was heißt hier ‚wie damals‘?«, fragte er.
Die Dünne sah ihn über ihre Schulter hinweg an, als wollte sie ihn mit ihrem Blick für die Einmischung strafen.
»Na, eben wie damals, als schon mal die ganzen Toten im Stadtgraben gefunden wurden.«
Davon hörte Jacob zum ersten Mal.
»Wann war das?«
Die andere Frau schien ihm wohlgesonnener. Sie nahm das Tuch von der Nase und lächelte ihn an.
»Das war vor ungefähr zwanzig Jahren. Es geschah immer auf die gleiche Weise. Das liegt daran, dass ein Fluch auf dieser Stadt lastet. Ein Fluch, der alle zwanzig Jahre wiederkehrt.«
Sie schnäuzte sich weiter und drehte sich zum Gemüsestand um, weil sie an der Reihe war.
Hinter ihm gab es plötzlich lautes Gekreische. Die Kinder wollten die Untätigkeit der Katze wohl nicht so einfach hinnehmen. Sie hatten ihr die tote Maus an den Schwanz gebunden. Das arme Tier rannte wie geistesgestört herum und wälzte sich auf dem Boden, um den Fremdkörper wieder loszuwerden. Die Kinder gaben lautstark ihre Freude darüber zum Ausdruck.
»Du solltest dich doch beeilen«, sagte Herold, als Jacob wieder bei der Mühle eintraf.
»Das habe ich doch.«
Das hatte er wirklich, schon alleine, weil er nicht unbedingt dem Vater und den Brüdern der schwangeren Clara nochmal begegnen wollte.
Herold brummte unwillig zur Antwort. Er nagelte gerade zwei Bretter aufeinander.
»Sag‘ mal, wusstest du, dass es vor zwanzig Jahren schon einmal mehrere Tote gegeben hat?«
»Hmm«, Herold kniff die Augen zusammen. »Ja, stimmt. Damals war ich noch klein. Das muss zu der Zeit gewesen sein, als wir zu Bernhard gekommen sind. Oder vielleicht auch etwas früher.«
»Dann weißt du wahrscheinlich nicht viel darüber, oder?«
»Nein, das ist zu lange her.«
»Und was weißt du darüber, dass unser Vater ein Halunke war?«
Mit dieser Frage wollte er Herold überrumpeln, in der Hoffnung, dass er mit seinem Wissen nicht so wie sonst hinter dem Berg hielt. Seit Claras Vater das heute zu ihm gesagt hatte, ging es ihm nicht mehr aus dem Kopf.
Die Überrumpelungstaktik funktionierte leider nicht.
»Woher hast du das denn?«
»Claras ... ich meine, der Mann von heute Vormittag hat es gesagt.«
»Ich weiß nicht, was der meint. Für mich war unser Vater kein Halunke.«
Jacob sah seinem Bruder an, dass er ihm irgendetwas verschwieg. Aber er wusste, dass es keinen Zweck hatte: Wenn Herold etwas nicht erzählen wollte, dann war es äußerst schwierig, das aus ihm herauszubekommen.
Im nächsten Moment lenkte er auch gleich mit einem anderen Thema ab.
»Morgen will ich übrigens anfangen, nach Hilfsarbeitern zu suchen. Für den Anfang will ich zwei einstellen. Dann kommen wir schneller voran.«
Damit wandte er sich ab und kümmerte sich wieder um die Bretter. Für ihn gab es halt nur seine Mühle.
1768
»Haben Sie dieses Monstrum gesehen, als es zwischen den Sträuchern hervorpreschte und auf mich zukam? Das war der größte Keiler, der mir je untergekommen ist.«
Der Freiherr zu Gehrsbach, der extra für den Ball aus Münster angereist war, unterstützte seine Erzählung mit weiträumigen Gesten. Er steigerte sich derart in sein Jagdglück vom Vortag hinein, dass sein ohnehin schon rotes Gesicht - vom übermäßigen Weingenuss, erzählte man sich - aussah, als wäre es einen ganzen Tag lang der prallen Sommersonne ausgesetzt gewesen. Die weißgepuderte Perücke verstärkte diesen Eindruck noch mehr. Seine Zuhörer, unter ihnen Diether, saßen auf Sofas und auf Sesseln oder standen um ihn herum, die meisten mit einem gefüllten Stielglas in einer Hand, und amüsierten sich köstlich über ihn.
»Der war doch wahrlich gewaltig, habe ich recht? Wer war dabei? Herr von Riekhen, haben Sie jemals zuvor ein solch gewaltiges Tier gesehen?«
Diether war natürlich bei der Jagd dabei gewesen. So etwas ließ er sich nicht entgehen. Der Keiler, von dem die Rede war, hatte tatsächlich eine respekteinflößende Größe gehabt, doch es war ganz und gar nicht der größte, den Diether je gesehen hatte. Aber er wollte weder Herrn zu Gehrsbach noch den anderen Gästen den Spaß verderben.
»Nein, solch ein wildgewordenes Wildschwein habe ich vorher noch nie gesehen. Das war wirklich gewaltig«, antwortete er deshalb lachend.
Zu Gehrsbach nickte begeistert und fuhr mit dem Bericht fort. Diether dagegen war jetzt abgelenkt, denn in seinem Blickfeld tauchte eine Frau von atemberaubender Schönheit auf. Eingehakt in den Arm eines etwa 60-jährigen Greises schritt sie am Rande des Saales entlang. Sie mochte vielleicht Mitte zwanzig sein, war ziemlich groß für eine Frau und hatte blondes ins Rötliche gehende Haar, das zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt war. Ein leichtes Lächeln, das aufgesetzt wirkte, umspielte ihre geröteten Lippen. Das verstärkte sich in dem Augenblick als ihr Blick für einen Moment zufällig den Blick Diethers traf. Sein Herzschlag beschleunigte sich und hatte sich immer noch nicht beruhigt, als diese Frau bereits in den angrenzenden Saal entschwunden war. Versonnen sah er auf die Stelle, wo er sie zuletzt gesehen hatte.
Bis er plötzlich seinen Namen hörte.
»... Herr von Riekhen, meinen Sie nicht auch?«
Zu Gehrsbach sah ihn fragend an.
»Äh ... ja, ja, sicherlich«, stammelte Diether.
Scheinbar zufrieden mit Diethers Beipflichtung fuhr zu Gehrsbach damit fort, in allen Einzelheiten zu erzählen, wie er den Keiler erlegt hatte.
Unter den Zuhörern war auch Diethers guter Freund Utz von Elmendorff. Der kam nun auf ihn zu und nahm ihn zur Seite.
»Ich wollte dich noch wegen einer geschäftlichen Sache sprechen«, sagte er.
Oh, nein, nicht schon wieder. Ständig wollte Utz ihn an irgendwelchen Geschäften beteiligen, woran Diether nicht das geringste Interesse hatte. Er war kein Geschäftsmann, und er hatte genug Geld. Es war nicht nötig, dieses weiter zu vermehren.
Bei Utz sah das anders aus, da er nicht in eine reiche Familie geboren wurde. Ihr war das Adelsprädikat vor langer Zeit für außerordentliche Verdienste zugesprochen worden, damit hatten sie allerdings noch kein Geld gehabt. Mehr recht als schlecht hatten sie sich zunächst mit verschiedenen Aktivitäten und Diensten über Wasser gehalten und sich dadurch im Laufe der Zeit einen kleinen Wohlstand aufgebaut. Utz hatte es mit Investitionen in unterschiedliche Geschäfte, wie er es nannte, versucht. Die meisten davon waren gut gelaufen, manche auch schlecht, aber alles in allem hatte er das Familienvermögen anständig vermehrt. Einen guten Teil hatte Diether dazu beigetragen, indem er seine Beziehungen genutzt hatte. Seine Familie genoss ein exzellentes Ansehen, und er kannte viele Männer in einflussreichen Positionen. Nachdem er einige davon angesprochen und Utz dabei ins Gespräch gebracht hatte, hatten sich für seinen Freund mehrere äußerst lukrative Geschäfte ergeben. Seitdem wollte sich Utz erkenntlich zeigen, was aber aus Diethers Sicht überhaupt nicht nötig war.
»Wenn du möchtest«, fuhr Utz fort, »kannst du dich zum gleichen Teil wie ich an der Finanzierung einer ...«, doch Diether unterbrach ihn.
»Utz, wie oft soll ich es dir noch sagen: Ich bin an deinen Geschäften nicht interessiert.«
»Aber das ist eine sichere Sache. Wir könnten zusammen einen beträchtlichen Gewinn erzielen.«
Diether schüttelte den Kopf.
»Ich habe keine Ahnung davon, weil ich nun mal kein Geschäftsmann bin. Ob das Geschäft gut oder schlecht wäre, könnte ich gar nicht entscheiden.«
»Das kannst du getrost mir überlassen. Vertraue mir, ich habe es von allen Seiten geprüft.«
Diether schüttelte noch heftiger den Kopf und seufzte. Diese Diskussionen hatten sie schon stundenlang geführt, und er war es einfach leid. Hier half nur die Flucht und da kam es ihm gerade recht, dass er seine Frau erblickte, die ihren dicken Bauch vor sich herschob und sich nach einer Sitzgelegenheit umsah.
»Entschuldige mich bitte, meine Gattin benötigt meine Hilfe.«
Er eilte an Alheyts Seite und hatte ein schlechtes Gewissen, weil er dort nicht schon die ganze Zeit war. Als Ehemann wäre es eigentlich seine Pflicht gewesen, und er sorgte sich tatsächlich auch um sie, aber sie machte es ihm wirklich nicht leicht. Sie war ja bereits eine ganze Weile sehr abweisend zu ihm, seit dem einen Abend vor zwei Wochen war es jedoch wesentlich schlimmer geworden. Auch jetzt sah sie ihn wieder an, als könnte er sich ruhig zum Teufel scheren.
»Dort drüben habe ich einen freien Sessel gesehen«, sagte er und führte sie am untergefassten Arm mit sich.
Sie folgte ihm und lächelte den anderen Gästen des Balls artig zu, doch Diether hatte gespürt, wie sie sich bei seiner Berührung versteift hatte. Zu gerne würde er wissen, was er ihr getan hatte.
Er half ihr in den Sessel und stellte sich neben sie. Das Stehen hatte sie erschöpft. Er konnte erkennen, wie gut es ihr tat, endlich zu sitzen. Sie hatte sich heute ebenfalls eine hochgesteckte Frisur machen lassen, was ihr ganz ausgezeichnet stand. Diether war stolz darauf, dass eine der schönsten Frauen des Balls seine Ehefrau war.
Alheyt schien bemerkt zu haben, dass er sie fortwährend ansah, denn sie sah zu ihm hoch.
»Du brauchst nicht neben mir zu stehen«, sagte sie. »Ich weiß doch, wie gerne du tanzt. Geh ruhig und vergnüge dich.«
Die Worte klangen wohlwollend, aber Diether wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn nur loswerden wollte. Er glaubte allerdings, dass sie nur wieder mehr zusammensein mussten, damit alles wieder gut wurde.
»Ich stehe gerne neben dir«, antwortete er und meinte es auch so. »Hier gehöre ich als dein Mann schließlich hin.«
Für einen Moment erschien fast unmerklich ein spöttischer Gesichtsausdruck, bevor Alheyt wieder gelangweilt die Menschen ansah.
»Möchtest du etwas zu trinken haben?«, fragte Diether. Er sah sich um. Es war kein Bediensteter mit einem Tablett in der Nähe. »Ich besorge dir etwas.«
Er begab sich unter die Gäste und schaute sich suchend um, doch es war nirgendwo jemand mit Getränken zu sehen.
Dann plötzlich sah er sie wieder, die Schönheit. Sie war tatsächlich noch schöner als Alheyt und momentan ohne ihre männliche Begleitung in Richtung des Ballsaals unterwegs. Er konnte genauso gut dort die Suche nach Getränken fortsetzen. Also folgte er ihr. Dabei konnte er beobachten, wie galant sie sich bewegte. Und ihre Haut war nicht gepudert, aber trotzdem bezaubernd hell und klar. Beim Übergang zum Ballsaal gab es ein größeres Gedränge, in dem er sie kurz aus den Augen verlor. Er beeilte sich, hinterher zu kommen, und dann stand er plötzlich unmittelbar vor ihr.
Sie sahen sich direkt in die Augen und er stellte fest, dass die ihren von einem reinen Grün waren. Beide waren sie verlegen, sie fasste sich schneller und lächelte ihn an, als wollte sie ihm Mut machen.
Gerade wurde zu einem neuen Tanz aufgespielt und Diether konnte aus den Augenwinkeln erkennen, wie ein paar Männer in ihre Richtung drängten, um die schönste Frau des Abends zuerst aufzufordern. Nur einen Moment noch dachte er an Alheyt. Sie hatte ja gesagt, er sollte sich vergnügen und tanzen gehen.
»Darf ich bitten?«, sagte er zu ihr und bot ihr seinen Arm.
Sie neigte zustimmend den Kopf, hakte sich unter und ließ sich von ihm zum Tanzbereich führen. Die anderen Männer blieben kurz mit hängenden Schultern stehen und sahen sich dann nach anderen Tanzpartnerinnen um.
Diether machte mit der Schönheit zwei aufeinanderfolgende Tänze. Sie blickten sich fortwährend in die Augen, und wenn eine Drehung den Blickkontakt unterbrach, wurde er im Anschluss daran sofort wieder aufgenommen. Jedes Mal, wenn sie sich beim Tanz berührten, durchlief ein wohliger Schauer seinen Körper, und er war sich ziemlich sicher, dass es ihr ebenso erging. Wenn er zur Drehung um ihre Hüfte fasste, musste er sich zügeln, damit er nicht fester zupackte und sie zu sich heranzog. Als die Musik verklang und die Musikanten eine Pause machen wollten, bedauerte er es zutiefst.
Während des Tanzens hatten sie kein Wort gewechselt. Diether wollte noch unbedingt den Namen der Schönheit erfahren.
»Wir haben uns gar nicht vorgestellt, was ich gerne nachholen möchte«, sagte er. »Mein Name ist Freiherr Diether von Riekhen.«
Er deutete eine Verbeugung an.
»Sehr erfreut. Der meine ist Enngelin Henningsen«, erwiderte sie mit zarter Stimme.
»Ich habe Sie noch nie hier gesehen. Sind Sie und Ihr Gatte neu in Oldenburg?«
»Wir sind aus Flensburg. Momentan sind wir zu Gast in Oldenburg. Da mein Gatte ein entfernter Verwandter der Gastgeberin ist, wurden wir zu diesem Ball eingeladen.« Einen Moment unterbrach sie den Blickkontakt und sah zu etwas hinter ihm. »Wenn Sie mich nun entschuldigen würden. Mein Gatte erwartet mich dort drüben.«
Sie deutete einen Knicks an und schwebte davon. Diether schaute ihr bedauernd hinterher und sah, dass der ältere Mann, mit dem er sie vorher gesehen hatte, ihr lächelnd entgegensah.
Ein Diener ging mit einem Tablett voller Gläser an Diether vorbei. Er nahm zwei davon herunter und machte sich damit auf den Rückweg zu Alheyt, die immer noch so auf dem Sessel saß, wie er sie verlassen hatte.
»Es war gar nicht so einfach, das hier zu ergattern.«
Er reichte ihr eines der Gläser. Sie hatte wieder diesen Ausdruck, den man als spöttisch deuten könnte, sagte aber nichts.
Der Rest des Abends war langweilig. Diether wollte nicht von Alheyts Seite weichen. Ein Gespräch fand natürlich nicht statt.
Immer wieder sah er sich nach der Schönheit um, Enngelin Henningsen, doch scheinbar hatte sie den Ball verlassen, denn er erblickte sie leider nicht mehr.
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