Kitabı oku: «Nachhaltigkeit für Deutschland? Frag doch einfach!»

Yazı tipi:

Michael von Hauff

Nachhaltigkeit für Deutschland? Frag doch einfach!

Klare Antworten aus erster Hand

UVK Verlag · München


Prof. Dr. Michael von Hauff ist seit 1991 Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftspolitik und internationale Wirtschaftsbeziehungen an der TU Kaiserslautern. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Umwelt- und Entwicklungsökonomie. Er hat eine Vielzahl von Arbeiten über den Zusammenhang von Ökologie und Ökonomie und über die ökonomische und ökologische Entwicklung von Entwicklungsländern wie Indien, Vietnam und Myanmar publiziert. In den letzten Jahren hat er sich besonders dem Leitbild Nachhaltiger Entwicklung im Rahmen von Publikationen und Forschungsprojekten zugewandt. Der Studiengang „Nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit“ am Fernstudienzentrum der TU Kaiserslautern geht auf seine Initiative zurück.

Umschlagabbildung und Kapiteleinstiegsseiten: © bgblue – iStock

Abbildungen im Innenteil: Figur, Lupe, Glühbirne: © Die Illustrationsagentur

Autorenfoto: privat

utb-Nr. 5435

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ISBN 978-3-8252-5435-3 (Print)

ISBN 978-3-8463-5435-3 (ePub)

Inhalt

  Vorwort

  Was die verwendeten Symbole bedeuten

  Kapitel

  Nachhaltigkeit in Zahlen Was sind die wichtigsten Zahlen und Fakten zum Thema Nachhaltigkeit?

  Nachhaltigkeit: Der Status quo Wofür steht Nachhaltigkeit? Woher kommt der Begriff? Hat sich der Begriff in seiner Bedeutung verändert? Worauf zielt nachhaltige Entwicklung heute ab? Sind mit diesen drei Dimensionen alle Aspekte der Nachhaltigkeit abgedeckt? Gibt es Unterschiede zwischen der wissenschaftlichen und der alltäglichen Verwendung des Begriffs? Gibt es ein anschauliches Beispiel von Natur- durch Sachkapital? Wie lautet dazu die Erläuterung der Handlungsregeln? Gibt es Schwächen bei den beiden Ansätzen? Wie wird die ausgewogene Nachhaltigkeit begründet? Gibt es Beispiele für übernutzte Ökosysteme? Warum muss der Begriff nachhaltige Entwicklung inhaltlich konkretisiert werden? Weshalb ist der Begriff heute in aller Munde? Gibt es bereits Vorreiter für auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Branchen? Welche Rolle spielen bei der Nachhaltigkeit die Medien? Wie sieht es mit weiteren Branchen aus? Werden die Beispiele der Branchen die Konsumenten erreichen können? Gibt es Umfragen oder Studien zum Entwicklungsstand oder wie die Bevölkerung zu Nachhaltigkeit steht? Wurden die Nachhaltigkeitsziele noch konkretisiert? Warum kam es zu nachhaltiger Entwicklung und wo stehen wir heute? Gibt es weitere wichtige Schritte zur nachhaltigen Entwicklung?

  Nachhaltigkeit international Wo können wir Nachhaltigkeit international finden? Wie steht es um die Industrieländer? Was hat die UNO mit Nachhaltigkeit zu tun? Wird die Agenda 21 „gelebt“? Was hat es mit dem Rio-Prozess auf sich? Was waren die wichtigsten Etappen im Rio-Prozess? Können Sie die wesentlichen Etappen kurz vorstellen? Wurden die Beschlüsse der Konferenzen nach 2002 konkreter? Gab es bei der Konferenz von 2012 gemeinsame Ziele? Warum hat die erste Euphorie der Rio Konferenz 1992 nachgelassen? Wie kommt es hinsichtlich der Umsetzung von nachhaltiger Entwicklung zu Verunsicherungen? Gibt es konkrete Anhaltspunkte für die nachlassende Euphorie? Können verantwortliche Akteure zum Thema Plastikmüll genannt werden? Kann auch der Energiesektor mit aufgezählt werden? Die Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen ist für alle Länder weltweit auf eine politische Verbindlichkeit angelegt. Stimmt das wirklich? Sind manche Volkswirtschaften mit der Verfolgung von Nachhaltigkeitsstrategien überfordert? Wie wird das Thema in den einzelnen Ländern umgesetzt? Gibt es unter den 17 Nachhaltigkeitszielen eine Priorisierung? Umfasst die Präambel der Agenda nur diese Kernbotschaften? Gibt es bei den Zielen auch einzelne, die untereinander in Konflikt geraten können? Sind die 17 SDGs und die Unterziele entsprechend den drei Nachhaltigkeitsdimensionen ausgewogen gewichtet? Alle Länder sollen bis 2030 die Ziele erreichen. Aber wer kann es wirklich schaffen? Steht Nachhaltigkeit auf der Ebene der EU auf der politischen Agenda? Gibt es für die Nachhaltigkeitsstrategie von 2016 konkrete Rechtsgrundlagen? Wie wird die Agenda 2030 konkret umgesetzt? Wie sieht es um die politische Steuerung der EU-Nachhaltigkeitsstrategie aus und welche Defizite sind festzustellen? Gibt es weitere Kritikpunkte an der Nachhaltigkeitsstrategie?

  Nachhaltigkeit in Deutschland Wie sieht es mit der Nachhaltigkeit in Deutschland aus? Hatten Länder sehr unterschiedliche Strategieansätze? Wie kam es in Deutschland zu einer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie? Kam es zu dem geforderten neuen Politikstil und zu einer umfassenden Transformation? Wie wurde die erste nationale Nachhaltigkeitsstrategie bewertet? Welches Fazit würden Sie nach der Nachhaltigkeitsstrategie ziehen? Was bringt uns die Agenda 2030 und die neue deutsche Nachhaltigkeitsstrategie? Wie werden die einzelnen Nachhaltigkeitsziele inhaltlich konkretisiert? Was wurde bei der Umsetzung der Ziele bisher erreicht und wo gibt es noch Potenzial der Verbesserung? Welche Verbesserungsmöglichkeiten können genannt werden? Gibt es bestimmte Ziele, über die häufiger diskutiert wird als über andere? Ist nicht auch die Frage des Zugangs zu Wasser äußerst wichtig? Wie wird Wasserstress gemessen? Wie sehr wird die Frage von Recht und Gerechtigkeit behandelt? Gibt es einen Vorteil, wenn ein (volks-)wirtschaftlicher Indikator herangezogen wird? Welches Fazit ziehen Sie aus den unterschiedlichen Indikatoren? Was wurde in Deutschland hinsichtlich der Nachhaltigkeitsstrategie bisher erreicht und wo gibt es noch Handlungsbedarf? Welche Ziele der Nachhaltigkeitsstrategie werden in Deutschland erreicht? Wo geht die Entwicklung in die richtige Richtung, aber es verbleibt eine Zielverfehlung zwischen 5 und 20 Prozent? Wo geht die Entwicklung in die richtige Richtung, aber es verbleibt eine Lücke von mehr als 20 Prozent? Und wo geht die Entwicklung in die falsche Richtung? Wie lassen sich die vier Bewertungskategorien quantitativ aufteilen? Was tut die Bundesregierung bzw. wo gibt es noch Handlungsbedarf? Wie zeichnet sich die Kategorie „Entwicklung in die falsche Richtung“ aus? Ist die Komplexität bzw. die Vernetzung der Ziele in der strategischen Umsetzung hilfreich? Welche Zuständigkeiten haben die Bundesländer für die SDGs? Haben sich einzelne Bundesländer den 17 Nachhaltigkeitszielen verschrieben? Was wird auf kommunaler Ebene hinsichtlich der Nachhaltigkeitsziele vorgenommen? Welches Ziel wird dabei auf kommunaler Ebene verfolgt? Können auch Unternehmen im Rahmen der Nachhaltigkeitsstrategie einen Beitrag leisten? Worum geht es bei CSR? Was ist demnach das wichtigste Ziel von CSR? Gibt es eine CSR-Strategie in Deutschland? Gibt es weitere Unterstützungen für CSR? Was sind die zentralen Kritikpunkte am Konzept CSR? Wie können Bürger Nachhaltigkeitsziele verfolgen? Welche Formen bürgerlichen Engagements gibt es? Gibt es zur Konkretisierung der Aktionstage Nachhaltigkeit Fallbeispiele?

  Nachhaltigkeit in der Gesellschaft Wie kann man die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche bzw. Sektoren im Rahmen von Nachhaltigkeit konkretisieren und ausgestalten? Können alle gesellschaftlichen Bereiche beleuchtet werden? Wie kommt es zu nachhaltiger Bildung? Wie verfolgen weiterführende Bildungseinrichtungen das nachhaltige Bildungsziel? Wie darf man sich die Umsetzung strategischer Nachhaltigkeitsziele durch Hochschulen vorstellen? Wie kommt es zu nachhaltigem Konsum? Warum spielt der Konsum eine so entscheidende Rolle? Welche Bevölkerungsgruppen neigen besonders zu nicht nachhaltigem Konsum? Welche Ziele werden im Allgemeinen mit Konsum verfolgt? Wie kann man sich über nachhaltigen Konsum informieren? Welche Bereiche bieten sich für nachhaltigen Konsum noch an? Mit welchen Auswirkungen müssen wir rechnen, wenn wir uns dem nachhaltigen Konsum verweigern? Wie kommt es zu nachhaltigen Innovationen? Welche Theorie liegt den Überlegungen zu nachhaltigen Innovationen zugrunde? Wie lassen sich nachhaltige Innovationen an dem Beispiel der Digitalisierung verdeutlichen? Ist die Digitalisierung also schon heute ein Vorteil für die Nachhaltigkeit? Gibt es für nachhaltige Digitalisierungsinnovationen Beispiele? Gibt es Lösungsstrategien zur Verringerung der potenziellen Probleme der Digitalisierung? Und wie wirkt sich die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt aus? Und welche der beiden konträren Wirkungen des Digitalisierungstrends auf den Arbeitsmarkt gewinnt die Oberhand? Gibt es aufgrund des Arbeitsmarktrisikos politischen Handlungsbedarf? Wie kommt es zu nachhaltigem Wachstum? Wie wirkt sich ein Null-Wachstum und Degrowth auf die wirtschaftliche Entwicklung aus? Wer sind die Befürworter von Green Growth? Und was ist das Ziel der Inklusion? Wie kommt es zu einem nachhaltigen Gewerbegebiet? Wodurch zeichnet sich ein nachhaltiges Gewerbegebiet aus? Gibt es zu nachhaltigen Gewerbegebieten ein konkretes Beispiel? Wie kommt es zu nachhaltigem Handel? Gibt es Bestrebungen, der Tendenz zunehmender Einkommensdisparitäten entgegenzuwirken? Welche Anstrengungen nahmen die Entwicklungsländer selbst vor? Gibt es seitens Deutschlands weitere Bemühungen zur Förderung nachhaltigen Handels? Welche Barrieren für einen nachhaltigen Handel bestehen noch? Gibt es ein weiteres Beispiel aus dem Bereich internationaler Handel? Wie kommt es zu einer nachhaltigen Biodiversität? Wie lässt sich Biodiversität bewerten? Gibt es für Biodiversitätsprobleme ein Beispiel? Was sind die Ursachen der Problematik der Biodiversität?

  Nachhaltigkeit in der Zukunft Worin liegen die Hemmnisse und Probleme, die zu einer mangelnden Dynamik bei der Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung führen? Könnten Sie zum Thema Lobbyisten ein Beispiel nennen? Wie kann man aus aktueller Sicht ein Fazit aus den bestehenden Entwicklungen einerseits und den zukünftigen Herausforderungen andererseits ziehen?

  Glossar – Wichtige Begriffe kurz erklärt

  Verwendete Literatur

  Wo sich welches Stichwort befindet

Vorwort

Nachhaltige Entwicklung gilt unter Experten als zukunftsorientiertes Leitbild bzw. Paradigma. Diesem Leitbild hat die Völkergemeinschaft erstmals 1992 auf der Konferenz in Rio de Janeiro als dem Leitbild des 21sten Jahrhunderts zugestimmt. Die Neuorientierung, die durch dieses Leitbild vorgegeben wurde und den global vorherrschenden Mainstream des Neoliberalismus ablösen sollte, führte zunächst zu einer großen Euphorie. Sie basierte auf der Hoffnung, dass nachhaltige Entwicklung bei konsequenter Umsetzung einen wichtigen Beitrag zur Lösung oder zumindest zur Verringerung der drängenden Probleme wie Klimawandel, Rückgang der Biodiversität, Armut, Hunger, ungleiche Verteilung, Gendergerechtigkeit aber auch militärische Konflikt beitragen könnte.

Zwischen Hoffnung und der konkreten Entwicklung kam es jedoch zu einer Kluft: vielfach beließ man es dabei die Probleme zu beklagen oder zu verdrängen. Viele Verantwortungsträger gingen überwiegend auf den vertrauten Pfaden einer nicht nachhaltigen Entwicklung weiter, oder beschränkten sich auf einige wenige Reformen. Eine umfassende Transformation, wie sie in dem Leitbild angelegt und gefordert wird, bleibt bisher aus. Dabei steht gerade jetzt in der aktuellen Krise die verbreitete Forderung: „so können wir nicht weiter wirtschaften“, verstärkt im Raum und wird in zunehmendem Maße von Politikern, Wissenschaftlern, Vertretern der Kirche aber auch von Vertretern aus der Wirtschaft vorgetragen.

Nachhaltigkeit wurde bisher begrifflich in verschiedene Bereiche der Gesellschaft in unterschiedlicher Intensität und Intention eingeführt. In der Wirtschaft wird bei der Produktion und den Produkten vieles schon als nachhaltig ausgewiesen. Besonders in der Werbung wird der Begriff häufig genutzt, ohne dass Experten oder auch allgemein den Konsumenten immer klar wird, warum eine Produktion oder ein Produkt als nachhaltig ausgezeichnet und beworben wird. Für viele Unternehmen gehört es in diesem Kontext heute zur Imagepflege sich im Internet in Hochglanzbroschüren als nachhaltiges Unternehmen und damit als progressiv und verantwortungsvoll zu generieren. Dabei gibt es durchaus Unternehmen, die sich dem Leitbild ernsthaft verpflichtet fühlen und bei der Umsetzung auf einem guten Weg sind.

In der Wissenschaft gibt es einige Disziplinen, wie z. B. die Architektur oder das (Bau-)Ingenieurwesen, aber auch die Sozialwissenschaften, die Nachhaltigkeit zunehmend entdecken. Die Ingenieurwissenschaften wenden sich bisher primär der ökologischen Nachhaltigkeit zu. Es geht also darum umweltschonendere Produktionsanlagen bzw. Maschinen und Produkte zu entwickeln und herzustellen. Dabei geht es dann um eine höhere Energieeffizienz oder um eine ressourcensparende Produktion. Hier gibt es teilweise vielversprechende Entwicklungen. Aber auch in den Sozialwissenschaften wenden sich einige Vertreter der verschiedenen Disziplinen der nachhaltigen Entwicklung teilweise systematisch zu. So entstand beispielsweise die Nachhaltigkeitsökonomie, die sich von der noch dominierenden Mainstream Ökonomie deutlich unterscheidet.

Der Bildungssektor, der sich besonders der nachhaltigen Entwicklung zuwenden sollte, da Schüler und Studierende in ihrem zukünftigen Arbeitsleben mit dem Thema vertraut sein sollten, geht das Thema noch eher zurückhaltend bzw. partiell an. Fragt man Schüler oder Studierende über ihre Kenntnisse zur nachhaltigen Entwicklung, so haben sie zu dem Thema meistens – wenn überhaupt – nur rudimentäre Vorstellungen bzw. Kenntnisse. Es gibt jedoch einige Schulen und Hochschulen, die eine Vorreiterrolle einnehmen. Zu nennen sind beispielsweise die Universität Lübeck oder die Hochschule für Nachhaltigkeit Eberswalde. Aber sie sind bisher in Deutschland noch die Ausnahme.

In der Politik kann man eine gewisse Ambivalenz feststellen: Einerseits hat Deutschland eine ambitionierte nationale Nachhaltigkeitsstrategie und auch Bundesländer haben auf Landesebene oft eigene Nachhaltigkeitsstrategien, die im Vorwort als wichtige Grundlage für die Politikgestaltung ausgewiesen werden. In politischen Statements oder Diskussionen wird von Politikern jedoch darauf kaum Bezug genommen. Auch die Politikstile, die z. B. auf mehr Partizipation ausgerichtet sein sollten, haben sich noch nicht konsequent in Richtung Nachhaltigkeit weiterentwickelt. Eine häufige Begründung ist: mit Nachhaltigkeit kann man keine Wahl gewinnen. Daher ist eine nachhaltigkeitsorientierte Politik (noch) nicht opportun. Dabei mangelt es nicht an Literatur zur Gestaltung bzw. Umsetzung einer nachhaltigen Politik. (vgl. u. a. v. Hauff, Nguyen 2013)

Die Medien nehmen das Thema bisher auch noch nicht in ausreichendem Maße wahr. Die Vielzahl der Talkshows beschränkt sich in kaum zu überbietenden Wiederholungen auf „Tagesereignisse“. Natürlich werden einige Themen, die der nachhaltigen Entwicklung zuzuordnen sind, diskutiert. Dabei steht der Klimawandel im Mittelpunkt, wobei z. B. der dramatische Rückgang der Biodiversität und seine Folgen auch in den Medien viel mehr Beachtung verdient. Klimawandel wird jedoch häufig unzureichend bzw. verengt wahrgenommen und diskutiert.

So wurde z. B. bisher die Beziehung zwischen Klimawandel und Wirtschaftswachstum, ein sehr komplexes Thema, weitgehend verdrängt. Dabei ist die Kausalität klar: ein steigendes Wirtschaftswachstum trägt tendenziell zur Verschärfung des Klimawandels bei und ein fortschreitender Klimawandel wirkt sich tendenziell negativ auf die wirtschaftliche Entwicklung bzw. das Wachstum aus. Dabei ist Wachstum in unserem Wirtschaftssystem eine wichtige Voraussetzung für eine positive Entwicklung am Arbeitsmarkt, die Stabilisierung der sozialen Sicherungssysteme und für das Staatsbudget, das für die wachsenden Aufgaben des Staates u. a. für Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft von großer Bedeutung ist. Dennoch gilt auch hier: Einige Medien beschäftigen sich mit nachhaltiger Entwicklung immer wieder im Rahmen von fundierten Beiträgen, die den ganzheitlichen Ansatz behandeln und Möglichkeiten zur Umsetzung aufzeigen.

Ein erstes Resümee ist somit: Nachhaltige Entwicklung fordert einen grundsätzlich neuen Denk- und Politikstil, der ganzheitlich ausgerichtet ist. Es reicht nicht sich auf einige Aspekte nachhaltiger Entwicklung zu beschränken. Es geht vielmehr darum die ökologische, die wirtschaftliche und die soziale, d.h. die gesellschaftliche Dimension zusammen zu denken, was dann auch zu einem ganz neuen Stabilitätsdenken führt. Dabei muss die nachhaltige Stabilitätsformel von den Grenzen der Belastbarkeit der Natur bzw. der ökologischen Systeme ausgehen und diese als unwiderruflich akzeptieren.

Das komplexe Leitbild wird in diesem Buch vorgestellt. Es wird auch exemplarisch aufgezeigt, wie sich nachhaltige Entwicklung umsetzen lässt und welche Hemmnisse zu überwinden sind. Eine wesentliche Forderung dieses Buches primär an die Politik aber auch an andere gesellschaftliche Akteure ist, dass ein kohärentes Nachhaltigkeitskonzept bzw. Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt und angestrebt wird. Die zentrale Grundposition dieses Buches, die auch eine Antwort auf die Feststellung gibt „so kann es nicht weiter gehen“ ist:

Es gibt für die Menschheit keine Alternative zur nachhaltigen Entwicklung die erfolgversprechender für eine nationale, aber auch globale Stabilität im Sinne einer ökologischen, ökonomischen und sozialen Ausgewogenheit einschließlich der Gerechtigkeit ist.

In dem Buch werden hierzu wichtige Fragen beantwortet. Dabei können nicht alle relevanten Fragen in der ausreichenden Tiefe beantwortet werden. Eine Vertiefung wird daher durch weiterführende Literaturquellen möglich. Die mehr als zwanzigjährige Forschungsarbeit des Autors zur Nachhaltigkeitsökonomie wurde durch viele Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiter aber auch Studierende bereichert. Allen gilt Dank, ohne sie im Einzelnen nennen zu können. Im Rahmen dieses Buches gilt mein besonderer Dank Herrn Dr. Jürgen Schechler vom UVK Verlag München, der die Konzeption entwickelt hat und mir mit wichtigen Anregungen ganz wesentliche Impulse gab. Dank gilt auch meiner ehemaligen Mitarbeiterin Julie Vesque, die mich bei der Gestaltung stets hilfsbereit unterstützt hat.

Stuttgart im August 2020 Michael von Hauff

Was die verwendeten Symbole bedeuten


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→ Wichtige Begriffe sind mit einem Pfeil gekennzeichnet und werden im Glossar erklärt.


Nachhaltigkeit in Zahlen


Dieses Kapitel gibt anhand von einigen Grafiken und Statistiken einen ersten Einblick in das Thema.

Was sind die wichtigsten Zahlen und Fakten zum Thema Nachhaltigkeit?

Das Leitbild nachhaltige Entwicklung wurde 1992 auf der Konferenz in Rio de Janeiro als neues globales Leitbild von der Völkergemeinschaft angenommen. Bisher ist das Leitbild jedoch auch in Deutschland nur bedingt verankert, obwohl eine ambitionierte nationale Nachhaltigkeitsstrategie vorliegt. Dabei steht schon in dem Aktionsprogramm →„Agenda 21“, das auf der Rio Konferenz beschlossen wurde, dass die Bevölkerung jedes Landes, aber auch die verschiedenen gesellschaftlichen Akteure wie Unternehmen, Schulen und Hochschulen, Kirchen und Verbände bei der Ausgestaltung und Umsetzung in einem partizipativen Prozess verantwortlich mitwirken sollen. Daher stellt sich zunächst auch für Deutschland die Frage nach dem Bekanntheitsgrad des Begriffs nachhaltige Entwicklung. Dabei zeigt sich, dass in den vergangenen Jahren zwei Auffälligkeiten festzustellen sind:

Der Begriff Nachhaltigkeit ist etwas mehr als einem Drittel der Bevölkerung gut bekannt. Zwischen 45 und 47 Prozent der Befragten kommt der Begriff bekannt vor. Ob und in welchem Maße ihnen die Anforderungen der nachhaltigen Entwicklung bekannt sind, d.h. was damit wirklich angestrebt und erreicht werden soll, wird aus der Befragung nicht deutlich. Etwa 15 Prozent haben zu dem Begriff keinen Bezug.

Fast 85 Prozent der Befragten ist der Begriff schon „einmal begegnet“. Es lässt sich jedoch eine gewisse Stagnation feststellen. Mit zunehmendem Alter der Befragten bis 50 Jahre nimmt die Bekanntheit zu und sinkt dann wieder ab. Der Bekanntheitsgrad hat sich sowohl geschlechtsspezifisch als auch regional (Ost – West) weitgehend angeglichen.

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Die Bekanntheit des Begriffs Nachhaltigkeit stagniert

Quelle: GfK 2015

In einer neueren Befragung des Umweltbundesamts sieht die Bevölkerung in einer nachhaltigen Entwicklung große Chancen. Etwa 80 Prozent sind der Ansicht, dass nachhaltige Entwicklung ihre Lebensqualität verbessert und mehr Naturverbundenheit ermöglicht. Mehr als 50 Prozent erwartet von einer nachhaltigen Entwicklung, dass sie zu mehr Gemeinschaft unter den Menschen führt und mehr Zeit für selbstbestimmte Lebensgestaltung lässt. Schließlich erhofft sich die Mehrheit, dass sich die Wirtschaft mehr an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet.

Aus der folgenden Abbildung wird deutlich, wie die Befragten die einzelnen Kategorien einschätzen: sie reichen grundsätzlich von sehr wahrscheinlich bis überhaupt nicht wahrscheinlich. Bei der Kategorie „Mehr Gesundheit für die Menschen“ sind die Erwartungen mit „sehr wahrscheinlich“ 38 Prozent und „eher wahrscheinlich“ 46 Prozent am höchsten. Bei der Kategorie „Die Verbreitung von Lebensweisen, in denen EinkommenEinkommen, Konsum und Besitz weniger wichtig sind“ fällt dagegen deutlich ab: 36 Prozent der Befragten schätzen das als „eher nicht wahrscheinlich“ bzw. 9 Prozent als „überhaupt nicht wahrscheinlich“ ein. Fazit: Die Auswirkungen nachhaltiger Entwicklung auf wichtige Lebensbereiche sind bisher noch nicht „überschwänglich“.

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Die Bedeutung einzelner Lebensbereiche im Rahmen nachhaltiger Entwicklung

Quelle: Umweltbundesamt 2019

2015 wurde auf dem UN-Sondergipfel die →Agenda 2030Agenda 2030 mit den 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development GoalsSustainable Development Goals SDGs) von der Völkergemeinschaft angenommen. Durch die SDGs bekam die nachhaltige Entwicklung eine weitere Konkretisierung. Daher konzentriert sich die Frage der Bekanntheit ab 2015 auf die →Agenda 2030. Die Agenda gilt für alle Länder, d.h. für Entwicklungs- und Industrieländer. Dadurch wurde weltweit ein gemeinsames Grundverständnis von nachhaltiger Entwicklung angestrebt und alle Länder haben durch die SDGs die gleiche Ausgangssituation: Alle Länder haben sich dazu verpflichtet auf der Grundlage der 17 Ziele eine nationale NachhaltigkeitsstrategieNachhaltigkeitsstrategienationale zu entwickeln.

Insofern sollte heute also die →Agenda 2030 im Mittelpunkt des Interesses stehen. Bisher wird jedoch in den meisten Ländern vernachlässigt die Bevölkerung in den Prozess der Ausgestaltung und Umsetzung ausreichend mit einzubeziehen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass in Deutschland weniger als 10 Prozent der Befragten angaben, dass sie von der Agenda 2030 schon gehört hätten und auch eine Vorstellung haben, was damit angestrebt wird. 23 Prozent haben den Begriff schon einmal gehört, aber wissen nicht, worum es geht. Zwei Drittel haben davon noch nichts gehört. (Gleser, Schneider, Buder 2018, S. 50) Auffällig dabei ist, dass in dem Zeitraum zwischen 2015 und 2017 keine Veränderung hinsichtlich der Bekanntheit stattfand.

Nachhaltigkeit: Der Status quo


Nun geht es richtig los: der Begriff „Nachhaltigkeit“ wird erklärt, seine Bedeutung und Ziele erläutert und der aktuelle Stand in Punkto nachhaltige Entwicklung dargestellt.

Wofür steht Nachhaltigkeit?

Auf der Konferenz in Rio de Janeiro (United Nations Conference on Environment and Development/UNCED) verpflichteten sich 178 Nationen zu dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Besondere Beachtung verdient das Programm zur Umsetzung des Leitbildes: die →Agenda 21 als Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert. Obwohl das Leitbild zunächst international eine große Popularität erfuhr, ist es – wie schon aufgezeigt wurde – bis heute in der Bevölkerung nur in relativ geringem Maße bekannt. Um die Frage beantworten zu können, wofür steht Nachhaltigkeit, müssen zunächst einige grundlegende Zusammenhänge geklärt werden. Dabei geht es auch um die Fragen, ob sich der Begriff inhaltlich verändert hat, wie er heute inhaltlich verwendet wird und wie es zu diesem neuen Leitbild kam.

Woher kommt der Begriff?

Das Leitbild der nachhaltigen Entwicklung hatte viele Vorläufer. Seinen Ursprung hat der Begriff jedoch in der Wald- bzw. ForstwirtschaftForstwirtschaft. Die damaligen Erkenntnisse haben heute wieder eine große Bedeutung. Es war der Freiberger Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz der den Begriff nachhaltig prägte (v. Hauff 2014, S. 2). Er fügte ihn in seiner Abhandlung „Sylvicultura Oeconomica“ aus dem Jahr 1713, also vor über 300 Jahren ein. Er forderte in seiner Abhandlung eine „continuierliche und beständig nachhaltende Nutzung“ von Holz. Hierzu ein wörtliches Zitat von ihm:

„Denn je mehr Jahr vergehen, in welchem nichts gepflanzet und gesaet wird, je langsamer hat man den Nutzen zugewarten, und um so viel tausend leidet man von Zeit zu Zeit Schaden, ja um so viel mehr geschickt weitere Verwüstung, daß endlich die annoch vorhandenen Gehöltze angegriffen, vollends consumiret und sich je mehr und mehr vermindern müssen. … Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kommt, da wächst der Menschen Armuth und Dürfftigkeit. Es lässet sich auch der Anbau des Holtzes nicht so schleunig wie der Acker-Bau tractiren (von Carlowitz 1713, S. 105).“

Seine Überlegungen basierten darauf, dass der Bergbau und die Verhüttung einen hohen Holzbedarf verursachten. Dadurch kam es zu einer zunehmenden Entwaldung und das Holz musste über immer größere Entfernungen transportiert werden. Dadurch stieg der Preis für Holz und es wurde eine wachsende Holzknappheit befürchtet. Hinzu kam, dass die Menschen in diesen Regionen befürchteten, dass sie aufgrund des Holzmangels ihre Arbeit verlieren. Das wurde im Prinzip vielfach als Vorläufer des ersten Berichts an den Club of RomeClub of Rome mit dem Titel „Grenzen des Wachstums“ gesehen.

Von Carlowitz beschränkte sich jedoch nicht nur auf die Darstellung des Problems, sondern entwickelte neue Grundsätze wie die Holzknappheit für immer überwunden werden kann. Sein Grundgedanke war: in der Forstwirtschaft muss ökonomisches Handeln mit den Erfordernissen der Natur in Einklang gebracht werden. Heute würde man sagen: Forstwirtschaft aber auch andere Bereiche wirtschaftlichen Handelns müssen mit den Grenzen oder Leitplanken der Natur harmonieren. Seine Maxime, die dann 1775 in die Weimarische Forst-Ordnung einging, war: Pro Jahr darf nicht mehr Holz geschlagen werden, als nachwächst.

Hat sich der Begriff in seiner Bedeutung verändert?

Es konnte gezeigt werden, dass die Idee der Nachhaltigkeit im Kontext der Forstwirtschaft eingeführt wurde und hier sehr stark in die Bedingungen der Natur eingebunden wurde. Dieses Verständnis wurde weiterentwickelt. Das begründet sich daraus, dass viele Probleme bzw. Konflikte komplexer wurden wie beispielsweise der Klimawandel. Eine wichtige Entscheidung der Vereinten Nationen in diesem Zusammenhang war 1980 die Bildung der „World Commission on Environment and Development (WCED)“.

Die Kommission setzte 1983 die Brundtland-KommissionBrundtland-Kommission unter dem Vorsitz der damaligen norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland ein. Die Kommission sollte im Rahmen der wachsenden ökologischen, ökonomischen und sozialen Probleme Handlungsempfehlungen zur Erreichung einer dauerhaften Entwicklung erarbeiten. 1987 legte die Kommission ihren Bericht, den sogenannten Brundtland-BerichtBrundtland-Bericht vor. Er enthielt die berühmt gewordene Definition für nachhaltige Entwicklung, die bis heute ein wichtiger Ausgangspunkt für die inhaltliche Konkretisierung ist:

„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können (Hauff 1987, S. 46).“

Worauf zielt nachhaltige Entwicklung heute ab?

Seit der Konferenz von Rio de Janeiro besteht ein internationaler Konsens, dass nachhaltige Entwicklung zu einem Gleichgewicht zwischen den drei Dimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales innerhalb der ökologischen Grenzen führen soll. Die drei Dimensionen sind in vielfältiger Form miteinander verbunden, was sich in dem Nachhaltigkeitsdreieck ganz allgemein darstellen lässt. Jede Ecke im Dreieck steht zunächst für eine der drei Dimensionen: ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit. Je mehr man sich auf die Mitte des Dreiecks zu bewegt, umso stärker sind die drei Dimensionen miteinander verbunden. Alle Bereiche in dem Nachhaltigkeitsdreieck lassen sich konkretisieren. Betrachtet man beispielsweise das Feld „ökologisch/ökonomisch“, so lässt sich dort die Ökoeffizienz zuordnen. Damit ist gemeint, dass eine Maßnahme ökologisch und ökonomisch effizient ist. Spart ein Unternehmen bei der Produktion Strom ein, so können damit die CO2-Emissionen gesenkt werden, soweit der Strom nicht regenerativ erzeugt wird (ökologische Effizienz) und das Unternehmen verringert seine Stromkosten (ökonomische Effizienz).

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Das Integrierende Nachhaltigkeitsdreieck

Quelle: v. Hauff 2014, S. 170

Sind mit diesen drei Dimensionen alle Aspekte der Nachhaltigkeit abgedeckt?

In der Literatur wurde teilweise eine vierte Dimension eingeführt: die kulturelle NachhaltigkeitNachhaltigkeitkulturelle. Da jedoch jede Gesellschaft, die durch die soziale Dimension abgebildet wird, auch kulturelle Merkmale aufweist, wird auf diese Erweiterung hier verzichtet. Dagegen ist die Gerechtigkeit ein weiteres konstitutives Merkmal nachhaltiger Entwicklung. Um die nachhaltige Entwicklung weltweit zu fördern und international eine gewisse Vereinheitlichung anzustreben, fand vom 25. bis 27. September 2015 der UN-Sondergipfel zur →Agenda 2030 unter dem Titel „Transforming our World: the 2030 Agenda for Sustainable Development“ statt. Das Kernstück der Agenda 2030 sind die 17 NachhaltigkeitszieleNachhaltigkeitsziele, die von allen Ländern weltweit bis zum Jahr 2030 erreicht werden sollen. (v. Hauff, Schulz, Wagner 2018, S. 33) Die →Agenda 2030 wird zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlich vorgestellt und kommentiert.

Gibt es Unterschiede zwischen der wissenschaftlichen und der alltäglichen Verwendung des Begriffs?

Bei der wissenschaftlichen Zuwendung zu dem Begriff geht es um die theoretische Begründung →nachhaltiger Entwicklung. Ausgehend von der Definition des Brundtland-Berichts sollen zukünftige Generationen ihre Bedürfnisse in gleichem Maße befriedigen können wie die heute lebenden Generationen. Zukünftige Generationen sollen also zumindest nicht schlechter gestellt werden. Hierzu gibt es einen breiten Konsens. Aber es stellt sich natürlich die Frage, welche Bedürfnisse hier im Mittelpunkt stehen. Hier scheiden sich die Geister.

Einige Wirtschaftswissenschaftlern stellen fest, dass es zwei Arten von Kapital gibt: das materielle oder SachkapitalSachkapital und das NaturkapitalNaturkapital. Das lässt sich zu einem gesamtwirtschaftlichen Kapital zusammenführen. Nach der Definition sollen zukünftige Generationen also mindestens den gleichen Kapitalbestand haben wie die heute lebende Generation.

Nimmt beispielsweise das Naturkapital ab, muss das Sachkapital zunehmen, um den Verlust auszugleichen (Kompensationsregel). Müssen also z. B. für den Bau neuer Produktionsstätten oder Straßen (Sachkapital) landwirtschaftliche Flächen oder Waldflächen weichen, wird das Naturkapitel verringert und das Sachkapital steigt. Im besten Fall kommt es zu einer Kompensation der beiden Kapitalarten und das Gesamtkapital bleibt konstant. In diesem Zusammenhang spricht man von→ schwacher Nachhaltigkeit. (Neumayer 2013) Diese Position spiegelt oft die Realität wider.

Beispiel:

Eine Kommune möchte wegen Lärm- und Luftbelastung eine Umgehungsstraße. Das bedeutet jedoch in der Regel, dass Felder, Wiesen oder ein Waldstück dafür „geopfert“ werden muss.

Die entgegengesetzte Position wird von Vertretern der Ökologischen Ökonomie vertreten. Die beliebige Substitution von Natur- durch Sachkapital, d.h. der Verlust an Naturkapitel, der durch Sachkapitel aufgestockt werden soll, führt zu wachsenden Umweltschäden wie Luftbelastung, Klimawandel, Abnahme der →Biodiversität, Abnahme der Rohstoffe und wachsende Lärmbelästigung.

Gibt es ein anschauliches Beispiel von Natur- durch Sachkapital?

Die zunehmende Belastung von Ökosystemen erfordert ökologische Leitplanken, wie z. B. die Begrenzung von Emissionen, die einzuhalten sind. Nur so lässt sich die natürliche Tragfähigkeit der Erde bzw. des Planeten erhalten. Daraus begründet sich die →starke Nachhaltigkeit. Einer der maßgeblichen Mitbegründer und Protagonisten der Ökologischen Ökonomie, Hermann Daly, führt hierzu ein einfaches Beispiel an:

Ein Fischerboot (Sachkapital) ohne Fische (Naturkapital) in Seen oder Flüssen ist nutzlos. Daher hält er die Kompensationshypothese für falsch und auch gefährlich.

Die starke Nachhaltigkeit wurde von Vertretern der Ökologischen Ökonomie durch Operationalisierungskriterien konkretisiert. Daly stellte in diesem Zusammenhang drei Managementregeln auf (Daly 1990, S. 2)

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Handlungsregeln für eine nachhaltige Entwicklung

Quelle: in Anlehnung an Daly 1990, S. 2

Linktipp:

Auf www.exploring-economics.org/de/ werden ökonomische Themen von Studierenden und Lehrenden erklärt, unter anderem auch Ökologische Ökonomie. Unter dem Menüpunkt „Entdecken“ kann man gezielt nach Artikeln suchen.

Wie lautet dazu die Erläuterung der Handlungsregeln?

 Erneuerbare Ressourcen wie Holz dürfen nur in dem Maße abgebaut werden, wie sie sich erneuern können (dies entspricht der klassischen Nachhaltigkeitsregel nach von Carlowitz 1713);

 Nicht-erneuerbare Ressourcen wie seltene Erdenseltene Erden und Metalle dürfen nur dann abgebaut und verbraucht werden, wenn die Substitutionsmöglichkeiten durch künstlich geschaffene Materialien zur Verminderung des weiteren Abbaus von seltenen Erden und Metallen geschaffen werden sowie

 Emissionen dürfen nicht die Grenzen der Aufnahmefähigkeit der Natur als Senke für Emissionen überschreiten. Ein Beispiel sind CO2-Emissionen, die die Grenzen überschritten haben und ganz wesentlich den Klimawandel verursachen.

Gibt es Schwächen bei den beiden Ansätzen?

Auffällig bei den Ansätzen der schwachen und starken Nachhaltigkeit ist, dass die ökologische und ökonomische Dimension Beachtung finden, während die soziale Dimension vernachlässigt wird. Die soziale Dimension findet in der neueren wissenschaftlichen Diskussion zur →nachhaltigen Entwicklung jedoch in zunehmendem Maße Beachtung, wie später noch gezeigt wird.

Im Rahmen der aufgezeigten Kontroverse geht es noch um die Frage, ob der Gegensatz zwischen schwacher und starker Nachhaltigkeit aufgelöst werden kann. In der neueren wissenschaftlichen Diskussion wurde die ausgewogene NachhaltigkeitNachhaltigkeitausgewogene entwickelt. (v. Hauff 2014, S. 56 ff)

Wie wird die ausgewogene Nachhaltigkeit begründet?

Grundsätzlich geht es den Vertretern der ausgewogenen Nachhaltigkeit zunächst darum, eine weltweite Befriedigung der Grundbedürfnisse und die Verbesserung der Lebensqualität der heutigen und zukünftigen Generationen zu erreichen. Das lässt sich an der Kontroverse um wirtschaftliches Wachstum, die zwischen Wachstumsbefürwortern und Wachstumsgegnern zunehmend heftiger ausgetragen wird, aufzeigen.

Die Vertreter der ausgewogenen Nachhaltigkeit stellen hierzu fest, dass für eine Harmonisierung von Wachstum und Umweltqualität einzig die Art des Wirtschaftswachstums ausschlaggebend ist. Wachstum muss dementsprechend eine umweltschonende Qualität annehmen. Das lässt sich durch eine konsequente Verringerung und Veränderung des Material- und Energieeinsatzes, durch Sparsamkeit, Reparaturfähigkeit von Gütern, Recycling, Effizienzverbesserung und Materialsubstitution aber auch durch regenerative Energie und eine nachhaltige Mobilität realisieren. (v. Hauff 2014, S. 59) Es geht also darum durch ein Maßnahmenbündel die Ökosysteme in einem stabilen Zustand zu erhalten. Dabei gilt festzustellen, dass sich einige Ökosysteme bereits in einem übernutzten bzw. irreparablen Zustand befinden.

Gibt es Beispiele für übernutzte Ökosysteme?

Neben dem KlimawandelKlimawandel gibt es eine Reihe von Gewässern und insbesondere Meere, die sich durch eine Überfischung oder durch einen zunehmenden Grad an Verschmutzung auszeichnen. Bisher findet bei Ökosystemen, die sich in prekärem Zustand befinden, oft noch keine wirksame bzw. ausreichende Gegensteuerung statt. Ein weiteres Problem, das bisher viel zu wenig Beachtung gefunden hat, ist die Abnahme der BiodiversitätBiodiversität mit all ihren negativen Folgen, die später noch dargestellt werden.

Es gibt aber auch viele Rohstoffe wie seltene Erden und Metalle, die auf Grund der steigenden weltweiten Nachfrage immer knapper werden. Diese Metalle werden besonders für die Hardware der →Digitalisierung aber auch für regenerative Energieträger wie Windräder und Photovoltaikanlagen benötigt. Es gibt Prognosen, dass bis zum Jahr 2030 weniger von diesen Metallen abgebaut als nachgefragt werden. Entsprechend der Definition des Brundtland-Berichts können zukünftige Generationen dann ihre Bedürfnisse nicht mehr in gleichem Maße befriedigen wie die heute lebende.

Warum muss der Begriff nachhaltige Entwicklung inhaltlich konkretisiert werden?

Die alltägliche Verwendung des Begriffs nachhaltiger Entwicklung weist oft keine klaren Konturen auf. Das wird durch Formulierungen deutlich wie: Wir wollen mehr Nachhaltigkeit und UmweltschutzUmweltschutz. Dabei ist Umweltschutz die zentrale Dimension von Nachhaltigkeit. Daraus ergeben sich folgende Fragen: Was bedeutet mehr Nachhaltigkeit, in welchen Bereichen und in welchem Maße? Welche Ziele von Nachhaltigkeit sollen, bis zu welchem Zeitpunkt erreicht werden? Nur eine Konkretisierung führt zu einer messbaren Weiterentwicklung und vermeidet den Missbrauch des Begriffs Nachhaltigkeit.

Daraus wird deutlich, dass bisher überwiegend Expertinnen und Experten die Zusammenhänge der drei Dimensionen und Möglichkeiten der Umsetzung erkennen und aufzeigen. Daher besteht gerade im Bildungsbereich noch ein großes Potential die Bedeutung aber auch die Chancen, die nachhaltige Entwicklung bietet, aufzuzeigen und die Umsetzung durch „best pratice Beispiele“ zu verdeutlichen. Das große Potenzial, das noch brachliegt, ist jedoch nach den empirischen Untersuchungen zum Bekanntheitsgrad nachhaltiger Entwicklung nicht verwunderlich.

Weshalb ist der Begriff heute in aller Munde?

Nachhaltige Entwicklung ist ein globales Leitbild, das einen normativen Charakter aufweist. Die Frage ist: was sollte sich wie verändern. Ein nachhaltiges Verhalten muss daher assoziiert sein mit VerantwortungsbewusstseinVerantwortungsbewusstsein im Sinne „tue Gutes für die Umwelt, für eine gerechte Wirtschaft und für die Gesellschaft damit sich die Lebensbedingungen aller verbessern.“ Das wird in zunehmendem Maße von allen Akteuren der Gesellschaft wie Unternehmen, d.h. produzierenden Unternehmen und Dienstleistungsunternehmen, wie Unternehmen des Finanzsektors, Konsumenten, Verbänden, kirchlichen Einrichtungen und politischen Parteien erwartet bzw. sogar eingefordert. Aber auch jeder einzelne Bürger trägt Verantwortung im Sinne nachhaltiger Entwicklung indem er/sie zur Verbesserung der ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Bedingungen beiträgt.

Gibt es bereits Vorreiter für auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Branchen?

Teilweise sind einzelne Branchen wie die TextilindustrieTextilindustrie um mehr Nachhaltigkeit bemüht. So war beispielsweise die Sportartikelmesse Ispo in München im Januar 2020 auf das Thema Nachhaltigkeit ausgerichtet. Einige Textilunternehmen sind auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit schon Vorreiter und wurden dafür ausgezeichnet wie die Firma Vaude. Natürlich gibt es auch in vielen anderen Branchen schon vorbildliche Unternehmen die mehrfach ausgezeichnet wurden, da sie sich an der Nachhaltigkeit orientieren. Exemplarisch können die Brauerei Härle und das Unternehmen Lebensbaum genannt werden.

Grundsätzlich geht es bei nachhaltigen Textilunternehmen beispielsweise um die Verwendung von Bio-Baumwolle und bessere Arbeitsbedingungen. Dabei stellt der Verbrauch von Wasser, Energie und Chemikalien ein nachhaltigkeitsorientiertes Textilunternehmen auf jeder Stufe der Wertschöpfungskette oft vor große Herausforderungen. Gleichzeitig gibt es aber noch viele Handelsunternehmen in der Textilindustrie, die unter unmenschlichen Bedingungen in Entwicklungsländern aus dem Grund der Profitmaximierung Kleidung herstellen lassen und somit eine nicht-nachhaltige Geschäftspolitik betreiben. Daran sind Konsumenten nicht unbeteiligt.

Welche Rolle spielen bei der Nachhaltigkeit die Medien?

Auch die FilmindustrieFilmindustrie und die Medien fühlen sich in zunehmendem Maße herausgefordert bzw. in der Verantwortung. So wird bisher bei Dreharbeiten von Filmen primär auf die Zeit, jedoch weniger auf negative Umwelteinflüsse geachtet. Daher wollen sich Film- und Fernsehproduzenten bei ihrer Arbeit zu mehr Umweltschutz verpflichten. Sie wollen für eine „noch stärkere Berücksichtigung der Nachhaltigkeit in der Film- und Serienproduktion, die für ein ökologisch, wie auch ökonomisch und sozial verantwortliches Handeln steht“ eintreten. So heißt es in einem Entwurf für eine gemeinsame Erklärung.

Daher haben sich Vertreter der ARD, des ZDF, des MDR, der Deutschen Welle aber auch Vertreter der Filmindustrie im Februar 2020 in Berlin zur Unterschrift im Kanzleramt zusammengefunden, um ihr Vorhaben mit ihrer Unterschrift zu besiegeln. Aber auch Sportvereine und Eventmanager haben das Thema für sich entdeckt. So haben z. B. erste Fußballvereine gemeldet, dass sie ein Nachhaltigkeitskonzept entwickeln. Es bleibt jedoch abzuwarten, wie anspruchsvoll diese Vorhaben sein werden und in welchem Maße sie umgesetzt werden.

Wie sieht es mit weiteren Branchen aus?

Als weiteres Beispiel lässt sich die NatursteineindustrieNatursteineindustrie aufführen. Deutschland gehört heute zu den Ländern, die Natursteine z. B. in Form von Grabsteinen zu einem großen Teil aus asiatischen Ländern importieren. In vielen Medienberichten wurde jedoch immer wieder aufgezeigt, wie die Natursteine in asiatischen Ländern wie in China, Indien und Vietnam unter Missachtung von ökologischen und sozialen Standards in Steinbrüchen abgebaut und dann unter teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen verarbeitet werden. So sind in der Natursteinindustrie schon tausende von Arbeitern unter Qualen an Staublunge gestorben.

Dabei wird besonders Indien angeprangert, da in der Natursteineindustrie auch Kinderarbeit stattgefunden hat bzw. noch stattfindet. Dies hat zu vielfältigen Protestaktionen geführt. Daher wurde von den Produzenten vor Ort aber auch von den Handelsunternehmen in Deutschland gefordert, dass die Natursteine nach bestimmten ökologischen und sozialen Kriterien zertifiziert werden bevor sie nach Deutschland eingeführt werden.

Es besteht kein Zweifel: es wird auch in Zukunft in vielen Entwicklungsländern Kinderarbeit unter schlimmsten Bedingungen stattfinden. Aber auch in Indien gibt es Steinbrüche und Naturstein verarbeitende Unternehmen, die auf Grund der Bestrebung Zertifizierungen einzuführen und umzusetzen, Kinderarbeit vermeiden. Sie schaffen verbesserte Arbeitsbedingungen entsprechend der eingeführten Zertifizierungsstandards. So ist zu hoffen, dass Kinderarbeit, zumindest in der Form wie sie in der Abbildung zu sehen ist, zur Ausnahme wird.

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Kinderarbeit in einem indischen Steinbruch

Werden die Beispiele der Branchen die Konsumenten erreichen können?

Die wenigen Beispiele verdeutlichen, dass sich auf der Grundlage des normativen Leitbildes nachhaltiger Entwicklung das geforderte Verantwortungsbewusstsein im Sinne der Zusammenführung von Ökologie, Ökonomie und sozialen Belangen zunehmend im Bewusstsein reflektierter Bürger und auch bei verantwortungsvollen Unternehmen festsetzt.

Dabei ist jedoch zwischen jenen Konsumenten zu unterscheiden, die sich bei ihren Kaufentscheidungen aus Nachlässigkeit oder mangelnder Information noch nicht nachhaltig verhalten und der Minderheit der Bevölkerung, die Verantwortungsbewusstsein für sich beanspruchen können indem sie nachhaltig konsumieren. Insgesamt sollte jedoch den Konsumenten durch eine transparentere Informationspolitik die Entscheidung für einen nachhaltigen Konsum erleichtert werden. In diesem Zusammenhang sollte in Zukunft auch noch viel stärker geprüft werden, was im Rahmen der Nachhaltigkeitsbroschüren von Unternehmen schon dem Anspruch nachhaltiger Entwicklung wirklich entspricht und was unter die Kategorie „green washinggreen washing“ einzuordnen ist. Hier muss die Politik dafür sorgen, dass einheitliche Labels eingefordert werden, die dem Konsumenten eine Entscheidungshilfe bieten. Aber auch der Bildungssektor kann für eine bessere Aufklärung noch viel leisten.

Gibt es Umfragen oder Studien zum Entwicklungsstand oder wie die Bevölkerung zu Nachhaltigkeit steht?

Eine Orientierung zum Entwicklungsstand der nachhaltigen Entwicklung in einem Land bietet die nationale Nachhaltigkeitsstrategie. Beispielhaft wird die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie unten noch ausführlich behandelt. Die nationale NachhaltigkeitsstrategieNachhaltigkeitsstrategie basiert für alle Länder auf den 17 Nachhaltigkeitszielen (Sustainable Development Goals / SDGs) der →Agenda 2030. Dadurch wird eine gewisse Vergleichbarkeit des Entwicklungstands in den verschiedenen Ländern möglich. Dabei gilt natürlich zu berücksichtigen, dass die verschiedenen Länder ganz unterschiedliche Ausgangsbedingungen für die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie bzw. einer nachhaltigkeitsorientierten Politik aufweisen: Viele Entwicklungsländer werden einen geringeren Entwicklungsstand hinsichtlich der Ausgestaltung und Umsetzung ihrer nationalen Nachhaltigkeitsstrategie aufweisen als Industrieländer.

Es gibt aber auch zwischen Industrieländern Unterschiede. Im Prinzip lassen sich hier drei Gruppen unterscheiden. Am weitesten entwickelt ist die europäische Staatengemeinschaft. Außerhalb Europas gibt es ein gemischtes Bild. So haben Neuseeland und Australien frühzeitig nationale Nachhaltigkeitsstrategien ausgearbeitet und vorgelegt. Dagegen fehlt es in Kanada an einer übergreifenden nationalen Nachhaltigkeitsstrategie. Der Strategieprozess in den USA fand bereits Ende der 1990er Jahre ein frühes Ende und wurde danach nicht weiter fortgesetzt. (Bornemann 2014, S. 315)

Wurden die Nachhaltigkeitsziele noch konkretisiert?

Die 17 Nachhaltigkeitsziele sind noch einmal in Unterziele gegliedert. Deutschland weist in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie von 2017 insgesamt 63 Unterziele auf. Die Entwicklung der Ziele wird in Deutschland alle zwei Jahre fortgeschrieben, wodurch der aktuelle Zielerreichungsgrad stets vorliegt. Die Auswahl bzw. Festlegung der Ziele und der Grad der Zielerreichung wird in Deutschland durch eine Reihe von Fachpublikationen kritisch analysiert und kommentiert.

Die Mehrzahl der BundesländerBundesländer hat ebenfalls eine Nachhaltigkeitsstrategie entwickelt. Daraus lassen sich Informationen zum Entwicklungsstand auch auf Landesebene entnehmen. Weiterhin lässt sich feststellen, dass erste KommunenKommunen in Deutschland eine kommunale Agenda 2030 entwickeln, die einer kommunalen Nachhaltigkeitsstrategie entsprechen. Und schließlich gibt es eine Reihe von Organisationen und Verbände, die eine Förderung aber auch einen höheren Bekanntheitsgrad des Leitbildes anstreben. So ist beispielsweise der Bundesdeutsche Arbeitskreis für umweltbewusstes Management e.V. (B.A.U.M.) seit 1984 darum bemüht, nachhaltige Entwicklung besonders im Unternehmensbereich aber auch in Kommunen und anderen Organisationen zu fördern. B.A.U.M ist mit über 500 Mitgliedern in Europa das größte Unternehmensnetzwerk für nachhaltiges Wirtschaften.

Warum kam es zu nachhaltiger Entwicklung und wo stehen wir heute?

Seit den 1950er Jahren hatte das marktwirtschaftliche System und damit die Ökonomie in vielen Lebensbereichen der westlichen Welt eine eindeutige Dominanz. In diesem Zusammenhang spricht man auch von dem Primat der ÖkonomiePrimat der Ökonomie. Einige Ökonomen wie Kenneth Boulding, John Galbraith und auch Edward Mishan haben jedoch schon ab den 1960er Jahren auf die wachsenden Umweltprobleme aufmerksam gemacht. So kam es zu den „ersten Vorläufern“ nachhaltiger Entwicklung. Besondere Beachtung fand in diesem Zusammenhang das Buch von Mishan mit dem Titel „The Costs of Economic Growth“. (Mishan 1967) Darin kritisiert er besonders das Sozialprodukt als Indikator für “human welfare“. Damit machte er deutlich, dass nicht nur materielle Güter das Wohlbefinden der Menschen bestimmen.

1972 erschien dann der erste Bericht an den Club of Rome mit dem Titel „Grenzen des Wachstums“ (Originaltitel: „The Limits of Growth“), der mit Unterstützung verschiedener Mitautoren ganz wesentlich von Dennis Meadows und seiner Frau Donella Meadows verfasst wurde. Der Bericht, der in 28 Sprachen übersetzt wurde, hat bis heute eine außergewöhnliche Popularität. Eine wesentliche Botschaft des Berichtes, die auch heute noch Relevanz hat, war, dass sich die Menschheit auf einem „Boom-and-Burst“ Pfad befindet. Danach führt ein exponentielles WachstumWachstumexponentielles zur Überschreitung der natürlichen Grenzen der Natur. Weiterhin kommt es zu einer Knappheit von nicht regenerativen Ressourcen wie Erdöl was sich negativ auf das →Wirtschaftswachstum auswirkt und zu Grenzen des Wachstums führt.

Entsprechend der Prognose treten bis zum Jahr 2100 Krisenphänomene auf wie eine De-Industrialisierung und eine massive Einschränkung der bisher üblichen Lebensverhältnisse. Selbst unter Berücksichtigung einiger konzeptioneller und methodischer Unzulänglichkeiten des Berichts, die sich primär aus dem damaligen Stand der Forschungsmethoden erklären, kann man feststellen, dass dieser Bericht eine heftige Diskussion über den Zusammenhang von Produktionsformen und Lebensstilen, aber auch über das exponentielle →Wirtschaftswachstum und die nicht erneuerbaren Ressourcen auslöste, die sich teilweise bis in die Gegenwart fortsetzten.

Gibt es weitere wichtige Schritte zur nachhaltigen Entwicklung?

Ein weiterer Meilenstein zur nachhaltigen Entwicklung war die erste große Umweltkonferenz der UN 1972 in Stockholm auf der das United Nations Environment Programme (UNEP) gegründet wurde. Das war der Anstoß dafür, dass in der Folge in vielen Ländern erste UmweltprogrammeUmweltprogramme und später Umweltministerien gegründet bzw. aufgebaut wurden. In Deutschland wurde am 14. Oktober 1971 unter Federführung von Willi Brandt das erste Umweltprogramm vorgelegt und am 6. Juni 1986 wurde das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit gegründet.

Die International Union for the Conservation of Nature (IUCN) hat 1980 in Kooperation mit verschiedenen UN-Organisationen die „World Conservation Strategy“ erarbeitet. (Grunwald, Kopfmüller 2012, S. 21) Dabei wurde der Begriff „Sustainable Development“ in einem größeren wissenschaftlichen und politischen Kreis verwendet. Inhaltlich zielte der Begriff noch wesentlich darauf ab, dass eine ökonomische Entwicklung ohne die Erhaltung und Funktionsweise der ÖkosystemeÖkosysteme nicht möglich ist.

Die soziale Dimension, die später in das Leitbild nachhaltiger Entwicklung als dritte Dimension mit einging, wurde zu diesem Zeitpunkt noch vernachlässigt. In dem Brundtland-Bericht wurde der Begriff „nachhaltige Entwicklung“ erstmals als globales Leitbild der Entwicklung einer breiten Öffentlichkeit nahegebracht. Das Ziel in dem Bericht ist, eine dauerhafte Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse unter Berücksichtigung der TragekapazitätTragekapazität der natürlichen Umwelt zu erfüllen.

Entsprechend geht es um das Bestreben, die Konfliktlinien zwischen Umwelt, Naturschutz, Armutsbekämpfung und →Wirtschaftswachstum zu überwinden. Es ging ganz konkret um die Verringerung bzw. Beseitigung der sich verschärfenden Krisenphänomene wie Dürren besonders in afrikanischen Ländern, die Vernichtung tropischer Wälder, die Verringerung der Ozonschicht, die Finanzkrisen und Verschuldungsprobleme vieler Entwicklungsländer und die Folgen schwacher und →korrupter Regierungen. Ein positiver Effekt des Reports ist, dass Wirtschafts- und Umweltpolitik nicht länger als getrennte Politikbereiche gesehen wurden, wobei eine kohärente Zusammenführung in vielen Ländern bis heute noch nicht stattgefunden hat. Damit kann zu dem nächsten Kapitel übergeleitet werden: Es geht um den Beitrag bzw. das Engagement der UNO zur nachhaltigen Entwicklung.

Literatur- und Videotipps:

Eine vertiefende Beantwortung der Fragen ist zu finden im Lehrbuch „Nachhaltige Entwicklung“ von Michael von Hauff, das in 2. Auflage im Jahr 2014 bei De Gruyter erschienen ist.

YouTube-Erklärvideos zu Umweltthemen und Nachhaltigkeit findest du zum Beispiel

 bei Schlaumal – Umwelt, Mensch und Tier,

 bei Sustainability Illustrated,

 bei Global Weirding with Katharine Hayhoe,

 bei The Story of Stuff Project und

 bei Hot Mess.

Die letzten vier Videos sind in englischer Sprache.

Nachhaltigkeit international


Agenda 21 und Agenda 2030, 17 SDGs – darum geht es nun. Außerdem um die Rolle der Industrieländer und der UNO im Nachhaltigkeitsprozess. Damit werden die lokale, nationale und internationale Perspektive eingenommen.

Wo können wir Nachhaltigkeit international finden?

Die UN-OrganisationenUN-Organisationen, aber auch einige Forschungseinrichtungen erkannten relativ früh die bereits genannten wirtschaftlichen und ökologischen Probleme, die sich besonders in EntwicklungsländernEntwicklungsländer verschärften. Hervorzuheben ist beispielsweise der Pearson-BerichtPearson-Bericht „Partners in Development“, der schon 1969 die Krise der Entwicklungsländer deutlich aufzeigte. Hervorzuheben ist auch die berühmte Rede des damaligen Weltbankpräsidenten Robert Mc Namara, die für die unbefriedigende Entwicklung ein bedeutender Beleg war (Mc Namara 1973):

„Die absolute Armut ist durch derart katastrophale Lebensumstände gekennzeichnet, dass die Entfaltung der Gene, mit denen die Menschen bei der Geburt ausgestattet sind, unmöglich gemacht und die menschliche Würde beleidigt wird. Und doch sind diese Bedingungen so weit verbreitet, dass sie das Los von etwa 40 Prozent der Menschen in den Entwicklungsländern bestimmen.“

Wie steht es um die Industrieländer?

Auch in Industrieländern haben sich ab den 1970er Jahren Umweltprobleme, Arbeitslosigkeit und auch eine wachsende Verschuldung in zunehmendem Maße verschärft. Die Versuche, die Probleme durch eine Stärkung marktwirtschaftlicher Strukturen im Sinne des Neoliberalismus zu verringern, führten vielfach nicht zu dem erwünschten Erfolg bzw. zur Lösung. Dadurch wurde die Lebenslage vieler Menschen teilweise noch mehr belastet. So kam es auf internationaler Ebene zu dem neuen Paradigma nachhaltiger Entwicklung. Es wurde bereits von der schon erwähnten international zusammen gesetzten Brundtland-KommissionBrundtland-Kommission in dem berühmt gewordenen Brundtland-Bericht inhaltlich konkretisiert. (V. Hauff 1987)

Was hat die UNO mit Nachhaltigkeit zu tun?

Auf der internationalen Konferenz 1992 in Rio de Janeiro (United Nations Conference on Environment and Development/UNCEDUNCED) verpflichteten sich 178 Nationen zu dem Leitbild nachhaltiger Entwicklung. Besondere Beachtung verdient das Aktionsprogramm zur Umsetzung des Leitbildes: die →Agenda 21Agenda 21 als Agenda für das 21. Jahrhundert. Die Agenda 21 besteht aus einer Vielzahl politischer Bekenntnisse, Ziele und Vorhaben bzw. Maßnahmen. Sie umfasst über 350 Seiten und führt unterschiedliche Themen und Anspruchsgruppen auf. (UNCED 1992)

Wird die Agenda 21 „gelebt“?

Die →Agenda 21 bestimmt bis heute ganz wesentlich die inhaltliche Ausgestaltung und die erforderlichen Maßnahmen zur Umsetzung nachhaltiger Entwicklung. Obwohl das Leitbild international eine große Popularität erfuhr, ist es bis heute in der Bevölkerung, wie einführend schon empirisch belegt wurde, nur in relativ geringem Maße bekannt. Dabei kann festgestellt werden, dass es auf internationaler Ebene seit 1992 zu einem kontinuierlichen Prozess kam, dem sogenannten Rio-ProzessRio-Prozess, durch den die nachhaltige Entwicklung global gefördert werden sollte.

Was hat es mit dem Rio-Prozess auf sich?

Auf der Rio-Konferenz wurden bereits eine Reihe von Beschlüssen wie die Rio-Deklaration zu Umwelt und Entwicklung, die zur Stabilisierung der Treibhausgasemissionen zur Vermeidung einer Störung des Klimasystems beitragen sollte, die Konvention über biologische Vielfalt (Biodiversitätskonvention) und die Waldkonvention zur Bewirtschaftung und Erhaltung der Wälder nach dem Nachhaltigkeitsgrundsatz verabschiedet. Es folgten viele Konferenzen, die sich unter dem Begriff des Rioprozesses subsumieren lassen.

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