Kitabı oku: «Das große Hochstapeln»

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Inhalt

Impressum 4

Das Buch 5

1. Kapitel 9

2. Kapitel 16

3. Kapitel 27

4. Kapitel 38

5. Kapitel 49

6. Kapitel 54

7. Kapitel 60

8. Kapitel 64

9. Kapitel 68

10. Kapitel 74

11. Kapitel 80

12. Kapitel 84

13. Kapitel 91

14. Kapitel 96

15. Kapitel 101

16. Kapitel 105

17. Kapitel 110

18. Kapitel 116

19. Kapitel 119

20. Kapitel 129

21. Kapitel 134

22. Kapitel 139

23. Kapitel 145

24. Kapitel 155

25. Kapitel 158

26. Kapitel 165

27. Kapitel 172

28. Kapitel 175

29. Kapitel 182

30. Kapitel 187

31. Kapitel 191

32. Kapitel 196

33. Kapitel 204

34. Kapitel 208

35. Kapitel 214

36. Kapitel 222

37. Kapitel 227

38. Kapitel 236

39. Kapitel 245

40. Kapitel 253

41. Kapitel 258

42. Kapitel 262

43. Kapitel 269

44. Kapitel 274

45. Kapitel 289

46. Kapitel 296

47. Kapitel 300

48. Kapitel 309

49. Kapitel 313

50. Kapitel 317

51. Kapitel 327

52. Kapitel 330

53. Kapitel 336

54. Kapitel 342

55. Kapitel 346

20 Zyklen später 353

56. Kapitel 354

57. Kapitel 359

58. Kapitel 366

59. Kapitel 375

60. Kapitel 383

61. Kapitel 395

62. Kapitel 398

63. Kapitel 407

64. Kapitel 419

65. Kapitel 433

Anmerkungen und Quellen 439

Und jetzt mal im Ernst 441

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-702-2

ISBN e-book: 978-3-99107-703-9

Lektorat: Leon Haußmann

Umschlagfoto: Stefan Waldek, Leipzig; Umschlagkarikatur: Fadi Esper, Berlin

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

Karikaturen innen: Fadi Esper, Berlin

www.novumverlag.com

Das Buch

Die Cheopspyramide ist ein Hammer, selbst in ihrem heutigen Zustand. Wenn man beruflich im Bauwesen involviert ist, vor diesem Monumentalbauwerk im ägyptischen Gizeh steht und Gelegenheit hat, in die inneren Gänge und Räume zu gelangen, überkommt einen dieses unbeschreibliche Gefühl von staunender Demut. Man reibt sich die Augen und erfasst ergriffen, was nachhaltiges Bauen nun wirklich bedeutet.

So ist eine fiktive und absurde Geschichte entstanden, die in der Zeit des Baues dieser großen ägyptischen Pyramide spielt. Ich selbst sollte in der Geschichte der leibhaftige Bauleiter dieses hoch und steil aufgestapelten Monuments sein. Ich hatte Lust darauf, den Leser in diese Sternstunde der Menschheit, satirisch aufgearbeitet eintauchen zu lassen und durch die Erzählung, treffende Vergleiche und auch bissige Parallelen zum heutigen Bauen mit staatstragenden Auftraggebern aufzuzeigen.

Ich bin schon sehr lange als Architektenbauleiter auf Groß-und Kleinbaustellen tätig. Ich weiß also, über was ich schreibe. So hat sich über die Jahre in mir eine Hassliebe zu meinem Beruf aufgebaut. Insofern kommt der Spott in meinem Roman von ganzem Herzen. Man erliest sich schnell mein Schreibvergnügen, denn ich hatte Spaß am Herrgott-Spielen.

Bevor ich mit dem Schreiben dieser Erzählung begann, habe ich mich über allgemein gültige Leitlinien für Autoren erkundigt. So fand ich bei Henryk M. Broder einen bemerkenswerten Satz. „Ein Autor sollte Herz, Leidensdruck, Fantasie und Distanz zu sich selbst haben“ (1). Das sind große Worte, fand ich, und begann, meine Talentansätze auf mögliche Übereinstimmungen zu überprüfen.

Herz hatte und habe ich. Leidensdruck, nun ja, nicht wirklich. Fantasie hatte und habe ich auf jeden Fall. Doch Distanz zu mir selbst zu haben, war unmöglich. Nicht so richtig viel Übereinstimmung zu finden, dachte ich mir. Immerhin konnte ich mir Herz und Fantasie bescheinigen und begann loszuschreiben.

Wir tauchen also ein in die Zeit der Herrschaft des Pharao Cheops. Es ist die früheste der klassischen Perioden des alten Ägypten, die Geschichte spielt im alten Reich.

Der gelbliche Sand der ägyptischen Wüste ist durchwoben von Brocken aus Kalkstein, die millionenjahrelang der Wind, die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht aus dem gewachsenen Fels geschlagen haben. Hier regnet es kaum. Die Brocken bleiben somit ungeschliffen. In der Nähe der Nil, ein großer und breiter Fluss. Der speist sich aus den Monsunregen im fernen Äthiopien im Jahrestakt im Mai und im Juni, wächst zu einem riesigen Strom und bringt seit ewiger Zeit fruchtbaren Nilschlamm. Wir befinden uns an einem Punkt des Flusslaufes, dort, wo die Wassermassen des Nils beginnen, sich zu einem mächtigen Delta zu spreizen. Das ist der Ort meiner Geschichte.

Die Tektonik und das Klima unseres Planeten veränderten im Laufe der Jahrmillionen den Ort unserer Handlung. Nicht immer war es hier trocken und heiß. Es entwickeln sich Pflanzen, es siedeln sich Tiere und schließlich Menschen an. Die Menschen verdanken ihre Existenz und ihre Kultur dem großen Fluss, den sie gottgleich verehren. Die ersten menschlichen Siedlungen sind an diesem Ort in der vordynastischen Zeit vor ca. 6 800 Jahren nachgewiesen. Danach bildeten sich, je nach mythologischem Entwicklungsstand des Kulturareals, Herrscherperioden heraus, die in der Ägyptologie als Dynastien des alten Reiches beschrieben werden. Die 4. Dynastie (2620 bis 2500 v. Chr.) wurde von Snofru gegründet. In einer Zeitspanne von etwa 120 Jahren wechselten sich sieben Könige ab, von denen die vier Könige Snofru, Cheops, Chephren und Mykerinos eine relativ lange Regierungszeit zwischen 18 und 30 Jahren ausübten. Diese Dynastie war eine Blütezeit Ägyptens und bleibt der Nachwelt durch die größten jemals in Ägypten errichteten Pyramiden in Erinnerung. So lernen wir es in der Schule, so jedenfalls die Mitteilungen der Wissenschaft der Ägyptologie und so oder ähnlich kann man die geschichtlichen Vorgänge im alten Ägypten durch vielfältige Quellen recherchieren.


Genau das ist die Zeit meiner Geschichte, die Zeit des Baues der großen Pyramide des Pharaos Cheops.

Ich lasse den Leser an den Planungen, an den Ausschreibungen und an der Realisierung dieses herrlichen Polyeders, dem rätselhaftesten Bauwerk der Menschheitsgeschichte, teilhaben. Wohl gemerkt, satirisch und mit Augenzwinkern aufgearbeitet. Ich lasse in den folgenden Kapiteln miterleben, welchen objektiven und subjektiven Konflikten die Projektbeteiligten ausgesetzt sind, wie die Verantwortlichen ringen, dem Pharao das gewünschte Denkmal für die Ewigkeit zu setzen. Dabei wird nicht unterlassen zu beschreiben, unter welchem persönlichen Druck die Protagonisten der Geschichte ihr privates Leben dem großen Ziel unterordnen und sich voll und ganz in den Dienst des Bauherrn stellen. Dies allerdings durchaus manchmal nicht ganz selbstlos.

Ich wünsche nun Freude beim Lesen. Kommen sie mit in die Welt, der schweren Leichtigkeit des Bauleiterseins.

Der Autor

Ein Dankeschön an

Fadi Esper für die Karikaturen

Stefan Waldek für die Covergestaltung

Heike Wehrmann-Ernst für eine freundlich kritische Beratung

an Gunter, Ludwig, Harald, Ines, Antje

und besonders an Regine

1. Kapitel

Aufregung im Sekretariat der Bauabteilung

Die stetige Ost-West-Passage des Sonnengottes Re am Himmelsfirmament zeigt an, dass es später Vormittag ist. Es herrscht Windstille. Das Leben in Memphis nimmt seinen gewohnten Lauf. Die aufkommende Mittagshitze beginnt sich in der Hauptstadt durchzusetzen. Traditionell beginnen die Menschen jetzt, ihren Lebensrhythmus runterzufahren. Sie suchen schattige Plätze und bereiten ihr Mittagsschläfchen vor. Das Geschäftsleben kommt zur Ruhe. Nicht so im Sekretariat der Bauabteilung. Hier wird heute aufgeregt und hitzig debattiert. Eine Depesche, mit einem schon lange angekündigten Gutachten zum statischen Zustand der Djoser Pyramide, ist soeben aus Sakkara eingetroffen. Das Gutachten soll Dr. Djosi-Meter erstellt haben, ein gefürchteter, aber dennoch anerkannter Experte für Tragwerkzustände. Die Chefsekretärin der Bauabteilung wirft einen flüchtigen Blick in das Dokument und kann nicht glauben, was da niedergeschrieben steht.

Die Bauabteilung ist untergebracht in einem modernen Geschäftshaus direkt an der Zufahrtsstraße aus Richtung Gizeh. Ein vergoldetes Firmenschild ziert unübersehbar den Gebäudeeingang. Es dient als Wegweiser für die Besucher und informiert über die Sprechzeiten der Baufachleute. Ursprünglich war beabsichtigt, dass der Partnerarchitekt der Bauabteilung sich mit seinen Mitarbeitern im gleichen Geschäftshaus einmietet. Damit wären die Kommunikationswege der Baufachleute auf das geringste Maß verkürzt. Der Architekt hatte aber abgelehnt und es vorgezogen, ein Büro in einem ruhigeren Stadtteil, am Rande der Großstadt gelegen, zu beziehen. Dort ist dem ebenerdigen Büro ein großer Garten zugeordnet. Diese Direktbeziehung zur Natur ist dem Planer wichtig. Er findet im Garten den für Architekten so wichtigen entspannenden Freiraum zum Ordnen seiner Gedanken. Hier entstehen die Skizzen, hier bestimmen Kopf und Hand die tragenden Hauptlinien seiner Bauentwürfe. Blumenrabatte, ob künstlich angelegt oder wild gewachsen, und die wunderschönen Schmetterlinge seines Gartens inspirieren seine Farbkonzepte. Er weiß, dass sich die Natur nicht irrt. Biologischer Obstanbau wurde bereits vom Vormieter angelegt, der das Angebot des in der Nähe befindlichen Kaufmannladens an Qualität bei weitem übertrifft. Die Inanspruchnahme dieses Füllhorns der Natur ist für seine Angestellten sogar dienstrechtlich geregelt, denn der Architekt ist sich sicher, dass nur in einem gesunden Körper ein gesunder Flaschengeist gären kann. Von unschätzbarem Wert ist, dass in seinem Garten ideale Auslaufmöglichkeiten für seinen Hund und für seine Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Bewusst wählte er für sein Büro ein Gebäude mit einem begehbaren Flachdach. So kann er mit seinen Mitarbeitern in festgelegten Intervallen Körperertüchtigung mittels Dachterrassensport betreiben.

Diese großartigen Arbeitsbedingungen können die Räume des Baubüros der Bauleitung nicht bieten. Sie liegen an einer lauten staubigen Hauptstraße. Dafür sind sie aber hell, ausreichend in der Fläche geschnitten und großzügig ausgestattet. Moderne Zu- und Abluftöffnungen sind in den Böden und Decken der Büroräume eingelassen. Ein auf dem Dach des Geschäftshauses befindlicher Luftturm bringt die Sogöffnungen in den Räumen klimatechnisch relevant in die Funktion. Raffiniert angeordnete Klappensysteme in den Öffnungen sind über eine zentrale Handsteuerung je nach Bedarf bedienbar. Die Kollegen der Haustechnik bezeichnen derartige Anlagen als Anlagen der Gebäudeleittechnik und versicherten der Bauleitung, dass sie dem neusten Stand der Technik entsprechen. Somit wird ein steter Luftumschlag erzeugt, der die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter in der Hitze des Tages erträglich macht. Ein Grund, den Kollegen der Haustechnik auch einmal dankbar zu sein.

Im Mietbereich der Bauabteilung befinden sich das Arbeitszimmer des Projektleiters, das Arbeitszimmer des Bauleiters, ein Sekretariat mit zwei Arbeitsplätzen, ein größerer Raum mit sechs Arbeitsplätzen für technische Mitarbeiter und Praktikanten, eine Plankammer mit Archiv, eine Besenkammer mit Besen, eine Teeküche für die Zubereitung von Kaffee und ein Besprechungsraum. Im Flur des Geschäftsbereiches ist das Terrarium mit dem gesetzlich vorgeschriebenen Rauchmeldeleguan in Deckennähe untergebracht. Diese Tiere sind besonders geeignet, für die Zwecke des vorbeugenden Brandschutzes eingesetzt zu werden. Von Natur aus sind sie mit einem hochsensiblen Geruchssinn ausgestattet und sie sind trainiert, schon bei geringster Rauchentwicklung durchdringend quäkende Laute auszustoßen. Die Bauabteilung ist ein Konstrukt des Amtes für Städtebauangelegenheiten, welches im zentralen Pharaopalast der Hauptstadt die Fäden für Regierungs- und Sonderbauten in der Hand hält. Der Amtsleiter, ein erfahrener Wesir am Hofe des Cheops, hat den Architekten und den Projektleiter direkt berufen. Diese wiederum haben sich nach ihren eigenen Vorstellungen eine Mannschaft zusammengestellt, die die großen Projektherausforderungen stemmen kann.

Große Aufregung herrscht also im Sekretariat der Bauabteilung. Die Chefsekretärin Frau Notvertrete mahnt zur Ruhe und Besonnenheit. „Es macht keinen Sinn, sich über das Gutachten von Dr. Djosi-Meter zu echauffieren. Eigentlich kommt es genau zum richtigen Zeitpunkt“, beschwört die Chefin des Büros die verunsicherten Mitarbeiter. „Es ist in der Welt und basta, machen wir das Beste draus. Wir wissen jetzt, wie wir es nicht machen sollen“, so die entschiedene Ansage von Frau Notvertrete. Die Chefsekretärin wurde in einem aufwendigen Bewerbungsverfahren vom Projektleiter persönlich ausgewählt. Die Kriterien, die die Verfahrensteilnehmerinnen zu erfüllen hatten, waren höchst anspruchsvoll. Frau Notvertrete erfüllte diese Kriterien und wurde sofort eingestellt. Zum einen war ihre fachliche Eignung zur Besetzung der Stelle einer Büroleiterin herausragend und zum andern überzeugte sie durch ihre unglaublich feminine Ausstrahlung. Sie ist eine schöne Frau mittleren Alters, mit selbstbewusster Körpersprache und resoluter Stimme. Die Idealbesetzung schlechthin für männliche Führungskader, die Wert auf fachliche Kompetenz, Jovialität und weibliche Sinnlichkeit legen.


Frau Notvertrete ist verheiratet. Ihren Mann hat sie schon früh während ihrer Ausbildung an der Fachschule für gute Büroorganisation kennengelernt und lebt mit ihm kinderlos und bescheiden in einem kleinen Häuschen am Stadtrand. In ihrer knapp bemessenen Freizeit widmet sie sich der Beschaffung modischer Kleidung, dazu passendem Schmuck und angesagter Kosmetik. Ganz besonders liebt sie das Backen. Auch für diese Fähigkeit genießt sie in der gesamten Bauabteilung höchste Anerkennung. Kostproben ihres Backschaffens bringt sie in regelmäßigen Abständen mit ins Büro und stellt diese den Mitarbeitern zum Verzehr zur Verfügung. Besonders ihre Plätzchen sind von herausragender Qualität und verhelfen so, wenn sie den Geschäftspartnern angeboten werden, mancher Geschäftsbesprechung zum Erfolg. Die Mitarbeiter haben sich etwas beruhigt. Frau Notvertrete nimmt sich nun den Punkt der Zusammenfassung des Gutachtens vor und resümiert vor den Kollegen der Bauabteilung: „Die Kalksteinstruktur des Tragwerks der Djoser Pyramide ist miserabel, schlecht gebaut und schlampig überwacht“. Frau Notvertrete schaut vom Text auf und betont mit ihrer Mimik das ungeheuerlich Geschriebene. „Das ist dort tatsächlich formuliert. Den Baumeister Imhotep nennt der Gutachter in seinem Text sogar einen Imho-Depp!“ Wieder lässt sie den Text sinken. Betroffenheit macht sich breit. „Dieser Wortwitz sollte besser nicht an die Öffentlichkeit, denn das ägyptische Volk verehrt den Baumeister als Nationalhelden“, fügt die Chefsekretärin belehrend ein. Sie führt weiter aus, dass es lächerlich wäre, eine so kleine Pyramide, mit einer so läppischen Höhe von nur 118 und einer Grundfläche von 231 mal 208 Königsellen (2), als Stufenbauwerk auszubilden. Es wäre besser gewesen, eine scharfzügige, klar strukturierte Pyramide zu errichten. Erst dann wäre der Anspruch des Bauherrn berechtigt, ein Bauwerk erschaffen zu haben, welches nicht von dieser Welt ist. „Und was ist daraus geworden?“, fragt der Gutachter provozierend. Er antwortet im Gutachten: ein hässlicher abgestufter Steinhaufen, der mit Sicherheit spätestens in 4500 Jahren zu erodieren beginnen wird. Bei Weglassen des ganzen Firlefanzes mit den Basisbauten der Tempel, der Gräber für hohe Beamte und der Umfriedungsmauer wären die Mittel vorhanden gewesen, die Stabilität einer so kleinen Pyramide auch ohne Abstufung abzusichern. „Und dann unterschreibt Dr. Djosi-Meter noch mit freundlichen Grüßen!“ Entsetzt lässt Frau Notvertrete den Schmäh-Papyrus sinken, schaut in die Runde und ist sich sicher, dass dieses Gutachten in Fachkreisen hohe Wellen schlagen wird. Sie geht in das Dienstzimmer des Projektleiters und legt das Gutachten auf seinen Schreibtisch. Er ist derzeit unterwegs und sie kann sich in Ruhe der Überprüfung des Zustandes von Ordnung und Sauberkeit des Arbeitsbereiches ihres Chefs widmen und penibel kleinere Mängel korrigieren. Sie macht es gern, denn sie weiß, dass ihr Chef nicht die Zeit hat, auf den Tischen und in den Regalen Ordnung zu halten. Es ist gut, dass mit der Einstellung von Frau Notvertrete als Chefsekretärin eine Person in der Bauabteilung vorhanden ist, die trotz hoher und strenger Arbeitsanforderungen an die Belegschaft eine wohltuende Ruhe und Gelassenheit ausstrahlt. Sie ist beliebt und wird von allen Mitarbeitern verehrt. Das Wohlwollen ihres Chefs besitzt sie im besonderen Maße, denn es kommt schon mal vor, dass üppige Blumensträuße ihren Schreibtisch zieren, die ihr der Chef persönlich arrangiert hat. Meist ist im Strauß ein kleines Kärtchen mit sympathischen Widmungen an seine Sekretärin platziert. Sie dirigiert geschickt die alltäglichen Aufgeregtheiten, besänftigt und stachelt an, je nach Bedarf und Charakter des betreffenden Mitarbeiters. Besonders in resignativen Phasen des Büropersonals ist diese Frau unersetzlich. Ein Beispiel: Wenn es nicht mehr anders geht, dann nimmt sie eine große Kamelhaardecke und verdeckt damit die an der Wand befestigten Grundrisse, Ansichten und Schnitte des gigantischen Bauwerks. Es sind die Dimensionen und die beabsichtigte Bauart, die zu akuter Schlaflosigkeit, zu plötzlichen Schwindelgefühlen und Angstzuständen bei den Mitarbeitern führen. Frau Notvertrete weiß das. Sie nimmt dann die Decke und schon ist das bedrohlich Unvorstellbare für die ängstlichen Augen nicht mehr präsent.

Die Bauabteilung mit dem Kerngeschäft der Baustellenorganisation ist vom Bauherrn zum Zwecke der Umsetzung eines in der Menschheitsgeschichte einmaligen und unvorstellbaren Bauwerks installiert worden. Sie ist direkt dem Wesir für Städtebauangelegenheiten am Hofe des großen Pharaos unterstellt. Pharao Cheops will einen Riesenquader mit quadratischer Grundfläche in den Dimensionen 440 x 440 Königsellen (2) und einer Höhe von 280 Königsellen aus gebrochenem Kalkstein und zum Teil aus Granit in hochfeinem Zustand auf einem Hochplateau am Nilufer in der Umgebung von Gizeh errichten lassen. Wozu das Ganze? Das sagt er nicht. Es lässt sich nur ahnen, dass mit der gewaltigen Größe des Bauvorhabens eine Symbolik zur Größe des Pharaos manifestiert werden soll. Welche Funktion haben die Hohlräume und Gänge im Quader? Auch das sagt er nicht. Hierzu behält er sich noch Angaben vor. Das Bauvorhaben hat etwas Bedrohliches und es darf nicht scheitern.

2. Kapitel

Großer Kummer an einem herrlichen Ort

Ich habe am Nilufer einen Lieblingsplatz. Man ist dort allein und kann das Dahinfließen dieses herrlichen Wassers genießen. Heute habe ich mir eine Auszeit vom Berufsalltag genommen und besuche diesen wundervollen Ort. Die Wellen funkeln wie Diamanten, die im gleißenden Sonnenlicht prachtvolle und ständig wechselnde Farben annehmen. Kein Wunder, dass der Nil gottgleich verehrt wird. Es ist der Gott Nil Diamond, den die ägyptischen Bauern und Fischer anbeten. Reiche Fischvorkommen bevölkern den mächtigen Fluss und ernähren unzählige Fischerfamilien. Die Furcht vor wütenden Nilpferden oder von heimtückischen Krokodilen zerrissen zu werden, hält sich durch die bemerkenswerten Fischbestände in Grenzen. Berufsrisiko nennen die mutigen Fischer diesen Umstand und haben sich in der Regel gegen Berufsunfähigkeit gut versichert. Unzählige Vogelarten bevölkern die Ufer und die kleinen Inseln inmitten des Flusses. Wenn sie auffliegen, bewundere ich ihre majestätischen Flügelschwünge. Da oben, hoch in der Luft, muss ihre Freiheit grenzenlos sein, besingen bekannte Liedermacher die Flugfähigkeit dieser Tiere. Welche Schönheit, wenn sich ein Schwarm Schwäne im Landeanflug befindet. Welche sinnliche Romantik, wenn ein Schwan zu singen beginnt und die anderen Tiere dazu schweigen. Der Nil führt derzeit kein Hochwasser. Das Wasser ist heute klar. Die Pflanzen der Uferbereiche stehen im satten Grün und blühen in märchenhaften Farben. Sie verströmen betörende Düfte, die durch den leichten Wind in meinen Lieblingsplatz hineinwehen. Dieses göttliche Naturschauspiel ist das Paradies mit einem ausgewogenem ökologischem Gleichgewicht.


Doch ich habe Kummer und blicke traurig auf den Fluss. Ich denke an Schi Tot und dieses unangenehme mulmige Gefühl in der Magengegend ist wieder da. Sie ist vor ein paar Tagen Hals über Kopf abgereist, einfach abgereist, wie sie es nennt. Sie zieht es in den Süd-Sudan, zu den Völkern der Nubier, wie sie sagt. Die Nubier verlieren zwar die Kriege gegen uns und gelegentlich auch mal ein Länderspiel, entwickeln aber eine bemerkenswerte und beneidenswerte Kreativität, mit ihren Göttern in Frieden zu leben und einem menschenwürdigen Dasein eine hohe Priorität beizumessen. So jedenfalls steht es in der modernen Verfassung der Nubier, die mit einer lebensbejahenden Präambel beginnt: „Wie zahlreich sind doch die Dinge, deren wir nicht bedürfen“. Damit sagen die Nubier aus philosophischer Perspektive eigentlich alles. Die würden nie auf die Idee kommen, große Steine aufeinander zu stapeln, um Ihre Eliten zu würdigen. Die haben dort keinen Cheops, der in seiner unergründlichen Weisheit Bauwerke in Auftrag gibt, die von niemandem verstanden werden. Das war schon immer so und wird wohl auch so bleiben, dass es immer wieder Staatenlenker gibt, die ähnlichen Größenwahn ihrem Volk zumuten.

Es tut schon weh, dass Schi Tot nun nicht mehr in meiner Nähe ist. Was für Momente. Wie grandios und schmerzlich zugleich, diese unausgesprochene Liebe zu fühlen. Die Kraft zur Anstrengung des Abschiedes vor einer Woche ist das mit Freude Vereinbarte beim nochmal umdrehen. Sie sagt, dass sie zurückkommen werde und wir uns vielleicht wiedersehen. Auch wegen mir. Das ist das wärmende Feuer für den Tag und besonders für die Nacht. Ich weine nicht oft. Und dennoch laufen Tränen, wenn ich mich frage, welche Bedeutung ich dem Wort „vielleicht“ beimessen soll. Kennengelernt habe ich Schi Tot in einer kleinen Galerie im Künstlerviertel von Memphis. Das ist jetzt fast einen Sonnenzyklus (4) her. Eine Freundin von ihr gab eine Vernissage ihrer neusten Kollektion von Perlenstickereien. Ich bin zufällig vorbeigekommen, sah ein hübsch angerichtetes kleines Buffet und trat kunstinteressiert in die Ausstellungsräume. Ich lobte am Tresen den ersten Gesamteindruck der Kunstschau und erhielt problemlos kostenfrei erfrischende Getränke. Normal interessiere ich mich nicht für Perlenstickereien. An diesem Abend aber war das anders. Gerade stand ich vor einem abstrakten Schwarz-Weiß-Perlenarrangement eines kleinen dicken Vogels, als mich eine wunderschöne junge Frau antippte und mir von einem üppig gefüllten Tablett Speisehäppchen anbot. Ich war sofort verzaubert vom Anblick dieser Ausstellungshelferin und habe verlegen die Einnahme eines Snacks abgelehnt. Ihr schwarzes Haar, das Lächeln, ihr Antlitz und diese kleine rote Perlenblume an ihrer linken Schulter verdrehten mir sofort den Kopf. Um heiter zu wirken, zeigte ich auf den Vogel und fragte gespielt verlegen: „Ist der schwanger?“ Ein bisschen verdrehte sie ihre Augen und murmelte, oh nein, nicht schon wieder. Doch sie drehte sich nicht gleich weg. Offensichtlich ahnte sie, dass es mir besonders die kleine rote Perlenblume angetan hat und hielt mir nochmals das Häppchentablett hin. Die Blume hätte ihre Freundin kreiert und alle, die ihr bei der Vernissage aushelfen würden, trügen ähnliche Blumen. Sozusagen als lebende Bilderrahmen, um diese hübschen Anstecker zum Kauf anzubieten, erläuterte sie mir lachend. Tatsächlich trugen mehrere junge Frauen diese Perlenblumen und bewirteten dabei adrett die Gäste der Ausstellungseröffnung. Ich fand die Geschäftsidee überzeugend und ließ mich darauf ein. Keinesfalls wollte ich eine verlegene Pause entstehen lassen und fragte die junge Frau entschlossen nach dem Preis. Ich meine natürlich den Preis für die Blume, schob ich lustig gemeint hinterher. An ihrem Stirnrunzeln glaubte ich zu erkennen, dass in ihrem Sprachzentrum verächtlich die Wortkombination „Sprüche klopfender Witzbold“ produziert wurde. Aber laut aus ihrem Mund kam die Wortkombination nicht. Ich solle mich einen Moment gedulden, riet sie mir. Sie wolle sich bei ihrer Freundin nach dem Preis erkundigen, rief sie mir noch zu und verschwand im Besuchergedränge.

Ich widmete meine Aufmerksamkeit wieder dem kleinen schwangeren Vogel und übte mich in Körpersprache, so als würde Interesse an dem Kunstwerk bestehen. Übrigens unterschied sich die Körpersprache der meisten anderen Gäste nicht von der meinen. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich genau diese Szenerie. Es ist wie immer, genau so laufen die meisten Ausstellungseröffnungen ab. Die Gäste sind die eigentlichen Kunstwerke, der Rest ist Kulisse.

Tatsächlich kam die junge schöne Frau mit einer anderen Frau an der Hand nach kurzer Zeit auf mich zu. Wir machten uns flüchtig bekannt. Die andere Frau war die Kunstschaffende persönlich, die mir die Hand gab, sich erfreut über mein Kaufinteresse zeigte und den Preis nannte. Wupps, so kommentierte ich doch etwas erschrocken die Überdosis der genannten Höhe der Zahlungsmittel. Ich willigte aber schnell ein, da mein Interesse an dieser jungen schönen Helferin immer größer wurde. Außerdem wollte ich als „flüssig“ gelten. Ich bestand darauf, dass der Kauf der Brosche über Schi Tot in drei Tagen abgewickelt werden sollte. Den Namen kannte ich jetzt und fand ihn äußerst sympathisch. Auch erfuhr ich so, dass Schi Tot ebenfalls Künstlerin ist und ein paar Straßen weiter weg einen kleinen Kunsthandel betreibt. Drei Tage später hielt ich die rote Perlenblume in der Hand, drückte sie an mein Herz und spürte so die Wärme dieser herrlichen Frau. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich mir eingestehen, dass ich verliebt bin. Denn nie zuvor bin ich mit einer Perlenblume ins Bett gegangen. Mein Gutenachtkuss auf das Perlenarrangement sagt einiges.

Seither habe ich eine Beziehung zu Schi Tot, die ich als unvollendet bezeichnen würde. Sie ist eine souveräne Künstlerpersönlichkeit, stark und unabhängig. Die Beanspruchung dieses Freiraumes ist ihr Credo. Ich muss und will mich dem fügen, denn allein der Zustand der innigen Freundschaft zwischen uns beiden macht mich glücklich. Die Hoffnung, dass aus der Freundschaft eine leidenschaftliche Liebe wird, treibt mich täglich an und ist der Kraftquell all meines Denkens und Handelns. Doch nun ist sie plötzlich abgereist, einfach abgereist. Das macht mir Kummer, verzweifelten Kummer.


Plötzlich flatterten in der Nähe ein paar Wildgänse aufgeregt krächzend in die Luft. Offensichtlich hat sich ein Nilpferd zum Landgang entschlossen. Sehen kann ich das nicht. Ich muss mich deshalb konzentrieren und aufpassen, dass es zu keiner Konfrontation mit diesem Koloss kommt. Die Tiere sind auch an Land unberechenbar und können aggressiv werden. Ich muss mich jetzt auf den Erhalt meiner Existenz konzentrieren. Die Schwermut der Gedanken an Schi Tot verfliegt. Der Cheopswürfel dringt in meinen Kopf. Ich schüttle mich und stelle fest, dass kein Nilpferd die Lichtung betreten hat. Ich kann mich nun gedanklich wichtigen beruflichen Angelegenheiten widmen.

Es war Echt-Natron, der mich überzeugt hat, dieses Projekt engagiert anzunehmen. Ich soll für die Ausführung zuständig sein, als Bauleiter vor Ort. Das ist einerseits eine große Ehre, andererseits kann es bei Misslingen über ein Urteil des Bauherrn zum Tode führen. Echt-Natron lächelte mich beim Nennen dieser beiden Optionen mit verschmitzten Augen an. So ist er, mein Chef. Nur so kenne ich ihn. In seiner unverwechselbaren Art nennt er das Eintreten der tödlichen Option als den perfekten Zustand von Ruhe für Körper und Geist. Meistens ist Echt-Natron ein richtig cooler Typ, der in sich ruht. Doch nicht immer. Wenn hausgemachte Probleme auftauchen und seine Geduld strapazieren, dann kann er plötzlich sehr aufbrausend agieren. Dann ist er – echt wie Natron. Das müssen seine Eltern bei der Namensgebung wohl geahnt haben.

Ich kenne diesen Baustellenfuchs seit vielen Jahren. Gemeinsam haben wir bei der Sanierung der Fundamente des Leuchtturms von Alexandria auf der Insel Pharos an der Küste im Norden Ägyptens die Bauleitung übernommen. Der Turm begann stetig zu kippen. Es wurde ein schiefer Turm, der nicht mehr richtig leuchten konnte. Umfangreiche und komplizierte Unterfahrungsmaßnahmen mussten zügig und verlässlich durchgeführt werden. Wir haben dabei prächtig harmoniert, uns gut kennengelernt und letztlich die Sanierung erfolgreich abgeschlossen. Auf ewig wird die Konstruktion des Turms allerdings nicht halten. Diesen Sachverhalt haben wir offen den Leuchtturmbetreibern mitgeteilt. Dennoch erhielten wir hohe Anerkennung.

Echt-Natron ist ein Bauleiter der alten Schule, eben von echtem Schrot und Korn. Er hasst Schriftverkehr zum ausschließlich rechtssichernden Zweck und bevorzugt den verlässlichen Handschlag. Das gegebene Wort muss für eine verbindliche Absprache reichen. Sein Bauchgefühl ersetzt schon mal den Statiker und andere Konstrukteure. Er setzt auf Psychologie und behauptet, dass 50 % seiner Fähigkeiten als Bauleiter auf dieser Lehre der Seele beruhen und fügt dann in der Regel schmunzelnd an, der Rest ist meine erotische Ausstrahlung. In der Baubranche in Unterägypten ist er anerkannt. Seine Methoden und seine Fähigkeiten der Baustellenleitung haben sich herumgesprochen. Nicht zuletzt deshalb hat ihn der Wesir für Städtebauangelegenheiten ohne nervige Stellenbewerbung zum Projektleiter erkoren. Seine Befugnisse sind weitreichend verabredet. Dass er sich damit einem erhöhten Erfolgszwang ausliefert, ist ihm voll bewusst. Eine seiner besonderen Fähigkeiten ist es, Verantwortung an seine Mitarbeiter zu delegieren. Genau dies konnte ich vor ein paar Tagen hautnah erfahren.

Ich erinnere mich jetzt, wie er mich zu einem lockeren Mitarbeitergespräch einlud, um mir die Übernahme des Bauleiterpostens für ein Großprojekt schmackhaft zu machen. Zunächst sprach er von unserer guten Zusammenarbeit in Alexandria bei der Sanierung des Leuchtturmes und zeigte mir die hellen und luxuriösen Büroräume seines neuen Dienstsitzes. Mir war damit sofort klar, dass etwas Großes bevorstehe. Ich lobte ihn ob seiner Wahl, Frau Notvertrete zur Chefsekretärin zu benennen. Eine bestechend attraktive Frau, die mit natürlicher Freundlichkeit die Gäste ihres Chefs in Empfang nimmt und als Willkommensgruß köstliche Plätzchen reicht. Zunächst lobte Echt-Natron mich in Bezug auf meine Fähigkeiten als Bauleiter, was mich stutzig machte, denn ein Lob ist in unserer Branche eher ungewöhnlich. Rote Teppiche für Preisverleihungsorgien, wie sie z. B. für Künstler und Personen des öffentlichen Lebens üblich geworden sind, werden für Bauleiter nicht vorgesehen. Irgendetwas steckte hinter der Schmeichelei von Echt-Natron. Es gelang mir nicht, es zu deuten. Das Mitarbeitergespräch verlief zunächst stockend und nicht präzise genug. Echt-Natron sagte grob, es gebe wohl Probleme mit der Kostenschätzung, der Terminplanung und mit der technologischen Umsetzung des Baues des Cheopswürfels. Naja, nicht grade „wenig“, aber normal für größere Bauprojekte, spielte er die Tragweite der Problemaufzählung herunter. Die Architekten hätten eine Heidenangst, ihre ersten groben Berechnungen zu den Kosten dem Cheops offen mitzuteilen. Vertraulich hätte der Architekt ihm gesteckt, dass die anvisierten gedeckelten Geldmittel wohl nur zu einem Drittel die tatsächlichen Baukosten abdecken würden. Die technische Umsetzung, egal ob für einen großen Würfel oder für einen kleineren Würfel, sei eher unklar. Für eine zusätzliche Geldbeschaffung durch eine gezielte kriegerische Handlung gegen irgendeinen reichen Nachbarn wäre die Zeit zur Vorbereitung und Ausführung zu knapp. Bei den leicht zu besiegenden Nachbarn, den Nubier, sei eh nichts mehr zu holen. Die sind uninteressant, da zu arm. Es fehle also Geld, beendete er seine Problemaufzählung. Pause.

Ich sortierte das Gehörte und fühlte eine starke Neigung zum sofortigen Abgang. Echt-Natron zuliebe blieb ich dennoch und stellte nun ein paar wesentliche Fragen. „Gibt es eine Grundstatik, und was sagt generell der Statiker zu den Tragwerkprinzipien des Bauvorhabens?“, war nach langem zögerlichem Überlegen meine erste Frage. „Es wurde keiner beauftragt“, antwortete Echt-Natrons achselzuckend. „Nicht mal für eine Projektberatung in der Planungsphase steht dem Architekten diese Fachkraft zur Verfügung, obwohl wir genau das empfohlen hatten.“ „Ist wohl dumm gelaufen“, erlaubte ich mir als Kommentar und stellte eine zweite Frage. „Ist beabsichtigt, eine Projektsteuerung zu beauftragen?“ „Ja, es sind die Herren der Hohen Priesterschaft am Hofe des Bauherrn mit Hoch-Hart-Muth an der Spitze, du weiß schon, die gleichen Herrn wie bei der Fundamentsanierung des Leuchtturms an der Küste“, antwortete Echt-Natron, nichts Gutes ahnend. Ich wurde sauer. Kein Statiker, aber eine Projektsteuerung. Echt-Natron verwies noch auf das klare und unerbittliche Nein von Bauherrenseite bei der Bitte zum Verzicht auf die Berufung einer Projektsteuerung. Diese Schaltstelle wäre zu wichtig, um darauf zu verzichten, so das Argument der Auftraggeber. Diesen gravierenden Irrtum konnte weder der Projektleiter noch der Architekt in diversen Besprechungen mit dem Bauherrn klären.

Nun die dritte wichtige Frage, nachdem Echt-Natron die zugestandene Bauzeit von nur 20 Zyklen genannt hatte. „Wird das Bauwerk Haustechnik erhalten?“ Der Projektleiter zögerte mit der Antwort, wohl wissend, welchen Einfluss Haustechnikgewerke auf einen Bauablauf nehmen können. „Es sollen wohl Licht in die Gänge und ein Falltürsystem installiert werden“, beantwortete Echt-Natron meine Frage. „Nach Voranfrage beim Bauamt wird eine Entrauchung der Fluchtwege und der Hohlräume verlangt, da die Architektenansichten nicht auf Fenster oder sonstige größere Fassadenöffnungen am Gebäude schließen lassen. „Wie das umgesetzt werden soll, ist noch zu klären“, beendet Echt-Natron seine Reaktion auf meine Haustechnikanfrage. Seine Darstellungen ließen mich erschaudern. In mir festigte sich wieder der dringende Wunsch, meine Mitarbeit am Projekt abzulehnen. Die immense Menge an Negativfaktoren wirkte nicht gerade stimulierend, den Job des Bauleiters anzunehmen.

Die befreiende Wirkung des Nein-Sagen-Könnens ist derzeit in Mode gekommen. Ein Heer von Wahrsagern und Schamanen, die es an jeder Ecke in Memphis gibt, beschwören die fast narkotische und berauschende Wirkung einer konsequenten Ablehnungshaltung sowie der damit verbundenen individuellen Autonomie. Ich musste daran denken und begann sorgfältig abzuwägen. Ein Nein bedeutet, raus aus diesem Geschäft. Echt-Natron wäre wohl enttäuscht, wenn ich meine Mitarbeit verweigern würde. Ein echtes Dilemma, dachte ich mir und versuchte positiv zu denken. Ein Ja wiederum verhieße unendlichen Ruhm und höchste Ehre. Ich stellte mir die lange Schlange von Autoren vor, die sich um die Rechte der Abfassung meiner Biografie bemühen. Ich stellte mir vor, wie berühmte Maler und Bildhauer sich drängen, ein Bildnis von mir in stolzer Pose zu inszenieren. Und ich stellte mir vor, wie ein auserwählter Monumentalkünstler aus einem großen Fels in der Nähe des Bauplatzes ein kolossales und Sphinx-gleiches Ebenbild des erfolgreichen Bauleiters meißelt. Für alle vorbeifahrenden Flussfahrer und für alle sonstigen Besucher des Cheops-Bauwerks würde ihr Blick auf einen Baulöwen mit einem klugen mächtigen Kopf fallen. Mein Ebenbild würde bis in die Ewigkeit als Kraftpaket aus Tier und Mensch auf diesem erhabenen Plateau thronen und Scharen von pilgernden Bauleuten und Heimwerkern anziehen. Mit diesen Bildern im Kopf verabschiedete ich mich schnell von meinem Zögern und ließ meine Abenteuerbereitschaft und meinen Pioniergeist siegen. Wohl auch, weil das Gehalt stimmte und Freibier auch für die Bauleitung in Aussicht gestellt wurde. Ich entschied mich für die Teilnahme am Projekt. Sarkastisch, auch um genauso cool wie Echt-Natron zu wirken, fragte ich ihn: „Falls ich die Bauleitung übernehme, was machen wir dann alle Nachmittags?“

Nun ist doch ein Nilpferd an Land gegangen. Ich werde abrupt aus meinen Gedanken an die Arbeitswelt gerissen. Auf meinem Lieblingsplatz am Nilufer steht ein riesiges Nilpferd und beansprucht in höchstem Maße meine Aufmerksamkeit. Es kaut geräuschvoll schmatzend das saftige Ufergrünzeug. Das tut es in bedrohlicher Nähe zu mir. Beim Kauen beobachtet es mich mit aggressiven Blicken voller Misstrauen. Jetzt öffnet das Nilpferd sein riesiges Maul und beeindruckt mich mit seinen imposanten riesigen Eckzähnen und seinen merkwürdig stoßzahnartigen Schneidezähnen. Da möchte ich keinesfalls dazwischengeraten. Voller Grauen schießt mir durch den Kopf, dass es sich bei dem Nilpferd um einen Bullen handeln könnte. Blitzschnell fallen mir die allgemein gültigen Regeln für die Begegnung mit wilden Tieren ein, die für alle unbewaffneten Ägypter gelten. Zunächst gilt es, Ruhe zu bewahren. Das ist leicht gesagt angesichts des monströsen Maules. Ich versuche es trotzdem und ergänze diese Regel mit dem Versuch einer beruhigenden Kontaktaufnahme zwischen Mensch und Tier. Dabei versuche ich meine Angst zu verbergen und unterrichte den Koloss, dass der Verzehr meiner Person für den pünktlichen Beginn der Realisierung eines staatstragenden Bauwerkes außerordentlich behindernd sein würde. Offensichtlich hat das wilde Tiere nicht verstanden und bewegt sich unhöflich weiter auf mich zu. Mir bleibt nur noch die Flucht, die in den Regeln für die unheimliche Begegnung der furchtbaren Art die letzte Option darstellt. Knapp und laut schreiend gelingt die Flucht.

3. Kapitel

Das Projekt aus Sicht des Bauherrn nach einer entspannenden Runde persischer Golf

Pharao Cheops ist mit der Familie, seinem Hofstaat und ein paar Journalisten der überregionalen Presse auf seine Sommerresidenz nach Kuwait gereist. Das ist ein kleiner Ort an einem großen Meer nicht weit vom legendären Babylon entfernt. Es ist ein anziehend magischer Ort im fernen Mesopotamien. Der Wind weht angenehm kühlend vom Meer auf die Küstenregion. Überdurchschnittlich viele Regenfälle machen das Land fruchtbar und klimatisch erträglich. Das sind die Orte, an denen sich die Eliten in den Ferien gern aufhalten. Immergrüne Wälder und paradiesische Gärten mit allerlei exotischem Getier machen Wanderungen zu einem unvergesslichen Erlebnis. Clevere Eingeborene haben mit Führungen durch diese Traumlandschaften das Geschäftsfeld des Fremdenverkehrs erschlossen. Auch die Ansiedlung von Hotelketten und Gastronomie im Gefolge haben die Grundlage geschaffen, dass sich eine beachtliche Mittelschicht mit gehobenem Wohlstand hier entwickeln konnte.

Der hiesige Gouverneur hat gezielt mit dem Instrument niedriger Steuern wichtige Investoren in die Region gelockt. Der Plan ist aufgegangen, es entstehen hier im Osten tatsächlich blühende Landschaften. Nicht zuletzt auch deshalb hat sich Cheops entschlossen, seine Sommerresidenz genau an diesem Ort errichten zu lassen. Durch die ausgezeichneten diplomatischen Kontakte zum hiesigen Verwaltungsdistrikt bis nach Babylon sind Fördermittel der örtlichen Finanzoberdirektion in die Kassen des Pharao gespült worden. Man respektiert und unterstützt sich halt gegenseitig. Die lange Geschichte der Völker des vereinten ägyptischen Reiches und des mesopotamisch-assyrischen Staatenbundes ist geprägt von faszinierenden kulturellen Umbrüchen und großartigen zivilisatorischen Leistungen. Besonders intensiv beschäftigt sich Cheops mit den überlieferten Geschichten rund um den Turmbau zu Babel, wie in vergangenen Zeiten das heutige Babylon bezeichnet wurde. Er ist fasziniert vom Bestreben des Bauherrn, bis hoch an den Himmel, bis in Gottes Nähe bauen zu wollen. Dass im Ergebnis der Bau eingestellt und die Sprache der am Bau beteiligten Werktätigen verwirrt wurde, stellt für Cheops kein besonderes Problem dar. Wichtig für ihn war vielmehr die sofortige praktische Reaktion des damaligen Herrschers. Der hatte nicht lange rumgeheult, sondern umgehend angewiesen, an den Schulen Fremdsprachenunterricht einzuführen. So wurde die Sprachverwirrung Gottes zum Initial einer neuen progressiven Kulturepoche, das erste zarte Pflänzchen einer Globalisierung. Cheops bewundert diese Pionierleistung der strategischen Staatsführung bis heute.

Cheops und seine Entourage beziehen ihre Luxussuiten und versammelten sich wenig später in Turnsachen auf einer kurzgeschnittenen gepflegten Grasfläche hinter dem Anwesen. Persischer Golf heißt die Sportart, die Cheops über alles liebt. Man spielt einen kleinen weißen Ball durch eine durchdachte Lochanordnung mit Hindernissen aus Wasser oder Sand. Das Ziel ist es, nicht die Löcher zu umgehen, nein, man versucht sie mit möglichst wenigen Schlägen zu treffen. Gelingt das, ist der Jubel groß. Wer mit der geringsten Anzahl an Versuchen alle Löcher des Spielplatzes getroffen hat, bekommt als Sieger eine Belohnung.

Der Sport entstand durch einen Zufall. Unterirdische Tiere hatten, ihren Instinkten folgend, in der Gartenanlage eines Einfamilienhauses im Süden von Kuwait den gepflegten Rasen lochtechnisch unregelmäßig unterbrochen. Der Besitzer des Grundstückes war verärgert und wollte gleich das Lochproblem, den Tierschutz gänzlich missachtend, rabiat beseitigen. Da bemerkte er, wie seine beiden kleinen Kinder mit höchster Freude versuchten, ihre kleinen bunten Spielmurmeln in den Löchern unterzubringen. Bei Erfolg war das freudige Gejauchze der kleinen Jugendlichen nicht zu überhören. Der Grundstücksbesitzer hielt inne, beobachtete noch eine Weile die ausgelassene Stimmung seiner Nachkommen und begann zu grübeln. Er fragte seine Kinder, ob er mitspielen dürfte. Er wollte selbst erfahren, weshalb bei dieser eigentlich sinnlosen Beschäftigung derartige kindliche Freude entstehen kann. Doch er bekam gleich am Anfang Probleme mit seinem rechten Knie, welches das Kriechen auf dem Rasen bald satt hatte und aus Rache zu schmerzen begann. Er ging in seinen Gartengeräteschuppen und kam mit einem Spaten wieder heraus, mit dem er jetzt im Stehen die Murmeln einlochen konnte. Er bemerkte eine gewisse Befriedigung, wenn ihm das gelang. Ihn packte der Ehrgeiz, und er schlug Schlag auf Schlag, seine Kinder vergessend, bis die Sonne unterging. In der folgenden schlaflosen Nacht begann er eine strukturierte Spielidee zu entwickeln. Der entscheidende Durchbruch gelang ihm in den frühen Morgenstunden. Man müsse die Löcher künstlich anlegen, überlegte er sich, allein schon deshalb, um von den zufälligen Grabaktivitäten der Wühlsäuger unabhängig zu sein. Gleich nach dem Frühstück begann er selbst, zur Probe Löcher in seinen gepflegten Gartenrasen zu graben. Das dritte Loch war ihm wohl etwas zu tief geraten, denn eine schmierige, stinkende, dunkle und zähe Flüssigkeit trat hervor. Nach dem ersten Schreck verwischte er sofort die Spuren dieser Peinlichkeit. Das durfte keinesfalls bekannt werden, denn sein Grundstück sollte nicht durch diese ölige Masse im Boden an Wert verlieren. So ließ er für tausende von Jahren Gras über die Sache wachsen. Jedenfalls erfreute sich der Sport im Laufe der Jahre immer größerer Beliebtheit und etablierte sich speziell in den höheren Kreisen. Schnell galt es als schick, in den extra für diese Sportart entwickelten Turnsachen auf dem Spielgelände herumzulaufen. Man schlürfte meist im Anschluss an die Körperertüchtigung noch lässig einen Cocktail und fädelte manch geschäftliche Beziehung ein. Die Elite war unter sich und hatte keine Belästigungen durch gewöhnliche Artgenossen zu befürchten. Auch deshalb schätzte Cheops dieses Freizeitvergnügen und entwickelte einen stetig steigenden Ehrgeiz, sein Handicap zu verbessern.


Heute hat Cheops gute Laune, denn es gelang ihm, seine Spielpartner zu besiegen. Nach einer erfrischenden Dusche und einem kleinem Schläfchen in seinen Privatgemächern ruft er seine Vertrauten und seine Getreuen zu einer kleineren Dienstberatung in den Salon der Residenz. Sein Leibkoch hat ein kleines Dinner vorbereitet. Cheops schätzt die Kreativität dieses Mannes. Heute gibt es eine Sternchensuppe aus erlesenen Eierteigwaren mit zartem Hühnerfleisch. Diese Speise wird vom Chef der Küchencrew besonders liebevoll zubereitet, denn wenn dem Pharao das Gericht mundet, erhält er für ein paar Tage den Rang eines Sternekochs. Jeder Gast erhält auf seinem Teller die Suppe so aufgetragen, dass verschiedene bekannte Sternenbilder des ägyptischen Nachthimmels auf dem Teller erscheinen und dann in geselliger Runde von den Teilnehmern des Dinners erraten werden. Beim Erkennen des Sternbildes kann der Gast dann laut in die Hände klatschen und den Namen des Sternbildes auf seinem Teller in die heitere Runde rufen. Dieses Spiel ist am Hof sehr beliebt und fördert das allgemeine Bildungsniveau im engsten Zirkel der Vertrauten um Cheops.

Die Laune von Cheops wird immer besser. Seine Erfolge bei der Verbesserung des Handicaps und eine köstliche Sternchensuppe versetzen ihn in Stimmung. Das Risiko des Nennens eines falschen Sternbildes auf dem Teller und das Risiko, dafür bestraft zu werden, gehen gegen Null. Heute muss niemand, der daneben tippt, damit rechnen, das gesamte Geschirr und die Töpfe der Zubereitung in der Spülküche aufzuwaschen. Diese Demütigung der Verlierer bereitet Cheops üblicherweise immer einen Heidenspaß.

Nachdem Cheops die Schönheit des Tages und den Geschmack der Speisen gelobt hat, beginnt er den Stand der Dinge um seinen Wüstenwürfel der Speisegesellschaft zu schildern. Ihm widerstrebt es, den sich langsam durchzusetzenden Begriff des „Cheopswürfel“ anzuerkennen. Dazu hält er sich für zu bescheiden. Nie hätte der Pharao für sich Ebenbilder als Relief oder in Stein von überhöhender Größe meißeln lassen. Die Größe, etwa die einer Schachfigur, hielt er für angemessen, denn die Nachwelt soll sich an keinen größenwahnsinnigen Pharao erinnern. Personenkult komme für ihn nicht in Frage, die Pyramide muss reichen. Das hat er von seinem Vorgänger Pharao Snofru übernommen, einem Idealbild eines gerechten Königs. Der gilt als der große Beschützer des ägyptischen Volkes. Er unternahm Expeditionen nach Nubien, Libyen sowie in den Libanon und ließ dort Grenzfestungen zum Schutze des Landes bauen. Die relativ ruhige Regentschaft verdankt Cheops also seinem Vater. Auch die guten und festen diplomatischen Beziehungen zu den Nachbarstaaten übernahm Cheops als Erbe und weiß das zu schätzen. Deshalb ließ er im ganzen Lande verbreiten, dass sein Vater Snofru in seiner gottgleichen Herrlichkeit kaum zu übertreffen ist. Es gibt aber eine Ausnahme. Nicht weit von Memphis entfernt, stehen drei misslungene Steinhaufen in der Wüste, die Zeugnis ablegen, dass selbst einem so weisen Pharao wie seinem Vater, dem ersten Pharao der 4. Dynastie, nicht alles gelingt. Kaum hatte Cheops den Nachfolgerthron bestiegen, reiste er erst nach Meidum zu der zusammengebrochenen Stufenpyramide und dann nach Dahschur zur Knickpyramide sowie zur Roten Pyramide, einem flachen hässlichen Gebilde. Er war entsetzt, als er die Trümmerlandschaften sah. Beim Anblick dieser Zeugnisse doch arg begrenzter Baukunst erinnerte sich Cheops an das Versprechen am Totenbett seines Vaters. Er versprach, immense Anstrengungen zu unternehmen, das Werk der Schaffung von kolossalen Erinnerungsmonumenten der vierten Pharaodynastie erfolgreich weiter zu entwickeln. In Cheops wuchs wenig später der Ehrgeiz, seinen Vater mit einem nie da gewesenen Riesenbauwerk zu übertreffen.

Als geladener Ehrengast an den Bezirksmeisterschaften für Knobelspiele entging dem Pharao nicht, welche Faszination von den Spielgeräten ausging. Diese dreidimensionalen Polyeder, als Hexaeder mit 6 gleichen Flächen als Würfel ausgebildet, haben es Cheops sofort angetan. Nach intensiven Gesprächen mit seinen Beratern wurde schließlich eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Ein bekannter und erfahrener Architekt, mit dem Namen San-Rah, wurde zu dieser Studie beauftragt. Darin riet der Architekt, von der perfekten Würfelform abzusehen und mit einer geringeren Höhe als die der Grundflächenseiten zu planen. Dies wäre statisch und wirtschaftlich betrachtet sinnvoll und würde mit einer Höhe von 280 Königsellen alle bisherigen Bauwerke bei weitem übertreffen, fasste der bekannte Planer seine Machbarkeitsempfehlungen zusammen. Cheops ließ die Aussagen prüfen und konnte konstatieren, dass das bisher höchste Bauwerk in Ägypten, die rote Pyramide mit 208 Königsellen Höhe, bei weitem übertroffen werden würde. So entschloss sich der Pharao, die Planungen durch San-Rah mit der Grundlagenermittlung beginnen zu lassen.

Cheops lässt den Papyrus mit dem Schnitt durch den Wüstenwürfel an einer Tafel befestigen, die extra für diese Besprechung herangeschafft wurde. Der Architekt hatte diese Pläne reich mit Ornamentik ausgeschmückt, damit sie sich auch für Repräsentationszwecke eignen. Die Wirkung ist enorm. Zunächst schweigen alle sichtlich beeindruckt. Cheops kostet nun die Ungeheuerlichkeit seiner Baupläne weidlich aus. Seine Vertrauten beginnen nun demütig, Worte von Göttlichkeit und Sonnengleichheit zu stammeln. Dann zeigt er mit einem Stift, den ihm ein Kuli reicht, auf mehrere Hohlräume und Verbindungsgänge im Inneren des Kolosses. Sie sind merkwürdig angeordnet und nach Aussage des Architekten vom unterirdischen Nestbau des gemeinen ägyptischen Feldhamsters inspiriert. Cheops ist von diesem System innerer Hohlräume und deren Verbindungsgänge angetan, auch wenn er sich zur Funktion noch nicht festlegen will. Derzeit läuft am Hofe ein Ideenwettbewerb. Die beste Idee zur Nutzung und zum Sinn der Anordnung der Hohlräume soll prämiert werden. Der Architekt selbst gibt sich bedeckt und verlangt zunächst von Cheops die Entscheidung, ob die Hohlräume der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen oder nicht. Dies wäre der primäre Entscheidungsansatz, so San-Rah. Falls eine öffentliche Nutzung in Erwägung gezogen wird, müsse man weiterführende Überlegungen zum Ausbau der Hohlräume anstellen. Nach den Bauvorschriften für öffentliche Gebäude beim Hochbauamt von Gizeh wären dann Damen- und Herrentoiletten und deren Entlüftung erforderlich. Die Wege im Würfelmonument müssten beleuchtet und entraucht werden können. Eine Fluchtwegebeschilderung ist dann Pflicht. Weiterhin wären die bürokratischen Aufwendungen für den vorbeugenden und abwehrenden Brandschutz, den Sicherheitseinrichtungen für die Nutzung und die energetischen Nachweise für das nachhaltige Bauen in einer beachtlichen Dimension erforderlich. Für Cheops ist das ein Alptraum. Deshalb zögert er noch mit seiner Entscheidung zur Nutzung und befindet sich hierzu gegenwärtig in intensiven Gesprächen mit seiner Projektsteuerung.

Übrigens, Cheops ist mit seiner Beauftragung der Projektsteuerung durch die Hohen Priester sehr zufrieden. Sie sind mit einem soliden religiösen Regelwerk ausgestattet und damit unantastbar. Die Hohen Priester strahlen Autorität aus. Sie sind immer dezent gekleidet und bewegen sich mit einer ihrer Funktion angemessenen stoischen Erhabenheit. Ihre fachbezogenen Äußerungen zeugen von unermesslichem Wissen und der Fähigkeit, bei den Beurteilungen zum Stand der Dinge eine tiefe Feierlichkeit und religiösen Pathos zu vereinen. Sie haben das Große und Ganze im Blick und verfolgen ihren klar definierten spirituellen Plan. Außerdem wurde ihm uneingeschränkte Jovialität zugesichert. Das ist der Geist, den Bauherrn mögen.

Cheops informiert nun in einem kurzen Statement seine Vertrauten über den Stand der Vorbereitung des Bauprojektes: „Die bereits beauftragten Architekten würden in Kürze die Kostenschätzung vorlegen und die Erkenntnisse aus dem Gutachten des statischen Zustandes der Djoser-Pyramide von Dr. Djosi-Meter bewerten. Keinesfalls dürfen bei meinem Würfel die gleichen Fehler passieren. Der Architekt haftet mir hierfür. Sein Anliegen, einen Statiker zu beauftragen, haben wir aus Kostengründen abgelehnt. Hier schließe ich mich der Auffassung der Projektsteuerung an, dass einfache Tragwerkangelegenheiten auch von der Architektur und der Bauleitung bewältigt werden können. In den Verträgen ist das so formuliert und kann somit eingefordert werden. Die Kontakte zu meinen Behörden im Bauordnungsamt sind hergestellt und ich bin informiert, dass die ersten Abstimmungen bereits laufen. Im Moment sind kaum Hindernisse für die Erteilung der Baugenehmigung erkennbar. Der Wesir für Städtebauangelegenheiten wird in Zukunft meine Bauherrenbelange vertreten und mit dem erforderlichen Nachdruck, incl. Weisungsberechtigung, das Genehmigungsverfahren forcieren.“ „Mit der Bauleitung wurde Echt-Natron mit seinem Team beauftragt“, fährt Cheops fort. „Viele Teams hatten, nach genauerer Kenntnisnahme der Umstände zum Projekt, ihre Bewerbung wieder zurückgezogen, Echt-Natron nicht. Seine Berufsauffassung hätte das nicht zugelassen. Wir werden sehen, ob er verrückt ist oder tatsächlich das Unmögliche stemmen kann.

Für das hydrologische Gutachten und das Bodengutachten benötigt Prok-Toor noch etwas Zeit. Der Mann ist fähig und in den Kreisen der Bauindustrie hoch geschätzt. Es ist stark davon auszugehen, dass eine Grundwasserabsenkung nicht erforderlich ist. Genaue und zuverlässige Daten zur Grundwasserspiegelsondierung liegen nächste Woche vor. Der durchschnittliche Pegel des Nil ist ja an der Vegetationsgrenze zur Wüste leicht ablesbar. Aber warten wir das Fachgutachten ab, welches die Höchstpegelstände des Nils mittels empirischer Verfahren in die Berechnungen integrieren wird. Überraschungen müssen unter allen Umständen ausgeschlossen werden. Derzeit wird die Beauftragung zur Kampfmittelsondierung vorbereitet. Nach alten Karten werden hier im Gebiet des geplanten Baustellenbereiches eiszeitliche Kampfhandlungen zwischen Südneandertalern und frühassyrischen Aufklärungstrupps zum Zwecke der Landnahme vermutet. Die Deklaration zur Kampfmittelfreiheit muss gleich zu Baubeginn den beauftragten Ausführungsfirmen vorgelegt werden. So wird verhindert, dass eventuelle Baubehinderungsanzeigen gleich zu Beginn der Bauhandlungen bei der Bauleitung eintreffen. Ebenfalls sind damit die bekannten Begehrlichkeiten der Damen und Herren vom Denkmalschutzamt, einen Baustopp zu verhängen, falls dann doch bei Schachtarbeiten alte Speere, Schilde und Feldpudelmützen gefunden werden, im Keime erstickt. Wenn eine Baustelle läuft, sollte sie auf keinen Fall gestoppt werden. Das ist für den Bauherrn in jedem Fall tödlich.“

Cheops führt weiter aus: „Zum Bewerbungsgespräch mit Echt-Natron hat der zukünftige Projektleiter empfohlen, in die Bauvorbereitung auch das Umweltamt mit einzubeziehen. Das eventuelle Vorkommen seltener Lurche sollte zwingend ausgeschlossen werden. Hierzu wurde ein Expertenteam der biologischen Fakultät der guten Narmer-Universität in Edfu an den Unterlauf des Nil berufen. Das Ergebnis der Studie lautete, seltene Lurche kommen nicht vor. Die Grobabsteckung der Bauachsen und die Einmessung eines verbindlichen Höhepunktes sowie die Festlegung der Höhe der Traufkante sind bereits vollzogen. Dazu hat Cheops einen alles überragenden Vermesser beauftragt. Pi-Latus ist 3,14 m groß und mit seiner immensen Körpergröße sehr gut für das Anlegen der Höhencode geeignet. Wenn Pi-Latus eine Leiter braucht, brauchen seine Kollegen schon zwei. So einfach ist das. Außerdem hat er logischerweise einen besseren Überblick als die anderen Bewerber für die Vermessungsleistungen.“

Cheops macht nun eine Pause und lässt seine Worte zum Projektstand eine Weile wirken. Das Gremium der Vertrauten ist beeindruckt. Der Vortrag ihres Chefs hat alle fasziniert. Alles klingt strukturiert und zeugt von hoher planerischer Kompetenz. Zwei Höflinge wollen mit Klatschen beginnen. Doch sie werden von Cheops abrupt daran gehindert. Der Pharao hebt warnend die Hand und rät der Runde, das eben Vernommene nüchtern zu betrachten. Obwohl die Planungsmaßnahmen prächtig angelaufen sind, ist das noch kein Indiz für das Gelingen des Bauvorhabens, gibt Cheops zu bedenken. „Entscheidend ist es auf dem Bauplatz“, gibt sich der Pharao weise wie ein populärer Fußballtrainer (19). „Selbst einer beauftragten Spezialeinheit von Sterndeutern ist es trotz Anwendung empirischer Geheimformeln nicht gelungen, den letzten Rest am Ungewissen auszuräumen. Das Orakel von Delphi wäre noch in der Planung, hat das auswärtige Amt recherchiert. Somit können wir leider auf diese Erkenntnisquelle noch nicht zurückgreifen.“ Cheops schaut nun in die Gesichter seiner Vertrauten. Das geheuchelte zustimmungsverheißende Kopfnicken der Auserwählten beeindruckt Cheops wenig. Insgeheim zweifelt auch er. Immerhin hatte er den Architekten und Echt-Natron überzeugen können, Lösungen zu finden und jetzt will er ihnen einfach ein bisschen vertrauen. Außerdem hat er eine starke Projektsteuerung installiert.


Er beendet die Runde, geht allein in das Nebengemach an die Bar und bestellt einen großen Cocktail. Seine Laune wird immer besser. Den zweiten Cocktail kippt er auf ex herunter und feixt in das nun leere Glas. Trotz Vertrauen und großer Hoffnung, dass schaffen die nie, befürchtet er.

4. Kapitel

Grundsätzliche Projektfragen und erste Lösungsansätze

Der Architekt, der Bodengutachter und die Bauleitung treffen sich zur Projektbesprechung im Besprechungsraum der Bauabteilung. Wir warten noch auf Echt-Natron, der die Besprechung leiten soll. Die Ost-West-Passage des Sonnengottes Re ist bereits um ein Viertel vollzogen. Die übliche Hitze des Tages beginnt in die Räume zu kriechen. Unsere Klimaanlage schafft es heute nur bedingt, erträgliche Arbeitsbedingungen zu garantieren. Es ist windstill. Trotz Einladung haben sich die Herren der Projektsteuerung für heute entschuldigt. Ihnen wäre es in diesem frühen Stadium der Projektabwicklung nicht zuzumuten, wegen der Nichtigkeit einer Anlaufberatung auf wichtige rituelle Handlungen in Ihren Tempeln zu verzichten. Des Weiteren sei man mit der Vorbereitung der Urlaubsplanung für die kommenden Zyklen (4) beschäftigt, die viel Zeit und volle Konzentration beanspruchten. Ich bitte Frau Notvertrete dies im Protokoll aus gutem Grund zu vermerken.

Ich sitze gern bei Besprechungen am Fenster mit Blick in den Besprechungsraum. Ich mache das bewusst, einmal um ein schattiges und damit auch scharfkantiges Gesicht vorzutäuschen, zum anderen um Entgleisungen meiner Mimik bei unangenehmen Besprechungsverläufen besser kaschieren zu können. Ich konzentriere mich wieder, der Chef ist gekommen. Echt-Natron bedauert sein Zuspätkommen und nimmt als Letzter am Besprechungstisch Platz. Es gab wieder mal Ärger mit dem Dienstwagenfahrer. „Der hatte Streit mit den Pferden“, entschuldigt sich mein Chef. Bei der Dienstwagenflotte, die uns von Cheops zur Verfügung gestellt wurde, gibt es immer wieder mal Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Tier. Inzwischen hat sich bei der Dienstwagenbestellung die Formulierung „ich benötige einen Streitwagen“ durchgesetzt.


Echt-Natron eröffnet nun die Anlaufberatung und begrüßt besonders herzlich den Chef des Architektenbüros, Herrn San-Rah, einen Absolventen der Hochschule für gute Architektur in Teben. San-Rah gilt als einer der herausragenden zeitgenössischen Architekten in Ägypten. Er ist befreundet mit dem Urenkel des berühmten und verehrten Baumeisters Imhotep. Das ist gut für seine Reputation bei potentiellen Auftraggebern und hat ihm vermutlich auch deshalb die Abfassung der Machbarkeitsstudie zum Großprojekt des Cheops eingebracht. Wer ihn kennt, der schätzt seine Leidenschaft für die Architektur. San-Rah lebt und stirbt für die Gestaltung von Bauwerken. Sein Talent, mit ein paar wenigen Strichen auf Papyrus die Umrisse eines Entwurfs verständlich zu machen, ist sprichwörtlich. Er ist der Erfinder der Vogelperspektive. Manchmal bemüht er einen Kranich, manchmal einen Pelikan, um seine Entwürfe aus deren Sicht besser darstellen zu können. Wenn er danach gefragt wird, wie er es schafft, mit den Tieren zu kommunizieren, gibt er schmunzelnd ausweichende Antworten, die keiner so richtig versteht. Darüber hinaus ist sein bescheidenes Wesen legendär. Seine fachliche Kompetenz, gepaart mit seinem empathischen Wesen, machen ihn in Fachkreisen zu einem überaus geschätzten Kollegen. Er lebt zurückgezogen mit seinem Hund in einer einfachen Mietwohnung bei einer älteren Haushälterin, die für seinen Hausrat sorgt. So kann er sich uneingeschränkt mit Besessenheit seiner einzigen Leidenschaft, der Architektur widmen. Das Team der Bauabteilung ist stolz und glücklich, mit San-Rah zusammenarbeiten zu dürfen. Dies wird ausdrücklich in der Begrüßungsformel zur Anlaufberatung von Echt-Natron hervorgehoben.


Echt-Natron erwähnt nun kurz und emotionslos die Abwesenheit der Projektsteuerung. „Ich kenne diese Typen und bin deshalb nicht verwundert. Naja, so ganz unrecht ist uns das gar nicht. Unseren Erfahrungen nach ist es weitaus produktiver, wenn diese Herrschaften sich nicht mit religiösen Beschwörungsformeln in die Fachdebatten einmischen. Ihre ständigen liturgischen Belehrungen zur Bedeutung der Einhaltung von Vorschriften nerven gewaltig und stören uns in der Regel bei der Konzentration auf das Wesentliche beim Bauen. Sie sind halt Experten des Verwaltens.“

Der Projektleiter begrüßt jetzt den Bodengutachter Prok-Toor. Die Mitwirkung dieses Fachexperten für die Zustände des Baugrundes haben sich der Architekt und der Projektleiter ausdrücklich gewünscht. Beim Bauherrn sah man keinen Grund, dieser Bitte nicht zu entsprechen, und erteilte Prok-Toor den Auftrag, ein Bodengutachten für die Gründung des Cheopswürfels zu erstellen. Darüber hinaus sollte er mittels umfangreicher Sondierungen geeignete Felsformationen zur Gewinnung der Baublöcke in der Nähe des Baustandortes erkunden und über hydrologische Untersuchungen die Grundwasserstände definieren.

Prok-Toor ist eher ein akademischer Typ. Er trägt eine Markenbrille und in der Regel eine farbige Fliege, die akkurat mit den Farben seiner Bekleidung korrespondiert. Das macht ihn nach außen ein bisschen unnahbar. Innerlich ist er mit Leib und Seele ein Mann der Baugrube. An der Hochschule für gute Geologie in Memphis war er als Student Jahr für Jahr Lehrgangsbester und erhielt für seinen Abschluss eine Auszeichnung, einen vom Verwaltungsrat der Hochschule gestifteten Baugrubenbambi. Zahlreiche Baugrundbüros bemühten sich um seine Bewerbung zur Anstellung und lockten mit hohen Gehältern. Doch es half nichts, Prok-Toor machte sich selbstständig, eröffnete ein schickes „Einmannbüro“ und wurde ein erfolgreicher Unternehmer. Der breiten Öffentlichkeit ist Prok-Toor durch eine sensationelle Erfindung bekannt geworden. Er entwickelte, noch als junger Absolvent, ein universelles Aushubgerät für den Erdbau. Es ist simpel und stabil gebaut und erhöht in beachtlichen Dimensionen die Produktivität bei Handschachtarbeiten. Des Weiteren hat Prok-Toor mit diesem Aushubgerät eine empirisch angelegte Versuchsreihe zur Verdichtungsfähigkeit verschiedener Bodenarten entwickelt. Er stellte zu diesem Zweck die Spatenblattachse etwas geknickt zur Stielachse und klatschte so den Spaten auf den Versuchsboden. Er stellte fest, dass sich mit der Anzahl des Aufklatschens die Verdichtungswirkung im Boden proportional ungleichmäßig erhöht. Eine geniale Erkenntnis, die als Pionierleistung in die Geschichte der Bodenmechanik eingegangen ist. Die Fachpresse feierte den jungen Baugrundexperten in zahlreichen Artikeln und veröffentlichte die Versuchsergebnisse mit Hilfe graphischer Diagramme. Die Spaten sind schnell zu einem Exportschlager geworden. Ohne dieses Gerät wäre z. B. nie das Golfspiel in Kuwait erfunden worden. So ist der Bodengutachter Ehrenmitglied in zahlreichen Golfclubs geworden und besitzt dort alle erdenklichen Privilegien.


Prok-Toor ist auch ein begnadeter Tauchsportler. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf Reisen, sei es in einem Teich, einem See oder einem noch größeren Gewässer, verbringt er seine Freizeit gern unter Wasser. Eine seiner Markenbrillen baute er um. So konnte er bei seinen Tauchgängen für eine Weile klare Sicht unter Wasser haben. Mit dieser Taucherbrille kann er faszinierende Unterwasserwelten entdecken und jedes Mal, wenn er darüber berichtet, begeistert er seine Zuhörer. Ein großer Sportartikelhersteller hat schon Bemühungen eingeleitet, mit Prok-Toor Lizenzverhandlungen zu den Herstellungsrechten seiner Taucherbrille aufzunehmen.

Nun stellt mich Echt-Natron als seinen Bauleiter vor Ort vor. Ich nicke kurz in die Runde und bekunde meinen Stolz, Mitglied dieser erlesenen Projektcrew sein zu dürfen. Frau Notvertrete lächelt in das Besprechungszimmer und bringt ihre vorzüglichen Plätzchen zum Verzehr. Gleichzeitig übergibt sie jedem Besprechungsteilnehmer eine Getränkeliste mit zahlreichen alkoholischen und alkoholfreien Getränken zur freien und kostenlosen Auswahl. Auf Grund der Problemlage der Besprechung ist der Ausschank von Alkohol heute von Echt-Natron zugelassen worden. Ansonsten ist Alkohol im Büro an normalen Werktagen nicht gestattet. Wer sich dennoch berauschen will, soll es heimlich machen, lautet die stille Vereinbarung.

Die Besprechung beginnt. Alle Anwesenden bedauern die Entscheidung Cheops, die Mitwirkung eines Statikers abzulehnen. Für den Wüstenwürfel selbst und für die technologischen Hilfseinrichtungen wäre die Mitwirkung eines Statikers für die Nachweisführung der Standsicherheiten hilfreich. Dies trifft insbesondere für die Montagerampe zu, die von der Projektsteuerung ins Spiel gebracht wurde. Diesen technischen Floh hatten die Hohen Priester ihrem Pharao ins Ohr gesetzt. Cheops war von der Idee begeistert und glaubte, dass damit die Methode des Bauens des Wüstenwürfels gefunden wäre. Ein schnelles und störungsfreies Bauen könne so abgesichert werden, so das Versprechen. Die Bauabteilung und der Architekt haben da so Ihre Zweifel und wollen den Verzicht auf einen Statiker als Argument benutzen, Cheops die Rampenidee auszutreiben. Ohne statischen Nachweis können wir dem Bau einer technologischen Rampe nicht zustimmen. So ist der Plan. Insbesondere Prok-Toor stemmt sich vehement gegen dieses technologische Verfahren.

„Eine Schnapsidee einer Rampensau ist das“, macht er verächtliche Bemerkungen in Richtung Projektsteuerung. Wir bitten ihn um Mäßigung und verweisen auf die innerbetriebliche Vereinbarung des kulturvollen Miteinander bei der Projektabwicklung. Echt-Natron verliest die Tagesordnung. Nicht zu übersehen ist, dass sich im Rahmen der Benennung der Besprechungsthemen bei unserem Architekten San-Rah die Gesichtszüge stark verändern. Sie tendieren in eine stark depressive Richtung. Sein Gesicht wird mit einem Mal aschgrau. Meine lustig gemeinte Bemerkung, dass seine Gesichtsfarbe wohl das erste grobe Farbkonzept für die Fassade des Würfels wäre, kommt beim Architekten nicht so gut an. „Nein, er hätte große Sorgen, sehr große Sorgen“, sagt er nun traurig. Es sind die explodierenden Kosten, die ihm schlaflose Nächte bereiten. Er und seine Leute hätten hin und her gerechnet und mehrfach unterschiedliche technologische Verfahren simuliert. Ohne Erfolg, denn nach wie vor sind ihm die technologischen Bauprinzipien noch zu nebulös. Hilfesuchend wendet er sich an die Bauleitung, bittet um Hinweise für die planerischen Grundlagen zu einer halbwegs plausiblen Ausschreibung.

Wir trösten den Architekten und berichten von unseren Bemühungen, eine Bauweise zu finden, die praktisch umsetzbar ist. Gleich nach Auftragserteilung recherchierten wir weltweit, ob denn vergleichbare Bauvorhaben entstanden sind oder entstehen sollen. Wir erhofften uns damit wesentliche Hinweise zu Lösungsansätzen. Nur in China sind wir fündig geworden. Dort ist ein ähnlich groß angelegtes Projekt geplant. Doch wir wurden enttäuscht. Getroffen haben wir unsere chinesischen Kollegen im Libanon, an der berühmten Seidenstraße mit der Hausnummer 27200. Zum Erfahrungsaustausch wurde uns jedoch mitgeteilt, dass es sich eher um ein linienförmiges Bauwerk zum Zwecke militärischer Verteidigungsstrategien handelt. Da es sich bei uns aber um ein Punktbauwerk handelt, welches eher kultischen Zwecken dienen sollte, konnten wir keine vergleichbaren fachlichen Schlüsse ziehen. Schade.

Echt-Natron bringt eine spektakuläre, aber auch ziemlich absurde Idee eines länglichen Bauwerks, nicht höhen-, sondern längsorientiert, ins Spiel und versucht sich vorzustellen, Cheops argumentativ davon überzeugen zu können. „Wüstenschlange? … vielleicht eine Cheopsschlange?“, versucht er seiner Idee Gewicht zu verleihen. San-Rah unterbricht Echt-Natron mit entsetztem Aufschrei. „Warum nicht gleich Cheopswurm? So ein Unsinn.“ Die Stimmung ist etwas gereizt. San-Rahs Mimik nimmt jetzt tragische Züge an. „Dieser Vorschlag ist Ausdruck unserer Unfähigkeit und daher nicht akzeptabel“, hält er dagegen. „Durch den Vertrag schulden wir dem Auftraggeber Erfolg und genau deshalb muss es beim Würfelbau bleiben“.

„Zwei Möglichkeiten erkenne ich im Moment“, fährt der Architekt fort. „Die beste aller Varianten ist, wir finden zeitnah eine Lösung. Wenn das nicht gelingen sollte, müssen wir eine zweite Variante angehen“. San-Rah wirkt jetzt entschlossen. „Die zweite Variante ist ein Trick. Wir tun so, als sei uns die technische Lösung bekannt. Wir lassen den Bauherrn und die Projektsteuerung im Glauben, dass wir wissen, wie es gehen soll“. Nach einer kleinen Pause fährt der Architekt fort. „Das wäre dann nicht das erste Bauwerk, welches zu aller Überraschung doch fertig gestellt wurde und sogar funktioniert und keiner weiß so richtig, wieso und warum“.

„Ich glaube, ich höre nicht recht“, reagiert der Projektleiter. Ein kurzer Blick auf Echt-Natron genügt, um seinen Widerwillen im Gesicht klar zu erkennen. „Spinnst du“, brüllt Echt-Natron jetzt San-Rah an. „Wie willst du mit diesem Trick die Kosten berechnen? Läuft das etwa wieder darauf hinaus, dass alles erstmal planerisch in Butter ist und dann auf der Baustelle sich die Nachforderungen der Ausführungsfirmen häufen und die Kosten explodieren?“ Echt-Natron bleibt in Fahrt. „Horch zu Architekt, wir kennen diese Spielchen. Die Bauleitung steht dann mit dicken Eiern da und muss Tag und Nacht begründen, begründen und nochmals begründen und ihr verpisst euch an eure Reißbretter in eurer warmes Büro“.

Echt-Natron ist selbst über seinen Ton erschrocken, entschuldigt sich und beruhigt sich wieder. „Nein, so läuft das nicht. Wir sollten Cheops und den Hohen Priestern möglichst schnell reinen Wein einschenken. Apropos reinen Wein einschenken. Schauen wir doch erstmal in die Getränkekarte meiner Chefsekretärin und bestellen wir, dann sehen wir weiter“, lautet der durchaus sympathische Vorschlag Echt-Natrons.

Die Stimmung kippt auf nun auf angenehme Weise. Die ersten Gläser helfen tatsächlich. Es wird gemütlich. Wir bitten Frau Notvertrete, mit am Tisch Platz zu nehmen. Sie solle auch ihre Cousine dazu holen, die im Sekretariat arbeitet und für kleinere Dienste eingestellt wurde. Wein trinken ist ja bekanntlich in Gesellschaft von attraktiven Damen weitaus sinnlicher. Die Cousine kommt dazu und fragt lachend die Runde, ob es auch Apfelweinschorle gäbe. Alle lachen, denn sie ist bekannt für ihren vorzüglich apfelähnlichen Duft. Die weiblichen Mitarbeiterinnen im Büro beneiden sie deshalb und erkundigen sich schon mal nach der Quelle dieses betörenden Parfüms. Die männlichen Mitarbeiter hingegen neigen verstärkt dazu, sich unter dem Deckmantel dringend zu erledigender Angelegenheiten in Ihrer unmittelbaren Nähe aufzuhalten. Ich muss gestehen, dass auch mir ihre Nähe angenehm ist. Ich nenne sie deshalb liebevoll Apfelsine, sage es aber selten laut.

Heute ist es wieder soweit und ich bitte die duftende Mitarbeiterin neben mir Platz zu nehmen. Der viele Wein hat mich zu dieser mutigen Aufforderung befähigt. „Heute wird die Apfelsine geschält“, rufe ich ihr noch ungenierter entgegen und gehe dabei bis an den Rand des Erlaubten. Sie ist ein wenig verunsichert und kichert etwas, nimmt aber neben mir Platz. Die nächsten Gläser befeuern noch mehr die Stimmung. Jetzt herrscht Feierlaune und die Sorgen werden weggesoffen. Zwei schöne Frauen und eine Gruppe desillusionierter angetrunkener Bauexperten beginnen über ihr Bauprojekt zu spotten. Allergrößte Heiterkeit erzeugt die sinnbildlich vorgetragene Vorstellung, Cheops plane gar seine eigene Grabanlage. Sprudelndes Gelächter bei der Imitation des Herauftragens des Leichnams in den oberen Hohlraum über die große Galerie mit dem Bild einer feierlich düsteren Prozession von Hohen Priestern und Abgeordneten des Hofstaates in beachtliche Höhe von immerhin 82 Königsellen (2). Wir taufen beschwingt diesen Hohlraum „Grabkammer des Pharao“ und den tieferen Hohlraum gleich noch mit als „Grabkammer seiner Königin“, die selbstverständlich zum gleichen Zeitpunkt zu Tode kommen muss. Wir biegen uns vor Lachen bei der mit gespielter Theatralik nachgeahmten Vorstellung, wie entgegen allen bisherigen Bestattungsritualen der tote Pharao hochgetragen werden muss. Was für eine immense Plackerei!

Die Totenträger hatten es bisher einfacher, denn es ging immer abwärts, hinab in eine Mastaba. Und als Krönung der Groteske wurden die schmalen langen Schächte von den beiden Kammern als Luftschächte deklariert. Die beiden hohen Toten sollten in Ihren Gräbern immer frische Luft haben. Wir haben uns weggeworfen. Unser Lachen wird immer grotesker. Keiner will jetzt, dass der Abend schon zu Ende ist, denn der Sonnengott dreht langsam das Tageslicht weg. Was tun wir nun? Wir sehen uns an und bestellen bei der Fahrbereitschaft einen Streitwagen für 6 Personen. Ich achte darauf, dass ich im Streitwagen neben der Cousine Platz bekomme. Das ist nicht so einfach, da sich alle Kollegen darum bemühen. Außer Frau Notvertrete, die zieht schmunzelnd einen luftigen Fensterplatz vor. Letztlich ist mir die Platzsicherung geglückt und ich kann den Apfelduft der Cousine in vollen Zügen genießen. Die Cousine hat prächtige Laune. Sie lacht und redet laut und viel. Ich merke, dass mir ihre Nähe immer angenehmer wird und denke nur kurz an Schi Tot.

Zehn Minuten später treten wir in eine Tanzbar und fordern die Weinkarte. Wir treiben das Spiel mit den Geheimnissen zum Zweck und der Funktion des Wüstenwürfels immer weiter auf die Spitze. Angeheizt von einem hoch talentierten Trio von Barmusikern beginnen wir uns weinselig im Tanze zu drehen. Es sind Freizeitmusiker. Von Beruf sind sie alle drei Alchemisten, die seltene Erden so lange mischen und mit Wasser anreichern, bis eine heilende Wirkung nachgewiesen werden kann. Deshalb auch der Name der Combo, die sich „Aladin und die Wunderpampe“ nennt. Der Gitarrist spielt auf einer 10-seitigen Gitarre mit seinen 12 Fingern so virtuos, dass wir uns vorstellen können, Aladin und seine Wunderpampe zum Richtfest einzuladen. San-Rah ist kaum noch zu bändigen. Er brüllt die Lieder beim Mitsingen in den Raum, fuchtelt mit den Armen und schleudert immer wieder mit einem gekonnten Hüftschwung Frau Notvertrete über die Tanzfläche. Dabei macht er mit seinen Händen immer wieder komische Figuren, ähnlich einem spitzen Dach, und lallt unentwegt, dass es sich ausgewürfelt hätte. Wir verstehen das nicht, genießen aber weiter die fröhliche Ausgelassenheit, bis die Stühle hochgestellt werden.

Wir zahlen und treten die Heimreise an. Die Fahrbereitschaft erwartet uns und wir legen fest, in welcher Reihenfolge wir nach Hause gefahren werden. San-Rah ruft heiser in die Nacht, dass er laufen will und ist bereits ein ganzes Stück vom wartenden Streitwagen entfernt. Er läuft irgendwie unrund und wir glauben zu erkennen, dass sich in seine trunkenen Rufe vom Auswürfeln ein immer stärker werdendes Schluchzen einmischt. Er weint jetzt tatsächlich. Der Würfel ist wohl gefallen. Die Apfelsine anzusprechen, den schönen Abend in eine schöne Nacht zu überführen, habe ich mich dann doch nicht getraut.

5. Kapitel

Die Handlung springt auf eine andere, auf eine höhere Ebene

Albert trinkt seinen Kaffee aus und überlegt, ob er das kleine Makronenstückchen nicht besser auf der Untertasse liegen lassen soll. Seine Blutwerte sind derzeit nicht die besten. Jedes Mal, wenn er mit den von ihm so sehr geliebten Süßigkeiten konfrontiert wird, muss er sich quälen, der Verlockung standzuhalten. Am schwierigsten ist es, Disziplin zu bewahren, wenn selbstgebackene Plätzchen im Angebot sind. Diese liebt er abgöttisch. Dennoch schafft er es heute, das Gebäckstück liegen zulassen, denn er muss eilig zu einem wichtigen Termin in die Bevollmächtigtenkammer. Die Flugbereitschaft der hohen Ebene stellt ihm pünktlich eine Kabine zum Erreichen des Tagungsortes zu Verfügung.

Der Plenarsaal für den Sitzungstermin des Fachausschusses für Erdenangelegenheiten füllt sich allmählich. Alle Bevollmächtigten sollen heute erscheinen. Keine Ausnahmen werden gestattet, denn die Konferenz zu außerordentlichen Entwicklungsfragen der Erdenbewohner wurde von höchster Stelle, nämlich von der Zentrale, direkt und kategorisch angewiesen. Alle sind gespannt, denn derartige Veranstaltungen sind eher selten. Es geht um den Planeten Erde, dessen Bewohner der höheren Entwicklungskategorie immer wieder auf der hohen Ebene für Aufregung sorgen. Die zweibeinige aufrechtgehende Spezies, die sich im evolutionären Wettbewerb mit diversen zellteilenden Konkurrenten durchgesetzt hat, sorgt durch meist unverständliches und sinnloses Tun immer wieder für Kopfschütteln. Der Betreuungsaufwand der Mitarbeiter des zuständigen Fachausschusses für die Erdenbewohner ist immens hoch und wird schon teilweise von der Zentrale kritisch hinterfragt. Normal finden die Besprechungen zum Thema Planet Erde in einem 100-Erdenjahre-Rhythmus statt. Doch derzeit lassen die jüngsten Entwicklungen in Ägypten die Einhaltung dieses normalen Abstandes nicht zu.

Albert hat neben seinem Freund Claudius Platz genommen. Sie begrüßen sich herzlich und erkundigen sich gegenseitig nach ihrem Favoriten beim demnächst anstehenden Talentwettbewerb „Fachausschuss sucht den Superstar“. Claudius berichtet kurz über den Verlauf seines Vorbereitungslehrganges, den er vergangene Woche erfolgreich abschließen konnte. Er soll als Mathematiker im neuen ägyptischen Reich in der Stadt Alexandria erscheinen und eine weitreichende weltbildlich-kosmologische These aufstellen. Diese These entspricht zwar nicht der Realität, aber sie entspricht dem Vorstellungsvermögen der Erdenbewohner in diesem Entwicklungsstadium. Sein Deckname für die Erdmission soll Ptolemäus sein. Claudius soll behaupten, dass die Erde eine Scheibe ist. Nicht, dass die Erde eine Scheibe hat, wie er im Lehrgang einmal witzelte. Mit dieser These soll er den Erdenbewohnern ein stabiles astronomisches und religiöses Fundament ihrer Weltanschauung geben. Zunächst sollen die Erdenbewohner sich im Zentrum der Welt wähnen. Dies wird ihr Selbstbewusstsein stärken. Dann sollen später Pioniere mit Entdeckergeist auf den Plan treten, die es wagen werden, dieses Weltbild vom Kosmos in Frage zu stellen. Trotz religiöser Verfolgung bis hin zur physischen Vernichtung werden diese Helden des wissenschaftlichen Gewissens der bornierten weltlichen und religiösen Macht die Stirn bieten. Sie werden Geräte und mathematisch physikalische Formeln entwickeln, mit denen sie beginnen können, das Universum mit neuen, anderen Augen zu betrachten. Das ist dann der Moment, wo Albert seinen Auftritt auf der Erde hat.

Albert ist im Fachausschuss anerkannter Experte für das Relativieren von Zuständen. Nur seine Frau, die ständig durch diese Fähigkeit ihres Mannes ihre Ehe gefährdet sieht, kann diesem Talent nichts abgewinnen. Albert ist im Fachausschuss sehr beliebt, auch weil er bescheiden ist. Er ist auserkoren, zu einem gegebenen Zeitpunkt mit einer allgemeinen und speziellen Relativitätstheorie das Universum zu begründen. Auf der Suche nach der Weltformel wird er sich zunächst auf ein mathematisch beschreibbares Universum konzentrieren. Das ist zeitgemäß und wird von einem gut ausgebildeten Teil der Erdenbewohner mehr oder weniger auch verstanden. Erkenntnisse über den Urknall, über schwarze Löcher und die kosmische Dynamik und letztlich auch Rückschlüsse auf die Existenz mehrerer Universen würden die Wissenschaftler überfordern und sind für eine spätere Erdenperiode vorgesehen. Das Installieren der strategischen Achse der Missionen von Newton – Einstein – Hawking ist ein geschickter Schachzug der Verantwortlichen in der Zentrale. Selbst die Irrtümer des begnadeten Wissenschaftlers Oppenheimer bei seiner tragischen Rolle bei der Entwicklung von Atomwaffen gehören zur Strategie.


Es wird nun um Aufmerksamkeit gebeten. Albert und Claudius konzentrieren sich auf die Worte des Leiters der außerordentlichen Beratung.

„Verehrte Herrschaften, kurz und knapp gesagt, Cheops hat es nun doch getan“, beginnt der Redner seine Darlegungen. „Alles wurde getan, ihn davon abzuhalten. Es war sinnlos, wir haben es nicht geschafft. Cheops hat nun doch die Aufträge für ein Bauwerk erteilt, welches in Form, in Material und Dimension überhaupt nicht in diese Erdenzeit passt. Lange werden die Erdenbewohner über dieses Bauwerk sinnieren und es nicht verstehen. Er muss verrückt geworden sein, denn die genaue Funktion dieses Würfelmonumentes ist selbst ihm nicht klar. Er will sich höher und gewaltiger als alle seine Vorgänger präsentieren. Nur das ist sein Ziel. Den genauen technischen Weg dahin, kann er selbst nicht beschreiben. Dazu benötigt er die Hilfe von Abenteurern und windigen Fachleuten, die sich einbilden, die Projektaufgabe stemmen zu können. Ein ganzer Schwarm von Schmeichlern in seinen Behörden und in den überdimensioniert geschaffenen Leitungsebenen soll darüber hinaus das Bauvorhaben ideologisch begleiten. Dass das zutiefst unproduktiv ist, wird nicht erkannt, sondern in Kauf genommen“. Als Beleg für seine Selbstzweifel am Gelingen der Baumaßnahme und für die Hinterhältigkeit von Cheops wird den Teilnehmern der Besprechung nun ein Hologramm präsentiert. Mit den neusten und modernsten Methoden der nicht gekrümmten zeitlichen Beeinflussung von Interferenz- und Kohärenzmöglichkeiten von Lichtwellen sehen nun alle klar und deutlich, wie Cheops in seiner Residenz an seiner Bar rumhängt, in sein leeres Cocktailglas grinst und sagt: „Das schaffen die nie“. „Und das schlimmste ist“, fährt der Leiter der Besprechung fort, „es gibt dort Wahnsinnige, die diesen Auftrag angenommen haben. Das kann furchtbar für die Verantwortlichen der Ausführung enden. Ein Scheitern wird Cheops, obwohl er sich nach außen bescheiden gibt, nicht zulassen. Er muss Pharao Djoser in Sakkara, seinen Vater Snofru in Daschur und König Hammurabi in Babel übertrumpfen. Noch größer soll sein Glanz in die Erdenbewohnergeschichte eingehen und zeitlos heller als die Sonne erstrahlen. So sind die Erdenbewohner nun mal gestrickt. Auf ewig. Da kann man nichts machen. Klar ist aber nun auch, dass für die armen Wahnsinnigen etwas getan werden muss“, beendet der Leiter seine Ausführung. Mit deutlicher Mehrheit wird der Vorschlag angenommen, dass Albert der Mission der Rettung des Bauvorhabens und deren Protagonisten vorstehen soll. Der Würfel ist also gefallen. Da keine Debatte angesetzt ist, steht Albert auf und geht allein in sein Büro. Er muss nachdenken. Er hat verstanden.

6. Kapitel

Lagebesprechung in der Bauabteilung

Wir trauen unseren Augen nicht. Ist das wirklich wahr? Der Besprechungsraumtisch ist geschmückt mit frischen Plätzchen, diesmal aber gebacken in der Form lauter unterschiedlich großer Würfel. Einmal sind die Würfel mit Zuckerguss, andere wiederum mit bunten Streuseln bedeckt. Stolz lächeln Frau Notvertrete und Ihre Cousine in den Besprechungsraum. Dabei tänzeln sie noch im Wiegeschritt der vorabendlichen Tanzdarbietungen. Die beiden haben echt gute Laune.

Meine Sorge ist sofort, dass jetzt Echt-Natron nicht das macht, was sein Name verheißt. Ich beschwichtige ihn mit oft erprobter Körpersprache. Er solle bitte nicht aufbrausen. Die Frauen haben es lieb gemeint und wollten offensichtlich den Schwung von gestern Abend mitnehmen. Echt-Natron lässt sich beruhigen und würdigt grummelnd die Backperformance. Allerdings, so mahnt er an, sollten die Würfel vor dem Erscheinen des Architekten vom Tisch verschwunden sein. In Erinnerung an seine merkwürdigen Auftritte während und nach der Party gestern Abend denken wir, dass der Anblick einer geometrischen Würfelfigur beim Architekten derzeit traumatische Reaktionen auslösen wird.

Die Beratungen werden nach der überaus weinselig fröhlichen Unterbrechung von gestern Abend fortgesetzt. Zunächst intern zwischen Architekt, Bodengutachter und Bauleitung. Später soll die Projektsteuerung hinzukommen, heute unterbrechen sie wohl ihre religiöse Litanei. San-Rah betritt stolzen Schrittes den Raum. Er sieht irgendwie verändert aus. Nach einer kurzen Begrüßung macht er die Arme breit, hebt den Kopf erhaben in Richtung Raumdecke und ruft mit theatralischer Stimme: „Schminken wir uns den Cheopswürfel ab“. Er macht eine dramaturgisch beabsichtigte Pause und fährt bedeutungsvoll fort: „Die Budgetvorgabe von Cheops und den Hohen Priestern reicht nicht. Alle meine Mitarbeiter habe ich nochmals nachrechnen lassen, alle nur denkbaren Modelle bis ins Detail nachgeprüft. Was bleibt, ist die Gewissheit einer Katastrophe“. San-Rah beschwört nochmal das intensive Studium des Vertrages unter dem Punkt Kosteneinhaltung des Budgets. „Aus meinem Verständnis ist da sinngemäß vereinbart, dass bei Kostenüberschreitung das Richtfest einen unangenehmen Ausführungsmodus erhalten kann. Statt Freibier, Lammhaxen und Tanz in allen Räumen obliegt es dem Auftraggeber, mit einem Richtschwert die Schuldigen der Kostenüberschreitung zu bestrafen. Dadurch wird der Name „Richtfest“ in einem neuen grausigen Licht interpretierbar. Makaber formuliert können wir davon ausgehen, dass es in jedem Fall zum Richtfest eine Kapelle geben wird. Je nach Stand der Kostenentwicklung entweder für den Tanz oder für unsere Totenmesse. Also, nach Vertragslage sind wir eigentlich schon tot.“ Der Architekt sackt in sich zusammen und nimmt Platz. Die Stimmung ist natürlich im Keller. Ich versuche einen aufmunternden Scherz und rufe pathetisch in den Raum: „Dann Freunde, schreiben wir die Partitur zum eigenen Requiem oder unternehmen wir eine Party-Tour in das Lokal mit den Musikern um Aladin“. Keiner lacht. Es herrscht bedrückende Stille, sozusagen Totenstille. Wir seufzen uns an und sehen die Hohen Priester kommen. Sie kommen, um das Projekt zu steuern. Der Bodengutachter flüstert: „Die Rampensau mit Frischlingen ist da.“ Frau Notvertrete fragt schweigend mit einem Blick auf Echt-Natron, ob denn die hohe Priesterschaft den Tischschmuck aus Gebäckwürfeln eventuell hübsch finden würde. Das kategorische Nein findet sie im finster schweigenden Antwortblick von Echt-Natron.

Sie kommen zu Fünft. Das ist viel, für das was sie tun müssen. Das Gebäck hätte also sowieso nicht gereicht. Hoch-Hart-Muth, der Anführer der ehrwürdigen Abordnung von Projektsteuerern, formuliert eine lieblose Begrüßungsformel und ergreift das Wort: „Ich fordere lückenlose Aufklärung aller aktuellen planerischen und baustellentechnischen Vorkommnisse.“

Wir schlucken und müssen verdauen, dass unsere Arbeit als Vorkommnis bezeichnet wird. Hoch-Hart-Muth ist der Höchste der Hohen Priester der Projektsteuerung. Sie haben alle vor ihrem Namen den Titel „Hoch“ stehen. Das definiert schon mal ihren besonderen Rang. Hoch-Hart-Muth ist klein, füllig und mit einem imposanten Doppelkinn im insgesamt weichen Gesicht ausgestattet. Das „Hart“ in seinem Namen ist völlig deplatziert. Was bleibt also übrig? Richtig, die beiden Silben „Hoch-Muth“. Diese treffen nun genau seinen Charakter.


Dieser höchste Priester unter den Hohen Priestern wurde als Kind von seinen Eltern auf eine gute Eliteschule nach Uruk, einer altehrwürdigen Universitätsstadt im fernen Mesopotamien geschickt und in einem Internat streng erzogen. Dort unterrichteten ihn die besten Professoren des assyrischen Reiches im Fach Gutes Internationales Wirtschaftsmanagement. Hier lernte er von der Pike auf, was es heißt, die strengen Regeln eines erfolgreichen Business durchzusetzen. Schon in frühster Jugend entwickelte sich bei ihm die Überzeugung, dass eine gesunde Wirtschaft am besten mit krankhaft strebsamen und gehorsamen Mitarbeitern zu erreichen wäre. Das Anreiz- und Belohnungssystem sei so zu steuern, dass die Produktivkräfte wie in einem Hamsterrad nach imaginären und fiktiven Belohnungen hecheln. Die Mechanismen dazu beherrschen die Absolventen derartiger Elitehochburgen aus dem Effeff. Hoch-Hart-Muth hat früh verstanden, dass das Instrument der Glaubensorientierung in den Landesgemeinden ein grandioser Wegbereiter seiner weltlichen Ziele sein kann. Über ein Zusatzstudium an der guten theologischen Fakultät für ägyptische Glaubensangelegenheiten ist er als ausgebildeter Manager ein Hoher Priester geworden. Seine Diplomarbeit mit dem Titel „Fragen zur Mumifizierung führender Leitkader schon vor dem Tod“ verteidigte er mit Auszeichnung. Eine geniale Idee, seine Karriere in der altägyptischen Kurie zu den Gipfeln der Macht zu führen. Nun ist er ganz oben und wurde mit dem Titel „Königlicher Hofprojektsteuerer“ belohnt.

Hoch-Hart-Muth grinst in die Runde und fragt: „Die Damen und Herren, wieder nüchtern? Eure wüste Party von gestern hat sich bis zum Hofe Cheops herumgesprochen. Solche peinlichen Auftritte ließen vermuten, dass die Bauabteilung nicht ausgelastet ist. Meine Wahrnehmung zum Stand des Projektes ist aber eine völlig andere. Wie ist es mit der Verpflichtung, ein vorbildliches Erscheinungsbild in der Öffentlichkeit abzugeben?“ „Trinkorgien würden diese Verpflichtung konterkarieren“, meint er süffisant. „Nur in Demut und Würde können wir das Projekt stemmen“, klärt er uns weiter auf. „Das Ansehen des Projektes vor dem Steuerzahler dürfe nicht beschädigt werden. Dass die Presse noch keinen Wind davon bekommen hat, grenzt an ein Wunder“, beendet Hoch-Hart-Muth mit zufriedener Mine sein Statement. Seine vier mitgebrachten Kollegen nicken anerkennend und trauen sich nun, Kaffee einzugießen.

Wir spielen ein bisschen Betroffenheit und geloben die Einzigartigkeit des Vorfalls. Jeder macht sich seinen Reim auf den Auftritt des Projektsteuerers und möchte umgehend das weite Feld der Sprechblasen so schnell wie möglich verlassen. San-Rah beginnt den Stand der Projektvorbereitung vorzutragen. Wir tauchen ein in die Welt der Vorkommnisse.

Zunächst wird der Stand der Bearbeitung der Baugenehmigung beim Bauordnungsamt von Gizeh ein wenig gelobt. „Es läuft ganz gut, die Zusammenarbeit funktioniert. Offen seien noch ein paar Bescheinigungen auf Unbedenklichkeit der Versorgungsträger, hier insbesondere vom Amt der unteren Nilaufsichtsbehörde. Es ist beabsichtigt, große Teile der Materialtransporte über den Nil abzuwickeln. Der Bodengutachter wird für das Tiefbauamt in Gizeh eine Unbedenklichkeitserklärung formulieren. Darin soll nachgewiesen werden, dass im Zusammenhang mit den höchsten Pegelständen des Nils während der Überschwemmungszeit eine Wasserhaltung für die Steinbrüche, für die Stichkanäle der Transportschiffe und für die beabsichtigte Unterkellerung des Würfelbaus nicht erforderlich ist. Derzeit planen wir keine Einleitung von technologischem Wasser in den Nil. Bewusst wird hier ein relevanter Kostenfaktor ausgegrenzt. Die Formblattsammlung als Ergänzung zum Bauantrag wird gewissenhaft ausgefüllt und übergeben. Geklärt werden muss beim Amt, welche Farbe die Unterschriften haben müssen und an welcher Stelle in den Formblättern die Stempel gesetzt werden sollen. Dass das Amt immer noch Fluchtwegepläne und Nachweise zur Entrauchung der Hohlräume einfordert, müssen wir schnell klären. Wir werden als Planer unsere Anstrengungen verstärken, dem Amt nochmals die Funktion des Bauvorhabens zu erläutern.“

An dieser Stelle unterbreche ich den Architekten in seinen Darlegungen und frage höflich nach der Funktion des Bauwerkes, die nämlich auch der Bauleitung gänzlich unbekannt ist. San-Rah zögert kurz und fährt fort: „Dass wir das nicht selbst wissen, muss die Behörde ja nicht zwingend merken. Wir halten uns da man besten bedeckt. Können wir so verfahren?“ wendet sich der Architekt an die Gruppe der Projektsteuerleute, die sich etwas zutuscheln und zögernd nicken. San-Rah erläutert weiter: „Es gibt da so einen kleinen Mitarbeiter bei der Behörde, der einfach nicht kapieren will, dass die schrägen Schächte von den Hohlräumen an der Außenseite des Würfels kultische Funktionen erfüllen sollen. Eine Entrauchung ist auf Grund der Brandklassenzuordnung der Kalksteinblöcke nicht erforderlich und wir werden auch darauf keine Zeit mehr verwenden. Das fehle noch, dass eine ungeklärte Entrauchung ein Großprojekt behindert. Falls es auf dem Weg zur Genehmigung diesbezüglich noch Probleme geben sollte, werden wir über den Wesir für Städtebauangelegenheiten direkt beim Amt intervenieren.“ San-Rah setzt sich wieder und erteilt der Projektsteuerung das Wort.

Hoch-Hart-Muth möchte gern festhalten, dass er nicht versteht, warum die Baugenehmigung immer noch nicht erteilt wurde. „Aber Zeit zum Party machen ist wohl vorhanden“, bemerkt er zynisch. Dabei schaut er bedeutungsschwer zu seinen vier stummen Mitarbeitern, die von ihrem Chef begeistert sind.

„Kommen wir zu den Kosten“, verlangt Hoch-Hart-Muth von San-Rah. „Okay“, sagt San-Rah und ruft im Pathos, einer Exekution entgegensehen zu müssen, feierlich in den Raum: „Dass ein Wüstenwürfel in der vorgegebenen Dimension dreimal so viel kosten würde, wie die Auftraggeber zur Verfügung stellen. Ergo, der Cheopswürfel kann deshalb nicht gebaut werden. Basta.“ Der bedeutungsschwere Satz zu den Kosten ist nun ausgesprochen. Stille.

Der Architekt versucht, sich Kaffee einzugießen. Das gelingt nicht, denn seine Hände zittern. Der Strahl des heißen Getränks gelangt nicht in seine Tasse. Ein Zustand der Lähmung und der Schwerelosigkeit erfasst alle an der Besprechung Teilnehmenden. Selbst Frau Notvertrete hält beim Protokollieren inne. „Soll ich das so schreiben“, flüstert sie Echt-Natron zu. „Moment noch“, sagt er in Richtung seiner Chefsekretärin. Er erlangt als Erster die Fassung, wendet sich an Hoch-Hart-Muth und fragt nach dem Grund, weshalb die Projektsteuerung zu fünft gekommen ist.

7. Kapitel

Albert hat gute Laune, beginnt zu rechnen und sinniert über gekünstelte Intelligenz

Allmählich leert sich das Kongresszentrum der hohen Ebene. Die Lichtshow ist beendet. Die Besucher, meist Wissenschaftler, sind vom Vortrag Alberts begeistert und diskutieren noch vereinzelt in kleineren Gruppen über das soeben Dargebotene. Albert ist ebenfalls zufrieden. Er nennt seinen Vortrag scherzhaft „Spektakelanalyse des Lichtes“. Das macht er zur Entspannung. Hauptsächlich ist die Simplifizierung der Welle-Teilchen-Dualität gegenwärtig sein Betätigungsfeld. Für die Erdenbewohner halbwegs verständlich, will er in einem ersten Schritt seine Photonentheorie zum Licht determinieren. Licht ist ein Strom von Energiepaketen. Damit sollen, zum gegebenen Zeitpunkt, die Erdenbewohner konfrontiert werden. Also Schritt für Schritt. Er darf sie nicht überfordern.

Gut gelaunt betritt Albert sein Büro. Er schmunzelt beim Gedanken, ob er nicht mal zum Spaß die Krümmung seines sozialpsychologischem Zustandes der „Guten Laune“ berechnen sollte. Aber eine dringende Nachricht aus der Zentrale hält ihn davon ab. Umgehend soll er in den Empfangsbereich der hohen Ebene kommen. Er hätte Besuch von einer auserwählten Erdenfrau, die im Zusammenhang mit den aktuellen Vorgängen in Ägypten auf die hohe Ebene gebracht wurde. Der Besuch wäre von höchster Relevanz und hätte erdenhistorische Dimensionen. Er überfliegt die präzise formulierte Aufgabenstellung, macht sich auf den Weg und beginnt zu rechnen.

Also, das Volumen des betreffenden Würfels mit einer quadratischen Grundfläche a² berechnet sich aus der Multiplikation mit der Höhe h. Klar und einfach. Jetzt wird es spannend. Es ist aber nur ein Drittel des Geldes für den Würfel da, der aber die ursprüngliche Grundfläche behalten soll. Albert liebt Textaufgaben und hat sofort die Lösung im Kopf. Klar, man drittelt die Höhe und basta. Aber halt, so einfach ist die Textaufgabe nicht. Die Höhe h sollte ebenfalls erhalten bleiben. Bei einem Drittel wäre die Höhe nunmehr bei ca. 49 m. Eine Höhe unter der Höhe der Djoser Pyramide wäre nicht vermittelbar. Auch wäre die gedrittelte Höhe im Kontext mit der Grundfläche viel zu gering. Also, ein Würfel ist das dann nicht mehr. Klar ist, vom Polyeder sind nur das Polygon der Grundfläche und die Höhe konstant. Also muss sich die Mantelfläche des Polyeders dritteln. Das wird erreicht, in dem man die 4 Mantelflächen als Dreiecke ausbildet. Eine angenehme Ästhetik wird dann erreicht, wenn die Dreieckspitzen in einem Höhenpunkt, in dem Fall bei 146 m, zusammenlaufen. Den Begriff Pyramide, so der Name des Polyeders, kennen die Erdenbewohner schon von Sakralbauten im geschichtlichen Ägypten vergangener Epochen. Allerdings sind die bereits bestehenden Pyramiden entweder rot, geknickt oder auch abgestuft. Eine klare ästhetische Form findet sich in diesen Bauwerken nicht. Außerdem sind das Zwerge gegenüber dem von Albert erdachten mathematischen Modell. Ja, so machen wir es, das wird der Zentrale gefallen, denkt sich Albert. Den Unterlagen entnimmt er, dass eine junge Frau aus Memphis von der Zentrale auserkoren wurde, als seine technische Muse zu agieren. Sie hätte eine durchaus ernst zu nehmende emotionale Bindung zum Bauleiter und wäre somit als Bindeglied zwischen den Akteuren des Projektes und der hohen Ebene bestens geeignet.

Die Frau ist von den örtlichen Einsatzkräften der hohen Ebene auf dem Weg in den Südsudan abgefangen worden. Sie wollte in Nubien eine andere, modernere Lebensart ausprobieren und dem stressigen Alltag der ägyptischen Gesellschaft entfliehen. Das wird sie nun verschieben müssen. Gleich vor Ort begannen die Helfer, die Auserwählte vorbereitend zu manipulieren und mittels Suggestion auf den Besuch in den Räumen der hohen Ebene vorzubereiten. Dann wurde sie in den Empfangsbereich der hohen Ebene gebracht. Albert wird sie nun kennenlernen und beginnen, sie für seine Zwecke zu instruieren.

Albert ist von seiner Mission fasziniert. Der Gedanke, dass ein Bauwerk entsteht, welches tausende Erdenjahre faktisch unzerstörbar in der Wüste rumsteht und Albert dabei die große Ehre zu Teil wird, maßgeblich das Gelingen zu beeinflussen, erfüllt ihn mit großer Befriedigung. Er betrachtet seinen gegenwärtigen Einsatz als Aufwärmübung für seine eigentliche Mission, der Schaffung der Grundlagen des Verstehens der historischen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Ereignisse im Universum. Er hat jetzt eine mathematische Lösung des Würfelproblems gefunden und ist selbst gespannt, wie sich die weiteren Abläufe entwickeln werden. Er hat einen Plan und den will er heute beginnen zu verwirklichen.

Die Erdenbewohner werden das Bauwerk als Weltwunder betrachten und staunen, dass es die anderen sechs geplanten Weltwunder bei weitem überragen und überleben wird. Mit Heiterkeit stellt sich Albert vor, wie Heere von Archäologen, Ägyptologen, Ingenieuren und Spinnern ihre Theorien zum Zweck des Bauwerkes und zum Verfahren der Realisierung verkündigen und es z. T. dabei als Wissenschaft verkaufen. Der Bau des Turms von Babel verwirrte die Sprache der Erdenbewohner. Der Bau des Cheops wird den Erdenbewohnern die Sprache verschlagen. Sie werden fassungslos davorstehen und ehrfürchtig von einem Rätsel sprechen. Erst wenn die Erdenbewohner bereit sind, der Vernunft im Denken und Handeln die erforderliche Priorität beizumessen, werden sie mittels schöpferischer Kreativität und wahrhafter Staatskunst die universellen Signale verstehen. Wenn Schwäche als individuelle Chance begriffen wird und die Märchen von gieriger Stärke beendet werden können, wenn die geheuchelten Umarmungen von Zweckbündnissen aufhören, wenn sie das gegenseitige Zufügen von Gewalt beenden, und wenn sie nicht mehr länger intrigant und scheinheilig sein wollen, dann werden die Erdenbewohner begreifen, zu wessen Leistungen eine wahrhaft friedlich vereinte Menschheit fähig ist.

Leider werden erst allmählich Entwicklungen zur Übereinstimmung von Aussage und Handeln, Denken und Fühlen eintreten. Genau hier ist der Ansatz zum beabsichtigten Eingriff durch die auserwählten Mitarbeiter im Fachausschuss für Erdangelegenheiten. Die werden all ihr Können einsetzen müssen, um das hohe Ziel einer friedlichen und gesunden Welt auf dem Planeten Erde durchzusetzen. Mit dem Bau der großen Pyramide werden sie die Erdenbewohner inspirieren, die wahrhaft großen Zusammenhänge in der Natur und der Gesellschaft zu erkennen. Die Erdenbewohner sollen endlich damit aufhören, sich selbst und ihren wundervollen Planeten zu zerstören. Sie sollen denken lernen und wenn sie schon einen Gott brauchen, dann sollen sie auch auf ihn hören. Kein Gott will, dass sich die Erdenbewohner gegenseitig wehtun, aber sie machen es über tausende Erdenjahre, unablässig.

Albert öffnet jetzt die Tür zum Besucherzentrum, sieht Schi Tot und ist von ihrer Schönheit überwältigt.

8. Kapitel

Nein, hier wohnen nicht die Nubier, liegt Schi Tot richtig

Ein helles leises Bimmeln lässt Schi Tot aufwachen. Sie fühlt sich entspannt. Jetzt hellwach, schaut sie sich vorsichtig in einer fremden Welt um. Nein, das ist nicht das Land der Nubier. Was ist bloß passiert? Alles ist anders. Das Licht ist warm, der Duft des Raumes und die leisen unbekannten Klänge aus der gewölbten Decke, das alles kann sie nicht deuten. Sie ist allein in einem fremden Raum.

Sie versucht sich zu erinnern. Schi Tot sieht ihren traurigen Freund beim Abschied und beginnt zu zweifeln, ob denn die spontane Abreise zu den Nubiern die richtige Entscheidung war. Ihre Reiseerinnerungen sind merkwürdig unklar. Sie erinnert sich nur nebulös, dass sie sich mit einem Leihkamel einer Karawane von Fußballanhängern angeschlossen hatte, die ihre Mannschaft bei einem schweren Auswärtsspiel im Raum Assuan unterstützen wollten. Um die Anstoßzeit nicht zu verpassen, war die Reisegeschwindigkeit der Schlachtenbummler extrem hoch. Schi Tot wollte mithalten, um nicht allein die weite Wüste durchqueren zu müssen. Allmählich wurde sie immer schneller, viel schneller als das schon immense Tempo der johlenden Liebhaber des Rasensports. Die Konturen der vorbeifliegenden Landschaften konnte sie nicht mehr wahrnehmen. Alles geriet zu einer chaotischen Bilderflut. Schi Tot versuchte verzweifelt, ihr Leihkamel zu stoppen. Vergeblich. Es war wie ein Alptraum. Und plötzlich fühlte sie sich, als würde sie schwerelos schweben. Ein angenehmes Schwingen all ihrer Sinne folgte. Die Wahrnehmung faszinierend neuer und fremder Bilder begann sich langsam durchzusetzen. Nein, das hier ist nicht der Südsudan.

Der Raum ist in hellen Pastellfarben gehalten, die seltsam matt leuchten. Der blitzblanke Boden glänzt zurückhaltend und korrespondiert mit den Farben des Raumes. Die Ausstattung ist schlicht und funktional, keinerlei Ornamentik oder Ausschmückung ziert die Möbel.

Schi Tot konzentriert sich nun auf den Mann, der soeben den Raum betritt. Es ist ein freundlich wirkender älterer Herr mit wirren weißen Haaren und mit dichtem Oberlippenbewuchs. Er stellt sich mit dem Namen Albert vor und gibt an, dass sein Markenzeichen der Verstand sei. Dabei lächelt er verstohlen. Normal ist, dass sich sonst ältere Herren immer als Kriegshelden, als erfolgreiche Geschäftsleute oder zumindest als umjubelter Mann der Künste den jungen Damen vorstellen. Nein, nicht so Albert. Der würdigt die Schärfe seiner Denkprozesse. Das macht Schi Tot neugierig. Auf dem Salontisch stehen erlesene Speisen und Getränke bereit, die Schi Tot zwar kennt, aber sehr selten zu sich nimmt. Das Einkommen als Künstlerin ist schmal und der Preis für die dargebotenen Köstlichkeiten sehr hoch. Nur in speziellen Delikatessgeschäften sind diese schmackhaften Lebensmittel erhältlich. Gern nimmt sie das verführerische Angebot an. Sie beginnt die Situation ruhig in sich aufzunehmen. Das fällt ihr leicht, da der ältere Herr eine angenehme vertrauenserweckende Aura versprüht. Sie fragt ihn, wo sie sich denn befinde. Das hier sei ein angenehmer, aber doch merkwürdiger Ort. Albert lächelt ausweichend und bittet Schi Tot, dass sie sich zunächst vorstellt.

Ihr Markenzeichen sei Schmuckdesign und auch ein wenig Wohnraumausstattungen kleinerer Dimension, beginnt sie über sich zu sprechen. In einer ganz gut frequentierten Boutique verkaufe sie diese Dinge, die sie in den hinteren Räumen in einer kleinen Werkstatt selbst entwirft und auch herstellt. Ihre Kundschaft seien meist Frauen aus der Mittelschicht. Schi Tot mag diese Kundschaft, weil sie mit ihrem ästhetischen Geschmack zwischen Krempel und Kunst unterscheiden können. Kunden, die ihre Identität dem Geldbeutel zuordnen, seien nicht ihre Zielgruppe. Deshalb verarbeite sie auch kein Gold, das sei der oberen Schicht vorbehalten. Sie weiß, wie schwer die Goldminenarbeiter im fernen Nubien schuften müssen, um das edle Metall zu gewinnen. Deshalb hat sie Skrupel, Gold zu Schmuck zu verarbeiten. In Mode gekommen sei, dass die Reichen sogar Goldgaben in die Gräber beigelegt bekommen, zumeist prächtige und faszinierende Schmuckstücke. Nein, das sei nichts für sie. Sie verarbeite gern Lederbänder mit den Halbedelsteinarten Türkisen und Amethysten für geschmackvolle Halsketten und Armreifen. Weiterhin verarbeite sie auch gern Schilfrohr für die Anfertigung von leichten Sandalen mit dicken und strapazierfähigen Sohlen. Der Clou in ihrem Geschäft seien allerdings die nach eigenem Geheimrezept hergestellten Pastillen gegen Mundgeruch, eine Mischung aus Bockhornkleesamen, unterrührt mit Weihrauch, Myrrhe, Wachoderbeeren, Harz, Rosinen und Honig. Diese Mischung forme sie zu kleinen schwarzen Kügelchen, die geröstet in einem kleinen hübschen Kästchen aus Zedernholz angeboten werden. Sie lebe bescheiden und finde ihren Lebenssinn in der Kreativität. Dass sie unverheiratet sei, verdanke sie ihrem Drang nach frei bestimmter Individualität. Dass sie ständig umworben werde, sei ihr angenehm und stärke ihr Selbstbewusstsein. Wenn sie denn je eine feste Beziehung einginge, dann vielleicht mit einem verrückten Bauleiter, der sich entschieden habe, ein Bauprojekt zu realisieren, welches noch völlig unklar in der Ausführung sei und deshalb als die Herausforderung seines Lebens betrachtet werden kann. Wie gesagt, ein Verrückter.

Albert sagt nun, dass genau wegen dieses Bauvorhabens sie hierher „gebracht“ wurde. Das ist der Plan. Schi Tot zögert eine Weile, bestätigt zunächst ihre Neugier, dann ihr Einverständnis zur Mitwirkung.

Albert erläutert nun seine Absichten. „In der hohen Ebene sei bekannt, dass Cheops ein Bauprojekt verfolge, welches das Team um den Architekten und der Bauleitung niemals mit den traditionellen Bautechniken bewältigt werden könne. Deshalb müsse ein Weg gefunden werden, dem Ausführungsteam unter die Arme zu greifen. Zunächst sei es wichtig, dem Bauherrn zu vermitteln, dass das zugestandene Budget im Vergleich zum beauftragten Wüstenkoloss in keinem plausiblen Verhältnis stehe. Dieser Größenwahn müsse unterbunden werden. Sie könne hierzu einen wichtigen Beitrag übernehmen, sie sei der Weg.“

Albert schaut Schi Tot nun tief in die Augen. Seine Stimme wird monoton und er verlangsamt das Tempo seiner Ansprache. Die Wirkung auf ihren Fitnesszustand erfolgt prompt, Schi Tot wir schlagartig müde und erstarrt regungslos. Albert legt seine Hände auf die Schläfen der jungen Frau und beginnt die Beschwörung:

„Schi Tot, so erhöre! Ich liefere die Formel, du die kreative Leistung mit der Überzeugungskraft deiner faszinierenden Aura. Du wirst am Hofe des Pharao mit Deiner Ausstrahlung suggerieren können, dass ein Polyeder als ideale Pyramide bei weitem die Ästhetik des geplanten plumpen Würfels übertreffe. Dies entspricht dem Wunsch des Fachausschusses für Erdenangelegenheiten der hohen Ebene.“

9. Kapitel

Luftballons markieren die Trauflinien

Ich hatte Pi-Latus informiert, dass die Bauleitung beabsichtigt, mit dem Architekten und dem Bodengutachter einen Ortstermin auf dem Baufeld durchzuführen. Der Grund hierfür ist, Cheops will in etwa zwanzig Sonnenumläufen (3) mit seinem engsten Stab der Vertrauten das Baufeld der Baustelle besuchen. Er beabsichtigt, sich ein erstes Bild von der Dimension seines geplanten Monumentalbauwerks zu machen. Ich befand, dass es für den Bauherrn von Vorteil ist, durch eine erste Grobabsteckung des Grundrisses die ungeheure Dimension des von ihm in Auftrag gegebenen Bauwerkes zu vermitteln. Ich bat daher den Vermesser, die Baufeldgrenzen und die Hauptachsen des Bauwerkes gemäß Lageplan des Architekten schon vor dem Ortstermin anzulegen. Pi-Latus bestätigte die Erledigung der Absteckung als Selbstverständlichkeit. Wir könnten uns auf ihn verlassen, versprach er.

Ich mag diesen Kerl, diesen furchteinflößenden Titan mit seinen 6 Königsellen (3,14 m) an Körpergröße. Geboren und aufgewachsen ist er in einer abgelegenen Bergregion an der Grenze des Reiches der Hethiter zum assyrischen Staatenbund. Pi-Latus berichtet, dass seine Körpergröße in seiner Heimat nichts Außergewöhnliches wäre. Viele Frauen und Männer hätten seine Statur, nur die Kinder wären niedriger. Deshalb sind die Bauvorschriften, etwa zur Höhe des Wohnraumes, der Türen, der Brüstungen und der Länge der Betten, dort andere als in Ägypten. Schon als Kind galt Pi-Latus in seinem Volksstamm als etwas Besonderes. Wenn seine gleichaltrigen Spielkammeraden sich der Nachahmung berühmter Schlachten widmeten oder Mannschaftsturniere diverser Ballspielarten organisierten, suchte Pi-Latus die Ruhe in der Abgeschiedenheit der Berge. Er streifte mit einem Campingbeutel auf dem Rücken in der Bergwelt umher, stellte sich auf die Gipfel und liebte es, die Entfernung und die Höhe anderer Bergspitzen zu schätzen. Er ersann schon in früher Jugend Messmethoden, um seine Schätzungen nachprüfen zu können. So bastelte er aus alten Hausratgegenständen aus dem Schuppen des Vaters und der Küche der Mutter gut funktionierende Messinstrumente. Über Peilungen konnte er damit in der Regel Übereinstimmungen zu seinen Schätzungen konstatieren. Die kindliche Freude war dann groß.

Aus dieser Neigung entsprang sein Studienwunsch; unbedingt wollte er Geodäsie studieren und als Vermesser arbeiten. Sein Abschlusspatent gelang ihm mit Auszeichnung an der guten geodätischen Universität von Armana. Er ist nach seiner Ausbildung in Ägypten geblieben. Seine Dienste als Vermesser werden hier gern in Anspruch genommen. Der Bauboom hält in Ägypten an und verschafft den in der Bauwirtschaft tätigen Fachleuten derzeit eine sichere Existenzgrundlage. Dass Pi-Latus nicht nur eine prägnante Körpergröße ausweist, sondern auch durch seinen durchtrainierten Körper Aufmerksamkeit erregt, liegt an seinen diszipliniert durchgeführten täglichen Körperertüchtigungsmaßnahmen. Größte Freude bereitet es ihm, wenn die mächtigen Wassermassen des Nil in der Zeit der großen Überschwemmung das Niltal durcheilen und er flussaufwärts mit ausgefeilter Schwimmtechnik gegen den immensen Wasserdruck Widerstand leisten kann. Gegen den Strom zu schwimmen, ist seine große Leidenschaft. Vermesser sind in der Regel sehr zuverlässige Kollegen. Wenn sie gebraucht werden, sind sie da und arbeiten strukturiert die messtechnischen Aufgaben ab. So auch dieses Mal.


Zum verabredeten Ortstermin auf dem Baufeld erscheinen pünktlich San-Rah, Prok-Toor, Echt-Natron und ich. Pi-Latus übergibt uns die Absteckprotokolle und zeigt die fest in den Boden eingetriebenen Absteckpflöcke mit den Achsbezeichnungen und die markierten Gemarkungssteine der Baufeldgrenzen. Zufrieden bedanken wir uns für seine Zuverlässigkeit. Der Vermesser nimmt bescheiden die Würdigung entgegen und lächelt verlegen. Man muss diesen warmherzigen Menschen einfach gernhaben.

Die Lage der Hauptachsen haben gemeinsam der Architekt und der Bodengutachter festgelegt. Zwei Kriterien spielten dabei eine entscheidende Rolle. Zum einen sollte der vorhandene felsige Baugrund die Standsicherheit des Bauwerks garantieren, zum andern sollte eine mystische Projektion der drei Gürtelsterne aus dem Sternbild des Orion auf die Erde die Harmonie zwischen Himmel und Erde symbolisieren. Der große Würfel ist der erste Teil einer Gesamtkonzeption, einer Dreierreihe von Bauwerken, die, wenn nicht von Cheops, dann von seinen Nachfolgern vollendet werden soll. Das nennt man in Fachkreisen „Erst nachhaltiges Denken, dann nachhaltiges Bauen“. Eine faszinierende Reihenfolge, die sich erst allmählich beginnt durchzusetzen.

Zur Animation der Grundfläche des Würfels hat Pi-Latus neben der Absteckung der Achsen auch die Eckpunkte der Grundfläche markiert. Die Festlegung der Höhe der Grundfläche wurde aus dem höchsten gemessenen Pegelstand des Nil abgeleitet. Hier liegen statistische Daten der unteren Flussbehörde vor, die alle als zuverlässig beurteilen. Die 0.00 Höhe ist die Basishöhe des Würfels an allen vier Eckpunkten und darf nur minimal abweichen. Eine für das Bauen durchaus normale Abweichung würde sofort die Geometrie zerstören und für die optische Wirkung der Trauflinien des Würfels verheerende Folgen haben. Hier verlangt der Architekt vom Vermesser allerhöchste Präzision. Alle Messpunkte und Achsen sind in einem Absteckprotokoll dokumentiert, das der Vermesser mit der Bestätigung, dass er sich nicht vermessen hat, unterschreiben und abstempeln muss.

Nur so am Rande, es ist schon merkwürdig, dass der Beruf des Vermessers nach einem Vorfall benannt wird, der auf Baustellen keinesfalls passieren darf. Die Kampfmittelsondierung ist ohne negativen Befund durchgeführt worden. Die Freigabebescheinigung liegt vor. Seltene Lurche wurden auch nicht angetroffen. Die Umweltbehörde ist zufrieden. Die Hauptelemente der zentralen Baustelleneinrichtung, wie die Stichkanäle vom Nil zu den Entlademauern, das Bauschild, die zentralen Baumagazine, das Equipment der drei Kalksteinbrüche, das Arbeiterviertel, die Versorgungsbereiche mit Kornhäusern und der Bäckerei und nicht zuletzt der administrative Bereich für die Architekten mit ihrer Bauleitung, die Palastanlagen des Pharao und der hohen Priester der Projektsteuerung werden später abgesteckt.

Bald also will Cheops mit seiner Entourage den Bauplatz besuchen. Der Besuch soll würdig vorbereitet werden. Als verantwortlicher Bauleiter schlage ich vor, gleich die ganze Dimension des Würfelbauwerks anschaulich zu simulieren und nicht nur die Grundfläche. Hierfür sollen an den vier abgesteckten Eckpunkten 146 m lange leichte Seile befestigt werden, an deren Ende große Luftballons befestigt sind. Die Luftballons würden mit Methan gefüllt und bei idealen Windbedingungen die Eckpunkte der Trauflinien markieren. Somit könne man das unvorstellbare Bauwerk in seiner ganzen Größe erahnen. Methan wird aus dem Dung der Tiere in den höfischen Stallungen gewonnen. Für die Luftballons würden die Schallblasen des männlichen Nilriesenfrosches umfunktioniert. Ich beende meine Ausführungen und beobachte die Wirkung meiner Idee. Begeisterung sieht anders aus. Prok-Toor bemerkt süffisant, dass für das Aufblasen der Ballons Hoch-Hart-Muth zuständig gemacht werden sollte. Echt-Natron ergänzt noch taktisch klug, dass die Umweltbehörde vom Füllstoff der Ballons besser keinen Wind bekommen solle. Er befürchtet Bedenken der Umwelthüter darüber, dass zusätzliches und durch Menschenhand gewonnenes Methan vielleicht unkontrolliert in die Atmosphäre gelangen könne.

„Und wie organisieren wir das mit der erforderlichen Windstille?“, fragt San-Rah. Es folgen ein paar Momente des kreativen Schweigens. Um meine Idee zu verteidigen, schlage ich vor: „Im Falle starker Winde würden wir das Flattern der Ballons als Symbol der Dualität zwischen statischer und dynamischer Prozesse beim Bauen deklarieren. Also, alles ist gut.“

Die Stimmung ist gut. Wir finden, dass wir konzentriert arbeiten und Schritt für Schritt die Baumaßnahme zielorientiert vorbereiten. Nur San-Rahs Gesicht schafft es nicht, gesündere Farbtöne anzunehmen. Er quäle sich sehr beim Gedanken an die bevorstehende Offenbarung zu den Kostendefiziten. Der entscheidende Schritt einer offensiven strategischen Herangehensweise müsse nun schnell vorbereitet werden. Lebensgefährlich ist es so und so, versuchen wir uns zu beruhigen. Mutig beschließen wir nach einer kleinen Pause, Cheops solle reiner Wein eingeschenkt werden.

Apropos, reinen Wein einschenken. Über die plötzliche eintretende Überfunktion meiner Speicheldrüsen erkenne ich, dass es wieder an der Zeit ist, einen köstlichen kühlen Rebensaft in meinem Weinbecher einzugießen und meine Kehle zu erquicken. Den anderen scheint es ähnlich zu gehen. Wir schauen zur Sonne und berechnen übereinstimmend die Tageszeit. Die kleine Bar mit den tollen Musikern wird erst am Abend geöffnet. Wir haben also noch etwas Zeit, vorher in unser Baubüro zu fahren.

Wir betreten das Büro und müssen in eisige Gesichter schauen. Überall nur gruselig eisige Gesichter. Frau Notvertrete räuspert sich zuerst und spricht davon, dass Interna des Büros durch einen Maulwurf nach außen gelangt sind. Die Mitteilung stamme von einem uns wohlgesonnenen informellen Mitarbeiter in der Redaktion der Lokalpresse. Erst nach einiger Zeit des Ringens um Fassung fragen wir vorsichtig, welche Details wohl nach außen gedrungen seien. Frau Notvertrete erinnert uns an die Büroparty im Nachgang unserer Anlaufberatung. Nach reichlichem Genuss von Alkohol hätten wir über Optionen zur Nutzung des Cheopswürfels gescherzt. Vor Lachen hätten wir uns weggeworfen, als die Nutzung als Grabanlage für Cheops ins Spiel kam. „Stellt euch vor, Cheops erfährt von dieser unverschämten Entgleisung. Auch wenn er nur Ansätze der Geschehnisse erfährt, der zerreißt uns alle in der Luft“, warnt Frau Notvertrete. Jetzt haben auch wir eisige und blasse Gesichter. Wer mag wohl der Schurke sein? Unerträglich der Gedanke, dass wir unsere Besprechungen und Feierlichkeiten nicht mehr frei von Misstrauen durchführen können. Dass ab sofort jeder Gedankenaustausch von unsicherer Vertraulichkeit geprägt sein wird. Furchtbar. Wer tut denn so was? Wir legen für Pi-Latus, Prok-Toor, für die Bauleitung sowieso für San-Rah unsere Hände ins Feuer. Verbleiben noch Frau Notvertrete und ihre Cousine? Ist das vorstellbar? Nein! Doch, wer sollte davon Wind bekommen haben? Die Projektsteuerung war nicht anwesend und in der Bar war sie auch nicht dabei. Hatten wir etwa in der Bar total die Kontrolle verloren, so dass die Grabmalsatire nach außen dringen konnte?

10. Kapitel

Wer bin ich und wo war ich, fragt sich die schöne junge Frau

Schi Tot reitet zum Kamelhaus und gibt das Leihkamel zurück. Eigentlich ein einfacher Vorgang, doch es gibt ein bisschen Aufregung. Es hat lange gedauert, der netten Dame am Empfang klar zu machen, dass Schi Tot ihre Reisepläne ändern musste und somit das Leihkamel wieder in der Filiale in Memphis, nicht wie vertraglich vereinbart, im Südsudan abgegeben wird. Aber das ist nicht der Hauptanlass der Aufregung. Vielmehr ist der Zustand des Leihkamels der Anlass einer strittigen Debatte. Das Kamel ist ordnungsgemäß genährt. Die Höcker sind wieder mit Trinkwasser aufgefüllt. Stein des Anstoßes aber sind die Zähne, das Fell und die Hufe des Tieres, die zur Übergabe an die Mieterin in einem miserablen Zustand waren. Dies wurde auch im Übergabeprotokoll vermerkt. Doch jetzt zur Rückgabe, sind Zähne und Hufe in einem vorzüglichen Zustand und das Fell vollständig parasitenfrei. Schi Tot lässt sich nicht anmerken, wie erstaunt sie selbst über diese Sachverhalte ist. Sie kann sich nicht erinnern, sich jemals um das Leibeswohl des Leihkamels gekümmert zu haben.

Überhaupt ist die Erinnerung an die letzten Tage äußerst diffus. Ja, da war so ein netter älterer Herr, der einen vorzüglichen Eindruck bei ihr hinterlassen hat. Ja, da war dieser merkwürdige Raum mit all den angebotenen Köstlichkeiten auf einem durchsichtigen Tisch, die sie sich als Künstlerin nicht leisten konnte und ja, da waren die Gedächtnislücken zur Reise in den Südsudan und zurück nach Memphis. Aber eines wusste sie mit entschiedener Überzeugung. Sie hatte einen Auftrag zu erfüllen. Nämlich den Auftrag, ihren Pharao zu überzeugen, dass ein Polyeder als Pyramide in der Wüste weit ästhetischer sei als ein wuchtiger plumper Wüstenwürfel, der noch nicht mal quadratisch ist. Diese Überzeugungsleistung wird sie mit ihren kreativen Talenten tätigen und als schöne junge Frau Mittel und Wege finden, in den Palast direkt zu Cheops zu gelangen. Nicht mehr und nicht weniger. Staunend nimmt sie wahr, dass sie diese mysteriösen Dinge mit selbstverständlicher innerer Gelassenheit und lockerer Heiterkeit betrachtet. „Was ist zu jetzt tun?“, ordnet Schi Tot ihre Gedanken. Als erstes wird sie ein Konzept zur Vorgehensweise erarbeiten. Ihre Waffen als junge attraktive Frau und ihr Talent zur kreativen Inszenierung sollen die Schwerpunkte in ihrem Plan sein. Mit diesem Verbund glaubt sie, könne sie am besten die beabsichtigte Wirkung bei Cheops und seinem Hofstaat erzielen. Mit modischer körperbetonter Kleidung, betörendem Duft und knalliger Kosmetik wird sie sich eine besonders anziehende Aura verschaffen. Dazu will sie leicht tänzelnde Schrittfolgen einstudieren, die die Männerwelt im Palast in sinnliche Träume versetzt. Als Präsentationshöhepunkt wird sie einen komplexen Körperschmuck kreieren. Mittelpunkt des Arrangements soll eine Pyramidenform sein, die im Verbund mit edlen Metallen und Steinen den absoluten Hingucker darstellt.

Schi Tot genoss eine glückliche Kindheit. Ihre Mutter stellte ihr Leben in den Dienst des behüteten Heranwachsens ihrer Kinder. Als jüngste von drei Mädchen und zwei großen Brüdern war sie das Nesthäkchen der Familie. Vor allem ihr Vater kümmerte sich rührend um Schi Tot. Als Dozent an der Hochschule für gute Formgestaltung in Memphis konnte er schnell das ausgeprägte Talent seiner jüngsten Tochter für die Gestaltung von Formen, Farben und Materialien erkennen. Schon im Vorschulalter bemalte die kleine Schi Tot rohe Keramiken mit Geduld, hoher Präzision und bemerkenswert schöpferischen Motiven. Während gleichaltrige Mädchen Puppen und Puppenstuben geschenkt bekamen, sorgte der Vater dafür, dass die talentierte Tochter zu ihren Geburtstagen ein Gerätesortiment zum Herstellen von Keramiken geschenkt bekam. Schon bald nannte sie eine Töpferscheibe und einen kleinen Kinderbrennofen ihr Eigen. Erfolgreich nahm Schi Tot am jährlich stattfindenden Nachwuchswettbewerb „Jugend töpfert“ teil und erhielt wertvolle Auszeichnungen. Als aus dem jungen Mädchen eine junge Frau wurde, standen berühmte Dozenten verschiedener Kunstakademien Schlange vor ihrem Elternhaus, um der Begabten an ihren künstlerischen Bildungseinrichtungen ein Stipendium anzubieten. Selbst Berater traten auf den Plan, um selbstlos einen erfolgreichen Karriereweg der jungen Künstlerin zu gestalten. Entschieden hat sich Schi Tot jedoch für ein Studium an der Hochschule ihres Vaters. Die väterliche Geborgenheit war ihr wichtig und schon bald stieg sie in den Rang einer Meisterschülerin. Selbstbewusst ob ihrer gradlinigen Entwicklung als Künstlerin reifte der Entschluss, sich nach ihrem Studium selbstständig zu machen. Ihr Traum von einer kleinen bescheidenen Werkstatt mit Verkauf der eigenen Produkte wurde schnell wahr. Sie ist dadurch unabhängig und kann sich einen bescheidenen Lebensstil nach ihren eigenen Vorstellungen leisten. Sie fühlt sich als freier Mensch.

Schi Tot hat ihr Konzept zur weiteren Vorgehensweise abgeschlossen. Sie ist zufrieden und denkt an ihren Freund. Sie weiß, dass er ganz in der Nähe, in dem neu geschaffenen Büro der Bauabteilung ist und sich auf eine kolossale Projektherausforderung vorbereitet. Sie bewundert diesen tollkühnen Mann. Nicht jeder würde sich einer solch abenteuerlichen Herausforderung stellen. Sein Mut, sein Engagement und seine fachlichen Fähigkeiten würdigt sie über alle Maßen. Als sie ihn auf einer Vernissage kennenlernte, hatte er versucht, seine schüchtere Verlegenheit mit mehr oder weniger humoristischen Sprüchen zu überspielen. Das war zwar amüsant, aber nicht zwingend intelligent. Sympathisch war er ihr aber sofort. Man sah es ihm an, dass er ein Mann der Baustelle ist. Bürogänger treten anders auf und kleiden sich in der Regel vorteilhafter. Gefunkt hat es, als er bei ihr verabredungsgemäß zur Bezahlung der roten Perlenbrosche erschienen ist. Ohne Widerstand ließ sie sich danach auf lange Spaziergänge und gemeinsame Restaurantbesuche ein. Sie genoss es, mit ihm zusammen zu sein und hörte aufmerksam seinen Berichten zum Berufsalltag eines Bauleiters zu. Es gefiel ihr, wie er einerseits den Berufsethos des Bauens hervorhob und andererseits äußerst kritisch sich mit den Modalitäten der Verwaltung des Bauens auseinandersetzte. Wie er vom täglichen verzweifelten Kampf um den bürokratischen Alltag berichtete und wie er sich mit der Unbedarftheit der Behörden und Ämter auseinandersetzen muss. Ein Bauleiter ist verantwortlich für die Erfüllung der Funktionsmerkmale eines Bauwerks, für dessen Qualität, die Einhaltung der kalkulierten Kosten sowie des Terminplans. Und das alles ohne wesentliche Entscheidungsbefugnisse. Er sieht darin einen fundamentalen Widerspruch, denn viele Baustellenkonflikte sind dieser Tatsache geschuldet. Schi Tot konnte ihn ein wenig trösten, als sie ihm ähnliche Probleme aus ihrer gewerblichen Tätigkeit erzählte. Auch sie muss sich den Gepflogenheiten der Bürokratisierung selbstständiger Existenzen unterordnen. Die Ämter und das Finanzamt sorgen schon mal für manch bedrückende Stimmung. Es ist durchaus manchmal schwierig, sich als Selbstständige frei zu fühlen.

Ihre Gedanken ordnet sie nun wieder ihrer Beziehung zum Bauleiter zu. Ihre strikte Neigung zur Selbstbestimmtheit führt nämlich zu einem Dilemma. Einerseits fühlt sie sich in seiner Nähe durchaus geborgen und sehr wohl, andererseits will sie sich noch nicht binden. Für einen körperlichen Kontakt ist es noch zu früh. Schi Tot beschließt, zunächst alle Energie und Zeit in die Erfüllung ihres Auftrags zu stecken. Ihr Freund muss warten. Er weiß noch nicht, dass sie zurückgekehrt ist. Eine unerklärliche imaginäre Macht zwingt sie zum sofortigen Handeln. Die Formel für eine Pyramide hat sie von Albert für die Proportionen der Entwürfe aufgeschrieben bekommen. Sie beginnt nun mit geübter Hand Skizzen anzufertigen und hat sich schnell für eine zufriedenstellende Darstellung entschieden. Die Pyramide soll räumlich mittels flacher Vogelperspektive vor einem angedeuteten Strahlenkranz als Relief dargestellt werden und in einem Schmuckarrangement integriert zur Geltung kommen. Sie denkt an einen prächtigen Hals- und Brustschmuck aus mehreren Ketten und Ornamenten. Obwohl die Seach-Kragen der oberen Schicht vorbehalten sind, will sie diese Ausführung in Erwägung ziehen. Für die Pyramide im Zentrum des Kragens denkt sie an ein Schnitzwerk aus weißem Elfenbein, eingelegt in eine erhabene Fassung aus Gold und Silber. Perlen und Edelsteine sollen so aufgesetzt werden, dass sie zwangsläufig die Blicke auf die Pyramide führen. Außerdem schwebt ihr ein Siegelring aus reinem Gold vor, der ebenfalls im Zentrum des Ringes eine Reliefdarstellung einer Pyramide bekommen soll. Ihr ist klar, dass sie die Kleidung und die Frisur dem zentralen Schmuck unterordnen muss. Ein kurzer Blick in den Kleiderschrank genügt und schon hat sie sich entschieden. Sie wählt ein langes schmales Leinenkleid aus, welches ab der Hüfte bis zum Saum gerafft genäht ist. Ein breiter Gürtel soll diese Trendwende im Stoffarrangement unterstützen. Dazu wählt sie hohe Plateauschuhe aus, die ihre langen schlanken Beine perfekt betonen. Das Kleid, die Schuhe und der Schmuck ergeben dann das Gesamtbild einer jungen verführerischen Frau. Genau das ist ihre Absicht.

Sie will mit weitausladenden geflochtenen pechschwarzen Haaren, die sie mit Leinöl zum Glänzen bringen wird, das Bild einer zum Schmuck passenden Frisur vollenden. Dass diese Haarpracht über ihre nackten Schultern gleiten soll, rundet das Verführungskonzept ab. Ein kleines silbernes Diadem mit ein paar Edelsteinen über der Stirn und dazu passende lange Ohrringe werden zur Ergänzung der erwählten Frisur dienen. Um ihre jugendliche Haut zu betonen, wird sie sich, bevor sie sich ankleidet, mit einem rauen Brei aus Salzlauge und Holzasche, vermengt mit tierischen Fetten, Pflanzenölen und gemahlenem Kalkstein waschen. Danach wird Schi Tot ihre Lieblingscreme aus Alabasterstaub, rotem Natron, Salz und Honig auf die Haut tragen. Für das Gesicht wählt sie zur Aufhellung ein bleiweißes Lehmgemisch. Die Augen werden mit einer dunklen Paste schwungvoll umrahmt, die Augenbrauen bis an die Schläfen hochgezogen. Ocker betont noch ihre hohen Wangenknochen, ein Hauch grünes Malachit mit blauem Eisenerz lässt ihre Lider schimmern.

Schi Tot schaut in sich hinein. Sie glaubt, dass ihre Waffen nun scharf genug sind und macht sich gleich ans Werk der Umsetzung. Sie überlegt noch, wie sie am besten zu Cheops vorgelassen wird. Zumindest will sie von einem seiner Wesire empfangen werden.

11. Kapitel

Eine wichtige geheimdienstliche Mitteilung und eine freche, überzeugende Schi Tot

Der Pharao hat seine Staatsgeschäfte unterbrochen und zieht sich in den Teil seines Palastes zurück, in dem sich seine Privatgemächer befinden. Auf dem Weg dahin bestätigt er seinem Privatsekretär die Reihenfolgeliste der für heute Abend vorgeschlagenen Damen aus seinem Harem. So wichtig ist ihm das heute nicht, denn sein Bauprojekt nimmt ihn voll und ganz in Beschlag. Er betritt sein Arbeitszimmer und befiehlt den Wachen, niemandem Zutritt zu gewähren.

Cheops setzt sich an seinem Schreibtisch und beginnt seine Gedanken zu ordnen. Er hat sich frische Früchte und einen Minze-Cocktail kommen lassen. Im Palast ist es ruhig. Die Handwerker nebenan, die die Bibliothek renovieren, frühstücken gerade. So kann er sich gut konzentrieren. Seine Stimmung schwankt zwischen Skepsis und Euphorie. Kann er dieser wunderbaren Idee trauen? Sein Bauchgefühl sagt, ja. Die Idee der besoffenen Bauleute, den Wüstenwürfel sinnvoll als Grabanlage für den Pharao zu nutzen, findet er genial. Die Idee wurde ihm von einem Hofschmeichler zugetragen. Der gehört am Hofe der Brigade der geheimdienstlichen Mitarbeiter an und hat beste Beziehungen zur Fahrdienstabteilung des Baustabes. Cheops ruft sich nochmal in Erinnerung, dass nach seiner Kenntnis die Bestattungsanlagen seiner Vorgänger Djoser und Snofru im Vergleich zu seinem jetzigen Projekt eher winzig ausgefallen. Flache instabile pyramidenähnliche Steinhaufen, gebaut in unbedeutender Höhe über den eigentlichen Bestattungsstätten, den tief gelegenen Mastabas, sind nun wirklich keine Renner mehr. Die toten Regierungschefs wurden nach den damals gängigen Totenzeremonien nach unten in den Keller getragen und den Göttern überlassen. Mastabieren nannte man diese Staatsbegräbnisse damals. Schrecklich.

Jetzt scheint sich für Cheops eine völlig neue Dimension seiner eigenen Grabanlage zu eröffnen. Er wird an seinen letzten Ruheort hinaufgetragen, stellt er sich begeistert und bildhaft vor. Hinaufgetragen in Richtung Gestirne und nicht hinabgetragen in Richtung des Reiches der Finsternis. Das ist dann sein Markenzeichen. Fest steht, dass er damit in die Geschichte eingehen würde und genau das fasziniert ihn.

Er hat jetzt richtig gute Laune und lässt den Streitwagenfahrer zu sich kommen, der die Trinkgemeinschaft an dem betreffenden Abend betreut hat. Der hat gerade dienstfrei und erscheint sofort, wirft sich demütig in den Staub und wirkt dabei eingeschüchtert. Cheops verlangt vom Dienstleister nochmals die Darlegung der offen gelallten Grabanlagenspinnereien seines Bauleitungspersonals. Jetzt erfährt der Pharao aus erster Hand, dass die oberen zwei Hohlräume im Würfel als Grabkammern für den Pharao und seine Gemahlin dienen könnten. Dass weiterhin die angedachten engen und schrägen Kanäle der betreffenden Hohlräume nicht zur Entrauchung verwendet werden sollten, sondern als Wege der Totenseelen zu den Göttern, die in den Gestirnen wohnen. Abgerundet werden könnte die Wüstenwürfelanlage mit zwei Tempeln, einmal am Nilufer als Taltempel und zum anderen am Fuße des Bauwerks als Totenopfertempel. Beide Tempelanlagen sind mit einem prunkvollen aufsteigenden Weg (5) verbunden, auf dem die einbalsamierte Leiche des Pharao mittels feierlicher Prozession hinaufgetragen werden soll. Der Untertan beendet seinen Bericht. In seinen verunsicherten Augen ist der schmähliche Verrat sichtbar und er bittet um Gnade für die Indiskretion. Doch das Gegenteil ist der Fall. Cheops amüsiert weiter gut gelaunt die Untergebenheit und er bedeutet dem Streitwagenfahrer, dass er eine gute Nachricht überbracht hat, für die er sich großzügig zeigen wird. Der Informant solle sich in der Küche ein Stück Kuchen geben lassen, vom Blech für den Pharao versteht sich.

Cheops bestellt seinen Wesir für Städtebauangelegenheiten zu einer Blitzbesprechung. Als dieser nicht gleich kommt, schickt er zwei kräftige Diener los, die den Wesir suchen und umgehend herbeizubringen haben. Es dauert nicht lange. Der eine Diener drückt nachhaltig den Wesir in den Raum. Der andere Diener hat eine junge schöne Frau unter den Arm geklemmt. Diese fuchtelt mit Händen und Beinen und protestiert mit ziemlich großen Rabatz. Der Wesir spielt ewig geübte Unterwürfigkeit und bittet um Vergebung, weil diese junge Frau es wagte, in den Palast ohne Terminvereinbarung vorzudringen. Aufgeregt berichtet der Wesir, keinem Untertan sei es gelungen, die junge Frau mit ihrem Begehren, Cheops sprechen zu wollen, aufzuhalten. Alle seien geblendet von ihrer göttlichen Schönheit und ihrem verführerischen Gang. Zwei Wachmänner wären fast in Ohnmacht gefallen, berichtet der Wesir und bittet um Gnade für dieses herrliche Geschöpf.


Mit einer Handbewegung bedeutet Cheops den beiden Dienern und dem Wesir, den Raum zu verlassen, nur die junge Frau soll bleiben. Mit neugierigem Blick mustert er die junge Frau. Irgendwie kann er seine Untertanen verstehen. Diese Frau ist von unbeschreiblicher Schönheit. Ein vollendeter weiblicher Körper in perfekter Kleidung, mit einem hervorstechenden Schmuck und einer Frisur, wie sie nur große Haarstilisten erschaffen können, steht nun vor ihm. Sie ist noch atemlos vom Kampf mit seinen Dienern. Cheops Blick konzentriert sich auf ein zentrales Symbol im Zentrum Ihres Brustschmuckes. Gleiches kann er auf dem großen goldenen Siegelring an ihrer rechten Hand entdecken. Es ist eine wundervoll proportionierte Pyramide von herausragend schlichter Ästhetik. Cheops lässt sich nicht anmerken, dass er angespannt und neugierig ist. Sein Zögern bedeutet für Schi Tot das Zeichen, das Wort zu ergreifen. Ihre Atmungsorgane haben sich erholt und sie stellt sich als bescheidene Künstlerin aus Memphis vor. „Ein älterer Mann mit dem Namen Albert hat mich zur dir geschickt, oh göttlicher Herr, um dich zu überzeugen, dass eine Pyramide um ein Vielfaches großartiger sein wird als der geplante Wüstenwürfel.“ Sie deutet dabei auf ihren Schmuck und den Siegelring. Cheops ist über diese Unverfrorenheit amüsiert, lächelt Schi Tot an und fragt: „Wer ist bitte schön Albert?“

12. Kapitel

Ein Arbeitsgrillen

Es ist später Nachmittag in Gizeh. Die Sonne brennt noch unbarmherzig. Echt-Natron hat vom Pharao ein hübsches Wassergrundstück am Nil zur Nutzung überlassen bekommen. Er bewohnt sozusagen ein Dienstgrundstück. Es liegt etwas abseits von anderen privaten Grundstücken und ist durch den üppigen Bewuchs von Pflanzen und Sträuchern kaum zu finden. Hier kann der Projektleiter bis zur Vollendung des Auftrages arbeiten, wohnen und auch grillen. Die Temperaturen sind durch den kühlenden Wind, der über den Fluss weht, etwas angenehmer als in der Stadt. Also alles bestens, um der Einladung zu einem Arbeitsgrillen zur Vorbereitung der Grundsteinlegung auf Echt-Natrons Grundstück zu folgen.

Eingeladen sind Frau Notvertrete mit Ihrem Mann, der Architekt mit seinem Hund und ich mit Durst und Hunger. Ja, genau in dieser Reihenfolge. Bei der Begrüßung des Gatten seiner Chefsekretärin ist mir eine gewisse Kühle beim Handschlag meines Chefs aufgefallen. Frau Notvertrete begrüßt Echt-Natron hingegen mit einer sehr herzlichen und langen Umarmung. Den Hund des Architekten begrüßt mein Chef mit intensivem Durchwuscheln seines dichten Fells. Der Hund quittiert diese Zuneigung mit heftigem Schwanzwedeln, was nun wiederum die Zufuhr angenehm kühlerer Luft verstärkt. Mich begrüßt er gar nicht. Ich schließe daraus, dass ich bereits zu seinem Inventar gehöre.

Echt-Natron hat eingeladen, um mit uns in angenehmer Umgebung die Modalitäten der beabsichtigten Grundsteinlegung zu besprechen. Der Wesir für Städtebauangelegenheiten meint, dass dieser traditionelle Brauch der Bauleute durchaus die Dimensionen eines Staatsaktes haben könnte. Da seien uns keine Grenzen gesetzt. Wir treffen uns deshalb in angenehmer Atmosphäre, um einen Vorschlag an den Bauherrn zu erarbeiten.

Im Moment sind wir alle etwas aufgewühlt. Wir benötigen dringend Ablenkung von den schlaflosen Nächten und der Ungewissheit zur Höhe der zu erwartenden Strafe. Weiß Cheops von den gedanklichen Auslassungen während des Trinkgelages, oder weiß er es noch nicht? Frau Notvertretes Herz schlägt immer bis zum Anschlag, wenn der Postbote die tägliche Post bringt. Heute jedenfalls war wieder keine Post von Cheops oder der Projektsteuerung in der Sendung. Keine Kündigung, keine wüsten Beschimpfungen, nichts. Eine ungeheure Quälerei, diese Ungewissheit. Im Nachhinein bereuen wir unsere Unbeherrschtheit und Fahrlässigkeit, denn es gilt als lebensgefährlich, sich über die historischen Bestattungsrituale der ägyptischen Pharaonen vor Cheops lustig zu machen. Das sind Nationalheiligtümer und ein Beschädigen derer Würde ist durch nichts zu entschuldigen. Es geht bergab mit den Toten, hinab in die Finsternis. Das klingt nun überhaupt nicht mehr lustig. Und Cheops sollte als Verstorbener in Richtung Gestirne ein Stück getragen werden und dann noch die Idee mit der Seele, die durch die Entrauchung zu den Göttern gelangt … Furchtbar, diese Gewissensbisse.

Also versuchen wir, dieses Martyrium des Gewissens mittels gutem Essen und ein paar kühlen Getränken zu erleichtern. Gegrillt wird von Echt-Natron persönlich mariniertes Nilmöwenfleisch. Nur die besten Stücke dieser wertvollen Tiere hat er für uns vorbereitet. Es sind die saftigen Flügel. Die Flügel haben durch die starke Flugmuskulatur einen hohen Fleischgehalt, denn die Ägypter haben mit der Entwicklung eines alternativ besseren Kommunikationssystems angefangen, diese Tiere zu Briefmöwen auszubilden. Zu Beginn dieser postalischen Epoche hat man versucht, die allgegenwärtigen Tauben für dieses Nutzungssegment zu trainieren. Da die meisten Briefe jedoch aus schweren Tontafeln bestanden, scheiterten die Flugversuche mit Brieftauben kläglich. Man suchte Alternativen und fand heraus, dass das Traglastvermögen der Nilmöwen immens höher ist. Die Tiere bestanden die Eignungstests und vollbringen seither wertvolle Kurierdienste. Am Ende ihrer Briefmöwenkarriere stehen sie dann mit ihrem saftigen Fleisch den Anhängern des Grillens zur Verfügung. Zu den gegrillten Briefmöwenflügeln wird Brot, getrockneter Fisch und Gänsefett angeboten. Kleine Schälchen mit geschnittenem und gesüßtem Obst ergänzen den opulenten Schmaus. Frau Notvertrete hat ihre vorzüglichen Plätzchen mitgebracht. Alle wollen den späten Nachmittag genießen und das drohende Ärgernis mittels Grillparty verdrängen. Wir plaudern und tauschen uns darüber aus, ob die gegenwärtigen Spannungen an der Staatsgrenze zum Reich der Hethiter eine kriegerische Konsequenz haben könnte. Wir diskutieren, ob denn die früheren Waffenexporte der modernen Kriegsgeräteindustrie Ägyptens zu diesem Nachbarn sich jetzt nicht rächen würden. Wir tauschen uns aus, welche Trainer unserer höchsten Fußballstaatsliga als nächster beurlaubt werden würde und machen uns lustig über die ägyptischen Kandidaten für den demnächst bevorstehenden internationalen Sängerwettbewerb.

Echt-Natron unterbricht mit einem Räuspern die lockeren Unterhaltungen und erinnert, dass jetzt die Grundsteinlegung zu besprechen wäre. Frau Notvertrete solle ein Gedankenprotokoll zur Vorlage beim Bauherrn anfertigen. Echt-Natron verliest die Gästeliste, die er vom Wesir für Städtebauangelegenheiten erhalten hat. Die Gäste sind fein säuberlich nach Rang und Bedeutung aufgelistet. Ganz oben auf der Liste stehen die Herrschaften der Oberschicht. Cheops und sein Hofstaat, dazu die Wesire und der Heerführer. Es folgen der Mittelstand mit den Hohen Priestern der Projektsteuerung, Hofärzten, einem Vertreter des Wehrbeauftragten, Eventmanagern, dem Staatsekretär für Kostengruppenangelegenheiten am Finanzministerium und mit den Journalisten der überregionalen Presse für Ober- und Unterägypten. Auch die Sterneköche des Pharaos stehen in der Mitte der Gästeliste. Am Ende der Liste schließlich sind die Journalisten der Lokalpresse, die Mitarbeiter der Bauabteilung und des Architekten, 150 Mann Sicherheitsdienst, Vertreter der beauftragten Firma und die Luftzuwedler für die VIP-Bereiche der Ehrentribüne als Unterschicht aufgeführt. Wir fragen uns, warum keine seriösen Geschichtsschreiber eingeladen sind. Über die Presse erhält die Öffentlichkeit in der Regel nur geschönte Berichte. Die journalistischen Interpretationen höriger Hofschreiber bergen die Gefahr, dass die Nachwelt von diesem Staatsakt nur unscharf Kunde erhält. Das verwundert.

Die Erfahrungen bisher vollzogener Grundsteinlegungen von Regierungsgebäuden fließen nun zügig in die Vorschläge zum Verlauf ein. Eine komplette Überdachung der Festarena, als Sonnenschutz für die Gäste, ziehen wir nicht in Erwägung. Lediglich die Sitzflächen für die Eliten im VIP-Bereich bekommen eine Sonnenschutzüberdachung. Den Festrednern soll ein gewisser inhaltlicher Rahmen und eine begrenzte Sprechzeit vorgegeben werden. Eröffnen soll der Wesir für Städtebauangelegenheiten und die göttlichen Eingebungen des Cheops herausstellen. Seine Anweisung zu dieser großartigen Tangentialbebauung der Hauptstadt Memphis wird einen architektonischen Glanzpunkt erschaffen. Heerscharen von Ägyptern und Touristen aus aller Welt werden dieses Monument besuchen und der einheimischen Fremdenverkehrsindustrie zu neuer Blüte verhelfen. Das Bauwerk ist eine Investition in eine strahlende Zukunft Ägyptens. Dafür werden die Menschen diesen Pharao für die Ewigkeit danken und gottgleich verehren. Danach soll als zweiter Redner der Staatssekretär für Kostengruppenangelegenheiten aus dem Finanzministerium vom Stand der Bemühungen um die Finanzierung berichten und so vorgeben, als könne dieses gewaltige Werk nur mit geringen und vernachlässigbaren Steuererhöhungen gestemmt werden. Das ist ein typischer Reflex von Finanzpolitikern, der Verlässlichkeit suggerieren soll.

Als dritter und letzter Redner soll der Architekt den Bauherrn ob seiner präzisen und scharf umrissenen Aufgabenstellung huldigen und sich vor dem großen Auftrag in Demut verneigen. Er soll der Ausführungsfirma Mut zusprechen, große Energie und gutes Wetter wünschen und nochmal darauf hinweisen, dass der Endtermin und die Kostenobergrenze mit astrophysikalischen Konstanten vergleichbar sind. Also, eine lockere Ermahnung an die Adresse der Ausführung, wenn denn eine Unterwanderung dieser Ziele beabsichtigt sein sollte. Zum Ende der Rede soll der Architekt eine freudige Überraschung verkünden. Cheops hat angewiesen, dass alle am Bau Beteiligten über die gesamte Bauzeit in Maßen Freibier ausgeschenkt bekommen, wobei hier nicht die Bierkruggröße gemeint sei. Wir schauen San-Rah an und bemerken in seinen Augen diese abwesende Traurigkeit. Ich will ihn aufmuntern und zeichne sinnbildlich mit bunten Bildern die Mienen der Kollegen der Sicherheit- und Gesundheitsschutzkoordination zum freien und unbegrenzten Ausschank des Freibiers. Die dürfen da nichts machen. Anweisung von Cheops. San-Rah quält sich zu einem Lächeln. Er sieht sich nicht als Schlussredner. Eher wird wohl seine Todesanzeige verlesen, gibt er sich pessimistisch. Es bleibt schwer, unseren Architekten aufzulockern.

Wir kommen zu einem schwierigen Thema. Wo und wie platzieren wir die Kartusche mit den traditionellen Beigaben einer ordnungsgemäß durchgeführten Grundsteinlegung. Die Grundsteinkartusche wird aus gehämmertem Kupferblech gefertigt. Während der feierlichen Zeremonie werden vom Moderator des Events die aktuellen Tageszeitungen der Regionalpresse, die Pläne des Architekten, die Baubeschreibung und die gültigen und anerkannten Zahlungseinheiten, in dem Fall die standardisierten Goldgewichte mit dem Hieroglyphensymbol des Cheops, in die Kartusche eingeführt und vor aller Augen mit einem Deckel fest verschlossen. Dieser Akt soll sich besonders feierlich vollziehen. Ein Chor mit 100 jungen musisch ausgebildeten Frauen und 50 Knaben vor Stimmbruch singt dazu die extra für diesen Anlass komponierte Hymne „Marmor, Stein und Eisen bricht – aber dieser Steinhaufen nicht“. Dazu sollen zehn gehisste Flaggen des Pharaonenreiches wehen. Bei Windstille sollen die Frischluftspender von der Ehrentribüne beim Intonieren der Hymne kurz einspringen und die Flaggen durch heftiges Wedeln in die Horizontale bringen.

Und wo platzieren wir den Grundstein? Fundamente gibt es nicht. Der Grundstein soll so untergebracht werden, dass es schwierig sein wird, ihn zu finden und zu bergen. Die verschlüsselten Nachrichten sollen tausende Jahre verborgen bleiben. Wir sollten konzeptionell dafür sorgen, dass das auch klappt. Unsere Aufgabe wird sein, eine eigens für den Grundstein vorgesehene Kammer, in 57 Königsellen (2) Tiefe unter der Basishöhe der Pyramide errichten zu lassen. Diese soll den Anforderungen einer geheimen Lagerung genügen. Dem Architekten schwebt hier eine Kammergröße von 30 x 15 x 9,5 Königsellen (2) vor. Das ist gewaltig, denn die Kammer muss über einen steilen Gang erreichbar sein und all diese Anlagen unter der Geländehöhe 0.00 sind in den Fels zu schlagen. Ein irrer Aufwand, aber dem Anlass angemessen. Die 3 Hammerschläge auf die Abdeckplatte der Kartusche mit den Wünschen zum guten Gelingen sollen von den Rednern der Grundsteinlegungszeremonie dann in 57 Königsellen Tiefe durchgeführt werden. Zur Verwirrung der Nachwelt soll diese Kammer den Namen „unvollendete Kammer“ bekommen. Auch weil bewusst Schuttmassen aufgehäuft werden, die diesen unfertigen Eindruck vermitteln werden. Niemand soll einfach herausfinden, dass da der Grundstein mit erheblichem Informationsgehalt liegt.

Die Grillparty ist im vollen Gange, wir lassen uns die Köstlichkeiten schmecken. Das ist das Signal für den vielleicht wichtigsten Punkt der Besprechung. Es geht um die Bewirtung der Gäste der Grundsteinlegung. Echt-Natron will die Entwürfe der Speise- und Getränkekarte gerade vortragen, als plötzlich starker Lärm aus Richtung Grundstückszufahrt zu vernehmen ist. Drei prächtig geschmückte Streitwagen mit ebenso geschmückten Kampfrossen wirbeln mit rasanter Geschwindigkeit den Zufahrtsstaub hoch in die Luft. Wir erkennen sofort, dass diese Gefährte direkt aus dem Fuhrpark des Pharao stammen. Die gleichzeitig von den Streitwagenlenkern gerufenen Stoppsignale an die feurigen Rosse dröhnen wie Unheil ahnende Fanfaren aus tausend Posaunen. Wir zucken zusammen und erstarren. Der Offizier der Abordnung, in frisch gereinigter Kampfkleidung, stellt sich mit breiten Beinen und mit der linken Hand an der gepanzerten Brust vor uns hin und fordert uns auf, alles stehen und liegen zu lassen und im Streitwagen widerstandslos Platz zu nehmen. Wir hätten sofort beim Pharao zu erscheinen. Der Offizier kündigt Gewalt bei Nichtbefolgen dieses pharaonischen Befehls an. Die Blicke des Offiziers und das Gelächter der ihn begleitenden Mannschaften machten die zaghafte Frage von Frau Notvertete, ob wir noch aufessen dürfen, zunichte. Auf unsere zurückhaltende Frage, ob ein Haftbefehl vorliegt, wird harsch mit „nee, schlimmer“ geantwortet.

13. Kapitel

Vom Kindergeburtstag zur klassischen griechischen Philosophie

Die Bibliothek ist mäßig besetzt. Vereinzelt sind ältere Mitarbeiter der hohen Ebene in die Lektüre alter klassischer Literatur vertieft. Sie genießen es offensichtlich, in dieser altehrwürdigen Fundstätte des Wissens in alten verstaubten Büchern zu blättern und sich das Wissen ihrer Vorfahren auf diesem traditionellen Weg anzueignen. Die jüngeren Mitarbeiter verlassen sich gegenwärtig mehr auf schnelle und kurze Informationen, die meist oberflächlich auf verschiedenen elektronischen Wissensplattformen angeboten werden. Albert hat sich heute einen freien Tag genommen. Er steckt in den Vorbereitungen zum Geburtstag seiner kleinen Tochter. Er geht gern in alte Bibliotheken, denn sie besitzen den besonderen Charme traditioneller Wissensvermittlung in historischem Ambiente. An den Wänden im großen Lesesaal sind deckenhoch Regale angeordnet, in denen sich alte Bücher mit faszinierend gestalterischem Zierrat befinden. Er liebt es, diese antiquarischen Stücke in der Hand zu halten und vorsichtig darin zu blättern. Es sind dann diese Zeitreisen der besonderen Art, die ihm klar machen, welch überaus wertvolles Kulturgut ein gedrucktes Buch darstellt und wieviel Fleiß und handwerkliches Können hier dokumentiert sind. Man nannte früher die Autoren der gebundenen Sprache Schriftsteller. Albert lässt sich gern von deren Prosa fesseln. Es begeistert ihn, wenn durch geschliffene Sprache Sachverhalte in seiner Fantasie vorstellbar werden. Die Ausschweifung ist das Gut der erzählenden Literatur, ganz im Gegensatz zu seinen nüchternen technisch brillanten Aufsätzen, die zu seiner Berufung als Wissenschaftler geführt haben.

Er sucht in den alten Büchern eine Spielanleitung für ein konvex gewölbtes Schachspiel mit einer Figurenbesetzung, die ihre Züge nur gekrümmt vollziehen können. Das ideale Geschenk für Alberts jüngste Tochter. Sie hat sich so eine Spielanleitung zum 4. Geburtstag von ihm gewünscht. Sie wird Su-Shi gerufen, weil sie immer ihre Augen zusammenkneift. Ihr wurde schon von den Augenärzten eine Sonnenbrille empfohlen, doch die Eltern wissen, dass sie meist angestrengt nachdenkt und deshalb die Augen so schlitzähnlich macht. Mit ihrem Freund Vektor will sie ihren Kindergeburtstag ausrichten. Vektor ist ein niedlicher kleiner dreieinhalbjähriger Kerl, der ein bisschen neunmalklug daherkommt. Er sagt nicht, ich bin der Sohn meiner Eltern. Nein, nicht doch. Vektor empfindet sich als das Produkt seiner Eltern. Das ist natürlich eine Masche und besonders, wenn er sich in eine Ecke stellt, sich gesteckt nach vorn beugt und dabei die Arme und Hände streng an die Hosennaht legt. So will er alle beeindrucken und schafft das in der Regel auch. Bei Alberts Tochter insbesondere. Sie liebt diese Performance der Darstellung eines Vektorproduktes.

Jaja, der Kindergeburtstag. Diese lästigen Kinderpartys sind auf der hohen Ebene bei den Kollegen aller Fachausschüsse beliebt und kommen immer mehr in Mode. Die Kinder sind die Stars, werden mit Geschenken vollgehängt und die Eltern sind dann vorher immer von Versagensängsten geplagt. Das ist richtig stressig, immer besser sein zu müssen als die Vorgängergeburtstagsfamilie. Zumal es selbstverständlich ist, nicht nur die Freundkinder einzuladen, sondern neuerdings natürlich auch deren Eltern – Oma und Opa noch dazu. Die kriegen dann Weinchen und Schnittchen und üben sich in sinnlosem Small Talk. In der Regel beginnen die Small-Talk-Runden nach Abschluss des traditionellen Kaspertheaters einer hierfür ausgelosten Elternpartei. Anschließend wird über das dargebotene Stück debattiert. Voriges Jahr wurde das Kaspertheaterstück „die Befriedigungsstrategien der Rolling Stones im Kontext zur Instrumentenlautstärke“ aufgeführt. Es kam zu einem heftigen Eklat. Der Kasper hatte seinen ersten Auftritt mit „Tri Tra Trullala“ begonnen. Richtig musste es aber „Tri Tra Trallala“ heißen, stellten aufmerksame und kritische Elternteile empört fest. Diese Verletzung des bekannten klassischen Textes verlange lückenlose Aufklärung, zumal die seelische Zerstörung der armen Kinderhirne sofort erkennbar wurde, denn die Kinder rannten anschließend durch die Räume und schrien den falschen Kaspertext. Für die vielen Verfechter der reinen Lehre der Verteidigung historischer Texte war dies eine Katastrophe.

Albert hat die historische Spielanleitung gefunden und will aufbrechen. Eine Hand legt sich auf seine Schulter. Die Hand gehört zu Phidias, dem alten Bilderklopfer aus der Arbeitsgruppe Griechenland. Die Begrüßung ist herzlich, beide mögen und respektieren sich. Phidias schlägt Albert vor, in das Kaminzimmer der Bibliothek zu gehen, um dort ein wenig bei einer guten Zigarre und altem Whisky zu plauschen. Albert willigt ein und bald fallen beide in rustikale und überaus bequeme Ledersessel. Albert will sich gern etwas Zeit nehmen, denn er interessiert sich sehr für die Pläne von Phidias. Der berichtet sogleich, dass er es zum gegebenen Zeitpunkt bei König Perikles durchsetzen werde, dass die besten Baumeister Athens von Iktinos bis Kallikrates gewonnen werden sollen, um auf das Hochplateau des Felsens der Altstadt von Athen eine Tempelanlage mit Erechtheion, Nike-Tempel (6) und dem Pantheon zu Ehren unserer verehrten Kollegin Athene zu erschaffen. Und Phidias erhält die große Chance, mittels seines unglaublichen Talentes in nie da gewesener Schönheit Skulpturen der Göttergeschichte der Erdenbewohner in Marmor zu hauen, den Tempel mit dieser Ornamentik auszustatten und damit in die Einzigartigkeit zu erheben. Das Modellstehen hat er bereits mit Athene vereinbart. Ihm schwebt eine Monumentalskulptur im Zentrum des Tempels vor, reich mit Gold und Elfenbein geschmückt. Ruhmreich wird es für Phidias ausgehen, dass seine Tempelanlage eine großartige Kulisse für die gezielt geplanten Denkumbrüche der Erdenbewohner sein wird. Hier an diesem Ort werden die Erdenbewohner das erste Mal in ihrer Entwicklungsgeschichte fundamentale Fragen zu ihrer Existenz stellen. Sie werden beginnen, ein naturphilosophisches Weltbild als Bruch ihrer mythischen Weltwahrnehmung zu entwickeln. Es werden in der Reihenfolge Sokrates, Platon und Aristoteles erscheinen, die den Erdenbewohnern in philosophischen Leitsätzen offerieren, dass sie wissen sollen, dass sie nichts wissen. Das ist das Tor zur Erkenntnis und führt zum richtigen Handeln. „Ach, diese Erdenbewohner, die werden noch ewig brauchen, um das zu kapieren“, seufzt Phidias. „Wie geht es dir, was machst du denn so den Tag über“, fragt nun Phidias Albert. Albert zögert mit der Antwort und setzt dann lächelnd an: „Ich habe einen wichtigen Erfolg erzielen können. Ich bin dem Ziel, den Erdenbewohnern zeitgemäß wissenschaftliches Denken zu vermitteln, einen großen Schritt nähergekommen. Sie werden bald versuchen eine geometrisch und ästhetisch akkurate Pyramide zu bauen, die alle bisherigen Maßstäbe sprengen wird. Die Pyramide von Gizeh wird, gemeinsam mit den geplanten späteren Ergänzungsbauten, eine ungeheure Mystik erzeugen. Wir beabsichtigen, in dieses Bauwerk knifflige Verschlüsselungen einzufügen, die die Erdbewohner noch tausende Jahre herausfordern werden. Wir werden dann Spaß haben, an den im Laufe der Erdenjahrhunderte entwickelten und veröffentlichen Theorien zur Bedeutung und zum Bau dieses Monumentalwerks. Doch jetzt gilt es erstmal, den Bau zu realisieren. Wir wissen, dass die entscheidenden Leute, nämlich die Baumeister, keine Ahnung haben, wie die Pyramide gebaut werden soll. Sie tappen noch völlig im Dunkeln und fürchten sich vor der Offenbarung ihrer technischen Ahnungslosigkeit gegenüber dem Auftraggeber. Das ist, lieber Phidias, genau die von dir entwickelte sokratische Situation, sie wissen, dass sie nichts wissen und doch behaupten sie nach außen genau das Gegenteil. Klar, dass sie angespannt sind. Naja, der erste Schritt ist gelungen. Mit Hilfe einer vorzüglichen, von uns erwählten technischen Muse konnte Cheops überzeugt werden, dass eine Pyramide seinen historischen Ruf deutlich steigern würde. Seine ersonnene Würfelform ist vom Tisch. Das haben wir clever eingefädelt.“ Verschmitzt lächelnd fügt Albert noch hinzu, dass er diese technische Muse, mit dem Namen Schi Tot, durchaus gern wiedersehen möchte und sie für die weiteren Zwecke der hohen Ebene einzuspannen beabsichtigt. Überhaupt kann er sich nun vorstellen, dass Frauen in der ägyptischen Geschichte eine größere Rolle einnehmen könnten. „Mensch Meier, Phidias, du hättest dieses Weib auf dem Weg zu Cheops sehen sollen. Kein Wunder, dass sich ihr alle Türen öffneten.“ Albert unterbricht und macht ein fragendes Gesicht. „Sag mal, mein Freund Phidias, habe ich gerade Mensch gesagt?“ Phidias bejaht mit einem Kopfnicken. „Pardon, so ein Quatsch, diesen Begriff müssen die sich erst noch verdienen“, stellt Albert klar. Die Zigarre ist aufgeraucht, der Whiskey ausgetrunken, das Geburtstagsgeschenk für das Töchterchen erfolgreich recherchiert. Das Leben ist schön.

14. Kapitel

Die große Projektwende

Bevor wir den Palast des Pharao erreichen, durchqueren wir im Streitwagen die mondänen Vororte für die höhere Schicht. Ich bin selten hier, höchstens mal dienstlich. Mehrere Kontrollpunkte mit bewaffneten Wachmannschaften sind zu passieren, um das auserwählte Gelände betreten zu dürfen. Im Umfeld des Palastes wohnen die hohen Staatsbediensteten, die Astrologen und Politologen und die Leibärzte des Pharao. Auch die Wesire und die hohen Priester wollen in diesem Viertel mit individueller Architektur ihre Positionen bei Hof unterstreichen. Mittels Anwesen befinden sie sich im stetigen Wettbewerb; wer hat das größte und schönste Haus. Eine neureiche Kaste von Geldverleihern ist gerade dabei, sich in diesem mondänen Wohnviertel spektakulär zu etablieren. Man ahnt den ungeheuren Wohlstand, wenn man an den neu erschlossenen Grundstücken vorbeifährt. Allein schon der Blick auf den Rohbau der neu entstehenden Stadtvillen bestätigt die These, dass sich die Geldverleihung lohnen muss. Straßen und Wege sind in einem vorzüglichen Zustand. Sie sind eingesäumt von hohen Palmen und prächtig blühenden Sträuchern. Überall sieht man nützliche Kriegsgefangene, die sich um eine bemerkenswert nachhaltige Landschaftspflege kümmern. Es gibt Streitwagenhaltestellen und Papyruskörbe an den Wegerändern. Eine normale Stadtrundfahrt hätte ich sehr genießen können. Doch schnell kommen wieder die realen Ängste, denn das hier ist keine Vergnügungsfahrt.

Jetzt können wir den Haupteingang zum Pharaopalast erkennen. Die Zuführung durch die Soldaten wird bald beendet sein. Was wird bald wohl noch beendet sein? Die Mitwirkung am Projekt, die berufliche Karriere oder gar das Leben? Im Streitwagen herrscht Stille. Unsere Sinne und Nerven sind zum Zerreißen angespannt. Gefesselt haben sie uns nicht und ein Haftbefehl liegt nicht vor. Es bleibt ein kleiner Hoffnungsschimmer, dass das Ärgernis überschaubar bleibt.

Wir betreten die Vorräume zum Audienzsaal. Diener wischen uns den Straßenstaub vom Gesicht und bieten uns Kämme an, um die vom Fahrtwind zerzausten Frisuren in Ordnung zu bringen. Eine gespannte Atmosphäre herrscht in den Räumen. Es ist jetzt soweit, die Tür zum Audienzraum öffnet sich, wir treten gemeinsam vor den Pharao und fallen auf die Knie. Cheops fragt mit gelassen ruhiger Stimme: „Kennt ihr die Sportart, wo es darum geht, kleine weiße Bälle in ein Erdloch zu schlagen? Ich würde das gern mit euch gemeinsam machen“. Seine Augen zeigen keinerlei Spuren von hinterhältiger List. Niemand ist in der Lage, zu antworten. Wir verstehen die Frage und die Situation nicht. „Was ist los, warum bekomme ich keine Antwort? Ihr könnt jetzt aufstehen.“

Cheops geht zu einem Tisch mit einer großen Landkarte und winkt uns heran. „Meine Herren, die Karte zeigt den Nahen Osten.“ Er tippt mit seinem rechten Zeigefinger auf eine bestimmte Stelle der Karte. „Hier, gleich hinter meiner Sommerresidenz, befindet sich eine wunderbare Golfplatzanlage. Dort kann man in herrlicher Umgebung, bei frischem Meereswind und einer großen Auswahl an leckeren Cocktails die Sportart bestens betreiben.“ Wir sind alle fassungslos. Echt-Natron fängt sich zuerst und stottert fast im Flüsterton: „Wir wollten schon immer mal diese populäre Sportart betreiben, aber die Projektaufgabe seiner pharaonischen Sonnengleichheit fesselt uns Tag und Nacht an die Reißbretter.“ Cheops unterbricht ihn und bestimmt: „In drei Wochen führe ich den ersten Bauherren-Jour-fixe auf dieser Anlage durch“. „Mit uns?“ fragt San Rah vorsichtig. „Mit wem sonst?“ ist die Antwort des Pharao. Gleichzeitig bedeutet er mit einer Handgeste, dass wir Platz nehmen sollen. Seine Diener bringen schwere Tabletts mit Früchten und Getränken. „Ihr richtet euer Arbeitspensum in den folgenden Tagen so ein, dass ihr drei Tage, zuzüglich An- und Abreise, meiner Einladung nach Südmesopotamien folgen könnt“, bestimmt Cheops. „Eurer Fahrbereitschaft vom Streitwagendienst wird in den nächsten Tagen eine effiziente Route zur Reise mitgeteilt.“ „Es gibt ein paar Besonderheiten im assyrischen Straßenverkehr, die man beachten sollte. Oft nerven Straßenkontrollen die Reisenden bei Verstößen gegen die Verkehrsregeln. Unsere diplomatischen Beziehungen zum assyrischen Reich sind zwar gut, aber es wird immer schwieriger, Verkehrssünder wieder rauszuhauen. Auch hier werden eure Leute instruiert. Zum Zeitpunkt der An- und Abfahrt finden keine Sandstürme statt, sagen meine Astrologen. Die Reisekosten übernimmt die Staatskasse, ihr seid eingeladen“, legt er fest. Abschließend verlangt Cheops, dass wir uns auf den ersten Bauherrentermin gut vorbereiten sollen.

Zwei wichtige Entscheidungen seien getroffen. Zum ersten sei die Idee vom Wüstenwürfel vom Tisch. Cheops verlangt vom Architekten die Umplanung des Bauprojektes in eine Pyramide. Die Basismaße von 440 mal 440 Königsellen (2) für die Grundfläche und die Höhe der Pyramidenspitze von 280 Königsellen (2) sollen erhalten bleiben. Die Planung der Pyramide sei so zu gestalten, dass die Wirkung in der Landschaft alle bisherigen Prunkbauten der Vorgänger des Pharaos bei weitem übertreffe und diese dann zur Bedeutungslosigkeit verurteilt wären. Zum zweiten seien Konzepte zu erarbeiten, wie die vom Pharao vorgegebenen Hohlräume in eine Grabanlage für den Pharao umfunktioniert werden können. Beide Punkte seien unwiderruflich und müssen befolgt werden. Die Umplanungsaufwendungen der Architekten und der Bauabteilung sollen honoriert werden. Ein Angebot sei bis morgen dem Wesir für Städtebauangelegenheiten vorzulegen. Die Bauzeit werde dann angeglichen, wenn die neuen Entwürfe vorgelegt und vom Pharao bestätigt werden. Die Projektsteuerung werde von Cheops selbst instruiert und in die neue Aufgabenstellung eingewiesen.


Cheops bedeutet uns, sofort an das Werk zu gehen und beendet die Besprechung. Frau Notvertrete will noch voller Dankbarkeit und Erleichterung ihre Plätzchen anbieten, doch Cheops ist schon verschwunden. Wir sitzen wie versteinert in den Audienzpolstern und sind fassungslos. Der Wesir für Städtebauangelegenheiten kommt in den Audienzsaal und bittet uns in sein Arbeitszimmer. Wir nehmen an einem großen langen Konferenztisch Platz. Der Wesir beginnt mit den ihm übertragenen weiteren Erläuterungen. „An euren Gesichtern erkennt man die Verwunderung“, teilt er uns lachend mit. „Nun, der Sinneswandel seiner Hoheit ist durch eine dem großen Cheops widerfahrene Erscheinung erklärbar“, erläutert der Wesir. „Cheops ist eine wunderschöne junge Frau erschienen, die völlig widerstandlos durch alle Sicherheitseinrichtungen, Wachmannschaften und sonstige Hindernisse direkt zu Cheops vordringen konnte. Ihre Legitimierung war allein ihr außergewöhnliches Charisma und der stolze aufrechte Gang. Wir gehen davon aus, dass sie als Gesandte eines Götterwillens zur Projektveränderung erschienen ist. In ihrem Brustschmuck und auf dem Siegelring der rechten Hand erkannte Cheops eine auffällige Pyramidenform. Er verstand dieses Zeichen der Götter und befahl seinen Polizeioffizieren, die Bauleutegruppe, also euch, umgehend in den Palast zu bringen. Ein anderes wichtiges Zeichen, ein Zeichen der Götter der Trunksucht, ist ihm zeitgleich widerfahren. Ihr seid in göttlicher Inspiration in einer kleinen Bar in einer lauen Nacht der Trunkenheit verfallen und habt verlauten lassen, dass eine Nutzung des Projektes als Bestattungsanlage dem großen Pharao gewidmet werden könnte. Das Besondere daran ist, dass die Grabkammer weit über der Erde errichtet werden solle. Welch wundervoller Gedanke, Cheops war sofort begeistert. Die Nutzung der Lüftungskanäle der Grabkammer als Pilgerweg für den toten Pharao, um zu den Gestirnen zu fahren, ist ebenfalls sehr innovativ. Das ist eine absolute Neuheit in der Totengeschichte ägyptischer Herrscher. Also, die tolle junge Frau und ihr habt dem Pharao als Erleuchtungsträger die Sinne geschärft und den Willen der Götter eindrucksvoll pflichtgemäß überbracht. Cheops hat deshalb angewiesen, euch und die junge Frau reich zu beschenken. Die Einladung, in seine Residenz zu kommen, ist erst der Anfang.“

Unsere Kinnladen hängen kraftlos in den Kiefergelenken. Wir sind immer sprachloser und haben erhebliche Schwierigkeiten, die neue Situation zu begreifen. Wir fragen den Wesir, wie Cheops Kunde von unseren Entgleisungen, oder besser gesagt, den göttlichen Visionen, aus der Bar erfahren habe. Wir fragen ihn weiter, ob er weiß, wo man die junge schöne Frau antreffen könne. Der Wesir zuckt die Schultern und antwortet diplomatisch, dass der Zuträger aus der Bar nicht mit Namen genannt werden wolle, man habe Verschwiegenheit vereinbart und will dies respektieren. Die junge Frau habe eine hübsche Wochenendresidenz am Stadtrand von Memphis erhalten und wohnt dort bereits. „Ihr Name ist äähhh … Schi heil … oder Schi bruch … oder so ähnlich, der Wesir wisse es nicht so genau.“ „Heißt sie vielleicht Schi Tot“, schreie ich in den Raum. Pause. Ich kriege kaum noch Luft, mein Puls ist am Anschlag. „Ja, genau, Schi Tot ist ihr Name“, sagt der Wesir und kann meine Aufregung nicht nachvollziehen.

15. Kapitel

Wir finden die Fassung wieder

Die jetzt netten Soldaten bringen uns zum Grillplatz zurück. Hier sind wir wieder unter uns. Der Hund hat den Grill leer gefressen, liegt zufrieden im Schatten und wedelt mit dem Schwanz. Der Mann von Frau Notvertrete möchte eine Erklärung, er habe nichts verstanden. Echt-Natron senkt den Kopf, hebt die Hand und bedeutet ihm Schweigen. Keiner soll jetzt irgendetwas Sinnloses sagen. Stille ist jetzt angesagt, fühlen wir alle. Der Hund hält sich bereits daran, selbst sein Schwanz wedelt nun nicht mehr. Wir genießen den Moment der entspannenden Ruhe.

Vor Jahren hatte ich mir ein Pulvergemisch aus Mandragora, Schlafmohn, ägyptischem Bilsenkraut und getrocknetem Stechapfel in die Nase gezogen. Ein windiger Typ einer Installationsfirma hatte mir das Gemisch geschenkt, um seine Firma bei meinen weiteren Projekten in guter Erinnerung zu behalten. Nun, in Erinnerung ist mir geblieben, dass meine Sinne schwerelos in alle Richtungen davonflogen. Alles wurde heller und farbiger. Ein angenehmer Singsang lag in der milden süßlichen Luft. Die an mir vorbeifahrenden Streitwagen hatten keine Räder, sondern Kufen, so wie die üblichen Transportschlitten für Schwerlasttransporte auf den Baustellen Ägyptens. Sie schwebten alle in der Luft. Die Streitwagenlenker waren mit dicken roten Mänteln und Mützen bekleidet. Lange weiße Bärte wehten im Fahrtwind in ihren Gesichtern. Sie schwangen Peitschen, trieben damit seltsame Pferde mit stark verzweigten Hörnen an und riefen immerzu „Hohoho Hoho“. An manchen Streitwagen hingen am Ende der Kufen kleine weiße durchsichtige Kinder mit Flügeln, die sich offensichtlich bestens vergnügten. Ihr lautes Lachen vermischte sich mit dem hellen Läuten tausender goldener Glöckchen, die um die Hälse der merkwürdigen Pferde befestigt waren. Es war wundervoll mystisch, verstärkt auch durch musikähnliche langgezogene Tonreihen, die man nur mit Fausthandschuhen spielen kann. Dann wurde mir übel, ich musste mich übergeben. Mein Hausschamane erklärte mir später auf Nachfrage meinen Zustand. Die eingenommenen Substanzen würden sich mit meinem Blut vermischen und im Hirn rauschähnliche Bilder hervorbringen, die in meinem Unterbewusstsein durch Erfahrung und Charakter fest gespeichert sind. Er ergänzte, dass derartige Erlebnisse meist freudlos auftraten. Wie auch immer, ich hatte damals das Gefühl, dass dieser Rausch nach Abklingen der Übelkeit kein Gift war, sondern ein Geschenk.

Genau jetzt befinde ich mich in einem ähnlichen Zustand. Trancehaft sinniere ich über die wesentlichen Aspekte der sich überstürzenden Ereignisse. In der Tat, es soll ein Grabsteinhaufen in Form einer Pyramide entstehen. Der Pharao lässt uns nicht hinrichten, sondern lädt uns zu einem Spiel ein. Das ist irre. Aber, dass Schi Tot wieder im Lande ist und ich davon so nebenbei erfahre, beginnt mich ein wenig zu erzürnen. Der Wesir schilderte mit überschwänglicher Begeisterung, sie sei wie ein Pfau in den Pharaopalast stolziert, hätte sich künstlich drapiert, um die Augen der Männer zu verdrehen. Sie hat sich in listiger Absicht verstellt und verleugnet. Doch halt, vielleicht hat sie auch unser Leben oder zumindest unsere Reputation gerettet? Ich bin viel zu durcheinander, um einen klaren Gedanken zu fassen. Ich möchte jetzt gleich zu ihr. Ich will erfahren, was passiert ist. Ich frage Echt-Natron, ob ich gehen darf, ich hätte eine für mich wichtige Angelegenheit zu klären. Echt-Natron lacht mich an und ermutigt mich: „Ja geh zu Schi Tot, umarme und herze sie. Schließlich verdanken wir ihr alle, dass wir mit einem Schlag keine Baukostenprobleme mehr haben. Sie ist großartig“.

Starken Schrittes und fest entschlossen erreiche ich Echt-Natrons Wassergrundstückseingang. Ein Streitwagen fährt vor, obwohl ich keinen bestellt habe. Der Lenker steigt aus und fragt mich, ob ich wüsste, wo die Bauleute zu finden wäre. Er könne sich an mich wenden, ich gehöre dazu, teile ich ihm mit. Der Streitwagenlenker stellt sich vor. Sein Name ist Tack Si, eigentlich müsste ich ihn kennen. Belustigt fragt er nach, ob wir ausgenüchtert wären. Er erinnere sich an ein abendliches Gelage in der Tanzbar. Er hätte uns alle nacheinander nach Hause gefahren und obskure Dinge zu Bestattungsritualen im Todesfalle des Cheops vernommen. Auf diese Weise hat Tack Si erfahren, wie pietätlos wir Totenzeremonien erfanden und uns dabei vor Lachen bogen. Nachdem er uns alle zu Hause abgeliefert hatte, begann ihn sein schlechtes Gewissen zu plagen, denn er hatte den Architekten allein in die Dunkelheit torkeln sehen.

Also ist er zurück, den scheinbar Hilflosen suchen zu gehen. Auf einer Bank einer Streitwagenhaltestelle unweit von der Bar hat er ihn ziemlich angeschlagen gefunden und nach Hause gefahren. Unterwegs hat San Rah ihm das Versprechen abgenommen, dafür zu sorgen, dass er die gleiche Bestattung bekäme wie sein Pharao mit dem geplanten Wüstenwürfel. Schließlich hätte sein Kollege Imhotep, zwar etwas bescheidener als sein Herrscher, eben auch eine prunkvolle letzte Ruhestätte erhalten.

Als Angestellter der königlichen Fahrbereitschaft fühlte sich Tack Si verpflichtet, die Eingebungen der betrunkenen Bauleute seiner Dienststelle zu melden. Über die herkömmlichen Kanäle in der Beamtenhierarchie wurde auch Cheops informiert. Der Lenker erlebte am eigenen Leib, dass Cheops nach dieser Information ausnehmend gute Laune bekam und in Erwägung zog, dass der Wüstenwürfel als seine Grabstätte gebaut werden soll. Ebenso erfuhr der Lenker, dass die betrunkenen Bauleute ob dieser Nutzungsidee reich beschenkt werden sollen. Stünde ihm nicht als einfacher Angestellter auch ein Anteil der Beschenkung zu? Das Stückchen Kuchen aus der königlichen Küche als Belohnung für seinen inoffiziellen Mitarbeiterbericht stellte nun wahrlich kein Äquivalent seiner Treue zum Arbeitgeber dar. Denn ohne seine Indiskretion käme auch kein Reichtum zu den Bauleuten. Tack Si grinst verlegen, faltet seine Hände symbolisch für den Geldempfang und murmelt die fast schon philosophischen Worte: „Gelderwerb kenne bekanntlich kein schlechtes Gewissen“. Erleichtert ist mir sofort klar geworden, dass in unserer Gruppe kein Maulwurf tätig war. Das ist eine gute Nachricht. Trotzdem bin ich hin und her gerissen. Einerseits hat Tack Si mit der Weitergabe der Information eine glückliche Projektwendung initiiert. Anderseits, grenzt seine Forderung nicht an Erpressung? Als ich ihn moralisch mit seinem Ansinnen konfrontiere, schaue ich in ein enttäuschtes Gesicht. Ich stelle in Aussicht, dass wir seine Dienste anderweitig honorieren werden. Denunziation jedoch würden wir nicht dulden. Scherzhaft füge ich noch den Vorschlag hinzu, Tack Si solle einen Erpresserlehrgang besuchen. Seine Vorgehensweise stellt für uns keine Drucksituation dar. Sein amateurhaftes Verhalten ist einfach nur lächerlich. Ich biete Tack Si an, mich sofort nach Memphis zu bringen. Das wäre dann ein Teil der Wiedergutmachung. Er willigt verunsichert ein und wir brausen los.

16. Kapitel

Die unvollendete Reise in den Südsudan

„Komm rein“, sagt Schi Tot. „Lass die Sandalen an, der Boden ist pflegeleicht, Verschmutzungen daher kein Problem.“ Auf dem Weg zu ihr habe ich hunderte Szenarien durchgespielt, wie unser Wiedersehen ablaufen würde. Diese nüchterne Aufforderung an der Haustür war nicht dabei. Grundsätzlich gestatte ich mir nicht, Erwartungen an andere zu stellen. Meine Erfahrung besagt, dass dies oft mit Enttäuschungen verbunden ist, wobei Enttäuschungen grundsätzlich nichts Schlechtes sind. Die Täuschung hört auf, ist das Signal aus der Sprache. Richte dich darauf ein, ist die tangierende Botschaft. Das sei rational, lernte ich in meinem Beruf und von einem guten Freund. Gewinnen allerdings Gefühle die Oberhand, wird die Ratio in den einstweiligen Ruhestand geschickt, dann sind solche Begrüßungen einfach nur gruselig. Ich bemühe mich, meine Verzweiflung mir nicht anmerken zu lassen. Auch Schi Tot wirkt nervös. Sie zeigt mir ihr neues Heim und ist besonders glücklich über den großen hellen Werkstattraum. Sie sei erst dabei, sich einzurichten und spricht über die kommenden Anstrengungen bei Auswahl und Besorgung der Wohn- und Arbeitskomponenten. Sie könne unbegrenzt ihre Bedürfnisse zur Schaffung einer genehmen Arbeitswelt mit einer individuellen Wohnstruktur verbinden, wurde ihr nach ihrer unglaublichen Audienz bei Cheops versichert. Das Grundstück, mit dem in einem tadellosen Zustand befindlichen großzügigen Haus, wurde ihr zugewiesen. Sie erzählt, dass sie nicht vorhabe, den kleinen Künstlerladen im Zentrum von Memphis zu schließen. Sie plant auf Grund der exzellenten Möglichkeiten, ihr Angebot und die Vielfalt der selbst entworfenen Produkte zu erweitern und auch hier in dieser mondänen Gegend eine weitere stilvolle Filiale zu eröffnen. Eher beiläufig fragt sie mich, ob ich ihr bei der Umsetzung der Ladenpläne mit meinem Fachwissen helfe. Sie blickt mich bei dieser Frage nicht an, sondern spricht in den Raum. Nach einer kurzen Weile antworte ich betont gelassen: „Mal sehen“. Unsere Blicke treffen sich. Sie weiß nicht, wieviel Kraft und Überwindung diese Antwort mich gekostet hat. Zu groß ist der Schmerz, über ihre Rückkehr nach Memphis nur zufällig vom Wesir für Städtebauangelegenheiten erfahren zu haben.

Ich fasse allen Mut zusammen, greife nach ihrer Hand und ziehe sie behutsam zu mir. Sie lässt es zu. Ich lege den rechten Zeigefinger auf meine Lippen. Sie versteht das Zeichen, dass nun nicht gesprochen werden soll. Jetzt steht sie vor mir. Wir schauen uns an und suchen in unseren Augen den Weg zur Umarmung. „Komm schon“, lacht sie nun, die starre Situation auflösend, „ich bin auch wegen dir zurückgekommen. Glaube mir, drei Kamelstunden in die Wüste haben schon gereicht, um über eine sofortige Rückkehr nach Memphis nachzudenken“. Die Umarmung ist eine Offenbarung. In mir spielen ganze Heerscharen von Fanfarenbläsern alle nur möglichen Oktaven rauf und runter. Ich spüre wohlige Wärme in meinen Händen und in meinem Gesicht, gefühlt mehrere hundert Grad. Erleichtert und beschwingt frage ich sie, „wieso das drei lange Stunden gedauert hat?“ Sie lacht zurück und sagt: „Normal dauert das Jahre, da bist du mit drei Stunden ziemlich ungeduldig“. Ich fühle mich jetzt großartig, wie in einer betörend anderen Welt. Keine furchtbaren Strafen des Auftraggebers für unsere alkoholisierten Eskapaden, die Freundin ist zurück mit einer sehr herzlichen und innigen Umarmung. Und schließlich die Herausforderung des Projektes einer riesigen Pyramide, die meine ganze Kompetenz und engagierte Energie beanspruchen wird. Echt, in diesem Moment bin ich glücklich. Um auch die letzte Ungewissheit auszuräumen, erkundige ich mich nach eventuellen anderen Gründen für ihre Rückkehr. Statt einer Antwort nimmt sie mich bei der Hand und drückt mich auf einen bequemen Divan. Wir sitzen in einem Raum, der durch seine vorzügliche Ästhetik besticht. Ein Geruch von fabrikneuem Mobiliar liegt in der Luft.

„Also, höre mir zu“, beginnt sie zu antworten. „Die Karawane in den Südsudan machte den ersten Halt an einer Raststätte, die von sesshaften Beduinenfamilien bewirtschaftet wird. Die mitgereisten Fußballanhänger setzten diesen Halt durch, weil vor Freude auf ein großes Fußballspiel ordentlich gefeiert wurde. Die Raststätten auf den Verkehrshauptadern Ägyptens, hier in diesem Fall der Nord – Südroute, sind auf diese Anstürme bestens vorbereitet. Die Betreiber planten vorausschauend und nachhaltig, so dass die Kapazitäten der sanitären Anlagen der Menge der feiernden Schlachtenbummler standhielten. Ich nutzte die Pause in dieser Selbstbeduinenraststätte und deckte mich mit Proviant ein“, berichtet Schi Tot. „Ein wenig Zeit bis zur Abreise blieb mir noch. Ich entschloss mich, hinter der Raststätte in einem ruhigen und schattigen Dattelhain eine ausgewiesene Frauenhängematte zu einem kleinen Schläfchen zu nutzen“, berichtet Schi Tot. Sofort sei sie eingeschlafen. Im Halbschlaf sah sie sich noch auf der Weiterreise. Ihr Leihkamel beschleunigte die Reisegeschwindigkeit so heftig, dass sie sich ängstlich um den Hals des Tieres klammern musste. Und jetzt wird die Geschichte merkwürdig. „Ja, lieber Freund, nun geschahen Dinge, die ich dir nicht erklären kann. War es nur ein Traum? Oder war es eine Mischung aus Traum und Wirklichkeit? Ich war plötzlich an einem Ort, den man schlecht beschreiben kann“, fährt Schi Tot mit ihrer Erzählung fort. „Das kann nicht die Heimat der Nubier sein, nein. Dazu waren das Licht, der Duft und die Bewohner des Ortes viel zu anders. Ein freundlicher älterer Herr, mit dem Namen Albert hat mich empfangen und mir fantastische Dinge übermittelt und aufgetragen. Da waren schwierige Rechen- und Geometrieaufgaben, da war von der Drittelung eines geometrischen Würfels die Rede, um die Budgeteinhaltung abzusichern und da war diese neue Polyederform einer Pyramide, die das Ergebnis einer mathematischen Berechnung wurde. Das hat mir Albert alles erläutert und versprochen, dass all das, was ich jetzt höre und sehe, intuitiv in mein künstlerisches Schaffen einfließen wird“, führt Schi Tot weiter aus. „Und tatsächlich, wie von alleine sprudelten meine Gestaltungsideen für die Inszenierung der Pyramide auf zwei Schmuckstücken nur so aus mir heraus. Es war alles ganz leicht, ich hatte keine Mühe und keine Zweifel.“ Schi Tot unterbricht ihren Bericht und öffnet das obere Schubfach einer in der Nähe stehenden prächtigen Kommode. Sie winkt mich heran und legt ein Leinentuch beiseite. Ich erkenne eine flache Schatulle aus dunklem Holz, die Schi Tot nun vorsichtig öffnet. Fassungslos schlage ich die Hände über meinem Kopf zusammen und erstarre beim Anblick dieses blendend schönen Schmuckstückes. Ein Kunstwerk, da bin ich sicher. Ich übermittle Schi Tot gern diese ehrliche Beurteilung. „Und dann noch die Zeremonie der Überbringung der Pyramidenidee, ein echter Hingucker, meine Kleidung, die Kosmetik und mein Duft. Sämtliche Wacheinheiten an den verschiedenen Kontrollposten vor und im Palast hielten sich an ihren Lanzen fest, um nicht umzufallen. Keiner war im Stande, mich aufzuhalten. Keiner stellte irgendeine Frage zum Zweck meines Einlassbegehrens. Alle waren wie erstarrt und wichen sprachlos zur Seite. Wie ein heißes Messer durch Butter gelangte ich zu Cheops. Gut, die letzten entscheidenden Meter wurde ich von einem starken Wachsoldaten getragen, aber sonst bin ich ziemlich einfach zum Pharao gelangt. Er selbst versuchte seine staatsmännische Haltung zu bewahren. Es gelang ihm aber nicht. Er zeigte nur auf meinen Brustschmuck, wohlgemerkt nur auf den Schmuck, und rief sogleich euphorisch, dass es entschieden sei. Die junge Frau vor ihm bringe die Erleuchtung und sei ab sofort als von den Göttern auserwählt zu betrachten. Sie genieße seinen persönlichen Schutz. Cheops holte seine Diener und ein paar Staatssekretäre zu sich und befahl, dass ich ab sofort Ehrenmitglied der Palastwache bin. Ich wäre die erste Frau, der diese höchste Ehrung widerfährt, erfahre ich wenig später bei der Aushändigung der Nutzungsvertragsunterlagen und bei Übergabe des Grundstückschlüssels. Dann hat man mich hierherfahren lassen und mein Einverständnis zur kostenfreien Übernahme dieses herrlichen Wohnsitzes erbeten.“

Schi Tot hält inne und bittet mich nach einer kleinen Pause, ihr Verhalten bei den Rückkehrmodalitäten zu respektieren. Eine starke unbekannte Kraft habe sie dazu getrieben, zunächst diese höchste Staatsangelegenheit zu regeln. Nun wäre sie wieder diese einfache bescheidene Künstlerin, die jetzt sehr froh sei, zuallererst ihren Freund in diese aufregenden Entwicklungen einzuweihen. Schmunzelnd fügt sie noch hinzu, wie praktisch es sei, dass sie als Freundin des Bauleiters beim Bauherrn einen Stein im Brett habe. Einen Pyramidenstein, wie sie scherzend ergänzt.

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