Kitabı oku: «Yoga trifft Coaching»

Yazı tipi:

Allgemeine Hinweise:

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit haben wir uns entschlossen, durchgängig die männliche (neutrale) Anredeform zu nutzen, die selbstverständlich die weibliche mit einschließt.

Das vorliegende Buch wurde sorgfältig erarbeitet. Dennoch erfolgen alle Angaben ohne Gewähr. Weder die Autoren noch der Verlag können für eventuelle Nachteile oder Schäden, die aus den im Buch vorgestellten Informationen resultieren, Haftung übernehmen.

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SANDRA & MICHAEL WALKENHORST

Yoga trifft Coaching

PSYCHOLOGISCHES BASISWISSEN UND TOOLS FÜR LEHRENDE

PERSÖNLICHKEITSENTWICKLUNG

MENSCHEN BEGLEITEN

RESILIENZ STÄRKEN


Yoga trifft Coaching

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2020 by Meyer & Meyer Verlag, Aachen, 2. Auflage 2022

Auckland, Beirut, Dubai, Hägendorf, Hongkong, Indianapolis, Kairo, Kapstadt, Manila, Maidenhead, Neu-Delhi, Singapur, Sydney, Teheran, Wien

Member of the World Sport Publishers’ Association (WSPA)

ISBN 978-3-8403-7722-8

eISBN 978-3-8403-3742-0

E-Mail: verlag@m-m-sports.com

www.dersportverlag.de

Inhalt

1Vorwort

2Über dieses Buch

3(D)Eine Heldenreise

AYogaphilosophie – Grundlagen und der Transfer ins Heute

4Psychologie vs. Yogaphilosophie und was sie gemeinsam haben

4.1Der Yogaweg des Patanjali oder wo bitte geht es zu Samadhi?

4.2Die Macht der Gewohnheit

4.3Bewusst oder unbewusst – das ist hier die Frage

4.4Der Weg zur Veränderung

4.5Der Transfer auf die Matte bzw. in den Alltag

5Svadhyaya – Selbstreflexion Werte und die Frage: Welcher Yogalehrer möchte ich sein?

5.1Lehrer-Schüler, eine mächtige Beziehung

6Yamas und Niyamas und wie man sie im Alltag leben kann

7Wertearbeit

7.1Dankbarkeit

8Selbstsupervision, Supervision und Intervision

8.1Supervision und Selbstsupervision

BCoaching – eine Einführung

9Einführung ins Coaching

9.1Angst oder Liebe

9.2Wie wir einen wirksamen Rahmen für die Arbeit mit Menschen schaffen

10Prozessverantwortung vs. Ergebnisverantwortung

11Ablauf von Stunden im Einzelsetting (Personal Training)

12Aufbau eines Coachings und Grundsätzliches

12.1Phasen des Coachings und ihre Besonderheiten

13Auswahl der Tools

14Veränderungen und Entwicklungsbegleitung

14.1Modell der Entwicklungsaufgaben

14.2Modell der Phasenabläufe

15Im Fall der Fälle – hilfreiche Interventionsmöglichkeiten

15.1Der sichere Ort

15.2Die 5-4-3-2-1-Übung

15.3Hier-und-Jetzt-Fragen

16Menschen mit ihren Besonderheiten und Anliegen

17Das Dramadreieck

18Belastungen und Konflikte meistern

CUnser Inneres besser verstehen

19Bedürfnisse und Emotionen

20Konflikte

20.1Innere (intrapsychische) Konflikte

20.2Konflikte im Außen zwischen zwei Personen, Gruppen oder Staaten (interpersonaler Konflikt)

21Verzeihen und Vergeben

22Yin und Yang - Schattenanteile und das Entwicklungsquadrat

22.1Ziel ist Ganzheit

22.2Nun, was hat das alles mit Yin und Yang zu tun?

DKommunikation

23Die Macht der Sprache

24Aktives Zuhören

25Vier-Ohren-Modell

26Umgang mit Kritik

26.1Kränkungen und ihr Ablauf

27Gewaltfreie Kommunikation

28Die VW-Technik

EHilfreiches aus der systemischen Beratung

29Systemische Fragen als Intervention und ihr Nutzen im Einzelnen

29.1Systemische Fragen für das Erstinterview

29.2Problemkontexte mit systemischen Fragestellungen explorieren

29.3Lösungssuche mit systemischen Fragestellungen

29.4Fragen nach Ressourcen

29.5Fragen zum Arbeitskontrakt und zur Definition von Zielen

30Reframing

30.1Ist das Glas halb voll oder halb leer?

31Die Wunderfrage

32Ressourcenarbeit

32.1Der Ressourcenkuchen

33Das Systembrett

33.1Grundsätzliches

33.2Das Brett

33.3Was bietet mir das Brett?

33.4Eine Anleitung

33.5Aufstellungen mit zwei oder drei Brettern

FKognitive Prozesse begleiten

34Das ABC-Modell

34.1Was sind Glaubenssätze/dysfunktionale Bewertungen?

34.2Die einzelnen Schritte und deren Abfolge im ABC-Modell

34.3Mögliche Struktur der Durchführung

35Der Gedankenstopp

35.1Umsetzung

36Affirmationen und Afformationen

36.1Affirmationen

36.2Afformationen

37The Work

37.1Glaube nicht alles, was du denkst!

GArbeit mit inneren Anteilen

38Der innere Kritiker

38.1Woher kommt der innere Kritiker und wie ist er entstanden?

38.2Wie bringe ich ihn zum Schweigen?

38.3Reziproke Hemmung

38.4Imaginationen

38.5Die Disney-Methode

38.6Der Gedankenstopp

39Mit inneren Anteilen arbeiten

HAnkertechniken

40Ankertechniken

40.1Kinästhetische Anker, um gewünschte Zustände abrufbar zu machen

40.2Arbeit bei Konflikten und Entscheidungen mittels Timeline-Arbeit und mit Bodenankern

41Die Disney-Methode oder auch Disney-Strategie

IEMDR

42Die bilaterale Gehirnstimulation und EMDR

42.1Möglicher Ablauf der einzelnen Phasen

43Index der Interventionen und ihr Nutzen in Einzel- und Gruppensettings

Anhang

1Danksagung

2Literaturverzeichnis

3Bildnachweis

4Die Autoren


Wie dieses Buch entstanden ist und was dich erwartet.

Wir kommen beide aus dem sozialen Bereich. Michael arbeitet seit über 30 Jahren als Erzieher und Sandra seit mehr als 20 Jahren als Sozialpädagogin. Beide waren wir schon immer sehr psychologisch interessiert und hatten, spannenderweise, früher beide einmal die Idee, Psychologie zu studieren. Es kam zwar anders, aber das Interesse am Menschen und seinem Gehirn, bzw. wie wir werden, wer/wie wir sind, blieb uns beiden erhalten.

Michael begann dann 2009 sein Fernstudium zum psychologischen Berater und Coach und viele weitere therapeutische Ausbildungen auf unterschiedlichen Gebieten sollten folgen. Sandra hat schon immer unser Gehirn fasziniert, weshalb sie sich hiermit sehr ausgiebig beschäftigt hat. Besonders zum Tragen kam diese Gemeinsamkeit wieder, als Sandra mit ihren Yogalehrerausbildungen 2009 begann. Mehr und mehr tauchte sie ein in die Yogaphilosophie, die sie die Jahre zuvor, als Yogapraktizierende, nicht so sehr gefesselt hatte.

Doch plötzlich kam immer mehr Tiefe in ihr Verständnis und auch immer mehr die Erkenntnis, dass sich die Yogaphilosophie und die moderne Psychologie unglaublich ähnlich, wenn nicht sogar einig sind. Es folgten spannende Gespräche und auch Diskussionen zwischen den beiden, da Michael ja quasi die moderne Psychologie lernte und Sandra die Psychologie mit der Yogaphilosophie verband. Schon da waren sie ungeheuer fasziniert, wie wunderbar diese beiden Fakultäten zueinander passen.

Als Sandra begann, Yogalehrer auszubilden, wurde noch deutlicher, was ihr schon vorher beim Unterrichten auffiel. Ein Grundlagenwissen an unterschiedlichen psychologischen Tools wäre sehr hilfreich, wenn man Yogalehrer ist. Denn auch das Yogaklientel hat sich verändert. Kamen vor einigen Jahren die Menschen hauptsächlich aufgrund körperlicher Problematiken zum Yoga („Ich habe Rücken, Knie, Schulter“ etc.), so wuchs in den letzten Jahren deutlich die Anzahl der Stresserkrankungen, wie Burn-out, Schlafstörungen etc.

Auch im Bereich der Kommunikation gibt es einige Tools, die wirklich hilfreich sind, jedoch nur in einige wenige Yogalehrerausbildungen Einzug gehalten haben. Da wir mit Menschen arbeiten, ist es von Vorteil, ein breites Wissen über den Menschen zu haben. Neben einem fundierten anatomischen Wissen gehören hier aber, unserer Meinung nach, auch Wissen über Entwicklung, unser Gehirn und einige psychologische Aspekte dazu. Neben dem Effekt, die Schüler oder Klienten besser „abholen“ zu können, bereichert dieses Wissen auch den eigenen Entwicklungsweg.

Wenn ich mich selbst gut kenne und um meine Glaubenssätze, Schattenanteile, Trigger weiß, dann kann ich auch besser mit Menschen arbeiten, ohne z. B. meine Dinge auf sie zu projizieren. Trotz des pädagogischen Studiums, in dem Sandras Schwerpunkt auch auf der Psychologie lag, stellte sie doch, gerade in ihrer Rolle als Dozentin, fest, dass sie auch hier einiges aus dem Methodenköfferchen ihres Mannes äußerst gut gebrauchen konnte. In dieser Anfangszeit hat sie, dank einiger „Coachinggespräche“, hier noch einmal viel gelernt, was ihr unglaublich hilfreich war und ist.

So entstand nach und nach die Idee, das gemeinsame Wissen zusammenzuführen und ein neues Konzept in Form eines Buchs sowie einer Ausbildung zu entwickeln. Nach ausgiebiger Marktrecherche konnten wir feststellen, dass es eben diese Symbiose in der Form, wie wir sie nun entwickelt haben, noch nicht gab und so wurde das psychologische Yogacoaching geboren.

Natürlich ist jeder Mensch einzigartig und es gibt kein allgemeingültiges Geheimrezept. Damit können wir tatsächlich nicht dienen. Aber wir können dir Wissen und Tools an die Hand geben, um dich selbst und die Menschen um dich herum vielleicht ein bisschen besser zu verstehen.

Wir sind der Überzeugung, dass Wissen und Verständnis sehr machtvoll sind, denn dann lässt sich manches vielleicht ein wenig besser nachvollziehen oder zumindest erklären. Uns liegt es am Herzen, dir ein eklektisches, also schulenübergreifendes, und breit gefächertes Wissen an die Hand zu geben. Es liegt uns fern, Dogmen aufzustellen. Wir geben unsere Erfahrung und unser individuelles Wissen wieder. Aufgrund dessen übernehmen wir auch keine Verantwortung für die Umsetzung hiervon.

Sicherlich wird nicht alles für dich passen. Das ist okay und menschlich. Man muss nicht alles mögen und es ist ebenfalls eine große Kompetenz, herauszufinden, was man nicht braucht! Nimm dir, was du brauchst! Wir hoffen, du findest Inspiration. Deshalb nun viel Freude mit unserem Buch, das dir hoffentlich auch Spaß macht und vielleicht beginnt hier eine neue Entdeckungsreise oder es bestätigt dich in der einen oder anderen Sache.


Ein Buch gemeinsam zu schreiben, birgt einige Herausforderungen (und das nicht nur, weil wir schon ein Vierteljahrhundert ein Paar sind). Wir sind zwar im Grunde her von der gleichen Profession, doch haben wir natürlich unterschiedliche Ansätze und auch andere Ausbildungen.

Michaels Fokus liegt eindeutig auf der modernen Psychologie und therapeutischen Ansätzen, die er sehr weiträumig gelernt und erprobt hat und auch als Dozent lehrt. Sandra hingegen ist Yogalehrerin aus vollstem Herzen, auch mit Interesse an Psychologie und Hirnphysiologie. Und doch sehen wir die Dinge bisweilen ganz unterschiedlich. Das macht natürlich das Ganze auch spannend und bietet viel Raum für Diskussionen.

Was aber tatsächlich in der Regel passiert, ist, dass wir zu einem Konsens kommen. Wir haben manchmal nur unterschiedliche Wege zum Ziel: Wir starten also beide in Griesheim (unserem Wohnort), nur fährt einer über die A 5 und einer über die A 67, um nach Heidelberg zu kommen. Wichtig ist aber: Wir treffen uns wieder in Heidelberg. Das ist sicher mit ein Grund, warum wir dieses Buch schreiben, wir möchten zeigen, dass es nicht den einen Weg, die eine Wahrheit gibt, sondern jeder das ganz individuell für sich herausfinden muss.

Gleichwohl wir Menschen im Grunde ähnlich gestrickt sind und es einiges gibt, was uns eint. Das bedeutet, dass keiner dir sagen kann, wie es geht (auch wir nicht, sorry). Aber du kannst dir Ideen holen, Wegbegleiter, Menschen, die vielleicht auch mal unbequeme Fragen stellen, um dich zum Nachdenken zu bewegen. Es braucht also auch andere Menschen auf dem Weg. Nicht im Sinne von: „Ich mache dich erfolgreich.“ Oder: „Ich weiß, wie es geht, so und so musst du es machen.“ Sondern als Begleiter, der dich inspiriert, sieht und vielleicht auch mal herausfordert. So, dass du deinen Weg gehen kannst.

Schon Albert Einstein sagte, dass man Probleme nicht mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind. Wir Menschen sind soziale Wesen und brauchen einander. Wir wollen gesehen und geliebt sein und dazugehören. Deshalb wünschen wir uns, dass dich unser Buch inspiriert, deinen Weg zu gehen.

Falls du tiefer in einzelne Themen eintauchen möchtest, findest du im Anhang Bücher, Internetseiten und auch Filme als Inspiration. Ebenso findest du hier alle benannten Theorien, Bücher und Autoren wieder. Da einige Informationen aus unseren eigenen Ausbildungen und dem Studium, sowie Fort- und Weiterbildungen stammen, haben wir auch hierzu jeweils Bücher oder Internetseiten im Anhang aufgeführt. Dieses Buch ersetzt weder eine Ausbildung im psychologischen Bereich, noch eine Therapie.

Du wirst erleben, dass die einzelnen Kapitel sich unterschiedlich lesen, da wir natürlicherweise einen unterschiedlichen Stil haben. Du kannst dir auch einzelne Kapitel herausnehmen, um damit zu arbeiten. Es ist deine Reise und wir freuen uns, wenn wir dich ein Stück begleiten dürfen. Du wirst in diesem Buch sowohl den Begriff des Schülers als auch des Klienten finden. Dies liegt daran, dass wir im Yoga häufig von Lehrer und Schüler, im Coaching jedoch vom Coach/Berater und Klienten sprechen. Wir haben beschlossen, dies in den jeweiligen Kapiteln, gemäß unserer Profession, so zu belassen, so hast du selbst die Möglichkeit zu entscheiden, welchen Terminus du für dich, im jeweiligen Kontext, wählen möchtest.

Dieses Buch ist in unterschiedliche Kapitel unterteilt, mit der Idee, dass du dir so auch einzelne Tools heraussuchen kannst. Manches gehört zur eigenen Innenschau, lässt sich aber auch vortrefflich in den Yogaunterricht einbauen, bei den meisten Tools findest du Ideen und Beispiele hierzu. Manchmal lassen sich die Tools jedoch nicht ganz sauber vom Wissen über uns selbst trennen, wir haben uns bemüht, das möglichst deutlich herauszuarbeiten.

Der Einfachheit halber haben wir uns für die männliche Form entschieden, natürlich sind, im Sinne der Inklusion, alle damit angesprochen, es spielt keine Rolle, ob er, sie oder divers. Da wir in unserer Arbeit meist sehr nah miteinander sind, hat sich das Du als Ansprache bewährt, weshalb wir es auch in diesem Buch verwenden. Wir hoffen, das passt so für dich!

Viel Freude am Tun und bleibt neugierig!

Sandra & Michael Walkenhorst

Im Frühjahr 2020



Herzlich willkommen. Vielleicht ist dieses Buch deine persönliche Heldenreise. Wir alle sind (Super-)Helden, Helden unseres Lebens, und haben sicher schon die eine oder andere Herausforderung erfolgreich gemeistert. Jeder von uns kennt diese Momente. Momente, in denen etwas Neues entsteht, Momente der Entscheidung, Momente des Loslassens, Momente der Entwicklung.

Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell (1904-1987) hat die Heldenreise als ein Grundmuster weltweiter Mythologien erforscht. So finden wir die Heldenreise in vielen Geschichten, Filmen und Erzählungen. Und hierin auch die sogenannten Archetypen, wie z. B. den Weisen (bei Harry Potter ist das Dumbledore, im Herrn-der-Ringe-Epos heißt er Gandalf).

Auch in unserem Leben gibt es diese Heldenreise, oftmals sogar mehrere davon. Vielleicht beginnt hier wieder eine für dich. Wir hätten die Heldenreise auch zu den Tools packen können, denn auch da passt sie hin. Aber in diesem Buch geht es auch um dich, deshalb beginnt es hier. Mit dir als Held!

Campells Idee der Heldenreise wurde von vielen anderen fortgeführt und weiterentwickelt. Unter anderem auch von Paul Rebillot, der mit Teilen aus der Gestalttherapie und dem Psychodrama die Heldenreise als Selbsterfahrungsprozess für Coaching und Therapie entwickelte. Seine Etappen sind „Ruf und Herausforderung“, „Angst und Schwelle des Aufbruchs“, „Begleiter“, dem folgt eine (Fantasie-)Reise an einen imaginativen Ort, an dem „innere Aufgaben“ zu bestehen sind, nämlich die Auseinandersetzung mit der eigenen „Heldenreise“ vs. der „Dämonenseite“.

Es folgt die Belohnung, nämlich die Erkenntnis der eigenen Kräfte und damit die Rückkehr zurück in die reale Welt. Aus der gemachten Erfahrung soll der Klient an Sicherheit, Klarheit und Offenheit hinzugewonnen haben. Wir werden dir hier das Beispiel einer Heldenreise darstellen, vielleicht kommt dir das eine oder andere bekannt vor.

1.Die eigene, gewohnte Welt

Sandra lebt in einer kleinen Stadt glücklich mit Mann und Sohn und arbeitet als Lehrerin in einer Schule. Sie übt gerne Yoga.

2.Das Abenteuer ruft

Schon lange schwelt der Wunsch in ihr, Yoga auch zu den Kindern zu bringen. Sie interessiert sich für die Ausbildung zur Kinderyogalehrerin und sucht eine Ausbildungsstätte.

3.Widerstand

Sie stellt sich die Frage, ob sie gut genug ist, um Kinderyogalehrerin zu werden. Schließlich hat sie noch keine Yogalehrerausbildung. Was, wenn da nur Yogalehrer sind und sie als Einzige keine ist?

4.Dem Guru/Mentor begegnen

Sie begegnet Thomas, ihrem Lehrer und Mentor und späteren Freund und Kollegen, und wird inspiriert.

5.Aufbruch/Veränderung

Sie startet nach der Ausbildung mutig in eine nebenberufliche Selbstständigkeit.

6.Begegnung mit neuen Menschen (Begleiter und Kontrahenten)

Es gibt starke Unterstützer des neuen Weges, aber auch einige, die das Ganze belächeln.

7.Erkunden und Ausprobieren

Die ersten Anfragen kommen und Sandra darf sich ausprobieren und feststellen, dass sie gefunden hat, wofür sie brennt und dies möchte sie nun weiter ausbauen.

8.Auseinandersetzung

Die größte Auseinandersetzung ist die mit dem inneren Kritiker: Kann ich das? Schaffe ich das? Bin ich gut genug?

9.Herausforderung

Kinderyoga darf als ein neuer Arbeitsbereich entstehen.

10.Erneuerung und Essenz

Neben dem Beruf der Sozialpädagogin gibt es nun auch die Kinderyogalehrerin, die auch Aus- und Weiterbildungen anbietet. Dem Herzen zu folgen, lässt sie glücklich und zufrieden sein.

Das Beispiel ist nur eine Idee, um dir das Prinzip der Heldenreise zu verdeutlichen. Es gibt etliche andere Kategorisierungen. Vielleicht entsteht daraus auch eine ganz individuell eigene für dich!?

Es gibt auch Heldenreisen, die nicht abgeschlossen werden. Das ist auch überhaupt nicht schlimm. Oftmals erleben wir viele solcher Reisen in unserem Leben. Welche hast du schon erlebt?

Tipp

Selbsterfahrung: Schreibe deine Heldenreise auf. Welches war deine letzte Heldenreise und was hast du durch sie gelernt? Welchen Gewinn hattest du durch sie?

Die Heldenreise kann auch ein wunderbares Thema für deinen Yogaunterricht sein, diese kannst du mit Asanas verstärken, meditieren und auch Entspannungsgeschichten hierzu erzählen. Der Fantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt!

Notwendige Materialien: Papier, Stifte

Zeitaufwand: Je nach Thema und Tiefe 1-2 Stunden. Gegebenenfalls Hausaufgaben für den Klienten, um die einzelnen Stationen zu erarbeiten.

Setting: Einzelsetting, Personal Training. Auch im Gruppensetting möglich, dann in vereinfachter, abgewandelter Form (tolles Tool auch für Retreats, Selbsterfahrungsworkshops, Aus- und Weiterbildungen).

Teil A


Yogaphilosophie – Grundlagen und der Transfer ins Heute




•Was ist Yoga?

•Wie übe ich Yoga?

•Was kann ich erreichen durch Yoga?

•Wie kann ich mich weiterentwickeln durch Yoga?

Fragen, auf die man in der Philosophie des Yoga Antworten finden kann und die sich sicher auch immer wieder, auch nach vielen Jahren des Übens, stellen. Da mich dieses Thema schon viele Jahre begleitet, schrieb ich auch meine Abschlussarbeit zu meiner Yogalehrerprüfung darüber. Einiges davon findet sich nun hier wieder. Ich möchte mit einem kleinen Überblick der sogenannten Weisheitstexte beginnen:

Es gibt vier große Schriften, die in den meisten Yogalehrerausbildungen, zumindest im Ansatz, gelehrt werden:

•die Upanishaden,

•die Bhagavad Gita,

•das Yoga Sutra und

•die Hatha Yoga Pradipika.

Diese Aufzählung entspricht auch der Reihenfolge ihrer Entstehung. Um einen Einblick zu bekommen, werden wir uns die vier Schriften kurz anschauen und sie in Bezug zueinander setzen.

Die Upanishaden sind Teile der Veden. Die vier Veden sind die wohl ersten indischen Weisheitstexte, die mit Yoga in Verbindung gebracht werden und sind der Grundstock der indischen Kultur. Datiert werden sie auf etwa 1.500 vor Christus, somit entstanden sie vor ca. 3.500 Jahren. Die Upanishaden entstanden etwa ab dem sechsten Jahrhundert vor Christus und werden bis heute als Grundlagentexte des Yoga angesehen. Wörtlich übersetzt heißt upa-ni-sad nahe sitzen oder bei den Füßen sitzen oder auch das, was mir am nächsten ist.

Denn zur damaligen Zeit wurde das Wissen nur in der direkten Schüler-Lehrer-Beziehung weitergegeben, somit erklärt sich auch der Name. Sie umfassen 108 Texte und ihr Begründer soll Brahman selbst, das Unzerstörbare und Zeitlose, sein. In den Upanishaden spricht kein Gott, sondern es wird vom Göttlichen gesprochen. Sie gelten als „Gehörtes“ und damit als Teil der Offenbarung (die Veden wurden von sogenannten Rishis (Sehern) empfangen).

In den Texten wird der Begriff Atman benutzt, um das Selbst zu beschreiben, denn genau darum geht es hier: das Selbst erkennen. „Während das Ego sich den Bedingungen der äußeren Welt unterwirft und sich von Triebkräften regieren lässt, die ihm mehr oder (meist) weniger bewusst sind, ist der Atman der ‚innere Herrscher‘, der keinen Bedingungen der äußeren Welt und keinen inneren Triebkräften – auch nicht denen der Gefühle oder des Verstandes – gehorcht. … Im Kontakt mit unserer innersten Essenz wissen wir: ‚Ich bin‘“ (Trökes, 2013, S. 73).

Brahman hingegen ist gleichbedeutend mit der Weltseele, dem Absoluten. Atman = Brahman, so beschrieben auch als Sat – Chit – Ananda = Sein – Bewusstsein – Glückseligkeit, heißt: sich seiner selbst bewusst zu sein, führt zur Glückseligkeit!

Als besonders bedeutsam für die Yogapraxis in den Upanishaden gilt die Zügelung der Sinne und die Beruhigung des Geistes, dies findet sich auch in den späteren Yogaschriften (Bhagavad Gita, Yoga Sutra, Hatha Yoga Pradipika) wieder.

Die Bhagavad Gita bedeutet der Gesang des Erhabenen und besteht aus 700 Versen, die in 18 Kapitel unterteilt sind. Sie ist eingebettet in die Mahabharata, einem 100.000 Doppelverse umfassenden indischen Epos. Sie zählt zu den Smriti-Texten, den erinnerten Texten. Datiert wird sie meist auf 400 vor Christus bis 200 nach Christus. Sie entstand auf der Grundlage des Wissens der Veden und Upanishaden und baut in ihrer Begrifflichkeit in weiten Teilen auf diesen auf. Sie zählt zur Vedanta (Ende der Veden).

Lord Krishna unterweist hier als Lehrer und Manifestation Gottes in einem Zwiegespräch seinen Freund Arjuna, wie er ein spirituelles Leben führen soll. Dies soll durch die Erfüllung seiner Pflichten im Leben geschehen, sodass er zu Gott und dem Höchsten findet und Befreiung erlangen kann.

„Sein Ewigkeitswert besteht darin, dass er den Menschen nicht mehr wie in den Upanishaden in der Waldeseinsamkeit, sondern vielmehr auf dem Schlachtfeld des Lebens mit all seinen Problemen abholt und ihm Erkenntnismittel und Handlungsoptionen anbietet, die echte Lösungen darstellen“ (Trökes, 2013, S. 105).

Durch das Innehalten und das Zurückziehen seiner Sinne kann Arjuna sich wieder mit seinem innersten Wesen (Atman) und der höchsten Weisheit (Brahman) verbinden. Wichtig in der Gita ist die Übernahme von Verantwortung in unserem Tun! So heißt es auch in einem berühmten Vers: „Es ist besser, die eigene Pflicht unvollkommen, als die Pflicht eines anderen gut zu erfüllen“ (III.35).

Das Yoga Sutra gilt als einer der bedeutendsten Grundlagentexte der Yogalehre. Über seinen Autor Patanjali ist so gut wie nichts bekannt, er soll es vor ca. 2.000 Jahren verfasst haben.

Allerdings gibt es auch andere Meinungen, die vermuten, dass das Yoga Sutra von mehreren Gelehrten verfasst wurde und Patanjali nur der Führer der Gelehrten war. Andere hinterfragen gar, ob Patanjali wirklich gelebt hat oder er nur als Name für mehrere Autoren dient.

Das Yoga Sutra stellt eine Art Leitfaden auf dem Weg des Yoga dar. In 195 Sutren, die in vier Kapitel unterteilt sind, zeigt uns Patanjali einen Weg auf, der uns helfen soll, unser „Leiden“ zu verringern und unser CITTA, das meinende Selbst, zu erforschen und weiter zu entwickeln. Patanjali erklärt keine Asanas (Körperübungen), sondern beschreibt den inneren Weg zur Veränderung.

Mit dem achtfachen Pfad bekommen wir einen Übungsweg an die Hand, der uns helfen soll, die innere Zufriedenheit zu erreichen. Die ersten beiden Empfehlungen Yama und Niyama sind ihrerseits noch einmal in fünf Unterpunkte unterteilt. Wichtig hierbei ist jedoch, diese sollen an unsere Einsicht, möglichst achtsam und bewusst zu leben, appellieren. Die Umsetzung muss jedoch jeder für sich selbst finden. So können diese Verhaltensregeln auch sehr starr und akribisch ausgelegt werden, was jedoch, für mein Empfinden, nicht im Sinne des Yoga wäre.

Der achtfache Pfad ist wie folgt gegliedert:

1.Yama: Das Verhalten gegenüber anderen Menschen

(Ahimsa = Gewaltlosigkeit, Satya = Wahrhaftigkeit, Asteya = nicht stehlen, Brahmacharya = das richtige Maß finden und Aparigraha = nicht horten)

2.Nyama: Das Verhalten uns selbst gegenüber

(Shauca = Reinheit, Santosha = Zufriedenheit, Tapas = Selbstdisziplin, Svadhyaya = Selbstreflexion, Ishvara Pranidhana = Vertrauen)

3.Asana: Körperübungen

4.Pranayama: Atemübungen

5.Pratyahara: Zurückziehen der Sinne

6.Dharana: Konzentration

7.Dhyana: Meditation

8.Samadhi: Zustand innerer Zufriedenheit

Die Hatha Yoga Pradipika entstand um das 15. Jahrhundert und wurde von Swami Svatmarama verfasst. Sie besteht aus 643 Versen und ist in vier Kapitel unterteilt:

1. Kapitel: Die Bedeutung von Hatha Yoga und die Voraussetzungen hierfür (Yamas und Niyamas, Ernährung, Asanas)

2. Kapitel: Erläuterung von Pranayama und den Kryas (Reinigungstechniken)

3. Kapitel: Erläuterung der Energielenkung (Kundalini) bzw. ihrer Erweckung, sowie Mudras (Handgeste) und Bandhas (Verschlüsse)

4. Kapitel: Erläuterung von Meditationstechniken (Pratyahara, Dharana, Dhyana, Samadhi, Nada Yoga)

Im Gegensatz zu den ersten drei beschriebenen Texten liegt der Schwerpunkt der Pradipika auf der Praxis, es werden uns genaue Anleitungen zum Üben an die Hand gegeben. Allen Texten gemeinsam ist die Schulung auf das Zurückziehen der Sinne: Pratyahara. Hier zeigt sich auch, wie eng die Texte doch miteinander verknüpft sind.

Das Schöne ist, meiner Meinung nach, dass jeder Mensch für sich seine „Lehren“ für seine Weiterentwicklung aus den Schriften ziehen kann. Es lohnt sich, sich tiefer mit ihnen zu beschäftigen, wobei ich auch feststellen konnte, dass vieles nach und nach erst begreifbar wird und man die Texte häufig wieder zur Hand nehmen muss und sich damit beschäftigen sollte, um irgendwann mehr und mehr an ihre Essenz zu gelangen.

Oder um den inspirierenden Eberhard Bärr zu zitieren: „Es geht nicht darum, ein guter Mensch zu werden, sondern ein klarer. Ein klarer Mensch ist nicht beeinflussbar! Hier gibt es nichts zu glauben, sondern es geht um Selbsterforschung“ (dieses Zitat stammt aus einem Seminar, das ich bei Eberhard im Frühjahr 2020 besucht habe).

Ich kann nur empfehlen, Eberhard einmal auf einem Seminar zu begegnen. Für mich ist er einer der Menschen, die sich hier bei uns im Westen so tief mit den Weisheitstexten befasst und auseinandergesetzt haben, wie vielleicht kaum ein anderer und diese auch wunderbar anschaulich nahebringen kann!

4.1Der Yogaweg des Patanjali oder wo bitte geht es zu Samadhi?

Bevor wir als Yogalehrer, Coach, o. Ä. andere Menschen begleiten, ist es, aus unserer Sicht notwendig, sich selbst gut zu kennen. Deshalb beginnt dieses Buch mit dir und deiner (Helden-)Reise! Das Yoga Sutra des Patanjali (im Weiteren YS abgekürzt) ist neben der Hatha Yoga Pradipika (HYP) wohl eines der wichtigsten Werke des Yoga.

Während die Pradipika sich dem Hatha Yoga widmet und hier diverse Asanas sowie auch Pranayama und eine yogische Lebensweise erläutert werden, so stellt das Yoga Sutra eine Art Leitfaden auf dem Weg des Yoga dar. Darin zeigt Patanjali einen Weg auf, der uns helfen soll, unser Leiden zu verringern und unser CITTA, das meinende Selbst, zu erforschen und weiter zu entwickeln. Patanjali erklärt keine Asanas, sondern beschreibt den inneren Weg zur Veränderung.

„yogah cittavrtti-nirodhah“ – Yoga Sutra 1.2

Yoga ist der Zustand, in dem der Geist zur Ruhe kommt.

Das Sutra 1.2 macht sehr deutlich, worauf es im Yoga im Wesentlichen ankommt: den Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Doch was so einfach klingt, ist es bei Weitem nicht. „Man kann nicht nichts denken“, ist ein bekannter Satz. Und jeder, der beginnt, zu meditieren bzw. versucht, sich eine Entspannungstechnik zu erschließen, kennt das Phänomen des sogenannten Affengeistes. Ich will mich vom Alltagsstress befreien und plötzlich schießen hundert Gedanken durch meinen Kopf und machen es natürlich unmöglich, den Kopf frei zu bekommen, an Entspannung ist jetzt nicht mehr zu denken.

Was also kann ich tun? Patanjali sagt, es benötigt beharrliches Üben (Abhyasa), um die Willenskraft zu mobilisieren sowie auch Gleichmut (Vairagaya), um das Ziel mit Gelassenheit und Abstand zu erreichen.

„tasya prasanta-vahita samskarat“ – 3.10

Durch wiederholtes Üben bleibt der meditative Zustand stabil.

Yoga kann uns lehren, zu erkennen, mit welchen Sichtweisen und Überzeugungen wir uns identifizieren und in welchem Maß wir daran (an-)haften. Hier erklärt er uns, dass das, was wir im Geist zusammengefügt haben, eben auch nur mit diesem Geist zu lösen ist. Diesen Prozess nennt er „Auflösung der Anhaftung“ (kaivalya). Haben wir uns durch Einsicht und Einüben von der Anhaftung gelöst, so können wir zwar zur selben Sichtweise bzw. demselben Verhalten zurückkehren, doch nun haben wir die Wahl: Wollen wir diese Sichtweise beibehalten oder wählen wir eine andere?

Dies entspricht im weiteren Sinne auch den Erkenntnissen der neueren Psychologie und Neurowissenschaften. Dies ist eine wichtige Erkenntnis: Wir sind nicht ausgeliefert und müssen erleiden bzw. erdulden, was uns geschieht. Wir haben die Wahl! Natürlicherweise hat jede Wahl immer auch eine Konsequenz.

Ich kann mir beispielsweise nicht im Supermarkt den Einkaufswagen vollladen und durch die Kasse marschieren, ohne zu bezahlen! Doch dass wir die Wahl haben, bedeutet gleichsam auch, dass wir die Verantwortung tragen! Und das möchten die meisten lieber nicht so gerne, denn dann bin schlussendlich ich selbst für mein Tun und Handeln verantwortlich und kann nicht das arme Opfer der Umstände sein. Das bedeutet, ich muss mir auch der Tragweite meiner Entscheidungen bewusst sein.

Ein Beispiel: Wenn ich gerne Fleisch esse, muss ich die Konsequenz tragen, dass für meinen Genuss ein Tier getötet wird. Und hier kommt die nächste Wahl: Woher stammt mein Fleisch? Wie wurde das Tier getötet? … etc.

Dazu passt auch die Diskussion über Tierversuche. Bin ich dafür oder dagegen? Sind Tierversuche okay, wenn sie Menschenleben retten? Mache ich einen Unterschied, welches Leben dafür „benutzt“ werden darf (z. B. eine Ratte: ja; ein Hund: nein)?!

Es geht an dieser Stelle nicht darum, zu bewerten, welche Meinung richtig oder falsch ist. Es geht nicht darum, Menschen zu ver- oder zu beurteilen oder ihnen zu sagen, wie es richtig ist, aber jeder Mensch sollte sich darüber im Klaren sein oder werden, dass er die Wahl hat und diese Wahl IMMER eine Konsequenz hat!

Aufgrund der Plastizität (Veränderbarkeit) unseres Gehirns sind wir in der Lage, uns immer wieder die geistige Verfassung zu schaffen, in und mit der wir gerne leben möchten.

Die geistigen Aktivitäten werden im Yoga VRITTI genannt, diese werden unterteilt in:

•richtige Wahrnehmung (pramana);

•irrtümliche Wahrnehmung (viparyaya);

•Ideen und Konzepte (vikalpa);

•Schlaf, mentale Abwesenheit (nidra) und

•Erinnerung (smriti).

Die Ursachen unseres Leidens (KLESAS) sind meist tief sitzende Kräfte, die unser Denken und Handeln beeinflussen. Das Yoga Sutra nennt fünf Klesas:

•Unwissenheit (avidya);

•Ich-Haftigkeit (asmita);

•Anziehung, Begierde, Haben-Wollen (raga);

•Ablehnung, Vermeiden-Wollen (dvesha) und

•Angst vor dem Tod (abhinivesha).

AVIDYA, die Unwissenheit, wird hier als die Wurzel aller nachfolgenden Klesas genannt. Das bedeutet, dass wir uns durch Wissen neue Möglichkeiten erschließen. Wir werden handlungsfähig und dadurch haben wir eine Wahl.

Aufgrund unserer tief sitzenden inneren Glaubenssätze und Denkmuster verfallen wir, trotz besseren Wissens, häufig in ungünstige Verhaltensmuster und stehen uns dadurch quasi selbst im Weg. Um unser Potenzial entfalten zu können, lohnt es sich also, sich dieser (Klesas) bewusst zu werden und sie als innerer Beobachter wahrzunehmen und als ersten Schritt als zugehörig zu akzeptieren. Diese Erkenntnis deckt sich mit vielen Erkenntnissen der Psychologie, wie wir noch sehen werden.

Unser Körper und unser Gehirn funktioniert im Groben noch genauso wie in der Steinzeit. Schon damals war es für uns überlebenswichtig, beispielsweise guter von schlechter Nahrung zu unterscheiden, und diese auch zu bewerten. Angst ist ebenfalls ein guter Ratgeber, denn sie macht uns achtsam und vorsichtig, solange sie in einem gesunden Maß vorhanden ist. Deshalb geht es auch nicht darum, dies abzuschalten. Wir sollten uns bewusst werden, welche alten Glaubenssätze und Denkmuster wir haben, um nicht ihnen alleine die Regie in unserem Leben zu übergeben. Wie das gehen kann, erfährst du im Verlauf des Buchs.

4.2Die Macht der Gewohnheit

Warum fällt es uns so schwer, Altes loszulassen? Um das zu verstehen, ist es hilfreich, zu wissen, wo unsere Gewohnheiten herkommen und wie sie sich entwickeln.

Als ich vor mehr als 20 Jahren mit Yoga begann, tat ich das hauptsächlich, um meine Gesundheit zurückzuerlangen. Nach einem doppelten Bandscheibenvorfall wollte ich eine Operation vermeiden. Das Fitnessstudio war nicht so ganz mein Ding und so landete ich beim Yoga. Hier erhoffte ich mir, meinen Körper zu stärken und zu dehnen und wenn ich nebenbei ein bisschen entspannen konnte, – auch schön.

Den wirklichen Weg und die Erkenntnis, die Yoga uns geben kann, hatte ich damals bei Weitem noch nicht erfasst. Für mich war Yoga ein Hilfsmittel, meinen Körper zu bearbeiten und mich zu entspannen. Hier wird meine damalige Sichtweise deutlich: Ich wollte, dass Yoga etwas für mich tut und es nutzen (um schmerzfrei zu sein, beweglicher zu werden, entspannter zu werden).

Mein Denken entsprach dem Denken vieler Menschen unserer Gesellschaft: Ich habe ein Problem, das muss behoben/repariert werden – in dem Fall soll Yoga das tun. Daran ist nichts verwerflich, denn es ist menschlich. Unser Gehirn funktioniert so. In der Psychologie spricht man hierbei auch vom „Maschinenmodell“. Der Körper gleicht also einer Maschine, die repariert werden muss.

Da mir damals die philosophische Grundlage im Yoga noch weitgehend unbekannt war, war mir (trotz pädagogischer Ausbildung mit psychologischem Schwerpunkt) noch nicht so wirklich klar, dass Veränderung nur in mir und durch mich stattfinden kann. Ist es doch um ein Vielfaches leichter, die Schwierigkeiten im Außen zu suchen und abzugeben.

„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“, ist ein weitverbreitetes Sprichwort und trifft im Wesentlichen den Kern menschlichen Verhaltens. Die westliche Psychologie hat viel geforscht, um den menschlichen Geist besser verstehen zu lernen. Warum und wieso sind bzw. werden wir wer und wie wir sind? Bei der näheren Auseinandersetzung mit dem Thema bin ich immer wieder auf eine für mich sehr faszinierende Erkenntnis gestoßen: Die moderne Psychologie sowie die Neurowissenschaften und die jahrtausendealte Philosophie des Yoga stimmen in vielem überein, vor allem in den Kernaussagen. Das folgende Zitat gilt zwar dem Yogaweg, jedoch lässt es sich meines Erachtens ebenso problemlos auf die Psychotherapie bzw. Weiterentwicklung des Menschen anwenden!

„Das eigentliche Üben findet innen statt. Das Wie meines Übens, die innere Haltung mir selbst und den Übungen gegenüber, kurzum der Geist meiner Praxis entscheidet darüber, wie stark sich die verändernde Kraft des Yoga entfalten kann“ (Unger & Hofmann-Unger, 2013, S. 96/97).

Doch zurück zu den Gewohnheiten. Gewohnheiten entstehen nicht alleine durch unsere willentliche Aneignung von Wissen, sondern durch alle Erfahrungen, die zu einer Veränderung unseres Erlebens und Verhaltens beitragen. Wobei der Begriff des Verhaltens nicht nur das nach außen sichtbare Handeln (z. B. sprechen, etwas hochheben etc.) meint, sondern auch unsere Gedanken, Gefühle und physiologischen Funktionen. Anhand verschiedener Lernmodelle kann dies heute anschaulich erklärt werden. Vier der wichtigsten Lerngesetze sollen hier kurz erwähnt werden:

•Reiz-Reaktions-Kopplung: ein erworbenes Verhaltensmuster, welches meist weder ziel- noch lösungsorientiert ist. Es entsteht, indem, aufgrund einer gemachten Erfahrung, eine Reaktion an das damalige Signal gekoppelt wird (z. B. ich habe mich einmal nach Spaghetti übergeben, in Zukunft esse ich möglicherweise keine Spaghetti mehr, da mir schon beim Gedanken daran übel wird).

•Lernen durch Konsequenzen: Lernen durch (positive) Verstärkung bzw. Bestrafung

•Lernen am Modell: Kinder imitieren z. B. ein Verhalten, je enger die emotionale Bindung an die Person ist, desto höher ist meist der Lernerfolg.

•Selbstverstärkung: sich selbst loben.

4.3Bewusst oder unbewusst – das ist hier die Frage

Wenn wir uns auf den Weg machen, unser Selbst zu ergründen und uns näher kennenzulernen, dann macht es durchaus Sinn, ein wenig über unsere Physiologie zu wissen, genau genommen über unser Gehirn. Gerald Hüther (2010), einer der bekanntesten Hirnforscher in unserem Land, beschreibt es relativ simpel: Unser Gehirn möchte sich in einem kohärenten Zustand befinden. Das bedeutet, dass es möglichst wenig Energie aufwenden muss. Das ist mit ein Grund dafür, dass ein Großteil unsere Handlungen unbewusst abläuft. In einem Gespräch mit dem Magazin Focus nennt Hüther zwei einfache Fragen, wie wir unser Selbst entdecken und sozusagen Herr über unser Gehirn werden:

•Was will ich für ein Mensch sein?

•Wozu will ich dieses Leben nutzen?

(https://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/gerald-huether-im-gespraechhirnforscher-entwickelt-gluecksformel-dafuer-muss-sich-jeder-zwei-fragen-stellen_id_10201786.html)

Zwei Fragen, die uns auch in der Yogaphilosophie beschäftigen und sich ebenfalls wunderbar in die Arbeit mit Menschen integrieren lassen. Doch wie werden wir zu dem Menschen, der wir sind und was hat das mit unserem Gehirn zu tun?

Der Neurowissenschaftler und Psychotherapeut Joachim Bauer (2019) schreibt in seinem Buch Wie wir werden, wer wir sind: „Der Mensch ist aus neurowissenschaftlicher Sicht dafür gemacht, am Du zum Ich zu werden“ (S. 36). Bauer geht davon aus, dass sich unser Selbst entwickelt, indem wir in Resonanz mit unseren Bezugspersonen treten. Kinder brauchen verlässliche, liebevolle Bindungspartner, die sie nicht einengen und sie somit fördern, ihr Selbst zu entwickeln.

Autonomie kann nur aus einer sicheren Bindung hervorgehen, das haben bereits etliche Wissenschaftler zu Bindungstheorien gezeigt. Wir Menschen sind kreative Wesen, die in der Lage sind, sich einerseits anzupassen, aber auch ihr Umfeld zu gestalten und zu verändern. Für diese Kreativität benötigen wir Menschen, die uns ermutigen, die Dinge aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. So wie wir im Yoga Umkehrhaltungen üben, die uns anregen können, auch jenseits der Matte einmal die Perspektive zu ändern.

Ein Grund, warum Yoga auch schon für die Kleinsten eine gute Methode sein kann, um sich auf allen Ebenen zu entfalten. Bauer schreibt: „Kinder sind körperbetonte Wesen und bedürfen vieler guter körperlicher Erfahrungen, sie bedürfen unserer realen Präsenz“ (S. 46). Hier kommt auch das Thema Berührung ins Spiel, dem ich in meiner Arbeit mit Thai-Kinderyoga bereits ein Buch gewidmet habe.

Doch zurück zu unserem Gehirn. Wir erfuhren bereits, dass unser Gehirn danach strebt, in einem möglichst kohärenten Zustand zu sein. Es möchte also möglichst viel Nutzen mit einem möglichst geringen Energieaufwand erreichen. Wenn wir uns nun in einem Konflikt befinden, in welchen z. B. eines unserer Bedürfnisse nicht gesehen oder gar erfüllt wird, geht im Gehirn tatsächlich ganz schön viel ab, es braucht viel Energie, um mit dieser Situation irgendwie umzugehen. Möglicherweise passiert dann im Kindesalter Folgendes: Um wieder Kohärenz herzustellen, adaptiert das Kind das Verhalten seiner Bezugspersonen und macht sein eigenes Bedürfnis weg, will heißen, wir suchen nach einer Lösung, um diese Herausforderung meistern zu können.

Im „blödesten“ Fall haben wir unser Bedürfnis als nicht richtig wahrgenommen, weil es möglicherweise eine Belohnung dafür gibt, dass wir, gemäß den Erwartungen anderer, reagiert haben. Denn wir alle wollen das Gleiche: Wir wollen geliebt sein und dazugehören. Wir wollen aber auch Autonomie und das kann bisweilen zu einem Konflikt führen, vor allem, wenn unsere Bindungspartner dies nicht sehen und unterstützen. Also gar nicht so leicht, die Entwicklung eines gesunden Selbst.

Hat sich dann eine Gewohnheit erst einmal ausgebildet, so hat dadurch unser Gehirn mehr Kapazität für andere Aktivitäten frei. Dies entspricht wieder Hüthers Aussage, dass unser Gehirn immer bestrebt ist, Kohärenz herzustellen. Das kann man sich so vorstellen, dass sich bei Gewohnheiten oder alltäglichen Tätigkeiten weite Bereiche unseres Gehirns ausruhen können. Es läuft quasi eine Art Automatismus ab.

Ein gutes Beispiel ist das Autofahren. Waren wir in den ersten Fahrstunden noch heillos mit dem ganzen Tun (Kupplung-Gas, Schalten, Schulterblick beim Abbiegen etc.) überfordert, so werden die Tätigkeiten zur „Gewohnheit“ und wir haben den Kopf frei für den Straßenverkehr. Ebenfalls waren und sind manche Gewohnheiten für uns schlichtweg wichtig für unser Überleben.

Da Gewohnheiten in der Tiefe unseres Gehirns (in den sogenannten Basalganglien) gesteuert werden, verschwinden sie auch niemals einfach von selbst. Das ist, vor allem im Sinne der Kohärenz prima, stellt uns aber auch vor die Herausforderung, dass es nicht so leicht ist, alte Gewohnheiten zu verändern.

Eine weitere Schwierigkeit ist, dass unser Gehirn leider nicht zwischen günstigen und ungünstigen Gewohnheiten unterscheidet. Ebenso überprüft und modifiziert es diese nicht mehr. Gewohnheiten entstehen zwar ohne Beteiligung des Bewusstseins, doch die gute Nachricht ist: sie lassen sich durch eine bewusste Entscheidung verändern.

Zu verstehen, wie Gewohnheiten entstehen und funktionieren, bietet für den Weg, wie auch Patanjali ihn beschreibt, eine gute Grundlage und macht deutlich, wie nah sich doch die östliche Philosophie und die westliche Wissenschaft sind!

Die Einsicht, dass viele Dinge unbewusst ablaufen, wir sie uns aber bewusst machen können und somit auch Veränderung stattfinden kann, ist und war für mich eine wichtige Erkenntnis!

4.4Der Weg zur Veränderung

Nun stellt sich die Frage, wie kann ich mich denn nun (im Sinne des Yoga) verändern und wer will ich sein.

Patanjali weist schon vor über 2.000 Jahren darauf hin, dass wir neues Denken und Handeln einüben müssen: „Nur dessen Übung wird Wurzeln schlagen, der lange Zeit ohne Unterbrechung mit einer hingebungsvollen Haltung und mit Rücksicht auf andere übt“ (YS, 1.14, Sriram, 2006, S. 44).

Wir sollen uns bewusst machen, dass jede Veränderung Zeit braucht und es sicherlich auch immer Rückschläge geben wird. Möglicherweise reagiert auch das Umfeld nicht immer nur positiv auf Verhaltens- und/oder Persönlichkeitsveränderungen. Und ganz sicher braucht es Mut.

Um Sadhana (den Übungsweg) zu bewältigen, verweist Patanjali auf die acht Yogaglieder. Ein wesentlicher Schritt besteht darin, sich auf die Veränderung einzulassen, sich auf neue Erfahrungen zu freuen, aber auch hinzunehmen (und das ohne Groll!), wenn etwas nicht gleich funktioniert. Achtsam und liebevoll sich selbst anzunehmen, auch und vor allem mit seinen negativen Anteilen. Das ist ein wesentlicher Schritt auf dem Weg zu Samadhi.

Dazu passend fand ich einmal einen schönen Satz in einer Zeitschrift, der seitdem in meinem Yogaraum hängt: Ich bin eine Meisterin, die übt. Doch was bedeutet Samadhi? Die Erleuchtung? Bedeutet das, gleichmütig in allen Belangen des Lebens zu werden? Wenn das die Definition ist, dann verzichte ich darauf, denn ich lebe gerne dieses Leben, zu dem neben den ganzen wunderbaren Gefühlen, wie Freude und Liebe, eben auch die Kehrseite gehört.

Ohne Licht kein Schatten. Kenne ich nicht die dunkle Seite, weiß ich die helle nicht zu schätzen. Und so definiere ich Samadhi für mich als Momente des puren Glücks, des mit allem Eins-Sein und von diesen Momenten gibt es immer mehr. Das ist für mich das Ziel: ein glückliches und zufriedenes Leben zu führen, meinem Herzen zu folgen und am Ende irgendwann in Frieden und mit der Gewissheit gehen zu dürfen, dass alles gut so war, wie es war!

Was Samadhi für dich selbst bedeutet, kannst nur du selbst herausfinden. Die Annahme der eigenen Schattenanteile ist auch ein wesentlicher Schritt in vielen therapeutischen Richtungen. Vielleicht ist auch für dich die Idee hilfreich, dass wir gewisse Verhaltensweisen früher einmal brauchten. Möglicherweise waren sie sogar überlebenswichtig. Heute, als Erwachsener, sind sie das vielleicht nicht mehr und wir ärgern uns über sie. Doch sie als, zumindest damals, nützlich und wichtig anzuerkennen und anzunehmen, ist der erste Schritt, um Veränderung beginnen zu lassen. Glücklicherweise sind wir alle Menschen und alle nicht perfekt, oder irgendwie dann eben doch.

4.5Der Transfer auf die Matte bzw. in den Alltag


Nun stellt sich als Nächstes die Frage nach der Umsetzung in den Alltag.

Wie kann Yoga wirken?

Die meisten Menschen (wie auch ich) beginnen mit Yoga aufgrund körperlicher Einschränkungen bzw. psychischer Problematiken, oder weil sie sich Entspannung von ihrem stressigen Alltag wünschen.

Unser Körper ist uns Menschen heutzutage häufig erschreckend fremd. Er funktioniert eben einfach und wenn er das nicht mehr in vollem Umfang tut (z. B. im Falle einer Erkrankung), nehmen wir ihn wieder bewusst wahr. In der Regel wird dann erst einmal mit Tabletten oder anderen medizinischen Therapien versucht, den Körper wieder zu „reparieren“, ihn wieder funktionsfähig zu machen. Hilft das alles nicht, kommen einige Menschen zu der Einsicht, dass sie etwas anderes brauchen, und selbst etwas tun müssen, um wieder gesund zu werden bzw. zu regenerieren.

Leider wird, meiner Meinung nach, in der westlichen Medizin nach wie vor der Hauptfokus auf den Körper gelegt und dieser allein behandelt. In den meisten Fällen spielt die Psyche jedoch auch eine Rolle und dies wird auch in den Forschungen in neuerer Zeit immer deutlicher. Der Mensch ist ein Ganzes. Was nicht bedeutet, dass die Schulmedizin nicht wichtig ist, im Gegenteil. Aber eine ganzheitliche Sicht auf den Menschen ist durchaus wünschenswert!

Dies wird auch sehr deutlich am Thema Stress. Unsere Zeit ist gekennzeichnet durch enormen Leistungs- und Erwartungsdruck. Wir sind immer in Eile und wissen manchmal gar nicht, „wo uns der Kopf steht“. Dies führt dazu, dass unser Sympathikus quasi daueraktiv ist. Der Sympathikus ist allgemein als „Kampf und Flucht“-System bekannt. Er bewirkt, dass der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz zunimmt und Stresshormone ausgeschüttet werden.

Früher diente dieses perfekte System dazu, den Körper auf den Kampf (oder die schnelle Flucht) gegen gefährliche Tiere vorzubereiten. Der Sympathikus funktioniert nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip, d. h., unser gesamter Organismus reagiert, wenn wir Stress haben. Die Stressoren unserer Zeit sind jedoch keine Mammuts oder Säbelzahntiger mehr, sondern Termindruck, ständige Erwartungen anderer, Multitaskingfähigkeit, Leistungskontrollen bis hin zum Mobbing. Trökes und Knothe (2014) haben in ihrem Buch Neuro-Yoga hierzu ein schönes Vergleichsbild:

„Gesteuert vom Sympathikus; leben wir, als würden wir dauernd den Fuß auf dem Gaspedal haben. Die Bremse, der Parasympathikus, bekommt in stressigen Zeiten kaum noch ‚einen Fuß in die Tür‘“ (S. 191):

Der Parasympathikus ist dem Sympathikus entgegengesetzt. Er senkt den Blutdruck und verlangsamt den Atem. Das Blut, das nun nicht mehr (für Flucht oder Kampf) in den Muskeln benötigt wird, kann wieder zurück in andere Systeme (Verdauungsorgane, Drüsensysteme usw.) fließen. Das parasympathische System wird im Yoga durch Pranayama (Atemübungen) trainiert und kann somit zur Heilung, Regeneration und Entspannung führen.

Es ist schon lange bekannt, dass der Atem unseren Geisteszustand beeinflussen kann. Wir selbst merken das zuweilen auch, sind wir aufgeregt, geht der Atem flach und schnell, fühlen wir uns wohl, kann der Atem tief bis in den Bauchraum fließen. Es wird vermutet, dass schon die ersten Yogis vor etwa 3.500 Jahren mit ihrem Atem experimentierten. So konnten sie feststellen, dass sie sich sowohl in extatische Zustände sowie in Zustände tiefer Ruhe hineinatmen konnten. Pranayama ist also ein wesentlicher Faktor auf dem Yogaweg und findet sich deshalb auch als eigenständiges Glied im achtfachen Pfad wieder.

Die Asanapraxis hilft uns zuerst einmal, wieder unseren Körper wahrzunehmen. Unser Körper befindet sich den ganzen Tag in unterschiedlichen Haltungen, wir sitzen am Schreibtisch, wir stehen beim Kochen, wir liegen beim Schlafen, usw. Diese Fülle von Bewegungsmustern haben wir unbewusst durch Nachahmen, Ausprobieren und bewusstes Wiederholen erlernt. Wir haben sie immer weiter verfeinert und an unsere täglichen Anforderungen angepasst, bis sie schließlich in die tiefen Schichten unseres Gedächtnisses absinken konnten. Die meisten unserer Bewegungen finden automatisch statt und wir müssen über sie nicht mehr nachdenken.

Zum Glück, würde doch ein Tag nicht ausreichen, wenn wir alle Bewegungen erst durchdenken müssten. Durch dieses quasi „Abgeschaltet-“Sein unseres Gehirns verlieren wir jedoch nach und nach den Bezug zu unserem Körper, der eben einfach unbewusst funktioniert! Erst dann, wenn er dies nicht mehr tut, wird er uns wieder bewusst. Durch die Asanapraxis entsteht wieder eine Bewusstheit für unseren Körper. Durch neue, ungewohnte Haltungen werden alte Muster durchbrochen und unser Gehirn schaltet sich wieder an, weil da etwas „Neues“ passiert!

Die Asanas, die meist am Anfang einer Yogapraxis stehen (Baum, Berg, Katze, Hund …) haben für unser Gehirn noch einen weiteren Vorteil. Jeder von uns hat ein Bild von Dingen in sich verankert, so zum Beispiel von der Katze: Wir wissen, dass eine Katze einen sehr beweglichen Rücken hat und so fällt es uns nicht allzu schwer, uns in diese Haltung (Katzenbuckel) hineinzubegeben. Kinder haben diese Fähigkeit noch viel mehr, deshalb fallen ihnen die meisten Asanas auch nicht schwer und sie benötigen viel weniger konkrete Anleitung hierbei.

Ein wichtiger Faktor ist auch die Zeit zum Üben und zum Nachspüren. Wir brauchen Zeit zum Lernen, auch um achtsam mit uns selbst zu sein. Zu spüren, was tut mir gut, welche Bewegung fällt mir leicht, ist wichtig (denn auch jede Anatomie ist einzigartig und somit hat jeder Mensch auch anatomisch bedingte Grenzen), denn die Verantwortung liegt schlussendlich beim Übenden selbst.

So tun wir in der Praxis sowohl etwas für unsere Muskulatur, Gelenke, Organe, den Atem und das Nervensystem. Wichtig für die eigene Yogapraxis ist jedoch auch die eigene Motivation und Spaß zu haben im Tun!

Der Aspekt der Freiwilligkeit wurde sogar durch neuere Forschungen belegt, da dieser bewirkt, dass neue Nervenzellen gebildet werden. Deshalb bringt es sicherlich nicht viel, wenn man Yoga machen soll bzw. muss und daran überhaupt keinen Spaß finden kann.

Jedes Asana hat eine andere Wirkung, diese sollte jeder Übende individuell für sich selbst herausfinden. Einige Beispiele zur Verdeutlichung:

Tadasana (der Berg) kann z. B. mit Standhaftigkeit, Stabilität und innerer Ruhe assoziiert werden.

Vrksasana (der Baum) mit Zentrierung, Ausgeglichenheit und innerem Gleichgewicht.

Paschimottanasana (die Vorwärtsbeuge) mit Gefühlen von Demut und Hingabe, aber im Gegensatz auch mit Enge und Bedrängung.

Matsyasana (der Fisch) öffnet den Brustkorb, das Herz, kann aber auch ein Gefühl von Schutzlosigkeit und Verletzlichkeit auslösen.

So können verschiedene Asanas auch für das Üben an bestimmten psychischen Haltungen eingesetzt werden. Habe ich z. B. das Gefühl, meine Durchsetzungsfähigkeit, meine Unabhängigkeit mehr einüben zu wollen, so kann ich mich eventuell intensiver mit Tadasana, Virabhadrasana (der Krieger) oder Garudasana (der Adler) auseinandersetzen.

So können wir, vor allem im Einzelunterricht, sehr gezielt auf die Bedürfnisse des Übenden eingehen und die Haltungen noch durch Affirmationen, Mantras etc. verstärken.

Ein weiterer wichtiger Teil der Yogapraxis ist die Meditation. Kein anderer Bereich der Yogalehre ist so gut erforscht. Meditation wirkt in vielfacher Hinsicht positiv auf unsere psychische sowie physische Gesundheit. Einige möchte ich zum Abschluss noch nennen:

•Meditation mindert Stressreaktionen.

•Meditation lindert das Schmerzempfinden.

•Meditation stärkt die Immunabwehr.

•Meditation stärkt die Resilienzfähigkeit (mentale Flexibilität und Widerstandskraft).

•Meditation unterstützt die Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen.

•Meditation senkt den Bluthochdruck und kann somit koronaren Erkrankungen vorbeugen.

•Meditation stärkt die Areale im Gehirn, die für die Stresskontrolle zuständig sind.

•Meditation lindert Ängste und depressive Verstimmungen.

•Meditation fördert den erholsamen Schlaf.



Svadhyaya ist das Selbststudium oder auch die Selbstreflexion, so wie das Studium von Weisheitstexten. Es ist eine der fünf Niyamas (im Groben die Verhaltensempfehlungen uns selbst gegenüber). Doch was bedeutet Selbststudium und/oder Selbstreflexion?


Vielleicht ist es hilfreich, mit folgender Frage zu beginnen:

•Welcher Yogalehrer möchtest du sein?

Hast du dir diese Frage schon einmal gestellt? Wenn ja, war es einfach, darauf zu antworten? Es macht Sinn, sich einmal genau mit solch einer Frage (warum man etwas tun oder sein möchte) auseinanderzusetzen. Das geht zum Beispiel auch während einer Meditation. Oder du nimmst dir Papier und Stift und schreibst deine Antwort auf.

Möglicherweise fallen dir Dinge ein, wie: „Ich möchte anderen Menschen helfen“ oder: „Mir hat Yoga geholfen und nun möchte ich das weitergeben“ oder Ähnliches. Das sind natürlich schöne Beweggründe und es ist wahrhaft großmütig, für andere etwas zu tun. Aber das ist höchstwahrscheinlich (um nicht zu sagen ziemlich sicher) nicht der einzige Beweggrund.

•Warum tust du, was du tust?

•Was hast du für einen Gewinn davon?

Das sind die Fragen, die wir uns nicht immer so gerne stellen, möchten wir in der Regel doch nicht egoistisch sein. Natürlich klingt es immer besser, Dinge uneigennützig zu tun. Doch wenn wir wirklich ehrlich sind (und im Übrigen bestätigt das auch die Hirnforschung), tun wir so gut wie nie etwas ohne Eigennutz. Und, zu deiner (und auch meiner) Erleichterung sei gesagt: Das ist auch okay so. Das ist absolut menschlich!

Wenn wir also unser Selbst reflektieren wollen und uns studieren wollen, dann gehören schon mal zwei Dinge dazu: Ehrlichkeit und Mut! Ehrlich auch seine Schatten oder die vermeintlich negativen Verhaltensweisen anzuschauen und den Mut, überhaupt erst damit zu beginnen bzw. diese sich einzugestehen! Ja, keiner hat gesagt, dass es leicht ist, aber es lohnt sich! Je besser du selbst weißt, wer du bist und auch deine nicht so bequemen Anteile kennst, desto leichter ist es, mit Menschen zu arbeiten, ohne die eigenen Anteile zu projizieren. Denn auch das tun wir, meist unwissentlich, sehr oft.

Wir projizieren unsere eigenen Ängste oder Verhaltensweisen, die wir an uns nicht mögen oder wie wir nicht sein dürfen, auf andere. Hinzu kommt, dass es dann auch schwierig wird, Abstand zu wahren. Bisweilen vermischen sich dann die eigenen Emotionen, Bedürfnisse, Verhaltensweisen mit denen des Klienten/Schülers, und das macht die Arbeit nicht leichter.

Es gibt ein schönes Bild von Puh, dem Bären mit seinem Freund Ferkel, auf dem sie nebeneinander laufen. Zu dem Bild heißt es, dass der Freund nicht vor oder hinter dir, sondern neben dir gehen möchte. So sollte das auch beim Unterrichten sein, wir sollten die Menschen begleiten, mit ihnen ihren Weg finden und gehen, – schön, wenn wir sie dabei unterstützen können.

Wichtig ist jedoch, jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen, was für mich richtig ist, muss für den anderen noch lange nicht passen! Das ist auch eine Schwierigkeit, die in der Arbeit mit Menschen (nicht nur im Yoga, auch in anderen Bereichen) vorhanden ist. Schnell sind Lehrer in der Situation, zu denken, sie wüssten, wie es geht und das muss dem Schüler doch nur beigebracht werden. Ist das wirklich so? Ich denke nicht.

Ich bin der Überzeugung, dass ich ausschließlich für mich wissen kann, wie es geht, niemals lässt sich das genauso auf einen anderen Menschen übertragen, denn jeder Mensch hat seine eigene, individuelle Wahrheit, Geschichte, Sicht auf die Dinge. Es gibt hierzu ein schönes Gleichnis von den blinden Männern und dem Elefanten. Das Gleichnis stammt aus Südasien und wird in unterschiedlichen Variationen (Anzahl der Männer, die Männer sind blind oder in der Dunkelheit …) erzählt.

In diesem Gleichnis untersucht eine Gruppe von Blinden (oder von Männern in völliger Dunkelheit) einen Elefanten, um zu begreifen, worum es sich bei diesem Tier handelt. Jeder untersucht einen anderen Körperteil (aber jeder nur einen Teil), wie zum Beispiel den Rüssel, ein Bein oder einen Stoßzahn. Dann vergleichen sie ihre Erfahrungen untereinander und stellen fest, dass jede individuelle Erfahrung zu ihrer eigenen, vollständig unterschiedlichen Schlussfolgerung führt. Und keiner erkennt den ganzen Elefanten!

Genau das trifft es ganz wunderbar! Jeder hat seine eigene Realität und deswegen ist, für mich persönlich, die Aufgabe des Lehrers, vorrangig den Schüler als einzigartiges, perfektes Individuum wahrzunehmen und dann mit ihm gemeinsam auf die Reise zu gehen und den persönlichen Weg zu finden. Wir als Lehrer/Coaches sind Unterstützer, Berater, Mutmacher und Fragensteller.

Ein guter Lehrer erkennt den Menschen als Ganzes und unterstützt seine Kompetenzen, hilft aber auch, die Schattenseiten zu erkennen, wahrzunehmen und zu akzeptieren.

5.1Lehrer-Schüler, eine mächtige Beziehung?

Noch ein Wort zur Schüler-Lehrer-Beziehung. Früher wurde nur im direkten Einzelunterricht Wissen vermittelt, dies zeigt sich noch sehr deutlich in den Upanishaden, was auch übersetzt so viel wie „nahe bei … sitzen“ heißt. Oftmals kamen die Schüler bereits als Kinder oder Jugendliche zu ihrem Lehrer und lebten dann viele Jahre mit ihm. So stellt sich nun die Frage, ob man heutzutage noch einen Lehrer/Guru braucht. Oder ist dieses Konzept vielleicht schon längst überholt?

Nicht zuletzt durch einige Gurus, deren Eskapaden (Geldgier, sexuelle Kontakte zu Schülerinnen etc.) durch die Medien gingen, wurde diese Frage wieder aufgeworfen. Da der Begriff Guru bei uns im Westen oftmals einen etwas negativen Beigeschmack hat, möchte ich erst einmal den Begriff erläutern: Das Wort Guru stammt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „derjenige, der Licht ins Dunkel bringt und damit geistige Unwissenheit (Avidya) vertreibt“. Praktisch gesehen, bedeutet das, ein Guru ist jemand, der dem Menschen bestimmte Fähig- oder Fertigkeiten vermitteln kann, die er selbst (noch) nicht hat.

Um Yoga zu erlernen und/oder um die eigene Psyche zu ergründen, bedarf es also einer Person, die sich damit auskennt. Genau wie in jedem anderen Bereich, den es zu erlernen gilt (Lesen, Autos reparieren etc.). Somit macht es durchaus Sinn, sich einen Lehrer/Guru zu suchen, um diese Fähigkeiten zu erlernen, denn er ist in der Lage, dem Schüler das Wissen/die Fähigkeiten zu vermitteln, neue Blickwinkel zu öffnen bzw. den Schüler auf Dinge aufmerksam zu machen, die ihm vorher nicht aufgefallen sind und durch sein eigenes Beispiel die Schüler zu inspirieren. Sinnvoll ist es sicherlich auch, verschiedene Lehrer zu treffen, denn auch hier hat jeder seine eigene Wahrheit und so kann sich der Schüler unterschiedliche Methoden, Herangehensweisen etc. abholen.

Im Umkehrschluss heißt das ebenfalls, es muss nicht gleich der erste Lehrer der passende sein. Vielleicht stellt man nach einer Weile fest, dass man nun einen anderen Lehrer braucht, der neue Inspiration bringt. Es ist also meines Erachtens wichtig, sich einen guten, erfahrenen Lehrer zu suchen, der zu mir passt und mit dem ich gut arbeiten kann! Denn nicht jeder Lehrer kann mit jedem Schüler arbeiten und umgekehrt!

Doch zurück zu uns.

Zum Selbststudium gehört es auch, sich Wissen anzueignen, denn wenn ich z. B. weiß, dass es kaum möglich ist, einfach so den Geist leer zu machen, weil das nicht in der Natur unseres Gehirns liegt, dann erleichtert das doch einiges.

Kleines Beispiel: Meine erste Meditationserfahrung in einer meiner ersten Yogastunden lief folgendermaßen: Meine damalige Yogalehrerin leitete die Meditation mit den Worten ein, sich bequem hinzusetzen, sich aufzurichten und dann die Gedanken loszulassen und den Kopf leer zu machen. Ja, alles gut und schön, doch was dann bei mir geschah, war alles andere als das.

Bei mir passierte Folgendes: Meine Affenfamilie, die schon sowieso eine Großfamilie war, lud all ihre Freunde und Verwandten zu der, gefühlt, größten Party ever ein. Will heißen, ich hatte dermaßen viele Gedanken im Kopf, dass ich schier überschwemmt wurde und war dann natürlich erst einmal äußerst frustriert. Hinzu kam, dass ich anschließend von mir selbst ziemlich lange dachte, dass Meditation wohl nicht mein Ding ist. Zack – so entsteht ein Glaubenssatz.

Diese pauschale Aussage über mich nennt man Generalisierung. Das bedeutet, mir ist einmal etwas passiert und ich gehe davon aus, dass das nun immer so ist: Meditation hat nicht geklappt, also kann ich das nicht! Es dauerte dann fast 10 Jahre (und einige Ausbildungen und Lehrer), bis ich verstand, dass das so nicht funktionieren kann.

Als Erstes ist unser Gehirn nicht dafür gemacht, nichts zu denken. Im Gegenteil: Das Gemeine an der Sache ist, dass unser Hirn geradezu freudig die Ruhe erwartet, denn endlich hat es deine volle Aufmerksamkeit und kann mal so richtig aus dem Vollen schöpfen. Aber, keine Sorge, das bedeutet nicht, dass es prinzipiell nicht möglich ist, nichts zu denken, aber eben nicht sofort und beim ersten Mal. Vor allem war eine Erkenntnis für mich sehr hilfreich: Meditation kann man nicht machen!

Wir sind so darauf gedrillt, Dinge zu tun, aktiv zu sein, die Macher. In der Meditation ist das nicht möglich. Meditation ist ein Zustand, der passiert oder eben auch nicht. Es ist wie mit allem, was wir neu lernen: es braucht Geduld, Übung und noch mal Geduld. Und dann ist es auch noch ein bisschen tagesformabhängig.

Ich sage meinen Schülern immer, es gibt gute und weniger gute Meditationstage, das ist wie bei Gleichgewichtshaltungen.

Doch wie kann es also klappen mit dem leeren Geist?

Ist es doch das, was uns das Yoga Sutra 1.2 sagt: yogash-citta-vritti-nirodah (Yogash = Yoga ist, chitta = Geist, Verstand, vritti = Gedankenwellen, Bewegung des Geistes; auch Prägungen, Vorurteile, nirodhah = Zur-Ruhe-Bringen, Beherrschen, Kontrollieren).

Frei übersetzt bedeutet es also: „Yoga ist der Zustand, in dem der Geist zur Ruhe kommt.“ Ja, und das ist wohl mithin die größte Herausforderung und auch gleichzeitig das größte Geschenk, das uns eine fundierte Yoga- bzw. Meditationspraxis geben kann. Doch zurück zur Frage:

Wie gelingt das dann?

Hier gibt es dann natürlich auch wieder kein Geheimrezept.

Für mich war es unglaublich hilfreich, zu wissen, dass es normal ist, dass mein Gehirn mir sämtliche Gedanken, To-do-Listen und Ähnliches um die Ohren haut, wenn ich eigentlich meditieren will. Und dann habe ich es erst einmal mit Annahme versucht. Ich habe angenommen, dass es eben einfach so ist, ganz menschlich, okay so, wie es ist. Und dann habe ich mich, als nächsten Schritt, wie ein kleines Kind darüber gefreut, wenn ich mal eine Millisekunde Stille im Kopf hatte.

Das gilt es dann auch ganz diffizil wahrzunehmen, denn mitunter ist dieser Moment anfangs so kurz, dass er uns schier durch die Lappen geht. Auch hier wieder ganz wichtig: Eine regelmäßige Praxis (also dranbleiben!), denn wenn etwas in unserem tiefen Gedächtnis als Lernerfolg abgespeichert werden soll, dann braucht es hierzu Zeit und regelmäßige Wiederholungen.

Es herrschte eine Weile die Idee vor, dass es 21 Tage (bei täglichem Tun) dauern würde, bis man etwas Neues im Leben etabliert hat. Dies ist zurückzuführen auf den plastischen Chirurgen Maxwell Maltz (2016), der beobachtete, dass es in der Regel 21 Tage dauerte, bis sich eine neue Gewohnheit etabliert hatte (z. B. seine Patienten ihr neues Gesicht angenommen hatten oder Ähnliches).

Daraufhin geisterte diese Zahl längere Zeit durch sämtliche Fakultäten, bis sich Forscher an unterschiedlichen Universitäten auch dieser Frage annahmen. Heraus kam kein wirklich genauer Zeitraum, denn jeder Mensch ist ganz unterschiedlich.

Und so geht man heute davon aus, dass es, je nach Persönlichkeit und Entwicklung, etwa 2-8 Monate dauert, bis der Mensch eine Gewohnheit etabliert hat. Also heißt es dranbleiben! Und sich auch nicht frusten lassen, denn häufig gibt es einen Zeitpunkt, den wir überwinden müssen, weil da so eine Art Loch entsteht, währenddessen wir denken, wir schaffen es sowieso nicht.

(https://online-gesundheitstraining.de/2016/11/wie-lange-dauert-es-tatsaechlich-um-eine-neue-gewohnheit-zu-etablieren-1701/)


Im Yoga kennen wir die Yamas und die Niyamas. Manche bezeichnen sie als Verhaltensregeln, ich persönlich mag den Terminus der Empfehlung lieber. Regeln haben immer etwas sehr Striktes und vor allen Dingen folgt auf den Regelbruch im Allgemeinen eine Strafe.

Diese Verhaltensempfehlungen gehören im Yoga zum sogenannten achtfachen Pfad, den wir, von Patanjali beschrieben, im Yoga Sutra wiederfinden. Dieses ist ursprünglich in Sanskrit verfasst.

Sanskrit ist eine mehrere tausend Jahre alte Sprache. Über ihr genaues Alter herrscht Uneinigkeit. Es ist für die Inder in etwa das, was Latein für uns Europäer ist. Viele alte Texte wurden hierin verfasst, aber gesprochen wird sie nicht. Das macht die Übersetzungen nicht so leicht, da es viele feine Unterschiede in der Bedeutung einzelner Zeichen gibt. Deshalb gibt es zu den einzelnen Texten meist auch diverse Übersetzungen.

Was aber wiederum den Vorteil hat, dass jeder ganz individuell seinen Sinn in den Worten finden kann. Das zeigt schon, dass auch hier Dogmen, aus meiner Sicht, nicht angebracht sind.

An dieser Stelle werden wir uns mit den Yamas und Niyamas beschäftigen, die jeweils in fünf Lebensempfehlungen unterteilt sind. Sie stellen so etwas wie die yogischen Werte dar und lassen sich ganz wunderbar auf unser Alltagsleben übertragen. Die Yamas sind die Empfehlungen im Umgang mit anderen. Zu ihnen zählen:

•Ahimsa (Gewaltlosigkeit): Dies meint nicht nur die körperliche Gewaltlosigkeit, denn dass wir niemandem vors Schienbein treten, weil er nicht nett zu uns ist, steht wohl außer Frage. Es meint vielmehr auch die Gewaltlosigkeit in unseren Worten und Taten. Häufig merken wir gar nicht, wie aggressiv unsere (Körper-) Sprache ist. Schon allein ein Seufzen kann als „Antwort“ auf eine Frage eine aggressive Handlung sein. Worte sind unglaublich machtvoll (siehe auch Kap. 23). Sie können große Gefühle transportieren, wie Liebe und Freude, aber auch Macht demonstrieren und dass der andere sich schlecht fühlt. Eine gute Möglichkeit, sich einmal mit der eigenen Sprache auseinanderzusetzen, ist die gewaltfreie Kommunikation, ihr ist ein eigenes Kapitel bei den Tools gewidmet.

•Satya (Wahrhaftigkeit): Wahrhaftig zu sein, meint, ehrlich zu sein (auch zu sich selbst), aber vor allem auch zu prüfen, ob das, was ich sagen möchte, auch wirklich notwendig ist. Eine gute Hilfe für mich ist immer die Frage: „Ist das, was ich sagen möchte, für mein Gegenüber hilfreich?“, denn manchmal ist weniger durchaus mehr. Möglicherweise steht nämlich die Wahrheit zu sprechen in Konkurrenz mit Ahimsa, also gewaltlos zu sein. Das kann durchaus eine schwierige Geschichte sein. Wahrhaftig sein und trotzdem aber nicht zu schädigen. Ganz schon knifflig manchmal.

•Asteya (nicht stehlen): Hier ist nicht nur das faktische materielle Stehlen gemeint, sondern auch das Stehlen von Zeit. Komme ich immer 15 Minuten zu spät, stehle ich demjenigen, der auf mich wartet, Zeit. Hierzu gehört auch das Stehlen von Gedankengut etc. Auch diese Empfehlung ist stark von der jeweiligen Situation und dem Kontext abhängig. Stielt eine Mutter für ihr hungriges Kind ein Brot, bleibt es faktisch ein Diebstahl, aber wir würden in der Regel ganz anders darüber urteilen, als über den Dieb, der aus Bereicherung etwas stiehlt.

•Brahmacharyia (Mäßigung): In den alten Übersetzungen wird hier häufig die sexuelle Mäßigung angesprochen. Doch für mich meint es die Mäßigung in vielerlei Bereichen. Wir leben heute in einer Welt des Überflusses und haben von einigen Dingen unglaublich viel. Hier kann man sich selbst überprüfen, ob man ein gewisses Maß halten kann und vielleicht auf Dinge, wie z. B. das fünfte Paar schwarze Stiefel, verzichten kann. Und trotzdem gilt für mich persönlich, dass auch ein gewisser Luxus erlaubt ist, wir leben nun einmal in dieser Welt und ich ziehe mich nicht in eine kuhdungbeschmierte Lehmhütte zum Meditieren zurück (ja, so war das damals). Ich lebe gerne in dieser Welt mit ihren Annehmlichkeiten, wie Toilette, Dusche, Heizung, Kühlschrank etc. Und doch sollten wir darauf achten, dass der Konsum nicht überhandnimmt und auf was wir vielleicht auch mal verzichten können. Die Menge macht das Gift und da bestimmt jeder individuell, was für ihn stimmig ist!

•Aparigraha (nicht anhaften): Aparigraha passt für mich sehr gut zu Brahmacharyia, denn wenn ich Maß halten möchte, bedeutet das, mich von manchen Dingen zu lösen. Es kann aber auch bedeuten, mich von Menschen zu lösen, die mir nicht guttun, sogenannte Energieräuber zum Beispiel. Für mich bedeutet es im Umkehrschluss, für mich Sorge zu tragen. Manchmal hängen wir an Dingen, Menschen oder auch Verhaltensmustern, die uns nicht guttun. Das Lösen hiervon ist sicher eine wirklich große Herausforderung. Schon Buddha sagte, das Loslassen der Schlüssel zum Glück sei, – wenn das nur so einfach wäre. Aber auch hier sollen wir nicht verzagen, sondern üben, dranbleiben und annehmen, dass wir eben nicht perfekt sind: Keiner von uns!

Zu den Niyamas, den Empfehlungen im Umgang mit uns selbst, gehören:

•Shauca (Reinheit, Sauberkeit): Es geht hier sicherlich auch um die Sauberkeit auf der körperlichen Ebene, aber auch um die „Sauberkeit“ in unserem Kopf. Es macht einen Unterschied, was und wie wir denken. Sind alle Ampeln rot oder sehe ich auch die grünen? Die Sicht auf die Welt ist eine subjektive und bisweilen sehen wir vieles negativ oder gegen uns gerichtet. Es gibt nicht die eine Wahrheit, denn jeder von uns hat seine eigene. Unseren Kopf von Gedankenspinnweben, unnötigen Glaubenssätzen und Zuschreibungen anderer zu befreien, ist nicht nur befreiend, sondern auch reinigend (passend dazu Kap. 38).

•Santosha (Zufriedenheit): Bisweilen macht es den Anschein, als würden wir in einer Gesellschaft des Mangeldenkens leben. Gehen wir abends schlafen, haben wir nicht genug gearbeitet oder dies und jenes nicht geschafft. Stehen wir morgens auf, dann haben wir meist nicht genug geschlafen. Es scheint, als wären wir hauptsächlich damit beschäftigt, das zu sehen, was uns fehlt (was auch hirnphysiologisch zu erklären ist, aber das würde hier zu weit führen). Wir können uns tatsächlich in Zufriedenheit üben, indem wir unseren Fokus darauf richten und mehr die Dinge wahrnehmen, die schön sind oder uns gut gelungen sind. Hier können auch Dankbarkeitsrituale und Vergebensarbeit (findest du auch im Buch) eine Hilfe darstellen.

•Tapas (Selbstdisziplin): Ein wichtiger Punkt, wenn wir etwas erreichen wollen, gleichgültig, was es ist. Du möchtest gesünder essen? Dann brauchst du Disziplin, um das umzusetzen. Du möchtest eine regelmäßige Yogapraxis in deinen Alltag integrieren? Dann braucht es Selbstdisziplin und Durchhaltevermögen. Wir schaffen nichts Neues und lernen nicht innerhalb von Minuten, Dinge brauchen Zeit. Dranbleiben lohnt sich! Denke an die 2-8 Monate …

•Svadhyaya (Selbstreflexion): Vielleicht kennst du das auch, dass dir immer wieder die gleichen Dinge passieren und du dich fragst, warum das so ist. Ein Blick hinter (deine) Kulissen ist hier hilfreich, also mal hinter die eigene Fassade zu schauen. Was sind meine Glaubenssätze? Welche Schatten habe ich? Warum reagiere ich, wie ich reagiere? Warum bringt mich dieser Mensch so auf die Palme? Zur Selbstreflexion kann es extrem hilfreich sein, mit einem guten Lehrer, Coach oder Therapeuten zu arbeiten. Auch hier muss jeder den für sich passenden Weg finden. In Kap. 5 haben wir uns ja bereits mit diesem Thema näher beschäftigt.

•Ishvara Pranidhana (Vertrauen): Vertrauen zu haben, dass sich die Dinge schon regeln werden. Bisweilen machen wir (ich eingeschlossen) uns unglaublich viele Gedanken, was wäre, wenn … und so weiter. Häufig lassen sich die Dinge aber so gar nicht lösen, da zu viele Dinge im echten Leben mit hineinspielen. Deshalb legt uns die Yogaphilosophie nahe, im Vertrauen zu bleiben. Es wird vielleicht nicht immer alles gut im Sinne von „eitel Sonnenschein“, aber alles, was passiert, kann uns etwas lehren und zu unserer Weiterentwicklung beitragen. Habe Vertrauen, dass alles gut werden wird. Die meisten Dinge, die wir uns in Gedanken ausmalen, werden nie eintreten, also auch das ist häufig unser eigenes Kopfkino …

Die Yamas und Niyamas sind also so etwas wie Werte, die wir uns als Empfehlung im Umgang mit anderen und uns selbst nehmen können. Was genau der einzelne Wert oder die Empfehlung für dich bedeutet, kannst du nur selbst herausfinden. Hinzu kommt, wie bereits erwähnt, dass die Übersetzungen der alten Schriften aus dem Sanskrit sehr viel Spielraum ermöglichen. Doch passen auch diese jahrhundertalten Empfehlungen heute noch ganz wunderbar in unser Leben und schenken uns die Möglichkeit, ganz individuell herauszufinden, was sie für jeden Einzelnen bedeuten mögen. Im folgenden Kapitel werden wir uns etwas näher mit Wertearbeit beschäftigen.

Tipp

Meditiere über die Yamas und Niyamas. Nimm dir die Empfehlungen einzeln vor und lausche ihrer Bedeutung für dich persönlich. Wo lebst du sie bereits?


Um ein authentischer (Yoga-)Lehrer zu sein, ist es, unseres Erachtens nach, wichtig, sich selbst zu kennen, seine Bedürfnisse und was uns als Mensch wichtig ist. Authentizität deshalb, denn wir können nur das glaubhaft vermitteln und weitergeben, was uns selbst wichtig ist, woran wir glauben, was wir erlebt haben.

Hier kann Wertearbeit eine hilfreiche Methode sein. Sich zu fragen, welche Werte für dich persönlich bedeutsam sind, nach welchen Werten du lebst bzw. leben möchtest, ist gerade auch in der Arbeit mit Menschen wichtig. Häufig spüren Menschen (Kinder vor allem) sehr schnell, ob das, was du sagst, auch das ist, was du meinst! Du kennst das vielleicht auch, nämlich dann, wenn du jemandem begegnest und du das Gefühl hast, dass das, was dieser Mensch sagt, irgendwie komisch oder unstimmig klingt.

Das ist der Fall, wenn Menschen etwas sagen, aber etwas anderes meinen. Das heißt, wir sagen etwas, aber eigentlich meinen wir etwas anderes. Wenn Worte und Gefühle übereinstimmen, nennt man das auch kongruent. Wenn wir also als authentisch und kongruent wahrgenommen werden wollen, dann ist ein Blick auf unsere eigenen Werte durchaus sehr sinnvoll.

Im GEO Themenlexikon Psychologie findet sich zum Begriff „Wert“ folgende Erklärung: „… in der Philosophie behandelte Normen und Maßstäbe für erstrebenswerte Einstellungen und Handlungen, die im Hinblick auf die sozialen und kulturellen Orientierungen einer Gemeinschaft verpflichtend sind“ (Bd. 13, 2007, S. 815).

Eine hilfreiche Methode hierzu ist, sich eine Tabelle zu machen mit den Überschriften: Wert, sehr wichtig, wichtig, nicht wichtig (siehe Kapitelende). Hier kannst du nun Werte eintragen und schauen, wie wichtig sie dir sind. Nehmen wir z. B. den Wert Pünktlichkeit.

Ist dir Pünktlichkeit so wichtig, dass du hier keine Verspätung duldest, hast du eine Toleranzzone oder legst du darauf nicht wirklich Wert?

Sich mit den eigenen Werten und ihrer Wichtigkeit auseinanderzusetzen, ist hilfreich, da wir dann häufig auch besser verstehen, warum uns ein bestimmtes Verhalten triggert und wir beispielsweise wütend hierauf reagieren!

Hier ein paar Ideen:


Akzeptanz Intuition Gerechtigkeit
Spiritualität Gleichheit Realismus
Verantwortung Kreativität Wohlstand
Balance Wissen Kooperation
Gemütlichkeit Qualität Schönheit
Ruhm Liebe Selbstständigkeit
Effizienz Loyalität Aufregung
Zeit für mich Überlegenheit Stabilität
Engagement Leidenschaft Dankbarkeit
Einfachheit Mitgefühl Zuneigung
Flexibilität Achtsamkeit Vertrauen
Fortschritt Natürlichkeit Toleranz
Freiheit Neugierde Treue
Nähe Sicherheit Großzügigkeit
Herausforderung Fröhlichkeit Objektivität
Nachhaltigkeit Optimismus Transparenz
Gesundheit Ordnung Bescheidenheit
Hilfsbereitschaft Verlässlichkeit Offenheit
Hoffnung Beliebtheit Authentizität
Humor Erfolg Ehrlichkeit

Auf dieser Seite findest du ebenfalls Werte und Erklärungen zu ihnen:

https://www.wertesysteme.de/alle-werte-definitionen/

Es ist äußerst spannend, solch eine Liste einmal zu erstellen, denn häufig sind uns unsere eigenen Werte nicht so sehr bewusst oder zumindest nicht in ihrer Wichtigkeit. Deine eigenen Werte zu kennen, ist nicht nur für dich und deine Selbstreflexion WERTvoll.

Auch gerade im Yogaunterricht oder Coachingsetting profitieren alle Beteiligten (du eingeschlossen) davon. Denn du bist näher mit dir in Kontakt, da du deine Trigger kennst und kannst authentisch Werte vermitteln, was ja auch in der Yogaphilosophie einen großen Anteil hat! Natürlich kannst du auch Wertearbeit mit deinen Schülern/Klienten machen.


Diese Liste ist nur eine Idee mit ersten Begriffen, du kannst sie ganz nach Belieben füllen und weiterführen!

Notwendige Materialien: Papier, Stifte, eventuell vorgefertigte Tabelle.

Zeitaufwand: 15-60 Minuten. Gegebenenfalls Hausaufgaben für den Klienten, um die Tabelle auszufüllen.

Setting: Einzelsetting, Personal Training. Auch im Gruppensetting möglich, dann in vereinfachter, abgewandelter Form (tolles Tool auch für Retreats, Selbsterfahrungsworkshops, Aus- und Weiterbildungen).

7.1Dankbarkeit

Dankbarkeit ist zurzeit ein großes Thema, nicht nur im Yogaunterricht. Es findet sich häufig in unserem Alltag wieder und in vielen Medien wird darüber publiziert.

Doch was bedeutet Dankbarkeit und warum sollten wir uns mit diesem Thema überhaupt näher beschäftigen?

Im Grunde kann man sagen, dass wir unseren Fokus verschieben, nämlich weg von den Dingen, die nicht gut sind, nicht klappen oder frustrierend sind, hin zu dem, was uns erfreut, glücklich und zufrieden macht. Zusätzlich löst Dankbarkeit natürlicherweise Glücksgefühle in uns aus, und davon kann man ja bekanntlich nie genug haben!

In unserer Kindheit wurden die meisten von uns dazu angehalten, dankbar zu sein, Danke zu sagen. Natürlicherweise liegt es eigentlich in uns Menschen verankert, Dankbarkeit zu empfinden. In unserer „Erziehung“, Dankbarkeit von Kindern zu erwarten, passiert dann etwas, was so in seinem Ausmaß wahrscheinlich nicht gewollt ist.

Der Fokus wird auf denjenigen gerichtet, der etwas für uns getan hat, und dafür wird Dankbarkeit erwartet („Sage der Tante lieb Danke.“). So entsteht in unserem Gehirn eine neuronale Kopplung, die Dankbarkeit mit Schuld verbindet, die sogenannte Dankesschuld.

Diese neue Kopplung überdeckt dann die natürlich vorhandene Kopplung, nämlich dass Dankbarkeit Glücksgefühle auslöst. Denn eigentlich ist Dankbarkeit die Freude am Empfangen und nicht die Schuldigkeit jemandem gegenüber, der etwas für uns getan hat. So verschiebt sich Dankbarkeit, denn ursprünglich praktizieren wir Dankbarkeit für unsere Salutogenese.

Zusätzlich entsteht noch eine andere Verknüpfung: Erwarten wir Dankbarkeit, aufgrund einer Tat für jemanden, und dieser erfüllt dies nicht in unserem Sinne, entsteht Enttäuschung. Daraus resultierend, kann dann ein Glaubenssatz entstehen, wie: „Es lohnt sich nicht, für andere etwas zu tun, die wissen das sowieso nicht zu schätzen.“

Doch sollten wir andere nicht einfach ohne Erwartung unterstützen oder ihnen etwas Gutes tun? Klar, wenn man ausgenutzt wird, ist das mit einem klaren Nein zu beantworten. Aber so grundsätzlich. Nur ein kleines Beispiel: Ich finde Gemeinschaft unglaublich wertvoll und wichtig, sich gegenseitig zu unterstützen und zu bestärken. Ich mache gerne Werbung für andere und wurde schon oft gefragt, warum ich das denn tue, wenn ich kein Geld oder einen anderen Ausgleich hierfür bekomme. Die Antwort ist ganz einfach: weil es glücklich macht. Ich freue mich, wenn sich der andere freut, auch ohne dafür einen Blumenstrauß zu bekommen.

Aber auch hier muss jeder seinen eigenen Weg/Umgang finden, und wir wollen an dieser Stelle nicht diskutieren, was besser ist oder wer wie zu sein hat, denn das wäre anmaßend.

Zurück zur Dankbarkeit.

Die Frage ist: Wie können wir diese Kopplung auflösen?

Wenn wir wirklich wieder dahin kommen wollen, wo wir als Kind waren, dann gehört unter Umständen mehr dazu, als nur eine alltägliche Dankbarkeitsübung. Zuerst einmal sollten wir herausfinden, ob wir eine Kopplung haben und uns diese bewusst machen.

•Wie sieht sie aus?

•Woher kommt sie?

•Welche Glaubenssätze, Bewertungen tauchen beim Thema Dankbarkeit auf?

•Was sagt unser innerer Kritiker dazu?

Kleiner Tipp: Dies lässt sich gut mit dem ABC-Modell bearbeiten, das du in einem späteren Kapitel kennenlernen wirst (siehe Kap. 34).

Haben wir dann des Pudels Kern erkannt, beginnt quasi die Umprogrammierung unserer alten Schaltkreise. Weg von den alten Lasten, hin zu mehr Leichtigkeit, in der wir Dankbarkeit wieder wirklich fühlen dürfen und nicht als eine erwartete Reaktion erbringen müssen.

Das heißt, wir können neue Bewertungen, Perspektiven und Ideen entwickeln und diese verankern. Und auch hier ist es, wie bei allem, was wir lernen: Es braucht Zeit, Geduld und liebevolle Annahme. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, aber, vielleicht erinnerst du dich daran: Ich bin ein Meister, der übt!

Stelle dir deine alten Glaubensmuster als neuronale Verknüpfung in deinem Gehirn wie eine mehrspurige Autobahn vor. Diese gilt es nun, „neu zu bauen“. Und du weißt ja, wie lange Straßenbauarbeiten dauern, nicht wahr? Das heißt, das neue „Muster“, die neue Verknüpfung, ist anfänglich ein kleiner Feldweg, der durch häufiges Benutzen immer größer und breiter wird. Vom Fußgängerweg zum Fahrradweg zur Straße zur Landstraße, bis hin zur Autobahn.

Aber, Achtung: Lernen ist ein lebenslanger Prozess. Unsere Hirnplastizität schenkt uns diese Möglichkeit. Das heißt aber auch, dass solche Lernprozesse nie komplett fertig sind, es kann also auch nach Jahren des Übens mal wieder passieren, dass wir in alte Muster zurückfallen und quasi auf die falsche Straße abbiegen, dann frei nach dem Motto: Aufstehen, Staub abklopfen, Krönchen richten, weitergehen!

So kann Dankbarkeit zu einem wahren Glücksbringer werden, der uns aus unserem tiefsten inneren Glück fühlen lässt.

Tipp

Beginne ein Glückstagebuch. Finde täglich Situationen, Begegnungen, Erlebnisse, die dich dankbar und glücklich sein lassen. Schreibe sie auf, mögen sie auch noch so klein sein. Du kannst auch malen, skizzieren oder aufkleben, was immer dir Freude macht. Vielleicht gestaltest du dir das Buch selbst, sodass es ganz persönlich wird.

Tipp

Finde vor dem Einschlafen drei Dinge, für die du an diesem Tag dankbar bist. Häufig schwirren uns vor dem Einschlafen noch Dinge im Kopf herum, die wir nicht erledigt haben, die nicht gut waren, die uns beschäftigen. Wenn wir mit diesen „negativen“ Gedanken einschlafen, hat das Auswirkungen auf unseren Schlaf und seinen Erholungswert. Sich auf etwas Schönes und Positives auszurichten natürlicherweise auch. So kann sich dein Schlaf sehr verändern!

Glücksbohnengeschichte

Es war einmal ein Bauer. Jeden Morgen steckte er eine Handvoll Bohnen in seine linke Hosentasche. Jedes Mal am Tag, wenn er etwas Schönes erlebt hatte, wanderte dann eine Bohne von der linken in die rechte Hosentasche. Anfangs kam das nicht so oft vor. Doch von Tag zu Tag waren es mehr Bohnen, die von der einen in die andere Tasche wanderten.

Ein nettes Wort, eine schöne Begegnung, die ersten Sonnenstrahlen, das Zwitschern der Vögel, das Abendessen mit seiner Familie, jedes Mal wechselte eine Bohne die Seite. Am Abend schaute der Bauer, wie viele Bohnen in seiner rechten Hosentasche gelandet waren, und bei jeder Bohne erinnerte er sich dankbar an das schöne Erlebnis!

Diese Geschichte eignet sich wunderbar für den (Yoga-)Unterricht. Schön ist auch, deinen Teilnehmern kleine Säckchen mit Bohnen oder kleinen Steinchen mitzugeben, um sie an ihr tägliches Dankbarkeitsritual zu erinnern.

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11 kasım 2024
Hacim:
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ISBN:
9783840337420
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