Kitabı oku: «Die Heilkraft der Gefühle»

Yazı tipi:

Michael Weger

Die

Heilkraft

der

Gefühle

Der Weg zu Gesundheit und Lebensfreude

Neue Erkenntnisse und Strategien



Wien – Graz – Klagenfurt

© 2018 by Kneipp Verlag

in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-9904-0480-5

Bücher des Kneipp Verlages gibt es in jeder Buchhandlung und unter

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Autorenfoto: Isabella Weger

Cover: Oskar Kubinecz, www.kubinecz.at

Grafische Gestaltung: Sebastian Carl, Amerang

Lektorat: Kneipp Verlag

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018

Für meinen Vater

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Vorwort

Teil 1 – Eine neue Gefühlswelt

Die kränkenden Gefühlsmuster der Gegenwart

Die bahnbrechenden Entdeckungen der Molekularbiologie

Dem Herzen folgen – Wege zur emotionalen Gesundheit

Wie Sie die Heilkraft Ihrer Gefühle stärken

Wie Sie in drei Wochen Ihren Gefühlshaushalt neu aufbauen

Teil 2 – Gefühlswege aus der Krankheit

Die zehn häufigsten gefühlsbedingten Erkrankungen – und entsprechende Heilungsansätze

Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wirbelsäulenschäden

Verspannungen

Kopfschmerzen und Migräne

Magenerkrankungen

Darmprobleme

Übergewicht

Schlafstörungen und Stress

Schwächung des Immunsystems

Depression und Burnout-Syndrom

20 weitere Beschwerden – Gefühlshaushalt und Heilungsansätze

Nachwort

Bücherliste

Danksagung

Kontakt und Informationen

Vorwort

Die Kunst, zu fühlen, ist die Kunst, zu leben

Welches Schicksal uns auch immer widerfährt: Entscheidend ist, was wir dabei fühlen. Ob wir allein im Krankenbett liegen oder gerade Hochzeit feiern – unsere Gefühle bestimmen über Qualität und Bedeutung des Erlebten. Ein schönes Ereignis kann quälend und ein schlimmes voller Hoffnung sein, je nachdem, wie unsere Gefühlsmuster ausschlagen.

Gefühle stehen im Mittelpunkt unseres Lebens, füllen uns aus, treiben uns an oder lähmen uns. Darüber hinaus beeinflussen sie, wie kaum eine andere Kraft, unsere geistige und körperliche Gesundheit in Gegenwart und Zukunft.

Der Kosmos der Gefühle ist noch lange nicht erschlossen, doch sein größtes Geheimnis ist bereits entdeckt: Gefühle können heilen oder „kränken“ – je nachdem, welches Gefühl in Erscheinung tritt und vor allem wie wir damit umgehen.

Dieser Umgang mit emotionalen Zuständen in unserem Inneren ist der springende Punkt: Wir sind Gefühlen nicht ausgeliefert. Sie führen kein Eigenleben, sind nicht unveränderlich oder zwingen uns unabdingbar zu dieser oder jener Handlung. Meistens sind Gefühle nicht die Realität – es kommt uns nur so vor.

Den Großteil unserer emotionalen Muster haben wir erlernt. Somit können wir diese Muster auch wieder verlernen und an ihre Stelle neue, gesündere setzen. Mit etwas Übung kann sich das Leben dadurch deutlich zum Besseren wenden.

In diesem Buch werden die wesentlichen Hintergründe der Welt der Emotionen aus molekularbiologischer und medizinischer Sicht erläutert. Doch Gefühle lassen sich nicht auf chemische oder physiologische Vorgänge reduzieren.

Gefühle sind etwas Wundervolles, sie sind unmittelbar mit unserer Psyche und unserem Charakter verbunden. Sie machen uns aus. Sie sind der Schlüssel zum Leben und wir können lernen, sie für Gesundheit und Lebensfreude einzusetzen.

Wie Sie fühlen, entscheidet über Ihr Leben.

Täglich wahre Gefühle,

täglich ehrliche Worte,

täglich ausreichend Freude –

das ist die Formel für Ihr Wohlergehen.

Die Kunst, zu fühlen, ist die Kunst, glücklich, gesund und lange zu leben.

Möge Ihnen die Übung gelingen und Ihr Herz offen, leicht und fröhlich machen.

Von Herzen

Michael Weger

Anmerkung: Um den Lesefluss zu erleichtern, sind manche Begriffe nicht gegendert. Ich bitte Sie, das zu verzeihen. Sämtliche Angaben treffen natürlich auf alle Geschlechter zu.

„Angst ist die existenzielle Grundbefindlichkeit jedes Menschseins.

Wenn der Einzelne vor der Wahrheit seiner Ohnmacht und seines Todes nicht länger in Scheinwelten flieht und die Augen verschließt, kann er zum Kern seines Wesens vordringen.

Jenseits der Verzweiflung verbindet uns alle die Wahrhaftigkeit unserer Gefühle und die darin liegende Kraft liebevoller Solidarität.“

Dr. Otto Teischel,

Psychotherapeut und Psychoanalytiker


Teil 1 Eine neue Gefühlswelt
Die kränkenden Gefühlsmuster der Gegenwart

Die gesunden Gefühle, mit denen wir geboren werden

In den ersten Lebensmonaten ist der Mensch körperlich und motorisch noch sehr eingeschränkt. Menschenkinder funktionieren in dieser Zeit vor allem als Emotionskörper. Säuglinge und Babys verbringen ihre Zeit mit Schlafen und der Aufnahme von Nahrung, mit dem Verarbeiten von Sinneseindrücken und Gefühlserlebnissen, mit spielerischen Momenten und dem Dasein im Augenblick.

Sie entdecken das Leben fühlend. Sie erfühlen und erspüren die Welt und ihre Nächsten durch körperliche Nähe, durch den Klang fürsorglicher Stimmen, die Lautmalerei einer Sprache und eine natürlich angelegte Form der Empathie, des Mitfühlens.

Kleinkinder fühlen automatisch intensiv mit. Wenn die Freude der Eltern groß ist, freut sich auch das Kind. Wenn Angst herrscht, überträgt sich diese ebenso unmittelbar. Das Nachdenken über die Welt ist noch fern und auch die eigene Sprache kommt erst mit den Jahren.

Vor allem anderen also fühlen wir zu Beginn unseres Lebens und wir verfügen von Geburt an über die völlig gesunde und richtige Art, mit Gefühlen umzugehen: Wir zeigen sie sofort. Kein Gedanke, keine gesellschaftlichen Regeln und keine körperliche Hemmung blockieren den natürlichen Ausdruck der Gefühle.

Ganz zu Anfang, in den ersten Monaten nach der Geburt, gibt es nur zwei wesentliche emotionale Zustände, nämlich „Ich bin zufrieden“ oder „Ich bin unzufrieden“. Entweder ist die Welt in Ordnung (ich bin satt, habe es behaglich und bin beschützt …) – oder nicht (etwas tut weh, ist kalt, bedrohlich und macht mir Angst …). Die Angst ist die erste Emotion, die wir als eigenständige, von der Mutter entbundene Wesen empfinden.

Elementare körperliche Emotionen sind ebenso schon aktiv: Hunger, Durst, Schmerz oder Ekel. Schon nach wenigen Monaten nehmen die Gefühle dann weitere Formen an: Freude bis Euphorie oder Schmerz und Zorn. So wie sich unsere Bewegungsfähigkeit steigert, wachsen auch die Gefühle – bis hin zu einem fein verästelten Gefühlsbaum mit einer Vielzahl von Regungen.

Gefühle und Bewegung sind stark miteinander verknüpft. Eine Freude ist für ein kleines Kind nur dann wirklich groß und mitreißend, wenn es laut lacht, jubelnd seine Stimme erhebt, die Arme wild hochreißt und ausgelassen herumtollt. Gibt es hingegen Leid, kullern augenblicklich Tränen, weint das Kind bitterlich und schreit laut aus sich heraus, der ganze Körper krümmt sich im Schmerz. Das Bedürfnis nach Nähe, nach Gehalten- und Getragen-Werden setzt sofort ein und das Kind sucht den Schutz seiner Eltern.

Zorn ist bei Kleinkindern ebenso heftig, geht durch den ganzen Körper, wird mit tobenden Gesten ausgedrückt – aber nur, solange er erlaubt ist und nicht vom allzu oft mächtigeren Zorn der Eltern übertönt oder bestraft und dadurch vielleicht viel zu früh ausgetrieben wird.

Der Gefühlsbaum wächst mit den Monaten. Die Äste der Trauer, des Neids, der Eifersucht, der Scham entstehen. Gefühle von Liebe, Zugehörigkeit und Lust werden wach, Glück nimmt seine Form an und auch das Machtgefühl keimt. Doch die Entwicklung dieses Baumes und seiner späteren Früchte ist abhängig davon, was dem Kind während seiner ersten Lebensjahre zu welchem Zeitpunkt und in welcher Situation widerfährt.

Welches Verhalten ist wann erlaubt oder verpönt? Wann darf ein Gefühl frei ausgedrückt, wann muss es bereits sehr früh unterdrückt werden?

Auch genetische Faktoren sind bestimmend. Statur und Aussehen haben ihre Rückwirkung auf das Selbstgefühl, motorische Fähigkeiten spielen eine Rolle und ebenso kognitive Anlagen.

Ganz entscheidend ist dabei: Welche Gefühle werden in einer Familie gepflegt? Welche stehen wie oft „auf der Tagesordnung“? Welche dürfen wie intensiv und wann ausgedrückt und dadurch täglich eingeübt und biochemisch programmiert werden? Haben Gefühle überhaupt einen positiven Stellenwert oder werden sie meist nur als negativ, störend, aufdringlich oder fordernd empfunden?

Fest steht: Wer erwachsen ist, lacht, jubelt und singt nicht mehr laut aus sich heraus, wenn ihm danach ist. Die meisten Erwachsenen erheben auch nicht ihre Stimme, wenn sie zornig sind, schämen sich aber zumeist für ihre Tränen. Sie verbergen ihr Zittern, wenn sie sich fürchten. Sie sprechen nicht über ihre Ängste oder ihre Trauer. Ihre Körper bewegen sich zwar lange Zeit tadellos – aber zumeist monoton und „leblos“. Nahezu jeder Gefühlsausdruck geschieht kontrolliert oder wird verborgen.

Warum ist das so? Wer hat uns den Ausdruck der Gefühle verboten? Wer hat es den Generationen vor uns verwehrt? Vielleicht ist es geschehen, weil Menschen mit starken Gefühlen auch starke Persönlichkeiten entwickeln und selbstbestimmter handeln – und sich dadurch schwerer kontrollieren lassen? Oder weil Eltern häufig zu große Ängste um ihre Kinder haben bzw. fürchten, die Kinder könnten ihrem Einfluss entgleiten? Weil viele Führungskräfte Angst vor den wahren Gefühlen ihrer Mitarbeiter haben? Weil wir in einer Gesellschaft leben, die der individuellen Wahrheit wenig Raum lässt? Weil wir nie gelernt haben, unsere Gefühle zu verstehen, mit ihnen angemessen umzugehen und sie zu kontrollieren oder für unser Wohlergehen zu nutzen?

Es geht in diesem Buch nicht darum, die Kulturgeschichte der Emotionen zu beschreiben. Es drängt sich aber auf, die Hintergründe ein wenig zu beleuchten. Denn: Die Früchte des mächtigen Gefühlsbaumes, der sich in und mit uns entfalten wollte, verdorren in der Leistungs- und Konsumgesellschaft der sogenannten ersten Welt mehr und mehr.

Gefühle sind im Allgemeinen verpönt, werden unterdrückt, zurückgehalten und dürfen nicht nach außen dringen. Das jedoch widerspricht ganz und gar ihrer natürlichen Anlage und führt schrittweise zu Depression, Burnout und Demenz einer ganzen Gesellschaft.

Das Gefühlstabu in Schule und Beruf

Spätestens mit dem Beginn des Schulalltags, wenn wir etwa sechs Jahre alt sind, werden Gefühle von einem Tag auf den anderen für mindestens vier Stunden täglich gebremst. Es darf seltener gelacht und so gut wie nicht mehr geweint werden, Schmerzen oder Nervosität werden kaum beachtet, das Erlernen und die Wiedergabe von faktischem Wissen stehen im Vordergrund.

Mit dem Benotungssystem der gängigen Schulformen beginnen wir auch, uns selbst zu beurteilen und zu bewerten: Durch das Beurteilt-Werden treten wir in die Zeit des Beurteilens und Wertens ein. Schritt für Schritt agieren wir nicht mehr aus Freude oder Eigenantrieb, sondern aus Angst vor schlechter Leistung und aus vermindertem Selbstwertgefühl.

Welche Lebensinhalte aber haben tatsächlich Bedeutung? Welche schulischen Leistungen werden als besonders wichtig eingestuft? Welche Benotung erregt Aufsehen, wird vorgezeigt und mit Nähe und Liebe belohnt? Welches Versagen wird bestraft? Wird ein intaktes Gefühlsleben belohnt oder die intakte Anpassung an die Verhaltensweisen der Schul- und Leistungsgesellschaft?

Wir kennen die Antworten alle: Wir lernen, brav zu sein, uns anzupassen, durch Leistung aufzufallen, keine unnötigen oder störenden Äußerungen von uns zu geben und unsere Gefühle mehr und mehr zu verbergen – vor allem unsere Schwächen, Ängste und Nöte.

Können Sie sich daran erinnern, dass Ihr Lehrer vor einer Schularbeit die emotionale Befindlichkeit der einzelnen Schüler erhoben hat, um diese dann in die Benotung einfließen zu lassen? Hat man Sie darin geschult, mit Nervosität und Versagensängsten umzugehen?

Haben wir gelernt, unsere Gefühle wenigstens nachmittags lebendig ausdrücken zu dürfen – wenn sie schon vormittags im Unterricht störend waren? Haben wir gelernt, mit Gedanken, Worten und Bewegungen unsere Gefühle zu beeinflussen, um den Lebensalltag auch tatsächlich genießen zu können? Haben wir das Lernen je gelernt?

Wir haben uns im Turnunterricht eine Reihe von sportlichen Bewegungsabläufen angeeignet, aber nicht eine einzige sprechende, lebendige Geste unserer Hände! Wir haben gelernt, unsere Gefühle zurückzuhalten, bevor wir erfahren durften, wie sie sich ausdrücken lassen.

Gefühle werden mit Beginn der Schulzeit zum Tabu. Die Bildung des Geistes steht im Vordergrund – die Bildung des Herzens tritt zurück. Zugleich bestimmen Stress, Druck, Furcht und Konkurrenzkampf mehr und mehr den Alltag.

Im Berufsleben wird dieses Tabu dann fortgesetzt: Gefühle sind verpönt, sie haben fast oder gar keine Bedeutung. Wer seine Gefühle zeigt, gilt als sonderbar, hysterisch oder übersensibel.

Zwar leiden knapp 70 Prozent aller berufstätigen Menschen in Mitteleuropa unter Konflikten mit Kollegen oder unter einem schlechten Arbeitsklima, doch den Gefühlen, die sich dahinter verbergen, wird keine Beachtung geschenkt. Man nimmt eher in Kauf, krank zu werden oder dem Burnout zu erliegen, als die eigene gefühlsmäßige Wahrheit zu äußern oder therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Manche Menschen lässt dieser unausgeglichene Gefühlshaushalt zu tickenden Zeitbomben werden: Sie explodieren schließlich irgendwann. Andere wiederum schlucken ihre bedrohlichen Gefühle so lange hinunter, bis ihnen eine Depression jede Kraft und jeden Antrieb raubt.

Der Umgang mit Gefühlen ist für viele Menschen Neuland. Gefühle zu zeigen und auszusprechen fällt schwer, besonders wenn es um Schwächen oder Ängste geht.

Wir haben für viele alltägliche Lebensbereiche unser Handwerk gut erlernt: Wir können Auto fahren, Einkäufe erledigen, Smartphones bedienen, durch TV-Kanäle zappen, im Internet surfen, Bankgeschäfte erledigen, den Haushalt bewältigen etc. Doch mit unserem Innenleben können wir nicht umgehen. Für unserer Gefühle haben wir kein Handwerkszeug, obwohl jede Art zu scheitern, falls wir scheitern, von ihnen abhängt, denn: Gefühle sind das Leben selbst.

Auf neutrale Gefühle reduziert

Es gibt einen einfachen Grund, warum uns ein offener Umgang mit Gefühlen, eine Änderung unseres Verhaltens, so schwerfällt: Wir sind durch hundert- bis tausendmalige Wiederholung neurologisch und biochemisch darauf programmiert worden, unsere Gefühle zu zügeln oder zu verbergen.

Wie oft haben Sie folgende Sätze gehört: „Setz dich hin! Nicht so laut! Hör auf zu schreien! Gib endlich Ruhe! Warum weinst du schon wieder? Keine Schwäche zeigen! Du musst jetzt stark sein! Wovor hast du denn Angst? Lass das! Nicht so nah! Finger weg! Reiß dich zusammen!“

Jedes gewohnte Verhalten in unserem Leben ist auf Wiederholung gegründet. Wir putzen uns täglich mehrmals die Zähne, weil unsere Eltern uns unermüdlich und hunderte Male dazu angehalten haben. Wir verbergen aus demselben Grund aber auch unsere Gefühle.

Wie bereits erwähnt, die Regeln für unser Gefühlsleben sind über viele Generationen entstanden. Niemand trägt die Schuld und gewiss wollten unsere Eltern und deren Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Sie haben uns mit viel Mühe und Liebe in Richtung kleine und neutrale Gefühle programmiert. Die Leistungsgesellschaft besteht mittlerweile auf eine solche gefühlsneutrale Professionalität – und krankt daran.

Auf „Ver-Halten“ programmiert

Gefühle wollen durch den Körper hinaus ins Leben. Der Begriff Emotion kommt vom lateinischen Wort „emovere“, was so viel bedeutet wie „hinausbewegen“ oder „ausagieren“. Aber genau diesen Ausdruck, dieses Ausleben haben wir nie geübt, im Gegenteil: In die Gehschulen der Kindheit verbannt und auf die Stühle der Jugendzeit gesetzt, haben wir viele Stunden täglich trainiert, unseren Bewegungs- und Ausdrucksdrang zurückzuhalten.

Freie, lebendige Bewegung ist uns fremd geworden. Wir gehen mit eingesunkenen Schultern im immer gleichen Takt. Wir jubeln nicht mit dem ganzen Körper und der ganzen Stimme, wenn wir einen Erfolg verbuchen. Wir schämen uns davor, zu zittern, wenn wir vor anderen eine kleine Rede halten, oder dafür, am Ende eines Kinofilms zu weinen. Wir sind nicht mehr ungestüm und schon gar nicht mehr ausgelassen.

Ängste, Scham und das Gefühl, peinlich zu sein, prägen allzu oft unser Innenleben, doch nach außen hin wird nichts davon sichtbar. Unser öffentliches Verhalten läuft wie auf Schiene und hinter Masken ab – und das Wort „Verhalten“ drückt tatsächlich aus, wie wir mit uns selbst umgehen.

Das Paradoxe daran ist: Dieses Verhalten kommt uns normal vor und lebendiger Ausdruck erscheint uns abnormal. Eine lebendige Form der Bewegung ist jedoch die Voraussetzung für einen intakten, gesunden und heilsamen Gefühlshaushalt.

Gefühle wachsen mit dem ihnen entsprechenden körperlichen Ausdruck. Nur wenn Gefühle sich frei durch Körper, Stimme und Sprache nach außen bewegen dürfen, bleibt man gesund und in seelischer Balance. Denn nur das entspricht dem natürlichen Fluss.

Auf Folgen gedrillt

Warum erregen so viele Kleinigkeiten des Alltags unser Gemüt? Warum lassen wir uns wieder und wieder von negativen Gefühlen unserer Umwelt anstecken? Warum reagieren wir überhaupt, wenn jemand uns beleidigt oder im Zorn überfällt?

Die Antwort ist ebenso einfach wie betrüblich: Wir sind darauf eingestellt, zu folgen, die Vorgaben anderer, Größerer, Älterer zu erfüllen, alten Regelwerken nachzueifern, aber keine neuen, eigenen zu kreieren. Wir haben sehr wenig bis gar keine Übung darin, unser Verhalten selbst zu bestimmen. Wir sind gedrillt darauf, zu folgen, nicht aber zu führen. Vor allem nicht uns selbst.

In den ersten Jahren unseres Lebens wurden Forderungen und Regeln schließlich immer von Erwachsenen geäußert, also von uns weit überlegenen Personen. Je negativer diese Äußerungen waren, desto bedrohlicher war die Situation und desto stärker hat unser Unterbewusstsein dies abgespeichert. Denn es folgt stets der ersten, innersten Direktive des Selbsterhaltungstriebes: Schütze dich und dein Überleben.

Ebenso schwer wiegt, dass wir mit Gefühlen zum Folgen erzogen wurden: Liebe, Zuwendung und Nähe gab es als Belohnung für das Entsprechen und Gehorchen. Je schneller ein Kind sich anpasst, desto eher gilt es fälschlicherweise als liebenswert, also der Liebe wert. Je stiller es ist, desto braver ist es. Eigensinn wurde häufig durch Ablehnung oder Strafe geahndet, Frechheit durch Zorn, freier, lebendiger Gefühlsausdruck durch harsche Zurechtweisungen.

Betrachten wir noch einmal die Schulzeit: Der tägliche Stundenplan ist vorgegeben. Was in den Stunden zu lernen ist, ist vorgeschrieben, ebenso die Dauer einer Unterrichtseinheit, die Art und Weise, wie eine Aufgabe zu lösen ist usw. Denken wir an den Beruf: Im Allgemeinen sind die Abläufe vorgegeben und auch das Wann, Wo und Wie. Wir haben uns perfekt daran gewöhnt, den Vorgaben anderer oder den Strukturen des Leistungssystems zu folgen.

Wir haben uns hingegen nie an Selbstbestimmung, an kreatives, eigenes Schöpfen oder an individuelles, freies Entscheiden gewöhnt. Es fällt uns viel leichter, einer Vorgabe, die von außen auf uns zukommt, zu folgen, als einen ersten oder nächsten Schritt aus eigenem Antrieb zu gehen. So reagieren wir oft viel zu schnell auf Einflüsse von außen. Wir nehmen die Außenwelt täglich völlig automatisch in uns auf und folgen ihren Vorgaben.

Es beginnt mit der allmorgendlichen Zeitung oder den Nachrichten: Wir saugen wie blind die Negativberichte der Medien auf, käuen sie wieder, empören uns unbewusst und wie selbstverständlich über den Schrecken der Welt und beginnen unsere Tage mit Angst, Zorn und Zweifel. Es steht ja geschrieben. Und was geschrieben steht, kommt von den großen, älteren Wissenden. Wie in unserer Schulzeit. Wie im Kindergarten. Wie in den ersten Jahren unseres Lebens.

Wir sind an ein hohes Maß negativer Gefühle und Missstimmungen so gewöhnt, dass uns das normal vorkommt – wie wir es als normal empfinden, unselbstständig, unkreativ und fremdbestimmt unsere wahren Kräfte schwinden zu lassen und unsere Herzensanliegen zu verschweigen.

Neuronale Muster unterdrücken Gefühle und Körperausdruck

Worauf wir als Kinder und junge Menschen von unserem Umfeld programmiert wurden, ist schließlich zum festen Bestandteil unseres eigenen Denkens und Glaubens geworden. Wir denken selbst, dass es besser ist, Gefühle zu verbergen, misstrauisch gegenüber jedem und allem zu sein, Vorsicht walten zu lassen, statt etwas zu riskieren. Wir sind fest davon überzeugt, dass Entscheidungen vor allem aus dem Denken und Überlegen heraus gefällt werden sollten und nicht aus dem Bauch.

Wir unterdrücken unsere spontanen Gefühlseingebungen und körperlichen Ausdrucksformen. Wir sagen oft noch Ja, wo wir längst schon Nein schreien sollten. Wir bewegen uns ohne Esprit und unsere Hände hängen lasch an unseren Seiten herab oder verkriechen sich in die Hosentaschen.

Es ist nicht nur unsere Gesundheit, die unter dem falschen Umgang mit Gefühlen leidet, unser gesamtes Leben ist davon betroffen: Erfolg, Konzentration, Lernen, Ausstrahlung, Leistungskapazität, Lebensenergie – all diese Faktoren sind unmittelbar mit unserem Fühlen verbunden.

Ob Sie erfolgreich sind oder gerade von einer Krankheit genesen, den ganzen Erfolg und die ganze Gesundheit werden Sie erst erlangen, wenn Ihr Gehirn gelernt hat, auch Ihren Gefühlen zu folgen.

Vom Gefühlstabu zur Gefühlskrankheit

Gefühle sind das Stiefkind der Leistungsgesellschaft. Mancherorts beginnt langsam ein Umdenken, doch zumeist werden Emotionen nach wie vor zur Tabuzone erklärt, in die sich keiner zu weit hineinwagen darf.

Im Schulsystem beginnt das Umdenken langsam Früchte zu tragen. Doch es mangelt nach wie vor an der entsprechenden Ausbildung der Lehrkräfte – wie in der Berufswelt an der emotionalen Schulung vieler Führungskräfte.

Die Erkenntnisse der Molekularbiologie belegen jedoch eindeutig: Gefühle sind auf physiologischer Ebene die zentralen Botenstoffe und Hormone. Sie beeinflussen somit sämtliche Körper-, Geistes- und Mentalfunktionen.

Erkrankungen können unterschiedlichste, häufig auch genetische Ursachen haben. Viele sind jedoch Spätfolgen früh erworbener Verhaltensweisen und die meisten stehen in Zusammenhang mit den erlernten Abläufen unserer biochemischen Gefühlswelt.

Die renommierte amerikanische Neurowissenschaftlerin und Pharmakologin Candace B. Pert verweist in ihrem Buch „Moleküle der Gefühle“ darauf, dass Körper, Gefühl und Geist zusammen ein großes ganzheitliches Gehirn bilden – ein psychosomatisches Netzwerk. Drücken wir unsere Gefühle nicht aus, wird der biochemische Fluss im Körper unterbrochen. Und weil das die Informationsweitergabe blockiert, werden wir krank: 80 Prozent aller Krankheiten scheinen, so Candace Pert, durch unterdrückte Gefühle zu entstehen und auch die restlichen 20 Prozent scheinen etwas damit zu tun zu haben.

Die bahnbrechenden Entdeckungen der Molekularbiologie

Seit vier Jahrzehnten gibt es im Bereich der Molekularbiologie einen bedeutsamen interdisziplinären Zweig: die Psychoneuroimmunologie. Dieses Forschungsgebiet untersucht die Zusammenhänge zwischen Psyche, Gehirn, Hormon- und Immunsystem. In den vergangenen Jahren kamen Nobelpreisträger für Medizin aus den Reihen jener Wissenschaftler, die sich mit dieser Materie befassen.

Die im Folgenden beschriebenen Erkenntnisse sind stark vereinfachte Darstellungen der hochkomplexen biochemischen Prozesse. Sie sollen vor allem ein bildhaftes Verständnis für die Gefühle in unserem Körper vermitteln und zeigen, wie diese mit Krankheiten in Zusammenhang stehen.

Die Biochemie des Gefühls

Unser Körper besteht aus rund 70 Billionen Zellen. Der gesamte Organismus ist aus diesen Zellen aufgebaut. Ob es uns gut oder schlecht geht, ob wir gesund bleiben oder erkranken – all das hängt vom Zustand und der Funktionsfähigkeit der Zellen ab.

Unsere Lebenskraft und Gesundheit, unser Aussehen und Antrieb, die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, zu lernen, sich zu bewegen oder auszudrücken, und noch vieles mehr – all das wird von der Leistungskapazität der Zellen bestimmt. Diese sind unsere elementaren Bausteine. Mit ihnen steht oder fällt alles.

Um uns die Biochemie der Gefühle anschaulich vor Augen zu führen, bedienen wir uns eines einfachen Vergleichs (auf diesen Vergleich kommen wir in diesem Buch noch mehrmals zurück): Stellen Sie sich jede Zelle des Körpers als riesige Chemiefabrik vor. Mehrere Millionen Türen führen von der Außenhülle, den Außenwänden der Fabrik, in das Innere. Hinter jeder dieser Türen beginnt ein Weg, der zur Schaltzentrale, dem Zellkern, führt.

Den ganzen langen Tag über und auch in der Nacht tauchen vor den Türen Botschafter auf. Jeder dieser Botschafter trägt einen Schlüssel bei sich, der eine der Türen aufsperrt. Die Botschafter stecken die Schlüssel ins Schloss, treten ein und machen sich durch die Gänge der Fabrik auf den Weg zur Schaltzentrale. Dort angekommen, überbringen sie ihre Botschaft: Sie teilen der Zentrale mit, was diese zu produzieren hat.

Bringen die Botschafter gute Nachrichten, dann produziert die Chemiefabrik Zelle Gesundheit, Lebendigkeit, Lebensfreude. Bringen sie negative Botschaften, erfüllt die Fabrik ebenso pflichtbewusst ihre Aufgabe und produziert Krankheit, Trägheit, Leere.

Bitte halten Sie sich diese Darstellung gut vor Augen. Die Chemiefabrik ist eine unserer Zellen. Die Türen in die Fabrik sind die sogenannten Rezeptoren auf der Zellmembran. Die Botschafter sind unsere Gefühle in Form von Molekülen, Hormonen, Peptiden und Neurotransmittern.

Jedes Gefühlsmolekül hat einen Schlüssel für einen der Rezeptoren. Sobald es den passenden Rezeptor gefunden hat, betritt es die Zelle und überbringt dem Zellkern seine Botschaft.

Wie bereits oben erwähnt, enthält dieser Vergleich die Basiserklärung für alle weiteren Ausführungen. Vor allem aber lässt sich davon jeder bedeutsame Hintergrund für unseren Gefühlshaushalt ableiten.

Gefühlsmoleküle überbringen der Zelle Botschaften

Endorphine, die allgemein bekannten Glücksmoleküle, sind zum Beispiel solche Gefühlsbotschafter, die besonders gute Informationen für Zelle und Zellkern bereithalten: Sie initiieren unser Glücksgefühl und reduzieren das Schmerzempfinden. Ein anderer Botschafter ist Serotonin, das für Lebensfreude und Motivation zuständig ist. Wann immer uns Wohlgefühle durchfluten, sind diese beiden Hormone im Spiel.

Andere Gefühlshormone sind Cortisol, das sogenannte Stresshormon, Adrenalin, der Angst- und Kampfstoff, oder Dopamin, das in jeder Belohnungssituation zum Einsatz kommt u. v. m.

Der Postverkehr zwischen den Zellen erfolgt durch bestimmte Botenstoffe, Hormone und Neurotransmitter. Diese treffen auf die Rezeptoren der Zellmembran. Die Rezeptoren sind die bereits erwähnten Millionen von Türen in die Zelle. Um den richtigen Rezeptor zu finden, schwingt jeder Botenstoff in einer speziellen Frequenz. Diese Vibration ist sozusagen der Schlüsselcode, um in die Zelle eindringen zu können. Wir nehmen diese Vibration der Botenstoffe und Rezeptoren oft als Kribbeln wahr. Im Magen-Darm-Bereich finden sich beispielsweise gehäuft Zellen, die in Aufregungszuständen Milliarden schwingender Gefühlshormone über die Rezeptoren der Zellmembranen aufnehmen. Genau dort spüren wir dann die berühmten Schmetterlinge im Bauch.

Das Geist-Gefühl-Körper-Netzwerk

Je nach Gefühlslage werden in unseren Drüsen verschiedene Gefühlsmoleküle mit entsprechenden Botschaften produziert. Jedes dieser Moleküle besteht biochemisch aus einem speziellen Hormoncocktail. Sobald wir fühlen, werden die Gefühlshormone an der Wirbelsäule, im Darm, im Herzen und an anderen Stellen ins Blut-Kreislauf-System ausgeschüttet – nahezu zeitgleich mit den neuronalen Abläufen im Gehirn. Gefühlsmuster, Verhaltens-, Sprech- und Denkgewohnheiten sitzen förmlich in unserem Körper und ermöglichen oder verhindern den gesunden biochemischen Fluss der Gefühle.

Geist, Gefühl und Körper bilden somit ein großes, ganzheitliches Gehirn – ein „psychoemosomatisches“ Netzwerk, das wir landläufig als unsere Psyche bezeichnen (ich verwende für dieses Geist-Gefühl-Körper-Netzwerk in weiterer Folge die Abkürzung GGK-Netzwerk).

Der natürliche Fluss der Gefühle und was er verlangt

Die oft „zitierte“ Kampf-oder-Flucht-Situation (fight or flight) veranschaulicht die biochemisch angelegten Abläufe unserer Emotionen. Stellen Sie sich bitte diese Szene vor: Ein Mensch wird in der Wildnis von einem Raubtier angegriffen und erlebt dabei Stress in Form einer Panik – was ihm das Überleben ermöglicht. Er fühlt Todesangst, es bleiben ihm nur zwei Alternativen: Kampf oder Flucht. Entschließt er sich zu kämpfen, muss er zusätzlich zur Angst auch Aggression aufbauen. Entschließt er sich zur Flucht, reicht die Todesangst aus, um mit aller Kraft loszustarten.

In beiden Fällen – Kampf oder Flucht – sind folgende Punkte klar ersichtlich:

 Die negativ erscheinenden Emotionen Angst und Aggression sind zu unserem Schutz da, zur Lebenserhaltung.

 Emotionen produzieren gewaltige Energien.

 Diese Energien dienen dazu, eine starke körperliche Aktivität einzuleiten und auszuagieren.

 Im Falle des Kampfes wird auch ein stimmlicher Ausdruck in Form von Kampfgeschrei zur Machtdemonstration vorbereitet.

 Die intensive Emotion ist für einen kurzen, effektiven Einsatz bestimmt.

Dies hält uns den natürlichen Fluss der Gefühle sehr plastisch vor Augen: Emotionen verlangen immer einen körperlichen Ausdruck von uns. Sie bereiten eine Handlung vor, während der sie dann verarbeitet werden. Sie dienen unserer Selbsterhaltung und geben uns Kraft für Fortschritt und Entwicklung.

Gefühlsgift – die fehlgeleitete Emotion

Gefühle verlangen also danach, durch den Körper ausgedrückt zu werden. Sogenannte negative Gefühle sind nicht von Haus aus negativ, da ihr ursächlicher Sinn die Lebenserhaltung war. Erst der falsche Umgang mit ihnen lässt sie gefährlich werden.

Man kann ganz allgemein feststellen: Erst aus unterdrückten Gefühlen werden negative Gefühle. Und diese verhaltenen negativen Emotionen sind wahres Gift für den Körper und machen krank.

Für den Bestsellerautor, Internisten und Endokrinologen Deepak Chopra ist die Angst die Wurzel von allem, was in Wahrheit verborgen werden soll: Sie versteckt sich unter den Schichten aus Trauer, Wut, Depression.

Der blockierte Fluss der Gefühle

Statistiken belegen, dass Stress, Angst und Ärger in der europäischen Bevölkerung mit jedem Jahr zunehmen. Wir alle erleben immer häufiger belastende Gefühle und folgen dennoch den alten, lebensfeindlichen Gefühlsregeln:

 Verbirg deine Gefühle!

 Zeig nie deine Schwäche!

 Wer stark ist, schweigt!

 Schluck es hinunter!

 Zittere nicht!

 Halt den Mund!

 Schwitz nicht!

 Weine nicht!

 Lach nicht so laut!

 Schrei nicht!

 Fuchtle nicht mit den Händen herum!

 Sei nicht so vorlaut!

 Und vor allem: Sprich nicht über Gefühle!

Diese und viele andere Gesellschaftsregeln unterdrücken unsere Gefühle. Sie sind tief in unserem Denken verankert. Und was noch schlimmer ist: Die verkrusteten Dogmen beherrschen unsere Gefühle. Denn wir können nur mehr fühlen, was diese Regeln uns zu fühlen erlauben.

Ein Beispiel: Sie sind aufgefordert, eine kurze Rede zum runden Geburtstag Ihrer Mutter zu halten. Sie bereiten sich vor, machen sich Notizen, schreiben vielleicht einen Text, lernen ihn auswendig und üben vielleicht sogar vor dem Spiegel. Bei der Feier stehen Sie schließlich auf – und zittern, schwitzen, sind nervös. Ihr Denken sagt Ihnen automatisch: Keine Schwäche zeigen, nicht zittern und hoffentlich halten die Schweißeinsätze unter den Achseln dicht.

Was geschieht in Folge? Die typischen Symptome eines blockierten Gefühlsflusses treten auf: Der vorbereitete Text ist plötzlich aus Ihrem Hirn verschwunden, die Stimme bleibt im Hals stecken, Ihr Herz beginnt zu rasen, die Gedanken entgleiten Ihnen, Sie versprechen sich und ehe Sie sich‘s versehen sitzen Sie wieder auf Ihrem Stuhl, fühlen sich ausgelaugt und als Versager.

Der gesunde und erfolgreiche Weg wäre gewesen, Ihre Nervosität einzugestehen, Ihr Zittern zu akzeptieren, den Text zur Sicherheit in Ihrer Hosentasche parat zu haben und die Rede damit zu beginnen, Ihre Furcht auch anzusprechen: „Ich bin ziemlich nervös, aber das geht Ihnen sicher auch so, wenn Sie eine Rede zu einem so wichtigen Anlass halten sollen. Jedenfalls hab‘ ich den Text auch dabei, damit ich nichts Wichtiges vergesse.“ Und mit einem Lächeln hätten Sie vielleicht ergänzt: „Hoffentlich kann ich ihn, wenn meine Hände so zittern, dann auch lesen.“ Da Sie Ihre Gefühle ehrlich gezeigt und ausgesprochen hätten, wäre es Ihnen schon nach wenigen Augenblicken besser gegangen. Und nebenbei hätten Sie sich zudem Freunde gemacht, weil Sie eine Schwäche eingestanden und Humor bewiesen hätten.

Gefühlsmedizin tanken – dem Fluss folgen

Die Kraft der Emotionen als Leben spendende oder zerstörende Energie hat ganz entscheidend mit dem richtigen Ausdruck zu tun. Körper, Gefühl und Geist sind nicht zu trennen und müssen miteinander agieren.

Wer glaubt, dass ein negatives Gefühl keinen Schaden anrichtet, wenn man es nur für sich behält, begeht einen gefährlichen Trugschluss. Seine Moleküle haben längst im Körper zu wirken begonnen. Das Gefühl ist bereits wirksam und verlangt nach einer Handlung.

Treffen Gefühlsmoleküle mit negativer Stimmung auf unsere Zellen, veranlassen die Zellen im Körper eine Bereitschaft für Kampf oder Flucht. Werden nun körperlich entsprechende Verhaltensweisen eingeleitet, kann der Organismus dem biochemisch natürlichen Fluss folgen und dies hat positive Auswirkungen auf die Gesundheit und das Wohlbefinden. Bei richtigem und gesundem emotionalen Verhalten werden die Gefühlshormone verwendet und dadurch abgebaut. Werden Gefühlsausdruck oder sogar Gefühlsausbrüche jedoch zurückgehalten, wird das Gefühl zu Gift, weil der Körper dem biochemisch natürlichen Fluss nicht folgen darf.

Positive Gefühle sind von Haus aus leichter auszudrücken. Sie sind von vornherein sympathisch, fühlen sich gut an und haben uns im Lauf des Erwachsenwerdens durchwegs zwischenmenschlichen Erfolg beschert.

Gute Gefühle sind zudem auch ganz allgemein gesünder. Ihre Moleküle sind weniger aggressiv, mindern die Säureproduktion, stärken das Immunsystem, stabilisieren den Energiehaushalt u. v. m. Positive Gefühle stimmen das gesamte Gefühl-Geist-Körper-Netzwerk positiv.

Gefühlsmedizin tanken bedeutet:

  Geben Sie Ihren Gefühlen, wann immer es möglich ist, einen wahrhaftigen Ausdruck.

  Aktivieren Sie regelmäßig so viele positive Gefühle wie möglich.

Glück statt Grippe – Glücksmoleküle blockieren das Virus

Sind Sie schon einmal kurz vor einem Urlaub krank geworden? Natürlich kann das ausnahmsweise vorkommen, zum Beispiel, wenn man lange Zeit enormem Stress ausgesetzt war und dann loslässt. Im Allgemeinen aber ist das Gegenteil der Fall. Studien belegen, dass die Wahrscheinlichkeit, in einem glücklichen oder freudvollen Zustand an einer Erkältung zu erkranken, um rund 70 Prozent geringer ist als im Falle von Stress, Überlastung oder auch Einsamkeit.

Unter den Aspekten der Psychoneuroimmunologie betrachtet, gibt es dafür eine gut nachvollziehbare Erklärung: Um in eine Zelle zu gelangen, benutzt ein Grippevirus zum Beispiel die gleichen Rezeptoren auf der Zellmembran wie manche positiven Gefühlsmoleküle. Wenn nun in der Nähe eines bestimmten Rezeptors eine große Menge solcher Moleküle vorhanden ist, versperren sie den Eingang – das Virus wird abgeblockt.

Diese Erkenntnisse haben der Pharmakologie neue Perspektiven gebracht. Weltweit wird nach Stoffen gesucht, die spezielle Rezeptoren an den Zellen verschließen, sodass Krankheitserreger nicht mehr eindringen können.

Für Sie und die nächste Grippewelle bedeutet das: Sorgen Sie dafür, dass Sie genügend positive Gefühlsbotenstoffe ausschütten. Dann müsste das Grippevirus eigentlich vor verschlossenen Türen Halt machen (weitere nützliche Tipps, wie Sie nachhaltig positive Gefühlsmoleküle aktivieren können, erhalten Sie in den Kapiteln „Wie Sie die Heilkraft Ihrer Gefühle stärken“, ab Seite 56, und „Wie Sie in drei Wochen Ihren Gefühlshaushalt neu auf bauen“, ab Seite 62).

Der dreiwöchige Gewöhnungseffekt der Rezeptoren

Ist ein Mensch über einen langen Zeitraum glücklich, fällt es ihm leichter, auch weiterhin glücklich zu bleiben. Durchlebt er aber beispielsweise eine lange Phase der Einsamkeit, so fällt es ihm immer schwerer, aus der Einsamkeit aufzutauchen und wieder in Beziehung mit anderen zu treten.

Es scheint, als würde sich der Organismus an oft wiederholte Gefühlslagen gewöhnen, selbst wenn das Gefühl unerwünscht ist. Auch bei Streitigkeiten zwischen Ehepartnern ist dieser Effekt zu beobachten: Hat sich der Streit einmal „eingenistet“ und tritt er quasi mit einer gewissen Regelmäßigkeit zutage, wird es immer schwerer, zu Harmonie und gegenseitigem Verständnis zurückzufinden.

Diese Gewöhnung findet biochemisch tatsächlich statt. Schuld daran ist der Gewöhnungseffekt der Rezeptoren. Wenn wir Gefühle häufig und stark erleben, führt das zu einer Art Überflutung des gesamten GGK-Netzwerks mit den entsprechenden Botenstoffen. Diese Überflutung verändert in kurzer Zeit die Anzahl und Verteilung der Rezeptoren auf der Zellmembran: Es werden Millionen mehr jener Rezeptoren bereitgestellt, die häufiger gebraucht werden.

Die Zelle gewöhnt sich einseitig an spezielle Gefühle und entwickelt so eine Art biochemisches Gedächtnis. Für den Organismus wird es dann immer einfacher, dasselbe Gefühl wiederherzustellen, sprich, zu empfinden, und entsprechend zu agieren.

Nach nur drei Wochen – und das ist ein ganz entscheidender Punkt – haben dadurch die Rezeptoren einer Art die Rezeptoren einer anderen Art verdrängt. Die Zelle ist biochemisch umprogrammiert. Und: Sie verlangt täglich nach den Molekülen jener einen Art, für die sie so viele Rezeptoren zur Verfügung gestellt hat.

Ein Beispiel: Cortisol ist das Stressmolekül Nummer eins. Nach nur drei Wochen mit täglich anhaltendem Stress haben alle Zellen des Körpers ein Millionenfaches an Cortisol-Rezeptoren aufgebaut. Die Zellen sind umprogrammiert und verlangen nach ihrer täglichen Dosis. Stress steht für die Zellen nicht mehr zur Diskussion – sie brauchen ihn, wollen ihn, sind süchtig danach. Unser Gehirn folgt dieser Aufforderung der Zellen und setzt uns vermehrt und gezielt stressreichen Situationen aus. Wir sind süchtig geworden nach Problemen, die uns Stress verursachen. Erst eine dreiwöchige Phase mit der täglichen Ausschüttung positiver Gefühlsmoleküle kann in Folge die Zellmembranen wieder umprogrammieren.

Das begründet auch dreiwöchige Kuren oder Urlaube – erst ab der vierten Woche ist eine tatsächliche Umstellung im Hormonhaushalt möglich.

Daraus ergeben sich weitere, wirklich grundlegende Richtlinien:

  Achten Sie darauf, welche Gefühle Sie tagtäglich aktivieren.

  Bemühen Sie sich von heute an, Ihr Netzwerk insgesamt an schöne Gefühle zu gewöhnen.

  Versuchen Sie, täglich zumindest ein kleines Hochgefühl zu erleben.

  Behalten Sie, wenn irgendwie möglich, den guten Gefühlszustand mehr als drei Wochen bei – am besten ein Leben lang.

Body-Feedback-Schleifen dienen der Gefühlssteuerung

Lassen Sie uns einen kleinen Test durchführen, der aus zwei Teilen besteht. Er verdeutlicht Ihnen, was Body-Feedback-Schleifen bedeuten.

Teil 1:

Setzen Sie ein Lächeln auf, ein herzliches Lächeln, bei dem sich die Augenwinkel nach unten und die Mundwinkel nach oben bewegen – Augen- und Mundwinkel also zueinander hin.

Dann atmen Sie noch drei- bis viermal tief ein und aus. Achten Sie darauf, sich beim Ausatmen Zeit zu lassen, und entspannen Sie zusätzlich Ihre Schultern, als würde eine Last von Ihnen abfallen.

Das Lächeln behalten Sie eine gute Minute bei. Dann spüren Sie nach, was Sie empfinden. Lassen Sie ein paar weitere Minuten vergehen.

Ändern Sie bitte Ihre Körperhaltung und probieren Sie danach Teil 2 aus.

Teil 2:

Setzen Sie sich auf die Kante eines Stuhles, stellen Sie die Füße dicht nebeneinander und ziehen Sie die Knie eng zusammen. Nun beugen Sie sich etwas nach vor und stützen Ihre Stirn in Ihren offenen Handflächen ab. Beginnen Sie etwas kürzer und schneller zu atmen, halten Sie zwischendurch den Atem kurz an. Machen Sie zudem eine ernste Miene. Sitzen Sie nun eine gute Minute in dieser Haltung, als ob Sie verzweifelt wären, da.

Die Reaktion in Ihrem Inneren wird nicht lange auf sich warten lassen. Unterbrechen Sie die Übung, sobald Sie ein Missempfinden verspüren.

Sie haben sicher gerade erlebt, worauf dieser Test hinausläuft: Jedes Gefühl ist mit einer speziellen Körperhaltung und damit einer Reihe von zugehörigen Muskelreaktionen verbunden. Jede Emotion hat einen bestimmten Basisausdruck, den unser GGK-Netzwerk kennt.

Der übliche Prozess läuft von innen nach außen: Ein Gefühl wird innen ausgelöst und darauf folgt eine spezielle Form des Ausdrucks. Muskelaktivität, Atemrhythmus, Mimik und Haltung, Gedanken und innere Bilder verändern sich. Durch das veränderte äußere Verhalten steigert sich wiederum die Intensität des innen erlebten Gefühls und weitere Botenstoffe werden ausgeschüttet. Diesen Kreislauf nennt man Body-Feedback-Schleifen.

Allerdings können wir diesen Prozess auch umkehren. Wenn Sie auf Ihr Gesicht ein breites Lächeln setzen und Ihre Schultern entspannen, geht diese äußere Aktivität sofort als Meldung an das innere Netzwerk und veranlasst die Ausschüttung von Glücksmolekülen.

Halten Sie einen lächelnden, lockeren, leichten und lebendigen Körperausdruck über drei bis vier Minuten bei, können Sie aus nahezu jedem negativen Gefühl ein positives machen. Intensive Emotionen lassen sich natürlich nicht so leicht umstimulieren, aber auch dafür gibt es Techniken. Sie werden Sie später noch kennenlernen.

Bei solchen Techniken verdrängen Sie erstmal auch nichts, denn Sie schrauben ja nur die Zahl der positiven Botenstoffe in die Höhe.

Man kann diese Form des emotionalen Programmierens gut mit der Handhabung eines Fernsehgeräts vergleichen: Sie schalten auf ein anderes Programm um, Sie ändern Ihre Einstellung.

Die beste Fernbedienung für Ihre Gefühle ist in jedem Fall Ihr Körper. Damit können Sie gleich hier und jetzt beginnen:

Verändern Sie Ihre Körperhaltung, dann fliegen Ihnen gute Gedanken und Erinnerungen viel leichter zu. Denken Sie einfach an die „Vier-L-Formel“: locker – leicht – lebendig – lächelnd. Richten Sie sich auf, lockern Sie die Schultern, atmen Sie ein paarmal tief durch, lächeln Sie.

Beachten Sie zudem: Wenn Sie eine problematische Situation durchleben, wird Ihr Körper einen entsprechend verhaltenen, verkrampften Ausdruck annehmen. Je länger Sie diesen Ausdruck beibehalten, desto häufiger kommt es zu Body-Feedback-Schleifen, die dem Netzwerk befehlen, den negativen Zustand weiter zu verstärken.

Am besten ziehen Sie sich ein paar Augenblicke zurück und stellen den Körper auf die „Vier-L-Formel“ ein – oder Sie zeigen Ihre Gefühle, sobald sie auftauchen, ehrlich und drücken sie auch aus, damit sie verbraucht werden, bevor sie noch stärker ausschlagen.

Dem Herzen folgen – Wege zur emotionalen Gesundheit

Studien belegen die Heilkraft der Gefühle

Es wurden bereits zahlreiche Langzeitstudien durchgeführt, die das Thema Psyche, Gefühle und Gesundheit zum Inhalt haben. In den letzten drei Jahrzehnten hat man vor allem die Auswirkung der Gefühle auf Gesundheit und Lebensdauer gemessen und belegt. Obwohl diesen Studien weltweit völlig verschiedene Bedingungen zugrunde lagen, kamen alle zu einem ähnlichen Ergebnis.

Der amerikanische Mediziner Dean Ornish (siehe Quellen im Anhang) konnte in Langzeitstudien nachweisen, dass sozial isolierte Menschen statistisch ein doppelt bis fünfmal höheres Risiko haben, vorzeitig zu erkranken und zu sterben, als Menschen, die über ein starkes Zugehörigkeits- und Gemeinschaftsgefühl verfügen bzw. regelmäßig Gefühle der Geborgenheit, Freude und Liebe erleben.

Gemeinschaft, Nähe und Lebensfreude mindern also besonders das Risiko, zu erkranken. Und gerade diese drei Faktoren kann man als den Nährboden für ein intaktes und offenes Gefühlsleben bezeichnen. Im stabilen Familien- oder familienähnlichen Gruppenverband – und damit auch in familienähnlichen Unternehmensstrukturen – stellt das gegenseitig entgegengebrachte Vertrauen die Basis für ein gesundes Gefühlsleben dar.

Probleme können an- und ausgesprochen werden. Man kennt einander besser und fühlt stärker mit dem anderen. Nähe wird zumeist auch über Berührungen ausgetauscht. Ein Zornesausbruch kommt schon einmal vor, hinterlässt aber keine tiefgreifenden Verletzungen. Auch Tränen dürfen ohne Scham fließen.

Nähe und Gemeinschaft sind einer der Schlüssel für ein positives Gefühlsleben und Gesundheit.

Stellvertretend für viele Studien sei in diesem Zusammenhang auch die besonders vielsagende Roseto-Studie angeführt: Roseto ist eine Stadt mit italo-amerikanischer Bevölkerung im Osten von Pennsylvania. Über fünfzig Jahre lang wurden die Menschen hier intensiv beobachtet. Man stellte fest, dass in den ersten dreißig Jahren im Vergleich zu den Nachbarorten auffallend wenige Menschen an einem Herzinfarkt starben – und das, obwohl die konventionellen Risikofaktoren (Rauchen, fettreiche Ernährung etc.) ebenso vorlagen. Grund dafür war die Tatsache, dass die Gemeinde Roseto 1882 von Einwanderern besiedelt worden war, die allesamt aus einer einzigen Stadt in Süditalien stammten. Zusammengehörigkeit, ethische und soziale Homogenität sowie familiäre Bindungen waren besonders stark ausgeprägt. Als sich dann dieser Zusammenhalt langsam aufzulösen begann, stieg die Sterblichkeitsrate auf das gleiche Niveau wie in den Nachbargemeinden.

Gefühle und ihre Energie sind das Zentrum unseres Lebens

An welches Ereignis Ihrer Vergangenheit erinnern Sie sich spontan als Erstes? Gewiss an eines mit starken Gefühlen. An welchen Lehrer aus Ihrer Schulzeit erinnern Sie sich am besten? Wahrscheinlich an einen, der entweder besonders wohlwollend, motivierend und mit ganzem Herzen bei der Sache war, oder an einen, der vor allem negative Gefühle in die Unterrichtsstunde mitgebracht bzw. in Ihnen ausgelöst hat.

Geburten, Hochzeiten, Todesfälle, der erste Schultag, die erste Verliebtheit oder sexuelle Erfahrung, eine Reise in ein fremdes Land – alles, was uns besonders in Erinnerung bleibt und unser Leben ausmacht, ist voll starker Gefühle.

Woran auch immer wir uns aus jüngster oder ferner Vergangenheit erinnern, es ist mit intensiven Gefühlserlebnissen verbunden – mit einer hohen inneren Ladung an Energie. Denn Gefühle sind reine Lebensenergie. Sie stellen unsere Energie gewissermaßen her und zur Verfügung. Darin liegt ein weiterer Grund, warum wir in kurzer Zeit nach ihnen süchtig werden und uns ganz allgemein nach Gefühlen sehnen.

Natürlich wünschen wir uns vor allem positive Gefühle, da ihr Strom uns ohne innere Widerstände zu tragen vermag, uns beflügeln und erheben kann. Wenn kein gutes Gefühl zur Verfügung steht, ziehen wir aber oft auch negative Gefühle der inneren Leere und Antriebslosigkeit vor. Wir tolerieren manchmal sogar Lebensumstände, die uns Angst, Stress oder sogar Schmerz bereiten: nur um zu fühlen und daraus Energie zu beziehen.

Wie aber stellen Sie sich, wenn Sie die Wahl hätten, ein erfülltes Leben vor? Wahrscheinlich reich an schönen Gefühlen und arm an Misstrauen, Unglück, Verzweiflung und Leid. Sie wählen sehr wahrscheinlich kein Kriegsgebiet für einen Urlaub und sehnen sich nicht nach Streit in der Familie.

Alles, was wir uns täglich wünschen, sind gute Gefühle. Alles, wonach wir uns sehnen, ist, geliebt zu werden, Nähe und Vertrauen zu erfahren und unsere Zeit in Harmonie und Glück zu verbringen. Und Sie werden in Folge noch sehen: Sie haben tatsächlich die Wahl.

Gefühle und ihre Energie sind das Zentrum unseres Lebens. Sie bewegen uns, sind der Antrieb für unsere Leistungen und Fortschritte, sie weisen uns den Weg bei schwierigen Entscheidungen.

Seinem Herzen näherzukommen und den Gefühlen die ganze Beachtung zu schenken, ist der effektivste Weg zu anhaltender Gesundheit und auch zu Erfolg. Denn die Energie unserer Gefühle entscheidet, „welcher Erfolg für uns erfolgt“.

Gefühle stecken an

Ein Beispiel: Sie haben den Bus genommen und sind auf dem Weg nach Hause. Ihnen gegenüber sitzt ein junges Mädchen. Sie verbirgt ihr Gesicht hinter einem Taschentuch und weint. Wie verhalten Sie sich? Schenken Sie ihr Aufmerksamkeit? Versuchen Sie, das Mädchen zu trösten? Wenden Sie sich ab? Bemühen Sie sich, an etwas anderes zu denken? Wechseln Sie vielleicht sogar den Sitzplatz, um den Anblick nicht weiter ertragen zu müssen? Wie auch immer Sie reagieren: Jedes intensive Gefühl eines Gegenübers hat etwas Zwingendes – es steckt an und wir können uns kaum entziehen.

Das bringt Vorteile, wenn es sich um ein gutes Gefühl handelt. Ist das Gefühl jedoch negativ, haben wir oft damit zu kämpfen, nicht „hineingezogen“ zu werden. Gefühle strahlen aus und je intensiver ein Gefühl ist, desto stärker erreicht es andere Menschen.

Dies mag unmittelbar mit der vorhin beschriebenen hohen Energie von Gefühlen zu tun haben. Energie, die ausstrahlt, kann auch wahrgenommen werden. Es handelt sich wohl um eine Art von elektromagnetischer Übertragung, eine Form von Psychoenergetik, die in einem selbst und zwischen Menschen geschieht.

Es kann auch mit jenen Spiegelneuronen zu tun haben, die für die Übertragung von Stimmungen und Gedanken zuständig sind und seit Jahren in der Neurowissenschaft für Furore sorgen. Oder mit der Produktion von Duftstoffen, die je nach Stimmung wechseln. Natürlich spielt auch die Körpersprache eine große Rolle, die jeder Mensch, zumeist unbewusst, sehr genau zu deuten vermag. Was auch immer der exakte Grund sein mag: Gefühle stecken an.

Denken Sie zum Beispiel nur an die unglaublichen Massen-Hochgefühle bei Popkonzerten: Da geschieht eine gegenseitige Aufladung, die zwingend und faszinierend ist. Oder an ein Begräbnis: Man wird von Trauer mitgerissen, selbst wenn man mit dem Verstorbenen weder verwandt noch besonders gut bekannt war.

Das Phänomen der Gefühlsübertragung ist auch der Grund dafür, warum ein im Kino erlebter Film stärker in Erinnerung bleibt als ein Fernsehfilm, den wir zu Hause am Sofa erleben – die Gefühle tauschen sich unter den vielen Zuschauern im Kinosaal aus.

Auch die charismatische Anziehungskraft großer Anführer beruht unter anderem auf der Fähigkeit, viele Menschen bewusst mit Gefühlen anstecken und dadurch manipulieren zu können.

Empathie – die Kunst des Mitfühlens

Sie können das natürliche Phänomen der Gefühlsübertragung für sich nutzen: Lassen Sie sich von den positiven Gefühlen anderer anstecken. Wann immer in Ihrer Nähe eine gute Stimmung herrscht, schließen Sie sich an und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit ganz auf den Menschen, von dem die gute Stimmung ausgeht.

Sollten negative Gefühle auf Sie einströmen, die Sie momentan nicht aufnehmen wollen: Wenden Sie Ihre Aufmerksamkeit bewusst ab, denken Sie an etwas anderes, Glückliches, Schönes oder erinnern Sie sich gezielt an ein Hochgefühl aus Ihrem Leben.

Die Aufmerksamkeit funktioniert bei emotionaler Übertragung wie ein Verstärker: Je intensiver Sie sich dem Gefühl eines Menschen zuwenden, desto stärker wird es Sie mitreißen. Sie können die Fähigkeit, mitzufühlen, auch gezielt trainieren.

Beruhigen Sie Ihre Gedanken und lenken Sie die ganze Aufmerksamkeit auf die Gefühle eines Gegenübers. Versuchen Sie dabei möglichst vorurteilsfrei und ohne Erwartung zu sein. Nehmen Sie vielleicht auch eine ähnliche Körperhaltung und Stimmlage ein. Dann warten Sie darauf, dass Ihre Gefühlssensoren von selbst reagieren. Nach wenigen Augenblicken werden Sie feststellen, dass sich Ihr innerer Zustand ein wenig verändert hat. Vielleicht spüren Sie sogar deutlich, wie Ihr Gegenüber sich fühlt, ob Ihr Gesprächspartner einem Thema positiv oder negativ gegenübersteht. Je öfter Sie das ausprobieren, desto verlässlicher werden die Ergebnisse sein.

Gefühle anderer zu erspüren und sich damit zu beschäftigen, steigert insgesamt Ihre Gefühlsmotorik. Es kann Ihnen dabei helfen, jenen emotionalen Zustand zu erreichen, den man landläufig als „offenes Herz“ bezeichnet. Ein solches offenes Herz kann sich als äußerst gesund und gewinnbringend erweisen.

Gefühle sagen die Wahrheit

Wann immer wir die Zähne zusammenbeißen, etwas hinunterschlucken, verheimlichen oder verschweigen, sind Gefühle im Spiel. Alles, was wir schwer ausdrücken können, was niemand von uns wissen soll, wovor wie Angst haben, was uns peinlich ist oder wofür wir uns schämen, hat mit verborgenen Gefühlen zu tun.

Erinnern Sie sich kurz an die letzte Situation, in der Sie es vorziehen mussten, die Unwahrheit zu sagen. Sie wollten nicht verletzt werden und auch niemanden verletzen. Sie wollten niemanden kränken, auch wenn Ihnen vielleicht viel daran gelegen wäre, für eben jene Sache einzustehen. Vielleicht hatten Sie auch einfach Furcht vor den Konsequenzen.

Wenn uns etwas kränkt, verletzt, wütend macht, wenn wir etwas nicht ertragen können oder wenn uns etwas blockiert – wann immer ein negatives Gefühl einem anderen Menschen gegenüber entsteht, finden wir keinen rechten Weg, dieses Gefühl auch auszudrücken.

Doch wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen, bedeutet das immer, seine Gefühle zu beschreiben und sie auszusprechen. Manchmal fällt einem das sehr schwer und man zieht es vor, seinen Mund zu halten.

Gesünder jedoch ist es, sich darin zu üben, so oft wie möglich einen Weg der Äußerung zu finden. Man kann und sollte vorsichtig damit beginnen und erst nach einiger Zeit der Übung größere Schritte wagen.

Es gibt ein einfaches und erprobtes Hilfsmittel, um die Wahrheit zu äußern: Sprechen Sie über sich selbst, über Ihre Gefühle und nicht über Gefühle oder Handlungsweisen anderer.

Ein Beispiel: Stellen Sie sich vor, Sie hätten sich unabsichtlich im Ton vergriffen und eine kränkende Äußerung gemacht. Ihr Gegenüber reagiert darauf mit einer Erwiderung.

Lesen Sie nun die Variante A seiner Worte und überprüfen Sie Ihre Gefühle dabei: „Sie sind unmöglich. Ihr ganzes Verhalten ist unerträglich! Wie kann man nur so arrogant sein?!“

Wie fühlen Sie sich? Das klingt nicht angenehm und würde Sie wahrscheinlich mehr verletzen, als Sie selbst zuvor Ihr Gegenüber unabsichtlich verletzt haben.

Lesen Sie nun Variante B und achten Sie wieder auf Ihre Gefühle: „Ich fühle mich nicht wohl, wenn Sie so mit mir umgehen. Es hat mich, muss ich zugeben, verletzt und gekränkt. Ich fühle mich herabgesetzt. Ich würde gerne in Ruhe mit Ihnen darüber reden.“

Diese Art des Ausdrucks ist Ihnen sicher sympathischer. Es handelt sich dabei um eine sogenannte Ich-Botschaft. Man beschreibt seine eigenen Gefühle und gibt auch seine eigene Verletzlichkeit preis. Das bringt Sympathiewerte. Man spricht wahrhaftig, aus offenem Herzen und folgt damit dem natürlichen, gesunden Gefühlsfluss.

Beispiele für Ich-Botschaften, die Gefühle ausdrücken (solche Botschaften beginnen zumeist mit dem Wort „ich“; sie drücken nicht aus, was man glaubt oder meint, sondern beschreiben, was man tatsächlich fühlt):

 Ich fühle mich bedrückt.

 Ich bin wütend.

 Ich bin heute empfindlicher als sonst.

 Ich fühle mich verletzt und gekränkt.

 Ich fühle mich ungeliebt.

 Ich empfinde Schuld.

 Ich bin voller Zweifel.

 Ich bin ganz ängstlich und nervös.

 Ich zittere, bin erregt und spüre, wie sich meine Muskeln anspannen.

 Ich bin glücklich.

 Ich fühle mich gut und völlig ausgeglichen.

 Ich habe so viel Freude in mir, ich könnte die ganze Welt umarmen.

Gefühle verlangen eine Handlung

Jedes Gefühl verlangt eine Handlung von uns. Und: Erst, wenn ein Gefühl ins Spiel kommt, sind wir auch bereit, zu handeln.

Gefühle sind immer für den Ausdruck gemacht. Sie wollen aus unserem Inneren hinaus ins Leben. Sie wollen etwas bewirken und ausgetauscht werden.

Wir sehnen uns instinktiv danach, Emotionen mit anderen Menschen zu teilen: Ein wunderbarer Sonnenuntergang ist erst dann richtig schön, wenn man ihn mit jemandem gemeinsam erlebt und darüber sprechen kann.

Wenn wir verliebt sind, bereitet der Körper alles dafür vor, dem Liebespartner näherzukommen, er bereitet Berührungen, Austausch und Sexualität vor. Wenn wir mitten auf der Straße stehen und ein Auto auf uns zurast, ermöglicht die spontane Panik eine schnelle Ausweichbewegung. Wenn wir angegriffen werden und darauf mit Zorn reagieren, wird eine Verteidigungsaktion eingeleitet.

Die Tatsache, dass Gefühle Handlungen erfordern, hat eine wesentliche Bedeutung für unsere Gesundheit. Denn, wenn wir nicht aus den momentanen Gefühlen heraus handeln, verbleiben alle Botenstoffe und auch die geballte frei gewordene Energie in unserem Körper – sie richten sich damit gegen uns selbst. So können unterdrückte Gefühle tatsächlich verletzen und zu Erkrankungen führen. Der nicht ausgedrückte Zorn kann zum tödlichen Giftbecher werden, den wir dann, manchmal über lange Zeit hinweg, Schluck für Schluck austrinken.

Jede Gefühlsaktivität schüttet Botenstoffe aus und stellt den Körper auf Alarm- oder erhöhte Bereitschaft ein. Unsere wunderbare Körpermaschine läuft in gefühlsgeladenen Situationen sehr oft auf Hochtouren, ohne sich in Bewegung setzen zu dürfen.

Was ist der gesunde Weg? Wenn ein Gefühl in Ihrem Inneren auftaucht, mit dem Sie nicht recht umzugehen wissen, stellen Sie sich vielleicht als Erstes die Frage: Welche Handlung verlangt dieses Gefühlt von mir? Dann: Wie kann ich es ausdrücken? Wenn Sie sich auch darüber klar geworden sind, gehen Sie in die Aktion über und handeln Sie – bestenfalls – beherzt.

Üben Sie beständig den Ausdruck Ihrer Gefühle. Versuchen Sie, Ihre Gefühle durch Ihre Körpersprache sichtbar werden zu lassen. Suchen Sie auch nach der passenden Stimmlage, denn jede Stimmung hat eine eigene Stimme. Suchen Sie nach den Worten, die Ihr Gefühle am besten beschreiben. Folgen Sie Ihrem Herzen so oft wie möglich. Dieser Weg führt Sie direkt zu Gesundheit und Lebensfreude.

Gefühle sind die Informationsträger Nummer eins

Denken Sie bitte kurz an einen Menschen, den Sie besonders gern haben. Dieser Mensch hat Ihnen gerade ein schönes Geschenk gemacht. Nun stellen Sie sich vor, wie Sie in dieser Situation den Satz „Das ist ja wunderbar!“ aussprechen. Probieren Sie es aus. Wiederholen Sie den Satz innerlich ein paarmal, indem Sie immer wieder an den lieben Menschen und an das Geschenk denken. Beobachten Sie Ihre Betonung genau, die Melodie und auch die Stimme, mit der Sie es sagen. Sie können es natürlich auch laut aussprechen und probieren.

Als nächstes stellen Sie sich bitte vor, jemand, den Sie nicht besonders mögen, hat gerade Ihr Lieblingsobjekt, eine Vase, einen Kunstgegenstand, Ihre Lieblingstasse, fallen gelassen. Am harten Steinboden ist das gute Stück in tausend Scherben zersprungen. Sie sagen spontan, laut und nachdrücklich: „Das ist ja wunderbar!“ Probieren Sie es wieder mehrmals aus und untersuchen Sie erneut die Betonung, die Melodie, die Stimmlage.

Es ist derselbe Satz. Es sind dieselben Worte. Sogar die Reihenfolge der Worte ist gleich geblieben. Doch die Botschaft ist das genaue Gegenteil.

Sie können dieses Spiel auf jeden beliebigen Satz, in jeder Situation Ihres Lebens übertragen. Gefühle sind immer im Spiel und übermitteln die Information, um die es in Wahrheit geht. Natürlich lässt sich alles überspielen, indem man beispielsweise eine sanfte Stimme anschlägt, obwohl man stinksauer ist. Aber auch für die Stimmlage, die Melodie und den Rhythmus unserer Sprache gilt: Folgen Sie der Wahrheit Ihres Gefühls. Sie dürfen ruhig einmal lauter werden oder mit dem Gefühlstext, der unter dem Text mitschwingt, Ihren Missmut ausdrücken. Ihre Biochemie wird es Ihnen danken.

Hören Sie sich einige Tage beim Reden zu und identifizieren Sie die vielen geheimen Botschaften, die Sie durch Ihren Tonfall, durch Betonungen übermitteln oder die Sie dadurch zu verbergen suchen. Der Ton macht die Musik, heißt es, und dieser Ton wird von Ihren Gefühlsinstrumenten erzeugt.

Negative Gefühle wollen uns schützen

Anfangs fällt es schwer, konsequent einen neuen Weg im Umgang mit Gefühlen zu verfolgen. Es fühlt sich ungewohnt an, von einem Tag auf den anderen mit offenen Karten zu spielen, Gefühle zu zeigen und ganze Teile seines Lebens auf neue Gefühle abzustimmen. Da diese Konsequenz aber sehr lohnenswert ist, empfiehlt es sich, gleich damit zu starten – auch wenn alte innere Widerstände Sie bremsen wollen. Ihre Gesundheit wird es Ihnen ebenso danken wie Ihr tägliches Wohlempfinden. Schritt für Schritt wird sich eine neue Erlebenswelt etablieren.

Besonders bei negativen Gefühlen tendieren wir zu Passivität oder zu verspäteten Überreaktionen. Oft warten wie tagelang zu, kochen innerlich, bis uns dann endgültig der Kragen platzt oder wir im Gegenteil ganz resignieren. Das raubt uns enorm viel Energie und Lebensfreude.

Doch gerade negative Gefühle sind eigentlich unsere besten Beschützer, mehr noch, sie sind ausschließlich zu unserem Schutz da. Zorn dient dazu, uns zu verteidigen oder gegen Ungerechtigkeit zu wehren. Angst hilft, unser oder das Leben unserer Nächsten zu erhalten. Trauer führt uns in die Nähe unserer Liebsten und bindet uns an sie.

Unsere Gefühle kämpfen gegen jede Art der Unterdrückung, Bevormundung, Vereinsamung. Sie wollen unsere Eigeninitiative und unsere Kreativität fördern.

Wenn es emotionale Probleme am Arbeitsplatz gibt, mit Ihrem Partner, Ihren Kindern, beim Sport oder Hobby, hören Sie auf diese Gefühle. Nehmen Sie einen emotionalen Widerstand ernst, wenn er sich in Ihrem Inneren formiert. Da gibt es etwas in Ihrem Umfeld, das Ihre Kräfte mindert, das Sie herabwürdigt oder unterdrückt. Wehren Sie sich dagegen.

In unserer Leistungsgesellschaft müssen Vorgesetzte von ihren Mitarbeitern Einsatz und Engagement oft weit über das Maß des Leistbaren hinaus fordern. Da verwundert es nicht, dass das Burnout-Syndrom wie eine Epidemie um sich greift.

Im Familienleben stehen Eltern häufig unter enormem Druck, überfordern sich selbst oder einander und schließlich ihre Kinder.

In der Freizeit erlegen wir uns selbst nicht selten einen ganz ähnlichen Erwartungs- und Erfüllungsdruck auf, betreiben intensiv Sport in Wettkämpfen, besteigen die höchsten Berge, überfüllen den Tagesplan unserer Urlaube mit Sightseeing-Touren oder jetten von einem Reiseziel zum nächsten.

Und bei all dem fühlen wir, bis auf seltene Augenblicke positiver Erfüllung, zumeist den uns allen zur Gewohnheit gewordenen Stress. Dieser alltägliche Lebensstress ist eigentlich ein Cocktail aus Angst und Aggression.

Tatsächlich fordern uns aber genau diese Gefühle auf, gegen ihre Ursache anzukämpfen. Wir sind nicht gemacht für permanente Überforderung, Perfektionswahn oder Bestleistungen.

Kämpfen Sie für Ihr Recht und Ihren Wert als selbstbestimmter Mensch. Ihre Gefühle sind besorgt um Sie, darum formieren sie sich in Ihrem Inneren und stellen Ihnen ihre Kräfte zu Verfügung. Es sind Ihre ureigensten Antriebskräfte, die Ihnen helfen wollen, Ihr Leben nach Ihren Maßstäben zu meistern. Je eher Sie beginnen, Ihren wahren Gefühlen zu folgen, desto schneller werden Sie Ihre ursprüngliche, Ihre ganze Kraft wiederfinden.

An dieser Stelle sei ein gesondertes Wort der Angst gewidmet – sie ist die elementarste Emotion und direkt unserem Selbsterhaltungstrieb zur Seite gestellt: Die Angst ist, wie weiter vorne bereits beschrieben, ein Gefühl, das als Handlung entweder Flucht oder Kampf von Ihnen verlangt. Entweder Sie verlassen den Ort, die Situation, die Ihnen Angst einflößt, oder Sie entscheiden sich dafür, die Angst in Zorn und Mut umzuwandeln, und bauen damit Ihre Kampfkraft auf.

Ihre Angst ist in jedem Fall berechtigt. Sie will ernst genommen werden. Sie ist stärker, als alle anderen Gefühle. Und sie hat ein Recht darauf, ausgedrückt und gewürdigt zu werden.

Oft liegt die Ursache einer Angst weit zurück und tief in den Schichten der Psyche verborgen. Durch einen gegenwärtigen Auslöser kann sie erwachen und an die Oberfläche dringen. Oder sie widerfährt uns in einer existenzbedrohenden Situation ganz neu und erstmalig. Wie auch immer es sich verhält, die Angst darf sein. Sie ist wertvoll. Sie will Ihnen zeigen, dass Sie etwas zu unternehmen oder zu äußern haben.

Stellen Sie sich im Zweifelsfall vor: Was wäre, wenn mir eine ideale Lösung der Situation gelingen würde? Was wäre, wenn ich meine Angst zu Mut machen und die Hindernisse überwinden könnte? Wenn Sie dabei spüren, dass Ihr Herz höher schlägt, dann machen Sie sich auf den Weg und ringen Sie sich zu Ihrer ureigensten Kraft durch.

Manchmal ist es sogar notwendig, aktive Wut gegen sich selbst aufzubauen, um sich aus einer blockierenden Angst herauszuarbeiten. Die Angst kann ein Vertrauter, ein innerer Wächter und sogar ein Krieger werden, der Ihnen hilft, zu Ihrem wahren Selbst zu finden.

Die Krankheit ist der Ersatzaufschrei unterdrückter Gefühle

Sie haben nun bereits viele Hintergründe und Aspekte des falschen und auch des richtigen Umgangs mit Gefühlen kennengelernt. Nun nähern wir uns langsam den unmittelbaren Zusammenhängen zwischen Krankheit und Gefühlen und damit auch den Techniken, die uns vor einer künftigen Erkrankung bewahren oder von einer bestehenden erlösen können.

Lassen Sie uns vier Hauptfaktoren zusammenfassen:

1 Gefühle sind auf biochemischer Ebene Botenstoffe, die unseren Zellen sagen, was zu tun ist.

2 Gefühle bauen Energie auf.

3 Gefühle drängen aus dem Inneren nach außen ins Leben.

4 Gefühle verlangen einen authentischen Ausdruck und angemessene Handlungen.

Man kann den Zusammenhang zwischen Gefühlen und Krankheiten in einem Satz zusammenfassen: Wenn Sie nicht schreien, wird Ihr Körper für Sie schreien (wobei schreien als Synonym für jede Form des emotionalen Ausdrucks zu verstehen ist)!

Der Körper vollzieht gewissermaßen einen Ersatzaufschrei. Er versucht, sich Gehör zu verschaffen und auf einen Mangel, eine Fehlhaltung, eine falsche Einstellung hinzuweisen. Hat man diesen Zusammenhang einmal erkannt und begonnen, sich mit ihm auseinanderzusetzen, kann jede Krankheit zu einer Chance für das Leben werden.

Die Krankheit ist eine Hilfe

Sobald wir eine Krankheit als Hinweis verstehen lernen, als sichtbares und deutbares Zeichen unseres Körpers, dass mit unseren Gefühlen, Handlungen und unserem Denken etwas nicht stimmt, zeigt sie uns den Weg zur Gesundheit. Bei genauer Betrachtung liefert sie manchmal sogar das Rezept, das uns am schnellsten heilen kann.

Bei manchen Erkrankungen fällt es schwer, die richtige Deutung und den speziellen Kontext im Leben des Betroffenen zu verstehen. Lösungen sind nur durch persönliche Gespräche und eine tiefe Form der Suche unter professioneller Betreuung zu finden. Deshalb empfehle ich bei jeder Form einer schweren Erkrankung neben der medizinischen auch eine psychotherapeutische Begleitung.

Die Auseinandersetzung mit Gefühlen und ihren Bezügen zur Erkrankung zeigt immer neue Perspektiven und kann helfen, unbekannte Anteile der Persönlichkeit zu entdecken oder vor allem die heilende Kraft der Hoffnung zu schüren.

Nehmen Sie eine Krankheit als Aufforderung wahr. Behandeln Sie Ihren Körper, als wäre er Ihr bester Lehrer. Die Selbstheilungskräfte des GGK-Netzwerks stehen immer bereit, vor allem, wenn sich unterdrückte Gefühle in Form einer Krankheit zeigen. Suchen Sie die Sprache Ihrer Krankheit und beginnen Sie dann ein Gespräch.

Eine praktische Übung, um die Botschaft Ihrer Krankheit zu erkennen:

Ziehen Sie sich zurück und legen Sie sich bequem hin. Achten Sie darauf, dass Ihnen nicht kalt wird und dass Sie nicht gestört werden. Hören Sie, wenn Sie mögen, eine sanfte Instrumentalmusik mit einem langsamen Rhythmus.

Nun atmen Sie zuallererst tief durch und dabei doppelt so lange aus, wie Sie einatmen. Beruhigen Sie so Ihre Gedanken und Ihren inneren Rhythmus.

Nun wenden Sie langsam Ihre ganze Aufmerksamkeit dem erkrankten Körperteil zu. Stellen Sie sich folgende Fragen: Welche Botschaft verbirgt sich im Kern meiner Krankheit? Was will mir meine Krankheit sagen? Auch wenn es eigenartig klingen mag, stellen Sie die Frage nach der Botschaft direkt Ihrem Krankheitsherd: Was willst du mir mitteilen?

Nehmen Sie sich genügend Zeit für diese Übung. Bleiben Sie durchgehend ruhig und drängen Sie nicht auf eine Antwort. Wiederholen Sie die Übung ein paar Tage lang in Ruhe und mit Muße.

Irgendwann werden vor Ihrem inneren Auge Bilder, Situationen und Gedanken auftauchen, die Ihnen zeigen, was Ihre Krankheit begünstigt hat. Dort setzen Sie dann an und beginnen, Schritt für Schritt Ihre Einstellung und Ihr Verhalten zu ändern.

Ihre Krankheit kann Sie führen und lehren.

Der Mensch will Wahrheit, Freude und Frieden

Wie bereits erwähnt, der uns allen so bekannte Stress ist auf biochemischer Ebene eine Mischung aus Angst und Aggression. Diese beiden Emotionen leiten ein Flucht- oder Kampfverhalten ein. Beides jedoch verwehren wir uns im alltäglichen Berufs- und Familienleben aus guten und für das Bestehen in unserer sozialen Gesellschaft notwendigen Gründen. Dennoch treiben dieser Stress und seine Moleküle in unserem Inneren ihr Unwesen, ob wir sie ausdrücken, ob wir ihren Impulsen folgen oder nicht.

Die hormonellen Botenstoffe überfluten die Rezeptoren der Zellmembranen, verstopfen die Türen für andere Botenstoffe, treiben den Körper in eine permanente Überspannung und drängen ihn zu Höchstleistungen, selbst noch im Schlaf. Das System überlastet mit der Zeit und an natürlichen Schwachstellen im Körper treten Probleme auf.

So verhält es sich grundsätzlich mit allen Gefühlsbotenstoffen, sofern sie nicht rechtzeitig durch Ausdruck und Handlung verbraucht und dadurch verarbeitet werden.

Langzeitstudien mit Messungen der Gehirnwellen, der Herzfrequenz, der Immunabwehr, der Hormonproduktion, des Muskeltonus, der Knochendichte und sogar der Hautalterung bis hin zur Häufigkeit von Abnützungserscheinungen der Wirbelsäule weisen allesamt in eine Richtung: Sie verlangen einen neuen und gesünderen Umgang mit unseren Gefühlen. Wir sind physiologisch nicht gemacht für diesen verhaltenen, zurückgenommenen, unwahren Umgang mit unserem wahren Menschsein. Denn Menschsein verlangt Wahrheit, Freude und Frieden.

Stellen Sie sich eine Art Gefühlsbarometer vor, die Skala reicht von –10 (erleben wir in Zeiten schwerster Not) bis +10 (erleben wir in den euphorischsten Lebensphasen).

Physiologisch sind wir konzipiert für lang anhaltende Phasen relativen Glücks (+3), mit kurzen, intensiven Gefühlseinsätzen (zwischen –9 und +9, sofern Selbsterhaltung und Fortpflanzung es verlangen), stets jedoch mit unbedingter, wahrhafter Wiedergabe unserer inneren Gefühlswelt nach außen in die Wirklichkeit.

Am besten tut uns eine Stimmungslage von +3 bis +5 auf dem Gefühlsbarometer – mit Spiel, Spaß, Zeiten des Friedens, häufigen Phasen der körperlichen Nähe, Leichtigkeit, Güte und Gefühlen der Hoffnung, des Glaubens und der Harmonie. Dazu gehört, sinnbildlich gesprochen, ein offenes Herz, das wieder gelernt hat, sich seiner natürlichen Anlage gemäß zu bewegen und im Takt unseres selbstbestimmten, ureigensten Seins zu schlagen.

Die zehn Faktoren eines offenen Herzens

Der Begriff „offenes Herz“ ist eine Art Synonym. Es steht für den Idealzustand unseres Gefühlshaushaltes. Es ist ein Zustand, der, angepasst an unseren Alltag, natürlichen Schwankungen unterliegt. Ein Idealzustand lässt sich, ähnlich wie Glück, entweder nur hin und wieder erreichen oder kann zu einer Art lebensbestimmendem Grundton werden. Er sollte jedoch auch nicht als absoluter Maßstab gelten, denn es ist eine wesentliche Eigenschaft des offenen Herzens, Schwankungen, Fehler und Schwächen zu akzeptieren.

Ein Ideal kann uns aber eine Richtung weisen und zu einem anhaltenden Leitmotiv werden (das Herz als Organ nimmt natürlich an sich schon eine zentrale Stellung in unserem Gefühlsleben und für unsere Gesundheit als Ganzes ein – siehe dazu auch das Kapitel „Herz-Kreislauf-Erkrankungen“, ab Seite 107).

Die Eigenschaften eines offenen Herzens lassen sich direkt mit gesundheitlichen Aspekten in Verbindung bringen: Es kann nicht verstopfen oder blockieren. Es erstarrt nicht und bricht auch nicht. Es ist weder verhärtet, noch verschlossen. Es fällt nicht aus dem Takt, stolpert nicht, „fällt nicht in die Hose“ oder bleibt plötzlich stehen. Das offene Herz ist ein Symbol für den gesunden und natürlichen Urzustand unserer emotionalen Aktivität.

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23 aralık 2023
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9783990404805
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