Kitabı oku: «Octagon»
Michael Weger
OCTAGON
Am Ufer der Seele
Roman

Michael Weger

Am Ufer der Seele
Roman
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
1. Auflage 2015 | Originalausgabe
Copyright © 2015 Sheema Medien Verlag,
Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D - 83093 Antwort
Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, Fax: +49 (0)8053 – 7992953
http://www.sheema-verlag.de
Copyright © 2015 Michael Weger
Ebook ISBN 978-3-931560-74-4
EPDF ISBN 978-3-931560-75-1
ISBN Buch-Ausgabe 978-3-931560-61-4
Coverabbildung: © shutterstock | kesipun
Autorenfotos: © Isabella Weitz
http://www.isabellaweitz.com/
Bildmaterial/Zeichnungen im Innenteil: © Archiv Michael Weger
http://www.michaelweger.com/
Umschlaggestaltung: Sheema Medien Verlag, Schmucker-digital, http://druckvorstufe.schmucker-digital.de Patrick Connor Klopf | http://www.bluepepper.at
Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Alle Rechte vorbehalten. Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechts geschützt. Jegliche von Autor und Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische und digitalisierte Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien, Internet, sowie auszugsweisen Nachdruck und Übersetzungen. Anfragen für Genehmigungen im obigen Sinn sind zu richten an den Sheema Verlag unter Angabe des gewünschten Materials, des vorgeschlagenen Mediums, gegebenenfalls der Anzahl der Kopien und des Zweckes, für den das Material gewünscht wird.
Haftungsausschluss: Dieses Buch dient keinem rechtlichen, medizinischen oder sonstigen berufsorientierten Zweck, sondern ausschließlich Unterhaltungs- und Bildungszwecken. Die hier gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer rechtlichen, medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten wenden. Autor und Verlag übernehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten.
Für Luc und Isa, wie alles
Ist das innere Octagon im Ausgleich, entspringt aus seiner Mitte ein Fluss, der das Leben trägt und nährt. (Sanskritinschrift, um 650 v. Chr.)
Wer das ganze All kennt, und kennt sich selbst nicht, der kennt das All nicht. (Thomasevangelium, Logion 67, um 150 n. Chr.)
PROLOG
Die alte Frau war auf dem Gipfel angekommen. Ihre dunkle Silhouette hob sich scharf vom Weiß der Schneelandschaft ab. Trotz des hohen Alters bestieg sie einmal jährlich die Nordflanke des Namenlosen Berges. Ihr war bewusst, dass sie dabei jedes Mal ihr Leben riskierte. Doch nahm sie das Wagnis auf sich. Teils um sich selbst und ihren Körper der Prüfung zu stellen, teils um während der langen Stunden des Aufstiegs mit dem Tod an ihrer Seite ein vertrautes Gespräch zu führen.
So viele Jahre waren vergangen, seitdem sie das erste Mal an das verwitterte Gipfelkreuz gelehnt die dünne Luft eingeatmet hatte. Ihre Augen funkelten aus dem wettergegerbten Gesicht, als sie nun mit Genugtuung den Blick über ihr Land schweifen ließ. Und mehr noch: Sie öffnete den Mund und entließ im kehligen Klang einer uralten Sprache Namen in die Fernen der vier Himmelsrichtungen.
Als würde sie Kinder zu sich rufen, eigene, fremde und vielleicht sogar ungeborene, stieß sie die Worte mit gesammeltem Atem und langen Vokalen in die Weiten hinaus.
Und irgendwo, fern, unter den Dächern der Welt, fanden sie zueinander, die Namen mit ihren Menschen, die sie trugen, und die Paare, die sich auf den Weg machen sollten zu ihr und zur ewigen Lehre am Ufer der Seele.

TEIL 1
1
Paul atmete erleichtert aus. Er fuhr sich durchs Haar und brachte dabei den blonden Schopf noch mehr in Unordnung. Als er den stürmischen Applaus bemerkte, huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Er verneigte sich kurz und griff nach den Notizblättern.
Mit einem Blick auf die über hundert Zuhörer im Kemenatensaal des Schlosses trat er zum seitlichen Bühnenrand, übersah jedoch den kleinen Treppenvorsprung und stolperte direkt in die Arme von Lena Kessler.
Die engagierte Tagungsleiterin war gerade auf ihn zugekommen, um sich für den beeindruckenden Vortrag zu bedanken. Im letzten Moment konnte sie seinen Sturz noch abfangen. „Doktor Stenson, nicht so schüchtern“, flüsterte sie ihm lächelnd zu. „Das war ganz hervorragend. Kommen Sie doch noch mal mit auf die Bühne und genießen Sie Ihren Applaus.“
Paul starrte sekundenlang in ihr Gesicht und fragte sich, warum ihm diese klaren, dunklen Augen nicht bereits früher aufgefallen waren.
Schließlich folgte er ihrer Aufforderung und ließ sich zurück vor das Auditorium führen.
In den folgenden Minuten unter anhaltendem Applaus hielt er ihren Arm so fest, als wollte er nie mehr loslassen.
Mit den vielen Worten des Lobes, die er während der Signierstunde zu hören bekam, löste sich langsam die Anspannung. Immer wieder blickte er auf die eindrucksvolle Schlange, die sich mittlerweile gebildet hatte. Er war stolz über jeden Teilnehmer, der ihm eines seiner druckfrischen Bücher vorlegte, und nahm sich ausgiebig Zeit für persönliche Widmungen. Zusehends fühlte er sich wieder wohl in seiner Haut.
Zuletzt trat Lena strahlend an ihn heran: „Ich freue mich sehr über Ihren Erfolg. Noch mehr würde ich mich freuen, wenn Sie auch mir eine kleine Zeile widmen.“ Lächelnd reichte sie ihm den Band und während Paul besonders ausführliche Dankesworte formulierte, setzte sie sich elegant auf eine Seite des Tisches. Sein Blick streifte über die grazile Silhouette ihrer Hüften und eine Hitzewelle jagte ihm durch den Körper. Die eben gewonnene Sicherheit geriet sofort wieder ins Wanken. Zugleich erlebte er erneut ein Gefühl tiefer Vertrautheit mit ihr.
„Sie sind nicht sehr geübt im Umgang mit Frauen, nicht wahr, Doktor Stenson?“, sprach sie ihn kokett auf seine Verunsicherung an und fuhr, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: „Erstaunlich für einen so attraktiven Mann.“ Sie lächelte verführerisch. „Die Tagung ist zu Ende. Ich muss mich nur noch von einigen Referenten verabschieden. Wie wäre es, wenn wir den Abend zusammen verbringen?“
Paul brachte kein Wort über die Lippen und seine Antwort fiel, in Form von großen Augen und zögerlichem Nicken, wenn auch stumm, so doch allemal liebenswert aus.
Sie hatten sich zum Essen im Arkadencafé verabredet.
Nach umfangreichen Renovierungen in den Achtzigerjahren nahm das Café mit seinem stilvollen Ambiente aus historischer und moderner Architektur das halbe Erdgeschoss des Schlosses Goldegg ein. Das aus dem vierzehnten Jahrhundert stammende Anwesen im österreichischen Salzkammergut bot als Kultur- und Seminarzentrum den idealen Rahmen für Tagungen. Paul war ein paar Minuten zu früh im Café und wählte einen Tisch an einem der seitlichen Rundbogenfenster.
Lena hingegen erschien auf die Minute pünktlich und hatte ein enges, schwarzes Abendkleid angelegt.
Sie sah atemberaubend aus.
In Leinenhose mit dunkelblauem Hemd fühlte sich Paul ihr gegenüber gleich zu leger gekleidet, gestand sich diese Nachlässigkeit aber im Schwung seines erstarkten Selbstvertrauens durchaus zu.
Zum Essen bestellten sie zur Feier des Tages einen Brunello di Montalcino und schon nach dem ersten Glas spürten beide die wohlige Wirkung des schweren Weins.
Das Gespräch fand schnell jene Tiefe, nach der sich Paul in vielen Situationen mit Bekannten oder Freunden oft vergeblich sehnte. Und auch Lena schien die Unterhaltung zu genießen. Sie lachte und flirtete unverhohlen mit ihm, während sie immer wieder kurze Worte an die verbliebenen Tagungsteilnehmer richtete, die gekommen waren, um sich von ihr dankend zu verabschieden.
Auch Paul erhielt noch einiges an Anerkennung und bedankte sich seinerseits voll Freude.
Lena erzählte davon, dass ihr in diesem Monat noch die Abschlussprüfung des Medizinstudiums an der Universität Wien bevorstand. Sie hatte das Studium in Rekordzeit absolviert und geplant, sich im Anschluss alternativen Heilmethoden zuzuwenden. Die Organisation der Jahrestagung zu diesem Thema war ihr nur kurzfristig in den Schoß gefallen.
Ein befreundeter Arzt konnte die Aufgabe – der um Wochen zu frühen Geburt seiner Tochter wegen – nicht mehr wahrnehmen. So kurz vor der Prüfung würde die Zeit nun, mit dem vielen Lernstoff, den Lena noch zu bewältigen hätte, etwas knapp werden, doch war sie überzeugt, ihren Abschluss mit Bravour zu bestehen.
Paul genoss das Gespräch und fühlte sich immer mehr zu ihr hingezogen. Dennoch schreckte ihn ihr ausgeprägter Ehrgeiz etwas ab.
2
Nach dem Essen standen die beiden an der Balustrade der Terrasse. Das Schloss war auf einen Felsvorsprung des Salzburger Sonnenplateaus gebaut und bot bezaubernde Ausblicke.
Sie hatten sich kleine Cocktails aus dem Café mitgenommen und genossen zum ersten Mal an diesem für beide gleichermaßen aufregenden Tag ein paar Momente der Stille.
Die österreichische Landschaft mit ihren Bergen, verzweigten Auen und Bächen lag ihnen zu Füßen. Während die Sonne langsam hinter den westlich gelegenen Gipfeln verschwand, spiegelten sich die Strahlen auf den sanften Wellen des Goldegger Sees.
Ein lauer Spätsommerwind spielte um Lenas dunkles Haar.
Paul war zufrieden. Ihre direkte Art hatte ihn den Abend über zwar immer wieder um Worte ringen lassen, doch fand er sich unter zunehmendem Einfluss des Alkohols immer besser damit zurecht. Nun genoss er ihre Nähe und vor allem das nachhallende Gefühl eines großen Erfolges.
Der Vortrag auf der renommierten Tagung war ihm schon in den vergangenen Wochen wie eine Meisterprüfung erschienen. Er hatte sich gründlich darauf vorbereitet und war doch von erheblichen Selbstzweifeln geplagt gewesen.
Vier Jahre lang war er bereits erfolgreich als Psychotherapeut in der Kölner Gemeinschaftspraxis seines Mentors Doktor Carl Seyfried tätig. Die reiche Erfahrung hätte sein Selbstvertrauen eigentlich ausreichend stärken sollen. Umso mehr fragte er sich, warum ihn der Auftritt vor der durchweg wohlwollenden Zuhörerschaft wieder dermaßen verunsichert hatte.
Nun stand er neben Lena auf der Terrasse und die Gerüche des Landes, das sich zur Nacht bettete, vermischten sich mit dem zarten Duft ihres Parfüms.
Vielleicht reicht unser Unterbewusstsein mitunter ja doch in die Zukunft und hat schon erahnt, dass noch einiges mehr im Spiel war, dachte er jetzt mit einem Lächeln.
Lena griff in ihre Tasche und legte einen schwarz schimmernden Stein vor ihn auf die Balustrade. Das rundliche, fast faustgroße Objekt wies einen schneckenartigen Einschluss in gold-gelber Farbe auf. Sie schwieg.
Paul blickte sie fragend an.
„Ich habe zwei davon. Einer war wohl für dich bestimmt“, sagte sie sanft und wandte sich ihm zu. „Mein Bruder hat sie von einer Weltreise mitgebracht. Das war vor drei Monaten. Seitdem trage ich die Steine bei mir. Er hat mir empfohlen, einen davon einem Menschen zu schenken, der meine Seele berührt. Gut für’s Karma, meinte er.“ Sie lächelte kurz, sah Paul in die Augen und fuhr mit ernster Miene fort: „Weißt du, ich bin in einer Beziehung.“
Paul war einmal mehr überrascht von ihrer direkten Art. „Mit einem verheirateten Mann. Und niemand darf etwas davon wissen“, ergänzte sie mit sarkastischem Unterton. „Doch dieser Mann berührt mich nicht. Nicht mehr. Es ist der Arzt, für den ich die Leitung der Tagung übernommen habe. Mehr muss ich wohl nicht sagen.“
Paul blickte auf die gekräuselten Wellen des Sees, die im letzten Sonnenlicht glitzerten.
„Du musst jetzt nicht antworten“, sprach sie weiter, „ich wollte einfach, dass du weißt, ich bin nicht frei und zugleich wollte ich dir den Stein schenken und dir erzählen, welche Bewandtnis es damit hat. Nach deinem Vortrag dachte ich, es könnte eine heiße Nacht werden. Aber mittlerweile bist du mir zu schade für eine Nacht.“
Paul verschlug es wieder die Sprache. Es mangelte ihm einfach an Übung im Umgang mit Frauen, die sich kein Blatt vor den Mund nahmen. Vor allem, wenn er sie gleichermaßen attraktiv wie faszinierend fand. Allzu oft stand ihm dann seine Schüchternheit im Weg.
„Was“, fragte er ausweichend, „hat es nun mit dem Stein auf sich?“
Lena empfand Pauls Unsicherheit längst als anziehend.
„Mein Bruder kam völlig verändert von dieser Reise zurück“, begann sie lächelnd zu erklären. „Es war, als wäre ein Feuer in ihm entfacht. Er war voller Selbstvertrauen und zugleich ruhig und ausgeglichen, wie ich es nie zuvor an ihm erlebt hatte. Er berichtete von einer Art Tempelschule, auf die er irgendwo in der Welt per Zufall gestoßen war. Dort würde man, sofern man einen der Steine vorweisen könnte, freundlich aufgenommen und durchliefe in acht Stationen eine Form von uraltem Übungszyklus. Weibliche und männliche Meister lehrten einen, die archetypischen Charakteranteile des eigenen Wesens zu ergründen. Schließlich würde man den Tempel als neuer Mensch verlassen. Er meinte, es wäre die aufregendste Selbsterfahrung, die er je erlebt hätte. Und er sprach davon, seine Mitte und seine Berufung gefunden zu haben.“ Lenas Blick streifte in Gedanken versunken über die dämmrige Landschaft.
„Mehr konnte ich ihm nicht entlocken“, fuhr sie fort. „Auf alle weiteren Fragen gab er nur zur Antwort: Das müsse jeder für sich selbst herausfinden. Allen Menschen, die diesen magischen Ort oft erst nach Monaten verließen, wäre es ausdrücklich aufgetragen, nichts als diese Steine aus dem umliegenden Landstrich mitzunehmen und sie an würdige Menschen weiterzugeben. Die fänden dann zur rechten Zeit von selbst ihren Weg dorthin. Alles andere müsse ein Geheimnis bleiben.“ Sie strich sich eine dunkle Strähne aus dem Gesicht. „Das war die Geschichte der Steine. Ich bin mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Aber da mich dein Vortrag heute so oft an die Erzählung meines Bruders erinnert hat, dachte ich, das kann kein Zufall sein. Wie auch immer, dieser hier ist für dich.“, sagte sie in einem abschließenden Tonfall mit ihrem schönsten Lächeln.
3
Lenas Geschenk fand seinen Platz als Briefbeschwerer auf Pauls Schreibtisch in der Kölner Praxis.
Der Abend mit ihr lag nun über zwei Monate zurück und es verging kaum ein Tag, an dem Paul nicht an die Stunden im Schloss zurückdachte.
Nach der Erzählung über die Tempelschule hatte Lena sehr bald ihre Unterlagen aus dem Tagungsbüro geholt und sich zum Aufbruch bereit gemacht. Es wäre zu früh, hatte sie nur noch erklärt, sich aus ihrer Beziehung zu lösen und auf einen anderen Mann einzulassen. Wenn die Zeit reif wäre, würde sie Paul schon finden oder das Schicksal würde sie wieder zusammenführen. Mit diesen Worten hatte sie sich verabschiedet, ihm noch einen Kuss auf die Lippen gehaucht und war in ihr nahe gelegenes Hotel gefahren. Die beiden hatten nicht einmal ihre Telefonnummern ausgetauscht.
Paul war noch eine Weile auf der Terrasse geblieben, dann auf sein Zimmer gegangen und schnell eingeschlafen. Die Anforderungen des Tages hatten ihn sehr erschöpft.
Als er am darauffolgenden Morgen erwacht war, hatte er sich beeilen müssen, um rechtzeitig in Salzburg anzukommen und den Retourflug nach Köln zu erreichen.
Wie so oft in den letzten Tagen saß er nun in einer Pause zwischen den Therapiestunden an seinem Schreibtisch. Das antike Möbel aus der Zeit der Jahrhundertwende war das Einstandsgeschenk seines Mentors gewesen. Paul hatte sich kurz nach seinem Abschluss dessen Team anschließen dürfen. Carl Seyfried hatte von Beginn an große Hoffnungen in ihn gesetzt und war vom Lehranalytiker bald zum väterlichen Freund geworden. Nach kurzer Zeit schon hatte sich Paul in der Praxis heimisch gefühlt.
Nun saß er da, betrachtete den schimmernden Stein und verlor sich einmal mehr in Gedanken an Lena.
Die Erinnerung an sie, die Vertrautheit, ihre liebevollen Augen und ihr direktes Wesen ließen ihm keine Ruhe. Auch der Tempel aus ihrer Erzählung hatte sich so lebendig in seinem Bewusstsein abgebildet, dass es ihm beinahe schien, als wäre er bereits dort gewesen.
Konnte das sein? Konnte es tatsächlich irgendwo auf der Welt einen geheimen Ort geben, an dem annähernd jene Form der Charakterbildung betrieben wurde, die er in seinem Buch in Grundzügen vorschlug?
Als wissenschaftlich geschultem Therapeuten stand Paul eine Reihe von Methoden und Techniken zur Verfügung, um die Seelennöte seiner Klienten zu mildern und sie bei der Lösungsfindung zu unterstützen. Doch allzu oft erlebte er seine Bemühungen als gescheitert oder zumindest als unzureichend.
Vor allem schwebte ihm eine in die Gesellschaft und das Ausbildungswesen integrierte Form der Persönlichkeitsbildung vor, die von Kindheit an den Menschen im Umgang mit sich selbst schulte. Es sollte erst gar nicht zu den komplexen Verstrickungen und Störungen der Psyche kommen müssen, die er jeden Tag bei seinen Klienten erlebte. Dabei maß er dem wahrhaftigen Ausdruck der Gefühle durch Sprache, Stimme und Körper die größte Bedeutung zu. Diese Schulung des Ausdrucks war in der Methodik der wissenschaftlichen Psychologie allerdings nicht oder nur in Ansätzen enthalten.
Dass er damit einen Nerv der gegenwärtigen Gesellschaft getroffen hatte, bewiesen auch die zahlreichen Reaktionen auf sein Buch. Der Erfolg seines Werkes war überwältigend und er hatte nach wenigen Monaten schon einige Tausend Exemplare verkaufen können.
Die Feldstudien, die er noch während seines Studiums begonnen und erst mit der Fertigstellung des Buches beendet hatte, ergaben einen belegbaren Zusammenhang zwischen der Erhaltung der Gesundheit und persönlicher Authentizität. Einfach gesagt lebte man umso länger und gesünder, je mehr man sich treu bleiben durfte. Für die meisten Menschen, die unter psychischen Nöten litten und sich isoliert fühlten, schien der Ursprung ihrer Seelenqual genau darin zu liegen: Sie konnten ihr wahres Selbst nicht ausdrücken, geschweige denn es im Lebensalltag verwirklichen.
Doch so sehr Zahlen und Recherchen diese Thesen auch bestätigten, halfen sie nicht dabei, das Problem zu lösen. War die Persönlichkeit erst einmal geprägt, stieß sie immer wieder an dieselben Grenzen. Bekannte Therapieformen schufen zwar ein großes Bewusstsein über die Ursachen der eigenen Störungen, doch letztendlich hoben sie diese nicht oder nur teilweise und oft viel zu langsam auf.
Oder, wie Carl ihm einmal in einer abendlichen Nachbesprechung in vertrauter Atmosphäre gestanden hatte: „Weißt du, ich bin meine eigenen Neurosen bis heute nicht ganz los. Nach Hunderten Stunden der Eigentherapie während der Ausbildung vor gut dreißig Jahren und noch mal so vielen Stunden der Supervision während meiner beruflichen Laufbahn plagen mich immer noch Selbstzweifel und Versagensängste. Der Unterschied ist: Mittlerweile weiß ich immerhin, warum ich sie habe.“
Paul nahm den Stein in die Hand und war abermals erstaunt, wie viel Wärme und Ruhe von ihm ausgingen. Die glatte Oberfläche des schweren Materials fühlte sich sanft und wohltuend an.
Über eine interne Sprechanlage meldete sich die Sprechstundenhilfe der Gemeinschaftspraxis und unterbrach seine Überlegungen. Sie teilte Paul mit, dass sein nächster Klient aus familiären Gründen eben abgesagt hätte. Paul bedankte sich bei ihr und trug eine kurze Notiz in die Akte des Mannes ein. Er würde ihn in der kommenden Sitzung darauf ansprechen. So kurzfristige Absagen verbargen manchmal tiefere Ursachen. Da dies seine letzte Therapiestunde für heute gewesen wäre, stand ihm nun unerwartet ein freier Spätnachmittag zur Verfügung. Er beschloss, einen kleinen Herbstspaziergang in die Innenstadt zu unternehmen.
Sein Weg führte ihn einmal mehr in die Hohe Straße.
Der gleichmäßige und unpersönliche Menschentrubel in der berühmten Kölner Einkaufsstraße hatte eine durchaus beruhigende Wirkung auf Paul. Im Vorbeischlendern konnte er die Menschen beobachten und sich ihre Geschichten ausmalen. Schon in der Kindheit, als er seine Mutter, die vor einigen Jahren verstorben war, beim Einkauf begleiten durfte, gehörte dieses Kopfkino zu seinen liebsten Beschäftigungen. Nebenbei ermahnte er sich, den nächsten Anruf bei seinem Vater nicht wieder auf die lange Bank zu schieben. Der ehemalige Rechtsanwalt verlebte seinen Ruhestand mittlerweile auf den Kanarischen Inseln.
Wie von selbst steuerte Paul das Café Jansen an, das in den letzten Wochen zum lieb gewonnenen Aufenthaltsort für seine Ruhephasen geworden war.
Im typischen Wiener Flair des Cafés fühlte er sich Lena näher. Er entschied sich an diesem Nachmittag jedoch für einen Platz im straßenseitigen Gastgarten, um der für ihn amüsanten Beobachtung der Passanten weiterhin nachzugehen und die letzten Sonnenstunden vor dem nahenden Winter zu genießen. Schon nach wenigen Minuten verfiel er in einen Tagtraum.
Lena kommt mit offenen Haaren und einem hellen weit fallenden Sommerkleid direkt auf ihn zu. Sie lächelt ihn an, als würde sie zum alltäglich vereinbarten Treffen erscheinen. Mit einer anmutigen Kopfbewegung wirft sie ihre Haare über die Schultern, stellt ihre Tasche auf einen der Sessel und drückt Paul einen Kuss auf die Lippen. Alles ist vertraut und wie lange gewohnt, ohne jedoch an Reiz und Verbundenheit verloren zu haben.
Paul lächelte verträumt vor sich hin. In den ersten Tagen seiner Rückkehr ins Kölner Alltagsleben war er mit Therapiestunden und der Beantwortung von Anfragen rund um seine Publikation eingedeckt gewesen. Es blieb kaum Zeit, die Stimme aus seinem Unterbewusstsein wahrzunehmen, die zwar leise, doch beständig nach Lena rief.
Erst als sich der Terminstress etwas gelegt hatte, fand er sich täglich in Gedanken mit ihr beschäftigt.
Er hätte übers Netz ihre Kontaktdaten herausfinden können. Doch das wäre ihm wie ein Eindringen in ihre Privatsphäre erschienen.
Zudem empfand er es ebenso wie sie: Wenn die Zeit reif wäre und das Schicksal es vorgesehen hätte, würden sie einander gewiss wieder begegnen.
4
Pauls Blick fiel auf die beiden Türme des nahe gelegenen Kölner Doms, die hoch über die Dächer aufragten.
Schon lange war er nicht mehr dort gewesen. Während seiner Studienzeit an der Kölner Uni zog es ihn oft in die stille und hohe Weite dieses architektonischen Meisterwerks. Da sich die Bauzeit auf mehr als fünf Jahrhunderte erstreckt hatte, vereinte der Dom sämtliche Bauelemente und Schmuckwerke der spätmittelalterlichen gotischen Architektur. Das machte wohl auch seinen besonderen Reiz aus und ihn darum zur meist besuchten Sehenswürdigkeit Deutschlands.
In den Wintermonaten jedoch kam der Strom der Touristen weitestgehend zum Erliegen. So fand sich Paul oft nur von wenigen Gläubigen umgeben, die jene meditative Stille verbreiteten, nach der er sich im Ausgleich zum Lärmpegel in der Universität sehnte. Auch zur Beengtheit seiner damaligen Einzimmerwohnung bot die Fülle an Raum eine gute Abwechslung.
Zu Anfang seiner Besuche nahm er sich damals Zeit, etwas über die Architektur des Doms zu lernen, und studierte ausgiebig die angebotenen Broschüren. Je vertrauter ihm die unzähligen religiösen Kunstwerke dadurch wurden, desto häufiger entdeckte er versteckte Querverweise zu anderen Weltreligionen. Gegen den Auftrag ihrer katholischen Kirchenväter hatten die Künstler diese über die Jahrhunderte heimlich in ihre Werke eingeflochten.
Da Paul schon kurz nach dem Abitur aus der Kirche ausgetreten war und sich seinen eigenen Glauben aus christlichen, buddhistischen und anderen spirituellen Strömungen gebildet hatte, genoss er die verborgene Vielfalt der Aura dieser heiligen Halle der Religion.
Im Lauf der Jahre seiner psychologischen Studien verbrachte er seine Zeit im Dom immer öfter mit dem Versuch, im stillen Nachdenken das menschliche Wesen besser verstehen zu lernen.
Der Glaube spielte dabei stets eine große Rolle: Was führt und treibt Menschen schließlich mehr an als ihr Glaube an etwas, ihre Liebe zu etwas oder ihre Furcht vor etwas.
Paul legte das Geld für seine Melange auf den Tisch, schloss seinen gefütterten Trenchcoat bis hoch zum Hals und machte sich auf den Weg.
Auch in den späten Herbstmonaten war der Dom zwar bis neun Uhr abends geöffnet, doch hatte sich der Besucherstrom zu seiner Beruhigung bereits verflüchtigt. Er trat durch das große Petersportal, ging einige Schritte bis ans hintere Ende der Bankreihen und blieb beeindruckt stehen. Seit seinem letzten Besuch waren gut drei Jahre vergangen. Umso mehr überwältigte ihn nun die Ehrfurcht einflößende Atmosphäre. Langsam schritt er weiter durch das mächtige Mittelschiff, blickte von den zahllosen bemalten Glasfenstern zu den üppigen Heiligendarstellungen und war einmal mehr fasziniert vom so detaillierten, gotischen Schmuckwerk.
Er setzte sich in eine Reihe nahe an der Mitte der Kathedrale und genoss die reiche Stille, die von einzelnen Trittgeräuschen und dem Flüstern der wenigen Abendbesucher kaum noch gestört wurde.
Sein Blick glitt von der Mailänder Madonna über den Dreikönigenschrein bis hin zum Gero-Kreuz. Vor Jahren wusste er zahlreiche Details der kostbaren Artefakte zu benennen. Mittlerweile jedoch waren die Erinnerungen verschwommen, gingen ineinander über und bildeten vor seinem geistigen Auge nur vage historische Szenerien ihrer Entstehungsgeschichte und langen Reise hierher.
Tiefe Ruhe breitete sich allmählich in ihm aus.
Er lauschte seinem Atem und es wurde so still, dass er seinen eigenen Herzschlag hören konnte.
Ein Tempel irgendwo in der Welt, in dem Meister in acht Stationen die Anteile des Charakters lehren.
Gewaltige Berge und tiefe Täler, von Flüssen zu Schluchten in die Landschaft gerissen.
Ein Himmel mit Blick auf die Unendlichkeit.
Der Atem geht schwer.
Einen Schritt vor den anderen setzen.
In der Ferne wie hinter Schleiern die Silhouette eines vertrauten Gebäudes.
Die Augen brennen von Trockenheit.
Die Rucksackgurte schneiden schmerzhaft in die Schultern.
Ruhen wollen.
Nur noch ausruhen wollen.
„Entschuldigen Sie.“ Der Mesner hatte seine Hand auf Pauls Schulter gelegt. „Sie müssen aufwachen. Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“
Paul fuhr erschrocken hoch.
„Ist alles in Ordnung?“, wiederholte der graubärtige Kirchendiener und sah Paul dabei sanftmütig an.
„Ich muss wohl eingeschlafen sein. Bitte entschuldigen Sie. Wie spät ist es?“
„Kurz nach neun. Ich mache gerade meine letzte Runde, bevor ich abschließe. Sie müssen jetzt leider gehen.“
„Natürlich, ja, ich hatte nicht vor, hier zu übernachten“, erwiderte Paul mit einem Lächeln. „Entschuldigen Sie und vielen Dank.“
„Weder das eine noch das andere tut not. Der Herr zeigt denen, die ihn suchen, stets einen Weg.“
Paul stutzte: „Warum sagen Sie das?“
„Es hat so ausgesehen“, erklärte der Mesner, „als würden Sie träumen und eine schwere Last tragen. Das ist mir nur eben dazu eingefallen. Haben Sie noch einen schönen Abend. Möge der Herr mit Ihnen sein.“
„Danke. Ja. Ich gehe dann.“
Paul wandte sich dem Ausgang zu. Bevor er durch das Portal trat, hob er noch kurz den Kopf und blickte auf das, nach seinem Künstler benannte, Mildefenster. Es reichte bis hoch an das Deckenkonstrukt und Paul erinnerte sich, wie er zum ersten Mal darunter gestanden war. Auch jetzt konnte er den Blick nicht davon lösen. Die achtzehn Malereien der Hauptgläser führten dem Betrachter eindringlich die guten und schlechten Taten des Menschen, wie sie im Alten und Neuen Testament gelehrt wurden, vor Augen. Immer wieder erstaunte ihn die märchenhaft anmutende Doktrin der katholischen Kirche. Ein Kanon, in dem die Welt in Schwarz und Weiß, Gut und Böse eingeteilt wurde und der die Menschheit in einem kindlichen Entwicklungsstadium gefangen hielt.
Nun stand er noch etwas benommen da und blickte hoch bis zum oberen Bogenfeld der im späten Abendlicht schimmernd illuminierten Glasmalerei. Mit großem Erstaunen nahm er zum ersten Mal das Achteck wahr, das konzentrisch angeordnete Lichtbahnen vom äußeren Rand zu seiner Mitte zeigte. Er erinnerte sich an seinen Traum von eben, an die vagen Umrisse des Gebäudes und musste lächeln.
Der Herr zeigt denen, die ihn suchen, stets einen Weg.
Und er meint es offensichtlich auch gut mit jenen seiner Kinder, die es nicht ganz so gut mit ihm meinen.
Paul beschloss noch im selben Moment, seinen Weg zum geheimnisvollen Tempel zu suchen und zu finden.
5
„Dem Gewicht und der Zeichnung des Ammoniten nach ist er echt.“ Doktor Erik Riemann hielt den Stein hoch und wog ihn in seiner Hand.
„Tatsächlich ein Shaligram Shila!“, sagte er erstaunt. „Noch dazu ein besonders seltener und wertvoller. Wo hast du ihn her?“ Paul war nicht überrascht, dass sein guter Freund aus Studientagen den Stein so schnell zuordnen konnte. Sie befanden sich im Institut für Geologie und Mineralogie der Uni Köln. Die Fakultät lag nur wenige Häuserblocks von den Fakultätsgebäuden der Psychologie entfernt.
An einem Winterabend vor gut zehn Jahren waren die beiden jungen Männer in einer der beliebten Studentenkneipen ins Gespräch gekommen. Daraus hatte sich eine jahrelange Freundschaft entwickelt.
Nachdem Paul sich nun entschlossen hatte, den Weg zum Tempel zu finden, war sein erster Gedanke, die Spur des Steins zu verfolgen und die Gelegenheit zu nutzen, um seinen alten Freund aufzusuchen. Sie hatten einander ohnehin viel zu lange nicht gesehen und vereinbarten zwei Tage nach Pauls Anruf ein gemeinsames Mittagessen.
Kurz vor Mittag war er in Eriks Labor erschienen, der mittlerweile eine Professur als Mineraloge innehatte. Nur wenige Jahre waren vergangen, doch sah sich Paul zu seiner Überraschung nicht mehr dem hageren, vergeistigten Wissenschaftsassistenten gegenüber, sondern einem gestandenen Professor. Erik hatte deutlich an Gewicht zugelegt und ließ sich einen Vollbart stehen. Das schelmische Blitzen in den Augen war ihm geblieben.
Die Wiedersehensfreude war entsprechend groß und nach dem Austausch der wichtigsten Neuigkeiten und der gegenseitigen Versicherung, dass es beiden im Leben gut erginge, hatte Paul etwas ungeduldig den Stein in Eriks Hand gelegt.
„Ich hab ihn von einer jungen Ärztin geschenkt bekommen.“ Er lächelte beim Gedanken an Lena. „Vor zwei Monaten auf einer Tagung, bei der ich mein Buch vorstellen durfte.“
„Davon habe ich gehört. Hast es also geschafft?!“, rief Erik anerkennend aus. „Das Buch ist fertig und schon veröffentlicht? Gratuliere, ist ja toll! Musst mir unbedingt davon erzählen! Und natürlich auch von der jungen Ärztin.“ Er hob vielsagend eine Augenbraue.
„Später gern“, gab Paul zurück, „aber zuerst erzählst du mir alles über diesen Stein und vor allem, woher er stammt.“ Erik ließ sich nicht lange bitten, wenn er sein reiches Wissen anbringen konnte.
„Nun, es handelt sich, wie gesagt, um ein sehr seltenes Exemplar. Ich müsste natürlich noch eine detaillierte chemische Analyse durchführen, doch da ich in den letzten Jahren einige Fälschungen dieser Steine in Händen hatte und gerade mal zwei echte, kann ich der Oberfläche, dem Gewicht und der Farbe nach auf den ersten Blick mit großer Sicherheit sagen: Das ist ein Shaligram Shila. Wobei er als solches nicht so selten ist. Dieser goldgelbe Abdruck des Ammoniten jedoch macht ihn zu einer wahren Rarität.“ Sein Blick ruhte voll Begeisterung auf dem Stein in seiner Hand. „Warte, ich kenne eine einfache Methode, die uns verlässlich Auskunft gibt.“
Er legte den Stein, behutsam auf ein steriles Tuch gebettet, auf den Labortisch und ging zu einer der verglasten Vitrinen, in denen sich zahllose mineralogische Exponate befanden. Mit einem Schlüssel, den er an einem Band um seinen Hals trug, öffnete er eine der Glastüren und holte aus einer der unteren Laden ein goldenes Nugget hervor.
„Was hast du vor?“, fragte Paul erstaunt.
„Du wirst es nicht glauben, aber echte Shaligramas sind zwischen fünfzig und hundert Millionen Jahre alt. Sie sind derart gehärtet, dass ein deutlich sichtbarer Abrieb haften bleibt, wenn man mit echtem Gold über ihre Oberfläche streift.“
Er nahm den Stein zur Hand und führte den Test durch. Deutlich war der goldene Streifen zu sehen.
„Jetzt ist er noch wertvoller,“ sagte Erik mit einem verschmitzten Lächeln, „und das Institut ein klein wenig ärmer. Aber das wird es verkraften und wir brauchen keine Chemie mehr. Dieser Shila ist echt.“
„Was weißt du noch?“, fragte Paul ungeduldig.
„Über Steine? Alles!“, antwortete Erik lachend. „Über diesen hier sogar noch mehr.“
„Spann mich nicht so auf die Folter.“
„Wie wär’s, wenn wir das beim Essen erledigen? Du zahlst natürlich: Mein Minimalhonorar für mineralogische Expertisen.“
Das Essen mit Erik wurde zu einer wahren Freude. Sein humorvolles Wesen machte Paul erst bewusst, wie sehr er den guten Freund in den vielen Monaten vermisst hatte.
In Erinnerung an alte Zeiten nahmen sie ihre Mahlzeit Bei Oma Kleinmann, ihrer Stammkneipe aus Studententagen, zu sich. Das Lokal mit dem liebenswerten Namen bot eine riesige Auswahl an Schnitzeln und das typische Kölsch, der ganze Stolz der Kölner Bierbrauer, mundete dazu noch vorzüglicher.
„Shila ist das Sanskritwort für Stein und Shaligram bezeichnet jene äußerst seltenen Steine, in denen Hindus die Inkarnation des Gottes Vishnu verehren.“, begann Erik seine Ausführungen. „Die Filamente, diese kreisförmig angeordneten Rillen, stammen von urzeitlichen Würmern, die in dem Stein ihre Behausung fanden. Sie stellen die Chakren des Gottes dar. Es gibt diese Einschlüsse in vielen Farben. Die goldgelben, wie auf deinem Stein, bedeuten, dass die Kraft von Vishnu am stärksten darin wirkt. Du hast einen heiligen Stein in deiner Tasche.“ Er nahm einen kräftigen Schluck und wischte sich mit der Hand den Schaum vom Bart.
„Ich hoffe doch, Vishnu war ein freundlicher Gott.“
„Keine Sorge, er war einer der drei höchsten Götter und steht für die Erhaltung allen Lebens. Hindus verehren seine Steine und beten zu ihnen. Sie bringen ihren Besitzern Glück, Gesundheit, Reichtum und das Beste: sie erlösen sie von schlechtem Karma.“
„Gut für mich“, meinte Paul mit zufriedenem Lächeln, „aber du hast mir noch immer nicht verraten, woher er stammt!“ „Und du mir noch immer nicht, warum dich das so interessiert. Muss wohl mit deiner Ärztin zu tun haben“, erwiderte Erik und grinste genussvoll.
Bei der herzlichen Verabschiedung vereinbarten die beiden, einander bald schon wiederzusehen, dann aber an einem Wochenende, um mehr Gelegenheit zu erhalten, all jene Geschichten auszutauschen, für die in der zu kurz bemessenen Mittagspause keine Zeit geblieben war.
Auf dem Rückweg in die Praxis gingen Paul Bilder von politischen Unruhen, achttausend Meter hohen schroffen Bergen und vagen klischeehaft verzerrten Mythen durch den Kopf. Denn, wie Erik schließlich offenbart hatte, traten besagte Steine nur an einem einzigen Ort in der Welt aus den Untiefen des Erdinneren an die Oberfläche: an den Ufern des Flusses Gandaki, am Fuß der höchsten Gebirgszüge des Himalaya im Nordenwesten Nepals.
Dieser Hinweis beschränkte das Gebiet, in dem sich die Tempelschule befinden konnte, zwar auf nur rund zweihundert Quadratkilometer, doch gab er in keiner Weise ihren exakten Standort preis. Mehr konnte Paul allerdings auch nicht erwarten. Grenzte es doch schon an ein Wunder, dass der geheimnisvolle Shila überhaupt einem letztlich so kleinen Areal zuzuordnen war.
Zurück in seinem hellen, behaglichen Arbeitsraum positionierte Paul den Stein wieder auf seinem Schreibtisch. Diesmal jedoch zog er aus der stets für die Tränenflüsse seiner Klienten bereiten Box ein ganzes Bündel von weichen Taschentüchern, formte sie umständlich zu einer Art Nest und bettete den Stein behutsam in seine Mitte.
Nachdem er die Mappe mit den Aufzeichnungen für die bevorstehende Sitzung vom Stapel der Sprechstundenhilfe geholt hatte, setzte er sich in seinen klassischen Lederfauteuil. Ohne einen Blick in die Unterlagen zu werfen, ließ er in den wenigen Minuten vor Beginn noch kurz seine Gedanken schweifen.
Eine Reise nach Nepal, in eine von Krisen geschüttelte Region, schien ihm noch weniger bedrohlich als die Vorstellung, inmitten der höchsten Berggipfel der Welt Hunderte Kilometer nach einem ominösen Tempel abzusuchen, dessen Existenz nicht mal belegt war.
Paul hatte auch von der berüchtigten Höhenkrankheit gehört, die zahlreiche Bergsteiger gerade im Himalaya das Leben gekostet hatte. Erst einmal also keine so guten Aussichten.
Da fiel ihm ein und er wunderte sich, nicht schon früher daran gedacht zu haben, dass eine seiner Klientinnen vor etwa vier Monaten ihre Therapie unterbrochen hatte, um nach Nepal zu reisen. Danach hatte sie ihm von einem aufregenden und inspirierenden Trekking berichtet. Sie war als unerfahrene Bergsteigerin bis auf über fünftausend Meter hoch gewandert.
So unmöglich konnte es also doch nicht sein.
Die Tür in den Praxisraum öffnete sich und Ruth Meyer betrat den Raum. Paul sah sie mit großen Augen an: Es war eben jene Klientin, an die er in diesem Moment gedacht hatte.
6
„Ich habe mich gefragt“, begann Ruth nach der beiderseitigen freundlichen Begrüßung das Gespräch, „ob wir die Therapie vielleicht bald ausklingen lassen könnten? Ich fühle mich in den letzten Wochen sehr stabil und denke, dass ich schon ganz gut alleine zurechtkomme. Wissen Sie, die Reise nach Nepal, von der ich Ihnen kurz erzählt habe, war letztlich wie eine Erlösung. Allerdings wäre ich dazu ohne Ihre so hilfreiche Unterstützung in den Monaten davor nie bereit gewesen. Sie haben mir vor Augen geführt, dass ein eingeschlagener Weg, nur deshalb weil er zur Gewohnheit geworden ist, noch lange nicht der richtige sein muss. Ohne Sie wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, mein so vertraut erdrückendes Umfeld zu verlassen“, meinte sie ironisch mit einem Lächeln. „Ich glaube aber, diese schlimme Lebensphase liegt jetzt tatsächlich hinter mir.“
Ruth hatte gegenüber von Paul im Fauteuil Platz genommen. Sie trug Bluejeans, einen lilafarbenen Rollkragenpullover und hatte ihre Beine, wie sie es mittlerweile immer tat, seitlich hochgezogen.
Offen und unbeschwert blickte sie ihn nun an.
Vor nicht ganz neun Monaten war sie blass und zitternd in einem mattgrauen Kostüm mit einem schweren Burn-out-Syndrom zum ersten Mal vor ihm gesessen. Sie hatte als studierte Softwarespezialistin in einem Großkonzern gearbeitet, der Halbleiter produzierte, jene kleinsten Chipbauteile, die in allen Hightechgeräten zu finden sind. Nicht nur die Arbeit im Vierundzwanzig-Stunden-Schichtbetrieb mit extrem schwankenden Arbeitszeiten hatte sie im wahrsten Sinn des Wortes ausgebrannt, sondern auch die zusätzlich aufreibenden Anforderungen als alleinerziehende Mutter zweier pubertierender Söhne.
Nach der intensiven und langwierigen Gesprächstherapie war Ruth nun so weit ins aktive Leben zurückgekehrt, dass Paul mit gutem Gewissen ein Ende absehen konnte. Sie hatte sogar ihre Anstellung aufgegeben und war in einer Sozialeinrichtung untergekommen, die humanitäre Hilfe für Entwicklungsländer organisierte. Diese Arbeit hatte sie dann auch nach Nepal geführt.
Ihr Exehemann und Vater der Söhne war schließlich bereit gewesen, seinen Teil der Verantwortung für die Kinder zu übernehmen, und hatte die beiden für die Wochen von Ruths Reise zu sich genommen.
„Das liegt vor allem bei Ihnen“, antwortete Paul in seiner routiniert offenen Art, nachdem er eine Weile überlegt hatte. „Allerdings höre ich in Ihrer Formulierung noch eine gewisse Unsicherheit mitschwingen. Kann das sein?“
Ruth überlegte und nickte schließlich etwas zaghaft.
„Im Allgemeinen“, fuhr er fort, „sollte man sich, um eine Therapie zu beenden, tatsächlich ganz sicher und gefestigt fühlen. Ich möchte auf keinen Fall, dass Ihre so erfolgreichen, neu etablierten Lebensstrukturen erst wieder unnötig ins Wanken geraten.“ Er hielt kurz inne und sah sie mit sanftem Blick an. „Da ich Sie heute aber ausnahmsweise bitten wollte, mir mehr von eben dieser Reise zu erzählen, gibt Ihnen das vielleicht bis zu unserem nächsten Termin noch mal Zeit, ihre Entscheidung zu überprüfen. Für heute würden natürlich keine Kosten anfallen. Wären Sie damit einverstanden?“
In der verbliebenen Stunde erzählte Ruth davon, wie sie in die Abteilung für Netzwerkentwicklung der Hilfsorganisation aufgenommen wurde.
Schon nach wenigen Tagen der Arbeit in dem engagierten Team hatte sie eine tiefe Befriedigung im Wissen gespürt, mit ihrer Tätigkeit Not leidenden Menschen unmittelbar helfen zu können.
Bald darauf hatte eine kleine nepalesische Schwesterorganisation ein Hilfsprojekt für nach Nepal geflohene Tibeter gestartet. Ruth war spontan bereit gewesen, zur damit einhergehenden Reise in dieses sagenumwobene Land aufzubrechen.
Die Aussicht auf Wochen ohne geringsten Komfort, umgeben von bitterster Armut hatten sie nicht abgeschreckt. Sie hatte gehofft, dadurch nicht nur räumlich, sondern auch geistig einen Abstand zu ihrer Vergangenheit in der Hightechwelt herstellen zu können. Mit der Aussicht darauf hatte sie es auch geschafft, den Mut und die Kraft zu sammeln, um ihren Exmann in seine Pflicht zu rufen.
Was sie danach in Nepal erlebt hatte, beschrieb sie nun als das tief greifendste und schönste Erlebnis seit der Geburt ihrer Kinder.
Zu Beginn der zweiten Woche in Nepals Hauptstadt Kathmandu, voll nervenaufreibender Vermittlungsarbeit zwischen Ämtern und Volksvertretern, war sie zu einer Trekkingexpedition eingeladen worden. Das Schwesterunternehmen hatte ihr Arjun Kapur, einen erfahrenen Verhandlungspartner, zur Seite gestellt. Arjun war zugleich einer der verlässlichsten Bergführer mit eigener Agentur für diese bei Touristen beliebten Wanderungen.
Nach einer fast zehnstündigen, beschwerlichen Busfahrt zu einem kleinen Dorf am Fuß der mächtigen Achttausender hatte am folgenden Tag der Aufstieg begonnen. Arjun, der ein äußerst zuvorkommender Hindu der obersten Kaste war, hatte sie ortskundig, mit zahlreichen Hilfestellungen, um der Höhenkrankheit zu entgehen und ihre Kräfte einzuteilen, immer höher und höher geführt. Hin und wieder waren sie auf andere Trekkingtouristen getroffen, hatten in kargen Zimmern übernachtet und waren stets freundlich aufgenommen worden. Die schlichten Mahlzeiten hatten vorwiegend aus Reisgerichten bestanden.
Die körperlichen Strapazen des Aufstiegs waren zunehmend von euphorischen Stimmungen begleitet gewesen, die auf den sinkenden Sauerstoffgehalt der Atemluft beruhten.
Und dann war es geschehen: Auf über fünftausend Metern war wie aus dem Nichts eine bis dahin unbekannte innere Stimme in den Dialog mit ihr getreten. Die Stimme hatte ihr sanft und zugleich voll Stärke Mut zugesprochen und ihr uneingeschränktes Vertrauen geschenkt.
Ganz friedlich erklärte Ruth: „Noch nie zuvor war ich so sehr eins mit allem und von allem zugleich so unendlich beschützt und behütet.“ Sie hielt eine Weile inne, blickte Paul an und ergänzte mit Bedacht: „Seit diesem Augenblick begleitet mich die Erinnerung daran und gibt mir Sicherheit. Sie müssen wissen, Doktor Stenson: Das alles wäre ohne Sie nie möglich gewesen. Ich bin Ihnen unendlich dankbar.“
Paul war so gerührt, dass ihm die Tränen kamen und er selbst zu den Taschentüchern greifen musste, die eigentlich für seine Klienten bestimmt waren.
Er konnte nicht genau benennen, was an Ruths Schilderung ihn so bewegte. Neben ihrer aufrichtigen Dankbarkeit war da noch etwas Tieferes. Es schien so, als wäre auch in seinem Inneren eine leise Stimme erwacht, die ihre Wünsche nun durch Tränen zum Ausdruck brachte.
„Ich wollte Sie nicht zum Weinen bringen, bitte verzeihen Sie“, meinte Ruth gleich etwas verunsichert.
„Keine Sorge“, erwiderte Paul sanft und schluchzte, während er zugleich lächeln musste, „es gibt Tränen der Trauer und Tränen der Erlösung. Diese zählen eindeutig zur zweiten Kategorie.“
Nachdem Ruth ihm einige weitere Fragen beantwortet und ihm dabei zahlreiche praktische Tipps für eine Reise nach Nepal gegeben hatte, kam er schließlich noch auf die Tempelschule zu sprechen.
„Dort gibt es unzählige Tempel“, meinte sie, „aber an einen derartigen kann ich mich nicht erinnern. Es hat auch, soweit mir bewusst ist, niemand anderer davon berichtet.“
Paul nickte nachdenklich, ging zu seinem Schreibtisch und holte den Shila. „Eine letzte Frage noch“, sagte er hoffnungsvoll, „sind Ihnen solche oder ähnliche Steine bei Ihrem Aufstieg begegnet?“
„Oh ja“, antwortete sie rasch mit freudigem Lächeln, „von denen kann man dort einige finden. Sie werden aber auch von den Einheimischen zum Kauf angeboten. Einen so schönen hab ich allerdings noch nie gesehen. Sie sollen besonders wertvoll und heilsam sein.“
„Ein Freund hat mir bereits etwas Ähnliches erzählt. Aber es freut mich, dass Sie es bestätigen können.“
Nachdem ihm Ruth noch notiert hatte, wie er mit Arjun per E-Mail in Kontakt treten konnte, vereinbarten die beiden zum Ausklang der Therapie schließlich einen letzten Termin.
Bei der Verabschiedung umarmten sie einander.
Paul konnte gar nicht anders, als sich diese Intimität einer Klientin gegenüber ausnahmsweise zu erlauben. Ruth war ihm in dieser Stunde zu einer Freundin geworden.
7
Das leichte und wärmende Glücksgefühl begleitete ihn den restlichen Tag über.
Die Sitzungen vergingen schnell und als er am Abend die Praxis verlassen wollte, begegnete ihm Carl auf dem Flur.
„So spät bist du doch sonst nicht mehr in der Praxis?“, sprach Paul ihn erstaunt an.
„Es wird Winter und die Golfplätze sperren zu“, antwortete Carl mit seiner sonoren Bassstimme und einem Augenzwinkern, „also bleibt mir abends wieder Zeit, mich im Gegensatz zu Golf mit den unwesentlichen Themen des Lebens zu beschäftigen, wie Terminplanung, Klientengespräche oder der unsäglichen Archivierung meiner Notizbücher.“ Der groß gewachsene, mittlerweile gealterte Herr strahlte schelmisch. „Lass uns noch was trinken gehen“, fügte er hinzu, „haben wir ohnedies schon zu lange nicht mehr getan und gleich um die Ecke hat ein neuer schottischer Pub eröffnet. Die führen gesegnete Single Malt Whiskys.“
Nachdem der Kellner mit schottischem Akzent eine für Paul erschreckend lange Liste unverständlicher Namen von Whiskysorten aufgezählt hatte, war er dankbar, dass Carl kurzerhand für sie beide die Entscheidung traf.
„Zur Feier des Tages genehmigen wir uns einen 18 Jahre alten Macallan. Das ist der Ferrari unter den sanft rauchigen Sorten der Speyside, dem Herzland des schottischen Whiskys“, erklärte er stolz und fügte hinzu: „Wusstest du, dass der keltische Ursprung des Wortes übersetzt Wasser des Lebens bedeutet?“
„Ich wusste nicht mal, dass du ein Kenner bist!“
„Das Ergebnis der Golfreise im letzten Sommer. Mein Golfspiel war grausam, aber der Whisky war großartig.“ Carl lachte auf.
„Und was genau haben wir zu feiern?“, fragte Paul.
„Also“, begann Carl nun etwas zurückhaltend, „ich wollte ohnedies schon länger mit dir darüber sprechen, bislang hat sich aber keine Gelegenheit ergeben.“
Paul sah seinen Freund erwartungsvoll an.
Carl seufzte tief, schob seine Brille auf die Stirn und beugte sich etwas vor: „Die letzten Monate haben mir gezeigt, dass ich langsam alt werde. Lange Zeit habe ich versucht, die Alterserscheinungen einfach zu ignorieren. Aber mittlerweile geht das nicht mehr. Ich vergesse einfach zu viel. Und allzu oft vergesse ich sogar, das, was ich vergessen könnte, wenigstens zu notieren.“ Er lächelte mild. „Meine Konzentration lässt zusehends nach und, was das Schlimmste ist, auch mein Engagement. Mein Herz ist müde geworden. Es schlägt, um es pathetisch zu sagen, nicht mehr mit dem meiner Klienten. Ich verbringe meine Zeit mittlerweile tatsächlich lieber auf dem Golfplatz oder mit einem Buch und Whisky auf der Veranda meines Hauses als mit der Psyche der Menschen. Obwohl mich diese Arbeit ein Leben lang zutiefst erfüllt hat.“
Der Kellner kam mit zwei kleinen, bauchigen Gläsern, in denen die bernsteinfarbene Flüssigkeit schimmerte. Nachdem er sie abgesetzt hatte, nahmen die beiden einen kräftigen Schluck, wonach sich Pauls Gesicht zu einer Grimasse verzog. Selbst bei milden Sorten war er den immer noch intensiven Geschmack nicht gewohnt. Carl musste lachen und kam, nun wieder aufgerichtet, mit Elan zum Punkt:
„Ich möchte mich im Frühjahr aus der Praxis zurückziehen und dir die Leitung übertragen.“ Er beobachtete Pauls Reaktion. „Was sagst du?“
Paul war mehr als überrascht. Er wandte sich aus Carls Blickfeld und vor seinem inneren Auge tauchten Bilder und Gedanken der vergangenen Tage auf.
Wie hinter Schleiern die Silhouette eines vertrauten Gebäudes. Der Herr zeigt denen, die ihn suchen, stets einen Weg.
Eins mit allem und von allem zugleich unendlich beschützt und behütet.
Nach einer Weile sagte er mit Bedacht: „Das ist zu früh, Carl.“
Er atmete durch und erklärte: „Ich bin noch nicht so weit. Ich kenne dich gut und lange genug, um mir sicher zu sein, dass du dir einen solchen Schritt reiflich überlegt hast. Und du liegst vermutlich sogar richtig, wenn du meinst, ich könnte das bewältigen. Nur“, es fiel ihm schwer, die passenden Worte zu finden, um den Freund nicht vor den Kopf zu stoßen, „es haben sich auch bei mir in den letzten Wochen Ereignisse zugetragen, die mir zeigen, dass ich dich zuvor leider noch eine Weile im Stich lassen muss. Darüber wollte ich meinerseits mit dir sprechen. Bis vor wenigen Stunden war mir das allerdings noch nicht so klar.“ Er stockte.
„Sprich ruhig weiter“, sagte Carl mit hochgezogenen Brauen. „Ich bin gut in dem, was ich tue. Das weiß ich schon“, holte Paul aus, „ich habe viel gelernt, mein Buch ist ein Erfolg und die Praxisstunden sind voll mit Klienten. Doch“, er suchte nach Worten, „etwas fehlt. Ich kann es nicht genau benennen. Auch nicht nach all unseren Stunden der Supervision, den Jahren der Ausbildung und der umfassenden Kenntnis psychischer Zustände, ihrer Ursprünge und Auswirkungen.“ Er wollte es treffender ausdrücken und wusste, das ging nur mit großer Offenheit. „Zum einen ist da diese Unsicherheit, die mich immer wieder einholt. Besonders in Gegenwart von interessanten Frauen. Zum anderen fühle ich manchmal eine Leere in mir, die ich nur durch übermäßigen Arbeitseinsatz ausfüllen kann. In den Abendstunden, wenn ich allein in meinem Bett liege, bin ich oft so erschöpft und aufgewühlt zugleich, dass der Schlaf sich nur schwer und spät einstellt. Etwas fehlt, Carl. Und ich glaube, ich weiß jetzt, wo ich es finden kann.“ Er hielt inne und blickte seinen Mentor direkt an. „Ich werde nach Nepal reisen und dort im Himalaya nach einer geheimen Tempelschule suchen, in der man angeblich alle Charakteranteile durchleben und sein wahres Selbst entdecken kann.“
Sein Mentor richtete sich auf und wollte etwas einwenden. „Warte noch einen Augenblick, bitte.“ Paul musste seine Gedanken noch konkreter fassen. „Das klingt ein bisschen nach esoterischer Verklärung und hört sich so gar nicht nach mir an, das ist mir schon bewusst. Doch du kennst mich wie kein Zweiter und weißt, dass ich eher zu übertriebener Selbstreflexion neige. Gewiss, man ist immer gefährdet, sich selbst zu betrügen, doch hier verhält es sich anders.“ Er sah Carl mit wachen Augen voll Energie an. „Etwas hat es mit dieser Tempelschule auf sich, das mich in ihren Bann zieht. Du selbst hast immer gesagt: Erst wenn objektiv sinnvolle Entscheidungen durch Synchronizitäten bestätigt werden, erweist sich ein Lebensweg als der richtige. Und damit hast du deinem Namensvetter C. G. Jung alle Ehre gemacht. Was nun diese Reise betrifft, häufen sich die Zufälle auf erstaunliche Weise.“ Er kam zum Schluss. „Worum ich dich bitte ist, dass du deinem Schützling, bevor du ihm deine geheiligte Praxis überträgst, noch etwas zusätzliche Zeit zum Reifen gibst. Es handelt sich vielleicht um ein halbes Jahr, nicht mehr. Danach können wir über alles reden. Glaubst du, so lange noch durchhalten zu können?“
Väterlich legte Carl eine Hand auf Pauls Schulter und antwortete mit seiner beinahe hypnotischen Stimme: „Du weißt, eines meiner Talente war es stets, zu erkennen, wann man dem Schicksal die Führung überlassen muss und wann es besser ist zu intervenieren. Diese Gabe, die Energie des Schicksals zu fühlen, habe ich bis heute nicht eingebüßt. Und was du mir eben erzählt hast, ist voll von dieser Energie und ich sehe dich in deiner Kraft. Ich werde alles tun, um dich auf diesem Weg zu unterstützen.“
8
Arjuns Schriftenglisch war hervorragend. Nachdem auf Pauls erste Mail einige Tage bis zur Antwort vergangen waren und er schon erwogen hatte, sich an eine andere Trekkingagentur zu wenden, lernte er seinen künftigen Bergführer im folgenden Mailverkehr als gebildeten und weltoffenen 35-Jährigen kennen. Arjun ebnete ihm von den Einreiseformalitäten bis zur Reservierung des Hotels in Kathmandu und der Planung der Trekkingtour alle weiteren Hürden.
Als nächstbeste Reisezeit stellten sich dabei die Monate von März bis Juni heraus. Paul konnte somit sein Versprechen Carl gegenüber halten, die Praxis möglicherweise schon im kommenden Sommer zu übernehmen. Zudem hielt er diesen Zeitraum auch für gerade noch leistbar, stand ihm doch noch ein Gespräch mit seinem Bankbetreuer bevor, in dem er um eine vorübergehende Aussetzung der Rate für seinen Wohnungskredit ersuchen musste.
Drei Monate schienen ihm überdies eine ausreichend lange Zeit, um die Tempelschule zu finden und sich den Lehren zu stellen, die sie versprach, bereitzuhalten.
Auf die Frage danach reagierte Arjun in einem seiner Mails jedoch ausweichend, beinahe sogar gekränkt. Man hätte hin und wieder von solch einem Tempel gehört, doch weder er selbst noch seine Kollegen konnten mit Sicherheit sagen, wo und ob er überhaupt existierte. Zudem hätten Berichte, die vereinzelt von Touristen darüber verbreitet wurden, die Schule als spirituell atheistisch und somit für einen tiefgläubigen Hindu als indiskutabel ausgewiesen. Er versprach jedoch trotz seiner Vorbehalte, Erkundigungen einzuholen, um vielleicht doch eine vage Route bestimmen zu können, die Paul seinem Ziel zumindest näher brächte.
Nachdem Paul seinen Flug gebucht hatte, beendeten die beiden vorübergehend ihren E-Mail-Verkehr mit der Vereinbarung, in den Tagen vor ihrem Zusammentreffen in Kathmandu noch die letzten Daten auszutauschen und den Treffpunkt am Airport zu fixieren. Paul war erleichtert, dass so viele ungeklärte Fragen zu den Details seiner Reise ganz unkompliziert beantwortet worden waren.
Bei einem Treffen mit seiner Verlegerin im Café Jansen während der Weihnachtsfeiertage löste sich schließlich zu Pauls Überraschung sogar noch die Sorge über die Finanzierung der Reisemonate.
„Auch wenn ich es“, begann Jasmin Reuter, „besonders jetzt, da Ihre Verkaufszahlen wirklich beeindruckend sind, gar nicht gern sehe, dass wir die geplanten Lesungen und Signierstunden für, wie lange?!“, unterbrach sie sich abrupt.
„Höchstens drei Monate“, antwortete Paul zuversichtlich.
„Also für mindestens vier Monate aussetzen müssen“, fuhr sie erfahren fort, „freut es mich natürlich zu hören, dass sich ein so erfolgreicher Jungautor wie Sie auf Recherche für ein neues Buch begibt.“
Paul hatte diese Begründung für seine bevorstehende unerwartete Absenz vorgeschoben, in der Annahme, dadurch, ohne allzu große Einwände, eine Zustimmung von seiner engagierten Verlegerin zu erlangen. Den Beigeschmack der Notlüge konnte er vor sich selbst mit der Aussicht auf einen möglicherweise tatsächlich interessanten neuen Stoff durchaus rechtfertigen.
Reuters Augen funkelten ihn erwartungsvoll an und einmal mehr bewunderte Paul ihren Geschäftssinn, den sie mit Charme und liebenswerter Natürlichkeit so zielstrebig an den Tag legte. „Sie können bei der kommenden ersten Tantiemenabrechnung im Januar mit einer Summe rechnen, die Sie überraschen wird“, fuhr sie stolz mit einem Blick über ihren Brillenrand fort, „und ich wäre möglicherweise nicht abgeneigt, sogar einen Vorschuss auf Ihr neues Werk in Betracht zu ziehen.“ Paul war erstaunt über dieses großzügige Angebot, empfand jedoch im ersten Moment einen gewissen inneren Widerstand.
Er dachte an Lenas Bruder, der berichtet hatte, dass niemand, der den Tempel je gefunden hatte, den Weg dorthin hätte preisgeben dürfen. Und diese Geheimhaltung müsste sich wohl auch auf die Inhalte der Lehren beziehen, anderenfalls hätte man doch bereits etwas darüber gelesen.
„Ihr Angebot ist sehr verlockend, doch muss ich es leider ausschlagen“, formulierte er höflich. „Ich weiß nicht, was mir in Nepal begegnen wird. Ich hoffe etwas“, er suchte die richtigen Worte, „etwas Wesentliches zu erleben. Doch gerade das Wesentliche geschieht immer, bevor etwas geäußert wird oder währenddessen auf einer ganz anderen Ebene. Und danach, wenn es mal geschehen ist, können Worte oft nur den flüchtigen Eindruck der Erinnerung wiedergeben“, formulierte er den oft gehegten Zweifel an seiner schriftstellerischen Fähigkeit. „Ich kann also nicht versprechen, ob ich nach meiner Rückkehr in der Lage sein werde, etwas Sinnvolles darüber zu schreiben. Und ehrlich gesagt glaube ich vor allem, es würde mir einfach zu viel Druck machen.“
„Klingt mir ein wenig nach Ausflucht“, erwiderte Reuter entspannt, „doch wie auch immer, versprechen Sie mir, es wenigstens zu versuchen.“ Sie legte ihre Hand auf seinen Arm, beugte sich vor und sagte eindringlich: „Sie müssen weiterschreiben, Paul. Alles andere wäre eine Schande bei so viel Talent.“
9
Carls Villa in Esch-Auweiler, einem nördlichen Stadtteil von Köln, nahe des Escher Sees, glich einem Herrenhaus und war mit ihren parkähnlichen Gärten und der ausgedehnten Südterrasse seit Generationen im Besitz der Familie Seyfried.
Carl hatte beschlossen, Pauls vierunddreißigsten Geburtstag Ende Januar als Anlass zu nehmen, um das Praxisteam zu einem Abendessen in sein Domizil einzuladen. Unterstützt von seiner treuen Haushälterin Mathilda lebte er vorwiegend allein in den mit Holz getäfelten weitläufigen Zimmern des ansehnlichen Hauses. Seine geliebte Frau war schon vor Jahren einem langen Krebsleiden erlegen und so nahm er jede Gelegenheit wahr, um den leeren Räumen durch die Einladung von Freunden Leben einzuhauchen.
Er selbst, Suzan, die Physiotherapeutin des Teams, deren Lebensgefährtin Annika, eine Quantenheilerin, und Nora, die systemische Beraterin, hatten sich im Vorfeld abgesprochen und sämtliche Informationen über Trekking in Nepal zusammengetragen. Sie wollten Paul mit allem beschenken, was er auf seiner Reise an nötigen Utensilien brauchen könnte. Die Erkundigungen bei zahlreichen Freunden und nepalerfahrenen Wanderern ergab vor allem eine Hauptregel: Reise mit leichtem Gepäck.
Was schließlich am Gabentisch übrigblieb, war ein leuchtend roter, gerade mal zur Hälfte gefüllter, Hightechrucksack. Bereits vor Pauls Ankunft hatten die Freunde das geräumige Speisezimmer mit einem glitzernden Spruchband und bunten, garantiert echt nepalesischen Gebetsfahnen aus einem Esoterikladen dekoriert. Den ovalen Esstisch zierten üppige Kerzenständer, Silberbesteck und Porzellanerbstücke aus Carls Familienbesitz.
Nora hatte den Wachdienst auf der Eingangsveranda übernommen und so wurde Paul beim Betreten des Hauses von einem aus voller Kehle Happy Birthday singenden Quartett mit Sprühkerzen in Händen förmlich erschlagen. Dass einzelne Töne entsetzlich schief gerieten, machte den Auftritt, der üblicherweise in großem Ernst versammelten Praxisgemeinschaft, umso liebenswerter und endete schließlich in ausgelassener Heiterkeit.
„Und das alles wegen einer Frau?“, fragte Nora zu fortgeschrittener Stunde schon mit leichtem Zungenschlag. „Wir sollten noch mal deine Urfamilie aufstellen.“
Das Festessen, zu dem Carl die besten Tropfen aus seinem Weinkeller aufgetischt hatte, lag bereits hinter ihnen. Nun saß die kleine Gruppe gemütlich im Salon vor dem offenen Kamin. Das knisternde Feuer verbreitete seine wohlige Atmosphäre und nahm der in die hohen Räume einziehenden Kälte die Schärfe.
„Natürlich“, entgegnete Paul nicht minder angeheitert, „ich reise knapp zehntausend Kilometer, kämpfe mich tagelang mit Sauerstoffmangel durch die unwirtlichste Region dieses Planeten, um dort schließlich, ganz zufällig, meiner Traumfrau in die Arme zu fallen.“
„Ach, wie romantisch“, meldete sich die sensible Annika zu Wort.
„Dabei hättest du das gar nicht nötig!“, warf Suzan schnippisch ein, „jede dritte Klientin, die dir im Flur begegnet, fragt mich danach, ob du noch zu haben bist.“
„Das hat uns immerhin eine Menge Klientinnen eingebracht“, brummte Carl lachend und wollte Paul Whisky nachschenken, der jedoch mit einer freundlichen Geste ablehnte.
„Kann mir jetzt bitte jemand erklären, wozu die Wäscheleine in meinem tollen neuen Rucksack gut ist?“, versuchte Paul das Thema zu wechseln.
„Natürlich“, antwortete Suzan todernst, „die dient dazu, deine Angebetete an die Leine zu nehmen, dass sie dir nicht wieder davonläuft. Hatten wir ja schon das eine oder andere Mal.“ Das schallende Gelächter wurde von Annika unterbrochen, die den Opfern ihrer geliebten Partnerin stets zu Hilfe eilte, sobald sie im angetrunkenen Zustand zu persönlich wurde.
„Also“, begann sie laut ausholend, erhob sich und brachte damit die Freunde zum Verstummen, „hier die Gebrauchsanleitung unserer, nach umfangreichen Recherchen akribisch ausgewählten Trekkingausrüstung: Rucksack und Wander-schuhe verstehen sich von selbst. Die Schuhe kannst du übrigens ganz unkompliziert umtauschen, falls sie nicht passen sollten. Wir haben vorsichtshalber die Rechnung aufbewahrt. Hinter der Flasche erstklassigem Single Malt, die natürlich Carl beigesteuert hat, verbirgt sich allerdings schon ein wertvoller Hinweis.“
„Nämlich der, dass du nicht vergisst, den einen oder anderen feuchtfröhlichen Abend einzustreuen“, unterbrach Carl ihren Redefluss.
„Lass sie das erzählen“, stellte sich jetzt Suzan ihrer Geliebten zur Seite.
„Schon gut, schon gut“, winkte Carl mit gespieltem Ernst ab. „Weiter in der Liste“, fuhr Annika fort, „der Whisky ist nicht so sehr für feuchtfröhliche Abende gedacht – sonst müsstest du ja auch den ganzen Rucksack mit Flaschen anfüllen, sondern vor allem zur täglichen Desinfizierung deiner Mageninhalte. Ohne Whisky überlebt unsereins Nepal angeblich nicht. Also morgens und abends einen kräftigen Schluck zur Mundund Magenspülung. Kann mir übrigens noch jemand Wein nachschenken? Man trocknet ja völlig aus, wenn man so viel reden muss.“
Carl ließ sich nicht zweimal bitten.
„Danke, großer Meister“, sagte Annika mit einer Verbeugung und fuhr nach einem ordentlichen Schluck fort.
„Jetzt also zur Wäscheleine: Als wichtigste Regel wurde uns aufgetragen, dir jedes überflüssige Gepäckstück auszureden. Und weil sonst der Rucksack bei den Strapazen des Aufstieges auf die Dächer dieser Welt einfach zu schwer wird, wirst du wohl oder übel nicht umhinkommen, deine spärliche Wäsche ab und an zu waschen. Da du aber deinen einzigen Slip am nächsten Tag wieder brauchen wirst, muss selbiger die Nacht auf der Leine verbringen. So einfach ist das.“
„Und ich darf nicht vielleicht zwei Slips mitnehmen?“, warf Paul amüsiert ein.
„Da hat er recht. Das müssen wir noch mal recherchieren.“, meinte Nora todernst.
„Sicher darf er zwei Slips mitnehmen“, schloss Suzan trocken an, „sonst hat er ja nichts zu wechseln, wenn das Höschen beim Liebesspiel feucht wird.“
Nun konnte sich auch Paul nicht mehr halten und verschüttete beinahe den letzten Schluck aus seinem Glas.
Annika drückte ihrer Gefährtin im allgemeinen Gelächter einen Kuss auf die Lippen und flüsterte für alle hörbar: „Ich geh gleich mit dir aufs Zimmer, wenn du so weitermachst.“
„Tut euch keinen Zwang an“, sagte Carl, „die Zimmer sind ohnedies für euch bereit, die Betten frisch bezogen und Mathilda ist so einiges gewohnt.“
„Aber zuvor muss ich die Liste noch abarbeiten“, entgegnete Annika, „ich bin schließlich noch nicht durch.“
„Aber mach’s kurz“, sagte Carl, der noch nüchtern genug war, um eine kleine Spitze anzubringen, „Deine Frau ist wieder mal ganz aus dem Höschen.“
„Jetzt ist aber gut“, unterbrach Nora die ausgelassene Stimmung, „schließlich feiern wir Pauls Geburtstag und sollten, wenn jemanden, dann vor allem ihn verwöhnen.“ Sie hatte schon lange ein Auge auf Paul geworfen, doch war dieser ihren dezenten Avancen stets charmant ausgewichen.
„Du hast völlig recht“, nahm Annika das Wort unter fortschreitendem Einfluss des Alkohols wieder auf, „also Paul, geliebter Paul, zum Abschluss noch zur Stirnlampe und den Batterieboxen: Die haben da einfach zu wenig Strom. In Nepal. Nicht nur hoch oben auf den Bergen, sondern überhaupt, im ganzen Land. Ja, so ist das“, sie schlug abschließend einen pathetischen Ton an, „und damit du uns unbeschadet erhalten bleibst, möge dieses Licht auf deiner Stirn dir stets deine steilen Wege erleuchten. So, habe fertig, danke.“ Unter Gelächter und Applaus sank sie sichtlich erschöpft in ihr antikes Polstermöbel.
10
Eingehüllt in Decken, mit Wintermänteln, Schals und Mützen bekleidet, standen Paul und Carl eine gute Stunde später auf der Südterrasse. Paul hatte sich noch zu einem letzten Schluck Whisky überreden lassen und auch zu einer Joya de Nicaragua, Carls Lieblingszigarre.
Die Nacht war klar und der Mond warf sein helles Licht auf den verschneiten Park, der sich weitläufig vor ihnen ausbreitete. Einzelne Skulpturen aus Schnee, geformt von den darunter gelegenen Hecken und Büschen, hoben sich in sanften Konturen glitzernd von der Ebene ab.
Die beiden Männer pafften ihre Zigarren und genossen die ersten Momente von Ruhe an diesem ausgelassenen Abend. Nach einer Weile unterbrach Carl die Stille:
„Deine Klienten sind alle informiert?“ Er wollte kurz auf die offenen Themen der Praxis zu sprechen kommen.
„Es sind nur eine Handvoll“, ging Paul darauf ein, „die du bitte während meiner Abwesenheit betreust. Einen Teil kann ich noch in den nächsten Tagen abschließen und bei den Verbleibenden eine Unterbrechung gut verantworten.“ Pauls Gedanken kreisten um die kommenden Wochen mit all den Vorbereitungen, die noch für die Reise zu treffen waren.
„Was genau ist es, das dich so dorthin zieht?“, fuhr Carl fort und ließ, ganz routinierter Therapeut, seinem Schützling lange Zeit für die Antwort.
„Es reicht nicht, Carl“, antwortete Paul schließlich. „Unser Bemühen dreht sich ständig darum, Störungen der Psyche zu beheben, die irgendwann lange zuvor entstanden sind. Wir versuchen etwas zu heilen, dessen Ursprung bisweilen Generationen zurückliegt oder der Kindheit, dem Elternhaus, der Schulzeit entstammt. Unsere Arbeit beginnt oft erst dann, wenn es manchmal bereits zu spät ist. Doch aus all unseren Erfahrungen und all dem Wissen können wir noch immer keine verlässlichen Regelwerke zur Verfügung stellen, die den Menschen dabei helfen, ihren psychischen Nöten vorzubeugen.“ Langsam erwachte sein Feuer. „Wir haben das Wichtigste vergessen, Carl. Man hat uns gepredigt von einem mächtigen Mann im Himmel und seinen Kindern auf Erden, die für ihn gekreuzigt, unterdrückt und vertrieben wurden. Man hat uns geschult im Handwerk des Schnürsenkelbindens, des Radfahrens und des Brotschneidens. Man hat uns unterrichtet in Mathematik, Physik und Biologie. Man hat uns gelehrt, Autos, Fernseher und Maschinen gigantischen Ausmaßes zu bedienen. Man hat uns obendrein die Zugangscodes zum gesammelten Wissen der Menschheit übergeben. Man hat uns veraltete Gebote und technisch wissenschaftliches Handwerk beigebracht.“ Er hielt einen Augenblick inne und fuhr sich über die Stirn. „Doch, Carl, niemand konnte uns zur rechten Zeit während der Jahre unseres Großwerdens lehren, wer wir in der Tiefe unseres Wesens in Wahrheit sind. Und wie wir unsere Gedanken, Gefühle und Körper führen oder bedienen müssen, um die vielen Anlagen, die in uns stecken, angemessen zu verwirklichen. Wir haben das menschliche Handwerk nicht erlernt und darum auch gar keine Chance, nicht irgendwann neurotisch, ängstlich, einsam, depressiv oder einfach nur traurig zu werden.
Wir sind Opfer unserer Herzen, die von Opfern ihrer Herzen geschult wurden.“
Der Mond war gerade hinter einer Nebelbank verschwunden und es war Paul, als würde er hinter den Schemen der plötzlichen Dunkelheit einmal mehr etwas Vertrautes erkennen. Tief aus seinem Inneren drang ein Lächeln hervor und zeigte sich als einzelne Träne, die ihm über die Wange lief. „Ich glaube, dass es bei all den bereits bekannten Ansätzen der psychospirituellen Bewusstseinssteuerung noch etwas mehr geben muss, etwas, das tiefer reicht, wesentlicher ist und sich auch von Kindern anwenden lässt. Und dieses Etwas muss grundlegend mit der Steuerung unserer Herzen und Körper, mit unserem ganzen Charakter zu tun haben.“ Er kam zum Ende. „Das, Carl, ist es, was mich zum Tempel zieht.“
Da er es vorzog, im eigenen Bett zu schlafen, ließ sich Paul von einem Taxi nach Hause fahren. Er konnte sich noch gar nicht vorstellen, wie er die vielen Monate in fremden, kargen Zimmern ohne den Schutz seiner vertrauten vier Wände würde überstehen können.
Zudem wollte er einen Morgen im Kreis der zwar liebenswerten, doch für ihn auch anstrengenden Frauengruppe vermeiden. So sehr der Abend ihn amüsiert und geehrt hatte, fühlte er sich besonders dem angriffigen Wesen von Suzan immer etwas zu hilflos ausgeliefert.
Als er, vor dem Badezimmerspiegel stehend, flüchtig sein Gesicht betrachtete, blieb er kurz in seinem Blick gefangen. Oft empfand er bei der Betrachtung seines Spiegelbilds keinerlei Regung, doch diesmal schienen ihm seine Augen, trotz des Alkohols und der späten Stunde, überraschend klar und leuchtend. Er stand etwas gebückt mit seitlich geneigtem Kopf, hatte schon Pyjama und Pantoffel übergestreift und verharrte so eine Weile.
Er stellte sich vor, wie Lena ihn ansehen würde. Seit Wochen waren die Gedanken nun plötzlich ganz bei ihr.
In seinen Augen im Spiegel sah er ihre Augen, als würde sie ihn durch ihn hindurch betrachten. Als würden die Augenpaare zu einem werden. Ich sehe dich, fiel ihm ein Satz aus einem seiner Lieblingsfilme ein. „Ich sehe dich“, sagte er leise zu seinem Spiegelbild.
Im selben Augenblick noch fand er sich schrecklich rührselig und tadelte seinen Hang zu romantischer Verklärung. Er wischte mit der Hand über den Spiegel, als wollte er ihn, unter dem nach einem heißen Bad beschlagenen Glas, wieder zum Vorschein bringen und stapfte ins Schlafzimmer mit den cremefarbenen Wänden und seinem gemütlichen Naturholzbett.
Er war zu müde, um noch zu lesen, und nachdem er das Licht ausgeschaltet hatte, fielen ihm schnell die Augen zu.
Sein letzter Gedanke in dieser Nacht war, dass er Lena wohl niemals wiedersehen würde – denn nach noch mal vier Monaten ohne Kontakt hätten sich ihre Lebenslinien gewiss zu weit voneinander fortbewegt.
11
Den Anweisungen seiner Kolleginnen folgend, hatte sich Paul für das Mindestmaß an Bekleidung und Ausrüstung entschieden. Am letzten Tag des Februars war er mit einem kleinen Trolley und seinem neuen, randvoll gepackten Rucksack mit dem Zug nach München gefahren. Für den ersten Teil seiner über zwanzig Stunden dauernden Flugreise über Abu Dhabi und Mumbai nach Kathmandu hatte er einen Fensterplatz im Oberdeck des mächtigen Airbus A380 reserviert.
Der Komfort in dem geräumigen Langstreckenflieger würde ihn allerdings nur bis Abu Dhabi umgeben, denn für die Weiterreise waren kleinere Maschinen im Einsatz.
Nun saß er in einem der bequemen Sitze und bestaunte die Vielzahl der Funktionen des Multimediamonitors in der Rückenlehne der Reihe vor ihm. Eine Stewardess mit arabischen Zügen servierte den im Service inkludierten Champagner. Ihm war zwar nicht nach Feiern zumute, doch hoffte er, damit seine immense Aufregung etwas dämpfen zu können.
Schon in den vergangenen Wochen hatte er immer häufiger ein laues Gefühl im Bauch verspürt, sobald seine Gedanken zum näher rückenden Aufbruch und den weiteren Etappen seines bevorstehenden Abenteuers geschweift waren. Mitunter hatte sich auch noch eine euphorische Stimmung zur nervösen Aufregung gemischt und dieser Hormoncocktail reichte nun in seiner Intensität gut und gern an jene des Vortrages in Österreich heran.
Er vermied es, an Lena zu denken, bestellte ein weiteres Glas Champagner bei der arabischen Schönheit und freute sich über ihr strahlendes Lächeln.
Nachdem er das Glas geleert und sich ohne Erfolg auf Ablenkung durch die unzähligen Kanäle des Bordfernsehen gezappt hatte, starrte er etwas verloren aus dem ovalen Fenster.
Die Wolkendecke unter ihm war eine geschlossene Hügellandschaft aus rosa angehauchter Zuckerwatte. Die Sonne, eben im Begriff hinter dem Watteland zu verschwinden, zauberte im Untergehen auch noch orange Schlieren auf den azurblauen Himmel. Die klischeehafte Romantik der Szenerie drang allerdings nicht bis zu Paul durch. Zu sehr war er mit Zweifeln und Ängsten beschäftigt, die er in den vergangenen Wochen mit Erfolg unterdrückt hatte.
Als wäre ich auf der Flucht vor etwas. Oder jemandem. Ist das Furcht oder Hoffnung, die mich antreibt? Spielt mir meine Psyche einfach einen Streich, lässt mich glauben, aufregenden neuen Erkenntnissen auf der Spur zu sein und verdeckt dabei doch nur die Angst davor, in Gefühlen von Unzulänglichkeit und Minderwert zu vergehen? Oder ist es das alles tatsächlich wert? Soviel Risiko für einen so kleinen Funken Hoffnung und Wahrscheinlichkeit.
Die Sonne war mittlerweile untergegangen und tiefe, undurchdringliche Schwärze hatte sich wie ein Meer ausgebreitet, auf dem das gewaltige Schiff des Flugkörpers sanft schaukelnd dahinsegelte.
Nach einem weiteren Glas Champagner ging es ihm langsam besser.
Gut, dass ich Alkohol nicht vertrage, dachte er angenehm erleichtert, wandte sich dem Bordfernseher zu und ließ sich in die bunte, tanzende Welt eines Bollywoodmusicals hineinziehen.
12
Beim Landeanflug auf Kathmandu stellte Paul zufrieden fest, wie schnell die vielen Stunden in den drei Maschinen, mit Aufenthalten zwischen den Anschlussflügen in Wartehallen und Duty-free-Arealen, letztlich vergangen waren. Die unzähligen Eindrücke von Menschen, Nationen, Farben und Gerüchen hatten die lange Reisezeit buchstäblich verfliegen lassen.
Durch das Fenster erspähte er an den Köpfen der Mitreisenden vorbei einen ersten Eindruck der Metropole. In den frühen Morgenstunden dehnte sie sich noch schlafend unter dem Flieger aus. Der Frühling hatte mit dichten Nebelschwaden bereits Einzug gehalten und die Tausenden teils verfallenen Backsteinbauten in rotbraunen Farbtönen ergaben ein Bild pittoresk verbrauchter Schönheit.
Nach der üblichen Schrecksekunde beim Aufsetzen der Maschine und dem anschließenden Applaus der Fluggäste war Paul zwar erschöpft, doch gut gelaunt und froh darüber, diese erste Etappe seines Abenteuers heil überstanden zu haben.
In der überschaubaren und schlichten Ankunftshalle des Airport wurde er wie vereinbart etwas abseits vor dem Kundenschalter einer bekannten Leihwagenagentur von Arjun erwartet.
Mit dem üblichen Namensschild in Händen und einem freundlichen Lachen auf dem Gesicht winkte sein Reiseführer ihm lebensfroh inmitten einer schnatternden Menge aus hoffnungsvoll Wartenden und erleichtert Angekommenen zu. Diesem gefühlsbetonten und geschwätzigen Austausch von Neuigkeiten unter der Bevölkerung sollte Paul in den kommenden Tagen noch oft begegnen.
Als er sich zu ihm durchgekämpft hatte, verneigte sich Arjun mit gefalteten Händen auf Höhe des Kopfes, sprach den landesüblichen Gruß Namaste und legte ihm einen bezaubernden Kranz aus orange- und rosafarbenen Blüten um den Hals. Paul kannte diesen Brauch nur aus Filmen und Berichten über Hawaii. Er bedankte sich erstaunt lächelnd und erwiderte etwas linkisch zum ersten Mal das für ihn respektvolle und anmutende Begrüßungsritual.
Die beiden waren einander auf Anhieb sympathisch. Paul war beeindruckt von Arjuns höflicher und zuvorkommender Art und konnte sich mit ihm fließend auf Englisch unterhalten. Arjun seinerseits war angenehm überrascht, in den kommenden Wochen einen so herzlichen und rücksichtsvollen Mann begleiten zu dürfen.
In einem völlig veralteten Lada Taiga wurden die beiden von einem älteren Freund Arjuns, dessen indische Züge von tiefen Falten gekerbt waren, ins Zentrum der Stadt gefahren. Auf den holprigen Einfahrtsstraßen hatte bereits dichter Frühverkehr eingesetzt.
Durch das Fenster stachen Paul die unzähligen Straßenkinder ins Auge. In kleinen Gruppen säumten sie munter lachend die schmalen Gehsteige und umlagerten die vor Ampeln zum Stillstand gekommenen Fahrzeuge mit Putzlappen und Touristennippes.
„Sie leben da“, erklärte Arjun, „und sind glücklich. Es wird Sie gewiss erstaunen, Mister Paul, aber man hat versucht, sie in einem breit angelegten Unterstützungsprogramm, an dem ich mich auch als Subkoordinator beteiligen durfte, in neu errichteten Heimen unterzubringen. Doch sie kehrten immer auf die Straßen zurück, fanden sich in den stets selben Gruppen ihrer Viertel zusammen und waren nicht davon zu überzeugen, sich helfen zu lassen. Sie empfanden unsere Bemühungen im Gegenteil als Bestrafung und brachen einfach aus. Irgendwann hat die Stadtregierung das Programm schließlich wieder eingestellt.“
„Ich hätte nicht erwartet, so viel Armut zu erleben“, entgegnete Paul sichtlich betroffen.
„Das Land hat sich noch nicht erholt von der Königsdiktatur vergangener Zeiten. Der Demokratisierungsprozess geht nur langsam vonstatten und das Kastenwesen ist nach wie vor unerbittlich darin, gesellschaftliche Hierarchien aufrechtzuerhalten. Den Armen und Mitgliedern der untersten Kasten stehen keine Bildung und so gut wie keine Aufstiegsmöglichkeiten zu.“ Er hielt kurz inne und blickte im Vorbeifahren gedankenverloren auf eine nicht weit von der Hauptstraße entfernte hinduistische Pagode. „Selbst meine eigene Frau, die aus einer niedereren Kaste stammt als ich, darf das Haus meines Vaters bis heute nicht betreten. Das ist traurig, doch es lässt sich nicht ändern.“ In fröhlicherem Ton fuhr er fort: „Aber lassen Sie uns jetzt über erfreulichere Themen reden. Ich habe Sie für die kommenden zwei Nächte in einem hübschen, kleinen Hotel direkt im Zentrum untergebracht. Für heute Abend darf ich mir erlauben, Sie in mein bescheidenes Heim zum Essen einzuladen. Meine Frau freut sich sehr darauf, die Bekanntschaft eines deutschen Psychologen und Buchautors zu machen. Sie liest viel, um die ihr teils vorenthaltene Schulbildung wettzumachen. Die Psyche der Menschen ist dabei so etwas wie ihr Steckenpferd. Außerdem“, kündete er mit schelmischen Augen verheißungsvoll an, „hat sie etwas über den Tempel, nach dem Sie mich gefragt hatten, in Erfahrung bringen können. Und ich habe dadurch vielleicht sogar eine Route für uns gefunden.“ Stolz und voll Freude trommelte er mit seinen Händen einen kleinen Wirbel auf das Armaturenbrett vor sich. Paul war mit einem Mal hellwach.
Nachdem Arjun jedoch keine Anstalten machte, mehr zu verraten, entschied er sich, bis zum Abend auszuhalten und den liebenswerten Nepalesen nicht mit weiteren Fragen zu bedrängen.
Das Zimmer in dem kleinen Hotel erwies sich für Pauls Begriffe viel mehr als heruntergekommen, denn als hübsch. Nach dem Durchqueren der letzten Innenstadtgassen mit ihren zahlreichen, verfallenen Häusern und Holzkonstrukten, die brüchige Balkone und Vordächer mehr schlecht als recht stützten, war ihm jedoch klar geworden, dass Arjun im vereinbarten Rahmen das Bestmögliche für ihn ausgewählt hatte. Die Zimmerpreise in den Touristenvierteln lagen im Vergleich zu den Vororten der Stadt unverschämt hoch. Immerhin boten sie den Mindeststandard an Hygiene sowie Badezimmer mit eigenen Toiletten und Duschen. Dennoch empfand Paul gleich beim Betreten des Raumes das düstere, durch löchrige Vorhänge fallende Licht, den abgetretenen Teppich und die mattroten, teils abgeschabten Tapeten als schlichtweg erdrückend. Er lehnte seinen Rucksack an eine Wand nahe dem Bett und zog die Vorhänge zurück. Der Ausblick auf einen Hinterhof aus braun verwaschenen Backsteinwänden trug ebenso wenig zu seiner Erheiterung bei. Er öffnete den Trolley, bewaffnete sich mit einem seiner Ersatzschuhe und machte sich auf die Suche nach den von Arjun beiläufig angekündigten Kakerlaken.
Zum Glück hielt das Zimmer, was an Hygiene versprochen war, und so konnte er nach einigen Minuten der Pirsch den Schuh beruhigt wieder an seinem Platz verstauen. Auch das frisch bezogene Bett mit Doppelpolstern erwies sich beim ersten Sitztest als überraschend komfortabel. Nachdem er sein Necessaire ins Bad getragen und die wenigen Bekleidungsstücke für die ersten Tage in der Stadt im schlichten Holzschrank verstaut hatte, positionierte er das Shaligrama behutsam auf dem Nachtkästchen. Er zog die Vorhänge wieder zu, legte sich aufs Bett und schlief, noch während er Zweifel daran hegte, ob er sich würde entspannen können, verblüffend schnell ein.
Als er erwachte, war das Zimmer in völlige Dunkelheit getaucht. Noch im Halbschlaf schreckte er verwirrt hoch und suchte orientierungslos nach einem Lichtschalter, den er schließlich neben dem Bett ertastete. Auch nach mehrmaligem Betätigen ließ sich das Licht jedoch nicht einschalten. Er tappte zum Fenster, öffnete abermals die Vorhänge und konnte so zumindest durch das spärlich einfallende Abendlicht die Tageszeit sowie die Umrisse der Möbel in seinem Zimmer erahnen. Plötzlich ging das Licht an und Paul erschrak ob der plötzlich einsetzenden Helligkeit, die eine große Deckenleuchte im Raum verströmte.
Es klopfte an der Zimmertür und er vernahm Arjuns Stimme, der seinen Namen rief.
Erst da wurde ihm bewusst, dass er noch immer seine Reisebekleidung trug. Er fuhr sich verstört durch die Haare, bemühte sich, den Schlaf aus den Augen zu reiben, und ging zur Tür. Arjun stand lachend davor, deutete auf seine Armbanduhr und sagte gelassen: „Wir waren vor einer halben Stunde an der Rezeption verabredet.“
13
„Das muss Sie nicht verwundern“, erklärte Arjun bei der Fahrt im verbeulten Fiat zu seiner Wohnung in einen der Zwischenbezirke. „Das Licht fällt regelmäßig aus. Wie auch überhaupt alles, was am Stromnetz hängt. Wir können in Nepal einfach nicht genug Strom produzieren. Also hat die Regierung beschlossen, statt die Energie nur wenigen Menschen durchgehend zur Verfügung zu stellen, sie allen zukommen zu lassen, dafür aber nur die halbe Zeit. Es ist also ratsam, sich mit einer guten Taschenlampe auszustatten. Wenn Sie wollen, können wir noch in der Agentur vorbeifahren, dort sind einige für die Touren gelagert.“
„Danke“, erwiderte Paul lächelnd und musste an den Abend bei Carl denken, „aber ich bin eigentlich ganz gut ausgerüstet. Man hat mich vor meiner Abreise nicht nur mit unzähligen Ratschlägen, sondern auch mit unentbehrlichen Utensilien versorgt.“ Er grinste. „Darunter befinden sich auch eine ultramoderne Stirnlampe und mindestens hundert Batterien.“ „Das ist perfekt“, entgegnete Arjun entspannt, „die werden Sie bestimmt auch brauchen. Denn spätestens über viertausend Meter gibt es so gut wie gar keinen Strom mehr.“
Manisha, Arjuns junge Frau, empfing die beiden an der Wohnungstür. In einen orangeroten Sari gekleidet, der den dunklen Teint ihrer Haut bezaubernd umrahmte, kam sie der Umarmung ihres Mannes entgegen. Die Natürlichkeit ihrer Bewegungen unterstrich ihr herzliches Wesen. Auf der Stirn trug sie einen Bindi, den mit Pulverfarbe aufgemalten Segenspunkt, der das dritte Auge symbolisiert und als Zeichen der verheirateten Hindufrau gilt.
Als sie so neben ihrem Mann stand, empfand Paul die beiden als perfektes Paar. Mit einem Lächeln verbeugte sie sich im üblichen Ritual vor Paul und geleitete ihn höflich in den schlicht eingerichteten, überschaubaren Wohnraum, der zugleich als Esszimmer diente.
Sie hatte ein köstliches Abendessen aus Lammfleisch und Gemüse zubereitet, das mit Koriander, Nelken, Ingwer und zerlassener Yakbutter gewürzt war. Dal Bhat, das nepalesische Nationalgericht aus Linsen und Reis, durfte an Pauls erstem Abend natürlich auch nicht fehlen.
Aus reicher Erfahrung mit seinen Klienten servierte Arjun vorsichtshalber einen Whisky als Aperitif.
„Ich weiß schon, wie empfindlich mitteleuropäische Mägen sind und wir wollen doch den Beginn unserer Tour nicht unnötig verzögern“, bemerkte er schmunzelnd.
Nach dem Essen, bei dem sich das Gespräch vorwiegend um allgemeine Fragen zu Pauls Anreise sowie um das Leben in Köln und Nepal drehte, erkundigte sich Manisha schließlich vorsichtig nach seinem Plan, die Tempelschule zu suchen. Paul, der auf einen solchen Anstoß gehofft hatte, erklärte seine Absichten, erwähnte auch den Shaligram Shila und erzählte von Lenas Bruder und dessen Erlebnis.
„In meiner Frauengruppe – wir kümmern uns um die Ausgestoßenen, die Ärmsten der Armen aus den untersten Kasten“, begann Manisha in erstaunlich gutem Englisch, das sie via Fernkurs erlernt hatte, „gibt es eine Krankenschwester, deren Mutter angeblich vor vielen Jahren als eine der Meisterinnen in der Schule unterrichtet hat. Diese Frau soll für über ein Jahrhundert die einzige nepalesische Lehrerin gewesen sein, der jemals diese Ehre zuteil wurde. Wie Schwester Ramchandra mir berichten konnte, werden der Ort und das heilige Wissen der Schule noch immer behütet. Einer alten Prophezeiung nach bricht die Zeit für das Bekanntwerden der Lehren in der menschlichen Gesellschaft erst in diesem Jahrzehnt an.“ Sie stockte und fragte schüchtern: „Ich weiß nicht, erkläre ich das verständlich?“
„Durchaus, ja, erzählen Sie nur weiter bitte“, ermunterte sie Paul aufgeregt und berührt von ihrem scheuen, doch so ehrlichen Wesen.
„So viel mehr weiß ich leider gar nicht. Auch Ramchandras Mutter war zur Geheimhaltung verpflichtet und hat bis zu dem Zeitpunkt, da sie sich für immer in die Berge zurückzog, niemals den Standort des Tempels preisgegeben. Ramchandra hat ihre Mutter seit über einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen und konnte mir nur die wenigen Anhaltspunkte geben, die ihr selbst in Erinnerung geblieben waren. Ihre Mutter hatte sie nämlich in der Kindheit das eine oder andere Mal zum Tempel mitgenommen. Das liegt jetzt allerdings schon beinahe dreißig Jahre zurück. Arjun hat sich dann aber mit Ramchandra getroffen.“ Sie blickte ihren Mann auffordernd an, das Gespräch zu übernehmen.
„Und ich habe aus ihren Schilderungen“, nahm dieser den Faden bereitwillig auf, „eine mögliche Route Richtung Annapurna bestimmen können, der wir – sofern Sie, lieber Paul, weiterhin darauf bestehen – folgen werden.“
Paul war euphorisch. Manishas Bericht erbrachte den ersten, stichhaltigen Beweis für die Existenz des Tempels.
„Jetzt bin ich natürlich umso entschlossener, ihn zu finden“, entgegnete er und blickte die beiden hoffnungsvoll an.
„Dann soll es so sein“, schloss Arjun lächelnd, „übermorgen brechen wir auf.“
Nach einem weiteren gut dreiviertelstündigen Stromausfall, währenddem seine Gastgeber zahlreiche Kerzen im Zimmer entzündet hatten, begann Manisha mit ersten vorsichtigen Fragen zu Pauls Arbeit und freute sich, wie bereitwillig und gern er Auskunft darüber gab. Sie fasste sich ein Herz und fragte schließlich nach allem, wovon sie sich insgeheim vorgenommen hatte, es in Erfahrung zu bringen. Paul freute sich über ihr Interesse und so drehte sich das folgende Gespräch – in dem Manisha auch zusehends mehr von ihrer Familie und ihrem Engagement in der Fraueninitiative preisgab – hauptsächlich um Pauls psychologische Studien. Auch die universitäre Ausbildung in Deutschland wurde angesprochen. Manisha blickte ihn an dieser Stelle mit großen Augen an. Sie hatte zwar bereits davon gehört, dass sie allen Frauen und Männern, gleich welcher sozialen Schicht, frei zugänglich war, doch hatte sie das bislang nicht glauben können.
Ob die Möglichkeit bestünde, vielleicht auch sein Werk irgendwann lesen zu dürfen, konnte Paul allerdings nicht beantworten. Seine Verlegerin hatte sich zu diesem Punkt bislang eher zurückhaltend geäußert. Vielleicht würde sie der Erfolg des Buches ja davon überzeugen, doch eine Übersetzung ins Englische in die Wege zu leiten.
Paul versprach jedenfalls fest, sollte es tatsächlich dazu kommen, Manisha ein Exemplar mit persönlicher Widmung zu schicken.
Eine Stunde vor Mitternacht unterbrach Arjun liebevoll den Redefluss seiner Frau, da die Zeit gekommen war, Paul noch auf das Dach des Wohnhauses zu entführen.
„Kommen Sie nur, mein Freund“, kündigte er verheißungsvoll an, während sie die Treppen zum obersten Geschoss hochstiegen. „Heute ist die erste, klare Frühlingsnacht in unserem Tal und die Chancen stehen nicht schlecht, ein seltenes Schauspiel zu erleben.“
Am Flachdach des fünfstöckigen Wohnhauses angekommen konnte Paul seinen Augen kaum trauen. Über Hunderten von Dächern schwebten zart beleuchtete Flugdrachen und boten ein tänzelndes, buntes Lichterspiel, das die darunter funkelnd erleuchtete Metropole spiegelte. Nach einer Weile, in der Arjun seine Frau umarmt hielt und die drei schweigend die Szenerie betrachteten, erklärte er: „Dieser Brauch gehört eigentlich zu einem unserer großen Feste, dem Dashain, das üblicherweise im Oktober stattfindet. Dabei wird fünfzehn Tage lang der Sieg des Guten über das Böse gefeiert. Vor wenigen Jahren hat jemand damit begonnen, die Drachen auch in der ersten, warmen Frühlingsnacht steigen zu lassen, und andere haben es ihm gleichgetan. Es gibt uns das Gefühl, über den Dächern unseres beengten Alltags ein kleines Stück mehr an Freiheit zu erhaschen.
Und es ist nie ganz sicher, welche Nacht es tatsächlich sein wird. Sie haben großes Glück, mein Freund“, er sah Paul mit schmalen Augen lächelnd, verschmitzt an, „und ich denke, die Zeichen deuten darauf hin, dass unser Abenteuer unter einem guten Stern steht.“
14
Als Paul eine Stunde später sein Zimmer betrat, brachen jedoch unversehens wieder Zweifel und Furcht über ihn herein.
So sehr ihn der Abend berührt hatte und es ihm schien, als wäre er bei alten Freunden zu Besuch gewesen, erschreckten ihn jetzt, umgeben von der kargen, farblosen Einrichtung, die vielen fremden Geräusche, Gerüche und das Fehlen jeglicher Vertrautheit.
Diese Kultur war in ausnahmslos jedem Detail so ganz anders als alles, was er zuvor erlebt hatte. Seine Sinne waren überflutet von Tausenden kleinen Eindrücken, die sich nicht einordnen ließen. Was übrig blieb, war ein Gefühl der Ohnmacht und Einsamkeit.
Am liebsten hätte er seine Sachen gepackt, ein Taxi gerufen, sich zum Flughafen aufgemacht und die nächste Maschine Richtung Heimat genommen.
Er setzte sich vornübergebeugt auf die Bettkante und stürzte sein Gesicht in die Hände. An der Grenze zur Verzweiflung erstarrte er förmlich.
Zwischen den Fingern fiel sein Blick auf den Shila, dessen goldener Einschluss gerade von einem Lichtstrahl, der durch eines der Vorhanglöcher ins Zimmer drang, hell erleuchtet schimmerte.
Er hob erstaunt den Kopf und verharrte so einige Augenblicke in die Betrachtung des Steines versunken.
Erst wenn objektiv sinnvolle Entscheidungen durch Synchronizitäten bestätigt werden, erweist sich ein Lebensweg als der richtige.
Der kleine Lichtstrahl reichte aus, um Paul tief zu berühren. Er dachte an Manishas Bericht und erinnerte sich an das Bild, das er vor sich sah, als sie von der alten nepalesischen Meisterin erzählte.
Bei dem Gedanken an die, in seiner Vorstellung, erleuchtete Gestalt hellte sich seine Stimmung plötzlich auf. Als würde der Lichtstrahl, der auf den Shila traf, bis in sein Herz reichen, ging mit einem Mal eine Leichtigkeit von seiner Mitte aus, die er sich nicht erklären konnte.
Eine Träne lief über seine Wange. Er wischte sich über die Augen, erhob sich und stand für eine Weile völlig aufrecht da. Der leichte Zustand breitete sich in seinem ganzen Körper aus.
Er fühlte nichts Bestimmtes und war doch zugleich von einer liebevollen Klarheit durchflutet, die ihm jede Furcht nahm und ihn sanft, wie von Flügeln umarmt, aus sich selbst heraus behütet trug. Etwas Ähnliches hatte er nie zuvor erlebt. Er hielt einfach still und genoss den Zustand.
Auch später noch, nachdem er sein Gewand abgestreift, die Zähne mit Mineralwasser geputzt und den Mund mit Whisky gespült hatte, hielt die Ruhe in seinem Inneren an.
Er kroch unter die Bettdecke und schlief bald darauf frei von Zweifeln friedlich ein.
15
Am darauffolgenden Tag zogen die fremden Eindrücke der über siebenhunderttausend Einwohner zählenden Metropole an Paul vorbei.
An der Seite von Arjun besuchte er Swayambhunath, den großen Tempelkomplex im westlichen Stadtteil, der zugleich eine buddhistische und hinduistische Heiligenstätte war. Auf einem Hügel gelegen, galt die Anlage als eines der ältesten religiösen Bauwerke der Welt. Das Alter der inneren Heiligtümer, im besonderen der Stupa, die mit ihren zwei Türmen von nahezu ganz Kathmandu aus zu sehen war, wurde auf über zweieinhalbtausend Jahre geschätzt.
Bevor Paul jedoch die Treppe zum Tempel emporstieg, die, wie Arjun ihm erklärte, ebenso viele Stufen wie ein Jahr Tage hatte, bewunderte er an ihrem Fuße auf einer Steinplatte die Fußabdrücke Buddhas.
Im Inneren des Tempels traf er auf Hunderte Gläubige, die in traditionellen Ritualen mit monotonem Gesang im Gebet versunken ihre Religion praktizierten. Die Verankerung der Bevölkerung mit ihrem Glauben schien Paul auf geradezu beängstigende Weise intakt. Schrieb er doch jeder Form der Abhängigkeit von religiöser Verklärung eine proportional entgegengesetzte Entwicklung des individuellen Bewusstseins und der Eigenverantwortung zu. Während seines weiteren, ausgedehnten Rundgangs durch die Anlage verschenkte Paul zahllose Ein-Dollar-Scheine an völlig verarmte Ausgestoßene, die ihn immer wieder um Almosen bettelnd umlagerten.
Nicht minder staunte er über die vielen Affen, die den Touristen verspielt und frech ihre Lunchpakete stahlen. Aufgrund der großen Population der drolligen Säugetiere war der Anlage auch der Beiname Affentempel verliehen worden.
Am Rückweg ins Stadtzentrum erlebte Paul am Ufer des Bagmati, einem Fluss, der durch die Stadt dem Ganges zuströmte, eine weitere Szene des ihm so fremden gesellschaftlichen Kodex: die öffentliche Beisetzung eines Verstorbenen. Von Angehörigen auf einen flachen, rechteckigen Scheiterhaufen gebettet und mit nassem Stroh bedeckt, wurde der Körper unter den Blicken zahlreicher Schaulustiger verbrannt. Danach wurde seine Asche in den Fluss gekehrt.
Wenige fünfzig Meter flussaufwärts badeten ausgelassene Kinder mit Bällen spielend im selben Wasser und Frauen in bunten Saris wuschen ihre Wäsche darin.
Paul enthielt sich jeder Beurteilung des Erlebten, hätte er doch gleich welche Form der Einschätzung als anmaßend und fehl am Platz empfunden.
Am frühen Nachmittag ließ ihn Arjun eine Weile in einem der Straßencafés warten, um mit Pauls Reisepass von den zuständigen Ämtern noch die letzten Genehmigungen für die Weiterreise ins Landesinnere einzuholen.
Wie im Flug verging die Stunde mit der Beobachtung einzelner Männer- und Frauengruppen, die in den angrenzenden Cafés unter steter Trennung der Geschlechter wild miteinander diskutierten oder entspannt erzählten, aßen, tranken und lachten. Später am Tag schlängelte er sich, wieder begleitet von Arjun, durch den von lärmenden Touristen und Einheimischen völlig überlaufenen Bazar. Paul fand sogar einen Stand, an dem Shilas verkauft wurden, bekam jedoch keinen mit gold-gelbem Filament zu Gesicht.
Da er sich vorgenommen hatte, die Eindrücke seiner Reise in Notizform festzuhalten, erstand er ein kleines in Leder gebundenes, mit Prägedruck verziertes Büchlein.
Gegen Abend aßen die beiden Männer dann in einem Restaurant, das für seine nepalesischen Spezialitäten bekannt war. Der vielen ausländischen Gäste wegen, waren die Speisen, wie Arjun beschwor, schonend zubereitet.
Den abschließenden Drink nahmen sie in einem der zahlreichen Internetcafés zu sich. Nebenher verschickte Paul eine kurze Mail an seinen Vater auf La Gomera und auch an Carl. Zuvor musste er sich allerdings etwas gedulden, da der Strom bald nach dem Betreten des Cafés wieder ausgefallen und das zugehörige Notaggregat defekt war.
Die Mail an seinen Vater löste unerwartet Traurigkeit aus. Sein alter Herr schien ihm plötzlich viel zu fern und die Zeit, die ihm blieb, um das eine oder andere Gespräch zu führen, bedenklich kurz.
In den letzten Jahren war Carl ihm zum zweiten Vater geworden. Auch wenn beiden bewusst war, dass es sich dabei um eine klassische Übertragung handelte, minderte das nicht die Qualität ihrer innigen Beziehung.
„Das hat Kathmandu so an sich“, unterbrach Arjun, der geduldig gewartet hatte, feinfühlig seine Gedanken. „So viel geballte spirituelle Kultur wühlt einen mitunter auf. Kommen Sie, wir trinken ein Glas heißen Roksi. Der wärmt die Seele.“ Gern ließ Paul sich dazu überreden, den nach verdünntem Korn schmeckenden Schnaps zu probieren, und tatsächlich gingen ihm die Zeilen seiner Mails danach leichter von der Hand.
Kurz nach zehn Uhr abends saß er schließlich mit angezogenen Beinen und der Stirnlampe am Kopf auf dem Bett. Mit den ersten Notizen über die vergangenen Tage wollte er noch sein neues Schreibbuch einweihen.
Er hatte Carls Rat, den einen oder anderen feuchtfröhlichen Abend zu verbringen, nicht vergessen. Und da er nun schon vorgebaut hatte, beschloss er, noch etwas mehr zu trinken und sich direkt aus der Whiskyflasche, die auf dem Nachtkästchen neben dem Bett ihren Platz gefunden hatte, den einen oder anderen weiteren Schluck zu genehmigen.
Zudem hielt er diesen Akt, um etwaig noch anstehenden seelischen Nöten vorzubeugen, für dringend angebracht.
16
Das ehemals helle Blau des völlig veralteten Toyota Überlandbusses aus den Siebzigerjahren war von Dellen und Roststellen übersät. Er war bis zum Bersten mit Menschen und Gepäckstücken gefüllt.
Paul und Arjun hatten im Fond des Busses noch zwei Plätze ergattert. Dicht aneinander gedrängt saßen sie nun auf abgenützten Plastiksitzen an einem der Fenster.
Schon nach wenigen Kilometern stadtauswärts empfand Paul, noch etwas geplagt von den Auswirkungen der Schnäpse, die Geräuschkulisse als unerträglich. Heftig aufeinander einredende Einheimische, aufgeregtes Geschrei von Kindern, Hupen und Motorengeräusche des enormen Verkehrsaufkommens und die alles überlagernden Soundeffekte eines Martial-Arts-Movies, das via Monitor über dem Kopf des Fahrers ausgestrahlt wurde, ergaben eine geradezu infernalische Symphonie.
Zudem schien ihm der dichte Straßenverkehr auf der holprigen Überlandstraße ohne geordnete Verkehrsregelung auskommen zu müssen. Immer wieder staunte er über abrupte Bremsmanöver und die darauf durch offene Fenster folgenden heftigen Diskussionen der Fahrer. An den Straßenrändern sah er scheinbar wahllos abgestellte Fahrzeuge, neben denen Männern in Gruppen rauchend ihre Schwätzchen hielten. Zusteigende Mütter gaben ihre Babys unbekümmert an Fremde weiter, währenddessen sie ihr Gepäck verstauten. Oft fanden die Kleinen, nachdem sie durch den halben Bus gereicht wurden, erst wieder etliche Minuten später den Weg über fremde Hände zurück zu ihren Müttern.
Der Lärmpegel war ohrenbetäubend, an Schlaf nicht zu denken und es war Paul ein Rätsel, wie er die, von Arjun angekündigten, neun Stunden Busfahrt überstehen sollte.
Immer wieder blieben seine Blicke an Alltagsszenarien und beeindruckenden Landschaften hängen, die vor den Fenstern vorbeizogen.
Die Armut der Bevölkerung stach allerorts ins Auge. Kärgliche Behausungen, wahllos in unregelmäßigen Abständen, aus Wellblech und Lehmziegeln an die Straße gestellt, waren meist an der Front unverbaut und gaben den Blick auf wenige Quadratmeter Innenraum frei. Mehrere Schlafplätze, Erdkuhlen, die als Abort dienten, und daneben gelegene Feuerstellen, auf denen gekocht wurde, reihten sich eng aneinander.
Ging die Fahrt durch kleinere Dörfer, wechselte die Szenerie und wurde wieder lebendig und übervölkert. Die bunten Saris der Frauen bestimmten dabei mit ihren teils grellen Farben das Bild.
Je länger die Fahrt andauerte, desto häufiger wand sich die Straße üppig bewachsene Steilhänge entlang.
Die Schluchten, oft hart an den Straßenseiten abfallend, waren von beschaulichen Bächen und Flüssen durchzogen, die sich durchs Land schlängelten.
Mit völlig verschwitztem Oberhemd vermischten sich im Lauf der Zeit Eindrücke, Farben und Gerüche in Pauls Wahrnehmung und ergaben einen Flickenteppich, der ihn mehr und mehr wie ein klebriger Mantel umhüllte.
Vier Stunden später war wider Erwarten alles, was ihn zuvor so schreiend bedrängt hatte, zur gewohnten Monotonie geworden und er döste zunehmend abgestumpft vor sich hin.
Zwischendurch fielen ihm sogar die Augen zu und nach einer weiteren Stunde übermannte ihn schließlich tiefer Schlaf.
An ihrem Zielort angekommen, musste Arjun ihn sogar etwas unsanft wecken.
Paul schreckte desorientiert auf, wehrte sich kurz, entschuldigte sich aber gleich, als er realisierte, wo er sich befand und dass alles seine Ordnung hatte.
Der Bus war zum Stillstand gekommen, die Fahrgäste stiegen aus und nachdem Paul seine Füße auf festen Grund gesetzt hatte, bestaunte er überwältigt die entfernt aufragenden schneebedeckten Giganten. Ihre Gipfel waren vom untergehenden Sonnenlicht in zartes Orange getaucht und hoben sich mit scharfen Konturen vom indigoblauen Abendhimmel ab.
Das Dorf Banglung am Unterlauf des Kali Gandaki unterschied sich nicht wesentlich von den Außenbezirken Kathmandus, wie sie Paul bei seiner Fahrt vom Flughafen ins Zentrum erlebt hatte.
Einfache Steinhäuser mit verwitterten Holzaufbauten reihten sich an einer einzigen Straße entlang aneinander. Verwaschene Farben, verfallene Mauerwerke, trockene Schotterwege und schiefe Holzbalken, die überall als Stützen eingesetzt waren, zeichneten dasselbe Bild verbrauchten Reizes.
Über den Köpfen der Passanten warfen bunt gemischte Reklametafeln ihr flackerndes Licht auf die schmalen Gehsteige.
Männergruppen unterhielten sich in Straßencafés, Frauengruppen schlenderten mit ihren Kindern an den Händen die Straße entlang, Touristen feilschten an den wenigen Verkaufsständen, um alles, was sie für ihre bevorstehenden Trekkingtouren noch auf Vorrat besorgen mussten.
Überall traf man auf Lastenträger, sogenannte Porters, die ihre schweren, randvoll gefüllten Tragesäcke mit angespannten Nacken durch einen Gurt, der über die Stirn führte, auf dem Rücken des Weges schleppten.
Am Rand des Dorfes, direkt am Eingang des Gandakitales, hatte Arjun die Zimmer für die Nacht reserviert.
Die Herzlichkeit der Bevölkerung erstaunte Paul einmal mehr, als er die schlichte Behausung betrat und mit Ingwertee, Hefegebäck und offenem Lachen in faltigen Gesichtern begrüßt wurde.
Das Nachtmahl bestand aus einem Reisgericht mit frischem Gemüse und einfachem Fladenbrot, einer Kost, mit der er sich in den kommenden Wochen würde vorwiegend begnügen müssen.
Auf der Pritsche sitzend, in einer mit modrigem Holz der Tränenkiefer vertäfelten engen Kammer, schloss Paul den Tag mit einem Eintrag in sein Büchlein.
Er hatte beschlossen, sowohl die paar Zeilen als auch den Schluck Whisky vor dem Einschlafen als kleines, allabendliches Ritual einzuführen.
17
„Guten Morgen, mein Freund!“ Arjun strahlte mit einer Energie, die Paul nicht annähernd imstande war aufzubringen. Er fühlte sich im Gegenteil, als hätte er nur wenige Stunden Schlaf hinter sich. Nachdem der den kleinen Speiseraum betreten und einen Blick auf den uralten Klingelwecker am Fenstersims geworfen hatte, stellte er überrascht fest, dass er damit auch richtig lag.
„Es ist fünf Uhr am Morgen!“, rief er Arjun in gespielt vorwurfsvollem Ton über den Frühstückstisch hinweg zu. „Warum hast du mich geweckt? Was, um alles in der Welt, wollen wir so früh?“
„Wir wollen uns auf den Weg machen, mein Freund. Es gibt nichts Schöneres auf dieser Welt als Sonnenaufgänge im Himalaya. Das willst du doch nicht verpassen?“
„Es hätte nicht unbedingt gleich der erste sein müssen.“ Er blickte zum kleinen Holzfenster auf der anderen Seite des Raumes, bückte sich vor und sah voll Staunen durch die verschlierte Glasscheibe, wie das erste, geradezu magische Licht des Tages die Berghänge überströmte. „Andererseits muss ich dir recht geben. Das ist wirklich atemberaubend.“
„Und das ist noch gar nichts gegen das, was dich in den kommenden Tagen erwartet. Glaub mir, das wirst du dein Leben lang nicht vergessen.“ Er lachte fröhlich und war sich nicht annähernd bewusst, wie sehr er damit recht behalten sollte.
In Absprache mit Arjun hatte Paul auf einen Porter verzichtet. Den kleinen Trolley mit den zusätzlichen Reiseutensilien hatte er in Arjuns Wohnung unterbringen dürfen und so blieb ihm für die Tour nur der rote Trekkingrucksack. Er traute sich zu, die mäßige Last auf seinen Schultern auch in steilem Gelände und nach mehreren Tagen selbst tragen zu können.
Für die Verpflegung des Zwei-Mann-Teams wäre in Dörfern und Lodges auf der Route, die vor ihnen lag, ohnehin gesorgt. Paul hoffte, sollte er den Tempel tatsächlich finden, auch dort mit wenigen Utensilien das Auslangen zu finden. So bestand ihr Gepäck, neben den nötigsten Bekleidungsstücken wie Unterwäsche, Shirts, Pullovern, wetterfesten Überhosen und Anoraks sowie einer weiteren Flasche Whisky, vorwiegend aus Wasserflaschen und Batterien. Paul hatte sogar drei Slips dabei.
Während der ersten Etappe ihrer Wanderung wurden die beiden vom satten Grün der subtropischen Landschaft und weitläufig angelegten Reisterrassen umgeben. Die anhaltende Stille, die sie schon kurz nach dem Verlassen des Dorfes einhüllte, wurde nur vom Tosen zahlreicher Wasserfälle unterbrochen, die sich über schroffes Gestein wild rauschend in die Tiefe ergossen.
Paul empfand inmitten dieses Wechselspiels aus beschaulicher Einkehr und lebendiger Natur zum ersten Mal in dem fremden Land das Gefühl, angekommen zu sein.
Mit ruhigen Schritten marschierten die beiden vor sich hin und ließen zahlreiche andere Wanderer an sich vorbeiziehen.
„Die holen wir alle noch ein“, erklärte Arjun, „spätestens über viertausend Metern geht ihnen nämlich im wahrsten Sinn des Wortes die Luft aus.“ Er lächelte verschmitzt und ergänzte: „Außerdem müssen wir uns an die Höhe langsam gewöhnen.
Das wird uns am besten vor der Schwindelkrankheit schützen. Alles maßvoll, Schritt für Schritt und Atemzug für Atemzug.“
Der Weg wand sich das ausgedehnte Flussufer entlang. Bergauf und bergab folgte Paul seinem schon zum Freund gewordenen Trekkingführer an Eichenwäldern und Farndschungeln vorbei über unendlich scheinende Ebenen wie auch durch Gärten knorrig verwunschener Baumgruppen.
Arjun hatte Ramchandras Bericht einige Anhaltspunkte entnehmen können, die ihre Route zumindest bis zu einer gewissen Region vorzeichnete.
Die nahezu hundert Kilometer lange Wegstrecke würde sie Richtung Thorong La führen, dem höchsten, dauerhaft begangenen Pass der Welt mitten im Annapurna-Massiv. Den Pass selbst würden sie jedoch nicht überqueren, da sie einige Kilometer davor Richtung Tilicho Lake, einem ebenso hochgelegenen Bergsee, abzweigen müssten. Nach einer weiteren Wegstrecke über den See hinaus wären sie dann allerdings bei ihrer Suche auf sich allein gestellt, weil ab dieser Zone Ramchandras Erinnerung ausgesetzt hatte. Sie wusste nur noch zu berichten, dass ihre Mutter sie in diesem, schon gut viereinhalbtausend Meter hoch gelegenen Areal stets in ein festes Tuch gewickelt auf ihren Schultern weitergetragen hätte. Dabei wäre sie immer in tiefen Schlaf gefallen und hätte in keiner Weise mehr abschätzen können, welche Richtung ihre Mutter danach für wie lange eingeschlagen hätte.
Arjun stellte, sofern alles im Rahmen des Erwarteten verlaufen würde, für den Aufstieg bis zu diesem Punkt eine Dauer von acht Tagen in Aussicht.
Zur dritten Nacht ihrer Tour wurden die beiden in einer Lodge direkt am Fluss willkommen geheißen. Gleich nach der Ankunft musste sich Paul eine gute Stunde in dem üblichen, schlichten Zimmer ausruhen und empfand die engen Wände, nach der mitunter beängstigenden Weite der Landschaft, als beschützend und heimelig. Durchs Fenster war das Rauschen eines nahen Wasserfalles zu hören.
Noch vor dem Abendessen stieg er über Geröll einige Meter zum steinigen Flussbett hinab. Nach bereits gut vierzig Kilometern Wanderung an diesen ersten Tagen schmerzten seine Achillessehnen bei jedem Schritt und er entschied sich am flachen Ufer zu einigen Dehnungsübungen. Der angeschwemmte gräuliche Bergsand bildete eine kleine Düne und nach wenigen Versuchen, seine gespannten Unterschenkel zu dehnen, um die Sehnen zu entlasten, spürte er unter seinem linken Fuß einen harten Widerstand. Er bückte sich, wischte den Sand beiseite und traute seinen Augen kaum, als darunter ein Shaligram Shila zum Vorschein kam, der seinem eigenen bis hin zur goldgelben Farbe aufs Auge glich.
Zufälle, dachte er lächelnd und blickte in Richtung des Wasserfalles, der die letzten durch das Tal fallenden Sonnenstrahlen in hellen Regenbogenfarben versprühte. Er nahm den Stein behutsam an sich und fuhr mit seinen Übungen fort.
Arjun hatte mit dem Essen bereits auf ihn gewartet, als Paul kurze Zeit später das behagliche, nur durch Kerzen beleuchtete, schmale Zimmer betrat.
„Ich habe etwas für dich“, sagte er zu seinem Freund und hielt ihm den Shila hin.
„Paul!“, rief Arjun überrascht aus. „Es gibt keinen Grund, mir deinen Shaligrama zu schenken. Du wirst ihn ja hoffentlich auch noch brauchen, um in den Tempel aufgenommen zu werden.“
„Das ist nicht mein Shila, Arjun. Diesen hier hab ich eben am Fluss gefunden. Er sieht meinem eigenen nur täuschend ähnlich. Und ich habe gelernt, man verschenkt sie nur an Menschen, die einen in der Seele berühren, nicht wahr? Also, dieser hier ist für dich.“
Arjun sah ihn mit ernstem Blick an und rührte sich nicht vom Fleck. Paul war verunsichert, ob er einen Fehler begangen hatte.
Nach einer Weile begann Arjun schließlich verlegen: „Es gibt etwas, das ich dir verschwiegen habe, mein Freund.“ Er hielt inne, nahm zögernd den Stein aus Pauls Hand und betrachtete ihn, als würde es sich um ein kostbares Juwel handeln.
„Komm, setz dich“, sagte er, „lass uns etwas essen. Danach holst du deinen Whisky und wir reden. In Ordnung?“
18
Das Abendmahl verlief zum größten Teil schweigend. Arjun betrachtete immer wieder den Shila, den er neben sich auf den Tisch gelegt hatte, schüttelte mitunter versonnen den Kopf und kaute weiter an den kleinen Stücken etwas zähen Lammfleisches.
Paul konnte sich keinen Reim auf sein Verhalten machen, ließ dem Freund aber Zeit, um sich zu sammeln.
Nach dem Essen saßen die beiden, jeder mit einem Schluck Whisky im zerkratzten Glas, auf der schmalen Holzveranda, die zum Fluss hin an das schlichte Steinhaus gebaut war. Schließlich brach Arjun sein Schweigen und begann zu erzählen.
„Als du mir in einer deiner ersten Mails von dem Shila und deiner Absicht, den Tempel zu suchen, berichtet hast, konnte ich nächtelang kein Auge zutun. Erst Manisha schaffte es mit ihrer Geduld und Weisheit, mich in langen Gesprächen wieder zu beruhigen. In diesen Tagen war es, als würde eine schwere Last von meinen Schultern fallen, und zugleich war ich mit den schlimmsten Ängsten meiner Kindheit konfrontiert.“ Er stockte und blickte traurig, beinah verzweifelt in den Himmel. „Du musst wissen, dass meine Eltern, für nepalesische Verhältnisse, relativ spät geheiratet hatten. Mein Vater wurde dann in seinen fortgeschrittenen Jahren“, es fiel ihm sichtlich schwer, darüber zu sprechen, „zu einem sehr, ja, sehr gewalttätigen Mann. Gewalt durch Männer an ihren Frauen und Kindern ist in unserer Kultur keine Seltenheit. Religiöse Frömmelei und männlicher Stolz ergeben gerade bei strenggläubigen Hindus eine oft gefährliche Mischung.“ Wieder hielt er inne und musste erst durchatmen, bevor er fortfahren konnte. „Es geschah kurz nach meinem achten Geburtstag. Während einer seiner cholerischen Anfälle traf ein Hieb meine Mutter so unglücklich, dass sie mit dem Kopf auf die Kante eines Glastisches fiel. Meine jüngere Schwester und ich kauerten in einer Ecke des Zimmers und mussten das schreckliche Geschehen mit ansehen. Die Verletzung meiner Mutter war so schlimm, dass sie wenige Tage danach“, Trauer brach nun seine Stimme und Tränen liefen ihm über die Wangen, „dass sie wenige Tage danach verstarb.“ Er barg den Kopf in seinen Händen. Paul reagierte instinktiv aus seiner therapeutischen Erfahrung. Er ließ ihm Zeit und legte nur beruhigend eine Hand auf seinen Rücken. „Entschuldige, mein Freund“, fand Arjun schließlich seine Fassung wieder und wischte sich die Tränen aus den Augen. „Eigentlich ist es lange genug her, um mich nicht mehr dermaßen tief zu berühren. Aber diese Reise mit dir, deine Entschlossenheit und jetzt auch noch der Shila.“ Er griff nach Pauls Hand, drückte sie fest und ließ sie auch während der folgenden Worte nicht mehr los. Langsam sprach er aus, was er außer seiner Frau niemals zuvor einem Menschen anvertraut hatte: „Am Sterbebett hat meine Mutter mir prophezeit, dass eines Tages ein Shila den Weg in meine Hände finden würde. Dieser würde dann die weiteren Tage meines Lebens bestimmen. Weißt du, meine Mutter konnte so manches voraussehen, denn“, er blickte Paul angespannt in die Augen, „es gab im letzten Jahrhundert nicht nur eine nepalesische Meisterin im Tempel der Acht, sondern noch eine weitere, die jüngste, begabteste, die es jemals zu diesen Weihen gebracht hatte: meine Mutter.“ Paul konnte kaum glauben, was er da hörte, und blickte ihn verwundert und gerührt an. „Und das war es“, fuhr Arjun fort, „was meinen Vater so sehr faszinierte, was er in jüngeren Jahren an ihr bewunderte, liebte und dann, je älter er wurde, umso weniger verzeihen konnte: ihre Vergangenheit als Ungläubige, als Hellsichtige, als Magierin des Tempels, die ihn stets und in allen Lebenslagen überflügelte.“
Nachdem sich beide dicke Lammfelldecken aus der Lodge geholt hatten und die Kälte der Nacht heraufzog, erzählte Arjun bewegt weiter.
Die Tatsache, dass seine Mutter ein Mitglied der Lehrerschaft des Tempels war, wurde geheim gehalten, solange er sich erinnern konnte. Sowohl innerhalb der Familie als auch nach außen hin musste das Geheimnis gewahrt bleiben. Sein Vater hatte darauf bestanden, einen, seiner hohen Kaste und den religiösen Doktrinen entsprechenden, streng hinduistischen Lebensstil zu pflegen. Trotz allem hatte Arjuns Mutter den Glauben an ihren Mann nie aufgegeben und ihn auch in späteren Jahren so geliebt wie dreißig Jahre zuvor, als sie ihn bei einem ihrer Aufenthalte in der Stadt als gebildeten und kultivierten Menschen kennengelernt hatte. Ihm zuliebe hatte sie damals schließlich auch den Tempel verlassen und sich, wenn auch mit Widerwillen, den engen Regeln der Familie gefügt.
Arjuns Entscheidung, Paul als Klienten anzunehmen, war allein das Ergebnis seiner langen Gespräche mit Manisha, die feinfühlig geahnt hatte, dass diese Aufgabe den alten Schmerz würde wenigstens lindern können.
Zum einen bestand für Arjun also auch ein großes Interesse, den Tempel zu finden, zum anderen war dieser Weg mit dem Trauma des gewaltsamen Todes seiner Mutter belegt – für den sein Vater seiner gesellschaftlichen Stellung wegen nicht einmal zur Rechenschaft gezogen worden war.
Eines stand für Arjun jedoch fest: Die letzte Wegstrecke würde er nicht mit Paul gehen, sondern ihn im besten Fall nur bis in Sichtweite des Gebäudes begleiten. Das hatte er Manisha bereits vor Wochen versprochen. Sollte er sich später den Lehren des Tempels stellen, dann nur gemeinsam mit ihr. Zu schwer wog noch die Last der Vergangenheit und er wollte von vornherein jede mögliche seelische Distanz zu seiner geliebten Frau ausschließen. So vieles hatten sich die beiden in ihren gemeinsamen Jahren schon erkämpfen und Seite an Seite bestehen dürfen. Unter keinen Umständen wollte Arjun riskieren, dass der Tempel seine Familie ein weiters Mal entzweien sollte.
Nach einer guten Stunde verabschiedeten sich die Freunde schließlich zur Nacht. Arjun konnte nun das Shaligrama dankbar annehmen, wickelte es wie einen kostbaren Edelstein in ein Tuch und verstaute es sorgsam in seiner Tasche. Dann stiegen die beiden über die knarrende Holztreppe zu ihren Zimmern hoch.
Paul legte sich auf seine Pritsche und war zu erschöpft, um noch in sein Tagebuch zu schreiben. In der stockdunklen, engen Kammer roch es nach trockenem Holz und nach etwas wie Kampfer.
Die Bilderflut in seinem Kopf versank schließlich unter dem aufziehenden Nebel eines Traumes, in dem Paul abermals die Konturen des vertrauten achtseitigen Gebäudes zu erkennen glaubte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.