Kitabı oku: «Rulantica (Bd. 2)»

Yazı tipi:

Für Mats und alle Helden, die besonders

in schweren Zeiten nicht nur reden und handeln,

sondern auch zuhören.

Bereits erschienen:


Band 1

eISBN 978-3-649-63490-4

Das Hörspiel zu Rulantica – Die Verschwörung der Götter erscheint unter der Bestellnummer 72359

eISBN 978-3-649-63767-7

© 2020 Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Lizenziert durch: Mack Media & Brands GmbH & Co KG, Geschäftsführer Michael Mack


Vermittelt von: Literatur Agentur Hanauer

Die Figuren um Rulantica und die Storywelt sind urheberrechtlich geschützt und eingetragene Marken der Mack Media & Brands GmbH & Co KG.

Basierend auf einer Idee von: Michael Mack, Jörg Ihle, Tobias Mundinger

Storywelt: Jörg Ihle

Text: Michaela Hanauer

Illustrationen: Helge Vogt

Lektorat: Hanna Schmitz, David Ginnuttis, Anja Fislage

Satz: FSM Premedia GmbH & Co. KG, Münster

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-62322-9


Inhalt

PROLOG

I KELPIERENNEN

II RANGNAKOR

III GRÅ

IV NACHRICHTEN

V MATS VS. FINJA

VI ZWEIKAMPF

VII ABSCHIED VON RULANTICA

VIII IN FRIESOS KLAUEN

IX BÖLVUN LEBT

X MADAME NOIR

XI MIT ALLEN WASSERN GEWASCHEN

XII GETEILTES MEER

XIII DER FRIEDHOF DER SCHIFFE

XIV GEFANGEN AUF DER TRE KRONOR

XV QUALLEN! QUALLEN!

XVI EIN BAD MIT TROLLEN

XVII DAS URTEIL DER GNOME

XVIII DER GEHÖRNTE HELM

XIX DER HAMMER!

XX ANFANG UND ENDE

EPILOG

PROLOG

Man schrieb das Jahr 1557, als König Gustav, den man auch Gustav Wasa nannte, alt und zu müde geworden war, um in neue Schlachten zu ziehen. Er haderte bitter mit seiner Sterblichkeit, zu viele Aufgaben waren noch zu erledigen, die er seinen Nachfolgern nicht zutraute.

In dieser Not trat ein Fremder auf ihn zu und berichtete ihm von einer Quelle, deren Wasser angeblich ewiges Leben verlieh. Er vertraute Gustav seinen gehörnten Helm an, der ihn zu einer im Nebel verborgenen Insel leiten würde, auf der die Quelle zu finden war. Als Gegenleistung werde er lediglich eines Tages den Helm zurückverlangen, erklärte der Fremde, bevor er genauso spurlos verschwand, wie er gekommen war.

Also schickte Gustav seinen engsten Vertrauten, Kapitän Tord Johansen, auf die geheime Mission und das königliche Segelschiff, die Tre Kronor, stach in See.

Als sie die vorhergesagte Nebelwand erreichten, nahm der Kapitän den Helm vom Kopf, brach eines der Hörner ab und blies hinein. Im Nu enthüllte sich eine Insel. Einen Großteil der Mannschaft nahm der Kapitän mit an Land. Nur der Schiffsjunge Fin sollte zur Bewachung auf der Tre Kronor bleiben.

Aber Fin wollte sich nicht so leicht abhängen lassen und folgte ihnen in einigem Abstand. Auf der Insel empfing ihn ein betörender Gesang, und er kletterte auf einen Felsen, um die Sängerin zu sehen und ihr zu zuzuhören. Es war die Sirene Kailani, die mit ihrem Gesang verhindern sollte, dass Menschen die Quelle erreichten. Doch stattdessen erzählte sie Fin von dem Fluch, der auf der Insel lastete, und der Schlange, die bereitlag, sie alle zu verschlingen, wenn jemand die Quelle benutzen würde.

Fin verlor sich in Kailanis großen, schönen Augen und geriet ins Grübeln. Konnte er wirklich den Auftrag seines Königs über das Wohl der Inselbewohner stellen?

In ihrem Schwärmen füreinander bemerkten sie nicht, dass Exena, die Anführerin der Quellwächter, sie entdeckt hatte. Exena zerrte Fin vom Felsen und ließ ihn gefangen nehmen. Wahrscheinlich wäre er ertrunken, hätte Kailani ihn nicht mithilfe ihres Sixtopus Snorri aus dem Unterwasserkäfig befreit. Fin gab für Kailani seine ursprünglichen Pläne auf und half den Meermenschen, Kapitän Johansen und seine Leute von der Quelle fernzuhalten. Fins Fürsprache verdankte es die Mannschaft der Tre Kronor, dass sie freies Geleit erhielten und die Insel lebend verlassen durften.

Fin aber blieb bei seiner großen Liebe Kailani auf Rulantica, auch wenn es Exena ein Dorn im Auge war. Er leistete den Schwur, nie die Quelle zu nutzen, und daran hielt er sich sein ganzes Leben lang.

Was aus der Tre Kronor oder dem Helm wurde, ist ungewiss. Die Geschichte geriet in Vergessenheit, bis sich nun das Schicksal der Insel erneut entscheidet …


Magni lümmelt auf Odins Thron und starrt Löcher in die Welten. Modi hockt breitbeinig zu seinen Füßen und poliert Mjölnir, Thors Hammer, den er ihnen beiden vermacht hat.

»Gibt es was Interessantes zu sehen?«, fragt Modi, ohne von seiner Beschäftigung abzulassen.

»Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren, die wenigen, die noch an uns glauben, hocken auf einer vernebelten Insel, und sonst kräht in Midgard kein Hahn nach uns!«, nörgelt Magni.

»Unser Hammer rostet ein, wenn er nicht bald etwas zu tun bekommt«, behauptet Modi. »Wollten wir nicht die Menschenwelt ordentlich aufmischen?«

»Wollten wir«, sagt Magni. »Aber Wali hat es sich auf halbem Weg anders überlegt.«

»Wali!«, ruft Modi. »Wali! Komm! Schnell!«

Draußen im Hof seines Schlosses hört Wali den Ruf. Unschlüssig wiegt er ein Hühnchen in seiner Hand, es zappelt noch. Aber wer weiß, was die Söhne Thors entdeckt haben, es ist ohnehin nicht klug, die beiden zu lange allein zu lassen. Also unterbricht er das Apport-Training mit seinen Wölfen Geri und Freki und eilt in den Thronsaal.

»Was gibt es?«

»Sag, wann brechen wir auf? Ich will endlich die Sterblichen zum Zittern bringen!«, begrüßt Modi ihn.

»Ich habe euch doch erklärt, dass wir unseren Plan erst vorbereiten müssen, damit er die Wirkung entfaltet, die uns gebührt!«, meint Wali.

»Reicht die Schlange dafür nicht?«, wundert sich Magni.

Wali verdreht genervt die Augen. »Ein Fluch, von dem niemand weiß, macht niemandem Angst. Wir brauchen jemanden, der an uns glaubt und der den Menschen erzählt, wie groß und mächtig wir jungen Götter sind.«

»Lahmes Gerede! Die werden uns schon kennenlernen!« Modi streichelt beinahe zärtlich über den Hammer.

»Du wärst der Erste, der sich beschwert, wenn sie dich für Thor halten, weil sie noch nie von Thors Söhnen gehört haben!«, behauptet Wali.

»Vidar und dich kennt auch keiner«, stichelt Magni. »Die glauben da unten immer noch an euren Gottvater Odin. Wenn überhaupt.«

»Eben, darum brauchen wir den Jungen«, sagt Wali.

»Aber wie willst du ihn von der Insel weglocken und dazu bringen, von uns in der Menschenwelt zu berichten?«, fragt Magni.

»Wir werden Zwietracht säen«, sagt Wali.

»Bist du seit Neuestem unter die Ackerbauern gegangen?«, höhnt Modi.

Magni kichert.

Innerlich regt Wali sich nicht zum ersten Mal über die fehlende Auffassungsgabe seiner Gefährten auf. Doch die Liste seiner Verbündeten ist kurz, also muss er sich weiter mit ihnen herumplagen.

»Ich zeige es euch. Magni, komm mit mir.«

»Wieso nur Magni?«, mault Modi.

Doch Wali lässt sich nicht beirren.

Vor der Tür fragt Magni: »Und was willst du von mir?«

»Sag es deinem Bruder nicht weiter, aber ich habe gehört, Thor wollte ursprünglich nur dir den Hammer überlassen. Zu Recht, finde ich, der Hammer ist besser bei dir aufgehoben als bei Modi.«

Magni reckt sich stolz. »Nun ja, Mjölnir liegt mir wahrlich besonders geschmeidig in der Hand. Aber erzähle es Modi nicht, er ist bei allem, was den Hammer betrifft, leicht reizbar.«

»Ich behalte es für mich«, verspricht Wali.

»Was habt ihr getuschelt?«, will Modi wissen, als sie zurückkehren.

»Nichts Wichtiges«, behauptet Magni.

Wali lächelt tiefgründig, nimmt aber gleich darauf Modi zur Seite.

»He, he, denk an dein Versprechen, Wali!«, ruft Magni ihnen hinterher.

»Aber ja doch!«, ruft Wali zurück.

»Habt ihr ein Geheimnis vor mir?«, zürnt Modi.

»Nein, nein«, entgegnet Wali, »wir wollen dich nur schonen, weil wir wissen, wie wichtig dir der Hammer ist.«

»Ja, das ist er! Das Wichtigste. Abgesehen von meinem Bruder selbstverständlich.«

»Selbstverständlich!«, stimmt Wali zu. Mehr sagt er nicht, sondern fängt stumm an, bis zehn zu zählen, bereits bei fünf wird er von Modi unterbrochen.

»Schonen, wovor?«

»Ach, nichts!«, windet sich Wali.

»Rede oder ich lasse dich den Hammer spüren!«, droht Modi.

»Bitte nicht!« Wali tut erschrocken. »Ich weiß doch, wie schwer es dir im Moment fällt, ihn zu halten.«

»Was redest du da, Schandmaul? Niemand schwingt Mjölnir besser als ich!«

»Ja, genau – ich habe Magni beruhigt und ihm gesagt, dass euer Vater Thor sich irrte, als er nur ihm den Hammer überlassen wollte. Es ist gut, dass mein Vater Odin ihn überzeugt hat, euch beide zu gleichberechtigten Erben auszuwählen!«

Wali tätschelt Modis Schulter zur Beruhigung. Der sonst stets laute und grobschlächtige Modi wird still. Das ist er noch, als sie zu Magni zurückgehen. Samen gesät, denkt Wali, jetzt kommt die Ernte.

Laut sagt er: »Ich würde euch gerne zum Nachtmahl einladen. Ihr seid doch geschickte Jäger – kann mir einer von euch ein Stück Wild besorgen?«

»Schüre das Feuer an, ich erledige das!«, bietet Magni an.

»Wieso du? Ich kann das ebenso übernehmen!« Modi schnappt sich den Hammer.


Erst als die Sonne bereits langsam den Himmel verlässt, kehrt er zurück.

Mit leeren Händen.

»Wo ist unser Abendessen?«, meckert Magni seinen Bruder an. »Sollen wir von der Tischkante abbeißen?«

»Geh doch selbst, wenn du es besser kannst!«, murrt Modi.

»Mehr als nichts kann ich allemal für uns jagen!«, behauptet Magni.

»Natürlich, der feine Gott Magni trifft auch noch in einem ausgestorbenen Wald ein ganzes Rudel!«, unkt Modi.

»Pah, du triffst in einem ganzen Rudel nicht einmal das älteste und schwächste Tier!«, stänkert Magni.

Zornig wirft Modi Magni den Hammer vor die Füße.

Wali klatscht langsam, aber laut Beifall. »Genau so, meine beiden ungeduldigen Mitstreiter, genau so werden wir unser Ziel erreichen!«

Magni kapiert als Erster. »DU! Du miese Ratte, du hast uns gegeneinander ausgespielt!«

»Nur, um euch das Spiel zu erklären«, verteidigt sich Wali.

Magni ballt die Fäuste. »Niemand stellt sich zwischen mich und meinen Bruder!«

»Kläre uns auf, bevor die Kraft Mjölnirs das Letzte ist, was du zu spüren bekommst!«, droht Modi.

Wali lässt sich seinen Respekt vor der rohen Gewalt nicht anmerken, sondern meint gelassen: »Was bei euch funktioniert hat, funktioniert überall, wenn wir die richtigen Ohren füttern. Ich werde die bereits vorhandenen Zweifel der getreuen Exena schüren. Sie wird die Einigkeit der Auserwählten stören und uns den Jungen in die Arme treiben.« Wali reibt sich die Hände. »Er wird Zeuge sein, wenn wir unsere Macht zeigen, und allen davon erzählen. Dann werdet ihr erleben, wie Midgard vor uns auf die Knie fällt!«

»Wir werden unsere Väter an Ruhm sogar noch überflügeln!«, jubelt Magni.

»Oder ich schlage sie alle nieder!«, grölt Modi.


KELPIERENNEN


»In den Sattel …!«, dröhnt Usgurs Stimme über den weitläufigen Kampfplatz. Neben Mats und ein paar wenigen auserwählten Jungwächtern, die Usgur trainiert, stürmt ein gutes Dutzend älterer Quellwächter zu den Tieren. Die Wasserpferde warten mit geblähten Nüstern und unruhig schlagenden Fischschwänzen direkt vor Svalgurs Halle. Die Anspannung vibriert förmlich durchs Wasser. Einzig die Riesenschlange starrt stumm durch die spiegelglatten Eisscheiben von Vinterhal, als wäre sie nicht vor wenigen Wochen zum Leben erwacht und hätte nicht beinahe Mats, Finja und die gesamte Insel verschlungen. Ihren gewaltigen Schlund und die dolchartigen Zähne wird Mats nie vergessen. Aber heute darf er sich nicht ablenken lassen, heute ist Odins Dank, ein Feiertag in Gedenken an den Göttervater, der Rulantica vor dem Untergang verschonte. Zu seinen Ehren veranstalten die Quellwächter in jedem Jahr ein wagemutiges Wettrennen, das legendäre Løp, bei dem die besten Kelpiereiter der Eisstadt zeigen können, wie schnell und geschickt sie sich mit ihren Wasserpferden über eine Strecke voller Hürden bewegen. Start und Ziel liegen in der Eisstadt, ein Teil des Parcours führt hinaus in die Tangwälder. Gekennzeichnet ist die Strecke durch Steine am Meeresboden, die Odins weises Auge zeigen. Für die Hindernisse denken sich Exena, die Anführerin der Quellwächter, und der Ausbilder Usgur immer etwas Neues aus. Noch nie hat ein Jungwächter das Rennen gewonnen, aber schon allein dabei zu sein, ist für Mats unglaublich aufregend.


Dieses Jahr ist zum ersten Mal Kailani eingeladen, zum Zeichen der Annäherung und Versöhnung von Aquamaris und der Eisstadt durfte sie ebenfalls einen Teil des Parcours erschaffen. Was die Anführerin der Sirenen sich wohl hat einfallen lassen? Nicht einmal Finja hat vorab etwas aus ihr herauskitzeln können. Mats entdeckt die beiden nebeneinander auf einer Tribüne vor Svalgurs Halle, von wo aus sie den ganzen Platz überblicken können. Snorri hockt auf Finjas Schulter. Seine Schwester hat beschlossen, nicht am Rennen teilzunehmen, um bei ihrer Ziehmutter zu sein. Das versteht Mats gut, die beiden sehen sich kaum, weil Finja die Eisstadt ebenso wie alle anderen Jungwächter im ersten Ausbildungsjahr nicht verlassen darf. Auch wenn sie niemals laut jammern würde, merkt Mats, wie sehr Finja ihre Mutter und ihren Vater Bror vermisst. Für sie spielt es keine Rolle, dass die beiden nicht ihre leiblichen Eltern sind, schließlich ist sie bei ihnen aufgewachsen. Mats wünschte, er hätte ebenfalls jemanden, der ihn so lieben würde. Unwillig schüttelt er sich, kein guter Moment für Sentimentalitäten! Gleich geht es los!

Im Pulk mit den anderen Quellwächtern erreicht Mats die Kelpies. Weiter vorne sieht er Timur und Slander, zwei der Jungwächter, mit denen er sich den Wohnturm teilt. Beide sind schnelle Schwimmer und bilden gute Teams mit ihren Kelpies Swaan und Rugu.

Allerdings nicht so gut wie Venn und ich, denkt Mats.

Er hält Ausschau nach dem Kelpie seines verstorbenen Vaters Falors. Da ist es! Stolz reckt Venn seinen feuerroten Kopf aus der Menge der Wasserpferde. Anders als die Kelpies um ihn herum hat er seine Farbe nicht an seine Umgebung angepasst und demonstriert damit wieder einmal seine Unbeugsamkeit. Gerade kommt Timur ihm ein Stück zu nahe, während er Swaan sattelt, deshalb fletscht Venn die Zähne und lässt ein Knurren hören, das so manches wilde Tier in die Flucht geschlagen hätte. Erschrocken weicht Timur aus und verschafft damit unabsichtlich Mats genug Platz, um zu seinem Kelpie zu gelangen.

Kaum steht er neben ihm, beruhigt Venn sich. Sanft streicht Mats ihm über die Nüstern und kramt ein Seil aus seiner Hosentasche hervor, das Finja ihm extra für heute geflochten hat. Er hält es Venn hin.

»Brauchen wir das heute, mein Großer?«

Venn rollt mit den Augen und deutet an, sich aufzubäumen.

»Dachte ich mir schon.« Mats steckt das Seil schnell wieder ein. »Dann also wie immer: ohne Zaumzeug und ohne Sattel!«

Egal, was Usgur und Exena ihm immer und immer wieder einschärfen, er möchte Venn seinen Willen nicht aufzwingen, er vertraut ihm.

Und heute können sie es allen beweisen. Schon seit Tagen spürt Mats, wie wichtig Venn das Løp ist. Er hat das Rennen mit Falor gewonnen. Zweimal. Das ist lange her und ist davor nur Usgur gelungen.

Den ersten Sieg errangen die beiden, bevor Falor Mats’ und Finjas menschliche Mutter vor dem Ertrinken rettete und sich in sie verliebte. Den zweiten, als sich einige der Quellwächter wegen Falors Liebe zu Vivika von ihm abgewandt hatten. Noch heute kann Mats den Trotz und die Genugtuung wahrnehmen, die Venn und Falor empfanden, als sie die Kritiker Lügen straften, die behaupteten, Falor wäre zu weich geworden und wegen seiner Zuneigung zu einer Menschenfrau kein echter Quellwächter mehr. Für einige Zeit nach diesem Sieg verstummten diese Anschuldigungen. Bis …

Mats hat eine Weile gebraucht, um herauszufinden, was den erneuten Wandel verursacht hatte. Venn hielt die Erinnerungen daran, die er in Gedanken mit Mats teilte, gut verborgen. Doch eines Tages war Mats von selbst darauf gekommen: Es war seine und Finjas Geburt gewesen, die erneut Panik bei den Quellwächtern, allen voran Exena, ausgelöst hatte. Die Anführerin sah damit einen Teil der Prophezeiung von Odins Frau Frigg erfüllt, dass einmal jemand von der ursprünglichen Natur der Meermenschen das Ende für Rulantica bringen würde.

Dieses ewige Misstrauen gegen Menschen, das er auch als Halbmeermensch noch zu spüren bekommt, weil er eben nicht wie Finja im Wasser, sondern an Land aufgewachsen ist. Das wird er hier und heute genauso ausräumen, wie sein Vater es einst getan hat!

Wenn er und Venn heute das Rennen gewinnen, dann werden Exena und die Quellwächter ihn feiern, wie sie vor Jahren – oder wie man hier sagt: vor etlichen Gezeiten – seinen Vater gefeiert haben! Und dann wird er endlich von den Meermenschen für voll genommen.

Oh ja, er will dieses Rennen gewinnen, genau wie Venn!

»Wir zeigen es ihnen«, flüstert er Venn in die aufmerksamen Kelpieohren.

Sie haben durchaus eine Chance, weil niemand sich auch nur annähernd so gut mit seinem Kelpie versteht. Manchmal kommt es Mats so vor, als könne er Venns Gedanken lesen. Und umgekehrt.


Voller Tatendrang schwingt sich Mats auf Venns Rücken. Er spürt, wie sich die Muskeln seines Kelpies straffen.

Die anderen Quellwächter machen sich ebenfalls auf ihren Kelpies für den Start bereit. Höchste Konzentration und Anspannung bei Reitern wie Zuschauern. Alle harren auf Usgurs Signal.

»Fertig – GÅ!«

Schneller als ein Pfeil schießt Venn los. In der Eröffnungsrunde um den Kampfplatz müssen sie unbedingt eine ideale Position erringen. Direkt vor Mats prescht eine Spitzengruppe voran, alles ältere und erfahrene Quellwächter, die an zahllosen Løps teilgenommen haben, unter ihnen Halvor, der Gewinner vom letzten Jahr. Von den Veteranen sollte man sich besser fernhalten, hat Finja Mats eingeschärft.

Slander hält sich nicht daran, er sprengt mit Rugu in die Spitzengruppe. Mats beobachtet, wie einer der Älteren einen Arm ausstreckt. Zu spät, um Slander zu warnen, der Quellwächter reißt Rugus Zaumzeug an sich und zieht so fest, dass das Kelpie vor Schmerz aufschreit, buckelt und Slander abwirft. Mats kann es kaum fassen. Wie unfair! Aber weder Exena noch Usgur schreiten ein. Um zu gewinnen, ist wirklich alles erlaubt!

»Lass uns lieber Abstand halten. Die sollen sich ruhig erst untereinander die Köpfe einschlagen!«, weiht Mats Venn in seinen Plan ein.

Nur widerwillig drosselt Venn sein Tempo. Mats klopft ihm beruhigend auf den Hals. »Geduld, Geduld! Überholen können wir später immer noch!«

Ein flüchtiger Blick zurück: Gerade mal eine Kelpielänge hinter ihnen die nächsten Verfolger. Nicht alle kennt Mats persönlich. Nur den grimmigen Zwart und Ilai, eine der Meisterschülerinnen, kann Mats ausmachen.

»Wir bleiben am besten genau zwischen den beiden Gruppen«, überlegt Mats.

Die Runde um den Kampfplatz überstehen Mats und Venn ohne Zwischenfall. Jetzt geht es über die schmale Wasserstraße zwischen den Wohntürmen entlang zum Stadttor. Die Kelpies der Veteranen navigieren mit ihren Fischschwänzen geschickt auf das Tor zu. Venn gibt sich weiter alle Mühe, Distanz zu halten, sosehr es ihn auch nach vorne drängt, das spürt Mats. Nicht weit hinter ihnen ist ein Reiter aus der Verfolgergruppe ausgebrochen, er nähert sich unaufhaltsam. Das Tor sieht so verflixt eng aus, passen sie da wirklich durch? Ohne abzubremsen? Venn schrappt mit der Flanke am Torbogen entlang, aber sie schaffen es!

Die Steinaugen auf dem Meeresboden führen zum Kelpwald. Plötzlich taucht wie aus dem Nichts eine Wand vor ihnen auf. Aus blanken Eisblöcken errichtet und schier unüberwindbar. Blitzschnell muss Mats entscheiden – links oder rechts, auf welche Seite soll er ausweichen? Oder …? Mats reckt sich in die Höhe und lenkt damit auch Venns Richtung. Obendrüber!

Ewig zieht sich die Eismauer. Venn steigt und steigt. Mats verlagert sein Gewicht, um kein Ballast zu sein. Hoffentlich war das richtig und die Wand stellt sich nicht als Kuppel heraus wie die Stadtmauer rundum die Eisstadt. Die ersten Sonnenstrahlen jenseits der Wasseroberfläche lassen sich bereits erahnen, kurz bevor die Wand endlich endet. Venn streckt die Vorderbeine, gibt einen kräftigen Schub mit dem Fischschwanz und gleitet in hohem Bogen über das Hindernis. Doch an Aufatmen ist nicht zu denken. Auf der anderen Seite empfängt sie Finsternis. Keine Spur mehr von den Sonnenstrahlen, auch nicht von dem normalen Dämmerlicht unter Wasser. Man kann die Hand vor Augen nicht sehen. Wohin jetzt? Sollen sie anhalten oder weiterschwimmen? Mats verliert augenblicklich die Orientierung, er zupft an Venns Mähne. Wo ist oben, wo ist unten?

»Beruhige deinen Atem, ich sehe für uns beide!«

Mats stutzt, während sein Körper auf Venn weiter abwärtsrast. Wer hat da gesprochen? Er hat die Stimme noch nie gehört und sie ist ihm dennoch vertraut. Venn! Das ist Venn! So deutlich hat Mats sein Wasserpferd noch nie verstanden. Er redet in echten Worten mit ihm, oder macht ihn das Renntempo völlig irre? Kann das wahr sein? Aber seine Aufforderung ergibt Sinn und hilft Mats tatsächlich, den Anflug von Panik zu besiegen. Er schmiegt sich an das Wasserpferd und lässt sich von ihm durch die Dunkelheit tragen. Für einen Moment blendet er das Rennen aus. Dann holen ihn Rufe zurück in die Realität des schwarzen Ozeans.

»Hier geht’s lang!«

»Vorsicht, das ist eine Falle!«

»Wer garantiert mir, dass es nicht deine Falle ist?«

Kehliges Lachen. »Das ist meine Falle!«

»Friss meinen Sand!«

»Friss du meinen!«

Mats beißt sich auf die Zunge. Die beiden Quellwächter sind ganz nah. Sie ahnen nicht, dass er es auch über die Mauer geschafft hat, und sehen können sie ihn genauso wenig wie er sie. Eines der anderen Kelpies schnaubt, findet aber keine Beachtung, weil die beiden ihren Streit fortsetzen.

»Das Løp auf diese Weise zu gewinnen, ist selbst für dich unwürdig!«

»Ein ehrlicher Kampf führt immer zu einem würdigen Gewinner!«

Mats vernimmt ein dumpfes Schlaggeräusch, es folgt ein Triumphschrei.

Ein Gegner weniger. Die Teilnehmer schrecken scheinbar nicht davor zurück, einen Freund auszuschalten, und Mats hat noch nicht mal echte Freunde unter den Quellwächtern. Besser, er bleibt weiter leise und unentdeckt.

Genauso abrupt, wie sie aufgetaucht ist, endet die Schwärze. Hektisch blickt Mats sich um, rechnet damit, dem Schläger direkt in die Faust oder in den gezückten Zweizack zu reiten. Sie sind immer noch außerhalb der Eisstadt und erstaunlicherweise auf dem Parcours, wie der von Steinaugen gesäumte Sand unter ihnen verrät. Doch es ist weiterhin niemand zu sehen. Nur zu hören. Ein Schimpfen und Fluchen, das von überall und nirgends durchs Wasser getragen wird. Er treibt Venn an. Auf den wogenden Kelpwald zu, aus dem er Schreie und Jammern hört. Wahrscheinlich stecken einige Reiter hier fest, aber die dichten grünen Blätter geben nichts preis. Während Mats überlegt, außen herum zu reiten, löst sich etwas aus den Tangblättern. Es sind Eisblumen. Wunderschön, aber scharfkantig wie Messerklingen. Sie rotieren um die eigene Achse und halten auf Mats und Venn zu.

»Vorsicht!«, ruft Mats.

Trotzdem erreicht eine ihr Ziel, streift Venn an der Flanke. Das Kelpie schnaubt wütend auf, blaues Blut tropft aus der kleinen, aber tiefen Wunde. Rasch presst Mats seinen Pulloverärmel darauf und hofft, damit irgendwie die Blutung zu stoppen. Gleichzeitig hält er Ausschau nach weiteren Geschossen. Da wirbelt der nächste Schwung durchs Wasser.

»Nach links!«, brüllt Mats und dirigiert Venn in das dichte Pflanzengeflecht des Waldes. Bis hierhin dringen zwar die Geschosse nicht vor, aber sie kommen kaum voran. Immer enger schlingen sich die Tangstängel um Venns Vorderbeine. Kaum hat das Kelpie einen Knoten abgeschüttelt, bilden die Blätter den nächsten. Mit beiden Händen zerrt Mats ebenfalls an den grünen Schlingen. Je mehr er versucht, sie fernzuhalten, desto heftiger schneiden sie ihm in die Handflächen. Hätte er doch besser einen Zweizack mitnehmen sollen wie einige der anderen Quellwächter? Aber das unhandliche Teil stört ihn beim Reiten und er kann sowieso nicht besonders geschickt damit umgehen.

Ohne ihn und sein Kelpie zu beachten, huschen einige bunt schillernde Fische an ihnen vorbei, für die Fischchen sind die Blätter kein Hindernis, sondern ein idealer Schutz. Unwillig schüttelt Venn seinen Kopf, wodurch seine lange Mähne sich umso tiefer im Tang verfängt.

Das ist es! Nicht nur Venns Größe ist schuld an dem Dilemma!

»Wir zappeln zu viel«, stellt Mats fest. »Das bringt die Stängel überhaupt erst in Schwung.«

Venn schnaubt verächtlich einige Tangblätter von sich weg, prompt schwappen sie zurück und versuchen, sich um sein Maul zu ranken.

Mats entknotet seinen Freund vorsichtig und beobachtet dabei wieder ein paar der kleinen Fische. Ein leichter Anschub mit ihrem Fischschwanz und schon gleiten sie geschmeidig durch den Wald.

»So versuchen wir das jetzt auch!«, fordert er von Venn. »Du machst dich so lang und dünn wie möglich und ich bringe uns da durch!«

Behutsam lässt Mats sich von Venns Rücken gleiten. Venn brummelt zwar unwillig, legt dann aber die Vorderbeine an seinen mächtigen Körper, streckt den Kopf und den Fischschwanz und bewegt sich nicht weiter. Mats hält sich mit den Armen an Venn fest und stößt sich mit den Beinen ganz sacht ab. Der Tang streift an Mats’ Armen und Beinen entlang, aber verwickelt sie nicht mehr. Auf diese Weise kommen sie zwar nur im Seeschneckentempo voran, bleiben aber wenigstens nicht stecken. Erst nach einer endlosen Weile verlassen sie den Kelpwald.

»Wenn das so weitergeht, werden wir nicht Erste, sondern Letzte«, seufzt Mats.

Eine Spur von Odins Augen liegt wieder direkt unter ihnen, ein gutes Stück vor ihnen schwimmen mindestens drei Reiter dicht hintereinander. Soweit Mats es erkennen kann, sind es keine Veteranen, sondern seine ehemaligen Verfolger, unter ihnen Zwart.


Mist, dann hat ihn wahrscheinlich das halbe Feld überholt. Rasch blickt er sich um. Etwas höher, aber noch hinter ihm, nähern sich ebenfalls Reiter. Ein Kelpie zieht eine blaue Blutspur durchs Wasser, vermutlich wurde es von den Eisblumen getroffen, was seinem Reiter allerdings völlig egal ist, er treibt es mit dem Zweizack an.

»Jetzt aber schnell!«, ruft Mats.

Er zieht sich zurück auf Venns Rücken, klammert sich mit den Beinen und Armen fest und überlässt ihm das Rennen. Venn fliegt förmlich durch das Wasser und wäre beinahe ungebremst dem nächsten Hindernis in die Seite gerast. Gerade noch rechtzeitig zieht Mats an seiner Mähne und bringt ihn zum Halten. Ein riesiger Eishai versperrt mit seinem massigen Körper der Länge nach den Weg. Aus der Ferne hätte man ihn für einen Teil der Felsen halten können. Seine Haut ist genauso grau und zerklüftet. Leider ist er aber sehr viel gefährlicher mit seinem Maul voller spitzer Zähne, mit denen er Mats problemlos beide Beine oder gleich den ganzen Kopf abbeißen könnte.

»Eishaie sind Exenas Lieblinge«, murmelt Mats. »Aber wie kommen wir an ihm vorbei, ohne dass er uns in Stücke reißt?«

Wie zum Beweis seiner Bösartigkeit lässt der Hai seine Zahnreihe blitzen, kommt aber nicht näher. Noch nicht.

Venn schnaubt. Es klingt wie: »Unberechenbar!«

Und damit hat er völlig recht! Exenas Haie sind unberechenbar und können extrem schnell zubeißen.

»Dann sind wir eben auch unberechenbar!«, beschließt Mats.

Doch womit würde der Hai nicht rechnen? Oder im Gegenteil, womit rechnet er? Flucht oder Angriff!

»Wir machen keines von beiden!« Mats flüstert Venn seine Strategie ins Ohr.

»Vollstoff voraus!«, ruft er dann und sie halten im gestreckten Wassergalopp auf den Eishai zu. Der Hai wendet sich ihnen zu. Er erwartet den Angriff! Aber der kommt nicht. Kurz bevor der Hai zuschnappen kann, legt Venn eine Vollbremsung hin, und sie drehen sich blitzschnell in die Richtung, aus der sie gerade gekommen sind. Mats schielt über die Schulter. Der Hai glotzt ihnen kurz mit seinen trüben Augen hinterher, will sich gerade wieder umdrehen, als Venn mit seinem Fischschwanz ausholt. Mit voller Wucht klatscht er dem Hai auf die Nase, erst von der einen, dann von der anderen Seite und schließlich noch einmal kräftig in die Mitte. Bevor der Eishai kapiert, wie ihm geschieht, macht Venn erneut eine Kehrtwende und taucht unter ihm durch. Mats hält den Atem an. Wenn der Hai sie jetzt verfolgt, wird es eng. Diesmal traut er sich kaum nachzusehen. Als er es doch wagt, hat der Eishai sich in eine Felsspalte zurückgezogen, den Kopf hält er leicht gesenkt, wahrscheinlich brummt er ordentlich. Er macht keinerlei Anstalten, sie zu jagen.

»Joho, wir haben einen Hai geohrfeigt«, freut sich Mats, »der hat für heute mehr als genug!«

Hinter dem Felsenriff taucht die Silhouette der Eisstadt auf. Die letzten Meter des Løp warten auf sie. Mats’ Herz klopft bis zum Hals. Wie gut liegt er noch im Rennen? Haben sie zu lange im Kelpwald festgesteckt? Wie viele seiner Gegner hat der Hai aufgehalten? Nach ihm sicher keinen mehr! Aber wo sind die anderen?

Als ob sich durch Mats’ Gedanken eine Schleuse geöffnet hätte, kommt Bewegung in das Meer um ihn herum. Erst jetzt bemerkt er die Steinaugen, die sternförmig zum Eingang der Eisstadt führen.

Hinter ihm, neben ihm und vor ihm – überall erscheinen andere Reiter.

»Gå, gå, gå«, treiben sie ihre Kelpies an.

Besonders lautstark ist Halvor zu vernehmen, der sein Kelpie Kleng anfeuert. Sowohl um Klengs als auch um Halvors Hals hängen einige Tangblätter.

Mats schöpft neuen Mut. Wenn selbst der erfahrene Quellwächter im Kelpwald aufgehalten wurde und nicht bereits am Ziel ist, dann ist es noch nicht zu spät! Er beugt sich vor zu Venns Ohr und flüstert: »Vielleicht können wir das Rennen gewinnen!«

Er lässt seinem Kelpie freien Lauf. Ohne Tritte und ohne Geschrei, er weiß, dass Venn den Sieg genauso will wie er. Je näher sie dem Tor kommen, desto enger wird es. Zwei Reiter kommen nahezu zeitgleich von beiden Seiten auf Mats und Venn zugeschossen. Wenn sie nicht ausweichen, werden Mats und Venn eingequetscht, und genau das scheint die Absicht der zwei Reiter zu sein.

Die lange sehnige Quellwächterin zu Mats’ Rechter zückt bereits ihren Zweizack, der Reiter auf seiner Linken brüllt: »Aus dem Weg, Anfänger! Oder du wirst es bereuen!«

Aber Mats will ihnen den Vorsprung nicht überlassen, nicht so kurz vor dem Ziel. Wenn er sie jetzt vorbeilässt, hat er seine Chance verzockt. Oder … Mats hat eine Blitzidee. Er drückt seine Arme um Venns Hals und drosselt seinen Galopp. Venn wölbt den Hals und bockt.

»Verlange nicht von mir, mich dem Sturm zu beugen!«

»Vertraue mir«, erwidert Mats. »Und sieh, was passiert!«

Mats und Venn bleiben zurück, die beiden Konkurrenten rasen weiter voran, jetzt aber nicht mehr mit Mats in der Mitte, sondern direkt aufeinander zu. Unweigerlich prallen sie zusammen. Die Quellwächterin wird aus dem Sattel gehebelt, kann aber im selben Moment noch ihre Waffe werfen, sie landet im Oberschenkel ihres Widersachers. Der brüllt wieder, diesmal vor Schmerzen.

»Puh, das war knapp!«

Viel Zeit hat Mats nicht, um sich zu freuen. Durch den Crash wittern alle die Gelegenheit, hauchdünn liegt Mats vorne. Venn schlägt mit seinem Fischschwanz und holt so weit und kraftvoll mit den Vorderbeinen aus, wie er kann. Er schnellt auf das Tor zu, sodass Mats beinahe schwindlig wird. Sie werden es schaffen! Direkt hinter ihnen schnaubt ein anderes Kelpie. Aber diesmal dreht Mats sich nicht um. Egal wer das ist, er und Venn sind schneller. Sie preschen in die finale Runde um den Kampfplatz herum zur Tribüne. Der nahe Sieg verleiht ihnen Flügel. Sie rennen und rennen und rennen, als ginge es um ihr Leben. Ein Gitter aus Zweizacken taucht vor ihnen auf, ohne zu zögern, springt Venn darüber. Auf der anderen Seite werden sie von einem Hagel aus Eispfeilen empfangen. Geschmeidig duckt Venn sich unter ihnen weg.

»Vorsicht, da bildet sich ein Strudel«, erkennt Mats, aber da ist Venn auch schon ausgewichen. Nur noch wenige Meter!

Hinter sich hört Mats das markerschütternde Geschrei von Halvor, als er mit Venn über die Ziellinie galoppiert – vor sich sieht er das strahlende Gesicht von Finja, die neben Kailani, Exena und Usgur die Reiter erwartet, alle vier sind von ihren Sitzen aufgestanden.

Der Moment ist Zeitraffer und Zeitlupe in einem. Mats’ Puls rast, sein Kopf kommt kaum hinterher.

Erster!

Sie haben wirklich gewonnen! Das Glücksgefühl in Mats’ Bauch ist unbeschreiblich und doch kann er es kaum fassen. Sein sehnlicher Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Gleich werden sie ihn auf den Schultern tragen, ihn feiern, endlich wird er ein richtiger Teil ihrer Gemeinschaft! Mats rutscht von Venns Rücken und umarmt seinen Freund.

»Danke, danke, danke – du bist der Beste!«

Erste vereinzelte Jubelrufe der Zuschauenden, die um den Platz stehen – Finja wirbelt auf und ab und deutet mit breitem Grinsen auf den Kranz aus Eiszapfen und die Eiskrone, die für den Sieger vor Exena auf einem Tisch bereitliegen. Snorri versucht auffällig unauffällig, mit seinen Fangarmen nach den Gegenständen zu angeln. Mats schmunzelt in sich hinein: Typisch für die beiden, es geht ihnen nicht schnell genug, sie würden sich am liebsten die Utensilien schnappen und ihm und Venn persönlich überreichen. Aber das ist selbstverständlich Exenas Aufgabe.

Er blickt zur Anführerin der Quellwächter. Ihre Miene ist wie immer undurchdringlich, auch an so einem Tag kein Hauch von einem Lächeln – die hat sich echt unter Kontrolle! Endlich erhebt sie die Stimme.

»Werte Teilnehmer, werte Gäste und Quellwächter, wieder haben wir ein spannendes Løp erlebt, mit dem wir unseren Retter, den Gott Odin, erfreut hätten, zeigt es doch, dass wir alle Kräfte sammeln, um seinen Auftrag auch weiterhin zu erfüllen und die Quelle zu schützen, die er uns anvertraut hat.«

Zustimmendes Gemurmel von allen Seiten.

Exena fährt fort: »Am Ende war es ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Halvor und Zwart, und ich darf nun mit Freude verkünden, dass wir nach langer Zeit wieder einen Sieger haben, der sich die Ehre zum zweiten Mal hintereinander verdient hat: Tritt vor, Halvor, ich verleihe dir die Eiskrone!«

Für den Bruchteil eines Herzschlags schweigt der gesamte Platz. Es kommt Mats vor, als würden alle ihn mustern, doch dann bricht der Applaus los, sie haben die Hände in die Höhe gestreckt und beklatschen Halvor, begleitet von tiefen Huh-huh-huh-Rufen, wie es bei den Quellwächtern üblich ist.

Halvor tritt vor zur Tribüne, reckt die Faust in die Höhe und macht mit einem Urschrei seiner Freude Luft.

Nur Finja und Snorri, die immer noch hinter Exena auf der Stelle paddeln, sehen genauso verwirrt aus, wie Mats sich fühlt. Instinktiv sucht er Halt bei Venn. Das Kelpie bläst trübsinnige Luftblasen ins Wasser. Wie Mats kaut er an dem Schock. Sind sie etwa unsichtbar und Exena und Usgur haben nicht bemerkt, dass eigentlich er und Venn gewonnen haben? Oder irrt er sich und Halvor und sein Kelpie waren tatsächlich vor ihnen da?

Nein, nein! Mats ist sich ganz sicher, Venn und er waren Erste! Unsicher tappt er ein paar Schritte nach vorne. Soll er es wagen und Exena darauf ansprechen? Oder lieber dem dringenden Bedürfnis nachgeben, sich in der hintersten Ecke der Eisstadt zu verstecken?

»Wieso hat man uns den Sieg gestohlen?« Venn reibt den Kopf an seiner Schulter.

Mats krault ihn tröstend unter der langen Mähne. »Du hast recht, mein Lieber! Darauf schulden sie uns wenigstens eine Antwort!«

Ginge es nur um ihn selbst, würde Mats sich verdrücken. Aber sein tapferes schnelles Kelpie hat es nicht verdient, so behandelt zu werden. Er atmet sich Mut an, klettert die Tribüne hoch und steuert auf Exena zu, was gar nicht so leicht ist, weil viele Meermenschen ebenfalls auf die Tribüne stürmen, um Halvor zu gratulieren. Als er sich endlich durchgeboxt hat, ist Finja bereits in voller Fahrt: »… aber das ist unfair, mein Bruder war viel schneller!«

»Sein Kelpie trägt kein Zaumzeug«, erklärt Exena.

»Das macht doch keinen Unterschied!«

»Das ist sehr wohl ein gewaltiger Unterschied! Er hat sein Kelpie nicht gezähmt. Wir küren den besten Reiter, nicht denjenigen, der sich einfach von seinem Tier tragen lässt! Ich hätte ihn besser gar nicht teilnehmen lassen sollen!«

Mats steht stocksteif. DAS denken sie von ihm!? Dass er sich nur von Venn tragen lässt? Die Erschütterung trifft ihn tief und unerwartet, seine Knie geben nach, immer noch beachtet ihn niemand.

»Aber Mats kann reiten«, verteidigt Finja ihn hitzig weiter. »Er hat eine Verbindung zu Venn wie sonst keiner zu seinem Kelpie. Nicht umsonst kann er ihn sogar ohne Sattel und Zaumzeug lenken!«

»Von Lenken kann da wohl kaum die Rede sein! Ich kann nicht einfach jemanden gewinnen lassen, bloß weil er dein Bruder ist!«

»Aber …!«

»Ende der Diskussion, ich muss zu unserem Sieger!«

Exena lässt Finja stehen, die gibt noch nicht auf, sondern wendet sich an Kailani.

»Mama …«

Seit einiger Zeit nennt Finja sie wieder so. Nachdem Finja aus dem Muschelpalast fort in die Eisstadt gegangen ist, sind sie sich wieder nähergekommen, was Mats für seine Schwester freut, ihm aber gerade verdeutlicht, wie viel mehr Finja hierhergehört als er.

»Mama, du hast doch auch gesehen, dass er vorne lag. Du musst etwas unternehmen!«

»Ach, Finja, Liebes, ich bin nur Gast in der Eisstadt und habe hier nichts zu bestimmen. Wie du weißt, ist es die erste gemeinsame Feierlichkeit nach so vielen Jahren der Feindschaft, und ich kenne die Gepflogenheiten des Rennens zu wenig …«

Sie bemerkt Mats und streicht ihm mitleidig übers Haar. »Das verstehst du, Mats, oder?«

Geistesabwesend nickt Mats, was soll er auch anderes tun? Kailani murmelt eine weitere Entschuldigung und gesellt sich dann rasch zu den Gratulanten rundum Halvor.

»Exena ist so eine Seekuh!« Finja schlingt die Arme um Mats’ Hals. »Für mich hast eindeutig du gewonnen!«

Er schüttelt den Kopf. »Und für alle anderen habe ich nicht einmal teilgenommen …«

»Ach, Mats, lass dich nicht unterkriegen! Du kannst es doch beim nächsten Løp wieder versuchen, und dann gewinnst du so eindeutig, dass sie einfach niemand anderen zum Sieger küren können!«

Ihre eigentlich tröstlich gemeinten Worte treffen Mats wie feine, aber umso schmerzhaftere Nadelstiche. »Habe ich heute nicht eindeutig gewonnen?«

Finja stutzt. »Doch, klar, hast du!«

»Was also sollte im nächsten Jahr anders sein als in diesem?«

Darauf hat Finja auch keine Antwort.

Snorri kommt auf sie zu, auf dem Kopf hat er die Eiskrone, seinen kleinen Helm jongliert er in einem seiner Fangarme. Als er bei Mats ankommt, nimmt er die Krone vom Kopf und hält sie ihm hin.

»Sn, sn!«

»Ach, Snorri, du bist der Beste. Aber bring die Krone besser Halvor zurück, bevor du Ärger bekommst! Ich habe sie nicht verdient.«


RANGNAKOR


Mats hat keine Lust mehr, sich das verlogene Theater anzusehen. Sollen sie Halvor eben als Sieger feiern. Aber er muss ihm nicht auch noch zujubeln. Er schnieft schnell ein paar Tränen weg, den heutigen Tag hat er sich ganz anders vorgestellt!

Das ist dem Rest der Meute aber reichlich egal, sogar der Wächter am Tor zur Eisstadt, der jetzt wieder seinen Posten bezogen hat, bekommt eine Portion des Festmahls ans Tor gebracht, das nach dem Løp für alle anderen auf dem großen Platz aufgetischt wird: Es gibt Muschelsuppe, Thunfischtartar, Seelachs in Salzkruste, an der Sonne getrocknete, knusprige Sardinen und extra für Finja Meeresspargel mit weißem Kieselcrunch. Sie stürzt sich darauf und kümmert sich nicht darum, dass Mats nur in seinem Essen herumstochert und schließlich Snorri seinen Teller zuschiebt. Der Sixtopus freut sich und greift zu, als hätte er nicht gerade eine eigene Portion Algensalat verschlungen.

Mats hockt sich lieber zu Venn, dem ebenfalls die Lust auf das Gelage vergangen ist und der sich an den Rand des großen Platzes verdrückt hat. Zu dem blöden Festschmaus hätte Mats sich gar nicht erst von Finja überreden lassen sollen.

Die Runde wird fröhlicher und mit jeder Minute ausgelassener. Geschichten von alten Heldentaten werden erzählt und sogar Exena und Usgur vergessen die Disziplin, die sie sonst immer predigen. Sie rügen nicht einmal den Wächter, der irgendwann seinen einsamen Posten am Tor aufgibt und sich zu den Feiernden gesellt.

Einige veranstalten ein völlig sinnloses Spiel, bei dem man versuchen muss, den Gegner am Fischschwanz zu packen und um die eigene Achse zu drehen. Mats flüstert Venn zu: »Warte, bis ihnen so schwindelig ist, dass sie sich von allein weiterdrehen.«

»Statt zu warten, nutze die Gelegenheit.«

Mats mustert Venn. Das war doch schon wieder sein Kelpie, das ihm einen Ratschlag gibt! Und Venn hat recht, die Gelegenheit ist perfekt und kommt so schnell nicht wieder. Also los – alles andere können sie draußen klären.

»Einverstanden!«

Niemand hält sie auf, als sie durch das Tor schlüpfen. Das Wasser auf der anderen Seite kommt Mats weniger trüb und viel freundlicher vor.

»Wie kam mein Vater bloß mit den Quellwächtern klar?«, murmelt Mats. »Und meine Mam? Wir haben immer noch nicht mehr über ihr Leben auf Rulantica herausgefunden, nur weil Finja sich seit Neuestem zur Musterschülerin mausert und sich an die Regeln hält.«

»Ich kenne den Weg!«

Ohne Mats’ Reaktion abzuwarten, zieht Venn ihn mit sich an die Oberfläche. Wie immer, wenn Mats den Kopf aus dem Wasser streckt, atmet er als Erstes tief durch. Seit er seine Wasserangst überwunden und herausgefunden hat, dass er ein Halbmeermensch ist, bekommt er unter Wasser problemlos Luft. Trotzdem ist es anders hier oben. Gewohnter, heller … Ob er doch besser in der Menschenwelt hätte bleiben sollen? Mats schluckt die Frage immer wieder herunter, wenn sie hochploppt. Er war einsam im Kinderheim Drei Birken. Aber ist er hier wirklich weniger einsam? Er gehört nicht dazu, das weiß er nicht erst seit heute. Obwohl er auf Rulantica geboren ist, seine Eltern hier gelebt haben und er seine Schwester bei sich hat. Finja … Venn stupst ihn an.


Mats lächelt. »Ja, und du bist natürlich auch hier!«

Sie schwimmen auf die Insel zu, die sich wie eine Burg vor ihnen auftürmt. Als höchste Zinne der Feuerberg. Gelegentlich macht er seinem Namen alle Ehre und spuckt glühende Lava in die Luft und ins Meer. Das hat Mats vor einiger Zeit selbst erlebt. Aber heute steigt kein einziges Rauchwölkchen in den blauen Himmel.

Je näher sie schwimmen, desto deutlicher ragen direkt hinter dem Felsenstrand die ersten Pfähle empor. Sie gehören zu Rangnakor, der Stadt, in der die Meermenschen lebten, als sie noch Wikinger und Menschen waren. Bis heute beweisen die Stelzenhäuser die Baukunst ihrer früheren Bewohner. Nach Jahrhunderten stehen sie aufrecht und haben Wind, Wetter und den Zorn des Göttervaters überdauert, was an ein Wunder grenzt. Mats muss unweigerlich an Rayk denken. Seinen Zimmernachbarn aus dem Kinderheim, der dem, was man Freund nennt, am ähnlichsten gewesen war. »Imposant«, hätte Rayk dazu gesagt. »Im Po Sand und im Arsch Geröll.«

Mats grinst in sich hinein, was für ein blöder Spruch, trotzdem hat er sich offensichtlich eingebrannt in sein Gedächtnis. Von Carla, der Heimmutter, hätte Rayk dafür einen Rüffel bekommen – einen total harmlosen Rüffel, verglichen mit Usgurs oder, noch schlimmer, Exenas Wutausbruch, wenn Mats wieder einmal den Zweizack nicht richtig hält oder keinen einzigen Eiszauber hinbekommt. Wasser zu Eis erstarren lassen, das kann eben nur Finja. Wenn Mats einen Zauberspruch aufsagt, wird das Wasser um ihn herum nicht einmal ein halbes Grad kühler. Er schüttelt sich, er mag jetzt nicht an seine peinlichen Fehlversuche und Exena denken. Nach diesem furchtbaren Tag hat er sich ein paar Stunden Freiheit verdient und mit etwas Glück findet er endlich eine Spur von seiner Mam. Mats vermutet, dass sie in einem dieser Stelzenhäuser gelebt hat, und heute hat er endlich Zeit, sich hier genauer umzusehen, während die Meermenschen sinnlos feiern!


Am Ufer klettert Mats flink die karstigen Felsenwände nach oben an Land. Das soll ihm Exena nachmachen – da hilft ihr sämtliche Magie nicht: Mit ihrem Fischschwanz muss sie im Wasser bleiben wie alle Meermenschen außer ihm und Finja.

Seine Schadenfreude weicht dem Staunen über das Schauspiel, das Venn bietet, als er anmutig an Land springt. Mats hat die Verwandlung zwar schon öfter gesehen, doch es ist immer wieder atemberaubend, wenn sich Venns Fischschwanz in zwei kräftige Hinterbeine verwandelt und er statt seiner glatten Haut ein Fell bekommt, aus dem das Wasser in silbrigen Fäden rinnt. Das magische Wasserpferd schüttelt sich und lässt um sich herum feinste Silbertropfen regnen, bevor sie sich einen Weg zu den Stelzenhäusern bahnen. Bei genauerem Hinsehen sind sie nicht ganz so unbeschädigt, wie es aus der Ferne wirkt. Die Stützpfosten sind morsch und einige Querbalken sogar durchgebrochen, sodass die Unterböden der Häuser schief auf halber Höhe hängen und jederzeit komplett zu Boden stürzen könnten. Die spitzen Holzdächer wurden mit Drachen- oder Schlangenköpfen an den Giebeln verziert. Seltsam grotesk ragen sie empor, als würden sie heute noch über die Stadt wachen, obwohl so manchem ein Zahn, die Nase oder sogar der halbe Kopf fehlt. Die Farbe der Häuser ist natürlich längst abgeblättert, stattdessen hat überall Moos angesetzt, und auf einigen Dächern liegt so viel Schilf, dass es aussieht, als wären sie damit absichtlich gepolstert worden. Wo früher Verbindungsbrücken zwischen den Häusern waren, klaffen jetzt gefährliche Abgründe.

»Wohnen kann man hier jedenfalls nicht mehr«, stellt Mats fest. »Schade, es würde mir gefallen!«

Venn schnaubt aufmunternd und tappt behutsam voran, aber er ist schwer und bricht bei jedem zweiten Schritt ein. Nur mühsam kann er seinen Huf befreien.

»Pbr-au-uuu«, schimpft er die Holzlatten an, als ein Splitter ihn in die Fesseln pikst. Auf die nächsthöhere Ebene der Stelzenhäuser kann er unmöglich gelangen. Mats breitet die Arme aus wie ein Seiltänzer und tippt jeden Balken an, bevor er auf ihm balanciert. Er schafft es besser als sein Kelpie, muss aber höllisch aufpassen, nicht abzustürzen. Selten hat es sich so gut angefühlt, zwei Beine zu haben, aufrecht gehen zu können und – im Vergleich zu einem Kelpie – ein Fliegengewicht zu sein.

Venn bleibt stehen. »Eine Hydda ist intakt! Suche sie, ich warte auf dich!«

Mats hält mitten auf seinem Balken inne und dreht sich zu dem Kelpie um. Schon wieder!

»Du redest wirklich mit mir! Nicht nur in meiner Einbildung, sondern richtig echt, oder? Ich weiß nämlich nicht, was eine Hydda ist, und das Wort intakt würde ich selbst in Gedanken nie benutzen.«

»Die Stelzenhäuser werden Hyddas genannt«, erklärt Venn. »Und du hast bisher angenommen, dir meine weisen Ratschläge lediglich auszudenken?«

»Ähm … na ja … bisher irgendwie schon«, räumt Mats ein.

»Und das fandest du wahrscheinlicher, als einen guten Freund zu verstehen?« Venn gibt ein schnaubendes Gelächter von sich.

»Ich dachte eben, du redest bloß in meinem Kopf, weil …«

»… weil wir uns mit dem Herzen verstehen«, vervollständigt Venn und nickt. »Ja, so hat unsere Verständigung vor vielen Monden angefangen. So haben wir gegenseitig unsere Sprachen gelernt, und du verstehst, was alle Meermenschen um dich herum für wiehernde Laute halten.«

»Ich bin der Einzige, der dich versteht?«

»So ist es, ich kenne niemanden, der je die Kelpsprache erlernt hat.«

»Auch mein Vater nicht?«

»Falor erahnte vieles, aber wir konnten nicht miteinander sprechen.«

»Und Exena?«

»Pah, sie am wenigsten! Fällt es dir so schwer zu glauben, dass du etwas Besonderes kannst?«

Mats lässt niedergeschlagen den Kopf hängen. »Frag mal Usgur und die anderen Quellwächter, die halten mich alle für einen Totalausfall!«

»Solange du dich nicht selbst für einen hältst!«

»Manchmal schon«, gibt Mats zu. »Ich bekomme keinen Eiszauber hin und singen kann ich noch weniger.«

»Du siehst doch, wozu die Fähigkeiten der Quellwächter und Sirenen dienen, sie bewachen eine Insel. Nur weil du nicht kannst, was alle können, heißt das nicht, dass deine Aufgabe weniger wichtig sein wird.«

»Du bist wirklich ein wunderbarer Freund.« Mats hüpft vor Glück auf und ab und der Balken unter ihm fängt gefährlich an zu knacksen.

»Das Kompliment gebe ich gerne zurück! Aber jetzt gehst du besser und suchst nach der Hydda deiner Mutter. Wenn es dunkel wird, sollten wir nicht mehr hier sein.«

Kurz zögert Mats, er hätte noch zig Fragen, jetzt, da er weiß, dass Venn ihn versteht. Andererseits können sie später immer noch reden, sich unbemerkt aus der Eisstadt schleichen und sich hier in aller Ruhe umsehen, kann er wahrscheinlich so schnell nicht wieder.

Also fragt Mats nur: »Hast du eine Ahnung, wo ich suchen soll?«

Venn schüttelt die Mähne. »Ich weiß nur, dass deine Mutter in einem der Stelzenhäuser lebte und ich von dort, wo ich jetzt stehe, laut wieherte, um sie zu deinem Vater ins Wasser zu rufen.«

Mats muss unwillkürlich lachen. »Wie ein Telefon auf vier Beinen.«

»Ein WAS, bitte?«

»Nicht so wichtig, bloß menschlicher Technikkram. Ich mach mich jetzt auf die Socken«, und weil er Venns nächste Rückfrage vorausahnt, schiebt er rasch hinterher, »… also, auf die Suche.«

Er setzt seinen Balanceakt fort. Jetzt nur nicht nach unten schauen.

»Wenigstens habe ich keine Höhenangst«, murmelt Mats.

Wie sind die Wikinger früher nach oben gelangt? Wahrscheinlich standen damals noch Holztreppen oder sie benutzten Strickleitern. Nicht gerade eine bequeme Art, ins eigene Zuhause zu kommen, dafür blieben auch bei Sturm und Wellengang ihre Füße trocken, und sie waren vor gefährlichem Getier geschützt. Überhaupt erinnern Mats die Behausungen an eine Mischung aus den sonst fensterlosen Langhäusern der Wikinger und ihren schnittigen Holzschiffen, mit denen sie die Weltmeere beherrschten. Als ob sich Viken Rangnak, der Anführer, und sein Clan auch an Land nicht ganz vom Seefahrerleben verabschieden wollten.

Mats lässt den Blick durch das erste Haus schweifen und versucht, sich die Wikingerabteilung im Museum Krønasår ins Gedächtnis zu rufen. Früher war es bestimmt sehr gemütlich hier, doch von der Einrichtung ist jetzt nicht mehr viel übrig. Ein windschiefes Holzgestell in der Ecke könnte ein Bett oder eine Sitzbank gewesen sein. Mit einem Fell oder einer Matte hat der ehemalige Bewohner es vielleicht sogar für beides genutzt. An dem Platz in der Mitte, an dem üblicherweise die Feuerstelle war, klafft ein tiefes Loch und erinnert Mats daran, sich weiterhin sehr vorsichtig über die morschen Böden zu bewegen.

In der nächsten Hütte erwartet ihn nahezu derselbe Zustand, allerdings ist die Kochstelle noch verkohlt erkennbar, dafür sind Teile des Dachstuhls eingestürzt. Mats muss die Balken erst zur Seite zerren, um überhaupt weitergehen zu können. Und überall häufen sich Schilfblätter, Gras und Stroh. Wenn er sich jede Hydda so genau anschaut, wird er frühestens in einer Woche alle besichtigt haben. Zu dumm, dass Venn ihm nicht genau beschreiben konnte, wo seine Mam gewohnt hat.

Mit jedem weiteren Haus werden die Schatten länger, das ist Mats bewusst, immerhin ist er erst spät nach Mittag von dem Festessen aufgebrochen. Trotzdem will er den goldroten Schein der untergehenden Sonne nicht wahrhaben. Nur noch ein Haus, das nächste muss es doch sein. Oder das übernächste …

Er will nicht aufgeben, gerade nach der Pleite beim Rennen wünscht er sich sehnlich einen Hinweis auf seine Mutter. Besonders, weil er Finja seinen Fund präsentieren könnte, nachdem sie sich seelenruhig mit Seespargel vollgestopft hat. Vielleicht interessiert sie sich dann wieder mehr für ihn – und für die gemeinsame Suche nach ihrer Vergangenheit. Ursprünglich hat sie ihn in der Menschenwelt aufgestöbert, wollte alles über ihre Eltern herausfinden und war sogar bereit, Rulantica für immer zu verlassen. Und jetzt? Seit sogar Exena sie für die auserwählte Retterin Rulanticas hält und sie zur Quellwächterin ausbildet, hat Finja nichts anderes mehr im Sinn. Ihr fällt nicht einmal auf, dass Exena ihm nichts zutraut, obwohl sie doch Zwillinge sind und beide eine Hälfte von Friggs Amulett besitzen. Diese Gedanken lassen Mats noch eifriger weiter- und weitersuchen.


»Mrk, mrrrk!«

Zu spät fällt Mats auf, wie sich der Himmel komplett verdunkelt. Ganz ohne Übergang zur Dämmerung. Er hebt erst den Kopf, als das Kreischen unerträglich laut wird.

»MRK, MRRK, MRRRRKK!«

Mats zuckt zusammen, über dem Loch im Dach der Hydda kreisen mehrere Vögel. Tiefschwarz glänzt ihr Gefieder. Mit ausgebreiteten Flügeln ist jeder einzelne von ihnen größer als Mats, er schätzt eine Spannbreite von zwei bis drei Metern. Und als ob das nicht genügen würde, hat jeder Riesenvogel zwei Schnäbel, der eine gefährlich spitz und dünn wie ein Dolch, der andere größer, kräftig und nach unten gebogen. In schrillem Gelb leuchten sie an den schwarzen Köpfen.

Wie konnte er sie vergessen: die schwarzen Mauks! Finja hat ihn gewarnt, sogar Snorri hat Angst vor ihnen, sie kennen weder Freunde noch Gnade. Und damit nicht genug, was er für zufällige Ansammlungen von Schilf und Stroh gehalten hat, sind in Wahrheit ihre Nester. Rangnakor ist längst nicht mehr die Stadt der Wikinger, sondern der Riesenvögel! In dem Schilfhaufen direkt neben Mats liegt außerdem ein dunkler Brocken. Bei genauerem Hinsehen entpuppt er sich als großes schwarzes Ei – oh, oh: Er steht mitten in einem Brutplatz – das sieht nicht gut für ihn aus! Die Mauks müssen ihn nicht nur für einen Eindringling halten, sondern für einen Dieb, der ihrem Nachwuchs an die Eierschale will.

Er hat den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als der erste Mauk bereits zum Sturzflug ansetzt. Mats springt zur Seite, trotzdem trifft der spitze Schnabel ihn an der linken Schulter und das krumme Ende des zweiten Schnabels ritzt seine Haut auf.

»A-aa!«, brüllt Mats.

Da spürt er bereits den nächsten Stich im Rücken.

»Mrrk!« Mit einem triumphierenden Schrei trägt sein Gegner einen Fetzen seines Pullis davon.

Mats geht in die Knie und schnappt sich den nächstliegenden Balken, er schwingt ihn über dem Kopf wie einen Propeller. Einen seiner Angreifer erwischt er am Flügel und drängt ihn ab, doch sofort rückt der nächste Mauk auf und stößt in die Tiefe. Mats spürt den Schmerz am Oberschenkel, in seiner Hose klafft ein Loch. Sein Gegenangriff bringt überhaupt nichts, dafür sind es zu viele und ständig drängen mehr Mauks von draußen nach. Er muss sich irgendwie schützen, um nicht als Schweizer Käse mit tausend Löchern zu enden. Hektisch schaut er sich um. Ob er es bis zu der Bank dort drüben schaffen kann?

Mats kugelt sich zusammen und rollt, so schnell er kann, über den Boden. Es kracht und knackt bedenklich unter ihm, ein Flügel streift seinen Arm, ein Schnabel schlägt direkt neben seinem Kopf ein.

»MRRK, MRRRRKKKK, MRRRRRRKKKKKK!«

Wütend, weil sie ihn nicht voll erwischen, aber umso angriffswilliger formieren die Mauks sich neu. Mats nutzt die Gelegenheit und verschanzt sich unter der Bank und nimmt noch ein Holzscheit zur Verteidigung mit. Wirklich sicher ist er hier nicht, aber er bietet weniger Angriffsfläche als vorher, vor allem sind die Mauks zu groß, um zu ihm unter die Bank zu kriechen. Der nächste Mauk fliegt heran, hackt aber lediglich ins Holz. Doch schon lassen sich zwei weitere Riesen direkt über ihm auf der Sitzfläche nieder und fangen an zu picken. Jede Holzfaser, die sie herauszupfen, macht Mats eines bewusst: Er sitzt in der Falle! Denn auch von der unteren schmalen Seite watschelt einer der Vögel heran und krallt durch die Ritze.

Mats muss immer wieder die Füße wegziehen, damit die scharfen Krallen ihm nicht die Sohlen aufschlitzen. An seinem Kopfende ein ähnliches Spiel, ein Mauk äugt abwechselnd durch die Balken, und sobald er Mats sieht, schiebt er den Schnabel in seine Richtung. Von allen Seiten wird Mats bedroht – er krümmt sich so klein zusammen wie möglich und kann den Angreifern doch nicht komplett ausweichen. Hätte er bloß auf Venn gehört und wäre bei Tageslicht aus der Stadt verschwunden! Venn! Der könnte ihn retten. Soll er nach ihm rufen? Besser nicht, Venn würde es nicht schaffen, zu ihm hochzuklettern, und bei dem Versuch womöglich abstürzen. Mats könnte es sich nie verzeihen, den einzigen Freund zu gefährden, den er je hatte.

Andere Auswege sind allerdings nicht in Sicht, im Gegenteil, einem Mauk über ihm gelingt es, ein großes Holzstück aus der Bank zu meißeln, sein Schnabel pickt durch das Loch und zwickt Mats auf Brusthöhe, nicht tief genug, um ihn zu verwunden, aber er erwischt das Band, an dem seine Amuletthälfte hängt.

»Nein, nein, das bekommst du nicht, du Biest«, ruft er verzweifelt und versucht noch, das Band festzuhalten. Zu spät, samt Anhänger baumelt es im Schnabel seines Angreifers.


»Mrrrrr-KKK«, triumphiert der Vogel. Seine Freunde hören für einen Moment sogar auf, Mats weiter zu belagern, um sich die Beute anzusehen. Die Pause reicht lediglich für ein kurzes Durchatmen, seine Lage ist aussichtslos, früher oder später werden sie seinen Schutzwall weggepickt haben und dann gnade ihm Frigg.

»MRK!«

Das aufgeregte Kreischen verstummt wie auf Knopfdruck. Mats späht durch die Ritzen. Alle Mauks scheinen in dieselbe Richtung nach oben zu blicken, doch er kann nicht erkennen, was sie sehen. Das Schlagen von Flügeln kündigt einen weiteren Vogel an, dann biegen sich die Balken über Mats, als der Neuankömmling auf der Bank landet. Eine Klaue, die um einiges ausladender ist als die der anderen Mauks, gräbt sich in das Loch über Mats’ Brust, mehr kann er immer noch nicht sehen. Trotzdem vermutet Mats den Anführer der Mauks über sich, warum sonst sollten sie so ruhig sein. Wenn er recht hat, wird dieser Riesenvogel über sein weiteres Schicksal entscheiden, ihn seiner Meute endgültig zum Fraß vorwerfen oder ihn sich selbst zum Abendessen einverleiben. Einwenden kann er dagegen kaum etwas, sie werden nicht auf ihn hören, aber er muss es wenigstens versuchen.

»Ich wollte euch nichts tun! Auch keines eurer Eier stehlen.«

Was treibt er da? Wie kommt er darauf, mit ihnen reden zu können? Außer Kreischen hat er nichts von ihnen verstanden, warum sollte das umgekehrt anders sein? Die Tatsache, dass er plötzlich mit Venn sprechen kann, muss ihn total verwirrt haben! Mats zieht die Beine enger an den Körper, faltet die Hände über dem Kopf und stellt sich auf die finale Attacke ein. Wie erwartet legen die Mauks wieder los. Mrk hier, Mrk dort und alle hacken auf die Bank über ihm ein.

Finja

Finja fischt mit den Fingern noch ein paar Seespargelstängel aus der großen Kalkschale. Einen davon hält sie hoch und sofort ist Snorri bei ihr.

»Smm!«, schmatzt er und stibitzt sich mit seinen sechs Fangarmen abwechselnd die besten Happen, sobald ein Meermensch seinen Muschelteller unbeaufsichtigt lässt. Soll er! Heute ist ein Festtag, auch für den kleinen Sixtopus! Finja lächelt hinüber zu Kailani und Bror, ihrem Ziehvater, der inzwischen ebenfalls als Gast an der Ehrentafel Platz nehmen durfte. Es ist wunderbar, wieder einmal einen ganzen Tag mit allen zu verbringen! Ein perfekter Odins-Dank-Tag. Na ja, fast perfekt. Bis auf die Sache mit dem verpassten Sieg. Wie konnte Exena ihrem Bruder das antun? Er war eindeutig als Erster im Ziel. Immer, wenn Finja glaubt, einigermaßen mit der Anführerin der Quellwächter klarzukommen, passiert wieder so was Dummes. Sie legt es darauf an, von allen gehasst zu werden! Obwohl – heute hat sie denjenigen zum Sieger gekürt, den die allermeisten in der Eisstadt feiern wollten.

Finja schämt sich, weil sie so denkt, aber Mats ist nicht sonderlich beliebt in der Unterwasserwelt. Also zumindest nicht bei den Jungwächtern, mit denen sie ihre Ausbildung absolvieren. Woran das wohl liegt? Sie kommt doch auch mit den meisten klar. Mit Ilai kann sie sich prima im Zweikampf messen, Xizir und sie geben sich gegenseitig Tipps in Wasser- und Eismagie, und Timur rechnet sie immer noch hoch an, dass er sie damals, kurz bevor sie Rulantica verlassen hat, sogar vor Usgur in Schutz genommen hat. Trotzdem vermisst sie Aquamaris. Manchmal ist ihr die Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet, zu groß. Dann wünscht sie sich, einfach wieder Aquina, die Sirene, zu sein, die in den Tag hineinleben durfte. Gleichzeitig ist es ein geniales Gefühl, dass Mama Kailani und sogar Exena ihr zutrauen, eines Tages Rulantica von dem Fluch zu befreien. Zusammen mit Mats – obwohl sich Finja nicht sicher ist, was Exena ihrem Bruder zutraut, erst recht nicht nach dem Rennen heute. Wäre das schön, wenn sie eines Tages völlig frei wären! Sie könnte mit Mats abwechselnd in seiner Stadt und in Aquamaris leben oder die ganze Welt bereisen …

»Jade und Orchid haben sich nach dir erkundigt«, platzt Bror in Finjas Grübelei.

»Wie geht es ihnen?«, erkundigt sich Finja sofort.

»Gut«, sagt Bror. »Jade war neulich sogar besser als Larima beim Skjol.«

Das versetzt Finja einen Stich. »Oh, da wäre ich gerne dabei gewesen. Larima war bestimmt blass und giftig wie Krötenschleim.«

»Finja!«, tadelt Kailani, allerdings in ausgesprochen mildem Ton. »Schadenfreude steht dir nicht!«

»Das war nicht gegen Larima gemeint, ich freue mich nur für Jade«, verteidigt sich Finja. »Weil ich sie und die anderen vermisse, versteht ihr? Nicht so sehr wie euch, aber auch ziemlich«, fügt sie schnell hinzu.

»Natürlich verstehen wir das!«, schaltet sich Bror wieder ein. »Es geht uns doch nicht anders!«

Kailani nickt. »Ich werde nachher mit Exena sprechen. Sie muss dich einfach öfter zu uns nach Aquamaris lassen. Ihre Disziplinmaßnahmen hin oder her, aber du gehörst eben genauso zu uns wie zu den Quellwächtern. Zu einer besonderen Stellung gehört auch ein besonderes Maß an Freiraum!«

»Und Mats?«, rutscht es Finja heraus.

Kailani blinzelt irritiert. »Der darf selbstverständlich mitkommen, er ist im Muschelpalast genauso willkommen wie du, das weißt du doch!«

»Das meine ich gar nicht«, sagt Finja. »Für ihn hast du dich vorhin nicht eingesetzt, als Exena ihm den Sieg weggenommen hat.«

»Das ist etwas ganz anderes!«, sagt Kailani. »Ich würde es auch nicht dulden, wenn Exena sich in meine Angelegenheiten in Aquamaris einmischt. Umgekehrt muss ich in ihrem Reich ihre Entscheidungen akzeptieren. So haben wir es vor vielen Jahren vereinbart.«

»Außer, wenn sie mir nicht erlaubt, euch zu besuchen. Damit stellst du ihre Regeln doch genauso infrage!«, beharrt Finja. Sie nimmt in Kauf, Kailani durch ihre Hartnäckigkeit zu vergrollen. Sosehr sie sich die Lockerung des Ausgangsverbots wünscht, so wenig kann sie Mats verletzten Gesichtsausdruck vergessen. Er ist schließlich ihr Zwilling. Sie kann fühlen, was er fühlt, selbst wenn sie leider immer häufiger anders empfindet als er. Klingt verwirrend und das ist es auch. In der fremden Menschenwelt war sie ihm viel näher als hier, obwohl es in der Unterwasserwelt viel, viel schöner ist. Sie nimmt Mats überallhin mit, aber er sagt wenig bis gar nichts. Ist das vielleicht der Grund, warum außer ihr noch niemand erkannt hat, wie liebenswert er ist? Ob es heute anders gelaufen wäre, wenn außer ihr noch jemand gegen Exenas Entscheidung protestiert hätte?

Aber sie kann nicht mehr für ihn tun, wenn nicht einmal Kailani es wagt.

»Ach, Aquina«, seufzt Kailani.

»Finja«, korrigiert Bror sanft und seufzt ebenfalls.

Finja betrachtet die beiden, von denen sie so lange dachte, dass sie ihre Eltern sind. Niemand spricht es aus, aber genau das ist der Unterschied zwischen ihr und Mats: diese zwölf Aquina-Jahre.

Jetzt seufzt auch Finja.

In diesem Moment beugt Snorri sich kopfüber in die Kalkschale, um die letzten Spargelspitzen zu erwischen. Als er den Kopf zurückzieht, sitzt die Schale fest auf seinem Kopf. Das scheint ihn weniger zu stören als Exena, die zornig versucht, ihm die Schüssel abzujagen.

»Das kann sie vergessen«, lacht Kailani, sichtlich erleichtert über die Ablenkung. »Snorri hat schon früher gerne alles Mögliche auf den Kopf gesetzt, deshalb haben wir ihm irgendwann einen Helm überlassen. Das wird nicht einmal Exena ihm abgewöhnen können!«

»Ich werfe den frechen Sixtopus aus meiner Stadt!«, brüllt Exena am Kopfende der Tafel, wobei selbst Usgurs Mundwinkel verdächtig zucken.

Nur Finja fühlt mit einem Mal einen dumpfen Schmerz in Brust und Magen. Was ist los? So viel hat sie nun auch wieder nicht gegessen … Nein, irgendetwas stimmt nicht! Hektisch blickt sie sich um. Wo steckt Mats eigentlich?


GRÅ


»MRK!«

Stille.

»Mrk, ein Mensch. Mit zwei Beinen. Seit Jahrren hat sich keinerr zu uns verirrrt!«

Ungläubig lauscht Mats den Worten. Das bildet er sich doch bloß ein. Diesmal ist es ganz bestimmt nur eine Stimme in seinem Kopf. Vorsichtshalber fragt er nach.

»Wieso kannst du meine Sprache?«

Die Antwort ist eine Gegenfrage: »Mrk, woherr hast du das Amulett?«

Das ist eine längere Geschichte, denkt Mats. Da er nicht sicher ist, ob der Mauk ihm so lange bereitwillig zuhört, selbst wenn er sich das alles nicht nur einbildet, entschließt er sich zur Kurzfassung.

»Von meiner Mutter.«

Die Balken über ihm fangen gefährlich an zu wippen, offensichtlich ausgelöst durch den auf und ab hüpfenden Riesenvogel.

»Mrk, werr ist deine Mutterr?«

»War«, sagt Mats mit belegter Stimme. »Vivika Stenrokk.«

»Mrk, bedauerrlich!«

Jetzt ist es an Mats, unter der Bank zu zappeln.

»Du, du kanntest sie?«

»Mrk, könnte sein!«

»Ich leider nicht«, rutscht es Mats heraus.

»MRK!«

Die Bank knarrt und die Balken drücken sich auf Mats’ Brustkorb.

»MRRRK!«

»Was sagst du?«

»Mrk, das warr nicht für dich bestimmt, sondern für meine Scharr. Sie forderrn deinen Tod.«

»Nein, bitte, ich wollte wirklich nicht …«

»MRK – still, Mensch! Das entscheide ich! Jetzt komm rraus, damit ich dich sehen kann!«

Alles in Mats sträubt sich. Wieso sollte er freiwillig den einzigen Ort verlassen, der ihm etwas Schutz gibt?

Rums, der spitze Schnabel dringt nur wenige Zentimeter neben seinem Kopf in das Holz ein, als wäre es nicht viel mehr als Schaumstoff.

»MRRK! Du hast keine Wahl!«

Der Angstschweiß rinnt Mats in Sturzbächen von der Stirn. Egal, was er tut, er ist den Vögeln ausgeliefert. Die spitzen Schnäbel müssen nur einmal zustechen. Aber auf Dauer ist sein Platz unter der Bank sowieso nicht sicher, er kann sich genauso gut gleich stellen. Und immerhin kannte der Mauk seine Mam, was auch immer das bedeutet.

Mats streckt vorsichtig die Gliedmaßen aus. Wie hat er es jemals durch den schmalen Spalt unter die Bank geschafft? Oder ist er in der letzten Viertelstunde dicker geworden? Mit Ach und Krach und einigen Abschürfungen kriecht er unter der Bank hervor. Erschöpft bleibt er auf dem Rücken liegen und schielt nach oben. Über ihm auf der Bank thront ein gigantischer Vogel, er überragt die anderen um Längen, aber vor allem sind seine Federn nicht schwarz, sondern grau, als wären sie im Lauf der Jahre ausgeblichen. Auch seine Schnäbel leuchten kaum mehr, sondern sind schmutzig gelb mit einigen Scharten von den Kämpfen, die er damit zweifelsohne gefochten und gewonnen hat. Denn egal wie alt dieser Mauk auch sein mag, seine aufrechte Haltung und sein alles durchdringender Blick lassen keinen Zweifel daran, dass er immer noch der stärkste und klügste seiner Schar ist. Der wahre König der Insel Rulantica. Und er, Mats, liegt hier vor ihm auf dem Rücken wie ein hilfloser Käfer.

Der Vogel beugt sich über ihn, die beiden Schnäbel kommen seinem Gesicht verflixt nahe. Erst jetzt fallen Mats die stechenden Augen auf, die von gelben Federn umrandet werden wie von einer Maske. Das betont ihren starren Raubvogelblick, unter dem sich Mats kleiner als eine Maus vorkommt. Er wagt es nicht, auch nur zu blinzeln. Der Halsflaum des Mauks plustert sich auf, er bläst ein wenig Luft durch seinen krummen Schnabel und pustet damit Mats’ rote Haarsträhnen aus seiner Stirn.

»Mrk, gut fürr dich, du siehst ihrr ähnlich! Auch wenn du dich seit unserrerr letzten Begegnung sehrr verränderrt hast.«

Der graue Mauk hüpft zurück, um Mats von oben bis unten zu begutachten. Bisher haben die anderen Mauks sich das Spektakel einigermaßen ruhig angesehen, in einem dichten Ring um Mats und die Bank herum. Doch kaum rückt der große Graue etwas von Mats ab, schiebt sich ein schwarzer Vogel an ihn heran, pickt ihn an der Fußsohle und setzt an, ihn aufzuspießen.


»Auaa!«, schreit Mats.

Flap, flap – Mats hört die Flügelschläge mehr, als er sie sieht, aber vor allem spürt er die Bewegung in der Luft. Sie fährt ihm unter die Haare, unter den Rücken und hebt ihn an.

Flap, flap – der schwarze Mauk an seinem Fußende schlägt ebenfalls mit den Flügeln. Mats schwebt einen Meter über dem Boden und kann nichts dagegen unternehmen, er wird zwischen den beiden Raubvögeln hin- und hergezerrt wie ein Spielzeug.

»MRK!«

»Mrk!«

»MRRRKK!«

»Mrk!«

Auch ohne Worte versteht Mats den Machtkampf. Am Ende lässt der schwarze Angreifer als erster von ihm ab. Mats rutscht auf den Boden zurück. Der schwarze fliegt auf und verlässt mit einem letzten »Mrk!« den Raum. Ein paar graue Schwingen breiten sich über ihn. Mats versucht, in dem unbewegten Vogelgesicht und den stechenden Raubvogelaugen zu lesen. Was bedeutet das? Hat der Anführer ihn gerettet? Oder hat er ihn lediglich als Beute für sich beansprucht? Der graue Mauk hebt einen seiner mächtigen Flügel und tastet mit dem spitzen Schnabel die langen Flugfedern ab. Dann lässt er etwas Goldenes vor Mats’ Gesicht baumeln.

»Mrk, es gehörrt dirr!«

Zögernd greift Mats zu.

»Danke. Heißt das, du tötest mich nicht?«

»Mrk, noch nicht.«

Langsam atmet Mats aus. Seine zitternden Finger halten sich an dem Amulett fest. Sein Fuß tut weh, aber sonst scheint noch alles dran zu sein. Behutsam wechselt er in den Schneidersitz und legt sich das Amulett um den Hals. Jetzt nur nicht durchdrehen! Irgendwie diesen Vogel bei Laune halten …

»Du kanntest also wirklich meine Mutter?«

»Mrk, selbstverrständlich. Ich habe Vivika errlaubt, in einem unserrerr besten Nistplätze zu leben, nachdem sie …« Er zögert.

»Nachdem sie was?«, fragt Mats.

»Mrk, warrte«, fordert der graue Mauk und deutet zu seinen schwarzen Untertanen, die mit meist schief gelegten Köpfen weiterhin sehr aufmerksam beobachten, was sie da treiben, jederzeit bereit, Mats erneut anzugreifen, sollte er den Eiern oder ihrem Chef auch nur eine Feder krümmen. Der Graue richtet sich zu seiner vollen Größe auf.

»Mrk, sie beherrrschen eurre Sprrache zwar nicht, dennoch folge mirr!«

Er schlägt einmal mit den Flügeln, stoppt aber, bevor er abhebt, und mustert Mats, der versucht, sich aufzurappeln.

»Mrk, Zweibeinerr …«, krächzt er verächtlich.

Statt zu fliegen, stakst er davon. Trotz seiner Größe und seines Gewichts überraschend behände krallt er sich über die losen Holzlatten und Lücken in den Holzböden. Bereits in der übernächsten Hütte fällt es Mats schwer, Schritt zu halten.

»Warte, ähm, Mauk – bitte, ich kann nicht so schnell!«

Der Riesenvogel dreht leicht den Kopf. »Mrk, Grrå nennt man mich. Wenn ich auf zwei Beinen gehen kann, dann sollte es dirr ebenfalls gelingen!«

»Aber du kennst dich in der Stelzenstadt aus und ich nicht«, wendet Mats ein.

»Mrk, wie deine Mutterr, immerr das letzte Worrt!«

Unwillig pickt der große Vogel in die Luft.

»Erzählst du mir jetzt, warum du sie hier hast wohnen lassen?«, lenkt Mats ab und versucht schnaufend, den Abstand zwischen sich und Grå zu verkürzen.

»Mrk, und genauso gewitzt wie sie!« Es klingt fast, als würde der Riesenvogel ihn auslachen. »Mrk, nun gut, du magst ein Rrecht haben, es zu hörren. Auch dem König der Lüfte kann ein Ungeschick passieren. In einem Kampf, den ich gegen einen Hai austrrug, verbiss ich mich mit beiden Schnäbeln im Schiffsmast von einem der Wrracks am Goldstrrand. Du weißt, wo das ist?«

Mats nickt. Finja hat ihm den Strand gezeigt.

»Mrk. Dorrt saß ich mit offenem Hauptschnabel, hätte ich ihn geschlossen, hätte der Splitterr mirr beide Schnäbel durchbohrrt. Mit geöffnetem Schnabel wiederrum warr ich wehrrlos und dazu verrdammt, frrüher oder späterr zu verhungerrn.«

»Klingt übel!«, meint Mats.

»Mrk, und hätte mich ein krräftiger Jungvogel meiner Scharr, so einerr wie derr, mit dem ich mich gerrade messen musste, vorrgefunden, wärren meine Königstage schnell beendet gewesen.«

Mats zählt eins und eins zusammen. »Aber meine Mutter hat dir geholfen?«

Grå nickt. »Mrk, sie warr kurrze Zeit vorrherr gestrrandet und errkannte trrotz ihrrerr misslichen Lage auch die meine. Deine Mutterr … Vivika … sie warr furrchtlos, frreundlich und hilfsberreit. Eine seltene Kombination. Durrch sie habe ich die Vorrzüge von Händen und Fingerrn errkannt. Voherr hätte ich jederrzeit unserre Flügel eurren Arrmen vorrgezogen.«

Mats betrachtet seine Hände, ballt sie zu Fäusten, streckt die Finger wieder aus und zappelt mit ihnen herum. Bisher hat er seine Hände ganz selbstverständlich benutzt, aber wenn er jetzt so darüber nachdenkt, kann er damit tatsächlich eine Menge anfangen, sich festhalten, ziehen, schieben, drücken, etwas hochheben, sich kratzen und nötigenfalls sogar in der Nase bohren. Das alles können die Mauks und viele andere Tiere nicht.

»Dafür kannst du fliegen«, murmelt er.

»Mrk, Fliegen ist kaum zu überrtrreffen, wenn man nicht gerrade ein Holzstück im Schnabel hat«, gibt Grå zu.

»Aber meine Mutter konnte es herausziehen?«

Grå schüttelt sein Gefieder, als würde er sich nicht gerne daran erinnern. »Mrk, eine Qual, die mit Qual beendet wurrde.

Zum Dank bot ich Vivika die Behausung an, die wir dorrt drrüben …«, er deutet mit den Schnäbeln an den Rand der Siedlung, »… gleich betrreten werrden!«

Zu der Scheu, die Mats immer noch vor dem unheimlichen Vogel hat, mischt sich Neugier. Endlich hat er jemanden gefunden, der ihm mehr über seine Mam erzählen kann!

»Ich möchte so gerne verstehen, wie meine Mam hier gelebt hat und was genau passiert ist!«

»Mrk, wirr warren frriedliche Nachbarrn«, behauptet der Mauk. »Vielleicht hätte ich euch sogarr in die Menschenwelt geflogen. Obwohl noch nie ein grroßer Mauk frreiwillig ein anderres Lebewesen auf seinem Rücken getrragen hat. Aber sie hat sich lieberr heimlich bei Nacht und Nebel mit euch davongestohlen.«

Der Mauk schnaubt verächtlich, und seine Augen funkeln böse zu Mats, als wäre er schuld daran, dass seine Mam sich davongestohlen hat.

Er muss schnell etwas finden, um den Riesenvogel zu besänftigen.

»Dann seid ihr Mauks nicht an die Drei-Meilen-Zone gebunden?«

Grå richtet sich auf. »Selbstverrständlich nicht, wirr haben uns keinen Ärrgerr mit den Götterrn eingehandelt, und es ist nicht unserre Aufgabe, auf diese vermaledeite Quelle zu achten. Uns gehörrt seitherr die Insel und wirr müssen sie nicht mehrr teilen!«

»Als Finja und ich das letzte Mal auf der Insel waren, sind uns noch ein paar andere Wesen begegnet. Sie sahen aus wie Steine, haben sich aber bewegt.«

»MRK, die einfältigen Steintrrolle! Wirr dulden sie auf den Matschwiesen und in den Felsentümpeln, solange sie keinen Schaden anrrichten, aberr wirr haben die Herrrrschaft überr Rrulantica!«

»Aha«, meint Mats, weil er nicht weiß, was er sonst dazu sagen soll.

Sicher ist er sich bisher nicht, was er von dem grauen Mauk halten soll. Grå war Vivika auf seine eigenwillige Art für die Rettung dankbar. Wie aber seine Mutter wiederum zu Gråstand, darauf kann sich Mats noch keinen Reim machen. Hat sie sich gut mit ihm gestellt, weil sie seinen Schutz dringend brauchte, oder hat sie ihm wirklich vertraut? Ohne Zweifel profitiert er im Moment von dem freundschaftlichen Verhältnis, sonst hätte Grå ihn nicht vor den Angriffen seiner Schar bewahrt.

Wenn Mats allerdings an die freundlichen Steintrolle denkt, die ihm und Finja ohne großes Tamtam den Weg freigeräumt haben, als sie dringend zur Quelle mussten, um sie vor Malus zu schützen, dann ärgert er sich über Grås überhebliche Bemerkung. Und er schämt sich, weil ihm einfällt, dass er und Finja sich bisher nicht bei den Trollen bedankt haben, obwohl sie das ganz fest vorhatten. Ihr hübsches grünes Tal hatte außerdem nichts mit einer Matschwiese zu tun. Im Gegenteil, bei den Steintrollen war es viel sauberer und aufgeräumter gewesen als hier bei den stolzen Mauks, und vor ihnen hatte er keine Angst, obwohl sie ebenfalls riesig waren. Bei Grå behält er besser weiter die beiden Schnäbel im Auge …

»Mrk, wirr sind da!«

Sie stehen am Rand der Stelzenstadt und Mats klappt vor Staunen die Kinnlade nach unten. Das Haus hat nichts, aber auch gar nichts mit den verfallenen, verwahrlosten Hütten gemein, durch die sie bisher geklettert sind. Die Holzlatten sind fein säuberlich abgeschliffen und ordentlich nebeneinander festgenagelt. Das Dach wirkt wie frisch mit weißer Kalkfarbe gestrichen und am First hängt eine Tafel, auf der Stenrokks Hydda steht. Gleich vor dem Eingang gibt es eine Art Hängematte aus Holzpflöcken und einem Netz.

»Mrk, hierr saß deine Mutterr oft mit Blick aufs Meer und warrtete auf deinen Vaterr.«

Mats nickt, das kann er sich gut vorstellen, die Sehnsucht nagt in ihm. Erst recht als er neben dem Türrahmen statt einer Klingel das ins Holz eingeritzte Herz entdeckt, in dem er Vivika ∞ Falor entziffern kann.

Ach, hätte er die beiden doch kennengelernt! Er tritt ein und fühlt sich seinen Eltern so nah wie noch nie. Vivika hat aus Schilfblättern eine Art Fußabstreifer geflochten. Daher hat also Finja ihr Talent für die Flechterei!

Die Hütte sieht ganz anders aus als jedes Wohnhaus, in dem Mats bisher war. Alles ist aus Holz, grob behauen, ohne Schmuck und Schnörkel, reduziert auf die Funktion, die jedes Möbelstück erfüllen soll – abgesehen von einem Schreibtisch, der total aus der Reihe tanzt mit seinen filigranen Schubladen, Griffen und Schlössern und den gedrechselten Einsätzen.

Als Erstes setzt Mats sich auf die schlichte Bank. Der Tisch davor wackelt, als Mats sich darauf lehnt, weil zwei seiner Holzbeine ein wenig kürzer geraten sind als die anderen. In der Tischmitte steht eine Vase. Mit den Fingerspitzen streicht er vorsichtig über die Dellen an der Oberfläche. Haben die Hände seiner Mam dieses kleine Gefäß geformt? Der Blechteller, die Blechtasse und das Besteck, die daneben liegen, stammen vermutlich aus dem Fundus der versunkenen Schiffe. Darauf ist ein Wappen in Form eines Steuerrads zu sehen, das Mats’ Verdacht bekräftigt.

»Woher hatte meine Mam ihre Einrichtung?«, fragt er trotzdem bei Grå nach.

»Mrk, sie hat vieles selbst hergestellt mit dem Werkzeug von ihrrem eigenen Boot. Manches ist Strrandgut oder Falorr hat es für sie herraufgetaucht. Err warr jedes Mal überrglücklich, wenn sie es gebrrauchen konnte.«

Mats bekommt wieder ein ganz kribbliges Gefühl, wenn er sich vorstellt, wie sein Dad seiner Mam aufgeregt den Teekessel, der über einer Feuerstelle an einer Eisenkette baumelt, überreicht hat. Oder den Schreibtisch. Wahrscheinlich hat er vorher einem Kapitän gehört, deshalb ist er an einigen Stellen aufgequollen, doch an sich noch erstaunlich gut in Schuss. Wie überhaupt das ganze Haus. Es ist zu erkennen, dass es vor einiger Zeit verlassen wurde.

Ziemlich genau vor zwölf Jahren, kurz nach meiner Geburt, wird Mats bewusst.

Trotzdem fühlt er sich richtig wohl und geborgen. Fast als wäre seine Mam nur eben gerade zur Tür raus.

»Mrk, ich habe meinerr Scharr nicht errlaubt, das Haus als Nest zu nutzen, für den Fall, dass sie wiederrkommt«, krächzt Grå leise.

Mats’ Bedenken gegen ihn beginnen weiter zu schwinden. So etwas tut nur, wer ein wahrer Freund ist, und ein Freund seiner Mam verdient sein Vertrauen. Er lächelt zu dem grauen Mauk hoch.

»Danke. Ich bin froh, dass ich sie auf diese Weise wenigstens ein bisschen kennenlernen kann.«

»Mrk, nur zu, bleib, solange du willst!«

Solange er will? Mats merkt, wie erschöpft er ist, ihm stecken ein Rennen und eine nervenaufreibende Suche in den Knochen. Das leinenbezogene Bettlager hinten in der Ecke lockt leise, doch vernehmlich. Was, wenn er sich einfach kurz ausstreckt, nur einen kleinen Moment genießt, Mam so nahe zu sein …

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29 aralık 2025
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